
                                Fontane, Theodor

                              Irrungen, Wirrungen

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                                Theodor Fontane

                              Irrungen, Wirrungen

                                     Roman

                                 Erstes Kapitel

An dem Schnittpunkte von Kurfrstendamm und Kurfrstenstrae, schrg gegenber
dem Zoologischen, befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine
groe, feldeinwrts sich erstreckende Grtnerei, deren kleines, dreifenstriges,
in einem Vorgrtchen um etwa hundert Schritte zurck gelegenes Wohnhaus, trotz
aller Kleinheit und Zurckgezogenheit, von der vorbergehenden Strae her sehr
wohl erkannt werden konnte. Was aber sonst noch zu dem Gesamtgewese der
Grtnerei gehrte, ja die recht eigentliche Hauptsache derselben ausmachte, war
durch eben dies kleine Wohnhaus wie durch eine Kulisse versteckt, und nur ein
rot und grn gestrichenes Holztrmchen mit einem halb weggebrochenen Zifferblatt
unter der Turmspitze (von Uhr selbst keine Rede) lie vermuten, da hinter
dieser Kulisse noch etwas anderes verborgen sein msse, welche Vermutung denn
auch in einer von Zeit zu Zeit aufsteigenden, das Trmchen umschwrmenden
Taubenschar und mehr noch in einem gelegentlichen Hundegeblaff ihre Besttigung
fand. Wo dieser Hund eigentlich steckte, das entzog sich freilich der
Wahrnehmung, trotzdem die hart an der linken Ecke gelegene, von frh bis spt
aufstehende Haustr einen Blick auf ein Stckchen Hofraum gestattete. berhaupt
schien sich nichts mit Absicht verbergen zu wollen, und doch mute jeder, der zu
Beginn unserer Erzhlung des Weges kam, sich an dem Anblick des dreifenstrigen
Huschens und einiger im Vorgarten stehenden Obstbume gengen lassen.

Es war die Woche nach Pfingsten, die Zeit der langen Tage, deren blendendes
Licht mitunter kein Ende nehmen wollte.
    Heut aber stand die Sonne schon hinter dem Wilmersdorfer Kirchturm, und
statt der Strahlen, die sie den ganzen Tag ber herabgeschickt hatte, lagen
bereits abendliche Schatten in dem Vorgarten, dessen halb mrchenhafte Stille
nur noch von der Stille des von der alten Frau Nimptsch und ihrer Pflegetochter
Lene mietweise bewohnten Huschens bertroffen wurde. Frau Nimptsch selbst aber
sa wie gewhnlich an dem groen, kaum fuhohen Herd ihres die ganze Hausfront
einnehmenden Vorderzimmers und sah, hockend und vorgebeugt, auf einen ruigen
alten Teekessel, dessen Deckel, trotzdem der Wrasen auch vorn aus der Tlle
quoll, bestndig hin und her klapperte. Dabei hielt die Alte beide Hnde gegen
die Glut und war so versunken in ihre Betrachtungen und Trumereien, da sie
nicht hrte, wie die nach dem Flur hinausfhrende Tr aufging und eine robuste
Frauensperson ziemlich geruschvoll eintrat. Erst als diese letztre sich
geruspert und ihre Freundin und Nachbarin, eben unsre Frau Nimptsch, mit einer
gewissen Herzlichkeit bei Namen genannt hatte, wandte sich diese nach rckwrts
und sagte nun auch ihrerseits freundlich und mit einem Anfluge von Schelmerei:
Na, das is recht, liebe Frau Drr, da Sie mal wieder rberkommen. Und noch
dazu von 's Schlo. Denn ein Schlo is es und bleibt es. Hat ja 'nen Turm. Un nu
setzen Sie sich... Ihren lieben Mann hab ich eben weggehen sehen. Und mu auch.
Is ja heute sein Kegelabend.
    Die so freundlich als Frau Drr Begrte war nicht blo eine robuste,
sondern vor allem auch eine sehr stattlich aussehende Frau, die, neben dem
Eindruck des Gtigen und Zuverlssigen, zugleich den einer besonderen
Beschrnktheit machte. Die Nimptsch indessen nahm sichtlich keinen Ansto daran
und wiederholte nur: Ja, sein Kegelabend. Aber, was ich sagen wollte, liebe
Frau Drr, mit Drren seinen Hut, das geht nicht mehr. Der is ja schon
fuchsblank und eigentlich schimpfierlich. Sie mssen ihn ihm wegnehmen und einen
andern hinstellen. Vielleicht merkt er es nich... Und nu rcken Sie ran hier,
liebe Frau Drr, oder lieber da drben auf die Hutsche... Lene, na Sie wissen
ja, is ausgeflogen un hat mich mal wieder in Stich gelassen.
    Er war woll hier?
    Freilich war er. Und beide sind nu ein bichen auf Wilmersdorf zu; den
Fuweg lang, da kommt keiner. Aber jeden Augenblick knnen sie wieder hier
sein.
    Na, da will ich doch lieber gehn.
    O nich doch, liebe Frau Drr. Er bleibt ja nich. Und wenn er auch bliebe,
Sie wissen ja, der is nicht so.
    Wei, wei. Und wie steht es denn?
    Ja, wie soll es stehn? Ich glaube, sie denkt so was, wenn sie's auch nich
wahrhaben will, und bildet sich was ein.
    O du meine Gte, sagte Frau Drr, whrend sie, statt der ihr angebotenen
Fubank, einen etwas hheren Schemel heranschob: O du meine Gte, denn is es
schlimm. Immer wenn das Einbilden anfngt, fngt auch das Schlimme an. Das is
wie Amen in der Kirche. Sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, mit mir war es ja
eigentlich ebenso, man blo nichts von Einbildung. Und blo darum war es auch
wieder ganz anders.
    Frau Nimptsch verstand augenscheinlich nicht recht, was die Drr meinte,
weshalb diese fortfuhr: Und weil ich mir nie was in 'n Kopp setzte, darum ging
es immer ganz glatt und gut und ich habe nu Drren. Na, viel is es nich, aber es
is doch was Anstndiges, und man kann sich berall sehen lassen. Und drum bin
ich auch in die Kirche mit ihm gefahren und nich blo Standesamt. Bei Standesamt
reden sie immer noch. Die Nimptsch nickte.
    Frau Drr aber wiederholte: Ja, in die Kirche, in die Matthikirche un bei
Bchseln. Aber was ich eigentlich sagen wollte, sehen Sie, liebe Frau Nimptsch,
ich war ja woll eigentlich grer und anziehlicher als die Lene, un wenn ich
auch nicht hbscher war (denn so was kann man nie recht wissen, un die
Geschmcker sind so verschieden), so war ich doch so mehr im Vollen, un das
mgen manche. Ja, soviel is richtig. Aber wenn ich auch sozusagen fester war un
mehr im Gewicht fiel un so was hatte, nu ja, ich hatte so was, so war ich doch
immer man ganz einfach un beinah simpel, un was nu er war, mein Graf, mit seine
fuffzig auf 'm Puckel, na, der war auch man ganz simpel und blo immer
kreuzfidel un unanstndig. Und da reichen ja keine hundert Mal, da ich ihm
gesagt habe: Ne, ne, Graf, das geht nicht, so was verbitt ich mir... Und immer
die Alten sind so. Und ich sage blo, liebe Frau Nimptsch, Sie knnen sich so
was gar nich denken. Grlich war es. Und wenn ich mir nu der Lene ihren Baron
ansehe, denn schmt es mir immer noch, wenn ich denke, wie meiner war. Und nu
gar erst die Lene selber. Jott, ein Engel is sie woll grade auch nich, aber
propper und fleiig un kann alles und is fr Ordnung un frs Reelle. Und sehen
Sie, liebe Frau Nimptsch, das is grade das Traurige. Was da so rumfliegt, heute
hier un morgen da, na, das kommt nicht um, das fllt wie die Katz immer wieder
auf die vier Beine, aber so'n gutes Kind, das alles ernsthaft nimmt und alles
aus Liebe tut, ja, das ist schlimm... Oder vielleicht is es auch nich so
schlimm; Sie haben sie ja blo angenommen un is nich Ihr eigen Fleisch und Blut,
un vielleicht is es eine Prinzessin oder so was.
    Frau Nimptsch schttelte bei dieser Vermutung den Kopf und schien antworten
zu wollen. Aber die Drr war schon aufgestanden und sagte, whrend sie den
Gartensteig hinuntersah: Gott, da kommen sie. Und blo in Zivil, un Rock un
Hose ganz egal. Aber man sieht es doch! Und nu sagt er ihr was ins Ohr, und sie
lacht so vor sich hin. Aber ganz rot is sie geworden... Und nu geht er. Und
nu... wahrhaftig, ich glaube, er dreht noch mal um. Nei, nei, er grt blo noch
mal, und sie wirft ihm Kufinger zu... Ja, das glaub ich; so was la ich mir
gefallen... Nei, so war meiner nich.
    Frau Drr sprach noch weiter, bis Lene kam und die beiden Frauen begrte.

                                Zweites Kapitel


Andern Vormittags schien die schon ziemlich hoch stehende Sonne auf den Hof der
Drrschen Grtnerei und beleuchtete hier eine Welt von Baulichkeiten, unter
denen auch das Schlo߫ war, von dem Frau Nimptsch am Abend vorher mit einem
Anfluge von Spott und Schelmerei gesprochen hatte. Ja, dies Schlo߫! In der
Dmmerung htt es bei seinen groen Umrissen wirklich fr etwas Derartiges
gelten knnen, heut aber, in unerbittlich heller Beleuchtung daliegend, sah man
nur zu deutlich, da der ganze, bis hoch hinauf mit gotischen Fenstern bemalte
Bau nichts als ein jmmerlicher Holzkasten war, in dessen beide Giebelwnde man
ein Stck Fachwerk mit Stroh- und Lehmfllung eingesetzt hatte, welchem
vergleichsweise soliden Einsatze zwei Giebelstuben entsprachen. Alles andere war
bloe Steindiele, von der aus ein Gewirr von Leitern zunchst auf einen Boden
und von diesem hher hinauf in das als Taubenhaus dienende Trmchen fhrte.
Frher, in vordrrscher Zeit, hatte der ganze riesige Holzkasten als bloe
Remise zur Aufbewahrung von Bohnenstangen und Giekannen, vielleicht auch als
Kartoffelkeller gedient, seit aber, vor soundso viel Jahren, die Grtnerei von
ihrem gegenwrtigen Besitzer gekauft worden war, war das eigentliche Wohnhaus an
Frau Nimptsch vermietet und der gotisch bemalte Kasten, unter Einfgung der
schon erwhnten zwei Giebelstuben, zum Aufenthalt fr den damals verwitweten
Drr hergerichtet worden, eine hchst primitive Herrichtung, an der seine bald
danach erfolgende Wiederverheiratung nichts gendert hatte. Sommers war diese
beinah fensterlose Remise mit ihren Steinfliesen und ihrer Khle kein bler
Aufenthalt, um die Winterzeit aber htte Drr und Frau, samt einem aus erster
Ehe stammenden zwanzigjhrigen, etwas geistesschwachen Sohn, einfach erfrieren
mssen, wenn nicht die beiden groen, an der andern Seite des Hofes gelegenen
Treibhuser gewesen wren. In diesen verbrachten alle drei Drrs die Zeit von
November bis Mrz ausschlielich, aber auch in der besseren und sogar in der
heien Jahreszeit spielte sich das Leben der Familie, wenn man nicht gerade vor
der Sonne Zuflucht suchte, zu groem Teile vor und in diesen Treibhusern ab,
weil hier alles am bequemsten lag: hier standen die Treppchen und Estraden, auf
denen die jeden Morgen aus den Treibhusern hervorgeholten Blumen ihre frische
Luft schpfen durften, hier war der Stall mit Kuh und Ziege, hier die Htte mit
dem Ziehhund, und von hier aus erstreckte sich auch das wohl fnfzig Schritte
lange Doppelmistbeet, mit einem schmalen Gange dazwischen, bis an den groen,
weiter zurck gelegenen Gemsegarten. In diesem sah es nicht sonderlich
ordentlich aus, einmal weil Drr keinen Sinn fr Ordnung, auerdem aber eine so
groe Hhnerpassion hatte, da er diesen seinen Lieblingen, ohne Rcksicht auf
den Schaden, den sie stifteten, berall umherzupicken gestattete. Gro freilich
war dieser Schaden nie, da seiner Grtnerei, die Spargelanlagen abgerechnet,
alles Feinere fehlte. Drr hielt das Gewhnlichste zugleich fr das
Vorteilhafteste, zog deshalb Majoran und andere Wurstkruter, besonders aber
Borr, hinsichtlich dessen er der Ansicht lebte, da der richtige Berliner
berhaupt nur drei Dinge brauche: eine Weie, einen Gilka und Borr. Bei
Borr, schlo er dann regelmig, ist noch keiner zu kurz gekommen. Er war
berhaupt ein Original, von ganz selbstndigen Anschauungen und einer
entschiedenen Gleichgiltigkeit gegen das, was ber ihn gesagt wurde. Dem
entsprach denn auch seine zweite Heirat, eine Neigungsheirat, bei der die
Vorstellung von einer besondren Schnheit seiner Frau mitgewirkt und ihr
frheres Verhltnis zu dem Grafen, statt ihr schdlich zu sein, gerad umgekehrt
den Ausschlag zum Guten hin gegeben und einfach den Vollbeweis ihrer
Unwiderstehlichkeit erbracht hatte. Wenn sich dabei mit gutem Grunde von
berschtzung sprechen lie, so doch freilich nicht von seiten Drrs in Person,
fr den die Natur, soweit uerlichkeiten in Betracht kamen, ganz ungewhnlich
wenig getan hatte. Mager, mittelgro und mit fnf grauen Haarstrhnen ber Kopf
und Stirn, wr er eine vollkommene Trivialerscheinung gewesen, wenn ihm nicht
eine zwischen Augenwinkel und linker Schlfe sitzende braune Pocke was Apartes
gegeben htte. Weshalb denn auch seine Frau nicht mit Unrecht und in der ihr
eigenen ungenierten Weise zu sagen pflegte: Schrumplig is er man, aber von
links her hat er so was Borsdorfriges.
    Damit war er gut getroffen und htte nach diesem Signalement berall erkannt
werden mssen, wenn er nicht tagaus, tagein eine mit einem groen Schirm
ausgestattete Leinwandmtze getragen htte, die, tief ins Gesicht gezogen,
sowohl das Alltgliche wie das Besondere seiner Physiognomie verbarg.
    Und so, die Mtze samt Schirm ins Gesicht gezogen, stand er auch heute
wieder, am Tage nach dem zwischen Frau Drr und Frau Nimptsch gefhrten
Zwiegesprche, vor einer an das vordere Treibhaus sich anlehnenden
Blumen-Estrade, verschiedene Goldlack- und Geraniumtpfe beiseite schiebend, die
morgen mit auf den Wochenmarkt sollten. Es waren smtlich solche, die nicht im
Topf gezogen, sondern nur eingesetzt waren, und mit einer besonderen Genugtuung
und Freude lie er sie vor sich aufmarschieren, schon im voraus ber die
Madams lachend, die morgen kommen, ihre herkmmlichen fnf Pfennig abhandeln
und schlielich doch die Betrogenen sein wrden. Es zhlte das zu seinen grten
Vergngungen und war eigentlich das Hauptgeistesleben, das er fhrte. Das
bichen Geschimpfe... Wenn ich's nur mal mit anhren knnte.
    So sprach er noch vor sich hin, als er, vom Garten her, das Gebell eines
kleinen Kters und dazwischen das verzweifelte Krhen eines Hahns hrte, ja,
wenn nicht alles tuschte, seines Hahns, seines Lieblings mit dem
Silbergefieder. Und sein Auge nach dem Garten hin richtend, sah er in der Tat,
da ein Haufen Hhner auseinandergestoben, der Hahn aber auf einen Birnbaum
geflogen war, von dem aus er gegen den unten klffenden Hund unausgesetzt um
Hilfe rief.
    Himmeldonnerwetter, schrie Drr in Wut, das is wieder Bollmann seiner...
Wieder durch den Zaun... I, da soll doch... Und den Geraniumtopf, den er eben
musterte, rasch aus der Hand setzend, lief er auf die Hundehtte zu, griff nach
dem Kettenzwickel und machte den groen Ziehhund los, der nun sofort auch wie
ein Rasender auf den Garten zuscho. Eh dieser jedoch den Birnbaum erreichen
konnte, gab Bollmann seiner bereits Fersengeld und verschwand unter dem Zaun
weg ins Freie - der fuchsgelbe Ziehhund zunchst noch in groen Stzen nach.
Aber das Zaunloch, das fr den Affenpinscher grad ausgereicht hatte, verweigerte
ihm den Durchgang und zwang ihn, von seiner Verfolgung Abstand zu nehmen.
    Nicht besser erging es Drr selber, der inzwischen mit einer Harke
herangekommen war und mit seinem Hunde Blicke wechselte. Ja, Sultan, diesmal
war es nichts. Und dabei trottete Sultan wieder auf seine Htte zu, langsam und
verlegen, wie wenn er einen kleinen Vorwurf herausgehrt htte. Drr selbst aber
sah dem drauen in einer Ackerfurche hinjagenden Affenpinscher nach und sagte
nach einer Weile: Hol mich der Deubel, wenn ich mir nich 'ne Windbchse
anschaffe, bei Mehles oder sonst wo. Un denn pust ich das Biest so stille weg,
und krht nich Huhn, nich Hahn danach. Nich mal meiner.
    Von dieser ihm von seiten Drrs zugemuteten Ruhe schien der letztere jedoch
vorlufig nichts wissen zu wollen, machte vielmehr von seiner Stimme nach wie
vor den ausgiebigsten Gebrauch. Und dabei warf er den Silberhals so stolz, als
ob er den Hhnern zeigen wolle, da seine Flucht in den Birnbaum hinein ein
wohlberlegter Coup oder eine bloe Laune gewesen sei.
    Drr aber sagte: Jott, so 'n Hahn. Denkt nu auch wunder was er is. Un seine
Courage is doch auch man soso.
    Und damit ging er wieder auf seine Blumen-Estrade zu.

                                Drittes Kapitel


Der ganze Hergang war auch von Frau Drr, die gerade beim Spargelstechen war,
beobachtet, aber nur wenig beachtet worden, weil sich hnliches jeden dritten
Tag wiederholte. Sie fuhr denn auch in ihrer Arbeit fort und gab das Suchen erst
auf, als auch die schrfste Musterung der Beete keine weien Kppe mehr
ergeben wollte. Nun erst hing sie den Korb an ihren Arm, legte das Stechmesser
hinein und ging langsam und ein paar verirrte Kken vor sich her treibend erst
auf den Mittelweg des Gartens und dann auf den Hof und die Blumen-Estrade zu, wo
Drr seine Marktarbeit wieder aufgenommen hatte.
    Na, Suselchen, empfing er seine bere Hlfte, da bist du ja. Hast du woll
gesehn? Bollmann seiner war wieder da. Hre, der mu dran glauben, un denn brat
ich ihn aus; ein bichen Fett wird er ja woll haben, un Sultan kann denn die
Grieben kriegen... Und Hundefett, hre, Susel..., und er wollte sich
augenscheinlich in eine seit einiger Zeit von ihm bevorzugte
Gichtbehandlungsmethode vertiefen. In diesem Augenblick aber des Spargelkorbes
am Arme seiner Frau gewahr werdend, unterbrach er sich und sagte: Na, nu zeige
mal her. Hat's denn gefleckt?
    I nu, sagte Frau Drr und hielt ihm den kaum halb gefllten Korb hin,
dessen Inhalt er kopfschttelnd durch die Finger gleiten lie. Denn es waren
meist dnne Stangen und viel Bruch dazwischen.
    Hre, Susel, es bleibt dabei, du hast keine Spargelaugen.
    Oh, ich habe schon. Man blo hexen kann ich nich.
    Na, wir wollen nich streiten, Susel; mehr wird es doch nich. Aber zum
Verhungern is es.
    I, es denkt nich dran. La doch das ewige Gerede, Drr; sie stecken ja
drin, un ob sie nu heute rauskommen oder morgen, is ja ganz egal. Eine dchtige
Husche, so wie die vor Pfingsten, und du sollst mal sehn. Und Regen gibt es. Die
Wassertonne riecht schon wieder, un die groe Kreuzspinn is in die Ecke
gekrochen. Aber du willst jeden Dag alles haben; das kannst du nich verlangen.
    Drr lachte. Na, binde man alles gut zusammen. Und den kleinen Murks auch.
Und du kannst ja denn auch was ablassen.
    Ach, rede doch nicht so, unterbrach ihn die sich ber seinen Geiz
bestndig rgernde Frau, zog ihn aber, was er immer als Zrtlichkeit nahm, auch
heute wieder am Ohrzipfel und ging auf das Schlo߫ zu, wo sie sich's auf dem
Steinfliesenflur bequem machen und die Spargelbndel binden wollte. Kaum aber,
da sie den hier immer bereitstehenden Schemel bis an die Schwelle vorgerckt
hatte, so hrte sie, wie schrg gegenber in dem von der Frau Nimptsch bewohnten
dreifenstrigen Huschen ein Hinterfenster mit einem krftigen Ruck aufgestoen
und gleich darauf eingehakt wurde. Zugleich sah sie Lene, die, mit einer weiten,
lilagemusterten Jacke ber den Friesrock und einem Hubchen auf dem aschblonden
Haar, freundlich zu ihr hinbergrte.
    Frau Drr erwiderte den Gru mit gleicher Freundlichkeit und sagte dann:
Immer Fenster auf; das ist recht, Lenechen. Und fngt auch schon an, hei zu
werden. Es gibt heute noch was.
    Ja. Und Mutter hat von der Hitze schon ihr Kopfweh, und da will ich doch
lieber in der Hinterstube pltten. Is auch hbscher hier; vorne sieht man ja
keinen Menschen.
    Hast recht, antwortete die Drr. Na, da werd ich man ein bichen ans
Fenster rcken. Wenn man so spricht, geht einen alles besser von der Hand.
    Ach, das is lieb und gut von Ihnen, Frau Drr. Aber hier am Fenster is ja
grade die pralle Sonne.
    Schadt nichts, Lene. Da bring ich meinen Marchtschirm mit, altes Ding und
lauter Flicken. Aber tut immer noch seine Schuldigkeit.
    Und ehe fnf Minuten um waren, hatte die gute Frau Drr ihren Schemel bis an
das Fenster geschleppt und sa nun unter ihrer Schirmstellage so behaglich und
selbstbewut, als ob es auf dem Gensdarmenmarkt gewesen wre. Drinnen aber hatte
Lene das Plttbrett auf zwei dicht ans Fenster gerckte Sthle gelegt und stand
nun so nah, da man sich mit Leichtigkeit die Hand reichen konnte. Dabei ging
das Pltteisen emsig hin und her. Und auch Frau Drr war fleiig beim Aussuchen
und Zusammenbinden, und wenn sie dann und wann von ihrer Arbeit auf- und ins
Fenster hineinsah, sah sie, wie nach hinten zu der kleine Plttofen glhte, der
fr neue heie Bolzen zu sorgen hatte.
    Du knntest mir mal 'nen Teller geben, Lene, Teller oder Schssel. Und als
Lene gleich danach brachte, was Frau Drr gewnscht hatte, tat diese den
Bruchspargel hinein, den sie whrend des Sortierens in ihrer Schrze behalten
hatte. Da, Lene, das gibt 'ne Spargelsuppe. Un is so gut wie das andre. Denn
da es immer die Kppe sein mssen, is ja dummes Zeug. Ebenso wie mit 'n
Blumenkohl; immer Blume, Blume, die reine Einbildung. Der Strunk is eigentlich
das Beste, da sitzt die Kraft drin. Und die Kraft is immer die Hauptsache.
    Gott, Sie sind immer so gut, Frau Drr. Aber was wird nur Ihr Alter sagen?
    Der? Ach, Leneken, was der sagt, is ganz egal. Der redt doch. Er will
immer, da ich den Murks mit einbinde, wie wenn's richtige Stangen wren, aber
solche Bedrgerei mag ich nich, auch wenn Bruch-und Stckenzeug gradesogut
schmeckt wie 's Ganze. Was einer bezahlt, das mu er haben, un ich rgre mir
blo, da so 'n Mensch, dem es so zuwchst, so 'n alter Geizkragen is. Aber so
sind die Grtners alle, rapschen und rapschen un knnen nie genug kriegen.
    Ja, lachte Lene, geizig is er und ein bichen wunderlich. - Aber
eigentlich doch ein guter Mann.
    Ja, Leneken, er wre soweit ganz gut, un auch die Geizerei wre nich so
schlimm un is immer noch besser als die Verbringerei, wenn er man nich so
zrtlich wre. Du glaubst es nich, immer is er da. Un nu sieh ihn dir an. Es is
doch eigentlich man ein Jammer mit ihm un dabei richtige sechsundfnfzig, un
vielleicht is es noch ein Jahr mehr. Denn lgen tut er auch, wenn's ihm gerade
pat. Un da hilft auch nichts, gar nichts. Ich erzhl ihm immer von Schlag und
Schlag und zeig ihm welche, die so humpeln und einen schiefen Mund haben, aber
er lacht blo immer und glaubt es nich. Es kommt aber doch so. Ja, Leneken, ich
glaub es ganz gewi, da es so kommt. Und vielleicht balde. Na, verschrieben hat
er mir alles, un so sag ich weiter nichts. Wie einer sich legt, so liegt er.
Aber was reden wir von Schlag und Drr, un da er blo O-Beine hat. Jott, mein
Lenechen, da gibt es ganz andere Leute, die sind so grade gewachsen wie 'ne
Tanne. Nich wahr, Lene?
    Lene wurde hierbei noch rter, als sie schon war, und sagte: Der Bolzen ist
kalt geworden. Und vom Plttbrett zurcktretend, ging sie bis an den eisernen
Ofen und schttete den Bolzen in die Kohlen zurck, um einen neuen
herauszunehmen. Alles war das Werk eines Augenblicks. Und nun lie sie mit einem
geschickten Ruck den neuen glhenden Bolzen vom Feuerhaken in das Pltteisen
niedergleiten, klappte das Trchen wieder ein und sah nun erst, da Frau Drr
noch immer auf Antwort wartete. Sicherheitshalber aber stellte die gute Frau die
Frage noch mal und setzte gleich hinzu: Kommt er denn heute?
    Ja. Wenigstens hat er es versprochen.
    Nu sage mal, Lene, fuhr Frau Drr fort, wie kam es denn eigentlich?
Mutter Nimptsch sagt nie was, un wenn sie was sagt, denn is es auch man immer
soso, nich hu un nich hott. Und immer blo halb un so konfuse. Nu, sage du mal.
Is es denn wahr, da es in Stralau war?
    Ja, Frau Drr, in Stralau war es, den zweiten Ostertag, aber schon so warm,
als ob Pfingsten wr, und weil Lina Gansauge gern Kahn fahren wollte, nahmen wir
einen Kahn, und Rudolf, den Sie ja wohl auch kennen und der ein Bruder von Lina
ist, setzte sich ans Steuer.
    Jott, Rudolf. Rudolf is ja noch ein Junge.
    Freilich. Aber er meinte, da er's verstnde, und sagte blo immer:
Mchens, ihr mt stillsitzen; ihr schunkelt so, denn er spricht so furchtbar
berlinsch. Aber wir dachten gar nicht dran, weil wir gleich sahen, da es mit
seiner ganzen Steuerei nicht weit her sei. Zuletzt aber vergaen wir's wieder
und lieen uns treiben und neckten uns mit denen, die vorbeikamen und uns mit
Wasser bespritzten. Und in dem einen Boote, das mit unsrem dieselbe Richtung
hatte, saen ein paar sehr feine Herren, die bestndig grten, und in unsrem
bermute grten wir wieder, und Lina wehte sogar mit dem Taschentuch und tat,
als ob sie die Herren kenne, was aber gar nicht der Fall war, und wollte sich
blo zeigen, weil sie noch so sehr jung ist. Und whrend wir noch so lachten und
scherzten und mit dem Ruder blo so spielten, sahen wir mit einem Male, da von
Treptow her das Dampfschiff auf uns zukam, und wie Sie sich denken knnen, liebe
Frau Drr, waren wir auf den Tod erschrocken und riefen in unserer Angst
Rudolfen zu, da er uns heraussteuern solle. Der Junge war aber aus Rand und
Band und steuerte blo so, da wir uns bestndig im Kreise drehten. Und nun
schrien wir und wren sicherlich berfahren worden, wenn nicht in eben diesem
Augenblicke das andre Boot mit den zwei Herren sich unsrer Not erbarmt htte.
Mit ein paar Schlgen war es neben uns, und whrend der eine mit einem
Bootshaken uns fest und scharf heranzog und an das eigne Boot ankoppelte,
ruderte der andre sich und uns aus dem Strudel heraus, und nur einmal war es
noch, als ob die groe, vom Dampfschiff her auf uns zukommende Welle uns
umwerfen wolle. Der Kapitn drohte denn auch wirklich mit dem Finger (ich sah es
inmitten all meiner Angst), aber auch das ging vorber, und eine Minute spter
waren wir bis an Stralau heran, und die beiden Herren, denen wir unsre Rettung
verdankten, sprangen ans Ufer und reichten uns die Hand und waren uns als
richtige Kavaliere beim Aussteigen behlflich. Und da standen wir denn nun auf
der Landungsbrcke bei Tbbeckes und waren sehr verlegen, und Lina weinte
jmmerlich vor sich hin, und blo Rudolf, der berhaupt ein strrischer und
gromuliger Bengel is und immer gegen 's Militr, blo Rudolf sah ganz bockig
vor sich hin, als ob er sagen wollte: Dummes Zeug, ich htt euch auch
rausgesteuert.
    Ja, so is er, ein gromuliger Bengel; ich kenn ihn. Aber nu die beiden
Herren. Das ist doch die Hauptsache...
    Nun die bemhten sich erst noch um uns und blieben dann an dem andren Tisch
und sahen immer zu uns rber. Und als wir so gegen sieben, und es schummerte
schon, nach Hause wollten, kam der eine und fragte, ob er und sein Kamerad uns
ihre Begleitung anbieten drften? Und da lacht ich bermtig und sagte, sie
htten uns ja gerettet und einem Retter drfe man nichts abschlagen. brigens
sollten sie sich's noch mal berlegen, denn wir wohnten so gut wie am andern
Ende der Welt. Und sei eigentlich eine Reise. Worauf er verbindlich antwortete:
Desto besser. Und mittlerweile war auch der andre herangekommen... Ach, liebe
Frau Drr, es mag wohl nicht recht gewesen sein, gleich so freiweg zu sprechen,
aber der eine gefiel mir, und sich zieren und zimperlich tun, das hab ich nie
gekonnt. Und so gingen wir denn den weiten Weg, erst an der Spree und dann an
dem Kanal hin.
    Und Rudolf!
    Der ging hinterher, als ob er gar nicht zugehre, sah aber alles und pate
gut auf. Was auch recht war; denn die Lina is ja erst achtzehn und noch ein
gutes, unschuldiges Kind!
    Meinst du?
    Gewi, Frau Drr. Sie brauchen sie ja blo anzusehn. So was sieht man
gleich.
    Ja, mehrstens. Aber mitunter auch nich. Und da haben sie euch denn nach
Hause gebracht?
    Ja, Frau Drr.
    Und nachher?
    Ja, nachher. Nun Sie wissen ja, wie's nachher kam. Er kam dann den andern
Tag und fragte nach. Und seitdem ist er oft gekommen, und ich freue mich immer,
wenn er kommt. Gott, man freut sich doch, wenn man mal was erlebt. Es ist oft so
einsam hier drauen. Und Sie wissen ja, Frau Drr, Mutter hat nichts dagegen und
sagt immer: Kind, es schadt nichts. Eh man sich's versieht, is man alt.
    Ja, ja, sagte die Drr, so was hab ich die Nimptschen auch schon sagen
hren. Und hat auch ganz recht. Das heit, wie man's nehmen will, und nach 'm
Katechismus is doch eigentlich immer noch besser und sozusagen berhaupt das
beste. Das kannst du mir schon glauben. Aber ich wei woll, es geht nich immer,
und mancher will auch nich. Und wenn einer nich will, na, denn will er nich, un
denn mu es auch so gehn und geht auch mehrstens, man blo, da man ehrlich is
un anstndig und Wort hlt. Un natrlich, was denn kommt, das mu man aushalten
un darf sich nicht wundern. Un wenn man all so was wei und sich immer wieder zu
Gemte fhrt, na, denn is es nich so schlimm. Un schlimm is eigentlich man blo
das Einbilden.
    Ach, liebe Frau Drr, lachte Lene, was Sie nur denken. Einbilden ! Ich
bilde mir gar nichts ein. Wenn ich einen liebe, dann lieb ich ihn. Und das ist
mir genug. Und will weiter gar nichts von ihm, nichts, gar nichts, und da mir
mein Herze so schlgt und ich die Stunden zhle, bis er kommt, und nicht
abwarten kann, bis er wieder da ist, das macht mich glcklich, das ist mir
genug.
    Ja, schmunzelte die Drr vor sich hin, das is das richtige, so mu es
sein. Aber is es denn wahr, Lene, da er Botho heit? So kann doch einer
eigentlich nich heien: das is ja gar kein christlicher Name.
    Doch, Frau Drr. Und Lene machte Miene, die Tatsache, da es solchen Namen
gbe, des weiteren zu besttigen. Aber ehe sie dazu kommen konnte, schlug Sultan
an, und im selben Augenblicke hrte man deutlich vom Hausflur her, da wer
eingetreten sei. Wirklich erschien auch der Brieftrger und brachte zwei
Bestellkarten fr Drr und einen Brief fr Lene.
    Gott, Hahnke, rief die Drr dem in groen Schweiperlen vor ihr Stehenden
zu, Sie drippen ja man so. Is es denn so 'ne schwebende Hitze? Un erst halb
zehn. Na soviel seh ich woll, Brieftrger is auch kein Vergngen.
    Und die gute Frau wollte gehn, um ein Glas frische Milch zu holen. Aber
Hahnke dankte. Habe keine Zeit, Frau Drr. Ein ander Mal. Und damit ging er.
    Lene hatte mittlerweile den Brief erbrochen.
    Na, was schreibt er?
    Er kommt heute nicht, aber morgen. Ach, es ist so lange bis morgen. Ein
Glck, da ich Arbeit habe; je mehr Arbeit, desto besser. Und ich werde heut
nachmittag in Ihren Garten kommen und graben helfen. - Aber Drr darf nicht
dabeisein.
    I Gott bewahre.
    Und danach trennte man sich, und Lene ging in das Vorderzimmer, um der Alten
das von der Frau Drr erhaltene Spargelgericht zu bringen.

                                Viertes Kapitel


Und nun war der andre Abend da, zu dem Baron Botho sich angemeldet hatte. Lene
ging im Vorgarten auf und ab, drinnen aber, in der groen Vorderstube, sa wie
gewhnlich Frau Nimptsch am Herd, um den herum sich auch heute wieder die
vollzhlig erschienene Familie Drr gruppiert hatte. Frau Drr strickte mit
groen Holznadeln an einer blauen, fr ihren Mann bestimmten Wolljacke, die,
vorlufig noch ohne rechte Form, nach Art eines groen Vlieses auf ihrem Schoe
lag. Neben ihr, die Beine bequem bereinandergeschlagen, rauchte Drr aus einer
Tonpfeife, whrend der Sohn in einem dicht am Fenster stehenden Grovaterstuhle
sa und seinen Rotkopf an die Stuhlwange lehnte. Jeden Morgen bei Hahnenschrei
aus dem Bett, war er auch heute wieder vor Mdigkeit eingeschlafen. Gesprochen
wurde wenig, und so hrte man denn nichts als das Klappern der Holznadeln und
das Knabbern des Eichhrnchens, das mitunter aus seinem Schilderhuschen
herauskam und sich neugierig umsah. Nur das Herdfeuer und der Widerschein des
Abendrots gaben etwas Licht.
    Frau Drr sa so, da sie den Gartensteg hinaufsehen und trotz der Dmmerung
erkennen konnte, wer drauen, am Heckenzaun entlang, des Weges kam.
    Ah, da kommt er, sagte sie. Nu, Drr, la mal deine Pfeife ausgehen. Du
bist heute wieder wie 'n Schornstein un rauchst und schmookst den ganzen Tag. Un
so 'n Knallerballer wie deiner, der is nich fr jeden.
    Drr lie sich solche Rede wenig anfechten, und ehe seine Frau mehr sagen
oder ihre Wahrsprche wiederholen konnte, trat der Baron ein. Er war sichtlich
angeheitert, kam er doch von einer Maibowle, die Gegenstand einer Clubwette
gewesen war, und sagte, whrend er Frau Nimptsch die Hand reichte: Guten Tag,
Mutterchen. Hoffentlich gut bei Weg. Ah, und Frau Drr; und Herr Drr, mein
alter Freund und Gnner. Hren Sie, Drr, was sagen Sie zu dem Wetter? Eigens
fr Sie bestellt und fr mich mit. Meine Wiesen zu Hause, die vier Jahre von
fnf immer unter Wasser stehen und nichts bringen als Ranunkeln, die knnen
solch Wetter brauchen. Und Lene kann's auch brauchen, da sie mehr drauen ist;
sie wird mir sonst zu bla.
    Lene hatte derweilen einen Holzstuhl neben die Alte gerckt, weil sie wute,
da Baron Botho hier am liebsten sa; Frau Drr aber, in der eine starke
Vorstellung davon lebte, da ein Baron auf einem Ehrenplatz sitzen msse, war
inzwischen aufgestanden und rief, immer das blaue Vlies nachschleppend, ihrem
Pflegesohn zu: Will er woll auf! Ne, ich sage. Wo's nich drinsteckt, da kommt
es auch nich. Der arme Junge fuhr bld und verschlafen in die Hh und wollte
den Platz rumen, der Baron litt es aber nicht. Um 's Himmels willen, liebe
Frau Drr, lassen Sie doch den Jungen. Ich sitz am liebsten auf einem Schemel,
wie mein Freund Drr hier.
    Und damit schob er den Holzstuhl, den Lene noch immer in Bereitschaft hatte,
neben die Alte und sagte, whrend er sich setzte: Hier neben Frau Nimptsch; das
ist der beste Platz. Ich kenne keinen Herd, auf den ich so gern she; immer
Feuer, immer Wrme. Ja, Mutterchen, es ist so; hier ist es am besten.
    Ach, du mein Gott, sagte die Alte. Hier am besten! Hier bei 'ner alten
Wasch- und Plttefrau.
    Freilich. Und warum nicht? Jeder Stand hat seine Ehre. Waschfrau auch.
Wissen Sie denn, Mutterchen, da es hier in Berlin einen berhmten Dichter
gegeben hat, der ein Gedicht auf seine alte Waschfrau gemacht hat?
    Is es mglich?
    Freilich ist es mglich. Es ist sogar gewi. Und wissen Sie, was er zum
Schlu gesagt hat? Da hat er gesagt, er mchte so leben und sterben wie die alte
Waschfrau. Ja, das hat er gesagt.
    Is es mglich? simperte die Alte noch einmal vor sich hin.
    Und wissen Sie, Mutterchen, um auch das nicht zu vergessen, da er ganz
recht gehabt hat und da ich ganz dasselbe sage? Ja, Sie lachen so vor sich hin.
Aber sehen Sie sich mal um hier, wie leben Sie? Wie Gott in Frankreich. Erst
haben Sie das Haus und diesen Herd und dann den Garten und dann Frau Drr. Und
dann haben Sie die Lene. Nicht wahr? Aber wo steckt sie nur?
    Er wollte noch weitersprechen, aber im selben Augenblicke kam Lene mit einem
Kaffeebrett zurck, auf dem eine Karaffe mit Wasser samt Apfelwein stand,
Apfelwein, fr den der Baron, weil er ihm wunderbare Heilkraft zuschrieb, eine
sonst schwer begreifliche Vorliebe hatte.
    Ach Lene, wie du mich verwhnst. Aber du darfst es mir nicht so feierlich
prsentieren, das ist ja, wie wenn ich im Club wre. Du mut es mir aus der Hand
bringen, da schmeckt es am besten. Und nun gib mir deine Patsche, da ich sie
streicheln kann. Nein, nein, die Linke, die kommt von Herzen. Und nun setze dich
da hin, zwischen Herr und Frau Drr, dann hab ich dich gegenber und kann dich
immer ansehn. Ich habe mich den ganzen Tag auf diese Stunde gefreut.
    Lene lachte.
    Du glaubst es wohl nicht? Ich kann es dir aber beweisen, Lene, denn ich
habe dir von der groen Herren- und Damen-fte, die wir gestern hatten, was
mitgebracht. Und wenn man was zum Mitbringen hat, dann freut man sich auch auf
die, die's kriegen sollen. Nicht wahr, lieber Drr?
    Drr schmunzelte, Frau Drr aber sagte: Jott, der. Der un mitbringen. Drr
is blo fr rapschen und sparen. So sind die Grtners. Aber neugierig bin ich
doch, was der Herr Baron mitgebracht haben.
    Nun, da will ich nicht lange warten lassen, sonst denkt meine liebe Frau
Drr am Ende, da es ein goldener Pantoffel ist oder sonst was aus dem Mrchen.
Es ist aber blo das.
    Und dabei gab er Lenen eine Tte, daraus, wenn nicht alles tuschte, das
gefranzte Papier einiger Knallbonbons hervorguckte.
    Wirklich, es waren Knallbonbons, und die Tte ging reihum.
    Aber nun mssen wir auch ziehen, Lene; halt fest und Augen zu.
    Frau Drr war entzckt, als es einen Knall gab, und noch mehr, als Lenes
Zeigefinger blutete. Das tut nich weh, Lene, das kenn ich; das is, wie wenn
sich 'ne Braut in 'n Finger sticht. Ich kannte mal eine, die war so versessen
drauf, die stach sich immerzu un lutschte und lutschte, wie wenn es wunder was
wre.
    Lene wurde rot. Aber Frau Drr sah es nicht und fuhr fort: Und nu den Vers
lesen, Herr Baron.
    Und dieser las denn auch:

In Liebe selbstvergessen sein
Freut Gott und die lieben Engelein.

Jott, sagte Frau Drr und faltete die Hnde. Das is ja wie aus 'n Gesangbuch.
Is es denn immer so fromm?
    I bewahre, sagte Botho. Nicht immer. Kommen Sie, liebe Frau Drr, wir
wollen auch mal ziehn und sehn, was dabei herauskommt.
    Und nun zog er wieder und las:

Wo Amors Pfeil recht tief getroffen,
Da stehen Himmel und Hlle offen.

