
                             Conrad, Michael Georg

                              Was die Isar rauscht

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                              Michael Georg Conrad

                              Was die Isar rauscht

                                  Erster Band.

                                       1.

                       Neapel, Vicoletto del Petrajo, 25.

    Am Tage des lieben, guten, heiligen Josephus - oder:
    Der Mensch entgeht seinem Schicksal nicht.

                         Mein lieber Max v. Drillinger!

Seit Neujahr, also seit beinahe drei Monaten, habe ich nichts von mir hren,
lassen.
    Whrend ich die Feder ansetze und mich nach so langer Unterbrechung zu
brieflicher Plauderei mit Dir rste, kracht auf dem Scheitel des ehrwrdigen
Vesuvius ein prachtvolles Gewitter los, das erste Frhlingsgewitter, das ich in
Italien erlebe. Wenn ich vom Blatt aufsehe, fllt mein Blick durchs offene
Balkonfenster auf den Berg. In ganzer Lebensgre steht er vor mir, die
bezauberndste Vedute im Fensterrahmen, die sich denken lt, und gerade in der
richtigen Entfernung zur Erzielung einer vollkommenen knstlerischen Wirkung: im
Vordergrund krftig braune Konturen neapolitanischer Kuppeltrme und leicht
gewlbter Hausdcher, links eine wunderschne Gruppe von dunkelgrnen
Palmenkronen und fast schwarzblau aufstrebenden, sanft verlaufenden
Zypressenwipfeln, im Mittelgrund in geschwungener Linienbegrenzung ein Streifen
Meer in den silbergrau wogenden Wollustschauern des hei und flach darber
streichenden Scirokko-Windes, dann ppig aufrollend die alten Herkulaner Ufer
mit den dunklen, schattenschweren Grten, Hainen, Weinbergen, daraus wie lichte
Punkte in langer gebrochener Reihe die roten und gelben Villen und die Huser
und Kirchen von Portici und Resina glnzen, darber hinauf die schwarzen
Lavagerll-Grtel mit dem phantastischen Auf und Nieder der verschiedenen
Eruptions-Hhen, wunderbar schattiert nach der Zeit der Verwitterung, so da
sich die Ausbruchs-Epochen genau abstufen, endlich das Prachtstck der khn und
anmutig zugleich formenden Sdlands-Natur: der Berg in seiner unbeschreiblichen
Herrlichkeit, in leichter, eleganter Plastik schwimmend im himmlischen Aether.
    Die schwarze Gewitterwolke sitzt ihm buchstblich auf dem Scheitel, ringsum
scharf begrenzt von der blaugelb berhauchten, mit dem grauen Scirokko-Schleier
leicht verhngten Luft.
    Wie irrsinnige Glutgedanken umzucken die Blitzschlangen das tiefer und
tiefer sich verhllende Haupt des Berges und werfen einen fahlen Widerschein
ber die trumende Landschaft zu seinen Fen.
    Erst leise, dann mchtig anschwellend in stolzen Rhythmen, dann abnehmend
und verhallend, wie in ersterbendem Grollen, wieder bertnt von dem Rauschen
der Strandwellen, klingt die Donnermusik zu mir herber. Bald scheint es mehr
nur ein heiteres akustisches Spiel - bald kracht es pltzlich los, Schlag auf
Schlag, wie mit der tragischen Wucht des Schicksals. Ich lege die Feder einen
Augenblick weg und lausche - -
    Es ist zu schn.
    Es ist ein ganzes Musikdrama, eine Symphonie mit elektrischen
Beleuchtungs-Arabesken, was wei ich. Die urewige Knstlerin Natur spottet in
ihren grandiosen Launen jedes Regelzwangs. Sie mag mit nichts beginnen und in
nichts enden, aber was dazwischen liegt, ist Unerhrtes, Unerschautes, nie
Auszuhrendes, Auszuschauendes - kurz Etwas, und wre es tausendmal eine
Apotheose der Sinnlosigkeit. Etwas! Und man bekommt's nie satt. Whrend man den
menschlichen Erfindungs-Krempel so leicht satt bekommt, bersatt.
    Ich lege die Feder nochmal weg.
    Es ist wirklich zu schn.
    Und nun dringt ein Duft herein - ein unbeschreiblich ser, berauschender
und zugleich erfrischender Duft! Wie aus dem Paradiese. - - Man mchte ganz Nase
sein! Ich schnuppere und blase die Nasenflgel auf. - - O Gottesluft, erfll'
mich ganz! Oder in der Sprache Dante's: Aria di Dio, entrami in corpo! Ausruf
meiner Hauswirtin Donna Rosalia. Zwar ein Phnomen an Hlichkeit: rothaarig -
soweit ihre Glatze noch Haare erkennen und nach der Farbe bestimmen lt -
blatternarbig, schiefmaulig, kropfig, aber eine enthusiastische Seele, die sich
tglich mit den Schnheiten der Natur vermhlt. Bei diesem mystischen Akt
streckt sie ihre nackten magern Arme gen Himmel, schlgt sie dann kreuzweis ber
zwei lngliche, sogar sehr lngliche, leere Hautbeutel, welche die Stelle der
abwesenden Brste vertreten, sogar sehr tuschend vertreten, schiebt den
Unterleib vor mit der entsetzlichen Grazie eines Schlangenmenschen, wirft den
Kopf mit dem kropfigen Schwanenhals zurck, bebt mit den Hften und den
Schenkeln wie eine ekstatische andalusische Tnzerin, schlgt mit den
Augenlidern auf die rollenden Augenkugeln und kreischt mit einer Stimme, deren
Timbre an die Klangfarbe eines alten blechernen Topfes ohne Boden erinnert: Aria
di Dio, entrami in corpo. Daraus kannst Du ersehen, wie berwltigend die
Schnheit der sdlichen Natur sein mu, wenn sie auf eine von ihr doch
einigermaen stiefmtterlich behandelte schlichte Frau aus dem Volke,
Zimmervermieterin und Wittib - ihr Seliger war Schlotfeger-Meister - eine solche
orgiastische Wirkung ausbt.
    Ich berlese das Geschriebene, wenn Du erlaubst, mit Deinen Augen und mit
Deiner Nase. Du schwelgst doch in Gedanken, nichtwahr, so stmperhaft auch meine
Schilderung ist? Du siehst, Du hrst, Du riechst? Und Deine Brigitta nickt mit
dem Kopf dazu und lchelt so nachdenklich, als ob sie etwas vermisse. Richtig!
Die Sonne fehlt in meiner Beschreibung?
    Eine sditalienische Landschaft, dazu am Josephi-Tag, feierlichste
Natur-Parade in Vorfrhlings-Ausrstung - und keine Sonne am Himmel?
    Sehr gut bemerkt, lieber Leser und Kritiker Max von Drillinger, Hauptmann
a.D., fein herausgefunden, aufmerksame Hrerin Brigitta! Keine Sonne! Das ist
freilich gegen das Exerzier-Reglement.
    Aber es ist so.
    Das ist eben der Effekt wunderbarster Beleuchtungszauberei bei
Scirokko-Stimmung mit einem Vormittags-Donner-Konzert auf dem Vesuv.
    Es blitzt immer noch.
    Ich mache wieder eine Pause. Diesmal, um meinen Anzug zu vervollstndigen.
Ich erwarte nmlich Damenbesuch. Und eben ber die Langeweile der Wartezeit will
ich mir mit diesem Brief hinweghelfen. Zwei Fliegen mit einem Schlag: ich tilge
eine Briefschuld und zerstreue mich. So knnen wir beide zufrieden sein. Also,
wie gesagt, Damenbesuch. O, etwas sehr - Unschuldiges: eine ehemalige
Erzieherin, jetzt Malerin in Temperafarben. Auch aus Mnchen natrlich; wir
haben uns unterwegs kennen gelernt. Alles sehr temperiert.
    Nur die hiesige Temperatur nicht.
    Darum, ganz unter uns und vielmals Pardon, habe ich das Vorstehende im Hemde
geschrieben. Pardon sage ich nur der Jungfrau Brigitta wegen und aus
konventioneller, deutscher Wohlanstndigkeit. Du selbst bist ja nicht so
schamhaft. Was liegt Dir an einem Hemd - mehr oder weniger, nichtwahr? Selbst im
sogenannten Aufruhr der Elemente, der reinen, nackten Natur gegenber - was ist
uns da ein Hemd!
    Es blitzt noch immer.
    Die Silhouette der Gewitterwolke hat sich jetzt total verndert. Ein
verrckter Anblick: fast wie -
    Nein, ich unterdrcke lieber das Bild. Es - wre auch zu naturalistisch, und
ich wei, Du Uberfeiner magst den Naturalismus nicht, d.h. den geschriebenen.
Chacun  son got.
    Es wimmelt berdies heutzutage so viel Verrcktes mit und ohne Naturalismus
in der Welt herum, da selbst einem ausgemachten Narren ganz ngstlich dabei
wird.
    Da sitze ich vor dem Vesuv und hre in meinem armen Kopfe pltzlich die Isar
rauschen, genau so, weit Du noch, wie sie damals im Abendrote rauschte, drauen
bei den Thalkirchener berfllen. Wir saen unter der alten Linde. Geputztes,
schwatzendes Philistervolk kam auf den schnen, stillen Waldpfaden daher und
verlor sich, heimstrebend, in den dunkelnden Isarauen. Wie die Schritte und
Worte dieser banalen Naturschnder verhallten, nahmst Du immer die
unterbrochenen Betrachtungen wieder auf ber - ich wei nicht mehr was; ich
dachte nmlich (in dieser Entfernung kann ich Dir's ja gestehen) an ganz etwas
anderes - und lie Dich deklamieren. Ich wlzte damals in meinem Quadratschdel
(tte carre nennen's die Franzosen, wie Du Dich aus dem Feldzug erinnerst) die
ungeheuerlichsten Bauplne; da aber Deine geliebte Isar dabei arg in die Klemme
gekommen wre, so zog ich's vor, Dich nicht in mein Vertrauen zu ziehen, sondern
Dich ruhig Deine geistreichen Betrachtungen ber die schnsten und rhrendsten
Dinge in die laue rotgolddmmernde Abendluft und in die rauschende Isar
hineinplaudern zu lassen.
    Diese Bauplne brigens - -
    Schon wieder so ein irrsinniger Blitz! -
    Dieses ewige Geschlngel und Gezickzack macht mich schlielich doch nervs.
Es hat etwas so Aufdringliches, wie alles Wlsche.
    Ich lege die Feder weg, bis das bldsinnige Gewitter zu Ende. Es wre jetzt
wahrhaftig eine vernnftige Abwechslung, wenn die Tempera-Malerin endlich kme,
obwohl ich neulich, als ich ihr die Architektur des San Martino-Klosters (hier
von meinem Fenster aus weiter nach links) sehr volkstmlich erklrte, den
Verdacht nicht loswerden konnte, sie mchte auch einen Sparren zu viel im Dach
haben. Das Tempera-Frauenzimmer produzierte zwischenhinein so merkwrdige
Redensarten - und dann hat sie manchmal eine so unheimliche Art des Schauens und
des Zuhrens. Kurz und gut, ich werde sie schrfer beobachten. Verrcktheit
wirkt ansteckend, weit Du; wie die Dummheit und Verliebtheit. (In Parenthese:
vielleicht verliebe ich mich auch noch - hier, wo ich Dein abschreckendes
Beispiel nicht vor Augen habe.) Bei der Gescheidtigkeit kommt ja so etwas
niemals vor. Drum sind die Wunder der Aufklrung ebenso sporadisch wie
lcherlich. brigens so ein Kloster wie das von San Martino (es ist schade, da
man's vom Fenster aus nicht sieht, wenn ich hier sitze, ich wrde es Dir sonst
sehr anschaulich beschreiben, aber wenn ich mich so setze, da ich es sehe, so
sitze ich so unbequem, da ich nicht mehr schreiben mag, und so mu ich darauf
verzichten, es Dir zu beschreiben, da ich in architektonischen Schilderungen
grundstzlich sehr diffizil bin und nur momentan Geschautes beschreibe -
Augenblicksbilder, weit Du!) - ehrliche, rechtschaffene Augenblicksbilder - -
    Ich lege die Feder zum Xten Mal weg, denn ich habe mich im Periodenbau
verhaspelt und nun mag ich das Zeug nicht wieder von Anfang an lesen, um den
Faden zu suchen. Mit den Parenthesen habe ich nie Glck gehabt. Da habe ich
regelmig den Zusammenhang verloren. Und immer tappe ich als Periodenbauer
wieder in so eine vermaledeite Parenthese hinein und schnde die Syntax. Sei
versichert, lieber Max v. Drillinger, Du verlierst nichts dabei. Dieser Brief
wird noch so schn und reich, da ich Dir ohne Gewissensbisse eine ungefge
Periode unterschlagen darf. Das macht der Liebe kein Kind, wie Herr Raler, der
groe Kunstmcen in der Quaistrae, so sinnig zu sagen pflegt. Verkehrst Du noch
mit - - nein, nein, am heiligen Josephitag keine so indiskreten Fragen. Siehe
das Motto!
    Es blitzt wahrhaftig immer noch. Diese italienischen Blitze haben etwas so
Epileptisches, wie die Gestikulationen eines Tollhuslers. Ich mag gar nimmer
hinsehen. Bei uns daheim, im disziplinierten Vaterland der reinen Vernunft, hat
auch die Natur mehr Bescheidenheit und Manier, mehr Zurckhaltung.
    Der ehrenwerte Herr Raler ist mir durch den Sinn marschiert, weil die
Tempera-Malerin, von der ich brigens noch keinen Pinselstrich gesehen habe und
deren geschtzten Morgenbesuch ich ebenso sehnschtig und, wie's scheint,
vergeblich erwarte, mir neulich von ihrem Debt als Erzieherin in der
Ralerschen Familie die denkwrdigsten Dinge erzhlt hat. Natrlich schwebte mir
sofort Dein Name auf der Zunge, und schon wollte die Apostrophe dem Gehege
meiner Zhne entschlpfen: Ach, Frulein Flora Kuglmeier, da hat wohl auch der
Blick meines Freundes Max von Drillinger ermunternd und trstend auf Ihnen
geruht und Ihr Sinn hat sich gelabt an den weisen Sprchen dieses beredten
Hausgeistes der Ralerschen Familie! - als mir noch rechtzeitig das
Unschickliche eines solchen Einfalls zum Bewutsein kam. Spter merkte ich, da
die zchtige Maid, deren pdagogischen Knsten die Erziehung der Raler'schen
Sprlinge anvertraut war, zu einer Zeit ihres Amtes waltete, wo Du noch in der
Pasinger Malzfabrik dem Gotte Merkur Deine ersten schchternen Huldigungen
darbrachtest. Und der Weg nach Pasing fhrte damals noch nicht durch die
Quaistrae, und der dienstbare Hausarzt hatte der vor berschssiger Gesundheit
kranken Frau Raler noch nicht die heilsam schwchenden Bder des romantischen
Wrmkanals in Pasing verordnet. Nichtwahr, ich bin gut unterrichtet?
    Ich bin - warum soll ich Dir's nicht ohne Rckhalt gestehen? - manchmal noch
so sehr in den kleinbrgerlich engen Anschauungen vom Zulssigen und Anstndigen
befangen, da Du mir's wahrhaftig nicht bel nehmen kannst, wenn ich nicht die
Flugkraft besitze, mich hinsichtlich der Moralitt Deiner Beziehungen zu jener
Frau aus der Enge meiner Vorurteile zu erheben.
    Inzwischen bin ich allerdings ber Verschiedenes hinausgewachsen. Womit
nicht gesagt sein soll, da ich Deine verschiedentlichen Dummheiten als
Geniestreiche preise.
    Erlaube, da ich mir's wieder bequem mache und Rock, Weste und Hofe von mir
werfe. Bei dieser wahnsinnigen Scirrokko-Temperatur wre das adamitische
Paradieskostm das angemessenste; die keuschen Feigenbltter wachsen hier einem
zum Fenster herein, man braucht nur die Hand darnach auszustrecken.
    So - jetzt sitze ich wieder in Hemd und Strumpf, vor Dir. Da schreibt sich
viel leichter. Die Tempera-Malerin kommt heute doch nicht mehr, was mir
eigentlich lieb ist, denn ich bin jetzt einmal im Zuge, da ich Dir gern noch
einige Stunden ungestrt widme. Eine Plauderei mit Dir hat groe Reize,
besonders so lange man allein das Wort hat. Du wirst diese Aufmerksamkeit zu
schtzen wissen.
    Oder nicht? Bist Du seit unserer bald einjhrigen Trennung ein khler
Selbstschtling geworden? Der Anfang Deines letzten Briefes knnte mich schier
auf diese Vermutung bringen. Da steht nmlich in deiner steilen, schattenlosen
Schlemihl-Handschrift zu lesen: Die weite Entfernung verschuldet, da die
Briefe nur langsam und sprlich laufen. Dabei beziehst Du die Entfernung nur
auf den Raum.
    Sophist! Sei aufrichtig: beziehst Du sie nicht auch ein wenig auf die
Interessen?
    Jawohl, und darin allein finde ich einen ausreichenden Grund fr die
Erkaltung Deines epistolarischen Eifers. Und nun erlaube, da ich loslege - ich
krmple erst die rmel auf und streife das Hemd ber die Schenkel, damit ich
mehr Luft kriege (Flora Kuglmeier berrascht mich leider diesen Vormittag doch
nicht mehr, vielleicht macht sie jetzt das interessante Vesuvbild mit
Temperafarben an): Du bist im Grund Deines Herzens ein verdammter Egoist, der
sich wie ein kostbarer Wurm in sein seidenes Interessengespinst verpuppt; Du
denkst ungeheuer viel, aber nicht an mich; Du fhlst ungeheuer tief (Beweis: was
sich die Isarwellen an der Quaistrae ber Deine Liaison zurauschen - ich hr's
bis hierher!) aber Du fhlst nicht die sen Schauer der Freundschaft in Deinem
Mannesbusen - - Das kommt von der Weiberknechtschaft.
    Snder! Bei aller Phantasterei Deiner Gefhle bist Du doch nur ein khler
Realist - oder thue ich Dir Unrecht, mein alter Kamerad? - whrend ich im
Idealismus hngen geblieben bin, wie der fabelhaft langhaarige Absalon am Gest
des Eichbaums. Nun ich dahnge und zapple, rennst Du mir den Spie Deiner
Sophistik ins Herz - -
    Es klopft. Herein! Donnerwetter, nein! Mein Neglig! - - - - Es war nichts.
    Also siehst Du, wie unsere Sachen stehn. Dir thut die Aufsicht eines
ehrlichen groen Freundes not. Es ist Zeit, da wir uns wieder nher rcken. Und
nun la mich auch ein wenig von mir selbst reden, nachdem ich mich so lange und
liebevoll mit Dir beschftigt.
    Meine italienischen Studien nahen ihrem Ende. Meine Mappen platzen von
Kopieen, Skizzen, Entwrfen - ob ich jemals ausgiebigen Nutzen daraus ziehen
werde? Ich will's hoffen. Ich mache noch einen Abstecher nach Pstum und
Sizilien, um die griechischen Tempelreste (dies lediglich zu meinem
Privatvergngen, versteht sich!) zu studieren und an Land und Leuten einigen
Spa zu haben, dann rutsche ich wieder nordwrts in unsere gemigte Kultur- und
Kunstzone, nach Biermaniens Hauptstadt an der khlen Isar, bevor mich hier die
vernichtende Hochsommerhitze vollends in Schwei und Idealitt auflst. Ich
hasse dieses Wlschland Italia, wenn ich bedenke, wie unzhlig viele deutsche
Knstler von Talent und hohem Streben es seit einem Jahrhundert an Leib und
Seele ruiniert, wie viel deutsche Original-Anlage und Eigenart es verwstet hat.
Behaupte ich damit, da das Vaterland eitel Gte und Vorteil fr seine Knstler
sei? Keineswegs. Aber es ist patriotischer, zwar dem Ausland die Leviten zu
lesen, jedoch mit der Besserung daheim anzufangen. Da wre bei uns freilich ein
greulicher Augiasstall auszumisten. Besonders bei uns in Mnchen hat die
arrogante Mittelmigkeit in der knigslosen Kunststadt eine so korrupte
Wirtschaft auf die Beine gebracht, da einem fr den Ruhm Isarathens bange
werden kann, tritt nicht bald eine radikale nderung ein. Und was sonst noch im
Verborgenen gesndigt wird! Das Schicksal unseres armen Knbelseder, des
gehirnerweichten Heiligenmalers, tritt mir hier oft warnend vor die Seele. Ihn
haben Heimat und Fremde zu gleichen Teilen auf dem Gewissen.
    Was ich daheim zunchst beginnen werde, darber mgen sich einstweilen die
lenkenden Gtter ihre allweisen Kpfe zerbrechen. Der Gedanke, bei den Bauten
des Knigs zugezogen zu werden - ist wohl nichts weiter als ein leerer Wahn. Zum
Handlanger und Streber und Katzbuckler hab' ich nicht das mindeste Talent. Von
chinesischer Schlo-Architektur versteh' ich auch nichts; auch nichts vom
Hundinghtten- und blauen Grottenbau. Also! berdies durchschwirren jetzt ganz
unheimliche Gerchte ber die Verhltnisse des Knigs die europische Presse.
Man nimmt sich ja gar kein Blatt mehr vor den Mund und spricht ganz
rcksichtslos von der moralischen und materiellen Insolvenz des Idealisten auf
dem Throne. Das ist wieder ein gefundenes Fressen fr die herrschende
Gemeinheit, fr diese ewig hungrige und ewig stinkende Vettel, genannt
ffentliche Meinung: ein Knig, verfolgt von dem Gespenst des Bankrotts! Welch'
ein Gaudium fr die rohe Exaktheit der Kurszettel-Wissenschaft, der nchternen
Einmaleins-Simpelei und der brsenjobbernden Demagogie, die Majestt eines
genialen Kronentrgers frech kritisieren zu drfen auf Grund des Kassabuchs und
unbezahlter Fakturen! - An gewhnlichem Mastabe gemessen, mag man ja zu Vielem
den Kopf schtteln; schwere Fehler liegen vor und dunkle Rtsel - den
knstlerischen Verirrungen mchte ich am allerwenigsten das Wort reden - allein
das Alles treibt mich nur zu dem heieren Wunsch, es mge sich das gegenwrtige
Chaos recht bald zu voller Ordnung und Schnheit lichten.
    O, wenn ich Glck htte und selbstndig und im Groen leben und bauen knnte
- meine alten Isarplne verwirklichen! Aber da werden mir auch wieder andere
Macher zuvorkommen und bis ich mich durchgerungen und endlich die Aufmerksamkeit
der hohen Herren auf mich gelenkt, wird mein Platz besetzt sein. Vor Jahren
stand ich schon einmal hart an der Linie des Erfolgs - noch ein kleines
Schrittchen und ich wre ganz patent vorwrts geschoben worden. Schon hatte ich
den Fu erhoben, das entscheidende Schrittchen zu thun, da strauchelte ich - an
einer dummen kritischen uerung ber ein allmchtiges Tier - und wie durch
Zauber war ich der Linie entrckt. Zur rechten Zeit schweigen und sich neigen,
ist aller Knsten grte und fr einen geraden, ehrlichen Kerl schwerste. Wir
stehen uns mit unserer dummen Ehrlichkeit immer selbst im Wege. Die Welt - die
Welt! das heit die paar Leute, welche das Heft in der Hand haben - ist nie
fhig, die volle Wahrheit zu vernehmen; sie will immer belogen sein, damit ihr
die Freude an ihrer eingebildeten Herrlichkeit nicht verdorben werde. Also
schweigt der Wissende oder Vernnftige oder Vorsichtige. Aber zuweilen ist man
das nicht, sondern ein widerhaariger Esel mit langen Idealitts-Ohren. Da
predigt man sich vor, da die unumwundene Aussprache unserer tiefsten Gedanken
und Stimmungen der Menschheit bestes Teil sei; da die Schlachten des Geistes
nicht von Schweigern, sondern von den lauten Zeugen und furchtlosen Bekennern
geschlagen werden. Ja, wenn das Lumpengesindel nicht wre! Und der Knechtssinn!
    Blauer Dunst bringt Ehr und Gunst. Leider gehrte der Dunst bis jetzt nicht
zu dem Material, aus dem ich zu bauen verstehe. Vielleicht lern' ich's noch!
    Mit dem spekulierenden Kapital zusammenzuarbeiten, mit dem vollen Einsatz
gereiften Talentes, wre freilich das verlockendste. Das Aufblhen aller Kunst,
besonders aber der auf Riesensummen angewiesenen Baukunst, ist an den Besitz des
Goldes gebunden. Sind wir endlich ber den blutigen Milliardensegen mit seiner
gemeinen Protzerei, seiner geilen Genugier auch im Kunstschaffen, glcklich
hinaus, so sind wir doch der rohen materialistischen Richtung noch nicht
entwachsen. Was fordert heute noch die Aufschneiderei und Reklamemacherei der
Geldprotzen und Brsenjobber und Spekulanten und Bodenwucherer nicht fr
haarstrubende Zugestndnisse vom Bauknstler! Wie verroht und unsolid ist der
Geschmack des groen Publikums in allem, was mit der Bauthtigkeit
zusammenhngt!
    Unter solchen Umstnden die Mglichkeit zu finden, Werke zu schaffen, welche
des aufgewendeten Talents wrdig sind und den feinen Sinn, das edle Gemt
befriedigen, ist unendlich schwer.
    Und dann die Stilfexereien, die altertmelnden Schrullen der zahlungsfhigen
modischen Halbbildung, berhaupt die Renommisterei der Mode in der Kunst! Und
das spielt sich als magebendes Kennertum auf! Wie mich das anmaliche Treiben
dieser lackierten Barbaren oft kunststadtmde gemacht hat, kann ich nicht mit
Worten sagen. Kreuzmillionendonnerwetter!
    Aber wie natrlich ist's auch wieder, da sich diese Stilhanswurste an ihre
echt etikettierten Schachteln anklammern: sind sie doch bei allem ueren
Reichtum innerlich so bettelarm, so aller wurzelhaften Empfindungen und
quellenden Ideen baar, da sie nur durch das emsige Spielen mit allen
erdenklichen, aus allen Himmelsgegenden und Kunstepochen zusammengeschleppten
und mit einem Heidengeld bezahlten Stilformen sich ber ihre individuelle
Armseligkeit hinwegtuschen knnen. Man mu eigenartige, weltbewegende Gedanken
haben, um das heie Bedrfnis zu verspren, sie in eigenartigen Baudenkmalen
niederzulegen; man mu eine starke Persnlichkeit mit bedeutsamen knstlerischen
Triebkrften sein, um einen originellen Baumeister zur Ausgestaltung neuer
Ideale ntig zu haben. Von der monumentalen epochemachenden Kunst gar nicht zu
reden, da eine Blte derselben den monumentalen Zug des Geistes und Charakters
eines hochstrebenden Geschlechtes zur Voraussetzung hat. Kein Wunder, da diese
sthetischen Schnorrer ihren knstlerischen Lebensbedarf bei den Trdlern und
Antiquaren zusammenfechten - ein wahrer Hohn auf alles ernste, vernnftige
Sammlertum.
    (In Parenthese: es ist doch rcksichtslos von dem Tempera-Frauenzimmer, mich
umsonst warten zu lassen.)
    Jetzt stehen die Sachen so: wie es Mode-Schneider gibt, so etablieren sich
die Mode-Architekten. Diese thun ein Breau auf. Da liegen die architektonischen
Modezeitungen. Man hat alle Stilmuster auf Lager: das klassische, das gotische,
das deutschrenaissanceliche, das kompromiliche u.s.w. Alle Vierteljahre schiebt
man, den neuesten alten Stil als den tonangebenden in den Vordergrund: dem
gehrt die Zukunft!
    Wie man zum Schneider geht, um sich einen Anzug nach neuester Mode zu
bestellen, so geht man jetzt zum Baumeister und steckt die Nase in das letzte
architektonische Modejournal und bestellt sich ein Haus nach neuester Mode.
    Sie befehlen, Herr Kommerzienrat?
    Wnsche mir ein Haus beizulegen.
    Sehr schn. Stehe zu Diensten. Habe die grte Auswahl.
    Was knnen Sie mir als das Modernste empfehlen?
    Hier dieses Barock, ein steinaltes famoses Muster, wrde Ihnen
ausgezeichnet stehen.
    Gut. Lassen Sie das Ma nehmen. Baugrund liegt da und da.
    Wie Sie befehlen.
    Und bis wann kann ich das Haus haben?
    Wir liefern in krzester Frist fix und fertig ab. Ist die Witterung
gnstig, sptestens in drei Monaten. Garantie fr gute Ware.
    Auch die architektonischen Abzahlungsgeschfte kommen mehr und mehr in
Schwung. Da werden im Fabrikbetrieb gleich eine ganze Anzahl Huser fertig
gestellt. In irgend einer unmglichen, aber billigen Gegend, in der Nhe der
Vororte, auf steiniger, schattenloser Ebene, wo alle Winde im Winter
zusammenheulen und pfeifen, da es ein Grauen ist, schieen pltzlich Dutzende
von Husens, gleich Pilzen aus einem Sumpfe, aus der Erde. Nun sucht das
wohllbliche Baukonsortium seine Fabrikware stck- oder wenigstens
stockwerkweise an den Mann zu bringen. Natrlich gibt man dieser noch
unbewohnten Ansiedlung gleich einen lockenden, am liebsten recht patriotisch
klingenden Namen, z.B. Neuwittelsbach, Neugermanien u.s.w.
    Und eine solche Kunst soll das Volk ins Herz schlieen? Eine solche Kunst
soll unsere nationalen Bestrebungen, unsere sozialen Ideale verkrpern? Eine
solche Bauerei soll einen edleren, lebendigeren Zusammenhang zwischen den
Menschen stiften und zur Begeisterung fr hhere Ziele entflammen?
    Wenn Du einmal, mein lieber Max von Drillinger, in kritischer Stimmung bist
und nicht gerade in verliebten Absichten durch die Quaistrae schlenderst,
bitte, betrachte Dir diesen ungeheuerlichen Huserblock mit sthetisch prfendem
Auge; stelle Dich unter eine der schnen alten Kastanien, die man bei der
Quai-Anlage allerdings bis zum Halse hinauf in Kies eingestampft hat, so da sie
ber kurz oder lang elend ersticken mssen, einstweilen aber lebensmden
Mnchener Packtrgern als einladende angenehme Naturgalgen zum Aufhngen dienen
- und mustere einmal Haus fr Haus!
    Da das Material unecht und der Sandstein nur nachgeahmt ist, wre noch die
geringste Ausstellung an diesen erlogenen Prachtbauten, die wie Schwalbennester
aneinandergeklebt sind, plump und massig; aber diese de der Stilmengerei, diese
entsetzliche Langeweile in der Linienwirkung, dieser Ungeschmack im gelben,
roten, grauen, ochsenbltigen Verputz!
    Und nun berschreite die Isar auf der Maximiliansbrcke und betrachte Dir am
andern Ufer von der Hhe, der Gasteig-Anlagen nochmal dieses Barbarenwerk der
Quaistrae, wie es mit seiner blden, plumpen, protzenden Massigkeit die schne,
malerische Silhouette der alten Stadt zudeckt, als htte man einen Riesenwrfel
oder eine Kulisse davorgeschoben, so da mit knapper Not noch einige ferne
Turmspitzen ber diese dicke wagerechte Linie am Horizonte aufragen. Und erst
bei Mondschein, wie schlgt diese trostlose Ausgeburt der Architektenspekulation
aller Poesie des Isar-Ufers ins Gesicht! berhaupt die ganze Gegend der
Maximiliansbrcke: ist das nicht alles wie eine Satyre auf die vielbelobte
Kunststadt, die hier das schnste Stck Natur, zu den geistreichsten
architektonischen Aufgaben lockend, jammervoll verpfuscht hat? Die imposante
Maximilianstrae durch den schauerlichen Kasten des Maximilianeums in eine
innere und uere auseinandergerissen, hart an der Brcke auf der
Praterinsel eine Schnapsfabrik, weiter hinauf eine stinkige Fell-Niederlage,
eine Gipsmhle u.s.w. u.s.w.! Was liee sich hier Herrliches schaffen, wenn die
Isar einmal aus ihrem Bette treten und diese Schandgeschichten fortsplen
wollte!
    Aber ich wei, ich entrste mich vergeblich: um eines holden Weibes willen,
das dort zwanzig Schritte von der Brcke aus einem Eckfenster Dir heimliche
Liebesgre und verheiende Liebeszeichen zuwinkt, - nichtwahr, ich bin gut
unterrichtet? - spottest Du aller Architekten-Phantasieen und erklrst die
Quaistrae an der rauschenden Isar fr das grte und schnste Bauwunder der
Welt.
    Und wenn Du noch einer seligen Stunde am Busen des s verbuhlten Weibes im
nchtlichen Sternenschein heimwandelst, isaraufwrts, am bauflligen
Torf-Magazin mit dem hohen, windschiefen Ziegeldach, am alten Ketterl- und
grnen Baum-Wirt und an der schweren Reiterkaserne vorber, immer den
rauschenden Flu, mit seinen hochwaldduftigen Flen zur Linken, weiter und
weiter bis unter die hochragenden Uferbume an der Auenstrae: da ziehen Dir
andere Mrchen durch die Seele, als die ich hier trume mit offenen Augen, auf
der Hhe des neapolitanischen Vicoletto del Petrajo gegenber dem Vesuv, im
sehnschtigen Gedenken an die ferne bayerische Heimat.
    Ah, es hat ausgeblitzt und ausgedonnert. Es ist, als ob die ganze
Spektakel-Maschinerie im Krater des Berges, des alten Feuerspeiers, versunken
wre. Darber hin schweben, ziellos, planlos, wie vergessen, einige
Wolkenfetzen. Der Himmel hat eine Regenmiene aufgesetzt. Das ist immer das nasse
Ende vom Lied, aber es ist ein gutes, erfrischendes Ende. Man kann dabei wieder
aufatmen.
    Mir selbst ist jetzt so wohl und leicht, nachdem ich mich ausgegrollt, und
bei Gott, wenn jetzt pltzlich meine bayerische Landsmnnin hereintrte, die
jungfruliche Flora Kuglmeier, ich wre im stande, sie in die Arme zu schlieen
und an die vaterlndische Brust zu pressen, da uns beiden Sehen und Hren
vergehen sollte.
    Flora Kuglmeier scheint mich mit ihrer Besuchs-Zusage fr diesen Vormittag
positiv zum Besten gehabt zu haben. Eigentlich gefllt mir das von dem zarten
und doch so eigenwilligen Ding; ja, es imponiert mir sogar. Dieses eigentmliche
Persnchen mit seinem blonden Falkenkpfchen fngt an, einen unheimlichen Reiz
auf mich auszuben. Ich nehme mich schon ordentlich zusammen in ihrer Nhe. Ihr
langer, kritischer Blick hat etwas Bengstigendes; sie hat eine gewisse Art, mit
ihren dunkelblauen Augen Fragen zu stellen, da man sich selbst, bei Gott, ganz
fragwrdig vorkommt. Und ich, der ich gewohnt bin, das weibliche Geschlecht so
schopenhauerisch von oben herab zu nehmen! (In Parenthese: Brigitta galt mir
stets als eine groe Ausnahme; ihr schlichter, starker Sinn, ihr hausmtterlich
treues Walten, ihre Entsagungskraft - ja, da gehe Einer hin und thue
desgleichen!)
    Mein lieber Max v. Drillinger, gemtreicher Leichtfu, spitzfindiger
Phantast, pessimistischer Optimist, Mann der Widersprche, Zusammenreimer von
Ungereimtheiten - ist das genug auf einmal? - was wrst Du, ohne Brigittas Herz,
diesen festen Schlustein im luftigen Gewlbe Deines Lebensbaues?
    Ich lege nun einen Eid darauf ab, da mich die Tempera-Malerin mit Wissen
und Willen gefoppt hat und schmiere ruhig Briefbogen um Briefbogen voll; ich
tilge nicht nur Briefschuld, sondern kapitalisiere, damit ich fr den Rest
meiner Italiafahrt von epistolarischen Renten leben kann und Dir berhaupt nicht
mehr zu schreiben brauche. Wenn ich Flora Kuglmeier auf diesem Stern jemals
wiedersehe, werde ich sie berzeugen, da sie mir mit ihrem Wortbruch einen
ntzlichen Dienst geleistet hat.
    Fragwrdig habe ich oben gesagt. Ja, eigentlich sind wir zwei, Du und ich,
fragwrdige Kerls, d.h. Du hauptschlich, ich viel weniger. Schon deshalb, weil
ich jetzt fest entschlossen bin, bei der Stange zu bleiben, mir im Leben nichts
mehr gefallen zu lassen, was meine Thtigkeit stren oder beeintrchtigen
knnte, und schlielich als freier Mann zu irgend einem schnen Fleck Erde in
der bajuwarischen Heimat zu sprechen: Hier ist gut sein, hier lat uns Villen
bauen!
    Frulein Flora, wie gefllt Ihnen der Scherz?
    Das ist zwar noch alles ziemlich kompliziert, aber ich stehe fr mich ein,
da ich hinausfinde. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg - das Wort soll nicht
blo fr Amerikaner gesprochen sein.
    Aber Du? ...
    Wille und Weg, wohin sollen sie schlielich fhren? Zur Berhmtheit, zur
Unabhngigkeit und Herrschaft groen Stils, zu Reichtmern und allem, was damit
zu erwerben?
    Was damit zu erwerben? Kuflich ist heute nahezu alles. Leider. Und das
verdirbt dem feineren Ehrgeiz alle Freude. Erstreben was jeder reiche Lump haben
kann, ist das noch erstrebenswert fr den raffinierteren Kopf? Gewhrt uns das
noch eine hhere Befriedigung, was fr jeden aus der gemeinen Herde erreichbar
ist, sobald ihm das groe Los zufllt?
    Aufgepat: das wre ungefhr Dein Gedankengang, nicht Dein eingestandener,
sondern Dein geheimer - und das ist just nicht der meine.
    Ich will mich einfach ausarbeiten und ausleben; ich will beweisen, da ich
eine Kraft bin. Die kleinen Hilfsmittel und Verzierungen des Lebens kmmern mich
wenig, sofern sie nicht eine besondere Verstrkung meiner Kraft bedeuten. Ich
will meine eigenen Werte prgen: ich will meine hchstpersnliche Meinung vom
Glck allen andern Meinungen gegenber zur Geltung bringen. Grozgig, siehst
Du; monumental in Gesinnung!
    Nun glaubst Du aber selbst, da die geheimnisvolle Flora Kuglmeier heute
nicht mehr zu mir kommt, so hei auch meine - Neugierde sie ersehnt, nichtwahr?
Krampfhaft halte ich die Feder und schreibe fort, wtend, zhneknirschend - wenn
nur kein Handschriftendeuter diese Bltter jemals in die Klauen bekommt und Dir
mit dem Tpferl auf dem I und dem U-Huberl und dem andern Schnickschnack
beweist, da der Schreiber ein rasend verliebtes Rhinozeros gewesen. Da thte
ich mir selbst leid. Denn gerade meine Schreibfuria soll ja bezeugen, da ich
nur kraft krperlichen Zwanges in dem Vicoletto del Petrajo, einer
Steinbruchgasse hoch ber Neapel, hause, hingegen mein Geist bei Dir weilt an
der rauschenden Isar, bei Dir, Max v. Drillinger, dem unausstehlichsten Freunde,
den mir Gott in seiner unergrndlichen Gnadenlaune beschieden.
    Trte Frulein Flora Kuglmeier jetzt pltzlich durch die verschlossene Thr
zu mir, oder schwebte sie ber den Balkon leise herein, oder senkte sie sich vom
Plafond herab, etwa am Faden eines Spinngewebes, oder tauchte sie aus der
schwarzen Tiefe meines Tintenfasses auf - Du wirst's erleben, da sie nichts
dergleichen thut - aber angenommen: ich versichere Dir, ich bliebe kalt wie eine
Hundenase und plauderte ganz gelassen da weiter, wo ich gerade mit der Feder
aufgehrt.
    Also von Dir, Unvergleichlicher!
    Komisch. Sie erzhlte mir neulich aus ihrer Lehrerin-Vorbereitungszeit von
einem Examen, das ihr die erste Auszeichnung eingetragen, eine Prmie in der
Physik, weil sie so grndlich und anschaulich die Gesetze von der Anziehung der
Krper dargelegt habe.
    Anziehung der Krper, welch' ein Thema fr eine junge, feurige, geistreiche
Dame! Freilich mu es schon recht lange her sein, da sie selbst so wenig mehr
von der Wirkung dieses interessanten Gesetzes versprt. Oder sollte mein Krper
alle intimere Anziehungskraft verloren haben? Sollten keine geheime Krfte mit
siegender Allgewalt sich Bahn brechen zu der entfernten Ersehnten, da sie dem
Zwange der Natur sich fge? Und heute ist Josephitag!
    Wie ganz anders haben wir gewirkt in unserer Jugendjahre Maienblte, guter
Max! Neulich, in einer schlaflosen Nacht, habe ich die Flammen rekapituliert,
die ich einst als studentischer Schmetterling umgaukelte.
    
