
                                 Raabe, Wilhelm

                                 Im alten Eisen

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                                 Wilhelm Raabe

                                 Im alten Eisen

                                 Eine Erzhlung

                               Similia similibus

                                 Erstes Kapitel


Solange der Mensch auf seiner Erde Geschichten hrt oder dergleichen selber
erzhlt, teilt er sie gewhnlich ein in solche, die gut anfangen und bse
endigen, und solche, die schlimm beginnen, aber zu einem wnschenswerten Ende
kommen.
    Darber wre nun manches zu sagen; denn so recht begriffen und ausgerechnet
hat eigentlich noch keiner, wo bei den Geschichten dieser Erde der Anfang und wo
das Ende ist, wo das Wnschenswerte beginnt und das Gegenteil davon endet, oder
umgekehrt. Ich fr mein Teil hte mich wohl, mich hierber des weitern
auszulassen, ich halte mich einfach an des Menschen uralt hergebrachte Anordnung
und Abfachung seiner Erlebnisse und seiner Schicksale und verknde nur, zu
eigener Erleichterung tief aufatmend, da vorliegende Geschichte nach
menschlichem Ermessen ziemlich gut ausgeht.
    In eigener Sache frei aufatmen oder in der anderer Leute: fr den rechten
Erzhler luft das auf ein und dasselbe hinaus, geradeso wie fr den rechten
Zuhrer. -
    Es war, um mitten in der unruhvollen Wirklichkeit im altgewohnten Mrchenton
zu beginnen, an einem trben Sonntagmorgen im Sptherbst noch vor dem
Kirchenglockengelut. Ach, es rsteten sich eben nur zu viel mitleidige Seelen,
gute Leute, die man fr diesmal gern an anderer Stelle lieber gesehen htte, zum
Kirchgange. In der ganzen, groen Stadt Berlin hatte niemand von denen, die
helfen konnten - auch keine Frau -, eine Ahnung davon, was sich nebenan ereignen
sollte, der Zeit nach gerechnet von diesem Sonntagmorgen bis zum Morgen des
nchsten Mittwochs.
    Nebenan, das ist wohl ein etwas enger Begriff fr eine so weitlufige Stadt
wie die Stadt Berlin; aber alle diejenigen, die nachher zuerst in den Zeitungen
durch den Doktor Berg von dem Vorgefallenen zu lesen bekamen, hatten doch
smtlich das Gefhl, da die Geschichte dicht neben ihnen selber an passiert
sei. So sagten sie auch alle, indem sie sich des gewohnten fremdlndischen
Wortes fr ihren innerlichsten Schauder ob des unbemerkten Vorbeigleitens des
Trauerspiels ruhig bedienten.
    Was war denn nun aber eigentlich so besonders Auergewhnliches vorgefallen
neben uns an in der mchtigen Stadt? Was war es, das nachher, als es laut wurde,
alles Glockengelut und jede Predigt berschrie?
    Nur zwei Kinder hatte man whrend der Zeit vom Sonntagmorgen bis zum
Dienstagabend neben ihrer Mutter allein gelassen - einen Jungen von dreizehn und
ein Mdchen von acht Jahren. Die Mutter war am Sonntag bald nach Tagesanbruch
gestorben - ein Fall, der so hufig eintritt, da es nur die ihm anhaftenden
Umstnde sein konnten, welche spter alle Leute so sehr erschreckten. Wir aber
knnen heute auch nichts Besseres tun, als so genau als mglich wie Doktor Berg
niederzuschreiben, was auch wir nachher in Erfahrung brachten.
    Bei Bewutsein war die Frau nicht mehr gewesen, als die Kinder durch ihr
letztes schweres Atmen erweckt wurden. Sie hatte nicht mehr ihre letzten
Verfgungen treffen, auch nicht mehr ihren Sohn zum letztenmal nach dem Arzt
schicken knnen.
    Bleib liegen, bleib still liegen; ich bin gleich wieder da, hatte der
Junge zu dem Schwesterchen gesagt. Bleib untergekrochen, Paulchen, und rufe
nicht nach Mama, bis ich wieder hier bin. Der Herr Doktor kommt wohl noch einmal
zu uns, wenn er heute morgen in unsere Gegend kommt.
    Der junge Bezirksarmenarzt htte, auch wenn er sofort vorgefahren wre, die
Kranke nicht auf ihrem Wege aufgehalten. Als er kurz vor dem Kirchengelut
eintraf, fand er sie nicht mehr gegenwrtig, nicht mehr zu Hause, und konnte
ihre Abreise ihren Kindern und dem Armenvorsteher des Bezirks nur durch
Ausfllung des vom Staat und dessen Sterblichkeitslisten vorgeschriebenen Frage-
und Antwortbogens bescheinigen.
    
    Er hatte nachher den Knaben unterm Kinn genommen und gesagt:
    Tapfer, mein Junge! Mut ein guter Junge sein. Verwandte habt ihr nicht?
Keine alte Tante, die so ein bichen nach dem Rechten sehen knnte?
    Nein, Herr Doktor.
    Hm ... Nun, man wird euch schon beispringen, den Zettel gib aber so bald
als mglich heute morgen an Ort und Stelle ab. Man wird schon nach euch sehen,
und auch ich werde euch im Auge behalten. Da du mir auf die Kleine da
achtgibst, armer Tropf, und mir keinen Unsinn machst, bis - eure Angelegenheiten
geordnet sind! Ich selber kann mich nun nicht lnger bei euch aufhalten; also
noch einmal, sei ein verstndiger Junge, bis man dir zu Hlfe kommt; und was
deine Mutter betrifft -
    Er vollendete den Satz nicht, die gewohnten beruhigenden Wortverbindungen
erschienen ihm gnzlich berflssig im gegebenen Fall, den diesmaligen
Hinterlassenen gegenber. Und er hatte recht, und es zeugte mehr von seinem
braven Herzen, da er, statt zu reden, sich noch einmal in dem leeren oder
vielmehr ausgeleerten Raum umsah und bei sich dachte:
    Die Sache mte einem wieder einmal von Rechts wegen den ganzen Tag
verderben! - Wir knnen nicht sagen, auf was fr ein besonderes Behagen er fr
diesen Tag rechnete. -
    Es war an einem Sonntagmorgen noch vor dem Kirchengelut, und die beiden
Kinder waren neben der Leiche allein mit dem Blatt Papier, welches der Doktor
zurckgelassen hatte und welches frs erste allen Trost und jede Hlfe der Welt,
die ihnen eben versprochen worden waren, in sich fate.
    Aus der nchsten Nachbarschaft, aus dem Hause selbst lie sich niemand
blicken, obgleich der Arzt beim Herabsteigen der Treppen jedem ihm in den Weg
geratenden erwachsenen Mitbewohner mitgeteilt hatte, da die Frau da oben
soeben gestorben und da nach den Kindern sofort zu sehen sei.
    O du mein Je, sagten die Frauen, whrend die Mnner sich, meistens stumm
verhielten, nur durch eine Schulterbewegung antworteten und erst, nachdem der
junge Herr aus Hrweite war, ihre Ansicht uerten: Da sich keines eher da
hereinmischt, als bis die Polizei dagewesen ist und die Sache auf ihr Risiko
genommen hat. So ein Doktor wscht sich blo die Hnde, geht hin, wenn er sein
Wort gesprochen hat, und kmmert sich um uns erst wieder, wenn er sagen kann:
Habe ich's nicht gesagt, da das Ding mit dem, einen Fall noch nicht aus und zu
Ende war?
    Und alle rzte und Sanittsrte der Welt htten kommen knnen und htten es
der Nachbarschaft doch nicht eingeredet, da die Frau da oben nicht an der
giftigsten Krankheit gestorben sei und jedes Nahegehen nicht sofortige
Ansteckung durch die Seuche und gleichfalls den bittersten Tod verbrge. Und sie
hatten wirklich schon genug mit sich selber zu schaffen. Die Nachbarn nmlich,
sowohl die im Hause als auch die in den Husern zu beiden Seiten und gegenber.
Und sie hielten merkwrdigerweise auf ihr Leben wie die wohlgestelltesten
Mitbrger und Mitbrgerinnen in den anstndigsten Stadtteilen. Und da sie hier
herum allesamt von ihrer Hnde Arbeit von einem Tag zum andern lebten, so hatten
sie nicht unrecht, wenn sie ihre Gesundheit soviel als mglich zu Rate hielten,
vorzglich die, welche nicht blo fr sich selbst sorgen muten: es war mit die
kinderreichste Gegend der Stadt - selbstverstndlich!
    Natrlich auch die elternreichste! Und - in dieser kinder- und elternreichen
Gegend diese beiden Kinder ihrer Aufgabe gegenber allein!...
    Ihrer Aufgabe?
    Jawohl, der Aufgabe, die Mutter zu begraben. In dem Folgenden ist zu lesen,
wie sie auf sich selber angewiesen waren und wie sie sich zu helfen suchten. -
    Das hat eben der Doktor an den Herrn geschrieben, wo ich das Geld jeden
Monat holte, Paule, sagte der Knabe. Vorhin haben sie mir auf der Treppe
gesagt, sie wollten uns einen Topf Kaffee und Brot vor die Tre setzen. Weiter
knnen sie sich nicht trauen; sie haben alle Angst. Hast du Angst, Paulchen,
wenn ich jetzt noch einmal fr einen Augenblick weglaufe?
    Mama! Meine Mama! schluchzte die Kleine, mit beiden Fustchen vor den
Augen.
    Ein Schauder, ein Zittern lief auch durch den Krper des Knaben, als sich
das Schwesterchen so mit zugehaltenen Augen dichter an ihn drngte; aber er
reckte sich doch mit den Schultern auf und bi die Zhne zusammen, um seiner
Angst, seinem Schmerz, seiner Ratlosigkeit nicht durch ein noch lauteres Weinen
Luft machen zu mssen. Er sah, als er das Kind fest umfate, nach der toten
Mutter hin. Er berwand den groen Schrecken vor der Leiche, indem er mit dem
Fue aufstampfte und die Fingerngel sich in das Fleisch der Hand drckte und
nun, wie die Schwester schluchzend, rief:
    Tapfer - ein tapferer Junge! Das hat schon Mama gesagt. Ja!... Und ich will
ein tapferer Junge sein, und ich will ein guter Junge sein, wie Mama es gewollt
hat und es mir anbefohlen hat bis - bis zuletzt... Ich will, ich will keine
Furcht haben. Sie ist auch so unsere liebe Mama, Paule! Ich will sehen, was ich
tun kann fr Mama und fr uns, fr dich und fr mich, Paulchen!
    Er war noch kein groer Junge, aber er hatte sich zu der Schwester doch
niederzubeugen, als er sie in die Arme nahm und flsterte:
    Ich mu weit und schnell laufen, und du hast noch so kleine Beine. Willst
du wieder unterkriechen und wieder einschlafen, oder kannst du - willst du zu
Mama dich setzen?
    Zu Mama setzen! schluchzte das Kindchen; und von der Tr aus sah noch der
Mann in der Familie, wie es zu Hupten des Leichnams sich auf die schlechte
Matratze kauerte, dicht neben das stille, beruhigte Gesicht der Mutter. -
    Wie die Zeitungen davon geschrieben haben, werden wir seinerzeit Genaueres
mitteilen, wenn es uns noch ntig scheinen sollte; wie jede zustndige Behrde
ihre Pflicht getan hat, wie alles nur auf unglckliche Umstnde und
Miverstndnisse hinauslief, werden wir, wenn wir es nicht vergessen, auch
sagen. An diesem Sonntagmorgen ist jetzt der Knabe mit dem Schein des
Armenarztes zu dem Armenvorsteher des Bezirks gelaufen und hat ihn
glcklicherweise noch zu Hause getroffen. Es war aber wirklich eben noch Zeit;
Frau und Tochter haben bereits ungeduldig im Nebenzimmer gewartet mit den
Gesangbchern auf dem Frhstckstische; und schon mit dem Hute auf dem Kopfe hat
der Herr den zweiten Schein - den Schein fr den Sarg - ausgefertigt und, indem
er den Jungen damit zu dem Bezirksarmenschreiner schickte, abermals Eile
anempfohlen.
    Er ist durchaus nicht unfreundlich dabei gewesen. Im Gegenteil, er hat dem
kleinen, keuchenden Boten ganz zrtlich und bedauernd auf die Schultern
geklopft: Armes Kerlchen! Nun, lauf nur jetzt. Es wird sich schon alles ordnen;
wir werden schon nachsehen.
    Und gelaufen ist der Junge wiederum, einen weiten Weg zu dem Meister
Tischler, der nur gebrummt hat:
    Hm, auch wieder 'n Geschft!
    Dann ist er nach drei Stunden atemlos und im Schwei nach Hause gekommen und
hat die unmndige Schwester der Mutter das Gesicht waschend und die Haare
kmmend gefunden, aber den Kaffee und das Brot der Nachbarn noch unangerhrt
drauen vor der Tr.
    Er hat den Topf und den schwarzen Laib mit in die Kammer gebracht, aber
beides zitternd auf den Boden niedergesetzt, als er das noch unmndigere
Geschpf so am Werke erblickte.
    O Paulchen!
    Oh, Mama hat es gestern auch noch von mir gelitten. Sie hat es immer sich
von mir tun lassen, seit sie krank war.
    Nun bleibe ich bei dir und helfe dir bei allem. Am Dienstag um elf Uhr
kommt der Wagen fr Mama, Paulchen!
    Oh, und wir fahren mit?
    Ja, Paulchen, und nachher in die weite Welt, von der Mama immer erzhlt
hat. Wie brav du gewesen bist, whrend ich fort war! Aber haben sie nicht
angeklopft und es durchs Schlsselloch hereingerufen, da sie dir zu essen und
zu trinken vor die Tr setzten?
    O doch; aber ich mochte nicht hinausgucken, ich mochte mit Mama allein
nichts essen und trinken; aber nun bin ich hungrig.
    Mama weinte am meisten, wenn wir nichts hatten. Sie sah uns so gern essen.
Und nun wollen wir Kaffee trinken. Komm, ich setze mich zu dir und Mama. Sie
wird sich freuen, wenn sie sieht, da sie uns so bei sich sitzen hat. Und des
Gropapas Degen habe ich ja auch noch. Den nehme ich bermorgen mit in die Welt.
Mit dem haue ich uns schon raus, und es soll uns keiner viel anhaben.
    Die Kleine rckte auf dem Strohsack der Toten, und der Bruder kauerte sich
neben sie. Sie hatten den schlechten irdenen Topf vor sich auf dem Fuboden und
das Brot auf dem Scho. Sie aen und tranken, und als sie satt waren, hatten sie
den ganzen Tag ber nichts mehr zu tun, und ebenso den nchsten Tag, den Montag
durch. Wolf Wermuth aber hielt ritterlich mit dem Degen des Leutnants Wolfram
Hegewisch die Leichenwache.

                                Zweites Kapitel


In der Nacht nun von Montag auf den Dienstag waren in einem hchst anstndigen
brgerlichen Hause viele Leute beieinander, das heit, es war groe Gesellschaft
dort. Ihren jour fixe nannte die Hausfrau den abendlichen Zusammenlauf und war
nicht ohne Grund stolz darauf; denn es kam viel Volk zu ihr, Mnnlein und
Frulein, paarweise und auch einzeln, zumeist auserlesene, und zwar zum Zweck
auserlesene Leute, die sich meistens wenig zum Volk, noch weniger zu den Leuten,
aber sehr betrchtlich zur Welt rechneten. Wie knnte in der letzteren Beziehung
die ausgiebigste Mrchenphantasie dahin nachsteigen, wohin gerade der
phantasiefreieste, der solideste, vernnftigste, verstndigste Teil der
Erdenbrger und Erdenbrgerinnen in seinen Einbildungen von seinem Verhltnis zu
dem Volk und zu den Leuten und - der Welt sich verklettern kann!
    Es war in einer hochachtbaren Geschftsgegend der Stadt, wo Gastgeber und
Gastgeberin sich hher als gewhnlich und diesmal ins sthetische verklettert
hatten und die Gste natrlich zum grten Teil - danach waren.
    Die Straen sind dort noch breit und ungemein reinlich. Es knnen die
nobelsten Menschen in den ersten Stockwerken der Huser da wohnen und
Gesellschaften geben, in denen man sich sehen und hren lassen kann. Der
brgerliche Lebensbetrieb ist hier in dieser Hinsicht noch nicht hinderlich und
verhindert vor allen Dingen noch durchaus nicht das Vorfahren in eigener
Equipage. Letzteres freilich ist das Hauptargument frs Wohnenbleiben, das
dem Herrn der augenblicklich so glnzend erleuchteten und gefllten Salons im
ersten Stock ber Runne &amp; Plate seiner und ihrer Herrin gegenber zur
Verfgung steht. Ohne es wrde man doch wohl schon lngst in noch anstndigerer
Gegend die Leute aus seiner Gesellschaftssphre bei sich sehen und nicht ber
den Geschftsstuben und Familienwohnrumen der zwar sehr bekannten, sehr
ehrbaren und soliden, aber durchaus nicht geist- und geldaristokratischen Firma
Runne &amp; Plate.
    Gottlob, das Haus hat auer seinem Geschftstor fr das Volk, die Leute und
den Werkeltagslebensverkehr auch seine stattliche Privatpforte fr - uns! Wir
aber, wo blieben wir mit unserem Beruf auf Erden, wenn wir uns nicht das Recht
nhmen, ungeladen durch alle Tren einzugehen und uns ungerufen berall
einzufinden, bei dem Volk, bei den Leuten und bei uns? Und zwar nicht blo beim
Feste!
    Und was wrde dabei zutage kommen, wenn wir es nicht verstnden, unsere Zeit
abzupassen und stets im richtigen Augenblick mit da zu sein?
    Nichts von Bedeutung selbstverstndlich. -
    Wenn wir nun diesmal ungeladen, ungesehen, unbelauscht von unserem Rechte
Gebrauch machen, befindet sich die Soiree auf ihrem Hhepunkt und Hofrat Dr.
Brokenkorb, einer der geladenen Gste - und zwar aus dem Hause selbst -, in
denkbar klglichster Laune und flauester Stimmung inmitten des Glanzes und der
Flle, der feinfhligsten Freundlichkeiten der Hausfrau, der achtungsvollen
Zutunlichkeiten des Kommenzienrates und der schmeichelhaften Liebenswrdigkeiten
der Tchter des Hauses. Er, der sonst unter diesen Lichtern und Tnen, bei
diesem Fcherrauschen und diesen Redensarten, im Flieen dieser Gensse aus
allen Knsten und im sanften Geflster aus mehr als einer Wissenschaft heraus
ganz an seiner Stelle und eine Zierde unter uns ist, hat an diesem Abend genug
von sich und also auch von der Gesellschaft, von - uns. Er fhlt sich nicht bei
sich heute abend und schiebt es auf ein krperliches Unwohlsein, worin er sich
irrt. Er fhlt sich niedergedrckt, gelangweilt und eigentlich recht
berflssig, nicht blo in den Kissen seiner Causeuse, unter den Fcherpalmen
des Salongartens, sondern auch ein wenig sonst. Und das letztere ist uns
besonders erwnscht. Haben wir uns doch nur deshalb ungeladen, ungesehen,
unbelauscht bei uns eingefunden, um den Herrn abzuholen und mit ihm innerhalb
seiner eigenen vier Wnde, eine Treppe hoch ber der gegenwrtigen Lust und
Unlust am Dasein, noch eine stille Stunde zuzubringen. Ob wir ihn noch einmal so
wie jetzt in tadelloser Gesellschaftstoilette finden werden, ist zum mindesten
zweifelhaft. Benutzen wir also die gnstige Gelegenheit und reden ein wenig von
den uerlichkeiten seiner Existenz. Die Samtrobe und das Fchergeknarr seiner
Nachbarin im Diwan und ihr schmeichelhaftes Dreinreden sind uns durchaus nicht
hinderlich dabei.
    Er bekommt viele Komplimente, nicht blo von der gndigen Frau und
Hausherrin, sondern auch von vielen andern Damen der Gesellschaft, jungen und
alten, zu hren. Sagen wir ihm gleichfalls einige; er hat, wie man das nennt,
Sinn dafr.
    Wie man das nennt, ist Hofrat Dr. Albin Brokenkorb ein schner Mann. Ein
schner Mann in den besten Jahren, so um die Vierzig herum; zwar mit etwas hoher
Stirn und auch sonst gelichtetem Haupthaar, aber mit einem weichlockigen blonden
Vollbart und blauen, weichblickenden Augen, deren Aufschlag oder
Aufgeschlagenwerden vorzglich etwas Sympathisches haben soll, wie von
Autoritten holdester Kompetenz hufig versichert wird! Mit knarrenden Stiefeln
ist seine Erscheinung nimmer in Verbindung zu bringen; er tritt auf, wie er
redet, und die Lider hebt und senkt er nicht geruschloser, um seinen Reden an
der rechten Stelle den herzfesselnden Nachdruck zu geben. Er redet leise, oder
vielmehr gedmpft, doch er kann sonor reden und tut es, wo er sich Erfolg davon
verspricht; und gestern abend hat er im Saal der Singakademie einen Vortrag ber
das Schwert und die Myrte in der Weltliteratur gehalten, und er hat die tiefsten
Fasern der Empfindung mit dem letzteren Gewchs aus der Tiefe seiner Seele
symbolisch aufgezogen. Morgen wird er (wenn nichts dazwischenkommt) ber
dasselbe Thema in Potsdam vor dem gewhltesten Publikum reden, und er glaubt an
seinen Beruf, die besten Stnde zu sich emporzuheben: er ist wirklich gar kein
bler Mensch. Da er es bse mit sich und seinem geselligen Kreise meine, hat
ihm noch niemand nachgesagt, und, wahrhaftig, wir tun's auch nicht!
    Wenn es ein Glck ist, seinen Fhigkeiten, Liebhabereien und so weiter
ungestrt sich berlassen zu drfen, so ist dieses Glck dem Hofrat Dr.
Brokenkorb durch Gunst und Gnade der Gtter im hchsten Mae zuteil geworden. Er
ist gesund und ein verhltnismig noch junger Hofrat. Dieser sein Titel
schreibt sich aus den Verpflichtungen, der Gnade und Gunst eines der kleinern
Frstenhfe unseres deutschen Vaterlandes her. Sein auskmmliches Vermgen
stammt weniger von eigenem Verdienst als von ungemein geachteten Vorfahren aus
der Freien und Hansestadt Lbeck ab.
    Ja, sie mgen ihn alle gern, die Gtter wie die sterblichen Menschen! Und er
verdient es; denn wenig andere wissen so flieend, so glatt, so lieblich von
ihnen und - zu ihnen zu reden wie er. Die Gtter haben das Ihrige an ihm getan,
und die Menschen tun es noch. Wir wiederholen: die lteren Damen lcheln ihm und
machen ihm lieber als irgendeinem anderen Platz an ihrer Seite. - Die Hausherren
klopfen ihm vertraulich und doch respektvoll auf die Schulter und nennen ihn:
bester Hofrat - die jngeren, die unverheirateten Damen haben noch nicht das
mindeste gegen ihn einzuwenden. Es ist in der letzteren Hinsicht in mehr als
einem Hause immer noch dann und wann in einer Weise von ihm die Rede, von der
man annimmt, da er - gar keine Ahnung davon habe. Die Tchter des Hauses,
welches heute seinen jour fixe hat, werden von den schnen Freundinnen und
Bekanntinnen zwischen dem vierundzwanzigsten und neunundzwanzigsten Lebensjahre
auf den liebenswrdigen Hausgenossen in einer Art angesehen, die nicht blo
Neid, sondern hie und da auch Schadenfreude ist. Wir aber htten viel zu tun,
wenn wir von allem, was geredet werden kann, singen und sagen mten. -
    Hofrat Dr. Albin Brokenkorb hatte auch im Glanz und Lrm des heutigen Abends
einen der bevorzugtesten Pltze eingenommen. Gleichweit entfernt von dem Piano
wie von den Kartentischen und jenem Tischchen mit den beiden Lichtern, hinter
welchem der Herr mit dem roten Maroquinheft (diesmal nicht er!) Platz zu nehmen
pflegt. Er hatte von allem Angenehmen abgekriegt, wie gestern, wie vorgestern
und so rckwrts durch manches liebe, lange Jahr. Und er war selber auch heute
wie gestern angenehm gewesen - bezaubernd im hchsten Mae, beredt fast zu
sehr. Letzteres lag ihm seltsamerweise augenblicklich auf den Nerven. Er hatte
Nerven - Nerven, Nerven! Er gehrte nicht zu den Leuten, denen der Rock, welchen
sie tragen, ebenso gleichgltig ist wie das, was man ber sie denkt, von ihnen
spricht, wenn sich die Tr hinter ihnen geschlossen hat. Wie alle, denen der Weg
durch das Leben ein wenig zu leicht gemacht wurde, hielt er etwas sowohl auf
seinen Rock wie auf seinen Ruf. Da einem Menschen durch das Schicksal auch aus
Bosheit die Pfade eben gemacht werden knnen, ist eine Tatsache, die von
solchen, welche sich nicht ber allzu groes Glck im Leben zu beklagen haben,
lange nicht genug mit in die letzte Abrechnung gezogen wird.
    Sie wollen uns doch nicht schon verlassen, lieber Freund? hatte die Herrin
des Hauses gefragt; er aber durfte eigentlich schon seit lngerer Zeit diese
Absicht nicht verbergen und suchte nur immer noch nach der hflichsten und
wohltuendsten Begrndung derselben gegenber der stattlichen, schnen Frau in
bordeauxrotem Sammet. Was ihn an diesem Abend so frh aus diesem seinem
Daseinselemente von dannen scheuchte, lie sich schwer ausdrcken in der Sprache
des ihn umgehenden Gesellschaftskreises und auch - in seiner gewohnten eigenen.
    Da die Gndige hinzufgte: Aber Hofrtchen, die Kinder, Aglae und Josepha,
werden dies sogar unartig finden; sie hatten noch so sehr auf Ihre wundervolle
gyptologische Erfahrung in betreff ihres Kostms fr das Knstlerfest im
nchsten Monat gerechnet!, konnte ihn diesmal nicht zum Bleiben bewegen und wie
sonst zu einem interessanten Exkurse ber die Damentoiletten am Hofe der Knigin
Kleopatra anreizen.
    Er hatte wie ein anderer ganz gewhnlicher Sterblicher trotz Josepha und
Aglae einfach Kopfweh als Entschuldigungsgrund seines vorzeitigen Aufbruchs
vorzugehen. Er hatte sich ganz wie jemand, der nicht der gesuchte Ratgeber in
solchen sthetischgeselligen Angelegenheiten oder gar der geliebteste
Salonvortrgler der Stadt war, aus dem Programm der Soiree selber zu
streichen, das heit sich mit dem Taschentuch vor der Stirn an den Wnden hin
wegzuschleichen. Er, der geistreichste Mann des Abends, qulte sich in der
berzeugung, eben diesen ganzen Abend durch Sottise auf Sottise gehuft zu
haben, und verbeugte sich jetzt nach rechts und links lchelnd und bis zum
uersten den Schein der Unbefangenheit aufrechterhaltend, in der Gewiheit,
demnchst ruhelos auf heiem Kopfkissen mit heier Stirn zu liegen und weiter
darber nachzugrbeln, was es eigentlich war, das ihm so sehr und fr diesmal
unwiederbringlich die Stimmung, das leichte, angenehm melancholisch angehauchte
gewohnte Behagen am Dasein und den in seinem Kreise Mitdaseienden nahm.
    Wir aber haben unseren Mann drauen! Der Trvorhang ist hinter ihm
zugefallen und die Tr auch. Wir haben ihn abgeholt und folgen ihm die Treppe
hinauf zu seinem eigenen Reich. Auf jeder dritten Stufe drckt er das
Taschentuch an die wirklich etwas eingenommene Stirn und murmelt: Ich habe
mein Teil.
    Hofrat Albin Brokenkorb ist ein sehr belesener Mann, und so sind auch seine
unwillkrlichsten Ausrufe nicht selten Erinnerungen aus Gelesenem. Diesmal
stammte die Reminiszenz aus einer anderen sehr merkwrdigen Geschichte, in der
ein anderer, im Erdentreiben nicht recht feststehender Mann die Treppe
hinaufstieg und auf jeder dritten Stufe: Ich habe mein Teil! chzte.
    I promessi sposi, die Verlobten, heit das Buch, und der darin so seufzt,
war nicht Doktor der Philosophie und ***scher Hofrat, sondern Leutpfarrer in
einem kleinen Dorfe am Comer See, nicht weit von der Stadt Lecco gelegen. Als
Don Abbondio geht er durch die Weltliteratur. Letzteres eine Ehre, die wir
unserem Freunde, Hofrat Dr. Brokenkorb, weder wnschen knnen noch wollen.
Letzterer ist aber auch nicht auf seinem abendlichen Wege nach seiner Wohnung
auf die beiden Sbirren des Don Rodrigo gestoen, sondern hat in seiner Sofaecke
im vollsten sthetischen und gesellschaftlichen Behagen des Abends eine merklich
andere Erscheinung gehabt.

                                Drittes Kapitel


Der Herr will morgen frh wiederkommen.
    Welcher Herr, Rupfer?
    Der diese Visitenkarte fr den Herrn Hofrat dagelassen hat, sagte der
Diener mit einem Grinsen, das jeder Beschreibung spottete.
    Mit dem breitmuligen stummen Lachen eines treuen Knechtes, der sich schon
seit Stunden darauf vorbereitete und freute, seinen Herrn mal richtig in
Verwunderung zu setzen, reichte er dem Hofrat das hin, was er eben eine
Visitenkarte genannt hatte. Sein Herr aber hatte in der Tat Grund, den
Gegenstand mit Verwunderung - mit Erstaunen entgegenzunehmen, ihn in den Hnden
zu wiegen und dann mit ihm rasch an den mit Schreibzeug, geschriebenem Zeug,
gedruckten Bchern und dergleichen hoch bedeckten Arbeitstisch in das hellere
Licht der Lampe zu treten.
    Ein Stock!
    Ein abgenutzter, abgelaufener Spazierstock oder vielmehr Wanderknppel, ein
hchst unfeiner und, wie es schien, schon vor recht langer Zeit aus der
Weidornhecke geschnittener Wegbegleiter, mit einer Bocksfratze am Griff und mit
einem derben Lederriemen, dem man es gleichfalls ansah, da er bei mehr als
einer andringlichen Gelegenheit fest um das rechte Handgelenk geschlungen worden
sei.
    Was soll denn nun dieser Unsinn?... Was soll... mein Gott, ist es mglich?
    Die Knie schwankten wahrhaftig unter dem Mann. Er sttzte sich mit der
Linken schwer auf die Platte seines Schreibtisches, die seltsame carte de visite
wie ein Kurzsichtiger (der er nicht war) vom Griff bis zu der eisernen Zwinge
immer genauer und immer nher den Augen untersuchend, bis er pltzlich den jetzt
seinerseits sehr erstaunten Rupfer am Kragen fate und, mit dem unheimlichen
Stabe bedrohlich nach rckwrts ausholend, rief:
    Mensch, wie sah der Mensch - der Herr, der dir dies gab, aus? Nimm dich
zusammen, oder ich mache dich gleichfalls zu einem Spuk, einem Gespenst, einem -
revenant!
    Es war schon in der Dmmerung, als er die Glocke zog. Jawohl, so was von 'n
Spuk mag er wohl an sich gehabt haben, aber so recht habe ich ihn mir in meiner
Verblffung nicht drauf ansehen knnen. Und seinen Namen hat er auch nicht
nennen wollen, als ich ihm sagte, der Herr Hofrat seien nicht zu Hause. Da hat
er mich nmlich erst mit dem Knppel vor die Brust gestoen und ihn mir dann
zugereicht und dumpfig wie aus 'm Kirchhofe raus bemerkt, der Herr Hofrat wrden
schon wissen, und mehr sei nicht ntig. Morgen frh wrde er wieder
vorsprechen.
    Schon gut! Morgen frh! Morgen frh will er wiederkommen, sagte der Herr
Hofrat matt. Er sa jetzt in dem Lehnstuhl vor seinem Arbeitstische mit dem
Stabe des geheimnisvollen Fremden ber den Knien. Eine ziemliche Weile wartete
der Diener darauf, da er noch einmal angeredet werde; da dieses aber nicht
geschah, versuchte er es endlich lieber selber, die Unterredung noch einmal
aufzunehmen.
    Der Herr Hofrat haben sonst nichts mehr zu befehlen?
    Wie meinst du, guter Rupfer?
    Der Herr Hofrat wnschen vielleicht noch nicht zu Bette zu gehen; und so
mchte ich mir erlauben -
    Du kannst jedenfalls gehen und dich niederlegen. Gute Nacht! Ich werde mich
allein auskleiden; ich bedarf deiner nicht weiter. Dieser Herr - der Herr,
welcher diesen - diesen Stab - diesen Stock zurckgelassen hat, ist mir morgen
zu jeder Zeit willkommen. Hrst du, Rupfer? Ich bin fr ihn den ganzen Tag zu
Hause - fr jeden andern erst nach Anfrage; - verstehst du, mein guter Rupfer?
    Zu Befehl, Herr Hofrat, und wnsche ich dem Herrn Hofrat eine recht
wohlzuschlafende Nacht.
    Der treue Diener wendete sich zur Tr. Dort zgerte er, kam noch einmal
zurck und flsterte respektvoll vertraulich zuredend:
    Soll ich also nicht lieber den greulichen Schandpr-, den Stock - den Stab
- mit hinaus - wenigstens mit auf den Vorplatz hinausnehmen?
    Rege mich nicht noch mehr auf, Menschenkind, seufzte Hofrat Dr. Albin
Brokenkorb, unfhig, von neuem grob den Quler anzufahren. Dieser aber meinte
drauen vor der Tr kopfschttelnd:
    Hat er einmal Haue damit gekriegt, oder soll er morgen welche damit haben?
Na, die Zeit wird's ja wohl hoffentlich ausweisen! I je, was man doch alles in
so 'ner feinen, ruhigen Junggesellenhauswirtschaft in Erfahrung bringen kann!
    Nachdem er dann in seiner Kammer die Lampe ausgeblasen und die Decke ber
den Kopf gezogen hatte, schlummerte er wie ein Kind ein, was sein Herr noch
lange nicht tat.
    Zu letzterem drang noch geraume Zeit hindurch aus dem Stockwerk unter ihm,
bei Runne &amp; Plate im Hause, das Gerusch, Stimmengesumm und Musikgetn der
Abendgesellschaft, aus der er vorhin vor der sonst gewohnten Stunde unruhig und
migelaunt, krperlich und geistig verstimmt, aber selbstverstndlich mit dem
unbedingt an der Tr geforderten Lcheln sich entfernt hatte. Er aber, der auch
die feste Absicht gehabt hatte, so rasch als mglich sich zu Bett zu legen und
die Decke ber den Kopf zu ziehen, nahm statt dessen ber dem auf seinem Tische
liegenden Memento den Kopf in beide Hnde und hielt ihn so, bis - er ihn loslie
und auf und ab ging - ja auf und ab lief im Gemache ber dem dumpfen
Weltgerusch unter seinen Fen.
    Er sa, er ging, er lief, und er - Hofrat Dr. Albin Brokenkorb - nahm die
bei seinem Diener Rupfer abgegebene Visitenkarte mit auf seiner nchtlichen
Wanderung. Er schlang den Lederriemen dieses Stocks um das eigene Handgelenk und
stie mit der eisernen Zwinge dann und wann fest auf ber dem jour fixe seiner
Haus- und Lebensgenossen. Auf und ab schritt er mit dem Handwerksgesellenstabe
ber den weichen Teppich seines Studierzimmers, und er - Albin Brokenkorb, der
da gemeint hatte, sehr mde nach Hause gekommen zu sein, hatte sich in
Wirklichkeit mde zu laufen, ehe er von neuem in seinen Stuhl sinken und den
Stock wieder vor sich auf den Tisch legen konnte.
    Uhusen! murmelte er, als er so weit war. Wir, nachdem wir ihn so weit
haben, sehen uns zuerst ein wenig genauer bei ihm um. Das ist in mehr als einer
Hinsicht der Mhe wert. -
    O wie himmlisch, o wie reizend! pflegten die Damen zu rufen, die Hofrat
Dr. Brokenkorb dann und wann durch seine Wohnrume zu fhren hatte, alle jene
jngeren und lteren, jungen und alten Damen, welche er in der Gesellschaft
kennengelernt hatte oder welchen die Vergnstigung zuteil geworden war, ihn
durch seine weit durchs deutsche Land gekannten und geschtzten Vortrge ber
die Symbolik des -, ber die Mystik der -, ber die sthetik des und der -
kennen und verehren zu lernen. Und sie hatten vollkommen recht mit ihren
Ausrufen. Ja noch mehr, es war nicht nur himmlisch und reizend, sondern es war
auch im hchsten Grade behaglich um diesen allgemeinen Liebling der bessern und
besten Kreise her. Auch Runne &amp; Plate wuten das und schtzten es an ihm.
    Als vermglicher Junggesell von jener stillnervsen Sorte, die sich ebenso
ungern stren lt, als sie andere strt, befriedigte dieser Mieter alle
Ansprche an den Hausbesitzer um der lieben Ruhe willen und des bessern
Geschmacks wegen aus eigenem Geldbeutel; und Runne &amp; Plate wrden in der Tat
sehr anspruchsvoll gewesen sein, wenn sie einen noch angenehmeren Bewohner ihres
zweiten Stockwerks als diesen Hofrat fr mglich gehalten htten. Er aber hatte
sich bei ihnen eingerichtet und ausgebreitet. Durch alle Rume zeugten Wnde,
Decken und Fubden davon, da er als Sammler und mit dem Talent zum Abstuben
geboren worden sei und da er bis zu seinem jetzigen Lebensjahre nicht aufgehrt
habe, zusammenzutragen, mit zierlichem Verstndnis zu ordnen und mit zarter
Neigung Federwedel und - Wischtuch in Ttigkeit zu erhalten. Was sie nicht
sagten, aber dachten (die den Mann mit Mama usw. besuchenden Damen nmlich),
war: O wie schade, da die in dieser Hinsicht entzckendsten mnnlichen Wesen
sich nur zu hufig so schwer entschlieen, unsere Hlfe dabei frs Leben
anzunehmen!
    Und das ist richtig. Es ist eine der betrbendsten Tatsachen, da Jnglinge,
junge Mnner, Mnner in den besten Jahren, die es am meisten verdienen, zu
heiraten und geheiratet zu werden, ihrem Glck im Dasein eben aus dem tiefsten
Grunde ihrer Veranlagung zu dem, was den Damen gefllt, tricht oder
bemitleidenswert sich entziehen.
    Ein Spinnrad aus dem siebenzehnten Jahrhundert war eine Perle der Sammlungen
des Hofrats Albin Brokenkorb; aber obgleich er auch ber es und das Spinnen von
den ltesten bis zu den neuesten Zeiten einen Vortrag im Frauenverein, in
Dutzenden von Frauenvereinen durch halb Deutschland gehalten hatte, kam es ihm
am wenigsten in den Sinn, wirklich eine spinnende Hausehre an dasselbe zu
setzen.
    Wo wrden wir aufhren, wenn wir anfangen wollten, im einzelnen zu
schildern? Schrank an Schrank, Fach ber Fach in kunstgewerblichster Ausstattung
durch alle Zimmer! Das Museum eines reichen Privatmanns von den ersten Siegel-,
Briefmarken-, Kfer-und Schmetterlings-Sammlungen an bis zur echten Figur aus
Tanagra! Mappen voll Kupferstiche, Radierungen, Holzschnitte ltester und
neuester Meister! Mappen voll Handschriften berhmter, bekannter, berchtigter
Menschen aller Zeiten! Alles, was einen Zug ins Zierliche, Kleine und Kleinste
hatte in Pastell, Aquarell, Wachs, l, Schmelz - auf Papier, Leinen, Kupfer,
Holz und Porzellan! Kuriositten in Drechslerarbeit, Glasarbeit, Drahtarbeit!
Graziseste Waffen, Haushaltungs- und Schmuckgegenstnde wildester
auereuropischer Nationen! Alte Globen aus Nrnberg und Augsburg. Bcher! Ja,
Bcher! Fr fast zu viele Fcher menschlichen Wissens die besten, ausgiebigsten,
reichhaltigsten, kostbarsten Hlfsmittel zur Schonung der Befhigung des
Menschen in Hinsicht auf Selbstfinden, Selbstdenken!
    O Gott! pflegten die Besucherinnen zu sagen, wenn sie so hflich
interessiert als mglich an dieser auserlesenen Bibliothek vorbei wieder zu
Interessanterem zu gelangen suchten; und wir - wir sagen dasselbe.
    Uhusen! hatte Hofrat Dr. Albin Brokenkorb gesthnt; und es befand sich in
seiner Bibliothek kein Werk, das er zu Rat und Trost hinter den Glasscheiben
seiner eleganten Schrnke auswhlen und ber die unheimliche Visitenkarte
nachschlagen konnte. Sein reichhaltigstes Konversationslexikon, seine
bndereichste, illustrierteste Enzyklopdie wute nicht das geringste ber das
Wort, den Namen, den Menschen: Uhusen.