Nun, Frau Drr, was sagen Sie dazu? das klingt schon anders; nicht wahr?
    Ja, sagte Frau Drr, anders klingt es. Aber es gefllt mir nicht recht...
Wenn ich einen Knallbonbon ziehe...
    Nun?
    Da darf nichts von Hlle vorkommen, da will ich nich hren, da es so was
gibt.
    Ich auch nicht, lachte Lene. Frau Drr hat ganz recht; sie hat berhaupt
immer recht. Aber das ist wahr, wenn man solchen Vers liest, da hat man immer
gleich was zum Anfangen, ich meine zum Anfangen mit der Unterhaltung, denn
Anfangen is immer das schwerste, gerade wie beim Briefschreiben, und ich kann
mir eigentlich keine Vorstellung machen, wie man mit soviel fremden Damen (und
ihr kennt euch doch nicht alle) so gleich mir nichts, dir nichts ein Gesprch
anfangen kann.
    Ach, meine liebe Lene, sagte Botho, das ist nicht so schwer, wie du
denkst. Es ist sogar ganz leicht. Und wenn du willst, will ich dir gleich eine
Tischunterhaltung vormachen.
    Frau Drr und Frau Nimptsch drckten ihre Freude darber aus, und auch Lene
nickte zustimmend.
    Nun, fuhr Baron Botho fort, denke dir also, du wrst eine kleine Grfin.
Und eben hab ich dich zu Tische gefhrt und Platz genommen, und nun sind wir
beim ersten Lffel Suppe.
    Gut. Gut. Aber nun?
    Und nun sag ich: Irr ich nicht, meine gndigste Komtesse, so sah ich Sie
gestern in der Flora, Sie und Ihre Frau Mama. Nicht zu verwundern. Das Wetter
lockt ja jetzt tglich heraus, und man knnte schon von Reisewetter sprechen.
Haben Sie Plne, Sommerplne, meine gndigste Grfin? Und nun antwortest du, da
leider noch nichts feststnde, weil der Papa durchaus nach dem Bayrischen wolle,
da aber die Schsische Schweiz mit dem Knigstein und der Bastei dein
Herzenswunsch wre.
    Das ist es auch wirklich, lachte Lene.
    Nun sieh, das trifft sich gut. Und so fahr ich denn fort: Ja, gndigste
Komtesse, da begegnen sich unsere Geschmacksrichtungen. Ich ziehe die Schsische
Schweiz ebenfalls jedem anderen Teile der Welt vor, namentlich auch der
eigentlichen Schweiz. Man kann nicht immer groe Natur schwelgen, nicht immer
klettern und auer Atem sein. Aber Schsische Schweiz! Himmlisch, ideal. Da hab
ich Dresden; in einer Viertel- oder halben Stunde bin ich da, da seh ich Bilder,
Theater, Groen Garten, Zwinger, Grnes Gewlbe. Versumen Sie nicht, sich die
Kanne mit den trichten Jungfrauen zeigen zu lassen, und vor allem den
Kirschkern, auf dem das ganze Vaterunser steht. Alles blo durch die Lupe zu
sehen.
    Und so sprecht ihr!
    Ganz so, mein Schatz. Und wenn ich mit meiner Nachbarin zur Linken, also
mit Komtesse Lene, fertig bin, so wend ich mich zu meiner Nachbarin zur Rechten,
also zu Frau Baronin Drr...
    Die Drr schlug vor Entzcken mit der Hand aufs Knie, da es einen lauten
Puff gab...
    Zu Frau Baronin Drr also. Und spreche nun worber? Nun, sagen wir ber
Morcheln.
    Aber mein Gott, Morcheln. ber Morcheln, Herr Baron, das geht doch nicht.
    O warum nicht, warum soll es nicht gehen, liebe Frau Drr? Das ist ein sehr
ernstes und lehrreiches Gesprch und hat fr manche mehr Bedeutung, als Sie
glauben. Ich besuchte mal einen Freund in Polen, Regiments- und Kriegskameraden,
der ein groes Schlo bewohnte, rot und mit zwei dicken Trmen, und so furchtbar
alt, wie's eigentlich gar nicht mehr vorkommt. Und das letzte Zimmer war sein
Wohnzimmer; denn er war unverheiratet, weil er ein Weiberfeind war...
    Ist es mglich?
    Und berall waren morsche, durchgetretene Dielen, und immer, wo ein paar
Dielen fehlten, da war ein Morchelbeet, und an all den Morchelbeeten ging ich
vorbei, bis ich zuletzt in sein Zimmer kam.
    Ist es mglich? wiederholte die Drr und setzte hinzu: Morcheln. Aber man
kann doch nicht immer von Morcheln sprechen.
    Nein, nicht immer. Aber oft oder wenigstens manchmal, und eigentlich ist es
ganz gleich, wovon man spricht. Wenn es nicht Morcheln sind, sind es
Champignons, und wenn es nicht das rote polnische Schlo ist, dann ist es
Schlchen Tegel oder Saatwinkel oder Valentinswerder. Oder Italien oder Paris
oder die Stadtbahn, oder ob die Panke zugeschttet werden soll. Es ist alles
ganz gleich. ber jedes kann man ja was sagen und ob's einem gefllt oder nicht.
Und ja ist geradesoviel wie nein.
    Aber, sagte Lene, wenn es alles so redensartlich ist, da wundert es mich,
da ihr solche Gesellschaften mitmacht.
    O man sieht doch schne Damen und Toiletten und mitunter auch Blicke, die,
wenn man gut aufpat, einem eine ganze Geschichte verraten. Und jedenfalls
dauert es nicht lange, so da man immer noch Zeit hat, im Club alles
nachzuholen. Und im Club ist es wirklich reizend, da hren die Redensarten auf,
und die Wirklichkeiten fangen an. Ich habe gestern Pitt seine Graditzer
Rappstute abgenommen.
    Wer ist Pitt?
    Ach, das sind so Namen, die wir nebenher fhren, und wir nennen uns so,
wenn wir unter uns sind. Der Kronprinz sagt auch Vicky, wenn er Victoria meint.
Es ist ein wahres Glck, da es solche Liebes- und Zrtlichkeitsnamen gibt. Aber
horch, eben fngt drben das Konzert an. Knnen wir nicht die Fenster aufmachen,
da wir's besser hren? Du wippst ja schon mit der Fuspitze hin und her. Wie
wr es, wenn wir antrten und einen Contre versuchten oder eine Franaise? Wir
sind drei Paare: Vater Drr und meine gute Frau Nimptsch und dann Frau Drr und
ich (ich bitte um die Ehre), und dann kommt Lene mit Hans.
    Frau Drr war sofort einverstanden, Drr und Frau Nimptsch aber lehnten ab,
diese, weil sie zu alt sei, jener, weil er so was Feines nicht kenne.
    Gut, Vater Drr. Aber dann mssen Sie den Takt schlagen; Lene, gib ihm das
Kaffeebrett und einen Lffel. Und nun antreten, meine Damen. Frau Drr, Ihren
Arm. Und nun Hans, aufwachen, flink, flink.
    Und wirklich, beide Paare stellten sich auf, und Frau Drr wuchs ordentlich
noch an Stattlichkeit, als ihr Partner in einem feierlichen
Tanzmeister-Franzsisch anhob: En avant deux, pas de basque. Der
sommersprossige, leider noch immer verschlafene Grtnerjunge sah sich
maschinenmig und ganz nach Art einer Puppe hin und her geschoben, die drei
andern aber tanzten wie Leute, die's verstehen, und entzckten den alten Drr
derart, da er sich von seinem Schemel erhob und statt mit dem Lffel mit seinem
Knchel an das Kaffeebrett schlug. Auch der alten Frau Nimptsch kam die Lust
frherer Tage wieder, und weil sie nichts Besseres tun konnte, whlte sie mit
dem Feuerhaken so lang in der Kohlenglut umher, bis die Flamme hoch aufschlug.
    So ging es, bis die Musik drben schwieg; Botho fhrte Frau Drr wieder an
ihren Platz, und nur Lene stand noch da, weil der ungeschickte Grtnerjunge
nicht wute, was er mit ihr machen sollte. Das aber pate Botho gerade, der, als
die Musik drben wieder anhob, mit Lene zu walzen und ihr zuzuflstern begann,
wie reizend sie sei, reizender denn je.
    Sie waren alle warm geworden, am meisten die gerade jetzt am offenen Fenster
stehende Frau Drr. Jott, mir schuddert so, sagte sie mit einem Male, weshalb
Botho verbindlich aufsprang, um die Fenster zu schlieen. Aber Frau Drr wollte
davon nichts wissen und behauptete: Was die feinen Leute wren, die wren alle
fr frische Luft, und manche wren so frs Frische, da ihnen im Winter das
Deckbett an den Mund frre. Denn Atem wre dasselbe wie Wrasen, grade wie der,
der aus der Tlle km. Also die Fenster mten aufbleiben, davon liee sie
nicht. Aber wenn Lenechen so frs Innerliche was htte, so was fr Herz und
Seele...
    Gewi, liebe Frau Drr; alles, was Sie wollen. Ich kann einen Tee machen
oder einen Punsch, oder noch besser, ich habe ja noch das Kirschwasser, das Sie
Mutter Nimptschen und mir letzten Weihnachten zu der groen Mandelstolle
geschenkt haben...
    Und ehe sich Frau Drr zwischen Punsch und Tee entscheiden konnte, war auch
die Kirschwasserflasche schon da, mit Glsern, groen und kleinen, in die sich
nun jeder nach Gutdnken hineintat. Und nun ging Lene, den ruigen Herdkessel in
der Hand, reihum und go das kochsprudelnde Wasser ein. Nicht zuviel, Leneken,
nicht zuviel. Immer aufs Ganze. Wasser nimmt die Kraft. Und im Nu fllte sich
der Raum mit dem aufsteigenden Kirschmandelarom.
    Ah, das hast du gut gemacht, sagte Botho, whrend er aus dem Glase nippte.
Wei es Gott, ich habe gestern nichts gehabt und heute im Club erst recht
nicht, was mir so geschmeckt htte. Hoch Lene! Das eigentliche Verdienst in der
Sache hat aber doch unsere Freundin, Frau Drr, weil's ihr so geschuddert hat,
und so bring ich denn gleich noch eine zweite Gesundheit aus: Frau Drr, sie
lebe hoch.
    Sie lebe hoch, riefen alle durcheinander, und der alte Drr schlug wieder
mit seinem Knchel ans Brett.
    Alle fanden, da es ein feines Getrnk sei, viel feiner als Punschextrakt,
der im Sommer immer nach bittrer Zitrone schmecke, weil es meistens alte
Flaschen seien, die schon, von Fastnacht an, im Ladenfenster in der grellen
Sonne gestanden htten. Kirschwasser aber, das sei was Gesundes und nie
verdorben, und ehe man sich mit dem Bittermandelgift vergifte, da mte man doch
schon was Ordentliches einnehmen, wenigstens eine Flasche.
    Diese Bemerkung machte Frau Drr, und der Alte, der es nicht darauf ankommen
lassen wollte, vielleicht weil er diese hervorragendste Passion seiner Frau
kannte, drang auf Aufbruch: Morgen sei auch noch ein Tag.
    Botho und Lene redeten zu, doch noch zu bleiben. Aber die gute Frau Drr,
die wohl wute, da man zuzeiten nachgeben msse, wenn man die Herrschaft
behalten wolle, sagte nur: La, Leneken, ich kenn ihn; er geht nu mal mit die
Hhner zu Bett. - Nun, sagte Botho, wenn es beschlossen ist, ist es
beschlossen. Aber dann begleiten wir die Familie Drr bis an ihr Haus.
    Und damit brachen alle auf und lieen nur die alte Frau Nimptsch zurck, die
den Abgehenden freundlich und kopfnickend nachsah und dann aufstand und sich in
den Grovaterstuhl setzte.

                                Fnftes Kapitel


Vor dem Schlo߫ mit dem grn und rot gestrichenen Turme machten Botho und Lene
halt und baten Drr in aller Frmlichkeit um Erlaubnis, noch in den Garten gehn
und eine halbe Stunde darin promenieren zu drfen. Der Abend sei so schn. Vater
Drr brummelte, da er sein Eigentum in keinem beren Schutz lassen knne,
worauf das junge Paar unter artigen Verbeugungen Abschied nahm und auf den
Garten zuschritt. Alles war schon zur Ruh, und nur Sultan, an dem sie vorbei
muten, richtete sich hoch auf und winselte so lange, bis ihn Lene gestreichelt
hatte. Dann erst kroch er wieder in seine Htte zurck.
    Drinnen im Garten war alles Duft und Frische, denn, den ganzen Hauptweg
hinauf, zwischen den Johannis- und Stachelbeerstruchern, standen Levkojen und
Reseda, deren feiner Duft sich mit dem krftigeren der Thymianbeete mischte.
Nichts regte sich in den Bumen, und nur Leuchtkfer schwirrten durch die Luft.
    Lene hatte sich in Bothos Arm gehngt und schritt mit ihm auf das Ende des
Gartens zu, wo, zwischen zwei Silberpappeln, eine Bank stand.
    Wollen wir uns setzen?
    Nein, sagte Lene, nicht jetzt, und bog in einen Seitenweg ein, dessen
hochstehende Himbeerbsche fast ber den Gartenzaun hinauswuchsen. Ich gehe so
gern an deinem Arm. Erzhle mir etwas. Aber etwas recht Hbsches. Oder frage.
    Gut. Ist es dir recht, wenn ich mit den Drrs anfange?
    Meinetwegen.
    Ein sonderbares Paar. Und dabei, glaub ich, glcklich. Er mu tun, was sie
will, und ist doch um vieles klger.
    Ja, sagte Lene, klger ist er, aber auch geizig und hartherzig, und das
macht ihn gefgig, weil er bestndig ein schlechtes Gewissen hat. Sie sieht ihm
scharf auf die Finger und leidet es nicht, wenn er jemand bervorteilen will.
Und das ist es, wovor er Furcht hat und was ihn nachgiebig macht.
    Und weiter nichts?
    Vielleicht auch noch Liebe, so sonderbar es klingt. Das heit Liebe von
seiner Seite. Denn trotz seiner sechsundfnfzig oder mehr ist er noch wie
vernarrt in seine Frau, und blo weil sie so gro ist. Beide haben mir die
wunderlichsten Gestndnisse darber gemacht. Ich bekenne dir offen, mein
Geschmack wre sie nicht.
    Da hast du aber unrecht, Lene; sie macht eine Figur.
    Ja, lachte Lene, sie macht eine Figur, aber sie hat keine. Siehst du denn
gar nicht, da ihr die Hften eine Handbreit zu hoch sitzen? Aber so was seht
ihr nicht, und Figur und stattlich ist immer euer drittes Wort, ohne da sich
wer drum kmmert, wo denn die Stattlichkeit eigentlich herkommt.
    So plaudernd und neckend blieb sie stehn und bckte sich, um auf einem
langen und schmalen Erdbeerbeete, das sich in Front von Zaun und Hecke hinzog,
nach einer Frherdbeere zu suchen. Endlich hatte sie, was sie wollte, nahm das
Stengelchen eines wahren Prachtexemplares zwischen die Lippen und trat vor ihn
hin und sah ihn an.
    Er war auch nicht sumig, pflckte die Beere von ihrem Munde fort und
umarmte sie und kte sie.
    Meine se Lene, das hast du recht gemacht. Aber hre nur, wie Sultan
blafft; er will bei dir sein: soll ich ihn losmachen?
    Nein, wenn er hier ist, hab ich dich nur noch halb. Und sprichst du dann
gar noch von der stattlichen Frau Drr, so hab ich dich so gut wie gar nicht
mehr.
    Gut, lachte Botho, Sultan mag bleiben, wo er ist. Ich bin es zufrieden.
Aber von Frau Drr mu ich noch weiter sprechen. Ist sie wirklich so gut?
    Ja, das ist sie, trotzdem sie sonderbare Dinge sagt, Dinge, die wie
Zweideutigkeiten klingen und es auch sein mgen. Aber sie wei nichts davon, und
in ihrem Tun und Wandel ist nicht das geringste, was an ihre Vergangenheit
erinnern knnte.
    Hat sie denn eine?
    Ja. Wenigstens stand sie jahrelang in einem Verhltnis und ging mit ihm,
wie sie sich auszudrcken pflegt. Und darber ist wohl kein Zweifel, da ber
dies Verhltnis und natrlich auch ber die gute Frau Drr selbst viel, sehr
viel geredet worden ist. Und sie wird auch Ansto ber Ansto gegeben haben. Nur
sie selber hat sich in ihrer Einfalt nie Gedanken darber gemacht und noch
weniger Vorwrfe. Sie spricht davon wie von einem unbequemen Dienst, den sie
getreulich und ehrlich erfllt hat, blo aus Pflichtgefhl. Du lachst, und es
klingt auch sonderbar genug. Aber es lt sich nicht anders sagen. Und nun
lassen wir die Frau Drr und setzen uns lieber und sehen in die Mondsichel.
    Wirklich, der Mond stand drben ber dem Elefantenhause, das in dem
niederstrmenden Silberlichte noch phantastischer aussah als gewhnlich. Lene
wies darauf hin, zog die Mantelkapuze fester zusammen und barg sich an seine
Brust.
    So vergingen ihr Minuten, schweigend und glcklich, und erst als sie sich
wie von einem Traume, der sich doch nicht festhalten lie, wieder aufrichtete,
sagte sie: Woran hast du gedacht? Aber du mut mir die Wahrheit sagen.
    Woran ich dachte, Lene? Ja, fast schm ich mich, es zu sagen. Ich hatte
sentimentale Gedanken und dachte nach Haus hin an unsren Kchengarten in Schlo
Zehden, der genauso daliegt wie dieser Drrsche, dieselben Salatbeete mit
Kirschbumen dazwischen, und ich mchte wetten, auch ebenso viele Meisenksten.
Und auch die Spargelbeete liefen so hin. Und dazwischen ging ich mit meiner
Mutter, und wenn sie guter Laune war, gab sie mir das Messer und erlaubte, da
ich ihr half. Aber weh mir, wenn ich ungeschickt war und die Spargelstange zu
lang oder zu kurz abstach. Meine Mutter hatte eine rasche Hand.
    Glaub's. Und mir ist immer, als ob ich Furcht vor ihr haben mte.
    Furcht? Wie das? Warum, Lene?
    Lene lachte herzlich, und doch war eine Spur von Gezwungenheit darin. Du
mut nicht gleich denken, da ich vorhabe, mich bei der Gndigen melden zu
lassen, und darfst es nicht anders nehmen, als ob ich gesagt htte, ich frchte
mich vor der Kaiserin. Wrdest du deshalb denken, da ich zu Hofe wollte? Nein,
ngstige dich nicht; ich verklage dich nicht.
    Nein, das tust du nicht. Dazu bist du viel zu stolz und eigentlich eine
kleine Demokratin und ringst dir jedes freundliche Wort nur so von der Seele.
Hab ich recht? Aber wie's auch sei, mache dir auf gut Glck hin ein Bild von
meiner Mutter. Wie sieht sie aus?
    Genauso wie du: gro und schlank und blauugig und blond.
    Arme Lene (und das Lachen war diesmal auf seiner Seite), da hast du
fehlgeschossen. Meine Mutter ist eine kleine Frau mit lebhaften schwarzen Augen
und einer groen Nase.
    Glaub es nicht. Das ist nicht mglich.
    Und ist doch so. Du mut nmlich bedenken, da ich auch einen Vater habe.
Aber das fllt euch nie ein. Ihr denkt immer, ihr seid die Hauptsache. Und nun
sage mir noch etwas ber den Charakter meiner Mutter. Aber rate besser.
    Ich denke mir sie sehr besorgt um das Glck ihrer Kinder.
    Getroffen...
    ...Und da all ihre Kinder reiche, das heit sehr reiche Partien machen.
Und ich wei auch, wen sie fr dich in Bereitschaft hlt.
    Eine Unglckliche, die du...
    Wie du mich verkennst. Glaube mir, da ich dich habe, diese Stunde habe,
das ist mein Glck. Was daraus wird, das kmmert mich nicht. Eines Tages bist du
weggeflogen...
    Er schttelte den Kopf.
    Schttle nicht den Kopf; es ist so, wie ich sage. Du liebst mich und bist
mir treu, wenigstens bin ich in meiner Liebe kindisch und eitel genug, es mir
einzubilden. Aber wegfliegen wirst du, das seh ich klar und gewi. Du wirst es
mssen. Es heit immer, die Liebe mache blind, aber sie macht auch hell und
fernsichtig.
    Ach, Lene, du weit gar nicht, wie lieb ich dich habe.
    Doch, ich wei es. Und wei auch, da du deine Lene fr was Besondres
hltst und jeden Tag denkst, wenn sie doch eine Grfin wre. Damit ist es nun
aber zu spt, das bring ich nicht mehr zuwege. Du liebst mich und bist schwach.
Daran ist nichts zu ndern. Alle schnen Mnner sind schwach, und der Strkre
beherrscht sie... Und der Strkre... ja, wer ist dieser Strkre? Nun entweder
ist's deine Mutter oder das Gerede der Menschen oder die Verhltnisse. Oder
vielleicht alles drei... Aber sieh nur.
    Und sie wies nach dem Zoologischen hinber, aus dessen Baum- und
Bltterdunkel eben eine Rakete zischend in die Luft fuhr und mit einem Puff in
zahllose Schwrmer zerstob. Eine zweite folgte der ersten, und so ging es
weiter, als ob sie sich jagen und berholen wollten, bis es mit einem Male
vorbei war und die Gebsche drben in einem grnen und roten Lichte zu glhen
anfingen. Ein paar Vgel in ihren Kfigen kreischten dazwischen, und dann fiel
nach einer langen Pause die Musik wieder ein.
    Weit du, Botho, wenn ich dich nun so nehmen und mit dir die Lsterallee
drben auf und ab schreiten knnte, so sicher wie hier zwischen den
Buchsbaumrabatten, und knnte jedem sagen: Ja, wundert euch nur, er ist er und
ich bin ich, und er liebt mich und ich liebe ihn - ja, Botho, was glaubst du
wohl, was ich dafr gbe? Aber rate nicht, du rtst es doch nicht. Ihr kennt ja
nur euch und euren Club und euer Leben. Ach, das arme bichen Leben.
    Sprich nicht so, Lene.
    Warum nicht? Man mu allem ehrlich ins Gesicht sehn und sich nichts
weismachen lassen und vor allem sich selber nichts weismachen. Aber es wird
kalt, und drben ist es auch vorbei. Das ist das Schlustck, das sie jetzt
spielen. Komm, wir wollen uns drin an den Herd setzen, das Feuer wird noch nicht
aus sein, und die Alte ist lngst zu Bett.
    So gingen sie, whrend sie sich leicht an seine Schulter lehnte, den
Gartensteig wieder hinauf. Im Schlo߫ brannte kein Licht mehr, und nur Sultan,
den Kopf aus seiner Htte vorstreckend, sah ihnen nach. Aber er rhrte sich
nicht und hatte blo mrrische Gedanken.

                                Sechstes Kapitel


Es war die Woche darnach, und die Kastanien hatten bereits abgeblht; auch in
der Bellevuestrae. Hier hatte Baron Botho von Riencker eine zwischen einem
Front- und einem Gartenbalkon gelegene Parterrewohnung inne: Arbeitszimmer,
Ezimmer, Schlafzimmer, die sich smtlich durch eine geschmackvolle, seine
Mittel ziemlich erheblich bersteigende Einrichtung auszeichneten. In dem
Ezimmer befanden sich zwei Hertelsche Stilleben und dazwischen eine Brenhatz,
wertvolle Kopie nach Rubens, whrend in dem Arbeitszimmer ein Andreas
Achenbachscher Seesturm, umgeben von einigen kleineren Bildern desselben
Meisters, paradierte. Der Seesturm war ihm bei Gelegenheit einer Verlosung
zugefallen, und an diesem schnen und wertvollen Besitze hatte er sich zum
Kunstkenner und speziell zum Achenbach-Enthusiasten herangebildet. Er scherzte
gern darber und pflegte zu versichern, da ihm sein Lotterieglck, weil es ihn
zu bestndig neuen Ankufen verfhrt habe, teuer zu stehn gekommen sei,
hinzusetzend, da es vielleicht mit jedem Glcke dasselbe sei.
    Vor dem Sofa, dessen Plsch mit einem persischen Teppich berdeckt war,
stand auf einem Malachittischchen das Kaffeegeschirr, whrend auf dem Sofa
selbst allerlei politische Zeitungen umherlagen, unter ihnen auch solche, deren
Vorkommen an dieser Stelle ziemlich verwunderlich war und nur aus dem Baron
Bothoschen Lieblingssatze Schnack gehe vor Politik erklrt werden konnte.
Geschichten, die den Stempel der Erfindung an der Stirn trugen, sogenannte
Perlen, amsierten ihn am meisten. Ein Kanarienvogel, dessen Bauer whrend der
Frhstckszeit allemal offenstand, flog auch heute wieder auf Hand und Schulter
seines ihn nur zu sehr verwhnenden Herrn, der, anstatt ungeduldig zu werden,
das Blatt jedesmal beiseite tat, um den kleinen Liebling zu streicheln.
Unterlie er es aber, so drngte sich das Tierchen an Hals und Bart des Lesenden
und piepte so lang und eigensinnig, bis ihm der Wille getan war. Alle Lieblinge
sind gleich, sagte Baron Riencker, und fordern Gehorsam und Unterwerfung.
    In diesem Augenblicke ging die Korridorklingel, und der Diener trat ein, um
die drauen abgegebenen Briefe zu bringen. Der eine, graues Couvert in Quadrat,
war offen und mit einer Dreipfennigmarke frankiert. Hamburger Lotterielos oder
neue Zigarren, sagte Riencker und warf Couvert und Inhalt, ohne weiter
nachzusehen, beiseite. Aber das hier... Ah, von Lene. Nun, den verspare ich mir
bis zuletzt, wenn ihm dieser dritte, gesiegelte, nicht den Rang streitig macht.
Ostensches Wappen. Also von Onkel Kurt Anton; Poststempel Berlin, will sagen:
schon da. Was wird er nur wollen? Zehn gegen eins, ich soll mit ihm frhstcken
oder einen Sattel kaufen oder ihn zu Renz begleiten, vielleicht auch zu Kroll;
am wahrscheinlichsten das eine tun und das andere nicht lassen.
    Und er schnitt das Couvert, auf dem er auch Onkel Ostens Handschrift erkannt
hatte, mit einem auf dem Fensterbrett liegenden Messerchen auf und nahm den
Brief heraus. Der aber lautete:
    Hotel Brandenburg, Nummer 15. Mein lieber Botho. Vor einer Stunde bin ich
hier unter eurer alten Berliner Devise vor Taschendieben wird gewarnt auf dem
Ostbahnhofe glcklich eingetroffen und habe mich in Hotel Brandenburg
einquartiert, will sagen an alter Stelle; was ein richtiger Konservativer ist,
ist es auch in kleinen Dingen. Ich bleibe nur zwei Tage, denn eure Luft drckt
mich. Es ist ein stickiges Nest. Alles andre mndlich. Ich erwarte Dich ein Uhr
bei Hiller. Dann wollen wir einen Sattel kaufen. Und dann abends zu Renz. Sei
pnktlich. Dein alter Onkel Kurt Anton.
    Riencker lachte. Dacht ich's doch! Und doch eine Neuerung. Frher war es
Borchardt, jetzt Hiller. Ei, ei, Onkelchen, was ein richtiger Konservativer ist,
ist es auch in kleinen Dingen... Und nun meine liebe Lene... Was Onkel Kurt
Anton wohl sagen wrde, wenn er wte, in welcher Begleitung sein Brief und
seine Befehle hier eingetroffen sind.
    Und whrend er so sprach, erbrach er Lenes Billet und las.
    Es sind nun schon volle fnf Tage, da ich Dich nicht gesehen habe. Soll es
eine volle Woche werden? Und ich dachte, Du mtest den andern Tag wiederkommen,
so glcklich war ich den Abend. Und Du warst so lieb und gut. Mutter neckt mich
schon und sagt: Er kommt nicht wieder. Ach, wie mir das immer einen Stich ins
Herz gibt, weil es ja mal so kommen mu und weil ich fhle, da es jeden Tag
kommen kann. Daran wurd ich gestern wieder erinnert. Denn wenn ich Dir eben
schrieb, ich htte Dich fnf Tage lang nicht gesehen, so hab ich nicht die
Wahrheit gesagt, ich habe Dich gesehn, gestern, aber heimlich, verstohlen, auf
dem Korso. Denke Dir, ich war auch da, natrlich weit zurck in einer
Seiten-Alleh, und habe Dich eine Stunde lang auf und ab reiten sehn. Ach, ich
freute mich ber die Maen, denn Du warst der stattlichste (beinah so stattlich
wie Frau Drr, die sich Dir emphelen lt), und ich hatte solchen Stolz, Dich zu
sehn, da ich nicht einmal eiferschtig wurde. Nur einmal kam es. Wer war denn
die schne Blondine, mit den zwei Schimmeln, die ganz in einer Blumengirrlande
gingen? Und die Blumen so dicht, ganz ohne Blatt und Stiehl. So was Schnes hab
ich all mein Lebtag nicht gesehn. Als Kind htt ich gedacht, es m eine
Prinzessin sein, aber jetzt wei ich, da Prinzessinnen nicht immer die
schnsten sind. Ja, sie war schn und gefiehl Dir, ich sah es wohl, und Du
gefiehlst ihr auch. Aber die Mutter, die neben der schnen Blondine sa, der
gefiehlst Du noch besser. Und das rgerte mich. Einer ganz jungen gnne ich
Dich, wenn's durchaus sein mu. Aber einer alten! Und nun gar einer Mama? Nein,
nein, die hat ihr Teil. Jedenfalls, mein einziger Botho, siehst Du, da Du mich
wieder gutmachen und beruhigen mut. Ich erwarte Dich morgen oder bermorgen.
Und wenn Du nicht Abend kannst, so komme bei Tag, und wenn es nur eine Minute
wre. Ich habe solche Angst um Dich, das heit eigentlich um mich. Du verstehst
mich schon. Deine Lene.
    Deine Lene, sprach er, die Briefunterschrift wiederholend, noch einmal vor
sich hin, und eine Unruhe bemchtigte sich seiner, weil ihm
allerwiderstreitendste Gefhle durchs Herz gingen: Liebe, Sorge, Furcht. Dann
durchlas er den Brief noch einmal. An zwei, drei Stellen konnt er sich nicht
versagen, ein Strichelchen mit dem silbernen Crayon zu machen, aber nicht aus
Schulmeisterei, sondern aus eitel Freude. Wie gut sie schreibt! Kalligraphisch
gewi und orthographisch beinah... Stiehl statt Stiel... Ja, warum nicht? Stiehl
war eigentlich ein gefrchteter Schulrat, aber, Gott sei Dank, ich bin keiner.
Und emphelen. Soll ich wegen f und h mit ihr zrnen? Groer Gott, wer kann
empfehlen richtig schreiben? Die ganz jungen Komtessen nicht immer und die ganz
alten nie. Also was schadt's! Wahrhaftig, der Brief ist wie Lene selber, gut,
treu, zuverlssig, und die Fehler machen ihn nur noch reizender.
    Er lehnte sich in den Stuhl zurck und legte die Hand ber Stirn und Augen:
Arme Lene, was soll werden! Es wr uns beiden besser gewesen, der Ostermontag
wre diesmal ausgefallen. Wozu gibt es auch zwei Feiertage? Wozu Treptow und
Stralau und Wasserfahrten? Und nun der Onkel! Entweder kommt er wieder als
Abgesandter von meiner Mutter, oder er hat Plne fr mich aus sich selbst, aus
eigner Initiative. Nun, ich werde ja sehen. Eine diplomatische
Verstellungsschule hat er nicht durchgemacht, und wenn er zehn Eide geschworen
hat, zu schweigen, es kommt doch heraus. Ich will's schon erfahren, trotzdem ich
in der Kunst der Intrige gleich nach ihm selber komme.
    Dabei zog er ein Fach seines Schreibtisches auf, darin, von einem roten
Bndchen umwunden, schon andere Briefe Lenens lagen. Und nun klingelte er nach
dem Diener, der ihm beim Ankleiden behilflich sein sollte. So, Johann, das wre
getan... Und nun vergi nicht, die Jalousien herunterzulassen. Und wenn wer
kommt und nach mir fragt, bis zwlf bin ich in der Kaserne, nach eins bei Hiller
und am Abend bei Renz. Und zieh auch die Jalousien zu rechter Zeit wieder auf,
da ich nicht wieder einen Brtofen vorfinde. Und la die Lampe vorn brennen.
Aber nicht in meinem Schlafzimmer; die Mcken sind wie toll in diesem Jahr.
Verstanden?
    Zu Befehl, Herr Baron.
    Und unter diesem Gesprche, das schon halb im Korridor gefhrt worden war,
trat Riencker in den Hausflur, ziepte drauen im Vorgarten die dreizehnjhrige,
sich gerad ber den Wagen ihres kleinen Bruders beugende Portiertochter von
hinten her am Zopf und empfing einen wtenden, aber im Erkennungsmoment ebenso
rasch in Zrtlichkeit bergehenden Blick als Antwort darauf.
    Und nun erst trat er durch die Gittertr auf die Strae. Hier sah er, unter
der grnen Kastanienlaube hin, abwechselnd auf das Tor und dann wieder nach dem
Tiergarten zu, wo sich, wie auf einem Camera-obscura-Glase, die Menschen und
Fuhrwerke geruschlos hin und her bewegten. Wie schn. Es ist doch wohl eine
der besten Welten.

                               Siebentes Kapitel


Um zwlf war der Dienst in der Kaserne getan, und Botho von Riencker ging die
Linden hinunter aufs Tor zu, lediglich in der Absicht, die Stunde bis zum
Rendezvous bei Hiller, so gut sich's tun lie, auszufllen. Zwei, drei
Bilderlden waren ihm dabei sehr willkommen. Bei Lepke standen ein paar Oswald
Achenbachs im Schaufenster, darunter eine palermitanische Strae, schmutzig und
sonnig, und von einer geradezu frappierenden Wahrheit des Lebens und Kolorits.
Es gibt doch Dinge, worber man nie ins reine kommt. So mit den Achenbachs. Bis
vor kurzem hab ich auf Andreas geschworen; aber wenn ich so was sehe wie das
hier, so wei ich nicht, ob ihm der Oswald nicht gleichkommt oder ihn berholt.
Jedenfalls ist er bunter und mannigfacher. All dergleichen aber ist mir blo zu
denken erlaubt; vor den Leuten es aussprechen hiee meinen Seesturm ohne Not auf
den halben Preis herabsetzen.
    Unter solchen Betrachtungen stand er eine Zeitlang vor dem Lepkeschen
Schaufenster und ging dann, ber den Pariser Platz hin, auf das Tor und die
schrg links fhrende Tiergartenallee zu, bis er vor der Wolffschen Lwengruppe
haltmachte. Hier sah er nach der Uhr. Halb eins. Also Zeit. Und so wandt er
sich wieder, um auf demselben Wege nach den Linden hin zurckzukehren. Vor dem
Redernschen Palais sah er Leutnant von Wedell von den Gardedragonern auf sich
zukommen.
    Wohin, Wedell?
    In den Club. Und Sie?
    Zu Hiller.
    Etwas frh.
    Ja. Aber was hilft's? Ich soll mit einem alten Onkel von mir frhstcken,
neumrkisch Blut und just in dem Winkel zu Hause, wo Bentsch, Rentsch, Stentsch
liegen - lauter Reimwrter auf Mensch, selbstverstndlich ohne weitre Konsequenz
oder Verpflichtung. brigens hat er, ich meine den Onkel, mal in Ihrem Regiment
gestanden. Freilich lange her, erste vierziger Jahre. Baron Osten.
    Der Wietzendorfer?
    Eben der.
    O den kenn ich, das heit dem Namen nach. Etwas Verwandtschaft. Meine
Gromutter war eine Osten. Ist doch derselbe, der mit Bismarck auf dem Kriegsfu
steht?
    Derselbe. Wissen Sie was, Wedell, kommen Sie mit. Der Club luft Ihnen
nicht weg und Pitt und Serge auch nicht; Sie finden sie um drei geradsogut wie
um eins. Der Alte schwrmt noch immer fr Dragonerblau mit Gold und ist
Neumrker genug, um sich ber jeden Wedell zu freuen.
    Gut, Riencker. Aber auf Ihre Verantwortung.
    Mit Vergngen.
    Unter solchem Gesprche waren sie bei Hiller angelangt, wo der alte Baron
bereits an der Glastr stand und ausschaute, denn es war eine Minute nach eins.
Er unterlie aber jede Bemerkung und war augenscheinlich erfreut, als Botho
vorstellte: Leutnant von Wedell.
    Ihr Herr Neffe...
    Nichts von Entschuldigungen, Herr von Wedell, alles, was Wedell heit, ist
mir willkommen, und wenn es diesen Rock trgt, doppelt und dreifach. Kommen Sie,
meine Herren, wir wollen uns aus diesem Stuhl- und Tischdefilee herausziehen
und, so gut es geht, nach rckwrts hin konzentrieren. Sonst nicht Preuensache;
hier aber ratsam.
    Und damit ging er, um gute Pltze zu finden, vorauf und whlte nach Einblick
in verschiedene kleine Cabinets schlielich ein mig groes, mit einem
lederfarbnen Stoff austapeziertes Zimmer, das trotz eines breiten und
dreigeteilten Fensters wenig Licht hatte, weil es auf einen engen und dunklen
Hof sah. Von einem hier zu vier gedeckten Tisch wurde im Nu das vierte Couvert
entfernt, und whrend die beiden Offiziere Pallasch und Sbel in die Fensterecke
stellten, wandte sich der alte Baron an den Oberkellner, der in einiger
Entfernung gefolgt war, und befahl einen Hummer und einen weien Burgunder.
Aber welchen, Botho?
    Sagen wir Chablis.
    Gut, Chablis. Und frisches Wasser. Aber nicht aus der Leitung; lieber so,
da die Karaffe beschlgt. Und nun, meine Herren, bitte Platz zu nehmen: lieber
Wedell hier, Botho du da. Wenn nur diese Glut, diese verfrhte Hundstagshitze
nicht wre. Luft, meine Herren, Luft. Ihr schnes Berlin, das immer schner wird
(so versichern einen wenigstens alle, die nichts Besseres kennen), Ihr schnes
Berlin hat alles, aber keine Luft. Und dabei ri er die groen Fensterflgel
auf und setzte sich so, da er die breite Mittelffnung gerade vor sich hatte.
    Der Hummer war noch nicht gekommen, aber der Chablis stand schon da. Voll
Unruhe nahm der alte Osten eins der Brtchen aus dem Korb und schnitt es mit
ebensoviel Hast wie Virtuositt in Schrgstcke, blo um etwas zu tun zu haben.
Dann lie er das Messer wieder fallen und reichte Wedell die Hand. Ihnen
unendlich verbunden, Herr von Wedell, und brillanter Einfall von Botho, Sie dem
Club auf ein paar Stunden abspenstig gemacht zu haben. Ich nehm es als eine gute
Vorbedeutung, gleich bei meinem ersten Ausgang in Berlin einen Wedell begren
zu drfen.
    Und nun begann er einzuschenken, weil er seiner Unruhe nicht lnger Herr
bleiben konnte, befahl, eine Cliquot kalt zu stellen, und fuhr dann fort:
Eigentlich, lieber Wedell, sind wir verwandt; es gibt keine Wedells, mit denen
wir nicht verwandt wren, und wenn's auch blo durch einen Scheffel Erbsen wre;
neumrkisch Blut ist in allen. Und wenn ich nun gar mein altes Dragonerblau
wiedersehe, da schlgt mir das Herz bis in den Hals hinein. Ja, Herr von Wedell,
alte Liebe rostet nicht. Aber da kommt der Hummer... Bitte, hier die groe
Schere. Die Scheren sind immer das beste... Aber, was ich sagen wollte, alte
Liebe rostet nicht und der Schneid auch nicht. Und ich setze hinzu, Gott sei
Dank. Damals hatten wir noch den alten Dobeneck. Himmelwetter, war das ein Mann!
Ein Mann wie ein Kind. Aber wenn es mal schlecht ging und nicht klappen wollte,
wenn er einen dann ansah, den htt ich sehen wollen, der den Blick ausgehalten
htte. Richtiger alter Ostpreue noch von Anno 13 und 14 her. Wir frchteten
ihn, aber wir liebten ihn auch. Denn er war wie ein Vater. Und wissen Sie, Herr
von Wedell, wer mein Rittmeister war...?
    In diesem Augenblicke kam auch der Champagner.
    Mein Rittmeister war Manteuffel, derselbe, dem wir alles verdanken, der uns
die Armee gemacht hat und mit der Armee den Sieg.
    Herr von Wedell verbeugte sich, whrend Botho leichthin sagte: Gewi, man
kann es sagen.
    Aber das war nicht klug und weise von Botho, wie sich gleich herausstellen
sollte, denn der ohnehin an Kongestionen leidende alte Baron wurde rot ber den
ganzen kahlen Kopf weg, und das bichen krause Haar an seinen Schlfen schien
noch krauser werden zu wollen. Ich verstehe dich nicht, Botho; was soll dies
Man kann es sagen, das heit soviel wie Man kann es auch nicht sagen. Und ich
wei auch, worauf das alles hinaus will. Es will andeuten, da ein gewisser
Krassieroffizier aus der Reserve, der im brigen mit nichts in Reserve gehalten
hat, am wenigsten mit revolutionren Manahmen, es will andeuten, sag ich, da
ein gewisser Halberstdter mit schwefelgelbem Kragen eigentlich auch St. Privat
allerpersnlichst gestrmt und um Sedan herum den groen Zirkel gezogen habe.
Botho, damit darfst du mir nicht kommen. Er war ein Referendar und hat auf der
Potsdamer Regierung gearbeitet, sogar unter dem alten Meding, der nie gut auf
ihn zu sprechen war, ich wei das, und hat eigentlich nichts gelernt als
Depeschen schreiben. Soviel will ich ihm lassen, das versteht er, oder mit
andern Worten, er ist ein Federfuchser. Aber nicht die Federfuchser haben
Preuen gro gemacht. War der bei Fehrbellin ein Federfuchser? War der bei
Leuthen ein Federfuchser? War Blcher ein Federfuchser oder Yorck? Hier sitzt
die preuische Feder. Ich kann diesen Kultus nicht leiden.
    Aber lieber Onkel...
    Aber, aber, ich dulde kein Aber. Glaube mir, Botho, zu solcher Frage, dazu
gehren Jahre; derlei Dinge versteh ich besser. Wie steht es denn? Er stt die
Leiter um, drauf er emporgestiegen, und verbietet sogar die Kreuzzeitung, und
rundheraus, er ruiniert uns; er denkt klein von uns, er sagt uns Sottisen, und
wenn ihm der Sinn danach steht, verklagt er uns auf Diebstahl oder
Unterschlagung und schickt uns auf die Festung. Ach, was sag ich, auf die
Festung, Festung ist fr anstndige Leute, nein, ins Landarmenhaus schickt er
uns, um Wolle zu zupfen... Aber Luft, meine Herren, Luft. Sie haben keine Luft
hier. Verdammtes Nest.
    Und er erhob sich und ri zu dem bereits offenstehenden Mittelflgel auch
noch die beiden Nebenflgel auf, so da von dem Zuge, der ging, die Gardinen und
das Tischtuch ins Wehen kamen. Dann sich wieder setzend, nahm er ein Stck Eis
aus dem Champagnerkhler und fuhr sich damit ber die Stirn.
    Ah, fuhr er fort, das Stck Eis hier, das ist das beste vom ganzen
Frhstck... Und nun sagen Sie, Herr von Wedell, hab ich recht oder nicht?
Botho, Hand aufs Herz, hab ich recht? Ist es nicht so, da man sich als ein
Mrkischer von Adel aus reiner Edelmannsemprung einen Hochverratsproze auf den
Leib reden mchte? Solchen Mann... aus unsrer besten Familie..., vornehmer als
die Bismarcks und so viele fr Thron und Hohenzollerntum gefallen, da man eine
ganze Leibcompagnie daraus formieren knnte, Leibcompagnie mit Blechmtzen, und
der Boitzenburger kommandiert sie. Ja, meine Herren. Und solcher Familie solchen
Affront. Und warum? Unterschlagung, Indiskretion, Bruch von Amtsgeheimnis. Ich
bitte Sie, fehlt nur noch Kindsmord und Vergehen gegen die Sittlichkeit, und
wahrhaftig, es bleibt verwunderlich genug, da nicht auch das noch
herausgedrckt worden ist. Aber die Herren schweigen. Ich bitte Sie, sprechen
Sie. Glauben Sie mir, da ich andre Meinungen hren und ertragen kann; ich bin
nicht wie er; sprechen Sie, Herr von Wedell, sprechen Sie.
    Wedell, in immer wachsender Verlegenheit, suchte nach einem Ausgleichs- und
Beruhigungsworte: Gewi, Herr Baron, es ist, wie Sie sagen. Aber, Pardon, ich
habe damals, als die Sache zum Austrag kam, vielfach aussprechen hren, und die
Worte sind mir im Gedchtnis geblieben, da der Schwchere darauf verzichten
msse, dem Strkeren die Wege kreuzen zu wollen, das verbiete sich in Leben wie
Politik, es sei nun mal so: Macht gehe vor Recht.
    Und kein Widerspruch dagegen, kein Appell?
    Doch, Herr Baron. Unter Umstnden auch ein Appell. Und um nichts zu
verschweigen, ich kenne solche Flle gerechtfertigter Opposition. Was die
Schwche nicht darf, das darf die Reinheit, die Reinheit der berzeugung, die
Lauterkeit der Gesinnung. Die hat das Recht der Auflehnung, sie hat sogar die
Pflicht dazu. Wer aber hat diese Lauterkeit? Hatte sie... Doch ich schweige,
weil ich weder Sie, Herr Baron, noch die Familie, von der wir sprechen,
verletzen mchte. Sie wissen aber, auch ohne da ich es sage, da er, der das
Wagnis wagte, diese Lauterkeit der Gesinnung nicht hatte. Der blo Schwchere
darf nichts, nur der Reine darf alles.
    Nur der Reine darf alles, wiederholte der alte Baron mit einem so schlauen
Gesicht, da es zweifelhaft blieb, ob er mehr von der Wahrheit oder der
Anfechtbarkeit dieser These durchdrungen sei. Der Reine darf alles. Kapitaler
Satz, den ich mir mit nach Hause nehme. Der wird meinem Pastor gefallen, der
letzten Herbst den Kampf mit mir aufgenommen und ein Stck von meinem Acker
zurckgefordert hat. Nicht seinetwegen, i Gott bewahre, blo um des Prinzips und
seines Nachfolgers willen, dem er nichts vergeben drfe. Schlauer Fuchs. Aber
der Reine darf alles.
    Du wirst schon nachgeben in der Pfarrackerfrage, sagte Botho. Kenn ich
doch Schnemann noch von Sellenthins her.
    Ja, da war er noch Hauslehrer und kannte nichts Besseres als die
Schulstunden abkrzen und die Spielstunden in die Lnge ziehen. Und konnte
Reifen spielen wie ein junger Marquis; wahrhaftig, es war ein Vergngen, ihm
zuzusehen. Aber nun ist er sieben Jahre im Amt, und du wrdest den Schnemann,
der der gndigen Frau den Hof machte, nicht wiedererkennen. Eins aber mu ich
ihm lassen, er hat beide Frlens gut erzogen und am besten deine Kthe...
    Botho sah den Onkel verlegen an, fast als ob er ihn um Diskretion bitten
wolle. Der alte Baron aber, berfroh, das heikle Thema so glcklich beim Schopfe
gefat zu haben, fuhr in berstrmender und immer wachsender guter Laune fort:
Ach la doch, Botho. Diskretion. Unsinn. Wedell ist Landsmann und wird von der
Geschichte so gut wissen wie jeder andere. Weshalb schweigen ber solche Dinge.
Du bist doch so gut wie gebunden. Und wei es Gott, Junge, wenn ich so die
Frlens Revue passieren lasse, 'ne bere findest du nicht, Zhne wie Perlen und
lacht immer, da man die ganze Schnur sieht. Eine Flachsblondine zum Kssen, und
wenn ich dreiig Jahre jnger wre, hre...
    Wedell, der Bothos Verlegenheit bemerkte, wollte ihm zu Hilfe kommen und
sagte: Die Sellenthinschen Damen sind alle sehr anmutig, Mutter wie Tchter;
ich war vorigen Sommer mit ihnen in Norderney, charmant, aber ich wrde der
zweiten den Vorzug geben...
    Desto besser, Wedell. Da kommt ihr euch nicht in die Quer, und wir knnen
gleich eine Doppelhochzeit feiern. Und Schnemann kann trauen, wenn Kluckhuhn,
der wie alle Alten empfindlich ist, es zugibt, und ich will ihm nicht nur das
Fuhrwerk stellen, ich will ihm auch das Stck Pfarracker ohne weiteres zedieren,
wenn ich solche Hochzeit zwischen heut und einem Jahr erlebe. Sie sind reich,
lieber Wedell, und mit Ihnen pressiert es am Ende nicht. Aber sehen Sie sich
unsern Freund Botho an. Da er so wohlgenhrt aussieht, das verdankt er nicht
seiner Sandbchse, die, die paar Wiesen abgerechnet, eigentlich nichts als eine
Kiefernschonung ist, und noch weniger seinem Murnensee. Murnensee, das klingt
wundervoll, und man knnte beinah sagen poetisch. Aber das ist auch alles. Man
kann von Murnen nicht leben. Ich wei, du hrst nicht gerne davon, aber da wir
mal dabei sind, so mu es heraus. Wie liegt es denn? Dein Grovater hat die
Heide runterschlagen lassen, und dein Vater selig - ein kapitaler Mann, aber ich
habe keinen Menschen je so schlecht L'hombre spielen sehn und so hoch dazu -,
dein Vater selig, sag ich, hat die fnfhundert Morgen Bruchacker an die
Jeseritzer Bauern parzelliert, und was von gutem Boden briggeblieben ist, ist
nicht viel, und die dreiigtausend Taler sind auch lngst wieder fort. Wrst du
allein, so mcht es gehn, aber du mut teilen mit deinem Bruder, und vorlufig
hat die Mama, meine Frau Schwester Liebden, das Ganze noch in Hnden, eine
prchtige Frau, klug und gescheit, aber auch nicht auf die sparsame Seite
gefallen. Botho, wozu stehst du bei den Kaiserkrassieren, und wozu hast du eine
reiche Cousine, die blo darauf wartet, da du kommst und in einem regelrechten
Antrage das besiegelst und wahr machst, was die Eltern schon verabredet haben,
als ihr noch Kinder wart. Wozu noch berlegen? Hre, wenn ich morgen auf der
Rckreise bei deiner Mama mit vorfahren und ihr die Nachricht bringen knnte:
Liebe Josephine, Botho will, alles abgemacht, hre, Junge, das wre mal was, das
einem alten Onkel, der's gut mit dir meint, eine Freude machen knnte. Reden Sie
zu, Wedell. Es ist Zeit, da er aus der Garonschaft herauskommt. Er vertut
sonst sein bichen Vermgen oder verplempert sich wohl gar mit einer kleinen
Bourgeoise. Hab ich recht? Natrlich. Abgemacht. Und darauf mssen wir noch
anstoen. Aber nicht mit diesem Rest... Und er drckte auf die Klingel.
    Ein Heidsieck. Beste Marke.

