
                               Sudermann, Hermann

                                   Frau Sorge

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                               Hermann Sudermann

                                   Frau Sorge

                                     Roman

                                 Meinen Eltern

                             zum 16. November 1886

Frau Sorge, die graue, verschleierte Frau,
Herzliebe Eltern, Ihr kennt sie genau;
Sie ist ja heute vor dreiig Jahren
Mit Euch in die Fremde hinausgefahren,
Da der triefende Novembertag
Schweratmend auf nebliger Heide lag
Und der Wind in den Weidenzweigen
Euch pfiff den Hochzeitsreigen.

Als Ihr nach langen, bangen Stunden
Im Litauerwalde ein Nest gefunden
Und zagend standet an der Schwelle,
Da war auch Frau Sorge schon wieder zur Stelle
Und breitete segnend die Arme aus
Und segnete Euch und Euer Haus
Und segnete die, so in den Tiefen
Annoch den Schlaf des Nichtseins schliefen.

Es rann die Zeit. - Die morsche Wiege,
Die jetzt im Dunkel unter der Stiege
Sich freut der langverdienten Rast,
Sah viermal einen neuen Gast.
Dann, wenn die Abendglut verblichen,
Kam aus dem Winkel ein Schatten geschlichen
Und wuchs empor und wankte stumm
Erhobenen Arms um die Wiege herum.

Was Euch Frau Sorge da versprach,
Das Leben hat es allgemach
In Seufzen und Weinen, in Not und Plage,
Im Mhsal trber Werkeltage,
Im Jammer manch durchwachter Nacht
Ach! so getreulich wahr gemacht.

Ihr wurdet derweilen alt und grau,
Und immer noch schleicht die verschleierte Frau
Mit starrem Aug' und segnenden Hnden
Zwischen des Hauses armen vier Wnden,
Vom drftigen Tisch zum leeren Schrein,
Von Schwelle zu Schwelle aus und ein,
Und kauert am Herde und blst in die Flammen
Und schmiedet den Tag mit dem Tage zusammen.

Herzliebe Eltern, drum nicht verzagt!
Und habt Ihr Euch redlich gemht und geplagt
Ein langes, schweres Leben lang,
So wird auch Euch bei der Tage Neigen
Ein Feierabend vom Himmel steigen.

Wir Jungens sind jung - wir haben Kraft,
Uns ist der Mut noch nicht erschlafft,
Wir wissen zu ringen mit Not und Mhn,
Wir wissen, wo blaue Glcksblumen blhn;
Bald kehren wir lachend heim nach Haus
Und jagen Frau Sorge zur Tr hinaus.

                                       1


Gerade als das Gut Meyhfers sich unter dem Hammer befand, wurde Paul, sein
dritter Sohn, geboren.
    Das war freilich eine schwere Zeit!
    Frau Elsbeth mit ihrem vergrmten Gesicht und ihrem wehmtigen Lcheln lag
in dem groen Himmelbette, neben sich die Wiege des Neugeborenen, lie die Augen
unruhig umherschweifen und horchte auf jegliches Gerusch, das vom Hofe und aus
den Wohnzimmern in ihre traurige Wochenstube drang. - Bei jedem verdchtigen
Laut fuhr sie empor, und jedesmal, wenn eine fremde Mnnerstimme sich hren lie
oder ein Wagen mit dumpfem Rollen dahergefahren kam, fragte sie, in heller Angst
die Pfosten des Bettes umklammernd: Ist's so weit? Ist's so weit?
    Niemand gab ihr Antwort. Der Arzt hatte streng befohlen, jede Aufregung von
ihr fern zu halten, aber er hatte nicht bedacht, der gute Mann, da dieses ewige
Hangen und Bangen sie tausendmal hrter qulen mute als die schrecklichste
Gewiheit.
    Eines Vormittags - am fnften Tage nach der Geburt - hrte sie ihren Mann,
den sie in dieser bsen Zeit kaum einmal zu Gesicht bekommen, mit schwerem
Fluchen und Seufzen im Nebenzimmer auf und nieder gehen. - Auch ein Wort konnte
sie verstehen, ein einziges Wort, das er immer aufs neue wiederholte, das Wort:
Heimatlos!
    Da wute sie: Es war so weit.
    Sie legte die matte Hand auf das Kpfchen des Neugeborenen, der mit einem
ernsthaften Gesicht still vor sich hindrselte, und weinte in die Kissen hinein.
    Nach einer Weile sagte sie zu der Dienstmagd, die den Kleinen wartete:
Bestell dem Herrn, ich mchte ihn sprechen.
    Und er kam. - Mit seinen drhnenden Schritten trat er vor das Bett der
Wchnerin und sah sie an mit einem Gesicht, das in seiner erzwungenen
Unbefangenheit doppelt verzerrt und verzweifelt dreinschaute.
    Max, sagte sie schchtern, denn sie hatte immer Angst vor ihm, Max,
verheimliche mir nichts - ich bin ja ohnehin auf das Schlimmste gefat.
    Bist du? fragte er mitrauisch, denn er erinnerte sich an die Warnung des
Arztes.
    Wann mssen wir hinaus?
    Als er sah, da sie so ruhig dem Unglck ins Auge schaute, glaubte er frder
nicht ntig zu haben, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, und wetternd brach er
los: Heute - morgen - ganz wie es dem neuen Herrn gefllt! - Nur durch seine
Barmherzigkeit sind wir noch hier, - und wenn es ihm so pat, knnen wir diese
Nacht auf der Strae logieren.
    So schlimm wird es nicht sein, Max, sagte sie, mhsam ihre Fassung
bewahrend, wenn er erfhrt, da erst vor ein paar Tagen ein Kleines eingekehrt
ist - -
    So - ich soll wohl betteln gehen bei ihm - was?
    Oh, nicht doch. Er tut's von selbst. Wer ist es denn?
    Douglas heit er - stammt aus dem Insterburgischen - trat sehr breitspurig
auf, der Herr, sehr breitspurig - htt' ihn am liebsten vom Hofe gejagt.
    Ist uns was brig geblieben? Sie fragte es leise und zgernd und sah dabei
auf den Neugeborenen nieder, hing doch von der Antwort vielleicht sein junges,
schwaches Leben ab.
    Er brach in ein hartes Lachen aus. Ja, ein Trinkgeld - volle zweitausend
Taler.
    Sie seufzte erleichtert auf, denn ihr war zumute gewesen, als hrte sie
schon das frchterliche Nichts von seinen Lippen schwirren.
    Was sollen uns zwei Tausend Taler, fuhr er fort, nachdem ihrer fnfzig in
den Sumpf geschmissen sind? Soll ich etwa in der Stadt eine Gastwirtschaft
aufmachen oder mit Knpfen und Bndern handeln? Du hilfst vielleicht noch mit,
indem du in vornehmen Husern nhen gehst, und die Kinder verkaufen
Streichhlzchen auf den Straen - hahaha!
    Er whlte sich in den schon graumelierten, buschigen Haaren und stie dabei
mit dem Fu gegen die Wiege, da sie heftig hin und her schwankte.
    Wozu ist das Wurm nun geboren? murmelte er dster, dann kniete er neben
der Wiege nieder, begrub die winzigen Fustchen in den Hhlungen seiner groen
roten Hnde und redete zu seinem Kinde: Wenn du gewut httest, Junge, wie
schlecht und niedertrchtig diese Welt ist, wie die Unverschmtheit darin siegt
und die Rechtlichkeit zugrunde geht, du wrst wahrhaftig geblieben, wo du warst.
- Was wirst du fr ein Schicksal haben? - Dein Vater ist ein Stck Vagabund, ein
Abgewirtschafteter, der sich mit Weib und drei Kindern auf der Strae
herumtreibt, bis er einen Ort gefunden hat, wo er sich und die Seinen vollends
zugrunde richtet - -
    Max, sprich nicht so - du brichst mir das Herz, rief Frau Elsbeth weinend
und streckte die Hand aus, um sie auf den Nacken des Mannes zu legen, aber diese
Hand sank kraftlos hernieder, ehe sie ihr Ziel erreichte.
    Er sprang empor. - Du hast Recht - genug mit dem Jammern! - Freilich, wenn
ich jetzt allein wre, ein Junggeselle wie in den frheren Tagen, dann ging' ich
nach Amerika oder in die russischen Steppen, dort wird man reich, - ja, dort
wird man reich, - oder ich spekulierte an der Brse, - heute Hausse, morgen
Baisse, - hei, da liee sich Geld verdienen, aber so - gebunden, wie man ist -
- - er warf einen klglichen Blick auf Weib und Kind, dann wies er mit der Hand
zum Hofe hinaus, von wo die lachenden Stimmen der zwei lteren hereintnten.
    Ja, ich wei wohl, da wir dir jetzt eine Last sein mssen, sagte die Frau
demtig.
    Rede mir nicht von Last! erwiderte er polternd. Was ich sagte, war nicht
bs gemeint. Ich hab' euch lieb - und damit basta! Es fragt sich jetzt nur,
wohin? Wre wenigstens dieses Neugeborene nicht, so lieen sich die Wechselflle
eines ungewissen Daseins eine Zeitlang ertragen. Aber nun - du krank - das Kind
der Pflege bedrftig - zu guter Letzt bleibt uns nichts brig, als irgendein
Bauerngut zu kaufen und die zweitausend Taler als Anzahlung zu geben. Heia, das
kann ein Leben werden - ich mit dem Bettelsack, du mit dem Ranzen - ich mit dem
Spaten, du mit dem Milcheimer.
    Das wre noch nicht das Schlimmste, sagte die Frau leise.
    Nein? Er lachte bitter - Na, dir kann geholfen werden. Da ist zum
Beispiel Mussainen zu verkaufen, das klgliche Moorgrundstck drauen auf der
Heide.
    O warum gerade das? sagte sie zusammenschauernd.
    Er verliebte sich sofort in seinen Gedanken.
    Ja, das hiee den Kelch bis auf die Hefe leeren. Im Angesichte stets die
verflossene Herrlichkeit - denn du mut wissen, das Herrenhaus vom Helenental
glnzt dort gerageswegs in die Fenster - ringsum Moor und Brachland an die
zweihundert Morgen - vielleicht liee sich manches urbar machen - Pionier der
Kultur knnte man werden. Und was wrden die Leute dazu sagen? Der Meyhfer ist
ein ganzer Kerl - wrden sie sagen. Er schmt sich seines Unglcks nicht, ja er
betrachtete es gewissermaen mit Ironie. Pah, wahrhaftig! Ironisieren soll man
sein Unglck - das ist die einzig erhabene Weltbetrachtung - pfeifen darauf soll
man! - Und er stie einen gellenden Pfiff aus, so da die kranke Frau im Bette
emporfuhr.
    Verzeih, mein Liebchen, bat er, ihre Hand streichelnd, pltzlich in der
rosigsten Stimmung, aber hab' ich nicht recht? - Pfeifen soll man darauf.
Solange man nur das Bewutsein hat, ein redlicher Mann zu sein, kann man jedes
Ungemach mit einer gewissen Wollust ertragen. Wollust ist das richtige Wort. -
Das Grundstck ist jeden Tag zu verkaufen, denn der Besitzer hat sich vor kurzem
in eine reiche Wirtschaft hineingeheiratet und lt das alte Germpel nun
vollends brach liegen.
    berleg's dir erst, Max, bat die Frau in heller Angst.
    Was soll das Zaudern helfen? erwiderte er heftig. Diesem Herrn Douglas
drfen wir nicht zur Last liegen, etwas Besseres knnen wir mit unseren lumpigen
Zweitausend nicht beanspruchen - also frisch zugegriffen -
    Und ohne da er sich die Zeit nahm, der kranken Frau lebewohl zu sagen,
eilte er von dannen.
    Wenige Minuten spter hrte sie seinen Einspnner zum Hoftor hinausrollen.
    Am Nachmittag desselben Tages wurde ihr ein fremder Besuch gemeldet. - Eine
schne, vornehme Dame sei in einer glnzenden Equipage auf den Hof gefahren und
begehre der kranken Herrin eine Wochenvisite abzustatten.
    Wer es denn sei? - Sie habe ihren Namen nicht nennen wollen.
    Wie seltsam! dachte Frau Elsbeth, aber da sie in ihrem Kummer ein wenig an
himmlische Sendungen zu glauben begann, so sagte sie nicht nein.
    Die Tr ffnete sich. Eine schlanke, zartgebaute Gestalt mit feinen, weichen
Gesichtszgen trat behutsamen Schrittes an das Bett der Wchnerin. Sie ergriff
ohne weiteres eine ihrer Hnde und sagte mit einer sanften, leise verschleierten
Stimme: Ich habe meinen Namen verschwiegen, liebe Frau Meyhfer, denn ich
frchtete, nicht angenommen zu werden, wenn ich ihn vorher nannte. Und am
liebsten mchte ich auch jetzt ungekannt bleiben. Ich mu leider annehmen, da
Sie mich nicht mehr mit Wohlwollen betrachten werden, wenn Sie wissen, wer ich
bin.
    Ich hasse keinen Menschen auf der Welt, erwiderte Frau Elsbeth,
geschweige denn einen Namen.
    Ich heie Helene Douglas, sagte die Dame leise und drckte die Hand der
Kranken fester.
    Frau Elsbeth fing sofort an zu weinen, die Besucherin aber, als ob sie eine
alte Freundin gewesen wre, schlang den Arm um ihren Hals, kte sie auf die
Stirn und sagte mit ihrer leisen, trstlichen Stimme: Seien Sie mir nicht gram.
Das Schicksal hat es gewollt, da ich Sie in diesem Hause verdrnge, aber schuld
habe ich nicht daran. Mein Mann hat mir eine berraschung bereiten wollen, denn
der Name dieses Gutes stimmt mit meinem Vornamen berein. Meine Freude war
sofort verschwunden, als ich hrte, unter welchen Verhltnissen er es erworben
hatte und wie gerade Sie, liebe Frau Meyhfer, in dieser doppelt schweren Zeit
haben leiden mssen. Da zwang es mich denn, mein Herz zu erleichtern, indem ich
Sie persnlich um Verzeihung bte fr den Kummer, den ich Ihnen bereitet habe
und noch bereiten werde, denn Ihre Leidenszeit ist ja noch nicht vorber.
    Frau Elsbeth hatte, als ob dies so sein mte, den Kopf an der Fremden
Schulter gelegt und weinte still vor sich hin.
    Und vielleicht kann ich Ihnen auch ein wenig ntzen, fuhr diese fort,
mindestens dadurch, da ich einen Teil Bitterkeit von Ihrer Seele nehme. Wir
Frauen pflegen uns besser zu verstehen als die harten, heftigen Mnner einander.
Die gemeinsamen Leiden, die auf uns lasten, fhren uns nher. Und vor allen
Dingen eins: Ich habe mit meinem Manne gesprochen und bitte Sie in meinem und in
seinem Namen, dieses Haus so lange als Eigentum zu betrachten, als es Ihnen
irgend beliebt. Wir bringen den Winter meistens in der Stadt zu und haben zudem
noch ein zweites Gut, das wir durch einen Verwalter bewirtschaften lassen
wollen. Sie sehen also, da Sie uns in keiner Weise stren und hchstens einen
Gefallen erweisen, wenn Sie noch ein halbes Jahr und darber hier schalten und
walten wie bisher.
    Frau Elsbeth dankte nicht, aber der trnenfeuchte Blick, den sie zu der
Fremden erhob, war Dank genug.
    Jetzt seien Sie wieder heiter, liebste Frau, fuhr diese fort, und wenn
Sie fr die Zukunft Rat und Hilfe brauchen, bedenken Sie, da hier jemand ist,
der viel an Ihnen gut zu machen hat. - Und welch ein prchtiges Kind! - sie
wandte sich nach der Wiege hin - ein Junge oder ein Mdel?
    Ein Junge, sagte Frau Elsbeth mit einem schwachen Lcheln.
    Findet er schon Geschwister in dieser Welt? - Aber was frag' ich! Die
beiden strammen kleinen Kerle drauen, die mich am Wagen empfingen - darf ich
sie nher kennen lernen? - Nein, hier nicht, wehrte sie hastig ab - es knnte
Sie noch mehr erregen. Spter! Spter! - Vorerst interessiert uns dieser kleine
Weltbrger.
    Sie beugte sich ber die Wiege und nestelte das Wickelzeug zurecht.
    Er macht schon eine ganz altkluge Miene, sagte sie scherzend.
    Die Sorge hat an seiner Wiege gestanden, erwiderte Frau Elsbeth leise und
schwermtig, daher hat er das alte Gesicht.
    Oh, nicht aberglubisch sein, meine Beste, erwiderte die Besucherin. Ich
habe mir sagen lassen, da Neugeborene in ihren Zgen oft etwas Greisenhaftes
tragen. Das verliert sich bald.
    Gewi haben auch Sie Kinder? fragte Frau Elsbeth.
    Ach, ich bin ja eine so junge Frau! - erwiderte die Besucherin und
errtete dabei, kaum sechs Monate verheiratet. - Aber - und sie errtete noch
tiefer.
    Gott stehe Ihnen bei in Ihrer schweren Stunde, sagte Frau Elsbeth, ich
werde fr Sie beten.
    Das Auge der Fremden wurde feucht. Dank, tausend Dank, sagte sie. Und
lassen Sie uns Freundinnen sein! Ich bitte Sie recht herzlich! - Wissen Sie was?
Nehmen Sie mich zur Patin fr diesen Ihren Jngsten und erweisen Sie mir den
gleichen Liebesdienst, wenn der Himmel mich segnet. - -
    Die beiden Frauen drckten sich stumm die Hnde. Ihr Freundschaftsbund war
geschlossen. - - -
    Als die Besucherin sie verlassen hatte, sah Frau Elsbeth mit einem scheuen,
traurigen Blick in die Runde. Es war noch eben so hell, so sonnig hier,
murmelte sie, und ist jetzt wieder so dunkel geworden.
    Nach einer kleinen Weile kamen die beiden ltesten trotz der Abwehr der
Wrterin mit hellem Jubel in das Krankenzimmer gestrzt. Ein jeder hielt eine
Zuckertte in der Faust.
    Das hat uns die fremde Dame geschenkt, jauchzten sie.
    Frau Elsbeth lchelte. Pst, Kinder, sagte sie, ein Engel ist bei uns
gewesen.
    Die beiden kleinen Burschen machten ngstliche Augen und fragten: Mama, ein
Engel?

                                       2


So wurde Frau Douglas Pauls Taufpatin. Wohl war Meyhfer nicht wenig ungehalten
ber die neue Freundschaft, denn das Mitleid der Glcklichen brauche ich nicht
pflegte er zu sagen, aber als die milde, freundliche Frau zum zweitenmal auf dem
Hofe erschien und ihm gut zuredete, wagte er nicht lnger nein zu sagen.
    Auch in den ferneren Verbleib auf der alten Heimsttte willigt er - freilich
mit Widerstreben - ein. Die Wirtschaft Mussainen, die er in der Tat noch an
demselben Tage kuflich erstanden hatte, war in so jmmerlichem Zustande, da
ein Verweilen darin whrend der kalten Herbsttage fr Weib und Kind gefhrlich
schien. Vor allem muten die notwendigsten Reparaturen besorgt und Zimmermann,
Maurer und Tpfer herbeigeholt werden, ehe an einen Umzug zu denken war.
    Nichtsdestoweniger sah sich Frau Elsbeth durch den Eigensinn ihres Mannes
gezwungen, lange bevor die Herrichtung der neuen Wohnung vollendet war, dorthin
berzusiedeln. Als nmlich eines Tages ein Inspektor des neuen Herrn mit einer
Anzahl Arbeiter auf dem Hofe erschien und in seinem Auftrage bescheiden um
Unterkunft bat, erklrte er dessen Handlungsweise fr eine ihm geflissentlich
angetane Schmach und war entschlossen, keinen Tag lnger auf dem Boden zu
verweilen, den er einst sein Eigentum genannt hatte. - - - -
    Es war ein kalter, trber Novembertag, als Frau Elsbeth mit ihren Kindern
dem alten, lieben Hause Valet sagte. - Ein feiner Sprhregen rieselte, alles
durchnssend, vom Himmel. In grauen Nebel eingehllt, de und trostlos lag die
Heide vor ihren Blicken.
    Das Jngste an der Brust, die beiden lteren Kinder weinend um sich her, so
bestieg sie den Wagen, der sie dem neuen und ach! so dsteren Schicksal
entgegenfhrte.
    Als sie zum Hoftor hinausrollten und der kalte Heidewind ihnen mit eisigen
Ruten ins Gesicht peitschte, da fing auch das Kleine, das so lange still und
friedlich dagelegen hatte, klglich zu weinen an. Sie hllte es fester in ihren
Mantel und beugte sich tief auf das kleine, zitternde Krperchen nieder, um die
Trnen nicht zu zeigen, die ihr unaufhaltsam ber die Wangen rollten.
    Nach einer halben Stunde Fahrt auf den lehmigen, regendurchweichten Wegen
erreichte der Wagen sein Ziel. Fast htte sie laut aufgeschrieen, als sie das
neue Heimwesen in seiner Trostlosigkeit und seinem Verfalle vor ihren Blicken
liegen sah.
    Langgestreckte, aus Lehm und Heidekraut aufgefhrte Wirtschaftsgebude - ein
sumpfiger Hof - ein niedriges, mit Schindeln gedecktes Wohnhaus, von dessen
Wnden der Kalk stellenweise abgebrckelt war und die nackte Mauer blolegte, -
ein verwilderter Garten, in dem die letzten traurigen Reste des Sommers, Astern
und Sonnenblumen, neben halbverwesten Kchenkrutern wucherten, ringsum ein
grell angestrichener Zaun, dem man vor seinem Ende noch eine letzte lung
gegeben zu haben schien - das war der Ort, an dem die Familie des
abgewirtschafteten Gutsbesitzers fortan zu hausen hatte.
    Das war der Ort, an dem der kleine Paul heranwuchs, dem die Liebe seiner
Kindheit, die Sorge seines halben Lebens galt. - - - -
    Er war in seinen ersten Jahren ein gar zartes, siechendes Geschpf, und in
mancher Nacht zitterte die Mutter, da das matte Lmpchen seines Lebens
verlschen werde, ehe der Morgen graute. Dann sa sie in dem dsteren, niederen
Schlafzimmer, die Ellbogen auf die Kante des Bettchens gesttzt, und starrte mit
brennenden Augen auf das magere Krperchen nieder, das ein Krampf schmerzhaft
zusammenzerrte.
    Aber er berstand alle die Krisen der ersten Kindheit, und mit fnf Jahren
war er, wenn auch schwchlich an Gliedern und bla, fast welk im Gesichte - die
alten Zge hatte er richtig beibehalten -, ein gesunder Knabe, auf dessen
Emporkommen man Hoffnung setzen konnte.
    In dieselbe Zeit fallen seine frhesten Erinnerungen.
    Die erste, die er sich in spteren Jahren vielfach zurckrief, war folgende:
    Das Zimmer ist halbdunkel. An den Fenstern blhen die Eisblumen, und rtlich
dringt der Schein des Abendrots durch die Gardinen. Die lteren Brder sind
Schlittschuhlaufen gegangen, er aber liegt in seinem Bette, denn er mu frhe
schlafen gehen, und neben ihm sitzt die Mutter, die eine Hand um seinen Hals
gelegt, die andere auf der Kante der Wiege, in der die beiden kleinen
Schwesterchen schlafen, die der Storch vor einem Jahr gebracht hatte, beide an
ein und demselben Tage.
    Mama, erzhl mir ein Mrchen, bittet er.
    Und die Mutter erzhlte. Was? daran erinnerte er sich nur dunkel, aber es
war darin von einer grauen Frau die Rede, die in allen trben Stunden die Mutter
besucht hatte, eine Frau mit bleichem, hagerem Gesicht und dunkeln, verweinten
Augen. Sie war wie ein Schatten gekommen und wie ein Schatten gegangen, hatte
die Hnde ber der Mutter Haupt gebreitet, ungewi, ob zum Segen oder zum
Fluche, und allerhand Worte gesprochen, die auch auf ihn, den kleinen Paul,
Bezug hatten. Es war darin von einem Opfer und einer Erlsung die Rede gewesen,
aber die Worte verga er wieder, wahrscheinlich, weil er noch zu dumm war, sie
zu verstehen. Aber einer Sache erinnerte er sich ganz genau: Whrend er, schier
atemlos vor Grauen und Erwartung, den Worten der Mutter lauschte, sah er
pltzlich die graue Gestalt, von der sie sprach, leibhaftig an der Tr stehen -
ganz dieselbe mit ihren erhobenen Armen und ihrem blassen, traurigen Gesicht. Er
verbarg den Kopf im Arm der Mutter - sein Herz pochte, der Atem fing an, ihm zu
fehlen, und in Todesangst mute er aufschreien: Mama, da ist sie, da ist sie!
    Wer? die Frau Sorge? fragte die Mutter.
    Er antwortete nicht und fing zu weinen an.
    Wo denn? fragte die Mutter weiter.
    Dort in der Tr, erwiderte er, sich aufrichtend und ihren Hals
umklammernd, denn er hatte groe Angst.
    O du kleiner Dummrian! sagte die Mutter. Das ist ja Papas langer
Reisemantel. Und sie holte den Mantel her und hie ihn Futter und Oberzeug
betasten, damit er's ganz genau wte, und er gab sich darein, aber innerlich
war er nur um so fester berzeugt, da er die graue Frau von Angesicht zu
Angesicht gesehen hatte. Und nun wute er auch, wie sie hie.
    Frau Sorge hie sie.
    Aber die Mutter war nachdenklich geworden und lie sich nicht bewegen, das
Mrchen zu Ende zu erzhlen. Auch in spteren Zeiten nicht. Mochte er sie noch
so flehentlich bitten.
    Von dem Vater hatte er aus jenen Jahren nur eine dunkle Erinnerung bewahrt.
Ein Mann mit groen Wasserstiefeln, der die Mutter schalt und die Brder
prgelte und ihn selbst zu bersehen pflegte. Nur bisweilen fing er einen
scheelen Blick auf, der ihm nichts Gutes zu bedeuten schien. Manchmal, besonders
wenn er in der Stadt gewesen war, hatte sein Gesicht eine dunkelrote Farbe wie
ein berheizter Kessel, und sein Gang lief kreuz und quer von einer Diele auf
die andere. Dann spielte sich immer dieselbe Geschichte ab: Zuerst liebkoste er
die beiden Zwillinge, die er ganz besonders in sein Herz geschlossen hatte, und
schaukelte sie auf seinen Armen, whrend die Mutter dicht dabei stand und mit
angstvollen Blicken alle seine Bewegungen verfolgte; dann setzte er sich zum
Essen, stckerte ein wenig in den Schsseln herum und schob sie dann beiseite,
indem er den Fra߫ power und unschmackhaft nannte, ri auch wohl Max und
Gottfried eins mit der Gerte ber den Nacken, war auf die Mutter bse und ging
schlielich hinaus, um mit den Knechten Hndel anzufangen. Weithin hallte dann
seine wetternde Stimme ber den Hofraum, so da selbst der Karo an seiner Kette
den Schwanz zwischen die Beine kniff und sich in den hintersten Winkel seiner
Bude zurckzog. - Kehrte er nach einer Weile in das Zimmer zurck, so war seine
Stimmung meistens von Zorn in Verzweiflung umgeschlagen. Er rang die Hnde,
klagte ber das Elend, in dem er hier hausen msse, und sprach zu sich selber
von allerhand groen Dingen, die er unternommen haben wrde, wenn nicht dies
oder das ihn verhindert htte, und wenn Himmel und Erde nicht miteinander
verschworen wren, ihn zugrunde zu richten. Dann trat er wohl ans Fenster und
schttelte die Faust nach dem weien Hause hin, das aus der Ferne so
freundlich herberblickte.
    Ja, dieses weie Haus!
    Der Vater schalt darauf, er runzelte die Brauen, wenn nur sein Blick nach
jener Richtung hinschweifte, und er selbst, er hatte es so lieb, als wenn ein
Stck seiner Seele dort weilte. Warum? Er wute es selbst nicht. Vielleicht nur,
weil die Mutter es liebte. Auch sie stand ja gar oft am Fenster und schaute
darauf hin, aber sie runzelte nicht die Brauen, o nein! - ihr Gesicht wurde
weich und wehmtig, und aus ihren Augen strahlte eine Sehnsucht, so inbrnstig,
da ihm, der still daneben stand, gar oft ein Schauer hei ber den Nacken lief.
    War doch sein kleines Herz von ganz derselben Sehnsucht erfllt! Erschien
ihm doch, so lange er denken konnte, jenes Haus als der Inbegriff alles Schnen
und Herrlichen! Stand es doch, wenn er die Lider zudrckte, allezeit vor seinen
Augen, schlich es sich doch selbst in seine Trume hinein!
    Bist du schon einmal in dem weien Hause gewesen? fragte er eines Tages
die Mutter, als er seine Wibegier nicht lnger zgeln konnte.
    O ja, mein Sohn, erwiderte sie, und ihre Stimme klang traurig und
unsicher.
    Oft, Mama?
    Sehr oft, mein Junge. Deine Eltern haben einmal dort gewohnt, und du bist
dort zur Welt gekommen.
    Seitdem war ihm das weie Haus dasselbe, was dem Menschengeschlechte das
verlorene Paradies. - - -
    Wer wohnt denn jetzt in dem weien Hause? fragte er ein andermal.
    Eine schne, freundliche Frau, die alle Menschen lieb hat und dich ganz
besonders, denn du bist ja ihr Patenkind.
    Ihm war zumute, als ergsse sich eine unendliche Flle von Glck ber sein
Haupt. Er war so aufgeregt, da er zitterte.
    Warum fahren wir denn nicht zu der schnen, freundlichen Frau? fragte er
nach einer Weile.
    Papa will's nicht haben, erwiderte sie, und ihre Stimme hatte einen
eigentmlich scharfen Klang, der ihm auffiel.
    Er fragte nicht weiter, denn des Vaters Wille galt als ein Gesetz, dessen
Grnden niemand nachzuforschen hatte, aber an diesem Tage knpfte das Geheimnis
des weien Hauses ein neues Band zwischen Mutter und Sohn. - ffentlich durfte
nicht von ihm gesprochen werden. Der Vater wurde wtend, sobald man seine
Existenz nur andeutete, und auch die Brder mochten mit ihm, dem Jngsten, nicht
gern darber reden; wahrscheinlich frchteten sie, da er's in seiner Dummheit
wiedersage. Aber die Mutter, die Mutter vertraute ihm!
    Wenn sie miteinander allein waren - und sie waren whrend der Schulzeit fast
immer allein - dann ffnete sich ihr Mund und mit dem Munde das Herz, und das
weie Haus stieg aus ihren Erzhlungen immer hher und leuchtender vor seinen
Augen empor. Bald kannte er jedes Zimmer, jede Laube im Garten, den
grnumbuschten Weiher mit der spiegelnden Glaskugel davor und die Sonnenuhr auf
der Terrasse; man denke, eine Uhr, auf welcher die liebe Sonne selbst die
Stunden anzeigen mute. Welch ein Wunder!
    Er htte mit geschlossenen Augen auf Helenental umhergehen knnen und sich
dennoch nicht verirrt.
    Und wenn er mit Kltzchen spielte, dann baute er sich ein weies Haus mit
Terrassen und Sonnenuhren - zwei Dutzend auf einmal! - grub Teiche in den Sand
und befestigte Murmelsteine auf kleinen Pfhlen, um die Glaskugeln anzudeuten.
Aber freilich, spiegeln taten sie nicht.

                                       3


Zu derselben Zeit fate er den Plan, dem weien Hause einen Besuch
abzustatten. Ganz auf eigene Faust. Er verschob es auf den Frhling, als aber
der Frhling kam, fand er nicht den Mut dazu. Er verschob es auf den Sommer,
aber auch dann kamen allerhand Hindernisse dazwischen. Einmal hatte er einen
groen Hund allein auf der Wiese umherstreichen sehen - wer konnte wissen, ob es
nicht ein toller war? - und ein andermal war ihm der Bulle mit gesenkten Hrnern
auf den Leib gerckt.
    Ja, wenn ich gro sein werde, wie die Brder, so trstete er sich, und in
die Schule gehe, dann werde ich mir einen Stock nehmen und den tollen Hund
totschlagen, und den Bullen werd' ich bei den Hrnern fassen, da er mir nichts
tun kann.
    Und er verschob es auf das nchste Jahr; denn dann sollte er beginnen, in
die Schule zu gehen, ganz wie die groen Brder.
    Die groen Brder waren Gegenstand seiner Anbetung. Zu werden wie sie,
erschien ihm das letzte Ziel menschlicher Wnsche. Auf Pferden reiten - auf
groen wirklichen, nicht blo auf hlzernen - Schlittschuh laufen, schwimmen
ganz ohne Binsen und Schweinsblasen und Vorhemdchen tragen, weie, gestrkte,
die mit Bndern um den Leib befestigt werden, ach, wer das knnte!
    Aber dazu mu man erst gro sein, trstete er sich. Diese Gedanken behielt
er ganz fr sich, der Mutter mochte er sie nicht sagen, und den Brdern selbst,
- o die machten sich sehr wenig mit ihm zu schaffen. Er war ein solcher Knirps
in ihren Augen, und wenn die Mutter bestimmte, da sie ihn irgendwohin
mitnhmen, waren sie unwillig, denn dann muten sie auf ihn achtgeben und um
seiner Dummheit willen die schnsten Streiche aufgeben. Paul fhlte das wohl,
und um ihren bsen Gesichtern und noch bseren Pffen auszuweichen, sagte er
meistens, er wolle lieber zu Hause bleiben, mochte ihm auch noch so weh ums
Herze sein. Dann setzte er sich auf den Pumpenschwengel, und whrend er sich
leise hin und her schaukelte, trumte er von den Zeiten, da er's den Brdern
gleichtun wollte.
    Auch im Lernen. - Und das war keine Kleinigkeit, denn beide, Max sowohl wie
Gottfried, saen die Ersten in ihrer Schule und brachten zu den Feiertagen stets
sehr schne Zeugnisse mit nach Hause. Wie schn die waren, ersieht man daraus,
da sie ihnen von dem Vater je einen Silbergroschen, von der Mutter eine
Honigstulle eintrugen.
    An einem solchen Freudentage hrte er den Vater sagen: Ja, wenn ich die
beiden ltesten in eine gute Schule geben knnte, da wrde was aus ihnen werden,
denn sie haben ganz meinen aufgeweckten Kopf, aber Bettler, wie wir sind, werden
wir sie wohl auch zu Bettlern erziehen mssen.
    Paul dachte viel darber nach, denn er wute bereits, da Max zum
Feldmarschall und Gottfried zum Feldzeugmeister geboren sei. Es hatte sich
nmlich einmal ein Ruppiner Bilderbogen mit Abbildungen der sterreichischen
Armee in das Heidehaus verirrt, und an diesem Tage waren die Brder einig
geworden, die beiden hchsten Wrden der Generalitt unter sich zu verteilen,
whrend ihm, dem Jngeren, eine Unterleutnantsstelle zufallen sollte. Seitdem
war allerdings eine Periode gekommen, in der der eine den Beruf zum Trapper, der
andere zum Indianerhuptling in sich fhlte, aber Pauls Gedanken blieben an
jenen goldgestickten Uniformen haften, mit denen die hlzernen Speere und die
aus Lumpen zusammengeflickten Sandalen, wie sie die Brder beim Spielen trugen -
die letzteren nannten sie Mokassins - keinen Vergleich aushalten konnten. Auch
warum sie spter wieder Naturforscher und Superintendenten werden wollten, blieb
ihm unverstndlich - die Neu-Ruppiner Bilder waren doch das beste.
    Zu derselben Zeit begannen die Zwillinge gehen zu lernen. Kthe, die ltere
- sie war um dreiviertel Stunden frher zur Welt gekommen - machte den Anfang,
und Grete folgte ihr drei Tage spter nach.
    Das war ein bedeutungsvolles Ereignis in Pauls Leben. Pltzlich stand er
gebannt in einem Kreis von Pflichten, der ihn so bald nicht wieder freilassen
sollte.
    Niemand hatte ihm aufgetragen, die ersten Schritte der kleinen Schwestern zu
bewachen; aber so selbstverstndlich es stets gewesen war, da er seine Schuhe
schon am Abend putzte und die der Brder dazu, da er sein Rckchen viereckig
zusammengefaltet zu Kopfenden des Bettes niederlegte und die beiden Strmpfe
kreuzweise darber, da er nie einen Flecken ins Tischtuch machte, und da er
vom Vater einen Denkzettel erhielt, wenn das Unglck einem der Brder passierte,
so selbstverstndlich war es auch, da er sich fortan der kleinen Schwestern
annahm und mit altkluger Sorge ber ihren tollkhnen Steh- und Gehkunststcken
wachte.
    Er kam sich so wichtig in diesem neuen Amte vor, da selbst die Sehnsucht
nach der Schule geringer wurde, und htte er allenfalls noch - pfeifen knnen,
das Ma seiner Wnsche wre voll gewesen.
    Ja, pfeifen knnen, wie Jons, der Knecht, oder auch nur wie die lteren
Brder, das war nun das Ziel seiner Trume, der Gegenstand unaufhrlicher
Studien. Aber er mochte noch so viel den Mund spitzen und noch so viel die
Lippen anfeuchten, um sie geschmeidig zu machen, kein Ton kam zum Vorschein. Ja,
wenn er die Luft einzog, dann ging es allenfalls - einmal war es ihm sogar
gelungen, die ersten vier Tne von Ist ein Jud' ins Wasser gefallen
hervorzubringen, aber jeder znftige Pfeifer wei, da die Luft zum Munde
hinausgestoen werden mu, und das gerade war es, was er nicht lernen konnte.
    Auch hierin trstete er sich mit dem Gedanken: Wenn ich erst gro sein
werde.
    Die Weihnachten dieses Jahres brachten eine Freudenbotschaft. Von der guten
Tante aus der Stadt, einer Schwester seiner Mutter, traf eine Kiste ein mit
allerhand schnen und ntzlichen Sachen, Bcher und Hemdenzeug fr die Brder,
Kleidchen fr die Schwestern und fr ihn ein Samtrock, ein wirklicher Samtrock,
mit Husarenschnren und groen blanken Knpfen. - Das war eine Freude! - Aber
die allerschnste Bescherung stand erst in dem Briefe, den die Mutter mit Trnen
der Rhrung und der Freude vorlas. Die gute Tante schrieb, da sie aus dem
letzten Briefe Elsbeths ersehen habe, wie es ihres Mannes hchster Wunsch sei,
den beiden ltesten Knaben eine bessere Schulbildung zu geben, und da sie sich
infolgedessen entschlossen habe, sie zu sich ins Haus zu nehmen und sie das
Gymnasium auf eigene Kosten durchmachen zu lassen. Die Brder jauchzten, die
Mutter weinte, der Vater rannte in der Stube umher, fuhr sich mit der Hand durch
die Haare und murmelte aufgeregte Worte.
    Er sa derweilen ganz still am Bettchen der Schwestern und freute sich
innerlich.
    Da kam die Mutter zu ihm heran, barg das Antlitz in seinen Haaren und sagte:
Wirst du es auch einmal so gut haben, mein Junge?
    Ach der! sagte der Vater, der kapiert ja nichts.
    Er ist noch so jung! erwiderte die Mutter, seine Wangen streichelnd, und
dann zog sie ihm den schnen Samtrock an; den durfte er, weil's Feiertag war,
bis zum Abend anbehalten. Und auch die Brder kamen und herzten ihn, teils weil
ihnen das Herz so voll von Freude war, teils des schnen Samtrockes wegen. So
gut waren sie niemals zu ihm gewesen.
    Ja, das waren Weihnachten!
    Und als der Frhling sich nherte, ging's an ein groes Nhen und Sticken
fr die Aussteuer. Paul durfte beim Zuschneiden behilflich sein, die Elle halten
und die Schere zureichen, und die Zwillinge lagen auf der Erde und whlten in
der weien Leinwand.
    Die Brder wurden ausgestattet wie zwei Prinzen. Nichts wurde vergessen.
Selbst Schlipse bekamen sie, die hatte die Mutter aus einer alten Taftmantille
zurechtgeschneidert.
    Die Brder waren in dieser Zeit ungeheuer stolz. Sie spielten bereits die
Herren, jeder auf seine Weise. Max drehte sich Zigaretten, indem er Knaster aus
des Vaters Tabakskasten in kleine Papiertten schttete, die er dann an dem
breiten Ende in Brand steckte, und Gottfried setzte sich eine Brille auf, die er
in der Schule fr sechs Hosenknpfe erstanden hatte.
    Gefall' ich dir so? fragte er, vor Paul hin und her stolzierend, und da
dieser ja sagte, wurde er abgekt; htte er nein gesagt, wrde er einen
Katzenkopf bekommen haben.
    Gleich nach Ostern fuhren die beiden Brder ab. Das gab viel Trnen im
Hause. Als aber der Wagen zum Hoftor hinausgerollt war, da prete die Mutter ihr
trnenberstrmtes Gesicht gegen Pauls Wange und flsterte: Du bist lange
vernachlssigt worden, mein armes Kind; jetzt sind wir wieder zu zweien wie
vordem.
    Mama, au Tu! schrie die kleine Kthe, die rmchen ausreckend, und ihre
Schwester tat desgleichen.
    Ja, ihr seid ja auch noch da! rief die Mutter, und heller Sonnenschein
leuchtete ber ihr blasses Gesicht.
    Und dann nahm sie jede auf einen Arm, trat mit ihnen ans Fenster und schaute
lange nach dem weien Hause hinber.
    Paul steckte den Kopf zwischen den Falten ihres Kleides hervor und tat
desgleichen.
    Die Mutter senkte den Blick zu ihm herab, und als er seinem altklugen
Kinderauge begegnete, errtete sie ein wenig und lchelte. Aber keines sprach
ein Wort.
    Als der Vater aus der Stadt zurckkam, verlangte er, da Paul anfangen
sollte, in die Schule zu gehen. -
    Die Mutter wurde sehr traurig und bat, ihn doch noch ein halbes Jahr
daheimzulassen, damit sie sich nicht allzusehr nach den beiden ltesten bange,
sie wolle ihn selber unterrichten und weiter bringen, als der Lehrer es
vermchte. Aber der Vater wollte nichts davon wissen und schalt sie eine
Trnenliese.
    Paul bekam einen Schreck. - Die Sehnsucht nach der Schule, die ihn frher
stets erfllt hatte, war ganz verschwunden; freilich, jetzt waren ja auch die
Brder nicht mehr da, denen er nachzueifern hatte.
    Am nchsten Tage nahm der Vater ihn bei der Hand und fhrte ihn ins Dorf
hinber, dessen erste Huser etwa zweitausend Schritt von dem Meyhferschen
Grundstck entfernt lagen.
    Immerhin ein tchtiges Stck Weges fr einen so kleinen Burschen.
    Aber Paul hielt sich wacker. Er hatte so groe Furcht, vom Vater Schlge zu
bekommen, da er bis an das Weltende marschiert wre.
    Die Schule war ein niedriges, strohbedecktes Gebude, nicht viel anders wie
ein Bauernhaus, aber daneben standen allerhand hohe Stangen mit Leitern und
Gersten.
    Daran werden die faulen Kinder aufgehngt, erklrte der Vater.
    Pauls Angst erhhte sich noch; als aber der Lehrer, ein freundlicher, alter
Mann mit weien Bartstoppeln und einer fettigen Weste, ihn zu sich aufs Knie
nahm und ihm ein schnes, buntes Bilderbuch zeigte, da wurde er wieder ruhig,
nur die vielen fremden Gesichter, die von den Bnken her nach ihm hinstarrten,
schienen ihm nichts Gutes zu bedeuten.
    Er erhielt den letzten Platz und mute zwei Stunden lang Grundstriche auf
die Schiefertafel malen.
    In der Zwischenpause kamen die groen Jungen an ihn heran und fragten nach
seinem Frhstcksbrote, und als sie sahen, da es mit Schlackwurst belegt war,
nahmen sie es ihm fort. Er lie sich das ruhig gefallen, denn er glaubte, es
msse so sein. Beim Nachhausegehen prgelten sie ihn, und einer stopfte ihm
Nesseln in den Halskragen. Er glaubte, auch das msse so sein, denn er war ja
der Kleinste; aber als er die Huser des Dorfes hinter sich hatte und einsam auf
der sonnbeglnzten Heide daherging, da fing er zu weinen an. Er warf sich unter
einem Wacholderbusch nieder und starrte zum blauen Himmel in die Hhe, wo die
Schwalben hin und her schossen.
    Ach, wenn du doch auch so fliegen knntest! dachte er, - da fiel das
weie Haus ihm ein.
    Er richtete sich auf und suchte es mit den Augen. Wie das verzauberte
Schlo, von welchem die Mutter in ihren Mrchen zu erzhlen wute, strahlte es
zu ihm herber. Die Fenster glitzerten wie Karfunkelsteine, und die grnen
Bsche wlbten sich ringsum wie eine hundertjhrige Dornenhecke.
    In seinen Schmerz mischte sich ein Gefhl des Stolzes und des
Selbstbewutseins. Du bist nun gro, sagte er sich, denn du gehst ja in die
Schule. Und wenn du jetzt die Wanderschaft antreten wolltest, kann niemand etwas
dagegen haben. Und dann kam wieder die Angst ber ihn. Der bse Bulle und die
tollen Hunde - man kann ja nicht wissen. Er beschlo, sich die Sache bis zum
nchsten Sonntage zu berlegen.
    Aber das weie Haus lie ihm fortan keine Ruhe. Jedesmal, wenn er ber die
Heide ging, fragte er sich, was denn eigentlich an jenem Wege Schlimmeres wre
als an dem nach der Schule. Freilich, die Fahrstrae - die lief durch einen
dunklen Fichtenwald, und in solchen Wldern hausen allerhand Zwerge und Hexen,
auch Wlfe kommen nicht selten darin vor, wie die Geschichte vom Rotkppchen
zeigt, aber wenn er quer ber die Wiese ging, dann behielt er das Heimathaus
stets in den Augen und konnte des Rckweges sicher sein.
    Der Gang erschien ihm wie eine Ehrenpflicht, die er jetzt, da er gro߫ sei,
zu erfllen habe, und wenn die Angst aufs neue in ihm erwachte, schalt er sich
einen Feigling. Dies Wort galt in der Schule als eine groe Beschimpfung.
    Als der Sonntag kam, war er entschlossen, die Fahrt zu wagen. Er schlich
sich um den Zaun herum und lief, so rasch er laufen konnte, ber die vterlichen
Wiesen in der Richtung nach dem weien Hause zu.
    Dann kam ein Zaun, der mit leichter Mhe zu berklettern war, und dann ein
Stck fremden Heidelandes, auf dem er noch nie gewesen war. Aber auch hier gab
es nichts Gefhrliches. Das Heidekraut glnzte im Sonnenschein, die welken
Katzenpftchen knisterten zu seinen Fen, ein warmer Wind strich ihm entgegen.
Er versuchte zu pfeifen, aber er mute noch immer die Luft einziehen, um einen
Ton zu erzeugen. Darber schmte er sich, und ein kleinmtiges Gefhl
bemchtigte sich seiner.
    Dann kam ein sumpfiges Moor, das wiederum seinem Vater gehrte. Der sprach
oft davon. Er ging mit dem Gedanken um, Torf darin zu stechen, aber er wollte
die Sache nur im Groen beginnen, und dazu fehlten ihm die ntigen Gelder.
    Paul sank bis an die Knchel im Sumpfe ein, und jetzt erst kam er auf den
Gedanken, da er die neuen Stiefel vielleicht beschmutzen wrde. Er erschrak,
denn er erinnerte sich der Worte der Mutter: Schone sie sehr, mein Junge, ich
habe sie von meinem Milchgelde abgespart. Auch den schnen Samtrock trug er,
weil es eben Sonntag war. Er besah die glnzenden Seidenschnre und war einen
Moment unschlssig, ob er nicht lieber umkehren sollte, nicht des Samtrockes
wegen, nein, nur um die Mutter nicht zu betrben.
    Aber vielleicht komme ich doch heil hindurch, so trstete er sich und
begann weiter zu laufen. Der Boden wogte unter seinen Fen, und bei jedem
Schritte ertnte ein quatschender Laut, wie wenn man den Schlegel aus dem
Butterfasse zieht.
    Dann kam er an ein schwarzes Brachwasser, an dessen Rande weihaarige
Kchenschellen blhten und auf dem, wie Grnspan glitzernd, eine Lsung von
Eisen herumschwamm. Er ging ihm vorsichtig aus dem Wege, geriet zwar vollends in
den Morast, kam aber schlielich doch wieder ins Trockene. Die Stiefel waren
zwar zuschanden, aber vielleicht lieen sie sich an der Pumpe heimlich
abwaschen.
    Er schritt weiter. Die Lust zum Pfeifen war ihm vergangen, und je grer das
weie Haus aus den Gebschen in die Hhe stieg, desto beklommener wurde ihm
zumute. Schon konnte er eine Art von Wall unterscheiden, der die Bume umgab,
und durch eine Lcke im Laubwerk sah er ein langes, niedriges Gebude, das er
aus der Ferne nie bemerkt hatte. Dahinter noch eins, und in einer schwarzen
Hhle eine hohe Flamme, die hin und her zngelte. Das mute eine Schmiede sein -
aber sollte die selbst am Sonntage arbeiten?
    Eine unerklrliche Lust zu weinen ergriff ihn, und whrend er blindlings
weiterlief, strzten ihm die Trnen aus den Augen.
    Pltzlich sah er einen breiten Graben vor sich, bis zum Rande mit Wasser
gefllt. Er wute wohl, da er nicht hinberkommen wrde, aber der Trotz zwang
ihn, zum Sprunge auszuholen, und im nchsten Augenblick schlug das dicke,
schmutzige Wasser ber ihn zusammen.
    Bis auf die Knochen durchnt, mit einer Schicht von Morast und Algen
umgeben, kam er wieder ans Land zurck.
    Er versuchte die Kleider trocknen zu lassen, setzte sich auf den Rasen und
schaute nach dem weien Hause hinber. Er war ganz mutlos geworden, und als
ihn gar sehr zu frieren begann, ging er traurig und langsam nach Hause zurck.

