
                          Ebner-Eschenbach, Marie von

                                Das Gemeindekind

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                           Marie von Ebner-Eschenbach

                                Das Gemeindekind

                Tout est l'historie.
                                                                     George Sand
                                                     Histoire de ma vie I p. 268


                                       1

Im Oktober 1860 begann in der Landeshauptstadt B. die Schluverhandlung im
Proze des Ziegelschlgers Martin Holub und seines Weibes Barbara Holub.
    Die Leute waren gegen Ende Juni desselben Jahres mit zwei Kindern, einem
dreizehnjhrigen Knaben und einem zehnjhrigen Mdchen, aus ihrer Ortschaft
Soleschau am Fue des Hrad, einer der Hhen des Marsgebirges, im Pfarrdorfe
Kunovic eingetroffen. Gleich am ersten Tage hatte der Mann seinen Akkord mit der
Gutsverwaltung abgeschlossen, seinem Weib, seinem Jungen und einigen gedungenen
Taglhnern ihre Aufgabe zugewiesen und sich dann zum Schnaps ins Wirtshaus
begeben. Bei der Einrichtung blieb es whrend der drei Monate, welche die
Familie in Kunovic zubrachte. Das Weib und Pavel, der Junge, arbeiteten; der
Mann hatte entweder einen Branntweinrausch oder war im Begriff, sich einen
anzutrinken. Manchmal kam er zur gemeinschaftlichen Schlafstelle unter dem Dach
des Schuppens getaumelt, und am nchsten Tag erschien dann die Familie zerbleut
und hinkend an der Lehmgrube. Die Taglhner, die nichts hren wollten von der
auch ihnen zugemuteten Fgsamkeit unter die Hausordnung des Ziegelschlgers,
wurden durch andere ersetzt, die gleichfalls kehr-um-die-Hand verschwunden
waren. Zuletzt traf man auf der Arbeitssttte nur noch die Frau und ihre Kinder.
Sie gro, krftig, deutliche Spuren ehemaliger Schnheit auf dem sonnverbrannten
Gesicht der Bub plump und kurzhalsig, ein ungeleckter Br, wie man ihn malt oder
besser nicht malt. Das Mdchen nannte sich Milada und war ein feingliedriges,
zierliches Geschpf, aus dessen hellblauen Augen mehr Leben und Klugheit blitzte
als aus den dunklen Barbaras und Pavels zusammen. Die Kleine fhrte eine Art
Kontrolle ber die beiden und machte sich ihnen zugleich durch allerlei
Handreichungen ntzlich. Ohne das Kind wrde auf der Ziegelsttte nie ein Wort
gewechselt worden sein. Mutter und Sohn plagten sich vom grauenden Tag bis in
die sinkende Nacht rastlos, finster und stumm. Lang ging es so fort, und zum
rgernis der Frommen im Dorfe wurde nicht einmal an Sonn- und Feiertagen
gerastet. Der Unfug kam dem Pfarrer zu Ohren und bewog ihn, Einsprache dagegen
zu tun. Sie blieb unbeachtet. Infolgedessen begab sich der geistliche Herr am
Nachmittag des Festes Mari Himmelfahrt selbst an Ort und Stelle und befahl dem
Weibe Holub, sofort von seiner den Feiertag entweihenden Beschftigung
abzulassen. Nun wollte das Unglck, da Martin, der eben im Schuppen seinen
jngsten Rausch ausschlief, sehr zur Unzeit erwachte, sich erhob und hinzutrat.
Gewahr werden, wie Pavel offenbar voll Zustimmung mit aufgesperrtem Mund und
hangenden Armen der priesterlichen Vermahnung lauschte, und hinterrcks ber ihn
herfallen war eins. Der Geistliche zgerte nicht, dem Knaben zu Hilfe zu eilen,
entzog ihn auch der Mihandlung des Vaters, lenkte aber dadurch den Zorn
desselben auf sich. Vor allen Zeugen, die das Geschrei Holubs herbeigelockt
hatte und deren Anzahl von Minute zu Minute wuchs, berschttete ihn der Rasende
mit Schimpfreden, sprang pltzlich auf ihn zu und hielt ihm die geballte Faust
vors Gesicht. Der Pfarrer, keinen Augenblick auer Fassung gebracht, wandte
angeekelt den Kopf und gab mit seinem abwehrend in der Rechten erhobenen Stock
dem Trunkenbold einen leichten Hieb auf den Scheitel. Martin stie ein Geheul
aus, warf sich nieder, krmmte sich wie ein Wurm und brllte, er sei tot,
mausetot geschlagen durch den geistlichen Herrn. Im Anfang antwortete ihm ein
allgemeines Hohngelchter, doch war seine Sache zu schlecht, um nicht wenigstens
einige Verteidiger zu finden.
    In der Schar der Neugierigen, welche den am Boden Liegenden umdrngte,
erhoben sich Stimmen zu seinen Gunsten, erfuhren Widerspruch und gaben ihn in
einer Weise zurck, die gar bald Ttlichkeiten wachrief. Die Autoritt des
Pfarrers gengte gerade noch, um die Krakeeler zu zwingen, den Platz zu rumen.
Sie zogen ins Wirtshaus und lieen dort den vom geistlichen Herrn Erschlagenen
so lange hochleben, bis ein Trupp Bauernbursche dem wsten Treiben des Gesindels
ein Ende zu machen suchte. Da kam es zu einer Prgelei, wie sie in Kunovic seit
der letzten groen Hochzeit nicht mehr stattgefunden hatte. Die Ortspolizei
gnnte dem Sturm volle Freiheit, sich auszutoben, und hatte zum Lohn fr diese
mit Vorsicht gemischte Klugheit am nchsten Morgen das ganze Dorf auf ihrer
Seite. Die allgemeine Meinung war, in der Sache gebe es nur einen Schuldigen -
den Ziegelschlger -, und man solle keine Umstnde mit ihm machen. Zur Lsung
des Akkords verstand die Gutsverwaltung sich gern, Martin htte ihn ohnedies
unter keiner Bedingung einhalten knnen; so fleiig Weib und Kind auch waren, zu
hexen vermochten sie doch nicht. Holub wurde abgefertigt und entlassen. Von dem
Gelde, das ihm auer den bereits erhobenen Vorschssen noch zukam, sah er keinen
Kreuzer; darauf hatte der Wirt Beschlag gelegt.
    Nach einem vergeblichen Versuch, sich sein vermeintliches Recht zu
verschaffen, blieb dem Gesellen nichts brig, als seiner Wege zu gehen. Der
Auszug der Ziegelschlger fand statt. An der Spitze schritt das Oberhaupt der
Familie in knapp anliegender ausgefranster Leinwandhose, in zerrissener blauer
Barchentjacke. Er hatte den durchlcherten Hut schief aufgesetzt; sein rotes
betrunkenes Gesicht war gedunsen; seine Lippen stieen Flche hervor gegen den
Pfaffen und die Pfaffenknechte, die ihn um seinen redlichen Broterwerb gebracht.
    Ein paar Schritte hinter ihm kam die Frau. Sie hatte die Stirn verbunden und
schien sich selbst kaum schleppen zu knnen, schleppte aber doch ein Wgelchen,
in dem sich Werkzeug und einiger Hausrat befand und Milada in eine Decke
eingehllt lag. Krank? Zerbleut? Man konnte das letztere wohl vermuten, denn vor
der Abreise hatte Martin noch entsetzlich gegen die Seinen gewtet. Pavel schlo
den Zug. Mit beiden Armen gegen die Rckseite des Wagens gestemmt, schob er ihn
krftig vorwrts und half auch mit dem tief gesenkten Kopfe nach, sooft Leute
des Weges kamen, die den Auswandernden entweder mit einem Blick des Mitleids
folgten oder einen Trumpf auf Holubs wilde Schimpfreden setzten.
    Einige Tage spter, an einem strmischen grauen Septembermorgen, fand der
Kirchendiener, als er, sich ins Pfarrhaus begebend, um dort die Kirchenschlssel
zu holen, an der Sakristei vorberkam, die Tr derselben nur angelehnt. Ganz
erstaunt und erst nicht wissend, was er davon denken sollte, trat er ein, sah
die Schrnke offen, die Megewnder auf den Boden zerstreut und der goldenen
Borten beraubt. Er griff sich an den Kopf, schritt weiter in die Kirche, fand
dort das Tabernakel erbrochen und leer.
    Ein Zittern befiel ihn. Diebe! stie er hervor, Diebe! und er meinte, es
fasse ihn einer am Genick, und wute nicht, wie er aus der Kirche und ber den
Weg zur Pfarrei gekommen...
    Der Pfarrer pflegte seine Tr nicht zu versperren. Was sollen die Leute bei
mir suchen? meinte er; so brauchte der Sakristan nur aufzuklinken. Er tat es...
Schreck und Grauen! Im Flur lag die greise Magd des Pfarrers ausgestreckt,
besinnungslos, voll Blut. Wie der scharfe Luftzug durch die offene Tr ber sie
hinblst, regt sie sich, starrt den Kirchendiener an und deutet mit einer
schwachen, aber furchtbar ausdrucksvollen Gebrde nach der Stube des geistlichen
Herrn.
    Der Sakristan, der dem Wahnsinn nahe ist, macht noch ein paar Schritte,
schaut, sthnt - und fllt auf die Knie, aus Entsetzen ber das, was er sieht.
    Eine Viertelstunde spter wei das ganze Dorf: der geistliche Herr ist heute
nacht berfallen und, offenbar im Kampf um die Kirchenschlssel, ermordet
worden, im schweren Kampf, das sieht man, darauf deutet alles hin.
    ber den Urheber der grlichen Tat ist niemand im Zweifel. Auch wenn die
Aussagen der Magd nicht wren, wte jeder: der Martin Holub hat's getan. In
Soleschau wird zuerst auf ihn gefahndet. Er war vor kurzem da, hat seine Kinder
beim Gemeindehirten in Kost gegeben und ist mit seinem Weibe wieder abgezogen.
    Nach kaum einer Woche wurde das Paar in einer Diebsherberge an der Grenze
entdeckt, in demselben Moment, in welchem Holub einen Teil der in Stcke
gebrochenen Monstranz aus der Kirche von Kunovic an einen Hausierer verhandeln
wollte. Der Strolch konnte erst nach heftigem Widerstand festgenommen werden.
Die Frau hatte sich mit stumpfer Gleichgltigkeit in ihr Schicksal gefgt. Bald
darauf traten beide in B. vor ihre Richter.
    Die Amtshandlung, durch keinen Zwischenfall gestrt, ging rasch vorwrts.
Von Anfang an behauptete Martin Holub, nicht er, sondern sein Weib habe das
Verbrechen ausgeheckt und ausgefhrt, und sooft die Unwahrscheinlichkeit dieser
Behauptung ihm dargetan wurde, sooft kam er auf sie zurck. Dabei verrannte er
sich in sein eigenes grob gesponnenes Lgennetz und gab das widrige, hundertmal
dagewesene Schauspiel des ruchlosen Wichtes, der zum Selbstanklger wird, indem
er sich zu verteidigen sucht.
    Merkwrdig hingegen war das Verhalten der Frau.
    Die Gleichfrmigkeit ihrer Aussagen erinnerte an das bekannte: Non mi
ricordo; sie lauteten unvernderlich: Wie der Mann sagt. Was der Mann sagt.
    In seiner Anwesenheit stand sie regungslos, kaum atmend, den Angstschwei
auf der Stirn, die Augen mit todesbanger Frage auf ihn gerichtet. War er nicht
im Saale, konnte sie ihn nicht sehen, so vermutete sie ihn doch in der Nhe; ihr
scheuer Blick irrte suchend umher und heftete sich pltzlich mit grauenhafter
Starrheit ins Leere. Das Aufklinken einer Tre, das leiseste Gerusch machte sie
zittern und beben, und erschaudernd wiederholte sie ihr Sprchlein: Wie der
Mann sagt. Was der Mann sagt.
    Vergeblich wurde ihr zugerufen: Du unterschreibst dein Todesurteil! - es
machte keinen Eindruck auf sie, schreckte sie nicht. Sie frchtete nicht die
Richter, nicht den Tod, sie frchtete den Mann.
    Und auf diese an Wahnsinn grenzende Angst vor ihrem Herrn und Peiniger
berief sich ihr Anwalt und forderte in einer glnzenden Verteidigungsrede, in
Anbetracht der zutage liegenden Unzurechnungsfhigkeit seiner Klientin, deren
Lossprechung. Die Lossprechung nun konnte ihr nicht erteilt werden, aber
verhltnismig mild war die Bue, welche der Mitschuldigen an einem schweren
Verbrechen auferlegt wurde. Das Verdikt lautete: Tod durch den Strang fr den
Mann, zehnjhriger schwerer Kerker fr die Frau.
    Barbara Holub trat ihre Strafe sogleich an. An Martin Holub wurde nach der
gesetzlich bestimmten Frist das Urteil vollzogen.

                                       2


An den Vorstand der Gemeinde Soleschau trat nun die Frage heran: Was geschieht
mit den Kindern der Verurteilten? Verwandte, die verpflichtet werden knnten,
fr sie zu sorgen, haben sie nicht, und aus Liebhaberei wird sich niemand dazu
verstehen.
    In seiner Ratlosigkeit verfgte sich der Brgermeister mit Pavel und Milada
nach dem Schlosse und lie die Gutsfrau bitten, ihm eine Audienz zu gewhren.
    Sobald die alte Dame erfuhr, um was es sich handelte, kam sie in den Hof
geeilt, so rasch ihre Beine, von denen eines merklich krzer als das andere war,
es ihr erlaubten. Das scharf geschnittene Gesicht vorgestreckt, die Brille auf
der Adlernase, die Ellbogen weit zurckgeschoben, humpelte sie auf die Gruppe
zu, die ihrer am Tore wartete. Der Brgermeister, ein stattlicher Mann in den
besten Jahren, zog den Hut und machte einen umfnglichen Kratzfu.
    Was will Er? sprach die Schlofrau, indem sie ihn mit trben Augen
anblinzelte. Ich wei, was Er will; aber da wird nichts daraus! Um die Kinder
der Strolche, die einen braven Pfarrer erschlagen haben, kmm'r ich mich
nicht... Da ist ja der Bub. Wie er ausschaut! Ich kenn ihn: er hat mir Kirschen
gestohlen. Hat Er nicht? wandte sie sich an Pavel, der braunrot wurde und vor
Unbehagen zu schielen begann.
    Warum antwortet Er nicht? Warum nimmt Er die Mtze nicht ab?
    Weil er keine hat, entschuldigte der Brgermeister.
    So? Was sitzt ihm denn da auf dem Kopf?
    Struppiges Haar, freiherrliche Gnaden.
    Ein helles Lachen erscholl, verstummte aber sofort, als die Greisin den
drren Zeigefinger drohend gegen diejenige erhob, die es ausgestoen hatte.
    Und da ist das Mdel. Komm her.
    Milada nherte sich vertrauensvoll, und der Blick, den die Gutsfrau auf dem
freundlichen Gesicht des Kindes ruhen lie, verlor immer mehr von seiner
Strenge. Er glitt ber die kleine Gestalt und ber die Lumpen, von denen sie
umhangen war, und heftete sich auf die schlanken Fchen, die der Staub grau
gefrbt hatte.
    Einer der pltzlichen Stimmungswechsel, denen die alte Dame unterworfen war,
trat ein.
    Allenfalls das Mdel, begann sie von neuem, will ich der Gemeinde
abnehmen. Obwohl ich wirklich nicht wei, wie ich dazu komme, etwas zu tun fr
die Gemeinde. Aber das wei ich, das Kind geht zugrunde bei euch, und wie kommt
das Kind dazu, bei euch zugrunde zu gehen?
    Der Brgermeister wollte sich eine bescheidene Erwiderung erlauben.
    Red Er lieber nicht, fiel die Gutsfrau ihm ins Wort, ich wei alles. Die
Kinder, fr welche die Gemeinde das Schulgeld bezahlen soll, knnen mit zwlf
Jahren das A vom Z nicht unterscheiden.
    Sie schttelte unwillig den Kopf, sah wieder auf Miladas Fe nieder und
setzte hinzu: Und die Kinder, fr welche die Gemeinde das Schuhwerk zu
bestreiten hat, laufen alle barfu. Ich kenn euch, wies sie die abermalige
Einsprache zurck, die der Brgermeister erheben wollte, ich hab es lang
aufgegeben, an euren Einrichtungen etwas ndern zu wollen. Nehmt den Buben nur
mit und sorgt fr ihn nach eurer Weise; der verdient's wohl, ein Gemeindekind zu
sein. Das Mdel kann gleich dableiben.
    Der Brgermeister gehorchte ihrem entlassenden Wink, hocherfreut, die Hlfte
der neuen, seinem Dorfe zugefallenen Last losgeworden zu sein. Pavel folgte ihm
bis ans Ende des Hofes. Dort blieb er stehen und sah sich nach der Schwester um.
Es war schon eine Dienerin herbeigeeilt, welcher die gndige Frau Anordnungen in
bezug auf Milada erteilte.
    Baden, hie es, die Lumpen verbrennen, Kleider aussuchen aus dem Vorrat
fr Weihnachten.
    Bekommt sie auch etwas zu essen? fuhr es Pavel durch den Sinn. Sie ist gewi
hungrig. Seitdem er dachte, war es seine wichtigste Obliegenheit gewesen, das
Kind vor Hunger zu schtzen. Kleider haben ist schon gut, baden auch nicht bel,
besonders in groer Gesellschaft in der Pferdeschwemme. Wie oft hatte Pavel die
Kleine hingetragen und sie im Wasser pltschern lassen mit Hnden und Fen! -
Aber die Hauptsache bleibt doch - nicht hungern.
    Sag, da du hungrig bist! rief der Junge seiner Schwester ermahnend zu.
    Jetzt ist der Kerl noch da! Wirst dich trollen? hallte das Echo, das seine
Worte weckten, vom Schlosse herber.
    Der Brgermeister, der schon um die Ecke des Gartenzauns biegen wollte,
kehrte um, fate Pavel am Kragen und zog ihn mit sich fort.
    Drei Tage dauerten die Beratungen der Gemeindevorstnde ber Pavels
Schicksal. Endlich kam ihnen ein guter Gedanke, den sie sich beeilten
auszufhren. Eine Deputation begab sich ins Schlo und stellte an die Frau
Baronin das untertnigste Ansuchen: weil sie schon so dobrotiva (allergtigst)
gewesen, sich der Tochter des unglcklichen Holub anzunehmen, mge Sie sich nun
auch des Sohnes desselben annehmen.
    Der Bescheid, den die Vter des Dorfes erhielten, lautete hoffnungslos
verneinend, und die Beratungen wurden wiederaufgenommen.
    Was tun?
    Das in solchen Fllen Gewhnliche, meinte der Brgermeister; der Bub geht
von Haus zu Haus und findet jeden Tag bei einem andern Bauern Verkstigung und
Unterstand.
    Alle Bauern lehnten ab. Keiner wnschte, den Sprling der Raubmrder zum
Hausgenossen der eigenen Sprlinge zu machen, wenn auch nur einen Tag lang in
vier oder fnf Wochen.
    Zuletzt wurde man darber einig: Der Junge bleibt, wo er ist - wo ja sein
eigener Vater ihn hingegeben hat: bei dem Spitzbuben, dem Gemeindehirten.
    Freilich, wenn die Gemeinde sich den Luxus eines Gewissens gestatten drfte,
wrde es gegen dieses Auskunftsmittel protestieren. Der Hirt (er fhrte den
klassischen Namen Virgil) und sein Weib gehrten samt den Huslern, bei denen
sie wohnten, zu den Verrufensten des Ortes. Er war ein Trunkenbold, sie,
katzenfalsch und bsartig, hatte wiederholt wegen Kurpfuscherei vor Gericht
gestanden, ohne sich dadurch in der Ausbung ihres dunkeln Gewerbes beirren zu
lassen.
    Ein anderes Kind diesen Leuten zu berliefern wre auch niemandem
eingefallen; aber der Pavel, der sieht bei ihnen nichts Schlechtes, das er nicht
schon zu Hause hundertmal gesehen hat.
    So bi man denn in den sauren Apfel und bewilligte jhrlich vier Metzen Korn
zur Erhaltung Pavels. Der Hirt erhielt das Recht, ihn beim Austreiben und Hten
des Viehes zu verwenden, und versprach, darauf zu sehen, da der Junge am
Sonntag in die Kirche und im Winter sooft als mglich in die Schule komme.
    Virgil bewohnte mit den Seinen ein Stbchen in der vorletzten Schaluppe am
Ende des Dorfes. Es war eine Klafter lang und breit und hatte ein Fenster mit
vier Scheiben, jede so gro wie ein halber Ziegelstein, das nie aufgemacht
wurde, weil der morsche Rahmen dabei in Stcke gegangen wre. Unter dem Fenster
stand eine Bank, auf welcher der Hirt schlief, der Bank gegenber eine mit Stroh
gefllte Bettlade, in der Frau und Tochter schliefen. Den Zugang zur Stube
bildete ein schmaler Flur, in dessen Tiefe sich der Herd befand. Er htte
zugleich als Ofen dienen sollen, erfllte aber nur selten eine von beiden
Bestimmungen, weil die Gelegenheiten, Holz zu stehlen, sich immer mehr
verminderten. So diente er denn als Aufbewahrungsort fr die mageren Vorrte an
Getreide und Brot, fr Virgils nie gereinigte Stiefel, seine Peitsche, seinen
Knttel, fr ein schmutzfarbenes Durcheinander von alten Flaschen, henkellosen
Krben, Tpfen und Scherben, wrdig des Pinsels eines Realisten.
    Zwischen dem Germpel hatte Pavel eine Lagersttte fr Milada
zurechtgemacht, auf der sie ruhte, zusammengerollt wie ein Ktzlein. Er streckte
sich auf dem Boden dicht neben dem Herde aus, und wenn die Kleine im Laufe der
Nacht erwachte, griff sie gleich mit den Hnden nach ihm, zupfte ihn an den
Haaren und fragte: Bist da, Pavlicek?
    Er brummte sie an: Bin da, schlaf du nur, bi sie wohl auch zum Spa in
den Finger, und sie stie zum Spa einen Schrei aus, und Virgil wetterte aus der
Stube herber: Still, ihr Raubgesindel, ihr Galgenvgel!
    Bebend schwieg Milada, und Pavel erhob sich unhrbar auf seine Knie,
streichelte das Kind und flsterte ihm leise zu, bis es wieder einschlief.
    Als er zum ersten Male ohne die Schwester zur Ruhe gegangen war, hatte er
gedacht: Heut wird's gut, heut weckt er mich wenigstens nicht auf, der Balg. Am
frhesten Morgen aber befand er sich schon auf der Dorfstrae und lief geraden
Weges zum Schlosse. Das stand mitten im Garten, der von einem Drahtgitter
umgeben war; ein dichtes, immergrnes Fichtengebsch verwehrte ringsum den
Einblick in dieses Heiligtum. Pavel pflanzte sich am Tore auf, das dem des
Hauses gegenberlag, prete das Gesicht an die eisernen Stbe und wartete. Sehr
lange blieb alles still; pltzlich jedoch meinte Pavel, das Zuschlagen von
Fenstern und Tren und verworrenes Geschrei zu hren, meinte auch die Stimme
Miladas erkannt zu haben. Zugleich erbrauste ein heftiger Windsto, schttelte
die toten Zweige von den Bumen und trieb die drren Bltter im rauschenden
Tanze durch die Luft. Zwei Mgde kamen aus dem Dienertrakte zum Hause gelaufen;
eine von ihnen wre beinah ber den alten Pfau gestolpert, der im Hofe auf und
ab stelzte. Er sprang mit einem so komischen Satz zur Seite, da Pavel laut
auflachen mute. Im Schlosse und in seiner Umgebung wurde es nun lebendig; es
kamen auch Leute zum Gartentor; wer aber durch dasselbe ein-und ausging, sperrte
es langsam hinter sich ab. Es war das eine Einfhrung, die ihrer Neuheit wegen
manchem Vorbergehenden auffiel. Das Gartentor absperren bei hellichtem Tage;
was soll denn das heien? Wird sich schwerlich lange halten, die unbequeme
Einrichtung.
    Aber sie hielt sich doch zum allgemeinen und mibilligenden Erstaunen der
Dorfbewohner, und nach und nach erfuhr man auch ihren Grund.
    Dem Pavel wurde er durch Vinska, des hlichen Hirten hbsche Tochter, in
folgender Weise mitgeteilt: Du Lump du, deine Schwester ist just so ein Lump
wie du! Die Petruschka aus der herrschaftlichen Kche sagt, da die gndige Frau
es mit deiner Schwester treibt wie mit einem eigenen Kind, und deine Schwester
will immer nur auf und davon. Darum wird das Schlo jetzt abgesperrt wie eine
Geldtruhe. Wenn ich die gndige Frau wre, ich mcht solche Geschichten nicht
machen; was ich tt, wei ich... Deinen Vater hat man am Hals aufgehngt, deine
Schwester wrde ich an Hnden und Fen binden und an die Wand hngen.
    Dieses Bild schwebte dem Pavel den ganzen Tag vor Augen, und nachts
verschwamm es ihm mit einem andern, dessen er sich aus der Kindheit besann.
    Da hatte er gesehen, wie der Heger ein gefangenes blutjunges Reh aus dem
Walde getragen hatte. Die Lufe waren ihm mit einem Strick zusammengeschnrt,
und an denen hing es am Stock ber des Hegers Rcken. Pavel erinnerte sich, wie
es den schlanken Hals gebogen, die Ohren gespitzt und das Haupt emporzuheben
gesucht; er erinnerte sich der Verzweiflung, die dem feinen Geschpf aus den
Augen geschaut hatte.
    Im Traume kamen ihm diese Augen nun vor - aber wie Miladas Augen.
    Einmal rief er laut: Bist da? richtete sich im Halbschlafe auf,
wiederholte: Bist da? tastete suchend umher und erwachte darber vllig. Mit
der Schnelligkeit des Blitzes, mit der Gewalt des Sturmes kam das verwaisende
Gefhl der Trennung ber ihn und warf ihn nieder. Der harte Junge brach in
Trnen, in ein leidenschaftliches Schluchzen aus, weckte die Leute in der Stube,
weckte die Husler, seine Wandnachbarn, mit seinem Geheul. Die ganze
Gesellschaft kam herbei, bedrohte ihn, und da er taub blieb fr jede, auch die
nachdrcklichste Ermahnung, wurde er mit vereinten Krften zur Tr
hinausgeschleudert.
    Das war eine tchtige Abkhlung, selbst fr den heiesten Schmerz. Pavel
blieb eine Weile ganz ruhig und still auf der fest gefrornen Erde liegen. Die
ihm vllig neue und grliche Empfindung einer ungeheuren Sehnsucht verminderte
sich allmhlich, und eine alte wohlbekannte trat an ihre Stelle: Trotz, kalter,
whlender Groll.
    Wartet, dachte er, wartet, ich werde euch! ...
    Der Entschlu, ein Ende zu machen, war gleich da; der Plan zu dessen
Ausfhrung reifte langsam in Pavels schwerflligem Kopf. Nachdem aber die groe
Anstrengung, ihn auszudenken, berstanden war, erschien dem Burschen alles
brige nur noch wie Spielerei. Er wollte ins Schlo eindringen, die Schwester
entfhren, mit ihr ber die Berge in die Fremde gehen, sich als Arbeiter
verdingen und nie wieder den Vorwurf hren, da er der Sohn seiner Eltern sei.
    Mit dem Bewutsein eines Siegers erhob Pavel sich vom Boden und ging in
weitem Bogen hinter den Husern des Dorfes dem Schlogarten zu. Die Pfeife des
Nachtwchters warnte freundlich vor den Wegen, die zu vermeiden waren. Auf den
Feldern lag harter, hoher Schnee; die Erde schimmerte lichter als der Himmel, an
dem die bleiche Mondessichel immer wieder hinter treibendem Gewlk verschwand.
Pavel gelangte ans Gartengitter, berkletterte es und lie sich von oben in die
Fichten und dann von Zweig zu Zweig zu Boden fallen. Da befand er sich nun im
Garten, wute auch, in welcher Gegend desselben, in der dem Dorf
entgegengesetzten, der besten, die er htte whlen knnen, fr jetzt sowohl wie
spter zur Flucht. Von steigender Zuversicht erfllt, ging er vorwrts... immer
geradeaus, und man mu zum Schlosse kommen. Was dann zu geschehen htte, malte
Pavel sich nicht deutlich aus; er ging, Milada zu befreien, das war ihm herrlich
klar, und mochte alles brige Zweifel und Ratlosigkeit sein, der Gedanke
erleuchtete ihm die Seele, den hielt er fest. Da er jmmerlich zu frieren
begann in seinen elenden Kleidern, da ihm die Glieder steif wurden, grmte ihn
nicht; aber schlimm war's, da immer tiefere Finsternis einbrach und Pavel alle
Augenblicke an einen Baum anrannte und hinfiel. Wenn er auch das erstemal gleich
wieder auf die Beine sprang, beim zweiten Male schon kam die Versuchung: Bleib
ein wenig liegen, raste, schlafe! Trotzdem aber erhob er sich mit starker
Willenskraft, tappte weiter und gelangte endlich ans Ziel, das er sich
vorgesetzt - ans Schlo. Hochauf schlug ihm das Herz, als er an die alte
verwitterte Mauer griff. Wei Gott, wie nahe er der Schwester ist; wei Gott, ob
sie nicht in dem Zimmer schlft, vor dessen Fenster er jetzt steht, das er zu
erreichen vermag mit seinen Hnden... Es knnte so gut sein - warum sollte es
nicht? und leise, leise fngt er an zu pochen... Da vernimmt er dicht am Boden
ein knurrendes Gerusch, auf kurzen Beinen kommt etwas herbeigekrochen, und ehe
er sich's versieht, hat es ihn angesprungen und sucht ihn an der Kehle zu
packen. Pavel unterdrckt einen Schrei; er wrgt den Kter aus allen seinen
Krften. Aber der Kter ist strker als er und wohlgebt in der Kunst, einen
Feind zu stellen. Das Geheul, das er dabei ausstie, tat seine Wirkung, es rief
Leute herbei. Sie kamen schlaftrunken und ganz erschrocken; als sie aber sahen,
da sie es nur mit einem Kind zu tun hatten, wuchs ihnen sogleich der Mut. Pavel
wurde umringt und berwltigt, obwohl er raste und sich zur Wehr setzte wie ein
wildes Tier.

                                       3


Was Pavel im Schlosse gewollt, erfuhr niemand; aber die Hartnckigkeit, mit
welcher er jede Auskunft verweigerte, bewies deutlich genug, da er die
schlechtesten Absichten gehabt haben mute. Einbrechen wahrscheinlich oder Feuer
anlegen, dem Kerl ist alles zuzutrauen. So sprach die ffentliche Meinung, und
die mit Elternrechten ausgestattete Gemeinde beschlo Pavels exemplarische
Zchtigung durch den Herrn Lehrer Habrecht in Gegenwart der smtlichen
Schuljugend.
    Der Lehrer, ein krnklicher, nervser Mann, verstand sich uerst ungern zur
Ausbung des ihm zugemuteten Strafgerichts. Seine Ansicht war, da solche vor
einem jugendlichen Publikum vorgenommene Exekution demjenigen, an dem sie
vollzogen wird, selten ntzt, und denen, die ihr zusehen, immer schadet. Dieses
Vieh wird durch den Anblick ein noch rgeres Vieh, uerte er, viel zu derb fr
einen Pdagogen. Man hatte, wenn auch nicht ganz berzeugt, seine Einwendung oft
gelten lassen, dieses Mal fruchtete sie nichts.
    An dem Tage, der zur Bestrafung des nchtlichen Einschleichers bestimmt war,
bernahm ihn denn der Lehrer seufzend aus den Hnden der Schergen und fhrte ihn
am Schopfe bis zur Tr der Schulstube. Hier blieb er stehen, hob den gesenkten
Kopf des Knaben in die Hbe und sagte: Schau mich an, was schaust denn immer
auf den Boden, schlechter Bub!
    Nicht liebreich waren diese Worte! und doch, woran lag es denn, da sie dem
Pavel ordentlich wohltaten und da sogar die Art, in welcher der Herr Lehrer ihn
dabei an den Haaren zauste, etwas Vertraueneinflendes hatte und wie eine
Herzstrkung wirkte?
    Frcht dich, du Bosnickel, du Trotznickel! Frcht dich! fuhr jener fort,
machte schreckliche Augen und schwang mit uerst bezeichnender Gebrde den
drren Arm in der Luft. Und Pavel, aus dem seit drei Tagen kein Wort
herauszubringen gewesen, der seit drei Tagen keinem Menschen ins Gesicht
geschaut hatte, richtete mit einem Male seinen scheuen Blick blinzelnd auf den
Lehrer und sprach mit einem halben Lcheln: Ich frcht mich aber doch nicht.
    Aus der Schulstube hatte es frher herausgesummt wie aus einem Bienenkorbe,
dann war das Summen in wsten Lrm bergegangen, und jetzt wurde da drinnen
gerauft um die besten Pltze zum bevorstehenden Schauspiel. Der Lehrer brummte
unwillig vor sich hin und schttelte Pavel von neuem: Wenn du dich schon nicht
frchtest, so schrei, schrei, was du kannst, rat ich dir! sagte er, ffnete die
Tr und trat ein. Sogleich wurde es still in der Stube, nur einzelne
unwillkrliche Ausrufe befriedigter Erwartung lieen sich hren;
freundschaftlich rckte man aneinander in den Bnken; die rhrendste Eintracht
herrschte. Der Lehrer stellte Pavel neben das Katheder und sah sich nach der
Rute um. Da er sie eine Weile nicht fand oder nicht zu finden schien, rief eine
Stimme: Dort im Fenster steht sie, im Winkel. Die Stimme kam aus einer der
letzten Reihen und gehrte dem Arnost, dem Sohne des Huslers, bei dem Virgil
zur Miete wohnte. Pavel ballte die Faust gegen ihn, was zu einem Gemurmel der
Entrstung Anla gab. Mehr als hundert Augen richteten sich schadenfroh und
gehssig auf den braunen zerlumpten Jungen. In ihm kochte die Galle, und so klar
er zu denken vermochte, so klar dachte er: Was hab ich euch getan? Warum seid
ihr meine Feinde?
    Habrecht gebot Stille und hielt eine Ansprache, in welcher er die
Schuljugend auf eine merkwrdige Enttuschung vorbereitete. Ihr seid voll
Vergngen. Warum? wieso? Tun euch die Prgel wohl, die ein anderer kriegt? Pat
auf! Weh tun werden sie euch! Jeder von euch - seine Stimme senkte sich zu
einem geheimnisvollen Geflster, und er streckte den Zeigefinger langsam gegen
das Auditorium aus: Jeder, der dasitzt und vor Schadenfreude aus der Haut
fahren mcht, wird bald vor Schmerz aus der Haut fahren mgen. Jeder, der
herglotzt und zuschaut, wie ich meine Schlge austeile, wird sie mitspren...
mitspren! wiederholte er seine unheimliche Prophezeiung, bei der ihm selbst zu
gruseln schien. Und jetzt gebt acht, was der Herr Lehrer kann!
    Alle Kinder schauderten vor dem Wunder, das sich an ihnen vollziehen sollte;
nur noch von der Seite streiften zage Blicke den gefrchteten Mann, dessen
Erscheinung in ihrer Lnge und Magerkeit etwas Gespenstisches hatte. Die Buben
stierten zu Boden, die Mdchen verdeckten die Augen mit den Schrzen.
    Der Lehrer aber ging rasch ans Werk. Mit fabelhafter Geschwindigkeit
wirbelte er die Fuchtel um den Kopf des Delinquenten und fhrte dann eine Anzahl
Hiebe, die Pavel fr die Einleitung zur eigentlichen Strae hielt. Statt diese
jedoch folgen zu lassen, sprach der Lehrer pltzlich: Herrgott, da fllt mir
jetzt die Brille herunter... Heb sie auf... Fr die Strafe bedanken kannst du
dich nach der Stunde.
    Pavel starrte ihn mit stumpfsinnigem Staunen an; er wartete noch auf die
richtige Wichse - da hrte er, da er sie schon habe, und erhielt Befehl, sich
zu setzen; - auf den letzten Platz in die letzte Bank.
    Der Lehrer zog das Taschentuch, wischte sich den Schwei von der Stirn, nahm
umstndlich eine Prise und begann den Unterricht.
    Arnost, der so rot war wie ein Krebs, flsterte seinem Nachbar zu: Hast
g'schaut? - Ein bissel, antwortete der. Sprst was? - Ich spr's im
Buckel. - Mich brennt's am Ohr. - Ein neugieriges kleines Ding von einem
Mdchen, das zufllig mit einem Auge an einen Ri in der Schrze geraten war und
ihn zum Auslugen bentzt hatte, gestand einigen Gefhrtinnen, da es meine, auf
lauter Erbsen zu sitzen.
    Nach beendigter Lehrstunde wollte Pavel sich mit den anderen davonmachen;
aber der Schulmeister hielt ihn zurck, betrachtete ihn lange mit stechenden
Blicken und fragte ihn endlich, ob er sich schme.
    Pavel antwortete leise: Nein.
    Nein? wieso nein? Hast aller Scham den Kopf abgebissen?
    Der Bursche verfiel wieder in das hartnckige Schweigen, das der Lehrer an
dem armseligsten und seltensten Besucher seiner Schule kannte. Bisher hatte er
ihn laufen lassen, heute jedoch, als er ihn strafen sollte fr eine unbekannte
Schuld, Mitleid mit ihm gefhlt. Um diese Regung tat's ihm nun leid, und er fuhr
giftig fort: Aufgewachsen in Schande, ja wirklich schon aufgewachsen, bald
vierzehn Jahre - an die Schande gewhnt, wei nicht einmal mehr, wie sie tut!
    Nun sprach Pavel: Wei schon, und den Mund des Kindes verzerrte ein
alternder Zug verbissener Bitterkeit. Er hatte nicht verstanden, was der Herr
Lehrer frher gewollt mit seinen Schlgen, die beinahe nicht weh taten; da er
ihm jetzt den Jammer seines Lebens vorwarf, verstand er wohl.
    Wei schon, wiederholte er in einem Tone, durch dessen erzwungene Keckheit
unbewut der Schmerz einer tiefen Enttuschung drang.
    Der Lehrer betrachtete ihn aufmerksam - er war das verkrperte Elend, der
Bub! - Nicht durch die Schuld der Natur. Sie hatte es gut mit ihm gemeint und
ihn krftig und gesund angelegt; das zeigte die breite Brust, das zeigten die
roten Lippen, die starken, gelblich schimmernden Zhne. Aber die wohlwollenden
Absichten der Natur waren zuschanden gemacht worden durch harte Arbeit,
schlechte Nahrung, durch Verwahrlosung jeder Art. Wie der Junge dastand mit dem
wilden braunen Haargestrpp, das den stets gesenkten Kopf unverhltnismig gro
erscheinen lie, mit den eingefallenen Wangen, den vortretenden Backenknochen,
die magere derbe Gestalt von einem mit Lchern besten Rock aus grnem
Sommerstoff umhangen, die Fe mit Fetzen umwickelt, bot er einen Anblick,
abstoend und furchtbar traurig zugleich, weil das Bewutsein seines klglichen
Zustandes ihm nicht ganz verlorengegangen schien. Lange schwieg der Lehrer, und
auch Pavel schwieg; aber immer verdrossener lie er die Unterlippe hngen und
begann verstohlen nach der Tr zu sehen, wie einer, der eine Gelegenheit zu
entwischen wahrzunehmen sucht.
    Da sprach der Lehrer endlich: Sei nicht so dumm. - Wenn du aus der Schule
drauen bist, sollst du denken: wie kann ich hinein, und nicht, wenn du drin
bist: wie kann ich hinaus?
    Pavel stutzte; das war nun wieder ganz unerklrlich und stimmte mit der
weitverbreiteten Meinung berein, der Schulmeister vermge die Gedanken der
Menschen zu erraten.
    Geh jetzt, fuhr jener fort, und komm morgen wieder und bermorgen auch,
und wenn du acht Tage nacheinander kommst, kriegst du von mir ein Paar
ordentliche Stiefel.
    Stiefel? - wie die Kinder der Bauern haben? ordentliche Stiefel mit hohen
Schften? Unaufhrlich whrend des Heimwegs sprach Pavel die Worte: Ordentliche
Stiefel vor sich hin, sie klangen mrchenhaft. Er verga darber, da er sich
vorgenommen hatte, den Arnost zu prgeln, er stand am nchsten Morgen vor der
Tr der Schule, bevor sie noch geffnet war, und whrend der Stunde plagte er
sich mit heiem Eifer und verachtete die Mhe, die das Lernen ihm machte. Er
verachtete auch die drastischen Ermahnungen Virgils und seines Weibes, die ihn
zwingen wollten, statt zum Vergngen in die Schule zur Arbeit in die Fabrik zu
gehen. Freilich mute dies im geheimen geschehen; zu offenen Gewaltmaregeln zu
greifen, um den Buben im Winter vom Schulbesuch abzuhalten, wagten sie nicht;
das htte gar zu auffllig gegen die seinetwegen mit der Gemeinde getroffene
bereinkunft verstoen.
    Sieben Tage vergingen, und am Nachmittage des letzten kam Pavel nach Hause
gerannt, in jeder Hand einen neuen Stiefel.
    Vinska war allein, als er anlangte; sie beobachtete ihn, wie er das blanke
Paar in den Winkel am Herd, sich selbst aber in einiger Entfernung davon
aufstellte und in stille Bewunderung versank. Freude vermochten seine vergrmten
lge nicht auszudrcken, aber belebter als sonst erschienen sie, und es malte
sich in ihnen ein plumpes Behagen.
    Einmal trat er nher, hob einen der Stiefel in die Hhe, rieb ihn mit dem
rmel, kte ihn und stellte ihn wieder an seinen Platz.
    Aus der Stube erscholl ein Gelchter, Vinska trat auf die Schwelle, lehnte
sich mit der Schulter an den Trpfosten (eine Tr gab es zwischen der Stube und
dem Eingange nicht) und fragte: Wo hast die Stiefel gestohlen, du Spitzbub?
    Er sah sich nicht einmal nach ihr um, von antworten war gar keine Rede.
Vinska jedoch wiederholte ihre Frage so oft, bis er sie anbellte: Gestohlen! ja
just gestohlen!
    Du Esel, murmelte sie, siehst du? Jetzt sagst du's selbst.
    Der Blick ihrer begehrlichen grauen Augen wanderte abwechselnd von den
Stiefeln zu den eigenen nackten, hbsch geformten Fen. Pavel hatte sich auf
die Erde gekauert neben sein neues kstliches Eigentum; es war ihm, als msse er
es beschtzen gegen eine nahende Gefahr, und er machte sich gefat, ihr zu
begegnen. Vinska neigte den Kopf auf die Seite, lchelte den Burschen, der
drohend zu ihr emporsah, pltzlich an und sprach mit einschmeichelnder Stimme:
Geh, sag mir, woher hast sie?
    Er wute nicht, wie ihm geschah. In dem Ton hatte er die Vinska vor kurzem
zum Peter sprechen hren, der ihr Liebhaber war. Heie Wellen wogten auch in
seiner Brust, er verschlang seine reizende Hausgenossin mit den Augen und
meinte, was ihn da mit ungeheurer Macht angepackt hatte, sei die Lust, auf sie
loszustrzen und sie durchzuprgeln.
    Dabei rhrte er sich nicht, ffnete nur ganz willenlos die Lippen und
sprach: Der Herr Lehrer hat sie mir gegeben.
    Vinska begann leise zu kichern. O je - der! Wenn du sie von dem hast, dann
hast du nichts.
    Was - nichts?
    Nun - nichts! Wenn du morgen aufwachst, sind die Stiefel weg.
    Weg? ... Warum nicht gar!
    Ja, ja! was der Lehrer schenkt, hlt sich nicht ber Nacht. Du weit ja,
da er ein Hexenmeister ist.
    Pavel geriet in Eifer: Ich wei, da er kein Hexenmeister ist.
    Das Mdchen warf verchtlich die Lippe auf. Du Dummrian! Er war drei Tage
tot und im Sarge. War er nicht? Und wei nicht jedes Kind, da einer, der drei
Tage tot gewesen ist, in die Vorhlle hineingeschaut und dem Teufel eine Menge
abgelernt hat?
    Pavel starrte sie sprachlos an, ihm begann zu gruseln. Sie ghnte, drckte
die Wange an die emporgezogene Schulter und sagte nach einem Weilchen so
nachlssig, als ob sie eine ihr langweilig gewordene, hundertmal erzhlte
Geschichte wiederhole: Der alten blinden Marska, die im vorigen Jahr bei uns
gestorben ist, hat er auch ein Paar Schuhe geschenkt. Sie hat sie am Abend vors
Bett gestellt, und wie sie am Morgen hineinfahren will, tritt sie statt in die
Schuh auf eine Krte, so gro wie eine Schssel.
    Pavel schrie auf: Das ist nicht wahr! Hei und kalt wurde ihm vor Zorn und
Angst, und pltzlich schossen Trnen ihm in die Augen.
    Vinska streifte ihn mit einem Blick voll Geringschtzung und kehrte in die
Stube zurck.
    An dem Abend suchte Pavel sich des Schlafes zu erwehren, er wollte seinen
Schatz bewachen, er betete auch ein Vaterunser nach dem andern, um die bsen
Geister zu bannen. Trotzdem sank er endlich doch in Schlummer, und als er am
nchsten Morgen erwachte, hatte Vinskas Prophezeiung sich erfllt - die Stiefel
waren verschwunden.

                                       4


Pavel verlor kein Wort ber sein Unglck. Als Vinska ihn schelmisch lachend
fragte, wo seine Stiefel wren, fhrte er einen so derben Schlag nach ihr, da
sie schreiend davonlief. Auch die Erkundigungen seiner Schulkameraden fertigte
er mit Pffen ab; die rgsten erhielt Arnost, der ihn dafr beim Lehrer
verklagte. Damit war aber nichts getan, denn es gehrte zu den
Eigentmlichkeiten des letzteren, da er gleich stocktaub wurde, wenn einer
seiner Zglinge sich ber den andern beschwerte. Eine Woche verflo, Pavel
erschien nicht mehr in der Schule; er ging aus freien Stcken in die Fabrik und
arbeitete dort von frh bis abends. Mehrmals schickte der Lehrer nach ihm, und
da es vergeblich blieb, begab er sich endlich in eigener Person nach der Wohnung
Virgils, um den Buben abzuholen. Das Weib des Hirten empfing ihn und verblffte
ihn, bevor er noch den Mund auftun konnte, durch die lauten Ausbrche ihres
Jammers. Nach fnf Minuten war dem Lehrer, als ob er unter einer Traufe stnde,
aus der statt Regentropfen Schrotkrner auf ihn niederhagelten. Ihm wurde ganz
wirr in seinem mden und schmerzenden Kopf.
    Die Frau rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen ihrer Leiden an. Nein, sie
hatte nicht geahnt, was sie sich aufhalste, als sie dareingewilligt, das Kind
des Gehenkten und der Zuchthuslerin bei sich aufzunehmen. Viel war ihr im Leben
schon begegnet, aber etwas so Schlechtes wie der Bub noch nie. Jedes Wort aus
seinem Munde ist Trug und Verleumdung. Erzhlt er nicht, da seine Pflegeeltern
ihn abhalten, in die Schule zu gehen, und da sie den Wochenlohn einstecken, den
er in der Fabrik verdient?
    Von Entrstung hingerissen, setzte sie hinzu, die bsen Augen weit geffnet
und bedeutungsvoll auf den Alten gerichtet: Redet er nicht noch ganz anderen
als uns armen Leuten, mit Respekt zu melden, grausige Dinge nach?
    Der Lehrer hatte sein Taschentuch gezogen und drckte es an den kahlen
Scheitel. Er kannte die Gerchte, die ber ihn im Schwange waren, und es bildete
den Zwiespalt in ihm, da sie ihn manchmal verdrossen und da er sich ein
anderes Mal einen Spa daraus machte, sie zu nhren. Heute war das erstere der
Fall; er winkte abwehrend: Still still! Halte Sie ihr Maul.
    O Jesus Maria, ich! rief das Weib, ich red nicht! ich mcht mir lieber
die Zunge abbeien... Keinen Pfifferling sollten sich der Herr Lehrer mehr
kmmern um den schlechten Buben, sag ich nur... Die schnen Stiefel! Nicht zwei
Tage hat er sie gehabt.
    So, wo sind sie?
    Die Virgilova (wie sie im Ort genannt wurde) ergo sich in einem neuen
Redeschwall: Wo die Stiefel geblieben seien, msse der Herr Lehrer den Juden
fragen, dem der Bub sie vermauschelt habe. Der Jud werde freilich nichts davon
wissen wollen, zeterte sie, und Habrecht, vllig betubt, hielt sich die Ohren
zu und trat den Rckzug an. Nach einigen Schritten jedoch blieb er stehen,
wandte sich und befahl der Frau, Pavel morgen ganz gewi in die Schule zu
schicken. Sie versprach, den Auftrag zu bestellen, und tat es, indem sie Pavel
am Abend mitteilte, der Herr Lehrer sei dagewesen und liee ihm sagen, nicht
mehr unter die Augen solle er ihm kommen.
    Die Ermahnung war berflssig; Pavel wich ohnehin dem Schulmeister auf
hundert Schritte aus. Der Vinska hingegen lief er nach und gehorchte ihr wie ein
knurriger Hund, der, unzufrieden mit seinem Herrn, immer zum Aufruhr bereit ist
und sich doch immer wieder unterwirft. Was sie wollte, geschah; er besorgte ihre
Botengnge; er stahl fr sie Holz aus dem Walde, Eier aus den Scheunen der
Bauern; er geriet ganz und gar unter ihre Botmigkeit.
    Indessen, was ihn auch beschftigte, wohin er auch wanderte - eines verga
er nicht; einen Umweg scheute er nie und niemals; Tag fr Tag kam er ans Tor des
Schlogartens und sphte in den Hof hinein und starrte die Fenster des Hauses
an. Anfangs mit sehnschtiger Hoffnung im Herzen, spter, als ihm diese
allmhlich erloschen war, aus alter Gewohnheit.
    Eines schnen Mainachmittags fand er, als er an seinen Beobachtungsposten
trat, zu seiner hchsten berraschung das Gartentor offen. Unter den Sulen der
Einfahrt stand die Equipage der Frau Baronin, eine geschlossene Kalesche, mit
dicken Fliegenschimmeln bespannt. Die Dienerschaft drngte sich grend und
knixend um den Wagen, auf dem ein Koffer aufgebunden war. Nun flog der Schlag
lrmend zu, der Lakai sprang zum Kutscher auf den Bock, der schwere Kasten
schwankte auf den Schneckenfedern, das Gefhrt setzte sich in Bewegung. In
kurzem Trabe umkreiste es den Hof, bog ganz langsam um die Ecke am Torpfeiler
und rollte der Strae zu. Pavel hatte einen Blick in das Innere des Wagens
geworfen und war zurckgefahren wie geblendet. Er prete das Gesicht an die
Mauer; er schlo die Augen und sah dennoch wieder sah mit den geschlossenen klar
und deutlich, was er eben mit seinen offenen Augen gesehen; - die Frau Baronin
war nicht allein in ihrem wunderbaren Wagen; neben ihr sa ein kleines Frulein,
in schnen Kleidern, mit einem Htchen auf dem Kopfe, und hatte wohlbekannte,
hatte die lge Miladas, aber so runde und rosige Wangen, wie seine Schwester nie
gehabt.
    Pltzlich richtete der Bursche sich empor und sprang in tollen Stzen dem
Wagen nach. Der hatte abermals eine Wendung gemacht und glitt mit eingelegtem
Radschuh im Schritt der dicken Schimmel den Abhang des Schlobergs hinab. Pavel
lief quer ber das grne Feld, lief der Kalesche voraus und erwartete sie, am
Wegrain aufgestellt, pochenden Herzens. Sie kam quietschend und rasselnd heran,
und der Junge streckte sich, guckte und erblickte abermals die liebliche
Erscheinung von vorhin. Und jetzt war auch er gesehen worden, ein
Freudenjauchzen drang an sein Ohr, die Stimme Miladas rief: Pavel, Pavel! Mit
solchem Ungestm warf das kleine Mdchen sich ans Fenster, da die Scheibe
klirrte und in Stcke brach. Sogleich hielt die Karosse, und der Bediente
schickte sich an, vom Bock zu steigen. Hastig befahl die Baronin:
Sitzenbleiben! Vorwrts, jagt den Buben fort! Die Peitsche knallte um Pavels
Kopf, und drinnen im Wagen erscholl lautes Jammergeschrei... Dazwischen lie
ernster, liebevoller Zuspruch sich vernehmen. Pavel sah, da die alte Dame das
Kind an sich gezogen hatte und da es in ihren Armen weinte. Dieses Weinen ging
ihm durch Mark und Bein; dieses Weinen mute aufhren, dem mute er ein Ende
machen.
    Da stie er auf einmal einen Jauchzer aus, wie er dem bermtigsten nicht
besser gelungen wre, und begann in gehriger Entfernung von der
Kutscherpeitsche brenplump und emsig Rder und Purzelbume zu schlagen. Wenn
der Atem ihm auszugehen drohte, stand er still, lachte zu der Kleinen hinber,
machte Zeichen und schnitt Gesichter, bis sie endlich in ein frhliches
Gelchter ausbrach. Ach, wie hpfte ihm das Herz im Leibe, als er einmal wieder
ihr liebes Lachen vernahm!
    Die Entfernung zwischen ihm und dem Wagen wuchs und wuchs.
    Pavel lief und sprang nicht mehr; er schritt nur noch, und als er am groen
Berge angelangt war, erklommen die Schimmel eben dessen steilen Gipfel. Mhsam
keuchte er die Hhe hinan, und oben brach er zusammen, mit hmmernden Schlfen,
einen rtlichen Schein vor den glhenden Augen. Zu seinen Fen breitete die
sonnenbeglnzte Ebene sich aus; an der Grenze derselben lag die Stadt; einzelne
ihrer Huser schimmerten schneewei herber; die vergoldeten Spitzen der
Kirchtrme glitzerten wie Sterne am blauen Tageshimmel. In der Richtung gegen
die Stadt schlngelte sich die Strae durch die grnen Fluren, und auf der
Strae glitt ein schwarzer Punkt dahin, und diesen Punkt verfolgte Pavel so
inbrnstig mit den Blicken, als ob das Heil seiner Seele davon abhinge, da er
ihm nicht entschwinde. Als es geschah, als die Schatten der Auen den kleinen
Punkt aufnahmen und ihn nicht mehr zum Vorschein kommen lieen, streckte sich
Pavel flach auf die Erde und blieb so regungslos liegen wie ein Toter... Seine
Schwester war ein Frulein geworden und war fortgefahren in die Stadt. Wenn er
jetzt ans Gartentor kam, mochte er nur vorbergehen; mit der Freude, nach der
Kleinen auszulugen, war es nun nichts mehr. Herb und trostlos fiel der Gedanke
an den Verlust seines einzigen Glckes dem Jungen auf die Seele. Gern htte er
geweint, aber er konnte nicht; er wre auch gern gestorben, gleich hier auf dem
Fleck. Er hatte oft seine Existenz verwnschen gehrt, von seinem eigenen Vater
wie von fremden Menschen, und nie ohne innerste Entrstung dabei zu empfinden;
jetzt sehnte er sich selbst nach dem Tod: und wenn es einmal so weit gekommen
ist mit einem Menschen, kann auch das Ende nicht mehr ferne sein, meinte er. Und
steht es einem nicht frei, es zu beschleunigen? Es gibt allerlei Mittel. Man
hlt zum Beispiel den Atem an, das ist keine Kunst; es handelt sich nur darum,
da es lange genug geschieht. Pavel unternimmt den Versuch mit verzweifelter
Entschlossenheit, und wie er dabei den Kopf in die Erde whlt, regt sich etwas
in seiner Nhe, und er vernimmt ein leises Gerusch, wie es durch das
Aufspreizen kleiner Flgel hervorgebracht wird. Er schaut...
    Wenige Schritte von ihm sitzt ein Rebhuhn auf dem Neste und hlt die Augen
in unaussprechlicher Angst auf einen Feind gerichtet, der sich schrg durch die
jungen Halme anschleicht. Unhrbar, bedrohlich, grau - eine Katze ist's. Pavel
sieht sie jetzt ganz nah dem Neste stehen; sie leckt den lippenlosen Mund,
krmmt sich wie ein Bogen und schickt sich an zum Sprung auf ihre Beute. Ein
Flgelschlag, und der Vogel wre der Gefahr entrckt; aber er rhrt sich nicht.
Pavel hatte ber der Besorgnis um das Dasein des kleinen Wesens alle seine
Selbstmordgedanken vergessen; - So flieg, du dummes Tier! dachte er. Aber statt
zu entfliehen, duckte sich das Rebhuhn, suchte sein Nest noch fester zu
umschlieen und verfolgte mit den dunklen uglein jede Bewegung der Angreiferin.
Pavel hatte eine Scholle vom Boden gelst, sprang pltzlich auf und schleuderte
sie so wuchtig der Katze an den Kopf, da sie sich um ihre eigene Achse drehte
und geblendet und niesend davonsprang.
    Der Bursche sah ihr nach; ihm war weh und wohl zumute. Er hatte einen groen
Schmerz erfahren und eine gute Tat getan. Unmittelbar nachdem er sich elend,
verlassen und reif zum Sterben gefhlt, dmmerte etwas wie das Bewutsein einer
Macht in ihm auf... einer anderen, einer hheren als derjenigen, die seine
starken Arme und sein finsterer Trotz ihm oft verliehen. Was war das fr eine
Macht? Unklar tauchte diese Frage aus der lichtlosen Welt seiner Vorstellungen,
und er verfiel in ein ihm bisher fremdes, mhevolles und doch ses Nachsinnen.
    Ein lauter Ruf: Pavel, Pavel, komm her, Pavel! weckte ihn.
    Auf der Strae stand der Herr Lehrer, den einer seiner beliebten
Nachmittagsspaziergnge bis hieher gefhrt hatte und der seit einiger Zeit den
Jungen beobachtete. Er trug einen Knotenstock in der Hand und versteckte ihn
rasch hinter seinem Rcken, als Pavel sich nherte.
    Du Unglcksbub, was treibst du? fragte er. Ich glaube, du nimmst
Rebhhnernester aus?
    Pavel schwieg, wie er einem falschen Verdacht gegenber immer pflegte, und
der Schulmeister drohte ihm: rgere mich nicht, antworte... Antworte, rat ich
dir!
    Und als der Bursche in seiner Stummheit verharrte, hob der Lehrer pltzlich
den Stock und fhrte einen Schlag nach Pavel, dem dieser nicht auswich und den
er ohne Zucken hinnahm.
    Im Herzen Habrechts regten sich sofort Mitleid und Reue.
    Pavel, sagte er sanft und traurig, um Gottes willen, ich hr nur
Schlimmes von dir - du bist auf einem schlechten Weg; was soll aus dir werden?
    Diese Anrufung rhrte den Buben nicht, im Gegenteil: eine tchtige Dosis
Geringschtzung mischte sich seinem Hasse gegen den alten Hexenmeister bei, der
ihn betrogen hatte.
    Was soll aus dir werden? wiederholte der Lehrer.
    Pavel streckte sich, stemmte die Hnde in die Seiten und sagte: Ein Dieb.