    Wieder ein Beweis, was ich fr eine treue Seele: ich habe im Stillen den
Lebenslauf dieser unschuldigen Kinder verfolgt. Die Beobachtung ergab seltsame
Resultate. Die dicke, runde Klara, die Brumeisters-Tochter, ist mit einem
Kassier verduftet; Seraphine aus der Sendlingergasse hat ihr Herz an einen
Pfaffen gehngt und hat sich aus mystischen Gewissensskrupeln in der Isar
ertrnkt; die sentimentale Amalie der Professorswittwe Streuhuber ist eine
tchtige Geschftsfrau geworden und verkauft Hosen an die Landshuter Garnison;
Fanni Kranzler vom Rochusberg hat sich dem Trunk ergeben und ist im Irrenhause
gestorben; die rabiate Bella ist zuerst Komdiantin und dann eine resolute
Pensionatsmutter geworden. Was fr Lebenswendungen!
    Und unsere Jugendeseleien! Noch nicht hinter den Ohren trocken, wollten wir
berhmt werden und die Augen von ganz Europa - oder wenigstens von unserm
Stadtviertel auf uns lenken. Berhmt werden! Jeden Morgen war die erste Frage:
wie fangen wir's an? Und dabei erreichten wir zunchst, da wir beim Examen mit
Pauken und Trompeten durchfielen. Dann wiederum: sollen wir fnfaktige Dramen
schreiben, um schneller ans Ziel zu kommen, wenigstens ffentlich ausgepfiffen
zu werden, oder eine neue Religion oder ein neues Schiepulver erfinden, um der
Menschheit ein ungeahntes Heil zu bringen? Mit unserer Sehnsucht nach der
Heilandschaft verband sich nur ganz selten die sehr praktische Erwgung:
Berhmtheit bringt Moneten, jene Berhmtheit, welche von den Kindern einer
materialistischen Zeit als die berhaupt allein erstrebenswerte betrachtet wird.
Unser Sinn ging zunchst immer, dieses Lob drfen wir uns nicht versagen, auf
etwas Schnes ohne Hinterlist, etwas Reinliches ... Zum Teufel auch, htten wir
doch wenigstens Richard Brands Schweizer-Pillen erfunden!
    Da fllt mir eben etwas sehr Menschliches ein: wenn Frulein Flora Kuglmeier
krank geworden wre? Wir haben gestern bei einem Ausfluge eine Menge Zeug
durcheinander gegessen: Orangen, Makkaroni, Salat, Wrste, Feigen ...
    Ich werde mich ankleiden und im Gasthofe nach ihr sehen. Sie wohnt da unten,
dem Meere zu, in einem Kranze bltenreicher, duftiger Grten, Rione Principe
Umberto. Ich bin ganz gerhrt, wenn ich mir das liebe Kind leidend denke, im
Bett vergraben, mit der Kolik, der Ruhr oder sonst einer wsten Krankheit
ringend; das Gesichtchen bleich, verzagt, von einem weien Hubchen umrahmt; auf
dem Nachttischchen eine herabgebrannte Stearinkerze in einem grnspanfleckigen
Messingleuchter mit zerbrochener Glasmanschette, daneben halbleere
Medizinflaschen in allen Gren und Farben. Hilfesuchend streckt sie mir aus der
Decke ihr feines, vom Fieber brennendes Hndchen entgegen ...
    Ja, ich will gleich hinuntergehen. Ich erflle eine heilige Menschenpflicht.
Das htte ich eigentlich schon vor einer Stunde thun sollen. Statt an diesem
unntzen, berflssigen, ungeheuerlichen Brief zu schreiben, fr den ich doch
keinen Dank ernte, hchstens eine mokante Kritik.
    Trotzdem will ich zum Schlusse auch Dir gegenber das Ma meiner Gte voll
machen und Dir zu Deinem bevorstehenden Geburtstage gratulieren - ich merkte
ihn, weil er in den kalendermigen Frhlingsanfang fllt, worauf Du Dir in
grenzenloser Eitelkeit immer so viel zu Gute thatest, obwohl Du diesen
Datums-Vorzug mit einigen Millionen anderer Menschenkinder teilst, hochgeborener
Max von Drillinger. Da ich Dich nun einmal mehr liebe, als Du verdienst, und das
Schicksal - die prsumptive Krankheit - meiner armen Flora mich in weiche
Stimmung versetzt, hat, so will ich ein ganzes Fllhorn innigster Wnsche auf
Dein edles Haupt ausgieen. Mge das neue Lebensjahr all' die Wechsel - so warte
doch mit Deiner nervsen Grimasse! - all' die Wechsel - einlsen, welche Dir das
alte auf Glck ausgestellt haben sollte. Im brigen kannst Du bleiben wie Du
bist; Du bist mir drollig und amsant genug. Ziehe aus dem Umstande, da die
Zahl Deiner Jahre um eins vermehrt wird, nicht den voreiligen Schlu, da Du
lter geworden seist. Ich wei, man ist gerade an solchen Tagen zu so
jammerhaften Meditationen geneigt, und besonders Leute, die wie Du gar kein
Talent zum Altwerden haben, sind's am meisten.
    So. Und jetzt lass' mich geflligst in Ruhe. Schreib' mir gelegentlich, was
die Isar neues rauscht, wie's der tapfern Brigitta geht, der bewundernswerten
Heldin, die das Unertrglichste ertrgt - Dich!
    Gott mit uns. Amen.

                           Mit Schwert und Eichenlaub

                                                   Dein getreuer Joseph Zwerger.

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Nachschrift. Zwei Stunden spter. Flora Kuglmeier ist gekommen, Flora
Kuglmeier ist gegangen; sie ist frisch und gesund, der Name des Herrn sei
gelobt! In die Arme sind wir uns zwar nicht gesunken, aber das kommt noch. Sie!
ist ein wunderbares Geschpf. Ein Charakter! Da lt sich daraufbauen. Ich habe
mich nicht enthalten knnen, sie auszuforschen: sie kennt Dich nur vom
Hrensagen, aus weiter Entfernung. Das gereicht mir zu groer Beruhigung. Nun
hab' ich ihr zum Dank viel Gutes von Dir erzhlt.
    Entsetzlich war's, da ich vor Zerstreuung, Eile, freudigem Schreck u.s.w.
im Hemde die Thr ffnete. Je nun, Flora hat nicht aufgeschrieen, ist nicht in
Ohnmacht gefallen - sie hat den Anblick ertragen wie ein Mann! Das werde ich ihr
all' mein Lebtag nicht vergessen.
    Sie wnscht, Du mchtest die Bekanntschaft des Bildhauers Achthuber machen.
Er hat sein Atelier drunten am Gries, im Wscherinnen-Viertel, Ende der
Isarstrae.

                                       2.


Die Vorstellung im Grtnerplatztheater war zu Ende. Jung-Mnchen lrmte heraus.
    Der Schwarm der Besucher hatte sich bis auf wenige Nachzgler im
urbajuwarischen Gaslichthalbdunkel der von der Rotunde strahlenfrmig
auslaufenden, schn langweilig nach der Schnur gebauten Straen mit allmhlich
verhallendem Gerusch von Menschenstimmen, Massenschritten und Wagengerassel
verloren. Die Kandelaber an der Freitreppe des Theaters wurden gelscht und die
Thren geschlossen. Die Feuerwehrmnner mit ihren blitzenden Helmen marschierten
in militrischem Tempo und krftigem Absatzaufschlag davon.
    Ehrsame Nachtstille lagerte wieder ber dem dmmerigen Platz und trumte in
den schwarzen Wipfeln der Kastanienbume, welche die statuengeschmckte Rotunde
umsumen.
    Aus dem Seitenausgang des Theaters gegen die Klenzestrae war eine elegant
in Kapuze und Mantel gehllte Dame in eine wartende Droschke gestiegen. Der
wohlabgerichtete Kutscher fuhr langsam die Theaterseite hin und zurck, bis
endlich behenden Schrittes eine Mnnergestalt den Platz durchquerte, direkt auf
den Wagen zueilte und den Schlag ffnete.
    Aber Max, wie konntest Du mich wieder so lange warten lassen! erklang
zrtlich vorwurfsvoll eine tiefe Frauenstimme aus dem dunklen Wagengehuse.
Rasch herein!
    Den alten Weg, rief der Herr zum Kutscher hinauf und schwang sich zu der
vor Ungeduld und verliebtem Begehr fiebernden Dame in die Droschke. Kaum war die
Thr geschlossen, so fielen auch schon die Gardinen und das Liebesgespann - nahm
den alten Weg. H, hot!
    Natrlich war er's wieder, Max v. Drillinger, der Heibegehrte, hhnte
eine meckernde Bastimme aus einer Gruppe, die beobachtend im Dunkel der
Hausecke den Vorgang verfolgt hatte.
    Kein Zweifel.
    Die Abfahrt stimmt. Der Rest lt sich denken.
    Wie gewhnlich hat die kluge Dame ihren eigenen Wagen heimgeschickt mit der
Erklrung, sie ziehe bei dem schnen Wetter den Spaziergang vor, die Nachtluft
werde ihr wohl thun und so weiter.
    Wird ihr auch wohl thun.
    Sehr wohl. Der Drillinger versteht sein Metier als patentirter
Frauentrster.
    Wie der brave Gatte in der Quaistrae - sprich auf mnchenerisch:
G'weih-Strae! - sein Metier als Knig Menelaus versteht.
    - Laus der Gute, - Laus der Gute - spottete der Dritte, den Offenbachschen
Refrain aus der Schnen Helena summend.
    O, der hat als richtiges Ehe-Trampelthier eine Elephantenhaut. Alle Pfeile
des Spottes auf dem letzten Faschingsball im Hoftheater sind wirkungslos
abgeprallt.
    Und es sollte kein Mittel geben, ihm die Augen zu ffnen?
    Er gehrt zu jenen Blinden, die nicht sehen wollen. Und die sind
inkurabel.
    Bah, man mte ihn nur bei den Ohren nehmen und einmal der Katze die
rechten Schellen anhngen.
    In der Presse?
    In dem berchtigten, Vaterland der schnen Seelen, Organ fr sittliche
Unterhaltung und Belehrung der Wachtstuben- und Kasernenwanzen?
    Das ist abgeschmiert. Die kluge Donna ist eine zahlungsfhige Klientin der
Revolverpresse unserer kniglichen Haupt- und Residenzstadt.
    Ein Versuch wre doch zu machen. Aber welcher reinliche Mensch mag sich mit
solchen Schmieranten und Prebanditen einlassen?
    Ich! Reinlichkeit in Ehren, aber gibt es nicht Zangen, mit denen sich auch
das Schmutzigste anfassen lt? Gibt es nicht Mittelspersonen? Das sind zwar
auch Hallunken, aber wenn's einmal nicht anders geht! Dem Drillinger mu endlich
ein ordentlicher Prgel zwischen die Beine geworfen werden.
    Einverstanden. Das wird wenigstens eine Abwechslung sein fr seine
verehrten Beine. Also berlegen wir das Geschft!
    Preis ist Nebensache! spottete der Dritte.
    Die Gruppe entfernte sich durch den dunklen Portikus, berschritt die
Reichenbachstrae und trat in das Caf Paul, dem Stelldichein der Theaterbummler
und Nachtschwrmer des Grtnerplatz-Viertels.
    Auf dem Asphalt unter den Kastanienbumen promenierten mehrere Studenten,
schweigend ihre Zigaretten rauchend und die Pferdebahn erwartend.
    Ich mu sagen, nach der Nacht in Venedig mit der entzckenden Strauschen
Musik verspreche ich mir wenig von dieser Nacht in Mnchen, die Ihr mir zum
Besten geben wollt, nahm eine schlanke Gestalt mit ein paar Schelmenaugen im
trumerischen Siegfriedskopfe die Rede auf. Eine Gondel auf den Lagunen und
eine Droschke auf dem Mnchener Pflaster - wer wei mir lcherlichere
Gegenstze?
    Und eine Droschke, die nie zu haben ist, wenn man sie braucht, und zu deren
Ersatz man auf eine Trambahn wartet, die nie ankommt.
    Ihr Norddeutschen knnt eben unser herrliches Mnchen nur in kritischer
Sauce genieen. Das ist zwar fade fr unsern Gaumen, aber wir haben uns daran
gewhnt.
    Nun hren Sie einmal, Kuglmeier, die Rheinlnder sind nicht so norddeutsch,
wie Sie glauben und meine Wiege hat bekanntlich in der groen Pfaffengasse am
Rhein gestanden, protestierte der trumerische Siegfriedskopf und schob seinen
Arm unter den seines Mnchener Kameraden. Wir Rheinlnder wissen zu leben und
leben zu lassen. Wir sind die gemtlichsten Kerls.
    Na, und wir Mnchener erst!
    Das brachte der kleine Kuglmeier so drollig heraus, da alle lachten.
    Na, und diese Luft, direkt aus Italien, von einer Weichheit ...
    Als ob sie Deine Schwester Flora in Neapel extra fr uns prpariert htte.
    Also heute nicht raisonnieren! hob wieder der Rheinlnder an. Nehmen wir
Kuglmeiers Mnchener Nacht, wie sie ihm Gott beschieden hat; trinken wir noch
Eins, scherzen mit hbschen Mdchen womglich - plaudern, faseln, kannegieern,
aber warten wir nicht lnger auf diese marode Pferdebahn!
    Dort kommt sie schon herangekrochen mit mdem Geklingel.
    Wir haben noch gar kein Vergngungs-Programm gemacht!
    Das lat meine Sorge sein, rief Kuglmeier.
    Da kann's uns nicht fehlen. Kuglmeier ist die rechte Hand des Zufalls,
bemerkte der Mediziner Stich, der auf den Kneipnamen Hippokrates hrte.
    Der einspnnige blauweie Kasten rollte vorber, die jungen Herren sprangen
einer nach dem andern auf die Plattform. Im Innern saen, beschienen von der
gelben Laterne, zwei etwas auffallend geputzte Mdchen, eine stumpfnsige
Brnette und eine langnsige Blondine, beide mit exzentrischen Hten aus
hochgestlptem, schwarzem Filz und steifen, gespreitzten Federn, wodurch die
ermdeten Gesichter etwas gewaltsam Khnes und Herausforderndes erhielten. Fest
im straffen Korsett sitzend, die Beine bereinander geschlagen, mit den
Stiefletten klopfend, die einen krftigen, aber wohlgeformten Fu umspannten,
wandte sich die Brnette mit einer raschen Bemerkung ans Ohr der Blondine,
worauf diese mit einem schmachtenden Blick auf die Plattform antwortete. Als
Fortsetzung unterdrckte sie ein Ghnen, hielt die gelbgantierte Hand
muschelfrmig ber den Mund und flsterte: Hunger hab' ich.
    Und ich Durst. Prost Mahlzeit! kicherte die Brnette und ghnte
gleichfalls mit Anstand.
    Wohin fahren die Herren? fragte der Kondukteur.
    Ja, wohin fahren wir gleich - meinte Kuglmeier mit komischer Unsicherheit.
    Der rechte Fhrer! Prdestiniert fr den deutschen Generalstab! Du lieber
Gott, Damen haben berall den Vortritt: wir fahren den Damen da drinnen nach!
vermittelte lachend der Rheinnder und seine Schelmenaugen umspielten einladend
die beiden Mdchen, denen die Geschichte offenbar gar nicht bel gefiel, denn
sie stieen sich an, schlugen die Augen  tempo halb nieder und zwinkerten durch
die Lidspalte mit leisem Kopfnicken dem munteren Sprecher zu.
    Also geben Sie uns fr zehn Pfennige pro Mann, sagte Kuglmeier trocken und
steckte dem Kondukteur ein halbes Markstck in die Hand.
    Der Wagen durchrollte die lange Reichenbachstrae und hielt an der
Haltestelle bei der Einmndung in die Frauenhoferstrae. Niemand machte Miene
zum Aussteigen. Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Eine leichte Steigung
gegen die Reichenbachbrcke veranlate den Kutscher langsamer zu fahren; auf der
Brcke angekommen, einem alten Balkengerst von der architektonischen Schnheit
der Pfahlbauzeit, lie der Kutscher sein Pferd vorschriftsmig im Schritte
gehen. Der mde Schimmel, dankbar fr diese ortspolizeiliche Vorschrift,
streckte den Kopf rechts und links, pustete seinen glhenden Atem in die
schwarze Nachtluft hinaus, da weie Nebel um seine Nstern sprhten, hob den
Schweif und blieb mitten auf der Brcke stehen, um ein natrliches Bedrfnis zu
befriedigen.
    Die Mdchen stieen sich wieder an, zupften ihre exzentrischen,
hochgestlpten Filzhte mit den gespreitzten Federn zurecht - und bentzten den
unfahrplanmigen Halt zum Aussteigen.
    Erlauben Sie, da wir die schne Gelegenheit bei der Hand ergreifen, sagte
der Rheinlnder galant und erhaschte die flinke Brnette bei den Fingerspitzen,
zog damit ihren Arm an sich und, mit ihr gleichzeitig den Boden betretend,
schlang er als vorsichtiger Ritter noch seinen Arm um ihre Hfte, damit sein
Schtzling auf der schlecht beleuchteten Brcke ja nicht zu Fall komme.
    Die brigen Kameraden, elektrisiert von seinem Beispiel, wollten sich
gleichzeitig um die Blondine bemhen, aber da kam einer dem andern in die Quere,
das Pferd zog pltzlich an und der kleine Kuglmeier blieb mit dem Absatz am
Tritteisen hngen, fiel und drckte die lange Blondine mit zu Boden.
    Die Brnette schrie und lachte zugleich, sich fest an den Rheinlnder
drckend, der sie im ersten Schreck mit beiden Armen umschlang, whrend die
Andern im Rettungseifer blind dreintappten - merkwrdigerweise keiner nach
Kuglmeier, alle nach dem Mdchen! - und der eine ein Bein, der andere einen Arm,
der dritte den Federhut erwischte.
    Hippokrates vor! rief der Rheinlnder.
    Inzwischen hatte sich die Blondine in die Hhe gearbeitet und lachend den
kleinen Kuglmeier mit aufgezogen.
    Hippokrates, walte Deines Amtes! Biete der Gefallenen Deine hilfreiche
Kunst!
    Die Brnette hatte sich mit einem letzten zrtlichen Druck von dem
Rheinlnder losgemacht, um ihrer Freundin die Kleider und den Hut ordnen zu
helfen.
    Ach, es ist gar nichts, versicherte die Blondine mit dem besten Humor von
der Welt.
    Hippokrates lie sich aber dadurch nicht abhalten, als gewissenhafter
Medizinmann seine Pflicht zu erfllen. Er strich und tastete und drckte mit
beiden Hnden an dem Mdchen herum, das sich nur zum Schein gegen so
sachverstndige Sorgfalt wehrte. Die Brcke war menschenleer; die kleine
Gesellschaft stand allein in ihrer abenteuerlichen Intimitt da, ber sich den
schwach besternten Wolken-Himmel, unter sich die rauschende Isar, ringsum die
dunkle, laue Nacht, in welche die Gasbeleuchtung diskrete Lichtpnktchen sete.
    Der emsige Hippokrates lie sich auf ein Knie nieder, nahm die Fuknchel
der Blondine zwischen Daumen und Zeigefinger, frottierte mit der Hand hurtig bis
an die halbe Wade hinauf - und Eine Rte, eine verdchtige Rte! Thut's weh?
rief er und erfate das Strumpfband.
    Was Rte! Das ist ja die Farbe des Strumpfes! rief lachend das Mdchen.
Sie sind mir ein schner Doktor - und mit einem Ruck entzog sie ihm das Bein.
    Allgemeine Heiterkeit. Der Heiterste aber war Hippokrates: er richtete sich
hoch auf und schwang triumphierend das Strumpfband.
    Nein, ist das lustig! und die Brnette hpfte wieder zu ihrem Ritter, der
ihr galant den Arm bot.
    Der Rheinlnder mit den glcklichen Schelmenaugen hob jetzt mit kmischem
Pathos an: Meine Herrschaften, danken wir unserem Freunde Kuglmeier fr die
ungeheuere Geschicklichkeit, mit welcher er dieses ebenso erschtternde wie
angenehme Ereignis inszeniert hat. Er ist der Mann der berraschungen und stets
Herr der Situation.
    Bravo! Bravo!
    Da wir nun in anbetracht der vorgerckten Stunde die Damen nicht mehr
allein ihrem Schicksale berlassen drfen ...
    So bleiben wir hbsch beieinander, fiel Kuglmeier ein und machte sich
begehrlich an die lange Blondine, die sich in schwachen Anstrengungen gefiel,
von dem glhenden Hippokrates ihr Strumpfband wieder zu erlangen.
    Ausreden lassen!
    So finde ich es schicklich, da wir uns den Damen zunchst vorstellen. Hier
der Medizinmann Herr Stich, Herr Kupfer, genannt der groe Schweiger, Herr
Schlichting, der Einsame, Herr Kuglmeier und meine Wenigkeit, der groe
Unbekannte, der in diesem Augenblicke gar nicht wei, in welcher wildfremden
Gegend er sich befindet.
    Wir sind Blumenmdchen, lachte die Brnette.
    Aus der Nacht in Venedig - oder aus Parsifal? - Zauberhaft!
    Nein, - aus dem Bellingerschen Atelier. Ich mache Bltter und Blten und
die Nanni die Stiele.
    Noch zauberhafter.
    Helles Gelchter.
    Der als Herr Kupfer, der groe Schweiger Vorgestellte, wollte nun die Last
seiner Gefhle in dieser nrrischen Frhlingsnacht auch nicht lnger stumm bei
sich tragen. Die Dunkelheit machte ihn so khn, da er sich mit allerlei
phantastischen Griffen an des Rheinlnders Schtzling heranzuschlngeln mhte.
Ja, sehen Sie, holde Wunschmaid und Bltenfabrikantin, wir sind ganz
unschuldige Suglinge der Wissenschaften und schnen Knste.
    Aber die Brnette wehrte ab: Bitte, Sie scheinen mir im Gegenteil ein ganz
verflixtes Schweinchen zu sein.
    Die Lebhaftigkeit der Unterhaltung und der Gesten hatte das Auge des
Gesetzes angezogen das jetzt in Gestalt zweier Gendarmen feierlich beobachtend
im Dunkel auftauchte und den Raum der Brcke durchma.
    Die Gesellschaft war an die Ballustrade getreten, an eine Stelle, wo
dichtere Finsternis herrschte.
    Orientieren wir uns. Herr Kuglmeier, urmnchenerischer Ansiedler, leihen
Sie uns Fremdlingen Ihr Licht!
    Nun wollte sich der kleine Kuglmeier aus Rache fr sein Migeschick auch
einige Witze leisten. Er warf sich in Positur und brachte folgenden Unsinn
zustande:
    Wir sind in Bajuwariens nchtigsten Gefilden. Dort im Sden dehnt sich der
furchtbare Urwald von Harlaching- Thalkirchen- Grohessellohe-Hllrieglskreut,
durchstrmt von dem wildesten und gefhrlichsten aller Alpenflsse. Rtselhaft
ist sein Wesen gleich dem Acheron und unheilvoll ist sein Wasser. Wer unbedacht
hineinfllt, ersuft, wenn ihm nicht der Magistrat einen Rettungsbalken zuwirft;
und sitzt er auf dem Rettungsbalken, so erfriert er, wenn ihm nicht die
barmherzige Kathi vom Beisel in der Wasserstrae einen steifen Grog
hinberbringt. Hier, rechts, sehen Sie eine der gewagtesten menschlichen
Ansiedlungen, Monachia, die Stadt der Mnche und anderer Klosterbrder und
ungeschundener Raubritter; links die Au, die sich an einem Nebenflusse der Isar,
am duftigen Entenbach, zu einer der grten und elegantesten Villenstdte
europischer Biersmpfler zu entwickeln verspricht; ferner fluauf und -abwrts
zwischen dem Ufer und den menschlichen Wohnsttten dehnen sich Promenaden,
Alleeen, Grten, Haine, Wiesen, Mist- und Schutt- und Eispltze in lieblichem
Wechsel, allwo die groe heidnische Gttin im Schutze der Nacht ihren Glubigen
die Opferstellen anweist ...
    Haltet ihm den Mund zu!
    Was sind das, Opferstlle?
    Opferstellen! Das werdet Ihr heute Nacht zum hundertundsoundsovielten Male
praktisch expliziert bekommen, geliebte, keusche Mdchen.
    Ich verbitte mir solche Randglossen zu meinem Vortrage! schrie der kleine
Kuglmeier, als der Medizinmann Stich die fragende Blondine in die Arme schlo
und leidenschaftlich kte.
    Alle Wetter, Kuglmeier ist eiferschtig, spottete der groe Schweiger,
noch verstimmt ber seinen Mierfolg bei der braunen Bltenmacherin mit der
lustigen Stumpfnase.
    Ich eiferschtig? Das wre geradezu beleidigend, wenn ...
    Kinder, nehmt Vernunft an, die Gendarmen sind in der Nhe. Deren Zartgefhl
ertrgt solche Scherze nicht. Da kommt auch eine Droschke mit ehrbaren
Spiebrgern, skandalisiert sie nicht! Seid dezent! mahnte der Rheinlnder
spttisch, whrend er mit der Hand seines um die Taille der Brnette gelegten
linken Armes den vollen straffen Busen streichelte, da das Mdchen erregt
aufseufzte und in heiem Schmachten sich frmlich in die Feuer und Leben atmende
Gestalt des blonden Recken vergrub.
    O, seht hin, die Gardinen zugezogen; ein Ehebett auf Rdern!
    Ich erkenne den Kutscher; er nahm am Grtnerplatztheater ein heimliches
Prchen auf.
    Hetzen wir die Gendarmen darauf!
    Willst Du gleich stille sein, Kuglmeier?
    Kutscher, Sie haben wohl etwas Zerbrechliches in dem Fuhrwerk? Schreiben
Sie doch ein anderesmal Vorsicht auf Ihre Kiste!
    Ich habe Hunger. Was stehen wir lnger da herum? Davon werd' ich nicht
satt, platzte Nanni heraus, die zarte Stengelfabrikantin. Komm, Mali!
    Also gehen wir hinber in die Wasserstrae, in den Isarhof? fragte
Kuglmeier.
    Ich bin zu allen kulinarischen Schandthaten bereit, obwohl ich keinen
Hunger habe; nur endlich los! setzte der Rheinlnder krftig ein.
    Nein, nicht in die Wasserstrae, protestierte Mali; da hlt man uns fr
nichts Rechtes, da streunen lauter schlechte Frauenzimmer herum.
    Dann gehen wir auf die andere Seite, durch die Anlagen mit den hbschen
Sitzgelegenheiten - oder ber das Muffatwehr, das ist auch romantisch und fhrt
auf die Kohleninsel, eine sehr poetische Gegend.
    Da mag ich nicht hin, fiel jetzt wieder die blonbe Nanni ein; da drben
ist's auch nicht geheuer, und die Gendarmen haben bereits ein Auge auf uns
geworfen - dort stehen sie immer noch und passen. Ich frcht' mich. Mit der
Polizei mag ich nichts zu thun haben.
    So bleibt uns nichts brig, als in die Isar hinabzuspringen und schwimmend
ein sicheres Ufer zu suchen, bemerkte der Rheinlnder ungeduldig.
    Schwimmen? Ja, Schnecken. Da dank' ich. Das ist wirklich stark. Am Ende
macht's Ihnen noch Spa, uns in's Wasser zu werfen! In der Isar sind schon so
viele Mdchen umgekommen. Verliebte Mannsbilder mit lauter Redensarten, das sind
mir die Rechten! Die sind zu allem fhig! Mali machte sich vom Arm ihres groen
Unbekannten los: Ich glaube wirklich, die Herren halten uns zum Besten? Prosit
Mahlzeit, suchen Sie sich andere dazu aus. Komm, Nanni!
    Ja, wohin denn? rief der Rheinlnder verdutzt. Na, das ist komisch.
    Die Mdchen aber schritten tapfer frba, ohne sich umzublicken, an den
Gendarmen vorber, gegen die Au zu. Die Studenten blickten eine Weile den
Flchtigen betroffen nach, dann brachen sie in ein Gelchter aus, aus welchem
ebensoviel Enttuschung wie rgerliche Spahaftigkeit schallte.
    Nur einer fand das Wort fr die Situation, Schlichting: Es geschieht uns
recht.
    Der gute Mensch! Uns sagt er - und er hat wahrhaftig von der ganzen
Geschichte am wenigsten gehabt, meinte der Rheinlnder treuherzig. Aber was
jetzt thun, Kuglmeier, rechte Hand des Zufalls?
    Jacta est alea.
    Ein klassisches Wort. Das stimmt. Aber es hilft uns nichts. Wir knnen doch
nicht so heimtrollen, ohne etwas fr die Unsterblichkeit und unser Vergngen
gethan zu haben?
    ber lauter Narretei habt Ihr vergessen, einen Blick in diese wunderbare
nchtliche Flulandschaft zu thun, nahm jetzt der stille Schlichting wieder das
Wort, ber die Ballustrade gelehnt, whrend die Kameraden heftig vor ihm auf und
ab marschierten zwischen zwei Laternenpfhlen und beratschlagten, was ferner zu
unternehmen sei.
    Die Kneipe? Nein, das ist mir zu de, sagte der Rheinlnder. Eine solche
milde Frhlingsnacht in der dumpfen Stube?
    Ich wette, sie erwarten uns da drben, in einem grnen Versteck der
Anlagen. Es war nur eine Finte, der Gendarmen wegen. Wir sollten uns die
Geschichte nicht so entschlpfen lassen.
    Donnerwetter, es waren doch ein paar patente Mdels mit einer pikanten
Nance ins Verdrehte, Phantastische.
    Eigentlich that einem die Wahl weh; ich konnte mich gar nicht schlssig
machen, welcher von beiden ich meine spezielle Neigung zuwenden sollte,
behauptete Kupfer mit Wrme.
    Der Rheinlnder bi sich bei diesen Worten leicht auf die Zunge. Na, hre!
    Hast Du das Strumpfband noch?
    Habe gehabt. Nicht einmal diese bescheidene Trophe haben wir gerettet. Es
ist zu dumm.
    Eigentlich sind wir die Genarrten. Mnner der frischen, frhlichen That
htten ganz anders gehandelt. Die Mdchen mssen uns fr rechte Gimpel halten.
    Wir haben die schne Gelegenheit verschwatzt.
    Was hlt uns denn ab, das Versumte wieder gut zu machen? rief Kuglmeier
ganz erregt und leckte sich die Lippen.
    Die Selbstachtung! rief Schlichting herber im Tone khler berlegenheit.
    Wieso, die Selbstachtung? fragte der Medizinmann zurck.
    Weil ich es fr eine zweifelhafte Auszeichnung halte, jeder Schrze
nachzurennen. brigens thut, was Ihr wollt.
    Das werden wir auch, Herr Schlichting. Und fr sich brummte Stich noch
hinzu: Eine saftlose Seele, ohne elementare Leidenschaft.
    Schlichting warf ruhig den Kopf zurck, sog die milde, wasserduftige
Nachtluft ein und lauschte dem Gemurmel der dunklen Flut, die bis zur nchsten
Brcke in schnurgeradem, gleichmigem Bette mit hastigem Wellenspiel
dahinglitt, die Spiegelung der Lichter des Himmels und die Reflexe der
Gasflammen auf den Brcken und an den Ufern zitternd zurcklassend. Neben dem
kanalartig fr die Zwecke der Flerei regulierten Hauptbett breitete sich wild
und regellos, mit niedrigem Buschwerk bewachsen, aus welchem geschlngelte
Sandwege und Kiesbnke wei herausglnzten, das vom Hochwasser alljhrlich
berflutete Feld aus, eine Art flaches Reservebett, wohl viermal so breit als
das Hauptbett, um den berschwall gefahrlos aufzunehmen und durch Wehre und
Kanle und Seitenbche abzuleiten. Die rcksichtslosen Launen einer gigantischen
Naturgewalt spotten hier der kleinlichen konomie der Menschen und zwingen sie,
weite Strecken Landes ungenutzt der Sicherheit der Stadt vor
berschwemmungsgefahr zu opfern. Was jetzt im Dmmer der Nacht wie eine
verwahrloste, trumerische Haidelandschaft neben dem geregelten Flulauf da
unten liegt und am Tage von zahlreichen Kinderscharen aufgesucht wird zu
frhlichen Spiel- und Jagdzgen: das verwandelt sich zur Zeit des Hochwassers im
Frhjahr und Herbst in einen brausenden, gurgelnden, gelb schumenden See,
gepeitscht vom Fhnsturm und umrauscht von den gewaltigen, vielhundertjhrigen
hochwipfeligen Weidenbumen und Pappeln und Buchen und Eichen, welche sich
auerhalb der Stadt zu dichten Wldern zusammenschlieen und der Isar vom Fue
des Hochgebirgs bis zur Mndung in die Donau folgen, wie eine grne lebendige
Mauer.
    Eine herbe, epische Melancholie liegt ber dieser nchtlichen Flulandschaft
ausgebreitet, eine heroische Trauer-Stimmung.
    Schlichtings Blicke aber schweifen jetzt sdwrts, wo seine Seele durch die
Wolken und die Dsternis der Ferne die Konturen der Alpen erschaut in lichter
Pracht, und darber wlbt sich aus reinem ter der ewige Himmel. Und ber das
Gebirge hinweg schwingt sich seine Seele, bis an das blaue thyrrenische Meer,
bis zum Gestade der Sirenen am leuchtenden Golf der klassischen Wunderstadt
Parthenope. Ja, dort weilt sie jetzt, in den glcklichen Gefilden Kampaniens, im
Duft und Glanz einer wonnigen, lachenden, mit sich selbst zufriedenen Natur.
    O, wie sich sein junges Herz nach ihr sehnt!
    Wie er dieses stumme Liebes-Schicksal nur ertrgt un dieser dumpfen
Werkeltglichkeit bajuwarischer Bierversumpfung ... Da der Knig diese, Stadt
meidet, wie innig begreift er's jetzt .... Eine chaotische Husermasse, liegt
sie hier zu seiner Linken; eine dicke, trge, blaugraue Wolke schwebt ber ihr
gleich einem dummen, boshaften Dmon.
    Was ist das? Aus der hlichen Wolke lst sich pltzlich eine faustgroe
Feuerkugel, in wunderbarem grnen Licht beschreibt sie einen Bogen gegen den
stlichen Horizont, erleuchtet magisch wie ein langsamer Blitz die schwarze
Gegend - das Maximilianeum am Isarufer auf der Gasteig-Hhe glht auf wie ein
Geisterschlo - und die Erscheinung verlscht ohne Geflacker, bevor sie den
Horizont erreicht.
    Flora, ich denke Dein! rief Schlichting in berquellender Empfindung und
hielt die Hand ber das geblendete Auge.
    Aber Schlichting, wo bleibst Du denn? hrte er pltzlich wie durch eine
Wand Kuglmeiers Stimme. Die Andern sind ja lngst voraus, den Mdels nach.
    Die Andern? fragte Schlichting verwundert aus seinem Traum, erwachend;
ach so! Geg' nur Hans. Ich finde den besseren Weg allein heim. Mich begleitet
Flora ...
    Der kleine Kuglmeier war verschwunden.
    Wie wenig er seiner Schwester gleicht! - Da sie zehn Jahre lter ist -
lter ist? - zehn Jahre mehr zhlt als ich, das macht sie nur reifer und
tchtiger und begehrenswerter, mehr lter ... Begreiflich, da die Ralerischen
Kinder fr eine solche Erzieherin schwrmen und sie nicht vergessen knnen.
Besonders der Hermann. Ich werde ihn anstiften, ihr wieder zu schreiben und dann
werde ich einiges Persnliche von mir hineinkorrigieren - das ist unauffllig
und vertrgt sich ganz gut mit meinen Verpflichtungen als Nachhilfs-Lehrer in
klassischen Sprachen. Und selbst wenn Frau Raler dahinterkme - ein so
herzensgutes Weib, resolut, und dabei lustig und versteht einen Spa - lachen
wrde sie, weiter nichts ...
    Schlichting fhlte sich so wohl und frei bei diesem Selbstgesprch und sein
Alleinsein kam ihm jetzt vor wie die Befreiung aus einer Haft. Seine Brust hob
sich in unendlichem Kraftgefhl, und elastischen Schrittes verlie er die
Brcke. Pltzlich hielt er an: links fhrt der Weg durch eine schmale Anlage
ber das Muffatwehr, rechts in die Lindenallee mit dem kleinen Park vor der
Frhlingsstrae - geradeaus in die Vorstadt Au. Wohin also?
    Da er den abenteuernden Kameraden nicht noch einmal in die Hnde luft! Die
bertigen Bursche hatten ihn berdies heute schon zu Unziemlichkeiten und
Geschmacklosigkeiten verleitet. Ein Scherz mit leichtfertigen Mdchen, die dazu
noch sauber und anmutig sind, ist zwar kein Verbrechen, allein es ist sicherer,
man geht dem verliebten, beutelustigen Gesindel aus dem Weg.
    Also links, ber das Muffatwehr, das ist der krzeste, einsamste und
sicherste Weg - und der abwechslungsreichste zwischen den beiden Isarlufen,
frischeste und lustigste obendrein. In zehn Minuten ist man an der
Maximiliansbrcke.
    Vom Thurm der Auer Mariahilfskirche schlug eben die elfte Stunde in
krftigen, sonoren Schlgen, so schmetternd, als ob auch die Glocken in ihrer
Hhe vom nahenden Frhling wten und von der neuen Kraft und Schnheit, die er
ber die sehnende Kreatur ergiet.
    Der Einsame zhlte halblaut und bog links ab.
    Schon elf! Links, nicht wahr, Flora? Der Nachtschwrmer soll sich sputen,
da er in die Federn kommt, damit er in frhlicher Herrgottsfrhe ...
    Was ist denn heute auf Weg und Steg Verrcktes los?
    Schlichting blieb in seinem Selbstgesprche stecken, als er des seltsamen
Bildes ansichtig wurde.
    Hart am Ufer stand ein riesig hoher, mannsdicker Weidenbaum mit
weitausladendem, gegen den Flu berhngendem Astwerk. Eine Wurzel, dick wie ein
Mannsschenkel, war vom Stamm frei in die Hhe gewachsen mit einer lnglichrunden
Schlinge nach auswrts, die einen natrlichen Sitzplatz bot, jedoch nur
hochgewachsenen Leuten erreichbar.
    Auf dem Wurzelsitz hockte ein Mann mit herniederbaumelnden nackten Fen,
angethan mit einem weiten, weigrauen Talar, das Haupt unbedeckt, Haare und Bart
ungeschoren. Neben ihm kauerte ein Weib, in schwarze Tcher und Fetzen regellos
gehllt; die Gestalt war mehr zu erraten, als deutlich zu sehen. Sie hatte die
Beine an den Leib gezogen; Kopf und Brust lagen im Schoo des Mannes, die Arme
hingen schlaff herab.
    Es war Zufall, da Schlichtings Blick die Gruppe auf dem Wurzelsitz
gewahrte. Vom Wege aus war sie nicht leicht zu bemerken; die Schattenwirkung war
an dieser Stelle der Anlage so stark, da nur ein gewitzigtes Auge durch die
weigraue Talarsilhouette angeleitet werden konnte, hier menschliche Gestalten
zu suchen. Zudem hielten sich die Umrilinien fast unbeweglich: nur der
herabhngende Arm machte ab und zu eine pendelnde Bewegung, gleich einer Geste,
die ein Wort begleitet, und der ruhende Frauenkopf hob sich zuweilen zu einer
seitlichen Drehung, um dem Manne ins Antlitz zu sehen, mit dessen Bart- und
Haupthaar-Gelock die Nachtluft spielte.
    Wie der Jger sich an ein edles Wild heranpirscht, so schritt Schlichting,
nachdem er zuerst berrascht zurckgewichen, auf den Zehenspitzen in weitem
Kreise, von Buschwerk und Baumstmmen gedeckt, auf den Weidenbaum zu, um
mglichst nahe an das seltsame Menschenpaar heranzukommen, dessen Gebahren und
Gesprche zu belauschen, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das gelang.
Schlichting hatte endlich seinen Standpunkt hinter dem dicken Weidenstamm selbst
gefunden, so da er jedes geflsterte Wort vernehmen konnte. Zuerst war er so
erregt, ber diese heimliche Annherung und so wenig dieser indiskreten
Lauscherrolle mchtig, da er sein Herz laut pochen und seine Ohren sausen
hrte.
    Das Weib fragte fast immer, aber mit merkwrdiger Betonung, und dann kam
wieder ein Tonfall, der wie ein bewutloses Traumreden klang, und hernach wieder
ein leidenschaftliches Wort, dem ein totmdes folgte.
    Der Mann sprach ganz ruhig, ganz gleichmig, fast schlferig, doch lag eine
wundersame Ueberzeugungskraft in seinen Worten und dazu eine Milde und
Herzlichkeit, wie wenn eine Mutter zu einem kranken Kinde spricht. Er antwortete
nicht auf jede Frage und nicht in der gestellten Reihenfolge; dann wieder
brachte er etwas auer allem Zusammenhang vor, das vielleicht eine gedachte
Frage beantworten oder von anderen Fragen ablenken sollte. Zuweilen wurde der
Eindruck, als ob der Mann hier nur als Seelenarzt zu einer Verirrten und
Geistes- und Gemtsgestrten spreche, doch wieder beeintrchtigt durch Anreden
allerintimster Empfindung von ihr zu ihm.
    Ungelst blieben dem Lauscher als ebensoviele schwere Rtsel die seltsame
Tracht der Beiden, der seltsame Ort, die seltsame Art und Bedeutung der
Gesprche. Er kniff sich in die Nase, um sich zu berzeugen, da er nicht das
Opfer einer Halluzination, einer Vision oder dergleichen sei, sondern alles
leibhaftig mit zurechnungsfhigen Sinnen erlebe. Und chzten nicht die Zweige
hoch ber seinem Haupte im Nachtwind und tauschte nicht die Isar wehmtig leise
herber? Und war es nicht wie der belebende, drngende und s erregende Atem
des erwachenden Frhlings, was ringsum wehte und webte in geheimnisvoller Nacht?
Nein, es ist kein Geisterspuk.
    Jetzt aber galt es, alle Kritik zurckzudrngen und von dem Gehrten und
Geschauten so viel als mglich und so genau als mglich dem Gedchtnisse
einzuprgen. Als sie nach einigem Stillesein wieder zu fragen anhob, unterschied
Schlichting ganz deutlich, da die Stimme des Weibes lter klang, als die des
Mannes. Sollte es die Mutter sein, die zu ihrem Sohne spricht? Nein, diese
Annahme hat gegen sich, da der Mann sie stets bei dem Namen Magdalena nennt.
Oder wre es ein verheimlichtes, oder dem einen oder andern Teile unbewutes
Kindesverhltnis? Rtsel ber Rtsel! Hieroglyphen vielleicht eines
Familiendramas?
    ... War's nicht zur Frhlings-Tag- und Nachtgleiche, da das Ungeheure
geschah? Wie kann eine Gleiche bestehen, wenn Missethat nicht gerochen wird? Hat
Gott seinen Arm erhoben mit dem Schwerte des Rchers? Wird es Frhling und Gott
ist nicht nahe? Schreitet er als der Strafende durch die Welt und schlgt die
Bsewichte nieder, die seinen Frhling schnden? Wie kommt der Ewige zu uns?
...
    Als der Allerbarmer ist er uns nahe, wenn wir dem neuen Leben unser Herz
erschlieen und alles auskehren, was unrein und verdorben.
    Hast Du ein Zeichen fr seine Erscheinung? Wer gibt uns Zeugnis?
    Gedenke des Propheten Elias; als er von seinem Volke verstoen war, da ging
er in eine Hhle des Berges Horeb, in der Einsamkeit sein Herz zu lutern. So
bin auch ich in die Eind gezogen, in den Steinbruch ... Aber dem Propheten ward
der Befehl, auf den Berg zu steigen und vor Gott zu treten. Und siehe, der Herr
ging vorber. Ein groer, starker Wind, der die Berge zerri und die Felsen
zerbrach, ging vor dem Herrn her - aber der Herr war nicht im Winde. Nach dem
Winde kam ein Erdbeben, aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem
Erdbeben kam ein verzehrend Feuer, aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach
dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen ...
    O, ich hre es ..., hauchte das Weib.
    Und da Elias es hrte, verhllte er sein Antlitz mit seinem Mantel, denn
Gott, der Allmchtige, war in dem stillen, sanften Sausen.
    Spter aber, als der Prophet der Welt entrckt wurde fr immer, nahm ihn
Gott hinweg in Sturm und Feuer. Ist's nicht so? fragte sie.
    Er war nicht der Prophet der Liebe und der Hoffnung; er war der Prophet der
Bue und der schrecklichen Vergeltung.
    Wann wird uns Vergeltung fr alles Leid und ihnen Vergeltung fr alle
Bosheit? Sag' an, warum fliehen sie vor mir, da ich sie nicht treffen kann mit
meinem Fluch? Warum weichen sie aus, wenn ich nahe mit meiner Liebe? Ich habe
nach Jahren ihr Haus gesucht, warum fand ich's nicht? - Und die Stimme des
Mannes darauf:
    Ihr altes Haus ist zerstrt und der Garten verwstet, und wo sie nun
wohnen, da ist nicht ihr Haus. Je nher sie den Menschen der groen Stadt
gerckt und mit ihnen gemeinsam leben, desto weiter sind sie in die Fremde
gekommen und trauriger ist ihr Herz geworden.
    Einst habe ich meine Fe blutig gelaufen auf ihren Pfaden, da ich den Zorn
und den Ha brachte; jetzt, da ich Liebe zu ihnen trage, warum verhllen sie mir
ihre Pfade? Und wrde ich noch elender auf den neuen Wegen, was ginge sie's an?
Hat sie mein erstes Leid gerhrt?
    Darum kehre wieder zu mir zurck in meinen Steinbruch, dessen Felsen die
Hlle verriegeln. Wer will Dich dort anfechten?
    Die Dich anfechten, sagen sie nicht, Du seiest ein verlorener Mann, und dem
Untergang bleibe geweiht, wer sich an Dich hlt, an Deine Lehre und Dein Leben?
Sie hob fragend den Kopf.
    Ich frchte nichts, so lang' ich mir selbst Treue halte. Glaube mir,
Magdalena.
    O Dein Leben, ist's nicht schauerlich? Und triebest Du das seligste Werk,
nimmer wirst Du Deinen Lohn finden. Du bist anders als die Andern, das ist Dein
Verbrechen in ihren Augen. Anderssein ist Schuld. Ist nicht alles verdorben von
Anfang an?
    Ich bin getrstet, wenn Du bei mir bleibst. Dein gutes Schicksal will ich
sein. Sume nicht lnger, folge mir!
    Du leidest Hunger und Durst im Steinbruch und Dein Leib friert, wie soll
Dein Beispiel der Menge fruchten, die nach Wohlleben lstet, die kein Laster und
Verbrechen scheut, Wohlleben zu erreichen? Armer Mann, Du treibst ein traurig
Handwerk! Und die Welt geht an Dir vorber, zuckt die Achseln und verachtet
Dich.
    Ich gehe an der Welt vorber und weihe ihr mein Mitleid, klang des Mannes
Stimme.
    Spricht sie nicht, Du seist ein berflssiger und Dein Mitleid Thorheit?
    Die Welt ist, so lange ich sie will, sie ist nicht mehr, werfe ich den
Willen von mir.
    Hrst Du die Isar rauschen? Begrabe Deinen Willen in ihrer Flut und Du hast
Ruhe. Alles fliet und zerfliet und sammelt sich wieder. Rauscht die Isar nicht
auch an Deinem Steinbruch vorber? Das Weib richtete sich auf.
    Sie rauscht vorber, aber ich hre sie nicht. Ich hre nur Dein Herz an dem
meinigen schlagen und fhle Dein Elend. Komm' wieder zu mir, da ich Deine Last
tragen helfe. Es ist Zeit, folge mir! Weich, bittend sprach's der Mann.
    Geh' an der Zeit vorber. Es ist nichts.
    Du zitterst. Deine Hnde sind kalt. Feucht fhle ich Deine Haare.
Mitternacht naht und verscheucht die Wachenden. Ich trage Dich in meinen Armen
davon. Dulde, da meine Liebe Gewalt braucht ... Das Frhrot findet uns geborgen
im Steinbruch, Dich und mich ...
    Ein Herabgleiten, ein Wanken, ein Mhen, auf die Beine zu kommen. Endlich
war das rtselhafte Paar mden Schritts auf dunklem Waldwege verschwuden. -
    Mit sanftem Blinken schlpfte die Sichel des abnehmenden Mondes aus dem
Gewlke und umhllte Isarlandschaft mit zartem blulichen Schein. - -

