 XXVII.  [232] Von Stettin reiste ich nach Danzig. Am Tage meines Eintreffens daselbst beschloß Ludwig Barnay sein Gastspiel, ich löste ihn tags darauf ab. Barnay hatte in Danzig neun ausverkaufte Häuser hintereinander gemacht. Als ich meine Besuche bei der Presse abstattete, sagte man mir, ich käme zu ungünstiger Zeit, das Danziger Publikum brauche jetzt wieder Sammlung, es würde als Nachwehe Ebbe in der Theaterkasse eintreten. Die Herren hatten recht, die ersten sechs Häuser waren leer, und erst die letzten vier füllten sich wieder. Von Danzig rief mich die Pflicht nach Mainz. Ich gehe gern nach Mainz, schon der lieben Familien Preetorius und Behr wegen, an die mich ein jahrelanges Freundschaftsband knüpft. Der Aufenthalt in ihren gemütlichen Kreisen gehört stets zu meinen liebsten Erinnerungen. Korl Behr, ein ächter Mecklenburger, ist der Neffe meines ehemaligen Direktors Behr. »Die Liebe springt über,« sagt Bräsig, bei mir scheint sie auch vom Onkel auf den Neffen übergesprungen zu sein, denn »Korl Behr is mien gaude Fründ.« Als ich im Jahre 1883 ihn in Mainz besuchte, wo er Direktor der großen A. Bembé'schen Möbelfabrik ist, sah ich in seinem reizenden Hause, das er sich erbaut, eine Gipsfigur des Onkel Bräsig auf einem Kamin stehen. »Korl, wo hest du den her?« fragte ich. »Von der Königin von Rumänien,« sagt er.[233] »Gott fall im bewohren,« sag ich, »so fienen Uemgang hest du?« »Je,« seggt Korl, »dat is all so as dat Ledder is.« Und nun erzählte er mir, daß er vor kurzem die Innendekoration des Schlosses Sinaia der Königin Elisabeth von Rumänien ausgeführt hätte. Auf dem Schreibtische der Königin habe er den Onkel Bräsig stehen sehen und ihn so aufmerksam betrachtet, als die Königin hinter ihm eintrat und ihn anredete: »Sie interessieren sich wohl für Fritz Reuter und seinen originellen Onkel Bräsig?« »Befehl, Majestät,« seggt Korl, »ick bün jo 'n Mecklenbürger.« »Ach,« sagte die Königin, »ich hab's schon an Ihrem Accent gemerkt.« Und nun holte die Königin einen Band von Reuters »Hanne Nüte« hervor und forderte Karl Behr auf, ihr was daraus vorzulesen. »Jung,« seggt Korl tau mi, »ick hew mi dat so genau markt, as du dat mokst, ick hew lesen, un de Königin was sihr taufreden dormit, un gaw mi taum Angedenken dienen Unkel Bräsig mit«. »Gotts een Dunner,« segg ick, »wo kann eine Königin nu woll so sien?« »Je,« seggt Korl, »sei dichtet ja ook und is ne Dütsche, as Dichterin hett sei Carmen Sylva. Sei hett mi ook gliek wat vördichtet un upschrewen ? hier is et!« Behr holte einen Zettel hervor, den ihm die Königin mit dem Bemerken beschrieben, Behr habe ihr das Schloß so schön eingerichtet, daß er nun auch der Erste sein solle, dem die Königin an dem neuen Schreibtische etwas aufschreiben wolle. Das Gedicht auf dem königlichen Briefbogen lautet: Amazon.de Widgets Was die Seele geklagt, Was die Wälder gesagt, Das sag' ich im Flüsterton wieder;[235] War es schön, war es schlecht, Das weiß ich nicht recht, Ich denk nicht ? mir werden die Lieder. Carmen-Sylva. Sinaia, Castel Pelesch den 28. Juni 1883. Behr erzählte mir ferner, daß ihm, als er bei seiner Ankunft in Rumänien vom Bahnhof Sinaia auf einem rumänischen Karren ins Gebirge an den Schloßbau gefahren sei, zuerst ein eigentümliches Gefühl des Alleinseins in dieser wilden gebirgigen Gegend überkommen wäre; als er aber auf dem Plateau angelangt, habe er an einer kleinen Hütte ein riesiges Wirtshausschild mit der vielversprechenden Firma: »Zum Unkel Bräsig« bemerkt. Daneben war Bräsig von einem naiven Pinsel eines nach Rumänien verschlagenen Mecklenburgers gemalt, kopiert nach einem Bilde aus der Gartenlaube: August Junkermann als Onkel Bräsig. »Unter dem Schilde, auf einer Bank«, erzählte mir Korl weiter, »saß in seiner ganzen Behäbigkeit mein gastronomischer Landsmann, unverkennbar als solcher an seiner vierschrötigen Gestalt und seinem wohlwollenden ?säuten? Gesichtsausdruck.« »Schön gu'n Morgen, Unkel Bräsig, daß du die Nas' ins Gesicht behältst, wo kamen Sei nah Rumänien«, rief Korl seinem Landsmann zu, der ein Gesicht gemacht haben soll, als wenn ihn jemand hindostanisch angeredet hätte, was ihm weniger aufgefallen wäre, hier zu hören, wie sein geliebtes Mecklenburger Platt. Korl Behr hat mir erzählt, daß sein Landsmann sich leider nicht lange als Karpathenwirt dort gehalten, er sei fortgejagt worden, weil er mit konstanter Bosheit den unverständigen Bulgaren und Türken durch Beispiele die Vorzüge von Mecklenbur ger Rosinensuppe und ähnlichen »gruglichen« Gerichten klar machen wollte und dabei nicht bedachte, daß solche Götterspeisen keinen bulgarischen, sondern einen mecklenburgischen Magen verlangen. ? ?[236] Das Mainzer Publikum kommt gern zu mir ins Theater, wenn man nicht zur Karnevalszeit daselbst gastiert, wo kein Mainzer Sinn für Theater hat; denn der fröhliche Mainzer nimmt nichts auf der Welt so ernst als ? seinen Karneval. Ich spielte Bräsig zum vierten Mal wieder vor vollem Hause und dann noch »Dörchläuchting« und »Falstaff«, und reiste von Mainz nach meinem lieben Bremen. »Gun' Dag, Fritz Hillmann, wo geiht di dat?« »Gaud, mien Jung,« seggt Fritz ? und da war ich wieder in Bremen. Wie immer, allabendlich ein volles Haus. Da starb am 9. März der Kaiser Wilhelm. Es war »Hanne Nüte« für den Abend angesetzt. Um 10 Uhr morgens waren die Sperrsitze verkauft, als 1/4 auf 11 Uhr die Trauerbotschaft von Berlin kam: »der Kaiser tot!« Das Theater wurde geschlossen, das Eintrittsgeld zurückgezahlt. Ich sollte in wenig Tagen nach Freiburg reisen, auch dort wurde das Theater wegen Landestrauer geschlossen und mein Kontrakt gelöst. Ich blieb in Bremen, wartete die Landestrauer ab und nahm daselbst mein Gastspiel wieder auf. Wir begannen wieder mit der ausgefallenen Vorstellung »Hanne Nüte« ? aber waren vor dem Tode des Kaisers sämtliche Sperrsitze verkauft, so wurde jetzt, bei Wiedereröffnung der Bühne, nicht Einer verlangt. Niemand wollte der Erste sein, der sich nach dem furchtbaren Schlage, den Deutschland erlitten, wieder im Theater sehen ließ, und ich glaube, selbst die Abonnenten hatten ihre Plätze verschenkt an Personen, die weniger Rücksicht zu nehmen hatten. Das Theater war leer ? wie ausgefegt! ? Es blieb auch so, das Geschäft war nicht wieder in Schwung zu bringen. »Adjüs Fritz Hillmann, bliew gesund!« »Du ook, Adjüs!« ? ? ? 
 XXV.  [213] Da ich mit Bötel abzuwechseln genötigt war, trat ich nur 3?4 Mal in der Woche im Thalia-Theater auf, und hatte somit Zeit, meine freien Abende zu genießen. Besuchte ich nicht die englischen Theater, so war ich in Gesellschaften, zu denen ich täglich geladen war, oder verlebte in trauten Familienkreisen die Abendstunden, aus denen meistens Nacht und Morgen wurde. Das amerikanische Leben ist schön, aber auf die Dauer aufreibend, ich habe selten vor 3, 4 und 5 Uhr morgens den Schlaf gefunden. In New-York ist kein großer Unterschied zwischen Tag und Nacht. Der Verkehr der Hoch- und Pferdebahnen dauert ununterbrochen Tag und Nacht fort. Am Tage ist das Gewühl auf den Straßen, namentlich auf dem Broadway, natürlich größer. Als ich das erstemal mit meiner Frau in New-York ausging und wir unsere Schritte nach dem Broadway lenkten, mußten wir umkehren; das Wagengerassel, der Lärm der Hochbahnen, deren Lokomotiven einem in den Avenues auf den Trottoiren über den Kopf wegsausen, hatten uns nervös gemacht. Wir wollten von einem Trottoir des Broadway auf das andere gehen, es war unmöglich, durch die Reihen der Wagen einen Weg sich zu bahnen, und als ein Policeman unsere Not sah, erbarmte er sich, und führte uns hinüber. Die Policemen sind angewiesen, den Damen immer diesen Dienst zu leisten. Nach und nach gewöhnt man sich an den Trubel in den Straßen und erfreut sich an dem Durcheinander von Amerikanern,[214] Deutschen, Engländern, Franzosen, Italienern, Mohren, Chinesen und anderen Nationen. Hochinteressant sind die Tage im November, wo die Weltstadt New-York alljährlich für ihr Wohl und Wehe die öffentlichen Aemter wählt. Auf den Straßen werden Tribünen gebaut, von denen in langen Reden das pro und contra der zu Wählenden erörtert wird, ? ein Bild aus alter Römerzeit. Am letzten Wahltage werden alle brennbaren Artikel, als Kisten, Tonnen, Möbel u.s.w., auf den Straßen zusammengetragen und angezündet. Ganz New-York ist dann ein Feuermeer. Die Funken fliegen über die Dächer, die Pferdebahnen fahren durch die Flammen ? und merkwürdigerweise ist keine Feuersgefahr je damit verbunden gewesen. In Deutschland würde die Polizei entschieden Protest dagegen einlegen, in Amerika ist an diesem Tage jeder Unfug gestattet. Amberg macht am letzten Wahltage auf dem Theaterzettel bekannt, daß er das Resultat der Wahlen in jedem Zwischenakte verlesen wird, er steht dann hinter den Kulissen und kann den Augenblick nicht erwarten, wo der Vorhang fällt, um die Depeschen vorzulesen ? sein alljährliches Debut, womit er im Auditorium Jubel und Mißfallen entfesselt, wie es keines seiner Mitglieder je vermag! New-York wird immer mehr zu einer Stadt der Paläste und Prachtbauten. Interessiert haben mich namentlich die Aufbewahrungshäuser für Mobilien aller Art, und speziell die für Geld und Wertpapiere bestimmten Sicherheits-Verschlüsse (Storage houses und Safe Deposit Companies). Das erfindungsreiche Amerika hat die wichtige Frage, wie man sein Eigentum gegen Einbrecher und Diebe unbedingt sicher zu stellen vermag, vollständig gelöst. An dem erwähnten Aufbewahrungssystem von Wertgegenständen ist bis jetzt alle Kunst und Ausdauer der Diebe und Einbrecher zu Schanden geworden. Banken sind oft genug beraubt worden, die Safe Deposit-Gesellschaften spotten der raffiniertesten Diebeskunst. Was in ihren feuerfesten, unmöglich zu erbrechenden Gewölben aufgespeichert liegt, das kann so wenig hinweggetragen werden, wie es möglich ist, den Niagarafall[215] abzuleiten. Die Lokale der Safe Deposit-Gesellschaften befinden sich meist unter der Erde in einem Gewölbe. Der Zugang ist durch mehrere eiserne Thüren verschlossen. Jede dieser Thüren ist von einem bewaffneten Hüter bewacht, der niemanden passieren läßt, der sich nicht gehörig zu legitimieren vermag. Im Innern des Gewölbes sieht man gewöhnlich nur zwei lange, vom Boden bis zur Decke ragende Reihen massiv eiserner Kasten in verschiedener Größe, von 5 Zoll bis zu 5 Fuß. Die Kasten haben die verschiedenartigsten Schlösser, deren Kombination entweder nur dem Mieter bekannt ist, so daß dieser sie allein zu öffnen vermag, oder die zuweilen auch von doppelter Zusammensetzung ist, so daß der eine Verschluß von einem Angestellten der Gesellschaft, der andere aber nur von dem Mieter geöffnet werden kann. Diese Art des Verschlusses macht es einem Diebe geradezu unmöglich, einen solchen Kasten zu öffnen, selbst wenn es ihm gelingen sollte, in das Innere des Gewölbes zu gelangen. Die Mauern haben eine durchschnittliche Dicke von wenigstens 3 Fuß und sind teils aus Backsteinen, teilweise aus Granit gebaut, wobei zu besserem Schutz gewöhnlich noch eine besondere Lage von Eisen- und Stahlplatten hinzugefügt ist. Eine weitere Vorsichtsmaßregel ist die Einführung isolierter Drähte, die bei auch nur leiser Berührung durch einen Einbrecher sofort im Polizei-Hauptquartier Glocken in Bewegung setzen würden. In manchem dieser Gewölbe ist ein Wert von 3, 4 und mehr Millionen Dollars aufgespeichert. Ein nicht unbedeutender, besonders abgeschlossener Raum des Lincoln-Gewölbes ist an die Vanderbilts vermietet, und wie viele Millionen hier eigentlich untergebracht sind, vermag niemand zu schätzen. Amazon.de Widgets Mir, als dem ohne Pension abgegangenen Hofschauspieler, wurde ganz eigentümlich zu Mute in diesen Gewölben, vor diesen Schätzen. In Amerika wurde mir noch eine große Freude zu teil ? ich konnte meinen Bruder Gustav, den ich seit 40 Jahren nicht gesehen, in meine Arme schließen. Mein Bruder war,[216] wie ich, in seinem 17. Jahre in die Welt hinausgezogen, und kam nach einer sechswöchentlichen Reise auf einem Segelschiffe, damals ohne Mittel in New-York an. Das erste beste Geschäft, was sich ihm darbot, mußte er ergreifen, um sein tägliches Brot zu haben. So fiel er einem Fremden anheim, der ihm Arbeit gab. Aber was für Arbeit? ? »Komm nur, komm nur,« hatte der Fremde gesagt, »unsere Arbeit verrichten wir nachts, aber sie wird gut bezahlt.« Dabei reichte er ihm seine Branntweinflasche. »Trinken mußt du,« meinte er, »so arbeitet sich's besser!« Damit veranlaßte er sein Opfer, bei Nacht schwere Kisten von einem Ort zum andern zu transportieren. »Trink nur, trink nur!« ermutigte der Fremde, und als beim Morgengrauen mein Bruder seinen Lohn erhielt, erfuhr er, daß es ? ? ? Choleraleichen waren, die er in der Nacht ins Totenhaus spediert hatte. Der Aermste erkrankte, und nur der liebevollen Pflege seiner Wirtstochter verdankte er seine Genesung. Aus Dankgefühl wurde Liebe, er heiratete später seine treue Pflegerin. Auf Leid folgt Freud, mein Bruder lebt nach langem Mühen und Ringen heute als Oberlehrer und professor of language in glücklichen Verhältnissen in Cincinnati, von wo aus er mich in New-York besuchte. Freudvoll war unser Wiedersehen ? leidvoll der Abschied!!! Der Tag der Abreise rückte allmählich heran. Amberg wollte mit mir den Westen Amerikas noch bereisen, aber meine Gastspielverpflichtungen in Deutschland, die ich vor dem amerikanischen Vertrage abgeschlossen, waren nicht zu lösen, ich mußte nach Europa zurück. Am 11. Dezember schrieb die New-Yorker Staatszeitung: Es ist bestimmt in der Direktoren Rat, daß man von dem Guten, was man hat, muß scheiden. August Junkermann verläßt bereits übermorgen das Theaterreich Nowa Yorkia, um seinen Verpflichtungen im deutschen Mutterlande nachzukommen. Die Bilanz dieses Gastspieles weist für den Künstler Lorbeeren und Schätze, für das[217] Publikum einen wertvollen ästhetischen Reingewinn auf. Letzteres wird auf diese gesunde und glanzreiche Epoche seines deutschen Theaterlebens immer mit aufrichtigem Vergnügen zurückblicken, und in dem, was sich Menschen beim Scheiden sagen, einen Trost für den zu schnellen Abschied erblicken. »Auf Wiedersehen!« wird jeder dem scheidenden Künstler zurufen, der es mit der deutschen Kunst ehrlich meint. Er hat uns nachwirkende, genußreiche Stunden verschafft; die kern haften Volksgestalten, die er uns mit dem richtigen Sinn für die Einfachheit des Fühlens und Denkens verbildlichte, werden noch lange eine köstliche Erinnerung unserer Theatergemeinde bilden, die schon oft bewiesen hat, daß sie nicht nur leicht zu bewegen, sondern auch nachhaltig dankbar ist. Der künstlerische Eindruck, den Herr Junkermann zurückläßt, ist so groß, wie die Erwartungen, die man an ihn stellte. Und wer sich des Lärms der Reklametrompete bei seiner Ankunft erinnert, der wird ermessen können, daß dies das größte Lob ist, das man dem heimkehrenden Künstler zollen kann. Er hat die Erwartungen, die man an ihn stellte, in jeder Beziehung erfüllt, ja er hat sie noch übertroffen. Er hat uns nicht nur das geistige Gold, das in den unvergänglichen Werken Fritz Reuters liegt, zu Tage gefördert, er hat auch mit seiner kostbaren Gabe der originellen Individualisierung andere moderne Gestalten in künstlerisch vollendeter Weise uns vorgeführt. Was ihn als Schauspieler in allen seinen Aufgaben so wertvoll machte, war die Wahrheit, die Verachtung aller komödiantenhafter Effekte, die darauf berechnet sind, momentan einen größeren Beifallssturm zu erzielen. Alle seine Gestalten schimmerten immer in dem Strahlenglanz der Naturwahrheit. Der beliebte Künstler hat sich in elfter Stunde noch in einer anderen Eigenschaft, als Vorleser, eingeführt. Junkermann als Vorleser ist kein bloßer Wortesprecher, sondern illustriert durch kunstgeübte Tonfärbung, durch Mimik und Gestikulation seinen Vortrag in unnachahmlicher Weise. So werden seine Rezitationen zu wahren Interpretationen des Dichters, die einen tiefen Eindruck auf den Hörer nicht verfehlen können. Andächtiger kann die gläubige Gemeinde einem Prediger nicht lauschen, als das Publikum in der Regel Junkermanns Reuter-Vorlesungen. Es liegt eben in diesen dramatisch belebten, vom Tone wahrer Empfindung gehobenen Vorträgen ein unsagbar fesselnder Reiz. Und bei einiger Aufmerksamkeit dringt selbst der mit den Dialektgeheimnissen gar nicht Vertraute gar bald[218] in das Verständnis. Junkermann versteht selbst im bewegtesten Dialog die einzelnen Charaktere streng auseinander zu halten, daß man sie greifen zu können vermeint: hier den Bräsig und daneben den Hawermann, dann Fritz Tiddelfitz, die Pomuchelskoppsche Familie, Moses, das Nüßlersche Ehepaar, Lining und Mining, Gottlieb und Rudolf ? es sind der Köpfe und Stimmen wahrlich nicht wenige. Und nun erst der Rahnstätter Reformverein mit seinem Durcheinander! Es ist eine wahre Lust zu hören, wie der Künstler vor den Zuhörern doch in all dem Wirrwarr die einzelnen Sprecher klar unterschieden hält. Dienstag abend wird der beliebte Darsteller sich als »Onkel Bräsig« im Thalia-Theater verabschieden. Die deutsche Kunstgemeinde New-Yorks wird dem scheidenden Künstler an diesem Abend herzliche Ovationen bereiten, aus denen er, wir heben es noch einmal hervor, den aufrichtigen Wunsch entnehmen kann: »Auf Wiedersehen!« ? ? Am Sonntag den 12. Dezember hielt ich für milde Zwecke noch zwei Vorlesungen, nachmittags 4 Uhr im Theater zu Brooklyn, und abends in New-York in Steinway-Hall, und konnte eine ansehnliche Summe Hilfsbedürftigen überweisen. Am 13. Dezbr. trat ich zum letztenmale im Thalia-Theater auf. Das Haus war dichtgefüllt, das Publikum ungemein liebenswürdig. Blumen, Kränze, Ehrendiplome wurden mir überreicht. Amberg spendete mir als Erinnerung eine Uhrkette, zusammengesetzt aus sämtlichen existierenden Gold-Dollar-Münzen. Tiefbewegte Worte richtete ich schließlich an das Publikum. Schwer wurde mir das Scheiden von einer Stätte, von einem Publikum, die ich beide so liebgewonnen. Ich lasse den Zeitungsbericht über den letzten Abend hier folgen. Die Staatszeitung schrieb: August Junkermann hat gestern abend Abschied von dem New-Yorker Deutschtum genommen. In seiner Glanzrolle, als der gutmütige, heitere Onkel Zacharias Bräsig, trat er noch einmal vor das Publikum, das ihn nicht nur nach den Aktschlüssen, sondern auch bei offener Scene unzähligemal vor die Rampen rief. Dieser Bräsig Junkermanns, dieses Stück aus dem frischen Leben der Wirklichkeit geschnitten, dieser rührende Apostel der Naturphilosophie im bäuerischen[219] Gewande, wird uns immer eine schöne Erinnerung bleiben. Die eine behagliche Gestalt mit den unnachahmlichen Geberden und Attitüden, mit dem erheiternden Mutterwitz und den lauteren Gemütstönen hätte genügt, um dem wackeren Darsteller in den Herzen des New-Yorker Publikums ein unvergängliches geistiges Denkmal zu setzen. Und die volkstümliche Versinnlichung aller übrigen Reuterschen Figuren durch Junkermann, die nun auch hier wie in dem ganzen deutschen Europa geholfen hat, die Schöpfungen des niederdeutschen Dichters in weiteren Kreisen zu popularisieren, läßt uns ein Wiedersehen wünschenswert erscheinen. Der beliebte Künstler ist uns noch mehrere sei ner berühmtesten Gestaltungen, wie den Johann Schütt aus »Kein Hüsung«, den Pastor aus »Hanne Nütes Abschied« u.s.w. schuldig geblieben. Die New-Yorker Theaterbesucher werden sich diese Schuld nächstes Jahr gerne abbezahlen lassen. Auch in einem anderen Fach, in dem Junkermann als unbestrittener Meister gilt, hatten wir nur ungenügend Gelegenheit, das reiche Talent des Künstlers zu bewundern. Als Vorleser ist Junkermann in New-York nur ein einziges Mal vor das große Publikum getreten. Er hat am letzten Sonntag abend in Steinway Hall gezeigt, daß er kein bloßer Wortesprecher ist, sondern durch, hinreißende Mimik und Gestikulation, wie durch kunstgeübte Tonfärbung Wirkungen hervorbringt, die man bisher im Konzertsaal nicht kannte. Eine solche Stunde mit Junkermann und dem Reuter-Buch im Hörsaal verlebt, ist für den dürrsten Hypochonder ein unfehlbarer Grillenscheucher. Wir hoffen, daß der liebenswürdige Künstler bei seinem nächsten Aufenthalt in unserer Mitte auch diese Seite seiner Begabung, die zur Begründung seines künstlerischen Rufes in Deutschland so viel beitrug, auch in Amerika wird leuchten lassen. Im ganzen war das Junkermannsche Gastspiel von Anfang bis Ende ein Erfolg für das Publikum und den Gast. Das Repertoire hatte durch seine Mitwirkung eine wohlthuende Abwechslung erfahren. Die teils süßliche und schale, teils überpfefferte und übersalzene Kost, die jetzt so häufig von der Bühne herab gereicht wird, machte für die gesunde Hausmannskost, die Junkermann vorsetzte, doppelt dankbar. Daß keine Ernüchterung, sondern im Gegenteil ein Wunsch nach mehr eingetreten ist, zeugt für die Tüchtigkeit der genossenen geistigen Gerichte und für die Beliebtheit des scheidenden Gastes, der sich hier eine Kunstgemeinde für sich erworben. Diese Beliebtheit kam bei der[220] gestrigen Vorstellung im Thalia-Theater in stürmischer Weise zum Ausdruck. Zum Schlusse, als der Jubel kein Ende nehmen wollte, trat Junkermann vor, um in schlichten einfachen Worten seinem Dank Ausdruck zu verleihen. Er sagte, daß die freundliche Aufnahme, die er bei der deutschen Bevölkerung New-Yorks gefunden habe, ihm ein neuer Sporn in seinem Bestreben sein werde, überall, wo die deutsche Zunge klingt, als Apostel des unsterblichen niederdeutschen Dichters Fritz Reuter zu wirken. Die liebevolle Teilnahme des großen Publikums und besonders der landsmannschaftlichen Vereine werde eine der schönsten Erinnerungen an seine Amerikafahrt bilden. Er habe die Gefahren dieser Ozeanreise lange gescheut, bis er endlich den Aufforderungen des Direktors Amberg, der sich seit Jahren bemüht hatte, ihn zu dieser Fahrt zu bewegen, Folge geleistet habe. Was Direktor Amberg ihm im deutschen Mutterland von der Tüchtigkeit des deutschen Elementes erzählt habe, das habe er im vollsten Sinne des Wortes bestätigt gefunden. Wenn er wieder im trauten Kreise der Seinigen den Weihnachtsabend feiern werde, damit schloß der Künstler, dann werde er von den wackeren Stammesgenossen im fernen Lande erzählen, die sich mitten in dem geschäftigen Lärm des Lebens den Sinn für deutsche Kunst und deutsche Poesie gewahrt haben. Stürmischer Beifall folgte diesen Worten, der gewiß zum Teil auch der strebsamen Direktion galt, die keine Opfer und Mühe gescheut hat, um dem New-Yorker Theaterpublikum die Bekanntschaft eines der ersten deutschen Künstler zu vermitteln. Dem Künstler selbst, der heute bereits auf hoher See ist, rufen wir ein herzliches »Auf Wiedersehen!« nach. Amazon.de Widgets The New-York Herald schrieb: Herr August Junkermann, the admirable German comedian, made last night his farewell appeare ce at the Thalia Theatre and throughout the performance of »Inspector Braesig« was received in the most enthusiastic manner. The theatre was crowded, for the occasion was also a »benefit« for the actor, and at the close of each act he was repeatedly called before the curtain. When he came before it at the end of the fourth act he was presented with four wreaths of laurel from Manager Gustav Amberg, the Schlaraffia Singing Society, the Plattdeutsche Verein and the Verein Humor. Manager Amberg also presented the actor with a gold chain to which was attached a diamond studded locket engraved with the names of the various parts Herr Junkermann has been seen in here. At the close of the performance Herr Junkermann, in response to the cheers given vor him, addressed the audience, and with considerable feeling referred to the kindly manner with which he had been received here. He thanked the public for their hearty interest in his work as an artist, the Press of New York for the fair treatment accordet him, the various societies that placed him on their rolls as an honorary member, and Manager Amberg for giving him the opportunity to play in the United States. The actor sails for Europe this morning on board the steamship Trave and goes straight back to Stuttgart to fulfil an engagement. He sait last night that he would spend Christmas at home with his wife and children and that it would take him a long time to tell them of the plea surable experiences of his American engagement. Nach der Schlußvorstellung am 13. Dezbr. nahmen wir das letzte Souper bei Häuser, Bowery 115, mit unseren Freunden ein. Diese und Amberg brachten uns nach Hoboken um 1 Uhr nachts, und wir bestiegen wieder die »Trave«. Das nämliche Schiff, das uns herüber gebracht, brachte uns wieder zu rück nach Deutschland. Als wir an Bord kamen, war unsere Kajüte mit Kränzen und Blumen dekoriert, Erfrischungen aller Art hatten uns liebe Bekannte in die Kajüte gelegt, Telegramme brachten uns die letzten Scheidegrüße aus Hoboken, Brooklyn und New-York, herzlich verabschiedeten wir uns von Amberg, er war der letzte, der bei uns auf dem Schiffe blieb; um 6 Uhr morgens setzte sich der Dampfer zur Abfahrt in Bewegung. Unsere Rückfahrt war anfangs vom herrlichsten Wetter begünstigt. Wir hatten in den letzten Tagen in New-York bei offenem Fenster gesessen, so warm war der Dezember. Am 19. Dezember, als wir in dem Golfstrom auf dem Ozean fuhren, saßen wir bis spät in die Nacht auf dem Deck der »Trave« ohne Ueberzieher,[223] in leichten Kleidern. Indes folgte stürmisches Wetter, so daß ich den größten Teil der Rückreise in der Kajüte in jenem Zustande verbrachte, wo man von der ganzen Welt nichts sehen und hören mag. Eine traurige Begegnung machte den Schluß unserer Reise. Wir sahen die Mastenspitzen des unseligen holländischen Dampfers »Scholten«, der in der That im traurigsten Sinne des Wortes zum »Fliegenden Holländer«, zu einem Geisterschiffe geworden, das seine reiche Menschenfracht im November vorigen Jahres, kurz vor meiner Reise von New-York nach Deutschland, in die dunklen Fluten versenkt hatte. In das kühle Wassergrab zwischen England und Frankreich, welches den unschuldigen Namen »der Kanal« führt, waren etwa 14 Tage vor unserer Abfahrt von New-York wieder einmal 120 Leichen gebettet worden. Ungezählte Opfer Poseidons, welche hoffnungsfreudig das Schiff, das sie der gastfreundlichen Küste entgegentragen sollte, betreten hatten, schlafen dort, von einem widrigen Schicksal in die Fluten herabgezogen, den ewigen Schlummer. In der That gibt es kaum einen zweiten Wasserweg, welcher über so viele menschliche Gebeine seine nassen Bahnen zieht, als diese, das französische Festland und die britischen Inseln trennende und verbindende Verkehrsstraße. Vom riffigen Meeresboden aus blicken Tausende und Abertausende mit ihren erloschenen Augen zu den Kielen der Schiffe empor, die stündlich die meist wildbewegte Wasserfläche durchschneiden. Mit wehmütig traurigen Gedanken zogen wir an der Unglücksstätte des Dampfers »W.A. Scholten« zwischen den Kalkhöhen von Dover und der Küste von Calais vorüber. ? Wir hatten gehofft, am heiligen Abend wieder bei unseren Kindern sein zu können, allein ungünstiger Wind und stürmisches Wetter verzögerten unsere Ankunft in Bremerhaven. Allerdings landeten wir dort am 24. Dezember, indes wir erreichten den Schnellzug nicht mehr, der uns den Abend noch hätte nach Stuttgart bringen sollen, übernachteten in Bremen, brachten[224] den Weihnachtsabend in der Familie unseres lieben Fritz Hillmann zu und fuhren den folgenden Tag nach Stuttgart. Amazon.de Widgets Während wir in Amerika noch keine Spur von Winter hatten und, wie schon erwähnt, bei offenen Fenstern dort saßen, war in Deutschland, von Bremerhaven bis Stuttgart, die Erde mit fußhohem Schnee bedeckt. ? Das Weihnachtsfest verlebte ich im Kreise der Meinigen. In Stuttgart war ich schon fremd geworden. Obwohl ich meinen Wohnsitz in Stuttgart beibehalten, führte das Adreßbuch für 1888 schon meinen Namen nicht mehr auf. Die einzigen Zeichen der Anteilnahme bestanden nur noch in den mir zugestellten ? Steuerzetteln! ? Da frug ich mich wohl am Weihnachtsabend: war es der Mühe wert, hier nahezu 17 Jahre zu wirken, so lange Zeit im Streben um dauernde Anerkennung mein Bestes hinzugeben, die ganze Vollkraft meines Talentes einzusetzen? Gilt denn auch hier der grausame Satz: »Nur der Lebende hat Recht?« flicht in Stuttgart auch die Mitwelt dem Künstler keine Kränze mehr, sobald er nur aus dem Dienste geschieden, und kein »Königlich württembergischer Hofschauspieler« mehr ist? Inzwischen hat sich bereits ein Nachfolger für mich gefunden. Derselbe bekommt noch weniger Gage als ich, und gibt sich zufrieden auch ohne Urlaub und Pension. Ein billiger Mann! Ein Mann so recht nach dem Herzen des Herrn von Tscherning! Er hat aber ganz recht, der sparsame Herr Hofkammerpräsident: Anfänger thun's auch, es geht auch so! Das Publikum nimmt's nicht so genau, Der große Haufen klatscht jedem Beifall, der ihn zu ergötzen sucht, gleichviel, ob auf bessere oder schlechtere Weise, und die Proteste der kleinen Gemeinde der Kenner und Freunde echter Kunst verhallen in dem Gejohle der Menge. 
 VII.  [55] Zu meiner Zeit gastierte an kleinen Bühnen in der Umgegend Bremens der damals hochberühmte Wilhelm Kläger, der genialste und zugleich beklagenswerteste aller Schauspieler. Kläger stand einst in Leipzig im Zenith seines Ruhmes, das Publikum vergötterte ihn und er konnte sich viel ? sehr viel erlauben, ja man verzieh ihm sogar, daß er dann und wann in einem Zustande auf der Bühne erschien, den man auf deutsch »angesäuselt« nennt, entschädigte er doch im Laufe des Abends durch so wundervolle hinreißende Momente, daß das Publikum seinen Rausch vergaß und ihm zujubelte. Ein toller Streich, den man ihm nacherzählt, hätte ihn aber bald um diese Gunst gebracht. Es wurde »Wilhelm Tell« gegeben. Kläger, der den Landvogt Geßler zu spielen hatte, zechte noch, nachdem der Vorhang längst aufgegangen, in seinem Stammlokale mit seinen Kneipbrüdern. Da stürzt der Theaterdiener atemlos herein: »Weeß Knebbchen, da sitzt er noch ganz gemietlich! Herr Kläger, kommen Se doch ins-Theater, in zehn Minuten sollen Se ja schon ufftreten.« »Ach was,« riefen die Zechkumpane in ihrer Weinlaune, »jetzt ist es gerade gemütlich, Sie dürfen nicht fort! Kläger hierbleiben, hierbleiben, Paragraph elf, es wird fortgetrunken« ? so scholl es durcheinander. Kläger erhebt sich, schüttelt geschmeichelt sein Haupt und spricht mit lallender Stimme: »Kinder, in einer halben Stunde bin ich wieder bei Euch, ich sorge dafür, daß das Stück dann aus ist.« »Unmöglich«, ruft man, »Tell dauert ja noch mindestens zwei Stunden.« Doch[56] Kläger sagt: »Mein Wort zum Pfande, in einer halben Stunde ist es aus, ich sorge dafür, Ihr seht mich bald wieder.« ? Unterdessen ist im Theater das Stück weiter gegangen, und als nun Tell »dem Hute nicht Reverenz bewiesen«, tritt Kläger als Geßler in großartig düsterer Maske, wie immer, auf. Tell wird vorgeführt und Geßler befiehlt ihm, den Schuß zu thun. »O Herr, erlasset mir den Schuß« bittet Tell verzweiflungsvoll ? und nun ereignet sich etwas, was wohl in den Annalen der Theatergeschichte einzig dasteht. Kläger geht finster auf Tell zu, legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt ganz vergnügt: »Na meinetwegen, weil ich heute grad in guter Laune bin, ich erlasse Dir den Schuß, geh nach Haus und grüß' mir Deine liebe Frau« ? sprachs und ging stolz durch die Mitte ab. Zuerst war das Publikum starr, dann aber brach ein Entrüstungssturm los, der Vorhang mußte fallen, das Publikum verließ empört das Theater. Freund Kläger saß unterdessen schon wieder inmitten seiner Getreuen, er hatte sein Wort gehalten, Wilhelm Tell war nach einer halben Stunde aus. ? Lange durfte Kläger nicht wieder auftreten, doch als Gras über die Sache gewachsen und er dann als Richard III. wieder vor das Leipziger Publikum trat, da empfing ihn ? ein Beifallssturm! ? Man verzieh dem Genie eben alles. ? Als Kläger dann später durch seine unglückselige Trunksucht immer tiefer und tiefer gesunken war, und an kleinen Bühnen sein Leben fristete, trat er auch eines Abends in Neubrandenburg schwer betrunken vor das dortige Publikum. Die guten Kleinstädter fühlten sich aufs tiefste beleidigt und äußerten ihr Mißfallen in unzweifelhafter, lautester Weise durch Zischen und Trampeln. Da richtet sich Kläger hoch auf, wankt bis vorn an die Lampen, blickt das zischende Publikum mit unsäglicher Verachtung an und sagt vor Trunkenheit lallend: »Wenn ein Künstler wie Kläger sich herabläßt, in einem solchen Neste wie hier zu gastieren, dann muß er entweder verrückt oder besoffen sein ? ich habe das letztere vorgezogen.« ?[57] Nach Bremen pflegte oft Bogumil Dawison in seiner guten Zeit zum Gastspiel zu kommen. Dawison war ungemein eitel, er hatte sich vom armen Polen, der anfangs nicht einmal der deutschen Sprache mächtig war, zum ersten deutschen Schauspieler emporgeschwungen, er hatte es erreicht und das wollte er absolut bleiben. In einer Theaterzeitung war über den Shylock des Charakterspielers Deutschinger in Bremen geschrieben,[58] daß er nicht nach Art der fahrenden Virtuosen, wie Dawison etc., sondern nach eigenen Intentionen die Rolle aufgefaßt habe. Dawison kommt nach Bremen und spielt den Richard III. Deutschinger spielte den Catesby in dem Stück. Auf der Probe legt Dawison Deutschinger die rechte Hand auf die Brust und streichelt ihm, Deutschinger scharf fixierend, den Rock mit der Hand. »Sie sind Herr Deutschinger, nicht wahr?« fragte Dawison. Deutschinger bejaht es und wirft den Blick, als Dawison ihn so scharf mit seinem stechenden Auge fixiert,[59] zu Boden. »Sie müssen meinen Blick aushalten,« wiederholt Dawison kräftiger betonend. Deutschinger stutzt und läßt, unmutig über die Schulmeisterei, den Blick wieder zu Boden fallen. Auf einmal schleudert ihn Dawison von sich und ruft wütend: »Herr, lassen Sie über Ihren Shylock schreiben, was Sie wollen, Sie sind doch nur ein Stümper gegen mich!« Deutschinger wollte etwas erwidern, Dawison hatte sich aber in eine Wut gesteigert, daß ihm der Schaum vor dem Munde stand. »Herr,« brüllte er weiter, »danken Sie Gott, wenn ein Löwe der Schauspielkunst Ihnen gute Lehren gibt!« ? »Ich kann mit dem Menschen nicht spielen,« sagte er zum Regisseur, und ging von der Probe. Es brauchte lange Zeit, es war bereits Mittag geworden, bis es dem Direktor gelungen war, Dawison zu bewegen, weiter zu probieren. Nun thats Dawison leid, er wußte nicht, nachdem er sich Luft gemacht, was er thun sollte, um Deutschinger zu beruhigen. Er bat ihn fast um Verzeihung, und die beiden wurden die besten Freunde, als ihm Deutschinger erklärte, daß er ihn doch für den größten deutschen Schauspieler halte. Einen andern Abend spielte Dawison den Alsdorff im »Bemoosten Haupt«. Dawison sang sehr schön, er hatte sich den Alsdorff in Dresden mit vielen studentischen Gesangs-Einlagen zurecht gemacht, damit großen Erfolg gehabt und spielte die Rolle als Gast in Bremen. Ich hatte die Rolle des Stiefelputzers Strobel inne, und hatte mir seit Jahren auch diese Rolle mit allerhand guten Zuthaten und Extempore's ausgestattet und, war beliebt in dem Stück. Als Dawison ? fern von seiner Stammbühne ? vielleicht nicht den Applaus einerntete, der ihm in Dresden zu teil geworden, und der Applaus sich auch großenteils auf den Strobel erstreckte, wurde er so matt in seiner Darstellung, daß die Vorstellung ein recht klägliches Ende nahm. Nach jeder Scene, die ich gespielt, kam er hinter der Kulisse zu mir und warf mir Sottisen an den Kopf. Schließlich nahm ich's übel und drehte ihm den Rücken zu. Nachdem die Vorstellung zu Ende und er mit Umkleiden begriffen[60] war, klopft er an meine Garderobenthür ? ich zog mich neben seiner Garderobe an ? und ruft mir zu: »Junkermann, wir gehen in den Ratskeller.« Ich antwortete ihm, er möge sich einen andern suchen, dem er seine Grobheiten an den Hals werfen könne, ich ginge nicht mit. Er ließ mich aber nicht los, war über alle Maßen liebenswürdig, kaufte für uns beide Makrelen, die er so gerne aß, und wir gingen in den Bremer Ratskeller. Kaum die Ratskellertreppe heruntergestiegen, sitzt da Kläger! Letzterer war im Theater gewesen, hatte sich Kollege Dawinson angesehen, und war nun natürlich schon wieder halb angetrunken. Kläger taumelt auf uns los und Dawinson schreit mir in die Ohren: »Donnerwetter, muß der Kerl diese Rolle von mir sehen.« Wir setzen uns alle drei in eine abgeschlossene Zelle, wie sie im Bremer Ratskeller vorhanden, und Dawinson fordert Kläger auf, ihm eine Szene aus: »Im Vorzimmer Sr. Exzellenz« vorzuspielen. Kläger spielt wunderbar, Dawinson war mit mir aufs tiefste ergriffen. »Trinken Sie, trinken Sie«, rief er Kläger zu. Kläger that's und fiel bald darauf in tiefen Schlaf. »Sehen Sie diesen gottbegabten Menschen an« ? sagte Dawinson zu mir ? »ein Glück, daß der Kerl säuft, sonst existierte ich nicht!« Klägers gewaltiges Talent erkannte Dawinson immer. So oft wir uns im Leben wiedersahen, sprach er von seinem Schreckbild: Kläger. Dawinson hatte sich in Amerika den Keim des Todes durch Ueberanstrengung geholt, ich nahm ihn in Bremen in Empfang, als er von dort zurückkam, eine Reisetasche mit 52000 Dollars Inhalt in der Hand haltend. Nach längerer Zeit hörte ich von seiner Erkrankung und suchte ihn in Teplitz auf. Seine Frau meldete mich ihm an. Ich trat ein ? ein trauriges Wiedersehen! Er war stumpfsinnig, ein langer weißer Bart fiel aus dem bleichen Gesicht in seinen Schoß hernieder, ein trostloses Leiden hatte ihn dermaßen entstellt, daß ich ihn kaum erkannte. Als seine Frau ihm sagte: »Junkermann ist da und möchte dich sprechen«, lallt er: »ja, ja ? ich sp?ie?le bald wieder Kömödie[61] ? Kläger soll ? nicht« ? ? ? sein Kopf fiel zurück .... Wenige Tage darauf verschied das gewaltigste Genie, das ich in meiner Bühnenlaufbahn kennen gelernt. Das höchste in der Kunst hatte er erreicht durch die Energie des Willens, die ihn bis zur Todesstunde nicht verließ. 
 Vorwort.  Den nachfolgenden Aufzeichnungen schicke ich die Bitte voraus, der freundliche Leser möge die Veranlassung zur Drucklegung derselben nicht in einer persönlichen Eitelkeit suchen. Ich folge mit der Veröffentlichung der Ereignisse aus meinem Leben dem Wunsche zahlreicher und lieber Freunde und Gönner. Beim Niederschreiben dieser Erinnerungen hielt ich mich verpflichtet, nicht nur der freudigen und heiteren Begebnisse, sondern auch der Niederlagen, der trüben und sorgenschweren Stunden zu gedenken, die mir zumal im Anfang meiner Laufbahn, nicht erspart blieben. Ich erlaube mir ferner hervorzuheben, daß ich keineswegs den Ehrgeiz hatte, mit der Publikation dieser Erinnerungen ein litterarisches Opus von irgend welchem Wert auf den Markt bringen oder gar einem Reklamebedürfnisse genügen zu wollen, ich schrieb sie wahrheitsgetreu und ohne jedwede Prätension nieder, wie mein Gedächtnis mir sie überlieferte. Auf die kritische Wagschale wolle das Buch niemand legen, denn ich bin Schauspieler und nicht[3] Schriftsteller, und als Entschuldigung für die Schwächen des Buches sage ich mit Fritz Reuter: »Wenn Einer deiht wat hei deiht, Dann kann hei nich mihr dauhn as hei deiht.« Objektiv genommen, müßten diese Memoiren schwere Anfechtung erfahren; nur als subjektive Aeußerung über ein Künstlerleben und dessen Wechselfälle werden sie ihre Berechtigung finden. Es war auch nicht meine Absicht, eine Geschichte des Stuttgarter Hoftheaters zu schreiben, was berufenere Männer wie Adolf Palm und Feodor Wehl bereits gethan, indes meinen Freunden oder auch jenen ungekannten Lesern, die sich für Geschichten und Begebnisse aus der Theaterwelt interessieren, hoffe ich mit der Lektüre dieses Buches einige angenehme Stunden der Unterhaltung zu bereiten. Das nur ist der Zweck, und auch hierbei sage ich mit Fritz Reuter: »Wer 't mag, de mag 't, Und wer 't nich mag, de mag 't ja woll nich mägen!« Wiesbaden, August 1888. August Junkermann.[4] 
 V.  [36] In St. Gallen endlich lernte ich bessere Tage kennen. Bei meinem Wanderleben hatte ich mir an den sogenannten »Schmieren« Repertoir und ein Fach geschaffen. Ich war in St. Gallen als erster Komiker engagiert, bezog eine monatliche Gage von 250 Frcs. ? ich konnte mir anständige Kleider kaufen, und weil Kleider Leute machen, fand ich auch Zutritt in Familien und Gesellschaften, ich wurde von den guten St. Gallern bald »Unser Junkermann« genannt, eine Bezeichnung, die mehr sagt, als ellenlange Kritiken. Zu meinem Benefiz gab ich die Posse: »Robert und Bertram« und erhielt auf meinen Teil 518 Frcs. Soviel Geld hatte ich mir nie träumen lassen ? dazu Blumen und Kränze ? ich war zum erstenmale in meinem Berufe glücklich. Kurz vorher hatte ich noch auf einem Bierkeller in Karlsruhe gespielt, wo ein Sommertheater nach Art der österreichischen offenen Arenen aufgeschlagen war und das Publikum unter Gottes freiem Himmel sitzt, mitunter auch die Schauspieler keine andere Soffiten als den blauen Himmel haben oder bei Regenwetter unter aufgespannten Regenschirmen den angefangenen Akt zu Ende spielen. Das Karlsruher Hoftheater stand damals unter der Leitung Eduard Devrients, der absolut alles Komische ? auch im bessern Genre ? von der Hofbühne fernhielt. Ich erinnere mich einmal »Götz von Berlichingen« dort gesehen zu haben, Deetz spielte den Götz, Hock den Selbitz ? aber die meisten Zuschauer im Parquet schliefen.[37] Ich saß neben einer Dame, die mich von Zeit zu Zeit anstieß. Anfangs glaubte ich, sie wolle mich in ihrem Enthusiasmus auf die Schönheiten der Goethe'schen Dichtung aufmerksam machen, bei dem wiederholten Anstoßen indes schlug mein junges Herz in künstlerischen Wallungen, denn ich wähnte eine Verehrerin neben mir sitzen zu haben, die ich draußen auf dem Bierkellertheater zu flammender Begeisterung für die Kunst gebracht, die im Hoftheater keine Heimstätte gefunden; als aber ihr Kopf mit einem intensiven Ruck auf meine Schulter fiel und ich schon den linken Arm aufhob, um ihr eine bequemere Lage einzuräumen, stammelte sie: »Entschuldigen Sie ? welcher Akt ist das?« Sie hatte geschlafen und ich war aus allen Himmeln gerissen! Anfangs war ich geneigt, dem Publikum zu grollen, das vor einem Goetheschen Werke sich in Morpheus Armen wiegt ? allein der Mensch kann nicht immer Austern und Kaviar essen, in der Abwechslung liegt der Reiz. Ich habe so oft gefunden, daß unsere Theaterleiter durch die Monotonie des Repertoirs meistens ihre Abonnenten einlullen und das Theater um den Besuch des übrigen Publikums bringen. So auch Devrient in Karlsruhe. Wer wollte dem bedeutenden Bühnenleiter Eduard Devrient sein Verdienst um die deutsche Schauspielkunst abstreiten ? aber durch stete Vorführung des ausschließlich Klassischen erzielte er ein Resultat, wie ich es erzählt. Die Karlsruher schliefen sektionsweise damals in ihrem Theater ? das Publikum strömte denn auch in Scharen zu uns auf den Bierkeller, wo ich namentlich in der Rolle des Peter in »Der Kapellmeister von Venedig« großen Beifall fand. Wie die Operetten heutzutage den Geschmack des Publikums verderben, und uns statt Menschen, Karrikaturen und Affen für die Bühne liefern, so verdarb ich damals den klassischen Geschmack der Karlsruher. Als Peter blies ich Trompete, spielte Kontrabaß, Zither etc., geigte wie der musikalische Clown im Zirkus in allen möglichen und unmöglichen Stellungen, sang[38] Couplets und machte Witze, die, so haarsträubend sie waren, das Publikum zu dem lautesten Beifall hinrissen. Ich wurde außerordentlich beliebt durch diese Rolle, ja es zirkulierte sogar bei den Bewohnern Karlsruhes eine Liste, die ein Bittgesuch an den Hoftheaterdirektor Devrient enthielt, mich für die Hofbühne zu engagieren. Unendlich viele Unterschriften fand dies Bittgesuch ? aber ein Resultat hatte es nicht. Auch konnte ich's Devrient nicht verdenken, wenn er nicht darauf einging, ich war damals nichts als ein Spaßmacher, von einer Charakteristik einer Rolle hatte ich noch keine Idee. Aber der Hofschauspieler Carl Wilke in Karlsruhe wollte wissen, daß ich mir in besserer Schule die Eigenschaft des Charakterisierens erwerben könnte und empfahl mich dem damaligen Direktor Brauer für das Karltheater in Wien. Als ich in St. Gallen den Winter verblieben war, kam ich im Frühjahr darauf ans Karltheater zu Wien. Amazon.de Widgets Kaum daß ich durch einige mir zusagende Rollen in Wien festen Fuß gefaßt, brach der Bankerott über den Direktor des Karltheaters herein, das Theater wurde wegen Mangel an Publikum geschlossen und wir Schauspieler zogen in alle Winde. Mich verschlug es nach Pest. Direktor Alsdorff hatte dort den hölzernen deutschen Musentempel inne. Der Mann hatte ein großes Vermögen dort schon zugesetzt, die Magyaren ließen ihn aber mit seinen Bestrebungen um deutsche Kunst sitzen, obwohl er gute Kräfte unter seinem Personal hatte. Ludwig Barnay und den jetzigen Intendanten des Meininger Hoftheaters, Hofrat Chronegk traf ich dort an. Ich hatte mich als Gast dorthin gewagt und hatte wohl keine Berechtigung dazu, wenigstens schienen die Magyaren an mir kein Gefallen zu finden, sie besuchten das Theater nicht. Guldenweise fiel mir der winzige Gastspiel-Anteil zu ? und kreuzerweise mußte ich ihn mir holen. Im Theaterbureau drängten die Gläubiger den armen gequälten Direktor und jeder war froh, ein paar Kreuzer zu erwischen. Wie ganz anders war vor kurzem mein zweiter Besuch in Budapest ? ich komme später darauf zurück.[39] Damals war der Nationalhaß der Ungarn gegen Deutsche groß ? ich ging arglos mit dem Cylinder auf dem Kopfe über die Straße, um meine Besuche zu machen, als ein Ungar auf mich zutrat und mir mit wuchtigem Schlag den Hut antrieb, daß ich eiligst ins Hotel zurückkehrte und das den Ungarn so arg beleidigende deutsche Kleidungsstück gegen einen alten Filzhut umtauschte, mit dem ich unbeanstandet meine Besuche nunmehr machen durfte. Ich schnürte bald darauf wieder mein Bündel und zog nach Deutschland, wo ich in Stettin denn bald ein Engagement fand. Damals florierte die Berliner Coupletposse, durch die ich hinreichend Gelegenheit fand, mich in die Gunst der Stettiner hineinzuspielen. Wir hatten eine brillante Saison. Die Posse »Unruhige Zeiten« wurde wohl 30?40 Mal vor ausverkauftem Hause gegeben, allein der Direktor Sasse hatte an den Nachwehen schlechter Saisons zu leiden. Direktor Sasse wohnte im Theatergebäude. So kurz der Weg von seiner Privatwohnung zur Bühne auch war ? ich habe ihn nur ein einziges Mal bei der Probe gesehen, und das geschah auch nur wider seinen Willen. Wir probierten eben eine neue Posse, als der Direktor in Hemdsärmeln auf die Bühne stürzte, auf die Versenkung trat und in höchster Aufregung rief: »Versenkung herunter! Versenkung herunter!« Der Theatermeister lief unter das Podium und nach wenigen Sekunden verschwand die Versenkung mit dem Direktor. Im selben Augenblick stürzte eine Schar von Exekutoren und Gläubigern ? damals gab es noch Wechselhaft ? auf die Bühne und standen um den gähnenden Abgrund der Versenkung. Alle entlegenen Winkel unter der Bühne wurden durchschnüffelt, aber: Roß und Reiter sah man niemals wieder! Der Direktor war verschwunden aus Stettin für immer ? wir spielten unter einem Komite, das sich gebildet, die Saison zu Ende, und wieder zog ich Engagement suchend nach Berlin. Es bot sich mir bald ein solches ? ich kam ans Stadttheater nach Bremen.[40] Dort fand ich Jahre lang die ersehnte Ruhe und künstlerische Befriedigung. Bremen sehe ich heute noch als meine zweite Heimat an, und ich wäre wohl nie von dort fortgegangen, hätte nicht der dumme Ehrgeiz mir immer solche Streiche gespielt. Ich war unter drei Direktoren in Bremen: Ritter, Behr und Feldmann. Ritter und Feldmann sind längst tot, aber der alte gute Direktor Behr lebt noch in Leipzig, und wenn ihm diese Zeilen zu Gesicht kommen, mögen sie ihm herzliche Grüße bringen. Meine Sympathien für ihn sind nicht erloschen und[41] mancher Kollege, der das Glück hatte, mit ihm zu schaffen und zu wirken, wird dasselbe fühlen. Diese alten biederen Theaterdirektoren stehen heute auf dem Aussterbe-Etat ? es war eine schönere Zeit am deutschen Theater als heute, wo die Jagd nach dem Gelde die Interessen der Kunst beiseite setzt, wo der Schauspieler willenlos den Mausefallen-Kontrakten als Leibeigener verfällt, wo wie eine Zitrone sein Talent ausgepreßt wird und es dann heißt: der Mohr hat seine Arbeit gethan, der Mohr kann gehen! Bremen war früher ein Theater ohne namhafte Subvention von der Stadt, aber am Theater zu Bremen altgewordene Mitglieder wurden aus Pietät bis zu ihrem Ende von der Direktion engagiert, auch wenn sie keine sonderliche Verwendung mehr für sie hatte. Der alte »Sympher«, die alte »Hübsch«, »Johanna Beckmann«, wie schön, wie human hat Bremen und seine Direktoren an ihnen gehandelt! Ihre ersten Schritte haben sie auf die Bremer Bühne gesetzt, sind alt und grau darauf geworden, und konnten sie nichts mehr leisten, so bezogen sie ihre Gage nach wie vor, und ehrenvoll hat man sie dort zur letzten Ruhestätte getragen. Und ob »die Nachwelt dem Mimen keine Kränze flicht« ? Bremen spricht heute noch mit Liebe und Verehrung von den Dreien. Mein Nachfolger in Bremen, mein alter Freund Maneck feierte, als ich im vergangenen Winter auf meiner Reise nach New-York durch Bremen kam, sein 25jähriges Jubiläum dort. Welch ein festlicher Tag, welche Ehren wurden ihm zuteil! Maneck empfängt alljährlich zu seinem Benefiz in Bremen ungemein praktische Aufmerksamkeiten. Er hat eine große Familie und der Bremer ist praktisch. Lorbeerkränze sind ja eine sehr schöne Sache, und geben dem Künstler die Weihe ? aber Bremen gibt Maneck verwendbarere Dinge, als: Kaffee, Thee, Schinken Würste und Haushaltungsgegenstände aller Art. Es mag hier mancher über Bremens Eigentümlichkeit lachen ? aber deshalb bleibt Maneck doch ein guter Komiker, und diese Viktualien machen auf ihn als Familienvater mindestens ebenso[42] guten Eindruck als Lorbeerkränze, mit denen so viel Blendwerk fürs Publikum verbunden ist! ? Das Reelle liebt Bremen nun einmal, so auch in seinen Direktoren. Behr wie Feldmann schlossen selten schriftliche Verträge mit den Bühnenmitgliedern ab, es wurde einfach mündlich vereinbart: »Sie bleiben bei mir«, damit war der Kontrakt geschlossen. Ein Wort genügte, und sie haben es stets treulich gehalten, auch wenn Undank ihr Lohn war. Und auf welcher Stufe stand damals das Bremer Theater! Die hochangesehensten Namen in der deutschen Kunstwelt, wie: Haase-Capitain, Geisthardt, Frau v. Voggenhuber, Krolop, Schelper (der jetzige Leipziger Bariton), Straßmann-Damböck, Mitterwurzer, Rübsam, Cassati etc. zierten damals die Bremer Bühne. In sozialer Beziehung nahmen die Bühnen-Angehörigen eine hervorragende Stellung ein. In jeder Familie, bei jedem Feste waren sie gern gesehen. ? Neben dem Bremer Stadttheater giebt es auch noch das Sommertheater, »Tivoli« genannt, welches, solange es mit dem Stadttheater vereinigt war, gute Geschäfte machte, ja sogar oft das Defizit des Stadttheaters decken mußte ? übernahm es aber irgend ein obscurer Direktor, kam meist die »Pleite«! Eine gute Zeit hatte es unter seinem Besitzer Lührs als Direktor, der, ein einfacher Bierwirt, sich einen artistischen Leiter engagierte und im übrigen »vor dem Biere« sorgte. Auch mich hatte Lührs in einem Sommer mal als seine rechte Hand engagiert. Es machte auf mich einen merkwürdig komischen Eindruck, als ich in den Garten trat und nach dem Herrn Direktor fragte, um mich ihm als seinen technischen Leiter vorzustellen. »Dort in der Ecke«, wies mich ein vorbeieilender Kollege an. In der Ecke war aber niemand außer einem »bierseidelspülenden Manne« mit aufgekrämpelten Hemdsärmeln und einer grünen Schürze vor. »Verzeihen Sie,« redete ich diesen an, »wo treffe ich wohl Herrn Direktor Lührs?« Da wischt der Mann sich die Hand ab, streckt sie mir bieder[43] entgegen und sagt im schönsten Bremer Platt: »Ah, kick mol, Du büst woll Junkermann? ? na dat freut mi bannig, goh' man nah boven, sei probieren all.« Amazon.de Widgets Ich war zuerst starr, dann aber dämmerte es in mir auf, daß der Herr Direktor vor mir stände; und so war's auch. Trotz alledem war Lührs eine prächtige alte Haut und sein Sommertheater hat die größten Künstler gesehen. In späteren Jahren gastierte ich dort bei einem Direktor H. Ach lieber Gott, das war eine tolle Wirtschaft! H. hatte ein großes Personal engagiert, und als die Geschäfte nicht gingen, die ganze Operette an einem Tage entlassen und nur das Lustspiel behalten. Dadurch waren ungefähr 30 Personen brotlos geworden und einige handfeste Choristen hatten ihm grimmige Prügel angedroht. H., der kleine etwas bucklige Direktor, schwebte nun in steter Angst, daß diese Drohungen ausgeführt würden. Eines morgens trete ich in den Tivoli-Garten und sehe Direktor H. aus dem Theater kommen. Darauf schien nun einer der Choristen gewartet zu haben und dieser trat ihm mit unzweifelhafter Geste entgegen. H. ihn sehen und im Galopp auf sein Bureau zustürzen war eins. Die Choristen hatten sich mittlerweile sämtlich angesammelt und rennen ihm nach. Der Regisseur, um ein Unglück zu verhüten, den Choristen nach, seine Braut, eine kleine niedliche Soubrette, voller Angst dem Regisseur nach, und so geht die wilde Jagd über Blumenbeete und Rasen. H. erreicht noch glücklich sein Bureau, schließt zu, und mit Mühe sind die Choristen zu bewegen, die Belagerung der Thüre aufzugeben, sie hätten ihn zu gerne gelyncht. Solche Scenen kamen öfter vor. Man erzählt, daß der Kaiser von Rußland, der Kaiser von Deutschland, Bismarck und alle großen Männer stets von Geheimpolizisten umgeben sind ? der Theaterdirektor H. war nach obigem Vorfall auch ein großer Mann geworden, wenigstens hatte auch er von da ab beständig einen Polizisten in Zivil im Garten des Bremer Tivoli's, um doch eventuell einen Schutz zu haben. ? ?[44] Es wurde im Bremer Stadttheater als Schlußvorstellung der abgelaufenen Wintersaison »Figaros Hochzeit« gegeben. Beliebte Mitglieder wie Frau Mayr-Olbrich (jetzt in Darmstadt) u.A. wurden durch Lorbeerkränze und Blumen ausgezeichnet. Dem Baritonisten R. wurden solche Ehren nicht zu teil. Du lieber Gott, die Theater-Enthusiasten erweisen diese Ehre nicht jedem, der es verdient, dazu gehören gute Freunde, intime Bekannte. R. besaß deren vielleicht in Bremen nicht und erhielt bei aller Beliebtheit keine Blumen und Kränze. Das ärgerte und verstimmte ihn dermaßen, daß er seine Partie des Grafen fallen ließ und dieselbe ganz nonchalant heruntersang. Je mehr Blumen den Anderen zugeworfen wurden, desto apatischer wurde R., er markierte seine Partie nur noch. Bei seinem Abgange ertönt Zischen und Pfeifen aus dem Parquet. R. dreht sich in der Mittelthüre der Bühne nach einmal um, zuckt verächtlich die Achseln ? und geht ab. Das Zischen wird nun vernehmlicher. Als er wieder auftritt, empfangen ihn dieselben intensiven Laute und zwar recht anhaltend. R. hört nun auch auf zu markieren, öffnet nur noch den Mund als sänge er, und steht teilnahmlos und unbekümmert um seine Mitspielenden auf der Bühne. Beim Abgange Sturm und Geheul im Auditorium. R. tritt später wieder auf, und orkanartiges Zischen und Brausen empfängt ihn. »Abgehen ? abgehen! ? Herunter von der Bühne ? er verhöhnt uns!« schallt's wütend aus dem Publikum. Nun kommt die Stelle im letzten Akt, wo der Graf zu singen hat: »O Engel, verzeih mir! O Engel verzeih mir«!; anstatt zur Gräfin diese Worte zu singen, stürzt R. in den Vordergrund der Bühne, und mit verächtlich abwehrender Handbewegung schreit er mit dem ganzen Aufwande seines mächtigen Organs die Stelle variiert ins Publikum: »Nein niemals verzeih ich Euch ? nein niemals verzeih ich Euch«! Der Kapellmeister Hentschel klopft ab, das Orchester schweigt, das Publikum rast. R. tritt mit lächelndem Gesicht an die Rampe, kreuzt die Arme übereinander und macht Miene zu sprechen. »Herunter von der[45] Bühne ? Ruhe ? anhören ? still ? nein, nein, fort mit ihm« ? tönt es im wirren Durcheinander aus dem Parquet herauf. »Thedor schast man 'runner kamen, Du kannst jo nich mihr« ? schrie's von der Galerie. Das Publikum, erheitert durch diesen Zuruf, wird ruhig, und R. kann endlich sprechen[46] und beginnt: »Es ist beleidigend für einen Künstler, wenn ein Publikum nur einzelne Mitglieder am Schluß der Saison durch Blumen und Kränze auszeichnet. Ich habe in der verflossenen Saison gegeben, was Herz und Kehle vermag, das beweist mein Nelusko, mein Fliegender Holländer und andere Partien. Denjenigen, die mir durch Beifall ihr Wohlwollen heute ausgedrückt, danke ich von ganzem Herzen, die übrigen aber können ? ? ?. Hier schwieg des Sängers Höflichkeit, nur eine verdächtige Kehrtwendung machte R. noch und ging schleunigst ab.« Amazon.de Widgets Das Publikum geriet aus Rand und Band. Der Oberbürgermeister, Direktor Feldmann u.A. stürzten auf die Bühne. Der Direktor Feldmann bat um Verzeihung und suchte das Publikum zu beruhigen. Vergebens! Die Vorstellung war zu Ende. R. verschwand heimlich durch eine Hinterthür des Theaters und reiste noch denselben Abend 11 Uhr 45 mit dem Schnellzuge ab. 