                                 Achtes Kapitel


Im Club befanden sich um eben diese Zeit zwei junge Kavaliere, der eine, von den
Gardes du Corps, schlank, gro und glatt, der andere, von den Pasewalkern
abkommandiert, etwas kleiner, mit Vollbart und nur vorschriftsmig freiem Kinn.
Der weie Damast des Tisches, dran sie gefrhstckt hatten, war
zurckgeschlagen, und an der freigewordenen Hlfte saen beide beim Piquet.
    Sechs Blatt mit 'ner Quart.
    Gut.
    Und du?
    Vierzehn As, drei Knige, drei Damen... Und du machst keinen Stich. Und er
legte das Spiel auf den Tisch und schob im nchsten Augenblicke die Karten
zusammen, whrend der andere mischte.
    Weit du schon, Ella verheiratet sich.
    Schade.
    Warum schade?
    Sie kann dann nicht mehr durch den Reifen springen.
    Unsinn. Je mehr sie sich verheiraten, desto schlanker werden sie.
    Doch mit Ausnahme. Viele Namen aus der Zirkusaristokratie blhen schon in
der dritten und vierten Generation, was denn doch einigermaen auf
Wechselzustnde von schlank und nicht-schlank oder, wenn du willst, auf Neumond
und erstes Viertel etc. hinweist.
    Irrtum. Error in calculo. Du vergit Adoption. Alle diese Zirkusleute sind
heimliche Gichtelianer und vererben nach Plan und Abmachung ihr Vermgen, ihr
Ansehen und ihren Namen. Es scheinen dieselben und sind doch andere geworden.
Immer frisches Blut. Heb ab... brigens hab ich noch eine zweite Nachricht.
Afzelius kommt in den Generalstab.
    Welcher?
    Der von den Ulanen.
    Unmglich.
    Moltke hlt groe Stcke auf ihn, und er soll eine vorzgliche Arbeit
gemacht haben.
    Imponiert mir nicht. Alles Bibliotheks- und Abschreibesache. Wer nur ein
bichen findig ist, kann Bcher leisten wie Humboldt oder Ranke.
    Quart. Vierzehn As.
    Quint vom Knig.
    Und whrend die Stiche gemacht wurden, hrte man in dem Billardzimmer
nebenan das Klappen der Blle und das Fallen der kleinen Boulekegel.

Nur sechs oder acht Herren waren alles in allem in den zwei hintern Clubzimmern,
die mit ihrer Schmalseite nach einem sonnigen und ziemlich langweiligen Garten
hinaussahen, versammelt, alle schweigsam, alle mehr oder weniger in ihr Whist
oder Domino vertieft, nicht zum wenigsten die zwei piquetspielenden Herren, die
sich eben ber Ella und Afzelius unterhalten hatten. Es ging hoch, weshalb beide
von ihrem Spiel erst wieder aufsahen, als sie, durch eine offne Rundbogennische,
von dem nebenherlaufenden Zimmer her eines neuen Ankmmlings gewahr wurden. Es
war Wedell.
    Aber Wedell, wenn Sie nicht eine Welt von Neuigkeiten mitbringen, so
belegen wir Sie mit dem groen Bann.
    Pardon, Serge, es war keine bestimmte Verabredung.
    Aber doch beinah. brigens finden Sie mich persnlich in nachgiebigster
Stimmung. Wie Sie sich mit Pitt auseinandersetzen wollen, der eben 150 Points
verloren, ist Ihre Sache.
    Dabei schoben beide die Karten beiseit, und der von dem herzukommenden
Wedell als Serge Begrte zog seine Remontoiruhr und sagte: Drei Uhr fnfzehn.
Also Kaffee. Irgend ein Philosoph, und es mu einer der grten gewesen sein,
hat einmal gesagt, da sei das Beste im Kaffee, da er in jede Situation und
Tagesstunde hineinpasse. Wahrhaftig, Wort eines Weisen. Aber wo nehmen wir ihn?
Ich denke, wir setzen uns drauen auf die Terrasse, mitten in die Sonne. Je mehr
man das Wetter brskiert, desto besser fhrt man. Also, Pehlecke, drei Tassen.
Ich kann das Umfallen der Boulekegel nicht mehr mit anhren, es macht mich
nervs; drauen haben wir freilich auch Lrm, aber doch anders, und hren statt
des spitzen Klappertons das Poltern und Donnern unserer unterirdischen
Kegelbahn, wobei wir uns einbilden knnen, am Vesuv oder tna zu sitzen. Und
warum auch nicht? Alle Gensse sind schlielich Einbildung, und wer die beste
Phantasie hat, hat den grten Genu. Nur das Unwirkliche macht den Wert und ist
eigentlich das einzig Reale.
    Serge, sagte der andere, der beim Piquetspielen als Pitt angeredet worden
war, wenn du mit deinen berhmten groen Stzen so fortfhrst, so bestrafst du
Wedell hrter, als er verdient. Auerdem hast du Rcksicht auf mich zu nehmen,
weil ich verloren habe. So, hier wollen wir bleiben, den Lawn im Rcken, diesen
Efeu neben uns und eine kahle Wand en vue. Himmlischer Aufenthalt fr Seiner
Majestt Garde! Was wohl der alte Frst Pckler zu diesem Clubgarten gesagt
haben wrde. Pehlecke... so, hier den Tisch her, jetzt geht's. Und zum Schlu
eine Cuba von Ihrem gelagertsten Lager. Und nun, Wedell, wenn Ihnen verziehen
werden soll, schtteln Sie Ihr Gewand, bis ein neuer Krieg herausfllt oder
irgendeine andere groe Nachricht. Sie sind ja durch Puttkamers mit unserem
lieben Herrgott verwandt. Mit welchem, brauch ich nicht erst hinzuzusetzen. Was
kocht er wieder?
    Pitt, sagte Wedell, ich beschwre Sie, nur keine Bismarckfragen. Denn
erstlich wissen Sie, da ich nichts wei, weil Vettern im 17. Grad nicht gerade
zu den Intimen und Vertrauten des Frsten gehren, zum zweiten aber komme ich,
statt vom Frsten, recte von einem Bolzenschieen her, das sich mit einigen
Treffern und vielen, vielen Nichttreffern gegen niemand anders als gegen Seine
Durchlaucht richtete.
    Und wer war dieser khne Schtze?
    Der alte Baron Osten, Rienckers Onkel. Charmanter alter Herr und
Bon-Garon. Aber freilich auch Pfiffikus.
    Wie alle Mrker.
    Bin auch einer.
    Tant mieux. Da wissen Sie's von sich selbst. Aber heraus mit der Sprache.
Was sagte der Alte?
    Vielerlei. Das Politische kaum der Rede wert, aber ein anderes desto
wichtiger: Riencker steht vor einer scharfen Ecke.
    Und vor welcher?
    Er soll heiraten.
    Und das nennen Sie eine scharfe Ecke? Ich bitte Sie, Wedell, Riencker
steht vor einer viel schrferen: er hat 9000 jhrlich und gibt 12000 aus, und
das ist immer die schrfste aller Ecken, jedenfalls schrfer als die
Heirats-Ecke. Heiraten ist fr Riencker keine Gefahr, sondern die Rettung.
brigens hab ich es kommen sehen. Und wer ist es denn?
    Eine Cousine!
    Natrlich. Retterin und Cousine sind heutzutage fast identisch. Und ich
wette, da sie Paula heit. Alle Cousinen heien jetzt Paula.
    Diese nicht.
    Sondern?
    Kthe.
    Kthe? Ah, da wei ich's. Kthe Sellenthin. Hm, nicht bel, glnzende
Partie. Der alte Sellenthin, es ist doch der mit dem Pflaster berm Auge, hat
sechs Gter, und die Vorwerke mit eingerechnet, sind es sogar dreizehn. Geht zu
gleichen Teilen, und das dreizehnte kriegt Kthe noch als Zuschlag.
Gratuliere...
    Sie kennen sie?
    Gewi. Wundervolle Flachsblondine mit Vergimeinnichtaugen, aber trotzdem
nicht sentimental, weniger Mond als Sonne. Sie war hier bei der Zlow in Pension
und wurde mit vierzehn schon umcourt und umworben.
    In der Pension?
    Nicht direkt und nicht alltags, aber doch sonntags, wenn sie beim alten
Osten zu Tische war, demselben, von dem Sie jetzt herkommen. Kthe, Kthe
Sellenthin... sie war damals wie 'ne Bachstelze, und wir nannten sie so, und war
der reizendste Backfisch, den Sie sich denken knnen. Ich seh noch ihren
Haardutt, den wir immer den Wocken nannten. Und den soll Riencker nun
abspinnen. Nun warum nicht? Es wird ihm so schwer nicht werden.
    Am Ende doch schwerer, als mancher denkt, antwortete Wedell. Und so gewi
er der Aufbesserung seiner Finanzen bedarf, so bin ich doch nicht sicher, da er
sich fr die blonde Speziallandsmnnin ohne weiteres entscheiden wird. Riencker
ist nmlich seit einiger Zeit in einen andren Farbenton, und zwar ins
Aschfarbene, gefallen, und wenn es wahr ist, was mir Balafr neulich sagte, so
hat er sich's ganz ernsthaft berlegt, ob er nicht seine Weizeug-Dame zur
Weien Dame erheben soll. Schlo Avenel oder Schlo Zehden macht ihm keinen
Unterschied, Schlo ist Schlo, und Sie wissen, Riencker, der berhaupt in
manchem seinen eignen Weg geht, war immer frs Natrliche.
    Ja, lachte Pitt. Das war er. Aber Balafr schneidet auf und erfindet sich
interessante Geschichten. Sie sind nchtern, Wedell, und werden doch solch
erfundenes Zeug nicht glauben wollen.
    Nein, Erfundenes nicht, sagte Wedell. Aber ich glaube, was ich wei.
Riencker, trotz seiner sechs Fu, oder vielleicht auch gerade deshalb, ist
schwach und bestimmbar und von einer seltenen Weichheit und Herzensgte.
    Das ist er. Aber die Verhltnisse werden ihn zwingen, und er wird sich
lsen und frei machen, schlimmstenfalls wie der Fuchs aus dem Eisen. Es tut weh,
und ein Stckchen Leben bleibt dran hngen. Aber das Hauptstck ist doch wieder
heraus, wieder frei. Vive Kthe. Und Riencker! Wie sagt das Sprichwort: Mit dem
Klugen ist Gott.

                                Neuntes Kapitel


Botho schrieb denselben Abend noch an Lene, da er am andern Tage kommen wrde,
vielleicht schon frher als gewhnlich. Und er hielt Wort und war eine Stunde
vor Sonnenuntergang da. Natrlich fand er auch Frau Drr. Es war eine prchtige
Luft, nicht zu warm, und nachdem man noch eine Weile geplaudert hatte, sagte
Botho: Wir knnten vielleicht in den Garten gehen.
    Ja, in den Garten. Oder sonst wohin?
    Wie meinst du?
    Lene lachte. Sei nicht wieder in Sorge, Botho. Niemand ist in den
Hinterhalt gelegt, und die Dame mit dem Schimmelgespann und der Blumengirlande
wird dir nicht in den Weg treten.
    Also wohin, Lene?
    Blo ins Feld, ins Grne, wo du nichts haben wirst als Gnseblmchen und
mich. Und vielleicht auch Frau Drr, wenn sie die Gte haben will, uns zu
begleiten.
    Ob sie will, sagte Frau Drr. Gewi will sie. Groe Ehre. Aber man mu
sich doch erst ein bichen zurechtmachen. Ich bin gleich wieder da.
    Nicht ntig, Frau Drr, wir holen Sie ab.

Und so geschah es, und als das junge Paar eine Viertelstunde spter auf den
Garten zuschritt, stand Frau Drr schon an der Tr, einen Umhang berm Arm und
einen prachtvollen Hut auf dem Kopf, ein Geschenk Drrs, der, wie alle
Geizhlse, mitunter etwas lcherlich Teures kaufte.
    Botho sagte der so Herausgeputzten etwas Schmeichelhaftes, und gleich danach
gingen alle drei den Gang hinunter und traten durch ein verstecktes
Seitenpfrtchen auf einen Feldweg hinaus, der hier, wenigstens zunchst noch und
eh er weiter abwrts in das freie Wiesengrn einbog, an dem an seiner Auenseite
hoch in Nesseln stehenden Gartenzaun hinlief.
    Hier bleiben wir, sagte Lene. Das ist der hbscheste Weg und der
einsamste. Da kommt niemand.
    Und wirklich, es war der einsamste Weg, um vieles stiller und menschenleerer
als drei, vier andere, die parallel mit ihm ber die Wiese hin auf Wilmersdorf
zu fhrten und zum Teil ein eigentmliches Vorstadtsleben zeigten. An dem einen
dieser Wege befanden sich allerlei Schuppen, zwischen denen reckartige, wie fr
Turner bestimmte Gerste standen und Bothos Neugier weckten, aber eh er noch
erkunden konnte, was es denn eigentlich sei, gab ihm das Tun drben auch schon
Antwort auf seine Frage: Decken und Teppiche wurden ber die Gerste hin
ausgebreitet, und gleich danach begann ein Klopfen und Schlagen mit groen
Rohrstcken, so da der Weg drben alsbald in einer Staubwolke lag.
    Botho wies darauf hin und wollte sich eben mit Frau Drr in ein Gesprch
ber den Wert oder Unwert der Teppiche vertiefen, die, bei Lichte besehen, doch
blo Staubfnger seien, und wenn einer nicht fest auf der Brust sei, so htt er
die Schwindsucht weg, er wisse nicht wie. Mitten im Satz aber brach er ab, weil
der von ihm eingeschlagene Weg in eben diesem Augenblick an einer Stelle
vorberfhrte, wo der Schutt einer Bildhauerwerkstatt abgeladen sein mute, denn
allerhand Stuckornamente, namentlich Engelskpfe, lagen in groer Zahl umher.
    Das ist ein Engelskopf, sagte Botho. Sehen Sie, Frau Drr. Und hier ist
sogar ein geflgelter.
    Ja, sagte Frau Drr. Und ein Pausback dazu. Aber is es denn ein Engel?
Ich denke, wenn er so klein is und Flgel hat, heit er Amor.
    Amor oder Engel, sagte Botho, das ist immer dasselbe. Fragen Sie nur
Lene, die wird es besttigen. Nicht wahr, Lene?
    Lene tat empfindlich, aber er nahm ihre Hand, und alles war wieder gut.
    Unmittelbar hinter dem Schutthaufen bog der Pfad nach links hin ab und
mndete gleich danach in einen etwas greren Feldweg ein, dessen Pappelweiden
eben blhten und ihre flockenartigen Ktzchen ber die Wiese hin ausstreuten,
auf der sie nun wie gezupfte Watte dalagen.
    Sieh, Lene, sagte Frau Drr, weit du denn, da sie jetzt Betten damit
stopfen, ganz wie mit Federn? Und sie nennen es Waldwolle.
    Ja, ich wei, Frau Drr. Und ich freue mich immer, wenn die Leute so was
ausfinden und sich zunutze machen. Aber fr Sie wr es nichts.
    Nein, Lene, fr mich wr es nich. Da hast du recht. Ich bin so mehr frs
Feste, fr Pferdehaar und Sprungfedern, und wenn es denn so wuppt...
    O ja, sagte Lene, der diese Beschreibung etwas ngstlich zu werden anfing.
Ich frchte blo, da wir Regen kriegen. Hren Sie nur die Frsche, Frau Drr.
    Ja, die Poggen, besttigte diese. Nachts ist es mitunter ein Gequake, da
man nicht schlafen kann. Und woher kommt es? Weil hier alles Sumpf is und blo
so tut, als ob es Wiese wre. Sieh doch den Tmpel an, wo der Storch steht und
kuckt gerade hierher. Na, nach mir sieht er nich. Da knnt er lange sehn. Und is
auch recht gut so.
    Wir mssen am Ende doch wohl umkehren, sagte Lene verlegen, und eigentlich
nur, um etwas zu sagen.
    I bewahre, lachte Frau Drr. Nun erst recht nich, Lene: du wirst dich
doch nich graulen und noch dazu vor so was. Adebar, du guter, bring mir... Oder
soll ich lieber singen: Adebar, du bester?
    So ging es noch eine Weile weiter, denn Frau Drr brauchte Zeit, um von
einem solchen Lieblingsthema wieder loszukommen.
    Endlich aber war doch eine Pause da, whrend welcher man in langsamem Tempo
weiterschritt, bis man zuletzt an einen Hhenrcken kam, der sich hier
plateauartig von der Spree nach der Havel hinberzieht. An eben dieser Stelle
hrten auch die Wiesen auf, und Korn- und Rapsfelder fingen an, die sich bis an
die vorderste Huserreihe von Wilmersdorf zogen.
    Nun blo da noch rauf, sagte Frau Drr, und dann setzen wir uns und
pflcken Butterblumen und flechten uns einen Stengelkranz. Jott, das macht immer
soviel Spa, wenn man den einen Stengel in den andern piekt, bis der Kranz
fertig is oder die Kette.
    Wohl, wohl, sagte Lene, der es heute beschieden war, aus kleinen
Verlegenheiten gar nicht herauszukommen. Wohl, wohl. Aber nun kommen Sie, Frau
Drr; hier geht der Weg.
    Und so sprechend, stiegen sie den niedrigen Abhang hinauf und setzten sich,
oben angekommen, auf einen hier seit letztem Herbst schon aus Peden und Nesseln
zusammengekarrten Unkrauthaufen. Dieser Pedenhaufen war ein prchtiger
Ruheplatz, zugleich auch ein Aussichtspunkt, von dem aus man ber einen von
Werft und Weiden eingefaten Graben hin nicht nur die nrdliche Huserreihe von
Wilmersdorf berblicken, sondern auch von einer benachbarten Kegelbahntabagie
her das Fallen der Kegel und vor allem das Zurckrollen der Kugel auf zwei
klapprigen Latten in aller Deutlichkeit hren konnte. Lene vergngte sich ber
die Maen darber, nahm Bothos Hand und sagte: Sieh, Botho, ich wei so gut
Bescheid damit (denn als Kind wohnten wir auch neben einer solchen Tabagie), da
ich, wenn ich die Kugel blo aufsetzen hre, gleich wei, wieviel sie machen
wird.
    Nun, sagte Botho, da knnen wir ja wetten.
    Und um was?
    Das findet sich.
    Gut. Aber ich brauch es nur dreimal zu treffen, und wenn ich schweige, so
zhlt es nicht.
    Bin es zufrieden.
    Und nun horchten alle drei hinber, und die mit jedem Moment erregter
werdende Frau Drr verschwor sich hoch und teuer, ihr puppre das Herz und ihr
sei geradeso, wie wenn sie vor einem Theatervorhang sitze. Lene, Lene, du hast
dir zuviel zugetraut, Kind, das is ja gar nich mglich.
    So wr es wohl noch weitergegangen, wenn man nicht in eben diesem
Augenblicke gehrt htte, da eine Kugel aufgesetzt und nach einmaligem dumpfen
Anschlag an die Seitenbande wieder still wurde. Sandhase, rief Lene. Und
richtig, so war es.
    Das war leicht, sagte Botho. Zu leicht. Das htt ich auch geraten. Sehen
wir also, was kommt.
    Und siehe da, zwei weitere Wrfe folgten, ohne da Lene gesprochen oder sich
auch nur gerhrt htte. Nur Frau Drrs Augen traten immer mehr aus dem Kopf.
Jetzt aber, und Lene hob sich sofort von ihrem Platz, kam eine kleine, feste
Kugel, und in einem eigentmlichen Mischton von Elastizitt und Hrte hrte man
sie vibrierend ber das Brett hintanzen. Alle neun, rief Lene. Und im Nu gab
es drben ein Fallen, und der Kegeljunge besttigte nur, was kaum noch der
Besttigung bedurfte.
    Du sollst gewonnen haben, Lene. Wir essen heute noch ein Vielliebchen, und
dann geht alles in einem. Nicht wahr, Frau Drr?
    Versteht sich, zwinkerte diese, alles in einem. Und dabei band sie den
Hut ab und beschrieb Kreise damit, wie wenn es ihr Markthut gewesen wre.
    Mittlerweile sank die Sonne hinter den Wilmersdorfer Kirchturm, und Lene
schlug vor, aufzubrechen und den Rckweg anzutreten, es werde so frstlich;
unterwegs aber wollte man spielen und sich greifen; sie sei sicher, Botho werde
sie nicht fangen.
    Ei, da wollen wir doch sehn.
    Und nun begann ein Jagen und Haschen, bei dem Lene wirklich nicht gefangen
werden konnte, bis sie zuletzt vor Lachen und Aufregung so abgeschert war, da
sie sich hinter die stattliche Frau Drr flchtete.
    Nun hab ich meinen Baum, lachte sie, nun kriegst du mich erst recht
nicht. Und dabei hielt sie sich an Frau Drrs etwas abstehender Schojacke fest
und schob die gute Frau so geschickt nach rechts und links, da sie sich eine
Zeitlang mit Hilfe derselben deckte. Pltzlich aber war Botho neben ihr, hielt
sie fest und gab ihr einen Ku.
    Das ist gegen die Regel; wir haben nichts ausgemacht. Aber trotz solcher
Abweisung hing sie sich doch an seinen Arm und kommandierte, whrend sie die
Garde-Schnarrstimme nachahmte, Parademarsch... frei weg, und ergtzte sich an
den bewundernden und nicht enden wollenden Ausrufen, womit die gute Frau Drr
das Spiel begleitete.
    Is es zu glauben? sagte diese. Nein, es is nicht zu glauben. Un immer so
un nie anders. Un wenn ich denn an meinen denke! Nicht zu glauben, sag ich. Un
war doch auch einer. Un tat auch immer so.
    Was meint sie nur? fragte Botho leise.
    Oh, sie denkt wieder... Aber, du weit ja... Ich habe dir ja davon
erzhlt.
    Ach, das ist es. Der. Nun, er wird wohl so schlimm nicht gewesen sein.
    Wer wei. Zuletzt ist einer wie der andere.
    Meinst du?
    Nein. Und dabei schttelte sie den Kopf, und in ihrem Auge lag etwas von
Weichheit und Rhrung. Aber sie wollte diese Stimmung nicht aufkommen lassen und
sagte deshalb rasch: Singen wir, Frau Drr. Singen wir. Aber was?
    Morgenrot...
    Nein, das nicht... Morgen in das khle Grab, das ist mir zu traurig. Nein,
singen wir bers Jahr, bers Jahr oder noch lieber Denkst du daran.
    Ja, das is recht, das is schn: das is mein Leib-und Magenlied.
    Und mit gut eingebter Stimme sangen alle drei das Lieblingslied der Frau
Drr, und man war schon bis in die Nhe der Grtnerei gekommen, als es noch
immer ber das Feld hinklang Ich denke dran... ich danke dir mein Leben und
dann von der andren Wegseite her, wo die lange Reihe der Schuppen und Remisen
stand, im Echo widerhallte.
    Die Drr war berglcklich. Aber Lene und Botho waren ernst geworden.

                                Zehntes Kapitel


Es dunkelte schon, als man wieder vor der Wohnung der Frau Nimptsch war, und
Botho, der seine Heiterkeit und gute Laune rasch zurckgewonnen hatte, wollte
nur einen Augenblick noch mit hineinsehn und sich gleich danach verabschieden.
Als ihn Lene jedoch an allerlei Versprechungen und Frau Drr mit Betonung und
Augenspiel an das noch ausstehende Vielliebchen erinnerte, gab er nach und
entschlo sich, den Abend ber zu bleiben.
    Das is recht, sagte die Drr. Und ich bleibe nun auch. Das heit, wenn
ich bleiben darf und bei dem Vielliebchen nicht stre. Denn man kann doch nie
wissen. Und ich will blo noch den Hut nach Hause bringen und den Umhang. Und
denn komm ich wieder.
    Gewi mssen Sie wiederkommen, sagte Botho, whrend er ihr die Hand gab.
So jung kommen wir nicht wieder zusammen.
    Nein, nein, lachte die Drr, so jung kommen wir nich wieder zusammen. Un
is auch eigentlich ganz unmglich, un wenn wir auch morgen schon wieder
zusammenkmen. Denn ein Tag is doch immer ein Tag und macht auch schon was aus.
Und deshalb is es ganz richtig, da wir so jung nich wieder zusammenkommen. Und
mu sich jeder gefallen lassen.
    In dieser Tonart ging es noch eine Weile weiter, und die von niemandem
bestrittene Tatsache des tglichen lterwerdens gefiel ihr so, da sie dieselbe
noch einige Male wiederholte. Dann erst ging sie. Lene begleitete sie bis auf
den Flur, Botho seinerseits aber setzte sich neben Frau Nimptsch und fragte,
whrend er ihr das von der Schulter gefallene Umschlagetuch wieder umhing, ob
sie noch bse sei, da er ihr die Lene wieder auf ein paar Stunden entfhrt
habe. Aber es sei so hbsch gewesen, und oben auf dem Pedenhaufen, wo sie sich
ausgeruht und geplaudert htten, htten sie der Zeit ganz vergessen.
    Ja, die Glcklichen vergessen die Zeit, sagte die Alte. Und die Jugend is
glcklich, un is auch gut so un soll so sein. Aber wenn man alt wird, lieber
Herr Baron, da werden einen die Stunden lang un man wnscht sich die Tage fort
un das Leben auch.
    Ach, das sagen Sie so, Mutterchen. Alt oder jung, eigentlich lebt doch
jeder gern. Nicht wahr, Lene, wir leben gern?
    Lene war eben wieder vom Flur her in die Stube getreten und lief wie
getroffen von dem Wort auf ihn zu und umhalste und kte ihn und war berhaupt
von einer Leidenschaftlichkeit, die ihr sonst ganz fremd war.
    Lene, was hast du nur?
    Aber sie hatte sich schon wieder gesammelt und wehrte mit rascher
Handbewegung seine Teilnahme ab, wie wenn sie sagen wollte: Frage nicht. Und
nun ging sie, whrend Botho mit Frau Nimptsch weitersprach, auf das Kchenschapp
zu, kramte drin umher und kam gleich danach und vllig heitern Gesichts mit
einem kleinen, in blaues Zuckerpapier genhten Buche zurck, das ganz das
Aussehen hatte wie die, drin Hausfrauen ihre tglichen Ausgaben aufschreiben.
Dazu diente das Bchelchen denn auch wirklich und zugleich zu Fragen, mit denen
sich Lene, sei's aus Neugier oder gelegentlich auch aus tieferem Interesse,
beschftigte. Sie schlug es jetzt auf und wies auf die letzte Seite, drauf
Bothos Blick sofort der dick unterstrichenen berschrift begegnete: Was zu
wissen not tut.
    Alle Tausend, Lene, das klingt ja wie Trakttchen oder Lustspieltitel.
    Ist auch so was. Lies nur weiter.
    Und nun las er: Wer waren die beiden Damen auf dem Korso? Ist es die ltere
oder ist es die junge? Wer ist Pitt? Wer ist Serge? Wer ist Gaston?
    Botho lachte. Wenn ich dir das alles beantworten soll, Lene so bleib ich
bis morgen frh.
    Ein Glck, da Frau Drr bei dieser Antwort fehlte, sonst htt es eine neue
Verlegenheit gegeben. Aber die sonst so flinke Freundin, flink wenigstens, wenn
es sich um den Baron handelte, war noch nicht wieder zurck, und so sagte denn
Lene: Gut, so will ich mich handeln lassen. Und meinetwegen denn von den zwei
Damen ein andermal! Aber was bedeuten die fremden Namen? Ich habe schon neulich
danach gefragt, als du die Tte brachtest. Aber was du da sagtest, war keine
rechte Antwort, nur so halb. Ist es ein Geheimnis?
    Nein.
    Nun denn sage.
    Gern, Lene. Diese Namen sind blo Necknamen.
    Ich wei. Das sagtest du schon.
    ... Also Namen, die wir uns aus Bequemlichkeit beigelegt haben, mit und
ohne Beziehung, je nachdem.
    Und was heit Pitt?
    Pitt war ein englischer Staatsmann.
    Und ist dein Freund auch einer?
    Um Gottes willen...
    Und Serge?
    Das ist ein russischer Vorname, den ein Heiliger und viele russische
Grofrsten fhren.
    Die aber nicht Heilige zu sein brauchen, nicht wahr...? Und Gaston?
    Ist ein franzsischer Name.
    Ja, dessen entsinn ich mich. Ich habe mal als ein ganz junges Ding, und ich
war noch nicht eingesegnet, ein Stck gesehn: Der Mann mit der eisernen Maske.
Und der mit der Maske, der hie Gaston. Und ich weinte jmmerlich.
    Und lachst jetzt, wenn ich dir sage: Gaston bin ich.
    Nein, ich lache nicht. Du hast auch eine Maske.
    Botho wollte scherz- und ernsthaft das Gegenteil versichern, aber Frau Drr,
die gerade wieder eintrat, schnitt das Gesprch ab, indem sie sich
entschuldigte, da sie so lange habe warten lassen. Aber eine Bestellung sei
gekommen, und sie habe rasch noch einen Begrbniskranz flechten mssen.
    Einen groen oder einen kleinen? fragte die Nimptsch, die gern von
Begrbnissen sprach und eine Passion hatte, sich von allem dazu Gehrigen
erzhlen zu lassen.
    Nu, sagte die Drr, es war ein mittelscher; kleine Leute. Efeu mit
Azalie.
    Jott, fuhr die Nimptsch fort, alles is jetzt fr Efeu und Azalie, blo
ich nich. Efeu is ganz gut, wenn er aufs Grab kommt und alles so grn und dicht
einspinnt, da das Grab seine Ruhe hat und der drunter liegt auch. Aber Efeu in
'n Kranz, das is nich richtig. Zu meiner Zeit, da nahmen wir Immortellen, gelbe
oder halbgelbe, und wenn es ganz was Feines sein sollte, denn nahmen wir rote
oder weie und machten Krnze draus oder auch blo einen und hingen ihn ans
Kreuz, und da hing er denn den ganzen Winter, und wenn der Frhling kam, da hing
er noch. Un manche hingen noch lnger. Aber so mit Efeu oder Azalie, das is
nichts. Un warum nich? Darum nicht, weil es nich lange dauert. Un ich denke mir
immer, je lnger der Kranz oben hngt, desto lnger denkt der Mensch auch an
seinen Toten unten. Un mitunter auch 'ne Witwe, wenn sie nich zu jung is. Un das
is es, warum ich fr Immortelle bin, gelbe oder rote oder auch weie, un kann ja
jeder einen andern Kranz zuhngen, wenn er will. Das is denn so fr den Schein.
Aber der immortellige, das is der richtige.
    Mutter, sagte Lene, du sprichst wieder soviel von Grab und Kranz.
    Ja, Kind, jeder spricht, woran er denkt. Un denkt einer an Hochzeit, denn
redt er von Hochzeit, un denkt einer an Begrbnis, denn redt er von Grab. Un ich
habe nich mal angefangen, von Grab un Kranz zu reden, Frau Drr hat angefangen,
was auch ganz recht war. Un ich spreche blo immer davon, weil ich immer 'ne
Angst habe un immer denke: ja, wer wird dir mal einen bringen?
    Ach Mutter...
    Ja, Lene, du bist gut, du bist ein gutes Kind. Aber der Mensch denkt un
Gott lenkt, un heute rot un morgen tot. Un du kannst sterben so gut wie ich,
jeden Tag, den Gott werden lt, wenn ich es auch nich glaube. Un Frau Drr kann
auch sterben oder wohnt denn, wenn ich sterbe, vielleicht woanders, oder ich
wohne woanders un bin vielleicht eben erst eingezogen. Ach, meine liebe Lene,
man hat nichts sicher, gar nichts, auch nich mal einen Kranz aufs Grab.
    Doch, doch, Mutter Nimptsch, sagte Botho, den haben Sie sicher.
    Na, na, Herr Baron, wenn es man wahr is.
    Und wenn ich in Petersburg bin oder in Paris und ich hre, da meine alte
Frau Nimptsch gestorben ist, dann schick ich einen Kranz, und wenn ich in Berlin
bin oder in der Nhe, dann bring ich ihn selber.
    Der Alten Gesicht verklrte sich ordentlich vor Freude. Na, das is ein
Wort, Herr Baron. Un da hab ich doch nu meinen Kranz aufs Grab und is mir lieb,
da ich ihn habe. Denn ich kann die kahlen Grber nich leiden, die so aussehn
wie 'n Waisenhauskirchhof oder fr die Gefangenen oder noch schlimmer. Aber nu
mach einen Tee, Lene, das Wasser kocht un bullert schon, un Erdbeeren und Milch
sind auch da. Un auch saure. Jott, den armen Herrn Baron mu ja schon ganz
jmlich sein. Immer ankucken macht hungrig, soviel wei ich auch noch. Ja, Frau
Drr, man hat ja doch auch mal seine Jugend gehabt, un wenn es auch lange her
is. Aber die Menschen waren damals so wie heut.
    Frau Nimptsch, die heut ihren Redetag hatte, philosophierte noch eine Weile
weiter, whrend Lene das Abendbrot auftrug und Botho seine Neckereien mit der
guten Frau Drr fortsetzte. Das sei gut, da sie den Staatshut zu rechter Zeit
zu Bette gebracht habe, der sei fr Kroll oder frs Theater, aber nicht fr den
Wilmersdorfer Pedenhaufen. Wo sie den Hut denn eigentlich herhabe? Solchen Hut
habe keine Prinzessin. Und er habe so was Kleidsames berhaupt noch gar nicht
gesehn; er wolle nicht von sich selber reden, aber ein Prinz htte sich drin
vergaffen knnen.
    Die gute Frau hrte wohl heraus, da er sich einen Spa mache. Trotzdem
sagte sie: Ja, wenn Drr mal anfngt, denn is er so forsch und fein, da ich
mitunter gar nicht wei, wo er's herhat. Alltags is nich viel mit ihm, aber mit
eins is er wie vertauscht un gar nich mehr derselbe, un ich sage denn immer: es
is am Ende doch was mit ihm, un er kann es man blo nich so zeigen.
    So plauderte man beim Tee, bis zehn Uhr heran war. Dann brach Botho auf, und
Lene und Frau Drr begleiteten ihn durch den Vorgarten bis an die Gartentr. Als
sie hier standen, erinnerte die Drr daran, da man das Vielliebchen noch immer
vergessen habe. Botho schien aber die Mahnung berhren zu wollen und betonte
nur nochmals, wie hbsch der Nachmittag gewesen sei. Wir mssen fter so gehn,
Lene, und wenn ich wiederkomme, dann berlegen wir, wohin. Oh, ich werde schon
etwas finden, etwas Hbsches und Stilles, und recht weit und nicht so blo ber
Feld.
    Und dann nehmen wir Frau Drr wieder mit, sagte Lene, oder bitten sie
darum. Nicht wahr, Botho?
    Gewi, Lene. Frau Drr mu immer dabeisein. Ohne Frau Drr geht es nicht.
    Ach, Herr Baron, das kann ich ja gar nich annehmen, das kann ich ja gar
nich verlangen.
    Doch, liebe Frau Drr, lachte Botho. Sie knnen alles verlangen. Eine
Frau wie Sie.
    Und damit trennte man sich.

                                 Elftes Kapitel


Die Landpartie, die man nach dem Wilmersdorfer Spaziergange verabredet oder
wenigstens geplant hatte, war nun auf einige Wochen hin das Lieblingsgesprch,
und immer, wenn Botho kam, berlegte man, wohin? Alle mglichen Pltze wurden
erwogen: Erkner und Kranichberge, Schwilow und Baumgartenbrck, aber alle waren
immer noch zu besucht, und so kam es, da Botho schlielich Hankels Ablage
nannte, von dessen Schnheit und Einsamkeit er wahre Wunderdinge gehrt habe,
Lene war einverstanden. Ihr lag nur daran, mal hinauszukommen und in Gottes
freier Natur, mglichst fern von dem grostdtischen Getreibe, mit dem geliebten
Manne zusammen zu sein. Wo, war gleichgiltig.
    Der nchste Freitag wurde zu der Partie bestimmt. Abgemacht. Und nun
fuhren sie mit dem Grlitzer Nachmittagszuge nach Hankels Ablage hinaus, wo sie
Nachtquartier nehmen und den andern Tag in aller Stille zubringen wollten.
    Der Zug hatte nur wenige Wagen, aber auch diese waren schwach besetzt, und
so kam es, da sich Botho und Lene allein befanden. In dem Kupee nebenan wurde
lebhaft gesprochen, zugleich deutlich genug, um herauszuhren, da es
Weiterreisende waren, keine Mitpassagiere fr Hankels Ablage.
    Lene war glcklich, reichte Botho die Hand und sah schweigend in die Wald-
und Heidelandschaft hinaus. Endlich sagte sie: Was wird aber Frau Drr sagen,
da wir sie zu Hause gelassen?
    Sie darf es gar nicht erfahren.
    Mutter wird es ihr ausplaudern.
    Ja, dann steht es schlimm, und doch lie sich's nicht anders tun. Sieh, auf
der Wiese neulich, da ging es, da waren wir mutterwindallein. Aber wenn wir in
Hankels Ablage auch noch soviel Einsamkeit finden, so finden wir doch immer noch
einen Wirt und eine Wirtin und vielleicht sogar einen Berliner Kellner. Und
solch Kellner, der immer so still vor sich hin lacht oder wenigstens in sich
hinein, den kann ich nicht aushalten, der verdirbt mir die Freude. Frau Drr,
wenn sie neben deiner Mutter sitzt oder den alten Drr erzieht, ist unbezahlbar,
aber nicht unter Menschen. Unter Menschen ist sie blo komische Figur und eine
Verlegenheit.

Gegen fnf hielt der Zug an einem Waldrande... Wirklich, niemand auer Botho und
Lene stieg aus, und beide schlenderten jetzt behaglich und unter hufigem
Verweilen auf ein Gasthaus zu, das, in etwa zehn Minuten Entfernung von dem
kleinen Stationsgebude, hart an der Spree seinen Platz hatte. Dies
Etablissement, wie sich's auf einem schiefstehenden Wegweiser nannte, war
ursprnglich ein bloes Fischerhaus gewesen, das sich erst sehr allmhlich und
mehr durch An- als Umbau in ein Gasthaus verwandelt hatte, der Blick ber den
Strom aber hielt fr alles, was sonst vielleicht fehlen mochte, schadlos und
lie das glnzende Renommee, dessen sich diese Stelle bei allen Eingeweihten
erfreute, keinen Augenblick als bertrieben erscheinen. Auch Lene fhlte sich
sofort angeheimelt und nahm in einer verandaartig vorgebauten Holzhalle Platz,
deren eine Hlfte von dem Gezweig einer alten, zwischen Haus und Ufer stehenden
Ulme verdeckt wurde.
    Hier bleiben wir, sagte sie. Sieh doch nur die Khne, zwei, drei... und
dort weiter hinauf kommt eine ganze Flotte. Ja, das war ein glcklicher Gedanke,
der uns hierher fhrte. Sieh doch nur, wie sie drben auf dem Kahne hin und her
laufen und sich gegen die Ruder stemmen. Und dabei alles so still. Oh, mein
einziger Botho, wie schn das ist und wie gut ich dir bin.
    Botho freute sich, Lene so glcklich zu sehen. Etwas Entschlossenes und
beinah Herbes, das sonst in ihrem Charakter lag, war wie von ihr genommen und
einer ihr sonst fremden Gefhlsweichheit gewichen, und dieser Wechsel schien ihr
selber unendlich wohlzutun.
    Nach einer Weile kam der sein Etablissement schon von Vater und Grovater
her innehabende Wirt, um nach den Befehlen der Herrschaften zu fragen, vor allem
auch, ob sie zu Nacht bleiben wrden, und bat, als diese Frage bejaht worden
war, ber ihr Zimmer Beschlu fassen zu wollen. Es stnden ihnen mehrere zur
Verfgung, unter denen die Giebelstube wohl die beste sein wrde. Sie sei zwar
niedrig, aber sonst gro und gerumig und htte den Blick ber die Spree bis an
die Mggelberge.
    Der Wirt ging nun, als sein Vorschlag angenommen war, um die ntigen
Vorbereitungen zu treffen, und Botho und Lene waren nicht nur wieder allein
miteinander, sondern genossen auch das Glck dieses Alleinseins in vollen Zgen.
Auf einem der herabhngenden Ulmenzweige wiegte sich ein in einem niedrigen
Nachbargebsche nistender Fink, Schwalben fuhren hin und her, und zuletzt kam
eine schwarze Henne mit einem langen Gefolge von Entenkken an der Veranda
vorber und stolzierte gravittisch auf einen weit in den Flu hineingebauten
Wassersteg zu. Mitten auf diesem Steg aber blieb die Henne stehn, whrend sich
die Kken ins Wasser strzten und fortschwammen.
    Lene sah eifrig dem allen zu. Sieh nur, Botho, wie der Strom durch die
Pfhle schiet. Aber eigentlich war es weder der Steg noch die durchschieende
Flut, was sie fesselte, sondern die zwei Boote, die vorn angekettet lagen. Sie
liebugelte damit und erging sich in kleinen Fragen und Anspielungen, und erst
als Botho taub blieb und durchaus nichts davon verstehen wollte, rckte sie
klarer mit der Sprache heraus und sagte rundweg, da sie gern Wasser fahren
mchte.
    Weiber sind doch unverbesserlich. Unverbesserlich in ihrem Leichtsinn. Denk
an den zweiten Ostertag. Um ein Haar...
    ... wr ich ertrunken. Gewi. Aber das war nur das eine. Nebenher lief die
Bekanntschaft mit einem stattlichen Herrn, dessen du dich vielleicht entsinnst.
Er hie Botho... Du wirst doch, denk ich, den zweiten Ostertag nicht als einen
Unglckstag ansehen wollen? Da bin ich artiger und galanter.
    Nun, nun... Aber kannst du denn auch rudern, Lene?
    Freilich kann ich. Und kann auch sogar steuern und ein Segel stellen. Weil
ich beinah ertrunken wre, denkst du gering von mir und meiner Kunst. Aber der
Junge war schuld, und ertrinken kann am Ende jeder.
    Und dabei ging sie von der Veranda her den Steg entlang auf die zwei Boote
zu, deren Segel eingerefft waren, whrend ihre Wimpel, mit eingesticktem Namen,
oben an der Mastspitze flatterten.
    Welches nehmen wir, sagte Botho, die Forelle oder die Hoffnung?
    Natrlich die Forelle. Was sollen wir mit der Hoffnung?
    Botho hrte wohl heraus, da dies von Lene mit Absicht und um zu sticheln
gesagt wurde, denn so fein sie fhlte, so verleugnete sie doch nie das an
kleinen Spitzen Gefallen findende Berliner Kind. Er verzieh ihr aber dies
Spitzige, schwieg und war ihr beim Einsteigen behilflich. Dann sprang er nach.
Als er gleich darauf das Boot losketteln wollte, kam der Wirt und brachte
Jackett und Plaid, weil es bei Sonnenuntergang kalt wrde. Beide dankten, und in
Krze waren sie mitten auf dem Strom, der hier, durch Inseln und Landzungen
eingeengt, keine dreihundert Schritte breit sein mochte. Lene tat nur dann und
wann einen Schlag mit dem Ruder, aber auch diese wenigen Schlge reichten schon
aus, sie nach einer kleinen Weile bis an eine hoch in Gras stehende, zugleich
als Schiffswerft dienende Wiese zu fhren, auf der, in einiger Entfernung von
ihnen, ein Spreekahn gebaut und alte, leckgewordene Khne kalfatert und geteert
wurden.
    Dahin mssen wir, jubelte Lene, whrend sie Botho mit sich fortzog. Aber
ehe beide bis an die Schiffsbaustelle heran waren, hrte das Hmmern der
Zimmermannsaxt auf, und das beginnende Luten der Glocke verkndete, da
Feierabend sei. So bogen sie denn hundert Schritt von der Werft in einen Pfad
ein, der, schrg ber die Wiese hin, auf einen Kiefernwald zufhrte. Die roten
Stmme desselben glhten prchtig im Widerschein der schon tief stehenden Sonne,
whrend ber den Kronen ein blulicher Nebel lag.
    Ich mchte dir einen recht schnen Strau pflcken, sagte Botho, whrend
er Lene bei der Hand nahm. Aber sieh nur, die reine Wiese, nichts als Gras und
keine Blume. Nicht eine.
    Doch. Die Hlle und Flle. Du siehst nur keine, weil du zu anspruchsvoll
bist.
    Und wenn ich es wre, so wr ich es blo fr dich.
    Oh, keine Ausflchte. Du wirst sehen, ich finde welche.
    Und sich niederbckend, suchte sie nach rechts und links hin und sagte:
Sieh nur, hier... und da... und hier wieder. Es stehen hier mehr als in Drrs
Garten; man mu nur ein Auge dafr haben. Und so pflckte sie behend und emsig,
zugleich allerlei Unkraut und Grashalme mit ausreiend, bis sie, nach ganz
kurzer Zeit, eine Menge Brauchbares und Unbrauchbares in Hnden hatte.
    Whrenddem waren sie bis an eine seit Jahr und Tag leerstehende Fischerhtte
gekommen, vor der, auf einem mit Kienpfeln berstreuten Sandstreifen (denn der
Wald stieg unmittelbar dahinter an), ein umgestlpter Kahn lag.
    Der kommt uns zupa߫, sagte Botho, hier wollen wir uns setzen. Du mut ja
mde sein. Und nun la sehen, was du gepflckt hast. Ich glaube, du weit es
selber nicht, und ich werde mich auf den Botaniker hin ausspielen mssen. Gib
her. Das ist Ranunkel, und das ist Museohr, und manche nennen es auch falsches
Vergimeinnicht. Hrst du, falsches. Und hier das mit dem gezackten Blatt, das
ist Taraxacum, unsere gute alte Butterblume, woraus die Franzosen Salat machen.
Nun meinetwegen. Aber Salat und Bouquet ist ein Unterschied.
    Gib nur wieder her, lachte Lene. Du hast kein Auge fr diese Dinge, weil
du keine Liebe dafr hast, und Auge und Liebe gehren immer zusammen. Erst hast
du der Wiese die Blumen abgesprochen, und jetzt, wo sie da sind, willst du sie
nicht als richtige Blumen gelten lassen. Es sind aber Blumen und noch dazu sehr
gute. Was gilt die Wette, da ich dir etwas Hbsches zusammenstelle.
    Nun da bin ich doch neugierig, was du whlen wirst.
    Nur solche, denen du selber zustimmst. Und nun la uns anfangen. Hier ist
Vergimeinnicht, aber kein Museohr-Vergimeinnicht, will sagen kein falsches,
sondern ein echtes. Zugestanden?
    Ja.
    Und das hier ist Ehrenpreis, eine feine kleine Blume. Die wirst du doch
auch wohl gelten lassen? Da frag ich gar nicht erst. Und diese groe rotbraune,
das ist Teufelsabbi und eigens fr dich gewachsen. Ja, lache nur. Und das
hier, und sie bckte sich nach ein paar gelben Blumenkpfchen, die gerade vor
ihr auf der Sandstelle blhten, das sind Immortellen.
    Immortellen, sagte Botho. Die sind ja die Passion der alten Frau
Nimptsch. Natrlich, die nehmen wir, die drfen nicht fehlen. Und nun binde nur
das Struchen zusammen.
    Gut. Aber womit? Wir wollen es lassen, bis wir eine Binse finden.
    Nein, so lange will ich nicht warten. Und ein Binsenhalm ist mir auch nicht
gut genug, ist zu dick und zu grob. Ich will was Feines. Weit du, Lene, du hast
so schnes langes Haar; rei eins aus und flicht den Strau damit zusammen.
    Nein, sagte sie bestimmt.
    Nein? warum nicht? warum nein?
    Weil das Sprchwort sagt: Haar bindet. Und wenn ich es um den Strau binde,
so bist du mitgebunden.
    Ach, das ist Aberglauben. Das sagt Frau Drr.
    Nein, die alte Frau sagt es. Und was die mir von Jugend auf gesagt hat,
auch wenn es wie Aberglauben aussah, das war immer richtig.
    Nun meinetwegen. Ich streite nicht. Aber ich will kein ander Band um den
Strau als ein Haar von dir. Und du wirst doch nicht so eigensinnig sein und
mir's abschlagen.
    Sie sah ihn an, zog ein Haar aus ihrem Scheitel und wand es um den Strau.
Dann sagte sie: Du hast es gewollt. Hier, nimm es. Nun bist du gebunden.
    Er versuchte zu lachen, aber der Ernst, mit dem sie das Gesprch gefhrt und
die letzten Worte gesprochen hatte, war doch nicht ohne Eindruck auf ihn
geblieben.
    Es wird khl, sagte er nach einer Weile. Der Wirt hatte recht, dir
Jackett und Plaid nachzubringen. Komm, la uns aufbrechen.
    Und so gingen sie wieder auf die Stelle zu, wo das Boot lag, und eilten
sich, ber den Flu zu kommen.
    Jetzt erst, im Rckfahren, sahen sie, wie malerisch das Gasthaus dalag, dem
sie mit jedem Ruderschlage nher kamen. Eine hohe groteske Mtze, so sa das
Schilfdach auf dem niedrigen Fachwerkbau, dessen vier kleine Frontfenster sich
eben zu erhellen begannen. Und im selben Augenblicke wurden auch ein paar
Windlichter in die Veranda getragen, und durch das Gezweige der alten Ulme, das
im Dunkel einem phantastischen Gitterwerke glich, blitzten allerlei
Lichtstreifen ber den Strom hin.
    Keiner sprach. Jeder aber hing seinem Glck und der Frage nach, wie lange
das Glck noch dauern werde.