                                       3.


Brigitta rieb sich wiederholt die Nase. Das that sie gewhnlich, wenn sie voll
innerer Unruhe war.
    Meine Nase juckt so, da erfahr' ich heute gewi noch was Neues.
    Sie brachte diese Redensart in einem Ton heraus, der einem aufmerksamen Ohre
sofort verraten htte, da die Alte mit einer obenhin gesprochenen Phrase nur
vor der Kundgebung ihrer eigenen qulenden Gedanken sich flchten, oder durch
Gleichgltiges viel Wichtigeres, das in ihrer Empfindung bohrte und nach
Aussprache rang, zerstreuen und ablenken wollte.
    Allein Max v. Drillinger besa in diesem Augenblick die Feinheit eines
aufmerksamen Hrers durchaus nicht.
    Schlie das Fenster, Brigitta, ich bitte Dich; ich bin ja in Hemdrmeln!
Die Luft ist mir zu frisch, kaum fnfzehn Grad. Und das Rauschen der Isar ist
mir heute so zuwider; das ewige Gesumme, Gesause und Gepltscher, Geklatsche und
Gegurgel - schlie zu, schlie zu! Es geht mir auf die Nerven. - So recht, mein
Hausmtterchen. Danke!
    Brigitta hatte die Nase wieder hereingezogen und den halbgeffneten
Fensterflgel mit zitternder Hand zugelehnt. Nun fuhr sie tastend an dem Rahmen
hinauf, drckte und klopfte, da die Scheiben leise klirrten und die Angeln
knarrten.
    Ach, diese neumodischen Verschlsse! seufzte sie; es ist jedesmal eine
ordentliche Arbeit, bis man so ein hohes, schwankendes Fenster wieder zubringt.
Die alten Reiber in unserem Gartenhuschen da droben waren so einfach und
hielten so gut. Es ist nichts mit dem neuen Zeug. berhaupt -, ach, das war dort
doch ein ganz anderes Wohnen, so zwischen Wiesen und Feldern und Grten, und die
Isar-Auen vor der Thr und die Stadt weit fort im Rcken und doch nah genug,
wenn man sie brauchte. Das Glockengelute hat man immer so schn in unsere
Einsamkeit hereingehrt. Einmal, an Ostern oder Charfreitag - - ich hr' ihn
noch, diesen tiefen, bebenden, von fern hallenden Ton, er schwebte her wie aus
dem Himmel. - - Und die Isar rauschte wie Auferstehungslieder ...
    So schwatzend, trippelte sie vom Tisch zur Komode, Kleinigkeiten ordnend.
    Da hast Du wohl recht, Brigitta; es ist nichts mit dem neumodischen Zeug.
Aber erst das Allerneueste! Da wirst Du was erleben, wenn wir hier wieder
ausziehen mssen aus unserem stillen Winkel und weiter hinaufgedrckt werden in
die Wasserstrae oder Quaistrae. So eine wachsende Grostadt - wie ein
Riesenungeheuer sperrt sie den hllischen Rachen auf und frit sich weiter und
weiter in die stille, geduldige Natur hinein, und Felder und Wlder und Drfer
ringsum werden von ihr verschlungen und verschluckt wie kleine Kaninchen von der
Klapperschlange. Und wir werden mitverschluckt, Brigitta. Die Klapperschlange
Grostadt frit uns auf ... Es ist keine Rettung mehr. Hinaus knnen wir nicht
mehr ... Hier lassen sie uns gewi auch nicht mehr lang in Ruhe, die verfluchten
Stadterweiterer und Bauspekulanten. Dann sind wir verdammt, in einem
allerneuesten Massen-Miets-Palast billigen Unterschlupf zu suchen; die Zeit des
eigenen, freien Gartenhauses ist ewig dahin ... Lauter architektonische
Fabrikware. Sicht groartig aus und ist doch nur stilvolles Gelump, mit
Wohnungen, eng wie Hftlings-Zellen. Ist das Fenster wirklich zu? Ich spre
immer noch einen leichten Luftzug. Geh' mir, die Isar ist doch ein rechtes
Zugloch. Ich pfeife auf die ganze Wasser-Poesie, wenn man nichts als Schnupfen
und Rheumatismus und rger davon hat. Ist das Fenster wirklich dicht
geschlossen? Brigitta? Antworte, Hausmtterchen! Trumst Du denn schon wieder?
Vom nchsten Umzug vielleicht und unserem Zukunftspalast? Sei ohne Sorge, das
kommt nicht ber Nacht und an der Isar bleiben wir doch immer - gibt ja in der
ganzen Welt nichts Schneres als unsere frische, grne, wilde Isar zwischen -
sagen wir einmal: Grohesselohe und Brunnthal. Na, Hausmtterchen?
    Die alte Wirtschafterin hatte inzwischen ein ganz anderes Gedankenfdchen
weiter gesponnen und von den abgerissen gesprochenen Stzen Max v. Drillingers
nichts als den musikalischen Klang einer nervsen Bariton-Stimme vernommen.
Indem sie mit den magern, blutleeren, vom Alter und von der Gicht gekrmmten
Fingern die weie, dnne Haarlocke, welche der Morgenwind unter dem schwarzen
Wollhubchen hervorgezaust hatte, zurckstrich, tappte sie nach dem ledernen
Lehnstuhl und lie sich auf dem alten, durch ein aufgelegtes Federkissen
verbesserten Sitz nieder. Dann sprach sie, ohne bergang und Anrede, halblaut
vor sich hin:
    Es ist komisch mit der Luft. Wenn ich so am Morgen einen Mund voll am
offenen Fenster einschnaufe, erinnert sie mich immer an etwas. Ja, es ist wahr,
es liegt etwas in der Luft. Sie ist gewi nicht blo zum Schnaufen da. Und sie
ist oft so anders. Heute ist sie gerade so wie damals, als Ihr Herr Bruder
abgereist ist nach Amerika. Sie riecht so, und kitzelt so. Man wird so unruhig
davon, ganz ngstlich. Es geht auch wieder der nmliche Wind. Das seh' ich an
der groen Wetterfahne da drben ber der Isar auf dem Steigerturm der
Feuerwehr. Die ist gerade so gestanden, als Ihr Herr Bruder in dieser Stube
heimlich Abschied von mir genommen hat. Damals waren wir kaum hier eingezogen.
Ach Gott, es hat schlimm angefangen im neuen Haus - - Jetzt ist drauen wohl
alles verwstet, das Huschen mit seiner Holzaltane und den Epheuranken, und der
Garten. - Eine Fabrik haben sie hingebaut? Etwas so Garstiges. Und uns haben sie
verjagt, und die vielen Vgel, die werden von selbst davon sein - und die wilden
Tauben mgen den Rauch und Dampf auch nicht. Der schne Duft im Garten - -
    Ja, Du hast noch eine ausgezeichnete Nase und vortreffliche Augen,
Brigitta, bemerkte Max v. Drillinger. Er stand vor dem Pfeilerspiegel; die eine
Hlfte des Gesichts noch dicht mit weiem Seifenschaum bedeckt, hantierte er
jetzt mit dem Rasiermesser an einer schwierigen Stelle der linken Wange. Er
drckte das linke Auge zu und zog, die halbe Unterlippe schief nach rechts. Das
Licht war heute selbst in der Wohnstube, wohin er seit dem Winter der besseren
Beleuchtung wegen einen Teil seiner Toilette-Besorgung verlegt hatte, wirklich
recht unzulnglich. So groe Mhe hatte ihm das leidige Rasieren schon lange
nicht mehr verursacht. Aber er konnte sich nicht entschlieen, in seinem Gesicht
eine fremde, von Schwei und Seife duftende Hand herumfahren zu lassen. Das wre
ihm zu ekelhaft.
    Fr mein hohes Alter freilich, fiel Brigitta langsam ein. Aber ich spre
doch, wie's mit den Krften abwrts geht.
    Drillinger machte noch eine Grimasse, dann setzte er das Messer ab, um das
Schabicht von der feinen Klinge abzustreifen und diese wiederholt auf dem
Streichriemen zu schrfen. Dabei wandte er den Kopf gegen Brigitta und bemerkte
lchelnd: Geh' Du mir doch mit Deinem Alter. Siebzig Jahre - die schnste
Jugend! Die ganze Weltgeschichte wird heute von lauter so jungen Leuten in
Deinem Alter gemacht: der Kaiser, der Papst, der Bismarck, der Moltke, der Grvy
in Paris, der Gladstone in London - das sind ja lauter historische Wunderkinder
zwischen siebzig und hundert Jahren. Wer unter fnfzig oder sechzig ist, der ist
ein Grnschnabel, der in der Weltgeschichte gar nichts mitzureden hat. Und den
Windthorst nicht zu vergessen - was macht der noch fr jnglinghaften Spektakel
in der groen und kleinen Politik! Und Dein Liebling Dllinger! Und Du sprichst
von der Abnahme der Krfte mit Siebzig - heute, wo die Greisenhaftigkeit das
Monopol hat, so krftiglich die Welt zu regieren! Brigitta, versndige Dich
nicht an Deinen Zeitgenossen! Ich habe mir auch einen runden Hunderter
vorgenommen. Kein einigermaen anstndiger und gebildeter Mensch thut's mehr
unter hundert. Es ist taktlos, frher die Platte zu putzen. Erst der steinalte
Mensch ist der wahre, der moderne und zeitgeme Mensch. Methusalem - das ist
das hohe Vorbild, dem wir nacheifern mssen. Dann blht vielleicht auch uns noch
die Mglichkeit, es zu etwas zu bringen. Hrst Du?
    Aber diese halb spahafte, halb ironisch rgerliche Rede war fr die gute
Alte doch zu lang. Ihr siebzigjhriges Fassungsvermgen mochte so ausgedehnten
Vortrgen nicht mehr folgen. Besonders heute nicht. Sie spann daher ihr
abgerissenes Fdchen wieder an:
    Auch vom Sdbahnhof herber der nmliche Pfiff. Das ist ein Zeichen, da
das Wetter umschlgt.
    Paperlapap, das ist ein Zeichen, da der Kufsteiner Schnellzug
hereingefahren ist, unfehlbare Wetterprophetin! Vielleicht bringt er Nachrichten
von unserem Italia-Bummler, dem groben Architekten. Seit seiner kurzen
Neujahrsepistel hat er nichts mehr von sich hren lassen. Vielleicht fngt er
schon an ber neue Bekanntschaften die alten zu vergessen. Die Menschen sind
einmal so. Man mu sich auf alles gefat machen, besonders bei einem Weltlufer
von verrcktem Knstler. Hast Du's nicht ber die Isarbrcke stampfen und
schnauben hren, das sogenannte Dampfro?
    Schon, schon. Ich meine doch, es msse von dem Architekten ein Brief
unterwegs sein.
    Brigitta war wieder an die Scheiben getreten und hob ihr rhrend edles, wenn
auch verrunzeltes Gesichtchen mit der feinen dnnen Nase zum grauen
Frhlingshimmel empor. Die matten Augen zwinkerten.
    Es ist halt kein Frhling mehr wie in meinen jungen Jahren. Die ganze Natur
ist nimmer froh. Da war alles so voll Sonnenschein und Wrme und Blumen und
hellen Kleidern, und die Fe waren so leicht, und die Wolken schwebten viel
heiterer. Heute ist der Himmel gar so schwer und dunkel. Sehen Sie nur, wie die
schwarzen Wolken sich in das Thal hereinschieben. Man meint, das Isarwasser
fliee heute noch schneller, um den drckenden Wolken zu entkommen. Es ist, als
wollt' es Reiaus nehmen .....
    Ja, Du magst Recht haben, gute Alte, bemerkte Drillinger ebenso zerstreut
wie liebreich, indem er, den linken Arm hoch erhoben, mit Daumen und Zeigefinger
seine Nasenspitze fate und nach links zog, um die rechte Wangenflche glatt
unter das Messer zu bekommen. Geh' mir ein wenig aus dem Licht, Brigitta, ja?
Es wird ja ganz dunkel.
    Jesus Maria, ein Blitz! rief die Alte und fuhr sich mit der Hand ins
Gesicht, mechanisch das Zeichen des heiligen Kreuzes machend.
    Und ein tchtiger Schnitt gerade unter'm Ohrlppchen, zum Donnerwetter!
fuhr Drillinger auf. Er legte das Messer weg und griff nach dem Schwmmchen, das
Blut zu stillen. Eine Perlenreihe roter Trpfchen zog sich schon den Hals hinab.
    Die Alte war in den Lehnstuhl gesunken. Sie schlo die Augen und bewegte
lautlos die Lippen wie im stummen Gebet. Drauen rumorte der Donner und
bertnte mit seinem Krachen und Rollen das Rauschen des Flusses. In die
Intervalle des Donners fielen die hohen Uferweidenbume mit mchtigem Sausen und
Brausen ein, und pfeifend warfen wuchtige Windste den klatschenden Regen gegen
die Scheiben. Im Nu war die ganze zweifenstrige Stube in Dmmer gehllt.
    Da hast Du die Neuigkeit: das erste Frhlingsgewitter - Deine juckende Nase
hat's richtig erraten! Drillinger schob das flchtig gereinigte Rasierzeug
beiseite, schlpfte in seinen roten Schlafrock und warf einen raschen Blick
durchs Fenster auf das Aufruhrschauspiel der Elemente. Dann wusch er sich noch
das Gesicht, stubte etwas Puder auf und trat zu der Wirtschafterin, die wie
entschlafen im Lehnstuhle hockte, das Haupt gegen die Schulter geneigt.
    So, Wetterhexe, das hast Du wieder brav gemacht mit dem berraschenden
Donnerwetter, scherzte Drillinger und strich der Alten das Kinn.
    Ist's vorber? - Brigitta hob ein wenig, den Kopf.
    Ei, das war ein kurzer Schreck; sieh nur, wie die Sonne jetzt durch die
zerfetzten Wolken zu uns hereinlacht! Und die Isar rauscht wieder ganz
gemtlich, als ob sie der Spa gar nichts angegangen wre. Komm, Brigitta, Dein
Tyrann hat Hunger bekommen von all' der Aufregung. Ein Gabelfrhstck wr' jetzt
sehr schn!
    Aber Brigitta blieb fest sitzen. Sie richtete aus den halbgeschlossenen
Augen pltzlich ihren Blick wie forschend auf sein lchelndes Gesicht. Wie im
Verfolge unausgesprochener Gedanken sagte sie dann: Und so wird der Mensch von
schweren Wettern heimgesucht und seine Ahnungen besttigen sich. Man wei
niemals, woher es kommt und wohin es geht. Aber Gott spricht durch Ahnungen.
    Was, Ahnungen! Es ist ja alles vorbei und die goldne Frhlingssonne lacht
vom Himmel. Mir ist jetzt ganz warm und wohl geworden. Der Donner hat meine
Nervositt fortgeorgelt. Hungrig bin ich, Brigitta, nur hungrig! Und Drillinger
wiegte seine leichte, zierliche Gestalt, die keine Spur von Mnchener
Bierverschlammung zeigte, auf den Zehen, die Hnde in die Hften gesttzt. Man
merkte die Gewhnung eleganter, ritterlicher Krperbeherrschung des ehemaligen
Offiziers, trotz der vierzig Jahre. Die Augen glnzten freundlich, wenn auch
leicht verschleiert, in ihrem lichten Braun; der von einem nicht sehr starken
dunklen Schnurrbart berschattete Mund, in dessen Winkelspiel sich zuweilen eine
interessante Mischung von Widerwillen, schmerzlicher Empfindung und
genulsterner Erregung auszudrcken pflegte, hatte jene feine jugendliche
Schwellung der Linien, als ob ber die Lippen niemals ein schneidiger
Kommandoruf, sondern stets nur ergtzliches Geplauder und verliebtes Gekose
geflossen wre. Ein ser, phantastischer Dichtermund hatte ihn einst eine
Kennerin definirt. Nur von der wenig gewlbten, fast steil ansteigenden, nicht
mehr ganz, glatten Stirn schwebte ein Schatten hernieder, der dem offenen,
geistvollen Gesichte einen Anflug von Melancholie verlieh.
    Unbeweglich verharrte Brigitta in ihrem Lehnstuhl. Die verschlafene weie
Angorakatze Franzi war lautlos vom Sopha gesprungen, hatte sich den
hochgezogenen Rcken wollstig an den Waden Drillingers gerieben und reckte sich
jetzt auf den Hinterbeinen am Lehnstuhl empor. Die Alte legte der Schmeichlerin
die welke Hand auf den Kopf, eine bescheidene Liebkosung, welche das Thier
gewohnheitsmig als Einladung betrachtete, unter der Armlehne hinweg der Alten
in den Schoo zu schlpfen.
    Drauen rauschte die Isar und die goldene Sonne sprhte bermtigen
Lenzes-Glanz, whrend in Drillingers neuer Junggesellenklause in der Auenstrae
eine fast beklemmende Stille herrschte und von dem stummen, bleichen Bilde der
greisen Brigitta, die vorhin noch so erinnerungsschtig schwatzte, es wie
lebenerstickendes Grabeswehen durch die schweigende Stube schauerte.
    Da schrie Drillinger angstvoll auf: Gute Brigitta, sprich doch, ist Dir
was? Du machst einem ordentlich bange!
    Und ohne eine Entgegnung abzuwarten, strzte er ans Fenster, ri mit den
Worten Luft, Luft! beide Flgel auf, nahm vom Toilettentisch ein
Riechflschchen und bespritzte mit dem starken Duftwasser seiner Wirtschafterin
Stirn und Schlfe und rieb ihr krftig die Hnde und den Puls. Mit einem Satz
flog Franzi auf den Boden, und Brigitta ffnete langsam und mit erstauntem
Blicke die Augen, als kme ihr Geist aus einer fernen, fernen Welt. Drillinger
drckte seinen Kopf zrtlich an ihr Gesicht und behorchte dann die aussetzenden,
kraftlosen Schlge des Herzens.
    Es kann ja nicht sein, nicht wahr, gute, treue Brigitta? flsterte er.
    Ach, das war wohl ein Anfall - eine Ohnmacht? Und ein flchtiges Lcheln
bewegte ihre schlaffen Zge. Wie das so schnell ber einen kommt! - Aber es war
diesmal nicht schmerzlich - es that nicht weh - ich hrte eine se,
berauschende Musik - und Bilder sah ich, zuerst deutlich, dann verschwommen -
und Musik und Bilder gingen in eins - dann war ich wohl tot? Und Sie haben mich
wieder aufgeweckt?
    Geh, geh, treue Brigitta, ein garstiger, pltzlicher Traum am hellen Tage
war's; aber erschreckt hast Du mich doch. Das darfst Du mir nicht wieder thun,
hrst Du? Und er streichelte ihr die Wangen und kte sie auf die Stirn:
Hausmtterchen, Du weit, ich bin kein sentimentaler Einfaltspinsel, aber
diesmal ist mir's ans Herz gegangen, und das Weinen ist mir jetzt noch nher als
das Lachen. Solche Scherze darfst nicht wieder machen! Hrst Du, wie die Isar zu
Dir herauf rauscht? Das war Deine Traum-Musik. Siehst Du, wie die Sonnenstrahlen
zu Dir hereintanzen? Das waren Deine Traumbilder. Und nun komm', jetzt will ich,
der Herr, Dein Diener sein, und ich, der Hungrige, will Dich speisen, damit Du
rasch wieder zu Krften kommst. Bist Du's zufrieden?
    Brigitta nickte unbestimmt mit dem mden Kopfe. Sie wute selbst noch nicht
recht, was sie zu so viel gtiger Aufmerksamkeit sagen sollte, obwohl sie das
liebreiche Herz ihres Herrn kannte. Warum er denn nicht das Dienstmdchen, die
Resl, hereinrufe?
    Die schlendert noch auf dem Marktweg herum, oder gafft irgendwo oder
schwatzt sich einen Kropf. Auf diese Mdels ist ja kein Verla.
    Drillinger war an die Thr geeilt, welche auf den Hausgang und in die Kche
fhrte. Den Drcker in der Hand, wandte er sich noch einmal um: Nicht wahr,
Brigitta, es war nur blinder Lrm? Ich brauche keinen Arzt zu holen? Du wirst
sehen, meine Kochkunst bringt's auch fertig. Nun will ich 'mal mit dem
Kochlffel die dumme Ohnmacht in die Flucht schlagen. Ich hab's in meiner
Karriere blo bis zum Hauptmann gebracht, aber kochen kann ich wie ein General,
wenn's sein mu. Du hast einen leeren Magen, das war's. Die elende Kaffeebrhe
...
    Die Alte mute lcheln ber die Wrter-Geschftigkeit ihres Herrn
Hauptmanns. Sie winkte ab.
    - Nicht doch! Am Essen lag's nicht. Die Nacht war schon so eigentmlich
gewesen. Bse Trume. Ihre Schwester, die verrckte Magdalena, hatte ihr
zugesetzt. Die verschollene Afra war auch wieder aufgetaucht und schnitt
teuflische Grimassen. Dann war der amerikanische Bruder des Herrn dazu gekommen,
mit einem Strick um den Hals; an das eine Ende band er die Magdalena, an das
andere knpfte er die langen schwarzen Zpfe der Afra, und dann tanzten sie alle
drei wie wahnsinnig, bis ihm schlielich die zwei Frauzimmer den Hals zuzogen
und ihn elend erdrosselten. Es war eine frchterliche Hetzjagd im Halbschlummer.
Und von der Isar krachte es herauf, als wre es ein Wasserfall, der geradenwegs
vom Himmel strzt und auf die Strae schlgt und vom Pflaster wieder aufklatscht
und die ungeheure Wassermenge zurck an die Himmelsdecke wirft, als ob geplatzte
Wolken wie Riesengummiblle zwischen Himmel und Erde mit mrderischem Geplatsch
hin und her hpften. Und der amerikanische Bruder des Herrn, der rote Ludwig,
kam in diese tosende Wassermenge auch wieder hinein, mit den beiden Schwestern,
in Form langer, schlapper Schluche zu einem hlichen Knoten verknpft, an
welchem man die drei Gesichter deutlich unterscheiden konnte - nur waren sie
schauderhaft verzerrt, entstellt, grinsend wie Totenkpfe - - O, es war
schrecklich. Erst gegen Morgen verschwanden allmhlich die Phantome und es
stellte sich ein kurzer, ruhiger Schlaf ein.
    Und von all' den Greuelgeschichten hast Du mir bis jetzt keine Silbe
gemeldet?
    - Freilich nicht. Brigitta wollte selbst nicht mehr daran denken; sie wollte
die Erinnerung gewaltsam niederdrcken. Drum war sie die ganze Frhe her so
unruhig, so zerstreut. Besonders den Bruder des Herrn brachte sie nicht aus dem
Sinn.
    La den roten Ludwig; Du weit, wie peinlich es mir ist, ihn nur nennen zu
hren.
    - Natrlich wute sie das; aber sie konnte es doch nicht berwinden. Sie
mute vorhin wie zufllig seiner gedenken und merkte es wohl, wie der Herr Baron
dabei die Miene verzog. O, er hat nicht blo des bequemeren Rasierens wegen ein
krummes Gesicht gemacht. Brigitta kennt dafr ihren Herrn zu gut.
    Drillinger war von der Thr wieder zurckgegangen, hatte einen Stuhl
herangeschoben und sich kopfschttelnd neben Brigitta gesetzt. Er fate ihre
Hand, hielt und rieb sie zwischen seinen beiden Hnden und lauschte auf ihre mit
schwacher Stimme zusammenhanglos hervorgestoene Erzhlung mit gepretem Herzen
wie ein Kind, dem ein grausiges Ammen-Mrchen erzhlt wird. Die verrckte
Magdalena, die verschollene Afra, der rote Ludwig! - - - Vor den dunklen
Abgrnden des Lebens schauert der Strkste zusammen, und der schweifende Geist
hlt geduldig an, wenn alte, bebende Lippen, die viel Gift und Weisheit
geschlrft in einem langen, prfungsreichen Dasein, mit gebrochener Stimme an
die Rtsel des Schicksals rhren.
    Ich wei alles, warf Max v. Drillinger dazwischen, und ich wei nichts.
Wissen macht Herzweh, gute Brigitta.
    - Wer ergrndet, was die Isar rauscht? Wer findet die Noten zu ihrem ewig
wechselnden und ewig gleichen Wellenlied, und wer setzt den Text unter diese
Noten? Alles ist Geheimnis. Wer vermchte auch sonst das Leben auszuhalten?
    Hr' auf, Brigitta, Du ermdest Dich zu sehr. Nach der qualvollen Nacht la
Dir einen stillen, milden Tag beschieden sein. Ich will den Vorhang
niederlassen. Im Dunkeln wirst Dich wohler fhlen.
    - Einen Schluck Wein? Warum man doch in solchen Fllen nicht immer gleich an
das Nchste und Beste denkt! Auf dem Kredenztisch steht noch eine volle Flasche
neben einer angebrochenen von gestern Abend, ganz passabler Bordeaux. Natrlich
darf man's mit der Echtheit der Marke nicht so genau nehmen. Daran liegt aber
nichts; ist's nur unverflschter Traubensaft, so mag die Rebe in Spanien oder
Italien oder sonstwo gewachsen sein. Und die alte Brigitta wei einen guten
Tropfen zu schtzen. Sie macht sich aus dem Bier nicht bermig viel; nur im
Hochsommer, wenn's recht hei ist, da ist eine frische Halbe, oder auch eine
Ma, ein rechtes Labsal. Jetzt geht eben ein schrger Strahl durch's Zimmer und
trifft die Flasche. Sonnengre! Wie das feurig funkelt! Rasch den Pfropfen
heraus!
    Zur Gesundheit, Brigitta! Noch einen Schluck?
    Danke, das thut wirklich gut!
    - Aber nein, das Zimmer nicht verdunkeln, die freundliche Helle verscheucht
eher die bsen Gedanken und Einbildungen und Ahnungen. Und wenn heute Herr v.
Drillinger die Alte nur nicht so lang allein lassen wollte. Mit dem dummen
Mdchen ist nichts zu reden; was macht sich auch so eine Gans aus einer alten
gebrechlichen Frau! Jedoch Herr v. Drillinger - ei, der versteht das Plaudern,
der ist nachsichtig und gtig und wei, was einer alten Frau wohl thut.
    Auch was einer Jungen wohl thut Brigitta! warf Max v. Drillinger unbedacht
scherzend dazwischen und lachte und reichte der braven Wirtschafterin, die sich
wieder sichtlich erholt hatte, noch ein Glas Bordeaux, schnkte sich auch eins
ein und stie mit ihr an: Prosit, den Alten und den Jungen!
    Ja, Sie haben gut lachen - ich wei doch, was ich wei. Stellen Sie sich
nur nicht so leichtfertig!
    Und was weit Du denn, Brigitta?
    Da Ihnen nicht so wohl um's Herz ist, als Sie sich den Anschein geben. Sie
haben zu lange mit den Weibern getndelt. Wie oft habe ich Sie gewarnt. Und es
ist immer schlimmer geworden. Ihr Ruf hat darunter gelitten, man traut Ihnen
alles zu. Ich wei, da man Ihnen vielfach Unrecht thut. Manche gute
Gelegenheit, in ein braves, glckliches Verhltnis zu kommen, haben Sie
mutwillig verscherzt. Wie sicher knnten Sie heute dastehen, wenn ... Doch,
guter Gott, das ist ja alles vorbei ... Jetzt wird Ihnen der Entschlu so
schwer, sich fr eine zu entscheiden.
    Ich traue keiner. Und habe auch gar nicht ntig, einer zu trauen. Wozu?
    Das ist ja das Unglck. Und doch mssen Sie heiraten.
    Mu ich? Jede Ehe ist ein Verhngnis, ein Schicksal, besinne Dich! Mu ich
wirklich?
    Ja, Sie mssen, antwortete Brigitta bestimmt und mit merkwrdig fester
Stimme, und ihre Augen leuchteten seltsam auf in jhem Glanz. Ich habe es Ihrer
seligen Frau Mutter in der letzten schweren Stunde versprechen mssen, da ich
ihren Lieblingssohn, auf den sie so groe Stcke gehalten, nicht eher verlasse,
als bis Sie an der Seite einer rechtschaffenen Frau Glck und Ruhe gefunden und
einen Hausstand begrndet.
    Ja, willst Du mich denn verlassen, Brigitta? Du denkst doch nicht daran?
Ich bin Dir ja auch die groe Abrechnung noch schuldig!
    Gewi denk' ich daran.
    Geh', Du phantasierst! Der Wein hat Dich in Fabulierlaune gebracht.
    Ich stehe auf dem Sprung, ich verlasse Sie.
    Brigitta hatte bei diesen Worten die Hnde gefaltet und sich im Sessel
aufgerichtet, als wre eine geheime Kraft ber sie gekommen.
    Du redest irr! sagte Drillinger mit vibrierender Stimme und sein Blick
flimmerte in scheuer Erregung.
    Ich habe Ihnen noch nicht alles erzhlt, was heute Nacht sich zugetragen.
Eine hohe drre Gestalt, in einen grauen Mantel gehllt, ist an meinem Bett
erschienen und hat mich lange betrachtet. Ich wollte aufschreien, aber der
Schreck hatte mich gelhmt. Dann strich die Gestalt mit der Hand vom Kopfende
des Bettes bis ans Fuende am Rande hin. Eine Klte, die mir durch Mark und Bein
fuhr, da meine Zhne klapperten, ging von dieser Hand aus, wie ich's noch nie
erlebt. Ich konnte immer noch nicht reden - aber fragend ri ich meine Augen
auf, da ich ordentlich ein Krachen an den Schlfen sprte. Da nickte die
Gestalt fast traurig mit dem Kopf und sprach - ich vernahm keinen Ton und doch
hrten meine Ohren deutlich jedes Wort: Brigitta, ich habe das Ma zu Deinem
Sarg genommen; ich bin der Tod. Dann war die Erscheinung verschwunden. Eine