 XXIV.  [202] Ich glaube nicht, daß je ein deutscher Schauspieler unter ungünstigeren Gastspielbedingungen nach Amerika gegangen ist, als sie mir geboten waren. Ich hatte abzüglich von 500 Dollars Tageskosten ein Drittel der Netto-Einnahmen ohne jegliche Garantie, und zwei Benefize mit halben Einnahmen. Mit 1400 Dollars ist das Thalia-Theater ausverkauft, und 1000 Dollars sind gute Durchschnitts-Einnahmen, also selbst bei vollen Häusern geht die halbe Einnahme für Tageskosten ab. Bei nur halbbesetzten Häusern hätte ich also nichts bekommen, und doch hatte ich Abende, an denen ich auf mein Drittel 300 Dollars = 1200 Mark, auf meine Hälfte über 400 Dollars = 1600 Mark einnahm. Ich glaube, daß dem Direktor Amberg diese hohen Kosten in Wirklichkeit erwachsen. Die Erhaltung deutscher Theater in New-York erfordert unendliche Summen, und Direktoren, die sich in New-York Reichtümer erwerben, gibt es bis jetzt nicht. Neuendorff mußte sein Theater wieder schließen. Die deutsche Oper besteht nur durch enorme Zuschüsse der reichen Amerikaner. Conried vermag sich nicht durch Theaterunternehmungen in gute Verhältnisse zu bringen; auch Amberg hat bisher nichts erworben, aber letzterer geht mit seinem Theater einer schönen Zukunft entgegen, wenn ihn nicht unvorhergesehenes Unglück trifft. Er hatte die beste Saison im vergangenen Winter. Possart hat ihm anhaltend ausverkaufte Häuser gemacht; was einzunehmen war, hat Amberg mit Possart monatelang eingenommen. Amberg hat vor kurzem den Grundstein zu einem zweiten[203] deutschen Theater gelegt, und wenn einer imstande ist, der deutschen Kunst eine Heimstätte in New-York zu schaffen, so ist es Amberg mit seiner Rührigkeit, seinem Spekulationsgeiste und seiner Arbeitskraft. Es ist merkwürdig, was von deutschen Künstlern nach New-York geht, verfällt Amberg, mögen sie Kontrakt abgeschlossen haben, mit wem sie wollen. Deutsche Schauspielunternehmungen in New-York halten sich absolut nur unter Amberg; wenn Conried und andere sie resultatlos aufgegeben, gedeihen sie noch bei Amberg. Er versteht die amerikanische Reklame, und schießt er auch zuweilen über das Erlaubte hinaus, man belächelt seine Einfälle, aber sie schaden ihm nicht. Immer findet er etwas Neues, womit er sein Publikum reizt. Als Reuters »Hanne Nüte« zur Aufführung fertig einstudiert war, ließ er sich als Affiche ein Bild verfertigen, worauf er in frappanter Maske vor seinem Theater stand, neben ihm Fritz Reuter auf der einen, ich in der Rolle des Snut auf der andern Seite; das Publikum drängt sich auf dem Bilde die Treppe zum Theater hinauf, einige fallen links und rechts die Treppe hinunter, andere schieben die Massen die Treppen hinauf, in den drolligsten Situationen. Unter das Bild hatte er setzen lassen: So war es immer in Hanne Nüte! Als wir das Lustspiel »Goldfische« gaben, hatte er sich wieder etwas Neues ausgedacht; er ließ Plakate anschlagen, auf denen ich als Riesengoldfisch im Wasser herumschwamm, der Kopf war mein Porträt. Es war sehr gut gemeint, aber die Rolle des Bensberg, die ich in dem Stücke spielte, hat gar nichts mit dem Titel Goldfische gemein, sondern die Damenrollen im Stücke motivieren bekanntlich den Titel. Ambergs drei Gäste der Saison: Possart, Bötel und ich, prangten in überlebensgroßen Porträts den ganzen Winter hindurch vor seinem Theater. Es ist Marktschreierei, aber Amberg ist nicht davon abzubringen, er meint Amerika verlange das. Er mag Recht haben, indes auf frisch importierte Deutsche macht es einen üblen Eindruck. Durch solche Manöver wird Amberg oft verkannt, aber er ist bei alledem ein Geschäftsmann durch und[204] durch, business ist sein Lieblingswort, und jeder meiner Kollegen, der etwas ihm geleistet und geschäftlich mit ihm zu thun hatte, wird mir beistimmen: er ist bei aller Reklamesucht reell, und in Gelddifferenzen kommt kein Gast mit ihm, wenn er seine Schuldigkeit thut. Jedem es recht zu machen, gelingt auch in Deutschland keinem Direktor. Es sind viele Unwahrheiten über Amberg in die deutsche Presse gedrungen ? ich kann ihm nur das beste Zeugnis geben, und wenn er mich wieder ruft, gehe ich ohne Konkrakt zu ihm. Sein Wort genügt mir! Die deutsche Schauspielkunst hat in Amerika einen schweren Stand, denn der amerikanische Bühnenapparat verschlingt den größten Teil der Einnahmen. In New-York leben gegen 500000 Deutsche, von denen die Mehrzahl das deutsche Theater gar nicht oder nur bei Gastspielen und außergewöhnlichen Gelegenheiten besucht. In den englischen Theatern wird meist wirklich Vorzügliches dem Publikum geboten. Das deutsche Publikum besucht daher lieber die englischen als die deutschen Theater. Leicht erklärlich! Der deutsche Eingewanderte muß in seinem Geschäftsleben absolut der englischen Sprache sich vollkommen bedienen können, und findet in den englischen Theatern neben seiner Unterhaltung auch die beste sprachliche Belehrung. Und hat auch das Deutschtum im Auslande seit der Neugestaltung Deutschlands an Macht und Ansehen ungemein gewonnen, die Schwäche, das Ausländische dem Deutschen vorzuziehen, bleibt dem Deutschen anhaften. Amazon.de Widgets Ich kann nicht leugnen, daß auch auf mich die englischen Theater großen Eindruck gemacht haben, und hat man sich erst mit den Eigentümlichkeiten in der Darstellung der englischen Schauspieler befreundet, so bieten ihre Vorstellungen großen Genuß. Die Theater selber sind mit großem Luxus und Komfort versehen, ihre Foyers ? namentlich im Daly-und Madison-Square-Theater ? ungemein gemütlich und reich ausgestattet. Die Stücke werden alle ohne Souffleur gespielt, was unschwer angeht, da die englischen Gesellschaften ihre Stücke monatelang[205] jeden Abend geben, während im deutschen Theater fast jeden Abend eine andere Vorstellung stattfinden muß. Der berühmte amerikanische Schauspieler Jefferson spielt sein Stück »Ripp Van Winkle« seit 20 Jahren und bereist mit dem einen Stücke sämtliche amerikanischen Bühnen im Norden, Westen und Süden. Jefferson hat auf mich einen gewaltigen Eindruck gemacht. Die Komödie hatte mich derart aufgeregt, daß ich die Nacht nach der Vorstellung kein Auge schließen konnte. Ich ging immer mit dem Gedanken um, das Stück für die deutsche Bühne zu gewinnen, allein bei ruhigerem Nachdenken gewann ich die Ueberzeugung, daß ein deutsches Publikum es ablehnen würde. Jefferson schläft in dem Stücke 25 Jahre lang, nachdem nach dem 2. Akte der Vorhang gefallen, und so wunderbar auch seine Maske, sein Spiel im 3. Akte ist ? das deutsche Publikum würde die Annahme nur in einem Märchen goutieren, daß ein Mensch 25 Jahre lang geschlafen hat. Aber, wie gesagt, Jeffersons Erwachen ist das Großartigste, was die Schauspielkunst zur Anschauung bringen kann, er spielt eine ganze Verwandlung, die wohl eine Viertelstunde währt, ohne ein Wort zu reden, nur Pantomime mit entsprechender Musik. Ich war hingerissen von der Gewalt der realistischen Darstellung, allein nach ruhiger Ueberlegung sagte ich mir: es gehört das amerikanische Publikum dazu, das deutsche würde keinen Geschmack daran finden, von einem Schauspieler eine Viertelstunde lang von der Bühne herab kein Wort reden zu hören, es sei denn, daß das Werk ein Ballet oder eine Pantomime. Im Madison-Square-Theater sah ich »Jim, the Penman«, ein ungemein effektvolles Drama, aber wieder nach amerikanischem Zuschnitt. Der Deutsche verlangt, daß ihm durch gute Darstellung vergessen gemacht werde, daß er im Theater sitzt, er will ins wirkliche Leben versetzt sein ? in den amerikanischen Theatern beginnt bei jeder bedeutenden, wichtigen Stelle des Dialogs eine unsichtbare Musik, und ist man hingerissen von dem vortrefflichen Spiel, daß man sich der Wirklichkeit gegenüber wähnt, so erinnert einen die beginnende Musik sofort daran,[206] daß man im Theater ist ? dem Amerikaner indes erhöht sie den Genuß. Allerdings ist die Musik stets außerordentlich charakteristisch dem Ganzen angepaßt, allein sie wird nicht als Melodrama angewandt, sondern vielmehr als Zeichen fürs Publikum, daß nun eine wichtige Stelle, ein längeres stummes Spiel folgt. Ich sah Miß Booth im Madison-Square-Theater eine solche stumme Scene spielen, die mir unvergeßlich bleiben wird. Sie entfaltet einen Brief, dessen Inhalt in ihr den Verdacht aufkommen läßt, daß ihr Mann, der bisher als unbescholtener Kaufmann Millionen erworben und sich des Rufes größter Reellität erfreut, der Penman, der Fälscher von Wechseln und Schriftstücken sei. Die unsichtbar, oben in den Soffiten hinter dem Vorhange oder auf dem Schnürboden plazierte Musik beginnt, Miß Booth starrt abwechselnd den Brief und ihren Gatten an, der ihr auf einem Sofa gegenübersitzt. Die Veränderung ihres Gesichtsausdruckes, die Art, wie sie den Brief ihrer Hand entgleiten läßt, ihn wieder aufhebt, ihn langsam in der Hand zerknittert, ihre Blicke auf ihren Gatten wirft, der durch den Ausdruck ihres Auges zuletzt die Fassung verliert und in Zuckungen zusammenbricht ? es war ein Meisterstück der Mimik, eine Gewalt der Darstellung, wie ich sie selten habe auf mich einwirken sehen. Dazu die Wahrheit und Natürlichkeit der Scenerie in den englischen Theatern, keine Leinwandkulissen und -thüren, wirkliche Salons mit kostbaren Tapeten und naturgetreuen Ausschmückungen, jede Thür ist aus Holz und fällt hörbar ins Schloß. Nichts stört dem Zuschauer die Illusion. Schade, daß sie durch unmotiviertes Anwenden von Musik so oft wieder genommen wird! Ich mußte bei diesen Wahrnehmungen so oft an die »Meininger« denken, und wenn ich ihnen zu raten hätte, würde ich sie veranlassen nicht nach Amerika zu gehen ? die Amerikaner sind ihnen »über«! In dem Kadelbnrg-Schönthanschen Lustspiele: Goldfische, das unter dem Titel »Railroad of love« im Daly-Theater[207] gegeben wurde, beginnt im letzten Akte, als Bensberg die Geliebte gefunden, plötzlich die Musik, und beide tanzen den frivolsten Cancan. Da capo erschallt es im ganzen Hause, und der Tanz wird oft 2?3 Mal exekutiert. Das Stück wurde später im Thalia-Theater deutsch gegeben, natürlich original, ohne den Tanz, und das Stück hatte keinen Erfolg; die wiederholten Aufführungen blieben leer, während im Daly-Theater der Besuch des Stückes monatelang anhielt. Auf Ausstattungen giebt das amerikanische Publikum außerordentlich viel. Es wurde in der Academy of Music ein Ausstattungsstück gegeben, in welchem in einem Akte die ganze Bühne in ein 7 Fuß tiefes wirkliches Wasserbassin verwandelt war. Auf dem Wasserspiegel fuhr ein Dampfschiff mit richtigem Dampfgetriebe, im Hintergrunde fand eine Ruder-Regatta von mindestens 12?15 Booten statt. Die Darstellerin der Titelrolle fällt ins Wasser, bleibt lange Zeit unter dem Wasser und wird schließlich bei kalospinthechromokreneartiger Beleuchtung im Meere schwimmend gerettet. Nachdem der Vorhang gefallen, wird gerufen, und die Darsteller erscheinen sämtlich von Wasser triefend, starrend vor Frost, vor dem Publikum. In einem späteren Akte wird die Hauptdarstellerin vergiftet; es spielt nun wieder unter Musik der ganze Vergiftungsprozeß mit konvulsivischen Zuckungen bis zum letzten Atemzuge. Als die Vergiftete dabei eine Weile im Starrkrampf liegend dem Publikum den Rücken zuwendet, schminkt sie sich das Gesicht blau und gelb und wendet sich dann wieder dem Auditorium zu, durch das nun ein Schrei des Entsetzens geht. Meine Frau saß neben mir und wurde ohnmächtig, ich mußte sie nach der Scene hinausführen. ? ? Die Herren besuchen die englischen Theater in Frack und weißer Binde und die Damen in großer Toilette. Einen prachtvollen Anblick gewahrt im Metropolitan-Opera-House der erste Rang. Die Amerikaner lieben Brillanten, und die elegante[208] Damenwelt im Opernhause sitzt da ? so dekolettiert, daß die Parquetbesucher sich das Schielen angewöhnen könnten ?, mit Brillantschmuck von unermeßlichem Werte angethan; der Glanz und Luxus überstrahlt jede Festvorstellung in einem deutschen Hof- oder Stadttheater. Auch Henry Irving, der englische Tragöde, gastierte zu meiner Zeit in Amerika. Die englische Darstellungskunst stellt sich auf einen ganz anderen Standpunkt als die deutsche, wie ich schon sagte. Erst kommt der »Schauspieler,« dann nochmal der »Schauspieler«, und ganz zuletzt kommt erst die Dichtung. Trotz aller Virtuosen-Kunststückchen, von denen ja auch die deutschen Künstler nicht frei sind, würde es doch niemand wagen, so alle Pietät zu verletzen und sich eine »klassische« Dichtung gleichsam wie ein Kostüm passend zurecht zu schneiden. Was Henry Irving darin als »Mephisto« leistet, ist unglaublich. Das Stück müßte eigentlich nur noch »Mephisto« genannt werden und nicht »Faust!« Ich bin überzeugt, Göthe liegt schon längst nicht mehr in normaler Lage in seinem Sarge, denn wie hier an dieser seiner wunderbaren Dichtung gefrevelt worden ist, das ist gradezu haarsträubend; mit souveräner Hand hat Irving Scenen versetzt, einfach gestrichen, was ihm nicht gepaßt hat, so daß wir Deutsche unsern »Faust« gar nicht wieder erkennen. Doch er ist »Henry Irving«! Herzoginnen liegen ihm zu Füßen, obwohl er nicht an überflüssiger Schönheit leidet, und die Londoner rennen ins »Lyceum« wie toll, ob er nun »Marchand of Venise« oder »Faust« spielt. Was ist ihm Hekuba? ? oder die Pietät vor deutscher Dichtung, wenn es ihm nur englisches Geld einbringt?! ? Das gesellschaftliche Leben New-Yorks bereitete uns ungemein angenehme Abende. Der Amerikaner besitzt bekanntlich eine Gastfreundschaft, die ihresgleichen sucht. Die deutschen großen Vereine »Liederkranz« und »Arion« haben sich Paläste hingebaut, in deren unendlich gemütlichen Räumen deutsches Wesen, deutsches Leben den Fremden so anheimelnd berührt. So manchen schönen Abend habe ich dort verlebt. Ich war[209] mit Alexander Strakosch zu einem Familienabend im »Liederkranz«, wir wurden ungemein herzlich aufgenommen, vom Präsidenten Steinway aufs wärmste begrüßt, und als wir unsern Dank für so viel Liebe und Verehrung durch den Vortrag einiger Rezitationen ausdrückten, kannte der Jubel keine Grenzen. Wir gaben für den jenseits des Ozeans bewahrten Sinn für deutsche Poesie die Blüten deutscher Dichtungen, und herrlich waren die dort verlebten Stunden der Nacht. Amazon.de Widgets Auch die Familienkreise erschlossen sich mir immer mehr, manch liebe Bekanntschaft habe ich dort gemacht, und sollten diese Blätter den Weg über den Ozean finden, so seid durch sie herzinniglich gegrüßt, ihr lieben Freunde drüben, vor allem die lieben Familien Beringer, de Grimm, Häuser, Hauser, Jesselson, Isidor, Keppler und Stanley. Der Ozean liegt wieder zwischen uns, aber das Gefühl der Dankbarkeit für euch vermag er nicht mit allen seinen Wellen aus meinem Herzen zu spülen! Wenn es Gottes Wille ist, werde ich noch einmal zu euch hinüberkommen und rufe euch: »Auf Wiedersehen!« zu. Die Stunde kommt und meine Freude wird grenzenlos sein. Auch Brooklyn wandte sein Herz mir zu. Von einem Abende, dort verlebt, berichtet die Brooklyner »Reform« wie folgt: Mit der Abendunterhaltung, welche der Onkel Bräsig-Verein letzten Sonntag in Winters Teutonia-Halle inscenierte, beginnt eine neue Epoche in der Geschichte des Vereins. Abendunterhaltung stand auf dem Programm, zu einem Jubelfeste in des Wortes ureigenster Bedeutung aber gestaltete sich die Affäre in Wirklichkeit. Die geräumige Halle war bis zum letzten Winkel gefüllt, teils von Freunden des festgebenden Körpers, teils von den enthusiasmierten Anhängern des berühmten Darstellers der Reuterschen Volkscharaktere, August Junkermann. Die Hauptaufmerksamkeit konzentrierte sich selbstverständlich auf die gefeiertste Persönlichkeit, auf den hohen Gast Junkermann. Mit nicht endenwollendem Jubel und mit flammender Begeisterung wurde er empfangen und den ganzen Abend verehrt. Kurz nachdem der Bruderverein »Schurr Murr« von Newark eine hübsche Gedenktafel überreicht hatte, erschien die Hünengestalt[210] des gottbegnadeten Künstlers auf der Bildfläche. Sofort wurde der Herr von den Komitemitgliedern auf die Bühne gelotst, allwo zunächst Vizepräsident Otto Suhr eine schwungvolle und begeisterte Begrüßungsrede hielt, welche sowohl auf den Gast als auch auf die Zuschauer einen mächtigen Eindruck machte. Hierauf trat Herr Dr. August Reimer hervor und überreichte Herrn Junkermann ein von dem bekannten Zeichner William Vollmeyer schön ausgeführtes Diplom, welches den berühmtesten aller Reuter-Interpreten zum Ehren-Mitglied des Onkel Bräsig-Vereins ernannte. »Mögen Sie, in der alten Heimat wieder angelangt, beim Anblicke dieses Diploms stets eingedenk sein, daß auch hier über dem Ozean treue und warme Herzen für Sie schlagen in voller und ganzer Würdigung Ihres künstlerischen Schaffens, und daß diese Herzen darnach verlangen, Sie nächstes Jahr wieder zu sehen« ? das waren die markigen Worte, mit welchen Dr. Reimer sich seiner ehrenvollen Aufgabe entledigte. Unmittelbar hernach reichte Präsident Jakobsen dem ersten und bis jetzt einzigen Ehrenmitgliede die Hand und hieß ihn als solches herzlich willkommen. Auch für die treue Gemahlin des verehrten Gastes hatte das Komite eine kleine Ueberraschung, leider war die Dame wegen Unpäßlichkeit abgehalten, zu erscheinen. Indessen war Mitglied Lüders rasch entschlossen und übergab den prachtvollen Blumenkorb mit passenden Worten dem Herrn Gemahl selbst mit der Bitte, denselben mit den herzlichsten Grüßen an seine Adresse gelangen lassen zu wollen. Ueberwältigt von solch inniger Verehrung und liebevoller Zuvorkommenheit gebrauchte der gewandte Darsteller mehrere Sekunden Zeit, um sich von seiner Rührung zu erholen; dann begann er mit seinem klaren und sonoren Organ seinen tiefgefühltesten, herzinnigsten Dank auszusprechen, zugleich versichernd, daß er diesen Augenblick zu dem schönsten seines Lebens rechnen darf und daß er, wenn er einst in seinem Erkerstübchen im schönen Stuttgart sich den Erinnerungen an vergangene Zeiten und Erlebnisse überlasse ? daß er mit Stolz und Dankbarkeit desjenigen Vereins gedenken werde, welcher den Namen des Mannes führt, dem er sein Alles zu verdanken habe. Mit der Aufforderung, auf den Onkel Bräsig-Verein ein dreifach donnerndes Hoch auszubringen, in welches das Auditorium jubelnd einstimmte, schloß Herr Junkermann seine sichtbar von Herzen gekommene Dankesrede. Damit war der offizielle Akt beendigt. Der geniale Künstler konnte es[211] jedoch nicht über sich bringen, stummer Zuschauer zu bleiben, es trieb ihn dazu, dem animierten Auditorium auch eine kleine Ueberraschung zu bereiten, und so rezitierte er im Laufe des Abends einige urkomische und humorvolle Abschnitte aus »Ut mine Stromtid« und bewies durch den meisterhaften Vortrag, daß er einer jener urechten Künstler ist, welche in ihren Rollen, und sei es auch die kleinste, vollständig »aufgehen«. Am Tische wurde Herrn Junkermann seitens unseres Dichters Hartmann noch eine große Freude bereitet, indem letzterer dem Künstler mit einer gebundenen und schwungvollen Vorrede seine Erstlingsblüten dedizierte. Der Onkel Bräsig-Verein hat seinem berühmten Landsmanne und noch berühmteren Künstler bewiesen, daß auch hier zu Lande noch Herzen schlagen, welche wahre und reine Kunst zu würdigen wissen und über dem Jagen nach dem mächtigen Dollar nicht vergessen und nicht verabsäumen, dem Verdienst die Krone zu reichen. Der Onkel Bräsig-Verein hat gezeigt, daß er es noch versteht, deutsche Sitten, deutsche Gebräuche, deutsche Gemütlichkeit zu kultiviern. Die Schlaraffia in New-York hatte sich meiner außerordentlich liebenswürdig angenommen, auch ihr verdanke ich so manchen schönen Abend. In der letzten Festsippung verabschiedete man mich mit folgendem: Amazon.de Widgets Wir sippten zusammen manch' herrliche Nacht Und freudig die Pulse schlugen, Es glühten die Herzen, die uns mit Macht Hinauf in den Himmel trugen. Es rauschte im schäumenden Jugendmut Des Jubels tosende Welle, Die Adern durchrollte feurig das Blut, Es blitzten die Augen so helle. Ja, in Schlaraffias glücklichem Heim Durchströmte uns selges Entzücken, Wir pflanzten zu Schönem und Gutem den Keim, In wechselseit'gem Beglücken. ? Im Fluge der Stunden gedachten wir bloß: Dies Feuer muß ewig brennen, ? O Schicksalswege, o Menschenlos, ? Wir müssen uns wieder trennen. ?[212] Illüstrer Bräsig, du Rufer im Streit, Aus edelstem Stamme entsprossen ? Bald eilest du tausende Meilen weit, Und läßt allein die Genossen. Wir sippten mit dir manch' herrliche Nacht Und freudig die Pulse schlugen, Es glühten die Herzen, die uns mit Macht Hinauf in den Himmel trugen. ? Denk' dieser Stunden und dabei auch Au Nova-Yorkias Sassen, Die treu, nach gutem Schlaraffenbrauch, In ihre Herzen dich fassen. Doch steht in leuchtendem, prächtigen Glanz Dein Bild, das nie kann erbleichen, Weil Liebe schlingt duftig der Freundschaft Kranz Als stetes Erinnerungszeichen! ? 
 II.  [15] Bald darauf wurde ich nach Wesel versetzt. Die Abteilung dort kommandierte der alte Major v. Derschau, einer jener braven Offiziere, die sich durch Humanität die Liebe ihrer Untergebenen in einem Maße erwerben, daß jeder sein Leben freudig für sie läßt. Im Dienste war der Major streng und unnachsichtlich, aber außer Dienst ein Vater seinen Kindern, seinen Soldaten. Es entstand in seiner Abteilung ein Männergesangverein, der alte Herr liebte Gesang über alles. Ich konnte mit einigen musikalischen Fähigkeiten aufwarten, ich übte mich in der Kaserne oft auf meiner Geige und anderen Instrumenten, denn mein Vater hatte mit aller Strenge darauf gehalten, daß wir Musik schon als Kinder trieben. Der alte Major v. Derschau hatte mich in der Kaserne geigen hören und veranlaßte mich infolgedessen die Leitung des Männergesangvereins zu übernehmen, ja, er dispensierte mich dafür von manchem Dienst, und ich kann sagen, wir leisteten etwas in dem Verein. Die erste musikalische Aufführung war ein Ständchen, das wir dem alten Major brachten. Ich sehe ihn heute noch, wie der alte Herr aus der Thür trat, zitternd vor Freude sich den weißen Schnurrbart drehend, als er »den Tag des Herrn«, die erste That aller Gesangvereine, von uns Söhnen des Mars vortragen hörte. Das »Bild der Rose« mit Brummstimmen hatten wir einstudiert; wir besaßen für das Solo keinen Tenor als mich, und ich hatte kaum die Stimmlage eines Baritonisten; aber mächtige Bässe hatten wir, die das Transponieren nach der[16] Tiefe hin gar nicht genierte ? es war ein schreckliches Gebrumme, »ein Lied, das Stein erweichen, Menschen rasend machen kann,« aber der alte Major war entzückt davon. Er ließ uns alle näher treten und bewirtete uns mit Speise und Trank. Unser Repertoir wurde abgesungen und ich mußte schließlich zu Solovorträgen greifen, die ich damals schon kultivierte. Der Major hatte seine helle Freude daran, und meinte: »Mensch, Sie sind ja ein wahrer Künstler, Sie müssen zum Theater gehen, Soldat werden Sie doch nie!« Wir machten mit unseren Gesangsproduktionen immer größere Fortschritte, so daß wir uns bald öffentlich konnten hören lassen. Eine Theatertruppe kam nach Wesel. Der Direktor war der in der Theaterwelt damals sehr bekannte Obstfelder, der in Gemeinschaft mit seinem Schwiegersohne Käuneke das Theater in Wesel leitete. Wir machten die Bekanntschaft der Sänger und Schauspieler, und es dauerte auch nicht lange, so standen wir auf der Bühne als Chorsänger in der Oper. Zuerst machten wir in »Figaros Hochzeit« mit. Das war leicht, da die Oper ja nur einen Chor enthält. Allein der Sänger Albes versprach sich durch unsere Mitwirkung eine gute Benefizeinnahme, und bat uns, die Chöre zu »Templer und Jüdin« einzustudieren. Wir machten uns dran, und ich mußte sogar den »Richard Löwenherz« übernehmen, der einige Takte zu singen, das andere aber zu sprechen hat. Ich hatte solche Angst vor meinen drei Takten unter meinem Harnisch, daß ich bei der Aufführung meinen Einsatz verfehlte, und der Kapellmeister am Pulte für mich freundlichst diese drei Takte sang. Aber die Artillerie-Unteroffiziere und Feuerwerker hatten großen Erfolg gehabt. Das Haus war voll und die ganze Stadt sprach tagelang von den vorzüglichen Chören, um welche jedes Hoftheater fortan Wesel beneidete. Amazon.de Widgets Die Herren Chargierten der Artillerie hatten Blut geleckt, der alte Major v. Derschau hatte sich sehr günstig über die Leistungen in der Oper gegen sein Unteroffiziere ausgesprochen und der Künstlerehrgeiz fuhr in die braven Artilleristen.[17] Die wandernde Theatertruppe verließ Wesel, der Winter war noch lange nicht zu Ende, und man beschloß in unserer Batterie ein Liebhabertheater zu gründen. Intelligente Feuerwerker standen uns hilfreich zur Seite und es währte nicht lange, da hatten wir unsere regelmäßigen Theateraufführungen. »Humoristische Studien«, »Der Sohn auf Reisen«, »Das bemooste Haupt« waren unsere Hauptstücke. Mit dem Kalinsky, dem Peter und dem Strobel machte ich ganz besonderes Aussehen. Die Damenrollen waren alle von kräftigen Artilleristen besetzt. Wir machten an das Talent zur Darstellung von Damenrollen keine anderen Ansprüche, als daß die Liebhaberinnen wenigstens keinen Schnurr- und Backenbart haben durften. Der Feuerwerker Köster und der Bombardier Rauch (jetzt Zeughauptmann a.D. in Breslau) waren bartlos oder doch so zart bebartet, daß dieser störende Schmuck für Frauengesichter bei der mangelhaften Oelbeleuchtung abends nicht sichtbar war. In komischen Stücken machten uns die Frauenrollen, von kräftigen Männern dargestellt, nicht viel Kummer und Kopfzerbrechen. Es war damals beim schönen Geschlecht eine so günstige Hut- und Schleiermode für diesen Zweck, daß wir das wettergebräunte Kriegerantlitz ganz bequem darunter verstecken konnten. Operngucker hatte unser Publikum nicht, und zur Vorsicht ordnete ich an, daß Hut und Schleier von den Darstellern niemals abgenommen werden durften. In Wesel lebte damals der Oberstabsarzt Deetz, der mir viel von seinem Sohne erzählte, welcher eben zum Theater gegangen war und in Karlsruhe auf der Hofbühne bedeutende Lorbeeren erntete. Der Herr Oberstabsarzt meinte, ich müßte auch Karriere auf der Bühne machen, es könnte mir nicht fehlen. Dieser Ausspruch reifte den heimlich schon gefaßten Entschluß in mir, ich müsse Schauspieler werden. Unsere Batterie wurde bald darauf nach Münster versetzt. Auch dort wurde Theater gespielt! Wir zogen aus bürgerlichen Kreisen Talente an uns und wagten uns an größere Aufgaben in der dramatischen Kunst. Meine Kameraden hatten die Theaterdirektion in Münster auf mich aufmerksam[18] gemacht, und ich trat denn auch bald öffentlich im Stadttheater zu Münster auf. Der dort engagierte Bassist Graf forderte mich auf, bei seinem Benefiz mitzuwirken. Es geschah. Ich spielte den »Kurmärker«. Die kräftigen Hände meiner Artillerie-Kameraden belohnten mich mit frenetischem Applaus und ließen eine andere Ansicht seitens der übrigen Theaterbesucher gar nicht aufkommen, wiewohl ich am andern Tage hörte, daß im münsterschen Publikum sich verschiedene Ansichten über meine Leistung geltend gemacht hatten. Den schlagendsten Beweis des Nichtgefallens erhielt ich aber erst am andern Tage auf der Parole durch meinen Hauptmann. Der Herr Hauptmann Credner besuchte öfters das Theater, er mußte demnach ein Verehrer der Kunst sein; er war auch am gestrigen Abend im Theater gewesen, und ich ging nach dem enormen Beifall, der mir durch seine ganze Batterie am Abend vorher zuteil geworden, mit dem Bewußtsein zum Apell, das jeder Schauspieler kennt, wenn er am Tage nach einer gelungenen Rolle sich öffentlich zeigt. Leider teilt das Publikum oft nicht die Empfindungen, die wir haben ? so war's auch bei meinem Hauptmann. Der Hauptmann pflegte beim Appell die Avancierten für gewöhnlich nicht der Musterung zu unterziehen, ob sie die Knöpfe gut geputzt, ob sie rein gewaschen und die Kleider ohne Flecken ? aber heute ging der Herr Hauptmann auch die Front der Avancierten entlang. Er fand alles in Ordnung; als er aber zu mir kam ? ich stand als der jüngste Bombardier auf dem linken Flügel ? besichtigte er mich ganz besonders, ging um mich herum und musterte mich von allen Seiten. Ich wurde ganz stolz und meine Dilettantenbrust hob sich zu künstlerischer Arroganz, denn ich glaubte schließen zu können, daß der Herr Hauptmann in der Nachwirkung des gestrigen Abends noch ganz im Anblick des Künstlers versunken sei. Mit einemmale reißt mir der Hauptmann den Helm vom Kopfe, hält ihn hoch in der Luft und schreit mit Stentorstimme über den Kasernenhof, daß alles zu uns herüberblickt: »Mit dem Helme haben Sie[19] wohl Komödie gespielt!?« ? Alles war stumm, aus des Hauptmanns Augen schossen Blitze, die mir deutlich sagten, daß ich ihm gestern in der Komödie gar nicht gefallen hatte, und er wiederholte seine Frage mit dem Zusatze: »Sie Schnurrant[20] ? wie sieht der Helm aus ? antworten Sie ? haben Sie damit Komödie gespielt?« Ich war damals gar nicht eitel in Toilette, es konnte ja sein, daß das Messingzeug nicht so geputzt war, wie es dem Herrn Hauptmann an diesem Morgen wünschenswert erschien, ich selber hatte nichts an dem Helm gefunden, was mein Auge beleidigt hätte ? und so antwortete ich denn auf die wiederholten Fragen, und weil ich mich durch den Ausdruck »Schnurrant« denn doch etwas gekränkt sah, ganz stolz im Gefühle des beleidigten jungen Künstlers: »Nein, Herr Hauptmann, dazu kann ich das Ding nicht brauchen!« ? Ich weiß es nicht mehr genau, was nun geschah, denn mir verging Hören und Sehen, als der Herr Hauptmann mir den Helm wieder aufsetzte, so unsanft vollzog er diese Manipulation, und immer noch schien ihm der Helm nicht richtig zu sitzen, denn ich fühlte, wie der Helm mir bald das linke, bald das rechte Ohr abzuschneiden drohte, so mächtig fiel er wiederholt auf mein Haupt nieder, das statt Lorbeeren, wie ich gehofft, nun eine Dornenkrone umwand. Mein damals noch üppiges Haar war durch die unsanfte Bearbeitung mit dem Artilleriehelme wohl in Unordnung geraten und erschien dem Herrn Hauptmann dadurch in unvorschriftsmäßiger Länge. Nach nochmaliger Umkreisung knipste er mit dem Zeigefinger auf meine Uniform, ob er keine Staubwolke hervorzaubern konnte, und als dies vergebens, kehrte er wieder zur Besichtigung meiner derangierten Haarfrisur zurück und meinte: »Sie tragen ja wohl schon eine Künstlerfrisur? ? Feldwebel,« rief er, »lassen Sie dem Bombardier Junkermann mal den Polkakopf stutzen und führen sie ihn 24 Stunden in Arrest.« Amazon.de Widgets Ich wurde abgeführt ? fern von Madrid über mein Schicksal nachzudenken. In späteren Jahren habe ich oft Gelegenheit gehabt, über eine verunglückte Rolle zu sinnen, aber eine solche Ruhe des Nachdenkens habe ich nie wieder gefunden als in meinem Arrest. Ich ließ die Worte der Rolle des Kurmärkers 24 Stunden lang in meinem Gedächtnisse vorüberziehen,[21] und so oft ich auch die Rolle in meinem späteren Leben gespielt ? ich habe sie nie wieder memorieren brauchen, der Herr Hauptmann hatte sie mir mit den 24 Stunden Arrest und mit dem Helme zu fest in meinen Kopf gedrückt. ? ? ? Tage, Wochen und Monate vergingen noch, bis ich endlich meine Entlassung vom Militär erhielt und meinen Plan, zum Theater zu gehen, ausführte. Ich wandte mich wieder nach Köln und stellte mich einem Theateragenten vor. Dieser verschaffte mir ein Engagement nach Trier ans dortige Stadttheater. Auf Anraten des Agenten mußte ich ein Repertoir gespielter Rollen aufsetzen, denn ohne solches engagiert man einen Schauspieler nicht. Die Rollen, die ich auf dem Liebhabertheater gespielt hatte, genügten dem braven Manne aber nicht, ich mußte welche hinzu lügen, und mit Herzklopfen und leerem Geldbeutel reiste ich den Rhein und die Mosel hinauf ins erste Engagement nach Trier. 
 VI.  [47] Der durch den Architekten Heinrich Müller in Bremen gegründete Künstler-Verein war in seinen traulichen Hallen der Sammelplatz der Künstler und der besten Gesellschaft Bremens. Welch reizende Abende wurden dort veranstaltet, wie schäumten die Wogen des Humors! Wißt ihrs noch, ihr Bremer von damals, wie »Alexander Meyer« Abschied nahm und nach Breslau übersiedelte? Ich mußte ihn kopieren, und der Mann war mindestens anderthalb Kopf kleiner als ich, auch trug er keine Absätze unter den Stiefeln, damit war also nicht abzuhelfen, daß ich sie mir auch wegnehmen ließ. Und doch gelang mir die Kopie. Euch zu Liebe ertrug ich die schlotternde Haltung, euch zu Liebe ging ich in weiten schwarzen Hosen, die er zum Glück zu tragen pflegte, mit geknickten Knieen auf eurer Bühne im Künstler-Verein als Alexander Meyer einher, daß ich drei Tage lendenlahm war. Alexander Meyer sitzt jetzt im deutschen Reichstage. Ob er wohl noch daran denkt? Die übermütige Jugend! Was haben wir in Bremen für Streiche ausgeführt. Fritz Hillmann, der jetzige Besitzer von Hillmanns Hotel, hatte damals das »Hotel du Nord« in der Bahnhofstraße. Er war ein junger Anfänger und hat es vom Kellnerjungen bis zum Hotelier ersten Ranges gebracht, und wer jemals in Hillmanns Hotel in Bremen abgestiegen, wird mir Recht geben, daß sein jetziges Hotel ein Hotel allerersten Ranges ist. Damals hatte er mit den Sorgen des Lebens zu kämpfen, aber durch Liebenswürdigkeit und Strebsamkeit gewann er bald sein Publikum[48] und seine Gäste in dem bis dahin so verödeten Hotel du Nord. Trotzdem Fritz stets mit weißer Binde angethan war und er sich so auf dem Bahnhofe präsentierte, wollte doch die Crême der Gesellschaft noch nicht im Hotel du Nord absteigen. Im Café des Hotels hatte sich ein Kreis von Kaufleuten und Künstlern gebildet, die manche Stunde dem fröhlichen Zechen widmeten, Anekdoten erzählten und allerlei Kurzweil trieben. Wir waren Hillmanns beste Freunde. Zu uns kam er oft ganz selig mit einem Telegramm in der Hand hereingestürzt: »Kinder, es kommen vornehme Leute. Zwei Salons und drei Schlafzimmer sind bestellt, bald ist das ganze Hotel besetzt!« ? Darauf hin wurde immer noch eins getrunken, und in guter Laune kamen manchmal die tollsten Einfälle. Einer aus der Gesellschaft mußte einem Freunde in Honnover schreiben, er solle folgendes Telegramm absenden: »Hotel du Nord, Bremen. Bitte vier Salons und sechs Zimmer reservieren. Ankunft morgen, Schnellzug halb acht. Baron Streithorst nebst Familie und Bedienung.« Amazon.de Widgets Den andern Tag nach der table d'hôte sitzen wir im Café, Fritz Hillmann kommt freudestrahlend mit dem Telegramm zu unserm Tisch und ruft: »Kinder jetzt haben wir's aber ? da lest!« Mit ernsten Mienen liest alles das bevorstehende Ereignis und gratuliert Fritzen von ganzem Herzen. Wir verschwinden denn auch bald, um unsere Vorbereitungen zu treffen. Ich hatte mir aus dem Theater die feinsten Livreen besorgen lassen, Friseur und Garderobier waren bemüht, uns auf das täuschendste herzurichten als Baron Streithorst, dessen Angehörige, Kammerdiener und Lakaien. Im verschlossenen Wagen fuhren wir nach dem Bahnhof, und dort angekommen bestiegen die Lakaien den Bock. Mein Kollege Guinand, als Kammerdiener schwarz gekleidet, mit langem wohlgepflegtem Backenbarte, saß neben dem Kutscher auf dem Bocke, ich selber mit den übrigen als Baron Streithorst nebst Begleitung im Innern des Wagens. Unsere Masken waren derart, daß selbst das geübteste Auge keine Fälschung wahrzunehmen imstande war. Der Wagen rollte ab. Vor dem Hotel du Nord[49] angekommen, springt der Kammerdiener, vulgo Freund Guinand, vom Bock herunter, die Lakaien stellen sich entblößten Hauptes neben den Wagen, reißen den Kutschenschlag auf und wir steigen gravitätisch aus. Hillmann steht in Frack und weißer Halsbinde mit sämtlichen Kellnern in gleicher Galauniform vor dem Hotel[50] und weiß sich vor Komplimenten nicht zu fassen. Die Kellner stürzen auf die Handgepäckstücke los und rennen Trepp auf Trepp ab. Die Hotelglocke erschallt, die Hausdiener stürzen herbei, die Gäste des Café gaffen durch die Fenster ? es war ein Aufzug, als wenn der Fürst von Marokko eingezogen wäre! Wir nahmen die Huldigungen sehr von oben herunter entgegen, Fritz Hillmann wagte vor Devotion nicht uns ins Angesicht zu sehen, was für uns sehr günstig war, und der Zug begiebt sich unbeanstandet in den ersten Stock in die festlich hergerichteten Salons. Freund Guinand redet nun immer französisch mit Hillmann. Ich weiß nicht, schien letzterem das verdächtig, verstand er nicht, was Guinand wollte, oder erkannte er von der Bühne her das wenig modulationsfähige Organ Guinands ? kurz Fritz Hillmann wurde immer kühler und je mehr Guinand ihn in sein Französisch zu verwickeln suchte, desto deutscher wurde Fritz Hillmann: »Karl«, rief er einem vorbeieilenden Kellner zu, »führe die Herrschaften in den vierten Stock, die Zimmer nach hinten hinaus. Auf Rechnung wird nichts gegeben, nur gegen bar!« ? Wir standen da, gründlich blamiert ? einer nach dem andern gab seine Rolle auf ? Fritz Hillmann wußte nicht, sollte er sich ärgern oder sollte er lachen ? er machte schließlich gute Miene zum bösen Spiel, wir kleideten uns um und verbrachten den Abend in gewohnter Heiterkeit, neue Streiche ersinnend. Den andern Tag kam Fritz zu mir auf mein Zimmer ? ich wohnte bei ihm im Hotel ? und sagte wehmütig: »August, so gehts nicht mehr, Ihr vertreibt mir alle Gäste!« Aber wir waren unverbesserlich. Mittags bei der table d'hôte ärgerte uns oft ein Herr S. durch sein hochmütiges Wesen. Er kam stets von der Börse, wie er stark betonte, erzählte beständig von seiner »Fabrik«, von seinem »Reisenden« ? und ich glaube, er hat beides niemals besessen. Ich habe Freund S. nie ernsthaft nehmen können, er war nicht dazu angethan. Eines Tages ging ich mit ihm über die Straße, wir erzählten uns harmlose[51] Dinge und bogen plaudernd in eine bessere Straße Bremens ein. Plötzlich stand S. still und sagte: »Junkermann, gehen Sie jetzt lieber auf die andere Seite der Straße, hier wohnen Verwandte von mir, es könnte mir im Geschäfte schaden, wenn sie mich mit einem Schauspieler gehen sehen. Wir können uns ja da oben wieder treffen.« ? Ich fühlte mich nicht beleidigt und ging lachend nach Hause S. war die Zielscheibe unseres Spottes, unseres Witzes; es gibt Leute, die absolut dazu herausfordern. So war's mit S. Was wir nur ersinnen konnten ihm zum Schabernack ? das geschah. Wie oft sind wir nachts in gespensterhaften Verkleidungen in sein Zimmer gekommen und haben ihm Gaukelspiele aller Art vorgemacht. S. lachte schließlich mit über die Dummheiten. Eine Zeit lang kam er jeden Morgen herunter mit den Worten: »Herr Hillmann, ich bitte nm meine Rechnung, ich ziehe aus« ? aber mittags zog's ihn immer wieder zu uns zur table dhôte ? er blieb wohnen. Einmal empfand ich aber Reue über einen Streich, der nur zu gut gelungen. Zwei von uns hatten sich als gespenstigen Riesen verkleidet, einer saß dem andern auf dem Rücken, die ganze Figur war mit langen weißen Bettüchern so drapiert, daß, wenn jemand aus dem Schlafe erwachend, diese Riesenfigur mit dem Neptunsbart und Dreizack sah, er an Geister glauben mußte. So ging's S. Als wir auf den Fußspitzen, mit brennenden Lichtern in der Hand, uns in S.'s Zimmer geschlichen und ihn durch geisterhafte Laute geweckt hatten, fing der gute S. ein Geschrei an, das uns durch Mark und Bein ging. S. stürzte aus dem Bette an uns vorbei auf den Korridor und schrie nach Hilfe. Die Fremden stürzten aus ihren Zimmern, alles im Hotel dachte, es sei Feuer; wir rannten in unsere Zimmer und schlossen hinter uns zu. Wir hörten Fritz Hillmann auf dem Korridor fluchen und die Fremden um Verzeihung für den Lärm bitten; es pochte an meiner Thüre, es war Fritz, der mir wahrscheinlich die Wohnung kundigen wollte, aber ich erklärte ihm von innen, daß ich mich nachts nicht[52] sprechen ließe, und nach einer Weile wurde es wieder ruhig im Hotel. Amazon.de Widgets Den andern Morgen kam Fritz wieder zu mir: »August, das geht nicht mehr, ich verliere alle Fremden und mein Renommee!« Aber er konnte sich des Lachens nicht erwehren, als S. mittags zur table d'hôte kam mit ernst vornehmen Gesicht und sagte: »Herr Hillmann, meine Rechnung ? ich ziehe aus ...« Alle Gäste suchten S. zu beruhigen und meinten, er müsse wohl einen bösen Traum gehabt haben, so was käme ja vor, oder er litte vielleicht an Alpdrücken oder sei gar ein Nachtwandler, da solle er noch froh sein, daß er bei dem Lärm nicht wach geworden und den Hals gebrochen habe. S. wurde irre an sich selbst, als alle Gäste beteuerten, sie hätten nichts gehört, und als er nun gar Fritz Hillmann fragte, ob auch er nichts gehört habe, und dieser auch verneinte und sagte: »Ihre Rechnung können sie haben, Herr S., aber Grund zum Ausziehen hat Ihnen niemand gegeben« ? da guckte S. in unsere ernsten Gesichter, schämte sich, bezahlte seine Rechnung nicht und blieb im Hotel wohnen! Aber seine Thür schloß er von da ab nachts zu! ? Wir waren zu weit gegangen in unseren tollen Jugendstreichen. Wir sannen Solideres aus. Mittags, wenn S. sicher auf der Börse war, ließen wir uns durch das Stubenmädchen sein Zimmer aufschließen und nahmen allerhand geometrische Messungen vor, probierten die Tragweite einiger mitgebrachten Wasserspritzen, setzten sie mit voller Ladung Wasser von außen ins Schlüsselloch, zielten nach S.' Kopfkissen in seinem Bett, drückten ab und nahmen dann im Zimmer die Resultate der Schießübungen auf. In wenig Mittagstunden, wenn S. auf der Börse war, hatten wir es zu solcher Geschicklichkeit gebracht, wußten von außen so genau die Spritze zu legen, daß sie ihr Ziel auch nachts im Dunkeln nicht mehr verfehlen konnte In der nächsten Nacht schlichen wir uns vor S.' Thür. Mit einer eigens konstruierten Drahtzange wurde der Schlüssel, der von innen im Schlüsselloch steckte, soweit bei Seite gedreht, daß der Bart des Schlüssels uns nicht mehr genierte. Die gefüllte[53] Spritze wurde im richtigen Winkel eingelegt und losgedrückt. Wir hörten die Wasserladung auf der Bettdecke niederfallen, aber S. blieb ruhig. Zu Hause war er, wir mußten schlecht getroffen haben. Es wurde aufs neue geladen und abgespritzt. Wir hörten S. fluchend und murmelnd aus dem Bette springen und ans Fenster stürzen, vermutlich hatte er geglaubt, es regne zum Fenster herein, und wollte das Fenster schließen. S. zündete Licht an, und als er sich eben wieder niederlegen wollte, kommt unsere zweite Spritze voll. S. mußte mit seinem Körper in unsere Schußlinie geraten sein, denn wir hörten das Wasser prasseln, nicht als wenn es auf ein Federbett, sondern auf einen härteren Gegenstand gefallen wäre. Wir waren erst im Zweifel, was wir getroffen, aber S.'s Fluchen und Wettern mit Pusten und Schnaufen vermischt, machte uns bald klar, daß wir sein Gesicht getroffen, während er aufrecht sitzend im Bette sich eben wieder zudecken wollte. Unter Fluchen und Verwünschungen des Hotel du Nord von seiten S'. verließen wir den Ort der That und stahlen uns auf unsere Zimmer. Amazon.de Widgets Am andern Morgen kam S.: »Herr Hillmann, ich bitte um meine Rechnung ? ich ziehe aus ? es spukt in Ihrem Hause.« »Aber, Herr S.«, sagt Hillmann, »was machen Sie mir für Geschichten; ich muß bitten, Sie bringen mir mein Haus in schlechten Ruf, und ehe ich das leide, ist mirs wirklich lieber, Sie ziehen aus.« Mittags kam S. von der Börse zur table d'hôte. Die von dem Vorfall unterrichteten Gäste hatten sich allerhand gespenstige Geschichten erfunden, die ihnen in der vergangenen Nacht passiert seien, und gaben solche zum besten. S. war mäuschenstill und strafte uns diesen Mittag mit Verachtung. ? ? ? Auch ein Liebhabertheater wurde im Hotel du Nord etabliert. Wir feierten große Feste mit theatralischen Aufführungen, zogen mit Musik und Lärm in den Speisesaal und kümmerten uns wenig um die Ruhe der Hotelbewohner. Fritz Hillmann bekam heftige Neigung mehr zu künstlerischen als zu wirtschaftlichen Angelegenheiten, ihm war immer so, als müsse[54] ihm die Kunst eher Brot geben, als sein Hotel. Er nahm Violin-Unterricht bei mir, um, wenn alle Stricke rissen, als Musiker mit nach Amerika zu gehen. Er hats nicht nötig gehabt, er nahm sich bald ein liebes Weib, mit deren Mitgift er im Verein mit dem damaligen Geschäftsführer des Hillmannschen Hotels, Eberbach, das Hotel Hillmann erwarb, und lebt heute glücklich und zufrieden im Kreise seiner Familie. Ich bin im Laufe der letzten Dezennien auch unter anderen Direktionen wieder oft zum Gastspiel nach Bremen gekommen. Das Bremer Publikum ist mir treu geblieben, was es mir stets durch den regen Besuch meiner Gastvorstellungen bekundet, und bei Fritz Hillmann habe ich nach wie vor manche schöne unvergeßliche Stunde verlebt. 