                                Viertes Kapitel


Wie war es nur vorhin gewesen drunten im gesellschaftlichen Lrm eine Treppe
tiefer, bei Runne &amp; Plate im Hause? Was hatte dort dem beliebtesten,
feinsinnigen ffentlichen Erzhler, Hofrat Brokenkorb, zuerst den Abend
verdorben und ihn geistig verstimmt, krperlich angegriffen in die Stille seiner
eigenen Huslichkeit hinaufgesendet?
    Ein Nichts! Ein helles, frhliches Mdchenlachen, ein Lichtschein, der auf
ein blondes Haar und eine zierliche Schulter fiel. Ein rascher, erschreckter
Blick ber die eigene Schulter nach der Richtung hin, aus welcher das lustige
Gekicher im Gewirr und Gesumm der Gste zu ihm herberdrang. Wahrlich ein Nichts
eine Einbildung, ein Scheinzauber, der Schatten eines Schattens von Dingen, wie
man sie eben im Traum sieht - eine Erinnerung und - also die grimmigste
Wirklichkeit, die standhafteste Gegenstndlichkeit, die es unter Umstnden fr
den Menschen in der Welt geben kann.
    Wer hat es noch nicht an sich selber erfahren, was fr einen eisernen Griff
die Erinnerung haben kann, wenn sie emportaucht aus dem bunten Spiel der
Gegenwart, heraufbeschworen durch den Zufall?
    Albin kannte die junge Dame, die da vor anderthalb Stunden in der
Abendgesellschaft so frhlich-kindlich gelacht hatte, auf deren blonden Scheitel
zu derselben Zeit der Schein der nchsten Gaslichtflamme fiel, wenig oder,
besser gesagt, gar nicht. Sie war neu im Leben, in der Gesellschaft und vor
allem in dieser Gesellschaft. Ihre Mama hatte sie ihm vorhin vorgestellt:
    Meine Tochter, lieber Hofrat. Eben aus der Pension in Lausanne zurck und
doch auch bereits eine groe Verehrerin von Ihnen. Entzckt wie alle von Ihrem
letzten herrlichen Vortrag im Htel de Rome fr den Verein zur Rettung
verwahrloster Kinder. Dies ist der Herr, Rahel! Oh, wie hat sich das Nrrchen
auf diesen gnstigen Zufall gefreut und doch schreckliche Angst vor Ihnen gehabt
und vor dem berhmten Manne!
    Der berhmte Mann hatte sich, bescheidentlich abwehrend ob des
schmeichelhaften Epithetons, vor dem wirklich niedlichen, dem scheuen,
neugierigen Kinde verneigt und einige Augenblicke mit ihm von Lausanne, dem
Genfer See und der franzsischen Schweiz im allgemeinen gesprochen. Dann waren
sie wieder voneinander getrennt worden; mit einer abermaligen Verbeugung war
Hofrat Dr. Brokenkorb zurckgetreten in eine andere Gruppe seiner Verehrer und
Verehrerinnen. Zu viele der lieblichen Frulein wurden ihm in der
Reichshauptstadt und durch das ganze gebildete Deutsche Reich vorgestellt, als
da er sie alle im Gedchtnis htte festhalten knnen. Auch das lag wie ein
Kranz, und zwar wie einer aus eben sich erschlieenden Rosenknspchen, um sein
Leben. Er behielt unbedingt fr alle die sen Geschpfe ein Herz, wenn er sie
gleich nicht allesamt individuell im Gedchtnis zu behalten vermochte. Das ihm
eben bekannt gewordene hatte er fnf Minuten spter vollstndig vergessen, und
es hatte auch im letzten Grunde trotz seiner Niedlichkeit doch wenig an sich,
was einem verwhnten Liebling der Gtter und der Menschen ein ganz besonderes
Interesse htte abgewinnen knnen.
    Ein leises Lachen der jungen Dame und ein Lichtstrahl eine Stunde - zwei
Stunden spter, ein zuflliger Blick und ein Aufhorchen mitten in der
lebhaftesten Unterhaltung im Kreise der wirklich interessanten Gste des Abends,
und - Hofrat Dr. Albin Brokenkorb gehrte fr diesen jour fixe der ihn
gegenwrtig umgebenden Welt nicht mehr an.
    So hatte vor Jahren ein anderes junges Kind gelacht, so war das Licht auf
ein anderes blondes Haupt, auf einen anderen zierlichen Hals und andere anmutige
Schultern gefallen!
    Ich habe mein Teil! hatte der Hofrat auf der Treppe zu seiner Wohnung
hinauf gesthnt, und nun hatte er - Uhusens Wanderstab in der Hand - in der
Stille der Nacht weiter mit der Erinnerung abzurechnen. In Travemnde, in einer
Mondscheinnacht am Strande der Lbischen Bucht war's gewesen, wo ihm der Stock
vor langen, langen Jahren - damals frisch aus der Hecke geschnitten - zum
erstenmal unter die Nase gehalten worden war, und zwar von seinem besten Freunde
Uhusen, dem Sohn des ersten Buchhalters seines Vaters:
    Wie kannst du glauben, da ich das arme, alberne Ding dir sentimentalem,
aus lumpigen Redensarten zusammengeflicktem Hanswurst so ganz ohne weiteres
berlassen werde? Aufgewachsen bist du mit mir; zusammengehalten haben wir so
ziemlich bis dato, aber fr derartiges Kompaniegeschft mit der
Gewissenlosigkeit danke ich fr jetzt und in alle Zukunft. Merke dir das, mein
Junge, und nimm mir die auergewhnliche Grobheit nicht bel. Ich habe auf dem
Wege von der Stadt das uerste getan, meine Meinung fr diesmal so kurz und
hflich als mglich zusammenzufassen.
    Im Badehotel hatte sich die beste Gesellschaft und ein Teil der weniger
guten mit den Gsten aus den Fischerhusern entlang der Trave zu Spiel, Musik
und Tanz nach gewohnter Sommerweise zusammengefunden. Der rote Lichtschein aus
den Fenstern der Sle leuchtete hin auf die See, und die See lag im weien
Mondnebel, und die kleinen Wellen der Nhe flimmerten im silbernen Glanz und
verrauschten kaum hrbar auf dem feinen Ufersande. Im Badehotel schwiegen Hrner
und Geigen, aber aus der Ferne von den Wassern her klang es lieblich und
geheimnisvoll herber, als habe sich dort eine noch feinere und vielleicht auch
noch gemischter Gesellschaft zu Gesang und Tanz ein Stelldichein gegeben in der
Sommermondnacht, als fhrten da den Reigen die Nixen und feuchten Herrschaften
aus sem und salzigem Wasser, Undine und Khleborn, Prinzessin Ilse und
Amphitrite und Thetis und alle, die mit dieser Gttin aufstiegen aus der
purpurnen Tiefe - unsterbliche Tchter des Nereus -, den teuren weinenden
Achilleus ob des Falls des schnen Patroklus zu trsten.
    Und beinahe war dem auch so, wenn es sich auch gerade nicht um den Kampf vor
Ilion und den Schmerz und Zorn des Peleussohnes handelte. Das schnste Mdchen
von Lbeck und vom Ufer der Trave schaukelte dort im blumengeschmckten, von
bunten Lichtern glnzenden Kahne auf dem heiligen Meer, und - Peter Uhusen hatte
gar nicht unrecht, wenn er sehr ergrimmt auf sich selber war. In einer solchen
lichten, warmen Mondnacht konnte es selbst dem grten und gutmtigsten
Hornochsen klarwerden, da man eine beiderseitige erste Liebe doch ein wenig
zu nachtmtzenhaft dem besten Freund und verzogensten Muttershnchen der
damaligen Lbecker guten Gesellschaft zu einem Tanz am Strande berlassen
knne.
    Da liegt ein einzelner Steinklotz, von dem nur die Gelehrten wissen, wie er
dahin gekommen ist, am sonst durchaus nicht felsigen Ufer der Bucht; und gegen
diesen harten Block hatte der eine Schulfreund den andern allgemach mehr und
mehr hingedrngt:
    Nun, was hast du fr dich zu sagen? Ich komme fr ihren Vater, hinter dem
Rcken der dummen Gans, ihrer Mutter, um mich um Erdwine hier bei euch zu
bekmmern. Und ich bekmmere mich um sie: - mit heraushngender Zunge bin ich
von der Stadt aus jetzt gottlob hier. Blo recht vergngt seid ihr? Blo das
gewhnliche Rhinozeros bin ich? Da dem schwedischen Granit hinter deinem feigen
Buckel haben wir, ihr Alter und ich, es ganz allein zu danken, da du uns
Rechenschaft von diesem heutigen vergngten Tage ablegst.
    Ich stehe ja selber in Unruhe hier an der See, sagte Albin
klglich-pathetisch. Mama hat mich den ganzen Nachmittag und Abend an ihrer
Seite festgehalten, und du kannst mir glauben, Peter, 's ist heute wenig
Vergngen fr mich hier zu holen gewesen.
    Ja, deine Mutter - deine Mama! Was die Frau Senatorin dazu tun kann, dich
zum Narren und das arme Ding zur Nrrin zu machen, das besorgt sie freilich mit
und gegen den Strich aus ihrer idealen Weltanschauung heraus. Weshalb kann sie
den Leutnant und mich - ich wollte sagen unsere Erdwine nicht allein lassen? Was
hat Erdwine berhaupt in eurer nobeln Gesellschaft zu suchen? Jawohl, die Frau
Leutnant, die Hauptnrrin, sitzt freilich und renommiert gegen die Nachbarschaft
ob der Ehre, die ihrem Kinde, ihrem Mdchen durch die respektable Firma
Brokenkorb Mutter und Sohn angetan wird, whrend der alte Mann wie ein zahnloser
Br mit einem Ring durch die Nase auf und ab in seiner Stube stapft und an
seiner Pfeifenspitze seinen verstockten Gram und Grimm verkaut. Denke nur ja
nicht, ser Knabe, da ich des frivolen Backfisches und eurer lieben Gesichter
wegen hier bin! Des alten Herrn wegen bin ich den Weg von der Stadt her zu Fu
gelaufen. Und, beim stinkenden Acheron und faul flieenden Styx, um dich hier im
himmlischen silbernen Mondschein in seinem Namen am Kragen zu nehmen und mich in
seinem Namen zu erkundigen, wie ihr smtlich euch hier amsiert! La mich
ausreden, Schafskopf! Ein riesiger Kuhschwof ist es natrlich zu Lande und zu
Wasser - das Meer erglnzte weit hinaus - ich wei nicht, was soll es bedeuten -
am Ganges duftet's und leuchtet - das ist kein Rauschen des Windes, das ist der
Seejungfern Gesang - und wie der Bafel sonst so bei euch zu Hause in euern
romantischen Stimmungen lautet. Ja, du schnes Schiffermdchen, treibe den Kahn
ans Land, das heit, dich, alter Junge, lieber Freund, armer Hase, dich,
Albinus, frage ich jetzt: wie lange gedenkt ihr noch dies Spiel weiter zu
treiben? Denn ein Spiel und nichts weiter ist es! Aber ich will's nicht lnger,
hrst du, Albin? Ihr sollt dem Leutnant Hegewisch und mir das Kind nicht zu
einem Spielzeug machen! Ist es bereit dazu, so ist mir ihr Vater zu gut dafr.
Hat denn deine Mutter gar keinen Begriff davon, welche Verantwortlichkeit sie
auf sich ladet, wenn sie das Mdchen von Tag zu Tag mehr zu einer phantastischen
Komdienpuppe macht?
    Man scheint hier recht sonderbare Fragen an meinen Sohn zu stellen, sagte
pltzlich eine Stimme neben den beiden jungen Mnnern oder vielmehr den eben dem
Jnglingsalter zuwachsenden Knaben. Die Frau Senatorin Brokenkorb, die Mutter
Albins, war, unbemerkt von den beiden, auch von dem Festsaale her gegen den
Strand hinabgeschritten, war gerade recht zu dem letzten Teile ihrer
Unterhaltung gekommen und hatte dem Dinge mit nicht ungerechtfertigtem Erstaunen
zugehrt.
    Was gibt diesem unerzogenen - ungezogenen Buben das Recht, sich in solcher
Weise in Angelegenheiten zu mischen, die durchaus ber seinen Horizont hinaus
liegen? fragte die Frau Senatorin. Du kennst schon lngst meine Meinung ber
diesen deinen Umgang mit Leuten, die ihrer Bildung wie ihrer gesellschaftlichen
Stellung nach nicht zu uns gehren, Albin. Wenn du bis jetzt meinen Wnschen in
dieser Beziehung nicht Folge gegeben hast, so rede ich nunmehr deutlicher und
spreche dir meinen Willen aus. Von diesem Moment ab ist dein Verkehr mit diesem
jungen Mann, dem Sohn des Bediensteten deines Vaters, fr immer zu Ende. Wir
reden nachher noch darber; jetzt gib mir deinen Arm, man vermit dich schon zu
lange dort in unserm Kreise, mein Sohn. Auerdem wnsche ich auch so bald als
mglich nach der Stadt zurckzukehren, um in dieser Nacht noch mit deinem Vater
ein Wort ber sein und unser Verhltnis zu diesem - dieser - Familie Uhusen
reden zu knnen....
    Wie klar und leuchtend und - widerwrtig jene Jugendmondnacht dem jetzigen
geistreichen, poetischen, gelehrten Hofrat und Doktor der Philosophie Brokenkorb
in dieser Nacht nachdem eben zu Ende gehenden jour fixe seiner Hausmitbewohner
vor der Seele lag! In dieser Nacht gab es kaum einen zweiten gleich glcklich
angelegten Menschen in der Stadt, dem eine rege Erinnerungskraft und eine etwas
fahrige Phantasie ein gleiches Mibehagen bereiteten.
    Na, da habe ich mir - uns wieder einmal eine nette Suppe eingebrockt,
hrte er hinter sich noch das Wort des Freundes, whrend er die Mama nach dem
Strandhotel zurckfhrte oder, wahrlich, vielmehr von der stattlichen Dame
widerstandslos dorthin zurckgefhrt wurde. Es war nicht mehr die Konversation,
das Gesumm, die Musik der Gesellschaft, welcher er eben mit dem Taschentuch an
der Stirn sich entzogen hatte; es waren nunmehr der Lichterglanz, der Lrm, das
Gewoge, die Geigen und Hrner jener Gesellschafts-, Konzert- und Tanznacht in
Travemnde, die ihm jetzt einen gesunden, traumlosen Schlaf vor allen andern
Genssen der Erde wnschenswert erscheinen lieen.
    Er aber hatte sich diesmal wachend mit den seltsamen Trumen des Daseins
abzufinden und mit seines Schulgenossen Peter Uhusens knotigem Wanderstab aus
den grnen Hecken seiner Kinderheimat in der feinfhligen Hand, nervsest
aufgeregt, durch das Gewirr, die flimmernden Schatten auf den lngst
zugewachsenen Pfaden seines Lebens sich den Weg zu bahnen.
    Sie waren von Kindesbeinen an ganz gute Freunde, er und Peter Uhusen, der
Sohn von seines Vaters Buchhalter. Er sah den Papa Uhusen im Laufe der Jahre
hinter seinem Schreibpult zu einem drren, kmmerlichen, gedrckten Mnnchen
einschrumpfen und den Peter zu dem lngsten, breitschulterigsten, unbeholfensten
Burschen des ganzen Gymnasiums im alten Katharinenkloster heranwachsen. Sein
eigener Papa hatte nicht das mindeste gegen seinen Verkehr mit dem Sohne seines
alten Kontorgenossen einzuwenden, und seine Mutter fand lngere Jahre ebenfalls
nichts Bedenkliches dabei, bis sie mit hchstem Mibehagen, und als es beinah
schon zu spt zur Abhlfe war, herausfand, da er durchaus nicht fr ihren
Knaben passe.
    Deine Alte ist eine Riesin, Albino, sagte Peter. Da sie Geschmack hat
und alle in der Stadt in der Hinsicht in die Tasche steckt, das wei Lbeck. Das
wei nicht nur Lbeck, sondern auch Hamburg und Bremen und alles, was sonst noch
von den freien Hansen brig ist in unseren smtlichen Enklaven im
Ratzeburgischen, im Amt Ritzebttel und Bergedorf; Bremerhaven nicht zu
vergessen. Wie schade fr dich, weiche Seele, und vielleicht auch fr meinen
alten Papa in eurer Schreibstube und drauen zwischen seinen Tulpen und
Pelargonien, da sie mich so sehr wenig riechen kann! Na, komm aber nur heute
nachmittag noch einmal heraus zu uns. Der Leutnant kommt auch an den Zaun, und
das Erdwinchen heben wir herber. Einmal soll es trotz allem guten Geschmack und
beln Geruch zwischen der Wackenitz und der Trave doch noch ein netter Abend
werden, und wir lesen Wallensteins Lager mit mglichst verteilten Rollen.
    Wie der Freund auch der Frau Senatorin riechen mochte, der gut erzogene
Sohn brachte doch seine liebsten Stunden in der Gesellschaft des Schlingels in
dem kleinen Vorstadthuschen des Buchhalters Uhusen und im Haus- und
Gartenverkehr mit der nchsten Nachbarschaft dort, jenseits der Grenzen der
besten Gesellschaft der Stadt, hin. Nicht blo im Sommer, sondern auch im
Winter. Es war dem Hofrat Dr. Brokenkorb mit Peter Uhusens Weidornprgel ein
Zauberstab in die Hand gegeben, unter dessen Berhrung all das vergangene Grn,
all der vergangene Schnee der Kinder- und Jugendjahre fast physisch-peinlich
wieder lebendig wurde in dieser Nacht. Er hielt wenig Vortrge, in welchen er
ihn nicht zitierte, den groen Landsmann Emanuel Geibel, der so schn gesungen
hat von den Glocken und Gassen, den Grten und Trmen, den Mrkten und Wllen
der alten, edeln, prchtigen Heimatsstadt; aber in dieser Nacht, nach diesem
letzten jour fixe mit Uhusens Stock ber den Knien hatte er seit lang zum ersten
Male wieder nicht ntig, den lieben Dichter aus dem Bcherschrank zu holen, um
sich - eine Stimmung zu geben.
    Dieser alte, nrrische Papa Uhusen mit seiner Verliebtheit in unsere alten
lbischen Glocken! sagte der Hofrat. Er mit seinem Zifferngesicht in meines
seligen Vaters Kontor und - sofort mit der Hand hinter dem weniger tauben Ohr,
wenn sie anfingen zu singen auf den nchsten Trmen! Wie deutlich ich meinen
eigenen Papa wieder hre mit seinem Uhusen, was trumen Sie? Und wie deutlich
ich dann ein Stockwerk hher meine Mutter vernehme: Brokenkorb, wovon trumst du
wieder im Schlafrock? Seit einer Stunde solltest du schon im Gesellschaftsanzuge
sein! ... Jaja, wir fhrten einen wunderlichen Haushalt damals, und einen
wunderlichen Haushalt fhrten der Peter und sein Vater und seine Tante Gottliebe
drauen in ihrem kleinen Gartenhause vor dem Tor! Hm, ha, auch die Gottliebe!
Ich habe seit Jahren nicht an die gedacht, und wie gut sie doch zu uns hielt bei
allen dummen Streichen, in welche ihr Peter seine besten Freunde am liebsten mit
verwickelte! Ei freilich, es war wohl nicht ohne Grund, da meine selige Mama so
mancherlei gegen meinen Umgang mit den Leuten vor dem Tor einzuwenden hatte!
Haha, und es waren doch vortreffliche Zeiten, als wir noch so jung waren im
alten Lbeck whrend und nach den schleswig-holsteinischen Feldzgen. Was hast
du nachher noch Besseres und Ntzlicheres erlebt, Albin? Und vor allem nach
jener Mondscheinnacht in Travemnde, die allem Verkehr des Hauses Brokenkorb mit
dem Hause Uhusen ein so jhes tragisches - ja so albern-triviales Ende machte?!
Was hast du dir angelernt, was hat man dich angelehrt, seit sie ein so
verdrieliches Ende nahmen, die Tage deiner Jugend, deine Lehrjahre im Hause
Uhusen und Kompanie? Worte, Phrasen, alles das, was, von anderen abgetan, der
Mittelmigkeit, der Herde Mode wird! Was zhlst du als deinen wirklichen,
wahrhaftigen Menschengewinn in dieser Nacht mit diesem Stock in der Hand fr
dich zusammen, Albin? Sie nennen dich einen Gelehrten; aber bist du es? Sie
heien dich einen Poeten; aber hast du das Recht, selber dich als einen solchen
zu fhlen? Ist es nicht, als kme sie jetzt zum erstenmal seit deinen
Knabenjahren wieder zu dir, die hohe Gttin, und zwar gesttzt auf diesen
Zauberstab in deiner Hand? Albin, Albin, was hattest du den Leuten an Wahrheit
aus deinem Herzen zu bieten, wenn du ihnen deine schnen Reden hieltest? Wann
hast du zu ihnen anders als aus den Sorgen deiner Eitelkeit heraus gesprochen?
Wann sahest du je Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wie in dieser bittersen
Stunde, Albin Brokenkorb? Commediante - tragediante, hast du jemals aus einer
Stunde wie diese jetzige das geringste von der Menschen Wesen auf Erden in deine
Reden hineingetragen? Reden? Ja, Reden aus Redensarten! Zitate und wieder Zitate
- Konversationslexikonsweisheit und Tagesliebedienerei, Hofrat, Doktor Albin
Brokenkorb!

                                Fnftes Kapitel


Und morgen frh will er wieder vorsprechen, und er wird mich nach meinen
Erfolgen in der Welt ausfragen wollen!
    Er sprang empor, der Herr Hofrat Brokenkorb, noch immer mit dem alten
Weidorn aus der Hecke an der Trave in der Faust. Aber er machte jetzt Miene,
als wolle er das bedeutungsvolle Gedenkzeichen so weit als mglich von sich
schleudern; es blieb jedoch bei dem Gestus. Leise und scheu trug er nur das
wunderliche Memento des Jugendfreundes in die fernste Ecke des Gemaches und kam
zurck zu seinem Platz und sa von neuem hin mit den Ellenbogen auf dem Tische
und dem Kopfe in der Hand. Es war nun so spt in der Nacht geworden, da er
unter sich den Aufbruch der Gesellschaft in den Zimmern, die Stimmen, das Lachen
und die hfliche Dankbarkeit der Herren und Damen auf den Treppen und alles
andere Gerusch, was zu solchem Ite, missa est! gehrt, die letzten Gre vor
der Haustr und das Rollen des letzten Wagens vernahm. Er horchte angestrengt
hinter alledem drein und dachte: das ist der und der - da lacht die und die -
das ist der Wagen des Kommerzienrats Fallensleben, und da geht der gute Major
von Grtzbeutel mit seiner Frau; - und er war mit seiner Seele nicht im
geringsten bei all diesen Leuten und dem Lrm, den ihr Abschiednehmen in der
Stille der Nacht hervorbrachte.
    Ihm war unbedingt nicht wohl, es ging ihm alles zu arg durcheinander. Waren
das nicht dieselben Stimmen, das nmliche Lachen vieler gleichgltiger Menschen,
die ihm, auch eben, den Sinn betubt hatten am Ufer der Lbischen Bucht und im
Tanzsaal des Strandhotels zu Travemnde, als die Khne von der See
zurckgekommen waren und das junge Volk sich in die Tren drngte und das
Mondenlicht und das Licht der Kronleuchter auf einem jungen blonden Scheitel
glnzte, whrend die ganze brige Welt in einem Schatten versank, in welchem nur
der schwarze Peter drauen am Strande und die erzrnte Mutter, die Frau
Senatorin Brokenkorb, von Bedeutung waren?
    Erdwine! murmelte er, und dann suchte er sich zu entsinnen, wie lange es
wohl her sei, seit er diesen Namen zum erstenmal hrte. Jaja, noch einige Jahre
vor jener Sommerfestnacht an der See! Er war selber noch vollkommen ein Knabe,
als er eines Tages im Zimmer seiner Mutter eine sonderbar aufgeregte fremde Dame
mit einem kleinen Mdchen getroffen hatte. Und Mama und die Fremde hatten
einander du und bei ihren Taufnamen Amalie und Adele genannt, und nachher bei
Tische hatte Mama dem Papa mit kopfschttelnder Verwunderung und einiger Unruhe
das Genauere ber den Besuch erzhlt. Nmlich, da Adele, ihre beste Schul- und
Jugendfreundin, wieder in Lbeck sei und mit ihrem allerliebsten Tchterchen und
ihrem Mann, dem Leutnant Hegewisch, ein Huschen unter den kleinen Leuten vor
dem Tor bezogen habe. Erdwine heie das Kind, und der armen Adele sei es drauen
in der Welt nicht besser gegangen wie zu Hause von dem Bankerott ihres Vaters,
vom Bankerott von Ryge &amp; Kompanie an, und ihr Mann sei der nmliche
unpraktische, eigensinnige Phantast und Schwrmer wie in der Zeit, als die Dnen
die Trave blockierten und er zu den Schleswig-Holsteinern lief. Es sei ihr sehr
schlecht gegangen, der Adele, dem trichten Geschpf, und nun seien sie zu drei
wieder da - Mann, Frau und Kind -, und was sie - Amalie Brokenkorb - fr die
Freundin in der Gesellschaft tun knne, das werde sie selbstverstndlich tun. Es
werde dem armen Weibe, dieser lcherlichen Frau Leutnant, aber wohl herzlich
schwer werden, sich nur notdrftig durchzubringen, da sie nicht nur fr ihr
Kind, sondern auch fr ihren Mann zu sorgen habe.
    Der Hofrat Brokenkorb erinnerte sich ganz deutlich des Hm's!, das der Papa
damals hatte vernehmen lassen, und ebenso genau erinnerte er sich einer
Unterhaltung, die nachher im Kontor zwischen dem Senator und seinem
Schulgenossen und Buchhalter Uhusen vorgefallen war und die damit schlo da der
Papa seinen Gehlfen an einem Rockknopf an seinen Lehnstuhl zog und ihm
zuflsterte:
    Es ist mir angenehm, Uhusen, da Sie und unser armer Hegewisch Nachbarn
geworden sind. Nehmen Sie sich des Mannes nach Mglichkeit an, und wenden Sie
sich sofort an mich, wenn ich irgendwo helfen kann, ohne Aufsehen zu erregen.
Und, alter Freund, suchen Sie sich auch mit der Gans, seiner Frau, so gut als
mglich zu stellen. Sie werden's schon wissen, wie ich das meine; Sie knnen
vielleicht manches tun, dem Mann auch in dieser Hinsicht seine Lebensbrde zu
erleichtern. Sein Husten gefllt mir gar nicht; und ein guter Nachbar, der ein
wirkliches Einsehen in die Sachlage htte, wre dem armen Tropf wohl an die
Seite zu wnschen. Und, Uhusen, da wir gerade einmal bei diesem Thema sind: es
ist mir lieb, da Ihr Junge sich des meinigen etwas annimmt; und nun - lassen
Sie uns wieder von anderen Dingen reden; nehmen Sie die schwedische
Korrespondenz mit zu Ihrem Pult; Christiania mu sofort expediert werden; wegen
Dbourg &amp; Sohn in Kopenhagen will ich selber an unsern Rechtsanwalt
schreiben. -
    Der bekannte Gesellschaftsredner Albin Brokenkorb erinnerte sich ganz genau,
wie er noch am selbigen Tage in dem Hause vor dem Tor den Kameraden am Arm
genommen hatte: Du, weit du, was mein Papa heute gesagt hat? Du sollst dich
meiner annehmen und dein Vater des Herrn Leutnants, und die Frau Leutnant sei
eine Gans. Und meine Mama will sich der Frau Leutnant und Erdwinens annehmen,
und ich darf auch hflich mit ihr umgehen, mit Erdwine nmlich, und den guten
Ton niemals aus den Augen setzen, und das habe ich Mama auch versprochen und ihr
auch gesagt: eigentlich sei das gar nicht mehr ntig, denn du, Peter, betrgest
dich schon wie ein alter Ritter gegen sie, obgleich du sonst gar nichts nach
Mdchen frgest. Und den besten Ton httest du auch, das wte die ganze Schule,
und deshalb nennten sie dich auch nicht blo den langen Peter, sondern auch den
schwarzen Peter und Peter den Groen und manchmal auch gar nicht Peter, sondern
den Schmied von Jterbog.
    Schafskopf! hatte der lange, groe und schwarze Peter geschnarrt. Ach,
wenn die Damen seiner gewohnten Zuhrerschaften htten sehen knnen, wie tief
ihrem Lieblingsdenker die trumende Stirn herabsank ob der Trume dieser
Nacht, die ihm diesmal nicht aus Schaum und Dunst und Literaturgepflogenheiten
erwuchsen, sondern die der Nachhall wirklicher Schritte in der Welt, wirklich
gesprochener Worte, geweinter Trnen, gelachten Lachens, wirklich gefhlter
Gefhle und gedachter Gedanken waren! Sie htten ihn sicherlich wieder
entzckend gefunden; ob sie ihn begriffen haben wrden, wenn er ihnen auch
diesmal von seinen Stimmungen Bericht zu geben versucht htte, ist freilich eine
andere Frage.
    Stimmungen!
    Der Mensch macht sich Stimmungen und benennt dieselben dann verschieden.
Albin Brokenkorb machte aber in dieser Nacht seine Stimmungen seit langer Zeit
zum erstenmal wieder nicht selber und gab ihnen deshalb auch keine Namen; wir
aber, wir knnen item deswegen wahrlich nichts dafr, da unser Bericht von
seinen Bildern in dieser Nacht vielen im hohen Grade verworren erscheinen wird.
Eine Beruhigung fr uns ist, da die Lebenserfahrenen wohl wissen, an wen sie
sich in solchem Falle zu halten haben - nmlich an sich selber in
selbstdurchwachten gleichen Traumnchten und bei gleich unwiderstehlich ihnen
aufgedrngtem Phantasiespiel. - -
    Durch Jahre - aus der Kinderzeit bis in die Jnglingszeit, vorwrts und
zurck, wie der Geist, der in dieser Nacht Gewalt ber den Schlaflosen hat, es
will - gleiten die Schatten und Bilder, wie wir das schon mhselig ber die
letzten Seiten mit unserem Nachschildern begleitet haben. Es ist Tag, und es ist
Abend, es ist Frhling und Herbst, Sommer und Winter. Der schwarze Peter hebt
Erdwine Hegewisch ber die Hecke zum Kinderspiel, und der angenehmste Jngling
von Lbeck, Albin, horcht am Strande auf die Stimmen von der See, wo die
schnste Jungfrau der Heimatstadt, die lustige Gespielin im blumenbekrnzten
Kahn unter Festgenossen schaukelt, zu denen der schwarze Peter Uhusen, der dann
und wann immer noch der Schmied von Jterbog genannt wird, nicht gehrt und auch
selber sich niemals gerechnet hat. Eben war es noch, als sei die Welt gar nicht
zu denken ohne den Freund Peter und den Papa Uhusen und den Leutnant und die
schne Erdwine, und nun hat schon die gute, wohlmeinende selige Mutter mit dem
Vater gesprochen, wie sie es versprochen hat am Ufer der Mondscheinsee, und nun
sind sie alle gegangen - wie Traumgebilde einer Nacht - dieser Nacht. Wenn der
Stock im Winkel nicht wre, brauchte Hofrat Dr. Brokenkorb sich nicht im
geringsten auf ein Abgrbeln ber ihr mgliches, wirkliches Dagewesensein auf
der Erde einzulassen!
    Es half ihm nichts, dem armen Albin, da er das Gedenkzeichen so weit als
mglich von sich ab in den Winkel geschoben hatte; immer von neuem mute er
jetzt den Kopf nach jener Ecke hinwenden.
    Was ein Stock erzhlen kann! das htte von Rechts wegen das Motiv, der
Inhalt und der Titel seiner nchsten Vorlesung sein mssen; uns aber wird's
allgemach zuviel, einem Menschen auf seinen Sprngen zu folgen, der nicht mehr
imstande ist, seine Begriffe, Gedanken und Bilder beisammenzuhalten und
aneinanderzureihen.
    Wir hren nur noch, wie der Stock im Winkel sagt:
    So lebtet ihr zusammen, so liefet ihr auseinander - so verscholl Erdwine
Hegewisch in der Welt. Und nun geh zu Bett, Albin. Das Aufsitzen in der Nacht
hilft doch zu nichts. Morgen frh kommt mein Herr, der mich aus der grnen Hecke
schnitt, als ihr die Welt noch vor euch hattet. Was aber geht mich im Grunde das
an? Mir war's auch wohl, ehe mich der Narr, der schwarze Peter, Ihnen zu Ehren
und Nutzen, geehrter Herr Hofrat, vom erdeingeborenen Wurzelstock ri!

                                Sechstes Kapitel


Es war ein Morgen, wie er dem Erdenwanderer nur zu hufig im Buche steht und
jedesmal seine Kritik herausfordert, welchen Stnden er (der in ihn hinaus mu)
angehren mag, ob den gelehrten, ob den ungelehrten. Nur pflegen die gelehrten
Stnde die bitterste Kritik zu ben, zumal wenn sie im Besitze eines
Regenschirms sind und denselben mit einem Giftblick nach oben unausgespannt
lassen in der vollen Gewiheit, da die Feuchtigkeit heute auch von unten kommt
und keine Abwehr dagegen ist.
    Ein Dienstagmorgen, feucht, kalt, grau und verdrossen, und der Mann, der
durch ihn ohne Schirm herwandelte, dem Anschein nach ganz zu ihm passend - ganz
fr ihn gemacht! Dem Anschein nach - auf eine Entfernung von zwanzig bis dreiig
Schritten fr einen Kurzsichtigen, fr einen Weitsichtigen mehr.
    Lassen wir ihn nher kommen.
    Aus einem der Gasthfe von untergeordnetem Range, deren Fremdenliste die
Bltter nicht mitzuteilen pflegen, war er hervorgetreten, ein Mann auch noch in
den besten Jahren, gleich dem Herrn Hofrat Dr. Brokenkorb, jedoch wirklich nicht
vom besten Ansehen und in keiner Hinsicht zu vergleichen mit dem angenehmsten
Mann in Berlin. Hochbeinig, breitschultrig, dauerhaft in Loden und Leder! Was
die einzelnen Gliedmaen anbelangte, wenigstens so ziemlich wohlerhalten! Da er
mit der rechten Backe dem Feuer etwas zu nahe gekommen sein mute, da dieselbe
vom Ohrzipfel bis ber den Backenknochen schwarzgesengt war - da das rechte
Auge fehlte, hatte nicht viel zu bedeuten. Mit der Backe sah er nicht auf und in
die Welt, sie wurde hchstens nur von der Welt dann und wann auf den beln
Zufall hin betrachtet; und was das mangelnde Sehorgan anbetraf, nun so besa er
ja noch ein ungemein klares, kluges, ja schlaues und bei aller Schlauheit doch
frhlich-heiteres linkes Auge, dem so leicht nichts von dem, was sich rundumher
zutrug, entging. Dies beides lie sich also ertragen; viel unangenehmer und fr
einen werkhaften Mann aus den nicht gelehrten Stnden zuzeiten unbequem war's,
da der linken Hand der Zeigefinger, der Mittelfinger und der Ringfinger
mangelten, aber -
    Was kann es helfen? Solange der Mensch noch einen Daumen brigbehlt, um
ihn seinem tagtglichen Verdru aufzudrcken, soll er ja ganz zufrieden und
still sein und hchstens mit 'nem richtigen Maulwerk nachhelfen, wo die Tatze
nicht ausreicht, sagte Peter Uhusen. Mit dem Namen haben wir den Mann nher
kommen lassen und hoffen nunmehr, ihm bald so nahe als mglich kommen zu knnen.
Ihn aus seines Freundes Albin nchtlichen jour-fixe-Trumereien vllig
kennenzulernen, war, wie er selber - der schwarze Peter, der Schmied von
Jterbog - sich ausgedrckt haben wrde, die reine blasse Unmglichkeit. Was
wute gleich zum Exempel der Herr Hofrat von dem Schmied von Jterbog, wie er
jetzt nach jahrelangem Umhertreiben in der Welt von Wien nach Berlin kam? und
weshalb? Wie konnte der Hofrat ahnen, wozu die Weltgeschichte und diese
Geschichte den lang verschollenen Jugendfreund, den braven Peter, den schwarzen
Peter, den - Schmied von Jterbog der lbischen Jungen augenblicklich in Berlin
ntig hatte? -
    Wir haben wohl alle von dem Schmied von Jterbog gehrt und gelesen, wie er
in seiner Kunst ein so erfahrener Meister war, der beste seiner Zeit, wie er mit
dem Kaiser Friedrich dem Rotbart Mailand eroberte und in Apulien Krieg fhrte,
wie er als hundertjhriger Greis den Tod und den Teufel fing und wie ihm der
heilige Petrus drei Wnsche gestattete. Gromutter hat uns erzhlt, wie er mit
diesen drei Wnschen umgegangen ist und sich zum letzten statt der ewigen
Seligkeit eine Feldflasche mit einem nimmer versiegenden guten Magentropfen
erbeten hat. Wir wissen, da ihn nachher weder die Hlle noch der Himmel gewollt
hat und da er zu seinem alten Herrn in den Kyffhuser gegangen ist und dort des
Kaisers Schlachtpferd und die Pferde der Prinzessin und ihrer reitenden Frulein
beschlgt, bis - die Raben nicht mehr um den Berg fliegen. Wie kam der Mann aus
dem warmen, behaglichen, sdmmerigen Mrchenberg in den frostigen,
unfreundlichen, trbseligen, grostdtischen Herbstmorgen?
    Er, Peter Uhusen, der Schmied von Jterbog, hatte einfach eine Zerstreuung
ntig gehabt und wollte seinen Freund Brokenkorb besuchen, wie man eben auch
einen gleichgltig gewordenen Jugendgenossen, dessen Haus zufllig am Wege
liegt, auf einer Erholungsreise aufsucht. Am Montagnachmittag war er am Orte
angelangt, hatte die Wohnung des Hofrats richtig gefunden, aber ihn nicht in
derselben. Er hatte seine Visitenkarte - wir wissen, was fr eine - abgegeben
und war seines Weges gegangen und wie der Jugendfreund ziemlich spt zu Bett
gekommen. Recht gut hatte er sich bis in den Morgen hinein zu unterhalten
gewut, und zwar an mehr als einem Orte. Ohne die geringste Lokalkenntnis hatte
er sich sofort zurechtgefunden, und nun war er von neuem da, als ob er nicht
einen betrchtlichen Teil der Nacht, nach Schlu der Komdie, an seinem Tisch
hinterm Glase allein, in tiefer Betrbnis und in heftigem Heimweh nach -
Untermeidling gesessen habe. Wach, frisch, auf wackeren, vollkommen heilen und
ganzen Beinen, blickte er aus seinem einen Auge klar und vergnglich um sich
herum, kmmerte sich um die Witterung und Temperatur keinen Pfifferling und
summte eben, drei Gassen weit von seinem Gasthof und abermals auf dem Wege zum
Freunde, im Vorgefhl des Behagens, welches er unzweifelhaft ihm mitbrachte,
sich kitzelnd:

We'll take a cup of kindness yet,
For auld lang syne;

na, warte, miin Jung, mit dir werde ich bei einem guten alten Tropfen
hoffentlich auf die gute alte Zeit anstoen, wie es sich gehrt. Nach dem, was
man in den Zeitungen von ihm liest, mu er fein in der Wolle sitzen und sich
doch noch zu einem lieben, netten Menschen ausgewachsen haben.
    Er hatte, wie der Mensch hufig, wenn er sich am Morgen frisch und grn
fhlt, keine Ahnung von dem, was der Tag auch fr einen braven Mann wie er,
Peter Uhusen, der sich weder vor dem Tod noch dem Teufel frchtete, doch
berraschendes in seinem grauen Mantel tragen kann. Er, der eben noch ein
Gesicht machte wie sein Namensvetter, als der den Tod mit seiner Sense und dem
Scho voll Birnen im Birnbaum kleben sah, hatte nicht die geringste Ahnung
davon, da ihn blo drei Huser weiter Tod und Teufel - wieder einmal mit der
Nase auf der Menschen mgliche Schicksale in dieser Welt stoen sollten. - - -
    Drei Huser weiter ab fhrte durch eine offene, dunkle, niedere Tr eine
ausgetretene, schmutzige Steintreppe in einen Keller hinunter. ber der Tr
verkndete eine Inschrift den Leuten, da hier um alles gehandelt werde, was
Menschen nicht mehr gebrauchen knnen, aber dessenungeachtet doch noch gern zu
verwenden wnschen: vorzugsweise ihre Knochen, ihre Lumpen und - ihr altes
Eisen. Auf der Treppe aber, aus der Dmmerung ihres Geschftsreiches halben
Leibes in die Ober- und Gassenwelt hineinragend, stand die Inhaberin der
Niederlage irdischer Abgngigkeiten, die Hnde auf dem Rcken, in den Hnden
einen alten Infanterieoffiziersdegen, aus halb zugekniffenen Augen dem Anschein
nach auch nur in das Wetter sehend.
    Eine Frau von ungefhr sechzig Jahren! Das Haar, dem man es noch ansah, da
es seinerzeit sehr dunkel gewesen war, nicht grade salonmig frisiert, aber
doch auch nicht ganz ungekmmt; - Augen, die, wenn sie einen voll ansahen, noch
ebenso schwarz leuchteten wie an dem Tage, an dem sie zum erstenmal aufgemacht
worden waren; - ein stattlich Unterkinn - die Gesichtsfarbe ziemlich ins Gelbe
schlagend. Eine Frau von nicht geringem Leibesumfang, in blauschwarzem
Wollkleide und zum Schutz gegen das morgendliche Vorwinterfrsteln mit einem
buntfarbigen Tuch angetan, dessen Zipfel hinten ber den breiten Hften in einen
festen Knoten geschlungen waren -
    Gibt es denn dies? fragte Peter Uhusen, stehenbleibend und dem ersten
kurzen Blick einen langen und zugleich die sonderbare Frage folgen lassend: Ist
es denn mglich?
    Bei Gott ist alles mglich, bei den Menschen recht vieles; alles mgliche
aber findet der Herr bei mir oder kann er bei mir noch einmal anbringen. Alte
Lumpen, alte Knochen, zerbrochenes Glas, altes Eisen! Seinen ganzen alten Adam
mit Zubehr im einzelnen und im ganzen zu den zivilsten Preisen. Ja aber, bei
Hekate, Herr, Maulaffenhandel treibt unsere Firma nicht! Wird dem Herrn unwohl
oder wird ihm zu wohl in seiner Haut, so sage er es! Da - beide Hnde frei fr
alles, was der heutige angenehme Morgen bringt!
    Die Dame hatte in der Tat ihre Hnde frei gemacht, indem sie, ohne sich zu
drehen, den Degen, den sie hielt, mit einem energischen Ruck des Handgelenks in
die Tiefe ihres Gewlbes zurckgeschleudert hatte, wo er klirrend wahrscheinlich
einen Haufen andern alten Eisens vermehrte. Und beide Arme in die Seite
stemmend, war sie um eine Treppenstufe aufwrts mehr zutage getreten und stand
dem verdchtigen Kunden auf dem Brgersteige dicht Nase unter Nase.
    Signor, ich habe eine ziemlich ausgebreitete Bekanntschaft in der Welt.
Wenn's auf keinen schlechten Witz hinauslaufen soll, mit wem knnte ich diesmal
die Ehre haben - unter den Lumpen und - im alten Eisen?
    Dies war aber nun, wahrscheinlich weil die Frau sich ihren Mann bereits
genauer betrachtet hatte, gnzlich ohne Mitrauen und Zorn gesprochen. Im
Gegenteil, es lag in Ton und Ausdruck eine so gutmtige Weltverachtung und
unverwstliche Heiterkeit, da jedermann sofort merken mute, hier habe er es
mit einem vollkommen ungebrochenen Lebensmut und einem durchaus
unproblematischen Charakter zu tun, wie auch, was das letztere anbetraf, der
uere Anschein und die Toilette der Dame dagegen zeugten.
    Wer die Ehre hatte, das Weibsbild zu seiner ltesten Bekanntschaft zu
rechnen, gleich Peter Uhusen, der freute sich unter allen Umstnden, es noch
einmal wiederzusehen in der groen Tragikomdie unter unseres Herrgotts
Direktion. Und wie tief auch im Laufe der Zeiten und Menschenschicksale Frau
Wendeline Cruse in die Lumpen und ins alte Eisen geraten sein mochte, der
Schmied von Jterbog oder - an dieser Stelle: Herr Schmied aus Jterbog bot ihr
vor allem herzlichst beide Hnde: Gndige Frau, ich irre mich wahrhaftig nicht
- ich habe die Ehre! Guten Morgen, Frau Direktorin Cruse! Ma'am! - Signora! -
Mrs. Crusoe! Hamburger Berg, Lbeck - Celle - Brooklyn! Habe ich es mir nicht
immer gedacht, da wir zwei einander niemals fr immer verlorengehen knnten?
    Wie kann ein Mensch seine Rede ausreden, wenn er pltzlich bei beiden
Schultern gepackt, beim Tageslicht ganz genau besehen und eine ziemlich
abschssige Treppe hinunter in einen weniger dmmerigen als dunkeln
Produktenkeller gerissen wird. Der schwarze Peter, Peter Uhusen, Herr Schmied
aus Jterbog, oder was fr Namen sonst er auf Erden gefhrt hatte und noch
fhren mochte, fand sich taumelnd in der Dsternis, und es war noch ein Glck
fr seine gesunden Glieder, da er sich auch noch eine geraume Weile in den
Armen seiner eigentmlichen Freundin befand.
    Die gleicherweise vielbenamsete Freundin holte den guten alten Bekannten
nicht nur sofort zu sich herunter, sondern sie nahm oder ri ihm vielmehr das
Wort vom Munde und rief, ihn wie einen Sack ihrer Handelsartikel
zusammenrttelnd und - schttelnd: Es ist der Junge, der tolle Uhusen aus
Lbeck!... Ich kenne mich nicht, oder der Bursche ist es wirklich und
wahrhaftig!... Mein Schmied! Mein Schmied aus Jterbog!... Und das kommt da im
Morgennebel heran, kommt die Strae her und luft natrlich vorbei, wenn einen
nicht der Zufall im rechten Moment vor die Tr stellt! Grade wo einem der
Zufall... Menschenkind, gibt es einen Zufall? Da setzen Sie sich hin und
antworten Sie! Vor allen Dingen aber sagen Sie ehrlich, Schmied, sind Sie es,
oder sind Sie es nicht? Und wenn Sie es sind, weshalb haben sie sich so
niedertrchtig die halbe Maske ruinieren lassen?
    Der Schmied von Jterbog, der schwarze Peter Uhusen, sa war hingesetzt
worden. Eine Bank, ein Schemel oder ein Stuhl oder sonst dergleichen war's
nicht, was er unter sich fhlte, nachdem man ihn hingesetzt hatte; aber - er sa
weich auf einem Sack voll der Handelsprodukte der Frau Wendeline. Wahrscheinlich
auf einem Quantum Ware aus dem anrchigsten Geschftsbetrieb der Gro- und
Kleinhndlerin, auf einem Sack voll alter Kleider und sonstigen Lumpenzeugs.
    Er mute wohl ein Auge haben, das an den raschesten Wechsel von Licht und
Finsternis gewhnt war; denn sofort sah er sich genau um und rief mit
ernsthafter, verstndnisvoller Billigung: Sicherlich nahrhaft, gedeihlich, im
allerbesten Flor! Aber - wie die Sache eigentlich mglich ist, mcht ich dazu
wissen!
    Keine Frstin konnte in ihrem Prunksaal mit einer grazisern Hand- und
Fcherbewegung allem in der Nhe und in der Weite seine Grenzen andeuten; aber
keine andere Dame konnte auch in derselben Weise wie Frau Wendeline Cruse
hinzufgen: Auf Sie als meinen Griffith habe ich natrlich bis heute morgen
gewartet; nicht wahr, Schmied?
    Der zitierte Name klang ein wenig sonderbar im Lumpenkeller, allein am
unrechten Orte im alten Eisen fand sich der wackere Marschall der Knigin
Katharina von England durchaus nicht, und der schwarze Peter fand nicht im
geringsten etwas Merkwrdiges daran, ihm hier zu begegnen.
    Da ich Sie sofort auf der Treppe da wiedererkannt habe, liebste Frau, ist
doch schon etwas; nicht wahr, Frau Wendeline? Was knnte durch Feder und Papier
der Welt Besseres ber Sie verkndet werden als: noch ganz die alte! Ewig die
groe Frau, die Meisterin, die Knigin, Isis, Rhea - o Isis und Osiris! O Mama,
Mama, allen Umstnden gewachsen! Vivat die Mutter Cruse!?
    Sie lebe! sprach die Dame mit Nachdruck. Da sie das Ihrige tut, um
weiterzuleben, meine ich, sehen Sie recht deutlich, lieber Sohn. Ein reizendes
Altenteil, was? Wie man's seiner Mutter wnschen mchte, wenn man ein guter
Junge wre. Jaja, so weit sind wir! Unten angekommen unter den Lumpen,
abgenagten Knochen und im alten Eisen! Wie viele der jungen Enteriche, die sie
ausgebrtet hat, schwimmen behaglich, und wer von ihnen hat sich beim
Sonnenuntergang umgesehen nach der alten struppierten Henne am Ufer, der Mama
Cruse?
    Peter Uhusen reichte frs erste seine Hand herber. Die Mutter Cruse fate
dieselbe trotz ihrer melancholischen Betrachtungen ber den Undank der Welt
rasch und zrtlich; da es aber die verstmmelte war, lie sie sie fallen, doch
um sie sogleich desto fester zu ergreifen und den Gast und guten Bekannten
besserer Tage in wahrhaft mtterlich-betroffener Sorge sich nher zu ziehen!
    Bitt um Entschuldigung, wenn ich im vorliegenden Fall zuviel gesagt haben
sollte, Kind. Es ist freilich ein bichen dunkel hier; - fehlt - fehlt noch
etwas, armer Tropf? Da dir eine Gesichtshlfte in der Lebensschlacht abhanden
gekommen ist, habe ich leider schon bemerken mssen. Jetzt sagen Sie es aber
gleich gradeheraus, auf was die Prinzipalin bei der Generalinventur nicht mehr
zu rechnen hat. Armes Kken, hat dich der Habicht so arg in den Fngen gehabt,
whrend es mit uns anderen im Lauf der Dinge wenigstens doch ganz gemtlich
bergunter ging?
    Zerzaust hat der Geier oder Habicht, oder wie Sie das Ding sonst nennen
wollen, Ma'am, den Burschen genug, lachte der Schmied von Jterbog. Aber der
schne Rest eines fr deutsche Verhltnisse nicht unbedeutenden Stammkapitals
von Lebensmut und gesunden Gliedmaen ist heute noch ganz zu Ihrer Verfgung,
Mama Cruse. Ich wei nicht, wer sonst alles Ihnen Grund zum Verzweifeln an der
Welt gegeben haben mag; ich fr mein bescheiden Teil darf mir doch wohl
schmeicheln, drben in Brooklyn Ihren Segen mit auf den eigenen Weg durchs
Dasein genommen zu haben.
    Ein schner Weg - und ein schner Segen! brummte Frau Wendeline. Wie ist
mir denn? Nicht wahr, eine gute Handvoll aus dem braunen Busch auf diesem
Schdel da habe ich ja wohl auch von Ihnen beim Abschied zum Angedenken in der
Hand behalten?
    Ganz so schlimm war's wohl nicht, grinste Herr Schmied aus Jterbog. Wenn
Sie's denn nicht besser haben wollen, so scheren Sie sich meinetwegen aus dem
Tempel! uerten Sie sich, Mama Cruse. Ich kenne euch Tollkpfe ja. Wenn euch
der Hafer sticht, so ist kein Halten. Na, Schmiedchen, laufen Sie nur ruhig in
Ihr Verderben; Sie werden sich noch oft genug nach den Fleischtpfen und den -
Idealen der Mutter Cruse zurcksehnen. Und - Mama - bei Thespis, William
Shakespeare, Molire, Kotzebue, Goethe und allen, die sonst noch einen fahrenden
Musenkasten durch die langweilige Welt mitgeschoben haben, Sie hatten wie
gewhnlich recht. Nach Ihrer Naturalverpflegung habe ich oft das innigste
Verlangen versprt, und Ihre Ideale - haben mich gewrmt in des Lebens Frsten
und khl gehalten in des Daseins Hitze bis auf den heutigen Tag. So wahr ich,
wenigstens noch teilweise, vorhanden bin, ich freue mich unendlich, Sie
wiedergetroffen zu haben, und was noch von dem Kerl vorhanden ist, das steht zu
Ihrer Verfgung, alte, brave Musenmutter. Ich wollte wie sonst nur, ich knnte
es Ihnen alles so heimzahlen, wie Sie es mir seinerzeit gegeben haben von Lbeck
an, wo ich Ihnen hinter dem Rcken meines braven Vaters und der Tante Gottliebe
zum erstenmal des Spaes wegen als Meerkater und Herr Schmied aus Jterbog aus
der Verlegenheit half, und zwar glorreich.
    Das alte Weib, dies Bndel von winterlich-warmen, aber keineswegs
jour-fixe-fhigen Wollrcken mit seinem ber dem breiten Busen gekreuzten und
von vorn nach hinten gezogenen und zusammengeknoteten Jahrmarktshausmuttertuch
machte von neuem eine Handbewegung, die der vornehmsten Dame wrdig gewesen
wre. Dann aber klopfte sie, was noch besser war und ihr noch viel besser lie,
beinahe mtterlich-zrtlich dem wiedergefundenen guten Bekannten aufs Knie und
rief: Uhusen, ein guter Junge sind Sie immer gewesen, und als Sie im Ernst
nachher in Celle als Herr Schmied aus Jterbog und verunglckter weiland
Kniglich Hannoverscher Artilleriegefreiter zu mir kamen, habe ich Sie mit
Vergngen mitgenommen. Da Sie mir in Brooklyn durch- und mit in den
Sklavenkrieg gingen, das habe ich Ihnen im Grunde am allerwenigsten verdacht. So
ein Durchgehen ist doch zuletzt mein eigenes ganzes Dasein gewesen. Fr eine
Tochter der gebildetsten Stnde ist es hoffentlich einmal vor unserem Herrgott
kein zu bel riechend Lob, da sie so wohlbehalten zuletzt unter den Lumpen und
im alten Eisen anlangte. Jaja, Schmied von Jterbog, so spielen uns unsere
Illusionen mit, und Sie - Sie sehen mir auch nicht aus, als ob Ihnen Ihre Ideale
Wort gehalten htten.
    Wie Ihnen, Mutter Cruse!
    Dann bin ich schon zufrieden, sprach die alte Dame ernsthaft, fragte aber
sofort mit der heitersten Ironie: Und wenn ich fragen darf, was haben sie, Ihre
Trume vom Leben meine ich, im besonderen fr Sie abgeworfen, Korporal Nym? Was
war der Humor von der Katzenbalgerei? Kapitn bei Chickahominy natrlich! Major
beim groen Laufen von Bull-Run - Colonel eines verdammten Niggerregiments bei
Gettysburg - Brigadegeneral -
    Und das alles htte ich in Ihrer Schaubude bequemer und noch bei weitem
groartiger haben knnen! lachte der schwarze Peter Uhusen. Hren Sie auf,
Mama, wenn Sie auch annhernd recht haben! Beinahe war's so - bis auf den Major,
den Colonel und den Brigadegeneral. Als Kapitn haben sie mich wirklich bei
ihrer Artillerie gebrauchen knnen. Bevor ich der weiland kniglich
hannoverschen durchging und in Sankt Pauli - nicht in Celle - bei Ihnen
einsprang, gndige Frau, hatte ich wenigstens einen recht hbschen Grund auch
hierzu gelegt. Als Lerse in Ihrer Bearbeitung des Gtz von Berlichingen fr den
Hamburger Berg und als Ritter Harold von Pappnasen in meinem eigenen Zugstck -
wissen Sie noch? - Blankeneser Seeruber - war ich freilich noch grer.
    Jetzt bitte, Schmied, hren auch Sie auf! seufzte halb lachend, halb
weinend die alte Frau im alten Eisen und schlug die Hnde im Scho zusammen.
Jawohl, so weit war die Wendeline Cruse damals schon nach ihrem letzten
fliegenden Sommerglck als Direktrice des Lbecker Stadttheaters bis hinunter zu
Ihrem Pappnasenpiraten fr den Hamburger Berg, Schmied aus Jterbog. O Gott, wie
leid hat es mir manchmal in stiller Nacht getan, da Sie nicht in Wirklichkeit
mein Junge waren, Kind! Geohrfeigt, geprgelt htte ich Sie alle Tage dreimal
nach Noten und ohne Noten; aber wenn Sie einmal Ihre Talente, wie die arme
Wendeline die ihrigen, der albernen Welt in die Rapuse geben muten, unter
welchem Mebudenschilde konnte das besser geschehen als unter dem meinigen?
    Seit der Erffnung des Theaters zu Blackfriars, seit dem Roten Ochsen, dem
Phnix, dem Globus und dem Cockpit zu Drurylane war keinem Hanswurst bessere
Gelegenheit gegeben, aufs Seil zu gehen, als mir unter Ihrer Leitung, Mama
Cruse.
    Das Exemplar, aus dem ich euch den sen William klarmachte, ihr
Pappnasenritter und Affen, habe ich gerettet ins alte Eisen. Doch wir kommen ab
von dem, was mir doch gegenwrtig die Hauptsache ist. Passen Sie auf Ihr
Stichwort, Schmiedchen. Also, was haben Sie getrieben, wie ist es Ihnen
ergangen, und wozu haben Sie es gebracht, seit ich Ihnen nicht mehr die
Butterbrtchen strich und die Leviten las?
    Peter Uhusen erhob die verstmmelte Hand und zwinkerte heiter mit dem
gesunden, dem sehr gesunden, klugen und klaren Auge:
    Was htte ich weiter anderes treiben knnen als Dummheiten, Mama? Nach
Ihren Fleischtpfen habe ich mich dann und wann bitterlich zurckgesehnt, Ma'am!
Nach Verdienst ist es mir natrlich ergangen, und als Sie mir den Namen Schmied
aus Jterbog in einer Ihrer liebenswrdigen Stimmungen anhingen, da hatte Ihnen
unbedingt ein Gott das Wort auf die Zunge gelegt wie meinem Freunde Brokenkorb
den Schmied von Jterbog, mit dem er mich bei seiner gndigen Frau Mutter in
Mikredit brachte. Ich bin der Schmied von Jterbog, das heit, ich habe in sein
Geschft hineingeheiratet und seine Tochter zur Frau genommen. Die liebe Sage
wei von dieser Tochter nichts; aber sie existierte, und ich habe sie ihm von
der Seele genommen als das einzige, was ihm darauf lag, da er zum Kaiser
Friedrich in den Kyffhuser ging. Anderes hinterlie er nicht. Die Wundergaben
hafteten natrlich nur an der Persnlichkeit. Sein Birnbaum wurde mit dem Garten
hinterm Hause und dem Hause selbst subhastiert; und die Esel, die den Sack, in
welchem man den Teufel fangen konnte, in den Kehricht warfen, wuten sowenig,
was sie taten, wie die andern Esel, welchen das Tellertuch, der Dumling und der
verrostete Pfennig der drei guten Rolandsknappen in die Hnde fielen.
    Die Leute knnen nicht alle fr die Lumpen, die Knochen und das alte Eisen
dieselben guten Augen haben wie wir, mein Sohn, sagte kopfnickend Frau
Wendeline Cruse. Aber wie ist mir denn? Sie selber? Weshalb haben Sie selber
nicht Hand auf die Wunderstcke gelegt, junger Mann?
    Mama, nicht taub werden! rief der schwarze Peter. Hab ich's Ihnen nicht
gesagt, da ich mir des Alten Tochter hingenommen habe aus seinem Nachla?
Sollte das unter Umstnden nicht gengen, um den Teufel und den Tod in die Falle
zu locken?
    Unter allen Umstnden! lachte die alte Dame. Freilich ist's eine andere
Frage: wem zum Profit? Und da mte man doch wohl erst wissen, wie das Mdel war
und wie die junge Frau sich machte. Lieber Schmied von Jterbog, ich habe mehr
als einen armen Tropf kennengelernt, der drei Tage nach der Hochzeit sich dem
Teufel mit Vergngen bergab und den Tod beschwor, seinem irdischen Dasein im
huslichen Glck so rasch als mglich ein Ende zu machen.
    Peter Uhusen sa eine Weile stumm, wie in tiefstes Nachsinnen ber diese
Worte versunken. Dann seufzte er schwer, und dann - blickte er auf und mit dem
noch vorhandenen, glnzenden Auge auf die Mutter Cruse und sagte:
    In Wien - im Vorort Untermeidling liegt das Herze auf dem Kirchhof, seit
dem Zehnten vorigen Monats. Wenn mir in diesem Moment jemand einen gengenden
Grund dafr angbe, weshalb ich hier sitze, so wre ich ihm dankbar. Emerenz
heit sie, und die Raketenhlsen frs nchstjhrige erste groe Praterfeuerwerk
drehte sie noch mit. Mein Name ist Peter Uhusen aus Lbeck, alias Herr Schmied
aus Jterbog; aber meine Firma lautet: Pyrotechnisches Laboratorium von
Hausrucker &amp; Cie. Hausrucker bin ich, und Cie, war meine Frau.