Weile sah und hrte ich gar nichts. Es war, als lge ich schon im tiefsten Grab.
Pltzlich hre ich leise die Isar rauschen: Ich bin der Tod, ich bin der Tod
...
    Stumm schlo Drillinger das alte zitternde Weib in seine Arme.
    Nach einer Weile fragte er: Und warum hast Du mich nicht aufgeweckt? Es
geht doch ein Klingelzug von Deinem Zimmer ins meine?
    Weil Sie noch nicht zu Hause waren. Sie sind jedenfalls wieder bei jener
Frau gewesen - - und hatten sich versptet.
    Es entstand eine neue Pause.
    Drillinger hatte die Alte sanft in den Lehnstuhl zurckgedrckt. Er ging
unruhig in der Stube auf und ab. Seine Stirn runzelte sich; er fuhr wiederholt
mit der Hand darber, als wollte er die Falten gltten und unbequeme Gedanken
verwischen.
    Endlich platzte er unmutsvoll heraus - seine Stimme klang merklich heiser:
Ist denn heute der reine Gespenstertag? Wie viel dummes Zeug habe ich nun
diesen Morgen schon von Dir hren mssen! Es ist wirklich rgerlich. Ihr Weiber
knnt einem auch gar nichts ersparen. Und dann immer diese Umstndlichkeit!
Alles wird so nach und nach herausgedrckt, tropfenweise - damit einem der Genu
des Unangenehmen ja nicht verkrzt wird. Ich bin gewi ein guter Kerl, aber
heute, Brigitta, hast Du mir den Humor grndlich verdorben. Httest Du beim
Aufstehen gleich alles herausgesagt, was Dir in dieser Nacht Tolles durch den
schlaflosen Kopf gefahren, dann wren wir jetzt lngst darber hinweg. Aber so
...
    Er grollte noch eine Weile leise in sich hinein. Trume - Ahnungen! Mein
Gott, ja, dergleichen kann freilich sehr unangenehm und bengstigend sein: aber
welcher vernnftige Mensch wird etwas darauf geben? Eine schlechte Lage, ein
verstimmter Magen - richtig: Brigitta hatte gestern gewi etwas Unverdauliches
genossen. Und ein mihandelter Bauch rcht sich durch allerhand bse Trume und
Gemtsbeklemmungen. Was im Unterstbchen gesndigt wird, dafr mu man
gewhnlich im Oberstbchen ben. Das ist trivial, aber es ist einmal so. Und
Drillinger mute pltzlich laut auflachen, da er selbst auch nur eine Minute
solche Schlafstuben-Geschichten einer zwar lieben, aber gebrechlichen und
aberglubischen Wirtschafterin tragisch nehmen und zersetzend auf seine gute
Laune wirken lassen konnte. Er hatte wahrlich auch keine bermig gute Nacht
gehabt - in den Armen jener Frau. Es knnen's nun einmal nicht alle gleich gut
haben. Was weiter? Und die Alte hatte die Marotte, vom Hundertsten ins
Tausendste zu fahren und alles durcheinander zu wursteln und in den nmlichen
geheimnisvollen Ahnungs- und Schicksals-Darm zu stopfen. Jene Frau! Wute er
nicht selbst recht gut, da es mit dieser Liaison bald ein Ende haben msse? Da
es im Grunde ein dummes, unmoralisches Verhltnis war? War es sein erstes - oder
auch nur einziges? Und im Vergleich zu anderen! - Aber sind unmoralische
Skrupeln in solchen Fllen nicht berhaupt lcherlich? Bis hinauf zu den
hchsten Sittenwchtern kommen solche Dinge vor. Man thut so etwas, wenn das
Blut dazu treibt und lt's bleiben, wenn der Sinn sich ndert. Man kommt dazu
und wei nicht wie. Alles ist Zufall. Dergleichen Dinge zu sittlichen Haupt- und
Staatsaktionen aufzubauschen, ist doch gewi abgeschmackt. Die Dummheit solcher
Beziehungen ist eigentlich schlimmer, als deren Unsittlichkeit ...
    Ach, gute Brigitta, Kleinod des Drillingerschen Hauses, thu' mir zu den
tausend Geflligkeiten, die Du mir von Kindesbeinen an erwiesen hast, noch die
einzige, auerordentliche -: rck' mir jene Frau nicht mehr vor. Willst Du? Die
Geschichte wre wahrscheinlich lngst im Sand verlaufen, wie so manche andere,
wenn Du nicht so hartnckig einen raschen Schnitt empfohlen httest. Jene Frau
hat neben allerlei andern Qualitten den Teufel im Leibe - und ich habe
Teufelsaustreibungen satt, glaube mir. Ich sehne mich selbst nach edleren
Befriedigungen. Solche Dinge lassen sich aber nicht im Handumdrehen machen.
    Die Snde frit das Glck. Es gibt keine Befriedigung im Unrecht.
    Drillinger stutzte. Wahrlich, das war wieder jener unerbittliche Geist der
einstigen jugendlichen Erzieherin, deren hohe Sittenstrenge sprichwrtlich war
in der Drillingerschen Familie, welcher jetzt aus der greisen Wirtschafterin
redete.
    Brigitta schwieg aufs neue. Ihr Antlitz nahm einen sehr gramvollen Ausdruck
an, allein Drillinger achtete im eigenen pltzlichen Gefhlsaufruhr nicht
darauf. Auf- und abgehend zwischen Thr und Fenster, sprach er weiter: Ich bin
leider kein Mensch aus ganz hartem, deutschem Eichenholz. Meine Eltern mgen's
verantworten, wie ich gewachsen bin und welche Sfte meine Art bestimmten. Aber
wie ich bin, bin ich kein Mann der Gewaltsamkeiten. Man mu mir Zeit lassen -
auch zur Tugend, wie Du sie verstehst. Ich habe schon schwer genug an meiner
Eigenart zu leiden gehabt. Denke nur an den Jammer meiner Karriere und meiner
spteren freien Existenz! - Bei dem Abstreifen des Militrrocks ist auch ein
gutes Stck Haut mitgegangen. Aber ich habe doch gezeigt, da ich auch ohne die
bunte Jacke leben kann. O, ich habe den Sto gesprt und mir nie einreden
lassen, da meine angebliche Invaliditt meine Entfernung aus dem Dienst allein
bewirkt habe! Und wie sie mich dann gndigst bercksichtigen und in einem
mtchen unterducken wollten - die menschenfreundlichen Feinde, die gtigen
Zivilversorger! Weit Du das noch alles? Du solltest mich endlich durch und
durch kennen. Und weil ich mich kenne, sage ich Dir: Brigitta, sei ohne Sorge,
grme Dich nicht um meinetwillen, ich will alles allein durchfechten. Wie habe
ich schon gerungen, um Ordnung und ruhigen Gang in mein Leben zu bringen! Mehr
als Du glaubst. Aber ich habe vielleicht kein Talent zum Glcklichwerden ...
Wozu habe ich berhaupt noch Talent?!
    Morgen ist Ihr vierzigster Geburtstag.
    Da wirst Du mir gratulieren und mir einen Strau von schchternen
Mrzenveilchen berreichen, vielleicht auch etwas vom Schwabenalter deklamieren
- und ich werde Dich herzlich auslachen. Das heit - im Ernst, ist morgen schon
mein Vierzigster? Diesmal habe ich wirklich nicht daran gedacht. Ja, ja, um die
Sturmzeit der Frhlings-Tag- und Nachtgleiche war's - o, die selige Mutter hat
mir's oft erzhlt, wie entsetzlich weh ich ihr mit meinem Einzug in die Welt
gethan - Mutterglck! wie teuer mu es erkauft werden - Brigitta, danke Gott,
da Du ein altes Jngferchen geblieben! Also morgen mein Vierzigster. Hm. -
Eigentlich ist mir das berraschend.
    Und am Einundvierzigsten werde ich nicht mehr bei Ihnen sein.
    Das wollen wir in Gottes Namen abwarten.
    Sie sollten meinem alten Herzen die Erfllung einer heiligen Pflicht nicht
so schwer machen. Ich will Ihnen keine Strafpredigt halten und nichts
Vergangenes mehr vorrcken. Nur mchte ich ...
    Die Alte hielt inne.
    Drillinger war an den Spiegel getreten. ngstlich musterte er seine braunen
Haare. Kein Zweifel, die weien Fden fangen bedenklich zu wuchern an.
Pltzlich einen etwas erzwungen humoristischen Ton anschlagend: brigens hat
meine Zuknftige, die Du fr mich jedenfalls schon in petto hast, nicht zu
befrchten, da sie bald eine widerwrtige Junggesellenglatze mit zrtlichen
ehefrulichen Hnden streicheln msse. Das Wachstum ist noch gut. Und wenn ich
mich jetzt wirklich an der Schwelle des Schwabenalters entschlsse, noch die
Pomade der Tugend aufzustreichen und etwas Glorienschein der Enthaltsamkeit
drunter zu mischen, so wrde das einen ganz superben Kopf geben, nicht wahr?
Bist Du aber auch ganz sicher, Brigitta meines jungen und meines alten Herzens,
da morgen mein Vierzigster ist?
    Ach, wie Sie heute so leichtsinnig scherzen mgen!
    Strafpredigten sind gegen die Verabredung, gib Acht! Und er reichte ihr
die Hand mit herzlichem Drucke. Bin neugierig, was uns morgen Deine Isar zu
meinem Vierzigsten vorrauscht. Wird sie keifen, wird sie schelten?
    Das Dienstmdchen ffnete leise die Thr, steckte ihr breites, hliches
Kartoffelgesicht durch die Spalte und reichte einen Pack Zeitungen und Briefe
herein.
    Die Post fr den gndigen Herrn.
    Die Thr schlo sich wieder. Aber noch eine Weile blieb das breite
Kartoffelgesicht lauschend und sphend am Schlsselloch.
    Drillinger musterte die einzelnen Briefe. Es war richtig schon wieder einer
darunter, der sich durch sein Parfum als von jener Frau herrhrend verriet. Er
glitt unbemerkt in die Rocktasche. Da ein anderer, der besondere Aufmerksamkeit
erregte - mit einem Totenkopf auf dem schwarzen Siegel.
    Von meinem guten Schmerzenreich Dr. Edgar Trostberg; weit Du, dem
Pessimisten. Was der nur wieder fr Anliegen und Kmmernisse haben mag. Will er
mich anpumpen? Da kommt er jetzt an den Unrechten.
    Nachdem er flchtig gelesen: Zu einem philosophischen Bummel ldt er mich
auf morgen Abend ein. Kstlich! Ich soll ihm aus allen Frhlingsblumen wieder
Gift saugen helfen. An meinem Geburtstage! Das trifft sich gut. Nun soll er mich
diesem bsen Vormittag zum Trotz einmal in der ganzen Pracht und Macht meines
Optimismus kennen lernen.
    Nichts aus Amerika? Nichts aus Italien?
    Nein. Nichts.
    Dieser Doktor Trostberg ist auch kein richtiger Umgang fr Sie. So ein
unzufriedener, unpraktischer Raisonneur ... Da ist kein sittlicher Ernst
dahinter ...
    O, ich bin ihm viel Anregung schuldig zu mancherlei philosophischen und
sozialen Studien.
    Und was ist dabei herausgekommen?
    Drillinger schttelte den Kopf. Erlaube, das verstehst Du nicht. Und nun,
beste Brigitta, feierlicher Friedensschlu zur morgigen Lebenswende! Auf welchen
Forderungen beharrst Du?
    Da Sie sich endlich ein braves Weib - und fr den Hausstand wieder eine
geregelte Beschftigung suchen. Das Leben wird besser fr Sie, wenn Sie einen
neuen Pflichten- und Erwerbskreis haben. Nur als Offizier gelten Sie fr
invalid, nicht als Mensch. Und der Mensch ist das Hhere. Nicht der invalide
Offizier, der invalide Mensch ist etwas Schreckliches.
    Top! Ich werde mein Mglichstes thun.
    Ach, das haben Sie schon oft gesagt ... Und dann ... Und wegen dem Ludwig
sollten Sie sich doch endlich an den Knig wenden, damit er wieder ins Vaterland
zurck darf. Der arme Mensch verkommt in der Fremde ... In diesem rohen Amerika
...
    Brigitta!! Heute kein Wort mehr von diesem Unglcksmenschen, diesem
Deserteur ... Und an den Knig! Bist Du verrckt? Wie kann ich an den hohen
Einsiedler kommen? Der sitzt auf seiner Alpenburg wie ein olympischer Gott, den
keinerlei irdisches Leid rhrt; denn er hat genug mit sich selbst zu thun. Die
Gtter mssen sich auch um ihre Existenz wehren - das ist der tragische Spa der
Weltgeschichte. Sehe jeder, wie er's treibe, und wer steht, da er nicht falle!
    Wenn wir ihm nicht helfen ... Die Alte schwieg, fast erschreckt, als sie
seine strenge Miene sah und seine Stimme rauh und heiser klang.
    Aber nach einigen Sekunden lchelte Drillinger wieder, und seinen
Schnurrbart streichend: Dir zu Liebe will ich mir sogar einmal das Unerhrteste
berlegen. Der Minister hat mich zwar, ich wei nicht warum, ich hab' dem guten
Mann nie etwas gethan. Ist heute brigens auch gar nicht ntig, da man etwas
positiv Unrechtes thue, um nach oben in Mikredit zu kommen. Es gengt schon,
wenn man nicht in das allgemeine Horn tutet; man verlangt noch Uniformitt der
Gesinnung und des Gehabens, selbst wenn man die Uniform ausgezogen hat. Man hat
die eigenartigen Kpfe - und behandelt sie verchtlich. Meinetwegen. Vielleicht
entdecke ich doch einen Mittelsmann. Erlaubt Dein Befinden, da ich mich jetzt
zurckziehe?
    Die Alte nickte und reichte ihm die Hand. Danke.
    Auf Wiedersehen zu Mittag. La inzwischen mein Tubchen fr Dich braten und
la Dir's recht gut schmecken. Mir ist der Hunger vergangen. Im Notfall esse ich
unterwegs einen Bissen. Hrst Du, wie frisch und frhlich die Isar rauscht? Auf
Wiedersehen! Ich bin bald wieder zurck, sptestens gegen Eins. Ich habe einige
notwendige Gnge.
    Schmerzversunken, rhrte sich die alte Brigitta lange nicht von der Stelle.
Das Sonnenlicht fiel wrmend auf ihren greisen, mden Leib.
    Nein, nicht lnger so hinbrten, dachte sie, als sie von drauen pltzlich
die Stimme ihres Herrn vernahm, wie er, was allerdings selten genug geschah, das
Dienstmdchen ausschalt.
    Ich mu an die Wirtschaft. Wie der Psalmist sagt: Unser Leben whrt siebzig
Jahre und wenn es hoch kommt, sind es achtzig Jahre, und wenn es kstlich
gewesen, ist es Mhe und Arbeit gewesen. Ja, eitel Mhe und Arbeit und Sorge
ohn' Unterla.
    Als es aber drauen im Gang wieder stille geworden war und nichts als das
eintnige Rauschen der Isar mit der lauen Frhlingsluft in die Stube drang, da
rckte sich Brigitta das Kissen zurecht und wollte sich noch kurze Rast gnnen
nach den bsen Stunden.
    Sie legte den Kopf auf die Lehne zurck und erhob ihre Augen nach oben. Ja,
Herr Gott, wenn es Zeit ist, dann la Deine Dienerin in Frieden fahren - sie
vermag wenig mehr zu richten in dieser Welt.
    Dann schweiften ihre Augen an den Wnden. Dort hingen auf den dunkel
gemusterten olivengrnen Tapeten eine Reihe von alten Kupferstichen in schwarzen
Holzrahmen, Stdtebilder, zur Erinnerung an liebe Orte, die einst im Leben der
Drillingerschen Familie eine Rolle gespielt. Aus freundlicher Aufmerksamkeit fr
Brigitta hatte ihr Herr auch einige schweizer Landschaften dazwischen gehngt,
auch eine Abbildung der Stadt Basel, wo Brigitta bei entfernten Verwandten einen
Teil ihrer Jugend verlebt und den guten Grund zu ihrer Erziehung und ihrer fast
protestantisch strengen Lebensauffassung gelegt. Auf einer Schweizerreise war es
auch gewesen, wo sich ihre ersten Beziehungen zur Drillingerschen Familie
anknpften. Herr Dr. Karl v. Drillinger, Professor in Mnchen, hatte eine
Schulfreundin Brigittas kennen und lieben gelernt und spter zu seinem ehelichen
Weibe genommen. Die erste Wiederbegegnung Brigittas mit der Baronin v.
Drillinger hatte erst stattgefunden, als Ludwig und Max bereits halbwchsige
Buben waren und ihr nachgeborenes Schwesterchen Amalie, dem ein frh
entwickeltes Lungenleiden schon im achtzehnten Jahre den Tod brachte, die
Aufnahme einer Erzieherin wnschenswert machte. So war Brigitta als Gouvernante
und Sttze ihrer gleichfalls krnkelnden und den Beschwernissen des Ehelebens
nicht gewachsenen Freundin Helene in das Drillingsche Haus gekommen. Wie lange
war das alles her!
    Und doch dieser Schattentanz der Erinnerung, als wre es gestern erst
geschehen!
    Und auch von dem alten Familienhause in der Vorstadt ist kein Stein mehr auf
dem andern ... Freilich, wie dankbar war damals Brigitta der Fgung, die sie in
dieser Familie ein sicheres Asyl und eine festumgrenzte Lebensarbeit finden
lie! Und so fest schlug ihr Dasein hier Wurzeln und so gesegnet war ihr Wirken,
da nach Helenens Tod Herr Dr. Karl v. Drillinger der seitherigen treuen Sttze
der Hausfrau die Hand zum ehelichen Bunde bot. Aber nach tiefer
Gewissenserforschung mute sie ablehnend antworten: es genge ihr Rang und
Pflicht der Wirtschafterin - - Im Grunde ihrer Seele war's freilich kein allzu
schwerer Verzicht. Ihrer still ehrlichen Natur widerstrebte es, anders als in
geruschloser, nach auen unbeachteter und der gesellschaftlichen Kritik und
Bosheit entrckter Weise diesem Hause zu dienen, nachdem ber ihre eigene
Familie Heimsuchung ber Heimsuchung gekommen war.
    Drillingers Haus war ihr jetzt ein Refugium geworden - und es wre ihr als
eine Entweihung erschienen, htte sie's in ein weiches Nest der Liebe
verwandelt. Als spter der Sturm des Lebens ihre viel jngere Schwester Afra
erfat und in die Irrnis der Snde gewirbelt, wo sie verschollen seit einem
sensationellen Skandalproze - und als gar die andere Schwester, die arme
Magdalena, infolge eines geheimnisvollen, bis heute nicht entschleierten
Verbrechens, welches ein namenloser Wstling an ihr begangen, das Licht der
Vernunft verlor: da segnete Brigitta ihren einstigen Entschlu des
jungfrulichen Alleinbleibens in hingebender Arbeit fr das Wohl anderer und
dankte Gott, da sie den bittersen Kelch begehrlicher Mannesliebe nicht
getrunken. Das Haus Drillingers, im Garten, drauen in der einsamen Isargegend,
war ihr damals wie ein wohlverwahrter Taubenschlag: da konnten keine Geier
herein ...
    berkam es aber spter ihr Herz doch manchmal wie ein Bedauern, dem Werben
des Witwers, der wenige Jahre hernach ganz eigentmlich rasch und pltzlich aus
dem Leben geschieden, sich so schroff verschlossen zu haben, so brauchte sie
sich nur einen gewissen unbeschreiblichen, wie Hllenglut sengenden und
verzehrenden Blick ins Gedchtnis zurckzurufen, mit dem Herr v. Drillinger sie
einmal in der Dmmerstunde am Krankenbette seiner Frau angesehen. Nein, nein,
nein! An seinem Liebesbegehr haftete zu viel sndhafte Lust und mrderisch
Dmonisches ...
    O, jener verrterische Blick, der wie eine feurige Schlange ihren
jungfrulichen Leib umzngelte, whrend sein Weib nebenan mit den Schrecken des
Todes rang! Wie viel rtselhaft Unheimliches barg doch auch diese Mannesbrust
...
    Von ihrer unglcklichen Schwester bekam sie einmal, als die Fittiche der
Schwermut und des Wahnsinns sich schon dicht ber die Seele gelegt hatten und
auch der Baron lngst zu seiner Gattin ins Totenreich hinabgesunken war, die
dstern Worte zugeraunt: Trau' nicht, Brigitta! Keine, die in seiner Gewalt
gewesen, hat je wieder gelacht; sie meidet die Menschen und wird gemieden; von
ihrem Leben wei sie nichts mehr und ein ewiger Schmerz zerfrit ihr Erinnern.
    Ohne Vorwurf durfte die Greisin auf ihre Vergangenheit zurckblicken in
lckenlosem Denken; sie hatte wie durch hhere Gnade ihr Einziges und Hchstes,
das Glck und den Ruhm ihrer Reinheit, durch alle Anfechtungen des
wechselreichen, heimtckischen Lebens bewahrt. Ja, das Leben ist voller
Heimtcke, die Welt voll verderblicher Hintergrnde ....
    Als das Drillingersche Haus seines Hauptes beraubt war, fhrte Brigitta ganz
allein mit einem alten Diener die Wirtschaft. Ludwig v. Drillinger hatte nach
Vollendung seiner Studien zunchst ein Lehramt an der polytechnischen Hochschule
in Mnchen bernommen. Zwar ein herzensguter Mensch, war doch ein schweres
Auskommen mit ihm, seiner radikalen Gesinnungen und seines jhen Charakters
wegen. Er hatte den Lehrstand pltzlich satt, als er mit einem Vorgesetzten in
wichtigen Fragen in Zwiespalt geraten war - und lief dem Wehrstande davon, als
er eine Disziplinar-Untersuchung gegen sich im Werke sah. Waren das schreckliche
Tage voller Aufregung! Max hatte als Artillerie-Offizier den groen Feldzug zwar
mit Glck berstanden, allein seine frhe Auerdienstsetzung hatte ihn
verbittert und in allerlei soziale Fhrnisse gebracht. Die Ruhe war dahin ...
    Jetzt weilte ihr Blick auf dem Bilde der Stadt Basel. Dort rauschte der
grne Rhein wie hier die grne Isar. Da war sie einst mit Helene durch die alten
Gassen gewandert. Pltzlich standen sie vor dem prchtigen Portal des
altersgrauen Mnsters. Sinnend verfolgten sie die Einzelheiten in dem reichen
Bildhauerschmuck. Eine beinahe unscheinbare Figur in dem reichen Schnrkelwerk,
die sie lange unbeachtet gelassen, hatte schlielich ihre Aufmerksamkeit aufs
strkste gefesselt. Sieh nur, wie merkwrdig, - Brigitta stie dabei die
Freundin an - diese Gestalt: ein ppiges Weib mit schwellendem Busen, stolzem
Nacken und schn gebildetem Haupte, aber der Rcken - o wie hlich! - mit
Schlangen, Nattern und Krten behangen, mit Beulen und Geschwren bedeckt. Eine
Allegorie, bemerkte Helene. Gewi, aber was bedeutet sie? Und Helene nach
einigem Besinnen: Ich hab' davon gelesen - das ist Frau Welt, die mit all' ihrem
Schnheitszauber ihre Hlichkeit und Krankheit doch nicht zu verbergen vermag.
Ein garstig Bild, das gewi kein Glcklicher erfunden. Uns soll's nicht
schrecken ...
    Die kluge, mutige Helene!
    Ja, Frau Welt, ein garstig Bild .... Helene sieht und hrt schon lange
nichts mehr davon ...
    Langsam erhob sich die greise Trumerin und prfte vorsichtig ihre Beine, ob
sie nach dem langen Sitzen nicht noch schwcher geworden - und bedchtig setzte
sie einen Fu vor den andern und schlich zur Stube hinaus.
    Der gndige Herr ist soeben ausgegangen, meldete das Mdchen in der Kche,
mit blutbefleckten Fingern eine Taube rupfend. O, der war bs heute, der hat
mich ausgezankt! Ich htte die arme Taube geschunden, sagte er. Es ist doch
nicht meine Schuld, wenn das dumme Vieh mit zwei Stichen durch den Kopf noch
nicht hin werden will? Sie flatterte noch, da hab' ich ihr den Kragen umgedreht
....
    Brigitta winkte der Schwtzerin ab. Wie sehr war ihr heute die blecherne,
gemeine Stimme zuwider!
    Aber das Klapperwerk Resl's lie sich nicht so leicht stille stellen.
    Der gndige Herr hat vorhin auch noch eine Depesche erhalten. Vielleicht
war die nicht nach seinem Geschmack. berhaupt ....
    Was berhaupt?
    berhaupt, ich mein' nur so, man wei oft gar nicht, wie man mit den
vornehmen Herren daran ist. Die sind so wetterwendisch. Besonders aber der Herr
Baron ....
    Jetzt unterbrach sie sich, warf die gerupfte Taube auf den Tisch, ffnete
mit scharfem Schnitt den Bauch und griff mit den blutigen Fingern hinein, das
Eingeweide herauszureien. Dabei schwatzte sie fort: Man wei niemals, was der
im Kopf hat. Da geht alles durcheinander. Einmal ist er so freundlich, da man
sich ordentlich scheniert, dann wieder ....
    Sie hielt das zerschlitzte Tier unter den Wasserhahn, um es auszusplen.
Dann wieder sieht er einen so zornig und mit so funkelnden Augen an, da man
sich vor ihm frchtet.
    Du hast ja die Taube nicht flammiert!
    Jesses, ja, das htt' ich jetzt schier vergessen. G'schwind abtrocknen und
ber die Spiritusflamme damit! So, jetzt sehen Sie, Frulein, wie das fein wird;
kein Hrchen mehr dran. Ein wunderschnes Tier, so zart. Aber ich hab' auch
zwanzig Pfennig mehr dafr zahlen mssen, sonst htt' ich's nicht kriegt. Die
guten Sachen werden jeden Tag teurer, je mehr davon auf den Markt kommt. Gleich
zwanzig Pfennig teurer - woher kommt denn das?
    Vielleicht von der Ehrlichkeit der Dienstboten, Schwtzerin.
    Ja, die Dienstboten mssen's immer ben. Denen schiebt man alles in die
Schuhe. Wie vorhin. Der gndige Herr bekommt eine schlechte Depesche und die
Kchin bekommt dafr ein bses Gesicht.
    Schweig'!
    Brigitta hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen. Sie fhlte sich zu
unkrftig, selbst mit Hand anzulegen, so wollte sie wenigstens die Hantierung
der Kchin berwachen. Die Wrme that ihr wohl, die dem knisternden Herdfeuer
entstrmte und die Kchenluft mit dem lieblichen Duft harzreichen Tannenholzes
durchzog. Aber das Wetter hatte sich wieder verdstert und drckte den Rauch
durch den Schlot zurck. Brigitta rieb sich die Augen, hstelte und jammerte
still vor sich hin.
    Jetzt jagte Resl die Flammen mit dem Blasebalg auf, da die Funken stoben
und der Rauch in grauen Wolken aufflog.
    Mach's ordentlich, Du weit schon, stie die alte Wirtschafterin keuchend
heraus und verlie mhsamen Schritts die Kche.
    Wei schon, - ist kein Kunststck, machte Resl mit hhnischer Fratze und
salutierte hinter dem Rcken der Abgehenden mit dem Blasebalg.
    Rechtsum oder linksum, gleichviel, die alte Hex' treibt's nimmer lang - und
dann werden wir mit dem schnen Herrn Baron wirtschaften, da es eine Art hat.
Ist zum lachen - ich frcht' mich nicht vor seinen Mucken. Ich kenn' die Sorte
schon. Htscheln und ttscheln hilft immer, und das kann unser eins auch.
    Sie zog einen kleinen Handspiegel mit halbem Glas aus der
Geschirrschrank-Schublade und betrachtete sich wohlgefllig, zog die Lippen rund
und kraus, schob die Zunge vor und zurck - und warf dann den Spiegel wieder an
seinen Ort.
    Und der schne Herr Baron mag's gewi recht gern, das Htscheln und
Ttscheln; da wird's ihm wohl von einer Jungen noch lieber sein, als von einer
Alten.
    Sie brach in ein freches Lachen aus.
    Htt' ich nur die Alte vom Hals, diese Aufpasserin und G'schaftelhuberin,
die Filzerin, die eine Laus um den Balg schindet und immer verhungern will.
Jesses, der mcht' ich doch gleich in die Suppe spucken. Eine solche
Hungerleiderin!
    Mit raschem Griff fate sie einen Wurststrang, schnitt ein Stck ab und lie
es in einer Schachtel, die ihre gestohlenen Vorrte barg, verschwinden.
    Fr den Hans! Das heit, so lang' ich ihn noch mag - und noch nicht zur
Baronin avangsiert bin. Ich wollt's erraten, was ihm in der Depesche so ins
Geweih gestiegen ist. Ein Tchtelmchtel, ein verunglcktes Liebesabenteuer. Da
geht's immer gleich per Telegraph, da pressiert's! Bei mir knnt' er's so gut
haben.
    Indem sie mit dem Finger von dem Apfel-Kompot naschte, das sie auf einer
Schale zurichtete: Sehr fein ist's. Das hat der Franzl immer so gern mgen,
wenn er von Tlz heruntergekommen ist. Jetzt geht die Flerei auf der Isar bald
wieder an; dann kommt er gewi wieder mit seinen langen Wasserstiefeln und lt
mir keine Ruh .... O die Mannsbilder - und lauter Schleckermuler sind's.
Jesses, jetzt ist mir vor lauter Gedanken gar die Soss' (Sauce) anbrennt ....