 XXVI.  [225] In der Sylvesternacht 87 auf 88 begab ich mich schon wieder auf die Reise, um meine Gastspiele in Hannover, Stettin, Danzig, Mainz, Bremen, Linz und Budapest zu absolvieren. Am 2. Januar begann ich mein vereinbartes Gastspiel am Residenztheater in Hannover. Ich hatte vor langen Jahren, als ich in Bremen engagiert war, schon auf dem hannöverschen Hoftheater gastiert, um den damals abgegangenen Komiker von Leman zu ersetzen. Der Regisseur Marks war nach Bremen gekommen, hatte mich dort gesehen und mich dem Generalintendanten des hannöverschen Hoftheaters, Graf Platen, zum Engagement empfohlen; allein mein Gastspiel auf Engagement führte damals zu keinem Resultat, wiewohl ich mich erinnere, daß ich in der Rolle des »Peti« im Zigeuner viermal am Schluß des Stückes gerufen wurde. Ich verstand damals noch nicht, mit Grafen umzugehen, meine Schüchternheit erweckte in dem Intendanten wohl den Verdacht, daß ich ein zu großer Stoffel sei; bei meinem zweiten Besuche wurde ich gar nicht vorgelassen. Man wollte mir nach Bremen hin Bescheid geben, was nachher ganz überflüssig war, denn ich wußte sofort was die Glocke geschlagen. Mit Bescheidenheit habe ich in meinem Leben noch nicht einen Schauspieler zu etwas kommen sehen, es gehört ein gewisses Selbstbewußtsein ? um nicht zu sagen Frechheit ? dazu, will der Schauspieler Carriére machen; aber durch Servilität und Speichelleckerei habe ich ? wenigstens an Hofbühnen[226] ? mehr hervorragende Stellungen sich erringen sehen, als durch Talente. Gute Rollen machen den Schauspieler. Wer es erreichen kann, daß er immer nur erste, dankbare Rollen spielt, wird stets vor Kritik und Publikum ein leichtes Spiel haben. Das große Publikum verwechselt immer gute Rollen und gute Darstellung. Was Karl Sontag in seinem Buche »Vom Nachtwächter zum türkischen Kaiser« über die hannöversche Presse sagt, daß sie jeder Kunstleistung gegenüber sich apathisch verhalte und nie warme Anerkennung niederschreiben könne, habe ich auch empfunden. Mein Gastspiel wurde in den dortigen Tagesblättern entweder gar nicht oder sehr kalt und gleichgiltig besprochen. Ich traf in Hannover erst am 1. Januar ein, hatte sofort Proben und trat vom 2. Januar ab täglich auf, ich fand daher nicht Zeit, die üblichen Rezensentenbesuche zu machen. Vielleicht lag darin der Grund der kühlen Behandlung seitens der hannöverschen Presse. Es ist einmal so der Brauch, daß der Schauspieler jeden Referenten jeder Zeitung besucht und um sein Wohlwollen und gütige Beurteilung bittet, wiewohl ich die Wahrnehmung gemacht habe, daß die vornehme deutsche Presse diese Besuche der Künstler gar nicht beansprucht. Es gibt Kritiker, die den Künstler nicht einmal empfangen, um objektiv über seine Leistungen urteilen zu können. Mit meinem verdrießlichen Gesichte habe ich nie einen angenehmen Eindruck in den Redaktionsbureaux gemacht, und ich bin meist da am günstigsten beurteilt worden, wo ich keinen Besuch abgestattet oder nur meine Karte abgegeben habe. Amazon.de Widgets Das Publikum in Hannover glänzte bei meinem Gastspiele durch Abwesenheit, und erst bei der dritten und vierten Wiederholung von »Onkel Bräsig« und »Ut de Franzosentid« läpperte sich das Parquet zu einem erfreulicheren Anblick zusammen. Trotz der gähnend leeren Häuser erhielt ich aber zu meinem Erstaunen am andern Morgen immer auf meine Hälfte so gegen 200 Mark, laut Rapport, ausgezahlt. Anfangs hatte ich Herrn[227] Direktor Wiedemann in Verdacht, daß er, um mir die Beschämung zu ersparen, aus seiner Tasche was drauf gelegt habe, allein bei aller Generosität unserer deutschen Theaterdirektoren stünde der Fall doch zu vereinzelt da. Herr Wiedemann ist ein liebenswürdiger Direktor, in seinem Hause habe ich eine seltene Gastfreundschaft gefunden, seine Gattin bereitete uns manches vortreffliche Diner, ja sie erkundigte sich nach meinen Lieblingsspeisen und überraschte mich am andern Tage damit ? liebe, herzliche Menschen! ? aber dem Gast mehr auszahlen als eingegangen ? ich glaube das thun sie doch nicht. Ich habe sonst eine ziemliche Geschicklichkeit, wenn ich vor Beginn der Vorstellung, oder besser noch im Zwischenakt, durch das Loch des Vorhangs sehe, die Einnahme des Abends zu schätzen, aber im Residenztheater zu Hannover vermochte ich's nicht. Während ich sonst gewöhnlich zwischen 20?50 Mark zu viel oder zu wenig schätzte, irrte ich mich in Hannover stets, es waren immer Hunderte von Mark mehr im Hause, als ich vermutete. Es gibt ja Theater, bei denen man bei Gastspielen und Benefizen immer richtiger sagen sollte, was man »bekommen« und nicht was man »eingenommen« hat ? aber wenn im Residenztheater zu Hannover der Kassier nicht etwa aus seiner Tasche drauf gelegt hat, wenn es ihm zu wenig erschien, so habe ich seit der Zeit mein Schätzungsvermögen verloren. Ich konnte von Hannover trotz der anscheinenden Teilnahmslosigkeit des Publikums nach beendetem Gastspiel einige tausend Mark nach Stuttgart senden, worüber ich die Apathie des Publikums und der Presse schnell vergaß. Von Hannover zogen mich meine Gastspielverpflichtungen nach Stettin. In Stettin liegt Schelper begraben, mein langjähriger Freund und Konkurrent. Das Publikum dort hat ihm große Pietät und Anhänglichkeit bewahrt, und mit Recht. Schelper war als Reuter-Interpret vollendet, ein echter Mecklenburger,[228] ein Landsmann Fritz Reuters. Was mir große Mühe machte zu erlernen, den mecklenburgischen Dialekt, das war ihm angeboren. Ich versündige mich nach der Ansicht der Mecklenburger oft gegen ihren Dialekt, man verzeiht mir diese Sünde dort nicht, während man mir in Mittel- und Süddeutschland freudigen Herzens Absolution erteilt. Schelper war ächter, unverfälschter als ich, aber er war dadurch an seine Scholle gebunden, außerhalb der plattdeutschen Lande wurde er nicht verstanden und kehrte bei Ausflügen nach Mittel- und Süddeutschland stets schnell wieder um. Kraeplin und Palleske haben es auch versucht, in Süddeutschland Reuter-Vorlesungen zu halten, aber auch sie blieben unverstanden. Palleske besuchte mich einmal in Stuttgart und erzählte mir, wie er jetzt das Mittel gefunden, in Süddeutschland Fritz Reuter zu lesen. »Nun, wie denn?« fragte ich. »Passen Sie auf«, antwortete er, und er las mir vor: (mit der rechten Hand am Munde nach links hinüber) »Uns' Hanne Nüte was dat einzigst Kind« (und dann mit der linken Hand am Munde nach rechts hinüber, in's Hochdeutsche übersetzt) »Unser Johann Snut war das einzige Kind,« (nach links:) »Von oll Smid Snuten tau Gallin,« (nach rechts:) »Vom alten Schmied Snut zu Gallin,« (nach links:) »Un wo denn nu de Lüd' so sünd,« (nach rechts:) »Und wie denn nun die Leute sind,« (nach links:) »Irst säden s'tau den jungen Snüte,« (nach rechts:) »Erst sagten sie zu dem Jungen Snüte,« [229] (nach links:) »Un nahsten säden s' Hanne Nüte,« (nach rechts:) »Und nachher sagten sie Hanne Nüte,« etc. »Um Gotteswillen hören Sie auf,« schrie ich »die Leute laufen Ihnen davon!« Er war aber seiner Sache zu sicher, er las abends in dieser seiner erfundenen Manier und ? es entleerten sich die Bänke, daß mir angst und bange um das Ende wurde. »Sie haben recht gehabt,« sagte er mir nach der Vorlesung, »ich lese in Süddeutschland Fritz Reuter nicht mehr, ich lasse Ihnen Ihre Domaine, und werde mich lediglich auf Shakespeare beschränken.« Palleske hatte mir in meinem Hause Reuters »En Prozeß will bei nich hewwen« vorgelesen, was nach seiner Meinung seine Glanznummer war. »Lassen Sie's gut sein,« sagte ich ihm, »das habe ich alles ausprobiert, das ist nichts für den süddeutschen Geschmack.« Palleske gab das Gedicht abends im Museum, wo er seine Vorlesung hielt, noch zum Programm ? derselbe Erfolg! Stuttgart ist ohnehin kein Ort für Vorlesungen, und wenn diese nicht vom kaufmännischen Verein, der allein über 1000 Mitglieder zählt, arrangiert werden, bleiben sie leer. Auch Türschmann hat es in Stuttgart versucht, er las wundervoll, aber andern Tags reiste er wegen Mangel an Teilnahme weiter ? und kam nie wieder! Auch Schelper war in Stuttgart, er spielte auf dem Sommertheater der Vorstadt Berg. Die anständige Presse ließ ihm seine, mir meine Vorzüge, aber die kleinen Blättlesschreiber, die kein Wort von ihm verstanden, meinten: »Nun sieht man's erst, daß der Junkermann ein Nixkönner, und was für ein großer Mann Fritz Reuter ist.« Die Häuser blieben aber leer und Schelper kehrte nach Norddeutschland zurück. »Du hest den Rohm hier all' runner schöppt,« sagte Schelper zu mir beim Abschied.[230] »Ne, mien Jung«, antwortete ich ihm, »Du snackst tau veel plattdütsch, dat können de Lüd' hier nich verdrägen!« Und so geht's in Süddeutschland. Ich weiß, daß Mecklenburger sich mit meiner Darstellung Reuter'scher Charaktere wegen meines idealisierten Dialektes nicht befreunden wollen, ich muß den Schmerz um des übrigen ganzen Deutschlands, Oesterreichs und Rußlands willen ertragen. Ich bin kein Dialektfanatiker, mir kommt es in erster Linie darauf an, verstanden zu werden, und Geist und Wesen Fritz Reuters zu interpretieren. In Stettin natürlich sprach ich Originaldialekt und hatte die Freude, im Publikum wie durch die Presse zu vernehmen, daß man mich als Reuter-Interpret nicht hinter Schelper stellte. Ich hänge immer sehr von der »komischen Alten« ab, mit der ich spiele; habe ich durch sie keine Unterstützung, so fällt manche herrliche Scene in den Brunnen. In Stettin war die »komische Alte« des Dialekts nicht mächtig, und das geht überall durch, aber in Stettin nicht. Liebe alte Kollegin und Freundin, nimm mir's nicht übel ? ich weiß wir bleiben Freunde ? aber Reuter wollen wir nicht wieder miteinander spielen, lieber was anderes! Hanne Schatz in New-York, wir waren nicht so gute Freunde, aber für deine Leistungen in Reuterschen Stücken bin ich dir dankbar, so lange ich lebe. Amazon.de Widgets Schelper und ich waren auf einander nie neidisch, wir hatten unter uns ein Abkommen getroffen, daß er in Norddeutschland, ich in Süddeutschland und Oesterreich unser Feld ackern wollten. Wir haben es gehalten. An seinem Grabe in Stettin habe ich in einem Kranze den letzten Gruß als Freund und Kollege niedergelegt. Schelper war ein lieber, braver Mensch, meine Achtung, meine Freundschaft folgt ihm über das Grab hinaus. Nur zweifelhafte Kollegen suchten auf meine Kosten seinen Ruhm zu vermehren. Ich sah Schelper einmal in Berlin ? im Central-Theater ? den »Onkel Bräsig« spielen, und besuchte ihn im Zwischenakt hinter den Kulissen. Im vierten Akt fragt Habermann den[231] Moses: »Kennen Sie Bräsig?« worauf der Darsteller des Moses mit einem Extempore ungeheure Wirkung zu erzielen glaubte, als er antwortete: »Ich kenne bloß einen Bräsig, das ist Schelper, ? Bräsig-Junkermann kenne ich nicht!« ? »Hab's vernommen! Hab's vernommen,« lieber Kollege, denn für mich war's ja wohl erfunden, schade nur, daß das Berliner Publikum keine Notiz davon nahm. Schelper war nachher so lieb, sich bei mir zu entschuldigen, es sei nicht seine Intention gewesen. »Thedor«, sagte ich, »dat hest du gor nich nödig ? ick kenn di beter ?«. Wir blieben gute Freunde, borgten uns einander die Reuterschen Stücke und strebten mutig weiter im gemeinschaftlichen Ziele, im Dienste unseres Fritz Reuter! In Stettin fand ich Schulkameraden, die ich seit meiner Kindheit nicht wieder gesehen, den Oberregierungsrat Schreiber und den Artillerie-Oberst Brosent. Im Hause Schreibers saßen wir abends und sprachen plattdeutsch. Es ist zu reizend, in heimatlichen Klängen die Kinderzeit in seinem Gedächtnisse aufzufrischen. Wer hätte es nicht erlebt! Was dem Einen entfallen, bringt der Andere auf's Tapet. Beide schwelgen dann im Traume der Kindheit und lassen die Bilder ihrer Jugendzeit an sich vorüber ziehen. Es war ein herrliches Wiedersehen bei meinen lieben Bielefelder Jugendfreunden. Auch die Schlaraffia Sedina mit ihrem herzlich gemütlichen Oberschlaraffen Hartmann von der Aue bereitete mir schöne unvergeßliche Abende. 
 XVI.  [129] Auch der Generalintendant, Baron von Loën, rief mich zum Gastspiel an die Weimarsche Hofbühne. Der liebe Herr hatte es mir längst verziehen, daß ich ihm früher davongegangen. Ich überließ ihm Honorar und alle Bestimmungen für mein Gastspiel. Wie ein echter Kavalier, der er durch und durch war, hat er sich benommen. Nicht ich allein, so mancher meiner Kollegen verlor in dem guten, liebenswürdigen Bühnenleiter von Loën einen wahrhaften Gönner und Freund. Er hat ausgerungen ? ein Denkmal hat er sich aber im Herzen manches Künstlers gesetzt. Ehre seinem Angedenken! Mein stets so gefälliger hoher Gönner, der Prinz Weimar in Stuttgart, hatte mir an den Erbgroßherzog von Weimar, dessen Gemahlin seine Tochter, ein Empfehlungsschreiben mitgegeben, infolge dessen ich außer meinem Gastspiele auf der Hofbühne zu einer Reutervorlesung ins Schloß befohlen wurde. Die erste Abteilung meiner Reuterschen Vorträge las ich mit Uebertragung jener plattdeutschen Worte ins Hochdeutsche, für welche auch in Thüringen das Verständnis fehlt, allein in der Pause befahl die Großherzogin mich zu sich. Die hohe Frau, als von holländischer Abkunft, wollte originalplattdeutsch hören; ich las dann die zweite Abteilung, wie Reuter geschrieben, im Originaldialekt, und blieb für die übrigen ? unverstanden. Auch den Großherzog sah ich nicht mehr lachen. Wer der holländischen Sprache mächtig ist, versteht Fritz Reuter besser. Ich pflege mich mit Holländern oft zu unterhalten, der[130] Holländer spricht seine Sprache und ich plattdeutsch, und fast kein Wort bleibt auf beiden Seiten unverstanden. So ging es auch der Großherzogin von Weimar, sie hatte den Vollgenuß in der zweiten Abteilung meiner Vorlesung, aber die andern verstanden gar nichts mehr. In Weimar fand ich meinen alten Freund Otto Lehfeldt wieder. Er war pensioniert worden mittlerweile, aber noch immer der unermüdliche Anekdoten-Erzähler, und als solcher Meister. Hat er doch selber so viele Theatergeschichten geliefert. ? Unter der Intendanz des Baron von Loën in Weimar reichte ein russischer Graf, der sich der Protektion des Großherzogs erfreute, sein Drama »Iwan der Grausame« ein. Das dilettantenhaft gearbeitete Stück wurde zum größten Verdruße Lehfeldts, der die riesenumfangreiche Titelrolle lernen mußte, zur Aufführung angenommen. Der Intendant übergibt selbst an Lehfeldt die voluminöse Rolle des Iwan mit der Bitte, dieselbe doch ja recht fleißig zu studieren, damit das Drama des Grafen beifällig aufgenommen würde. Lehfeldt wiegt die starke Rolle in der Hand und fragt: »Herr Baron, diese Bibel soll ich auswendig lernen?« »Ja, Herr Lehfeldt, und zwar so rasch sie können,« erwidert der Intendant, »der gräfliche Dichter aus Rußland hat Eile und will selbst zu den Proben kommen!« Resigniert willigt Lehfeldt ein und verspricht baldmöglichst Iwan den Grausamen zu liefern. Amazon.de Widgets Der Tag der Probe rückt heran. Die Mitglieder der Weimarschen Hofbühne wurden ersucht, im Frack und weißer Halsbinde zu erscheinen, da hohe Herren vom Hofe, wahrscheinlich der Großherzog selbst, zur Probe kommen würden. In der Mitte des dunkeln Parquets saßen, vor sich eine Lampe, um nachlesen zu können, der Intendant und der Autor des Dramas, der russische Graf, in nervösester Aufregung. Der Regisseur gibt das Zeichen zum Beginn der Probe. Otto Lehfeldt im Frack tritt auf und spricht seinen langen Monolog als Iwan. Befriedigend nickt der Dichter dem Intendanten zu.[131] Plötzlich verfinstern sich die Züge des Grafen, er springt auf und ruft in russisch gefärbtem Deutsch zur Bühne hinauf: »O bitte serr, Herr Lehfeldt, warum haben Sie gestrichen hier? Gerade von der Stelle, die Sie haben gestrichen, ich verspreche mir serr viel Wirkung!« Lehfeldt tritt an die Rampe und ruft außerordentlich höflich ins Parquet dem Grafen zu: »Mein hochverehrter Herr Graf! Schiller, Goethe, Shakespeare, alle diese großen Dichterheroen haben sich Striche gefallen lassen. Ihr eminent durchgeistigtes Stück ist ja eben so gut als unsere klassischen Dichtungen, aber glauben Sie mir, mein hochverehrter Herr Graf, Ihr eminentes Stück kann durch einige kleine Striche nur gewinnen!« Der Graf beruhigt sich. Andere Personen betreten die Scene, und Lehfeldt entfaltet seine ganze Kraft, so daß es selbst den anwesenden Herren vom Hofe, die in einer Dunkelloge saßen, imponiert. Man gelangt zu einer Hauptscene Iwans, in der Lehfeldt wieder einen großen Strich angebracht hat. Krebsrot springt der vor Aufregung zitternde Dichter wieder auf und schreit: »Um Gotteswillen, Herr Lehfeldt, bitte serr, was thun Sie? Sie ruinieren mir mein Stück, der Sinn wird entstellt, wenn Sie so unmotiviert streichen ? hier im Kulminationspunkt der spannenden Handlung!« Der Intendant hat vergeblich den gräflichen Autor zu beruhigen versucht und winkt Lehfeldt zu, nichts zu erwidern. Lehfeldt richtet sich indes in seiner ganzen herkulischen Größe auf und mit erhobenem Ton, im Pathos eines König Lear erwidert er mit erzwungener Höflichkeit: »Mein ? sehr ? verehrtester Herr Graf! Von ?unmotiviert? kann wohl nicht die Rede sein. Ihr wundervolles Stück verlangt jetzt das rapideste Tempo, wir müssen vorwärts. Tiraden ? verzeihen Sie den Ausdruck, mein hochzuverehrender Herr Graf ? sind hier lebensgefährlich ? in dieser Ansicht habe[132] ich mir erlaubt, meine großen, wohlthuenden Striche anzubringen.« Kaum hat auch der Intendant den Dichter wieder beruhigt, als Lehfeldt in der nächsten Scene gleich über zwei gedruckte Seiten, die ihm überflüssig erschienen, hinwegspringt. Das ging dem Russen über den Spaß, und verzweifelt ruft er: »Herr Lehfeldt ? es ist genug, Sie schneiden mir durchs Fleisch!« und zum Intendanten gewendet erklärt er: »Herr Baron, ich ziehe mein Stück zurück, wenn diese Stelle nicht wieder hergestellt wird.« Nun tritt Lehfeldt an die Rampe, mit Höflichkeit beginnt er wieder: »Mein hochverehrter Graf« (den Herrn ließ er schon fort), plötzlich packt ihn die Nervosität und er fährt fort: »ich habe den Sch?und1 einmal auswendig gelernt, umlernen kann ich nicht!« Der Dichter sinkt vernichtet zusammen, der Hof entfernt sich, der Intendant stürzt auf die Bühne auf Lehfeldt zu: »Herr Lehfeldt, wie können Sie sich so weit vergessen?« »Pardon, Herr Baron«, sagt Lehfeldt, »ich bin wohl ein wenig unhöflich gewesen?« »Ein wenig?« sagt Herr von Loën entsetzt, »ich werde Mühe haben, die Herrschaften wieder zu beruhigen!« ? Das Stück »Iwan der Grausame« wurde, wie so manches Protektionsstück an den Hofbühnen, aufgeführt und vom Publikum abgelehnt. Lehfeldt nahm die Vorgänge auf den Proben in Kommission und erzählte sie oft mit unnachahmlichem Humor! ? ? Lehfeldt gastierte zumeist bei seinem Freunde, dem Direktor Gumtau in Halle. Einmal hatte er dort Probe von Richard III. Während er den Monolog spricht, kommt ein Dienstmann auf die Bühne, der von einem Schauspieler nach seinem Anliegen gefragt wird. Als der Dienstmann antwortete, er sei von[133] dem Orchestermitgliede Lehmann abgesandt worden, dessen Baß aus dem Orchester zu holen, kam der Schauspieler auf den teuflischen Gedanken, ihn zu Lehfeldt wegen dem Baß zu schicken, und mit den Worten »Gehen Sie zu jenem Herrn, der dort spricht«, schob er den Dienstmann auf die Bühne. Lehfeldt, der, wie gesagt, gerade seinen Monolog probierte, wich, ergrimmt ob dieser Störung, einige Schritte zurück und betrachtet sich den Mann im blauen Kittel. Der Dienstmann faßte auf das Winken des Schauspielers aus der Kulisse wieder Mut und geht näher an Lehfeldt heran. Jetzt fuhr Lehfeldt ihn wutschnaubend an: »Herr, was wollen Sie denn hier?« »Ick wollte man bloß Lehmann seinen Baß holen,« stammelte eingeschüchtert der Gefragte. »Was wollen Sie?« schrie Lehfeldt. »Ick wollte Lehmann seinen Baß holen« war abermals die Antwort. »Gumtau, rette mich vor diesem Kerl!« jammert Lehfeldt verzweiflungsvoll, »hast du es gehört, er will Lehmann seinen Baß ? ich kann heute nicht spielen!« »Ja Lehmann ooch nich, wenn er seinen Baß nicht hat!« meinte Gumtau. Der Baß wurde verabfolgt und die Probe ging weiter. ? Amazon.de Widgets Direktor Gumtau war bekanntlich von allen Menschen, die ihn näher kennen gelernt hatten, wegen seiner guten Eigenschaften als Mensch, Regisseur und Direktor sehr geachtet und geschätzt. Ich sah ihn zuletzt kurz vor seinem Ende in Stuttgart, und fand ihn sehr mißgestimmt; er hatte bis dahin das alte Theater in Halle geleitet und konnte den Schmerz nicht überwinden, daß man ihm das dortige neu erbaute Theater nicht übergeben hatte. ? Gumtau konnte sehr ausfallend werden, und Mitglieder, die er nicht leiden konnte, hatten viele Grobheiten von ihm zu dulden. In einer Saison hatte er oft in Unfrieden mit seinen Mitgliedern gelebt, und diese, der Grobheiten überdrüssig, hatten einstimmig in einem an ihn gerichteten Schreiben erklärt, daß sie nicht gesonnen seien, sich noch länger seine Grobheiten gefallen zu lassen. Auf dieses Schreiben antwortete Gumtau nicht, mied aber sein Theater und ließ seine Regisseure die Stücke inscenieren. Nach einigen Wochen erscheint er plötzlich[134] auf der Probe im Frack und mit weißen Handschuhen, steckt den Kopf durch die Mittelthüre und fragt mit süßlächelndem Gesicht: »Darf ick denn noch 'rin in mein Theater?« Durch schallendes Gelächter verziehen ihm alle Anwesenden seine ausgeübten Grobheiten. ? ? Am Schlusse einer Saison, in der er sich auch viel mit seinen Mitgliedern herumgeärgert hatte, bestellte er diese am letzten Gagetage sämtlich auf die Bühne mit dem Ersuchen, in Gesellschaftskleidung zu erscheinen. Als die Mitglieder sich versammelten, bemerkten sie, daß der Theatermeister einen Altar aufbaute. Bald darauf erschien der Direktor wieder im Frack, kniet vor dem Altar nieder, blickt mit gefalteten Händen nach oben und sagt: »Herr Jott ick danke dir, det du mir von diese Bande endlich erlöst hast!« ? ? Als Gumtau Direktor des Nationaltheaters in Berlin war, wurde das »Käthchen von Heilbronn« neu insceniert. Mit seinem Regisseur über Arrangements in heftigen Streit geraten, sagt dieser endlich: »Herr Direktor, einer von uns kann die Sache nur machen, entweder Sie oder ich!« »Na, dann machen Sie den Kitt« sagt Gumtau ganz gemütlich, entfernte sich und kam auf keine Probe zu dem Stück mehr. Die Sehnsucht trieb ihn wohl in die Nähe des Theaters, aber hinein ging er nicht. Bei der Generalprobe war es ihm endlich gelungen, unbemerkt in das Theater zu gelangen. Er schlich sich in das Orchester und sah von hier aus hinter der Rampe versteckt der Probe zu. Als der Einsturz des brennenden Schlosses vor sich ging und zwischen den Trümmern der Friedensengel mit dem Palmzweig erschien, verlor er die Geduld, denn er bemerkte, daß eine ganz korpulente, alte, häßliche Choristin den »Engel« darstellte. Mit den Worten: »Herr Regisseur, erlauben Sie vielleicht jütigst, det ick mir eene Frage jestatte?« erschien er plötzlich zum Erstaunen Aller über der Rampe. »Bitte, Herr Direktor, fragen sie nach Herzenslust,« erwiderte der Regisseur. Gumtau winkt nun dem in[135] dem Wolkenwagen schwebenden Engel zu und ruft: »Sie! Sie, kleener Engel, kommen Sie mal en bisken herunter!« Als die Theaterkutsche mit dem Engel heruntergelassen ist, fragt er: »Sagen Se mal, Sie Engel, wie heeßen Sie denn eigentlich?« Vergnügt grinsend antwortet der Engel: »Herr Direktor, ick heeße Runschke!« »Ooch det noch!« schrie Gumtau ganz verzweiflungsvoll und stürzte zurück an seinen Platz im Orchester. Fußnoten Amazon.de Widgets 1 Er brauchte einen anderen, nicht druckreifen Ausdruck. 
 XVII.  [136] Gastspielausflüge machte ich außerdem von Stuttgart aus nach Augsburg, Bamberg, Berlin, Bonn, Bremen, Breslau, Detmold, Dortmund, Dresden, Ems, Frankfurt a.M., Freiburg i.B., Fürth, Gera, Graz, Halberstadt, Heidelberg, Heilbronn, Kaiserslautern, Karlsbad, Kissingen, Köln, Kolberg, Leipzig, Magdeburg, Mainz, Mannheim, Marienbad, München, Nürnberg, Posen, Prag, Pyrmont, Riga, Stettin, Teplitz, Ulm, Wien, Würzburg und Zürich. Meine Gastspiele schloß ich sämtlich ohne Vermittelung von Agenten, direkt mit den Bühnenvorständen ab; ich erwähne das, um meinen Kollegen zu beweisen, daß sich ein Schauspieler die harten Opfer, die er dem Agenten bringen muß, recht wohl ersparen kann. Meine ausgebreitete Bekanntschaft mit den deutschen Theaterdirektoren hat mir den Abschluß der Gastspiele in den letzten Jahren allerdings sehr erleichtert, aber es gab eine Zeit, wo ich unbekannt war ? ich bin durch Innehalten meines Prinzips und durch Energie doch an mein Ziel gelangt. Die Direktoren zahlen keinen Heller für das Abschließen der Kontrakte durch die Agenten, alles zahlt der Schauspieler. Und was sind das für Kontrakte?! Ich kenne so viel liebe ehrenhafte Männer unter den deutschen Theaterdirektoren, (die wenigen Peiniger der Schauspieler zählen ja nicht mit), und ich bin überzeugt, mit ernstlichem Willen auf beiden Seiten ließen sich bessere Zustände, menschenwürdigere[137] Kontrakte feststellen. Wir Schauspieler sind ohne Schutz in unseren Verträgen. Der Schauspieler muß sich gedrückt fühlen, da die Erfahrung lehrt, daß er in Prozessen mit Intendanten oder Direktoren fast immer verliert, denn die Kontrakte, die der Schauspieler unterzeichnet, sind und bleiben Mausefallen, in denen fast jeder sich fangen läßt. Die Agenten und Direktoren mögen Kontrakte entwerfen wie sie wollen ? der deutsche Schauspieler unterschreibt sie und bereut seinen Leichtsinn hinterher oft mit blutendem Herzen. Die Kontrakte und Theatergesetze enthalten für die Direktoren nur Rechte, für die Schauspieler nur Pflichten. Mir sagte einmal ein hervorragender Advokat: »Der Kontrakt jedes Hausknechts enthält so und so viel Paragraphen zu seinen Gunsten, der Kontrakt des Schauspielers nicht einen, der nicht zu Gunsten des Direktors ausgelegt werden könnte, und ich gebe mich deshalb nicht zur Verteidigung der Rechte von Bühnenmitgliedern her, weil ihre Kontrakte der reine Hohn auf alle Rechte sind!« Es ist ein altes Sprichwort beim Theater: Wenn der Direktor den Schauspieler braucht, schneidet er ihn vom Galgen, und braucht er ihn nicht mehr, so hängt er ihn wieder daran. Im Glauben an diese seine Brauchbarkeit handelt der Schauspieler stets und fängt sich in der Mausefalle. Wann wird der Corpsgeist in uns erwachen, daß wir uns in geschlossenen Reihen gegen Willkür und Gesetzlosigkeit erheben? ? Ich glaube ? nie! Der Schauspieler ist hastig, nervös, mehr oder weniger haben wir alle einen »kleinen Vogel« und handeln unbedachtsam, wenigstens in der Aufregung und Künstlereitelkeit. Was hülfe es auch dem einen, wenn er diese gefährlichen Klauseln nicht unterschriebe? Weigert er sich, sind sofort 20 andere da, die mit Vergnügen unterschreiben. Der Direktor hilft sich mit einer vorgesehenen Kündigung und das Spiel kann aufs neue bebeginnen. Amazon.de Widgets Wie viel Elend guter Schauspieler habe ich, durch diese Manöver herbeigeführt, in meiner langen Bühnenlaufbahn gesehen![138] Es ist diese Tyrannei in den Mausefallenkontrakten wahrlich nicht nötig, denn ich habe selten einen Kollegen gefunden, der nicht freundlichen, zuredenden Worten seitens der Direktion zugänglich gewesen wäre. Das Talent des Schauspielers soll und muß ja entscheidend sein für den Direktor, aber es gibt Direktoren, die sich zu Beginn der Saison dasselbe Rollenfach 4-, 5- und 6mal engagieren, wo sie doch wissen, daß sie nur Einen für das Fach behalten können. Dieser Eine spielt durch Zufall eine ihm zusagende Rolle und die andern, vielleicht weit bedeutendere Künstler, die nicht zu günstigem Auftreten gelangen, werden gekündigt, entlassen, sind wegen vorgerückter Saison, in der sie kein anderes Engagement mehr finden können, dem Elend, der Verzweiflung in fremdem Lande preisgegeben, und finden kaum die Mittel, heim zu reisen. Dann sind die guten Kollegen wieder da, sie allein müssen helfen ? und sie helfen stets. Wahrlich, ich habe viel Leid und Intriguen in meinem Leben durch Kollegen erfahren aber der Zug der Mildthätigkeit, der in dem Künstler wohnt, läßt mich's vergessen; um dieses schönen Zuges willen habe ich meine Kollegen wie Brüder lieb. Einen Stand, der bei wirklichem Elend mehr für die Seinen sorgt, als der Schauspielerstand, gibt es nicht. Und wie oft setzt der Künstler sein Talent ein, wenn es gilt, durch öffentliche Wohlthätigkitsvorstellungen die Not Anderer zu lindern ? wie viele Tausende werden alljährlich dadurch zusammengebracht; aber eigentümlich, wenn wir für uns selber, für die Kasse unserer Genossenschaft, die unsere eigene Not in alten Tagen lindern soll, auftreten, ? bleibt das Publikum meist fern, oder wir müssen die äußersten Kraftanstrengungen machen, um die Leute heranzuziehen. Ich habe mich nie mit Direktoren auf Engagements-und Gastspielunterhandlungen eingelassen, wenn ich nicht von ihrem ehrenwerten Charakter überzeugt war. Diese ehrenwerten Bühnenvorstände, und deren sind wahrlich nicht wenige, wären gewiß bereit, in gemeinsamer Beratung mit den Schauspielern[139] ein Besserwerden der deutschen Theaterverhältnisse anzustreben, aber leider werden sie erdrückt von einzelnen Machthabern unter ihnen, die Fortuna auf ihre Höhe hob, und die Schauspieler bringen kein Konzil zustande, auf dem Fachmänner mit ihrer inneren, ehrlichen Ueberzeugung zu Worte kämen. Nehmen wir uns doch ein Beispiel an den deutschen Autoren, sie haben ihre Rechte besser zu wahren gewußt. Welche winzigen Honorare bezogen sie früher, während sie heute mit einem einzigen guten Stücke reiche Leute werden. Einigkeit macht stark ? jeder Schauspieler fühlt's mit mir, wo unsere Schwäche liegt, und doch wirds' nie anders werden, es liegt das einmal in der leichtsinnigen deutschen Künstlernatur! Unsere Kinder werden uns auslachen ob unserer Kontrakte, vielleicht daß es bei unseren Kindeskindern einmal besser wird. ? ? Nach Riga führte mich ein Gastspielvertrag zu meinem alten Freunde Rösicke. Zu ihm wagte ich die Reise nach Rußland gerne, ich wußte, daß er mein Gastspiel unterstützen würde. Er hat es redlich gethan. Ich hatte für die sechstägige Reise von Stuttgart hin und zurück nur kurze Zeit Urlaub, Rösicke hatte ihn mich bestens ausnützen lassen, und ich konnte mit einigen tausend Rubeln in der Tasche wieder heimkehren. Die Russen sind sehr empfänglich für deutsche Kunst, die sie ihren Nationalhaß wahrlich nicht entgelten lassen; ich habe viel Gastfreundschaft und viel Anerkennung bei Publikum und Presse dort gefunden. ? ? Zu Direktor Reck ging ich wiederholt nach Nürnberg. Er wurde so oft verkannt, der cholerische Reck mit dem goldenen Herzen, das so mancher Schauspieler nicht erkannte. Wenn gleiche Elemente auf einander platzen, gehts nie gut aus. Der Künstler ist erregt, mit Ruhe wickelt ein Direktor ihn aber um den Finger. Ruhe muß der Direktor haben, wer sie nicht hat, soll besser etwas anderes ergreifen. Der gute Reck hat sich den Keim des Todes durch seine Galle geholt ? seine Gattin mußte mit ihrer Engelsmilde alle Zerwürfnisse zwischen ihm und den Mitgliedern wieder ausgleichen. Wenn Recks Zorn[140] verraucht war, wurde er zum Kinde, so weich, so versöhnlich war er. Als ich zum letztenmale bei ihm gastierte, konnte ich ihn nicht mehr sprechen, er war schwerkrank. Wenige Tage später erlöste ihn der Tod von einer Direktion, in der er sich, wie wenn es ihm Bedürfnis gewesen wäre, über 30 Jahre geärgert hatte. Mir war er ein lieber Freund geblieben lange Jahre hindurch, ich kannte ihn und wußte ihn danach zu behandeln, seine guten Eigenschaften waren überwiegend. Er hat mir so manchen Lorbeerkranz gespendet; ich habe ihm nur einen mit Thränen widmen können ? es war an seinem Grabe. Zu Moritz Alexander Krüger, der ehrlichen Haut, ging ich oft; ich gastierte bei ihm in Pyrmont, Detmold, Bielefeld, Augsburg und Graz, in welchen Städten er Direktion führte. Ich kannte ihn, als er noch Sekretär beim Direktor Mewes in Detmold war. Er zog mich, wogegen ich mich so lange gesträubt, als Gast in meine Vaterstadt. Bielefeld hatte von jeher ein höchst primitives Theatergebäude (oder richtiger Saal oder Pferdestall), und dann wollte ich meinem Vater nicht als Schauspieler unter die Augen kommen. Erst als ich mich mehr entwickelt hatte, verstand ich mich dazu. Mein Vater hatte viel Sinn für Musik und Konzerte, aber ich glaube, das Theater hatte er früher nie besucht. Als ich in Bielefeld auftrat, hatten ihn meine Mutter und Geschwister veranlaßt, ins Theater zu gehen. Ich spielte »Die letzte Fahrt« von Stettenheim, ein sentimentales Stück. Meinen Vater ergriff es so sehr, daß ich von der Bühne aus deutlich wahrnahm, wie ihm die hellen Thränen über die Wangen rollten. Aller Augen waren auf das schneeweiße Haupt meines Vaters gerichtet, als ich in der Maske des alten »Klappe« ebenfalls mit weißem langen Haar erschien. »Ah, der alte Kommissionsrat,« flüsterte es durch das ganze Haus. Ich hatte es gar nicht bedacht, daß ich schon im Leben so große Aehnlichkeit mit meinem Vater hatte, nun noch das weiße Haar dazu, und die Kopie war fertig. Beabsichtigt hatte ich die Kopie nicht, vermochte es aber[141] auch nicht zu verhindern, jedoch auf meinen alten Vater hatte es einen furchtbaren Eindruck gemacht, als er sein Ebenbild auf der Bühne sterben sah. Das Publikum ging zu ihm, nachdem der Vorhang gefallen, von allen Seiten wurde ihm zu seinem Sohne gratuliert, und nach dem Theater schloß er mich in seine Arme, ich lag an seiner Brust und weinte mit ihm lange, lange Zeit. Er hatte mir verziehen, daß ich einst seine Pläne durchkreuzte und nach seiner Meinung in Landstreicher geworden war, und eine schönere Stunde hat mir mein Beruf und meine Kunst nie bereitet, als diese am Herzen meines Vaters!! Später kam ich dann öfter nach Bielefeld zum Gastspiel. Meine Landsleute, obschon die Generation, die ich kannte, jetzt fast ausgestorben ist, sind stolz auf mich, und ich bin zum Dank dafür nicht zu stolz, auf ihrer verfallenen Saalbühne aufzutreten, zumal dieser Saal immer zum Erdrücken voll ist, und so lange ich's vermag und gesund bin, kehre ich[142] auch in meine Vaterstadt zurück. Dieser Rapport wird zwischen mir und meinen Landsleuten so bleiben. Vor Jahren habe ich meinen Vater zu Grabe getragen, nachdem er 84 Jahre gelebt. Ich wurde plötzlich durch die Todesnachricht in Stuttgart erschreckt. Ein Dekret des Königs dispensiert den Schauspieler in den Tagen der Trauer vom Auftreten. Ich hatte meinen Vater beerdigt, reiste eine halbe Stunde nach der Beerdigung wieder von Bielefeld nach Stuttgart zurück und mußte abends ? »Robert und Bertram« oder »Die lustigen Vagabunden« spielen! O, mein Gott, wie war mir zu Mute! Gerade die tollste aller Possenrollen mußte ich darstellen mit Wehmut und Trauer im Herzen. Ueber den Verlust meines Vaters, dessen Liebling unter seinen Söhnen ich geworden, weinte ich Thränen des Schmerzes ? und das Publikum lachte Thränen der Freude über mich! Entsetzlicher Kontrast! Furchtbare Berufspflicht! An die Intendanz hatte ich mich von Bielefeld aus vergeblich gewandt, mir wenigstens eine ernste Rolle für den Abend anzusetzen. Meiner Bitte wurde nicht Gehör geschenkt, und mein Freund und Kollege Rosner tröstete mich, wie immer, mit dem Citat: Amazon.de Widgets Die fremden Erob'rer, sie kommen und gehn, Wir aber gehorchen und bleiben stehn! Freilich blieb ich stehen durch meinen Gehorsam, aber leider ? zu lange! Mein Hoffen und Harren in Stuttgart in der Blüte meiner Jahre entzog mir ein sorgenfreies Alter! ? ? Nach einem längeren Sommergastspiele in Kolberg suchte ich Erholung und Stärkung an der Ostsee mit ihren freundlichen Gestaden. Nachdem ich die Ostseebäder bereist und auf der Insel Rügen mich einige Tage aufgehalten, fuhr ich über Stettin nach Kopenhagen. Ich hatte im Gefolge des Königs von Dänemark, dem ich in Wiesbaden meine ganze Reuter-Galerie vorgeführt hatte, wofür er mich mit der goldenen Medaille belohnte, den Baron von Güldencrone kennen gelernt. Liebenswürdig nahm er mich in Kopenhagen auf, er veranlaßte[143] mich, dem Kabinettschef des Königs, Staatsrat Baron Rosenstand, meine Aufwartung zu machen. Als ich meinen Besuch dort machen wollte, erfuhr ich, daß die Gattin des Barons von Rosenstand schwer krank darnieder lag. Ich kehrte ins Hotel zurück. Vom Hotel aus ließ ich durch den Lohndiener anfragen, wann ich den Staatsrat wohl einen Augenblick sprechen könne, ich möchte weiter reisen und könne nicht lange in Kopenhagen verweilen. Die Stunde wurde mir bestimmt, ich trat ins Haus und wurde in ein Zimmer geführt. Aus dem Nebenzimmer hörte ich das herzzerreißende Stöhnen der sterbenden Gattin des Barons. Wenige Minuten später erschien mit Thränen im Auge der Baron in furchtbarer Erregung. Ich entschuldigte mich ob meines unschicklichen Verlangens in dieser für den Baron so schweren Stunde. Freundlich hörte er mich an, die Thränen flossen ihm unaufhaltsam über die Wangen. Nachdem ich mein Anliegen vorgebracht, empfahl ich mich. Der Baron kehrte zurück ins Sterbezimmer seiner Gattin, die am selben Nachmittage noch verschied. Habe ich je einen rührenden Eindruck von der Liebenswürdigkeit der Hochgestellten dieser Erde empfangen, so war es in diesem mir unvergeßlichen Augenblicke. Ich kam als Bittender, und doch wies man bei allem Schmerz und Kummer mir nicht die Thüre, sondern erfüllte mir ? dem Fremden, Ungekannten, meine Bitte. Solche Menschen möchte ich in Gold fassen lassen, wenn ich's vermöchte! Was vermag ich indes für den Kabinettschef des Königs von Dänemark zu thun? Nichts! Aber da die Milde und Güte seines Königlichen Herrn auf ihn übergegangen ist, erfreut ihn vielleicht auch der Dank eines einfachen Künstlers, und dieser sei ihm von ganzem Herzen dargebracht! ? Den Namen Baron von Rosenstand schreibe ich mit Ehrfurcht in meinem Buche nieder. ? ? In Kopenhagen, dieser hochinteressanten Stadt, verlebte ich[144] schöne Tage. Nachdem ich das Thorwaldsensche und ethnographische Museum besichtigt, konnte ich am selben Abend die Jubiläumsfeier des 45jährigen Bestehens des Tivoli-Etablissements besuchen. Das Tivoli in Kopenhagen ist ein Unikum eines Vergnügungslokals, denn keine Stadt der Welt hat Aehnliches an Großartigkeit aufzuweisen. Amazon.de Widgets Tags darauf fuhr ich den herrlichen Sund hinauf. Es war an einem wunderschönen Augustsonntage. Keine Wasserstraße bietet so viel Reiz als dieser von der dänischen und[145] schwedischen Küste mit den herrlichsten Villen und Buchenwäldern eingefaßte Oehresund. Unzählige Schiffe durchkreuzen stets die Flut. Ich stieg in Helsingör aus, besuchte Hamlets Grab und fuhr herüber nach Helsingborg, von wo aus ich einige Ausflüge nach Schweden machte. Die Ferien waren zu Ende ? ich mußte zurück nach Stuttgart. Folge mir der nachsichtige Leser wieder dorthin. 
 I.  Als ich ein 13jähriger Knabe war, und in meiner Familie schon die Frage erörtert wurde, welchen Beruf ich wählen sollte, kam ein Artillerie-Lieutenant mit einem kleinen Remonte-Kommando in meine Vaterstadt Bielefeld. Mein Vater, der die Bürgermeistergeschäfte verwaltete und zugleich Garnisonverwaltungs-Inspektor war, hatte mit dem jungen Offizier geschäftlich zu verhandeln. Die Köln-Mindener Eisenbahn war damals noch im Bau begriffen, der Verkehr stak noch in den Kinderschuhen und es gehörte zu den Seltenheiten, wenn außer den Truppenabteilungen vom 15. Infanterie-Regiment, (von welchem das Füsilier-Bataillon von Bielefeld stand), fremde Truppengattungen in meine Vaterstadt kamen. Daher machte der Artillerie-Lieutenant in seiner schmucken Uniform mit dem schwarzen Sammtkragen, zumal er ein bildhübscher Mann war, ganz besonderes Aufsehen. Mein Vater hatte die Gewohnheit, uns Kinder auf seinen täglichen Spaziergängen mitzunehmen; auch der fremde Artillerie-Lieutenant war unser Begleiter. Die Füsiliere der Garnison,[1] die uns begegneten, machten dem Lieutenant ganz besonders aufmerksame Honneurs, wohl der fremden Uniform wegen, die Posten faßten das Gewehr so stramm an, als wäre der Lieutenant ein Stabsoffizier. Oder erschien mir das alles so außergewöhnlich, weil auch ich einen ganz anderen Respekt vor der Artillerie bekommen hatte, als vor den Füsilieren meiner Vaterstadt? Aus dem Spaziergangsgespräche meines Vaters mit dem Lieutenant entnahm ich, daß auch mein Vater eine ganz besondere Hochachtung vor der Artillerie-Waffe hatte. Meine Hochachtung ging in Begeisterung über, als der Lieutenant mit mir freundliche Worte sprach. Ich durfte ihn am andern Tage besuchen und als er mir nun versuchsweise erlaubte, Säbel und Mütze von ihm anzulegen, und meinte, ich würde einen schmucken Offizier abgeben, da stand mein Entschluß fest, ich müsse Artillerie-Offizier werden; es gab für mich nichts Höheres mehr. Nach zwei Tagen marschierte der Lieutenant mit seinem Kommando ab. Halb Bielefeld gab ihm das Geleite. Des Lieutenants letzter Gruß galt mir, denn ich begleitete ihn allein noch eine Stunde weiter, als meine übrigen Landsleute. Mein Vater war anderer Meinung über meine Zukunft, obwohl sein Grundsatz war, seine Jungens zu nichts zu zwingen und ihren Beruf sich selber wählen zu lassen. Als ich das Gymnasium absolviert, gab mich mein Vater ins Gewerbe-Institut; sein Lieblingswunsch wäre gewesen, daß ich mich im Maschinenfach ausgebildet hätte, aber der Lieutenant hatte mir's angethan, ich konnte keinen anderen Gedanken fassen, als Artillerie-Offizier werden. Indes besuchte ich noch die beiden Klassen des Gewerbe-Instituts, aber die Artillerie-Uniform hatte mir die Sinne zu sehr verwirrt, ich verstand die Anfangsgründe der Geometrie und Mathematik nicht, und statt mich nochmals den ersten Kursus in der zweiten Klasse durchmachen zu lassen, versetzte man mich per Schub in die erste, und wenn ich nun in diesen Wissenschaften noch nicht dumm genug war, so wurde ich es in der ersten Klasse. O liebe[2] Jugend, möchtest du es doch begreifen: »was du von der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück!« ? Ich habe es in meinem Leben in der Geometrie zu nichts mehr gebracht, denn weil ich den Anfang der Geometrielehre in meinem Artillerie-Uniform-Dusel nicht verstanden, verstand ich die Mitte und das Ende gar nicht. Ein entsetzliches Gefühl beschlich mich, wenn die Geometriestunden herannahten, und eine Beschämung nach der andern blieb mir auf der heißen Schulbank nicht erspart. Mein guter Lehrer, Dr. Köhler,[3] verzeih mir's heute noch, daß ich dir so oft das Blut durch meine Dummheit ins Gesicht getrieben ? ich sehe dich noch vor mir in deiner Röte, die aus deinem Gesicht auf mich herabstrahlte, ohne die schlechte Saat zu ergiebiger Ernte zu bringen! Schlechte Zeugnisse, die nicht ausbleiben konnten, hatten meinen Vater wohl erbittert, und als ich einst meine Stiefmutter in der Person meines jüngeren Bruders beleidigt hatte, kündigte mir mein Vater sein Haus und ich zog hinaus in die weite Welt. Amazon.de Widgets Mein nächstes Reiseziel war Münster in Westfalen. Dort war mein Artillerie-Lieutenant. Zu ihm ging ich, und bat ihn, sich meiner anzunehmen, ich wollte in die Artillerie eintreten. Ich war damals noch nicht ganz 17 Jahr, aber mein kräftiger Körperbau ließ eine Ausnahme zu, ich wurde ärztlich untersucht, tauglich befunden und nachdem mein Vater die nötigen Papiere gesandt, trat ich als Offiziers-Aspirant in das königl. preußische 7. Artillerie-Regiment zu Köln. Mein Vater gab mir 5 Thaler monatlichen Zuschuß. Damit konnte ich keine weiten Sprünge machen, ich mußte in der Kaserne wohnen und lernte das Soldatenleben der untersten Stufe kennen. Ich glaube nicht, daß es viele Offiziere gibt, die, wenn sie als Avantageure eingetreten sind, in der Kaserne gewohnt, ihr Kommisbrot als Hauptnahrungsmittel zu sich genommen, ein rasches Avancement gefunden haben. Es gehört etwas klein Geld und ein, wenn auch nicht flottes, doch etwas feineres Auftreten dazu. Ich wurde in die Kategorie der Dreijährigen, der westfälischen Bauernsöhne geworfen, die meistens nicht einmal dem Unteroffizier, geschweige den Lieutenants und dem Hauptmann durch besondere Intelligenz zu imponieren vermögen. Empfehlungen hatte ich auch weiter nicht, mein Vater ging von dem Grundsatze aus, daß man von der Pieke aus alles ergreifen und erlernen müsse. Er hatte sich selbst vom simplen Bauernjungen zum Bürgermeister emporgearbeitet, und mich nach meiner Konfirmation zu einem Schlosser in die Lehre geschickt, weil er sich keinen Maschinenbauer, der ich ja doch[4] werden sollte, denken konnte, der nicht das Schlosserhandwerk erlernt hat. Es ist ja möglich, daß das früher so war, aber beim Militär bringt man die Lieutenantsanlage besser von der Kadettenschule mit, oder man tritt als Offiziers-Aspirant mit einem großen Geldbeutel oder doch mit dem gesellschaftlichen Nimbus ein, wenn man Karriere machen will. Die napoleonischen Ideen, daß jeder Korporal den Marschallstab im Tornister trage, habe ich in der preußischen Armee, außer beim alten Derfflinger, sich selten verwirklichen sehen. Mein idealer Traum, in den mich der schmucke Artillerie-Lieutenant in Bielefeld gelullt, wich bald der enttäuschenden Wirklichkeit. Es wurde mobil gemacht, ich lernte kennen, was arbeiten heißt, und schon fing ich an, mit Recht jeden Infanteristen zu beneiden. Der sorgt doch nur für sich und sein Gewehr ? aber die Pferde, die Pferde ? was erfordern die für Pflege und Arbeit! Ich habe in meinem ganzen Leben nicht wieder so geschwitzt als beim Pferdeputzen. Unsere Batterie begab sich auf den Marsch, niemand wußte wohin. Wir zogen mit unseren Kanonen durch das Sauerland. Glatteis trat plötzlich ein. Die Pferde konnten nicht geschärft werden, wir mußten sie mit Gefahr des Lebens die Berge hinauf befördern, und waren sie oben, kehrten wir um und zogen die Kanonen unter den schrecklichsten Flüchen der Vorgesetzten selber hinauf. Ich glaube, Hannibal kann es bei seinem Zuge über die Alpen nicht schlimmer gehabt haben. Wir kamen endlich nach langen Irrfahrten in die Umgegend Kölns zurück. Die Reue kam denn auch bald über mich, umsomehr, da man gar keine Anstalten machte, mich als Avantageur zu behandeln. Ich kam in ein Quartier an der Wahner Heide, ungefähr drei Stunden von dem Orte entfernt, wo man uns die Quartierzettel gegeben. Mein Geld- und Brotvorrat war erschöpft. Wir bezogen in der Nähe der Wahner Heide unsere Kantonnements, und mit entsetzlichem Hunger kam ich endlich spät abends in mein Quartier, in der Hoffnung, mitfühlende Bauern zu[5] finden, die dem Vaterlandsverteidiger durch ein frugales Abendbrot den Heldenmut zu stählen gesonnen wären. Ich hatte von Jugend auf gelernt, alles zu essen, mein Vater hatte uns Kinder so gewöhnt, und wenn wir einmal was nicht essen mochten, so mußten wir vom Tische aufstehen; plagte uns der[6] Hunger abends, so wurde uns das Gericht vom Mittag wieder vorgesetzt, und diese Manipulation so lange fortgesetzt, bis wir's hinunterwürgten. Ein probates Mittel! Ich konnte in meiner Jugend keine Kartoffelsuppe essen, heute esse ich sie, dank der Strenge meines Vaters, sehr gern. Westfalen ist darin überhaupt einzig. In meiner Kindheit gab es einen Bauern dort, der sich damit befaßte, im Essen verwöhnte Hunde wieder zu veranlassen, die ihrem Geschlechte gebührende Nahrung anzunehmen und sich die üppige Kost zu verkneifen. Ja die Kunstfertigkeit in seiner Methode brachte es dahin, daß große Hunde, die zu ihm geschickt wurden, weil sie partout nur noch Fleisch essen wollten, schließlich Tannenäpfel mit Appetit verzehrten. Der Bauer Laux war sprichwörtlich geworden, und wenn einer übermütig war und sich über schlechte Kost beklagte, so hieß es: »De möt nah'n Buer Laux, do lihrt hei Dannenäppel freten.« Ich weiß nicht, wie Tannenäpfel schmecken, aber sie sind mir wenigstens von Ansehen bekannt ? was man mir aber in meinem Wahner Quartier vorsetzte, war mir völlig unbekannt. In einer irdenen Schüssel stand eine weiße Flüssigkeit vor mir. Aha, dacht' ich, Milchsuppe als Einleitung. Allein meine Wirtin machte mir gleich begreiflich, daß das alles sei, was sie im Hause hätte. Groß genug war die Portion, noch größer mein Hunger, ich bat, sich nicht weiter zu entschuldigen und mit Vorreden aufzuhalten, denn unnützer Zeitverlust schien mir bei meinem Hunger ein Menschenleben kosten zu können, und langte in die Schüssel, meine Sehnsucht zu befriedigen. Ich stieß auf harte Gegenstände, ein saftiges Grün leuchtete in meinem Löffel. Mein Gott, was war das? Buttermilchsuppe war's, das wurde mir schnell klar. Aber was war das Grüne? In Buttermilchsuppe gehörte doch sonst nichts hinein, und hier ?? Nur Mut, dachte ich, »wat de Buer Laux kann, dat kann ick ook, und sünd et ook keene Dannenäppel, denn wieren't doch ? ? ? greune Bohnen!« Ich esse Bohnen gern, aber in dieser Zusammenstellung, Buttermilch und [7] grüne Bohnen, das war mir neu! Gott gesegne's ? ich konnt's nicht essen! ? Ich suchte einen Kameraden im nächsten Quartier auf, um mir Nahrung zu verschaffen. Er saß mit seinen Wirtsleuten am Tisch und aß ? ? ? Buttermilchsuppe mit grünen Bohnen!! Jetzt wurde mir erst klar, daß die guten Bauersleute uns mit ihrer Nationalspeise traktieren wollten. Ich wurde freundlichst eingeladen, Platz zu nehmen und mitzuessen. Dankend lehnte ich ab und ging mit meinem Kameraden, der durch Reste von Brot, Schnaps und etwas Wurst, die er noch besaß, unsern Hunger so leidlich zu stillen vermochte. ?[8] Wir kamen bald darauf nach Köln und wurden in der Dominikaner-Kaserne einquartiert. Wenn eine Kaserne eine Weile unbewohnt ist, und die Truppen mit weißen Hosen wieder heimkehren, so pflegt der erste, der das Zimmer einer Kaserne betritt, plötzlich in weiß und schwarz gesprenkelten Beinkleidern dazustehen, so anhänglich sind die kleinen schwarzen Bewohner der Strohsäcke an ihre Krieger, daß sie wie der Hund an seinem Herrn hinaufspringen, sobald sie ihn wiedersehen. Ich war dieser erste, obwohl ich diese Anhänglichkeit gar nicht beanspruchen konnte, denn ich war ja fremd hier. Diese Dominikaner-Kaserne hat mir die militärische Karriere eigentlich verleidet, ich erlebte so viel Unangenehmes darin, daß mein Entschluß feststand: Soldat bleibst du nicht, wenn du nicht mußt! Aber ich mußte leider. Die Armee blieb mobil, wir wurden nach Bronzell geführt, der historische Schimmel war gefallen, Bayern und Preußen war längst wieder versöhnt, die Infanterie ging nach Hause, aber die Artillerie blieb mobil. Ich konnte nicht entlassen werden, man fand meine Schlagfertigkeit zu erhalten für zu notwendig. Moltke war damals noch nicht der allgewaltige Stratege, sonst, hätte er mich in meiner Kriegstüchtigkeit gesehen ? er hätte mich sofort entlassen, um die Artillerie auf eine höhere Stufe bringen zu können. Amazon.de Widgets Nach meinen geometrischen Kenntnissen wurde ich merkwürdigerweise gar nicht gefragt ? und ich ärgerte mich zu sehr, daß man mit dem Avancement gar nicht beginnen wollte. In solchem Aerger stand ich einmal auf einer Kölner Bastion in kalter Winternacht auf Posten. Das Faschinenmesser hatte ich gezogen, Fausthandschuhe und Ohrenklappen zierten meine Extremitäten, ich ging, »starrend vor Frost«, auf und ab, der Schnee quietschte unter meinen eisigen Füßen ? als ich plötzlich den Offizier der Ronde in der Person des Herrn Lieutenant Cäsar herankommen sah! Der Lieutenant Cäsar war nicht sehr beliebt bei der Batterie ? er drillte seine Untergebenen und war der[9] reine Meldebruder. Melden und anzeigen war sein Höchstes! Frost und Unmut, zweistündiges Nachdenken über meine traurige Lage hatten mich als zwecklosen Posten auf der Bastion ohnehin in gerade nicht rosige Stimmung versetzt, als der Offizier der Ronde im echten Lieutenantstone mich anredete: »Kennst[10] du auch deine Instruktionen und weißt du, was du auf deinem Posten hier zu thun hast?« Mich verdroß das »du« noch mehr. Ich schwieg. In Wahrheit wußte ich's nicht, denn in der Wachtinstruktion war nichts vorgesehen, niemand wußte es und ich glaube der Lieutenant Cäsar wußte es auch nicht. Es gibt solche Posten, auf denen man die obige Frage nicht zu beantworten vermag. Schnarrend wiederholte er auf mein Schweigen seine Frage, nur mit einem kleinen Zusatze, indem er sagte: »Esel, warum stehst du hier auf Posten?« Mein Zorn wuchs mit dem Esel. Sagen darf so ein Lieutenant alles ? der Kanonier darf's bloß denken. Ich dachte mir also, wenn er dich für einen Esel hält, kannst du ja auch eselhaft antworten, und erwidere ihm denn so recht dummdreist: »Um den Herren Lieutenants die Honneurs zu machen!« »Ochse von einem Bauernlümmel,« brummte er vor sich hin und hob den Schleppsäbel auf, mir eins damit überzuziehen; aber der Gedanke, daß so'n Bauernlümmel auch dadurch nicht gescheiter würde, ließ ihn davon abstehen. Der Lieutenant Cäsar verschwand, die Ablösung kam und löste mich ab. Auf der Wachtstube, die gewöhnlich zwischen 20?25 Grad Hitze aufzuweisen hat, um die erstarrten Glieder der abgelösten Posten zu erwärmen, erkundigte ich mich bei dem Bombardier, was der Posten auf der Bastion für einen Zweck, was er zu bewachen, zu beobachten habe. Der Bombardier wußte es auch nicht. Ob der Lieutenant Cäsar meine Dummheit höheren Orts gemeldet hat, ich weiß es nicht, aber vielleicht ist die Frage näher erörtert worden, warum der Posten dort stand. Andere haben auch keine Antwort geben können, kurz, der Posten wurde bald darauf eingestellt und unsere Batterie hatte einen Wachtdienst weniger zu verrichten. Bald darauf wurde ich zum Bombardier befördert, ich weiß nicht ob infolge meiner dummdreisten Antwort, die ich dem Lieutenant Cäsar gegeben, oder ob man wirklich militärische Talente in mir entdeckt hatte. Ich ließ mir eiligst die goldenen Tressen um den Aermelaufschlag nähen, worin die Abzeichendes Bombardiers bestanden, und ging durch die Straßen Kölns, über die Rheinbrücke nach Deutz, um mich überall sehen zu lassen. Ich glaube, wenn einer Feldmarschall wird, kann er nicht die Freude haben, die ich damals empfand, und ich konnte nicht begreifen, wie die nüchternen Zivilgesichter nicht anders an mir vorbeigingen als früher. Kein Mensch nahm Notiz von mir. Ne so was! Ich war aufs höchste beleidigt. Endlich begegnet mir ein gemeiner Infanterist. Der Mann geht an mir ohne zu grüßen vorüber. »Na wart«, denk ich ? »den will ich aber Mores lehren.« Ich gehe also auf ihn zu: »Sie! ? warum grüßen sie nicht?« »Entschuldigen Sie,« stammelte er, »ich habs nicht gesehen!« ? »Nicht gesehen,« sagte ich, »dann sperren sie Ihre Glotzaugen auf. Kehrt! Marsch!« Amazon.de Widgets Ich schritt nun etwas auffallend mit den Armen schlenkernd weiter und strich mir sehr oft das Haar an der Stirn glatt, um meinen neuen Zierat am Aermelaufschlag näher vor Augen zu haben. Wenn ein Gemeiner an mir vorüber ging, fühlte ich stets, ob der obere Knopf meiner Uniform, der Haken des Halskragens geschlossen war etc., und verfehlte durch diese Manipulation die beabsichtigte Wirkung nicht ? ich wurde gegrüßt von den Gemeinen, und meine Brust schwelgte so recht im bombardierlichen Hochgefühle, als mir auf der Rheinbrücke die Tochter unseres Speisewirtes begegnete, die hinter der Dominikanerkaserne wohnte. Das Mädchen war eine reizende Blondine, auf welche Eigenschaft hin ihre Eltern sich oft an uns durch Verabreichung schlechter Kost versündigten, aber das Mädchen übte einen unwiderstehlichen Reiz auf uns aus, wir blieben Stammgäste trotz der schlechten Kost. Mich schien sie besonders ins Herz geschlossen zu haben, trotzdem sie für Militär kein besonderes Faible hatte. Als sie mir nun auf der Rheinbrücke begegnete, präsentierte ich mich ihr sofort in meiner neuen Würde, immer fleißig militärisch grüßend, damit sie meine Handtreffen bewundern sollte. Ich kehrte mit ihr um, sie nach Hause zu begleiten, und als wir so recht in tiefem Gespräch verwickelt sind, klopft mir jemand mit dem Stiele der Reitpeitsche auf die Schulter und ruft schnarrend:[13] »Sie, ? warum grüßen Sie nicht?!« Der Lieutenant Cäsar stand vor mir und kanzelte mich in Gegenwart der schönen Blondine so lange herunter, daß ich Not hatte, meine Schöne, die schließlich vorausgeeilt, wieder einzuholen. »Sehen Sie,«[14] empfing sie mich, »man kann mit euch Soldaten nicht über die Straße gehen« und kaum hatte sie dies für mich so harte Wort gesprochen, als mein Hauptmann Lachner uns entgegenkam Abermals mußte ich sie allein weiter gehen lassen und Front machen. Mein Hauptmann hatte mir den Rücken zugekehrt und sich in ein Gespräch mit einem Herrn verwickelt, er sah mich nicht und ließ mich endlos lange in Front dastehen, während meine Schöne in der Straße verschwand. Am andern Mittag zum Appell las der Feldwebel den Parolebefehl vor: Bombardier Junkermann erhält 24 Stunden Mittelarrest, weil er dem Herrn Lieutenant Cäsar nicht die vorschriftsmäßigen Honneurs gemacht! Ein trauriges Ende nahm der erste Bombardiertag. Ich wechselte auch mein Kosthaus und habe mich später vor der schönen Blondine nie wieder sehen lassen. 