                               Siebentes Kapitel


Groer Gott! rief Frau Wendeline Cruse mit dem tiefsten Mitgefhl auf dem
wetterfesten, wahrlich nicht hlichen Altweibergesicht. Bei uns geblieben der
Gelehrte, der Kriegsmann und auch das Stck Hofmann, das in ihm steckte, in ihm,
dem Schmied aus Jterbog, der zu der Direktorin Cruse kam, weil sie ihn sonst
nirgends in der Welt zu irgend etwas hatten gebrauchen knnen! Guter Gott, wie
gut er seine Rolle begreift!
    So ist es! sprach Peter Uhusen. Der Junge, der vor Ihren Lampen im
Lbecker Stadttheater nur zu oft den Boden der Wirklichkeit unter den Fen weg
verlor, der desertierte Kriegsknecht, den Sie als Herrn Schmied aus Jterbog in
Celle und auf dem Hamburger Berg unter Ihre Fittiche nahmen, der Dichter der
Blankeneser Seeruber, der Dramaturg, Regisseur, Inspizient von Mrs. Robinson
Crusoes vereinigtem Drurylane- und Globetheater auf Brooklyn, sie sind smtlich
beim Handwerk geblieben, sind ganz im besondern bei Ihnen, in Ihrer Welt
geblieben, Sie alte wundervolle Mutter Cruse! Wir spielen unsere Rollen gut und
lassen den Pbel nicht in unsere persnlichen Gefhls- und
Privatangelegenheiten. Wir wissen unsere Gesichter zu schneiden.
    Hren Sie, Schmied, sagte die alte Dame in Rhrung, Ratlosigkeit und
stolzer Genugtuung, es ist ein frostiger Morgen; wir wollen nher an den Ofen
rcken, und ich will Ihnen ein Glas Wein zu trinken geben, als sen wir wieder
zu Sankt Pauli hinter der Kulisse.
    Und uns einbilden, das Kind in Untermeidling, die Emerenz, sitze derweilen
noch bei ihrer Papparbeit und sei fest versichert, da ihr Peter ihr nur deshalb
in die winterliche, graue nordische Fremde durchgebrannt sei, um im nchsten
Sommer jede Praterkonkurrenz durch wissenschaftlichen Verkehr mit den hchsten
pyrotechnischen Autoritten der norddeutschen Brderschaft grndlichst zu
ruinieren! sagte seufzend der Mann, der gestern abend seinem Jugendfreunde sein
Wahrzeichen dagelassen hatte.
    Htte ich ihr mdes Kpfchen im Schoe gehalten, ich knnte nicht mehr von
ihr wissen, als ich jetzt schon von ihr wei߫, murmelte die Frau Wendeline, in
der dunkelsten Tiefe ihrer Geschftshhle, in dem unheimlichsten Winkel allerlei
fragliche Handelsartikel aus dem Wege rumend und nachher mit einem
Schlsselbund an einem Schranke rasselnd. Und dann kam sie mit einer Flasche
wirklich echten alten spanischen Weines und zwei seltenen venezianischen
Flgelglsern zurck und sagte:
    Es ist die Meinung der Welt, da wir am Fue der Leiter uns alle dem Trunk
ergeben, Uhusen. Aber wie Sie sehen, Schmied von Jterbog, habe ich auch dies
unabwendbare Schicksal nach Mglichkeit veridealisiert. Es ist nicht das
erstemal, da wir so mit dem Glase auf dem Knie hinter dem Spiegel, hinter der
Kulisse hocken und von der Menschen Illusionen jenseits der Lampen und des
Vorhangs plaudern. Also verheiratet haben Sie sich, Kind? Und am Zehnten vorigen
Monats ist Ihre Frau gestorben. Wie ein anderer, ein Groer oder Grester aus
Ismael, haben Sie auch den Versuch gemacht, es so gut haben zu wollen wie
andere. Wo knnten Sie Ihr Herz besser ausschtten als hier bei uns im alten
Eisen?
    Vortrefflich! murmelte Peter. Mit Vergngen, Mama Cruse, aber - wissen
Sie wohl, da Sie mich im Laufe unserer Bekanntschaft eigentlich recht oft und
genau ausgeholt haben, da Sie im Grunde lngst von mir mehr wissen als ich von
Ihnen? Wir haben uns nun lange nicht gesehen, und ich finde Sie, wie Sie selber,
gottlob gelassen, sagen, am Fue der Leiter, im alten Eisen: wie wr's, wenn Sie
zum erstenmal mir wirklich von sich selber sprchen, ehe ich Ihnen eingehenderen
Bericht, nicht noch einmal von mir, sondern diesmal von meiner Frau gebe?
    Eine Sache, die in drei Worten abgemacht werden kann und an der ich bis an
meines Lebens Ende wiederkuen knnte, murmelte die alte Dame. Wren Sie bei
den schreibenden Stnden geblieben, Uhusen, so wrde ich Ihnen heute vielleicht
den Vorschlag machen, meine Memoiren zu redigieren. Da sitzt noch ein frherer
Bekannter von uns hier in der Stadt - ein feiner Mann, ein berhmter Mensch und
trotz aller Vielbeschftigung ein Mann ohne Zweck und Ziel. Den Herrn Hofrat
Brokenkorb meine ich -
    Und ich war eben auf dem Wege zu ihm, als Sie vor der Treppe da mich
anhielten.
    Sieh, sieh! So kehrt das Schicksal seine Haufen zusammen, wenn es ihm Zeit
scheint. Nun machen Sie fr mich ihm meinen Vorschlag, und fordern Sie ihn auf,
mich bei Gelegenheit auch wieder einmal zu besuchen und wie Sie alte lbische
Jugenderinnerungen von neuem aufzufrischen.
    Mit Vergngen, gndige Frau! Aber nun fr mich zu den drei Worten ber Ihre
Lebenslufe in auf- und absteigender Richtung. Sie wuten Ihre Leute sehen vor
und hinter dem Vorhang auszufragen. Mich selber haben Sie allewege wie einen
Handschuh um und um gewendet; aber Sie selber blieben uns stets die groe
Unbekannte. Da bin ich nie auf die Kosten meiner Verehrung fr Sie gekommen
oder, wenn Sie lieber wollen - meiner Neugier. Und ich habe doch nach
Mglichkeit in Lbeck, in Sankt Pauli, in Celle und in Brooklyn in das Gewlk
geblasen und an Ihrem Schleier gezupft.
    Das Wort gndige Frau klang wohl ein wenig sonderbar an diesem Orte; aber
als die wunderliche Althndlerin jetzt sich aufrichtete, das Haupt hob und mit
der Hand den Gast zum Sitzenbleiben ntigte, htte jedermann sagen mssen, da
es vollkommen auch in diese Hhle gehre, da die passende Trgerin dazu
vorhanden war. Ruhig und gelassen, als ob sie etwas ganz Selbstverstndliches
erzhle, sagte sie: Sie haben recht, Uhusen. Man soll sich, wenn es Zeit wird,
einen ehrlichen Gesellen und keinen Narren aussuchen, dem man das Konzept zu
seiner Grabrede lt. Ich bin die Tochter meiner Eltern. Mein Vater war der Sohn
eines rheinischen Regierungsrats und lief ohne Talent zur Bhne. Meiner Mutter
Lieblingsbuch war Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, und sie war die Tochter
eines Bonner Professors der Mathematik und eine Dichterin, die im geheimen
Tragdien schrieb und einen Schauspielerroman verffentlicht hatte. Sie fanden
sich zusammen, wie Vgel von denselben Federn sich zusammenzufinden pflegen. Und
zu meinem Glck! Denn jedes hat mir von sich das Beste gegeben an Intellekt und
Temperament; - es lebe die Unverwstlichkeit der Menschheit, Peter Uhusen! - Sie
hatten eine Erbschaft getan oder in der Lotterie gewonnen oder einen
vermglichen Narren aus den erwerbenden Stnden zu sich herbergezogen - was
wei ich -, sie hatten, was ich sicher wei, eben mich auf den Hals bekommen,
als sie zu Gelde kamen. Wie aus einer Theaterversenkung bin ich, ein nacktes
Kind, auf dem Sturmwind reitend, in die Luft und ins Leben geworfen, und zwar
unter der Regie von Papa und Mama - auf ihrer eigenen Bhne in einer
schwbischen Provinzialstadt. Nach Marbach haben sie mich zur Taufe gebracht -
    Wie sie mit dem frommen Kind Eulenspiegel von Kneitlingen nach Ampleben
gingen, brummte der schwarze Peter, aber:
    Nein! rief nachdrucksvoll, und die Hand im vollen Pathos erhebend, Mutter
Cruse. Nein! ... wie nrrische Leute, die nicht wissen, was sie tun, aber bis
in die letzte Lebensfiber hinein die berzeugung haben, da sie auf dem rechten
Wege sind und Phariser, Schriftgelehrte und Philister schwatzen und die Nasen
rmpfen lassen knnen! Wollen Sie mich noch weiter hren, Herr Schmied aus
Jterbog?
    Ich bitte um Verzeihung, da ich unterbrach, schne Frau, sagte recht
kleinlaut Peter Uhusen.
    Die armen Kinder, seufzte die alte Frau, den Kopf schttelnd; und es klang
recht wunderlich, sie ber ihre Eltern als arme Kinder seufzen zu hren. Sie
hatten fr alles Hbsche und Schne, fr alles, was glnzt und wohl duftet und
fein klingt und zum Lachen und zum Weinen reizt, Sinn und Verstndnis. Ach nur
zu viel Sinn, wenn vielleicht auch nicht im gleichen Mae Verstndnis! Mama zog
ihre Schleppen nicht nur ber ihre Bhne, sondern auch durch ihren Salon. Wir
hatten einen Salon - im ersten Stock, im zweiten - im dritten. In einem vierten
Stockwerk hrte dies Vergngen auf in einer Mittelstadt in Mitteldeutschland,
grad als ich ungefhr sechzehn Jahre alt geworden war. Schmied von Jterbog, in
jenem Lebensalter bin ich schon die Vormnderin meiner Eltern gewesen und habe
ihr Lachen und Weinen, ihr Kinderlachen und Kinderweinen, zu Ruhe sprechen
mssen mit Vernunft und Verstand. Und die Geschfte mit dem Pfandhause habe ich
ganz geschickt besorgt. Die Hausfreunde, die in jenen Jahren mir persnlich
dabei mit ihrem Geldbeutel und mit ihrer Lebenserfahrung unter die Arme greifen
wollten, die warf die Tochter meiner Mutter am besten vor die Tr und
verriegelte dieselbe fest hinter ihnen. Nun, Sie kennen das ja, alter Freund.
    Damals noch nicht. Polierte in jenen holden Tagen noch die Schulbnke im
Lbecker Katharinenkloster, in Gesellschaft mit Freund Brokenkorb, brummte
Peter Uhusen.
    Und schwrmte verstohlen von der obersten Galerie herunter fr die junge,
hbsche Madame Cruse, die erste Liebhaberin und Frau Direktorin, he? Jaja, Gott
hab ihn selig, meinen guten alten Vater Cruse. Ich sehe noch heute sein Grinsen,
mit welchem er Sie, in sein Meerkaterfell eingenht, mir als meinen glhendsten
Verehrer vorstellte. Mein alter, lieber Vormund, Vater und Gatte! Er hatte mich
auf den Armen getragen, und er trug mich nach Papas und Mamas Tode auf den
Hnden. Er bezahlte ihnen die Srge, und ich bin ihm eine gute kleine Frau
gewesen und habe es ihm in dieser lppischen Narrenwelt wahrlich nicht durch
Dummheiten quittiert-
    Sie sollen leben, teure Frau! rief Uhusen, doch die alte Freundin wehrte
ab, und zwar wiederum mit einer bezeichnenden Handbewegung. Der alte Bekannte
stellte sein venedisch Glas denn auch neben sich auf den schwarzen, schmutzigen
Boden und kte nur seiner vornehmsten, wenn auch nicht liebsten weiblichen
Bekanntschaft im Leben die Hand. Das war wahrlich schicklicher so, und die
Herrin im alten Eisen lie es sich denn auch gefallen und gab weiter Bericht von
sich, ohne sich zu berheben.
    Welch eine wundervolle Kinderzeit habe ich bei meinen Eltern und ihrem
genauesten Umgang gehabt. Im plattierten Glanz unserer Jubeljahre und beim
Lichtstmpchen in der Dachstube. Die zwei lcherlichen Krabben sind mit ihren
Idealen im Herzen und hochtnenden Worten auf der Zunge gestorben, und ich - ich
bin ihre rechte Tochter gewesen und bin es gottlob geblieben bis hierherunter zu
den Lumpen und ins alte Eisen. Und mein greiskpfiger Hanswurst von Mann! Mein
melancholischer Komikus Papa Cruse! Er hatte natrlich wie wir alle seinen Beruf
verfehlt, und so kam er, zeigte uns nach abgelegtem Pachter Feldkmmel, wie der
Knig Lear auf der Heide rase und der General Wallenstein den Max mit seinen
Pappenheimern abziehen lasse. O Uhusen, wie gro waren Papa, Mama und unser
Freund Cruse unter sich allein, und wie wenig spielten wir Komdie, wenn wir
unter uns allein waren, so nach Mitternacht, wenn alles, was Komdiant und
Philister zu gleicher Zeit ist, zu Bett war!... Und er war doch ein guter
Geschftsmann, mein lieber Alter. Ich kam zu ihm wie Fitchers Vogel im
Kindermrchen, nackt in einem Fischnetze, nicht gefahren und nicht gegangen. Ich
habe es gut bei ihm gehabt, solange er lebte, und in seinem Sinne habe ich nach
seinem Tode ein tapferes und vergngtes Leben weiterfhren knnen. Als Sie auf
dem Hamburger Berg zu mir kamen als Herr Schmied aus Jterbog, da stand ich
schon seit Jahren in seinen Schuhen, und Sie wissen, wie ich lag und wie ich
meine Klinge fhrte als Frau Direktor Cruse, als Mrs. Crusoe, als Mutter
Robinson, auf beiden Hemisphren fest im Sattel.
    Jedwedem armseligen Lebenskomdiantengesindel vor und hinter dem Vorhang
doppelt und dreifach gewachsen! rief der schwarze Peter, in heller Begeisterung
lachend und mit einer Trne in seinem einzigen Auge.
    Ich hatte es ihm - meinem seligen Mann versprochen, mich wacker zu halten,
sagte die alte Dame, nachdenklich den Kopf wiegend, ohne viel auf den
Enthusiasmus ihres gegenwrtigen Gastes zu achten. Ich hre ihn noch in seiner
letzten Stunde auf dem Gasthausbett: Ltt Dirn, denke immer dran, da du es
gewesen bist, die einen graukpfigen Hanswurst am Hngen gehindert hat! Kleine
Frau, lieb Kind, tue mir den einzigen Gefallen und kmmere dich um nichts, aber
horche auf alles und sieh um dich wie der Vogel auf dem Zweige: fr einen
Menschen, der um sich her in der Welt Achtung gibt, kann immer noch was zwischen
den Nagel an der Wand und den Strick in der Hand kommen. - Nachher lachte er
noch einmal so, wie er lachte, wenn man ihm als groem Komiker eine
Liebenswrdigkeit sagte, und sah mich mit Augen an, die ich niemals vergesse,
und dann - ab! Und ich mit seiner krampfigen Hand um mein Handgelenk - allein im
Geschft. Ja, lieber Schmied aus Jterbog, bis dato ist mir immer noch was
zwischen den Nagel und den Strick gekommen, und mit der Lebensverdienstmedaille
unterm Hemde und unter der Haut sitzt die Mutter Cruse - glcklich unten
angekommen, am Fu der Leiter im alten Eisen. Und nun erzhlen Sie mir von Ihrem
jungen Weibe in Sicherheit und im Frieden zu Untermeidling.

                                 Achtes Kapitel


Peter Uhusen stand auf von seinem Sitze auf dem Lumpensack. Er fuhr sich mit der
verstmmelten Hand durch den gewaltigen Haarbusch. Er holte tief Atem und rieb
sich mit der gesunden Faust die Stirn und seufzte:
    Und diese - dieses Weib wnscht von - mir, von einem armen Tropf gleich
mir, was Genaueres darber zu erfahren, wie Menschen in dieser Welt treppab und
treppauf gehen! Und sie schmt sich ihrer Heldenhaftigkeit und unterschlgt sie
mir uns, dem gewhnlichen Plebs, und verweist uns auf ihre Memoiren an der
Stelle, wo ihr Kampf mit Dummheit, Bosheit und Trivialitt fr uns Alltagspbel
noch interessanter wird. Mama, liebe alte Mama, so lasse ich dich noch nicht! So
mir die Gtter gndig sind, ist es nicht das letzte Mal, da ich auf diesem Sack
sitze und von diesem Keller aus die Erde endlich einmal im vollen Lichte liegen
sehe! In Untermeidling habe ich mein liebes Weib auf dem Kirchhofe und Busch und
Baum und im Sommer Weinlaub um Fenster und Tr und im Herbst Trauben und
sddeutschen Himmel im Sommer und Winter ber dem Dach. Sie sind eingeladen, das
fr die schnste Zeit des Jahres - fr alle Zeit, solange es Ihnen gefallen mag,
Mutter Cruse, mit diesem Keller zu vertauschen; aber fr mehr als eine
Winternacht hier im Keller mit der widerwrtigen Gasse drauen lade ich mich
selber jetzt wieder bei Ihnen zu Gaste, Mama. Oh, und ich wollte, ich knnte
noch meine Frau mitbringen!
    Wie Sie zu der gekommen sind, wollten Sie mir erzhlen, lieber Sohn, sagte
die alte Dame. Ob wir zwei uns noch einmal unterm Rebendach oder im
Lumpenkeller zusammenfinden und beieinanderhocken, das ist wohl nur eine
Kuriositt. Aber wissen mu man, was neu zur Gesellschaft kommt! Der letzte
Althndler sortiert da auch und rechnet nicht jeden, jede und jedes nobel zum
alten Eisen.
    Aus dem Feuer habe ich mir die Kastanie geholt, rief Peter Uhusen, die
verstmmelte Hand erhebend und damit auf die schwarze Nase und das verbrannte
Auge deutend. Es war eben eine heie Zeit fr den alten streichischen Schmied
von Jterbog an der schnen blauen Donau. In Ungarn hatte er in der Artillerie
Kriegsdienste getan, wie ich in den Veruneinigten Staaten. In Italien war er mit
seinem Kaiser gewesen und hatte sein Geschtz in den fatalsten Schlachten sauber
bedient. Vor Tod und Teufel frchtete er sich nicht; aber mit seinen Glubigern
wute er durchaus nicht umzugehen.
    Das haben manche Leute so an sich, sagte Frau Wendeline.
    Und also war es ein Glck, da sein Mdchen auf mich verfiel, der sein
lebelang auf das lieblichste mit dergleichen Halunken zu verkehren wute. Sind
Sie einmal in Wien gewesen, gndige Frau?
    Nur im Fluge.
    Also sind Sie in Grinzing wahrscheinlich nicht bekannt. Im Krapfenwldchen
auch nicht und im Buchenwald ber Schlo Reisenberg ebenso. Spukte es dort noch
odisch-magnetisch vom seligen Freiherrn von Reichenbach her, ich kann's nicht
sagen; aber was Magnetisches war an jenem Tage sicherlich dabei und in der Luft.
Dort war's, wo ich mit meinem besten Theatertenor aus dem Busch trat und mich
dem alten Hausrucker wie seinem Kinde ins Herz krhte. Ein Flein
Gumpoldskirchner hatte er zu Ehren von seines Tchterleins Geburtstage aufgelegt
im Walde, und seine Zugharmonika hatte er mitgebracht. Na, Sie kennen mich,
Mutter Cruse, und wissen, da ich verstehe, mich den Leuten vorzustellen und
gleich von der hbschesten Seite zu zeigen. Diesmal gehrte ich nach zehn
Minuten vollkommen zur Gesellschaft; denn so wie diesmal hatten Licht, Luft,
Landschaft, Tagesstunde und Menschen seit lange nicht zu mir gestimmt. Nachdem
der Meister einen Augenblick der Abendsonne wegen die Hand ber die Augen
gehalten hatte, legte er sie mit militrischem Gru an die Stirn und sagte: I
hab die Ehr, Herr Kamerad, und es ist mir ein Vergngen auf ein Glas
Gumpoldskirchner, und die Madeln haben auch nichts dagegen. - Mama, ich
schmeichle mir, auch Sie hatten nichts dagegen, als ich kam. Die Damen haben
gottlob immer selten etwas gegen mich einzuwenden gehabt, wenn ich gekommen bin.
Kinder, wer da wei, was er euch schuldig ist, sich nicht zu grausam vor euch
frchtet, nicht zu albern den Narren oder das Tier herauskehrt, der kann sich
schon bei - euch Madeln angenehm machen. Auch noch als Veteran aus dem
nordamerikanischen Sklavenkriege! Die Dmmsten von euch wissen hier noch immer
sofort herauszufinden, wer von uns armen Sndern seine beste Zeit noch vor sich
und fr euch zur Verfgung hat. Selbstverstndlich hatte ich auf dem Wege zum
Kahlenberg hinauf den Alten am Arm und zog selber im Zug die Zugharmonika. Und
noch selbstverstndlicher hatte ich auf dem Heimwege den Volksmusikblasebalg
wieder abgegeben und fhrte vom Leopoldsberg hinunter die Kleine im rosa
Sommerkleide nach Nudorf. Am folgenden Abend wute ich in Untermeidling in der
Werkstatt und dem Haus- und Schuldenwesen des alten Feuerwerkers Joseph
Hausrucker ziemlich Bescheid, aber unter seinem verzauberten Birnbaum hinten im
Hausgarten vllig. Bei allem, was lieb und herzig ist, war der Birnbaum richtig
verzaubert! Und wer diesmal klebenblieb fr Zeit und Ewigkeit, das war Ihr Herr
Schmied aus Jterbog, Mama Cruse! Anfangs saen wir zu drei auf der Bank unterm
Baum, der Alte, sie und ich, und nimmer logen zwei Konstabuler wie der vom Po
und der vom Potomak einander so die Jacke voll. Nachher, als wir zu zweien
saen, sie und ich, habe ich mir Gewissensbisse genug darber gemacht. Sie hatte
auf ganz andere Dinge zu achten als auf unsere Abenteuer zu Wasser und zu Lande.
Das arme Ding war eben nicht anders und besser dran als wie Sie, Mutter Cruse,
wenn Sie in Sorgen und Bngnissen hinter der Szene die Groschen und Pfennige
zhlten, whrend wir andern leichtsinnigen Hanswrste drauen am Seil hingen und
nicht wuten - wohin mit der Freud. Man kann den Tod und den Teufel im Sack
haben und bei allem eigenen Lebensmut seiner liebsten und nchsten Nachbarschaft
denselben vollstndig nehmen.
    Es ist gut, da Sie es wissen, wie sehr Sie da recht haben, lieber
Schmied, seufzte Frau Wendeline.
    Weil ich's wute, bin ich ja auf der Bank klebengeblieben und habe bei der
Gant auf den Birnbaum im Garten, den Garten selber, das Haus, des Kaisers alten
tapfern Feuerwerker und - das Kind mitgeboten und gottlob das letzte Wort und
hchste Gebot gehabt. Es kam alles glcklicherweise billig weg; und als mein
Mdchen mit Trnen fragte, ob es - es, Mutter Cruse!, das Gebot wert sei, da
habe ich blo einen Augenblick eine seiner goldenen Flechten in der Hand gewogen
und sie ihm dann unter das se, betrbte Wiener Nschen gehalten.
    Sie sollen leben, Schmied von Jterbog, murmelte die Frau Wendeline.
    Nun ja, seufzte der lange Peter melancholisch, zuerst ging es damit an -
mit dem Leben nmlich. Die Welt ist nicht lauter Zugharmonika, Strausche Walzer
und bers-Fa-Rutschen beim heiligen Leopold, und der graue Kamerad gehrte eben
zu den Glcklichen, die das nicht einsehen wollen und knnen. Nun ja, ich habe
ihn recht vergnglich zu Tode fttern drfen, meinen braven Schwiegerpapa; und
an dem gewohnten Getrnk hat's ihm auch nicht gefehlt bis zum letzten. Ich war
lange genug als Vagabund in der Welt herumgefahren, um ihm dankbar zu sein als
ein guter Sohn fr den Unterschlupf in seinem Haus und in seiner Tochter liebem
Herzen! Als ich an seiner verpufften Feuerradshlse stand, hat's mir ebenso leid
wie seinem Kind getan, da sich das Ding nicht lnger vergnglich drehte. Und
nachher habe ich sein Geschft mit seinen und meinen Humoren fortgesetzt, und
zwar in verbesserter Auflage. Sie htten es damals, als ich als der verlaufene
junge Herr Schmied aus Jterbog unter Ihre Flgel kroch, wohl nicht fr mglich
gehalten, da sich dieser Tagesschwrmer und Nachtfalter noch einmal, und gar im
lustigen Wien, zu einem soliden Geschftsmann durchfressen sollte - seinem Weibe
zuliebe? Beide Fuste gbe ich darum, Mama, wenn Sie heute das Kind, mein Weib,
mein liebes Weib, darum fragen knnten, Mutter, liebe Mutter Cruse.
    Alles habe ich dir zugetraut, mein guter Sohn, mein tapferer Sohn! Ach,
Schmied aus Jterbog, unter allen Umstnden ist Ihre Art, im alten Eisen
anzulangen, nicht die trostloseste, glauben Sie es mir! seufzte die alte Dame,
ihre Augen trocknend.
    Ja, im alten Eisen! rief der Schulbankgenosse des Herrn Hofrats Dr.
Brokenkorb. Es ging hei her im Kampf um Soll und Haben in unserer jungen Ehe.
Muten mir die Gliedmaen, die ich aus dem amerikanischen Sklavenkrieg heil
davongebracht hatte, hier an die Wnde und gegen die Decke des Laboratoriums von
Hausrucker und Kompanie fliegen! Es gab auch einen recht netten Krach dabei, der
mir mein jung blhend zweites Leben von der Bank unterm Birnbaum im Garten im
Sprung in den Qualm, das Kopfunter, Kopfber der hchst berflssigen
Zndmasse-Explosion hineintrieb. Solange ich Atem hole, werde ich den sen Atem
meiner jungen Frau auf meinem Gesicht spren, wie sie mich fate und nach Leben
und Tod auf der gebratenen, blutenden Alt-Sldner-Fratze suchte. Mama, es war
wahrhaftig nichts Besonderes, in dem Moment dem Liebchen zu sagen: Herz, es hat
nichts auf sich! und dem Esel von Lehrbub, der das Unheil angerichtet hatte, den
nchsten Wasserkbel ber den Kopf zu stlpen. Ach, ja, meiner Schnheit wegen
nahmen Sie mich seinerzeit auch nicht, Mutter Cruse; und was mein Donauweiblein
anbetraf, so gengte es, da es mit jedem Rest davon zufrieden war.
    Der Erzhler stand jetzt und reckte sich und schien die unverletzte Faust
noch einmal auf ihre Kraft zu Abwehr und Angriff im Lebensgeschft zu prfen.
Die alte Dame whlte im dunkelsten, unheimlichsten Winkel ihres jetzigen
Geschftslokals unter ihren Handelsartikeln. Ohne sich an das Geklirr und
Geklapper, welches sie in der Tiefe ihrer Hhle verfhrte, zu kehren, sprach
Peter Uhusen weiter hinein in die Finsternis und den durchaus nicht lieblichen
Moderduft des Abfallkellers.
    Ach Mama, Mama Cruse, Sie htten dabeisein mssen, als sie, meine Frau,
mein Weib, mein liebes Mdchen, sich noch solch einen argen Abzug an meiner
Holdseligkeit gefallen lassen mute. Sie vor allen, Mutter Cruse. Denn wenn
jemand auer der Emerenz in den gemtlichsten, behaglichsten Stunden, Tagen und
Wochen meines Daseins mir mit am Bette htte sitzen sollen, so wren Sie die
Person gewesen. Das Kopfende lie sich freilich durch anderthalb Monde bei Tag
und bei Nacht Emerenz Uhusen nicht nehmen; und so hab ich's, zerfetzt, halb
gebraten, halb blind, in Erfahrung gebracht - endlich im Leben in Erfahrung
gebracht, wie behaglich es tut, sich gut gebettet zu haben!... Und nun soll ich
wohl Ihnen das Nhere und Weitere davon berichten, wie ich an meiner Frauen
Kopfkissen neulich zur Vergeltung zu sitzen hatte und wie ich sie gut betten
mute - oh, so gut, so weich, so tief und so in die Stille, da sie sehr tricht
wre, wenn sie frs erste den Kopf wieder unter der Decke vorstreckte?! Es ist
ganz mit rechten Dingen zugegangen, wie ja alles in der Welt so zugehen soll.
Aber - liebe alte Mutter, fragen Sie jetzt nicht weiter danach, wie sie mir nur
zu tief, zu sanft einschlief und vorher nur sagte: Behalte mich lieb, ich habe
dich auch liebgehabt, Peter. - Jaja, Mutter Cruse; zwei saubere Lebensveteranen
finden wir uns wieder! Zerhauen, zerfetzt am Leibe und kummervoll in der Seele
und einsamer denn je auf dem Wege. Wer von uns beiden hat nun noch mehr als ein
stoisch, stumpfes Achselzucken fr den guten Freund? Ich oder Sie bei den Lumpen
und Knochen?
    Und - im alten Eisen! sagte Frau Wendeline Cruse, die nunmehr das, was sie
suchte, unter ihrem Vorrat gefunden hatte und frstlich, kniglich wie in ihren
besten Lebenstagen und an ihren stolzesten Bhnenabenden vor ihrem Herrn Schmied
aus Jterbog stand, und zwar gesttzt, mit beiden Hnden am Griff, auf den alten
Degen, den sie vorhin in der berraschung dieses Wiederfindens hinter sich in
ihr altes Eisen geschleudert hatte. Und seltsamerweise fragte sie dazu: Und
jetzt kommen Sie natrlich von Lbeck, mein armer Schmied von Jterbog?
    Uhusen sah sie nur einen Augenblick verwundert an, dann aber sagte er gleich
mit vollstem Verstndnis der Frage:
    Der Trstungen der sen Heimat wegen? Nein, Mutter Cruse, nur bis Mlln
kam ich, wo mir ein altes Gedenkzeichen aus der Jugendzeit, ein Stock, den ich
vor Jahren aus einer lbischen Hecke geschnitten hatte, bei einer letzten,
braven alten Tante noch im Winkel stand. Was die Vaterstadt anbetraf, so
schnarrte es seltsam in Mlln unter einem alten Grabstein mit Eule und Spiegel
hervor: Nimm Rat an, alter Junge, Bruderherz! Bin ich nach irgendeinem
Daseinsjammer und -jokus jemals wieder in Kneitlingen gewesen? Hat mein Chronist
mir je solch ein Wagnis nachweisen knnen? Was willst du suchen, und was kannst
du finden da - zu Hause, Bruder Schmied aus Jterbog? Gehst du im Katzenjammer
hin, so schneiden dir die alten Gassen, Pltze, Huser und Trme sehr kuriose
Gesichter und verhelfen dir trotz allem Kindheitsglockenklang wahrlich nicht zu
einem trstenden sauern Hering. Wnschest du aber mit deinen Lebenstaten und
-errungenschaften grozutun, na, so halt dich meinetwegen an die Menschen, alte
und neue; ich bin fest berzeugt, du wirst dich nicht lange ber die erste
Wirtshausrechnung und Herzerleichterung hinaus im versunkenen Jugendvineta
aufhalten. Hre Vernunft, Uhusen; la die Toten von den Toten begraben worden
sein. Der alte Papa und die Tante Gottliebe, und was sonst dazu gehrte, werden
es dir nicht belnehmen, da du ihnen nicht auf den Kirchhfen nachkriechst, um
ihnen von den goldenen Flechten und blauen Augen unter dem grnen Hgel in
Untermeidling zu ihren verwahrlosten Ruhestellen hinunterzuflstern. Wir warten
schon in aller Ruhe, da man uns nachkommt: ich fr mein Teil seit dem Jahre
eintausenddreihundertundfnfzig. Was willst du noch zu Hause, Peterchen aus der
Fremde? Vielleicht auf hie und da einen gemtlichen Frhschoppen, auf eine
behagliche Kneipnacht an den alten bekannten Orten ber und unter der Erde dich
vertrsten? Probiere es nicht, rate ich. Es ist nicht anzuempfehlen, sich zu
abgestandenen Krgen und altgewordenen Jugendbekanntschaften zu setzen. Halt
dich an dein jetziges Blau-, Grn- und Rotfeuer, suche deinen Raketensatz lieber
berall anderswo als in der Stadt Lbeck zu verstrken. In Berlin zum Exempel
haben sie einige Lichteffekte, von denen ihr selbst in Wien noch nichts wit. Da
es nicht anders sein kann, reise ruhig in - Geschften! Gehe nach Berlin, es ist
das beste, so wahr ich - hier aufrecht vor dir begraben stehe. - Mama Cruse, das
gab den Ausschlag. Da sie wirklich in Lbeck nichts wissen konnten von Frau
Emerenz Uhusen, bin ich einfach - in Geschften in Berlin.
    Aber einen alten Bekannten aus der Heimatstadt gedachten Sie doch auch hier
am Orte aufzusuchen? - auf die Gefahr hin, sich auch hier zu abgestandenen
Schoppen und Freundschaften einzuladen.
    Jawohl, brummte der schwarze Peter. Es ist dann und wann auch in der
Neuen Freien Presse von dem groen Mann, dem berhmten Menschen Albin Brokenkorb
die Rede. Wir sind gute Freunde gewesen und auseinandergekommen, wie man so im
Leben auseinanderkommt. Was eine Wirklichkeit war, wurde zu einem Namen, einem
Klang und blieb lange Jahre weiter nichts als das. Dann aber wird bei
Gelegenheit solch ein Klang wieder zu - zu einem Schatten, auf den man sehen
kann, auf den man hinsieht und der, je lnger man auf ihn hinsieht, desto mehr
Knochen, Blut und Fleisch bekommt. Zu gelegener Zeit fat man dann mal die ganze
Erinnerung in ein Bndel von Wehmut, rger, Anhnglichkeit und dem Bedrfnis,
nachtrglich noch eine Tracht Prgel auszuteilen, zusammen; und - so haben Sie
recht, Mama, ich habe, wenn auch keine Sehnsucht, so doch ein Verlangen nach
dieser Jugendfreundschaft gehabt. Und gestern abend schon war ich vor der Tr
des alten Jungen. Er hat mit seinen Talenten zu wuchern gewut; na der Himmel
segne ihm seine Glorie! Da ich ihn nicht zu Hause traf, habe ich ihm meine
Visitenkarte dagelassen. Meinen Weidorn aus dem Altjungfernwinkel zu Mlln.
    Einen Knppel haben Sie dem Herrn Hofrat Brokenkorb in die Stube
geschickt? rief die Frau Wendeline.
    In Lbeck hatte ich ihn stehenlassen, ehe ich in die Welt, zu den
Hannoveranern, zu Ihnen, Mama, in den Sklavenkrieg und nach Untermeidling ging.
In Mlln hat ihn mir, wie gesagt, meine letzte kimmerische Tante aus dem Winkel
geholt und gesagt: Der ist aus dem Nachla der Tante Gottliebe, und es hing
frher ein Zettel dran, da er fr dich aufgehoben werden sollte. - Albin wird
sich der Bocksfratze am Griff auch wieder erinnern.
    Da, Peter Uhusen! rief die Frau Wendeline, ihren Gastfreund gegen die
Treppe ins hellere Licht ziehend. Ich wollte dich damit zum Ritter schlagen,
nun aber frage ich dich nur: sollte nicht auch dies einiges Interesse fr den
Herrn Doktor Brokenkorb haben?
    Sie gab den Degen dem Gast in die Hnde. Der lange Peter nahm ihn mit
einigem Erstaunen und besah natrlich zuerst den Griff, an dem die Parierstange
abgehauen war, was ziemlich sicher dartat, da die Klinge wirklichen Dienst
gesehen und in der Mnnerschlacht mitgefunkelt habe.
    Ja, geh nur damit ins Licht! murmelte die alte Dame. Ins Licht, so hell
es der Tag und der Kehrichtkeller der alten Extheaterdirektorin, der Frau im
alten Eisen, zu bieten haben. Wundere dich nur, wie eine andere Regie ihre
Requisiten zu Lustspiel und Trauerspiel in Ordnung hlt. Die Klinge, die Klinge,
Peter Uhusen aus Lbeck!
    Und die Waffe zitterte in der Hand des starken Mannes, als jetzt sein Auge
an dem alten Eisen niederglitt und er auf der einen Seite der Klinge las:
    1848, 9.April - Bau. - 1849 - Kolding, Guds - Fridericia.
    Und auf der andern Seite:
    Armee von Schleswig-Holstein. Wolfram Hegewisch.
    Peter Uhusen fuhr mit der verstmmelten Hand ber die Stirn:
    Hegewisch!... Erdwine Hegewisch!... Ich trume dies!... Der Herr
Leutnant... die Frau Adele - groer Gott, Erdwine Hegewisch! Albin, Albin! Das
Haus und der Garten an der Trave, mein Vater, die Tante Gottliebe - die Frau
Senatorin! Frau, Freundin, Mama Cruse, beste Mutter Cruse, wie kommen Sie zu
dieser Plempe, dieser sonderbaren, teuern Klinge, die ich so oft in den Hnden
gehalten habe, die mir durch meine besten wundervollsten, lcherlichsten und
abschmeckendsten Jugendtage blitzte?
    Wie man im alten Eisen zu solch einem alten Eisen kommt, Herr, sagte Frau
Wendeline ohne alles Pathos, aber dafr mit desto echterm Ernste.

                                Neuntes Kapitel


Der lange Peter trat fehltretend von den Stufen der Kellertreppe, die er des
bessern Lichtes wegen bestiegen hatte, herab in das Dunkel des Gewlbes. Er
fate, die Waffe des ersten schleswig-holsteinschen Freiheitskrieges mit dem
Rest der verstmmelten Hand haltend, mit der gesunden den Arm der Freundin, und
zwar nicht blo, um sich im Stolpern auf den Fen zu erhalten.
    Jetzt sagen Sie, woher Sie das Ding haben, alte Zauberin! In welche
Wunderhhle bin ich geraten? In was fr ein Traum- und Mrchendster soll ich
noch versinken? Ich bin nicht nach Lbeck gegangen aus Furcht vor aller
vorweltlichen Slichkeit und Verdrielichkeit, und da - hier kommt Lbeck zu
mir, und wieder einmal knnte der zweite Betrug rger werden denn der erste. Wie
gert dieser tragikomische oder vielmehr komisch-tragische Sbel jetzt zu mir
und meinem Stock, und zwar bei dieser schon so wundervollen Zufallsbegegnung?
    Wissen Sie gewi, Freund, da das nur eine Zufallsbegegnung war? Ich wute
wohl, wie das Sie in die Hhe jagen wrde, obgleich mir selbst der Name auf
diesem Stck alten Eisen natrlich nur eine dunkle, undeutliche Erinnerung ist.
Jaja, Schmied aus Jterbog, wie machen es die Toten, um noch einmal ein Wort im
Verkehr der Lebenden mitsprechen zu knnen? Ich habe Sie jungen Narren nicht
umsonst auf meines Mannes Bhne als Meerkater zu Gast gehabt und habe nicht
umsonst als Gast der Soireen der Frau Senator Brokenkorb Heraus in eure
Schatten, rege Wipfel! rezitiert. Hegewisch? Ich hatte eben mit Mhe mit meinen
alten Augen den Namen auf der Klinge entziffert und mich gefragt: Ist dir nicht
einmal ein Trger solches Namens ber den Weg gelaufen?, als Sie die Gasse
herunter kamen. Das Kind, der Junge, der diesen guten Degen fr eine Dte
Sargngel bei mir, unter dem alten Eisen der alten Wendeline Cruse, zum Pfand
lassen wollte -
    Das Kind? Der Junge? Was fr ein Junge? - Um Gottes willen!
    Nun, ein Knirps von ungefhr zwlf Jahren. Einer von der Art, wie ich sie
alle Tage vor meiner Tr am Schopf oder am Ohr zu nehmen habe, um mir die
notdrftigste Ruhe und einige Sicherheit vor dem Pfeifen, Zischen und Werfen mit
faulen Eiern zu verschaffen. An dieses Publikum vor den Lampen habe ich wohl
nicht gedacht, als ich, meiner armen Eltern Kind, in das Ideal durchging; aber
das Schicksal lehrte es uns, auch mit ihm den Kampf weiterzufhren. Am Fue der
Leiter, Uhusen! Im alten Eisen, Schmied von Jterbog! Der Gasse da drauen dann
und wann eine zu gute Komdie, eine fast ans Tragische streifende Komdie, mein
tapferer Kamerad aus dem Sklavenkrieg ums Dasein! Meinen Sie nicht?
    Geht sie nicht gutwillig, nehme ich sie mit Gewalt mit nach Untermeidling,
murmelte Peter Uhusen; doch das andere Interesse berwog augenblicklich zu sehr.
Mit vor Aufregung zitternder Stimme rief er:
    Der Junge? Der Junge mit dem Degen des Leutnants Hegewisch, Mama, liebste,
beste, tapferste alte Mama?!
    Jawohl. So dachte ich natrlich zuerst, das ist auch einer aus deiner
jetzigen Nachbarschaft im Erdenkriege, und nahm ihn also schon auf der Treppe am
Kragen und fhrte ihn mit mir herunter, wie ich so manche andere, junge und alte
- als ich noch meine jungen Locken schttelte - mit hinter die Kulissen genommen
habe, um ihnen meinen und ihren Standpunkt klarzumachen. Wie ich auch euch, Sie
Hansnarr, und Ihren Freund, den groen Herrn Hofrat Brokenkorb, kurz euch beide
dummen Jungen aus dem Gassenpublikum, hinter dem Vorhang gehabt habe zu einem
vernnftigen Zwiegesprch.
    Ich bitte Sie um alles in der Welt, lassen Sie jetzt den groen Brokenkorb
und den abgeschmackten, lcherlichen Knieschlotterer Uhusen! murmelte der
Schmied aus Jterbog.
    Sie gehren doch wohl dazu, sagte Frau Wendeline. Ich hatte da im
Hintergrund des trben Morgens wegen beim Lumpensortieren mein Lmpchen noch
brennen; und bei dessen Schein sieht mich der Junge an und sagt: Ich habe keinen
Unsinn im Kopfe; ich mchte nur fr einen Groschen Ngel, aber ich habe auch
kein Geld. - Und das soll kein Unsinn sein, du Schlingel? meine ich und
schttele das arme Geschpf weiter. Euch kenne ich! Ein Nagel zu meinem Sarge
mchte jeder von euch werden. Es steht wohl deutlich genug drauen geschrieben,
da hier nur mit altem Eisen gehandelt wird. - So geben Sie mir den Groschen
hier fr meines Grovaters Offiziersdegen, und wenn Sie ihn mir aufheben knnen,
bis ich ihn wieder abholen kann, so sollen Sie, so sollen - ich lasse jetzt das
Schtteln und ziehe das Kind nher an die Lampe: Was soll, was soll ich dann? -
Mir die Erste und Liebste auf Erden sein; aber ich habe nichts mehr weiter auf
der Erde als den Degen hier, und ich brauche fr einen Groschen Ngel! - Wozu?
Fr wen? - Fr meine Mutter. - Und deine Mutter schickt dich? - Nein, meine
Mutter ist tot, und sie haben uns den Sarg geschickt, aber die Ngel vergessen;
und ich bin der letzte Erbe, und der Degen ist nicht gestohlen, und ich habe Sie
niemals mit geneckt, Madam, und wenn Sie mir ihn aufheben wollten, so wrde ich
ihn wiederholen und das Geld zurckbringen, sobald ich kann.
    Und Sie fragten den Knaben nach seinem Namen, nach der Wohnung seiner
Mutter? rief Peter Uhusen; aber die alte Komdienmutter lie sich in ihrer
Weise der Darstellung nicht irren. Sie erzhlte gut, und das Ding lebte in jedem
ihrer Worte, in jeder ihrer Handbewegungen und sonstigen Gebrden.
    Ich wrde das Geld wiederbringen, sobald ich es habe, sagte der Junge, und
wenn Sie dazu einen Groschen fr Milch fr meine kleine Schwester und fr Brot
fr uns beide leihen wollten, so wollte ich mich schn bedanken und, wenn Sie
mich nach der Schule wozu brauchen knnen, es gern abverdienen hier im Keller.
    Der Name - die Wohnung des Knaben - der Frau - der Kinder! rief Uhusen,
mit dem Fue aufstampfend, in zitternder Faust das in so seltsamer Weise ihm in
den Pfad geworfene Memento seiner Jugendzeit, dies wundervolle
Erinnerungszeichen der besten, sonnigsten, phantasienreichsten Tage seiner
Kindheit und Jugend.
    Schulzenstrae Numero zehn - fnf Treppen hoch. Nur Ruhe, Schmied aus
Jterbog! Ja, der Name, der Name? Ob sich wohl Ihr Freund Albin mit Hlfe Ihrer
Visitenkarte des Namens Erdwine Hegewisch wieder erinnert hat? O ihr
Mondscheinnchte von Travemnde, ihr Segelfahrten mit Zither und Waldhorn auf
der Lbischen Bucht. Jaja, Herr Schmied aus Jterbog, der Erde Lust,
Zierlichkeit, Lieblichkeit, Glanz und Flle mag noch in grimmigerer Dunkelheit
zu Ende kommen als wie hier in meiner Versenkung, im dstern Keller, im alten
Eisen, unter den Knochen, abgetragenen Kleidern, Lumpen, Lappen, und was man
sonst so Abflle des Lebens zu nennen pflegt.
    Dem Firmainhaber von Hausrucker und Kompanie in Untermeidling war es zumute
- nicht wie am stillen Sterbebette seines Weibes, sondern wie im rgsten Lrm
einer seiner amerikanischen Schlachten, oder noch besser wie damals, als ihm
seines Schwieger Vaters Laboratorium um die Ohren flog und ihm das halbe Gesicht
und das beste Stck von der einen Faust an die Wnde und gegen die Decke
mitnahm. Es waren aber auch nicht des Daseins Mondscheinnchte, wie sie ihm Frau
Wendeline in die Erinnerung zurckrufen wollte: es war der Sonnenschein ber den
Nachbargrten, die grne, lebendige Hecke, die dieselben voneinander schied,
welche in dieser Stunde, in diesem Augenblicke die alte Waffe in seiner Hand
gespenstisch vor ihm aus dem Dunkel aufsteigen lie. Es ging ein Leuchten von
der Klinge aus - das Blitzen, wie es in einer Gewitternacht den fernsten
Horizont zeigen kann.
    Da lag die Welt einst in der Sonne! sagt dann der Wanderer auf der
Landstrae, der Schiffer auf hohem Meer, der Fahrgast im Eisenbahnzuge oder der
Mann und die Frau, die einsam um Mitternacht die Stirn an die Fensterscheibe
drcken und nur die regentriefende Gasse, das spiegelnde Pflaster im
Laternenschein und den dunkeln Himmel ber den Dchern zur Aussicht haben. Der
starke, gute Mann in dem trostlosen Alterszufluchtsort der starken, guten,
weisen Frau, der groen Frau Wendeline Cruse, murmelte:
    Dies trume ich, oder es hat mich jemand am Kragen von Wien her in diese
jetzige Stunde hinein vor sich her geschoben! Madam, ich wiederhole es Ihnen,
ich habe gestern abend meinen Stock bei meinem Freunde Albin als Visitenkarte
abgegeben!
    Und ich will Ihnen helfen, durch den heutigen Tag zu kommen, Uhusen, und
ihn wo mglich zu einem guten Ende zu bringen. Gehen Sie bei Ihrem Freunde,
unserm Herrn Hofrat, nach Ihrem Stock jetzt den Degen des Leutnants Hegewisch
ab. Nehmen Sie eine Droschke, holen Sie den Mann, wo mglich in aller Gte,
mglichst rasch hierher zu mir. Das beste wird freilich sein, wir drei alten
guten Bekannten gehen zusammen zu den Kindern der schnen Erdwine Hegewisch,
eurer Prinzessin aus Traumland. Jaja, wir stehen unter einer seltsamen Regie,
Freund Schmied aus Jterbog, alias Peter Uhusen aus Lbeck. Und dieser Direktion
gegenber ist noch niemand kontraktbrchig geworden.