                                Zwlftes Kapitel


Es dunkelte schon, als sie landeten.
    La uns diesen Tisch nehmen, sagte Botho, whrend sie wieder unter die
Veranda traten: Hier trifft dich kein Wind, und ich bestelle dir einen Grog
oder Glhwein, nicht wahr? Ich sehe ja, du hast es kalt.
    Er schlug ihr noch allerlei andres vor, aber Lene bat, auf ihr Zimmer gehn
zu drfen, wenn er dann komme, sei sie wieder munter. Sie sei nur angegriffen
und brauche nichts, und wenn sie nur Ruhe habe, so werd es vorbergehen.
    Damit verabschiedete sie sich und stieg in die mittlerweile hergerichtete
Giebelstube hinauf, begleitet von der in durchaus irrigen Vermutungen befangenen
Wirtin, die sofort neugierig fragte, was es denn eigentlich sei, und, einer
Antwort unbedrftig, im selben Augenblicke fortfuhr: ja, das sei so bei jungen
Frauen, das wisse sie von sich selber, und eh ihr ltester geboren wurde (jetzt
habe sie schon vier und eigentlich fnf, aber der mittelste sei zu frh gekommen
und gleich tot), da htte sie's auch gehabt. Es flg einen so an und sei dann
wie zum Sterben. Aber eine Tasse Melissentee, das heit Klostermelisse, da fiele
es gleich wieder ab und man sei mit eins wieder wie 'n Fisch im Wasser und
ordentlich aufgekratzt und fidel und ganz zrtlich. Ja, ja, gnd'ge Frau, wenn
erst so vier um einen rumstehn, ohne da ich den kleinen Engel mitrechne...
    Lene bezwang nur mit Mh ihre Verlegenheit und bat, um wenigstens etwas zu
sagen, um etwas Melissentee, Klostermelisse, wovon sie auch schon gehrt habe.

Whrend oben in der Giebelstube dies Gesprch gefhrt wurde, hatte Botho Platz
genommen, aber nicht innerhalb der windgeschtzten Veranda, sondern an einem
urwchsigen Brettertisch, der, in Front derselben, auf vier Pfhlen aufgenagelt
war und einen freien Blick hatte. Hier wollt er sein Abendbrot einnehmen. Er
bestellte sich denn auch ein Fischgericht, und als der Schlei mit Dill, wofr
das Wirtshaus von alter Zeit her ein Renommee hatte, aufgetragen wurde, kam der
Wirt, um zu fragen, welchen Wein der Herr Baron, er gab ihm diesen Titel auf gut
Glck hin, befhle.
    Nun ich denke, sagte Botho, zu dem delikaten Schlei pat am besten ein
Brauneberger oder sagen wir lieber ein Rdesheimer, und zum Zeichen, da er gut
ist, mssen Sie sich zu mir setzen und bei Ihrem eigenen Weine mein Gast sein.
    Der Wirt verbeugte sich unter Lcheln und kam bald danach mit einer
angestaubten Flasche zurck, whrend die Magd, eine hbsche Wendin in Friesrock
und schwarzem Kopftuch, auf einem Tablett die Glser brachte.
    Nun lassen Sie sehn, sagte Botho. Die Flasche verspricht alles mgliche
Gute. Zuviel Staub und Spinnweb ist allemal verdchtig, aber dieser hier... Ah,
superbe. Das ist siebziger, nicht wahr? Und nun lassen Sie uns anstoen, ja auf
was? Auf das Wohl von Hankels Ablage.
    Der Wirt war augenscheinlich entzckt, und Botho, der wohl sah, welchen
guten Eindruck er machte, fuhr deshalb in dem ihm eigenen leichten und
leutseligen Tone fort: Ich find es reizend hier, und nur eins lt sich gegen
Hankels Ablage sagen: der Name.
    Ja, besttigte der Wirt, der Name, der lt viel zu wnschen brig und
ist eigentlich ein Malheur fr uns. Und doch hat es seine Richtigkeit damit,
Hankels Ablage war nmlich wirklich eine Ablage, und so heit es denn auch so.
    Gut. Aber das bringt uns nicht weiter. Warum hie es Ablage? Was ist
Ablage?
    Nun wir knnten auch sagen: Aus- und Einladestelle. Das ganze Stck Land
hierherum (und er wies nach rckwrts) war nmlich immer ein groes Dominium
und hie unter dem Alten Fritzen und auch frher schon unter dem Soldatenknige
die Herrschaft Wusterhausen. Und es gehrten wohl an die dreiig Drfer dazu,
samt Forst und Heide. Nun sehen Sie, die dreiig Drfer, die schafften natrlich
was und brauchten was, oder was dasselbe sagen will, sie hatten Ausfuhr und
Einfuhr, und fr beides brauchten sie von Anfang an einen Hafen- oder
Stapelplatz, und konnte nur noch zweifelhaft sein, welche Stelle man dafr
whlen wrde. Da whlten sie diese hier, diese Bucht wurde Hafen, Stapelplatz,
Ablage fr alles, was kam und ging, und weil der Fischer, der damals hier
wohnte, beilufig mein Ahnherr, Hankel hie, so hatten wir eine Hankels Ablage.
    Schade, sagte Botho, da man's nicht jedem so rund und nett erklren
kann, und der Wirt, der sich hierdurch ermutigt fhlen mochte, wollte
fortfahren. Eh er aber beginnen konnte, hrte man einen Vogelschrei hoch oben in
den Lften, und als Botho neugierig hinaufsah, sah er, da zwei mchtige Vgel,
kaum noch erkennbar, im Halbdunkel ber der Wasserflche hinschwebten.
    Waren das wilde Gnse?
    Nein, Reiher. Die ganze Forst hierherum ist Reiher-Forst. berhaupt ein
rechter Jagdgrund, Schwarzwild und Damwild in Massen, und in dem Schilf und Rohr
hier Enten, Schnepfen und Bekassinen.
    Entzckend, sagte Botho, in dem sich der Jger regte. Wissen Sie, da ich
Sie beneide. Was tut schlielich der Name? Enten, Schnepfen, Bekassinen. Es
berkommt einen eine Lust, da man's auch so gut haben mchte. Nur einsam mu es
hier sein, zu einsam.
    Der Wirt lchelte vor sich hin, und Botho, dem es nicht entging, wurde
neugierig und sagte: Sie lcheln. Aber ist es nicht so? Seit einer halben
Stunde hr ich nichts als das Wasser, das unter dem Steg hingluckst, und in
diesem Augenblick oben den Reiherschrei. Das nenn ich einsam, so hbsch es ist.
Und dann und wann ziehn ein paar groe Spreekhne vorber, aber alle sind
einander gleich oder sehen sich wenigstens hnlich. Und eigentlich ist jeder wie
ein Gespensterschiff. Eine wahre Totenstille.
    Gewi߫, sagte der Wirt. Aber doch alles nur, solang es dauert.
    Wie das?
    Ja, wiederholte der Gefragte, solang es dauert. Sie sprechen von
Einsamkeit, Herr Baron, und tagelang ist es auch wirklich einsam hier. Und es
knnen auch Wochen werden. Aber kaum, da das Eis bricht und das Frhjahr kommt,
so kommt auch schon Besuch, und der Berliner ist da.
    Wann kommt er?
    Unglaublich frh. Oculi, da kommen sie. Sehen Sie, Herr Baron, wenn ich,
der ich doch ausgewettert bin, immer noch drin in der Stube bleibe, weil der
Ostwind pustet und die Mrzensonne sticht, setzt sich der Berliner schon ins
Freie, legt seinen Sommerberzieher ber den Stuhl und bestellt eine Weie. Denn
sowie nur die Sonne scheint, spricht der Berliner von schnem Wetter. Ob in
jedem Windzug eine Lungenentzndung oder Diphtheritis sitzt, ist ihm egal. Er
spielt dann am liebsten mit Reifen, einige sind auch fr Boccia, und wenn sie
dann abfahren, ganz gedunsen von der Prallsonne, dann tut mir mitunter das Herz
weh, denn keiner ist darunter, dem nicht wenigstens am andern Tage die Haut
abschlbert.
    Botho lachte. Ja, die Berliner! Wobei mir brigens einfllt, Ihre Spree
hierherum mu ja auch die Gegend sein, wo die Ruderer und Segler zusammenkommen
und ihre Regatten haben.
    Gewi߫, sagte der Wirt. Aber das will nicht viel sagen. Wenn's viele sind,
dann sind es fnfzig oder vielleicht auch mal hundert. Und dann ruht es wieder
und ist auf Wochen und Monate hin mit dem ganzen Wassersport vorbei. Nein, die
Clubleute, das ist vergleichsweise bequem, das ist zum Aushalten. Aber wenn dann
im Juni die Dampfschiffe kommen, dann ist es schlimm. Und dann bleibt es so den
ganzen Sommer ber oder doch eine lange, lange Weile.
    Glaub's, sagte Botho.
    ... Dann trifft jeden Abend ein Telegramm ein. Morgen frh neun Uhr Ankunft
auf Spreedampfer Alsen. Tagespartie. 240 Personen. Und dann folgen die Namen
derer, die's arrangiert haben. Einmal geht das. Aber die Lnge hat die Qual.
Denn wie verluft eine solche Partie? Bis Dunkelwerden sind sie drauen in Wald
und Wiese, dann aber kommt das Abendbrot, und dann tanzen sie bis um elf. Nun
werden Sie sagen, das ist nichts Groes, und wr auch nichts Groes, wenn der
andre Tag ein Ruhetag wr. Aber der zweite Tag ist wie der erste, und der dritte
ist wie der zweite. Jeden Abend um elf dampft ein Dampfer mit 240 Personen ab,
und jeden Morgen um neun ist ein Dampfer mit ebensoviel Personen wieder da. Und
inzwischen mu doch aufgerumt und alles wieder klargemacht werden. Und so
vergeht die Nacht mit Lften, Putzen und Scheuern, und wenn die letzte Klinke
wieder blank ist, ist auch das nchste Schiff schon wieder heran. Natrlich hat
alles auch sein Gutes, und wenn man um Mitternacht Kasse zhlt, so wei man,
wofr man sich geqult hat. Von nichts kommt nichts, sagt das Sprchwort und hat
auch ganz recht, und wenn ich all die Maibowlen auffllen sollte, die hier schon
getrunken sind, so mt ich mir ein Heidelberger Fa anschaffen. Es bringt was
ein, gewi, und ist alles schn und gut. Aber dafr, da man vorwrtskommt,
kommt man doch auch rckwrts und bezahlt mit dem Besten, was man hat, mit Leben
und Gesundheit. Denn was ist Leben ohne Schlaf?
    Wohl, ich sehe schon, sagte Botho, kein Glck ist vollkommen. Aber dann
kommt der Winter, und dann schlafen Sie wie sieben Dchse.
    Ja, wenn nicht gerade Silvester oder Dreiknigstag oder Fastnacht ist. Und
die sind fter, als der Kalender angibt. Da sollten Sie das Leben hier sehen,
wenn sie, von zehn Drfern her, zu Schlitten oder Schlittschuh, in dem groen
Saal, den ich angebaut habe, zusammenkommen. Dann sieht man kein grostdtisch
Gesicht mehr, und die Berliner lassen einen in Ruh, aber der Groknecht und die
Jungemagd, die haben dann ihren Tag. Da sieht man Otterfellmtzen und
Manchesterjacken mit silbernen Buckelknpfen, und allerlei Soldaten, die grad
auf Urlaub sind, sind mit dabei: Schwedter Dragoner und Frstenwalder Ulanen,
oder wohl gar Potsdamer Husaren. Und alles ist eiferschtig und streitlustig,
und man wei nicht, was ihnen lieber ist, das Tanzen oder das Krakeelen, und bei
dem kleinsten Anla stehen die Drfer gegeneinander und liefern sich ihre
Bataillen. Und so toben und lrmen sie die ganze Nacht durch, und ganze
Pfannkuchenberge verschwinden, und erst bei Morgengrauen geht es ber das
Stromeis oder den Schnee hin wieder nach Hause.
    Da seh ich freilich, lachte Botho, da sich von Einsamkeit und
Totenstille nicht gut sprechen lt. Ein Glck nur, da ich von dem allen nicht
gewut habe, sonst htt ich gar nicht den Mut gehabt und wre fortgeblieben. Und
das wre mir doch leid gewesen, einen so hbschen Fleck Erde gar nicht gesehen
zu haben... Aber Sie sagten vorhin, was ist Leben ohne Schlaf, und ich fhle,
da Sie recht haben. Ich bin mde trotz frher Stunde; das macht, glaub ich, die
Luft und das Wasser. Und dann mu ich doch auch sehn... Ihre liebe Frau hat sich
so bemht... Gute Nacht, Herr Wirt. Ich habe mich verplaudert.
    Und damit stand er auf und ging auf das stillgewordene Haus zu.

Lene, die Fe schrg auf dem herangerckten Stuhl, hatte sich aufs Bett gelegt
und eine Tasse von dem Tee getrunken, den ihr die Wirtin gebracht hatte. Die
Ruhe, die Wrme taten ihr wohl, der Anfall ging vorber, und sie htte schon
nach kurzer Zeit wieder in die Veranda hinuntergehn und an dem Gesprche, das
Botho mit dem Wirte fhrte, teilnehmen knnen. Aber ihr war nicht gesprchig zu
Sinn, und so stand sie nur auf, um sich in dem Zimmer umzusehen, fr das sie bis
dahin kein Auge gehabt hatte.
    Und wohl verlohnte sich's. Die Balkenlagen und Lehmwnde hatte man aus alter
Zeit her fortbestehen lassen, und die geweite Decke hing so tief herab, da man
sie mit dem Finger berhren konnte, was aber zu bessern gewesen war, das war
auch wirklich gebessert worden. An Stelle der kleinen Scheiben, die man im
Erdgescho noch sah, war hier oben ein groes, bis fast auf die Diele reichendes
Fenster eingesetzt worden, das ganz so, wie der Wirt es geschildert, einen
prchtigen Blick auf die gesamte Wald- und Wasserszenerie gestattete. Das groe
Spiegelfenster war aber nicht alles, was Neuzeit und Komfort hier getan hatten.
Auch ein paar gute Bilder, mutmalich auf einer Auktion erstanden, hingen an den
alten, berall Buckel und Blasen bildenden Lehmwnden umher, und just da, wo der
vorgebaute Fenstergiebel nach hinten oder, was dasselbe sagen will, nach dem
eigentlichen Zimmer zu die Dachschrgung traf, standen sich ein paar elegante
Toilettentische gegenber. Alles zeigte, da man die Fischer- und
Schifferherberge mit Geflissentlichkeit beibehalten, aber sie doch zugleich auch
in ein geflliges Gasthaus fr die reichen Sportsleute vom Segler- und Ruderclub
umgewandelt hatte.
    Lene fhlte sich angeheimelt von allem, was sie sah, und begann zunchst die
rechts und links in breiter Umrahmung ber den Bettstnden hngenden Bilder zu
betrachten. Es waren Stiche, die sie, dem Gegenstande nach, lebhaft
interessierten, und so wollte sie gerne wissen, was es mit den Unterschriften
auf sich habe. Washington crossing the Delaware stand unter dem einen, The
last hour at Trafalgar unter dem andern. Aber sie kam ber ein bloes
Silbenentziffern nicht hinaus, und das gab ihr, so klein die Sache war, einen
Stich ins Herz, weil sie sich der Kluft dabei bewut wurde, die sie von Botho
trennte. Der spttelte freilich ber Wissen und Bildung, aber sie war klug
genug, um zu fhlen, was von diesem Spotte zu halten war.
    Dicht neben der Eingangstr, ber einem Rokokotisch, auf dem rote Glser und
eine Wasserkaraffe standen, hing noch eine buntfarbige, mit einer dreisprachigen
Unterschrift versehene Lithographie: Si jeunesse savait - ein Bild, das sie
sich entsann in der Drrschen Wohnung gesehen zu haben. Drr liebte dergleichen.
Als sie's hier wiedersah, fuhr sie verstimmt zusammen. Ihre feine Sinnlichkeit
fhlte sich von dem Lsternen in dem Bilde wie von einer Verzerrung ihres
eigenen Gefhls beleidigt, und so ging sie denn, den Eindruck wieder
loszuwerden, bis an das Giebelfenster und ffnete beide Flgel, um die Nachtluft
einzulassen. Ach, wie sie das erquickte! Dabei setzte sie sich auf das
Fensterbrett, das nur zwei Handbreit ber der Diele war, schlang ihren linken
Arm um das Kreuzholz und horchte nach der nicht allzu entfernten Veranda
hinber. Aber sie vernahm nichts. Eine tiefe Stille herrschte, nur in der alten
Ulme ging ein Wehen und Rauschen, und alles, was eben noch von Verstimmung in
ihrer Seele geruht haben mochte, das schwand jetzt hin, als sie den Blick immer
eindringlicher und immer entzckter auf das vor ihr ausgebreitete Bild richtete.
Das Wasser flutete leise, der Wald und die Wiese lagen im abendlichen Dmmer,
und der Mond, der eben wieder seinen ersten Sichelstreifen zeigte, warf einen
Lichtschein ber den Strom und lie das Zittern seiner kleinen Wellen erkennen.
    Wie schn, sagte Lene hochaufatmend. Und ich bin doch glcklich, setzte
sie hinzu.
    Sie mochte sich nicht trennen von dem Bilde. Zuletzt aber erhob sie sich,
schob einen Stuhl vor den Spiegel und begann ihr schnes Haar zu lsen und
wieder einzuflechten. Als sie noch damit beschftigt war, kam Botho.
    Lene, noch auf! Ich dachte, da ich dich mit einem Kusse wecken mte.
    Dazu kommst du zu frh, so spt du kommst.
    Und sie stand auf und ging ihm entgegen. Mein einziger Botho. Wie lange du
bleibst...
    Und das Fieber? Und der Anfall?
    Ist vorber, und ich bin wieder munter, seit einer halben Stunde schon. Und
ebensolange hab ich dich erwartet. Und sie zog ihn mit sich fort an das noch
offenstehende Fenster: Sieh nur. Ein armes Menschenherz, soll ihm keine
Sehnsucht kommen bei solchem Anblick?
    Und sie schmiegte sich an ihn und blickte, whrend sie die Augen schlo, mit
einem Ausdruck hchsten Glckes zu ihm auf.

                              Dreizehntes Kapitel


Beide waren frh auf, und die Sonne kmpfte noch mit dem Morgennebel, als sie
schon die Stiege herabkamen, um unten ihr Frhstck zu nehmen. Ein leiser Wind
ging, eine Frhbrise, die die Schiffer nicht gern ungenutzt lassen, und so glitt
denn auch, als unser junges Paar eben ins Freie trat, eine ganze Flottille von
Spreekhnen an ihnen vorber.
    Lene war noch in ihrem Morgenanzuge. Sie nahm Bothos Arm und schlenderte mit
ihm am Ufer entlang an einer Stelle hin, die hoch in Schilf und Binsen stand. Er
sah sie zrtlich an. Lene, du siehst ja aus, wie ich dich noch gar nicht
gesehen habe. Ja, wie sag ich nur? Ich finde kein anderes Wort, du siehst so
glcklich aus.
    Und so war es. Ja, sie war glcklich, ganz glcklich und sah die Welt in
einem rosigen Lichte. Sie hatte den besten, den liebsten Mann am Arm und geno
eine kostbare Stunde. War das nicht genug? Und wenn diese Stunde die letzte war,
nun, so war sie die letzte. War es nicht schon ein Vorzug, einen solchen Tag
durchleben zu knnen? Und wenn auch nur einmal, ein einzig Mal.
    So schwanden ihr alle Betrachtungen von Leid und Sorge, die sonst wohl, ihr
selbst zum Trotz, ihre Seele bedrckten, und alles, was sie fhlte, war Stolz,
Freude, Dank. Aber sie sagte nichts, sie war aberglubisch und wollte das Glck
nicht bereden, und nur an einem leisen Zittern ihres Arms gewahrte Botho, wie
das Wort Ich glaube, du bist glcklich, Lene ihr das innerste Herz getroffen
hatte.
    Der Wirt kam und erkundigte sich artig, wenn auch mit einem Anfluge von
Verlegenheit, nach ihrer Nachtruhe.
    Vorzglich, sagte Botho. Der Melissentee, den Ihre liebe Frau verordnet,
hat wahre Wunder getan, und die Mondsichel, die uns gerade ins Fenster schien,
und die Nachtigallen, die leise schlugen, so leise, da man sie nur eben noch
hren konnte, ja wer wollte da nicht schlafen wie im Paradiese? Hoffentlich wird
sich kein Spreedampfer mit 240 Gsten fr heute nachmittag angemeldet haben. Das
wre dann freilich die Vertreibung aus dem Paradiese. Sie lcheln und denken Wer
wei?, und vielleicht hab ich mit meinen Worten den Teufel schon an die Wand
gemalt. Aber noch ist er nicht da, noch seh ich keinen Schlot und keine
Rauchfahne, noch ist die Spree rein, und wenn auch ganz Berlin schon unterwegs
wre, das Frhstck wenigstens knnen wir noch in Ruhe nehmen. Nicht wahr? Aber
wo?
    Die Herrschaften haben zu befehlen.
    Nun, dann denk ich unter der Ulme. Die Halle, so schn sie ist, ist doch
nur gut, wenn drauen die Sonne brennt. Und sie brennt noch nicht und hat noch
drben am Walde mit dem Nebel zu tun.
    Der Wirt ging, das Frhstck anzuordnen, das junge Paar aber setzte seinen
Spaziergang fort, bis nach einer diesseitigen Landzunge hin, von der aus sie die
roten Dcher eines Nachbardorfes und rechts daneben den spitzen Kirchturm von
Knigs Wusterhausen erkennen konnten. Am Rande der Landzunge lag ein
angetriebener Weidenstamm. Auf diesen setzten sie sich und sahen von ihm aus
zwei Fischersleuten zu, Mann und Frau, die das umstehende Rohr schnitten und die
groen Bndel in ihren Prahm warfen. Es war ein hbsches Bild, an dem sie sich
erfreuten, und als sie nach einer Weile wieder zurck waren, wurde das Frhstck
eben aufgetragen, mehr ein englisches als ein deutsches: Kaffee und Tee, samt
Eiern und Fleisch und in einem silbernen Stnder sogar Schnittchen von
gerstetem Weibrot.
    Ah, schau, Lene. Hier mssen wir fter unser Frhstck nehmen. Was meinst
du? Himmlisch. Und sieh nur da drben auf der Werft, da kalfatern sie schon
wieder, und geht ordentlich im Takt. Wahrhaftig, solch Arbeits-Taktschlag ist
doch eigentlich die schnste Musik.
    Lene nickte, war aber nur halb dabei, denn ihr Interesse galt auch heute
wieder dem Wassersteg, freilich nicht den angekettelten Booten, die gestern ihre
Passion geweckt hatten, wohl aber einer hbschen Magd, die mitten auf dem
Brettergange neben ihrem Kchen- und Kupfergeschirr kniete. Mit einer herzlichen
Arbeitslust, die sich in jeder Bewegung ihrer Arme ausdrckte, scheuerte sie die
Kannen, Kessel und Kasserollen, und immer wenn sie fertig war, lie sie das
pltschernde Wasser das blankgescheuerte Stck umsplen. Dann hob sie's in die
Hh, lie es einen Augenblick in der Sonne blitzen und tat es in einen
nebenstehenden Korb.
    Lene war wie benommen von dem Bild. Sieh nur, und sie wies auf die hbsche
Person, die sich, so schien es, in ihrer Arbeit gar nicht genugtun konnte.
    Weit du, Botho, das ist kein Zufall, da sie da kniet, sie kniet da fr
mich, und ich fhle deutlich, da es mir ein Zeichen ist und eine Fgung.
    Aber was ist dir nur, Lene? Du vernderst dich ja, du bist ja mit einem
Male ganz bla geworden.
    O nichts.
    Nichts? Und hast doch einen Flimmer im Auge, wie wenn dir das Weinen nher
wre als das Lachen. Du wirst doch schon Kupfergeschirr gesehen haben und auch
eine Kchin, die's blank scheuert. Es ist ja fast, als ob du das Mdchen
beneidetest, da sie da kniet und arbeitet wie fr drei.
    Das Erscheinen des Wirts unterbrach hier das Gesprch, und Lene gewann ihre
ruhige Haltung und bald auch ihren Frohmut wieder. Dann aber ging sie hinauf, um
sich umzukleiden.
    Als sie wiederkam, fand sie, da inzwischen ein vom Wirt aufgestelltes
Programm von Botho bedingungslos angenommen war: ein Segelboot sollte das junge
Paar nach dem nchsten Dorfe, dem reizend an der Wendischen Spree gelegenen
Nieder-Lhme, bringen, von welchem Dorf aus sie den Weg bis Knigs Wusterhausen
zu Fu machen, daselbst Park und Schlo besuchen und dann auf demselben Wege
zurckkommen wollten. Es war eine Halbtagspartie. ber den Nachmittag lie sich
dann weiter verfgen.
    Lene war es zufrieden, und schon wurden ein paar Decken in das rasch instand
gesetzte Boot getragen, als man vom Garten her Stimmen und herzliches Lachen
hrte, was auf Besuch zu deuten und eine Strung ihrer Einsamkeit in Aussicht zu
stellen schien.
    Ah, Segler und Ruderclubleute, sagte Botho. Gott sei Dank, da wir ihnen
entgehen, Lene. La uns eilen.
    Und beide brachen auf, um so rasch wie mglich ins Boot zu kommen. Aber ehe
sie noch den Wassersteg erreichen konnten, sahen sie sich bereits umstellt und
eingefangen. Es waren Kameraden, und noch dazu die intimsten: Pitt, Serge,
Balafr. Alle drei mit ihren Damen.
    Ah, les beaux esprits se rencontrent, sagte Balafr voll bermtiger
Laune, die jedoch rasch einer gesetzteren Haltung wich, als er wahrnahm, da er
von der Hausschwelle her, auf der Wirt und Wirtin standen, beobachtet wurde.
Welche glckliche Begegnung an dieser Stelle. Gestatten Sie mir, Gaston, Ihnen
unsere Damen vorstellen zu drfen: Knigin Isabeau, Frulein Johanna, Frulein
Margot.
    Botho sah, welche Parole heute galt, und sich rasch hineinfindend,
entgegnete er, nunmehr auch seinerseits vorstellend, mit leichter Handbewegung
auf Lene: Mademoiselle Agnes Sorel.
    Alle drei Herren verneigten sich artig, ja dem Anscheine nach sogar
respektvoll, whrend die beiden Tchter Thibaut d'Arcs einen beraus kurzen
Knicks machten und der um wenigstens fnfzehn Jahre lteren Knigin Isabeau eine
freundlichere Begrung der ihnen unbekannten und sichtlich unbequemen Agnes
Sorel berlieen.
    Das Ganze war eine Strung, vielleicht sogar eine geplante, je mehr dies
aber zutreffen mochte, desto mehr gebot es sich, gute Miene zum bsen Spiel zu
machen. Und dies gelang Botho vollkommen. Er stellte Fragen ber Fragen und
erfuhr bei der Gelegenheit, da man, zu frher Stunde schon, mit einem der
kleineren Spreedampfer bis Schmckwitz und von dort aus mit einem Segelboote bis
Zeuthen gefahren sei. Von Zeuthen aus habe man den Weg zu Fu gemacht, keine
zwanzig Minuten; es sei reizend gewesen: alte Bume, Wiesen und rote Dcher.
    Whrend der gesamte neue Zuzug, besonders aber die wohlarrondierte Knigin
Isabeau, die sich beinah mehr noch durch Sprechfhigkeit als durch Abrundung
auszeichnete, diese Mitteilungen machte, hatte man, zwanglos promenierend, die
Veranda erreicht, wo man an einem der langen Tische Platz nahm.
    Allerliebst, sagte Serge. Weit, frei und offen und doch so verschwiegen.
Und die Wiese drben wie geschaffen fr eine Mondscheinpromenade.
    Ja, setzte Balafr hinzu, Mondscheinpromenade. Hbsch, sehr hbsch. Aber
wir haben erst zehn Uhr frh, macht bis zur Mondscheinpromenade runde zwlf
Stunden, die doch untergebracht sein wollen. Ich proponiere Wasserkorso.
    Nein, sagte Isabeau, Wasserkorso geht nicht, davon haben wir heute schon
ber und ber gehabt. Erst Dampfschiff, dann Boot und nun wieder Boot, das ist
zuviel. Ich bin dagegen. berhaupt, ich begreife nicht, was dies ewige Ptscheln
soll; dann fehlt blo noch, da wir angeln oder die Ykleis mit der Hand greifen
und uns ber die kleinen Biester freuen. Nein, geptschelt wird heute nicht
mehr. Darum mu ich sehr bitten.
    Die Herren, an die sich diese Worte richteten, amsierten sich ersichtlich
ber die Dezidiertheit der Kniginmutter und machten sofort andre Vorschlge,
deren Schicksal aber dasselbe war. Isabeau verwarf alles und bat, als man
schlielich ihr Gebaren halb in Scherz und halb in Ernst zu mibilligen anfing,
einfach um Ruhe. Meine Herren, sagte sie, Geduld. Ich bitte, mir wenigstens
einen Augenblick das Wort zu gnnen. Ironischer Beifall antwortete, denn nur
sie hatte bis dahin gesprochen. Aber unbekmmert darum fuhr sie fort: Meine
Herren, ich bitte Sie, lehren Sie mich die Herrens kennen. Was heit Landpartie?
Landpartie heit frhstcken und ein Jeu machen. Hab ich recht?
    Isabeau hat immer recht, lachte Balafr und gab ihr einen Schlag auf die
Schulter. Wir machen ein Jeu. Der Platz hier ist kapital; ich glaube beinah,
jeder mu hier gewinnen. Und die Damen promenieren derweilen oder machen
vielleicht ein Vormittagsschlfchen. Das soll das gesundeste sein, und
anderthalb Stunden wird ja wohl ausreichen. Und um zwlf Uhr Reunion. Menu nach
dem Ermessen unserer Knigin. Ja, Knigin, das Leben ist doch schn. Zwar aus
Don Carlos. Aber mu denn alles aus der Jungfrau sein?
    Das schlug ein, und die zwei jngeren kicherten, obwohl sie blo das
Stichwort verstanden hatten. Isabeau dagegen, die bei solcher antippenden und
bestndig in kleinen Anzglichkeiten sich ergehenden Sprache gro geworden war,
blieb vollkommen wrdevoll und sagte, whrend sie sich zu den drei anderen Damen
wandte: Meine Damen, wenn ich bitten darf: wir sind jetzt entlassen und haben
zwei Stunden fr uns. brigens nicht das schlimmste.

Damit erhoben sie sich und gingen auf das Haus zu, wo die Knigin in die Kche
trat und unter freundlichem, aber doch berlegenem Grue nach dem Wirte fragte.
Dieser war nicht zugegen, weshalb die junge Frau versprach, ihn aus dem Garten
abrufen zu wollen, Isabeau aber litt es nicht, sie werde selber gehn, und ging
auch wirklich, immer gefolgt von ihrem Drei-Damen-Cortge (Balafr sprach von
Klucke mit Kken), nach dem Garten hinaus, wo sie den Wirt bei der Anlage neuer
Spargelbeete traf. Unmittelbar daneben lag ein altmodisches Treibhaus, vorne
ganz niedrig, mit groen schrgliegenden Fenstern, auf dessen etwas
abgebrckeltes Mauerwerk sich Lene samt den Tchtern Thibaut d'Arcs setzte,
whrend Isabeau die Verhandlungen leitete.
    Wir kommen, Herr Wirt, um wegen des Mittagsbrots mit Ihnen zu sprechen. Was
knnen wir haben?
    Alles, was die Herrschaften befehlen.
    Alles? das ist viel, beinah zu viel. Nun, dann bin ich fr Aal. Aber nicht
so, sondern so. Und sie wies, whrend sie das sagte, von ihrem Fingerring auf
das breite, dicht anliegende Armband.
    Tut mir leid, meine Damen, erwiderte der Wirt. Aal is nicht. berhaupt
Fisch; damit kann ich nicht dienen, der ist Ausnahme. Gestern hatten wir Schlei
mit Dill, aber der war aus Berlin. Wenn ich einen Fisch haben will, mu ich ihn
vom Kllnischen Fischmarkt holen.
    Schade. Da htten wir einen mitbringen knnen. Aber was dann?
    Einen Rehrcken.
    Hm, das lt sich hren. Und vorher etwas Gemse. Spargel ist schon
eigentlich zu spt, oder doch beinah. Aber Sie haben da, wie ich sehe, noch
junge Bohnen. Und hier in dem Mistbeet wird sich ja wohl auch noch etwas finden
lassen, ein paar Gurken oder ein paar Rapunzeln. Und dann eine se Speise. So
was mit Schlagsahne. Mir persnlich liegt nicht daran, aber die Herren, die
bestndig so tun, als machten sie sich nichts daraus, die sind immer frs Se.
Also drei, vier Gnge, denk ich. Und dann Butterbrot und Kse.
    Und bis wann befehlen die Herrschaften?
    Nun, ich denke bald, oder doch wenigstens so bald wie mglich. Nicht wahr?
Wir sind hungrig, und wenn der Rehrcken eine halbe Stunde Feuer hat, hat er
genug. Also sagen wir um zwlf. Und wenn ich bitten darf, eine Bowle: ein
Rheinwein, drei Mosel, drei Champagner. Aber gute Marke. Glauben Sie nicht, da
sich's vertut. Ich kenne das und schmecke heraus, ob Mot oder Mumm. Aber Sie
werden schon machen; ich darf sagen, Sie flen mir ein Vertrauen ein. Apropos,
knnen wir nicht aus Ihrem Garten gleich in den Wald? Ich hasse jeden unntzen
Schritt. Und vielleicht finden wir noch Champignons. Das wre himmlisch. Die
knnen dann noch an den Rehrcken, Champignons verderben nie was.
    Der Wirt bejahte nicht blo die hinsichtlich des bequemeren Weges gestellte
Frage, sondern begleitete die Damen auch persnlich bis an die Gartenpforte, von
der aus man bis zur Waldlisire nur ein paar Schritte hatte. Blo eine
chaussierte Strae lief dazwischen. Als diese passiert war, war man drben im
Waldesschatten, und Isabeau, die stark unter der immer grer werdenden Hitze
litt, pries sich glcklich, den verhltnismig weiten Umweg ber ein baumloses
Stck Grasland vermieden zu haben. Sie machte den eleganten, aber mit einem
groen Fettfleck ausstaffierten Sonnenschirm zu, hing ihn an ihren Grtel und
nahm Lenens Arm, whrend die beiden andern Damen folgten. Isabeau war
augenscheinlich in bester Stimmung und sagte, sich umwendend, zu Margot und
Johanna: Wir mssen aber doch ein Ziel haben. So blo Wald und wieder Wald is
eigentlich schrecklich. Was meinen Sie, Johanna?
    Johanna war die grere von den beiden d'Arcs, sehr hbsch, etwas bla und
mit raffinierter Einfachheit gekleidet. Serge hielt darauf. Ihre Handschuh saen
wundervoll, und man htte sie fr eine Dame halten knnen, wenn sie nicht,
whrend Isabeau mit dem Wirte sprach, den einen Handschuhknopf, der
aufgesprungen war, mit den Zhnen wieder zugeknpft htte.
    Was meinen Sie, Johanna? wiederholte die Knigin ihre Frage.
    Nun dann schlag ich vor, da wir nach dem Dorfe zurck gehn, von dem wir
gekommen sind. Es hie ja wohl Zeuthen und sah so romantisch und so
melancholisch aus, und war ein so hbscher Weg hierher. Und zurck mu er
eigentlich ebenso hbsch sein oder vielleicht noch hbscher. Und an der rechten,
das heit also von hier aus an der linken Seite war ein Kirchhof mit lauter
Kreuzer drauf. Und ein sehr groes von Marmohr.
    Ja, liebe Johanna, das ist alles ganz gut, aber was sollen wir damit? Wir
haben ja den Weg gesehen. Oder wollen Sie den Kirchhof...
    Freilich will ich. Ich habe da so meine Gefhle, besonders an solchem Tage
wie heute. Und es ist immer gut, sich zu erinnern, da man sterben mu. Und wenn
dann der Flieder so blht...
    Aber, Johanna, der Flieder blht ja gar nicht mehr, hchstens noch der
Goldregen, und der hat eigentlich auch schon Schoten. Du meine Gte, wenn Sie so
partout fr Kirchhfe sind, so knnen Sie sich ja den in der Oranienstrae jeden
Tag ansehen. Aber ich wei schon, mit Ihnen ist nicht zu reden. Zeuthen und
Kirchhof, alles Unsinn. Da bleiben wir doch lieber hier und sehen gar nichts.
Kommen Sie, Kleine, geben Sie mir Ihren Arm wieder!
    Die Kleine, die durchaus nicht klein war, war Lene. Sie gehorchte. Die
Knigin aber fuhr jetzt, indem sie wieder voraufging, in vertraulichem Tone
fort: Ach, diese Johanna, man kann eigentlich nicht mit ihr umgehn; sie hat
keinen guten Ruf und is eine Gans. Ach, Kind, Sie glauben gar nicht, was jetzt
alles so mitluft; nu ja, sie hat 'ne hbsche Figur und hlt auf ihre Handschuh.
Aber sie sollte lieber auf was andres halten. Und sehen Sie, die, die so sind,
die reden immer von sterben und Kirchhof. Und nun sollen Sie sie nachher sehn!
Solang es so geht, geht es. Aber wenn dann die Bowle kommt und wieder leer is
und wieder kommt, dann quietscht und johlt sie. Keine Idee von Anstand. Aber wo
soll es auch herkommen? Sie war immer blo bei kleinen Leuten, drauen auf der
Chaussee nach Tegel, wo kein Mensch recht hinkommt und blo mal Artillerie
vorbeifhrt. Und Artillerie... Nu ja... Sie glauben gar nich, wie verschieden
das alles ist. Und nun hat sie der Serge da rausgenommen und will was aus ihr
machen. Ja, du meine Gte, so geht das nicht, oder wenigstens nicht so flink;
gut Ding will Weile haben. Aber da sind ja noch Erdbeeren. Ei, das ist nett.
Kommen Sie, Kleine, wir wollen welche pflcken (wenn nur das verdammte Bcken
nicht wr), und wenn wir eine recht groe finden, dann wollen wir sie mitnehmen.
Die steck ich ihm dann in den Mund, und dann freut er sich. Denn Sie mssen
wissen, er ist ein Mann wie 'n Kind und eigentlich der Beste.
    Lene, die wohl merkte, da es sich um Balafr handelte, tat ein paar Fragen
und frug unter anderm auch wieder, warum die Herren eigentlich die sonderbaren
Namen htten. Sie habe schon frher danach gefragt, aber nie was gehrt, was der
Rede wert gewesen wre.
    Jott, sagte die Knigin, es soll so was sein und soll keiner was merken
und is doch alles blo Ziererei. Denn erstens kmmert sich keiner drum, und wenn
sich einer drum kmmert, is es auch noch so. Und warum auch? Wen soll es denn
schaden? Sie haben sich alle nichts vorzuwerfen, und einer ist wie der andre.
    Lene sah vor sich hin und schwieg.
    Und eigentlich, Kind, und Sie werden das auch noch sehn, eigentlich is es
alles blo langweilig. Eine Weile geht es, und ich will nichts dagegen sagen und
will's auch nicht abschwren. Aber die Lnge hat die Last. So von fuffzehn an
und noch nich mal eingesegnet. Wahrhaftig, je blder man wieder raus ist, desto
besser. Ich kaufe mir denn (denn das Geld krieg ich) 'ne Dest'lation und wei
auch schon wo, und denn heirat ich mir einen Witmann und wei auch schon wen.
Und er will auch. Denn das mu ich Ihnen sagen, ich bin fr Ordnung und
Anstndigkeit und die Kinder orntlich erziehn, und ob es seine sind oder meine,
is janz egal... Und wie is es denn eigentlich mit Ihnen?
    Lene sagte kein Wort.
    Jott, Kind, Sie verfrben sich ja; Sie sind woll am Ende mit hier dabei
(und sie wies aufs Herz) und tun alles aus Liebe? Ja, Kind, denn is es schlimm,
denn gibt es 'nen Kladderadatsch.

Johanna folgte mit Margot. Sie blieben absichtlich etwas zurck und brachen sich
Birkenreiser ab, wie wenn sie vorhtten, einen Kranz daraus zu flechten. Wie
gefllt sie dir denn? sagte Margot. Ich meine die von Gaston.
    Gefallen? gar nich. Das fehlt auch noch, da solche mitspielen und in Mode
kommen! Sieh doch nur, wie ihr die Handschuh sitzen. Und mit dem Hut is auch
nicht viel. Er drfte sie gar nicht so gehn lassen. Und sie mu auch dumm sein,
sie spricht ja kein Wort.
    Nein, sagte Margot, dumm ist sie nicht; sie hat's blo noch nich weg. Und
da sie sich gleich an die gute Dicke ranmacht, das is doch auch klug genug.
    Ach, die gute Dicke. Geh mir mit der. Die denkt, sie is es. Aber es is gar
nichts mit ihr. Ich will ihr sonst nichts nachsagen, aber falsch ist sie, falsch
wie Galgenholz.
    Nein, Johanna, falsch is sie nu grade nich. Und sie hat dir auch fter aus
der Patsche geholfen. Du weit schon, was ich meine.
    Gott, warum? Weil sie selber mit drinsa und weil sie sich ewig ziert und
wichtig tut. Wer so dick ist, ist nie gut.
    Jott, Johanna, was du nur redst. Umgekehrt is es, die Dicken sind immer
gut.
    Na meinetwegen. Aber das kannst du nicht bestreiten, da sie 'ne
lcherliche Figur macht. Sieh doch nur, wie sie dahinwatschelt; wie 'ne
Fettente. Und immer bis oben ran zu, blo weil sie sich sonst vor anstndigen
Leuten gar nicht sehen lassen kann. Und, Margot, das la ich mir nicht nehmen,
ein bichen schlanke Figur ist doch die Hauptsache. Wir sind doch noch keine
Trken. Und warum wollte sie nicht mit auf den Kirchhof? Weil sie sich jrault? I
bewahre, sie denkt nich dran, blo weil sie sich wieder eingeknallt hat und es
vor Hitze nicht aushalten kann. Und is eigentlich nich mal so furchtbar hei
heute.