 XIX.  [155] Die Manie, Jubiläen zu feiern, war am Stuttgarter Hoftheater ausgebrochen. Eleonore Wahlmann feierte ihr zwanzigjähriges, Frau Schmidt hatte vorher ihr siebzigjähriges gefeiert, beide erhielten die Medaille für Kunst und Wissenschaft, welche Auszeichnung Kathi Frank schon nach Ablauf eines Dienstjahres zu teil wurde. Louise Wentzels vierzigjähriges Jubiläum war in Sicht. Ich machte meiner liebenswürdigen Kollegin Eleonore Wahlmann folgendes Gedicht zum Jubiläum: Geliebte Leonore, Genieße con amore Den Tag und all die Ehren, Die heut sie dir bescheren. Denk: possidentes beati Du hast nun, was der »Kathi« In einem Jahr geworden, Du hast nun auch 'nen Orden. Und brauchtest du auch zwanzig Der Jahre, eh er fand sich, 's kriegt's mancher nicht mit dreißig Und war er noch so fleißig. Louise, wenn 's nicht irrt sich, Kriegt ihn vielleicht mit vierzig, Und ? was sich neckt, das liebt sich, Die alte Schmid mit siebzig. etc. etc. etc.[156] Es ist möglich, daß der König oder seine Räte mir das harmlose Gedicht übel genommen ? die Wohlunterrichteten behaupten es. Ich bin über eine Ungunst des Königs nie ins Klare gekommen und kann mir nicht wohl denken, daß der König über kollegiale Scherze, die durch Zufall in die Oeffentlichkeit kamen, beleidigt sein konnte. Ich hatte allerdings mein 30jähriges Künstlerjubiläum in Stuttgart gefeiert. Auswärtige Fürsten gaben mir Dekorationen, aber weder die Stuttgarter Intendanz noch die Hofkammer hatten mich während sechzehnjähriger Dienstzeit für würdig gehalten, mich Allerhöchsten Orts zu dieser Ehre in Vorschlag zu bringen. Ich wollte nicht mit der Wurst nach der Speckseite werfen ? es war ein Scherz ohne jede Nebenabsicht, ich las das Gedicht manchem vor und niemand fand was drin, als vielleicht ? Herr v. Tscherning. Urlaub erhielt ich fortan wieder unter erschwerenden Umständen von der Hofkammer. Werther mußte jedes Gesuch von Bühnenangehörigen wieder der Hofkammer zur Entscheidung vorlegen. Es war wieder alles wie früher. Das Ersparungssystem gewann wieder die Oberhand. Kontrakte mit namhaften Gagen wurden nicht mehr erneuert. Gingen in früheren Jahren aus Sparsamkeitsgründen die Schröder-Hanfstängl, Luger, Stritt u.s.w., so zogen nun bald nach einander die besten Kräfte wie: Eduard Nawiasky, Carl Schönfeldt, Kathi Frank, Anna Riegl und Ferdinand Jäger in andere Engagements, und der Ersatz für diese wurde teils aus dem Chor genommen, oder durch billige Engagements und Anfänger ergänzt. Amazon.de Widgets Werther ist ein außerordentlich praktischer und kluger Mann, wie ich schon sagte, er trägt den Verfall seines Theaters mit Ruhe und Gelassenheit, und besteht nur auf seinem Schein, das ist: Innehalten seines Kontrakts, ? oder Entlassung mit hoher Pension! Ihm wurde es auch gleichgültig, wie eine Vorstellung ausfiel, um alte Stücke kümmerte er sich nicht, sah sie sich[157] auch abends nicht an, die setzte Herr Pauli in Scene und dieser erzählte ihm dann stets, daß alles außerordentlich gelungen sei. Kritiken über Wiederholungen und ältere Stücke erscheinen in Stuttgart nicht, das Publikum ist außerordentlich geduldig, und so konnten ungestraft oft Komödien aufgeführt werden, gegen die sich jede Provinzstadt aufgelehnt hätte. Ich saß wieder mit meinen 5000 Mark Einkommen ohne Aussicht auf Besserung der künstlerischen Verhältnisse des Hoftheaters sowohl, als meiner eigenen Position. Ein erneuertes Gesuch um lebenslängliche Anstellung wurde mir abermals abgeschlagen, mir aber gleichzeitig angekündigt, wenn ich meine Entlassung nehmen wolle, würde sie mir gegeben! Ein deutliches Avis!!! Seit der Zeit hat mich die bange Sorge um meine alten Tage nicht mehr verlassen. Ich sagte zu mir selber: Ist das nun der Lohn für 16jährige treue Pflichterfüllung? Der Tenorist Albert Jäger wurde nach 30jähriger Dienstzeit mit 1000 Mark pensioniert, einige Monate vor dem Termin, wo ihm 1500 M. zuteil werden mußten, wenn er ihn in Aktivität erreicht hätte. Der Tenorist Link wurde nach 6 Wochen Krankseins entlassen als unheilbar, 3 Monate später hätte er Pensionsanspruch in Stuttgart gehabt! Link nahm bald darauf ein Engagement in Düsseldorf an, singt und erfreut sich vollster Gesundheit wieder, und wurde neuerdings in Koburg, wo er jetzt engagiert ist, zum herzogl. Kammersänger ernannt. Unter Herrn v. Gunzert wären solche Härten nicht vorgekommen, darüber war das ganze Hoftheater einig. Gunzert hätte anders wie Herr v. Tscherning und Werther gehandelt. Diesen Thatsachen gegenüber bekam ich nun wiederum den Mut, meine frühere Alternative zu stellen: eine lebenslängliche Anstellung mit Pensionsaus sicht ? oder Freiheit, um verdienen zu können. Somit kündigte ich wieder.[158] Ich sah kein Heil für meine Zukunft in Stuttgart. Außer den paar »Angesessenen« mit lebenslänglichen günstigen Kontrakten aus früherer Zeit kamen und gingen die Mitglieder wie in einem »Taubenschlag«. Was für Namen kann ich allein während meiner 17jährigen Dienstzeit aufzählen! Nach Grunerts Tode hat z.B. kein Charakterspieler wieder festen Fuß fassen können: Keller, Schmidt, Löwenfeldt, Wiene und andere sahen, daß sie in Stuttgart nur ihre besten Jahre ausnützten, und daß man ihnen dann »Adieu« sagen würde. Sie setzten noch bei Zeiten ihren Wanderstab weiter. Bevor Werther meine Kündigung der Hofkammer übergab, ließ er mich zu sich rufen, und sagte mir ? es war zu Ende der Saison 1886 ? er würde mir mit der Zeit schon eine lebenslängliche Anstellung erwirken und mich außerdem als Regisseur anstellen. Der König sei augenblicklich schlecht auf mich zu sprechen, ich müsse durch irgend jemand angeschwärzt sein, er könne jetzt für mich nichts erlangen, und mit so einer brüsken Kündigung würde ich alles verderben, ich möge mich also noch kurze Zeit in Geduld fassen, es stünde ja in seiner Macht, meine Wünsche zu erfüllen. Ich nahm die Kündigung wieder zurück und wartete wiederum ein Jahr auf die lebenslängliche Anstellung. Am 13. Juni 1887 schrieb ich folgenden Brief an den Hofkammerpräsidenten von Tscherning: Hochverehrter Herr Präsident! Wiederum ist eine Saison verflossen, und die mir von dem gegenwärtigen Herrn Intendanten der Königl. Hofbühne gemachten Versprechungen, als: »Regieübertragung, 14tägige Urlaubserweitegung und lebenslängliche Anstellung mit Pension« sind ebensowenig gehalten worden, wie alle vorangegangenen Zusicherungen der früheren Intendanten, durch die ich mich jedesmal überreden ließ, eingereichte Kündigungen wieder zurückzunehmen. Auf meine letzten Vorstellungen wurde mir nun von dem Herrn Intendanten gesagt: Seine Majestät könne meinen Wünschen wegen Regie-Uebernahme nicht entsprechen, weil ich ja 28 Tage[159] des Jahres auf Urlaub sei, daß aber meiner Entlassung, wenn ich darum einkommen würde, seiner Beurteilung der Verhältnisse nach nichts im Wege stehen würde. Ew. Hochwohlgeboren haben mir seinerzeit ein mündliches Gesuch um lebenslängliche gesicherte Anstellung mit Pension abgelehnt. Es würde mir unter solchen Umständen peinlich sein, eine Kündigungsfrist aushalten und meine Kräfte einem Institute noch länger widmen zu müssen, dem ich so wenig zu danken habe, an dem ich im Laufe 16jähriger, treuer und mit Erfolg gekrönter Thätigkeit gar kein Vor rücken in meinen Dienstverhältnissen zu verzeichnen habe und an dem ich mich absolut nicht mehr wohl fühlen kann. Somit ist nun meine Geduld und sind meine Hoffnungen für hier erschöpft, und ich bitte Ew. Hochwohlgeboren ganz ergebenst, Sr. Maj. dem Könige mein Entlassungsgesuch aus dem hiesigen Hoftheaterverbande zum 1. Okt. oder spätestens 1. Nov. gütigst unterbreiten und dasselbe befürworten zu wollen. Bis zu dieser Frist wird es leicht gelingen, für mich Ersatz zu finden. Indem ich Ew. Hochwohlgeboren dringende Beschleunigung der Uebergabe dieses meines Gesuches an Se. Maj. ans Herz lege, bitte ich ganz ergebenst um Ew. Hochwohlgeboren umgehende und geneigte Willensmeinung, worauf es mir erst möglich ist, meine anderweitigen Dispositionen treffen zu können. Amazon.de Widgets Mit vorzüglichster Hochachtung A. Junkermann. Stuttgart, den 13. Juni 1887. Hierauf blieb ich ohne Antwort. Die Saison ging zu Ende, es waren nur noch wenige Vorstellungen, ich wollte mein Angelegenheit vor den Ferien erledigt haben und ging deshalb persönlich zum Hofkammer-Präsidenten von Tscherning. Herr v. Tscherning schlug mir ganz naiv, aber allen Ernstes vor, noch ein Jahr unter den alten Bedingungen zu bleiben und dann abzugehen. Das wollte ich nicht. Ich war des Wartens müde. Noch ein Jahr ohne Aussicht auf lebenslängliche Anstellung zu warten, schien mir nicht ratsam. Ich schrieb also folgendes an Herrn von Tscherning: [160] »Hochverehrter Herr Präsident! Nachdem Ew. Hochwohlgeboren mir heute morgen mitgeteilt, daß Sie auf mein ergebenstes Gesuch vom 12. ds. Mts., mich am 1. Novbr. resp. 1. Oktbr. zu entlassen, nicht eingehen, nehme ich dasselbe hiermit zurück und erlaube mir einliegend die Kündigung meines Dienstvertrages zu übersenden, wie es mir nach § 25 der Disziplinargesetze freisteht. ? Nach Ew. Hochwohlgeboren Aeußerungen am heutigen Morgen: daß Hochdieselben wohl glaubten, daß ich mehr Geld verdienen könne, und dies der Grund meines Ausscheidens sei, erlaube ich mir noch, dieses Privatschreiben meiner Kündigung beizufügen, da es mir nickt gleichgültig ist, welche Gründe für mein Ausscheiden Seiner Majestät sowie der Oeffentlikeit vorgelegt werden. Mehr Geld habe ich nie verlangt; nicht pekuniär, sondern künstlerisch strebte ich vorwärts. Die Feststellung meiner Gage überließ ich von Anfang an der Königl. Hoftheater-Intendanz. Mein Totaleinkommen an Gage und Spielhonorar belief sich seit 16 Jahren per Jahr auf 5000 Mk. Ich betone daher nochmals, daß mich auch heute wieder derselbe Grund zu meinem Schritte treibt, der es immer gewesen, nämlich: das Nichterfüllen meiner bescheidenen Bitte um 14tägige Urlaubserweiterung, Regie-Uebergabe und lebenslängliche Anstellung. Jahrelang habe ich darum gebeten, jahrelang ists mir versprochen und jahrelang ists nicht gehalten worden. Meine inständige Bitte an Ew. Hochwohlgeboren geht nun dahin, Seiner Majestät mit teilen zu wollen, daß lediglich die nicht erfüllten Versprechungen, die mir seitens der Intendanten gemacht wurden, meinen Entschluß, aus dem hiesigen Hoftheaterverbande zu scheiden, zur Reife brachten, wenn ich nicht durch eine Immediat-Eingabe Seiner Majestät meine Gründe selber unterbreiten soll. Seine Majestät muß die Wahrheit erfahren, und das Publikum ebenfalls, denn ich will nicht als unruhiger und unzufriedener Mensch verschrieen werden. ? Ew. Hochwohlgeboren erklärten mich auch in heutiger Unterredung für absolut unberechtigt, einen andern Vertrag zu unterzeichnen. Ich möchte jede Differenz vermeiden und in Frieden scheiden und teile daher Euer Hochwohlgeboren mit, daß ich morgen (Sonnabend) einen Vertrag als Regisseur und Schauspieler mit 15000 Mark Jahrgehalt nach Berlin unterzeichnen werde. Glauben Ew. Hochwohlgeboren indes mich dazu nicht berechtigt, so bitte ich für morgen (Sonnabend)[161] abermals um ein Viertelstündchen der Unterredung und Belehrung, da ich andernfalls mich zum 18. Dezember ds. Is. meiner Verpflichtung enthoben halte, und den Berliner Vertrag morgen (Sonnabend) abend unterschrieben absenden werde. Mit vorzüglichster Hochachtung Ew. Hochwohlgeboren ganz ergebenster A. Junkermann. Stuttgart, den 17. Juni 1887. P.S. Ich wiederhole nochmals ganz ergebenst: ?ich möchte in Frieden scheiden!? Wünschen Ew. Hochwohlgeboren ein früheres Ausscheiden, als am 18. Dezember d.J., so ließe sich ja darüber noch reden oder schreiben.« Darauf erhielt ich innerhalb weniger Stunden folgende Antwort: »Euer Wohlgeboren Amazon.de Widgets beehre ich mich den Empfang Ihrer Dienstvertragskündigung pr. 18. Dezember d.J. zu bescheinigen. Nach Abschluß der im Gange befindlichen Erkundigungen wegen eines Ersatzes für Sie werde ich mit erlauben, Ihnen wegen der Zeit Ihres Austritts aus dem Dienste des Hoftheaters weitere Vorschläge zu machen. Hochachtungsvoll etc. Stuttgart, den 18. Juni 1887. Der Hofkammer-Präsident, Tscherning.« Mein Austritt aus dem Verbande des Stuttgarter Hoftheaters war somit entschieden. 
 XI.  [86] Nachdem ich allmählich begann, mich in der Gunst des Stuttgarter Publikums festzusetzen, und auch von oben mit gnädigeren Augen angesehen wurde, veranlaßte Frau Schröder-Hanfstängl die Intendanz, mich als Onkel Bräsig auftreten zu lassen, mit welcher Rolle ich in Bremen und Breslau große Erfolge erzielt hatte. Ich glaubte mir Publikum und Presse durch die Aufführung des »Onkel Bräsig« zu verpflichten. Statt der auch hier erwarteten Erfolge ging die Vorstellung so ziemlich spurlos vorüber. Keine Recension erschien in den Tagesblättern, mit Ausnahme einer einzigen in dem damaligen Intelligenzblättchen, in welcher es unter anderm hieß: »Wir begreifen nicht, wie Herr Junkermann diese schöne Reutersche Figur so in den Kot ziehen konnte.« Je schweigsamer sich die Presse dieser Leistung gegenüber verhielt, desto lebhafter urteilte das Publikum. Wo ich mich mir blicken ließ, hieß es: »Wie könnet Se so was spiele? Dös ischt nix für Sie. ? Solche Experimente müsset Se net mache, damit schade Se sich nur!« und Bräsig verschwand wieder vom Repertoir. Aber an auswärtigen Bühnen gastierte ich in der Rolle fort, der Intendant Wehl ließ sie mich dann auch wohl noch auf der Stuttgarter Hofbühne spielen, aber mein Erfolg in dieser Rolle datiert von Wien. Eine Krisis in des Wortes voller Bedeutung für mich war mein dortiges Reuter-Gastspiel im Jahre 1877. Wie seinerzeit Heinrich Sontheim eigentlich erst von der Warte der Wiener Hofoper aus einem größeren Publikum sichtbar wurde,[87] wie von hier aus sich erst sein größeres Renommee verbreitete, so wurde auch ich durch den in Wien errungenen Triumph und durch die von dort in alle Welt hinausgelangenden Berichte eigentlich erst als Reuter-Spezialität in die Welt eingeführt, autorisiert und beglaubigt. Reuters Witwe sandte mir nach Wien folgenden Brief: Eisenach Villa Reuter 27. Juni 77. Hochverehrter Herr! Eben erhalte ich die Besprechung der Aufführung des »Zacharias Bräsig«. Ich weiß nicht, wem ich diese Liebe zu danken, ob der Güte des Herrn Redakteurs der »Neuen freien Presse« oder Ihnen, verehrter Herr, von dessen naturwüchsiger Darstellung des Bräsig ich schon von Frankfurt aus so Anerkennendes gehört. Wer es nun auch sei, der daran gedacht, die Lebensgefährtin des Geschiedenen zu erfreuen ? ich danke herzlich für diese Güte, und wünsche sehnlichst, den Meisterdarsteller der Figur meines Mannes zu sehen und zu hören, von welch letzterer er während des Schaffens oftmals freudig bekannte: »ich glaube, der Bräsig ist nicht übel.« Also nochmals herzlichsten Dank, verehrter Herr, und berührt Ihr Weg einmal Eisenach, nehmen Sie bitte Quartier in der Villa Reuter. Hochachtungsvoll Louise Reuter, geb. Kuntze. Amazon.de Widgets Nach meinem Wiener Erfolge wendete sich auch in Stuttgart das Blatt, denn als ich zurückkam und als Onkel Bräsig wieder auftrat, war das Haus ausverkauft und ich wurde mit Beifall überschüttet. Ebenso erging es mir mit den Reuter-Vorlesungen. In Stuttgart herrscht, wie überall, die Sitte, Künstler zu geschlossenen Gesellschaften hinzuzuziehen, um dort etwas vorzutragen. Nur wird der Künstler nicht eingeladen, wie das in anderen Städten der Fall ist, sondern man engagiert ihn für ein Honorar ? was ja auch sein Gutes hat. Nachdem ich schon alle meine humoristischen Vorträge bei derartigen Gelegenheiten verbraucht hatte, las ich »Fritz Reuter«. Ich milderte das Plattdeutsche soweit, daß es auch für süddeutsche[88] Ohren verständlich war, aber ich fiel selbst mit dem »Missingsch« noch gründlich ab, ja, man ersuchte mich sogar, die Reutervorträge zu unterlassen, weil doch keine Spur von Humor darin sei. Als begeisterter Verehrer Fritz Reuters wurde ich natürlich von einem derartigen absprechenden Urteile aufs tiefste verletzt. Ich beschloß, mich zu rächen. Der nächste Familienabend in der »Bürgergesellschaft«, zu welchem ich engagiert war, kam heran. Mit vieler Mühe hatte ich einige Gedichte aus: »Läuschen un Rimels« ins Hochdeutsche übertragen und annoncierte: »Was sich der Kuhstall erzählt« von C.A. Görner, »Jochen Päsel, was bist du für ein Esel« von Saphir, »Hier geht er hin ? da geht er hin« von Schmidt-Cabanis u.s.w. und erzielte mit dem Vortrag dieser Sachen einen bedeutenden Erfolg. »Sehe Se,« hieß es, »dös ischt doch ganz was anders, do ischt doch Humor drin, sowas müsset Se vortrage, Reuter ischt nix für Sie, das müsset Se aufgebe. Leset Se nur immer solche Sache wie heute, dann werdet mir Se immer mit Vergnüge höre.« Stillvergnügt nahm ich alle Lobeserhebungen in Empfang, die ja doch meinem lieben Fritz Reuter galten, der ? entkleidet seines Sonntagsgewandes der plattdeutschen Sprache, die seine Werke noch fesselnder macht ? doch noch durch seinen sprühenden Witz und Humor alle Herzen zu gewinnen vermochte. Es machte mir den größten Spaß und entschädigte mich für allen ausgestandenen Aerger, die langen Gesichter zu sehen, als ich mit der Erklärung herausrückte, daß auch diese Vorträge von Reuter seien. ? ? Am Hoftheater sah es für mich immer noch öde aus, ich fand keine rechte Beschäftigung in meinem künstlerischen Berufe, da die Herren Regisseure noch immer die Rollen, die mir zukamen, krampfhaft fest hielten. Auch mit der Gunst meiner Herren »Oberen« wollte es noch immer nicht so recht vorwärts gehen, wie ich es wünschte. Vielleicht machte ich von dem Vorrecht des Komikers, im Leben ein Melancholiker zu sein, etwas zu ausgiebigen Gebrauch; wenigstens sagten mir meine intimsten Kollegen, daß wenn ich, wie »Mack im Königslieutenant«[89] sagt, meine »Misegine« hätte ? ich mit einem Gesicht wie dem meinen Paradiese austeilen könnte und selbst im Reiche der Verdammnis keinen Käufer finden würde. Thatsache ist, daß mir ein gewisser mißvergnügter (muffiger sagt meine Frau) Gesichtsausdruck eigen ist. Ich kann nichts dafür, daß ich immer wie Lottchen Mißvergnügt aussehe, aber das weiß ich, daß mir mein unglückseliges Gesicht schon oft geschadet hat. Ob nun meine krampfhafte Zurückgezogenheit oder obengenannter Umstand schuld war, ich weiß es nicht. Zu meinen Vorgesetzten ging ich nur, wenn ich dienstlich dazu gezwungen war, und so hatte ich z.B. nie Gelegenheit, einem der »ästhetischen Thees« oder »Kaffees« des Herrn Hofrat Wehl beizuwohnen. Doch anderen Tages im Konversationszimmer hörte ich darüber genaue Berichte! Dies besagte Zimmer in Stuttgart führt den Namen Konversationszimmer ? in Wahrheit ist es aber das Möbelmagazin, für welchen Zweck es, weil es so nahe an der Bühne gelegen, außerordentlich geeignet. Die Hofschauspieler dürfen aber, wenn der Möbel nicht zu viel darin stehen und diese nicht zu hoch aufgetürmt sind, hineingehen ? in ihr Konversationszimmer. Es gibt kein Völkchen, welches sich schärfer kritisiert, und seine gegenseitigen Schwächen schneller weg hat, als die ? Komödianten! Täglich kommen sie zusammen, täglich kommen sie in Berührung und ? Reibung mit einander und lernen sich gründlich kennen. O wenn die Wände eines Hoftheater-Konversationszimmers, recte Möbelmagazins, reden könnten! Es ist gut, daß ihnen das Sprichwort nur Ohren gibt! Wenn wir anderen Tages nach einem solchen »Aesthetischen« im »Möbelmagazin« zusammen saßen, da erfuhren wir den verflossenen Abend oft bis auf die kleinsten Details. Außer Adolf Wentzel, Dr. Pockh, Dr. Löwe, Fräulein Steinau, meiner Frau und meiner misanthropischen Wenigkeit besuchten Alle den Wehl'schen Kaffee. Die »Neuengagierten« lieferten das weitaus größere Kontingent.War der Regisseur dort, so paßte derselbe natürlich wie ein Luchs auf, daß kein mißvergnügtes Mienchen, kein verstecktes Beklagen der »Neuen«, oder was ihm sonst etwa nicht in den Kram paßte, die Harmonie der geselligen Zusammenkünfte störte. Aber sonst konnte jeder seinen eigenen Bewerbungen nachgehen. Hierzu eigneten sich diese Thees ganz besonders, und sogar das uns allen ans Herz gewachsene »Puttchen« spielte da, mitgefangen mitgehangen, seine kleine Privatkomödie. Puttchen war unsere sehr strebsame, noch sehr junge Naive. Man erzählt sich, daß sie in jugendlich warmer Begeisterung für die Kunst öfters abends nur ein trockenes Brötchen gegessen habe, da ihre Gage anfangs noch sehr klein war. Viele Schauspielerinnen müssen sich ähnliche kleine Opfer auferlegen, die lächerlich klingen, und doch einen recht ernsten Hintergrund haben: die Toiletten! Dies eine Wort verschlingt Gage, Erspartes und oft auch noch die Ehre dazu. Ja, ja, wir alten Praktiker wissen es, wenn wir eine so recht chike Toilette sehen, was sie oft an Thränen und Entbehrungen gekostet hat, und während die Herren der Bühne noch an manchen Hoftheatern alles in einem dem Urvater Hausrat entnommenen Frack mit den bekannten goldenen Knöpfen spielen, die Damen müssen mit der Mode gehen und haben es in dieser Beziehung unendlich schwer. Doch ich unterdrücke jede weitere Bemerkung über diesen Punkt, obgleich ich, namentlich noch von meiner Frau her, die neben ihren Soubrettenrollen auch das »Fach der Toiletten,« die Anstandsdamen, in Stuttgart spielte, genaue Kenntnis und zugleich heiligen Respekt vor dem Wort »Damengarderobe« habe. Amazon.de Widgets Bei den Thees wurden öfters Stücke des Herrn v. Wehl vorgelesen, die aus unbekannten Gründen nie das Licht der Lampen erblickten, aber in diesem edlen Kreise natürlich die höchste Anerkennung fanden; ja wenn sich nicht Einer vor dem Anderen geniert hätte, ich glaube, sie würden mit einem heimlich eingeschmuggelten Lorbeerkranze noch des Dichters Schläfe bekränzt haben. »Puttchen« wollte nun immer beim Lesen ihrer[92] Rolle außer sich vor Wonne geraten: »Wie reizend, nein, zu himmlisch«, oder auch mit naivstem Augenaufschlag: »Wie müßte das erst auf der Bühne wirken!« Wir alle kannten ja Puttchen als liebenswürdige Natur, die als Sächsin mit »Europens übertünchter Höflichkeit« sogar die Theaterbediensteten überschüttete. Wer kennt nicht in Stuttgart die Theaterkutsche, die kreuz und quer durch die Straßen der Residenz fährt, um die Bühnenkünstlerinnen zur Probe und Vorstellung abzuholen! Wieviel » Stück« sind denn drin? war beim Einsteigen der Damen die stehende Redensart des biederen Rosselenkers, eines Beamten aus dem königlichen Marstalle, dem es immer sehr wohl that, wenn unser Puttchen allabendlich nach der Nachhausefahrt sagte: »Gute Nacht, lieber Herr Kutscher, ich danke recht schön!« Ja morgens kam es vor, daß sie mit ihrem bezaubernden Lächeln sogar: »Guten Morgen, Herr Schneeschaufler!« oder »Guten Tag, Herr Lampenputzer!« flötete, was für sämtliche Angeredete in ihres nichtsdurchbohrendem Gefühle natürlich sehr erhebend war und mit stets strahlendem Schmunzeln quittiert wurde. Aber nicht allein unser Puttchen verfiel der Kritik des bösen Konversationszimmers, dessen Echo ich noch mildere, auch andere Mitglieder kamen an die Reihe. Herr v. Wehl in seinem Idealismus, in seinem Wohlwollen, hatte jedenfalls keine Ahnung, wie solche Abende bei ihm oft ausgebeutet wurden. »Nein«, hieß es da auch einmal, »es ist doch gut, wenn man eine Frau mit einem guten Gedächtnis hat. Hörten Sie gestern die Gattin des Charakterspielers, mit welch' rührender Ausdauer sie immer wieder das Gespräch auf ihren Gatten und dessen Lieblingsrollen zu lenken wußte?« »Caal, weißt du noch«, ging es da ? und »Caal, erinnerst du dich noch, wie oft du den und den Abend gerufen wurdest?« und mochte das Gespräch von politischen Sachen oder von den Theekuchen handeln, die man gerade verzehrte, die Gattin des teuren »Caal« fand immer einen passenden Uebergang. »Noch eine Tasse Thee?« »Wenn[93] ich bitten dürfte! Ach Caal! in ?Eine Tasse Thee? bist du auch so vorzüglich« oder »Caal, neulich fand ich zufällig eine Rezension über deinen Narziß, nein, Caal, das war doch ein glücklicher Abend! Die Rezension war wirklich zu brillant!« So ging es fort »mit Grazie in infinitum« und es war nicht zu verwundern, wenn der gutmütige Herr v. Wehl schließlich gar nicht anders konnte, und die btreffende Rolle des »Caal« denn auch bald unserem Repertoir einverleibte. Amazon.de Widgets Wehl war, wenn er geschickt bearbeitet wurde, weiches Wachs in den Händen der Schauspieler, d.h. Schauspieler, die ihre Komödie auch außerhalb der Kulissen zu spielen verstanden. Sonst konnte Wehl aber auch wieder eigensinnig sein, z.B. Fräulein Steinau, die vorzügliche Schauspielerin, beschäftigte er fast gar nicht. Jetzt ist dieselbe wieder in Gunst und hat darin immer hübsch abgewechselt; je nachdem die Intendantur wechselte, stieg und sank sie. Friedrich Haase und Carl Sontag waren einmal kurz hintereinander zum Gastspiel in Stuttgart und besuchten auch den Wehl'schen Thee. Sontag fragte Haase, wie ihm sein Buch (Sontags Memoiren) gefallen habe. »Recht gut, lieber Sontag,« antwortete Haase mit dem ihm eigenen seinen Spott, »nur schade, daß es immer Sonntag in dem Buche ist, wenn es doch auch einmal Montag würde!« Sontag hat aber gleich in seiner Vorrede gesagt, daß er seine Memoiren schreibe, deswegen von sich reden müsse, und so wird es jedem Memoirenschreiber ergehen. Mein lieber, nachsichtiger Leser, der du bis hierher mir gefolgt, laß alle Hoffnungen fahren, wenn du so unvernünftig bist, zu denken, ich müßte bei meinen Erinnerungen nicht auch von meiner Person sprechen. Ich bemühe mich ja so viel wie möglich, daß es in meinem Buche auch Montag wird. ? Noch manches Amüsante könnte ich von Wehl erzählen. So wollte er z.B. einer jungen Darstellerin eine »Hosenrolle«, die[94] des jungen Göthe im »Königslieutenant«, nicht eher geben, als bis er sich, gewissenhaft wie er in allem war, von ? ja wie drücke ich mich gleich aus? ? von der Qualität und Formenschönheit ihres ? Piedestals überzeugt hatte. Die etwas schlanke Dame mußte also zuerst eine kleine Pagenrolle spielen und erhielt erst dann das Zeugnis »all right« und den ? »Wolfgang Göthe«. 
 XXI.  [173] Am 2. Oktober trat ich mit meiner Frau die Reise nach New-York an. Den 3. und 4. Oktober blieben wir in Bremen, natürlich bei Freund Hillmann. Es wurde von alten Zeiten geplaudert. Fritz Hillmann machte mich mit dem Kapitän bekannt, der uns über den Ozean bringen sollte, und am 5. Oktober fuhren wir nach Bremerhaven. Gegen mittag wurden wir auf einem kleinen Dampfer zu unserem Steamer geführt. Die »Trave« lag majestätisch vor Anker; als wir in ihre Nähe kamen intonierte das Orchester fröhliche Weisen, der Kapitän Willigerod empfing uns mit seinen Offizieren an Bord. Die Zwischendeckpassagiere waren schon am frühen Morgen eingeschifft, und bald nach unserer Ankunft setzte sich die »Trave« in Bewegung. Wir hatten unsere Kajüten in Besitz genommen, uns wohnlich eingerichtet und gingen wieder auf Deck. Das Orchester spielte immer noch heitere Melodien, die mit meiner Stimmung nicht recht harmonieren wollten. Ein eigentümliches Gefühl durchzieht die Brust, wenn es gilt, das geliebte Deutschland dem Auge entrückt zu sehen und sein Geschick den Wellen des Ozeans anzuvertrauen. Wir waren gegen tausend Personen an Bord, ca. 300 Kajütpassagiere und 700 Zwischendecker. Der Tenorist Bötel von Hamburg hatte sich mit uns nach New-York eingeschifft, auch er hatte mit Direktor Amberg für das Thalia-Theater Gastspiel abgeschlossen. Wir kannten[174] uns bis dahin nicht, traten aber sofort mit einander in engeren Verkehr. Auf dem Dampfer schließen sich Menschen leichter aneinander an, als auf dem weiten Festlande. Man mustert sich, nähert sich und es bilden sich bald die intimeren Gesellschaftskreise. Wir hatten in der I. Kajüte angenehme Reisegefährten. Amerikaner, die aus deutschen Bädern in ihre Heimat zurückkehrten, deutsche Kaufleute, die in Geschäften auf Monate nach Amerika reisten, Auswanderer, die für immer ihr Glück in Amerika suchen wollten, und Deutsche, die in Amerika Reichtümer erworben, in der alten Heimat ihre Verwandten besucht hatten, und nun wieder nach Amerika zurückkehrten. Auch viele Engländer, die die Reise auf den neuen, elegant eingerichteten Steamern des Bremer Lloyd den englischen Dampfern vorzogen, waren an Bord. In Southampton erhielten wir von letzteren noch großen Zuwachs. Willigerod, der die Trave führt, ist ein so tüchtiger Kapitän, daß man ihm sein Dasein für die Fahrt über den Ozean gern anvertraut. Die Liebe und Verehrung, die er bei seinen Untergebenen genießt, die Freundlichkeit seines Wesens, das mächtige Baßorgan, das er in seinen Kommandos ertönen läßt, die liebenswürdige Art in seinem Verkehr mit den Passagieren, haben ihm dies Vertrauen erworben. Dazu die imposante Körperstärke, daß man meint, er brauche bei einer starken Neigung des Schiffes nach der einen Seite hin bloß auf der Kommandobrücke auf die andere Seite zu treten, um sofort das Gleichgewicht des Schiffes wieder herzustellen. Sein Schiff ist mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet und elektrisch beleuchtet; ein prachtvoll luxuriöser Speisesalon, in dem gegen 300 Personen bequem Raum haben, ein ebenso eleganter Damensalon, zwei Rauchsalons im altdeutschen Stile, eine Konditorei, eine Bäckerei, verschiedene Badezimmer, in denen kalte und warme Seebäder zu haben, ein Rasier- und Frisiersalon, alles, was der Mensch braucht, ist auf dem Schiffe. Auf Deck lassen sich schöne und lange Spaziergänge machen.[175] Das Orchester, welches in ziemlich vollständiger Besetzung aus den Stewards der II. Kajüte zusammengesetzt ist, spielt morgens von 10?11 Uhr auf Deck, um 6 Uhr zur Table d'hôte und abends im Salon der II. Kajüte, dem sogenannten Tingel-Tangel. Alle diese Dinge bieten die angenehmste Zerstreuung, so lange der Mensch sich der Gunst Neptuns erfreut und nicht von der bösen Seekrankheit befallen ist ? hat diese uns armen Landratten aber einmal gepackt, ists aus mit allen Herrlichkeiten, mit jeder Freude am Dasein. Anfangs ging unsere Fahrt gut von statten, die Sonne lachte herrlich auf uns herunter. Die kurzen Stoßwellen der Nordsee, die das Schiff in weit unangenehmere Bewegung bringen, als die großen Wellen des Ozeans, waren bei dem herrlichen Wetter weniger fühlbar, und ich sah die Flut gar nicht mehr mit dem Mißtrauen an, das sie mir vor Jahresfrist auf der Fahrt nach Helgoland und Wyk eingeflößt hatte. Aber der Kanal sprach schon deutlicher mit uns, er hat sein heimtückisches Renommee nicht umsonst. Amazon.de Widgets Ich fühlte wieder das Ameisengekrabbel im Magen, auch meine Frau sah mich so mißvergnügt an und fragte: »Na, gehts los bei dir?« »Ih, Gott bewahre,« sagte ich mit geheucheltem Heldenmute, »ich muß mir nur ein bißchen Bewegung machen« ? und verschwand. Um die Bewegung war mirs nicht zu thun, für die sorgte das Schiff von selber, denn es fing bedenklich an zu rollen, so daß ich wie ein Betrunkener über das Deck schwankte und meine Bewegung gar nicht mehr von meinem Willen abhängig machen konnte. Das Geländer des Decks war von Neugierigen besetzt, die mit bleichen Mienen das Meer anstarrten. So glaubte ich wenigstens, als ich mir aber zwischen ihnen eine Lücke suchte, um Neptun mein erstes Opfer zu bringen, bemerkte ich, daß meine Umgebung mir in der Opferwilligkeit nicht nachstand. Zu meiner Frau zurückgekehrt, sah ich, daß sie mit Hilfe zweier[176] Stewards sich erhob, wankte und sich der Führung der beiden völlig überließ. Der eine der beiden Stewards drückte mir schnell ein blechernes Geschirr in die Hand, um seine Hände besser der Stütze meiner Frau widmen zu können. Die beiden Stewards brachten sie die Treppe hinunter, die zum Salon und von dort zu den Kajüten führt ? ich folgte willenlos den Bewegungen des schaukelnden Schiffes, mit dem ominösen Blechgeschirre bald nach rechts bald nach links schwankend, als wandelnde Leiche hintendrein. Kurz vorher hatte ich noch die kreidigen Felsen der englischen[177] Küste in Augenschein genommen, aber als ich in der Kajüte angelangt war und mein Auge auf den Spiegel fiel, kam mir mein Gesicht viel kreidiger vor. Wir suchten unser Lager auf, das ich zwei Tage und Nächte, meine Frau vier Tage und Nächte nicht wieder verließ. Die Trave schaukelte munter fort. Unsere Handkoffer, Hutschachtel und Reiseeffekten lagen bald in dieser, bald in jener Ecke der Kajüte; was nicht niet- und nagelfest war, tanzte auf dem Boden umher. Ein Pantoffel meiner Frau näherte sich beständig dem Stiefelknechte, der unter meinem Bette lag, schurrte, wenn das Schiff sich auf die andere Seite legte, wieder auf seinen alten Platz zurück, um bei der entgegengesetzten Bewegung des Schiffes wieder eine neue Attaque gegen meinen Stiefelknecht auszuführen. Eine Weile ging das so fort; als die Schwankungen des Schiffes aber den Streit zwischen Pantoffel und Stiefelknecht bedenklicher gestalteten, fielen mein Stock und Regenschirm, die ich an die Wand gelehnt hatte, um und rollten bald nach links, bald nach rechts herüber, die beiden Streitenden zu beruhigen. Aber es half nichts, der Pantoffel war in zu krakehlsüchtiger Stimmung, ich war zu ohnmächtig und willenlos um aufzustehen und diesen Streit zu schlichten; da legte sich meine Hutschachtel bald auf die linke, bald auf die rechte Seite und machte Miene, sich drein zu mischen. Sie hatte in ihrer guten Absicht sich wohl zu weit herüber gebeugt, fiel um und begleitete die andern auf ihren Kajütenwanderungen. Endlich wurde auch meinem Handkoffer, den ich in der Hast, ins Bett zu kommen, nur auf die eine Hälfte des Stuhles gelegt hatte, die Sache zu toll, mit einem entsetzlichen Lärm warf er sich zwischen die Streitenden und deckte mit seinem schweren Kaliber den Pantoffel gänzlich zu, daß dieser verschwand. »Siehst du«, dachte ich mir, »das geschieht dir Pantoffel recht, warum mußt du Karnikel immer Krakehl anfangen?« Die Stewardeß kam bald darauf in die Kajüte und räumte gründlich auf. Zeichen des Tamtams, wodurch die Passagiere zum Frühstück,[178] Lunch und Dinner gerufen werden, ließen uns gleichgiltig, wir beachteten sie nicht. Die »Trave« war des Rollens nach links und rechts überdrüssig geworden und fing nun eine andere Bewegung auszuführen an, das sogenannte »Pietschen,« wobei sich bald der Bugspriet, bald der Kiel des Schiffes hebt und senkt, ein reizendes Spiel, das man wider Willen mitzumachen genötigt ist, und wobei einem die rapide Schiffsbewegung von der Höhe nach der Tiefe unbarmherzig die letzten Reste des Mageninhalts entzieht. Der Mensch wird, obwohl er liegt, gezwungen, einmal auf den Füßen und im nächsten Augenblick auf dem Kopfe zu stehen. Wer in der Mitte des Schiffes wohnt, bei dem gehts noch an, aber wehe denen, die dem Ende des Schiffes zu kampieren müssen. Wir gehörten zu diesen. Bei einem solchen Benehmen der »Trave« kam mir die Galle, und ich geriet in eine Stimmung, daß mirs ganz gleichgiltig wurde, ob mich die »Trave« nach New-York oder auf den Boden des Meeres gebracht hätte. »Ozean, du Ungeheuer,« dachte ich mit Rezia ? wenn die aufgeregten Wogen ihren Gischt an unser Kajütenfenster spritzten und nachts die Wellen mit donnerndem Getöse an unsere Schiffswand schlugen. Der freundliche Schiffsarzt, Dr. Hänel, veranlaßte mich am dritten Tage zum Aufstehen. Unter seiner kräftigen Führung wankte ich auf Deck. Das Meer hatte seine Wellen, soweit das Auge ringsum sah, mit weißen Schaumspitzen verziert, die Möwen umkreisten das Schiff, das unbekümmert um Wind und haushohe Wogen, der Kraft seiner Maschine folgend, die Wellen wie ein Pfeil durchschnitt. Dr. Hänel setzte mich auf meinen Schiffsstuhl und ließ mir einen Cocktail kommen. Mir wurde besser. Mein eigentlicher Retter war aber andern Tags der Vertreter der P.A. Mummschen Champagnerweine und des Huniady-Janos, Herr de Barry. Er hatte sich von Southampton, wo er eingestiegen, ein Faß herrlicher Austern mit[179] aufs Schiff genommen. Als er mich so in meinem Jammer liegen sah, veranstaltete er im Zimmer des Kapitäns, das er bei der Ueberfüllung des Schiffes für sich gemietet hatte, ein Austernfrühstück mit Champagner, wozu er den Kapitän Willigerod, Dr. Hänel, meine Frau und mich einlud. Es half kein Widerspruch, ich mußte meine bessere Hälfte veranlassen, aufzustehen, und wir wankten zum Austernfrühstück. Das ganze Faß Austern wurde geleert, wir tranken viel Sekt dazu und hatten damit ein Mittel gegen die Seekrankheit gefunden. Uns wurde wieder wohl. Dr. Hänel ist Zeuge, und er muß bekennen, daß es ein Remedium gibt gegen diese impertinente seasickness ? allerdings ein etwas kostspieliges! Das Meer wurde ruhiger. Wir sahen vom Promenadendeck der I. Kajüte aus das Treiben der Zwischendeckspassagiere an, die sich mittlerweile recht wohnlich eingerichtet hatten, und den Schmerz des Abschiedes von Deutschland vergessen zu haben schienen. Harmonikaspieler holten, als die Wellen sich immer mehr beruhigten, ihre Instrumente hervor und spielten zum Tanze auf. Ein fröhliches, munteres Treiben herrschte, namentlich wenn vom Promenadendeck der I. Kajüte das Orchester eine Tanzweise ertönen ließ, zu der die Zwischendecker sich im Kreise drehten, während die Harmonikaspieler verstummten. Auch die sogenannten »Schweinfische« (eine Art Delphine) führten ihren wohlbekannten Tanz im Meere aus. Sektionsweise springen diese Tiere bei unruhigem Wasser aus einer Woge in die andere durch den Luftraum ? oft hundertweise sieht man sie wie Kavallerie-Abteilungen ihre Manöver ausführen; ihr Uebersetzen von einer Woge zur andern gewährt einen ungemein komischen Anblick und wird stets vom schallenden Gelächter der Zwischendecker begleitet. Wir gingen wieder zum Dinner. Die table d'hôte war in den letzten Tagen spärlich besucht, heute war sie fast ganz besetzt, und fröhliche Gesichter gabs wieder. Das Menü ist auf den Bremer Lloyddampfern vorzüglich, und wenn man der Seekrankheit seinen Tribut gezollt,[180] ist man ungemein geneigt zu gastronomischen Genüssen. Herrliche Mittage, gewürzt durch gute Weine und Biere, angeregt durch recht gute Tafelmusik, verlebt man auf den Bremer Lloydschiffen. Das Dinner wird dann auch auf unendlich viele Gänge ausgedehnt und währt stundenlang. Zeit hat man ja auf dem Schiffe in Ueberfluß zum dinieren, aber die perfide Seekrankheit gestattet's nicht immer. Es gibt Tage, wo nur der Kapitän und einige Offiziere an der Tafel zu sehen sind; ist aber alles wohl an Bord, dann gestaltet sich das Schiffsleben fröhlich und behaglich. Abends besucht man noch den Saal der II. Kajüte, wo das Orchester wieder musiziert. Klavierkonzerte und Gesangsvortäge stattfinden, gutes Pilsener und Bayerisch vom Faß gezapft wird, setzt sich bei schönem Wetter auf Deck, promeniert oder sucht seine Kreise auf. Trotz Sturm und Ungemach fahren die neuen Bremer Dampfer sozusagen nach der Uhr. Wir legten regelmäßig alle 24 Stunden zwischen 410 und 420 Meilen zurück. Jeden Mittag 12 Uhr wurde die zurückgelegte Meilenzahl mittelst des Sextanten berechnet. Ist die Sonne verdunkelt, so werden Messungen mit dem Senklot, an das ein Klumpen Talg befestigt und so ins Meer gelassen wird, vorgenommen. An dem Talg haften beim Heraufziehen Kies, Muscheln, Steinchen etc. vom Meeresgrunde, und der Seemann weiß danach ziemlich genau, wo er ist, auch wenn er bei verdunkelter Sonne keine Messungen mit dem optischen Instrumente vornehmen kann. Kapitän Willigerod gab mir immer diesen Meeresgrund, der am Talgklumpen saß ? ich habe ihn mir als Andenken aufbewahrt. Amazon.de Widgets Auf der Kommandobrücke beim Kapitän und den wachthabenden Offizieren war mein liebster Aufenthalt. Es war mir gestattet, obschon der Zutritt sonst daselbst nicht erlaubt ist. Mit guten Ferngläsern die herannahenden Schiffe zu beobachten ist außerordentlich unterhaltend, obwohl das Begegnen von Schiffen, trotzdem tausende auf dem weiten Ozean nach allen Richtungen hin kreuzen, auf der unendlich großen Wasserfläche selten ist.[181] Uns begegnete einmal abends, es war schon dunkel, auf vielleicht halbe Meilenweite ein englischer Dampfer. Wir sahen die Lichter immer näher kommen, erkannten allmählich Menschen und Gegenstände, und als wir einander vorüberfuhren, erglänzten als Zeichen des Grußes mächtige bengalische Feuer auf beiden Schiffen und erleuchteten das Meer weit hinaus ? ein herrlicher Anblick, ein stummer schöner Gruß auf weitem, einsamen Meer! ? Unsere Fahrt ging bei herrlichem Wetter weiter, die Tage vergingen in Heiterkeit und Wohlleben. Abends saßen wir auf Deck, um den unvergleichlich schönen, majestätischen Sonnenuntergang zu genießen. Wer's je gesehen, vergißt dies imposante Schauspiel nicht. »Thalatta, Thalatta! du göttliches Meer!« Bötel ließ mitunter seine hohen C's über das Meer hallen, und die Passagiere lauschten andächtig seinen Gesängen. Bötel und ich hatten auf Ersuchen des Kapitän Willigerod zugesagt, eine musikalisch-deklamatorische Abendunterhaltung auf dem Schiffe zum Besten des Witwenfonds der Seeleute zu geben. Mittelst Hektographen wurden Zettel verfertigt, sowie Programme gedruckt. Bötel sollte Lieder singen, ich »Fritz Reuter« lesen; eine hübsche junge Amerikanerin, die ganz niedlich sang und Klavier spielte, war auf dem Schiffe; ein Cellist, der nach Milwaukee auswanderte, wurde im Zwischendeck aufgetrieben, und somit konnte das Konzert mit genügender Abwechslung stattfinden. Aber am Tage der Aufführung legte das Schiff wieder durch bedenkliches Schaukeln sein Veto ein, der Wind hatte sich wieder aufgemacht, so daß meine Mitwirkung in Frage gestellt war. Ich raffte mich aber zusammen, ließ mir meinen Stuhl auf dem primitiv hergerichteten Podium festbinden, um nicht plötzlich im Affekt beim Agieren mit den Händen samt dem Stuhl von der Rednerbühne heruntergeschleudert zu werden, und so ging die Sache denn ziemlich gut von statten. Wir erzielten 600 Mark Einnahme, und da wir keine[182] Kosten hatten, konnten wir den ganzen Betrag dem Seemanns-Witwenfond übergeben. Am 7. Tage kamen wir in die Nähe Newfoundlands. Einzelne Fischerboote, die von der Küste sich weit ins Meer gewagt hatten, erfreuten unser Auge schon wieder und wir bekamen so allmählich wieder einen Vorgeschmack von Land. Am 8. Tage arrangierte der Kapitän Willigerod noch einen Abschiedsball. Segeltücher wurden über das Deck gespannt und so der Tanzsalon hergerichtet. Das Orchester spielte deutsche Tänze, und munter drehten sich die Paare im elektrischen Lichte bis zum hellen Morgen. Am 6. Oktober 6 Uhr 30 abends fuhr die »Trave« von Needles ab, am 14. Oktober morgens 3 Uhr 5 Min. kam sie in Sandy Hook an, hatte also von der englischen bis zur amerikanischen Küste nur 7 Tage, 13 Stunden und 35 Min. gebraucht ? eine schnelle, glückliche Fahrt! Wir legten, an der Quarantäne angelangt, vor Anker, und als der Tag graute, gingen wir auf Deck. Da lag in der Ferne New-York und sein Hafen in prachtvoller Morgenbeleuchtung. Berufenere Federn haben die Eindrücke geschildert, welche die Menschenbrust bei diesem Anblicke voll Wonne emporheben. Kommt es nun daher, daß man 9 Tage fast nur Himmel und Wasser gesehen ? der Anblick ist überwältigend! Ein wunderbar schöner Herbstmorgen erhöhte die Pracht, die unser Auge erschaute. Man sieht die amerikanische Küste erst kurze Zeit vor der Ankunft in New-York. Uns war das allmähliche Erscheinen des amerikanischen Festlandes durch das Dunkel der Nacht vorher entzogen. Wir lagen nun auf dem ruhigen Wasser, New-York und seinen majestätischen Hafen in Sicht. Unzählige Schiffe mit fahnengeschmückten Masten zogen an uns vorüber, aus der Ferne ragte die Riesenfigur der »Liberty« hervor, ein Denkmal, das die Franzosen den Amerikanern geschenkt, und wohl der größte Koloß der Welt in Erz.Den rechten Arm gehoben, bei Nacht elektrisch erleuchtet, bietet die Liberty vom Meere aus gesehen einen imposanten Anblick; sie ist meist umkreist von einem wandelnden Mastenwald, über den die Figur hoch emporragt. Amazon.de Widgets Nachdem die Zwischendecks-Passagiere behufs Untersuchung vor dem amerikanischen Arzte Revue passiert, setzte sich die »Trave« wieder in Bewegung, um von der Quarantäne nach Hoboken zu fahren. Kapitän Willigerod rief mich auf die Kommandobrücke. »Junkermann, Sie werden empfangen, sehen Sie dort,« sagte er, und in kurzer Zeit erkannte er den Dampfer Luckenbach, der uns von New-York entgegenfuhr. Der »Luckenbach« kam näher; das Schiff strahlte im herrlichsten Flaggenschmuck, der an allen Tauen bis in die Wimpel hinauf angebracht war. Vorne am Mast wehte die Hamburger, hinten am Kiel die Württembergische Fahne, und oben im Wimpel flatterte in den Winden das mächtige Zeichen des Deutschen Reiches. Vom »Luckenbach« herüber ertönten deutsche Weisen. Kapitän Willigerod placierte unser Orchester auf Deck und befahl, die »Wacht am Rhein« zu intonieren. Herrliches deutsches Lied, wie erklangst du so majestätisch, fern von der Heimat in den amerikanischen Gewässern! Kapitän Willigerod ließ halten, und unter schmetternder Musik dampfte der »Luckenbach« an uns heran. Das war ein Hurrahrufen und Tücherschwenken! Die Kapelle auf dem »Luckenbach« spielte »Hamburgs Wohlergehen«. Bald lag der »Luckenbach« an der Breitseite der »Trave«, und nun stiegen die Passagiere aus dem kleinen Boot auf unser großes. Herzliche Ansprachen bewillkommneten uns. Unter den uns Begrüßenden waren die Repräsentanten der New-Yorker Presse, als Vertreter des Plattdeutschtums in New-York der Bankier Henry Bischoff jr., Robert Behnne, der bekannte Führer der Grocer-Expedition nach Europa, Aug. Gutheil, der frühere Vizepräsident des Eichenkranz, Landsleute von Bötel und mir, F.W. Schultze, der Held von Ave, A. Theodor Brandenburg,[185] der Präsident des Schleswig-Holsteinischen Vereins, und allen voran die Direktoren Amberg und Conried mit einer Anzahl Plattdeutscher, die uns in ihrer Muttersprache mit allerhand Ovationen und Ehrenbezeugungen bewillkommneten. Direktor Amberg erkannte ich sofort nach dem Bilde, das ich von ihm besaß ? wir schlossen uns in die Arme. Nachdem wir für den freundlichen Empfang gedankt und uns näher bekannt gemacht hatten, fuhr die »Trave« weiter dem Hafen von Hoboken zu. Auf dem Dock in Hoboken hatte das Orchester des Thalia-Theaters[186] Stellung genommen, um uns deutschen Ankömmlinge mit an die alte Heimat gemahnenden Klängen zu erfreuen. Während unsere Koffer von den Zollbeamten revidiert wurden, musizierte das Theater-Orchester in der Zollhalle. Wir bestiegen bald eine Droschke, Bötel fuhr mit Direktor Conried ab, ich mit Direktor Amberg nach New-York ins Theater. Das Thalia-Theater prangte zur Feier des Tages im Flaggenschmuck. Amberg stellte mich seinem Schauspielpersonale vor, und nachdem ich mein Logis bezogen und mich umgekleidet, fuhr ich zum Theater zurück, sofort zur Probe von »Onkel Bräsig.« 
 XXVIII.  [237] Nach Oesterreich mußte ich jetzt; Linz war mein Reiseziel. Nach einigen Tagen Aufenthalt in Stuttgart reiste ich dorthin. Der Direktor Laska von Linz war vor Jahresfrist mit seinem Baßbuffo Schön zu einem Jagdausfluge nach Stuttgart gekommen. Hübsche Entfernung für eine Jagdpartie. Ich lag im Fenster, und Schön stellte von der Straße aus mich dem Direktor Laska vor, den ich in seinen schäbigen Jagdkleidern eher für einen Dorfbüttel oder Feldwächter als für einen Theaterdirektor hielt. Ich lächelte und fragte spaßhaft: »Wo hat denn der Herr seinen Musenstall?« »In Linz!« schrie Laska herauf. »Da komme ich nächstes Frühjahr durch, wenn ich nach Budapest reise,« antwortete ich. »Dann spielen Sie dreimal bei mir,« schrie Laska unter dem Gerassel der vorbeifahrenden Wagen herauf. »Was zahlen Sie?« »Halbe Einnahme nach Abzug von 100 Gulden Tageskosten!« brüllte Laska, um den Lärm der vorbeifahrenden Lastwagen zu übertönen. »Schön,« schrie ich zurück. »Ja, ?Schön? spielt den Jochen Nüßler, aber Sie, kommen Sie?« kreischte Laska. »Abgemacht!« schrie ich mit dem letzten Aufwand meiner Kräfte, denn es kam der Stuttgarter Karrenbauer mit seinem Höllenlärm verursachenden Kehrichtwagen die Straße herauf. ? ? Unser Kontrakt war geschlossen, einfach, kurz und bündig! Solche Kontrakte sind die besten. Aus den drei Vorstellungen wurden gegen zwanzig. Oesterreich hat ungemein viel Sinn für Reuter, es ist mein liebstes Land. Auch in Linz habe ich mir eine Heimstätte geschaffen, wo ich immer gern gesehen sein werde und wiederkommen darf. Ich trat sechsmal vor ausverkauften Häusern auf und schloß mit Laska einen neuen Vertrag ? natürlich wieder bloß mündlich ? ab, wonach ich mit seinem Personal nach meinem beendigten Gastspiel in Budapest die Städte Regensburg, Salzburg, Innsbruck u.s.w. bereisen sollte. Davon später. Erst folge mir der Leser, wenn er mein Buch bis hieher ausgehalten, auch noch nach Budapest. Herrliche, schöne, unvergeßliche Magyarenstadt, nach dir habe ich Heimweh. ? Was ist aus dir geworden, seit mehr als zwanzig Jahren, wo ich dich nicht gesehen!? Ich sitze hier im schönen Wiesbaden, wo ich diese Blätter beendige, und bade dreißig Grad ? aber die Glut, die mich verzehrt, wenn ich dein und deiner lieben Menschen gedenke, hat noch höhere Temperatur. Budapest ist unstreitig eine der modernsten und schönsten Städte der Welt; seit den letzten Jahrzehnten im steten Wachsen und Emporblühen begriffen, kann sie sich den andern Metropolen würdig zur Seite stellen. Die Lage Budapests ist eine selten schöne; überall von Gebirgen umkränzt, erhält die Stadt ihren Hauptreiz durch den Donaustrom. Der Ungar ist aber auch nicht wenig stolz auf seine Hauptstadt und scheut weder Mühe noch Kosten, um dieselbe stets noch zu verschönern. Amazon.de Widgets Budapests eleganteste Straße ist die Andrassystraße mit ihren Prachtbauten, ihren reizenden Villen. Sie führt zu dem Stadtwäldchen (város?liget), dem Prater der Budapester. Nirgends kann man das eigenartige Leben dieser Großstadt sich besser entfalten sehen, als hier. Die hohe Aristokratie, die Finanzwelt, der Bürgerstand, alles ist vertreten, um zu sehen und gesehen zu werden. Ueberall ertönen da die lockenden Weisen[240] der Zigeuner, ohne deren Musik kein Vergnügen für den Ungarn existiert. Wie viel wirkliche Talente gibt es aber auch oft unter ihnen und wie hinreißend spielen sie! Will man Pest's schönste Sehenswürdigkeit, seine Frauen und Mädchen bewundern, so muß man mittags zwischen 12?1 Uhr in die Waitznergasse gehen, eine nicht sehr große Straße im Mittelpunkte der Stadt. Hier gibt sich die schöne Welt Budapests rendez-vous; es ist große Damenpromenade, selbstverständlich sind die Herren nicht ausgeschlossen, denn mit wem sollte man sonst kokettieren?! Welch eine Blumenlese herrlicher Frauengestalten in geschmackvollen, eleganten Toiletten erblickt man dort! Wie viele schöne Augen senden schmachtende oder glühende Blicke, und manches arme Männerherz ist schwer verwundet aus dieser kleinen Gasse heimgekehrt. Eine der angenehmsten Promenaden Budapests ist der schön angelegte Ouai, der sogenannte Corso, an der Donau. Zu seinen Füßen rauscht die schöne, blaue Donau (hier meistens gelb), vis-à-vis erhebt sich die stolze Ofner Königsburg, nicht weit davon der Blocksberg mit der Citadelle. Ueber die Donau streckt sich die Kettenbrücke, ein Kunstwerk unseres Jahrhunderts, einzig in seiner Art. Das alles beleuchtet durch Hunderte von Lampen, deren Reflexe die Wellen der Donau zurückstrahlen. Es ist ein Bild wie aus »Tausend und eine Nacht,« so märchenhaft schön!! Auch Kunst und Wissenschaft haben eine Heimstätte in Budapest gefunden und werden gepflegt und gehegt. Da ist vor allem das Nationalmuseum, welches viele historische Schätze aufzuweisen hat, die Akademie der Wissenschaft, in deren Gebäude sich auch die Esterhazy-Galerie befindet, das Künstlerhaus, auch eine Maler-und Bildhauer-Akademie besitzt Pest. Das neu erbaute Opernhaus ist eine Zierde der Andrassystraße, dort werden dem Publikum seltene Kunstgenüsse geboten. Dann das National-Theater mit seinen bewährten Kräften; das Volks-Theater, in welchem nur die heitere Muse regiert. Das deutsche[241] Theater wird wenig frequentiert, was wohl auch an den Theaterverhältnissen liegen mag. Kommt aber ein illustrer Gast, so kann er versichert sein, daß die Budapester ihn mit Jubel begrüßen. Was den sogenannten Deutschenhaß anbelangt, so existiert derselbe nach meiner Erfahrung nur in der Meinung der Presse. Das deutsche Element ist in Ungarn viel zu stark vorhanden, um es je verdrängen zu können. Der Hauptvorzug des Ungarn ist seine Gastfreundschaft. Mit welch' liebenswürdiger Zuvorkommenheit wird der fremde Gast empfangen, wie sucht man ihm den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen, wie bald fühlt er sich heimisch, um mit schwerem Herzen von den liebenswürdigen Ungarn aus dem schönen Budapest zu scheiden. Die nächste Umgebung Budapests bietet Gelegenheit zu reizenden Ausflügen. Da ist Gödöllö, das königliche Lustschloß; dann der Schwaben berg, zum Ofener Gebirge gehörend, mit seiner prachtvollen Villenkolonie. Vom Schwabenberg aus genießt man die herrlichste Rundschau. Nicht minder interessant ist ein Besuch der Margarethen-Insel, inmitten der Donau gelegen. Dieselbe ist Eigentum des Erzherzog Joseph, welcher sie zu einem kleinen Paradies hat umwandeln lassen. Auf dieser Insel befinden sich ausgezeichnete Schwefelthermen. ? ? In Budapest war ich, glaube ich, der neunundzwanzigste Gast der Saison. Alle Koryphäen der Kunst waren vor mir dagewesen, ich sollte die Saison schließen. Ungarisch und plattdeutsch, eine schöne Zusammenstellung! Der Ungar mag schon das Deutsche nicht, d.h. die deutsche Sprache ? nun gar erst plattdeutsch. Jedermann fast spricht in Pest deutsch ? aber einen deutschen Namen an den Straßenecken, an öffentlichen Gebäuden oder Anstalten sucht man vergebens. Aversion gegen das Deutschtum hat der Ungar nicht, wie ich schon sagte; in den ungarischen Kreisen, wo ich verkehrt, habe ich das wenigstens nicht wahrgenommen[242] ? allein die Ungarn fühlen sich als Nation und denken, wer zu uns kommt und mit uns Geschäfte machen will, soll ungarisch können. Daß das deutsche Theater in Budapest nicht floriert, ist ganz begreiflich. Die Ungarn haben weit bessere Theater, sowohl die Gebäude, wie die künstlerischen Leistungen übertreffen das deutsche Theater. Die ungarische Nationaloper ist vortrefflich, es wird darin ungarisch, italienisch und französisch durcheinander gesungen ? nur nicht deutsch. Frau Schroeder-Hanfstängl von Frankfurt gastierte mit mir zu gleicher Zeit dort im April, sie sang französisch, oder italienisch. Die Ungarn haben ein vortreffliches Schauspiel, eine vorzügliche Operette ? die Blaha ist vielleicht die beste Operettensängerin der Welt; trotzdem hat die Operette des Karltheaters zu Wien, die vor mir in Budapest Vorstellungen gab, brillante Geschäfte dort gemacht. Amazon.de Widgets Fritz Reuter war den Ungarn bis dahin eine terra incognita, meine ersten Vorstellungen waren schwach besucht und erst zum Schluß des Gastspiels erzielte ich volle Häuser; der letzte Abend war der besuchteste. Mit dem Vorurteile, man verstehe mich nicht, blieben die Leute zu Haus; ich sprach meine Reuter'schen Rollen nur noch mit einem Anflug von Dialekt, und die wenigen Theaterbesucher mußten die Ungläubigen erst auffordern, ins Theater zu gehen. Sie kamen und fanden herzliches Gefallen an dem, was ihnen bisher so fern lag; ich hätte »Onkel Bräsig« schließlich noch ein dutzendmal vor vollem Hause spielen können, sie wären gekommen ? aber die Saison war zu Ende und mit dem ersten Mai wurde das Theater geschlossen. 