                                       4


Der Sommer, der nun folgte, brachte dem Hause Meyhfers eitel Kummer und Not. -
Der frhere Besitzer hatte seine Hypothek gekndigt, und es war keine Aussicht
vorhanden, da irgend jemand die ntige Summe leihen wrde.
    Meyhfer fuhr wchentlich wohl drei-, viermal in die Stadt und kam am spten
Abend betrunken nach Hause. Manchmal blieb er auch die Nacht ber fort.
    Frau Elsbeth sa derweilen aufrecht in ihrem Bette und starrte in die
Dunkelheit. Paul erwachte oft, wenn er ihr leises Schluchzen hrte. Dann lag er
eine Weile muschenstill, denn er mochte es nicht merken lassen, da er wach
war, aber schlielich fing auch er zu weinen an.
    Dann wurde wieder die Mutter still, und wenn er gar nicht aufhren wollte,
stand sie auf, kte ihn und streichelte seine Wange, oder sie sagte: Komm zu
mir, mein Junge.
    Alsdann sprang er auf, schlpfte in ihr Bett, und an ihrem Halse schlief er
wieder ein.
    Der Vater prgelte ihn oft. Er wute selten, warum? aber er nahm die Schlge
hin, als etwas, das sich von selbst verstand.
    Eines Tages hrte er, wie der Vater die Mutter schalt.
    Weine nicht, du Trnensack, sagte er, du bist blo dazu da, um mir mein
Elend noch grer zu machen.
    Aber Max, antwortete sie leise, willst du den Deinen verwehren, dein
Unglck mit dir zu tragen? Mssen wir nicht um so enger zusammenhalten, wenn es
uns schlecht geht?
    Da wurde er weich, nannte sie sein braves Weib und belegte sich selber mit
bsen Schimpfnamen.
    Frau Elsbeth suchte ihn zu beruhigen, bat ihn, Vertrauen zu ihr zu haben und
tapfer zu sein.
    Ja, tapfer sein - tapfer sein! schrie er, aufs neue in rger geratend,
ihr Weiber habt klug reden, ihr sitzt zu Hause und breitet demtig die Schrze
aus, damit euch Glck oder Unglck in den Scho falle, wie's der liebe Himmel
beschert; wir Mnner aber mssen hinaus ins feindliche Leben, mssen kmpfen und
streben und uns mit allerhand Gesindel herumschlagen. - Geht mir mit euren
Mahnungen! Tapfer sein, ja, ja - tapfer sein!
    Darauf schritt er drhnenden Schrittes zum Zimmer hinaus und lie den Wagen
anspannen, um seine gewhnliche Wanderfahrt anzutreten.
    Als er wiedergekommen war und seinen Rausch ausgeschlafen hatte, sagte er:
So - jetzt ist auch die letzte Hoffnung dahin. Der verfl ... Jude, der mir das
Geld zu fnfundzwanzig Prozent vorschieen wollte, erklrt, er wolle nichts mehr
mit mir zu tun haben. - Na, dann lt er's bleiben ... Ich hust' auf ihn ... Und
zu Michaelis knnen wir richtig betteln gehn, denn diesmal bleibt uns nicht so
viel wie das Schwarze unterm Nagel. Aber das sag' ich dir - diesmal berleb' ich
den Schlag nicht - ein Kerl von Ehre mu auf sich halten, und wenn ihr mich
eines schnen Morgens oben am Sparren baumeln seht, dann wundert euch nicht.
    Die Mutter stie einen entsetzlichen Schrei aus und klammerte die Arme um
seinen Hals.
    Na, na, na, beruhigte er sie, es war so schlimm nicht gemeint. Ihr Weiber
seid doch allzu klgliche Geschpfe ... Ein bloes Wort schmeit euch um!
    Scheu trat die Mutter von ihm zurck, aber als er hinausgegangen war, setzte
sie sich ans Fenster und schaute ihm angstvoll nach, als ob er sich schon jetzt
ein Leids antun knnte.
    Von Zeit zu Zeit lief ein Schauern durch ihren Krper, als friere sie ...
    In der Nacht, die diesem Tage folgte, bemerkte Paul erwachend, wie sie aus
ihrem Bette aufstand, einen Unterrock berwarf und an das Fenster trat, von dem
aus man das weie Haus sehen konnte. Es war heller Mondenschein - vielleicht
schaute sie wirklich hinber. - Wohl zwei Stunden lang sa sie da - unverwandt
hinausstarrend. - Paul rhrte sich nicht, und als sie mit Beginn der
Morgendmmerung vom Fenster zurckkam und an die Betten ihrer Kinder trat,
drckte er die Augen fest zu, um sich schlafend zu stellen. Sie kte zuerst die
Zwillinge, die umschlungen nebeneinander ruhten, dann kam sie zu ihm, und wie
sie sich zu ihm herabbeugte, hrte er sie flstern: Gott, gib mir Kraft! Es mu
ja sein. Da ahnte er, da etwas Auergewhnliches sich vorbereitete.
    Als er am andern Nachmittag aus der Schule heimkehrte, sah er die Mutter in
Hut und Mantille, ihrem Sonntagsstaat, in der Laube sitzen. Ihre Wangen waren
noch bleicher als sonst, die Hnde, die in dem Schoe lagen, zitterten.
    Sie schien auf ihn gewartet zu haben, denn als sie ihn nahen sah, atmete sie
erleichtert auf.
    Willst du fortgehen, Mama? fragte er verwundert.
    Ja, mein Junge, erwiderte sie, und du sollst mit mir kommen.
    Ins Dorf, Mama?
    Nein, mein Junge - - ihre Stimme bebte - ins Dorf nicht - du mut dir die
Sonntagskleider anziehen - der Samtrock freilich ist verdorben - aber aus der
grauen Jacke hab' ich die Flecken ausgemacht - die geht noch - und die Stiefel
mut du dir wichsen - aber rasch.
    Wohin werden wir denn gehen, Mama?
    Da schlo sie ihn in die Arme und sagte leise: Ins weie Haus!
    Er fhlte, wie ein heier Schreck ihn berrieselte; der Jubel, der aus dem
Herzen emporquellen wollte, erstickte ihn fast, er sprang auf den Scho der
Mutter und kte sie strmisch.
    Aber du mut niemandem etwas davon sagen, flsterte sie, niemandem -
verstehst du?
    Er nickte wichtig. Er war ja ein so kluger Mann. Er wute, um was es sich
handelte.
    Und nun zieh dich um - rasch!
    Paul flog die Treppe zur Kleiderkammer empor - und pltzlich! - auf welcher
Stufe es war, ist ihm niemals klar geworden - ein langgezogener, schriller Ton
quoll aus seinem Munde; da war kein Zweifel mehr - er konnte pfeifen - er
probierte es zum zweiten-, zum drittenmal - es ging vorzglich!
    Als er im vollsten Staate zur Mutter zurckkehrte, rief er ihr jubelnd
entgegen: Mama, ich kann pfeifen und wunderte sich, da sie so wenig
Verstndnis fr seine Kunst an den Tag legte. Sie nestelte nur ein wenig seinen
Kragen zurecht und sagte dabei: Ihr glcklichen Kinder!
    Dann nahm sie ihn bei der Hand, und die Wanderschaft begann. Als sie den
dunklen Fichtenwald erreichten, in dem die Wlfe und die Kobolde hausten, war er
soeben mit den Studien zu Kommt ein Vogel geflogen fertig geworden, und als
sie wieder aufs freie Feld kamen, konnte er sicher sein, da Heil dir im
Siegerkranz nichts mehr zu wnschen brig lie.
    Die Mutter schaute mit trbem Lcheln auf ihn nieder, jeder schrille Ton
lie sie zusammenfahren, sie sagte aber nichts.
    Das weie Haus stand nun ganz nah vor ihnen. Er dachte nicht mehr an die
neue Kunst. Das Schauen nahm ihn gnzlich gefangen.
    Zuerst kam eine hohe, rote Ziegelmauer mit einem Torweg darin, auf dessen
Pfosten zwei steinerne Knpfe saen, dann ein weiter, grasbewachsener Hofraum,
auf dem ganze Reihen von Wagen standen und den in einem ungeheuern Viereck
langgestreckte, graue Wirtschaftsgebude umgaben. - In der Mitte lag eine Art
Sumpf, der von einer niedrigen Weidornhecke umgeben war und in dem eine Schar
von schnatternden Enten sich herumsielte.
    Und wo ist das weie Haus, Mama? fragte Paul, dem das alles gar nicht
gefiel.
    Hinter dem Garten, erwiderte die Mutter. Ihre Stimme hatte einen
eigentmlich heiseren Klang, und ihre Hand umklammerte die seine so fest, da er
beinahe aufgeschrien htte.
    Jetzt bogen sie um die Ecke des Gartenzauns, und vor Pauls Blicken lag ein
schlichtes, zweistckiges Haus, das von Lindenbumen dicht umschattet war und
das wenig oder gar nichts Merkwrdiges an sich hatte. Auch lange nicht so wei
erschien es wie aus der Ferne.
    Ist es das? fragte Paul gedehnt.
    Ja, das ist es! erwiderte die Mutter.
    Und wo sind die Glaskugeln? und die Sonnenuhr? fragte er. Ihn wandelte
pltzlich eine Lust zum Weinen an. Er hatte sich alles tausendmal schner
vorgestellt; wenn man ihn auch um die Glaskugeln und die Sonnenuhr betrogen
htte - es wre kein Wunder gewesen.
    In diesem Augenblick kamen zwei kohlschwarze Neufundlnder mit dumpfem
Bellen auf sie zugestrzt. Er flchtete sich hinter das Kleid der Mutter und
fing zu schreien an.
    Dino! Nero! rief eine feine Kinderstimme von der Haustr her, und die
beiden Unholde jagten, ein freudiges Geheul ausstoend, sofort auf die Richtung
der Stimme los.
    Ein kleines Mdchen, kleiner noch als Paul, in einem rosageblmten Rckchen,
um das eine Art schottischer Schrpe geschlungen war, erschien auf dem Vorplatz.
Sie hatte lange, goldgelbe Locken, die mit einem halbkreisfrmigen Kamme aus der
Stirn zurckgestrichen waren, und ein feines, schmales Nschen, das sie etwas
hoch trug.
    Wnschen Sie Mama zu sprechen? fragte sie mit einer zarten, weichen Stimme
und lchelte dazu.
    Heit du Elsbeth, mein Kind? fragte die Mutter zurck.
    Ja, ich heie Elsbeth.
    Die Mutter machte eine Bewegung, wie um das fremde Kind in ihre Arme zu
schlieen, aber sie bezwang sich und sagte: Willst du uns zu deiner Mutter
fhren?
    Mama ist im Garten - sie trinkt eben Kaffee -, sagte die Kleine wichtig -
ich mchte Sie um den Giebel herumfhren, denn wenn wir auf der Sonnenseite die
Stubentr aufmachen, kommen gleich so viel Fliegen herein.
    Die Mutter lchelte. Paul wunderte sich, da ihm das zu Hause noch niemals
eingefallen war.
    Sie ist viel klger als du, dachte er.
    Nun traten sie in den Garten. Er war weit schner und grer als der auf
Mussainen, aber von der Sonnenuhr war nirgends etwas zu entdecken. Paul hatte
eine unbestimmte Vorstellung davon, wie von einem groen goldenen Turme, auf dem
eine runde, funkelnde Sonnenscheibe das Zifferblatt bildete.
    Wo ist denn die Sonnenuhr, Mama? fragte er.
    Die werd' ich dir hernach zeigen, sagte das kleine Mdchen eifrig.
    Aus der Laube trat eine hohe, schlanke Dame mit einem blassen krnklichen
Gesicht, auf dem der Schimmer eines unsagbar milden Lchelns ruhte.
    Die Mutter stie einen Schrei aus und warf sich laut aufweinend an ihre
Brust.
    Gott sei Dank, da ich Sie einmal bei mir habe, sagte die fremde Dame und
kte die Mutter auf Stirn und Wangen. Glauben Sie, jetzt wird alles gut
werden, Sie werden mir sagen, was Sie drckt, und es mte seltsam zugehen, wenn
ich nicht Rat wte.
    Die Mutter wischte sich die Augen und lchelte.
    O, es ist ja nur die Freude, sagte sie, ich fhle mich schon so frei, so
leicht, da ich in Ihrer Nhe bin - ich habe mich so sehr nach Ihnen gebangt.
    Und Sie konnten wirklich nicht kommen?
    Die Mutter schttelte traurig den Kopf.
    Arme Frau! sagte die Dame, und beide sahen sich mit einem langen Blick in
die Augen.
    Und dies ist am Ende gar mein Patenkind? rief die Dame, auf Paul
hinweisend, der sich an das Kleid der Mutter klammerte und dabei an seinem
Daumen sog.
    Pfui, nimm den Finger aus dem Munde, sagte die Mutter, und die schne,
freundliche Frau hob ihn auf ihren Scho, gab ihm einen Teelffel voll Honig -
als Vorschmack, sagte sie - und fragte ihn nach den kleinen Geschwistern, nach
der Schule und allerhand sonstigen Sachen, auf die zu antworten gar nicht schwer
war, so da er sich schlielich auf ihrem Schoe beinahe behaglich fhlte.
    Und was kannst du denn schon alles, du kleiner Mann? fragte sie zu guter
Letzt.
    Ich kann pfeifen! erwiderte er stolz.
    Die freundliche Frau lachte ganz laut und sagte: Nun, dann pfeif uns einmal
eins!
    Er spitzte die Lippen und versuchte zu pfeifen, aber es ging nicht - er
hatte es wieder verlernt.
    Da lachten sie alle, die freundliche Frau, das kleine Mdchen und selbst die
Mutter; ihm aber stiegen vor Scham die Trnen in die Augen, er schlug mit Hnden
und Fen um sich, so da die Dame ihn von ihrem Scho gleiten lie, und die
Mutter sagte verweisend: Du bist ungezogen, Paul!
    Er aber ging hinter die Laube und weinte, bis das kleine Mdchen an ihn
herantrat und zu ihm sagte: Ach geh, das mut du nicht tun. - Unartige Kinder
mag der liebe Gott nicht leiden. Da schmte er sich wieder und rieb sich die
Augen mit den Hnden trocken.
    Und jetzt will ich dir auch die Sonnenuhr zeigen, fuhr das Kind fort.
    Ach ja, und die Glaskugeln, sagte er.
    Die sind schon lange zerbrochen, erwiderte sie, in die eine ist mir im
vorigen Frhling ein Stein hineingeflogen, und die andere hat der Sturm
'runtergeschmissen. Und dann zeigte sie ihm die Pltze, auf denen sie gestanden
hatten.
    Und dies ist die Sonnenuhr, fuhr sie fort.
    Wo? fragte er, sich erstaunt umsehend. Sie standen vor einem grauen,
unscheinbaren Pfahl, auf dem eine Art von Holztafel angebracht war. Das Kind
lachte und sagte, das wre sie ja.
    Ach, pfui doch! erwiderte er unwillig, du machst mich zum Narren.
    Warum soll ich dich zum Narren machen? fragte sie, du hast mir ja nichts
zuleide getan. Und dann behauptete sie noch einmal, das wre die Sonnenuhr und
nichts anderes; und sie wies ihm auch den Zeiger, ein armseliges, verrostetes
Stck Blech, das aus der Mitte der Tafel hervorragte und seinen Schatten gerade
auf die Zahl sechs warf, die mit anderen zusammen darauf angebracht war.
    Ach, das ist zu dumm, sagte er und wandte sich ab.
    Die Sonnenuhr im Garten des weien Hauses war die erste groe Enttuschung
seines Lebens. - - -
    Als er mit seiner neuen Freundin zur Laube zurckkehrte, traf er dort noch
einen groen, breitschultrigen Herrn mit zwei mchtigen Bartzipfeln, der einen
graugrnen Jgerrock trug und aus dessen Augen Funken zu sprhen schienen.
    Wer ist das? fragte Paul, sich furchtsam hinter seiner Freundin
verbergend.
    Sie lachte und sagte: Das ist mein Papa; du, vor dem brauchst du keine
Angst zu haben.
    Und sie sprang hell aufjubelnd dem fremden Manne auf den Scho.
    Da dachte er bei sich, ob er wohl jemals wagen wrde, seinem Papa auf den
Scho zu springen, und schlo daraus, da nicht alle Vter sich glichen. Der
Mann im Jgerrock aber streichelte sein Kind, kte es auf beide Wangen und lie
es auf seinen Knien reiten.
    Sieh - Elsbeth hat einen Gespielen bekommen, sagte die fremde, freundliche
Dame, und wies nach Paul hinber, der, im Laubwerk verborgen, scheu in die Laube
hineinschielte.
    Immer 'ran, mein Junge! rief der Mann frhlich und schnalzte mit den
Fingern.
    Komm - hier auf dem anderen ist noch Platz fr dich, rief das Kind, und
als er mit einem fragenden Blick nach der Mutter sich furchtsam nher schlich,
ergriff ihn der fremde Mann, setzte ihn auf das andere Knie, und dann gab's ein
keckes Wettreiten.
    Er hatte nun alle Furcht verloren, und als frischgebackene Plinsen auf den
Tisch gesetzt wurden, hieb er wacker ein.
    Die Mutter streichelte sein Haar und hie ihn sich nicht den Magen
verderben. Sie sprach sehr leise und sah immer vor sich nieder auf die Erde. Und
dann durften die beiden Kinder in die Strucher gehen und sich Stachelbeeren
pflcken.
    Heit du wirklich Elsbeth? fragte er seine Freundin, und als diese
bejahte, sprach er seine Verwunderung aus, da sie denselben Namen habe wie
seine Mutter.
    Ich bin doch nach ihr getauft, sagte das Kind, sie ist ja meine Patin.
    Warum hat sie dich denn nicht gekt? fragte er.
    Ich wei nicht, sagte Elsbeth traurig, vielleicht mag sie mich nicht.
    Aber, da sie den Mut nicht gehabt hatte, daran dachte keines von beiden. -
- -
    Es fing schon an, dunkel zu werden, als die Kinder zurckgerufen wurden.
    Wir mssen nach Hause, sagte die Mutter.
    Er wurde sehr betrbt, denn jetzt fing es ihm gerade zu gefallen an.
    Die Mutter rckte ihm den Kragen zurecht und sagte: So, nun k die Hand
und bedank dich.
    Er tat, wie ihm befohlen, die freundliche Frau kte ihn auf die Stirne, und
der Mann im Jgerrock hob ihn hoch in die Luft, so da er glaubte, er knne
fliegen.
    Und nun nahm die Mutter Elsbeth in den Arm, kte sie mehrere Male auf Mund
und Wangen und sagte: Mge der Himmel einst an dir vergelten, mein Kind, was
deine Eltern an deiner Patin getan haben.
    Eine schwere Last schien von ihrer Seele abgewlzt; sie atmete freier, und
ihr Auge leuchtete.
    Elsbeth und ihre Eltern begleiteten sie beide bis an das Hoftor; als die
Mutter dort noch einmal Abschied nahm und dabei allerhand von Vergeltung und
himmlischem Segen stammelte, fiel ihr der Mann lachend ins Wort und sagte, die
Geschichte wre nicht der Rede wert, und es lohnte sich nicht der Mhe des
Dankes.
    Und die freundliche Frau kte sie herzlich und bat sie, recht bald
wiederzukommen oder wenigstens die Kinder zu schicken.
    Die Mutter lchelte wehmtig und schwieg.
    Elsbeth durfte noch ein paar Schritt weiter mitkommen, dann verabschiedete
sie sich mit einem Knickse.
    Paul wurde es schwer ums Herz, er fhlte, da er ihr noch etwas zu sagen
habe, daher lief er ihr nach, und als er sie eingeholt hatte, raunte er ihr ins
Ohr: Du - und ich kann doch pfeifen. - - -
    Als Mutter und Sohn den Wald betraten, brach die Nacht gerade herein. Es war
pechrabenschwarz ringsum, aber er frchtete sich nicht im mindesten. Wre jetzt
ein Wolf des Weges gekommen, er wrde ihm schon gezeigt haben, was 'ne Harke
ist.
    Die Mutter sprach kein Wort; die Hand, die die seine umklammert hielt,
brannte, und der Atem kam laut, wie ein Seufzer, aus ihrer Brust.
    Und als sie beide auf die Heide hinaustraten, stieg der Mond bleich und gro
am Horizont empor. Ein blulicher Schleier lag ber der Ferne. Thymian und
Wacholder dufteten. Hie und da zirpte ein Vgelchen am Boden.
    Die Mutter setzte sich auf den Grabenrand und schaute nach dem traurigen
Heimwesen hinber, dem all ihre Sorge galt. Dunkel ragten die Umrisse der
Gebude in den Nachthimmel empor. Aus der Kche schimmerte einsam ein Licht.
    Pltzlich breitete sie die Arme aus und rief in die stille Heide hinein:
Ach, ich bin glcklich!
    Paul schmiegte sich fast ngstlich an ihre Seite, denn nimmer noch hatte er
einen hnlichen Ruf von ihr vernommen. Er war so sehr an ihre Trnen und ihren
Kummer gewhnt, da ihm dieser Jubel ganz unheimlich erschien.
    Und dabei fiel ihm ein: Was wird der Vater sagen, wenn er von diesem Gang
erfhrt? Wird er die Mutter nicht schelten und bse mit ihr sein, mehr noch als
sonst? Ein dumpfer Trotz bemchtigte sich seiner, er bi die Zhne zusammen,
dann streichelte er trstend der Mutter Hnde und kte sie und murmelte: Er
darf dir nichts tun!
    Wer? fragte sie zusammenschauernd.
    Der Vater, sagte er leise und zgernd.
    Sie seufzte tief auf, erwiderte aber nichts, und schweigend und kummervoll
gingen sie weiter.
    Die graue Frau war ber ihren Weg gehuscht und hatte den Augenblick der
Freude verdorben. Und es war der einzige, den das Schicksal Frau Elsbeth noch
schenkte ...
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Am andern Tage gab es eine bse Stunde zwischen ihr und ihrem Gatten. Er
schalt sie ehr- und pflichtvergessen. Sie htte durch ihr Betteln zur Armut auch
noch die Schande gefgt.
    Aber das Geld nahm er.

                                       5


Die Jahre vergingen. Paul wurde ein stiller, anspruchsloser Knabe mit
schchternem Blick und schwerflligem Gebaren.
    Er war meistens allein fr sich, und dieweil er auf die Zwillinge acht gab,
konnte er stundenlang mit irgendeiner Holzschnitzerei beschftigt dasitzen, ohne
einen Laut von sich zu geben. Er war, was man in seiner Heimat kniwlig nennt,
ein fr das Kleine beanlagter, peinlich sorgsamer, still in sich
hineingrbelnder Geist.
    Mit keinem seiner Altersgenossen hatte er Umgang, selbst in der Schule
nicht. Nicht, da er sie absichtlich gemieden htte, im Gegenteil, er half ihnen
gern, und mehr wie einer pflegte morgens vor dem Gebete die Rechnungen oder den
deutschen Aufsatz von ihm abzuschreiben, aber ihre Interessen waren nicht die
seinen, und darum konnte er sich nicht mit ihnen befreunden.
    Auch Prgel erntete er in Flle. Da waren insbesondere die Brder Erdmann,
zwei kecke, wildugige Burschen, als die Strksten und Mutigsten geliebt und
gefrchtet, von denen er viel zu leiden hatte. Sie waren unerschpflich im
Ersinnen neuer Streiche, die ihm das Leben verbitterten. Sie warfen seine
Schulhefte auf den Ofen, stopften ihm Sand in den Tornister und lieen seine
Mtze mit einem als Mast hineingesteckten Stocke wie eine Barke den Flu
hinabschwimmen. Die meiste Unbill ertrug er geduldig, nur ein- oder zweimal
berfiel ihn eine blinde Wut. Da bi und kratzte er um sich wie ein Toller, so
da selbst seine weit strkeren Genossen sich wohlweislich aus dem Staube
machten. Das erstemal hatte einer der Jungen seinen Vater einen Saufaus
genannt, und das anderemal wollte man ihn zusammen mit einem kleinen Mdchen in
einen dunklen Kuhstall sperren.
    Hinterher schmte er sich und kam aus freien Stcken abbitten. Da lachte man
ihn erst recht aus, und der kaum errungene Respekt war aufs neue verloren.
    Das Lernen ging ihm sehr schwer von statten. Das Pensum, zu welchem die
Kameraden kaum fnfzehn Minuten gebrauchten, brachte er erst in ein bis zwei
Stunden fertig. Dafr war seine Handschrift auch wie gestochen, und in seinen
Rechnungen fand sich nie und nimmer ein Fehler.
    Dennoch war keine Arbeit ihm gut genug, und gar oft berraschte ihn seine
Mutter, wie er nachts heimlich aufstand, weil er frchtete, das
Auswendiggelernte wre seinem Gedchtnis entfallen.
    Da er gleich den Brdern eine hhere Schule besuchen wrde, daran war nicht
zu denken. Die Mutter hegte wohl eine Zeitlang den Plan, ihn den lteren folgen
zu lassen, sobald diese ihre Abiturientenexamen gemacht haben wrden, denn es
tat ihrem Mutterherzen weh, da dieser eine den anderen nachstehen sollte, aber
schlielich fgte sie sich. Und es war wohl auch am besten so. - Paul selber
hatte es nie anders erwartet. Er hielt sich fr ein durchaus untergeordnetes
Wesen den Brdern gegenber und hatte es schon lngst aufgegeben, ihnen jemals
zu gleichen. Wenn sie zu den Ferien heimkamen, Samtmtzen auf den wallenden
Haaren, bunte Bnder quer ber die Brust gespannt - denn sie gehrten einer
verbotenen Schlerverbindung an - so schaute er zu ihnen empor wie zu Wesen aus
hheren Welten. Begierig lauschte er, wenn sie untereinander ber Sallust und
Cicero und die Dramen des schylus zu sprechen begannen - und sie sprachen gern
davon, schon allein, um ihm zu imponieren. Der Gegenstand seiner allerhchsten
Bewunderung aber war das dicke Buch, auf dessen vorderster Seite das Wort
Logarithmentafel geschrieben stand und das von der ersten bis zur letzten
Seite nichts enthielt als Zahlen. Zahlen in langen, dichten Reihen, bei deren
Anschauen ihm schon schwindlig wurde. Wie gelehrt mu der sein, der das alles im
Kopfe hat? sagte er zu sich, den Deckel des Buches streichelnd, denn er dachte
nicht anders, als da man alle diese Zahlen auswendig lernte.
    Die Brder waren ungemein freundlich und herablassend zu ihm; wenn sie in
der Wirtschaft irgendwelche Wnsche hatten, wenn sie ein gesatteltes Pferd oder
ein extra starkes Glas Grog begehrten, so wandten sie sich vertrauensvoll an
ihn, und er fhlte sich hochgeehrt, ihnen Hilfe leisten zu drfen.
    In der Wirtschaft wute er ja Bescheid, wie wenn er der Hausherr selber
gewesen wre; an ihr hing all sein Streben und Bangen.
    Was war es gewesen, das ihn so frhzeitig hatte reifen lassen? Ob die
Hilfsbedrftigkeit der einsamen Mutter, die ihn so bald in all ihre Kmmernisse
eingeweiht hatte? Ob der grbelnde, strebende, in die Zukunft hinausschauende
Geist, der ihm eigen war?
    Gar oft, wenn er sinnend dasa, die Ellbogen auf den Tisch gesttzt - auch
in seinen Gebrden war er wie ein Erwachsener - strich die Mutter ihm mit ihrer
harten, ausgearbeiteten Hand ber Stirn und Wangen und sagte: Mach ein
freundliches Gesicht, mein Junge - sei froh, da du noch keine Sorgen hast!
    O, er hatte deren genug! Die Sorgen gehrten zu ihm wie sein Fleisch und
Blut! - Ob das Huhn, das heute abhanden gekommen, sich morgen wiederfinden, wie
dem Falben die Spatsalbe bekommen werde, die der Vater gestern aus der Stadt
mitgebracht hatte? Ob das Heu auch schon trocken genug gewesen sei, ehe es
umgewendet wurde, und wie die Stare unter dem Dachfirst ihre Jungen groziehen
wrden, ohne da die Katze dazu kme?
    ber alles machte er sich Gedanken. Das Sorgen war ihm angeboren, nur fr
sich selber sorgte er nie.
    Je lter und verstndiger er wurde, desto tiefer wurde auch sein Einblick in
die Miwirtschaft, die sein Vater hatte einreien lassen, und wiederum rang sich
gar oft der Seufzer aus seiner Brust: O, wr' ich erst gro! Die Furcht vor
des Vaters Zornausbrchen lie, wie natrlich, seine Bedenken nicht laut werden,
und wenn er jemals wagte, sie der Mutter gegenber auszusprechen, so schaute sie
sich mit verngstigten Augen im Zimmer um und rief beklommen: Schweig still!
    Und dennoch merkte der Vater gar wohl, wohin der Sinn seines Sohnes
gerichtet war. Er hatte ihm den Spitznamen Topfgucker gegeben und foppte ihn
damit, sobald er ihn zu Gesicht bekam. In seinen guten Stunden, wie sich von
selber versteht: in seinen bsen - prgelte er ihn, mit der Elle, mit dem
Peitschenstiel, mit dem Geschirrriemen - was er gerade in die Hand bekam. Am
meisten Furcht aber hatte Paul vor dieser Hand selber, deren Schlge weher taten
als alle Stcke der Welt. Der Vater hatte eine eigentmliche Manier zu
ohrfeigen. Er schlenkerte die Hand ins Gesicht mit den Knebeln nach auen, so
da Ngel und Gelenke blutunterlaufene Male auf den Wangen zurcklieen. Diese
Art Ohrfeigen nannte er seine Backentrster, und wenn er die Absicht hatte,
Paul zu prgeln, so rief er ihm in freundlichstem Tone entgegen: Komm her, mein
Sohn, ich will dich trsten.
    Hatte dieser seine Schlge empfangen, so pflegte er zitternd vor Scham und
Schmerz auf die Heide hinaus zu laufen, und whrend er, um die Trnen zu
verbeien, Gesichter schnitt und mit den Fusten trommelte, pfiff er sich eins.
    Im Pfeifen tat er, wie all seine Sehnsucht, sein kindliches Trumen, auch
seinen Zorn, seine Entrstung kund. Die Empfindungen, fr die sein ungelenker
Geist keinen Ausdruck fand, fr die ihm Worte, selbst Gedanken fehlten, die lie
er im Pfeifen khn und unaufhaltsam in die Einsamkeit hinausstrmen. So wute
seine gedrckte, schchterne Seele sich Luft zu machen. Ganze Symphonien fhrte
er auf - schrill und schreiend zum Beginn, sanfter und sanfter werdend und
endlich dahinschmelzend in Wehmut und Entsagung.
    Niemand ahnte, welche Kunst er einsam pflegte und wieviel Trost und Erhebung
er ihr zu danken hatte, selbst die Mutter nicht. Seit er sie einmal an einem
Winterabend, als er, ohne ihrer zu achten, leise vor sich hinpfiff, hatte in
Trnen ausbrechen sehen, seitdem unterlie er es, sobald sie in der Nhe war. Er
glaubte, es tte ihr wehe; welche Macht ihm in diesen Tnen gegeben war, davon
ahnte er nichts.
    Nur stolz war er bisweilen, wenn er nach dem weien Hause hinberschaute,
da er das Pfeifen doch noch gelernt habe, und wenn ihm irgendeine Phantasie
insbesondere gelungen schien, so dachte er bei sich: Wer wei, ob ihr mich
auslachtet, wenn ihr das hren wrdet!
    Aber nie wieder war er einem von ihnen begegnet.

                                       6


Seit einiger Zeit trug sich Herr Meyhfer mit groen Plnen. Er hatte entdeckt,
da das Torfmoor, welches das Heidegehft in weitem Bogen umspannte, einen
sicheren Verdienst zu geben imstande war. Schon zwei- oder dreimal, wenn ihm das
Messer an der Kehle gesessen, hatte er als uersten Notbehelf Torf stechen
lassen und je fnf einspnnige Fuhren nach der Stadt geschickt. Heimlich, ganz
heimlich - denn er war zu stolz, um fr einen ganz gewhnlichen Torfbauern
gehalten zu werden. Seine Leute hatten dann jedesmal zwanzig bis fnfundzwanzig
Mark Barerls heimgebracht und erzhlt, da noch weit mehr auf diese Art zu
gewinnen wre, weil schwarzer, fester Torf auf dem Markte ein sehr begehrter
Artikel sei.
    Doch Meyhfer war nicht zu bewegen, das Moor in dieser Weise auszunutzen.
Ich hab' mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben, sagte er, ich will lieber im
Groen zu Grunde gehen als im Kleinen gewinnen - und dabei warf er sich in die
Brust wie ein Held.
    Aber das Moor lie ihm keine Ruhe. - Es war im September nach einer
ausnahmsweise gnstigen Ernte, als Lb Levy, der gefllige Freund aller
verschuldeten Gutsbesitzer, wchentlich zwei-, dreimal auf dem Hofe erschien und
viel mit dem Herrn zu unterhandeln hatte. Frau Elsbeth zitterte vor Angst,
sobald der Jude in seinem schmierigen Kaftan vor dem Hoftor auftauchte; sie
setzte sich ans Fenster und folgte unablssig allen Bewegungen der
Unterhandelnden. Wenn sie ihren Mann ein nachdenkliches Gesicht machen sah, lief
es ihr eiskalt den Nacken hinunter, und erst, wenn er wieder lchelte, wagte
auch sie erleichtert aufzuatmen.
    Ihr ahnte nichts Gutes, doch traute sie sich nicht, ihren Gatten nach der
Art von Geschften zu fragen, die er mit dem Halsabschneider abzuwickeln hatte.
    Sie sollte alsbald im klaren sein. Eines Nachmittags bemerkte Paul, wie auf
dem Wege von der Stadt ein seltsames Gefhrt dahergehumpelt kam, das in der
Ferne aussah wie ein ungeheurer schwarzer Waschkessel auf Rdern. Etwas, das ein
Schornstein schien, ragte darber hinaus und neigte sich, wie ein hflich
grender Mann, nach rechts und nach links, wenn die Rder auf dem ungleichen
Boden schwankten.
    Er starrte das Wunder eine Weile an und lief dann zur Mutter, die er eiligst
am Rockscho vor die Tre zog.
    Sie legte die Hand ber die Augen und sphte auf den Weg hinaus.
    Das ist eine Lokomobile, sagte sie dann.
    Paul war nun so klug wie zuvor. Was ist das - Lokomobile? fragte er.
    Das ist eine Dampfmaschine, die berall hingefahren werden kann und die die
groen Gutsbesitzer brauchen, um ihre Dreschmaschinen zu treiben - auch eggen
und pflgen kann man damit, denn so ein Ding hat mehr Kraft als zehn Pferde.
    Aber warum lt es sich dann von Pferden ziehen? fragte er.
    Weil es sich selber nirgends hinbewegen kann, war die Antwort.
    Das verstand er nicht; jedenfalls aber, dachte er, mu es ein groes
Glck sein, solch ein Ding mit dem fremden Namen zu besitzen - und wenn wir
einmal reich sein werden -
    In diesem Augenblick kam der Vater in groer Aufregung aus dem Hause
gestrzt; er trug auf dem einen Fu einen Schlafschuh, auf dem andern einen
Stiefel und hatte die Halsbinde im Nacken sitzen.
    Sie kommen, sie kommen! rief er, die Hnde zusammenschlagend, und dann
umfate er die Mutter und tanzte mit ihr mitten auf der Landstrae herum.
    Sie sah ihn mit einem groen, verngstigten Blick an, als wollte sie sagen:
Welch neue Torheit hast du angerichtet? Er aber wollte sie nicht loslassen,
und erst als die Zwillinge in ihren rosa Waschkleidchen und dunklen
Zwickelzpfchen aus dem Garten dahergesprungen kamen, machte er sich an diese,
nahm sie auf seine Arme, lie sie auf seinen Schultern tanzen und wollte sie
ber den Graben werfen, so da die Mutter seinem tollen Treiben nur mit
flehentlichen Bitten Einhalt tun konnte.
    So, ihr Gesindel, rief er, jetzt jubelt und tanzt, jetzt hat alle Not ein
Ende - nchsten Frhling messen wir das Geld mit Dreischeffelscken.
    Die Mutter sah ihn von der Seite an, sagte aber nichts.
    Das Ungetm kam nher und nher. Paul stand regungslos da, in Schauen
versunken. Dann guckte er zur Mutter empor, die ein gar sorgenschweres Gesicht
machte, und eine ungewisse Furcht wandelte ihn an, als ob jetzt der Teufel ins
Haus gezogen kme, aber dann erinnerte er sich, wie nun sein Wunsch von vorhin
in Erfllung ginge, und er beschlo, dem schwarzen Gaste mit Vertrauen
entgegenzukommen.
    Inzwischen waren auch die Knechte und die Mgde aus dem Stalle und der Kche
herzugeeilt. Die ganze Bewohnerschaft des Heidegehfts stand lngs dem Zaune
aufgereiht und schaute dem nahenden Wunder entgegen.
    Aber sag, was willst du damit? fragte Frau Elsbeth endlich ihren Gatten.
    Dieser ma sie mit einem mitleidigen Blick, dann lachte er kurz auf und
rief: Spazieren fahren.
    Frau Elsbeth fragte nicht weiter. Zu dem Groknechte gewandt, legte ihr Mann
nun seine Plne dar; er werde das Torfstechen jetzt im groen beginnen, auch
eine Schneide- und Premaschine seien schon unterwegs, und morgen in der Frhe
knne die Arbeit losgehen. Dann gab er ihm den Auftrag, sich nach dem Dorfe zu
begeben und die ntigen Arbeitskrfte anzuwerben. Zehn Mann wrden fr den
Anfang gengen, aber er hoffte, es alsbald auf zwanzig und dreiig zu bringen.
    Frau Elsbeth schttelte stumm den Kopf und ging ins Haus - gerade, als die
Lokomobile vor dem Hoftor ankam. - Paul konnte nicht satt werden, zu schauen und
zu bewundern. Hinter den gelben Schrauben und Kurbeln schien eine Welt von
Geheimnissen zu liegen, die Feuerung mit dem Rost und dem Aschenkasten darunter
schien wie der Eingang zu jenen feurigen Ofen, in dem die bekannten drei Mnner
einst ihren Lobgesang angestimmt hatten - und nun der Schornstein erst, drohend
emporgerichtet, mit seinem Kranze von Kienru und dem Schlunde, der ins
Schwarze, Bodenlose hinabzufhren schien - -!
    Paul achtete nicht auf das kleine Korbwgelchen, das hinter dem Ungetm
daherrollte und in dem Lb Levy sa mit seinem rotblonden Zottelbart und seinen
lustig zwinkernden uglein - er achtete nicht auf das Schreien der Fuhrleute und
den Jubel der beiden kleinen Schwestern, die wie besessen rings um die Rder
tanzten. Starr vor Staunen stand er da, als begriffe er noch immer nicht, was um
ihn vorging.
    Als er spter ins groe Zimmer trat, fand er die Mutter in eine Sofaecke
gedrckt - weinend.
    Er schlang die Arme um ihren Hals; sie aber wehrte ihn sanft von sich ab und
sagte: Geh nach den Kleinen sehen, da sie nicht unter die Rder kommen.
    Aber warum weinst du, Mama?
    Du wirst schon sehen, mein Junge, sagte sie, sein Haar streichelnd, Lb
Levy ist dabei - du wirst schon sehen.
    Da ward er ganz rgerlich auf seine Mutter; wo alle sich freuten, warum
mute sie da im Winkel sitzen und weinen? Aber nun war auch ihm die Freude
abhanden gekommen, und als er Lb Levy in seinem langen schwarzen Hackenwrmer
ber den Hof schlenkern sah, htte er am liebsten dem Karo einen Wink nach
seinen Waden hin zukommen lassen.
    Die Zwillinge waren ganz von Sinnen vor Freude. Sie nahmen eine Leine und
tollten mit Hott und H durch den Garten. Die eine war die Lokomobile und die
andere das Pferd, aber jede wollte Lokomobile sein, denn dann bekam sie Vaters
schwarzen Hut aufgesetzt - als Schornstein.
    Vor dem Schlafengehen hatten sie dem neuen Untier auch schon einen Namen
gegeben.
    Sie behaupteten, es gliche der dicken Dienstmagd mit dem langen Halse, die
vor kurzem wegen ihrer Unsauberkeit entlassen worden war, und nannten es nach
ihr die schwarze Suse.
    Diesen Namen behielt die Lokomobile im Meyhferschen Hause fr alle Zeiten.
    Am andern Morgen ging das Hallo von neuem los. Die zehn angeworbenen
Arbeiter standen auf dem Hofe und wuten nicht, was sie tun sollten. Meyhfer
wollte die Maschine heizen lassen, aber Lb Levy, der in der Scheune bernachtet
hatte, um morgens sogleich zur Hand zu sein, erklrte, er wnsche vorerst den
Kaufpreis in Empfang zu nehmen, wie es im Kontrakte abgemacht wre, denn das
Getreide msse mittags bereits in der Stadt abgeliefert werden.
    Welches Getreide? fragte die Mutter erbleichend.
    Ja, es lie sich nicht mehr verleugnen. Meyhfer hatte fast die ganze Ernte,
das gedroschene Korn wie das noch auszudreschende, dem Juden fr die alte,
abgebrauchte Dampfmaschine verkauft. Triumphierend fuhr dieser mit den schnen
prallen Scken von dannen. Und dies galt nur als Abschlagzahlung, gegen
Weihnachten wollte er den Rest abholen kommen.
    Fr einen Moment mochte selbst den leichtsinnigen Meyhfer eine Regung der
Mutlosigkeit anwandeln, als er die hoch aufgetrmten Fuhren hinter dem Walde
verschwinden sah, aber im nchsten steckte er trotzig die Hnde in die
Hosentaschen und befahl, die Maschine ohne Verzug in Bereitschaft zu setzen.
    Mit dem Ungetm zu gleicher Zeit war ein Mann in blauer Bluse und mit einer
Schnapsnase auf den Hof gekommen, der sich Heizer nannte und der sich dadurch
auszeichnete, da er unaufhrlich Zwiebeln a. Das sei gut fr den Magen, sagte
er. Dieser Mann erschien sich als der Held des Tages. Er stand breitbeinig neben
der Maschine, nannte sie sein Pflegekind und streichelte mit seiner
grauschwarzen, knotigen Hand die rostigen Eisenwnde. Das klang, als ob zwei
Reibeisen bereinander fahren. Jeden, der herzukam, erklrte er mit einem groen
Aufwande von Fremdwrtern die innere Einrichtung der Luckmanbile, wie er sein
Pflegekind nannte, nur mute man ihm zu trinken geben, sonst schimpfte er.
Erhielt er jedoch den Branntwein, den er sich wnschte, so wurde er gerhrt und
behauptete, er liee sich lieber Hnde und Fe abhacken, als da er sich jemals
von seinem Pflegekinde trennte. Er habe es liebgewonnen wie sein eigen Fleisch
und Blut und halte es tausendmal hher als alle Menschen auf der Welt.
    Meyhfer ging stolz um ihn herum, denn auch diese Perle war ja nun sein
Eigentum, und er erklrte einmal ber das andere, hier she man, was deutsche
Treue bedeute.
    Als es aber ans Heizen gehen sollte, war der vielgetreue Mann nirgends zu
finden. Endlich entdeckte man ihn auf dem Heuschober - schlafend. Als man ihn
weckte, nannte er dies Verfahren eine Menschenschinderei und lie sich nur mit
Mhe bewegen, aus seinem Winkel hervorzukommen.
    Das Anheizen der Maschine war ein neues Fest. Paul stand vor der Feuerung
und starrte trumenden Auges in den glhenden Schlund, der sich ghnend
aufsperrte, als wollte er alles Lebendige verschlingen. Er gedachte des alten
heidnischen Gtzen Moloch, von dem er aus der biblischen Geschichte wute, und
glaubte jeden Augenblick ein paar rotglhende Arme sich ausstrecken zu sehen. -
Und dann erhob sich in dem Innern des Ungetms ein geheimnisvolles Singen, bald
dumpf wie fernes Waldesbrausen, bald fein und hoch wie leise Engelsstimmen. In
den Ventilen begann es zu zischen - Dampfstrahlen fuhren empor - die eiserne
Schaufel klirrte, und rasselnd sanken neue Kohlenhaufen in die Glut. Es war ein
Lrm ringsum, da man sein eigen Wort nicht verstehen konnte. Der Heizer mit der
roten Nase stand da wie ein Knig, trank aus einer schmalbauchigen Flasche und
hantierte von Zeit zu Zeit an den Ventilen herum, ein lautes, befehlshaberisches
Geschrei ausstoend wie ein Tierbndiger. Und dann begann sich das groe Rad zu
drehen - surr, surr, surr - immer rascher, immer rascher. Einem wurde schwindlig
vom bloen Hinsehen - und dann gab es einen Knack - ein Klirren, ein Pfauchen -
das groe Rad stand still - fr immer.
    Anfangs freilich tat der Heizer sehr gro und meinte, in einer halben Stunde
werde der Schaden vollkommen repariert sein, als Meyhfer aber nach zweitgiger
Arbeit in ihn drang, endlich einmal mit dem Ausbessern ein Ende zu machen, da
wurde er grob und erklrte, an diesem alten Germpel sei berhaupt nichts
auszubessern, das wre gerade gut genug, an den Trdler als Alteisen verkauft zu
werden.
    Pflegekind? Er bedankte sich fr solch ein Pflegekind. Er sei denn doch zu
gut dazu, solch einen Rosthaufen zu pflegen. Und dabei kam es heraus: - Lb Levy
hatte ihn vor drei Tagen in einer Spelunke aufgelesen und ihn gefragt, ob er fr
eine Woche wie der Herrgott in Frankreich leben wolle; lnger werde der Scherz
wohl nicht dauern. Und nur auf diese Zusicherung hin sei er mitgegangen, denn
lnger wie acht Tage an einem Platze sitzen, das widerstreite seinen Prinzipien.
    Darauf wurde er vom Hofe gejagt.
    Am andern Tage lie Meyhfer den Schlosser aus dem Dorfe holen, damit er
sich den Schaden besehe. Dieser arbeitete abermals ein paar Tage an der Maschine
herum, a und trank fr dreie und erklrte schlielich, wenn sie jetzt nicht
gehen wolle, htte der Teufel die Hand im Spiel. - Das Anheizen wurde
wiederholt, aber die schwarze Suse war nicht mehr zum Leben zu erwecken.
    Als gegen Weihnachten Lb Levy auf dem Hof erschien, um den Rest des
Getreides abzuholen, prgelte ihn Meyhfer mit seinem eigenen Peitschenstiel
durch. Der Jude schrie Gewalt und fuhr schleunigst wieder von dannen. Aber
alsbald erschien ein Gerichtsbote mit einem groen, rotversiegelten Briefe.
    Meyhfer fluchte und trank mehr denn je, und das Ende vom Liede war, da er
zur Zahlung smtlicher Kosten und eines Schmerzensgeldes verurteilt wurde. Nur
mit knapper Not glitt er an einer Gefngnisstrafe vorbei.
    Seit diesem Tage wollte er die schwarze Suse nicht mehr vor Augen sehen.
Sie wurde in den hintersten Schuppen gebracht und stand dort in Verborgenheit
manches Jahr hindurch, ohne da eines Menschen Blick auf sie fiel.
    Nur Paul nahm von Zeit zu Zeit heimlich den Schlssel des Schuppens und
schlich zu dem schwarzen Ungetm hinein, das ihm lieber und lieber wurde und ihm
schlielich wie eine stumme, arg verkannte Freundin erschien. Dann betastete er
die Schrauben und die Ventile, kletterte lngs dem Schornstein in die Hhe und
setzte sich rittlings auf den Kessel - oder er hngte sich an das groe Triebrad
und versuchte es durch seiner Arme Kraft in Schwung zu setzen. Aber schlaff wie
ein Leichnam bewegte er sich nur so weit, als es geschoben wurde, dann stand es
wieder still.
    Und wenn er sich mde gearbeitet hatte, faltete er die Hnde, und traurig zu
dem toten Rade emporblickend murmelte er: Wer wird dich wieder lebendig
machen?

                                       7


Als Paul vierzehn Jahre alt war, beschlo sein Vater, ihm zum
Konfirmandenunterricht zu schicken.
    Etwas Rechtschaffenes wird er in der Schule doch nicht lernen, sagte er,
Zeit und Geld sind bei ihm weggeworfen. Daher soll er rasch eingesegnet werden,
damit er sich in der Wirtschaft ntzlich machen kann. Was Besseres als ein Bauer
wird sowieso nicht aus ihm werden.
    Paul war's zufrieden, denn ihn verlangte danach, einen Teil der Sorgen, die
die Mutter drckten, auf seine Schultern zu nehmen. Er gedachte eine Art von
Inspektor aus sich zu machen, der den fehlenden Herrn zu jeder Zeit ersetzte und
selber Hand anlegte, wo die Knechte ein gutes Beispiel brauchten. Er versprach
sich von seiner Ttigkeit den Beginn einer neuen, segensreichen Zeit, und wenn
er nachts im Bette lag, trumte er von wogenden Weizenfeldern und blitzblanken,
massiven Scheuern. Immer mehr festigte sich in ihm der Entschlu, all seine
Kraft daran zu wenden, um den verlotterten Heidehof zu Ehren zu bringen. Die
Brder sollten einst von ihm sagen knnen: Er ist doch zu etwas ntze gewesen,
wenn er uns auch auf unseren glnzenden Bahnen nicht hat folgen knnen.
    Ja, die Brder! Wie gro und wie vornehm waren die inzwischen geworden! Der
eine studierte Philologie, und der andere war als Lehrling in ein angesehenes
Bankgeschft eingetreten. Trotz der guten Tante brauchten beide Geld, viel Geld,
weit, weit mehr, als der Vater ihnen schicken konnte. Auch fr sie versprach
sich Paul mit seinem bertritt in die Wirtschaft den Beginn einer sorgenfreien
Zeit. Alles berschssige Geld sollte ihnen geschickt werden, und er, o, er
wrde schon sparen und sorgen, auf da sie frei von Not und Bedrngnis
weiterschreiten knnten nach ihren erhabenen Zielen.
    Mit diesen frommen Gedanken trat Paul den Weg zur ersten Religionsstunde an.
- Es war an einem sonnigen Frhlingsmorgen zu Anfang des Monats April.
    Das junge Gras auf der Heide leuchtete in grnlichen Lichtern, Wacholder und
Erika trieben neue, weiche Spitzen, am Waldesrand blhten Anemonen und
Ranunkeln. - Ein warmer Wind zog ber die Heide ihm entgegen, er htte laut
aufjauchzen mgen, und das Herz ward ihm schwer vor lauter Lust.
    Es mu ein Trauriges im Werke sein, sagte er sich, denn so froh darf man
sich auf Erden nicht fhlen.
    Vor dem Pfarrgarten stand eine Reihe von Fuhrwerken, die er nur zum
geringsten Teil kannte. Auch vornehme Karossen waren darunter. - Mit stolzem
Lcheln saen die Kutscher mit ihren blanken Rcken auf dem Bocke und warfen
geringschtzige Blicke um sich herum.
    In dem Garten war eine groe Kinderschar versammelt. Die Knaben gesondert
und die Mdchen auch. Unter den Knaben befanden sich die beiden Brder, von
denen er frher so viel hatte leiden mssen und die seit einem Jahr die Schule
nicht mehr besuchten. Sie kamen sehr freundlich auf ihn zu, und whrend der eine
ihm die Hand zum Grue reichte, stellte ihm der andere von hinten ein Bein.
    Von den Mdchen gingen einige Arm in Arm in den Gngen spazieren. Sie hatten
sich um die Taille gefat und kicherten miteinander. Die meisten waren ihm
fremd, einige schienen besonders vornehm, sie trugen feine graue Regenmntel und
hatten Federhte auf dem Kopfe. Ihnen muten die Karossen drauen gehren.
    Er sah auf seine Jacke herunter, um sich zu vergewissern, da er sich nicht
zu schmen brauchte. Sie war von feinem schwarzen Tuche, aus einem alten Fracke
des Studenten gefertigt, und schien so gut wie neu, nur da die Nhte ein wenig
glnzten. Alles in allem: er brauchte sich nicht zu schmen.
    Die Glocke ertnte. Die Konfirmanden wurden in die Kirche gerufen. - Paul
fhlte sich frei und fromm, als ihn die feierliche Dmmerung des Gotteshauses
umfing. - Er dachte nicht mehr an seine Jacke, die Gestalten der Knaben ringsum
wurden wie Schatten.
    Zu beiden Seiten des Altars waren Bnke aufgestellt. Rechts sollten die
Knaben, links die Mdchen ihre Pltze erhalten.
    Paul wurde in die hinterste Reihe gedrngt, wo die Kleinen und die Armen
saen. Zwischen zwei barfigen Huslerkindern, die grobe, durchlcherte Jacken
trugen, nahm er Platz. An den Schultern seiner Vordermnner vorbei sah er drben
die Mdchen sich ordnen, die Vornehmsten zuerst, dann die rmlich Gekleideten.
    Er dachte darber nach, ob im Himmel die Reihenfolge wohl eine hnliche sein
werde, und der Spruch fiel ein: Wer sich erniedrigt, der soll erhhet werden.
    Der Pfarrer kam.
    Es war ein behbiger Mann mit einem Doppelkinn und einem blonden
Backenbrtchen. Seine Oberlippe schimmerte blank von dem hufigen Rasieren. Er
trug nicht seinen Talar, sondern einen einfachen schwarzen Rock, sah aber doch
sehr wrdig und feierlich aus.
    Er sprach zuerst ein langes Gebet ber den Text: Lasset die Kindlein zu mir
kommen und knpfte daran die Ermahnung, das kommende Jahr als eine Zeit der
Weihe zu betrachten, nicht zu tollen und nicht zu tanzen, denn das widersprche
der Wrde eines Religionsschlers.
    Ich habe nie getollt und getanzt, dachte Paul und war in diesem Augenblick
ganz von Stolz erfllt ber seinen gottseligen Wandel. Aber schade war's doch
- dachte er hinterher.
    Dann pries der Pfarrer die vornehmste der christlichen Tugenden: die Demut.
Niemand in dieser Kinderschar sollte sich ber den anderen erhaben fhlen, weil
seine Eltern vielleicht reicher und vornehmer wren als die seiner Mitbrder und
Mitschwestern. Denn vor Gottes Throne wren alle gleich.
    Aha, da habt ihr's! dachte Paul und fate liebevoll den Arm seines
zerlumpten Nachbarn. Der dachte, er wolle ihn kneifen, und sagte: Au, nicht
doch!
    Drauf zog der Pfarrer ein Blatt Papier aus der Tasche und sagte: Jetzt will
ich die Rangordnung verlesen, in der ihr fortan sitzen sollt.
    Warum denn eine Rangordnung, dachte Paul, wenn vor Gottes Throne alle
gleich sind?
    Der Pfarrer sagte: Zuerst kommen die Mdchen und dann die Knaben, und
begann zu lesen.
    Schon der erste Name machte Paul stutzig, denn er hie - Elsbeth Douglas. Er
sah ein hochaufgeschossenes, blasses Mdchen mit einem frommen Gesicht und
schlicht zurckgestrichenen blonden Haaren sich erheben und nach dem ersten
Platze hinschreiten.
    Also das bist du! dachte Paul, und wir sollen zusammen eingesegnet
werden. Das Herz klopfte ihm vor Freude und auch vor Angst, denn er frchtete
zugleich, da er ihr zu gering erscheinen werde. - Vielleicht besinnt sie sich
gar nicht mehr auf dich, dachte er weiter.
    Er beobachtete sie, wie sie mit niedergeschlagenen Augen sich auf ihren
Platz setzte und freundlich vor sich hinlchelte.
    Nein, die ist nicht stolz, sagte er leise vor sich hin, aber zur
Sicherheit besah er seine Jacke.
    Dann wurden die Knaben aufgerufen. Zuerst kamen die beiden Brder Erdmann.
Die hatten sich schon ohnehin auf den ersten Pltzen breitgemacht, und dann
wurde sein eigener Name gerufen. - In diesem Augenblick machte Elsbeth Douglas
es genauso, wie er vorhin getan. Sie hob rasch den Kopf und sphte zu den Reihen
der Knaben hinber.
    Als er sich auf seinen Platz gesetzt hatte, schaute auch er vor sich auf die
Erde nieder, denn er wollte es ihr an Demut gleichtun, und wie er dann
aufblickte, sah er ihr Auge voll Neugier auf sich ruhen. Er wurde rot und tupfte
ein Federchen von dem rmel seiner Jacke.
    Und dann begann der Unterricht. Der Pfarrer erklrte Bibelsprche und fragte
Gesangbuchlieder ab. Elsbeth kam zuerst an die Reihe. Sie hob ein wenig den Kopf
und sagte ruhig und unbefangen ihre Verse her.
    Donnerja, die Margell hat Courage, murmelte der jngere Erdmann, der zu
seiner linken Seite sa.
    Paul fhlte sich von pltzlichen Ingrimm gepackt. Er htte ihn mitten in der
Kirche prgeln mgen. Sagt er noch einmal Margell auf sie, so hau' ich hernach
auf ihn los. Das versprach er sich feierlich. Aber der jngere Erdmann dachte
nicht mehr an sie, er beschftigte sich damit, seinen Hintermnnern Stecknadeln
in die Waden zu stechen.
    Als die Stunde beendet war, verlieen zuerst die Mdchen paarweise die
Kirche. Erst als die letzten drauen waren, durften die Knaben ihnen folgen. Auf
dem Vorplatze begegnete er Elsbeth, die nach ihrem Wagen schritt. Beide sahen
sich ein wenig von der Seite an und gingen aneinander vorber.
    An ihrem Wagen stand eine alte Dame mit grauen Ringellocken und einem
persischen Umschlagetuch, die im Pfarrhause auf sie gewartet haben mute. Sie
kte Elsbeth auf die Stirn, und beide bestiegen die Rcksitze. Der Wagen war
der schnste in der ganzen Reihe, der Kutscher trug eine schwarze Pelzmtze mit
einer roten Troddel daran, auch hatte er blanke Tressen am Kragen und an den
Aufschlgen der rmel.
    Gerade als der Wagen fortgefahren war, wurde Paul von den beiden Erdmanns
angefallen, die ihn ein wenig prgelten.
    Pfui, schmt euch, zwei gegen einen, sagte er, da lieen sie ihn laufen.
    Er ging vergngt dem Heimathause zu. Die Mittagssonne glitzerte auf der
weiten Heide, und in nebelnder Ferne fuhr der Wagen vor ihm her, wurde kleiner
und kleiner und verschwand endlich als ein schwarzer Punkt in dem Fichtenwalde.
    Als er zu Hause ankam, kte ihn die Mutter auf beide Wangen und fragte:
Nun, wie war's?
    Ganz nett, erwiderte er, und, Mama, die Elsbeth aus dem weien Hause war
auch da.
    Da wurde sie ganz rot vor Freude und fragte nach allerlei, wie sie ausshe,
ob sie hbsch geworden sei und was sie mit ihm gesprochen habe.
    Gar nichts, erwiderte er beschmt, und als die Mutter ihn daraufhin
erstaunt ansah, fgte er eifrig hinzu: Du, aber stolz ist sie nicht. ...
    Am nchsten Montag fand er sie bereits an ihrem Platze sitzen, als er die
Kirche betrat. Sie hatte die Bibel auf den Knien liegen und lernte die
aufgegebenen Sprche.
    Es waren noch nicht viele Kinder anwesend, und als er sich ihr gegenber
niedersetzte, machte sie eine halbe Bewegung, als wolle sie aufstehen und zu ihm
herberkommen, aber sie lie sich wieder nieder und lernte weiter.
    Die Mutter hatte ihm vor dem Weggehen anempfohlen, Elsbeth einfach
anzureden. Sie hatte ihm viele Gre an ihre Mutter aufgetragen, auch sollte er
sich erkundigen, wie es ihr selber erginge. Er hatte sich whrend des Weges eine
lange Rede einstudiert - nur war er sich noch darber uneins, ob er du oder
Sie zu ihr sagen solle. - Du wre das einfachste gewesen. Die Mutter schien
es sogar fr selbstverstndlich zu halten, aber Sie klang entschieden feiner -
so hbsch erwachsen klang es. Und da er zu keinem Entschlusse kommen konnte, so
unterlie er die Anrede ganz. - Auch er nahm nun seine Bibel vor, und beide
sttzten die Ellbogen auf die Knie und lernten um die Wette.
    Ihm ntzte es nicht viel, denn als hernach in der Stunde der Pfarrer an ihn
die Frage richtete, hatte er keine Ahnung mehr. -
    Ein peinliches Schweigen entstand, die Erdmnner lachten schadenfroh, und
er, glutrot vor Scham, mute sich wieder auf seinen Platz niedersetzen. Er wagte
nun nicht mehr aufzuschauen, und als er beim Verlassen der Kirche Elsbeth vor
der Tre stehen sah, als wartete sie auf etwas, schlug er die Augen nieder und
wollte rasch an ihr vorber. - Sie aber trat einen Schritt auf ihn zu und redete
ihn an: Meine Mama hat mir aufgetragen, ich soll dich fragen - wie's deiner
Mutter ginge.
    Er erwiderte, es ginge ihr gut.
    Und sie lt sie auch vielmals gren, fuhr Elsbeth fort.
    Und meine Mutter lt deine Mutter auch vielmals gren, erwiderte er,
Bibel und Gesangbuch zwischen den Fingern drehend, und ich soll dich auch
fragen, wie's ihr ginge.
    Mama lt sagen, entgegnete sie, wie wenn man Auswendiggelerntes hersagt,
sie sei viel krnklich und mte sehr oft das Zimmer hten, aber jetzt im
Frhling ging's ihr besser - und ob du nicht mit unserem Wagen mitfahren
mchtest bis zu deinem Hause. Ich soll's dir anbieten, hat sie gesagt.
    Kiek, der Meyhfer raspelt Sholz, rief der ltere Erdmann, der sich
hinter der Kirchentr verborgen hatte, um seine Kameraden durch den Ritz
hindurch mit einem Rhrchen zu kitzeln.
    Elsbeth und Paul sahen erstaunt einander an, denn sie kannten den Sinn der
Redensart nicht, aber da sie fhlten, da sie etwas sehr Schlimmes bedeuten
mute, wurden sie rot und trennten sich.
    Paul schaute ihr nach, wie sie auf ihren Wagen stieg und davonfuhr. Diesmal
wartete die alte Dame nicht auf sie. Es war ihre Gouvernante, wie er gehrt
hatte. Ja, so vornehm war sie, da sie sogar eine eigene Gouvernante besa!
    Die Erdmnner kriegen doch noch ihre Prgel, damit schlo er seine
berlegungen. - - -
    Die nchsten Wochen vergingen, ohne da er mit Elsbeth wieder geredet htte.
Wenn er in die Kirche trat, sa sie meistens schon an ihrem Platze. Dann nickte
sie ihm freundlich zu, aber das war auch alles.
    Und dann kam ein Montag, an dem ihr Wagen nicht auf sie wartete. Er bemerkte
es sofort, als er auf den Kirchenplatz zuschritt, und atmete erleichtert auf,
denn der stolze Kutscher mit der Pelzmtze, die er selbst mitten im Sommer trug,
verursachte ihm stets ein beklemmendes Gefhl. Er brauchte nur an den Kutscher
zu denken, wenn er ihr gegenbersa, und sie erschien ihm wie ein Wesen aus
einer anderen Welt.
    Heute wagte er fast vertraulich zu ihr hinber zu gren, und es erschien
ihm, als wenn auch sie seinen Gru freundlicher denn sonst erwiderte.
    Und als die Stunde beendet war, trat sie aus freien Stcken auf ihn zu und
sagte: Ich mu heute zu Fu nach Hause, denn unsere Fuhrwerke sind alle auf dem
Felde. Mama hat gemeint, du knntest wohl ein Stck mit mir zusammengehen, da
wir doch denselben Weg haben.
    Er fhlte sich sehr beglckt, wagte aber nicht an ihre Seite zu treten,
solange sie sich innerhalb des Dorfes befanden. Auch schaute er sich von Zeit zu
Zeit ngstlich um, ob nicht die beiden Erdmnner irgendwo mit ihren Stachelreden
auf ihn lauerten.
    Doch als sie drauen auf freiem Felde dahingingen, fand es sich von selbst,
da sie nebeneinander schritten.
    Es war ein sonniger Junivormittag. Der weie Sand des Weges flimmerte ...
Ringsherum blhten goldgelbe Katzenpftchen, und das Wiesenfrauenhaar wehte in
dem warmen Winde ... vom Dorfe her tnte die Mittagsglocke ... Kein Mensch war
weit und breit zu sehen ... Die Heide schien wie ausgestorben.
    Elsbeth trug einen breiten Strohhut auf dem Kopfe, zum Schutze gegen die
Sonnenstrahlen. Den nahm sie jetzt ab und schlenkerte ihn am Gummibande hin und
her.
    Es wird dir zu hei werden, sagte er, aber da sie ihn ein wenig auslachte,
ri er auch seine Mtze vom Kopfe und warf sie hoch in die Luft.
    Du bist ja ein ganz lustiger Bursche, sagte sie beifllig nickend.
    Er schttelte den Kopf, und seine Stirne zog sich wieder in die ernsten
Falten, die ihn stets alt erscheinen lieen.
    Ach nein, sagte er, lustig bin ich nicht.
    Warum nicht? fragte sie.
    Ich habe immer an so vielerlei zu denken, erwiderte er, und wenn ich
einmal recht froh sein will, kommt mir sicher etwas in die Quere.
    Woran hast du denn immer zu denken? fragte sie.
    Er sann eine Weile nach, aber es fiel ihm gerade nichts ein. Ach, es ist ja
alles dumm' Zeug, sagte er, kluge Gedanken kommen mir berhaupt nicht.
    Und dann erzhlte er ihr von den Brdern, von dicken Bchern, die ganz mit
Zahlen vollgeschrieben stnden - den Namen habe er vergessen - und die sie schon
auswendig gekonnt htten, als sie so alt gewesen wren wie er selber.
    Warum lernst du das nicht auch, wenn es dir Vergngen macht? fragte sie.
    Es macht mir aber kein Vergngen, erwiderte er, ich habe einen so
schweren Kopf.
    Aber irgend etwas wirst du doch knnen? fragte sie weiter.
    Ich kann rein gar nichts, erwiderte er traurig, ich sei so dumm, sagt der
Vater.
    Du - darauf mut du nichts geben, trstete sie ihn, mein Frulein
Rathmaier hat auch immer allerhand an mir auszusetzen. Aber ich - pah, ich -
Sie schwieg und ri eine Sauerampferstaude aus, an der sie kaute.
    Hat dein Vater noch immer so blitzende Augen? fragte er.
    Sie nickte, und ihr Antlitz verklrte sich.
    Du hast ihn wohl sehr lieb - deinen Vater?
    Sie sah ihn erstaunt an, als ob sie seine Frage nicht verstnde, dann meinte
sie, o ja - sie htte ihn sehr lieb.
    Und er dich auch?
    Ob!
    Er pflckte sich nun gleichfalls einen Sauerampferstengel und seufzte dabei.
    Warum seufzt du denn? fragte sie.
    Es kme ihm zufllig was in den Sinn, meinte er, und dann fragte er lachend,
ob ihr Vater sie wohl noch manchmal auf den Scho nhme wie damals, als er im
weien Hause gewesen war.
    Sie lachte mit und meinte, sie sei ja schon ein groes Mdchen, und er solle
nicht so dumm fragen, aber hinterher kam's heraus, da sie doch noch auf des
Vaters Scho sitze, freilich nicht mehr rittlings, fgte sie lachend hinzu.
    Ja, das war ein schner Tag, sagte er, und ich sa auf seinem andern
Knie. Wie klein mssen wir damals gewesen sein!
    Und dumm waren wir, da Gott erbarm! erwiderte sie, wenn ich noch daran
denke, wie du pfeifen wolltest und nicht konntest.
    Hast du das behalten? fragte er, und sein Auge leuchtete auf im Bewutsein
seiner jetzigen Kunst.
    Natrlich, sagte sie, und als du fortgingst, kamst du noch einmal
zurckgelaufen und - weit du noch?
    Er wute es genau.
    Heute wirst du wohl pfeifen knnen, lachte sie, in unserem Alter ist das
keine Heldentat mehr - kann ich es doch sogar! - und sie spitzte die Lippen in
sehr drolliger Weise.
    Ihm tat es weh, da sie von seiner Kunst so geringschtzig sprach, und er
dachte darber nach, ob er das Pfeifen fortan nicht lieber ganz unterlassen
sollte.
    Warum bist du so schweigsam? fragte sie, bist du auch mde?
    Ach nein, aber du - was?
    Ja - der Fuweg in Sand und Mittagshitze habe sie angestrengt.
    So komm zu uns ins Haus und ruhe dich aus, rief er leuchtenden Auges, denn
er gedachte der Freude, die die Mutter bei ihrem Anblick empfinden wrde.
    Aber sie dankte. Dein Vater ist nicht gut zu sprechen auf uns, hat Mama
gesagt, und darum drft ihr auch nicht nach Helenental zum Besuche kommen. Dein
Vater wrde mich vielleicht vom Hofe weisen.
    Er erwiderte hochrot: Das wrde der Vater wohl nicht - und er schmte sich
sehr.
    Sie warf einen Blick nach dem Heidehof hinber, der kaum dreihundert Schritt
abseits vom Wege gelegen war. Der rote Zaun leuchtete im Sonnenglanze, und
selbst die grauen, verfallenen Scheunen schauten freundlicher darein als sonst.
    Es ist ganz hbsch bei euch, sagte sie, die linke Hand wie einen Schirm
ber die Augen legend.
    O ja, erwiderte er, das Herz von Stolz geschwellt, und an dem einen
Scheunentor ist eine Eule angenagelt. - - - Aber es soll noch viel, viel
hbscher bei uns werden, fgte er nach einer kleinen Weile ernsthaft hinzu.
La mich nur erst ans Regiment kommen. Und dann begann er ihr seine
Zukunftsplne auseinanderzusetzen. Sie hrte ihm aufmerksam zu, aber als er
geendet hatte, sagte sie noch einmal: Ich bin mde - mu mich ausruhen. Und
sie machte Miene, sich auf dem Grabenrande niederzusetzen.
    Nicht hier in der Sonnenhitze, warnte er, komm, wir suchen uns den
ersten, besten Wacholderstrauch.
    Sie reichte ihm die Hand und lie sich mde von ihm ber den Heiderasen
ziehen, der von Maulwurfshgeln geschwellt war wie ein wellenschlagender See,
und der gegen den Waldesrand hin vereinzelte Wacholderbsche trug, die wie eine
Schar schwarzer Gnomen von der ebenen Flche emporragten.
    Unter dem ersten dieser Gebsche hockte sie nieder, so da dessen Schatten
ihre zarte, schmale Gestalt fast ganz umhllte.
    Hier ist gerade noch Platz fr deinen Kopf, sagte sie, auf einen
Maulwurfshgel weisend, der sich noch im Bereiche des Schattens befand.
    Er streckte sich der Lnge nach auf dem Rasen hin, den Kopf auf dem
Maulwurfshgel gebettet, die Stirn vom Saume ihres Kleides bedeckt.
    Sie lehnte sich mde in das Dickicht des Busches zurck, um in dessen
Gestel eine Sttze zu finden.
    Die Nadeln stechen gar nicht, sagte sie dann, sie meinen's gut mit uns;
ich glaube, wir knnten auch durch Dornrschens Hecke gehen.
    Du - nicht ich, erwiderte er, die Augen im Liegen zu ihr aufschlagend,
mich hat noch jeder Dorn gestochen - ich bin kein Mrchenprinz, nicht einmal
ein lumpiger Hans-im-Glcke bin ich.
    Wird alles noch kommen, trstete sie; du mut nicht immer so traurige
Gedanken haben.
    Er wollte ihr etwas erwidern, aber die richtigen Worte fehlten ihm, und wie
er nachsinnend emporschaute, flog droben am blauen Himmel eine Schwalbe vorber.
Da stie er unwillkrlich einen Pfiff aus, als ob er sie heranlocken wollte, und
als sie nicht kam, pfiff er noch einmal und zum zweiten- und zum drittenmal.
    Elsbeth lachte, er aber pfiff weiter - erst ohne zu wissen, wie? und ohne
nachzudenken, warum? aber als ein Ton nach dem andern seinen Lippen entquoll,
ward ihm zu Sinn, als sei er pltzlich sehr beredsam geworden, und als ob er auf
diese Weise alles sagen knnte, was ihm das Herz bedrckte und wozu er in Worten
nimmer den Mut gefunden haben wrde ... All das, was ihn traurig machte und um
was er sich sorgte, kam zum Vorschein. Er schlo die Augen und hrte gleichsam
zu, wie die Tne fr ihn sprachen. Er glaubte, der liebe Gott im Himmel htte
statt seiner das Wort genommen und erzhlte alles, was ihn anging, sogar das,
worber er selbst nie klar geworden war.
    Als er die Augen aufschlug, wute er nicht, wie lange er so dagelegen und
gepfiffen hatte, aber er sah, da Elsbeth weinte.
    Warum weinst du? fragte er.
    Sie gab ihm keine Antwort, wischte sich mit dem Taschentuch die Augen und
erhob sich.
    Schweigend schritten sie eine Weile miteinander hin. - Als sie den Wald
erreichten, der dicht und dunkel vor ihnen lag, blieb sie stehen und fragte:
Wer hat dich das gelehrt?
    Keiner, sagte er, das ist mir so von selber gekommen.
    Kannst du auch Flte spielen? fragte sie weiter.
    Nein, er konnte es nicht, er hatte es auch nie gehrt, er wute nur, da es
des alten Fritzen Lieblingsvergngen gewesen war.
    Das mut du lernen! sagte sie.
    Er meinte, es wrde ihm wohl zu schwer sein.
    Du solltest es doch versuchen, riet sie, du mut ein Knstler werden -
ein groer Knstler.
    Er erschrak, als sie das sagte. Er getraute sich kaum, ihren Gedanken weiter
zu denken.
    Als sie den jenseitigen Waldrand erreicht hatten, trennten sie sich. - Sie
schritt weiter dem weien Hause zu - und er kehrte um. Wie er den
Wacholderbusch wiedersah, unter dem sie beide gesessen hatten, kam ihm alles wie
ein Traum vor, und so blieb es auch fortan. - - -
    Zwei, drei Tage vergingen, ehe er der Mutter etwas von seinem Abenteuer zu
sagen wagte, aber dann hielt er es nicht lnger aus und gestand ihr alles.
    Die Mutter sah ihn lange an und ging hinaus, aber von jetzt ab lauschte sie
heimlich, ob sie nicht einen Ton von seinem Pfeifen erhaschen knnte.
    Die beiden Kinder gingen noch oftmals mitsammen heim, aber eine solche
Stunde, wie die unter dem Wacholderbusch, kam ihnen nie mehr wieder.
    Wenn sie an ihm vorberschritten, sahen sie einander an und lchelten, aber
keines wagte den Vorschlag zu machen, noch einmal unter ihm niederzusitzen.
    Auch des Fltenspiels geschah nicht mehr Erwhnung zwischen ihnen, Paul
jedoch dachte heimlich oft genug daran. Es erschien ihm wie etwas Himmlisches,
Unerhrtes, gleich der Wissenschaft, die die Logarithmentafeln lehrten. Ja, wenn
er klug und begabt gewesen wre wie die beiden Brder! - aber er war ja nur ein
dummer, einfltiger Junge, der froh sein konnte, wenn man ihn fr die andern
sorgen lie.
    Gar oft fragte er sich, wie wohl solch ein Fltenspiel klingen mchte und
wie diejenigen beschaffen wren, die es verstanden. Er hatte eine sehr groe
Meinung von ihnen und glaubte, da sie stets so hohe und heilige Gedanken hegen
muten, wie sie ihm selber nur in sehr wenigen Momenten aufstiegen, wenn er sich
recht in sein Pfeifen vertiefte.
    Und dann kam der Tag, an dem er einen Fltenspieler von Angesicht zu
Angesicht erschauen sollte.
    Es war an einem trben, strmischen Nachmittag im Monat November. Es fing
schon an, dunkel zu werden, als er die Schule verlie und langsam die Dorfstrae
entlang wanderte, um heimzukehren. Da drangen aus einer Branntweinschenke, in
der das Gesindel der Gegend zu verkehren pflegte, gar seltsame Tne an sein Ohr.
Er hatte sie nie gehrt, aber er wute sofort: das mu ein Fltenspieler sein.
Horchend blieb er vor der Tr der Schenke stehen. Sein Herz klopfte ganz laut,
seine Glieder zitterten. Die Tne waren hnlich wie sein Pfeifen, aber weit
voller und weicher. So mssen die Engel an Gottes Thron musizieren, dachte er
sich.
    Nur eines war ihm unerklrlich, wie dieses Fltenspiel, das so klagend und
sehnschtig klang, an einen so verrufenen Ort geraten konnte. Das Schreien und
Johlen und Glserklirren, das zwischendurch erscholl, tat seiner Seele weh, ein
pltzlicher Grimm packte ihn; wenn er gro und stark gewesen wre, er wrde
hineingesprungen sein und wrde die Lrmenden und Trunkenen samt und sonders auf
die Strae hinausgeworfen haben, damit die heiligen Tne nicht entweiht wrden.
    In diesem Augenblick wurde die Tr aufgerissen, ein trunkener Arbeiter
taumelte an ihm vorber - belriechender Qualm drang ihm entgegen ... Lauter
noch wurde das Lrmen ... Kaum war das Fltenspiel imstande, es zu bertnen.
    Da fate er sich ein Herz, und ehe noch die Tr geschlossen wurde, drngte
er sich durch den schmalen Spalt in das Innere der Schenke ... Hinter ein leeres
Branntweinfa gedrckt, stand er da ... Niemand achtete auf ihn.
    In den ersten Augenblicken unterschied er nichts ... Dunst und Lrm hatten
seine Sinne ganz benommen, und die Tne der Flte wurden schrill und mitnig,
so da sie seinem Ohre wehtaten.
    Inmitten der Schreienden und Stampfenden sa auf einem umgestlpten Fasse
ein zerlumpter Kerl mit einem aufgequollenen, finnigen Gesicht, einer
Schnapsnase und schwarzen, fettigen Haaren - eine Gestalt, deren Anblick Paul
einen Schauder ber den Leib jagte ... Der war es, welcher die Flte blies.
    Wie versteinert vor Entsetzen starrte er ihn an. Ihm war zumute, als snke
der Himmel ein, als ginge die Welt zugrunde. - Nun setzte der Spieler seine
Flte ab, stie mit rauher, heiserer Stimme ein paar schmutzige Worte hervor,
go gierig den Branntwein hinunter, der ihm von den Umstehenden gereicht wurde,
und begann, mit den Fen den Takt schlagend, einen Gassenhauer zu spielen, den
die Zuhrer mit Brllen begleiteten.
    Da floh Paul zur Schenke hinaus und lief und lief, da ihm Hren und Sehen
verging, als htte er Angst, zur Besinnung zu kommen. -
    Als er allein auf der Heide war, ber welche die Strme dahinsausten, und
von deren Rande ein schwefelgelber Streifen abendlichen Lichtes ihm
entgegenleuchtete, da hielt er inne, schlug die Hnde vors Gesicht und weinte
bitterlich. - -
    In dem Winter, der nun folgte, stellte Paul sein Pfeifen gnzlich ein, und
noch mehr war ihm das Fltenspiel verleidet. Wenn er daran dachte, stand das
Bild jenes Verworfenen vor seinen Augen, der ihm seine Sehnsucht entheiligt
hatte.
    Elsbeth sah er fortan nicht mehr. Mit Beginn der kalten Jahreszeit war die
Religionsstunde aus der Kirche in das Pfarrhaus verlegt worden, und da sich in
ihm kein Raum vorfand, der smtliche Konfirmanden htte fassen knnen, so wurden
Knaben und Mdchen gesondert unterrichtet. Bisweilen zwar sah er Elsbeths Wagen
an sich vorberfahren, aber sie selbst war so sehr in Pelze und Tcher vermummt,
da von ihrem Gesicht nichts zu erkennen war. Er wute nicht einmal, ob sie ihn
bemerkt hatte.
    Zu derselben Zeit hatte er vielen rger mit den Brdern Erdmann, die ihn bis
aufs Blut zu qulen wuten. Er war vollstndig wehrlos ihnen gegenber, denn
jeder einzelne hatte doppelt soviel Kraft als er; auch griffen sie ihn immer zu
zweien an, und whrend der eine ihn festhielt, zwackte ihn der andere. Nicht,
da die beiden von Grund aus boshafte Geschpfe gewesen wren, im Gegenteil,
gegen die anderen wuten sie Wohlwollen und Gromut zu ben, aber gerade seine
stille, in sich versunkene Natur war ihnen in tiefster Seele verhat. Sie
schalten ihn einen Mucker, einen Kopfhnger, und wenn sie ihn geprgelt hatten,
sagten sie: So, nun zeig uns an, das wrde prchtig zu dir passen.
    Sein Groll gegen die Widersacher schwoll hher und hher. Oft machte er sich
Vorwrfe, da er sich feige und ehrlos betrage, und beschuldigte sich niedriger,
knechtischer Gesinnung. Eines Tages, als er auf dem beschneiten Hofe hin und her
lief, redete er sich so sehr in Zorn hinein, da er beschlo, sich jener bsen
Brder zu entledigen, und wenn es sein eigen Leben kostete. - Er lief in den
Stall, wo der Schleifstein stand, taute das in der Btte gefrorene Wasser auf
und schrfte sein Taschenmesser, bis es einen Streifen dnnsten Seidenpapiers
durchschnitt. Als er aber am nchsten Montag aufs neue durchgeprgelt wurde,
fand er nicht den Mut, es aus der Tasche zu ziehen, und mute sich aufs neue ob
seiner Feigheit Vorwrfe machen. Er verschob es auf das nchste Mal - aber dabei
blieb es.
    Auch von dem Vater hatte er vieles zu erdulden. Der trug sich neuerdings
wieder mit groen Plnen, und wenn er das tat, fhlte er sich stets sehr erhaben
und war auf Paul, den er um seines kleinlichen Sinnes willen verachtete,
besonders schlecht zu sprechen.
    Warum ist auf den Jungen nicht der leiseste Funken meines Genies
bergegangen? sagte er. Wie schn knnte ich ihn dann zum Handlanger fr meine
Plne erziehen! Aber er ist zu stupide - Hopfen und Malz sind an ihm verloren.
    Er hatte jetzt die Absicht, zur Ausbeutung seines Moores eine
Aktiengesellschaft zu grnden, groe Kapitalien aufzubringen und sich selbst zum
Direktor mit soundsoviel tausend Talern Gehalt ernennen zu lassen. Er fuhr
allwchentlich zwei- bis dreimal zur Stadt und war oft am zweiten Tage noch
nicht zu Hause.
    Es hlt schwer, sagte er dann, wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hatte,
aber ich werde die Filze schon 'rankriegen. Auch der Douglas, der Protz, mu
mir bluten. Wenn ich nur wte, wie ich ihn mir einmal greifen knnt'?
Helenental betrete ich nie wieder, schon um nicht zu sehen, wie der Kerl es hat
verwahrlosen lassen - denn das hat er jedenfalls - und in der Stadt bekomme ich
ihn nie zu sehen. Aber bluten - bluten mu er. Wenn er nicht einen Scheffel
Aktien zeichnet, soll ihn der Teufel holen.
    Frau Elsbeth hrte das alles traurig an, ohne ein Wort zu sagen, Paul aber
pflegte hinterher heimlich den Schlssel des Schuppens vom Brette zu nehmen, um
mit der schwarzen Suse stumme Zwiesprach zu halten. Er hatte nun einmal den
Glauben, da von ihr die Rettung kme.
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    Als die Osterfeiertage vorber waren, wurde der Religionsunterricht aufs
neue in die Kirche verlegt. Knaben und Mdchen kamen nach halbjhriger Trennung
wieder zusammen.
    Elsbeth hatte sich whrend des Winters sehr verndert. Sie sah nun beinahe
aus wie eine erwachsene Dame. Sie trug ein halblanges Kleid und hatte das Haar
ber der Stirn in Lckchen aufgelst.
    Paul grte sie sehr beklommen; ihm war zumute, als pate er nicht mehr zu
ihr - aber sie stand von ihrem Sitze auf, ging ihm drei Schritte entgegen und
drckte ihm vor aller Augen herzlich die Hand.
    In der darauffolgenden Stunde wurde unter den Knaben ein Blatt
herumgereicht, das viel Heiterkeit erregte. Es trug die von allerhand Schnrkeln
umgebenen Worte:

                         Als Verlobte empfehlen sich:

                                 Paul Meyhfer,
                               Elsbeth Douglas.

    Die Schrift war die des jngeren Erdmann. Pauls Hand suchte nach seinem
Messer; fr einen Moment war ihm zumute, als knnte er es hier mitten in der
Kirche gegen seinen Nachbarn zcken; er zerrte ihm das Blatt aus der Hand und
ri es in Fetzen.
    Elsbeth sah verwundert zu ihm herber, und der Pfarrer rief ihn zur Ruhe.
Nun erschrak er ber seine eigene Khnheit. Die Erdmnner muten ihm wohl
angemerkt haben, da er in diesem Punkt nicht mit sich scherzen lasse, und
machten keinen ferneren Versuch, ihn mit Elsbeth aufzuziehen ...
    Am letzten Sonntag vor Pfingsten war die Einsegnung. Paul hatte die Nacht
ber nicht schlafen knnen, vor Sonnenaufgang stand er leise auf, zog die neuen
schwarzen Tuchkleider an, die die gute Tante ihm zu diesem Feste geschenkt
hatte, und machte einen Rundgang ber den stillen Hof und die tauigen Felder,
bis zu dem Moore hin, das mit seinem Blumengewande gar feiertglich vor ihm lag.
Im Angesicht der aufgehenden Sonne faltete er seine Hnde und sprach ein
inbrnstiges Gebet. Mit diesem Tage wollte er ein neues, besseres Leben
beginnen, alle Unbill vergeben und seine Feinde lieben, wie es Jesus Christus
befohlen ... Da fiel ihm das Messer ein, das er einst fr die Erdmnner
geschliffen, er ri es aus der Tasche und schleuderte es mitten in das Moor
hinein, wo es mit einem gurgelnden Laute im Brachwasser versank. - Heie Trnen
strzten aus seinen Augen. Schlecht und verworfen erschien er sich und gnzlich
unwrdig, vor Gottes Altar zu treten ... Kaum wagte er auf den Hof
zurckzukehren, erst als die Zwillinge in ihren nagelneuen Mullkleidchen jubelnd
auf ihn zustrzten, ward ihm freier und leichter ... Er umarmte die Schwestern
und gelobte sich im stillen, ihnen ein treuer Helfer und Freund zu werden.
    Dann kam die Mutter, mit einem verschossenen Seidenkleide angetan, kte ihn
auf Stirn und Wangen und hielt sein Gesicht lange zwischen ihren beiden Hnden,
indem sie ihm unverwandt in die Augen schaute. - Sie wollte etwas sagen, aber
sie brachte nichts weiter zum Vorschein als: Mein Junge, mein lieber Junge.
    Selbst der Vater war heute in rosigster Laune. Er fate seine beiden Hnde
und hielt ihm eine lange Rede, wie er lernen msse, auf das Groe im
Menschenleben seinen Blick zu heften und ihm, dem Vater, nachzueifern, der zwar
stets vom Unglck verfolgt und von der Schlechtigkeit der Menschen ausgeplndert
worden sei, der sich aber nie habe entmutigen lassen, zu den Sternen
emporzustreben, selbst aus diesem elenden Loche heraus, in dem ein feindliches
Schicksal ihn habe versinken lassen. Und er runzelte seine Brauen und whlte
sich in seinen Haaren, Zoll um Zoll Erhabenheit und Geistesgre.
    Paul kte seine beiden Hnde und versprach alles.
    Um acht Uhr sah er auf dem Fahrweg, der ber die Heide fhrte, eine Karosse
vorbeirollen, deren silberner Zierat im Morgensonnenstrahle glitzerte.
    Lange blickte er dem Wagen nach. Ihm war alles wie ein Traum ... Er fhlte
sich so unendlich wohl, da ihm ganz beklommen wurde vor lauter Glck. Womit
hab' ich das verdient? fragte er sich, und darauf fing er an nachzugrbeln, wie
wohl der erste Kummer beschaffen sein werde, der ihn dieser Seligkeit entreien
wrde. - Als die Zwillinge ihm ankndigten, da der Wagen zur Kirchenfahrt
bereitstnde, fhlte er sich traurig und gedrckt.
    In dem Pfarrgarten, in dem Jasmin und Flieder blhten und auf dessen Rasen
die Sonnenstrahlen glitzerten, standen zwei Menschenhuflein, ein schwarzes und
ein weies, gesondert voneinander. Das erste waren die Knaben, das zweite die
Mdchen.
    Elsbeth in ihrem schneeigen Mullkleidchen, mit einem Spitzentchlein ber
dem Busen, sah wei und duftig aus wie eine Schlehdornblte.
    Ihre Wangen waren sehr bla, sie hielt die Augen fortwhrend gesenkt und
spielte bald mit dem Gesangbuch, bald mit dem Fliederbschel, welches beides sie
in der Hand hielt.
    Paul schaute lange zu ihr hinber, aber sie sah ihn nicht. Sie mochte sich
wohl in ihrer Andacht durch keinen weltlichen Gedanken stren lassen.
    Und dann kam der Pfarrer. Die Glocken luteten - und die Orgel rauschte -
und langsam schritt der Zug, paarweise geordnet, nach dem Altar.
    Paul ging dicht hinter den beiden Erdmnnern, die in ihren schwarzen langen
Tuchrcken gar ernst und ehrbar dreinschauten. Pltzlich kam das Bewutsein
seiner Schuld mit erneuter Gewalt ber ihn. Er beugte sich ein wenig vor, stie
sie leise in den Nacken und flsterte mit nassen Augen: Vergebt mir! Ich habe
euch viel bles getan!
    Sie bohrten sich gegenseitig die Ellbogen in die Hften und schmunzelten
spitzbbisch. Einer drehte sich mit halber Wendung um und flsterte mit einem
Leidensgesichte, das ganz erfllt war von verkannter und gekrnkter Unschuld:
Mein Sohn, wir vergeben dir.
    Paul fhlte wohl, da sie sich ber ihn lustig machten, aber sein Herz war
so voll von Andacht und Liebe, da ihm kein Hohn der Welt etwas anhaben konnte.
    Zu beiden Seiten des Altars ordneten sich die Kinderscharen.
    Paul warf einen schchternen Blick in das Kirchenschiff hinunter, das
gedrngt voll von Menschen war, aber er vermochte niemanden zu erkennen.
    Die Stunde der Predigt verging. Er starrte vor sich nieder. Alles war ihm
wie ein Traum.
    Eine Weile spter fhlte er seine Knie auf einem weichen Polster ruhen und
die Hand des Pfarrers auf seinem Haupte ... Was er zu ihm sprach, vernahm er
nicht. Er sah Elsbeth drben still in ihr Taschentuch weinen und dachte: Weine
nur, weine nur, wirst bald wieder lachen.
    Und dann fragte er sich, warum die Menschen wohl alle so viel lachten,
whrend es doch im ganzen so wenig Lcherliches auf Erden gbe.
    Die Orgel stimmte das Lied: Lobe den Herrn, den mchtigen Knig der Ehren
an - hellauf jauchzte der Chor der Gemeinde - da wanderte sein Blick zur Sonne
empor, die in regenbogenfarbenen Lichtern durch die bemalten Kirchenfenster
brach.
    Und wie er in das Farbenspiel hineinstarrte, erschrak er pltzlich. Gerade
jenseits des Kreuzes, das den Altar krnte, stand in ungeheurer Gre eine
dstere, in Grau gekleidete Frau und blickte aus groen, hohlen Augen auf ihn
nieder ... Die Berin Magdalena war's.
    Er fhlte, wie es ihn kalt durchschauerte.
    Frau Sorge, murmelte er und beugte das Haupt, als wollte er in Demut
empfangen, was sie ihm frs Leben bescherte.
    Und als er das Auge wieder erhob, strahlte die Sonne noch herrlicher denn
zuvor.
    Glhrot und smaragden gleiten und glimmten die Flammen und woben eine
Strahlenglorie um das Haupt der grauen Frau.
    Die aber stand traurig inmitten der farbenfrohen Pracht und starrte aus
groen, hohlen Augen auf ihn nieder. - - -
    Da setzte mit einem rauschenden Akkorde die Orgel zum Nachspiel ein ... ein
freudiges Beben ging durch die Gemeinde ... die Schar der Kinder eilte, sich in
die Arme der Ihren zu werfen, - - und aus Elsbeths trnennassen Augen traf ihn
ein freundlich grender Blick.

                                       8


Paul trat nun in die Wirtschaft. Den Schwur, den er am Morgen seines
Einsegnungstages getan hatte, hielt er getreulich. - Er arbeitete wie der letzte
seiner Knechte, und wenn die Mutter ihn bat, sich zu schonen, dann kte er ihr
die Hand und sagte: Du weit, wir haben viel gutzumachen.
    Abends, wenn das Gesinde zur Ruhe gegangen war und die Zwillinge sich in
Schlaf getollt hatten, dann saen Mutter und Sohn oft stundenlang beisammen und
planten und rechneten, aber war ein Entschlu in ihnen zur Reife gekommen und
lchelte ein Schimmer von Hoffnung aus ihren Augen, dann geschah es oft, da sie
pltzlich zusammenschraken und mit einem Seufzer die Kpfe hngen lieen - aber
keiner sprach es aus, was ihm das Herz belastete ...
    Zu dieser Zeit fing Frau Elsbeth stark zu altern an. Lange, schmale Furchen
zogen sich ber ihre Wangen, das Kinn trat stark hervor, und das Haar erhielt
einen Silberschimmer. Nur aus den dunklen Tiefen ihrer vergrmten Augen konnte
man noch herauslesen, wie schn sie einst gewesen war.
    Ja, siehst du, jetzt bin ich eine alte Frau, sagte sie eines Morgens zu
ihrem Sohne, als sie sich vor dem Spiegel die Haare kmmte, und das Glck ist
noch immer nicht gekommen.
    Sei still, Mutter, wofr hin ich denn da? erwiderte er, obwohl ihm gar
nicht so hoffnungsfreudig zumute war.
    Da lchelte sie traurig, streichelte ihm Wangen und Stirn und sagte: Ja, du
siehst mir ganz so aus, als httest du das Glck an den Flgeln gefangen; ...
aber ich will nicht so reden, fuhr sie fort, was fing' ich wohl an, wenn ich
dich nicht htte? - - -
    Solch ein Augenblick berstrmender Liebe mute fr lange vorhalten, denn
oft vergingen Monate, ohne da Mutter und Sohn vor lauter Beklommenheit der
Herzen sich etwas Zrtliches zu sagen wagten. -
    Die Zwillinge wuchsen derweilen zu zwei tollen, pausbckigen Wildlingen
heran, denen kein Baum zu hoch, kein Graben zu tief war. Das krause Braunhaar
hing ihnen in tausend widerspenstigen Ringeln ber die Schlfen herab, und
darunter hervor guckten zwei Augenpaare, so voll von Schelmerei, so blitzend in
Scheu und Keckheit zugleich, als lachten verirrte Sonnenstrahlen aus tiefer
Waldesnacht heraus.
    Das Gelchter der beiden hallte frhmorgens und sptabends durch das einsame
Heidehaus, und um so drckender war die Stille darin, wenn sie in der Schule
weilten oder sich drauen auf dem weiten Plane umhertrieben.
    Den Zwillingen war alles egal. Ob Sonnenschein, ob Sturm im Hause, sie
hatten den Kopf stets voller Streiche, und wenn das Toben des Vaters einmal so
arg wurde, da sie es fr geraten hielten, sich hinter dem Ofen zu verkriechen,
so entschdigten sie sich dort, indem sie sich heimlich in die Beine kniffen.
    Fr Paul hegten sie eine grenzenlose Liebe, was sie jedoch nicht abhielt,
die besten Bissen von seinem Teller, die weiesten Papierschnitzel aus seiner
Mappe und die schnsten Knpfe von seinen Hosen einfach als ihr Eigentum zu
reklamieren, denn sie stahlen wie die Elstern.
    Er hatte groe Sorge um sie, denn er frchtete, sie wrden immer mehr
verwildern, insbesondere, da die Mutter immer mder und mutloser wurde und die
Dinge gehen lie, wie sie gingen. Aber er fing seine Erziehungsversuche am
unrechten Ende an. Seine Mahnungen fruchteten nichts, und einmal, als er mitten
in einer schnen Strafpredigt war, geschah es, da die eine pltzlich auf seinen
Scho sprang, ihn an der Nase ergriff und der Schwester zurief: Du - er kriegt
'nen Bart.
    Drauf kletterte diese ihr nach, und beiden wollten um die Wette an seinen
Lippen zupfen. - Als er nun aber ernstlich bse wurde, fingen sie an zu bocken
und meinten: Pfui - wir reden nicht mehr mit dir.
    Elsbeth hatte er seit seinem Einsegnungstage nicht wieder gesehen, wiewohl
inzwischen ein ganzes Jahr vergangen war.
    Es hie, sie sei nach der Stadt geschickt worden, um dort gesellschaftliche
Bildung zu lernen. - Dies Wort hatte ihm einen Stich durchs Herz gegeben, er
wute kaum, was es bedeutete, aber er fhlte dunkel, da sie sich nun weiter und
weiter von ihm entfernte.
    Da geschah es eines Tages um die Osterzeit, da er ein Stck Ackerland
bearbeiten ging, das, versprengt von dem anderen Besitztum fernab am Waldesrande
lag. - Er selbst ste, und ein Knecht mit zwei Pferden ging nacheggend
hintendrein.
    Er hatte ein groes weies Slaken um die Schultern geschlungen und
beobachtete mit stillem Vergngen, wie die Samenkrner im Sinken gleich einem
goldenen Springquell niederfunkelten. Da war es ihm, als she er zwischen den
dunklen Stmmen des Waldes etwas Hellschimmerndes auf- und niederschaukeln - wie
eine Wiege, die in der Luft schwebte. Doch nahm er sich kaum Zeit, darauf zu
achten, denn das Sen ist eine Arbeit, die Aufmerken verlangt.
    So kam die Frhstckspause heran. Der Knecht setzte sich auf den Kornsack,
er selbst aber, da ihm hei geworden war, ging nach dem Walde, um Schatten zu
haben.
    Er warf einen flchtigen Blick nach der schwebenden Wiege und dachte: Das
mu wohl eine Hngematte sein, aber um den, der darinnen lag, kmmerte er sich
nicht.
    Da war es ihm pltzlich, als hrte er seinen Namen rufen.
    Paul, Paul! Es klang ganz lieb und vertraut und mit einer hellen, weichen
Stimme, die ihm wohlbekannt schien.
    Erschrocken schaute er auf.
    Paul, komm doch her! rief die Stimme noch einmal. Es lief ihm hei und
kalt ber den Rcken herab, denn er wute nun, wer es war.
    Er lie einen verschmten Blick ber seine Arbeitskleider gleiten und machte
sich daran, den Knoten des Lakens loszulsen, aber der hatte sich in den Nacken
zurckgeschoben, so da er ihn nicht erreichen konnte.
    Komm doch so, wie du bist, rief die Stimme, und nun sah er auch, wie ihr
Oberkrper sich in der Matte emporrichtete, whrend ein Buch mit rot und
goldenem Einband ihren Hnden entglitt und zur Erde fiel.
    Zgernd kam er nher, indem er heimlich versuchte, die Stiefel, an denen der
Schmutz des feuchten Ackers klebte, in dem Moose abzuwischen.
    Sie ihrerseits hatte noch im letzten Augenblicke bemerkt, da ihre Fe
mitsamt den weien Strmpfen unter dem Kleide hervorguckten, und machte sich
eilig daran, sie mit dem Tuche, das sie um die Schultern geschlungen hatte, zu
verdecken. Aber sie vermochte nicht, es unter ihren Armen hervorzuzerren, und da
sie keinen anderen Rat wute, so kauerte sie sich schnell zusammen, so da sie
dasa wie ein brtendes Hhnchen, whrend die Hngematte heftig hin und her
schwankte.
    Vielleicht hatte sie die Absicht gehabt, ihm durch ihre Sicherheit und ihre
frisch erlernte gesellschaftliche Bildung ein wenig zu imponieren, aber das
Schicksal fgte es nun, da sie ihn nicht minder rot und verlegen anstarren
mute als er sie.
    Er seinerseits bemerkte nichts von ihrer Gemtsverfassung, er fand nur, da
sie sehr schn geworden war, da ihr Haar sich zu einem vornehmen Knoten
schrzte und da ihre Busenschleife auf einer wogenden Rundung leise zitterte.
Letzteres machte ihm vollends klar, da sie inzwischen eine Dame geworden war.
    Es verging eine ganze Weile, ehe eines von beiden ein Wort hervorbrachte.
    Guten Tag - du, sagte sie dann mit einem leisen Auflachen und streckte ihm
ihre Rechte entgegen, denn sie merkte, da sie die Oberhand hatte.
    Er schwieg und lchelte sie an.
    Hilf mir ein bichen mein Tuch hervorziehen, fuhr sie fort.
    Er tat es. - So, nun kehr dich um. Auch damit war er einverstanden. Nun
ist's gut. Sie hatte sich wieder hingelegt, das Tuch rasch ber die Fe
geworfen und guckte nun zwischen den Maschen der Hngematte hindurch schelmisch
zu ihm empor.
    Es ist wirklich 'ne Freude, da ich wieder bei dir bin, sagte sie, du
bist doch der Beste von allen. Hast du dich auch nach mir gebangt?
    Nein, erwiderte er wahrheitsgetreu.
    Ach geh - du, erwiderte sie und versuchte, sich schmollend nach der
anderen Seite zu drehen, aber da die Hngematte wieder in ein heftiges Schwanken
geriet, so blieb sie liegen und lachte.
    Er wunderte sich innerlich, da sie so lustig war. Er hatte auer den
Zwillingen noch niemanden so lachen gesehen. Und das waren Kinder.
    Aber dieses Lachen gab ihm die Unbefangenheit wieder, denn er fhlte
instinktiv, um wieviel lter er inzwischen geworden war als sie.
    Es ist dir wohl sehr gut gegangen - die ganze Zeit ber? fragte er.
    Gott sei Dank - ja, erwiderte sie. Mama krnkelt ein bichen, aber das
ist auch alles. - Ein Schatten flog ber ihr Angesicht, war aber im nchsten
Augenblick wieder verschwunden, und dann fuhr sie plaudernd fort: Ich bin in
der Stadt gewesen - ach, du - was ich da alles durchgemacht hab' - das mu ich
dir bei Gelegenheit einmal erzhlen. Tanzstunden hab' ich genommen. Auch
Verehrer hab' ich gehabt - du kannst mir's glauben. Fensterpromenaden haben sie
mir gemacht, anonyme Blumenstrue haben sie mir geschickt, auch Verse,
selbstgemachte Verse. Ein Student war darunter, mit einem weien Schnurrock und
einer grn-wei-roten Mtze - o, der verstand's! Was der einem nicht alles zu
sagen wute - hinterher hat er sich mit der Betty Schirrmacher verlobt, einer
Freundin von mir, das heit ganz heimlich, auer mir wei es keiner.
    Paul atmete erleichert auf, denn der Student hatte schon begonnen, ihm den
Kopf warm zu machen.
    Und hast du dich nicht gergert? fragte er.
    Weshalb?
    Da er dir untreu wurde.
    Nein, darber sind wir erhaben, erwiderte sie und zuckte die Achseln. O,
du - das sind ja alles grne Jungen im Vergleich mit dir! Ein heier Schreck
berlief ihn bei dem Gedanken, da man einen Studenten einen grnen Jungen
nennen konnte und noch dazu mit ihm selber verglichen.
    Mein Bruder ist kein grner Junge, erwiderte er.
    Ich kenne deinen Bruder nicht, meinte sie mit philosophischer Ruhe, der
mag vielleicht keiner sein. - - Ja, ich bin viel, viel lter geworden, fuhr sie
fort. Literaturstunden hab' ich genommen - da hab' ich viel Schnes gelernt.
    Ein qulender Neid erwachte in ihm.
    Heb mal das Buch auf! - Er tat's. - Kennst du das?
    Er las auf dem roten Deckel in goldener Pressung die Worte: Heines Buch der
Lieder und schttelte traurig den Kopf.
    Ach, dann kennst du nichts. - Was da alles drinsteht! Du, das Buch mu ich
dir leihen! Das lies - da lernt man was draus! Und wenn man eine Weile drin
gelesen hat - dann kommt einem meistens das Weinen an.
    Ist es denn so traurig? fragte er und besah den roten Deckel mit
beklommener Neugier.
    Ja, sehr traurig, so schn und so traurig wie - wie - blo von Liebe ist
die Rede, von weiter gar nichts, und man fhlt, wie die Sehnsucht einen
bermannt, wie man fliegen mchte nach dem Ganges, wo die Lotosblumen blhen und
wo -
    Sie stockte, dann lachte sie hell auf und meinte: Ach, das ist zu dumm -
nicht?
    Was?
    Was ich da schwatze.
    Nein - ich mcht' dich mein Lebtag so reden hren.
    Ja - mchtest du? - Ach, du - hier ist es mollig! Ich komm' mir so geborgen
vor, wenn du dabei bist. - Und sie streckte sich in dem Netzwerk aus, als
wollte sie mit dem Kopf nach seiner Schulter hin.
    Ein seltsames Gefhl von Glck und Frieden berkam ihn, wie er es lange
nicht gekannt hatte.
    Warum schaust du fort? fragte sie.
    Ich schaue nicht fort.
    Doch ... du mut mich anschauen ... Das hab' ich gern ... du hast so
ernste, treue Augen - du, jetzt wei ich auch, womit ich die Lieder da
vergleichen soll!
    Nun, womit?
    Mit deinem Pfeifen. Das ist auch so - so - - na, du weit schon ... Pfeifst
du denn auch noch manchmal?
    Selten!
    Und die Flte hast du wohl auch nicht spielen gelernt?
    Nein.
    O pfui! - Wenn du mich liebhast, dann tust du's ... Ich werde dir auch das
nchste Mal eine schne Flte schenken!
    Ich habe nichts, dir wieder zu schenken!
    Doch - du schenkst mir all' die Lieder, die du spielst. Und wenn dir recht
wehe ums Herz ist ... na, lies nur in dem Buche - da steht alles.
    Paul besah es von allen Seiten. Was mu das fr ein seltsames Buch sein?
dachte er.
    Und nun erzhl mir von dir! sagte sie. Was tust du? Was treibst du? Was
macht deine liebe Mama?
    Paul sah sie dankbar an. Er fhlte, da er heute wrde reden knnen, ganz
wie ihm ums Herz war - da fuhr's ihm pltzlich durch den Sinn, da die
Frhstckspause lngst vorber und da der Knecht mit den Pferden auf ihn
wartete. Bis Mittag mute er fertig sein, denn nach dem Essen sollte das
Fuhrwerk mit einer Fuhre Torf, die er heimlich hatte stechen lassen, in die
Stadt.
    Ich mu an die Arbeit, stammelte er.
    Ach, wie schade! Und wann bist du fertig?
    Um Mittag.
    So lange kann ich nicht warten, sonst ngstigt sich Mama. Aber in den
nchsten Tagen komm doch wieder einmal ausschauen - vielleicht findest du mich.
Jetzt will ich noch eine Stunde hier liegen und dir zugucken. Es sieht prchtig
aus, wenn du mit deinem schneeweien Tuche auf und nieder schreitest und die
Krner um dich her sprhen.
    Er reichte ihr stumm die Hand und ging.
    Das Buch werd' ich hier liegen lassen, rief sie ihm nach, hol's dir, wenn
du fertig bist ...
    Der Knecht lchelte verschmitzt, als er ihn kommen sah, und Paul wagte kaum
die Augen zu ihm aufzuschlagen.
    Jedesmal, wenn er in seiner Arbeit an der Stelle vorberging, an der sie
drben im Walde ruhte, richtete sie sich halb auf und winkte ihm mit dem
Taschentuche. Gegen zwlf Uhr wickelte sie ihre Hngematte zusammen, trat an den
Waldesrand und rief durch die hohle Hand ihr Lebewohl ...
    Er nahm zum Dank die Mtze ab, der Knecht aber schaute nach der anderen
Seite und pfiff sich eins, als wollte er nichts bemerkt haben ...
    Whrend der heutigen Mittagsmahlzeit wandte die Mutter keinen Blick von
ihrem Sohne, und als sie mit ihm allein war, trat sie auf ihn zu, nahm seinen
Kopf in ihre beiden Hnde und sagte: Was ist dir passiert, mein Junge?
    Weshalb? fragte er verwirrt.
    Dein Auge leuchtet so verfnglich.
    Er lachte laut auf und lief von dannen; als sie ihn aber beim Abendbrot noch
immer anschaute - fragend und traurig zugleich -, da tat es ihm weh, da er ihr
kein Vertrauen geschenkt hatte, er ging ihr nach und gestand ihr, was ihm
widerfahren war.
    Da flog es wie Sonnenschein ber ihr vergrmtes Gesicht, und als er mit
glhenden Backen verschmt von dannen schlich, schaute sie ihm feuchten Auges
nach und faltete die Hnde, wie um zu beten.
    Er sa bis gegen Mitternacht in seiner Kammer, den Kopf in die Hnde
gesttzt. Das geheimnisvolle Buch lag auf seinen Knien, aber darin lesen konnte
er nicht, denn der Vater hatte ihm verboten, abends Licht zu brennen. Er mute
warten bis zum Sonntag.
    Er dachte darber nach, wie anders sie geworden war. - Htte sie nur nicht
so oft gelacht. Ihr Frohsinn entfremdete sie ihm, und das volle, blhende Leben,
von dem sie sich tragen lie, rckte sie weit, weit fort in jenes ferne Land, wo
die Glcklichen wohnen. Und schien sie an Lieb' und Gte auch die alte, sie
mute ihn ja verachten lernen, er war ja blo ein Bauernjunge und dumm und
linkisch und trbselig dazu.
    In seinem Kopfe wogte ein wirres Durcheinander von Glck und Scham und
Selbstvorwrfen, denn er fand, da er sich weit wrdiger und weit vornehmer
htte benehmen knnen. - Hierin mischte sich eine rtselhafte Angst, die ihm
fast die Kehle zuschnrte - wiewohl er vergebens in seiner Seele nachforschte,
wem sie wohl gelten mochte.
    Am nchsten Vormittag sah er vom Hofe aus, auf dem er Pfhle eingrub, etwas
Weies am Waldrande sich hin und her bewegen. - Er bi die Zhne zusammen in Weh
und Ingrimm, aber er brachte es nicht bers Herz, seine Arbeit zu verlassen.
    Noch zwei Tage lang fand das Weie sich ein - dann blieb es verschwunden.
    Am Sonntagvormittag holte er sich das Liederbuch aus seinem Kasten und
wanderte damit nach dem Walde - zur Mahlzeit blieb er aus -, und am Abend fanden
ihn die Zwillinge, die auf der Heide Haschen spielten, pfeifend unter einem
Wacholderbusch liegen, whrend ihm die Trnen ber die Wagen liefen.
    So bersetzte er sich das Buch der Lieder in seine Sprache.
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    Kurze Zeit darauf hrte er, da Frau Douglas von den rzten ein dauernder
Aufenthalt im Sden angeordnet sei und da Elsbeth sie begleiten werde.
    Es ist ganz gut so, sagte er sich, dann wird sie mir nicht mehr so viel
im Kopfe herumspuken. Lange war er unschlssig, ob er ihr das entliehene Buch
wiederschicken sollte oder nicht; er htte es gern behalten, aber sein Gewissen
lie das nicht zu. Er wartete auf eine gnstige Gelegenheit - bis er erfuhr, da
sie abgereist sei. Da gab er sich zufrieden.

                                       9


Fnf Jahre vergingen - fnf Jahre voll Sorgen und Mhen. Paul lie sich das
Leben gar sauer werden, er schaffte von morgens frh bis in die Nacht hinein,
seine fleiige Hand lag auf jeglichem Werke, und was er anfate, gedieh. Aber er
merkte es kaum, denn allstndlich ging sein Geist sorgend in die Zukunft.
    Seine Stirn trug zu allen Stunden die gleichen Falten, sein Auge schaute mit
dem gleichen gedankenschweren, grblerischen Ausdruck vor sich nieder, gleichsam
ins Innere hinein, und oft vergingen Tage, ohne da er bei Tisch und bei der
Arbeit ein einzig Wort gesprochen htte.
    Er trug die berzeugung, da im Grunde sein Schaffen ein hoffnungsloses war.
Auf des Vaters Dank hatte er niemals rechnen knnen, und er lernte leicht, ihn
verschmerzen, aber was er schwerer lernte, war, sich geduldig fgen, wenn des
Vaters Laune in einer Stunde zerstrte, was er mhsam durch Wochen hin aufgebaut
hatte.
    Wenn der Vater von seinen Reisen heimkam, so geschah es nicht selten, da er
ihn vor den Ohren der Knechte einen Pinsel, einen Dummkopf schalt und sich
bitter beklagte, die Wirtschaft in so unfhigen Hnden zurcklassen zu mssen,
wenn die Pflicht - niemand wute, welche Pflicht dies war - ihn in die Ferne
rief.
    Paul schwieg alsdann, denn tief in seinem Herzen ruhte das Gebot: Du sollst
Vater und Mutter ehren. - Den Vater um der Mutter willen, so hatte er es
umgemodelt - aber sein Auge glitt mit einem dster sphenden Blicke von einem
der Knechte zum andern, und wen er lcheln oder in heimlicher Schadenfreude des
Nachbarn Ellbogen streifen sah, den entlie er am folgenden Morgen.
    Einen unter den Knechten gab es, der fast die ganze Zeit ber auf dem
Heidehof gearbeitet hatte. Er hie Michel Raudszus und war litauischer Herkunft.
Er bewohnte auf der Heide, unweit von Helenental, eine armselige, verfallene
Kate, deren Wnde mit Torf belegt waren, damit sie der Sturm nicht umfegte. Er
hatte ein verwahrlostes Weib, das schon zweimal im Gefngnis gesessen hatte und
die Kinder zum Betteln anhielt.
    Er war ein schweigsamer, finsterer Gesell, der seine Arbeit musterhaft
verrichtete und ohne ein Wort des Murrens von dannen ging, wenn man ihn nicht
mehr brauchte, aber pnktlich zur Stelle war, wenn es von neuem Arbeit gab.
    Paul hatte ihn anfangs nicht leiden mgen, denn sein wortkarges, einsames
Wesen und seine scheuen, dsteren Mienen hatten auf ihn einen unheimlichen
Eindruck gemacht, aber dann war's ihm pltzlich eingefallen, da er selber sich
nicht viel anders betrge, und seit dieser Stunde hatte er ihn in sein Herz
geschlossen.
    Der Vater seinerseits schien einen gewissen Respekt vor ihm zu haben, denn
obwohl er, wenn er betrunken war, die Knechte durchzuprgeln pflegte, hatte er
ihn noch niemals angerhrt. - Es war, als ob der Blick, den der Mensch unter
seinen buschigen Brauen hervor ihm zuwarf, ihn im Zaume hielte.
    Dieser Knecht war Pauls treuester Gehilfe. Ihm konnte er selbst den
Marktverkauf des Getreides anvertrauen, und stets wute er die hchsten Preise
zu erhandeln. - - -
    Auf dem stillen Heidehof hatte sich in diesen fnf Jahren langsam und
unmerklich eine groe Vernderung vollzogen. Mehr und mehr verloren sich die
Spuren der Armut, seltener und seltener kehrte die Not bei Tische ein. - Im
Garten zeigten sich zierliche Blumenrabatten, in langen Reihen standen die
Schoten-und die Spargelstauden, und der brchige Bretterzaun war lngst durch
einen neuen ersetzt worden. - Die Herde wuchs alljhrlich um zwei oder drei
wertvolle Khe, und der Milchwagen, der allmorgendlich nach der Stadt fuhr,
brachte am Ersten manchen schnen Groschen heim.
    Da trotzdem von einem beginnenden Wohlstand keine Rede sein konnte, daran
war nur der Vater schuld, der den grten Teil der Einknfte verspekulierte,
wenn er sie nicht durch die Gurgel jagte.
    Hinter seinem Rcken hatte Paul es mglich gemacht, da wenigstens fr die
Geschwister allmonatlich ein paar Taler erbrigt wurden.
    Die Brder brauchten mehr Geld denn je. Max hatte das Staatsexamen gemacht
und absolvierte nun unentgeltlich sein Probejahr bei einem Gymnasium; und
Gottfried, der Kontorist, war alljhrlich etliche Monate auer Stellung. Die
beiden schrieben Bittbriefe in allen mglichen Tonarten, von der jovialen
Forderung: Pump mir mal sofort dreiig Taler, bis zum herzzerreienden Flehen:
Wenn Du nicht willst, da ich zugrunde gehen soll, so habe Erbarmen und so
weiter.
    Paul verbrachte manche schlaflose Nacht ber dem Sinnen, wie ihnen zu
helfen, und nicht selten geschah es, da er sich das Geld an seinem eigenen
Leibe absparte.
    Einmal hatte ihm Gottfried geschrieben, da er gnzlich abgeledert sei und
notwendig einen Sommeranzug brauche. Paul wollte sich gerade einen Sonntagsrock
machen lassen, denn sein alter war ihm ausgewachsen; seufzend packte er das
Geld, das er dafr bestimmt hatte, in ein Kuvert und schickte es dem Bruder,
lie aber in dem Begleitbriefe etwas davon einflieen, da es mit seiner eigenen
Garderobe nicht minder bel bestellt sei. Der Bruder zeigte sich gromtig, er
schickte ihm vierzehn Tage spter ein Paket mit Kleidern und einen Brief, in dem
es hie: Ich schicke Dir anbei einen abgelegten Anzug von mir. Du in Deiner
anspruchslosen Stellung wirst ihn wohl noch verwerten knnen.
    Auch den Zwillingen hatte Paul eine glnzendere Zukunft ermglicht, als die
gedrckten Verhltnisse des Hauses es erwarten lieen. Er hatte dahin gewirkt,
da die Pfarrerin, eine ehemalige Gouvernante, sie in die Privatschule aufnahm,
die sie fr die Tchter wohlhabender Besitzersfamilien aus der Umgegend
errichtet hatte.
    Das Schulgeld war nicht das schlimmste dabei - auch die Bcher und Hefte
lieen sich wohl auftreiben - aber schwer, sehr schwer war es, die ntige
Garderobe instand zu halten, denn sein Stolz litt es nicht, da die Schwestern
hinter ihren Freundinnen zurckblieben und etwa als Bettlerkinder von ihnen
betrachtet wrden. Er selbst hatte das Gefhl, ber die Achsel angesehen zu
werden, allzu sehr an sich kennen gelernt, um es den Schwestern zu gnnen.
    An der Mutter fand er selbst fr diese weiblich gearteten Sorgen keinen
Rckhalt mehr. Sie war nun durch die steten Scheltreden ihres Mannes so sehr
verngstigt, da sie nicht mehr den Mut fand, einen Fetzen Band auf eigene
Verantwortung einzukaufen.
    Was du tust, mein Sohn, wird gut sein, sagte sie; und Paul fuhr zur Stadt
und lie sich von dem Manufakturisten und der Schneiderin betrgen.
    Die Zwillinge blhten empor, sorglos und bermtig, ohne eine Ahnung davon,
welch ein Trauerspiel sich in ihrer nchsten Nhe abspielte.
    In ihrem zehnten Jahre prgelten sie sich mit den Jungen des Dorfes herum,
im zwlften gingen sie mit ihnen auf den Birnendiebstahl, und im fnfzehnten
lieen sie sich von ihnen Veilchenstrue schenken ...
    Sie galten nun weit und breit als die schnsten Mdchen der Gegend. Paul
wute das wohl und war nicht wenig stolz darauf, aber was er nicht wute, war,
da sie sich hinter dem Gartenzaune Stelldichein gaben und da die Hlfte ihrer
Konfirmationsbrder sich rhmen durfte, ihre sen, roten Lippen gekt zu
haben. -