So gingen die Gesprche, bis sich die beiden Paare schlielich wieder
vereinigten und auf einen mit Moos bewachsenen Grabenrand setzten.
    Isabeau sah fter nach der Uhr; der Zeiger wollte nicht recht vom Fleck.
    Als es aber halb zwlf war, sagte sie: Nun, meine Damen, ist es Zeit; ich
denke, wir haben jetzt gerade genug Natur gehabt und knnen mit Fug und Recht zu
was andrem bergehen. Seit heute frh um sieben eigentlich keinen Bissen. Denn
die Grnauer Schinkenstulle kann ich doch nicht rechnen... Aber Gott sei Dank,
alles Entsagen, sagt Balafr, hat seinen Lohn in sich, und Hunger ist der beste
Koch. Kommen Sie, meine Damen, der Rehrcken fngt an wichtiger zu werden als
alles andre. Nicht wahr, Johanna?
    Diese gefiel sich in einem Achselzucken und suchte die Zumutung, als ob
Dinge wie Rehrcken und Bowle je Gewicht fr sie haben knnten, entschieden
abzulehnen.
    Isabeau aber lachte. Nun, wir werden ja sehn, Johanna. Freilich der
Zeuthner Kirchhof wre besser gewesen. Aber man mu nehmen, was man hat.
    Und damit brachen allesamt auf, um aus dem Wald in den Garten und aus
diesem, drin sich ein paar Zitronenvgel eben haschten, bis in die Front des
Hauses, wo gegessen werden sollte, zurckzukehren.
    Im Vorbergehen an der Gaststube sah Isabeau den mit dem Umstlpen einer
Moselweinflasche beschftigten Wirt.
    Schade, sagte sie, da ich grade das sehen mute. Das Schicksal htte mir
auch einen besseren Anblick gnnen knnen. Warum gerade Mosel?

                              Vierzehntes Kapitel


Eine rechte Heiterkeit hatte nach diesem Spaziergange trotz aller von Isabeau
gemachten Anstrengungen nicht mehr aufkommen wollen, was aber, wenigstens fr
Botho und Lene, das schlimmere war, war das, da diese Heiterkeit auch ausblieb,
als sich beide von den Kameraden und ihren Damen verabschiedet und ganz allein,
in einem nur von ihnen besetzten Kupee, die Rckfahrt angetreten hatten. Eine
Stunde spter waren sie, ziemlich herabgestimmt, auf dem trbselig erleuchteten
Grlitzer Bahnhof eingetroffen, und hier, beim Aussteigen, hatte Lene sofort und
mit einer Art Dringlichkeit gebeten, sie den Weg durch die Stadt hin allein
machen zu lassen, sie seien ermdet und abgespannt und das tue nicht gut,
Botho aber war von dem, was er als schuldige Rcksicht und Kavalierspflicht
ansah, nicht abzubringen gewesen, und so hatten sie denn in einer klapprigen
alten Droschke die lange, lange Fahrt am Kanal hin gemeinschaftlich gemacht,
immer bemht, ein Gesprch ber die Partie, und wie hbsch sie gewesen sei,
zustande zu bringen - eine schreckliche Zwangsunterhaltung, bei der Botho nur zu
sehr gefhlt hatte, wie richtig Lenens Empfindung gewesen war, als sie von
dieser Begleitung in beinahe beschwrendem Tone nichts hatte wissen wollen. Ja,
der Ausflug nach Hankels Ablage, von dem man sich soviel versprochen und der
auch wirklich so schn und glcklich begonnen hatte, war in seinem Ausgange
nichts als eine Mischung von Verstimmung, Mdigkeit und Abspannung gewesen, und
nur im letzten Augenblick, wo Botho liebevoll, freundlich und mit einem gewissen
Schuldbewutsein sein Gute Nacht, Lene gesagt hatte, war diese noch einmal auf
ihn zugeeilt und hatte, seine Hand ergreifend, ihn mit beinah leidenschaftlichem
Ungestm gekt: Ach, Botho, es war heute nicht so, wie's htte sein sollen,
und doch war niemand schuld... Auch die andern nicht.
    La es, Lene.
    Nein, nein. Es war niemand schuld, dabei bleibt es, daran ist nichts zu
ndern. Aber da es so ist, das ist eben das Schlimme daran. Wenn wer schuld
hat, dann bittet man um Verzeihung, und dann ist es wieder gut. Aber das nutzt
uns nichts. Und es ist auch nichts zu verzeihn.
    Lene...
    Du mut noch einen Augenblick hren. Ach, mein einziger Botho, du willst es
mir verbergen, aber es geht zu End. Und rasch, ich wei es.
    Wie du nur sprichst.
    Ich hab es freilich nur getrumt, fuhr Lene fort. Aber warum hab ich es
getrumt? weil es mir den ganzen Tag vor der Seele steht. Mein Traum war nur,
was mir mein Herz eingab. Und was ich dir noch sagen wollte, Botho, und warum
ich dir die paar Schritte nachgelaufen bin: es bleibt doch bei dem, was ich dir
gestern abend sagte. Da ich diesen Sommer leben konnte, war mir ein Glck und
bleibt mir ein Glck, auch wenn ich von heut ab unglcklich werde.
    Lene, Lene, sprich nicht so...
    Du fhlst selbst, da ich recht habe; dein gutes Herz strubt sich nur, es
zuzugestehen, und will es nicht wahrhaben. Aber ich wei es: gestern, als wir
ber die Wiese gingen und plauderten und ich dir den Strau pflckte, das war
unser letztes Glck und unsere letzte schne Stunde.
    Mit diesem Gesprche hatte der Tag geschlossen, und nun war der andre
Morgen, und die Sommersonne schien hell in Bothos Zimmer. Beide Fenster standen
auf, und in den Kastanien drauen quirilierten die Spatzen. Botho selbst, aus
einem Meerschaum rauchend, lag zurckgelehnt in seinem Schaukelstuhl und schlug
dann und wann mit einem neben ihm liegenden Taschentuche nach einem groen
Brummer, der, wenn er zu dem einen Fenster hinaus war, sofort wieder an dem
andern erschien, um Botho hartnckig und unerbittlich zu umsummen.
    Da ich diese Bestie doch los wre. Qulen, martern mcht ich sie. Diese
Brummer sind allemal Unglcksboten und so hmisch zudringlich, als freuten sie
sich ber den rger, dessen Herold und Verkndiger sie sind. In diesem
Augenblicke schlug er wieder danach. Wieder fort. Es hilft nichts. Also
Resignation. Ergebung ist berhaupt das beste. Die Trken sind die klgsten
Leute.
    Das Zuschlagen der kleinen Gittertr drauen lie ihn whrend dieses
Selbstgesprchs auf den Vorgarten blicken und dabei des eben eingetretenen
Brieftrgers gewahr werden, der ihm gleich danach, unter leichtem militrischen
Gru und mit einem Guten Morgen, Herr Baron, erst eine Zeitung und dann einen
Brief in das nicht allzu hohe Parterrefenster hineinreichte. Botho warf die
Zeitung beiseite, zugleich den Brief betrachtend, auf dem er die kleine,
dichtstehende, trotzdem aber sehr deutliche Handschrift seiner Mutter unschwer
erkannt hatte. Dacht ich's doch... Ich wei schon, eh ich gelesen. Arme Lene.
    Und nun brach er den Brief auf und las:

                                                   Schlo Zehden. 29. Juni 1875

Mein lieber Botho.
    Was ich Dir als Befrchtung in meinem letzten Briefe mitteilte, das hat sich
nun erfllt: Rothmller in Arnswalde hat sein Kapital zum 1. Oktober gekndigt
und nur aus alter Freundschaft hinzugefgt, da er bis Neujahr warten wolle,
wenn es mir eine Verlegenheit schaffe. Denn er wisse wohl, was er dem Andenken
des seligen Herrn Barons schuldig sei. Diese Hinzufgung, so gut sie gemeint
sein mag, ist doch doppelt empfindlich fr mich; es mischt sich soviel
prtentise Rcksichtnahme mit ein, die niemals angenehm berhrt, am wenigsten
von solcher Seite her. Du begreifst vielleicht die Verstimmung und Sorge, die
mir diese Zeilen geschaffen haben. Onkel Kurt Anton wrde helfen, wie schon bei
frhrer Gelegenheit, er liebt mich und vor allem Dich, aber seine Geneigtheit
immer wieder in Anspruch zu nehmen hat doch etwas Bedrckliches und hat es um so
mehr, als er unsrer ganzen Familie, speziell aber uns beiden, die Schuld an
unsren ewigen Verlegenheiten zuschiebt. Ich bin ihm, trotz meines redlichen mich
Kmmerns um die Wirtschaft, nicht wirtschaftlich und anspruchslos genug, worin
er recht haben mag, und Du bist ihm nicht praktisch und lebensklug genug, worin
er wohl ebenfalls das Richtige treffen wird. Ja, Botho, so liegt es. Mein Bruder
ist ein Mann von einem sehr feinen Rechts- und Billigkeitsgefhl und von einer
in Geldangelegenheiten geradezu hervorragenden Gentilezza, was man nur von
wenigen unsrer Edelleute sagen kann. Denn unsre gute Mark Brandenburg ist die
Sparsamkeits- und, wo geholfen werden soll, sogar die ngstlichkeitsprovinz,
aber so gentil er ist, er hat seine Launen und Eigenwilligkeiten, und sich in
diesen beharrlich gekreuzt zu sehen hat ihn seit einiger Zeit aufs ernsthafteste
verstimmt. Er sagte mir, als ich letzthin Veranlassung nahm, der uns abermals
drohenden Kapitalskndigung zu gedenken: Ich stehe gern zu Diensten, Schwester,
wie du weit, aber ich bekenne dir offen, immer da helfen zu sollen, wo man sich
in jedem Augenblicke selber helfen knnte, wenn man nur etwas einsichtiger und
etwas weniger eigensinnig wre, das erhebt starke Zumutungen an die Seite meines
Charakters, die nie meine hervorragendste war: an meine Nachgiebigkeit... Du
weit, Botho, worauf sich diese seine Worte beziehen, und ich lege sie heute Dir
ans Herz, wie sie damals, von Onkel Kurt Antons Seite, mir ans Herz gelegt
wurden. Es gibt nichts, was Du, Deinen Worten und Briefen nach zu schlieen,
mehr perhorreszierst als Sentimentalitten, und doch, frcht ich, steckst Du
selber drin, und zwar tiefer, als Du zugeben willst oder vielleicht weit. Ich
sage nicht mehr.
    Riencker legte den Brief aus der Hand und schritt im Zimmer auf und ab,
whrend er den Meerschaum halb mechanisch mit einer Zigarette vertauschte. Dann
nahm er den Brief wieder und las weiter. Ja, Botho, Du hast unser aller Zukunft
in der Hand und hast zu bestimmen, ob dies Gefhl einer bestndigen Abhngigkeit
fortdauern oder aufhren soll. Du hast es in der Hand, sag ich, aber, wie ich
freilich hinzufgen mu, nur kurze Zeit noch, jedenfalls nicht auf lange mehr.
Auch darber hat Onkel Kurt Anton mit mir gesprochen, namentlich im Hinblick auf
die Sellenthiner Mama, die sich, bei seiner letzten Anwesenheit in Rothenmoor,
in dieser sie lebhaft beschftigenden Sache nicht nur mit groer
Entschiedenheit, sondern auch mit einem Anflug von Gereiztheit ausgesprochen
hat. Ob das Haus Riencker vielleicht glaube, da ein immer kleiner werdender
Besitz, nach Art der Sibyllinischen Bcher (wo sie den Vergleich herhat, wei
ich nicht), immer wertvoller wrde? Kthe werde nun zweiundzwanzig, habe den Ton
der groen Welt und verfge mit Hilfe der von ihrer Tante Kielmannsegge
herstammenden Erbschaft ber ein Vermgen, dessen Zinsbetrag hinter dem
Kapitalsbetrag der Rienckerschen Heide samt Murnensee nicht sehr erheblich
zurckbleiben werde. Solche junge Dame lasse man berhaupt nicht warten, am
wenigsten aber mit soviel Beharrlichkeit und Seelenruhe. Wenn es Herrn von
Riencker beliebe, das, was frher darber von seiten der Familie geplant und
gesprochen sei, fallenzulassen und stattgehabte Verabredungen als bloes
Kinderspiel anzusehn, so habe sie nichts dagegen. Herr von Riencker sei frei
von dem Augenblick an, wo er frei sein wolle. Wenn er aber umgekehrt vorhabe,
von dieser unbedingten Rckzugsfreiheit nicht Gebrauch machen zu wollen, so sei
es an der Zeit, auch das zu zeigen. Sie wnsche nicht, da ihre Tochter in das
Gerede der Leute komme.
    Du wirst dem Tone, der hieraus spricht, unschwer entnehmen, da es durchaus
ntig ist, Entschlsse zu fassen und zu handeln. Was ich wnsche, weit Du.
Meine Wnsche sollen aber nicht verbindlich fr Dich sein. Handle, wie Dir
eigene Klugheit es eingibt, entscheide Dich so oder so, nur handle berhaupt.
Ein Rckzug ist ehrenvoller als fernere Hinausschiebung. Sumst Du lnger, so
verlieren wir nicht nur die Braut, sondern das Sellenthiner Haus berhaupt und,
was noch schlimmer, ja das schlimmste ist, auch die freundlichen und immer
hilfebereiten Gesinnungen des Onkels. Meine Gedanken begleiten Dich, mchten sie
Dich auch leiten knnen. Ich wiederhole Dir, es wre der Weg zu Deinem und unser
aller Glck. Womit ich verbleibe Deine Dich liebende Mutter
                                                               Josephine von R.

Botho, als er gelesen, war in groer Erregung. Es war so, wie der Brief es
aussprach, und ein Hinausschieben nicht lnger mglich. Es stand nicht gut mit
dem Rienckerschen Vermgen, und Verlegenheiten waren da, die durch eigne
Klugheit und Energie zu heben er durchaus nicht die Kraft in sich fhlte. Wer
bin ich? Durchschnittsmensch aus der sogenannten Obersphre der Gesellschaft.
Und was kann ich? Ich kann ein Pferd stallmeistern, einen Kapaun tranchieren und
ein Jeu machen. Das ist alles, und so hab ich denn die Wahl zwischen
Kunstreiter, Oberkellner und Croupier. Hchstens kommt noch der Troupier hinzu,
wenn ich in eine Fremdenlegion eintreten will. Und Lene dann mit mir als Tochter
des Regiments. Ich sehe sie schon in kurzem Rock und Hackenstiefeln und ein
Tnnchen auf dem Rcken.
    In diesem Tone sprach er weiter und gefiel sich darin, sich bittre Dinge zu
sagen. Endlich aber zog er die Klingel und beorderte sein Pferd, weil er
ausreiten wolle. Und nicht lange, so hielt seine prchtige Fuchsstute drauen,
ein Geschenk des Onkels, zugleich der Neid der Kameraden. Er hob sich in den
Sattel, gab dem Burschen einige Weisungen und ritt auf die Moabiter Brcke zu,
nach deren Passierung er in einen breiten, ber Fenn und Feld in die
Jungfernheide hinberfhrenden Weg einlenkte. Hier lie er sein Pferd aus dem
Trab in den Schritt fallen und nahm sich, whrend er bis dahin allerhand
unklaren Gedanken nachgehangen hatte, mit jedem Augen blicke fester und schrfer
ins Verhr. Was ist es denn, was mich hindert, den Schritt zu tun, den alle
Welt erwartet? Will ich Lene heiraten? Nein. Hab ich's ihr versprochen? Nein.
Erwartet sie's? Nein. Oder wird uns die Trennung leichter, wenn ich sie
hinausschiebe? Nein. Immer nein und wieder nein. Und doch sume und schwanke
ich, das eine zu tun, was durchaus getan werden mu. Und weshalb sume ich?
Woher diese Schwankungen und Vertagungen? Trichte Frage. Weil ich sie liebe.
    Kanonenschsse, die vom Tegler Schieplatz herberklangen, unterbrachen hier
sein Selbstgesprch, und erst als er das momentan unruhig gewordene Pferd wieder
beruhigt hatte, nahm er den frheren Gedankengang wieder auf und wiederholte:
Weil ich sie liebe! Ja. Und warum soll ich mich dieser Neigung schmen? Das
Gefhl ist souvern, und die Tatsache, da man liebt, ist auch das Recht dazu,
mge die Welt noch so sehr den Kopf darber schtteln oder von Rtsel sprechen.
brigens ist es kein Rtsel, und wenn doch, so kann ich es lsen. Jeder Mensch
ist seiner Natur nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt,
Dinge, die, trotzdem sie klein sind, fr ihn das Leben oder doch des Lebens
Bestes bedeuten. Und dies Beste heit mir Einfachheit, Wahrheit, Natrlichkeit.
Das alles hat Lene, damit hat sie mir's angetan, da liegt der Zauber, aus dem
mich zu lsen mir jetzt so schwerfllt.
    In diesem Augenblicke stutzte sein Pferd, und er wurde eines aus einem
Wiesenstreifen aufgescheuchten Hasen gewahr, der dicht vor ihm auf die
Jungfernheide zujagte. Neugierig sah er ihm nach und nahm seine Betrachtungen
erst wieder auf, als der Flchtige zwischen den Stmmen der Heide verschwunden
war. Und war es denn, fuhr er fort, etwas so Trichtes und Unmgliches, was
ich wollte? Nein. Es liegt nicht in mir, die Welt herauszufordern und ihr und
ihren Vorurteilen ffentlich den Krieg zu erklren; ich bin durchaus gegen
solche Donquixoterien. Alles, was ich wollte, war ein verschwiegenes Glck, ein
Glck, fr das ich frher oder spter, um des ihr ersparten Affronts willen, die
stille Gutheiung der Gesellschaft erwartete. So war mein Traum, so gingen meine
Hoffnungen und Gedanken. Und nun soll ich heraus aus diesem Glck und soll ein
andres eintauschen, das mir keins ist. Ich hab eine Gleichgiltigkeit gegen den
Salon und einen Widerwillen gegen alles Unwahre, Geschraubte, Zurechtgemachte.
Chic, Tournure, savoir-faire - mir alles ebenso hliche wie fremde Wrter.
    Hier bog das Pferd, das er schon seit einer Viertelstunde kaum noch im Zgel
hatte, wie von selbst in einen Seitenweg ein, der zunchst auf ein Stck
Ackerland und gleich dahinter auf einen von Unterholz und ein paar Eichen
eingefaten Grasplatz fhrte. Hier, im Schatten eines der lteren Bume, stand
ein kurzes, gedrungenes Steinkreuz, und als er nher heranritt, um zu sehen, was
es mit diesem Kreuz eigentlich sei, las er: Ludwig v. Hinckeldey, gest. 10.
Mrz 1856. Wie das ihn traf! Er wute, da das Kreuz hierherum stehe, war aber
nie bis an diese Stelle gekommen und sah es nun als ein Zeichen an, da das
seinem eigenen Willen berlassene Pferd ihn gerade hierher gefhrt hatte.
    Hinckeldey! Das war nun an die zwanzig Jahr, da der damals Allmchtige zu
Tode kam, und alles, was bei der Nachricht davon in seinem Elternhause
gesprochen worden war, das stand jetzt wieder lebhaft vor seiner Seele. Vor
allem eine Geschichte kam ihm wieder in Erinnerung. Einer der brgerlichen,
seinem Chef besonders vertrauten Rte brigens, hatte gewarnt und abgemahnt und
das Duell berhaupt, und nun gar ein solches und unter solchen Umstnden, als
einen Unsinn und ein Verbrechen bezeichnet. Aber der sich bei dieser Gelegenheit
pltzlich auf den Edelmann hin ausspielende Vorgesetzte hatte brsk und
hochmtig geantwortet: Nrner, davon verstehen Sie nichts. und eine Stunde
spter war er in den Tod gegangen. Und warum? Einer Adelsvorstellung, einer
Standesmarotte zuliebe, die mchtiger war als alle Vernunft, auch mchtiger als
das Gesetz, dessen Hter und Schtzer zu sein er recht eigentlich die Pflicht
hatte. Lehrreich. Und was habe ich speziell daraus zu lernen? Was predigt dies
Denkmal mir? Jedenfalls das eine, da das Herkommen unser Tun bestimmt. Wer ihm
gehorcht, kann zugrunde gehn, aber er geht besser zugrunde als der, der ihm
widerspricht.
    Whrend er noch so sann, warf er sein Pferd herum und ritt querfeldein auf
ein groes Etablissement, ein Walzwerk oder eine Maschinenwerkstatt, zu, draus,
aus zahlreichen Essen, Qualm und Feuersulen in die Luft stiegen. Es war Mittag,
und ein Teil der Arbeiter sa drauen im Schatten, um die Mahlzeit einzunehmen.
Die Frauen, die das Essen gebracht hatten, standen plaudernd daneben, einige mit
einem Sugling auf dem Arm, und lachten sich untereinander an, wenn ein
schelmisches oder anzgliches Wort gesprochen wurde. Riencker, der sich den
Sinn fr das Natrliche mit nur zu gutem Rechte zugeschrieben, war entzckt von
dem Bilde, das sich ihm bot, und mit einem Anfluge von Neid sah er auf die
Gruppe glcklicher Menschen. Arbeit und tglich Brot und Ordnung. Wenn unsre
mrkischen Leute sich verheiraten, so reden sie nicht von Leidenschaft und
Liebe, sie sagen nur: Ich mu doch meine Ordnung haben. Und das ist ein schner
Zug im Leben unsres Volks und nicht einmal prosaisch. Denn Ordnung ist viel und
mitunter alles. Und nun frag ich mich, war mein Leben in der Ordnung? Nein.
Ordnung ist Ehe. So sprach er noch eine Weile vor sich hin, und dann sah er
wieder Lene vor sich stehn, aber in ihrem Auge lag nichts von Vorwurf und
Anklage, sondern es war umgekehrt, als ob sie freundlich zustimme.
    Ja, meine liebe Lene, du bist auch fr Arbeit und Ordnung und siehst es ein
und machst es mir nicht schwer... aber schwer ist es doch... fr dich und mich.
    Er setzte sein Pferd wieder in Trab und hielt sich noch eine Strecke hart an
der Spree hin. Dann aber bog er, an den in Mittagsstille daliegenden Zelten
vorber, in einen Reitweg ein, der ihn bis an den Wrangelbrunnen und gleich
danach bis vor seine Tr fhrte.

                              Fnfzehntes Kapitel


Botho wollte sofort zu Lene hinaus, und als er fhlte, da er dazu keine Kraft
habe, wollt er wenigstens schreiben. Aber auch das ging nicht. Ich kann es
nicht, heute nicht. Und so lie er den Tag vergehen und wartete bis zum andern
Morgen. Da schrieb er denn in aller Krze.
    Liebe Lene. Nun kommt es doch so, wie Du mir vorgestern gesagt: Abschied.
Und Abschied auf immer. Ich hatte Briefe von Haus, die mich zwingen; es mu
sein, und weil es sein mu, so sei es schnell... Ach, ich wollte, diese Tage
lgen hinter uns. Ich sage Dir weiter nichts, auch nicht, wie mir ums Herz
ist... Es war eine kurze schne Zeit, und ich werde nichts davon vergessen.
Gegen neun bin ich bei Dir, nicht frher, denn es darf nicht lange dauern. Auf
Wiedersehen, nur noch einmal auf Wiedersehn. Dein B. v. R.
    Und nun kam er. Lene stand am Gitter und empfing ihn wie sonst; nicht der
kleinste Zug von Vorwurf oder auch nur von schmerzlicher Entsagung lag in ihrem
Gesicht. Sie nahm seinen Arm, und so gingen sie den Vorgartensteig hinauf.
    Es ist recht, da du kommst... Ich freue mich, da du da bist. Und du mut
dich auch freuen.
    Unter diesen Worten hatten sie das Haus erreicht, und Botho machte Miene,
wie gewhnlich vom Flur her in das groe Vorderzimmer einzutreten. Aber Lene zog
ihn weiter fort und sagte: Nein, Frau Drr ist drin...
    Und ist uns noch bs?
    Das nicht. Ich habe sie beruhigt. Aber was sollen wir heut mit ihr? Komm,
es ist ein so schner Abend, und wir wollen allein sein.
    Er war einverstanden, und so gingen sie denn den Flur hinunter und ber den
Hof auf den Garten zu. Sultan regte sich nicht und blinzelte nur beiden nach,
als sie den groen Mittelsteig hinauf und dann auf die zwischen den
Himbeerbschen stehende Bank zuschritten.
    Als sie hier ankamen, setzten sie sich. Es war still, nur vom Felde her
hrte man ein Gezirp, und der Mond stand ber ihnen.
    Sie lehnte sich an ihn und sagte ruhig und herzlich: Und das ist nun also
das letzte Mal, da ich deine Hand in meiner halte?
    Ja, Lene. Kannst du mir verzeihn?
    Wie du nur immer frgst. Was soll ich dir verzeihn?
    Da ich deinem Herzen wehe tue.
    Ja, weh tut es. Das ist wahr.
    Und nun schwieg sie wieder und sah hinauf auf die bla am Himmel
heraufziehenden Sterne.
    Woran denkst du, Lene?
    Wie schn es wre, dort oben zu sein.
    Sprich nicht so. Du darfst dir das Leben nicht wegwnschen; von solchem
Wunsch ist nur noch ein Schritt...
    Sie lchelte. Nein, das nicht. Ich bin nicht wie das Mdchen, das an den
Ziehbrunnen lief und sich hineinstrzte, weil ihr Liebhaber mit einer andern
tanzte. Weit du noch, wie du mir davon erzhltest?
    Aber was soll es dann? Du bist doch nicht so, da du so was sagst, blo um
etwas zu sagen.
    Nein, ich hab es auch ernsthaft gemeint. Und wirklich (und sie wies
hinauf), ich wre gerne da. Da htt ich Ruh. Aber ich kann es abwarten... Und
nun komm und la uns ins Feld gehn. Ich habe kein Tuch mit herausgenommen und
find es kalt hier im Stillsitzen.
    Und so gingen sie denn denselben Feldweg hinauf, der sie damals bis an die
vorderste Huserreihe von Wilmersdorf gefhrt hatte. Der Turm war deutlich
sichtbar unter dem sternklaren Himmel, und nur ber den Wiesengrund zog ein
dnner Nebelschleier.
    Weit du noch, sagte Botho, wie wir mit Frau Drr hier gingen?
    Sie nickte. Deshalb hab ich dir's vorgeschlagen, mich fror gar nicht oder
doch kaum. Ach, es war ein so schner Tag damals, und so heiter und glcklich
bin ich nie gewesen, nicht vorher und nicht nachher. Noch in diesem Augenblicke
lacht mir das Herz, wenn ich daran zurckdenke, wie wir gingen und sangen:
Denkst du daran. Ja, Erinnerung ist viel, ist alles. Und die hab ich nun und
bleibt mir und kann mir nicht mehr genommen werden. Und ich fhle ordentlich,
wie mir dabei leicht zumute wird.
    Er umarmte sie. Du bist so gut.
    Lene aber fuhr in ihrem ruhigen Tone fort: Und da mir so leicht ums Herz
ist, das will ich nicht vorbergehn lassen und will dir alles sagen. Eigentlich
ist es das alte, was ich dir immer schon gesagt habe, noch vorgestern, als wir
drauen auf der halb gescheiterten Partie waren, und dann nachher, als wir uns
trennten. Ich hab es so kommen sehn, von Anfang an, und es geschieht nur, was
mu. Wenn man schn getrumt hat, so mu man Gott dafr danken und darf nicht
klagen, da der Traum aufhrt und die Wirklichkeit wieder anfngt. Jetzt ist es
schwer, aber es vergit sich alles oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht.
Und eines Tages bist du wieder glcklich und vielleicht ich auch.
    Glaubst du's? Und wenn nicht? was dann?
    Dann lebt man ohne Glck.
    Ach, Lene, du sagst das so hin, als ob Glck nichts wre. Aber es ist was,
und das qult mich eben, und ist mir doch, als ob ich dir ein Unrecht getan
htte.
    Davon sprech ich dich frei. Du hast mir kein Unrecht getan, hast mich nicht
auf Irrwege gefhrt und hast mir nichts versprochen. Alles war mein freier
Entschlu. Ich habe dich von Herzen liebgehabt, das war mein Schicksal, und wenn
es eine Schuld war, so war es meine Schuld. Und noch dazu eine Schuld, deren ich
mich, ich mu es dir immer wieder sagen, von ganzer Seele freue, denn sie war
mein Glck. Wenn ich nun dafr zahlen mu, so zahle ich gern. Du hast nicht
gekrnkt, nicht verletzt, nicht beleidigt, oder doch hchstens das, was die
Menschen Anstand nennen und gute Sitte. Soll ich mich darum grmen? Nein. Es
rckt sich alles wieder zurecht, auch das. Und nun komm und la uns umkehren.
Sieh nur, wie die Nebel steigen; ich denke, Frau Drr ist nun fort und wir
treffen die gute Alte allein. Sie wei von allem und hat den ganzen Tag ber
immer nur ein und dasselbe gesagt.
    Und was?
    Da es so gut sei.

Frau Nimptsch war wirklich allein, als Botho und Lene bei ihr eintraten. Alles
war still und dmmerig, und nur das Herdfeuer warf einen Lichtschein ber die
breiten Schatten, die sich schrg durch das Zimmer zogen. Der Stieglitz schlief
schon lange in seinem Bauer, und man hrte nichts als dann und wann das Zischen
des berkochenden Wassers.
    Guten Abend, Mutterchen, sagte Botho.
    Die Alte gab den Gru zurck und wollte von ihrer Fubank aufstehen, um den
groen Lehnstuhl heranzurcken. Aber Botho litt es nicht und sagte: Nein,
Mutterchen, ich setze mich auf meinen alten Platz.
    Und dabei schob er den Schemel ans Feuer.
    Eine kleine Pause trat ein; alsbald aber begann er wieder: Ich komme heut,
um Abschied zu nehmen und Ihnen fr alles Liebe und Gute zu danken, das ich hier
so lange gehabt habe. Ja, Mutterchen, so recht von Herzen. Ich bin hier so gern
gewesen und so glcklich. Aber nun mu ich fort, und alles, was ich noch sagen
kann, ist blo das: es ist doch wohl das beste so.
    Die Alte schwieg und nickte zustimmend. Aber ich bin nicht aus der Welt,
fuhr Botho fort, und ich werde Sie nicht vergessen, Mutterchen. Und nun geben
Sie mir die Hand. So. Und nun gute Nacht.
    Hiernach stand er schnell auf und schritt auf die Tr zu, whrend Lene sich
an ihn hing. So gingen sie bis an das Gartengitter, ohne da weiter ein Wort
gesprochen worden wre. Dann aber sagte sie: Nun kurz, Botho. Meine Krfte
reichen nicht mehr; es war doch zuviel, diese zwei Tage. Lebe wohl, mein
Einziger, und sei so glcklich, wie du's verdienst, und so glcklich, wie du
mich gemacht hast. Dann bist du glcklich. Und von dem andern rede nicht mehr,
es ist der Rede nicht wert. So, so.
    Und sie gab ihm einen Ku und noch einen und schlo dann das Gitter.
    Als er an der andern Seite der Strae stand, schien er, als er Lenens
ansichtig wurde, noch einmal umkehren und Wort und Ku mit ihr tauschen zu
wollen. Aber sie wehrte heftig mit der Hand. Und so ging er denn weiter die
Strae hinab, whrend sie, den Kopf auf den Arm und den Arm auf den
Gitterpfosten gesttzt, ihm mit groem Auge nachsah.
    So stand sie noch lange, bis sein Schritt in der nchtlichen Stille verhallt
war.

                              Sechzehntes Kapitel


Mitte September hatte die Verheiratung auf dem Sellenthinschen Gute Rothenmoor
stattgefunden, Onkel Osten, sonst kein Redner, hatte das Brautpaar in dem
zweifellos lngsten Toaste seines Lebens leben lassen, und am Tage darauf hatte
die Kreuzzeitung unter ihren sonstigen Familienanzeigen auch die folgende
gebracht: Ihre am gestrigen Tage stattgehabte eheliche Verbindung zeigen
hierdurch ergebenst an Botho Freiherr von Riencker, Premierlieutenant im
Kaiser-Krassier-Regiment, Kthe Freifrau von Riencker, geb. von Sellenthin.
Die Kreuzzeitung war begreiflicherweise nicht das Blatt, das in die Drrsche
Grtnerwohnung samt ihren Dependenzien kam, aber schon am andern Morgen traf ein
an Frulein Magdalene Nimptsch adressierter Brief ein, in dem nichts lag als der
Zeitungsausschnitt mit der Vermhlungsanzeige. Lene fuhr zusammen, sammelte sich
aber rascher, als der Absender, aller Wahrscheinlichkeit nach eine neidische
Kollegin, erwartet haben mochte. Da es von solcher Seite her kam, war schon aus
dem beigefgten Hochwohlgeboren zu schlieen. Aber gerade dieser
Extraschabernack, der den schmerzhaften Stich verdoppeln sollte, kam Lenen
zustatten und verminderte das bittere Gefhl, das ihr diese Nachricht sonst wohl
verursacht htte.

Botho und Kthe von Riencker waren noch am Hochzeitstage selbst nach Dresden
hin aufgebrochen, nachdem beide der Verlockung einer neumrkischen Vetternreise
glcklich widerstanden hatten. Und wahrlich, sie hatten nicht Ursache, ihre Wahl
zu bereuen, am wenigsten Botho, der sich jeden Tag nicht nur zu dem Dresdener
Aufenthalte, sondern viel mehr noch zu dem Besitze seiner jungen Frau
beglckwnschte, die Capricen und ble Laune gar nicht zu kennen schien.
Wirklich, sie lachte den ganzen Tag ber, und so leuchtend und hellblond sie
war, so war auch ihr Wesen. An allem ergtzte sie sich, und allem gewann sie die
heitre Seite ab. In dem von ihnen bewohnten Hotel war ein Kellner mit einem
Toupet, das einem eben umkippenden Wellenkamme glich, und dieser Kellner samt
seiner Frisur war ihre tagtgliche Freude, so sehr, da sie, wiewohl sonst ohne
besonderen Esprit, sich in Bildern und Vergleichen gar nicht genugtun konnte.
Botho freute sich mit und lachte herzlich, bis sich mit einem Male doch etwas
von Bedenken und selbst von Unbehagen in sein Lachen einzumischen begann. Er
nahm nmlich wahr, da sie, was auch geschehen oder ihr zu Gesicht kommen
mochte, lediglich am Kleinen und Komischen hing, und als beide nach etwa
vierzehntgigem glcklichen Aufenthalt ihre Heimreise nach Berlin antraten,
ereignete sich's, da ein kurzes, gleich zu Beginn der Fahrt gefhrtes Gesprch
ihm ber diese Charakterseite seiner Frau volle Gewiheit gab. Sie hatten ein
Kupee fr sich, und als sie, von der Elbbrcke her, noch einmal zurckblickten,
um nach Altstadt-Dresden und der Kuppel der Frauenkirche hinberzugren, sagte
Botho, whrend er ihre Hand nahm: Und nun sage mir, Kthe, was war eigentlich
das Hbscheste hier in Dresden?
    Rate.
    Ja, das ist schwer, denn du hast so deinen eignen Geschmack, und mit
Kirchengesang und Holbeinscher Madonna darf ich dir gar nicht kommen...
    Nein. Da hast du recht. Und ich will meinen gestrengen Herrn auch nicht
lange warten und sich qulen lassen. Es war dreierlei, was mich entzckte: voran
die Konditorei am Altmarkt und der Scheffelgassen-Ecke mit den wundervollen
Pastetchen und dem Likr. Da so zu sitzen...
    Aber, Kthe, man konnte ja gar nicht sitzen, man konnte kaum stehn, und war
eigentlich, als ob man sich jeden Bissen erobern msse.
    Das war es eben. Eben deshalb, mein Bester. Alles, was man sich erobern
mu...
    Und sie wandte sich ab und spielte neckisch die Schmollende, bis er ihr
einen herzlichen Ku gab.
    Ich sehe, lachte sie, du bist schlielich einverstanden, und zur
Belohnung hre nun auch das zweite und dritte. Mein Zweites war das
Sommertheater drauen, wo wir Monsieur Herkules sahn und Knaak den
Tannhusermarsch auf einem klapprigen alten Whisttisch trommelte. So was
Komisches hab ich all mein Lebtag nicht gesehn und du wahrscheinlich auch nicht.
Es war wirklich zu komisch... Und das dritte... Nun das dritte, das war Bacchus
auf dem Ziegenbock im Grnen Gewlbe und der sich kratzende Hund von Peter
Vischer.
    Ich dachte mir so was, und wenn Onkel Osten davon hrt, dann wird er dir
recht geben und dich noch lieber haben als sonst und mir noch fter wiederholen:
Ich sage dir, Botho, die Kthe...
    Soll er's nicht?
    O gewi soll er.
    Und damit brach auf Minuten hin ihr Gesprch ab, das in Bothos Seele, so
zrtlich und liebevoll er zu der jungen Frau hinbersah, doch einigermaen
ngstlich nachklang. Die junge Frau selbst indes hatte keine Ahnung von dem, was
in ihres Gatten Seele vorging, und sagte nur: Ich bin mde, Botho. Die vielen
Bilder. Es kommt doch nach... Aber (der Zug hielt eben) was ist denn das fr
ein Lrm und Getreibe da drauen?
    Das ist ein Dresdener Vergngungsort, ich glaube Ktzschenbroda.
    Ktzschenbroda? Zu komisch.
    Und whrend der Zug weiterdampfte, streckte sie sich aus und schlo
anscheinend die Augen. Aber sie schlief nicht und sah zwischen den Wimpern hin
nach dem geliebten Manne hinber.

In der damals noch einreihigen Landgrafenstrae hatte Kthes Mama mittlerweile
die Wohnung eingerichtet, und als zu Beginn des Oktobers das junge Paar in
Berlin wieder eintraf, war es entzckt von dem Komfort, den es vorfand. In den
beiden Frontzimmern, die jedes einen Kamin hatten, war geheizt, aber Tr und
Fenster standen auf, denn es war eine milde Herbstluft, und das Feuer brannte
nur des Anblicks und des Luftzuges halber. Das schnste aber war der groe
Balkon mit seinem weit herunterfallenden Zeltdach, unter dem hinweg man in
gerader Richtung ins Freie sah, erst ber das Birkenwldchen und den
Zoologischen Garten fort und dahinter bis an die Nordspitze des Grunewalds.
    Kthe freute sich, unter Hndeklatschen, dieser prchtig freien Aussicht,
umarmte die Mama, kte Botho und wies dann pltzlich nach links hin, wo
zwischen vereinzelten Pappeln und Weiden ein Schindelturm sichtbar wurde. Sieh,
Botho, wie komisch. Er ist ja wie dreimal eingeknickt. Und das Dorf daneben. Wie
heit es?
    Ich glaube, Wilmersdorf, stotterte Botho.
    Nun gut, Wilmersdorf. Aber was heit das, ich glaube. Du wirst doch wissen,
wie die Drfer hierherum heien. Sieh nur, Mama, macht er nicht ein Gesicht, als
ob er uns ein Staatsgeheimnis verraten htte? Nichts komischer als diese
Mnner.
    Und damit verlie man den Balkon wieder, um in dem dahintergelegenen Zimmer
das erste Mittagsmahl en famille einzunehmen: nur die Mama, das junge Paar und
Serge, der als einziger Gast geladen war.

Rienckers Wohnung lag keine tausend Schritt von dem Hause der Frau Nimptsch.
Aber Lene wute nichts davon und nahm ihren Weg oft durch die Landgrafenstrae,
was sie vermieden haben wrde, wenn sie von dieser Nachbarschaft auch nur eine
Ahnung gehabt htte.
    Doch es konnt ihr nicht lange ein Geheimnis bleiben.
    Es ging schon in die dritte Oktoberwoche, trotzdem war es noch wie im
Sommer, und die Sonne schien so warm, da man den schrferen Luftton kaum
empfand.
    Ich mu heut in die Stadt, Mutter, sagte Lene. Goldstein hat mir
geschrieben. Er will mit mir ber ein Muster sprechen, das in die Wsche der
Waldeckschen Prinzessin eingestickt werden soll. Und wenn ich erst in der Stadt
bin, will ich auch die Frau Demuth in der Alten Jakobstrae besuchen. Man kommt
sonst ganz von aller Menschheit los. Aber um Mittag bin ich wieder hier. Ich
werd es Frau Drr sagen, da sie nach dir sieht.
    La nur, Lene, la nur. Ich bin am liebsten allein. Und die Drr, sie redt
so viel und immer von ihrem Mann. Und ich habe ja mein Feuer. Und wenn der
Stieglitz piept, das is mir genug. Aber wenn du mir eine Tte mitbringst, ich
habe jetzt immer solch Kratzen, und Malzbonbon lst so...
    Schn, Mutter.
    Und damit hatte Lene die kleine stille Wohnung verlassen und war erst die
Kurfrsten- und dann die lange Potsdamer Strae hinuntergegangen, auf den
Spittelmarkt zu, wo die Gebrder Goldstein ihr Geschft hatten. Alles verlief
nach Wunsch, und es war nahezu Mittag, als sie, heimkehrend, diesmal anstatt der
Kurfrsten- lieber die Ltzowstrae passierte. Die Sonne tat ihr wohl, und das
Treiben auf dem Magdeburger Platze, wo gerade Wochenmarkt war und alles eben
wieder zum Aufbruch rstete, vergngte sie so, da sie stehenblieb und sich das
bunte Durcheinander mit ansah. Sie war wie benommen davon und wurde erst
aufgerttelt, als die Feuerwehr mit ungeheurem Lrm an ihr vorbeirasselte.
    Lene horchte, bis das Gebimmel und Geklingel in der Ferne verhallt war, dann
aber sah sie links hinunter nach der Turmuhr der Zwlf-Apostel-Kirche. Gerade
zwlf, sagte sie. Nun ist es Zeit, da ich mich eile; sie wird immer unruhig,
wenn ich spter komme, als sie denkt. Und so ging sie weiter die Ltzowstrae
hinunter auf den gleichnamigen Platz zu. Aber mit einem Male hielt sie und wute
nicht wohin, denn auf ganz kurze Entfernung erkannte sie Botho, der, mit einer
jungen, schnen Dame am Arm, grad auf sie zukam. Die junge Dame sprach lebhaft
und anscheinend lauter heitre Dinge, denn Botho lachte bestndig, whrend er zu
ihr niederblickte. Diesem Umstande verdankte sie's auch, da sie nicht schon
lange bemerkt worden war, und rasch entschlossen, eine Begegnung mit ihm um
jeden Preis zu vermeiden, wandte sie sich, vom Trottoir her, nach rechts hin und
trat an das zunchst befindliche groe Schaufenster heran, vor dem, mutmalich
als Deckel fr eine hier befindliche Kellerffnung, eine viereckige geriffelte
Eisenplatte lag. Das Schaufenster selbst war das eines gewhnlichen
Materialwarenladens, mit dem blichen Aufbau von Stearinlichten und
Mixed-Pickles-Flaschen, nichts Besonders, aber Lene starrte drauf hin, als ob
sie dergleichen noch nie gesehen habe. Und wahrlich, Zeit war es, denn in eben
diesem Augenblicke streifte das junge Paar hart an ihr vorber, und kein Wort
entging ihr von dem Gesprche, das zwischen beiden gefhrt wurde.
    Kthe, nicht so laut, sagte Botho, die Leute sehen uns schon an.
    La sie...
    Sie denken am Ende, wir zanken uns...
    Unter Lachen? Zanken unter Lachen?
    Und sie lachte wieder.
    Lene fhlte das Zittern der dnnen Eisenplatte, darauf sie stand. Ein
waagerecht liegender Messingstab zog sich zum Schutze der groen Glasscheibe vor
dem Schaufenster hin, und einen Augenblick war es ihr, als ob sie, wie zu
Beistand und Hilfe, nach dem Messingstab greifen msse, sie hielt sich aber
aufrecht, und erst als sie sicher sein durfte, da beide weit genug fort waren,
wandte sie sich wieder, um ihren Weg fortzusetzen. Sie tappte sich vorsichtig an
den Husern hin, und eine kurze Strecke ging es. Aber bald war ihr doch, als ob
ihr die Sinne schwnden, und kaum da sie die nchste nach dem Kanal hin
abzweigende Querstrae erreicht hatte, so bog sie hier ein und trat in einen
Vorgarten, dessen Gittertr offenstand. Nur mit Mhe noch schleppte sie sich bis
an eine kleine zu Veranda und Hochparterre hinauffhrende Freitreppe, wenige
Stufen, und setzte sich, einer Ohnmacht nah, auf eine derselben.
    Als sie wieder erwachte, sah sie, da ein halbwachsenes Mdchen, ein
Grabscheit in der Hand, mit dem sie kleine Beete gegraben hatte, neben ihr stand
und sie teilnahmvoll anblickte, whrend, von der Verandabrstung aus, eine alte
Kindermuhme sie mit kaum geringerer Neugier musterte. Niemand war
augenscheinlich zu Haus als das Kind und die Dienerin, und Lene dankte beiden
und erhob sich und schritt wieder auf die Pforte zu. Das halbwachsene Mdchen
aber sah ihr traurig verwundert nach, und es war fast, wie wenn in dem
Kinderherzen eine erste Vorstellung von dem Leid des Lebens gedmmert htte.
    Lene war inzwischen, den Fahrdamm passierend, bis an den Kanal gekommen und
ging jetzt unten an der Bschung entlang, wo sie sicher sein durfte, niemandem
zu begegnen. Von den Khnen her blaffte dann und wann ein Spitz, und ein dnner
Rauch, weil Mittag war, stieg aus den kleinen Kajtenschornsteinen auf. Aber sie
sah und hrte nichts oder war wenigstens ohne Bewutsein dessen, was um sie her
vorging, und erst als jenseits des Zoologischen die Huser am Kanal hin
aufhrten und die groe Schleuse mit ihrem drberwegschumenden Wasser sichtbar
wurde, blieb sie stehn und rang nach Luft. Ach, wer weinen knnte. Und sie
drckte die Hand gegen Brust und Herz.