                                       5


Die Frau Baronin kam noch am Abend desselben Tages nach Hause, aber allein. Ihre
Fahrten nach der Stadt wiederholten sich jede Woche den ganzen Sommer hindurch,
und man wute bald im Dorfe, da ihre Besuche dem Kloster der frommen Schwestern
galten, mit deren Oberin sie sehr befreundet war und denen sie die kleine Milada
zur Erziehung anvertraut hatte. Das Institut stand in hohen Ehren, und als Pavel
hrte, da seine Schwester dort untergebracht war, durchstrmte ihn ein Gefhl
von Glck und Stolz und von Dankbarkeit gegen die Frau Baronin. Er widerstand
auch einige Zeit lang den Aufforderungen Vinskas und der eigenen Lust, Raubzge
in den herrschaftlichen Wald zu unternehmen. Nur eine Zeitlang. Seitdem der alte
Frster pensioniert und sein Sohn an dessen Stelle gekommen, war der Eintritt in
den Wald jedem Unbefugten ein fr allemal verboten worden. Das neue Gesetz
machte bses Blut und reizte gewaltig zu bertretungen.
    Es bildete sich eine Bande von Buben und Mdeln, lauter Huslerkindern,
deren Fhrerschaft Pavel bernahm wie ein natrliches Recht. In kleinen Gruppen
wanderten sie hinaus, lustig, khn und schlau. Sie kannten die Schlupfwinkel und
gedeckten Stege besser als selbst die Heger und gingen mit kstlichem Gruseln
ihren Abenteuern entgegen, die nur auf zweierlei Weise enden konnten. Entweder
glcklich heimkehren, das gestohlene Holz auf dem Rcken, mit der Aussicht auf
Lob und ein warmes Abendessen, oder erwischt werden und Prgel kriegen, an Ort
und Stelle wegen Dieberei und daheim, weil man sich hatte erwischen lassen. Das
letztere Schicksal traf selten einen anderen als Pavel, dem es oblag, den
Rckzug zu decken, und den man immer im Stiche lie, weil man seiner
Verschwiegenheit sicher war. Der Pavel verriet keinen, und htte er es getan,
dem schlechten Buben wrde man nicht geglaubt haben.
    Sein Ruf verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Fand sich im Walde irgendeine
bswillige Beschdigung vor, sie war sein Werk. Entdeckte man eine Schlinge, er
hatte sie gelegt; fehlten Hhner, Kartoffeln, Birnen, er hatte sie gestohlen.
Trat ihn jemand an und drohte ihm, dann stellte er sich und starrte ihm stumm
ins Gesicht. Die alten Leute schimpften ihn nicht einmal mehr; er wre imstande,
meinten sie, einem Steine nachzuwerfen aus dem Busch. So schwarz erschien er mit
der Zeit, da die Familie Virgil frmlich in Unschuld schimmerte im Gegensatz zu
ihm.
    Da Pavel hundert Hnde und die Kraft eines Riesen htte haben mssen, um
die zahllosen Schelmenstreiche, die ihm zugeschrieben wurden, wirklich
auszufhren, berlegten seine Mitbrger nicht; er aber kam langsam dahinter, und
ihn erfllte eine grenzenlose Verachtung der Dummheit, die das Unsinnigste von
ihm glaubte, wenn es nur etwas Schlechtes war. Er fand einen Genu darin, das
blde und ihm belgesinnte Volk bei jeder Gelegenheit von neuem aufzubringen,
und wie ein anderer im Bewutsein der Wrdigung schwelgt, die ihm zuteil wird,
so schwelgte er in dem Bewutsein der Feindseligkeit, die er einflte. Was er
zu tun vermochte, sie zu nhren, das tat er, und kannte Aufrichtigkeit nicht
einmal gegen den Geistlichen im Beichtstuhl.
    Die Zeit verflo; der Sommer ging zur Neige; der erste September, der Tag
des groen Kirchenfestes, kam heran. Im vorigen Jahre noch hatte sich Pavel
durch die Menge gedrngt und whrend des Hochamtes barfig und zerlumpt unter
den Bauernkindern gekniet, dicht an den Stufen des Altars. Heute trat er nicht
in die Kirche ein; er hielt sich drauen wie die Bettler und Vagabunden, zu
denen er seiner Ausstaffierung nach pate. Sein ehemals langer grner Rock
reichte ihm jetzt gerade bis zum Grtel und prsentierte, geplatzt an allen
Nhten, eine Musterkarte von abgelegten Kleidern der Virgilova in Gestalt von
groen und kleinen Flicken. Das grobe Hemd lie die Brust unbedeckt, die
Leinwandhose, altersgrau und verschrumpft, war so hoch ber die Knie
heraufgezogen, als ob ihr Eigentmer eben im Begriff sei, durch den Bach zu
waten.
    Pavel stand mit dem Rcken an die Planken des Pfarrhofgartens gelehnt, die
Arme ber den zur Seite geneigten Kopf erhoben, und sah gleichgltigen Blickes
den Zug der Kirchgnger vorberwallen. In Scharen kamen Bursche und Mdel heran;
die letzteren begaben sich sofort in das Gotteshaus, die ersten blieben bei den
am Weg aufgerichteten Marktbuden zurck und erwarteten, deren Inhalt musternd,
das Zusammenluten zur Predigt. Einer unter ihnen, ein kleiner junger Mensch mit
hlichem, flachgedrcktem Gesicht, tat sich dabei durch ein auffallend
protziges Wesen hervor. Er trug feine, halbstdtische Kleidung; an die schwarze
Jacke war aus lauter Wohlhabenheit so viel Stoff verschwendet worden, da sie
sich vorne wie eine Tonne blhte und sich hinten zu einem stolzen Katzenbuckel
aufbauschte. Die anderen Bursche begegneten dem Dorfstutzer mit einer
Rcksichtnahme, die trotz einer kleinen Beimischung von Spott den Wunsch
verriet, auf gutem Fue mit ihm zu stehen. Natrlich auch! Er war ja der Peter,
der einzige Sohn des Brgermeisters, der Erbe des grten, im besten Stande
befindlichen Bauernhofes im ganzen Orte.
    Das erste Glockenzeichen klang vom Turme; der Zudrang der Bevlkerung zur
Kirche hatte aufgehrt; hastend eilten nur noch einzelne Versptete die
Dorfstrae herab. - Ganz zuletzt, ganz allein erschien Vinska und erregte
alsbald die Aufmerksamkeit des Hofstaats, der den Peter umgab.
    Sackerment! hie es, die Vinska! Was die heute schn ist! - Wie prchtig
ihr das Kopftchlein steht. - Es ist von Seide, meiner Treu! - Und wenigstens
sechs Rcke hat sie an. - Und wie bescheiden sie tut! O du Heilige du!
    Jeder hatte ein boshaftes Wrtlein fr sie, oder ein galantes, das viel
beschmender war als das boshafte. Nur der Peter schwieg und sah aufmerksam
einem Vogel nach, der auf dem Eckpfeiler des Pfarrhofgartens gesessen hatte und
sich in die Luft schwang bei Vinskas Nahen. Sie war bald in der die
Kirchenpforte umstehenden Menge verschwunden. Die Bursche folgten ihr nach, und
Pavel hrte den einen von ihnen zum andern sagen: Ich mcht nur wissen, wie der
Virgil, der alte, krummbeinige Lump, zu der hbschen Tochter gekommen ist.
    Der Angeredete verzog den Mund: Und ich mcht wissen, erwiderte er, wie
die Tochter des Lumpen zu den schnen Kleidern gekommen ist!
    Da sie schne Kleider trug, hatte Pavel nicht bemerkt, und von der ganzen
Vinska nichts gesehen als ihre Fe oder eigentlich ihre Stiefel! - Eine halb
verwischte Erinnerung an eine groe Freude, an ein bitteres Leid, war beim
Anblick derselben in ihm aufgetaucht, und er sann ihr nach in seiner langsamen
und hartnckigen Weise.
    Wenn ihn die Vinska schalt, schlo sie meistens mit den Worten: Und dumm
bist du, dumm, der Dmmste im ganzen Dorfe. Vor kurzem noch hatte diese
Versicherung ihn khl gelassen, seit einiger Zeit begann sie ihn zu verdrieen,
ihm schwante, da etwas Wahres an ihr sei. Dumm, murmelte er und griff sich an
die Stirn, aber so dumm doch nicht, wie sie glaubt, die Spitzbbin. So dumm
doch nicht, da aus seinem Gedchtnis alles verschwunden wre, was sich vor
einem Jahre begeben hatte, und da er nicht vermchte, einen Verdacht, der
damals schon flchtig in ihm aufgestiegen war, von neuem, und jetzt krftiger,
zu fassen.
    Das Hochamt dauerte lange; die Sonne stand bereits im Scheitel, als Gesang
und Musik endlich verstummten und die Beter so eilig aus der Kirche
herausdrngten, wie sie hineingedrngt hatten. Pavels Augen suchten nur die eine
und vermochten nicht, sie zu entdecken, auch dann nicht, als das Gewhl sich
zerstreute und ein Teil der Leute die Marktbuden umringte, der andere in leicht
bersehbarem Zug die Dorfstrae hinanschritt. Vinska war wie verschwunden, und
der Peter mit ihr.
    Nach der Messe wre es Pavels Sache gewesen, heimzukehren und mit Virgil das
Vieh auf die Weide zu treiben; aber das fiel ihm heute nicht ein. Er
vagabundierte in der nchsten Umgebung auf den Feldern und im Walde herum und
suchte die Vinska. Bis zur Wut gesteigerte Ungeduld kochte in seiner Brust, und
qulend nagte der Hunger an ihm.
    Gegen Abend kam er zum Wirtshaus, vor dem es lustig zuging. Betrunkene
sangen, Buben balgten sich, kleine Mdchen hpften im Reigen beim Schall des
Zimbals und der Fiedeln, der durch die offene Tr herausgellte. Neugierige
hielten die Fenster der Tanzstube besetzt, beobachteten, was drinnen vorging,
und machten ihre Glossen darber. Nach langem Kampf eroberte Pavel einen Platz
zwischen ihnen und sah die Paare sich drehen im dunstigen, sprlich erleuchteten
Gemach. Ganz nahe am Fenster, an dem er stand, schwenkte Peter die Vinska auf
einem Fleck herum. Er war schon stark angetrunken, hatte die Jacke und mit ihr
seine vornehme Zurckhaltung abgelegt. Der Peter in Hemdrmeln war ein so
ordinrer Kumpan wie der erste beste Knecht.
    Die Vinska in seinen Armen schlug zchtig die Augen zu Boden und erglhte
feuerrot bei den Reden, die er ihr zuflsterte, und den Kssen, die er ihr
raubte.
    ber den Anblick verga Pavel seinen Hunger - seine Ungeduld wich einem
rasenden, ihm unbegreiflichen Schmerz; wie in den Fngen eines Raubtieres wand
er sich und brachte ein entsetzliches Rcheln hervor.
    Die Umstehenden erschraken; man stie ihn hinweg, und er wehrte sich nicht;
er schlich davon, durch die langsam hereinbrechende Dunkelheit, seinem
unheimlichen Daheim zu. Aus der Htte schimmerte ihm der ungewohnte Glanz einer
brennenden Kerze entgegen. Sie war auf dem Fenstersimse aufgepflanzt, und in dem
von ihrem Schein erhellten Stbchen saen Virgil und sein Weib auf der Bank, und
zwischen ihnen stand ein Teller mit Braten und eine Flasche Branntwein. Die
beiden Alten aen und tranken und waren guter Dinge. Pavel beobachtete sie eine
Weile vom Feldrain aus, stieg dann zum Hohlweg herab, den die Dorfstrae bei den
letzten Schaluppen bildete, und streckte sich auf die ausgebrochenen
Ziegelstufen des Eingangs, den Kopf an die Tr gelehnt.
    So mute, im Fall, da er etwa einschlief, die Vinska ihn wecken, wenn sie
ins Haus wollte.
    Stunden vergingen; der matte Glanz, den das Licht im Fenster auf den Weg
geworfen hatte, erlosch. Das treibende Gewlk am Himmel, der umschleierte Mond
mahnten Pavel an die Winternacht, in welcher er ausgezogen war, Milada aus der
Gefangenschaft zu befreien.
    Was fr ein Narr war er damals gewesen - was fr ein Narr geblieben bis auf
den heutigen Tag...
    Von dem einzigen, der ihn nie beschimpft, dem einzigen, der ihm je eine
Wohltat erwiesen, hatte er sich in bldsinnigem Mitrauen abgewendet und war der
Betrgerin unterwrfig gewesen, die ihn zum besten hatte, ihn bestahl und
verlachte... Oh - ganz gewi verlachte und verspottete! Sie spottete so gern,
die Vinska, und so leicht bei viel geringeren Veranlassungen, als seine
grenzenlose Dummheit eine war.
    Was tu ich ihr? fragte er sich pltzlich und antwortete auch sogleich: Ich
schlag sie tot.
    Keine berlegung: was dann? Nicht die geringste Angst, nicht der kleinste
Skrupel, nicht einmal ein Zweifel an der Ausfhrbarkeit seines rasch gefaten
Vorsatzes.
    Er stand auf, ffnete leise die Tr, holte den Knttel Virgils vom Herde und
legte ihn neben sich, nachdem er seinen frheren Platz und seine frhere
Stellung wieder eingenommen hatte.
    Nun kam eine groe Ruhe ber ihn; die Augen fielen ihm zu, und er schlief
ein. Nicht tief, so halb und halb, wie er zu schlafen pflegte, wenn er die Nacht
mit den Pferden drauen auf der Hutweide zubrachte.
    Der Morgen dmmerte, als leichte Schritte, die sich nherten, ihn weckten.
Sie war's. Heiter, bequem und friedlich mit ihrer unschuldig-pfiffigen Miene kam
sie einher, zgerte ein wenig, als sie Pavel daliegen sah, betrat dann ganz
sachte die Stufen und beugte sich, um ihn zur Seite zu schieben. - Da packte er
Sie am Fu und ri sie zu Boden. Sie fiel ohne einen Laut, erhob sich aber
sogleich auf die Knie, whrend er nach dem Knttel griff... Ein Blick in des
Jungen Gesicht, und aus dem ihrigen wich alles Blut.
    Pavel, stammelte sie, was fllt dir ein - du wirst mich doch nicht
schlagen?
    Sie stemmte beide Arme gegen seine Brust und sah angstvoll und bebend zu ihm
empor.
    Schlagen nicht - erschlagen werd ich dich, antwortete er dumpf und wandte
den Kopf, um ihren flehenden Augen auszuweichen. Aber zieh zuvor meine Stiefel
aus.
    Jesus Maria! wegen der Stiefel willst mich umbringen?
    Ja, ich will.
    Schrei nicht so... die Alten wachen auf. - Alles eins.
    Sie schmiegte sich an ihn, ein schchternes Lcheln umzuckte ihre Lippen.
Sie kommen mir zu Hilfe, wie kannst mich dann totschlagen? Geh - sei still, sei
gut.
    Er suchte sich von ihrer Umarmung loszumachen, die ihn beseligte und
emprte; er fhlte, mit Zorn gegen sich, den Zorn gegen sie unter ihren
Liebkosungen schwinden. Spitzbbin! rief er.
    Mach keinen Lrm, mahnte sie; wenn die Leute zusammenlaufen, was hast du
davon? Sei still! Schlag mich tot meinetwegen, aber sei still - schlag mich tot,
du dummer Pavel - und nun kicherte sie schon vllig vergngt und siegesgewi.
    Zwischen den wirren Haaren, die ihm ber die Augen hingen, scho ein Blitz
voll dsterer Glut hervor, der sie von neuem schaudern machte. - Das war kein
trichter Junge mehr, es war ein frhreifer Mann, der sie angeblickt hatte, und
instinktmig rettete sie sich in der Furcht vor ihm - an seine Brust.
    Tu mir nichts! Wie leid wre dir!
    Sie stand neben ihm und hielt seine Hand, der der Knttel entsunken war. Sie
bat, sie schmeichelte, sie suchte ihn zu rhren und hielt sich selbst eine
Totenklage. O wie leid wre dir um mich, niemandem so leid wie dir um die arme
Vinska.
    Du bist nicht arm! fuhr er sie an, du nicht! ... Schlecht bist du - und
ich geh aufs Bezirksamt und verklag dich.
    Wegen der Stiefel? fragte sie und lachte herzlich und sorglos.
    Ja.
    Flugs lie Vinska sich auf die Stufen nieder, zog die Stiefel aus und
stellte dieselben vor Pavel hin. Da hast sie, Geizhals! Ich brauch sie nicht! -
ich brauch nur dem Peter ein Wort zu sagen, so kauft er mir andere, viel
schnere.
    Pavel brllte frmlich auf: Nein, nein! nimm die meinen, behalt sie, ich
schenk sie dir. Nur geh nicht mehr mit dem Peter... Versprich's! Er fate sie
an den Achseln und schttelte sie, da ihr Hren und Sehen verging:
Versprich's, versprich's!
    Sei ruhig - ich verspreche es, antwortete Vinska; doch war der Ton, in dem
sie es sagte, so wenig berzeugend, und es flog ein so seltsamer Ausdruck ber
ihr Gesicht, da Pavel die Faust ballend drohte: Nimm dich in acht!

                                       6


Die nchste Woche brachte viele Regentage, und an jedem trben Morgen packte
Pavel seine Schulsachen zusammen und ging zum Gelchter aller, die ihm auf dem
Wege dahin begegneten, in die Schule. Dort sa er, der einzige seines Alters,
unter lauter Kindern und immer auf demselben Platz, dem letzten auf der letzten
Bank. Anfangs tat der Lehrer, als ob er ihn nicht bemerke; erst nach lngerer
Zeit begann er wieder, sich mit ihm zu beschftigen. Einmal, als die Stunde
beendet war, die Stube sich geleert hatte, Pavel aber fortzugehen zgerte,
fragte ihn der Lehrer: Was willst du eigentlich? In deinem Beruf kannst du dich
bei mir nicht ausbilden.
    Pavel machte verwunderte Augen, und der Lehrer fuhr fort: Hast du mir nicht
gesagt, da du ein Dieb werden willst? Nun, Unglcksbub - Unterricht im Stehlen
geb ich nicht.
    Dem Pavel schwebte schon die Antwort auf der Zunge: Darum ist mir's auch
nicht zu tun, versteh's ohnehin. Aber er bezwang sich und sagte nur: Lesen und
schreiben mcht ich lernen.
    Zur Not kannst du's ja.
    Just zur Not kann ich's nicht.
    Mut dir halt Mh gehen.
    Geb mir Mh, kann's doch nicht.
    Gib dein Buch her.
    Pavel schttelte den Kopf: Aus dem Buch kann ich's schon, aber da - er
fuhr mit der Hand, die heftig zitterte, zwischen sein Hemd und seine Brust und
zog einen zerknitterten Brief hervor, da hat mir der Bote etwas von der Post
gebracht...
    Geschriebenes? Ja so! das ist freilich eine andere Sache, da wrde ich wohl
selber Mhe haben.
    Sein Scherz reute ihn, als Pavel denselben fr Ernst nahm und zum ersten
Male im Leben demtig sprach: Ich mcht den Herrn Lehrer doch bitten, da er's
probiert.
    Pavel kte, wenn man so sagen darf, das Blatt mit den Augen und reichte es
dem Alten hin, sorgfltig, ngstlich, wie ein leicht zu beschdigendes Kleinod.
    Der Lehrer entfaltete es und berflog die Zeilen: Es ist ein Brief, Pavel -
und weit du von wem?
    Er wird von meiner Schwester Milada sein, aus dem Kloster.
    Nein, er ist nicht von deiner Schwester aus dem Kloster.
    Nicht?
    Er ist von deiner Mutter aus dem - er stockte, und der Bursche ergnzte
mit pltzlich vernderter Miene und rauher Stimme: Aus dem Zuchthaus.
    Willst du ihn hren?
    Pavel hatte den Kopf sinken lassen und antwortete durch ein stummes Nicken.
    Der Lehrer las:
    Mein Sohn Pavel!
    Vor drei monat habe ich Meine feder an das papier gesetzt und meiner Tochter
Milada einige Parzeilen in das Kloster geschrieben meine Tochter Milada hat sie
aber nicht bekommen die Klosterfrauen haben Ihr ihn nicht gegeben sie haben Mir
sagen lassen das beste ist wenn sie von der mutter nichts hrt so wei Ich nicht
ob Ich recht tu wenn Ich dir schreibe Pavel mein lieber sohn mit der bitte da
du mir antworten sollst ob meine Parzeilen dich und Milada deine liebe schwester
in guter gesundheit antreffen was Mich betrifft ich bin gesund und so weit zu
frieden in meinem platz.
                                                                   deine Mutter.

Meine zwei kinder tag und nacht Bete Ich fr euch zum Liebengott glaube auch da
meine tochter Milada eine kleine klosterfrau werden wird wenn es die Zeit sein
wird und arbeite fleiig hier imhause was mir zurckgelegt wird fr meine
kinder...
    In sechs Jahren mein lieber sohn Pavel werde ich wieder Nachhaus kommen und
bitt euch noch da ihr manchesmal inguten an die Mutter denkt die rmste auf der
welt.

Die Lettern des Briefes waren steif und ruhig hingemalt, bei der Nachschrift
hatte die Hand gezittert; groe matte Flecken auf dem Papier verrieten, da sie
unter Trnen geschrieben worden waren. Mit Mhe entzifferte der Vorleser die
halbverwischten Zge, und ihn ergriff die Flle des Leids und der Liebe, die
sich in dieser armseligen Kundgebung aussprach.
    Pavel, sagte er, du mut deiner Mutter sogleich antworten.
    Der Junge hatte sich abgewendet und starrte finster zu Boden. Was soll ich
ihr antworten? murmelte er.
    Was dein Herz dir eingibt fr die unglckliche Frau.
    Pavel verzog den Mund: Es geht ihr ja gut.
    Gut, du dummer Bub? gut im Kerker?
    Der alte Mann geriet in Eifer, er wurde warm und beredsam; die schnen und
vortrefflichen Dinge, die er sagte, ergriffen ihn selbst, lieen Pavel jedoch
khl. Er hatte auf die Vorstellungen des Lehrers zwei Antworten, die er
hartnckig wiederholte, ob sie paten oder nicht: Sie sagt ja selbst, da es
ihr gut geht, und: Die Schwester schreibt ihr nicht, warum soll ich ihr
schreiben?
    Hast du denn gar kein Gefhl fr deine Mutter? fragte der Lehrer endlich.
    Nein, erwiderte Pavel.
    Der Alte schttelte sich vor Ungeduld: Ich denk der Zeit, wo du ein Kind
warst, sprach er, und brav unter der Obhut deiner braven Mutter, die dich zur
Arbeit angehalten hat... Glotz du nur! - Brav und rechtschaffen, sag ich. Das
war sie; aber leider gar zu geschreckt und immer halb nrrisch aus Angst vor dem
niedertrchtigen... Na! unterbrach er sich - jeder Mensch hat Mitleid mit ihr
gehabt, sogar den Richtern hat sie Erbarmen eingeflt, nur du, ihr Sohn, bist
mitleidslos gegen sie. Warum denn, warum? Ich frage dich, gib Antwort, sprich!
Er schob die Brille in die Hhe und nherte die kurzsichtigen Augen dem Gesichte
Pavels. In den Zgen desselben malte sich ein eiserner Widerstand; aus den
dsteren Augen funkelte ein Abglanz jener Entschlossenheit, die, auf eine groe
Sache gestellt, den Mrtyrer macht.
    Der Alte seufzte, trat zurck und sagte: Geh, mit dir ist nichts
anzufangen. Als Pavel schon an der Tr war, rief er ihm aber doch Halt zu; -
Eins nur will ich dir sagen. Es ist dir nicht alles eins; ich hab es bemerkt,
wenn die Leute dich schimpfen; eine Zeit kann kommen, in welcher du froh wrst,
gut zu stehen mit den Leuten, und gerne hren mchtest: In seiner Jugend war der
Pavel ein Nichtsnutz, aber jetzt hlt er sich ordentlich. Fr den Fall merk dir,
merk dir, Pavel, wiederholte er nachdrcklich, und eine schwache Rte
schimmerte durch das fahle Grau seiner Wangen: Mach dich nicht zu deinem eignen
Verleumder. Das Schlechte, das die andern von dir aussagen, kann bezweifelt,
kann vergessen werden; du kannst es niederleben. Das Schlechte, ja sogar das
Widersinnige und Dumme, das du von dir selbst aussagst, das putzt sich nicht
hinweg, das haftet an dir wie deine eigene Haut - das berlebt dich noch!
    Er erhob die Hnde ber den Kopf, huschte so planlos und unbeholfen im
Zimmer umher wie ein aus dem Schlafe gescheuchter Nachtfalter und wimmerte und
sthnte: Vergi meinetwegen alles, was ich dir gesagt habe; aber den Rat vergi
du nicht, den geb ich dir aus meiner eigenen Erfahrung!
    Pavel betrachtete den Schullehrer nachdenklich; der alte Herr tat ihm leid
und kam ihm zugleich unendlich tricht vor. Worber krnkte er sich? Konnte es
darber sein, da die Leute ihn einen Hexenmeister nannten? ... Das wre auch
der Mhe wert!
    Fr sein Leben gern htte er sich erkundigt, wute aber nicht, wie die Frage
stellen. Er nahm so lange keine Notiz von des Lehrers entlassenden Winken, bis
dieser ihn heftig anlie: Was willst du noch? Dann gab er zur Antwort:
Wissen, was den Herrn Lehrer krnkt.
    Habrecht bog sich zurck, tat einen tiefen Atemzug und schlo die Augen.
Spter, Pavel, spter, jetzt wrdest du mich nicht verstehen.
    Da platzte Pavel heraus: Das wegen der Hexerei?
    Ein unwillkrlicher Aufschrei: Ja, ja! und der Lehrer packte ihn an den
Schultern und schob ihn aus der Tr.
    Also richtig! der Alte grmte sich ber den Verdacht, in dem er im Dorfe
stand. - Unbegreiflich kindisch erschien das dem Pavel; sein Gnner wurde von
Stunde an ein Schwchling in seinen Augen, und er schlug dessen eindringlichste
Warnung in den Wind. Ja, sie reizte ihn sogar, ihr zuwiderzuhandeln. Die Leute
sollen ihn nur fr schlechter halten, als er ist, er will's nach Lob und Liebe
geizen die Feiglinge; sich sagen zu drfen: Ich bin besser, als irgendeiner wei
- das ist die herbe, die rechte Wonne fr ein starkes Herz.
    Den Brief der Mutter bemhte sich Pavel nachzubuchstabieren, und jetzt, wo
er dessen Inhalt kannte, gelang es ihm so ziemlich. Vinska berraschte ihn bei
der Beschftigung, wollte wissen, was er las, und als er ihr eine Auskunft
darber verweigerte, suchte sie ihm das Blatt zu entreien.
    Was? zrnte sie, da er ihr wehrte, du willst mir verbieten, da ich mit
dem Peter gehe, hast aber Geheimnisse vor mir? kriegst Briefe und versteckst
sie? Ihre hbschen Brauen zogen sich zusammen, um den Mund zuckte ein
unbezwingliches Lcheln. Meinst denn, da ich nicht eiferschtig bin?
    Sie scherzte, sie verhhnte ihn, er wute es und - war beseligt, da sie so
mit ihm scherzte. Ja, just - eiferschtig! Du wirst just eiferschtig sein,
brummte er, und ein Himmel tat sich vor ihm auf bei dem Gedanken, wie es denn
wre, wenn aus dem Spiel, das sie jetzt mit ihm trieb, einmal Ernst werden
sollte. Einmal! in der weiten unabsehbaren Zukunft, die noch vor ihm lag und
welcher er, wenn auch sonst nichts, doch ein festes Vertrauen auf die eigene
Kraft entgegentrug.
    Die Vinska hatte eine Hand auf die schlanke Hfte gestemmt und streckte die
andere nach ihm aus: Von wem ist der Brief, Pavlicek? fragte sie schmeichelnd
und schelmisch, der Brief, den du an deinem Herzchen versteckst?
    Von meiner Mutter, antwortete er rasch und wandte sich ab.
    Vinska tat einen Ausruf des Erstaunens: Wenn's wahr ist! Ich htt nicht
geglaubt, da die im Zuchthaus Briefe schreiben drfen. Was knnten sie auch
schreiben? - gute Lehren vielleicht, wie man's anstellen soll, um zu ihnen zu
gelangen ins freie Quartier.
    Pavel nagte geqult an den Lippen.
    Wirf den Brief weg, fuhr Vinska fort, und sag niemandem, da du ihn
gekriegt hast; es soll nicht heien, da zu uns Briefe kommen aus dem Zuchthaus
Die Leute sagen uns ohnehin genug bles nach.
    Noch immer weniger, als ihr verdient! rief Pavel heftig aus, und Vinska
errtete und sagte verwirrt und sanft: Ich hab dein Bestes im Sinn; ich hab
gestern den ganzen Tag fr dich genht; ich hab dir ein ganz neues Hemd
gemacht.
    Ein Hemd - so?
    Aber glaub mir, mit der Mutter sollst du nichts zu tun haben; glaub mir,
sie hat den Galgen mehr verdient als dein Vater, und er hat gewi recht gehabt,
wie er immer ausgesagt hat vor Gericht: das Weib hat mich verfhrt... Er hat
nichts von sich gewut, er war ja immer besoffen; aber sie - oh, sie hat's
hinter den Ohren gehabt! ... und es war halt wie im Paradies mit dem Adam und
der Eva.
    Sie sah ihn lauernd von der Seite an und begegnete in seinen Zgen dem
Ausdruck einer auerordentlichen berraschung.
    War denn der Adam besoffen? fragte er mit ehrlicher Wibegier.
    Vinska fate ihn an beiden Ohren, rttelte ihn und lachte: O wie dumm!
nicht vom Adam, von deinem Vater ist die Rede, und da deine Mutter ihn
verleitet hat, den Geistlichen umzubringen.
    Schweig! rief Pavel, du lagst.
    Ich lg nicht, ich sag, was ich glaube und was andere glauben.
    Wer, wer glaubt das?
    Sie antwortete ausweichend, aber er packte ihre Arme mit seinen groen
Hnden, zog sie an sich und wiederholte: Wer sagt das, wer glaubt das? bis sie
gengstigt und gefoltert hervorstie: Der Arnost.
    Mir soll er's sagen, mir; ich schlag ihm die Zhn ein und schmei ihn in
den Bach.
    Dir wird er's nicht sagen, vor dir frchtet er sich - la mich los, ich
frcht mich auch; la mich los, guter Pavel.
    Aha, frcht'st dich, frcht dich nur! sprach er triumphierend und -
entwaffnet. Zum Spa rang er noch ein wenig mit ihr und gab sie pltzlich frei.
Reicher Lohn wurde ihm fr seine Gromut zuteil: die Vinska sah ihn zrtlich an
und lehnte einen Augenblick ihren Kopf an seine Schulter. Ein Freudenschauer
durchrieselte ihn, aber er rhrte sich nicht und bemhte sich, gleichgltig zu
scheinen.
    Pavel, begann Vinska nach einer Weile, ich htt eine Bitte, eine ganz
kleine. Willst sie mir erfllen? - Es ist leicht.
    Sein Gesicht verdsterte sich: Das sagst du immer, ich wei schon. Was
mcht'st du denn wieder?
    Der alte Schlopfau hat noch ein paar schne Federn, sagte sie, rupf sie
ihm aus und schenk sie mir.
    Sie bat in so kindlichem Ton, ihre Miene war so unschuldig und er vllig
bezaubert. Er lie sich's nicht merken, brummte etwas Unverstndliches und schob
sie sachte mit dem Ellbogen weg. Dann nahm er die Peitsche vom Herd und ging zur
Schwemme, die Pferde zusammenzuholen, mit denen er auf der Hutweide bernachten
sollte.
    Die Hutweide lag in einer Niederung vor dem Dorfe, nicht weit vom Kirchhof,
der ein lngliches Viereck bildete und sich, von einer hohen weigetnchten
Mauer umgeben, ins Feld hineinstreckte. Es war eine Nacht, so lau wie im Sommer;
in unbestrittenem Glanz leuchtete der Mond, und die von seinem Licht bergossene
Wiese glich einem ruhigen Wasserspiegel. Still weideten die Pferde. Pavel hatte
sich in seiner Wchterhtte ausgestreckt, die Arme auf den Boden, das Gesicht
auf die Hnde gestemmt, und beobachtete seine Schutzbefohlenen. Die Fuchsstute
des Brgermeisters, die weimhnige, war frher sein Liebling gewesen; seitdem
er aber den Sohn des Brgermeisters hate, hate er auch dessen Fuchsstute. Sie
kam, auf alte Freundschaft bauend, zutraulich daher, beschnupperte ihn und blies
ihn an mit ihrem warmen Atem. Ein Fluch, ein derber Faustschlag auf die Nase war
der Dank, den ihre Liebkosung ihr eintrug. Sie wich zurck, mehr verwundert als
erschrocken, und Pavel drohte ihr nach. Er htte alles von der Welt vertilgen
mgen, was mit seinem Nebenbuhler in Zusammenhang stand. Das Versprechen der
Vinska flte ihm kein Vertrauen ein; es war viel zu rasch gegeben worden, viel
zu sehr in der Weise, in welcher man ein ungestmes Kind beschwichtigt.
    Sie will kein Geschrei, kein Aufsehen; sie tut ja seit einiger Zeit so
ehrbar, hat ihr frheres bermtiges Wesen, ihre Gleichgltigkeit gegen die
Meinung der Leute abgelegt. Die Angst und Hast, mit der sie ausgerufen hatte:
Es soll nicht heien, da zu uns Briefe kommen aus dem Zuchthaus, klang dem
Pavel noch im Ohr. Er meinte, das Blatt an seiner Brust brenne; er griff danach
und zerknllte es in der geballten Faust. Was brauchte sie ihm aber auch zu
schreiben, die Mutter? Hatte sie noch nicht Schande genug ber ihn gebracht? Sie
stand zwischen ihm und allen andern Menschen. Zwischen ihn und die Vinska, die
so viel bei ihm galt, sollte sie ihm nicht treten... In seinem tiefsten Innern
glaubte, ja wute er: seine Mutter hat das nicht getan, dessen man sie
beschuldigt, und dennoch trieb ihn ein dunkler Instinkt, sich selbst zu
berreden: Es kann wohl sein... Und aus dem schwankenden Zweifel wuchs ein
fester Entschlu hervor: Ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben. Ihren Brief
zerri er in Fetzen. Auf dem letzten, den er in der Hand behielt, waren noch die
Worte zu lesen: Deine Mutter die rmste auf der Welt... Das bist du, mute er
doch etwas wehmtig berhrt zugestehen, das bist du von jeher gewesen... Ihre
groe Gestalt tauchte vor ihm auf in ihrem Ernst, in ihrer Schweigsamkeit.
Abends erliegend unter der Last der Arbeit, der Not, der Mihandlung, am Morgen
wieder rastlos am Werke. Er sah sich als Kind an ihrer Seite, von ihrem Beispiel
angeeifert, schon fast so still und so vertraut mit der Mhsal wie sie. Er
erinnerte sich mancher derben Zurechtweisung, die er durch seine Mutter
erfahren, und keiner einzigen uerung ihrer Zrtlichkeit... vieler jedoch ihrer
stummen Frsorge, ganz besonders der alltglich vorgenommenen ungleichen Teilung
des Brotes. Ein groes Stock fr jedes Kind, ein kleines fr sie selbst...
    Pavel begann die Fetzen des Briefes zusammenzulesen, legte sie aufeinander
und betrachtete das Pckchen, ungewi, was er damit anfangen sollte. Endlich
trug er's zum Friedhof und begrub es dort zu den Fen der Mauer, unter den
herberhngenden Zweigen einer Traueresche.
    In seine Htte zurckgekehrt, legte er sich hin und schlief ein und trumte
von dem schnen Hemde, das Vinska fr ihn genht und das eine groe Frau mit
verhlltem Antlitz, in dunkle Strflingsgewnder gekleidet, ihm streitig zu
machen suchte Das Bild dieser Frau verfolgte ihn fortan; und wenn er in
mondhellen Nchten nur eine Weile unverwandt nach dem Friedhof blickte, ballte
es sich zusammen aus Nebel und Dunst und glitt an der schimmernden Mauer vorbei.
Pavel starrte die Erscheinung mit tiefem Grauen an und dachte: Meine Mutter ist
vermutlich gestorben und meldet sich bei mir.
    Der Vinska erzhlte er von diesem Erlebnis nichts, htte auch keine
Gelegenheit dazu gehabt. Sie war unfreundlich mit ihm, guckte immer nach seinen
Hnden, wenn er heimkam, sagte spitz: Schn Dank fr die Federn! - und ging
ihm brigens schmollend aus dem Wege. - Er sah wohl ein, das wrde nicht anders
werden, bevor er ihr den Willen getan, und so bequemte er sich zur Erfllung
ihres kindischen Wunsches, die ihm eine leichte Sache schien. Seit Miladas
Abreise stand die Pforte des Schlogartens wieder offen von frh bis abends, und
der alte Pfau stelzte unzhlige Male im Tag an ihr vorbei.
    Er hatte in der Tat nur Reste seines sommerlichen Federschmucks
brigbehalten, drei Prachtexemplare an lcherlich langen, von Nachwuchs noch
unbedeckten Kielen. Eines Tages lauerte Pavel ihm auf, und als er ihn kommen
sah, schlich er ihm nach in den Garten. Lngs eines schmalen Weges, den Bume
und Bsche gegen das Haus deckten, schritt der Vogel gemchlich hin und pickte
aus purer Jagdlust hie und da ein Insekt vom Boden auf. Pltzlich mute er, so
leise Pavel auch auftrat, dessen Schritte vernommen haben; denn er blieb stehen,
reckte mit einer raschen Wellenbewegung den Hals und wandte den Kopf seinem
Nachfolger zu, wie fragend: Was willst du von mir? - Wirst gleich sehen, dachte
der Bursche, und als Meister Pfau ein schnelleres Tempo einschlug, machte Pavel
ein paar Stze, glitt aus und fiel nieder, verlor aber die Geistesgegenwart
nicht, sondern streckte die Hand aus und entri mit festem, glcklichem Griff
dem Vogel auf einmal seine letzte Zier. Der stie ein rauhes Alarmgeschrei
hervor, machte kehrt, schnellte halb fliegend, halb springend empor, und ehe der
noch am Boden Liegende sich besann, sa ihm das zornige Tier im Nacken und
hackte mit dem harten, scharfen Schnabel auf seinen Kopf, seine Schlfen los. Es
tat weh, kam dem Pavel jedoch sehr komisch vor, da ein Vogel sich in einen
Kampf mit ihm einlie. Er lachte - wohl etwas krampfhaft - und machte eine
heftige Anstrengung, das Tier abzuschtteln. Aber es krallte sich mit
unheimlicher Strke fester, spreizte die Flgel, hielt sich im Gleichgewicht,
und immerfort kreischend streckte es den kleinen Kopf weit vor, die Augen seines
Feindes suchend und bedruend...
    Da wurde diesem angst... Mit beiden Hnden griff er nach dem langen blauen
Hals, dessen Gefieder sich unter seinen Fingern strubte, und drehte ihn
zusammen wie zu einem Knoten. Das Tier gab noch einen schrillen,
verzweiflungsvollen Laut und glitt ber Pavels Schulter zur Erde, wo es auf dem
Rcken liegenblieb mit zusammengezogenen zuckenden Fen. Ob tot, hatte der
Sieger nicht mehr Zeit, sich zu berzeugen; denn er sah aus dem Schlosse Leute
herbeikommen, raffte die Federn vom Grase auf und war wie der Blitz aus dem
Garten. Drauen auf der Strae migte er seine Schnelligkeit, um nicht durch
sie die Aufmerksamkeit der Vorbergehenden zu erregen. Das Herz pochte ihm
heftig, und er dachte an den Lrm, den es im Schlosse bei der Auffindung der
zappelnden Pfauenbestie absetzen wrde. An der Spitze der Schar, die auf deren
Geschrei nach dem Kampfplatz geeilt war, meinte er die Frau Baronin erkannt zu
haben.
    Eine Weile ging Pavel unbehelligt seines Weges und hoffte schon, dem
Verdacht und der Gefahr entronnen zu sein, als die Rufe: Galgenstrick,
schlechter Bub! an sein Ohr schlugen und ihn eines anderen belehrten. Hinter
ihm her waren, wie er sich durch einen raschen Blick berzeugte, der schmchtige
rundrckige Grtner und zwei alte Arbeiter. Greif aus, elendes Krppelvolk!
hhnte Pavel und scho vorwrts im leichten wegverschlingenden Lauf.
    Er hatte einen guten Vorsprung vor seinen Verfolgern, und als er zu rennen
begann, wurde ein noch viel besserer daraus. An dem Aufsehen, das er erregte,
lag ihm jetzt nichts mehr, sondern nur daran, seinen Raub in Sicherheit zu
bringen. Glhend, mit funkelnden Augen strmte er in die Htte. Vinska stand
allein im Flur und errtete vor Freude, als Pavel ihr die Federn hinreichte. Bei
seinen hastig hervorgestoenen Worten: Versteck sie! versteck dich! erschrak
sie jedoch sehr und fragte: Was gibt's mit ihnen? Ich mag sie gleich nicht,
wenn's was mit ihnen gibt. Er drang ihr das gestohlene Gut auf, schob sie in
die Stube und trat selbst zum Eingang der Htte zurck, wo er sich an den
Trpfosten lehnte, die Arme kreuzte und trotzigen Mutes die Hscher erwartete.
    Der Anfhrer derselben war so aufgeregt, da er nur abgebrochen seine
Befehle erteilen konnte: Packt ihn! Packt den Hund! Ins Schlo mit ihm! rief
er seinen Begleitern zu, zweien prehaften und friedfertigen Menschen, die
einander ansahen und dann ihn und dann wieder einander. - Packen? war das ihre
Sache? ... Sie hielten sich fr verdienstvolle Grtnergehilfen, weil sie zum
Rechen griffen und mit ihm auf den Wegen herumscharrten, sobald sie die
Schlofrau erblickten. Den Rest des Tages lagen sie im Grase, tranken Schnaps
und rauchten zuweilen; meistens jedoch schliefen sie.
    Dem Pavel wre es nur ein Spiel und zugleich ein wahres Gengen gewesen, die
Guardia anzurennen und zu Boden zu schlagen, aber um Vinskas willen und ihrer
Angst vor einem Skandal verzichtete er auf diese Ergtzlichkeit und lie sich
ruhig beim Kragen nehmen, was die beiden Alten zaghaft und ohne innere
berzeugung taten. Indessen wuchs ihnen der Kamm bei der Widerstandslosigkeit,
mit der Pavel sich in sein Schicksal ergab, und ein groer Stolz erwachte in
ihnen, als sie den wilden Buben, dem sie sonst von weitem auswichen, als
Gefangenen durch das Dorf fhrten. Der Grtner, der Zeter und Mordio schrie,
bildete die Nachhut, und die Straenjugend lief mit. Was hat er getan? fragten
die Leute. Er soll etwas erwrgt haben... Was? wei vorlufig niemand; aber das
wei man: Der kommt ins Zuchthaus wie die Mutter, der stirbt am Galgen wie der
Vater. Fuste erhoben sich drohend, Steine flogen und fehlten, aber Worte,
schlimmer als Steine, trafen ihr Ziel. Pavel blickte keck umher, und das
Bewutsein unauslschlichen Hasses gegen alle seine Nebenmenschen erquickte und
sthlte sein Herz.
    Gelassen trat er in den Schlohof und wurde sogleich ins Haus und in ein
ebenerdiges Zimmer mit vergitterten Fenstern gebracht, dessen Tr man hinter ihm
absperrte.
    Es war eines der Gastzimmer, in dem Pavel sich befand, und seine Augen
hatten, solange sie offenstanden, eine Pracht wie diejenige, die ihn hier umgab,
nicht erblickt. Seidenzeug, grn schillernd wie Katzenaugen, hing an Fenstern
und Tren in so reichen Falten, wie der neue Sonntagsrock Vinskas sie warf, und
mit demselben Stoff waren groe und kleine Bnke, die Lehnen hatten, berzogen.
An den Wnden befanden sich Bilder, das heit eingerahmte dunkelbraune Flecken,
aus denen an verschiedenen Stellen ein weies Gesicht hervorschimmerte, eine
fahle Totenhand zu winken schien... Ein groer Schrank war da, dem Altar in der
Kirche sehr hnlich, und am Fensterpfeiler ein Spiegel, in dem Pavel sich sehen
konnte in seiner ganzen lebensgroen Zerlumptheit. Als er hineinblickte und
dachte: So bin ich? gewahrte er ber seinem Kopf ein seltsames Ding. Ein flacher
eiserner Kbel schien's, aus dem goldene Arme herausragten und der mit einem
uerst dnnen Seilchen an der Decke befestigt war. Pavel sprang sogleich davon
und betrachtete das bse Ding mitrauisch aus der Entfernung. Es schien keinen
anderen Zweck und auch keine andere Absicht zu haben, als auf die Leute, die so
unvorsichtig waren, in sein Bereich zu treten, niederzustrzen und sie zu
erschlagen.
    Nach kurzer Zeit lieen Schritte auf dem Gange sich hren; die Tr wurde
geffnet, und die Baronin trat ein. Sie ging mhsam auf den Stock gesttzt, war
sehr gebeugt und blinzelte fortwhrend. Fast auf den Fersen folgte ihr, tief
bekmmert, die sprlichen Haare so zerzaust, als htte er eben in ihnen gewhlt
- der Schulmeister. Sein ungeschickt fahriges Benehmen fiel sogar dem schlechten
Beobachter Pavel auf.
    Wohin belieben Euer Gnaden sich zu setzen? fragte der Alte, scho
dienstfertig umher und rckte die Sessel auseinander, um der Frau Baronin den
berblick und somit die Wahl zu erleichtern.
    Lassen Sie's gut sein, Schullehrer, sagte sie rgerlich, nahm gerade unter
dem Kronleuchter mit dem Rcken gegen die Fenster Platz, legte den Stock auf
ihren Scho und gab Pavel Befehl nher zu treten.
    Er gehorchte. Der Lehrer jedoch stellte sich hinter den Sessel der gndigen
Frau, und ber ihren Kopf hinweg bedrohte er abwechselnd den Delinquenten mit
Blicken des Ingrimms oder suchte ihn durch Mienen, welche die tiefste Wehmut
ausdrckten, zu erschttern und zu rhren.
    Die Baronin hielt die Hand wie einen Schirm an die Stirn und sprach, ihre
rotgernderten Augen zu Pavel erhebend: Du bist gro geworden, ein groer
Schlingel. Als ich dich zum letztenmal gesehen habe, warst du noch ein kleiner.
Wie alt bist du?
    Sechzehn Jahre, erwiderte er zerstreut. Das eiserne Ding an der dnnen
Schnur nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Im Geist sah er's
herunterfallen und die Frau Baronin auf ihrem Richterstuhl zu einem flachen
Kuchen zusammenpressen.
    Diese nahm wieder das Wort: Schau nicht in die Luft, schau mich an, wenn du
mit mir redest... Sechzehn Jahre! ... Vor drei Jahren hast du mir meine Kirschen
gestohlen, heute erwrgst du mir meinen guten Pfau, der mir, das wei Gott,
lieber war als mancher Mensch.
    Der Lehrer erhob seine flehend gefalteten Hnde und gab dem Burschen ein
Zeichen, diese Gebrde nachzuahmen. Pavel lie sich aber nicht dazu herbei.
    Warum hast du das getan? fuhr die Baronin fort. Antworte!
    Pavel schwieg, und der alten Frau scho das Blut ins Gesicht. Erregten Tones
wiederholte sie ihre Frage.
    Der Junge schttelte den Kopf; aus seinem dichten Haargestrpp hervor glitt
sein Blick ber die Zrnende, und ein leises Lcheln kruselte seine Lippen.
    Da wurde die Greisin vom Zorn bermannt.
    Frecher Bub! rief sie, griff nach ihrem Stock und gab ihm damit einen
Streich auf jede Schulter.
    Nun ja, dachte Pavel, wieder Prgel, immer Prgel... und er richtete einen
stillen Stoseufzer an das eiserne Ding: Wenn du doch herunterfallen, wenn du
ihr doch auf den Kopf fallen mchtest!
    Habrecht machte hinter dem Rcken der Baronin ein Kompliment, in dem sich
Anerkennung aussprach: Euer Gnaden haben dem Holub Pavel eine sprbare
Zurechtweisung gegeben, bemerkte er. Das war gut; eine sehr gute Vorbereitung
zum Verhr, das ich jetzt mit Euer Gnaden Erlaubnis vornehmen will.
    Der alten Frau war nach ihrer Gewalttat nicht wohl zumute. Sie hatte ihren
Zorn auf einmal ausgegeben und lag nun im Bann eines viel unleidigeren Gefhls:
einer grmlichen, sentimentalen Entrstung. Was ist da zu verhren? sprach
sie; der schlimme Bub hat mir meinen Pfau erwrge und will nicht sagen warum,
weil er sonst sagen mte: aus Bosheit.
    So ist es! O gewi! besttigte der Lehrer. Dem armen Pfau fehlten, als
man ihn tot auffand, seine letzten Schwanzfedern, die hat der schlechte Bub ihm
gewi ausgerupft - aus Bosheit!
    Das ist nun wieder albern, Schulmeister! fiel die Baronin rgerlich ein.
Wenn der Junge - wie schon viele andere dumme Jungen vor ihm - meinem armen
Pfau nur Federn ausgerupft htte, wre das noch kein Zeichen von Bosheit -
Dummheit wre es gewesen und Dieberei.
    O wie wahr! entgegnete Habrecht, - Dummheit und Dieberei. So ist es und
nicht anders, Euer Gnaden.
    Ist es so? Wer wei es?
    Ganz recht, wer... auer - Euer Gnaden, die sogleich Licht in die Sache
gebracht haben. Federn ausrupfen? Ei, ei, ei! Um Federn war's dem Buben zu tun;
dadurch hat er den Pfau gereizt und einen Kampf hervorgerufen, in dem das gute
Tier gefallen ist.
    Wie der Rabe Odins an dessen Ohr neigte sich Habrecht an das Ohr der Baronin
und flsterte: Nicht ohne an dem Feind Spuren seiner Tapferkeit zu
hinterlassen. Geruhen sich zu berzeugen, die Stirn des Buben ist zerhackt und
voll Blut.
    So? Ja - mir scheint so...
    Sprich, Holub Pavel! rief der Lehrer, sich wieder aufrichtend,
entschuldige dich. Um die Federn war's dir dummem Jungen zu tun, eine bse
Absicht hast du nicht gehabt.
    Sprich! befahl auch die Baronin. Hat dich jemand zum Raub der Federn
angestiftet? Denn im Grund, setzte sie nach kurzer berlegung hinzu, was
solltest du mit ihnen?
    Freilich, was? ein solcher Bettler mit Pfauenfedern...
    Jedesmal, wenn das Wort Federn ausgesprochen wurde, berrieselte es den
Burschen; als ihm aber der Lehrer nun mit der bestimmten Frage zu Leibe ging:
Wer hat dich angestiftet? war's nicht die saubere Vinska? da berkam ihn eine
Todesangst vor den schlimmen Folgen, welche dieser Verdacht fr die Tochter des
Hirten haben knnte, und fest entschlossen, ihn abzuwenden, sprach er mit
dumpfer Stimme: Es hat mich niemand angestiftet; ich hab's aus Bosheit getan.
    Die Baronin stie ihren Stock heftig gegen den Boden und erhob sich: Da
haben Sie's, sprach sie zum Schullehrer, da hren Sie ihn... den geben Sie
auf, der ist verloren.
    Erbarmen sich Euer Gnaden! flehte der Alte. Glauben ihm nicht. Der
unsinnige Tropf lgt sich zum Schelm; der Tropf wei nicht, was er tut, Euer
Gnaden!
    Sie winkte ihm zu schweigen und trat dicht an Pavel heran. Ihre mden Augen
maen den Wildling mit traurigem Ausdruck: Und das ist der Bruder meines lieben
Kindes, sagte sie tief aufseufzend. Sooft das Kind an mich schreibt und sooft
ich es sehe, fragt es: Wie geht's meinem Pavel? Wann wird mein Pavel zu mir
kommen?... Es wei, da ich mit ihm nichts zu tun haben will, ich habe es
erklrt und bleibe dabei, aber es fragt doch, das Kind...
    Pavel war zusammengefahren, er ri die Augen weit auf, seine Nasenflgel
bebten: Welches Kind? - die Milada?
    Wann wird mein Pavel zu mir kommen? wiederholte die Baronin erregt und
gerhrt und mit den Trnen kmpfend. Aber kann ich dich zu ihr schicken, Dieb,
schlechter Bub, schlechtester im Dorfe! ... kann ich denn?
    Schicken Sie mich, sagte Pavel leise.
    Der Lehrer zog die Schultern in die Hhe, schob die Kinnlade vor und machte
ihm die eindringlichsten Zeichen: Haben Euer Gnaden die Gnade, ich bitte
untertnigst, Euer Gnaden! So spricht man.
    Pavel aber zermarterte seine verschrnkten Finger; seine Brust hob sich
keuchend; mit einem trockenen Schluchzen sprach er noch einmal: Schicken Sie
mich.
    Die Baronin wandte sich dem Lehrer zu: Es scheint ihm Eindruck zu machen.
    Es macht ihm einen auerordentlichen Eindruck. Euer Gnaden haben das Rechte
getroffen mit diesem weisen Beschlu...
    Beschlu? Von einem Beschlu ist noch gar nicht die Rede.
    Den Einwand berhrend, fuhr der Lehrer fort: Das unschuldige Kind wird
besser als irgendwer auf sein Gemt zu wirken verstehen, das Kind...
    Das Kind, fiel die Baronin ein, ist der Stolz und der Liebling des
Klosters.
    Sehen Euer Gnaden! ... Und was knnte fr den verwahrlosten Jungen
heilsamer und aneifernder sein als der Anblick seiner wohlgeratenen Schwester,
als ihr Beispiel, ihre Ermahnungen?
    Vielleicht, entgegnete die alte Dame nachdenklich. Und so wollen wir es
denn in Gottes Namen versuchen... Ein letztes Mittel. Schlgt das fehl, dann -
mein Wort darauf: bei seiner nchsten beltat kommt er nicht mehr vor mein
sondern vor das Bezirksgericht.
    Hrst du's? rief der Lehrer, und Pavel murmelte ein ungerechtfertigtes
Ja. In Wirklichkeit wute er nicht, was und ob berhaupt gesprochen worden,
seitdem man ihm Hoffnung gemacht hatte, da er seine Milada wiedersehen solle.
Das unerreichbare Ziel seiner jahrelangen Sehnsucht stand pltzlich nahe vor
ihm; sein heiester, in tausend Schmerzen aufgegebener Wunsch war ihm auf das
unerwartetste erfllt. Das Herz hpfte ihm im Leibe; ein Jauchzen, das er nicht
unterdrcken konnte, drang aus seiner Kehle; er wandte sich auf den Fersen: Und
jetzt geh ich zur Milada! sagte er.
    Halt! rief die Baronin, bist nrrisch? So ohne weiteres geht man nicht
zur Milada. Jetzt trollst du dich nach Hause, und am Samstag kommst du ins
Schlo und holst einen Brief fr die Frau Oberin ab. Den wirst du ins Kloster
tragen und bei der Gelegenheit vielleicht deine Schwester zu sehen bekommen.
    Gewi! ich werde sie gewi zu sehen bekommen - wenn ich nur einmal dort
bin! sprach Pavel und schrzte mit einer unwillkrlichen Bewegung die rmel
auf.
    Nicht gar zuviel Zuversicht, versetzte die Baronin. Sie war mde geworden
und schickte sich an, ihren frheren Platz wieder einzunehmen. Da sprang Pavel
auf sie zu, schob sie hastig zur Seite und den Lehnsessel aus dem Bereich des
Kronleuchters hinaus: So, rief er, jetzt setzen Sie sich.
    Die Greisin war nahe daran gewesen, umzusinken, als sie statt des
Sttzpunktes, den sie suchte, einen Sto erhielt. Mit einem Schrei der Angst
klammerte sie sich an den in tiefster Ehrfurcht dargereichten Arm des Lehrers,
der die gndige Frau zu ihrem Sitz geleitete und dann betend vor Unwillen die
Faust gegen Pavel erhob: Was tust? was flle dir ein - Spitzbube?
    Pavel deutete ruhig nach der Schnur des Lsters: Wenn das Strickerl reit,
ist sie ja tot, sprach er.
    Esel! Esel! - fort! hinaus! rief Habrecht, und der Junge gehorchte, ohne
mit Abschiednehmen Zeit zu verlieren.
    Die Baronin beruhigte sich allmhlich und sagte: Er ist blitzdumm, aber er
hat wenigstens eine gute Absicht gehabt.
    Das wei Gott, rief der Lehrer, - wenn Euer Gnaden nur nicht so
erschrocken wren!
    Ach was! Daran liege nichts. Sie zog das Taschentuch und drckte es an
ihre Stirn. Viel schlimmer ist, viel schlimmer, da ich einmal wieder
inkonsequent gewesen bin... Wie oft habe ich mir vorgenommen: Es bleibe dabei,
meine Milada darf ihren Bruder nicht mehr sehen - und jetzt schicke ich ihn
selbst zu ihr! ... Keine Willenskraft mehr, keine Energie - der geringste Anla,
und - mein festester Vorsatz ist wie weggeblasen.
    Kommt vom Alter, Euer Gnaden, fiel Habrecht in liebenswrdig
entschuldigendem Tone ein - da knnen Euer Gnaden nichts dafr... Der Mensch
ndere sich. Bedenken nur, Euer Gnaden! auch die Zhne, mit denen man in der
Jugend die hrtesten Nsse knacke, beit man sich im Alter an einer Brotrinde
aus.
    Ein unappetitlicher Vergleich, erwiderte die Baronin; verschonen Sie
mich, Schullehrer, mit so unappetitlichen Vergleichen.