 XV.  [124] Verschiedenemale gastierte ich am Hoftheater zu Altenburg. Eine freundliche Stadt! Wenn man vom Bahnhofe in die Stadt kommt, macht sie sogar einen imposanten Eindruck, d.h. nur die ersten Straßen, denn was dahinter liegt, ist fürchterlich; aber das hochgelegene, romantische Schloß, das wunderhübsche Hoftheater und vis-à-vis das prächtige, großstädtische Hotel »Weltiner Hof« ? à la bonheur! dachte ich ganz überrascht, und ließ es mich auch nicht verdrießen, daß ich bei meinem ersten Ausgang in die Stadt gleich ein Paar Lackstiefeln opfern mußte. Droschken gibt's in Altenburg nicht, und wenn man nachts mit dem Schnellzuge von Leipzig ankommt, thut man besser, man kehrt wieder um und logiert in Leipzig. Der Weg vom Bahnhof zum Hotel ist weit, und Wagen oder Gepäckträger gibt's nachts dort nicht. Altenburg ist sehr bergig und das Pflaster ? na, ich habe mir sagen lassen, daß kein Geschäft dort so floriert wie die Schuhmacherei, was sich auch sofort an meinen Lackstiefeln bewahrheitete. Als ich meine Besuche »abgeklettert«, ging's auf die Probe. Man sagt mir nach ? ich weiß es ja nicht ob's wahr ist, daß auf den Proben manchmal mit mir nicht gut Kirschen essen sei. Gewöhnlich wird so ein Gast aber auch mit ziemlich ungastlichen Mienen empfangen, denn er kommt immer ungelegen. Die Schauspieler müssen infolge des Gastspiels mehr lernen, wie sonst, und der deutsche Schauspieler kann es nun mal nicht ertragen, dem Gast zuliebe nicht die erste Flöte zu blasen, obgleich es ja schließlich »unter Kameraden ganz egal« sein sollte, ob[125] ein engagiertes Mitglied oder der Gast den Abend eine Hauptrolle hat. In Altenburg fand ich nun trotz des sehr hübsch geschulten Hoftheater-Ensembles die Zustände vor wie überall bei Gastspielen. Mein »lütte Pudel« in »Hanne Nüte« war krank, kam gar nicht zur Probe, der Tenorbuffo sang noch mit dem Notenblatt in der Hand die so wunderschöne Seifrizsche Musik zu Hanne Nüte herunter, nur wenige waren der Worte in ihren Rollen Herr, und es war mir nicht zu verdenken, wenn ich wieder meine »Mysogine« bekam. Ich muß es aber wohl besonders arg getrieben haben, denn eine Kollegin erzählte mir nachher, daß sie mich anfangs alle auf der Probe gehaßt, und es sich später ordentlich gegenseitig vorgeworfen hätten: »Ich hab's ja ganz deutlich gesehen, daß Sie gestern abend über diesen gräßlichen Menschen, den Junkermann, als ?Smid Sunt? die schlapplangen Thränen vergossen haben.« Ich erfuhr auf diese Weise einen bezeichnenden Zug der Schauspieler. Morgens hätten sie mich »lynchen« mögen, abends, um mit meiner Kollegin zu reden, schlich sich einer nach dem andern aus der Kulisse, weil sich einer vor dem anderen genierte, etwa Rührung zu zeigen. Amazon.de Widgets Ich hatte morgens auf der Probe auch ein kleines altes Herrchen bemerkt, das sich ungeniert an die erste Coulisse lehnte und dem etwas lauten Treiben zusah. Wie mit einem Zauberschlage verstummte der ärgste Krawall bei seinem Erscheinen, und sogar der Tenorbuffo heuchelte einiges Können seiner Rolle. Darauf hin sah ich mir das Herrchen mit der Sammetkappe näher an, ohne aus ihm klug zu werden. Bald aber bekam der alte Herr Leben und mischte sich in dies und das hinein. »I wo«, dachte ich, »neben dem dujour habenden Regisseur nun auch noch diese fragwürdige Gestalt?!« Aber es hatte alles Hand und Fuß, was der alte Herr sagte, daß ich begierig wurde, wer er sei. Das Rätsel löste sich bald, als der Regisseur in devoter Haltung zu ihm ging und sagte: »Guten Morgen, Exzellenz!« Nun wurde ich ihm[126] auch vorgestellt, es war: Freiherr Intendant von Lilienkron, den ich bei meinem Antrittsbesuche nicht zu Hause getroffen! Der alte 80jährige Herr hatte trotz seines Alters noch ein paar lebensvolle Augen und einen ganz eminenten Scharfblick für alles, was Theaterwesen heißt. Ueber seine sonst wenig imponierende Persönlichkeit erzählt er selbst ganz allerliebste Anekdoten. So machte er z.B. immer sehr weite Spaziergänge, mit erwähnter Sammetkappe bekleidet, im Winter mit einer schier antidiluvianischen Pelzmütze. Auch erinnern sich die ältesten Bewohner des Städtchens nicht, ihn je anders als in einem grünlich-grauen Rock mit langen Schößen gesehen zu haben. In diesem Anzuge begegnete er einmal im freien Felde einer Altenburger Bäuerin. »Na Alterchen, du gehst wohl spazieren,« redete sie ihn an. »Ja, ja,« sagt Exzellenz in seiner bekannten, lakonischen Weise. Die Altenburger »Bäuersche« hätte aber gern die Unterhaltung fortgesetzt. »Kommst wohl wenig heraus«, sagt sie mitleidig auf ihn herabsehend. »Ja, ja,« murmelt Exzellenz. »Man sieht's dir auch an«, meinte die Bäuersche, »daß du eine sitzende Lebensweise hast, du bist wohl ein Schneider?« »Ja, ja, so etwas der Art«, sagt Exzellenz von Lilienkron und geht lachend seines Weges. Die Altenburger Bäuerinnen sind übrigens eine Sehenswürdigkeit. Wenn so eine »Bäuersche« vor uns einen Berg hinausgeht ? in ihrer mehr als knappen, zumal hinten eng anliegenden Tracht, kommt man nicht aus einem wohlgefälligen Schmunzeln heraus, und ich bin bereit, denjenigen für einen Verläumder zu erklären, der behauptet, das prächtige Rund der Waden der Altenburger Bäuerinnen sei falsch. Es ist die reinste Natur in ihrer außerordentlich entwickelten Gestalt. Exzellenz von Lilienkron hatte ich dann Gelegenheit auch in seinem Familienkreise zu sehen. Im ersten Jahre meines[127] Gastspiels fand in seinem Hause eine Soiree statt, in welcher ich die Ehre hatte, vor dem Prinzen und der Prinzessin Moritz vorzulesen. Ich hatte nachher eine längere Unterhaltung mit den hohen Herrschaften, sie trugen mir Grüße an meinen hohen Gönner, den Prinzen Weimar in Stuttgart auf. Als ich dann später zum zweitenmal in Altenburg gastierte, brachte ich die Grüße des Prinzen zurück, der mir auch einen Brief an den Herzog anvertraut hatte. Der Herzog erteilte mir Audienz und befahl für den folgenden Abend eine Reutervorlesung im Schlosse. Die Frau Prinzessin Moritz empfing mich in ihrem Palais. Wirklich, wenn man von dem kunstsinnigen Hof zu Altenburg redet, so hat, neben dem alle Künste protegierenden Herzog, diese geistvolle, hohe Dame den meisten Anteil daran. Sie ist die Schwester des Herzogs von Sachsen-Meiningen und scheint dessen Interesse für die Bühne zu teilen. Auch Prinzessin Therese, die Schwester der Exkönigin von Hannover, nahm früher regen Anteil am Theater, doch hält eine traurige Ursache sie schon seit einigen Jahren vom Besuch des Theaters fern. In dem Augenblick, da ich dies schreibe, trifft auch die Todesnachricht der Prinzessin Albrecht von S.-Altenburg ein. Ein harter Schlag für das Altenburger Fürstenhaus, welches ohnedies schon in tiefe Trauer gesenkt ist, da der regierende Herzog der Neffe unseres hochseligen Kaisers Wilhelm ist, dessen Tod er schmerzlich tief empfand. Der Herzog ist ungemein leutselig. Zu besagter Vorlesung im Schloß waren Prinz Moritz, Minister v. Leipziger und sämtliche Herren der Hofgesellschaft geladen. Nach der Vorlesung wurde soupiert und Seine Hoheit bewegte sich zwanglos unter seinen Gästen, sich aufs liebenswürdigste mit mir unterhaltend. Anderen Tages begegnete mir der Herzog auf der Straße und rief mir, wie einem alten Bekannten, liebenswürdig zu: »Wir sehen uns heute abend noch!« Er besuchte den Abend mein letztes Gastspiel und beehrte[128] mich dann mit der Verleihung der goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft. In Altenburg nennen sie die Gäste des Hoftheaters: »Knopflochreisende«, es soll aber schon mancher Gast mit leerem Knopfloch abgezogen sein. Ich kann es nicht leugnen, daß es mir große Freude machte, als es bei meiner Abreise von Altenburg in meinem Knopfloche von neuem »bammelte«, und ich trage die Altenburger Medaille als ein mir liebes Symbol der Erinnerung an einen mir leutselig zugethanen Fürsten! ? ? 
 XXII.  [187] Am selben Abend besuchten Bötel und ich die Vorstellung von Blumenthals: »Ein Tropfen Gift«. Schon beim Betreten des Theaters begegnete uns eine Deputation des plattdeutschen Volksfest-Vereins von New-York und Umgegend, welche uns zu einer Empfangsfestivität, die am nächsten Abende in der Beethoven-Männerchor-Halle in der fünften Straße stattfand, einluden. Bötel hatte sich bereits in seine Loge begeben, ich zögerte noch längere Zeit, mit den Herren plaudernd. Als ich nun mit meiner Frau in eine Prosceniumsloge trat ? der erste Akt hatte bereits begonnen ? sah ich gegenüber Bötel sitzen, ein Riesenporträt von ihm hing vor seiner Logenbrüstung, umkränzt von Blumen und Fahnen. Ich wollte mich ruhig, um nicht zu stören, von Direktor Amberg geführt, mit meiner Frau in der Loge niedersetzen, als in die Ruhe des Lustspiels hinein ein schmetternder Tusch aus dem Orchester ertönte. Ich bog mich über die Logenbrüstung und gewahrte nun, daß dieselbe ebenfalls mit Blumen und Fahnen dekoriert und mit einem Riesenportrait von mir behangen war. Die Schauspieler auf der Scene verstummten, das Publikum schrie Hurrah und schwenkte mit Tüchern, Fächern und Handschuhen. Ich sah mich mit fragendem Blick nach Amberg um, der hinter mir in der Loge stand, was das bedeute? »Es gilt Ihnen«, sagte er. Ich fühlte, wie mir das Blut ins Gesicht schoß, ich muß[188] krebsrot gewesen sein. Meine Frau verkroch sich in den Hintergrund der Loge. Auch ich wollte mich verkriechen, aber Amberg stuppte mich fortwährend in den Rücken und flüsterte mir ins Ohr: »Das nützt alles nichts, das muß in Amerika sein, Bötel hat's auch durchgemacht, verbeugen Sie sich nur!« und wie ein Taschenmesser, das man schließen will, drückte Amberg meinen Oberkörper über die Logenbrüstung. Bötel saß mir gegenüber und grinste mich an, sich augenscheinlich an meiner Verlegenheit weidend. »Man tau, man[189] tau«, nickte er mir herüber, als wenn er sagen wollte: »ick hew't ook uthollen möten!« Bötel hatte wenigstens einen Frack angezogen und eine weiße Binde um ? ich war im einfachen Ueberrock; ich drückte mich also so weit herunter, daß man die Formen des Fracks nicht mehr zu sehr vermißte, und verbeugte mich nach dem Parquet und allen Rängen, hochbeglückte Mienen heuchelnd ? in Wahrheit schämte ich mich aber wie ein begossener Pudel! Ich setzte mich nach überstandener Qual nieder. Meine Frau konnte sich um alles nicht entschließen, neben mir Platz zu nehmen, und blieb mit Amberg im Hintergrunde der Loge. Amazon.de Widgets Das Spiel auf der Bühne nahm nun wieder seinen Fortgang, und ich saß in meiner Loge im Kreuzfeuer der auf mich gerichteten Operngucker. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich, daß damals ein zum Tode Verurteilter in den letzten Augenblicken seines Lebens noch der Menge am Schandpfahle gezeigt wurde. So ungefähr kam ich mir vor! Nach dem Theater wollten wir in ein Restaurant gehen, um uns nach den überstandenen Strapazen zu stärken, allein Direktor Amberg dirigierte uns nach Hause und litt absolut nicht, daß wir wo anders hingingen. Meinetwegen, dachte ich, die Qual ist noch nicht zu Ende, und richtig ? kaum zu Hause angekommen, erglänzten Fackeln vor den Fenstern unserer Wohnung, Notenpulte wurden auf die Straße gestellt, das Orchester trat an und brachte uns ein Ständchen. Die Hausthüre öffnete sich, und der Männerchor des Thalia-Theaters brachte uns auch noch seine Sangesovation. Am andern Morgen gehe ich zu Amberg und frage ihn, ob es denn nun genug sei des grausamen Spiels. »Nein«, sagte er, »die Hauptsache kommt morgen abend im Sacred-Konzert.« »Nee«, seeg ick, »ick dhau nu nich mihr mit, de Minsch kann man en bestimmtes Maat von Qual uthollen, wat tau dull is ? is tau dull!«[190] In New-York darf Sonntags keine Theatervorstellung gegeben, wenigstens darf der Vorhang weder aufgezogen noch heruntergelassen werden, und Direktor Amberg arrangiert nun, der Würde des Sonntags entsprechend, in seinem Theater die sogenannten Sacred-Konzerte. In diesen geheiligten Konzerten werden nun die lustigsten Lieder, ja bedenkliche Kouplets gesungen, und allerlei tingeltangelartige Zerstreuung wird dem Publikum geboten, nur ein moralisch gutes Theaterstück darf nicht aufgeführt werden. Das ist amerikanisch und daher der Name Sacred-Konzerte. Wir ? Bötel und ich ? wurden also wieder ins Theater dirigiert. Das Sacred-Konzert war auf dem Zettel als Bötel- und Junkermanns-Empfangsabend angekündigt. Nach der Ouverture mußten wir in unsere Loge treten, wir saßen da wie auf dem Präsentierteller und wurden angespeecht, angesungen und mit Blumen bombardiert, daß mir grün und gelb vor den Augen wurde. Unsere Kollegin Hanne Schatz speechte Bötel, und Kollege Lube mich an. Das Publikum stimmte mit in den Jubel ein und erreichte seinen Zweck. Das amerikanische Publikum applaudiert bei solchen Gelegenheiten so lange, bis man Miene macht, auch einen Speech ans Publikum zu halten. Ich nickte Bötel zu: er möge nur anfangen. Bötel stand auf und sagte: »Reden kann ich nicht, und was ich zu sagen habe, das will ich morgen abend, wo ich als Troubadour auftrete, singen!« »Bravo, Bravo!« gings wieder los. Alle Augen im Auditorium flogen nun von der linken Prosceniumsloge zu mir nach der rechten Seite herüber ? und ich war das Opfer, das reden mußte. Zum Glück bin ich Schlaraffe, und als Oberschlaraffe lernt man mit der Zeit das Reden. Ich schilderte also den mächtigen Eindruck, den alle Zeichen der Liebe des amerikanischen Publikums, namentlich am gestrigen Abende, wo ich schon zum erstenmale aufgetreten war, auf mich hervorgebracht, verhedderte mich aber einige Male derart dabei, daß meine Frau, die[191] wieder in den Hintergrund der Loge sich verkrochen hatte alle Zustände kriegte. Ja du lieber Gott, ich war unschuldig dran, denn aus der Loge im Theater zu sprechen, das lernt man auch in Deutschland in der Schlaraffia nicht. Ich stammelte denn so einige übliche Phrasen von »unvorbereitet, wie ich bin ? wachsen, blühen und gedeihen ? Deutschland in Amerika wiedergefunden ? Gunst noch mehr erwerben«, und setzte mich endlich unter dem frenetischen Jubel des Publikums nieder, worauf das Konzert seinen Anfang nahm. Bötel und ich verschwanden bald, um in die Beethovenhalle zu dem Kommers des plattdeutschen Volksfest-Vereins von New-York zu fahren, wo neue Ovationsattaquen unser harrten. Hier war nun aber alles freiwillig arrangiert, die Geschäftsreklame war aus dem Spiele, und es wurde wieder gemütlicher. Delegierte und Mitglieder aller Vereine hatten sich zahlreich eingestellt, selbst Brooklyn war durch eine Delegation vertreten. Gegen 10 Uhr trafen wir daselbst ein und wurden mit donnernden Hochs empfangen. Präsident John C. Hueser hielt die Begrüßungsrede, welche von uns erwiedert wurde. Dann begann unter der Leitung des Herrn Ernst der eigentliche Kommers, bei dem es an Liedervorträgen, Toasten, Reden u.s.w. nicht fehlte. Als Bötel gesungen und ich einige Reutersche Gedichte vorgetragen, wurden wir zu Ehrenmitgliedern ernannt, und bis spät in die Nacht hinein lernten wir das interessante amerikanische Bankettieren kennen. Wie kurz erwähnt, war ich schon am vorhergehenden Abend, Samstag den 15. Oktober, erstmals als »Onkel Bräsig« aufgetreten. Das Haus war ausverkauft; das Publikum empfing mich mit Liebenswürdigkeiten und Ovationen, die mir unvergeßlich sind. Selbst darüber zu schreiben vermag ich nicht, ich lasse daher einige Auszüge aus den ersten New Yorker Journalen hier folgen. Wer sich für meine amerikanischen Erfolge nicht interessiert, überspringt sie leicht. 
 XVIII.  [146] »Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Sterblichen zu teil!« Werther wurde ein anderer gegen mich ? ich habe nie erfahren warum. Werther selbst fiel gar bald in Ungnade, so daß man jeden Augenblick seinen Rücktritt erwartete ? aber Herr von Werther ist ein außerordentlich kluger Mann, er hielt sich. Man setzte ihm die Hofkammer wieder, wie es bei seinem Vorgänger war, als über ihm stehende Behörde ein, seine Machtvollkommenheit war gelähmt, aber er blieb im Amte. Kathi Frank, die er mit 14000 Mark Gehalt für je 7 Monate während zweier Saisons angestellt, verschwand wieder nach zwei Jahren, obwohl Werther das ganze Repertoir auf ihre Schultern gelegt hatte. Die Hofkammer kann sich nun einmal nicht entschließen, für Künstler dauernd große Gagen zu zahlen, wie andere namhafte Bühnen es zu thun genötigt sind. Ich muß ehrlich sagen, wenn ich Hofkammerpräsident in Stuttgart wäre, ich thäte es auch nicht, denn es lohnt sich nicht in Stuttgart. Dem Neuen ? auch dem Unbedeutenden ? jubelt das Publikum zu, solange es gesperrt gedruckt auf dem Theaterzettel steht, figuriert der Name aber einmal bescheiden in der Rubrik der übrigen, so bleibt das Stuttgarter Publikum empfindungslos. Das Neue hat nur Reiz! Ich will nicht behaupten, daß Stuttgart dem bei ihm lange weilenden Künstler mit der Zeit seine Sympathien entzieht. Stuttgart hängt an seinen Lieblingen, und wenn der Anlaß einmal da ist, zeigt es auch, was es vermag; aber der[147] eigentliche Rapport, der zwischen dem Künstler und seinem Publikum immer bestehen muß, will der erstere Bedeutendes schaffen, ? der fehlt. Wie oft haben wir unser Bestes gegeben und Totenstille im Hause war unser Lohn. Diese stumme Anerkennung entzieht dem Publikum das Beste. Was wir geben, geben wir in der Begeisterung, in der Erregung. Wüßte das Publikum, wie es dem Schauspieler die Lust, die Begeisterung, den Humor entzieht, wenn es guten Leistungen kalt gegenüber sitzt, es würde sich den Genuß nicht oft selbst durch Kälte verkümmern. Wir haben ja keinen anderen Barometer, an dem wir den Grad des Gefallens ermessen können, als den Applaus des Publikums, denn die Claque erfreut uns nicht. Ein vernünftiger Schauspieler schämt sich der Claque, ja er schreckt das Publikum ab, wenn er sich derselben bedient, wenigstens ist es in Stuttgart so. In Wien ist das Claquenwesen außerordentlich ausgebildet, und so mags dort auch einen Sinn bei Premieren u. dgl. haben. Der Chef der Claque macht dort die Proben mit, merkt sich die Stichwörter und die Stellen, wo er seine Arbeit beginnen kann, verteilt dann abends mit Geschick in den verschiedenen Rängen seine Leute und dirigiert von einem Platze aus, wo er von allen Gehilfen gesehen wird, durch bloße Zeichen, nicht durch persönliche Handarbeit. In Wien sind diese Chefs anscheinend seine Leute, sie geben ungeniert ihre Karten ab mit dem Epitethon: Chef der Claque! Die Leute stehen sich dort recht gut, sie beziehen ein regelmäßiges Einkommen von den Bühnenmitgliedern. Amazon.de Widgets Auch in Stuttgart ist so ein Claqueur, aber er ist alles in einer Person: Chef und ausübender Künstler. Jedermann erkennt ihn, und fängt er, meist zur unrechten Zeit, zu applaudieren an, so sieht alles in die dritte Galerie hinauf, wo seine Werkstatt ist, aber jeder Stuttgarter schämt sich mit einzustimmen. Der Mann lebt dürftig von seinem Gewerbe, sehr dürftig, aber er lebt. Der Schauspieler ist einmal so und glaubt, er brauche[148] den Applaus zum Imponieren bei seinem Chef oder zur Erlangung besserer Kontraktsbedingungen. Armer Stuttgarter Chef der Claque, du hast noch niemandem Vorteile geschaffen, im Gegenteil, du machst deine Klienten, wie du sie nennst, lächerlich, indem du die Aufmerksamkeit des Publikums auf dich ziehst! Stuttgart applaudiert selten, aber wenn es herzlich gemeint ist, so hört man es heraus und es klingt dann überzeugender, als deine alten, kraftlosen Hände es je auszudrücken vermögen. Der alte Mann hat mir immer leid gethan, daß er seine Thätigkeit so viele lange Jahre dem Stuttgarter Hoftheater gewidmet hat. Er hat die im ewigen Kreislaufe sich wiederholenden Stücke so oft gesehen, daß er in der Vorstellung meistens einschläft, dann den richtigen Moment verpaßt, und erst durch den Applaus des Publikums zu seiner Thätigkeit aufgeweckt wird. ? ? Oft schwebte ein Unstern über den Vorstellungen im Stuttgarter Hoftheater. »Die große Glocke« von Blumenthal wurde gegeben. Kollege Kaufmann steht auf der Scene. Frau Stefan mußte auftreten, hatte aber diese Scene vergessen und war in die Garderobe gegangen, sich zum folgenden Akt umzukleiden. Nachdem Kaufmann das Stichwort für Frau Stefan gebracht, diese aber nicht auftrat und bereits eine längere Pause im Dialog entstanden war, extemporiert Kaufmann in einem fort: »Sie kommt ? ich höre sie schon ? ja, ja, sie ist's ? sie muß kommen ? da ist sie ? ja sie kommt, jetzt kommt sie!« Frau Stefan kam aber doch nicht, und nachdem der sehnsüchtig harrende Kaufmann sich mit allen Variationen über »sie kommt, sie kommt« ausextemporiert hatte, und Frau Stefan immer noch nicht kommt, geht er, betrübt und verzweiflungsvoll zwischen den Scenen murmelnd: »sie kommt doch nicht,« ab. Der Vorhang senkt sich auch verzweiflungsvoll herab und das Publikum fängt über den eigentümlichen Aktschluß, den Blumenthal übrigens nicht wirksamer hätte schreiben können, herzlich zu lachen an.[149] Der Geh. Hofrat von Werther stürzt auf die Bühne: »Herr Richter, was ist das für eine Wirtschaft?« Der Scenerieinspektor Richter steht händeringend vor der Garderobenthür der Frau Stefan und ruft dem Intendanten entgegen: »Sie hat sich zu früh umgezogen!« Frau Stefan ruft aus ihrer Garderobe im jammernden Tone: »Niemand herein, ich kleide mich um!« Frau Stefan bekommt den Weinkrampf, das Publikum draußen lacht immer noch und harrt der Dinge, die da kommen sollen. Richter tritt endlich im Frack, den er für alle Eventualitäten immer bei sich haben muß, vor den Vorhang und annonciert: »Ich habe die Ehre dem Publikum anzuzeigen, daß Frau Stefan von plötzlichem Unwohlsein befallen ist, sie wird aber, nachdem sie sich erholt, ihre Partie doch noch zu Ende spielen und bittet nur um gütige Nachsicht.« Der Vorhang geht wieder in die Höhe, Frau Stefan tritt ganz consterniert, in der Hast und Kopflosigkeit mit einem schwarzen und einem weißen Schuh bekleidet, die Taille nur halb zugeschnürt, auf, und spielt mit dem heftigsten fingierten Unwohlsein unter lebhaftem Bedauern des Publikums ihre Partie zu Ende. Nach solchen Vorkommnissen versendet die Hoftheaterkanzlei andern Tags ihre ominösen roten Strafbriefe ? auch Frau Stefan erhielt für ihre fingierte Krankheit diesen Liebesbrief im roten intendanzlichen Couvert! ? »Der letzte Brief« wurde gegeben zu einer Zeit, wo das Stuttgarter Hoftheater unter seinen Mitgliedern viele Doktoren zählte. Da war Dr. Löwe, Dr. Herzfeld, Dr. Kaser, Dr. Pockh und andere. Der Scenerieinspektor Richter ist ein sehr höflicher Mann und redet, wem's zukommt, stets »Herr Doktor« an. Es entsteht eine Pause in der Aufführung des »letzten Brief«. »Herr Doktor Sie kommen, Herr Doktor Sie kommen!« ruft Richter. Ja, welcher Doktor kam nun? Dr. Herzfeld stand an der Mittelthür, Wentzel als Doktor[150] im Stück neben ihm, Dr. Kaser war in der Garderobe. Nachdem niemand Miene machte heraus zu gehen, tritt Wentzel im Glauben, der Ruf: »Herr Doktor Sie kommen« hätte ihm gegolten, auf, den Hut in der Hand. Als Frau Rosenberg, die Souffleuse, ihn sieht, winkt sie aus Leibeskräften aus dem Souffleurkasten, er solle abgehen. Wentzel bemerkt es nicht, und da ihm die Souffleuse nicht anschlägt, weiß er nicht was er thun noch reden soll, und ruft endlich verzweiflungsvoll: »Ja wird denn heute nicht gesp?ei?st?« und dehnt die letzte Silbe seines extemporierten Satzes ins Unendliche, als müsse sich unterdessen was ereignen, was ihn aus der peinlichen Situation ziehen sollte. »Abgehen, abgehen,« ruft ihm die Souffleuse zu, »gehen Sie doch weg, Sie kommen ja gar nicht!« Und als nun niemand Wentzel die Frage beantwortet, ob heute nicht gespeist wird, setzt er gravitätisch den Hut auf, macht auf dem Absatz Kehrt, und geht mit den Worten: »Na dann geh ich wieder,« unter herzlichem Gelächter des Publikums ab. Mittlerweile war Herr Heuberger, ein alter Kollege, der rettend auf den Ruf des Inspizienten eingreifen wollte, in die Garderobe des Dr. Kaser gestürzt: »Herr Doktor, Sie kommen, Herr Doktor, Sie kommen.« Kaser steht in Unterbeinkleidern, im Umziehen begriffen, da, und glaubt, er habe seine Szene versäumt. »Um Gotteswillen, einen langen Rock, eine Mönchskutte, eine Mönchskutte!« ruft er. Die Garderobiers stürzen zu allen Thüren hinaus und wollen das verlangte, rettende Kleidungsstück herbeischaffen; endlich findet einer derselben eine Mönchskutte und wirft sie Dr. Kaser über den Kopf; sie ist aber zu kurz, die Unterbeinkleider sind immer noch sichtbar. Kaser stürzt mit geknickten Beinen, damit die Mönchskutte den Boden erreicht, über den Korridor der Bühne zu und will in diesem Ko stüm auftreten. Richter fällt ihm um den Hals, um ihn am Auftreten zu verhindern. Zum Glück hatte der Akt mittlerweile sein Ende gefunden, und der Vorhang bedeckte die Szene. Dr. Kaser war gar nicht erforderlich gewesen, Dr. Herzfeldwar der vom Inspizienten so heiß ersehnte Doktor. Am andern Tage bekam Herzfeld seinen roten Brief. ? ? Amazon.de Widgets Bei einer Aufführung von »Kabale und Liebe« meldet ein Dienerstatt: »Mamsell Millerin« den »Hofmarschall von Kalb« an. »Lady Milford« konnte daraufhin nun nicht wohl sagen: »Die Mamsell mag eintreten«. Als der Chorist seine falsche Meldung abgegeben, sieht ihn Lady Milford (Frau Wahlmann) verdrießlich an, und flüstert ihm leise zu: »Mamsell Millerin!« Der Chorist bleibt stumm, die Kammerzofe souffliert ihm ebenfalls: »Mamsell Millerin«. Der Chorist glaubt sich aber im Recht und wird verdrießlich, daß er nicht abgeschickt wird und ruft nochmals laut und wütend: »Der Herr Hofmarschall von Kalb«. Frau Wahlmann weiß sich nicht mehr zu helfen, und mit einer ihr eigenen heroischen Armbewegung sagt sie gleichfalls ganz wütend: »Nun, so laß die Mamsell eintreten«, und Fräulein Kathi Frank wurde als Louise mit demselben Gelächter empfangen, als wenn der Hofmarschall von Kalb aufgetreten wäre. Später hat der Diener den Hofmarschall wirklich zu melden, und als dies geschah, steigerte sich, im Glauben es kommt noch eine Mamsell die Heiterkeit des Publikums noch mehr, und ich glaube Kollege Kaser ist nie mit schallenderem Gelächter empfangen worden als an diesem Abend, als »Mamsell Hofmarschall von Kalb!« ? Unter Werther wurde auch »Robert und Bertram« wiederholt. Es ist bekannt, daß am Schluß des zweiten Akts die lustigen Vagabunden auf den Pferden der beiden Gensdarmen hoch zu Roß entfliehen. Nun sollte aber bald darauf »Rienzi« mit prachtvoller Ausstattung in Scene gehen. Herr von Werther, der sich für die Oper interessierte, wie für alles, was im großen Stil angelegt war, wollte nicht, daß wir dem Volkstribun, der bekanntlich auch zu Pferde erscheint, diesen famosen Effekt vorher schädigen sollten. Es wurde beschlossen, daß wir auf den Schultern einiger handfesten Theaterarbeiter rittlings sitzen sollten, denn da wir hinter einer Mauer ritten, konnte das Publikum, dem man ja so oft ein X für ein U[153] vormacht, zur Not getäuscht werden. Aber Herr von Werther denkt ? und das Schicksal lenkt! Die perfide Mauer stürzt gerade in dem verhängnisvollsten Moment, als wir vorbei ritten, um, und das Publikum sieht uns, statt auf hohen Rossen, ganz vergnügt auf den Theaterarbeitern sitzen. Kein Mensch soll mehr gelacht haben, als ? Herr von Werther. So exakt und streng er war, wenn er sich für eine Vorstellung interessierte, so wenig entrüstet war er, je mehr drunter und drüber es ging, wenn ihn eine Vorstellung nicht interessierte. Ich habe mich nie um Werthers Vorgeschichte und die zahllosen Klatschereien, die über ihn kursierten, gekümmert. Seine Vorliebe für gewisse Personen will ich auch nicht erörtern; aber welche Lust, welchen Eifer, hätte er in uns bei seinen bedeutenden Fähigkeiten entzünden können, wenn er nicht so schnell erlahmt wäre und alles hätte gehen lassen wie es Gott und seinen Regisseuren gefiel. Vielleicht hing letzteres mit der Ungnade,[154] die ihn damals von oben herab traf, zusammen. Gerade von Werther hatte ich für mich so viel erwartet, und meine letzte Hoffnung auf ein Besserwerden am Stuttgarter Hoftheater schwand mit ihm! ? Amazon.de Widgets Also Werther fiel in Ungnade, und auffallend war es mir, von der Zeit an stellte er auch mich kalt, ließ fremde Komiker, wie Girardi und Schweighofer, kommen und suchte mich dem Publikum zu entfremden. Ich bin mir heute noch nicht klar darüber, ob er Weisung von oben dazu hatte, oder ob er aus eigener Initiative zu meiner Kaltstellung griff. Das anonyme Briefschreiben ist ein Kultus, der mit zäher Ausdauer, so lange ich denken kann, am Stuttgarter Hoftheater betrieben wird. Werther hat manchen anonymen Brief, der den Zweck hatte, mich zu stürzen, bekommen ? aber das hatte ihn, der so reich in diesen Erfahrungen ist, wohl nicht verstimmt, dazu war er zu bewandert, zu vernünftig; er zeigte mir oft lachend so ein anonymes Opus ? aber ob nicht in die maßgebenden Beamtenkreise diese anonymen Briefe gedrungen sind und dort zerstörende Wirkung ausgeübt haben, das weiß ich nicht, ich hörte nur zufällig manchmal von dem Vorhandensein dieser Briefe. ? ? ? 
 IV.  [29] Unglückliches Wiedersehen im Vaterhause! Mein Vater war unglücklicher als ich selber. Was nun? Als wir diese Frage ventilierten, riß uns eine Einberufungsordre aus allem Nachdenken. Die preußische Artillerie wurde mobil gemacht und man konnte mich absolut dabei nicht entbehren. Ich ward wieder Soldat. Fünfzehn Monate brauchte man, um mich kriegstüchtig zu machen, und als ich endlich soweit wieder war, jedem Feinde die Spitze bieten zu können, wurde abgerüstet und wir konnten wieder nach Hause gehen. So ist mir's wiederholt ergangen, es wollte mir nie gelingen, meine militärischen Talente zu verwerten. Ich war mittlerweile zu alt geworden, um einen andern Beruf zu wählen und fristete nun mein Leben in kläglichen Engagements, wie Schleswig, Wolfenbüttel, Annaberg, Plauen etc. In Schleswig krachte der Thespiskarren wieder ganz bedenklich, so daß ich genötigt war, mich zu Fuß auf die Wanderschaft zu begeben. Ich kam bis Altona ? hier war der letzte Groschen verzehrt. Ich kehrte ohne einen Pfennig in der Tasche in einem Gasthaus der untersten Sorte ein. Als ich am andern Morgen mein Logis und meine Tasse Kaffee nicht zahlen konnte, erklärte mir der Wirt, daß ich ausziehen müsse, und daß ohne Barzahlung mir keine Speisen und Getränke mehr verabreicht würden. Traurig wanderte ich über St. Pauli nach Hamburg. Von einem dortigen Theateragenten wurde mir ein Engagement nach Crefeld offeriert. Wie gern hätte ich das Gebotene acceptiert, allein wie nach Crefeld kommen? Mein[30] bißchen Garderobe war in Schleswig versetzt. Ich besaß nichts als einen treuen Hund, einen Spitz, den ich mir in Schleswig angeschafft, und der sich selbst bei schmaler Kost nicht von mir trennen wollte. Ich hatte es versucht, das Tier bei einem Schneider in Schleswig zurückzulassen, bei dem ich gewohnt hatte, allein ich hatte kaum die Thore der Stadt verlassen, als der treue Hund mir nachgelaufen kam und mit einer Freude an mir heraufsprang, daß ich es nicht vermochte, ihn zu seinem neuen Besitzer zurückzubringen. »Zieh mit mir in die Welt,« sagte ich ihm, »ich will mit dir teilen, was ich habe.« Allein ich hatte nichts, und das läßt sich schwer teilen. Als ich von Altona nach Hamburg ging, ließ ich Spitz zu Haus. Der Agent riet mir, ich sollte mich an Herrn Gloy wenden, der damals den Unterstützungsfonds des Hamburger Stadttheaters verwaltete. Schüchtern trat ich bei Herrn Gloy ein und brachte meine Bitte vor ? ich wurde abgewiesen. Ich wollte einen Revers ausstellen, durch welchen ich das vorzuschießende Reisegeld nach Crefeld von meiner dortigen Gage mir in Abzug bringen lassen wollte, ? es war alles umsonst, der Unterstützungsfonds war erschöpft und mir konnte nichts gegeben werden. Es ist das einzige Mal in meinem Leben gewesen, wo die Not mich trieb, eine Unterstützung zu erbitten. Zum Kollektenmachen beim Theater gehört aber auch ein besonderes Talent. Die Schauspieler sind fast alle mildthätige Menschen, aber ein verschämter Armer findet schwer Unterstützung bei ihnen, das Unglück muß einem auf dem Gesichte stehen oder wenigstens muß man es schildern können, daß es Herzen erweicht ? dann aber gibt der Künstler auch seinen letzten Pfennig, selbst dem Unwürdigen. Ich habe sogenannte Kollektenbrüder kennen gelernt, die Jahre lang außer Engagement waren und durch Kollekten ein weit ergiebigeres Einkommen sich schafften, als dies ein gutes Engagement zu thun imstande gewesen wäre. Mich hat nun der Himmel mit einem gesunden Aeußern immer erhalten ? ich mußte wohl nicht den Eindruck eines Hilfsbedürftigen[31] auf Herrn Gloy gemacht haben. Mit Verzweiflung im Herzen kehrte ich nach Altona in mein Hotel zurück, und schlich mich auf mein Zimmer, um vom Wirte nicht gesehen und hinausspediert zu werden. Spitz empfing mich mit wahrem Geheule ? es war Freude und Hunger! Sorgenvoll lehnte ich den Arm auf den Tisch, den Kopf, der keinen Ausweg zur Rettung mehr fand, darauf stützend. Spitz sprang auf meinen Schoß und leckte mir die Hand, als wollte er mich trösten. »Komm, Spitz,« sagte ich, »wir wollen zu Bette gehen ? im Schlaf vergessen wir den Hunger!« Spitz lag im Bett zu meinen Füßen, ich konnte nicht schlafen ? diese Nacht war die schrecklichste meines Lebens. Mir schwirrte es immer durch den Sinn: Amazon.de Widgets »Wer nie sein Brot mit Thränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!« Ja, guter Goethe ? ich habe sie kennen gelernt. Du sprichst von Brot mit Thränen genossen ? ich hatte nicht einmal Brot, nur Thränen! Am andern Morgen faßte ich den Entschluß, mein Ende standhaft und geduldig abzuwarten, wie es mir das Schicksal bescheiden wollte. Ich blieb den Tag über im Bette liegen, ich fühlte mich matt. Spitz sah mich trauriger an als tags zuvor, er winselte wohl vor Hunger ? aber er murrte nicht. Ich nahm das Tier in meinen Arm: »Komm, Spitz, die Welt mag uns nicht mehr!« Trübe Gedanken beschlichen mich, ich war dem letzten Schritte nahe! Meinem Vater wollte ich meine Lage nicht mitteilen ? ich hielt mich für verloren und wollte sterben. Der dritte Tag kam heran, es war bereits Nachmittag. Der unbarmherzige Wirt hatte mir durch einen Hausdiener sagen lassen, wenn ich nicht am nächsten Morgen sein Haus verlasse, wolle er zur Polizei schicken. Am Nachmittagedes dritten Tages nun pocht es an meine Thür, Spitz bellte noch ? aber matt ? ich rufe »Herein!« Ein Fremder tritt ein: »Entschuldigen Sie, ich höre vom Wirte unten, Sie sind vom Theater!« »Jawohl,« sage ich, »ich bin der Schauspieler Junkermann.« »Ach,« seufzt er, »ich bin der Theatermeister Ellwanger, ich komme von Husum, unser Direktor hat Pleite gemacht, ich habe mir bis hierher geholfen und wollte Sie um eine kleine Unterstützung bitten, damit ich doch weiter reisen kann!« ? »Wollen sie meinen Hund?« fragte ich, »verkaufen Sie ihn. Das Tier geht sonst mit mir zu Grunde.« »Ach,« meinte er, »wer kauft den Köter?« Und ich fand ihn doch so hübsch! Als der Mann mein Geschick vernommen, daß ich drei Tage selber nichts genossen, vergaß er sein eigenes Leid, stürzte fort und kehrte nach Verlauf einer Stunde mit einem Paket zurück. Spitz sprang auf ihn zu, wedelte mit dem Schwanze und schnüffelte an dem Paket herum. »Ja, du bekommst auch,« sagte Ellwanger, »aber erst dein Herr!« Der gute Ellwanger, der neben seiner Eigenschaft als Theatermeister in großen Ritterkomödien mit starkem Personal auch als Schauspieler mitzuwirken gewohnt war, besaß als Garderobeinventar ein paar kunstvoll aus Papier geschnittene Ritterfedern fürs Barett, die sich jeder Schauspieler laut Kontrakt selber halten muß. In jener Zeit trug man noch diese Federn aus buntem Papier geschnitten, die Bühnenbeleuchtungsapparate jener Zeit gestatteten solche Täuschung noch. Diese Federn, als das letzte, was er besaß, hatte er in aller Eile dem Direktor des Elisiumtheater auf St. Pauli (Dannenberg) verkauft. Einen geeigneteren Käufer konnte er nicht finden als Dannenberg. Obs heute noch so ist, weiß ich nicht, aber zu jener Zeit stand der Direktor dieses Theaters auf St. Pauli[34] meist im Ritterkostüm vor seinem Theater und rief: »Immer 'rein, immer 'rein, meine Herrschaften, sogleich beginnt das große Trauerspiel ?Die Räuber von Schiller?, ein höchst wördiges Stück für jedermann, immer 'rein, immer 'rein!« Solcher wördigen Stücke wurde jede halbe Stunde eins aufgeführt ? infolgedessen hatte der Mann starken Verbrauch an Barettfedern. Ellwanger hatte für ein paar Schillinge seinen Federschmuck ihm verkauft. In Hamburg war damals die erste Pferdeschlächterei eingerichtet worden und Pferdefleischwurst war außerordentlich billig. Ellwanger brachte ein ganzes Paket solcher Würste mit. Ich habe später oft an manchem lukullischen Mahle teilgenommen, habe an fürstlichen Tafeln gesessen, aber wie diese Pferdewurst hat mir nie wieder etwas geschmeckt. Mein Spitz teilte diese Ansicht wie die Wurst mit mir. Nachdem ich mich nun mit Ellwanger näher ausgesprochen, und in ihm wahrgenommen, daß es doch noch gute Menschen gab, faßte ich auch wieder Lebensmut. Ich wandte mich an eine Tante in Pr.-Minden, entdeckte ihr meine Lage, und sie half. Ellwanger bekam ein Engagement nach wenigen Tagen, ich ließ durch ihn meinen einzigen Rock versetzen, zahlte dem Wirt mit dem Erlöse unser Logis, blieb in Hemdsärmeln ein paar Tage zu Hause, bis der Geldbrief von meiner guten Tante ankam, löste meinen versetzten Rock wieder ein, und nahm von Ellwanger Abschied wie von meinem besten Freunde. War er doch mein Lebensretter geworden! .. Nach langen Jahren habe ich ihn in Stuttgart wiedergesehen, er besuchte mich, als ich in besseren Verhältnissen war. Nie hat mein Haus größere Festtage gesehen, nie habe ich einen Freund wärmer ans Herz gedrückt. Unsere Lebensstellungen gingen später weit auseinander ? ich habe ihn dann nie wiedergesehen, aber wenn er noch lebt und dies liest, so möge er sich melden, ? ich will ihm alles vergelten; denn der Name Ellwanger steht mit Flammenschrift in meinem dankbaren Herzen geschrieben! ? ? Ich trieb mich lange noch nach dieser Hamburger Katastrophe[35] an kleinen Bühnen herum, und lernte alle Not der »Thespiskarrenschieber« kennen, bis ich endlich in St. Gallen das erstere bessere Engagement fand. Spitz hat mich begleitet bis an sein Ende. Er starb in Kempten zu einer Zeit, als der dortige Direktor Spielberger seine Zahlungen einstellte und wir auf Teilung weiter spielten ? Spitz hat traurige Zeiten mit mir durchlebt, aber das Unglück und die Not hatten uns fest aneinander gekettet. Ich bin Liebhaber von Hunden ? ein treueres Tier als dieses habe ich nie wieder besessen. Es sind dreißig Jahre darüber vergangen, aber ich sehe heute noch den Blick des dankbaren Tieres, als es sich in Kempten in seiner Todesstunde von seinem Krankenlager erhob, das es tagelang nicht verlassen, seinen Kopf mühsam zu mir wandte, um mir mit seinem letzten stummen Blicke zu sagen: Ich danke dir für deine Pflege, für alles Gute, was du an mir gethan! ? Es mag Leute geben, die über solche Sentimentalität lachen ? ich habe bitterlich über den Verlust des Tieres geweint!! 
 III.  [22] Es war im Jahre 1854, als ich in Trier zum erstenmale als bezahlter Schauspieler die Bühne betrat und zwar in der Rolle des »Manasse van der Straaten« in Gutzkows »Uriel Acosta«. Zum erstenmale wurde mir der Unterschied zwischen Dilettant und Künstler klar. Wo waren meine braven Artilleristen mit den ausgiebigen Händen zum Beifallklatschen? Mein Publikum in Wesel und Münster, das mich so überschüttet mit Beifall ? wo war es? Wie habe ich es herbeigesehnt! Wenn der Dilettant in einem Liebhabertheater vor sein Publikum tritt, in den Kreis seiner Bekannten und Freunde, wie jubelt ihm da alles zu, wie täuscht sich das Publikum selbst, wenn es bereit ist, das Prädikat »ausgezeichnet« sofort in Anwendung zu bringen, wo doch meistenteils der göttlichen Kunst nichts als eine Verhöhnung zuteil wird. Du lieber Gott, wie hilflos stand ich vor dem Trierer Publikum, unter dem mich niemand kannte, niemand mir Wohlwollen entgegenbrachte. ? Ich sehe mich heute noch, wie ich bald den einen, bald den andern Arm wie einen Windmühlflügel hob, bald einen Schritt vor, bald einen rückwärts, aber niemals seitwärts machte, um mich nicht, wenn ich die Fassung ganz verlor, zu weit von dem rettenden Souffleurkasten zu entfernen. Meine Sinne vergingen mir, die Liebhabertheaterroutine nützte mir gar nichts mehr ? es ist ein himmelhoher Unterschied zwischen Liebhaberei und Broterwerb ? ich konnte absolut die Würde des alten Van der Straaten nicht herausbringen. Erst vernahm ich ein Kichern, später ein herzliches, um nicht zu sagen[23] höhnisches Lachen im Auditorium ? ich ging ab, und jenes ominöse Zischen, das den Schauspieler empfindlicher berührt, als den Reisenden das Zischen einer Lokomotive, wenn er den Zug verpaßt, begleitete mich bis in die Garderobe. Im Zwischenakt kam der Direktor Werdermann auf die Bühne. Der Mann war bisher so freundlich, sein Benehmen das eines Kavaliers, er war preußischer Lieutenant gewesen und aus guter Familie, aber den Blick, den der Mann mir zuwarf, vergesse ich nicht ? er war zu schrecklich; so voller[24] Vorwürfe, so voll Verzweiflung hatte mich mein Hauptmann in Münster nicht angesehen, als ich Komödie gespielt hatte. Ich kam mir vor, als hätte ich durch mein entsetzliches Debüt die Direktion des Stadttheaters in Trier ruiniert. So weit ich dieses Theater kennen gelernt, sind zum Glück geringfügige Anlässe genügend, um seinen Ruin herbeizuführen. Das Publikum in Trier interessiert sich nicht sehr für Theater und mancher Direktor ist dort zu Grunde gegangen, auch der meinige verfiel später diesem Schicksal; ob ich die Ursache war, ist mir nie recht klar geworden. Amazon.de Widgets Die Kritik in der Trierer Zeitung feierte mein erstes Debut mit folgenden Worten: »Herr Junkermann, unzweifelhaft noch ein junger Anfänger, spielte den Manasse van der Straaten ? wir hoffen, diesen biedern Mimen zum ersten und letztenmale auf unserer Bühne gesehen zu haben.« Am andern Morgen erhielt ich natürlich meine Kündigung, denn ich war dem Direktor die 18 Thaler Monatsgage, die ich beziehen sollte, offenbar nicht wert. Trübe Stimmungen und harte Zeiten kamen über mich. Gleichwohl trat bald nachher ein Umstand ein, der mir zu statten kam, weil er mich auf die Bahn führte, auf welcher mir dankbarere Aufgaben erwachsen sollten. Es erkrankte der Komiker der Trierer Bühne, Weirauch (ein Bruder des weiland berliner Possendichter und Komiker Weirauch); der Zettel von dem Feldmannschen Lustspiel »Der Sohn auf Reisen«, in welchem Stücke Weirauch abends den Peter spielen sollte, war bereits ausgetragen, als Weirauch plötzlich starb. Ich hatte die Rolle auf meinem Repertoire stehen ? hatte sie nicht gelogen, sondern wirklich gespielt auf dem Artillerie-Liebhabertheater zu Wesel, der alte Major v. Derschau und der Oberstabsarzt Deetz hatten ihre helle Freude daran gehabt. Der Direktor Werdermann schrieb mir also in seiner Not um die Abendvorstelluug, ob ich die Rolle nicht übernehmen wolle. Er wolle mir auch einen Thaler dafür als[25] Honorar geben, ich möge ihm nur die Vorstellung retten, es könne mir ja egal sein, ob ich nochmals verhöhnt würde, ich hätte dann doch einen Thaler und könnte damit bis zum nächsten Theaterorte reisen, um dort mir durch Kollekte weiter zu helfen. Ich machte seine Logik auch zu meiner eigenen. Meine vierzehntägige Kündigungszeit war vorüber, ich saß schon einige Tage ohne Verdienst in Trier, meine Ersparnisse waren aufgezehrt ? Hunger thut weh ? ich griff zu und acceptierte den Vorschlag, machte schnell Probe, die Rolle konnte ich gut auswendig, und wagte mich damit abermals auf die weltbedeutenden Bretter mit einem Thaler Honorar in Aussicht. Ich wollte mir auf den Thaler einen kleinen Vorschuß geben lassen ? der Direktor lehnte aber ab, er traute mir wohl nicht und befürchtete, ich würde vor der Vorstellung damit durchgehen. Vor dem Theater in Trier lag damals eine Wirtschaft, in der man guten Apfelwein trank. Hammer hieß der damalige Wirt. Der gute Mann borgte mir bis nach dem Theater, wo ich mein Honorar erhielt, das Getränk, dessen ich zur Stärkung und zur Erlangung des nötigen Mutes zu meinem Vorhaben bedurfte. Der Apfelwein, zu viel genossen, giebt eine rabiate Stimmung, ich trank mir Mut, weil ich glaubte, ich könne ohne diesen meine Aufgabe des Abends nicht erfüllen ? ich trank beinahe zu viel ? allein ich war nun erst in der richtigen Stimmung, in die mich der Direktor durch seinen Brief versetzen wollte, und ich phantasierte auf dem Wege vom Wirtshause bis zur Garderobe von nichts anderem als von den Erfolgen des Peter auf dem Weseler Liebhabertheater, dachte mir, warum sollen in Trier die Menschen so ganz anders als in Wesel sein, laß sie doch lachen, 's ist ja eine komische Rolle, und mit einer Frechheit trat ich vor die Rampen, um die ich mich in späteren Jahren oft beneidet habe. Jugend, Verzweiflung und Apfelwein ? sie vermögen viel! Ich spielte, man lachte, ich wurde dreister, man rief mich nach dem ersten Akte heraus ? ich gefiel, man rief mich zum[26] Schlusse des Stückes nochmals, die guten Trierer hatten einen vergnügten Abend verlebt ? und ich auch. Am andern Tage schrieb die Kritik: »Wir müssen unser hartes Urteil über Herrn Junkermann zurücknehmen und alles auf die Direktion wälzen, die es nicht verstand, den jungen Mann in dem ihm zusagenden Fache zu verwenden.« ? Donnerwetter, war ich stolz! Ich ging spazieren, um mich sehen zu lassen, da begegnet mir der Theaterdiener mit einem Briefe der Direktion an mich in der Hand, er gibt ihn mir, ich öffne und lese: »Geehrter Herr! Wenn Sie für 12 Thaler monatlicher Gage im Engagement verbleiben wollen, nehme ich meine Kündigung zurück. Werdermann, Direktor.« Ich blieb, bekam komische Rollen und gefiel auch noch mit 12 Thaler Gage. So unglaublich es heute klingt, man konnte damals in Trier mit 12 Thaler monatlich leben, ja ich habe mir noch ein paar Pfennige dabei gespart! Allein Trier ist nun einmal eine Stadt, die nicht die ganze Saison Theater liebt, der Direktor Werdermann mußte wie so viele seiner Vorgänger und Nachfolger die Trierer Bühne mitten in der Saisen wegen Mangels an Besuch schließen. Das Personal zerstob in alle Winde. Wer sich retten konnte, that es. Der eine zog ins Vaterhaus, der andere in ein neues Engagement, und wer beides nicht hatte, suchte sich durch Vorstellungen auf eigene Faust arrangiert, das Leben zu fristen. So ging mir's. Zu meinem Vater wollte ich nicht zurück, ich hatte ohne seinen Willen meine Laufbahn gewechselt ? ich wollte ihm nicht mehr zur Last fallen. Ein in früherer Zeit und in seiner Art berühmter Schauspieler namens Dotter vereinigte sich mit mir und einer Sängerin, Riefenstahl, zu einer Konzert-Tournee. Herr Dotter hatte als »Essighändler« und »Viehhändler von Oberösterreich« eine gewisse Berühmtheit in der Theaterwelt erlangt, als Deklamator mangelte ihm jedoch jeglicher Ruf. Er meinte, ohne Subskription zögen wir das Publikum der Kleinstädter nicht[27] in den Konzertsaal; ich besaß noch einen braunen, halbrund weggeschnittenen Frack mit goldenen Knöpfen, und mit diesem Kleidungsstück angethan hielt mich Herr Dotter für außerordentlich geeignet, von Haus zu Haus mit dem Subskriptionsbogen zu laufen, um die Leute zu uns ins Konzert zu locken. Ich hatte damals den »Rummel« nicht los, unsere Ware anzupreisen, und meistens wurde ich mit den lakonischen Bemerkungen: »Bettelei, hier wird nichts gegeben« ? »Das geht den ganzen Tag hier so« ? abgewiesen. Wenn ich dann abends mit dem mageren Subskriptionsbogen ins Hotel kam, empfing mich Herr Dotter mit saurer Miene und meinte: »Damit können wir ja nicht einmal unsere Hotelrechnung bezahlen.« Amazon.de Widgets Ich muß hier bemerken, daß Herr Dotter die reine Falstaffnatur war ? er war so dick, wie ich später nie durch unmenschlich starke Wattierungen die Fallstaffmaske fertig gebracht,[28] und als Schlemmer war er Fallstaff auch »über!« Während ich im Schweiße meines Angesichts die wenigen Groschen zusammenbrachte, hatte Dotter das zehnfache verzecht, die Verzehrungskosten wurden gemeinschaftlich getragen und zuerst von der Totaleinnahme in Abzug gebracht. Du lieber Gott, es ist nie zu einem Ueberschuß gekommen! Das Unternehmen verkrachte, und ich flüchtete mich zu einer mitleidigen Tante in Aachen, die mich zu meinem Vater nach Bielefeld spedierte. 