Zu Hause traf sie die Mutter an ihrem alten Platz und setzte sich ihr gegenber,
ohne da ein Wort oder Blick zwischen ihnen gewechselt worden wre. Mit einem
Mal aber sah die Alte, deren Auge bis dahin immer in derselben Richtung gegangen
war, von ihrem Herdfeuer auf und erschrak, als sie der Vernderung in Lenens
Gesicht gewahr wurde.
    Lene, Kind, was hast du? Lene, wie siehst du nur aus? Und so schwer
beweglich sie sonsten war, heute machte sie sich im Umsehn von ihrer Fubank los
und suchte nach dem Krug, um die noch immer wie halbtot Dasitzende mit Wasser zu
besprengen. Aber der Krug war leer, und so humpelte sie nach dem Flur und vom
Flur nach Hof und Garten hinaus, um die gute Frau Drr zu rufen, die gerade
Goldlack und Jelnger-jelieber abschnitt, um Marktstrue daraus zu binden. Ihr
Alter aber stand neben ihr und sagte: Nimm nicht wieder zuviel Strippe.
    Frau Drr, als sie das jmmerliche Rufen der alten Frau von fernher hrte,
verfrbte sich und antwortete mit lauter Stimme: Komme schon, Mutter Nimptsch,
komme schon, und alles wegwerfend, was sie von Blumen und Bast in der Hand
hatte, lief sie gleich auf das kleine Vorderhaus zu, weil sie sich sagte, da da
was los sein msse.
    Richtig, dacht ich's doch... Leneken. Und dabei rttelte und schttelte
sie die nach wie vor leblos Dasitzende, whrend die Alte langsam nachkam und
ber den Flur hinschlurrte.
    Wir mssen sie zu Bett bringen, rief Frau Drr, und die Nimptsch wollte
selber mit anfassen. Aber so war das wir der stattlichen Frau Drr nicht
gemeint gewesen. Ich mache so was allein, Mutter Nimptsch, und Lenen in ihre
Arme nehmend, trug sie sie nebenan in die Kammer und deckte sie hier zu.
    So, Mutter Nimptsch. Nu 'ne heie Strze. Das kenn ich, das kommt von 's
Blut. Erst 'ne Strze un denn 'n Ziegelstein an die Fusohlen; aber grad untern
Spann, da sitzt das Leben... Wovon is es denn eigentlich? Is gewi 'ne
Altration.
    Wei nich. Sie hat nichts gesagt. Aber ich denke mir, da sie 'n vielleicht
gesehn hat.
    Richtig. Das is es. Das kenn ich... Aber nu die Fenster zu un runter mit 's
Rollo... Manche sind fr Kampfer und Hoffmannstropfen, aber Kampfer schwcht so
und is eigentlich blo fr Motten. Nein, liebe Nimptschen, was 'ne Natur is un
noch dazu solche junge, die mu sich immer selber helfen, un darum bin ich fr
schwitzen. Aber orntlich. Un wovon kommt es? Von die Mnner kommt es. Un doch
hat man sie ntig un braucht sie... Na, sie kriegt ja schon wieder Farbe.
    Wolln wir nich lieber nach 'n Doktor schicken?
    I, Jott bewahre. Die kutschieren jetzt rum, un eh einer kommt, is sie schon
dreimal dod und lebendig.

                              Siebzehntes Kapitel


Drittehalb Jahre waren seit jener Begegnung vergangen, whrend welcher Zeit sich
manches in unserem Bekannten- und Freundeskreise verndert hatte, nur nicht in
dem in der Landgrafenstrae.
    Hier herrschte dieselbe gute Laune weiter, der Frohmut der Flitterwochen war
geblieben, und Kthe lachte nach wie vor. Was andere junge Frauen vielleicht
betrbt htte: da das Paar einfach ein Paar blieb, wurde von Kthe keinen
Augenblick schmerzlich empfanden. Sie lebte so gern und fand an Putz und
Plaudern, an Reiten und Fahren ein so volles Genge, da sie vor einer
Vernderung ihrer Huslichkeit eher erschrak als sie herbeiwnschte. Der Sinn
fr Familie, geschweige die Sehnsucht danach, war ihr noch nicht aufgegangen,
und als die Mama brieflich eine Bemerkung ber diese Dinge machte, schrieb Kthe
ziemlich ketzerisch zurck: Sorge Dich nicht, Mama. Bothos Bruder hat sich ja
nun ebenfalls verlobt, in einem halben Jahr ist Hochzeit, und ich berla es
gern meiner zuknftigen Schwgerin, sich die Fortdauer des Hauses Riencker
angelegen sein zu lassen.
    Botho sah es anders an, aber auch sein Glck wurde durch das, was fehlte,
nicht sonderlich getrbt, und wenn ihn trotzdem von Zeit zu Zeit eine
Mistimmung anwandelte, so war es, wie schon damals auf seiner Dresdener
Hochzeitsreise, vorwiegend darber, da mit Kthe wohl ein leidlich
vernnftiges, aber durchaus kein ernstes Wort zu reden war. Sie war
unterhaltlich und konnte sich mitunter bis zu glcklichen Einfllen steigern,
aber auch das Beste, was sie sagte, war oberflchlich und spielrig, als ob sie
der Fhigkeit entbehrt htte, zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen zu
unterscheiden. Und was das schlimmste war, sie betrachtete das alles als einen
Vorzug, wute sich was damit und dachte nicht daran, es abzulegen. Aber, Kthe,
Kthe, rief Botho dann wohl und lie in diesem Zuruf etwas von Mibilligung mit
durchklingen, ihr glckliches Naturell aber wut ihn immer wieder zu entwaffnen,
ja, so sehr, da er sich mit dem Anspruch, den er erhob, fast pedantisch vorkam.
    Lene mit ihrer Einfachheit, Wahrheit und Unredensartlichkeit stand ihm
fters vor der Seele, schwand aber ebenso rasch wieder hin, und nur wenn
Zuflligkeiten einen ganz bestimmten Vorfall in aller Lebendigkeit wieder in ihm
wachriefen, kam ihm mit dieser greren Lebendigkeit des Bildes auch wohl ein
strkeres Gefhl und mitunter selbst eine Verlegenheit.
    Eine solche Zuflligkeit ereignete sich gleich im ersten Sommer, als das
junge Paar, von einem Diner bei Graf Alten zurckgekehrt, auf dem Balkon sa und
seinen Tee nahm. Kthe lag zurckgelehnt in ihrem Stuhl und lie sich aus der
Zeitung einen mit Zahlenangaben reich gespickten Artikel ber Pfarr- und
Stolgebhren vorlesen. Eigentlich verstand sie wenig davon, um so weniger, als
die vielen Zahlen sie strten, aber sie hrte doch ziemlich aufmerksam zu, weil
alle mrkischen Frlens ihre halbe Jugend bei Predigers zubringen und so den
Pfarrhausinteressen ihre Teilnahme bewahren. So war es auch heut. Endlich brach
der Abend herein, und im selben Augenblicke, wo's dunkelte, begann drben im
Zoologischen das Konzert, und ein entzckender Strauscher Walzer klang
herber.
    Hre nur, Botho, sagte Kthe, sich aufrichtend, whrend sie voll bermut
hinzusetzte: Komm, la uns tanzen. Und ohne seine Zustimmung abzuwarten, zog
sie ihn aus seinem Stuhl in die Hh und walzte mit ihm in das groe Balkonzimmer
hinein und in diesem noch ein paar Mal herum. Dann gab sie ihm einen Ku und
sagte, whrend sie sich an ihn schmiegte: Weit du, Botho, so wundervoll hab
ich noch nie getanzt, auch nicht auf meinem ersten Ball, den ich noch bei der
Zlow mitmachte, ja, da ich's nur gestehe, noch eh ich eingesegnet war. Onkel
Osten nahm mich auf seine Verantwortung mit, und die Mama wei es bis diesen Tag
nicht. Aber selbst da war es nicht so schn wie heut. Und doch ist verbotene
Frucht die schnste. Nicht wahr? Aber du sagst ja nichts, du bist ja verlegen,
Botho. Sieh, so ertapp ich dich mal wieder.
    Er wollte, so gut es ging, etwas sagen, aber sie lie ihn nicht dazu kommen.
Ich glaube wirklich, Botho, meine Schwester Ine hat es dir angetan, und du
darfst mich nicht damit trsten wollen, sie sei noch ein halber Backfisch oder
nicht weit darber hinaus. Das sind immer die gefhrlichsten. Ist es nicht so?
Nun ich will nichts gesehen haben, und ich gnn es ihr und dir. Aber auf alte,
ganz alte Geschichten bin ich eiferschtig, viel, viel eiferschtiger als auf
neue.
    Sonderbar, sagte Botho und versuchte zu lachen.
    Und doch am Ende nicht so sonderbar, wie's aussieht, fuhr Kthe fort.
Sieh, neue Geschichten hat man doch immer halb unter Augen, und es mu schon
schlimm kommen und ein wirklicher Meisterverrter sein, wenn man gar nichts
merken und so reinweg betrogen werden soll. Aber alte Geschichten, da hrt alle
Kontrolle auf, da kann es tausend und drei geben, und man wei es kaum.
    Und was man nicht wei...
    Kann einen doch hei machen. Aber lassen wir's, und lies mir lieber weiter
aus deiner Zeitung vor. Ich habe bestndig an unsere Kluckhuhns denken mssen,
und die gute Frau versteht es nicht. Und der lteste soll jetzt gerade
studieren.

Solche Geschichten ereigneten sich hufiger und beschworen in Bothos Seele mit
den alten Zeiten auch Lenens Bild herauf, aber sie selbst sah er nicht, was ihm
auffiel, weil er ja wute, da sie halbe Nachbarn waren.
    Es fiel ihm auf und wr ihm doch leicht erklrlich gewesen, wenn er
rechtzeitig in Erfahrung gebracht htte, da Frau Nimptsch und Lene gar nicht
mehr an alter Stelle zu finden seien. Und doch war es so. Von dem Tag an, wo
Lene dem jungen Paar in der Ltzowstrae begegnet war, hatte sie der Alten
erklrt, in der Drrschen Wohnung nicht mehr bleiben zu knnen, und als Mutter
Nimptsch, die sonst nie widersprach, den Kopf geschttelt und geweimert und in
einem fort auf den Herd hingewiesen hatte, hatte Lene gesagt: Mutter, du kennst
mich doch. Ich werde dir doch deinen Herd und dein Feuer nicht nehmen; du sollst
alles wieder haben; ich habe das Geld dazu gespart, und wenn ich's nicht htte,
so wollt ich arbeiten, bis es beisammen wr. Aber hier mssen wir fort. Ich mu
jeden Tag da vorbei, das halt ich nicht aus, Mutter. Ich gnn ihm sein Glck, ja
mehr noch, ich freue mich, da er's hat. Gott ist mein Zeuge, denn er war ein
guter, lieber Mensch und hat mir zu Liebe gelebt und kein Hochmut und keine
Haberei. Und da ich's rundheraus sage, trotzdem ich die feinen Herren nicht
leiden kann, ein richtiger Edelmann, so recht einer, der das Herz auf dem
rechten Flecke hat. Ja, mein einziger Botho, du sollst glcklich sein, so
glcklich, wie du's verdienst. Aber ich kann es nicht sehn, Mutter, ich mu weg
hier, denn sowie ich zehn Schritte gehe, denk ich, er steht vor mir. Und da bin
ich in einem ewigen Zittern. Nein, nein, das geht nicht. Aber deine Herdstelle
sollst du haben. Das versprech ich dir, ich, deine Lene.
    Nach diesem Gesprche war seitens der Alten aller Widerstand aufgegeben
worden, und auch Frau Drr hatte gesagt: Versteht sich, ihr mt ausziehen. Und
dem alten Geizkragen, dem Drr, dem gnn ich's. Immer hat er mir was
vorgebrummt, da ihr zu billig einst und da nich die Steuer un die Repratur
dabei rauskme. Nu mag er sich freuen, wenn ihm alles leer steht. Und so wird's
kommen. Denn wer zieht denn in solchen Puppenkasten, wo jeder Kater ins Fenster
kuckt un kein Gas nich un keine Wasserleitung. I, versteht sich; ihr habt ja
vierteljhrliche Kndigung, und Ostern knnt ihr raus, da helfen ihm keine
Sperenzchen. Und ich freue mich ordentlich; ja, Lene, so schlecht bin ich. Aber
ich mu auch gleich fr meine Schadenfreude bezahlen. Denn wenn du weg bist,
Kind, und die gute Frau Nimptsch mit ihrem Feuer und ihrem Teekessel und immer
kochend Wasser, ja, Lene, was hab ich denn noch? Doch blo ihn un Sultan und den
dummen Jungen, der immer dummer wird. Un sonst keinen Menschen nich. Und wenn's
denn kalt wird und Schnee fllt, is es mitunter zum katholisch werden vor lauter
Stillsitzen und Einsamkeit.
    Das waren so die ersten Verhandlungen gewesen, als der Umzugsplan in Lene
feststand, und als Ostern herankam, war wirklich ein Mbelwagen vorgefahren, um
aufzuladen, was an Habseligkeiten da war. Der alte Drr hatte sich bis zuletzt
berraschend gut benommen, und nach erfolgtem feierlichen Abschiede war Frau
Nimptsch in eine Droschke gepackt und mit ihrem Eichktzchen und Stieglitz bis
an das Luisen-Ufer gefahren worden, wo Lene, drei Treppen hoch, eine kleine
Prachtwohnung gemietet und nicht nur ein paar neue Mbeln angeschafft, sondern,
in Erinnerung an ihr Versprechen, vor allem auch fr einen an den groen
Vorderzimmerofen angebauten Kamin gesorgt hatte. Seitens des Wirts waren
anfnglich allerlei Schwierigkeiten gemacht worden, weil solch Vorbau den Ofen
ruiniere. Lene hatte jedoch unter Angabe der Grnde darauf bestanden, was dem
Wirt, einem alten braven Tischlermeister, dem so was gefiel, einen groen
Eindruck gemacht und ihn zum Nachgeben bestimmt hatte.
    Beide wohnten nun ziemlich ebenso, wie sie vordem im Drrschen Gartenhause
gewohnt hatten, nur mit dem Unterschiede, da sie jetzt drei Treppen hoch saen
und statt auf die phantastischen Trme des Elefantenhauses auf die hbsche
Kuppel der Michaelskirche sahen. Ja, der Blick, dessen sie sich erfreuten, war
entzckend und so schn und frei, da er selbst auf die Lebensgewohnheiten der
alten Nimptsch einen Einflu gewann und sie bestimmte, nicht mehr blo auf der
Fubank am Feuer, sondern, wenn die Sonne schien, auch am offenen Fenster zu
sitzen, wo Lene fr einen Tritt gesorgt hatte. Das alles tat der alten Frau
Nimptsch ungemein wohl und half ihr auch gesundheitlich auf, so da sie, seit
dem Wohnungswechsel, weniger an Reien litt als drauen in dem Drrschen
Gartenhause, das, so poetisch es lag, nicht viel besser als ein Keller gewesen
war.
    Im brigen verging keine Woche, wo nicht, trotz des endlos weiten Weges,
Frau Drr vom Zoologischen her am Luisen-Ufer erschienen wre, blo um zu
sehen, wie's stehe. Sie sprach dann, nach Art aller Berliner Ehefrauen,
ausschlielich von ihrem Manne, dabei regelmig einen Ton anschlagend, als ob
die Verheiratung mit ihm eine der schwersten Mesalliancen und eigentlich etwas
halb Unerklrliches gewesen wre. In Wahrheit aber stand es so, da sie sich
nicht nur uerst behaglich und zufrieden fhlte, sondern sich auch freute, da
Drr gerade so war, wie er war. Denn sie hatte nur Vorteile davon, einmal den,
bestndig reicher zu werden, und nebenher den zweiten, ihr ebenso wichtigen,
ohne jede Gefahr vor nderung und Vermgenseinbue sich unausgesetzt ber den
alten Geizkragen erheben und ihm Vorhaltungen ber seine niedrige Gesinnung
machen zu knnen. Ja, Drr war das Hauptthema bei diesen Gesprchen, und Lene,
wenn sie nicht bei Goldsteins oder sonst wo in der Stadt war, lachte jedesmal
herzlich mit und um so herzlicher, als sie sich, ebenso wie die Nimptsch, seit
dem Umzuge sichtlich erholt hatte. Das Einrichten, Anschaffen und Instandsetzen
hatte sie, wie sich denken lt, von Anfang an von ihren Betrachtungen
abgezogen, und was noch wichtiger und fr ihre Gesundheit und Erholung erst
recht von Vorteil gewesen war, war das, da sie nun keine Furcht mehr vor einer
Begegnung mit Botho zu haben brauchte. Wer kam nach dem Luisen-Ufer? Botho gewi
nicht. All das vereinigte sich, sie vergleichsweise wieder frisch und munter
erscheinen zu lassen, und nur eines war geblieben, das auch uerlich an
zurckliegende Kmpfe gemahnte: mitten durch ihr Scheitelhaar zog sich eine
weie Strhne. Mutter Nimptsch hatte kein Auge dafr oder machte nicht viel
davon, die Drr aber, die nach ihrer Art mit der Mode ging und vor allem
ungemein stolz auf ihren echten Zopf war, sah die weie Strhne gleich und sagte
zu Lene: Jott, Lene. Un grade links. Aber natrlich... da sitzt es ja..., links
mu es ja sein.
    Es war bald nach dem Umzuge, da dies Gesprch gefhrt wurde. Sonst geschah
im allgemeinen weder Bothos noch der alten Zeiten Erwhnung, was einfach darin
seinen Grund hatte, da Lene, wenn die Plauderei speziell diesem Thema sich
zuwandte, jedesmal rasch abbrach oder auch wohl aus dem Zimmer ging. Das hatte
sich die Drr, als es Mal auf Mal wiederkehrte, gemerkt, und so schwieg sie denn
ber Dinge, von denen man ganz ersichtlich weder reden noch hren wollte. So
ging es ein Jahr lang, und als das Jahr um war, war noch ein anderer Grund da,
der es nicht rtlich erscheinen lie, auf die alten Geschichten zurckzukommen.
Nebenan nmlich war, Wand an Wand mit der Nimptsch, ein Mieter eingezogen, der,
von Anfang an auf gute Nachbarschaft haltend, bald noch mehr als ein guter
Nachbar zu werden versprach. Er kam jeden Abend und plauderte, so da es
mitunter an die Zeiten erinnerte, wo Drr auf seinem Schemel gesessen und seine
Pfeife geraucht hatte, nur da der neue Nachbar in vielen Stcken doch anders
war: ein ordentlicher und gebildeter Mann, von nicht gerade feinen, aber sehr
anstndigen Manieren, dabei guter Unterhalter, der, wenn Lene mit zugegen war,
von allerlei stdtischen Angelegenheiten, von Schulen, Gasanstalten und
Kanalisation und mitunter auch von seinen Reisen zu sprechen wute. Traf es
sich, da er mit der Alten allein war, so verdro ihn auch das nicht, und er
spielte dann Tod und Leben mit ihr oder Dambrett oder half ihr auch wohl eine
Patience legen, trotzdem er eigentlich alle Karten verabscheute. Denn er war ein
Konventikler und hatte, nachdem er erst bei den Mennoniten und dann spter bei
den Irvingianern eine Rolle gespielt hatte, neuerdings eine selbstndige Sekte
gestiftet.
    Wie sich denken lt, erregte dies alles die hchste Neugier der Frau Drr,
die denn auch nicht mde wurde, Fragen zu stellen und Anspielungen zu machen,
aber immer nur, wenn Lene wirtschaftlich zu tun oder in der Stadt allerlei
Besorgungen hatte. Sagen Sie, liebe Frau Nimptsch, was is er denn eigentlich?
Ich habe nachgeschlagen, aber er steht noch nich drin; Drr hat blo immer den
vorjhrigen. Franke heit er?
    Ja, Franke.
    Franke. Da war mal einer in der Ohmgasse, Grobttchermeister, und hatte
blo ein Auge; das heit, das andre war auch noch da, man blo ganz wei und sah
eigentlich aus wie 'ne Fischblase. Un wovon war es? Ein Reifen, als er ihn
umlegen wollte, war abgesprungen und mit der Spitze grad ins Auge. Davon war es.
Ob er von da herstammt?
    Nein, Frau Drr, er is gar nich von hier. Er is aus Bremen.
    Ach so. Na denn is es ja ganz natrlich.
    Frau Nimptsch nickte zustimmend, ohne sich ber diese
Natrlichkeitsversicherung weiter aufklren zu lassen, und fuhr ihrerseits fort:
Un von Bremen bis Amerika dauert blo vierzehn Tage. Da ging er hin. Un er war
so was wie Klempner oder Schlosser oder Maschinenarbeiter, aber als er sah, da
es nich ging, wurd er Doktor und zog rum mit lauter kleine Flaschen und soll
auch gepredigt haben. Un weil er so gut predigte, wurd er angestellt bei... Ja,
nun hab ich es wieder vergessen. Aber es sollen lauter sehr fromme Leute sein
und auch sehr anstndige.
    Herr du meine Gte, sagte Frau Drr. Er wird doch nich... Jott, wie
heien sie doch, die so viele Frauen haben, immer gleich sechs oder sieben und
manche noch mehre... Ich wei nich, was sie mit so viele machen.
    Es war ein Thema, wie geschaffen fr Frau Drr. Aber die Nimptsch beruhigte
die Freundin und sagte: Nein, liebe Drr, es is doch anders. Ich hab erst auch
so was gedacht, aber da hat er gelacht und gesagt: I bewahre, Frau Nimptsch. Ich
bin Junggesell. Und wenn ich mich verheirate, da denk ich mir, eine ist grade
genug.
    Na, da fllt mir ein Stein vom Herzen, sagte die Drr. Und wie kam es
denn nachher? Ich meine drben in Amerika.
    Nu, nachher kam es ganz gut und dauerte gar nich lange, so war ihm
geholfen. Denn was die Frommen sind, die helfen sich immer untereinander. Und
hatte wieder Kundschaft gekriegt und auch sein altes Metier wieder. Und das hat
er noch und is in einer groen Fabrik hier in der Kpnicker Strae, wo sie
kleine Rhren machen und Brenner und Hhne und alles, was sie fr den Gas
brauchen. Und er ist da der oberste, so wie Zimmer- oder Mauerpolier, un hat
wohl hundert unter sich. Un is ein sehr reputierlicher Mann mit Zylinder un
schwarze Handschuh. Un hat auch ein gutes Gehalt.
    Un Lene?
    Nu, Lene, die nhm ihn schon. Und warum auch nich? Aber sie kann ja den
Mund nich halten, und wenn er kommt und ihr was sagt, dann wird sie ihm alles
erzhlen, all die alten Geschichten, erst die mit Kuhlwein (un is doch nu schon
so lang, als wr's eigentlich gar nich gewesen) und denn die mit dem Baron. Und
Franke, mssen Sie wissen, ist ein feiner un anstndiger Mann, un eigentlich
schon ein Herr.
    Wir mssen es ihr ausreden. Er braucht ja nich alles zu wissen; wozu denn?
wir wissen ja auch nich alles.
    Woll, woll. Aber die Lene...

                              Achtzehntes Kapitel


Nun war Juni 78. Frau von Riencker und Frau von Sellenthin waren den Mai ber
auf Besuch bei dem jungen Paare gewesen, und Mutter und Schwiegermutter, die
sich mit jedem Tage mehr einredeten, ihre Kthe blasser, blutloser und matter
als sonst vorgefunden zu haben, hatten, wie sich denken lt, nicht aufgehrt,
auf einen Spezialarzt zu dringen, mit dessen Hilfe, nach beilufig sehr
kostspieligen gynkologischen Untersuchungen, eine vierwchentliche
Schlangenader Kur als vorlufig unerllich festgesetzt worden war. Schwalbach
knne dann folgen. Kthe hatte gelacht und nichts davon wissen wollen, am
wenigsten von Schlangenbad, es sei so was Unheimliches in dem Namen und sie
fhle schon die Viper an der Brust, aber schlielich hatte sie nachgegeben und
in den nun beginnenden Reisevorbereitungen eine Befriedigung gefunden die grer
war als die, die sie sich von der Kur versprach. Sie fuhr tglich in die Stadt,
um Einkufe zu machen, und wurde nicht mde, zu versichern, wie sie jetzt erst
das so hoch in Gunst und Geltung stehende shopping der englischen Damen
begreifen lerne: so von Laden zu Laden zu wandern und immer hbsche Sachen und
hfliche Menschen zu finden, das sei doch wirklich ein Vergngen und lehrreich
dazu, weil man so vieles sehe, was man gar nicht kenne, ja, wovon man bis dahin
nicht einmal den Namen gehrt htte. Botho nahm in der Regel an diesen Gngen
und Ausfahrten teil, und ehe die letzte Juniwoche heran war, war die halbe
Rienckersche Wohnung in eine kleine Ausstellung von Reiseeffekten umgewandelt:
ein Riesenkoffer mit Messingbeschlag, den Botho, nicht ganz mit Unrecht, den
Sarg seines Vermgens nannte, leitete den Reigen ein, dann kamen zwei kleinere
von Juchtenleder samt Taschen, Decken und Kissen, und ber das Sofa hin
ausgebreitet lag die Reisegarderobe mit einem Staubmantel obenan und einem Paar
wundervoller dicksohliger Schnrstiefel, als ob es sich um irgendeine
Gletscherpartie gehandelt htte.
    Den 24. Juni, Johannistag, sollte die Reise beginnen, aber am Tage vorher
wollte Kthe den cercle intime noch einmal um sich versammeln, und so waren denn
Wedell und ein junger Osten und selbstverstndlich auch Pitt und Serge zu
verhltnismig frher Stunde geladen worden. Dazu Kthes besonderer Liebling
Balafr, der, bei Mars-la-Tour, damals noch als Halberstdter, die groe
Attacke mitgeritten und wegen eines wahren Prachthiebes schrg ber Stirn und
Backe seinen Beinamen erhalten hatte.
    Kthe sa zwischen Wedell und Balafr und sah nicht aus, als ob sie
Schlangenbads oder irgendeiner Badekur der Welt besonders bedrftig sei, sie
hatte Farbe, lachte, tat hundert Fragen und begngte sich, wenn der Gefragte zu
sprechen anhob, mit einem Minimum von Antwort. Eigentlich fhrte sie das Wort,
und keiner nahm Ansto daran, weil sie die Kunst des geflligen Nichtssagens mit
einer wahren Meisterschaft bte. Balafr fragte, wie sie sich ihr Leben in den
Kurtagen denke. Schlangenbad sei nicht blo wegen seiner Heilwunder, sondern
viel, viel mehr noch wegen seiner Langenweile berhmt, und vier Wochen
Bade-Langeweile seien selbst unter den gnstigsten Kurverhltnissen etwas viel.
    Oh, lieber Balafr, sagte Kthe, Sie drfen mich nicht ngstigen und
wrden es auch nicht, wenn Sie wten, wieviel Botho fr mich getan hat. Er hat
mir nmlich acht Bnde Novellen als freilich unterste Schicht in den Koffer
gelegt, und damit sich meine Phantasie nicht kurwidrig erhitze, hat er gleich
noch ein Buch ber knstliche Fischzucht mit zugetan.
    Balafr lachte.
    Ja, Sie lachen, lieber Freund, und wissen doch erst die kleinere Hlfte,
die Haupthlfte (Botho tut nmlich nichts ohne Grund und Ursache) ist seine
Motivierung. Es war natrlich blo Scherz, was ich da vorhin von meiner mit
Hilfe der Fischzuchtsbroschre nicht zu schdigenden Phantasie sagte, das Ernste
von der Sache lief darauf hinaus, ich msse dergleichen, die Broschre nmlich,
endlich lesen, und zwar aus Lokalpatriotismus, denn die Neumark, unsere
gemeinsame glckliche Heimat, sei seit Jahr und Tag schon die Brut- und
Geburtssttte der knstlichen Fischzucht, und wenn ich von diesem
national-konomisch so wichtigen neuen Ernhrungsfaktor nichts wte, so drft
ich mich jenseits der Oder im Landsberger Kreise gar nicht mehr sehen lassen, am
allerwenigsten aber in Berneuchen, bei meinem Vetter Borne.
    Botho wollte das Wort nehmen, aber sie schnitt es ihm ab und fuhr fort: Ich
wei, was du sagen willst und da es wenigstens mit den acht Novellen nur so fr
alle Flle sei. Gewi, gewi, du bist immer so schrecklich vorsichtig. Aber ich
denke, alle Flle sollen gar nicht kommen. Ich hatte nmlich gestern noch einen
Brief von meiner Schwester Ine, die mir schrieb, Anna Grvenitz sei seit acht
Tagen auch da. Sie kennen sie ja, Wedell, eine geborene Rohr, charmante
Blondine, mit der ich bei der alten Zlow in Pension und sogar in derselben
Klasse war. Und ich entsinne mich noch, wie wir unsern vergtterten Felix
Bachmann gemeinschaftlich anschwrmten und sogar Verse machten, bis die gute
alte Zlow sagte, sie verbte sich solchen Unsinn. Und Elly Winterfeld, wie mir
Ine schreibt, kme wahrscheinlich auch. Und nun sag ich mir, in Gesellschaft von
zwei reizenden jungen Frauen - und ich als dritte, wenn auch mit den beiden
andern gar nicht zu vergleichen -, in so guter Gesellschaft, sag ich, mu man
doch am Ende leben knnen. Nicht wahr, lieber Balafr?
    Dieser verneigte sich unter einem grotesken Mienenspiel, das in allem, nur
nicht hinsichtlich eines von ihr selbst versicherten Zurckstehens gegen
irgendwen sonst in der Welt, seine Zustimmung ausdrcken sollte, nahm aber
nichtsdestoweniger sein ursprngliches Examen wieder auf und sagte: Wenn ich
Details hren knnte, meine Gndigste! Das einzelne, sozusagen, die Minute,
bestimmt unser Glck und Unglck. Und der Tag hat der Minuten so viele.
    Nun, ich denk es mir so. Jeden Morgen Briefe. Dann Promenadenkonzert und
Spaziergang mit den zwei Damen, am liebsten in einer verschwiegenen Allee. Da
setzen wir uns dann und lesen uns die Briefe vor, die wir doch hoffentlich
erhalten werden, und lachen, wenn er zrtlich schreibt, und sagen ja, ja!. Und
dann kommt das Bad und nach dem Bade die Toilette, natrlich mit Sorglichkeit
und Liebe, was doch in Schlangenbad nicht ununterhaltlicher sein kann als in
Berlin. Eher das Gegenteil. Und dann gehen wir zu Tisch und haben einen alten
General zur Rechten und einen reichen Industriellen zur Linken, und fr
Industrielle hab ich von Jugend an eine Passion gehabt. Eine Passion, deren ich
mich nicht schme. Denn entweder haben sie neue Panzerplatten erfunden oder
unterseeische Telegraphen gelegt oder einen Tunnel gebohrt oder eine
Kletter-Eisenbahn angelegt. Und dabei, was ich auch nicht verachte, sind sie
reich. Und nach Tische Lesezimmer und Kaffee bei heruntergelassenen Jalousien,
so da einem die Schatten und Lichter immer auf der Zeitung umhertanzen. Und
dann Spaziergang. Und vielleicht, wenn wir Glck haben, haben sich sogar ein
paar Frankfurter oder Mainzer Kavaliere herber verirrt und reiten neben dem
Wagen her, und das mu ich Ihnen sagen, meine Herren, gegen Husaren, gleichviel
ob rot oder blau, kommen Sie nicht auf, und von meinem militrischen Standpunkt
aus ist und bleibt es ein entschiedener Fehler, da man die Gardedragoner
verdoppelt, aber die Gardehusaren sozusagen einfach gelassen hat. Und noch
unbegreiflicher ist es mir, da man sie drben lt. So was Apartes gehrt in
die Hauptstadt.
    Botho, den das enorme Sprechtalent seiner Frau zu genieren anfing, suchte
durch kleine Schraubereien ihrer Schwatzhaftigkeit Einhalt zu tun. Aber seine
Gste waren viel unkritischer als er, ja erheiterten sich mehr denn je ber die
reizende kleine Frau, und Balafr, der in Kthebewunderung obenan stand,
sagte: Riencker, wenn Sie noch ein Wort gegen Ihre Frau sagen, so sind Sie des
Todes. Meine Gndigste, was dieser Oger von Ehemann nur berhaupt will? was er
nur krittelt? Ich wei es nicht. Und am Ende mu ich gar glauben, da er sich in
seiner Schweren-Kavallerie-Ehre gekrnkt fhlt und, Pardon wegen der
Wortspielerei, lediglich um seines Harnisch willen in Harnisch gert. Riencker,
ich beschwre Sie! Wenn ich solche Frau htte wie Sie, so wre mir jede Laune
Befehl, und wenn mich die Gndigste zum Husaren machen wollte, nun so wrd ich
schlankweg Husar und damit basta. Soviel aber wei ich gewi und mchte Leben
und Ehre darauf verwetten, wenn Seine Majestt solche beredten Worte hren
knnte, so htten die Gardehusaren drben keine ruhige Stunde mehr, lgen morgen
schon in Marschquartier in Zehlendorf und rckten bermorgen durchs
Brandenburger Tor hier ein. O dies Haus Sellenthin, das ich, die Gelegenheit
beim Schopf ergreifend, in diesem ersten Toaste zum ersten, zum zweiten, und zum
dritten Male leben lasse! Warum haben Sie keine Schwester mehr, meine Gndigste?
Warum hat sich Frulein Ine bereits verlobt? Vor der Zeit und jedenfalls mir zum
Tort.
    Kthe war glcklich ber derlei kleine Huldigungen und versicherte, da sie,
trotz Ine, die nun freilich rettungslos fr ihn verloren sei, alles tun wolle,
was sich tun lasse, wiewohl sie recht gut wisse, da er, als ein
unverbesserlicher Junggeselle, nur blo so rede. Gleich danach aber lie sie die
Neckerei mit Balafr fallen und nahm das Reisegesprch wieder auf, am
eingehendsten das Thema, wie sie sich die Korrespondenz eigentlich denke. Sie
hoffe, wie sie nur wiederholen knne, jeden Tag einen Brief zu empfangen, das
sei nun mal Pflicht eines zrtlichen Gatten, werd es aber ihrerseits an sich
kommen lassen und nur am ersten Tage von Station zu Station ein Lebenszeichen
geben. Dieser Vorschlag fand Beifall, sogar bei Riencker, und wurde nur
schlielich dahin abgendert, da sie zwar auf jeder Hauptstation bis Kln hin,
ber das sie trotz des Umwegs ihre Route nahm, eine Karte schreiben, alle ihre
Karten aber, soviel oder sowenig ihrer sein mchten, in ein gemeinschaftliches
Couvert stecken solle. Das habe dann den Vorzug, da sie sich ohne Furcht vor
Postexpedienten und Brieftrgern ber ihre Reisegenossen in aller Ungeniertheit
aussprechen knne.
    Nach dem Diner nahm man drauen auf dem Balkon den Kaffee, bei welcher
Gelegenheit sich Kthe, nachdem sie sich eine Weile gestrubt, in ihrem
Reisekostm: in Rembrandthut und Staubmantel samt umgehngter Reisetasche,
prsentierte. Sie sah reizend aus. Balafr war entzckter denn je und bat sie,
nicht allzu sehr berrascht sein zu wollen, wenn sie ihn am andern Morgen,
ngstlich in eine Kupee-Ecke gedrckt, als Reisekavalier vorfinden sollte.
    Vorausgesetzt, da er Urlaub kriegt, lachte Pitt.
    Oder desertiert, setzte Serge hinzu, was den Huldigungsakt freilich erst
vollkommen machen wrde.
    So ging die Plauderei noch eine Weile. Dann verabschiedete man sich bei den
liebenswrdigen Wirten und kam berein, bis zur Ltzowplatzbrcke
zusammenzubleiben. Hier aber teilte man sich in zwei Parteien, und whrend
Balafr samt Wedell und Osten am Kanal hin weiterschlenderten, gingen Pitt und
Serge, die noch zu Kroll wollten, auf den Tiergarten zu.
    Reizendes Geschpf, diese Kthe, sagte Serge. Riencker wirkt etwas
prosaisch daneben, und mitunter sieht er so sauertpfisch und neunmalweise
drein, als ob er die kleine Frau, die, bei Lichte besehn, eigentlich klger ist
als er, vor aller Welt entschuldigen msse.
    Pitt schwieg.
    Und was sie nur in Schwalbach oder Schlangenbad soll? fuhr Serge fort. Es
hilft doch nichts. Und wenn es hilft, ist es meist eine sehr sonderbare Hilfe.
    Pitt sah ihn von der Seite her an. Ich finde, Serge, du russifizierst dich
immer mehr oder, was dasselbe sagen will, wchst dich immer mehr in deinen Namen
hinein.
    Immer noch nicht genug. Aber Scherz beiseite, Freund, eines ist Ernst in
der Sache: Riencker rgert mich. Was hat er gegen die reizende kleine Frau.
Weit du's?
    Ja.
    Nun?
    She is rather a little silly. Oder wenn du's deutsch hren willst: sie
dalbert ein bichen. Jedenfalls ihm zuviel.

                              Neunzehntes Kapitel


Kthe zog zwischen Berlin und Potsdam schon die gelben Vorhnge vor ihr
Kupeefenster, um Schutz gegen die bestndig strker werdende Blendung zu haben,
am Luisen-Ufer aber waren an demselben Tage keine Vorhnge herabgelassen, und
die Vormittagssonne schien hell in die Fenster der Frau Nimptsch und fllte die
ganze Stube mit Licht. Nur der Hintergrund lag im Schatten, und hier stand ein
altmodisches Bett mit hoch aufgetrmten und rot und wei karierten Kissen, an
die Frau Nimptsch sich lehnte. Sie sa mehr, als sie lag, denn sie hatte Wasser
in der Brust und litt heftig an asthmatischen Beschwerden. Immer wieder wandte
sie den Kopf nach dem einen offenstehenden Fenster, aber doch noch hufiger nach
dem Kaminofen, auf dessen Herdstelle heute kein Feuer brannte.
    Lene sa neben ihr, ihre Hand haltend, und als sie sah, da der Blick der
Alten immer in derselben Richtung ging, sagte sie: Soll ich ein Feuer machen,
Mutter? Ich dachte, weil du liegst und die Bettwrme hast und weil es so hei
ist...
    Die Alte sagte nichts, aber es kam Lenen doch so vor, als ob sie's wohl gern
htte. So ging sie denn hin und bckte sich und machte ein Feuer.
    Als sie wieder ans Bett kam, lchelte die Alte zufrieden und sagte: Ja,
Lene, hei ist es. Aber du weit ja, ich mu es immer sehn. Und wenn ich es
nicht sehe, dann denk ich, es ist alles aus und kein Leben und kein Funke mehr.
Und man hat doch so seine Angst hier...
    Und dabei wies sie nach Brust und Herz.
    Ach, Mutter, du denkst immer gleich an Sterben. Und ist doch so oft schon
vorbergegangen.
    Ja, Kind, oft is es vorbergegangen, aber mal kommt es, und mit siebzig, da
kann es jeden Tag kommen. Weit du, mache das andere Fenster auch noch auf, dann
is mehr Luft hier, und das Feuer brennt besser. Sieh doch blo, es will nicht
mehr recht, es raucht so...
    Das macht die Sonne, die grade drauf steht....
    Und dann gib mir von den grnen Tropfen, die mir die Drr gebracht hat. Ein
bichen hilft es doch immer.
    Lene tat wie geheien, und der Kranken, als sie die Tropfen genommen hatte,
schien wirklich etwas besser und leichter ums Herz zu werden. Sie stemmte die
Hand aufs Bett und schob sich hher hinauf, und als ihr Lene noch ein Kissen ins
Kreuz gestopft hatte, sagte sie: War Franke schon hier?
    Ja; gleich heute frh. Er fragt immer, eh er in die Fabrik geht.
    Is ein sehr guter Mann.
    Ja, das ist er.
    Und mit das Konventikelsche...
    ... wird es so schlimm nicht sein. Und ich glaube beinah, da er seine
guten Grundstze da herhat. Glaubst du nicht auch?
    Die Alte lchelte. Nein, Lene, die kommen vom lieben Gott. Und der eine hat
sie, un der andre hat sie nicht. Ich glaube nich recht ans Lernen un Erziehen...
Und hat er noch nichts gesagt?
    Ja, gestern abend.
    Un was hast du ihm geantwortet?
    Ich hab ihm geantwortet, da ich ihn nehmen wolle, weil ich ihn fr einen
ehrlichen und zuverlssigen Mann hielte, der nicht blo fr mich, sondern auch
fr dich sorgen wrde...
    Die Alte nickte zustimmend.
    Und, fuhr Lene fort, als ich das so gesagt hatte, nahm er meine Hand und
rief in guter Laune: Na, Lene, denn also abgemacht! Ich aber schttelte den Kopf
und sagte, da das so schnell nicht ginge, denn ich htt ihm noch was zu
bekennen. Und als er fragte, was, erzhlt ich ihm, ich htte zweimal ein
Verhltnis gehabt: erst... na, du weit ja, Mutter..., und den ersten htt ich
ganz gern gehabt, und den andern htt ich sehr geliebt, und mein Herz hinge noch
an ihm. Aber er sei jetzt glcklich verheiratet und ich htt ihn nie
wiedergesehen, auer ein einzig Mal, und ich wollt ihn auch nicht wiedersehn.
Ihm aber, der es so gut mit uns meine, htt ich das alles sagen mssen, weil ich
keinen und am wenigsten ihn hintergehen wolle...
    Jott, Jott, weimerte die Alte dazwischen.
    ... Und gleich danach ist er aufgestanden und in seine Wohnung
rbergegangen. Aber er war nicht bse, was ich ganz deutlich sehen konnte. Nur
litt er's nicht, als ich ihn, wie sonst, bis an die Flurtr bringen wollte.
    Frau Nimptsch war ersichtlich in Angst und Unruhe, wobei sich freilich nicht
recht erkennen lie, ob es um des eben Gehrten willen oder aus Atemnot war. Es
schien aber fast das letztre, denn mit einem Male sagte sie: Lene, Kind, ich
liege nicht hoch genug. Du mut mir noch das Gesangbuch unterlegen.
    Lene widersprach nicht, ging vielmehr und holte das Gesangbuch. Als sie's
aber brachte, sagte die Alte: Nein, nich das, das ist das neue. Das alte will
ich, das dicke mit den zwei Klappen. Und erst als Lene mit dem dicken
Gesangbuche wieder da war, fuhr die Alte fort: Das hab ich meiner Mutter selig
auch holen mssen und war noch ein halbes Kind damals und meine Mutter noch
keine fuffzig und sa ihr auch hier und konnte keine Luft kriegen, und die
groen Angstaugen kuckten mich immer so an. Als ich ihr aber das Porstsche, das
sie bei der Einsegnung gehabt, unterschob, da wurde sie ganz still und ist ruhig
eingeschlafen. Und das mcht ich auch. Ach, Lene. Der Tod ist es nich... Aber
das Sterben... So, so. Ah, das hilft.
    Lene weinte still vor sich hin, und weil sie nun wohl sah, da der guten
alten Frau letzte Stunde nahe sei, schickte sie zu Frau Drr und lie sagen, es
stehe schlecht und ob Frau Drr nicht kommen wolle. Die lie denn auch
zurcksagen, ja, sie werde kommen..., und um die sechste Stunde kam sie
wirklich mit Lrm und Trara, weil Leisesein, auch bei Kranken, nicht ihre Sache
war. Sie stappste nur so durch die Stube hin, da alles schtterte und klirrte,
was auf und neben dem Herde lag, und dabei verklagte sie Drr, der immer grad in
der Stadt sei, wenn er mal zu Hause sein solle, und immer zu Hause wr, wenn sie
ihn zum Kuckuck wnsche. Dabei hatte sie der Kranken die Hand gedrckt und Lene
gefragt, ob sie denn auch tchtig von den Tropfen eingegeben habe?
    Ja.
    Wieviel denn?
    Fnf... fnf alle zwei Stunden.
    Das sei zuwenig, hatte die Drr darauf versichert und unter Auskramung
ihrer gesamten medizinischen Kenntnis hinzugesetzt: Sie habe die Tropfen
vierzehn Tage lang in der Sonne ziehn lassen, und wenn man sie richtig einnehme,
so ginge das Wasser weg wie mit 'ner Plumpe. Der alte Selke drben im
Zoologischen sei schon wie 'ne Tonne gewesen und habe schon ein Vierteljahr lang
keinen Bettzippel mehr gesehn, immer aufrecht in 'n Stuhl un alle Fenster weit
aufgerissen, als er aber vier Tage lang die Tropfen genommen, sei's gewesen, wie
wenn man auf eine Schweinsblase drcke: hast du nich gesehn, alles raus un
wieder lapp un schlapp.
    Unter diesen Worten hatte die robuste Frau der alten Nimptsch eine doppelte
Portion von ihrem Fingerhut eingezwungen.
    Lene, die bei dieser energischen Hilfe von einer doppelten und nur zu
berechtigten Angst befallen wurde, nahm ihr Tuch und schickte sich an, einen
Arzt zu holen. Und die Drr, die sonst immer gegen die Doktors war, hatte
diesmal nichts dagegen.
    Geh, sagte sie, sie kann's nicht lange mehr machen. Kuck blo mal hier
(und sie wies auf die Nasenflgel), da sitzt der Dod.
    Lene ging; aber sie konnte den Michaelkirchplatz noch kaum erreicht haben,
als die bis dahin in einem Halbschlummer gelegene Alte sich aufrichtete und nach
ihr rief: Lene...
    Lene is nich da.
    Wer is denn da?
    Ich, Mutter Nimptsch. Ich, Frau Drr.
    Ach, Frau Drr, das is recht. So, hierher; hier auf die Hutsche.
    Frau Drr, gar nicht gewhnt, sich kommandieren zu lassen, schttelte sich
ein wenig, war aber doch zu gutmtig, um dem Kommando nicht nachzukommen. Und so
setzte sie sich denn auf die Fubank.
    Und sieh da, im selben Augenblick begann auch die alte Frau schon: Ich will
einen gelben Sarg haben un blauen Beschlag. Aber nich zuviel...
    Gut, Frau Nimptsch.
    Un ich will auf 'n neuen Jakobikirchhof liegen, hinter 'n Rollkrug un ganz
weit weg nach Britz zu.
    Gut, Frau Nimptsch.
    Und gespart hab ich alles dazu, schon vordem, als ich noch sparen konnte.
Un es liegt in der obersten Schublade. Un da liegt auch das Hemd un das Kamisol
und ein Paar weie Strmpfe mit N. Und dazwischen liegt es.
    Gut, Frau Nimptsch. Es soll alles geschehn, wie Sie gesagt haben. Und is
sonst noch was?
    Aber die Alte schien von Frau Drrs Frage nichts mehr gehrt zu haben, und
ohne Antwort zu geben, faltete sie blo die Hnde, sah mit einem frommen und
freundlichen Ausdruck zur Decke hinauf und betete: Lieber Gott im Himmel, nimm
sie in deinen Schutz und vergilt ihr alles, was sie mir alten Frau getan hat.
    Ah, die Lene, sagte Frau Drr vor sich hin und setzte dann hinzu: Das
wird der liebe Gott auch, Frau Nimptsch, den kenn ich, und habe noch keine
verkommen sehn, die so war wie die Lene und solch Herz und solche Hand hatte.
    Die Alte nickte, und ein freundlich Bild stand sichtlich vor ihrer Seele.
    So vergingen Minuten, und als Lene zurckkam und vom Flur her an die
Korridortr klopfte, sa Frau Drr noch immer auf der Fubank und hielt die Hand
ihrer alten Freundin. Und jetzt erst, wo sie das Klopfen drauen hrte, lie sie
die Hand los und stand auf und ffnete.
    Lene war noch auer Atem. Er ist gleich hier... er wird gleich kommen.
    Aber die Drr sagte nur: Jott, die Doktors, und wies auf die Tote.