                                       7


In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag schlo Pavel kein Auge. Er lag wie in
Fieberhitze und meinte immer, jetzt und jetzt komme jemand, ihm den Brief
abzufordern, den ihm die Baronin am Abend berschickt hatte und der ihm Einla
ins Kloster verschaffen sollte. Sie konnte sich's anders berlegt, ihre Gte
konnte sie gereut haben... Pavel kauerte sich zusammen auf seiner elenden
Lagersttte und fate wilde Entschlsse fr den Fall, da seine Besorgnisse in
Erfllung gehen sollten Indessen graute der Morgen, und Pavels eigene
Hirngespinste blieben seine einzigen Bedrnger. Dennoch verlie die Unruhe ihn
nicht. Schon um vier Uhr stand er am Brunnen und wusch sich vom Kopf bis zu den
Fen, zog Hemd und Hose an und den Rock, der eine bedeutende Verschnerung
erfahren hatte. Auf dessen schleiigster Stelle, gerade ber dem Herzen, prangte
ein bunter Flicken, ein handgroes Stck Zeug, das beim Zuschneiden von Vinskas
neuem Leibchen briggeblieben war. Pavel nahm sich vor, es herabzutrennen und
der kleinen Milada zu schenken, wenn es ihr so gut gefiele wie ihm.
    Und so zog er rstig und freudig aus und begegnete keiner lebenden Seele im
ganzen Dorf. An der Mauer des Schlogartens schlpfte er besonders eilig vorbei,
und nun ging's bergab und bergauf, immer mit der stillen Besorgnis: Wenn mir nur
keiner nachluft, um mich zurckzurufen.
    Auf der Hhe angelangt, von welcher aus er vor fast zwei Jahren dem Wagen
nachgeblickt, der seine Schwester entfhrte, atmete er freier. Er besann sich,
wie schn er damals die Trme der Stadt hatte glnzen gesehen. Heute lagerten
Herbstnebel ber ihnen und verbargen sie seinen Augen. Und auf dem Feld, das zu
jener Zeit im Grn der jungen Halme geprangt, lagen groe harte Schollen, vom
Pfluge umgelegt, dessen Schaufel einen Metallglanz auf ihnen hinterlassen hatte.
Er schritt weiter, verlor sein Ziel oft aus den Augen, verfolgte es aber mit dem
Instinkt eines Tieres; es fiel ihm nicht ein, da er's verfehlen knnte.
    Drei Stunden war er gewandert, da hrte er zum ersten Male deutlich den
Schlag der Uhr von einem der Kirchtrme schallen und langte bald darauf bei den
kleinen Huschen der Vorstadt an.
    Die Brcke, von welcher er oft sprechen gehrt hatte, lag vor ihm, und unter
ihr rauschte ein so gewaltiges Wasser, wie er nicht gewut hatte, da es auf
Erden gibt. Und das Wunder, das er anstaunt, Milada sieht es alle Tage, denkt
Pavel; und Stolz auf die Schwester und Ehrfurcht vor ihr ergreifen ihn.
    Am Brckenpfeiler sitzt ein altes Weib und hat pfel feil. Gewi it Milada
pfel noch ebenso gern wie frher - wie wr's, wenn er ihr ein paar mitbrchte?
Die Hkerin kehrt ihm den Rcken zu; sie kramt eben in ihrer Vorratskiste; ihr
ein paar pfel wegzumausen wr eine kleine Kunst... Soll er? soll er nicht? -
Eine innere Stimme warnt ihn: Gestohlenes Gut taugt nicht mehr fr Milada... Er
steht und zaudert.
    Da wendet sich die Alte, sieht ihn, rhmt ihre Ware und ldt ihn zum Kaufe
ein.
    Ich hab kein Geld, sagt Pavel zgernd.
    Mit der Freundlichkeit der Hkerin ist es sogleich vorbei, und ihre
Aufforderung lautet jetzt: Wenn du kein Geld hast, so pack dich!
    Das ist wieder gewohnter Klang, Pavel fhlt sich angeheimelt, er fragt nun
fast zutraulich nach dem nchsten Weg zum Fruleinstift.
    Was willst du im Fruleinstift? brummt das Weib. Wrst gestern gekommen.
Am Samstag wird dort ausgeteilt.
    Pavel lgt, er wei selbst nicht warum, und behauptet, das sei ihm wohl
bekannt, wiederholt seine Erkundigung und wandelt, nachdem er sie erhalten,
einem Hause zu, das sich wie eine riesige gelbgetnchte Schachtel am Ende des
Platzes erhebt. Es hat auffallend kleine Fenster und an der Seite ein schmales
Pfrtchen, zu dem einige Stufen hinunterfhren. Ratlos stehe er lange davor,
pocht, rttelt an der Klinke, aber die bleibt unbeweglich und sein Pochen
ungehrt. Eine Schar kleiner Jungen kommt daher; einer von ihnen springt die
Treppe zur Klosterpforte hinab, hngt sich an den Glockenstrang, lt ihn
pltzlich zurckschnellen und luft davon. Ein Gelute, das gar nicht enden
wollte, drang aus dem Innern des Hauses; das Pfrtchen ffnete sich, Pavel trat
ein und stand weder vor einer geschlossenen Tr; doch hatte diese ein
Glasfenster und gewhrte den Einblick in eine Halle, deren ziemlich niedriges
Gewlbe von freistehenden Sulen getragen wurde und deren Wnde mit
Feuchtigkeitsflecken bedeckt waren. Eine Nonne erschien, musterte den Besucher
und fragte mit strenger Miene: Warum schellst du so stark? Was willst du?
    Meine Milada, stammelte Pavel. Es berkam ihn pltzlich, da er sich unter
einem Dache mit seiner Schwester befand, und unleidlich wurde seine Ungeduld.
Wo ist sie? rief er.
    Wen meinst du? fragte die Klosterfrau. Es gibt hier keine Milada, du bist
wohl fehlgegangen.
    Schon wollte sie ihn abweisen, da erinnerte er sich des Talismans, den er
bei sich trug, und berreichte den Brief.
    Die Nonne betrachtete eine Weile die Aufschrift: Ja so, sagte sie. Liebes
Kind, deine Schwester heit bei uns Maria. Du kannst sie jetzt nicht sehen, sie
ist in der Kirche.
    Pavel erklrte, er wolle auch in die Kirche, und dabei nahm sein Gesicht
einen so entschlossenen und bsen Ausdruck an, da der Pfrtnerin angst wurde.
Sie bemhte sich, ihm begreiflich zu machen, da er warten msse, bis die Messe
aus sein werde, fhrte ihn zu dem Ende in ein an die Halle anstoendes Zimmer,
lie ihn dort allein und verschlo hinter ihm die Tr.
    Da war er ein Gefangener. Der dstere Raum, in dem er sich befand, hatte
keinen zweiten Eingang, dafr aber drei mit schweren bauchigen Gittern versehene
Fenster. Sie ffneten sich auf einen mit Obstbumen bepflanzten Rasenplatz, in
dessen Mitte, altersgrau und verwittert, eine Muttergottesstatue stand, ein
buntes Krnzlein auf dem Haupte, und Pavel dachte gleich, niemand anders als
Milada habe das geflochten... Wenn sie doch kme, bald kme, wenn doch die Messe
schon vorber wre! ... Glockenklang erhob sich, es wurde zum Sanktus gelutet;
nun folgte die Wandlung, Pavel sank auf die Knie und betete inbrnstig: Lieber
Gott, schick mir meine Schwester! Er sehnte sich, er hoffte, er wartete- die
Glocken hatten lngst zum letzten Segen gelutet, die Kleine erschien immer noch
nicht. Und still war's ringsum wie in einer leeren Kirche. Kein Mensch im Garten
zu erblicken, in der Halle kein Laut, kein Schritt zu hren. Pavel warf sich
gegen die Tr und polterte mit Hnden und Fen, solange er konnte. Umsonst,
niemand kam, ihn zu erlsen. - Erschpft und verzweifelt sank er auf den Boden,
zu Fen eines groen Tisches, der nebst einigen an die Wnde gerckten Sthlen
die ganze Einrichtung der Stube bildete.
    Sie kommt nicht, sie kommt nicht, und mich hat man eingesperrt und vergessen
- das sagte er sich, anfangs mit zorniger Emprung ber etwas Abscheuliches und
Unerhrtes, zuletzt mit stumpfer Ergebung in das Unabnderliche. Sein Kopf wurde
immer schwerer, seine Augen fielen zu, er schlief ein. So fest, so tief schlief
er, da ihn das Gerusch der pltzlich aufgerissenen Tr nicht weckte, da er
erst zum Bewutsein kam, als ein Paar kleine Arme ihn umklammerten, eine liebe,
geliebte Stimme jauchzte: Pavel, Pavel, bist du endlich da?
    Er ri die Augen auf, sprang empor - schaute, wurde feuerrot, htte auch
gern etwas gesagt und konnte nicht - brannte danach, sie an sein Herz zu ziehen,
und wagte es nicht. - Ach, schn, schn hatte er sich seine Schwester
vorgestellt, aber so schn, wie sie ihm in Wirklichkeit erschien, doch nie und
nimmermehr!
    - Sie trug ein dunkelblaues Kleid, das im Schnitt ein wenig an einen
priesterlichen Talar mahnte, und auf der Brust ein silbernes Kreuz. Ihre blonden
Haare waren in einen Zopf geflochten, der ihr ber den Rcken hing bis zum
Grtel; an der Stirn, den Schlfen, im Nacken aber kruselten sich, der
glttenden Hand eigensinnig entschlpft, kleine, feine goldige Lckchen und
umgaben den Kopf wie ein Heiligenschein.
    Immer scheuer wurde die Bewunderung, mit der Pavel das Kind betrachtete,
pltzlich trbten sich seine Augen, er hob den Arm empor und prete ihn an sein
Gesicht.
    Diesem seltsamen Empfang gegenber blieb die Kleine eine Weile ratlos,
umfing ihren Bruder aber bald von neuem, und unter ihren Liebkosungen wich der
entfremdende Bann, der ihn bei ihrem Anblick ergriffen hatte. Er setzte sich,
nahm sie auf seinen Scho, kte und herzte sie und lie sich von ihr erzhlen,
wollte auf das genaueste wissen, wie sie lebte, was sie tat, was sie lernte, vor
allem jedoch - was sie zu essen bekam. Er staunte, wie geringen Wert sie auf
diese so wichtige Sache legte, wie ihr um nichts so sehr zu tun war als darum,
das bravste Kind im ganzen Kloster zu sein, und um die Anerkennung dieser
Tatsache.
    Es ist schwer, die Bravste zu sein, weil so viele gute Kinder da sind; aber
ich bin's doch! sagte sie, richtete sich freudig auf und rief mehr im Ton der
berzeugung als der Frage: Du bist es auch?
    Ich? entgegnete er, voll ehrlicher Verwunderung - - wie soll denn ich
brav sein?
    Ohne die verschrnkten Finger von seinem Nacken zu lsen, streckte sie die
Arme aus, bog sich zurck, sah ihm in die Augen und sprach: Wie du brav sein
sollst? - So halt - wie man halt brav ist; man tut nichts Unrechtes... Du wirst
doch nichts Unrechtes tun?
    Er schttelte den Kopf, suchte sich von ihr loszumachen, besonders aber
ihren Blick zu vermeiden: Warum soll ich nichts Unrechtes tun? murmelte er -
es geht nicht anders.
    Und welches Unrecht tust du zum Beispiel?
    Zum Beispiel? ... Ich nehme den Leuten Sachen weg...
    Was fr Sachen?
    Wie du fragst? - Was soll ich denn nehmen? was ich immer genommen habe,
Obst - oder Rben oder Holz...
    Mit steigender Angst, aber noch zweifelnd, schrie die Kleine auf: Dann bist
du ja ein Dieb!
    Ich bin auch einer.
    Das ist nicht wahr! sag, da es nicht wahr ist, da du nicht schlecht bist!
um Gottes willen, sag es...
    Sie drohte, schmeichelte und geriet in Bestrzung, als er die Entschuldigung
vorbrachte: Wie soll ich nicht schlecht sein? Die Eltern sind ja auch schlecht
gewesen.
    Just deswegen! rief sie, begreifst du's nicht? - Just deswegen bin ich
die Bravste im ganzen Kloster und mut du der Bravste sein im ganzen Dorf...
damit der liebe Gott den Eltern verzeiht, damit ihre Seelen erlst werden...
Denk an die Seele des Vaters, wo die jetzt ist...
    Eine fliegende Blsse berzog wie ein Hauch ihre rosigen Wangen. Wir mssen
immer beten, fuhr sie fort, beten, beten und gute Werke tun und uns bei jedem
guten Werke sagen: Fr die arme Seele, die im Fegefeuer brennt.
    Mit tiefster Durchdrungenheit stimmte Pavel bei: Ja, die brennt gewi.
    O Gott im Himmel! ... und weit du, was ich glaube? flsterte die Kleine -
wenn wir schlimm sind, da brennt sie noch rger, weil der liebe Gott sich
denkt, das kommt von dem bsen Beispiel, welches diese Kinder bekommen haben
von... Sie hielt inne, schluckte einigemal nacheinander, ihre Augen ffneten
sich weit und starrten den Bruder voll leidenschaftlichen Schmerzes an.
Pltzlich fate sie seinen Kopf mit beiden Hnden, drckte ihr Gesicht an das
seine und fragte: Warum stiehlst du?
    Ach was, erwiderte er, la mich.
    Sie umklammerte ihn fester und rief wieder ihr beschwrendes: Sag! sag!
und da er durchaus nicht Rede stehen wollte, begann sie zu raten: Stiehlst du
vielleicht aus Hunger... Bist du vielleicht manchmal hungrig?
    Er lchelte gelassen: Ich bin immer hungrig.
    Immer!
    Ich denk aber nicht immer dran, suchte er sie zu beruhigen, als sie in
Jammer ausbrach ber diese Antwort; doch hrte die Kleine ihn nicht an, sondern
rannte, unter heftigen Vorwrfen gegen sich selbst, aus dem Zimmer.
    Bald erschien sie wieder, gefolgt von einer Laienschwester, die einen
reichlich mit Brot und Fleisch besetzten Teller trug. Der wurde auf den Tisch
gestellt und Pavel eingeladen, sich's schmecken zu lassen.
    Er machte der Aufforderung Ehre, a hastig, war aber erstaunlich bald satt.
    Ist das dein ganzer Appetit? fragte die Klosterdienerin und sah ihn mit
jungen hellen Augen freundlich an. Bist nicht gewohnt ans Essen, hast gleich
genug, ich kenn das schon. Woher kommt er denn, wer ist er? wandte sie sich an
Milada.
    Von zu Hause, antwortete diese, er ist mein Bruder.
    Nun ja, in Christus, jeder Arme ist unser Bruder in Christus.
    So mein ich's nicht, er ist mein wirklicher Bruder! beteuerte Milada und
wurde bse, als die Schwester sie ermahnte, sich erstens nicht zu rgern und
zweitens nicht einmal im Scherz eine Unwahrheit zu sagen.
    Aber ich sag ja keine Unwahrheit, Schwester Philippine! Fragen Sie die
ehrwrdige Mutter, fragen Sie das Frulein Pfrtnerin! ... eiferte das Kind.
Die Klosterdienerin aber erwiderte gutmtig verweisend: Seien Sie ruhig,
Frulein Maria, seien Sie nicht schlimm, Sie waren schon so lange nicht mehr
schlimm. Nur nicht wieder in den alten Fehler verfallen, sonst mt ich's
melden; Sie wissen recht gut, da ich's melden mt. Damit nahm sie rasch den
Teller vom Tisch, nickte den Kindern einen munteren Abschiedsgru zu und ging.
    Sie will nicht glauben, da ich dein Bruder bin, sprach Pavel nach einer
Weile.
    Milada legte wieder ihre Wange an die seine und flsterte ihm ins Ohr:
Vielleicht glaubt sie's doch.
    Glaubt's doch? ... Warum tut sie dann so? ... Und warum hast du ihr's nicht
besser gesagt? Warum warst du gleich still? ... Ich bin still, wenn ich recht
hab, weil's mich freut, wenn die Leut so dumm sind, und ich mir dann so gut
denken kann: Ihr Esel! - Aber du brauchst das nicht.
    Ja ich! ich bin auch still, nicht aus Trotz und Hochmut wie du - aus Demut
und Selbstberwindung. Sie warf sich in die Brust, und ihr Gesichtchen
leuchtete vor Stolz: Damit die Engel im Himmel ihre Freude an mir haben.
    Nachdem sie sich an der Bewunderung geweidet, mit der er sie ansah, fuhr sie
fort: Pavel, ich darf unserer Mutter nicht schreiben, aber du schreibe ihr;
schreibe ihr, da ich immerfort fr sie bete und nichts anderes werden will als
eine Heilige... Ja! ... und da ich auch fr sie sorge, schreibe ihr, und mir
alle Tage etwas abbreche fr sie und alle Tage wenigstens ein gutes Werk tue fr
sie... Und du, Pavel, unterbrach sie sich, fate ihn an beiden Schultern und
fragte: Was tust du fr unsere Mutter?
    Ich? lautete seine Antwort, - ich tu halt nichts.
    Ach geh! du wirst schon etwas tun...
    Was soll ich tun? - ich wei nicht was.
    So sag ich dir's! - Du sollst dran denken, was die Mutter anfangen wird,
wenn sie heimkehrt: Wohin soll sie gehen, wo soll sie wohnen, die arme Mutter?
    Und nun kam Milada mit einem ganz fertigen Plan, der darin bestand, da
Pavel einen Grund kaufen und fr die Mutter ein Haus bauen msse.
    Er rgerte sich: Wie soll denn ich ein Haus bauen? Ich hab ja kein Geld.
    Aber ich habe! rief das Kind. Wart, ich bring dir's... bleib ruhig sitzen
und wart.
    Eilends flog sie davon; lange jedoch dauerte es, eh sie wiederkam. Die
Pfrtnerin folgte ihr und hielt einen Gegenstand, den Milada in der Hand trug,
scharf im Auge: Halt, sprach die Klosterfrau, was wollen Sie damit tun?
    Ich schenk es meinem Bruder, ich hab Erlaubnis von der ehrwrdigen Mutter.
    Die Pfrtnerin betrachtete das Kind mibilligend, fragte gedehnt:
Wirklich? und zog sich langsam mit leise gleitenden Schritten zurck.
    Milada schwang triumphierend einen gestrickten Beutel, durch dessen weite
Maschen es hell und silbern blinkte. Er enthielt ihre Ersparnisse, das von der
Frau Baronin erhaltene und gewissenhaft zurckgelegte Wochengeld, im ganzen
vierunddreiig Gulden. Da man damit noch keinen Grund kauft und noch kein Haus
baut, leuchtete sogar dem geschftsunkundigen Pavel ein; aber es war doch ein
Anfang, es war doch ein Eigentum, an das sich die Hoffnung, es zu vergrern,
knpfen lie. Die Kinder berieten, wie das geschehen solle, und Milada kam bald
darauf, da ihr Bruder fleiig arbeiten und etwas verdienen msse.
    Pavel aber meinte: Wie soll denn ich etwas verdienen? Solang ich beim
Hirten bin, kann ich nichts verdienen... Ja! rief er - ja wenn... Ein Gedanke
war in ihm aufgetaucht, und dieses ungewhnliche Ereignis versetzte ihn in
fieberhafte Erregung - wenn ich hierbleiben drft, sie haben ja eine
Wirtschaft, die Klosterfrauen... wenn sie mir etwas zu tun geben mchten in der
Wirtschaft...
    In der Wirtschaft? fragte Milada und machte groe Augen.
    Wenn sie mir einen Dienst gehen mchten, fuhr er fort, bei den Ochsen,
bei den Pferden, bei den Khen oder so etwas, da ich hierbleiben knnt, da ich
nur nicht ins Dorf zurck mt.
    Er fate ihre Hnde und beschwor sie, seine Frsprecherin bei den
Klosterfrauen zu sein. Nachdem seine trge Phantasie einmal begonnen hatte, ihre
Schwingen zu entfalten, flog sie beharrlich fort und trug ihn immer hher empor.
Ein so ausgezeichneter Knecht wollte er werden, da die Befrderung zum Aufseher
und dann zum Meier nicht lange auf sich warten lassen knnte. Von dem Geld, das
er verdiente, wollte er daheim im Dorf ein Haus fr die Mutter bauen. Die sollte
nur dort wohnen, er blieb in der Nhe seiner Schwester, und wie er sie heute sah
und sprach, so wrde er sie dann sehr oft sehen und sprechen, und wenn das sein
knnte, dann wre er glcklich, wre brav, aus wre es mit der Schlechtigkeit,
mit der Dieberei, aus mit der - Pavel ballte die Faust gegen ein unsichtbares
Wesen: mit der Vinska, wollte er sagen, doch berkam es ihn, als drfe er den
Namen in Gegenwart seiner Schwester nicht aussprechen. Das Kind schmiegte sich
an ihn, machte keine Einwendung, hrte seiner Erzhlung wie der des schnsten
Mrchens zu und setzte manchmal noch ein Licht auf in dem freundlichen Bilde,
das er entwarf.
    Ja, du wirst der Meier sein und ich die Heilige! hatte die Kleine eben
freudig ausgerufen... da ertnte laut und lange fortgesetzt, aus der Ferne erst,
dann nher und nher der Schall einer Glocke. Milada seufzte tief auf.
    Das Zeichen, sagte sie.
    Was fr ein Zeichen?
    Da du fortgehen mut.
    Ich geh aber nicht! Du hast ja selbst gesagt, da ich hierbleiben kann,
rief Pavel, und die Kleine erwiderte bestrzt: Was fllt dir ein? Ich darf so
etwas nicht sagen.
    Nun begann es dicht vor der Tr zu schellen, sie wurde geffnet, die
Pfrtnerin lie sich blicken, sprach nicht, setzte aber die Glocke, die sie in
der Hand hielt, immer heftiger in Bewegung.
    Zugleich erschien eiligen Schrittes Schwester Philippine und rief Pavel zu:
Die Sprechstunde ist aus, hchste Zeit, empfiehl dich, vorwrts, vorwrts!
    Er gab keine Antwort und gehorchte auch nicht. Die Klosterdienerin
wiederholte ihre Mahnung; Pavel aber, den Kopf gesenkt, mit den Fingern einer
Hand die der andern pressend und zerrend, blieb auf seinem Sessel sitzen. Die
Pfrtnerin rief eine zweite Laienschwester herbei, gab auch ihr Befehl, den
zudringlichen Burschen fortzuschaffen, und winkte Milada, das Zimmer zu
verlassen. Die Kleine zgerte. Da kam die Nonne auf sie zu und ergriff sie beim
Arme: Sie gehen hinauf in die Klasse, sprach sie, mit uerstem Bemhen, das
Beben ihrer Stimme zu verbergen und den schchternen Widerstand des Kindes mit
Sanftmut zu besiegen. Doch funkelte Unwillen aus ihren dunklen Augen, und die
leisen Worte, die sie dem Klosterzgling zuflsterte, schienen, nach dem
Eindruck, den sie hervorbrachten, zu schlieen, nicht eben gtige zu sein. Die
Kleine lauschte ihnen mit gespannter, angstvoller Aufmerksamkeit, rief
pltzlich: Leb wohl, Pavel! leb wohl! und eilte hinweg.
    Da sprang er auf, stie die Laienschwestern, die ihn festhalten wollten, zur
Seite und strmte Milada in die Halle nach. Bleib! schrie er- hast du
vergessen, was wir tun wollen, was geschehen mu? Bleib da und sag's den
Klosterfrauen!
    Er wurde immer ungebrdiger und bedrohte die Dienerinnen, die sich
anschickten, ihn mit Gewalt fortzuschaffen. Die friedliche Klosterhalle stand in
Gefahr, der Schauplatz eines kleinen Handgemenges zu werden, als die aus dem
Garten hereinfhrende Tr geffnet wurde und einem langen Zuge von Nonnen Einla
gewhrte, an dessen Spitze die Oberin zwischen den zwei nchsten
Wrdentrgerinnen schritt. Ein mildes Lcheln auf dem schnen Gesichte, die
groen klaren Augen mit dem Ausdruck leisen Staunens auf die erregte Pfrtnerin
gerichtet, kam sie bis zum Eingange des Sprechzimmers und blieb vor demselben
stehen. Die Pfrtnerin war pltzlich wie versteinert, die Laienschwestern
knixten bis zur Hlfte ihrer natrlichen Gre zusammen, Milada neigte sich in
tiefer Verbeugung, lehnte das Kpfchen auf die Schulter, errtete und
erbleichte.
    Was gibt es denn? was geschieht hier? fragte die Oberin, und so wohl dem
Auge der Anblick ihrer edlen Zge, so wohl tat dem Ohr der reine Metallklang
ihrer Stimme: Warum ist unsere kleine Maria noch nicht in die Klasse
zurckgekehrt?
    Die Pfrtnerin gab eine etwas verworrene Erklrung dessen, was sich eben
zugetragen; sie schonte dabei Pavels nicht, und die hohe Vorgesetzte hrte ihr
zu, mit nicht mehr Ungeduld, als ein Engel htte verraten drfen, und lie mit
der Teilnahme eines solchen ihren Blick auf dem verklagten beltter ruhen.
    Mit den Klosterfrauen willst du sprechen? sagte sie zu ihm; so sprich,
mein Kind, da sind die Klosterfrauen.
    Pavel erbebte vor Entzcken und Hoffnungsfreudigkeit bei diesen gtigen
Worten; aber zu tun, wie sie ihn geheien, vermochte er nicht. Zagend blinzelte
er zu der Ehrwrdigen empor, die vor ihm stand, so licht und hehr in ihren
dunklen Gewndern. Ihm war, als htte er in das Antlitz der Heiligen Jungfrau
geschaut... und als sein Blick im Niedergleiten ihre Hnde streifte, da meinte
er zwischen den schlanken, ber dem Grtel gefalteten Fingern den Schlssel zum
Himmel blinken zu sehen... Wie gepackt und niedergeworfen von einer gewaltigen
Faust lag er mit einemmal auf seinen Knien, und seine Lippen murmelten leise und
inbrnstig: Erlsen! Erlsen!
    Im nchsten Augenblick kniete seine Schwester neben ihm und begann auch zu
rufen, nur lauter, nur khner als er: Erlsen! ... Erlsen! ... Ehrwrdige
Mutter, erlsen Sie ihn!
    Die Angeflehte machte eine Bewegung der Abwehr. Sie reichte Milada beide
Hnde, zog sie in die Hhe und sprach: Ich wei nicht, was ihr wollt, und so
bittet man nicht. Auch du, Bursche, steh auf und sage vernnftig, was du zu
sagen hast.
    Pavel erhob sich sogleich; seine Wangen glhten braunrot, Schweitropfen
perlten an den Wurzeln seiner Haare; er wollte sprechen, brachte aber nur ein
heiseres und undeutliches Gemurmel hervor.
    Sprich du fr ihn, was will er? wandte die Oberin sich an Milada.
    Er mchte so gern hierbleiben, erwiderte das Kind bewegt und kleinlaut;
er mchte ein Knecht sein bei den Khen oder bei den Pferden.
    Die Ehrwrdige lchelte, und ihr Gefolge, die groen und die kleinen Nonnen,
die breiten und die schmalen, die freundlichen und die strengen lchelten
gleichfalls.
    Wie kommt er auf den Gedanken? hat ihn jemand hergewiesen? ... Frulein
konomin, ist eine Stelle frei in der Wirtschaft?
    Keine, antwortete die Angeredete.
    Pavel bildete sich ein, zwischen den beiden Frauen sei es hin- und
hergeflogen wie ein Blick stillen Einverstndnisses, als die Oberin von neuem
gefragt: Vielleicht denke aber der Meier daran, einen der Knechte zu entlassen?
Der Bursche kann frher davon gehrt haben als wir; wre das nicht mglich?
    Nein. Ich wei ganz bestimmt, da der Meier nicht daran denkt, einen Knecht
zu entlassen.
    So - so, versetzte die Oberin; nun denn, mein Kind, da ist nichts zu tun,
da waren diejenigen, die dich zu uns geschickt haben, falsch berichtet. Geh denn
heim, mein Kind, geh mit Gott, und du, kleine Maria, in die Klasse! - in die
Klasse!
    Sie wollte sich abwenden und ihren Weg weiterverfolgen. Pavel warf sich ihr
entgegen; ehrfurchtsvolle Scheu hatte bisher seine Zunge gebunden, die Angst der
Verzweiflung lste sie.
    Um Gottes willen, gtige, gebenedeite Klosterfrau, rief er und fate die
Oberin am Kleide, um Gottes willen, behalten Sie mich! Schicken Sie mich nicht
ins Dorf zurck... Meine Milada sagt, da ich brav werden soll, im Dorf kann ich
nicht brav werden... Hier will ich's sein, behalten Sie mich hier... Im Dorfe
bin ich ein Dieb und mu ein Dieb sein...
    Kind, Kind, was sprichst du? entgegnete die Ehrwrdige; niemand mu ein
Dieb sein, jeder Mensch kann sich sein Brot redlich verdienen.
    Ich nicht! schrie Pavel und wehrte sich mit allen Krften gegen zwei
Nonnen, die vorgetreten waren und das Gewand der Oberin aus seinen Hnden zu
lsen suchten, ich nicht! ... Was ich verdiene, nimmt der Virgil und
versauft's, und ich mu auch seine ganze Arbeit tun und bekomme nichts... Die
Gemeinde sollte mir Kleider geben und gibt mir nichts... und wenn die Virgilova
hingeht und sagt: Der Bub hat kein Hemd, der Bub hat keine Jacke, sagen sie: Und
wir haben kein Geld... aber wenn sie auf die Jagd gehen wollen und ins
Wirtshaus, dann haben sie immer Geld genug...
    Unglubig schttelte die Oberin den Kopf und machte Einwnde, die Pavel
widerlegte. Der wortkarge Junge sprach sich in eine wahre, derb zutreffende
Beredsamkeit hinein. Was er vorbrachte, war nicht die Frucht langen Nachdenkens;
die Erkenntnis seines ganzen Elends kam ihm zugleich mit derjenigen, da es eine
Rettung gehen knne aus diesem Elend, und jede neue Anklage gegen seine
schlechte Adoptivmutter, die Gemeinde, und jeden neuen Ausbruch der Entrstung
und des Jammers schlo er mit dem leidenschaftlichen Beschwren: Behalten Sie
mich! Schicken Sie mich nicht ins Dorf zurck! Allein - ob seine Augen sich
angst- oder hoffnungsvoll auf die hohe Frau richteten, welcher er die Macht
zuschrieb, sein trostloses Schicksal in ein glckliches zu verwandeln, immer
begegneten sie demselben Ausdruck sanfter Unerbittlichkeit. Und wie sie vor sich
hinblickte, unendlich fromm, unendlich teilnahmslos, so tat ihr ganzes Gefolge,
und der schwer begreifende Pavel begriff endlich, da er umsonst gebeten hatte.
    Geh, mein Kind, sprach die Oberin, geh mit Gott und bedenke, wo immer du
wandelst, wandelst du unter seinen Augen und unter seinem Schutz. Und wenn er
mit uns ist, was vermgen die Menschen wider uns? Was vermag ihr bses Beispiel
und was die Versuchung, in welche ihr bses Beispiel uns fhrt? Geh getrost,
mein Kind, und der Herr geleite dich.
    Sie gab der Pfrtnerin einen Wink; diese eilte, die Tr der Halle zu ffnen.
Stumm, ohne Gru schritt Pavel dem Ausgang entgegen. Da ertnte pltzlich ein
durchdringender Schrei. Milada, die bisher regungslos dagestanden, ohne den
Blick, ohne das ein wenig heuchlerisch zur Seite geneigte Kpfchen auch nur
einmal zu erheben, rannte ihrem Bruder nach: Warte, ich geh mit dir! rief sie,
hing sich an seinen Hals, kte ihn und schluchzte: Armer Pavel! Armer Pavel!
Ganz auer sich schlug sie mit den kleinen Fusten nach den Nonnen, die an sie
herantraten und sie in sanft beschwichtigender Weise zur Ruhe ermahnten. Sie
keuchte, sie wimmerte: Lassen Sie mich! Ich will mit ihm gehen, weil er arm
ist, weil er ein Dieb ist... Sehen Sie! sehen Sie! er hat Lumpen, er hat nichts
zu essen, ich will auch Lumpen haben, ich will auch nichts zu essen haben, ich
will nicht eine Heilige sein und in den Himmel kommen, wenn er in die Hlle
kommt!
    Sie schrie, als ob sie sich mit Gewalt die Brust zersprengen wollte, und er,
kmpfend zwischen seiner Bestrzung ber die Heftigkeit und seiner Freude ber
diese unerwartete uerung ihrer Liebe, starrte sie an, beschmt, beglckt - und
vllig ratlos und rhrte sich nicht, als die Klosterfrauen einen dichten Kreis
um ihn und Milada schlossen, die Arme der Kleinen von seinem Nacken lsten und
sie, festgehalten an Hnden und Fen, emporhoben. Es geschah mit grter
Schonung, ohne das geringste Zeichen von Ungeduld; ein tiefes Leid, ein inniges
Bedauern war alles, was sich in den Mienen der frommen Frauen aussprach, als ihr
Zgling auch jetzt noch seinen Widerstand fortsetzte.
    Pavel! kreischte das Kind, Pavel, rei mich los! ... Gehen wir fort, weit
weg... gehen wir zusammen in die Arbeit, in den Ziegelschlag wie frher, wie
damals, wo wir klein waren... ich will achtgeben auf dich, da du kein Dieb mehr
bist... Rei mich los! ... Nimm mich mit... Geh nicht allein... ich seh dich nie
mehr, wenn du allein weggehst... Sie lassen dich nie mehr zu mir... Nie mehr!
    Ihr Schreien endete in nicht unterscheidbaren Lauten, in einem heiseren
Husten. Pavel sthnte; der Hilferuf der Kleinen schnitt ihm ins Herz, und doch
blieb er unbefangen genug, um zu denken: Was sie verlangt, ist unmglich, was
sie sich zutraut, geht weit ber ihre Krfte. Sie schwieg endlich - gewi vor
Erschpfung. Pavel konnte sie nicht sehen - drei- und vierfach waren allmhlich
die Reihen geworden, welche die Klosterfrauen zwischen ihr und ihm bildeten.
Statt der berangestrengten Stimme seiner Schwester vernahm der Bursche eine
reine, glockenhelle, die ermahnte, zusprach, gleichmig, eindringlich und immer
leiser... Pavel hielt den Atem an und horchte-die Kleine blieb ruhig. - Nur
aufseufzen hrte er sie manchmal aus tiefster, schmerzzerrissener Brust, und
scheinen wollte ihm, als nenne sie dabei seinen Namen. Und er hielt sich nicht
lnger, er strzte vor, den Kreis zu durchbrechen, der ihm den Anblick seiner
Schwester entzog. Er hatte Widerstand erwartet und fand keinen; wie auf ein
gegebenes Zeichen wichen die Klosterfrauen zu beiden Seiten aus, und er sah
Milada vor sich stehen, an der Hand der Oberin, bleich, zitternd, das Kpfchen
wieder schief geneigt, die rotgeweinten Augen gesenkt - die um ihn rotgeweinten
Augen! ... Eine fast unberwindliche Lust ergriff ihn, sie in seine Arme zu
nehmen und mit ihr zu entfliehen. Die Tr war offen, ein paar Stze, und er
htte das Freie erreicht, und einmal drauen, sollten sie ihm nur nachlaufen,
die Klosterfrauen! ... Aber dann? Wohin fhrst du das Kind? fuhr es ihm durch
den Kopf, und die Antwort lautete: Ins Elend! und er berwand die rasch und hei
auflodernde Versuchung.
    Tritt nher, sprach die Oberin, sage deiner Schwester Lebewohl.
    Er folgte dem Gehei und setzte aus eigener Machtvollkommenheit hinzu: Am
nchsten Sonntag komm ich wieder.
    Die Kleine brach von neuem in Trnen aus und flsterte, ohne aufzublicken:
Darf er?
    Das kann ich nicht im voraus sagen, erwiderte die Ehrwrdige: es hngt ja
nicht von mir ab, sondern von dir, von deiner Auffhrung. Dein Bruder darf immer
kommen, wenn du gut, gehorsam und - sie legte besonderes Gewicht auf diese
Worte - nicht ungeduldig bist.
    So schau! rief Pavel frhlich aus. Die Bedingnis, an welche sein
Wiedersehen mit der Schwester geknpft worden, enthielt fr ihn die trostreiche
Verheiung. Er begriff nicht, warum Milada traurig und unglubig den Kopf
schttelte, als er, sie kssend und umarmend, versprach, sich in acht Tagen
gewi wiedereinzufinden. Und als die Kleine hinweggefhrt worden, und als er,
dem Befehl der Pfrtnerin gehorchend, die Halle verlassen hatte und nun drauen
stand auf dem Platz vor dem Kloster, lachte er vor sich hin. Er lachte ber das
trichte Kind, das die Trennung von ihm jahrelang guten Mutes ertragen und das
sich nun, da es einen Abschied fr eine Woche galt, so bitter grmte. Die arme
Kleine, wie liebte sie ihn! Wann htte er sich's trumen lassen, da sie ihn so
sehr liebe! - Alles wre sie bereit gewesen um ihn aufzugeben, das schne Haus,
in dem sie wohnte, ihre guten Kleider, das gute Essen... ja sogar die sichere
Aussicht auf das Himmelreich...
    Das will er ihr lohnen, er wei schon wie; er wird sich ihrer Liebe wrdig
machen. Wonniger Stolz, die herrlichste Zuversicht erfllten ihn; etwas
Kstliches, Unbegreifliches schwellte sein Herz. Er gab sich keine Rechenschaft
davon, er htte es nicht zu nennen gewut, es war ihm ja so neu, so fremd, es
war ja - Glck. Unter dem Einflu des Wunders, das sich in ihm vollzog, meinte
er auch von auen kommende Wunder erwarten zu mssen. Und wie er so langsam
dahinschritt, gestaltete sich aus seinen wehenden Trumen immer deutlicher die
berzeugung, da er einer groen Vernderung seines Schicksals entgegengehe, dem
geheimnisvollen Anfang zu einem schneren, besseren Leben.
    Eine Stunde wanderte er bereits und hatte kaum den vierten Teil des Weges
zurckgelegt, da berholte ihn ein Bote, der gleichfalls aus der Stadt kam und
nach dem Dorfe ging; ein alter Bekannter, der Nachtwchter Wendelin Much. Der
Mann wurde jeden Sonntag am frhen Morgen von der Baronin nach dem Kloster
geschickt. Er berbrachte das Taschengeld fr Milada, einen Brief fr die Oberin
und Geschenke fr ihre Armen und hatte den Wochenbericht ber den Schtzling der
gndigen Frau in Empfang zu nehmen. Demjenigen, den die Ehrwrdige heute sandte,
waren in Eile folgende Zeilen hinzugefgt worden:
    - Die Zusammenkunft der beiden Kinder hat den erwarteten Erfolg nicht
gehabt. Dieselbe gab vielmehr dem Tropfen Vagabundenblut, der leider in den
Adern unseres Lieblings rollt, Gelegenheit, sich wieder zu regen. Wir frchten,
es werde langer Zeit bedrfen, bevor es uns gelingt, den blen Eindruck, den
dieses erste und, wenn Frau Baronin unseren Rat befolgen, auch letzte
Wiedersehen der Geschwister auf Maria hervorgebracht hat, zu verwischen.

                                       8


Als Pavel am spten Nachmittag heimkehrte, sah er schon am Beginn der Dorfstrae
die Virgilova wie auf der Lauer stehen. Sie rief ihn von weitem an und begrte
ihn voll Freundlichkeit und fragte teilnehmend nach seinen Erlebnissen. Er gab
einsilbige Antwort, schielte mitrauisch nach der Alten und dachte: Was will sie
mir antun, die Hexe?
    Seine Ungewiheit ber ihre Absichten dauerte nicht lange, die
Hartnckigkeit, mit der sie sich an seine Fersen heftete, ihre eifrig und
ngstlich wiederholten Ermahnungen: Wart doch! ... Renn nicht so! fhrten ihn
auf die rechte Spur: Von der Htte wollte die Alte ihn fernhalten, in der Htte
ging etwas vor, dessen Zeuge er nicht sein sollte... Den Verdacht kaum gefat,
und sofort versetzte er sich in Trab, war bald an Ort und Stelle, stie heftig
die Tr auf und sprang in den Flur. Sein erster Blick richtete sich nach der
Stube. Dort sa Vinska auf dem Bette, schn und nett angetan, hielt die Hnde
vor dem Gesicht und schluchzte. Vor ihr stand der Peter mit einer wahren
Armensndermiene, war feuerrot und hatte sein Htlein, das drei Pfauenfedern
schmckten, weit zurck ins Genick geschoben.
    Als Pavel auf der Schwelle erschien, erhob Vinska sich rasch: Bist wieder
da? was willst? was suchst? rief sie.
    Er blickte finster und grimmig die Federn auf Peters Htlein an und fragte:
Hast ihm die geschenkt?
    Eines Atemzugs Dauer war Vinska verwirrt, der Brgermeisterssohn aber warf
sich in die Brust. Was untersteht sich der Hund? - Geht's dich an? sprach er.
Troll dich!
    Pavel spreizte die Beine aus und stemmte sie auf den Boden, als ob er an ihn
anwachsen wolle. Fr dich hab ich die Federn nicht gestohlen. Sie gehren der
Vinska. Gib sie der Vinska zurck!
    Peter wandte den Kopf, ohne ihn zu erheben, brllte ein langgedehntes
drohendes Du! und holte mit der Faust gegen Pavel aus. Im selben Augenblick
glitt Vinska ihm in den Arm und lehnte sich an ihn mit der ganzen Wucht ihrer
krftig zierlichen Gestalt. Sie trocknete an seiner Schulter eine Trne ab, die
ihr noch auf der Wange stand. Tu ihm nichts, er wei ja nichts, sprach sie,
er ist so dumm!
    Wer? stie Pavel hervor, und kalter Schwei trat ihm auf die Stirn.
    Der fragt! antwortete das Mdchen, und jetzt hr an und merk dir: Was mir
gehrt, gehrt auch dem - sie tippte mit dem Finger auf Peters Brust -, ich
brauch es ihm nicht erst zu schenken, weil ich selbst ihm gehre mit Haut und
Haar. Und solange er mich behalten will, ist's recht, und wenn er mich einmal
nicht mehr will, geh ich in den Brunnen.
    Der Brgermeisterssohn wiederholte sein frheres Du! aber diesmal richtete
es sich an die Geliebte. Seine Drohung schlo einen zrtlichen Vorwurf ein, und
so stmmig und selbstbewut er dastand, und so hilflos und voll Hingebung sie an
ihm lehnte, die Strkere - schien sie.
    Greine nur, ich wei doch, da ich in den Brunnen mu߫, sprach sie
seufzend; heiraten kann ja mein Liebster mich armes Mdel nicht.
    Heiraten, der- dich? Pavel brach in ein plumpes Gelchter aus. Heiraten?
... Das hast dir gedacht?
    Nie - entgegnete Vinska schwermtig. Ich hab mir nie etwas anderes
gedacht als: Er ist halt mein erster Schatz, ich werd schon loskommen von ihm,
kommen ja so viele los von ihrem ersten Schatz... Jetzt aber merk ich - ich
kann's nicht, und wenn's heute heit: der Peter gehorcht dem Vater und heiratet
die reiche Miloslava, sag ich kein Wort und geh nur in den Brunnen.
    Mdel! Mdel! schrie Peter, stampfte mit dem Fue, fate ihr rundes
Kpfchen mit seinen beiden Hnden und drckte einen leidenschaftlichen Ku auf
ihren Mund.
    Pavel strzte aus der Htte.
    Drauen schttelte er sich, als ob er in einen Bremsenschwarm geraten wre
und das giftige Getier, das ihn von allen Seiten anfiel, loszuwerden suche. Dann
begann er, so mde er war, ein rastloses Wandern durch das Dorf. Da die Vinska,
trotz des Versprechens, das er ihr abgerungen, die Geliebte Peters geblieben
war, daran - suchte er sich einzureden - lag ihm nichts mehr. Aber da sie, die
Tochter des Trunkenbolds Virgil und seines verachteten Weibes, es darauf
abgesehen hatte, die Frau des Brgermeistersohnes zu werden, das erschien ihm
unverzeihlich und frevelhaft; dafr konnte die Strafe nicht ausbleiben und dafr
mute die Vinska am Ende wirklich in den Brunnen.
    Bei dem Gedanken ergriff ihn ein schneidendes, unertrgliches Weh und
zugleich eine wtende Lust, den anderen etwas mitzuteilen von seiner Pein. Die
Dunkelheit war hereingebrochen, tiefe Ruhe herrschte, und ihr Frieden emprte
den Friedlosen, der umherirrte, grollend, mit kochendem Blut. Er hatte das
Bereich der Huslerhtten verlassen, er schritt am hoch eingeplankten
Wirtsgarten dahin, dem gegenber das Haus des Brgermeisters sich erhob. Die Tr
desselben wurde eben geffnet, zwei Mnner traten heraus, Pavel erkannte sie an
ihren Stimmen, als sie jetzt ber die Strae herberkamen: es waren die zwei
ltesten Geschworenen.
    Steht schlecht mit ihm, wird's nicht mehr lang machen was meinst? sagte
der eine.
    Kaum mehr lang, erwiderte der andere.
    Wer? - Um Gottes willen, wer wird's nicht mehr lang machen? ... Der
Brgermeister... Pavel besann sich pltzlich, da er dem Manne jngst begegnet
war und ihn erst nicht erkannt hatte, weil er so verndert ausgesehen... Der
Brgermeister ist krank und wird sterben, und dann ist Peter sein eigener Herr
und kann die Vinska heimfhren... wenn er will...
    Die Bauern schritten dem Wirtshaus zu, Pavel folgte ihnen, ihren Reden
lauschend, aber nicht fhig, eine Silbe zu unterscheiden. Ein heftiges Hmmern
und Brausen in seinem Kopf bertnte den von auen kommenden Schall. Der
Gedanke, der ihn einen Augenblick rasend gemacht, hatte seine Schrecken verloren
vor einem anderen, nicht minder peinlichen, aber viel ungeheuerlicheren, weil er
das Unmgliche als mglich erscheinen lie und ihm die Gehate, die Geliebte
zeigte vor dem Altar, im Brautkranz, der ihr nicht mehr gebhrte. Ein
unleidlicher Schmerz ergriff ihn, und dem tobenden Kampf in seiner Seele
entstieg der zornige Wunsch: Wenn sie doch lieber in den Brunnen mte!
    Den vor ihm langsam herschreitenden Mnnern schlossen sich andere an, die
Gruppe blieb eine Weile im schleppenden, wortkargen Gesprch vor der offenen
Wirtshaustr stehen und trat dann in die Gaststube. Pavel schlich nach bis in
den Flur, weiter wagte er sich nicht. Das Zimmer war berfllt, doch gab es
heute weder Tanz noch Musik; man spielte Karten, man rauchte, man trank, man
zankte. Einige Bursche traktierten ihre Mdchen mit Braten und Wein. An einem
Tisch sa Arnost zwischen der Magd und dem Knecht des Herrn Postmeisters bei
einem Glase Bier, aus dem die drei abwechselnd tranken. Der schmchtige
Huslerssohn hatte sich in der letzten Zeit tchtig herausgemacht, sah
wohlgenhrt aus, war ordentlich gekleidet, befand sich sogar im Besitz einer
Tabakspfeife. Vor einem Jahre hatte er das Glck gehabt, seinen liederlichen
Vater zu verlieren, seitdem ging es ihm gut; er erhielt sich und die Mutter von
seiner Hnde Arbeit und erlaubte der Alten nicht mehr, das Diebshandwerk zu
treiben. Als sie es unlngst wieder versuchte und er sie dabei betraf, prgelte
er sie erbarmungslos durch und schwor, er werde die alte Katze schon lehren, das
Mausen aufzugeben. Mit den Genossen seiner Jugendstreiche lie er sich nicht
mehr ein und htte den Pavel nicht einmal mit einem Hlzchen anrhren mgen;
doch erwies er ihm hie und da kleine Wohltaten in Erinnerung der vielen Schlge,
die jener einst an seiner Stelle einkassiert hatte.
    Als er den Hirtenjungen hereingucken sah, machte er die anderen auf ihn
aufmerksam und meinte, dem Buben she doch immer der Hunger aus den Augen. Die
kleine Gesellschaft erhob sich, Arnost bezahlte, behielt aber von den Kreuzern,
die er auf seine Silbermnze herausbekam, einen in der Hand und schleuderte ihn
prahlerisch, noch aus der Mitte des Zimmers, dem Pavel zu. Der fing ihn auf,
hielt ihn ein Weilchen in der erhobenen, geschlossenen Hand, ffnete sie aber
pltzlich und lie das Geldstck zu Boden gleiten.
    Arnost fuhr auf: Dummer Kerl! such ihn jetzt, such den Kreuzer. Pavel aber
streckte die Hnde in die Taschen: Such selbst, ich brauch dein Geld nicht, ich
hab Geld! antwortete er, zog seinen Beutel hervor und schwenkte ihn
triumphierend, da die Silbergulden klapperten.
    - Geld! Der Lump, der Bettler hatte Geld! Da gab's nur einen Aufschrei, da
wurde die Aufmerksamkeit allgemein, viele Leute verlieen ihre Sitze, in der Tr
entstand ein Gedrnge. Der Knecht packte Pavel am Kragen, schttelte ihn und
wetterte: Woher hast du's? woher? Dieb! und nun konnte der Junge sich freuen,
da seine Jacke so morsch war und nachgab, als er den Fu gegen die Beine des
Knechtes stemmte und sich mit einem krftigen Ruck losri. Einen Fetzen des
alten Kleidungsstcks in den Hnden seines Bedrngers zurcklassend, schnellte
er davon, sprang zur Tr und ber die Stufen hinaus in das bergende Dunkel.
    Kaum entronnen, aber die Verfolger auf den Fersen, rief er noch zurck:
Woher ich's hab? - Gestohlen hab ich's! und stob davon mit hhnendem Gelchter
und, durch ihn selbst auf die richtige Fhrte geleitet, eine Schar junger
Bursche, Arnost an der Spitze, fluchend und drohend ihm nach.
    Er rannte die Dorfstrae wieder hinauf bis zu dem Gchen, das, von zwei
Husern gebildet, auf den Platz fhrte, auf dem die Schule stand. In das Gchen
warf er sich, prallte an den friedlich daherschreitenden Nachtwchter an, fegte
den Alten so glatt nieder, da dieser hinfiel wie ein Armvoll Getreide unter
einer scharfen Sense, stolperte selbst, schnellte wieder empor und lief weiter,
indes der Nachtwchter durch sein Geschrei die hinter Pavel Herjagenden, die
seine Spur schon verloren hatten, wieder auf dieselbe lenkte. Dem Gehetzten
blieb eben noch Zeit genug, die Schule zu erreichen. Er fand die Tr
unverschlossen, trat ein, schlug sie zu, schob den Riegel vor und polterte die
Treppe zur Stube des Lehrers hinauf, indes Arnost und seine Gefhrten schon an
der Haustr pochten und lrmten.
    Habrecht sa am Tische mitten im Zimmer, beim Schein einer kleinen hell
brennenden Lampe, und las. Er hatte die Ellbogen auf den Tisch und die Wangen
auf die geballten Fuste gesttzt, und diese sonst so fahlen Wangen waren
gertet, und die sonst immer so matt und mde blickenden Augen glhten in
seltsam schmerzlicher Begeisterung. Wie aus einer hheren, traurig schnen Welt
ins irdische Elend zurckgezerrt, sah er, halb zrnend, halb erschrocken, zu dem
ungestmen Eindringling hinber und verbarg dabei mit einer unwillkrlichen
Bewegung beider Hnde die Bltter des aufgeschlagen vor ihm liegenden Buches.
    Herr Lehrer! keuchte Pavel atemlos, Herr Lehrer, heben Sie mir mein Geld
auf! Er hielt ihm sein Beutelchen hin und berichtete in hastigen, abgebrochenen
Stzen, wie er zu dem Reichtum gekommen war und in welchen Verdacht er sich bei
den Leuten gesetzt hatte, die nun da unten Spektakel machten.
    Hat dich wieder der Teufel geritten? fuhr Habrecht ihn an, lief zum
Fenster, ffnete es, schrie hinab, so laut er konnte, und befahl der brllenden
Meute, sich zurckzuziehen. Er nehme den Buben in Gewahrsam, er stehe gut fr
ihn, er werde ihn morgen schon selbst dem Brgermeister vorfhren. Half alles
nichts, er mute seine Warte verlassen und sich hinunter zu den Strmern
begeben, um sie wenigstens daran zu hindern, ihm die Tr einzurennen. Und
derweil der Alte auf der Strae parlamentierte, stand Pavel in der Stube, mit
brennendem Kopf, die Hnde, die seinen durch ihn selbst gefhrdeten Schatz
festhielten, an die Brust gepret. Ich will's nicht wieder tun, ich will so
etwas nicht mehr sagen, dachte er.
    Eine ihm endlos dnkende Zeit verstrich, der Lrm nahm allmhlich ab, es
ward still. Arnost und seine Begleiter traten den Rckzug an, doch hrte man
noch lange ihre erregten Stimmen. Der Lehrer betrat die Stube, er war sehr
erhitzt, und eine unerhrte Verwirrung herrschte in seinen dnnen, nach allen
Richtungen flatternden Haaren.
    Jetzt sind sie fort, sagte Pavel, und Habrecht brummte: Wenn sie nur
nicht wiederkommen.
    Sie sollen sich unterstehen! rief der Junge mit einem bedeutsamen Blick
auf den Krug, der im Winkel neben dem Bette stand. Wenn sie wiederkommen,
schtte ich ihnen Wasser auf den Kopf.
    Das wirst du bleiben lassen, denk erst daran, dein Geld zu verstecken.
Schau her! Der Lehrer rckte den Tisch gegen die Wand und hob ein Stck der
Diele, auf welcher derselbe gestanden, in die Hhe. Es zeigte sich ein kleiner
hohler Raum, in den der Lehrer das Buch, mit dem Pavel ihn beschftigt gefunden,
und das Geld legte und den er sorgsam verdeckte.
    Der Junge hatte ihm mit der grten Aufmerksamkeit zugesehen, und nachdem
alles in Ordnung gebracht war und der Tisch wieder auf dem alten Fleck stand,
fragte er: Was ist's denn mit dem Buch? Ist's ein Hexenbuch?
    Habrecht geriet in Zorn: Wie tricht redest du und wie frech; weit nicht,
was mich am meisten verdriet, willst auch mich zum Feinde haben, hast noch
nicht Feinde genug? Manchmal, fuhr er, immer mehr in Hitze geratend, fort,
habe ich mich gewundert, da sie alle gegen dich sind, ich htte mich nicht
wundern sollen, es kann nicht anders sein, es ist deine eigene Schuld. Wen magst
denn du? Vor wem hast denn du Achtung? ... Nicht einmal vor mir! ... Ein
Hexenbuch!
    Er wiederholte das Wort mit einem neuen Ausbruch der Entrstung und rang die
anklagend erhobenen Hnde.
    Pavels Gesicht hatte sich gertet und sah frmlich angeschwollen aus, um
seinen Mund zitterte es, als ob er in Trnen ausbrechen wollte. Mit vieler Mhe
wrgte er das Gestndnis hervor, da er entschlossen sei, von heute an ein neues
Leben anzufangen, wie er es am Morgen seiner Schwester Milada habe versprechen
mssen. Nun entsetzte sich der Lehrer noch mehr und lachte grimmig. Das war das
Rechte, das hatte der Junge gut gemacht - vernnftig gewollt, unsinnig
gehandelt, wei beschlossen, schwarz getan. Pltzlich griff er sich an den Kopf
und sthnte im tiefsten Schmerze auf. Dummer Kerl, armer Teufel, ich kenn das!
ich knnt etwas davon erzhlen, ich - aber dir noch nicht, unterbrach er sich
und fuhr mit dem Zeigefinger dicht vor Pavels Nase hin und her, als er sah, wie
dieser in hoher Spannung aufhorchte. Das ist keine Geschichte fr dich, jetzt
noch nicht, spter vielleicht einmal, wenn du gescheiter geworden bist - und
wunder. Jetzt kriegst du die Wunden erst, aber du sprst sie noch nicht oder
oberflchlich, vorbergehend; warte, bis sie sich werden eingefressen haben dann
wirst du an mich denken, dann - im Alter. Dann wirst du wissen: Das ist das
rgste, im Alter leiden um einer Jugendtorheit willen. Nicht einmal gro,
Tausende haben Schlimmeres getan und leben in Frieden mit sich und mit der Welt.
Ein bermut - eine nrrische Prahlerei - kaum eine Lge, und doch just genug, um
eine Hlle da drinnen anzufachen. Er klopfte sich mit der Faust auf die
eingedrckte Brust, sank auf den Sessel zurck, warf sich ber den Tisch und
vergrub den Kopf in die verschrnkten Arme. So lag er lange, wie von
Fieberfrsten durchrieselt, und Pavel betrachtete ihn mitleidig und wagte nicht,
sich zu rhren. Was tat denn der Herr Lehrer? ... Schluchzte er? War es der
Krampf eines unaufhaltsamen Weinens, was diesen gebrechlichen Krper so
erschtterte? Du lieber Gott, worber krnkte sich der Mann? Worin bestand das
Unrecht, was er in seiner Jugend begangen hatte und das ihn im Alter nicht mehr
froh werden lie? ... Neugier war sonst Pavels Sache nicht, das Geheimnis des
Lehrers aber htte er gern ergrndet. Und geholfen htte er ihm auch gern, ihm
und sich selber mit. In welcher Weise, war ihm bereits eingefallen; es gab ja
heute einen solchen Sturm und Sturz von Gedanken in seinem Kopf, da er sie
ordentlich sausen und krachen hrte.
    Herr Lehrer, begann er, nherte sich ihm und tippte leise mit dem Finger
auf seine Schulter. Herr Lehrer, hren Sie, ich will Ihnen etwas sagen.
    Habrecht richtete sich auf, lchelte trbsinnig und sprach: Bist noch da,
dummer Junge, geh nach Hause. - Geh! wiederholte er streng, als seine erste
Aufforderung ohne Wirkung blieb.
    Pavel jedoch stand fest wie ein verkrperter Entschlu, blickte dem Lehrer
ruhig in die Augen und beteuerte, nach Hause gehe er nicht, heute msse er etwas
anfangen. Er habe schon im Kloster anfangen wollen, dort sei es aber nichts
gewesen, und so bte er, beim Herrn Lehrer anfangen zu drfen.
    Was, fragte der, was denn anfangen?
    Das neue Leben, erwiderte Pavel und wute erstaunlich gut Bescheid darber
zu gehen, wie er sich dasselbe vorstelle. Im Kloster hatte er demtig gebeten,
man mge ihn behalten; dem Lehrer versprach er in beinahe trstlicher Weise, er
werde von nun an immer bei ihm bleiben und dafr sorgen, da ihm ein rechter
Nutzen aus dieser Hausgenossenschaft erwachse. Wie oft habe sich der Lehrer ber
die Nachlssigkeit rgern mssen, mit welcher die Gemeinde ihrer Pflicht
nachkam, das zur Schule gehrende Feld zu bestellen. Jetzt wolle er dieses Feld
in seine Obhut nehmen und den Garten ebenfalls; bald werde man sehen, ob das
Feld noch schlecht bestellt, ob der Garten noch eine Wildnis sei. Nicht eben
breit, aber sehr langsam setzte Pavel auseinander, wie fleiig er sein und zum
Entgelt nichts ansprechen wolle als ein Obdach und die Kost. Geld verdienen
knnte er im Sptherbst und im Winter in der Fabrik, wo sie bis zu einem Gulden
Taglohn zahlen. Habe er deren hundert beisammen, dann liee sich an den Ankauf
von soviel Grund und Boden denken, als man brauche, um ein Haus darauf zu bauen.
Seine Schwester werde ihrerseits weitersparen, und sooft als nur mglich wolle
er sie besuchen - er wisse, wie gar sehr bse es fr ihn gewesen sei, da er sie
so lange nicht habe sehen drfen. Am Ende verfiel er wieder in seinen
trstlichen Ton und versprach, sich am Abend regelmig beim Lehrer einzufinden:
Damit Sie nicht so allein sind, da knnen Sie lesen in Ihrem - schon wollte er
sagen: Hexenbuch, verschluckte aber glcklich die zwei ersten Silben und sprach
nur die letzte aus -, und ich zhl indessen mein Geld.
    Habrecht hatte ihn reden lassen und dabei einige Male vor sich hingeseufzt:
Dummer Bub, aber Pavel konnte dennoch bemerken, da der Lehrer nicht so
abgeneigt war, wie er sich stellte, die Ausfhrbarkeit des vorgebrachten Planes
zuzugeben.
    Alles gut, sagte er endlich, oder wenigstens nicht so unvernnftig, wie
man's von dir gewohnt ist; aber doch alles nichts, kann alles nicht sein ohne
Erlaubnis der Gemeinde.
    Die werde zu haben sein, der Herr Lehrer solle sich nur recht ansetzen!
meinte Pavel und verfocht seine Meinung mit solcher Unerschtterlichkeit,
wiederholte, wenn eine neue Antwort auf neue Einwnde ihm nicht einfiel, mit so
strrischem Gleichmut immer wieder die alte, bis der Lehrer sich berwunden gab
und ausrief: So bleib denn in Gottes Namen, wenn du schon nicht wegzubringen
bist, Klette!
    Da machte Pavel einen Freudensprung, unter dessen Wucht der Boden zitterte,
und jauchzte: Ich hab's ja gewut, der Herr Lehrer wird mir helfen.
    Der Lehrer verwies ihm seine Plumpheit, seine Wildheit, und immerfort
zankend, aber mit einem ungewohnten Ausdruck tiefinnerster Zufriedenheit in
seinem armen, grauen Gesicht, traf er Anstalt zur Bewirtung und Aufnahme des
Gastes. Pavel erhielt ein Butterbrot, das ihm so ausgezeichnet schmeckte wie
noch nie zuvor und wie auch spter niemals wieder ein Butterbrot, und wurde in
die ans Zimmer stoende Kammer gewiesen. Der Lehrer breitete einen Kotzen auf
dem Boden aus: Da streck dich aus und schlaf gleich ein, befahl er, deckte den
Jungen mit einem fadenscheinigen Radmantel zu und ging, die Tr hinter sich
schlieend. Pavel blieb im Dunkeln zurck und hatte den besten Willen, der
letzten Weisung des Lehrers nachzukommen, doch gelang es ihm nicht, denn seine
Seele war des Jubels zu voll. So hatte es denn angefangen, das neue Leben! so
lag er nicht mehr frierend, zusammengekauert im Flur der Hirtenhtte, in dem der
Wind eiskalt und messerscharf durch die klaffenden Trspalten drang; er lag
unter einem Mantel aus wirklichem Tuch in einer Kammer, wo die Luft fest
eingesperrt war und wo es vortrefflich roch, nach allerhand guten Sachen, nach
altehrwrdigen Gewndern, nach Schabenkrutern, nach Stiefeln, nach saurer
Milch. Wie wohl befand er sich und wie geno er im vorhinein die Freude, die
Milada haben wrde an seinem Glck! Im Gedanken an seine Schwester schlo er die
Augen, und als er sie wieder ffnete, schimmerte die schlanke Sichel des jungen
Mondes durchs Fenster herein. Er grte ihn und sagte zu ihm: Auch du fngst
an, wir fangen beide an. Dabei berkam ihn trotz all des Neuen, das ihn umgab,
trotz all des Neuen, das in ihm grte und keimte, zum erstenmal nach langer,
langer Zeit ein Heimatsgefhl. Pltzlich stieg die Erinnerung an die Nchte vor
ihm auf, die er einst mit seinen Eltern unter den Dchern der Ziegelschuppen
zugebracht, in der Fremde und doch zu Hause, weil ja das ganze husliche Elend
mitgezogen war. Und nun gab es fr ihn wieder ein Zuhause und ein besseres als
das frhere; er brauchte den Vater nicht mehr zu frchten, und die Mutter war
fern... Die Mutter freilich wird wiederkommen und dann... Es durchrieselte ihn,
er hllte sich dichter in den Mantel und sprach ein kurzes, krftiges Gebet,
dessen Hauptinhalt lautete: - Lieber Herrgott, du siehst, da ich den rechten
Weg eingeschlagen habe; jetzt, lieber Herrgott, pa auf, da ich ihn nicht
wieder verlassen mu.