                                       4.


Eins der Kontore des Bankiers Weiler lag in einer schmutzigen Seitenstrae des
Viktualienmarktes, die erst krzlich auf den Namen des berhmten patriotischen
Schnapsfabrikanten Schienenschneider umgetauft worden war, - im sogenannten
Isarwinkel.
    Die fleiige Umtaufe der Straen, Gassen und Pltze der bayrischen Residenz
ist vermutlich deshalb eine der liebsten Beschftigungen der Stadtvter von
Isar-Athen, weil man dabei so viel patriotischen Geist und Geschichtssinn
entwickeln kann, hatte der Bankier bei dem letzten Besuche des Barons auf
dessen kritische Bemerkung erwidert. Augenblicklich war dieser jedoch nicht in
der Stimmung, die Stadtvter oder andere ntzliche Mitgeschpfe zu kritisieren
....
    Was nur die Depesche des Bankiers bedeuten mag? Sollte dieser Tag lauter
Unangenehmes bringen?
    Herr Weiler befand sich gerade auf der Brse. Sein Buchhalter war an den
Fernsprechapparat getreten, dem Chef den Besuch des Herrn Barons zu melden.
    In sptestens zehn Minuten stehe zur Verfgung, telephonierte prompt der
Brsenmann zurck.
    Max von Drillinger war in die Hinterstube getreten.
    Wnscht der Herr Baron inzwischen vielleicht die Neuesten Nachrichten oder
die Frankfurter Zeitung zu lesen? fragte der Kommis mit fadem Lcheln, indem er
einige Zeitungsbltter auf den Tisch legte. Ohne eine Antwort von dem alten
Bekannten des Chefs zu erwarten, schlich er katzbuckelnd wieder an seinen Platz
zurck. Drillinger lie die Bltter unbeachtet. Er fand es zwar nichts weniger
als behaglich in dem dunklen, dumpfen Raum mit dem abgetretenen grnen Teppich
auf dem schiefen Boden, den Eisenbahnkarten, Stadtplnen, Verlosungskalendern
und Kurszetteln an den Wnden - allein das Gerusch und Gedrnge der Strae war
ihm noch widerwrtiger. Also wollte er lieber hier warten.
    So warf er sich denn in das klebrige schwarze Ledersofa und lie seinen
Blick bald durch das vergitterte einzige Fenster schweifen, welches auf das
alte, winkelige Hebammengchen hinauswies, bald durch die halboffene Thr in
das eigentliche Kontor, welches gerade knappen Raum bot fr den Geldschrank,
zwei Schreibpulte und den langen schmalen Zahltisch mit dem Schalter fr die
Kundschaft. Die beiden Kontoristen saen stumm ber ihre Bcher gebeugt;
automatenhaft trugen sie ihre Ziffern und Vermerke ein. Man hrte ein
krabbeliges Stahlfederngerusch - und dann entstand wieder eine kleine Pause,
welche der jngere Kontorautomat durch eine knarzende Bewegung auf seinem
Schreibbock ausfllte.
    Drillinger mute der Zeit gedenken, wo er sich mit dem jahrelangen Versuch
abqulte, sich in der Buchhalterei der Malzfabrik zu Pasing zu einem hnlichen
Kontorautomaten umzubilden.
    Der steinalte und steinreiche Protz Kesselberger, ein Freund seines Vaters
und strkster Aktionr der Gesellschaft, hatte ihm die Stelle vermittelt und
goldene Berge versprochen. Er wollte ihn protegieren, von Stufe zu Stufe hher
bringen - bis an die Spitze des Unternehmens! Die Industrie, das ist das
gelobte Land, pflegte er zu sagen; Intelligenz und vornehmer Name mssen sich
mit dem Grokapital alliieren!
    Freilich dachte dabei der alte Gauner zunchst an eine Allianz seiner
erschrecklich hlichen, aber mannstollen Tochter mit dem schmucken, trotz
seiner Invaliditt strammen Offizier. Max v. Drillinger dachte aber an die
Summen, die er der Erhaltung des wenigstens scheinguten Namens seines Bruders
Ludwig geopfert, der damals schon durch seine Exzesse und seine ersten
sozialdemokratischen Maulaufreiereien die Drillingersche Familie arg
blogestellt hatte. Was hatte ihm dieser Thunichtgut nicht fr Verlegenheiten
bereitet, die er niemand anvertrauen mochte, in ihrem ganzen Umfang nicht einmal
der treuen Brigitta! So griff er nach der Hand des berechnenden Protzen
Kesselberger und rollte Tag fr Tag mit der Eisenbahn nach Pasing hinaus auf das
Fabrikbreau. Da machte das Schicksal einen Strich durch die Rechnung des
Besitzers der erschrecklich hlichen, mannstollen Tochter: Kunigunde brannte
mit dem Kutscher durch - und Max v. Drillinger blieb ohne fernere Protektion auf
seinem inferioren Posten sitzen, ohne zunchst eine Ahnung zu haben, was ihm
eigentlich die Gunst des Alten so schnell verscherzt haben knnte ...
    Das war nun eine von den regelmigen Beschftigungen, wie sie der guten
Brigitta als Ideal fr einen Hauptmann a.D. vorschwebten - das war der
regelmige Erwerb, welcher die Fettaugen auf die magere Pensionssuppe liefern
sollte!
    Ein bitteres Lcheln huschte ber die Zge Drillingers, als er sich jetzt
wieder als Kontorknecht in Pasing sitzen sah unter einem Dutzend lterer und
jngerer Geschftsbeflissener, die von der Pike auf im Handel gedient hatten und
bei denen die Anpassung an den Schreibbock-Beruf normal verlaufen war. Die alte
Geschichte von dem edlen Renner voll Feuer und Laune und dem eingewhnten
Ackergaul, der geduldig Furche um Furche zieht! Jeder ist vortrefflich in seiner
Weise, aber der eine kann nicht die Aufgabe des andern erfllen. Und dann: was
soll berhaupt ein Leben, das nichts abwirft, als im ewigen Einerlei
maschinenmiger Arbeit, in Treue und Aufopferung die Mglichkeit etwas besseren
Lebensunterhalts?
    Wirft denn die bravste Taglhnerei im Dienste der Millionenhamster jemals so
viel ab, da der Tagelhner einen nennenswerten Zuwachs an persnlicher Strke,
an Freiheit und Schnheit des Lebens herausschlgt? Und dafr soll man zum
systematischen Mrtyrer der Phantasie seiner Lebensfhrung werden und vom freien
Mann hinabsinken, zum Heerdentier?
    Dann der andere Versuch: er hatte mit dem Baron Almen eine elegante
Monatsschrift herausgegeben, Die Kunst in der Mode und fr das Beiblatt Das
Boudoir pikante Plaudereien ber das Theater unter einem Pseudonym geschrieben.
Die Probenummer erregte Aufsehen. Das versprach eine im edelsten Sinne
regelmige und nutzbringende Beschftigung zu werden. Allein nach der vierten
Nummer krachte das Geschft des Verlegers zusammen. Es stellte sich heraus, da
das ganze Betriebskapital des unternehmungslustigen Buchhndlers in einem leeren
Kassabuch, tausend Briefbogen mit dem Titel der Zeitschrift und der Verlagsfirma
und einem Bndel unbezahlter Rechnungen fr Plakate, Reklamen u.s.w. bestand.
Mnchen war offenbar fr ein solches Unternehmen noch nicht reif ... Ein Glck,
da sein Pseudonym gewahrt geblieben! Mit einem solchen Schwindler gehen? Lieber
den Rest Leben freiwillig auf einmal hinwerfen, als seine bessere Fristung mit
dem Opfer persnlicher Wrde und unbescholtener Unabhngigkeit zu erkaufen -
oder sich als ein berflssiger im Wettbewerb der Krfte zu fhlen!
    Das wre freilich wieder eine jener Gewaltsamkeiten, die wie ein hlich
aufgellender Miton die Harmonie der Entwickelung zerreit ..... Und doch, und
doch .... Wo sind die alten Menschheitsideale? Wo ist die alte reine Lebens- und
Wirkensfreude? Was soll der Machtlose in einer Welt, wo alles nur Hast und Drang
nach Macht und Genu? ....
    Wohl: der ideallose amerikanische Mensch als das Produkt virtuoser Anpassung
an die entgegengesetztesten und geistig desten Lebens- und Arbeitsverhltnisse
wird auch im alten Europa der Mensch der Zukunft sein; heute kann man schon in
gewissem Sinne den Juden als den Vertreter des Amerikanismus bei uns bezeichnen.
Verjudung heit eigentlich Amerikanisierung ....
    Drillinger lie die Gedankenreihe fallen. Eine zufllige Bewegung fhrte ihm
den Duft des parfmirten Briefes in der Brusttasche zur Nase. Das war wohl schon
der fnfzigste Brief. Fnfzig Variationen ber das nmliche Thema. Fnf
Buchstaben. Ein Zungenschlag, ein Hauch. Teufelsweib! Wre sie weniger
erfinderisch in Variationen gewesen, die Monotonie des Grundmotivs htte dem
Geleier lngst allen Reiz genommen. Am besten, man verstopfte sich die Ohren,
wie der weise Odysseus, der vielgewanderte, vor dem Singsang der Sirenen ....
Vorerst soll wenigstens der Brief unterbrochen bleiben .... Gewi, jetzt mu ein
Ende gemacht werden. Der Ernst der Lebenswende fordert's. Brigitta hat Recht.
Das soll das letzte Stelldichein sein. Morgen oder bermorgen - das Wiedersehen
eilt ja nicht - erfolgt feierliche Lossagung. Sie wird vernnftig sein;
eigentlich sind diese Weiber alle kalt wie une fille de marbre .... Schlielich
kme die Geschichte auf und es gbe noch einen abscheulichen Skandal .... Und
die Andere? .... Ja, diese Andere wrde der guten Brigitta ebensowenig in den
Kram passen. berhaupt diese Heirats-Marotte. Als ob sich so etwas bers Knie
brechen liee. Und in den jetzigen schweren Zeitluften, bei der tglich sich
steigernden Kostspieligkeit der Lebensfhrung einen Hausstand grnden auf der
Grundlage einer schmalen Pension und einer problematischen Neigung - wre das
nicht Wahnsinn? Und die Hingabe der Freiheit um das Linsengericht einer Mitgift?
.... Gut, da Brigitta nichts von der Andern wei ....
    Drillinger machte einen nervsen Ruck - und siehe da, er war an dem
lackierten Ledersofa angeklebt, wie der bertlpelte Vogel an der Leimrute. Er
fuhr mit der Hand an den Sitzteil .... Mit leisem Knistern lste sich die Hose
von der Unterlage .... Wre er gewaltsam rasch in die Hhe gesprungen, wrde das
morsche Cheviotzeug hngen geblieben sein - und er htte eine weie Fahne unter
dem Rock heimtragen knnen. Darum niemals Gewaltsamkeiten!
    Lachend erhob er sich, um vorsichtig sein Taschentuch auf den Sitz zu
breiten.
    An dem vergitterten Fenster gegen die Winkelgasse hasteten die Menschen
vorber, die Kpfe eingezogen, die Rockkrgen aufgeschlagen. Schneegestber!
Mnchener Frhlingswetter - das bekannte meteorologische Potpourri! Das Fenster
lag so hoch, da man nur die Kpfe sah. Komisches Bild: eine Prozession
abgeschnittener Kpfe, die sich da drauen eilig vorbeibewegten im wirbelnden
weien Flockentanz ....
    Er griff nach den Neuesten Nachrichten und bltterte ghnend im
umfangreichen Inseratenteil.
    Ein Student in den hheren Semestern .... edelmtige, unabhngige Dame ....
Vorschu ewige Dankbarkeit .... sptere Verehelichung nicht ausgeschlossen.
    Ein gut erhaltener Brautkranz, fast neu .... ein Schlafdivan .... ein
Papagei .... ein Epheustock preiswrdig zu verkaufen.
    Armes Mdchen .... Notlage .... Rckzahlung nach bereinkunft.
    Zwei fesche Wienerinnen .... fremd in hiesiger Stadt .... lteren Herrn
....
    Adoptiveltern .... uneheliches Kind (Mdchen von zwei Jahren) ....
    Damen in stiller Zurckgezogenheit .... Hebamme ....
    Versetzt .... ausgelst ....
    Amusement. Feine Dame sucht Herrn zum Vierhndigspielen oder Begleiten auf
der Violine. Exped. 169015.
    Drillinger notierte die Ziffer auf seine Manschette. In der Konfusion der
Frhe und der Eile des Ausgehens hatte er sein Notizbuch mit dem modischen
schwarzen Krokodill-Ledereinband vergessen.
    Herren aus besseren Stnden .... Konnexionen in bemittelten Familien ....
Agenten .... Heiratsbreau ....
    Eine Zither .... Trauerkleid .... Maskenanzug .... Kanapee .... billig zu
verkaufen. Auenstrae ....
    Komiker gesucht ....
    Reichgefate Brillantohrringe .... unter der Hand zu verkaufen.
    Pensionierter Offizier .... Adel .... wirtschaftliche Befhigung ....
Vertrauensposten.
    Kleines Darlehen .... alleinstehende junge Dame .... Rckzahlung nach
bereinkunft.
    Hbsches junges weibliches Modell ....
    Schn mbliertes Zimmer bei einer alleinstehenden Dame ....
    Frulein .... Zimmer mit ungeniertem eigenem Eingang ....
    Zwei distinguirte Herren .... Auslnder .... unabhngige feingebildete Dame
.... .... Konversation ....
    Welche gutsituierte ltere Dame wre gesonnen .... akademisch wie praktisch
gebildeten Architekten .... Fortkommen ....
    Junge Witwe .... Abendstunden frei .... Vorleserin .... lteren Herrn ....
    Drillinger wollte eben das Blatt beiseite werfen, mit einer Miene, die
auszudrcken schien: Himmel, wie langweilig, Tag fr Tag die nmlichen
zweifelhaften Scherze, inszeniert von der Not, der Genusucht, der
Verworfenheit! - als sein Blick zufllig auf den feuilletonistischen Teil des
Blattes fiel. An Stelle des gewhnlichen Nachdruck-Sammelsuriums, stand heute
ein groer Originalartikel: Zola's neuester Roman.
    Nachdem Drillinger einige Abschnitte, worin das deutsche Leben im Vergleich
mit dem franzsischen ber den grnen Klee gelobt und Zola wie der letzte
Schmierant der schlechtesten Motive bezichtigt war, rgerlich berflogen hatte,
konnte er doch ein Lcheln nicht unterdrcken:
    Ja, ja, die Deutschen sind erhaben ber die Schmutzereien der Franzosen; so
etwas kommt bei uns gar nicht vor, wir sind die reinsten, ungetrbtesten
Tugendspiegel in Lebensgre, und darum ist auch unsere Litteratur so unschuldig
und so schn; jedermann hat bei uns sein gutes Auskommen, bleibt im Lande und
nhrt sich redlich; die Hohen geben den Niedrigen, die Groen den Kleinen
unausgesetzt die wunderbarsten Beispiele von Vornehmheit des Charakters,
Adeligkeit der Gesinnung; unsere ffentlichen Einrichtungen sind einfach
musterhaft, unser Gesellschafts- und Familienleben voller Geist, Anmut und
Heiligkeit; wir haben keine ffentlichen Verleumder und Ehrabschneider, keine
Prebanditen, Prostituirte, gewerbsmigen Intriganten und Streber - bei uns ist
alles eitel Gold was glnzt, und wenn unsere naturalistischen Dichter auch
einmal die hliche Wahrheit knstlerisch gestalten wollen, so mssen sie die
Stoffe aus den Fingern saugen oder vom Auslande beziehen! Ja, ja, die Franzosen,
und der ihrer wrdige Zola, das sind verkommene Subjekte; an der deutschen
Heiligkeit im Leben und in der Kunst gemessen, die reine Fratzenhaftigkeit
unseres idealen Reinmenschlichen, das wir so unbertrefflich verkrpern .... Und
doch hat der Kritiker der Neuesten Nachrichten Recht und der Romanzier Zola hat
Unrecht. Es kann nicht die Aufgabe der Dichtung sein, die gute Gesellschaft zu
beleidigen, und Zola beleidigt sie durch seine Brutalitten und
Geschmacklosigkeiten. Wir ertragen im Leben vieles, was in der knstlerischen
Darstellung einfach unertrglich wirkt. Es gibt im Hlichen und Wahrhaftigen
eine Grenze, die nicht berschritten werden darf. Auch in seinen Bchern darf
der Schriftsteller den Vertreter der guten Gesellschaft nicht verleugnen ....
Zolas fixe Idee ist die Sinnlichkeit. In jedem Menschen sieht er nur die
lauernde schmutzige Bestie. Du lieber Himmel, wenn jedermann mit Zolaschem
Wahrheits-Fanatismus den Roman seiner sinnlichen Gedanken, Worte und Werke
niederschreiben wollte, das wrde nicht blo die gesamte Litteratur, sondern
auch das gesamte Leben verpesten. Wre das schn? Wre das zweckmig?
Litteratur und Kunst sind ja gerade dazu auf der Welt, die Sinnlichkeit zu
veredeln und gelutertes Vergngen zu bereiten. Und dann gar erst dieser
grundstzliche Pessimismus: berall nichts als Verworfenheit und
Nichtswrdigkeit in der Menschheit! Nein, nein, wir drfen uns von diesen
trbseligen Naturalisten nicht den letzten Rest behaglichen Lebensgenusses
vergllen und jede heimliche Freude mit Schmutz anstreichen lassen.
    Pltzlich zuckte wieder der bittere Zug ber Drillingers Antlitz.
    Knarrend schlug die Thr zurck. Herr Bankier Weiler wlzte sich herein.
    Bitte vielmals um Entschdigung, Herr Baron, wegen der Strung und des
langen Wartens. Bse Abwickelungen gegen den Monatsschlu! Und dieses
Hundewetter! Bitte Platz zu behalten.
    Herr Weiler warf seinen berzieher ab und wischte sich die Brillenglser mit
den Fingern. Sein kleines, rundes, pfiffiges Gesicht glhte unter dem dichten
schwarzen Kraushaar. Er lie den kurzen wurstartigen Leib in den Armstuhl fallen
und schlug die O-Beine bereinander.
    Die Nhe des dicken, schwitzenden, eine ganze Wolke von sehr gemischten
Ausdnstungen um sich verbreitenden Bankiers, trieb dem Baron wahre
Angstschweitropfen auf die Stirn.
    Er zog sein weies Reserve-Battisttaschentuch mit dem eleganten, von der
Freiherrnkrone berschwebten Monogramm in blaugelber Stickerei aus der Tasche -
das andere lag noch auf dem Sitze - und strich und fcherte in nervser Erregung
im Gesichte herum.
    Kommen wir rasch zur Sache, Herr Weiler, bitte! Was sollte eigentlich die
Depesche? Es ist doch keine Katastrophe in Sicht? Oder habe ich ein groes Los
gewonnen?
    Hat sie Sie erschreckt, bester Herr Baron? Keine Furcht, ich vermute, etwas
Gutes fr Sie zu haben. Wollte mir die Ehre eines kleinen Plauderstndchens
ausbitten zur Errterung einiger Fragen, die allerdings einer gewissen
Dringlichkeit nicht entbehren. War gerade auf dem Telegraphenamt, als mir der
Gedanke kam ....
    Ohne Umschweife, bitte!
    Sind so pressiert, heute, bester Herr Baron? Oder ein wenig nervs? Dieses
Hundewetter!
    Ich befinde mich allerdings nicht ganz wohl. Ich habe einen schlechten
Morgen gehabt.
    Sehr bedauerlich; genehmigen Sie den Ausdruck meiner tiefsten Teilnahme.
Wird doch nichts Ernstliches sein? Am Ende nur kleine Nachwehen einer lustigen
Nacht, eines feinen Soupers  deux im Gtterwinkel bei Danner oder Arnold?
    In diesem Augenblick trat ein Kunde ins Kontor: ein bhmischer Musikant, der
einige Ersparnisse in sterreichische Guldenzettel umgewechselt haben wollte.
Hinter ihm folgte eine Kundin: eine verschleierte Dame in einen langen
Regenmantel geknpft, der ihre schmchtige, fast elegante Gestalt in scharfen
Umrissen herausstellte.
    Drillinger schaute auf und verschluckte seinen Unmut. Er fhlte sich
abgespannt. Weiler war aufgesprungen und hatte die Dame vom Schalter weg sanft
in eine Ecke gedrckt.
    Pardon, meine Gndige, das besorgen wir eigenhndig. Groe Ehre, angenehme
Kundschaft - und dann im Flsterton, kurz und pikiert, fast zornig: Sie htten
auch eine anstndigere Stunde whlen knnen - diese auffllige Zudringlichkeit -
ich verbitte mir dergleichen fr die Zukunft! Also wieviel macht's?
    Die Verschleierte sprach kein Wort, nur ihre Augen blitzten auf den dicken,
bebrillten Krauskopf herab. Sie zog mit einiger Umstndlichkeit ein Papier aus
der Tasche. Weiler schnitt ein bses Gesicht und wackelte ungeduldig mit dem
Kopfe; hastig griff er nach dem Papier.
    Natrlich wieder aus Hirschbergs Modebazar, knirschte der Bankier und
berflog die Zifferreihe. Gepfeffert! Das htte man auch um die Hlfte haben
knnen. Vierhundert Mark! Unverschmt ....
    Der Bankier lie die Dame in der Ecke stehen, wlzte sich, ohne seinen rger
vollstndig bemeistern zu knnen, an den Geldschrank - die Kontorjnglinge
duckten sich ganz in die Bcher - nahm einige Noten heraus, wickelte sie in die
Rechnung und drckte sie der Verschleierten in die Hand.
    Heute Abend nach dem Theater! wollte er ihr ins Ohr zischen, kam aber mit
seinem Mund kaum bis an ihre Achsel. Dabei wippte er auf den Zehen des rechten
Fues, whrend er mit dem linken einen anmutigen Halbkreis zu schleifen
versuchte. Der Halbkreis kam wohl heraus, aber nicht die Anmut. Herr Weiler
lebte auf einem ebenso groen wie tppischen Plattfue, den der modische
absatzlose Schnabelschuh nach Krften karikierte.
    Also auf Wiedersehen, Gndige! sprach er laut, berlaut dann: Sehr
angenehm gewesen, verehrte Frau, ergebenster Diener.
    Mit einem tiefen Bckling ffnete er die Thr.
    Lautlos wie sie gekommen, war die verschleierte Kundin hinausgeschritten.
    Die Kontorjnglinge erhoben vorsichtig sphend die Kpfe und tauschten ber
die Bcher hinweg pfiffig lchelnde Blicke.
    Kaum war der Chef im Hinterzimmer verschwunden, flsterte der jngere dem
lteren zu: Die versteht's. Mit der verplempert sich der alte Schweinehund doch
noch. Die hat ihn fest am Bndel. Allein der ltere war heute sichtlich nicht
in bermiger Laune moralischer berhebung ber den Brodherrn und gab dem
eleganteren, mit hbschen schwarzen Ringellckchen verzierten Kollegen die
Bosheit zurck: Sie sind freilich schlauer; Sie verplempern sich nicht, Sie
machen die Liebe rentabel, Sie spekulieren in Gefhl. Was hat die blonde
Brumeisterin, der Sie dazu noch in Versen Ihre Liebesaktien offeriert,
eingebracht?
    Sie sind ein Lstermaul; Ihnen sag' ich gewi nichts mehr.
    Also Herr Baron, was ich sagen wollte - vielleicht Zigarette gefllig?
    Ich rauche heute nicht, danke.
    Drillinger hatte der Erschlaffung nachgegeben und war tief in die Sofaecke
gesunken. Der mde melancholische Zug trat scharf in seinem Gesicht hervor, die
eigentmliche Luft und Hantierung der Umgebung wirkten betubend auf ihn. In
solchen Augenblicken bemchtigte sich seines Geistes eine Empfindung
trumerischer Wurstigkeit und wahllos lie er die Eindrcke auf sich wirken,
meinte aber doch, der Fhrung des Gesprchs sich nicht ganz entschlagen zu
knnen.
    Eine miserable Bude hier, Herr Weiler, ich empfinde das heute mehr als je;
aber man gewhnt sich daran, nicht wahr? Nach Grabbe soll man sich sogar an die
Hlle gewhnen.
    Ich habe nicht das Vergngen, Herrn Grabbe zu kennen - war er auch von der
Finanz? - aber die Ewigkeit ist gewi eine ausreichende Frist, um selbst der
Hlle Reize abzugewinnen. Gewohnheit ist alles. brigens sind wir die lngste
Zeit hier gewesen, Herr Baron.
    Wie so?
    Der Plan ist noch nicht ganz reif, steht aber in seinen Grundzgen fest:
ich beschreite mit einem
    Konsortium hervorragender Bankleute und Architekten ein neues Feld der
Thtigkeit. Bauspekulationen im groen Stil, verehrter Herr Baron! Ich werde
mich hart an der Isar ansiedeln. Die Isar ist der Goldstrom fr das neue
Mnchen. Wir mssen uns der Isar bemchtigen, das heit: ihrer Wasserkrfte,
ihrer Ufer und ihrer Inseln. Was fr Baugrnde, was fr Villen- was fr pompse
Zukunftsstraen! Nichts spricht deutlicher fr die wirtschaftliche
Beschrnktheit der Altmnchener, als da sie fr ihre Stadt jahrhundertelang
nichts aus der Isar zu machen wuten. Das wird jetzt mit einem Schlage anders:
zunchst Ausbau der Quaistrae, Regulierung der Prater-, der Feuerwerks- und der
Kohlen-Insel und Einbeziehung in den Bebauungsplan; sodann Ausntzung der
riesigen Wasserkraft, welche uns das Hochgebirge gratis in ungeheurem Schwall
herunterschickt, zur elektrischen Beleuchtung der Stadt. Die Isar wird das
Zentrum einer wunderschnen Verjngung Mnchens, hier wird sich die Kunst, der
Reichtum, die Aristokratie ansiedeln in pompsen, komfortablen Bauten; auen
herum, auf der Ebene ein Grtel von Fabriken, von groartigen industriellen
Etablissements; sodann banen wir eine Isarthalbahn von hier bis an den Fu der
Alpen, damit das Hochgebirge uns sozusagen vor der Thr liegt ....
    Herr Weiler, Sie rhapsodieren Finanz-Romantik. Amsant, Ihr
Isar-Ausbeutungsplan. Ich habe gar nicht gewut, da Sie zu Zeiten auch
phantasieren.
    Nein, ich rechne, Herr Baron, nichts weiter.
    Lassen Sie der alten, rauschenden Isar ihre einsame Wildheit, ihre Poesie -
Sie nimmersatter Geldmensch! Diese neuen Bauprojekte sind von einer
ausgemachten, infamen Hlichkeit und ihre Rentabilitt immerhin fraglich.
    Warten Sie einmal geflligst, bis ich mein neues Zentral-Bankhaus mit
hchst moderner Barockeinrichtung an der Ecke der neuen Quai- und
Zweibrckenstrae erbaut und die Baracken der Wasserstrae fr den Abbruch
erworben habe. Es gibt nur ein Interesse in der Welt, das wirtschaftliche; alles
brige ist Garnitur. Merkwrdig, Herr Baron, Sie sind trotz Ihrer groen,
vornehmen Bildung und Ihrer Lebenserfahrung - erlauben Sie das harte Wort - ein
antiker Mensch ....
    Sie wollen sagen ein antiquierter Mensch, ein veraltetes Mbel .... Reichen
Sie mir eine Zigarette fr das Kompliment.
    Bitte, hier! Sie irren, geschtzter Herr Baron; ich meinte, Ihre Anschauung
hat etwas Antikes insofern, als Sie sich heldenhaft gegen Dinge wehren, deren
Unabwendbarkeit Sie zwar einsehen, aber nicht zugeben wollen. Der moderne, der
wirklich moderne Mensch hingegen antizipiert das Unabwendbare, das uns von der
Zukunft - ich finde das Wort nicht, den Satz zu vollenden, verstehen Sie mich?
Diese Umwlzung in allein, diese .... diese ....
    Ja, ich verstehe Sie, scheuliches Finanzgenie, schon ehe Sie den Mund
ffnen. Haben Sie mir darum depeschiert, um mir hier in diesem Ruberloch zu
singen und zu sagen von der Mrchenwelt, welche sich der Kapitalismus aus den
Ruinen der verwsteten Natur, der vergewaltigten Schnheit der Isar und der
Einfachheit des lndlichen Vorstadt-Lebens hervorzuzaubern gedenkt?
    Nein, nicht darum! rief Weiler und brach in ein breites Lachen aus,
whrend seine Augen mit unverhehlter kritischer berlegenheit ber den Baron in
der Sofaecke hinstreiften, der mit seiner weichen, mden Stimme so
komisch-pathetische Anlufe nahm .... Nein, nicht darum, Herr Baron. Sie sind
ein Edelmann und ich ein Erwerbsmann, wir haben von Jugend auf in
grundverschiedenen Bchern buchstabieren gelernt, und so liest auch jeder aus
dem Buche des Lebens grundverschiedene Dinge heraus. Sie trumen noch von
geistigen Interessen, um die sich hellte im Grunde keilt Mensch kmmert,
diejenigen am wenigsten, die sie offiziell zu vertreten berufen sind. Die
Erfahrung hat Sie leider noch nicht gewitzigt; Sie lassen sich von der
konventionellen Maske immer noch verfhren. Ich nicht. Wir werden uns in
gewissen Fragen niemals verstehen, frchte ich.
    Ist schlielich auch gar nicht ntig, bemerkte der Baron leise, mit
gereiztem Accent. Dann laut: Lieber Herr Weiler, wir verschwatzen die Zeit und
Zeit ist Geld - fr Sie, nicht fr mich, leider! - Sie mssen heute schon rasend
gute Geschfte gemacht haben, wenn Sie jetzt so verschwenderisch sein drfen.
Und Verschwendung ist hoch sonst Ihre Sache nicht!
    Sie scherzen, Herr Baron; die Bank-Geschfte gehen momentan schlecht - man
mu zwar viel arbeiten, aber der Nutzen ist gering.
    Ich wrde mich z.B. mit Ihrem geringen Nutzen gern begngen, wenn ich heute
einen passenden Platz unter Euch Erwerbsleuten fnde ... Das wissen Sie aus
unserem seitherigen Verkehr, da ich der Not des Lebens Konzessionen zu machen
verstehe. Ich habe Ihnen meine und meiner Wirtschafterin Gelder anvertraut; Sie
haben mir gewisse Spekulationen erleichtert und aus alter Freundlichkeit manchen
kleinen Vorteil verschafft. Dafr bin ich Ihnen verbunden, meine sonstigen Ideen
und Meinungen werden davon nicht berhrt. Die Pflege Praktischer Beziehungen
wird doch durch keine Philosophie beeintrchtigt, nicht wahr? Offengestanden,
ich habe alle Hochachtung vor geregeltem Erwerb aus eigener Kraft ....
    Mit einem: Verzeihung, meine Herren, wenn ich stre, aber ich .... pardon,
messieurs! wurde die Unterhaltung von einem unangemeldet hereinfliegenden
Menschen, offenbar Kommis-Voyageur, pltzlich unterbrochen.
    Schon an der Auenthr hatte er die Kontorjnglinge angeschrieen: Herr
Weiler ist doch da? mit dem einen Fu noch auf dem Wagentritt. Die Droschke
hielt hart am schmalen Trottoir. Die vorbergehenden Arbeiter fluchten, sich
vorbeizwngen zu mssen.
    Es war ein vieux beau, eine Figur, wie aus dem Grvinschen Journal amusant
geschnitten, mittelgro, hager, in einen hellbraunen Sackanzug gekleidet,
darber einen eleganten, frmefarbigen berrock, aufgeknpft, zurckgeschlagen,
damit das fein abgesteppte blaue Seidenfutter herauskokettieren konnte, und das
Beinkleid ber den Schnabelschuhen bis an die Knchel aufgekrempelt, so da noch
ein roter Streifen vom Strumpf sichtbar wurde. Die dnnen, graumelierten Haare,
in der Mitte gescheitelt und glnzend glatt gestrichen, bedeckten die halbe
Stirn: auf der langen, schlanken Nase sa ein Binocle, das den flimmerigen Glanz
der dunkeln, tiefliegenden Augen durch Spiegelung erhhen half. Zwei schmale
Streifchen Backenbart, schwarz gefrbt, wie das keck aufgezwirbelte
Schnurrbrtchen, ein kreideweier Stehkragen und eine grellrote Kravatte
vollendeten den Eindruck geckenhaft-liebevollster Pflege der uersten
Modejournal-Schnheit.
    Die Herren hatten sich vor dem Ankmmling erhoben. Weiler stellte
halbfranzsisch vor: Monsieur le Baron de Drillinger, Monsieur Paillard aus
Paris, Reprsentant des Hauses Trippier und Kompagnie in Bordeaux und Paris,
mein alter Geschftsfreund.
    Ah! machte der Franzose. Drillinger verneigte sich stumm, rgerlich ber
die Strung. Der Bankier schob hastig seinen Stuhl dein Franzosen hin. Da keiner
sich zuerst setzen wollte, zog jedermann vor, im Wettstreite der Hflichkeit
einstweilen stehen zu bleiben.
    Der Franzose schwatzte fast ohne Unterbrechung: Bin nur gekommen, Monsieur
Weiler, wegen Rendez-vous heute Abend. Superbe Geschfte gemacht, auch mit Ihrem
Konkurrenten da unten an der Isar, in der Quaistrae; groe Bestellung in Kognak
- hat sich sogar angeboten, Vertretung unseres Hauses zu bernehmen; ja,
Monsieur Raler scheint ein Mann von Welt, hat da magnifikes Haus, splendide
Einrichtung, herrliches Weib ....
    Bei dem Namen Raler fuhr ein schielender Blick ber Weilers Brille
blitzartig zu Drillinger hinber.
    Drillinger verzog zwar keine Miene, aber seine Hand fhlte unwillkrlich
nach dem Brief in der Brusttasche. Zum erstenmale hatte der Name Raler im
fremden Munde fr sein Ohr einen unangenehmen Klang und bei der Erwhnung des
Weibes fhlte er etwas wie einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Der nselnde
Klang des franzsisch ausgesprochenen Ralr summte ihm jetzt whrend der
ganzen Unterredung durch den Kopf. Ralr .... Ralr ....
    In der That, bedeutende Bestellungen, hauptschlich in fine Champagne. Ach,
Mnchen, die Stadt des Bieres, fngt an, sich zu entwickeln, es gewinnt
Geschmack an den groen Weinen und Likren Frankreichs .... Also wegen heute
Abend, nach dem Theater etwa, Monsieur Weiler ....
    Das trifft sich unglcklich, Monsieur Paillard; ich bin gerade heute Abend
durch dringende Geschfte abgehalten.
    Sehr bedauerlich; ich htte fr Amsement gesorgt. Den ganzen Tag in
Arbeit, freute ich mich doppelt auf Ihre angenehme Gesellschaft. Es geht
wirklich nicht?
    Wirklich nicht.
    Das ist hart. Ah, Monsieur le Baron, es ist schwierig, sich in Mnchen zu
amsieren, wenn die besten Freunde ausschlagen. Was soll ich denn ganz allein
anfangen? Ins Theater gehen? Gut, ich gehe ins Theater. In welches? Die Wahl ist
nicht gro: ich gehe ins Grtnertheater. Lauter bekannte, alte Gesichter - das
reine Konservatorium. Schadet nichts, ich gehe jedesmal hin. Ich rgere mich
zwar, aber das macht nichts. Hernach, wenn das Theater aus ist, von 9 bis 12
Uhr, bis Nachmitternacht - was fangen wir da an in Mnchen? Das ist das groe
Problem fr jeden Fremden und zumal fr einen Pariser, fr einen Boulevardier!
Nun hatte ich gerade fr heute Abend ein reizendes Programm ersonnen - mein
Geheimnis! Und Sie lassen mich im Stich, Herr Weiler? Das ist sehr garstig, gar
nicht freundschaftlich.
    Geschfte, nichts als Geschfte, Monsieur Paillard, entgegnete Weiler und
sah sich nach seinem Stuhle um. Der Franzose hatte ihn mit Hut und berrock
belegt.
    Geschfte, nichts als Geschfte! imitierte der Weinreisende und streifte
einen Handschuh ab. Er lie sich auf dem Sofa nieder. Die Herren gestatten, ich
bin ein wenig mde. Geschfte! Machen wir vielleicht auch ein Geschft, Herr
Baron? Ach, das wre prchtig. Mein Haus, Trippier und Kompagnie - erlauben Sie,
da ich Ihnen unsere Karte berreiche - wrde es als groe Ehre empfinden, Sie
zu unsern geschtzten Klienten zu zhlen. Wir haben die ersten Namen von ganz
Mnchen .... alle berhmten Knstler; ich komme soeben von .... von, wie heit
er nur gleich, der die wunderschne Villa da drben ber der Isar hat, neben dem
Maximilianeum .... der die lustigen Bilder malt, wo immer getrunken wird ....
    Grtzner meinen Sie?
    Jawohl, Grtzner. Der wird jetzt noch viel lustiger malen, wenn er unsern
Kognak dazu trinkt. Das lockt Sie gewi, Herr Baron, wenigstens eine Probe von
unserm Kognak zu nehmen?
    Ralr .... Ralr .... herrliches Weib .... Ralr .... summte es in
Drillingers Kopf.
    Baron Drillinger lchelte mit einer nervsen Grimasse, indem er den linken
Augendeckel zuklappte, und schttelte den Kopf.
    Unser Produkt ist auf dem ganzen Weltall bekannt. Nicht wahr, Herr Weiler?
In Kanada, Indien, Australien, Amerika, Marokko und anderen Erdteilen. Wenn ein
Amerikaner oder Australier zwei Worte franzsisch kennt, sind es diese: Paris
und Kognak, kennt er nur eines, so ist es sicher Kognak. Die Ausdehnung unseres
Exportes ist erstaunlich. Sehen Sie aber auch einmal diese Preisliste!
    Damit berreichte der beredte modische Weinreisende eine zierlich
ausgestattete Karte von Velinpapier. Die kleine Redepause whrend der
Kartenberreichung wollte der Bankier Weiler, dem ordentlich der Bauch weh that,
so lange nicht zu Wort zu kommen, erhaschen, um schnell auch ein Sprchlein
einzuschalten.
    Allem er vermochte kaum die braunroten wulstigen Lippen zu einem: Stimmt,
Herr Baron, zu ffnen, als der Franzose schon wieder weiter schnarrte:
    Unser Haus hat in den berhmtesten Lagen, in Kognak, Agnac-Champagne,
Chteau-Bernard, Saint-Preuil, Segonzac u.s.w., hervorragende Besitzungen. Ach,
Herr Baron, Sie sind gewi Feinschmecker und fr das flssige Gold unseres
Nektars begeistert wie ein Brillat-Savarin. Ich fhle mich unfhig, die Gte
unseres Produktes nach Gebhr zu preisen. Da gehrte ein Poet dazu. Cela est
matire de brviaire, wie Bruder Jean des Entameurs sagen wrde. Sehen Sie sich
einmal diese Preisliste an! Da findet sich das Vorzglichste fr alle Brsen,
auch fr die bescheidenen. Darf ich Ihnen wenigstens eine kleine Probesendung
fine Champagne zusammenstellen? Ich biete Ihnen jede Garantie fr Echtheit ....
    Es ist mir in der That unmglich, von Ihrer Liebenswrdigkeit Gebrauch zu
machen.
    Das Glck verlt mich. Der Herr Baron lehnt das Geschft ab, der Herr
Bankier, mein alter Freund, lehnt das Vergngen ab. Mnchen steht noch nicht auf
voller Hhe, man sage was man will. Erst wenn es dem Zauber des Weinlandes par
excellence, wenn es der Seele Frankreichs sozusagen, willfhrig sich hingibt,
wird es eine wahrhaft geistreiche, knstlerische und poetische Stadt werden.
Habe ich Unrecht?
    Die Herren lachten. Im Kontor chzten die Schreibbcke.
    Nein, antworten Sie, Messieurs, habe ich Unrecht? O Herr Baron, ich will
Ihnen nicht zu nahe treten, aber wie ich Sie hier vor mir sehe, hat Sie die
gtige Natur nicht fr das Bier und seine schlfrigen Freuden bestimmt. Aus
Ihren Augen sprht eine edlere Flamme .... Gewi opfern Sie nicht auf dem Altar
des Bierfasses und Ihr Vaterland ist nicht das Hofbruhaus .... Besonders unser
weier Bordeaux wrde Ihren vornehmen Neigungen behagen ...
    Verdammter Schwtzer von einem ranzigen Franzosen, dachte Drillinger - und
Ralr, Ralr summte es in seinem Kopfe.
    Aber, hochverehrter Freund, fuhr jetzt Weiler entschieden auf, legte die
fetten Hnde gefaltet auf den Bauch und betrachtete mit wiegendem Kopfe die
Spitzen seiner Schnabelschuhe: man kann doch niemand die Befriedigung einer
Neigung aufzwingen. Im Geschft ist's nicht wie in der Politik, wo man die
herrlichen Wohlthaten von oben gar oft hinnehmen mu, auch wenn man nicht die
mindeste Lust dazu versprt. Der Herr Baron hat einen gut assortierten
Weinkeller. Hier mu sich Ihre Geschfts-Politik aufs Abwarten verlegen, wenn
Sie einen neuen Kunden gewinnen wollen. Der franzsische Elan wirkt nicht mehr
berall Wunder, wie Sie sehen.
    Also warten wir ab, sagte der Franzose mit pltzlich verndertem, khlerem
Tone und griff nach Hut und berrock. Warten wir ab. Vielleicht entschlieen
Sie sich doch noch, mon cher Weiler, fr heute Abend. Nachrichten finden mich
bis drei Uhr im Hotel Max Emanuel. Au revoir, messieurs!
    An der Thr wandte er sich noch einmal um. Darf ich mir fr spter Ihre
werte Adresse notieren, Herr Baron?
    Die knnen Sie stets bei mir erfragen, antwortete Weiler und winkte mit
der Hand abschiedgrend.'
    Bon.
    Weiler schlug eine unbndige Lache auf, als der Reisende verschwunden war.
    Der widerwrtige Schwtzer. Ich bin halb tot, sthnte Drillinger und fiel
wie vernichtet in die Sofaecke.
    Nicht wahr, der versteht sein Metier? Das ist ein Mann der Zeit,
unverschmt bis zum Exze, zudringlich wie eine Wanze, aber in hflicher Form,
wie Sie nicht leugnen werden.
    Der echte Franzose, jeder Zoll ein Blagueur.
    Hat sich was mit der Echtheit! Ein Landsmann vom seligen Jakob Offenbach,
ein Klner Jud, rief Weiler und durchwackelte mit vergngten Schritten den
kleinen Raum. Dieser Monsieur Paillard heit eigentlich Strohsack; ursprnglich
war er zum Rabbiner bestimmt, dann wurde er Zeitungsschreiber, dann
Theaterdirektor - was wei ich, was noch alles! - und jetzt ist er Reisender der
franzsischen Weltfirma Trippier und Kompagnie.
    So, so. Darum auch das gewandte Deutsch in der affektiert radebrechenden
Aussprache. brigens: Sie haben wirklich interessante Geschftsfreunde, Herr
Weiler, das mu ich sagen.
    Nun, war das nicht etwa eine lustige Szene, die er hier auffhrte? Das
Vergngen ist doch auch was wert!
    Ich danke.
    Schtzen Sie eine Gratis-Komdie so gering in dieser verteufelt ernsthaften
Zeit, wo der Glcklichste leicht das Lachen verlernt?
    Mit Unterschied. Dieser Gratis-Komdiant scheint mir ein unverschmter
Gauner.
    Gut, dann nehmen Sie die Komdie fr eine lehrreiche Lektion. Ich sage
Ihnen, dieser Mann mit seiner Aufdringlichkeit und Beharrlichkeit hat den
rechten Weg gefunden. Er kennt die Menschen und hat ein festes System, sie zu
behandeln. Es fallen mehr darauf herein, als Sie glauben. Der kluge Raler z.B.
mit seinem herrlichen Weib ....
    Hren Sie auf mit Raler. Das ist ein ...
    Ein Zwinkern unter Weilers Brille, und Drillinger unterdrckte das Wort, um
ablenkend fortzufahren: Warum haben Sie denn das lustige Stelldichein fr heute
Abend ausgeschlagen?
    Und Weiler fuhr brutal heraus mit bewuter Selbstgeflligkeit, nachdem er
sich in sein groes rotes Foulard geschneuzt und mit dem Fu die Thr ins Kontor
zugestoen hatte: Unter uns, Herr Baron, weil ich diesmal das Glck in der
Liebe dem Unglck im Spiel vorziehe. Paillard ist ein leidenschaftlicher Spieler
....
    Immer schner, dieser praktische Idealmensch der Zeit.
    Bah, wenn es ihm einmal gelungen, mir das Portemonnaie zu erleichtern, so
hat er mir's durch andere Geflligkeiten wieder wett gemacht.
    So, so.
    Aber das ist mein Geschftsgeheimnis, gestrenger Sittenrichter.
    Agropos, Geschftsgeheimnis - alle Wetter, Sie haben mich wohl mit der
Depesche genarrt? Kommen wir doch endlich zu unserem Geschftsgeheimnis!
    Das klang auffllig scharf und bestimmt. Drillinger hatte sich schlank
aufgerichtet.
    Bitte, noch einen Augenblick Platz zu behalten; ich mu etwas in den
Bchern nachsehen, lieber Herr Baron. Ich werde Ihnen unser Geheimnis sofort
entschleiern. Weiler ging ins Kontor und kramte in Bchern und Papieren.
    Drillinger war an das Fenster getreten und wischte mit dem Zeigefinger ein
Guckloch in die beschlagenen Scheiben. Schnee und Regen gingen noch
durcheinander, die Luft hatte einen schweren, bleiernen Ton, die Huser
trieften, die Strae war ein grauer, klebriger Brei mit Pftzen und Tmpeln,
worin Schneeflocken und Regentropfen verrieselten. Die Vorbergehenden waren
hoch herauf mit Kot bespritzt: Marktleute mit Krben und Scken bepackt,
Soldaten, Kchinnen, Zeitungsaustrger, Lohndiener. Und alle hatten den
nmlichen verdrossenen Zug im Gesicht. Nur ein barhuptiger, krummbeiniger
Schusterjunge mit halbnackten schmutzigen Annen patschte vergngt durch den
Dreck, lie sich den Regen ins Gesicht schlagen und pfiff in den hchsten Tnen
seine Liedel durcheinander vom himmelblauen See, vom alten Peter und der
Mnchener Gemtlichkeit, die unerschtterlich so lang die alte Isar durch d'
Mnchnerstadt noch geht
    Dem Schusterjungen begegnete ein Metzgerjunge und machte ihm eine Fratze.
Sofort schwang der Schusterjunge seine Stiefel und stellte sich gefechtbereit -
der andere wandte ihm den Rcken und trat seitwrts, um sich scheinbar in den
illustrierten brennend roten Maueranschlag einer Kirchenbaulotterie zu vertiefen
und, dem davontrollenden gefoppten Fubekleidungsknstler nachschielend, den
neuesten Meistergesang vor sich hinzubrummen:

Lehrbua bin i' g'wesen,
Kreuzsapperlot!
Prgelt hab'n mi' d' G'sell'n
Und der Moaster halb tot!

G'sell bin i' word'n!
Potzelement!
Prgelt hab' i' d' Lehrbuab'n
Mit F' und mit Hnd'.

Jetzt bin i' Moaster,
Sternsakradi!
I' prgel d' Lehrbuab'n,
Mei' Weib prgelt mi'!

    Drillinger setzte sich auf den Fenstersims und ghnte rgerlich in die hohle
Hand. Welt und Menschheit waren heute wirklich nicht dazu angethan, seiner
flauen Stimmung aufzuhelfen.
    Er blickte gleichgltig durch die Scheiben; der Metzgerjunge schien noch
immer in das Studium der Plakat-Litteratur vertieft. Die Mauerwand war mit
bunten Zetteln, roten, gelben, grnen, blauen, oft in Riesengre und mit
fuhohen Buchstaben bedruckten, hoch hinauf und der ganzen Breite nach bedeckt.
Es war eine wste, kreischende Kakaphonie der Reklame, wie sie die Gegenwart
immer frecher ausbildet. Was wurde da nicht alles um die Wette annonciert!
Konzerte, Blle, Wurstwaren, Kirchenbaulotterien, Schuhfabrikate,
Zwerg-Ausstellung, Gemlde-Auktion, Einberufung der Ersatzmannschaften,
Staatsanleihen, Rudersport, Bycicle-Klub, Vegetarianismus, Tanzunterricht,
Ausverkauf, Zwangsversteigerung, Abzahlungs-Geschft, Verein fr deutsche
Interessen im Auslande, Dampfschiffahrt auf dem Starnberger See, Mnchener
Kindl-Brauerei, Viehmarkt, Pferderennen. Orpheum, Westendhalle, Kils Kolosseum,
Mhmaschinen, Zirkus, Kirchweihe, Schuhmacher-Innung, Militrmusik,
Kinderbewahranstalt, Veteranen-Verein, Schlachtviehhof-Erffnung, Bayerischer
Kurier, ungespundetes Klosterbier, Vereinsbank, Panorama Kreuzigung Christi,
Komikergesellschaft Geis, Heilige Erzbruderschaft, Madame Dava, Knabenhort: -
ein schauderhafter italienischer Salat moderner Kulturbestrebungen, Geistliches
und Weltliches gemischt, Gott und Teufel darber, darunter, in Fetzen, Lrm,
Lrm, Lrm, Spektakel, Spektakel, Spektakel - Pfui Kukuk!
    ber der Plakatwand, in einer verstaubten Nische des ersten Stockes,
zwischen zwei schmutzigen Fenstern mit zerrissenen Vorhngen, trauerte eine
Madonnastatuette mit dem Welterlser auf dem Arme. Der Gottesmutter war die
halbe Krone vom Haupt gefallen, in die andere Hlfte hatten. Sperlinge ein Nest
gebaut, Nase, Brust und Schultern waren mit ganzen Schichten von weiem
Vogeldreck bedeckt; dem Welterlser war die Hand abgebrochen. Nur die Kugel war
noch ganz und die giftig sich windende Schlange, worauf die Madonna stand. Vor
der Nische hing an einem verbogenen Eisenstab eine verrostete Laterne mit
zerbrochenen Scheiben schief herab.
    Weiler hat Recht, wiederholte sich Drillinger in Gedanken, die
wirtschaftlichen Interessen, das heit der Geldsack, beherrschen heutzutage die
ganze Gesellschaft vom Hchsten bis zum Geringsten. Kaiser und Knige
verzweifeln, wenn sie keinen Ausweg aus finanziellen Verlegenheiten finden.
Talent, Bravheit - wenn sie nichts im Beutel haben oder nichts in den Beutel
bringen, kein Mensch achtet ihrer! Frmmigkeit, Patriotismus, Ultramontanismus,
Freisinn, Konservatismus, Freihandel, Schutzzoll, sie alle fragen sich: was
bringt's ein; Gelehrsamkeit, Kunst, Humanismus, sie ziehen am Jahresschlu die
Bilanz und gleichen ihr Gewinn- und Verlustkonto und machen eine saure Miene,
wenn nicht genug Geld im Kasten klingt. Einer will's dein andern im Erwerb, in
der Bereicherung zuvorthun.
    Das ist heute die Strmung, eine schweinemige, stinkige Strmung, allein
sie hat fortreiende Gewalt und kennt kein Hindernis. Lange steht der Weise am
Ufer und sieht dem ekelhaften Tumult mit Bedauern und Verachtung zu; da klopft
die Not, die Sorge fr Weib und Kind auf seine Schultern: Heda, Brderchen,
halt' die Nase zu und hinein und mitgeschwommen! Die Unschuld steht am Ufer und
zittert am ganzen schwanenweien Leib, wenn sie auf den tosenden Schmutz blickt;
da bermannt sie die Angst ihrer Verlassenheit, die Sinne schwinden ihr, sie
drckt die Augen zu und lt sich in den Strudel fallen: Schwestern, Erbarmung,
ich mu auch mit! ..
    Der Bankier war mit einem Pckchen Papieren, Rechnungen, Depeschen
zurckgekommen.
    Drillinger blieb auf dem Fenstersims sitzen: Ich bin ganz Ohr, Herr Weiler,
und auf alles gefat.
    Weilers Stimme klang etwas belegt: Soll ich Sie erst mit Lachgas
narkotisieren, bevor ich zur Operation schreite, Ihnen noch einige Illusionen
wie hohle Zhne auszuziehen?
    Danke, was ich heute erlebt und gedacht, hat mich hinlnglich
narkotisiert.
    Umsobesser. Sie wissen, Herr Baron, da ich seither keine Mhe gescheut
habe und, wenn Sie mir, wie ich hoffe, auch in Zukunft Ihr gtiges Vertrauen
bewahren, niemals scheuen werde, Ihre Vermgens-Interessen nicht dem blinden
Zufall zu berlassen. Nicht immer waren meine Bemhungen mit Erfolg gekrnt,
denn Sie haben mir oft ins Handwerk gepfuscht und die Spekulations-Chancen nicht
nach meinen Ratschlgen ausgentzt. Verzeihung! Sie teilen diesen Eigensinn mit
allen Spekulations-Dilettanten. Ich will Ihnen eine allgemeine Beobachtung
mitteilen. Erfahrene Brsianer haben sich immer die Kpfe darber zerbrochen,
mit welcher Hartnckigkeit die Spekulation an den einmal ausgewhlten
Schokindern ihrer Laune festhlt und wie schwer es ist, neue Devisen im Kreise
der Spekulations-Dilettanten einzubrgern.
    Spekulations-Dilettanten ist gut.
    Danke. Ein Beispiel: Der Spekulationsverkehr der deutsch-sterreichischen
Brsen hat noch kein Papier kennen gelernt, das auch nur entfernt hnliche
Beachtung und Liebe gefunden htte, wie das berchtigte Kleeblatt: Kredit,
Franzosen - oder Staatsbahn - und Lombarden.
    Mir scheint doch, da diese Effekten in den letzten Jahren erheblich an
Beliebtheit verloren haben.
    Bei Ihnen, Herr Baron, weil Sie sich einigemale damit in den Finger
geschnitten haben. Entgegen meiner Warnung natrlich! Ich will nur konstatieren,
da die verschiedensten Bemhungen es nicht fertig gebracht haben, andere
spekulative Devisen in annhernd gleichem Grade in die Gunst des Publikums
einzuschmeicheln.
    Zum Beispiel die Diskonto-Kommandit-Anteile des Liebermannschen Instituts.
Angenehme Schmeichelei! Auf Ihr Zureden lie ich diese hbschen Papierchen sich
so lange in meiner Kasse einbrgern und einschmeicheln, bis ich fr diese zarte
Rcksicht ganz ordentlich Haare lassen mute. Das war eine unglckliche Liebe,
Herr Weiler, und dafr haben Sie keinen Kuppelpelz verdient.
    Das verstehen Sie wieder einmal nicht. Das war ein ganz besonderer Fall.
brigens ist's denn der Rede wert, was ich an Ihnen verdiene? Handle ich nicht
aus Freundschaft mit Ihnen? Hat nicht schon mein Vater die Geschfte Ihres
seligen Herrn besorgt zu seiner grten Zufriedenheit?
    Herr Weiler fhlte das Bedrfnis einer Kunstpause und schneuzte sich wieder
anmutigst in sein groes rotes Foulard, indem er dasselbe mit beiden Hnden
fate und die Nase zwischen die Daumen klemmte. Ein Tropfen Unrat blieb im Barte
hngen.
    Warten wir's ab, Herr Baron, die Spekulation in Diskonto-Kommandit wird
sich noch mchtig entwickeln.
    Jawohl, wenn ich so weit abgewickelt habe, da berhaupt nichts mehr zu
wickeln ist. Drillinger mute immer auf den Tropfen Unrat im Barte des Bankiers
blicken.
    Nun haben Sie einen Narren an den Russen gefressen - erlauben Sie das harte
Wort, Herr Baron, und sich stark mit dem russischen Staatskredit liiert. Hier
wre ein gesunder Pessimismus am Platz gewesen. Ich war Ihnen zu Willen - und
nun berechnen Sie selbst, was Ihnen meine Willfhrigkeit und Nachgiebigkeit
kostet. Hier die neuesten Depeschen der Berliner und Frankfurter Kurse.
    Machen Sie mir geflligst die Rechnung, antwortete Drillinger kalt,
nachdem er die dargereichten Depeschen mden Blicks berflogen. Also wieder
Verluste ber Verluste. Und in Gedanken setzte er hinzu: Er ist doch ein
dummer Schmutzian.
    Mein Gott, nur nicht gleich diese schroffe Auffassung. Sie haben noch
ausreichende Deckungsmittel.
    So? Hab' ich die noch? Das ist ja ein groer Trost, da ich noch nicht
vollstndig auf dem Trockenen bin!
    Wie ein Blitz zuckte ein Bild durch seine Seele: das elterliche Huschen im
Garten vor den Isarauen. Zerstoben .... Der Spielteufel .... Die unseligen
Erwerbsexperimente .... Wohin er griff, Pech .... In einem Moment flogen alle
Enttuschungen seines Lebens wieder an ihm vorber .... Vorber! Es rauschte und
sauste in seinen Ohren.
    Und dann vom Depot Ihrer Wirtschafterin steht auch noch ein erklecklicher
Teil unerschttert da.
    Der Bankier rusperte sich, spuckte in einen Zipfel des Taschentuchs und
spitzte dann den Mund, als wollte er pfeifen ....
    Unerschttert! Drillingers Stimme stockte; er mute nach Atem ringen. Dann
begann er schwer, fast flsternd: Sie sind ein Sprachvirtuos, Herr Weiler. Fr
einen Finanzvirtuosen traue ich Sie nicht mehr zu halten, was meine Interessen
angeht. Das Depot meiner Wirtschafterin mu wieder in seiner Ganzheit
hergestellt werden, verstehen Sie?
    Die letzten Worte klangen wie der Schrei eines verwundeten Tieres.
    Ich verstehe sehr gut. Sprechen Sie doch nicht so laut. Aber die gewnschte
Herstellung wird sich in diesem Augenblicke bei den obwaltenden Verhltnissen
schwer machen. Da mssen Sie sich schon ein wenig Zeit lassen und inzwischen
sehr glcklich arbeiten, verehrter Herr Baron!
    Bester Herr Weiler, versetzen Sie sich doch in meine Lage, ich beschwre
Sie! Ich mu wieder frei und unabhngig werden. Eine ganze groe Lebenshoffnung
grndet sich darauf: geordnete Finanzen zu haben und niemandes Portemonnaie
verpflichtet zu sein. Sie haben ja im Grunde unbestreitbar recht: die
wirtschaftlichen Fragen beherrschen alles. Die Lebenslinie bewegt sich aufwrts
mit der Kraft des Wohlstandes. Jede Energie erlahmt und versumpft, wenn ....
wenn .... Begreifen Sie mich?
    Kein Mensch begreift Sie besser, als ich, nicht einmal Sie selbst, sonst
wrden Sie aus dem momentanen Migeschick neue Chancen ziehen.
    Ach, wie Sie wieder orakeln. Drillingers Stimme wurde bebend und nervs
heiser.
    Ich orakle nicht. Ich denke und rechne fr Sie. Sie sind im Augenblick
berlastet. Wenn wir das Depot heranzgen, wre die Rechnung glatt. Das wollen
Sie nicht - ich ehre Ihre Feinfhligkeit, obwohl ich sie bertrieben finde.
Versuchen wir das Glck aufs neue. Ich erweitere Ihnen gern den Kredit. Wie
gesagt: ein erklecklicher Teil jenes Depots ist noch intakt.
    Wie viel?
    Etwas ber fnfzehn tausend Mark, ich wei es nicht auf den Pfennig. Das
gengt zur einstweiligen Deckung im schlimmsten Fall. Hat Ihr alter Schutzgeist
keine weitere Erbschaft mehr in Sicht? Das wr' eine angenehme berraschung fr
Ultimo.
    Schmen Sie sich.
    Der Unratstropfen baumelte an einem grauen Haar. Drillinger fand den Anblick
scheulich; er mute immer hinsehen.
    Wie Sie befehlen. Lassen wir die Alten und denken einmal an die Jungen.
Ganz offen, Herr Baron: Sie ntzen Ihre Situation nicht aus; Sie haben gute
Beziehungen zu meinem sogenannten Konkurrenten in der Quaistrae. Ich nenne
keinen Namen, seien Sie ganz ruhig. Der Mann hat mir einmal schwer geschadet.
Ich trage ihm nichts nach, ich suche ihn sogar fr mich zu gewinnen. Da knnten
Sie mir einen famosen Freundschaftsdienst thun.
    Als Vermittler. Und dann fr sich: Dieses Schwein.
    Jawohl, so ungefhr. Als Vermittler - warum sagen Sie das so hhnend und
bitter? Als Vermittler und zwar auf einem fr Sie ganz bequemen Umweg. Sie
verstehen mich, nicht wahr? Mein Gott, was ist daran! Er ist doch nur eine Puppe
in der Hand seiner Frau, und seine Frau ist eine Puppe in Ihrer Hand. Brausen
Sie doch nicht gleich so auf! Verpflichten Sie mich lieber, damit ich gebunden
vor Ihnen stehe: helfen Sie mir das Geschft einfdeln - und wenn wir Gold
gesponnen, sollen Sie wahrhaftig nicht zu kurz kommen. Sobald das
Isarbebauungsprojekt feste Gestalt gewonnen, erinnere ich mich Ihrer; Ihr
vornehmer Name wird mit Glanz im Verwaltungsrat figurieren. Lassen Sie mich nur
machen. Das nchste Geschft aber ist so beschaffen: Sie machen mir Raler
geneigt, bannt er mir die Hand zu folgendem Unternehmen reicht ...
    Herrgott noch einmal, mu das alles heute abgemacht sein? Mir ist ganz
bel; mir brummt der Kopf ...
    Mir auch. Umso frischer vorwrts. Im heien Eifer geht's am besten. Raler
hat heidenmig viel Geld und wei wenig Gescheidtes damit anzufangen. Dazu soll
er neulich wieder ganze Strmpfe und Scke voll alter Gulden und Kronenthaler
von einer lndlichen Vase geerbt haben ... Wir aber haben die neuesten
lukrativsten Ideen. Was ist vernnftiger, als da wir unsere Ideen mit seinem
Geld zu associeren suchen? Ganz unter uns: Raler ist ein ... Pardon! Bleiben
wir bei der Sache. Ich krze ab, um Sie nicht zu ermden. Sehen Sie diesen
Brief, den ich gestern Abend erhalten. Ein sterreichischer Geschftsfreund
bietet mir die Nennowitzer Brauerei an; in ein, zwei Jahren knnte man sie einer
Aktiengesellschaft mit riesigem Gewinn anhngen ...
    Wollen Sie mir ein Mrchen erzhlen? Um eine Brauerei zu haben, braucht man
doch nicht von Mnchen nach sterreich abzuschweifen?
    Erst recht! Merken Sie denn den Witz nicht: der einheimischen Produktion
vom Auslande her energisch und systematisch Konkurrenz zu machen, bis wir die
Aktien der hiesigen Brauereien so weit gedrckt, da sie uns zugnglich werden?
    Das ist wahrhaftig noch patriotischer, als Ihr Isarverwstungsplan! Aber es
verspricht Profit und Profit macht gut' Gewissen ... Also vorwrts ...
    Verehrtester Herr Baron, in meinem Katechismus steht nichts davon, da die
Spekulation die Verpflichtung zum Patriotismus habe. Das Kapital ist nicht
patriotisch getauft. Kurz und gut: Die Nennowitzer Brauerei ist mir unter der
Hand angeboten - schaffen Sie mir den Raler, und ich habe sie. Gelingt Ihnen
dies, mache ich heute noch einen Strich durch Ihr Schuldbuch und erhebe Sie zum
Verwaltungsrat.
    Weiler schnaufte krftig auf und streckte dem Baron die Hand hin.
    Drillinger stand mit verschrnkten Armen da, aber sein schwermtig
irrlichtelierender Blick widersprach dieser herrischen Pose; es war der Blick
des verzweifelnden Opfertieres, das sich umsonst das Hirn zermartert, seinem
Peiniger zu entrinnen.
    Der Bankier zog die Hand zurck, raffte die Papiere zusammen und schob sie
in ein Portefeuille.
    Der Teufel soll mich holen, Herr Weiler, wenn ich aus Ihren verzwickten
Plnen klug werde. Ich habe nur ganz dumpf die Empfindung, da unsere
Beziehungen nicht mehr die notwendige Klarheit besitzen, um beide Teile zu
befriedigen. Das Wasser zwischen uns ist getrbt - und ich fhle, wie die trbe
Flut steigt. Ich ringe nach Atem wie ein Ertrinkender ...
    Ja, Sie knnen wenig vertragen, Herr Baron. Eine kleine Inanspruchnahme,
und sofort werden Sie unwirsch und verdchtigen Ihre besten Freunde.
    Ich fordere Klarheit.
    Meine Bcher sind klar und zweifelsohne. Und ich erbitte ruhig Blut und
Geduld - und einen ganz kleinen Dienst, und was machen Sie fr ein Gesicht? Als
ob ich Ihnen eine bittere Medizin eingegeben htte! Dabei erffne ich Ihnen
Aussichten, wie sie nicht schner gedacht werden knnen. berlegen Sie sich die
Geschichte mit Raler, sie ist fr uns beide von Wichtigkeit.
    Ich bin entschlossen, mit Ralers berhaupt nichts mehr zu thun zu haben.
    Ach, eine Neuigkeit! So, so. Ich rate Ihnen, diesen Entschlu auf
gnstigere Zeit zu verschieben. Machen wir erst das Geschft - und dann knnen
Sie dem neuen Drange Ihres romantischen Herzens folgen.
    Sie bestehen also auf Ihrem Wunsche, Herr Weiler?
    Da er Ihren Nutzen nicht weniger bezweckt, als den meinigen: ja!
    Der Bankier war immer bndiger und nachdrcklicher geworden. Etwas Hartes,
Schroffes lag in seinem feisten Gesichte. Jetzt verschrnkte er die Arme und
fixierte den Baron mit einem kalten, bsen Auge. Der Unratstropfen baumelte und
fiel auf den Brustlatz.
    Rumen Sie mir Bedenkzeit ein? fragte Drillingen, wie hypnotisiert den
Tropfen verfolgend.
    Nein, nur die notwendige Frist zur Ausfhrung des Versprechens.
    Das ist kategorisch.
    Wozu Umschweife? Wir kennen uns lange genug, um uns rasch zu verstehen.
Entweder wissen wir was wir wollen oder wir wissen es nicht. Da ist nichts zu
bedenken, sollt' ich meinen.
    Bester Herr Weiler, wren Sie vielleicht in der Lage, mir einen weniger
kategorischen Bankier zur Leitung meiner kleinen Geldgeschfte vorzuschlagen?
    Ein Mitrauensvotum? Das lehne ich ab, denn ich hab's nicht verdient. Wenn
Sie aber eine Lsung unserer langjhrigen Beziehungen wnschen, so mu ich
bitten, es auch in der blichen Form vorzubringen.
    Die merkwrdige Wendung, welche die Unterredung genommen, schien jetzt beide
Teile zu verblffen.
    Drillinger griff nach Stock und Hut, besann sich einen Augenblick, dann
reichte er dem Bankier die Fingerspitze, nachdem er hastig den Handschuh
bergestreift: In vierundzwanzig Stunden erhalten Sie meinen Bescheid.
    Zusage!
    Vielleicht - der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb.
    Also Zusage. Und sobald ich die habe, werde ich Ihnen umgehend meine
Absichten ganz genau schriftlich auseinandersetzen. Die Geschichte will sehr
geschickt angefat sein. Der Raler soll sich geschmeichelt fhlen, geben Sie
Acht!
    Das werd' ich ...
    Unter der Thr hielt der Bankier den rasch sich Entfernenden nochmal fest:
Nichts fr ungut, verehrtester Herr Baron, da ich Ihre Geduld auf eine so
harte Probe gestellt. Es wrde mir zu hohem Vergngen gereichen, Sie noch einige
Schritte zu begleiten, allein ich mu noch auf einen Sprung in mein
Hauptgeschft am Marienplatz und ich glaube, wir haben nicht den nmlichen Weg.
    Gewi nicht. Vielmehr den entgegengesetzten. Adieu.
    Und Max v. Drillinger war um die Ecke. Brr, machte er, in ungleichen,
kurzen Schritten dem Schmutz und den Wassertmpeln ausweichend, aus welchen die
siegreich hervorgebrochene Sonne ihm entgegenspiegelte. Lange Strecken war er so
mechanisch dahingeturnt, ber den wimmelnden Markt, durch die schmierige, banale
Reichenbachstrae, an den Grtnerplatz ... Er stie und ward gestoen, und
achtete es nicht. Luft! Wohin? Er fragte sich nicht. Nur marschieren, die
Glieder brauchen, die frische Luft atmen! Dreimal hatte er die Runde um den
Grtnerplatz gemacht, wie einer, der einem Gefngnis entronnen und sich nun in
freier Bewegung nicht genug! thun kann ... Endlich hielt er einen Augenblick,
vielleicht um die Pferdebahn zu erwarten? Er konnte noch keinen bestimmten
Gedanken fassen. Alles Menschliche erschien ihm wie eine verschwommene, hliche
Karikatur. Im Warten schweifte sein Erinnern die Seite des Theaters entlang,
haftete eine Sekunde am Ausgangspfrtchen, um dann im Nu in die Weilersche
Bankbude zurckzufliegen ... Die Sonne ist in den Dreck gefallen - und ich
daneben ... Dieser Weiler entwickelt sich ... Je nun, ich werde ihm zeigen, wo
Barthel den Most holt. Der thut ja, als ob ich mit ihm Schweine gehtet htte!
    Inzwischen war die Pferdebahn vorbeigefahren. Drillinger versprte Hunger.
Er trat ins Caf Paul.
    Weiler hatte seinen Schreibknechten noch einige Briefschaften zur Erledigung
auf das Pult geworfen, dann herrschte er sie an: Das Kontor wird heute nicht
geschlossen, bis ich wieder zurck bin. Wenn Monsieur Paillard in meiner
Abwesenheit noch einmal vorsprechen sollte, melden Sie ihm, da ich ihn morgen
zwischen neun und zehn Uhr in seinem Htel besuchen werde, und da ich die
Strung von heute bedaure. Verstanden?
    Die Kontorjnglinge nickten.
    Eben kam der Auslufer keuchend zurck und machte vor dem Chef einen tiefen
Bckling.
    Einen Wagen, Isidor!
    Bis Isidor mit der Droschke vor der Thr erschien, hatte Weiler seine
wurstartige Gestalt in den berrock geknpft und dem jngeren Kontoristen noch
eine Strafpredigt ber seine schlechte Handschrift gehalten. Den Luxus einer
solchen Pfote knne er seinen Bediensteten nicht gestatten. Was das fr unsolide
Schnrkel seien; die Reellitt eines Finanzmannes drcke sich schon in den
ebenso eleganten wie festen und schlichten Zgen der Schrift aus!
    Herr von Weiler, (- Isidor war galizischer Import, k.k. sterreicher und
Schnorrant in schnem Verein) - der Wagen wartet.
    Dazu ein Knicks, der die Nasenspitze bis an den Nabel brachte.
    Nachdem der Bankier mit schwerflliger Grandezza das Kontor verlassen hatte
und mit Isidors Hilfe in die Droschke gekrochen war, ein Kontorist zum andern:
    Der schnappt noch ber. Er kann sich einen Sperrsitz im Narrenhaus
reservieren lassen. Ich gnn' es ihm.
    Den Baron scheint er noch grndlich einzuseifen.
    Dem gnn' ich's gleichfalls. Der ist auch reif fr den Doktor Gudden.
    Die Geschichte mit dem Franzosen ist mir nicht klar.
    Ich halte den Hanswurst fr einen Spion.
    Silentium! Der Pegasus kommt ber mich. Gott wie ungeduldig - er wiehert
nach seinem Dichter.
    Den Pegasus kenn' ich ... Ich wette, er mcht' auch der schnen Frau Raler
einmal seine Kunststcke zeigen.
    Silentium! Ich bin jetzt ganz Dichtung und Phantasie und umarme alle neun
Musen auf einmal.
    Aufschneider. Isidor, Sie haben das Wort. Erzhlen Sie mir den neuesten
Mnchener Skandal!
    Der Galizier nahm aus seiner hintern Rocktasche eine zerknitterte,
schmierige Nummer des illustrierten Witzblttchens Die Kloake, glttete sie
auf dem Knie und berreichte sie mit feierlicher Geberde.