                              Zwanzigstes Kapitel


Kthes erster Reisebrief war in Kln auf die Post gegeben und traf, wie
versprochen, am andern Morgen in Berlin ein. Die gleich mitgegebene Adresse
rhrte noch von Botho her, der jetzt, lchelnd und in guter Laune, den sich
etwas fest anfhlenden Brief in Hnden hielt. Wirklich, es waren drei mit
blassem Bleistift und auf beiden Seiten beschriebene Karten in das Couvert
gesteckt worden, alle schwer lesbar, so da Riencker auf den Balkon hinaustrat,
um das undeutliche Gekritzel besser entziffern zu knnen.
    Nun la sehn, Kthe.
    Und er las:
    Brandenburg a. H., 8 Uhr frh. Der Zug, mein lieber Botho, hlt hier nur
drei Minuten, aber sie sollen nicht ungenutzt vorbergehen, ntigen Falles
schreib ich unterwegs im Fahren weiter, so gut oder so schlecht es geht. Ich
reise mit einer jungen, sehr reizenden Banquierfrau, Madame Salinger, geb.
Saling, aus Wien. Als ich mich ber die Namenshnlichkeit wunderte, sagte sie:
Joa, schaun S', i hoab halt mei Komp'rativ g'heirat't. Sie spricht in einem fort
dergleichen und geht trotz einer zehnjhrigen Tochter (blond; die Mutter
brnett) ebenfalls nach Schlangenbad. Und auch ber Kln und auch, wie ich,
eines dort abzustattenden Besuches halber. Das Kind ist gut geartet, aber nicht
gut erzogen und hat mir bei dem bestndigen Umherklettern im Kupee bereits
meinen Sonnenschirm zerbrochen, was die Mutter sehr in Verlegenheit brachte. Auf
dem Bahnhofe, wo wir eben halten, d.h. in diesem Augenblicke setzt sich der Zug
schon wieder in Bewegung, wimmelt es von Militr, darunter auch Brandenburger
Krassiere mit einem quittgelben Namenszug auf der Achselklappe; wahrscheinlich
Nikolaus. Es macht sich sehr gut. Auch Fsiliere waren da, Fnfunddreiiger,
kleine Leute, die mir doch kleiner vorkamen als ntig, obschon Onkel Osten immer
zu sagen pflegte: der beste Fsilier sei der, der nur mit bewaffnetem Auge
gesehen werden knne. Doch ich schliee. Die Kleine (leider) rennt nach wie vor
von einem Kupeefenster zum andern und erschwert mir das Schreiben. Und dabei
nascht sie bestndig Kuchen, kleine mit Kirschen und Pistazien belegte
Tortenstcke. Schon zwischen Potsdam und Werder fing sie damit an. Die Mutter
ist doch zu schwach. Ich wrde strenger sein.
    Botho legte die Karte beiseit und berflog, so gut es ging, die zweite. Sie
lautete:
    Hannover, 12 Uhr 30 Minuten. In Magdeburg war Goltz am Bahnhofe und sagte
mir, Du httest ihm geschrieben, ich kme. Wie gut und lieb wieder von Dir. Du
bist doch immer der Beste, der Aufmerksamste. Goltz hat jetzt die Vermessungen
am Harz, d.h. am 1. Juli fngt er an. - Der Aufenthalt hier in Hannover whrt
eine Viertelstunde, was ich benutzt habe, mir den unmittelbar am Bahnhofe
gelegenen Platz anzusehen: lauter erst unter unserer Herrschaft entstandene
Hotels und Bier-Etablissements, von denen eines ganz im gotischen Stile gebaut
ist. Die Hannoveraner, wie mir ein Mitreisender erzhlte, nennen es die
preuische Bierkirche, blo aus welfischem Antagonismus. Wie schmerzlich
dergleichen! Die Zeit wird aber auch hier vieles mildern. Das walte Gott. - Die
Kleine knabbert in einem fort weiter, was mich zu beunruhigen anfngt. Wohin
soll das fhren? Die Mutter aber ist wirklich reizend und hat mir schon alles
erzhlt. Sie war auch in Wrzburg, bei Scanzoni, fr den sie schwrmt. Ihr
Vertrauen gegen mich ist beschmend und beinahe peinlich. Im brigen ist sie,
wie ich nur wiederholen kann, durchaus comme il faut. Um Dir blo eines zu
nennen, welch Reisenecessaire. Die Wiener sind uns in solchen Dingen doch sehr
berlegen; man merkt die ltere Kultur.
    Wundervoll, lachte Botho. Wenn Kthe kulturhistorische Betrachtungen
anstellt, bertrifft sie sich selbst. Aber aller guten Dinge sind drei. La
sehn.
    Und dabei nahm er die dritte Karte.
    Kln, 8 Uhr abends. Kommandantur. Ich will meine Karten doch lieber noch
hier zur Post geben und nicht bis Schlangenbad warten, wo Frau Salinger und ich
morgen mittag einzutreffen gedenken. Mir geht es gut. Schroffensteins sehr
liebenswrdig; besonders er. brigens, um nichts zu vergessen, Frau Salinger
wurde durch Oppenheims Equipage vom Bahnhofe abgeholt. Unsere Fahrt, anfangs so
reizvoll, gestaltete sich von Hamm aus einigermaen beschwerlich und unschn.
Die Kleine litt schwer und leider durch Schuld der Mutter. Was mchtest du noch,
fragte sie, nachdem unser Zug eben den Bahnhof Hamm passiert hatte, worauf das
Kind antwortete: Drops. Und erst von dem Augenblicke an wurd es so schlimm...
Ach, lieber Botho, jung oder alt, unsere Wnsche bedrfen doch bestndig einer
strengen und gewissenhaften Kontrolle. Dieser Gedanke beschftigt mich seitdem
unausgesetzt, und die Begegnung mit dieser liebenswrdigen Frau war vielleicht
kein Zufall in meinem Leben. Wie oft habe ich Kluckhuhn in diesem Sinne sprechen
hren. Und er hat recht. Morgen mehr.
                                                                    Deine Kthe

Botho schob die drei Karten wieder ins Couvert und sagte: Ganz Kthe. Welch
Talent fr die Plauderei! Und ich knnte mich eigentlich freuen, da sie so
schreibt, wie sie schreibt. Aber es fehlt etwas. Es ist alles so angeflogen, so
bloes Gesellschaftsecho. Aber sie wird sich ndern, wenn sie Pflichten hat.
Oder doch vielleicht. Jedenfalls will ich die Hoffnung darauf nicht aufgeben.
    Am Tage danach kam ein kurzer Brief aus Schlangenbad, in dem viel, viel
weniger stand als auf den drei Karten, und von diesem Tage an schrieb sie nur
alle halbe Woche noch und plauderte von Anna Grvenitz und der wirklich auch
noch erschienenen Elly Winterfeld, am meisten aber von Madame Salinger und der
reizenden kleinen Sarah. Es waren immer dieselben Versicherungen, und nur am
Schlusse der dritten Woche hie es einigermaen abweichend: Ich finde jetzt die
Kleine reizender als die Mutter. Diese gefllt sich in einem Toilettenluxus, den
ich kaum passend finden kann, um so weniger, als eigentlich keine Herren hier
sind. Auch seh ich jetzt, da sie Farbe auflegt und namentlich die Augenbrauen
malt und vielleicht auch die Lippen, denn sie sind kirschrot. Das Kind aber ist
sehr natrlich. Immer wenn sie mich sieht, strzt sie mit Vehemenz auf mich zu
und kt mir die Hand und entschuldigt sich zum hundertsten Male wegen der
Drops, aber die Mama sei schuld, worin ich dem Kinde nur zustimmen kann. Und
doch mu andererseits ein geheimnisvoll naschiger Zug in Sarahs Natur liegen,
ich mchte beinahe sagen, etwas wie Erbsnde (glaubst Du daran? ich glaube
daran, mein lieber Botho), denn sie kann von den Sigkeiten nicht lassen und
kauft sich in einem fort Oblaten, nicht Berliner, die wie Schaumkringel
schmecken, sondern Karlsbader mit eingestreutem Zucker. Aber nichts mehr
schriftlich davon. Wenn ich Dich wiedersehe, was sehr bald sein kann - denn ich
mchte gern mit Anna Grvenitz zusammen reisen, man ist doch so mehr unter sich
-, sprechen wir darber und ber vieles andere noch. Ach, wie freu ich mich,
Dich wiedersehn und mit Dir auf dem Balkon sitzen zu knnen. Es ist doch am
schnsten in Berlin, und wenn dann die Sonne so hinter Charlottenburg und dem
Grunewald steht und man so trumt und so mde wird, oh, wie herrlich ist das!
Nicht wahr! Und weit Du wohl, was Frau Salinger gestern zu mir sagte? Ich sei
noch blonder geworden, sagte sie. Nun, Du wirst ja sehn.
                                                          Wie immer Deine Kthe

Riencker nickte mit dem Kopf und lchelte. Reizende, kleine Frau. Von ihrer
Kur schreibt sie nichts; ich wette, sie fhrt spazieren und hat noch keine zehn
Bder genommen. Und nach diesem Selbstgesprche gab er dem eben eintretenden
Burschen einige Weisungen und ging, durch Tiergarten und Brandenburger Tor, erst
die Linden hinunter und dann auf die Kaserne zu, wo der Dienst ihn bis Mittag in
Anspruch nahm.

Als er bald nach zwlf Uhr wieder zu Hause war und sich's, nach eingenommenem
Imbi, eben ein wenig bequem machen wollte, meldete der Bursche, da ein
Herr... ein Mann (er schwankte in der Titulatur) drauen sei, der den Herrn
Baron zu sprechen wnsche.
    Wer?
    Gideon Franke... Er sagte so.
    Franke? Sonderbar. Nie gehrt. La ihn eintreten.
    Der Bursche ging wieder, whrend Botho wiederholte: Franke... Gideon
Franke... Nie gehrt. Kenn ich nicht.
    Einen Augenblick spter trat der Angemeldete ein und verbeugte sich von der
Tr her etwas steif. Er trug einen bis oben hin zugeknpften schwarzbraunen
Rock, bermig blanke Stiefel und blankes schwarzes Haar, das an beiden
Schlfen dicht anlag. Dazu schwarze Handschuh und hohe Vatermrder von
untadliger Weie.
    Botho ging ihm mit der ihm eigenen chevaleresken Artigkeit entgegen und
sagte: Herr Franke?
    Dieser nickte.
    Womit kann ich dienen? Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen... Hier... Oder
vielleicht hier. Polstersthle sind immer unbequem.
    Franke lchelte zustimmend und setzte sich auf einen Rohrstuhl, auf den
Riencker hingewiesen hatte.
    Womit kann ich dienen? wiederholte Riencker.
    Ich komme mit einer Frage, Herr Baron.
    Die mir zu beantworten eine Freude sein wird, vorausgesetzt, da ich sie
beantworten kann.
    Oh, niemand besser als Sie, Herr von Riencker... Ich komme nmlich wegen
der Lene Nimptsch.
    Botho fuhr zurck.
    ... Und mchte, fuhr Franke fort, gleich hinzusetzen drfen, da es
nichts Genierliches ist, was mich herfhrt. Alles, was ich zu sagen oder, wenn
Sie's gestatten, Herr Baron, zu fragen habe, wird Ihnen und Ihrem Hause keine
Verlegenheiten schaffen. Ich wei auch von der Abreise der gndigen Frau, der
Frau Baronin, und habe mit allem Vorbedacht auf Ihr Alleinsein gewartet, oder
wenn ich so sagen darf, auf Ihre Strohwitwertage.
    Botho hrte mit feinem Ohre heraus, da der, der da sprach, trotz seines
spiebrgerlichen Aufzuges ein Mann von Freimut und untadeliger Gesinnung sei.
Das half ihm rasch aus seiner Verwirrung heraus, und er hatte Haltung und Ruhe
ziemlich wiedergewonnen, als er ber den Tisch hin fragte: Sie sind ein
Anverwandter Lenens? Verzeihung, Herr Franke, da ich meine alte Freundin bei
diesem alten, mir so lieben Namen nenne.
    Franke verbeugte sich und erwiderte: Nein, Herr Baron, kein Verwandter; ich
habe nicht diese Legitimation. Aber meine Legitimation ist vielleicht keine
schlechtere: ich kenne die Lene seit Jahr und Tag und habe die Absicht, sie zu
heiraten. Sie hat auch zugesagt, aber mir bei der Gelegenheit auch von ihrem
Vorleben erzhlt und dabei mit so groer Liebe von Ihnen gesprochen, da es mir
auf der Stelle feststand, Sie selbst, Herr Baron, offen und unumwunden fragen zu
wollen, was es mit der Lene eigentlich sei. Worin Lene selbst, als ich ihr von
meiner Absicht erzhlte, mich mit sichtlicher Freude bestrkte, freilich gleich
hinzusetzend: ich solle es lieber nicht tun, denn Sie wrden zu gut von ihr
sprechen.
    Botho sah vor sich hin und hatte Mhe, die Bewegung seines Herzens zu
bezwingen. Endlich aber war er wieder Herr seiner selbst und sagte: Sie sind
ein ordentlicher Mann, Herr Franke, der das Glck der Lene will, soviel hr und
seh ich, und das gibt Ihnen ein gutes Recht auf Antwort. Was ich Ihnen zu sagen
habe, darber ist mir kein Zweifel, und ich schwanke nur noch wie. Das beste
wird sein, ich erzhl Ihnen, wie's kam und weiterging und dann abschlo.
    Franke verbeugte sich abermals, zum Zeichen, da er auch seinerseits dies
fr das beste halte.
    Nun denn, hob Riencker an, es geht jetzt ins dritte Jahr oder ist auch
schon ein paar Monate darber, da ich bei Gelegenheit einer Kahnfahrt um die
Treptower Liebesinsel herum in die Lage kam, zwei jungen Mdchen einen Dienst zu
leisten und sie vor dem Kentern ihres Bootes zu bewahren. Eins der beiden
Mdchen war die Lene, und an der Art, wie sie dankte, sah ich gleich, da sie
anders war als andere. Von Redensarten keine Spur, auch spter nicht, was ich
gleich hier hervorheben mchte. Denn so heiter und mitunter beinahe ausgelassen
sie sein kann, von Natur ist sie nachdenklich, ernst und einfach.
    Botho schob mechanisch das noch auf dem Tische stehende Tablett beiseite,
strich die Decke glatt und fuhr dann fort: Ich bat sie, sie nach Hause
begleiten zu drfen, und sie nahm es ohne weiteres an, was mich damals einen
Augenblick berraschte. Denn ich kannte sie noch nicht. Aber ich sah sehr bald,
woran es lag; sie hatte sich von Jugend an daran gewhnt, nach ihren eigenen
Entschlssen zu handeln, ohne viel Rcksicht auf die Menschen und jedenfalls
ohne Furcht vor ihrem Urteil.
    Franke nickte.
    So machten wir denn den weiten Weg, und ich begleitete sie nach Haus und
war entzckt von allem, was ich da sah, von der alten Frau, von dem Herd, an dem
sie sa, von dem Garten, darin das Haus lag, und von der Abgeschiedenheit und
Stille. Nach einer Viertelstunde ging ich wieder, und als ich mich drauen am
Gartengitter von der Lene verabschiedete, frug ich, ob ich wiederkommen drfe,
welche Frage sie mit einem einfachen Ja beantwortete. Nichts von falscher Scham,
aber noch weniger von Unweiblichkeit. Umgekehrt, es lag etwas Rhrendes in ihrem
Wesen und ihrer Stimme.
    Riencker, als das alles wieder vor seine Seele trat, stand in sichtlicher
Erregung auf und ffnete beide Flgel der Balkontr, als ob es ihm in seinem
Zimmer zu hei werde. Dann, auf und ab schreitend, fuhr er in einem rascheren
Tempo fort: Ich habe kaum noch etwas hinzuzusetzen. Das war um Ostern, und wir
hatten einen Sommer lang allerglcklichste Tage. Soll ich davon erzhlen? Nein.
Und dann kam das Leben mit seinem Ernst und seinen Ansprchen. Und das war es,
was uns trennte.
    Botho hatte mittlerweile seinen Platz wieder eingenommen, und der all die
Zeit ber mit Glattstreichung seines Hutes beschftigte Franke sagte ruhig vor
sich hin: Ja, so hat sie mir's auch erzhlt.
    Was nicht anders sein kann, Herr Franke. Denn die Lene - und ich freue mich
von ganzem Herzen, auch gerade das noch sagen zu knnen -, die Lene lgt nicht
und bisse sich eher die Zunge ab, als da sie flunkerte. Sie hat einen doppelten
Stolz, und neben dem, von ihrer Hnde Arbeit leben zu wollen, hat sie noch den
andern, alles gradheraus zu sagen und keine Flausen zu machen und nichts zu
vergrern und nichts zu verkleinern. Ich brauche es nicht und ich will es
nicht, das hab ich sie viele Male sagen hren. Ja, sie hat ihren eigenen Willen,
vielleicht etwas mehr, als recht ist, und wer sie tadeln will, kann ihr
vorwerfen, eigenwillig zu sein. Aber sie will nur, was sie glaubt verantworten
zu knnen und wohl auch wirklich verantworten kann, und solch Wille, mein ich,
ist doch mehr Charakter als Selbstgerechtigkeit. Sie nicken, und ich sehe
daraus, da wir einerlei Meinung sind, was mich aufrichtig freut. Und nun noch
ein Schluwort, Herr Franke. Was zurckliegt, liegt zurck. Knnen Sie darber
nicht hin, so mu ich das respektieren. Aber knnen Sie's, so sag ich Ihnen, Sie
kriegen da eine selten gute Frau. Denn sie hat das Herz auf dem rechten Fleck
und ein starkes Gefhl fr Pflicht und Recht und Ordnung.
    So hab ich Lenen auch immer gefunden, und ich verspreche mir von ihr, ganz
so wie der Herr Baron sagen, eine selten gute Frau. Ja, der Mensch soll die
Gebote halten, alle soll er sie halten, aber es ist doch ein Unterschied, je
nachdem die Gebote sind, und wer das eine nicht hlt, der kann immer noch was
taugen, wer aber das andere nicht hlt, und wenn's auch im Katechismus dicht
daneben stnde, der taugt nichts und ist verworfen von Anfang an und steht
auerhalb der Gnade.
    Botho sah ihn verwundert an und wute sichtlich nicht, was er aus dieser
feierlichen Ansprache machen sollte. Gideon Franke aber, der nun auch
seinerseits im Gange war, hatte kein Auge mehr fr den Eindruck, den seine ganz
auf eigenem Boden gewachsenen Anschauungen hervorbrachten, und fuhr deshalb in
einem immer predigerhafter werdenden Tone fort: Und wer in seines Fleisches
Schwche gegen das sechste verstt, dem kann verziehen werden, wenn er in gutem
Wandel und in der Reue steht, wer aber gegen das siebente verstt, der steckt
nicht blo in des Fleisches Schwche, der steckt in der Seele Niedrigkeit, und
wer lgt und trgt oder verleumdet und falsch Zeugnis redet, der ist von Grund
aus verdorben und aus der Finsternis geboren, und ist keine Rettung mehr und
gleicht einem Felde, darinnen die Nesseln so tief liegen, da das Unkraut immer
wieder aufschiet, soviel gutes Korn auch geset werden mag. Und darauf leb ich
und sterb ich und hab es durch alle Tage hin erfahren. Ja, Herr Baron, auf die
Proppertt kommt es an, und auf die Honettitt kommt es an und auf die
Reellitt. Und auch im Ehestande. Denn ehrlich whrt am lngsten und Wort und
Verla mu sein. Aber was gewesen ist, das ist gewesen, das gehrt vor Gott. Und
denk ich anders darber, was ich auch respektiere, geradeso wie der Herr Baron,
so mu ich davon bleiben und mit meiner Neigung und Liebe gar nicht erst
anfangen. Ich war lange drben in den States, und wenn auch drben, geradeso wie
hier, nicht alles Gold ist, was glnzt, das ist doch wahr, man lernt drben
anders sehen und nicht immer durchs selbe Glas. Und lernt auch, da es viele
Heilswege gibt und viele Glckswege. Ja, Herr Baron, es gibt viele Wege, die zu
Gott fhren, und es gibt viele Wege, die zu Glck fhren, dessen bin ich in
meinem Herzen gleicherweise gewi. Und der eine Weg ist gut und der andre Weg
ist gut. Aber jeder gute Weg mu ein offner Weg und ein gerader Weg sein und in
der Sonne liegen und ohne Morast und ohne Sumpf und ohne Irrlicht. Auf die
Wahrheit kommt es an, und auf die Zuverlssigkeit kommt es an und auf die
Ehrlichkeit.
    Franke hatte sich bei diesen Worten erhoben, und Botho, der ihm artig bis an
die Tr hin folgte, gab ihm hier die Hand.
    Und nun, Herr Franke, bitt ich zum Abschied noch um das eine: gren Sie
mir die Frau Drr, wenn Sie sie sehn und der alte Verkehr mit ihr noch andauert,
und vor allem gren Sie mir die gute alte Frau Nimptsch. Hat sie denn noch ihre
Gicht und ihre Wehdage, worber sie sonst bestndig klagte?
    Damit ist es vorbei.
    Wie das? fragte Botho.
    Wir haben sie vor drei Wochen schon begraben, Herr Baron. Gerade heut vor
drei Wochen.
    Begraben? wiederholte Botho. Und wo?
    Drauen hinterm Rollkrug, auf dem neuen Jakobikirchhof... Eine gute alte
Frau. Und wie sie an der Lene hing. Ja, Herr Baron, die Mutter Nimptsch ist tot.
Aber Frau Drr, die lebt noch (und er lachte), die lebt noch lange. Und wenn
sie kommt, ein weiter Weg ist es, dann werd ich sie gren. Und ich sehe schon,
wie sie sich freut. Sie kennen sie ja, Herr Baron. Ja, ja, die Frau Drr...
    Und Gideon Franke zog noch einmal seinen Hut, und die Tr fiel ins Schlo.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Riencker, als er wieder allein war, war von dieser Begegnung und vor allem von
dem, was er zuletzt gehrt, wie benommen. Wenn er sich, in der zwischenliegenden
Zeit, des kleinen Grtnerhauses und seiner Insassen erinnert hatte, so hatte
sich ihm selbstverstndlich alles so vor die Seele gestellt, wie's einst gewesen
war, und nun war alles anders, und er hatte sich in einer ganz neuen Welt
zurechtzufinden: in dem Huschen wohnten Fremde, wenn es berhaupt noch bewohnt
war, auf dem Herde brannte kein Feuer mehr, wenigstens nicht tagaus, tagein, und
Frau Nimptsch, die das Feuer gehtet hatte, war tot und lag drauen auf dem
Jakobikirchhof. Alles das ging in ihm um, und mit einem Male stand auch der Tag
wieder vor ihm, an dem er der alten Frau, halb humoristisch, halb feierlich,
versprochen hatte, ihr einen Immortellenkranz aufs Grab zu legen. In der Unruhe,
darin er sich befand, war es ihm schon eine Freude, da ihm das Versprechen
wieder einfiel, und so beschlo er denn die damalige Zusage sofort wahr zu
machen.
    Rollkrug und Mittag und pralle Sonne - die reine Reise nach Mittelafrika.
Aber die gute Alte soll ihren Kranz haben.
    Und gleich danach nahm er Degen und Mtze und machte sich auf den Weg.
    An der Ecke war ein Droschkenstand, freilich nur ein kleiner, und so kam es,
da trotz der Inschrifttafel Halteplatz fr drei Droschken immer nur der Platz
und hchst selten eine Droschke da war. So war es auch heute wieder, was mit
Rcksicht auf die Mittagsstunde (wo die Droschken berall, als ob die Erde sie
verschlnge, zu verschwinden pflegen) an diesem ohnehin nur auf ein Pflichtteil
gesetzten Halteplatz kaum berraschen konnte. Botho ging also weiter, bis ihm,
in Nhe der Van-der-Heydt-Brcke, ein ziemlich klappriges Gefhrt entgegenkam,
hellgrn mit rotem Plschsitz und einem Schimmel davor. Der Schimmel schlich nur
so hin, und Riencker konnte sich angesichts der Tour, die dem armen Tiere
bevorstand, eines wehmtigen Lchelns nicht erwehren. Aber so weit er auch das
Auge schicken mochte, nichts Besseres war in Sicht, und so trat er denn an den
Kutscher heran und sagte: Nach dem Rollkrug. Jakobikirchhof.
    Zu Befehl, Herr Baron.
    ... Aber unterwegs mssen wir halten. Ich will nmlich noch einen Kranz
kaufen.
    Zu Befehl, Herr Baron.
    Botho war einigermaen verwundert ber die mit soviel Promptheit
wiederkehrende Titulatur und sagte deshalb: Kennen Sie mich?
    Zu Befehl, Herr Baron. Baron Riencker, Landgrafenstrae. Dicht bei 'n
Halteplatz. Hab Ihnen schon fter gefahren.
    Bei diesem Gesprche war Botho eingestiegen, gewillt, sich's in der
Plschecke nach Mglichkeit bequem zu machen, er gab es aber bald wieder auf,
denn die Ecke war hei wie ein Ofen.
    Riencker hatte den hbschen und herzerquickenden Zug aller mrkischen
Edelleute, mit Personen aus dem Volke gern zu plaudern, lieber als mit
Gebildeten, und begann denn auch ohne weiteres, whrend sie im Halbschatten
der jungen Kanalbume dahinfuhren: Is das eine Hitze! Ihr Schimmel wird sich
auch nicht gefreut haben, wenn er Rollkrug gehrt hat.
    Na, Rollkrug geht noch; Rollkrug geht noch von wegen der Heide. Wenn er da
durchkommt un die Fichten riecht, freut er sich immer. Er is nmlich von 's
Land... Oder vielleicht is es auch die Musike. Wenigstens spitzt er immer die
Ohren.
    So, so, sagte Botho. Blo nach tanzen sieht er mir nicht aus... Aber wo
werden wir denn den Kranz kaufen? Ich mchte nicht gern ohne Kranz auf den
Kirchhof kommen.
    O damit is noch Zeit, Herr Baron. Wenn erst die Kirchhofsgegend kommt, von
's Hallsche Tor an un die ganze Pionierstrae runter.
    Ja, ja, Sie haben recht; ich entsinne mich...
    Un nachher, bis dicht an den Kirchhof ran, hat's ihrer auch noch.
    Botho lchelte. Sie sind wohl ein Schlesier?
    Ja, sagte der Kutscher. Die meisten sind. Aber ich bin schon lange hier
und eigentlich ein halber Richtiger-Berliner.
    Und 's geht Ihnen gut?
    Na, von gut is nu woll keine Rede nich. Es kost't allens zuviel un soll
immer von 's Beste sein. Und der Haber is teuer. Aber das ginge noch, wenn man
blo sonst nichts passierte. Passieren tut aber immer was, heute bricht 'ne
Achse, un morgen fllt en Pferd. Ich habe noch einen Fuchs zu Hause, der bei den
Frstenwalder Ulanen gestanden hat; propres Pferd, man blo keine Luft nich un
wird es woll nich lange mehr machen. Un mit eins ist er weg... Un denn die
Fahrpolizei; nie zufrieden, hier nich un da nich. Immer mu man frisch
anstreichen. Un der rote Plsch is auch nich von umsonst.
    Whrend sie noch so plauderten, waren sie, den Kanal entlang, bis an das
Hallesche Tor gekommen; vom Kreuzberg her aber kam gerad ein Infanteriebataillon
mit voller Musik, und Botho, der keine Begegnungen wnschte, trieb deshalb etwas
zur Eile. So ging es denn rasch an der Belle-Alliance-Brcke vorbei, jenseits
derselben aber lie er halten, weil er gleich an einem der ersten Huser gelesen
hatte: Kunst- und Handelsgrtnerei. Drei, vier Stufen fhrten in einen Laden
hinauf, in dessen groem Schaufenster allerlei Krnze lagen.
    Riencker stieg aus und die Stufen hinauf. Die Tr oben aber gab beim
Eintreten einen scharfen Klingelton. Darf ich Sie bitten, mir einen hbschen
Kranz zeigen zu wollen?
    Begrbnis?
    Ja.
    Das schwarzgekleidete Frulein, das, vielleicht mit Rcksicht auf den
Umstand, da hier meist Grabkrnze verkauft wurden, in seiner Gesamthaltung
(selbst die Schere fehlte nicht) etwas ridikl Parzenhaftes hatte, kam alsbald
mit einem Immergrnkranze zurck, in den weie Rosen eingeflochten waren.
Zugleich entschuldigte sie sich, da es nur weie Rosen seien. Weie Kamelien
stnden hher. Botho seinerseits war zufrieden, enthielt sich aller
Ausstellungen und fragte nur, ob er zu dem frischen Kranz auch einen
Immortellenkranz haben knne.
    Das Frulein schien ber das Altmodische, das sich in dieser Frage kundgab,
einigermaen verwundert, bejahte jedoch und erschien gleich danach mit einem
Karton, in dem fnf, sechs Immortellenkrnze lagen, gelbe, rote, weie.
    Zu welcher Farbe raten Sie mir?
    Das Frulein lchelte: Immortellenkrnze sind ganz auer Mode. Hchstens in
Winterzeit... Und dann immer nur...
    Es wird das beste sein, ich entscheide mich ohne weiteres fr diesen hier.
Und damit schob Botho den ihm zunchst liegenden gelben Kranz ber den Arm, lie
den von Immergrn mit den weien Rosen folgen und stieg rasch wieder in seine
Droschke. Beide Krnze waren ziemlich gro und fielen auf dem roten
Plschrcksitz, auf dem sie lagen, hinreichend auf, um in Botho die Frage zu
wecken, ob er sie nicht lieber dem Kutscher hinberreichen solle. Rasch aber
entschlug er sich dieser Anwandlung wieder und sagte: Wenn man der alten Frau
Nimptsch einen Kranz bringen will, mu man sich auch zu dem Kranz bekennen. Und
wer sich dessen schmt, mu es berhaupt nicht versprechen.
    So lie er denn die Krnze liegen, wo sie lagen, und verga ihrer beinah
ganz, als sie gleich danach in einen Straenteil einbogen, der ihn durch seine
bunte, hier und da groteske Szenerie von seinen bisherigen Betrachtungen abzog.
Rechts, auf wohl fnfhundert Schritt Entfernung hin, zog sich ein Plankenzaun,
ber den hinweg allerlei Buden, Pavillons und Lampenportale ragten, alle mit
einer Welt von Inschriften bedeckt. Die meisten derselben waren neueren und
neusten Datums, einige dagegen, und gerade die grten und buntesten, griffen
weit zurck und hatten sich, wenn auch in einem regenverwaschenen Zustande, vom
letzten Jahr her gerettet. Mitten unter diesen Vergngungslokalen, und mit ihnen
abwechselnd, hatten verschiedene Handwerksmeister ihre Werksttten aufgerichtet,
vorwiegend Bildhauer und Steinmetze, die hier, mit Rcksicht auf die zahlreichen
Kirchhfe, meist nur Kreuze, Sulen und Obelisken ausstellten. All das konnte
nicht verfehlen, auf jeden hier des Weges Kommenden einen Eindruck zu machen,
und diesem Eindruck unterlag auch Riencker, der von seiner Droschke her, unter
wachsender Neugier, die nicht enden wollenden und untereinander im tiefsten
Gegensatze stehenden Anpreisungen las und die dazugehrigen Bilder musterte.
Frulein Rosella das Wundermdchen, lebend zu sehen; Grabkreuze zu billigsten
Preisen; amerikanische Schnellphotographie; russisches Ballwerfen, sechs Wurf
zehn Pfennig; schwedischer Punsch mit Waffeln; Figaros schnste Gelegenheit oder
erster Frisier-Salon der Welt; Grabkreuze zu billigsten Preisen; Schweizer
Schiehalle:

Schiee gut und schiee schnell,
Schie und triff wie Wilhelm Tell.

Und darunter Tell selbst mit Armbrust, Sohn und Apfel.
    Endlich war man am Ende der langen Bretterwand, und an eben diesem Endpunkte
machte der Weg eine scharfe Biegung auf die Hasenheide zu, von deren
Schiestnden her man in der mittglichen Stille das Knattern der Gewehre hrte.
Sonst blieb alles auch in dieser Fortsetzung der Strae so ziemlich dasselbe:
Blondin, nur in Trikot und Medaillen gekleidet, stand balancierend auf dem Seil,
berall von Feuerwerk umblitzt, whrend um und neben ihm allerlei kleinere
Plakate sowohl Ballonauffahrten wie Tanzvergngungen ankndigten. Eins lautete:
Sizilianische Nacht. Um zwei Uhr Wiener Bonbonwalzer.
    Botho, der diese Stelle wohl seit Jahr und Tag nicht passiert hatte, las
alles mit ungeheucheltem Interesse, bis er nach Passierung der Heide, deren
Schatten ihn ein paar Minuten lang erquickt hatte, jenseits derselben in den
Hauptweg einer sehr belebten und in ihrer Verlngerung auf Rixdorf zulaufenden
Vorstadt einbog. Wagen, in doppelter und dreifacher Reihe, bewegten sich vor ihm
her, bis mit einem Male alles stillstand und der Verkehr stockte. Warum halten
wir? Aber ehe der Kutscher antworten konnte, hrte Botho schon das Fluchen und
Schimpfen aus der Front her und sah, da alles ineinandergefahren war. Sich
vorbeugend und dabei neugierig nach allen Seiten hin aussphend, wrde ihm, bei
der ihm eigenen Vorliebe fr das Volkstmliche, der ganze Zwischenfall sehr
wahrscheinlich mehr Vergngen als Mistimmung bereitet haben, wenn ihn nicht ein
vor ihm haltender Wagen sowohl durch Ladung wie Inschrift zu trbseliger
Betrachtung angeregt htte. Glasbruch-Ein- und Verkauf von Max Zippel in
Rixdorf stand in groen Buchstaben auf einem wandartigen Hinterbrett, und ein
ganzer Berg von Scherben trmte sich in dem Wagenkasten auf. Glck und Glas...
Und mit Widerstreben sah er hin, und dabei war ihm in allen Fingerspitzen, als
schnitten ihn die Scherben.
    Endlich aber kam die Wagenreihe nicht nur wieder in Flu, sondern der
Schimmel tat auch sein Bestes, Versumtes einzuholen, und eine kleine Weile, so
hielt man vor einem lehnan gebauten, mit hohem Dach und vorspringendem Giebel
ausstaffierten Eckhause, dessen Erdgeschofenster so niedrig ber der Strae
lagen, da sie mit dieser fast dasselbe Niveau hatten. Ein eiserner Arm streckte
sich aus dem Giebel vor und trug einen aufrechtstehenden vergoldeten Schlssel.
    Was ist das? fragte Botho.
    Der Rollkrug.
    Gut. Dann sind wir bald da. Blo hier noch bergan. Tut mir leid um den
Schimmel, aber es hilft nichts.
    Der Kutscher gab dem Pferd einen Knips, und gleich darnach fuhren sie die
mig ansteigende Bergstrae hinauf, an deren einer Seite der alte, wegen
berfllung schon wieder halb geschlossene Jakobikirchhof lag, whrend an der
dem Kirchhofszaun gegenbergelegenen Seite hohe Mietskasernen aufstiegen.
    Vor dem letzten Hause standen umherziehende Spielleute, Horn und Harfe, dem
Anscheine nach Mann und Frau. Die Frau sang auch, aber der Wind, der hier
ziemlich scharf ging, trieb alles hgelan, und erst als Botho zehn Schritt und
mehr an dem armen Musikantenpaare vorber war, war er in der Lage, Text und
Melodie zu hren. Es war dasselbe Lied, das sie damals auf dem Wilmersdorfer
Spaziergange so heiter und so glcklich gesungen hatten, und er erhob sich und
blickte, wie wenn es ihm nachgerufen wrde, nach dem Musikantenpaare zurck. Die
standen abgekehrt und sahen nichts, ein hbsches Dienstmdchen aber, das an der
Giebelseite des Hauses mit Fensterputzen beschftigt war und den um- und
rckschauhaltenden Blick des jungen Offiziers sich zuschreiben mochte, schwenkte
lustig von ihrem Fensterbrett her den Lederlappen und fiel bermtig mit ein:
Ich denke dran, ich danke dir mein Leben, doch du, Soldat, Soldat denkst du
daran?
    Botho, die Stirn in die Hand drckend, warf sich in die Droschke zurck, und
ein Gefhl, unendlich s und unendlich schmerzlich, ergriff ihn. Aber freilich
das Schmerzliche wog vor und fiel erst ab von ihm, als die Stadt hinter ihm lag
und fern am Horizont im blauen Mittagsdmmer die Mggelberge sichtbar wurden.
    Endlich hielten sie vor dem Neuen Jakobikirchhof.
    Soll ich warten?
    Ja. Aber nicht hier. Unten beim Rollkrug. Und wenn Sie die Musikantenleute
noch treffen... hier, das ist fr die arme Frau.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Botho hatte sich der Fhrung eines gleich am Kirchhofseingange beschftigten
Alten anvertraut und das Grab der Frau Nimptsch in guter Pflege gefunden:
Efeuranken waren eingesetzt, ein Geraniumtopf stand dazwischen, und an einem
Eisenstnderchen hing bereits ein Immortellenkranz. Ah, Lene, sagte Botho vor
sich hin. Immer dieselbe... Ich komme zu spt. Und dann wandt er sich zu dem
neben ihm stehenden Alten und sagte: War wohl blo 'ne kleine Leiche?
    Ja, klein war sie man.
    Drei oder vier?
    Justement vier. Und versteht sich unser alter Supperndent. Er sprach blo
's Gebet, und die groe mittelaltsche Frau, die mit dabei war, so vierzig oder
drum rum, die blieb in einem Weinen. Und auch 'ne Jungsche war mit dabei. Die
kommt jetzt alle Woche mal, und den letzten Sonntag hat sie den Geranium
gebracht. Und will auch noch 'n Stein haben, wie sie jetzt Mode sind:
grnpoliert mit Namen und Datum drauf.
    Und hiernach zog sich der Alte mit der allen Kirchhofsleuten eigenen
Geschftspolitesse wieder zurck, whrend Botho seinen Immortellenkranz an den
schon vorher von Lene gebrachten anhing, den aus Immergrn und weien Rosen aber
um den Geraniumtopf herumlegte. Dann ging er, nachdem er noch eine Weile das
schlichte Grab betrachtet und der guten Frau Nimptsch liebevoll gedacht hatte,
wieder auf den Kirchhofsausgang zu. Der Alte, der hier inzwischen seine
Spalierarbeit wieder aufgenommen, sah ihm, die Mtze ziehend, nach und
beschftigte sich mit der Frage, was einen so vornehmen Herrn, ber dessen
Vornehmheit ihm, seinem letzten Hndedruck nach, kein Zweifel war, wohl an das
Grab der alten Frau gefhrt haben knne. Das mu so was sein. Und hat die
Droschke nicht warten lassen. Aber er kam zu keinem Abschlu, und um sich
wenigstens auch seinerseits so dankbar wie mglich zu zeigen, nahm er eine der
in seiner Nhe stehenden Giekannen und ging erst auf den kleinen eisernen
Brunnen und dann auf das Grab der Frau Nimptsch zu, um den im Sonnenbrand etwas
trocken gewordenen Efeu zu bewssern.
    Botho war mittlerweile bis an die dicht am Rollkruge haltende Droschke
zurckgegangen, stieg hier ein und hielt eine Stunde spter wieder in der
Landgrafenstrae. Der Kutscher sprang dienstfertig ab und ffnete den Schlag.
    Da, sagte Botho... Und dies extra. War ja 'ne halbe Landpartie
    Na, man kann's auch woll vor 'ne ganze nehmen.
    Ich verstehe, lachte Riencker. Da mu ich wohl noch zulegen?
    Schaden wird's nich... Danke schn, Herr Baron.
    Aber nun futtert mir auch den Schimmel besser raus. Is ja ein Jammer.
    Und er grte und stieg die Treppe hinauf.