                                       9


Als der Lehrer am folgenden Tage zum Brgermeister kam, lag dieser von Schmerz
geqult auf dem Bette. Er hatte in seinem jmmerlichen Zustand nicht das
geringste Interesse fr Wohl oder Weh der Mitmenschen. Sooft Habrecht auch
begann, von Pavel zu sprechen, der Kranke kam immer auf sich, auf seine Leiden,
auf seine Klagen ber den Arzt zurck, der alle Fingerlang daherlaufe, ihm das
Geld aus der Tasche stehle und nicht helfe. Um wieviel besser dran als er war
seine Magd! Ja, die! Vor ein paar Wochen so krank und so matt, da sie sich kaum
hatte auf den Beinen halten knnen, jetzt frisch und gesund. Und warum? Weil sie
von allem Anfang an vom Arzt nichts hatte wissen wollen, weil sie, ohne erst
lange zu fragen, zum Weib des Hirten geschickt um ein Mittel. Das hatte
geholfen, gleich nach einer Stunde war sie hergestellt.
    Der Lehrer sagte: Hm, hm! und brachte von neuem die Angelegenheit Pavels
vor, worauf ihm der Patient nochmals die Geschichte der wunderbaren Heilung
seiner Magd erzhlte.
    Und was beschliet Ihr ber den Pavel? fragte der Schulmeister und erhielt
endlich den Bescheid, er solle sich an die Rte wenden.
    So machte er denn die Runde bei den Rten. Einer nach dem andern hrte ihn
ernsthaft und geduldig an, und jeder sagte: Da mssen Sie zuerst zum
Brgermeister.
    Der Brgermeister schickt mich zu Euch.
    Ja, dann mssen Sie zu den zwei andern Rten.
    Selbstndig einen Entschlu zu fassen oder nur eine Meinung auszusprechen,
dahin war durch ruhiges Zureden keiner zu bringen; und in Eifer zu geraten
htete sich Habrecht, um nicht bei den mitrauischen Dorfvtern in den Verdacht
irgendeiner eigenntzigen Absicht bei der Sache zu kommen.
    Zuletzt ging er ins Schlo, um dort fr seinen Schtzling zu wirken, kam
jedoch bel an. Der Brief aus dem Kloster hatte seine Wirkung nicht verfehlt.
Die Frau Baronin machte sich bittere Vorwrfe, die Zusammenkunft der Geschwister
befrwortet zu haben, war sehr aufgebracht gegen Pavel, wollte nicht mehr von
ihm sprechen hren und riet dem Schulmeister, den Schlingel ein fr allemal
seinem Schicksal zu berlassen.
    Die Woche verflo; Virgil begab sich tglich nach der Schule, um den Pavel
abzuholen, aber der Junge lie sich entweder nicht finden oder leistete offenen
Widerstand. Da wanderten endlich der Hirt und sein Weib zum Brgermeister und
ersuchten ihn, seine Autoritt geltend zu machen und den Buben zur Rckkehr zu
ihnen zu zwingen. Der kranke Mann versprach alles, was sie verlangten, blickte
zwischen jedem mhsam herausgestoenen Satz die Wunderdoktorin fragend, fast
flehend an und chzte, nach seiner schmerzenden rechten Seite deutend: Da
sitzt's! Da sitzt der Teufel!
    Mein Gott, mein Gott! sprach das Weib. Rechts, ja rechts, da tut's weh,
das ist die Leber.
    Die Leber? Nun ja - sie sagt also wenigstens etwas, sie! ... sie sagt, die
Leber ist's? Aber der Doktor, der sagt nicht Leber und gar nichts.
    Sagt nichts und wei nichts, sprach das Weib mit berlegener, wegwerfender
Miene.
    Wei nicht einmal eine Linderung, wei gar nichts.
    Die Virgilova erhob die gefalteten Hnde zur Hbe ihrer Lippen und hauchte
ber die Fingerspitzen: Ach Gott, ach Gott! und wenn man denkt, wie leicht dem
Herrn Brgermeister zu helfen wre.
    Der Kranke bumte sich auf seinem Lager: Meinst du? ... So hilf mir!
    Wenn ich nur drft, entgegnete sie mit einem raschen, lauernden Blick.
Wenn ich nur etwas schicken drft! ... In vierzehn Tagen wren Sie gesund.
    So schick mir etwas, schick! ... Aber - das Maul gehalten... verstehst du?
... Er unterbrach sich, um ngstlich auf Schritte und Stimmen, die sich
nherten, zu horchen, und fuhr dann leise fort: Wenn's dunkel wird, kommt die
Magd und holt's.
    Ich schick den Buben, das wird besser sein, da setzen Sie dem auch gleich
den Kopf zurecht und sagen ihm: Wo du hing'hrst, da gehst wieder hin. Die Magd
soll nur aufpassen bei der Stalltr.
    Der Brgermeister winkte heftig: Um neun. Geht fort geht!
    Virgil und sein Weib gehorchten schleunig, trafen aber schon am Ausgang der
Stube mit Peter und dem Arzte zusammen. Dieser lie die unbefugte Kollegin hart
an mit der Frage, was sie hier zu suchen habe. Nicht minder mitrauisch und viel
derber wies Peter die beiden Alten hinweg.
    Das Ehepaar legte den Heimweg schweigend zurck.
    In der Htte angelangt, begab die Frau sich sogleich zu der Truhe, kramte
eine schmutzige, in Lumpen gehllte Schachtel hervor und entnahm ihr zwei
Flschchen. Das eine trug die Etikette der stdtischen Apotheke mit der
Aufschrift: Kamillengeist. Der Inhalt der zweiten war von gelbgrauer Farbe und
hatte einen dicken weilichen Bodensatz. Aufmerksam prfend hielt die Frau das
Flschchen gegen das Licht und begann es langsam in ihren Fingern zu drehen.
    Virgil hatte sich auf die Bank gesetzt. Was tust? fragte er pltzlich.
Was willst ihm helfen? La ihn.
    Dem kann niemand helfen, antwortete das Weib. Der mu sterben.
    Mu sterben? - Was willst also? ... Misch dich nicht hinein.
    Sie zuckte die Achseln: Dreiviertel Jahr oder ein ganzes kann er's schon
noch machen.
    Oder ein ganzes? wiederholte Virgil bestrzt, dachte nach und rief auf
einmal voll Grimm: Hast gesehen, wie sein Bursch mit uns war?
    Aus lauter Angst vorm Vater, versetzte das Weib. Er mcht uns prgeln aus
lauter Angst... und sie kriegt auch noch Prgel von ihm - dann! Sie legte
ungemeines Gewicht auf dieses Wort und zwinkerte mit ihren blassen Katzenaugen.
Dann - wenn die Verliebtheit verraucht sein wird, und die verraucht bald, wie
die Bursche schon sind, die schlechten Kerls. Pack dich, wird's dann heien, ich
hab nichts mehr mit dir zu tun! Und das Mdel wei, da es so kommen kann, und
wenn's so kommt, dann geht das Mdel in den Brunnen.
    Virgil stie einen heiseren Laut hervor und bekreuzte sich dreimal
nacheinander: Gered! Albernes Mdelgered!
    Von unserem ist's kein Gered, erwiderte das Weib mit innigster
Oberzeugung, die tut's.
    Tut's nicht.
    La nur drauf ankommen.
    Ich schon. Meinetwegen braucht sich der Racker nicht zu schinieren.
    So soll sie gehen. 's wird halt auf der Welt um ein armes Mdel weniger
geben. Mich htt's nur g'freut, wenn der Alte frher gestorben wr, jetzt!
solang noch der Peter, wenn er drft, wie er wollt, sie nehmen tt... Und wenn
sie ihn nur htt! wenn nur! das Weib brach in ein Gelchter aus, dann wr
er's, der Prgel bekm.
    Virgil nahm zuerst teil an ihrer lauten Heiterkeit, doch hielt er bald inne,
verzog heuchlerisch den Mund und sprach tief aufseufzend: Gott geb's, da der
liebe Gott den armen Herrn Brgermeister bald erlst.
    Vielleicht gibt er's, versetzte rauheren Tones die Frau; und jetzt mach
fort und hol den Buben.
    Er geht nicht.
    Sag, da der Brgermeister es befiehlt.
    Er geht doch nicht.
    So sag, da die Vinska um ihn schickt.
    Der Hirt stand auf und schlich dem Ausgang zu. Dort blieb er stehen, wandte
sich und sprach: Du, hrst - helfen sollst ihm just nicht, was Unrechtes geben
aber auch nicht.
    Hhnisch blinzelte sie ihn an: Werden schon sehen. Um ihre dannen, ber
das vorstehende, noch gut erhaltene Gebi fest gespannten Lippen flog ein
grnlicher Schatten.
    Den Mann berlief's, er humpelte sachte davon.
    Zwei volle Stunden lie Pavel auf sich warten. Es war beinahe Nacht, als er
endlich kam, an die Tr klopfte und nach Vinska fragte. In die Htte
einzutreten, war er nicht zu bewegen.
    Der Hirt, der ihn begleitet hatte, lehnte an der Wand und rhrte sich nicht.
Bei den Nachbarn herrschte Stille, nur unterbrochen durch das krftige
Schnarchen Arnosts, dessen Lagersttte in der Nhe des Fensters stand.
    Virgilova erschien auf der Schwelle: Die Vinska schlaft schon, sagte sie,
jetzt kannst sie nicht mehr sehen, warum kommst so spt. Mut auch gleich zum
Brgermeister.
    Ich?
    Sollst ihn selbst bitten, da er dich beim Lehrer lat, und - sie senkte
die Stimme zu kaum hrbarem Geflster, und mut ihm auch ein Mittel bringen.
    Aha! Pavel begriff sogleich, um was es sich eigentlich handele. Er war oft
genug seiner Prinzipalin verschwiegener Bote bei Kranken gewesen und teilte mit
dem ganzen Dorfe den Glauben an ihre Kunst und an die Heilkraft ihrer
Medikamente. So streckte er die Hand aus und sprach: Gebt her.
    Sie reichte ihm das Flschchen mit dem harmlosen Inhalt und schrfte ihm
umstndlich die Vorsichtsmaregeln ein, unter denen es auf dreimal zu leeren
sei. Geh durch den Garten, schlo sie, als der Junge ungeduldig zu werden
begann und ihr nur noch mit halbem Ohr zuhrte: Halt dich weit von der Strae,
da dich der Nachtwchter nicht sieht. Die Magd wei, da du kommst, und wird
dir aufmachen.
    Mit ein paar Stzen war Pavel auf dem Feldrain, einen Augenblick hob sein
dunkler Schatten sich vom bleigrauen Horizont ab, dann war er verschwunden.
    Virgilova trat auf ihren Mann zu, fate ihn am Arm und zog ihn einige
Schritte mit sich fort. Jetzt laufst dem Buben nach und sagst ihm: Bald htt
die Frau vergessen; das da mu er zuerst austrinken und das Flascherl gleich
wieder zurckschicken, damit die Frau es im Mrser zerstoen und das Pulver auf
sieben Maulwurfshgel streuen kann, sonst hilft alles nichts. So sagst ihm und
das gibst ihm.
    Sie drckte ihm ein kleines kaltes Ding in die Hand, bei dessen Berhrung
ihn schauderte.
    Um Gottes willen, ist da was Unrechtes drin?
    's is was gegen die Schmerzen; die werden gut davon.
    Wie den Ratzen ihre, sagte er und fgte, pltzlich in Zorn geratend,
hinzu: Warum hast du's nicht gleich dem Buben mitgegeben, warum soll ich's
hintragen?
    Sie kicherte: Da du nicht sagen kannst, wenn's aufkommt: Ich wei nichts
davon; da du mich nicht sitzenlassen kannst, wie du gern mchtest, wenn's
schief geht; darum, du Feigling. Und jetzt lauf.
    Er trat von ihr weg: Ich geh nicht, sagte er.
    So la ihn leiden! ... Niemand wei, was der noch leiden mu. Sein eigener
Sohn knnt ihm nichts Besseres tun, als ihn erlsen. Er wird zu seinem Sohn noch
sagen: Bring mich um, oder ich fluch dir! ... Lauf, lauf! ... Willst noch nicht?
... So la ihn leiden wie einen gebissenen Hund, damit er Zeit hat, die Vinska
in den Brunnen zu jagen und den Sohn um sein Glck zu fluchen und sich selber
ums ewige Leben.
    Sie sprach leise mit heftiger und furchtbarer Beredsamkeit, und Virgil
zuckte unter dem Schwall ihrer Worte wie von tausend Nadeln gestochen. Ein
Liebeswerk, schlo sie, ein Werk der Barmherzigkeit, den zu erlsen. Was ein
rechter Mann wr, tt's um Gottes willen.
    Er keuchte, es war ihm grlich, zu sehen, da die Augen seines Weibes in
der Dunkelheit glimmten von eigenem fahlen, weilichen Licht.
    Um Gottes willen? ... Um Gottes willen also, wiederholte er, wandte sich
und trat seine Wanderung an.
    Das Gchen, dem er zueilte, wurde von der Rckwand einiger Scheuern und vom
Zaun des Brgermeistergartens gebildet. An der Ecke des letzteren angelangt,
blieb Virgil stehen. Hinter dem Zaun regte sich's... Ein Geflster drang an des
Alten Ohr, ein zrtliches Liebesgeflster, ein Seufzen, Kosen, Kssen, ein
Abschiednehmen fr eine Nacht, als wr's fr die Ewigkeit... Es sind die zwei,
dachte Virgil, es ist der Racker, der da kt und herzt - der Racker, fr den
ich hingehen und tten mu... Mu ich? ... War gestern bei der Beicht, und geh
aufs Monat wieder... Und das knnt ich nicht beichten, und dafr gibt's keine
Absolution, dafr gibt's nur die Hlle. - Am vorigen Sonntag hat der Pfarrer von
ihr gesprochen und ihre Qualen ausfhrlich geschildert.
    Der Hirt eilt immer noch vorwrts, seine Zhne schlagen zusammen, es pfeift
laut in seiner Brust. Heulen und Zhneklappern, das ist schon die Hlle, er
trgt sie schon in sich... Auer ihm ist sie aber auch, die Dunkelheit ist
Hlle... Und was wandert da vor ihm her, was fr ein breiter, schwarzer Strich,
noch schwrzer als die Finsternis? - Ei, der Pavel! blitzt es durch das
chaotische Durcheinander seiner Vorstellungen. Ruf ihn - so ruf ihn doch,
ermahnt er sich selbst... Wozu? Nun, um ihm das Gift... er dachte es nicht mehr
aus. Ihm war, als ob sein Kopf wchse und gro wrde wie ein Zehneimerfa und
als ob seine Fe so schwach und dnn wrden wie Weidenruten; und diese
schwachen Fe sollen den ungeheuren Kopf tragen und die Hlle, die er in der
Brust hat? Das geht nicht, das nimmermehr... Was aber geschieht jetzt? Heiliges
Erbarmen! ... Der schwarze Strich verndert die Form, und es ist nicht Pavel, es
ist der leibhaftige Teufel, hinter dem Virgil einhergeht, der Teufel, der sich
nicht einmal nach ihm umsieht, so sicher ist er: Der folgt mir gewi. Dem Hirten
schwindelt, und er bricht zusammen. Nein! wrgt er hervor, nein, ich tu's
nicht! Herrgott im Himmel, gebenedeite Dreifaltigkeit, verzeih mir meine
Snden! Und vor dem Namen des Hchsten und Heiligsten verrinnt der Spuk, und es
ist Pavel, der sich jetzt ber den Alten beugt und fragt: Was wollt denn Ihr
da?
    Ich, ich? schluchzt Virgil und klammert sich mit beiden Hnden an ihm
fest. Ich - nichts. Gift hab ich bringen sollen, aber ich tu's nicht...
    Er erhob sich, den Arm Pavels immer festhaltend, zertrat das Flschchen und
stampfte die Scherben in die Erde.
    Schau mir zu, rief er, bleib da und schau mir zu.
    Lat mich aus, Ihr seid einmal wieder betrunken, sprach der Junge, machte
sich los von Virgils krampfhaftem Umklammern und stieg ber den Zaun in den
Garten.
    Am nchsten Morgen erwachte Pavel aus tiefem Schlafe. Die Tr der kleinen
Kammer, die ihm der Lehrer als Wohnstube angewiesen hatte, war aufgerissen
worden; im Dmmerschein des grauenden Herbsttages stand der Schulmeister da und
rief: Steh auf! beeil dich - du mut die Sterbeglocke luten.
    Fr wen denn? fragte Pavel und regte die schlummerschweren Glieder.
    Fr den Brgermeister.
    Der Junge sprang empor wie angeschossen.
    Er ist tot, ich gehe hin, besorg du das Luten, sprach Habrecht und eilte
hinweg.
    Pavels erste Empfindung war Schrecken und Staunen. Der Brgermeister, dem er
gestern das Mittel gebracht hat, das ihn gesund machen sollte, nicht genesen?
gestorben - nicht genesen? ... Das Mittel hat nicht geholfen! Gott hat's nicht
gewollt, darum vielleicht nicht, weil er's wohlmeint mit Pavel, dieser gute
Gott. Er hat vielleicht den Brgermeister sterben lassen, damit der Pavel nicht
zwingen knne, noch lnger bei Virgil zu bleiben.
    Der Junge flog aus dem Hause und ber den Hof, die Treppe zum Glockenturm
hinauf und lutete, lutete mit Andacht, mit Inbrunst, mit feierlicher
Langsamkeit. Und dabei betete er still und hei fr das Seelenheil des
Verstorbenen.
    Als er vom Turme herunterkam, traf er den Herrn Pfarrer, der, auf dem
Heimweg aus dem Sterbehaus, den verdeckten Kelch in den Hnden, eben im Begriff
war, in die Kirche zu treten. Pavel sank auf die Knie vor dem heiligen Viatikum,
und der Priester lie im Vorbergehen einen Blick so voll Verdammnis und
Verwerfung ber ihn hingleiten, da er erschrocken zusammenfuhr, an die Brust
schlug und sich fragte: Ist er bs auf mich, weil er sich vielleicht auch denkt,
da der Brgermeister meinetwegen hat sterben mssen?
    Er ging in die Schule zurck und nach seiner Stube und hatte dieselbe kaum
erreicht, als auch schon Vinska hereinstrzte, verstrt, ganz auer sich.
    Sie hatte die Kleider nur hastig bergeworfen, das Tchlein fiel ihr vom
zerrauften Haar in den Nacken, ihr Gesicht war totenbleich, und mit den Gebrden
wilder Verzweiflung warf sie sich vor Pavel hin.
    Erbarm dich! rief sie, du bist besser als wir alle. Guter Pavel, weil du
so gut bist, erbarm dich unser... Wir waren immer schlecht gegen dich, aber
erbarm dich doch, erbarm dich meines alten Vaters, meiner alten Mutter, erbarm
dich meiner!
    Sie prete das Gesicht an seine Knie, die sie umschlungen hatte, und sah
flehend zu ihm empor. Er war noch bleicher geworden als sie, eine unheimliche
Wonne durchschauerte ihn: Was willst du? fragte er.
    Pavel, antwortete sie und drckte sich fester an ihn, das Flschchen, das
du gestern gebracht hast, hat der Tote, wie sie ihn gefunden haben, in der Hand
gehalten, und die Leute sagen - und der Peter sagt auch, es ist Gift.
    Gift? Die nchtliche Szene mit Virgil fiel ihm pltzlich ein; ja, von
Gift hat dein Alter geredet... Otterngezcht! Ihr habt den Brgermeister
vergiften wollen...
    So wahr Gott lebt, beteuerte Vinska, ich hab von nichts gewut... Und
auch, so wahr Gott lebt: Es ist nichts Bses geschehen... Glaub mir - der
Brgermeister ist an seiner Krankheit gestorben, nur frher, als der Doktor
gemeint hat, und das Mittel, das du gebracht hast, war ein gutes Mittel... Man
wird es schon sehen bei Gericht, denn es kommt vors Gericht, der Peter will's!
    Keuchend, in namenloser Aufregung, brachte sie diese Worte hervor, und ihr
starrer Blick hielt den seinen fest.
    Wenn's so ist, entgegnete Pavel, vor was frcht'st dich? Vor was? Weit
nicht, wie die Leute sind? ... Wenn die Mutter vors Gericht kommt und wird
zehnmal losgesprochen, deswegen heit's doch, losgesprochen ist nicht
unschuldig... Die Mutter darf nicht vors Gericht kommen, Pavel - Pavel!
    Sie wiederholte seinen Namen in allen Tonarten des Jammers, ihr zarter
Krper schmiegte sich schlangenmig an ihm empor, und er, mit widerstrebender
Seele, voll Argwohn und Groll, verschlang sie mit den Augen.
    Ich kann nicht helfen, murmelte er.
    Du kannst! Du brauchst nur zu wollen, du brauchst nur zu sagen... sag es,
Pavel, guter, guter Pavel!
    Was denn? was soll ich sagen?
    Da dich niemand geschickt hat, stammelte sie zagend, da du von selbst
zu ihm gegangen bist.
    Von selbst? brach er aus; was werd denn ich von selbst zu ihm gehen? was
werd denn ich ihm bringen von mir selbst? Ich wei ja nichts.
    O Lieber, Allerliebster! ein Hirt wei immer was. Du hast oft Kruter
gekocht fr die kranken Ziegen und Schafe und hast halt gemeint, was fr die so
gut ist, kann auch fr einen kranken Menschen gut sein... Das sag, Pavlicek,
wenn sie dich fragen. Sie kte ihn, der ihr nicht mehr wehrte, auf seine
brennenden Lippen. Das sag, und dann nur alles, wie es war, wie du dich
eingeschlichen hast in seine Stube, und was er gesagt hat, wie er dich gesehen
hat.
    Da hat er ja nichts gesagt.
    Nichts gesagt?
    Nichts, aber frchterlich geglotzt.
    Und du?
    Und ich hab ihn gebeten, da er mich beim Herrn Lehrer lassen soll.
    Und dann? Weiter, Pavlicek, weiter.
    Dann hat er mit dem Kopf gemacht: Nein, nein, und noch frchterlicher nach
dem Mittel geglotzt und gewinkt, da ich ihm davon gehen soll.
    Und du hast ihm davon gegeben?
    Ja.
    Und niemand war dabei?
    Niemand.
    Und die Magd? Ist die drauen an der Tr gewesen?
    Die ist drauen an der Tr gewesen.
    Und was hat sie gesagt?
    Sie hat gesagt: Gott geb's, da das Mittel hilft.
    Und du?
    Ich hab auch gesagt: Gott geb's.
    Und wie du in den Garten hinausgekommen bist, war niemand dort?
    Der Peter, sprach Pavel mit Bestimmtheit, er hat mich gehrt und mir
nachgeschrien.
    Das ist gut, alles gut, das mut du alles aussagen, flsterte Vinska und
umarmte ihn, als ob sie ihn ersticken wollte; und es wird dir nichts geschehen,
sie sind ja gescheit bei Gericht und wissen gleich, ob ein Mittel giftig ist
oder nicht. Dir wird nichts geschehen, und uns wird geholfen sein... ich bitte
dich also, erbarm, erbarm dich!
    Sie sah ihn an wie ein in Todesangst Ringender den Retter, von dem er sein
ganzes Heil erwartet, und ein wonniges Gefhl der Macht schwellte die Brust des
verachteten Jungen.
    Was krieg ich, wenn ich's tu? rief er bermtig und packte sie an beiden
Armen. Wirst du dann den Peter stehen lassen und mich nehmen?
    Wilde Verzweiflung flog ber ihre Zge; von Zorn bermannt, verga sie alle
Klugheit. Dummer Bub - so war's nicht gemeint!
    Sie schrie es fast und suchte sich von ihm loszumachen.
    Er spottete: Nicht? Warum also gibst mir Ksse und nennst mich
Allerliebster? ... Soll ich statt euer vor Gericht, damit der Peter dich nehmen
kann? Das willst?
    Das will ich! sprach sie finster; das mu ich. Dummer Bub! ... Sie trat
einen Schritt zurck und erhob die gerungenen Hnde. Ich mu als Weib ins
Brgermeisterhaus oder in den Brunnen.
    Du mut? - mut? - mut? ... Er hatte begriffen und sthnte auf in
qualvollem Entsetzen... Nichtsnutzige!
    Ihre Augen schlossen sich, ein Trnenstrom rann ber ihre Wangen. Ich hab
geglaubt, da du mich liebhast und mir helfen wirst, sprach sie mit weicher
Stimme, aber du willst nicht.
    Sie schwieg, ihm raubten Grimm und Schmerz den Atem. Eine Weile standen sie
wortlos voreinander: er im Begriff, auf sie loszustrzen, um sie zu erwrgen,
sie auf das Schlimmste gefat und sich darein ergebend.
    Vinska, begann er endlich, und sie, bei diesem Ton, so trotzig er auch
klang, sie fate wieder Hoffnung.
    Was - guter, guter Pavel?
    Nichtsnutzige! wiederholte er mit zusammengebissenen Zhnen.
    Sie wollte sich von neuem vor ihm niederwerfen, da hob er sie in seinen
Armen auf, trug sie zur Tr und stie sie hinaus. Noch einmal wandte sie sich
vernichtet, zerknirscht: Was wirst du sagen vor Gericht?
    Ich werd schon sehen, was ich sagen werd, antwortete er. Geh.
    Sie gehorchte.

                                       10


Im Brgermeisterhause herrschten Verwirrung und Schrecken. Zum zehnten Male
erzhlte Peter den Neugierigen, die in die Sterbestube hereindrangen, wie er
noch vor Mitternacht mit seinem Vater gesprochen und dann in die Kammer nebenan
schlafen gegangen sei und wie ein paar Stunden spter ein Rcheln ihn geweckt
habe... Wie er aufgesprungen, zum Vater gestrzt, ihn schon in den letzten Zgen
gefunden und den Knecht nach dem Priester und die Magd nach dem Doktor
geschickt... Und wie beide zu spt gekommen... Und wie der Doktor, da er nach
der Hand des Toten griff, die zur Faust geballte fast gewaltsam hatte ffnen
mssen, um ihr ein halb geleertes Flschchen entnehmen zu knnen, welches die
Finger, im Todeskampf erstarrt, noch festhielten.
    Die Zuhrer drckten ihre Teilnahme durch Seufzen und Klagen aus; Peter fuhr
fort: Der Pfarrer schaut. Was ist das? fragt er, und der Doktor schaut auch,
und wie er schon ist, sagt nichts - Herrgott im Himmel, ruft der Pfarrer: Ist
ihm sein Leiden zuviel geworden? Ist er in Todsnde gestorben? - Er ist an einer
Verblutung gestorben, sagt der Doktor, und das Flschchen fhrt er an die Nase.
Und das ist Kamillengeist! sagt er.
    Wer's glaubt, fiel ein altes Weib dem Peter in die Rede, und er schluchzte
auf.
    Wer's glaubt, das hab ich auch gesagt! Gift hat mein Vater bekommen, ich
hab am Abend einen Kerl aus dem Garten schleichen sehen, und ich glaub, ich kenn
ihn, sag ich, rei die Magd her und geb ihr eine und sag: Wer war gestern am
Abend im Zimmer bei meinem Vater? - Der Pavel, platscht sie heraus und fllt auf
die Knie, Euer Vater hat befohlen, da man ihn hereinlassen soll... Schlagt mich
tot, aber so wahr Gott lebt, Euer Vater hat befohlen, da man ihn hereinlassen
soll, ich sag, wie's ist, und weiter wei ich nichts.
    Bei dieser Stelle seiner Erzhlung brach Peter regelmig in ein rasendes
Weinen aus. Er warf sich ber die Leiche seines Vaters, und der rohe, harte
Bursche wimmerte wie ein Kind. Schon lange ist mir meine Mutter gestorben, und
jetzt hab ich auch keinen Vater mehr. Eine Waise hin ich und ganz verlassen!
    Im Publikum, das mit Spannung den Ausbrchen seines aufrichtigen Schmerzes
lauschte, erhoben sich anklagende Stimmen gegen Pavel. Der schlechte Bub hat die
Hand im Spiel bei dem Unglck mit dem Brgermeister. Dem schlechten Buben, der
vermutlich lieber auf der faulen Haut liegt als arbeitet, ist der Dienst beim
Hirten zu schwer gewesen, er hat fort gewollt, aber nicht drfen ohne Erlaubnis
des Brgermeisters, und weil der unerbittlich geblieben ist und die Erlaubnis
nicht gegeben hat, sooft der Bub sie auch von ihm verlangt, so hat der schlechte
Bub sich jetzt gercht und den Brgermeister aus der Welt geschafft.
    Die Legende war bald fertig, verbreitete sich rasch im Dorfe, fand Glauben
und stachelte die Leute auf zur Entfaltung einer ungewohnten Energie. Die ihres
Oberhauptes beraubte Ortsbehrde entsandte einen Boten nach dem Bezirksamt, um
fr alle Flle den Gendarm zu holen, whrend einige Heisporne nach der Schule
liefen, um - auch fr alle Flle - den Giftmischer durchzuprgeln. Indessen
fanden sie das Haus versperrt. Der Lehrer hatte, gleich nachdem das fr Pavel so
bedrohliche Gercht zu ihm gedrungen, ein Verhr mit dem Burschen angestellt,
ihn dann in die Schulstube eingeschlossen und sich zum Doktor begeben. Bei
demselben waren bereits der Herr Pfarrer, der Peter, Anton der Schmied und
einige Bauern versammelt.
    Der Pfarrer sa in dem groen schwarzen Lehnstuhl in einer Ecke des
Fensters; in der andern, die Hnde auf dem Rcken, hielt sich der Doktor. Den
beiden Honoratioren gegenber standen, einen regelmigen Halbkreis bildend, die
Bauern.
    Ach, da kommt ja der Herr Lehrer, sprach der Pfarrer mit seiner leisen,
etwas heiseren Stimme.
    Sie werden wohl bereits wissen, um was es sich handelt, bemerkte der
Doktor, um dessen bluliche Lippen ein kaum wahrnehmbares Lcheln spielte.
    Peter rief: Der Pavel hat meinen Vater vergiftet!
    Wei man noch nicht, murmelte Anton.
    Und mu ins Kriminal, fuhr Peter fort, und Anton wiederholte: Wei man
noch nicht, worauf Peter den Trumpf setzte: Ich steh nicht ab, er mu ins
Kriminal.
    Vorlufig, sagte Habrecht, habe ich ihn in die Schulstube eingesperrt.
    Der Pfarrer stutzte. So glauben auch Sie? ... Er hielt fast erschrocken
inne, wie jemand, der sich verschnappt hat und dem das sehr unangenehm ist.
    Habrecht bemerkte es und hielt sich schadenfroh an das bedeutungsvollste
Wort in dem bereilt ausgesprochenen Satze. Auch? wiederholte er
nachdrcklich, nmlich wie Euer Hochwrden?
    Eine leichte Rte erschien auf den eingefallenen Wangen des Priesters.
    Ich dachte an die vox populi, sagte er.
    Ja so! Die entstellte vox Dei.
    Nun ffnete sich die Tr, ein groer, vom Alter schon gebeugter Mann mit
graugelbem Haar und ziegelrotem Gesicht, der Viertelbauer Barosch, trat ein. Er
ging auf den Pfarrer zu, kte ihm die Hand und meldete, der Gendarm komme
schon.
    Was soll der Gendarm? fuhr Habrecht ihn an, und Barosch richtete seine
starren, immer erstaunten, immer um Verzeihung bietenden Branntweintrinkeraugen
demtig auf den Lehrer und antwortete: Den Buben aufs Bezirksgericht fhren.
    Was soll der Bub auf dem Bezirksgericht?
    Gestehen.
    Was denn?
    Da er dem Brgermeister etwas gebracht hat.
    Das gesteht er ja ohnehin.
    So? sprach der Pfarrer, das hat er Ihnen gestanden?
    Er wrde es auch Ihnen gestehen.
    Da wre ich doch begierig, Herr Lehrer. Da mchte ich Sie doch bitten,
lassen Sie ihn rufen, haben Sie die Gte.
    Ich geh um ihn! schrie Peter und wollte schon davoneilen; Anton hielt ihn
fest: Nicht du, du bist wie ein Narr. Ich geh, Herr Lehrer.
    Aber Habrecht dankte auch ihm fr das Anerbieten, verlie die Stube und
kehrte nach einer Weile, von seinem Schtzling begleitet, zurck.
    Peter konnte nur mit grter Mhe verhindert werden, ber den letzteren
herzufallen, drohte ihm und rief, so laut die atemraubende Wut, die ihn beim
Anblick Pavels ergriffen hatte, es erlaubte: Schaut ihn an, den Hund! Sieht man
ihm nicht an, was fr ein Hund der Hund ist?
    Und wirklich konnte der Zustand, in dem der Junge vor die hchsten Instanzen
seines Dorfes trat, ein gnstiges Vorurteil fr ihn nicht erwecken. Der Kopf
schien ihm zu brennen, eine scheue und finstere Qual sprach aus dem glhenden
Antlitz und entsetzlicher, unstillbarer Ha aus den Blicken, die er hinter
halbgeschlossenen Lidern hervor auf seinen Hauptanklger, auf Peter, warf.
    Habrecht legte die Hand auf seine Schulter und schob ihn vor sich hin in die
Fensterecke, zwischen den Pfarrer und den Doktor hinein.
    Der Pfarrer betrachtete den Jungen schweigend, rusperte sich und fragte
ruhig und geschftsmig: Ist es wahr, da du dich gestern abend in das Haus
des Brgermeisters geschlichen und ihm etwas gebracht hast?
    Pavel nickte, und durch den Kreis der Bauern lief ein Geflster
triumphierender Entrstung.
    Was war das, was du ihm gebracht hast?
    Es war eine gute Medizin.
    Wie bist du zu der guten Medizin gekommen? fiel nun Habrecht ein.
    Pavel schwieg, und der Lehrer fuhr fort: Hat dich nicht vielleicht jemand
zum Brgermeister geschickt mit dieser guten Medizin?
    Der Junge erschrak und versetzte rasch: Nein, ich habe sie von mir selbst
gebracht.
    Woher weit du denn auf einmal etwas von guten Medizinen? mischte der
Doktor sich ins Verhr, und Pavel erwiderte: Ein Hirt wei immer was.
    Er lgt, erklrte der Lehrer; er will oder darf die Wahrheit nicht
sagen.
    Und was halten Sie fr die Wahrheit? fragte der Pfarrer, dessen
Gelassenheit vorteilhaft abstach von der nervsen Unruhe Habrechts. Dieser
sprach: Fr die Wahrheit halte ich, da der Junge zum kranken Brgermeister
geschickt worden ist, und zwar durch die Kurpfuscherin, die Frau des Hirten.
    Pavel schrie auf: Sie hat mich nicht geschickt! Ich bin von Selbst
gegangen, und Peter wiederholte zornig: Von selbst, er gibt's zu, aber der
Herr Lehrer nicht. Der Herr Lehrer will unschuldige Leut hineinbringen... das
verzeih Gott dem Herrn Lehrer. Der Bub hat mit den Leuten, die der Herr Lehrer
hineinbringen will, schon lang nichts mehr zu tun, der Bub ist schon lang
bestndig beim Herrn Schullehrer in der Schul.
    Mich wundert nur, entgegnete ihm der Doktor, da dein Vater das Mittel,
das der Bub ihm von sich aus gebracht hat, so ohne weiteres eingenommen haben
soll; auer- er htt's extra beim Buben bestellt, was mir auch, nicht recht
einleuchten will.
    Sag ganz genau, wie es zugegangen ist, wandte der Pfarrer sich an Pavel.
Du hast dich also gestern in die Stube des Brgermeisters geschlichen?
    Ja.
    Und was hast du gesagt?
    Guten Abend, Herr Brgermeister.
    Und was hat er gesagt?
    Nichts.
    Und was hat er getan?
    Mir gewinkt, ich soll ihm das Mittel geben.
    So hat er also gewut, da du ein Mittel bringen wirst?
    Pavel antwortete nicht; er hatte den Kopf vorgestreckt und lauschte einem
Gerusch von Schritten und Stimmen, die sich der Tr nherten. Abermals wurde
sie geffnet, der Gendarm Kohautek, auch der heie Gendarm genannt, erschien,
gefolgt von den Rten.
    Die Schwle, die bereits im Zimmer herrschte, nahm pltzlich so sehr zu, als
htte man einen geheizten Ofen hereingestellt; und alle diese Hitze schien von
dem vor Berufseifer glhenden Kohautek auszugehen. Aber nur aus den Augen
loderten die inneren Flammen, und wie warm ihm immer war, verrieten allein die
kleinen Schweitropfen, die auf seiner Nase perlten. Sein Gesicht war von
schner klarer Olivenfarbe und rtete sich nie.
    Er begann sogleich seines Amtes zu walten und die Vorerhebungen einzuleiten.
Der ganze Mann war nur eine Drohung, wenn er das Wort an den Angeklagten
richtete, und doch fhlte sich dieser seit der Anwesenheit des Gendarmen ruhiger
und sicherer; er glaubte, einen Stein im Brett bei Kohautek zu haben, seitdem er
einmal wegen eines Geflgeldiebstahls von ihm verdchtigt und spter unschuldig
befunden worden. Der Gendarm stellte an Pavel ungefhr dieselben Fragen, die man
schon an ihn gestellt hatte, er erhielt dieselben Antworten und gelangte endlich
zu dem dunklen Punkt in der Sache, zu der Provenienz des corpus delicti, des
Flascherls. ber die Provenienz dieses corpus, dieses Flascherls, mute der Bub
eine Aussage machen. Er mute! Kohautek verma sich, ihn gleich dazu zu bringen,
fragte, ermunterte, warnte vor der Gefahr, in welche sich Pavel durch sein
eigensinniges Schweigen versetzte. Alles umsonst. Der Bub blinzelte ihm fast
vertraulich zu und blieb taub fr seine Ermahnungen wie fr die des Geistlichen
und fr das flehende Beschwren Habrechts, blieb unempfindlich fr die
Beschimpfungen Peters und seiner Gesinnungsgenossen.
    Zuletzt verstummte er vllig, und die Bauern sahen darin den deutlichsten
Beweis seines Schuldbewutseins. Peter spie vor ihm aus: Er geht ins Kriminal!
Er hat meinen Vater vergiftet.
    Mit Kamillengeist, sagte der Doktor, nahm das Flschchen aus seiner Tasche
und hielt es dem Besonnensten aus der Gesellschaft, dem Schmied Anton, unter die
Nase.
    Der roch daran, zog die Achseln in die Hhe und sprach: Ja, ja - nach
Kamillen riecht's - aber...
    Nun? - Aber?
    Aber was es ist, wei man nicht.
    Der Lehrer, an dem alles bebte und der fortwhrend vor sich hinmurmelte:
Vernnftig, vernnftig, haltet Ruhe, meine Nerven, versetzte nun: Was meint
ihr, ihr Leute, wenn das Gift wre, wrde ich davon trinken? Seht her! Ich
trinke! Er erbat sich das Flschchen vom Doktor und tat einen Schluck daraus:
Nun seht, ich habe getrunken und befinde mich wohl und werde mich morgen auch
noch wohlbefinden.
    Ein wenig stutzten die Bauern, sahen den Schulmeister scheel an, traten
nher zusammen und wisperten miteinander.
    Was meint ihr? Was sagt ihr? fragte Habrecht.
    Barosch seufzte, schttelte den Kopf, verzog den breiten schmunzelnden Mund.
Ja, brachte er endlich hervor, ja, das ist keine Kunst - jetzt ist freilich
nichts Giftiges mehr drin.
    Wieso? Es ist dasselbe Flschchen, und was frher drin war, ist noch drin,
das heit ein bichen weniger.
    Ja, das Giftige, das war schon weggetrunken, das hat der Brgermeister beim
ersten Zug bekommen... Das Giftige ist das Leichtere und schwimmt oben.
    Schwimmt oben! wetterte Peter, und der Schulmeister sprang mehrmals empor
vor Zorn und Entrstung.
    Sie hren, Sie hren! rief er dem Pfarrer zu. Der Geistliche behielt immer
seine leidende Miene und seinen Gleichmut und erwiderte die Anrufung Habrechts
nur mit einer bedauernden Gebrde. Der Gendarm stand unbeweglich und strahlte
knirschend Hitze aus; der Doktor hingegen verlor die Geduld. Er, dem man
nachsagte, da er mit seinen Worten so sparsam sei, als ob ihn jedes einen
Guldenzettel koste, brach in eine Rede aus: Oh, du nie berwundene, ewig
triumphierende Dummheit! ... Das Giftige ist das Leichtere und schwimmt oben. -
    Da haben wir's, da wissen wir's, bleiben wir nur gleich dabei, eines
Besseren berzeugen kann uns ohnehin keine Macht der Welt. Und wenn der Allweise
selbst vom Himmel herunterstiege und sich aufs Beweisen und Widerlegen einlassen
wollte, er htte den Weg umsonst gemacht.
    Die Bauern hrten diese Anklage an, ohne recht zu wissen, was sie daraus
machen sollten; aber mit steigendem Entzcken hatte Pavel ihr gelauscht. Der
Doktor staunte ber das Verstndnis, das ihm sieghaft und wonnevoll aus den fest
auf ihn gerichteten Augen des Jungen entgegenleuchtete. Dieser hatte zum
erstenmal in seinem Leben den Kopf stolz und gerade emporgehoben, sog jedes Wort
des Doktors wie eine kstliche Labe frmlich in sich hinein und schlug, als das
letzte gesprochen war, ein wildes, herausforderndes Gelchter auf.
    Da brach die Emprung ber ihn los. Kohautek vermochte im ersten Augenblick
nichts zu seinem Schutze; trotz verzweifelter Gegenwehr wurde Pavel
niedergeworfen, mihandelt, mit Fen getreten. Der Gendarm mute seine ganze
Autoritt und Anton, der sich ihm zur Seite stellte, die ganze Kraft seiner
Fuste aufbieten, um den Jungen den Ausbrchen der sinnlosen Wut seiner
unbefugten Richter zu entreien. Eine rasche, kurze Beratung mit dem
Geistlichen, dem Lehrer und dem Doktor, und Kohautek beschlo, Pavel mitzunehmen
aufs Gericht.
    Ich tu's nicht, rief er, weil ich ihn fr schuldig halte; ich tu's, weil
ihr Bestien seid, vor denen ich ihn in Sicherheit bringen will. Spann einer
ein.
    Ich, schrie Peter, ich fhr ihn, und war mit einem Sprung aus dem
Zimmer.
    Der Geistliche warf einen Blick durch das Fenster. Vor dem Hause hatten sich
Gruppen gebildet, welche dem auf die Strae herunterdringenden Lrm horchten und
einzelne Worte, die zu unterscheiden ihnen mglich gewesen, in groer Aufregung
nachsprachen.
    Die Bewegung stieg aufs hchste, als Peter mit seinem Wgelchen gefahren kam
und der Gendarm mit Pavel und dem Lehrer, der den Jungen auf seinem schweren
Gange nicht verlassen wollte, in der Tr des Doktorhauses sichtbar wurden.
Habrecht stieg zu Peter auf den vorderen Sitz, auf dem rckwrtigen nahm der
Gendarm neben dem Delinquenten Platz. Flche, drohende Mienen und Gebrden
begleiteten das davonrollende Gefhrt. Peter lenkte es so langsam durchs Dorf,
da die smtliche Straenjugend Zeit hatte, sich ihm anzuschlieen und ihm das
Geleite zu geben. Sie tat es unter Jubeln und Jauchzen. Da fahrt er! schrie
eine Stimme aus der Rotte; da fahrt er! schallte es im Chor.
    Wohin fahrst? rief ein kleiner, verwachsener Fratz, und ein bildhbsches
Huslerkind, ein blauugiges Mdchen, eines der lustigsten in der verwegenen
Bande, an deren Spitze Pavel einst auf Holzdiebstahl in den Wald gezogen war,
lachte zu ihm hinauf: Fahrst zum Vater oder zur Mutter?
    Die ausgegebene Parole pfiff in unzhligen Wiederholungen durch die Luft,
immer rger wurde das Treiben, und endlich hieb Peter auf Befehl des Gendarmen
mit der Peitsche in die vor Schadenfreude und Lust am Qulen berauschte Schar.
Sie schien sich zu verlaufen, schlug aber nur einen krzeren Weg ein und fate
Posto hinter einer Johannisstatue, die zwischen Bumen am Ende des Dorfes stand.
Als das Wglein dort ankam, wurde es mit lautem Hallo und einem Hagel von
Erdklumpen und Steinen empfangen. Kohautek fluchte, Peter trieb die Pferde an,
Habrecht zog den Rock ber die Ohren, Pavel sa regungslos. Erst als das Gefhrt
auch seinen ausdauerndsten Verfolgern entronnen war, bckte er sich und warf die
Steine, die in den Wagen gefallen waren, ruhig hinaus, alle bis auf den letzten,
den kleinsten, den betrachtete er aufmerksam und nachdenklich und steckte ihn
dann in die Tasche.
    Was willst du mit dem Steine? fragte der Gendarm.
    Wenn ich mir einmal ein Haus baue - und ich bau mir eins, lautete die
Antwort, leg ich den Stein unter den Riegel der Tr, damit ich mich erinnern
mu bei jedem Ein- und Ausgehen, wie die Leute mit mir gewesen sind.
    Eine Stunde spter war man am Bestimmungsorte angelangt. Der Bezirksrichter
lie Pavel vor sich fhren und schien eher geneigt, an seine Schuld als an seine
Unschuld zu glauben; denn, pflegte er zu sagen, was mich betrifft, ich denke
von dem Menschen nicht das Schlechte, sondern das Allerniedertrchtigste.
    Die Gerechtigkeit nahm ihren Lauf, die Obduktion der Leiche des
Brgermeisters wurde angeordnet. In Abwesenheit des Gerichtschemikers nahm sein
Stellvertreter, ein sehr zuversichtlicher junger Mann, die Analysen in hchst
eleganter Weise vor und konstatierte schlankweg die Anwesenheit von Gift im
Magen und in den Eingeweiden des Toten. Da gab es fr Pavel eine Reihe bser
Tage, doch blieb er standhaft und benahm sich vor dem offiziellen Richter
genauso, wie er sich beim Verhr daheim im Dorfe benommen hatte. Seine Leiden
nahmen ein Ende bei der Rckkehr des Gerichtschemikers, der die Arbeiten seines
grnen Rivalen einer Prfung unterzog, ihre Mangelhaftigkeit dartat und im
Einverstndnis mit dem Amtschirurgen dem Kreisphysikus unwiderleglich bewies,
der Brgermeister sei nicht an Gift, sondern an seiner Krankheit gestorben.
    Fast unmittelbar darauf erfolgte Pavels Freisprechung und seine Entlassung
aus der Haft. Peter, sein Hauptanklger, wurde in die Kosten verurteilt.
    Am letzten Sonntag, den Pavel in der Untersuchungshaft zubrachte, hatte
Habrecht die Erlaubnis erhalten, ihn zu besuchen. Der Lehrer war tief bewegt
beim Wiedersehen.
    Zwei Monate im Arrest! rief er aus, so weit hast du's gebracht, du Feind
deiner selbst. Pavel, Pavel! viel Bses haben die Menschen dir schon getan, aber
keiner von ihnen soviel wie du dir selbst. Er fragte ihn, was er denke in den
langen einsamen Tagen und Nchten.
    Nicht viel; in der Nacht schlaf ich, und bei Tag arbeit ich, sie haben mir
Werkzeug geliehen, erwiderte Pavel und holte unter seinem Bett das Modell eines
Hauses hervor. Sein zuknftiges Wohnhaus, das er im kleinen uerst genau
hergestellt, mit Fenstern und Tr und strohbedecktem Dache. Ein merkwrdiger
Kontrast, der Bursche mit den groben Hnden und diese zierliche Arbeit. Er hatte
das fr seine Schwester Milada gemacht und bat Habrecht, es mitzunehmen und ihr
zu schicken, bat den Lehrer auch, ihr zu schreiben, seine Schwester solle
wissen, da er unschuldig sei. Habrecht versprach es zu tun, verschwieg aber,
da bereits zwei umfngliche Briefe von ihm an die Frau Oberin gerichtet worden,
in denen die Sachlage gewissenhaft und mit ehrlicher Breite dargelegt war und
Pavel so rein erschien wie ein Osterlmmchen aus Zucker. Beide Sendschreiben
waren in Form und Inhalt Muster von jener Hflichkeit, die sich nie genugtut,
weil sie einem unstillbaren Herzensbedrfnisse entspringt. Leider jedoch hatte
sie zur Nachahmung nicht angespornt; Habrechts Briefe waren unbeantwortet
geblieben.
    Es war gegen Ende Januar, der Tag mild, der Schnee begann zu schmelzen,
schmale braune Bche flossen die Abhnge herab. Trbselig schielte die Sonne
durchs weiliche Gewlk, die entlaubten Bume an der Strae warfen bleiche
Schatten auf den sumpfartig schimmernden Feldweg, an dessen Rand Pavel dem Dorfe
zuschritt.
    In seiner Haft hatte er oft gemeint, wenn er nur wieder ins Freie kommt, an
die Luft, wenn er sich nur wieder regen darf, dann wird alles gut. Nun war er
frei, wanderte heim, aber gut wollte es nicht werden. So d, so kahl, so
freudlos wie die Landschaft in ihrer winterlichen Armut lag die Zukunft vor ihm.
    Sein erster Gang im Orte war der zur Htte des Hirten. Den Herd im Flur
hatte man abgerumt. Vinska kniete davor und schrte das Feuer, das hell und
lustig brannte. Schweigend, ohne sie anzusehen, schritt Pavel an ihr vorbei,
geradenweges in die Stube. Virgil und sein Weib schrien auf, als er vor ihnen
erschien; die Alte bedeckte ihr Gesicht mit der Schrze, der Greis hielt dem
Eintretenden wie ein Beschwrer dem Satan den Rosenkranz entgegen und zitterte
dabei am ganzen Leibe. Pavel aber kreuzte die Arme und sprach: Spitzbub,
Spitzbbin, ich bin wieder da, und eine Schrift darber, da mir das Gericht
nichts tun darf, hab ich in der Tasche. Da ihr mich jetzt in Ruh beim Lehrer
lat, das rat ich euch, sonst geht's euch schlecht. Angewachsen ist mir die
Zunge nicht. - Das hab ich euch sagen wollen, schlo er, wandte sich und ging.
    Sie blickten ihm betroffen nach. Der hatte sich verndert in den zwei
Monaten! ... Als ein Bub war er fortgegangen, als ein Bursche kam er heim;
gewachsen war er, und dabei nicht schmler geworden.

                                       11


Auerhalb des Dorfes, zu Fen eines Abhangs, den vor Jahren der lngst
ausgerodete Bauernwald bedeckt hatte, befand sich eine verlassene Sandgrube.
Seitdem sie ihres Inhalts bis auf die letzte Ader entledigt worden, gehrte sie
zu den toten Kapitalien des Gemeindevermgens, und keiner dachte daran, das de
Fleckchen Erde nutzbar zu machen; denn keiner, der da begonnen htte zu pflgen
und zu sen, wrde die Ernte erlebt haben. Einmal nur bot der Verwalter der Frau
Baronin, deren schlechteste Felder an die Sandgrube grenzten, dreiig Gulden fr
den von Unkraut berwucherten Winkel, trat jedoch, als der Kauf richtiggemacht
werden sollte, von demselben wieder zurck. Von der Zeit an hatte kein Kufer
sich mehr gemeldet. Das Erstaunen war nicht gering, als ein solcher endlich
wieder auftrat, und zwar in der Person - Pavel Holubs.
    Ein Jahr war vergangen, seitdem er aus der Untersuchungshaft entlassen
worden, und Tag fr Tag hatte er sich, im Winter wie im Sommer, am frhen Morgen
auf die Beine gemacht und war erst mit der sinkenden Nacht heimgekehrt. Nichts
vermochte die Gleichfrmigkeit seiner Lebensweise zu unterbrechen, nichts ihm
eine Teilnahmsuerung fr die Vorgnge in der Auenwelt zu entlocken. ber die
Heirat Peters und Vinskas, die ganz in der Stille begangen worden war und im
Dorfe sogar den hartnckigsten Schweigern soviel zu reden gegeben hatte, verlor
er kein Wort. An dem Tag, wie an jedem andern, ging er nach Zbaro, wo er immer
Arbeit fand, in der Sgemhle, in der Zuckerfabrik oder im Wald. Er verdiente
viel und konnte am Ende der Woche seinen Lohn ungeschmlert in die Sparkasse
unter der Diele im Zimmer Habrechts legen, da ihn dieser mit Kostgeld und
Kleidung versorgte. Mit Wonne sah er das Wachsen seines Reichtums und htte sich
berhaupt ganz zufrieden gefhlt - unter zwei Bedingungen. Ein Wiedersehen mit
seiner Schwester wre die erste, Ruhe vor den Neckereien der Dorfjugend die
zweite gewesen. Aber keine von beiden wurde erfllt. Sooft er sich an der
Klosterpforte einstellte, wurde er unerbittlich fortgewiesen, und so zeitig er
auch nach Zbaro ging, immer fanden sich Buben und Mdel, die noch zeitiger
aufgestanden waren, um ihm aufzulauern und ihm unter dem Trspalt hervor oder
ber die Hecke hinweg nachzurufen: Giftmischer! ... Bist doch ein Giftmischer!
    Pavel schwieg lange, klagte aber zuletzt voll Bitterkeit dem Lehrer seinen
Verdru.
    Schau, schau, erwiderte der, jetzt rgerst dich? ... Wie lang ist's her,
da dir um nichts soviel zu tun war als um die schlechte Meinung der Leute?
    Der Bursche wurde rot: Man kann am Ende genug davon kriegen, meinte er,
und Habrecht versetzte: Das denk ich. Wenn sich einer Prgel geholt hat und im
Anfang auch trotzt und sagt: Nur zu! - endlich wird's ihm doch genug, und dann
sagt er: Hrt auf! Aber just da packt diejenigen, die zuschlagen, erst die
rechte Passion. Wie geht's denn mir und wie lange ist's denn bei mir her, da
ich gelacht habe, wenn die Leut gekommen sind und mich gebeten haben, ich soll
machen, da der Hagel ihr Feld oder der Blitz ihre Scheuer verschont? Es hat mir
geschmeichelt.. Oh, lieber Mensch... und heute mchte ich jedem Esel um den Hals
fallen, der nichts anderes von mir glaubt, als da ich so dumm bin wie er
selbst.
    Im Wirtshaus berieten derweil die Bauern ber den Verkauf der Sandgrube an
Pavel. Anton der Schmied, um seine Meinung befragt, befrwortete die Sache.
    Auf ihn hatte die Schuldlosigkeitserklrung, die Pavel von Amts wegen
ausgestellt worden, Eindruck gemacht und das Gutachten der Sachverstndigen ihn
in dem Zweifel befestigt, den er von Anfang her an der Leichtigkeit der Gifte
gehegt. Sein Rat war: Man verkaufe dem Buben die Grube; er hat Geld, er soll
zahlen.
    Der Vorschlag ging durch.
    Pavel wurde mndig gesprochen und erwarb die Sandgrube zu hohem Preis,
nachdem ihm begreiflich gemacht worden, da die Gemeinde, welcher er ohnehin
seit sieben Jahren im Beutel lag, am wenigsten ihm etwas schenken knne.
    Was ihn betraf, er fand seinen Besitz nicht zu teuer bezahlt. Ihm erschien
eine Summe immer noch gering, die ein Wunder getan und ihm, dem Bettler, dem
Gemeindekind, zu einem Eigentum verholfen hatte. Sein Gnner und er beschlossen
den Tag, an dem der Kaufkontrakt unterschrieben worden war, auf das
feierlichste.
    Habrecht zndete auer dem Lmpchen auch eine Kerze an, Pavel breitete seine
Schtze vor sich aus, das Zeugnis vom Amte, den Kaufvertrag, den Rest seiner
Ersparnisse und Miladas Beutelchen mit seinem noch unangetasteten Inhalt. Das
Geld wurde gezhlt und ein berschlag der Kosten des Hausbaues gemacht. Um die
Ziegel war keine Sorge, die sollte Pavel mit Erlaubnis des Lehrers auf dem Felde
desselben schlagen, nach Ton brauchte man in der Gegend nicht weit zu suchen.
Schwer hingegen ist das Holzwerk beizuschaffen, dazu reichen die vorhandenen
Mittel nicht aus und knnen im gnstigsten Fall vor dem nchsten Herbste kaum
zusammengebracht werden. Zum Glck kommt der Dachstuhl zuletzt; die nchsten
Sorgen Pavels galten der Planierung seines Grundes und dem Aufbau seiner vier
Mauern. Genug fr den Anfang, genug fr einen, der zur Bestellung seiner
Angelegenheiten nur die Zeit hat, die ihm der Dienst bei fremden Bauten
briglt.
    Dies alles ausgemacht, und der Bursche holte Schreibmaterial herbei und
verfate, schwer seufzend und unter greren Anstrengungen, als das Fllen eines
Baumes ihn gekostet htte, folgenden Brief:

Milada,
    meine allerliebste Schwester ich bin dreimal bei dir gewesen aber die
Klosterfrauen haben mir es nicht erlaubt der Herr Lehrer hat ihnen schon
geschrieben. Milada ich hab die Sandgruben gekauft wo ich fr mich und die
Mutter das Haus bauen soll, bitte die Frau Baronin da sie mich zu dir gehen
lat weil ich unschuldig bin und vom Gericht den Schein bekommen habe da mir
das Gericht nichts tun darf ich habe auch neue Kleider und mcht nicht mehr im
Kloster Knecht sein weil ich die Sandgruben hab. So sollen mich die
Klosterfrauen zu dir erlauben.