                                       10


Es war im Monat Juni an einem sonnigen Sonntagnachmittag.
    Aus dem Walde herber erscholl leise Trompetenmusik. Dort wurde heut ein
groes Fest gefeiert. Eine stdtische Musikkapelle hatte sich anwerben lassen,
ein Konzert zu geben. Von weit und breit waren die Landbewohner herbeigestrmt,
selbst die Rittergutsbesitzer hatten nicht verschmht, ihre Teilnahme zuzusagen,
denn dergleichen ereignete sich nicht hufig in dem stillen Hinterwald.
    Von Mittag an waren lange Wagenreihen an dem Heidehof vorbergezogen, und
der alte Meyhfer, der nicht gern zu Hause sa, wenn irgendwo was los war, hatte
pltzlich einen Anfall von Gte bekommen und den Weibern zugerufen, sich
schleunigst bereit zu machen, er wolle sich opfern und sie zum Feste fhren.
    Die Zwillinge, die schon lange mit begierig glnzenden Augen zum Fenster
hinausgestarrt hatten, brachen in lauten Jubel aus, Frau Elsbeth lchelte still
zu ihnen hinber und wandte sich dann zu Paul, der in einer Ecke sa und ruhig
an seinen Blumenstcken weiterschnitzelte, als ob ihn das alles nichts anginge.
    Willst du nicht mit? fragte sie.
    Paul kann kutschieren, rief Meyhfer nachlssig.
    Er dankte und meinte, sein Rock sei zu schbig, auch wolle er die Tagelhner
kontrollieren, die sich mit Sonnenuntergang einzufinden hatten. Morgen sollte
die Heuernte beginnen.
    Die Zwillinge sahen ihn an, steckten die Kpfe zusammen und kicherten dann,
als er zur Tr hinausschritt, hngten sie sich an ihn, und Kthe zischelte: Du,
wir wissen was!
    Na, was wit ihr denn?
    Was Schnes! meinte Grete geheimnisvoll.
    'raus damit!
    Elsbeth Douglas ist wieder zu Hause.
    Und in ein helles Gelchter ausbrechend, jagten sie von dannen.
    Paul empfand zuerst einen groen Zorn, da sie ihn zu verspotten wagten,
dann seufzte und lchelte er und wunderte sich, da sein Herz pltzlich so laut
zu pochen begann.
    Eine halbe Stunde spter fuhren die Seinen ab.
    Komm bald nach! rief ihm die Mutter vom Wagen zu, und Kthe raunte ihn
beim Aufsteigen ins Ohr: Ich glaub', sie werden auch da sein.
    Nun stand er allein auf dem verdeten Hof ... Die Mgde waren zum Melken auf
die Weide gegangen, - keine lebendige Seele weit und breit.
    Die Enten in ihrem Tmpel hatten die Kpfe unter die Flgel gesteckt, der
Kettenhund schnappte schlfrig nach Fliegen.
    Paul setzte sich auf den Gartenzaun und starrte nach dem Walde hinber, an
dessen Rande der Schein von hellen Kleidern hin und her flirrte, whrend hie und
da ein helles Leuchten aufblitzte, wenn die Sonnenstrahlen sich in dem Geschirr
der harrenden Fuhrwerke widerspiegelten.
    Der Abend kam. Noch war er unschlssig, ob er es wagen drfte, den Seinen
nachzufolgen.
    Tausend Grnde fielen ihm ein, die sein Zuhausebleiben dringend notwendig
machten, und als es ihm vollstndig klargeworden war, da er ins Haus gehre und
nirgends anders hin, zog er sich seinen Sonntagsrock an und ging zum Feste.
    Es fing an zu dunkeln, als er ber die duftende Heide dahinschritt. Das Herz
schnrte sich ihm zu in tiefgeheimer Angst. - Er wagte nicht nach den Grnden zu
forschen, doch als er an dem Wacholderbusche vorbeischritt, unter dem er einst
Elsbeth sein schnstes Lied gepfiffen, da zuckte ein Schmerz durch seine Brust,
als htte ein Stich ihn getroffen.
    Er hielt an und berlegte, ob er nicht lieber umkehren sollte. - - Mein
Rock ist viel zu schlecht, sagte er sich, ich kann mich in anstndiger
Gesellschaft nicht sehen lassen. Er zog ihn aus und musterte ihn von allen
Seiten. Die Nhte des Rckens zeichneten sich als graue Streifen ab, auf den
Ellbogen sa ein mattsilberner Glanz, und die Kanten der Brustaufschlge wiesen
sogar kleine Fransen auf.
    Es geht beim besten Willen nicht, sagte er, und dann setzte er sich unter
den Wacholderbusch und trumte davon, wie flott und elegant er aussehen wrde,
wenn er es erst bis zu einem neuen Rocke gebracht htte. Aber das wird wohl
noch lange dauern, fuhr er fort, erst mssen Max und Gottfried fest in ihren
Stellungen sitzen, und Grete und Kthe mssen die Ballkleider haben, die sie
sich wnschen, und Mutters Lehnstuhl mu neu gepolstert sein, - - und je mehr
er nachdachte, desto mehr Sachen fielen ihm ein, die den Vorrang hatten.
    Hierauf sah er sich wieder mit einem funkelnagelneuen schwarzen Anzug
angetan, Lackstiefel an den Fen, eine modische Krawatte um den Hals
geschlungen, wie er mit stolz emporgehobenem Haupte in nachlssig vornehmer
Haltung den Ballsaal betrat, whrend Elsbeth ihm hochachtungsvoll
entgegenlchelte.
    Pltzlich fuhr er aus seinen Trumen hoch. - Pfui, ich bin ein rechter Geck
geworden, schalt er, was hab' ich mit Lackstiefeln und modefarbenen Krawatten
zu tun? Und jetzt geh' ich grade in meinem alten Rock zum Walde. - - Zudem ist
es ja auch schon fast dunkel geworden, fgte er vorsichtig hinzu.
    Heller schallten die Trompeten. Jubel und Gelchter drangen durch die
Fichtenzweige an sein Ohr.
    Eine runde Waldwiese war zum Festplatz umgewandelt worden. In der Mitte
erhob sich ein Podium fr die Musikanten, rechts davon stand die Bude des
Schankwirts aus dem Dorfe, der saures Bier und sen Kuchen verkaufte, und auf
der linken Seite war ein Tanzplatz eingezunt, dessen Betreten zehn Pfennig
extra kostete, wie man auf einer groen weien Tafel lesen konnte.
    In weitem Bogen ringsum waren Tische und Bnke aufgeschlagen, wo die
Familien sich an dem mitgebrachten Abendbrot gtlich taten, und mittendurch
drngte sich eine jubelnde, kichernde, gaffende Menge, die nach Liebe oder
Prgeln lstern war.
    Das Konzert war bereits zu Ende, der Tanz hatte begonnen; auf dem
festgestampften Moose drehten die Prchen sich keuchend und stolpernd in die
Runde.
    Der Schein des verglhenden Abends lag auf der Lichtung, whrend das rings
daran grenzende Waldesterrain schon im Dunkel vergraben war. Hier hausten die
Knechte und die Mgde aus den umliegenden Ortschaften, selbst die Kutscher
hatten ihre Fuhrwerke verlassen, da sie's nicht bers Herz brachten, dem
Liebesspiel von ferne zuzusehen. Jeder Busch des Unterholzes schien lebendig,
und aus dem Schoe der Nacht drang leises, verliebtes Gekicher.
    Scheu wie ein Verbrecher schlich Paul sich rings um den Festplatz. Ein
Bangen vor fremden Menschen war ihm schon immer eigen gewesen, aber noch nie
hatte sein Herz sich so angstvoll zusammengekrampft wie in diesem Augenblicke.
    Ob Elsbeth da ist? - Nirgends im Getmmel war von den Bewohnern des
weien Hauses eine Spur, aber auch die Seinen schienen spurlos verschwunden.
Einmal war es ihm, als hre er das girrende Gelchter der Zwillinge an sein Ohr
schlagen, aber im nchsten Augenblick hatte der Lrm es verschlungen.
    Zweimal war er schon in die Runde gegangen, da pltzlich - das Herz drohte
ihm stille zu stehen in Schreck und Wonne - sah er ganz nah vor sich Vater und
Mutter mit der Familie Douglas in friedlichstem Beieinander an einem Tische
sitzen.
    Der Vater hatte die Ellbogen auf den Tisch gesttzt und redete hochrot vor
Eifer auf Herrn Douglas ein. Der breitschultrige Riese mit dem buschigen
Graubart hrte ihm schweigend zu, nickte bisweilen und lchelte vor sich hin.
Die hagere, krnkliche Gestalt mit den hohlen Wangen und den blauen Ringen rings
um die Augen, die das Haupt mde gegen einen Baumstamm gelehnt hatte und mit den
mageren, weien Fingern die Hand der Mutter umschlungen hielt, das war seine
Pate, die ihm stets wie eine Botin aus dem Jenseits erschienen war. Aber neben
ihr - neben ihr die Dame in dem schmucklosen, grauen Kleide, mit dem schlicht
zurckgestrichenen Blondhaar - -
    Elsbeth, Elsbeth, jubelte eine Stimme in ihm, und dann pltzlich sank es
wie eine Wolkenwand zwischen ihm und ihr hernieder und legte sich frostig um
seine Seele und umflorte sein Auge mit feuchten Schleiern.
    Ihr gegenber sa ein Herr mit keckem, blondem Brtchen und noch keckeren,
blauen Augen, der sich vertraulich zu ihr hinberneigte, whrend ein Lcheln
ber ihr stilles Antlitz glitt.
    Den wird sie heiraten, sagte er sich mit einer Bestimmtheit, die mehr als
eine eiferschtige Ahnung war. Mit dem Hellsehertum der Liebe hatte er erkannt,
da diese beiden Naturen sich ergnzten und einander suchen muten. - Und
vielleicht, vielleicht hatten sie sich schon gefunden, dieweil er selber seine
Tage in nichtigen Trumen vergeudete.
    Wie erstarrt blieb er stehen und musterte den Mann, der ihm pltzlich klar
machte, was er verloren - verloren freilich, ohne es je besessen zu haben.
    Wie htte er sich auch jemals mit diesem messen knnen! So - auf ein Haar so
- war ja das Mannesideal beschaffen, von dem er stets getrumt hatte.
    Khn, energisch, siegesbewut - so wollte auch er einst werden - genauso wie
der fremde junge Mann, der mit leichtsinnigem Lcheln zu Elsbeth hinberschaute.
- - Auch trug er Lackstiefel und einen modefarbenen Schlips, und sein Anzug war
vom feinsten, schwarzen Glanztuch.
    Wohl eine Stunde lang stand Paul da, ohne da er wagte, sich vom Platze zu
rhren, Elsbeth und ihr Gegenber mit den Augen verschlingend.
    Es wurde Nacht, er merkte es kaum.
    Lange Reihen von Lampions wurden angezndet und entsendeten einen ungewissen
Dmmerschein auf das bunte Menschengewhl.
    Wie schn bin ich geborgen! dachte Paul und freute sich des Dunkels, in
dem er sich verkrochen hatte. Er achtete nicht darauf, da zwei Mnner auf ihn
zuschritten und sich in seiner Nhe am Boden zu schaffen machten. - Da pltzlich
flammte, kaum drei Schritte von ihm entfernt, ein purpurrotes bengalisches Feuer
auf, das alles ringsum in ein Meer blendenden Lichtes tauchte.
    Rasch wollte er sich in den Schatten eines Baumstammes flchten, aber es war
zu spt.
    Steht da nicht Paul? rief die Mutter.
    Wo? fragte Elsbeth, sich neugierig umwendend.
    Junge, was lungerst du im Finstern 'rum? schrie der Vater.
    Da mute er wohl oder bel hervortreten, und hochrot vor Scham, die Mtze in
der Hand, stand er vor Elsbeth, die den Kopf in die Hand gesttzt hatte und
lchelnd zu ihm aufsah.
    Ja - so ist es immer - der richtige Schleicher, sagte der Vater, ihm einen
Schlag auf die Schulter gebend, und der fremde junge Herr strich sich das Haar
aus der Stirn und lchelte halb gutmtig, halb ironisch.
    Da stand der alte Douglas auf, trat auf ihn zu und ergriff seine beiden
Hnde. Kopf hoch, junger Freund, und Brust 'raus! rief er mit seiner
Lwenstimme. Sie haben keine Ursache, die Augen niederzuschlagen - Sie am
wenigstens auf der ganzen Welt. Wer mit zwanzig Jahren das leistet, was Sie
leisten, der ist ein ganzer Kerl und braucht sich nicht verkriechen. Ich will
Sie nicht eitel machen, aber fragen Sie mal, wer Ihnen das nachtte! Etwa du,
Leo? wandte er sich an den jungen Stutzer, der mit lustigem Auflachen
erwiderte: Mu eben verbraucht werden, wie ich bin, Onkelchen.
    Wenn nur etwas an dir zu verbrauchen wre, du Taugenichts, erwiderte
Douglas. - Dies ist nmlich mein Neffe, Leo Heller, ein Fritz Triddelfitz in
neuer Auflage - - -
    Onkel, ich seng' dir auf!
    Ruhig, du Schlingel.
    Onkel - zwanzig Glas - wer zuerst unterm Tisch liegt -
    Das nennt der Respekt.
    Onkel - du kneifst.
    Ruhig - sieh dir mal hier diesen jungen Landwirt an - zwanzig Jahr alt und
hlt die ganze Wirtschaft am Schnrchen.
    Na, Herr Douglas, ich bin ja auch noch da, rief Meyhfer mit etwas langem
Gesicht.
    Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, erwiderte dieser, aber Sie haben ja
so viel mit Ihrer Aktiengesellschaft zu tun - Sie knnen sich um solche
Lappalien natrlich nicht bekmmern.
    Meyhfer verbeugte sich geschmeichelt, und Paul schmte sich fr ihn, denn
er verstand die Ironie dieser Worte gar wohl.
    Frau Douglas winkte ihn lchelnd zu sich heran, ergriff seine Hand und
streichelte sie. Gro und hbsch sind Sie geworden, sagte sie mit ihrer
matten, freundlichen Stimme, und einen schnen Bart haben Sie bekommen -
    Aber nennen Sie ihn doch du, fiel die Mutter ein, die heute weit freier
schien als sonst. Paul, bitte deine Patin - - -
    Ja, ich - bitte darum, sagte Paul stammelnd, indem er aufs neue errtete.
    Gott wird dich segnen, mein Sohn, sagte Frau Douglas. Du hast es dir
verdient - und dann sank ihr Kopf aufs neue gegen den Baumstamm.
    Paul stand nun hinter der Bank und wute nicht, was beginnen. Es geschah zum
erstenmal, seitdem er erwachsen war, da er sich in fremder Gesellschaft befand.
Sein Blick fiel auf Elsbeth, die, den Kopf auf die Ellbogen gesttzt, sich nach
ihm umschaute.
    Mir willst du wohl gar nicht guten Tag sagen? fragte sie mit leiser
Schelmerei.
    Das vertrauliche Du machte ihm Mut. Er streckte ihr die Hand entgegen und
fragte, wie es ihr ergangen sei die ganze lange Zeit.
    Ein trber Schein flog ber ihr Gesicht. Nicht gut, sagte sie leise, aber
davon spter, wenn wir allein sind.
    Sie rckte ein wenig zur Seite und sagte: Komm! Und als er sich neben sie
setzte, streifte sein Ellbogen ihren Nacken. Da ging ein Schaudern durch seinen
Leib, wie er es nie im Leben gefhlt hatte.
    Leo Heller reichte ihm ber den Tisch weg die Hand und sagte lachend: Auf
gute Freundschaft, Sie Musterknabe, Sie!
    Ich bin leider nicht wert, da man mich zum Muster nhme, erwiderte er in
seiner Unschuld.
    Dann seien Sie glcklich - ich auch nicht. - Nichts ist mir ekelhafter, als
so ein Musterknabe - -
    Warum nannten Sie mich denn so?
    Leo sah ihn verblfft an. Ach, Sie scheinen alles fr Ernst zu nehmen,
sagte er dann.
    Verzeihen Sie - ich bin so wenig an Scherz gewhnt, erwiderte er, und die
Schamrte stieg ihm ins Gesicht. Wie er sich hierbei nach Elsbeth wandte,
bemerkte er, da sie ihm mit eigentmlich tiefem, ernstem Blicke in die Augen
schaute. Da stieg ein jhes Glcksgefhl in seiner Seele auf. Er ahnte, da hier
jemand war, der ihn nicht fr dumm und lcherlich hielt, der seine Natur
verstand und die Gesetze, nach denen sie wirkte.
    Whrend die dreie stillschwiegen, fuhr der Vater am anderen Ende des Tisches
fort, Herrn Douglas den Plan seiner Aktiengesellschaft auseinanderzusetzen.
    Und wenn Sie Vertrauen zu mir haben, Herr! - aber nein! das brauchen Sie
nicht einmal - ich will sagen, wenn Sie Ihr eigen Glcke nicht leichtsinnig
verscherzen wollen - man soll seinem Glcke nicht im Wege stehen, Herr! - wenn
Sie nur ein Quentchen Unternehmungsgeist in sich verspren - o dann, ja dann -!
Sie wissen, Hunderttausende sind hier zu verdienen, das Moor ist unerschpflich
- wozu wollen Sie andere an Ihrer Stelle reich werden lassen, Herr? Vorwrts -
durch Nacht zum Licht, heit meine Devise - ich will streben und kmpfen bis zum
letzten Atemzug - nicht mein eigenes Interesse ist es, was hier auf dem Spiele
steht, mir erscheint es als eine Frage der ganzen Menschheit! Es gilt, diese
wsten Lndereien der Kultur zu gewinnen, es gilt, diesem ganzen Distrikte neues
Lebensblut zuzufhren, es gilt, die Armut dieser Strecken in Wohlstand
umzuwandeln - Wohltter der Menschheit gilt es zu werden, Herr!
    Und in diesem Tone schwadronierte er weiter.
    Dann pltzlich rckte er Douglas ganz nah auf den Leib, und als wollte er
ihm die Pistole auf die Brust setzen, schrie er: Werden Sie also partizipieren,
Herr?
    Douglas fing einen Blick seiner Frau auf, die heimlich nach Frau Elsbeth
hinwies und ihm dabei bittend zublinzelte, dann sagte er, halb belustigt, halb
rgerlich: Meinetwegen.
    Paul schmte sich wieder, denn er las auf dem Gesichte von Douglas, da es
sich fr ihn um weiter nichts handelte als den Scherz, ein paar hundert Taler
zum Fenster hinauszuwerfen. Er wute selbst nur allzu gut, da kein vernnftiger
Mensch die Plne seines Vaters ernsthaft nehmen konnte.
    Hast du unsere Mdchen nicht gesehen, Paul? fragte die Mutter, die nun
nicht minder beklommenen Mutes schien als er.
    Nein, er hatte sie nirgends gesehen.
    So geh - schau dich nach ihnen um - sie sind zum Tanzplatz gegangen - sag
ihnen, sie mchten nicht zu sehr jagen - sie erklten sich sonst.
    Paul erhob sich.
    Ich werde dich begleiten, sagte Elsbeth.
    Darf ich nicht auch mitkommen, Cousinchen? fragte Vetter Leo.
    Bleib du nur hier, erwiderte sie leichthin, worauf er erklrte, sich vor
Gram den Tod geben zu mssen.
    Ein lustiger Vogel, sagte Paul mit einem Seufzer des Neides, als er neben
ihr durch das Gedrnge schritt.
    Ja aber mehr auch nicht, erwiderte sie.
    Hast du ihn gern?
    Gewi - sehr.
    Sie wird ihn doch heiraten, dachte Paul.
    Ringsum schrie und johlte die Menge. Ein Lampion war in Flammen aufgegangen,
und eine Schar junger Burschen bemhte sich, es von der Schnur herunterzureien.
Flammende Papierfetzen flogen in die Luft, und der flssige Stearin spritzte in
die Runde.
    Elsbeth legte ihren Arm in den seinen und schmiegte den Kopf an seine
Schulter. Wiederum durchrieselte ihn jener wonnige Schauer, den er sich nicht zu
erklren vermochte.
    So - jetzt bin ich geborgen, sagte sie flsternd. Komm hernach in den
Wald, Paul, ich habe dir so viel zu erzhlen - dort sind wir ungestrt.
    Und wie sie das sagte, wurde ihm ganz angst vor lauter Freude.
    Nun waren sie am Tanzplatz angelangt. Die Trompeten lrmten, und die Tnzer
wirbelten in die Runde.
    Wollen wir auch tanzen? fragte sie lchelnd.
    Ich kann ja nicht, erwiderte er.
    Schadet nichts, sagte sie, in solchen Fllen ist ja Leo da.
    Die trichten Trume fielen ihm ein, die er heute unter dem Wacholderbusch
getrumt hatte. - So geht's mit allem, was ich mir ausmale, dachte er.
    Ich hab' noch ein Buch von dir, Elsbeth, sagte er dann.
    Ich wei, ich wei, erwiderte sie, indem sie lchelnd zu ihm aufschaute.
    Verzeih, da ich -
    Was bist du fr ein Kleinkrmer! scherzte sie. Leo hat mir inzwischen
meine ganze Bibliothek zunichte gemacht und verlangt nun, ich soll sie ihm
ersetzen - er habe nichts mehr zu lesen.
    Leo - und immer wieder Leo! -
    Hast du viel Schnes herausgelesen? fragte sie dann.
    Ich konnte einmal alles auswendig.
    Und jetzt?
    Jetzt, ach, du lieber Gott! - ich habe an so viel Alltgliches zu denken -
es pat nicht mehr in meinen Kopf.
    In meinen auch nicht, Paul! - Das macht, wir haben zu viel vom Leben
erfahren - die Poesie ist uns verloren gegangen.
    Dir auch?
    Sie seufzte. Die arme Mutter! sagte sie dann.
    Was ist's?
    Sieh, seit fnf Jahren bin ich nun Krankenpflegerin, sagte sie, da gibt
es manche trbe Stunde, und wenn die Nachtlampe brennt und die Augen einem
schmerzen vom vielen Wachen und drauen der Sturm an den Lden rttelt - da
kommen einem mancherlei Gedanken ber Leben und Sterben, ber Liebe und
Verlassenheit - na, kurz und gut - da macht man sich im Kopf sein eigen
Liederbuch zurecht und liest nicht mehr in fremden. - Aber komm heraus aus dem
Lrm - ich mcht' dich so viel fragen - und man versteht hier ja kaum sein eigen
Wort.
    Sogleich, sagte er, ich will nur erst - -
    Seine Augen glitten sphend ber den Platz, da hrte er hinter sich eine
lachende Mnnerstimme sagen: Du - sieh mal dort die beiden mannstollen kleinen
Krten.
    Unwillkrlich wandte er sich um und bemerkte die Gebrder Erdmann, die er
seit Jahren nicht zu Gesicht bekommen hatte. Sie waren inzwischen auf der
Ackerbauschule gewesen und groe Herren geworden.
    Mit denen wollen wir ulken, sagte der andre. Darauf schlpften sie lachend
in den Kreis der Tanzenden.
    Gleich darauf bemerkte Paul auch seine Schwestern. Der braune Lockenwald
hing ihnen wirr ins Gesicht, ihre Wangen flammten, ihr Busen wogte, und ihre
Augen blickten verliebt und verwildert.
    Wie glcklich sie aussehen - die holden Geschpfe, sagte Elsbeth.
    Paul hielt ihnen eine kleine Strafpredigt - sie achteten seiner kaum,
sondern guckten mit einem girrenden Kichern an seinen Schultern vorber. Und als
er sich umwandte, gewahrte er die beiden Erdmnner, die sich hinter dem Podium
der Musikanten verborgen hatten und von dort aus verstohlene Zeichen machten.
    Die Zwillinge waren ihm unterdessen entschlpft, und auch die Erdmnner
verschwanden.
    Komm hier fort, sagte Elsbeth.
    Er bejahte, blieb war wie angewurzelt stehen.
    Was hast du? fragte sie.
    Er wischte sich mit der Hand ber die Stirn - das bse Wort, das er gehrt,
wollte ihm nicht aus dem Kopfe gehen.
    Die Schwestern waren jung - bermtig - unerfahren - niemand bewachte sie -
wie, wenn sie sich etwas vergben? - wenn sie - -? eiskalt rieselte es ihm ber
den Leib.
    Und er - der sich geschworen hatte, ihnen ein treuer Wchter zu sein, er
ging hier seinen Freuden nach, er -
    Komm zum Walde, bat Elsbeth noch einmal.
    Ich kann nicht, stie er hervor ...
    Verwundert sah sie ihn an ...
    Ich mu - - die Schwestern - niemand ist bei ihnen - sei nicht bse.
    Fhr mich zum Tisch zurck, sagte sie.
    Er tat es. Beide sprachen kein Wort mehr.
    Fnf Minuten spter berraschte er die Schwestern, wie sie Arm in Arm mit
den Erdmnnern nach dem Walde entschlpfen wollten.
    Wohin? fragte er, zwischen sie tretend.
    Sie schlugen verlegen die Augen nieder, und Kthe stammelte: Wir - wollten
ein bichen spazieren gehen ...
    Die Gebrder Erdmann stimmten einen Biedermannston an, schttelten ihm
herzhaft die Hand und wnschten dringend die Freundschaft der Jugendjahre zu
erneuern. - Hinterher zeigten sie ihm die Fuste.
    Ihr geht jetzt zur Mutter, sagte er zu den Zwillingen, und als sie zu
schmlen begannen, zog er sie an den Armen mit sich fort ...
    Der Tisch war zur Hlfte leer ... Die Familie Douglas hatte das Fest
verlassen.
    Da ging er in den Wald und dachte darber nach, was er Elsbeth wohl alles
htte sagen knnen. - Aber es sollte ja nicht sein - - es kam immer was
dazwischen.

                                       11


Es war Johannisnacht. Der Holunder duftete. - In silbernen Schleiern hing der
Mondenglanz ber der Erde.
    Im Dorfe gab's groen Jubel. - Teertonnen wurden angezndet, und auf dem
Anger tanzten Knechte und Mgde. Weithin lohten die Flammen ber die Heide, und
die qukenden Tne der Fiedel zogen melancholisch durch die Nacht.
    Paul stand am Gartenzaun und schaute in die Weite. Die Knechte waren zum
Johannisfeuer gegangen, und auch die Schwestern waren noch nicht daheim. Sie
hatten sich Erlaubnis ausgebeten, Pfarrers Hedwig, ihre Gespielin, zu besuchen,
ein schlichtes, stilles Mdchen, dessen Gesellschaft er sie gern anvertraute.
    Nun wollte er warten, bis alle heimgekehrt waren.
    Der Mondschein zog ihn auf die Heide hinaus. - In mitternchtlichem
Schweigen lag sie da; nur in den Erikabschen zirpte bisweilen eine Grasmcke
wie aus dem Schlafe heraus. - Die Lichtnelken neigten ihre rtlichen Hupter -
und die Knigskerze leuchtete, als wollte sie dem Mondenglanz den Rang ablaufen.
    Langsam, mit schlrfenden Schritten schritt er weiter, bisweilen ber einen
Maulwurfshgel stolpernd oder sich im Blttergewinde verwickelnd. In leuchtenden
Fnkchen sprhte der Tau vor ihm her. - So kam er in die Region der
Wacholderbsche, die noch gnomenhafter dreinschauten als sonst.
    Gleich einer schwarzen Mauer ragte der Wald vor ihm empor, und der
Mondenglanz ruhte darauf wie frischgefallener Schnee. Er fand den Platz, an dem
vor Jahren die Hngematte gehangen - in gespenstischem Dmmerschein schimmerte
die Lichtung durch das schwarze Gezweig. - Weiter und weiter zog's ihn. - Wie
ein Palast aus flimmerndem Marmor stieg das weie Haus mit seinem Erker und
seinen Giebeln vor seinem Blick empor. - Tiefes Schweigen lag auf dem Gutshof,
nur hin und wieder schlug ein Hund an, um sofort zu verstummen.
    Er stand vor dem Gittertor, ohne zu wissen, wie er hingekommen war. - Er
fate die Stbe mit beiden Hnden und guckte ins Innere. In Mondenglanz gebadet,
lag der weite Hofplatz vor ihm da - in schwarzen Konturen hoben sich die
Wirtschaftswagen ab, die in Reih und Glied vor den Stllen standen - eine weie
Katze schlich am Gartenzaun vorbei - sonst lag alles im Schlafe.
    Lngs dem Zaune ging er weiter. In dem Aschenhaufen hinter der Schmiede lag
ein Huflein glimmender Kohlen, die wie brennende Augen aus dem Dunkel guckten.
Jetzt begann der Garten. Hochstmmige Linden neigten ihre Zweige ber ihn, und
ein Duft von Goldregen und frhen Rosen wogte durch die Gitterstbe betubend
ber ihn her. Durch das Gezweig hindurch erglnzten wie silberne Bnder die
kiesbestreuten Pfade, und die Sonnenuhr, die der Traum seiner Kindheit gewesen,
ragte dster dahinter empor.
    Das weie Haus kam nher und nher. Jetzt konnte er fast in die Fenster
gucken. Auch hier schien alles zu schlafen.
    Er hatte hie und da - auch in dem Liederbuch davon gelesen, da der
Geliebte in Mondscheinnchten seiner Herzensdame eine Serenade zu bringen pflegt
- mit Gitarren- und Mandolinenbegleitung, wenn's angeht. So war's in den schnen
Ritterzeiten gewesen und in Spanien oder in Italien vielleicht noch heute. Das
fiel ihm ein, und er malte sich aus, wie es sich wohl machen wrde, wenn er,
Paul, der Dumme, hier als irrender Ritter die Leute zu schlagen begnne,
sehnsuchtsvolle Liebeslieder dazu krhend.
    Er mute laut auflachen bei dem Gedanken, und dann kam ihm zu Sinn, da er
ja sein Musikinstrument zu allen Zeiten bei sich trge. Er setzte sich auf den
Grabenrand, lehnte den Rcken gegen einen Zaunpfahl und fing zu pfeifen an -
erst scheu und leise, dann immer khner und lauter, und wie immer, wenn er
seinen Empfindungen ganz berlassen war, verga er zu guter Letzt alles um sich
her.
    Wie aus tiefen Trumen wachte er auf, als er jenseits des Zaunes die Zweige
rauschen und knacken hrte. - Erschrocken wandte er sich um.
    Drben stand Elsbeth in weiem Nachtanzuge - einen dunklen Regenmantel
flchtig darber geworfen.
    Im ersten Augenblicke war ihm zumute, als msse er auf und davon laufen,
aber die Glieder waren ihm wie gelhmt.
    Elsbeth - was machst du hier? stammelte er.
    Ja, was machst du hier? fragte sie lchelnd zurck.
    Ich - ich - pfiff ein bichen.
    Und dazu bist du hierher gekommen?
    Warum soll ich nicht?
    Da hast du Recht - ich werd's dir nicht verbieten.
    Sie hatte die Stirn gegen die Gitterstbe gepret und schaute ihn an. Beide
schwiegen.
    Willst du nicht nher treten? fragte sie dann - wahrscheinlich im unklaren
ber das, was sie sagte.
    Soll ich ber den Zaun klettern? fragte er ganz unschuldig zurck.
    Sie lchelte. Nein, sagte sie dann kopfschttelnd, man knnte uns vom
Fenster aus sehen, und das wre nicht gut. - Aber sprechen mu ich dich - warte
- ich komm' zu dir hinaus und begleite dich ein Stck.
    Sie schob eine lockere Stakete zur Seite und schlpfte ins Freie, dann
reichte sie ihm die Hand und sagte: Es ist recht von dir, da du gekommen bist,
es hat mich oft verlangt, mit dir zu reden, aber dann warst du niemals da. Und
sie seufzte tief auf, als bermannte sie die Erinnerung an schwere Stunden.
    Er zitterte am ganzen Leibe. Der Anblick der jungfrulichen Gestalt, die in
ihrem Nachtgewande so keusch und unbefangen vor ihm stand, raubte ihm fast den
Atem. In seinen Schlfen hmmerte es - seine Blicke suchten den Boden.
    Warum sprichst du nichts zu mir? fragte sie.
    Ein irres Lcheln flog ber sein Gesicht.
    Sei nicht bse, prete er hervor.
    Warum sollt' ich bse sein? fragte sie, ich freue mich ja, da ich dich
einmal ganz fr mich hab'. Aber seltsam ist's - ganz wie in einem Mrchen. Ich
steh' am Fenster und guck' in den Mond - Mama ist eben eingeschlafen, und ich
denk' bei mir, ob ich's wohl wagen soll, auch zu Bette zu gehen - aber mein Kopf
ist mir so unruhig und meine Stirn brennt - so friedlos ist mir zumute. Da mit
einem Male hr' ich vom Garten her jemanden pfeifen, so schn, so klagend, wie
ich's nur ein einzig Mal in meinem Leben vernommen hab', und das ist lange her.
Das kann nur Paul sein, sag' ich mir, und je lnger ich hre, desto klarer
wird's mir. Aber wie kommt der hierher? frag' ich mich, und da ich mir durchaus
Gewiheit verschaffen will, nehm' ich meinen Mantel um und schleich' mich
hinunter - so - da bin ich nun - und jetzt komm - wir wollen zum Walde gehen -
dort kann uns keiner sehen.
    Sie legte ihren Arm in den seinen. Schweigend schritten sie ber die
mondhellen Wiesen.
    Und dann pltzlich schlug sie beide Hnde vors Gesicht und fing bitterlich
zu weinen an.
    Elsbeth, was ist dir? rief er erschrocken.
    Sie wankte, ihre weiche Gestalt erbebte in lautlosem Schluchzen.
    Elsbeth, kann ich dir nicht helfen? bat er.
    Sie schttelte heftig den Kopf. La nur, prete sie hervor, es ist gleich
vorber.
    Sie versuchte weiterzuschreiten, aber die Krfte versagten ihr. Aufseufzend
lie sie sich an einem Grabenrain ins feuchte Gras niedersinken.
    Er blieb vor ihr stehen und schaute auf sie nieder. Ausweinen lassen, das
war die Regel, die er schon oft im Leben erprobt hatte. - All sein Bangen war
von ihm gewichen. Hier gab es etwas zu trsten, und im Trsten war er Meister.
    Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, setzte er sich neben sie und sagte
leise: Willst du nicht dein Herz ausschtten, Elsbeth?
    Ja, das will ich, rief sie, hab' ich doch drauf gewartet volle drei Jahre
lang. So lang' hab' ich's mit mir herumgetragen, Paul, und bin fast erstickt
unter der Last und hab' keinen Christenmenschen gefunden, dem ich's htt'
anvertrauen knnen. Unten in Italien, auf dem schnen Capri, wo alles lacht und
jubelt, da bin ich oftmals mitten in der Nacht ans Meer 'runtergeschlichen und
hab' aufgeschrien in meiner Qual, und bin morgens wieder zurckgekehrt und hab'
gelacht, mehr noch wie die andern, denn die Mutter - o Mutter - Mutter! rief
sie, aufs neue laut aufschluchzend.
    Sei ruhig, du hast ja jetzt mich, dem du's sagen kannst, flsterte er ihr
zu.
    Ja, dich hab' ich - dich hab' ich, prete sie hervor und lehnte das
Antlitz gegen seine Schulter. Sieh, das hab' ich immer gewut; aber was half's
mir? - Du warst ja weit weg - und oftmals war ich auch nahe daran, dir zu
schreiben, aber ich frchtete, du seiest mir fremd geworden und wrdest es bel
auslegen ... Und seitdem wir wieder zurck sind, hab' ich nur einen Gedanken:
Ihm mut du dich anvertrauen, er ist der einzige, der den Kummer kennt - er wird
dich verstehn.
    Sag, was ist's, Elsbeth? bat er.
    Sie mu sterben! stie sie laut aufschreiend hervor.
    Deine Mutter?
    Ja!
    Wer hat dir das gesagt?
    Der Professor in Wien, von dem sie sich untersuchen lie. Ihr hat er ein
vergngtes Gesicht gemacht und gesagt: Wenn Sie sich schonen, knnen Sie hundert
Jahre alt werden, aber hinterher hat er mich holen lassen und hat mich gefragt:
Sind Sie stark, mein Frulein, knnen Sie die Wahrheit vertragen? - Ich bitte
Sie darum, hab' ich geantwortet. Ihnen mu ich's anvertrauen, sagte er da, denn
Sie sind die einzige, die hier ber sie wacht. Und darauf hat er mir mitgeteilt,
da sie jeden Tag wegsterben knne -, wenn nicht - und dann hat er mir eine
Menge Maregeln an die Hand gegeben, die sie alle beobachten mu, mit Essen und
Trinken und Klima und Gemtsaufregung und mehr noch. Sieh, seit diesem Tage
zitterte ich um sie von frh bis spt und sorge und wache und finde keine Ruh.
Manchmal kommt's dann ber mich, da ich mir sage: Du bist jung und willst
leben, und dann versuch' ich zu jubeln und zu singen, aber der Ton erstickt mir
in der Kehle, und ich sinke wieder zusammen. Freilich, der Mutter mu ich ein
frhlich Gesicht zeigen und dem Vater auch.
    Aber warum hast du dich ihm nicht anvertraut? fiel er ihr ins Wort.
    Soll auch sein Leben vergiftet werden? erwiderte sie. Nein, lieber trag'
ich's fr mich allein, als da ich auch ihn leiden sehen sollte. Er ist
frhlichen Gemtes und hngt an ihr mit seiner ganzen Seele - sonst ist er wohl
manchmal heftig und aufbrausend, nur ihr hat er noch kein bses Wort gesagt -
la ihn hoffen, solange er's vermag - ich verrat's ihm nicht.
    Sie sttzte den Kopf in beide Hnde und starrte vor sich hin.
    Ihm fiel das Mrchen seiner Mutter ein. Frau Sorge, Frau Sorge, murmelte
er vor sich hin.
    Was sagst du da? fragte sie und sah ihn mit groen, trostverlangenden
Augen an.
    Ach nichts, erwiderte er mit einem traurigen Lcheln, ich wollte, ich
knnte dir helfen.
    Wer knnte das wohl?
    Und doch kann ich's vielleicht, sagte er, es hat dir nur einer gefehlt,
mit dem du dich aussprichst. Du bist gar nicht so bel dran, wie du denkst -
zwar dich hat die Frau Sorge auch gesegnet ...
    Was heit das? fragte sie.
    Und darauf erzhlte er ihr den Anfang jenes Mrchens, so gut er's im
Gedchtnis behalten hatte.
    Und wie erlst man sich von diesem Segen? fragte sie dann.
    Ich wei es nicht, erwiderte er, die Mutter hat mir das Ende des Mrchens
niemals erzhlen wollen. Ich glaube auch nicht, da es eine Erlsung gibt.
Solche Menschen wie wir, die mssen gutwillig auf das Glck verzichten, und wenn
es ihnen noch so nahe ist, sie sehen es nicht - es kommt ihnen immer was Trbes
dazwischen. Das einzige, was sie knnen, ist, ber das Glck der andern zu
wachen und zu sorgen, da es ihnen so gut wie mglich gehe.
    Ich mchte aber auch ein bichen glcklich sein, sagte sie, die Augen
treuherzig zu ihm aufschlagend.
    Ich wnschte, ich wre so glcklich wie du, erwiderte er.
    Htt' ich nur nicht immer Angst, klagte sie.
    Die Angst - mit der mut du dich schon befreunden - die hab' ich mein
Lebtag gehabt, und wenn ich nicht wute, warum, so hab' ich mir rasch 'nen Grund
zurechtgemacht. Es ist auch gar nicht so schlimm damit - wenn man die Angst
nicht htt', man wrd' ja nicht wissen, warum man lebt. - Aber denk' nur einmal
nach, wie zufrieden du sein kannst: Du siehst lauter frhliche Gesichter um
dich, die Mutter fhlt sich glcklich, trotz allem Leiden - das tut sie doch?
    Ja, Gott sei Dank, sagte sie, sie ahnt gar nicht, wie schlimm es mit ihr
steht.
    Na, siehst du! - Und der Vater ahnt es ebensowenig; keine Sorge drckt sie,
sie lieben sich und lieben dich auch, kein bses Wort fllt zwischen euch - und
wenn die Mutter einmal die Augen zumacht, so wird sie's vielleicht im Lcheln
tun und wird sagen knnen: ich bin doch immer recht glcklich gewesen! - Sag mal
- kannst du mehr verlangen?
    Aber sie soll nicht sterben! rief Elsbeth.
    Warum nicht? fragte er, ist der Tod denn so schlimm?
    Fr sie nicht - aber fr mich.
    Auf einen selber kann es da nie ankommen, erwiderte er, die Lippen hart
zusammenpressend, man mu eben sehen wie man mit sich fertig wird. - - Der Tod
ist nur dann schlimm, wenn man sein Lebtag auf das Glck gewartet hat, und es
ist nicht gekommen. Da mu einem zumute sein, wie wenn man hungrig von einem
reichbesetzten Tische aufsteht, und das mcht' ich jedem Menschen ersparen, den
ich liebhabe. - Sieh mal, ich hab' auch eine Mutter - die hat auch mal glcklich
sein wollen und mcht' es jetzt noch gar zu gerne - ich bin der einzige, der ihr
die Sorge vom Halse schaffen knnte, und ich bin nicht imstande dazu. Was meinst
du, wie mir da zumute sein mu? Ich seh', wie sie alt wird in Gram und Not ...
ich kann die Runzeln zhlen auf ihrer Stirn und ihren Backen ... ihr Mund fllt
ein, und ihr Kinn wird lang ... sie spricht schon lange kein lautes Wort mehr,
stiller wird sie von Tag zu Tag ... und so still wird sie eines Tages wegsterben
... und ich werd' dastehen und werd' sagen: du bist schuld daran, du hast ihr
nicht einen einzigen Tag des Glckes bereiten knnen.
    Armer Mensch du, flsterte sie, kann ich dir gar nicht helfen?
    Niemand kann mir helfen - solange der Vater - er hielt inne, erschrocken
ber den Lauf seiner eigenen Gedanken.
    Beide schwiegen. - Lange saen sie regungslos da, die zwanzigjhrigen
Hupter sorgenvoll in die Hnde gesttzt. Der Mondenglanz lag silbern auf ihren
Haaren, die der weiche Heidewind leis tndelnd bewegte.
    Dann fuhr ein Wolkenschatten ber sie hin.
    Sie erbebten beide.
    Ihnen war zumute, als breitete jene traurige Fee, die sie Frau Sorge
nannten, den dsteren Fittich ber sie.
    Ich will nach Hause, sagte Elsbeth sich erhebend.
    Geh mit Gott, antwortete er feierlich.
    Sie ergriff seine beiden Hnde. Hab Dank, sagte sie leise, du hast mir
sehr, sehr wohlgetan.
    Und wenn du mich wieder brauchst -
    So komm' ich zu dir zu pfeifen, erwiderte sie lchelnd.
    Und dann schieden sie.
    Wie im Traume schritt Paul durch den finsteren Wald.
    Die Fichten rauschten leise ... auf dem grauen Moose tanzten die
Mondenstrahlen.
    Es ist doch seltsam, dachte er, da sie mir alle ihr Leid klagen, und er
folgerte daraus, da er von allen der Glcklichste wre.
    Oder der Unglcklichste, fgte er nachdenklich hinzu, doch dann lachte er
geheimnisvoll und warf die Mtze in die Luft.
    Als er auf die helle Heide hinaustrat, bemerkte er, wie zwei Schatten vor
ihm herhuschten und in der nebligen Ferne verschwanden. Gleich darauf hrte er
es hinter sich in den Wacholderbschen knacken.
    Rasch wandte er sich um und sah ein zweites Schattenpaar, das hinter einem
Busche in die Erde sank.
    Die ganze Heide scheint lebendig heute, murmelte er, und lchelnd fgte er
hinzu: Freilich, es ist ja Johannisnacht!
    Bald nach ihm kamen mit wirren Haaren und erhitzten Gesichtern die Zwillinge
nach Hause. Sie erklrten, der Pfarrer habe ihnen bis Mitternacht Karten gelegt.
Sie wrden demnchst einen Mann bekommen.
    Kichernd schlpften sie in ihre Schlafzimmer.

                                       12


Der alte Meyhfer schwamm in lauter Glck. Die Zusage des reichen Douglas, sich
an seinem Unternehmen zu beteiligen, hatte seine Aussichten pltzlich zu
schwindelnder Hhe steigen lassen. Die Ohren, die sich ihm bis dahin
verschlossen hatten, begannen begierig seinen Auseinandersetzungen zu lauschen,
und in den Gasthusern, in denen er bis dahin mit halb spttischem, halb
mitleidigem Lcheln empfangen worden war, galt er nun als groer Mann.
    Mit seinem halben Vermgen will er hineinspringen, so erzhlte er; wir
sind bereits mit Borsig in Berlin in Verbindung getreten, der uns die ntigen
Maschinen liefern will; aus Oldenburg haben wir uns einen technischen Direktor
verschrieben, und tagtglich kommen Anfragen an uns, zu welchem Preise wir die
Million Torfziegel abgeben wollen.
    Die Folge davon war, da man ihn drngte, mit der Emission der Aktien zu
beginnen. Und wenn man sich um ihn scharte und ihn bat, soundsoviel Stck fr
jeden zu reservieren, warf er sich hochmtig in die Brust und meinte, sie wrden
wahrscheinlich in festen Hnden bleiben.
    Zu Hause beschftigte er sich damit, die Embleme fr die Briefbogen der
knftigen Firma zu entwerfen, und in allen seinen Taschen klimperte das geborgte
Geld.
    Vier Wochen waren seit jener Johannisnacht verflossen, da wurden aus
Helenental zwei Einladungskarten abgegeben, eine fr Herrn Meyhfer junior und
die andre fr die jungen Damen.
    Zum Gartenfest, hie es darin.
    Aha, man buhlt schon um unsere Gunst, rief der Alte, die Ratten riechen
den Speck.
    Paul ging mit seiner Karte, die Elsbeths Handschrift trug, hinter den
Heuschober und studierte die Buchstaben in aller Einsamkeit wohl eine Stunde
lange.
    Dann stieg er in seine Giebelstube empor und stellte sich vor den Spiegel.
    Er fand, da sein Bart an Umfang zugenommen hatte und nur an den Backen noch
sprliche Stellen aufwies.
    Es wird sich machen, sagte er in einem Anfall von Eitelkeit, doch als er
sich nun lcheln sah, wunderte er sich ber die tiefen, traurigen Falten, die
sich von den Augen an der Nase vorbei bis zu den Mundwinkeln herabzogen.
    Falten machen interessant, trstete er sich.
    Von dieser Stunde an war er ausschlielich mit dem Gedanken beschftigt,
welche Rolle er auf dem Feste wohl spielen wrde. - Er bte sich vor dem Spiegel
einen schulgerechten Bckling ein, besah allmorgendlich seine Sonntagskleider
und suchte die Schbigkeit des Rockes durch ein berbrsten mit schwarzer Farbe
zu vermindern.
    Die Einladung hatte eine ganze Revolution in seinem Geiste hervorgerufen.
Sie war ihm ein Gru aus dem gelobten Lande der Lust, das er wie Moses sonst nur
von ferne gesehen. Und nicht umsonst war er zwanzig Jahre alt.
    Der Tag des Festes kam heran.
    Die Schwestern hatten ihre weien Mullkleider angezogen und dunkle Rosen ins
Haar gesteckt. Sie tnzelten vor dem Spiegel auf und nieder und fragten
einander: Bin ich schn? - Und obwohl sie die Frage gern bejahten, so ahnten
sie doch kaum, wie schn sie waren. - Die Mutter sa in einem Winkel, sah ihnen
zu und lchelte.
    Paul rannte beklommen hin und her - innerlich verwundert, da ein so frohes
Ereignis einem so groe Angst bereiten knne. - Er hatte sich in letzter Stunde
allerhand schne Reden einstudiert, die er auf dem Feste zu halten
beabsichtigte. ber Menschenwohl, ber Torfkultur und ber Heines Buch der
Lieder. Man sollte schon sehn, da er imstande war, sich mit Damen
liebenswrdig zu unterhalten.
    Die offene Chaise, ein berbleibsel aus der verflossenen Herrlichkeit,
fhrte die Geschwister zum Feste. Den Rckweg wollten sie zu Fue machen. - -
    Bei der Auffahrt bemerkte Paul ber den Gartenzaun hinweg hellfarbige
Kleider durch die Gebsche flirren und hrte ein Kichern von lustigen
Mdchenstimmen. Seine unbehagliche Stimmung wuchs dadurch um ein bedeutendes.
    In der Veranda empfing sie Herr Douglas mit einem frhlichen Lachen. Er
kniff den Schwestern in die Wangen, klopfte ihn selber auf die Schulter und
sagte: Nun, junger Rittersmann, heut werden wir uns die Sporen verdienen.
    Paul drehte seine Mtze in der Hand und brach in ein einfltiges Lachen aus,
ber das er sich selber rgerte.
    Nun allons zu den Damen! rief Herr Douglas, nahm die Schwestern unter die
Arme, und er selber mute hinterdrein trotten.
    Das Kichern kam nher und nher - auch lustige Mnnerstimmen schallten
darein -, ihm war zumute, als sollte er gekpft werden. Und dann legte es sich
wie ein Flor vor seine Augen - undeutlich gewahrte er eine Flle fremder
Gesichter, die aus Wolken heraus ihn anstarrten. - Seine Rede ber die
Torfkultur fiel ihm ein, aber damit war in diesem Augenblicke nichts zu machen.
    Dann sah er Elsbeths Antlitz in dem Nebel auftauchen. Sie trug Brosche mit
blauen Edelsteinen und lchelte ihn freundlich an. Trotz des Lcheln war sie ihm
nie so fremd erschienen wie in diesem Augenblicke.
    Herr Paul Meyhfer, mein Jugendfreund, sagte sie, ihn bei der Hand
nehmend, und fhrte ihn herum. Er verbeugte sich nach allen Seiten und hatte ein
unbestimmtes Gefhl, als ob er sich lcherlich mache.
    He - da ist auch mein Musterknabe, rief des Vetters lustige Stimme, und
alle Damen kicherten.
    Darauf hie man ihn sich niedersetzen und bot ihm eine Tasse Kaffee.
    Mama hat sich ein wenig niedergelegt, flsterte Elsbeth ihm zu, Sie ist
nicht wohl heute.
    So, sagte er und lchelt albern dazu.
    Vetter Leo hatte einen Kreis von jungen Damen um sich versammelt und
erzhlte ihnen die Geschichte von einem jungen Referendar, der so gern Ses
gegessen habe, da er beim Anblick einer Tte Pralins, die er nicht haben
durfte, zum Zuckerhut erstarrt sei. Darber wollten sie sich vor Lachen
ausschtten.
    O knntest du doch auch solche Geschichten erzhlen! dachte Paul, und da
ihm nichts Besseres einfiel, a er ein Stck Kuchen nach dem andern.
    Die Schwestern waren sofort von ein paar fremden jungen Herren in Beschlag
genommen worden, denen sie dreist in die Augen lachten, whrend die
schlagfertigsten Antworten ihnen aus dem Munde sprudelten.
    Die Schwestern erschienen ihm pltzlich wie Wesen aus hheren Welten.
    Wir wollen jetzt ein schnes Spiel spielen, meine Damen, sagte Vetter Leo,
indem er die Knie bereinanderschlug und sich nachlssig in den Sessel
zurcklehnte. Das Spiel heit Krbe kriegen!. Die Damen gehen einzeln spazieren
und die Herren auch. Der Herr fragt die ihm begegnende Dame: Est-ce que vous
m'aimez? und die Dame antwortet entweder: Je vous adore, dann wird sie seine
Frau, oder sie gibt ihm stillschweigend einen Korb. - Wer die meisten Krbe
bekommt, erhlt eine Zipfelmtze, die er den Abend ber tragen mu.
    Die Damen fanden das Spiel sehr lustig, und alle erhoben sich, um es sofort
ins Werk zu setzen. Auch Paul stand auf, obwohl er am liebsten in seinem dunkeln
Winkel sitzen geblieben wre.
    Wie mag das fremde Wort wohl heien? fragte er sich; er htte sich gern
bei einem der Herrn erkundigt, aber er schmte sich, seine Unwissenheit zu
verraten und so seinen Schwestern Schande zu machen. Elsbeth war mit den andern
Mdchen auf und davon gegangen, ihr htte er sich am liebsten anvertraut.
    So schlich er trbselig den anderen nach, doch als er die erste der Damen
sich entgegenkommen sah, war die Angst in ihm so gro, da er rasch vom Pfade
abbog und sich im dicksten Gebsche verbarg.
    Dort war ein Stcklein Wildnis, wie im tiefen Walde. Nesseln und Farnkraut
erhoben ihre schlanken Stauden, und die unheimliche Wolfsmilch stritt mit
breitblttrigen Kletten um die Oberherrschaft. In diesem Blttergewirr kauerte
er nieder, sttzte die Ellbogen auf die Knie und dachte nach.
    Also das nannten die Menschen sich amsieren? Es war gut, da er's einmal
kennengelernt, aber gefallen wollt's ihm nicht. Zu Hause war's jedenfalls
hbscher - und zudem, wer konnte wissen, ob die Mgde zur rechten Zeit mit dem
Jten fertig geworden? ... Ob der Torf nicht allzu feucht in Haufen gebracht
worden war? ... Es gab so viel daheim zu tun, und er trieb sich herum und lie
sich auf trichte Spiele ein wie ein Hansnarr ... Wenn nicht Elsbeth gewesen
wre ... aber freilich, was hatte er von ihr? ... Wie sie ihn anlchelte, so
lchelte sie jeden an, und wenn gar Vetter Leo seine Scherze begann ... wie keck
er tat, wie er ihnen allen schmeichelte! Oh, die Welt ist schlecht, und falsch
sind sie alle, alle!
    Er hrte von den Pfaden her seinen Namen rufen, aber er schmiegte sich nur
um so enger in sein Versteck hinein. Hier war er wenigstens vor jedem Hohn
geborgen. - Eine beklemmende Schwle lastete in der Luft - schlfrig summende
Hummeln schlichen am Erdboden dahin - ein Gewitter schien am Himmel zu stehen.
    Mir kann's recht sein, dachte Paul, ich hab' nichts zu verlieren, und -
der Winterroggen ist drinnen.
    Drauen war es stille geworden - aus der Ferne tnte das Klirren von
Glastellern und Teelffeln, und von Zeit zu Zeit mischte sich ein gedmpftes
Lachen darein.
    Paul hielt den Atem an. Je lnger er in seinem Schlupfwinkel verharrte,
desto beklommener wurde ihm zumute - schlielich kam er sich vor wie ein
Schulbube, der sich vor der Zchtigung seines Lehrers verkriecht. Der Geruch der
wuchernden Pflanzen wurde schrfer und qulender, ein belduftender Dunst stieg
von der feuchten Erde empor wie ein fahler Nebel legte es sich vor seine Augen.
- Stahlblaue Wolken wlzten sich am Himmel in die Hhe, fernab begann der Donner
zu grollen.
    Das nennt sich nun Vergngen, dachte Paul.
    In den Zweigen erhob sich ein Rauschen. Schwere Tropfen klatschten auf die
Bltter nieder, da kroch Paul, scheu wie ein Verbrecher, aus seinem Versteck
hervor.
    Jubelndes Gelchter empfing ihn von der Veranda her.
    Dort kommt Aujust, rief einer der Herren leise. Der war in Berlin gewesen
und hatte den Zirkus gesehen; und die andern stimmten ein.
    Meine geehrten Herrschaften, schrie Leo, auf einen Stuhl kletternd,
dieser Musterknabe, genannt Paul Meyhfer, hat sich in unverantwortlicher Weise
dem Richterspruche der Gesellschaft entzogen. Da er in seines Nichts
durchbohrendem Gefhle voraussah, da er die meisten der Krbe auf seinem
unwrdigen Haupte vereinigen wrde, so hat er sich in hchst verwerflicher
Feigheit -
    Ich wei nicht, warum Sie mich so schlecht machen, sagte Paul gekrnkt,
der das alles fr Ernst hielt.
    Ein neues, ungeheures Gelchter antwortete ihm.
    Ich stelle also den Antrag, ihm zur Strafe fr sein Verbrechen die
Zipfelmtze zuzuerkennen und zu diesem Behufe einen Gerichtshof bilden zu
wollen.
    Bitte - ich nehme die Mtze auch so, antwortete Paul gereizt. - Er
brauchte jetzt nur den Mund zu ffnen, um neue Heiterkeit zu entfesseln.
    Feierlich ward er mit der Schlafmtze gekrnt ... Ich mu doch recht
drollig aussehen, dachte er, denn alle wlzten sich vor Lachen. Nur die
Schwestern lachten nicht, hochrot vor Scham blickten sie ihn ihren Scho, und
Elsbeth schaute ihn verlegen an, als wollte sie ihm Abbitte leisten.
    Aujust, ertnte es wieder leise aus dem Kreise der Herren.
    Gleich darauf brach das Gewitter los. - In hellen Scharen flchteten sich
alle ins Haus. - Die jungen Damen verfrbten sich, die meisten hatten Angst vor
dem Donner, und eine fiel sogar in Ohnmacht.
    Leo schlug vor, man solle einen Kreis bilden, und jeder solle dann eine
Geschichte zum besten geben ... wem nichts einfalle, der msse ein Pfand geben.
    Man war's zufrieden. Das Los bestimmte die Reihenfolge, und einer der Herren
machte den Anfang mit einer sehr lustigen Studentengeschichte, die er selbst
erlebt haben wollte. Dann kamen ein paar der jungen Mdchen, die lieber Pfnder
geben wollten, und dann wurde er selber aufgerufen.
    Die Herren rusperten sich spttisch, und die Mdchen stieen sich mit den
Ellbogen an und kicherten. Da bermannte ihn sein Groll, und, die Stirn in
Falten ziehend, begann er aufs Geratewohl: Es war einmal einer, der so
lcherlich war, da man ihn blo anzusehen brauchte, wenn man sich satt lachen
wollte. Er selbst aber wute nicht, wie das zuging, denn er hatte noch nie in
seinem Leben gelacht ...
    Es wurde ganz still in der Runde. Das Lcheln erstarrte auf den Gesichtern,
und einer und der andere schauten zur Erde nieder.
    Weiter! rief Elsbeth, ihm leise zunickend.
    Ihn aber berkam die Scham, da er es wagte, sein Innerstes vor diesen
fremden Menschen blozulegen.
    Ich wei nicht weiter, sagte er und stand auf.
    Diesmal lachte niemand, fr eine Weile herrschte beklommenes Schweigen, dann
kam das Mdchen, das zur Schatzmeisterin gewhlt war, zu ihm heran und sagte mit
einem artigen Knicks: So mssen Sie ein Pfand geben.
    Gerne, erwiderte er und lste seine Uhr von der Kette.
    Ein ungemtlicher Mensch, hrte er einen der jungen Herren leise zu seinem
Nachbarn sagen. Es war der, welcher zuerst den Tlpelnamen gerufen hatte.
    Hierauf kam Leo an die Reihe, der eine sehr bermtige Anekdote zum besten
gab, aber die Freude wollte nicht wieder in Flu kommen.
    Dumpf klatschte der Regen gegen die Fenster ... schwarze Wolkenschatten
fllten das Zimmer ... Es war, als ob die graue Frau durch die Luft hinglitte
und mit ihrem dstern Fittich die jungen, lachenden Gesichter streife, da sie
ernst und alt erschienen ...
    Erst als Elsbeth das Klavier ffnete und einen lustigen Tanz anstimmte,
wurde der erstarrte Jubel wieder wach.
    Paul stand in einem Winkel und sah sich das Treiben an. Man lie ihn ganz in
Ruhe, nur hin und wieder streifte ihn ein scheuer Blick.
    Die Zwillinge rasten ber den Tanzboden - ihre Locken flatterten, und in
ihren Augen erglomm ein wildes Leuchten.
    La sie nur rasen, dachte Paul, sie mssen zeitig genug in den Jammer
zurck. Aber da es fr sie keinen Jammer gab, daran dachte er nicht.
    Als Elsbeth abgelst wurde, trat sie zu ihm heran und sagte: Du langweilst
dich wohl sehr?
    Nicht doch, sagte er. Es ist ja alles neu fr mich.
    Sei frhlich, bat sie, wir leben ja nur einmal!
    Und in diesem Augenblicke kam Leo auf sie zugestrzt, fate sie um die
Taille und jagte mit ihr davon.
    Sie ist dir doch fremd, dachte Paul.
    Als sie wieder an ihm vorberstreifte, raunte sie ihm zu: Geh ins
Nebenzimmer, ich will dir was sagen.
    Was kann sie dir zu sagen haben? dachte er, aber er tat, wie sie ihm
geheien.
    Hinter der Gardine halb verborgen, wartete er, doch sie kam nicht. Von
Minute zu Minute schwoll die Bitterkeit in seiner Seele hher empor. Seine
schnen Reden ber den Torfbau und Heines Buch der Lieder fielen ihm ein, und
er zuckte hhnisch die Achseln ber die eigene Dummheit. Ihm war zumute, als sei
er im Laufe dieses Nachmittags um Jahre reifer geworden.
    Und dann pltzlich kam ihm die Frage zu Sinn: Was hast du hier zu suchen?
Was gehen dich die frhlichen Menschen an, die lachen und einander gefallen
wollen und gedankenlos in den Tag hineinleben? Ein Narr, ein Elender warst du,
als du glaubtest, auch du httest ein Recht, froh zu sein; auch du knntest
werden wie sie.
    Der Boden brannte ihm unter den Fen. Ihm war zumute, als versndige er
sich, wenn er noch ein einzige Minute an diesem Platz verweilte.
    Er schlich sich in den Hausflur, wo seine Mtze hing.
    Sagen Sie meinen Schwestern, bat er das Dienstmdchen, das wartete, ich
ginge heim, um einen Wagen fr sie zu besorgen.
    Wie erlst atmete er auf, als die Haustr hinter ihm ins Schlo fiel.
    Das Unwetter hatte sich gelegt - ein leiser Nachregen sprhte vom Himmel,
khlend sauste der Sturm ber die Heide, und am Rande des Horizontes, wo eben
das letzte Abendrot verglomm, zuckte aus glhroten Wolken das Leuchten des
abziehenden Gewitters.
    Als wre die wilde Jagd hinter ihm her, so jagte er auf den
regendurchweichten Wegen zum Walde, der sich mit friedbringendem Rauschen ber
seinem Haupte schlo. - Das feuchte Moos duftete, und von den Fichtennadeln
sickerten leuchtende Trpfchen hernieder.
    Als er die Heide betrat und das vterliche Heimwesen in dsteren Umrissen
vor seinen Blicken liegen sah, da breitete er die Arme aus und rief in den Sturm
hinein: Hier ist mein Platz - hier gehr' ich her - und ein Schuft will ich
sein, wenn ich mir noch einmal in der Fremde meine Freude suche. Hiermit schwr'
ich es, da ich alle Eitelkeit abtun will und allem trichten Streben entsage.
Jetzt wei ich, was ich bin, und was nicht zu mir pat, das soll mir verloren
sein. Amen!
    So nahm er Abschied von seiner Jugend und von seinem Jugendtraum.

                                       13


Als er am andern Morgen erwachte, fand er die Mutter neben seinem Bette sitzen.
    Du schon auf? fragte er verwundert.
    Ich hab' nicht schlafen knnen, sagte sie mit ihrer leisen Stimme, die
immer klang, als bte sie um Entschuldigung fr das, was sie sagte.
    Warum nicht? fragte er.
    Sie antwortete nicht, aber sie streichelte sein Haar und lchelte ihn
traurig an, da wute er, da die Zwillinge geschwatzt hatten, da der Gram um
ihn es war, der sie nicht ruhen lie.
    Es war nicht so schlimm, Mutter, sagte er trstend, sie haben sich ein
bichen ber mich lustig gemacht, weiter nichts -
    Die Elsbeth auch? fragte sie mit groen ngstlichen Augen.
    Nein, die nicht, erwiderte er, aber - er schwieg und drehte sich nach
der Wand.
    Aber? fragte die Mutter.
    Ich wei nicht, erwiderte er, aber es ist ein aber dabei.
    Du tust ihr vielleicht Unrecht, sagte die Mutter, und sieh, dies hat sie
dir durch die Mdchen geschickt. Sie zog einen lnglichen Gegenstand aus der
Tasche, der sorgsam in Seidenpapier gehllt war.
    Darin lag eine Flte, aus schwarzem Ebenholz gedreht, mit glnzend silbernen
Klappen versehen.
    Paul wurde rot vor Scham und Freude, aber die Freude verflog, und als er das
Instrument eine Weile angesehen hatte, sagte er leise: Was fang' ich nun damit
an?
    Du wirst darauf spielen lernen, sagte die Mutter mit einem Anflug von
Stolz.
    Es ist zu spt, erwiderte er mit traurigem Kopfschtteln, ich hab' jetzt
anderes vor. - Ihm war, als ob er gentigt wrde, etwas Verstorbenes wieder aus
dem Grabe hervorzuzerren. - -
    Na, du scheinst dich gestern schn blamiert zu haben, sagte der Vater, als
er mit ihm am Kaffeetisch zusammentraf.
    Er lchelte still in sich hinein, und der Vater brummte etwas von Mangel an
Ehrgefhl.
    Die Zwillinge hatten groe, vertrumte Augen, und wenn sie einander ansahen,
flog ein seliges Leuchten ber ihr Gesicht. Die wenigstens waren glcklich. - -
    Die Wochen vergingen. - Die Ernte kam unversehrt in die Scheuern - dank
Pauls unermdlicher Frsorge. Es war ein gesegnetes Jahr, wie es seit langem
nicht gewesen. Der Vater aber rechnete bereits, wie er den Ertrag am besten fr
seine Torfspekulation verwenden knnte.
    Er schwadronierte in der alten Weise weiter, und je weniger Herr Douglas nun
von sich hren lie, desto mehr prahlte er in den Kneipen von dem Segen seiner
Teilnehmerschaft.
    Da er sich einmal aufs Schwindeln eingelassen hatte, so mute er jede Lge
durch eine neue berbieten. - Mochte Herr Douglas noch so langmtig sein, der
Unfug, der mit seinem Namen getrieben wurde, mute ihm schlielich zu arg
werden.
    Es war an einem Vormittag in den letzten Tagen des August, als Paul, der mit
Michel Raudszus zusammen auf dem Hofe arbeitete, die hohe Gestalt des Nachbarn
ber die Felder direkt auf den Heidehof zukommen sah.
    Er erschrak, - das konnte unmglich etwas Gutes bedeuten.
    Herr Douglas reichte ihm freundlich die Hand, aber unter seinen eisgrauen,
buschigen Brauen blitzte es unheilverheiend.
    Ist der Vater zu Hause? fragte er, und seine Stimme klang gereizt und
grollend.
    Er ist im Wohnzimmer, erwiderte Paul beklommen, wenn Sie erlauben,
begleit' ich Sie zu ihm.
    Der Vater sprang beim Anblick des unerwarteten Gastes ein wenig verlegen von
seinem Stuhle auf; aber er fate sich sogleich, und in seinem bramarbasierenden
Tone begann er: Ah, gut, da Sie hier sind, Herr -, ich habe dringend mit Ihnen
zu reden.
    Ich mit Ihnen nicht minder! erwiderte Herr Douglas, sich mit seiner
massigen Gestalt dicht vor ihm aufpflanzend. Wie kommen Sie dazu, lieber
Freund, meinen Namen zu mibrauchen?
    Ich - Ihren Namen - Herr - was erlauben - Paul, geh hinaus!
    Mag er nur drin bleiben, erwiderte Douglas, sich nach Paul umwendend.
    Er soll aber hinaus, Herr! schrie der Alte, ich bin doch wohl noch Herr
in meinem Hause, Herr?
    Paul verlie das Zimmer.
    In dem dunkeln Hausflur fand er die Mutter, die die Hnde gefaltet hatte und
mit stieren Blicken nach der Tr sah. Bei seinem Anblick brach sie in Trnen aus
und rang die Hnde. -
    Er wird uns noch den einzigen Freund verscherzen, den wir auf Erden haben,
schluchzte sie, und dann sank sie in seinen Armen zusammen, krampfhaft
aufzuckend, wenn die scheltenden Stimmen der Mnner lauter an ihr Ohr drangen.
    Komm fort, Mutter, bat er, es regt dich zu sehr auf, und helfen knnen
wir doch nicht.
    Willenlos lie sie sich von ihm in ihr Schlafzimmer ziehen.
    Gib mir ein bichen Essig, bat sie, sonst fall' ich um.
    Er tat, wie sie ihn geheien, und whrend er ihr die Schlfe einrieb, sprach
er mit berlauter Stimme auf sie ein, damit sie das Schreien der Mnner nicht
hre.
    Pltzlich wurden Tren geworfen - - fr eine Weile wurde es still -
unheimlich still - dann ertnte das Klirren einer Kette und der wutheisere Ruf
des Vaters: Sultan - pack an!
    Um Gottes willen, er hetzt den Hund auf ihn! schrie er und strzte auf den
Hof hinaus.
    Er kam gerade noch zur Zeit, um zu sehen, wie Sultan, eine groe, bissige
Rde, Douglas an den Nacken sprang, whrend der Vater mit einer
hochgeschwungenen Peitsche hinterdrein rannte.
    Michel Raudszus hatte die Hnde in die Hosen gepflanzt und sah zu.
    Vater, was tust du? schrie er, ri ihm die Peitsche aus der Hand und
wollte dem Hunde nach, aber ehe er die Gruppe der Ringenden erreichen konnte,
lag die Bestie, von der mchtigen Faust des Riesen erstickt, am Boden und
streckte die Viere von sich.
    Douglas rann das Blut an den Armen und am Rcken herunter. Sein Zorn schien
ganz und gar verraucht. Er blieb stehen, wischte sich mit dem Taschentuche die
Hnde ab und sagte mit gutmtigem Lcheln: Das arme Vieh hat daran glauben
mssen.
    Sie sind verwundet, Herr Douglas, rief Paul, die Hnde faltend.
    Er hat mein Genick fr 'ne Kalbskeule angesehn, sagte er. Kommen Sie ein
Endchen mit und helfen Sie mir, mich abwaschen, damit meine Weiber sich nicht zu
sehr erschrecken.
    Vergeben Sie ihm, flehte Paul, er wute nicht, was er tat. -
    Wirst du zurck, du Bengel, schrie die Stimme des Vaters vom Hofe her,
willst wohl mit dem wortbrchigen Kerl gemeinsame Sache machen?
    In den Fusten des Nachbarn zuckte es, aber er bezwang sich, und mit einem
gewaltsamen Lcheln sagte er:
    Gehen Sie zurck - der Sohn soll bei dem Vater bleiben.
    Ich will aber gutmachen ..., stammelte Paul.
    Der Schwindler, der Halunke! tnte es aus dem Hintergrunde.
    Gehen Sie zurck, sagte Douglas mit zusammengebissenen Zhnen, schaffen
Sie Ruh' - sonst geht's ihm an den Leib!
    Dann fing er mit vollen Backen an, einen Marsch zu pfeifen, damit er das
Schimpfen nicht hre, und schritt breitbeinig von dannen ...
    Der Alte tobte wie ein Wahnsinniger auf dem Hofe herum, warf Steine vor sich
her, schwang einen Wagenschwengel in der Luft und stie mit den Fen nach
rechts und nach links.
    Als er Paul begegnete, wollte er ihn bei der Kehle fassen, aber in diesem
Augenblicke strzte mit gellendem Schrei die Mutter aus der Tr und warf sich
dazwischen. Sie umklammerte Paul mit beiden Armen, sie wollte auch etwas sagen,
aber die Angst vor ihrem Manne lhmte ihre Zunge. Nur ansehen konnte sie ihn.
    Weibsgesindel, rief dieser, verchtlich die Achsel zuckend, und wandte
sich ab, aber da er seine Wut an irgend jemandem auslassen mute, so schritt er
auf Michel Raudszus zu, der sich eben gemtlich zur Arbeit wandte.
    Du Hund, was gaffst du hier? schrie er ihn an.
    Ich arbeit', Herr, erwiderte dieser und sah ihn unter den schwarzen Brauen
hervor mit stechendem Blicke an.
    Was hlt mich ab, du Hund, da ich dich zu Brei zermalme? schrie der Alte,
ihm die Fuste vor die Nase haltend.
    Der Knecht duckte sich, und in diesem Augenblicke fuhren ihm beide Fuste
seines Herrn ins Gesicht. Er taumelte zurck - aus seinem finsteren Gesicht war
jeder Blutstropfen gewichen, - ohne einen Laut von sich zu geben, griff er nach
einer Axt. - - - -
    Aber in diesem Augenblicke fiel ihm Paul, der mit steigender Angst der Szene
zugeschaut hatte, von hinten in den Arm, rang ihm die Waffe aus der Hand und
warf sie in den Brunnen.
    Der Vater wollte dem Knecht aufs neue an die Brust, aber rasch entschlossen
packte ihn Paul um den Leib, und obwohl der alte Mann mit Hnden und Fen um
sich schlug, trug er ihn, alle Krfte zusammennehmend, auf seinen Armen in das
Wohnzimmer, dessen Tr er von auen hinter ihm verschlo.
    Was hast du dem Vater getan? wimmerte die Mutter, die dieser Gewalttat,
starr vor Entsetzen, zugeschaut hatte, denn da der Sohn sich an dem Vater
vergreifen knne, war ihr vollkommen unfabar. Ihr Blick glitt scheu an ihm
empor, und klagend wiederholte sie: Was hast du mit dem Vater getan?
    Paul beugte sich zu ihr nieder, kte ihr die Hand und sagte: Sei still,
Mutter, ich mut' ihm ja das Leben retten.
    Und jetzt hast du ihn eingesperrt? Paul - Paul!
    Bis Michel fort ist, mu er drinbleiben, erwiderte er, mach ihm nicht auf
- es geschieht sonst ein Unglck.
    Dann schritt er auf den Hof hinaus. Der Knecht lehnte, seinen schwarzen Bart
kauend, an der Stalltr und schielte tckisch nach ihm hin.
    Michel Raudszus! rief er ihm zu.
    Der Knecht kam nher. Die Adern auf seiner Stirn waren zu blauen Strhnen
angeschwollen. Er wagte nicht, ihn anzusehen.
    Dein berschssiger Lohn betrgt fnf Mark vierzig Pfennig. Hier hast du
sie. - In fnf Minuten mut du den Hof verlassen haben.
    Der Knecht warf ihm einen Blick zu, so unheimlich finster, da Paul erschrak
bei dem Gedanken, diesen Menschen so lange ahnungslos neben sich geduldet zu
haben. Er hielt ihn fest im Auge, denn er glaubte jeden Augenblick von ihm
angefallen zu werden.
    Aber schweigend wandte der Knecht sich ab, ging nach dem Stalle, wo er sein
Bndel schnrte, und zwei Minuten spter schritt er zum Hoftore hinaus. - Er
hatte whrend der ganzen frchterlichen Szene nicht einen Laut von sich gegeben.
    So - jetzt zum Vater, sagte Paul, fest entschlossen, alle Schlge und
Schimpfreden ruhig ber sich ergehen zu lassen.
    Er schlo die Tr auf und erwartete, den Vater auf sich losstrzen zu sehen.
    Der sa in einer Sofaecke, ganz in sich zusammengefallen, und starrte vor
sich nieder. Er rhrte sich auch nicht, als Paul auf ihn zutrat und abbittend
sagte: Ich tat's nicht gern, Vater, aber es mute sein.
    Nur einen scheuen Seitenblick warf er ihm zu, dann sagte er bitter: Du
kannst ja tun, was du willst ... ich bin ein alter Mann, und du bist der
Strkere.
    Dann sank er wieder in sich zusammen.
    Seit diesem Tage war Paul der Herr im Hause.