Oben in seiner Wohnung war alles still, selbst die Dienstboten fort, weil sie
wuten, da er um diese Zeit immer im Club war. Wenigstens seit seinen
Strohwitwertagen. Unzuverlssiges Volk, brummte er vor sich hin und schien
rgerlich. Trotzdem war es ihm lieb, allein zu sein. Er wollte niemand sehn und
setzte sich drauen auf den Balkon, um so vor sich hin zu trumen. Aber es war
stickig unter der herabgelassenen Markise, dran zum berflu auch noch lange
blauweie Franzen hingen, und so stand er wieder auf, um die groe Leinwand in
die Hh zu ziehn. Das half. Die sich nun einstellende frische Luftstrmung tat
ihm wohl, und aufatmend und bis an die Brstung vortretend, sah er ber Feld und
Wald hin bis auf die Charlottenburger Schlokuppel, deren malachitfarbne
Kupferbekleidung im Glanz der Nachmittagssonne schimmerte.
    Dahinter liegt Spandau, sprach er vor sich hin. Und hinter Spandau zieht
sich ein Bahndamm und ein Schienengeleise, das bis an den Rhein luft. Und auf
dem Geleise seh ich einen Zug, viele Wagen, und in einem der Wagen sitzt Kthe.
Wie sie wohl aussehen mag? O gut; gewi. Und wovon sie wohl sprechen mag? Nun,
ich denke mir, von allerlei: pikante Badegeschichten und vielleicht auch von
Frau Salingers Toiletten und da es in Berlin doch eigentlich am besten sei. Und
mu ich mich nicht freuen, da sie wiederkommt? Eine so hbsche Frau, so jung,
so glcklich, so heiter. Und ich freue mich auch. Aber heute darf sie nicht
kommen. Um Gottes willen nicht. Und doch ist es ihr zuzutrauen. Sie hat seit
drei Tagen nicht geschrieben und steht noch ganz auf dem Standpunkt der
berraschungen.
    Er hing dem noch eine Weile nach, dann aber wechselten die Bilder, und
lngst Zurckliegendes trat statt Kthes wieder vor seine Seele: der Drrsche
Garten, der Gang nach Wilmersdorf, die Partie nach Hankels Ablage. Das war der
letzte schne Tag gewesen, die letzte glckliche Stunde... Sie sagte damals,
da ein Haar zu fest binde, darum weigerte sie sich und wollt es nicht. Und ich?
warum bestand ich darauf? Ja, es gibt solche rtselhaften Krfte, solche
Sympathien aus Himmel oder Hlle, und nun bin ich gebunden und kann nicht los.
Ach sie war so lieb und gut an jenem Nachmittag, als wir noch allein waren und
an Strung nicht dachten, und ich vergesse das Bild nicht, wie sie da zwischen
den Grsern stand und nach rechts und links hin die Blumen pflckte. Die Blumen
- ich habe sie noch. Aber ich will ein Ende damit machen. Was sollen mir diese
toten Dinge, die mir nur Unruhe stiften und mir mein bichen Glck und meinen
Ehefrieden kosten, wenn je ein fremdes Auge darauf fllt.
    Und er erhob sich von seinem Balkonplatz und ging, durch die ganze Wohnung
hin, in sein nach dem Hofe hinaus gelegenes Arbeitszimmer, das des Morgens in
heller Sonne, jetzt aber in tiefem Schatten lag. Die Khle tat ihm wohl, und er
trat an einen eleganten, noch aus seiner Junggesellenzeit herstammenden
Schreibtisch heran, dessen Ebenholzkstchen mit allerlei kleinen Silbergirlanden
ausgelegt waren. In der Mitte dieser Kstchen aber baute sich ein mit einem
Giebelfeld ausgestattetes und zur Aufbewahrung von Wertsachen dienendes
Sulentempelchen auf, dessen nach hinten zu gelegenes Geheimfach durch eine
Feder geschlossen wurde. Botho drckte jetzt auf die Feder und nahm, als das
Fach aufsprang, ein kleines Briefbndel heraus, das mit einem roten Faden
umwunden war, obenauf aber, und wie nachtrglich eingeschoben, lagen die Blumen,
von denen er eben gesprochen. Er wog das Pckchen in Hnden und sagte, whrend
er den Faden ablste: Viel Freud, viel Leid. Irrungen, Wirrungen. Das alte
Lied.
    Er war allein und an berraschung nicht zu denken. In seiner Vorstellung
aber immer noch nicht sicher genug, stand er auf und schlo die Tr. Und nun
erst nahm er den obenauf liegenden Brief und las. Es waren die den Tag vor dem
Wilmersdorfer Spaziergange geschriebenen Zeilen, und mit Rhrung sah er jetzt im
Wiederlesen auf alles das, was er damals mit einem Bleistiftstrichelchen
bezeichnet hatte. Stiehl... Alleh... Wie diese liebenswrdigen h's mich auch
heute wieder anblicken, besser als alle Orthographie der Welt. Und wie klar die
Handschrift. Und wie gut und schelmisch, was sie da schreibt. Ach, sie hatte die
glcklichste Mischung und war vernnftig und leidenschaftlich zugleich. Alles,
was sie sagte, hatte Charakter und Tiefe des Gemts. Arme Bildung, wie weit
bleibst du dahinter zurck.
    Er nahm nun auch den zweiten Brief und wollte sich berhaupt vom Schlu her
bis an den Anfang der Korrespondenz durchlesen. Aber es tat ihm zu weh. Wozu?
Wozu beleben und auffrischen, was tot ist und tot bleiben mu? Ich mu aufrumen
damit und dabei hoffen, da mit diesen Trgern der Erinnerung auch die
Erinnerungen selbst hinschwinden werden.
    Und wirklich, er war es entschlossen, und sich rasch von seinem Schreibtisch
erhebend, schob er einen Kaminschirm beiseit und trat an den kleinen Herd, um
die Briefe darauf zu verbrennen. Und siehe da, langsam, als ob er sich das
Gefhl eines sen Schmerzes verlngern wolle, lie er jetzt Blatt auf Blatt auf
die Herdstelle fallen und in Feuer aufgehen. Das letzte, was er in Hnden hielt,
war das Struchen, und whrend er sann und grbelte, kam ihm eine Anwandlung,
als ob er jede Blume noch einmal einzeln betrachten und zu diesem Zwecke das
Haarfdchen lsen msse. Pltzlich aber, wie von aberglubischer Furcht erfat,
warf er die Blumen den Briefen nach.
    Ein Aufflackern noch, und nun war alles vorbei, verglommen.
    Ob ich nun frei bin...? Will ich's denn? Ich will es nicht. Alles Asche.
Und doch gebunden.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Botho sah in die Asche. Wie wenig und wie viel. Und dann schob er den
eleganten Kaminschirm wieder vor, in dessen Mitte sich die Nachbildung einer
pompejanischen Wandfigur befand. Hundertmal war sein Auge darber
hinweggeglitten, ohne zu beachten, was es eigentlich sei, heute sah er es und
sagte: Minerva mit Schild und Speer. Aber Speer bei Fu. Vielleicht bedeutet es
Ruhe... Wr es so. Und dann stand er auf, schlo das um seinen besten Schatz
rmer gewordene Geheimfach und ging wieder nach vorn.
    Unterwegs, auf dem ebenso schmalen wie langen Korridore, traf er Kchin und
Hausmdchen, die diesen Augenblick erst von einem Tiergartenspaziergange
zurckkamen. Als er beide verlegen und ngstlich dastehen sah, berkam ihn ein
menschlich Rhren, aber er bezwang sich und rief sich zu, wenn auch freilich mit
einem Anfluge von Ironie, da endlich einmal ein Exempel statuiert werden
msse. So begann er denn, so gut er konnte, die Rolle des donnernden Zeus zu
spielen. Wo sie nur gesteckt htten? Ob das Ordnung und gute Sitte sei? Er habe
nicht Lust, der gndigen Frau, wenn sie zurckkomme (vielleicht heute schon),
einen aus Rand und Band gegangenen Hausstand zu berliefern. Und der Bursche?
Nun, ich will nichts wissen, nichts hren, am wenigsten Entschuldigungen. Und
als dies heraus war, ging er weiter und lchelte, zumeist ber sich selbst. Wie
leicht ist doch predigen, und wie schwer ist danach handeln und tun. Armer
Kanzelheld ich! Bin ich nicht selbst aus Rand und Band? Bin ich nicht selber aus
Ordnung und guter Sitte? Da es war, das mchte gehn, aber da es noch ist, das
ist das schlimme.
    Dabei nahm er wieder seinen Platz auf dem Balkon und klingelte. Jetzt kam
auch der Bursche, fast noch ngstlicher und verlegener als die Mdchen, aber es
hatte keine Not mehr, das Wetter war vorber. Sage der Kchin, da ich etwas
essen will. Nun, warum stehst du noch? Ah, ich sehe schon (und er lachte),
nichts im Hause. Trifft sich alles vorzglich... - Also Tee: bringe mir Tee,
der wird doch wohl dasein. Und la ein paar Schnitten machen; alle Wetter, ich
habe Hunger... Und sind die Abendzeitungen schon da?
    Zu Befehl, Herr Rittmeister.
    Nicht lange, so war der Teetisch drauen auf dem Balkon serviert, und selbst
ein Imbi hatte sich gefunden. Botho sa zurckgelehnt in den Schaukelstuhl und
starrte nachdenklich in die kleine blaue Flamme. Dann nahm er zunchst den
Moniteur seiner kleinen Frau, das Fremdenblatt, und erst in weiterer Folge die
Kreuzzeitung zur Hand und sah auf die letzte Seite. Gott, wie wird Kthe sich
freuen, diese letzte Seite jeden Tag wieder frisch an der Quelle studieren zu
knnen, will sagen zwlf Stunden frher als in Schlangenbad. Und hat sie nicht
recht? Unsere heut vollzogene eheliche Verbindung beehren sich anzuzeigen
Adalbert von Lichterloh, Regierungsreferendar und Lieutenant der Reserve,
Hildegard von Lichterloh, geb. Holtze. Wundervoll. Und wahrhaftig, so zu sehn,
wie sich's weiter lebt und liebt in der Welt, ist eigentlich das Beste. Hochzeit
und Kindtaufen! Und ein paar Todesflle dazwischen. Nun, die braucht man ja
nicht zu lesen, Kthe tut es nicht, und ich tu es auch nicht, und blo wenn die
Vandalen mal einen ihrer Alten Herrn verloren haben und ich das Korpszeichen
inmitten der Trauerannonce sehe, das les ich, das erheitert mich und ist mir
immer, als ob der alte Korpskmpe zu Hofbru nach Walhalla geladen wre.
Spatenbru pat eigentlich noch besser.
    Er legte das Blatt wieder beiseit, weil es klingelte... Sollte sie
wirklich... Nein, es war nichts, blo eine vom Wirt heraufgeschickte
Suppenliste, drauf erst fnfzig Pfennig gezeichnet standen. Aber den ganzen
Abend ber blieb er trotzdem in Aufregung, weil ihm bestndig die Mglichkeit
einer berraschung vorschwebte, und sooft er eine Droschke mit einem Koffer vorn
und einem Damenreisehute dahinter in die Landgrafenstrae einbiegen sah, rief er
sich zu: Das ist sie; sie liebt dergleichen, und ich hre sie schon sagen: ich
dacht es mir so komisch, Botho.

Kthe war nicht gekommen. Statt ihrer kam am anderen Morgen ein Brief, worin sie
ihre Rckkehr fr den dritten Tag anmeldete. Sie werde wieder mit Frau Salinger
reisen, die doch, alles in allem, eine sehr nette Frau sei, mit viel guter
Laune, viel Chic und viel Reisekomfort.
    Botho legte den Brief aus der Hand und freute sich momentan ganz aufrichtig,
seine schne junge Frau binnen drei Tagen wiederzusehen. Unser Herz hat Platz
fr allerlei Widersprche... Sie dalbert, nun ja, aber eine dalbrige junge Frau
ist immer noch besser als keine.
    Danach rief er die Leute zusammen und lie sie wissen, da die gndige Frau
in drei Tagen wieder dasein werde; sie sollten alles instand setzen und die
Schlsser putzen. Und kein Fliegenfleck auf dem groen Spiegel.
    Als er so Vorkehrungen getroffen, ging er zum Dienst in die Kaserne. Wenn
wer fragt, ich bin von fnf an wieder zu Haus.
    Sein Programm fr die zwischenliegende Zeit ging dahin, da er bis Mittag
auf dem Eskadronhofe bleiben, dann ein paar Stunden reiten und nach dem Ritt im
Club essen wollte. Wenn er niemand anders dort traf, so traf er doch Balafr,
was gleichbedeutend war mit Whist en deux und einer Flle von Hofgeschichten,
wahren und unwahren. Denn Balafr, so zuverlssig er war, legte doch
grundstzlich eine Stunde des Tags fr Humbug und Aufschneidereien an. Ja, diese
Beschftigung stand ihm, nach Art eines geistigen Sports, unter seinen
Vergngungen obenan.
    Und wie das Programm war, so wurd es auch ausgefhrt. Die Hofuhr in der
Kaserne schlug eben zwlf, als er sich in den Sattel hob und nach Passierung
erst der Linden und gleich danach der Luisenstrae schlielich in einen neben
dem Kanal hinlaufenden Weg einbog, der weiterhin seine Richtung auf Pltzensee
zu nahm. Dabei kam ihm der Tag wieder in Erinnerung, an dem er hier auch
herumgeritten war, um sich Mut fr den Abschied von Lene zu gewinnen, fr den
Abschied, der ihm so schwer ward und der doch sein mute. Das war nun drei
Jahre. Was lag alles dazwischen? Viel Freude; gewi. Aber es war doch keine
rechte Freude gewesen. Ein Bonbon, nicht viel mehr. Und wer kann von Sigkeiten
leben!
    Er hing dem noch nach, als er auf einem von der Jungfernheide her nach dem
Kanal hinberfhrenden Reitwege zwei Kameraden herankommen sah, Ulanen, wie die
deutlich erkennbaren Czapkas schon von fernher verrieten. Aber wer waren sie?
Freilich, die Zweifel auch darber konnten nicht lange whren, und noch ehe man
sich von hben und drben bis auf hundert Schritte genhert hatte, sah Botho,
da es die Rexins waren, Vettern und beide vom selben Regiment.
    Ah, Riencker, sagte der ltere. Wohin?
    So weit der Himmel blau ist.
    Das ist mir zu weit.
    Nun, dann bis Saatwinkel.
    Das lt sich hren. Da bin ich mit von der Partie, vorausgesetzt, da ich
nicht stre... Kurt (und hiermit wandt er sich an seinen jngeren Begleiter),
Pardon! Aber ich habe mit Riencker zu sprechen. Und unter Umstnden...
    ... spricht sich's besser zu zweien. Ganz nach deiner Bequemlichkeit,
Bozel, und dabei grte Kurt von Rexin und ritt weiter. Der mit Bozel
angeredete Vetter aber warf sein Pferd herum, nahm die linke Seite neben dem ihm
in der Rangliste weit vorstehenden Riencker und sagte: Nun denn also
Saatwinkel. In die Tegeler Schulinie werden wir ja wohl nicht einreiten.
    Ich werd es wenigstens zu vermeiden suchen, entgegnete Riencker, erstens
mir selbst und zweitens Ihnen zuliebe. Und drittens und letztens um Henriettens
willen. Was wrde die schwarze Henriette sagen, wenn ihr ihr Bogislaw
totgeschossen wrde und noch dazu durch eine befreundete Granate?
    Das wrd ihr freilich einen Stich ins Herz geben, erwiderte Rexin, und
ihr und mir einen Strich durch die Rechnung machen.
    Durch welche Rechnung?
    Das ist eben der Punkt, Riencker, ber den ich mit Ihnen sprechen wollte.
    Mit mir? Und von welchem Punkte?
    Sie sollten es eigentlich erraten und ist auch nicht schwer. Ich spreche
natrlich von einem Verhltnis, meinem Verhltnis.
    Verhltnis! lachte Botho. Nun, ich stehe zu Diensten, Rexin. Aber offen
gestanden, ich wei nicht recht, was speziell mir Ihr Vertrauen eintrgt. Ich
bin nach keiner Seite hin, am wenigsten aber nach dieser, eine besondere
Weisheitsquelle. Da haben wir ganz andere Autoritten. Eine davon kennen Sie
gut. Noch dazu Ihr und Ihres Vetters besonderer Freund.
    Balafr?
    Ja.
    Rexin fhlte was von Nchternheit und Ablehnung heraus und schwieg
einigermaen verstimmt. Das aber war mehr, als Botho bezweckt hatte, weshalb er
sofort wieder einlenkte. Verhltnisse. Pardon, Rexin, es gibt ihrer so viele.
    Gewi. Aber soviel ihrer sind, so verschieden sind sie auch.
    Botho zuckte mit den Achseln und lchelte. Rexin aber, sichtlich gewillt,
sich nicht zum zweiten Male durch Empfindelei stren zu lassen, wiederholte nur
in gleichmtigem Tone: Ja, soviel ihrer, so verschieden auch. Und ich wundre
mich, Riencker, gerade Sie mit den Achseln zucken zu sehn. Ich dachte mir...
    Nun denn heraus mit der Sprache.
    Soll geschehn.
    Und nach einer Weile fuhr Rexin fort: Ich habe die Hohe Schule
durchgemacht, bei den Ulanen und schon vorher (Sie wissen, da ich erst spt
dazu kam) in Bonn und Gttingen, und brauche keine Lehren und Ratschlge, wenn
sich's um das bliche handelt. Aber wenn ich mich ehrlich befrage, so handelt
sich's in meinem Falle nicht um das bliche, sondern um einen Ausnahmefall.
    Glaubt jeder.
    Kurz und gut, ich fhle mich engagiert, mehr als das, ich liebe Henrietten,
oder um Ihnen so recht meine Stimmung zu zeigen, ich liebe die schwarze Jette.
Ja, dieser anzgliche Trivialname mit seinem Anklang an Kantine pat mir am
besten, weil ich alle feierlichen Allren in dieser Sache vermeiden mchte. Mir
ist ernsthaft genug zumut, und weil mir ernsthaft zumut ist, kann ich alles, was
wie Feierlichkeit und schne Redensarten aussieht, nicht brauchen. Das schwcht
blo ab.
    Botho nickte zustimmend und entschlug sich mehr und mehr jedes Anfluges von
Spott und Superioritt, den er bis dahin allerdings gezeigt hatte.
    Jette, fuhr Rexin fort, stammt aus keiner Ahnenreihe von Engeln und ist
selber keiner. Aber wo findet man dergleichen? In unsrer Sphre? Lcherlich.
Alle diese Unterschiede sind ja geknstelt, und die geknsteltsten liegen auf
dem Gebiete der Tugend. Natrlich gibt es Tugend und hnliche schne Sachen,
aber Unschuld und Tugend sind wie Bismarck und Moltke, das heit rar. Ich habe
mich ganz in Anschauungen wie diese hineingelebt, halte sie fr richtig und habe
vor, danach zu handeln, soweit es geht. Und nun hren Sie, Riencker. Ritten wir
hier statt an diesem langweiligen Kanal, so langweilig und strippengerade wie
die Formen und Formeln unsrer Gesellschaft, ich sage, ritten wir hier statt an
diesem elenden Graben am Sacramento hin und htten wir statt der Tegeler
Schiestnde die Diggings vor uns, so wrd ich die Jette freiweg heiraten; ich
kann ohne sie nicht leben, sie hat es mir angetan, und ihre Natrlichkeit,
Schlichtheit und wirkliche Liebe wiegen mir zehn Komtessen auf. Aber es geht
nicht. Ich kann es meinen Eltern nicht antun und mag auch nicht mit
siebenundzwanzig aus dem Dienst heraus, um in Texas Cowboy zu werden oder
Kellner auf einem Mississippidampfer. Also Mittelkurs...
    Was verstehen Sie darunter?
    Einigung ohne Sanktion.
    Also Ehe ohne Ehe.
    Wenn Sie wollen, ja. Mir liegt nichts am Wort, ebensowenig wie an
Legalisierung, Sakramentierung, oder wie sonst noch diese Dinge heien mgen;
ich bin etwas nihilistisch angeflogen und habe keinen rechten Glauben an
pastorale Heiligsprechung. Aber, um's kurz zu machen, ich bin, weil ich nicht
anders kann, fr Monogamie, nicht aus Grnden der Moral, sondern aus Grnden
meiner mir eingebornen Natur. Mir widerstehen alle Verhltnisse, wo Knpfen und
Lsen sozusagen in dieselbe Stunde fllt, und wenn ich mich eben einen
Nihilisten nannte, so kann ich mich mit noch grerem Recht einen Philister
nennen. Ich sehne mich nach einfachen Formen, nach einer stillen, natrlichen
Lebensweise, wo Herz zum Herzen spricht und wo man das Beste hat, was man haben
kann, Ehrlichkeit, Liebe, Freiheit.
    Freiheit, wiederholte Botho.
    Ja, Riencker. Aber weil ich wohl wei, da auch Gefahren dahinter lauern
und dies Glck der Freiheit, vielleicht aller Freiheit, ein zweischneidig
Schwert ist, das verletzen kann, man wei nicht wie, so hab ich Sie fragen
wollen.
    Und ich will Ihnen antworten, sagte der mit jedem Augenblick ernster
gewordene Riencker, dem bei diesen Konfidenzen das eigne Leben, das
zurckliegende wie das gegenwrtige, wieder vor die Seele treten mochte. Ja,
Rexin, ich will Ihnen antworten, so gut ich kann, und ich glaube, da ich es
kann. Und so beschwr ich Sie denn, bleiben Sie davon. Bei dem, was Sie
vorhaben, ist immer nur zweierlei mglich, und das eine ist gerade so schlimm
wie das andre. Spielen Sie den Treuen und Ausharrenden oder, was dasselbe sagen
will, brechen Sie von Grund aus mit Stand und Herkommen und Sitte, so werden
Sie, wenn Sie nicht versumpfen, ber kurz oder lang sich selbst ein Greuel und
eine Last sein, verluft es aber anders und schlieen Sie, wie's die Regel ist,
nach Jahr und Tag Ihren Frieden mit Gesellschaft und Familie, dann ist der
Jammer da, dann mu gelst werden, was durch glckliche Stunden und ach, was
mehr bedeutet, durch unglckliche, durch Not und ngste verwebt und verwachsen
ist. Und das tut weh.
    Rexin schien antworten zu wollen, aber Botho sah es nicht und fuhr fort:
Lieber Rexin. Sie haben vorhin in einem wahren Musterstcke dezenter
Ausdrucksweise von Verhltnissen gesprochen, wo Knpfen und Lsen in dieselbe
Stunde fllt, aber diese Verhltnisse, die keine sind, sind nicht die
schlimmsten, die schlimmsten sind die, die, um Sie noch mal zu zitieren, den
Mittelkurs halten. Ich warne Sie, hten Sie sich vor diesem Mittelkurs, hten
Sie sich vor dem Halben. Was Ihnen Gewinn dnkt, ist Bankrutt, und was Ihnen
Hafen scheint, ist Scheiterung. Es fhrt nie zum Guten, auch wenn uerlich
alles glatt abluft und keine Verwnschung ausgesprochen und kaum ein stiller
Vorwurf erhoben wird. Und es kann auch nicht anders sein. Denn alles hat seine
natrliche Konsequenz, dessen mssen wir eingedenk sein. Es kann nichts
ungeschehen gemacht werden, und ein Bild, das uns in die Seele gegraben wurde,
verblat nie ganz wieder, schwindet nie ganz wieder dahin. Erinnerungen bleiben
und Vergleiche kommen. Und so denn noch einmal, Freund, zurck von Ihrem
Vorhaben, oder Ihr Leben empfngt eine Trbung, und Sie ringen sich nie mehr zu
Klarheit und Helle durch. Vieles ist erlaubt, nur nicht das, was die Seele
trifft, nur nicht Herzen hineinziehen, und wenn's auch blo das eigne wre.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


Am dritten Tage traf ein im Abreisemoment aufgegebenes Telegramm ein: Ich komme
heut abend. K.
    Und wirklich, sie kam. Botho war am Anhalter Bahnhof und wurde der Frau
Salinger vorgestellt, die von Dank fr gute Reisekameradschaft nichts hren
wollte, vielmehr immer nur wiederholte, wie glcklich sie gewesen sei, vor allem
aber, wie glcklich er sein msse, solche reizende junge Frau zu haben. Schaun
S', Herr Baron, wann i das Glck htt und der Herr Gemoahl wr, i wrd mi kein
drei Tag von solch ane Frau trenne.Woran sie dann Klagen ber die gesamte
Mnnerwelt, aber im selben Augenblick auch eine dringende Einladung nach Wien
knpfte. Wir hoab'n a nett's Husl kei Stund von Wian und a paar Reitpferd und
a Kch. In Preuen hoaben s' die Schul und in Wian hoaben wir die Kch. Und i
wei halt nit, was i vorzieh.
    Ich wei es, sagte Kthe, und ich glaube, Botho auch.
    Damit trennte man sich, und unser junges Paar stieg in einen offenen Wagen,
nachdem Ordre gegeben war, das Gepck nachzuschicken.
    Kthe warf sich zurck und stemmte den kleinen Fu gegen den Rcksitz, auf
dem ein Riesenbouquet, die letzte Huldigung der von der reizenden Berliner Dame
ganz entzckten Schlangenbader Hauswirtin, lag. Kthe selbst nahm Bothos Arm und
schmiegte sich an ihn, aber auf wenig Augenblicke nur, dann richtete sie sich
wieder auf und sagte, whrend sie mit dem Sonnenschirm das immer aufs neue
herunterfallende Bouquet festhielt: Es ist doch eigentlich reizend hier, all
die Menschen und die vielen Spreekhne, die vor Enge nicht ein noch aus wissen.
Und so wenig Staub. Ich find es doch einen rechten Segen, da sie jetzt sprengen
und alles unter Wasser setzen; freilich lange Kleider darf man dabei nicht
tragen. Und sieh nur den Brotwagen da mit dem vorgespannten Hund. Es ist doch zu
komisch. Nur der Kanal... Ich wei nicht, er ist immer noch so...
    Ja, lachte Botho, er ist immer noch so. Vier Wochen Julihitze haben ihn
nicht verbessern knnen.
    Sie fuhren unter den jungen Bumen hin, Kthe ri ein Lindenblatt ab, nahm's
in die hohle Hand und schlug drauf, da es knallte. So machten wir's immer zu
Haus. Und in Schlangenbad, wenn wir nichts Besseres zu tun hatten, haben wir's
auch so gemacht und alle die Spielereien aus der Kinderzeit wiederaufgenommen.
Kannst du dir's denken, ich hnge ganz ernsthaft an solchen Torheiten und bin
doch eigentlich eine alte Person und habe abgeschlossen.
    Aber Kthe...
    Ja, ja, Matrone, du wirst es sehn... Aber sieh doch nur, Botho, da ist ja
noch der Staketenzaun und das alte Weibierlokal mit dem komischen und etwas
unanstndigen Namen, ber den wir in der Pension immer so schrecklich gelacht
haben. Ich dachte, das Lokal wre lngst eingegangen. Aber so was lassen sich
die Berliner nicht nehmen, so was hlt sich; alles mu nur einen sonderbaren
Namen haben, ber den sie sich amsieren knnen.
    Botho schwankte zwischen Glcklichsein und Anflug von Verstimmung. Ich
finde, du bist ganz unverndert, Kthe.
    Gewi bin ich. Und warum sollt ich auch verndert sein? Ich bin ja nicht
nach Schlangenbad geschickt worden, um mich zu verndern, wenigstens nicht in
meinem Charakter und meiner Unterhaltung. Und ob ich mich sonst verndert habe?
Nun, cher ami, nous verrons.
    Matrone?
    Sie hielt ihm den Finger auf den Mund und schlug den Reiseschleier wieder
zurck, der ihr halb ber das Gesicht gefallen war, gleich danach aber
passierten sie den Potsdamer Bahnviadukt, ber dessen Eisengeblk eben ein
Courierzug hinbrauste. Das gab ein Zittern und Donnern zugleich, und als sie die
Brcke hinter sich hatten, sagte sie: Mir ist es immer unangenehm, gerade
drunter zu sein.
    Aber die drber haben es nicht besser.
    Vielleicht nicht. Aber es liegt in der Vorstellung. Vorstellungen sind
berhaupt so mchtig. Meinst du nicht auch? Und sie seufzte, wie wenn sich ihr
pltzlich etwas Schreckliches und tief in ihr Leben Eingreifendes vor die Seele
gestellt htte. Dann aber fuhr sie fort: In England, so sagte mir Mister
Armstrong, eine Badebekanntschaft, von der ich dir noch ausfhrlicher erzhlen
mu, brigens mit einer Alvensleben verheiratet, in England, sagte er, wrden
die Toten fnfzehn Fu tief begraben. Nun, fnfzehn Fu tief ist nicht schlimmer
als fnf, aber ich fhlte ordentlich, whrend er mir's erzhlte, wie sich mir
der Clay, das ist nmlich das richtige englische Wort, zentnerschwer auf die
Brust legte. Denn in England haben sie schweren Lehmboden.
    Armstrong, sagtest du... Bei den badischen Dragonern war ein Armstrong.
    Ein Vetter von dem. Sie sind alle Vettern, ganz wie bei uns. Ich freue mich
schon, dir ihn in all seinen kleinen Eigenheiten schildern zu knnen. Ein
vollkommener Kavalier mit aufgesetztem Schnurrbart, worin er freilich etwas zu
weit ging. Er sah sehr komisch aus, diese gewribbelte Spitze, dran er immer noch
weiter wribbelte.
    Zehn Minuten spter hielt ihr Wagen vor ihrer Wohnung, und Botho, whrend er
ihr den Arm reichte, fhrte sie hinauf. Eine Girlande zog sich um die groe
Korridortr, und eine Tafel mit dem Inschriftsworte Willkommen, in dem leider
ein l fehlte, hing etwas schief an der Girlande. Kthe sah hinauf und las und
lachte.
    Willkommen! Aber blo mit einem l, will sagen nur halb. Ei, ei. Und L ist
noch dazu der Liebesbuchstabe. Nun, du sollst auch alles nur halb haben.
    Und so trat sie durch die Tr in den Korridor ein, wo Kchin und Hausmdchen
bereits standen und ihr die Hand kten.
    Guten Tag, Berta; guten Tag, Minette. Ja, Kinder, da bin ich wieder. Nun,
wie findet ihr mich? hab ich mich erholt? Und eh die Mdchen antworten konnten,
worauf auch gar nicht gerechnet war, fuhr sie fort: Aber ihr habt euch erholt.
Namentlich du, Minette, du bist ja ordentlich stark geworden.
    Minette sah verlegen vor sich hin, weshalb Kthe gutmtig hinzusetzte: Ich
meine nur hier so um Kinn und Hals.
    Indem kam auch der Bursche. Nun, Orth, ich war schon in Sorge um Sie. Gott
sei Dank, ohne Not; ganz unverfallen, blo ein bichen bllich. Aber das macht
die Hitze. Und immer noch dieselben Sommersprossen.
    Ja, gndige Frau, die sitzen.
    Nun das ist recht. Immer echt in der Farbe.
    Unter solchem Gesprche war sie bis in ihr Schlafzimmer gegangen, wohin
Botho und Minette ihr folgten, whrend die beiden andern sich in ihre
Kchenregion zurckzogen.
    Nun, Minette, hilf mir. Erst den Mantel. Und nun nimm den Hut. Aber sei
vorsichtig, wir wissen uns sonst vor Staub nicht zu retten. Und nun sage Orth,
da er den Tisch deckt vorn auf dem Balkon, ich habe den ganzen Tag keinen
Bissen genossen, weil ich wollte, da es mir recht gut bei euch schmecken solle.
Und nun geh, liebe Seele; geh, Minette.
    Minette beeilte sich und ging, whrend Kthe vor dem hohen Stehspiegel
stehenblieb und sich das in Unordnung geratene Haar arrangierte. Zugleich sah
sie im Spiegel auf Botho, der neben ihr stand und die schne junge Frau
musterte.
    Nun, Botho, sagte sie schelmisch und kokett und ohne sich nach ihm
umzusehen.
    Und ihre liebenswrdige Koketterie war klug genug berechnet, und er umarmte
sie, wobei sie sich seinen Liebkosungen berlie. Und nun umspannte er ihre
Taille und hob sie hoch in die Hh. Kthe, Puppe, liebe Puppe.
    Puppe, liebe Puppe, das sollt ich eigentlich belnehmen, Botho. Denn mit
Puppen spielt man. Aber ich nehm es nicht bel, im Gegenteil. Puppen werden am
meisten geliebt und am besten behandelt. Und darauf kommt es mir an.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


Es war ein herrlicher Morgen, der Himmel halb bewlkt, und in dem leisen
Westwinde, der ging, sa das junge Paar auf dem Balkon und sah, whrend Minette
den Kaffeetisch abrumte, nach dem Zoologischen und seinen Elefantenhusern
hinber, deren bunte Kuppeln im Morgendmmer lagen.
    Ich wei eigentlich noch nichts, sagte Botho, du bist ja gleich
eingeschlafen, und der Schlaf ist mir heilig. Aber nun will ich auch alles
wissen. Erzhle.
    Ja, erzhlen; was soll ich erzhlen? Ich habe dir ja so viele Briefe
geschrieben, und Anna Grvenitz und Frau Salinger mut du ja so gut kennen wie
ich oder eigentlich noch besser, denn ich habe mitunter mehr geschrieben, als
ich wute.
    Wohl. Aber ebensooft hie es, davon mndlich. Und dieser Moment ist nun da,
sonst denk ich, du willst mir etwas verschweigen. Von deinen Ausflgen wei ich
eigentlich gar nichts, und du warst doch in Wiesbaden. Es heit zwar, da es in
Wiesbaden nur Obersten und alte Generale gbe, aber es sind doch auch Englnder
da. Und bei Englndern fllt mir wieder dein Schotte ein, von dem du mir
erzhlen wolltest. Wie hie er doch?
    Armstrong; Mister Armstrong. Ja, das war ein entzckender Mann, und ich
begriff seine Frau nicht, eine Alvensleben, wie ich dir, glaub ich, schon sagte,
die bestndig in Verlegenheit kam, wenn er sprach. Und er war doch ein
vollkommener Gentleman, der sehr auf sich hielt, auch dann noch, wenn er sich
gehen lie und eine gewisse Nonchalance zeigte. Gentlemen bewhren sich in
solchen Momenten immer am besten. Meinst du nicht auch? Er trug einen blauen
Schlips und einen gelben Sommeranzug und sah aus, als ob er darin eingenht
wre, weshalb Anna Grvenitz immer sagte: Da kommt das Pennal. Und immer ging er
mit einem groen aufgespannten Sonnenschirm, was er sich in Indien angewhnt
hatte. Denn er war Offizier in einem schottischen Regiment, das lange in Madras
oder Bombay gestanden, oder vielleicht war es auch Delhi. Das ist aber am Ende
gleich. Was der alles erlebt hatte! Seine Konversation war reizend, wenn man
auch mitunter nicht wute, wie man's nehmen sollte.
    Also zudringlich? Insolent?
    Ich bitte dich, Botho, wie du nur sprichst. Ein Mann wie der; Kavalier
comme il faut. Nun, ich will dir ein Beispiel von seiner Art zu sprechen geben.
Uns gegenber sa die alte Generalin von Wedell, und Anna Grvenitz fragte sie
(ich glaube, es war gerade der Jahrestag von Kniggrtz), ob es wahr sei, da
dreiunddreiig Wedells im Siebenjhrigen Kriege gefallen seien, was die alte
Generalin bejahte, hinzusetzend, es wren eigentlich noch einige mehr gewesen.
Alle, die zunchst saen, waren ber die groe Zahl erstaunt, nur Mister
Armstrong nicht, und als ich ihn wegen seiner Gleichgiltigkeit scherzhaft zur
Rede stellte, sagte er, da er sich ber so kleine Zahlen nicht aufregen knne.
Kleine Zahlen, unterbrach ich ihn, aber er setzte lachend, und um mich zu
widerlegen, hinzu: von den Armstrongs seien einhundertdreiunddreiig in den
verschiedenen Kriegsfehden seines Clans umgekommen. Und als die alte Generalin
dies anfangs nicht glauben wollte, schlielich aber (als Mister Armstrong dabei
beharrte) neugierig frug: ob denn alle hundertdreiunddreiig auch wirklich
gefallen seien, sagte er: Nein, meine Gndigste, nicht gerade gefallen, die
meisten sind wegen Pferdediebstahl von den Englndern, unseren damaligen
Feinden, gehenkt worden. Und als sich alles ber dies unstandesgeme, ja, man
kann wohl sagen, etwas genierliche Gehenktwerden entsetzte, schwor er, wir tten
unrecht, Ansto daran zu nehmen, die Zeiten und Anschauungen nderten sich, und
was seine doch zunchst beteiligte Familie betreffe, so she dieselbe mit Stolz
auf diese Heldenvorfahren zurck. Die schottische Kriegsfhrung habe dreihundert
Jahre lang aus Viehraub und Pferdediebstahl bestanden, lndlich sittlich, und er
knne nicht finden, da ein groer Unterschied sei zwischen Lnderraub und
Viehraub.
    Verkappter Welfe, sagte Botho. Aber es hat manches fr sich.
    Gewi. Und ich stand immer auf seiner Seite, wenn er sich in solchen Stzen
erging. Ach, er war zum Totlachen. Er sagte, man msse nichts feierlich nehmen,
es verlohne sich nicht, und nur das Angeln sei eine ernste Beschftigung. Er
angle mitunter vierzehn Tage lang im Loch Ne oder im Loch Lochy, denke dir,
solche komische Namen gibt es in Schottland, und schliefe dann im Boot, und mit
Sonnenaufgang stnd er wieder da, und wenn dann die vierzehn Tage um wren, dann
mausre er sich, dann ginge die ganze schlbrige Haut ab, und dann hab er eine
Haut wie ein Baby. Und er tte das alles aus Eitelkeit, denn ein glatter egaler
Teint sei doch eigentlich das beste, was man haben knne. Und dabei sah er mich
so an, da ich nicht gleich eine Antwort finden konnte. Ach, ihr Mnner! Aber
das ist doch wahr, ich hatte von Anfang an ein rechtes Attachement fr ihn und
nahm nicht Ansto an seiner Redeweise, die sich mitunter in langen Ausfhrungen,
aber doch viel, viel lieber noch in einem bestndigen Hin und Her erging. Einer
seiner Lieblingsstze war: Ich kann es nicht leiden, wenn ein einziges Gericht
eine Stunde lang auf dem Tische steht; nur nicht immer dasselbe, mir ist es
angenehmer, wenn die Gnge rasch wechseln. Und so sprang er immer vom
Hundertsten ins Tausendste.
    Nun, da mt ihr euch freilich gefunden haben, lachte Botho.
    Haben wir auch. Und wir wollen uns Briefe schreiben, ganz in dem Stil, wie
wir miteinander gesprochen; das haben wir beim Abschied gleich ausgemacht.
Unsere Herren, auch deine Freunde, sind immer so grndlich. Und du bist der
grndlichste, was mich mitunter recht bedrckt und ungeduldig macht. Und du mut
mir versprechen, auch so zu sein wie Mister Armstrong und ein bichen mehr
einfach und harmlos plaudern zu wollen und ein bichen rascher und nicht immer
dasselbe Thema.
    Botho versprach Besserung, und als Kthe, die die Superlative liebte, nach
Vorfhrung eines phnomenal reichen Amerikaners, eines absolut kakerlakigen
Schweden mit Kaninchenaugen und einer faszinierend schnen Spanierin - mit einem
Nachmittagsausfluge nach Limburg, Oranienstein und Nassau geschlossen und ihrem
Gatten abwechselnd die Krypt, die Kadettenanstalt und die Wasserheilanstalt
beschrieben hatte, zeigte sie pltzlich auf die Schlokuppel nach Charlottenburg
und sagte: Weit du, Botho, da mssen wir heute noch hin oder nach Westend oder
nach Halensee. Die Berliner Luft ist doch etwas stickig und hat nichts von dem
Atem Gottes, der drauen weht und den die Dichter mit Recht so preisen. Und wenn
man aus der Natur kommt, so wie ich, so hat man das, was ich die Reinheit und
Unschuld nennen mchte, wieder liebgewonnen. Ach, Botho, welcher Schatz ist doch
ein unschuldiges Herz. Ich habe mir fest vorgenommen, mir ein reines Herz zu
bewahren. Und du mut mir darin helfen. Ja, das mut du, versprich es mir. Nein,
nicht so; du mut mir dreimal einen Ku auf die Stirn geben, brutlich, ich will
keine Zrtlichkeit, ich will einen Weiheku... Und wenn wir uns mit einem Lunch
begngen, natrlich ein warmes Gericht, so knnen wir um drei drauen sein.

Und wirklich, sie fuhren hinaus, und wiewohl die Charlottenburger Luft noch mehr
hinter dem Atem Gottes zurckblieb als die Berliner, so war Kthe doch fest
entschlossen, im Schlopark zu bleiben und Halensee fallenzulassen. Westend sei
so langweilig, und Halensee sei noch wieder eine halbe Reise, fast wie nach
Schlangenbad, im Schlopark aber knne man das Mausoleum sehen, wo die blaue
Beleuchtung einen immer so sonderbar berhre, ja, sie mchte sagen, wie wenn
einem ein Stck Himmel in die Seele falle. Das stimme dann andchtig und zu
frommer Betrachtung. Und wenn auch das Mausoleum nicht wre, so wre doch die
Karpfenbrcke da, mit der Klingel dran, und wenn dann ein groer Mooskarpfen
kme, so wr es ihr immer, als km ein Krokodil. Und vielleicht wr auch eine
Frau mit Kringeln und Oblaten da, von der man etwas kaufen und dadurch im
kleinen ein gutes Werk tun knne, sie sage mit Absicht ein gutes Werk und
vermeide das Wort christlich, denn Frau Salinger habe auch immer gegeben.
    Und alles verlief programmig, und als die Karpfen gefttert waren, gingen
beide weiter in den Park hinein, bis sie bis dicht an das Belvedere kamen mit
seinen Rokokofiguren und seinen historischen Erinnerungen. Von diesen
Erinnerungen wute Kthe nichts, und Botho nahm deshalb Veranlassung, ihr von
den Geistern abgeschiedener Kaiser und Kurfrsten zu erzhlen, die der General
von Bischofswerder an eben dieser Stelle habe erscheinen lassen, um den Knig
Friedrich Wilhelm II. aus seinen lethargischen Zustnden oder, was dasselbe
gewesen, aus den Hnden seiner Geliebten zu befreien und ihn auf den Pfad der
Tugend zurckzufhren.
    Und hat es geholfen? fragte Kthe.
    Nein.
    Schade. Dergleichen berhrt mich immer tief schmerzlich. Und wenn ich mir
dann denke, da der unglckliche Frst (denn unglcklich mu er gewesen sein)
der Schwiegervater der Knigin Luise war, so blutet mir das Herz. Wie mu sie
gelitten haben! Ich kann mir immer in unserem Preuen solche Dinge gar nicht
recht denken. Und Bischofswerder, sagtest du, hie der General, der die Geister
erscheinen lie?
    Ja. Bei Hofe hie er der Laubfrosch.
    Weil er das Wetter machte?
    Nein, weil er einen grnen Rock trug.
    Ach, das ist zu komisch... Der Laubfrosch.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


Bei Sonnenuntergang waren beide wieder daheim, und Kthe, nachdem sie Hut und
Mantel an Minette gegeben und den Tee beordert hatte, folgte Botho in sein
Zimmer, weil es sie nach dem Bewutsein und der Genugtuung verlangte, den ersten
Tag nach der Reise ganz und gar an seiner Seite zugebracht zu haben.
    Botho war es zufrieden, und weil sie frstelte, schob er ihr ein Kissen
unter die Fe, whrend er sie zugleich mit einem Plaid zudeckte. Bald danach
aber wurd er abgerufen, um Dienstliches, das der Erledigung bedurfte, rasch
abzumachen.
    Minuten vergingen, und da Kissen und Plaid nicht recht helfen und die
gewnschte Wrme nicht geben wollten, so zog Kthe die Klingel und sagte dem
eintretenden Diener, da er ein paar Stcke Holz bringen solle; sie friere so.
    Zugleich erhob sie sich, um den Kaminschirm beiseite zu schieben, und sah,
als dies geschehen war, das Huflein Asche, das noch auf der Eisenplatte lag.
    Im selben Momente trat Botho wieder ein und erschrak bei dem Anblick, der
sich ihm bot. Aber er beruhigte sich sogleich wieder, als Kthe mit dem
Zeigefinger auf die Asche wies und in ihrem scherzhaftesten Tone sagte: Was
bedeutet das, Botho? Sieh, da hab ich dich mal wieder ertappt. Nun bekenne.
Liebesbriefe? Ja oder nein?
    Du wirst doch glauben, was du willst.
    Ja oder nein?
    Gut denn; ja.
    Das war recht. Nun kann ich mich beruhigen. Liebesbriefe, zu komisch. Aber
wir wollen sie doch lieber zweimal verbrennen: erst zu Asche und dann zu Rauch.
Vielleicht glckt es.
    Und sie legte die Holzstcke, die der Diener mittlerweile gebracht hatte,
geschickt zusammen und versuchte sie mit ein paar Zndhlzchen anzuznden. Und
es gelang auch. Im Nu brannte das Feuer hell auf, und whrend sie den Fauteuil
an die Flamme schob und die Fe bequem und, um sie zu wrmen, bis an die
Eisenstbe vorstreckte, sagte sie: Und nun will ich dir auch die Geschichte von
der Russin auserzhlen, die natrlich gar keine Russin war. Aber eine sehr kluge
Person. Sie hatte Mandelaugen, alle diese Personen haben Mandelaugen, und gab
vor, da sie zur Kur in Schlangenbad sei. Nun, das kennt man. Einen Arzt hatte
sie nicht, wenigstens keinen ordentlichen, aber jeden Tag war sie drben in
Frankfurt oder in Wiesbaden oder auch in Darmstadt und immer in Begleitung. Und
einige sagen sogar, es sei nicht mal derselbe gewesen. Und nun httest du sehen
sollen, welche Toilette und welche Suffisance! Kaum, da sie grte, wenn sie
mit ihrer Ehrendame zur Table d'hte kam. Denn eine Ehrendame hatte sie, das ist
immer das erste bei solchen Damen. Und wir nannten sie die Pompadour, ich meine
die Russin, und sie wut es auch, da wir sie so nannten. Und die alte Generalin
Wedell, die ganz auf unsrer Seite stand und sich ber die zweifelhafte Person
rgerte (denn eine Person war es, darber war kein Zweifel), die alte Wedell,
sag ich, sagte ganz laut ber den Tisch hin: Ja, meine Damen, die Mode wechselt
in allem, auch in den Taschen und Tschchen und sogar in den Beuteln und
Beutelchen. Als ich noch jung war, gab es noch Pompadours, aber heute gibt es
keine Pompadours mehr. Nicht wahr? Es gibt keine Pompadours mehr. Und dabei
lachten wir und sahen alle die Pompadour an. Aber die schreckliche Person gewann
trotzdem einen Sieg ber uns und sagte mit scharfer und lauter Stimme, denn die
alte Wedell hrte schlecht: Ja, Frau Generalin, es ist so, wie Sie sagen. Nur
sonderbar, als die Pompadours abgelst wurden, kamen die Reticules an die Reihe,
die man dann spter die Ridicules nannte. Und solche Ridicules gibt es noch. Und
dabei sah sie die gute alte Wedell an, die, weil sie nicht antworten konnte, vom
Tische aufstand und den Saal verlie. Und nun frag ich dich, was sagst du dazu?
Was sagst du zu solcher Impertinenz...? Aber Botho, du sprichst ja nicht, du
hrst ja gar nicht...
    Doch, doch, Kthe...

Drei Wochen spter war eine Trauung in der Jakobikirche, deren kreuzgangartiger
Vorhof auch heute von einer dichten und neugierigen Menschenmenge, meist
Arbeiterfrauen, einige mit ihren Kindern auf dem Arm, besetzt war. Aber auch
Schul- und Straenjugend hatte sich eingefunden. Allerlei Kutschen fuhren vor,
und gleich aus einer der ersten stieg ein Paar, das, solang es im Gesichtskreise
der Anwesenden verblieb, mit Lachen und Getuschel begleitet wurde.
    Die Taille, sagte eine der zunchststehenden Frauen.
    Taille?
    Na denn Hfte.
    Schon mehr Walfischrippe...
    Das stimmt.
    Und kein Zweifel, da sich dies Gesprch noch fortgesetzt htte, wenn nicht
in eben diesem Augenblicke die Brautkutsche vorgefahren wre. Der vom Bock
herabspringende Diener eilte, den Kutschenschlag zu ffnen, aber der Brutigam
selbst, ein hagerer Herr mit hohem Hut und spitzen Vatermrdern, war ihm bereits
zuvorgekommen und reichte seiner Braut die Hand, einem sehr hbschen Mdchen,
das brigens, wie gewhnlich bei Bruten, weniger um seines hbschen Aussehens
als um seines weien Atlaskleides willen bewundert wurde. Dann stiegen beide die
mit einem etwas abgetretenen Teppich belegte, nur wenig Stufen zhlende
Steintreppe hinauf, um zunchst in den Kreuzgang und gleich danach in das
Kirchenportal einzutreten. Aller Blicke folgten ihnen.
    Un kein Kranz nich? sagte dieselbe Frau, vor deren kritischem Auge kurz
vorher die Taille der Frau Drr so schlecht bestanden hatte.
    Kranz...? Kranz...? Wissen Sie denn nich...? Haben Sie denn nichts munkeln
hren?
    Ach so. Freilich hab ich. Aber, liebe Kornatzki, wenn es nach 's Munkeln
ginge, gb es gar keine Krnze mehr un Schmidt in der Friedrichsstrae knnte
man gleich zumachen.
    Ja, ja, lachte jetzt die Kornatzki, das knnt er. Un am Ende fr so 'nen
Alten! Fuffzig jute hat er doch woll auf 'n Puckel un sah eigentlich aus, als ob
er seine silberne gleich mitfeiern wollte.
    Woll. So sah er aus. Un haben Sie denn seine Vatermrder gesehn? So was
lebt nich.
    Damit kann er sie gleich dod machen, wenn's wieder munkelt.
    Ja, das kann er.
    Und so ging es noch eine Weile weiter, whrend aus der Kirche schon das
Prludium der Orgel hrbar wurde.

Den anderen Morgen saen Riencker und Kthe beim Frhstck, diesmal in Bothos
Arbeitszimmer, dessen beide Fenster, um Luft und Licht einzulassen, weit
offenstanden. Rings um den Hof her nistende Schwalben flogen zwitschernd
vorber, und Botho, der ihnen allmorgendlich einige Krumen hinzustreuen pflegte,
griff eben wieder zu gleichem Zweck nach dem Frhstckskorb, als ihm das
ausgelassene Lachen seiner seit fnf Minuten schon in ihre Lieblingszeitung
vertieften jungen Frau Veranlassung gab, den Korb wieder hinzustellen.
    Nun, Kthe, was ist? Du scheinst ja was ganz besonders Nettes gefunden zu
haben.
    Hab ich auch... Es ist doch zu komisch, was es fr Namen gibt! Und immer
gerade bei Heirats- und Verlobungsanzeigen. Hre doch nur.
    Ich bin ganz Ohr.
    ... Ihre heute vollzogene eheliche Verbindung zeigen ergebenst an: Gideon
Franke, Fabrikmeister, Magdalene Franke, geb. Nimptsch... Nimptsch. Kannst du
dir was Komischeres denken? Und dann Gideon!
    Botho nahm das Blatt, aber freilich nur, weil er seine Verlegenheit dahinter
verbergen wollte. Dann gab er es ihr zurck und sagte mit soviel Leichtigkeit im
Ton, als er aufbringen konnte: Was hast du nur gegen Gideon, Kthe? Gideon ist
besser als Botho.