                                       5.


Ende der Liebigstrae - am sogenannten Gries. Eine alte zweistckige Baracke
mit hohen Dachkammern, wovon die eine als Studierstbchen eingerichtet. Das
Fenster gewhrt einen prchtigen Blick auf die Isar und die Maximiliansanlagen,
die wie ein Wald hart vom Fluufer aufsteigen und den Hhenzug zwischen dem
Maximilianeum und dem Drfchen Bogenhausen mit einem dichten Wipfelstreifen vom
Horizonte trennen. Linde Frhlingsluft strmt durch das offene Fenster und
spielt leise mit den schlanken Zweigen eines buschigen Rosmarinstocks, der in
einer ausgedienten Zigarrenschachtel auf dem ueren Simse steht. Auf dem weiten
Rasenplatz zwischen der Baracke und dem Flu flattert weie Wsche an
schwankenden Seilen, von einem Weidenbaum zum andern gezogen. Sanfte
Nachmittagsstimmung ruht ber der schwach beleuchteten Landschaft. Leichtes
Gewlk umzieht trumerisch die Sonne.
    Schlichting hockte am Schreibtisch beim Fenster, Kuglmeier auf dem Bettrand,
die Fe auf dem Stuhl, in einem alten Buche mit Kupfern bltternd.
    Hre, Deine Geschichte vorhin von dem nchtlichen Menschenpaar im Astloch,
nein, auf dem Wurzelast, war sicher nur eine Vision.
    Vielleicht.
    brigens passieren ja tolle Dinge in der Welt.
    Unglaubliche.
    Kuglmeier schob den dicken Schweinslederband unter den Kopf und streckte
sich im Bette aus. Er trommelte mit den Abstzen auf dem unteren Rand der Lade
herum.
    Deine Zelle hier ist recht gemtlich, da kann man wie ein Benediktiner
ochsen - aber ein anregender Bummel wre mir lieber. brigens mcht' ich nicht
mit Dir tauschen; meine Bude hat den Vorzug eines pikanten vis--vis. Darauf
sehe ich immer in erster Linie: abwechslungsreiche Aussicht auf holde
Weiblichkeit. Hier auen ist man ja wie am Ende der Welt, nichts als Natur
ringsum. Und die Einsamkeit! Allerdings die Wschermadeln ... Wer den Seifen-
und Waschkchengeruch mag ... Wenn sie ordentlich ausgelftet, reinlich sind sie
ja gewi und auch nett gekleidet, einladende weie Schrzchen, vielversprechende
kurze Rckchen und so weiter ... Wie stehst Du denn zur schneren Hlfte der
Schpfung da herauen? ... Keine Antwort ... Natrlich so ein Klosterbruder ...
Bist Du nicht bald fertig? Die Hockerei am Schreibtisch ist wirklich nicht
gesund, glaube mir ... Ich stre Dich, nicht wahr? Hast Du nie den Schreibkrampf
bekommen? Ich habe immer gleich so etwas ...
    Der kleine Kuglmeier wurde allmhlich ungeduldig. Er sprang auf und
beschaute sich im Spiegel, der schief an der Thr hing.
    Mit meiner Nase scheint eine bedenkliche Umfrbung vorzugehen. Das keusche
Wei weicht einem schamhaften Roth. Auch die Augen gefallen mir nicht. Unschne
bluliche Ringe. Und der mde Schnurrbart ...
    Schlichting, ohne von seiner Schreiberei aufzublicken: Natrlich, wenn man
ganze Nchte durchkneipt ... Als Zecher wenigstens bist Du gro ... Pernoctari
... hm ...
    Zum Teufel, was schmierst Du denn da zusammen? Dauert's noch lange? Zeig'
mal her!
    Gleich!
    Ah, mein Lieber, das ist eine harte Geduldsprobe. Weiht was, ich geh'
einstweilen allein - die Isar entlang; es schwant mir, als gb's im Ketterl oder
nebenan im grnen Baum einen famosen frischen Anstich. Meinst Du nicht? Ich
lass' Dir eine schumende Ganze steigen. In einer kleinen Stunde bin ich wieder
zurck.
    Geht nicht, ist gegen unser Nachmittags-Programm, entgegnete Schlichting
mit ruhiger Bestimmtheit und steckte eine neue Stahlfeder in den Halter. Ich
kenne Deine kleine Stunde - hinter dem Makrug. Wolltest Du mich nicht auf einen
Sprung zum Doktor Trostberg und zum Bildhauer Achthuber begleiten?
    Gut, so lass' uns gehen! Ehrlich gesagt, bin ich heute recht flau
aufgelegt, neue Sonderlings-Bekanntschaften zu machen. Ich habe einstweilen an
Dir vollauf genug. Und dann gleich zwei Originale auf einmal, das verdau' ich
nicht. Ich meine, der Trostberg allein thut's auch; ich mu mich heute schonen.
Es ist ja recht schn von Dir, meine Menschenkenntnis erweitern zu helfen, -
aber nicht immer gleich des Guten zu viel. Hoffentlich ist dieser Geheimdichter
des Knigs und Schopenhauerianer wenigstens ein trinkbarer Mann und setzt uns
nicht blo alte Schrullen, sondern auch einen frischen Suff vor. Also gehen wir,
mit Gott, fr Knig und Vaterland!
    Ist noch um dreiig Minuten zu frh.
    Du bist ein Pedant. Htt' ich nur nicht dieses verdammte Brennen im Hals -
und dazu dieses durstige Frhlingswetter.
    Fr Deine Kehle ist das ganze Jahr Frhlingswetter.
    Gott sei Dank ja! rief Kuglmeier entzckt, drehte sich auf einem Bein und
fuhr dann mit den ausgespreizten Fingern seinem Freund Schlichting in das braune
Haargelock. Ewiger Frhling, so lange der Zapfen aus dem Spundloch fliegt -
davon verstehst Du Grbler freilich nichts. Eigentlich solltest Du nicht
Schlichting heien, sondern Nchterling. Bist ein herzensguter Bursch, aber
trinken kannst halt nicht. Das fehlt Dir zu Deiner menschlichen und bayerischen
Vollendung.
    O, nicht so ganz! Aber lass' mich doch! Nur noch eine halbe Seite ...
    Kugelmeier legte ihm von hinten den Arm um den Hals und zupfte ihn am Ohr.
    Weit Du, Du bist wie die Sommervgelein, von denen es im Liede heit: Sie
aen Licht und tranken Tau. Drum wirst auch immer schlanker. Dein Kopf ist das
Grte an Dir und Deine braunen schwermtigen Augen ...
    Wie an Dir das. Grte -
    Der Bauch? Nun, sprich's nur gelassen aus, das groe Wort! Und Kuglmeier
lachte und patschte mit beiden Hnden auf seinen Leib. Ja, das verspricht eine
imposante Entwickelung. Aber weit Du, was noch grer ist? Gelt, das errtst Du
nicht? Meine Geduld! Bei diesem Worte versuchte er von hinten den Stuhl zu
heben.
    Schlichting stemmte sich gegen den Tisch. Dann warf er die Feder weg.
    Qulgeist!
    Also darf ich lesen?
    Meinetwegen.
    Kuglmeier nahm die Bltter und kugelte sich damit wieder in's Bett.
Schlichting legte sich inzwischen zum Fenster hinaus und lie die Zweige des
Rosmarinbusches durch die Finger gleiten mit zartem Reiben, wie liebkosend. Ein
herbser, wrziger Duft hauchte ihm entgegen. Gedmpft rauschte die Isar
herber ... Kuglmeier las, auf dem Rcken liegend, halblaut vor sich hin.

                                     * * *

    Es ist ein vierstckiger, neuer Mietsbau im unteren Isarstrchen, nur vier
Fenster in der Front, so da der Steinkasten, den dazu noch uralte einstckige
Knallhtten mit windschiefen, mosigen Schindeldchern flankieren, viel hher
aussieht, als er wirklich ist. Mit seinen fensterlosen, rotbraunen
Backstein-Seitenmauern, die immer noch vergeblich auf Anbau harren, ragt er wie
ein Symbol moderner Ungemtlichkeit und poesieverlassener, plumper
Spekulationsbauerei ber das romantische hlzerne Winkelwerk des armseligen
Stadtviertels, das sich planlos, von Mhlbchen und krummen ungepflasterten
Gchen durchzogen, an die Isar nrdlich von der Maximiliansbrcke herandrckt,
- eine Ansiedelei von armen Teufeln, die instinktiv zusammenrcken, um sich warm
zu halten, wenn vor Wintersklte Stein und Bein kracht, und sich den Buckel zu
wrmen im traulichen Neben- und Durcheinander, wenn die Sommersonne feuernd ber
dem Isarthale steht. Eine stille, trumende Welt fr sich, in welche erst an
einzelnen Stellen die moderne Zeit hineingegriffen hat, um da einen eisernen
Gaslaternenpfahl aufzurichten, dort einen hohen Steinkasten als Mietsbau
hinzustellen, da einen Bach brckenmig zu berwlben, dort ein Stckchen
Pflaster auf den Erdboden zu legen, wo sich hckerige Gchen kreuzen. Abseits
vom Groverkehr liegend, hat sich fr die sorgsamen Vter der Stadt noch keine
Notwendigkeit ergeben, planmig und grndlich umgestaltend sich mit diesem
alten Wasservorstadt-berbleibsel einzulassen.
    Die eigentliche Herrschaft ber die mehrere tausend Kpfe zhlende
Bevlkerung dieser romantischen Ansiedlung fhren die Franziskaner vom nahen
Lehel-Kloster, untersttzt im Notfalle von der kleinen Kriegsmacht der
Gendarmerie, und einige betriebsame Sozialdemokraten, die im Stillen mit ihrer
Heilslehre den Kirchenleuten zwar Konkurrenz machen, aber praktisch und
ffentlich noch keinen Ersatz zu bieten vermgen fr die Bettelsuppen aus der
Klosterkche und fr die schnen Gottesdienste und abendlichen Erbauungsstunden
in der prchtigen Klosterkirche. So bleibt vorerst die Mehrheit der wirklich
Bedrftigen, der alten Mnner und Weiber insonderheit, dem Krummstabe treu und
dem Polizeispie unterthan, whrend die Jungen, welche als Kleinhandwerker und
Fabrikarbeiter ihren knappen Unterhalt verdienen, innerlich voll revolutionrer
Mucken sind und auf die Verheiungen der sozialdemokratischen Zeichendeuter
bauen.

                                     * * *

    Aber, lieber Schlichting, was ist denn das fr eine gefhrliche Stilbung?
In wessen Auftrag machst Du das? Zu wessen Nutz und Frommen?
    Lies weiter, wenn's Dich interessiert; leg's weg, wenn's Dich langweilt.
    Du foppst mich, nicht wahr? Du machst Dir einen Ulk mit der geschtzten
Umgegend?
    Ein Narr kann mehr fragen, als zehn Weise beantworten.
    Meine Gutmtigkeit ist grenzenlos. Ich lese weiter.

                                     * * *

    Der vierstckige neue Mietsbau im unteren Isarstrchen brachte wieder
andere, ganz modern stilisierte Bevlkerungselemente in diese wenig bewegte
Kleinwelt.
    Das Haus gehrt einem unter verdchtigen Umstnden pensionierten
Steuerbeamten, der mit seiner ehemaligen Kchin in zweiter Ehe lebt, sich Herr
Finanzrat titulieren lt und dabei Wuchergeschfte treibt. Er bewohnt den
zweiten Stock.
    Im ersten Stock haust eine der Maitressen eines Grafen aus der
Maximilianstrae mit ihrer Tochter. Man nennt sie die Wappenhure.
    Im Erdgeschosse treibt ein deklassierter Baron sein Wesen mit zwei
erwachsenen Mdchen, die er fr seine Tchter ausgibt. Von der Beschftigung
dieser sonderbaren Familie wei die Nachbarschaft allerlei Merkwrdiges zu
erzhlen: der Baron wasche Handschuhe, stopfe Vgel aus, schnitzle
Heiligenfiguren, mehr des Unterhalts als der Unterhaltung wegen, - und seine
Tchter, eine Blondine und eine Brnette, die oft wochenlang auswrts
kampierten, seien nur zum Scheine in einem feineren Kunstblumengeschft als
Blten- und Stielmacherinnen angestellt, ihr eigentlicher Erwerb fliee aus
unsittlicher Nebenhantierung - kurz, aus der Prostitution besserer Sorte.

                                     * * *

    Schlichting, woher hast Du das? Die Blondine - die Brnette, ja, wie ist
mir denn? Verdammter Fabulist, was sind das fr Anspielungen?
    Geht Dir ein Licht auf? Gieb Acht, da es kein Irrlicht!
    Saugst Du das aus den Fingern, oder stehst Du mit der Geheimpolizei im
Bunde?
    Keins von beiden. Nimm die Geschichte fr den Anfang einer
impressionistischen Novelle. Ich hab' so etwas wie Herzweh, und da hab' ich mich
aufs Dichten besonnen. Aber ich mache keine Liebeslieder. Die Dudelei freut mich
nicht. Ich mu nach authentischen Dokumenten in derber Prosa arbeiten. Das
strengt den Kopf mehr an und macht das Herz leichter. Wenigstens hoff' ich das
letztere.
    Du bist ein unglaublicher Mensch. Woher hast Du denn diese Details? Du bist
doch kein Urmnchner wie ich, dem so etwas zufliegt ...
    Und ist mir doch zugeflogen. Zum Teil vor einer Stunde erst. Ganz frisch -
und doch schon berprft. Ich verrate meine Quelle nicht. Bitte, lies weiter,
wenn's Dich interessiert.

                                     * * *

    Im dritten Stock hat sich die Verlobte eines Rittmeisters mit ihren drei
Kindern, einem Knaben und zwei Mdchen, huslich eingerichtet. Der Offizier lt
sich nur selten blicken. Doch schickt er desto fter Krbe mit Wein, gebratenem
Geflgel und Naschwerk an seine ewige Braut - Sendungen, von denen der
dienstthuende Packtrger einmal dem lstern forschenden Baron im Erdgeschosse
gestand, da sie eigentlich nicht aus der Vorratskammer des Offiziers stammten,
sondern diesem selbst erst von einer seiner dankbarsten Verehrerinnen, der
militrfrommen Frau eines bekannten Weinrestaurateurs, spendiert zu worden
pflegen. Die Tchter des Barons wollten den Rittmeister bei einer zuflligen
Begegnung im Hallsflur wieder erkannt haben als den Schwerenter Fra Diavolo,
der ihnen auf dem letzten Maskenball im Kolosseum selbst gar leidenschaftlich
nachgestiegen.
    Im vierten Stock haben sich die beiden eigenartigsten Persnlichkeiten
eingemietet: erstens ein einarmiger und einugiger Zeitungsschreiber, der
Herausgeber des sogenannten Witzblattes Die Kloake, oder Das Vaterland der
schnen Seelen, wie es nach einem anrchig-doppelsinnigen Gratulationsgedicht
der ersten Neujahrs-Nummer vom Volkshumor benannt wurde. Den linken Arm will er
auf den franzsischen Schlachtfeldern verloren haben, das rechte Auge wurde ihm
bei einer Rauferei zur Nachfeier der Fahnenweihe eines lndlichen
Veteranen-Vereins aus dem Kopfe geklopft. Er geht meist nur in der Nacht aus,
und die Hausleute, welche dem herkulisch gebauten Einarm-Einaug auf der schwach
beleuchteten Treppe begegnen, drcken sich scheu zur Seite.
    Prebandit nennen sie ihn. Aber heimlich, weil sie ihn frchten. Die
Frechheit seiner Feder ist beispiellos. Er schont nicht das Kind im Mutterleibe.
Wo er hingreift, bleibt ein Schmutzfleck. Seine Tinte ist stinkige Jauche.
    Zweitens: der Akt-Photograph Attenkofer, Meister des freien deutschen
Hochstifts, Inhaber zweier silberner Medaillen fr Kunst und Wissenschaft,
Ehrenmitglied des Tierschutzvereins sowie der Gesellschaft zur Verbesserung der
Hunderassen, ein Mann mit einem drolligen Lwenkopf, von Gestalt ein Riese
Goliath, nach der Tracht, die Sommer und Winter die gleiche, einer der
getreuesten Jnger des Stuttgarter Wollenapostels - und dazu eine sanfte
Kindesseele, keusch wie, Gletschereis. Seit er neben dem Prebanditen wohnt, ist
die Harmonie seines Gemtes zerstrt. So viel Bosheit und Niedertracht bei einem
Menschen, der die Feder fhrt und sich Journalist nennt, htte er nie fr
mglich gehalten. Zum erstenmal in seinem Leben hat er einen Menschen hassen
gelernt.
    Der Prebandit hat ihn in seiner Kloake karikiert als Kohlrabiheiland, der
die alleinseligmachende Pflanzenkost ffentlich predige und heimlich
Schweinsbraten und Knackwrste pfundweis fresse. Das hat ihn zwar gewurmt, aber
er hat's ertragen.
    Der Prebandit hat ihn in seiner Kloake als dressiertes vierfiges
Zirkusvieh abgebildet, ein Ungeheuer, halb Kater, halb Vogel, im grotesken
Ringkampfe mit einem ekelhaften, die Zunge herausstreckenden Klown. Ein
Bldsinn, eine gassenjungenhafte Unverschmtheit. Es hat ihn wieder gewurmt,
aber noch hat er's ertragen.
    Ich bin sein Lckenber, sagte sich Attenkofer; wenn ihm nichts Besseres
einfllt, nimmt er mich vor, sein Sudelblatt zu fllen; so lange er mich
verarbeitet, wird wenigstens ein anderer ehrlicher Mitmensch in Ruhe gelassen.
Gut, ich ertrag's und opfere mich.
    Der Prebandit trieb nun die Frechheit einen Schritt weiter: er brachte in
einer der folgenden Nummern den Traum des Photographen; in portrthnlicher
Gestalt liegt Attenkofer unbekleidet auf einem Divan, faunisch grinsend im
Anblick nackter Mdchengestalten, die ihn umschweben und nach denen er
verlangend die Arme ausstreckt. Zu dem scheulichen Bild gesellte sich noch ein
unfltiges Gedicht.
    Das ertrug der Photograph nicht mehr. In dieser bbischen Weise seinen
reinen Kunstsinn ffentlich verleumdet, mit Kot sich und sein ehrsames Handwerk
beworfen zu sehen! Und warum diese Besudlung? Aus purer Lust an der Gemeinheit,
am Skandal? ... Sollte er hinbergehen und den Hallunken kurzer Hand
niederschlagen? Darf das ein unschuldig Gekrnkter, ohne sich selbst zu
entwrdigen? Die Gerichte anrufen? ...
    Tagelang ging er wie wahnsinnig umher, auf wirksame Mittel zur Abwehr
denkend, als pltzlich die Polizei einschritt und - bei dem Photographen eine
Haussuchung nach obsznen Bildern vornahm. So schien die Schmhung dem
Prebanditen als Denunziation richtig geglckt ...

                                     * * *

    Das wchst sich ja zu einer ganz unheimlichen Geschichte aus, einer Art
Kriminal-Novelle. Diese Richtung htte ich Deiner Phantasie am wenigsten
zugetraut. Du bist zwar eine grblerische Natur, aber nach der Seite des Ernsten
und zugleich Sonnenhaften. Wie mgen Dich nur pltzlich diese dunklen Infamien
locken? All' diesen Lumpereien und Schmutzereien zum Trotz: das Leben ist doch
viel seliger und schner und reiner, als es scheint. Das wei sogar ich, ein
Urmnchener.
    Gewi, wir haben es nur noch nicht vollstndig entdeckt. Es hat noch
unendlich viel heimliche Gter und verborgene Werte. Jedoch um zu ihnen zu
gelangen, mssen wir uns durch Schutt und Unrat hindurcharbeiten, wie zu
verborgenen Schtzen. Und wenn wir nur die innere Gewiheit haben, auf der
rechten Spur zu sein - - Ich glaube, man kann schon in Hoffnung des knftigen
Besitzes ein frhliches Genugefhl vorwegnehmen mitten in der elenden
Gegenwart. Wie die wirklich Frommen ihren Himmel schon auf Erden haben, indem
sie felsenfest daran glauben. Jawohl, der Glaube macht selig - ob die reelle
Seligkeit nachkommt oder nicht, ist eigentlich gleichgltig. Der Glaube ist die
Hauptsache. Und darum auch das Notwendige. Es glaubt sich brigens nicht so
leicht, als man oft zu glauben meint.
    Prchtig gedacht, mein Grbler. Du bist wirklich ein famoser Kopf. La Dich
umarmen! Nun bin ich doch auf den Fortgang und Schlu Deiner Geschichte
gespannt, die sich aus der Lokal- und Personalschilderung herausspinnen wird.
Lass' die anderen Bltter sehen! Du hast mich wirklich neugierig gemacht ...
    Du kannst nicht neugieriger sein, als ich selbst.
    Wieso?
    Ich mu das Weitere erst finden. Ich wei augenblicklich nichts mehr.
    Du weit nichts mehr? Ach was, Narrenspossen! Rcke nur heraus mit Deinen
Geheimnissen -
    Visionen!
    Ich nehme das Wort zurck. Du bist der scharfugigste Mensch des
Jahrhunderts. Ich glaube an Dein nchtliches Menschenpaar auf dem Wurzelast, wie
ich an Adam und Eva im Paradiese glaube, oder an die Blondine und die Brnette
und die ganze Rotte Korah, oder an den Prebanditen und seine Kloake. Das luft
ja alles mit und neben uns herum, fhrt mit uns auf der Pferdebahn, zecht mit
uns in der Arche Noah, da ist lauter echtes, patentiertes Gesindel - und Du, der
stille, schlaue Schlichting, entpuppst Dich als sein Geschichtschreiber. Ich
wette, ich bekomm' auch mein Teil ab. Komm', erzhl' mir wenigstens meine
geheime Historie der nchsten vierzehn Tage!
    Ich bin kein Fabulist, erfreue mich auch keines zweiten Gesichts. Ich stehe
nur auf Lebenschatsachen und reite nicht in Phantasienebeln herum.
    Gott sei Dank. Das wrde Dir auch schlecht bekommen. Wir sind die positiven
Kinder eines positiven Jahrhunderts. Aber das hindert nicht, da wir uns das
wissenschaftliche Ragot, das uns die Gelehrsamkeit auftischt, heimlich mit
etwas Trumerei garnieren. Mach' mir einmal den Spa und versetz' Dich in meine
Haut und trume mir ein Stckchen von meinem nchsten Lebensschicksal mit
offenen Augen vor!
    Dein Lebensschicksal? Offen gestanden, ich glaube gar nicht, da Du eins
hast. Du treibst's einfach wie die anderen, nach der offiziellen
Gebrauchsanweisung und den bewhrten Mustern: heute noch lustiger Student,
morgen ernster Philister, bermorgen kluger Beamter mit Weib und Kind, dann ein
gottwohlgeflliger Bureau-Maschinist mit glcklicher Streberei, zuletzt ein
protektionsbeflissener, erhabener Troddel, dein schlielich der Staat fr
treugeleistete Dienste seine hchsten Orden an die Brust steckt und von dem die
Kollegen neidvoll-bewundernd sprechen: Da seht den dicken Kuglmeier, der hat
eine brillante Karriere hinter sich, der hat's zu etwas gebracht, der ist ein
gemachter Mann und eine Zierde unseres Standes, - wenn ihn nur bald der Teufel
holte, denn er ist lang genug mit dem faulen Hintern im Schmalztopf gesessen.
    Wunderschn!
    Aber das nenn' ich kein Lebensschicksal, das nenn' ich berhaupt kein
Leben, sondern hchstens - -
    'raus damit, gttlicher Grobian! rief Kuglmeier und schttelte sich vor
Lachen. Hchstens - -
    Eine veredelte Affenkomdie, welche das wahre Menschentum mit seinen hohen
Zielen und Idealen Parodiert.
    Auch Du, mein Brutus! Null thust Du mir aber wirklich leid; denn mit einem
solchen Begriff vom Leben kannst Du Dich am ersten besten Thrhaken aufknpfen,
- wenn Du nicht irgendwo eine heimliche Million liegen hast, mit der Du hchst
souvern nach Deiner Faon leben und selig sterben kannst.
    Fllt mir gar nicht ein. Ich denke sogar, mich recht und schlecht auch ohne
die Million durchzuschlagen, mit ehrlicher Hantierung und ohne auf meinen
Begriff vom Leben zu verzichten.
    Aber nicht bei uns.
    Dann anderwrts. Raum fr alle hat die Erde. Ich bin kein Schollenkleber.
    Weit Du, Schlichting, an wen Du mich mit diesen kritischen Extravaganzen
und Gedankenausschweifungen erinnerst? An meine Schwester Flora.
    Das ist ein erlsendes Wort, dachte Schlichting, und froh, eine so
glckliche Wendung des Gesprches erhascht zu haben, fragte er ruhig fast
schchtern: Hast Du neue Nachrichten von Deiner Schwester?
    O meine Flora, dieser Prachtkerl von einem genialen Frauenzimmer, denke Dir
nur, die nimmt sich jetzt die Welt ordentlich zwischen die Beine. Nachdem sie
einige Wochen um den Vesuv herumgeklettert ist und in alle Feuerschlnde geguckt
und die Nase an alle Rauch- und Schwefellcher gehalten hat, will sie auch noch
dem tna eine Visite machen. Sie ist bereits nach Sizilien unterwegs. Sie hatte
immer schon so etwas Vulkanisches - ihre naturwissenschaftlichen und
historischen Kenntnisse sichelt nicht hinter ihren knstlerischen Talenten
zurck - da kann sie nun da unten auf dem klassischen Feuerboden sich grndlich
ausschwelgen. Ja, meine Flora - - Und Kuglmeier schnalzte mit den Lippen und
warf Kuhnde in die Luft.
    Du hast keine Angst um sie?
    Nicht die Spur. Die kleine Hexe hat Kurasche fr Zehn; die ist allen
Banditen gewachsen.
    Und sie reist in dem fremden Lande ganz, allein?
    Ich bitte Dich, Italien ein fremdes Land, diese abgelaufene Gegend! Da
wimmelt's voll Einheimischen, wollte sagen, von Deutschen, besonders Mnchenern,
da man sich kaum ausweichen kann. Flora sucht ja allein zu sein, um die
Eindrcke ganz frisch und intim zu haben und sich nicht von andern vor der Nase
weggucken zu lassen. Die will berall etwas Apartes. Und findet's auch. O das
ist ein mordsmiger Prachtkerl. Ganz mein Ebenbild!
    Ja, so ungefhr, ich stelle mir's lebhaft vor ... Und sie hat sich
unterwegs noch an niemand angeschlossen?
    Wie komisch Du fragst. Freilich wird sie das, so ab und zu, von heute auf
morgen, bei besonders schwierigen Partieen. Mit strengster Auswahl natrlich. O,
die ist anspruchsvoll - und eine Menschenkennerin, ganz unglaublich.
    Du empfindest also wirklich keine Besorgnis um sie? Ich sage Dir, meine
Schwester knnte ich nicht so allein hinausziehen lassen. Mich wrden die Sorgen
umbringen. Ich htte die schauerlichsten Trume. Unmglich auf die Dauer.
    Da haben wir gleich wieder den khnen Wandrer, der kein Schollenkleber ist!
Lass' Dich auslachen, Schlichting! So reise ihr doch nach!
    Herrgott, ja, auf der Stelle, wenn's mglich wre.
    Deiner Schwester, mein' ich.
    Ja, htt' ich erst eine ... Sagen wir, unserer Schwester, damit ich
wenigstens Sorge hegen kann, wo Du nur Vertrauen und Freude hast, glcklicher
Kuglmeier.
    Komischer Gedanke. Einverstanden: Du bekommst den Sorgenteil. Du knntest
brigens Deine impressionistische Kriminalnovelle so einrichten, da Du ihr das
Manuscript als geistigen Reisebegleiter nachschicktest. Donnerwetter, siehst Du,
das ist wieder so eine Idee, wie sie nur mir kommen kann. Flora wird lachen:
schick' ihr die Geschichte, sobald Du sie fertig hast. Ich verpflichte mich, zu
Deiner Einfhrung ein Vorwort dazu zu verfassen, das sich gewaschen hat ... Auch
einen Titel will ich Dir dazu erfinden helfen, der sich hren lassen soll. Titel
erfinden ist meine Hauptstrke - ein Zeichen, da ich nicht ohne poetische Ader
bin. Nur bin ich zu faul, sie auszubeuten. Ein schner, klingender Titel wre -
wart' einmal - wre - Merkwrdig, jetzt fllt mir gerade nichts ein ... Weit Du
was? Wir bitten Flora selbst einen zu erfinden. Das giebt einen Vorwand mehr!
...
    Was ich hier geschrieben, ist doch keine Damenlektre.
    