 XII.  [95] Der Regisseur Gerstel erkrankte und erhob sich nicht wieder von seinem Krankenlager, auf das ihn der Zahn der Zeit geworfen. Ueber 30 Jahre hatte er dem Verbande des Hoftheaters angehört. In seiner Rüstigkeit war er ein vorzüglicher Baßbuffo, ich habe ihn noch als Bartolo im »Barbier von Sevilla« gehört, und mir wird diese Leistung unvergeßlich bleiben. Das Alter freilich hatte ihn später stumpf gemacht, Stuttgart hat ihn aber in seiner glänzendsten Zeit, im Vollbesitz seiner Künstlerschaft kennen gelernt. Ich hatte ja durch ihn vielen Aerger, wozu auch manches Mißverstehen meinerseits beitragen mochte, ich wurde durch ihn künstlerisch gedrückt ? aber doch blutete mir bei seinem Hinscheiden das Herz, als ich sah, wie ein Mann begraben wurde, der zu Stuttgarts Lieblingen gezählt hatte. Kaum zwölf Personen folgten dem Sarge; sang- und klanglos wurde ein Mitglied eingescharrt, das über drei Dezennien dem dortigen Hoftheater sein Bestes gegeben. Wie anders ist es in anderen Städten, Wien, Berlin etc. Stirbt dort dem Publikum einer seiner beliebten Künstler, trauert die ganze Stadt, der Kirchhof vermag die Zahl der Leidtragenden nicht zu fassen, und in kürzester Frist ist eine genügende Summe zusammengebracht, um den Toten durch ein Denkmal zu ehren! Nach Gerstels Tode fiel die Regie des Schauspiels fast ausschließlich an Herrn Pauli. Zwar war ja noch von alter Zeit her Herr Dr. Löwe als Regisseur engagiert, den man wegen seiner Machtstellung, die er unter früherem Regime innehatte, »den[96] allvermögenden Lord Leicester« nannte, und der, wie man sagt, in seiner Glanzzeit sich einen Kontrakt zu verschaffen gewußt hat, welcher ihn der Intendanz ganz souverain gegenüberstellt. Aber der Dr. Löwe ist ein außerordentlich kluger Mann, er sitzt auf seinem festen Kontrakt, den nur er, wie man sich wenigstens erzählt, und nicht die Intendanz, in Pension auflösen kann. Er ließ andere Leute sich ärgern. Sein Motto war: Leben und leben lassen; er intriguierte gegen niemand und gönnte jedem das, was er erreichen konnte. Auch im Rollenfach kränkte er niemand, er spielte vielleicht 8?10 mal im Jahre und ließ im übrigen den lieben Gott einen guten Mann sein und Andere die Regie führen. Dr. Löwe ist ein seiner, hochgebildeter Mann, als welcher er sich die Liebe Aller erworben. Er versteht auch Regie zu führen, aber man redete ihm höheren Orts zu viel drein, und es gibt Regisseure, die das nicht ertragen können. Sein Amtskollege vom Schauspiel war weit toleranter seinem jeweiligen Chef gegenüber, er saß ruhig auf dem Regiestuhle und war froh, wenn die Schauspieler ihre Stellungen, Arrangements u. dgl. unter sich abmachten; wenn ihn aber einer durch Fragen ärgerte, wußte er bei Meinungsverschiedenheiten durch sein kraftvolles Sprechorgan, das er nie schonte, die Würde der Regie stets aufrecht zu halten; gab aber der Herr Intendant dem Schauspieler recht, so war er wieder der treue Beamte, der sich genau das Arrangement so gedacht, wie es der Herr Geheime Hofrat wünschte. Amazon.de Widgets Hin und wieder, namentlich bei meinen Reuter'schen Stücken, führte auch ich wohl die Regie, d.h. wie früher bei »Knecht Ruprecht«, »Pechschulze«, »Robert und Bertram« u.s.w., ich hatte die erste Arbeit davon, lenkte die ersten Proben und hinterher nach gethaner Arbeit ? übernahm der offizielle Regisseur wieder die »Regie«. Undank ist der Welt Lohn. Bei aller Tüchtigkeit Paulis engagierte die Intendanz doch bald darauf in Herrn v. Jendersky einen Oberregisseur, den Wehl in der ersten Zeit selbständig handeln ließ.[97] Mit Jendersky kam neues Leben in die Mitglieder und in das Repertoir; er wußte, was er wollte, und seine mise en scéne, worauf er großen Wert legte, war außerordentlich geschmackvoll. ? Zur großen Freude aller Theatermitglieder besuchte der König häufiger das Theater und zeichnete mich in so wohlwollender Weise aus, daß ich mir wohl ohne Ueberhebung damals einbilden durfte, zu seinen Lieblingen zu gehören. Mit welcher Begeisterung wurde gespielt, wenn der König im Theater war! ? ? Nach und nach waren nun auch die andern Reuterschen Sachen in Stuttgart zur Aufführung gekommen, wie »Ut de Franzosentid«, »Hanne Nüte«, »Dörchläuchting«, »Du drögst de Pann weg« und »Jochen Päsel«. Jendersky's Bearbeitung von »Ut de Franzosentid«, in welcher er mir den Ratsherr Herse zu einer dankbaren Rolle hergerichtet hatte, erlebte aber in Stuttgart, wie in Wien, ein offenbares Fiasko. Ich gab auch den Herse als dramatische Figur ganz auf und verlegte mich auf die mir besser liegende Rolle des Müller Voß, mit welcher ich an auswärtigen Bühnen hinfort eines durchschlagenden Erfolges immer gewiß war. In Stuttgart habe ich diese Rolle nur als Bruchstück in einem Akt gespielt. »Ut de Franzosentid« war einmal auf der Hofbühne durchgefallen, ich konnte meine Intendanz nicht dazu bewegen, die neue Bearbeitung vorzuführen. »Hanne Nüte« brachte ich zur Aufführung, aber ich mußte die Vogelkostüme auf meine Kosten herstellen lassen. Als Honorar für die Aufführung meiner Bearbeitung erhielt ich 200 Mark, welche ich dem hochverdienten Kapellmeister Max Seifriz überließ, der die entzückende Musik dazu geschrieben. ? ? Auf Befehl des hochseligen Kaisers Wilhelm wurde ich nach Wiesbaden berufen, um ihm meine Reuterschen Rollen vorzuspielen. »Hanne Nüte«, »Ut de Franzosentid«, »Jochen Päsel«, »Du drögst de Pann weg«, »Onkel Bräsig« sah sich der greise Monarch jedesmal bis zu Ende an, letzteren sogar zwei Abende hintereinander. ? Im letzten Aktevon »Onkel Bräsig«, sagt Axel v. Rambow, ein wegen Schulden abgegangener Offizier, der infolge seiner Mißwirtschaft auf seinem vom Vater übernommenem Gute sich erschießen will: »Ich will wieder in die Armee eintreten.« Kaiser Wilhelm, der vorn in der Prosceniumsloge saß, legte sich entrüstet über die Logenbrüstung und sagte: »Ja, ich nehme ihn aber nicht wieder!« Am andern Morgen kam ein Adjutant des Kaisers auf die Bühne, und meldete, Seine Majestät würde abends nochmals dieselbe Vorstellung besuchen, wir möchten aber die Worte, die ihn vielleicht verletzt hätten, fortlassen oder umändern. Und als nun am Abend der Darsteller des Axel v. Rambow statt »ich werde wieder in die Armee eintreten« sagte: »Ich werde mir einen tüchtigen Inspektor wieder nehmen, und hoffe es dann doch noch in der Landwirtschaft zu Etwas zu brin gen«, da nickte der alte hohe Herr recht freundlich mit dem Kopfe und sagte vernehmlich: »Ah ja ? so lasse ich mirs gefallen!« Kaiser Wilhelm war der dankbarste Theaterbesucher; er verließ als der Letzte das Theater, und so lange noch irgend ein Theaterenthusiast im Parterre oder auf der Galerie seinem Beifall Ausdruck gab, applaudierte auch der Kaiser mit. Ich sehe ihn heute noch, wie er die eine Hand in der Binde (es war kurze Zeit nach dem ruchlosen Nobilingschen Attentate), mit der gesunden Hand die zerschossene berührend, seinem Gefallen Ausdruck gab. Ein seliger, unvergeßlicher Augenblick für mich, den alten hohen Herrn so herzlich zum Lachen gebracht zu haben! Einige Tage später gab der Regierungspräsident v. Wurmb in seinem Hause in Wiesbaden dem Kaiser eine Matinee, in welcher ein Festspiel aufgeführt wurde, wobei die aristokratische Gesellschaft Wiesbadens mitwirkte. Ich hatte das Festspiel in Scene gesetzt und viele Proben davon abgehalten. Nach der Aufführung stellte mich Herr v. Wurmb dem Kaiser vor. Als letzterer mich sah, rief er: »Ah, das ist Junkermann!« ? Der[100] Kaiser hatte mich bisher nur immer in einer Perrücke auf der Bühne gesehen. ? »Nun sagen Sie mal,« redete er mich weiter an, als ich in gebeugter Stellung vor ihm stand und dadurch meinen damals schon ziemlich kahlen Kopf ihm präsentieren mußte, »ist das nun auch eine Perücke, was Sie da tragen?« »Nein, Majestät,« antwortete ich kläglich, »das bischen ist nun leider Wahrheit.«[101] »Na, na,« tröstete er mich, »wenn ich auch noch mehr Haare habe wie Sie, so sind Sie doch noch ein Jüngling gegen mich!« »Majestät,« sagte ich, »ich wünsche mir nur um eines lange Zeit die Jugend, um Ew. Majestät noch oft über mich lachen sehen zu können.« Amazon.de Widgets »Ja,« sagte er, »ich habe herzlich gelacht, und ich danke Ihnen für die schönen Abende. Ich bin auch wieder mit jung gewesen, als ich ?Ut de Franzosentid? sah. Die Zeiten sind damals so gewesen, ich kenne sie, so war's, so war's. Und Sie haben es trefflich veranschaulicht!« ? ? Der Kaiser wandte sich einer andern Gruppe zu, ich stand hochbeglückt da im Anschauen dieses leutseligsten aller Fürsten. Nach einer Weile kam der Kaiser abermals zu mir und sagte: »Ich höre, Sie haben auch das Festspiel hier in Scene gesetzt, ich habe gleich gemerkt, daß da eine Künstlerhand im Spiele war!« Als der Kaiser mit freundlichem Kopfnicken verschwand, trat Geheimerat v.B. zu mir und raunte mir humoristisch ins Ohr: »Junkermann, Hohenzollern-Orden!« Meine Freude war grenzenlos, ich telegraphierte meine Erlebnisse und meine Aussichten sofort nach Stuttgart. Der Orden aber blieb aus. Der Kaiser hatte sich die Sache lange überlegt, da er ja überhaupt an aktive Schauspieler niemals Orden verlieh. Herr v. Hülsen sagte mir später in Wiesbaden, der Kaiser hätte auf den Vorschlag, mich zu dekorieren, nach langem Bedenken geäußert: »Mein Sohn mag's thun, ich bleibe meinem Prinzipe treu!« und als Herr v. Hülsen dann vorschlug, eine Lyra oder einen eigenen Orden für Schauspieler zu stiften, meinte der Kaiser: »Ich überlasse das später meinem Sohne!« Um mich für den entgangenen Orden zu entschädigen, erhielt ich bald darauf im Auftrage des Kaisers eine kostbare Perlen-Garnitur, und Herr v. Jendersky machte den schnöden[102] Witz, ich hätte eine Dekoration erwartet, hätte aber bloß ein Versatzstück erhalten! Ob der Witz alt oder neu, gut oder schlecht, er vermochte mir das Andenken vom Kaiser Wilhelm nicht zu verkleinern. Heute erst, wo der gute Kaiser tot, ist es mein höchstes Kleinod, und kein Orden der ganzen Welt könnte mir dies Kleinod in den Schatten stellen. Nach Jahren kam Kaiser Wilhelm nach Stuttgart zur Truppenschau. Abends mußte ich ihm im Hoftheater wieder den »Jochen Päsel« vorspielen, über den er stets so herzlich lachen konnte. 
 VIII.  [62] Der damalige Theater-Direktor Feldmann war durch Verhältnisse trauriger Art gezwungen, die Bremer Theaterdirektion niederzulegen. Ich war unter die Zahl der neuen Bewerber um die Theaterdirektion getreten. Adolf Rösicke wurde mir vorgezogen, und ich entzog mich ohne jegliches Recht meinen kontraktlichen Verpflichtungen in Bremen und ging aus Aerger aus dem Engagement. Rösicke verzieh mir hochherzig meinen übereilten Schritt, er blieb mir bis heute ein lieber Freund. Von dem Rechte, mich gesetzlich verfolgen zu lassen, machte der gute Rösicke keinen Gebrauch. Nach Jahr und Tag tilgte ich durch Gastspiele bei ihm meinen Vorschuß, den ich von ihm hatte, und bin bei seiner späteren Direktionsführung in Mainz und Riga sein ständig wiederkehrender Gast und sein Freund geblieben. Bremen hatte auch den größten Einfluß auf meine Entwicklung als Reuter-Interpret. Waren auch Fritz Reuters Schriften mir schon früher in Fleisch und Blut übergegangen und gleichsam mein Evangelium für alles was Gemüt und Humor heißt, geworden ? ihre Wirkung auf das Gros des Publikums konnte ich hier erst so recht studieren. Ich war der Erste ? was mir später von Vielen nachgemacht wurde ? der die lebensvollen Pointen der Reuterschen Gedichte durch lebende Bilder illustrierte. Ich halte das für sehr probat, namentlich dem nichtplattdeutschen Publikum gegenüber. Ueberhaupt habe ich gefunden, daß, so viel Verehrer die Reutersche Muse auch weit und breit hat ? das plattdeutsche Idiom selbst, wenn es nicht modifiziert und verständlicher[63] gemacht wird, nicht überall von gleich durchschlagender Wirkung ist. Mir erzählte eine Kollegin ? geborene Mecklenburgerin ? welche Höllenangst sie gepackt, als z.B. das Kasseler Publikum bei dem entzückenden Abschluß: »Wat sick de Kaustall vertellt« ? keine Miene verzogen, ja selbst »Jochen Päsels« Dämlichkeiten nicht jenes herzliche Lachen hervorgerufen haben, welches meist unausbleiblich ist ? da hätten denn die lebenden Bilder, von Ernst Gettke vorzüglich arrangiert, die Schlußwirkung sehr gehoben. ? Beim Vorlesen im Hörsaal allerdings kann man dies plastische Verständigungsmittel nicht anwenden, da muß der Ton, der Vortrag alles machen. Doch, wie gesagt, die Wirkung ist nicht überall dieselbe, und erzählte mir obenerwähnte Kollegin, daß ein blasierter Hofherr (ich komme später auf das dortige Hoftheater, wo ich verschiedene Male gastierte, noch zurück) nach einer ihrer Reuterdeklamationen geäußert habe: »Gnä' Fräulein, für eine Dame von Geist war das eine schlechte Wahl ? sind Ihnen die Reuterschen Sachen nicht zu äh? äh? harmlos?« Amazon.de Widgets Heiliger Fritz Reuter! Du! dessen scheinbare Harmlosigkeit die größte Weltweisheit: Natur atmet ? uns Menschen zeichnet (allerdings keine Hofschranzen) von solcher Wahrheit, solcher Fülle des köstlichsten Humors und Gemüths, daß wir über sie so herzlich lachen und so bitterlich weinen!! Doch zurück nach Bremen mit seinen freundlichen Gärten fast vor jedem Haus, mit seiner großartig-opulenten Gastfreundschaft. »Essen sie es man, wir essen es doch nicht mehr« ? soll der Bremer nötigen, sagt man verläumderisch ihm nach ? ich hab's allerdings nie gehört! Vor allem aber sei von mir des Bremer Ratskellers mit seiner Jungfer Rose gedacht! »Wer niemals einen Rausch gehabt, der ist kein braver Mann,« ich glaube in Bremen genügend Ursache gehabt zu haben, mich zu den »braven« Männern zu zählen. ? ? Von Bremen zog mich der Intendant Baron von Loën an das Hoftheater in Weimar. Die klassische Ruhe in Weimar[64] behagte meinem unruhigen Geiste nicht. Ludwig Barnay war damals Regisseur in Weimar. Er und Otto Lehfeld nahmen sich meiner aufs wärmste an, aber alle Vorstellungen ihrerseits konnten mich nicht zurückhalten ? ich ging durch. Auch der gutmütige Baron von Loën ließ mich ungestraft ziehen. Ich nahm ein Engagement bei Direktor van Lier in Amsterdam an, und kam nach Ablauf einer Saison an das Stadttheater in Nürnberg zu Direktor Reck, und von da nach Breslau. In Bremen noch geschah es, daß ich den jetzt verstorbenen Reuter-Vorleser Kräplin hörte, und durch ihn von den Dichtungen Fritz Reuters einen noch tieferen Eindruck empfing als durch die Lektüre. Ich beschäftigte mich seit Bremen näher mit dem plattdeutschen Poeten, und schritt endlich auch zur Uebertragung Reuterscher Gestalten auf die Bühne, ohne damals freilich zu ahnen, welch außerordentlich ergiebiges Feld zur Ausnutzung meines Talentes sich mir erschlossen hatte. Schon auf dem Sommertheater in Bremen vor dem 60er Jahre spielte ich den Onkel Bräsig, freilich mit den damals unvermeidlichen Couplets versehen. Guter Fritz Reuter, ich habe mich anfangs hart an dir versündigt, aber ich glaube, ich habe es wieder gut gemacht! Die von anderen stammenden Bühnen-Bearbeitungen Reuterscher Stoffe genügten mir nicht; ich machte mich selbst ans Werk und suchte sie wirksamer und dramatischer auf die Scene zu bringen; vor allem befreite ich von Couplets und possenhaftem Beiwerk den Onkel Bräsig, diese köstlichste Figur von allen, die der nordische Dichter geschaffen. In Breslau wurden nur die Possen »Ella« und »Knecht Rup recht« vom Publikum besucht ? an anderen Abenden war stets eine gähnende Leere in dem großen Hause, aber meinen Onkel Bräsig spielte ich in Breslau in meiner neuen Bearbeitung einige 40mal vor ausverkauftem Hause. Meine Bahn war mir von hier ab vorgezeichnet. Der materielle Erfolg hielt mit dem künstlerischen gleichen Schritt, und so war denn endlich das Glück bei mir eingekehrt, das mir im Anfang meiner Theaterlaufbahn so eigensinnig den Rücken kehrte. 
 IX.  [65] Es war im Winter 70 auf 71 während des großen Krieges, als ich in Breslau am Stadttheater für das Fach der komischen Rollen engagiert war. Die Sängerin Frl. Schröder ? jetzt als Frau Schröder-Hanfstängl in Frankfurt engagiert ? war damals mit mir am Breslauer Stadttheater unter der Direktion Hock thätig. Sie sang von dort aus auf Engagement im Stuttgarter Hoftheater, wurde engagiert und siedelte nach Stuttgart über. Frl. Schröder empfahl mich, weil gerade eine Vakanz für mein Fach in Stuttgart war, der dortigen Intendanz. Der Kammersänger Sontheim aus Stuttgart gastierte zu jener Zeit auch gerade in Breslau, wo er namentlich als Eleazar die größten Triumphe feierte, und unterstützte die Empfehlungen des Fräulein Schröder, worauf ich einen Engagementsantrag von dem Hofkammerpräsidenten v. Gunzert an das Stuttgarter Hoftheater erhielt. Ein sicheres Engagement an einer königlichen Hofbühne ist wohl das Ideal eines jeden strebsamen Künstlers. Die Gagen am Stuttgarter Hoftheater waren zwar durch ein Sparsystem kleiner geworden, mit einigen Ausnahmen bedeutend kleiner als die der besseren, selbst schon der mittleren Stadttheater, je doch die Aussicht auf die lebenslängliche Anstellung zieht so mancher meiner Berufsgenossen der größeren Gage vor. Ich konnte noch zu keinem Entschluß gelangen, um so weniger, da mein damaliger Chef, der Direktor Hock, mir einen fünfjährigen Kontrakt mit hoher Gage in Breslau anbot. Ich befand mich[66] so ziemlich in der Lage eines gewissen grauen Tieres, welches zwischen zwei Heubündeln verhungerte, allein so weit sollte es mit mir nicht kommen, denn das eine Heubündel wurde mir entzogen, und zwar auf sehr tragische Weise. Eines Tages wurde im Breslauer Theater »Figaros Hochzeit« gegeben; ich plauderte zu Beginn der Vorstellung mit dem Direktor Hock in seinem Bureau, als plötzlich ein Theater-Arbeiter hereinstürzte: »Herr Direktor, kommen sie schnell auf die Bühne, es ist etwas passiert.« Wir eilten schleunigst über die kleine Treppe, welche aus dem Theaterbureau nach der Bühne führte. Figaro (der Baritonist Rieger) sang eben seine große Arie: »Dort vergiß, leises Fleh'n, süßes Wimmern etc.«, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß über seinem Kopfe die Soffiten Feuer sprühten. Trotz wiederholter Zurufe: »Das Theater brennt«, ? »gehen Sie ab« ? sang der brave Rieger pflichtgetreu weiter, bis ihn endlich der allgemeine Schreckensruf: »Feuer! Feuer!« aus dem Konzept brachte. Alles, was auf der Bühne war, eilte nun nach der kleinen, wenige Stufen zählenden Treppe, die nach der Straße führte, um sich zu retten. Durch die Hast und Kopflosigkeit, mit der man zu Werke ging, stauten sich die paar Menschen derart zu einem Knäuel, daß niemand in der Thür weder vor- noch rückwärts kam. Ein undurchdringlicher Rauch erfüllte schon die Treppen, die zu den Garderoben führten. Die Herren und Damen vom Chor, die sich eben für den zweiten Akt der Oper, in dem sie beschäftigt waren, in ihren im dritten Stock gelegenen Garderoben ankleideten, eilten auf den Lärm an ihre Ausgangsthüren; ? sie konnten schon die Treppe nicht mehr herab, der Rauch drohte sie zu ersticken. Da kam der Obergarderobier Eberius, welcher gerade auf der Schneiderei große Vorräte an Zeug liegen hatte, die zu einem demnächst aufzuführenden Ausstattungsstücke bestimmt waren, auf den rettenden Gedanken, eine Rolle dieser Stoffe an das Fensterkreuz der Garderobe zu befestigen, woran sich nun unter jämmerlichem Geschrei der ganze Chor aus dem dritten Stock auf die Straße herunterließ. Wir hatten unten[67] mittlerweile mit Mühe und Not die Ausgangsthüre erreicht, indem einer über den andern wegkletterte, und als wir ins Freie traten, sahen wir schon durch die geöffneten Thüren den Kronleuchter mit furchtbarem Gekrach ins Parquet herunterstürzen. Wer's nie erlebt, begreift es nicht, wie schnell ein Theater bis auf den Grund niederbrennt. Mit rasender Schnelligkeit verbreitet sich das verheerende Element. Zum Glück waren, wie fast immer in Breslau, wenig Zuschauer im Theater gewesen, sie erreichten schnell die Ausgänge. Ein Invalide auf Krücken, welcher sich nicht schnell genug retten konnte, und ein Dekorationsmaler, der auf der obersten Treppe noch einmal umkehrte, um sein Skizzenbuch aus dem Malersaal zu holen, wurden die Opfer der schrecklichen Katastrophe. Amazon.de Widgets Das Theater brannte bis auf den Grund nieder. Auch meine Garderobe, Perrücken etc. wurden ein Opfer der Flammen. Ich war mit meinen Kollegen wieder einmal brotlos. Als die Kunde von dem Breslauer Theaterbrande nach Stuttgart gedrungen, fragte Herr v. Gunzert abermals bei mir an, ob mir denn nun mit dem Engagement in Stuttgart gedient sei; er könne sich denken, daß ich nun ohne Erwerb geneigter sei, seinen Antrag zu acceptieren, er bot mir sogar die Feriengage an, ich solle sofort in Bezug derselben treten, obwohl mein Engagement erst mit Wiedereröffnung der Saison, zwei Monate später, begann. Der Kammersänger Sontheim hatte mir erzählt, daß mein Vorgänger Rüthling, welcher neunzehn Jahre ununterbrochen in Stuttgart mit einem sogenannten definitiven Kontrakte angestellt war und nur noch ein Jahr bis zur Pensionsberechtigung hatte, plötzlich entlassen worden sei mit der Begründung, man habe ihn in Verdacht, daß er die abfälligen Kritiken gegen das Hoftheater in einem Stuttgarter Blatte inspiriere. Dieser eigentümliche Fall war es, welcher mich noch immer vom Unterzeichnen des Stuttgarter Vertrages abhielt, aber Herr v. Gunzert stellte mich schließlich vor ein Ultimatum, eine[68] Aussicht auf lebenslängliche Anstellung entschied, ? ich unterzeichnete, und als es Zeit war, schnürte ich mein Bündel und zog ins schöne Schwabenland. Ich kam mit dem Nachtzuge in Stuttgart an. Man hatte mir Marquardts Hotel empfohlen, als ich aber dort absteigen wollte, war alles besetzt und kein Zimmer zu haben; ich suchte also weiter von Hotel zu Hotel und zwar zu Fuß, denn Nachtdroschken gehören in Stuttgart damals wie heute zu einem unerhörten Luxusartikel. Ueberall wurde ich abgewiesen mit den Worten: »'s ist älles besetzt!« Ich traf es sehr unglücklich; zur Zeit meiner Ankunft war Pferdemarkt und alle Hotels überfüllt. Da stand ich denn in tiefer Nacht in einer mir fremden Stadt mitten auf der Straße wie ein einsames Waisenkind. In meiner Not wandte ich mich wieder nach Marquardts Hotel zurück, wo endlich nach langem Parlamentieren ein mitleidiger Hausknecht mir für die Nacht sein Bett anbot, was von mir mit tiefgefühltem Danke angenommen wurde. Er führte mich an das so gastlich angebotene, von mir so heiß ersehnte Lager; ich konnte mir zwar denken, daß es nicht gerade ein Salon im ersten Stock sein würde, auch waren meine Erwartungen durch das lange obdachlose Umherirren schon merklich herabgestimmt, aber daß ein solch verwendbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft in einem finsteren Verschlage unter der Treppe logierte, daran hatte mein ahnungsloses Herz nicht gedacht. Ich machte gute Miene zum bösen Spiel, sah doch in mir alles so licht und rosig aus, mit den freudigsten Gefühlen blickte ich in die Zukunft; ich kroch also, die Brust geschwellt vom Hochgefühl königlich württembergischer Hofschauspieler zu sein, auf allen Vieren in den dunklen Verschlag, rannte bei dem Versuche, eine aufrechte Stellung einzunehmen, mit dem Hirnkasten gegen die sich herabsenkende Treppe, und schlief so endlich unter erschwerenden Umständen ein. Am andern Morgen, als ich den Hausknecht für die überstandene Marter der Nacht pflichtschuldigst honoriert hatte,[69] machte ich mich auf den Weg zu Exzellenz v. Gunzert, meinem neuen obersten Chef. Im Hoftheater erfuhr ich von dem Intendanzdiener Lipp, daß die Exzellenz um 5 Uhr nachmittags die Sprechstunde im Intendanzzimmer des Hoftheaters abhalte. Auf meine Frage, ob ich wohl besser im Frack erschiene, meinte der Kassier, der gerade zugegen war: »A bah, dös brauchet die Scheurepurzler net!« Ich verstand den Mann nicht, aber er mußte einen vortrefflichen Witz gemacht haben, denn der Intendanzdiener, der Portier und der Theaterdiener, die zugegen waren, lachten herzlich. Später, als ich den Kassier als Witzbold näher kennen lernte, erklärte er mir seine spaßhafte Bezeichnung »Scheurepurzler« als Leute, die in der Scheuer Purzelbäume schlagen. Es war ein harter Scherz, der aber doch für eine gewisse Ueberhebung der Beamten den Künstlern gegenüber bezeichnend war. Nachdem ich mich also verabschiedet und mir das schöne Stuttgart betrachtet hatte, trat ich, angethan mit meinem Staatshabit, einem nagelneuen Salonrock, neuen Glacés und furchtbar engen Lackstiefeln, mit dem Glockenschlag 5 Uhr an, fand aber das Vorzimmer Sr. Exzellenz, zu welchem ein zugiger Hausflur avanciert war, schon mit Antichambrierenden besetzt. Unter diesen war ein Teil meiner neuen Kollegen, die gleich mir sich dieses ominösen Antichambres bedienen mußten. Den Zug auf dem Korridor hätte ich am Ende noch ertragen, aber meine verfluchten neuen Lackstiefel brannten wie höllisches Feuer. Immer wenn die Thüre der Exzellenz sich öffnete und ich in guter Hoffnung war, endlich vorgelassen zu werden, kam irgend ein Schreiber oder ein Verwalter mit mächtigen Aktenstücken unter dem Arm herausgeflitzt, ein neuer huschte hinein, ich wurde immer wieder kalt gestellt, bis endlich die Sprechstunde vorüber und ich unverrichteter Sache wieder abziehen mußte. Ich ging balancierend, mir die größten Steine aussuchend, nach dem Hotel zurück, wo man mir mittlerweile ein menschenwürdigeresLokal eingeräumt hatte. Ankommen, die Stiefel ausziehen und an die Wand werfen, war eins, dann führte ich vor Schmerzen den schönsten indianischen Kriegstanz auf, wobei ich nur das kannibalische Geheul des Aufsehens wegen unterließ. Als die Schmerzen nachgelassen, zog ich mir die weitesten Oderkähne an, welche ich mir in Breslau hatte bauen lassen, und ging auf die Wohnungssuche. Nach vielen Irrfahrten, die denen des geprüften Dulders Odysseus gleichkamen, fand ich endlich ein mir zusagendes Heim. Am andern Tage versuchte ich, wieder vergeblich, bei Herrn v. Gunzert vorgelassen zu werden, denn wieder liefen die Schreiber dem Hofschauspieler den Rang ab. Endlich, am dritten Tage, war der große Moment erschienen; Herr v. Gunzert empfing mich sehr liebenswürdig, bot mir sogar einen Stuhl an, obwohl ich nur Hofschauspieler und kein Schreiber war. Diese Ehre des Stuhlanbietens ist mir in den langen späteren Jahren nicht wieder zu teil geworden, aber vor dem Intendanzzimmer habe ich manche Stunde wieder auf den kalten Steinen im Winter gestanden, während die Beamten unangemeldet Zutritt hatten und so von einem warmen Zimmer ins andere kamen. Ich habe mir früher nie den Luxus eines Pelzes gestattet ? in Stuttgart braucht ihn der Hofschauspieler, um sich nicht der Gefahr des Erfrierens auf dem steingepflasterten kalten Korridor auszusetzen, wenn er seinen Chef sprechen will. Zur Charakterisierung der Exzellenz v. Gunzert erzählt man sich folgende Geschichtchen, die über ihn kursieren. Ein jüngerer Schauspieler, der einige Zeit nach mir engagierte Liebhaber Trotz, unterhandelte schriftlich mit der Hoftheater-Intendanz in Stuttgart wegen Engagement. Der Intendant Wehl, der eigenmächtig niemand engagieren durfte, ohne Herrn v. Gunzert zu fragen, zeigt den Brief Herrn v. Gunzert und empfiehlt Trotz zum Engagement. Herr v. Gunzert sieht, ohne sich sonderlich an den Inhalt des Schreibens zu kehren, starr in den dargebotenen Brief, hält endlich den Brief des Schauspielers[72] Herrn Wehl wieder hin, und ruft schmerzbewegt: »Es ischt doch ein rechter Skandal, ein Mensch mit solch schöner Handschrift wird Schauspieler, was wäre das für ein ausgezeichneter Schreiber geworden!« Der Liebhaber Edward, jetzt in Darmstadt engagiert, verhandelte mit Exzellenz v. Gunzert um seine Gage, die er am Hoftheater in Stuttgart zu fordern beabsichtigte, und als Edward der Exzellenz die Summe nannte, die er beanspruchte, rief Herr v. Gunzert: »Mein Gott, so viel hat ja kein Kanzleirat!« Einmal glaubte Herr v. Gunzert in einem früheren Zuchthausaufseher einen treuen Hausverwalter für das Hoftheater engagiert zu haben und fragte ihn gelegentlich, wie es ihm denn nun beim Theater gefalle, worauf dieser militärisch straff erwiderte: »Ganz gut, Exzellenz, es ischt gerade so wie im Zuchthause, bloß die Gitter fehlen.« Diesen treuen Diener mußte Herr v. Gunzert bald darauf entfernen, weil er ihm das Holz fuderweise aus dem Theater abführte. Amazon.de Widgets Uebrigens war Herr v. Gunzert ein bedeutender Mann, ein noch bedeutenderer Jurist und das bedeutendste Finanzgenie, was Württemberg wohl je gehabt. Er hat auf dem Verwaltungsgebiete als Hofkammerpräsident Gewaltiges geleistet. Er war ein Mann, dessen Wort ein Eid war. Was er versprach, hielt er auch; energisch war sein Thun und Handeln, gerecht und unparteiisch war sein Regiment, ? aber Gefühl und Erkenntnis für die Kunst hatte er nicht. Das Leben der Künstler, ihre guten und schlechten Eigenheiten, ihren Leichtsinn und ihre maßlose Gutmütigkeit, bei welchen Eigenschaften die Schar der Künstler von einem Chef mit Sach- und Fachkenntnis so leicht zu regieren ist, ? das kannte Herr v. Gunzert nicht, und daher kam es, daß er seiner früheren Gewohnheit, seinem eigentlichen Berufe nach, als alter Staatsanwalt in uns immer eher »Verbrecher« als »Künstler« witterte. Aber er hatte bei seiner Strenge und Härte ein großes Gerechtigkeitsgefühl, ja ein gutes Herz, und wenn er jemanden an dem ihm unterstellten Institute[73] zu pensionieren genötigt war, so sorgte er für die in des Königs Dienst Ergrauten, wenn er sie für würdig hielt. Herr v. Gunzert war ein großer Rechner, er verwaltete die Finanzen seines Königs in musterhafter Weise, er war äußerst sparsam, aber sein nobel veranlagter Charakter hätte es nie geduldet, einem Künstler, der die besten Jahre seines Lebens dem Stuttgarter Hoftheater gewidmet, die wohlverdiente Pension zu entziehen und ihn kurz vor seiner Pensionsberechtigung zu entlassen, wie das später von seinem Nachfolger leider wiederholt geschah. Daß bei so viel glänzenden Eigenschaften dem Herrn v. Gunzert auch Schattenseiten nicht fehlten, ist wohl selbstverständlich. Herrn v. Gunzert ging die Haupteigenschaft ab, welche zur Leitung eines solchen Kunstinstitutes doch unbedingt notwendig ist, er besaß durchaus kein Kunstverständnis, woraus er auch niemals ein Geheimnis machte. Die Offenheit, mit der er das eingestand, zähle ich wieder zu seinen größten Tugenden. Als ich mich bei meiner Vorstellung über seine künstlerischen Intentionen zu informieren suchte, sagte er mir: »Vom Theater versteh i nex, da müsset Se sich an de Geheime Hofrat wende. Im übrige lasset Se sich's hier guet g'falle ? adieu!« ? Und ich empfahl mich. Auf demselben Gange im Hoftheater lag das Zimmer des Geh. Hofrats Wehl, dessen Wirkungskreis damals darin bestand, das Repertoir zu machen und die Rollen zu besetzen; alles Uebrige bestimmte der Hofkammerpräsident. So war es früher, so ist es in diesem Augenblicke wieder. Ich stellte mich also dem Herrn Geh. Hofrat Wehl vor. Die Aufnahme, die ich bei ihm fand, machte mir sofort klar, daß mein Engagement eigentlich ganz überflüssig war, denn Herr Wehl fand keine Auftrittsrolle, in welcher ich mich dem Stuttgarter Publikum präsentieren konnte. Es mag auch sein, daß, da er mich nicht entdeckt, sondern Herr v. Gunzert mit mir das Engagement abgeschlossen hatte, der Herr Geh. Hofrat Wehl keine besondere Schwärmerei für mich hatte. Ich fand ihn sehr kühl, und[74] meine Beschäftigung schien ihm nicht die geringste Sorge zu bereiten. Mein Vorgänger Rüthling hatte außer dem Stritzow im »Versprechen hinterm Herd«, dem Schönhahn in »Zehn Mädchen und kein Mann«, Kiewe in »Namenlos« und dem Schneider in »Lumpaci«, nur Chargen gespielt. Herr Geh. Hofrat Wehl teilte mir denn auch mit, daß ich eigentlich für den Baßbuffo und Komiker Gerstel, welcher alt und stumpf geworden sei, in Aussicht genommen wäre. Der alte Herr Gerstel war zugleich Regisseur, und, da er als solcher auch als Beamter angesehen wurde, wollte ihm Wehl vorerst nicht den Schmerz bereiten und ihm Rollen abnehmen. Schlug ich nun andere Rollen vor, so hieß es: »Die spielt Herr Pauli«, auch ein Regisseur, der ebenfalls nicht beleidigt werden durfte. Da war nun guter Rat teuer. Die sämtlichen Rollen meines Repertoirs hatten die beiden Herren Regisseure im Besitz. Die beiden alten Herren hatten sich unter dem früheren Intendanten Baron v. Gall in den ganzen Raub geteilt. Sie verstanden sich wie die Auguren, waren der Edelmut und die Uneigennützigkeit selbst, keiner hat je etwas für sich erbeten ? o nein ? einer schlug immer den andern für die betreffende Rolle beim Intendanten vor. Dieses uneigennützige aber höchst praktische Verfahren wurde auch unter Herrn Wehl fortzusetzen versucht, indessen scheiterte bei Besetzung von Novitäten dieses Spiel doch öfters am Eigensinn des Herrn v. Wehl, der sich in Rollenbesetzungen nichts dreinreden ließ. Auftreten mußte mich Wehl lassen, denn ich war ja einmal von Herrn v. Gunzert engagiert, aber es war schwer, etwas zu finden, und das Herz sackte mir immer tiefer, ? als wir uns dann endlich nach langem Beraten unter erschwerenden Umständen für drei Einakter einigten: ein Soloscherz »Der Gemütliche« von Levassor, der Kalisch'sche Schwank »Vom Juristentag«, der für mich eigens angekauft wurde, und das Genrebild »Der Zigeuner« von Berla. Amazon.de Widgets Der Tag meines Debuts kam heran. Es war mir unheimlich[75] im neuen Engagement zu Mute, bevor ich »losgelassen« wurde. Ich hatte zwar unkündbaren dreijährigen Kontrakt, trotzdem konnte ich mich von einer beklemmenden Stimmung nicht frei machen, ja sie wurde immer schlimmer, je mehr ich Einblick gewann, wie überflüssig ich in Stuttgart sei. Der Abend meines ersten Auftretens kam endlich heran. Eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung kam ein befreundeter Kollege zu mir in die Garderobe und machte mir die Mitteilung von einem Komplott, das gegen mich im Werke sei; einige Verehrer meines Vorgängers würden eine Demonstration gegen mich loslassen, ich solle mich nur nicht irre machen lassen, ? welche freundschaftliche Warnung auch nicht dazu beitrug, meinen Mut zu erhöhen. Aber wider alle Erwartung ging die Vorstellung ohne Störung vorüber, das Publikum war sogar außerordentlich animiert und zeichnete mich durch wiederholten Beifall und Hervorruf aus. Am andern Tage war die gedrückte Stimmung vorerst verschwunden, und ich war wieder stolz wie ein Spanier ? jeder Zoll ein Hofschauspieler. 
 XXXI.  [261] Nach dem schönen Wiesbaden rief mich bald wieder die Pflicht. Ich kann sagen, stets mit besonderem Vergnügen lenke ich meine Schritte dorthin. Der liebenswürdige Intendant Adelon, das gemütliche Theater, das internationale Treiben, alles das macht mir mein jedesmaliges Gastspiel dort besonders angenehm. Augenblicklich befinde ich mich wieder hier, leider nur als »Kurgast«, denn das erschütternde Ereignis: Kaiser Friedrichs Tod, machte mein Gastspiel, welches gerade Mitte Juni beginnen sollte, unmöglich. So trinke ich denn Brunnen und bade. Ich habe meinen alten »Onkel Bräsig« so oft dargestellt, daß mir auch dessen »entfahmtes Podagra« in die Glieder gefahren ist, und suche nun diesem energisch zu Leibe zu gehen. Herrliche Ausflüge lassen sich in die Umgegend Wiesbadens machen. Das Niederwald-Denkmal sehe ich mir alljährlich an, und immer wieder ist sein Anblick erhebend für jedes deutsche Herz. Von Biebrich bis Koblenz ? wie herrlich ist es dort den Rhein hinunter zu fahren! Kürzere Touren mache ich oft nach Eltville und Walluf am Rhein. Der Bürgermeister und Weinwirt von Walluf hat einen schönen Garten und manchen edlen Tropfen deutschen Rebenblutes. Vielleicht ist aus diesem Grunde die Poesie in sein Gemüt gefahren, denn während andere prosaische Menschen eine Warnungstafel in ihrem Garten aufhängen, des[262] Inhalts: »Es ist verboten, Blumen abzupflücken«, prangt an seinen Rosen folgende poetische Warnungstafel: »Wir bitten, uns nicht abzubrechen, Wir Rosen sind wie Jungfern fein, Wir wollen nur betrachtet sein! Nicht begriffen, nicht berochen, Noch viel wen'ger abgebrochen!« ? ? Wiesbaden ist als Badeort übrigens sehr ernst zu nehmen. Wenn man die vielen knickebeinig dahinwandelnden Rheumatiker und die zahllosen, mir schrecklichen Rollstühle sieht, so kommt mir mein kleiner Anfall noch ziemlich harmlos vor; trotzdem will ich meine Kur sehr gewissenhaft einhalten, denn »gut is es doch Korl vor dem entfahmten Podagra«. Im Kurpark ist diese Saison ein recht lebhafter Verkehr und es ist nur schade, daß es in »einemfort nicht aufhört zu regnen.« Einem dunklen on dit zufolge sollen daran die wiederholten Ankündigungen des Kurdirektors Hey'l: »Heute Feuerwerk und Illumination« schuld sein. Man kann mit Sicherheit darauf rechnen, daß es regnet, wenn Hey'l ein Gartenfest annonciert. Thatsache ist, daß jetzt das schönste Theaterwetter ist, um natürlich in südafrikanische Glut auszuarten, sowie sich die Pforten des Musentempels wieder öffnen. Amazon.de Widgets Das kleine Theater am Bowlinggreen soll nun auch bald einem größeren weichen, wenigstens zankt man sich schon seit Jahren in den Zeitungen herum, auf welchem Platz es erbaut werden soll. Für mich knüpfen sich die schönsten Erinnerungen an Wiesbaden. Wie schon an anderer Stelle erwähnt, hatte ich hier das mir unvergeßliche Erlebnis mit Kaiser Wilhelm I, dessen Leutseligkeit es mir zum schönsten Ereignis meines Lebens machte, hier vor seinen Augen meines Fritz Reuter's Gestalten vorgeführt zu haben. Da fällt mir noch eine Episode ein, die sich bei meinem damaligen Gastspiel ereignete. Wir hatten Probe zu »Ut de[263] Franzosentid«, und als ich nun an die allerdings etwas kräftigen Stellen des »Müller Voß« kam, springt der Oberregisseur vom Stuhl auf und ruft: »Das ist unmöglich! Da ziehe ich meine Hand zurück! Das können wir nicht vor Sr. Majestät spielen« und stürzt zum Intendanten, um ihm anzuzeigen, daß das Stück nicht gegeben werden könne. Der liebenswürdige, mir stets zugethane Adelon läßt mich rufen und stellt mich dieserhalb zur Rede. Als ich ihm meine ehrliche Ueberzeugung ausgesprochen, daß er dies Stück ohne Bedenken, auf meine Verantwortung, geben könne, hatte er so viel Vertrauen zu mir, daß er die Vorstellung ruhig stattfinden ließ, und gerade dieser Abend brachte mir die reinsten Freuden, denn mein Kaiser und König sprach jene unvergeßlichen Worte zu mir, die ich an anderer Stelle wiedergab. Und so, wie bei jener Gelegenheit, konnte ich immer auf die Unterstützung und Liebenswürdigkeit des Wiesbadener Intendanten Adelon rechnen. Auch meines langjährigen Freundes und Fachkollegen Ewald Grobecker sei hier in Ehren gedacht. Es gibt Freundschaft beim Theater, so schwer auch die Welt und noch schwerer die eigenen Kollegen daran glauben wollen. Grobecker war mir immer ein lieber Freund und niemals ein neidischer Kollege. Er hat mir das erste Wiesbadener Gastspiel vermittelt, was ich ihm als Fachkollegen sehr hoch anschlage. Augenblicklich, während ich dies schreibe, spielt sich hier das »Serbische Königsdrama« ab. Polizisten und eine dichte Menschenmenge stehen in der Wilhelmsstraße vor der Villa Clementine. Hier wohnt die schöne serbische Majestät, der heute ihr Sohn, der serbische Kronprinz, mit polizeilicher Gewalt entrissen wird. Man mag nun darüber denken wie man will ? auch über ihre Scheidungsangelegenheit mit König Milan sich ein Urteil bilden, aber einen ergreifenden Eindruck machte es doch, die hohe schöne Frau weinend am Fenster stehen zu sehen, und ihrem[264] mit Gewalt entrissenen Sohne ein Lebewohl nachwinkend. Noch heute muß sie selbst Wiesbaden verlassen. Sie war hier sehr gern und sprach sich noch vor kurzem ganz entzückt über Wiesbaden aus, »eine Stadt«, wie sie in ihrem reizenden Kauderwelsch sagte, »so salubre, so coquette«. Und das ist Wiesbaden auch, ein einziger großer Garten an den Abhängen des Taunus. Wiesbaden hat, wie jede Badestadt, seine typischen Erscheinungen und außer den oben erwähnten Rollstühlen fallen einem auf der Wilhelmsstraße eine Menge alter strammer Gestalten mit grauem oder weißem Schnurrbart auf, denen man auf zehn Schritte den gewesenen Offizier ansieht. Wiesbaden heißt nicht umsonst »Pensionopolis«, denn eine große Anzahl pensionierter Offiziere beschließen hier ihren Lebensabend, und wenn man auf der Wilhelmsstraße laut »Herr Hauptmann!« »Herr Oberst«, oder »Herr General« ruft, werden sich mindestens zwanzig Herren umsehen. Hier im schönen Wiesbaden, meinem Lieblingsaufenthalte, will ich meine Aufzeichnungen schließen. Mögen die, was geschehen, verantworten, die mich zu diesem litterarischen Verbrechen verleitet haben, und neu gestärkt durch Wiesbadens Heilquellen will ich wieder meinen Wanderstab in die Hand nehmen, um zunächst wieder jenseits des Ozeans, in Amerika mein Glück zu versuchen. Aufs neue tragen mich die Wogen des Lebens auf die Wogen des atlantischen Ozeans. O Legende vom Ahasverus, dir sollte eine ebenbürtige zur Seite gestellt werden: »das ruhelose Wandern des deutschen Komödianten!« ? Ein einfacher Federstrich eines Königlich Württembergischen Beamten löschte meinen Namen aus den Aufzeichnungen der Stuttgarter Hofbühne, aber ? gottlob ? nicht aus denen der deutschen Kunstwelt; dieser Federstrich lenkte mich aufs neue in eine unruhvolle Bahn ? aber heute, nach den Wandlungen eines Jahres, bin ich damit ausgesöhnt. Der Sturm der Zeit, der alles früher oder später niederreißt im unabsehbaren[265] Gewirr ? ?, mich hat er nicht gebrochen, und wenn der Himmel mir Gesundheit läßt, will ich mich aufrecht halten durch die beseligende Kraft der göttlichen Schauspielkunst; und angeregt durch eines deutschen Dichters humorvolle Werke, die mich in höhere Regionen getragen, will ich, der eigenen Kraft vertrauend, im Sturme aushalten, bis ich meine Mission erfüllt und Ruhe und Pension ? ? mir selber gegeben habe. Bis dahin, mein großer Fritz Reuter, zu dem ich so oft in meiner Künstlerlaufbahn begeistert emporblickte, »streben ist leben« ? unter deinem Zeichen werde ich weiter streben, und mir aus deinem nie versiegenden Born neue Kraft zu deiner Verkündigung und Verherrlichung schöpfen: Das walte Gott![266] 
 XXX.  [256] Ich reiste nach Linz zu Freund Laska, um mit ihm und seinem Personal die besprochene Tournee nach Wels, Passau, Salzburg, Innsbruck und Regensburg zu machen. Der warme lachende Mai des Jahres 1888 war unserem Unternehmen nicht sehr günstig, wir erwischten im ganzen Monat nur einen einzigen Regentag, und zwar am zweiten Pfingsttage in Salzburg, wo denn auch abends das Theater bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Auch die Innsbrucker kamen drei Abende hintereinander bei sommerlicher Glut zu uns ins Theater und übergaben mir ihren Gruß in folgendem Gedicht: Der Sepp, der hat mir neulich g'sagt: »Komm' mit nach Innsbruck 'nein, Da soll, wia d' Leut mir alle sag'n A Theaterspieler sein, Zu dem d' Leut laufen weit und broat, Wann er so spielt auf d' Nacht, Weil der halt seine Sachen gar All'weil so guat Enk macht!« I aber sag: »Da geh i nit, Denn i hab g'hört, daß man Die Sprach, die er so reden thuat Halt schwer verstehen kann; Weil er von Deutschland draußten gar Von weit her käma soll,[257] Wo man, so hör' i, nit so guat Deutsch kann wia in Tirol.« Der Sepp aber, der laßt nit nach, Red't zua mir, dringt in mi, Da gib i also nach und geh Mit ihm auf d' Gallerie. ? Jetzt sag' i Enk, was i da g'sehn Das is nit zum Beschreib'n, I sag' Enk allen, der kann spiel'n, Der kann Enk Possen treib'n, ? Und all'weil hat er solche g'spielt, Die ehrlich san und g'rad, Und die a g'wisser Reuterfritz Amazon.de Widgets So schön gezeichnet hat; ? Und wollt a so a Intriguant A Liabesg'schicht verpfuschen, Da war er da, den hat er dann Ganz g'wiß nit schlecht derwuschen. ? I war ganz still, ? ganz mäuserlstad, Gib acht und los' Enk zua, G'lacht hab' i, daß's mi beutelt hat, Und g'woant als wia a Bua. ? Die Worte freili mannigsmal War'n mir nit so bekannt, Doch wia er's g'red't hat, hab i glei Verstanden, was er moant. Es war mir so, als that als Kind Die Muatter mit mir plauschen, So hoamli als wia d'raußt im Wald Die Blätter alle rauschen, Als wann i in der Kirchen wär', Und thät mit 'n Herrgott red'n, ? Und so wia mir, so geht's ganz g'wiß, Da wett' i drauf, an jeden. Wer so wia er zu reden woaß Ins Herz 'nein, den versteht Der Ruß, der Türk, der Mameluk, Un der Chinesisch red't. C. Baumgartner. [258] Regensburg beehrte uns am ersten Abend mit einem ausverkauften Hause, an den andern beiden Abenden zogen die guten Bayern es vor, wieder ihr Bier in Gottes schöner freier Natur zu trinken. Ich konnte es ihnen nicht verdenken ? ich hätte es auch gern so gemacht im Wonnemonat Mai, der so herrlich nach dem langen Winter sich gestaltet hatte. Der Regensburger lebt nach dem in seiner berühmten Bratwurstküche angebrachten Spruche: »Thu klüglich deine Zeit ermessen, Sie reicht dann auch zum Bratwurstessen!« Aber Bier bekommt der Regensburger in seiner Bratwurstküche nicht, drum steht in großen Lettern dort an der Wand: »Iß hier in Frieden deine Wurst, Und anderswo still deinen Durst.« In Regensburg beschloß ich meine Thätigkeit des vergangenen Winters und reiste nach Stuttgart zurück. Beim ersten Ausgange daselbst begegnete mir Doris Jäger, eine Ballettänzerin, die 36 Jahre dem Stuttgarter Hoftheater angehörte. Thränenden Auges erzählte sie mir, daß sie ihres Alters wegen ohne Pension entlassen sei. Sechsunddreißig Jahre hatte sie bei einem monatlichen Gehalt von 72 Mark dem Stuttgarter Hoftheater ihre Dienste gewidmet. Ihre Frage: »Was soll nun aus mir werden?« begleitete ein neuer Thränenstrom, der sich in die schmerzbewegten Falten ihres alternden Gesichtes ergoß. Künstler-Elend, willst du denn noch nicht einmal weichen vor 36jähriger treuer Dienstzeit? Freilich ist das Theater keine Versorgungsanstalt, aber hier ein staatlich anerkanntes Bildungsinstitut, das meines Erachtens doch die Pflicht haben sollte, für diejenigen wenigstens[259] im Alter zu sorgen, deren geringes Einkommen ein Ersparen, eine Selbsthilfe nicht ermöglicht. Ihr deutschen Bühnen-Angehörigen, nehmt euch ein warnendes Beispiel daran, und bauet emsig weiter an dem Bestand unserer Genossenschaft, deren Fond uns in alten Tagen vor Not bewahrt. Uns hilft ja niemand, wenn wir uns in guten Tagen nicht selber helfen! Bei meiner erneuerten Anwesenheit in Stuttgart erfuhr ich selbstverständlich manches Neue über die Stuttgarter Hofbühne. Herr v. Werther besitzt wieder seine frühere Machtvollkommenheit, und scheint alle Lust zu haben, sie zum Nutzen der Hofbühne zu verwerten. Herr v. Tscherning hat den größten Teil seiner Befugnisse zu Gunsten Werthers wieder abgetreten. Wie wunderbar wirken doch auch bei einem Hoftheater die Gesetze von Ebbe und Flut, und Herr v. Werther hat klüglich dieses Naturgesetz nicht aus den Augen verloren, sondern seine Zeit abgewartet ? und sie ist gekommen! Werther ist wieder der Mann des Tages, der vielumworbene Nimrod des Waldes, der gesuchte Gesellschafter in den adeligen Kreisen, der Freund einflußreicher Elemente bei Hofe, der Gentleman der bürgerlichen Aristokratie, und ? last not least ? der vorsichtige, fernsehende Lenker des guten Geschmacks, gegenwärtig unerschöpflich im Vorführen sensationeller Ueberraschungen. Ich selbst war überrascht mit welcher Virtuosität er sich im Verhüllen der Schwächen seines Personals bewährt, speziell im Heraussuchen solcher Stücke, in denen die Mängel mittelmäßiger oder ungenügender Kräfte am wenigsten fühlbar werden. Wie gewandt weiß er die Sympathien des Stuttgarter Publikums auszunützen, indem er dasselbe durch Dialektstücke, die er jetzt mit Vorliebe aufs Repertoir bringt, an das Kauderwelsch der von ihm engagierten Ausländer gewöhnt, die mit der hochdeutschen Sprache auf gespanntem Fuße stehen. Es sollen diese Bemerkungen durchaus nicht als ein Tadel gelten, denn wenn auch die rasche, geschäftsmäßige Abfertigung meiner Person von Seiten der Herren v. Tscherning und[260] v. Werther mich noch immer in der Erinnerung schmerzt, so wünsche ich doch dem Stuttgarter Hoftheater vom Grunde meines Herzens das beste Gedeihen, denn meine mächtigeren Erinnerungen liegen nicht in der Periode dieser beiden Herren, sondern in meiner übrigen siebzehnjährigen Thätigkeit am Stuttgarter Hoftheater, in denen ich den Flug zu höheren geistigen Aufgaben begonnen und erfolgreich fortgesetzt hatte. Und so wünsche ich auch Herrn v. Werther, daß er noch lange ? Jupiter gleich ? in Wolken über dem Stuttgarter Hoftheater thronen möge. ? ? ? ? 