Auch an seine Mutter schrieb Pavel noch an demselben Abend und teilte ihr mit,
da sie, wenn ihre Strafzeit verflossen sein werde, eine Unterkunft bei ihm
finden knne.
    Von der Mutter kam auch bald ein Brief voll Liebe, Dank und Sehnsucht; die
Antwort Miladas lie lange auf sich warten und brachte, als sie eintraf, eine
herbe Enttuschung.

Lieber Pavel, ich habe immer gewut, da du unschuldig bist - hie es in dem
Schreiben -, und mich gefreut und Gott gedankt, da er dich wrdigt, unschuldig
zu leiden nach dem Vorbild unseres sen Heilands. Und jetzt mu ich dir etwas
sagen, lieber Pavel. Ich habe dich lange nicht gesehen, aber das war nur
Gehorsam und kein freiwilliges Opfer, das hat mein Erlser mir nicht
angerechnet. Jetzt hat die ehrwrdige Frau Oberin erlaubt, da du mich besuchst,
und jetzt erst kann ich ein freiwilliges Opfer bringen. Ich tu's, Pavel, und
bitte dich, lieber Pavel, komm nicht zu mir, warte noch ein Jahr, warte ohne
Murren, denn nur das Opfer, das wir freudig zu Fen des Kreuzes niederlegen,
ist ein Gott wohlgeflliges und wird von Ihm denen angerechnet, fr welche wir
es darbringen. La uns freudig entsagen, du weit, da wir es fr die Seelen
unserer Eltern tun, die keine andern Frsprecher als uns bei ihrem ewigen
Richter haben. Komm also nicht. Wenn du aber dennoch kmst, lieber, lieber
Pavel, es wre umsonst-mich wrdest du nicht sehen, ich wrde die guten
Klosterfrauen bitten, mich vor dir zu verstecken, du wrdest wieder fortgehen,
httest mich nicht gesehen und mir das Herz nur unendlich schwer gemacht, denn
ich habe dich lieb, mein lieber Pavel, gewi lieber, als du dich selber hast.

Was schreibt denn deine Schwester? fragte Habrecht, der den Burschen mit
betroffener Miene auf das Blatt niederstarren sah, dessen schne regelmige
Schriftzge er langsam entziffert hatte Pavel beugte sich pltzlich vor, groe
Trnen strzten aus seinen Augen.
    Was schreibt sie? wiederholte der Lehrer, erhielt keine Antwort und fragte
nicht mehr; er wute ja bereits aus Erfahrung, wenn der Mensch etwas
verschweigen will, dann gilbt es keine Macht auf Erden, die ihm sein Geheimnis
entreit.
    Als das Frhjahr kam, schlug Pavel in einer Reihe von mondhellen Nchten die
Ziegel zu seinem Bau. Mehr als einmal fand er, am Abend aus der Fabrik
heimkehrend, seine Arbeit zerstrt. Kleine Fe waren ber die noch weichen
Ziegel gelaufen und hatten sie unbrauchbar gemacht. Pavel lauerte den belttern
auf, erwischte sie und fhrte sie dem Pfarrer vor. Es wurde ihnen eine Ermahnung
zuteil, die jedoch ohne Wirkung blieb, der Unfug wiederholte sich. Da beschlo
Pavel, selbst Gerechtigkeit zu ben. Mit einem Knttel bewaffnet, wollte er
hinter einem alten breitstmmigen Nubaum Posten fassen und die vom Dorfe
heranrckenden Feinde dort erwarten, zerbleuen und verjagen. Zu seinem grten
Erstaunen fand er jedoch das Hteramt, das er antreten wollte, bereits versehen,
und zwar - durch Virgil. Dieser hatte gleichfalls einen Stock in der Hand.
    Bin schon da, sagte er, hab ihrer schon einige weggetrieben.
    Was willst du, Spitzbub? fuhr Pavel ihn an. Fort, schlechter Kerl, mit
dir bin ich fertig! Er erhob den Knttel.
    Virgil hatte den seinen auf den Boden gestemmt, beide Hnde darauf gelegt
und sich zusammengekrmmt. Zitternd und demtig sprach er: Pavlicek, schlag
mich nicht, la mich hier stehen, ich stehe hier und geb acht auf deine Ziegel.
    Du, ja just du wirst achtgeben, du! ... Dich kenn ich. Geh zum Teufel.
    Sprich nicht von ihm! wimmerte der Alte beschwrend, und seine Knie
schlotterten, sprich um Gottes willen von dem nicht. Ich bin alt, Pavlicek, ich
werde bald sterben, du sollst zu mir nicht sagen: Geh zum Teufel.
    Alles eins, ob ich's sag oder nicht, alles eins, ob du gehst oder nicht,
wenn du nicht von selber gehst, holt er dich.
    Virgil fing an zu weinen: Meine Alte wird auch bald sterben und frcht't
sich. Sie mcht dich noch sehen, bevor sie stirbt. Sie war's auch, die mir
gesagt hat: Geh hin und gib acht auf seine Ziegel.
    Pavel betrachtete ihn still und aufmerksam. Wie er aussah, wie merkwrdig!
ganz eingeschrumpft und mager, vor Klte zitternd in seinen dnnen Kleidern und
dabei das Gesicht feuerfarbig wie ein Lmpchen aus rotem Glas, in dem ein
brennender Docht schwimmt. Das l, von dem dieses jmmerliche Dasein sich
nhrte, war der Branntwein; der einzige Trost, der es erquickte, ein
gedankenloses Lippengebet.
    Armer Spitzbub, dachte Pavel, die Zeiten sind vorbei, in denen du mich
mihandelt hast, jetzt kriechst du vor mir. So bleib, sprach er zgernd und
immer noch voll Mitrauen, ich werd ja sehen, was fr einen Wchter ich an dir
hab.
    Als er wiederkam, fand er alles in Ordnung; Virgil hielt wirklich treue
Wacht, verlangte dafr nicht Lob noch Lohn und fragte nur immer: Wirst nicht
zur Alten kommen?
    Pavel lie ihr sagen, von ihm aus knne sie in Frieden sterben, aber
besuchen wollte er sie nicht mehr. Der Hauptgrund seiner Weigerung war die
Furcht, Vinska bei ihrer Mutter zu treffen und ihr dort nicht ausweichen zu
knnen, was er sorgsam tat, seitdem sie die Frau Peters geworden. Und wie er die
Augen von ihr wandte, wenn er ihr begegnete, wie er jeder Kunde von ihr soviel
als mglich sein Ohr verschlo, so verjagte er sogar jeden Gedanken an sie, der
sich ihm unwillkrlich aufdrngen wollte.
    Sie hatte das Ziel ihrer Wnsche erreicht, und er hatte ihr geholfen, es zu
erreichen; jetzt sollte es aus sein. Was peinigte ihn denn noch, seinem Willen
entgegen, strker als seine eigene Strke, was qulte ihn bei ihrem Anblick? Er
kreuzte die Arme ber dem Herzen und murmelte mit einem Fluche: Klopf nicht!
Aber sein Herz klopfte doch, wenn die schne Buerin vorberschritt oder
vorberfuhr, in demselben Wgelchen, in dem ihr Mann, vor nun anderthalb Jahren,
Pavel zu Gericht gefhrt hatte. Sie bemhte sich, glcklich auszusehen; es
wirklich sein konnte sie kaum. Peter war ein tyrannischer und geiziger Eheherr,
der alle Voraussetzungen der Virgilova zunichte gemacht hatte. Seine
Schwiegereltern durften ihm nicht ins Haus; das wenige, was Vinska zur
Verbesserung ihrer Lage tun konnte, geschah im geheimen unter Furcht und Zagen.
    Sie selbst lebte im Wohlstand, hatte mit Geprnge die Taufe ihres zweiten
Kindleins gefeiert, aber wie das erste, bald nach der Hochzeit geborene, war
auch dieses, wenige Wochen alt, gestorben, und bereits hie es im Dorfe: Die
bringt kein Kind auf.
    Pavel war gerade dazugekommen, als man den kleinen Sarg ganz still und wie
in Beschmung aus dem Tor hinausschaffte. Und ein Schluchzen hatte er aus der
Stube dringen gehrt, ein Schluchzen, das ihm durch die Seele ging und ihn an
die Stunde mahnte, in welcher diejenige, die es ausstie, an seiner Brust
gelegen und ihn bestrmt hatte mit ihren Bitten und berauscht mit ihren
Liebkosungen.
    Den Tod des zweiten Enkels erlebte die Virgilova noch, kurze Zeit darauf
schlug ihr letztes Stndlein nach schwerem, frchterlichem Kampf.
    Der Geistliche hatte von ihrem Pfhl nicht weichen drfen; noch im
Verrcheln verlangte sie nach Segen und Gebet, in ihren brechenden Augen war
noch die Frage zu lesen: Ist mir verziehen?
    Mit Gleichgltigkeit nahm Pavel die Nachricht ihres Todes auf und blieb
ungerhrt von den Wehklagen, die Virgil ber den Verlust seines Weibes
anstimmte. Der Trost, den er dem Witwer angedeihen lie, lautete: Kein Schad um
die Alte, und Virgil unterbrach die Ergsse seines Schmerzes, richtete die
Augen zwinkernd auf Pavel und fragte halb berzeugt: Meinst?
    Dies begab sich zu Ende des Sommers, und am ersten Sonntag, der dem Ereignis
folgte, lie der Pfarrer Pavel zu sich bescheiden.
    Es war nach dem Segen; der Geistliche sa in seinem Garten auf der Bank
unter dem schnen Birnbaum, dessen Frchte sich bereits goldig zu frben
begannen, ganz vertieft in das Lesen eines Zeitungsblattes. Pavel stand schon
ein Weilchen da, ohne da er es wagte, den Pfarrer anzusprechen, bevor dieser
das kleine, blasse, von einem breitkrempigen Strohhute beschattete Gesicht erhob
und nach einigem Zgern sagte: Dir ist Unrecht geschehen. Sein Blick glitt an
Pavel vorbei und richtete sich in die Ferne: Du hast am Tod des Brgermeisters
keine Schuld.
    Freilich nicht, entgegnete Pavel, die Kinder laufen mir aber doch nach
und schreien: Giftmischer! ... Ich mchte den Herrn Pfarrer bitten, da er ihnen
verbietet, mir nachzurufen: Giftmischer.
    Meinst du, da sie es mit meiner Erlaubnis tun? fragte der Priester
gereizten Tones.
    Und die Alten, fuhr Pavel fort, sind auch so. Dreimal hab ich kleine
Fichten gepflanzt auf meinem Grunde, etwas anderes wchst ja dort nicht. Dreimal
haben sie mir alles ausgerissen. Sie sagen: Dein Haus mu frei stehen, man mu
in dein Haus von allen Seiten hineinschauen knnen, man mu wissen, was du
treibst in deinem Haus.
    Der Pfarrer rusperte sich: Hm, hm... Das kommt daher, da du einen so
schlechten Ruf hast. Du mut trachten, deinen Ruf zu verbessern.
    Pavel murmelte: Ich hab mein Zeugnis vom Amt.
    Nutzt alles nichts, wenn die Leute nicht dran glauben, sprach der
Geistliche. Auf den Glauben kommt es an, im groen wie im kleinen. Zu deiner
ewigen Seligkeit brauchst du den Glauben an Gott, zu deiner Wohlfahrt hier auf
Erden brauchst du den Glauben der Menschen an dich.
    Wr freilich gut.
    Du willst sagen, es wre gut, wenn du ihn erwerben knntest. Willst du so
sagen?
    Ja.
    So bemhe dich. Du hast einen besseren Weg schon eingeschlagen und mut nur
trachten, auf ihm vorwrtszukommen. Ohne Sttze jedoch wird das kaum gehen, die
wirst du noch lange brauchen. Bis jetzt war der Herr Lehrer deine Sttze... wird
es aber nicht mehr lang sein knnen.
    Wie? warum? - warum nicht mehr lang?
    Weil er versetzt werden wird, an eine andere Schule.
    Versetzt? rief Pavel in Bestrzung.
    Wahrscheinlich.
    Einen Augenblick sah der Pfarrer ihm fest ins Gesicht, dann sprach er: Mehr
als wahrscheinlich - gewi. Mache dich darauf gefat und berlege, an wen du
dich wenden kannst, wenn der Lehrer fortgeht, zu wem du in diesem Falle sagen
kannst: Ich bitte, nehmen Sie sich jetzt meiner an.
    Nach einer Pause, in welcher Pavel wie vernichtet vor ihm stand, fuhr der
Pfarrer fort, aufrichtig bemht, sich fr den ungeschlachten Burschen, dem sein
ganzer Mensch widerstrebte, wenigstens die Teilnahme des Seelsorgers abzuringen:
berleg's; ist niemand da, zu dem du ein Vertrauen fassen und so sprechen
knntest?
    Er mute die Frage wiederholen, ehe sie beantwortet wurde, und dann geschah
es mit einem so entschiedenen: Niemand da der Priester es vorlufig nicht
unternahm, diese feste berzeugung zu erschttern. Er rusperte sich abermals:
So, so, sagte er, niemand? Das ist ja schlimm. Denke aber doch ein wenig
nach, vielleicht fllt dir doch noch jemand ein. Er lehnte sich wieder an den
Baum zurck, sah wieder ins Weite und schlo: Du kannst nach Hause gehen,
kannst auch dem Lehrer sagen, da ich ihn vermutlich gegen Abend besuchen
werde.
    Pavel entfernte sich verwirrt, in halber Betubung, als ob er einen Schlag
auf den Kopf bekommen htte.
    Daheim fand er den Lehrer in der Stube am Tische sitzend vor seinem Buche,
mit der von sem Schmerz verklrten Miene, die er immer annahm, wenn er sich in
diese geliebten Bltter versenkte. Pavel nahm Platz ihm gegenber und
betrachtete ihn mit unendlich gespannter Aufmerksamkeit. Lange wagte er nicht,
ihn zu stren; endlich aber brach er - ohne seinen Willen, gegen seinen Willen -
in die Worte aus: Herr Lehrer, was mu ich von Ihnen hren?
    Kaum hatte er diese vorwurfsvolle Frage ausgesprochen, als ein Schrecken
ber die Wirkung, die sie hervorgebracht hatte, ihn erfate. Habrecht war
aschfahl geworden, seine Augen verschleierten sich, sein Unterkiefer hing herab
und zitterte, vergeblich bemhte er sich zu sprechen, er brachte nur ein
unzusammenhngendes Gestotter hervor. Nach Atem ringend focht er mit den Hnden
in der Luft und sank unter chzen und Sthnen auf seinen Sessel zurck. Pavel
aber, der noch nie einen Menschen sterben gesehen hatte und meinte, das ginge
viel leichter, als es in Wahrheit geht, sprang auf, warf sich auf die Knie und
beschwor ihn hnderingend: Sterben Sie nicht, Herr Lehrer, sterben Sie nicht!
    Ein mattes Lcheln stahl sich ber Habrechts Gesicht: Unsinn, sagte er,
nicht von Sterben ist die Rede, sondern von dem, was du von mir gehrt hast.
Beichte! befahl er, richtete sich auf und rollte frchterlich die Augen. Was
war's, wie lautet der Unsinn? O vermaledeiter Unsinn! ... Kein Vernnftiger
glaubt ihn, und doch lebt er vom Glauben, kugelt so weiter im Dunkel, in der
Tiefe. Sie zhlen sich ihn an den Fingern her, diejenigen, die selbst nicht
mitzhlen... Was hast du gehrt? Sprich! Er zog Pavel in die Hhe und rttelte
ihn; als der verblffte Bursche jedoch anfangen wollte zu reden, prete er die
Hand auf seinen Mund und gebot ihm Schweigen.
    Was kme heraus? ... Was ich wei im vorhinein, zum Ekel, was mich nicht
schlafen lt. Schweig, rief er, ich will einmal reden, ich elender Lgner,
ich will die Wahrheit sagen, ich armer Zllner will sie dir, dem armen Zllner,
sagen. Setz dich, hr mir zu, beug dein Haupt. Wenn es auch nur eine klgliche
Geschichte ist und die Geschichte einer jmmerlichen Torheit, sie ist doch
heilig, denn sie ist wahr.
    Er ging zum Wasserkrug, trank in langen Zgen und begann dann leise und
hastig von den Tagen zu sprechen, in denen er jung gewesen, ein Lehrerssohn und
Gehilfe seines krnklichen Vaters, durch Begabung und Verhltnisse, durch alles,
was natrlich und vernnftig ist, bestimmt, einst zu werden, was jener war. In
seinem Herzen aber kochte der Ehrgeiz, prickelte die Eitelkeit, diese blen
Berater lenkten seine Sehnsucht weit ab vom leicht Erreichbaren, spiegelten ihm
ein hohes Ziel als das einzig Erstrebenswerte vor. Die Zukunft eines groen
Professors in der groen Stadt, die trumte er fr sich und sein schwacher Vater
fr ihn, und dieses Schattengebilde der Zukunft, es lebte und nhrte sich vom
Fleisch und Blut der Wirklichkeit, von der Kraft, der Gesundheit, dem Schlaf der
Jugend... Wie lange kann eine an beiden Enden angezndete Fackel brennen? Kein
Mensch vermag ungestraft zwei Menschen zugleich - bei Tag ein Lehrer und bei
Nacht ein Student - zu sein. Als der erste noch jung, als der zweite doch schon
recht alt; denn mit entsetzlicher Geschwindigkeit verrann die Zeit, die er fr
seine Zwecke nur zur Hlfte ausnutzen durfte. Eines Morgens brach er an der Tr
der Schulstube zusammen. Wie aus der Ferne hrte er noch einen zitternden
Klageruf, sah wie durch dichten Nebel ein vielgeliebtes Greisenantlitz sich zu
ihm neigen, dann war alles Stille und Dunkelheit, und wohltuend berkam ihn das
Gefhl einer tiefen, bleiernen Ruhe.
    Lange Zeit verging; Habrecht lag dahin, anfangs in wirren Fiebertrumen,
spter in dumpfer Bewutlosigkeit. Man hielt ihn fr tot, legte ihn in den Sarg
und trug ihn in die Leichenkammer. Dort erwachte er. - Seine Rckkehr ins Leben
erregte nur Entsetzen, sich ihrer zu freuen war niemand mehr da. Seinen Vater
hatten Schrecken und Gram gettet, der schlief schon seit ein paar Tagen unter
dem Friedhofrasen, und lieber htte der Wiedererstandene sich neben ihn
gebettet, als da er, ein gebrochener Mann, den Kampf mit dem Leben von neuem
aufnehmen sollte. An eine Fortsetzung seiner Studien war nicht zu denken -
Habrecht bewarb sich um die Stelle, die sein Vater bekleidet hatte. Sie wurde
ihm zuteil - zur Unzufriedenheit der Dorfbewohnerschaft.
    Da einer, der drei Tage tot war, wieder lebendig wird, das ist, man mag es
nehmen, wie man will, eine unheimliche Sache. Wo hat sich seine Seele
aufgehalten whrend dieser drei Tage? Aus welchem grauenhaften Bereich kommt sie
zurck? ... sagten sie. Die seltsamsten Gerchte begannen sich zu verbreiten,
das Mrchen vom Aufenthalt des Schulmeisters in der Vorhlle entstand. Und er
lie es gelten. Er war ein armer, zugrunde gerichteter Mensch, der gefrchtet
hatte, sich kaum bei den Schulkindern in Respekt setzen zu knnen, und dem es
schmeichelte, als er nun bemerkte, da er sogar den Erwachsenen Scheu einflte
und da nicht leicht jemand ihm zuwider zu sprechen oder zu handeln wagte.
Seinen edlen Ehrgeiz zu befriedigen war ihm die Mglichkeit genommen, ein
falscher Ehrgeiz bemchtigte sich seiner, und er ergriff zu dessen Sttigung
unlautere Mittel. Er nhrte den Wahn, den zu bekmpfen seine Pflicht gewesen
wre, er, ein Lehrer, ein Verbreiter der Wahrheit auf Erden, ein Streiter wider
den Irrtum, er untersttzte die Lge, die Dummheit - den Feind. Er war ein
stiller Verrter an der eigenen Sache, er hielt das Vorurteil aufrecht, weil
seine Eitelkeit dabei ihre Rechnung fand.
    Der Pfarrer, der ihn durchschaute, rgte sein Tun; sein eigenes Gewissen
warf ihm das Unrecht vor... Er beschlo, es nicht mehr zu begehen, er fate den
Vorsatz und dachte ihn leicht auszufhren.
    Indessen - siehe da! was mute er erkennen? Der Wahn, den er frher
untersttzt hatte und nun austilgen wollte, war nicht mehr auszutilgen. Nicht in
kurzer, nicht in langer Zeit, nicht mit kleiner und nicht mit groer Mhe...
    Ich habe dem Unverstand das Hlzchen geworfen, rief er aus, und er hat
eine Keule daraus gemacht, mit der er mich drischt... Ich habe mit Schlangen
gespielt, und wie ich einsehe, da ich Frevel treibe, und aufhren will, ist's
zu spt, und ich bin unrettbar umringelt.
    Von, peinlicher Unruhe gejagt, begann er seine gewohnten Wanderungen durch
das Zimmer.
    Wr ich doch ein aufrichtiger Verbrecher, ein Mrder meinetwegen - ein
ehrlicher Mrder und nicht die verlogene Kreatur, die ich bin... bin! denn man
wird's nicht los. Die Falschheit hat sich hineingefressen in den Menschen und
regiert ihn gegen seinen Willen. Das ist frchterlich, wahr sein wollen und
nicht mehr knnen.
    Er blieb vor Pavel stehen, packte ihn an beiden Armen und rttelte ihn: Du
wirst es auch erfahren, wenn du dich nicht nderst... ndere dich, du kannst es
noch.
    Was soll ich tun? fragte Pavel.
    Nicht lgen, nichts von dir aussagen, was du nicht fr wahr hltst, im
Guten nicht, denn das ist niedertrchtig, im Bsen nicht, denn das ist dumm. Du
machst dich zum Knecht eines jeden, den du belgst, und wre er zehnmal
schlechter und geringer als du. Ich wei, was du willst, dich trotzig zeigen,
Scheu einflen... Warte nur, bis der Tag der Umkehr kommt - er kommt bei dir,
er bricht schon an - warte nur, wenn du einmal Grauen empfinden wirst vor dir
selbst.
    Herr Lehrer, unterbrach ihn Pavel, seien Sie ruhig, es klopft jemand.
    Habrecht fuhr zusammen. Klopft? - was? - wer? ... Ah - Hochwrden! ...
    Der Geistliche war eingetreten. Ich habe dreimal geklopft, sagte er, aber
Sie haben nicht gehrt, Sie haben so laut gesprochen. Seine klugen, scharfen
Augen richteten sich prfend auf den durch sein unerwartetes Erscheinen in
Bestrzung versetzten Lehrer.
    O Hochwrden, wie schn... ist's gefllig? - einen Sessel... Pavel, einen
Sessel, stammelte Habrecht und eilte zum Tisch, an den er die zitternden Beine
lehnte und ber den er wie beschtzend die gerundeten Arme erhob. Mit einer
selbstverrterischen Ungeschicklichkeit, die ihresgleichen suchte, lenkte er die
Aufmerksamkeit des Priesters auf das, was er ihr um jeden Preis htte entziehen
mgen, auf das offen daliegende Buch.
    Der Pfarrer trat ihm gegenber, schlug, bevor Habrecht es hindern konnte,
das Titelblatt auf, und von seinem Platze aus, ohne das Buch zu wenden, las er
mit Schrecken, mit Abscheu, mit Gram: Titi Lucretii Cari: De rerum natura.
    Er zog die Hand zurck, rieb sie heftig am Rocke ab und rief: Lukrez... O
Herr Lehrer- Oh! ...
    Und Habrecht, ringend in Seelenqual, sammelte sich mhsam, langsam - zu
einer Lge. Zufall, stotterte er, zufllig briggeblieben das Bchlein, aus
der Zeit der philologischen Studien... zufllig jetzt zum Vorschein gekommen...
    Wnsche es, hoffe es, mte Sie sonst bedauern, entgegnete der Geistliche,
der ihn nicht loslie aus dem Bann seines Blickes.
    Und Sie htten recht, der Sie einen Himmel haben und ihn jedem verbeien
knnen, der da kommt, sich bei Ihnen Trost zu holen, brach Habrecht aus.
    Als der Priester ihn verlassen hatte, nahm er den zerlesenen Band, liebkoste
ihn wie etwas Lebendiges und barg ihn an seiner Brust, seinen mit stets erneuter
Wonne genossenen, stets verleugneten Freund.

                                       12


Pavel baute rstig an seinem Hause fort, und es wurde fertig, allen Hemmnissen
zum Trotz, welche der Mutwille und die Bosheit ersannen, um seinem Erbauer die
Beendigung des anspruchslosen Werkes zu erschweren. Da stand es nun, mit Moos
und Stroh bedeckt, sehr niedrig und sehr schief. Aus den drei kleinen Fenstern
guckte die Armut heraus, doch wer unsichtbare Inschriften zu lesen verstand, der
las ber der schmalen Tr: Durch mich geht der Flei ein, der diese Armut
besiegen wird. Vorlufig war die Schaluppe der Gegenstand des Spottes eines
jeden, den sein Weg vorbeifhrte. Pavel lie sich aber die Freude an seinem
Huschen nicht verderben, sondern ging wohlgemut an dessen innere Einrichtung.
Er hatte einen Herd gebaut und einen bescheidenen Brettervorrat gekauft. Um
diesen mit ihm zu durchmustern, fand der Schullehrer sich ein. Sie hielten
Beratung, drehten jedes Brett wohl zehnmal um und berlegten, wie es am besten
zu verwenden wre. Pltzlich hob Pavel den Kopf und horchte. Das langsame Rollen
eines schweren Wagens, die Anhhe herauf, lie sich vernehmen.
    Die Frau Baronin kommt, rief Pavel, sie hat mein Haus noch nicht gesehen;
was wird die sagen, wenn sie sieht, da ich ein Haus habe!
    In der Tat kannte die Baronin Pavels Bauwerk noch nicht. Die Spazierfahrten
der alten Dame lenkten sich regelmig nach einer andern Richtung. Den
schlechten, steilen Weg durch das Dorf kam sie nur einmal im Jahre gefahren,
meistens zur Herbstzeit, wenn sie ihren alten pensionierten Frster im
Jgerhause droben besuchte. Das war heute und wre wohl fters der Fall gewesen,
ohne die Grnde, die Matthias, der Bediente, immer anzufhren wute, um von dem
Ausflug nach dem Jgerhaus abzuraten. Der Grund, der ihm alle diese Grnde
lieferte, war der, da er an der Gicht in den Beinen litt, ungern zu Fue ging
und recht gut wute, da es am Ende des Dorfes, wo die jhere Steigung begann,
heien wrde: Steig ab, Matthias, du bist zu dick, die armen Pferde knnen dich
nicht schleppen.
    Als Pavel das Nahen des Wagens bemerkte, war Matthias soeben vom Bock
herabbefohlen worden, er schritt verdrielich hinter der groen Kalesche einher,
und die Baronin sa in derselben ebenfalls verdrielich. Sie rgerte sich ber
den Buckel, den ihr Kutscher machte, und schlo daraus auf einen Mangel an
Respekt, indes derselbe nur die Folge der lastenden Jahre war. Die Gebieterin
sagte leise vor sich hin: Da die Leute heutzutage nicht mehr geradesitzen
knnen! ... Was das fr eine Manier ist! ... Eine rechte Schand, wenn sich einer
gar nicht zusammennehmen kann! ... Sie selbst sa aufrecht wie eine Kerze und
streckte sich, soviel sie konnte, um mit gutem Beispiel voranzugehen, was
freilich unter den gegebenen Umstnden wenig ntzte. Dabei blickte sie lebhaft
und neugierig umher durch die groe Brille, die sie bei ihren Ausfahrten
aufzusetzen pflegte. Bei der Sandgrube angelangt, wurde sie die neue Htte
gewahr, welche sich dort erhob, und rief: Matthias, wer hat denn da einen Stall
gebaut? Was ist denn das fr ein Stall?
    Matthias beschleunigte seine Schritte, nahm den Hut ab und antwortete: Das
ist eine Schaluppen.
    Was der Tausend! wer hat sich denn die gebaut?
    Matthias lchelte verchtlich: Die hat sich ja der Pavel gebaut, der
Holub.
    Gott bewahr einen! der baut Huser?
    Ja, fuhr Matthias fort und legte vertraulich die Hand auf den Wagenschlag,
fr die Mutter, heit's, da die wo unterschlupfen kann, wenn sie herauskommt
aus dem Zuchthaus. Wird ein Raubnest werden; ist noch gut, da es so frei steht
und so weit drauen aus dem Dorf.
    Whrend dieses Gesprchs war die Equipage vor dem Httchen angelangt, von
dem sie nur noch der Wegrain und der Raum trennte, auf dem Pavel seine Bretter
ausgelegt hatte.
    Die Baronin befahl dem Kutscher, ordentlich zu hemmen und anzuhalten. Sie
beugte sich aus dem Wagen und fragte: Was sind denn das fr Bretter?
    Habrecht trat heran und begrte die gndige Frau.
    Sieh da, sprach diese, der Lehrer, das ist schn, da knnen Sie mir
gleich sagen, was das fr Bretter sind?
    Aus der herrschaftlichen Brettmhle, Euer Gnaden.
    Und wie kommen sie denn hierher?
    Als Eigentum des Pavel Holub, der sie gekauft hat.
    Gekauft? entgegnete die Baronin; das ist schwer zu glauben, da der etwas
gekauft haben soll.
    Pavel hatte sich bisher regungslos hinter dem Schulmeister gehalten; bei den
letzten Worten der gndigen Frau fuhr er auf, wandte sich, sprang in die Htte
und kam gleich darauf wieder zurck, einen Bogen Papier in der Hand haltend, den
er, ohne ein Wort zu sprechen, der Baronin berreichte.
    Was ist das? fragte sie, was bringt er mir da?
    Die saldierte Rechnung ber die gekauften Bretter, antwortete Habrecht, an
den die Frage gerichtet war.
    So - der kauft ein und bezahlt Rechnungen? Woher nimmt er das Geld dazu?
Ich habe gehrt, da er einen Beutel voll Geld gestohlen hat.
    Eine alte Geschichte, Euer Gnaden, die nicht einmal wahr gewesen ist, als
sie noch neu war.
    Ich wei schon, Sie nehmen immer seine Partei. Ihrer Meinung nach habe ich
immer unrecht gegen den schlechten Menschen.
    Er ist nicht mehr schlecht; die Zeiten sind vorbei, Euer Gnaden knnen mir
glauben.
    Warum spricht er denn nicht selbst? Warum steht er denn da wie das
leibhaftige bse Gewissen? ... Entschuldige dich, sprach die alte Dame, sich an
Pavel richtend, sag etwas, bitte um etwas. Wenn ich gewut htte, da du ein
Haus baust und Bretter brauchst, htte ich sie dir geschenkt... Kannst du nicht
bitten? ... Weit du nichts, um was du mich bitten mchtest?
    Jetzt erhob Pavel seine Augen zu der alten Frau. Zagend, zweifelnd blickte
er sie an. Ob er etwas zu bitten habe, fragte sie nicht mehr, nachdem diese
dsteren Augen sie angeblickt und sie in ihnen eine so kummervolle, so
unaussprechlich tiefe Sehnsucht gelesen hatte.
    Was mchtest du also? sagte sie, so rede!
    Pavel zgerte einen Augenblick, nahm sich zusammen und antwortete ziemlich
deutlich und fest: Ich mchte die Frau Baronin bitten, da Sie meiner Schwester
Milada schreibt, sie mchte mir erlauben, sie zu besuchen.
    Ungeduldig wackelte die Baronin mit dem Kopfe: Das kann ich nicht tun, da
mische ich mich nicht hinein, das ist die Sache der Klosterfrauen. Zur Milada
darf man nicht ohne weiteres hinlaufen, sooft es einem einfllt, ich darf's auch
nicht. Milada gehrt nicht mehr uns, sondern dem Himmel... Der Mensch, richtete
sie sich wieder an Habrecht, spricht auch immer dasselbe; ich begreife nicht,
wie man sagen kann, da er sich gendert hat... Und jetzt fahren wir. - Adieu!
Vorwrts, Jakob.
    Der Wagen setzte sich in Bewegung, war jedoch kaum ein Stckchen
weitergekollert, als die Baronin abermals haltzumachen befahl, Habrecht
herbeiwinkte und fragte: Was ist's denn mit dem neuen Schullehrer? Warum kommt
er nicht? Er hat sich ja heute vorstellen sollen.
    Morgen, Euer Gnaden, wenn ich bitten darf.
    Wieso, morgen? ... Ist denn heute nicht Mittwoch?
    Ich bitte um Verzeihung, heute ist Dienstag.
    Dienstag? Das ist etwas anderes. Ich habe schon geglaubt, der Jngling, der
vermutlich ein gelehrter Flegel sein wird, findet es berflssig, der
Gutsbesitzerin seinen Kratzfu zu machen. Und wann reisen denn Sie,
Schullehrer?
    Nchste Woche, Euer Gnaden.
    Recht schade, recht schad um Sie, es kommt nichts Besseres nach, sprach
die Baronin und fuhr, Habrecht huldvoll grend, davon.
    Als der Lehrer sich nach Pavel umsah, stand dieser unbeweglich und feuerrot
im Gesicht. So ist es doch wahr? fragte er, so mhsam schluckend, als ob ihm
die Kehle zugeschnrt wrde. Sie gehen fort?
    Das heit, ich komme fort, erwiderte Habrecht zgernd; ich bin versetzt
werden.
    Weit weg?
    Ziemlich.
    Wissen Sie das schon lang, Herr Lehrer, da Sie versetzt worden sind?
    Lang - nicht lang - wie man's nimmt...
    Warum haben Sie mir's nicht gesagt?
    Wozu? Hast du's nicht ohnehin erfahren?
    Aber nicht glauben wollen, dem Herrn Pfarrer nicht und den andern schon gar
nicht. Wenn es ist, habe ich mir gedacht, werden Sie es mir schon selbst
sagen... Er vermochte nicht, weiterzusprechen.
    Der Anblick von Pavels schmerzvoller Bestrzung schnitt seinem alten Freunde
in die Seele; aber er wollte sich nichts davon merken lassen. Gnn mir mein
Glck, rief er nach einigen Augenblicken des Schweigens pltzlich aus; denk
nur, ich komme unter lauter fremde Menschen... Schaut mich einer an, schau ich
ihn wieder an, ganz ruhig - fllt mir nicht ein zu fragen: Was hast du von mir
gehrt, was mutest du mir Unheimliches zu? ... Die Achtung, die ich zu verdienen
verstehe, werde ich haben und genieen - die hchste Achtung, denn wie ein Engel
will ich sein, wie ein Heiliger, und sogar die schlechten Kerle werden zugeben
mssen: Das ist einmal ein braver Lehrer! ... So wird es dort sein, whrend
hier... er prete die Hnde an beide Schlfen und sthnte herzzerreiend. Ein
Beispiel, fuhr er fort, ich werde dir ein Beispiel gehen, wie es hier ist und
wie es dort sein wird. Denk dir eine groe Tafel, schneewei, die htte ich mit
edlen Zeichen beschreiben sollen, aber statt dessen habe ich dereinst die reine
Tafel bekritzelt und beschmiert, und wenn ich jetzt tun will, wie ich soll, und
schne Buchstaben zeichnen, kann ich's nicht so ohne weiteres, das tolle Zeug,
das schon dasteht, mu erst weggeputzt werden. Oh, wie schwer, nein - unmglich!
... Und wenn ich auch meine, es ist ausgetilgt und keine Spur mehr vorhanden -
hinter meinen sorgfltig gemalten Lettern kommt es doch wieder zum Vorschein.
Blasser von Jahr zu Jahr, ja vielleicht - was hilft's? - Dafr ist mein Aug
empfindlicher geworden, und der Eindruck bleibt sich gleich... Verstehst du
mich? Das wird nun alles anders. Drben in der neuen Heimat ist die Tafel blank,
wie sie es von Anfang an gewesen, als sie mir anvertraut wurde. Die Tafel ist
der Ruf. Verstehst du oder nicht? ... Unglcksmensch, mir scheint, du verstehst
kein Wort!
    Pavel wehrte sich nicht gegen diesen Verdacht; ihn beschftigten andere
Gedanken, und pltzlich rief er: Ich wei, was ich tu - ich geh mit Ihnen.
    Das lasse dir nicht einfallen, fuhr Habrecht heraus, setzte aber, um die
Schonungslosigkeit seiner Abwehr zu vermindern, erklrend hinzu: Was wrde aus
deiner Mutter, wenn sie dich nicht fnde bei ihrer Rckkehr?
    Sie kann uns ja nachziehen, wenn sie will, entgegnete Pavel und zupfte an
seinen Lippen, wie Kinder in der Verlegenheit tun. Und wie einem Kinde sprach
Habrecht ihm zu, sich zu fgen, zu bleiben, wo er war, gab ihm Grnde dafr an
und schlo ungeduldig, als Pavel zu allem den Kopf schttelte: Endlich! ...
Woher deine Mutter kommt - von der ich brigens nichts Schlechtes glaube -,
htten die Leute bald weg und wrden fragen: Was fr einen Anhang bringt uns der
Lehrer ins Dorf? ... Das kann nicht sein - du mut es selbst einsehen...
bescheide dich... Damit wandte er sich, und indem er den Schwei abtrocknete,
der ihm trotz der herbstlichen Khle auf der Stirn perlte, trat er eilends die
Flucht an, um etwaigen neuen Vorschlgen Pavels zu entrinnen.
    Er htte solche nicht zu frchten gebraucht. Der Bursche brachte das
Gesprch nicht mehr auf die immer nher heranrckende Trennung, wurde nur
stiller, trauriger, fhrte aber sein arbeitsvolles Leben fort und suchte die
Gesellschaft seines Gnners nicht fter auf als zu jeder andern Zeit.
    Und Habrecht, mit dem Egoismus des Kranken, der keine Sorge aufkommen lt
als die um seine Genesung, wollte nichts wissen von dem Kampf, der sich hinter
Pavels anscheinender Ruhe verbarg; wollte nichts wissen von einem Leid, dem
abzuhelfen ihm unmglich gewesen wre. Geschieden mute einmal sein, es geschah
am besten klaglos.
    brigens verga Habrecht seinen Schtzling beinahe ber dem Verdru, den
sein Nachfolger ihm bereitete.
    Dieser junge Mann, Herr Georg Mladek, war einige Tage spter eingetroffen,
als er erwartet worden, hatte sich an der Verwunderung ergtzt, die Habrecht
darber uerte, und auf die Zumutung, ins Schlo zu gehen, um der Frau Baronin
seine Aufwartung zu machen, geantwortet: Recht gern, wenn sie jung und schn
ist. Sonst habe ich mit Baroninnen nichts zu tun und auf ihren Schlssern nichts
zu suchen.
    Aber, meinte Habrecht, die Hflichkeit gebietet...
    Nicht jedem - ich, zum Beispiel, bin ohne Vorurteile.
    Er tat sich darauf etwas zugute, fast so arm zu sein wie Hiob und ganz so
stolz wie Diogenes, bezog die Schule an der Spitze eines Koffers, eines
Feldbettes, eines Tisches, eines Sessels, fand sich fr den Anfang gengend
versorgt und dankte ablehnend fr die Bereitwilligkeit, mit welcher sein Vorfahr
im Amte ihm einiges Hausgert zur Verfgung stellen wollte.
    So wanderte denn Habrechts Mobiliar in die Htte an der Sandgrube, vom
Volksmund schlechtweg die Grubenhtte getauft, und nahm sich dort ordentlich
stattlich aus, erregte auch vielfachen Neid. Die Leute fanden Habrechts Gromut
gegen Pavel unbegreiflich und kaum zu verzeihen. Mladek aber machte sich ber
das Verhltnis zwischen den beiden seine eigenen Gedanken und hatte keinen
Grund, dieselben dem Kollega zu verheimlichen.
    Am Vorabend des fr Habrechts Abreise bestimmten Tages suchte er ihn auf und
fand ihn in der Schulstube, wo er, am Fenster stehend, in ungeduldiger Erwartung
auf die Strae blickte. Als der Eintretende ihn anrief, sah Habrecht sich um und
sprach: Sie sind's - gut, gut, da Sie's sind; es ist mir lieb, da es kein
anderer ist.
    Welcher andere denn?
    Nun, der Pavel, wissen Sie. Aufrichtig gestanden, ich beabsichtige, mich
heute schon, und zwar ohne Abschied, davonzumachen... des Burschen wegen. Ich
gehe freudig von hier fort, kann's nicht verbergen, und das tut ihm weh. So habe
ich mich bei der Frau Baronin und beim Herrn Pfarrer empfohlen und fahre ab,
bevor Pavel nach Hause kommt... Habe mir ein Wgelchen bestellt - drben an die
Gittertr... es sollte schon dasein.
    Er eilte wieder an das Fenster und bog sich weit ber die Brstung. Der Wind
zerzauste ihm die sprlichen Haare, in dnnen Strhnen umflogen sie seinen
Scheitel und sein Gesicht, das so alt aussah und so wenig harmonierte mit der
noch jugendlich schlanken und beweglichen Gestalt. Er trug den schwarzen Anzug,
den ihm sein Vater zur letzten Prfung hatte machen lassen und der, auf eine
krperliche Zunahme des Besitzers berechnet, die nie eintrat, die hageren
Glieder in dem Mae schlotternd umhing, als das Tuch fadenscheiniger und dessen
Falten weicher geworden waren.
    Mladek musterte ihn durch die scharfen Glser des Zwickers und sprach: Wie
lang sind Sie denn hier Schulmeister gewesen?
    Einundzwanzig Jahre.
    Und nach einundzwanzig Jahren machen Sie sich aus dem Staub, als ob Sie
etwas gestohlen htten? Verderben den Kindern die Freude einer
Abschiedshuldigung und den Erwachsenen die eines Festessens... und das alles, um
Ihren Pavlicek nicht weinen zu sehen? Sonderbar! ... Es mu ein eigenes
Bewandtnis mit Ihnen haben, Kollega... wie?
    Habrecht erbleichte unter dem inquisitorischen Blick, der sich auf ihn
richtete. Was fr eine Bewandtnis? fragte er, und die Zunge klebte ihm am
Gaumen.
    Erschrecken Sie doch nicht vor mir - mir ist nichts Menschliches fremd,
entgegnete Mladek voll berlegenheit. Aufrichtig, Kollega, bekennen Sie! War
die Mutter Ihres Pavlicek, die brigens jetzt im Zuchthaus sitzen soll, ein
schnes Weib?
    Habrecht begriff die Bedeutung dieser Frage nicht gleich; als sie ihm jedoch
klar wurde, lachte er laut auf, lachte immer munterer, immer heller und rief in
frhlichster Erregung: Nein - so etwas! Oh, Sie Kreuzkpferl, Sie! Nein, da
ich heute noch einen solchen Spa erlebe! ... Herr Jesus, was Sie doch gescheit
sind! Er brach in ein neues Gelchter aus. Der krankhaft empfindliche Mann, den
die leiseste Anspielung auf einen durch ihn selbst erregten Argwohn in allen
Seelentiefen verwundete, fhlte sich durch den jeder Veranlassung entbehrenden
wie gereinigt. Kein Lob, keine Schmeichelei htte ihn so herzlich beglcken
knnen, wie seines Nachfolgers falsche und nichtsnutzige Vermutung es tat. Er
bemerkte nicht, da er beleidigte mit seiner Lustigkeit; er wurde frmlich
bermtig und rief: Ich wollte, Sie htten recht: es wre besser fr den
Burschen. Aber Sie haben nicht recht, und sein Vater ist wahrhaftig am Galgen
gestorben. Ein Unglck fr den Sohn, das diesem als Schuld angerechnet wird. Man
mu ihn in Schutz nehmen gegen die Dummheit und Bosheit. Ich hab's getan, tun
Sie es auch; versprechen Sie mir das.
    Mladek nickte mit sauerser Miene, im Innern aber blhte er sich giftig auf
und dachte: Zum Lohn dafr, da du mich seinetwegen verspottet hast? Das wird
mir einfallen!
    Inzwischen vernahm man durch die Nachmittagsstille das langsame Heranrumpeln
eines Leiterwagens. Meine Gelegenheit! sprach Habrecht, hob das Felleisen vom
Boden und lud es mit Mladeks Hilfe auf seine Schulter. Jede andere
Dienstleistung, besonders das Geleite zum Wagen, verbat er sich und eilte davon,
ohne einen Blick zurckzuwerfen nach der Sttte seiner langjhrigen Ttigkeit.
Keine Regung der Wehmut beschlich beim Scheiden seine Brust. Fahre! rief er
dem ihn begrenden Buerlein zu, und wenn dich jemand fragt, wen du fhrst, so
sag - einen Brutigam, sag's getrost; es ist schon mancher zur Hochzeit
gefahren, der nicht so guter Dinge war wie ich. Damit kletterte er in den
Wagen, streckte sich der Lnge nach in das dicht aufgestreute Stroh und
kommandierte jauchzend: He!

Die Dorfleute kamen an dem Tag etwas frher als sonst vom Felde zurck; sie
hatten Eile, ihre Anstalten zum Abschiedsfest fr den Lehrer zu treffen. Der
Schlot des Wirtshauses qualmte bereits seit einigen Stunden. Die ein Wort
mitzureden hatten, gingen dem Stand der Dinge in der Kche nachsehen; andere
hielten sich in der Nhe, um wenigstens den guten Bratengeruch zu schnuppern,
der die Luft ringsum zu erfllen begann. Die Buben sammelten sich schwarmweise,
und weil es ihnen bevorstand, beim morgigen Festzug eine gute Weile friedlich in
Reih und Glied zu wandeln, entschdigten sie sich dafr und prgelten einander
heute noch in aufgelster Ordnung gehrig durch. In den Husern und vor den
Husern flochten die Mtter den Mdchen die Haare mit roten Bndchen ein, und in
den Stllen taten die Bauernburschen dasselbe an den Mhnen ihrer Rosse. Da
entstanden eine Unzahl dnner Zpflein, so steif wie Draht, die den Kpfen der
Mdchen und den Hlsen der Pferde etwas sehr Nettes und Gutgehaltenes gaben. Mit
einem Worte, die Vorbereitungen zur Feierlichkeit waren im besten Gange, als
sich die Kunde von der stattgefundenen Abreise Habrechts verbreitete. Anfangs
wollte niemand an dieselbe glauben; erst als der Bauer, der den Lehrer nach der
Eisenbahnstation gebracht, von dort zurckkehrte und dessen herzliche
Abschiedsgre an die Dorfbewohner bestellte, mute man wohl oder bel zu
zweifeln aufhren.
    Nur Pavel lie sich, als er nach vollbrachtem Tagewerk heimkehrte, in seiner
berzeugung, Habrecht sei da, msse noch da sein, nicht irremachen. Er wrdigte
diejenigen, die ihn deshalb verhhnten, keiner Antwort, lief zur Schule und trat
ohne weiteres in die Wohnstube, in welcher er Mladek fand. Diesen fragte er kurz
und barsch: Wo ist der Herr Lehrer?
    Mladek, der an einem Briefe schrieb, wandte den Kopf: Da ist der Herr
Lehrer, sprach er, auf sich selbst deutend, und ohne anzuklopfen, tritt man
bei ihm nicht ein, das merk dir, du Lmmel.
    Pavel stotterte eine Entschuldigung und bat nun, ihm zu sagen, wo der
frhere Herr Lehrer sei.
    Abgepatscht, und auch du patsch ab! lautete die Antwort.
    Pavel schritt langsam die Treppe hinab, trat in das Schulzimmer, blieb dort
eine Weile stehen und wartete; und als derjenige, den er erwartete, nicht kam,
ging er ins Grtchen, in dem er auf und ab wandelte, auslugend, horchend.
Pltzlich schlug er sich vor die Stirn... Dummkopf, der er war, da ihm das
nicht frher eingefallen! ... Bei ihm, in seinem Hause befand sich der Lehrer,
um ihm - ihm ganz allein Lebewohl zu sagen. Auflebend mit der rasch erblhten
Hoffnung, rannte er durchs Dorf nach seiner Htte und rief, bei derselben
angelangt: Herr Lehrer!
    Keine Antwort. Auch hier alles still, und nun begriff Pavel, da er seinen
alten Gnner vergeblich suchte.
    In der Mitte der Stube stand der Tisch, an dem er so oft ihm
gegenbergesessen hatte, sein dnnbeiniger Lehnsessel davor und an der Wand sein
altersbrauner Schrank... Der Anblick dieser Habseligkeiten schnitt Pavel in die
Seele und reizte seinen Zorn. Er schleuderte den Sessel in die Ecke und fhrte
einen Futritt gegen den Tisch, da er krachend umstrzte... Was brauchte Pavel
das Zeug? Was brauchte er Erinnerungen an den, der ihn so treulos verlassen
hatte? ...
    Fort, fort sein einziger Freund! ... Fort - ohne nur gesagt zu haben: Beht
dich Gott! ... Was fr ein Mensch war er denn, da er das vermochte? ... Besser
tausendmal, er wre gestorben, da man an seinem Sarge weinen knnte und denken:
Bis zum letzten Augenblicke hat er dich geliebt. Aber so entgleiten wie ein
Schatten - das macht all seine Gte und Freundschaft schattenhaft.