                                Zehntes Kapitel


Sie aen und tranken, und als sie satt waren, hatten sie den ganzen Tag ber
nichts mehr zu tun, und den nchsten Tag, den Montag, auch.
    So ging ja wohl das erste Bruchstck dieses Berichts, und zwar das, welches
bis jetzt von den Hauptpersonen handelte, zu Ende? Und nun - von wieviel Leuten
und Dingen, Verhltnissen, Gegenstnden, Um- und Zustnden haben wir reden
mssen, ehe es uns jetzt gegnnt wird, zu dem schaurigen Anfang zurckzukehren
und mehr davon zu sagen, was die Worte zu bedeuten hatten: und den nchsten Tag,
den Montag, auch...
    Den ganzen Sonntag und den Montag auch hatten die zwei Kinder nichts zu tun.
Es kam keiner aus dem Hause zu ihnen; aber man schob ihnen wieder Brot und
Kaffee vor die Tr, und zu Mittag klopfte es sogar an derselben, und als der
Junge drauen nachsah, fand er auf der Schwelle einen Napf mit warmer Suppe und
einem Stck Fleisch darin. Sie lebten sowohl am Sonntag wie am Montag sehr gut.
So gut wie seit lange nicht! Und der Junge sagte das auch. Es ist aber doch
nicht wiederzugeben, wie diese Zeit eigentlich hinging; die beste, die
sonnigste, die grimmigste Phantasie von uns Erwachsenen verliert sich da ber
alle Grenzen des Nachempfindens hinaus in unbestimmte Reiche des Grauens.
    Morgen und Abend; Nacht, Morgen und Abend und wieder Morgen! Wie das da ber
dem Durcheinander der Hunderttausende in der leeren Kammer, so voll von
Schrecken, Dmmerung und Nacht und zu seiner Zeit wiederum Dmmerung und Tag
geworden ist: es knnen wohl Mtter bei der Vorstellung ihre Kinder fester an
sich drcken und nur verworren denken:
    Lieber nhme ich euch mit, ja - schickte euch - voraus!
    Je lnger diese tote Mutter nicht sprach, desto mehr frchtete sich ihr
jngstes Kind vor ihr und wagte nicht, nach ihr hinzusehen. Da war es sehr
ntzlich, da die ltere Waise, da der Junge in den Gassen aufgewachsen war und
schon mehr tote Menschen gesehen hatte und wute, da die Toten nicht reden.
Aber noch besser war es, da er, wenigstens an diesen beiden Tagen und in diesen
zwei Nchten, den Degen seines Grovaters noch zur Abwehr besa und ihn im
linken Arm hielt, mit der tapfern rechten Faust am Griff, wenigstens wenn die
kleine Schwester schlief. Wenn sie wachte, mute er freilich die mit dem linken
Arm umfassen und ihren Kopf an seine Brust drcken; aber dann legte er jedesmal
die alte Waffe aus dem schleswigholsteinschen Kriege, den seinerzeit viele Leute
fr etwas sehr Bedenkliches, sehr Aufregendes, sehr Schreckliches hielten, ber
seine und ihre Knie und hielt auch so die rechte Hand am Griff.
    Wie verschollen das fr uns ist, diese an die alte Klinge sich knpfenden
Historien, die schlimmen Geschichten aus den Jahren achtundvierzig,
neunundvierzig und fnfzig, die nachher doch auch zu einem ganz guten Ende
gekommen sind! Wie das fernher klingt von dem offenen Brief Christians des
Achten, von den Generalen Wrangel, Bonin und Willisen, von dem Waffenstillstand
zu Malm, dem Frieden von Berlin, dem Londoner Protokoll! Bau, Kolding, Guds,
Fridericia, Idstedt und Friedrichstadt: wer vernimmt den verklungenen
Gefechtslrm noch unter dem Nachhall des wirklichen Schlachtendonners, der jenen
Namen gefolgt ist? Und Sieger haben auch damals und dort gejauchzt und Besiegte
geweint oder mit den Zhnen geknirscht; und der Degen von Bau, Fridericia und
Idstedt war ein guter Degen, obgleich er einem Besiegten angehrt hatte, einem
Unterlegenen, nicht blo in jenen winzigen Schlachten, sondern auch in einem
grimmigern Kampfe, dem um des Menschen Dasein auf Erden berhaupt.
    Und die gute, edle Klinge tat ihre Pflicht auch in der Hand des neuen
Erdenkmpfers - durch den Sonntag und den Montag, bei Tage und in der Nacht, bis
sie auch ihm entwunden wurde und in das alte Eisen geriet, wir wissen schon,
wann und wo.
    Sei nur still, Paule, sagte der Knabe, solange ich den hier habe, tut uns
keiner was. Ich frchte mich vor der Mama gar nicht, und fr die andern hat sie
mir ja grade diesen aufgehoben und ihn nicht mit unsern andern Sachen verkauft.
Du weit, wie blank er blitzt, wenn die Sonne scheint, und, guck, ich halte ihn
mit ausgestrecktem Arm schon eine Minute lang, ohne mit der Hand zu zittern.
Wenn ihn der Gropapa aus der Scheide gezogen gehabt hat, haben auf dem
Schlachtfeld viel Tausend Tote um ihn her gelegen. Schlafe du nur ruhig wieder
ein, Paulchen; ich bin wie auf Wache bei dir und auch bei der Mama. Sie kann ja
nichts dafr, da sie dir Angst macht, und sie hat gesagt, da sie sich auf mich
verlt und da ich ein tapferer Held fr dich sein soll.
    Und wenn sie die Mama im Wagen abholen, so fahren wir auch mit aus?
    Sie haben es mir versprochen. Aber nachher gehen wir in die weite Welt, und
es ist mir einerlei, was sie in der Schule sagen, wenn der Lehrer mich aufruft
und einer von uns Jungens sagt: Er ist nicht da; seine Mutter ist gestorben und
hat ihm seine Schwester anempfohlen, und sein Gropapa war ein berhmter
Offizier in den grten Kriegen, und er ist mit seiner kleinen Schwester und
seines Grovaters Degen in die weite Welt gegangen...
    Die gute Klinge hatte im hellsten Sonnenschein auf keinem der winzigen
Schlachtfelder diesseits und jenseits des Danewerks je einen solchen Glanz
gegeben wie an diesen dunkeln Tagen, in diesen schrecklichen Nchten! Wie alle
guten, echten Schwerterklingen hatte sie, obgleich sie zuerst nur von einem
Enthusiasten, einem Phantasten, einem halbwegs nrrischen armen Menschen
gefhrt worden war, etwas von dem Zauber an sich, der Gram, Mistelteier, Mimung
und Balmung, der der Joyeuse des Kaisers Karl, dem Durandel Rolands des Paladins
und dem Flamberg Richards von Montalban zu einem Leuchten bis in unsere Tage
verholfen hat. Wer wei, wieviel jene Helden, so jene Degen fhrten, von ihrer
Begeisterung, ihrer Phantasie und ihrer Unzurechnungsfhigkeit an den armen,
trichten Leutnant im Heerbann der meerumschlungenen Herzogtmer Schleswig und
Holstein weitergegeben hatten? Wir lassen keinen Spott auf die Vererbung
menschlicher Wrden, Eigenschaften und Eigentmlichkeiten von den Ahnen her, was
die Gelehrten Atavismus nennen, kommen und sind herzlich froh und sehr dankbar
in betreff dessen, was diesmal von dem Grovater auf den Enkel bergegangen ist
mit dem alten Eisen von Bau, Kolding und Fridericia.
    Welcher Lebende war je unter den Toten des ausgedehntesten Schlachtfeldes so
allein und so angewiesen auf den Schwertsegen im Dasein, auf den Zauber im alten
Eisen, wie dieser unmndige Knabe, der eben sagte:
    Kriech nur dichter mit unter meine Jacke. Du mut dich nicht frchten vor
der Mama. Wenn du nicht schlafen kannst, will ich dir wieder eine schne
Geschichte erzhlen, bis du einschlfst. -
    Ja, eine schne Geschichte, von der Mama ihren -
    Ja, von der Mama ihren -!
    Das Wort ist immer von neuem wieder gesprochen worden zwischen den beiden
Unmndigen - ein wunderwirkendes Wort von den Geschichten, welche die Mtter zu
erzhlen wissen. Die tote Frau hatte es nicht geahnt bei ihrem Leben, wieviel
sie gewut, wieviel sie weitergegeben hatte von ihren Geschichten, ihren schnen
Geschichten. Da jedoch alles so weitergegeben wird, was beklagen die Lebendigen
die Toten? Es sind aber auch nur die Vernnftigen, die das tun; die zwei Kinder,
die beiden Waisen dieser stumm gewordenen Mutter, taten es nicht.
    Frchte dich blo nicht! Der Mama und dem Gropapa ist's auch oft schlimm
ergangen in der Welt; aber sie haben sich doch durchgeholfen. Und ich helfe dir
und mir auch durch, Paule, mit des Gropapas Kriegsdegen, sagte der Knabe.
    Er htte hinzusetzen knnen:
    Und mit der Mama schnen Geschichten aus ihrem schlimmen Leben; aber zu
denen gehrte er und sein Schwesterchen ja selber, und so konnte er diesen
Zusatz nicht machen. Welch ein wundervolles Kindermrchenbuch wrde das werden,
wenn wir jetzt nachschreiben knnten, was alles die arme Erdwine ihren Kindern
erzhlt hatte, alles, womit sie sie in den Schlaf und ber Hunger und Klte,
Mihandlungen drauen und im Hause, ber Trotz und Trnen weggesungen hatte! Nun
lag und schlief sie selber und wute selbst nichts mehr von Hunger und Klte,
Miachtung, Trotz und Trnen und hrte auch nicht mehr, wie ihre Geschichten,
ihre schnen, wunderschnen Geschichten, nachklangen in der Welt und nochmals
Hunger und Klte, Angst und Grauen, Trotz und Trnen berwltigten. Nun kam es
in diesen Nchten und Tagen zum Vorschein, wieviel von ihres Vaters
berspanntheit, seinem Beruf fr die tausend und eine Nacht, seiner
Unzulnglichkeit im praktischen Leben zum Segen fr ihre Kinder auf die
bergegangen war. Was alles hat sie mit dem nrrischen alten Eisen von den
Unglckssttten bei Bau, Fridericia, Idstedt weiterzugeben gehabt an ihren Sohn
und Erben von seinem Grovater her!
    Der Mutter Mrchen und Geschichten haben die Kinder lebendig erhalten; wir
aber erzhlen nur eine von den letzteren nach, wie sie Form, Farbe und Gestalt
angenommen hat in dem tapferen Jungen, der bis zum Dienstagmorgen sein
Schwesterchen mit dem Degen des Leutnants Hegewisch in der Faust beschtzte.
    Mama ist auch tapfer gewesen und hat sich ihr ganzes Leben durch nicht
gefrchtet. Sie ist auch lustig gewesen, dem Gropapa schon zuliebe, wie sie mit
uns lustig gewesen ist, wenn es mit uns nicht gar zu schlimm ging und der Papa
nicht zu krank und zu rgerlich war. Und der Gropapa ist der Beste aller
Menschen gewesen und niemals rgerlich. Und er ist auch der Klgste von allen
Menschen gewesen, das hat sie aber noch nicht mal vor dem Papa sagen drfen,
denn der hat sie damit ausgelacht; ich habe es wohl gemerkt. Aber der Papa hat
wohl nichts dafr gekonnt, denn es hat ja niemand gewut, wie klug und weise der
Gropapa sei. O der hat Geschichten gewut, noch viel schner als der Mama ihre,
weit du, sagt die Mama, aber das kann doch auch eigentlich keiner glauben! Aber
die Menschen und wir Kinder mssen an die Geschichten glauben, sonst bleibt es
dummes Zeug, und so ist es dem armen Gropapa gegangen. Weil keiner ihm geglaubt
hat, ist er auch arm gewesen und hat mit der Gromama und der Mama, als sie so
klein war wie wir, in der weiten Welt herumziehen mssen; denn alle seine
Tapferkeit in den Schlachten und seine Klugheit und seine Weisheit hat ihm
nichts geholfen; denn es hat keiner von dem Krieg, in welchem er gewesen ist,
nachher was wissen wollen. Und die Gromama zuletzt auch nicht, obgleich sie ihn
zuerst darum so liebgehabt hat wie die Mama uns, dich und mich und den seligen
Papa, von dem du nichts mehr weit, Paule.
    Er war bse mit mir und hat mich geschttelt, wenn ich des Nachts geweint
habe; und Mama hat mir nichts singen drfen.
    Er ist krank gewesen, so schlimm krank, Paule, da er seine Geige nicht
mehr spielen und nicht mehr anhren konnte; und in ihrer Krankheit wute auch
Mama manchmal nichts mehr von mir und dir. Ich habe mir nichts daraus gemacht,
wenn er krank nach Hause gekommen ist und mich geschlagen hat; denn wenn er
nachher eingeschlafen ist, hat mich die Mama am liebsten auf den Scho genommen
und mir die schnsten Geschichten erzhlt. Die Mama hat so sehr viel in ihrem
Leben erlebt, denn sie ist ja schon vier Jahre vor dem Kriege geboren, in
welchem der Gropapa die grten Heldentaten verrichtet hat und Offizier und
Leutnant geworden ist, und ich will auch viel erleben. Und ihre Mama, unsere
Gromama, ist eine so sehr vornehme Frau gewesen, und sie sind alle so weit in
der Welt herumgezogen, und weil sie so viele Not gelitten haben und keiner dem
Gropapa geglaubt hat, ist die Gromama wieder mit ihnen nach Hause gezogen, wo
ihre Eltern einst unmenschlich reich gewesen sind und sie viele andere reiche
und vornehme Leute zu Freunden gehabt hat. Wir haben die Stadt in der Schule
schon in der Geographie gehabt, sie heit Lbeck und liegt an dem Flu Trave,
und der geht in die Ostsee, und auf die See gehe ich auch, wenn es mir nicht auf
dem Lande glcken will; aber dir baue ich vorher ein hbsches Haus in einem Ort,
der heit Travemnde, dicht am Wasser, wo man alle Schiffe, die ein- und
ausfahren, sehen kann und wo du auch mich ein- und ausfahren sehen kannst. Es
gibt auch Seeoffiziere auf Schiffen mit vielen hundert Kanonen. Die Gromama mit
dem Gropapa und Mama hat aber nicht dicht am Meer in Travemnde gewohnt,
sondern bei der Stadt Lbeck in einem wunderhbschen kleinen Hause mit einem
wunderschnen kleinen Garten, so wie wir zwei es uns gar nicht denken knnten,
wenn Mama nicht davon immer erzhlt htte.
    Ja, und sie hat selber einen kleinen Garten gehabt, und die ganze Welt hat
ihr gehrt, und Stachelbeeren und Blumen hat sie selber pflcken drfen. Und
alle Geschichten hat sie da selber erlebt, von Hans und Grete und dem Dumerling
und dem Hhnchen, das sich an einem Nukern verschluckt hat, und alles andere.
    Das hat ihr der Gropapa erzhlt, sonst htte sie es auch nur aus Bchern
gewut, wie hier in der Stadt alle anderen Kinder. Ohne den Gropapa und dem
seine Freunde wre es doch nicht so schn gewesen, als sie so jung wie wir
gewesen ist. Ich habe auch ein paar gute Freunde in der Schule, und das ist gut,
und ohne das wre es schlimm. Wir helfen einander; und dem Gropapa sein bester
guter Freund hat ihm auch geholfen, und er hat Herr Uhusen geheien und hat in
einem gradeso kleinen Hause und Garten nebenan gewohnt, und es ist nur die grne
Hecke zwischen ihnen gewesen.
    O ja! voll Kfer, goldene, grne, rote und bunte, und bunte Schmetterlinge
-
    Und mit einem Loch in ihr, wo man hat durchkriechen knnen, wenn man nicht
herberspringen wollte, wie der Mama bester Freund, des Gropapas besten Freunds
sein Junge - so einer wie ich, wenn ich es mir fest vornehme und nicht lge und
nicht - stehle und nicht bettle und - mich - nicht - frchte...
    An dieser Stelle ist doch des Kindes Stimme in ein krampfhaft
niedergeschlucktes Schluchzen bergegangen, und es ist ein Segen gewesen, da
das Schwesterchen gesagt hat:
    Mama hat auch Schwarzer Peter mit uns gespielt, und wenn sie dir einen
schwarzen Schnurrbart gemalt hat, hat sie gesagt, du solltest ein rechter
schwarzer Peter werden und so gro wie ihr schwarzer Peter, der in ihrem schnen
Garten mit ihr gespielt hat.
    Sieh mal, Paulchen, das behalt nur, weil du es noch weit! Ich will's auch
in meinem Gedchtnis behalten, weil ich es der Mama versprochen habe und ich
noch mehr davon wei als wie du. Sie haben ihn auch den langen Peter genannt und
noch viele andere Namen gegeben. Er hat sich aber nichts daraus gemacht; er ist
immer vergngt gewesen und hat sich nicht hinter den warmen Ofen gesetzt, auch
wenn er im Winter immer einen gehabt hat. Aber er ist nicht der einzige
Spielkamerad der Mama gewesen - wir kennen sie nicht alle; aber noch einer ist
dabeigewesen, der ist wieder dem Peter sein guter Freund gewesen und ein
vornehmer, reicher Junge, und er ist immer zu dem Peter gekommen, weil er ohne
ihn nichts hat anfangen knnen, und der lange schwarze Peter hat den andern
immer unter seinen Schutz genommen. Er htte die ganze Welt unter seinen Schutz
genommen, hat die Mama gesagt; - den Namen des andern wei ich nicht, den hat
sie uns nicht miterzhlt; er ist gewi nicht so gut gegen sie gewesen wie der
lange Peter und nicht so vergngt und hat nicht so die ganze Welt und
Nachbarschaft, alle Jungen zusammen, bezwingen knnen. Der Mama ihr guter Freund
ist nach dem Gropapa der tapferste Mensch in der Welt gewesen, und wenn er
dabeigewesen ist, hat Mama auf dem Lande und auf dem Wasser - denke nur, Paule,
dort geht ja schon das groe Wasser, das Meer, an! -, hat Mama tun und lassen
knnen, was sie wollte.
    Erzhle noch mal die Geschichte von dem bsen Hund, sagte das Kind.
    Die Geschichte von dem tollen Hund, der in den Garten gekommen ist,
Paulchen? Ja, das war eine von der Mama ihren letzten Geschichten, und dieser
hier ist auch dabeigewesen!
    Hierbei ist der Erbe des Leutnants Hegewisch aufgesprungen und hat neben dem
Schwesterchen und der Leiche der Mutter gestanden und sein einziges, sein
letztes Erbstck, den guten Degen, erhoben und ihn geschttelt, als sei nichts
Bses, Grimmiges, Tolles auf der Erde und in seinem Schicksal, was er nicht
gleichfalls damit siegreich zu Boden strecken knne.
    Es ist nur die Mama und der Gropapa, der tapfere, schwarze, lange Peter
und der andere, dessen Namen die Mama nicht miterzhlt, zu Hause gewesen. Aber
der Gropapa hat mit kranken Fen in einem Lehnstuhl in der Laube gesessen und
hat sich nicht rhren knnen, als der Hund in den Garten gekommen ist.
    So einer, wie auch bei uns hier in der Strae totgeschlagen ist, wo alle
Leute so schrien und in die Huser liefen?
    Gradeso einer! Man sieht es ihnen gleich an, das Gift luft ihnen aus dem
Maule, und sie lassen die Zunge heraushngen und torkeln herum und schnappen
nach jedem, der ihnen in den Weg kommt, und wen sie beien, der ist auf ewig
verloren und mu eines schrecklichen Todes sterben. Sie haben das alle gewut,
nur die Mama nicht, die ist dem Vieh mit Lachen entgegengelaufen, und es ist nur
das einzige Glck gewesen, da der lange Peter da war und da der Gropapa eben
wieder von seinen Kriegen erzhlt hat, denn dazu hat ihm der lange Peter
jedesmal seinen Offiziersdegen aus seiner Kammer ber dem Bett weg
heruntergeholt und ihm bers Knie gelegt, da er die Geographienamen von den
Schlachten nicht verwechsele, denn zuletzt hat er sich gar nicht mehr recht
genau darauf besinnen knnen, der arme Gropapa.
    Nun ist der Junge in die leere Kammer hineingelaufen und hat mit
lebendigster Phantasie gedeutet:
    Da hat der Hund gestanden - da hat der Gropapa gesessen - hier ist die
Hecke gewesen, wo der andere, dessen Namen Mama uns nicht gesagt hat, in seiner
Angst hinbergesprungen ist und sich in Sicherheit gebracht hat, und - hier hat
der tapfere kluge Peter die Mama aufgehoben und sie dem andern auch ber die
Hecke zu ihrer Sicherheit nachgeworfen. So groe Besinnung hat er gehabt, und so
groe Besinnung mu jeder haben, der sich gut durch die Welt helfen will, hat
die Mama gesagt, und solche Besinnung will und mu ich auch haben, denn ich will
dir und mir auch durch die Welt helfen, Paule. Und die Mama hat gesagt, die ist
noch schlimmer als ein toller Hund.
    Aber Mama hat geschrien und aus der Nase geblutet, weil sie so hoch aus der
Luft heruntergefallen ist, hat die Mama gesagt.
    Das ist ganz einerlei. Da la ich dich auch schreien, wenn ich nur den
tollen Hund vor dir totsteche, ehe er dich beit. Das ist die Besinnung, die
einer haben mu, der dem andern helfen will, hat die Mama auch gesagt. Der
Gropapa hat nicht einmal schreien und um Hlfe rufen knnen; er hat stillsitzen
mssen in seinem Schrecken, weil er sich mit seinen Beinen nicht rhren konnte.
Die Drachen aus der Mama ihren Mrchengeschichten sind nicht so schrecklich wie
ein toller Hund! Ohne den langen Peter lebte die Mama nicht mehr und der
Gropapa auch nicht - (ja, so sagte, so rief der arme Junge, fortgerissen von
der Erinnerung an die Geschichte der toten Mutter!) -, sie htten elend
umkommen mssen ohne den tapfern Peter. Der aber hat dem Gropapa seinen Degen -
diesen hier, der nun mir gehrt - aus der Hand gerissen, und es ist nachher in
die Zeitung gekommen, wie er ihn gebraucht hat und wie er mit dem Giftvieh
gestritten hat wie der Ritter Siegfried mit dem feuerspeienden Drachen.
    Htte die tote Mutter aufwachen knnen, sie wrde erwacht sein von dem
bittern, grimmigen, edeln, siegessichern Ernst, mit dem ihr Sohn die gute alte
Klinge ihres Vaters, des Leutnants Wolf Hegewisch, in den Boden stie und
schluchzend rief:
    So will ich auch sein, Paule. Frchte dich nur nicht; es tut dir keiner
was, solange ich so Schildwacht vor dir stehe! Schlafe du ganz ruhig bei unserer
lieben, lieben Mama, bis wir in die weite Welt gehen und in den blutigen Krieg,
wie der Gropapa mit der lieben Mama und der Gromama.

                                 Elftes Kapitel


Es ist ein fraglich Ding um das Schildwachtstehen vor der Sicherheit, dem
Behagen, dem Glck eines andern von uns in unserer Welt. Der strkste Mann wei
nicht, wie und wann ihm die Waffe aus der Hand, die Kraft aus den Knochen, der
Mut aus der Seele abhanden kommen wird; und dem unmndigen Knaben neben der
toten Mutter und dem verlassenen Schwesterchen ist nun bereits die Wehr aus der
kindischen Faust gerissen und unter das alte Eisen der Mutter Cruse geworfen
worden. Der tapfere, lange schwarze Peter, Herr Schmied aus Jterbog, der Peter
Uhusen aus der Fremde, befindet sich aber auch schon mit ihr in seiner gesunden
Faust auf dem Wege zu seinem und Erdwine Hegewischs Jugendfreunde Albin
Brokenkorb: wir wissen eben auch nie, aus welchen Winkeln, auf welchen Wegen und
Umwegen uns die Waffen, die Krfte und der Mut zurckgegeben werden knnen.
    Der kleine Belagerungszustand war lngst erklrt. Man durfte eigentlich
nicht, und noch dazu am hellen Mittage, mit solch einer nackten Klinge unterm
Arm, vorausgesetzt, da man nicht zu den berechtigten Waffentrgern im Staat
gehrte, durch die Straen laufen. Der Schmied von Jterbog aber kam natrlich
unangehalten durch, zog sich hchstens die Anmerkung eines jngern oder altern
Gassenjungen zu:
    Na, oller Landsturm, wohin denn mit die Plempe? Der lange Peter auf dem
Marsche zu dem andern, von dem die Mama ihren Kindern keine schnen
Geschichten erzhlt hatte, war nicht in der Lage und Stimmung, auf irgendwelche
Bemerkungen und Anmerkungen der Begegnenden etwas zu geben. An und fr sich
schon ein Mensch der Selbstgesprche, hatte er im gegebenen Fall viel zuviel mit
sich selber zu verhandeln, um sehr auf das zu achten, was andere zu sagen
hatten.
    Und nicht ohne Grund befand er sich im Anfang seines Weges viel mehr in
Untermeidling am recht stillen Ort als in dem Lrm und Getse der
menschenwimmelnden Straen, durch die er sich aber einem Traumwandler gleich
zurechtfand.
    Und er sprach viel wienerisch auf diesem Wege mit sich selbst. Er hatte sich
mit allerhand Dialekten unter allerhand Vlkern vertraut gemacht und das Talent
dazu auch mitbekommen; wir aber, wir knnen es leider nicht nachmachen, wie
wienerisch er jetzt an mehr als vier Straenecken von Berlin zu sich selber
redete. Wir wissen hchstens, wie ihm zumute war.
    Mein arm Mdchen, sagte er, da liegt sie nun, und hier laufe ich herum.
Das Herz! Wie wr es nun, wenn ich es jetzt am Arm hngen htt und mte ihm von
meiner ersten Liebschaft erzhlen, um es nur annhernd aufs laufende zu bringen?
Mein lieb Kind da nun in seinem stillen Winkel in seiner Ruhe und Sicherheit,
und - ich von neuem als ein unzurechnungsfhiger, von jeglichem Phantasiewind
umgetriebener Narr und Land- und Seehanswurst im Tummel und in unntigster
Aufregung!...
    Er hielt an im eiligen Gange und stand zum Verdru eiliger Mitlufer im
Tumult des Lebens an einem der lebendigsten Durchgnge still und brummte:
    Und ich meine doch, ich hre sie grade eben unter ihrer Gras- und Efeudecke
hervorkichern: Galoppier nur, Peterle! Hast mich doch lieb, behltst mich lieb
und kommst zu mir nach Haus und bringst mich den ganzen Abend durch deine
neuerlebten Geschichten zum Lachen!...
    Nun ging er ruhiger weiter mit sich als ein Mensch, der wissenschaftlich
gebildet worden war auf Lateinschulen und dergleichen und welcher Komdie
gespielt hatte unter der Direktion der klugen, tapfern, weisen Frau Wendeline
Cruse und unter der Prsidentschaft des klugen, tapfern, weisen Mr. Abraham
Lincoln Feldgeschtze zum Besten seiner Mitbrger und Brder auf der Erde
befehligt hatte in einem der edelsten Kriege der Welt. ber das Selbstgesprch,
was er so fhrte, ist freilich kaum etwas zu sagen.
    He, Droschke! rief er, und in dem Wagen weiterrasselnd, meinte er: Ach
mein armes Heckenrschen Erdwine Hegewisch, was haben sie aus dir gemacht? Und
was werden wir heute noch ber dich erfahren? Nun, da wre es ja wahrhaftig ein
Glck zu nennen, da ich im Grunde mit bestem Gewissen die ganze Sache auf die
celebre, feinfhlige Seele des edeln Albin abladen kann! Und der Emerenz zu
Hause - in Untermeidling ist das letztere vielleicht doch auch das liebste. Ein
Frauenzimmer war sie denn doch einmal, und, bei Gott, ihre Rechte sollen ihr
gelassen werden bis hinunter in die Erde.
    Ja, wenn es mit dem Abladen so leicht ginge, wie sich das hinspricht! Der
Schmied von Jterbog nahm die Gedanken darber wie sich sein arm lieb Weibchen
wohl zu diesem seinem neuesten Lebensabenteuer verhalten haben wrde, mit in den
Wagen. Sie begleiteten ihn bis vor die Tr von Runne &amp; Plate, der groen
Handlung in neuem und altem Eisen, und er wurde sie auch nicht los die Treppen
hinauf zu dem zierlichen Porzellanschild mit der Inschrift: Hofrat Dr.
Brokenkorb.
    Da erst kam er ins klare, sowohl in seinem Verhltnis zu sich selber wie zu
seinem guten, lieben, frhlichen, lachenden Weibchen - auf dem Kirchhofe zu
Untermeidling. Da kam ihm wieder das Verstndnis fr diese Welt, in der sein
groer Namensahnherr den Teufel in den Sack und den Tod in den Birnbaum bannte.
    Den alten saubern Jungen htte das Herze so genau wie ich in seiner Jugend
kennen sollen! seufzte Peter Uhusen kopfschttelnd in Betrachtung der
Porzellanadresse seines Jugendfreundes. Da wrde es wahrhaftig gesagt haben:
Lauf rasch zu, Peterle; - kmmere dich um mich gar nicht - bring erst die Kinder
vor dem Unwetter ins Trockene. Sorge dich gar nicht um uns ausgewachsenes Volk!
Hui, der Platzregen! Jawohl, mein armer Papa sagte auch oft: Kind, wenn ich dich
nur erst in Sicherheit htte, das andere wre mir ganz einerlei. Lauf, lauf,
Peterle, hol die Kinder von der Gassen herein - wenn es zum Verdru fr dich
dabei kommt, ist's wenigstens in deiner jetzigen melancholischen Laune ein
Zeitvertreib fr dich gewesen, mein armes, liebes Mnnle. Bildest dir doch wohl
nicht ein, da ich jetzt eiferschtig werden knnte? Zieh nur die Glocke und
reich dein altes Eisen hinein und bestell einen schnen Gru an deinen Herrn
Hofrat von unserer Himmelsbank unter dem alten Birnbaum in unserm Garten in
Untermeidling, und wenn es ihm im geringsten unangenehm wre, mchte er sich ja
nicht weiter bemhen.
    Der Schmied von Jterbog zog dessenungeachtet die Glocke und brummte:
    Wenigstens, wenn ich gestern nur undeutlich wute, was mich in drei Teufels
Namen hierher fhrte, so wei ich es, alles in allem gezhlt, heute zweifelsohne
sicherlich annhernd.
    Die Glocke gab auf den diese Worte begleitenden Ruck freilich einen
Widerhall, der nicht im mindesten der Rcksicht gem war, die man sonst auf die
Nerven eines Mannes zu nehmen pflegte, der seiner feinsten
Empfindungsfhigkeiten wegen nicht nur bekannt, sondern auch geliebt war. Aber
der Lrm hatte wenigstens sofort die gewnschte Wirkung.
    Rupfer strzte herbei, und zwar mit dem innigsten Bedrfnis, so grob als
mglich zu werden. Was auf seinen Lippen schwebte, verbi er jedoch gnzlich,
und zwar mit einem immer sonniger werdenden Grinsen, als sein Blick auf den
Herrn mit dem Stocke, der gestern schon einmal da war, fiel.
    Ein O du mein Je! entrang sich diesen selbigen Lippen unwillkrlich, als
sein Auge die diesmalige Waffe in der Faust des verdchtigen Fremden traf.
Regungslos, mit stumpfsinniger Vorahnung, da etwas ganz besonders Kurioses im
Gange sei, stand er in der geffneten Pforte, den Trgriff in der Hand, und lie
sich zweimal die Frage wiederholen:
    Der Herr jetzt zu Hause?
    Dies geht nicht gut aus, sagte der getreue Knecht, aber nur still bei sich.
Gestern mit dem Knppel und heute mit der Plempe! Det nennt man jedenfalls eine
jesteigerte Anfrage vonwegen mal runterkommen.
    Laut uerte er sich, zwischen Besorgnis und Grobheit schwankend und dazu
die uere Erscheinung dieses dringenden Besuchs nicht ohne grostdtische
Menschenkenntnis in Betracht ziehend:
    Will nachfragen.
    Aber da kannte er Peter Uhusen nicht. Mit der Gemtsruhe eines Obersten von
zwanzig Niggerbataillons drehte der Herr Schmied aus Jterbog ihn zur Seite und
schritt an ihm vorbei oder besser gesagt ber ihn hinweg mit dem einfachen
Worte:
    Schn!
    Aber der Herr Hofrat befinden sich unwohl und noch im Bett -
    Desto besser, sprach der Schmied von Jterbog und ffnete sich bereits die
nchste, zu den innern Gemchern fhrende Tr selber und brummte, auf der
Schwelle einen Augenblick innehaltend, jedoch letzteres nicht aus Scheu oder
Bldigkeit:
    Donnerwetter, wie gemtlich! -
    Wir wissen schon, wie vollkommen er mit diesem Ausrufe recht hatte. Man
mute nicht blo eine junge Dame aus den besten Stnden oder ihre gndige Frau
Mutter sein, um durchaus empfinden zu knnen, wie hier geistiges und
krperliches Raffinement zur Herstellung des Behaglichsten zusammengewirkt
hatten. Auch aus Untermeidling konnte man kommen und aus dem heutigen Tage, dem
heutigen Wetter und aus dem Lumpen-, Knochen- und Alten-Eisen-Keller der Frau
Wendeline Cruse und mit dem Degen des armen Leutnants Hegewisch unterm Arm, um
hier den Frieden, die Stille, die Wrme, das Licht, die Dmmerung und den
Hausrat zu wrdigen. Das Wetter vor allem mute man aus den Fenstern und aus der
Umgebung des Herrn der Hausgelegenheit, von seinen Teppichen, Sesseln, Tischen,
Sthlen und Schrnken her betrachten, um zu merken, wie behaglich es - das
Wetter nmlich - unter Umstnden sein knne.
    Mit gedmpfter Melodie verkndete die ebenfalls auf die Nerven ihres
Besitzers gestimmte wundervolle Boule-Uhr, was es an der Zeit war, und -
seltsamerweise aus der Erinnerung an einen kleinen verwaisten Nhtisch aus
Eschenholz in Untermeidling erwachend, ging Peter Uhusen weiter. Und - noch
sonderbarerweise - schritt er pfeifend, leise pfeifend vor und rundum im Gemach,
entlang den Bildern, Raritten und Bcherschrnken an den Wnden, und immer -
mit dem Degen unter dem Arm wie der Bettler beim alten Vater Gellert:
Sie sehn, ich fordere nichts mit Unbescheidenheit; Nein, ich verlasse mich (hier
wies er auf den Degen) allein auf Ihre Gtigkeit.
Der Diener des Hofrats blieb ihm selbstverstndlich grade darum auf den Fersen,
in Verblfftheit und Ratlosigkeit immerfort den rmel um das rechte Faustgelenk
auf- und abkrempelnd.
    Hui, i, i, i, uhuii, summte der Schmied von Jterbog. Ganz die selige
Mama, nur natrlich ein wenig mehr ins Geschmackvolle und ganz bedeutend ins
Wissenschaftliche bertragen.
    Damit ffnete er die Tr, die in das nchste Gemach fhrte, als ob er den
Weg seit Jahren kenne.
    Auch nicht bel, sagte er. Der Mensch versteht es wahrhaftig, und es ist
eigentlich schade, ihn im Ausleben seiner Lebensbegabungen und Fhigkeiten nur
auf den krzesten Moment zu stren; aber - wer kann da helfen?
    Bei den ersten Worten hatte er vertraulich seinen Begleiter auf die Schulter
geklopft, bei den letzten schlug er bereits frech den Vorhang von der nchsten
Tr zurck.
    Aha, nickte er, hier gelangen wir denn wohl in das innerste Heiligtum. Es
weht ein Schauer vom Gewlb herab - hier ist Charakter und Geist und edelster
Menschheit Bild - richtig; hier entwickeln sich die Gtterkinder. Sieh, sich,
und mein braver, ungebildeter Schwartauer Knppel da auf dem Schreibtisch quer
ber allem, was die edelste Menschheit zu ihrem Apparat feinster
Kulturentwicklung rechnet. Nicht wahr, junger Mensch, hier pflegen der Hofrat
ihren geheimsten Studien obzuliegen?
    Ja, dieses ist des Herrn Studierstube, und daneben liegt er im Schlafzimmer
und war vorhin noch sehr der Ruhe bedrftig.
    Es hat sich wohl nur selten auf eine derartige Benachrichtigung hin ein
guter Freund so rcksichtslos geruspert und so krftig ausgeschnoben, wie das
in diesem Augenblick Peter Uhusen aus Lbeck und Untermeidling tat. Es war da
unbedingt fr jemand ein gesunder Schnupfen im Anzuge; und aus dem Gemach
nebenan, dessen Pforte gleichfalls geffnet stand, drang klagend gedmpft wie
ein Echo auf den katarrhalischen Losbruch des allzu frhen und sehr gesunden
Besuchers eine matte Stimme, die da seufzte:
    Rupfer!
    Herr Hofrat?
    Sind Sie verrckt, oder - sind Sie - nicht allein darinnen?
    Hm.
    Kommen Sie her, Rupfer! Was fllt Ihnen ein? Ist da jemand bei Ihnen?
    Jawohl, Alter, sagte Uhusen mit volltnigstem Nachdruck, gnzlich ohne
alle eigenen katarrhalischen Affektionen und trotz einiger mangelnden Gliedmaen
sehr gesund an Leib und Seele und nur behaglich khl angefeuchtet durch den
nakalten Vorwintertag drauen und durch den Degen des Leutnants Hegewisch
unterm Arm etwas mehr als sonst angeregt, in das dumpfwarme Schlafgemach des
Jugendgenossen hineinschreitend und durchaus nicht auf der Schwelle zgernd.
    Es war da jemand, Brokenkorb, sprach er, an das Lager des Hofrats tretend,
mit dem ganzen Pathos der Frau Wendeline Cruse. Und zwar - ich! Einmal bin ich
es noch, wenn du nichts dagegen hast, mein Sohn und Zeitgenosse. Peter Uhusen
ist mein Name. Unter den Glocken von Sankt Marien in Lbeck bin ich mit dir jung
geworden und gewesen. Den Schmied von Jterbog habt ihr mir seinerzeit
aufgehngt. Nun komme ich aus dem alten Eisen, und - freilich - ich habe dich
lange nicht aus den Federn geholt!
    Mit einem Ruck sa Albin Brokenkorb im Bette aufrecht und starrte hohlugig
auf den im Kampf ums Dasein so arg mitgenommenen und doch so gesund gebliebenen
Jugendfreund selber ein ganz anderer Mann sowohl in his night-gown als wie in
complete steel, das heit im Gesellschaftsanzuge. Er starrte, starrte, starrte
und sank zurck auf die Kissen mit dem Winsellaut:
    Du - du - Uhusen?
    Ich - der Sohn meines Vaters! grinste der schwarze Peter und stie zur
Verstrkung des dramatischen Effekts das Schlachtschwert der Niederlagen von
Bau, Fridericia, Idstedt und so weiter vor dem Lager des Freundes so fest durch
den trkischen Teppich in den Boden, da sicherlich drunten bei Kommerzienrats
einer der Kronleuchter im Salon in ein lngeres Schwanken geriet.
    Du - mein - lieber - Peter?
    Ja, ich, dein geliebtester Peter! Sie knnen abtreten, Rupfer -
vorausgesetzt, da du bereits gefrhstckt hast, Albin. Andernfalls wrde ich
anraten, dir eine Tasse Bouillon, ein Beefsteak oder ein kaltes Huhn und ein
Glas Madeira ans Bett bringen zu lassen, ehe - wir weitergehen. Ich habe nmlich
dir etwas Unverdauliches mitzuteilen und die Absicht, dich, wenn es irgend
mglich ist, vor dem Mittagessen mit mir zu nehmen. Wann pflegst du zu speisen,
Brokenkorb?
    Ganz - der alte! stammelte der Mann in den Kissen. Zwischen vier - und
fnf Uhr.
    Wo?
    Im Htel de Rome.
    Ganz der alte. Immer klassisch. Na, so esse ich diesmal mit dir im Htel de
Rome. Also - jetzt rasch etwas Strkendes, Nahrhaftes fr den Herrn Hofrat,
Rupfer.
    Der Herr Hofrat richtete sich von neuem und jetzt mit flehendbeschwrend
erhobenen Hnden auf.
    Aber mein Gott, was soll?... Ich brauche nichts Nahrhaftes - nichts
Strkendes. Uhusen - wenn du es wirklich bist, was ich immer noch bezweifle -
ich bitte dich - ich fhle mich in der Tat nicht recht wohl - fhle mich
wirklich ein wenig angegriffen.
    Und leider, leider komme ich, dich noch ein wenig fester anzugreifen. Na,
ich war immer ein braver Naturarzt, lieber Junge, wie du noch wissen mut, ob du
an meine Methode glaubst oder nicht. Und recht hufig habe ich ziemlich genau
gewut, was dir am besten war, wie du dich erinnern wirst. Aber um jedes
Miverstndnis wegzurumen, so werde ich diesmal geschickt! Alt-Lbeck, dein
seliger Vater und deine selige Mutter, mein seliger Vater, die Tante Gottliebe,
der Leutnant Hegewisch und - Erdwine Hegewisch schicken mich mit der Zange,
Albin; und Sie, lieber Rupfer, sorgen Sie fr eine Herz- und Magenstrkung
nebenan im Arbeitszimmer oder im Salon unter den mittelalterlichen, den
chinesischen oder sonstigen Raritten, Rupfer. Verstren Sie die Papiere nicht,
aber beeilen Sie sich. Bei der Toilette werde ich heute dem Herrn Hofrat
behlflich sein.
    Der Herr warf einen verzweiflungsvoll-hlflosen Blick auf den Diener; aber
dieser stand schon allzusehr unter dem Bann und Zauber des gewaltttigen
Fremden, als da er seinem Herrn anders als durch ein auergewhnlich stupides
Lcheln htte zu Hlfe kommen knnen.
    Du machst mir eine unendliche Freude, Uhusen, stotterte der Hofrat. Wir
frhstcken natrlich zusammen - sorgen Sie dafr, Rupfer -, und ich bin ganz
fr den Tag zu deiner Verfgung, Peter. Mir meine Tasse Kakao, Rupfer. In meinem
Bibliothekzimmer findest du die neueste Zeitung; wenn du mir nur fnf Minuten
Zeit lassen willst, liebster, bester Freund, so bin ich sofort bei dir und
selbstverstndlich ganz dein mit Leib und Seele. Und ich hoffe, du hast deinen
Aufenthalt bei uns nicht zu kurz abgemessen.
    Rupfer grinste noch einmal von der Tr aus zurck, dann hrte man ihn im
Studierzimmer sein Vergngen an dem Dinge in seinem rmel verbeien und dann ein
Gemach weiter mit Tellern, Tassen, Glsern und sonstigem Tischgert klappern.
Herr Schmied aus Jterbog aber machte noch keine Miene, dem Wunsche seines
Freundes nachzukommen und sich fr die nchsten fnf Minuten zu der neuesten
Tageszeitung zurckzuziehen. Im Gegenteil, er nahm Platz in dem Sessel am
Fuende des Bettes seines Freundes. Er setzte sich fest hin, stellte den Degen
des Leutnants Hegewisch zwischen die Knie und sttzte beide Hnde und das Kinn
auf den Griff und besah unheimlich lange Zeit hindurch den Freund noch genauer,
und zwar stumm.
    Der Hofrat lchelte, wie man so unter Umstnden oder unter solchen Umstnden
zu lcheln pflegt; - im Wartezimmer der Zahnrzte pflegt so gelchelt zu werden.
    Du gefllst mir nicht, Brokenkorb! seufzte der lange Peter. Offen
gestanden, Albin, du gefllst mir ganz und gar nicht; oder vielmehr, du
entsprichst meinen Erwartungen nur zu sehr. Ich lese von dir, ich hre von dir,
und ich schttle das Haupt und frage mich: Wie mu ein Mensch, der das alles
zusammen-und den Leuten vortrgt, zuletzt aussehen?
    Halb geschmeichelt und halb erzrnt und jedenfalls in immer noch steigender
Aufregung, erhob sich der Hofrat auf den Ellbogen.
    Aber auch du, Peter, bist nicht mehr der nmliche wie vor als ich zum
letztenmal das Vergngen hatte, mit dir zusammen zu sein. Gtiger Himmel, was
hast denn du mit dir angefangen, auerdem, da auch du nicht jnger im Laufe der
Jahre geworden bist?
    Gefreit habe ich und dabei das halbe Gesicht, ein Stck von der Nase und
eine halbe Faust verloren. Meine Frau habe ich begraben; aber beruhige dich,
oder besser, beunruhige dich deshalb nicht im geringsten. Das geht dich durchaus
nichts an. Davon htten wir vielleicht geplaudert, wenn dich gestern abend meine
Visitenkarte zu Hause getroffen haben werde. Nicht wahr, du hast auch schon
einen Vortrag ber Zwischen Lipp' und Kelchesrand gehalten, Brokenkorb? Uns,
uns, Albin, alter Freund, ist etwas dazwischengekommen! Ein Stck altes Eisen
aus dem Kehricht des Lebens! Und da die Zeit drngt, wollen wir ber alles
brige unterwegs reden. Da!... Wie ich beim Durchgehen durch deine Zimmer
bemerkt habe, sammelst du auch kuriose Waffenstcke. Da! Und vielleicht ist das
Ding kuflich. Das wre etwas fr dich ganz im besonderen! In den Handel ist es
wenigstens bereits geraten.
    Er hatte dem wehrlosen armen sthetiker die gute Klinge des Leutnants
Hegewisch auf die Bettdecke gelegt und ging und zog die stilgerechten
Fenstervorhnge zurck, um das volle Tageslicht, so gut es der gegenwrtige
Herbsttag zu geben hatte, auf den Jugendfreund und die Jugenderinnerung fallen
zu lassen.
    Ich verstehe dich wirklich nicht, seufzte der beliebte Gelehrte in das
Kissen. Ein bichen weniger rtselhaft wre freundschaftlicher, liebster
Uhusen. Was soll das? Ein Offiziersdegen modernster Zeit! Was soll mir das
sagen? Was willst du im besonderen mir damit sagen, bester Freund?
    Nun hatte er sich mit der Waffe gegen das heller in das Gemach strmende
Tageslicht gewendet, und das scharfe Auge des sachverstndigen Liebhabers fiel
auf die eingegrabenen Schriftzeichen.
    Wie?... Mein Gott, woher hast du das? Wie kommt das in deine Hnde?
    Der schwarze Peter zuckte nur die Achseln.
    Fridericia - Bau - Kolding! Hegewisch! murmelte Hofrat Dr. Brokenkorb.
Der Leutnant Hegewisch!... Erdwine - Erdwine Hegewisch!
    Wie das eigentlich in meine Hnde kommt, was es uns heute will und
bedeutet, wei ich augenblicklich auch noch nicht recht anzugeben, sagte
Schmied aus Jterbog ruhig. Jedenfalls halte ich es fr einen Wink des
Schicksals an dich, wenigstens noch einmal aus der Welt deiner Ideale in die
Hosen zu fahren. Und jetzt mache ich von deinem freundlichen Anerbieten Gebrauch
und lese nebenan die Zeitung, whrend du Toilette machst. Ich schicke deinen
Rupfer und deinen Kakao. Ich selber habe bereits gefrhstckt und bin zu allem,
was der Tag bringen mag, mit dem, was das Leben von mir briggelassen hat,
aufgelegt und bereit. Beilufig, von einer Frau Wendeline Cruse, ihrem
Aufenthalt und ihrem Produktenkeller in hiesiger Stadt ist dir wohl nichts in
die Erfahrung geraten?