                                       14


Drei Wochen waren seither verflossen. Paul arbeitete, als stnde er im
Frondienst. Trotzdem hatte eine seltsame Unruhe sich seiner bemchtigt. Wenn er
sich fr einen Moment Erholung gnnen durfte, litt es ihn nicht mehr daheim. Ihm
war zumute, als sollten die Mauern ber ihm zusammenstrzen. Dann streifte er
auf der Heide oder im Walde umher, oder er lungerte rings um Helenental herum.
Was er dort wollte, wagte er sich selber nicht einzugestehen. Wenn ich Elsbeth
trfe, ich glaube, ich mte vor Scham in die Erde sinken, so sagte er sich,
und dennoch sphte er allerwegen nach ihr aus und zitterte vor Bangen und vor
Freude, wenn er eine weibliche Gestalt von ferne daherkommen sah.
    Auch die Nachtruhe begann er zu vernachlssigen. Sobald man im Hause
eingeschlafen war, schlich er von dannen und kam oft erst am hellen Morgen
wieder zurck, um mit wstem Kopf und zerschlagenen Gliedern an die Arbeit zu
gehen.
    Ich will gutmachen - gutmachen, murmelte er oft vor sich hin, und wenn er
die Sense durch das Korn zischen lie, sagte er sich im Takte dazu: Gutmachen -
gutmachen! Doch ber das Wie war er sich gnzlich im unklaren; er wute nicht
einmal, ob Douglas durch die Bisse des Hundes Schaden genommen hatte.
    Einmal, als er in der Dmmerung jenseits des Waldes herumstrich, sah er
Michel Raudszus von Helenental daherkommen. Er trug einen Spaten geschultert,
woran ein Bndel hing. - Paul schaute ihm festen Blickes entgegen - er
erwartete, von ihm angegriffen zu werden, aber der Knecht sah ihn scheu von der
Seite an und ging in weitem Bogen um ihn herum.
    Der Kerl sieht aus, als ob er Bses im Schilde fhrte, sagte er, indem er
ihm nachschaute.
    Douglas hatte den Weggejagten in seine Dienste genommen, wie einer der
Tagelhner zu erzhlen wute, und als der Vater davon erfuhr, lachte er auf und
sagte: Das sieht dem Schleicher hnlich, der wird was Schnes gegen mich
zusammenbrauen.
    Er war fest berzeugt, das Douglas die Sache dem Staatsanwalt bergeben
habe, ja er fand eine gewisse Wollust in dem Gedanken, verurteilt zu werden -
ungerecht, wie selbstverstndlich -, und da die Anklage von einem Tage zum
anderen auf sich warten lie, meinte er hhnisch: Der gndige Herr lieben die
Galgenfristen. -
    Aber Douglas schien Willens, die ihm angetane Schmach gnzlich zu
ignorieren, nicht einmal die Kndigung des entliehenen Kapitals traf ein. -
    Pauls Seele war bervoll von Dankbarkeit, und je weniger er ein Mittel fand,
sie kund zu tun, desto heier whlte in ihm die Scham, desto wilder trieb ihn
die Unruhe umher.
    So stand er eines Nachts wiederum vor dem Gartenzaun von Helenental.
    Frhherbstnebel lagen ber der Erde, und das welkende Gras schauerte leise.
- Das weie Haus verschwand in den Schatten der Nacht, nur aus einem der
Fenster schimmerte ein trbes, dunkelrotes Licht.
    Hier wacht sie bei der kranken Mutter, dachte Paul. Und da er kein anderes
Mittel fand, sie zu rufen, so fing er zu pfeifen an. - - Zwei-, dreimal hielt er
inne, um zu lauschen. - Niemand kam, und in seiner Seele stieg die Angst. - -
    Mit tastender Hand suchte er nach der lockeren Stakete, die Elsbeth ihm
damals gezeigt hatte, und als er sie gefunden, drang er in das Innere. - Das
Gestel zerzauste seine Kleider, wie in einer Wildnis kroch er am Fuboden
dahin, einen Pfad zu finden. Endlich kam er ins Freie. Der weie Kies
verbreitete einen ungewissen Dmmerschein, heller leuchtete das Lmpchen aus dem
Krankenzimmer.
    Er setzte sich auf eine Bank und starrte dorthin. Ihm war, als ob ein
Schatten hinter der Gardine sich bewegte.
    Dann mit einem Male wurde es heller rings um ihn herum ... Die Rosenstcke
traten aus der Nacht hervor ... ... Der Kies glnzte, und der Giebel des
Wohnhauses, der noch eben in schwarzen Massen sich erhoben, strahlte in
dunkelrtlichem Lichte, als sei der Strahl des Morgenrots darauf gefallen.
    Verwundert wandte er sich um - das Blut erstarrte in seinen Adern -, hoch an
dem mchtigen Himmel erhob sich ein blutiger Feuerschein. Die schwarzen Wolken
umsumten sich mit flammenden Rndern, weiliche Lohe wirbelte dazwischen empor,
und hochauf schossen feurige Strahlen, als stnde ein Nordlicht am Himmel.
    Dein Vaterhaus brennt! - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Schwer fiel sein Kopf gegen das Gelnder der Bank - im nchsten Augenblicke
raffte er sich empor - seine Knie wankten, das Blut siedete in seinen Schlfen -
Vorwrts, rette, was zu retten ist, so schrie es in ihm - und in wildem Jagen
drang er durch das Gebsch, erkletterte den Gartenzaun und sank jenseits
desselben im Graben nieder.
    Wie die aufgehende Sonne berstrahlte das brennende Gehft die weite Heide.
Die Stoppeln leuchteten, und der schwarze Wald tauchte sich in rtliche Glut. -
    Noch stand das Wohnhaus unversehrt - seine Mauern schimmerten wie Marmor,
seine Fenster blitzten wie Karfunkelstein. - Taghell lag der Hof. - Die Scheune
war es, die da brannte, die Scheune, vollgepfropft bis zum First von Erntesegen.
Seine Arbeit, sein Glck, sein Hoffen, so ging es in Rauch und Flammen auf. - -
    Wieder raffte er sich auf - - - in wilder Hast ging's ber die Heide. - Als
er am Walde vorbereilte, war es ihm, als she er einen Schatten an sich
vorberhuschen, der bei seinem Nahen platt auf die Erde sank. Er achtete kaum
darauf.
    Weiter - rette, was zu retten ist! -
    Vom Hofe her drang wirres Geschrei ihm entgegen. - Die Knechte liefen wild
durcheinander, die Mgde rangen die Hnde - die Schwestern liefen umher und
schrien seinen Namen. -
    Das Dorf war eben erwacht ... Die Landstrae fllte sich mit Menschen ...
Wasserkiewen wurden herangeschleppt, auch eine morsche Spritze kam
dahergewackelt. -
    Wo ist der Herr? schrie er den Knechten entgegen.
    Wird eben 'reingetragen - hat'n Bein gebrochen, lautete die Antwort. -
    Unglck ber Unglck!
    Lat die Scheune brennen! - schrie er anderen zu, die gnzlich kopflos ein
paar winzige Eimer Wasser in die Glut hineingossen.
    Rettet das Vieh - gebt acht, da sie nicht in die Flammen rennen!
    Drei, vier Mann eilten in den Stall.
    Ihr andern ans Wohnhaus - tragt nichts heraus.
    Nichts heraustragen! wiederholte er, ein paar Fremden die Sachen aus der
Hand reiend, die sie eben aus dem Innern schleppten.
    Aber wir wollen retten.
    Rettet das Haus! - - -
    Er eilte die Treppe hinan. Im Vorbereilen sah er die Mutter stumm und
trnenlos neben dem Vater sitzen, der wimmernd auf dem Sofa lag.
    Durch eine Luke sprang er auf das Dach.
    Den Schlauch her!
    Auf eine Heugabel gespiet, reichte man ihm die metallene Spitze. Zischend
glitt der Wasserstrahl ber die erhitzten Ziegel.
    Er ritt auf dem Dachfirst, seine Kleider erhitzten sich, in sein Haar
setzten sich glimmende Krner, die von der Scheune herbersprhten, auf Antlitz
und Hnden fanden sich kleine kohlende Wunden. Er fhlte nichts, was seinem
Leibe geschah, doch sah und hrte er alles rings um sich her - seine Sinne
schienen vervielfltigt. - -
    Er sah die Garben in feuriger Lohe hoch auf zum Himmel spritzen und in
prchtiger Wlbung herniedersinken - er sah die Pferde und Khe auf die Weide
hinausjagen, wo sie zwischen den Zunen sicher geborgen waren - er sah den Hund,
halb versengt von der Glut, heulend an der Kette zerren. -
    Macht den Hund los! schrie er hinunter. -
    Er sah kleine zierliche Flmmchen in blulichem Flimmerschein von dem Giebel
der Scheune zum benachbarten Schuppen hinbertnzeln. - -
    Der Schuppen brennt, schrie er hinunter. Rettet, was darin ist. -
    Ein paar Leute eilten fort, die Wagen ins Freie zu ziehen. -
    Und inzwischen sauste und zischte der Wasserstrahl bers Dach und bohrte
sich in die Sparren und tastete unter den Ziegeln. - Kleine weie Wlkchen
stiegen vor ihm auf und verschwanden, um an anderer Stelle wieder zu erscheinen.
    Da pltzlich fiel ihm die schwarze Suse ein, die im hintersten Winkel des
Schuppens zwischen altem Germpel vergraben stand. - Ein Stich fuhr ihm durch
die Brust. - Soll nun auch sie zugrunde gehen, auf die sein Herz von jeher
hoffte? -
    Rettet die Lokomobile! schrie er hinunter.
    Aber niemand verstand ihn.
    Die Begier, der schwarzen Suse Hilfe zu bringen, packte ihn so mchtig,
da ihm einen Augenblick zumute war, als mte er selbst das Wohnhaus
darangeben.
    Ablsung 'rauf! schrie er in die Menschenmasse hinunter, die zum greren
Teile unttig gaffend dastand.
    Ein stmmiger Maurer aus dem Dorfe kam emporgeklettert, deckte die
Dachpfannen ab und bahnte sich so einen Pfad bis zum Firste empor. Ihm reichte
Paul den Schlauch und glitt hinunter - innerlich verwundert, da er sich nicht
Arm und Bein gebrochen hatte.
    Dann drang er in den Schuppen, aus dem schon erstickender Rauch ihm
entgegenwirbelte.
    Wer kommt mit? schrie er.
    Zwei Tagelhner aus dem Dorfe meldeten sich.
    Vorwrts!
    Hinein in Qualm und Flammen ging's.
    Hier ist die Deichsel - angefat - rasch hinaus.
    Krachend und polternd schwankte die Lokomobile auf den Hof hinaus. Hinter
ihr und ihren Rettern brach das Dach des Schuppens zusammen. - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Morgen graute. Der bluliche Dmmerschein vermischte sich mit dem Rauch
der Trmmer, aus denen die Flammen hie und da emporzuckten, um sofort mde
zusammenzusinken.
    Die Menge hatte sich verlaufen. Unheimliche Stille lastete auf dem Hofe, nur
von dem Brandplatz her kam ein leises Knirschen und Fauchen, als ob die Flammen
vor dem Verlschen noch einmal murmelnde Zwiesprache hielten.
    So, sagte Paul, jetzt wren wir so weit!
    Wohnhaus und Stall samt allem Lebendigen waren gerettet. Scheune und
Schuppen lagen in Asche.
    Jetzt sind wir genauso arm, wie wir vor zwanzig Jahren waren, meditierte
er, indem er seine Wunden streichelte, und htt' ich mich nicht 'rumgetrieben,
es wre vielleicht alles ungeschehen geblieben.
    Als er die Laube betrat, die die Haustr umrahmte, fand er die Mutter mit
gefalteten Hnden in einer Ecke zusammengekauert. - ber ihre Wangen zogen sich
tiefe Rinnen, und ihre Augen starrten ins Leere, als she sie noch immer die
Flammen zngeln.
    Mutter, rief er angstvoll, denn er frchtete, da sie nicht fern von
Wahnsinn wre.
    Da nickte sie ein paarmal und meinte: Ja, ja, so geht's!
    Es wird auch wieder bessergehen, Mutter, rief er.
    Sie sah ihn an und lchelte. Es schnitt ihm ins Herz, dieses Lcheln.
    Der Vater hat mich eben hinausgejagt, sagte sie, ich bitte dich herzlich,
jag du mich nicht auch hinaus.
    Mutter, um Jesu willen, red nicht so!
    Sieh mal, Paul, ich bin wirklich nicht schuld daran, sagte sie und sah mit
flehendem Ausdruck zu ihm empor, ich gehe nie mit Licht in die Scheune.
    Aber wer sagt denn das?
    Der Vater sagt, ich sei an allem schuld, ich soll mich zum Teufel scheren.
- - Aber tu ihm nichts, Paul, bat sie voll Angst, als sie ihn auffahren sah,
pack ihn nicht wieder an, er hat so groe Schmerzen.
    Der Doktor kommt in einer Stunde, ich hab' schon nach ihm geschickt.
    Geh zum Vater, Paul, und trst ihn ... ich mchte ja selber gern, aber mich
hat er hinausgejagt, und sich wieder zusammenkauernd, murmelte sie vor sich
hin: 'rausgejagt hat er mich - 'rausgejagt.

                                       15


Unsagbares Elend war ber den Heidehof hereingebrochen. In dem Wohnzimmer lag
der Vater auf seinem Schmerzenslager und wimmerte und schalt und verfluchte die
Stunde seiner Geburt. In weicheren Stunden ergriff er die Hand seines Weibes,
bat sie trnenden Auges um Verzeihung, da er ihr Schicksal an sein verdorbenes
Leben gekettet, und versprach, sie in Zukunft reich und glcklich zu machen.
Reich vor allem - reich!
    Es war zu spt. Seine milden Worte machten keinen Eindruck mehr auf sie, ihr
angstgequltes Herz hrte aus ihnen heraus schon die Scheltreden grollen, die
ihnen, wie immer, folgen muten. Mit welken Wangen und erloschenen Augen schlich
sie einher, ohne je einen Laut der Klage von sich zu geben, doppelt
erbarmenswert in ihrem Schweigen.
    Aber mit ihr hatte niemand Erbarmen, selbst Gott und das ewige Schicksal
nicht. Sie wurde mder von Tag zu Tag, auf ihrer bleichen, blaugederten Stirn
schien bereits der Stempel des Todes zu brennen, und das Glck, das lebenslang
ersehnte, war ferner denn je.
    Der einzige, der imstande gewesen wre, ihr beizustehen, war Paul, allein
der stahl sich wie ein Verbrecher um sie herum, er wagte kaum, ihr zum
Morgengru die Hand zu reichen, und wenn sie ihn ansah, schlug er das Auge
nieder. Wre sie minder stumpf und grambeladen gewesen, so htte sie aus seinem
absonderlichen Gebaren irgendeinen Verdacht schpfen mssen, aber alles, was sie
in ihrem Jammer empfand, war nur, da sein Trost ihr fehlte.
    Einmal in der Dmmerung, als er, wie gewhnlich zur Feierstunde, in dem
Schutt der Brandstelle herumwhlte, ging sie ihm nach, setzte sich neben ihn auf
das zerbrckelnde Fundament und versuchte ein Gesprch mit ihm zu beginnen, aber
er wich ihr aus, wie er auch sonst getan.
    Paul, sei nicht so hart zu mir, bat sie da, und ihre Augen fllten sich
mit Wasser.
    Ich tu' dir ja nichts, Mutter, sagte er und bi die Zhne zusammen.
    Paul, du hast etwas gegen mich!
    Nein, Mutter!
    Glaubst du, ich sei schuld am Brande?
    Da schrie er laut auf, umklammerte ihre Knie und weinte wie ein Kind, doch
als sie sein Haar streicheln wollte, die einzige Liebkosung, die sonst zwischen
ihnen gang und gbe gewesen, da sprang er auf, stie sie zurck und rief: Rhr
mich nicht an, Mutter - ich bin's nicht wert!
    Darauf wandte er ihr den Rcken und schritt auf die Heide hinaus.
    Seit dem Augenblick, da er nach dem Brande zum erstenmal erwacht war, hatte
sich eine fixe Idee seiner bemchtigt, die ihn nicht mehr aus ihrem Banne lie,
die fixe Idee: da er, er allein, an allem die Schuld trge.
    Htt' ich mich nicht 'rumgetrieben, so sagte er sich, htt' ich das Haus
bewacht, wie's meine Pflicht war, das Unglck htte nie und nimmer geschehen
knnen.
    All sein geheimes Sehnen erschien ihm nun wie ein Verbrechen, das er am
Vaterhause begangen hatte.
    Wie Jesus auf Gethsemane, so rang er mit seinem Herzen, Shne sind Vergebung
zu finden. - Aber nirgends lie die Angst ihm Ruhe. Zu allen Stunden tanzten die
Flammen vor seinen Augen, und wenn er sich abends zu Bette legte und beklommen
in das Dunkel starrte, dann war's ihm, als she er aus allen Ritzen feurige
Zungen sich ausstrecken, als hllten statt der Schatten der Nacht Wolken
schwarzen Qualms ihn ein.
    ber den Urheber des Brandes hatte er sich noch keine Gedanken machen
knnen; die Sorgen, die aufs neue ber ihn hereinbrachen, waren zu gro, als da
er der Rache htte Raum gnnen drfen. - Es fehlte am Ntigsten, kaum das Geld
fr den Apotheker lie sich noch auftreiben. Er sann und rechnete tags und
nachts und entwarf groe Feldzugsplne, die notwendigste Barschaft
herbeizuschaffen. Auch an die Brder schrieb er, ob sie ihm vielleicht durch
ihren Einflu gegen mige Zinsen ein paar hundert Taler besorgen knnten. Sie
antworteten tieftraurig, da sie selbst so mit Schulden beladen wren, da sie
unmglich noch auf Kredit rechnen drften. Gottfried, der Lehrer, hatte sich
zwar vor kurzem mit einer wohlhabenden jungen Dame verlobt, und Paul war
berzeugt, da es ihm nicht schwerfallen knnte, ihre Familie zur Darleihung
einer migen Summe zu bewegen, aber er hielt dafr, da die Wrde seiner
Stellung durch eine solche Bitte leiden wrde; er msse frchten, meinte er,
sich bei seinem Schwiegervater zu kompromittieren, wenn er ihm seine wahren
Verhltnisse vorzeitig enthllte.
    Ein Segen war es bei alledem, da die Rapsernte bereits verkauft und
abgeliefert war und da die Kartoffeln zum grten Teile noch in der Erde
steckten. - So lieen sich kleine Barschaften erzielen, die zur Deckung der
dringendsten Aufgaben hinreichten. Freilich, wie an einen Wiederaufbau der
Scheune zu denken war? -
    Inmitten der traurigen Trmmer, von verkohlten Balken und zerfallenden
Mauern umgeben, stand hochaufgerichtet mit ihrem ruigen Leibe und ihrem
schlanken Halse die schwarze Suse, das einzige Stck, das - von ein paar
elenden Arbeitswagen abgesehen - aus dem Untergang gerettet worden war.
    Die Zwillinge, die in dieser trben Zeit viel von ihrer Munterkeit verloren
hatten und nur in heimlichen Winkeln kosten und kicherten, gingen scheu um sie
herum, und als der Vater sich zum erstenmal von seinem Lager aufrichtete und das
schwarze Ungetm durch das Fenster glotzen sah, ballte er die Fuste und schrie:
Warum hat man das Biest nicht verbrennen lassen?
    Paul aber schlo sie noch inniger in sein Herz. Jetzt wr's an der Zeit,
da du wieder lebendig wrdest, sagte er, zerrte an dem Rade und guckte in den
Kessel hinein; er begann abends aus Lindenholz kleine Modelle zu schnitzeln, und
eines Tages schrieb er an Gottfried: Schicke mir aus Eurer Schulbibliothek ein
paar Bcher ber die Einrichtung von Dampfmaschinen. Mir ist zumute, als ob fr
unser Vaterhaus viel davon abhinge. - Gottfried lie sich vergeblich bitten;
erstens widerstreite es seinen Prinzipien, der Bibliothek Bcher zu entnehmen,
die er nicht selber gebrauchte, und zweitens wrden sie Paul doch nichts ntzen,
da er in der theoretischen Physik nicht bewandert sei. - Dann wandte er sich an
Max. Der sandte ihm umgehend ein Zehnpfundpaket mit funkelnagelneuen Bnden,
denen eine Rechnung von fnfzig Mark beilag. Er beschlo, die Bcher zu behalten
und die fnfzig Mark allgemach zusammenzusparen. Fr die schwarze Suse ist
nichts zu teuer, meinte er.
    Aber neue Unruhe sollte ber ihn hereinbrechen.
    Eines Vormittags kam ein Wagen auf den Hof gefahren, in dem neben einem
Gendarmen zwei fremde Herren saen, von denen der eine, ein behbiger Vierziger
mit goldener Brille auf der Nase, sich als Untersuchungsrichter vorstellte.
    Paul erschrak, denn er fhlte wohl, da er mancherlei zu verheimlichen
hatte.
    Der Untersuchungsrichter besah zuerst die Brandstelle, nahm eine Zeichnung
des Fundamentes auf und fragte, wo Tore und Fenster sich befunden hatten, dann
lie er die Dienstboten zusammenrufen, die er aufs genaueste befragte, was sie
am Tage vorher und bis zu dem Augenblicke des Brandes getrieben htten.
    Paul stand bleich und zitternd daneben, und als der Richter das Gesinde
entlie, um ihn selber zu vernehmen, war ihm zumute, als sei der Weltuntergang
herangekommen.
    Sind Sie an dem Tage vor dem Brande in der Scheune gewesen? fragte der
Richter.
    Ja.
    Rauchen Sie?
    Nein.
    Besinnen Sie sich, da Sie in irgendeiner Weise mit Feuer, Streichhlzchen
und dergleichen hantierten?
    
    O nein - ich bin viel zu vorsichtig dazu.
    Wann waren Sie zuletzt in der Scheune?
    Um acht Uhr abends.
    Was taten Sie dort?
    Ich hielt meinen allabendlichen Rundgang, bevor ich die Tore verschliee.
    Verschlieen Sie die Tore eigenhndig?
    Ja - stets.
    Bemerkten Sie etwas an dem betreffenden Abend?
    Nein.
    Haben Sie niemanden in der Umgegend herumschleichen sehen?
    Wie ein Blitzstrahl fuhr es auf ihn nieder. In diesem Augenblick erst
entsann er sich des Schattens, den er beim Beginne des Brandes im Walde hatte
untertauchen sehen. Aber das war ja nicht in der Umgegend. Und tief aufatmend
erwiderte er: Nein.
    So, jetzt kommt's! dachte er - die nchste Frage schon mute seine
nchtliche Wanderung ans Tageslicht ziehen, mute das Geheimnis verraten, das er
bisher im tiefsten Innern verschlossen gehalten hatte.
    Aber nein. Der Untersuchungsrichter brach pltzlich ab und sagte nach einer
kleinen Pause: Bis vor kurzem war ein Knecht namens Raudszus in Ihren
Diensten?
    Ja, erwiderte er und starrte den Richter mit groen Augen an. Also
Raudszus war's, auf den der Verdacht sich lenkte.
    Weshalb haben Sie ihn entlassen?
    Er erzhlte ausfhrlich jenen schrecklichen Vorgang, gab aber wohl darauf
acht, da die Szene mit Douglas, die ihm vorangegangen, so viel als mglich im
dunkeln blieb. Nun die erste Gefahr abgeschlagen war, hatte er seine Ruhe
wiedergefunden.
    Der Protokollfhrer machte sich eifrig Notizen, und der Untersuchungsrichter
zog die Brauen in die Hhe, als wr' er bereits vllig im klaren. Als Paul
geendet hatte, gab er dem Gendarmen einen Wink, der schweigend kehrtmachte und
auf dem Wege nach Helenental von dannen ging.
    Jetzt zu Ihrem Herrn Vater! sagte der Richter. Ist er in einem Zustande,
um vernommen zu werden?
    Lassen Sie mich nachsehen, erwiderte Paul und ging in die Krankenstube.
    Er fand den Vater hochaufgerichtet im Bette sitzen, sein Auge blitzte, und
auf seinen Zgen lag der Schimmer mhsam unterdrckter Wut.
    La sie nur kommen! rief er Paul entgegen, es ist zwar alles Firlefanz -
an den Wahren wagen sie sich ja doch nicht aber la sie nur kommen!
    Auch er erzhlte dem Untersuchungsrichter die Szene des Kampfes, aber das
gerade, was Paul schamhaft verschwiegen hatte, den Streit mit Douglas und das
Hetzen des Hundes, das kramte er mit grosprecherischer Geschwtzigkeit vor den
Fremden aus. Der Richter kratzte sich bedenklich den Kopf, und sein Schreiber
notierte eifrig.
    Als Meyhfer bis zu dem Momente kam, in dem er das Eingreifen seines Sohnes
htte schildern mssen, schwieg er stille. Aus seinem Auge scho auf ihn ein
Strahl, in dem, jh hervorbrechend, ein Feuer von Trotz und Ingrimm loderte.
    Und was weiter? fragte der Richter.
    Ich bin ein alter Mann, murmelte er zwischen den Zhnen, zwingen Sie mich
nicht, meine eigene Schande zu gestehen.
    Der Richter war's zufrieden. Als er den Alten fragte, ob sein Verdacht sich
nicht schon vorher auf Michel Raudszus gelenkt htte, da lachte er gar
geheimnisvoll in sich hinein und raunte: Die Hand, die elende Hand mag er wohl
hergegeben haben, aber - er stockte -
    Aber?
    Schade, Herr Richter, da die Gerechtigkeit eine Binde vor den Augen
trgt, antwortete er mit hhnischem Lachen - ich habe nichts weiter zu sagen.
-
    Richter und Protokollfhrer sahen sich kopfschttelnd an, dann wurde das
Verhr geschlossen.
    Wird Michel Raudszus verhaftet werden? fragte Paul die Herren, ehe sie den
Wagen bestiegen.
    Er ist es hoffentlich bereits, antwortete der Richter. Er hat im Rausche
allerhand verdchtige uerungen getan, und was wir von Ihnen erfahren haben,
ist mehr als ausreichend, die Untersuchung gegen ihn einzuleiten. Freilich wird
sich noch manches aufzuklren haben.
    Damit fuhren sie von dannen.
    Lange starrte Paul dem Wagen nach.
    Die letzten Worte des Richters hatten die Angst aufs neue in ihm erweckt,
und whrend die Wochen verflossen und die Voruntersuchung ihre Wege ging, sa er
bangend und zitternd daheim, nicht viel anders, als wenn der Richterspruch ihn
und ihn allein zerschmettern wrde.
    Paul samt der Mutter und den Schwestern erhielten eine Vorladung zum
Schwurgerichte, nur dem Vater war es freigestellt, daheim zum letztenmal verhrt
und vereidigt zu werden. Aber er erklrte, da er lieber im Gerichtssaal tot
zusammensinken wolle, als da er zu Hause se, whrend man den Vernichter
seiner Habe frei auslaufen liee. Wen er mit diesen Redensarten meinte, lie er
im unklaren, nur da es der angeklagte Knecht nicht war, gab er deutlich genug
zu erkennen. - - -
    Der Tag der Verhandlung kam heran. Paul hatte fr den Vater einen Tragestuhl
gezimmert, der ihm jeglichen Schritt ersparte. In ihm wurde er auf den Wagen
gehoben und weich in dem Heulager gebettet.
    Es war eine gar elende Klapperfuhre, die die Familie Meyhfer nach der Stadt
hinfhrte, denn die besseren Wagen waren samt und sonders verbrannt. Die Leitern
hatte Paul fortnehmen lassen und statt ihrer einen hlzernen Kasten
hineingebaut; ber die Strohbndel, die als Sitze dienten, hatte er alte
Pferdedecken gebreitet, die die Jahre zerfetzt und entfrbt hatten. Inmitten
dieser Drftigkeit lag der Herr chzend und schimpfend am Boden; sein Weib
thronte obenauf, bleich und elend und vergrmt, als wre sie der Genius dieses
Verfalles; die ewig blhende Jugend, die selbst auf dem Schutte gedeiht, sie
lachte aus zwei schelmischen Augenpaaren zwischendrein, und vornauf, als der
Lenker dieses traurigen Vehikels, sa Paul und schaute bekmmert vor sich
nieder, denn er schmte sich, da er den Seinen, die er zum erstenmal all'
insgesamt in die Weite hinauskutschierte, keine stolzere Karosse bieten konnte.
    Auf der falben Heide lagen die mden Strahlen der Novembersonne, struppig
reckten sich die Erikabschel zwischen gelben, dnnen Grsern, hie und da
schimmerten Lachen von Regenwasser, und von den Krppelweiden des Weges hingen
wie tote Sommervgel vereinzelte Blttlein.
    Weit du noch, wie wir vor einundzwanzig Jahren denselben Weg fuhren?
sagte Frau Elsbeth zu ihrem Manne und warf einen Blick auf Paul, den sie damals
an der Brust gehalten hatte.
    Meyhfer murrte etwas in sich hinein, denn er war kein Freund von
Erinnerungen, von solchen Erinnerungen. Frau Elsbeth aber faltete die Hnde und
dachte allerhand; es mute nichts Trauriges sein, denn sie lchelte dabei.
    Je mehr der Wagen sich dem Ziele nherte, desto beklommener ward es Paul
zumute. Er reckte sich auf seinem Sitze, und durch seine Glieder jagte ein
Frsteln nach dem andern.
    Mit unheimlicher Klarheit stand die wilde Brandnacht vor seinen Augen, und
inmitten jener Angst, vor fremden Menschen zu stehen und zu sprechen, berkam es
ihn wie ein Gefhl des Glcks, wenn er dessen gedachte, wie er in Qualm und
Flammen hoch auf dem steilen Dache aus gehandelt und geherrscht hatte als der
einzige, dem alle gehorchten, der einzige, der inmitten der Wirrnis bei klarem
Kopfe geblieben war. Vielleicht kann ich doch meinen Mann stehen, wenn's darauf
ankommt! sagte er sich trstend, aber um so tiefer versank er darauf im
Anschauen seiner trbseligen, gedrckten, kraft- und saftlosen Existenz. - Es
wird nie anders - es kann nur schlimmer werden von Jahr zu Jahr - sagte er
sich, da hrte er hinter sich die Mutter seufzen, und was er soeben gedacht
hatte, erschien ihm als schnde, herzlose Selbstsucht.
    Auf mich kommt's nicht an, murmelte er - da fuhr der Wagen durch das
Stadttor.
    Vor dem roten Gerichtsgebude mit den hohen Steintreppen und den gewlbten
Fenstern hielt der Wagen. Nicht fern davon stand eine wohlbekannte Chaise, und
der Kutscher auf dem Bock trug an seiner Mtze noch dieselbe Troddel, die Paul
einstmals, da er Konfirmand war, so sehr imponiert hatte.
    Als der Vater aufgerichtet wurde, fiel sie auch ihm in die Augen. Na, der
Lump ist ja auch da, rief er, will doch sehen, ob er meinen Blick wird
ertragen knnen!
    Darauf trug ihn Paul mit Hilfe eines Gerichtsdieners die Stufen hinan bis in
das Zeugenzimmer. Die Mutter und die Schwestern gingen hintendrein, und die
Leute blieben stehen und besahen sich die trbselige Prozession.
    Das Wartezimmer der Zeugen war voll von Menschen, meistens Angehrige von
Helenental. In einem Winkel stand ein Huflein Bettelvolk, ein Weib mit einem
aufgedunsenen Gesicht, um den Leib ein rotbuntes Laken gebunden, in dem ein
Sugling schlief. An den Falten ihres Rockes hing eine kleine Schar zerlumpter
Kinder, die sich die Kpfe kratzten und einander heimliche Rippenste gaben.
Das war die Familie des Angeklagten, die aussagen wollte, da der Vater in jener
Nacht daheim gewesen sei.
    Meyhfer dehnte und streckte sich in seinem Stuhle und warf herausfordernde
Blicke um sich. Er erschien sich heute mehr denn je als ein groer Mann, ein
Held und ein Mrtyrer zugleich.
    Die Tr ffnete sich, und Douglas samt Elsbeth erschienen auf der Schwelle.
    Meyhfer warf ihm einen giftigen Blick zu und lachte dann hhnisch in sich
hinein. Douglas achtete nicht auf ihn, sondern setzte sich in die
entgegengesetzte Ecke, Elsbeth mit sich ziehend. Sie sah bleich und angegriffen
aus und hatte ein schchternes, ngstliches Wesen, das von der fremden,
unbehaglichen Umgebung herrhren mochte.
    Sie nickte mit einem flchtigen Lcheln nach der Mutter und den Schwestern
herber und sah Paul mit einem sinnenden Blicke an, der etwas zu fragen schien.
    Er schlug die Augen nieder, denn er konnte den Blick nicht ertragen. - Die
Mutter machte eine Bewegung, zu ihr hinber zu gehen, aber Meyhfer ergriff sie
beim Rocke und sagte, lauter, als es wohl ntig gewesen wre: Da du dich
unterstehst!
    Paul war wie gelhmt. Seine Knie bebten, auf seiner Stirn lastete ein
dumpfer Druck, der ihm jeglichen Gedanken benahm.
    Du wirst ihr Schande bringen, murmelte er immerfort vor sich hin, aber
ohne zu wissen, was er sagte.
    Drinnen im Schwurgerichtssaale begann das Zeugenverhr. Einer nach dem
andern wurde aufgerufen.
    Zuerst kamen die Tagelhner an die Reihe, dann der Wirt, in dessen Schenke
Raudszus die uerungen getan, dann das zerlumpte Huflein aus dem Winkel. - Das
Zimmer fing an, sich zu leeren. - Hierauf wurde der Name des Herrn Douglas
genannt. Er murmelte seiner Tochter ein paar Worte ins Ohr, die auf die
Meyhfers Bezug haben muten, und ging mit seinen breiten Schritten von dannen.
    Die Hnde auf dem Schoe gefaltet, sa sie nun einsam an der Wand. Eine
tiefe Rte der Erregung entflammte ihren Wangen. Gar lieblich und beklommen
schaute sie drein, und ihr schlichtes, wahrhaftes Wesen malte sich in jedem
ihrer Zge.
    Die Mutter lie keinen Blick von ihr, und bisweilen sah sie zu Paul hinber
und lchelte dabei wie im Traume.
    Eine Viertelstunde verrann, dann wurde auch Elsbeths Name gerufen. Sie warf
noch einen freundlichen Blick zur Mutter hin, dann verschwand sie in der Tr.
Ihr Verhr whrte nicht lange. - Herr Meyhfer senior, rief der Diener vom
Saale her und sprang herzu, um Paul beim Tragen des Stuhles behilflich zu sein.
    Der Alte prustete und blies die Backen, dann wieder lehnte er sich mit
mannhaft leisem chzen nach hintenber, innerlich hocherfreut, eine so
effektvolle Rolle spielen zu drfen.
    Der weite Schwurgerichtssaal verschwamm vor Pauls Augen in einem rtlichen
Nebel, undeutlich sah er dichtgedrngte Gesichter auf sich oder den Vater
niederstarren, dann mute er den Saal aufs neue verlassen.
    Die Schwestern, die bis dahin neugierig um sich geschaut hatten, fingen an,
sich zu frchten. Um die Angst zu betuben, aen sie die mitgebrachten
Butterbrote. Paul sprach ihnen Mut zu und lehnte die Wurst ab, die sie ihm
gromtig boten.
    Die Mutter hatte sich in einen Winkel zurckgezogen, zitterte leise und
meinte von Zeit zu Zeit: Was mgen sie aber von mir wollen?
    Herr Meyhfer junior, hallte es von der Tr.
    Im nchsten Augenblicke stand er in dem hohen, menschengefllten Raume vor
einem erhhten Tische, an dem etliche Mnner mit strengen und ernsten Gesichtern
saen; nur einer, der ein wenig abseits Platz genommen hatte, lchelte immer.
Das war der Staatsanwalt, vor dem alle Welt sich frchtete. Auf der rechten
Seite des Saales sa gleichfalls auf erhhten Pltzen ein Huflein wrdiger
Brger, die sehr gelangweilt dreinschauten und sich mit Federmessern,
Papierschnitzel usw. die Zeit zu vertreiben suchten. Das waren die Geschworenen.
Auf der linken Seite sa in einer verschlossenen Bank der Angeklagte. Er ugelte
mit dem Zuschauerraum und machte ein Gesicht, als ob die Sache jeden andern
anginge, nur nicht ihn. So freundlich hatte Paul den finstern Kerl noch nie
gesehen.
    Sie heien Paul Meyhfer, sind geboren dann und dann, evangelisch, und so
weiter, fragte der mittelste der Richter, ein Mann mit einem ganz
kurzgeschorenen Kopfe und einer scharfkantigen Nase, indem er die Daten aus
einem groen Hefte ablas. Er tat das in einem gemtlichen Murmeltone, aber
pltzlich wurde seine Stimme scharf und schneidig wie ein Messer, und seine
Augen schossen Blitze auf Paul hernieder.
    Vor Ihrer Vernehmung, Herr Paul Meyhfer, mache ich Sie darauf aufmerksam,
da Sie Ihre Aussage hernach mit einem Eide beschwren mssen.
    Paul erschauerte. Wie ein Stich war das Wort Eid durch seine Seele
gefahren. Ihm war zumute, als mte er niederstrzen und sein Angesicht vor all
den Spheraugen verbergen, die auf ihn niederstarrten.
    Und dann fhlte er allgemach eine merkwrdige Vernderung in sich vorgehen.
Die glotzenden Augen verschwanden - der Saal tauchte sich in Nebel, und je
lnger des Richters klare, scharfe Stimme auf ihn einsprach, je eindringlicher
er sich mit himmlischen und irdischen Strafen bedrohen hrte, desto mehr war ihm
zumute, als sei er ganz allein mit jenem Manne in dem weiten Saale, und all sein
Sinnen richtete sich darauf, ihm so zu antworten, da Elsbeth aus dem Spiele
blieb. Jetzt gilt's - jetzt zeig dich als Mann, rief es in ihm. Es war ein
hnliches Gefhl wie damals, als er oben auf dem Dache gesessen hatte; sein
Geist verschrfte sich, und der dumpfe Druck, der allezeit auf ihm lastete, sank
von ihm ab, als lste man Ketten, mit denen er gefesselt gewesen.
    Er erzhlte mit ruhigen, klaren Worten, was er von dem Angeklagten wute,
und schilderte sein Wesen; auch, da er sich ihm innerlich verwandt gefhlt
hatte, gab er an.
    Als er das sagte, ging ein Murmeln durch den Saal, die Geschworenen lieen
die Papierschnitzel sinken, und zwei oder drei Federmesser klappten geruschvoll
zu.
    Was geschah, als Herr Douglas mit Ihrem Vater zusammengeraten war? fragte
der Prsident.
    Das kann ich nicht sagen, erwiderte er mit fester Stimme.
    Weshalb nicht?
    Ich mte bles von meinem Vater sprechen! antwortete er.
    Was heit das bles? fragte der Prsident. Wollen Sie damit sagen, da
Sie frchten, Ihren Vater einer strafrechtlichen Verfolgung auszusetzen?
    Ja, erwiderte er leise.
    Wiederum ging das Murmeln durch den Saal, und hinter seinem Rcken hrte er
knirschend die Stimme seines Vaters: Der ungeratene Schlingel! Doch lie er
sich dadurch nicht irre machen.
    Das Gesetz gestattet Ihnen, in solchem Falle die Aussage zu verweigern,
fuhr der Prsident fort. Wie aber geschah es, da Ihr Vater sich gegen Raudszus
wandte?
    Ohne Stocken erzhlte er den Vorgang, nur als er beichten mute, wie er
seinen Vater ins Haus getragen, bebte seine Stimme, und er wandte sich um, als
wollte er ihn um Verzeihung anflehen.
    Der Alte hatte die Fuste geballt, und seine Zhne schlugen aufeinander. Er
mute erleben, da sein eigener Sohn die Glorie des Helden von seinem Haupte
ri.
    Und nachdem Sie den Knecht entlassen, sahen und hrten Sie nichts mehr von
ihm? fragte der Prsident.
    Nein ...
    Als sie in jener Brandnacht erwachten, was sahen Sie da zuerst?
    Langes Schweigen. Paul griff mit beiden Hnden nach der Stirn und taumelte
zwei Schritte zurck.
    Eine Bewegung des Mitleids ging durch den Saal. Man glaubte nicht anders,
als da die Erinnerung an den frchterlichen Augenblick ihn bermannte.
    Das Schweigen dauerte fort.
    So antworten Sie doch.
    Ich - schlief - nicht.
    Sie waren also noch wach? ... Befanden Sie sich in Ihrem Schlafzimmer, als
Sie den ersten Feuerschein gewahrten?
    Nein!
    Wo waren Sie?
    Lange Pause. Man htte ein Blatt zur Erde fallen hren, so still war es im
Saale.
    Sie waren nicht in Ihrem Heimathause?
    Nein.
    Also wo?
    Im - Garten - von - Helenental.
    Ein dumpfes Gerusch erhob sich, das sich zum Tumulte steigerte, als der
alte Douglas, der von seinem Sitz aufgesprungen war, mit drhnender Stimme in
den Saal hineinrief: Was hatten Sie da zu suchen? Der alte Meyhfer stie
einen Fluch aus, Elsbeth entfrbte sich und sank mit dem Kopfe schwer gegen die
Lehne der Bank.
    Der Prsident ergriff die Klingel.
    Ich ersuche den Zeugen um Ruhe, sprach er, ich selbst stelle die Fragen.
Bei nochmaliger Strung lasse ich Sie aus dem Saale entfernen. - Also, Herr Paul
Meyhfer, was wollten Sie im Garten von Helenental?
    In demselben Augenblick erhob sich im Hintergrunde ein neues Gemurmel, und
im Zeugenraume bildete sich eine Gruppe um Elsbeth.
    Was gibt's da? fragte der Prsident.
    Der Staatsanwalt, dessen Auge kein Stubchen im ganzen Saal entgangen war,
neigte sich zu ihm herber und flsterte mit vielsagendem Lcheln: Die Zeugin
ist in Ohnmacht gefallen.
    Da lchelte auch der Prsident, und das ganze Richterkollegium lchelte.
    Elsbeth verlie, von ihrem Vater untersttzt, den Saal ...
    Nun erhob sich ein kleiner Mann mit einem scharfgeschnittenen Gesicht, der
vor dem Angeklagten sa und whrend der ganzen Zeit mit einem Schlsselbunde
gespielt hatte, und sagte: Ich ersuche den Herrn Prsidenten, die Verhandlung
auf fnf Minuten zu vertagen, da die Gegenwart der mitbeteiligten Zeugin von
Wichtigkeit ist.
    Paul warf diesem Manne einen scheuen Blick zu. Die Verhandlung wurde
vertagt.
    Die fnf Minuten waren eine Ewigkeit. Paul durfte sich auf die Zeugenbank
niedersetzen. Der Vater sah ihn unverwandt mit wtenden Augen an, aber er gab
ihm kein Zeichen, da er ihn sprechen wolle.
    Elsbeth wurde in den Saal gefhrt, bla wie eine Leiche, und Paul trat aufs
neue vor die Schranken.
    Ich ermahne Sie nochmals, begann der Prsident, sich in allen Stcken
genau an die Wahrheit zu halten, denn Sie wissen, da jedes Wort Ihrer Aussage
unter den Zeugeneid fllt.
    Ich wei es, sagte Paul.
    Jedoch haben Sie, wie Sie wissen, das Recht, die Aussage zu verweigern,
wenn Sie glauben befrchten zu mssen, da sie Ihnen oder einem Angehrigen eine
Strafe zuziehen drfte. Wollen und knnen Sie, wie vorhin, auch jetzt von diesem
Rechte Gebrauch machen?
    Nein.
    Er sprach es mit fester, klarer Stimme, denn in ihm war die Gewiheit
aufgegangen, da Elsbeths Ehre rettungslos verfallen war, wenn er jetzt schwieg.
    Aber wenn mein Eid ein Meineid wird? hallte es hinterher aus seinem
Gewissen nach. Es war zu spt.
    Also - was wollten Sie in dem Garten? fragte der Prsident.
    Ich wollte - gutmachen, was in meinem Vaterhaus an Douglas verschuldet
war.
    Ein Murmeln der Enttuschung und des Unglaubens ging durch den Saal.
    Und dazu schlichen Sie in dem fremden Garten umher?
    Ich hatte das Verlangen, irgend jemanden zu treffen, dem ich Abbitte htte
leisten knnen.
    Und hierzu suchten Sie sich die Nachtzeit aus?
    Ich konnte nicht schlafen.
    Und Sie wurden von Ihrer Unruhe dorthin getrieben?
    Ja.
    Trafen Sie jemanden in dem Garten?
    Nein.
    Waren Sie schon frher einmal zu derselben Stunde dort gewesen?
    Lange Pause; dann ging ein abermaliges Nein, doch diesmal leise und
zgernd, gleichsam dem Gewissen abgerungen, aus seinem Munde ...
    Die Spannung, die auf den Gemtern lastete, begann sich zu lsen, der
Prsident bltterte in seinen Akten, und Elsbeth starrte mit groen, glanzlosen
Augen zu ihm herber.
    Wo befanden Sie sich, als Sie den Feuerschein zuerst bemerkten?
    Etwa zwanzig Schritt von dem Helenentaler Wohnhaus entfernt!
    Und was taten Sie alsdann?
    Ich war sehr erschrocken und eilte sofort nach dem Heimathof zurck.
    Auf welchem Wege verlieen Sie den Garten?
    ber den Gartenzaun.
    Sie ffneten also nicht die Tr, welche vom Garten nach dem Hofe fhrt?
    Nein.
    Und schritten nicht an dem Giebel vorbei?
    Nein.
    Eine neue Unruhe machte sich im Saale bemerkbar. Der kleine Mann mit dem
Schlsselbunde erhob sich und sagte: Ich bitte den Herrn Prsidenten, Frulein
Douglas noch einmal ber das zu verhren, was sie in jener Nacht gehrt haben
will.
    Frulein Douglas, ich bitte, sagte der Prsident.
    Mit einem langen Blick auf Paul trat sie vor. Dicht nebeneinander standen
sie nun in dem weiten, menschengefllten Saale, als ob sie zusammengehrten.
    Wohin verliefen sich die Schritte, die Sie hrten, als der Feuerschein Sie
weckte?
    Nach dem Hofe zu, erwiderte sie leise, kaum vernehmbar.
    Und hrten Sie deutlich die Klinke der Gartentr klappen?
    Ja.
    Bedenken Sie wohl, ob Sie sich nicht getuscht haben knnen?
    Ich habe mich nicht getuscht, erwiderte sie leise, doch bestimmt.
    Ich danke. Sie knnen sich setzen.
    Mit unsicheren Schritten ging sie auf ihren Platz zurck. Seit jenem
verhngnisvollen Nein hing ihr Blick an Paul wie festgebannt. Sie schien alles
andere darber vergessen zu haben.
    Als Sie den Gartenzaun berschritten hatten, welchen Weg schlugen Sie dann
ein? fragte der Prsident weiter, zu Paul gewandt.
    ber die Heide!
    Berhrten Sie den Wald?
    Nein - ich lief etwa zwei- bis dreihundert Schritt weit davon vorber.
    Begegneten Sie auf Ihrem Wege jemandem?
    Ich sah einen Schatten, der sich dem Walde zu bewegte und bei meinem Kommen
pltzlich verschwunden war.
    Eine lang anhaltende Bewegung ging durch den Raum, der Angeklagte verfrbte
sich, und sein Auge nahm einen starren, glotzenden Ausdruck an. - Der
Staatsanwalt lie keinen Blick von ihm.
    Noch ein paar Nebenfragen, dann durfte Paul sich setzen.
    Die Mutter und die Schwestern wurden gerufen, aber was sie auszusagen
hatten, war ohne Belang. Die Schwestern schauten neugierig, beinahe keck in die
Runde. Die Mutter weinte, als sie den Augenblick des Erwachens erzhlen mute.
    Paul fhlte sich stolz und glcklich darber, da Elsbeth nicht durch ihn
verraten worden. Er schaute lchelnd vor sich nieder und freute sich seines
Mutes. Doch als die Zeugen zur Vereidigung vorgerufen wurden und er die Hand
erheben sollte, da war es ihm, als hinge eine Zentnerlast daran, als riefe eine
leise, traurige Stimme ihm ins Ohr: Schwre nicht.
    Und er schwor.
    Als er sich auf den Platz gesetzt hatte, sagte die Stimme aufs neue: Hast
du vielleicht gar einen Meineid geschworen? - Unwillkrlich erhob er das Haupt.
Da war's ihm, als huschte ein grauer Schatten an ihm vorber und streifte mit
leisem Hauche seine Stirn.
    Trotzig runzelte er die Brauen. Und wenn ich selbst falsch geschworen,
geschah es nicht fr sie? Fr einen Augenblick erfllte eine wilde Freude seine
Seele bei diesem Gedanken, aber schon im nchsten legte es sich mit dumpfem
Drucke auf seine Brust und prete ihm die Kehle zu und schnrte ihm Hnde und
Fe, so da ihm zumute ward, als knnte er sich frder nicht mehr bewegen.
    Er hrte die eintnige Stimme der Redner, die ihre Plaidoyers begannen, aber
er achtete nicht darauf. - Einmal nur fuhr er empor, als der Verteidiger mit
seinem Schlsselbund auf ihn wies und mit seiner dnnen, keifenden Stimme durch
den Saal rief: Und dieser Zeuge da, meine Herren Geschworenen, der sich nachts
in hchst geheimnisvoller Weise in fremden Grten umhertreibt und allerhand
psychologisch geknstelte Ausflchte sucht, um die zarten Motive seines
nchtlichen Abenteuers zu bemnteln, drfen Sie ihm Glauben schenken, wenn er
angibt, er habe pltzlich Schatten auftauchen und verschwinden sehen, -
Schatten, die, glimpflich gesprochen, nur seinem berhitzten Hirne entstammen
knnen? - Was wollte er in dem Garten, meine Herren Geschworenen? Ich berlasse
es Ihrem Scharfsinn und Ihrer Lebenskenntnis, sich diese Fragen selber zu
beantworten, und was den Zeugen anbelangt, so ist es seine Sache, seinen Eid und
sein Gewissen zu befreunden.
    Da sank er vollends zusammen ...
    Die Geschworenen sprachen ihr schuldig, Michel Raudszus wurde zu fnf
Jahren Zuchthaus verurteilt.
    In demselben Augenblicke, in dem der Prsident den Spruch des Gerichtshofes
verkndete, hallte ein hhnisches Gelchter durch den Saal. - Es kam aus dem
Munde Meyhfers. Er hatte sich in seinem Stuhle aufgerichtet und streckte die
gekrmmten Hnde nach Douglas aus, als wollte er ihm an den Hals.
    Als er hinausgetragen wurde, rief er in einem fort: Die kleinen
Brandstifter hngt man, die groen lt man laufen.
    Unheimlich drhnte das Gelchter des hilflosen Mannes durch die weiten
Korridore. - - -