                                       13


Zur Schnittzeit in demselben Jahre fand ein groes Ereignis statt. Die Gemeinde
fhrte ein langgehegtes Vorhaben aus; sie kaufte fr ihre bisher von einem
Pferdegpel betriebene Dreschmaschine ein Lokomobil. Auf der Eisenbahnstation
wurde es abgeholt und zog sechsspnnig, mit Blumen bekrnzt, ins Dorf ein. Stolz
schritten die Bauern neben ihm; es verdarb keinem die Freude an der wertvollen
Erwerbung, da man nur die erste der zehn Raten, in welchen sie bezahlt werden
sollte, erlegt hatte und vorlufig noch nicht wute, woher das Geld nehmen fr
die brigen neun.
    Unweit von Pavels Htte lag frei auf der Anhhe, das Dorf beherrschend, der
Hof des neugewhlten Brgermeisters. Dort erffnete das Lokomobil seine
Ttigkeit. Es dampfte und schnob, und die mit ihm in Verbindung gesetzte
Dreschmaschine schluckte die dargereichten Garben und spie mit nie dagewesener
Geschwindigkeit die ausgelsten Krnlein aus und das zerknitterte Stroh. Anfangs
drngte sich viel Publikum zu dem hbschen Schauspiel, allmhlich jedoch lie
bei den meisten das Interesse an dem ewigen Einerlei nach und erhielt sich nur
bei einem armen Jungen unvermindert, der wohl keine Aussicht hatte, die Maschine
jemals in seinem Dienste zu beschftigen, nmlich bei Pavel. Er hatte Arbeit
beim Holzschlag im herrschaftlichen Wald erhalten und machte auf dem Gang dahin
tglich einen kleinen Umweg, um den Anblick des schnaubenden Ungeheuers zu
genieen, dem er sich mit stillem Staunen hingab, bis es hie: Mach, da du
fortkommst! - Wenn der einem die Maschine wegschauen knnte, er tt's, meinte
der Brgermeister. Pavel ging, nahm aber die Erinnerung an die Bewunderte mit
sich und hatte ein deutlicheres Bild von ihr im Kopfe als die Bauern, die in
ihrer nchsten Nachbarschaft auf der Bank an der Scheune saen und die
Hantierung der Taglhner berwachten.
    Wohlgefllig sahen die Eigentmer des Getreides, das eben gedroschen wurde,
zu und freuten sich, wenn die fleiige Maschine die Arbeit in wenig Tagen
fertigbrachte, die ihnen monatelang zu tun gegeben htte. Bald kam die Frage zur
Beratung, ob man nicht einen Teil der vielen jetzt brigbleibenden Zeit dem fr
den Bauer so auerordentlich lockenden Vergngen der Jagd widmen solle? Im
nchsten Jahre lief der Pachtkontrakt mit der Herrschaft ab, und dann gedachte
man sich's wohl zu berlegen, ehe man ihn erneuern wrde. Die Sache wurde oft
besprochen und fand in der Gemeinde nur wenige Gegner, unter ihnen jedoch einen
sehr einflureichen und sehr entschiedenen, nmlich Peter. Aus lauter Geiz,
behaupteten seine Feinde; ihn reue das Geld fr die Jagdkarte, fr Pulver und
Blei. Er lie das gelten und erklrte, er brauche sein Geld zu was
Gescheiterem.
    Nun hhnten die Sptter regelmig: Bei ihm ginge eben alles in Hafer auf
fr die Kohlfuchsen, da die doch ein bichen zu Krften kmen.
    Damit gelang es immer, Peter wild zu machen.
    Er setzte seinen ganzen Stolz in eine Pferdezucht, die schon sein Vater mit
gutem Glck betrieben, und war krzlich mit zwei Kohlfchsen zur Prmiierung von
Arbeitspferden gefahren, deren Anblick, wie er oft geprahlt hatte, die
Kommission umreien und alle anwesenden Pferde in den Grund und Boden schlagen
msse. Statt dessen hatte man ihn zurckkommen sehen ohne Preis, zornig und
schimpfend ber die Kommission, die zusammengesetzt gewesen sei aus lauter
Eseln. Im Dorfe verspottete man ihn; jeder wute, die Kohlfchse waren fr
Arbeitspferde zu schwach befunden worden, und nun setzte Peter seinen Kopf
darauf, sie zu den strksten Pferden weit und breit zu machen, und hoffte nur
auf die Gelegenheit, einen glnzenden Beweis davon zu geben, da ihm dies
gelungen sei. Der ersehnte Augenblick schien endlich gekommen. Wenn die Maschine
am Getreide des Brgermeisters und an dem der Umgegend ihre Schuldigkeit getan
haben wrde, sollte sie im Hof Peters am unteren Ende des Dorfes aufgestellt
werden, und er hatte die Zeit, sie abzuholen, kaum erwarten knnen. Am
bestimmten Tage, das Lokomobil war noch im Gange, erschien er schon mit einem
Gesicht so aufgeblasen wie ein Luftballon, hinter ihm sein Knecht, der die
angeschirrten Kohlfchse am Zgel fhrte. Was willst mit den Pferden? fragte
der Brgermeister; warum bringst nicht ein paar tchtige Ochsen? Die Pferde
halten dir die Maschine ber den Berg nicht zurck. Barosch und Anton, die eben
dastanden, einige jngere Leute und alle Tagelhner waren derselben Meinung;
sogar Pavel, der mit einem Auftrag vom Frster an den Brgermeister geschickt
worden, erlaubte sich, in Gegenwart der Notabilitten den Mund aufzutun, und
sagte: Und der Maschine kann das grte Unglck geschehen.
    Peter schob die kurze Pfeife aus dem linken Mundwinkel in den rechten und
den Hut weiter zurck ins Genick. Spann ein, befahl er kurz und gebieterisch
dem Knecht und zog den Gulen die Strnge vom Rcken.
    Wart, rief der Brgermeister, wirst doch so nicht fahren, wirst doch
frher das Feuer herausnehmen lassen. Er ffnete die Tr des Kohlenbehlters,
und Barosch nherte sich mit dem Schreisen; aber Peter donnerte ihn an: La
bleiben! So wie sie dasteht, so ziehen meine Ross' sie fort, schlug die Tr des
Kohlenbehlters wieder zu, half dem Knecht einspannen und ergriff die Leitseile
und die Peitsche.
    H! ein mchtiger Schnalzer: die Pferde zogen an, sprangen zur Seite,
sprangen in die Hhe, und erst auf einen zweiten und dritten Schnalzer legten
sie sich ins Geschirr, da die Strnge krachten... vom Fleck bewegt war die
Maschine. Peter schrie, sein Knecht schrie, die Bauern und die Taglhner standen
staunend, denn wirklich - die Kohlfchse zogen das Lokomobil bis zum Ausgang des
Hofes. Von hier an ging's von selbst; sachte abwrts neigte sich der Weg und
mndete breit auslaufend in die Dorfstrae. Auf dieser ward die Senkung jher,
Pavel lief hinzu und wollte die Rder sperren, Peter jedoch, vllig berauscht
von bermut und Prahlsucht, stie ihn hinweg. Ich brauch das nicht, rief er,
ich fahr ohne Sperr.
    Narrheit, meinte Anton, weil's ja doch immer steiler abwrts ginge, und
Peter lachte: wenn auch, um so schneller wrden seine Pferde laufen, und er
verma sich, die Maschine im Trab in seinen Hof zu fhren.
    Die Verkndigung dieses Wagnisses erregte Hohn und Neugier. Ein Hauptspa
war's doch, dem Kunststck zuzusehen. Nur Anton empfand ungemischten Unwillen,
kreuzte die Hnde mit einer bedauernden Gebrde und sprach: Lt sich nichts
sagen, wird schon sehen.
    Ihr werdet sehen, ihr! was meine Fuchsen knnen, gab Peter zurck, ging,
in jeder Hand einen Zgel, mit groen Schritten neben den Pferden her, rief aber
nicht mehr H, sondern Ho-oho.
    Die Pferde hielten der gewaltigen Last wacker stand, die hinter ihnen
rasselte und drngte, sie krochen frmlich mit eingezogenen Kreuzen, die Kpfe
gehoben, die Hlse starr, die Kummete hinaufgeschoben bis an die Kinnladen.
Peter hing sich an die Leitseile, so fest er konnte.
    La nur die Ross' nicht ins Laufen kommen, um Gottes willen nicht! rief
ihm sein Knecht ber die Pferde hinber zu, und er gab keine Antwort; ihm
gruselte bereits beim Gedanken an seine Grosprecherei mit dem Trabfahren. Ein
paar Schritte noch, dann kam die erste quer ber den Weg gezogene Wasserrinne,
auf die hoffte er, da wird das schwere Unding einen kurzen Augenblick
aufgehalten, da tun die Fchse einen Schnaufer.
    O-ho! - O-ho! - ein Ruck - die Vorderrder fahren in die Vertiefung,
gleich darauf aber wieder heraus, und zu gleicher Zeit springt die von Peter so
nachlssig zugeworfene Tr des Kohlenbehlters auf, und dessen Inhalt strmt den
Pferden auf die Kruppen, auf die Sprunggelenke... sie werden wie rasend... Kein
Wunder.
    Sperren! - Sperren! brllte Peter nun - es war viel zu spt; es gab kein
Halten mehr. Im Galopp ging's den Berg hinab; die Maschine krachte und polterte,
und Peter, in den Leitseilen verhngt, halb laufend, halb geschleift, strzte
nebenher. Ein heulender Schwarm folgte ihm nach; andere standen in Gruppen wie
angenagelt auf dem Fleck. Deutlich sah jeder vor Augen, was im nchsten Moment
geschehen mute. Der abschssige Weg bildete eine zweite tiefere Rinne und
fhrte dann um die Ecke an der Planke des Wirtshausgartens und an der ihr
gegenberliegenden Mauer, die den Hof Peters einfate, vorbei, in deren groen
Torbogen noch einzulenken die reine Unmglichkeit war. Wie die Pferde links
hinjagen, wie die Maschine sich links berneigt, schon im Sturze begriffen,
gibt's nichts anderes als das Zusammenbrechen in dem Graben - und dem Peter, dem
gnade Gott, der gehe hinber ohne Absolution, der wird zerquetsche zwischen
Planke und Maschine... alle wuten es; alle starrten auf den Fleck hin, auf dem
das Ereignis sich vollziehen sollte; einige erhoben ein rasendes Geschrei, diese
fluchten, jenen erstickte der Laut in der Kehle. Jeder hatte einen anderen
Ausdruck fr seine Spannung, seine Angst; vereinzelt erscholl sogar ein sinnlos
wieherndes Gelchter. Da etwas geschehen knne, um das Unglck zu verhindern,
fiel keinem ein... Und wie die Leute so durcheinanderliefen oder dastanden und
die Hnde ber dem Kopf zusammenschlugen, sahen sie auf einmal Pavel wie einen
geschleuderten Stein auf die Planke zuspringen, den Eckpfeiler ergreifen und
rtteln... Ein Rtsel, ein Wunder, wie ihm der Einfall gekommen war: Zwischen
Planke und Maschine mu Peter zerquetscht werden; wenn keine Planke da wre,
wrde er nicht zerquetscht, fort also mit der Planke! ...
    Alles geschah zugleich. - Der Athletenstrke des Burschen wich der Pfeiler,
sank, ri ein Stck von der Planke mit, und zugleich tat das Lokomobil seinen
schweren Sturz. Rauch dampfte, Staub wirbelte, Pferdefe feuerten aus in die
Luft... Mnner und Frauen und kecke Kinder drngten heran. Ein paar alte Weiber,
die von Peter nicht das mindeste weder sehen noch hren konnten, stritten
darber, ob ihm beide Arme oder beide Fe abgeschlagen seien. Wenn nur ihr
nichts abgeschlagen ist, seufzte der neue Brgermeister und meinte die Maschine
und sprach damit die Empfindung der meisten anwesenden Mnner aus. Eine
allgemeine, sehr lebhafte Besorgnis um das gemeinsame Eigentum uerte sich und
mit ihr zugleich der Groll gegen denjenigen, der es leichtsinnig gefhrdet
hatte.
    Peter war blutend und zerschunden unter dem Lokomobil hervorgezerrt und auf
die Beine gestellt worden; doch kmmerte sich niemand darum, da er wieder
hinfiel, und als er ganz heiser keuchte: Die Ross'... helft ihnen! stieg der
Unwille, wenig fehlte, und er htte Prgel gekriegt. Pavel aber dachte: Wenn ich
nicht gewesen wr, wr er jetzt hin! und dabei ergriff ihn eine selbstgefllige
Rhrung und eine Art Wohlwollen fr seinen schlimmsten Feind. Er trat zu ihm,
und als er bemerkte, da ihm Blut aus dem Munde flo, fate er ihn unter die
Schultern und zog ihn ein Stck weiter, um seinen herabgesunkenen Kopf auf eine
kleine Erhhung des Rasens zu betten... Pltzlich aber und sehr unsanft lie er
ihn niederfallen - ein durchdringender Schrei hatte an sein Ohr gegellt: die
Vinska! durchzuckte es ihn... der Teufel fhrt die jetzt her - die Vinska!
    Sie war's; sie hatte Peters Abwesenheit zu einem Besuch bei ihrem Vater
bentzt und, kaum aus der Htte getreten, den Lrm auf der Strae gehrt und die
Leute von allen Seiten in der Richtung nach ihrem Hause zustrzen gesehen. Von
Angst erfat, war sie quer durchs Dorf, war durch den Wirtshausgarten gelaufen,
und das erste, was sie dort erblickte, das wer ihr Mann, mit Blut berstrmt im
Grase liegend, und Pavel ber ihn gebeugt - unverletzt.
    Ein wilder Verdacht loderte, besinnungraubend, tollmachend, in ihr auf.
Schurk, das hast du getan! rief sie, ballte die Faust und schlug Pavel, der
stumm und erschreckt zu ihr emporschaute, ins Gesicht.
    Da migte Anton den Eifer, mit dem er geholfen hatte, die Fchse aus den
Strngen zu wickeln, wandte sich und sprach gelassen: Nicht schimpfen, lieber
bedanken; wenn der nicht zugegriffen htt, httest du jetzt einen Mann, so dnn
wie ein lebzeltener Reiter.
    Die uerung erweckte Heiterkeit; nur Vinska achtete ihrer nicht, wute
berhaupt nichts von dem, was um sie her vorging. Sie hatte sich neben Peter auf
den Boden geworfen und war in Schluchzen ausgebrochen. Pavel stand langsam auf
von seinen Knien; starren Blickes schaute er zu, wie sie den Verwundeten herzte
und kte, mit Fieberschauern hrte er ihr zu, wie sie ihn beschwor, nicht zu
sterben, und den rohen Gesellen ihr teures Seelchen nannte, ihr Glck, ihr
Leben, ihr eines und alles. Leidenschaftlich glhten Pavels Augen sie an; ein
weier Rand bildete sich um seine fest aufeinandergepreten Lippen, und zwischen
den dichten Brauen und auf der Stirn ballte sich's zusammen, ein Gewitter von
finsteren, qualvollen Gedanken.
    Endlich, mit einem heftigen Rucke, kehrte er sich ab von dem Schauspiel, das
ihn festhielt und ihn folterte, und ging und half mit beim Aufrichten des
Lokomobils. Als das mit schwerer Mhe vollbracht war und Anton die Ansicht
uerte, die Maschin sei gottlob! ohne Schaden davongekommen und knne gleich
wieder in Gang gebracht werden, schttelte Pavel den Kopf, und auf die das
Schieberventil fhrende Stange deutend, sprach er: Wird schwerlich gehen. Seht
ihr nicht, da das Stangel verbogen ist?
    Der Schmied schttelte auch den Kopf, zog den von einem sprlichen,
staubfarbigen Bartgestrpp umwachsenen Mund verchtlich in die Breite und
antwortete, wenn was verbogen sei, werde er's schon sehen, und wenn was fehle,
werde er's schon machen.
    Nun entrichtete Pavel seine bisher noch unbestellte Botschaft des Frsters
an den Brgermeister und ging dann zurck in den Wald, wo er ber seine Arbeit
herfiel wie der Lwe ber seine Beute. Sooft er die Hacke hob und niedersausen
lie, war es, als ob er seine ganze Kraft sammeln und in einem Hiebe ausgeben
wollte. Die Holzhauer vom Fache stellten wiederholt die eigene Ttigkeit ein, um
der dieses Dilettanten mit spttischer Migunst zuzusehen. Der Fhrer der
Partie, in welche Pavel eingereiht worden, der rohe Hanusch, machte ihm die
Bemerkung: Zerrei dich, wenn's dich freut, deswegen kriegst um keinen Kreuzer
mehr bezahlt als ein anderer.
    Indessen war es doch nicht lauter Unzufriedenheit, die er erweckte. Am Ende
der Woche, da er mit seinen Genossen zur Auszahlung zum Frster kam, hatte
dieser ein paar freundliche Worte fr ihn, trug auch dem Heger auf, den
arbeitswtigen Kerl im Auge zu behalten und ihm bei nchster Gelegenheit den
Vorzug vor allen brigen Taglhnern zu gehen.

Bald darauf, am ersten September, dem Tage des heiligen gidius, feierte die
Kirche in Soleschau ihr Fest.
    Alles war, wie es immer gewesen. Die Marktbuden standen auf den gewohnten
Pltzen; die ganze Einwohnerschaft des Dorfes versammelte sich auf der Wiese
zwischen der groen Rster und dem Garten des Herrn Pfarrers. Die Frau Baronin,
die sonst in jedem Wetter fein demtig zu Fu zur Kirche huschte und wackelte,
kam heute die fnfhundert Schritte vom Schlosse her gefahren, in hchster
Stattlichkeit und Parade. Jakob und Matthias auf dem Bocke, an Riesenexemplare
der Livreeraupe gemahnend, in blauen Frcken mit gelben Lngslinien ber dem
Rchen, mit gelben Westen und Aufschlgen, die gurkenfrmigen Schimmel in
schweren, mit Silber beschlagenen Geschirren. Und im weitlufigen Schwimmer
die kleine, alte, halbblinde Frau, die nach links und rechts grte auf gut
Glck und manchem ihr unverschmt ins Gesicht starrenden Grobian mit
freundlichem Kopfnicken dankte und manchen ehrerbietigen Gru unerwidert lie,
vor der Kirche angelangt jedoch ausstieg und in ein groes Gedrnge geriet, und
sich in demselben ungemein tapfer hielt, wie immer. - Alles wie immer.
    Sie hrte jeden Klagenden, jeden Heischenden an, sie schrak vor keinem noch
so bedenklichen Handku zurck, kein Bittender ging leer aus, im schlimmsten
Falle gab's eine schlagfertige Antwort und fr diejenigen, die nichts wollten,
als ihren Respekt bezeugen, einen Scherz, eine teilnehmende Erkundigung, die
allerdings nicht immer an die rechte Adresse kam. Eine Unverheiratete wurde nach
ihrem Kinde gefragt, ein junger Ehemann nach seinem Schatz, aber das schadete
nicht, erhhte nur die frhliche Stimmung, die sich unverhohlen uern durfte.
Die Gutsfrau liebte den Spa und verzieh ihn, sogar wenn er auf ihre Kosten
ging, weil sie sich im Grunde von den Leuten hochgeschtzt wute - und das war
ihre Strke. Die Gutsfrau zweifelte nicht, da die Leute sie betrogen und
bestahlen, wo sie konnten, verzieh ihnen aber auch die Unredlichkeit, weil sie
sich von ihnen geliebt wute - und das war ihre Schwche.
    Das erste Luten erscholl, der Pfarrer erschien an der Kirchentr in einer
Wolke von Weihrauch, umringt von drei Assistenten; heute wurde die Messe, wie
Jakob sich kutschermig ausdrckte, vierspnnig gelesen.
    Weicht aus, rief die Baronin in die Menge; lat mich zur Kirche gehen,
ich mu ja fr euch beten.
    Wir tun's fr Euer Gnaden - unsere Schuldigkeit, freiherrliche Gnaden,
sprachen die Leute und gaben Raum, und die alte Frau ging auf den Geistlichen
zu, der ihr das Weihwasser reichte, bekreuzte sich andchtig und verschwand in
ihrem Oratorium.
    Alles wie immer. Auergewhnlich war nur die Schnheit des Tages, an dem
auch der verbissenste Wetterkritiker nichts auszusetzen gefunden htte. Ein
grner Herbst war dem feuchten Sommer gefolgt, ein sonniger Herbst, der die
reiche Ernte auf Feldern und Wiesen gemchlich und ohne Hindernis
hereinzubringen gestattete. Alle Besitzenden waren in der besten Laune, die sich
auf dem Markt in reger Kauflust uerte. Frauen und Mnner standen an den Buden,
prften die Ware, feilschten sie an; abgeschlossen sollte der Handel erst nach
der Messe werden.
    Zweites Luten. Hohe Zeit auch fr die minder Andchtigen, sich in das schon
halb gefllte Gotteshaus zu begeben. Der Zug der Kirchengnger wird dichter, die
Mnner schreiten vorbei am Pfarrersgarten, an dessen Einfassung wie vor sieben
Jahren Pavel lehnt. Damals ein verwahrloster, zerlumpter Junge, heute ein
gedrungener, kraftstrotzender Bursche, dessen Kleidung sich von der der anderen
nur dadurch unterscheidet, da sie besser sitzt und sorgfltiger gehalten ist.
    Nach den Mnnern kamen die Frauen. Pavel fhlte es in jedem Nerv, in jedem
Blutstropfen - nun kamen die Frauen.
    Er lehnte sich zurck an die Stakete, kreuzte die Beine und nahm eine
gleichgltige Miene an. Was kmmerten ihn, die an der Spitze gingen, die Mdel?
Er hatte mit keiner etwas zu tun, hatte vielmehr fr jede einzelne mehr
Geringschtzung, als sie alle zusammen ihm gegenber aufbrachten, die armen
Gnse. Nach den Mdeln kommen die Frauen, die jungen zuerst, und unter ihnen die
eine... die eine, deren Namen er nie mehr aussprechen, fr die er blind und
stumm sein will von jetzt an bis zu seiner letzten Stunde. Was durch ihn fr sie
geschehen war, hatte er nie erwogen, nie berlegt; es war eben getan worden,
werkzeugmig, unter einem bermchtigen Zwang, ohne klares Bewutsein, ohne den
Gedanken an ein Verdienst von seiner Seite, an eine Verpflichtung von der ihren.
    Neulich aber, im Wirtshausgarten, als sie ihn angeklagt und beschimpft, da
schwand das Dmmern, da schieden Licht und Schatten sich grell, da sagte er
sich, was alles er fr sie getan hatte... Unerhrtes, Ungeheures - und sie? Er
rechnete zum ersten Male und schlo auch gleich die Rechnung ab. Es ist aus
zwischen ihm und ihr, sie lebt fr ihn nicht mehr... Und dennoch fhlt er ihr
Nahen! ... Warum fhlt er's, wenn es aus ist? ... Er warf den Kopf zurck und
hob den Blick empor zum hchsten Wipfel der Rster und sah dort oben etwas, das
seine Aufmerksamkeit fesselte. Inmitten der grnen Zweige, der
Bltterunendlichkeit, einen groen, himmelanragenden, abgestorbenen Ast. - Der
Anblick griff ihm ins Herz, als ob er an dem blhenden Leib eines geliebten
Wesens das Zeichen schweren Siechtums entdeckt htte.
    Wipfeldrr der herrliche Baum.
    Pavel, Pavel, hr mich an, sprach eine wohlbekannte Stimme, und er
erzitterte, er frchtete sich - vor sich. Wird es ihn wieder berkommen, das
entsetzliche Gefhl, werden sie ihn wieder packen, die feurigen Krallen, ihm die
Brust zusammenpressen und ihm den Atem rauben?
    Vinska wiederholte: Pavel, hr mich an... ich habe dir Unrecht getan,
verzeihe mir. Sie sagte es freundlich, demtig, sie stand da und leistete
Abbitte in Gegenwart aller, die mit ihr zugleich gekommen waren und unter denen
niemand dem kleinen Auftritt eine so neugierige Aufmerksamkeit schenkte als ein
blondes, schlankes Kind, ein halber Fremdling im Orte, eine Erscheinung von
solcher Lieblichkeit, da sie sogar in diesem bedeutungsvollen Augenblick Pavels
Aufmerksamkeit erweckte. Dich sollte ich kennen, dachte er, und er kannte sie
wirklich, er besann sich dessen; es war dieselbe, die dereinst, als er aufs
Gericht gefhrt worden, das bitterste Hohnwort fr ihn gefunden und den Stein
geschleudert hatte, der jetzt unter seiner Trschwelle vergraben lag. Seit
Jahren hatte man sie im Dorfe nicht mehr gesehen, sie sei im Dienste in der
Stadt, hie es, und nun war sie heimgekehrt und war schn wie die Madonna auf
dem Altarbild. Pavel blickte abwechselnd sie an und Vinska, und eine so ruhig
wie die andere. O Wunder, o Glck, o Sieg! Keinen befreiten Gefangenen, keinen
von schwerer Krankheit Genesenen hat er Ursache zu beneiden. Er ist geheilt von
der Krankheit dieser Liebe, er ist befreit von den Fesseln, die er gehat hatte
- er ist gesund und frei.
    Verzeihe mir, bat Vinska von neuem, und er, mit wonnig genossener
Gelassenheit, erwiderte: La gut sein, die Zeit ist vorbei, in der ich mir
sowas zu Herzen genommen htt.
    Sie errtete, bi sich auf die Lippen und setzte ihren Weg weiter fort. Sie
ging verwirrt mit der beschmenden Empfindung, da ihr eine Macht geraubt worden
war, die sie fr unverlierbar gehalten hatte. Die Feine, die Blonde, folgte ihr.
Pavel aber stemmte beide Hnde in die Seiten, wiegte sich bermtig in den
Hften und sprach vor sich hin: Die Weiber, pfui, zu nichts gut als zum
Schlechten!

                                       14


Peter ging es tglich besser; er durfte wieder sprechen und durfte essen, was
ihm schmeckte, nur Schreien und Rauchen war ihm noch verboten. Whrend seiner
Krankheit hatte er nicht aufgehrt sich zu frchten, im Anfang vor dem Sterben
und spter vor der Rechnung, die der Arzt ihm machen wrde. Als dieser seine
Besuche einstellte und die Rechnung nicht sofort schickte, lie Peter sie
abholen, aber nur, um ihr einen schnden Empfang zu bereiten. Er legte sie auf
den Tisch, setzte sich vor sie hin und begann Posten fr Posten grimmig
anzufeinden. Sein Weib schlich voll Besorgnis um ihn herum und bat ihn
schchtern, nicht so zu toben, worauf er es noch viel rger trieb. Zu Flei! -
weil er doch sehen wollte, ob die Reparatur, die der alte Notenreier an ihm
vorgenommen und sich so unverschmt bezahlen lasse, wenigstens ordentlich
gemacht sei.
    Es war ihm gelungen, sich vllig um sein bichen Menschenverstand zu bringen
und in den nicht mehr zurechnungsfhigen Zustand hineinzurgern, in welchem ihn
Vinska am liebsten vor der Begegnung mit fremden Leuten bewahrt htte, als es an
der Tr pochte und recht zur unguten Stunde der Wirt erschien.
    Er zog hflich den Hut, und Vinska sah auf den ersten Blick: Der will etwas,
und zwar etwas nicht ganz Rechtmiges.
    Peter gab auf die Erkundigung nach seinem Befinden, mit der der Besuch sich
einfhrte, keine Antwort, schob, als jener sich neben ihn gesetzt hatte, ihm nur
die Rechnung hin, schnaubte: Da! und sah ihn von der Seite gespannt und
erwartungsvoll an.
    Der Wirt versank in das Studium des Schriftstckes, und nach einer Zeit, die
zum Auswendiglernen desselben hingereicht htte, sprach er, seine Worte mit
einem Schlage der flachen Hand auf das Papier bekrftigend: Das ist die
Rechnung vom Doktor.
    Die Rechnung vom Doktor, vom Spitzbuben; furchtbar berhalten hat mich der
Lump.
    Kann's nicht finden, erwiderte der Wirt. Dich berhalten, so ein
Sparmeister! - kommt nicht vor. Die Rechnungen sind in Ordnung - beide
Rechnungen, die vom Doktor und, er lchelte verlegen, griff in die Brusttasche
und zog langsam ein gefaltetes Papier hervor, das er dem Peter hinhielt, und
die meinige auch.
    Peter fuhr zurck wie vor einem Feuerbrand und schrie aus Leibeskrften:
Rechnung? - Was das zum Teufel fr eine Rechnung sein knne, htte er wissen
mgen; er hatte keinen Kreuzer Schulden im Wirtshaus, er trank nie einen
Tropfen, den er nicht sogleich bezahlte.
    Ja, meinte der Wirt, als er endlich zu Worte kommen konnte, es handle sich
auch nicht um Tropfen, sondern um einen Zaun, den Zaun seines Gartens nmlich,
der bei Gelegenheit des Lokomobilsturzes zu Schaden gekommen war.
    Nun geriet Peter vllig in Wut. Was in alle Wetter ging der Zaun ihn an? Wie
konnte der Wirt sich erfrechen, ihm die Rechnung fr den Zaun zu bringen? ...
Da der Zaun umgerissen worden, das war ja die Ursache des ganzen Unglcks
gewesen. Es geschah in dem Augenblick, in dem Peter just im Begriff gewesen, die
Pferde wieder in die Hand zu kriegen, er hatte sie schon, ein Ri noch, und sie
wren gestanden wie Mauern und htten die Wendung genommen ins Hoftor wie die
Lmmer. Freilich, wenn der Zaun umpoltert vor ihren Nasen, da werden solche
Tiere scheu... Khe sind's ja nicht. So war's, Peter schwor es hoch und teuer -
schwor auch, jeden, der es nicht einshe, mittelst Futritten davon zu
berzeugen. In seiner Aufregung verlie er trotz Vinskas Abmahnungen das Haus
und begab sich mit dem Wirt an die Ecke von dessen Garten, um den Vorgang an Ort
und Stelle ausfhrlichst zu demonstrieren.
    Sorgenvoll blickte sein Weib ihm nach. Sieben Wochen lang hatte er das
Zimmer nicht verlassen und unternahm jetzt seinen ersten Ausgang an einem
strmischen Oktobertag, im leichten Hausanzug, hei vor Zorn und keuchend vor
Aufregung. Bis herber hrte sie ihn schreien. Als er den Zaun erblickt hatte,
dessen Wiederaufstellung zu bezahlen ihm zugemutet wurde, war er in die Hhe
gesprungen wie toll. Was war denn das! Betrug! Schuftiger Betrug! ... Nicht nur
einfach aufgestellt, neu hergestellt war der Zaun. Mehr als die Hlfte seiner
morschen Bretter durch neue ersetzt. Wie? ein alter Zaun war umgefallen und ein
neuer aufgestanden, und zwar auf Peters Kosten? ... Er tobte, er rief jeden
Vorbeigehenden zum Zeugen des Diebstahls, den der Wirt an ihm verben wollte.
Vor einem immer wachsenden Publikum erzhlte er die Geschichte ein halbes
dutzendmal nacheinander, erzhlte sie mit immer neuen, seine Behauptung
bekrftigenden Zustzen. Der verfluchte Zaunumreier, der Bub, hat alles auf
dem Gewissen, das Scheuwerden der Pferde, den Sturz des Lokomobils, den Unfall
Peters - des Helden, der, selbst im Augenblick dringender Lebensgefahr, die
Rettung des Eigentums der Gemeinde im Auge behalten und, statt zur Seite zu
springen, noch ganz zuletzt seinem Gespann eine Wendung gegeben, einen Ruck, der
verhindert hatte, da die Maschine auf Fransen ging. Er war zuletzt so heiser
wie eine Rohrdommel und fiel vor Mdigkeit fast um. In der Nacht lie die Unruhe
ihn nicht schlafen, und des Morgens schickte er zum Brgermeister, zu den Rten
und zu einigen Freunden und entbot sie ins Wirtshaus, wo er eine ernstliche
Beratung mit ihnen pflegen wollte. Sie kamen, und er setzte ihnen auseinander,
da er sein Recht verlange, und wenn die Gemeinde es ihm nicht gewhre, werde er
sich's beim Bezirksgericht holen, beim Kreisgericht, beim Kaiser.
    Der Brgermeister stie Seufzer um Seufzer aus, whrend Peter sprach,
lchelte ngstlich, sah die Rte um Beistand bittend an. Er war der
sanftmtigste Mann im Orte, sehr jung fr sein Amt und - weil etwas gebildeter
als die meisten seiner Standesgenossen - ihrer Roheit gegenber ziemlich
hilflos. Was denn also Peters Recht sei? fragte er, und dieser, statt zu
antworten, begann seine Geschichte zu erzhlen, die seit gestern noch viel
wunderbarer, unmglicher und glorreicher fr ihn geworden war. Der Brgermeister
zuckte die Achseln, der lteste der Rte schlief ein; Anton machte seine
ausdrucksvollste bedauernde Gebrde. Einige Witzbolde jedoch erlaubten sich,
Peters Prahlereien im Scherz zu berbieten, und erregten damit groes Gelchter.
Er schwankte eine Weile, ob er mitlachen oder sich rgern sollte, whlte aber
dann das letztere: Hab ich den Zaun umgerissen? rief er.
    Nein, nein! antwortete man ihm.
    So bezahl ich ihn auch nicht.
    Nein, nein!
    Wer aber tut's? jammerte der Wirt, dem dicke Schweitropfen auf den
glnzenden Wangen standen.
    Wie du die Rechnung gestellt hast, niemand; sie ist auf alle Flle
unverschmt, sagte Anton, und dankbar nickte der Brgermeister ihm zu. Barosch
jedoch, der eben sein fnftes Schnapsglschen leerte und gern ein sechstes auf
Kredit bekommen htte, neigte demtig den kleinen kugelrunden Kopf auf die Seite
hin und sagte: Warum niemand? Warum nicht der, der ihn umgerissen hat? Warum
nicht der Bub?
    Der Bub? Das wre- das wre was - haha, der Bub! kicherte, lachte,
spottete man; trotzdem aber lie sich unschwer erkennen, da der Vorschlag
Anklang gefunden hatte.
    Peter bemchtigte sich seiner sogleich und beanspruchte ihn als sein
Eigentum. Das war das Recht, von dem er geredet, die Genugtuung, die ihm
gebhrte fr die Gefahr, in die der Bub ihn gebracht, fr den Opfermut, den
hingegen er bei Rettung der Maschine an den Tag gelegt hatte.
    Der lteste Rat war eben aufgewacht und fiel verdrielich ein: mit dieser
Rettung sei es ein verfluchtes Geflunker. Bei dieser Rettung habe das Lokomobil
eines hinaufbekommen, von dem es sich nicht erholen knne. In einem fort
repariere Anton an ihm und knne es nicht auf gleich bringen. Es puste wie
schwindschtig, und sein vormals so heller Pfiff gliche jetzt dem Miauen einer
kranken Katze. Daran lge gar nichts, meinte Anton; Pfeifen und Miauen kme am
Ende auf eins heraus; das aber, da die Maschine weit weniger leistungsfhig sei
als frher, msse er leider gelten lassen.
    Seine Erklrung erweckte allgemeine Unzufriedenheit, nur Peter nahm keine
Notiz von ihr, trommelte mit den Fusten auf den Tisch und rief: Der Bub mu
her, und der Bub mu zahlen.
    Mu her, freilich, stimmte man von vielen Seiten bei, und der
Brgermeister, immer ungeduldiger werdend, je ohnmchtiger er sich fhlte, gegen
die Strmung zu steuern, welche die ffentliche Meinung genommen, sagte lauter,
als sonst seine Weise war: Er mu, was mu er? Das nicht, was ihr euch
einbildet! und die Einwendungen beantwortend, die ihm zugerufen wurden, schlo
er: Er kommt nicht, kann nicht kommen, weil er und der Arnost einberufen worden
sind und sich heute haben stellen mssen.
    Das war nun allerdings etwas anderes, und es hie sich bescheiden.
    Wohl kam Pavel am nchsten Morgen zurck, brachte aber nur vierundzwanzig
Stunden daheim zu und sprach nur mit zwei Personen, mit dem Brgermeister und
mit Anton. Beim ersten meldete er sich in Gesellschaft Arnosts. Sie hatten beide
das Glck gehabt, zur Landwehr eingeteilt zu werden, muten jedoch sogleich
einrcken.
    Der zweite, den er zufllig traf, der Schmied, klagte ihm seine Not mit der
Maschine und forderte ihn auf, nach dem Hofe Peters zu kommen, wo sie noch immer
stand. Beim ersten Blick, den Pavel auf sie warf, wiederholte er sein schon
einmal Gesagtes: Sehe Ihr nicht, da das Stangel verbogen ist? - Anton gab es
zu, war aber der Ansicht, an der Kleinigkeit lge nichts.
    Alles liegt dran, entgegnete Pavel. Deswegen stot's ja so, deswegen gehe
der Schieber nicht ordentlich, und wie soll denn der Dampf richtig eintreten?
Einmal kommt zuviel, einmal zuwenig.
    Es gelang ihm, den Schmied zu berzeugen, und nun brachten sie miteinander
die Sache in kurzer Zeit in Ordnung.
    Peter zeigte sich nicht, aber man hrte ihn in der Scheuer jmmerlich
husten. Er hat sich verdorben mit lauter Schreien, sagte Anton; der Doktor
kommt wieder zu ihm.
    Diese Mitteilung wurde so gleichgltig aufgenommen, als sie gemacht worden.
Pavel ging heim, bestellte sein Haus, sperrte es ab und begab sich beinahe
frhlichen Mutes nach dem Orte seiner neuen Bestimmung. Das wenige, das er bei
der Assentierungskommission vom militrischen Wesen gesehen, hatte ihm sehr
gefallen.
    Dem Schmiede wurde viel Lob zuteil wegen der wieder vollkommen hergestellten
Maschine; er schien es jedoch nur ungern anzunehmen und brachte, wenn jemand
damit anfing, das Gesprch sofort auf etwas anderes. Da die Hilfe Pavels ntig
gewesen war, um die Ursache des Schadens, den das Lokomobil erlitten hatte, zu
entdecken, wollte ihm nicht ber die Lippen.
    Whrend Pavels Abwesenheit kam die Frage, wer die Rechnung ber die
Reparatur des Zaunes bezahlen solle, im Gemeinderat auf die Tagesordnung. Der
Wirt lie mit Drngen nicht nach und setzte die Erledigung der Angelegenheit
endlich durch. Stimmenmehrheit entschied: Der Bub zahlt - man ist ja bereits
schon frher einig darber gewesen.
    Wenn er aber nicht kann, wandte der Brgermeister ein.
    Ach was, wie soll er nicht knnen? Er hat Geld, und wenn er keins hat, ist
ja sein Haus da, das immerhin ein paar Gulden wert ist. Mag ihn der Wirt
auspfnden lassen.
    Dabei blieb es, trotz des Verdrusses, den dieser Beschlu dem Brgermeister
verursachte.
    Nach Pavels Rckkehr fand der Wirt sich schleunigst bei ihm ein, erzhlte
ihm, was in seiner Angelegenheit ausgemacht worden war, und endete mit der
Versicherung, da an der Sache nichts mehr zu ndern sei und Pavel unweigerlich
zahlen msse.
    Der ri die Augen immer weiter auf; es kochte in ihm, obwohl er uerlich
ganz ruhig schien. Dennoch wurde dem kleinen, dicken Wirt unheimlich beim
Anblick dieser Ruhe.
    Wer hat denn das bestimmt, da ich zahlen mu? fragte Pavel.
    Nun, die Gemeinde, der Brgermeister, die Bauern.
    Der Brgermeister, die Bauern, wiederholte der Bursche und trat einen
Schritt auf ihn zu, der Wirt aber mehrere Schritte zurck.
    Zahl, sagte er; wenn du gleich zahlst, la ich die Kreuzer nach... la
ich einen Gulden und die Kreuzer nach.
    Setz dich und zieh den Gulden und die Kreuzer gleich von der Rechnung ab.
    Der Wirt htte gern widersprochen, wre dieser Aufforderung sehr gern nicht
nachgekommen, aber er tat es doch und erkundigte sich dann schchtern: Wirst du
jetzt zahlen?
    Eher nicht, als ich mit den Bauern gesprochen habe. Am Sonntag komm ich ins
Wirtshaus und spreche mit den Bauern. - Auf was wartest du noch?
    Die Frage war mit einem Nachdruck gestellt, der den Wirt veranlate, sie
nicht erst in wohlgesetzter Rede, sondern zugleich mit der Tat zu beantworten
und dabei nicht mehr Zeit zu verlieren, als er brauchte, um die Tr zu
erreichen, die er mit vorsichtiger Geschwindigkeit hinter sich schlo.
    Abends erzhlte er seinen Gsten: Der Kerl hat euch beim Militr ein Wesen
angenommen wie ein Korporal. Einer, der keine Courage hat, knnte sich vor ihm
frchten, und am Sonntag will er kommen, hierher ins Wirtshaus, und mit den
Bauern reden.
    Die Gste - unter denen auch Anton und Barosch sich befanden - widersprachen
der Behauptung, da man Courage brauche, um sich vor Pavel nicht zu frchten,
und Barosch meinte, die Absicht, mit den Bauern zu reden, knne der Bub haben,
ausfhren werde er sie schwerlich: Weil, und dabei klopfte er voll ungewohnter
Hochachtung gegen sich selbst an die eingefallene Brust, weil wir mit uns nicht
reden lassen.
    berhaupt, rief der Wirt, nimmt er sich in der letzten Zeit viel zuviel
heraus.
    Was denn eigentlich? fragte Anton, der bis jetzt geschwiegen hatte, worauf
der Wirt versetzte: Und man soll es ihm einmal wieder zeigen.
    Was soll man ihm zeigen?
    Auf diese zweite Frage erhielt Anton ebensowenig Antwort wie auf die erste,
niemand wute eine; trotzdem stimmten alle dem Wirte bei: Der Bub nimmt sich
zuviel heraus, und man mu es ihm einmal wieder zeigen.
    Und eine kleine Karikatur der Fama setzte eine Kindertrompete an den Mund
und huschte im Dorfe umher von Haus zu Haus, von Htte zu Htte und verbreitete
die Kunde, am Sonntag kommt das Gemeindekind ins Wirtshaus und wird dort
Rechenschaft verlangen von seinen Nhrvtern, und die werden ihm das geben, was
ihm gebhrt. Sie haben sich's vorgenommen, sie werden es ihm einmal wieder
zeigen. Worin das geheimnisvolle Es bestand, verriet die kleine Fama nicht und
gab dadurch dem zu erwartenden Ereignis einen ganz besonderen Reiz.
    Am Sonntag war das Wirtshaus berfllt; aber der Brgermeister erschien
nicht und von den Rten nur der lteste Peschek, ein braver Mann und auch
energisch, wenn er nicht eben an Schlafsucht litt. Peter hatte sich eingefunden
mit seiner zahlreichen Freundschaft. Er sah bel aus, seine Kleider
schlotterten um ihn, seine Stimme war heiser, und sein Atemholen glich dem
Gerusch einer arbeitenden Sge.
    In der dunklen Ecke neben dem Ofen hockte auf einem Schemel Virgil. Das rote
Gesicht des Alten und seine funkelnden Augen glnzten aus dem Schatten hervor.
    An die groe Wirtshausstube stie das einfenstrige Zimmerchen, in dem der
Honoratiorentisch stand. Vor einer Weile hatten der Doktor und der Frster an
demselben Platz genommen und den einzigen Zugang, den es hatte, die Tr ins
anstoende Gemach, offenstehen gelassen, da auch sie nicht ganz ohne Neugier den
Dingen, die da kommen sollten, entgegensahen. Sie blinzelten einander zu, als
der Wirt hereinglitt, mit anmutig auswrts gesetzten Fen, wie er zu tun
pflegte, wenn er das Honoratiorenzimmer betrat, und lispelte: Da ist er.
    Pavel trat ein, und zum allgemeinen Erstaunen kam Arnost in seiner
Begleitung. Waren am Ende gute Kameraden aus den zweien geworden whrend ihrer
kurzen Dienstzeit? etwas Militrisches hatten beide angenommen. In strammer
Haltung, ohne den Hut zu lften, trat Pavel auf den Tisch der Bauern zu. Er trug
ein weies Blatt, das er langsam entfaltete, in der Hand, nherte sich Peschek,
hielt es ihm vor die Augen und sprach: Der Wirt sagt, da der Brgermeister und
die Bauern wollen, ich soll diese Rechnung bezahlen. Ist das wahr?
    Kein Laut der Erwiderung lie sich vernehmen. Peschek hatte gar nicht
aufgeblickt, und Pavels Stimme klang vor Bewegung so unterdrckt, da der Rat
bei dem herrschenden Durcheinander auch wirklich tun konnte, als htte er die
Frage berhrt. Er klopfte mit dem geleerten Bierglas traumselig auf den Tisch
und mahnte den Wirt einzuschenken. Pavel wartete, bis das geschehen war, dann
wiederholte er Wort fr Wort sein Sprchlein. Zum zweiten Male verweigerte ihm
Peschek seine Aufmerksamkeit, und nun legte Pavel die Hand auf dessen Schulter
und sprach fest und drohend: Antwortet mir!
    Hund! ertnte es vom andern Ende des Tisches. Peter hatte geredet, und in
seiner Umgebung erhob sich ein beiflliges Gemurmel. Pavel jedoch drckte
strker, als er wute und wollte, die Schulter des alten Rates.
    Ob ich zahlen mu, frag ich Euch, frag ich die Bauern, frag ich den dort,
rief er zu Peter hinber.
    Ja! ja! ja! wetterten ihm alle unter einer Flut von Flchen entgegen.
Peschek wand und krmmte sich; ihm war der Schlaf vergangen: so wach hatte er
sich lange nicht gefhlt und kaum je so hellsehend.
    La mich los, drohte er zu Pavel hinauf und dachte bei sich: An dem
Menschen wird ein Unrecht begangen. - Ich kann dir nicht helfen, fuhr er fort,
auch wenn ich mchte... Du mut zahlen.
    Pavel wechselte die Farbe und zog seine Hand zurck. Gut, knirschte er,
gut also.
    Langsam, mit einer feierlichen Gebrde, griff er in die Brusttasche, entnahm
einem Umschlage, den er bedchtig ffnete, eine Zehnguldennote, reichte sie samt
der Rechnung dem Wirt und sprach: Saldier und gib heraus.
    Eine Pause des Erstaunens entstand: das hatte niemand erwartet.
Schadenfreude und Enttuschung teilten sich in die Herrschaft ber die Gemter,
nur der Wirt war eitel Entzcken. Bereitwilligst legte er, nachdem er die
Banknote eingesteckt, einen Gulden vor Pavel hin.
    Dieser nahm ihn in Empfang, kreuzte die Arme und warf einen khnen,
herausfordernden, einen wahren Feldherrnblick ber die ganze Gesellschaft, So,
sagte er; seine Stimme war nicht mehr umschleiert; sie klang laut und mchtig,
und mit einem wahren Genu lie er sie zu den Worten erschallen: Und jetzt sag
ich dem Gemeinderat und den Bauern, da sie alle zusammen eine Lumpenbagage
sind.
    Ein einziger Aufschrei beantwortete diesen unerhrten Schimpf, den der
Geringste im Dorfe den Reichen, den Machthabern zugeschleudert. Die
Nchststehenden strzten sich auf ihn und htten ihn niedergerissen ohne Arnost
und Anton, die ihm zu Hilfe kamen. Als in dem furchtbaren Lrm die Worte
undankbare Kanaille, die Peter ausgestoen, an Pavels Ohr schlugen, bumte er
sich auf, und mit der Bewegung eines Schwimmers, der mit beiden Armen die auf
ihn eindringenden Wellen der Flut teilt, hielt er sich die Menge, die ihn
bedrohte, vom Leibe.
    Undankbar! donnerte er, und durch die Emprung hindurch, von welcher er
glhte und bebte, klang erschtternd eine Klage lang erlittenen Schmerzes.
Undankbar? Und was verdank ich euch? Fr den Bettel, den ihr zu meinem
Unterhalt hergegeben, hab ich mit meiner Arbeit tausendfach bezahlt. Den
Unterricht in der Schul hat mir der Lehrer umsonst erteilt. Keine Hose, kein
Hemd, keinen Schuh hab ich von euch bekommen. Den Grund, auf dem mein Haus
steht, habt ihr mir doppelt so teuer verkauft, als er wert ist. Wie der
Brgermeister gestorben ist, habt ihr mir die Schuld gegeben an seinem Tod; eure
Kinder htten mich beinah gesteinigt, und wie ich freigesprochen war, da hat es
geheien: Bist doch ein Giftmischer! Jetzt rette ich dem Peter sein Leben, und
weil ich dabei dem Wirt seinen Zaun umgerissen hab, mu ich den Zaun bezahlen...
Bagage! Er warf ihnen zum zweiten Male das Wort ins Gesicht wie eine ungeheure
Ohrfeige, die allen galt und fr alle ausreichte, und - war's die elementare
Macht des Zornes, der ihm aus den Augen loderte, war es die halb unbewute
Empfindung der Berechtigung dieses Zornes - trotz des Aufruhrs, den jenes Wort
hervorrief, konnte Pavel fortfahren: Warum wart ihr so mit mir? Weil ich als
Kind ein Dieb gewesen bin? - Wie viele von euch sind denn ehrlich? ... Weil mein
Vater am Galgen gestorben ist? - Kann ich dafr? ... Bagage... und jetzt
bermannte ihn die Wut; betubend, racheheischend stieg die Erinnerung an alles,
was er erduldet hatte und was ungeshnt geblieben war, in ihm auf. Er fand keine
Worte mehr fr eine Anklage; er fand nur noch Worte fr eine Drohung, und die
stie er heraus: Wenn ich aber heute etwas tue, was auch mich an den Galgen
bringt, dann ist es eure Schuld!
    Nicht, was er gesagt und was die wenigsten verstanden hatten, aber seine
geballten Fuste, die herausfordernde Fechterstellung, die er angenommen,
reizten die Geschmhten, und pltzlich hagelten Schlge auf Pavel nieder, ohne
viel mehr Wirkung hervorzubringen, als ob sie auf einen Felsen gefallen wren.
Er machte aber jeden, der auch nur einen Schlag von ihm empfing, kampfunfhig
fr diesen Tag und vermutlich auch fr die nchstfolgenden.
    Gib jetzt Ruh! rief der Frster, dessen groe Gestalt in der Tr des
Honoratiorenzimmers erschien, du hast es ihnen gesagt, jetzt gib Ruh.
    Gib Ruh! tnte ein heiseres Echo zurck. Peter war auf den Tisch gestiegen
und schleuderte einen Bierkrug nach dem Kopf Pavels, fehlte ihn und traf Arnost
so hart an die Stirn, da der Bursche taumelte; doch raffte er sich sofort
zusammen, sprang auf den tckischen Angreifer los und ri ihn vom Tisch
herunter.
    Nun war der Kampf entbrannt.
    Zwei Parteien bildeten sich, die kleine Pavels, die groe Peters; der Wirt
und Peschek flchteten zum Doktor ins Nebenzimmer. Der Frster, der als
Friedensstifter aufzutreten gesucht hatte, sah die Nutzlosigkeit seiner
Bestrebungen ein, brach sich Bahn durch den Tumult und verlie das Haus. Drauen
war schon eine zahlreiche Menge, meist aus Weibern und Kindern bestehend,
zusammengelaufen. Die Buben, berauscht von der Nhe einer groen Prgelei,
schrien, sprangen an den Fenstern empor, rauften sich um die besten Pltze. Die
Schwcheren, von den Fenstern der Wirtsstube verdrngt, machten sich an das des
Honoratiorenzimmers heran, stoben aber auf einmal kreischend auseinander. ber
ihnen waren ein Paar Beine zum Vorschein gekommen und hatten die Kpfe der
Jungen als Sttzpunkte benutzen wollen, um Boden zu gewinnen. Der Frster eilte
hinzu und half dem Inhaber dieser Beine, dem Doktor, aus seiner schwebenden
Stellung.
    Nicht mehr mglich, sich in anderer Weise zu entfernen, sagte der alte
Herr kopfschttelnd, und entfernen mu ich mich... Der Holub geht frchterlich
los... Ein Br, der Mensch - das glaubt nur, wer es gesehen hat. - Ich empfehle
mich.
    Auf demselben Wege wie der Doktor kam auch Peschek auf die Strae und hinter
ihm der Wirt, der laut klirrte, als er auf den Boden sprang. Dieses Gerusch
wurde durch die Messer und Gabeln hervorgerufen, die er eiligst von den Tischen
genommen und in seinen weitlufigen Kleidern geborgen hatte, bevor er die
Gaststube dem tollen Heer berlie, das jetzt darin hauste. Er klagte, da er
nicht auch die Krge und Glser habe mitnehmen knnen, jammerte, trieb die
Gassenjugend hinweg, prete das Gesicht an die Fensterscheiben und suchte zu er-
kennen, was in der Stube geschah. Aber das furchtbare Ringen im Halbdunkel der
schon hereingebrochenen Dmmerung vor, im Qualm aufgewirbelten Staubes. Man sah
nur einen wild ineinandergekeilten, hin und her bewegten Menschenknuel, hrte
Sthnen und Fluchen und das Stampfen schwerer Tritte und das Krachen
zertrmmerten Holzwerks.
    O meine Bnke! O meine Tische! seufzte der Wirt, und wie er sich an
Peschek mit der Frage wenden wollte, ob man nicht nach dem Gendarm schicken
solle, war der vorsichtige Rat in Gesellschaft des Doktors verschwunden.
    Herr Frster, machen Sie Ordnung! rief der Wirt; ich steh fr nichts -
der Schmied, der Arnost, der Holub - drei gegen alle; sie werden alle drei
erschlagen... mit meinen Bnken, meinen Tischen! setzte er, in Verzweiflung
ausbrechend, hinzu.
    Wird nicht so arg werden, erwiderte der Frster, und pltzlich kamen durch
die offene Tr herausgeflogen zwei Bauernshne aus Peters Sippe. Sie hatten sich
noch nicht aufgerafft, als ein paar gute Freunde ihnen nachkollerten und, nicht
minder unwillkrlich als die Vorhergehenden, drei und vier und fnf andere
erschienen, im Purzelbaum, im kurzen Bogen, der mit den Fen zuerst und jener
mit dem Kopfe. Und der Frster begrte die Ankmmlinge und verstand es
meisterlich - untersttzt von den berredungsknsten ihrer Frauen -, diejenigen,
die sich anschickten, auf den Kampfplatz zurckzukehren, von der Ausfhrung
ihres Vorsatzes abzuhalten.
    Einen unverhofften Verbndeten fand er an Barosch, der unter krftiger
Nachhilfe am Ausgang des Flurs erschien und hinter dem bald mehrere, der lteren
Generation angehrende Mnner sichtbar wurden. Auf der obersten Treppenstufe
blieb Barosch stehen und brachte mit groer Anstrengung hervor: Der Gescheitere
gibt nach. Er besann sich, griff mit den Hnden in die Luft, wiederholte: Der
Gescheitere gibt nach, und fiel die Stufen herunter.
    So ist's recht, rief der Frster. Meine Hochachtung vor den
Gescheiteren! Und als alle in der Tr Eingekeilten sich herausgedrngt hatten,
sprang er die Stiege hinauf, und vor der Wirtsstube angelangt, entfuhr ihm ein:
Potz Blitz und Donnerwetter!
    Wie hatten die Reihen sich gelichtet! Inmitten der Trmmer dessen, was die
Einrichtung der Gaststube gewesen war, behaupteten Peter und die wenigen
Getreuen, die bei ihm ausgehalten hatten, noch das Feld gegen Pavel. Der hatte
sich seiner Jacke entledigt und stand in Hemdrmeln vor Arnost und dem Schmied;
zu seinen Fen kauerte, seinen Schutz anrufend, Virgil. Peter, auer sich, im
Fieber glhend, suchte die Seinen zu neuem, offenbar schon oft
zurckgeschlagenem Angriff auf den Gegner anzufeuern. Sie aber zagten, und als
nun der Frster auf sie losdonnerte: Frieden! Da sich keiner mehr rhrt! -
gehorchten sie ihm, und auch Pavel gehorchte, aber sein Gesicht wurde erdfahl,
und tdlicher Ha sprhte aus seinen auf Peter gerichteten Augen.
    Die Ruhe war von kurzer Dauer. Was die zwei miteinander auszumachen hatten,
vermochte durch die Dazwischenkunft eines Dritten nimmermehr geschlichtet zu
werden.
    Hund! Hund! Hund! kreischte Peter, fuhr pltzlich in die Hosentasche; ein
einschnappendes Messer knackte, und er warf sich mit blanker Klinge auf den
Gegner. Arnost war vorgestrzt, den Angriff zu parieren. Es gelang ihm halb und
halb; der gegen Pavels Brust gefhrt Sto streifte die Rippen, ein groer
Blutflecken frbte sein Hemd.
    Zurck! schrie er, zurck! Lat den Kerl mir allein! und ein Ringen
begann, wie das eines Menschen mit einem wilden Tiere. Peter schumte, bi und
kratzte; Pavel wehrte sich nur, hielt ihn nur von sich, lie sich Zeit, sammelte
seine Kraft zu einem entscheidenden Streich.
    Und nun geschah's... Mit der Linken sein Gesicht deckend, schob er raschen
Griffs die Finger der Rechten in Peters ledernen Gurt- hob ihn an demselben hoch
in die Luft, hielt ihn so mit ausgestrecktem Arm, schttelte ihn und keuchte:
Bestie! Wenn ich dich jetzt hinhau, bist du fertig.
    Tu's! rief Arnost.
    Tu's nicht! rief der Frster, und Pavel fhlte die Last eines Feindes
schwer werden wie Blei; Peters zusammengekrampfte Hnde ffneten sich; das
Messer entfiel ihm; die hinaufgezogenen Beine sanken matt herab - ein
Erschpfter erwartete, da ihm der Rest gegeben werde.
    Da lief ein Schauer ber Pavels Rcken, und sein Zorn erlosch... Er lie
Peter langsam niedergleiten, sagte: Ich mein, du hast genug! und warf ihn
seinen Freunden zu, die den Wankenden, halb Besinnungslosen schweigend aus der
Stube geleiteten.
    Der Frster schlo hinter ihnen die Tr, und Pavel brach in Jauchzen aus:
Drauen alle, und wir drinnen! Er sprte nichts von seiner Wunde, nichts von
den Beulen, mit denen er bedeckt war; er sprte nichts als seine Siegeswonne und
eine strmische, uerungsbedrftige Dankbarkeit fr seine Verbndeten: Drauen
alle, und wir drinnen, wir drei!
    Wir vier, wimmerte Virgil; hab ich nicht bis zuletzt bei dir ausgehalten,
Pavlicek, gegen den Schwiegersohn?
    Pavel fuhr fort zu jubeln: Gesagt hab ich es ihnen auch!
    Gesagt und gezeigt, schrie Arnost, und wenn sie bald wieder was hren
oder sehen wollen, kannst auf mich zhlen, Kamerad.
    Der Frster musterte Pavel vom Kopf bis zu den Fen: Verfluchter Bursch!
sprach er lchelnd, und Anton lchelte ebenfalls. Der letzte Widerstreit
zwischen seiner Eitelkeit und seiner Rechtschaffenheit war geschlichtet.
    Und die Maschin hat er auch repariert, sagte der Schmied.