                                Zwlftes Kapitel


Der tapfere Mann und Lebensveteran, der gute Peter Uhusen, dem sie so manchen
Spottnamen aufgehngt hatten auf seinen Kriegszgen durch das Menschenschicksal
von der ersten Schulbank an, sa in dem bequemen Sessel an dem Schreibtische des
Freundes und hatte anfangs schwer beide Hnde auf beide Knie fallen lassen. Er
hatte gestern abend, als er den Stock aus der Erbschaft der Tante Gottliebe und
den Hnden der Mllner Tante als Wahrzeichen hineinschickte und zurcklie, sich
das Wiederzusammentreffen wahrlich ein wenig spaiger vorgestellt, als es nun
ausfiel. Wie hufig geschieht das, und wie sonderbar, da selbst Menschen wie
dieser dumme Peter sich immer doch von neuem darber wundern, wenn die lustigen,
klaren Wellen, die von Phantasieland herberrollen, vor ihren Fen als trbstes
Splwasser des Erdendaseins anlangen!
    Der Schmied von Jterbog, als Verfasser der Seeruber von Blankenese,
schlug mit den flachen Hnden einen Marsch auf seinen Knien, aber es war ein
melancholisch-trauerhaft Tempo, mit dem er seine Gedanken so begleitete. Er
nickte vor sich hin, blinzelte mit dem gesunden Auge um sich her, schttelte den
uerlich so zerfetzten und innerlich so heilen und ganzen Kopf und murmelte:
    Was soll das nun? Was knnen wir voneinander haben? Wr's gestern auf einen
nrrischen Abend bei einer Zigarre und einem Glase Wein hinausgelaufen, so htte
es wenigstens das sein knnen, was der Deutsche gemtlich nennt - ein sauber
Wort fr mancherlei oft recht unsaubere Dinge. Da htt ich ihm lachend den
Knppel zwischen die Beine geworfen und mein Vergngen an seiner Eselhaftigkeit
gehabt. Jawohl, Peter Uhusen, ob die Kleine da in Untermeidling unter ihrem
grnen Hgel wohl nicht ein wenig an dem alten Stck Eisen beteiligt ist, das
dir selber jetzt zwischen die Beine geraten ist und worber du hierhin, in des
Lebens Behaglichkeit, gestolpert bist?... Was hilft er mir in seinen Hosen hier
an seinem Frhstckstisch und in seinem Pelz drauen im schlechten Lebenswetter?
Und doch - er ist nun so gut wie ich darin - von allem Sonnenschein und
Mondenlicht ber den Trmen von Lbeck und den Wellen der Lbischen Bucht her! -
Und - mit mu er jetzt, allein fre ich diesen sauergewordenen sen Kinderbrei
nicht! Beim Satan, er nimmt auch seinen Lffel, mag er wollen oder nicht.
    Der schwarze Peter selber nahm aber trotz dieses grimmigen Stoseufzers
zuerst doch, wenn auch ganz mechanisch, die Zeitung. Anfangs hielt er sie
verkehrt, dann auch mechanisch als gebildeter Mann leserecht. Anfangs las er
nicht, sondern sah nur Buchstaben; aber wieder ganz mechanisch setzten sich in
ihm diese Buchstaben zu Worten, Namen und Begriffen zusammen. Nun packte er mit
beiden Hnden, sowohl der gesunden wie der verstmmelten, das Blatt und rckte
sich zurecht im Stuhl.
    Er vertiefte sich in ein Referat ber den Freund, in eine ausfhrliche
Besprechung der letzten ffentlichen Leistung desselben. . .
    Und wie er vorhin beim berschreiten der Schwelle: Donnerwetter, wie
gemtlich! gerufen hatte, so murmelte er jetzt von Zeit zu Zeit, und dann und
wann einen Blick nach dem Schlafzimmer nebenan werfend, wo der betubte,
verstrte Albin noch immer mit seiner Toilette beschftigt war: Mag er wollen
oder nicht; mit mu er! Er wei alles ja ganz genau! - Er redet zu gut! - Und
sein Thema!? Das Kind, das Weib und der Mann auf der Erde!. .. Du liebster
Himmel, wie wird der Mensch als Mann auf der Erde meistens im Blindekuhspiel
herumgefhrt! Da versitze ich vorgestern den ganzen Abend und die halbe Nacht im
kniglichen Schauspiel - Das Leben ein Traum - und nachher einsam mit dem mden
Kopf auf beiden Fusten in den Kaiserhallen, und drei Schritt abseits redet
dieser Mensch und Charakter so zur Sache! Den armen Kerl triffst du immer noch
frh genug zu Hause, Uhusen, denke ich gestern abend noch und lasse ihm meinen
Knppel des Spaes wegen als Wahrzeichen zurck, und nun sitze ich so und sage
nichts weiter als: Gott ist gro, und Mohammed ist sein Prophet! Aber beim Zeus,
dem bewlkten und unbewlkten, diesen Mr. Propheten des alten Allah kaufe ich
mir jetzt wieder mal mehr denn je und nehme ihn erbarmungslos mit zur
Richtigstellung des Verhltnisses von Mann, Weib und Kind zu dieser Erde.
Bestellen Sie dreist eine Droschke, Rupfer; ich bin gleich mit dem Artikel
fertig und der Herr Hofrat hoffentlich bald mit seinem Kakao.
    Zeit wird es wohl dafr, bemerkte Rupfer fr sich. Es geht scharf in den
Nachmittag hinein und an die Tabledothe ran.
    In diesem Augenblick schlug die Uhr ber dem Schreibtische des Hofrats
dreimal.
    Na? sagte Peter Uhusen aufblickend. Habe ich so lange Zeit an seinem
Lager und jetzt eben hier ber der Aufzhlung seiner Verdienste versessen?
    Drei! klang es sonor von einer Rokokokonsole hinter dem Rcken des langen
Peters. Drei! klang es fein silbern aus dem Nebengemach und noch einmal und noch
einmal und noch einmal, bald nher, bald ferner, bald lauter, bald leiser, aus
allen Zimmern.
    Das reine Kloster San Juste! sprach kopfschttelnd der Schmied von
Jterbog. Na, na, ob dieser Kaiser Karl der Fnfte da nebenan in seiner
Schlafkammer vor seinem groen Stehspiegel wohl genauer als der andere von
seinen vielen Uhren erfhrt, was es fr den Menschen an der Zeit ist? Nun, Gott
sei Dank, da ist er wenigstens noch einmal auerhalb seines Katafalks, der
wohlgepflegte, blondbrtige, gut erhaltene, mittelalterliche gelehrte Germane,
der Liebling seines Publikums und, wei der Teufel wie's zugeht, mir auch noch
immer eine meiner angenehmsten Erinnerungen aus den Tagen der Vergangenheit.
    Hiermit legte der Freund dem Freunde beide Hnde auf die Schultern, und so
standen beide Mnner noch einmal im Leben einander vertraulich gegenber und
unterwarfen jeder den andern einer kurzen, aber scharfen Prfung. Und sie hatten
beide das Gefhl, da weder der Ernst noch der Scherz, weder die Lust noch der
Schrecken der Sterblichkeit sie noch einmal so Brust an Brust, Schulter an
Schulter zusammenfhren werde. Sie hatten beide die volle Gewiheit, da die
gespenstische Klinge, dieser Degen des Leutnants Wolf Hegewisch, nimmer in den
halbvergessenen Schlachten so scharf zugeschlagen habe wie heute an diesem
grauen Herbsttage, in dieser stillen, behaglichen Arbeitsstube.
    Wenn der Herr Hofrat wirklich sich wohl genug fhlen, so hlt der Wagen
unten vor der Tr, meldete Rupfer mit einem bedenklichen Blick auf den
unheimlich gesunden Gast mit dem Stock, dem Sbel, dem einen Auge und den
anderthalb Fusten, der so ganz tat, als ob er berall zu Hause sei, aber hier
bei uns am allermeisten.
    Wir fhlen uns wohl genug, sagte Uhusen, ohne auf etwas anderes als auf
den Jugendgenossen zu achten. Sie knnen gehen, junger Mann; ich werde dem
Herrn Hofrat selber in den Pelz helfen. Alle Wetter, wie hufig habe ich mich
vergeblich in den Winternchten im Kriege und im Frieden des Lebens nach einem
hnlichen gesehnt. Ja, dem geschorenen Schaf snftigt Gott den Wind, das ist
auch so eine von den vielen schnen Redensarten, wie sie der Mensch, sehr wenig
zu seinem eigenen Trost, erfindet.
    Immer mehr wurde der Liebling des gebildeten Publikums wie Wachs unter den
Hnden des rauhen Patrons, der aus seinen Winternchten des Lebens her alles,
was er redete, tat, riet, fr das unbedingt Richtige, das ganz
selbstverstndlich Sachgeme und Zeitgeme nahm. Wie in den Lbecker
Kindheits- und Jugendtagen stand Peter Uhusen an der Spitze, half dem feinen
Albin ber den Zaun, drckte ihn an die Wand, schlug sich fr ihn im Einzelkampf
wie im Massenturnier und half auch wohl ihm selber durch ein paar tchtige
Rippenste zu einem bessern Verstndnis von Welt und Leben in den Gassen der
Stadt, an den Ufern der Trave und am Strande der Lbischen Bucht.
    Etwas Jungenshaftes hatte er noch immer an sich, in seiner offenen,
regenfeuchten Joppe aus breiter Brust blasend und schnaufend. Der Hofrat, der
seine Reden im Konzept ausarbeitete und sie nachher drucken lie, war ihm
sonderbarerweise auch auf dem Felde mndlicher uerung durchaus nicht
gewachsen, und nur mhsam und unbeholfen kam er aus seiner Betubung heraus zu
einer Kundgebung seinerseits.
    Du mut mir wirklich verzeihen, mein bester Freund, wenn ich immer noch
nicht recht wei, was du eigentlich von mir willst, stotterte er. Ich gehe wie
ein Traumwandler. Du trittst aus dem Gewlk, aber mich hllst du vollkommen in
ein solches ein. Was hast du mit mir vor? Was sollte mir dein Spazierstock
gestern abend, und was soll mir nun dieser Degen des alten Narren, des Leutnants
Hegewisch? Du sprichst mir ber Leben und Tod in deinen eigenen Angelegenheiten
wie ber etwas Gleichgltiges, dich kaum Betreffendes, und du wirfst mir diesen
freilich etwas unheimlichen Sbel auf das Bett und holst Dinge aus der
Vergangenheit hervor, deren Erinnerung uns beiden nur unangenehm und
verdrielich sein kann. Wozu dieses? Ich bitte dich, um Gottes willen, wozu
dieses? Das liegt doch alles so weit hinter - mir, hinter uns beiden. Was haben
wir erfahren, erlebt, errungen seit jenen Jahren! Was willst du nun mit diesen
verjhrten, kindischen Erinnerungen, liebster, bester Uhusen? Was soll mir noch
der Degen des Leutnants Hegewisch und sein allerliebstes, leichtsinniges,
spatzenkpfiges Kind? Ich bitte dich um alles in der Welt, guter Peter, la doch
die Toten ihre Toten begraben haben, und vor allen Dingen sei mein Gast heute an
der Wirtstafel im Htel de Rome. Ich glaube, da ich dich da in eine auch dir
hchst interessante Gesellschaft einfhren kann. Du wirst Leute kennenlernen,
die in unserm heutigen Gesellschaftsleben ihre Rollen merkwrdig gut zu spielen
wissen. Ich nenne dir nur-
    Wei Bescheid um das Volk, brummte Herr Schmied aus Jterbog. Habe
mitgespielt auf beiden Hemisphren, und zwar unter einer besseren Direktion als
der deinigen - nimm mir das nicht bel, Albin, es schickt sich nicht,
verchtlich von dem Degen des Leutnants Hegewisch zu sprechen - wie du es auch
mit seiner Tochter halten magst. Ich habe jetzt mehr als zuvor die feste
Absicht, dir von dem Zauber, der in dem nrrischen alten Eisen liegt, deinen
Teil abzugeben, ob du willst oder nicht. Wir gehen heute gewi zusammen und
zuerst zu der Frau Direktorin Cruse. Du erinnerst dich unserer Frau Wendeline
aus dem Salon deiner Frau Mutter her? Menschenkind, Nchternster aller Lieblinge
des Publikums, wie rauschte, um bei ihren Worten zu bleiben, voreinst ihre
Schleppe durch unser junges Leben! Wir werden zusammen, Arm in Arm, erfahren,
wohin die nrrische Klinge von Idstedt, Bau und Fridericia weist. Wenn ich mein
Gewissen beruhigt haben werde und wei, wo diesmal die Toten ihre Toten begraben
haben, und wenn dann die Zeit noch langt, bin ich bereit fr deine
Tischgenossenschaft im Rmischen Hof und nehme deine Einladung zu allen
Genssen, geistigen und leiblichen, mit Vergngen an.
    Rupfer, seufzte der Hofrat, wir - der Herr und ich - speisen jedenfalls
heute abend hier zu Hause. Sorgen Sie fr das Ntige.
    Hm, brummte Peter, lasset die Toten ihre Toten begraben. Man soll den
Abend nicht vor dem Tage loben; aber, einerlei, sicher ist wenigstens, da aus
Abend und aus Morgen immer ein neuer Tag wird.
    Er nahm nicht den Degen des Leutnants Hegewisch, sondern seinen eigenen
vertrauten Wanderstock aus den Schwartauer Hecken unter den Arm, und Rupfer
berreichte seinem Herrn den Regenschirm.
    Auf der ersten Treppenstufe sagte der unwiderstehlichste, das heit
zudringlichste aller Jugendbekannten gemtlich ermunternd:
    Siehst du, alter Junge, der Mensch kann alles, wenn ihm sein Nachbar im
Trbsal unter die Arme greift. Jawohl, so schlft man in die Tage hinein, wenn
sie einem zu behaglich gemacht werden. Ein bichen bernchtig siehst du
freilich noch aus, aber dem werden wir bald auf die wirkungsvollste Weise
abhelfen. Wir, die wir nur zu oft durch die Trommel oder das Horn aus der sen
Selbstvergessenheit aufgerufen wurden, wissen nur zu wohl, was es um einen
traumlosen Schlaf ist, und stren niemand daraus auf ohne dringende
Notwendigkeit.
    Aber ich habe die Nacht in der Tat bel zugebracht, sagte der Hofrat
klagend, und zwar mit einem Blick nach der Korridortr des Kommerzienrats in der
Erinnerung an den Lichtschein auf der Schulter und dem Haupte der jungen Dame
unter dem Kronleuchter der gndigen Frau und - an die Visitenkarte seines
jetzigen rauhen Fhrers, die ihm Rupfer nach seiner Rckkehr aus dem
Gesellschaftsabend seiner Hausgenossen abgeliefert hatte. Er sagte aber von
beiden nichts.
    Ist es nicht schon ein Segen, da du dich wenigstens noch einmal wieder auf
den Beinen findest? meinte Peter Uhusen weiter. Wie lange ist's her? Vor zwei
Stunden - da lagest du - nicht tot von den Toten begraben, aber scheintot von
dem Leben mit Kissen und Kopfweh zugedeckt, in Nervenschwche verpackt, durchaus
nicht fhig, dich selbst deines Ruhmes unter den Lebenden zu erfreuen, und nun
ahnst du sowenig wie ich, zu was fr einer gttlichen Komdie und zu welchem
wundervollen Motiv fr sptere objektive Darstellung fr Redebhne und
Druckerpresse ich dich aus dem Bett zu holen hatte, und zwar mit dem Degen des
Leutnants Hegewisch!
    In der Gasse vor dem offenen Wagenschlage seufzte er noch:
    Wahrhaftig, die frische Luft wird dir gut tun. Und mir auch, setzte er
hinzu.
    Da fhrt er mit ihm ab wie der Satan mit der armen Seele! grinste Rupfer,
dem Wagen mit bedientenhafter Schadenfreude nachsehend. Der Schmied von Jterbog
aber befand sich mit seinem Jugendgenossen eben auf dem Wege nach dem Lumpen-,
Knochen- und Alteisenkeller der groen Dame - der guten, alten, tapfern Mama
Cruse, ihrer beiderseitigen guten, alten Bekanntschaft, deren knigliche
Gewnder einst so wundervoll durch ihr junges Dasein gerauscht waren und
geglnzt hatten.

                              Dreizehntes Kapitel


Nun saen sie nebeneinander im Wagen und rasselten durch die Straen eine nicht
kleine Strecke Weges. Uhusen aufrecht, die verstmmelte Faust auf der
Satyrfratze seines getreuen Stabes; Albin Brokenkorb von Zeit zu Zeit die Stirn
mit dem feinen, wohlduftenden Taschentuch betupfend.
    Der Hofrat begann die Unterredung: Ich wehre mich nicht lnger! - Wie ich
hierzu komme, wei ich nicht; aber was du mit mir vorhast, wohin wir fahren, das
will ich doch jetzt wissen. Ich bitte dich also dringend, diesem - diesem -
Scherze ein Ende zu machen, bester Freund. Wir sind allmhlich doch wohl ein
wenig zu alt fr dergleichen Komdienfahrten geworden.
    Der gute Komdiant, Herr Schmied aus Jterbog, wendete sich zum erstenmal
mit dem grimmigsten Ernst auch auf dem Gesichte zu dem Lebensgenossen und sagte:
Hm, du zitiertest vorhin das Neue Testament, wenn auch vielleicht nicht vllig
nach der Meinung des Herrn: Lasset die Toten ihre Toten begraben. Weit du,
Albin - es wird dir auch das vielleicht sonderbar erscheinen, ich habe mich die
letzten Jahre viel mit dem sonderbaren Buche abgegeben. Unsereiner kommt beim
Raketendrehen und Feuerrderabbrennen und grade hufig im allerschnsten
Brillantfeuer auf allerhand sonderbare Liebhabereien. Mit den drei Synoptikern
habe ich mich nicht ohne Interesse beschftigt Matthus, Markus und Lukas oder
Lukanus nennen sich die Graubrte ja wohl? -, und ich versichere dich, wenn man
zwischen ihren Zeilen liest, kommt man auf ganz sonderbare Ideen. Des Menschen
Sohn, der da durch die Bltter geht, nimmt einen mit sich auf seine Wege, man
mag wollen oder nicht! Ich habe dir bereits gesagt, da ich lese, was du drucken
lt. - Du gehst da nicht selten auch um den Mann aus Galila - herum und
verwendest das, was die drei Knasterbrte vom Hrensagen ber ihn berichten,
zweckdienlich genug; deine Damen mssen entzckt darber sein. Sie haben viel
Sonne im Orient. Die Blumen sind dort ja wohl das ganze Jahr durch kstlicher
gekleidet als Salomo in seiner Pracht. Palmen wachsen da, whrend wir uns mit
der deutschen Eiche, und noch dazu die lngste Zeit im Jahr kahl, zu begngen
haben. Aber damit du mich nicht lnger stumm fragst, was dieses alles soll, so
sage ich nur, da mir der Mann aus dem sonnigen Nazara am deutlichsten in die
Erscheinung tritt, wenn hierzulande die Tage kurz und die Nchte lang sind, die
Dachrinnen gieen oder der Schnee fllt. Ich gehe dann gern die deutschen Regen-
und Rauhfrosthalden entlang oder - noch lieber - durch die Rinnsteine oder unter
den Dachrinnen unserer Stdte und trume und berdenke Undruckbares. Ich armer
Krppel, Teufel, Vagabund verkehre dann am liebsten mit meinesgleichen, meiner
Bekanntschaft und Verwandtschaft und brauche nie weit zu laufen, ohne den
wackelnden Tisch zu finden, unter dem man seine Beine mit der brigen
Lumpengenossenschaft behaglich ausstrecken darf. Man trifft vornehme Leute an
dergleichen Tafeln, armer Albin, und diesmal habe ich auergewhnlich Glck
gehabt, Albin. Du wolltest mich an deinem Mittagstisch in die interessanteste
Gesellschaft dieser winterlichen Welt einfhren; ich aber bin beauftragt, dich
zu der Mutter Cruse zu fhren. Sie schickte mich mit dem Degen des Leutnants
Hegewisch. Du weit mit der Creme der Menschheit umzugehen; aber ich rate dir
doch, dich zusammenzunehmen; eine der ersten Damen der Erde wnscht dich
wiederzusehen und dich zu sprechen - eine ganz liebe, alte Tante! brigens sind
wir an Ort und Stelle, und - da stehen wir Kamele vor dem Nadelhr. -
    Der Wagen hielt vor dem Geschftslokal der Frau Wendeline Cruse, und die
Frau Wendeline stand wie vor vier Stunden auf ihrer Kellertreppe auf der
gewohnten Stufe. Eine merkwrdige Vernderung war aber in ihrer uern
Erscheinung vorgegangen; sie hatte in ihren Koffern gekramt. Sie hatte das
Kostm gewechselt.
    Abgeworfen war das, was zu ihrer Rolle als Althndlerin gehrt hatte: der
schmutzige braune Rock, die Friesjacke, das grellbunte, ber Kreuz geknpfte
Wolltuch, die braunen Wollstrmpfe und die niedergetretenen Filzschuhe der
Madam aus dem Lumpenkeller. Die gndige Frau erwartete die beiden Herren und
das, was der Tag weiter bringen mochte, als den besten Stnden angehrige
Matrone. Tadellos von dem Hute bis zu den Stiefelchen, wrdig in den Mantel
gehllt und statt auf den Degen des Leutnants Hegewisch nun auf den eleganten
Regenschirm gesttzt. Sie wute sich in alle ihre Rollen zu finden; aber diese
war ihr doch von allen am meisten auf den Leib geschrieben, wie der lange
Peter Uhusen, ihr Herr Schmied aus Jterbog, in tiefer Rhrung bei sich dachte,
mit dem Kostm die silbergrauen, vornehmen Locken, die treuen, klugen,
frhlichen Augen, den feinen, ironisch-gutmtigen Mund der groen Gnnerin und
tapfern Lebenskriegsgenossin in Betracht ziehend.
    An dem Bett eines kranken Kindes wrde sie sich ebensogut wie ein ander
solides Erdenweib zu benehmen gewut haben, weshalb sollte sie nicht mit meinem
Freund Brokenkorb sofort auf den richtigen Fu gekommen sein? fragte spter
Uhusen und hatte recht in seinem Vertrauen. Die Frau Wendeline machte nicht das
geringste Aufheben beim Anblick des Hofrats. Sie kreischte nicht auf, sie machte
in keiner Weise einen unntigen Lrm. Sie wute ihre berraschung zu verbergen
und war die unumschrnkte Herrin ihrer Gebrden.
    Sie sagte einfach: Auch Sie, Herr Doktor? Quelle journe des miracles! Wie
angenehm, auch Sie an diesem wunderlichen Tage wiederzusehen! Die Jahre sind
wohl ber uns beide dahingegangen, aber ich wrde Sie unter allen Umstnden und
an jedem Orte wiedererkannt haben. Sie erinnern sich meiner auch ein wenig?
Wendeline Cruse ist mein Name. Ihre liebe Frau Mama war vor lngern Jahren sehr
liebenswrdig gegen mich, und Ihrer, Herr Hofrat, erinnre ich mich auch sehr
gut. Sie haben sich auch wirklich nicht mehr verndert, als die Jahre so mit
sich bringen.
    Frau Wendeline Cruse! wiederholte der Hofrat, mein Gott, Peter -
    Es ist ein Tag der Wunder oder wunderlichen Begebnisse, sagte der schwarze
Peter. Wer wei, was uns noch an alten und neuen Bekanntschaften fr den
heutigen Tag aufgehoben war? Ich bin auf alles gefat und werde mich ber nichts
wundern. Auch ber mich und dich nicht.
    Dies ist brav - dies ist tapfer von Ihnen, lieber Brokenkorb, sagte die
alte Dame. Drei Leute, die sich nicht vor den Gespenstern der Vergangenheit
frchten, wie selten trifft man die auf einem Flecke zusammen! Vor dem kommenden
Tage keine Angst zu haben ist da eine Kleinigkeit. Nicht wahr, Schmied aus
Jterbog? Und nun, wenn die Herren nur einen Augenblick sich gedulden wollen,
da ich das Geschft schliee fr den heutigen Tag. Sie helfen mir wohl ein
wenig mit dem Fensterladen, Uhusen? Calate la tenda. Vorhang herunter.
    Der lange Peter griff zu, wie jemand, der dergleichen nicht zum erstenmal
besorgte. Die alte Gnnerin schlo die Tr ab und flsterte dabei: Die Adresse
wei ich; aber Sie sind doch sicher, da wir auf - seine Nerven nicht zuviel hin
wagen?
    Unsereiner hat auch seine Nerven, meinte lachend der Mann von Bull-Run.
Nach denen fragt freilich niemand.
    Zu dem betubt auf das Firmaschild der Althndlerin starrenden Jugendfreund
sagte er nur kurz: Die gndige Frau kennt die Adresse Erdwinens und ihrer
Kinder. Ich meine, wir beeilen uns ein wenig; die Dmmerung kommt schon recht
frh um diese Jahreszeit.
    Er half der groen Dame beim Einsteigen; den willenlosen Hofrat hob er
hinein in den Wagen und stieg grimmig, den Stock von Travemnde, den Knppel aus
dem Mrchenland, unterm Arm, rasch selber nach.
    Vorwrts, Schulzenstrae Numero zehn!
    Die Schar der Gaffer aus der Nachbarschaft, die sich lngst um die Droschke
vor dem Lumpen-, Knochen- und Alteisenkeller versammelt hatte, gab den
anziehenden Pferden Raum, um aber sofort zu einigen Nachbemerkungen von neuem
zusammenzutreten, zu einigen Bemerkungen sowohl ber das Fuhrwerk wie ber die
Nachbarin, ihre Firma, ihre zu so ungewohnter Stunde geschlossene Geschftstr
und die Herren, die sie abholten.
    'ne Droschke erster Klasse! Was sagt der Mensch dazu? Und sie wie 'ne
Grfin aus die Modenzeitung und 's Wachsfigurenkabinett! Und denn die beiden
Herren, die wie zu Hofe vorfahren! Groartig.
    Na, der eine von die beiden sah ruppig genug aus, und der Deibel hat ihn
auch recht hbsch durch die Photograph'nauslage gekmmt.
    Ja und per Wagen ist auch schon mehr als eine abgefhrt worden, aber
weniger zu Balle, als wo's weniger hbsch ist. Das Kriminal und die liebe
Polizei -
    Bedienen sich fr ihre angenehmen Extratouren selten eines Kupees ersten
Ranges und schicken 'ne andere Sorte von Kommissionre. Ihre
Blocksbergerfahrungen in allen Ehren, Mutter Jurke, aber diesmal stimmt det
nicht. Und auf die alte Dame la ich berhaupt nichts kommen. Von dem Tage an,
wo sie hier ihre Grohandlung erffnet hat, ist sie mir sympathisch gewesen, und
ich habe gleich gesagt: hinter der steckt was. Und ich mu das zu beurteilen
wissen, denn -
    Den Katzenkopp, den sie gestern meinem Altesten gesteckt hat, den wei ich
zu beurteilen und behalte ihn ihr auf dem Konto trotz alle ihre
Hintertreppen-und Tafeldeckerei-Erfahrung, liebster Pieseke. Darauf knnen Sie
Gift nehmen, den Lffel werd ich Ihnen mit Vergngen dazu leihen. Was sagen Sie,
Madam Mller, was ist Ihre Erfahrung? Wird det olle Maskeradengeschpfe erst zu
einer Hochzeit oder schon zu 'ner Taufe gebraucht als Gelegenheitsmacherin?
    Maskeradengeschpfe stimmt ausnehmend. Aus de Gosse in de Karosse. Was
alles da aus das alte Eisen aufsteigen kann! Morgens Knochen wiegen - mittags
Lumpen sortieren und nachmittags mit 'n r in die Ekipasche wie die hochselige
Kaiserin von China. Aber ist es dem Polizeiprsendenten recht, so mu es mir
auch konform sein. Und brigens, wozu sind wir denn, Gott sei gelobt und
gepriesen, endlich Weltstadt geworden, wenn wir uns noch ber was wundern
wollen? Juten Abend, meine Herrschaften. -
    Whrend so wieder einmal Kritik ber sie gebt wurde, lehnte die alte Frau,
von der auch hier wieder einmal die Rede war, uerlich ruhig und unbewegten
Gemtes im Hintersitz des Wagens den beiden Mnnern gegenber und sah lngere
Zeit, ohne ein Wort zu bemerken, von dem einen auf den andern. Sie hatte den ihr
gebhrenden Platz sofort eingenommen und zu Peter Uhusens innerstem Behagen die
Regie bernommen und fhrte sie gelassen im Regen wie im Sonnenschein,
unbefangen gegen Snder und Gerechte ganz wie zu Olims Zeiten, da wir Esel noch
jnger waren und auf der Weide hintenausschlugen.
    Nun reichte sie mit freundlich-mtterlichem Gestus die Hand im tadellosen
Handschuh - nicht dem Freund aus Untermeidling, sondern dem - andern hinber und
sagte: Sie sahen, lieber Hofrat, da ich zu dem alten Eisen geraten bin; aber
ich bin nicht schuld daran, da sich unter meinem Vorrat der Degen Ihres alten
Freundes, des Leutnants Hegewisch, eingefunden hat. Ich habe den da, den
Einugigen da in der Ecke, zu Ihnen mit dem Funde geschickt, und - bei der
ewigen Nacht und der Sonne, die das ewige Blau daraus macht, wie Sie selber
neulich so hbsch in der Singakademie sagten - ich freue mich in der Seele, da
Sie mit dem nrrischen Peter zu mir gekommen sind, um den Spuren zu folgen, auf
welche dieses alte Eisen hinweist. Verpflichtet ist ja im Grunde keiner von uns
dazu.
    Na?! brummte der schwarze Peter, doch der war wie gar nicht vorhanden fr
Frau Wendeline Cruse.
    Die feine alte Frau sah ber den Verfasser der Blankeneser Seeruber
gnzlich hinweg. Sie widmete sich ganz dem Hofrat. Auf das zierlichste zog sie
den Faden, ganz unmerklich fr den Betreffenden zog sie ihn, und der Schmied von
Jterbog konnte, sich in seiner Wagenecke zurechtrckend, nur sich sagen: O du
abgefeimte graue Meerschweinchenmama!
    Wie mtterlich oder gromtterlich fr den armen Albin besorgt, seufzte Frau
Wendeline: Was kann uns noch Erdwine Hegewisch sein? Fnfzehn Jahre sollen eine
lange Zeit sein; zwanzig sind unbedingt eine lngere. Was wissen wir noch von
den Tagen, da wir jung waren, da wir die Sonne, den Mond und die Sterne noch
nicht in den Akten des Lebens, sondern nur ber unsern dummen, jungen Kpfen
hatten? Jaja, lieber Albin, verjhrter Mondschein auf der Lbischen Bucht!
Reizend sah das Kind im Efeukranz aus, das schne Mdchen, mit dem wir auf der
Spiegelflut schaukelten. Aber ist es nicht ein Jahrhundert, ein Jahrtausend her,
seit sich ihr Schicksal von dem unsrigen getrennt hat? Was ist uns Erdwine
Hegewisch? Was haben wir mit der Witwe Wermuth in der Schulzenstrae zu
schaffen?
    Gndige Frau - stammelte Albin; aber die groe alte Dame legte ihm die
Hand im feinen Handschuh auf den Arm und sagte: Wenn einer wie ich im Kehricht
anlangte, dann kann er, wenn er nicht auf dem Wege zum Tier geworden ist, viel
gelernt und dann und wann sogar ein sehend Auge bekommen haben. Schade, da Sie
nicht erst einen Augenblick in meinem Keller auf dem Sack gesessen haben, lieber
Brokenkorb, auf welchem dieser nrrische Kerl hier heute morgen sa. Aber
einerlei, Sie sollen mir doch noch die Mutter Cruse unter dem alten Eisen
symbolisch verwerten! Das Fatum hat uns drei, nicht ohne seine Grnde zu haben,
wieder zusammengefhrt durch den Degen des lieben, alten, trichten, armen
Leutnants Wolfram Hegewisch. Bau - Kolding - Fridericia; - Witwe Erdwine
Wermuth, was ist uns das, was soll uns das? Die alte Klinge ist's, das alte
Eisen ist's, mit dem alles brige in unserer Erinnerung wieder aufgewacht ist
und uns drei aus dem Lumpenkeller, aus Untermeidling und - aus Ihrem schnen,
reichen Leben, Herr Hofrat, in dieses - nichtsnutzig - stoende - Gefhrt
zusammengeschachtelt hat.
    Bei den unsterblichen Gttern! rief der lange Peter, doch die Frau
Wendeline fuhr auch jetzt fort, ohne auf ihn zu achten, obgleich sie ihn nun mit
anredete: Ich habe gleichfalls meine Zeit nicht verloren, lieber Uhusen,
whrend Sie mit dem Degen des Leutnants zu unserem guten Hofrat liefen. Meine
Geschftsverbindungen im Abfallhandel sind mir diesmal sehr zustatten gekommen.
Ich habe das Ntigste sofort auf wenig diplomatischem Wege in Erfahrung
gebracht. Das Kind ist zugrunde gegangen als die Witwe eines verkommenen
Musiklehrers; wir kommen grade recht zu ihrem Begrbnis. Der Degen des Leutnants
Hegewisch scheint brigens nicht mehr des armen Weibes wegen unter meinen
Kehricht, zu meinem alten Eisen geraten zu sein. Nun, wir werden ja sehen, wohin
die Klinge deutete. Nicht wahr, Peter Uhusen?
    Das letzte Wort richtete sie ganz und gar an Herrn Schmied aus Jterbog.

                              Vierzehntes Kapitel


Es war Albin, der leise noch einmal nach dem Namen des Gatten des weiland
schnsten Mdchens der Stadt Lbeck fragte, und die Frau Wendeline sagte
kopfschttelnd: Franz Wermuth! Das ist auch eine Seltsamkeit dieses Tages, da
auch der mir schon ber den Weg gelaufen ist. Er war seinerzeit kein bler
Geiger, und meine Mama hat ihn in Sddeutschland in ihrem Salon als Wunderknaben
unter dem brigen Volk der Menagerie in einem Ringe schaukelnd gehabt.
Jedenfalls ist er auch bedeutend lter als das arme Mdchen gewesen. Er war ein
Narr, aber kein bsartiger. Vielleicht geriet das Kind noch gar ganz an den
Richtigen, und es htte ihr sicherlich noch viel bler als bei ihm gebettet
werden knnen. Aber lassen mich die Herren einen Augenblick. Wie sa ich heute
morgen noch so ruhig und als Philosophin im Kehricht, und da rasselt es unter
den Knochen, und die Lumpen werden lebendig, es fngt der ganze Plunder von
neuem an zu spuken. Was von dem Uhusen noch brig ist, kommt die Gasse herab,
als ob sich das vllig so von selber verstnde. Und hier - der ganze Herr Hofrat
Brokenkorb und der brave Junge mit dem Degen seines Grovaters, der tapfere
Junge, der mir das glorreiche Unglckszeichen gegen eine Dte Sargngel
verpfnden will - mein Gott, mein Gott! Mein Kopf, mein Kopf!
    Es blieb nun still in der Kutsche, die nicht nur die vornehmen, sondern auch
die anstndigen Straen der Stadt allmhlich hinter sich gelassen hatte und in
sdwrts gelegene Regionen derselben sich verlor, die wahrlich nicht mehr selbst
im kleinbrgerlichen Sinn zu den respektabeln gerechnet werden konnten.
    Von einem Droschkenkutscher erster Klasse konnte man es auch nicht
verlangen, da er hier genau Bescheid wisse. Er hielt fters an, sah nach den
Straennamen an den Ecken und holte sich auch mehrmals mndlichen Rat.
    Zuletzt hielt er aber wirklich und meinte, den Schlag ffnend: Wenn die
Herrschaften meinen, so - wren wir hier vielleicht. Numero zehn!
    Der Schmied aus Jterbog warf nur einen kurzen Blick herum und half der Frau
Wendeline beim Aussteigen. Auch diese sah nur ernsthaft gelassen zur Rechten und
Linken und dann an dem Hause empor, vor welchem der Wagen hielt.
    Als Albin Brokenkorb als der letzte ebenfalls im schlpfrigen Straenkot
stand und sich umsah, murmelte er wie die gndige Frau: Mein Gott!, aber mit
ganz anderer Betonung als wie jene. Doch noch war er gottlob imstande, Literatur
zu denken: Auf unseres Lebenspfades Mitte fand von einem dunkeln Wald ich mich
umfangen! Der fnfundzwanzigste Mrz des Jahres dreizehnhundert!... Virgil,
Virgil!... und... Beatrice, Bea-
    Er vollendete auch in Gedanken den holden Namen nicht zum zweitenmal.
    Nanu, aber das Gefahre heute! Die eine Ekipasche zu, die andere ab, wie bei
'ne Neujahrsgratulation unter die Linden. Na, Herr wirklich Geheimer, womit
knnen wir Ihnen denn hier bei uns dienen?
    Det werde ick Ihnen sofort sagen, sprach die Mutter Cruse, sich trotz der
Verwirrung, in welche der Tag sie geworfen hatte, der Herrschaft ber die Korona
der Gegend, welche sich auch hiesigen Orts sofort um den Wagen und seine
Insassen versammelt hatte, bemchtigend, und zwar durchaus im Ton und zum
Verstndnis des Ortes. Sie schob die Hand weg, die sich aus dem Kreise heraus
auf den armen Albin gelegt hatte, rief dem Kutscher zu: Sie warten, lieber
Mann! und wendete sich an Peter Uhusen: Nehmen Sie jetzt den Hofrat, whrend
ich das brige besorge.
    Es war klar, da etwas vorgegangen war in der Gasse, und zwar vor noch nicht
langer Zeit. Weiber mit und ohne Kinder auf den Armen standen in Gruppen vor der
Nummer zehn. Auch Mnner, die Hnde in den Hosentaschen, lungerten umher. Die
Stimmung schien eigentmlich zu sein. Es wurde wohl gelacht, es fielen wohl
schlechte Redensarten, und schlimme Witze wurden gemacht; aber es wurden doch
auch die Kpfe geschttelt, und zwar nicht blo stupide, sondern auch betroffen,
nachdenklich, ernsthaft und in feigem Mitleid.
    Die vornehme Dame, der feine Herr im schnen Pelz und Peter Uhusen erregten
natrlich neues Aufsehen; das erste Zwiegesprch zwischen dem Volk und der Frau
Wendeline fand statt, und die Mutter Cruse wute auch weiterhin mit den Leuten
fertig zu werden und bernahm es, die notwendigen Erkundigungen einzuziehen.
    Wohnt hier die Witwe Wermuth?
    Hat hier bis vor 'ner halben Stunde gewohnt, Madameken. Aber abgereist!
Eben mit dem Omnibus nach dem Bahnhof - na ja, wenn der Aujust da seine Gule
ordentlich was zumutet, kommen Sie vielleicht noch recht, um den letzten
Abschied von ihr zu nehmen.
    Der Bursche; der so antwortete, wurde von einer lteren Frau zurckgedrngt,
die ihm mit einem Rippensto riet, sein dummes Maul anderswo hren zu lassen,
und sich zu der Mutter Cruse wendete: Sie suchen die unglckselige Kreatur, die
Witwe Wermuth? Da kommen Sie leider ein bichen zu spt. Eben hat man ihr
abgeholt.
    Das Begrbnis hat stattgefunden?
    So, das wissen Sie also schon, da sie tot ist? Ach Madam, was mu der
Mensch alles erleben! Ja, eben ist sie da um die Ecke, wo Sie hergekommen sind.
Seit Wochen sind wir hier in der Strae vor ihr nicht zur Ruhe gekommen; aber
nun schenkt der Herrgott ihr den Frieden, und uns ist ja wohl auch die Last vom
Halse genommen, und man braucht nicht mehr an sie zu denken!
    Die Frau hat Kinder hinterlassen?...
    Ach Gott, die Wrmer! Jawohl, jawohl! Hier stehen wir mit unsere an die
Schrze oder auf 'm Arm, und die Range da im Rinnstein - willste heraus,
Jammerkrte! - gehrt auch zu mir. Aber Gott soll sie bewahren, da sie so bei
mir Wache halten mssen wie der Wermuthen ihre seit 'm Sonntagmorgen bis eben am
Nachmittag!
    Nehmen Sie den Hofrat unter den Arm, Uhusen, sagte die Frau Wendeline.
Liebe Frau, wo kann man das Nhere erfahren?
    Nu, natrlich in ihrer Wohnung, wenn Sie sich die Mhe geben wollen und die
Vergiftung nicht frchten. Fnf Treppen hoch. Witwe Wermuth mit Kreide an die
Tr, und der Wirt hat die fllige Miete drunter notiert!
    Wen trifft man da oben? fragte die Mutter Cruse; aber da trat die ganze
Gruppe ein wenig zurck und blieb anfangs stumm, bis ber die Schultern der
Nchststehenden hinweg jemand, nicht ohne Heiterkeit in der Stimme, rief:
Wissen Sie was? Rufen Sie mal an der Bodentreppe: Rotkppchen! Es wird ja denn
vielleicht wohl wer Appell geben, der genauer Bescheid wei als wie wir. Ein
ganz nettes Mdchen! Ja, rufen Sie nur: Frulein! Frulein Rotkppchen!
    Was soll die Dummheit? rief die groe Frau aus dem Knochen-, Lumpen- und
Eisenkeller, mit allem Nachdruck in den Kreis vortretend, nach dem Ratgebenden
hin, und der Pbel wich zurck, wie berall da, wo sie den Fu fest aufsetzte.
Ich wnsche zu wissen, wo ich die Kinder der Frau Wermuth finde.
    Aber die Frau mit dem Kinde auf dem Arm, dem Kinde an der Schrze und der
Range in der Gosse meinte: Ach ja, tun Sie es doch nur! Rufen Sie da oben nach
dem Frulein. Rufen Sie gtigst an der Bodentreppe den Namen Rotkppchen. Sie
heit zwar so nicht, aber sie hrt auf den Namen. Die Herren Professoren und die
Herren von den Knsten haben ihn ihr beigelegt aus Spa. Wir hier unten haben
uns wirklich zu sehr vor der Sterblichkeit gefrchtet, was die Witwe Wermuth
angeht.
    Kommen Sie, Uhusen, sthnte Wendeline Cruse. Ich glaube, wir haben keine
Zeit zu verlieren. Mir wird immer seltsamer zumute, und ich ahne, was es
bedeutet, wenn sich der Mensch hier in dieser Stadtgegend vor seinesgleichen des
Todes wegen zu frchten anfngt.
    Es war nun vllig Zwielicht geworden, aber noch hell genug, da sie die
Treppen in den untern Stockwerken des Hauses Nummer zehn ohne viel Gefahr fr
ihre gesunden Gliedmaen berwanden. Erst in der Hhe wurde der Weg
bedenklicher; denn mit der Gebrechlichkeit und Steilheit der Treppen nahm die
Dunkelheit zu, und sie fanden sich bald auf das vorsichtigste Tasten angewiesen.
    Ohne den guten Peter Uhusen wre jetzt selbst die tapfere alte Dame beinahe
und der Hofrat Brokenkorb ganz und gar verloren gewesen. Doch der Peter wute
nicht nur mit den gebrechlichen Leitern und der Dmmerung, sondern auch mit den
Bewohnern des wimmelnden Gebudes noch besser als die Mutter Cruse
zurechtzukommen. Seine zerfetzte, ruinierte, schwarzgebrannte Visage, sein
Haarwuchs und Bart, seine Lodenjoppe und sein Knittel von Travemnde imponierten
letztern doch noch um ein weniges mehr als die Mutter Cruse.
    Sie gingen mit einem Gefolge, das grer wurde, je hher sie kletterten. Von
allen Treppenabstzen, aus allen Gngen drngte es sich hervor, ein
schattenhaftes, unheimliches, murmelndes, kicherndes, zeterndes Gewimmel, und
der Hofrat htte wohl von neuem ngstlich Virgil! Virgil! rufen drfen. Er
hing krperlich und geistig zitternd dem heutigen Meister und hohen Fhrer am
Arm und murmelte nur: Ein Traum, ein Traum! Ich trume das! Aber Peter Uhusens
frohmutiger Ba blieb derselbe zu ebener Erde, im ersten Stock und unter dem
Dache, bei Tage, in der Dmmerung und in der dunkelsten Nacht. Ein Mann mit so
wohlwollend drhnendem Organ verschafft sich berall nicht nur Durchgang,
sondern auch Auskunft. Der gute Peter wute sich auch hier auf jedem
Treppenabsatz das Individuum herauszuholen, das er am besten auf seinem Wege
gebrauchen konnte. Wie im Fluge machte er Bekanntschaft: Mann, Weib und Kind
standen ihm Rede, und den braven Stab aus der Schwartauer Hecke durfte er ruhig
unter dem Arm, an welchem ihm sein Freund Albin nicht hing, weitertragen.
    Das ist der richtige Reservemann, und - wenn ihn - die alte Tante da in die
Welt gesetzt hat, na, denn kann man sie beide gratulieren! sagte oder dachte
die Einwohnerschaft des Hauses Numero zehn. -
    Hher, immer hher, bis es anscheinend nicht hher ging! Seltsamerweise
standen sie im fnften Stockwerk verhltnismig im Hellen. Ein ziemlich groes
Dachfenster warf noch den letzten Tagesschein auf den Vorplatz; - und dazu ein
wunderliches Phnomen: sie fanden sich ohne alle Begleitung - sie fanden sich
allein vor der Tr der Witwe Wermuth!
    Selbst der Schmied von Jterbog wendete sich verwundert zurck nach der
Tiefe, aus der sie emporgestiegen waren. Er stie die eiserne Zwinge seines
Stockes in den morschen Boden und sah auf die Frau Wendeline und sagte grimmig:
Sie hatten recht, Mama! Die ganz gewhnliche feige Welt, in der wir Atem holen
- so lange als mglich!
    Frau Wendeline machte nur ihre kniglichste Handbewegung, antwortete aber
weiter nicht, sondern schritt auf die nchste, weit offenstehende Tr zu, die
Tr mit der Kreideinschrift des Hauswirts. ber den Rand des Treppenhauses hoben
sich nur einige Kinderkpfe, aber verschwanden auch wieder. Sie duckten nieder
auf den Anruf von ein paar kreischenden, ngstlichen Weiberstimmen. Die Witwe
Wermuth war ausgezogen. Es war nichts mehr von ihr persnlich im Hause vorhanden
als ihr Name und die Summierung ihrer letzten uneingelsten Schuldrechnung auf
der Erde an der Tr; aber das Haus frchtete sich noch immer vor ihrem Gift und
traute sich mit seinen Kindern nicht heran an den Strohsack, auf dem sie ihren
Kindern Mrchen und von ihrem Leben, von ihrem Freund Peter Uhusen und dem
andern und von ihrem Vater, dem Leutnant Hegewisch - erzhlt hatte.-
    Niemand hier!... Leer!..., sagte Peter, und es gibt Orte, wo die
gesundesten, krftigsten Stimmen am gespenstischsten klingen. Uhusen hatte seine
Worte ganz leise gesprochen, und ein gespenstischer Nachhall klang doch aus dem
den Raume zurck: Leer!
    Nur die furchtbare Strohmatratze dort im Winkel, der Lumpenhaufen, auf
welchem sich die schne Erdwine Hegewisch zum letzten, ruhigsten Schlaf
ausgestreckt hatte und auf dem ihre Kinder gekauert und sich mit der Erinnerung
an die Mrchen und Lebensgeschichten der Mutter die Angst, die Schauder der
letzten Tage und Nchte vertrieben hatten!
    Albin, Albin, murmelte Peter Uhusen jetzt selber schaudernd, dem
Jugendfreunde den Arm zum erstenmal in wirklicher alter Vertraulichkeit um die
Schultern legend. O ihr Mondscheinnchte auf den klingenden Wassern! Du
machtest damals recht gute Verse. Sie waren recht gut, und es war nur
nichtsnutzig von mir, wenn ich dich darob auslachte. Was gbe ich darum, wenn
ich in diesem Augenblick um diese arme Erdwine mir die Haare ausraufen und ber
dich lachen oder dich prgeln knnte!
    Der Hofrat murmelte frstelnd, zitternd nur, da dies freilich entsetzlich
sei, da er die Welt nie so gesehen habe, da er sich das - dieses - solches
nie, nie, nie so vorgestellt habe. Und seufzend klopfte ihm der Jugendgenosse
auf die Schulter und meinte: Ja, Bruder, wenn der Weg zum Tisch der Gtter
immer nur ber Asphodeloswiesen fhrte, was fr ein Kunststck und Verdienst
wre dabei, ihn zu beschreiten?
    Aber die Kinder! Die Kinder! So denkt doch an die Kinder, ihr
Menschenkinder! Es sind ihrer zwei. Der brave Junge mit dem Degen des Leutnants
Hegewisch und sein Schwesterchen. Wo sind die Kinder?
    Ja, wo waren die Kinder geblieben? Wohin hatte sie der schreckliche Besen
unter den Abfall des Lebens gekehrt?
    Ich wollte, ich htte sie in meinem Keller bei meinem Kehricht und se mit
ihnen hinter geschlossenen Lden und Tren, murmelte die Mutter Cruse. Rufen
Sie doch einmal die Treppe hinunter und erkundigen Sie sich nach ihnen bei den
Armen im Geist, Uhusen!
    Herr Schmied aus Jterbog tat das; aber nur ein paar schrille Kinderstimmen
gaben ihm aus dem dunkeln Treppenhaus herauf die Antwort: Ausgezogen und
abgefahren mit ihrer Mama!
    Was bleibt uns jetzt brig, als den Rat anzunehmen, den uns die Leute
drunten in der Gasse gegeben haben? fragte die Frau Wendeline, und aus der
leeren, schweigsamen Kammer wieder auf den Vorplatz tretend, rief sie mit ihrer
trotz ihres Alters noch wohltnenden Stimme nach dem hchsten Dach empor:
Rotkppchen! und nach einigem vergeblichen Horchen nochmals: Rotkppchen!
Rotkppchen!
    Das soll mich doch wundern, brummte der schwarze Peter.
    Noch regte und rhrte sich nichts, keine Maus, und von den Geistern des
Hauses weder ein guter noch ein schlimmer.
    No mouse stirring! murmelte Mrs. Crusoe von Brooklyn.
    Sie will uns hren strker beschwren, sagte Peter. Was meinen Sie, Mama
Cruse, wenn ich dieser mrchenhaften Unbekannten mit dem lieben Namen einmal die
Versicherung gbe, da wir nicht zu der Polizei gehren, sondern als die besten
Freunde der Witwe Wermuth kommen?
    Frau Wendeline hatte nicht ntig, hierber ihre Meinung abzugeben. ber
ihren Kpfen raschelte und knisterte es, Staub und Kalkstckchen lsten sich von
der Decke, und durch eine der Ritzen zwischen den Planken kam ein melodisch
Stimmchen:
    Wer sich darauf verlassen knnte!
    Sie knnen sich dreist darauf verlassen, Frulein Rotkppchen! rief der
Schmied von Jterbog nach den Balken ber seinem dicken, braven Haupte, und zwar
mit dem vertrauenerweckendsten Ausdruck, hinauf. Kommen Sie ruhig herunter,
Rotkppchen. Wenn wir selber nicht schon dann und wann von der Polizei gefat
worden sind, so ist wenig von unserm Verdienst dabei.
    Und siehe! Es war, als erhebe sich da oben jemand aus lauschender Stellung
von den Knien. Und nun schttelte das sich und trippelte vorsichtig hin und her.
Und nun schwang das sich von dem allerobersten Dachwinkel des Hauses Numero zehn
nicht mehr eine Treppe, sondern die Leiter hinunter, schattenhaft durch die
Dmmerung, ktzlich, mit Affengewandtheit, zierlichst balletterfahren, geschickt
von Griff zu Griff, von Staffel zu Staffel. Ein Rckchen blieb an einem Nagel
hngen, und zwei weie Strmpfchen wurden auch noch bei fast vollkommenem
Abenddunkel merklich sichtbar. Ein letzter Sprung, und im tadellosen Kreis- und
Hakenschwung vor den drei Freunden von Erdwine Hegewisch sich drehend, sank ein
Frauenzimmerchen von wenig mehr als achtzehn Jahren in einem tiefen Knicks
zurck und legte die Hnde wie flehend zusammen und dann den Finger auf den Mund
und flsterte, im hlflosen Trotz schluchzend: O Himmel, um Gottes willen! Wenn
Sie mich angelogen haben, fllt mein Blut auf Ihre Kpfe! Ich bin heute morgen
mit der frhesten Frhe hier eingeschlupft - o groer Gott, und ich kann von
allem Rechenschaft geben, nur mit der Polizei will ich lieber nichts zu tun
haben, und wenn Sie doch dazu gehren - oder - wohl gar zu der geheimen, so
ersufe ich mich in meinen Trnen und springe da aus dem Fenster - na, und was
htten Sie dann weiter als das Nachsehen?
    Dabei hatte das Ding beide Hnde vor dem Gesicht und stand frostgeschttelt,
kichernd und schluchzend, und zwar in allerleichtesten Sommerkleidern, in
Kleidern, die sicherlich schon mehr als eine Tanznacht mitgemacht hatten.
    Es wird wirklich zu dunkel selbst hier fr den Ort, sagte die Mutter
Cruse, aber la dich doch mal 'n bichen genauer ansehen! Sollte ich dich gar
nicht kennen, du leichtsinniger Buttervogel? Na, Peter Uhusen, la journe des
miracles! Zu den absonderlichsten Wundern gehrt dieses neue Begebnis nun wohl
grade nicht; aber bei meinen Lumpen, Knochen, im alten Eisen und beim Kehricht
hab ich das Persnchen hier auch schon gehabt. Kennst du mich nicht mehr, du
saubere Mrchenprinzessin?
    Das absonderliche Rotkppchen nahm die Hnde vom Gesicht, breitete sie,
komdiantenhaft mit hngenden Armen Von neuem in die Knie sinkend, vor der alten
Dame aus: O Madam, Madam - Madameken Cruse, Sie hier? Und Ihretwegen habe ich
da oben das Ohr am Boden gehalten und Sie fr den Schutzmann genommen?
Ihretwegen, Madam, Mama, Mutterken - o verzeihen Sie mir die Vertraulichkeit;
Sie sollten hier nur hergejagt worden sein und hier bei den Kindern gesessen
haben seit heute frh und bei so 'nem Schnupfen und Katarrh im Anzuge - um sich
nach einem Herzen zu sehnen, an das Sie sich endlich mal wieder sicher lehnen
mchten! Sie wissen es also noch, da Sie es waren, die mir meine Tanzschuhe an
den Kopf warfen, als ich sie des Hungers wegen bei Ihnen versetzen wollte? Ja,
Sie haben mich ohnmchtig als 'nen andern Sack voll Lumpen auf Ihren Scken voll
Lumpen liegen gehabt, und eine Tasse Pfefferminztee haben Sie mir eingetrichtert
und mich satt und mit einem Paar anderer Schuh und einem ganzen Sack voll
lieber, gutester, bester Vermahnungen entlassen! O Gott, wenn es nur bei
unsereiner etwas helfen knnte!
    An beiden Schultern hielt die Mutter Cruse den armen Gassenschmetterling und
schttelte ihn, um endlich den Redestrom zu unterbrechen. Aber Rotkppchen hatte
schon einen andern guten Bekannten unter den dreien entdeckt; und jetzt stand
sie und rief, die Arme wie zu einer Umarmung ausbreitend: O mein Leben, und
auch der Herr Hofrat - der Herr Hofrat Brokenkorb! Na, Hofrtchen, Doktorchen,
wenn wir zwei einander nicht wiederkennen sollten?! O Himmel, man hat doch oft
genug in den allerberhmtesten Ateliers Modell gestanden, gesessen, gelegen und
gehangen, um nicht auch den Herrn Hofrat kennengelernt zu haben. O welch ein
Glck, welch ein Glck! Siehst du, Kind, Glck mu man haben, um durch die Welt
zu kommen, und das gebe ich dir mit, sagte meine Mutter auf dem Totenbett. Sie
hat auch auf einem Sack gelegen wie der da, als sie das sagte. Und als ich bei
den Kindern heute morgen dasa und die ganze Welt tot und die Kinder im Schlaf
und die Witwe Wermuth auch, da hab ich ein Herz gehabt so gro wie die weite
Welt und so voll von verschluckten Trnen, und so hab ich den Kindern ber den
Morgen und den Tag weggeholfen und wre auch nur zu gern mit ihnen neben dem
Totenwagen hergelaufen, wenn ich - mich - nur - vor der Polizei getraut htte.
    Diesen Redeflu unterbrach die Frau Wendeline nicht, und Hofrat Dr. Albin
Brokenkorb war auch nicht dazu imstande, und der Schmied von Jterbog, der doch
mit dem Tod und dem Teufel fertig zu werden wute, setzte nur grimmig die Zhne
aufeinander und murmelte: Es wird Zeit; wir haben Eile, Eile! Mdchen, gutes
Kind, wir suchen die Kinder, da wir die Mutter nicht mehr gefunden haben. Jetzt
erzhle rasch, was du weit, halte dich nicht auf bei Nebendingen und alten
Bekanntschaften. Nimm mich fr eine neue, ganz solide! Rotkppchen warf jetzt
den ersten Blick auf den zottigen Einugigen mit dem Knotenstock und der
verstmmelten Tatze.
    Gott ja! schluchzte sie. Ja, wie gern! Wenn man nur schon lngst einen
gehabt htte, dem man sein Herz darber ganz htte ausschtten mgen! Sie sind
ja drei Tage allein gewesen bei der Toten!
    Allein die Kinder bei der Toten? riefen die Mutter Cruse und Peter Uhusen
entsetzt.
    Jaja. Oh, wenn der Herr Hofrat das beschreiben wollte in den Zeitungen, was
ich noch seit heute morgen davon gehrt und gesehen habe, damit knnte er Glck
machen. Oh, wenn er mit meiner Zunge damit vor seinen Damen und dem Publikum
reden wollte! Aber wer die Geschichte gedruckt liest, der glaubt sie nicht, und
auch keiner von den Herren Malern kann sie recht malen.
    Albin Brokenkorb hatte nie, nie vor seinen Lichtern ein Publikum gehabt, das
so atemlos, so grimmig-gespannt, so im Tiefsten erschttert, so lautlos ihm
zuhrte, wie jetzt die drei in dem leeren Dachzimmer von Erdwine Hegewisch auf
das horchten, was das junge Frauenzimmer von der Sache wute.
    Da die Witwe Wermuth sich ber nichts mehr zu schmen hatte, so hat sie
sich auch meiner nicht geschmt; ich hab hier nmlich auch mal im Hause gewohnt,
und wir haben Bekanntschaft miteinander gehabt und uns ausgeholfen, wie es sich
so machte. Sie mir manchmal mit einer Brotrinde und ich ihr, wenn ich Glck
hatte, mit einem Zehnmarkstck. Aber seit Wochen oder Monaten waren wir
voneinandergekommen, und den Sommer war ich im Bade gewesen und sonst auf
Reisen.
    Jaja, murmelte die Frau Wendeline. Natrlich!
    Als ich dann mit dem Herbst wieder hier in der Stadt ankam, ging es mal
wieder abwrts. Aus einem Pech ins andere, meine Herren. Nun, Sie wissen ja, wie
das so ist, Hofrtchen. Na, wir sind das ja gewohnt, also, vivat, wer sich nicht
das Herz absorgt, sondern, wenn's zum Schlimmsten geht, sich sagt: Wenn's ganz
aus ist, ist's auch einerlei! So hatte ich vorgestern abend nichts mehr, als was
ich auf dem Leibe hatte, und das Unterkommen in der schnen Natur strte mir,
wie gesagt, in der letzten Nacht die Polizei. Die Jagd! Aber die kennen uns
nicht, die da meinen, sie htten uns, wenn sie auf zehn Schritte unsere Rcke
zwischen den Bumen sehen. Gute Nacht! sage ich ihnen und denke, bei deinen
schlimmsten Feinden kannst du dich in deinem jetzigen Anzuge nicht sehen lassen
- Herrje, kriech wieder unter bei der Witwe Wermuth, bis die Jagd vorbei ist und
der Herr Polizeiprsident nochmals von wegen deiner ein Einsehen gehabt hat.
Sind Sie wohl schon einmal so in dem ersten Morgengrauen an den Hauswnden
hingeschlichen mit dem kalten Tod und sonst nichts im Magen, mein Herr?
    Mit den letzten Worten wendete sich das Rotkppchen pltzlich an den Schmied
von Jterbog, und Peter fate ganz zrtlich den armen Gassenschmetterling mit
seiner verstmmelten Faust und murmelte: Nur erst von den Kindern, Herze! Alles
andere spter, altes Mdchen.
    Wer hier im Hause an die Arbeit geht, der mu frh raus, fuhr das Frulein
fort. Und so ersah ich von der nchsten Ecke meine Gelegenheit und war fr den
ersten, der herauskam, drin, und die Treppen hinauf, wie der Schatten von 'ner
Katze. Wer um die Tageszeit nicht Hausgelegenheit wute, htte sich wohl den
Hals brechen knnen. Wir brechen uns aber so leicht den Hals nicht. Nicht wahr,
Madam? Nicht wahr, Hofrtchen?... Ich denke, wenn die ganze Welt einen Riegel
vor der Tr hat, die Frau Erdwine hat keinen; - du wickelst dich in einem Winkel
zusammen und lt es drauen regnen, schneien, hageln und strmen! - - - Du
lieber Gott, du lieber, barmherziger Gott, was willst du mit deinen Menschen,
wenn du sie das erleben oder nur blo mit ansehen lt...!
    Das verzauste, halb verhungerte, halb erfrorene, arme, hbsche Geschpfchen
stand neben dem Strohsack Erdwinens und breitete die Arme aus und sah schaudernd
umher und in die Hhe und zuletzt starr und wie abwesend auf die drei und
erzhlte tonlos, gleichgltig weiter, gleichsam, als rede sie von etwas vor
tausend Jahren Geschehenem: Da lag sie tot seit Tagen, und das kleine Kind lag
doch zu ihr gekrochen mit unter der Decke, und der gute Junge, mein lieber Wolf,
lag dabei und nur mit dem Kopf auf der Matratze und mit dem Sbel in der Hand
auf der nackten Erde, wie der tapferste Ritter, und sonst war keiner bei ihnen
gewesen - bis - ich - kam - ich! Ich, mit der ganzen Welt auf den Hacken zu den
beiden, bei welchen sich keiner von der ganzen Welt hatte sehen lassen in ihrer
Not! Sie, liebe Frau, und Sie, lieber Herr mit dem einen Auge (ich wei nicht,
wie Sie heien), das ist die Welt in ihrer Angst der Vergiftung wegen!...
    Es wird immer dunkler! murmelte Frau Wendeline, die zuckenden Hnde
aneinander reibend und wie blind von einem ihrer Begleiter auf den andern
starrend.
    Ja, und je krzer ich mich fasse, desto besser ist es. Keinen Menschen kann
man das in der Erzhlung nachfhlen lassen, was ich heute hier in diesen vier
Wnden erfahren habe. Auch Sie nicht, Herr Hofrat!... Auf keiner Bhne ist
jemals so gesprochen worden, wie die Kinder zu mir geredet haben aus ihrer
Verlassenheit mit nichts von der Welt, als was man ihnen mit Zittern und Zagen
vor die Tr schob - Kaffee und Suppe, Essen, so gut sie's selber hatten. Und ich
glaube, sie, die Leute im Hause, htten sich selber lieber die Kehle
abgegurgelt, als da sie mich an den Schutzmann verraten htten, so lieb war's
doch ihnen allen, da wenigstens am letzten Tage jemand bei den beiden Wrmern
war und mit ihnen auf den Sarg wartete. O ihr Herrschaften, wir drei, wir drei
bei dem grauen Morgen heute! Und ich, ich habe mich am meisten vor dem Leichnam
gegrault! Und wie lange Schreckensstunden! Um zehn Uhr ist der
Armenleichenwagen, wie der Armenvorsteher versprochen hatte, richtig dagewesen;
aber, Herr Hofrat, der Sarg noch nicht. Da hat der Kutscher gesagt, er wolle
nachmittags so um vier Uhr wiederkommen, er habe schon noch genug andere Fuhren
bis dahin. Eben ist er um die Ecke gewesen, da ist der Tischlerlehrling mit dem
Sarg auf einem Handwagen angelangt. Ist das hier recht, Witwe Wermuth? Ja! - hat
ihn also auf dem Hofe abgeladen und ist auch abgefahren. - Wolfram, was fangen
wir nun an? Wer hilft uns damit in die Hhe? habe ich gesagt.
    Herr Schmied aus Jterbog fate seinen Stock mit ebenso zitternder Hand
fester wie die Mutter Cruse ihren Regenschirm; doch das Rotkppchen erzhlte
weiter: Das tun sie wohl schon bis vor unsere Tr, sagte der gute Junge: und
nachher ziehen wir ihn selber uns herein. Der Junge legt sein Ksemesser bei
seiner Mutter hin und springt in den Hof und tut seine Bitte, und es findet sich
wirklich einer, der ihm tragen hilft die fnf Treppen hinauf. Ein Arbeitsmann.
Aber vor der Tr kehrt der richtig auch um wie die andern Feiglinge. Ein sechs
Fu langer Kerl mit der Medaille von Sechsundsechzig! Das sowie das brige haben
wir drei, Wolf, Paule und ich, besorgt - bis auf die Ngel, die der Schlingel
von Jungen, der Lehrling, vergessen oder in der Tasche wieder mit nach Hause
genommen hatte. Das war gegen Mittag -
    Als der Junge mit dem Ksemesser, als der arme, tapfere kleine Kerl mit dem
Degen seines Grovaters, mit dem Degen des Leutnants Hegewisch zu mir kam,
Uhusen! rief die Frau Wendeline.
    Und eine Dte Sargngel dafr verlangte, sagte Rotkppchen. Jawohl, ganz
richtig. Bis zu meinem eigenen Tode vergesse ich die Verlegenheit nicht. Wie
wir, Wolf und Paulchen und ich, unser Mutterchen, wie wir meinten, jetzt endlich
zu ihrer letzten Ruhe im letzten harten Bett auf den Hobelspnen zurechtgelegt
hatten und mit letztem bitterm Weinen die platte Decke auflegen wollten - da
standen wir, und ich sage: Wolf, diese Ngel finden wir wohl bei einer
barmherzigen Seele im Hause; - willst du darum gehen und ansuchen, oder soll
ich's? Liebe Dame und beste Herren, da sagt dieser Junge: Den Kaffee und die
Suppe habe ich meiner Schwester wegen angenommen, denn ihren Hunger konnte ich
nicht anhren. Sie weinte zu sehr. Da kann mir keiner einen Vorwurf draus machen
oder sich nachher drum was meinen. Aber mit Muttern ist das was anders; da nehme
ich nichts fr an von ihren Guttaten hier im Hause; denn mein Grovater htte
das auch nicht getan. Dazu waren sie doch alle zu schlecht und zu feige gegen
uns. Meine Mutter und ich wollen hierzu von ihrer Barmherzigkeit nichts! Zu
schlecht, zu feige ist die ganze Welt gewesen, und mir kann keiner helfen als
der Gropapa, bei dem nun Mama in aller Sicherheit ist, und nun nehmen Sie mir
blo noch eine Viertelstunde das Paulchen auf den Scho, Frulein; ich bin
gleich wieder da und bringe die Ngel!
    Der Schmied von Jterbog lehnte sich auf seinen Stock von der Lbischen
Bucht, und der zhe Weidorn bog sich und brach. Peter Uhusen warf die Stcke
von sich und keuchte: Nur zu, Frulein Rotkppchen! Bist du auch noch bei der
Sache, Albin? Nicht wahr, da lernt man, wie man von Wirkung auf ein auserwhltes
Publikum sein kann!
    Ja, nur zu, seufzte Rotkppchen. Wie konnte ich denn wissen, wozu der
Bratspie seines seligen Gropapas noch ntzlich war? Ich konnte ihm nur
nachrufen: Junge, du willst mich doch nicht hier mit dem Kinde allein lassen?
Aber da war er schon aus der Tr und die Treppe hinunter, und ich, ich bin mit
der Paula dort in den fernsten Winkel gekrochen; - so ein ausgewachsenes
Frauenzimmer und so ein junger Bengel! Und doch, als wre nun der Mann und
letzte Trost aus der Familie auf ewig abhanden gekommen!
    Ich hatte ihn im alten Eisen am Kragen! murmelte die Mutter Cruse; und das
Frulein rief: Tausendmal sollen Sie Dank haben, da Sie ihn nicht lnger
aufgehalten haben! Durch Ihre Gtigkeit sind wir ja doch zum Schlu gekommen,
das heit mein lieber Wolf Wermuth; denn ich ungeschicktes Tierchen klopfte mir
gleich die Finger blutig mit dem Holzstck aus dem Treppengelnder. Er aber hat
jetzt wie ein Handwerksmann, den die ganze Geschichte nichts angeht, den Sarg
zugenagelt, und das Paulchen hat dabei das Stck Kuchen gegessen, das er ihr
dazu durch Ihre Gte, Madam Cruse, fr den Degen seines Grovaters mitgebracht
hat. Punkto vier ist, Gott sei Dank, der Kutscher nach seinem Wort zum
zweitenmal vorgefahren. Wir haben die Witwe Wermuth vor ihre Tr gezogen, und
mit dem Kutscher haben sich wiederum ein paar Mnner aus dem Haus bewegen lassen
und ihr die Treppen hinuntergeholfen auf den Karren. Nun sind sie, der Himmel
sei gepriesen, weg nach dem stdtischen Kirchhof. Ich habe ihnen der Polizei
wegen nur mit Vorsicht aus dem Korridorfenster da nachsehen knnen; aber die
Herrschaften drfen sich in dieser Hinsicht beruhigen: soviel Einsicht und
Erbarmung hatte der Kutscher, da er so langsam fuhr, da die Kinder ganz gut
neben dem Wagen herlaufen und mit ihm mitkommen konnten.