                                       16


Der Winter kam und verging ... Die Heide schneite ein und grnte wieder ... Die
Ranunkeln hoben ihre goldigen Hupter ... der Wacholder trieb seine zarten
Sprossen, und vom blauen Himmel herab tnte Lerchengewirbel.
    Nur in dem dsteren Heidehaus wollte es noch immer nicht Frhling werden.
Wohl hatte Paul es mglich gemacht, das Korn zur Aussaat zu beschaffen, auch
erhob sich bereits ein hlzerner Bau auf der Trmmersttte, aber die Hoffnung
auf bessere Zeiten war immer noch nicht eingekehrt. Dumpf und freudlos tat er
seine Pflicht, und tiefer und tiefer gruben sich die Furchen in seine Stirn.
Mehr denn je grbelte er in sich hinein, und die Sorge, einen Meineid geleistet
zu haben, lastete schwer auf ihm.
    Wohl Monate vergingen, ehe er sich klar wurde, da sein Grmen nichts weiter
war als mige Tftelei, die seinem verngstigten wortklauberischen Sinne
entsprungen war. Er berlegte sich genau die Frage, die der Prsident an ihn
gerichtet hatte, und fand, da er nicht anders htte antworten knnen. Es war ja
in der Tat das erstemal gewesen, da er in den fremden Garten gedrungen war. Was
einst in einer wonnigen Mondnacht diesseits des Zaunes geschehen, was ging das
die Herren vom Gerichte an?
    Nein, ein Meineidiger bin ich nicht, sprach er zu sich, ich bin nur ein
Feigling, ein Pinsel, der vor dem bloen Schatten einer Tat zurckschreckt.
Htte ich nicht stolz und freudig den falschen Eid schwren mssen um Elsbeths
willen? Dann wre ich doch etwas, dann htte ich doch irgendwas getan, whrend
ich nun stumpf und mutlos dahinlebe, ein Knecht und weiter nichts.
    Und in dem Hirne dieses Musterknaben stieg der glhende Wunsch auf, ein
groer Verbrecher zu sein, nur weil es ihn drngte, sein Ich zu besttigen.
Die beiden Stunden, da er auf dem Dach und vor den Schranken gestanden, galten
ihm jetzt als der Inbegriff irdischer Glckseligkeit, und je mehr er arbeitete
und schuf, desto trger und nutzloser erschien er sich nun.
    Der Vater war noch immer an seinen Tragestuhl gefesselt, den er allem
Anschein nach nicht mehr verlassen sollte, denn das gebrochene Bein war schlecht
geheilt. Mrrisch und mig sa er in seinem Winkel, bltterte stumpfsinnig in
einem alten Kalender und schalt auf jeden, der ihm in den Weg kam. Nur vor Paul
hegte er eine Art widerwilligen Respektes, er grollte in sich hinein, sobald er
ihn sah, wagte aber nicht mehr, ihm offen zu widersprechen.
    Und die Mutter!
    Ein wenig mder war sie geworden, ein wenig stiller noch, sonst war wenig
Vernderung an ihr wahrzunehmen, wer aber schrfer hinhrte, der vernahm in den
Lften ein Rauschen, als flge ein Geier ber dem Heidehause hin und her und
zge enger und enger seine Kreise, um sich eines Tages auf seinen Raub
herabzustrzen.
    Sie selbst hrte das Rauschen wohl, sie wute auch, was es bedeutete, aber
sie schwieg, wie sie ihr Lebtag geschwiegen hatte.
    Und das Glck war noch immer nicht gekommen ...
    Zu Anfang April legte sie sich nieder. Allgemeine Schwche konstatierte
der Arzt und empfahl ihr den Besuch eines Stahlbades. Sie lchelte und bat ihn,
zu niemandem von dem Stahlbade zu reden, denn sie wute, da Paul sich
zuschanden arbeiten wrde, um ihr die Kur zu ermglichen.
    Die Kur, die doch nichts half! Sie wute wohl, was ihr fehlte: der
Sonnenschein! Zu dicht hatte Frau Sorge den dsteren Schleier um sie gebreitet,
als da ein Strahl noch in ihre Seele htte dringen knnen.
    Den Zwillingen oblag nun die Sorge um die Wirtschaft. Und flink ging ihnen
die Arbeit vonstatten, das mute selbst Paul gestehen. Wenn sie etwas
zerschlagen hatten, lachten sie, und wenn ihnen ein Spaziergang verwehrt wurde,
weinten sie, aber das Weinen schlug bald wieder in Lachen um, und der Tisch war
nie so prompt bestellt, das Milchgerte nie so blitzend blank gewesen.
    Die Mutter sah das wohl von ihrem Fenster aus und sagte: Es ist gut, da
ich von dannen gehe - ich war auch zu nichts mehr ntze auf der Welt.
    Um die Pfingstzeit begann ihr der Schlaf zu fehlen, auch Fieber stellte sich
ein ...
    Ach, wie ist das Chinin so teuer! seufzte Paul, wenn der Knecht in die
Apotheke ritt, und schaute hilfesuchend auf die schwarze Suse, aber die rhrte
sich nicht. Oft muten die Ackerarbeiten eingestellt werden, damit durch den
Torfstich ein paar Groschen in die Wirtschaft kmen.
    Die Mutter fing an, an Bengstigungen zu leiden, und wnschte dringend, da
jemand nchtlich bei ihr wache. Die Zwillinge aber, die sich tagsber mde
gearbeitet hatten, schliefen abends an der Seite der Kranken ein und sanken wohl
quer ber ihrem Bette, so da die alte, schwache Frau oft noch die blhende Last
der jungen Leiber zu tragen hatte.
    Paul schickte die Schwestern zur Ruhe und bernahm selber das Wachamt.
    Geh schlafen, mein Sohn, sagte die Mutter, du brauchst von uns allen die
Rast am ntigsten.
    Aber er blieb - und in den Maiennchten, wenn drauen im Garten die Blten
flsterten und der Fliederduft durch die Ritzen quoll, saen die beiden oft
stundenlang Hand in Hand und sahen sich an, als ob sie sich wunder was zu sagen
htten. So war es schon immer zwischen Mutter und Sohn gewesen. Die Flle ihrer
Liebe suchte nach Worten, aber die Sorge hatte ihnen die Sprache geraubt.
    Morgens, wenn die Sonne aufgegangen war, tauchte er den Kopf in eiskaltes
Wasser und ging an die Arbeit. -
    Seine Gegenwart gab der Mutter soweit den Frieden, da sie dann und wann zu
schlafen vermochte. Alsdann schlich er sich auf Zehenspitzen in seine Kammer und
holte die physikalischen Bcher herunter, in denen so gelehrt und unverstndlich
die Konstruktion der Dampfmaschinen beschrieben war. Sein Kopf, mde vom vielen
Wachen und jeder Geistesarbeit entwhnt, erfate nur schwer den Sinn der dunklen
Worte - aber - er hatte ja Zeit, und unentwegt arbeitete er fort, Seite um
Seite, wie wenn ein Ackersmann ein steiniges Brachfeld pflgt.
    Schlug die Mutter die Augen auf, so fragte sie: Wie weit bist du, mein
Sohn?
    Und dann mute er ihr erzhlen, und sie tat so, als verstnde sie etwas
davon.
    Fragte sie aber: Und wozu tust du das?, dann machte er ein schlaues
Gesicht und sagte: Ich lerne Goldmachen.
    Mein armer Junge, erwiderte sie und streichelte seine Hand.
    Eine Nacht war's - gleich nach den Pfingstfeiertagen - da konnte sie wieder
nicht einschlafen.
    Lies mir aus den gelehrten Bchern vor, sagte sie, die sind so hbsch
langweilig. Vielleicht fallen mir dabei die Augen zu.
    Und er tat, wie sie geheien, aber als er wohl eine Stunde gelesen hatte,
bemerkte er, da sie ihn mit groen fieberglnzenden Augen anstarrte und dem
Einschlafen ferner war als je.
    Also daraus willst du Gold machen? fragte sie.
    Ja, Mutter, erwiderte er betreten, denn die Wiederkehr des Fiebers
ngstigte ihn.
    Wie willst du das anfangen?
    Du wirst schon sehen, sagte er wie gewhnlich.
    Aber diesmal lie sie sich nicht abtrsten. Sag's mir lieber, mein Junge,
bat sie, sag's mir gleich ... Wer wei, was geschieht? ... Ich mchte
wenigstens 'ne Kleinigkeit fr mich zum Trsten haben, bevor ich einschlafe.
    Mutter, rief er erschrocken.
    Sei ruhig, mein Junge, sagte sie, was liegt daran? Aber erzhl' mir -
erzhl! Sie bat, wie in aufsteigender Angst, als knnte es in der nchsten
Minute zu spt sein.
    Mit stockendem Atem und wirren Worten sprach er von dem, was ihm
vorschwebte, wie er die schwarze Suse zum Leben erwecken wollte, so da das
Moor ausgeschpft werden knnte bis in seine tiefsten Tiefen - aber mitten im
Reden berwltigte ihn die Angst, er strzte schluchzend vor dem Bette auf die
Knie und verbarg das Gesicht an ihrer Brust.
    Sie hie ihn sich aufrichten und sagte: Es ist nicht recht von mir, da ich
dich bange gemacht habe. So Gott will, kann ja noch alles anders kommen. - Was
du mir da sagst, hat mir groe Freude bereitet. - Ich wei, wenn du was in die
Hand nimmst, lt du's so bald nicht fallen. Ich wnschte nur, ich knnt's noch
erleben.
    So sprach sie ihm leise und unbemerklich wieder Mut ein, da sie fr sich
selber nichts mehr zu hoffen hatte.
    In einer anderen Nacht, als er bermdet auf dem Stuhle eingeschlafen war,
rief sie seinen Namen.
    Was wnschst du, Mutter? fragte er auffahrend.
    Nichts, sagte sie. Verzeih mir, ich htte dich sollen ruhen lassen. -
Aber, wer wei, wieviel wir miteinander noch reden werden - ich mchte die Zeit
gerne ausnutzen.
    Er war dieses Mal allzu schlaftrunken, um den Sinn ihrer Worte zu verstehen.
Er setzte sich dichter neben sie und fate ihre Hand, aber die Augen fielen ihm
sogleich wieder zu.
    Sie glaubte ihn wachend und fing an zu reden: Ich bin einmal ein sehr
lustiges junges Ding gewesen, nicht viel anders wie deine Schwestern ... Das
Herz hat mir vor Jubel fast zerspringen wollen, und meine Augen haben immer in
die Ferne geschaut, als mte von dort irgend etwas ungeheuer Schnes
dahergefahren kommen - ein Prinz oder sonstwas derart. Einmal hab' ich auch zu
lieben angefangen - mit der anderen Liebe, der groen, der himmlischen, die wie
das Schicksal ber einen kommt. Aber er hat mich nicht haben wollen - er war
schlank und blond und hatte eine Warze auf dem Kinn. Die Warze hab' ich immer
kssen mgen, aber ich bin nie dazu gekommen. - - Er sah meine Liebe wohl, und
eines Tages, als er besonders bermtig war, hat er mich in den Arm genommen und
hat mich geherzt und dann wieder laufen lassen. - - Ich war aber frhlich und
freute mich, da er mich doch einmal im Arm gehalten.
    Sie hielt inne. Ihr Auge leuchtete, ihre Wangen berflo ein rosiger, fast
mdchenhafter Schimmer - sie hatte sich wunderbar verjngt. Da sah sie, da er
eingeschlafen war, und traurig schwieg sie stille.
    Als er erwachte, sagte er: Mir war so, Mutter, als ob du mir was
erzhltest.
    Du hast wohl nur getrumt, sagte sie und lchelte, aber ihre Gedanken
waren inzwischen weiter und weiter gewandert durch ihr ganzes Leben hin und
hatten aus allen Winkeln die Restchen der Freude hervorgekehrt, die sich allda
verkrochen.
    Ich wei eigentlich nicht, sagte sie, warum ich mein Lebtag so traurig
gewesen bin. Wenn ich zurckdenke, ein groes Unglck ist mir eigentlich niemals
passiert. Zwar schn war es nicht, als wir von Helenental heruntermuten, und
als ich die Stube von der brennenden Scheune blutrot beleuchtet sah, war mir der
Schreck schlimm genug in die Glieder gefahren, aber im groen ganzen hab' ich's
doch immer recht gut gehabt. - Ich hab' euch Kinder alle grogezogen und kein
einziges durch den Tod verloren - zu essen und zu trinken haben wir auch immer
gehabt. - Der Vater hat zwar manchmal gebrummt, aber das ist nicht anders in der
Ehe, das wirst du selbst einmal erleben. - - Ihr Kinder habt mich alle
liebgehabt. - Ihr Jungen seid tchtige Mnner geworden, und die Mdchen werden
tchtige Frauen werden, so Gott will und du sie nicht aus den Augen lt. Was
will ich denn nun eigentlich?
    Und so qulte dieses arme, allmhlich zu Tode gemarterte Weib sich ab, um zu
erfahren, wodurch es zu Tode gemartert worden. Langsam lftete Frau Sorge den
Schleier von ihrem Haupte, damit der Tod ihr ins Antlitz hauchen knne.
    Und eines Abends starb sie ... Die Augen fielen ihr zu, sie wute selbst
nicht wie. Der Arzt, der noch gerufen wurde, sprach von Entkrftung, Anmie; nur
die Empfindsamen sagen in solchen Fllen: Sie starb an gebrochenem Herzen.
    Bitterlich weinend knieten die Zwillinge an ihrem Bette, der Vater, der in
seinem Stuhl hereingetragen worden, schluchzte laut und wollte sie mit Gewalt
ins Leben zurckrufen ... Paul stand zu Kopfenden des Bettes und bi sich auf
die Lippen.
    Ich hab' doch recht behalten, dachte er, sie ist gestorben, eh' das Glck
gekommen ist. Hungrig hat sie von der Mahlzeit des Lebens aufstehen mssen, ganz
wie ich es sagte.
    Er wunderte sich, da er keinen so groen Schmerz empfand, wie er es sich
vorgestellt hatte. Nur die wirren Gedanken an allerhand dummes Zeug, die ihm
fortwhrend durch den Kopf schossen, wie Fledermuse durch die Dmmerung,
zeigten ihm, wie es mit seinen Sinnen bestellt war.
    Es schlug Mitternacht, da sagte der Vater: Wir wollen zur Ruh' gehn, Kinder
... Wer schlafen kann, der schlafe ... Schwere Tage stehen uns bevor.
    Er umarmte die Zwillinge, schttelte Paul die Hand und lie sich in sein
Zimmer tragen.
    Wie gut der Vater heut ist! dachte Paul, er ist zu ihren Lebzeiten nie so
gewesen. Die Schwestern klammerten sich schluchzend an seinen Hals und
verlangten, da er bei ihnen wache. Sie htten solche Furcht.
    Paul redete ihnen trstend zu, geleitete sie in ihre Kammer und versprach,
in einer Stunde nach ihnen sehen zu kommen.
    Als er nach dieser Frist mit einem Lichte in der Hand leise an ihr Bette
trat, fand er sie fest eingeschlafen. Sie hatten sich eng umschlungen, und auf
ihren roten Wangen standen noch die Trnen.
    Dann ging er an die Tr von Vaters Zimmer, um zu horchen, und als er auch
hier keinen Laut vernahm, schlich er sich auf den Zehenspitzen in das Gemach, in
dem die Tote ruhte. Er wollte zum letztenmal an ihrer Seite Wache halten.
    Die Schwestern hatten beim Schlafengehen ein weies Tuch ber ihr Antlitz
gebreitet, das nahm er hinweg, faltete die Hnde und sah zu, wie der flackernde
Schein des Lichtes auf ihren wchsernen Zgen spielte. Sie hatten sich wenig
verndert, nur das blaue Adergest in den Schlfen trat strker hervor, und die
Augenwimpern warfen tiefere Schatten auf die abgezehrten Wangen.
    Er zndete die Nachtlampe an, die whrend ihrer Krankheit allnchtlich an
ihrem Lager gebrannt hatte, setzte sich auf den Stuhl, auf dem er sonst
gesessen, und gedachte eine stille Totenandacht zu halten.
    Aber pltzlich fiel ihm ein, da er vergessen hatte, nach dem Tischler zu
schicken, damit er zeitig kme, Ma zu nehmen. - Ein schlichter Tannensarg
sollte es sein - schwarz angestrichen - und ringsum eine Girlande von
Erikazweigen, denn sie hatte das stille, zarte Pflanzenwesen vor allen andern
geliebt.
    Was wird der Sarg wohl kosten? dachte er weiter, und pltzlich erschrak er
in tiefster Seele, denn er hatte nichts, wovon er die Tote begraben konnte. Er
fing an zu zhlen und zu rechnen, aber er konnte zu keinem Abschlusse kommen.
    Es ist das erstemal, da sie fr ihre Person etwas braucht, sagte er leise
vor sich hin und gedachte des verschossenen Kleides, das sie jahraus, jahrein
getragen hatte.
    Er rechnete alles zusammen, was er an Auenstnden in Eile wohl eintreiben
konnte, aber die Summe war klein und bei weitem nicht gengend, die
Begrbniskosten zu bestreiten. Auch die drei Fuder Torf, die er morgen und
bermorgen allenfalls nach der Stadt schicken konnte, vermochten daran nichts zu
ndern.
    Darauf nahm er ein Blatt Papier vor und fing an, die Kosten
zusammenzuzhlen:

Ein Sarg 15 Taler
Der Platz auf dem Kirchhof 10 Taler
Dem Kster 5 Taler
Das Linnen zum Totenhemde 2 Taler

    Dann die Kosten des Begrbnisses, das der Vater wahrscheinlich so groartig
wie mglich hergerichtet wissen wollte:

10 Flaschen Portwein 10 Taler
 1 Kiste Zigarren 2 Taler
 2 Achtel Bier 2 Taler

    Zutaten fr den Kuchen ... das Weizenmehl war zwar im Hause, aber Zucker,
Rosinen, Mandel, Rosenwasser usw. muten neu beschafft werden. Wieviel wrde das
wohl ausmachen? Er rechnete eifrig, aber die Taxe wollte nicht stimmen. Die
Mutter wird's schon wissen, dachte er, und eben wollte er sie um Rat fragen, da
- sah er, da sie tot war.
    Er erschrak heftig. Erst jetzt, da seine Phantasie sie wieder lebendig
gemacht hatte, begriff er, da er sie verloren. - Er wollte laut aufschreien,
aber er bezwang sich, denn er mute weiterrechnen.
    Verzeih mir, Mtterchen, sagte er, mit der Rechten ihre kalten Wangen
streichelnd, ich kann noch nicht um dich trauern, ich mu dich erst unter die
Erde bringen.
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    Drei Tage spter sollte das Begrbnis stattfinden.
    Wie Paul vorausgesehen, hatte der Vater es sich nicht nehmen lassen, eine
groe Festivitt zu veranstalten. An alle seine Freunde in der Stadt hatte er
Einladungen gesandt, auf schnem Glanzpapier mit fingerbreitem Trauerrande. -
Seinem Schmerze hatte er darin in schnen, wohlgewhlten Worten Ausdruck
gegeben, auch nirgends versumt, seinen Namenszug mit einem weitausgreifenden
Schnrkel zu versehen.
    Am Wachtabend, als die Leiche eben aufgebahrt worden, trafen die beiden
Brder ein. Sie waren seit vielen Jahren nicht daheim gewesen, und Paul htte
sie beinahe nicht wiedererkannt. Gottfried, der Gymnasiallehrer, ein wrdiger
Mann mit strengem Gesichtsausdruck und dem Ansatz zu einem Buchlein, fhrte
eine junge, schwarzbeflorte Dame am Arm, seine Braut, die mit verwundertem
Blicke die niedrigen, rmlichen Rume ma und sich bemhte, eine ebenso
freundliche wie schmerzbewegte Miene zu zeigen, da ihre Lage beides von ihr
verlangte ... Max, der Kaufmann, kam hintendrein. Er sah ein wenig locker aus,
sein kecker Schnurrbart wollte sich vergebens in die Gemtsverfassung eines
frischverwaisten Sohnes hineinzwngen, und seine Trauer uerte sich weniger in
Schmerz als in Unbehagen.
    Beide Brder umarmten den Vater feierlich, und die fremde junge Dame neigte
sich hernieder und kte ihm erst die Hand und dann die Stirne. - Alsdann
begrten sie die Zwillinge, die in ihren Trauerkleidern frischer und lieblicher
dreinschauten denn je. - Paul, der an der Tre stand und verlegen seine Mtze
drehte, hatten sie bersehen.
    Endlich fragte Gottfried: Wo ist unser Bruder? Da trat er schchtern vor
und reichte ihm die Hand ...
    Drei Augenpaare maen ihn prfend ...
    Wr' ich doch erst drauen! dachte er, und sobald es anging, machte er
sich in dem Stalle zu schaffen.
    Gottfried folgte ihm dorthin. Paul erschrak, als er ihn kommen sah, denn er
wute nicht, was er mit dem vornehmen Mann reden sollte.
    Lieber Bruder, sagte jener, ich habe eine Bitte an dich. Kannst du meiner
Braut nicht ein freundlicheres Logis verschaffen? Sie fhlt sich ein wenig
beengt in der Kammer der Mdchen.
    Ich werde ihr mein Giebelzimmer einrumen, sagte Paul.
    Du wrdest mich zu Dank verpflichten, wenn du es ttest.
    Dann richtete er noch etliche Fragen an ihn ber die Leiden der Mutter, ber
den Viehstand und ber die Hypotheken, die auf dem Grundstck lasteten.
    Ihr Armen, sagte er, habt wohl manche Sorgen gehabt. Aber hast du es dir
auch angelegen sein lassen, die letzten Tage unserer seligen Mutter so viel als
mglich zu erleichtern?
    Paul versicherte, er htte getan, was in seinen Krften gestanden.
    Das freut mich, erwiderte der Bruder in strengem Tone, es wre eine
schwere Pflichtversumnis gewesen, wenn du es unterlassen httest. - Und nun
komm, la uns gemeinsam vor die Leiche der Verklrten treten, damit sie vom
Himmel herab die Ihren all beieinander schaue.
    Er bot Paul die Hand und zog ihn in das Zimmer, in dem die Mutter friedlich
zwischen Blumen und Lichtern ruhte und wo die andern schon versammelt waren.
    Paul blieb beklommen in der Tr stehn. Er htte viel darum gegeben, htte er
fr einen Augenblick mit der Toten allein sein knnen, da es aber nicht anging,
schlich er sich leise hinaus und schaute von drauen durch das Fenster, wo die
fremden Gaffer aus dem Dorfe standen, als wre er einer von ihnen ...
    Eine Weile spter kam Max zu ihm und fhrte ihn vertraulich beiseite.
    Ich habe eine Bitte an dich, lieber Junge, sagte er, die Kehle ist mir
ganz ausgetrocknet vom Wegstaub und vom Weinen. Kannst du mir nicht einen
Schluck Bier verschaffen?
    Paul erwiderte, es wren wohl zwei volle Achtel da, die sollten aber erst
morgen zur Begrbnisfeier angesteckt werden.
    Gib mir nur immer den Kran, antwortete Max, ich verstehe mich darauf. Das
Bier im Achtel wird morgen so frisch sein wie heute.
    Und als Paul ihm seinen Willen getan, drehte er ihm den Rcken und ging von
dannen.
    Um elf Uhr wurden die Kerzen am Sarge ausgelscht man begab sich zur Ruhe.
    Paul fand, da kein Bett mehr fr ihn brig war, und kletterte auf den
Heuboden, wo er die Nacht ber grbelnd aufrecht sa ...
    Um zehn Uhr morgens fanden sich die ersten Gste ein, und zwar solche, die
weder zugesagt hatten noch berhaupt erwartet wurden. Als Paul sie kommen sah,
war sein erster Gedanke: Hab' ich auch genug Essen und Trinken besorgt? und je
mehr Wagen auf den Hof gerollt kamen, je mehr wildfremde Mnner den Seinen die
schwarzbehandschuhten Hnde entgegenstreckten, desto hher schwoll seine Angst,
desto lauter klangen die Worte ihm ins Ohr: Es wird nicht reichen!
    Der Vater hatte heute wieder einmal seinen groen Tag. Er sa in seinem
Tragesessel wie auf einem Throne - seine beiden ltesten Shne wie Vasallen um
sich her - und lie sich in seinem Schmerze bewundern.
    Wenn ein neuer Gast auf ihn zutrat, prete er die dargebotene Rechte mit
seinen beiden Hnden, als ob er derjenige wre, welcher zu kondolieren htte,
neigte gramvoll das Haupt und sprach mit schmerzerstickter Stimme abgebrochene
Worte, wie: Ja, sie ist dahin! - Hin ist hin! - - Es gibt keinen Balsam fr die
Wunden des Herzens! - Mge der Himmel an ihr gutmachen, was die Erde
verschuldete, und dergleichen mehr.
    Dazwischen rief er zu Paul: Mein Sohn, du sorgst nicht fr Wein! - Mein
Sohn, Herr Wegmann wnscht eine Zigarre! - Mein Sohn, denke daran, da unsere
Gste sich erlaben.
    Paul lief von einem zum andern, gleich einem Kellner, zhlte voll Angst die
Flaschen, die sich mit rapider Hast verringerten, und beneidete die Schwestern,
die sich in ihren schnen, schwarzen Kleidern ruhig in eine Ecke setzen und von
Herzen ausweinen durften, whrend die fremde Schwgerin sie trstete. - An die
Trauerkleider hatte er in seiner Berechnung gar nicht gedacht, und es war ein
Glck, da der Kaufmann sie ihm gutschrieb, sonst htten die Schwestern sich
nicht sehen lassen drfen.
    Er selbst sah in seinem unscheinbaren grauen Anzug gar nicht wie ein
Leidtragender aus, und die meisten der Gste, die ihn nicht kannten, gingen
ruhig an ihm vorber und nahmen nur Notiz von seiner Existenz, wenn er ihnen
Wein und Zigarren anbot.
    Auf dem Hofe hatte sich eine Anzahl fremder Frauen eingefunden, die die
Mutter ihres stillen, schlichten Wesens halber lieb gehabt hatten und sich dem
Zuge anschlieen wollten, ohne da sie zur Trauergesellschaft gehrten.
    Der Feldherrnblick des Vaters hatte sie alsbald entdeckt.
    Paul, mein Sohn, rief er, geh hinaus und ntige die Damen ins
Trauerhaus.
    Zgernd folgte Paul dem Befehle, denn er wute nicht, wie er die Einladung
in Worte kleiden sollte. Als er auf die Schwelle trat, fiel sein erster Blick
auf Elsbeth, die in einfachem Trauerkleide unter den Frauen des Dorfes stand und
einen Kranz von weien Rosen trug. Und als sie ihn sah, fllten sich ihre Augen
mit Trnen.
    Fr einen Augenblick war ihm zumute, als sollte er den Kopf in die Falten
ihres Kleides pressen, um sich dort auszuweinen, aber daneben standen die andern
und starrten ihn an. Er machte eine linkische Verbeugung und sagte: Der Vater
lt bitten - ob Sie die Tote nicht sehen mchten.
    Die Frauen schoben sich langsam in das Innere, nur Elsbeth zgerte noch.
    Kommst du nicht auch herein? fragte er.
    Mein armer, lieber Paul, sagte sie und ergriff seine Hand.
    Er schlo die Augen und taumelte zwei Schritte zurck.
    Komm doch, sagte er, sich wieder fassend, sieh sie dir an, sie hat dich
ja immer so lieb gehabt.
    Paul, mein Sohn, wo bist du? hallte die Stimme des Vaters aus dem Innern.
    Paul, sagte sie stockend unter quellenden Trnen, du sollst nicht
verzagen, es gibt noch andre, die dich - lieb haben.
    O ja, sagte er, ich wei wohl - aber komm - ich mu Wein einschenken.
    Sie seufzte tief auf, dann ging sie schchtern hinter ihm drein und mischte
sich wieder unter die fremden Frauen.
    Paul, komm her! winkte der Vater, der sich heute in seine alte Macht
zurckzutrumen schien, und als Paul den Kopf zu ihm niederbeugte, flsterte er
ihm ins Ohr: Ich hre, der Wein ist alle? Was heit das? Willst du uns
blamieren?
    Ich glaub', es sind noch ein paar Flaschen da, antwortete Paul.
    Sorg, da sie reichen, bis der Pfarrer kommt; den Frauen mut du aber auch
ein Glas geben, hrst du?
    O, kme doch der Pfarrer bald! seufzte Paul und mhte sich ab, die Glser
nur halb voll zu schenken.
    Und endlich war der Pfarrer da. Die Gesellschaft drngte sich ihm nach in
das Zimmer, in dem die Tote aufgebahrt lag. - Der ganze Raum war gebadet in
Sonnenglanz, und durchbrochene Lichter, die ihren Weg durch das leise sich
neigende Lindengestel genommen hatten, spielten lustig auf dem marmorbleichen
Angesicht.
    Paul half den Stuhl des Vaters an das Kopfende des Sarges tragen, dann zog
er sich in einen stillen Winkel zurck, wo er die Trauergesellschaft im Rcken
hatte und sich ein wenig ausruhen konnte, denn er war mde vom vielen
Herumlaufen.
    Aber man lie ihn nicht zu sich selber kommen. Wo ist der jngste Sohn?
fragte der Pfarrer, der die ganze Familie um sich versammelt haben wollte.
    Paul, mein Kind, wo bist du? rief der Vater.
    Da mute er hervortreten und erhielt seinen Platz dicht hinter dem Sargende,
neben dem Stuhle des Vaters.
    Durch die Trauergesellschaft ging ein Murmeln, und einige sahen sich
bedenklich an, als wollten sie sagen: Also, das ist auch ein Sohn? - Dann haben
wir ja einen Versto gemacht.
    Auch dem Pfarrer war das Spiel der Sonnenlichter aufgefallen, und er nahm es
zum Thema seiner Rede. Wohl glnze unsere Erdensonne hell und freudenhaft, aber
das sei noch gar nichts - das sei die pure Finsternis, verglichen mit dem
himmlischen Sonnenschein. Alsdann pries er die Tote und pries auch die
Hinterbliebenen, vornehmlich den treuen Gatten und die beiden ltesten Shne als
die stolzen Grundpfeiler des Hauses; nicht minder fiel fr Paul ein Brocken ab
als den Kmmerer, den sein Herr getreu gefunden bis zum Tode.
    Schade nur, da er von dem honigsen Lobe nichts vernahm! Ganz gedankenlos
starrte er vor sich hin. Sein Blick heftete sich auf die seidene Schleife, die
von der Haube der Mutter emporragte und die sich leise bewegte, wenn der
Windzug, der durch die fuchtelnden Arme des Pfarrers entstand, darber
hinstrich. - So glich sie einem weien Schmetterlinge, der die Fittiche regt, um
sich in die Lfte zu erheben.
    Dann wurde ein Choral gesungen und der Deckel auf den Sarg gehoben. - In
diesem Augenblick ertnte aus den hinteren Reihen ein markerschtternder Schrei:
Mutter, Mutter!
    Erschrocken und verwundert wandten sich alle um. Elsbeth Douglas war es, die
ihn ausgestoen. Nun lag sie ohnmchtig in den Armen ihrer Nachbarin.
    Paul verstand sie wohl. Sie hatte des Augenblicks gedacht, da man der
eigenen Mutter den schwarzen Deckel ber das tote Antlitz legen wrde. Und er
schwor sich zu, ihr alsdann treu und trstend zur Seite zu stehen. Auch der
Vater schaute auf, und in seinen Zgen malte sich deutlich die Frage: Ist die
auch hier?
    Elsbeth wurde in ein Nebenzimmer gebracht, und zwei der Frauen blieben bei
ihr, bis sie sich erholt haben wrde. Der Sarg aber schwankte, hoch
emporgehoben, durch die Tr hinaus, bis er auf dem Leichenwagen Ruhe fand.
    Paul griff nach seiner Mtze. Da drngte sich Gottfried an seine Seite und
steckte ihm etwas Schwarzes, Weiches in die Hand.
    Binde dir wenigstens diesen Flor um den Arm, flsterte er ihm zu.
    Weshalb?
    Man knnte glauben, da du keine Trauer tragen wolltest.
    Paul erschrak bei diesem Gedanken und tat, wie ihm geheien. Hinterher
grmte er sich, da er sich von seinem Bruder hatte beschmen lassen mssen, und
erst viel spter wurde ihm klar, wer von ihnen beiden die grere Trauer
getragen.
    Der Friedhof lag einsam mitten auf der Heide. Drei einzeln stehende
Fichtenbume verkndeten ihn weit hinaus, und am Rande des Walles, der ihn
umgab, blhten dichte Dornenhecken.
    Dorthin ging der traurige Zug. Die Shne folgten gleich hinter dem Sarg, der
Vater mit den Zwillingen weiter hinten in einem Wgelchen.
    Paul starrte vor sich nieder; dachte an den Sand, in dem er watete ... an
den Wein ... an Elsbeth ... an Vaters Tragestuhl ... und an den Erikakranz, der
sich halb vom Sarge gelst hatte und hinterdreinhing. Er nahm sich vor, wohl
aufzupassen, da er nicht mit in die Gruft hinabgesenkt wrde.
    Am Grabe fhlte er nichts wie ein heftiges Brennen in den Schlfen, und
whrend der Pfarrer den Segen sprach, fiel ihm pltzlich ein, da er statt des
Weines ganz ruhig htte Bier verschenken knnen. Alsdann mute er auf die
Zwillinge achtgeben, die in ihrem Schmerze Dummheiten machten und dem Sarge
nachspringen wollten. Er nahm sie in seine Arme, kte sie und hie sie den Kopf
an seine Schultern legen. Sie taten es, schlossen die Augen und atmeten wie im
Schlafe.
    Als die ersten Erdschollen auf den Sarg niederkollerten, hatte er ein
widriges Gefhl, als rolle man in seinem Kopfe Kegelkugeln in die Runde, und als
der Hgel in fahler Nacktheit sich zu erheben begann, dachte er: Hier mu
morgen schon grner Rasen drum herum ...
    Die Menge verlief sich, der Vater wurde zu seinem Wagen zurckgetragen, und
die drei Shne machten sich zu Fu auf den Heimweg. Max und Gottfried sprachen
in leisem, feierlichem Tone von ihren frhesten Erinnerungen an die Verblichene,
Paul aber schwieg stille und dachte: Gott sei Dank, da ich sie unter der Erde
hab'!
    Noch immer raste die krankhafte Geschftigkeit in seinem Hirn, noch immer
hatte er nicht begriffen, nicht begreifen wollen - - - doch als er nun den Hof
betrat, der mit seinem schindelgedeckten Stalle und seinen Brandspuren grau und
trostlos vor ihm lag, da kam es pltzlich mit der Gewalt eines Blitzstrahls wie
eine funkelnagelneue Erkenntnis ber ihn: Die Mutter ist fort!
    Er drehte sich um, griff mit den Hnden in die Luft, und, wie vom Blitze
getroffen, sank er zu Boden ...

                                       17


Der Sommer verging, mit seinen Nebelgewndern kam der Herbst ber die Heide
geschlichen. - Rote Sonnenstrahlen wanderten mde am Waldesrande vorbei, und die
Erika senkte ihr purpurfarbenes Haupt. - Um diese Zeit begann auf dem Heidehof,
der stiller dagelegen als je bisher, ein seltsames Tnen. Wie Hammerschlag und
Glockenklang zugleich hallte es weit ber die Heide in streng abgemessenen
Takten, bald schriller, bald dumpfer, aber nie ohne melodischen Nachklang, der
langsam in den Lften verzitterte.
    Die Bewohner des Dorfes blieben verwundert auf der Strae stehen. Einer
fragte: Was mag bei Meyhfers los sein?
    Und der andre sagte: Es klingt fast, als htt' er sich eine Schmiede
gebaut.
    Sein Glck wird er nicht schmieden, sagte ein dritter, und lachend gingen
sie auseinander.
    Der Vater, der wie gewhnlich ghnend und mrrisch in seinem Winkel sa, war
beim ersten Klange hoch emporgefahren und hatte die Zwillinge gerufen, da sie
ihm Rede stnden. Allein die wuten auch nichts weiter, als da heute in der
Frhe ein Handwerker mit Feilen und Hmmern und Ltzeug aus der Stadt gekommen
sei, mit dem Paul, allerhand Plne und Zeichnungen in der Hand, eine lange
Unterredung gehabt habe. Sie liefen schleunigst nachzusehen, und was sie fanden
- - -: Hinter dem Schuppen stand die schwarze Suse, mit einem Holzgerst
umkleidet, wie eine Dame in ihrer Krinoline, und auf dem Gerst kletterten Paul
und der Handwerker eifrig umher, klopften, guckten und schroben an den Nieten.
    Verwundert schauten die Zwillinge einander an, denn sie ahnten, da hier
etwas Groes sich vorbereite, doch dem Vater Kunde zu bringen, hielten sie nicht
fr ntig; sie erinnerten sich, da zwei kleine Briefchen, die sie geschrieben
hatten, durch das Dienstmdchen eilig und geheimnisvoll zum Postamte befrdert
werden muten.
    Paul aber stand hoch oben auf dem rundlichen Leibe der schwarzen Suse, an
den schlanken Schlot gelehnt, und schaute sehnsuchtsvoll nach dem Moore hin, wie
ein Kolumbus, der eine neue Welt entdecken will.
    Der erste Schritt des khnen Weges war getan. - In den langen, schlaflosen
Nchten, die dem Tode der Mutter folgten, wenn der Schmerz mit ehernen Pranken
seine Seele umklammerte, dann hatte er vor dem klagenden Bilde der Verblichenen
sich in seine Bcher hineingeflchtet. Wie ein Maulwurf grub er sich seine Wege
durch die dunkeln Theorien, und wenn der Kopf ihm sauste, wenn der Leib ihm
erschlaffen wollte von der aufreibenden Geistesarbeit, dann rief er sich zu:
Ihre letzte Hoffnung soll nicht zuschanden werden. - Dann streckten sich seine
Glieder, den Kopf durchfuhren Blitze der Energie, und weiter und weiter ging's
in rastlosem Schaffen, bis der Wirrwarr des eisernen Rtsels sich in ein Spiel
von Harmonie verwandelte, bis jeder Hebel ein Muskel, jede Rhre ein derchen
ward, ersonnen nach weisestem Plane, wie der Menschenleib von dem Geiste des
ewigen Schpfers.
    Wochen und Monde gingen darber hin. So ganz vertiefte sich sein Sinn in
Erkenntnisdurst und Schaffensdrang, da alles, was ihn sonst bewegte,
schattenhaft in die Ferne schwand. Das Bild der Mutter wurde stiller und
friedlicher und begann zu lcheln; wie von unsichtbaren Geistern getragen,
hufte die Ernte sich in der Scheuer, und als eines Tages das letzte Bndlein
Hafer vor dem Schober abgeladen wurde, da schlug er sich mit der Hand vor den
Kopf wie ein Trumender und sagte: Mir ist's, als htt' ich gestern nur die
erste hre gesehen.
    Je mehr aber seine Erkenntnis sich rndete und reifte, desto hher schwoll
in seiner Seele die Angst um das Gelingen. Als er nach einem Schlosser schrieb,
hatte er ein Herzklopfen wie ein Kandidat vor dem Examen. Sein Tun scheute das
Licht, als wr's ein Frevel, denn er frchtete das Ausgelachtwerden. Erst das
Klopfen des tastenden Hammers rief die Kunde in die Welt.
    Der fremde Meister mute mit am Herrentische niedersitzen, und der Vater gab
ihm seine Mibilligung dadurch zu erkennen, da er ihm den Gru verweigerte und
allerhand von Narren und Schmarotzern in den Teller hineinmurmelte.
    Aber niemand kehrte sich daran, und die Arbeit nahm ruhig ihren Fortgang.
    Nach Pauls Weisungen wurde die Maschine auseinandergenommen und bis in ihre
kleinsten Teile hinein geprft. Die Fehler, die ein Techniker vom Fach auf den
ersten Blick erkannt haben wrde, muten diese beiden Mnner erst mhsam suchen
und einander klar machen. Oft gab es stundenlange Dispute zwischen ihnen wie in
einer Ratsversammlung.
    Einmal fragte der Meister ungeduldig: Warum zum Teufel haben Sie das Ding
in keine Reparaturwerkstatt geschickt?
    Paul erschrak. Freilich, das war ein Gedanke! Heute schien er ihm nagelneu,
und doch war er ihm frher schon oft zu Sinn gekommen. Aber er hatte ihm niemals
Raum geben mgen, er schien ihm zu keck, zu lcherlich - auch hatte er zu groe
Angst, da man ihm die schwarze Suse als unverbesserlich zurckschicken werde.
Es ging ihm wie jenem Weib aus dem Volke, das ihren Mann lieber selbst zu Tode
kurieren wollte, als da es sich von einem Arzte sagen liee: Er ist
unrettbar.
    Wenn es dunkel geworden war und der Meister samt den Knechten Feierabend
gemacht hatte, pflegte er noch ein Stndchen auf der Werksttte herumzustbern,
ohne Zweck und Ziel eigentlich, nur weil er die schwarze Suse nicht verlassen
wollte. Am liebsten htte er bis zum Morgen als Nachtwchter neben ihr
gestanden. Gerne mochte er hierbei eine Zeichnung oder ein paar seiner Bcher
unter den Arm nehmen, ebenfalls ohne Zweck, denn es war ja finster - er wollte
nur alles hbsch beieinander haben. Das geschah in der grten Heimlichkeit,
denn niemand hatte eine festere berzeugung davon, da Paul ein vollkommener
Narr war, als Paul selber.
    Eines Abends, als er im Dunkeln nach einem Buche kramte, das er mit
hinunternehmen knnte, fiel ihn in dem hintersten Winkel seiner Schublade etwas
Lngliches, Rundes in die Hand, das fein in Seidenpapier gehllt war.
    Er fhlte in der Finsternis, wie er errtete. Es war Elsbeths Flte. Wie war
es nur mglich, da er ihrer und der Geberin so selten gedacht hatte? Das
Schattenreich seines Schmerzes hatte die lichte Gestalt verschlungen, die ihm an
jenem dunkelsten der Tage zum letztenmal erschienen, nun war sie ihm ber allem
Sorgen und Mhen selber zum Schatten geworden. Im ersten Momente vermochte er
kaum, sich ihre Zge vor die Seele zu rufen, erst allgemach erstand ihr Bild
aufs neue in seinem Innern.
    Er nahm die Flte statt des Buches unter den Arm, schlich sich hinter den
Schuppen und setzte sich auf den Dampfkessel. - Neugierig tastete er an den
Klappen herum, er setzte auch das Mundstck an die Lippen, aber er wagte nicht
einen Ton hervorzubringen, denn er wollte niemanden aus dem Schlafe stren.
    Es wre wohl schn, sagte er vor sich hin, wenn ich allerhand liebliche
Melodien blasen und dabei an Elsbeth denken knnte. Ich wrde mich dann wieder
einmal mit ihr aussprechen knnen und wissen, da ich auch fr mich selber auf
der Welt bin! Aber bin ich denn fr mich selber auf der Welt? fragte er, indem
er sinnend eine Kurbel erfate. Wie diese Kurbel sich dreht und dreht, ohne zu
wissen, warum? und fr sich selber nichts ist wie ein totes Stck Eisen, so mu
ich mich auch drehen und drehen und nicht fragen: warum? - - Es soll ja Menschen
auf der Welt geben, die das Recht haben, fr sich selber zu leben und die Welt
nach ihren Wnschen zu bilden, aber die sind anders geartet wie ich, die sind
schn und stolz und khn, und um sie herum scheint immer die Sonne. Die drfen
sich auch die Freude erlauben, ein Herz zu haben und nach diesem Herzen zu
handeln. Aber ich - ach, du lieber Gott! Er hielt inne und besah in trbseligem
Sinnen die Flte, deren Klappen in mattem Lichte durch die Dmmerung
schimmerten.
    Wenn ich so einer wre, fuhr er nach einer Weile fort, dann wrde ich ein
berhmter Musiker geworden sein - ich wei wohl, da drinnen sind viele Melodien,
die noch kein anderer gepfiffen hat - und wenn ich mein Ziel erreicht htte,
dann wrde ich Elsbeth geheiratet haben - und Vater wrde reich und Mutter
glcklich geworden sein. Nun aber ist die Mutter gestorben - der Vater ein armer
Krppel - Elsbeth wird einen anderen nehmn - und ich seh' mir die Flte an und
kann sie nicht blasen.
    Er lachte laut auf, und dann rutschte er nach dem Vordergrunde hin, so da
er den Schornstein erreichen konnte. Er streichelte ihn und sagte: Aber diese
Flte, die will ich spielen lernen, da es 'ne Freude ist.
    Wie er so da sa, war's ihm, als hrte er vom Garten her halbunterdrcktes
Kichern und Geflster. Er lauschte. Kein Zweifel. Dort koste ein Liebesprchen
oder gar mehr als eines, denn es tnten die verschiedensten Stimmen
durcheinander wie aus einem Spatzenhuflein.
    Die Mgde halten sich Liebhaber, wie mir scheint, sagte er, denen will
ich den Weg weisen.
    Er holte sich eine Peitsche, die an der Stalltr hing, und kletterte leise
ber den hinteren Gartenzaun, um den fremden Katern den Weg zu verlegen.
    Da pltzlich blieb er wie versteinert stehn, seine Augen quollen hervor, und
der Peitschenstiel zitterte in seinen Hnden. Er hatte die Stimmen der
Schwestern erkannt.
    Er lehnte sich an einen Baumstamm und lauschte.
    Lt er euch jetzt in Ruh'? fragte eben einer der Liebhaber im Flsterton.
    Er hat jetzt zuviel mit seiner Maschine zu tun, erwiderte die Stimme
Gretens, selbst seine ungesalzenen Predigten erspart er uns ...
    Ihr habt euch doch nie viel daraus gemacht?
    Grete kicherte. Er ist ja trotz seiner Wrde doch blo ein dummer Junge.
Und von Liebe versteht er gar nichts. Solange ich denken kann, schleicht er um
die Elsbeth Douglas herum, aber glaubst du, da er schon je gewagt hat, ein Auge
zu ihr aufzuschlagen? Die wird sich natrlich schn bedanken, so 'nen
Schmachtlappen zu nehmen - da ist ihr Vetter, der Leo, schon ein ganz andrer
Kerl.
    Das Herz drohte ihm stille zu stehen, doch er lauschte weiter.
    Ich begreif' nicht, warum ihr ihm berhaupt pariert, sagte die Stimme des
Liebhabers, wir haben ihn stets durchgehauen und dann laufen lassen, und zum
Dank dafr hat er uns um Verzeihung gebeten. So 'nem Hans Hasenfu mu man
einfach die Zhne zeigen.
    Na warte, du Aufhetzer! dachte Paul, der nun wute, wen er vor sich hatte.
    Grete aber erwiderte eifrig: Pfui du, das hat er nicht um uns verdient. Er
liebt uns so sehr, da wir uns eigentlich schmen mten, ihn zu betrgen; was
er uns an den Augen absehen kann, schenkt er uns, und ich mchte darauf
schwren, da er nur aus lauter Liebe immer so traurig ist. Da lt man sich hin
und wieder eine Moralpredigt schon gefallen, besonders, wenn man sich hinterher
doch nicht daran kehrt.
    Gut, da ich das wei, dachte Paul und schlich sich im Halbkreise um sie
herum, bis er zu der Laube kam, in der das andere Prchen hauste.
    Dort ging es bedeutend stiller zu, nur von Zeit zu Zeit tnte ein Ku oder
ein Kichern aus dem Bltterdunkel. Dann hrte er Kthens Stimme: Und warum hast
du jngsten Sonntag soviel mit Mathilden getanzt?
    Das ist eine scheuliche Verleumdung, erwiderte der andre der Brder.
Welches Lstermaul hat dir das zugetragen?
    Pfarrers Hedwig hat's mir erzhlt!
    Das ist mir auch die Rechte - neidisch ist sie auf dich, das ist die ganze
Geschichte. Wie sie mich letzten Sonntag angeschaut hat - ich glaubte, mein Haar
mt' ansengen.
    Ah, die Falsche!
    Na, grm dich nicht drum! Falsch seid ihr alle! Meine kleine, se Lerche,
mein Sonnenschein, mein Strudelkopf - leg den Kopf auf meinen Scho, - ich will
dich zausen.
    So?
    Nein, du liegst auf meiner Uhrkette! So ist's recht! - Sing mir was!
    Wovon soll ich singen?
    Von Liebe!
    Erst verdien's dir - du Strolch!
    Darauf wurde es fr eine Weile still, dann begann Kthe leise zu trllern:

Im Flieder sang die Nachtigall
Bis morgens um halb drei,
Da sprang mit einem leisen Schall
Mein Fensterlein entzwei. - -

Ich lief, das Unglck zu besehn,
Des Morgens um halb drei,
Da fand ich eine Leiter stehn
Und einen Mann dabei - lalala!

    Sing doch weiter!
    Ach nein! Eigentlich ist es unanstndig.
    Warum fingst es denn an?
    Sie kicherte und schwieg.
    Sing was Andres!
    Bevor ich singe, gib mir 'nen Ku!
    Ein kurzes Ringen, dann seine Stimme: Was, erst willst du und dann strubst
du dich, du Katze?
    Hier bin ich!
    La los! - Donner - du kratzt!
    Nimmst du 'ne andere, kratz' ich dir die Augen aus!
    Weiter nichts?
    Nein, ich leg' mich untern Wacholderbusch und hungere mich tot. Zu meinem
Begrbnis mut du auch kommen. Hu! das wird schn werden! - Pa mal aber auf,
ich kenn 'nen schnen Vers:

Weit du, wie lieb ich dich hab'? - -
Es steht auf der Heide ein einsames Grab,
Drin schlft ein toter Sngersmann,
Dem hat's die Liebe angetan.

Er schlft und schlft im dunkeln Haus
Und schlft seine Liebe doch nimmer aus.
Beim Heidegrab um Mitternacht
Da warte, bis er aufgewacht.

Der kennt das Singen, der kennt das Kssen,
Der wird es wissen. - - -

    Ist das nicht hbsch?
    Sehr hbsch! Von wem hast du das, Katze?
    Ich fand's einmal in einem Arienbuch, das der Mutter gehrte! Ich glaub'
gar, sie hat's selber gemacht.
    Paul hatte whrend dieses ganzen Gesprchs in qualvoller Betubung
dagestanden, doch als er den Namen der Mutter vernahm, da bermannte ihn der
Zorn, und er schlug mit seiner Peitsche ber die Kpfe des Prchens dahin, da
die welkenden Bltter der Laube laut raschelnd umherstoben.
    Mit lautem Aufschrei fuhren sie alle empor. - Kaum hatten die Brder ihn
erkannt, als sie Miene machten, auf und davon zu gehen, aber die Mdchen
klammerten sich wimmernd an sie an. Sie suchten Schutz vor dem eigenen Bruder.
    Hierher! rief er ihnen zu. - Da lieen sie von ihren Geliebten ab und
flohen zueinander, um sich gegenseitig zu decken.
    Die beiden Erdmanns wichen immer weiter zurck.
    Ihr bleibt hier! schrie er.
    Was willst du von uns? sagte der ltere, der seine Frechheit zuerst
wiedergewann.
    Rede sollt ihr mir stehen.
    Du weit ja, wo wir zu finden sind, sagte der Jngere und zupfte seinen
Bruder am Rockscho, da er mit ihm Reiaus nhme. Aber in diesem Augenblick
hatte ihn Paul an der Brust gepackt ...
    La los! rief er.
    Ihr kommt mit ins Haus.
    O nein, lieber nicht, sagte der ltere.
    Ich wei gar nicht, was du von uns willst, sagte der Jngere, dem unter
dem eisernen Griff von Pauls Fusten nicht wenig bange ward. Wir lieben deine
Schwestern - mit dir haben wir nichts zu tun.
    Und wenn ihr sie liebt, wit ihr denn nicht, wo die Tr ist, durch die ihr
kommen konntet, um sie zu werben? Ihr Ruber, die ihr seid!
    In diesem Augenblick hatte Ulrich den Bruder aus Pauls Fusten gerissen, und
ehe er zur Besinnung kommen konnte, flohen sie beide in wilder Hetze durch den
Garten, sprangen ber den Zaun und verschwanden in dem Dunkel der Heide.
    Ganz betubt wandte er sich um und sah die Schwestern hinter einem Baumstamm
kauern.
    Kommt! sagte er, nach dem Hause hinweisend, und schluchzend folgten sie
ihm.
    Als sie in ihre Kammer schlpfen wollten, sagte er, die Tr des Wohnzimmers
ffnend: Hier hinein! Zitternd duckten sie sich in einen Winkel, denn sie
wuten nicht, welche Strafe er ihnen zudiktieren wrde.
    Er zndete selbst ein Licht an, ergriff das Familienalbum und nahm ein Bild
heraus.
    Jetzt kommt in die Kammer. - Zwei reuige Schfchen, schlichen sie hinter
ihm drein.
    Wer ist das? fragte er in seinem strengsten Tone, auf das Bild hinweisend.
Es war ein Jugendportrt der Mutter, fast ganz verlscht von der Lnge der
Jahre. Aber sie erkannten es wohl, fielen hnderingend vor dem Bette auf die
Knie und schluchzten gottsjmmerlich in die Kissen hinein ...
    Und dann gestanden sie ihm alles. Es war schlimmer, als er je geahnt htte.
- - - - - -
    Ein frchterliches Schweigen entstand. Paul trat ans Fenster und sah in die
Nacht hinaus.
    Gott sei Dank, da du tot bist, Mutter, sagte er, die Hnde faltend.
    Da weinten sie laut auf, rutschten auf den Knien zu ihm hin und wollten ihm
die Hnde kssen. - Er streichelte ihre Haare. Er liebte sie viel zu sehr.
    Kinder, Kinder! sagte er und sank auf einem Stuhle zusammen, nicht minder
hilflos als sie. - -
    Schilt uns, Paul, schluchzte Kthe.
    Nein, schlag uns lieber, bat Grete, wir haben es verdient.
    Er rieb sich die Stirn. Ihm war noch alles wie ein bser Traum. - -
    Wie hat das nur geschehen knnen? murmelte er. Hab' ich so schlecht auf
euch aufgepat?
    Sie haben - gesagt, sie - wollten uns - heiraten! prete Kthe hervor.
    Wenn's Trauerjahr - vorber ist, soll Hochzeit sein, fgte Grete hinzu.
    Und haben sie das gesagt, so werden sie's auch! rief er, sich selber Trost
zuredend. - Kniet nicht, Kinder, kniet vor dem lieben Gott, ihr habt's ntig. -
Dies Bild wird von heute ab allnchtlich auf eurem Nachttisch stehen. - Ob ihr
dann noch den Mut haben werdet, auf dem Wege der Schande zu gehen? Gute Nacht.
    Sie strzten ihm nach und flehten ihn an, er mchte bei ihnen bleiben, sie
htten solche Furcht; aber er machte sich leise von ihnen los und schritt in
seine Giebelstube empor, wo er im Dunklen vor sich hin brtete. Er schmte sich
so sehr, da er glaubte, das Tageslicht nicht wieder ertragen zu knnen ...
    Am andern Morgen lie er den Meister rufen und lohnte ihn aus.
    Der wackere Mann sah ihm ganz erschrocken ins Gesicht. Aber jetzt, Herr
Meyhfer, da alles im besten Zuge ist? sagte er.
    Ja, im besten Zuge, murmelte er nachdenklich vor sich hin. Zum Unglck die
Schande - der Meister hatte Recht.
    Es ist etwas in die Quere gekommen, sagte er dann, was mir die Lust am
Arbeiten verleidet. - Lassen wir's vorlufig, und wenn es Zeit ist, werd' ich
Sie wieder abholen.
    Der Vater beklagte sich bitter ber die nchtliche Strung. Was hattest du
denn im Garten 'rumzutoben? fragte er, ich hrte deine Stimme!
    Es waren Apfeldiebe da, erwiderte Paul.
    Die Zwillinge hatten verweinte Augen und wagten nicht, die Blicke vom Boden
zu erheben.
    So also sehen zwei Gefallene aus, dachte Paul und gab sich das
Versprechen, streng wie ein Gefangenenwrter zu ihnen zu sein. Aber als er sie
zum erstenmal anherrschte und sie ihm von unten herauf mit schmerzlich demtigen
Blicken so recht magdalenenhaft in die Augen schauten, da wandelte ihn ein
groes Mitleid an, so da er sie weinend in seine Arme schlo und sagte: Seid
stille, Kinder, 's wird alles gut werden.
    Er hegte die berzeugung, da die beiden Erdmanns den Tag nicht vorbergehen
lassen wrden, ohne auf dem Heidehof vorzusprechen. Ihr Gewissen wird sie
treiben, sagte er sich. So fest baute er darauf, da er nach dem Mittagessen
den Vater, der in seiner Trgheit ein rechter Schmierfink geworden war, dringend
aufforderte, sich einen neuen Rock anzuziehen, da wichtiger Besuch zu erwarten
sei. Der Vater fgte sich mrrisch und war hernach doppelt ungehalten, als er
fand, da die groe Arbeit umsonst gewesen war.
    Sie werden morgen kommen, sagte sich Paul beim Schlafengehen, sie haben
heute die Courage nicht gehabt.
    Aber auch der folgende Tag verging, ohne da jemand sich gemeldet htte, und
so verging die ganze Woche.
    Paul rannte wie verstrt im Haus umher. Alle zehn Minuten sah man ihn am
Hoftor stehen und auf die Heide hinausschauen, so da die Knechte einander
heimlich in die Hften stieen und Allotria begannen ...
    Es ist schade, sagte er sich, da ich noch so unschuldig bin und in
Liebessachen nicht die mindeste Erfahrung habe, sonst wrde ich schon wissen,
was mir obliegt. Eine qualvolle Angst begann seiner Herr zu werden, und
schlaflos wlzte er sich auf seinem Lager.
    Ich mu ihnen die Sache erleichtern, sagte er eines Morgens, lie das
gelbe Korbwgelchen anspannen, das er unlngst auf einer Auktion erstanden, und
fuhr nach Lotkeim, dem Gut der Erdmanns, hinber, das sie seit dem Tode ihrer
Eltern gemeinsam bewirtschafteten.
    Das Herz krampfte sich ihm zusammen in Scham und Ingrimm, als er nun gleich
wie ein Bittender das Heimwesen derer betrat, die ihm im Leben schon so viel
Bses bereitet hatten. Viel fehlte nicht, so wre er hinter dem Tor noch einmal
umgedreht, aber seine Faust griff fester in die Zgel, und seine Lippen
murmelten: Auf dich kommt es nicht an.
    Er fuhr ber den grnbewachsenen Hof, auf dem stellenweise hohes
Dornengestruch wucherte und der von weitlufigen, aber stark verwilderten
Wirtschaftsgebuden umgeben war, und hielt vor dem Wohnhaus, dessen Fensterlden
schwarzweie Ringe trugen, wahrscheinlich, weil sie zeitweise als Schiescheiben
benutzt wurden.
    Eine Ehre ist es nicht, seine Schwestern hierher zu verheiraten, aber viel
Ehre knnen sie auch nicht mehr verlangen, dachte er, indem er das Pferd an das
Treppengelnder band, denn keine Menschenseele war zu sehen, die ihm den Zgel
htte abnehmen knnen, nur aus einer fernen Scheune klang der Viertakt der
Dreschflegel.
    In demselben Augenblick, da er den Hausflur betrat, war es ihm, als hrte er
ein leises Stimmengewirr und das Auf- und Zuschlagen der Hintertren. Dann ward
es pltzlich still.
    Er betrat ein Wohnzimmer, in dem die Reste eines Frhstcks auf dem Tische
standen und das noch von Zigarrenqualm erfllt war. Eine Weile stand er wartend.
Dann schob sich eine alte, drre Frauensperson mit verlegenem Grinsen durch die
Tr des Nebenzimmers.
    Die Herrens sind nicht zu Hause, sagte sie, ohne seine Frage abzuwarten,
sie sind frhmorgens weggefahren und werden so bald nicht wiederkommen.
    Tut nichts, ich werde warten!
    Die Alte erhob ein groes Geschwtz, das Warten sei vollkommen unntz, ihre
Heimkunft liee sich nie im voraus bestimmen, sie blieben oft die ganze Nacht
auswrts und dergleichen mehr. Whrenddessen glaubte er zu vernehmen, da ein
Wagen im raschesten Tempo vom Hof herunterrasselte. Erschrocken sprang er auf
und trat ans Fenster, denn er glaubte, sein Pferd sei durchgegangen; als er es
aber ruhig an der Stelle fand, an der er es gelassen, stieg ein Verdacht in ihm
auf, ein Verdacht, den er noch eine Minute vorher entrstet zurckgewiesen
htte.
    Die alte Haushlterin wagte nicht, ihm die Tr zu weisen, und unbehelligt,
freilich auch ohne Speis' und Trank, sa er wartend auf seinem Platz bis zum
Abend. - Als es finster geworden war, trat er mutlos und gedemtigt den Rckweg
an.
    Am andern Morgen kam er wieder - auch jetzt vergebens. Am dritten Tage fand
er das Hoftor fest verriegelt. Ein nagelneues Schlo hing in den Haspen. Es
schien eigens fr ihn angeschafft.
    Da konnte er keinen Zweifel mehr hegen, da die Brder ihm absichtlich aus
dem Wege gingen. Sie scheuen sich, mir ins Auge zu sehen, sagte er sich, ich
will ihnen schreiben.
    Aber als er die Feder ansetzte, um ihr freundliche, vershnliche Worte
abzupressen, da berkam ihn ein solcher Ekel ber sein wrdeloses Tun, da er
sie auf der Tischplatte zerstampfte und sthnend im Zimmer umherlief.
    Ich mu erst Kraft schpfen gehen, sagte er und schlich lautlos zu der
Kammer der Mdchen. Die saen am Fenster, sprachen kein Wort und starrten mit
blassen Gesichtern in die Weite - dann lie die eine das Kpfchen gegen die
Schulter der anderen sinken und sagte leise und traurig: Sie werden nicht mehr
kommen!
    Sie haben Angst vor ihm, seufzte die Schwester.
    Und darauf sanken sie wieder in ihr Brten zurck.
    So, sagte er, tiefaufatmend, dieweil er in sein Zimmer zurckschlich, ich
wute ja, da dies helfen wrde. Darauf nahm er einen neuen Bogen und schrieb
einen schnen Brief, worin er den Brdern auseinandersetzte, da er ihnen nicht
mehr zrne, da er ihnen alles verzeihen wolle, wenn sie den Schwestern die
verlorene Ehre wiedergben.
    Morgen werden sie da sein, sagte er mit einem Seufzer der Erleichterung,
als er das Schreiben in den Briefkasten warf. - Den Rest des Tages irrte er auf
der Heide umher, denn er wagte keinem Menschen ins Angesicht zu sehen, so
schmte er sich. -
    Aber die Erdmnner kamen nicht. - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war am Weihnachtsabend kurz vor dem Dunkelwerden. Tief eingeschneit lag
die Heide, und von dem grauen Himmel rieselten neue Flockenmassen, da sah Paul,
wie die Schwestern heimlich Hut und Mantel nahmen und zur Hintertr entwischen
wollten.
    Er eilte ihnen nach und fragte: Wohin?
    Da fingen sie zu weinen an, und Kthe sagte: Bitte, bitte, frag uns nicht.
Er aber fhlte eine unheimliche Angst in sich erwachen, und sie an den Armen
ergreifend, sagte er: Ich bleibe hinter euch, wenn ihr mir nicht gesteht.
    Da prete Grete schluchzend hervor: Wir gehen zu Mutters Grab.
    Ein Grauen berlief ihn, da sie - so die heilige Sttte betreten sollten,
aber er htete sich wohl, es ihnen zu zeigen. Nein, Kinder, sagte er, ihre
Wangen streichelnd, das duld' ich nicht, es wrde euch zu sehr erregen, auch
liegt der Schnee sehr tief auf der Heide, und es wird gleich dunkel werden.
    Aber einer mu doch drauen gewesen sein, sagte Kthe schchtern, heute
zum Weihnachtsabend.
    Du hast Recht, Schwester, erwiderte er, ich werde selber gehen. Bleibt
ihr beim Vater und zndet ihm ein paar Lichter an. So Gott will, bring' ich euch
Trost mit heim.
    Sie lieen sich zureden und gingen ins Haus zurck. - Er aber zog sich einen
warmen Rock an, setzte sich die Mtze auf und schritt in die Dmmerung hinaus.
    Schliet ihr heute die Tore zu, sagte er, bevor er den Hof verlie, denn
er hatte eine dumpfe Ahnung, da er erst spt in der Nacht heimkehren wrde. Und
wenn er sich im Schneegestber umhertriebe - -
    Lautlos lag die weie Heide ... Tief im Schoe des Schnees ruhten die welken
Blumen, und wo sonst ein Wacholderbusch gestanden, erhob sich nun ein weies
Huflein, anzuschauen wie ein Maulwurfshgel. Selbst die Stmme der
Krppelweiden trugen eine weie Decke, doch nur an der Seite, von welcher her
der Wind sie angeweht hatte.
    Mhsam schritt er auf der eingeschneiten Heide dahin, bei jedem Tritte bis
ber die Knchel versinkend. In den Lften zog hie und da mit dumpfem
Flgelschlage eine Krhe, schwer gegen das Schneegestber ankmpfend.
    Kein Weg, kein Steg war zu sehen ... Die einsamen drei Fichten, die in der
Ferne wie schwarze Phantome gen Himmel ragten, waren das einzige Zeichen, nach
dem sein Fu sich richten konnte.
    Der goldgelbe Streif, der fr wenige Momente am Rande des Horizonts
aufgeflammt war, erlosch; tiefer sanken die Schatten, und als Paul den Wall des
Kirchhofs erreicht hatte, der wie eine gespenstische Mauer sich vor ihm
auftrmte, war es vollends dunkel geworden, doch verbreitete der frisch
gefallene Schnee einen ungewissen Dmmerschein, so da er das Grab der Mutter
alsbald zu finden hoffte. -
    Die Pforte war verschneit, verweht; nirgends ein Eingang zu entdecken.
    So tastete er denn mhsam an der Hecke entlang, von der hie und da ein
schwrzliches stlein seine dornigen Spitzen aus der weien Hlle
hervorstreckte, bis sein Arm tiefer in den Schnee hineinsank, ohne Widerstand zu
finden.
    Dort whlte er sich einen Weg in das Innere hinein.
    Mit dumpfem Rauschen grten die Fichten zu ihm hernieder, und ein Rabe, der
im Schnee gehockt hatte, flog schwirrend auf und umkreiste ruhelos die Kronen,
wie eine arme Seele, die keinen Frieden findet.
    Als er die eingeschneite Flche in ihrem bleichen Einerlei vor seinen
Blicken liegen sah, durchfuhr ihn ein Schreck, denn er sah kein Zeichen, an dem
er das Grab der Mutter entdecken konnte. Ein Kreuz stand nicht an dem Hgel,
denn er hatte noch kein Geld gehabt, eines anzuschaffen, der Hgel selbst aber
lag tief in dem alles ebnenden Schneegefilde.
    Eine qulende Angst erfate ihn. Ihm war zumute, als htte er nun auch das
letzte verloren, was er auf der Welt besa.
    Und mit zitternden Hnden begann er den Schnee aufzuwhlen, von einem Hgel
zum andern - ein langer Pfad, aus dem hie und da die Ecke eines Grabes, ein
Kranz oder ein Lebensbumchen in der Dmmerung zum Vorschein kam.
    Hier schlft, dieser, hier schlft jener - er wute fast von jedem Grab,
wer darunter die Ruhestatt gefunden hatte.
    Und endlich ritzte sich seine whlende Hand an einem Glasscherben, der aus
der Tiefe emportauchte ... Er hielt inne und tastete vorsichtig in der Runde ...
Der Scherben war wohl der, den Grete im Frhherbst hinausgetragen hatte, um
Astern darein zu setzen; ein grner Flaschenscherben mit scharfen, spitzen
Kanten - ja, er war's. Noch staken die welken Stengel darin. Und daneben der
Kranz, der Erikakranz, der steifgefroren wie ein steinerner Ring zum Vorschein
kam, den hatte er selbst hierher gelegt, als er zum letztenmal drauen gewesen
war.
    Wie er nun das Huflein Schnee, das sein Teuerstes barg, so wei und ruhig
daliegen sah, fiel er auf die Knie und drckte sein glhendes Gesicht in den
khlen, weichen Flockenschaum.
    Ich bin an allem schuld, Mutter, klagte er, ich hab' nicht auf sie acht
gegeben, ich hab' sie verwildern lassen. Richte sie nicht, Mutter, sie wuten
nicht, was sie taten! ... Aber ich flehe zu dir, Mutter, la du mich wissen, wie
ich handeln soll! ... Sende mir ein einziges Wort bers Grab zurck, ... sieh,
ich knie hier und wei nicht ein noch aus.
    Und dann war's ihm pltzlich, als htte auch er nicht das Recht, an dieser
Sttte zu liegen, als wre auf ihn die Schande abgewlzt, die die Schwestern
betroffen hatte. Er schalt sich feige, selbstschtig und faul, da er so lange
unttig geblieben war, ohne ein uerstes zu wagen.
    Ich will's tun, Mutter, noch diese Nacht, rief er aufspringend. Auf mich
soll's nicht ankommen, mein letztes Restchen Stolz will ich daran geben, wenn
nur die Schwestern gerettet werden. - Er schwor es mit erhobenen Armen, und
dann eilte er auf die Heide hinaus - - - - - -
    Wohl drei Stunden lang jagte er auf den eingeschneiten Wegen dahin. Acht Uhr
mochte es sein, als er mde und atemlos vor dem Hoftor von Lotkeim halt machte.
    Heute sollen sie nicht entwischen, sagte er, und da er das Tor wiederum
verschlossen fand, so kroch er auf dem Bauche unter den Staketen hindurch - wie
er es sonst bei Hunden gesehen hatte.
    Die Fenster des Herrenhauses waren hell erleuchtet, aber hinter den
herabgelassenen Vorhngen lie sich von dem Innern nichts erkennen; nur
abgerissener Gesang und kurzes Gelchter drangen ins Freie.
    Die Haustr stand offen. In dem dunklen Flur hielt er fr einen Augenblick
inne, um sein Herzpochen zu beschwichtigen, dann klopfte er.
    Ulrichs Stimme rief: Herein!
    Da lagen die beiden Brder ausgestreckt auf dem langen Sofa, die Fe des
einen neben dem Kopf des andern, ein Bild vollkommenster Gewissensruhe und
Seelenheiterkeit. Jeder von ihnen balancierte ein groes Grogglas in der hohlen
Hand, und vor ihnen auf dem Tisch stand eine dampfende Punschterrine.
    Bei seinem Anblick waren sie so erschrocken, da sie das Aufstehen vergaen.
Ganz versteinert blieben sie liegen und starrten ihn an.
    Nanu! rief Ulrich, der zuerst die Sprache wiederbekam, und Fritz lie sein
Glas klirrend zu Boden fallen. Darauf bckte er sich und sammelte mit groem
Eifer die Scherben.
    Ihr knnt euch wohl denken, warum ich komme, sagte Paul, in seinen
beschneiten Kleidern langsam vor den Tisch hintretend.
    Nein, sagte Ulrich, der sich langsam aufrichtete.
    Keine Ahnung, besttigte Fritz, der sich wohlweislich hinter den Rcken
des Bruders zurckzog.
    Ihr habt meinen Brief doch wohl erhalten? fragte Paul.
    Wir wissen von keinem Brief, erwiderte der ltere, ihm frech ins Auge
schauend.
    Er wird wohl auf der Post verlorengegangen sein, fgte der Jngere eilends
hinzu.
    Besinnt euch nur. Es war am 16. November, sagte Paul.
    Da erinnerten sie sich dunkel, da ein Brief an sie abgeliefert worden war.
    Aber wir konnten aus ihm nicht klug werden und haben ihn ins Feuer
geworfen, sagte Ulrich.
    Lat die Winkelzge, erwiderte Paul. Ihr wit ganz gut, was ihr zu tun
habt.
    Sie zuckten die Achseln und sahen sich an, als ob er spanisch redete.
    Ich bin nicht gekommen, mit euch Komdie zu spielen, fuhr Paul fort, ihr
habt meinen Schwestern die Ehre genommen und mt sie ihnen wiedergeben.
    Ulrich kratzte sich den Kopf und sagte: Lieber Meyhfer, das ist 'ne bse
Geschichte - und so mir nichts, dir nichts lt sich die nicht behandeln. - Setz
dich mal hin und trink ein Glas Punsch mit uns - dabei werden wir rascher zum
Ziele kommen.
    Ja, rasch und gemtlich, fgte Fritz hinzu, indem er aufstand, zwei neue
Glser herbeizuholen.
    Ich danke, sagte Paul, ich habe keinen Durst. In ihm bohrte ein dumpfes
Gefhl, als ob die Brder ihn, wie sein Leben lang, auch jetzt mit Hohn
berschtteten.
    Um seine Glieder legte es sich wie eiserne Klammem. Ganz schlaff, ganz
wehrlos erschien er sich nun.
    Ja, wenn du uns so kommst, erwiderte Ulrich, scheinbar gekrnkt, dann
reden wir gar nicht mit dir. Ich habe keine Lust, mir den Weihnachtsabend zu
verderben.
    Und den Punsch kalt werden zu lassen, fgte Fritz hinzu.
    Paul ma mit starrem Blick bald den einen, bald den andern. Wie war es
mglich, da die, welche schwere Schuld auf sich geladen hatten, stolz und
bermtig vor ihm standen, whrend er, der nur sein gutes Recht begehrte,
zitterte und bebte wie ein Verbrecher?
    Und wenn du ohne Trost heimkehrst? schrie eine angstvolle Stimme in ihm. -
Erzrne sie nicht - denk daran, was du der Mutter geschworen hast! Auf dich
selbst darf es nicht ankommen.
    Na - trinkst du nun oder trinkst du nicht? rief Ulrich rgerlich.
    Auf dich selbst darf es nicht ankommen! rief die Stimme wieder, da senkte
er den Kopf und sagte mit heiserer Stimme: Also - bitt' schn.
    Die beiden Brder warfen einander einen lchelnden Blick zu, und Fritz hob
das Glas und sagte: Prost Fest!
    Prost Fest! stammelte er und wrgte das heie Getrnk hinunter, wiewohl
der Ekel ihm bis zur Kehle schwoll.
    Nun sa er wie ein guter Kumpan mit den beiden Brdern an einem Tische, er,
der als Rcher htte kommen mssen.
    Also, um die Geschichte zu beendigen, lieber Meyhfer, begann Ulrich aufs
neue. Was geschehen ist, ist geschehen und lt sich nicht mehr ndern. Ich
will hier nicht mehr untersuchen, wer den andern mehr nachgelaufen ist, wir
deinen Schwestern oder deine Schwestern uns, jedenfalls haben sie ebensoviel
Schuld wie wir! Wir lieben sie von ganzem Herzen, sie sind die niedlichsten
Mdchen in der ganzen Gegend, und es tut uns aufrichtig leid, wenn wir denken,
da wir sie verloren haben, aber - - da wir sie nun heiraten sollen, das wirst
du doch nicht verlangen.
    Paul warf ihm einen scheuen Blick zu und sagte kleinlaut: Das ist das
mindeste, was ..., weiter kam er nicht, ihm war, als stockte das Blut in seinen
Adern.
    Sei nicht komisch, meinte Fritz, und Ulrich fuhr fort: Sieh mal, wir
wrden es ja auch tun, wir halten groe Stcke von ihnen, obwohl sie sich viel
vergeben haben - in Pauls Hirn zuckte es, aber er bezwang sich -, wir wrden
dir auf der Stelle zu Willen sein, aber zuerst sag uns mal, was gibst du ihnen
mit?
    Ich habe - nichts, stammelte Paul.
    Siehst du wohl, erwiderte Fritz.
    Und wir brauchen Geld - viel Geld, fuhr Ulrich fort. Ich bin der ltere,
und wenn ich das Gut fr mich allein bernehme, mu ich dem Fritz so viel
auszahlen, da er sich ein eigenes kaufen kann.
    Ich - will - arbeiten, prete Paul hervor und schaute in demtiger Bitte
zu den Brdern hinber.
    Du hast schon zehn Jahre gearbeitet und hast nichts hinter dich gebracht.
    Der Brand ist dazwischen gekommen, stammelte Paul, als ob er um
Entschuldigung bte fr das Unglck, das ihn betroffen hatte.
    Und nchstes Jahr kommt was Andres dazwischen. Nein, lieber Freund, darauf
knnen wir uns nicht einlassen.
    Die Angst, da er ohne Trost zu den Schwestern wrde heimkehren mssen,
schwoll hher und hher in seiner Seele. So sehr bermannte sie ihn, da seine
Zunge sich lste, und er rief: Aber mein Gott, so nehmt doch Vernunft an! ...
Ich kann doch nicht mehr wie arbeiten ... Arbeiten will ich wie ein Stck Vieh
... arbeiten Tag und Nacht ... ich will sparen und will hungern, und alles, was
ich erwerbe, soll euch gehren ... Seht mal ... ich habe wirklich schne
Aussichten ... die Lokomobile wird bald in Ordnung sein ... und das Moor ist
sehr eintrglich ... fnfzehn Fu geht's in die Tiefe ... wirklich, ihr knnt
messen! ... Das Fuder Torf bringt zehn Mark ... und eure Mitgift soll euch
jhrlich in Teilzahlungen auf Heller und Pfennig zugeschickt werden.
    Er sah ihnen mit aufgerissenen Augen ins Gesicht, denn er erwartete, da sie
jetzt sofort zugreifen wrden. Und als sie schwiegen, strich er sich ganz
fassungslos mit der Hand ber die Stirn, von der der kalte Schwei
herniederlief, und murmelte: Ja - was kann ich denn noch? ... Richtig - noch
mehr will ich tun: ... Ich will mir den Hof vom Vater bergeben lassen und ihn
dann euch zuschreiben, so da wenn der Vater - stirbt, einer von euch Herr
darauf wird ... Ich will ausziehen und nicht mehr wie Schwarz unterm Nagel mit
mir tragen. - Ist euch das nun genug?
    Aber sie schwiegen.
    Da ward ihm zumute, als ginge alles unter, woran sein Glaube sich sonst
festgehalten, als wiche der Boden unter seinen Fen, als wrde er selbst ins
Leere hinausgeschleudert. Er faltete die Hnde - seine Zhen klapperten - und
wie entgeistert starrte er sie an. - Ist es denn mglich? Ihr wollt nicht?
Wollt wirklich nicht? - Fat ihr denn gar nicht, da es eure Pflicht und
Schuldigkeit ist gutzumachen, was ihr gesndigt habt? ... Sagt euch euer
Ehrgefhl nicht, da ihr andere nicht ehrlos machen drft? ... Lt euch euer
Gewissen denn schlafen? ...
    Hre auf, sagte Ulrich, dem ein Gefhl des Unbehagens frstelnd ber den
Nacken lief.
    Nein, ich hre nicht auf! Ich kann nicht so nach Hause gehen ... Wirklich,
ich kann nicht! ... Habt ihr denn gar keine Ahnung, was ihr angerichtet habt
..., welch ein Elend bei mir zu Hause herrscht? Und er schauderte zusammen in
der Erinnerung an das, was er zurckgelassen hatte. - Wenn ihr das wtet, ihr
wrdet so hart nicht sein! ... Seht, Fritz und Ulrich ... ich kenn' euch nun
schon lange Zeit ... wir haben schon zusammen auf der Schulbank gesessen ... und
sind zusammen ... vor den Altar getreten ... Ihr habt mir schon immer bel
gewollt, und ich hab' viel von euch zu erdulden gehabt, aber ... ich will alles
vergessen, wenn ihr nur das eine gut macht. Ihr seid leichtsinnig, aber schlecht
seid ihr nicht ... ihr knnt es ja nicht sein ... ihr habt ja auch eine Mutter
gehabt ... ich hab' sie gesehen ... sie hat bei der Einsegnung am dritten
Pfeiler links gestanden und hat ... geweint, wie meine Mutter weinte. - Und
meine Mutter - pfui doch, unterbrach er sich, denn ihn berwltigte die Scham,
da er den Namen der Verklrten vor diesen Verfhrern in den Mund genommen
hatte, aber seine Angst, ohne Trost heimkehren zu mssen, steigerte sich bis zum
Wahnwitz, er schluckte auch das hinunter, und von neuem fing er an, whrend
seine Gedanken schon irr durcheinander schossen: Denkt euch mal, ihr geht jetzt
'raus zum Kirchhof ... und habt Schwestern ... die sind verfhrt ... und ihr,
habt nicht gut achtgegeben auf die Schwestern ... und ihr wagt nicht, den Schnee
zu berhren, der auf dem Grabe liegt ... und ich bin der Verfhrer ... was ...
was wrdet ihr tun?
    Totschlagen wrden wir dich, sagte Ulrich, ihm einen verchtlichen Blick
zuwerfend.
    Er stie einen gellenden Schrei aus, denn jetzt kam das Bewutsein, wie tief
er sich erniedrigt, wie er seinen Stolz, seine Ehre im Kot gewlzt hatte, mit
ganzer Gewalt ber ihn ... Mit geballten Fusten strzte er auf Ulrich los. Der
aber verschanzte sich hinter dem Tisch, und Fritz lief nach dem Nebenzimmer, um
das Gesinde herbeizurufen.
    Da taumelte er hinaus.
    Das Hoftor war geschlossen wie vorhin. - Er wagte nicht zurckzukehren, um
es ffnen zu lassen, und auf dem Bauche kroch er hinaus - wie ein Hund. - -
    Wie ein Hund! - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