                                       15


Um Mitternacht wanderte Pavel nach Hause. Es war kalt und sternenhell. In der
Nhe der Kirche begegnete er dem Nachtwchter Much, der ihn mit einer gewissen
scheuen Verbindlichkeit grte und zu ihm sagte: Unsere Hunde haben just einen
fremden Hund erbissen. Verfluchtes Vieh; hat sich gerauft wie der Teufel.
    Auch einer gegen eine ganze Menge, dachte Pavel, und als er beim groen
Ziehbrunnen anlangte und ber ein Ding stolperte, das auf dem Boden lag, freute
er sich, als er es unter seinem Futritt wimmern hrte. Er zog den Hund aus der
Blutlache, in der er lag, schpfte Wasser und schttete den vollen Eimer ber
ihn aus. Soviel er in der Dunkelheit wahrnehmen konnte, war der unvorsichtige
Eindringling bel zugerichtet. Grausam hatte sich an ihm der tierische
Patriotismus bewhrt, dem der blinde Zug zum Einheimischen blinden Ha gegen das
Fremde bedeutet.
    Der Hund gab kein Zeichen des Lebens mehr. Pavel lie ihn liegen und setzte
seinen Weg fort. Bald jedoch bemerkte er, da das Tier ihm nachkroch, mhselig
den Berg hinauf; er wehrte ihm nicht, lie sich seine Begleitung gefallen, und
daheim angelangt, pflegte er es trotz des Abscheus und Ekels, den seine
auergewhnliche Hlichkeit und seine klaffenden Wunden ihm einflten.
    Am nchsten Tage ging er wie an jedem andern Wintertag hinber in die
Fabrik. Die Arbeit kam ihn heute schwer an; in seinem Kopfe war es schwl, und
der ganze Krper schmerzte. Bei der Heimkehr am Abend erwartete er eine
Vorladung zum Brgermeister zu finden; sie war nicht da und kam auch spter
nicht.
    In der nchsten Zeit, sooft er an einem seiner Feinde vorbeikam, machte er
sich auf einen Angriff gefat und bereit zur Gegenwehr. Aber jedesmal umsonst.
Niemand schien Lust zu haben, mit ihm anzubinden. Frchteten sie ihn? Sie alle
zusammen ihn allein; waren sie so feig? Oder gedachten sie nur, ihn sicher zu
machen, und warteten auf eine Gelegenheit, sich zu rchen - waren sie so
schlecht und tckisch? Jedenfalls wollte er keinen Augenblick unterlassen, auf
seiner Hut zu sein, nie vergessen, da er unter lauter Glubigern wandelte, die
eine bse Schuld bei ihm einzukassieren hatten. Indessen verging der Winter,
ohne da es zum Ausbruch von Feindseligkeiten gegen ihn gekommen war. Er konnte
unangefochten in seiner Htte hausen - der Anblick derselben, der so lange und
soviel Migunst erweckt hatte, lie die Leute jetzt gleichgltig. Im stillen
staunte sogar mancher ber den Hauch von Wohlhabenheit, der sich allmhlich ber
die kleine Ansiedelung breitete.
    Pavel hatte sein Haus ringsum mit einem Zaun aus kreuzweis gesteckten
Weidenruten umgeben, hinter dem er Gemse zog. Alles gedieh, dank seinem
unermdlichen, eigensinnigen, seinem eisernen Fleie. Das Fichtenbumchen, das
einzige, das den Angriffen der belwollenden widerstanden, hatte es glcklich
bis zum Soldatenmae gebracht; es guckte mit dem Wipfel in das Fenster an der
Seite der Htte hinein. Ein stmmiges Ding von einem Bumchen, mit breiten
Pisten, die es trotzig von sich streckte, und das sich, so jung es war, schon
einen weien Moosbart angeschafft hatte. Das ganze Anwesen, die Htte mit ihrem
schiefen Dach, der Fichtenbaum daneben, der Zaun davor, nahm sich aus wie ein
Bildchen, das Kinder entwerfen bei ihren ersten Versuchen in der Zeichenkunst.
Auf der Schwelle, unter welcher der Stein eingegraben war, der Pavel immer
mahnen sollte an Ha und Verachtung gegen seine Mitmenschen, lag sein neuer
Hausgenosse, sein bissiger Hund, den er in unbewutem Humor l'amour genannt. -
L'amour, nach Pavels Orthographie: Lamur, hatte die Gre eines Hhner- und den
Knochenbau eines Fleischerhundes; seine breite Nase war von Natur aus gespalten,
was ihm etwas sehr Unheimliches gab; beim geringsten Anla bleckte er die Zhne
und strubte sein kurzes schwarzes Haar. Ein bitterer Groll gegen alles
Lebendige schien unablssig in seiner Seele zu gren. Nie lie er sich in eine
Liebesaffre ein; Hund oder Hndin waren ihm gleich verhat, und er wute sich
beiden Geschlechtern gleich frchterlich zu machen. Nur eine tiefe, stille, an
uerungen arme Anhnglichkeit kannte er, die an seinen Herrn. Stundenlang sa
er vor dem Hause, ohne den Blick von dem Wege zu wenden, auf dem Pavel kommen
mute. Wurde er seiner endlich gewahr, so verrieten hchstens einige
Freudenschauer, die ihm ber die Haut liefen, und ein kmmerliches Wedeln des
kurzen Schwanzes etwas von den Gefhlen seines Innern. So wenig Zrtlichkeiten
Lamur spendete, so wenig wurden ihm zuteil; aber sein Futter erhielt er gleich
nach der Heimkehr seines Herrn, und bevor dieser noch einen Bissen zu sich
genommen hatte.
    Aus der ungetrbten Gemtsruhe, in welcher Pavel seit einigen Monaten
dahinlebte, wurde er durch die Ankunft eines Briefes seiner Mutter gerissen.
Noch hatte er ihr letztes Schreiben nicht beantwortet, und nun kam dieses nach
fast einjhriger Pause und enthielt weder eine Klage noch einen Vorwurf; es
wiederholte nur die Bitten, von denen schon das frhere erfllt gewesen, Bitten
um Nachrichten von den Kindern, und schlo ebenfalls wie jenes und wie alle
seine Vorgnger mit den Worten: Mir geht es soweit gut. Dann folgte die
Unterschrift und endlich eine Mitteilung, die von der Schreiberin bis zuletzt
aufgespart und dann an den uersten Rand des Papieres verwiesen worden, wo sie
wie zagend und verschmt stand. Heut ber vierzehn Monat is meine Strafzeit
aus.
    Das war am Abend des 6. Mrz.
    Pavel rechnete an seinen Fingern. Im Mai des nchsten Jahres wird sie also
kommen, um mit ihm zu hausen, die Mutter. Die Mutter, die Genossin eines
Raubmrders, die vor Gericht gegen die furchtbare Anklage, die Teilnehmerin
seines Verbrechens gewesen zu sein, keine Silbe, keinen Laut der Einwendung
gefunden hat, nicht geleugnet hat - nie! ... Pltzlich erwachte in ihm der
Gedanke: Wie ich! ... Auch er hatte vor Gericht nicht geleugnet, auch er sich
nicht entschuldigt. Weil er nicht gekonnt htte? Nein - weil er nicht gewollt.
Vielleicht - unaussprechlich trstend, sein ganzes Inneres erhellend, berkam es
ihn: Vielleicht htte auch sie gekonnt und hat es nicht gewollt.
    Noch am selben Tage schrieb er an seine Mutter; aber er schmte sich, ihr
einzugestehen, da er von Milada nichts wisse, und beschlo, seinen Brief erst
abzuschicken, wenn er sich die Mglichkeit verschafft haben wrde, darin Kunde
von seiner Schwester zu geben, sollte es auch nur die kurze, karge sein: Milada
ist gesund; sie lt Euch gren.
    Der grauende Morgen fand ihn auf der Wanderung nach der Stadt, und so frh
kam er vor der Klosterpforte an, da er lange nicht wagte zu schellen.
    Er lehnte sich an die Mauer des groen Hauses, dessen Dach das Liebste barg,
das er auf Erden besa. Das einzige ihm Nahestehende, ihm Teuere, das rein und
unentweiht geblieben war; das einzige, an dem sein ganzes Herz hing - die
Schwester, die sich freiwillig von ihm abgewendet hatte.
    Die Glocken der Klosterkirche luteten zur Messe, feierliche Orgeltne
erklangen, und ein Gesang erhob sich so hell, so weich wie die leise bewegte
Luft, die ihn auf betenden Schwingen herbertrug aus der Ferne... Aus einem
irdischen Himmel, dachte Pavel - aus einem Reich der Seligen und Friedfertigen,
zu hoch, zu hehr, um von der Sehnsucht eines makelvollen Erdenkindes auch nur
erreicht zu werden, zu hoch, zu hehr, um ihm anderes einzuflen als Ehrfurcht
und Anbetung.
    Allmhlich hatte sich um Pavel eine kleine Versammlung von alten Leuten und
Kindern gebildet, stndigen Kostgngern des Klosters, die auf Einla warteten.
Als er ihnen gewhrt wurde, schlo sich Pavel als der letzte ihrem Zuge an. Die
Pfrtnerin wies die Armen an einen Tisch, auf dem ein Frhmahl fr sie
bereitstand, und richtete an Pavel, der am Eingang stehengeblieben war und sich
nicht rhrte, die Frage: Was wollen Sie?
    Und er, obwohl ihm war, als wrde er an der Gurgel gefat und gewrgt,
brachte doch die Worte heraus: Ich heie Pavel Holub.
    Eine dunkle Rte berflog das strenge Gesicht der Pfrtnerin. Ach ja,
sagte sie; die unangenehme Erinnerung an Pavels ersten Besuch dmmerte in ihr
auf.
    Ich bin, nahm er wieder das Wort, der Bruder der kleinen Milada.
    Ach ja, ach ja - und Sie mchten Ihre Schwester sehen? setzte sie
berstrzt hinzu.
    Nein, zu einer so khnen Hoffnung hatte er sich nicht verstiegen; erst bei
dieser Frage flammte sie in ihm auf und trieb ihm schwindelnd das Blut zu Kopf.
Ob ich mchte? stammelte er, freilich - und wie!
    Die Pfrtnerin wurde der begangenen bereilung inne und sagte verlegen: Es
ist aber kein Einla zu dieser Stunde; es ist heute berhaupt kein Einla und...
Aber da ist Mutter Afra, unterbrach sie sich ... warten Sie ein wenig.
    Sie ging einer alten Klosterfrau entgegen, welche, gefolgt von zwei
Laienschwestern, die in die Halle fhrende Treppe heruntergeschritten kam. Pavel
erkannte sie sogleich; es war das Frulein konomin, das einst ein so wichtiges
Wort gesprochen hatte in der Sache, an der ihm damals sein ganzes Heil zu hngen
schien. Die Pfrtnerin sprach leise zu ihr, und Pavel konnte nicht zweifeln, da
von ihm die Rede war; denn Frulein Afra hatte, whrend sie schweigend zuhrte,
den Blick wiederholt und mit groer Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet.
    Nun winkte sie ihn heran, fragte melancholisch lchelnd, ob er wirklich
Pavel Holub sei, und sagte, als er es bejahte: Schwer zu glauben, so sehr haben
Sie sich verndert. Und was bringen Sie uns Gutes?
    Rasch, wie sie entstanden, war Pavels Hoffnung auf ein Wiedersehen mit
seiner Schwester erloschen, und er wagte nicht einmal zu gestehen, da er sie
gehegt hatte. Einer Stube voll roher, halb betrunkener Gesellen hatte er den
Meister gezeigt; diese alte Frau in ihrer heiteren Wrde, mit der milden
Freundlichkeit in den leidverklrten lgen, schchterte ihn ein. Unterdrckten
und bewegten Tones antwortete er: Ich bring einen Gru von der Mutter an meine
Schwester Milada und mchte auch fragen... seine Stimme wurde beinahe unhrbar,
wie es meiner Schwester geht?
    Die Frage knnen wir beantworten, nicht wahr, Schwester Cornelia? wandte
Frulein Afra sich an die Pfrtnerin. Ihre Schwester ist gesund an Leib und
Seele, dem Himmel sei Dank, der sie geschaffen hat zu unserer Freude und
Erbauung. Was den Gru betrifft, da mssen wir erst Erlaubnis einholen, ihn zu
bestellen, nicht wahr, Schwester Cornelia? Ihr Auge ruhte wohlwollend auf
Pavel, whrend er, immer noch schwer beklommen, sagte: Ich mchte auch gern der
Mutter schreiben, da die Schwester sie gren lt.
    Ja so, versetzte Afra, nun, auch das kann bestellt werden - nicht wahr,
Schwester Cornelia? Nur ein wenig gedulden mssen Sie sich. Haben Sie Zeit, sich
zu gedulden? setzte sie scherzend hinzu, nickte mit dem Kopf und schritt weiter
an Pavel vorbei, der sich ungeschickt, aber tief vor ihr verbeugte.
    Er wurde von der Pfrtnerin in dasselbe Zimmer gefhrt, in dem er als
kleiner Junge so unvergeliche Stunden der peinlichsten Erwartung durchlebt
hatte.
    Nichts verndert in dem traurigen Raume, jeder Sessel an der alten Stelle,
an der Mauer derselbe feuchte Fleck. Nur die Aussicht aus den vergitterten
Fenstern bot heute ein freundliches Bild, denn die damals halb entbltterten
Obstbume prangten jetzt im Frhlingsschmuck weier und rosiger Blten. Am Ende
des Rasenplatzes, vor dem bis an die Gartenmauer reichenden Seitenflgel des
Hauses, trieb sich eine lustige Gesellschaft von kleinen Klosterzglingen herum.
Sie unterbrachen oft ihre Spiele und rannten im Wettlauf auf die Novize zu, der
die Aufsicht ber sie anvertraut war. Und was hatte diese nur zu tun, um sich
der Liebkosungen des anstrmenden Schwarms zu erwehren! Und wie gtig tat sie's
und wie ernst; wie verstand sie, die Wildfnge zu bndigen und die Schchternen
aufzumuntern, Tadel und Lob zu verteilen, Zrtlichkeit zu spenden und Strenge
walten zu lassen nach Verdienst und Gebhr! Pavels Augen hingen unverwandt an
ihrer holden, gertenschlanken Gestalt. Ihre Zge genau zu unterscheiden,
vermochte er nicht; doch bildete er sich ein, das Wesen des jungen Mdchens
mahne an das Miladas. So - ungefhr so mochte sie jetzt aussehen, die kleine
Milada... Nur nicht so gro konnte sie geworden sein; das schien ihm unmglich;
unmglich auch, da sie jetzt schon das Kleid der Nonnen trage.
    Ein Glockenzeichen erscholl; die Novize nahm das kleinste Mdchen auf den
Arm; die andern liefen vor ihr oder neben ihr her - einen Augenblick, und alle
verschwanden im Hause.
    Pavel trat vom Fenster zurck. Er war durch die Worte des Fruleins Afra auf
ein langes Warten vorbereitet gewesen und nun sehr berrascht, als sich schon
nach wenigen Minuten die Tr in ihren Angeln drehte. Auf der Schwelle erschien,
in gewohnter edler Ruhe, unverndert durch die an ihr hingegangenen Jahre, die
Oberin. Sie fhrte ein junges Mdchen an der Hand, ein hohes, schlankes,
dasselbe, dessen stilles Walten Pavel gesehen, dasselbe, das ihn an seine
Schwester gemahnt hatte - Milada im Novizenkleide.
    Er starrte sie an in grenzenlos wonnigem, grenzenlos wehmtigem Staunen;
ber ihre Lippen kam bei seinem Anblick ein Ausruf des Entzckens; die Blsse
ihres zarten Gesichts wurde noch durchsichtiger, noch farbloser.
    Pavel, lieber, lieber Pavel! sprach sie; aber sie ri sich nicht los von
der fhrenden Hand; sie stand still und sah ihn mit groen, glckstrahlenden
Augen an.
    Auch er stand still. Mchtiger als der Wunsch, auf sie zuzustrzen und sie
an seine Brust zu ziehen, war die ehrerbietige Scheu, die ihn ergriffen hatte
und ihn gebannt hielt und ihm die geliebte Ersehnte, die Nahe - unnahbar machte.
    Beklommen schwieg er; in seinem Kopf jagten sich die Gedanken: Diese junge
Heilige, war das seine Schwester? ... Durfte er sie noch so nennen? - War sie's,
die er tausendmal in seinen Armen gehalten, gekt, geherzt hatte- manchmal auch
geschlagen? - War sie's, deren Geschrei Hunger, Pavlicek, Hunger! ihn zum
Diebstahl verleitet hatte, wie oft, wie oft! - War sie's, deren Fchen er
verbunden, wenn sie sich wundgelaufen bei den Wanderungen von Ort zu Ort, hinter
dem Vater und der Mutter her? ... War sie's?
    Die Oberin weidete sich an der berraschung der Geschwister. Nun, sagte
sie, sich freundlich zu Milada wendend, wer hat denn einst in kindischem
Vorwitz gesagt: Ich sehe dich nie mehr; sie werden mir nie mehr erlauben, dich
zu sehen? ... Und jetzt ist er da, dein Bruder. Begrt euch, gebt euch die
Hnde.
    Die Aufforderung mute wiederholt werden, bevor Pavel und Milada ihr
nachzukommen wagten, und dann, als Pavel die Hand seiner Schwester in der seinen
hielt, bengstigte ihn ihr Glhen und das Jagen der Pulse, die an seine Finger
klopften. In seiner derben Rechten lag eine kleine schmale Hand, aber nicht die
weiche Hand einer Miggngerin, sondern eine mit der Arbeit vertraute. So hatte
man die zarte Pilgerin auf dem Wege zum Himmel nicht enthoben von der gemeinen
Mhsal der Erde...
    Ein, als der Lehrer es zu ihm gesprochen, halb verstandenes Wort tauchte im
Gedchtnis Pavels auf: Wie lange kann eine an beiden Enden angezndete Fackel
brennen! - Sein Herz schnrte sich zusammen, er erhob die Augen von der Hand
Miladas zu ihrem Angesicht: Eine Nonne also, eine Nonne - sagte er.
    Die Oberin erwiderte: Noch nicht; ber ein kleines jedoch wird sie zu denen
gehren, die mit unserem gttlichen Erlser sprechen: Wer ist meine Mutter? Wer
sind meine Brder?
    Bei dem Worte Mutter erwachte Pavel wie aus dem Traum: Die Mutter lt dich
gren, sagte er; es geht ihr gut. Sie mchte auch gern wissen, wie es dir
geht. Was soll ich ihr schreiben?
    Schreibe ihr, antwortete Milada, unterbrach sich jedoch und richtete einen
um Erlaubnis bittenden Blick auf die Oberin. Erst als diese zustimmend genickt,
begann sie wieder: Schreibe ihr, da mein ganzes Leben nichts ist als ein
einziges Gebet fr sie und - noch fr einen, unseren armen, unglcklichen
Vater... ihre Stimme hatte sich gesenkt, nun erhob sie sich freudigen Klanges -
und auch fr dich, lieber, lieber Pavel.
    Pavel murmelte etwas Unverstndliches, seine Augen begannen unertrglich zu
brennen; pltzlich lie er Miladas Hand aus der seinen gleiten und trat einen
Schritt zurck.
    Sie fuhr fort: Der Allbarmherzige hat mich erhrt, er hat dich gut werden
lassen... nicht wahr? Sprich, lieber Pavel, sag ja, du darfst es sagen - es ist
ja ein Werk seiner Gnade. Sag, ich bitte dich, da du gut und brav geworden
bist... Pavel, Lieber, bist du gut und brav?
    Er senkte den Kopf, gepeinigt durch ihr Flehen, und sprach: Ich wei es
nicht.
    Du weit es nicht? fragte Milada, und als er schwieg, rief sie mit
aufsteigender Besorgnis die Oberin an: Er wei es nicht - ehrwrdige Mutter,
wie kann das sein?
    Die Oberin sah Bangigkeit und Unruhe sich in den Zgen der Novize malen, sah
ihre bleichen Wangen sich mit immer dunkler werdender Rte frben und versetzte
beschwichtigend: Es kann wohl sein. Er hat dir eine schne Antwort gegeben, die
des Bescheidenen, der seinen Wert nicht kennt. Wir kennen ihn; wir wissen von
den Fortschritten, die dein Bruder auf dem Wege des Heiles macht. Darum auch
durfte er seinen Auftrag selbst bestellen und den deinen selbst einholen. Es ist
geschehen, und nun, liebe Kinder, sagt euch Lebewohl.
    Pavel seufzte tief auf: Jetzt schon? und zugleich und mit derselben
Bestrzung drangen aus Miladas Mund dieselben Worte. Aber nur ein kurzer Kampf,
und dem unwillkrlichen Schrei des Herzens folgte der Ausdruck der Ergebung in
fremden Willen, und sie sprach: Lebe wohl, Pavel.
    Ihr frommer Gehorsam wurde belohnt, die Oberin lchelte gtig: Du kannst
auch sagen, auf Wiedersehen.
    Bei meiner Einkleidung, fiel Milada begeistert ein, zu meiner Einkleidung
wirst du kommen, das darf man... Nicht wahr, ehrwrdige Mutter, man darf - er
darf... und ich, setzte sie nach kurzem Besinnen demtig hinzu, darf ich noch
eine Frage an ihn stellen?
    Frage!
    Milada, die schon im Begriffe gewesen, der Oberin zu folgen, wandte sich
wieder Pavel zu: Lieber, hast du allen verziehen, die dir Bses getan haben?
    Er sah die gespannte, bebende Erwartung, mit der sie seiner Antwort
lauschte, er prfte sein Herz und sagte: Einigen schon.
    Du mut aber allen verzeihen; sie sind ja Werkzeuge Gottes, die dich zu ihm
fhren durch Prfungen. Verzeih ihnen, liebe sie, versprich es mir.
    Sie beschwor ihn mit einem Ungestm, der an die Milada frherer Tage
gemahnte. Versprich's, mein Pavel. Wenn du es nicht tust, mu ich leiden,
klagte sie, es ist ein Zeichen, da ich noch nicht genug getan, gebetet, gebt
habe.
    Ich versprech es! rief er berwltigt und streckte seine Arme nach ihr
aus.
    Dank, hrte er sie noch sagen. Dank, lieber, lieber Pavel, und alles war
vorbei, die Lichterscheinung entglitten. Die Oberin hatte Milada mit sich
fortgezogen, er war allein.
    Bald darauf ffnete die Pfrtnerin die Tr und blieb an derselben stehen,
die Klinke in der Hand. Pavel leistete ihrer stummen Aufforderung Folge, er trat
in die Halle, er trat ins Freie.

                                       16


Pavel schritt langsam ber den Platz, der ihm einst einen so groartigen
Eindruck gemacht und fr dessen Herrlichkeiten er heute keinen Blick hatte. Das
Glcksgefhl ber das unerwartete Wiedersehen mit Milada zitterte noch eine
Weile in ihm nach, wich aber bald einer jede andere verdrngenden Empfindung
qualvoller Besorgnis und fllte seine Seele mit Leid und mit Reue.
    Er htte sich nicht fortweisen lassen drfen, wie er es in feiger
Schchternheit getan, er htte bleiben und der Frau Oberin sagen sollen: Mir
bangt um meine Schwester; sehen Sie nicht, da sie sich verzehrt in Arbeit,
Gebet und Bue? Das wre seine Pflicht gewesen, wohl auch sein Recht. - Der
Gedanke einmal gefat, und sogleich ward er auch zum Entschlu. Pavel kehrte
nach dem Kloster zurck und zog an der Glocke.
    Die Tr ffnete sich nicht, aber an einem in derselben angebrachten kleinen
Gitter wurde ein Auge sichtbar; die Pfrtnerin fragte nach dem Begehr des
Schellenden, und auf Pavels Antwort kam der Bescheid, die Frau Oberin sei nicht
zu sprechen. Die Klappe hinter dem Gitter schlo sich.
    Was tun? Pochen, strmen, den Einla erzwingen, auf die Gefahr hin, den
Unwillen der frommen Frau auf sich zu laden? ... Und wenn dies geschah - wer
wrde fr Pavels Vergehen ben, mehr ben wollen als mssen? - Milada. Er
wute es wohl und trat von neuem seine Wanderung an.
    Am Ende der Stadt, in unmittelbarer Nhe der Brcke, stand ein Einkehrhaus
und davor eine breitstige Linde, die ein paar mit den dnnen Fen in die Erde
eingelassene Tische und Bnke beschattete. Pavel nahm auf einer der letzteren
Platz; er war hungrig und durstig und rief nach Bier und Brot. Aber als das
Verlangte ihm gebracht ward, verga er zu essen und zu trinken.
    Im Hofe des Gasthauses ging es lebhaft zu. Ein Stellwagen war angekommen und
hatte einige Reisende abgesetzt, von denen sich zwei in lebhaftem Streit mit dem
Kutscher wegen des von ihm geforderten Trinkgeldes befanden. Eine alte Frau
vermite ein Bagagestck und durchstberte, zum Verdru der anderen Fahrgste,
den kleinen Berg von Mantelscken und Bndeln, der unter dem Trbogen
zusammengetragen worden war.
    Diesen Vorgngen schenkte Pavel anfangs nur eine flchtige Aufmerksamkeit;
aber sie wurde sehr rege, als ihm pltzlich ein Kofferchen, ein Pelz und ein
Knotenstock auffielen, die er neben dem Eckstein auf der Erde liegen sah. Das
waren ja drei alte Bekannte! ... ... besonders der Stock; der hatte ihm einmal
recht lustig auf dem Rcken getanzt.
    Ohne sich zu besinnen, rief er laut: Herr Lehrer, Herr Lehrer! sind Sie
da? sprang auf und wollte ins Haus strzen... da trat ihm Habrecht schon mit
ausgebreiteten Armen entgegen.
    Alle guten Geister! Pavel, lieber Mensch...
    Woher? Wohin? fragte der Bursche.
    Wohin? Zu dir; dich wollte ich besuchen und treffe dich auf meinem Wege.
Ein glcklicher Zufall, ein gutes Omen!
    Sie haben mich besuchen wollen - das ist schn, Herr Lehrer.
    Schn? I, warum nicht gar... Aber sag mir nicht: Herr Lehrer - ich bin kein
Lehrer mehr... das ist alles vorbei. Ich bin ein Jnger geworden, und - er
spitzte die Lippen und sog die Luft mit tiefem Behagen ein, als ob er von etwas
Kstlichem sprche, und ein neues Leben beginnt.
    Pavel war erstaunt; das neue Leben, hatte er gemeint, habe lngst begonnen.
    War nichts, ist durchaus miraten, erwiderte Habrecht kopfschttelnd,
sollst hren wie. Komm ins Haus; unter der Linde - ein schner Baum... werde
mich vielleicht sehr bald nach dem Anblick einer solchen Linde sehnen - ist's
mir zu frisch... Komm, lieber Mensch, ich habe viel fr dich auf dem Herzen und
will auch viel von dir hren, ehe wir uns trennen, voraussichtlich - auf
Nimmerwiedersehen.
    Er bestellte ein Mittagessen fr sich und Pavel, lie das beste Zimmer des
ersten Stockes aufsperren und erklrte sich ungemein zufrieden, als ihm eine
groe Stube angewiesen wurde, deren Einrichtung aus zwei schmalen Betten mit
hoch aufgetrmten, rosenfarbigen Kissen, aus einem mit Wachsleinwand berzogenen
Tisch und aus vier Sesseln bestand. Auch die trbe Suppe und der noch trbere
Wein, das ausgewsserte Rindfleisch und die halbrohen Kartoffeln, die der Wirt
ihm vorsetzte, begrte er mit unbedingten Lobeserhebungen. Sein eigenes
Nahrungsbedrfnis war nicht grer als das eines indischen Bers, aber seinen
Gast munterte er fortwhrend auf: I und trink, la dir's schmecken; das Mahl
ist gut, und ich wrze es dir mit ntzlichen Gesprchen, mit der Quintessenz
meiner Erfahrungen.
    Er begann zu erzhlen, geriet in immer erhhtere Stimmung, hielt es nicht
lange aus auf einem Platze, sprach jetzt stehend, jetzt sitzend, jetzt im Zimmer
hin und her schwirrend und stets mit eigentmlich hastigen Gebrden.
    Ja, das war ein Irrtum gewesen, das mit dem Glauben an die neue Lebenssonne,
die ihm in dem neuen Wirkungskreise aufgehen wrde. Die Gespenster der toten
Vergangenheit huschten nach in die lebendige Gegenwart und richteten Verwirrung
und Hader an, wo Klarheit und Frieden herrschen sollten. Zu gut hatte Habrecht
es machen wollen, zuviel Eifer an den Tag gelegt, sich zu demtig um Gunst
beworben - dies alles, verbunden mit seinem Fleie, seiner strengen
Pflichterfllung und makellosen Lebensfhrung, erweckte Mitrauen. Der Mann mu
ein schlechtes Gewissen haben, sagten die Leute.
    Sprst du was? fragte Habrecht. Als ich das hrte, grinste das Gespenst
mich an, von dem ich im Anfang gesprochen habe. Wr ich gewesen wie einer, der
nichts gutzumachen hat - htt ich's nicht zu gut machen wollen, wre meinen
geraden Weg einfach und schlicht gegangen, unbekmmert um fremde Wohlmeinung...
Noch eins! Sie sind dort viel rabiater tschechisch als hier, mein deutscher Name
verdro sie. Sie haben bei mir deutsche Gesinnungen gesucht, bei mir, dem die
Erde eine Sttte der Drangsale ist und jeder Mensch ein mehr oder minder schwer
Geprfter! Ich werde einen Unterschied machen, ich werde sagen: Am Wohlergehen
dessen, der hben am Bach zur Welt gekommen, liegt mir mehr als am Wohlergehen
dessen, der drben geboren worden ist... Es gibt eine Nation, ja, eine, die
leitet, die fhrt, die voranleuchtet: alle tchtigen Menschen - der anzugehren
wr ich stolz... Was jeden anderen Nationalittenstolz betrifft -, er griff
sich an den Kopf und lachte, Narrheit, unwrdig des Jahrhunderts. Das ist mein
Gefhl... Gefllt euch mein Name Habrecht nicht - sagte ich, nennt mich Mamprav,
mir gilt das gleich... Nun, damit, da ich bereit war, ihnen auch in der Sache
nachzugeben, damit hab ich's ganz verschttet. Jetzt war ich ein Spion, der sie
kirren wollte, Gott wei, in welchem Interesse... Und jetzt trat ich auf
Schlangen bei Tritt und Schritt. Zuletzt konnte ich beim Bcker kein Stck Brot
mehr bekommen fr mein gutes Geld und bei der Hkerin keinen Apfel... Oh, die
Menschen, die Menschen! Man mu sie lieben - und will ja -, aber manchmal graut
einem; es graut einem sogar sehr oft.
    Die Erinnerung an das jngst Erlebte drckte ihn nieder; er blieb eine Weile
still, bald jedoch gewann seine unverwstliche Lebhaftigkeit die Oberhand, und
neuerdings lie er den Strom seiner Rede sprudeln und verga, von ihm
hingerissen, auf die Begriffsfhigkeit seines Zuhrers Rcksicht zu nehmen.
Pavels Interesse fr die Auseinandersetzungen seines alten Gnners hatte groe
Mhe, sich dem mangelhaften Verstndnis gegenber, das er ihnen bieten konnte,
zu behaupten.
    Die letzte Prfung, die Habrecht bestanden hatte, war bitter, aber kurz
gewesen. Ein Freund, ein einstiger Schulkamerad, mit dem er in steter Verbindung
geblieben, erschien eines Morgens bei ihm als Erlser aus aller Pein und Not.
Zwischen den Schicksalen beider Mnner bestand eine gewisse hnlichkeit, und es
war die auerordentliche bereinstimmung ihrer Sinnesart, welche ihren
Seelenbund trotz jahrelanger Trennung aufrechterhalten hatte. Sie beschlossen in
der ersten Stunde des Wiedersehens, die Fortsetzung des Lebenskampfes Seite an
Seite aufzunehmen. Fr die Mittel, sich auf das von ihnen gewhlte Schlachtfeld
zu begeben, sorgte der Freund, sorgten die Freunde des Freundes. Diese lebten in
Amerika in Wohlhabenheit und Ansehen und gehrten zu den eifrigsten Aposteln
einer ethischen Gesellschaft, deren Zweck die Verbreitung moralischer Kultur
war und die tglich an Anhang und Einflu gewann.
    Bekenner einer Religion der Moral nennen sie sich, rief Habrecht; ich
nenne sie die Entznder und Hter des heiligsten Feuers, das je auf Erden
brannte und dessen Licht bestimmt ist, auf dem Antlitz der menschlichen Gemeinde
den Widerschein einer edlen, bisher fremden Freudigkeit wachzurufen... Ihre
Botschaft ist zu mir gedrungen in Gestalt eines Buches, dergleichen noch nie
eines geschrieben wurde... O lieber Mensch! ein Wunderbuch und hat bei mir
beinahe dasjenige ausgestochen, das du einst, du Tor, ein Hexenbuch nanntest...
Ich folge der Botschaft; ich gehe hinber, etwas zu suchen, das ich verloren und
ewig vermit habe: eine Anknpfung mit dem Jenseits. Eins von beiden brauchen
wir, wir armen Erdenkinder, ein wenn auch noch so geringes - Wohlergehen oder
einen Grund fr unsere Leiden; sonst werden wir traurig, und das ist eines
Wackeren unwrdig.
    Hier unterbrach ihn Pavel zum ersten Male: Ist Traurigkeit unwrdig?
    Durchaus. Traurigkeit ist Stille, ist Tod; Heiterkeit ist Regsamkeit,
Bewegung, Leben. Er blieb vor dem Tische stehen, sah Pavel forschend an und
sprach: Sie fehlt dir noch immer, die Heiterkeit; du bist nicht munterer
geworden... Und wie geht es dir im Dorfe?
    Besser, erwiderte Pavel.
    Das lt sich hren. Seit wann denn?
    Seitdem ich es ihnen einmal gesagt und gezeigt habe.
    Gesagt, oh! - gezeigt, oh, oh! ... Wie gezeigt? Hast sie geprgelt?
    Frchterlich geprgelt.
    Ei, ei, ei! Habrecht machte ein bedenkliches Gesicht und kreuzte die Arme.
Nun, lieber Mensch, Prgel sind nicht schlecht, aber nur fr den Anfang,
durchaus nur! und berhaupt nie mehr als ein Palliativ... Salbader freilich
verstehen von Radikalmitteln nichts, leugnen darum auch, da es solche gehe. Sei
kein Salbader! schrie er den erstaunten Pavel an, der sich nicht einmal eine
ungefhre Vorstellung von dem machen konnte, was damit gemeint war.
    Und nun forderte Habrecht ihn auf zu sprechen: Ich habe dir meine
Generalbeichte abgelegt, la mich die deine hren. Er begann ihn auszufragen,
verlangte von dem Tun und Lassen seines ehemaligen Schtzlings genaue
Rechenschaft und erhielt sie, so rasch die Ausrufungen, Betrachtungen und guten
Ratschlge, mit denen er Pavel fortwhrend unterbrach, es erlaubten Dem aber war
das ganz recht, strte ihn nicht mehr, als das Gerusch eines murmelnden Baches
getan htte, und gab ihm Zeit, nach jedem Satze seine Gedanken zu sammeln und
einen passenden Ausdruck fr sie zu suchen. Endlich hatte er ja doch sein fest
verschlossenes, bervolles Herz in das seines wunderlichen Freundes
ausgeschttet.
    Sie befanden sich beide in feierlicher Stimmung. Der alte Mann legte dem
jungen die Hnde aufs Haupt und sprach einen warmen Segen ber ihn.
    Von Vernunft und Gemeinde wegen, schlo er, htte ein schlechter Kerl aus
dir werden mssen; statt dessen bist du ein tchtiger geworden. Mach so fort,
schlag ihnen ein Schnippchen ums andere. Arbeite dich hinauf zum Bauer, werde
ihr Brgermeister.
    Pavel machte grere Augen als je in seinem Leben und sah den Lehrer mit
einem zugleich stolzen und unglubigen Lcheln an. Habrecht nickte hastig: Ja,
ja! und wenn du's bist, dann zahl ihnen mit Gutem heim, was sie bles an dir
getan haben.
    Der Abend brach an; die Stunde der Abfahrt nherte sich, und Habrecht wurde
von fieberhafter Unruhe ergriffen. Er forderte seine Rechnung, bezahlte,
schenkte den Versicherungen des Wirtes, da es zum Aufbruch viel zu frh sei,
kein Gehr, verlie das Haus und schlug, von Pavel gefolgt, der das Kofferchen,
den Pelz und den Stock trug, im Eilmarsch den Weg zum Bahnhof ein.
    Als er dort anlangte und fragte, ob er noch zurechtkomme zum Abendzuge nach
Wien, wurde er ausgelacht, was ihn beruhigte.
    Ein heftiger Sturm hatte sich erhoben und schttelte die vor dem
Stationsgebude gepflanzten Akazienbume, da es ein Erbarmen war; aus den
grauen, jagenden Wolken fegte kalter Strichregen nieder. Habrecht achtete dessen
nicht und setzte seinen ehrwrdigen Frack, den er auch zu dieser Reise angelegt
hatte, schonungslos den Unbilden der Witterung aus. Nur seinem grauen,
langhaarigen Zylinder gewhrte er den Schutz eines ber ihn gebreiteten und
unter den schnrkelfrmigen Krempen befestigten Taschentuchs und pendelte so
neben Pavel auf dem Perron hin und her und sprach ohne Unterla.
    Nachdem die Kasse erffnet worden und er ein Billett gelost hatte, kannte
seine Ungeduld keine Grenzen mehr. Er zog seine Uhr, der des Bahnhofes traute er
nicht. Zehn Minuten noch... mglicherweise konnte aber der Zug gerade heute um
fnf Minuten frher eintreffen, und da man dann in fnf Minuten scheiden mute,
warum nicht lieber gleich? Er bat Pavel instndigst heimzugehen, sich
seinetwegen nicht lnger aufzuhalten. Vorher aber zwang er ihn noch, fast mit
Gewalt, seine Uhr anzunehmen.
    Ich brauche sie nicht mehr, mein Freund hat eine. Denk nach: Wenn immer auf
zwei Menschen eine Uhr kme, was wre das fr ein gnstiges statistisches
Verhltnis! - Leb wohl, geh jetzt.
    Mit einer Hand schob er ihn fort, mit der anderen hielt er ihn zurck.
Meine letzten Worte, lieber Mensch, merk sie dir! prge sie dir in die Seele,
ins Hirn. Gib acht: Wir leben in einer vorzugsweise lehrreichen Zeit. Nie ist
den Menschen deutlicher gepredigt worden: Seid selbstlos, wenn aus keinem
edleren, so doch aus Selbsterhaltungstrieb... aber ich sehe, das ist dir wieder
zu hoch - - anders also! ... In frheren Zeiten konnte einer ruhig vor seinem
vollen Teller sitzen und sich's schmecken lassen, ohne sich darum zu kmmern,
da der Teller seines Nachbars leer war Das geht jetzt nicht mehr, auer bei den
geistig vllig Blinden. Allen brigen wird der leere Teller des Nachbars den
Appetit verderben - dem Braven aus Rechtsgefhl, dem Feigen aus Angst... Darum
sorge dafr, wenn du deinen Teller fllst, da es in deiner Nachbarschaft so
wenig leere als mglich gibt. Begreifst du?
    Ich glaube, ja.
    Begreifst du auch, da du nie eines Menschen Feind sein sollst, auch dann
nicht, wenn er der deine ist?
    So etwas, erwiderte Pavel, hat mir schon meine Schwester gesagt.
    Habrecht drckte seine Freude an dieser bereinstimmung aus und fuhr fort:
Ferner, verlerne das Lesen nicht. Ich habe aus meinem Vorrat von Schulbchern,
ehe ich ihn verschenkte, sechs Stck fr dich beiseite gebracht - du wirst sie
durch die Post erhalten -, schlichte Bchlein, von unberhmten Mnnern
zusammengestellt; wenn du aber alles weit, was in ihnen steht, und alles tust,
was sie dir anraten, dann weit du viel und wirst gut fahren. Lies sie, lies sie
immer, und wenn du mit dem sechsten fertig bist, fange mit dem ersten wieder
an... Was das Allerschwierigste im Leben betrifft, die seste, die grausamste,
die mchtigste und frchterlichste aller Leidenschaften - ich mag sie gar nicht
nennen -, so meine ich, du wrst abgeschreckt und knntest es bleiben. Sie ist
dir am Quell vergiftet worden, bei ihrem ersten Ursprung, das hilft manchmal fr
immer. Du hast es mit ihr so schlecht getroffen, wie dein aufrichtigster Freund,
fr den ich mich halte, es dir nicht besser htte wnschen knnen.
    Auf dem Bahnhofe waren immer mehr Leute zusammengekommen; ein erstes
Glockenzeichen wurde gegeben; aus der Ferne gellte ein Pfiff. Habrecht merkte
von alledem nichts; er hatte Pavel am Rock gefat und redete hastig und heftig
in ihn hinein: Nicht jeder braucht einen Hausstand zu grnden; das ist der
grte Wahn, da man einige Kinder haben msse - es gibt Kinder genug auf der
Welt... und je besser ein Vater ist, desto weniger hat er von seinen Kindern -
wer fhlt edel und selbstlos genug, um sich zutrauen zu drfen, er werde ein
guter Vater sein? ... Und deinen Ruf, lieber Mensch, achte auf deinen Ruf, du
weit schon, die gewisse Tafel, die blank sein mu die deine war sehr
verkritzelt... putze, fege, strebe vorwrts... glaube: wenn du heute nicht etwas
besser bist, als du gestern warst, bist du gewi etwas schlechter...
    Herr Lehrer, wollte Pavel ihn aufmerksam machen, als nun zum zweiten Male
gelutet wurde; aber unter dem Zipfel des Taschentuches hervor, das sich aus der
Hutkrempe losgemacht hatte und nun, vom Winde bewegt, Habrechts Gesicht umflog,
sah dieser ihn liebreich an und fuhr fort: Wende mir nicht ein: Das sind lauter
zu hohe Grundstze fr unsereinen; gehen Sie damit zu denen, die ohnehin schon
hoch stehen; wir sind geringe Leute; fr uns ist auch eine geringe Moral gut
genug... Ich sage dir, gerade die beste ist fr euch die rechte; ihr Geringen,
ihr seid die Wichtigen, ohne eure Mitwirkung kann nichts Groes sich mehr
vollziehen - von euch geht aus, was Fluch oder Segen der Zukunft sein wird...
    Herr Lehrer, Herr Lehrer! es ist Zeit, sagte Pavel, und Habrecht
versetzte: Eure Zeit, jawohl - und was ihr aus derselben macht, das wird...
    Einsteigen! rief es dicht an seinem Ohr, und er sah sich um, sah den Zug
dastehen und erschrak furchtbar. Dritte Klasse nach Wien! schrie er, rannte
auf den ihm vom Schaffner bezeichneten Waggon zu und erklomm ihn mit nicht
gerade anmutiger, aber wunderbarer Behendigkeit.
    Pavel eilte ihm nach und reichte ihm seine Effekten in den berfllten
Wagen, in dem er unter vielen Entschuldigungen einen Platz gefunden hatte. Ein
neuer Pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung, eine kleine Strecke konnte ihn
Pavel in scharfem Laufe begleiten.
    Gott behte Sie, Herr Lehrer! schrie er, und durch das Brausen der
davonrollenden Lokomotive und aus Rauch und Dampfwolken kam die Antwort: Und
dich, lieber Mensch, Amen, Amen, Amen!
    Am spten Abend, nachdem Pavel heimgekommen war, ftterte er seinen Hund,
nahm eine Haue und grub dem Steine nach, den er unter die Schwelle seines Hauses
versenkt hatte. Lamur sa daneben und warf aus verdrielich zugekniffenen Augen
so scheele Blicke auf die Arbeit seines Herrn, leckte sich die Nase so oft und
sah so verchtlich drein, da jener seine ble Laune bemerken mute.
    Ist dir's vielleicht nicht recht? fragte Pavel.
    Ein hhnisches Zhnefletschen war die Antwort.
    Pavel aber hatte den Stein ausgehoben, betrachtete ihn, wog ihn in der Hand
und fand ihn kleiner und leichter, als er sich ihn vorgestellt.
    Da ist er, schau - nimm! sagte er und hielt ihn dem Hunde hin, der ihn auf
Befehl seines Herrn in die Schnauze nahm und ihm nachtrug.
    Am Brunnen angelangt, an dem ihre erste Begegnung stattgehabt hatte, nahm
Pavel dem Hunde den Stein aus dem Maul und schleuderte ihn ins Wasser, in dem er
mit einem lauten Glucksen versank.
    Lamur gab durch Knurren seine Mibilligung zu erkennen.

                                       17


Seit einiger Zeit hatte die Frau Baronin ihre Wohnung im ersten Gescho des
groen Schlosses mit einer zu ebener Erde gelegenen vertauscht. Sie fhlte sich
sehr alt werden, das Treppensteigen machte ihr Mhe, und sie unterzog sich
derselben nur noch bei besonderen Feierlichkeiten, die nirgends anders als im
Ahnensaale stattfinden konnten. Am ersten Januar zum Beispiel, wenn die Baronin
die Glckwnsche ihrer in corpore mit Gemahlinnen und courfhigen Nachkommen
ausgerckten Beamten empfing; oder am Grndonnerstag, wenn sie, einer
Familientradition getreu, dasselbe Fest in bescheidener Nachahmung beging, das
an diesem Tage in der Hofburg zu Wien mit kaiserlichem Glanze vollzogen wird.
    Das gewhnliche Leben der Greisin verflo in gleichmiger, immer tiefer
werdender Stille. Sie beschftigte sich viel mit dem Gedanken an ihren Tod, dem
sie ohne Furcht und - trotz mancher qulenden Leiden und Beschwerden - ohne
Ungeduld entgegensah. Sie hatte ihre letzten Anordnungen getroffen und zum Erben
ihres Gutes Soleschau das Kloster eingesetzt, an dessen Spitze ihre hochverehrte
Freundin stand und in dem Milada erzogen worden war, die, so es Gott und seinen
Stellvertretern auf Erden gefiel, bestimmt sein konnte, die oberste Leiterin des
Hauses zu werden, in das sie vorzeiten als der rmste Zgling getreten war. Die
Bedrftigen der Gemeinde waren im Testament der alten Dame nicht vergessen und
auch keiner ihrer Diener; zuletzt hatte sie an sich gedacht, dann aber recht
ausfhrlich, und das Zeremoniell, das sie bei ihrem Leichenbegngnis beobachtet
wissen wollte, genau bestimmt. Die Gruft, die halb verfallen war und fr deren
Erhaltung sie grundstzlich nie etwas getan hatte, sollte noch ihre Reste
aufnehmen, dann zugemauert und der Eingang mit Erde und Rasen berdeckt werden.
Die Leute, die da drinnen liegen, schlieen sich mit Vergngen von der heutigen
Welt ab, meinte sie, ordnete jedoch an, da die Kapelle, die den Grufthgel
krnte, in gutem Stand erhalten werde und immer unverschlossen zu bleiben habe,
damit jeder, dessen Herz danach verlangen sollte, an der heiligen Sttte ein
Vaterunser fr die alte Gutsfrau zu sprechen, diesem frommen Bedrfnisse
nachkommen knne.
    Die Baronin sann jetzt oft darber nach, wer von den Leuten, denen sie
manche Wohltat erwiesen hatte, den Wunsch empfinden wrde, fr ihre ewige Ruhe
zu beten, und gewhnte sich, jeden, mit dem sie sprach, darauf anzusehen, ob er
wohl zu denjenigen gehre, die ihrer vergessen, oder zu denjenigen, die ihrer
gedenken wrden. Und wenn die Bejahung oder Verneinung der von ihr darber
angestellten Vermutungen auch nicht ausschlaggebend fr ihre Wertmessung der
Menschen war, so bte sie auf dieselbe doch groen Einflu.
    Eines Morgens, am Tage nach Pavels letztem Klosterbesuch die Baronin sa bei
ihrer Arbeit in der Mitte eines Kanapees, das bequem noch einem halben Dutzend
Personen von ihrem Umfang Platz geboten htte, hinter einem ebenso langen
schwerflligen Tisch -, ffnete sich die Tr des Zimmers, und Matthias trat ein
und meldete: Der Holub ist schon wieder drauen.
    Schon wieder? - Meines Wissens kommt er ja nie, sagte die Schlofrau, und
Matthias erwiderte: Ja - aber doch.
    Hm, hm, was will er?
    Sprechen mcht er.
    Mit wem?
    Mit freiherrlichen Gnaden.
    Soll kommen, befahl die Baronin, und bald darauf knarrten Pavels schwere
Stiefel auf den Parketten.
    Er wollte auf die Baronin zugehen und ihr die Hand kssen, wie es sich
geschickt htte; aber der Tisch versperrte den Zugang zum Kanapee, und den
wegzuschieben htte sich wieder nicht geschickt. So geriet Pavel in einen
peinlichen Konflikt der Pflichten, lie in seiner Verlegenheit den Hut fallen
und wagte nicht ihn aufzuheben.
    Die Baronin winkte ihm, nherzutreten, stand auf, beugte sich ber den Tisch
und suchte sich, so gut ihre zunehmende Blindheit es erlaubte, durch den
Augenschein davon zu berzeugen, da wirklich Pavel Holub vor ihr stand. Dann
setzte sie sich wieder und fragte, was ihn herfhre.
    Er indessen hatte abwechselnd sie und die Strickarbeiten angesehen, die,
offenbar zur letzten Ausfertigung bereit, vor ihr lagen und neue und
farbenfrische Ebenbilder der Rcklein und Jacken waren, in denen alle armen
Dorfkinder herumliefen. Angeheimelt durch den Anblick und gerhrt durch den
Flei der alten, gebrechlichen Frau, fate er sich auf einmal ein Herz und kam
mit seinem Anliegen heraus. Es bestand in der Bitte, die Frau Baronin mge sich
gndigst dafr verwenden, da man seiner Schwester Milada den Dienst im Kloster
erleichtere, sonst knne sie es nicht aushalten und msse sterben.
    Sterben? Milada sterben? Die Greisin lachte, war entrstet, befahl dem
impertinenten Dummkopf, der so etwas zu denken wage, dem rohen und grausamen
Schlingel, der ein solches Wort ber seine Lippen bringe, das Zimmer zu
verlassen, rief den Bestrzten, als er gehorchen wollte, wieder zurck und
forderte ihn auf, ihr zu erklren, wie er ins Kloster und dazu gekommen sei,
Milada zu sprechen. Aber lg nicht wie ein Zigeuner, der du bist, setzte sie
heftig erregt hinzu.
    Pavel erstattete seinen Bericht in uerster Krze, jedoch mit einem Geprge
der Wahrhaftigkeit, das wohl den verhrtetsten Zweifler berzeugt htte.
    Die Baronin senkte den Kopf immer tiefer auf ihre Strickerei; sie bereute
schon ihre Ausflle gegen Pavel, besonders den letzten. Warum hatte sie ihn
einen Zigeuner genannt? Warum ihn damit an das elende Wanderleben, das er in
seiner Kindheit fhren mute, und zugleich an Vater und Mutter erinnert und ihm
sein Unglck zum Vorwurf gemacht? - - Pfui, da sie sich so weit von ihrem rger
ber den Burschen hatte hinreien lassen, weil er eine unbegrndete Besorgnis um
seine Schwester geuert. Nach allem, was die Baronin in der letzten Zeit von
ihm gehrt, verdiente er eher Lob als Tadel. Hatte Anton, einer ihrer
Vertrauensmnner, nicht gesagt: War Nichtsnutz Holub, aber jetzt macht sich.
Hatte der Frster ihn nicht ganz auerordentlich gerhmt? Hatte nicht sogar der
ihm durchaus nicht wohlgesinnte Pfarrer, auf ihre Erkundigung nach ihm,
erwidert: Es liegt nichts gegen ihn vor. - Und sie beschimpfte ihn! ... Sie,
die am Rande des Grabes stand, die bald nicht mehr vermgen wrde, einem
Menschen wohlzutun, tat noch einem ohnehin Hartgeprften weh!
    Holub, sprach sie pltzlich, deiner Schwester fehlt nichts. Trotzdem will
ich zu deiner Beruhigung und auch ein wenig zu der meinen morgen ins Kloster
fahren. Denn - einen unangenehmen Eindruck machen mir deine eingebildeten
Befrchtungen doch, und ich mchte ihn bald loswerden.
    Pavels Gesicht strahlte vor Freude. - Wenn die Frau Baronin, sagte er,
sich selbst vom Aussehen Miladas berzeugen mchte und, falls sie damit
unzufrieden ist, bestimmen wollte, da besser acht auf sie gegeben und man ihr
verbieten wrde, sich weit ber ihre Krfte anzustrengen, wie sie es tut, weil
sie sich vorgenommen hat, gar zu schwere Snder loszubeten - das wre eine groe
Wohltat, und der liebe Herrgott wrde es der Frau Baronin tausendfach
vergelten.
    Sie lchelte und meinte: Da htte der liebe Herrgott viel zu tun, wenn er
alle die Wechsel einlsen sollte, die von unbefugten Schatzmeistern auf ihn
ausgestellt werden.
    Freilich, freilich, erwiderte Pavel gedankenlos, hob seinen Hut vom Boden
auf, sah sich im Zimmer um und erkannte es als dasselbe, in welchem er nach dem
Federnraube an dem bsen Pfau seine erste Audienz im Schlosse gehabe hatte.
Unwillkrlich warf er einen Blick nach der dnnen Schnur an der Decke und sah,
da sie noch immer festhielt und da der vergoldete Kbel bis zur Stunde nicht
herabgefallen war. Jede Einzelheit des damaligen Vorganges tauchte vor ihm auf.
Er erinnerte sich besonders deutlich der groen Abneigung, die ihm die Frau
Baronin eingeflt hatte und die in solchem Gegensatz zu der Hochachtung stand,
von welcher er sich jetzt fr sie durchdrungen fhlte.
    Was hatte sich denn verndert? ... Sie nicht, sie war dieselbe geblieben, in
seinen Augen nicht einmal lter geworden, eine Greisin damals, eine Greisin
jetzt. Er war ein anderer, ein reicherer Mensch, nicht mehr der stumpfe, fr den
es nichts Verehrungswrdiges gibt, weil ihm der Sinn, es zu erkennen, fehlt. Er
empfand das mit ziemlicher Klarheit und htte es gern an den Tag gelegt, htte
sich aber auch gern empfohlen, nachdem sein Geschft beendet, sein Gesuch
angebracht und auf das beste aufgenommen worden war. Ohne Ahnung, da es ihm
zukomme zu warten, bis er entlassen werde, sprach er: Ich will Euer Gnaden
nicht lnger belstigen; ich sag der Frau Baronin tausendmal: vergelt's Gott,
und wenn Sie sterben, werde ich fr Sie beten.
    So? so? sie richtete sich empor. Wirst du das wirklich tun, und
andchtig?
    Sehr andchtig.
    Pavel Holub, sagte die Baronin in freundlichem Tone, es freut mich, da
du fr mich beten willst. - Und jetzt sag mir: Mein Feld, dasjenige, an dessen
Rand deine Htte steht, hast du es dir wohl recht aufmerksam angesehen? - Wie
gro schtzest du's?
    Es wird so seine fnfzehn Metzen haben, nicht ganz drei Hektare, sprach
Pavel ohne Zgern.
    Ein schlechtes Feld, was?
    Ja, die Felder dort oben sind alle schlecht. Wenn ich der Verwalter wr,
wrd ich dort oben nie Weizen aussen.
    Sondern?
    Hafer oder Korn, und Kirschbume wrd ich pflanzen, viele, viele.
    So pflanze Kirschbume, versetzte die Baronin ernst und rasch, das Feld
ist dein.
    Mein - was ist mein?
    Nun, das Feld, ich schenk es dir.
    Um Gottes willen - mir - das Feld... Ihm war, als ob alles ins Wanken
geriete, der Boden unter seinen Fen, die Wnde, das Kanapee und auf dem
Kanapee die Frau Baronin. Er streckte die Arme aus und griff nach einem
Sttzpunkt in die Luft. Das groe, das schne, das gute Feld...
    Hast du nicht eben gesagt, da es ein schlechtes Feld ist?
    Fr Sie, aber nicht fr mich; fr mich ist es ein gutes, zu gutes... Um
Gottes willen, wiederholte er, schenken Sie es mir im Ernst, das Feld?
    Die Baronin blinzelte: Es tut mir leid, Holub, sagte sie, da ich das
Gesicht, das du jetzt machst, nicht recht deutlich sehen kann. Das Blindwerden,
mein lieber Holub, setzte sie leicht aufseufzend hinzu, verdirbt dem Menschen
manche Freude. - Geh jetzt und schicke mir den Verwalter. Ich will gleich
Anordnungen treffen, da die Schenkung rechtskrftig gemacht werde.
    Rechtskrftig... Euer Gnaden... sogar rechtskrftig... Pavel kannte sich
nicht mehr; sein Entzcken berwand seine Schchternheit, er strzte auf den
Tisch zu, schob ihn zur Seite, ergriff die Hnde der Gutsfrau und kte sie, und
als sie ihm mit aller Kraft, die sie aufzubringen vermochte, die Hnde entzog,
kte er den Saum ihres Kleides und ihre rmel und ihr Umhngetuch und sthnte
und jauchzte und konnte nicht sprechen.
    Ihr wurde, so mutig sie war, ein wenig bang vor diesem entfesselten Sturme;
sie zankte Pavel tchtig aus und erklrte ihm, alles msse ein Ende haben, auch
Dankbarkeitsbezeigungen, und wenn er den Verwalter nicht augenblicklich holen
gehe, sei es mit der ganzen Schenkung nichts.
    Das brachte ihn zu sich. In der nchsten Minute war er drauen im Hofe. -
Vor dem Tor stand die blonde Slava, das Huslerkind schnden Angedenkens. Sie
diente im Schlosse seit ihrer Rckkehr und war jetzt damit beschftigt, kecke
Turteltauben zu fttern, die sich's nicht einfallen lieen, dem heranstrzenden
Pavel auszuweichen; er mute sich in acht nehmen, nicht eine von ihnen zu
zertreten. Slava rief ihm einen guten Morgen zu, und er, ganz vergessend, da es
seine schlimmste Feindin war, die zu ihm gesprochen, erwiderte: Ich hab ein
Feld, die Frau Baronin hat mir ein Feld geschenkt.
    Die Feindin wurde rot bis unter die Haarwurzeln: Das ist aber schn, sagte
sie, das freut mich.
    Jetzt erst besann er sich, mit wem er redete, und eilte ohne Gru hinweg.
    So ganz anderes und Wichtigeres ihn auch erfllte, nebenbei mute er doch
daran denken, wie gut das Rotwerden ihr gestanden hatte, welch ein bildhbsches
Mdchen sie war, und da es nicht recht sei vom lieben Herrgott, einer so
schwarzen Seele Wohnung anzuweisen in einer so holden Hlle. Jeder Unbefangene
mute dadurch irregemacht werden. Zum Glck war Pavel kein Unbefangener; ihn
vermochte der Schein nicht zu tuschen. Er kannte diese Slava, und ob ihre
Lippen sich im Sprechen bewegten, ob sie von lieblichster Sanftmut umschwebt
aufeinander ruhten, er konnte sie nicht ansehen, ohne der Stunde zu gedenken, in
welcher sie sich geffnet hatten, um ihn dem Hohn und Spott preiszugeben mit der
grausamen Frage: Fahrst zum Vater oder zur Mutter?... Verzeih allen - hatten
Milada und Habrecht gesagt, und er, wahrlich, er wollte es tun; aber der gemahnt
wird zu verzeihen, wird er nicht auch zugleich an das gemahnt, was er zu
verzeihen hat?
    Die Erinnerung bildete die unberbrckbare Kluft zwischen ihm und
denjenigen, mit welchen Frieden zu schlieen seine liebsten Menschen ihn
beschworen.
    Die Frau Baronin hielt Wort; die Schenkung wurde rechtskrftig gemacht;
Pavel war ein Grundbesitzer geworden. Das unerhrte Glck, das ihm vom Himmel
gefallen, trug allerdings nichts bei zur Verminderung seiner Unbeliebtheit.
Niemand gnnte es ihm; sogar Arnost hatte, als ihm Pavel die groe Nachricht
gebracht, den Mund verzogen und gefragt: Wie kommst du dazu? Auch der Frster
und Anton uerten im ersten Moment mehr berraschung als Teilnahme. Was den
Verwalter betraf, so sprach er der Frau Baronin gegenber unverhohlen aus, sie
habe sich von ihrer Gromut leider hinreien lassen. Das Geschenk sei ein viel
zu namhaftes und msse in der Dorfbewohnerschaft Neid gegen den Empfnger
erregen und Mimut gegen die edle Spenderin.
    Die Frau Baronin begngte sich damit, diese uerungen der Unzufriedenheit
ihres ersten Wrdentrgers zur Kenntnis zu nehmen, als jedoch der Herr Pfarrer
dasselbe Lied anstimmte und von edlen, aber gar zu spontanen Entschlssen der
Frau Baronin sprach, entgegnete sie: Die Schenkung an Pavel Holub sei die Frucht
eines von ihr ausnahmsweise langgehegten Entschlusses und durchaus keine zu
gromtige, sondern die genau entsprechende Spende fr einen braven, vom
Schicksal bisher vernachlssigten Burschen, der berdies der Bruder der
mutmalich zuknftigen Oberin eines Fruleinstiftes sei.
    Hierauf schwieg der geistliche Herr.
    Aus dem Kloster war die Frau Baronin nach mehrtgigem Aufenthalt ganz
vergngt zurckgekehrt, hatte Pavel rufen lassen, ihm zahllose Gre von seiner
Schwester gebracht, ihn wegen seiner Sorgen um sie beruhigt und mit unendlicher
Liebe und mit unendlichem Stolz von ihr erzhlt. Die alte Frau wurde frmlich
schwrmerisch in ihrer Begeisterung ber das Kind. Der Allgtige selbst hatte
ihr, der alten mden Pilgerin, das Kind gesandt, damit es ihr die letzten
Lebensjahre erhelle und ihr die Pforten seines Himmels ffne.
    Mache dich einer solchen Schwester wrdig, schrfte sie Pavel ein, und er
fate die besten Vorstze, nach diesem Ziel, das ihm als das denkbar hchste
erschien, zu streben, konnte aber den geheimen Zweifel, ob er auch jemals
imstande sein werde, es zu erreichen, nicht loswerden. Doch kmpfte er redlich
und wnschte hei, da die Frau Baronin und da seine Schwester nur noch Gutes
von ihm zu hren bekmen. Eine groe ngstlichkeit um seinen Ruf begann sich
seiner zu bemchtigen. Die Sehnsucht, gelobt zu werden, die Freude an der
Anerkennung erwachte in ihm, und er ahnte nicht, da sie ihn so schwach machte,
wie einst sein Trotz gegen die Menschen und seine herausfordernde
Gleichgltigkeit gegen ihr Urteil ihn stark gemacht hatten.
    Wer kann mir was nachsagen? wurde seine stehende Redensart. Ein scheeler
Blick, ein rauhes Wort vermochten den sonst gegen die rohesten uerungen der
Migunst Gefeiten zu beleidigen; der Neid, den sein Besitztum erregte und der
ihm in frheren Tagen die Freude daran gewrzt htte, verdarb sie ihm jetzt.
Sein Feld wurde zum Ruber seiner Ruhe und seines Schlafes, seine geliebte Qual.
Sooft er es nach kurzer Trennung wiedersah, war es in irgendeiner Weise
geschdigt worden, und er brachte, um es zu verteidigen, die Energie nicht auf,
mit welcher er dereinst seine Ziegel verteidigt hatte. Er wollte nicht, da der
Frau Baronin zu Ohren komme, er habe sich wieder aufs Prgeln eingelassen, und
berhaupt sollte sie nie erfahren, wie sehr das Geschenk, das sie ihm gemacht
hatte, ihm bestritten wurde.
    Einmal fand er einen Teil des mageren, auf seinem Felde stehenden Weizens
noch grn abgemht. In der nchsten Nacht pate er den belttern auf, die auch
wirklich in Gestalt einiger mit Sicheln bewaffneter Weiber und Kinder
wiederkamen. Pavel begngte sich damit, ihnen die Sicheln und die Grastcher
abzunehmen, und trug dieselben am nchsten Morgen zum Brgermeister. Der zeigte
sich erfreut ber dieses gesetzmige und schonende Vorgehen, versprach, den
Schaden erheben zu lassen und das Diebsvolk zur Zahlung anzuhalten. Drei Wochen
spter lagen die Sicheln und Grastcher aber noch immer beim Ortsvorsteher, weil
die Mittel, sie einzulsen, fehlten. Pavel ersuchte endlich selbst, sie ihren
Eigentmern zurckzugeben, unter der Bedingung, da die Leute zu ihm kmen, um
sich bei ihm zu bedanken. Es geschah nur allzugern; das war ein neuer, ein guter
Spa, so wohlfeil durchzuschlpfen und sich dann zu bedanken bei Pavel, dem
Gemeindekind. Alle, welche den Scherz mitgemacht, fanden ihn so lustig, da sie
beschlossen, sich ihn bald wieder zu gnnen.
    Die Diebereien hrten nicht auf, und Pavel fuhr fort, sich ihnen gegenber
erstaunlich wehrlos zu zeigen, whrend er andererseits eine auerordentliche
Tatkraft entfaltete.
    Er htte sich vervielfltigen, an zehn Orten zugleich sein und an jedem
seinen Mann stellen mgen. Er rigolte einen Teil seines Feldes und bereitete es
vor zur Aufnahme der Kirschbumchen; er half dem Schmied, wo er konnte; der
Frster verlie sich beim Anlegen der Waldkulturen auf niemanden so gern wie auf
ihn und meinte, das Forstwesen wre Pavels eigentliches Fach gewesen, wenn er
sich ihm von Jugend auf htte widmen knnen. Und was fr ein Schmied wre er
geworden, wenn er etwas gelernt htte! sagte Anton. Aber ein Gemeindekind lt
man nichts lernen; die Grundlagen fehlen, und beim Anfang anzufangen, ist es
jetzt zu spt. Er wird sich mit dem schlechten Feld plagen bis an sein Ende und
doch nichts Rechtes herausbringen.
    Diese Prophezeiung betrbte Pavel - ihn im Glauben an sein Feld zu
erschttern vermochte sie nicht. Er bestellte den alten Virgil, der sich seinem
Pflegesohn, wie er ihn nannte, mit Haut und Haar geschenkt hatte und tagelang
neben Lamur auf seiner Schwelle hockte, zum Hter seines Grundbesitzes, und
Virgil bernahm das Amt freudig, vermochte jedoch nicht mehr, es zu versehen.
Vor seinen Augen vollzog sich Frevel um Frevel an Pavels Eigentum. Die Vorwrfe,
die Virgil deshalb hren mute, nahm er mit einem verschmitzt-schalkhaften
Lcheln hin und sprach: Geh, Pavlicek, was liegt dir an dem Krempel? ... Du
kannst ihnen bald die ganze Geschichte hinwerfen, wirst bald ganz andere
Grundstcke haben.
    Pavel geriet in Zorn, verwies ihm solche Reden und wandte sich rasch ab, um
den Eindruck zu verbergen, den sie auf ihn hervorbrachten.
    Der Alte wurde immer aufgerumter; sein schwaches Lebensflmmchen schien neu
aufzuflackern, indes der Sommer hinwelkte. Ein Wunder, das ihn beglckte, war im
Begriff, sich zu vollziehen. Er, der gebrechliche Greis, sollte den jungen,
starken Peter berleben. Ja, das war das einzige, das ihn freute; er sollte den
Peter berleben. Der Arzt machte kein Geheimnis daraus, da er ihn aufgegeben;
alle Leute wuten es; nur Vinska wollte es nicht glauben, und der Kranke selbst
sagte: Ich werde gesund, sobald ich mich ausgehustet habe.
    Peter kmpfte mit dem Tode wie ein Riese; je nher der ihm kam, desto
mutiger wehrte er sich.
    Ntzt alles nichts, vertraute sein Schwiegervater jedem, der es hren
wollte, an; der erste Frost nimmt ihn doch mit; der Herr Doktor hat es mir
gesagt - und Virgil konnte den ersten Frost kaum erwarten.
    Eines frhen Morgens, im Oktober, schallte der Klang des Zgenglckleins
durch das Dorf. An ein Fenster der Grubenhtte wurde geklopft, und Lamur schlug
an. Pavel fuhr aus dem Schlafe; die Tr seiner Stube war geffnet worden. Virgil
stand da, das Gesicht brennrot, die mit einem Rosenkranz umwundenen Hnde auf
den Stock gesttzt, und sprach: Was sagst dazu, Pavlicek? die Vinska ist eine
Wittib.