                              Fnfzehntes Kapitel


Wir haben uns schon zu lange hierbei aufgehalten, murmelte Uhusen zwischen den
Zhnen. Wenn wir heute noch von irgendwelchem Nutzen in der Angelegenheit sein
wollen, wird's Zeit, da wir gehen. Bist ein gutes Mdchen und hast deine Sache
gut gemacht! Gib der gndigen Frau jetzt den Arm und fhre sie vorsichtig auf
der Treppe. Willst du uns weiter begleiten, Albin, so nimm du meinen Arm. Durch
Sonnenglanz und therblau geht der Pfad freilich nicht, und zum Mittagessen im
Htel de Rome wrden wir auch wohl ein wenig spt kommen.
    Der Jugendfreund griff nach dem Arm des schwarzen Peters wie in der Angst,
auch allein gelassen zu werden in der leeren Dachstube neben dem Strohsack
Erdwine Hegewischs.
    Es ist frchterlich und nicht zu fassen, sthnte er. Ich bin unfhig, mir
und einem andern zu helfen; aber ich bleibe bei euch bis zum Ende.
    Aber ich? rief Rotkppchen. Was wird aus mir, wenn ich bei euch bleibe?
Na, es ist einerlei. Angenehm ist der Aufenthalt da oben unter den Dachsparren
oder gar hier in dieser Familienstube nicht. Das Menu war auch nicht zum
nobelsten; und Sie, lieber Herr, Sie gefallen mir ausnehmend. Ob sie mich heute
oder morgen am Flgel nehmen, was liegt dran. Ist man die Angst der Jagd los, so
lacht man ja selber drber. Also vorwrts, meine Herrschaften, ich bleibe auch
bei euch. Und wer wei, wozu ich Ihnen noch ntzlich sein kann, lieber Herr mit
dem halben Gesichte!
    Sie hatten sich nun, die Treppen abwrts, durch noch dichtere Haufen scheuer
Gaffer zu drngen als vorhin beim Emporsteigen. Auch um ihren Wagen fanden sie
jetzt einen noch dichtern Kreis von Neugierigen versammelt. Es hatte sich
weithin durch das Viertel das Gercht verbreitet, die Witwe Wermuth in Numero
zehn von Schulzenstrae werde nun, da es richtig wieder mal zu spt sei, von den
vornehmsten Verwandten gesucht. Und jeder wollte selbstverstndlich diese
vornehmen Leute und Verwandten mit eigenen Augen sehen, und jeder beneidete die
Witwe Wermuth auch jetzt noch um dieselben. Nicht geringe Verwunderung erregte
es freilich, als nach der aristokratischen alten Dame und dem Herrn mit dem
Pelze auch das Rotkppchen, nicht aus dem Mrchen, sondern aus dem
Polizeibezirk, in die Droschke hpfte und der kuriose Kerl mit der verbrannten
Nase ihr sogar ungemein hflich dabei behlflich war.
    Nach dem Kirchhof, rief Uhusen dem Kutscher zu.
    Nach welchem? fragte der zurck, und Frulein Rotkppchen war wirklich
jetzt gleich von Nutzen. Es konnte den Weg angeben.
    Rasch, Mann! rief der lange Peter. Es wird eine der besten Fuhren fr
Euch, die Ihr je gehabt hast.
    Daraufhin fuhr der Kutscher wirklich gut, und zwar die sonderbarste
Gesellschaft, die sich heute in dieser groen Stadt, in irgendeiner Stadt in
einem Wagen zusammenfinden konnte. - -
    Die erste, die das Wort nahm, war das Frulein, und zwar wie eine, der - ein
Stein vom Herzen gefallen war. Wie eine, die aufatmete, wie eine, die aus der
Jagd heraus und in Sicherheit unter Menschen, unter Freunden war! Wie eine, die
die Angst fr diesmal hinter sich hatte, die Rder unter sich rollen fhlte,
sich nach den letzten Nchten und Tagen in die weichen Plschpolster des Wagens
zurcklehnte und sich unter hchst angenehmen, vertraulichen Menschen wie
durch ein Wunder gerettet fand.
    Es war der am wenigsten Vertrauliche im Wagen, der Herr Hofrat Dr.
Brokenkorb, dem sie mit dem weiblichen Sicherheitsgefhl, da sie sich des
Rechten zuerst annehme, behaglich-wehmtig aufs Knie klopfte: Nur nicht zu
betubt, Mnneken. Nehmen Sie mich an; ich wei von gar nichts; ich wei nicht,
wie und weshalb Sie auch dabei sind, aber darauf verlasse ich mich doch, da
wir's zusammen durchfressen. Ich wei berhaupt von gar nichts, als da mir die
gndige Frau da mal meine weien Atlasschuhe an den Kopf geworfen hat und mir
das nichtsnutzige Mundwerk mit einem Teller von ihrer Suppe gestopft hat und da
ich jetzt mit den Herrschaften nach Wolfchen und Paulchen suchen darf! O Gott,
nach den letzten Tagen und diesem Schreckensmorgen so zu sitzen in der besten
Gesellschaft! Wie ist denn eigentlich Ihr Name, Herr? Die liebe Bekanntschaft
der andern habe ich ja schon lnger die Ehre -
    Herr Schmied aus Jterbog, mein Frulein, sprach der lange Peter, und das
Frulein legte militrisch grend zwei Finger der rechten Hand an das zerzauste
Htchen: Das hab ich mir doch gleich gedacht, seufzte sie womglich noch
befriedigter. Und gedient? Die Nase auch mit neulich in das liebe Frankreich
ringesteckt und halb drin steckenlassen? Bei der Garde, wenn ich fragen darf?
    Schwerste Artillerie, brummte der Schmied von Jterbog.
    Wenn ich Sie nicht vom Anfang darauf angesehen habe! rief Rotkppchen.
Und vielleicht auch wohl gar auer Dienst?
    Vllig! brummte Peter Uhusen, und die junge Dame klopfte jetzt der Alten
auf das Knie und seufzte kopfschttelnd: Und so spielt nun das ewige Schicksal
mit uns und pkelt uns hier zusammen - uns arme Heringe. Sie, Herr Hofrat,
natrlich ausgenommen, wenn ich mich eines unpassenden Ausdrucks bedient haben
sollte! Aber - es ist einerlei. Wir verstehen uns doch. Wir haben Mitleiden
miteinander in der Welt; - und Sie auch, Hofrtchen. Wenn die Herrschaften die
Mutter auch nicht mehr angetroffen haben, die Krabben finden wir schon wieder.
Wer sollte noch nach denen suchen und sie vor uns in die Tasche stecken? Oh, die
liebe Dame und die Herren sollten nur wissen, wie gemtlich und ruhig mir in
diesem Augenblick zumute ist! Ach Gott ja, es geht ja wohl nichts ber ein
gutes, weinerliches Herz auf Erden; aber unser Herrgott sollte doch den in
seinen besondern Schutz nehmen, dem er eins davon in zu reichlichem Mae
verlieben hat!
    Sie lieen das arme Ding ungestrt sich ausschwatzen. Nur nach einigen
nhern Einzelheiten ber das Leben und den Tod Erdwines und das Aufwachsen ihrer
Kinder fragten Uhusen und Mutter Cruse. Was sie hrten, gab ihnen mehr Lust zum
Schweigen als zum Reden. Albin drckte sich vllig stumm in seiner Ecke
zusammen; er fhlte sich jetzt in Wahrheit sehr unwohl und gnzlich auerstande,
seine Gedanken derartig zusammenzuhalten, wie es einem Mann, der einen so
rhmlich bekannten Kopf auf den Schultern trug, im Grunde in jeder Lebenslage
zukam. Aber nicht nur der sthetische, sondern auch der soziale feste Grund und
Boden war ihm augenblicklich vllig unter den Fen weg abhanden gekommen.
Bilder und Gestalten aus nchsten und fernsten Tagen drngten sich im Wirbel in
seinem Gehirn, und - die Gestalten und Bilder, die gestern und vorgestern den
Kreis seines Daseins erfllt hatten, bengstigten ihn am meisten - ihn, den
geistvollen Liebling der Welt, den gelehrten Fhrer des besten Publikums, den
verehrten Lebensvirtuosen und Redeknstler. Groer Gott, was htten die Leute,
die ihn kannten und schtzten, zu einem Blick in diesen Wagen fr stumme
Anmerkungen machen mssen?! Und was fr Gesichter?!
    Ach, es war ihm ganz unerfalich, wie wenig uns bei vorkommenden
Gelegenheiten die Gesichter des gebildetsten Publikums, unserer verehrtesten
Gnner und Gnnerinnen, unserer guten Freunde und Bekannten, ja unserer
liebsten, unserer nchsten Verwandten, die Gesichter von Vater und Mutter, von
Weib und Kind kmmern sollen! Wir in unserm gegenwrtigen Fall nehmen nicht die
mindeste Rcksicht auf die Gefhle und Mienen, auf welche der Herr Hofrat Dr.
Brokenkorb Rcksicht zu nehmen hat. Wir haben es nur mit den Gesichtern in
dieser Droschke erster Klasse zu tun, welche von dem mangelhaften Pflaster der
letzten Gassen der Stadt auf den weicheren Straenkrper der Vorstdte hinrollt
und auch letztere allmhlich hinter sich zurcklt. Die Gesichter von Mrs.
Crusoe und dem langen Peter, dem Einugigen, waren freilich unter allen
Umstnden sehens- und beachtenswert, aber unter den laufenden ganz besonders. -
    Jaja, du armer Tropf, sagte Frau Wendeline, nachdem das schluchzende
Rotkppchen ihr weinerliches Herz unserm Herrgott zum besondern Schutz
anempfohlen hatte. Aber sei nur zufrieden und la dich um Gottes willen auf
keinen Handel und Austausch ein. Die da leicht weinen, lachen auch leicht. Und
es ist nicht ein Tag wie der andere, und die Nchte gleichen einander auch
nicht.
    Sagt Philine, brummte Herr Schmied aus Jterbog aus seinen Goethestudien
unter den Weiden am Ufer der Trave her.
    Kenne ich nicht, Alterchen, lachte Rotkppchen zwischen ihren Trnen.
Unter meinen Freundinnen wei ich keine mit dem Namen; aber vielleicht gehrt
sie zu der Bekanntschaft des Herrn Hofrats. - Die Stadt ist zu gro. Aber den
Weg, den wir vor uns haben - in fnf Minuten sind wir da -, den kenne ich und
kann die Honneurs vom Orte machen. Ich habe nmlich meine Mama per Zufall auch
dort liegen, und so schickt sich das fr diesmal ebensogut, wie da ich
Hausgelegenheit dort hinter uns in Numero zehn wute. So fein wie heute und in
so guter Gesellschaft habe ich die alte Frau auch noch nicht besucht. O
Hofrtchen, wenn doch jeder seine Gedanken so schn ausdrcken knnte wie Sie!
Es mu etwas Wundervolles darum sein, wie ich von den Herren in den Ateliers
wei. Na ja, es kann ja nicht jeder in ein Mausoleum zu liegen kommen und sein
Bildnis und seinen Namen in Goldschrift darauf, und mir ist das auch ganz egal.
Selbst zu meiner Mutter wrde ich auch nur wieder ganz durch Zufall unters
letzte Deckbett unterkriechen. Und da kann keiner was dafr, und sie mssen's
damit machen, wie es eben pat. Passen Sie nur auf, wir werden das sogleich mit
der Witwe Wermuth erfahren.
    Zum Henker, ist das ein Weg, der sich hierher in den Mittelpunkt der
Zivilisation schickt? rief der lange Peter grimmig, wahrscheinlich um seiner
Stimmung wenigstens nach einer Seite hin Luft zu machen. Da sollte man sich ja
fast auf das Pflaster zurcksehnen.
    Bauschutt! meinte die Mutter Cruse. Wir dehnen uns mchtig ins Weite und
mssen uns dabei schon etwas schtteln lassen. Aber, Mdchen, eine Laterne
htten wir eigentlich mitnehmen sollen. Es wird vollstndig Nacht, wenn wir
nicht in fnf Minuten an Ort und Stelle sind.
    Das sind wir auch. Nein - richtig - hier sind wir schon. Da sind wieder ein
paar Huser aufgeschossen, seit ich zum letztenmal hier war, und das irrte mich.
Oh, ich habe auer Mama auch noch ein paar Freundinnen hier im Frieden, und
jetzt wei ich wieder ganz genau Hausgelegenheit. Siehst du, und August auf dem
Bock wei sie auch. Er hlt vor der richtigen Tr: Station Kreuzberg! Und nun
lassen Sie mich gtigst zuerst herausklettern und den Herrschaften behlflich
sein, den weitern Weg zu finden.
    Sie hatte den Wagenschlag selber geffnet und war leichtfig hinausgehpft.
Scheu, vorsichtig sah sie sich nach allen Richtungen hin um, der Mutter Cruse
die Hand reichend.
    Das brauchte man auch nicht, wenn man hier schon zu Hause wre und nicht
blo Hausgelegenheit wte, lachte sie. Was ginge einen da noch die
ffentliche Sicherheit an? Na, kommen Sie nur, Hofrtchen; und Tag ist es auch
noch, gndige Frau; wir finden uns wenigstens noch ohne Laterne zurecht. Und
Sie, lieber Herr mit der schwarzen Nase, ich bitte Sie um Gottes willen, sehen
Sie mich nicht mit Ihrem letzten Auge an, als wre aller Tage Abend gekommen.
Gucken Sie, da liegt wirklich noch ein roter Streif von der Sonne am Rande vom
Himmel, und irgendwo ist es immer noch schn Wetter. - Herr Hofrat Brokenkorb
mu das noch genauer wissen und reizender sagen knnen. Aber nun vor allen
Dingen erst die Kinder! ...

                              Sechzehntes Kapitel


Dieser rote Streifen am Westhimmel und unter ihm, und in ihn hineinragend die
schwarzen Schattenrisse von bewohnten und im Bau begriffenen Husern,
Baugersten, Fabrikschornsteinen und hohen Pappelbumen! Kein heiterer, blauer,
kein Regenhimmel, kein klarer Sonnenauf- und -untergang bt solche
geheimnisvolle, bald bngliche, bald beruhigende Wirkung, solche Magie auf das
Menschengemt aus wie dieser blutfarbene Strich, wenn es Abend werden will nach
einem unruhvollen, strmischen oder auch - in stumpfer Langweile vergangenen
Tage. Und im Herbst mehr als in einer andern Jahreszeit.
    Das bldeste Auge, das den ganzen Tag ber fr nichts anderes da war als das
Nchstliegende, das schrfste Auge, das die ganze Welt berflog und keinen
Horizont an den Dingen der Erscheinung fand: sie heften sich beide an den roten
Strich im Westen.
    Die Straendirne in ihrer Kammer, der Knig am Fenster seines Schlosses, der
Weise in seiner Studierstube, der einsame Wanderer auf der Landstrae, der
Reiter im Zuge der bewaffneten Hunderttausende, der Reiche und der Arme, der
Gesunde und der Kranke: sie haben alle ihre nachdenklichen Gedanken bei dem
Blick auf diesen roten Streifen. Und - seltsamerweise nur selten sind diesen
Gedanken Worte zu geben.
    Rotkppchen hatte einfach auf den roten Strich aufmerksam gemacht. Von den
drei anderen, die hier jetzt in der Abenddmmerung neben dem Wagen auf der
aufgeweichten Landstrae standen und sich umsahen, war nur Hofrat Brokenkorb
imstande, halblaut zu murmeln: Wie unheimlich wirkungsvoll!
    Ihm, trotz der geistigen und krperlichen Zerschlagenheit, in der er sich
befand, entging keine Einzelheit der trostlosen Umgebung: nicht der Schmutz des
Pfades, der nicht Gasse, nicht Landstrae, nicht Feldweg war, sondern von allem
etwas - nicht die einzelnen, den Huser, die bewohnt oder unbewohnt in das
graue Feld hineinwuchsen - nicht die Hecken und Zune - nicht das lange,
schwarze Gitter und das hohe, schwarze Tor dicht zur Seite - nicht die
erbrmliche Kneipe jenseits des Weges und die vor ihr lungernden Menschen. Es
war das seine Gabe - die hohe Fhigkeit, sinnlich wahrzunehmen, und er hatte
sein Talent zu seinem Behagen und in vollbefriedigtem Ehrgeiz hundert- und aber
hundertmal vor seinen entzckten und erschtterten Zuhrerschaften verwertet: in
diesem Augenblick aber - hatte er kein Publikum und wute mit seiner
Sinnesschrfe und geistige Feinfhligkeit nirgends hin. Das war im hchsten
Grade widerlich - widerwrtig und durchaus nicht zu ertragen bis an die Grenzen
der Nervenanspannung dieses entsetzlichen Tages mit seinen emprenden
Zudringlichkeiten und Rcksichtslosigkeiten.
    Sehr rcksichtslos entzog ihm auch jetzt noch dazu sein Freund Peter den
Arm, auf den er sich beim Herausklettern aus der Droschke gesttzt hatte, und
lie ihn rcksichtslos stehen oder nach Belieben mit den andern ber die Strae
nachkommen. Peter Uhusen stapfte langen Schrittes durch die Pftzen des Weges zu
dem schwarzen, eisernen Tor, ohne sich nach irgend jemand umzusehen.
    Er legte die Hand auf das Schlo des eisernen, schwarzen Tores und rttelte
- vergeblich.
    Geschlossen?
    Der Kutscher, der, wie gesagt, noch nie in seiner Praxis solch eine
Gesellschaft gefahren hatte und ihr bis an das Tor auf den Fersen geblieben war,
deutete mit dem Peitschenstiel auf eine schwarze Tafel mit weien Buchstaben an
einem der Torpfeiler.
    Da ist die Kirchhofsordnung angenagelt. Es ist fr das Reglement wohl ein
bichen spt am Tage geworden. Wenn aber die Herrschaften sich fr ein Trinkgeld
noch mal aufschlieen lassen wollen, so mssen Sie sich wohl an den Wchter
wenden.
    Das wissen wir, die wir hier zu Hause sind, ebensogut als wie Sie,
Mnneken, rief das Rotkppchen und wendete sich unruhig, ratlos an ihre brigen
Begleiter: Was sagen Sie aber? Wie ist das nun mit den Kindern?... Na, den
alten Hofmarschall und seine Gnge hier kenne ich gottlob auch. Den mssen wir
jetzt vor allen haben - und guck, da stecken sie eben auch drben in der Penne
das Gas an. Gedulden Sie sich geflligst nur einen Augenblick hier; ich bin
umgehend mit der ntigen Auskunft zurck.
    Leichtfig hpfte sie der Schenke zu und verschwand nach einer kurzen
Unterredung mit den Leuten vor der Tr im Innern des Hauses. Es dauerte auch in
der Tat nicht lange, und sie kam wieder zum Vorschein, begleitet von einem Mann,
der wohl mit der geschlossenen Kirchhofstr in Verbindung gebracht werden
konnte. Selbstverstndlich hielt es auch der grere Teil der Lungerer unter dem
Schilde der Kneipe fr das bessere, unmittelbar aus der Quelle die Kunde zu
schpfen, was da eigentlich noch los sei. -
    Ehe der alte Pfrtner herzugehumpelt war, befand sich die seltsame Fhrerin
bereits an der Seite Peter Uhusens und flsterte ihm ins Ohr: Das ist der Mann
mit dem Schlssel! Sein Name ist Lochner, und er wei schon, was wir von ihm
wollen. Die Geschichte wird aber immer schlimmer! Du groer Gott, Ihren Nerven
traue ich schon, bester Herr, und meinen auch, und da die Mutter Cruse mir
nicht schwach wird, glaube ich auch; aber - der da - der Herr Hofrat... ich
glaube wirklich, es wre besser -
    Sie kam in ihrer Angst und Aufregung mit ihren Worten nicht zu Ende; Herr
Lochner hatte nach einem kurzen, aber weltkundigen Blick auf die gndige Frau,
den Hofrat Brokenkorb und den Schmied von Jterbog bereits den groen Schlssel
aus der Tasche vorgelangt und sagte, die Pfeife aus dem Munde nehmend: Es ist
wohl ein bichen gegen die Tagesordnung; aber eine Ausnahme ist es auch diesmal
der andern Umstnde wegen, und so will ich den Herrschaften gern zu ihrem Willen
helfen. Bitte einzutreten! Ja, es ist immer eine ble Sache um das Zusptkommen.
Witwe Wermuth? Ja, auf Namen knnen wir uns hier und zumal auf der Armenseite
nicht gut einlassen; aber die Nummer mit den beiden Kindern zur Begleitung, die
haben wir noch in Sicherheit, zu der kann ich Sie gern fhren. Dieser Kondukt
kam leider wirklich fr heute zu spt am Tage, und so haben wir uns dieses
Geschft bis morgen frh aufheben mssen.
    Die Kinder! Die Kinder! rief Frau Wendeline.
    Zu denen kann ich Ihnen nicht verhelfen, Madam, sagte der Mann. Nur zu
der Nummer, ich wollte sagen, liebe Dame, zu dem Sarge, den sie uns heute
hierher begleiteten.
    Selbst er hielt noch einmal auf dem Wege zwischen den ersten Grberreihen
und den vornehmern Monumenten an und wendete sich zu seinen spten Gsten und
sagte mit seiner trocknen, heisern Stimme: Unsereiner sieht das wohl nicht mehr
so wie andere Leute, zu deren tagtglichem Geschft und Handwerk solche
Vorkommnisse nicht gehren. Man wird hier an zu vieles gewhnt, vorzglich auf
der Armenseite. Jeden Tag Nummer fr Nummer so durch das ganze Jahr ohne
Unterschied der Witterung, das hrtet ab. Aber leid haben mir die zwei Wrmer
getan, wie sie da bei der Mama im schwarzen Kasten standen und ich und die
Kirchhofsverwaltung ihnen mit dem besten Willen nicht helfen konnten, da die
Leute schon von der Arbeit weggegangen waren. Stellen Sie sich nur vor, die
armen Kreaturen waren nicht von dem Nasenquetscher wegzubringen! Sie saen auf
dem Sarg und wollten die Nacht drauf sitzen bleiben. Der Junge war wie toll und
die ganze Bevlkerung hier herum in Bewegung um sie her, als ich sie endlich aus
der Gittertr hatte und hinter ihnen abschlo. Es ist wirklich schon ein bichen
dunkel; hier in den engen Wegen halten Sie sich nur dicht hinter mir und
stolpern Sie nicht, wenn Sie so freundlich sein wollen.
    Er schritt weiter, seine Pfeife von neuem in Brand setzend, und sie folgten
ihm, einer hinter dem andern, im Zickzack zwischen den Bschen, Hgeln, Kreuzen,
Sulenstumpfen und Urnen - wortlos den heien Atem anhaltend und doch vor Frost
schaudernd. Und so gelangten sie auf einen baum-, strauch- und denkmallosen,
ziemlich umfangreichen Teil des Grberfeldes; und von neuem blieb der Fhrer
stehen und deutete auf einen dunkeln Gegenstand am Rande einer weiten Grube und
sagte Ich wei nicht, wie die geehrten Herrschaften dazu stehen; aber - dies
ist die letzte Nummer von diesem Tage. Morgen frh nach acht werden wir unser
Amt an ihr mit allem Respekt vor der Sterblichkeit verrichten. Die Herren und
die liebe Dame knnen versichert sein, da wir sie mit aller Achtung beisetzen
werden zur ewigen Ruhe. Schuldig sind wir dieses ja doch einer dem andern, und
mir persnlich liegt der Junge, dieser Satansjunge, noch zu sehr in den Knochen.
Da kann sich der Mensch wirklich nur gratulieren, da er keine eigenen Kinder
hat, wenn er so eine Kinderhand so von so einem schwarzen Deckel so in aller
Gte halb mit Gewalt hat losmachen mssen.
    Das fehlte uns grade noch! rief der Schmied von Jterbog, mit dem Fue
aufstampfend; - sein Freund Hofrat Dr. Brokenkorb war nicht mehr fhig, alle
Einzelheiten seiner persnlichen Lebenserfahrungen bis in die letzten
Nervenenden nachzufhlen. Er litt auch nicht mehr an Kopfweh und Scheu vor beln
Gerchen; er lag ohnmchtig in den Armen des Rotkppchens, und diese sagte:
Habe ich es mir nicht gedacht? Habe ich es nicht gesagt? O ich kenne ja seine
Nerven! Ich habe ihn ja dutzendmal zu schn ber mich reden hren, wenn ich beim
Professor Ksewieter als ertrunkene Verlassene Modell lag!
    Wir beide htten freilich die Geschichte am besten unter uns allein
abgemacht, Uhusen! rief die Mutter Cruse. Den Narren haben wir auf dem Halse,
und die Kinder, die Kinder - wer schafft uns die Kinder? Aber jetzt ist da
nichts zu ndern; greifen Sie mit zu, Sie, Lochner heien Sie ja wohl? Nehmen
Sie ihn beim Kopf, Peter. Hinber mit ihm nach der Kneipe da! Lauf vorauf,
Mdchen, und bestell was Warmes fr ihn; und wenn wir ihn wieder bei Sinnen
haben, dann so rasch als mglich mit ihm in den Wagen und nach der Stadt zurck
- den Kindern, den Kindern nach!
    Sie gab ihre Befehle kurz, bndig, scharf und gehoben, wie auf ihrer Bhne
in Lbeck, Celle und New York - aber auch zutreffend, sachgem, pragmatisch in
der wirklichen, wahrhaftigen, heien Daseinsschlacht, in dem groen,
furchtbaren, anfang- und endlosen Drama des Lebens. Nicht ohne theatralischen
Gestus ri sie ihren Mantel ab und warf ihn ber den Ohnmchtigen in den Armen
der beiden Mnner: Fort mit ihm!
    Aber keine Komdie war in der Art und Weise, wie sie noch einen Augenblick
neben dem Sarge von Erdwine Wermuth stehenblieb und mtterlich,
altfraulich-mhsam sich beugte, in die aufgeworfene Erde der dunkeln
Gemeingrber griff und eine Handvoll davon auf den Deckel ber dem Haupte der
Toten legte und sagte: Ich wei deiner Kinder wegen nicht, Kind, ob ich morgen
frh um acht schon hier sein kann.

                             Siebenzehntes Kapitel


In der schlechten Kneipe gegenber dem Kirchhofstor brachten sie den Hofrat
glcklicherweise bald zur Besinnung zurck; aber eine ziemliche Weile verging
doch, ehe sie imstande waren, die Rckfahrt mit ihm nach der Stadt zu wagen. Wir
knnen es nicht genug wiederholen, da er die Kunst, hinter einem eleganten
Tischchen mit zwei Wachskerzen und einem Manuskript im roten Maroquineinband ein
Publikum zu interessieren, zu bewegen, zu rhren, im hohen Mae verstand - da
die Zuhrerinnen vor dieser Kunst dann und wann zergingen und nur selten einer
der Zuhrer auf dem Heimwege brummte: Geschwtz! Aber der Mann versteht's!
    Nun hatte er wieder ein Publikum um sich und vor sich, welches er
gleichfalls ungemein interessierte, bewegte und aufregte, jedoch diesmal ohne
alle Kunst und ohne jedwedes vorhergegangene Studium vor dem Spiegel. Wie er
war, hatte er sich jetzt diesem aus der hchsten Aristokratie und dem tiefsten
Plebejertum gemischten Publikum in der Wegschenke zu geben, und er winselte
kindisch und uerte sich rgerlich-weinerlich, vorzglich gegen seinen Freund
Uhusen, whrend seiner Abwesenheit im Geiste und klammerte sich mit doppelter
Energie an diesen Freund beim ersten Schimmer wiederkehrenden Selbstbewutseins.
    Du bleibst hier! Du bleibst bei mir! Mein Gott, mein Gott, Peter, was soll
aus mir werden?
    Sie hatten ihn zuerst auf der Bank hinter dem Tische niedergelegt, und die
Mutter Cruse hatte sein immer noch wohlgelocktes Haupt im Scho aufrecht
erhalten, doch nun sa er gottlob selber wieder und hielt auch den Kopf
aufrecht, wenn auch ihn auf beide Hnde sttzend.
    Der Schmied von Jterbog hatte gebrummt: Sie knnten mir eine Million bei
so 'ne Haut wie deine legen; ich krche dafr nicht in sie hinein. Hatte ihm
dabei mit dem besten Spiritus der Schenke die Schlfen gerieben und ihm aus dem
nmlichen Stoff das zweckdienlichste Getrnk brauen lassen, aber sich doch dabei
bei weitem mehr dem Kirchhofswchter Lochner als dem leidenden Freunde gewidmet.
    Ich sage ihm und rede ihm zu: Bengel, armer Kerl, dieses geht doch nicht,
erzhlte nmlich Lochner weiter, seine Rede sowohl an die Honoratioren aus der
Stadt wie an das gewohnte gemischte Publikum der Schenke richtend. So eine
Nacht hier allein, und noch dazu in dieser Jahreszeit - blo mit der
kummervollen, schwarzen Kiste zur Gesellschaft, wie soll das mglich sein fr so
'ne Krabbe wie du, und noch dazu mit solch einer noch erbarmungswrdigern,
unmndigern Kreatur am Arme wie das da? Deine kleine Schwester httest du
sowieso schon zu Hause lassen sollen, wenn du auch selber mit eurer Mutter
herausgelaufen wrest! Denkst du denn gar nicht daran, wo du bist und wo du dich
befindest? Schon, da es ganz auf mich fiele, wenn wir euch morgen frh hier
erfroren fnden, davon will ich gar nichts sagen; aber was bist du fr ein
Junge? Was bist du fr ein Bengel? Hast du denn gar keine Furcht und
Gottesfurcht, da du dir so was zutraust, was kein erwachsener Mann um seiner
abgestorbenen Mutter zuliebe sich auferlegte? Bengel, was bist du fr ein Junge!
Wo und wie bist du aufgewachsen, da du mir gar keine Ahnung davon zu haben
scheinst, an welchem angsthaften Orte du dich zu jetziger Stunde befindest? So
guck dich doch nur um, und glaub ja nicht, da das hier nicht noch dunkler wird
und ich, wenn ich solch ein Vieh wre, dich einriegeln mte mit deiner kleinen
Schwester und dich allein lassen mit der finstern Nacht hier an der Grube, blo
in dieser Gesellschaft mit den Toten? Weit du denn gar nicht, was das sagen
will: eine ganze Nacht allein blo mit solch einer Gesellschaft? Gruselt dir
denn gar nicht? Und wenn du keine Gefhle hierfr hast, so haben andere Leute
welche, ich zum Beispiel.
    Halten Sie uns nicht mit Ihren Gefhlen auf, rief Rotkppchen, und Peter
Uhusen, die Unterlippe zwischen den Zhnen, keuchte: Rasch weiter, Mann. Mutter
Cruse, geben Sie dem Hofrat den Rest aus dem Glase; wir sind sogleich auf dem
Marsche, wer auch zur Rechten oder Linken fallen mag.
    Der Kirchhofswchter sah sich alle seine Leute noch einmal an und wute sich
augenscheinlich weniger denn je in dieser Droschke-erster-Klasse-Gesellschaft
zurechtzufinden; aber er wendete sich zuletzt wieder doch an den Ruppigsten
unter ihr, den Mann mit dem einen Auge, und meinte: Ja, wer nicht selber mit
bei der Komdie gewesen ist, der kann das auch gar nicht nachfhlen. Was
antwortet die Krte auf meinen barmherzigen Zuspruch? Vor einem Kirchhofe
brauchte sich gar keiner zu frchten, der nichts Bses getan htte, antwortete
der Satansjunge. Und das Gruseln wolle er gar nicht lernen, das wisse er schon
aus seiner Mutter Geschichten, wie es damit fr einen ordentlichen Jungen sei.
Vor dem Erfrieren frchte er sich auch nicht; an die Klte wren sie schon
gewhnt. Zu Hause htten sie niemand mehr als den Strohsack, auf dem Mama
gelegen habe, und so wollten sie hier bei ihrer Mutter bleiben, bis sie in
Sicherheit wre. Da sie mit dem Sarge so spt gekommen wren, dafr knnten sie
nichts, und morgen frh wollte er mit seiner kleinen Schwester in die weite Welt
gehen, wenn er erst seines Grovaters Offiziersdegen wiederhtte.
    Bei Ihnen liegt er, Hofrat Brokenkorb! rief die Frau Wendeline. Nicht
wahr, er liegt doch bei Ihnen? Bei Gott, mir beben alle Glieder, da ich ihn aus
Hnden gegeben habe - da - ich ihn - selbst Ihnen anvertraut habe, Schmied von
Jterbog! Aber kommen Sie zu Ende, Unglcksmensch. Was ist aus den unglcklichen
Geschpfen geworden? Was haben Sie mit meinem braven, braven Jungen angefangen?
    Was konnte ich denn tun? Die Hnde habe ich ihm in aller Gte, mit aller
Milde von dem Sarge seiner Mutter doch losmachen mssen, wie ich Ihnen schon
sagte. Seine Instruktionen hat man doch einmal zu seinem Herzen im Leibe. Und
was htten Sie in meinem Falle denn anders tun knnen? Es war spt, und wir drei
waren da drben allein mit der toten Frau und letzten Nummer vom Tage. Wenn ich
alle die, welche auf dem Terrain da nicht wissen, wo sie mit sich hin sollen,
wenn der Angehrige zugedeckt ist, mit in meine Stube nehmen wollte, so htte
ich selber wenig Platz darin. Aber ich habe gesagt: Sohnemann, leid tust du mir,
und deiner Courage wegen gefllst du mir wahrhaftig; aber Unsinn ist dieses, was
du vorhast. Was Vernnftiges werden kann draus nicht, also komm in Gte; deine
Schwester nehme ich auf den Arm, und auf was Warmes soll es mir hier bei Flebbe
nicht ankommen! Und dann geht ihr artig wieder nach der Stadt zurck, da werden
sie ja schon wissen, wie sie nach ihrer verfluchten Schuldigkeit fr euch weiter
zu sorgen haben. - Und so ist es denn auch geschehen bis auf das Warme aus gutem
Herzen. Als ich das unmndige Wesen am Torpfeiler vom Arm abgesetzt habe, um
hinter uns abzuschlieen und mich mit dem Schlssel rgere, da packt der Junge
das Mdchen am Arm und ist auf und davon mit ihm in die Dmmerung hinein und der
Stadt zu, ehe ich ihnen ein Wort nachschreien kann. Mehr kann ich nicht sagen;
aber bis die Herrschaften mit ihrem Wagen kamen, haben wir hier noch bei Flebbe
vor der Tr gestanden und dieses Erlebnis besprochen. Es knnte mir nur lieb
sein, wenn Sie nun bei der Wirtin und den andern sich erkundigen wollen, wie ich
ihnen hierber meine - Gefhle ausgedrckt habe, verstehen Sie wohl, Frulein?
Sie - Frulein!
    Versuche es, Albin. Komm hervor hinterm Tisch! Wir mssen tot oder lebendig
weiter. Siehst du, es geht. Nimm nur meinen Arm, alter Mondscheingeno! sagte
Uhusen. Im Mondenschein liegt auch wohl heute abend die Lbische Bucht nicht.
Fort mit dem Komdienlicht aus unserer Vergangenheit! Der Mann hat recht: wir
kommen nicht an gegen die festgestellte Ordnung und mssen die schwarze Kiste
dort drben hinter dem schwarzen Gitter die Nacht durch lassen, wie sie steht.
Aber der Enkel des Leutnants Hegewisch will sein Schwert, um sich mit ihm durch
die Welt zu hauen! Auch du hast recht, was hast du eigentlich mit dem alten
Eisen zu schaffen? Aber es ist zu dir geraten! Freilich sonderbar - es liegt bei
dir, und - bei Ahriman und bei Ormuzd und, so wahr ich fr mein Teil wenigstens
ein Auge und eine Faust im Gedrnge behalten habe, der brave kleine Kerl soll
seine Waffe haben, und Sie sollen ihn damit zum Ritter schlagen, Mutter
Cruse!...
    Sie saen im Wagen und rollten wieder der Stadt zu. Es war jetzt vollstndig
Nacht, und die Laternen in den Gassen und die Lichter in den Husern brannten,
und die beiden Weiber warfen nach rechts und links ngstliche, suchende Blicke
durch die Fenster des Wagens. Die Mutter Cruse aber prete trotz ihrer eigenen
Ritterlichkeit die Hnde krampfhaft im Schoe aneinander und murmelte in
abgebrochenen Stzen: Was soll ich, Uhusen? Ich mache mir nur die bittersten
Vorwrfe. Zu mir ist er gekommen. Bei mir hat er seine Waffe gelassen.
Verpfndet um ein Dutzend Sargngel! Nun ist er in seiner Kinderphantasie vllig
wehrlos. Und wenn er nun vor meine verschlossene Tr gekommen wre um seinen
letzten Halt im Leben? Von Ihnen, Schmied von Jterbog, wei er ja doch nicht
das geringste! Und da Sie ihn mit mir suchen, kann er auch nicht wissen!
    Es ist freilich schlimm, so jung so allein zu sein, sagte das Rotkppchen
leise. Und er hat noch dazu sein unmndiges Schwesterchen auf dem Halse. Es
sind wohl schon welche in solchem Alter ins Wasser gegangen, wenn sie in solcher
Stunde und Jahreszeit vor die letzte Hoffnung und verschlossene Tr gekommen
sind.
    Das verhte der Himmel, wimmerte der Hofrat, aus seiner Wagenecke
auffahrend und aus seinem Stupor. Das wird nicht sein, das kann nicht sein -
habe ich denn noch nicht genug an dem Schrecklichen da drauen - an diesem -
Sarge auf dem Kirchhof, an diesem Tage, an diesen Wegen, Fahrten, dieser Nacht?
Ich beschwre dich, Uhusen, mach jetzt ein Ende mit diesen grenzenlosen
Aufregungen! Ich will ja alles tun, was ich kann; du kannst ja meine Umstnde,
ich bin zu allem bereit; aber ich gehe zugrunde an den entsetzlichen Bildern und
Aufregungen dieses Tages! Wohin fahren wir denn jetzt auf dieser frchterlichen
Jagd nach dem menschlichen Elend?
    Frulein Rotkppchen riet zuerst doch lieber zu der Witwe Wermuth, das
heit zu der unbezahlten Rechnung in Kreide an ihrer Tr, sagte Peter Uhusen
grimmig. Die Kleine hat Erfahrung, und wir andern mssen uns dankbar fgen.
Leider brauchen wir den Wagen noch, sonst wrden wir, die gndige Frau, ich und
das Frulein, ihn dir gern berlassen zur Heimfahrt. Auf Ehre, Albin, htte ich
eine volle Ahnung davon gehabt, auf welche Wege ich dich hinauszerren msse, so
wrde ich es mir zweimal berlegt haben, ehe und bevor ich dir den Degen des
Leutnants Hegewisch ins Haus trug.
    Aber ich will, ich mu diese Wege ja nun mit euch gehen! sthnte Albin.
Wie knnte ich je wieder ruhig werden, ohne an der Katharsis dieser Tragdie -
dieses erschtternden, dieses furchtbaren Tages teilgenommen zu haben?
    So ist es recht. Auf dem Wege der Besserung bist du freilich, brummte der
lange Peter, die Achseln zuckend. Nun, so nimm deine Lebensgeister noch einmal
hbsch zusammen und la dich verbrauchen, wie die Welt dich gewollt hat. Wenn
mich mein Ortssinn nicht tuscht, halten wir hier eben noch einmal Schulzengasse
Numero zehn.
    Lassen Sie mich zuerst aus dem Wagen, rief das Rotkppchen. Bei Nacht
wei ich doch wohl am besten hier Hausgelegenheit. Was? Sie zuerst, Hofrtchen?
Da nehmen Sie meine Hand. Hier sind wir auf festem Boden, so gut ihn die
Ortsgelegenheit liefern kann. Aber wie ist mir denn? Woher kriegen Sie denn auf
einmal den guten Humor, Herzenshofrtchen?
    Das konnte nur der liebe Gott wissen! Guter Humor jetzt?!
    Es war Humor in dem Dinge, wenn auch ein etwas grimmiger. Der liebe Gott
wute sehr gut darum Bescheid und brachte ihn ganz genau zu Buche. Die beiden
guten alten Freunde aber, die Mutter Cruse und Peter Uhusen, die sich in der
groen, anfang- und endelosen Komdie, und zwar nicht blo von den Bretterbuden
in Lbeck, Celle, Sankt Pauli und Brooklyn, zuerst zurechtfanden, die wuten ihn
auch am besten zu wrdigen - diesen Humor! -
    Sie sind alle beim Abendessen, soweit sie etwas zu knabbern haben, meinte
das Rotkppchen. Hier unten und im ersten Stock bei der Noblesse mchte ich
mich lieber nicht nach den Jren erkundigen. Die Herrschaften glauben es wohl
nicht; aber sie knnen auch hier schauderhaft vornehm und sffisant sein. Heute
morgen noch habe ich mich selber erst mit Scheu und Schrecken auf den bloen
Strmpfen durchgeschlichen. Erst weiter oben sind sie mir gut und geben uns
Nachricht, wenn die Kinder sich nicht unvermerkt wie ich eingeschlichen haben.
Und sie leihen uns auch wohl ein Licht fr den Weg. Also bitte ich, sich an
meine Schleppe zu halten. Sie besonders, Hofrtchen. Zwei Treppen hher klopfe
ich schon jemand heraus. Also nur immerzu. Ein wenig mehr rechts halten - bitte.
Wer brigens bei dieser Angelegenheit den Hals bricht, stirbt eines edlen
Todes.
    Das ganze Haus war dunkel und, was die Treppen anbelangte, gnzlich leer.
Dagegen regte sich hinter allen Tren das lebendigste Leben Geznk, Lachen,
Gekreisch, weinende Kinder von allen Altern.
    Nicht ohne Gefahr und Sorge um ihre gesunden Glieder waren sie im vierten
Stock angekommen und standen, einer den andern gefat haltend, in der
Finsternis, als die Fhrerin pltzlich mit heller Stimme sang, und zwar
seltsamerweise nicht aus der neuesten Operette, sondern aus einem recht alten
Kinderliede:

Herr Doktor, lieber Nachbar,
Leiht mir Eure Latern;
Die Nacht ist so dunkel,
Es scheint ja kein Stern.

Ihre Begleiter konnten es in der Dunkelheit nicht erkennen; aber das Mdchen
schien sich an einer Tr zum Schlsselloch niedergebeugt zu haben. Mit gar nicht
unmelodischer Stimme sang sie in das Schlsselloch hinein:

Die Nacht ist ja so dunkel,
Es scheint gar kein Stern,

und es erhub sich hinter der Tr ein Gepolter, als falle da einer aus dem Bett
oder als schlage da jemand in heller Wut mit der Faust auf den Tisch und werfe
aufspringend hinter sich den Stuhl zu Boden. Und aufgerissen wurde die Tr, und
der jhzornige Bewohner der Hhle erschien, trbe beleuchtet von seiner Lampe,
auf der Schwelle, und zwar mit einem Prgel in der Hand, gegen den Uhusens Stock
aus der Schwartauer Heide eine Gerte war. Rotkppchen ergriff den erhobenen Arm
des Mannes im zerfetzten Schlafrock und rief: Gott sei Dank, Dokterchen, da
Sie jetzt wenigstens zu Hause sind. Wo waren Sie denn die vorige Nacht ber? Wo
steckten Sie, als ich heute morgen um den letzten Trost im Leben bei Ihnen
zuerst anklopfte?

Bist du's, frivoles Ephemeron, allerliebstes Uferhaft, meine arme, kleine
Eintagsfliege? Na, dann httest du auch die Dummheit unterwegs lassen knnen;
ein Dutzend Zugharmonikas im Hause seit Feierabend sind grade genug. Mut du mir
auch noch die Ohren vollplrren? Zuviel Musik, zuviel Musik in der Welt, das ist
es ja, was ich sage.
    Wir haben keine Zeit, und ich komme nur um Ihre Lampe fr 'nen Moment; aber
ich mu die Herrschaften doch wohl miteinander bekannt machen. Herr -, das
Mdchen kam nicht weiter. Hofrat Dr. Brokenkorb und der Mann im Schlafrock
hatten sich schon erkannt.
    Hohoho, na aber jetzt - nanu? brllte der ungetmliche, rotgesichtige,
schwammige Hhlenbewohner (als Gulo borealis unter den Naturkundigen in
literarischen Kreisen nicht nur gekannt, sondern auch gefrchtet) den vor einem
neuen Schrecken erstarrenden Liebling des Publikums an. O Gtter, Helden und
Wieland - die Wonne und Hoffnung von ganz Deutschland hier am Ufer des Cocytus
in nchtiger Stunde?! Und mir die Ehre?... Mein allertrefflichster Mohammed, der
zu seinem Berge kommt?
    Der Mann schwankte leider bedenklich auf seinen Fen, und Rotkppchen stie
ihn krftig zurck: Ich sehe schon. Gehen Sie schlafen, Doktor Berg; legen Sie
sich nicht aufs Sofa, gehen Sie ins Bett. Ihre Lampe bringe ich zurck, wenn ich
sie nicht mehr brauche -
    Yes, meine Psyche, holde Psyche! Immer mit der Lampe; ganz wie's Raffael
gezeichnet und Mark Anton in Kupfer gestochen hat. Psyche, die sich mit der
Lampe ber den Amor neigt. Sie haben auch ber diese se Sage einen Ihrer
lcherlichen Vortrge Ihren Weiberchen hingeleiert, Brokenkorb, und - ich - ich
- habe mir und Ihnen die Kritik darber geleistet. Nicht wahr, sauber? Und dazu
ganz ohne Musik - ganz ohne Musik - ganz ohne Musik. Zwanzig Mark unter Brdern
auch jetzt noch in diesem feierlichen Augenblick wert. Leihe mir zwanzig Mark
auf die nchste Abschlachtung hin, Bruder. Auch wir haben noch unser Schwert in
die Waage zu werfen, bester Koll- Koll- Koll-
    Jetzt gehen Sie auf der Stelle ins Bett, rief das Rotkppchen zornig. Sie
hatte den Doktor am Kragen genommen, ihn in seine Stube zurckgefhrt und ihn
mit einem Sto wirklich auf sein Lager befrdert. Nun griff sie die Lampe vom
Tische auf und sagte etwas auer Atem: Auch das mu einen noch auf dem Wege
aufhalten. Ihn nach den Kindern auszufragen htte uns nichts geholfen; aber
sonst ist er gar kein bler Herr und ganz gutmtig und wirklich ein Kollege von
Ihnen, Hofrat Brokenkorb. Na, es freut mich, da Sie ihn auch als solchen kennen
und achten. Aber die andern Herrschaften mten ihn wirklich einmal reden hren,
wenn es ihm ein bichen klarer hinter der Stirn und unter der Glatze zumute ist.
ber sein Hauptthema nmlich. Nmlich sein Hauptthema ist, da viel zuviel Musik
in Deutschland gemacht wird. Ich kenne keinen zweiten Menschen, der eine solche
ingrimmige Wut auf die Musik hat wie er und sein Gift so spaig und gelehrt
auslassen kann. Oh, er kann ber alles reden, wie der Herr Hofrat, und manchmal,
wenn er bei guter Laune ist, hlt er uns hier im Viertel einen Vortrag vor zwei
Lichtern, grade wie der Herr Hofrat anderswo. Aber die Polizei pat ihm mehr auf
die Finger oder - in seinem Fall, auf das Mundwerk. Er wei nmlich, wenn er in
der Stimmung ist, ber alles gttlich zu reden, und wenn es ihm aus Zufall
zwischen die Lippen kommt, auch himmlisch sozialdemokratisch. Ach Gott, Sie
sollten nur wissen, wie ganz einerlei ihm das alles ist, und nicht blo am
andern Morgen im Katzenjammer! Seine einzige, ewige und wirkliche Wut ist nur
die zu viele Musik, die die deutsche Bevlkerung macht. Auf das schiebt er's,
da er selber es zu nichts in der Welt gebracht hat; aber - die Hauptsache ist,
da wir augenblicklich seine Lampe haben und da ich Ihnen mit ihr leuchten
kann. Bitte, je weiter nach oben, desto vorsichtiger! Und nun - o Gott, Gott,
man sollte wirklich ein Vaterunser vorher beten - da - sind wir wieder vor der
Tr der Witwe Wermuth!
    Es war so. Sie standen zum zweitenmal vor der Tr mit der letzten
unbezahlten Rechnung von Erdwine Hegewisch; und ihre Fhrerin ffnete leise und
scheu und leuchtete, mit zitternder Hand die Lampe des Doktors Berg haltend, in
den frchterlichen Raum voll Klte und Finsternis und brach in ein krampfhaftes
Schluchzen aus: Gottlob, da liegen sie! Sie sind zu Hause!...

                              Achtzehntes Kapitel


Zu Hause und im tiefen, festen Schlaf wie in voller Sicherheit im Scho der
Menschheit, der ungezhlten Millionen ihresgleichen, wie in voller Sicherheit
vor dieser Menschheit, diesen ungezhlten Millionen.
    Da lagen sie und schliefen, nicht wie sie auf Bildern und in schnen Mrchen
gemalt werden, die Kinder, die im wilden Walde verlorengingen und von den
Rotkehlchen mit Baumblttern zugedeckt wurden: diese zwei Kinder, die im wilden
Walde der Welt verlorengegangen waren, hatten es nicht so gut gehabt.
    Ihr Zurckschleichen in das Haus hatte niemand gemerkt, und sie hatten es
auch ganz verstohlen und auf den Fuspitzen fertiggebracht, und der Knabe hatte
auf den Treppen seine und seines Schwesterchens Schuhe in der Hand getragen. In
der Dunkelheit hatte in der leeren, schrecklichen Kammer der Bruder
umhergetastet auf dem Boden und dann geflstert: Nun ist es gut. Sie haben es
noch nicht weggeholt; und gestohlen hat es auch keiner. Da sie uns nicht auf dem
Kirchhofe bei Mama haben lassen wollen, so haben wir zum Glck noch ihr Bett.
Nun decke ich dich wieder mit meiner Jacke zu und wrme dich an mir - frchte
dich nur nicht -, ich frchte mich gar nicht. Morgen frh schaffe ich uns des
Gropapas Degen schon wieder, und dann - dann - ja blo bis morgen frh mut du
nicht weinen und dich frchten, Paulchen; - bis morgen frh mssen wir ruhig
schlafen und an die Mama denken, die es auch immer am liebsten hatte, da wir
fest einschliefen, wenn es uns nicht zum besten ging.
    Im ruhigen, tiefen Schlaf! Im Kinderschlaf im Kehricht der Welt, unter den
Lumpen, Knochen und beim alten Eisen, der Knabe, auch ohne da der Degen seines
Grovaters, das Schwert mit den Zeichen von so manchen verlorenen Schlachten,
der Degen des guten, hoffnungsreichen, phantastischen Leutnants Hegewisch zu
seinem Schutz und Trost bei ihm lag!
    Keines von beiden merkte es, als die vier zu ihrem Bett traten, als ihrer
Mutter letzte persnliche Freundin mit der Lampe des Doktors da unten, dem viel
zuviel Musik in Deutschland gemacht wurde, sich ber sie beugte und der
Lichtschein ber sie hin fiel.
    Ihr - der Kinder - Atem ging ganz ruhig, viel ruhiger als der der vier
Lauscher.
    O Gott, Gottchen, Gottchen, schluchzte Rotkppchen. Ganz so, wie mich
meine Mutter ganz gewi auch manch liebes Mal hat liegen sehen.
    Frau Wendeline war neben dem Strohsack niedergekniet, um dem jngsten
Geschpf die Haare aus der Stirn zu streichen. Wer sie beim Sortieren des
Inhalts ihrer Scke in ihrem Keller hatte knien sehen, durfte wohl von neuem
besttigen, da man ein und dasselbe auf recht verschiedene Art und Weise
verrichten kann.
    Die beiden Mnner standen wortlos und regungslos, und erst nach einer
ziemlichen Weile sagte Herr Schmied aus Jterbog: Das ist gewi so etwas wie
eine Beruhigung, aber - wie nun weiter? Wir knnen sie hier nicht lassen.
Verwhnt und nervenschwach sind sie nicht und werden nicht umkommen von einem
jhen Auffahren; aber - aber wer von euch will's auf sich nehmen und sie
wecken?
    Das war nun doch, eine Frage, die so gar keiner Antwort zu bedrfen schien,
da es fast lcherlich war, sie zu stellen; aber doch war sie allen bis in die
tiefste Seele hinein getan, und keiner von ihnen hatte einen Zweifel an ihrer
Berechtigung.
    Die Mutter Cruse zog die Hand zurck, mit der sie eben die Jacke des Knaben
beiden Kindern besser bergedeckt hatte. Das Rotkppchen hielt die Hand
unwillkrlich vor die Flamme in der Lampe des Doktor Berg. Hofrat Brokenkorb,
der doch am wenigsten bei der Frage in Betracht kam, trat doch am scheuesten
zurck. Der Wechsel zwischen Licht und Schatten, den das Frulein durch ihre
Bewegung auf den geschlossenen Augenlidern der beiden Kleinen hervorgerufen
hatte, half ihnen glcklicherweise aus der Verlegenheit.
    Das kleine Mdchen fing ngstlich an, in seinem Erschpfungsschlaf zu
wimmern, und der Bruder fuhr auf mit offenen Augen und mit einem Griff nach der
Seite des Strohsacks, wo in der vorigen Nacht der Degen von Bau, Kolding und
Fridericia, mit dem er durch so viele Tage und Nchte den Todeskampf seiner
Mutter und dann sein Schwesterchen bewachte, gelegen hatte. Blinzelnd vor dem
Licht und Schatten und verwirrt durch die Gesichter und Gestalten um sich her,
sa er aufrecht; und whrend er die Schwester mit dem linken Arm umfate und an
sich zog, hob er den rechten Ellbogen vor das eigene Gesicht, wie um einen
Schlag abzuwehren, und die Faust, bereit, sofort selber zuzuschlagen.
    Aber jetzt hatte ihn schon die Mutter Cruse im Arme, und die letzte Freundin
seiner Mama schluchzte zwischen Lachen und Weinen:
    Erschrick dich nicht, Wlfchen! Blo lauter gute Freunde, Junge. Aber
Bengel, wie haben wir euch gesucht? Na, armer Tropf, kennst mich wohl noch immer
nicht, da du mich so dumm anstierst?
    Vor solchem Lrm erwachte selbstverstndlich auch die kleine Paula vllig,
und zwar mit lautem Geschrei; da aber gab das Rotkppchen rasch die Lampe des
Doktor Berg dem ersten besten und also diesmal dem Hofrat Dr. Brokenkorb in die
Hand: Halten Sie sie nur einen einzigen Augenblick!
    Und schon hatte sie wirklich beide Hnde voll, hatte die kleine Paula von
der Matratze aufgehoben, hielt sie an die Brust gedrckt und tanzte mit ihr in
dem Zimmer umher: Mein Pppchen! Mein Herzchen! Nicht weinen - nicht
erschrecken! Glaubtest doch wohl wirklich nicht, da ich nichts mehr von dir
wissen wollte, wenn deine Mama so oft mein einziger Schutz gewesen ist, wenn die
ganze Welt mir auf den Hacken war? Nicht weinen, Herzchen! Kennst mich doch?
Nimm nur die Hndchen von den Augen, lauter gute Freunde rundum! Glaubtest doch
hoffentlich, da es mir das Herz abstie, als ich heute morgen euch nur
verstohlen aus der Bodenluke nachsehen konnte? Und der Heilige Christ ist ja
auch vor der Tr; und was wnschst du dir diesmal zum Weihnachten? Einen schnen
Baum mit Lichtern und Zuckerwerk und vergoldeten pfeln und Nssen und so viele
Puppen und buntes Spielwerk, als es nur in der ganzen weiten Welt gibt! Wozu
gibt es denn die vielen Onkel und Tanten in der Welt? Guck nur - dies da ist die
Mutter - die Tante Cruse aus dem alten Eisen, und der Herr hier - brauchst dich
nicht zu frchten vor seinem Bart und seiner schwarzen Nase und seinem einen
Auge - und seinen Namen habe ich immer noch nicht recht verstehen knnen -
dieser Herr hier gleichfalls aus dem alten Eisen. Und hier der Allerfeinste und
Allerbeste, der Herr Hofrat Brokenkorb, deiner seligen Mama allerliebster
Freund. Ja wundere dich nur, wie viele Leute es in der Welt gibt, die euch seit
heute nachmittag pltzlich gesucht haben, als hinge ihre eigene ewige Seligkeit
davon ab, da sie euch fnden...!
    Jetzt beruhigen Sie sich endlich, Sie nrrische Person, und verschchtern
Sie uns das arme Wurm nicht noch mehr! rief endlich die Frau Wendeline, aber
durchaus nicht zornig. Und dann stellte sie den Jungen, an beiden Schultern ihn
haltend, vor den braven Peter Uhusen hin und sagte: Ja, dies ist der junge
Ritter, der mit dem Schwert seiner Ahnen heute morgen zu mir kam. Der Erbe des
Leutnants Hegewisch, der gute Junge, dem das Schicksal die letzte Waffe aus der
Hand schlug und zu dem alten Eisen warf, um ihn zu seinen Freunden im alten
Eisen zu bringen und zu verhelfen! Ich glaube, das wre ein Bursch und spter
ein Gesell fr Sie Schmied von Jterbog. Wenn Sie ihn haben wollen, so nehmen
Sie ihn, Uhusen; wenn nicht, nun, so lassen Sie ihn mir, vielleicht mache ich
auch bei den alten Lumpen und Knochen einen Mann fr diese eisernen Zeiten aus
ihm.
    Der Knabe blickte von einem zum andern. Man sah es ihm an, da er bereits
vllig wieder bei sich war und ein ruhiges Wort hren und verstehen konnte. Es
war durchaus nicht ntig, da Rotkppchen mit seiner Schwester auf dem linken
Arm ihm die rechte Hand auf die Schulter legte und ihn fragte: Bist du auch
ganz wach, Wolf, und kannst fassen, was die Herrschaften ber dich abmachen
wollen?
    Den Degen deines Grovaters hebe ich dir auf, bis du erwachsen bist, mein
Sohn, sagte Uhusen ruhig. Mutter Cruse, ich glaube, fr den Augenblick wird
die Hauptfrage sein, wohin wir die beiden fr den Rest dieser Nacht bringen.
Hier lassen mchte ich sie unter keinen Umstnden.
    Das Kind zu mir ins Bett in meinem Keller; den Jungen nehmen Sie mit in Ihr
Wirtshaus, rief die Mutter Cruse. Das ist wohl das einfachste.
    Zu mir, zu mir! stammelte Albin Brokenkorb. Beide Kleinen, beide Kinder
zu mir!
    Eine seltsame Bereicherung deiner Rarittensammlungen, alter Freund,
brummte Uhusen, aber nicht ohne Weichheit der Stimme. Recht hbsch von dir;
aber sieh dir die Sache lieber doch erst morgen frh bei ruhigerm Blut und bei
Tageslicht an. Was ist Ihr Rat, Frulein Rotkppchen?
    Weshalb fragen Sie mich, Herr? Da den Jungen mssen Sie fragen. Er hat sein
Leben bis heute so ziemlich allein machen mssen und wird also auch ber das
Nchste am besten fr sich und hier seine Schwester entscheiden knnen.
    Peter Uhusen nickte zustimmend.
    So hre, mein Kind, wendete er sich an den Knaben, und zwar ganz so, als
rede er mit einem Erwachsenen. Wir sind alle gute Freunde von deiner Mutter
gewesen und wollen nun alle unser Bestes fr dich und deine Schwester tun. Dein
lieber Grovater, der tapfere Leutnant Wolf Hegewisch, hat mich und den Herrn
da, den Herrn Doktor Brokenkorb, gradeso auf die Schulter geklopft, wie ich dich
jetzt darauf klopfe, und ich mchte ihm gern seine Wohltaten vergelten, die er
mir getan hat, als ich noch ein Knabe war. Und vor allen Dingen mchte ich mit
dir reden knnen, wie er mit uns zu reden verstand. Mit seinem Degen, welchen du
dieser Dame heute morgen brachtest in deiner Not, sind wir seit unserer Jugend
vertraut, und ich kenne vielleicht noch mehr Geschichten, die an ihm haften, als
wie du. Nun ist das aber fr uns alle hier die grte und beste und liebste
Geschichte, da wir durch dies Stck altes Eisen euch, deine Schwester und dich
und - deine arme Mutter, unsere liebe Jugendfreundin, aufgefunden haben in
dieser Welt, wo man im Getmmel und Gedrnge so leicht voneinanderkommt. Als
dieser Herr und ich Jungen waren, ist deine Mutter wie unsere kleine Schwester
gewesen. Nachher haben wir uns voneinander verloren, aber im guten Gedchtnis
behalten; und weil dem so ist, guck, mein Junge, deshalb will jeder sein Teil
von euch haben. Ich bin nun nichts weiter als ein invalider Soldat, wie dein
Grovater war; und gehst du mit mir, so gehst du an einen harten Arbeitstisch.
Der Herr hier, der Herr Hofrat, ist nicht Soldat gewesen; doch eine schlimme
Schlacht hat er heute auch mitgeliefert und - hoffentlich mit gewonnen. Folgst
du ihm, so kannst du es vielleicht noch zu viel Gutem und Schnem auf Erden
bringen, und wahrscheinlich auf nicht allzu beschwerlichen Wegen. Bergan geht es
freilich bei uns beiden! Aber wie gesagt: auf Rosen wirst du bei mir gar nicht
gebettet, und der Herr da ist ein angesehener Mann. Ich rate dir also, gehe mit
ihm. Die Dame wird fr deine kleine Schwester sorgen. Du hast mich verstanden?
Wir haben ja gehrt, wie du das Schwert gefhrt hast seit dem Sonntag bis zu
dieser Stunde; nun sage uns, was du jetzt fr das beste hltst?
    Mit scharfen, hellen Augen sah der Knabe an dem Schmied von Jterbog empor,
dann schluchzte er: Ich ginge mit Ihnen in alles Elend und kme doch schon
wieder raus. Aber wo meine Schwester bleibt, bleibe ich. Das habe ich der Mama
versprochen.
    Natrlich! rief die Mutter Cruse. Nehmen Sie es mir nicht bel, Uhusen;
aber seit ich Sie kenne, haben Sie nicht soviel berflssige Worte geredet wie
eben. Zu der Frau Direktorin Cruse in das alte Eisen! So nehmen Sie doch endlich
Ihrem Hofrtchen die Lampe wieder ab, Jungfer Leichtsinn. Geben Sie das Kind dem
Herrn aus Wien, liebes Rotkppchen. Du gehst mit mir, alter kleiner, braver
Kerl. Dein nrrischer Sbel liegt zwar bei dem Herrn Hofrat, aber mir hast du
ihn heute morgen zugetragen, und mir gehrst du zu. Wenigstens fr diese erste
Nacht. Meine Herren, abgesehen von allem andern, halte ich es eben des nchsten
Morgens wegen fr das Rechte, da wir das Zusammengehrige so nahe als mglich
beieinanderhalten.
    Es war so. Die letzte Zeit hindurch hatte niemand ber die beiden Kinder
hinweg an die schaurige schwarze Kiste da drauen in der regnichten, kalten
Herbstnacht unter dem freien Himmel an der groen Grube gedacht. Und Rotkppchen
erinnerte sich auch jetzt noch nicht ihrer wieder; denn wer um die Gruppe mit
dem Licht, das sie dem Herrn Hofrat auf Wunsch von Frau Wendeline wieder
abgenommen hatte, tanzte, war das Rotkppchen. Und in Anbetracht, da Erdwines
Sarg wirklich noch unverscharrt in dem leisen Regen der Vorwinternacht drauen
an der offenen Armengruft stand, war das freilich unpassend. Aber von den
Anwesenden am Strohsack der armen Frau Erdwine Wermuth fand sich keiner berufen,
dies herauszufinden. Auch die Mutter Cruse nicht; denn die wickelte jetzt ihren
schnen Mantel, welchen sie vorhin an jener Grube ber den Hofrat Dr. Brokenkorb
gebreitet hatte, um das Kind auf dem Arme des langen Peters und hatte nicht die
geringste Zeit, ihre Gefhle durch irgendeinen Wortschwall durchzusieben. Und
was ihren Mantel anbetraf, so war ihr augenblicklich doch schon ohne ihn warm
genug und derselbe brigens auch sonst nichts weiter als eine Nummer aus ihrer
Lebenstheatergarderobe.
    So, Wolfram Wermuth, sagte sie, jetzt nimmst du den Herrn Hofrat bei der
Hand und fhrst ihn vorsichtig auf der Treppe. Du kennst sie ja am genauesten
und weit, wo ihr Halunken sie am meister, zum Wackeln gebracht habt und wo das
Gelnder ganz fehlt. Und jetzt fort. Geh voran, Mdchen, und leuchte. Folgen Sie
ihr mit dem Kinde, Uhusen, und du, Wolf, nimm dich mit dem Herrn Hofrat in acht.
Ich mache den Beschlu.
    Sie stiegen in der angegebenen Reihenfolge nieder und hatten Grund, auf ihre
Fe zu achten. Die Frau Wendeline aber blieb als die letzte noch einen letzten
Augenblick auf der Schwelle des schauerlichen, jetzt in die volle Nacht
versinkenden leeren Zimmers und sah zurck in die Finsternis. Noch einmal
streifte ein Lichtschein von der Lampe in der Hand Rotkppchens das letzte Lager
von Erdwine Hegewisch, und die groe alte Frau in der Tr schttelte sich leise
und strich sich mit der Hand ber die Stirn und murmelte finster: Jawohl, alte
Komdiantin - ein fein Memento fr deine schlaflosen Nchte in deinem Keller
diesen Winter durch!
    Sie schttelte aber auch die schauerlichen Bilder, die sich mit diesem
Umblick fr sie verknpften, ab mit ihrer gewohnten stolzen Handbewegung und
stieg den andern nach, und zwar jetzt nicht mehr durch ein stilles,
menschenleeres Haus. Es hatte sich das Gercht von ihnen nun doch durch alle
Stockwerke verbreitet, und sie fanden einen erklecklichen Teil der Bevlkerung
auf ihrem Wege. Aber die Leute flsterten bei ihrem Vorberschreiten nur leise
miteinander und betrugen sich sehr hflich und anstndig.
    Nur Doktor Berg, der auch aus seiner Tr sah, stammelte mit schwerer Zunge
lachend: Nun beim Zeus, Brokenkorb, das wre ja wirklich einmal etwas Neues,
von dem man in den Zimmern der Damen erzhlen knnte. Aber Sie haben recht,
Kollege, da Sie sich persnlich des Skandals annehmen. Er ist in der Tat
riesig, und Sie knnen sich darauf verlassen: ich habe das Meinige getan und
werde es ferner tun, diese Sache in die Muler der Leute zu bringen.
    Groer Gott, auch das! chzte der Hofrat in der Tiefe seiner Seele.
    Ich helfe den Herrschaften nur in ihren Wagen, dann liefere ich Ihnen Ihr
Licht wieder ab, Dokterchen, rief das Rotkppchen. Ja, bringen Sie mir das
Ding nur in die Zeitungen, und zwar ohne alle Musik! Und meinen Namen drfen Sie
dreist voll ausdrucken.
    
    Sie standen nun wieder in der Gasse, und der Kutscher nahm seinen Gulen
wieder die regenfeuchten Decken ab.
    Jetzt, gndige Frau, rasch hinein in die Equipage, rief das Frulein.
Herr Unbekannt gibt Ihnen am besten das Kind nun auf den Scho. Hinein mit dir,
Wlfchen. Und Sie, Hofrtchen, erlauben Sie, da ich Ihnen helfe! Gott sei Dank,
Gott sei Dank! Glauben werden es mir die Herrschaften nicht, aber einen
Tausendmarkschein nhme ich nicht, wenn ich dafr die zwei Krabben noch immer da
oben auf ihrer Mutter Strohsack wissen mte. Oh, Gott im Himmel sei Dank und
vergelte Ihnen alles, was Sie - uns heute Gutes getan haben, wenn wir uns nicht
wiedersehen.
    Steigen Sie endlich ein, bestes Kind, rief der Schmied von Jterbog sehr
grblich im Ton, aber dazu im Ausdruck mit einer Hflichkeit, die er nicht an
jede beliebige Frstin, Grfin oder Kommerzienrtin gewendet haben wrde.
    Ich? fragte das Rotkppchen, die Lampe des Doktor Berg mit der Hand vor
dem Wehen der Nachtluft schtzend. Das ist doch wohl Ihr Ernst nicht, Herr
Unbekannt? Wer von Ihnen knnte mir denn ein Nachtquartier bieten?
    Ich, sagte die Mutter Cruse aus dem Wagenfester.
    Bei Ihrem alten Eisen? lachte, die Trnen oder die Regentropfen aus den
Augen wischend, die arme Kleine. Nein, nein, noch nicht. Und dann - Sie haben
ja schon die Kinder! Wenn Sie die in Sicherheit halten wollen, dann haben Sie
schon Ihr Tun genug, gndige Frau; und ich bin vollstndig ber. Aber wenn ich
Ihnen vielleicht noch einmal meine Tanzschuhe bringen sollte -
    Der Schmied von Jterbog zog das arme Geschpf an sich und fragte es:
Findest du bis morgen zu essen und einen trocknen Winkel?
    Und Rotkppchen antwortete, aber sehr leise: Ja, Herr, ich, danke Ihnen;
aber wiedersehen mchte ich Sie wirklich noch einmal mit Ihrer schwarzen Nase,
Ihrem einen Auge, Ihrer einen Hand und Ihren guten, dummen Redensarten.
Natrlich find ich schon ein Unterkommen fr diesmal.
    Die Schultern hebend, fgte sie hinzu: Nur nicht zuviel Musik, zuviel Musik
im Deutschen Reich!
    Und der schwarze Peter, Herr Schmied aus Jterbog, stieg zgernd den andern
nach in den Wagen und sah noch vom Fenster des fortrollenden Wagens aus, wie das
schne Mdchen auf der Trschwelle stand und sich die Trnen oder die
Regentropfen aus den Augen wischte. Dann blies der Wind das Licht aus.

                              Neunzehntes Kapitel


Die Mutter Cruse hatte dem Kutscher wiederum ihre Adresse angegeben, und der
Kutscher hatte gebrummt: Na, diese Jagd! Ja, wenn unsereiner sich seine
Gedanken darber machen wollte, was er so hin und her und zusammen fhrt, dann
htte er viel zu tun, und ich dankte fr die Arbeit.
    Es war ein Glck, da ihn die Geschichten seiner Fuhrgste zuletzt doch gar
nichts angingen, er htte sie wahrscheinlich sonst nicht so sicher und
geschickt durch das Gewhl der lebendigsten Gassen der Stadt zurck zu dem
Geschftslokal der Frau Wendeline gefhrt.
    Da hielten sie nun wieder vor dem Lumpen-, Knochen- und Alteisenkeller; und
- als ob nicht ihr wundervolles bewegtes Leben und auch dieser heutige
nervenangreifende Nachmittag hinter ihr liege, stieg Frau Wendeline zuerst aus
und suchte in ihrer Kleidertasche nach dem Schlssel, der die Tr zu ihrem Reich
des Erdenabfalls ffnete. Aber ganz klar mute auch sie doch nicht sich whrend
der Fahrt geblieben sein; nmlich sie hatte jetzt das schlafende Kind von ihrem
Scho auf den des Hofrats Dr. Albin Brokenkorb gehoben, und Albin hielt es noch
auf den Armen, whrend Uhusen den Knaben auf das Pflaster stellte.
    Aber sehr merkwrdigerweise war Albin um diese Zeit vllig
    wach und von der ganzen Gesellschaft vielleicht am objektivsten bei der
Sache. Aber diesmal, und das wiederum sonderbarerweise, nicht bei der uern
Erscheinung, sondern bei dem Innern der Dinge. Er ordnete seine heutigen
Erlebnisse seiner sonstigen Existenz ein, er legte den Tag zu Begriffen
auseinander; und ein Mann, der wieder bei dem Begriff angelangt ist, der ist
schon frei und weit hinaus und hinweg ber die rgste Verblffung in betreff
dessen, was ihm persnlich wieder mal am Tisch des Lebens neben den Teller
gelegt worden ist.
    Bis ich drunten Licht angezndet haben werde, gedulden sich die Herren wohl
hier oben, sagte Frau Wendeline; und dann ffnete sich die kleine Tr, und der
schwarze Abstieg in die Tiefe der Erde wurde ihnen bei dem Lichter- und
Lampenschein der Gasse sichtbar. Der erste s-sauere, unheimliche Duft von dem
Produktenlager der Mutter Cruse schlug zu ihnen empor; aber der Hofrat blieb
auch dem gewachsen. Nun leuchtete es aus der Tiefe, und die Mutter Cruse trat an
die unterste Stufe der Treppe: Wenn es gefllig ist.
    Dem feinen, vornehmen, gelehrten Mann mit dem Kinde war's gefllig. Er
strauchelte nicht mit seiner Last auf den bel ausgetretenen Steinstufen; er
wurde nicht ohnmchtig von dem Dunst der alten Knochen und noch ltern
Fetzengarderobe.
    Nicht da in die Glasscherben, warnte aber die Geschftsinhaberin, als er
die kleine Paula jetzt auf dem Boden niedersetzen wollte. Er trat zurck und
wre nun beinahe selber in das alte Eisen geraten; ein hochgetrmter Haufen von
verrosteten Kochtpfen, Ofenrhren, Ofenplatten, Kohlenschaufeln, Feuerhaken und
-zangen, und was sonst dazu gehrt, kam ins Wackeln und klirrte und rasselte
hinter ihm und um ihn her.
    Sie muten sich alle erst an das Licht und die Schatten in dem Gewlbe
gewhnen - alle bis auf die Mutter Cruse, die sich natrlich sofort
zurechtzufinden wute und es ihren jetzt so ungewohnten Gsten so behaglich als
mglich, und das auch so schnell als mglich, zu machen suchte.
    Sie verstand dieses wundervoll. Mit kniglicher Unbefangenheit trat sie
einher, als ob alles so recht in der Ordnung sei und als ob dieser schreckliche
Aufenthaltsort ihr das ganze Leben durch das wnschenswerteste Ziel voll Licht,
Flle, Ruhe und Sicherheit gewesen sei. Und wir knnen es nicht genug
wiederholen: Hofrat Dr. Brokenkorb war jetzt mit der ganzen Seele in der
Situation. Und diese Wunder httest du versumt ohne den Menschen - diesen
Vagabunden Uhusen - deinen Freund Peter Uhusen, Albin! murmelte er, mit allen
Sinnen beschftigt, allen phantastischen Zauber des Nachmittags und des Abends
verwendbar sich einzuprgen.
    Aber der lange Mensch, der schwarze, kluge Peter Uhusen, schlug den
Jugendfreund ganz zrtlich auf die Schulter: Nicht wahr, du fngst an, dich
zurechtzufinden? Dir fllt eine ganz neue Seite auf an dem Menschen in seiner
Verwirrung auf Erden? Was fr schne Reden lassen sich darber den Damen halten!
Jaja, siehst du, es war doch wieder mal recht nett von mir, da ich dich wie in
unsern Lbecker Jahren mit mir nahm. Es kommt eben nicht alles dabei heraus,
wenn man sich nur auf Mamas Eau-de-Cologne-Flschchen verschwrt in der
menschlichen und gttlichen Komdie, in der man eben mitspielt, bewut oder
unbewut, ob man will, oder ob man nicht will!
    Zuerst jetzt fr die heutigen Hauptpersonen in der Komdie sorgen, Schmied
von Jterbog! rief die Mutter Cruse. Das Mdchen wre mir auch auf den
Glasscherben, auf welche es der Herr Hofrat niederbetten wollte, eingeschlafen
und der Junge dort auf dem alten Eisen. Essen werden sie nicht wollen; ich kenne
das, sie sind zu sterbensmde dazu; aber ins Bett sollen sie, und somit - habe
ich Sie, meine Herren, bis morgen frh hier nicht mehr ntig und wnsche von
Herzen auch Ihnen eine recht gute Nacht.
    Die alte Dame hatte im Hintergrunde ihrer Hhle eine Pforte geffnet, die in
ihre Privatgemcher oder vielmehr in ihre Schlafkammer fhrte. Mutter Cruse
schlief nicht, wie die Nachbarschaft wissen wollte, auf ihren Lumpenscken und
Knochenscken.
    Nur im alten Eisen schlief sie, und gewhnlich einen gesunden Schlaf, einen
ruhigen, traumlosen Schlaf. Die beiden Herren sahen noch von der Tr aus, wie
sie die Kinder Erdwinens auf ihrem Bett zur Ruhe brachte. Wenn sie sich fr
diese Nacht ausnahmsweise auf ihren Lumpen ausstreckte, so war dagegen nichts
einzuwenden, weder vom Standpunkt ihrer nchsten Nachbarschaft noch von dem des
Lieblingspublikums des Hofrats Dr. Albin Brokenkorb aus. Es war eben eine
Geschmackssache, ber die man sich sowohl in der Tiefe wie in der Hhe beifllig
und sogar gerhrt aussprechen durfte, ohne deshalb - aus seiner eigenen Rolle zu
fallen.
    In seine eigene Rolle fand sich Albin drauen in der Gasse im Anhauch der
frischen Luft und vor dem Droschkenkutscher, der ihm den Schlag des Wagens
ffnete, beruhigend rasch zurck.
    Rede jetzt nicht mehr zu mir, Peter, sprach er mit einem tragischen
Pathos, welches der Mutter Cruse zu andern Zeiten sicherlich viel Spa gemacht
haben wrde, das ihr aber im jetzigen Augenblick ebenso sicher recht unbehaglich
gewesen wre, wenn sie drunten am Bett bei den Kindern eine Ahnung davon gehabt
htte. Dieser Tag hat mich durchgeschttelt wie kein anderer in meinem Leben.
Auf das furchtbarste hat er mich erschttert; aber la uns jetzt nicht weiter
davon reden; ich bin unfhig, zu hren und zu antworten. Ich mu mir das alles
erst in der Stille zurechtlegen, und ich erschrecke jetzt schon vor dem
Nachzittern des Erlebten. Du bist hart gegen mich gewesen, Uhusen, aber es war
wie immer gut von dir gemeint, und ich habe dir zu danken. Willst du mich jetzt
begleiten, willst du mit mir nach Haus fahren, so sollst du mir willkommen sein.
Du sollst mir zu Rat, Trost und berlegung mehr denn willkommen sein! O groer
Gott, was fr eine Nacht wird das werden mit diesem entsetzlichen Degen des
Leutnants Hegewisch dort in meinem Arbeitszimmer auf dem Tische!
    Der Schmied von Jterbog besah sich seinen Mann noch einmal ganz genau beim
Schein der Wagen- und nchsten Gassenlaterne, und zwar mehr erstaunt ber sich
selber als ber den Freund. Er pfiff drei bis vier Stze aus dem ersten besten
Niggermarsch seiner amerikanischen Kriegszeit und sagte, nachdem er sich
mglichst wieder gefat hatte, mit einer Ironie, die aus dem ltesten alten
Eisen der Welt stammte:
    Ich meine doch, wir haben fr jetzt wohl vllig genug voneinander. Auf dich
wird es ankommen, ob wir uns morgen noch einmal sehen. Was sollte ich dir raten?
Was knnte ich mit dir berlegen? Und - ich bitte dich - weshalb sollte grade
ich dir zum Trost aufs Seil gehen?
    Du fhrst nicht mit mir, Uhusen?
    Nein, ich gehe lieber, und zwar meine eigenen Wege.
    Also denn bis morgen, lallte Albin Brokenkorb. Gute Nacht denn! O Gtter,
welch ein Tag, welch ein frchterlicher Tag!
    Gute Nacht, alter Junge, brummte Peter Uhusen. Ich rate dir nun selber,
deine kostbare Gesundheit zu schonen und dich nicht ber die Grenzen der
Menschheit hinaus aufzuregen. Sollte es dir unmglich sein, den Erben des
Leutnants Hegewisch den Degen ihres Grovaters persnlich zu bringen, so -
schicke ich natrlich nach ihm. Der Herr erhalte dich noch recht lange zur
Bildung und Verschnerung seiner Schpfung.
    Der Hofrat war nicht imstande, noch einmal auszudrcken, da er
wahrscheinlich wieder miverstanden werde. Er lie sich von dem Kutscher ber
den Wagentritt emporlpfen, sank mit einem tiefen Seufzer hin in die Kissen und
schlo die Augen so fest als tunlich, da er den Kopf jetzt nicht mehr wie auf
einer andern, mehr oder weniger weit zurckliegenden Stufe seiner Metempsychosen
oder Inkarnationen - in den Sand stecken konnte.
    Der schwarze Peter stand und sah dem Wagen nach. Dann nahm er den Hut ab und
rieb sich mit der verstmmelten Pfote den sonst schon wirr genug sich
aufbumenden Haarwulst zu einer wahrhaft stachelschweinhaften Frisur
durcheinander. Hierauf ging er sechs oder acht Schritte auf dem Wege nach seinem
Gasthof, schwenkte urpltzlich um, kehrte zurck zu der Kellertr der Mutter
Cruse, fand sie noch nicht verriegelt und stolperte nochmals die Kellertreppe
hinunter.
    Nun, was soll denn das? Wer ist denn da noch? scholl es etwas sehr scharf
durch die Trspalte, aus der noch der Lichtschein in das Geschftslokal drang.
    Ich bin's noch einmal, Mama. Ihnen ist es zwar ja lngst kein Geheimnis;
aber mir ist es ein Bedrfnis, es noch einmal heute in einen Busen
auszuschtten, was ich bin und mit glnzendstem Talent zur Darstellung bringe.
Ein Esel bin ich - bin ich gewesen von Ewigkeit - werde ich bleiben in
Ewigkeit.
    Hm, brummte Frau Wendeline, schon sehr in Flanell und also in ziemlich
mangelhafter Toilette, aber wirklich mtterlich besorgt aus ihrem Boudoir
auftauchend, was ist denn aber noch mehr Auergewhnliches vorgefallen, um -

    Schreibtafel her! Ich mu mir's niederschreiben,
    Da einer reden kann, und immer schner reden
    Und doch -

Das ist annhernd aus dem Hamlet, Uhusen. Sie fielen mir glnzend damit durch,
selbst vor dem Publikum von Brooklyn.
    Na denn:

                        - der Lord lt sich
    Entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich.