                                       18


Der junge Herr fhrt ja mit einem Male ein lustiges Leben, sagten die Knechte,
und da nun doch alles drunter und drber ging, stahlen sie einen Scheffel Korn
nach dem andern.
    Paul aber trieb sich auf allen Lustbarkeiten und Tanzfesten umher, die in
der Gegend stattfanden. - Wer ihn mit seinen finsteren Stirnfalten und dem
scheuen, sphenden Blick in dem frhlichen Gewhl auftauchen sah, der fragte
sich wohl: Was will der hier? Und mancher ging im Bogen um ihn herum, als sei
ein Schatten auf seine Freude gefallen.
    Paul war sich wohl im klaren ber den Weg, den er wandelte. - Er hatte
gehrt, da die Erdmnner kein Fest vorbergehen lieen, ohne mitzufeiern - so
toll, wie's eben anging. - Ich werde sie zu treffen wissen, sagte er, die
Nacht ist dunkel und die Heide einsam. Unter Gottes freiem Himmel sollen sie mir
und dem Tode ins Antlitz sehen.
    Drei Tage nach seinem letzten Besuche auf Lotkeim war er in die Stadt
gefahren und hatte sich einen Revolver gekauft, einen schnen sechslufigen mit
langem, schlankem Laufe. Wie ein wildes Tier lauerte er nun nachts in den
Bschen und Hohlwegen der Heide, wenn er glaubte, da sie vorberkmen.
    Aber sie kamen nicht. Sie schienen mitrauisch geworden und hielten sich
deshalb im Haus, oder, was wahrscheinlicher, das Geld war ihnen ausgegangen. -
Ich kann warten, sagte er und setzte sein Treiben fort.
    Und wenn er eines Abends zu Hause blieb und mit den Schwestern gemeinsam am
Abendbrottisch sa - ein schweigendes, trauriges Mahl - dann erschrak er
jedesmal, sobald er aufschaute und die Zge der Mutter in zwei bleichen,
abgehrmten Gesichtchen wiederfand. - Dann jagte es ihn stets aufs neue hinaus.
- -
    Am Fastnachtabend war's, da wurde in dem Saale des Brgervereins von den
Landwirten der Umgegend ein groer Ball gefeiert.
    Dort werd' ich sie fassen, sagte er sich, denn er hatte gehrt, da die
beiden Brder zum Vorstand des Festes gehrten.
    Als die Dmmerung herannahte, lie er den Schlitten anspannen, verbarg den
Revolver im Geskasten und machte sich auf den Weg zur Stadt.
    Tagber hatte die Sonne geschienen, nun lohte der Himmel in den Flammen des
Abendrots. In bluliche Schleier eingehllt lag die Heide, und durch die klare
Winterluft sprhten leuchtende Eiskristalle.
    Als er an Helenental vorberfuhr, sah er zwei Schlitten mit Tannenzweigen
beladen, die in den Gutsweg einbogen.
    Mir scheint, dort soll ein Fest gefeiert werden, murmelte er, den
Schlitten nachblickend, und mit einem dsteren Lcheln setzte er hinzu: Ich
brauch' nicht neidisch zu sein, ich feiere ja auch mein Fest heute!
    Um sechs Uhr kam er in der Stadt an, verschaffte sich eine Eintrittskarte
und hockte bis zur neunten Stunde in dem Winkel einer Schenke, finster vor sich
hinbrtend.
    Als er den Festsaal betreten hatte, in dem ein sinnbetubender Wirrwarr
leuchtend durcheinanderrauschte, verbarg er sich scheu in dem Schatten einer
Sule, denn ihm war zumute, als stnde lesbar fr jedermann auf seiner Stirn der
Mordgedanke geschrieben, der ihm die Seele erfllte.
    Und pltzlich fuhr es wie ein Messerstich durch seine Brust. - Er hatte die
Brder gefunden. - In der Mitte des Saales standen sie stolz und strahlend,
seidene Schleifen auf den Achseln, Maiglckchen im Knopfloch, und sphten mit
siegesgewissem Lcheln die Reihe der weigekleideten Mdchen entlang, die die
Wnde schmckten.
    So, - jetzt sind sie mir verfallen, murmelte er mit einem tiefen
Aufseufzen. Er fhlte, da es kein Zurck mehr fr ihn gab. Und dann verkroch er
sich in eine verschwiegene Ecke, von der aus er seine Opfer im Auge behalten
konnte. Der Lichterglanz strahlte sonnenhaft auf ihn hernieder, aber er sah ihn
nicht, die Musik rauschte in wohligen Akkorden um sein Ohr, aber er hrte sie
nicht, alle seine Sinne waren untergegangen in wildem, blutigem Gelste.
    Wie er so in das Gewhl hineinstarrte, vernahm er dicht hinter sich ein
Gesprch von zwei behbigen Mnnerstimmen: Willst du auch morgen zum Begrbnis
hinaus?
    Ja, es soll eine groe Feier werden. Dabei darf man nicht fehlen.
    Ist sie lange krank gewesen?
    O sehr lange. Unser alter Doktor hatte sie schon vor Jahren aufgegeben.
Dann war sie mit ihrer Tochter im Sden und hat sich nach ihrer Rckkehr - ich
wei nicht, wie lange noch - gehalten.
    Er horchte. - Ein dumpfe Ahnung dmmerte in ihm auf. Die Tannenzweige! Die
Tannenzweige!
    Und die eine Stimme fuhr fort: Sag mal: die Tochter mu doch in sehr
heiratsfhigem Alter sein - hat sie sich noch immer nicht verlobt?
    Sie ist ja bekannt wegen der Krbe, die sie austeilt, erwiderte die andre
Stimme, die einen sagen, sie tat's, um die kranke Mutter nicht zu verlassen,
die andern, weil sie eine geheime Liebschaft mit ihrem Vetter hat, dem Leo
Heller, du kennst ihn ja.
    O der Windhund, sagte die erste Stimme wieder, vorige Woche hat er im
Tempeln achthundert Mark verloren, bei den Wucherern sitzt er bis an die Kehle
drin, und ein Liebchen hlt er sich auch aus. Aber ein forscher, lustiger Kerl
ist's, ganz dazu angetan, sich Goldfische zu kapern. Und die beiden Stimmen
entfernten sich lachend.
    Paul hatte ein dumpfes Gefhl, als mte er sich zu Boden werfen und das
Antlitz in den Staub pressen, - aus seiner Kehle schwoll es empor, - rote
Schleier wogten vor seinen Augen auf und nieder ... Also sie hatte ausgelitten,
die bleiche, freundliche Frau, die wie ein guter Engel ber dem Heidehof
gewartet hatte, an der sein eigen Herz gehangen, solange er lebte!
    Nun, da sie tot, war ja die Bahn frei fr Niedergang und Verbrechen.
    Und Elsbeth? Wie hatte sie gezittert vor dieser frchterlichen Stunde, wie
hatte er geschworen, ihr alsdann nahe zu sein! Und statt dessen lauerte er hier
wie ein reiendes Tier, blutige Gedanken in der Seele, er, der einzige, dem ihre
reine Seele sich einst anvertraut hatte ...
    Ein Frsteln berlief ihn. Aber was tut's? Trster hat sie ja genug - da
ist der lustige Leo, mit dem sie ja eine geheime Liebschaft haben soll - mag der
nun seine Knste entfalten. Er lachte laut und hhnisch auf, und nachdem er
sich klargemacht, da die Erdmanns ihm nicht entgehen konnten, wenn er am Wege
auf sie wartete, verlie er den Saal.
    Als er in das Schweigen der mondhellen Winternacht hinausfuhr, wurde es auch
in seiner Seele stiller und stiller, und als ber der silbernen Heide das weie
Haus wie ein marmornes Grabdenkmal langsam emporstieg, da fing er bitterlich zu
weinen an.
    Plrre nur, plrre, altes Weib, du, murmelte er und peitschte das Pferd
an, da die Glocken heller klangen. Die tnten ihm ins Ohr wie das Grabgelute
alles Guten.
    In dem Walde, hinter dem der Seitenweg nach Lotkeim sich abzweigte, machte
er halt, band das Pferd an einen fern abgelegenen Baumstamm und schnallte die
Glocken ab, damit ihr Klingen ihn nicht vor der Zeit verriet. Dann holte er den
Revolver aus dem Geskasten und prfte die Patronen. - Sechs Schu - fr jeden
zwei - doppelt reit nicht.
    Es war bitterkalt und seine Fe erklammten. Er kauerte sich auf dem Boden
des Schlittens nieder, so da die Pelzdecke ihn ganz umhllte. Darunter war es
warm und wohlig, und allgemach fhlte er eine groe Ermattung seiner Herr
werden, als ob er einschlafen knnte. Aber dann raffte er sich wieder empor.
    Es ist dir ja gar nicht ernst, murmelte er, da du sie tten willst.
Sonst mte dir anders zumute sein ...
    Da sprang er empor und rief in die Nacht hinein: Ich will, ich schwr's
dir, Mutter ... ich will. - Und zur Bekrftigung scho er eine Kugel in die
Lfte, so da das Echo schauerlich durch die Stille hinrollte und die Raben
krchzend von ihren Sitzen emporfuhren ...
    Je mehr die Stunde sich nherte, in der die Brder heimkehren muten, desto
mehr wuchs seine Angst; aber diese Angst galt nicht der blutigen Tat. - Er bebte
davor, da im letzten Moment seine Hand erschlaffen, sein Mut verfliegen wrde,
denn man hatte ihn ja stets einen Feigling genannt.
    Es mochte gegen vier Uhr morgens sein, und der Mond war schon im Untergehen,
da lie ein Glockengelut in der Ferne sich hren, leise und immer lauter und
lauter. Er sprang in den Hohlweg, den der wehende Schnee aufgeschttet hatte,
und warf sich platt auf den Boden. Der Schlitten nahte dem Waldesrand, zwei in
Pelze gehllte Personen saen darauf - sie waren's. - Aber wie lange das
dauerte!
    Der Schlitten fuhr langsamer von Schritt zu Schritt. Die Glocken klirrten
trge, und die Zgel hingen schlaff ber den Bug des Pferdes herab. Die Brder
schnarchten ... wehrlos waren sie ihm preisgegeben.
    Rasch sprang er vor, fiel dem Pferd in die Zgel und lste die Strnge der
Deichsel. Der Schlitten stand - und seine Herren schliefen weiter.
    Er stellte sich vor sie hin und starrte auf sie nieder. Die Hand, die die
Pistole hielt, zitterte heftig.
    Was tu' ich nun mit ihnen? murmelte er; im Schlaf kann ich sie doch nicht
niedermachen? - Betrunken werden sie auch sein, sonst wren sie schon lngst
aufgewacht! - Das beste ist, ich lasse sie ziehen und warte auf das nchste
Mal.
    Eben wollte er das Pferd wieder in die Strnge legen, da scho es ihm durch
den Kopf, da er ja der Mutter geschworen habe, sie umzubringen.
    Ich wut's ja, da ich ein elender Feigling bin, dachte er bei sich, und
nimmermehr die Courage dazu haben wrde. - Nicht einmal zum Morden bin ich gut
genug.
    Aber jetzt tu' ich's doch! murmelte er, trat zwei Schritt zurck und
zielte scharf auf Ulrichs Brust, aber den Hahn spannte er nicht, denn innerlich
frchtete er, er knnte den Schlafenden verletzen.
    Ob ich's doch wohl tun werde? dachte er, als er eine Weile in dieser
Stellung gestanden hatte. Und darauf begann er sich auszumalen, was geschehen
wrde, wenn er's getan htte und die beiden da tot vor ihm lgen. Entweder ich
erschiee mich dann selber und lasse den Vater und die Schwestern im Elend
zurck, oder ich erschiee mich nicht, sondern liefere mich morgen den Gerichten
aus, dann ist das Elend zu Hause ebenso gro. - Wahnsinn ist es auf alle Flle,
so schlo er seine berlegungen, - aber ich tu's doch.
    Und pltzlich gewahrte er unter dem Pelze Ulrichs, der sich ber der Brust
ein wenig zurckgeschlagen hatte, einen funkelnden Panzer von Ordenssternen, wie
sie beim Kotillontanz die Damen den Herren anzuheften pflegen.
    Also von andern lassen sie sich mit Orden zieren, dachte er, und die
Schwestern sitzen derweilen im Elend!
    Da fing es in ihm an zu kochen, und er begann zu fhlen, da er's doch am
Ende tun wrde.
    Aber erst will ich ein Wort Deutsch mit ihnen reden, murmelte er, packte
Ulrich, der an seiner Seite sa, bei der Schulter und schttelte ihn heftig, so
da sein Kopf hin und her flog.
    Ulrich fuhr sofort aus dem Schlaf empor, und als er die dunkle Gestalt Pauls
mit dem Revolver in der Hand dicht vor sich stehen sah, fing er laut und
jmmerlich zu schreien an. Auch der andere erwachte nun, und beide streckten ihm
in klglicher Abwehr die Arme entgegen.
    Was willst du tun? schrie der eine.
    Morde uns nicht! schrie der andre.
    Steck den Revolver fort. Erbarm dich unser, - erbarm dich!
    Sie falteten die Hnde und wren auf die Knie gefallen, wenn die Pelzdecken
sie nicht gehindert htten.
    Paul ma sie voll Verwunderung. Er hatte sie sein Leben lang nur keck und
kampflustig gesehen, so da sie ihm jetzt in ihrem Jammern wie wildfremde Leute
erschienen. Im Innern wnschte er, da sie die Messer gegen ihn ziehen mchten,
damit er in ehrlichem Kampfe von seinem Revolver Gebrauch machen knnte. Und
dann pltzlich kam ihm der Gedanke: Httest du sie als Junge ein einzig Mal so
behandelt wie heute, dir wre manche schwere Krnkung erspart geblieben - und
den Schwestern vor allem.
    Ulrich suchte inzwischen seine Knie zu umklammern, und Fritz schrie in einem
fort: Erbarm dich unser - erbarm dich!
    Ihr wit sehr gut, was ich von euch will, erwiderte Paul, der sich nun von
allem Schwanken erlst fhlte und mit kalter Entschlossenheit sein Ziel
verfolgte.
    Was willst du, sag, was willst du? Wir tun alles, was du willst, rief
Ulrich, und Fritz, der sich hinter dem Bruder zu verstecken suchte, schien
pltzlich ganz der Sprache beraubt.
    Ihr sollt euer Wort halten, wie ich das meine halten werde, sagte Paul.
Ich wollte, ihr fndet den Mut, euch zu wehren, damit wir endlich einmal
miteinander ins reine kmen ... Aber vielleicht ist es besser so ... und jetzt
sprecht mir nach, was ich euch vorsprechen werde: Wir schwren bei Gott und dem
Andenken unserer Mutter, da wir binnen drei Tagen das Versprechen einlsen
werden, das wir deinen Schwestern gegeben haben.
    Zitternd und lallend sprachen sie ihm die Worte nach.
    Und ich schwre euch bei Gott und dem Andenken meiner Mutter, erwiderte
er, da ich euch niederschieen werde, wie und wo ich euch treffe, falls ihr
euren Eid nicht heilighalten wolltet. So, jetzt knnt ihr fahren - bleibt
sitzen! Ich werde das Pferd selbst anstrngen ... Sitzen bleiben! - wiederholte
er, als sie ihm trotzdem hilfreiche Hand leisten wollten.
    Sie rhrten sich nicht mehr, so gehorsam waren sie nun. Und als er fertig
geworden war, sagten sie ihm mit groer Hflichkeit Guten Abend! und fuhren
von dannen.
    Also so wird's gemacht! murmelte er, indem er die Pistole in den Schnee
warf und dem Schlitten mit gefalteten Hnden nachschaute. Baust du auf Recht
und Ehrgefhl und willst im Guten alles zum Guten wenden, so nennt man dich
feige, und du wirst behandelt wie ein Hund. - Behandelst du aber die andern wie
Hunde, gleich von vornherein, ohne zu bedenken, ob du im Recht bist oder nicht,
so nennt man dich mutig, und alles gelingt dir, und du wirst ein Held. Also so
wird's gemacht - - so wird's gemacht!
    Und er schttelte sich, und ein Ekel erfate ihn vor sich und der ganzen
Welt. So schmutzig erschien er sich, als ob nichts auf Erden ihn wieder
reinwaschen knnte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Am nchsten Vormittag stand er hinter dem Schuppen im Schnee und sah nach
Helenental hinber, wo ein dunkler Leichenzug zum traurigen Gang sich rstete. -
Zweimal war er in den Stall gegangen, den Knechten zu sagen, da sie den
Schlitten anspannen mchten, und beide Male war ihm das Wort in der Kehle
stecken geblieben.
    Nun stand er da, hielt die Hnde gefaltet und sah zu, wie auf der
weischillernden Heide eine lange schwarze Schlangenlinie dahinkroch, die
kleiner und kleiner wurde und schlielich hinter dem Walde verschwand, denn der
Kirchhof von Helenental lag weitab auf dem Weg zur Stadt hin.
    Wie schn wr's, dachte er, wenn sie sich auch unter den drei Fichten
begraben mchten! - Dann wrde die Mutter gute Nachbarschaft haben und - -
    Er schrak zusammen, denn blitzschnell hatte sein Hirn sich ausgemalt, wie er
dann an einem schnen Frhlingsabend alldort mit Elsbeth htte zusammentreffen
knnen, die da kme, an dem Grab zu sitzen, das ihr gehrte, wie er zu dem
seinen.
    Aber es ist gut so, wie es ist, sprach er vor sich hin, wie knnte ich je
den Mut finden, ihr wieder ins Auge zu sehen? - - ich, der ich des Nachts am
Wege lagere, um meinen liederlichen Schwestern Mnner zu besorgen!
    Da pltzlich kamen die Zwillinge atemlos dahergelaufen - sie zitterten am
ganzen Leibe und rangen nach Worten.
    Was habt ihr, Kinder?
    Grete verbarg den Kopf an seiner Schulter, und Kthe zog die Luft durch die
Nase aus und ein wie ein Kind, welches das Weinen verbeit.
    Sie sind da, stammelte sie, und dann fingen beide zu schluchzen an.
    's ist gut, erwiderte Paul und kte sie.
    Kommst du nicht ins Haus? fragte Kthe, an ihrer Schrze saugend.
    Wo habt ihr sie denn gelassen?
    Sie reden mit dem Vater.
    Aha - das hrt sich schon anders an. - Lauft in eure Kammer - ich komme
gleich.
    Und das um welchen Preis! murmelte er, indem er ihnen nachschaute, dann
warf er noch einen Blick nach Helenental hinber und schritt in den Schuppen, wo
die schwarze Suse stand. - Es ist Zeit, da du lebendig wirst, sagte er,
ihren schwarzen Leib streichelnd, wir werden wacker schuften mssen, du und
ich, wenn wir den Margellen die Mitgift schaffen wollen.
    
    Als er das Haus betrat, hrte er die lautschallende Stimme des Vaters sich
entgegendringen.
    Bin doch neugierig, wie sie sich benehmen, sagte er und lauschte.
    Ja, ein Pinsel ist er und ein Pinsel bleibt er, meine Herren! Was ich im
groen ausgedacht habe, vollfhrt er nun in seiner kleinlichen, krmerhaften
Manier. Mir hat sich das Herz im Leibe umkehren wollen, wenn ich ihn an der
Maschine herumbasteln sah, als wr' es eine Weidenpfeife. Und dabei geht die
Wirtschaft immer weiter rckwrts. - Oh, meine Herren, Sie sehen mich hier als
Krppel, als elenden, zugrunde gerichteten Krppel, aber wenn ich noch das
Szepter fhrte, meine Herren, Tausende wollt' ich aus der Erde stampfen, nicht
minder wie Vanderbilt, der Amerikaner, dessen Lebenslauf in diesem Kalender so
lehrreich beschrieben steht.
    Knnen Sie die Leitung der Geschfte nicht von ihrem Stuhl aus besorgen?
fragte die Stimme Ulrichs.
    Oh, meine Herren, sehen Sie meine Trnen! - ich vergiee sie ber das
undankbarste, ungeratenste Kind, welches die Erde trgt. In diesem Kalender ist
die Geschichte eines Sohnes geschrieben, der seinen in der Wste
verschmachtenden Eltern mit Gefahr seines Lebens einen Trunk Wasser aus
Ruberhnden holt ... aber was tut er? Wie ich hier sitze, meine Herren, bin ich
nicht imstande, Ihnen auch nur ein Schnpschen anzubieten, ein Kmmel- und
Ingwerschnpschen, wie ich es so gerne trinke.
    Wir werden es Ihnen knftig mitbringen, versicherte Fritz.
    Oh, warum hat Gott mir nicht zwei solche Shne geschenkt, wie Sie es sind?
Und denken Sie, nie fragt er mich, die Kche verschliet er vor mir - es wundert
mich, da ich nicht schon Hungers gestorben bin. - Nun, Sie kennen ihn ja von
Kindesbeinen an - war er nicht immer ein roher, tckischer Patron?
    O ja, er hatte stets etwas Gewaltttiges an sich, meinte Ulrich.
    Und mit Pistolen und Peitschen hantierte er besonders hinterrcks, fgte
Fritz hinzu.
    Besonders hinterrcks - - hahaha, das trifft ihn, das ist seine Art. Oh,
meine Herren, geheime Tcke fhrt nimmer zum Glcke, so heit ein Sprchlein in
diesem Kalender, und wenn der Himmel mich noch einmal gesund werden lt, dann
sollen Sie sehen, wie ich Rache nehme, zuerst an dem Schurken, dem Brandstifter,
dem gemeinen Kerl, dem ich mein ganzes Elend verdanke, und dann auch an dem
Herrn Sohn, der seinen Vater so schlecht behandelt. Enterben tu' ich ihn! Vom
Hof jag' ich ihn! - hab' ich Recht, wenn ich das tue, meine Herren?
    Ganz Recht, erklrten beide.
    Guten Tag auch! sagte Paul hervortretend. - - -
    Die drei schraken zusammen. Der Vater duckte sich scheu in seinem Sessel,
wie ein Hund, der Schlge frchtet, die Brder streckten ihm sehr verlegen und
sehr demtig die Hnde entgegen und baten, er mchte alles vergessen sein
lassen.
    Warum nicht? erwiderte er, seinen Widerwillen bezwingend, ihr wit ja nun
den richtigen Weg.
    Als die beiden ihre Werbung vorbrachten, erwachte in dem Alten die
Gromannssucht strker denn je. Meine Herren, sagte er, die Stimme in der
Kehle quetschend, damit sie wrdiger klinge, Ihr Antrag ehrt mich
selbstverstndlich, aber ich bin nicht in der Lage, ihn mit ja zu beantworten.
Erst bitte ich um vollgltige Brgschaft, damit ich wei, welches die Zukunft
meiner Tchter ist, welche durch Schnheit und Liebenswrdigkeit wie auch durch
fleckenlose Tugend fr ein glnzendes Schicksal geschaffen sind. Ich habe sie so
sorgfltig erzogen und so liebevoll ber sie gewacht, da mein vterliches Herz
sich nicht entschlieen kann, sie ohne weiteres fortzugeben.
    In diesem Tone schwadronierte er weiter, bis Paul ruhig sagte: La nur,
Vater, die Sache ist bereits abgemacht. - Da schwieg er, innerlich
hochbefriedigt, eine so glnzende Rede an den Mann gebracht zu haben. - - -
    Nachmittags ging Paul in die Kammer der Schwestern und sagte: Kinder, betet
ein Vaterunser, - Frau Douglas wurde heute begraben.
    Sie sahen ihn mit groen, freudeglnzenden Augen an, und um ihre Lippen
glitt ein vertrumtes Lcheln.
    Habt ihr mich nicht verstanden?
    Ja, sagten sie leise und erschrocken und drckten sich aneinander, als
frchteten sie die Rute. - Er lie sie allein in ihrem Glck und schritt in den
klaren, kalten Wintertag hinaus. Wie kommt es nur, dachte er, da jetzt ein
jeder Angst vor mir hat und keiner versteht, wie ich's meine?
    An demselben Tage jagte er die Knechte davon und schrieb an den Meister, er
mge morgen kommen, die Arbeit wieder aufzunehmen. - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Noch in derselben Woche trat Tauwetter ein, rasch ward nun das Werk
gefrdert, und eines Freitagabends, zu Anfang Mrz, stand die schwarze Suse
blitzblank in ihrem neugeflickten Gewande da. - Am nchsten Morgen sollte der
Kessel probiert werden, und Holz und Kohlen lagen bereits aufgeschichtet an den
Wnden des Schuppens.
    Schlaflos wlzte sich Paul in seinem Bette. Trge schlichen die Stunden
dahin - eine Ewigkeit qualvollster Erwartung lag zwischen Mitternacht und
Morgengrauen ... ...
    Wird sie lebendig werden? Wird sie ...?
    Die Uhr schlug eins - da hielt er sich nicht lnger, kleidete sich an und
schlich, die flackernde Laterne in der Hand, in die nakalte Mrznacht hinaus.
Der Wind fing sich in seinen Kleidern, und der eisige Sprhregen schlug ihm
seine Geieln ins Gesicht.
    Aus dem dunkeln Schuppen glotzte die schwarze Suse ihm mrrisch entgegen,
als wolle sie nicht dulden, da man ihre letzte Nachtruhe stre ... Die Laterne
warf einen gespensterhaften Schein ber den unwirtlichen Raum, und die Schatten
der Maschine tanzten bei jeglichem Flackern in grotesken Sprngen auf der gelben
Bretterwand.
    Ob ich den Meister wecke? dachte Paul. Nein, mag er schlafen, ich will
den Schmerz oder die erste Freude fr mich allein haben.
    Prasselnd flogen die Kohlenhaufen in den schwarzen Schlund ... Ein blaues
Flmmchen zuckte auf, zngelte ringsumher, und bald erfllte rtliche Glut den
finsteren Raum ... Trbe blinzelte die Laterne von der Wand hernieder, als sei
sie neidisch auf den warmen, frohen Feuerschein.
    Paul setzte sich auf einen Kohlenhaufen und schaute dem Spiel der Flammen zu
... Die Tr der Feuerung begann sich rtlich zu frben, und durch den Rost
sanken, funkensprhend, halb ausgeglhte Schlacken.
    Paul hrte sein Herz klopfen, und wie er seine Hand beruhigend daraufprete,
fhlte er in der Brusttasche Elsbeths Flte. Er hatte sie an dem Tage, da die
Arbeit wieder aufgenommen wurde, auf der Lokomobile liegen gefunden und seitdem
bei sich getragen.
    Ob ich auch das wohl noch lernen werde? fragte er in banger Freudigkeit
ber das bisher Errungene. - Er setzte die Flte an den Mund und versuchte zu
blasen - die Minuten schlichen langsam, er mute sich die Zeit vertreiben. -
Aber die Tne, die er hervorrief, klangen hohl und gequetscht - eine Melodie
lie sich noch weniger zusammensetzen.
    Ich lern's doch nicht mehr, dachte er. Was ich fr mich selber tue,
milingt - das ist nun einmal Gesetz in meinem Leben. Fr andere mu ich sen,
wenn ich ernten will.
    Aber trotzdem setzte er die Flte wiederum an die Lippen. Es wre schn,
dachte er, wenn ich ein Knstler geworden wre, wie Elsbeth es mir prophezeite,
anstatt da ich hier Maschinen anheize. - Ein Schauer der Erregung
durchrieselte ihn.
    Wird sie lebendig werden? Wird sie? ...
    Ein neuer qukender Ton entrang sich der Flte. Brr, sagte er, das geht
durch Mark und Bein. Lieben und Fltespielen werd' ich wohl andern berlassen
mssen.
    Und in diesem Augenblick erhob sich im Innern der schwarzen Suse jenes
geheimnisvolle Singen, das ihm all die Jahre hindurch treu in der Erinnerung
geblieben war. Es klang, als sngen die Schicksalsschwestern unter dem
Eschenbaum.
    Hei, das ist 'ne schnre Musik! rief er aufspringend und schleuderte die
Flte von sich ... Die eiserne Tr klirrte ... Neue Kohlenhaufen verschlang der
glhende Rachen ... Die Schaufel flog rasselnd auf den Boden.
    Sie werden im Haus erwachen, dachte er, fr einen Augenblick erschrocken,
aber mgen sie, mgen sie! fuhr er fort, es gilt ja ihr Glck, ihre Zukunft.
    Lauter und lauter wurde das Singen, da fate ihn pltzlich der bermut, da
er hell zu pfeifen begann.-Wie gut das klingt! Ja, wir verstehen uns auf das
Musikemachen - wir sind stramme Musikanten, Suse - was?
    Der Schlot gab mchtige Wolken schwarzen Qualmes von sich, die wie ein
Baldachin sich unter der Decke verbreiteten, wogend und schwellend, als fhre
ein Sturmwind durch die Falten ... Das eine der Ventile lie einen leisen,
zischenden Ton vernehmen, und ein weies Dampfwlkchen spritzte empor, das sich
rasch mit dem schwarzen Rauch vermischte ... Lauter und lauter wurde das
Zischen, weiter und weiter rckte der Zeiger im Manometer ...
    Jetzt ist's Zeit! ...
    Mit zitternden Hnden tastete er nach dem Hebel ... ein Ruck ... ein Schwung
... und wirbelnd, wie von Geisterhnden gejagt, kreiste das Rad in die Runde.
    Viktoria - sie lebt - sie lebt!
    Nun mgen sie hren, mgen kommen! Seine Hand zerrt an der Klappe der
Dampfpfeife, und gellend ruft ihr Schrei in die Nacht hinaus: Ich leb', ich
lebe!
    Da faltete er die Hnde und murmelte leise: O Mutter, das htt'st du noch
erleben mssen. Und wie er das sagte, kam es pltzlich ber ihn, als wre auch
dieses vergebens, als se auch ihm der Tod im Nacken und schrie' ihm ins Ohr:
Du stirbst, du stirbst - ohne gelebt zu haben.
    Noch hab' ich zu schaffen, sagte er mit feuchtem Auge, erst will ich die
Schwestern glcklich wissen - denn bleiben sie arm, so werden sie roh behandelt
- erst will ich den Hof in Pracht erstehen sehen, dann mag er kommen.
    Und wie die schwarzen Wolken ringsum, so trmten sich aufs neue Jahre der
Knechtschaft, Jahre des Ringens, des Sorgens vor seinem Blick empor.
    Mit verschlafenen Gesichtern tauchte die Hausgenossenschaft im Tore des
Schuppens auf, auch die Schwestern fanden sich ein und standen in dem Qualm und
dem Feuerschein ngstlich aneinandergeschmiegt, in ihren weien Nachtkleidchen
anzuschauen wie zwei blasse Rosen an demselben Stengel.
    Hier wird eure Zukunft bereitet, ihr armen Dinger, murmelte er, indem er
ihnen zunickte.
    Als der Meister zur Stelle war, ging Paul in das Schlafzimmer des Vaters,
der ihm aus dem Bette verstrt entgegenstarrte.
    Vater, sagte er bescheiden, wiewohl sein Herz vor Stolz sich schwellte,
die Lokomobile ist instand gesetzt; sobald der Grund aufgetaut ist, knnen die
Arbeiten auf dem Moor beginnen.
    Der Alte sagte: La mich in Ruh'! und drehte den Kopf nach der Wand.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Als am andern Morgen die Lokomobile ins Freie gezogen wurde, ertnte auf der
Schwelle des Schuppens ein eigentmlich prasselnder, quetschender Laut.
    Es ist etwas unter die Rder gekommen, sagte der Meister.
    Paul sah nach. Da lag als ein Huflein Trmmer, mitten durchgebrochen und
plattgedrckt - Elsbeths Flte.
    Ein bitteres Lcheln zog ber sein Gesicht, als wollte er sagen: Nun hab'
ich dir auch mein Letztes geopfert, nun kannst du doch zufrieden sein, Frau
Sorge?
    Seit diesem Tage war ihm zumute, als sei das letzte Band zwischen ihm und
Elsbeth zerrissen. Er hatte sie verloren wie sein Trumen, sein Hoffen, seine
Wrde, sein Selbst ...
    Mit Hallo wanderte die schwarze Suse ins Moor hinaus. -

                                       19


Die Jahre gingen dahin. Lange schon lebten die Schwestern als glckliche
Hausfrauen, die Mitgift war herausbezahlt, und die Schwger fingen bereits an,
bei Paul einen Pump aufzunehmen.
    Wie schweigsam war es nun erst auf dem stillen Heidehof! Der Vater humpelte
jetzt wohl an einer Krcke in Haus und Garten umher, aber er war viel zu trge
geworden, um das Szepter noch einmal zu ergreifen. Paul wute nichts fr ihn zu
tun, als da er ihm seine Lieblingsgerichte kochen lie, seine Rationen Kmmel
mit Ingwer nicht allzu klglich abma und ihm zu jedem Weihnachten einen neuen
Kalender schenkte. Damit htte der Alte wohl zufrieden sein knnen, denn er
brauchte in der Tat nicht mehr - selbst in die Stadt zu fahren war er zu
schwerfllig geworden, aber je prchtiger sein Leib gedieh, desto bitterer und
verbissener wurde sein Gemt. Stundenlang konnte er in sich hineinbrten, und
schrecklich war es anzusehen, wie er dabei mit den Zhnen knirschte und die
geballten Fuste schttelte. Eine seiner fixen Ideen war, da sein Sohn ihn
absichtlich unterdrcke, damit er den Ruhm der groen Ideen, die er selber
ausgeheckt, fr sich in Anspruch nehmen knne, und je besser das Moor sich
rentierte, desto wtiger rechnete er aus, wieviel seine Aktiengesellschaft
eingetragen haben wrde. Er kargte nicht mit den Millionen, er hatte es ja nicht
ntig. -
    Aber noch andres wuchs in dem dunkelsten Grunde seiner Seele, ein Racheplan
gegen Douglas, den er heimlich pflegte und grozog als sein eigenstes Geheimnis.
Selbst die Schwiegershne, denen er sonst gern sein Herz ausschttete, erfuhren
nichts davon. Ulrich uerte einmal zu Paul: Nimm dich in acht, der Alte fhrt
was gegen Douglas im Schilde.
    Was sollte das wohl sein? erwiderte er, scheinbar unbesorgt, wiewohl er
sich schon manchmal darber Gedanken gemacht hatte.
    Dumpf und stumpf lebte Paul seine Tage dahin. - Sein ganzes Innenleben war
der platten Sorge um Gut und Geld verfallen, doch ohne da er je an dem
Erworbenen Freude gefunden htte. Er besa niemanden mehr, den er glcklich zu
machen hatte, und arbeitete, ohne zu wissen, warum? - wie der Ackergaul an
seinen Strngen zieht, unwissend, was der Pflug tut, den er durch die Dornen
schleppt. - Monate vergingen manchmal, ohne da er einen Blick in seine Seele
warf. Auch pfeifen tat er nicht mehr. Er frchtete die Qualen, die die
berstrmende Empfindung ins Leben rief, aber auf die Zeiten, da er noch in
Tnen mit sich zu sprechen vermocht hatte, sah er wie auf ein verlorenes
Paradies zurck.
    Manchmal berkam ihn eine tiefe Bitterkeit, wenn er den Zweck seiner Arbeit,
seiner Sorge, seiner durchwachten Nchte mit dem verglich, was er dafr
hingeopfert. - Es schien ihm etwas ungeheuer Stolzes, Reiches, Glckbringendes
gewesen, nur wute er ihm keinen rechten Namen zu geben.
    Von diesem Grbeln befreite er sich am besten, indem er sich kopfber in
neue Arbeit strzte, und lange Zeit verging, bis ihn die Krankheit wieder
packte.
    Der Heidehof gedieh inzwischen prchtiger von Jahr zu Jahr: die Schuld an
Douglas war getilgt, die Felder florierten, und auf den Wiesen weidete edles
Rassevieh. Der ganze Hof sollte ein neues Gewand erhalten. Wohnhaus, Stall und
Scheune, alles sollte von Grund auf erneuert werden. - Und eines Frhlings
begann es im Hof zu wimmeln von Arbeitsleuten aller Art. Das Wohnhaus wurde
niedergerissen, und whrend Paul fr sich eine hlzerne Baracke zum Wohnsitz
whlte, lie der Vater sich leicht bereden, zu einem der Schwiegershne
berzusiedeln.
    Ich werde nicht mehr wiederkommen, sagte er beim Abschiede, ich bin nicht
mehr imstande, dein verrcktes Treiben anzusehen. Der erste aber, der sich im
Herbst wieder einfand, war der Alte. Er setzte sich behaglich in seinen
Lehnsessel und zog fortan auch die Schwiegershne in sein Schimpfregister
hinein. - - Die mochten ihn freilich nicht mit Handschuhen angefat haben.
    Nun hab' ich keinen Platz mehr auf Erden, wo ich mein graues Haupt zur Ruhe
legen knnte, murrte er, whrend er sich faul in den Polstern streckte.
    Im nchsten Frhjahr kamen die Wirtschaftsgebude an die Reihe, besonders
die Scheune sollte sich zu einem Schaustck lndlicher Pracht gestalten, als
Denkmal jener frchterlichen Nacht, die der Mutter den Todessto gegeben hatte.
    Der Landmann, der nun ber die Heide fuhr, machte wohl halt, um die blanken
Gebude, die mit ihren roten Ziegeldchern ihm schon aus der Ferne
entgegengeleuchtet hatten, bewundernd von nah zu sehen, und mancher schttelte
bedenklich den Kopf und murmelte das alte Sprchlein:

Bauen und Borgen
Ein Sack voll Sorgen!