                                       18


Der Winter in diesem Jahre trat gleich im Anfang mit ungewhnlicher Klte und
ungewhnlicher Reinlichkeit auf. Der Schnee, der einen ganzen Tag und eine ganze
Nacht hindurch in kleinen, dichten Flocken aus massigen Wolken niedergewirbelt
war, blieb silberwei liegen; auf den Fahrwegen bildeten sich glatte
Schlittenbahnen, und schmale Fupfade liefen glitzernd von Haus zu Haus und am
Rande der Felder hin. An der Htte Pavels vorbei schlngelte sich der
meistbentzte von allen, der Pfad, den die Holzknechte auf ihren jetzt
regelmigen Gngen in den herrschaftlichen Wald ausgetreten hatten. Wenn sie am
Morgen an ihre Arbeit gingen, trafen sie Pavel schon an der seinen; und wenn sie
gegen Abend aus der Arbeit kamen, schien der unermdliche Bursche gerade auf dem
Punkt angelangt, auf dem der Flei zum Hochgenu wird, zur seligen Besessenheit.
Sie blieben dann meistens vor seinem Grtlein ein wenig stehen, sahen ihm zu und
wechselten ein paar Worte mit ihm. - Einmal tat Hanusch, der Roheste unter den
Rohen, als ob er nicht imstande wre zu erkennen, was fr ein Ding das sei, mit
dem Pavel sich plage.
    Ein Dachstuhl wird's, erklrte dieser.
    So? Baust noch ein Grubenhaus?
    - Nein, kein Haus, einen Stall beabsichtigte er im nchsten Frhjahr zu
bauen.
    Und was wirst einstellen?
    Werdet schon sehen, lautete Pavels Antwort, und Hanusch brach in ein
Hohngelchter ber seine Geheimnistuerei aus und rief, indem er den viereckigen
Kopf zur Seite neigte und mit dem Pfeifenrohr nach den brigen deutete: Die
werden's sehen, ich wei's schon. Wett'st um ein Seidel, da ich's wei?
    Das Gekicher der anderen bewies, da sie eingeweiht waren in den versteckten
Sinn der Behauptung ihres Gefhrten. Pavel aber kmmerten diese elenden
Neckereien wenig, und er sandte den Urhebern derselben, wenn sie sich endlich
trollten, hchstens ein gelassenes: Hol euch der Teufel! nach.
    Der Holzknechte wegen wre es ihm nicht eingefallen, den an seinem Wohnort
vorbeifhrenden Fusteig zu verwnschen; er verwnschte ihn aus einem viel
triftigeren Grunde. - Auf diesem Fusteig kam jetzt ein-, auch zweimal die Woche
Mgdlein Slava dahergewandert, als Botin der Frau Baronin an den Oberfrster.
Der alte Herr war krank gewesen, erholte sich langsam, und zur Untersttzung der
Fortschritte seiner Rekonvaleszenz sandte ihm die gndige Frau allerlei gute
Sachen: edlen Wein aus ihrem Keller, feine Rehrcken, krftige Hammelkeulen, und
meistens war Slava die berbringerin dieser Leckerbissen. Pavel bemerkte mit
Verdru, da sie den Schritt verlangsamte, wenn sie in die Nhe seines Grtleins
kam, und seine Ansiedlung neugierig betrachtete. Was hatte sie zu betrachten,
was hatte sie sich um seine Ansiedlung zu kmmern? In guter Absicht geschah es
gewi nicht. Er gefiel sich darin, sein Vorurteil gegen sie zu nhren; er
berredete sich unter anderem, da sie die Anfhrerin der Kinder gewesen, die
ihm dereinst seine Ziegel zertreten hatten. Sie auf der Tat zu ertappen war ihm
allerdings nicht gelungen; aber das bewies keineswegs ihre Unschuld, es zeigte
nur, da sie sich darauf verstanden, rechtzeitig die Flucht zu ergreifen, die
von ihr Verleiteten im entscheidenden Augenblick treulos verlassend. Wie sie an
ihren Spiegesellen, hatten hundert- und hundertmal die Genossen seiner
Bubenstreiche an ihm gehandelt: Er wute, wie es tat, in der Patsche stecken
gelassen zu werden. Nachtrglich noch htte er fr sein Leben gern den
Verratenen eine Genugtuung verschafft, sollte sie auch in nichts anderem
bestehen als in einem an die Verrterin gerichteten eindringlichen Vorwurf.
Gewhnlich verbi sich Pavel, wenn er Slava von weitem erblickte, derart in
seine Beschftigung, da es nichts zu geben schien, wichtig genug, ihn darin zu
unterbrechen.
    Einmal machte er aber doch eine Ausnahme.
    Da kam sie daher mit ihrem Henkelkorbe, leichten Ganges, vom Sonnenlicht
umflossen, die Hexe, trug ein dunkles Wolltuch um das von der Winterklte rosig
angehauchte Gesicht geknpft, eine gut geftterte und doch ungemein zierliche
Jacke, ein faltenreiches Rcklein, das bis zu den Kncheln reichte, blau, mit
weien Sternchen best, und hohe Stiefel an den schlanken Fen, unter denen der
Schnee knisterte. Und munter und frisch war sie, da es ein Vergngen htte sein
mssen, sie anzusehen, wenn einem das Herz nicht voll des Grolls gegen sie
gewesen wre.
    Bei der Umzunung der Grubenhtte angelangt, hemmte sie, wie sie pflegte,
den Schritt und musterte das Huschen vom Grunde bis zum Firste.
    Pltzlich richtete Pavel sich von seiner Arbeit auf, warf die Hacke hin, und
auf das Mgdlein zuschreitend, sprach er: Was schaust?
    Und sie, berrascht, aber nicht im mindesten erschrocken, wurde sehr rot und
erwiderte: Was soll ich schauen?
    Nichts, versetzte Pavel unwirsch, gar nicht schauen sollst, weitergehen
sollst.
    Das schien jedoch keineswegs ihre Absicht, vielmehr hatte sie sich dem Zaun
genhert, und da Pavel dies seinerseits auch getan, standen sie ziemlich nahe
aneinander. Sie, in der ganzen Zuversicht ihrer Schnheit, ihrer Jugend, ihres
Frohsinns; er in seiner befangen machenden Erbitterung gegen sie, gegen ihre
lgenhafte Anmut und Holdseligkeit.
    Slava hatte ihren Korb neben sich auf den Boden gesetzt und bewachte ihn
fortwhrend mit ihren Blicken, als ob sie frchte, da er davonlaufen werde,
sobald sie ihn aus den Augen liee; und so, mit gesenkten Lidern und leise
bebenden Lippen, sagte sie: Ich schau das Haus an, weil ich mich nicht getrau,
dich anzuschauen.
    Pavel zog die Brauen finster zusammen und murmelte etwas von einem bsen
Gewissen.
    Da wurde sie wieder rot: Wer hat ein bses Gewissen?
    Der fragt.
    Ich? ... warum htte denn ich ein bses Gewissen?
    Die geheuchelte Treuherzigkeit, mit welcher diese Frage gestellt war,
erweckte Pavels Zorn, und whrend tausend brennende Ausdrcke fr denselben sich
ihm auf die Lippen drngten, plumpste er heraus mit dem schwchsten, dem
kindischesten: Hast du mir nicht meine Ziegel zertreten?
    Das Mdchen erhob die Augen, ihr Blick ruhte voll und hell auf ihm: Wann
soll ich das getan haben? ... Das hab ich nie getan.
    Lg nicht, herrschte er sie an.
    Ich lg nicht, erwiderte sie, warum sollt ich lgen? Ich hab's nicht
getan, und damit gut.
    - Er glaubte ihr, er konnte nicht anders als ihr glauben, und schon etwas
besnftigt, fuhr er fort: Bist du mir nicht nachgelaufen mit einem Stein in der
Hand?
    Aber Pavel, wer wird sich denn sowas merken, was ein dummes Kind getan hat.
Was hast du nicht alles getan? Sie schlug leicht und zierlich mit der Hand in
die Luft: Sowas vergit man. Ich bitte dich, Pavel, vergi das.
    Er schwieg; es berkam ihn wie Scham ber sein allzu treues Gedchtnis.
Hatte sie nicht recht? - sowas vergit man. Von Verzeihen, ja von Dankbarkeit
gegen die Urheber unserer Prfungen hatte Milada gesprochen, vom Vergessen der
Beleidigung - nicht. Um ihm davon zu sprechen, von diesem grndlichsten
Heilmittel, hatte die kleine nichtsnutzige Feindin kommen mssen.
    Sie sagte noch ein paar freundliche Worte, beugte sich, hob ihren Korb auf
und setzte ihre Wanderung fort.
    Pavel blieb allein mit Lamur, mit seiner Arbeit und mit seinen Gedanken. -
Vergi, dann brauchst du nicht zu verzeihen! Vergi, dann hast du auch keinen
Grund, dir etwas darauf einzubilden, da du verziehen hast. Wenn man's nur
trfe! Er besann sich, da er es einmal getroffen hatte der hbschen
Widersacherin gegenber, damals, als er aus dem Schlo gestrzt kam, voll des
Glcks ber das groe Geschenk der Frau Baronin. Und was einmal zufllig und
unwillkrlich gelang, sollte es nicht wieder gelingen knnen, freiwillig und mit
gutem Bedacht?
    Bei ihrem nchsten Gange zum Forsthause hielt Slava abermals ein Stndchen
mit Pavel, und seine erste Frage an sie war: Wenn du kein schlechtes Gewissen
gegen mich gehabt hast, warum hast du dich gefrchtet, mich anzuschauen?
    Weil du immer so verdrielich gewesen bist und schreckliche Augen auf mich
gemacht hast. Das mag ich nicht, ich hab's gern, da man frhlich ist und mich
freundlich ansieht.
    Mit diesem man meinte sie nicht etwa ihn allein, sie meinte jeden. Pavel
tuschte sich nicht lange darber. Es war ein Teufelchen der Lustigkeit in ihr,
das sie antrieb, den Ernst zu bekmpfen, wo immer sie ihm begegnete; und diese
Lustigkeit, die fast bis an die Grenze der Ausgelassenheit gehen konnte,
verbunden mit den hohen Ehren, in welchen sie ihr nettes Persnchen hielt, und
ihrem jungfrulich zchtigen Wesen machte ihren von jung und alt empfundenen
Zauber aus.
    Auf niemanden jedoch wirkte er unwiderstehlicher als auf Arnost; den hatte
sie vllig umstrickt, und er machte Pavel gegenber weder ein Hehl aus seinen
Liebesschmerzen noch aus seiner Eifersucht auf ihn. Als ein verstndiger, mit
praktischem Sinn ausgersteter Bursche fand er nichts erklrlicher, als da
Slava den Inhaber eines Hauses und eines Feldes ihm, der nur ein Haus und den
dazugehrenden kleinen Gemeindeanteil besa, vorziehen msse.
    Da Pavel in die Reihen der Bewerber um die Gunst oder die Hand des hbschen
Mdchens zu treten beabsichtige, schien ihm so ausgemacht, da er nicht einmal
danach fragte, und sein Freund, dem er das zu verstehen gab und der schon hatte
sagen wollen: Bist ein Narr, ich denk nicht an sie, sie ist mir gleich wie was,
verschluckte diese Antwort; denn - er wollte nicht lgen.
    Gleichgltig war sie ihm nicht, sie hatte es doch auch ihm angetan. Nicht
wie dem Arnost; von einem blinden Verliebtsein war bei ihm keine Rede, aber warm
machte ihm ihre Nhe, und beraus gut gefiel sie ihm, und beraus lieb wre es
ihm gewesen, wenn er den Zweifel htte loswerden knnen, der sich in ihrer
Gegenwart immer wieder meldete und eine gewisse bange, unbestimmte Erwartung:
Jetzt und jetzt wird sie etwas tun, das mir ans Herz greifen und mir die Freude
an ihr verderben wird.
    Ein anderes Bedenken, das ihn frher schwer gepeinigt hatte, war er ganz
losgeworden, das: Wird mich denn eine Ordentliche nehmen? Wird eine Ordentliche
unter einem Dach mit meiner Mutter leben wollen? Nun, die Slava war eine
Ordentliche und lie ihn merken, da sie ihn nehmen wrde, obwohl sie recht gut
wute, da die Mutter heute oder morgen heimkehren und Aufnahme finden werde bei
ihrem Sohn. Sie fragte ab und zu nach ihr und sprach einmal: Eine Mutter bleibt
halt doch immer eine Mutter; sie soll sein, wie sie will, wenn man nur eine hat.
Ich hab keine.
    Pavel begrte sie nun stets sehr artig, machte nie mehr schreckliche Augen
auf sie, verhielt sich aber, was auch in seinem Innern drngte und grte,
uerst zurckhaltend gegen die Kleine, whrend Arnost vor ihr in Weichheit
zerschmolz oder in Flammen aufloderte. Der verliebte Bursche war immer genau
unterrichtet von jedem ihrer Schritte, und immer traf sich's, da er an den
Tagen, an denen sie einen Botengang ins Forsthaus unternahm, zufllig just
nichts zu tun hatte und sich Pavel zur Verfgung stellen konnte, um ihm bei
seiner Arbeit behilflich zu sein. Kam die Erwartete dann, so fand sie die zwei
an den Zaun gelehnt und ihrer harrend. Wer es in grerer Sehnsucht tat, ob der
Ernste, Verschlossene, ob der andere, sie selbst wute es nicht. Sie benahm sich
mit beiden gleich herzlich, gleich kameradschaftlich, sprach aber mehr mit
Arnost, weil sich der viel besser aufs Scherzen und Spaen verstand.
    Nach Weihnachten brachte Slava einmal eine Kunde aus dem Schlosse, durch
welche alle eingeschlummerten Sorgen Pavels ber seine Schwester wieder
wachgerttelt wurden. Milada war krank gewesen, die Frau Baronin hatte
neuerdings einen Besuch im Kloster gemacht und war von neuem getrstet
heimgekehrt. Es ging besser, versicherte sie, es ging gut. Dennoch hatte sie
sich von ihrem Kinde nicht leicht getrennt, gedachte bald zu ihm
zurckzukehren und dann mehrere Wochen, als Gast der Frau Oberin, im Kloster zu
verweilen. Vorher aber lie sie Pavel sagen - wolle sie ihn noch sprechen.
    Er beeilte sich, von der Erlaubnis Gebrauch zu machen, fand die alte Dame
gebeugt und unruhig und, je mehr sie das war, desto bemhter, sich selbst
Frieden zu erringen und den der anderen nicht zu stren.
    Die Frau Baronin gab Pavel das Versprechen, ihm unmittelbar nach ihrem
Eintreffen in der Stadt eine Zusammenkunft mit Milada zu erwirken, und nahm
dafr sein Wort in Empfang, da er sich um eine solche nicht auf eigene Hand
bemhen werde.
    Er schrieb an Milada, erhielt einige schne, trstliche Zeilen, wartete auf
die Abreise der Frau Baronin, und als diese erfolgte, auf die Berufung zu seiner
Schwester. Sein Herz war schwer und wurde nur etwas leichter, wenn es Pavel
gegnnt war, sich an dem Anblick des holden Mdchens zu laben, das Arnost und er
nicht mehr anders als die Goldamsel nannten.
    Die Zeit kam, in welcher er es tricht zu finden begann, sich lnger gegen
die in ihm aufkeimende Neigung zur Wehr zu setzen. Da Slava eine besondere
Liebe fr ihn hege, bildete er sich nicht ein; aber er zweifelte auch nicht, da
sie, wenn Arnost und er um sie freiten, ihm den Vorzug geben und, einmal
verheiratet, ein braves Weib sein werde, wie sie ein braves Mdchen gewesen war.
Aus Rcksicht fr den Freund auf sie zu verzichten, der Gedanke war ihm im
Anfang allerdings manchmal durch den Sinn geflogen; aber diese Regungen der
Gromut hatten sich in dem Mae vermindert, als sein Wohlgefallen an dem
munteren Ding wuchs und wuchs.
    Gegen Arnost war er so aufrichtig wie dieser gegen ihn.
    Wie lieb du sie hast, ich hab sie lieber, sagte Arnost.
    Was ntzt das, wenn sie mich nimmt, sagte Pavel. Und ich werd sie
nchstens fragen, ich will auch einmal glcklich sein.
    Arnost erwiderte: Frag sie. - Sein Entschlu war gefat. Am Tage, an dem
Pavel das Jawort Slavas erhielt, wollte er die Htte, in welcher er seit dem
Tode seiner Mutter allein hauste, verkaufen und Soldat werden. Es ist kein
schlechtes Leben beim Militr, besonders fr einen, der es wie Arnost schon nach
zweimonatlicher Dienstzeit zu einer Charge gebracht hat.
    Eines nebligen Januarvormittags kam er in hchster Aufregung zu Pavel und
teilte ihm mit, heute mache die Kleine ihren letzten Besuch beim Oberfrster, er
sei gesund, die Sendungen aus dem Schlosse hrten auf.
    Arnost stand der Angstschwei auf der Stirn, in seiner Brust ging es zu wie
in einem Pochwerk. Ich halt's nicht mehr aus, sagte er. Heute mut du reden,
oder ich rede.
    So red, sagte Pavel, ich werd aber auch reden.
    Sie sahen einander mit Augen an, aus denen der Ha funkelte, und gingen
hinter dem Zaun hin und her wie zwei Lwen im Kfig. Lamur sa auf der Schwelle,
schwarz und hlich, und beobachtete in stiller Verachtung die beiden von der
Leidenschaft gequlten Menschenkinder.
    Nun brach ein breiter Sonnenstrahl durch den weien Dunst, der ringsum auf
den Feldern und Wegen lagerte, und verwandelte ihn in licht und farbig
glitzernden Duft, von dessen durchsichtigen Schleiern umwoben die kleine Slava
herannahte, an diesem Tage, gerade an diesem, an dem die feindlichen Freunde ein
Wort im Vertrauen an sie zu richten gedachten, nicht allein.
    Sie hatte eine Begleiterin mitgenommen - die Vinska.
    Arnost und Pavel entdeckten es zugleich, und der erste rief und der zweite
murmelte: Verwnscht!
    Ein kleines Stck Weges hinter dem jungen Weibe und dem jungen Mdchen kam
die Schar der Holzknechte. Sie gingen heute so ungewhnlich spt in den Wald,
weil gestern Sonntag gewesen war und weil ein Holzknecht, der sich achtet, am
Montag frh immer Feierabend macht, wie Hanusch zu sagen pflegte.
    Vinska schien es fr ntig zu halten, ihr Kommen dadurch zu erklren, da
sie mit dem Herrn Oberfrster wegen des Ankaufs von Bauholz sprechen msse und
sich Slava angeschlossen habe, weil sich's zu zweien doch immer besser gehe.
    Arnost fing das Wort sogleich auf, gab ihr recht, und ihre Gefhrtin
anstarrend, stammelte er etwas Verworrenes von der Torheit, das nicht einzusehen
und lieber allein dahinzuzotteln durchs Leben, statt mit einem, der einen
bermenschlich gern hat.
    Pavel flsterte ihm ein zorniges: Red du nur! zu, und nachdem sein erster
Verdru ber Vinskas Anwesenheit verraucht war, forderte er sie und Slava auf,
bei ihm einzutreten und ein wenig zu rasten. Damit ffnete er das
Gitterpfrtchen und hie sie, nachdem sie seiner Einladung Folge geleistet
hatten, nicht ohne hausherrliche Wrde, auf eigenem Grund und Boden willkommen.
    Diese Hflichkeit vollzog sich vor den Augen der heranrckenden Holzknechte
und gab den wsten Gesellen Anla zu Glossen der emprendsten Art.
    Pavel wute keine Antwort darauf, und von seinem Platze aus rief er mit
unterdrckter Wut den Holzknechten zu: Packt euch!
    Sie erwiderten mit Roheiten, schlimmer als alle vorhergehenden, und Hanusch,
bequem an den Zaun gelehnt, die Pfeife zwischen den Zhnen, tat, als ob er den
im Grtlein liegenden Dachstuhl aufmerksam betrachtete, und sprach: Der is ja
fertig, jetzt kannst anfangen, den Stall zu bauen... Bau ihn! bau ihn! tummel
dich, die du einstellen willst, is schon auf'm Weg... die aus'm Zuchthaus!
    Die, ja - die! scholl es im Chor, und Hanusch schrie, da die Adern an
seinem Halse schwollen: Nehmt ihn! Weiblein! Vor der Schwiegermutter aus'm
Zuchthaus braucht ihr euch nicht zu frchten, die kommt in den Stall, die
Mutter! ...
    Die Worte reuten ihn.
    Pavel hatte sich aufgebumt, aus seiner Brust drang ein grliches Sthnen,
ber seine Zhne flo das Blut der zerbissenen Lippe. Einen Augenblick schaute
er... Da stand die Frau, die er geliebt hatte - da stand das Mdchen, das er
liebte, da der ehrliche Bursche, dem er es streitig machen wollte, und dort am
Zaun der Schurke, der ihn in ihrer Gegenwart unauslschlich beschimpft hatte;
auf dem Boden aber, zu seinen Fen, lag sein gutes Zimmermannsbeil. Die Dauer
eines Blitzes, und er hatte es ergriffen und geschleudert. - Hanusch kreischte
und bog aus. Das nach seinem Kopf gezielte Beil flog haarscharf an seinem Ohr
vorbei. Alle schrien. Pavel stie Vinska weg, die ihm den Weg vertreten wollte,
schwang sich ber den Zaun und sprang mitten unter die Holzknechte hinein.
    So furchtbar war er anzusehen, ein so maloser Zorn sprhte aus seinen
Augen, da der ganze Trupp vor ihm zurckwich - am weitesten Hanusch, die Hand
am Ohr. Aber schon war er ereilt und gestellt von einem, der noch rascher
gewesen als Pavel. Lamur hatte ein unheilverkndendes Knurren ausgestoen, sich
seinem Herrn vorangeworfen und Hanusch an der Gurgel gepackt. Der glitt aus,
wankte und strzte dicht vor Pavel nieder, die hervorgequollenen Augen in
verzweiflungsvoller Angst auf ihn gerichtet, der schon seinen Fu erhob, um den
Mund zu zermalmen, der ihm solche Schmach angetan.. Pltzlich jedoch, wie von
Abscheu und Entsetzen ergriffen, totenbleich geworden, stampfte er den Boden und
rief: Zurck, Lamur!
    Ungern lie der Hund ab von seiner Beute. Hanusch erhob sich mhsam, seine
Genossen machten Miene, alle zusammen auf Pavel loszugehen, besannen sich aber
eines anderen. Sie parlamentierten noch eine Weile mit Arnost, whrend Pavel,
dumpf vor sich hinbrtend, dastand, und zogen endlich, kleinlaut geworden,
weiter. Erst in einiger Entfernung vom Grubenhaus faten sie den Mut, sich
zurckzuwenden und in Drohungen zu ergehen, auf welche niemand hrte und die
auch nicht erfllt wurden.
    Die Zurckgebliebenen bildeten eine kleine stumme Gruppe. Pavel schien der
letzte sein zu wollen, das Schweigen zu brechen. Er war an die Tr der Htte
getreten und sah zu seinem Hunde nieder, der seinen Blick ernst und
verstndnisvoll erwiderte.
    Eine Weile verging, bevor sich Slava so weit ermunterte, da sie Pavel an
seine vorhin gemachte Einladung erinnern konnte. Halblaut erneuerte er dieselbe
und lchelte das Mgdlein, auf dessen Gesicht sich die Spuren des berstandenen
Schreckens malten, fremd und traurig an. Man trat ins Haus, in die durch
Habrechts Gromut eingerichtete Stube mit der niederen Decke, mit den kleinen
Fenstern und dem Fuboden aus gestampftem Lehm. Der Tisch stand in der Mitte der
Stube, wie er in der Mitte des Lehrerzimmers gestanden hatte, der alte Lehnstuhl
und drei Sessel um ihn herum. In der Ecke, der Herdnische gegenber, der schmale
Schrank, der das Heiligtum des Hauses trug, des Freundes kostbares Vermchtnis,
die Bcher, in denen immer zu lesen er Pavel empfohlen hatte. Nicht umsonst; man
sah es den schlichten Bnden an, da sie oft, wenn auch in schonender Ehrfurcht,
zur Hand genommen wurden.
    Vinska nahm Platz im Lehnstuhl, Slava auf einem Sessel neben ihr. Die erste
schwieg, die zweite uerte sich verbindlich ber die Reinlichkeit, die im Hause
herrschte, brach aber ab, verwirrt durch die strengen Mienen der drei anderen.
    Arnost war zu Pavel getreten und hatte ihm ein paar Worte zugeraunt, und
Pavel hatte den Kopf geschttelt, sich nicht mehr geregt und stand, wie auf dem
Fleck angewurzelt, in finstere Gedanken versunken.
    Lange bezwang sich Arnost, zuletzt aber siegte seine Ungeduld; er fate
Pavel bei der Schulter und sprach: Was simulierst? Hr schon auf... Was liegt
dir dran, was ein paar Betrunkene reden?
    Ja, fiel die Kleine mit ihrer glockenhellen Stimme ein, was liegt dir
dran? La die Leut reden, und sprechen wir lieber von was Lustigem.
    Pavel horchte auf - eine so liebe Stimme, und konnte doch einen Miklang
erwecken.
    Von was Lustigem? - Gut - ich hab's nicht anders im Sinn. Er lachte herb
und trocken, kam auf den Tisch zu und wandte sich an die Kleine: Ich bin ein
Freiwerber, sprach er, fr den da, fr den Arnost. Wir haben es schon lang
zusammen ausgemacht, da ich dich fragen soll, ob du ihn nimmst?
    Mach keinen schlechten Spa߫, fuhr ihn Arnost derb an, was soll denn das
heien? Und noch derber gab Pavel zurck: Willst vielleicht nicht mehr werben?
Ist die Lieb schon verraucht? ...
    Oh, was die Lieb betrifft...
    Der Ausdruck, mit dem diese Worte gesprochen wurden, erledigte die Frage
bergengend.
    Eine Viertelstunde spter verlie ein Brautpaar die Htte Pavels. Der
Brutigam glckselig, die Braut still zufrieden. Arnost war ihr lieber als
Pavel; noch lieber jedoch wre ihr Arnost mit dem Felde Pavels gewesen.
    Vinska empfahl sich zugleich mit den Verlobten, die sie ins Forsthaus
begleiten wollte. Am Ausgang des Grtchens jedoch hie sie die jungen Leute
vorangehen, blieb stehen und sprach zu Pavel: Was war das jetzt? Es hat
geheien, du hast die Slava gern?
    Ich hab sie auch gern, rief er, und mit seiner Selbstbeherrschung war es
zu Ende; aber wie soll denn! ich heiraten, wie soll denn ich ein Weib nehmen,
ich, dem's alle Tag geschehen kann, er wei nicht wie, da er einen erschlagen
mu, weil er sich nicht anders helfen kann? Ich hab Schand fressen sollen, dazu
hat die Mutter mich geboren. Jetzt haben sie was Bessres aus mir machen wollen,
der Herr Lehrer und meine Schwester Milada, und jetzt schmeckt mir die Schand
nicht mehr, und jetzt bring ich sie nicht mehr hinunter, das ist mein Unglck.
    Nach einer Pause, in welcher Vinska die Augen fest auf den Boden gerichtet
hielt, sagte sie: Du bist mitgegangen beim Begrbnis von meinem armen Peter.
Ich hab dir noch nicht danken knnen, weil du mir immer ausweichst.
    Er zuckte die Achseln und erwiderte: Ich werd dir nimmer ausweichen. Leb
wohl.
    Lieber Pavel, nahm sie nach abermaliger Pause wieder das Wort; eh ich
geh, mut du noch was anhren. Ich hab keine Ruh, die Leut lassen mir keine Ruh.
Mein armer Peter ist erst drei Monate tot, und; schon haben sich zwei Freier bei
mir gemeldet.
    So such dir einen aus.
    Ich glaube, sagte Vinska, nachdem sie eine Weile in den Schnee geblickt,
da ich eine Witfrau bleiben werde.
    So bleib eine Witfrau. Leb wohl.
    Schon im Begriffe zu gehen, wandte sie sich noch einmal zu ihm und begann
von neuem mit beklommener Stimme: Du hast gut sagen: Leb wohl. Wenn man gegen
jemanden so schlecht gewesen ist wie ich gegen dich, lebt sich's nicht wohl!
    Deswegen brauchst dir keine grauen Haare wachsen zu lassen, sprach er
ruhig; das hab ich alles vergessen.
    Sie senkte den Kopf auf die Brust, ein Schmerzenszug umspielte ihren Mund:
Und du, fragte sie, wirst du wirklich immer ein Junggesell bleiben?
    Ja, entgegnete er; ich bleib der einsame Mensch, zu dem ihr mich gemacht
habt.

                                       19


Die Nachricht, die Pavel aus der Stadt erhalten sollte, traf ein und lautete
sehr unbefriedigend. Die Frau Baronin lie sagen, noch knne ihm die Erlaubnis,
seine Schwester zu besuchen, nicht erteilt werden; aus welchem Grunde, solle er
spter erfahren und sich vorlufig in Geduld fassen.
Bald darauf kam ein Brief von Milada, in welchem sie Pavel bat, sein Kommen
aufzuschieben. Auf das liebreichste dankte sie im vorhinein fr die Erfllung
ihrer Bitte, vertrstete ihn auf das Frhjahr, versicherte, da es ihr von Tag
zu Tag besser gehe, und schlo mit der Kunde, da ihre Einkleidung, auf welche
sie sich unaussprechlich freue, im Mai stattfinden werde.
    So mute Pavel sich bescheiden und tat es: doch wurde es ihm nicht leicht.
Jede Woche wenigstens einmal ging er ins Schlo und fragte: Ist die Frau
Baronin zurckgekommen? und erhielt immer zur Antwort: Nein. - Hat sie auch
nicht geschrieben? - Das wohl - um Anordnungen zu treffen, die auf eine neue
Verzgerung ihrer Rckkehr schlieen lassen.
    Mit der Heirat Slavas, die ihr pflichtgem angezeigt worden, hatte sie sich
einverstanden erklrt, dem Mdchen die erbetene Entlassung und ein Geschenk
gegeben, das nicht nur hinreichte, um die Kosten der Hochzeit zu bestreiten,
sondern auch, um ein rundes Smmchen fr die Wirtschaft zu erbrigen. Dies
alles, weil Slava, obwohl von frher Jugend an verwaist und auf eigenen Fen
stehend, sich stets brav gefhrt und nun unbescholten an den Altar treten
konnte.
    Am dritten Sonnabend nach Ostern fand die Trauung statt. Pavel fungierte als
Brautfhrer. Er hatte sich schwer dazu entschlossen, tat es aber dann in guter
Haltung und mit Stolz auf seinen ber sich selbst errungenen Sieg. Anton der
Schmied vertrat die Stelle des Brautvaters, Vinska die der Brautmutter. Sie war
trotz des groen Witwentuches, das sie sich ber den Kopf gezogen hatte, schner
als die Braut selbst. Der Herr Pfarrer sprach die Traurede mit ganz
ungewhnlicher Wrme, beehrte auch die Neuvermhlten mit seiner Gegenwart beim
Festessen im Wirtshause. Der Doktor, der Verwalter, der Frster, der
Brgermeister und einige groe Bauern kamen, ihren Glckwunsch zu bringen und
den Dank des jungen Paares fr die ihm ins Haus geschickten Geschenke zu
empfangen. Alles ging ohne unanstndigen Lrm, einfach, aber urnobel zu.
    Nach dem Essen wurde getanzt, und nun ereignete sich das Erstaunliche.
Virgil, der seit Jahren nur noch schleichen konnte, fhrte mit einer ungefhr im
gleichen Alter wie er stehenden Magd eine Redowatschka an. - Als die Musik auf
sein Gehei die Weise des lngst aus der Mode gekommenen Tanzes angestimmt,
hatten sich die Gesichter aller anwesenden alten Leute erheitert. Die Mnner
standen auf, jeder winkte der Seinigen, sie legten die schwieligen Hnde
ineinander und schwenkten sich im Tanze hinter dem Hirten und seiner grauen
Partnerin. Einmal wieder kamen sie in freundlicher Eintracht zusammen, die alten
Paare, die vielleicht lngst nichts mehr kannten als Hader oder
Gleichgltigkeit. Da spielte ein verschmtes Lcheln um manchen welken
Frauenmund, da blitzte es unternehmend aus manchem trben Mnnerauge. Bei der
lieben Redowa erinnerten sie sich der Tage, in denen sie jung gewesen waren und
einander sehr gut, und tanzten sie unter dem Applaus ihrer Kinder und Enkel
durch bis ans Ende.
    Manches hbsche Mdchen hatte Pavel schon angeblinzelt und gefragt: Was
ist's mit dir? Kannst nicht tanzen?
    Wei nicht, gab er zur Antwort, hab's noch nie probiert.
    So probier's jetzt.
    Aber das wollte er nicht, um nichts in der Welt sich da lcherlich machen
vor einer so groen Versammlung; er blieb dabei und widerstand sogar den Bitten
Slavas, die durchaus wenigstens einmal mit ihm getanzt haben wollte an ihrem
Ehrentage.
    Dem Beispiel, das er im Entsagen gab, folgte die Vinska. Sie drohte sogar,
das Fest zu verlassen, als der strmischste ihrer Freier sie zwingen wollte, mit
ihm in den Reigen zu treten Pavel und sie wechselten hie und da ein Wort; von
seiner Seite, wenn nicht in Freundschaft, so doch in Frieden, von der ihren in
tiefem Dank dafr, da er mehr als verziehen da er vergessen hatte.
    So war es auch; mit der Liebe zu ihr war die Erinnerung an das Leid
erloschen, das er durch sie erfahren. Und wenn es ihm gelungen, sagte er sich,
diese erste Liebe, die im Kern seines Daseins gewurzelt hatte, mit ihm gewachsen
und stark geworden war, zu besiegen, sollte es ihm nicht ein Leichtes sein, der
zweiten, ber Nacht an seinem Lebensbaum erblhten Herr zu werden? - Ein paar
schmerzliche Regungen galt es noch zu berwinden, und er war ein freier Mensch -
fr immer, so Gott will, einsam und frei. Da er sich in dieser Freiheit
wohlfhle, dazu trug heute alles bei. Der Tag war nicht nur fr Arnost und
Slava, er war auch fr ihn ein Ehrentag. Zum ersten Male stand Pavel auf gleich
und gleich mit den Besten, die er kannte, unter einem Dach. Angesehene Bauern
grten ihn, der Frster sprach lange mit ihm in fast vterlicher Gte, der Herr
Pfarrer holte seine Meinung in einer landwirtschaftlichen Frage ein, der Schmied
wollte durchaus die Geschichte von der Maschine ffentlich erzhlen und lie
sich nur aus Rcksicht fr Vinska davon abhalten. Arnost beteuerte ihm laut und
begeistert seine Dankbarkeit und ewige Freundschaft.
    Das Gemeindekind bewegte sich in einer Atmosphre von Achtung und
Wohlwollen, die es einsog durch alle Poren und um so inniger geno, als eine
leise Stimme in seinem Innern mahnte: Freu dich dieser Stunde, sie wiederholt
sich dir vielleicht nie... Mit der Achtung, mit dem Wohlwollen wird es aus sein,
wenn die Mutter kommt... Und sie kann morgen kommen - wer wei? sie kann schon
da sein. Er kann sie finden, wenn er sein Haus betritt, in seiner Stube, an
seinem Herd...
    Da fate es ihn mitten in seinem stillen, schwermtigen Glcke mit
bermchtigem Drang: Hinweg! berla der Mutter Htte und Feld, und du wandere
fort, weit, weit in die Welt, unter fremde Menschen, die nichts von dir und
nichts von deinen Eltern wissen. Lerne und werde - wenn auch spter als ein
anderer, mehr als die anderen.
    Diese Gedanken hafteten, begleiteten ihn heim, waren seine letzten, als er
einschlief, und seine ersten, als er erwachte.
    Am Morgen jedoch, als er seine im Herbst gepflanzten Kirschbume besuchen
ging und sah, wie die meisten von ihnen schon Blten ber Blten angesetzt
hatten, und als er sein Feld abschritt, auf dem die erste von ihm geste Frucht
grnte, da fhlte er, da ihm das Scheiden doch schwer sein wrde. Und dann,
wenn seine Schwester Milada, wenn Habrecht von den Fluchtgedanken, die er hegte,
wten, was wrden die wohl sagen?
    Kleiner Mensch, bleibe in deinem kleinen Kreise und suche still und
verborgen zu wirken auf die Gesundheit des Ganzen.
    Das war auch einer der Aussprche des Freundes gewesen, der im Augenblick,
in dem er getan wurde, von Pavels Verstndnis empfangen worden war wie das
Samenkrnlein des Evangeliums vom Felsengrunde. Jetzt aber glich seine Seele
nicht mehr dem steinigen Boden, sondern einem guten Erdreich, und das
Samenkrnlein keimte und ging auf und mit ihm eine Flle von Erwgungen...
    Eine Stimme, die seinen Namen rief, weckte Pavel pltzlich aus seinem
Sinnen; auf ihn zugelaufen kam ein herrschaftlicher Stallpage, winkte von weitem
und rief: Die Frau Baronin hat einen Boten geschickt, du sollst gleich zu ihr
in die Stadt, du sollst fahren.
    Ich werd doch gehen knnen, erwiderte Pavel, dem es vor berraschung,
Freude, Schrecken hei und kalt durch die Adern lief; warum denn fahren?
    Da du frher dort bist vermutlich; mach nur, es wird schon eingespannt.
    Hastig wechselte Pavel die Kleider und rannte ins Schlo. Die
Fahrgelegenheit wartete bereits; ein paar krftige Wirtschaftspferde, vor einen
leichten Wagen gespannt, brachten ihn in kurzer Zeit nach der Stadt, an die
Pforte des Klosters, wo ihn auf sein Schellen die Pfrtnerin mit den Worten
empfing: Ich soll Sie zu der Frau Baronin fhren.
    Ist meine Schwester bei ihr? ... Wie geht's meiner Schwester? fragte Pavel
mit versagendem Atem.
    Die Nonne antwortete nicht, sie schritt ihm schon voran ber eine Treppe,
durch einen bildergeschmckten Gang, an dessen Ende, einer dunkeln Doppeltr
gegenber, ein lebensgroer Heiland am Kreuze hing.
    Wie geht's meiner Schwester? wiederholte Pavel.
    Die Pfrtnerin deutete nach dem dornengekrnten Haupte des Erlsers, sprach:
Denken Sie an Seine Leiden, ffnete die Tr und hie ihn eintreten. Pavel
gehorchte und befand sich in einem saalhnlichen, feierlichen Gemach, in dem die
Frau Baronin und die Frau Oberin standen, die alte Dame auf den Arm der Freundin
gesttzt.
    Gott zum Grue, sagte die ehrwrdige Mutter; die Baronin wollte reden,
vermochte es aber nicht und brach in Trnen aus.
    Auch Pavel konnte nur stammeln: Um Gottes willen, um Gottes willen, was
ist's mit meiner Schwester? ... Ist sie krank?
    Sie ist genesen, sprach die Oberin. Eingegangen zum ewigen Lichte.
    Pavel starrte sie an, mit einem Blicke der Qual und des Zornes, vor dem ihre
schnen ruhigen Augen sich senkten.
    Was heit das? schrie er auf in seiner Pein.
    Da machte die kleine Greisin sich los von dem Arm ihrer starken Freundin und
schwankte auf Pavel zu mit ausgestreckten zitternden Hnden: Armer Bursche,
schluchzte sie, deine Schwester ist tot, mein liebes Kind ist mir
vorangegangen, mir Alten, Mden.
    Die Knie versagten ihr, sie war im Begriff umzusinken; Pavel fing sie auf,
und die alte Gutsfrau weinte an seiner Brust.
    Er geleitete sie behutsam zu einem Lehnsessel und half ihr, sich darin
niederzulassen; dann, am ganzen Leibe bebend, wandte er sich zur Oberin: Warum
hat meine Schwester mir geschrieben, da es ihr besser geht von Tag zu Tag?
    Sie hat es geglaubt, und wir durften ihr diesen Glauben lassen, bis die
Zeit kam, sie zum Empfang der heiligen Wegzehrung vorzubereiten... sie hielt
inne.
    Vorzubereiten, wiederholte Pavel und drckte die Hand an seine trocknen,
glhenden Augen, sie hat also gewut, da sie sterben mu?
    Die Oberin machte ein bejahendes Zeichen.
    Und hat sie nicht gesagt, da sie mich sehen will, nicht gesagt: Ich will
meinen Bruder noch sehen? - Frau Baronin, rief er die Greisin mit erhobener
Stimme an, hat sie nicht gesagt, ich will meinen Bruder noch sehen? -
    Sie hat dich tausend- und tausendmal gren und segnen lassen, aber dich zu
sehen, hat sie nicht mehr verlangt, lautete die Antwort, und die ehrwrdige
Mutter fiel ein: Sie war losgelst von allem Irdischen, sie gehrte schon dem
Himmel an... Sie sah ihn offen in ihrer letzten Stunde, sah Gott in seiner
Herrlichkeit und hrte den jauchzenden Gesang der Engelchre, die sie willkommen
hieen im Reiche der Glckseligen.
    Wann ist sie gestorben? wrgte Pavel hervor.
    Gestern abend.
    Gestern abend - whrend er ein Fest mitfeierte, whrend seine Gedanken so
fern von ihr waren! Mit wildem Zweifel ergriff es ihn: Es kann nicht sein, es
ist ja unmglich - - und er rief: Wo ist sie? ... Fhren Sie mich zu ihr...
    Sie ist noch nicht aufgebahrt, versetzte die Oberin; aber Pavel lie
keinen Einwand gelten, und die Gebietende, die zu herrschen Gewohnte gab nach.
    Sie stiegen die Treppe zum zweiten Gescho empor, durchschritten einen Gang,
in welchen viele Tren mndeten. Vor der einen blieb die Oberin stehen. Das
Zimmer Marias, sprach sie in tiefer Ergriffenheit.
    Pavel strzte vor und ri die Tr auf... In der weigetnchten, von
Sonnenlicht durchfluteten Zelle mit dem vergitterten Fenster, mit den glatten
Wnden stand ein schmales Bett, eine Wachskerze in schwarzem, eisernem Leuchter
brannte zu dessen Hupten und eine zu dessen Fen, vor demselben knieten, im
Gebet versunken, zwei Klosterfrauen, und auf dem Bette lag, mit einem Linnen
bedeckt, eine starre, hagere Leiche. Die Oberin nherte sich ihr und zog das
Tuch vom Gesicht herab.
    Pavel prallte zurck, taumelte und schlug an den Trpfosten an, an dem er
stehenblieb und sich wand wie ein Gefolterter. Endlich, endlich brachen Trnen
aus seinen Augen, und er schrie: Das ist nicht meine Milada, das ist sie nicht.
Wo ist meine Milada?
    Er war nicht zu beruhigen, sein Schmerz spottete des Trostes.
    Die Frau Baronin lie ihn rufen, weinte, sprach von Milada, und er hatte
nicht das Herz, ihr zu sagen, was er unaufhrlich dachte: Wrde man sie zu
rechter Zeit aus dem Kloster genommen haben, sie wre jetzt am Leben; du httest
dein Kind noch und ich noch mein lichtes Vorbild, mein kostbarstes Gut.
    Auf den Wunsch der alten Frau blieb er in der Stadt bis zum Tage des
Begrbnisses, irrte in den Gassen umher, durch den ungewohnten Miggang seinem
Schmerze ohnmchtig preisgegeben.
    Milada, meine liebe Schwester, sprach er vor sich hin, und manchmal blieb
er stehen und meinte, es msse ihm jemand nachkommen und ihm sagen: Kehr um, sie
lebt, sie fragt nach dir. Das kleine, zusammengezogene Totenangesicht, das du
gesehen hast, war nicht Miladas Angesicht.
    Als sie in der Kapelle aufgebahrt lag im Glanz von hundert Lichtern,
weigekleidet, mit weien Rosen bedeckt, war er nicht zu bewegen, an den
Katafalk heranzutreten. - Erst als der Sarg geschlossen wurde, der die Reste
seiner Milada barg, warf er sich ber ihn und betete, nicht fr sie, sondern zu
ihr.
    Bei der Beerdigung machte der Anblick des Schmerzes seiner alten Gutsfrau
ihn fast unempfindlich fr seinen eigenen. Ganz gebrochen stand sie neben ihm am
Grabe ihres Lieblings auf dem stillen Klosterfriedhofe und lie nach beendeter
Trauerfeierlichkeit den Zug der Nonnen vorberschreiten, ohne sich ihm
anzuschlieen. Nach einer Weile erst sprach sie zu Pavel: Fhre du mich jetzt
zurck auf mein Zimmer, und dann geh nach Hause und sage im Schlo, da sie
alles zu meinem Empfang vorbereiten sollen. Ordentlich - es wird ohnehin die
letzte Mhe sein, die ich meinen Leuten mache. Ich glaube, da ich nur
heimkommen werde, um mich hinzulegen zum Sterben.
    Pavel widersprach ihr nicht. Er fhlte wohl, auf einen Widerspruch war es
hier nicht abgesehen wie so oft bei alten Leuten, wenn sie Anspielungen machen
auf ihren nahenden Tod; es war ernst gemeint, und also wurde es aufgenommen.
    Spt am Nachmittag langte er im Dorfe an. Sein erster Gang war nach dem
Schlo, wo er den Auftrag der Frau Baronin bestellte. Die Dienerschaft lief
zusammen, als es hie, er sei da; alle sahen ihn voll Neugier an, und er machte
sich rasch davon, besorgend, da Fragen ber Milada an ihn gestellt werden
knnten. Auf der Strae begegnete er derselben Aufmerksamkeit, die er im
Schlosse erregt hatte. Einer oder der andere blieb stehen in der Absicht, ihn
anzureden; aber Pavel eilte mit kurzem Gru vorbei.
    Vor dem Hause Vinskas auf einer Bank sa Virgil, der sich seit dem Ableben
Peters bei seiner Tochter einquartiert hatte. Er winkte Pavel heran: Bist
endlich da? rief er ihm zu... Du, dein Hund wr verhungert, wenn ich mich
seiner nicht angenommen htt.
    Hab mich ohnehin darauf verlassen, erwiderte Pavel und schritt weiter;
Virgil jedoch schrie aus allen Krften: Lauf nicht, bleib! Die Vinska hat dir
was zu sagen, und da trat sie auch schon aus der Tr, ging auf Pavel zu und
sprach in der demtigen Weise, in welcher sie sich ihm gegenber jetzt immer
verhielt: Wir haben von deinem Unglck gehrt... es tut uns leid...
    La, la das! fiel er ihr ins Wort.
    Sag ihm doch das andere, ermahnte Virgil voll Ungeduld.
    Vinska verfrbte sich. Lieber Pavel, begann sie, lieber Pavel, deine
Mutter ist angekommen.
    Er zuckte zusammen: Wo ist sie? ... Ist sie in meinem Hause?
    Nein, sie hat in dein Haus nicht treten wollen, bevor du da bist. - Sie hat
auch nicht zu mir kommen wollen, setzte sie hinzu.
    Hast du sie eingeladen?
    Ja, ich hab sie eingeladen, zu mir zu kommen und bei mir auf dich zu
warten. Sie hat nicht gewollt; sie wohnt beim Wirt, aber von dir erzhlt habe
ich ihr den ganzen Tag, und sie hat sich gar nicht satt hren knnen. Dann ist
sie hinaufgegangen zu deinem Haus. Sie wird jetzt dort sein.
    Pavel war zumut, als ob ein groes Stck Eis auf seine Brust gefallen wre.
Gut, murmelte er, gut, so geh ich, aber er rhrte sich nicht. Sein unstet
irrender Blick begegnete dem der Vinska, der angstvoll gespannt auf seinem
finsteren Gesichte ruhte, und pltzlich sprach er: Ich dank dir, da du sie
eingeladen hast.
    Nichts zu danken, versetzte Vinska.
    Die Herzen beider pochten hrbar, deutlich las jeder in der Seele des
andern. Sie fand in der seinen nicht mehr die alte Liebe, aber auch nicht mehr
den alten Groll; die ihre war in allen Tiefen erfllt von schwerer, von
nutzloser Reue, hervorgegangen aus dem Bewutsein: Was ich an dir gefrevelt
habe, vermag ich nie wiedergutzumachen.
    Ohne noch ein Wort zu wechseln, schieden sie.
    Pavel ging langsam die Dorfstrae hinauf. - Die Sonne versank hinter den
waldbekrnzten Hgeln, scharf und schwarz ragten die Wipfel des Nadelholzes in
die purpurfarbige Luft. Auf das Grubenhaus hatten klare Schatten sich gebreitet,
sie glitten ber sein rmliches Dach, trbten den Glanz seiner kleinen
Fensterscheiben und umflossen eine hohe Gestalt, die vor dem Grtchen stand,
vertieft in den Anblick des untergehenden Tagesgestirns.
    Die Mutter, sagte sich Pavel - die Mutter.
    Da war sie, ungebeugt von der Last der letzten zehn Jahre, ungebrochen durch
die Schmach ihrer langen Kerkerhaft. Pavel setzte seinen Weg fort - nicht mehr
allein! Das unterdrckte Gerusch von flsternden Stimmen, von Schritten, die
ihm nachschlichen, schlug unsglich widerwrtig an sein Ohr. Eine Schar von
Neugierigen gab ihm das Geleite und wollte Zeuge sein der ersten Begegnung
zwischen Mutter und Sohn. Er sah sich nicht um, er ging vorwrts, uerlich
ruhig, seinem Verhngnis entgegen.
    Die Mutter hatte sich gewandt, erblickte ihn, und Wonne, Stolz, erfllte
Sehnsucht leuchteten in ihren Augen auf; aber sie blieb stehen, wo sie stand,
mit herabhngenden Armen, sie sprach ihn nicht an.
    Gr Euch Gott, Mutter, sagte er rasch und gepret; warum bleibt Ihr vor
der Tr, tretet ein.
    Ich wei nicht, ob ich soll, antwortete sie, ohne ihn aus den Augen zu
lassen, aus denen eine Liebe sprach, ein glckseliges Entzcken, die wie Licht
und Wrme ber ihn hereinstrmten. Ich habe nicht gedacht, dich so zu finden,
Sohn - ihre Stimme bebte vor tiefinnerlichstem Jubel -, nicht so, wie ich dich
finde. Ich mchte dir nicht Schande bringen, Pavel.
    Nun fate er ihre Hand: Kommt, kommt, und noch einmal: Gr Euch Gott. Er
fhrte sie ins Haus und sah, da sie unwillkrlich das Zeichen des Kreuzes
machte, als sie es betrat. Setzt Euch, Mutter, sagte er; ich hab Euch viel zu
sagen, viel Trauriges...
    Sie war seiner Aufforderung gefolgt, sah sich bewegt und staunend in der
Stube um und sprach: Was du mir sagen willst, wei ich im vorhinein: da ich
hier nicht bleiben kann. Es ist mir nicht traurig - eine Freude nur, da ich
dich so gefunden habe, wie du bist, wie ich dich sehe... Nie wre es mir in den
Kopf gekommen, Sohn, da ich dir beschwerlich fallen will, und wie du
geschrieben hast: Ich bau ein Haus fr Euch, da habe ich gedacht: Baue! und Gott
segne jeden Ziegel in deinen Mauern. Baue! baue! aber fr dich - nicht fr
mich.
    Warum habt Ihr so gedacht?
    Weil du mich hier nicht brauchen kannst, antwortete sie ruhig und ohne den
Schatten eines Vorwurfs. Er aber murmelte: Was meint Ihr?
    Wenn dich in den vielen Jahren dein Herz an die Mutter gemahnt htte, fuhr
sie in ihrer Gelassenheit fort, httest du dich manchmal nach ihr umgeschaut.
Du hast es nie getan, und darum bin ich auch nur gekommen, weil ich es nicht
mehr ausgehalten habe, dich nicht zu sehen, und gehe wieder, heute noch.
    Wohin? Ihr knnt doch nicht wieder in den Kerker zurck?
    Das nicht; aber in unser Spital, wo ich Krankenwrterin bin.
    So, Mutter, so? Seit wann?
    Seit ein paar Monaten schon.
    Das mu was Schweres sein, Krankenwrterin bei den schlechten Leuten.
    Schwer und leicht; die rgsten werden oft die Besten, wenn sie einen
brauchen... und schwer oder leicht, was liegt daran? Ich hab dort einmal mein
Heim; ich bin zufrieden. O lieber Gott, mehr als zufrieden - und wieder
umfaten ihre strahlenden Blicke den Sohn mit unergrndlicher Liebe. Mehr als
zufrieden, weil ich dich jetzt gesehen habe, so stark, so brav, so gesund... Und
mein zweites Kind, das sie dem lieben Herrgott geschenkt haben, das ich nicht
sehen darf - Milada... Pavel sthnte -, ist sie schon eine kleine
Klosterfrau?
    Nein, Mutter.
    Nein? Sie erbebte bei dem gramvollen Ton seiner Worte. Nein, murmelte
sie mit trockenen Lippen und stockendem Atem, noch nicht wrdig befunden worden
dieser hchsten Gnade?
    O Mutter, rief Pavel, wie redet Ihr? - nicht wrdig? Sie war eine
Heilige... Das ist das Traurige, das ich Euch gleich habe sagen wollen - Milada
ist tot.
    Tot... Zweifelnd, dumpf und gedehnt sprach sie es ihm nach und schrie
pltzlich: Nein;, nein!
    Seit drei Tagen, Mutter.
    Sie sank zurck, erdrckt von der Wucht eines Schmerzes, der mchtiger war
als sie. - Allmhlich erst kam wieder Leben in ihre Zge, und ihre Starrheit
wich dem Ausdruck wehmtiger Begeisterung: Ich glaube dir, Sohn, ich glaube
dir. Sie war eine Heilige, und jetzt ist sie im Himmel, und dort werde ich sie
finden, wenn es dem Herrn gefallen wird, mich abzurufen.
    Mutter, entgegnete Pavel zgernd, hofft Ihr denn, da Ihr in den Himmel
kommen werdet?
    Ob ich es hoffe? - Ich wei es! - Gott ist gerecht. - Barmherzig sagt...
Sagt Ihr nicht barmherzig? Seine Mutter richtete sich auf: Ich sage gerecht,
sprach sie mit einer groartigen Zuversicht, vor der alle seine Zweifel
versanken, die einen Glauben an dieses arme, verfemte Weib in ihm entzndete,
fester, treuer, seligmachender als je ein Glaube an das Hchste und Herrlichste.
Er trat nher, sein Mund ffnete sich; sie erhob bittend die Hnde: Frag mich
nicht mehr, ich kann dir nicht antworten... Die Frau hat am Altar geschworen,
ihrem Mann untertnig zu sein und treu... Dafr wird er unserem Herrgott
dereinst Rechenschaft ber sie ablegen mssen. Mg ihm der ewige Richter
barmherzig sein. - So bete ich, und so sollst auch du beten und schweigen und
nicht fragen.
    Nein, beteuerte er, nein - und ich frage ja nicht. Ich bitte Euch nur,
da Ihr es von selbst aussprecht, da Ihr keinen Teil habt am Verbrechen des
Vaters... Erbarmet Euch meiner und sprecht es aus...
    Ein schmerzliches Lcheln umspielte ihre Lippen: Pavel, Pavel, das tut mir
sehr weh... Es hat mir ja oft einen Stich ins Herz gegeben; - Wer wei, was die
Kinder denken? - Ich hab mich immer davon losgemacht wie von einer Eingebung des
Bsen... Das war gefehlt. - Sie hob das Haupt, ein ernster und edler Stolz
malte sich in ihren Zgen. - Ich htte dir nicht ber die Schwelle treten
sollen, bevor ich zu dir gesagt htte: Ich bin unschuldig verurteile worden,
Sohn.
    Da brach er aus: Barmherziger Gott, wie schlecht war ich gegen Euch! ...
    Klage dich nicht an, versetzte sie mit unerschtterlicher Ruhe, du warst
so jung, als ich dich verlassen mute. Du hast mich nicht gekannt.
    Mutter, konnte er nur sagen, Mutter... und er strzte vor ihr nieder,
barg sein Haupt in ihrem Scho, umschlang sie und wute, da er jetzt seinen
besten Reichtum, sein Kostbarstes und Teuerstes in seinen Armen hielt. Bleibt
bei mir, liebe Mutter, rief er. Ich werde meine Hnde unter Eure Fe legen,
ich werde Euch alles vergelten, was Ihr gelitten habt. Bleibe bei mir.
    Und sie, verklrten Angesichts, einen Himmel in der Brust, beugte sich ber
ihn, prete die schmale Wange in seine Haare, kte seinen Nacken, seine
Schlfen, seine Stirn. Ich wei nicht, ob ich darf, sagte sie.
    Der Leute wegen?
    Der Leute wegen.
    Da sah er zu ihr empor: Was habe Ihr eben gesagt? - Die rgsten werden oft
die Besten, wenn sie einen brauchen. Nun, liebe Mutter, das mt doch kurios
zugehen, wenn man zwei Menschen, wie wir sind, nicht manchmal brauchen sollte.
Bleibe bei mir, liebe Mutter!