 XXIX.  [243] Vor allem war es wieder die Schlarassia, die meiner im fremden Lande sich so liebevoll annahm. Budapest hat das schlaraffische Wesen voll und ganz erfaßt. Lulu dir, Budapestia! Die Schlaraffia ist ein Verein, der fast immer von denen, die seine Tendenz nicht kennen, verkannt wird. Ich bin Schlaraffe mit Leib und Seele. Unser größtes Unglück ist unser Name: »Schlaraffen«! Der Uneingeweihte denkt sofort an das Schlaraffenland, in dem Wohlleben und Faullenzen an der Tagesordnung, ja man ist auf Liederlichkeit zu schließen geneigt. So wunderbar Satzungen und Spiegel für das schlaraffische Wesen entworfen, so unmotiviert ist für die Angehörigen des Bundes der Name Schlaraffen! Die Schlaraffia hat unter dem Wahlspruche in arte voluptas die Pflege treuer Männerfreundschaft im Auge. Nur Männer von unbescholtenem Rufe und geistiger Bildung sollen Aufnahme finden. Wenn das Wesen der Schlaraffia erfaßt wird, wie es sein soll und Ceremonial und Spiegel richtig gehandhabt werden, ist es ein Verein, der an den durch die göttliche Kunst gebotenen Freuden, sowie an der Pflege des Humors und der Freundschaft sich wahrlich erbauen kann, da er nach den Mühen des Tages erquickende Erholung bietet. Die Schlaraffia hat ihren Muttersitz in Prag. Die Praga ist die Allmutter sämtlicher Schlaraffenreiche, die sich nach fünfundzwanzigjährigem Bestehen des Bundes jetzt über den ganzen Erdball ausgebreitet haben. Der Bund hat seine eigenen Satzungen. Der Schlaraffe versetzt sich mit seinen Sitten und Gebräuchen dreihundert Jahre zurück und seine Insassen sind eingeteilt in Ritter, Junker, Knappen[244] und Prüflinge. Name, Stand und Charakter des Menschen wird abgestreift, die profane Welt existiert für ihn nicht mehr, sobald der Schlaraffe die Burg betreten und seine Rüstung angelegt hat. Der Fremde wird als Pilger eingeführt, gefällt ihm das Treiben des lustigen Völkchens, so kann er sich als Prüfling melden; wird er dann aufgenommen, so tritt er in den untersten Grad und wird Knappe. Als solcher führt er eine Nummer an seiner Sturmhaube. Avanciert er zum Junker, darf er seinen Vornamen führen. Als Ritter wird ihm später ein Name beigelegt. Wir haben alle Helden der Ritterzeit vertreten. Wir haben einen Ritter Plato, wenn er eine Platte hat, einen Ritter Collodium, wenn er photographieren kann, einen Ritter Huppel di Hax, wenn er Balletmeister ist, einen Ritter Tramway, wenn er eine Pferdebahn gebaut hat u.s.w. Ueber Allen steht der Oberschlaraffe, die unfehlbare Herr lichkeit. Er kann das Wort erteilen und entziehen, er kann schwere Geldstrafen verhängen, was er gern dem Schatzmeister zu Liebe thut, denn in den meisten Kassen der Schlaraffenreiche ist Ebbe, er kann Widerspenstige ins Burgverließ werfen, am Zucken seiner Wimpern hängt Tod und Verderben. Im Allgemeinen schmiert er aber jedem Brei ums Maul, meist Hirsebrei, und erkennt die unsterblichen Verdienste der Insassen an, verteilt Orden und Ahnen und ist, wie Friedrich der Große, der erste Diener seines Staates. Alles das geschieht unter dem Schutze »Uhu's,« der als Symbol der Nachtung in jeder Burg thront. Die Fantasie des Schlaraffen geht so hoch, daß er ganz vergißt, daß er im Scherze handelt, er ist ehrgeizig und strebt nach Ruhm und Orden ? wird ihm das vom Throne Seiner Herrlichkeit aus beschieden, so ist ihm wohl im Reiche der Träume und die Herrlichkeit ist dann erst wahrhaft unfehlbar, beliebt und wohlgelitten. Amazon.de Widgets Ich kenne Schlaraffenbrüder, die ihr Amt so ernst nehmen, als handelte es sich dabei um das Wohl der ganzen Menschheit. Wir haben einen Ritter in der Stutgardia,[245] den man in jeder Beziehung als einen Musterschlaraffen ansehen kann, er erfaßt das Schlaraffenwesen von der hohen idealen Seite und alles was er für die Vereinigung thut, geschieht mit der größten Liebe zur Sache und mit einem unerschütterlichen Ernst. Ich glaube nicht, daß selbst die Stuttgarter Hoftheater-Kanzlei mehr Akten aufzuweisen hat, als unser Ritter in seiner Eigenschaft als Kanzler und Würdenträger der Schlaraffia Stutgardia. Er bleibt Schlaraffe bis an sein Lebensende, das ihm noch lange zum Heile der Stutgardia fern bleiben möge! Man kennt ihn überall, soweit die schlaraffische Zunge reicht. Es gibt kein Schlaraffenreich, welches es sich nicht schon zur Ehre gemacht hätte, den Kantzler der Stutgardia auf irgend eine Weise auszuzeichnen, denn in ihm, der unter der oft rauhen Schale ein treues Herz, einen liebenswürdigen Sinn birgt, sieht man das wahre Schlaraffentum verkörpert. Wir hatten einmal in Stuttgart ein großes Schlaraffenfest mit Ball, Aufführungen und Bazar arrangiert. Schaustellungen, türkische Cafézelte, Bierbuden, alles von Mitgliedern der Schlaraffia geleitet, waren am Platze. Unser Musterschlaraffe hatte den Bierausschank übernommen, und mit heiligem Ernste waltete er seines Amtes, nicht den geringsten Makel an seinem Bierzelte wollte er auf sich laden. Ein Gast bestellt sich bei ihm ein Glas Bier, er nimmt ein Glas und schenkt ein. »Ist das Glas auch rein?« fragte der Bierverlangende. ? »Glaubet Se, Se krieget bei mir ein ung'schwenktes Glas? ? Des gibt's hier net!« schrie unser Würdenträger aufs höchste beleidigt, und überreicht wütend, aber vorher die linke Hand nach dem Gelde ausstreckend, das verlangte Glas Bier. ? Ein Muster fanatischen Schlaraffentums ist der Ritter Schaumlethe (Agent einer Champagner-Fabrik) der Wiesbadensia. Er war noch ein junger Schlaraffe, und als Ausländer der deutschen Sprache nicht ganz mächtig. Schaumlethe hatte gehört, daß alle Schlaraffen der Erde Brüder sind, und sich statt »Sie« und »Ihnen« mit »Ihr«[246] und »Euch« anreden. Nun verwechselte er aber als Ausländer die Begriffe, und als ihm Friedrich Bodenstedt, der als Ritter Mirza Schaffy Ehrenritter der Praga geworden, aber vielleicht niemals ein Schlaraffenreich (oder wenn schon, doch nur flüchtig) besucht hatte und mit den Gebräuchen der Schlaraffen nicht bekannt war, in Wiesbaden begegnete, schrie er ihn mit dem schlaraffischen Gruße: »Lulu, Lulu!« an. Bodenstedt stutzt und fragt: »Was wollen Sie damit sagen?« »Sie«? fragt Schaumlethe verdutzt, »ich bin der Ritter Schaumlethe, Lulu! Lulu!«[247] »Ja was heißt das?« fragt Bodenstedt. »Das weißt du nicht?« antwortete Schaumlethe, »und du willst Schlaraffenbruder sein?« Mit dem Ausrufe der schlaraffischen Entrüstung »Ulul!« wendet sich Schaumlethe verächtlich ab. ? Bodenstedt glaubte einen Geisteskranken vor sich zu haben und ging mitleidig den Kopf schüttelnd, weiter. Schaumlethe erzählte entrüstet abends in der Schlaraffia den Vorfall und meinte, was es doch für närrische Schlaraffenbrüder in der Welt gäbe; mit der Brüderlichkeit in der Schlaraffia solle ihm jetzt aber nur jeder vom Leibe bleiben! ? Am zweiten Tage meines Aufenthaltes in Budapest fuhr ich über die Radialstraße und bemerkte aus dem Trottoir einen wohlbeleibten Mann mit grauem Haar und Schnurrbart, und einem unendlich freundlichen, wohlwollend patriarchalischen Aussehen. Eine lange altmodische goldene Uhrkette hing über seiner schwarzen Weste, ein schwarzer Rock und schwarze Beinkleider vervollständigten das würdige Aussehen. Zuerst war ich versucht, den Herrn für einen Abbé oder geistlichen Herrn zu halten, aber der Schnurrbart! Bei einer Wendung entdeckte ich daß der Mann einen Riesen-Tschibuk unter dem Arme trug. Ich hatte den Herrn nie im Leben gesehen, an dem Tschibuk erkannte ich ihn. Ich ließ den Kutscher halten. »Vieledler Ritter Bim-Pascha von Tschibukhausen« rief ich. ? »Lulu, Herrlichkeit Bräsig« schallt mir's entgegen ? auch er erkannte mich. Das ist Schlaraffenart, man erkennt sich am Gruß. Also Seiner Viel Edlen der Kan zellar des Reyches Budapestia, Ritter Bim-Pascha von Tschibukhausen stand vor mir! Bim-Pascha von Tschibukhausen veranlaßte sofort die übrigen Pester Schlaraffenbrüder, mich andern Tags, wo ich nicht im Theater auftrat, zur Fahrt nach Ofen abzuholen, um dort eine krystallisierte Sippung, wie der Schlaraffe eine zwanglose Sitzung nennt, abzuhalten.[248] Ein stattlicher Zug von Fiackern hielt am andern Nachmittage vor meinem Hotel. Sämtliche Insassen fuhren von dort aus mit mir nach Ofen in die Sommerburg der Budapestia. In Ofen machten wir uns bekannt. Ja wer Schlaraffenherzlichkeit nicht kennt, begreift es nicht, »welch tiefer Sinn im kind'schen Spiele« liegt. So manche ehrlich treue Freundschaft wird geschlossen in diesem Bunde, und wie auch die profanen Lebenswege der Einzelnen auseinandergehen, allwöchentlich an einem Abend streift der Schlaraffe Sorgen und Mißgeschick des Lebens von sich ab und lebt glücklich in der Welt der Fantasien mit seinen Brüdern. »Und ob die Welt in ihren Fugen wanke, Schlaraffia treu sein, sei mein einziger Gedanke,« ist der Schlaraffenschwur. Wer ihn als Mann von Ehre zu halten bereit ist, wird manche reine Freude erleben. Ich verdanke[249] der Schlaraffia viel, denn ich habe meine trübe Gemütsstimmung, die mich leider so oft erfaßt, durch sie fast immer wieder verloren, und durch sie den Glauben an liebe, brave und gute Menschen wiedergewonnen. So auch in Budapest. Seid gegrüßt, ihr lieben Freunde und Brüder dort! Wie oft gedenke ich Eurer! Wißt ihr's noch, als wir im Fackelzuge nach oben erwähnter, »Krystallisierten« von Ofen nach Pest zogen, auf offener Straße in der Nacht uns Schlaraffentreue gelobten, Reden hielten und uns geberdeten als wäre der Erdball unser, und die Schlaraffia das Reich der Zukunft?! ? Süße, harmlose Freuden nach dem Aerger und den Sorgen des täglichen Lebens. Die Budapestia veranstaltete eine Ehrensippung für mich, eine der schönsten Sippungen in meinem an schönen Erinnerungen so reichen Schlaraffenleben. Die Burg der Budapestia ist eine der schönsten, die ich kenne. Bei meinem Eintritt in den Vorhof ertönte eine Fanfare, die sofort ein Echo aus den unteren Räumen des Gebäudes, wo die eigentliche Burg liegt, heraufschallen ließ. Ich ging die Wendeltreppe hinab. Als ich die unterste Stufe betreten, blies ein Herold abermals eine Fanfare. Die Wand, auf die ich schaute, senkte sich plötzlich als Zugbrücke in Ketten hängend, herab, und gewährte einen imposanten Anblick in die Pester Schlaraffenburg. In voller Rüstung saßen die Ritter, Junker und Knappen, bei festlicher Beleuchtung hinter ihren Humpen. Auf ein Tamtamzeichen Seiner Herrlichkeit Graf Buko, der umgeben von allen Würdenträgern des Reiches, auf Uhu's Throne saß, erhoben sich alle Insassen und bildeten Spalier. Der Ceremonienmeister empfieng mich und führte mich durch die Reihen der Recken vor den Thron. Ein Hornquartett von Musikern aus dem Theater blies meine Lieblingsnummer: das Hornquartett aus Fritz Reuters Franzosentid. Diese sinnige Idee hatte mich schon so unendlich weich gestimmt, als ich unter den Klängen dieser herrlichen Seifriz'schen Komposition durch die Burg schritt, daß ich mich der Thränen nicht erwehren konnte, als die Herrlichkeit Buko mich so warm, so sympathisch, in zündender Rede bewillkommnete.Der Abend verlief in herrlichster Weise. Eigens für den Zweck und Abend komponierte Quartetts wurden von prächtigen Männerstimmen (liebe Kollegen der Oper) gesungen. Sogar der einst so berühmte Tenor Ellinger (Ritter Eleazar der Meistersänger) entschloß sich in seinem 73sten Lebensjahre noch, mir an dem Abende den »Erlkönig« vorzusingen ? und wie sang er ihn! Alter Künstler, würdiger Kollege, wie hast du mein Herz entzückt! Wir Berufsgenossen trugen ihn nach dem Vortrage des Liedes auf unseren Armen im Triumphzuge durch die Burg ? den lieben Greis mit dem schlaraffischen Jünglingsherzen und der jugendlichen Kehle! Beschreiben, was ich empfunden ? das vermag meine ungeübte Feder nicht ? es war geradezu überwältigend, und die Erinnerung daran wird unauslöschlich in meinem Schlaraffenherzen fortleben. Als ihr Ehrenritter wurde ich mit der Budapestia innig verknüpft ? aber unzerreißbarer noch durch das Band der Freundschaft, das wir an jenem herrlichen Abend um uns geschlungen. Der unvergeßliche Abend übertrug seine schöne Harmonie auch auf das profane Leben. Fast allabendlich saßen wir nach dem Theater in einem Pester Restaurant, und die Burgfrauen und Burgfräulein der Pester Insassen verschönten unsern gemütlichen Kreis. Herrlichkeit Buko zog mich in sein Haus. Ein traulicher Familienkreis heimelt mich bei meinem Nomadenleben in der Ferne stets so an ? und wie wohl war mir's im Hause Buko! ? Herrlichkeit Buko ist im profanen Leben der Architekt v. Bukovics, der Bruder des unlängst verstorbenen Hofburgschauspielers Bukovics in Wien. Seine Gattin, ein Muster einer Mutter und Hausfrau, mit hohem Sinn für Musik und deutsche Poesie, hat die Freundschaft, die ich mit ihrem Gatten geschlossen, noch erhöht; Frau v. Bukovics gehört zu jenen empfänglichen Naturen, die Fritz Reuters Gemüt und Poesie so sehr erheitert und bewegt. Ein erhebend schönes Gefühl, das ich mit nichts vergleichen kann, durch die Interpretation eines deutschen[252] Dichters ein Frauenherz in Ungarn so entzückt zu haben. Ich sehe ihre Rührung noch, als ich ihr Reuters: »Hanne Nüte's Abschied« vorlas. Sie und ihre Kinder schrieben mir als Abschied auf ihr Bild: »Wie Frühlingsjubel und Nachtigallenschlagen wird die Erinnerung an Sie immer in unserem Hause, in unseren Herzen wiederhallen. Daß Sie dessen manchmal gedenken, nehmen Sie dies Blatt in dankbarer Verehrung. Karoline v. Bukovics, geb. v. Hubatka. Nikolaus. Marianne.« Mein lieber Bukovics, sei mit Weib und Kindern herzinniglich gegrüßt aus weiter Ferne, und sei bedankt für alle Liebe und Freundschaft in Budapest. Wir seh'n uns wieder! Neben den Festen im Bukovics'schen Hause genoß ich Gastfreundschaft und innige Verehrung auch in anderen Familien. Ein Landsmann von mir, der Fabrikant Eduard Kühne aus Dortmund (Ritter Teuerdank), der seit 20 Jahren in Pest weilt, zog mich in seinen Familienkreis. Nach einem Diner bei ihm schrieb mir sein reizendes Töchterchen, das in Ungarn geboren, auf ihr Bild, das sie gegen das meinige austauschte: »Dem lieben Onkel Bräsig, der einem Ungarmädchen erschlossen hat des Vaters Lieblingsdichter, bietet dieses Bild dar zur freundlichen Erinnerung an Budapest. 1. Mai 1888. Bertha Kühne.« Der Kaufmann Szakàl (Ritter Jamaika), ein ächter Ungar, lud mich zu einer ungarischen Mahlzeit ein. Nach derselben mußte mir sein holdes Töchterchen mit dem unvergleichlich schönen ungarischen Typus auch ungarische Lieder zum Klavier vorsingen. Leider sprach sie kein Wort deutsch und ich verstand sie nicht. Dies mochte sie wohl unangenehm berühren, und[253] schon für meinen zweiten Besuch hatte sie, da ich mich danach gesehnt, ein deutsches Lied von ihr zu hören, das bekannte: »Fischerin du kleine« gelernt, und sang es mir in deutscher Sprache mit dem reizenden ungarischen Accent vor; und als ich meinen Abschiedsbesuch machte, hatte sie sich in ihrer kindlichen Naivetät sogar selber deutscher Dichtung befleißigt, und dichtete, an das mir vorgesungene Lied sich anlehnend, als Widmung auf ihre Photographie: Amazon.de Widgets »Fischerin ich kleine Herrlichkeit fahr nicht so Eile!« Mit Thränen in dem schönen ungarischen Kinderauge überreichte sie es mir. Es ist ein harter Reim ? und klingt mir doch so süß, als das Echo eines lieben ungarischen Freundes, das er in das unverdorbene Herz seines Kindes gelegt. Von der Aufmerksamkeit und Liebenswürdigkeit der Ungarn macht man sich keinen Begriff, wenn man's nicht erlebt. Die Familie Weber (Ritter Tresor) lud mich zu Tische ein, und da ich jeden Abend auftrat und am Tage anstrengende Proben im Theater zu leiten hatte, suchte man mir die Mittagsstunden nach Kräften zu versüßen. Ich hatte geäußert, daß ich die Zither so liebe, und mittags hatte die Burgfrau Tresor eine Zithervirtuosin eingeladen, die mich mit wunderbaren Zitherfantasien nach dem Essen einschläfern sollte. Die Künstlerin erreichte ihren Zweck zwar nicht, die Vollkommenheit auf ihrem Instrumente regte mich zu sehr auf, aber die Absicht war so lieb erfunden, daß ich mit herzlichem Dankesgefühl an die liebe Familie Weber zurückdenke. Auch Ritter Zeus, Aesculap, Cagliostro, Kernabon, Hipponax, Mars, Vulkan, Tschockerl etc. ? seid tausendmal gegrüßt aus der Ferne. Mein Herz ist bei euch! Dankerfüllt und schmerzbewegt nahm ich vom liebenBudapest Abschied. Ritter Teuerdank und Mars begleiteten mich bis nach Wien, wo ich zwei Tage bei meinem dort ansässigen lieben Bruder Theodor mich erholen mußte, denn: »Nichts ist schwerer zu ertragen, Als eine Reihe von glücklichen Tagen!« 
 XIV.  [117] Wie überall, wird auch in Stuttgart, namentlich in der besseren Gesellschaft, viel Liebhabertheater gespielt. Schöne Abende habe ich dabei verlebt. Für die meisten meiner Kollegen ist das Einstudieren von Komödien bei Dilettanten eine unerfreuliche Arbeit ? ich habe immer großes Vergnügen daran gehabt, namentlich wenn Dilettanten sich belehren und gern etwas sagen lassen. Wenn die Leute aber Komödie spielen, fährt meist der Ehrgeiz und die Eitelkeit der Schauspieler in sie. Manche lassen sich sagen und lernen etwas, andere wieder sind wie die verkannten Genies, nehmen es übel, und verderben ihre Rollen. Der Neid stellt sich ein, gerade wie bei uns Schauspielern von Fach, eine Kette von Intriguen, wie sie manchmal das beste Hoftheater nicht aufzuweisen hat, legt sich um ihren Kreis. Ich habe so oft meine Betrachtungen darüber gemacht, wie eigentümlich es doch ist, daß Personen, die ihr ganzes Leben im Salon und auf dem Parketboden zubringen, in Eleganz und Tournüre das Vollendetste leisten ? und dann mit einem Male, wenn sie auf die Bühne gestellt werden, nicht mehr wissen, wo sie mit den Armen und den Beinen bleiben sollen, sie haben immer zwei Arme zuviel. Es muß der Gedanke machen: du stehst jetzt vor Zuschauern, wirst beobachtet, nun mache auch was Außerordentliches, und damit geht jede angeborene Noblesse, jede freie natürliche Bewegung verloren. Der Prinz Weimar veranstaltete oft mit Mitgliedern der Hofgesellschaft Theatervorstellungen in seinem Palais. Der[118] Prinz bat mich in den meisten Fallen, die Regie zu übernehmen. Ach, es war reizend, mit dem hohen Herrn gemeinsam zu arbeiten! Die Liebenswürdigkeit seines Wesens trat so recht im engeren Kreise in seinem Palais ins schönste Licht. Auf den Proben wußte er einem so jeden Zwang der Unterthänigkeit abzunehmen und eine Freiheit in Benehmen und Sprache zu gestatten, daß man durchaus nicht einen Druck des Rangunterschieds empfand. Der Prinz wie die Prinzessin waren fast auf jeder Probe ? und unzählige Proben wurden gehalten ? kümmerten sich um alle Requisiten, die gebraucht wurden, amüsierten sich auf den Proben, lachten herzlich über jeden nicht ausbleibenden faux pas, und verplauderten mit uns nach der Probe so manche fröhliche Stunde bei Thee, Sandwiches, Wein, Bier und allerhand Erfrischungen. Wir spielten einmal das Lustspiel »Frauenemanzipation« von Sontag. Das Stück hängt größtenteils von der guten Darstellung der Frauenrolle ab. Diese war in den Händen einer jungen Dame, die wohl zum erstenmale die Bühne betrat und etwas linkisch sich anstellte. In den Nebenzimmern wurde ich von den Schauspielern, d.h. den Grafen und Baronen der Hofgesellschaft bearbeitet, ich solle doch dem Prinzen erklären, das ginge nicht mit dem Fräulein, ich möge dem Prinzen vorschlagen, die Rolle anders zu besetzen. Frau Dr. B. oder Fräulein v.M. würden ja die Rolle weit besser spielen. Nun war die Inhaberin der Rolle aber die Tochter eines in Hoftheaterangelegenheiten sehr einflußreichen Mannes, sozusagen Chef des Hoftheaters. Ich hütete mich also aus naheliegenden Gründen wohl, mir unnötige Feindschaft zu machen. Die Intriguen beim Hoftheater machten mir genug zu schaffen ? ich wollte hier nicht auch noch daran zu leiden haben. Ich zeigte dem Fräulein jede Handbewegung, ließ sie jeden Satz so lange sprechen, bis er richtig betont war; das Fräulein war eine liebenswürdige, gelehrige Schülerin, nach einigen Proben wuchs sie in der Rolle riesengroß und spielte abends zum Entzücken aller Zuschauer. Komplimente wurden ihr von allen[119] Seiten gemacht, namentlich von denen, die Frau Dr. B. oder Fräulein v.M. zu der Rolle vorgeschlagen, der Frau Mama wurde ganz besonders gratuliert zu dem Talent der Tochter. Frau Dr. B. und Fräulein v.M., die die Rolle selbst spielen wollten, waren äußerst entzückt von der Leistung, und meinten dann sich zu mir wendend und leise flüsternd, was ich wohl für Mühe mit ihr gehabt hätte; bei der nächsten Soiree müßten sie aber wieder eine Rolle haben. Ich verwies sie an den obersten Chef. Die eingeladenen Redakteure der Zeitungen wurden aufgesucht und mit Freundlichkeit behandelt, in den Nebenzimmern wurde Graf S. bearbeitet, der viel Einfluß bei Auswahl der Stücke hatte, nächstens dieses oder jenes Stück zu wählen, der Baron P. und Gräfin B. hätten das schon in Dingsda gespielt ? kurz das ganze Hoftheatergetriebe im Kleinen. Amazon.de Widgets Aber schön war's doch. Wir, die ausübenden Künstler und der Regisseur, saßen dann mit dem Prinzen und der Prinzessin nach der Soiree beim Souper und plauderten ungeniert, fröhlich und gemütlich in die Nacht hinein. Wer die Prinz Weimarsche Familie kennen gelernt hat, wird mir zustimmen: es giebt kein reizenderes, bürgerlich gastfreundlicheres Haus, als das Palais Weimar in der Neckarstraße. Wo der Prinz gefällig sein kann, thut er's; er ist nicht nur Präses aller höheren Sportskreise, er ist ein Vater der Bedrängten, der Protektor aller Wohlthätigkeitsanstalten. Gott erhalte ihn Stuttgart, er wird noch manche Thräne trocknen! Die Gräfin v. Beroldingen, auch eine Dame der Aristokratie Stuttgarts, veranstaltete einmal drei Wohlthätigkeitsvorstellungen im Königsbau. Sie nahm Tausende für den Zweck ein. Gräfin v. Beroldingen ist eine Künstlerin als Dilettantin, sowohl in der Malerei, der Musik, als auch auf der Bühne als Darstellerin. Eine unendliche Mühe hatte die edle Frau, bis sie die drei Vorstellungen zusammenbrachte. Bis nachts 2 Uhr haben wir oft probiert, dann wurden im letzten Moment noch Rollen umbesetzt, der eine wollte so, der andere so; die Offizierewaren dienstlich verhindert, zur Probe zu kommen ? es hing immer zwischen Leben und Tod mit so einer Vorstellung. Aus dem Hoftheater brauchten wir verschiedene alte Requisiten, Herr v. Gunzert wollte ein Inventarverzeichnis haben, eine Garantie, daß, für den Fall etwas beschädigt würde an einer Livree, Gräfin v. Beroldingen dafür aufkommen sollte. Große Aktenstücke wurden verfaßt, Gräfin v. Beroldingen mußte unterschreiben, und dann erst wurden die Sachen verabfolgt. Gräfin v. Beroldingen erklärte mir sofort: einmal und nicht wieder! Sie hat Wort gehalten, aber ich habe in ihrem Hause stets herzliche Aufnahme gefunden; sie ist eine Verehrerin der Kunst und gehört zu denen, an deren Erinnerung sich für mich glückliche Stunden knüpfen. Unvergeßliche Abende mit theatralischen Aufführungen fanden beim Grafen Linden statt, wie beim Fabrikanten Müller; liebe Menschen, die nicht bloß, weil sie mich zum Arrangement ihrer Vorstellungen brauchten, liebenswürdig waren, nein, die mir die herzlichste Freundschaft bewahren werden, wie ich ihnen. Ja, ja, es thut mir leid, daß ich in Stuttgart nicht mein Heim gefunden ? ich hatte viele Freunde und Gönner dort ? aber die Hofkammer teilte diese freundschaftlichen Gesinnungen nicht, und sie war entscheidend. Der Graf von Leutrum hatte mich einmal zur Regie bei einer Vorstellung im Palais der Prinzessin Friedrich empfohlen. Es wurde das »Schwert des Damokles« und »Wie denken Sie über Rußland?« aufgeführt. Prinz Wilhelm war stets bei den Proben zugegen, er liebte sehr Dilettantenvorstellungen und arrangierte öfters solche in Marienwahl bei Ludwigsburg, seiner Sommerresidenz. Schon bei den Wohlthätigkeitsvorstellungen im Königsbau sprach er mit mir über Theaterangelegenheiten, ich war erstaunt, wie bewandert er in diesen Dingen war. Im Palais der Prinzessin Friedrich saß er auf jeder Probe vor der Bühne; Dinge, die mir entgingen, fielen ihm auf, und als[122] mich zwei Tage vor der geplanten Vorstellung ein Kontrakt zum Gastspiel nach Riga rief, so daß ich der Aufführung im Schlosse nicht beiwohnen konnte, übernahm der Prinz alle Funktionen des Regisseurs und des Inspizienten. Er setzte die Möbel zurecht, holte alle Requisiten herbei, nahm die Glocke in die Hand, gab das Klingelzeichen, zog den Vorhang womöglich selber auf und war die Gefälligkeit und Liebenswürdigkeit[123] in höchsteigener Person. Ja, es ist eine alte Erfahrung, je höher der wahrhaft vornehme Mensch steht, desto einfacher und leutseliger ist sein Wesen, ihm müssen die Herzen derjenigen, die mit ihm in Berührung kommen, naturgemäß zufliegen. Prinz Wilhelm hat uns nicht nur durch seine Fachkenntnis in Erstaunen gesetzt, er hat uns durch sein persönliches Begegnen entzückt und beglückt, und alle, die in jenen Tagen mitgewirkt, werden stolz auf diese Erinnerung sein und bleiben. 
 XXIII.  [192] Die New-Yorker Staatszeitung vom 16. Oktober 1887 schreibt: Das war gestern ein festlicher, bewegter Abend im Thalia-Theater. August Junkermann, der das erstemal eine Bühne in Amerika betrat, wurde nicht nur von seinen Landsleuten, sondern vom ganzen großen Publikum mit einem Jubel und einer Herzlichkeit empfangen, die den Künstler mit Stolz erfüllen konnten. Es liegt ein großmütiger Zug in dieser rückhaltslosen Anerkennungsfreudigkeit unserer deutschen Theaterbesucher, die den Ruf, der dem Künstler voranging, im vorhinein für Ruhm nehmen. Und wie hat Junkermann die hochgespannten Erwartungen, die dem geräuschvollen Beifallssturm doch eigentlich zu Grunde lagen, gerechtfertigt? Der Künstler spielte gestern den »immerietierten Entspekter«, diese Perle der Reuterschen Komik, die aus dem Roman »Ut mine Stromtid« für die Bühne gefaßt wurde und die wohl zu bekannt ist, um noch einmal besprochen zu werden. Wir haben in New-York schon wackere Bräsigs geschehen, von Schauspielern dargestellt, die es verstanden, uns mit dieser Prachtgestalt zu befreunden und sie hier einzubürgern. Der gefeierte Gast, der Apostel Reuters, wie er in den nieder- und hochdeutschen Gauen des deutschen Vaterlandes genannt wird, hatte also eigentlich einen schweren Standpunkt, denn er mußte ein Evangelium zweimal predigen. Es kann nun gleich gesagt werden, daß die frohe Botschaft, wie Junkermann sie brachte, hier noch nie gehört worden. Man ist die Klänge der Reklametrommel, die von lärmbedürftigen Unternehmern für überseeische Gäste gerührt wird, hier so gewöhnt, daß man dem Publikum ein bißchen Mißtrauen nicht verargen könnte. Aber von Junkermann kann man ruhig sagen: er ist noch besser als sein[193] Ruf. Endlich wieder ein ganzer Schauspieler, einer, der über die glänzendsten Eigenschaften, die Natur und Kunst verleihen können, so gebietet, daß »eine kritische Regung gar nicht aufkommen kann«. Daß er die natürlichen Gaben, die zu seinem Beruf gehören: eine prächtige Bühnengestalt und ein schmiegsames, einschmeichelndes Organ besitzt, ist eigentlich selbstverständlich. Er ist aber einer jener, auch im Leben seltenen Menschen, denen man beim ersten Zusammentreffen ansieht, daß sie Humor und Gemüt haben. Diese angenehme Eigenschaft wird natürlich auf der Bühne doppelt kostbar, denn wer sie dort wie im Leben zur Schau zu tragen weiß, der braucht nur halb zu spielen. Und das ist die Ursache der unwiderstehlihen, erwärmenden Wirkung, die Junkermann gestern auf das New-Yorker Publikum, das ihm doch ganz fremd war, als »Onkel Bräsig« ausübte. Als Schauspieler ist er zweifellos in New-York noch nie übertroffen und selten erreicht worden. Die New-Yorker Zeitung schreibt: August Junkermanns Debut als »Inspektor Bräsig« ? Ein großer Erfolg. ? New-York hat jetzt den Inspektor Bräsig mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört; im Privatleben nennt er sich Junkermann; wer aber keinen Blick auf den Theaterzettel that, der konnte sich, ohne seiner Phantasie irgendwie Zwang anzuthun, mit Leichtigkeit der Illusion hingeben, daß die klassische Figur des »Entspekters«, wie sie Reuter vorgeschwebt, zu Fleisch und Blut geworden und auf die Bühne herabgestiegen sei. Das total ausverkaufte Haus, in welchem das plattdeutsche Element zwar vorherrschte, aber auch andere Stämme, die das Plattdeutsche nicht mit der Muttermilch eingesogen haben, zahlreich vertreten waren, nahm die Leistung des Künstlers, der sich als ein Charakterkomiker ersten Ranges erwies, mit jubelndem Beifall auf. Junkermann war in allen Scenen brillant, ob er die Geschichte seiner Wasserkur oder die Historie von seinen »drei Brauten«, die er auf einmal gehabt, erzählt, ob er auf dem Kirschbaum sitzend die Liebespaare belauschte, ob er Herrn Pomuchelskopp auseinandersetzte, was er, Bräsig, unter Pomuchelskopp eigentlich versteht, ob der Humor oder Herz und Gemüt das Wort führten, in allen Situationen war er gleich vorzüglich, er ging so ganz auf in dem Charakter und beherrschte den Dialekt so vollkommen, daß seine Leistung einen ungetrübten Genuß bot. Der[194] künstlerische Erfolg des Gastspiels war mit dem gestrigen Abend über jeden Zweifel entschieden und es heißt, eine sehr geringe Meinung von dem Verständnis unseres Publikums hegen, wenn der materielle Erfolg nicht ebenso durchschlagend werden sollte. New York Herald: Herr August Junkermann, in »Inspector Bräsig«, is, as the Germans say, colossal. The actor, a comedian of the first rank, made his first appearance in this country at the Thalia Theatre last night in the title part of the five act comedy drama, from Fritz Reuter's »Stromtid«. There was an immense audience, which welcomed Herr Junkermann warmly on his first entrance, and then as the play progressed became more and more enthusiastic in its applause, bravos and recalls, both during and ad the end of the acts. Truly no more perfect comedy picture of its kind has been seen here than that furnished by Herr Junkermann. As the jolly good hearted, old retired Mecklenburg land stewards, with his love of fun and his friends, the actor won the hearts of all present. And his capital Platt-Deutsch dialect and lifelike and inimitably comical manner of speech and bearing caused almost incessant laughter. With his stalwart, rotund form, his fat, kindly, clean shaven face and partly bald head, and his peculiar costume, of which a cap with a huge peac was one of che most striking features, he looked like a figure out of a picture by Knaus. Herr Junkermann, bubbling over as he was most of the time with jollity and friendship for all the world except the bad people, also especially, in his scene with his disheartened friend Habermann, the steward of Pümpelhagen, struck the true notes of feeling. When he embraced Habermann he brought down the house. In looks and in manner, for he was made up for about the same age, and is about tlie same heigt an build, Herr Junkermann recalled at times our own John Gilbert in his delightful picture of Brisemouche in »A Scrap of Paper.« Amazon.de Widgets Das New-Yorker Journal berichtet: Thalia-Theater. (A. Ph.) Mit Ausnahme der beiden großen Centren plattdeutscher Bevölkerung, Hamburg und Bremen, hat vielleicht keine Stadt beider Hemisphären eine größere, eingefleischtere, auf jedes Wort ihrer Apostel schwörende Reuter-Gemeinde,[195] als New-York. Nicht nur in den plattdeutschen Schichten, die in ihm, mit Zurücksetzung seines Vorgängers Klaus Groth, den Messias ihres Idioms, den Prinzen, der das in jahrhundertlangem Schlaf befangene niederdeutsche Dornröschen wachgeküßt hat, erblicken und verehren, sondern auch bei allen, die bislang nur das geliebte Hochdeutsch als litteraturberechtigt angesehen haben, hat Fritz Reuter eine auch noch heute immer mehr anwachsende Anhängerschaft gewonnen. Er verdankt die beispiellose Popularität, die seine Werke fast zum Hausbuche jeder Familie, vom Strande der Ostsee bis zum Fuße der Alpen, machen, in erster Linie der außerordentlichen Lebenswahrheit der Charaktere, die er, ein treuer Sohn seiner heimischen Gauen, der jedem Flügelschlage der niederdeutschen Volksseele gelauscht hat, nun, aus dem Born dieser so reich sprudelnden typischen Eigentümlichkeiten schöpfend, gleichsam von der Natur abporträtiert. Es sind Menschen, die er schafft, keine von der poetischen Phantasie geborene Fabelwesen, Menschen wie sie nur in den norddeutschen Tiefebenen, im pommerischen und mecklenburgischen Flachlande gedeihen, mit dem ganzen konservativen Zuge, dem ganzen mit beiden Füßen fest auf dem Boden, dem sie entsprossen sind, stehen, dem ganzen schalkhaften, behäbigen, durch und durch gesunden Humor, dem ganzen das Leben wesentlich von der nüchternen, praktischen Seite betrachten, durch eine tiefinnerliche, gemütvolle Liebe zu Haus und Hof, Weib geadelt ? mit einem Worte, es sind plattdeutsche Charaktere in jeder Faser ihres Wesens, die Reuter der Litteratur des deutschen Volkes geschenkt hat. Es ist eine im beste Sinne des Wortes erquickliche Lektüre, diese Stromtid, Franzosentid, Schurr Murr, kein Hüsung u.s.w., und wer nach all den verzwickten an den Haaren herbeigezogenen psychologischen Problemen, mit denen die meisten der heutigen Erzähler den Appetit ihrer Leser zu reizen suchen, zu Nüßlers, Bräsig, Havermann und den anderen Reuterschen Prachtfiguren zurückkehrt, der wird die Erneuerung dieser Bekanntschaft mit jenem Wohlbehagen empfinden, mit welchem uns ein frisches Bad am heißen Sommertage überströmt. Von allen Charakteren aber, die dieser deutsche Dickens, dieser unvergleichliche Maler des niederdeutschen kleinbürgerlichen Lebens, gezeichnet hat, ist der »leiwe, olle Entspekter Bräsig« uns am meisten an das Herz gewachsen. Die Schaffung dieser Prachtgestalt ist eine litterarische Großthat allerersten Ranges. Die Figur findet in ihrer Ursprünglichkeit,[196] in ihrer Lebensfrische, ihrem wundervollen Humor kein Pendant in der Litteratur aller Nationen. Und wie hat August Junkermann, der Gast des Thalia-Theaters, ihn gespielt! Nein, nicht gespielt, denn alles eigentlich Schauspielerische, alles Gemachte trat in der Leistung des Künstlers so völlig hinter dem Eindrucke des vollen, echten Lebens zurück, wie er mit gleicher Frische zu den allerseltensten und weihevollsten Genüssen eines ständigen Theaterbesuchers gehört. August Junkermann ist ein Künstler von einer Natürlichkeit des Tons, des Mienenspiels, jeder Bewegung, welche Menschen von Fleisch und Blut schafft und keine Theaterpuppen, die den Zuschauer auch nicht einen Augenblick in die Illusion wiegen, ein Stück Leben vor sich zu haben. Den »Entspekter Bräsig« hat Junkermann mit einer solchen Einheitlichkeit, einer so echten aus dem eingehendsten Studium solcher rein plattdeutschen Charaktere strömenden Lebenswahrheit, einem so keuschen Verzicht auf alle Mätzchen des Bühnenroutiniers wiedergegeben, mit einer so realistischen Ausarbeitung jedes Details und doch den ganzen Mann als ein volles, abgeflossenes Charakterbild erscheinen lassend, wie es in gleicher künstlerischer Vollendung New-York in den letzten Jahren bei keinem der bedeutenden, deutschen Schauspieler, die den Weg zu uns gefunden haben, vereinigt gesehen hat. Der vorjährige Bräsig des Herrn Emil Thomas war eine gute schauspielerische Leistung, der diesjährige des Herrn August Junkermann ist mehr als das, er ist das Meisterwerk einer dem Reuterschen Charakter kongenialen künstlerischen Individualität. August Junkermann hat mit dieser einen Rolle gezeigt, daß er das ist, als was ihn sein Ruf ankündigte: ein Seelenmaler allerersten Ranges, der den Zuschauer das Theater vergessen läßt, in dem er ihm echte, leibhaftige Menschen vorführt. Sein Bräsig ist eine der erquicklichsten, wohlthuendsten Bekanntschaften, die ein mit allen Raffinements der Unnatur, der Schminke, des üblichen Bühnenpathos übersättigtes Publikum machen kann. Das New-Yorker Publikum fühlte es mit dem ersten Augenblicke, daß das, was sich da vor seinen Augen auf der Bühne bewegte, doch etwas anderes als die althergebrachte, bei diesem etwas geschickter, bei jenem etwas ungeschickter verdeckter Schablone sei und anerkannte diesen seltenen Genuß durch stürmischen, spontanen Beifall. August Junkermann hatte bereits nach der ersten Scene auf[197] der ganzen Linie gesiegt und wird an jedem weiteren Abende seines Gastspiels durch seine bei ihm zur vollendetsten Kunst gewordene Naturgabe siegen. The World, 16. Oktober 1887. August Junkermann in »Stromtid«. Herr August Junkermann, the famous character actor, made his first American appearance last night at the Thalia in the character of Inspector Braesig. He received an enthusiastic welcome, and though to at least one-half of his German audience the dialecte he spoke was not understood, and his best witticisms and sayings went for nothing, he yet made a magnificient succes. He moved those of the audience who understood him to laughter and to tears. Inspector Braesig is to all intents and purposes the one character of the play, and Junkermanns succeeds like Jefferson as Rip Van Winkle in holding his audience throughout. Fritz Reuter's stories?from one of which »Stromtid«, the play, is taken?do not lend themselves to dramatic art. But Inspector Braesig is styled simply a »life picture.« As such it is truthful, and in it Herr Junkermann proved himself a character actor of the very first rank?a German Joe Jefferson. Ueber mein weiteres Auftreten im Thalia-Theater zu New-York schrieb die New-Yorker Staatszeitung vom 23. Oktober: Die immer wachsenden Erfolge, die August Junkermann am Thalia-Theater erringt, sind des Publikums und des Künstlers wegen erfreulich. Die Schauspielkunst des gefeierten Gastes ist, wie die Schauspielkunst sein soll, wirklich eine Vereinigung aller schönen Künste. Junker mann malt die prächtigsten Figuren, die der Pinsel des besten Genremalers nicht realistischer zeichnen könnte. Als Bildhauer giebt er diesen Figuren Körper, als Tonkünstler Sprache, er ist alles in Einem und eines in Allem. Seine beste Gestalt, nicht sympathischer aber interessanter als der Bräsig, scheint uns der Müller Voß ut Gielow in dem Zeitbild »Ut de Franzosentid«. Es ist eigentlich ein Kunststück, uns diesen Müller schon im Anfang, als er beim Amtshauptmann erscheint, um »Pankerott tau speelen«, so bekannt zu machen, daß wir den gediegenen Kern gleich vermuten, der in dieser deutschen Natur steckt. Welch gründliches Studium[198] muß da vorausgegangen sein, um so zu ermessen, wie die Empfindungen in der Physiognomie und im Körper, in den Augen, in der Stellung, in allen Nerven und Muskeln gemalt wird. In dem verhältnismäßig kurzen Zwiegespräch mit dem Amtshauptmann, in dem der Müller vom »Pankerottspeelen« abgebracht wird, lernen wir diesen besser kennen, als wenn wir einen ganzen Romanband über ihn gelesen hätten. Die Scene mit dem Chasseur, der vom Müller auf höheren Befehl in Grund und Boden getrunken wird, ist eine jener reizenden, humoristischen Detailmalereien, in denen Junkermann excelliert ? ein Grützner ins Leben übersetzt. Schwerbeladen wankt der Müller in den zweiten Akt, nachdem er den Franzosen und dessen Goldschatz auf dem Wagen heimgebracht hat. Dieser taumelnde Gang und die naturgetreuen Geberden, die deutlich den Rausch schildern, ohne deswegen unschön zu sein, wie es der Originalmüller in seinem Rausch gewiß war, beweisen, daß Junkermann wohl weiß, wo die Natur aufhören und die Kunst anfangen darf. Ebenso ist der Zorn beim Erscheinen des jungen Voß, der den erbitterten Prozeß gegen ihn führt und durch seine Neigung zu der Tochter des Müllers besiegt wird, wunderschön wiedergegeben. Den Müller Voß halten zwei Dinge ab, auf seinen jungen Gegner zu springen und ihn zu erwürgen: erstens der kleine Weindusel, der ihn umfangen hält, und zweitens die Liebe zu seinem Töchterchen, zu »Fiken«, die in dem rauhen mecklenburgschen Bauer das stärkste Gefühl ist. Das erkennt man in der unenergischen Weise, mit der der Müller vorstürzt, um dann in den Anblick Fikens versunken stehen zu bleiben. Die Kinderliebe ist überhaupt der rührendste Zug in dem Wesen des Müllers. Durch sie wird er bewogen, den Schatz des Chasseurs, den er behalten und zum Schuldenzahlen verwenden will, wieder auszuliefern. Die Gründe, die er anfänglich dafür anführt, den Kram zu behalten, sind für das bäuerliche Rechtlichkeitsgefühl in hohem Grade charakteristisch: »Verflucht is de Schilling oder dat Kurn Weiten oder Roggen, wat ick in meinem Leben veruntrüht hew, ick bin ümmer ihrlich west ? un darüm beholl ick't un bethal mien Schulden, damit ick 'n ihrlichen Kirl bliewen dauh bet an mien selig End.« Die Logik, an und für sich schon komisch, wirkt durch die drastische Illustrierung der Gesten erst recht heiter. Der anheimelnde Humor der Reuter'schen Gestalten kann nicht behäbiger und natürlicher zum Ausdruck gebracht werden, als durch[199] Junkermann. Wie die ruhigsten und trockensten Anekdotenerzähler die besten sind, so ist Junkermann einer der besten Komiker, weil er sich aller unnötigen Mätzchen und Possenkünste enthält und dem Humor des Dichters vor seinem eigenen den Vorrang giebt. Nur wer so verständnisvoll die Intentionen des Dichters erfaßt, kann die etwas unvermittelten Uebergänge in der Stimmung des Müllers so veranschaulichen, daß sie uns natürlich erscheinen. Der Müller, der sich eben noch die Freuden, die er durch den unrechtlich erworbenen Schatz genießen könnte, ausmalt, gerät durch das Zureden seiner Tochter in Wut ? immer die letzte Zuflucht des besiegten Unverstandes ? und holt zum Schlage gegen das Mädchen aus. Die Mutter fährt dazwischen und die Hand, die züchtigen wollte, fällt herab. Alle folgenden Bewegungen verraten ein jahrelanges psychologisches Studium. Der Müller ist nicht gleich gerührt, er fährt erst mit der flachen Hand über das liebliche Antlitz der Tochter, als wollte er sagen: »Fleisch von meinem Fleische, ich hab' das Recht, dich zu strafen.« Das ist der Mecklenburger. Dann erst wendet er sich ab und in dem wettergebräunten Antlitz kämpft eine unsägliche Rührung, das ist der Mensch. Und als Mutter und Tochter den Vater wecken, indem sie das Andenken an die verstorbenen Söhne heraufbeschwören, da wird der harte Müller so weich wie ein Kind. Wie er den Blick mit echter Sentimentalität zum Himmel hebt und sagt: »Ja, ick will allens rechtschaffen wedder good maken. Ja! und Ji Jungens dar baben in 'n hogen Hewen, Ji Schwerenöters, ja kiekt man runner upp jugen ollen Vatter, Ji söllt doch seggen ? de oll Möller Voß is doch 'n ihrlichen Kirl blewen,« da fühlt man es an die Saiten seiner eigenen Seele greifen. Der Müller läßt anspannen und führt den Schatz nach dem Rathaus, wo die Franzosen hausen. Sein Knecht Friedrich, der von Fiken verschmäht wird, beschuldigt ihn dort, den Chasseur ermordet und die Leiche verborgen zu haben. Vor diesem französischen Kriegsgericht, das aus Renegaten besteht, taut auch in dem alten Müller sein Nationalgefühl wieder auf. Junkermann trägt das zähe, deutsche Wesen, das erst durch die Opposition zum Farbenbekennen gereizt wird, prächtig zur Schau. Die untheatralische, aus dem Innern quellende Ueberzeugung, mit der er seiner nationalen Gesinnung Ausdruck giebt, wirkt mächtiger, als es die schönste deklamatorische Leistung könnte. Ein Sturm der Begeisterung im Publikum folgt[200] immer den Worten: »Do hebben Sei Recht, Herr französcher Oberst, äwer disse dütsche Freiheitsidee, de ward uns Dütschen angeburen, de hür'n wi all im Liede, wat Mutting uns an de Wiege singt, se speelt mit uns de Kinnerspeele un ward mit uns grot. Hebben Sei uns ook Allens nohmen, un sünd wie utgeplünnert, so arm un elend as ick för Ju stah, disse Idee, de hebben Sei uns nich nahmen un de könnens uns ook nich nehmen ? un wenn man uns martert un von Dör to Dör jagt, von Land tau Land, sei wannert furt mit uns furt un ümmerfurt, un disse Idee des Dütschen sien Leben, sine ganz Leiw, sien däglich Gebet is sien Vaterland!« Ganz zum Schlusse des Stückes, als der Müller gedrängt wird, seinem Vetter Heinrich, der durch das Auffinden des Chasseurs die Unschuld des Müllers an den Tag bringt, die Hand seiner Tochter zu geben, liefert der gefeierte Reuterdarsteller noch durch die Darstellung der widerstreitenden Hartnäckigkeit und Nachgiebigkeit ein kleines Kabinetsstück. Amazon.de Widgets Thalia-Theater. Die gestern Abend im Thalia-Theater zur Aufführung gebrachte Novität »Dörchläuchting« nach der gleichnamigen Erzählung von Fritz Reuter (Olle Kamellen VI) wird auf dem Theaterzettel sehr richtig als Kulturbild bezeichnet. Noch richtiger wäre allerdings Kulturbilder, denn es ist thatsächlich eine ganze Reihe von scenischen Gemälden, die da mit Mühe und Not, wenn auch nicht ohne Geschick, zu einem dramatischen Ganzen zusammengefaßt sind. Damit ist aber auch der ganze Tadel über das Bühnenwerk gesagt. Den Mittelpunkt des Stückes bildet der Herzog Adolf Friedrich IV, den August Junkermann gestern Abend prächtig charakterisierte. Er brachte den sonderbaren Hofdünkel, der den im Grunde wackeren Landesherrn beherrscht, und den Ausbruch der rein menschlichen Gefühle, die in der Brust des alten Fürsten eingesargt schlummern, vorzüglich zur Darstellung. Der Höhepunkt der Leistung war die große Scene im dritten Akt. Der alte Herzog erkennt da in der blutjungen Stining, die ihn nach einem Unfalle pflegt, seine natürliche Tochter, deren Mutter die einzige Liebe seines Lebens war. Eine Kabale, die damals gegen ihn eingefädelt wurde und ihn an die Untreue seiner Geliebten glauben ließ, hat ihn zeitlebens zum Weiberfeind und Misanthrop gemacht. Der Schmerz um das verlorene Liebesglück und das Erwachen eines neuen Gefühles, der Vaterliebe, waren ergreifend und vor allem mit künstlerischer Mäßigung[201] gezeichnet. Daß die komischen Seiten des Landesherrn auf die Lachmuskeln der Zuhörer ihre Wirkung nicht verfehlten, ist selbstverständlich. »Dorchläuchting«, das mit besserer Sorgfalt, als man es seit langem gewohnt ist, insceniert war, wird allen Theaterfreunden ein paar genußreiche Standen gewähren. 17. November. Thalia-Theater. August Junkermann hat sich gestern im Thalia-Theater als der Vater in »Hasemanns Töchter« vorgestellt und damit seinen hiesigen Erfolgen einen neuen Triumph beigefügt. Der Künstler, den man bei jeder neuen Partie neu schätzen und bewundern lernt, hob seine Rolle von dem Niveau der Posse auf das der feineren Komödie, ohne deswegen an eminent komischer Wirkung einzubüßen. Papa Hasemann gehört bereits zu den typischen, deutschen Lustspielfiguren. Jedermann kennt seine einzige Passion, das platonische Reisen und das unglaubliche Pech des braven Mannes, der sein Kursbuch auswendig kennt, bereits vier Stunden vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof ist und doch den Zug versäumt, weil er sich in einen Güterwagen setzt und einschläft. Aber Junkermann verzichtet auf die bühnenberechtigte Komik des Dichters, um seinen eigenen, warmblütigen Humor zur Geltung zu bringen, und wirkt weniger durch das Stück, als durch sich selbst. Man hat vielleicht schon ebensoviel gelacht über die Reisewut Hasemanns, man war aber gewiß nie sympathischer gestimmt für den komischen Kauz, der nebenbei ein so kreuzbraver Vater und Gatte ist. In den ersteren Scenen kam man aus dem Lachen ins Weinen, gerade wie der Schauspieler wollte. Das plötzliche Erwachen des väterlichen Gefühles in dem lebenslustigen alten Mann während der ehelichen Zwistigkeiten der Tochter war an sich eine schauspielerische Leistung, die für einen Abend genügte. Die Scene mit der Mutter, in der Hasemann seinen Entschluß kund giebt, nun die Zügel des Haushalts allein in die Hand zu nehmen und die Unterredung mit dem erzürnten Schwiegersohn, den er umsonst zu versöhnen suchte, waren unvergleichliche, sein ausgearbeitete Detailmalereien. Die ganze Rolle war so wahr und natürlich, so künstlerisch abgerundet wiedergegeben, daß die Behauptung, Junkermann sei nur in seinen plattdeutschen Partien ein großer Schauspieler, ruhig in das Reich der Fabel gewiesen werden kann. Er ist einer der natürlichsten und sympathischsten Volksschauspieler, den die deutsche Bühne besitzt. 