    Auf dem Moore drauen spie die schwarze Suse ihre schwarzen Wolken, die
Messer der Schneidemaschine bohrten sich tief in den zhen Grund, und die Presse
arbeitete langsam und schweigend wie ein gutwilliges Haustier. Ein neuerbauter
Schuppen glnzte mit weien Wnden im Sonnenlicht, und ringsherum erhoben sich
die langen schwarzen Mauern des gepreten Torfes. Die Ziegel waren hart und
schwer, mit wenig Fasern und viel Kohle. Sie schlugen ohne Mhe die Konkurrenz
aus dem Felde und gewannen einen guten Ruf bis nach Knigsberg hin.
    Paul, der auf seinen Geschftsreisen viel unter fremde Leute kam, geno nun
auch das Glck, als ein angesehener Mann begrt und von wrdigen Gutsherren als
ihresgleichen behandelt zu werden. Aber er hatte keine Freude mehr daran.
    Wenn man ihm freundschaftlich die Hand schttelte, ihm Glck zu seinen
Erfolgen wnschte oder sich seinen Besuch erbat, so fragte er sich im stillen:
Will der mich hhnen? Und obgleich er wohl sah, da es den Herren ernst war,
so fhlte er sich doch stets wie von einem Alp befreit, wenn man ihn gehen lie.
    Warum sind sie nicht frher gekommen, die Freundlichen? sagte er zu sich,
damals, als es mir nottat, als ich noch Nutzen aus jedem guten Wort ziehen
konnte. Jetzt bin ich abgestorben, wie ein Stock - jetzt ist's zu spt.
    Doch weiter und weiter ging sein Ehrgeiz. -
    Und als wollte der Himmel selbst das Weihfest geben, lie er in diesem Jahr,
dem siebenten seit der Mutter Tod, die Halme in solcher Flle gedeihn und
spendete so verschwenderisch Regen und Sonne, jedes zu seiner Zeit, da es den
Leuten schier unheimlich wurde vor all dem Segen und sie einander angstvoll
fragten: Kann das zum Guten sein?
    Es wird wohl noch was dazwischenkommen, ein Hagelschlag oder dergleichen,
sagte Paul, der stets auf das Schlimmste gefat war. Aber nein! Hochgetrmt
schwankte ein Erntewagen nach dem andern in die Scheuern, und der goldgelbe
hrensegen sank, Krner um sich streuend, in dem Fachwerk nieder, bis alles
vollgepfropft war bis zum First hinauf.
    Paul hatte auch hieran keine Freude. - Je reichlicher er Hab' und Gut sich
hufen sah, je stolzer die Frchte von seiner Hnde Arbeit ihm entgegengrten,
desto ngstlicher wurde sein Sorgen. Wer ihn mit tiefgefurchter Stirn und
gesenktem Haupt langsam ber den Hof herwandeln sah, der htte ihn fr einen
Schuldenmacher halten mgen, dem das Messer schon an der Kehle sitzt.
    Um dieselbe Zeit las er in der Zeitung, da Elsbeth sich verlobt habe. Die
Namen Elsbeth Douglas und Leo Heller standen in schngeschweiften Lettern dicht
untereinander. Er fhlte keinen stechenden Schmerz, er erschrak nicht einmal,
nur ein Lcheln voll wehmtiger Genugtuung umspielte seinen Mund, als er vor
sich hinmurmelte: Ich hab's ja gleich gesagt.
    Und dann erinnerte er sich des Schriftstcks, das der jngere Erdmann einst
in der Kirche herumgeschickt hatte, um ihn zu rgern, und das ganz hnlich
gelautet, nur da sein eigener Name an Stelle des fremden gestanden hatte. Und
das war immerhin ein Unterschied.
    Er hatte sie nun seit Jahren nicht gesehen. So dicht ihre Grundstcke
nebeneinander lagen, es gab kein Begegnen zwischen ihnen. Das weie Haus
leuchtete noch ebenso hell ber die Heide in sein Fenster hinein wie damals, als
die Sehnsucht, zu ihm zu pilgern, in seiner Kinderseele erwachte, aber der
magische Schimmer, der es damals, der es noch fnfzehn Jahre spter umflo, war
verschwunden, verlscht vor den sinkenden Schatten der Alltglichkeit.
    Mag sie glcklich werden! sagte er und glaubte sich mit diesem Wunsche
genugsam getrstet. -
    Am nchsten Sonntag wurde in der Kirche das Erntefest gefeiert. Paul sa in
seinem Winkel, hrte die Orgel rauschen und den Pfarrer Lob und Dank zum Himmel
rufen. Die Sonne leuchtete in tausend frohen Farben durch die gemalten Scheiben
- just wie an seinem und Elsbeths Einsegnungstage, - aber auch dster und
traurig in ihren aschfarbenen Gewndern stand noch immer die graue Frau und
starrte aus groen, hohlen Augen auf ihn nieder. - - -
    Auch ich feire heute ein Erntefest, das Erntefest meiner Jugend, dachte
er, aber allzu freudig ist es nicht. ...
    Der Gottesdienst ging zu Ende. Mit einem Triumphgesang entlie die Orgel die
frohbewegten Beter, die sich auf dem eichenbeschatteten Vorplatz
zusammendrngten, um einander glckwnschend die Hnde zu reichen.
    Als Paul die Stufen hinabschritt, erblickte er etwa fnf Schritte vor sich
Elsbeth am Arm ihres Verlobten.
    Sie schien gealtert und sah bla und krnklich aus. - Als ihr Blick den
seinen traf, wurde sie noch um einen Schatten blsser.
    Er zitterte am ganzen Leib, doch sein Auge wich nicht von ihrem Angesicht.
Befangen griff er nach der Mtze, und an derselben Stelle, wo sie vor fnfzehn
Jahren das erste Wort miteinander gesprochen, gingen die beiden schweigend und
fremd aneinander vorber.
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                                       20


Was mag der Vater da haben? sagte Frau Kthe Erdmann zu Frau Grete Erdmann,
die beide des Wegs dahergefahren kamen, um die Heimat zu besuchen und bei dieser
Gelegenheit dem Bruder das Herz auszuschtten.
    Der Alte stand geduckt in einem Winkel hinter der Scheune und machte sich in
den Strohhaufen zu schaffen, die dort aufgeschichtet lagen. Als er den Wagen
rasseln hrte, hielt er erschrocken inne und rieb sich die Hnde wie einer, der
sich Mhe gibt, unbefangen zu erscheinen.
    Die beiden Schwestern sahen sich an, und Grete meinte: Man mte Paul einen
Wink zukommen lassen.
    Oh, sie waren sehr vernnftig geworden, die beiden Wildlinge, innen nicht
minder als auen; ihre wirren, braunen Locken drckten sich glatt gekmmt an den
Ohren vorbei, und die glhenden Augen trugen einen mden Schimmer, als wten
sie nun, wie's tut, wenn man in stiller Kammer sich satt weint. Frau Kthe hatte
freilich auch drei stramme Jungen, bei Frau Grete zeigten sich gar schon
Hoffnungen auf etwas viertes, und jeder wei: Mutterschaft macht mde!
    Paul arbeitete drauen im Moor, aber der Vater kam mit verschmitztem Lachen
daher, und seine Krcke schwenkend, rief er: Lauf' ich nicht wieder wie 'n
Junger?
    Frau Kthe sprach ihre Bewunderung aus, und Frau Grete stimmte ihr bei.
    Es geht wie geschmiert, lachte er, vorgestern hab' ich sogar einen
Spaziergang nach Helenental gemacht.
    Erstaunt, fast erschrocken sahen sie ihn an, denn er war seit seinem Auszuge
nicht mehr dort gewesen.
    Wie hat man dich empfangen? fragte Frau Grete.
    Wer? Wie? - Ach, ihr dachtet wohl, ich hab' 'ne Nachbarsvisite gemacht? Ihr
seid mir die Rechten! Eher ging' ich bei eurem Hofhund zu Gaste und fr' ihm
die Hammelknochen weg!
    Aber was tatst du denn dort?
    Durchs Hoftor hab' ich geguckt und hab' nach der Uhr gesehen und bin dann
wieder heimgegangen. Wie lange, glaubt ihr wohl, da ich brauche, um hinzukommen
-? Ratet einmal!
    Sie hatten keine Ahnung.
    Anderthalb Stunden, akkurat wie ein Schnellufer ... Freilich, - er
schaute sinnend vor sich hin -, wenn man noch was trgt, kann's an die zweie
dauern.
    Und blo, um das auszurechnen, bist du ...?
    Blo deshalb, mein Schatz, blo deshalb! Und seine Augen funkelten
unheimlich.
    Alsdann setzte man sich in die Veranda, die Paul nach dem Muster des weien
Hauses vor der Tr hatte errichten lassen. Die alte Haushlterin, die frher
den Erdmanns die Wirtschaft gefhrt hatte und nach der Heirat von dort zum
Heidehof bergesiedelt war, mute in die Kche wandern, um Kaffee zu kochen und
Waffeln zu backen, und da der Vater mit seinen Tchtern nichts Besseres zu reden
wute, so schimpfte er auf Paul und die Schwiegershne. Er tat es heute weniger
aus Liebe zur Sache, wie aus alter Gewohnheit, seine Gedanken schienen ganz
woanders zu weilen, und whrend er sprach, rckte er mit unheimlicher
Geschftigkeit auf seinem Stuhl hin und her.
    La uns hineingehen! sagte Kthe, wir mssen uns ein wenig in der
Wirtschaft umsehen, auch fliegen wir hier beinahe auf, so weht uns der Wind
unter die Rcke.
    Es wird Sturm geben zur Nacht, meinte Grete. Und dann pltzlich wandten
beide sich erschrocken um, denn das Lachen, das der Alte hren lie, hatte so
gar seltsam geklungen.
    La es nur Sturm geben, meinte er, ein wenig verlegen, das schadet rein
gar nichts. Gibt's bei euch in der Ehe nicht auch manchmal Sturm?
    In Kthes Antlitz blitzte es auf wie von alter Schelmerei, aber Grete zog
die Mundwinkel herunter, als wollte sie weinen. Bei ihr schien der letzte noch
nicht ganz verwunden.
    Ja, es wird frh Herbst dieses Jahr, meinte sie mit einem Anfall von
Melancholie.
    Der Alte blies: Wenn die Schwalben heimwrts ziehn, und Kthe meinte: La
es Herbst werden, die Scheunen sind ja voll.
    Gott sei Dank, kicherte der Alte, sie sind voll.
    Die Schwestern hatten sich umschlungen und schauten, die Stirnen gegen die
Scheiben gelehnt, auf den sonnbeglnzten Hof hinaus, auf dem die Sandwolken in
hohen Tromben zum Himmel wirbelten ...
    Mit Dunkelwerden kam Paul nach Hause, schwarz wie ein Mohr, denn der
Torfstaub, der vom Winde umhergetrieben wurde, hatte sich ihm in Bart und
Antlitz festgesetzt.
    Er reichte den Schwestern stumm die Hand, blickte ihnen scharf in die Augen
und sagte: Hernach werdet ihr mir klagen.
    Grete sah Kthe an, und Kthe sah Grete an, dann lachten sie pltzlich hell
auf, ergriffen ihn bei beiden Schultern und tanzten mit ihm in der Stube herum.
    Ihr werdet euch schwarz machen, Kinder, sagte er.
    Mein Liebster ist ein Schornsteinfeger, trllerte Grete, und Kthe sang
den zweiten Vers: Mein Liebster ist aus Mohrenland.
    Darauf kten sie ihn und liefen vor den Spiegel, um zu sehen, ob der Ku
abgefrbt hatte.
    Als er hinausgegangen war, sich zu subern, meinte Grete: Drollig, er
braucht einen blo anzusehen, und alles ist wieder gut.
    Und Kthe fgte hinzu: Aber er selber ist heute schweigsamer als je.
    Paul, sei gut! schmeichelten sie, als sie alle zusammen beim
Abendbrottisch saen, wir drfen nur alle Jubeljahr einmal hierher ...! Mach
uns ein freundlich Gesicht.
    Habt ihr vergessen, welch ein Tag heute ist? erwiderte er, indem er ihre
Haare streichelte.
    Sie erschraken, denn sie dachten zuerst an den Todestag der Mutter, aber
erleichtert atmeten sie auf - der fiel ja in die Johanniszeit.
    Nun? fragten sie.
    Heute vor acht Jahren brannte unsere Scheune!
    Alle schwiegen - nur der Vater grollte und lachte in sich hinein. - - - - -
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    Es fing an, finster zu werden, ber die Heide her glomm noch ein glhroter
Streif, der einen Feuerschein ber den weigedeckten Tisch hinwarf ... An den
Fensterlden rttelte der Sturm.
    Gut, da die Haushlterin jetzt ins Zimmer trat. Eine geschwtzige Alte, die
stets mit Neuigkeiten aufzuwarten wute.
    Na, Frau Jankus, was gibt's Gutes? rief Kthe ihr entgegen, froh, den Alp
der Erinnerung los zu werden.
    Oh, Madamchen, rief die alte Person, wissen Se's denn noch nicht? - In
der Kirche geht's heute hoch her. Das ganze Dorf windet Krnze - ber dem Altar
haben se 'ne Jirlande angebracht von lauter Remontantenrosen, und zu beiden
Seiten stehn die scheensten Olejanderbeime.
    Was ist denn los?
    Hochzeit ist los! Das Frulein Douglas macht morgen Hochzeit!
    Die beiden Schwestern schraken zusammen, warfen sich einen raschen Blick zu
und schauten dann auf Paul. - Der aber drehte eine Brotkrume zwischen den
Fingern und tat, als ob ihn die Geschichte nicht im mindesten anginge.
    Die Schwestern warfen sich einen neuen Blick zu und nickten
verstndnissinnig. Dann ergriffen sie in gleichem Impulse seine beiden Hnde.
    Kinder, ihr zerreit mich ja! sagte er mit einem schwachen Lcheln.
    So, dann gibt's ja heute Polterabend drben? fragte der Vater, der
pltzlich sehr lebendig geworden war.
    Wahrscheinlich, wahrscheinlich! antwortete die Wirtschafterin. Vorhin sah
ich 'nen Haufen von Kindern vorbergehn, die waren ganz beladen mit alten Tpfen
und sonstigem Gekrassel.
    Bei unserer Hochzeit haben sie's glimpflich gemacht, meinte Grete, und
beide Schwestern sahen sich an und lchelten trumerisch.
    Das trifft sich ja prchtig, raunte der Alte und rieb sich die Hnde.
    Warum prchtig? fragte Paul.
    Ach, ich meine nur so ... Zufall - derselbe Tag, wo sie unsere Scheune
niederbrannten. Sag mal - du, Paul, du warst ja wach - was war wohl die Uhr, als
du die Flamme aufsteigen sahst?
    Eins kann es gewesen sein.
    Na, du mut's ja wissen. Was du in Helenental eigentlich zu suchen hatt'st,
ist mir zwar noch heute unklar, aber es ist gut - ganz gut so -, ich wei nun
ganz genau, um wieviel Uhr es war!
    Dann weit du was Recht's, sagte Grete lachend.
    Wei ich auch! erwiderte er trotzig. Wirst schon sehen, mein Tchterchen,
wirst schon sehen!
    Kthe wollte der Schwester zu Hilfe kommen, aber Paul winkte ihnen heimlich
zu, da sie den Alten in Ruhe lieen.
    Bald darauf nahmen die Schwestern Abschied.
    Du wolltest Paul ja sagen, da der Vater hinter der Scheune Heimlichkeiten
hat, sagte Kthe, als sie beide auf dem Wagen saen.
    Ja, richtig! erwiderte diese, lie den Kutscher halten und winkte Paul zu
sich heran. Aber der Alte, der in seinem Mitrauen berall hinzuhorchen pflegte,
drngte sich dazwischen, und so mute es unterbleiben.
    Als Paul bei seinem allabendlichen Rundgang in die Kche kam, gewahrte er,
wie der Vater mit der Wirtschafterin um einen irdenen Topf unterhandelte.
    Wozu brauchen Sie den Topf, Herr Meyhfer? fragte die Alte.
    Ich will auch Polterabend feiern gehen, Frau Jankus! erwiderte er mit
einem hohlen Gelchter. Vielleicht schenken sie mir dort was vom
Hochzeitskuchen.
    Die Alte wollte sich schier zuschanden lachen, und der Vater humpelte mit
seinem Topf in das Schlafzimmer, dessen Tr er sorgfltig hinter sich verschlo
...
    Das Haus war zur Ruhe gegangen, nur Paul trieb sich noch auf dem dunkeln
Hofe umher.
    Also morgen macht sie Hochzeit, sagte er, die Hnde faltend. Wenn ich ein
guter Christ wre, mte ich nun fr ihr Glck ein Vaterunser beten ... Aber so
ein schlapper Geselle bin ich doch noch lange nicht ... Ich glaub', ich hab' sie
mal sehr liebgehabt, mehr lieb, wie ich selber wute ... Wie mag es nur gekommen
sein, da ich ihr so fremd geworden bin? Er sann und sann, konnte aber zu
keinem rechten Schlusse kommen.
    Der Mond ging ber der Heide auf - eine groe, blutrote Scheibe, die einen
ungewissen Glanz ber den Hof hinbreitete ... Der Sturm schien sich verstrkt zu
haben ... Er pfiff in den Ecken und brauste durch die Wipfel ...
    Wenn heute eine Feuersbrunst ausbrche, so wrde sie mit der Scheune wohl
nicht zufrieden sein, dachte Paul, und dabei fiel ihm ein, da er dem Agenten
ein Monitum schicken mte, damit er die Versicherung beschleunige. Denn man
kann nicht wissen, was ber Nacht geschieht ... Ich will schlafen gehn, schlo
er seine berlegungen, morgen ist auch ein Tag und - ein Hochzeitstag dazu.
    Auf Zehenspitzen schlich er sich in sein Schlafzimmer, das er sich neben dem
des Vaters eingerichtet hatte, um hilfreich beispringen zu knnen, wenn dem
alten Mann irgend etwas passierte. Er zndete kein Licht an, denn der
hhersteigende Vollmond schien bereits hell in das Gemach.
    Ob du wohl heute noch einschlafen wirst? dachte er eine Stunde spter. -
Die Schatten der sturmbewegten Bltter tanzten auf der Bettdecke einen wilden
Reigen, und zwischendurch tanzten die Mondlichter wie weie Flmmchen.
    In jener Johannisnacht schien der Mond ebenso hell, dachte er, und dabei
fiel ihm ein, wie wei das Nachtkleid Elsbeths unter dem dunkeln Mantel
hervorgeleuchtet hatte.
    Das war doch die schnste Nacht in meinem Leben, murmelte er mit einem
Seufzer, und darauf beschlo er, einzuschlafen, und zog sich zur Bekrftigung
die Bettdecke ber die Ohren ...
    Eine Weile darauf war es ihm, als hrte er im Nebenzimmer den Vater leise
aufstehen und zur Tr hinaushumpeln ... Deutlich hrte er, wie die Krcke auf
den Steinfliesen des Hausflurs klapperte.
    Er wird wohl gleich wiederkommen, dachte er, denn es geschah fters, da
der Vater in der Nacht noch einmal aufstand.
    Hierauf berfiel ihn ein unruhiger Halbschlaf, in dem allerhand schreckhafte
Trume einander jagten. Als er vollends wieder erwachte, stand der Mond schon
hoch am Himmel, kaum da noch ein Strahl ins Zimmer fiel. Doch Garten und Hof
lagen gebadet in seinem Lichte.
    Seltsam - mir ist doch, als hab' ich den Vater nicht wiederkommen hren,
sagte er vor sich hin. Er richtete sich auf und sah nach der Taschenuhr, die
ber seinem Bette hing.
    Acht Minuten bis eins! ... Zwei Stunden waren inzwischen verflossen.
    Ich werde wohl fest geschlafen haben, dachte er und wollte sich wieder
aufs Ohr legen, da schlug, vom Sturm geschttelt, die Haustr klirrend ins
Schlo, so da das ganze Haus in seinen Fugen erbebte.
    Erschrocken fuhr er empor ... Was ist das? ... die Haustr offen ... der
Vater noch nicht zurck? Im nchsten Augenblick hatte er Rock und Beinkleid
bergeworfen, und barfu, barhuptig strzte er hinaus ...
    Die Tr, die von des Vaters Schlafzimmer nach dem Hausflur fhrte, stand
weit geffnet. - Bleich vor Angst trat er an das Bett ... Es lag unberhrt, nur
zu Fuenden war in der bauschigen Bettdecke eine Lcke eingedrckt. - Da also
hatte der Vater gesessen, ohne ein Glied zu rhren, lnger als anderthalb
Stunden - augenscheinlich, um zu warten, bis er selber im Schlafe liege.
    Was um des Himmels willen bedeutet das alles? -
    Suchend irrte sein Blick im Zimmer umher ... Dort im Winkel lagen
umhergeworfen die wollenen Schuhe, in denen der Vater sonst den ganzen Tag ber
umherschlrfte, aber die Stiefel, die seit Monaten ungebraucht dort standen -
die waren fort ...
    Wie - wollte der lahme Vater zur Nachtzeit auf die Wanderschaft? Sein Herz
drohte stille zu stehen ... Er strzte auf den Hof hinaus.
    Taghell lag er vor seinen Blicken, nur so weit der Schatten der Scheune
reichte, herrschte Nacht ...
    Der Sturm brauste in den Bumen - der Sand wirbelte leuchtend empor, sonst
alles still, alles leer ...
    Er durcheilte den Garten - keine Spur - hinter dem Stall - keine Spur ...
Was ist das? Das Haustor offen? - Wo ist er hin? ...
    An seiner Seite winselte der Hund ihm entgegen - rasch befreite er ihn. -
    Such den Herrn, Turk, den Herrn!
    Der Hund schnffelte am Boden entlang und rannte nach dem Giebelende der
Scheune, dorthin, wo die Strohhaufen lagen, die sich wie fahle Sandberge rings
um die Mauern auftrmten ... Blendend lag das Mondenlicht auf der weien Tnche
der Wand und schillerte auf dem hellgelben Boden ... Man htte eine Stecknadel
finden knnen ... Nichts war zu bemerken, nur an einer Stelle schien das Stroh
zerwhlt ...
    Aber halt! - Wie kommt die Leiter hierher, die an der Wand lehnt? Die
Leiter, die noch vor zwei Stunden an der Innenseite des Zaunes platt auf dem
Boden gelegen?
    Wer hat sie von ihrem Platz genommen?
    Und - beim Himmel, was ist das? - - - - - Wer hat die Luke des Giebels
geffnet? Die Luke, die er selbst von innen verriegelt hat, ehe die Garben das
Fachwerk fllten? - - -
    Unten am Fue der Leiter schimmerte der Boden feucht, als habe man eine
Flssigkeit verschttet ... Ein Dunst von Petroleum stieg aus der Lache empor.
    Mit zitternden Hnden griff er in die Halme hinein, die den Boden bedeckten.
Ja, sie waren na, und der ble Geruch teilte sich den Fingern mit, die sie
berhrt hatten.
    Er fhlte seine Knie wanken, eine dumpfe, frchterliche Ahnung umnebelte
seine Sinne - mit Mhe raffte er sich auf und stieg die Leiter hinan, bis er die
Luke erreicht hatte.
    Unten winselte der Hund ...
    Such den Herrn, Turk, den Herrn!
    Das Tier brach in freudiges Heulen aus und rannte schnffelnd im Kreise
umher, bis es die Fhrte gefunden zu haben schien.
    Paul starrte ihm nach. Sein Leib zitterte fiebrisch in qualvoller Erwartung.
    Zum Hoftor ging des Tieres Weg. - Also wirklich! Der Vater war's gewesen,
der es geffnet hatte!
    Aber dann - dann! Wohin wird er sich wenden?
    Such den Herrn, Turk, den Herrn!
    Der Hund heulte noch einmal kurz auf und rannte dann spornstreichs auf dem
Weg nach - Helenental von dannen.
    Nach Helenental - was will der Vater in Helenental? Ja, hat er nicht jngst
davon gesprochen, er sei nachmittags dort gewesen, probeweise, wie er sagte. -
Probeweise! - Und wie seltsam, wie unheimlich er dazu gelacht.
    Und heute noch - wie rtselhaft war sein Gebaren! Und als vom Scheunenbrande
die Rede war, was wollten da seine Worte, da es sich prchtig trfe heute? -
warum gerade heute?
    Nun gilt's des Rtsels Lsung zu finden, eh's zu spt ist!
    Hilfesuchend starrte er um sich.
    Seine Hand tastete unwillkrlich in das Dunkel der Lukenffnung hinein und
ergriff - den Henkel einer Blechkanne, die dort versteckt unter den Garben stand
... Es war der Petroleumbehlter, den er gestern frisch hatte fllen lassen. Und
auf wessen Rat? Wer war gekommen und hatte gesagt - - -?
    Vater, Vater, um Jesu willen, was willst du in Helenental?
    Und jetzt - wieviel ist noch drinnen? Kaum halb voll ist sie, kaum halb
voll!
    Und wie er sinnlos um sich weiter tastete, fand er Pakete mit
Streichhlzern, die rings um die Kanne verstreut lagen ...
    Da sank die Binde von seinen Augen! Ein qualvoller Schrei - Er ist dabei,
Helenental anzuznden.
    Alles rings um ihn wirbelte und wogte, seine Hnde umklammerten krampfhaft
das Randbrett, sonst wr' er rcklings herniedergestrzt.
    Nun lag alles klar ... des Vaters wirres Reden, sein Lachen, sein Drohen!
    Aber noch war es Zeit. - Der Alte kroch ja nur an seiner Krcke. - Wenn er
selber sich zu Pferde warf - ihm nachgaloppierte ...
    Ein Pferd aus dem Stall! schrie er in den Sturm hinein und sprang an der
Leiter hinab ... Da pltzlich zuckte es durch sein Hirn: Warum fragte der Vater
so genau nach der Zeit, da vor jenen Jahren - -? Soll etwa zu derselben Minute
das Rachewerk sich vollziehen? Jesus, dann ist alles verloren. Eins war die
Stunde, die ich ihm nannte, - und die Uhr ist eins ...
    Eine wahnsinnige Angst packte ihn - wiederum flog er die Leiter hinan.
    Im nchsten Augenblick mute die Flamme drben emporsteigen.
    Flammt es da nicht schon? Nein, nur der Mond ist's, der in den Fenstern des
weien Hauses glitzert ... Vater im Himmel, gibt es keine Rettung, kein
Erbarmen? Wenn ein Gebet, wenn ein Fluch die Kraft bese, da die erhobene Hand
erstarre! ... Wer warnt ihn, wer gibt ihm ein Zeichen, da er umkehre auf seinem
Wege? ...
    Aber da flammt's! - Nein ... Noch eine Sekunde vielleicht, dann wird der
Feuergleisch am Himmel stehen ...
    Elsbeth, wach auf! ...
    Ebenso wird es flammen wie damals vor acht Jahren, als ihm, der im
Helenentaler Garten lauerte, der blutige Schein die Glieder lhmte! - Wenn heute
wie damals ber der Heide ein Gleisch aufstiege! Damit des Vaters Hand erstarre,
mitten im verbrecherischen Werke!
    Gott im Himmel, la ein Wunder geschehen! - La einen Gleisch aufsteigen
ber der Heide, wie damals - wie damals!
    Flammen mt' es - hier mt' es flammen! Ein Blitz mte niederfahren,
damit die Lohe zum Vater hinberschriee: Halt ein, halt ein! - Und liegt denn
alles klar und sternenhell? steigt keine Gewitterwolke ber der Heide auf? -
Vielleicht reckt er sich jetzt schon zum Strohdach empor! Vielleicht reibt er
jetzt schon an den Hlzern! Im nchsten Augenblick kommt jede Warnung zu spt.
    Flammen mt' es - hier mt' es flammen!
    Und ist keine Fackel da, die ich schwingen knnte, ihn zu warnen?
    Flammen mt' es - hier mt' es flammen!
    Und wie er mit stieren, vorgequollenen Augen, ringend nach Rettung, um sich
starrte, da loderte es pltzlich hell wie jene Flamme, die ersehnte, durch sein
irres Hirn.
    Er jauchzte laut auf. -
    Ja, das ist's! Der Schreck wird ihn erstarren machen.
    Rettung! Rettung um jeden Preis!
    Mit beiden Hnden ergriff er die Kanne, und in weitem Schwunge go er den
Inhalt ber die aufgestapelten Garben ...
    Ein Griff nach den Streichhlzern - ein leises Zischen - der Sturm braust
hohl in die ffnung - und - hochauf spritzt die Flamme und faucht ihm ins
Gesicht ...
    Ein wilder, gellender Schrei ... Ihm wird es dunkel vor den Augen ... er
sucht einen Halt und greift blindlings in das Feuer hinein ... doch was er
erfat, gibt nach, und - in dem nchsten Augenblick strzt er, eine flammende
Gabe krampfthaft umklammernd, in weitem Bogen mitsamt der Leiter rcklings in
das Stroh ...
    Schon lodert sein Lager hellauf - noch hat er so viel Kraft, sich seitwrts
hinabzukollern - im nchsten Augenblick schon steht alles ringsum in Flammen ...
    Und der Sturm blst hinein, da erhebt sich ein Pfeifen, ein Zischen, ein
Singen hoch in den Lften ..., schon leckt es feurig am Firste hinan.
    Er strzt auf den Hof zurck, der noch schweigend vor ihm liegt.
    Feuer - Feuer - Feuer! geht gellend sein Ruf, die Schlafenden zu wecken
...
    In den Stllen, wo die Knechte liegen, wird es lebendig, aus den Kammern
tnt ein Kreischen ...
    Schon ist das Dach in einen feurigen Mantel gehllt. Die Dachpfannen
beginnen zu platzen und strzen prasselnd zur Erde. Wo eine Lcke entsteht,
spritzt sofort eine Flammengarbe gen Himmel.
    Bis dahin hatte er mutterseelenallein auf dem Hof gestanden und mit
gefalteten Hnden dem grausenvollen Werk zugeschaut, nun wurden die Tren
aufgerissen, Knechte und Mgde strzten schreiend auf den Hof.
    Da seufzte er tief und erleichtert auf, wie nach vollbrachtem Tagewerk, und
schritt langsam nach dem Garten, ehe da einer ihm begegnete ... Hab' lange
genug gearbeitet, murmelte er, die Tr des Zaunes hinter sich ins Schlo
werfend, heut will ich ausruhen.
    Mit schleppenden Schritten ging er den Kiespfad hinab wie ein Todmder, und
unaufhrlich sprach er vor sich hin: Ausruhen - Ausruhen.
    Sein Blick glitt matt in die Runde ... Von Mondenglanz und Flammenschein in
ein Meer des Lichts getaucht, lag rings um ihn der Garten da, und die Schatten
der sturmgepeitschten Bltter liefen gespenstisch vor ihm her. Hie und da fiel
ein Funke, wie ein Leuchtkferchen anzuschauen, auf seinen Weg. Er suchte sich
die dunkelste Laube aus und verkroch sich in ihrem hintersten Winkel. Dort
setzte er sich auf die Rasenbank und schlug die Hnde vors Gesicht. Er wollte
nichts mehr sehen und hren ...
    Aber ein stumpfes Gefhl der Neugierde hie ihn nach einer Weile wieder
aufschauen. Und wie er die Augen erhob, sah er die Lohe wie einen purpurnen,
weiumsumten Baldachin sich ber dem Wohnhause wlben, denn dorthin stand der
Sturm.
    Da wute er, da alles dahin war.
    Er faltete die Hnde. Ihm war, als msse er beten.
    Mutter, Mutter! rief er, Trnen in den Augen, und reckte die Arme zum
Himmel. -
    Und pltzlich ging eine merkwrdige Vernderung in ihm vor. Ihm wurde ganz
frei und leicht zu Sinn, der dumpfe Druck, der all' die Jahre lang in seinem
Kopf gelastet hatte, schwand, und hochaufatmend strich er sich ber Schultern
und Arme, als wollte er sinkende Ketten abstreifen ...
    So, sagte er, wie einer, dem eine Last vom Herzen fllt, jetzt hab' ich
nichts mehr, jetzt brauch' ich auch nicht mehr zu sorgen! Frei bin ich, frei wie
der Vogel in der Luft!
    Er schlug sich mit den Fusten vor die Stirn, er weinte, er lachte. Ihm war
zumute, als sei ein unverdientes, unerhrtes Glck pltzlich vom Himmel auf ihn
herabgefallen. -
    Mutter! Mutter! rief er in wildem Jubel. Jetzt wei ich, wie dein Mrchen
endet. - Erlst bin ich - erlst bin ich!
    In diesem Augenblick drang angstvolles Tiergebrll an sein Ohr und brachte
ihn wieder zur Besinnung - Nein, ihr armen Viecher sollt nicht umkommen um
meinetwillen! rief er aufspringend, eher will ich selbst dran glauben ...
    Er eilte zurck nach der Hintertr des Hauses, wo Knechte und Mgde eifrig
Mbel ins Freie schleppten.
    Seht den Herrn! riefen sie weinend und wiesen einer dem andern seine
nackten Fe ...
    Lat liegen! schrie er, rettet das Vieh!
    Eine Axt liegt am Wege. Mit ihr sprengt er die Hintertren des Stalles, die
nach den Feldern fhren, denn der Hof ist schon ein Flammenmeer.
    Wie im Traum sieht er Garten und Wiese mit Menschen sich fllen. Die
Dorfspritze rasselt heran, auch auf dem Wege von Helenental wird es lebendig.
    Drei-, viermal geht's in die Flammen hinein, die Knechte hinter ihm drein,
dann sinkt er, von Schmerzen ohnmchtig, mitten in dem brennenden Stalle
zusammen ...
    Ein Schrei, ein markerschtternder, aus Weibermunde, lie ihn noch einmal
die Augen ffnen.
    Da schien's ihm, als she er Elsbeths Angesicht, wie in Nebeln
verschwindend, ber seinem Haupte, dann ward es wieder Nacht um ihn. - - - - - -
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                                       21


Beim ersten Morgengrauen fuhr ein gar trauriger Zug auf dem Weg nach Helenental
ber die herbstliche Heide. Zwei schmchtige Leiterwagen, die langsam
hintereinander herschlichen. Auf ihnen fand alles Platz, was von dem Heidehof
noch brig geblieben war.
    In dem ersten lag, in Stroh gepackt, von Decken umgeben, sein Herr - mit
Wunden bedeckt, bewutlos ... Das blasse, zitternde Weib, das sich angstvoll
ber ihn neigte, war die Gespielin seiner Jugend.
    So holte sie ihn sich heim ...
    Wir wollen ihn zu einer der Schwestern schaffen, hatte Herr Douglas
gesagt, aber sie hatte die Hnde auf Pauls Brust gelegt, von der die versengten
Kleiderfetzen niederhingen, als wollte sie fr immer Besitz von ihm nehmen, und
hatte erwidert: Nein, Vater, er kommt zu uns!
    Aber deine Hochzeit, Kind - die Gste!
    Was geht mich die Hochzeit an! hatte sie gesagt, und der lustige Brutigam
hatte verblfft daneben gestanden.
    In dem zweiten Wagen lagen die wenigen Mbel, die gerettet waren, eine alte
Kommode, ein paar Schubladen mit Wsche und Bchern und Bndern, irdene
Schsseln, ein Milcheimer und die lange Pfeife des Vaters. -
    Wo aber war der hingekommen?
    Der einzige, der vielleicht Auskunft geben konnte, lag hier besinnungslos,
am Ende schon gar mit dem Tode ringend.
    War er geflohen? War er in den Flammen zugrunde gegangen? Die Mgde hatten
sein Schlafzimmer leer gefunden, von ihm selber keine Spur.
    Mir ahnt nichts Gutes, sagte der alte Douglas, Anlage zur Verrcktheit
besa er schon immer, und wenn wir morgen seine Knochen im Schutt finden, so bin
ich mir klar darber, da er selber die Scheune in Brand gesteckt und sich dann
in die Flammen gestrzt hat.
    Als sie aber eben durch das Helenentaler Hoftor fahren wollten, hrten sie
seitwrts von der Scheune her ein klgliches Hundegeheul und sahen einen fremden
Kter, der die Vorderpfoten auf eine dunkel daliegende Masse gestemmt hatte und
von Zeit zu Zeit an etwas zerrte, das wie der Zipfel eines Gewandes aussah.
    Erschrocken lie Douglas halt machen und schritt dorthin. Da fand er den
Gesuchten als Leiche liegen. Seine Zge waren schrecklich verzerrt und die Arme
noch halb erhoben, als sei er pltzlich zu Stein erstarrt. Neben ihm lag ein
zerbrochener Topf, und eine Streichholzbchse schwamm in einer Lache von
Petroleum, das in den lehmigen Wagenspuren wie in Rinnen weitergeflossen war.
    Da faltete der graue Riese seine Hnde und murmelte ein Gebet. Als er zum
Wagen zurckkehrte, zitterte er am ganzen Leibe, und seine Augen standen voll
Wasser.
    Elsbeth, sieh dorthin, sagte er, dort liegt die Leiche des alten
Meyhfer. Er hat unser Gut anznden wollen, und Gott hat ihn erschlagen.
    Gott steckt keine Scheunen in Brand! sagte Elsbeth und blickte nach dem
brennenden Hof zurck, von dem ein dunkelblauer Qualm in den trben Morgen
emporstieg.
    Aber ist es nicht Gottes Fgung, da wir gerettet wurden?
    Hat uns einer gerettet, so tat es dieser! sagte Elsbeth.
    Was? Er soll alles geopfert haben, er soll ein Brandstifter geworden sein -
blo um -?
    Frag ihn! sagte sie tonlos, und in aufsteigender Herzensangst schlug sie
die Hnde vor die Brust und wimmerte laut.
    Geb' Gott, da er noch einmal antworten vermchte, murmelte Douglas. Dann
erteilte er ein paar Knechten den Befehl, da sie die Leiche des Alten in das
Wohnhaus brchten. Nach einem Arzt war bereits gesandt worden, er selbst wollte
zu den Schwestern fahren, um sie zu benachrichtigen.
    Mit verstrten Gesichtern kamen die Gste dem Wagen entgegengestrzt, der
vor der blumengeschmckten Veranda hielt.
    Geht fort, sagte sie und wehrte die ttschelnden Hnde mit einer Gebrde
des Grauens von sich ab.
    Auch der lustige Brutigam, der whrend dieser Nacht eine gar klgliche
Rolle gespielt hatte, kam herbei und versuchte ihr zuzureden, da sie sich von
dem hilflosen Leibe entferne. Sie aber schaute ihn mit irrem Blick von oben bis
unten an, als erinnere sie sich nicht, ihn jemals gesehen zu haben. - Ein Gefhl
seiner Wertlosigkeit mochte in ihm aufsteigen. - Beklommen und verschchtert
lie er von ihr ab.
    Die Tanten eilten hnderingend zu dem alten Douglas, der, auf ein Fuhrwerk
wartend, vor den Stllen auf und ab schritt. Seine mchtige Brust atmete schwer,
seine weien, buschigen Brauen preten sich zusammen, und seine Augen schossen
Blitze. - Ein Sturm schien durch seine Seele zu gehen.
    Erbarm dich! riefen die Weiber, schaff Elsbeth zur Ruhe, - sie mu sich
erholen, - es scheint, als will sie wahnsinnig werden.
    Wenn es so ist, wie sie sagt, murmelte er vor sich hin, wenn er sein Hab
und Gut geopfert hat! - Donnerwetter, lat mich in Ruh'! schrie er die Weiber
an, die ihn umringten.
    Aber denk an Elsbeth, riefen sie - um zwlf Uhr kommt der Pfarrer - wie
wird sie aussehen? - -
    Das ist ihre Sache! schrie er, lat sie nur machen! Sie wei genau, was
sie tut!
    In dem Augenblicke, in dem Paul vom Wagen gehoben wurde, kam von dem Tore
ein Huflein Knechte daher, welche die Leiche seines Vaters trugen. - - -
    Dicht hintereinander wurden die beiden Krper in das weie Haus getragen,
und der Hund ging winselnd und schnuppernd hintendrein. Es war eine traurige
Prozession. - - -
    Elsbeth lie Paul in ihr Schlafzimmer schaffen, schlo die Tr und setzte
sich neben das Bett.
    Vergeblich flehten die Tanten um Einla.
    Um elf Uhr kam der Arzt und erklrte, bis zum nchsten Morgen bei dem
Kranken bleiben zu wollen. Er hatte sich wohl darauf eingerichtet, denn er war
ein alter Freund des Hauses und gehrte zu den Hochzeitsgsten. Inzwischen
sollte nach einer Wrterin telegraphiert werden.
    Darf ich nicht bei ihm bleiben? fragte Elsbeth.
    Wenn Sie knnen! antwortete er verwundert.
    Ich kann! erwiderte sie mit einem rtselhaften Lcheln.
    Die Tanten pochten aufs neue. Erbarm dich, Kind! riefen sie durch den
Trspalt, du mut dich anziehen, du mut zum Standesamt. Der Pfarrer ist
gekommen.
    Er kann wieder gehn! antwortete sie.
    Drauen lie sich ein Murmeln vernehmen, auch der Brutigam half
ratschlagen.
    Was wollen Sie tun, mein Kind? sagte der greise Arzt und sah ihr forschend
ins Auge. Da sank sie weinend vor dem Bette auf die Knie, ergriff Pauls schlaff
herabhngende Hand und drckte sie gegen Augen und Mund.
    Das ist Ihr fester Wille? fragte der alte Mann.
    Sie nickte.
    Und wenn er stirbt?
    Er stirbt nicht, sagte sie, er darf nicht sterben.
    Der Arzt lchelte traurig. Es ist gut, sagte er dann, bleiben Sie eine
Weile bei ihm allein und erneuern Sie alle zwei Minuten den Umschlag. Ich werde
inzwischen Ruhe schaffen.
    Alsbald hrte man drauen Wagen vorfahren und den Hof verlassen. Eine Stunde
spter trat der Arzt wieder in das Krankenzimmer. Das Haus ist bald leer,
sagte er, die Feier ist aufgeschoben.
    Aufgeschoben? fragte sie angstvoll. - - -
    Der alte Mann sah sie an und schttelte den Kopf. Das Menschenherz zeigte
sich ihm jeden Tag in neuen Rtseln. - - - - - - - - - - - - - - -
    Wochenlang schwebte der Kranke zwischen Leben und Tod.
    Elsbeth wich kaum von seinem Bette, sie a nicht, sie schlief nicht, ihr
ganzes Leben war aufgegangen in der Sorge um den Geliebten.
    Der Alte lie sie gewhren. Sie mu ihn gesund machen, sagte er, damit
ich ihn fragen kann.
    Der lustige Vetter fing an zu ahnen, da seine Lage keine beneidenswerte
war, und nachdem er sich von dem Oheim seine smtlichen Schulden hatte bezahlen
lassen, verlie er Helenental.
    Die Leiche des alten Meyhfer ward schon am Tage nach dem Brande von den
beiden Zwillingen abgeholt worden. Sein rtselhafter Tod erregte groes
Aufsehen, die Zeitungen der Hauptstadt berichteten davon, und was er sein ganzes
Leben nicht erreicht hatte, sich als Held gefeiert zu sehen, ward ihm nun im
Tode.
    Im Hintergrunde aber lauerten die Gerichte auf Pauls Genesung.

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Der Verteidiger hatte geendet. - Ein Murmeln ging durch den weiten
Schwurgerichtssaal, dessen Galerie von dichtgedrngten Kpfen starrte.
    Wenn der Angeklagte die Wirkung des glnzenden Plaidoyers durch ein
unbedachtes Wort nicht wieder verdarb, so war er gerettet.
    Die Replik des Staatsanwalts verhallte ungehrt.
    Und nun klirrten die Lorgnetten und Operngucker. Aller Augen wandten sich
nach dem blassen, schlicht gekleideten Mann, der auf demselben
Armensnderbnkchen sa, auf welchem vor acht Jahren der tckische Knecht
gesessen hatte.
    Der Prsident hatte gefragt, ob der Angeklagte noch etwas zur Erhrtung
seiner Unschuld beizubringen habe.
    Schweigen, Schweigen! ging es murmelnd durch den Saal.
    Aber Paul erhob sich und sprach, erst leise und stockend, doch sicherer von
Augenblick zu Augenblick: Es tut mir von Herzen leid, da die Mhe, welche sich
der Herr Rechtsanwalt gegeben hat, mich zu erretten, umsonst gewesen sein soll.
Aber ich bin nicht so unschuldig an der Tat, wie er mich darstellt.
    Die Richter sahen ihn an. Was ist das? - Er will gegen sich selber
sprechen.
    Er hat gesagt, ich wre durch die Angst so gut wie besinnungslos gewesen.
Ich htte gehandelt in einer Art von Wahnsinn, die mich in jenem Augenblicke
unzurechnungsfhig gemacht htte. - Das ist aber nicht so.
    Er bricht sich den Hals, hie es im Zuschauerraum.
    Ich habe mein ganzes Leben lang ein scheues, gedrcktes Dasein gefhrt und
habe gemeint, ich knnte keinem Menschen ins Auge sehen, obwohl ich doch nichts
zu verbergen hatte; wenn ich mich aber diesmal feige betrage, so glaub' ich, ich
werd's noch weniger knnen als je, und diesmal werd' ich auch Grund genug dazu
haben. - Der Herr Rechtsanwalt hat auch mein Vorleben als ein Muster aller
Tugenden dargestellt. - Dem war aber nicht so. - Mir fehlte die Wrde und das
Selbstbewutsein - ich vergab mir zu viel gegenber den Menschen und mir selber.
- Und das hat mich stets gewurmt, obwohl ich nie recht darber ins klare kommen
konnte. - Es hat zu viel auf mir gelastet, als da ich jemals htte frei
aufatmen knnen, wie der Mensch es mu, wenn er nicht stumpf werden und
verkmmern soll.
    Diese Tat aber hat mich frei gemacht und mir das geschenkt, was mir so lange
fehlte, - sie ist mir ein groes Glck gewesen; und ich soll so undankbar sein,
da ich sie heute verleugne? - Nein, das tu' ich nicht. - Sie mgen mich
immerhin einsperren, solange Sie wollen, ich werde die Zeit schon berdauern und
ein neues Leben anfangen. - Und so mu ich denn sagen: Ich hab' mein Hab und Gut
in vollem Bewutsein angesteckt, ich war nie mehr bei Sinnen wie damals, als ich
die Petroleumkanne ber mein Getreide ausschttete, und wenn ich heute in
dieselbe Lage kme, wei Gott, ich tt' es wieder. - - - Warum sollt' ich auch
nicht? - Was ich zerstrte, war meiner Hnde Werk - ich hatte es in langen
Jahren durch harte Arbeit geschaffen und konnte damit machen, was ich wollte.
Ich wei wohl, das Gericht ist anderer Ansicht, und dafr werd' ich meine Zeit
auch ruhig absitzen. Aber wer litt denn auch Schaden auer mir? - Meine
Geschwister waren alle gut versorgt, und mein Vater - - Er hielt einen
Augenblick inne, und seine Stimme zitterte, als er fortfuhr: Ja, wr's nicht
besser, mein alter Vater htte seine letzten Lebensjahre in Ruh und Frieden bei
einer seiner Tchter verbracht als da, wo ich jetzt hingehe?
    Das Schicksal hat es nicht so gewollt. Der Schlag hat ihn gerhrt, und meine
Brder sagen, ich sei sein Mrder gewesen. - Aber meine Brder haben gar nicht
das Recht, darber zu urteilen, die kennen weder mich noch den Vater. Die haben
sich ihr Lebtag nur um sich selber gekmmert und mich allein sorgen lassen fr
Vater und Mutter und Schwestern und Haus und Hof, und ich bin ihnen nur gut
genug gewesen, wenn sie was von mir haben wollten. - Sie wenden sich heute von
mir, aber sie knnen mir in Zukunft gar nicht fremder werden, als sie mir
gewesen sind.
    Meine Schwestern, - er wandte sich nach der Zeugenbank, wo Grete und Kthe
mit verhllten Gesichtern weinend saen, und seine Stimme wurde weich wie von
verhaltenen Trnen - meine Schwestern wollen auch nichts mehr von mir wissen -
aber denen verzeih' ich's gern, die sind Frauen und aus zarterem Ton geknetet -
auch stehen hinter ihnen zwei fremde Mnner, die es sehr leicht haben, ber
meine ungeheuerliche Tat entrstet zu sein. Sie sind nun alle von mir abgefallen
- nein, nicht alle, - ber sein Gesicht flog ein Leuchten, doch das gehrt
nicht hierher. Eins aber will ich noch sagen, und mag ich selbst als Mrder
gelten: Ich bereue es nicht, da der Vater durch meine Tat gestorben ist. Ich
hab' ihn lieber gehabt, da ich ihn ttete, als wenn ich ihn htte leben lassen.
Er war alt und schwach, und was seiner wartete, war Schmach und Schande - er
lebte ein so ruhiges Leben und htte so elend hinsiechen mssen. Da ist's
besser, der Tod kam auf ihn herab wie der Blitz, der den Menschen mitten in
seinem Glck erschlgt. Das ist meine Meinung, ich hab' mich mit meinem Gewissen
abgefunden und brauche niemandem Rechenschaft abzulegen wie Gott und mir selber.
Und nun mgen Sie mich verurteilen.
    Bravo! rief eine drohende Stimme von der Zeugenbank in den Saal hinein.
    Douglas war's.
    Die greise Hnengestalt stand hochaufgerichtet, die Augen blitzten unter den
buschigen Brauen, und wie der Prsident ihn zur Ruhe rief, setzte er sich
trotzig nieder und sagte zu seinem Nachbar: Auf den kann ich stolz sein, was?

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Zwei Jahre spter war's an einem heitern Junimorgen, da ffnete sich die
rotgestrichene Pforte der Gefngnismauer und lie einen Gefangenen heraus, der
mit lachendem Gesicht in die Sonne hineinblinzelte, als wollte er lernen, ihren
Glanz aufs neue ertragen. - - Er schwenkte das Bndel, das er trug, in die Runde
und schaute lssig nach rechts und nach links, wie einer, der sich ber die
Richtung seines Weges noch nicht im klaren ist, dem's aber im Grunde
gleichgltig scheint, wohin er sich verirrt. -
    Als er den Giebel des Gerichtsgebudes streifte, sah er eine Karosse stehn,
die ihm bekannt sein mute, denn er stutzte und schien mit sich zu Rate zu gehn.
Alsdann wandte er sich an den Kutscher, der mit seiner quastengeschmckten
Pelzmtze hochmtig vom Bock herniedernickte. -
    Ist jemand aus Helenental hier? fragte er.
    Ja, der Herr und das Frulein. Sie sind gekommen, Herrn Meyhfer
abzuholen.
    Und gleich darauf ertnte es von der Freitreppe her: He, hallo, da ist er
ja schon - Elsbeth, sieh, da ist er ja schon!
    Paul sprang die Stufen hinan, und die beiden Mnner lagen sich in den Armen.
    Da ffnete sich leise und schchtern die schwere Flgeltr und lie eine
schlanke, in Schwarz gekleidete Frauengestalt ins Freie, die sich mit wehmtigem
Lcheln gegen die Mauer lehnte und ruhig wartete, bis die Mnner einander
freigeben wrden.
    Da hast du ihn, Elsbeth! rief der Alte.
    Hand in Hand standen sie nun einander gegenber und sahen sich ins Auge,
dann lehnte sie den Kopf an seine Brust und flsterte: Gott sei Dank, da ich
wieder bei dir bin.
    Und damit ihr euch ganz fr euch allein habt, Kinder, sagte der Alte,
Fahrt ihr hbsch zu zweien nach Hause, und ich will derweilen eine Flasche
Rotspon auf meines Nachfolgers Wohl ausstechen. Ich hab's ja gut, ich setz' mich
heute zur Ruhe.
    Herr Douglas! rief Paul erschrocken.
    Vater hei' ich, verstanden! Gegen Abend la mich holen! Du bist ja jetzt
der Herr daheim! Adjes.
    Damit polterte er die Stufen hinab. - - - -
    Komm, sagte Paul leise, mit niedergeschlagenen Augen.
    Elsbeth ging mit schchternem Lcheln hinter ihm drein, denn da sie nun
allein waren, wagte keiner sich dem andern zu nhern.
    Und dann fuhren sie schweigend in die sonnige, blumige Heide hinaus. - - -
Lichtnelken, Glockenblumen und Gundermann woben sich zu einem farbenreichen
Teppich, und das weie Wiesenfrauenhaar hob seine wehenden Bndel, als wren
Schneeflocken ber die Blumen hingestreut. Die Bltter der Silberweiden
rauschten leise, und wie ein Netz von leuchtenden Bndern zogen sich die
Triftgrben unter ihren Zweigen dahin. - Die warme Luft zitterte, und gelbe
Falter flatterten paarweise auf und nieder.
    Paul hatte sich tief in die Polster zurckgelehnt und schaute aus
halbgeschlossenen Augen auf die Flle lieblicher Wunder herab.
    Bist du glcklich? fragte Elsbeth, sich zu ihm hinberneigend.
    Ich wei nicht, erwiderte er, es will mir das Herz abdrcken.
    Sie lchelte, sie verstand ihn wohl.
    Sieh dort, unsere Heimat! sagte sie, auf das weie Haus hinweisend, das
sich schimmernd in der Ferne erhob. - Er prete ihre Hand, doch die Stimme
versagte ihm.
    Am Waldesrand mute der Wagen halten. - Beide stiegen aus und gingen zu Fu
weiter. Da sah er, da sie ein weies Pckchen unter dem Arm trug, das er vorher
nicht bemerkt hatte.
    Was ist das? fragte er.
    Du wirst schon sehen, erwiderte sie, und ein ernstes Lcheln glitt ber
ihr Gesicht.
    Eine berraschung?
    Ein Andenken!
    Als sie den Wald betraten, bemerkte er zwischen den rtlich glnzenden
Stmmen etwas Schwarzes, das mit Krnzen behangen war.
    Was bedeutet das? fragte er, die Hand ausstreckend.
    Erkennst du deine Freundin nicht mehr? erwiderte sie. Sie hat die erste
sein wollen, die dich begrt.
    Die schwarze Suse, jubelte er und fing zu laufen an.
    Nimm mich mit, lachte sie keuchend, du vergit, da wir fortab zu zweien
sind.
    Er nahm sie bei der Hand, und so traten sie vor das getreue Ungetm, das am
Weg Wache hielt.
    Altes Tier, sagte er und streichelte den ruigen Kessel. Und als sie
weitergingen, schaute er sich alle drei Schritt nach ihr um, als knne er sich
nicht von ihr trennen.
    Ich habe sie gut bewacht, sagte Elsbeth, sie steht sonst dicht unter
meinem Fenster, denn wir haben sie mit deines Vaters Erbschaft zusammen
erstanden, damit sie dir nicht verloren ginge.
    Als sie sich dem jenseitigen Waldesrand nherten, sagte er, auf zwei der
Stmme zeigend, die zwanzig Schritte abseits vom Weg standen: Hier ist der
Platz, wo ich dich in der Hngematte liegen fand.
    Ja, sagte sie, da war's auch, wo ich zum erstenmal merkte, da ich nie
wrde von dir lassen knnen.
    Und hier ist der Wacholderstrauch, fuhr er fort, als sie ins Freie
hinaustreten, wo wir - und dann pltzlich schrie er laut auf und streckte
beide Hnde ins Leere.
    Was ist dir? rief sie, angstvoll zu ihm aufschauend. Er war totenbla
geworden, seine Lippen zitterten.
    Er ist fort, stammelte er.
    Wer?
    Der - der - mein - mein Eignes.
    Wo sich einst die Gebude des Heidehofes erhoben hatten, breitete sich nun
eine flache Ebene aus, nur einzelne Bume streckten kmmerliches Gestel in die
Lfte.
    Er konnte sich an den Anblick nicht gewhnen und verdeckte das Gesicht mit
den Hnden, whrend ein Schttelfrost durch seinen Krper ging.
    Sei nicht traurig, bat sie. Papa hat ihn nicht wieder aufbauen lassen
wollen, ehe du nicht deine Anordnungen getroffen httest ...
    Komm hin, sagte er.
    Bitte, bitte, nein, erwiderte sie, es ist dort nichts zu sehen - auer
ein paar Schutthufchen - ein andermal, wenn du nicht so erregt bist ...
    Aber wo werd' ich schlafen?
    In demselben Zimmer, in dem du geboren bist ... Ich hab's fr dich
herrichten lassen und die Mbel deiner Mutter hineingestellt. Kannst du nun noch
sagen, da du die Heimat verloren hast?
    Er drckte ihr dankbar die Hand, sie aber wies auf den Wacholderstrauch, der
ihm vorhin aufgefallen war.
    Komm lieber dorthin, sagte sie, leg den Kopf auf den Maulwurfshgel und
pfeif mir eins. Weit du noch?
    Ob ich wei!
    Wie lange ist's her?
    Siebzehn Jahre!
    Ach du lieber Gott, und so lang' lieb' ich dich schon und bin darber eine
alte Jungfer geworden ... Und gewartet hab' ich auf dich Jahr um Jahr! Aber du
hast nichts davon sehen wollen. Endlich mu er doch kommen, dacht' ich mir, aber
du kamst nicht ... Und da bin ich mutlos geworden und habe gedacht: Aufdrngen
kannst du dich ihm doch nicht, schlielich will er dich gar nicht ... Du mut
ins klare kommen mit dir ... Und um allem Sehnen ein Ende zu machen, hab' ich
dem Vetter das Jawort gegeben, der schon an die zehn Jahre um mich
herumschwnzelte. Er hatte mich so oft zum Lachen gebracht, und da glaubt' ich,
er wrde - aber still davon-und sie schauerte zusammen. Komm, leg dich hin -
pfeife!
    Er schttelte den Kopf und wies mit der Hand schweigend ber die Heide hin,
wo am Horizont drei einsame Fichten ihre rauhen Arme gen Himmel streckten.
    Dorthin! sagte er. Ich hab' keine Ruh', eh' ich dort gewesen bin.
    Du hast Recht, sagte sie, und Hand in Hand schritten sie durch das
blhende Heidekraut, das wilde Bienen mit schlfrigem Summen umschwrmten.
    Als sie den Kirchhof betraten, lutete vom weien Haus her die
Mittagsglocke. Zwlfmal schlug sie an mit kurzen scharfen Schlgen, ein leiser
Nachhall verzitterte in den Lften, und dann ward's wieder still, nur das leise
Summen und Singen dauerte fort. -
    Das Grab der Mutter war dicht bewachsen mit Efeu und wilder Myrte, und zu
Hupten erhob eine Knigskerze ihre strahlende Bltenkrone. - Zwischen den
Blttchen krochen rostfarbene Ameisen, und eine Eidechse raschelte in die grne
Tiefe hinunter.
    Schweigend standen sie beide da, und Paul zitterte. Keiner wagte die heilige
Stille zu brechen.
    Wo haben sie den Vater begraben? fragte Paul endlich.
    Deine Schwestern haben die Leiche nach Lotkeim hinbergefhrt, antwortete
Elsbeth.
    Es ist gut so, erwiderte er, sie ist ihr Lebtag einsam gewesen, mag sie's
auch im Tod sein. Doch morgen wollen wir auch zu ihm hinber.
    Willst du bei den Schwestern einkehren?
    Er schttelte traurig den Kopf. - Darauf versanken sie wieder in Schweigen.
Er sttzte den Kopf in beide Hnde und weinte.
    Weine nicht, sagte sie, es hat ja jetzt ein jeder von euch seine Heimat.
Und darauf nahm sie das Pckchen, das sie unter dem Arm hielt, lste das weie
Papier der Umhllung, und was sie zum Vorschein brachte, war ein altes
Schreibheft mit zerzaustem Deckel und vergilbten Blttern.
    Sieh, das schickt sie dir, sagte sie, und lt dich gren.
    Wo hast du das her? fragte er erschrocken, denn er hatte die Handschrift
der Mutter erkannt.
    Es lag in der alten Kommode, die beim Brande gerettet wurde, zwischen Lade
und Hinterwand geklemmt. Dort scheint es seit ihrem Tode gelegen zu haben.
    Darauf setzten sie sich nebeneinander auf das Grab, legten das Buch zwischen
sich auf ihre Knie und fingen an zu studieren. Jetzt besann er sich wohl, da
Kthe damals, als er sie mit ihrem Geliebten berraschte, von einem Arienbuch
gesprochen hatte, das der Mutter gehrt haben sollte, aber er hatte es nie bers
Herz gebracht, sie danach zu fragen, weil er die bse Erinnerung an jene Stunde
nicht wieder lebendig machen wollte.
    Allerhand Lieder standen darin, die waren flieend abgeschrieben, daneben
andre halb durchstrichen und mit Verbesserungen versehen. Diese letzteren schien
sie aus dem Gedchtnis wiedergegeben oder vielleicht selbst gemacht zu haben. -
Da war auch jenes von dem Sngersmann, das Kthe damals hergesagt hatte.
    Und dann kam eines, das lautete so:

Schlaf ein, lieb Kind; lieb Kind, schlaf ein!
Es wacht am Bett die Mutter dein,
Bis du in Traum gesungen.
Schlaf ein!
Das Glcklein, das vom stillen Wald
So sanft, so s herberhallt,
Ist auch wohl bald verklungen.
Schlaf ein!
Schlaf ein, lieb Kind; lieb Kind, schlaf ein!
Es glnzt im Hof der Mondenschein,
Erzhlt ein Mrchen der Linde -
Schlaf ein!
Vom Hirtensohn auf der Heide draus
Und der Prinze im weien Haus; -
Da seufzen die Bltter im Winde.
Schlaf ein!
Schlaf ein, lieb Kind; lieb Kind, schlaf ein!
Dein Rosenstock am Treppenstein,
Der trumt von Hain und Hgel.
Schlaf ein!
Dein Vgelchen vom Fensterbrett
Piept leise her nach deinem Bett,
Schlgt mde die kleinen Flgel -
Schlaf ein!
Schlaf ein, lieb Kind; lieb Kind, schlaf ein!
Es wacht am Bett die Mutter dein
Und harret und harret beklommen;
Schlaf ein!
Wohl rinnt die Zeit, die Mutter wacht;
Es naht, es naht die Mitternacht,
Vielleicht wird auch Vater dann kommen.
Schlaf ein!

    Und dann kam ein andres Gedicht:

Wut' ich einst eine herzensallerliebste Maid,
Die wohnt verlassen auf der grnen, grnen Heid'
Und verlangt nach Liebe;
Sie guckt bei Tag und Nacht zum Fensterlein hinaus,
Sie guckt die schnen Blauugelein sich aus,
Denn sie verlangt nach Liebe - - -

Da kam ein blanker, junger, kecker Reitersmann,
Der fragt': Was schaust du mich so wunderseltsam an?
Mich verlangt nach Liebe!
Da lacht er: Mdel, dummes, komm in meinen Arm,
Schau da liegst du mollig und da liegst du warm,
Und da gibt es Liebe. - -

O Lieber, wtest du, wie ich verlassen bin!
So nimm mich armes, armes Mdel, nimm mich hin,
Aber gib mir Liebe!
Als er sich satt geruht an ihrer weien Brust,
Da sprach er: Hast du Schelm es wirklich nicht gewut?
So ist die Liebe! ...

Und ist dir meine Liebe, Lieber, noch nicht leid,
So will ich bei dir bleiben bis in Ewigkeit;
Mich bangt nach deiner Liebe.
Da lacht der blanke, junge, kecke Reitersmann
Und zumt' sein Ro und sang ein Lied und ritt von dann',
Lie sie in Jammer und Liebe!

Und als die Frist, die bse Frist verstrichen war,
Sieh, da geschah's, da sie ein Knblein gebar,
Ein Kind der Liebe.
Sie trug's wohl auf die grne Heid' in Nacht und Wind.
Im Ku erstick' ich dich, du armes Jungfernkind,
Ersticke dich in Liebe!

Herr Richter, tut mit mir, was Euer Herz begehrt,
Verlassen bin ich rmste auf der weiten Erd',
Bin ohne Liebe!
Im weien Brautgewande stieg sie zum Schafott,
Sie sprach: Nun nimm mich hin, du lieber, lieber Gott.
Denn mich verlangt nach Liebe!

    Da mute er der beiden Schwestern gedenken, und ihm war zumute, als htte
die Mutter alles vorausgewut und alles im voraus vergeben.
    Und gleich darauf stand in groen Buchstaben berschrieben:

                        Das Mrchen von der Frau Sorge.

    Es war einmal eine Mutter, der hatte der liebe Gott einen Sohn geschenkt,
aber sie war so arm und so einsam, da sie niemanden hatte, der bei ihm Pate
stehen konnte. Und sie seufzte und dachte: Wo krieg' ich wohl eine Gevatterin
her? - Da kam eines Abends mit der sinkenden Dmmerung eine Frau zu ihr ins
Haus, die hatte graue Kleider an und ein graues Tuch um den Kopf geschlungen;
die sagte: Ich will bei deinem Sohn Pate stehen, und ich werde dafr sorgen,
da er ein guter Mensch wird und dich nicht Hungers sterben lt. Aber du mut
mir seine Seele schenken.
    Da zitterte die Mutter und sagte: Wer bist du?
    Ich bin die Frau Sorge, erwiderte die graue Frau.
    Und die Mutter weinte; aber da sie so groen Hunger litt, so gab sie der
Frau ihres Sohnes Seele, und diese stand Pate bei ihm.
    Und ihr Sohn wuchs heran und arbeitete schwer, um ihr Brot zu schaffen. Aber
da er keine Seele hatte, so hatte er auch keine Freude und keine Jugend, und
oftmals sah er die Mutter mit vorwurfsvollen Augen an, als wollte er fragen:
Mutter, wo ist meine Seele geblieben?
    Da wurde die Mutter traurig und ging aus, ihm eine Seele zu suchen.
    Sie fragte die Sterne am Himmel: Wollt ihr ihm eine Seele schenken? Die
aber sagten: Dafr ist er zu niedrig.
    Und sie fragte die Blumen auf der Heide; die sagten: Dafr ist er zu
hlich.
    Und sie fragte die Vgel auf den Bumen, die sagte: Dafr ist er zu
traurig.
    Und sie fragte die hohen Bume; die sagten: Dafr ist er zu demtig.
    Und sie fragte die klugen Schlangen; die sagten: Dafr ist er zu dumm.
    Da ging sie weinend ihres Weges. Und im Walde begegnete ihr eine junge,
schne Prinzessin, die war von einem groen Hofstaat umgeben.
    Und weil sie die Mutter weinend sah, stieg sie von ihrem Ro und nahm sie
mit sich auf ihr Schlo, das ganz von Gold und Edelstein gebaut war.
    Dort fragte sie: Sage, warum weinst du? Und die Mutter klagte der
Prinzessin ihr Leid, da sie ihrem Sohn keine Seele schaffen knnte und keine
Freude und keine Jugend.
    Da sagte die Prinze: Ich kann keinen Menschen weinen sehen! Weit du was?
- Ich werd' ihm meine Seele schenken.
    Da fiel die Mutter vor ihr nieder und kte ihr die Hnde.
    Aber, sagte die Prinze, aus freien Stcken tu' ich's nicht, er mu mich
darum fragen.-Da ging die Mutter mit ihr zu ihrem Sohn, aber die Frau Sorge
hatte ihm ihren grauen Schleier um sein Haupt gelegt, da er blind war und die
Prinze nicht sehen konnte.
    Und die Mutter bat: Liebe Frau Sorge, la ihn doch frei.
    Aber die Sorge lchelte - und wer sie lcheln sah, der mute weinen - und
sie sagte: Er mu sich selbst befreien.
    Wie kann er das? fragte die Mutter.
    Er mu mir alles opfern, was er lieb hat, sagte Frau Sorge. - Da grmte
sich die Mutter sehr und legte sich hin und starb. - Die Prinze aber wartet
noch heute auf ihren Freiersmann. - - -

                                     * * *

    Mutter, Mutter! schrie er auf und sank an dem Grabe nieder.
    Komm, sagte Elsbeth, mit Trnen kmpfend, indem sie die Hand auf seine
Schulter legte. La die Mutter, sie hat ihren Frieden, und uns soll sie nichts
mehr tun, deine bse Frau Sorge.