Ja, mit Ihrem Leicester haben Sie mich seinerzeit auch schn hineingeritten.
Das war freilich Ihre Manie, auf Ihre Kenntnis des Menschen sich etwas
einzubilden und sich an Charaktere zu wagen, von denen Sie nicht das mindeste
verstanden. Bah, Ihre Psychologie! Nun, was hat Ihnen der saubere Weislingen
denn noch angetan oder mitgeteilt, um Ihnen wenigstens fr einen kurzen
Augenblick zu dieser jetzigen Selbsterkenntnis zu verhelfen?
    Der Peter aus der Fremde sah die greise mtterliche Freundin wahrhaftig
ratlos an.
    Zum Teufel, ja, fragen Sie mich nur! Gar nichts! schrie er wtend, seinen
durchnten Filzhut mit grimmigem Nachdruck in das alte Eisen niederschmetternd.
Abgeahnt - abgerochen - nein, bei Gott, abgefhlt habe ich's dem armen Tier
eben, da es trotz allem nichts brauchen kann von der Erbschaft des Leutnants
Hegewisch und der Witwe Erdwine Wermuth. Und mtterlicher denn zuvor klopfte
die Mutter Cruse ihrem liebsten Erdenkameraden auf die schwarz angerauchte Backe
und sagte mit leiser und gerhrter Stimme: Sie haben recht, Uhusen. Ein Esel
sind Sie, waren Sie und bleiben Sie. Aber was sollte aus uns hier bei den
Knochen, Lumpen und im alten Eisen werden, wenn man euch nicht htte zu einem
Halt und zum Anklammern mit der Hand und mit dem Herzen im Kehrichtstaubwirbel
dieser Welt? Ich htte Sie schon heute morgen umrufen knnen, Peter, als Sie mir
mit dem Degen des ebenso nrrischen Leutnants durchgingen; aber da dachte ich
mir doch: was wrde wohl, wenn man gar noch diese von ihren Dummheiten
zurckhalten und ihnen ihre Rolle aus der Hand schlagen wrde? Da habe ich Sie
denn ruhig laufen lassen, grade als wie ich Ihnen Ihren Willen lie, wenn Sie
mir ber Ihre Seepiraten von Blankenese, oder wie die wunderbare Historie sonst
hie, hinausgriffen und sich nicht nur an meinem bessern Verstndnis, sondern
auch an unserer Tageskasse auf das schmhlichste versndigten.
    Herr Schmied aus Jterbog sa wieder auf dem Lumpensack, auf dem er am
Morgen gesessen, und sah zu der alten Heldenmutter im Hausrock empor, als
knne er sie nimmer genug sein Lob singen hren. Sie aber fragte nur noch: Nun,
wie hat sich denn der Edle geuert, um Sie zu diesem vollen Verstndnis ber
Ihre Unzulnglichkeit in betreff von Menschenkunde und Menschenverstndnis zu
bringen?
    Wtend wieder aufspringend, rief der lange Peter aus der Fremde: Gar nicht
hat er sich geuert. So dumm wie ich ist er nicht! Fllt ihm gar nicht ein, das
einem andern auseinanderzusetzen, was er sich von ihm abriechen, abfhlen,
abahnen lassen kann. Den Honigseim des Tages hat er vollgesogen und trgt ihn
eben zu Stock, das dazugehrige Wachs ebenfalls an den Beinen. Geben Sie acht,
sie adeln ihn uns fr das Kapital, was er aus dem heutigen Jammer herausschlgt!
Im brigen freilich fhlt er sich augenblicklich sehr unwohl - zum uersten
erschpft - ermattet zum Tode von allem, was er heute in unserem Guckkasten - in
unserm Guckkasten, Mutter Cruse, gesehen hat. Ob er morgen frh Erdwinen die
letzte Ehre geben wird, hngt natrlich ganz von seinem Befinden ab.
    Sie hatten beide bei ihrer Unterhaltung nicht auf das Bett in dem
Kmmerchen, in welchem die beiden Kinder Erdwinens zur Ruhe gebracht worden
waren, geachtet. Aber jetzt wurde alle ihre Aufmerksamkeit wieder dahin gezogen.
    Ein schluchzender Ton war von dorther gekommen. Sie sahen den Sohn Erdwinens
aufrecht sitzen und nach ihnen hinstarren im Schein der Lampe. Er sttzte sich
auf die linke Hand und hob die rechte, welche den Degen von Bau, Kolding und
Fridericia so gut gefhrt hatte, gegen sie.
    Das ist der andere, schluchzte er. Die Mama hat ja nicht viel von ihm uns
erzhlt; aber ich kenne ihn nun doch. Aber er hat noch meinen Degen, und er soll
mir meinen Degen, meines lieben Grovaters Degen wiedergeben. Ich habe alles
gehrt und alles verstanden.
    Die Frau Wendeline und Peter Uhusen waren rasch zu dem Bett geeilt, und
jetzt hing der Junge an dem Halse des Schmieds von Jterbog und rief, in Trnen
und Aufregung um Worte kmpfend: Und Sie sind wieder der andere! Der, von dem
Mama immer und immer wieder erzhlt hat. Sie haben Mama liebgehabt und haben das
Paulchen und mich gefunden, als wir keinen andern mehr zur Hlfe hatten und die
ganze Welt sich vor uns frchtete der Vergiftung wegen. Sie haben schon vorhin
von sich und dem andern zu mir gesprochen; aber da habe ich es noch nicht ganz
verstehen knnen aus Mattheit. Jetzt bin ich ganz wieder bei mir, gradesogut wie
als Paula und ich allein waren in den Nchten bei der gestorbenen Mama und ich
allein wachte. Ja, der guten Madam da habe ich meinen Degen gebracht in meiner
allerletzten Not, und sie hat ihn Ihnen gezeigt, und so sind Sie alle uns zu
Hlfe gekommen. Sie haben auch den tollen Hund damals totgeschlagen, und-
    Was der arme kleine Bursche alles sonst noch hervorstie, blieb
unverstndlich. Die Mutter Cruse und der Schmied von Jterbog hatten noch lange,
lange neben dem Bett zu sitzen, ehe sie ihn zu Ruhe gesprochen hatten und er in
seinem Unwohlsein, seiner uersten Erschpfung, seiner Todesmattigkeit wieder
schlief.
    Als er endlich wieder schlief, lieen sie sich das Vorgefallene eine Warnung
sein und sprachen von nun an recht leise miteinander. Natrlich zuerst darber,
was nunmehr mit den Kindern werden sollte. Aber darber kamen sie in dieser
Nacht noch zu keinem endgltigen Beschlu. Es war in der Tat zu vieles dabei zu
berlegen. Sie verschoben denn auch diesmal die Hauptsache, wie das das
Gewhnlichste und meistens auch das Verstndigste ist, auf eine beruhigtere
Stunde, also unbedingt zum wenigsten auf morgen, und redeten dafr lieber noch
von sich selber, dem armen Rotkppchen und auch noch ein weniges vom Hofrat Dr.
Albin Brokenkorb. Das letztere Thema wirkte merkwrdigerweise am beruhigendsten
unter den gegebenen Umstnden. Es ist eine Tatsache, da die Mutter Cruse
zuletzt ganz lustig dabei wurde und den armen Peter sogar sehr heiter damit
aufzog, so da dieser beim endlichen wirklichen Gutenachtsagen fr diese Nacht,
sich den im Produktenkeller mhsam wiedergefundenen Filz auf den Kopf schlagend,
grimmig grinsend schnarrte: Na, zum Henker, ich fr meinen Teil lasse ihn mit
Vergngen laufen. Aber Mutter Cruse, wen schicken wir ihm, um ihm die Plempe des
Leutnants Hegewisch wieder abholen zu lassen? Meinen guten alten Wanderknppel,
mein einziges Lbecker Erbstck, habe ich schon bei der saubern Geschichte
eingebt; und das knnen Sie nicht verlangen, Mama, da ich mich ohne solchen
Trost in der Hand noch einmal zu ihm verfge. Einige Rcksicht habe ich doch
auch auf meine Gefhle zu nehmen.
    Frau Wendeline sah mit einem ihrer verstndnisreichsten, hellsten Blicke zu
dem Freund hinber: Dem Himmel sei Dank, da man noch lachen kann; aber -
machen Sie mir Ihre Gefhle nicht lcherlich, Uhusen! Ihr Knppel liegt ganz gut
- dort - in Numero zehn in der Schulzenstrae - bei dem Strohsack; und um das
alte Eisen gehe ich im Notfall selber. Nun aber habe ich fr heute wirklich
genug. Scheren Sie sich nach Hause oder nach Ihrem Wirtshause, und rauchen Sie
noch eine Zigarre zu einem gemtlichen Glase Grog. Ich meinesteils habe auch die
Absicht, noch ein wenig still fr mich bei einer Tasse Tee zu sitzen. Morgen
frh knnen wir dann ja unsere Ideen zusammentragen und miteinander vergleichen,
was zwischen unsern berlegungen miteinander stimmt oder nicht stimmt.
    Das mit der Zigarre und dem Glas Grog ist unbedingt eine Idee, und zwar
eine, die mir wirklich auch schon unbestimmt im Sinn geschwebt hat. Gute Nacht,
Mutter Cruse.
    Gute Nacht, Uhusen.

                              Zwanzigstes Kapitel


Es ist nicht zu ndern; wir mssen noch hier hindurch, so gern wir's uns
ersparen und dem Leser durch einen andern schenken lassen mchten. Wer uns den
Griffel in die Hand gedrckt hat, trgt die Verantwortung; das Stckchen Blau
aber, das jetzt schon durch das Gewlk leuchtet, nehmen wir nicht als ein
Geschenk, sondern als ein Zeichen, da man sich andernorts seiner
Verantwortlichkeit bewut ist.
    Der Mittwochmorgen kam. Noch ohne Sonne; aber es dmmerte doch, es wurde von
neuem Tag, und wir - wir haben nicht danach zu fragen, wo Rotkppchen einen
Unterschlupf diesmal fr die Nacht gefunden hatte. Wenn das deutsche Volk ein
wenig zuviel Musik macht, so zeigt es doch von Jahr zu Jahr deutlicher noch
einen andern Geschmack, den wir noch weniger billigen knnen als seine Neigung,
in Tnen aufzugehen. Dr. Berg ist anderer Ansicht; - was Hofrat Dr. Brokenkorbs
innerste Meinung ber die Frage ist, hat er sich bis jetzt gehtet, ffentlich
vorzutragen. -
    Wir finden mit dem ersten Morgengrauen das Rotkppchen schon vollstndig in
den Kleidern und selbstverstndlich in denen vom gestrigen Tage. Und wir finden
es, mit dem Kopf auf den Knien und die Arme um den Kopf gelegt, auf dem
Strohsack in der leeren, kalten Kammer der Witwe Wermuth, in welcher die zwei
Stcke des alten Wanderknppels des Schmieds von Jterbog - das mit der
eisernen Zwinge und das mit der Hanswurst- und Faunenfratze - die einzigen
Zeichen sind, da jenseits dieses doch noch etwas anderes liegt, als der Pbel
in der Welt zugeben kann und will - von seinem Zugebenmgen sei nicht die Rede.
    Ob das Frulein so frh am Tage schon ein Frhstck gefunden hatte, knnen
wir gleichfalls nicht sagen; aber als es vllig Dmmerung geworden war,
schnellte sie empor, als ob es keinen Hunger, keinen Frost, keine Ermdung auf
Erden gebe. Es ist kein Mensch, den nicht um irgend etwas Hunderttausende, ja
Millionen beneiden knnen, und fr heute hatte Frulein Rotkppchen noch ihren
Leichtsinn, ihren guten Mut und gesunden Krper. Alles drei sehr schne Dinge -
auch das erste unter gewissen Lebensumstnden und Daseinsbedingungen.
    Sie schttelte sich in ihren Rcken und machte noch einmal den vergeblichen
Versuch, eine erblindete Fensterscheibe als Spiegel zu benutzen. Da das wiederum
sich nicht tun lassen wollte, ffnete sie das Fenster, sah in das Wetter und
seufzte: Leidlich!
    Nun regte sich der erste Fu auf den Treppen im Hause. Der erste Bewohner
ging zur Arbeit, und das Rotkppchen sagte: Na, denn zu. Hat der Spatz Glck,
wird er nicht von der Katze gefressen; und Glck habe ich meistens doch immer
noch gehabt. Also vorwrts ins Vergngen, und nur keinen merken lassen, da man
Angst hat!
    Sie mute doch wohl ein Frhstck gefunden haben, denn als sie aus dem Hause
glitt, sah sie gar nicht verhungert aus. Und ihr Spatzen- und Buttervogelglck
hatte sie dazu; sie wurde nicht sofort an der Tr abgefangen und an ihren
jetzigen Wegen gehindert.
    Sonderbarerweise fhrte sie der erste Gang in die alleranstndigste Gegend
der Stadt.
    Ich hab's dem guten Jungen versprochen, und Wort halten soll der Mensch,
wenn er auch sonst nichts zu verschenken hat.
    Ich hab ihm das Ding von wegen der Ngel des Sbels seines seligen Gropapas
und der Madam Cruse unter die Finger gegeben, und ich habe ihm hoch und heilig
versprochen: Wolf, ich schaffe dir das Ksemesser zurck, denn die Mutter Cruse
kenne ich. Mit der brauche ich nur zur Auseinandersetzung zu kommen. Na, so 'ne
Komdie! Aber so ganz umsonst will ich gestern abend doch nicht mit der Alten,
der Schwarznase und meinem Hofrat nach dem - da drauen hingerutscht sein. Na,
Hofrtchen, warte, dich werden wir im Notfall auch aus dem sesten Schlummer
wecken, blo um der Welt zu beweisen, da auch unsereine mit beiden Ohren hren
kann, wenn man unbestimmte Verhltnisse vor ihr in der Droschke stundenlang Knie
gegen Knie verhandelt. Wenn der Junge wo Anspruch auf den Degen seiner Ahnen
hat, so ist das heute morgen um achte - da drauen! Da drauen, da drauen, da
drauen vor dem Tor. Wer aber so frh am Tage und nach den gestrigen Erlebnissen
da sicherlich noch nicht vorhanden sein wird, das ist mein liebes Dokterchen,
mein ses Hofrtchen. Aber - mein ist der Sbel, mir gehrt er an, sagt die
Jungfrau; und umsonst werde ich mich doch nicht von dem alten braven Sohn, dem
Wlfchen Wermuth, mit der Plempe haben gleichfalls beschirmen lassen. Her mu
sie, und sollt ich Runne &amp; Plate vom Keller bis zum Dache aus den
Eiderdaunen sturmluten mssen. Das ist ja diesmal ein wahrer Segen, da dieser
Edle, dieser liebe gute Herr mit noch mehreren schnen Seelen zu meiner
ausgebreiteten Bekanntschaft gehrt! Na, und im Notfall mu mir sein Rupfer zu
dem Meinigen verhelfen. Komm ich in Rage, so ist's mir auch ganz egal, was fr
Aufsehen es macht oder was fr eines ich mache.
    Ach, um das Aufsehenmachen in der Welt - -!
    So zwischen sechs und sieben Uhr am Morgen kommt man, wenn man Glck hat,
schon ohne Aufsehen durch. Es ist dann bereits eine ganze Menge Leute auf den
Beinen, auch im Sptherbst und bei milichem Wetter. Bei Runne &amp; Plate
standen sowohl Geschftstor wie Privateingang geffnet, und Rotkppchen fand in
der Hinsicht nichts vor, was ihrem Vorhaben entgegen gewesen wre. Einen
Augenblick zgerte sie zwischen den zwei Pforten; dann aber schlpfte sie in das
hochgewlbte Einfahrtstor des Geschftshauses und fand sich wieder im richtigen
Augenblick an der richtigen Stelle: Gott ist nicht whlerisch in seinen Boten
und Werkzeugen, und die irren sich, die da meinen, da er die Welt mit spitzen
Fingern anfasse und das nmliche von ihnen verlange. -
    Das groe Geschft in altem und neuem Eisen war schon in voller Ttigkeit.
In den Schreibstuben glitten die Stahlfedern ber das Papier, und in den
Magazinen und auf dem Hofe rasselte und klirrte das und hoben und schoben die
Arbeitsleute; die Firma rhmte sich in ihrer Branche mit des grten Umsatzes
in der Stadt und weit ber dieselbe hinaus.
    Das Erscheinen der jungen Dame in dem Hofe machte kein Aufsehen. Wie
groartig der Umsatz von Runne &amp; Plate in neuem Eisen sein mochte, der in
altem blieb immer, zum Teil wenigstens, ein Kleinhandel. Alte Weiber und Mnner,
halberwachsene Mdchen, Kinder von beiden Geschlechtern kamen mit Krben, mit
Scken, mit Schubkarren oder Handwagen voll des rostigen Wertobjekts und zogen
mit weniger Silber und meistens nur Nickel und Kupfer zum Austausch wieder von
dannen. Frau Wendeline Cruse war da zum Exempel eine wohlbekannte und sehr
respektable Persnlichkeit, und Frulein Rotkppchen konnte ganz wohl ebenfalls
einen durchgebrannten Stubenofenrost oder eine durchlcherte Eierkuchenpfanne
oder einen zersprungenen Kochtopf unter dem Tuche tragen! Runne &amp; Plate
hielten ihre Waagschale und ihr mchtiges Hauptbuch auch fr den
Geschftsverkehr mit ihr bereit. Runne &amp; Plate konnten nicht wissen, da das
Rotkppchen nicht gekommen sei, altes Eisen zu bringen, sondern die feste
Absicht hatte, dergleichen auf jede Weise, einerlei, ob erlaubte oder
unerlaubte, auszufhren.
    Je, Frulein, sind Sie denn das? Wie kommen Sie denn jetzt hierher?
erscholl aber eine Stimme aus einer Tr her, von der eine enge
Dienerschaftstreppe zu den Wohnungen der besten Mieter des Haupthauses fhrte;
und das Frulein, rasch dem Anruf zuspringend, sagte: Na, siehst du, ich wute
es ja, da ich nur meinem Gefhl zu folgen brauchte. Guten Morgen, Rupfer.
    Es war Rupfer, der mit einem Stiefel seines Herrn ber der linken Faust,
einer Brste in der rechten und einer angenehmen leichten Zigarre aus dem Vorrat
seines Hofrats dort der Unterhaltung bei seiner Mhsal wegen lehnte und den
Haufen alten Eisens inmitten des Hofes wachsen und abnehmen sah.
    Ah, so nett! rief Rotkppchen. Sie suche ich grade. Ihretwegen komme ich,
Rupferchen.
    Meinetwegen? Nanu?
    Oder des Herrn Hofrats Brokenkorb wegen - natrlich. Ist er schon auf?
    Nanu? fragte Rupfer mit einem Gesicht, als ob er wegen der Bodenlosigkeit
der Anfrage sofort zu Stein werden msse. Der schon uf? Und nach solchem
Nachhausekommen und dem, was man ihn wahrscheinlich seit gestern hat durchmachen
lassen? Frulein, wenn Sie dabeigewesen sind, dann will ich Sie gleichfalls seit
gestern abend gesucht haben, um das Genauere von Ihnen endlich ber dieses
Jammerelend zu erfahren.
    Sicherlich war ich dabei. Vom Anfang bis zum Ende. Und erfahren sollen Sie
natrlich alles, Rupfer; aber nur jetzt nicht. Ich habe keinen Augenblick Zeit.
Ich war nmlich nicht allein dabei, sondern die vornehmsten Herrschaften, und
jetzt schickt mich der Herr Oberst zur Disposition Uhusen von wegen des Degens
des Herrn Leutnants Hegewisch. Gehen Sie hinauf, Rupfer, und sagen Sie dem Herrn
Hofrat: Ein schnes Kompliment von der gndigen Frau und dem jungen Herrn
Wolfram und Frulein Paula, und ich sei da und geschickt, um den Degen des Herrn
Leutnants abzuholen; die Herrschaften brauchten das alte Eisen notwendig auf dem
Kirchhofe am Sarge der Frau Erdwine.
    Zu Stein wurde Rupfer nicht, aber er klopfte sich mit dem Zeigefinger, seine
Glanzwichsbrste fester packend, dreimal bedeutend, stumm vor die Stirn.
    Das arme Mdchen, jetzt zwischen rger und Kummer, stampfte mit dem Fue auf
und rief: Oder noch besser, fragen Sie ihn, ob wir persnlich verabredetermaen
wirklich die Ehre haben werden von ihm. Ob er selber kommen und den Degen
mitbringen will.
    Nu gar noch dieses Blech! Ne, Frulein, alles andere Ihnen zuliebe, aber
diesen Unsinn bestelle ich meinem Herrn nicht. Sie haben ihm gestern abend nicht
aus den Kleidern geholfen, Sie haben ihn heute nacht nicht wimmern hren, Sie
haben ihn diesen Morgen nicht auf seinem Kopfkissen sich betrachtet. Wissen Sie
was, machen Sie sich das letztere Vergngen. Kommen Sie mit rauf und besehen Sie
sich das Unglck; und denn - wenn es eben nicht anders geht, rapportieren Sie
selbst zu Hause, oder von wo sonst Sie mir eben nach Mglichkeit vorflunkern.
Htte das mit der Plempe und dem Kerl mit dem Knppel als Visitenkarte nicht
seine Richtigkeit, so nhme ich Gift drauf, da das nur wieder einer von Ihren
dummsten Narrenstreichen ist, Frulein. Wollen Sie mitkommen?
    Natrlich wollte Frulein mitkommen. Wir wissen nun schon, da ihr Leben sie
schon fter mit dem Hofrat Dr. Brokenkorb in Verbindung gebracht hatte: die
geschmackvollen, behaglichen Wohnungsrume ihres gefeierten guten Bekannten
imponierten ihr gar nicht. Sie lagen ebenso wie gestern bei niedergelassenen
Vorhngen im traulichen Dmmer, diese Rume; aber Rotkppchen warf kaum einen
Blick auf ihre Herrlichkeiten, Merkwrdigkeiten, Behaglichkeiten.
Sonderbarerweise jedoch fing sie, die vorhin so frisch und warm von dem
Strohsack der Witwe Wermuth aufgesprungen war, jetzt in diesen durch die
allerneuste und sinnreichste Luftheizung erwrmten Zimmern an zu frsteln, und
sie zog ihr dnnes Tuch fester um die Schultern.
    Doch da war das Arbeitszimmer des bekannten und beliebten Gelehrten und
Kunstverstndigen, und -
    Ah! rief das Mdchen, in den Sessel vor dem Schreibtisch sinkend. Sie
griff nach dem Degen des Leutnants Hegewisch, der immer noch ber den
wohlgeordneten Papieren, den Kunsthandbchern und zwischen den Nippsachen lag,
der noch nicht durch Rupfers Hand zu dem Haufen alten Eisens drunten im Hofe
gewandert war. Und sie seufzte: So!
    Rupfer warf ber die Schulter dem Griff einen verstndnisvollen Blick zu,
lchelte vergngt in der Gewiheit, seinem Herrn in Treuen die wohltuendste,
angenehmste Mitteilung zu machen, und flsterte in das Nebengemach hinein: Herr
Hofrat, der Sbel des Herrn Leutnants soll wieder abgeholt werden.
    Rotkppchen lehnte sich ber den Arm ihres Sessels dem Trvorhang zu,
vernahm aber nichts als einen unbestimmten Laut aus dem Nebenzimmer.
    Oder ob Sie vielleicht selber zu dem Begrbnis kommen und den Degen des
Herrn Leutnants mitbringen wrden?
    Es lie sich derselbe Laut, nur etwas deutlicher, vernehmen; Rotkppchen
zuckte die Achseln auf eine Weise, die mehr sagte, als Hofrat Dr. Albin
Brokenkorb je in einem seiner berhmten und beliebten Vortrge mndlich oder
durch den Druck verffentlicht hatte.
    Gehen Sie doch nher heran und schtteln Sie ihn, Rupfer, riet sie, und
der gute Diener folgte gern und grinsend dem Rat, indem er spahaft seiner und
seines Herrn guten Bekannten mit der Faust drohte.
    Rotkppchen stand jetzt gesttzt auf den Degen des Leutnants Hegewisch und
horchte an der Tr. Es wurde drinnen hin und her geredet, klagend und
bedientenhaft. Dann steckte Rupfer den Kopf wieder hinter dem Vorhang vor und
greinte leise: Frulein, wie ich es mir gedacht habe. Er spricht aus
Schkspieren und lateinisch und griechisch. Das einzige, was ich verstanden
habe, ist, da er an - Ihre - Ihre Herrschaften schreiben will, sobald er wieder
bei Krften ist.
    Na, gren Sie ihn, Rupfer! rief die Kleine, und den Degen des Leutnants
Hegewisch und seines Enkels unter ihr Tuch wickelnd und an die Brust drckend,
schritt sie ruhig durch die Gemcher des guten Bekannten, fest und sicher die
teppichbelegte Treppe in dem Haupthause von Runne &amp; Plate hinunter und
setzte sich erst unten in der Gasse wieder in einen Trab, den sie erst ziemlich
weit drauen in den Vorstdten migte und nur einmal noch ganz unterbrach.
    Nmlich sie hatte noch in einen Keller zu gucken, in welchem es um sehr viel
besser roch als in dem der Frau Wendeline Cruse.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Es war freilich mehr ein ganz gewhnlicher Gemse als vornehmer Blumenkeller;
aber wohlfeile Geburtstagsstrue und Totenkrnze von natrlichem Grn und
knstlichen Papierblumen waren auch in demselben fr Geld zu haben.
    Geld hatte Rotkppchen nicht, aber ihre guten Bekanntschaften berall.
    Mdchen, aus alter Freundschaft! Und ich zahle bei der nchsten
Gelegenheit, rief sie, hastig ihre Wahl treffend, der jungen Inhaberin des
Ladens zu; und aus alter Freundschaft und frherer ganz genauer Kameradschaft
gab die Gemse- und Blumenhndlerin den Kranz her, und das Rotkppchen ist
wirklich und wahrhaftig noch zur rechten Zeit mit Degen und Kranz an Ort und
Stelle gewesen. Sie hat sogar auf die andern zu warten gehabt.
    Da lag das schwarze Gittertor jetzt im grauen, dichten Morgennebel und
gegenber am Wege die Schenke, in welcher der Hofrat Brokenkorb gestern abend
sich so wenig an Ort und Stelle fhlte.
    Mutter Flebbe, aus alter Freundschaft und guter Bekanntschaft eine Tasse
Kaffee; ich zahle bei der nchsten Gelegenheit, sagte Rotkppchen in der
Kneipe, nachdem sie vergeblich an dem Schlo der Kirchhofstr gerttelt hatte.
Und die Mutter Flebbe, schon in Anbetracht des kuriosen gestrigen Abends und in
hoher Spannung, was nun wohl der Tag Neues zu dieser Geschichte bringen werde,
spendierte das Getrnk auf den schlechtesten Kredit in ihrer ganzen Kundschaft
hin.
    Landleute, Grtner, Vagabunden, Viehtreiber zogen vorbei auf der Landstrae
und sprachen vor in der Wegewirtschaft. Auch Stammgste sind schon vorhanden und
tauschen ihre Bemerkungen aus und wnschen noch Genaueres zu wissen ber den
Degen des Leutnants Hegewisch und den Kranz fr die Witwe Wermuth.
    Frulein ist allen gewachsen, und die Wirtin der Schenke tritt in Anbetracht
der feinen Gesellschaft, in welcher sie gestern abend sich hier fand, auch fr
sie ein und schlgt ntigenfalls mit der Faust auf den Tisch: Jetzt bitt ich's
mir aus, da ihr mich das Kind in Ruhe lat. Jeder hat seine Schmerzen und tut
sich in ihnen seine Ehre an! Weshalb soll sie's nicht?
    Na, da ist auch Lochner, der Kirchhofswchter, nimmt seinen Morgenschnaps
und brummt: I, Fruleinchen! Sie zuerst auf den Beinen? Wann drfen wir denn
auf die andern verehrten Herrschaften rechnen?
    Er traut nmlich vorzglich dem Herrn in dem schnen Pelz vom gestrigen
Abend allerlei Gutes zu, selbstverstndlich in Beziehung auf ihn - Lochner.
    Das Rotkppchen wei nichts von dem Herrn mit dem Pelz und tritt nur von
Zeit zu Zeit in die Tr, die Landstrae nach der Stadt zu hinunterblickend. Die
stdtischen Beamten auf diesem Felde, die Totengrber, finden sich nunmehr auch
allgemach ein; die Uhr in der Gaststube schlgt acht, und Lochner meint: Nun,
Frulein, wie ist dies denn aber? Ihre Herrschaften mten sich jetzt doch wohl
ein bichen beeilen, sonst mssen wir wirklich ohne sie ans Tagewerk. Wenn ich
auch gern jede mgliche Rcksicht auf die Gefhle von jedermann nehme, so
leidet's doch jetzt wahrlich die Jahreszeit nicht. Das ist keine
Saueregurkenzeit fr uns - nehmen Sie nur blo die Kinder, wie uns das jetzt
ber den Hals kommt, vom Morgen bis zum Abend. Jetzt knnten wir's mit der armen
Madam da drauen noch in aller Ruhe ganz respektabel geben; aber wenn erst der
Schwarm zudrngt, dann stehe ich, so leid es mir tut, fr nichts, was die
intimen Gefhle der alten lieben Dame und der Herren von gestern anbetrifft. Sie
verstehen mich. Ihnen, Frulein, brauche ich ja wohl nichts weiter zu sagen. Sie
werden ganz gewi sich alles Weitere selber zusammenaddieren.
    Natrlich, sagte Rotkppchen. Wenn es nicht anders ist, fangen Sie ruhig
an, Herr Inspektor. Wer kann es immer im voraus wissen, was dem Menschen bei
seinem allerschnsten, festesten Vornehmen in den Weg kommen kann? Verschlafen
haben die die Zeit nicht! Daraufhin lasse ich mich von Ihnen gleich mit
unterscharren, Sie alter, trbseliger Versenkungsmechanikus. Wenn Sie brigens
einmal ein ander Engagement brauchen sollten, bitte, so lassen Sie es mich
wissen; ich habe meine Verbindungen bei mehreren Bhnen. Jetzt aber - seien Sie
artig und anstndig, und denken Sie sich, da es mir heute bitterer Ernst und
ausnahmsweise recht bel zumute ist.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Verschlafen hatten die die Zeit nicht. Sie kamen nur einfach, ohne ihr
Verschulden, um ein paar Minuten zu spt - der Schmied von Jterbog nmlich und
der Enkel des Leutnants Hegewisch. Die Mutter Cruse hatte berhaupt nicht
gekonnt, denn die kleine Paula fieberte nun doch ein wenig, und Frau Wendeline
hatte ja auch, irgendein Hindernis vorausahnend, gestern abend bereits ihre
Handvoll Erde auf den Leib Erdwinens gedeckt.
    Es war der Droschkenkutscher vom vergangenen Tage, der die
Hauptleidtragenden von der Stadt herfhrte. Uhusen hatte ihn sich, ehe er ihm
Brokenkorb zur Heimfahrt berlieferte oder berlie, nach seinem Wirtshaus
bestellt, und der Mann, der seinen Fahrgast schon ganz richtig nach seinem
nobeln Gemte taxierte, war auch pnktlich gewesen. Pnktlich wie der Tod,
also viel pnktlicher als Armendoktor. Armenvorsteher, Armentischler und
Armenleichenfuhrmann und so weiter in den letztvergangenen Tagen. Aber ndern
konnte er an dem Dinge nichts; - zu spt kam der gute Peter noch einmal in
Erdwines irdischen Angelegenheiten.
    Sie, das heit Wolf Wermuth und er, der Peter aus der Fremde, fanden, wie
Lochner sich ausdrckte, das Gedrnge schon in seiner Blte.
    Eine halbe Stunde macht da einen Unterschied, mein lieber Herr, sagte
Lochner; aber zu Ihrer Beruhigung kann ich Ihnen sagen, da Frulein alles
recht dezent besorgt hat und da wir unserseits Buch unser mglichstes getan
haben, der traurigen Angelegenheit einen beruhigungsvollen Beschlu zu
verleihen. Die Frau ist im Frieden, und das Frulein hat seinen Kranz mit
Rhrung niedergelegt. Mit dem Sbel wute sie freilich nicht so recht wohin.
    Peter hielt den Knaben am Handgelenk, whrend er
rgerlich-zornig-niedergeschlagen ob seiner Versumnis dem Kirchhofswrter durch
die engen Gnge zwischen den Grbern folgte. Nun blieb er stehen und fragte,
grimmiger aufsehend: Mit welchem Sbel?
    Doch der Junge rief: Mit meinem! Mit meines Gropapas Degen! Sie hat es mir
versprochen, da sie ihn mir wiederschaffen wrde, und sie ist mit ihm
hiergewesen und hat Wort gehalten!
    Und dem Albin mu sie vor Tagesanbruch auf die Bude gerckt sein! rief der
Schmied von Jterbog. Das Mdchen ist toll oder klger als wir alle; oder - sie
ist beides zu gleicher Zeit, was das wahrscheinlichste ist. O Hofrat, Hofrat -
Doktor, Doktor Brokenkorb, geh um Menschengefhle und Menschenkenntnis bei dem
Kinde in die Schule. Geh du auch bei ihr in die Schule, Peter Uhusen!
    Sie standen nunmehr wieder auf dem Flecke der Armen und fanden von Frau
Erdwine Wermuths Erdenleben kein ander Zeichen mehr als den Kranz mit den weien
Papierblumen auf der frisch aufgeschtteten Erde. Lochners Kollegen waren
dicht dabei schon mit ihrem Nachbar im Frieden des Herrn beschftigt, und
ziemlich laut dabei. Der Schmied von Jterbog konnte nur grimmig-klglich dem
betubten Knaben ber Stirn und Haar streichen und murmeln: Da steht man nun
mit seinen eigenen saubern Gefhlen eines durchgefallenen Komdianten.
    Wolf weinte, und der Weise, der Soldat, der Weltmann und der Weltwanderer
hob ihn auf den Arm und seufzte: Du armer, kleiner, wirklicher Held, wie bald
wird auch fr dich die Gewiheit gekommen sein, da du nichts als eine Rolle
abspielst!
    Lochner wute nicht anzugeben, wohin die junge Person sich mit dem Degen des
Leutnants Hegewisch gewendet habe.
    Sie wird sich aber schon wieder einfinden, meinte er. Die verliert sich
so leicht nicht. Ich habe hier mein Geschft gehabt und konnte natrlich nicht
auf sie allein achten. Und sie hatte Furcht vor der Polizei und meinte, die
Sonne kme ihr ein bichen zu sehr durch die Wolken; vielleicht gbe es gar noch
einen ganz klaren Tag, und dies sei ihr ausnahmsweise ein bichen ungemtlich.
Dem jungen Herrn hier, wenn ich nicht irre, lt sie aber bestellen, er solle
sich nicht mehr zu arg grmen um seine Mama, sie habe es gut jetzt, was ja auch
richtig ist. Und was das alte Eisen anbetrfe, so sei das in guten Hnden. Nach
der Stadt zurck ist sie nicht. Ihre Papiere scheint sie nicht so recht in
Ordnung zu haben.
    Daraufhin bekam der Mann sein Trinkgeld, und Peter Uhusen und Wolfram
Wermuth lieen ihn bei seinem Amt in seinem wunderlichen Reich der Freiheit,
Gleichheit und Brderlichkeit und wendeten sich ihresteils nach der Stadt
zurck, der Schmied von Jterbog mit seinen Papieren ausnahmsweise in Ordnung,
der Erbe des Leutnants Hegewisch ohne alle Papiere. Wir aber wir werfen einen
zweifelnden Blick ber unsere Papiere und seufzen sorgenvoll.
    Dem Pindar und den brigen alten Griechen lt sich ja wohl beikommen, wenn
man sie mit Ausdauer Tag und Nacht durchblttert; aber - aber was hat es uns
hier geholfen, durch Tage und Nchte den knstlerischen Geheimnissen
nachgeschlichen zu sein, uns ihnen nachgeschleppt zu haben?
    Von Tage zu Nacht und von Nacht zu Tage wurden die Wendungen in dem groen
Buche unbegreiflicher. Je mehr Siegel aufsprangen, desto fragmentarischer wurde
das Ganze; und wir - wir haben durch all unser Studium dem ungeheuern Gedicht
nicht den harmonischen Abschlu abgewonnen. Mit dem jngstgeborenen Kind stimmen
wir nur in den furchtbaren Angstruf der Menschheit nach derartiger sthetischer
Befriedigung ein. Was unsere Papiere anbetrifft, so haben wir ja Gott sei Dank
nur
    1. den Kindern der armen Erdwine zu einem behaglichen Unterkommen und einer
anstndigen Erziehung zu verhelfen;
    2. die Lage der Frau Wendeline Cruse zu verbessern;
    3. Rotkppchen einfach zu bessern;
    4. den Hofrat Brokenkorb mit einer der Tchter des Kommerzienrats im
Stockwerk unter ihm zu verheiraten und -
    5. den braven Peter Uhusen, genannt der schwarze Peter, alias der Peter aus
der Fremde, alias Herr Schmied aus Jterbog, ein heiteres, gemtliches
Schluwort sprechen zu lassen.
    Nicht wahr? -
    Es ist acht Tage nach den vier Tagen, in welchen die stille Hauptperson
dieser Geschichte ber der Erde stand und alles ruhig ber sich und ihre
Kinder ergehen lie. Letzteres ein Zeichen, da sie selber persnlich vollkommen
in Sicherheit war, whrend um sie her so viele und mancherlei schauerliche und
schne Bewegung war. Nun sind wir wieder in dem Geschftslokal von Frau
Wendeline Cruse und finden unsere vornehme groe Dame allein zu Hause; denn
Peter Uhusen war mit den Kindern in der Affenkomdie, was in Anbetracht der
Umstnde hie und da vielleicht recht unpassend erscheinen kann, worin jedoch die
Mutter Cruse nicht das mindeste Unschickliche fand.
    Ja, gehen Sie nur mit den Wrmern, Uhusen, hatte sie gesagt. In ihrer
Mutter Namen, soviel als mglich hinein mit ihnen in das Licht, die Sonne, das
Lachen! Was knnen wir ihrer Mutter Besseres zuliebe tun, als die Kleinen so
rasch als mglich und so oft als mglich wieder zum Lachen zu bringen?
    Es war gegen acht Uhr abends und die Witterung drauen nicht besser als ihr
Ruf um diese Jahreszeit. Aber in dem Lumpen-, Knochen- und Alten-Eisen-Keller
war es ganz auergewhnlich gemtlich.
    Es war Ordnung darin geschaffen und durch Ordnung Raum gewonnen worden. Ein
Tisch mit einem Teppich hatte sich angefunden, eine gute Lampe erhellte das
Gewlbe, und der Lehnstuhl der Frau Wendeline war aus dem Kmmerchen an den
warmen Ofen im Vorderraum gerckt worden. Es roch sogar nach Klnischem Wasser
in dem Keller. Die gndige Frau hatte den Boden damit besprengt, und im grauen
brgerlichen Matronenkleide sa sie mit ihrem Strickzeug im Scho in ihrem
Sessel und rieb, statt zu stricken, von Zeit zu Zeit die liebe kluge Stirn mit
der Nadel.
    Mit der Handarbeit hatte es selten bei ihr viel gebracht, aber an diesem
Abend brachte es trotz des besten Vornehmens gar nichts! Mutter Cruse hatte in
ihrer Einsamkeit viel zu groe Gesellschaft bei sich, sie hatte viel zuviel
zurck und vorwrts zu denken, um bei der Sache, nmlich dem Strumpf, bleiben zu
knnen.
    Wie sie sich fr ihr Teil mit der Vergangenheit abgefunden hatte, haben wir
erfahren. Das Beste daraus hatte sie in Sicherheit, und das weniger Angenehme
verstand sie in den Winkel zu schieben und fest zuzudecken, im Notfall auch mit
Lumpen, Knochen und altem Eisen.
    Aber die Zukunft?
    Ei, wer hatte sich je sowenig Sorgen um die gemacht wie die Mutter Cruse. Da
hatte doch das wundervolle Licht in ihr zu jeder Zeit genug Helle vor ihre Fe
geworfen, da sie ihren Weg von frhester Kindheit bis in das Greisenalter fand,
ohne sich vor dem dummen Spuk im Dunkeln wie andere zu frchten.
    Und hatte sie nicht recht gehabt in ihrer gottgegebenen Tapferkeit und
Unbefangenheit, Schlauheit und Weisheit? War es nicht wieder glorreich, wie auch
diesmal die Komdie zu einem befriedigenden Abschlu kam? Erfinden konnte das
kein Poet, kein Dramenschreiber; aber erleben konnte man es, wenn man wie
Wendeline Cruse hier nur ruhig und gelassen jeden Tag nahm, wie er sich an den
vorhergegangenen anschlo.
    Sollten die Augen der alten Dame nicht seltsam leuchten, wenn sie in diesem
Dmmerstndchen der Mitspielenden der letzten Tage gedachte? An alle zusammen,
wie sie diese gttliche Komdie als Ganzes zur Darstellung brachten - an jeden
einzelnen, wie er sich zu seiner Rolle schickte?
    Der Schmied von Jterbog! Wie konnte man, wenn man Wendeline Cruse hie und
einst seine Direktorin gewesen war, an diesen Menschen denken, ohne zu weinen
und zu lachen, und zwar das erstere noch frhlicher als das andere? Tausend
tolle und wilde Erinnerungen von beiden geographischen Hlften der Erdkugel
steckten hier doch die Koboldkpfe aus der Vergangenheit und verlangten
grinsend, mit in die Zukunft hinbergenommen zu werden. Dieser Bursche! Wie aus
der Versenkung herauf! Und dabei sollte man Strmpfe stricken? Diesen Strumpf
aus rosa Wolle, diesen Kinderstrumpf?
    Jawohl, jawohl! Zehntausendmal jawohl!
    Die Frstin von Messina mochte die Mutter Cruse mit einem Loch in der Ferse
am eigenen Strumpf gespielt haben, ohne daran zu denken; aber das nrrische,
liebe Geschpfchen, dem sie die letzten Nchte durch einen warmen Platz in ihrem
Bett eingerumt hatte, konnte man nicht mit einem Loch im Hacken durch die Welt
laufen lassen. Nein, lieber noch barfu!
    Die Nadeln klirrten jetzt heftig, wie die Frau Direktorin der Kinder
gedachte, die ihr so unvermutet aus den Soffitten am Faden in ihren Keller
hinuntergelassen worden waren. Mit den urgromtterlichsten Ahnfraugefhlen sa
und sah und - strickte die Greisin, die ins alte Eisen herabgesunkene
Komdienmutter, in eine ganz und gar von Sonnenschein erfllte Welt hinein und
schttelte nur von Zeit zu Zeit den Kopf und murmelte: Armer Schmetterling!
Arme Erdwine!
    Aber welche ahnungs- und erinnerungsvollste Gromama kann immer stricken? Es
standen noch andere Leute aus dem Zugstck der letzten Tage - nicht etwa auf
einem andern Blatt, sondern auf demselben Zettel. Der Hofrat Dr. Brokenkorb und
das arme Rotkppchen zum Beispiel.
    Mit dem Gedenken an den einen lie die Frau Wendeline ihre Arbeit wieder im
Schoe ruhen und sprach nach einer Weile mit dem gediegensten Nachdruck: Dieser
Esel, dieser - Uhusen!
    Mit dem Gedenken an die andere stand sie auf aus ihrem Sessel, schritt
dreimal durch das Gewlbe, setzte sich wieder, warf Strumpf, Nadeln und
rosarotes Wollknuel auf den Tisch.
    Das Mdchen, das Mdchen! Habe ich diese ganzen Tage und Nchte durch an
etwas anderes denken knnen als an dies verrckte Mdchen?
    Dem war wohl nicht ganz so. Die Mutter Cruse hatte sich whrend der letzten
Tage und Nchte nicht blo mit dem Rotkppchen beschftigt; aber berechtigt
waren der Ausruf und die Frage doch. Es war viel Kopfzerbrechens ob des
Verschwindens und wegen des Verbleibens der jungen Dame in dem Keller der Mutter
Cruse zwischen den Lumpen, Knochen, Glasscherben und beim alten Eisen gewesen.
Nur der kleine Wolf hatte ruhig gesagt: Sie hat nie gleich Zeit zu allem; und
was sie versprochen hat, das hlt sie. Stehlen tut sie nicht; sie hat nur nicht
gleich kommen knnen. Sie hat Mama oft unser Mittagsbrot versprochen und ist
erst am Abend oder am andern Tage damit gekommen. -
    Das gute Mdchen! seufzte die Mutter Cruse, auf das dumpfe Getn und
Getse der Stadt, das von der Gasse herab in ihre Tiefe drang, unwillkrlich
hinhorchend, als erwarte sie eine Antwort auf ihren Seufzer von dorther: ein
helles, tolles, leichtsinniges Lachen oder ein verhaltenes Weinen oder einen
kreischenden Schrei um Hlfe.
    Von dergleichen lie sich nun nichts vernehmen; aber die Kellertr wurde in
diesem Augenblicke geffnet, und jemand zgerte einen Moment in der offenen Tr
und lie einen so heftigen Zugwind ein, da die Lampe der Frau Wendeline
flackerte und beinahe ausgeblasen worden wre. Dann glitt es leichtfig,
unhrbar, zierlichst die Treppe herunter, und wieder fiel der Lichtschein der
wieder beruhigten Flamme auf einen kleinen Stiefel und einen weien Strumpf. Mit
einem Sprung stand nun der abendliche Gast vor dem Lehnstuhl der alten Dame,
sank mit einem Knickse wie bei einer Vorstellung bei Hofe zurck, schttelte aus
den Locken und der mit weiem Pelzwerk besetzten Theaterkapuze ein Gesprh von
Regentropfen umher und rief mit frischer, zaghaft-vergnglicher Stimme: Gndige
Frau - oh, Mutter Cruse! Guten Abend denn endlich, Madamchen!
    Na freilich - endlich! Wenn du's wirklich bist! rief die gndige Frau, von
neuem Strumpf, Stricknadeln und Wollgarn vom Scho streifend und in ihrer ganzen
Hhe sich aus ihrem Sessel erhebend.
    Nur auf einen Augenblick -
    Wo hast du gesteckt? Weshalb hast du uns so auf dich warten lassen? Rede
mir nicht blo von einem Augenblick! Hast du etwa zu viele Leute in der Welt,
die so nach dir suchen, wie ich und der lange Peter und der kleine Wolf die
letzte Woche nach dir ausgesehen haben?
    O groer Gott, nein, nein! Aber wo soll ich die Zeit denn fr alle zu
gleicher Zeit hernehmen, liebste gndige Frau. Ich hab mir selber doch erst
wieder heraus- und aufhelfen mssen, ehe ich das Liebste und Allernotwendigste
besorgen konnte. Sie waren mir ja grade diesmal zu scharf auf den Hacken.
Pudelna bin ich mit dem Strick um den Hals wieder ans Land und zu Gnaden
gekommen; aber einerlei - davon mte ich viel mehr reden, als die ganze
Geschichte wert ist. Also vor allen Dingen das Wichtigste - da!
    Sie stand nun im vollen Lichtschein, durchaus nicht abgejagt, zerzaust,
verhungert, fieberfrstelnd, wie sie vor acht Tagen auf den Ruf Rotkppchen!
Rotkppchen! in der Schulzenstrae erschienen war. Unter ihrem Mantel hervor
reichte sie der Frau Wendeline den Degen des Leutnants Hegewisch hin und
schluchzte: Nur ein bichen verrostet; Wolf braucht ihn aber nur ein bichen zu
putzen, und er ist so blank wie vorher. Ich konnte doch die dumme Mordwaffe
nicht in alle Ewigkeit mit mir herumschleppen, und so hat sie ein paar Tage
drauen in der Heide in 'nem Busch gesteckt. Mir war zu schlimm zumute allein am
Sarge der Frau Wermuth, als da ich gleich wieder unter die Leute gehen konnte.
Die blaue Schleife hier am Griff soll ein Andenken an mich sein; aber sie ist
natrlich leicht abzuknpfen, wenn Sie es fr besser und schicklicher halten
sollten, Mutter Cruse.
    Jetzt nimm vor allen Dingen erst deinen Mantel ab und setze dich, trichte
Kreatur, da man ein vernnftiges Wort mit dir reden kann! rief die Frau
Wendeline.
    Rein unmglich, gndige Frau. Meine Droschke hlt drauen an der nchsten
Ecke, und - ich habe - versprochen, um neun Uhr - zu Hause zu sein.
    Zu Hause! murmelte die Mutter Cruse. Sie schritt wie ratlos,
kopfschttelnd in ihrem aufgeputzten Geschftslokal hin und her, von Zeit zu
Zeit einen der Scke voll Erdenkehricht mit der Hand berhrend oder mit dem Fue
ein Stck alten Eisens mehr aus dem Wege schiebend. Pltzlich blieb sie vor
ihrem Gast stehen, zog ihm den Mantel von den Schultern, setzte sich wieder, zog
wahrhaftig wie eine Mutter, eine Mutter in Schmerz und Angst, das arme Mdchen
auf den Scho und hielt es, wie man einen gefangenen, scheuen Vogel hlt, und
rief:
    Kind, la uns verstndig zusammen reden! La dir wenigstens erzhlen, was
wir in den letzten Tagen ber unsere nchste Zukunft vorlufig beredet haben.
Weshalb bist du nicht frher gekommen, um dein Wort dazu zu geben? Du hattest
wohl das Recht dazu dir erworben. - Nun haben wir uns notdrftig in die
Verantwortlichkeit, die uns das Schicksal auf den Hals geladen hat, gefunden.
Die Mutter Cruse schliet einmal wieder ihr Geschft, zieht ihr Schild ein und
begleitet den Schmied von Jterbog und die Kinder der Witwe Wermuth nach
Untermeidling bei Wien. Kind, Kind, man braucht nie die Rolle, die man eben
spielt, fr die allerletzte zu halten. Wie htte ich vor acht Tagen noch mir
einbilden knnen, da ich heute schon die Gromama mit allen Rechten und
Pflichten zu agieren haben wrde? Was sein wrde, wenn des langen Peters liebes
armes Donauweiblein nicht unter dem grnen Rasen lge, kann ich nicht sagen. Das
gbe der Geschichte wieder eine andere Nase. Der Mensch hlt sich in seiner
Lebensnot doch immer an das Nchste. Nun haben die Kinder der armen Erdwine nach
meines Peter Uhusens Rockschen gegriffen; und dem Schmied aus Jterbog, der
sich in seinem Leben nicht vor Tod und Teufel gefrchtet hat, bleibt nichts
brig bei seinem weichen Gemt, als sich an meinen Rock festzuklammern. Eine
sonderliche Wirtschaft wird das werden aber - eine feine, saubere soll es werden
- bei den unsterblichen Gttern und dem alten Eisen in der Welt! - Und weit du,
Mdchen, da der verrckte Gesell, dieser Uhusen und Schmied aus Jterbog, einen
Augenblick der Meinung war, dich mit in das neue Leben zu nehmen?
    Das haben Sie ihm doch wohl ausgeredet, gndige Frau? sagte Rotkppchen
leise und mit der Hand ber die Stirn und Augen fahrend. Ich bin schon in Wien
gewesen - was sollte ich da bei Ihnen und den Kindern und dem liebsten alten
Eisen, dem Herrn Schmied aus Jterbog, oder welchen Namen Sie ihm sonst
verleihen, zunutze sein? Oh, lassen Sie mich los, Mama Cruse lassen Sie mich
laufen - diese Kellerluft erstickt mich! Ich schwimme ja wieder oben, und dem
Herrn Hofrat Brokenkorb habe ich dermaen die Leviten gelesen, da er frs erste
bei allen seinen Bekanntschaften sich meiner annehmen wird. Oh, wir sind ja auf
einen recht guten Fu gekommen. Ich habe die Geschichte der letzten Tage noch
einmal ganz genau mit ihm durchgesprochen. Auf seine Trnen gebe ich sowenig wie
auf seine ffentlichen Reden; aber seine Bekanntschaft hat mir wieder an die
Oberflche geholfen. Lassen Sie mich los! Was soll ich unter euch groen Damen
und vornehmen Mnnern und lieben Kindern? Gren Sie die Kinder, aber nur von -
einer - unbekannten Freundin ihrer Mama! Gren Sie Herrn Schmied aus Jterbog
vom Rotkppchen, und - Sie - Sie - o Mutter, Mutter - liebe Mama, legen Sie bei
dem lieben Gott ein gut Wort fr mich ein, da er mich jung wegnimmt von seiner
Erde - ich passe, ich passe nicht in sein - altes Eisen!
    Sie hatte sich losgewunden, sie war entschlpft, und einige Augenblicke
spter hielt der Wagen, der Peter Uhusen mit den Kindern Erdwine Wermuths aus
der Affenkomdie zurckfhrte, vor der Tr.
    Der Degen des Leutnants Hegewisch ist eben zurckgebracht worden, Uhusen,
sagte Frau Wendeline Cruse, ihre Augen trocknend. Wir haben ber Knochen,
Lumpen und altes Eisen in der Welt noch manches zu reden, wenn die Kinder
schlafen werden.