 X.  Selbstverständlich erwartete ich nun, von der Intendanz zu meinem Erfolge beglückwünscht zu werden, aber nichts dergleichen geschah; ich erhielt keine Rollen weiter, keine Nachricht, ob ich gefallen, ? ich kam mir vor wie verraten und verkauft. Es waren schon drei Wochen seit meinem Debut vergangen und meine Stimmung war wieder unter Null. Endlich konnte ich diesen Zustand der Ungewißheit nicht länger ertragen und ging zum Intendanten, um dort wieder die Ueberzeugung zu gewinnen, daß sämtliche Rollen, die ich hätte spielen können, von den beiden Herren Regisseuren Gerstel und Pauli okkupiert waren. Es blieb mir nichts übrig ? wollte ich überhaupt zum ferneren Auftreten gelangen ? als mir einen Soloscherz zurecht zu machen. Ich arrangierte also eine Art Potpourri aus der alten Räderschen Posse »Ella«, und trat damit zum zweitenmale vor das Stuttgarter Publikum. Der Erfolg war ein überraschender. An Stellen, wo sonst das Publikum in Breslau in Lachen ausbrach, verzog sich keine Miene, und am Schluß der Scene rührte sich keine Hand. Der alte Souffleur Rohde sah mich vorwurfsvoll aus seinem Kasten an, und selbst der Vorhang schien mit stillem Protest zu fallen. Ich war starr ? so was von Abfall hatte ich noch nicht er lebt. Im Breslauer Stadttheaer hatte ich diese Piècen so oft unter stürmischem Beifall vorgetragen, ich war meines Erfolges so sicher, als ich diese Auswahl traf ? und nun ein solches Fiasko. Mir sträubten sich vor Schreck alle Haare, in deren glücklichem Besitz ich damals noch war. Das Breslauer Publikum war[78] mir als außerordentlich anspruchsvoll und als schwer zu befriedigen bekannt; ? was nun dieses anerkannte und acceptierte, wurde vom Stuttgarter Publikum vollständig an die Wand gedrückt. Ob es Prüderie war, oder ob man die berlinischnorddeutsche Komik nicht goutierte, ist mir heute noch nicht ganz klar. Zu ersterer war wirklich nicht die geringste Veranlassung. Es ist auffallend, wie unberechenbar ein Erfolg ist. Wie oft habe ich es erlebt, daß Stücke wie Schauspieler, die an einem Orte Furore machen, am andern gänzlich abfallen. Nachdem ich also auch so gründlich abgefallen war, drückte ich mir den Hut tief ins Gesicht und schlich mich an den Häusern entlang nach meiner Wohnung, wo man mir wieder drei Wochen Zeit ließ, »fern von Madrid über mein Schicksal nachzudenken!« Im Laufe dieser Zeit aber hatte sich bei mir »die Milch der frommen Denkart in gährend Drachengift verwandelt«. Ich erfreute also den Herrn Geh. Hofrat Wehl wieder mit meinem Besuche, um mich über die Ursache dieses Ignorierens zu erkundigen, und erfuhr dann, daß der Hofkammerpräsident v. Gunzert den Befehl erteilt hatte, mich vorläufig nicht zu beschäftigen, bis Gras über den verunglückten Abend gewachsen sei. Ich natürlich sofort zum Herrn v. Gunzert, der mir auf meine Klagen zur Antwort gab: »Ja, wisset Se, dös ischt berliner Komik, darüber könnet mir net lache; da müsset Se sich morge die alte Frau Schmidt in ?Dorf und Stadt? ansehe, ? dös ischt komisch, dös könnet Se sich dann zum Muschter nehme!« Vorläufig war ich nun so klug wie zuvor, beschloß aber, mir doch zur Belehrung »Dorf und Stadt« anzusehen. Das Stück wird in Stuttgart als Lokalposse gegeben. Bärbel und Christoph erzählen sich Stadtneuigkeiten. Jede Laterne, die umgefallen, jeder neugewählte Stadtrat wird aufs Tapet gebracht, der Nesenbach mit seinen Spülwasserdüften (jetzt ist er gottlob zugedeckt), der Stadtgarten, Straßenstaub und Pflaster, Franzosenloch u.s.w. spielen in dem Stücke die hervorragendste Rolle, und wenn gar eine freigebige Frau ihren Gatten mit Zwillingen beschenkt, so bietet dieses glückliche Familienereignis[79] Stoff für unzählige Extempores für Bärbel und Christoph. Mit stiller Resignation verließ ich das Theater. Aber Herr v. Gunzert hatte recht, ich hatte den rasenden Beifall gehört und lernte extemporieren. Du guter Nesenbach, wie oft hast du mir denn auch Stoff gegeben, nimmer ließest du mich sitzen mit deinen Düften und manche Strophe, manchen Beifall danke ich dir! Welche Rolle hast du auf der Stuttgarter Hofbühne gespielt, und als du zugedeckt wurdest und ich von dir Abschied nehmen mußte, sang ich dir noch manche Strophe nach, bis auch die letzten Klänge, deine Grablieder, verstummten. Mit dir deckte man die Quelle zu, aus der alle Komiker der Hofbühne seit Menschengedenken geschöpft und ihr sonst so tristes Dasein fristeten! Alles andere war verpönt, jeder Witz beleidigte oder stieß an, nur du warst der Geduldete, von dir zu singen war erlaubt; du warst nicht beleidigt, und wenn ich von dir absprang und andere harmlose Dinge besang, so rächte sich meine Untreue bitter, ich zog mir manchen Feind zu durch harmlosen Scherz ? mit dir aber wurde mein bester Freund begraben. Amazon.de Widgets Leb' wohl, geliebter Nesenbach! Ich wein' dir heut noch Thränen nach. Dich durften wir uns immer koofen, Wie dauerhaft war'n deine Strophen! ? ? ? »Zehn Mädchen und kein Mann« erschienen nach einiger Zeit auf dem Repertoir, die Proben davon begannen. Ich hatte schon oft in dieser Operette in Bremen gespielt, sie neu dort in Scene gesetzt, und hätte gern einige Arrangements so gehabt, wie ich es von dorther gewohnt war. Die Damen der Oper, welche sich auf Bitten des Intendanten herabgelassen, in dieser Operette mitzuwirken und ein militärisches Exercitium auszuführen hatten, liefen wie Kraut und Rüben durcheinander. Ich wollte als erfahrener Regisseur und als altgedienter preußischer Soldat helfend eingreifen, um die Kriegstüchtigkeit der zehn Damen abends nicht in allzu kläglichem Lichte erscheinenzu lassen, allein der Herr Regisseur Gerstel, der die Operette in Scene zu setzen hatte, verwies mich energisch in meine Schranken zurück und drohte, eine Eingabe an die Intendanz zu machen, daß ich meine Befugnisse so zu überschreiten gewagt. Zur nächsten Probe wurde ein Unteroffizier bestellt, der die Damen einexerzieren sollte. Der gute Sohn des Mars studierte nun Griffe, Schwenkungen und Wendungen ein, die nicht zu verwerten waren, da sie für das Stück nicht paßten, und mit der Musik gar nicht in Einklang zu bringen waren. Der arme Unteroffizier schwitzte vor Angst, denn eine so renitente Schar Rekruten war ihm in seiner Praxis noch nicht vorgekommen. Dabei durfte er seinem gequälten Herzen nicht einmal durch ein paar Kraftflüche Luft machen. Er soll dann in der Kaserne noch geäußert haben, lieber wollte er tausend frisch vom Lande gekommene Bauernlümmel einexerzieren, als zehn Rekruten im Unterrock. Der Regisseur Gerstel war eben so hilflos wie der Unteroffizier, aber trotz alledem erkannte das Publikum abends das Gebotene dankbar an, und war außerordentlich beifallslustig. Herr von Gunzert hatte in seiner Eigenschaft als Hofkammerpräsident dem Staate viel wichtigere Dienste zu leisten, als das Theater zu leiten, das ihm so viel Aerger bereitete. Er war immer bemüht, einen Intendanten für sich einzusetzen, allein er fand seiner Ansicht nach die richtige Person dazu nicht. Er setzte einmal provisorisch den Gerichtsrat v. Häcker als Intendanten auf ein Jahr ein. Herr v. Häcker war ein kunstverständiger Mann mit seinem Verständnis für sein Amt, wir hatten ihn alle unendlich liebgewonnen, und er besaß unsere ganze Verehrung, ? aber ich glaube, daß ihm das eher geschadet als genützt hat. Er fühlte sich nicht wohl in seinem Amte und ging nach Jahresfrist wieder in seine Karriere als Jurist zurück und ist heute Landgerichts-Präsident in Tübingen. Ich habe ihn in späteren Jahren verschiedene Male, als ich nach Tübingen zu Reutervorlesungen berufen wurde, dort gesprochen, und ich sah[82] ihm stets die Freude auf dem Gesichte an, daß er mit dem Hoftheater nichts mehr zu thun hatte. Nach Herrn v. Häckers Rücktritt wurde Wehl zum Intendanten erhoben, aber das Verhältnis zwischen ihm und Herrn v. Gunzert blieb dasselbe. Der Titel wurde geändert, aber seine Funktionen blieben dieselben. Herr v. Gunzert blieb der allgewaltige Herr, alles Gute und Unangenehme kam von ihm durch Wehl. »Robert und Bertram« und »Pechschulze« gaben mir bald darauf Gelegenheit, mich in größeren Rollen zu zeigen. »Robert und Bertram« wurde damals im ersten Jahre meines Stuttgarter Engagements als Ballet gegeben. Herr Hofballetmeister Ambrogio studierte mir den Robert ein, er gab den Bertram. Ich schwang das Tanzbein mit einem solchen Feuereifer, als hätte ich im Leben nichts weiter gethan als Ballet getanzt, wirkte aber doch nach dieser entsetzlichen Strapaze darauf hin, daß die Rädersche Posse angekauft wurde, welche noch heute in Stuttgart en vogue ist, und sich fortwährend als gutes Kassenstück erweist. Bei einer der Aufführungen dieser Posse, worin stets zwei Pferde von der Kavallerie gratis gestellt wurden, meldete der Statistenführer dem Intendanten, daß die Pferde für diesmal nicht zu haben seien, da das Militär zum Manöver ausgerückt sei, und fragte zugleich um die Erlaubnis an, zwei Pferde vom Leih-Stallmeister Fritz ausborgen zu dürfen, wobei er aber bemerkte, daß jedes Pferd einen Gulden koste. Der Intendant befiehlt, daß die Pferde bestellt werden, da sie zum Erfolg des zweiten Aktschlusses unerläßlich not wendig seien. Nun schien aber einem Büreaubeamten des Herrn v. Gunzert die Summe zu hoch gegriffen, und dieser wendete sich daher mit der Frage an Exzellenz, ob die beiden Gendarmen nicht auf einem Pferde reiten könnten. Hr. v. Gunzert, der, wie schon gesagt, sehr sparsam war, ergriff mit beiden Händen die Gelegenheit wenigstens einen Gulden zu profitieren. Hr. v. Wehl war gezwungen, den gegebenen Befehl wieder zurückzunehmen ? und die beiden Gendarmen ritten abends richtig auf einem Pferde heraus.[83] In einer anderen Aufführung von »Robert und Bertram« passierte mir das Unglück, daß die Gondel des Luftballons, in welchem die beiden lustigen Vagabunden in die Höhe fahren, aushakte, und ich so unglücklich aus den Soffiten auf den Kopf herabstürzte, daß man mich von der Bühne tragen mußte, und ich erst nach mehreren Tagen das volle Bewußtsein wieder erhielt. Als ich dann aber nach langer Zeit wieder auftrat, strömte das Publikum mit Blumen und Kränzen beladen ins Theater. Bei meinem Wiederauftreten verwandelte sich die Bühne in einen Blumenhügel. Meine liebenswürdige Kollegin Luise Wentzel hielt mir unter lebhafter Anteilnahme des Publikums eine Ansprache, worin sie mir unter anderm sagte, »warum ich denn das gethan, ich sei doch sonst nicht auf den Kopf gefallen«. Vor Rührung und Freude, einen solch glücklichen Augenblick zu erleben, segnete ich beinahe den unglücklichen Zufall, der mich so viel Liebe und Anhänglichkeit von seiten des Stuttgarter Publikums erkennen ließ. »Siehst du,« sagte mein scherzhafter Kollege Rosner, »du beklagst dich immer über schlechte Beschäftigung, brich nur von Zeit zu Zeit den Hals, dann wirst du beliebter, als wenn du die schönsten Rollen spielst!« Nachdem ich der Intendanz und dem Publikum nun auf so schlagende Weise gezeigt hatte, was mein Kopf zu leisten imstande war, wurde ich auch ? im Trauerspiel beschäftigt. Eine meiner Glanzleistungen auf diesem Gebiete war der eine Wächter am Hut im »Tell«. Ich erregte mit den Worten: »Er hat dem Hut nicht Reverenz bewiesen« einen großen Heiterkeitserfolg. Der Theaterkobold spielte ohnehin an diesem Abend eine große Rolle, und als gar Geßler den Befehl erteilte, einen Apfel von des Knaben »Knopf« zu schießen, kannte der Jubel keine Grenze. Wir haben öfters Schauspiele gehabt, die an Lacherfolgen einer guten Posse nicht nachstanden. Amazon.de Widgets Das herzlichste Lachen im Stuttgarter Hoftheater habe ich einmal in einer Scene wahrgenommen, in der es der Dichter[84] in dem Maße nicht beabsichtigt hatte. Wir gaben Töpfers »Einfalt vom Lande«. Philippine Brand spielte die Titelrolle, ich den Dr. Murr; ich stehe auf der Scene und bringe meiner Kollegin Brand das Stichwort zum Auftreten. Fräulein Brand hatte sich zu dieser Scene in Männerkleider werfen müssen. Die männlichen Kostüme werden den Damen beim Theater geliefert, für Neuanschaffungen hatte die Hofkammer wenig Neigung, es mußte also genommen werden, was im Inventar vorhanden war. Frl. Brand weinte morgens auf der Probe bitterlich, als man ihr das schäbige, männliche Kostüm vorlegte mit dem Bemerken, ein anderes sei nicht da ? und sie schmiedete ihren Racheplan. Philippine Brand ist sonst eine sehr liebe Kollegin und gar nicht boshaft, aber ich glaube, an diesem Abend hatte doch eine gewisse Schalkhaftigkeit ? um nicht zu sagen Bosheit ? sie erfaßt. Als sie in der betreffenden Scene abends auftritt, erfüllt ein homerisches Gelächter das Auditorium, die Offiziere auf den ersten Parquetbänken springen, wie von der Tarantel gestochen, in die Höhe und werfen sich dann vor Lachen hintenüber. Anfangs dachte ich, es gelte mir, ich spielte ja eine komische Rolle, aber so manche witzige Bemerkung auch der alte Dr. Murr in dem Stücke macht, zu solcher Wirkung fordert er nicht heraus. Ich sehe mich um, ob etwas passiert ist, und muß nun eben so herzlich lachen, wie das Publikum. Philippine Brand steht vor mir in einem unglaublichen Kostüme. Die Beinkleider ? als zu lang und zu weit für die kleine Person ? waren unten einige Male nach innen umgeschlagen und dann mit einer Art Schnüre wieder zusammengezogen, so daß ihre kurzen Beinchen mit ihrer Umhüllung wie ein Paar Windsäcke an einem Dudelsack erschienen. Ob ihr Oberkleid ein Rock oder eine Jacke gewesen, bleibt zweifelhaft, ich hätte mich eher für das letztere entschieden, denn Männerröcke pflegen in der Gegend nicht aufzuhören, wo dies Bekleidungsstück seine Dienste versagte, und die jetzigen kurzen Sommerüberzieher waren damals noch nicht Mode. Die Aermel ihres jackenähnlichen Rockes hingegen waren ein viertel Meter länger, als dies erforderlich gewesen wäre, und[85] hingen bis an die Kniee herunter. Auf dem Kopfe hatte sie einen mächtigen Strohhut mit breiter Krempe, wahrscheinlich um das Gleichmaß mit den durch die weiten Hosen verursachten junonischen Hüften wieder herzustellen. Als wir uns so ansahen und musterten, immer unter dem sich steigernden Lachen des Publikums, schütteten wir uns natürlich auch vor Lachen aus. Das Publikum hatte uns angesteckt, wir waren nicht imstande ein Wort zu reden, es hätte ja auch niemand vor Lachen darauf gehört, und so gingen wir denn schließlich ab. Frl. Brand dreht sich um und zeigt jetzt die Kehrseite der Medaille. War es bis dahin ein Lachen, so war es nun ein Wiehern und Kreischen im Publikum, der kurze Rock machte erst jetzt, von hinten gesehen, den wahren Effekt, und wer die niedliche Figur meiner lieben Kollegin sich vergegenwärtigt, wird es begreiflich finden. Wir wurden wiederholt hervorgerufen, machten Versuche zu sprechen, was die Rollen vorschrieben ? es ging nicht ? der Haupteffekt lag immer in unserm Drehen zum Abgang. Der Vorhang mußte endlich fallen, Frl. Brand legte wieder Frauenkleider an, und dann erst ging das Stück weiter. Meine Kollegin hatte so außerordentlich an diesem Abend gefallen, daß man ihr am nächsten Tage einen neuen Bubenanzug machen ließ. 
 XX.  [162] Die Ferien begannen. Ich brauchte zur Herstellung meiner Gesundheit ? ich war von einem Halsleiden befallen ? und zur Beruhigung meiner aufgeregten Nerven einen Aufenthalt am Meere! ? An einem wunderschönen Junitage des Jahres 1887 begab ich mich in Hamburg an Bord des Salondampfers »Freya«, welcher dreimal wöchentlich die Reise von Hamburg nach Wyk macht, um mich in Wyk von den Nachwehen meiner Krankheit und den Strapazen des Winters zu erholen. Stolz durchfurchte das prächtige Schiff die Wellen. Die Sonne lachte so freundlich herunter ? mir ging das Herz auf. Alles Leid und aller Gram trat vor der Schönheit des Morgens zurück. Die Elbe sah so ruhig und harmlos aus, kein Lüftchen regte sich, ich glaubte auf eine gute Ueberfahrt schließen zu dürfen. Aber schon vor Cuxhafen wurde es anders, das Schiff fing sehr bemerklich an zu schwanken, und kaum waren wir auf der Höhe von Neuwerk, als auch schon ein Teil der Passagiere in den unteren Räumen des Schiffes verschwand. Ich hatte mir auf der Strecke zwischen Hamburg und Cuxhafen die Zeit mit Essen und Trinken vertrieben, die angenehmste Beschäftigung auf diesem langweiligeren Teile der Reise. Vorsicht ist zu allen Dingen gut, da man auf einer Seereise nie wissen kann, wie es kommt. War es nun der kompakte Grund, den ich gelegt hatte, oder neigte ich überhaupt nicht zur Seekrankheit, kurz ich fühlte mich außerordentlich wohl, stand am Bugspriet und freute mich über jede Spritzwelle, die der ehrwürdige Neptun zum Gruß über Bord und in mein Gesicht sandte. Sonne und Seewasser hatten mich, als Helgoland in Sicht[163] war, schon so schön kaffeebraun gefärbt, daß mich jeder Kameruner ohne Zögern für seinen Landsmann erklärt hätte. Der einzige Unterschied war meine civilisierte Toilette und meine sokratische Frisur. Wir hatten uns der interessanten Insel soweit genähert, daß die wie aus einer Spielschachtel genommenen Häuser Helgolands schon zu erkennen waren, selbst einige Hammel konnte ich durch mein Glas unterscheiden, die melancholisch auf der Klippe das magere Gras abweideten. Böllerschüsse und Musik begrüßten unser Schiff, ganz Helgoland hatte zu Ehren des Regierungs-Jubiläums der Königin Viktoria von England geflaggt, ebenso sämtliche Schiffe, die um Helgoland herum lagen. Es war ein schöner farbenprächtiger Anblick. Leider wurde ich in dem Genuß des Schauens durch ein ganz eigentümliches Gefühl gestört. Anfangs schien mir, als krabbelten Ameisen mir im Magen herum, und dann ging es mir so wie dem »Schiffer im kleinen Schiffe«, »mich ergriff es mit wildem Weh«, und plötzlich hatte ich den heißesten Wunsch, festen Boden unter meinen Füßen zu haben. Es war ein greulicher Zustand, mein ganzer innerer Mensch war in Bewegung. O, dieser Neptun! Eine Rose fiel aus meinem Knopfloch über Bord. Ich wußte ja, daß die heidnischen Götter durch Opfer verwöhnt sind, und glaubte durch diese duftige Rosenspende mir die Gunst Poseidons errungen zu haben. Welche Täuschung! Selbst die Götter sind mit der Neuzeit vorgeschritten und gehen aufs Reelle. Unter diesen Umständen zog ich es vor, mich schleunigst in die Kajüte zu begeben, um im verborgensten Winkel meinen bewegten Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das Meer war sehr stürmisch geworden, ich sah es zwar nicht, hörte und fühlte es aber um so mehr. Das Schiff ächzte und stöhnte, wie die seekranken Passagiere. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde herumgeschleudert ? also auch ich! Bald kollerte ich vom Sofa herunter, bald stand ich auf dem Kopfe, als ich kaum festen Fuß gefaßt zu haben glaubte. Zu allem Elend kam auch noch das Menu in verkehrter Reihenfolge wieder[164] zum Vorschein, und wenn ich jetzt wie ein Täuberich ohne Galle herumlaufe, ist nur die ausgiebige Seekrankheit daran schuld. Wenn »am Ende die Wellen Schiffer und Kahn verschlungen hätten« ? ich hätte mir nichts dar aus gemacht, so erbärmlich war mir zu Mute. Aber alles nimmt ein Ende, auch mein Leiden milderte sich, als die »Halligen« in Sicht waren und unser Schiff im seichten Wattenmeer zu rollen aufhörte. Ich wurde so peu à peu wieder normal, bis auf einige Kopfschmerzen, und erschien wieder auf dem Verdeck, von malitiös lächelnden Gesichtern begrüßt. Das war nun aber die reine Verstellung von meinen Reisegefährten, denn an diesem Tage hat fast jeder seinen Tribut geopfert, und von nichts sahen die betreffenden Visagen nicht so grüngelb aus. Ich glaubte auf dem »Fliegenden Holländer« zu sein, was die Couleur anbelangt. Natürlich lächelte ich noch nichtswürdiger und bewunderte mit geheuchelter Unbefangenheit das Meer und die immer näher rückende Küste. Eine Insel nach der andern tauchte auf. Columbus, als er Amerika entdeckte, konnte keine größere Freude gehabt haben, als ich. Wie schön ist doch das Meer ? vom Lande aus betrachtet! Kurz vor Amrum liegt eine flache Düne, welche sich ziemlich weit ins Meer hinausstreckt und den Namen Seesand führt, auf dieser tummelten sich eine Unmasse Seehunde, nach Schätzung des Kapitäns 80?100 Stück. Endlich war Föhr in Sicht, und bald kam auch der Zolldampfer, um die Passagiere abzuholen und sie der Insel ein Stück näher zu führen, wo sie dann endlich in kleinen Booten aus Land gesetzt werden. Bei Flut ist freilich die Landung bequemer, der Dampfer fährt dann direkt an die Brücke. Welch ein Hochgenuß war es, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, denn: Amazon.de Widgets »Ein Vergnügen eig'ner Art Ist so eine Wasserfahrt!«[165] Wyk ist ein reizend, idyllisch gelegenes Seebad, hat milde Luft und vorzügliche Verpflegung, und eignet sich wie kein zweites zur Erholung angegriffener Nerven. Ich habe es an mir erfahren. Zwar in den ersten Tagen nach meiner Ankunft brauchte man nur »Wasserfahrt« zu sagen, und alles schwankte wieder unter meinen Füßen, selbst mein Bett hatte in der ersten Zeit merkwürdige Neigung dazu, aber glücklicherweise verging dieser Zustand bald, und ich wurde Neptun bis auf meine spätere Wasserfahrt über den Ozean »über«. Am Meeresstrande auf der freundlichen Insel Wyk begann ich meine Memoiren zu schreiben. Bis zum Sonnenuntergange lag ich oft im Sande am Meere, ein Zelt hatte ich dort aufgeschlagen, in dessen Schatten ich über mein Schicksal nachdachte. Ich war so ziemlich der einzige Badegast, denn im Juni pflegt das Seebad noch leer zu sein, und als Wyk anfing sich zu füllen, war es Zeit für mich, aufzubrechen um meinen kontraktlichen Gastspielverpflichtungen in Köln und Ems nachzukommen. Nachdem ich ein 14tägiges Gastspiel in Köln absolviert bei welcher Gelegenheit ich das Jubiläum der 500sten Darstellung meines »Onkel Bräsig« gefeiert, reiste ich nach Ems, aber als ich dort zweimal aufgetreten, erkrankte ich und war genötigt, Ems als Kur zu gebrauchen. In dieser Zeit verhandelte ich mit Direktor Amberg aus New-York wegen Gastspiel für Oktober, November und Dezember 1887. Da ich aber für diese Zeit noch nicht frei war, schrieb ich folgenden Brief an Herrn v. Tscherning in Stuttgart: »Hochverehrter Herr Präsident! Bis heute warte ich vergebens auf die in Ew. Hochwohlgeboren Schreiben vom 18. Juni mir in Aussicht gestellten Vorschläge wegen der Zeit meines Austritts aus dem Dienste des Hoftheaters, sowie auf eine geneigte Antwort auf mein ergebenes Schreiben vom 17. Juni. Dürfte ich Ew. Hochwohlgeboren um geneigte Antwort hierauf[166] abermals ersuchen? Ich habe mein Berliner Engagement rückgängig gemacht und bleibe in Stuttgart wohnen, und es kann mir daher nicht gleichgültig sein, wie Se. Majestät der König, das Publikum und die Presse die Ursache meines Abganges vom Hoftheater beurteilen. Auf dieser Welt ist alles wandelbar, und es ist ja nicht unmöglich, daß wieder einmal eine andere Hoftheaterver waltung eintritt, die meine Verdienste um das Stuttgarter Hoftheater anerkennt und meine bescheidenen Wünsche erfüllt, worauf ich mit Freuden an die Stätte meines langjährigen Wirkens zurückkehre. Ich möchte mir daher vor allem die Gunst des Königs nicht durch Entstellung der Thatsachen verscherzt haben. Wird Se. Majestät der König durch Ew. Hochwohlgeboren nicht die wahren Beweggründe meiner Vertragskündigung erfahren, so bin ich gezwungen, andere Wege einzuschlagen, um das Ohr des Königs zu erreichen. Meine erste Bitte ging daher an Ew. Hockwohlgeboren, dem Könige zu sagen, was mich forttrieb. Ich bitte nochmals darum und um geneigte Antwort. Mit vorzüglicher Hochachtung A. Junkermann.« Ems, den 14. August 1887. Hierauf kam folgende Antwort an mich nach Ems: »Euer Wohlgeboren beehre ich mich auf Ihr Schreiben vom 15. d.M. nachstehendes ergebenst zu erwidern: Ich habe seiner Zeit nicht ermangelt, Seiner Königlichen Majestät über die Gründe Ihrer Dienstkündigung ? unter Vorlegung Ihres Briefes vom 13. Juni d.J., worin Sie selbst sich darüber eingehend äußerten, was Sie zu Ihrem Schritte veranlasse, ? Vortrag zu erstatten und habe darauf in meinem Schreiben vom 18. desselben Monats mit Allerhöchster Ermächtigung Ihnen die Annahme Ihrer Kündigung pro 18. Dezember d.J. mitgeteilt. Inzwi schen Ihnen eine weitere Nachricht zu geben, hatte ich keine Veranlassung, weil Ihrem Gesuche, die wahren Gründe für Ihre Kündigung zur Kenntnis seiner Königlichen Majestät zu bringen, schon vorher entsprochen worden war, und weil die eingeleiteten Unterhandlungen zur Gewinnung eines gleichbaldigen Ersatzes keinen Erfolg hatten, wonach es eben bei dem genannten Termin[167] (18. Dezember d.J.) für Ihren Austritt aus dem hiesigen Engagement sein Verbleiben behält. Ihr Krankheits-Attest habe ich sofort an die Intendanz abgegeben und wünsche ich Ihnen eine recht baldige, vollständige Genesung. Hochachtungsvoll etc. Stuttgart, den 16. August 1887. Der Hofkammer-Präsident, Tscherning.« Meine Frau, die auch in Stuttgart mit definitivem Kontrakte seit 15 Jahren angestellt war, schrieb mir nach Ems, Herr Werther habe ihr mitgeteilt, sie möge sich auch nach einem andern Engagement umsehen, und so einer Kündigung zuvorkommen, die für sie nicht ausbleiben würde! Ein neuer schlagender Beweis, wie leicht und aus welchen Gründen definitive Kontrakte in Stuttgart gelöst werden. Meine Frau hatte selbständig (nicht in Gemeinschaft mit mir) einen definitiven Kontrakt mit der königl. Hofbühne abgeschlossen. Der Kontrakt meiner Frau wurde also durch meine Kündigung gar nicht alteriert, als aber das Gerücht sich weiterverbreitete, der Kontrakt meiner Frau werde von der Hofkammer gekündigt, ging sie zu Herrn v. Tscherning, welcher ihr bestätigte, daß allerdings ihre Kündigung in Erwägung gezogen worden sei. Als meine Frau entgegnete, daß man uns ja so oft versichert hätte, definitive Kontrakte würden nicht gekündigt, sagte Herr v. Tscherning: »ja die Frau müsse mit dem Manne leiden!« Nun zweifle ich heute noch, daß diese Handlungsweise in den Intenionen Sr. Majestät lag, ich bin vielmehr überzeugt, daß weder der Fall mit Albert Jäger und Link, noch mit meiner Frau unter Herrn v. Gunzert möglich gewesen wäre!!! Werther hatte meiner Frau erklärt, er würde sie halten, so lange er könne, da er ihr Talent schätze. Bei treuer Pflichterfüllung[168] und Brauchbarkeit lag gar nichts gegen meine Frau vor, nicht einmal der Ruf der Unzufriedenheit. Weder sie noch ich glaubten im Entferntesten an ihre Kündigung ? da sie aber in den Absichten des Herrn v. Tscherning lag, hielt ich es für ehrenvoller ihm zuvorzukommen und auch meine Frau von dieser Bühne abtreten zu lassen, worauf Herr v. Tscherning wohl gerechnet hatte, als er Werther mit seiner Mission an meine Frau betraute. Diesmal wenigstens täuschte er sich nicht, denn sofort bat ich auch um die Entlassung meiner Frau und erhielt umgehend folgendes Schreiben darauf: »Euer Wohlgeboren beehre ich mich auf Ihr Schreiben vom. 28. d.M. ergebenst zu erwidern, daß ich gestern noch in einem Anbringen an Se. Königl. Majestät um die Ermächtigung gebeten habe, Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin nachgesuchte Entlassung entweder sofort oder auf 1. Oktober d.J. erteilen zu dürfen. An der Genehmigung dieses Antrags ist nicht zu zweifeln. Meine und des Herrn Intendanten Ansicht geht nun dahin, daß, um Ihr Ausscheiden aus dem hiesigen Theaterverbande etwas friedlicher zu gestalten, Sie beide noch während des ganzen Monats September hier aktiv bleiben sollten, und daß dann der Austritt auf 1. Oktober realisiert werden sollte. Ich glaube, daß dies in wohlverstandenem beiderseitigen Interesse gelegen ist, und bitte daher, gefälligst umgehend der Intendanz anzuzeigen, von welchem Tage an Sie sich für den Dienst zur Verfügung stellen. Die zugehende Höchste Entschließung werde ich Ihnen seinerzeit gleichbald mitteilen, ohne daß Sie jedoch solche in Ems abzuwarten brauchen. Hochachtungsvoll Stuttgart, den 30. August 1887. Der Hofkammer-Präsident Tscherning.« Nach wenigen Tagen erhielt ich auch noch folgende Bekräftigung: [169] »Euer Wohlgeboren beehre ich mich ergebenst mitzuteilen, daß die K. Genehmigung zu Ihrem und Ihrer Frau Gemahlin Dienstaustritt nunmehr erfolgt ist, wonach Ihrem amerikanischen Kontrakt nichts mehr im Wege steht. Es freut mich, daß Sie demnächst hier wieder eintreffen und den laufenden Monat noch unserer Bühne nützlich sein werden. Hochachtungsvoll Stuttgart, den 2. September 1887. Hofkammer-Präsident Tscherning.« Ich reiste nach Stuttgart zurück. Man hatte mir zum 30. September noch den »Onkel Bräsig« als Abschiedsrolle angesetzt ? ? ich vermochte nicht zu spielen, die Wehmut hätte mir die Stimme abgedrückt, ich ließ absagen. Herr v. Werther schickte mir einen sehr schönen Lorbeerkranz ins Haus als Lohn für meine 17jährige Thätigkeit. Derselbe war begleitet mit folgender Karte: Geheimer Hofrat Dr. Julius von Werther, Königl. Hoftheater-Intendant, spricht persönlich nochmals sein lebhaftes Bedauern über den Abgang eines so bedeutenden und hochverdienten Künstlers wie August Junkermann aus, und wünscht ihm und seiner Gattin, welche Jahre hindurch dem Repertoire in gewissenhaftester Weise genützt hat, alles Heil auf der ferneren Lebensbahn! Stuttgart, den 29. September 1887. Sang- und klanglos verschwand ich ohne Pension von einer Bühne, der ich meine beste Zeit und meine beste Kraft gewidmet und die mir nach fast 17 Jahren noch kein Heimatsrecht einräumen wollte!! Von dem Könige verabschiedete ich mich durch folgendes Schreiben: »Eurer Königl. Majestät wage ich in aller Ehrfurcht vor meinem bevorstehenden Abgange nach mehr als 16jähriger ununterbrochener Thätigkeit an der Kgl.[170] Hofbühne meinen unterthänigsten Dank zu Füßen zu legen für das Allerhöchste Vertrauen, sowie für die Königliche Nachsicht, wie es mir von Allerhöchstdemselben bisher gnädigst zu teil geworden ist. Ich glaube hieraus schließen zu dürfen, daß ich das Glück hatte, Ew. Königlichen Majestät bisweilen einige heitere Augenblicke bereitet zu haben. Wenn ich demungeachtet aus eigenem Antrieb aus dem Verbande der Königlichen Bühne scheide, um zunächst den eingegangenen Verpflichtungen im Auslande nackzukommen, so glaube ich doch, es Ew. Königl. Majestät nicht verschweigen zu dürfen, daß es nur die eigentümlichsten Umstände waren, welchen mich zu meinem Schritte veranlaßten. Amazon.de Widgets Bei verschiedenen Gelegenheiten wurde mir zun öfte ren eine Erleichterung und Verbesserung meiner kontraktlichen Verbindlichkeiten in baldigste Aussicht gestellt. Ich hatte nach 16 Jahren immer nur um die Vergünstigung nachgesucht, die andern Mitgliedern auch zu teil geworden: eine lebenslängliche Anstellung und Erweiterung meines Urlaubs um 14 Tage, allein es wurde mir immer nur in Aussicht gestellt. So nehme ich denn von Ew. K. Majestät Huld und Gnade ehrerbietigsten Abschied mit dem aufrichtigen Wunsche, Gott möge Ew. K. Majestät dem Lande noch lange gesund erhalten. In tiefster Ehrfurcht Ew. K. Majestät zeitlebens treugehorsamster Diener A. Junkermann.« Ueber die Gründe und Ursachen der Nichterfüllung meiner Bitte um lebenslängliche Anstellung blieb ich im Dunkeln! ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? ? Es ist mir nicht an der Wiege gesungen, daß ich Schauspieler werden würde. Es ist eine dornenvolle Bahn. Intriguen aller Art, das Sichvordrängen der Mittelmäßigkeit und oft deren Sieg durch unlautere Mittel, das ewige Stoßen und Drängen, um nicht verdrängt zu werden, und zum Schluß, wenn man seine schönsten Jahre, seine besten Kräfte eingesetzt, muß man »zum Städtle 'naus«, sich ein neues Heim schaffen.[171] Aber dann wieder die schönen, hinreißenden Seiten des Berufes, das berauschende Gefühl, ein ganzes Publikum gerührt, erheitert, oft als begeisterter Apostel eines wahren Dichters mit sich fortgerissen zu haben ? ja, diese Momente lassen alles Weh verstummen, und mit Ueberzeugung spreche ich es aus: »Wenn ich nochmals zu wählen hätte, ich würde zu keiner anderen Fahne, zu keinem anderen Lebensberufe schwören.« Dank dir, mein alter guter Fritz Reuter und deinem erquickenden, verjüngenden Humor, ich fühle mich noch frisch genug, den Wanderstab aufs neue in die Hand zu nehmen, aber meine Gedanken werden gewiß noch oft und gern nach der lieben paradiesischen Schwabenstadt zurückwandern; ? ich will sie nicht daran hindern, denn zwei so schöne Abende wie der meines Jubiläums und der meines Wiederauftretens nach dem Unglücksfall werden mir unvergeßlich bleiben, und die mir früher bewiesene Gnade des Königs, die ich mir auch nicht bewußt bin, später verscherzt zu haben, wird in meiner dankbaren Erinnerung stets fortleben!!! Und nun, mein liebes Stuttgarter Publikum, hab Dank, tausendfachen Dank für die so vielfachen seligen Momente, die du mir geschaffen ? ich sage dir herzlich: Lebewohl! Zu dem bittern Weh, welches mich bei meinem Scheiden von der lang gewohnten Kunststätte erfüllte, gesellte sich eine große Freude, welche mir noch am Schlusse meiner Thätigkeit am Stuttgarter Hoftheater vom Großherzog von Mecklenburg-Schwerin durch folgendes Schreiben zu teil wurde: Es ist Mir berichtet worden, daß Sie sich um die Verbreitung der Werke Fritz Reuters, eines Dichters, den Mecklenburg mit Stolz den Seinen nennen durfte, ein hervorragendes Verdienst erworben haben, Ich nehme hieraus gern Veranlassung, Ihnen Meine Anerkennung für Ihre einem vaterländischen Autor gewidmeten Leistungen auszusprechen,[172] und als Beweis Meine Dankes die beikommende Verdienst-Medaille in Gold und mit dem Bande zu verleihen. Jagdhaus Gelbsande, den 30. September 1887. Friedrich Franz. An den Hofschauspieler. August Junkermann in Stuttgart. 
 XIII.  [103] Herr v. Jendersky hielt sich leider zum Nachteile des Hoftheaters nicht lange auf der Höhe der Situation, er war für kleine Nebenverdienste nicht unzugänglich und verschaffte einem Sänger einen glänzenden Kontrakt, wofür ihm letzterer 600 Mark versprochen und auch zahlen mußte. Die Sache wurde von dem edlen Sänger weitererzählt, kam Herrn v. Gunzert zu Ohren und Jenderskys Stunden, da auch bei seiner Frau durch sogenannte »Küchengrüße« allerlei Bestechungsversuche gemacht wurden ? waren gezählt. Jendersky war ein ganz intelligenter Kopf, aber da Stuttgart damals in moralischer Beziehung einen sehr strengen Leiter hatte ? denn dem guten Wehl, »kein Engel war so rein«, konnte man wahrhaftig in dieser Beziehung nichts nachsagen, was man nicht von jedem Intendanten behaupten könnte ? so auch nicht von Herrn Jendersky. Es kamen Klagen über ihn über gewisse Vorgänge in seinem Bureau, zu welchem der Intendanzdiener jungen Damen schon stets mit verständnisinnigem Schmunzeln die Thür öffnete. ? Man nahm ihm zunächst die Rollenbesetzung aus der Hand und erneuerte seinen Kontrakt nicht wieder. Mittlerweile waren auch meine Kontrakte zu Ende gegangen. Ich hatte erst einen dreijährigen, dann einen zweijährigen Kontrakt abgeschlossen, und als letzterer zu Ende war, erhielt ich den ominösen »definitiven Kontrakt«. Ein definitiver Kontrakt der Stuttgarter Hofbühne läuft auf unbestimmte Zeit fort, kann aber von seiten der Intendanz[104] wie des Mitgliedes jeden Tag gekündigt werden, und zwar in den ersten 10 Jahren halbjährig und dann von seiten der Intendanz nur ganzjährig. Nach 20 Jahren tritt dann endlich Pensionsberechtigung ein, wenn man nicht noch nach 19 Jahren entlassen wird, wie das vorgekommen ist. Die vorangegangenen Zeitkontrakte werden nicht in Anrechnung dabei gebracht. Ich hatte mich demnach, als ich den definitiven Kontrakt erhielt, um nichts verbessert. Meine Gage von 5000 Mark (inkl. Spielhonorar), welche ich in Stuttgart bezogen, blieb dieselbe, und ich bin im Laufe von fast 17 Jahren, die ich in Stuttgart engagiert war, nie um einen Pfennig im Gehalte verbessert worden. Um meine Familie erhalten zu können und nicht gezwungen zu werden, Schulden zu machen, drang ich stets nur auf Erweiterung meines Urlaubs. Vierzehn Tage Urlaub waren mir alljährlich, außer den allgemeinen Sommerferien, von der Hofkammer bewilligt. Auf mein dringendes Bitten erhielt ich noch einen vierzehntägigen Gnadenurlaub vom König. Daß einen längeren Urlaub zu geben nicht außerhalb der Möglichkeit lag, bewiesen andere abgeschlossene Verträge: Frau Wahlmann erhielt 6 Wochen, Frau Schröder-Hanfstängl Wochen alljährlichen Urlaub. Was ich mir erworben habe, nahm ich stets auf meinen kurzen Gastspielreisen ein. Leider war ich gezwungen, einen großen Teil meines Gastspielertrages stets wieder in Stuttgart zuzusetzen. Die Art der Urlaubserteilung blieb immer für mich eine Quelle ewiger Angst und Nervosität. Ich mußte natürlich mit Konventionalstrafen meine auswärtigen Gastspielkontrakte abschließen, und blieb über die Erteilung des Urlaubs doch stets bis zum letzten Moment im Dunkeln. Wie oft erhielt ich erst am Tage vor der Abreise den erbetenen Urlaub. Mein Risiko war dabei nicht gering, und wehe mir, wenn ich eine Stunde über die Urlaubszeit ausblieb, wenn meine Anwesenheit auch nicht zu Proben oder Vorstellung erforderlich war! Mein Urlaub begann einmal mit dem ersten Ostertage. In[105] der Charwoche dürfen Proben und Vorstellungen in Stuttgart nicht stattfinden, ich hatte also nichts zu thun, und reiste schon am Mittwoch in der Charwoche zum Gastspiel nach Berlin. Ich wurde dafür mit 750 Mark Strafe belegt, woran mir die Gnade des Königs zwar einen Teil erließ, mehrere hundert Mark mußte ich dennoch bezahlen. Ich konnte ohne meine Gastspielerträge nun einmal nicht existieren. Wie manchen glänzenden Gastspielantrag mußte ich ablehnen, weil man mich, obgleich ich nicht im Repertoir in Stuttgart beschäftigt war, nicht fortließ. Es war sehr schmeichelhaft für mich, so unentbehrlich zu sein, aber ich bin manchmal Wochen lang spazierengegangen, in denen ich, unbeschadet der Hoftheaterkasse, so manchen Groschen hätte auswärts verdienen können. ? ? Auch Novitäten wurden wenig angeschafft ? die kosteten ja Geld. Honorarfreie Stücke von Benedix, Bauernfeld, Birch-Pfeiffer, einige klassische Sachen: als Räuber, Kabale und Liebe, Don Carlos, Kaufmann von Venedig, Nathan der Weise und etwa 15 Opern beherrschten im ewigen Kreislaufe das Repertoir. Mir wurde die Sache »über«, zumal mich Maurice in Hamburg engagieren wollte, und um wenigstens einen Ersatz in einer sicheren Lebensstellung zu haben, wandte ich mich an Herrn v. Gunzert mit meiner ewigen und einzigen Bitte um eine lebenslängliche Anstellung mit einem alljährlichen sechswöchentlichen Urlaub zu Gastspielen. Herr von Gunzert erklärte mir darauf in einem Briefe vom 24. März 1881, daß von meinen Forderungen ein Teil erfüllt werden, ein anderer wohl später leicht in Erfüllung gehen, der sechswöchentliche Urlaub aber nicht von ihm, sondern nur von Sr. K. Majestät bewilligt, bei Höchstdemselben übrigens von seiner (Gunzerts) Seite nicht befürwortet werden könne. Das war ja deutlich genug, denn wenn's Herr von Gunzert nicht wollte, geschah's auch nicht. Ich kündigte meinen Vertrag. Intendant v. Wehl redete mir zu, ich solle doch nicht so leichtsinnig handeln; auch Herrn v. Gunzert war meine Kündigung[106] nicht recht, eine lebenslängliche Anstellung sei mir ja mit der Zeit gewiß, meinten die Herren. Man glaubt ja so gern und leicht das, was man erhofft und wünscht, ich ließ mich also breitschlagen, nahm die Kündigung zurück ? und blieb. Amazon.de Widgets Leider war meine Hoffnungsseligkeit von kurzer Dauer. Es ist mir immer unbegreifllich geblieben, weshalb die Hofkammer sich nicht zu einem sechswöchentlichen Urlaub und zu einer lebenslänglichen Anstellung entschließen konnte. Ich war beim König und beim Publikum beliebt. Am 17. März 1884 feierte ich mein 30jähriges Künstlerjubiläum und wiederum gab mir das Stuttgarter Publikum deutlich zu erkennen, was es von mir hielt. Ich lasse darüber den Bericht des »Neuen Tagblatt« folgen, welches schrieb: K. Hoftheater. Der gestrige Theaterabend gehörte dem Jubilar August Junkermann. Nur einem Liebling des Publikums werden solche Ehren zu teil, wie sie ihm gestern zuflossen. Schon das bis auf den letzten Platz gefüllte Haus ? Hunderte von Billetverlangenden mußten abgewiesen werden ? machte einen ungewohnt festlichen Eindruck und von der ersten Minute der Vorstellung an bis zur letzten herrschte jene innige und warme Wechselwirkung zwischen Zuschauern und Publikum, wie sie für beide Teile eine so unvergleichliche Freude ist. Nicht erst am Abende durfte der Jubilar die Zeichen der Anerkennung und Zuneigung von allen Seiten hinnehmen. Schon am Tage vorher, dem eigentlichen Datum seines Bühnenanfangs, regnete es förmlich aus allen Teilen des deutschen Vaterlandes, Oesterreichs, ja selbst Rußlands Briefe, Telegramme und Pakete, teils dem gefeierten Darsteller, teils dem Oberschlaraffen der Gesellschaft Schlaraffia Stungardia gewidmet. Die hiesigen Vereine, in denen Junkermann als Vorleser gewirkt, zahlreiche Privatpersonen, welche das Bedürfnis empfanden, ihm eine Huldigung darzubringen, sandten ihm dieselbe, noch ehe er gestern die Bühne betrat, in seine Wohnung; dorthin liefen auch in den letzten Tagen die Telegraphenboten in ununterbrochener Reihenfolge, sodaß es keine geringe Mühe war, die Glückwünsche und Grüße von Freunden und Kollegen von überallher in Empfang zu nehmen. [107] Als Junkermann am Abend in die Garderobe trat, fand er das hiesige Schauspielpersonal vollständig versammelt. Er wurde mit einem dreimaligen Hoch empfangen und der Intendant Herr v. Wehl hielt eine Ansprache, worin er der Verdienste des Jubilars um seine Kunst, um die Stutt garter Hofbühne gedachte. Hierauf überreichte Fräulein Brand Herrn Junkermann einen silbernen Lorbeerkranz, ein schönes Angebinde aller seiner Kollegen vom Schauspiel. Als nach dem »Müller Voß« eine Spende von prachtvollen Lorbeerkränzen und Bouquets, wie man sie eben nur an Jubeltagen in den Hallen unseres Musentempels erlebt, niederging, wurde in Junkermanns Garderobe all dies in geschmackvoller Weise aufgebaut und so gewann man jetzt erst einen Ueberblick, welch herzlichen Anteil in Stuttgart wie an auswärtigen Bühnen das dreißigjährige Künstlerjubiläum unseres Reuter-Interpreten gefunden hat. Es waren da Kränze und Bouquets u.a. von Offizieren des hiesigen Grenadier-Regiments, vom Bürgermeister von Lübeck, von den Hoftheatern zu Weimar und zu Mannheim, vom Karltheater in Wien, einer von Breslau, vom Norddeutschen Klub, vom Schwäbischen Frauenverein, von Mitgliedern der Hofgesellschaft, denen Junkermann derzeit die Wohlthätigkeitsvorstellungen einstudiert, und noch viele, viele andere, alle mit vielfarbigen Schleifen und entsprechenden Inschriften; sodann ein prächtiger Azaleen-Stock vom hiesigen Blumenklub, eine mit Blumen gefüllte Metallschale, von einzelnen Verehrern gestiftet, nicht zu vergessen die schön eingerahmten Photographien von Friedrich Haase, Frau Hinstorff (der Witwe von Reuters Verleger in Rostock) und Fritz Reuters Witwe selbst, welche ihr Bild mit folgendem Sendschreiben begleitete: »Eine, die am heutigen Festtage nicht fehlen möchte unter der Zahl Derer, welche dem unübertrefflichen Darsteller des ?Onkel Bräsig? zu seinem dreißigjährigen Künstlerjubiläum die herzlichsten Glückwünsche darbringen, bittet freundlichst, die ihrigen nebst Photographie annehmen zu wollen. Luise Reuter, geb. Kuntze. Z.Z. in Wiesbaden, Taunusstraße 41, 15. März 1884.« Daß viele hiesige Kollegen Junkermanns ihren Pegasus sattelten und den Jubilar in allen möglichen und unmöglichen Versmaßen besangen, versteht sich von selbst. [108] Was die Vorstellung betrifft, so war dieselbe so recht geeignet, denen, welche bisher Junkermann nur par renomée als Reuter-Darsteller kannten, den berechtigten Grund dieses Renommees klar zu machen. In vier grundverschiedenen Partien trat er auf: als Bräsig in »Onkel Bräsigs letzte Stunden«, als Müller Voß, als Schuster Hank in »Du drögst de Pann weg« und als Jochen Päsel dem »großen Esel«. Mau konnte bei jeder neuen Rolle zu Anfang zweifeln, ob dies derselbe Künstler sei, der die vorangegangene geschaffen, so meisterhaft verstand es Junkermann, diese Gestalten zu individualisieren, ja, was mehr sagen will, sie als Typen hinzustellen. In den ernsteren von diesen Stücken schlug überall die urgesunde Lebenskraft, das echt deutsche Gemüt, der tiefinnerliche Humor Fritz Reuters durch. Es ist schwer, zu entscheiden, in welcher Leistung Junkermann die größte Wirkung erzielte; unseres Erachtens aber ist sein Müller Voß, der hartgeprüfte düstere Mann, in dem trotz aller Versuchung doch die Ehrlichkeit siegt, ein wahres Kabinetsstück der Schauspielkunst, charakteristisch in jedem Zug, hinabgreifend in alle Tiefen der Menschenseele. Der derbe Spaß kommt in den beiden, nach Reuterschen Gedichten bearbeiteten Schwänken zu Wort und Krischan Hank hat ebenso anhaltende Lustigkeit erregt wie die Blume aller tölpelhaften Offiziersburschen, der wackere Jochen Päsel. Daß der Beifall an diesem Abend besonders reichlich strömte, daß auch des Jubilars Kollegen daran teilnahmen, welche ihn nach Kräften in ihren einzelnen Aufgaben unterstützten, sei ebenfalls mit Freuden verzeichnet. So verlief einer der schönsten, stimmungsvollsten Theaterabende, die wir in Jahrzehnten hier erlebt, zu allgemeinem Genügen, und es schloß sich noch eine Feier intimen Charakters an. Freunde und Kollegen Junkermanns gaben ihm und seiner Gemahlin, Frau Rosa Junkermann, ein Souper im Restaurant Bertrand und hier sprach er denn auch gerührt und tiefbewegt die Gefühle des Dankes aus, die alle die vielen ihm von nah und fern zuteil gewordenen Beweise der Wertung und Anhänglichkeit in ihm wachgerufen. Zündende Toaste jagten sich in dieser heiteren, von Damen und Herren reich besetzten Tafelrunde, in welcher noch einmal und in verstärktem Grade die Eindrücke des Tages wiederklangen. Einen Einblick in diese Stimmung gewinnt der Leser durch einige Proben aus den gereimten Trinksprüchen, von denen der erste, von Theodor Souchay verfaßt, folgendermaßen lautet:[109] Groß ist das Reich der Kunst, es öffnet weit Die Grenzen, so der Freude wie dem Leid. Nicht seichte Lust und schales Gaukelspiel Ist ihrer Jünger, ihrer Meister Ziel, Es ist der heil'ge Ernst des Ewigschönen, Den wir vor allem in der Kunst bekrönen. Heiß glüht die Jugend für das Ideal, Das ihrem Aug', beglänzt vom Zauberstrahl Des ersten Frühlingstraums, so nah erscheint, Und doch so Vielen seine Gunst verneint, Die oft mit treuem Fleiße darnach ringen, ? Die Palme winkt, es scheitert das Gelingen. Schwer ist die Kunst, schwer ist ihr höchster Preis, Wer ihn errang, dies wohl am besten weiß, Denn ohne Arbeit wand selbst dem Genie Der Lorbeer sich um Stirn und Locke nie. Wer ihn verdient nach Sorgen, Freud' und Leiden, Der ist ein Held, den Schlechte nur beneiden. Ein solcher Held, mein lieber Junkermann, Ein ganzer Künstler und ein ganzer Mann Bist du uns allen, und nicht uns allein In diesem engern Freundeskreis, o nein, Im ganzen Vaterland errangst du Ehren, Wie höher sie wohl keiner mag begehren. Wenn du erscheinst, da zwingt dein Ernst, dein Scherz Zu Thränen und zum Jubel jedes Herz, Dir wird Natur zur Kunst, Kunst zur Natur, Nur Echtes, Ganzes zeitigt deine Flur. So schaffst du uns aus herrlichem Gemüte Wahrhaftiger Gestalten reichste Blüte. Glück auf! Heil deiner fernern Künstlerbahn! Der Musen Huld mög' lange dich umfahn; In der Genossen Namen ruf' ich aus: Glück auf, o Freund, dir, deinem ganzen Haus![110] Erstrebt hast du das Ziel des Edlen, Schönen, Das heute wir in dir, dem Meister, krönen! Die scherzhaften Saiten schlug des Jubilars Kollege, Herr Hermann Trotz, an, indem er nach bekannter Melodie folgende Couplets vortrug: Heil unserm lieben Junkermann! Vor dreißig Jahren fing er an. Manasse van der Straaten, In Trier gab er die erste Roll', Sie ist ihm arg mißraten. Man zog ihm gleich ein Drittel ab, Wollt' nehmen schon den Wanderstab. Doch August faßte Mut sich: »Voulez-vous komisch?« fragte er. »Für Weihrauch ich? ? Das thut sich!« ... »Pechschulze« ward gar oft gespielt Und viel Erfolg damit erzielt. Zum Liebling aufgeschwungen Hat sich alsbald der Jubilar Und Sieg auf Sieg errungen. Fritz Reuters großer Interpret Mit Urlaub viel auf Gastspiel geht; Spielt vor dem deutschen Kaiser, Kriegt Perlen und Manschettenknöpf ? Ein Orden wäre weiser. In Wien, der schönen Kaiserstadt, Das größte sich ereignet hat, Als Bräsig dort gastierte, Mit dem famosen Müller Voß Den Wienern imponierte. In »Hanne Nüt« den Vater Snut Spielt Junkermann doch auch sehr gut.[112] Und erst den Jochen Päsel! Ja, wer nicht »Onkel Bräsig« kennt, Das ist fürwahr ein Esel! Amazon.de Widgets Den Schuster Weigelt, Hasemann, Lubowsky, Hypochonder dann, Spielt er mit warmem Blute, Jedoch mit kaltem, wie Ihr wißt, Den Wächter dort am Hute. Im Gasthaus ist der Bräsig stumm, Sieht sich gleich nach der Speiskart' um, Nimmt Natron, raucht Cigarren, Natürlich importierte nur, Die andern sind ihm Schmarren. Wie anders in Schlaraffia! Groß wie ein Held dort spricht er ? ja! ? Begeistert ganze Stunden, Und wenn er Misogyne hat, Im Reich muß er gesunden. Glückselig ist die Bräsiga Seitdem ihr Jüngster »Fritz« ist da. Nun, freut euch, nach zwölf Jahren Ein prächtig Mädel wird getauft. Wir werdens schon erfahren. »Du drögst de Pann weg« sah'n wir heut'. Vor Lachen platten schier die Leut'. Es war ein schöner Abend, Nicht nur für unsern Jubilar, Nein ? für uns alle labend! Durch Thränen lächle dein Humor »Entspekter Bräsig« immerdor! Der Tag dir Glück bedeute! Ihr Freunde nehmt das Glas zur Hand: Noch dreißig Jahr wie heute! [113] Beim gestrigen Junkermann-Jubiläum hat das in diesem Punkte so viel geschmähte Stuttgart gezeigt, daß es doch auch manchmal in überwältigender Weise einen seiner Künstler auszuzeichnen und zu ehren versteht. A.P. Jahrelang habe ich dem Hoftheater durch meine Reuterschen Stücke bedeutende Einnahmen gemacht, ein Blick auf die Kassenrapporte hätte wahrlich genügt, um mich endlich eines Avancements teilhaftig werden zu lassen. Ich verlangte als Gegenleistung nicht etwa höhere Gage, nein, nur eine lebenslängliche Anstellung mit einem Urlaub, den andere auch hatten. Das war doch gewiß kein unbilliges Verlangen von mir. Lange Jahre schon war ich in Stuttgart mit kleinem Gehalte angestellt, meine beste Zeit und Kraft hatte ich dem Stuttgarter Hoftheater gewidmet, und doch konnte ich nicht die geringste Verbesserung meiner Lage erreichen. Der kleinste Beamte erhält ja nach 8?10 Jahren Pensionsberechtigung. An den meisten Stadttheatern, die einen Pensionsfond besitzen, wird man nach sechs- bis zehnjähriger Dienstzeit pensionsberechtigt. Es existieren ja in Stuttgart lebenslängliche Anstellungen, weshalb machte man mit mir, mit meinem Fache, das ich ja spielen konnte bis mir der Kopf wackelt, eine Ausnahme? Ich glaube, wenn ich nicht meinen gesunden Menschenverstand verloren habe, daß ich es ohne Selbstüberschätzung sagen kann, daß ich um das Stuttgarter Hoftheater eine lebenslängliche Anstellung verdient hatte. ? Durch meine Gastspielreisen bin ich in den weitesten Kreisen bekannt geworden, man kennt mich genugsam als Darsteller, ich halte es deshalb für meine Pflicht, dem Publikum die Gründe zu unterbreiten, weshalb ich von Stuttgart fortgegangen bin. Es geschah sicher nicht aus Leichtsinn oder aus mangelnder Beliebtheit bei Publikum und Presse, nur die feste Ueberzeugung mußte ich gewinnen, daß ich einstmals ein oder zwei Jahre vor meiner Pensionsberechtigung, die jetzt, nach fast siebzehnjähriger Dienstzeit, noch zehn Jahre gedauert hätte, entlassen worden wäre. [114] Und was dann?? Daß diese Furcht nicht unbegründet war, wird später noch anschaulicher werden. Das Regime wechselte. Herr v. Gunzert nahm aus Ursachen, die nicht hierher gehören, seine Entlassung. Mit ihm fiel auch Wehl, der acht Tage nach Gunzerts Entlassung, ohne nach fünfzehnjähriger Thätigkeit einen Pensionsbezug zu erhalten, sein Amt niederlegen mußte. Wehl wollte mit mir das Beste ? ich danke ihm heute noch für manches ? aber es auszuführen fehlte ihm die Macht, Herr v. Gunzert hielt einen sechswöchentlichen Urlaub und eine lebenslängliche Anstellung für etwas zu Ungeheuerliches für mich. Wir erhielten nach Herrn v. Gunzerts und v. Wehls Austritt neue Vorgesetzte. An Stelle des Hrn. v. Gunzert trat Herr v. Tscherning und in des Herrn v. Wehl Stelle Herr Hofrat Werther von Mannheim ein. Der neue Intendant befahl das ganze Personal zur allgemeinen Vorstellung in das Foyer des Theaters. Wir erschienen sämtlich im Oberrock, nur ein Charakterspieler, wahrscheinlich als der intimste Freund des in Ungnade gefallenen Intendanten v. Wehl, erschien im Frack und weißer Binde. Er hatte ihm so oft ins Gesicht gesagt, daß es keinen tüchtigeren Bühnenleiter gäbe; stundenlang redete er in Wehl hinein, wie er bemüht sei, seines Herrn Ruhm in alle Welt hinaus zu posaunen, keinen jour fix bei Wehls hatte er versäumt, er hätte sein Leben für ihn gelassen ? so lange er noch Intendant war; vermutlich wollte er nun seinem Schmerze über Wehls Abgang durch den Frack Ausdruck verleihen, denn ich kann mir nicht denken, daß so ein treuer Freund dachte: Le roi est mort, vive le roi! Amazon.de Widgets Presse und Publikum nahmen sich Werthers aufs wärmste an. Als Werther mich bei der Vorstellung sah, kam er auf mich zu: »Sieh da, Freund Junkermann!« und drückte mir herzlich die Hand. Ich hatte früher in Mannheim bei ihm gastiert, als er dort das Hoftheater leitete. Mit Werther änderte sich das gute, alte, im Kreislauf sich[115] drehende Repertoir und »neues Leben blühte aus den Ruinen«! Herr Werther, welcher die Intendanz des Hoftheaters nur unter der Bedingung übernommen hatte, selbständig die Leitung zu führen, um nicht wie seine Vorgänger unter dem Befehle der Hofkammer zu stehen, reformierte das Theater gründlich. Der alte Schlendrian wurde abgeschafft. Die unter Wehl verpönten französischen Komödien erschienen auf dem Repertoir. Die Klassiker wurden großartig inszeniert. »Julius Cäsar« wurde so brillant ausgestattet und einstudiert, daß das Stück 6?8 mal bei ausverkauftem Hause gegeben wurde. Neuanschaffungen in Dekorationen und Kostümen wurden in unbeschränktestem Maße gemacht. Herr Werther hatte direkten Vortrag beim Könige und wußte alles, was er zur künstlerischen Hebung des Hoftheaters für nötig hielt, durchzuführen. Die scenischen Arrangements auf der Bühne waren aufsehenerregend, wunderbar geschmackvoll. Man mag über Werther sagen, was man will, er ist ein Fachmann und versteht seine Sache. Die erlernte Praxis der Bühne, die Technik des Bühnenapparates ist ihm eigen wie selten jemandem. Werther engagierte Frl. Kathi Frank, mit welcher »Hüttenbesitzer«, »Feodora«, »Cyprienne« und andere französische Dramen auf dem Repertoir erschienen und die bedeutendsten Einnahmen machten. Weidlich ergötzte sich das Stuttgarter Publikum an den bisher vorenthaltenen französischen Ehebruchsdramen. Die Shakespeareschen Königsdramen wurden aufgeführt, die Operetten kultiviert. Das Publikum war entzückt und strömte eine Zeitlang ins Theater. Herr Werther wurde vergöttert, in alle Adels- und Hofkreise gezogen, nach Verlauf eines Jahres durch Verleihung des Kronenordens in den persönlichen Adelsstand gehoben. Dann erhielt er einen Kontrakt mit bedeutendem Gehalt und bei etwaiger Entlassung eine hohe Pension. Gewiß das Höchste, was ein Mensch innerhalb Jahresfrist erreichen kann. Herr v. Werther sorgte für sich ? wer kanns ihm verdenken ? aber zu seiner Ehre muß ich gestehen, er ließ auch mir was zukommen. Manche Einnahme an auswärtigen[116] Theatern verdanke ich ihm. Wenn ich nicht im Repertoir in Stuttgart beschäftigt war, ließ er mich draußen verdienen und rechnete mir dienstfreie Tage nie als Urlaub an. Ich bin ihm dafür zu großem Danke verpflichtet. Meine Schaffensfreude wuchs natürlich unter solchen Verhältnissen ganz bedeutend und ich fühlte mich glücklich. 