    Das war Ziererei. Der Vorschlag behagte Schlichting ber die Maen.
    Damenlektre? Na, wenn Du glaubst, da sich meine Flora fr sogenannte
Damenlektre begeistert ... Ihr wird bel, wenn sie auf Kilometerweite einen
Marlitt-Roman sieht; nein, mein Freund, diesem zarten Geschpf ist in geistigen
Dingen nichts stark genug. In allem eine Heldennatur ...
    Ganz Dein Ebenbild!
    Du hast gut spotten. Ich vertrage auch etwas; im ganze naturalistische
Litteratur hat fr mich keine berraschung mehr. Nur mache ich ffentlich keinen
Gebrauch davon. Soll ich mich den dummen Menschen am Ende gar als Freigeist
vorprahlen? Fllt mir nicht ein. Als neulich der Professor Hirneis - es war in
einer seiner berhmten schngeistigen Soiren - die Rede auf die Zola-Romane
brachte, da protestierte ich emprt gegen den Verdacht, jemals dieser
After-Litteratur meine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, obwohl die Nana der
einzige Roman ist, den ich aus meiner Tasche gekauft und sowohl im Original wie
in der bersetzung mit Eifer gelesen habe. Dafr lobte ich die Bauerngeschichten
von Maximilian Schmidt als den Gipfel vaterlndischer Erzhlungskunst und schwur
hoch und teuer, da mich Dahns Vlkerwandrungs-Romane bis zu Thrnen gerhrt -
whrend ich in der That niemals weder von dem einen noch von dem andern
Schriftsteller ein Buch zu Ende lesen konnte. Ich werde ein Esel sein und gegen
den Strom schwimmen! Was allgemein gelobt wird, hat auch meinen Beifall; so
helfe ich die ffentliche Meinung strken - und habe in meinen vier Mauern den
Genu, ungestrt meiner eigenen Meinung zu frhnen und mich meiner besonderen
Liebhaberei doppelt zu freuen.
    Du wirst's noch weit bringen. Der Geheimrat ist Dir sicher. Ich bewundere
Dich.
    Das hoffe ich. Und wenn ich Dir als guter Kamerad raten darf, schickst Du
Dein impressionistisches Novellen-Manuskript ber die Grenze, schon damit Du
daheim der Versuchung berhoben bist, es am Ende gar einem Verlagsbuchhndler
anzubieten. Ich frchte zwar nicht, da Du mit diesen gefhrlichen Geschichten
Geld verdienen und ffentlich unter die naturalistischen Schriftsteller gehen
willst. Aber gut ist gut und besser ist besser. Man mu sich heutzutag sehr in
acht nehmen, da man nicht vor lauter Idealitt dumme Streiche begeht. Denken
und Handeln ist zweierlei. Frauen knnen so starkgeistig sein wie sie mgen, das
erhht ihren Reiz, gibt ihnen etwas Dmonisches; starkgeistige Mnner hingegen
werden als Phantasten ber die Achsel angesehen. Mit Recht, sag' ich Dir; sie
passen nicht in den Rahmen unseres heutigen Staatslebens. Lass' Dir die Gedanken
und die Locken beschneiden, Schlichting, wir florieren in einer glattgeschorenen
und kurzfrisierten Zeit - und schicke Dein Manuskript, meinetwegen auch Deine
Locken, wenigstens eine Probe davon, nach Italien an Flora Kuglmeier, Du wirst
ihr damit Spa machen.
    Ich staune; diesen geriebenen Meister der Staatskunst htte ich nun doch
nicht hinter Dir gesucht. Fr Dein bemoostes Haupt ist's fast der Schlue
zuviel.
    Ja, der kleine Kuglmeier verkauft Euch zehnmal, wenn's auf's Apropo
ankommt, mein Lieber. Und er wiegte sich auf Fuspitzen und Absatz vor dem
schiefen Spiegel und strich seine brstenartig kurz geschnittenen aschblonden
Haare, da sie knisterten. Dann mit einem Dreher gegen Schlichting, der seine
zierlich geschriebenen Manuskriptbltter nachdenklich ordnete und in einen
blauen Aktendeckel barg: Schockschwerenot, ich sterbe vor Durst, und Du
verwickelst mich noch in diese endlose Plauderei. Hol Dich der Kuckuck, ich habe
Deine Zellenhaft satt. Luft, Luft, Bier, Bier! Kommst nach? Das heit, wenn Du
mit Deinem Doktor des Pessimismus fertig bist, denn da ich jetzt noch mit Dir
diesen trostlosen Trostberg besteigen soll, wirst Du mir im Ernste nicht
zumuten.
    Wir gehen ja am Hause vorbei, am Ende der engen, altersgrauen Sterngasse
links im benachbarten Htten-Viertel. Es ist gar kein Umweg. Es ist das
Prebanditenhaus, Rckgebude, eine weltvergessene Gartenidylle. Die
merkwrdigsten Gegenstze ...
    Im Erdgescho die Blonde und die Brnette? Ich habe allen Blumenmdchen
Fehde geschworen - bis ich meinen Durst gestillt. Nicht um eine Welt, nicht um
ein Sonnensystem geh' ich da hinein. Beht' Dich Gott, es wr' zu schn gewesen!
Komm' nach; Du weit, wo Du mich wiedersiehst; dabei machte er den Versuch, die
Phrase nach dem reinen Thorenmotiv pfeifend zu wiederholen und fuhr dann komisch
deklamierend mit kulissenreierischen Armbewegungen fort: Dort, wo die grne
Isar am farbigsten rauscht, sei Gambrinischer Weisheit mit Wonne gelauscht ...
Also, Scherz ohne, beim grnen Baumwirt. Hippokrates wird wahrscheinlich auch
hinkommen und uns allerhand Gruseliges vom Kadaver des heute gekpften
Lustmrders erzhlen, in dessen Eingeweiden er den Vormittag verschwelgt hat.
Vielleicht bringt er sogar einige interessante Fetzen vom Gedrm des edlen
Snders mit zu belehrsamer Augenweide. Dess' freut sich das entmenschte Paar ...
O Schiller, o Schlichting! Addio, Zukunfts-Oberklassiker deutscher Nation.
Addio.
    Und polternd walzte der kleine dicke Kuglmeier die Holztreppe hinab.
    Schauerlich, was fr disparate Dinge in in einem solchen Kopfe beieinander
liegen, dachte Schlichting und fhlte ein leises Frsteln ber seinen Rcken
hinlaufen. Teilte ich nicht seine schwrmerische Verehrung fr seine Schwester,
ich wte nicht, was ich Gemeinsames mit diesem Menschen htte. Nun bin ich
richtig wieder aus aller Stimmung herausgeworfen ... Am liebsten mchte ich
heute keine lebendige Seele mehr sehen ... Aber Trostberg erwartet mich ... Zu
Achthuber wird's heute nicht mehr reichen ... Eigentlich wr' mir dieser
Knstler-Naturbursche mit seinem trauten, naiven Wesen der liebste. Diese
Geschlossenheit und Lebenszuversicht wirkt wie Balsam. Das ist alles so
anheimelnd harmonisch, Kopf und Herz ohne Miton. Und dabei doch voll strkster
Triebe und der hchsten Aufschwnge fhig. Das ist ein Mensch, der wohl thut ...
Trostberg regt an, aber lt das Gemt unbefriedigt; man geht von ihm mit einem
bitteren Geschmack auf der Junge. Was er wohl zu meinem neueren Manuskript sagen
wird? Ob er's als eine ernste soziale Studie nach der Natur gelten lt oder
nicht - ideale Gedanken-Bajazzo-Sprnge wird er mir diesmal nicht vorwerfen
knnen. Nach der Natur! Jeder sieht schlielich seine Natur. Wenn er berhaupt
nur die Natur sieht ... Armer Trostberg. Einer, der die Menschen hat, weil er
sie zuviel geliebt hat ... Geliebt? Wirklich geliebt? Wer wei! Es steckt so
schrecklich viel Problematisches in allem Pessimismus ... Mein kleiner Eugen
Raler schlgt und beschimpft die Tischkante, wenn er sich unachtsam daran
gestoen und sich eine blaue Beule geholt hat. Die Tischkante ist schuld an
seinem Schmerz ... Kuglmeier geht vorsichtig an allen Kanten herum, drum findet
er auch den besten Platz am Tisch. Er whlt sich auch immer den geeigneten
Tisch, denjenigen, der am reichlichsten nach seinem Geschmack besetzt ist ...
Und sein Geschmack richtet sich nach dem Geschmack der tonangebenden Fresser ...
Und sein Urteil formt sich nach dem Urteile beutegieriger Lebensschtzer ...
    Whrend dieses Selbstgesprches hatte Schlichting mit anmutiger Bewegung
seiner jugendlich schlanken und doch kraftvoll gehobenen Gestalt sich eilig
umgekleidet, eine zerriebene Hose und Jacke, wie er sie nur aus Sparsamkeit im
Hause trug, gegen bessere Stcke umgetauscht und sich besuchsmig hergerichtet.
    Da berkam ihn pltzlich eine eigentmliche Mattigkeit. Waren es die langen
Auseinandersetzungen mit Kuglmeier, die ihn ermdet hatten, oder die
nachtwandlerischen Ereignisse von gestern, die erschlaffend nachwirkten? Oder
war es der Gedanke an Flora, der mehr und mehr in all' seinem Thun und Treiben
spukte, da er sich sumig und trumerisch wieder am Fenster niederlie?
    Wie gebannt hing sein heier Blick an den phantastischen Wolkenbildern, die
sich langsam ber das Isarthal hinbewegten, licht von Sden kommend, gen Norden
sich dunkelnd. Die Abendsonne scho einen mchtigen Pfeil in das blauschwarze
Gewoge, eine lange, goldne Strahlenfurche zurcklassend. Nun verblat sie. Dort
baut sich die Wolke wie ein Riesenfragezeichen auf, silbern umrandet, und gleich
dahinter bricht ein Stck hervor, so ideal zart in seiner feinen, gleichmig
leuchtenden Blue ... Gestern standen die Wipfel noch wie braune Besen, heute
frben sie sich freundlicher; ein grnlicher Schimmer geht darber hin. Und dort
der schwingende, wiegende Punkt - jetzt ber die Wiese um die alte, kerzengerade
Pappel herum? Eine Schwalbe, frwahr die erste - nein, so frh! Und da eine
zweite, dritte - Willkommen, willkommen, da euch die Reise geglckt! ...
Krftiger setzt der Pulsschlag des Frhlings ein; die alten Saftquellen brechen
auf und steigen mchtig ins Licht, von der abgrundtiefen Wurzel bis in das
hchste Gezweige der Krone die Welle verjngten Lebens treibend ... Und der Tod
... Der Tod? Warum mute Schlichting pltzlich den Gespenstergedanken denken?
... Was durcheist sein junges Blut?
    Er springt auf. Lachen und Schreien die Treppe herauf ...
    Schlichting eilt an die Thr und horcht hinaus.
    Nein, es ist wahrhaftig zu stark; treibt er sich noch da unten herum und
macht seine Possen mit den Schneidersmdchen:.. Der Alte wird auswrts sein ...
auf Sthren ...
    Jetzt rief es herauf: Schlichting! Schlichting! Komm doch herab!
    Nach kurzem Besinnen griff Schlichting nach seinem Hute, rollte den
Aktendeckel mit den Manuskriptblttern, verschnrte die Rolle und steckte sie in
die Tasche.
    Am Fue der Treppe bot sich ihm ein unerwartetes Bild. Kuglmeier ber das
Gelnder gelehnt in Hemdsrmeln. Das Beinkleid am Bunde aufgeknpft. Eine kleine
rothaarige Schneiderin lachend geschftig, am Hinterteile abgesprungene Knpfe
anzunhen. Das bermtige Geschpf, dem wilde Strhne ber die Stumpfnase
baumeln, im weiten, weien, nur halb geschlossenen Kittel, ruft gellend: So
halten's doch still oder ich steche! Und sie schien wirklich mit der Nadel
daneben zu treffen und ins Fleisch zu stechen, da Kuglmeier vor Vergngen und
wollstigem Schmerz aufschrie und mit der Hand nach ihrem Arm haschte, dabei
aber fehl griff und ihre Brust erwischte, dann ihre Taille umschlang, worauf
sich das Mdchen wehrte, den Faden abri und mit erhobener Nadel nach ihm stach.
Aus dem geffneten Gemach - der Schneiderwerkstatt - drangen lustige Zurufe:
Ohe, nichts gefallen lassen! Wehr' Dich, Monika! Recht so! Hahaha. - -
    Schlichting in seiner ernsten Weise blieb berrascht auf der halben Treppe
stehen und schttelte den Kopf. Was ist denn das fr ein Sodom und Gomorrah?
    Nicht schelten, Schlichting!
    Doch, doch! fiel die kleine rothaarige Schneiderin lachend ein, sich die
wilden Strhnen aus dem Gesicht und die Lachthrnen aus den Augen wischend. Der
Herr ist so ausgelassen und wir sollen ihm doch helfen. Herr Schlichting, halten
Sie ihm die Hnde, damit ich die Knpfe annhen kann.
    Der Angeredete blieb unbeweglich stehen. Die Treppe lag im Dmmer, von
aufgejagtem Staub durchzogen.
    Das ist die lustigste Geschichte, die mir in meinem Leben passiert ist,
Schlichting, Wie ich mich da an der Treppenwindung vorbei drcken will, begegne
ich dem schnen Kinde; es hat einen schweren Bndel Kleider auf dem Arm; ich
knpfe so ein kleines freundschaftliches Gesprch an und erbiete mich endlich,
ihm die Last abzunehmen und tragen zu helfen ...
    O, es war ganz anders, glauben Sie mir, ganz anders, Herr Schlichting,
rief in den hchsten Tnen die Rothaarige mit mhsam geheucheltem Ernst
dazwischen und Funken verhaltener Lust blitzten aus ihren Augen, die
treppenaufwrts der Gestalt des schlanken Kandidaten entgegenflogen, als wollten
sie ihn herabholen. Denn Monika hatte lngst diesen stillen, scheuen
Dachstubenbewohner in ihr begehrliches Herz geschlossen. Immer war er ihr
ausgewichen und hatte kaum einen Dank fr ihren Gru; jetzt endlich war die gute
Gelegenheit da, wo er ihrem Wort und Blick stand halten mute, wo sie die Hand
nach ihm ausstrecken und vielleicht im Vorbeigehen sich leise an ihm reiben
konnte. Wie ein Traum war's ihr ums Herz ...
    Bitte, es war gar nicht anders - nach meiner Auffassung wenigstens; der
schwere Kleiderpack rollt auf den Boden, ich bcke nach rasch darnach, ihn
aufzuheben und kracks! springen mir alle hinteren Knpfe. Nun denke Dir meine
Verlegenheit, wenn das holde Mdchen nicht zufllig eine gewandte Knstlerin mit
der Nadel wre - wie stnde ich jetzt da! Und er suchte die Rothaarige beim
Kinn zu fassen, whrend er mit der andern Hand den Hosenbund hielt.
    Aber Kuglmeier! machte Schlichting vorwurfsvoll im Nhertreten. Zieh'
wenigstens Deinen Rock wieder an.
    Kuglmeier, heit er, Kuglmeier, der Name pat! rief's in der Stube lachend
durcheinander aus drei, vier, fnf Mdchenkehlen.
    Ihr Vater ist wohl nicht zu Haus, Frulein Monika?
    
    Nein, Herr Schlichting, wir Mdchen sind ganz allein. Er kommt heute erst
spt vom Sthren. Er arbeitet in Fhring.
    Und die Tante, wo ist die?
    Auch auswrts, in Freising, bei ihrem Bruder, der Hochzeit macht. Wir
erwarten sie nicht vor morgen.
    Jetzt stand sie ihm ganz nahe. Ein ser Schauer durchrieselte sie. Sie
ffnete durstig den Mund, als wollt' sie seine Worte trinken.
    Und was habt Ihr heute den ganzen Tag allein getrieben?
    O Sie drfen uns nicht verraten, Herr Schlichting, wir haben schon auch
gearbeitet, aber zwei Freundinnen sind gekommen und da haben wir Kaffee gemacht
und Bier geholt.
    Er hrt wieder Beicht; er examiniert, spottete drinnen das lteste
Mdchen, eine achtzehnjhrige Blondine, und lachte frech.
    Schlichting: Natrlich, wenn die Katze fort, sind die Muse Herr.
    Eine Lachsalve antwortet aus der Stube.
    Warum besorgen Sie denn die Nherei nicht in der Werkstatt? Wenn jetzt
jemand daher kme und she die Geschichte. - So geh' doch hinein, Kuglmeier, und
lass' bei verschlossener Thr Deine Hose kurieren!
    Das wollt' ich ja, ich war schon glcklich d'rin, aber das Weibervolk warf
mich heraus. Ich, ein schwacher Einzelner, gegen diese nadelbewaffnete bermacht
... was soll ich da machen?
    Leichtfertiges Gesindel, grollte Schlichting in sich hinein. Die
Geschichte gefiel ihm gar nicht.
    So macht jetzt rasch ein Ende, das ist ja skandals! herrschte er die
Rothaarige an und suchte um die Beiden herum zu kommen und das Haus zu
verlassen.
    Allein die andern Mdchen hatten sich inzwischen gleichfalls auf den Gang
gedrngt und die Thr hinter sich zugezogen. Das Licht, das durch die Fenster
der Werkstatt auch den Gang und die Treppe sprlich beleuchtete, war damit
abgesperrt, und es herrschte fast vollkommene Dunkelheit, die nur von unten
herauf durch die Gasse notdrftigste Aufhellung erfuhr. Die Mdchen, ihrer
tollen Laune zgellos folgend, wollten jetzt dem gestrengen Herrn Schlichting,
der wie immer gar keinen Spa verstand, erst recht einen Possen spielen und
drckten und stieen sich mit hellem Gelchter, da bald die eine, bald die
andere gegen Schlichting kollerte und ein wildes Gedrnge entstand. Kuglmeier
verlor jede Zurckhaltung und griff in den Haufen und fate und schttelte und
raffte an sich, was er gerade erwischen konnte, whrend Schlichting, durch den
Knuel nach der Thrklinke tastend, pltzlich zwei bebende Arme um seinen Hals
geschlungen und einen kugierigen Mund auf seiner Wange fhlte. Das geschah
alles so blitzartig, da er in dem heien Zusammenpressen von zuckenden,
jugendlichen, leicht bekleideten Leibern, in der dunstigen, warmen Stickluft des
dunklen Ganges momentan die Besinnung verlor und ein willenloses Opfer der
tollen weiblichen Hetze war. Die groen Katzenaugen der katzengeschmeidigen
Rothaarigen funkelten brnstig vor seinem Gesicht und ihre frhreif schwellenden
Brste preten sich all ihn mit strmischem, unbewutem Liebesdrang. Wie ihr
Atem fauchte und glhte, wie ihre Muskulatur sich straffte, wie die ganze
zierliche Gestalt sich sthlte und blutvoll an ihm hinauswuchs in
leidenschaftlicher Umschlingung!
    Monika, verfluchte Hexe, willst Du gleich ...
    Hren's auf, Herr Kuglmeier ...
    Ich erstick' ... Jessas, er erdrckt mich ...
    Gebt's Frieden! schrie die Kleinste, eine kaum fnfzehnjhrige Rotznase
von zigeunerhaftem Typus, die im Gedrnge zu Boden gefallen und zwischen die
schlenkernden Beine Kuglmeiers geraten war. Sie zwickte ihn zornig in die Waden,
fuhr mit einer ungestmen Bewegung auf, da Kuglmeier zurcktaumelte, und mit
sicherem Griff entklinkte sie die Thr und warf sie weit zurck.
    Im hereinbrechenden Licht stob der Knuel auseinander. Mit Gekreisch, wie
wilde Gnse bei'm Aufflug, wenn sie ein Feind berrascht, flatterten die Mdchen
mit zerrauften Haaren und ungeordneten Kleidern aus der wirbelnden gelblichen
Staubwolke in die still erstaunte Werkstatt.
    Die Monika hat angefangen ...
    Halt Du's Maul, Pepperl ...
    Ja, die braucht was zu sagen ... erwiderte geringschtzig Monika,
schleuderte den Pantoffel vom Fue und warf sich mit rgerlichem Schwung der
Hinterbacken auf den Werktisch, da es krachte.
    Schn war's, lustig ... keuchte die Dritte, mit hocherhobenen Armen ihren
schwarzen Haarbusch zusammensteckend, whrend sie die herabgerissene Schrze auf
dem Boden nachschleifte.
    Noch ein Bier holen, der Spa hat mich durstig gemacht, rief die lteste
und klapperte mit dem Deckel des leeren Makrugs.
    Ihr seid schon besoffen! zrnte die Jngste. Was Hab' ich von der Hetz
g'habt? Den Zopf hat er mir schier ausg'rissen.
    Sind sie noch drauen? fragte Monika mit glhendem Blick und sauste vom
Werktisch herunter an die halboffene Thr und steckte sphend den Kopf hinaus
...
    Mit heiem Kopf beugte sich Schlichting nieder und hob die zertretene
Manuskriptrolle auf ...
    Wohnt in diesem Hause der Herr Kandidat Schlichting? ertnte eine
vornehme, sonore Frauenstimme aus dem Zwielicht des mehrere Stufen tiefer
gelegenen Vorraums gegen den Treppenaufsatz herauf.
    Schlichting war wie vom Donner gerhrt, seine Schlfe hmmerten. Mit dem
Rcken gegen die Wand drckend, als ob er eine schtzende Anlehnung suchte,
stand er da, in der einen Hand den Hut, in der andern die Manuskriptrolle in
krampfhafter Spannung. Kuglmeier, nachdem er seinen Rock aus dem Staub
aufgerafft, war beim ersten Wort in die Werkstatt geflogen, wie von einer
unsichtbaren Macht geworfen - und hinter ihm schlo sich wie durch Zauber die
Thr so heftig, da alle Angeln knarrten.
    In die Stille des pltzlichen Dunkels klang wieder die Stimme von unten:
Ist niemand hier? Ich meinte doch ...
    Zu dienen, gndige Frau ... prete Schlichting hervor in einem Ton, der
ihn selbst ganz fremdartig berhrte, fast erschreckte. Er stand noch wie
angemauert.
    Ah, Sie sind's ja selbst, den ich suche. Bei diesen Worten nahm die
Sprecherin mit vorsichtigem, aber doch resolutem Tritt die Stufen. Wie dunkel
und staubig es hier ist! Und hier wohnen Sie?!
    Jetzt stand sie vor ihm, die hohe Gestalt der Frau Kommerzienrat Leopoldine
Raler, ungewohnt einfach in einen grauen Frhjahrsmantel gekleidet, ein
schwarzes Spitzentuch um Kopf und Hals geschlungen, als htte sie von ihrer
Wohnung nur einen Sprung ber die Gasse gemacht, um schnell eine Besorgung
auszufhren. Sie lie Schlichting keine Zeit zu weiterem Besinnen.
    Fhren Sie mich in Ihr Zimmer. Ist's hier?
    Nein, zwei Stiegen hher, gndige Frau.
    Gehen Sie voran!
    Er glaubte, die Treppe schwanke unter seinen Fen. Er taumelte wie einer,
der seekrank vom Schiff aus Land steigt.
    Frau Raler im Hinaufsteigen halblaut: Erschrecken Sie nur ber meinen
Besuch, Herr Schlichting. Ich komme, einen Dienst von Ihnen zu erbitten.
    Beim Eintritt in die Studierstube unterm Dach: Sie haben keine
Zimmernachbarn? Wir haben nicht mit Lauschern zu rechnen?
    Wir sind vollkommen ungestrt, gndige Frau.
    Er lehnte sich mit den Waden gegen die Bettlade.
    Das ist mir lieb, weniger um meinet- als um Ihretwillen. Ich mchte Sie
nicht unntzerweise ins Gerede bringen. Die Welt urteilt ja gleich so
entsetzlich schlecht. Und Sie sind so brav, so still und gut. Glauben Sie, da
mich jemand bemerkt und erkannt hat, da unten am Treppenabsatz? Ich hrte Lrm
bis auf den Weg hinaus und das bestimmte mich, am Eingang laut zu fragen.
    O, etwas lauter Scherz vielleicht von den Mdchen in der
Schneiderwerkstatt.
    Sie wechseln die Farbe; Sie sind doch nicht leidend, Herr Schlichting?
fragte sie, ihm nahe ins Gesicht blickend.
    Leidend? O nein, gndige Frau. Etwas nervs. Die Frhlingsluft, die
berraschung ...
    Ja, mein Besuch mu Sie allerdings berraschen. Geben Sie mir Ihre Hand,
Herr Schlichting, Sie haben mir noch nicht Gr Gott gesagt.
    Gr Gott, Frau Kommerzienrat! Und er drckte die schlanke dunkel
behandschuhte Rechte, die sie ihm kordial hinstreckte wie einem guten Kameraden.
Nun fhlte er sich wieder frei und sicher.
    Ich darf auch ein wenig Platz nehmen?
    Hier, bitte - und er zog eilig einen alten Rohrsessel aus der Ecke am
Fuende des Bettes, Kleidungsstcke, Bcher, eine Kaffeebchse, eine
Zndholzschachtel, ein Schachspiel, die darauf lagen, auf den Boden streifend.
    Keine Umstnde! sagte sie mit ihrer klangvoll vibrierenden, heute etwas
belegten Stimme. Ich sitze schon.
    Sie hatte sich auf dem altmodischen Holzstuhl am Schreibtisch
niedergelassen, den rechten Ellbogen auf die Kante gesttzt, den Kopf halbseits
gegen das Fenster gewendet, so da sich die Umrisse in den reinen Linien einer
klassischen Silhouette von dem lichten Hintergrnde des offenen Fensters
abhoben, whrend die Stube sich mhlich mit den tiefen Dmmerschatten des Abends
fllte, aus denen allein das Bett, das Schlichting mit einigen verstohlenen
raschen Griffen von den Spuren der nachmittgigen Unordnung subern wollte, wei
hervorschimmerte.
    Setzen Sie sich zu mir, Herr Schlichting. So. Sie sind so lieb und
aufmerksam mit meinen Kindern. Das hat Ihnen mein Herz und mein Vertrauen
gewonnen. Nicht wahr, ich kann Ihnen vertrauen, Herr Schlichting?
    Sie sagte das wieder in ihrem eigenthmlichen, gewinnenden Tone, der dem
Hrer wie se Musik klang.
    Ja, gndige Frau, erwiderte Schlichting im Brustton der berzeugung, ganz
berwltigt von so viel Gte und Geheimnis. Womit kann ich Ihnen dienen?
    Dabei rckte er seinen alten Strohsessel so nahe, da sich fast ihre Knie
berhrten.
    Schlieen Sie das Fenster, es weht kalt vom Wasser herber. Die Abendluft
ist nicht gesund.
    Schlichting sprang von seinem Rohrsessel auf und eilte ans Fenster. Er mute
sich halb ber die Frau beugen, um hm zu gelangen; dabei streifte er ihre
Schulter und der Duft des vollen dunklen. Haares umwehte ihn. Mit zitternder
Hand schlo er das Fenster. Wie blutiger Flammenschein lohte das Abendrot ber
den Himmel hin und rieselte durch die tiefschwarzen Wipfel der
Maximiliansanlagen.
    Es wird so schnell Nacht. Soll ich nicht Licht machen? Er wurde ganz
verwirrt und seine Stimme schwankte unsicher, als ihm einfiel, da am Ende kein
Tropfen l mehr in der Lampe und auch die letzte Stearinkerze aufgebraucht sei.
Ich bin blamiert, dachte er.
    O nein, verhandeln wir nur im Dunkeln ... Also hren Sie. Ich bin hilflos.
Sie ahnen vielleicht, wie wenig ich auf meinen Mann rechnen kann in vielen
wichtigen Stcken. Nicht wahr, das berrascht Sie eigentlich nicht? Nun setzte
sie etwas hher, aber leiser ein, wie aufseufzend: Du lieber Gott, man mu die
Mnner nehmen, wie man sie bekommt ... Da war mir der Baron Drillinger manchmal
eine rechte Hilfe. Sie verstehen das, nicht wahr, Herr Schlichting?
    Verstehen? Vorlufig verstand er gar nichts. Es war ihm alles wie ein Traum,
ein sehr pikanter, aber noch mehr verworrener Traum ... Wie vom Ewigweiblichen
gehetzt, ohne seinen Willen und sein Zuthun ... Aber Schlichting nickte eifrig
im Dunkeln; sie rckte unruhig mit ihrem Stuhl.
    Der Baron ist unser Hausfreund ... Sagten Sie etwas?
    Nein, er sagte nichts, der gute Schlichting, nur hatte ihm der Ausdruck
Hausfreund sonderbar ins Ohr geklungen, verdchtig, fast unangenehm. Die
groe, schne, edle, herzensgute Frau - und unser Hausfreund; es hatte etwas
Banales, Gemeines fr sein Gefhl; er gab sich in diesem Augenblick keine
Rechenschaft warum, wieso - aber es war seine Empfindung. Der bescheidene Mann
htte nicht an des Barons Stelle sein mgen.
    Und doch glich es einer Abbitte, als er weich erwiderte: O nein, gndige
Frau, ich sagte nichts. Ich begreife, das heit, ich suche alles zu begreifen.
    Sie sind immer lieb, fuhr sie fort und griff nach seiner Hand, die flach
und unbewut trommelnd auf dem Tischrande lag, und zog einen Finger nach dem
andern, wie spielend, in ihre behandschuhte Rechte; und indem sie jetzt seine
ganze Hand mit ruhigem Drucke festhielt, sprach sie hastig mit vorgebeugtem
Haupte und fest auf ihn gerichteten Augen, die durchs Dunkel Phosphoreszierten:
Sie sollen nur helfen, da er unser Hansfreund bleibe, es ist notwendig fr
unser aller Frieden und Glck. Er hat pltzlich sein Verhalten gendert. Ich
habe ihm heute in aller Frhe geschrieben, ich habe ihm Boten geschickt, ich
habe ihm nachmittags telegraphiert, umsonst, ich bin bis zu dieser Stunde ohne
Antwort. Und es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit. Er ist hier, er ist
nicht verhindert, mir zu antworten. Er schweigt mit Willen. Er hat eine
krankhaft reizbare Natur. Wer wei, was geschehen ist, um ihn gegen uns
aufzuhetzen! Und oft fehlt ihm so ganz das Talent, seiner Stimmungen Herr zu
werden und sich fremden Einflssen zu entziehen. Ach, daneben hat er so
vortreffliche, so einzige Eigenschaften ... Den Vormittag ist er bei dem Bankier
Weiler gesehen worden, mittags hat er in sehr bler Laune im Caf Paul gespeist
- dann habe ich seine Spur verloren, keine meiner Anfragen wurde beantwortet. In
seine Wohnung kann ich persnlich nicht dringen; seine Hausdame hat die
strksten Vorurteile gegen mich und wrde mich nicht empfangen. Das ist eine
alte, bigotte Jungfer, die schon seit Menschengedenken das Drillingersche
Hauswesen wie ein Drache bewacht und immer ihren Willen durchgesetzt hat.
Vielleicht hat auch sie wieder ihre Hand im Spiel, wer wei! O diese gestrenge
Jungfer Brigitta ist mir schrecklich aufsssig. Der Baron selbst frchtet sich
oft vor ihr. Das wei ich bestimmt, aus seinem eigenen Munde ... Und in meiner
entsetzlichen Ratlosigkeit hab' ich an Sie gedacht ... An Sie, Herr Schlichting,
den lieben, guten Lehrer meiner Kinder, wende ich mich wie an einen heiligen
Nothelfer! Und mit leidenschaftlichem Druck zog sie seine Hand an sich und
legte sie auf ihre Brust: Fhlen Sie, wie's hier klopft? Ich bin in einer
entsetzlichen Herzensangst. Ich liebe ihn als meinen besten Herzensfreund und
kann ihn nicht missen. Es war mir ein furchtbar schwerer Schritt, zu Ihnen zu
kommen und Ihnen das zu sagen - aber ich wute mir niemand, zu dem ich so viel
Vertrauen htte ... Ich bin von Feinden umgeben ... Ich habe heute in aller
Frhe einen Drohbrief erhalten ... Man will meinen Mann ffentlich blostellen
... Ich habe einen andern Brief erhalten, der voll hmischen Eifers von einer
neuen Liaison des Barons mit einer bekannten Knstlerin berichtet, und in
Ausdrcken, o, in Ausdrcken ... Alles hat sich wider mich verschworen ... Und
noch viel anderes ist mir zugetragen worden: er soll sich in einer sehr
schwierigen finanziellen Lage befinden durch Spekulationen, zu welchen ihn der
Bankier Weiler verleitet habe, und so weiter. Ich habe ihn oft gewarnt. Umsonst.
In Geldangelegenheiten ist er so optimistisch und vertrauensselig wie ein Kind.
Er trumt immer noch von fabelhaftem Erwerb und Gewinn. Seltsamer Widerspruch
seiner idealen Natur. Grlich, wenn er durch einen groen Verlust pltzlich aus
diesem Traum gerissen wrde. Dieses Erwachen knnte ihm den Verstand kosten. Er
ist ja von einer so krankhaft bertriebenen Feinfhligkeit ... Und alles das
strmt in vierundzwanzig Stunden auf mich ein, whrend er sich pltzlich mir
entzieht ... Ach, ich bin namenlos unglcklich ... Alles verliere ich mit ihm
... Knnen Sie mir das nachfhlen, Herr Schlichting? Knnen Sie das?
    Herr Schlichting befand sich in einer ausgesuchten Verlegenheit. Erst war
ihm jedes Wort von der Hausfreundschaft wie ein Stachel in die Seele gegangen,
dann unterstrich er den Fortgang des leidenschaftlichen Berichtes in khleren
Gedanken mit einem Auch sie, und zuletzt gewann sein natrliches Mitempfinden
wieder die Oberhand. Und gar als sie seine Hand auf ihre Brust drckte, war er
so tiefinnerlich von ihrer Hilflosigkeit, ihrem Leid, der Berechtigung des
Schmerzes und der Tcke des Schicksals durchdrungen, da er ihr htte zu Fen
sinken und den Saum des Gewandes kssen mgen.
    Jetzt, wo sie ihn fragte: Knnen Sie das fassen? da lockte es ihn wieder
mit der ganzen berlegsamen Kraft des Impressionisten herauszurcken: Gewi
kann ich das, denn es ist ein wunderschnes Dokument menschlicher Verirrung;
wenn ich Ihnen aber als ehrlicher Mann raten soll, so lassen Sie knftig die
Dummheiten der Hausfreundschaft bleiben und lassen den Baron laufen wohin und so
weit er will, Ihr Gatte mu Ihnen gengen.
    Nein, das moralisierend zurechtweisende Schwnzchen Ihr Gatte mu Ihnen
gengen wre eine bodenlose Anmassung gewesen. Kein Gatte in der Welt mu
gengen. Es gibt Gatten, die keinen Schu Pulver wert sind. Das Weib hat auch
dem Gatten gegenber das unanfechtbare Recht der auf grndliche Erfahrung und
tiefe Wissenschaft gesttzten Kritik - und wenn sie kraft dieser Kritik
experimentiert, mit einem Hausfreunde vergleichende Studien treibt ... ja ums
Himmelswillen, was geht das unbeteiligte Dritte an? Das ist ja alles so
unausdenkbar intimster Natur ...
    Allein Gefhl und Verstand lagen nur einen Moment in so seltsamem
Widerstreit. Die vornehme Frau hatte mit ihrer Herablassung und er Enthllung
ihres Leides schlielich eine solche Gewalt ber seine khlere Einsicht gewonnen
und die ganze Luft seiner abendlich stillen Stube so mit elektrischer Spannung
erfllt, da es ihm in allen Nerven zuckte und prikelte, da er selbst
leidenschaftlich erregt, nur die Worte hervorbrachte: O, befehlen Sie ber
mich, was kann ich fr Sie thun?
    Dabei liebkosten seine Finger ihren Handschuh und streichelten bis zum
Handgelenk, wo durch eine ffnung des Leders sich ein Stckchen kerniges, heies
Fleisch herausprete; er tippte mit den Fingerspitzen darauf, erst zaghaft, dann
fest, und wiederholte dringlich: Was kann ich fr Sie thun?
    In solchen Lagen und Stimmungen fallen alle konventionellen Schranken,
welche die Gesellschaft sonst mit so steifer Komdienspielerei zwischen den
Menschen aufrecht erhlt und im Namen der Sitte, des guten Tones und ererbter
Gesetze von jedermann respektiert wissen will. Im Leid gibt es keine
Standesunterschiede, da bricht das allgemeine, ursprngliche Menschengefhl
hervor wie eine Frhlingsblume aus dein letzten Eis und Schnee. Da steht das
Herz zum Herzen auf du und du. Jede Not, innere und uere, ist eine
Gleichmacherin; sie setzt Ich und Nicht-Ich auf die gleiche Linie und rckt sie
so nahe zusammen, da sie in eins verschmelzen. Die fremde Not wird als die
eigene empfunden, sie ist nichts Fremdes, nichts Gleichgltiges mehr. Du weinst
ber das Weh des andern - es ist dein eigenes. Tat-twam asi! Das bist du! Alles
was lebt und leidet, das bist du selber. Alle Vielheit ist Tuschung und
Schattenbild in Raum und Zeit - und Raum und Zeit sind selbst Tuschung und
Schattenbild des einzigen ewigen Wesens. Tat-twam asi! Das ist die Uroffenbarung
der Menschheit, Kern und Stern aller Evangelien, aller heiligen Schriften, in
welchen Zeichen und Zeiten sie auch geschrieben sein mgen.
    War das noch die vornehme, reiche, beneidete Frau des Kommerzienrats, die
hier in seinem dunklen, armen Stbchen vor ihm sa auf dem harten Stuhl und
deren Hand er in der seinen prete, er, der obskure Kandidat der Philologie, der
Einsame, wie ihn die Kameraden nannten? Wie eine Vision erschien ihm jetzt
wirklich das Menschenpaar unter dem Weidenbaum am nchtigen Isarstrand, und wie
er die Zge erforschte, da waren es keine fremden: es war sein Antlitz und die
ihm gegenbersitzende Frau barg ihr Haupt in seinem Schoe ...
    Und drauen rauschte leise die Isar ein Trostlied.
    Jetzt konnte er auch im Ernste den brderlichen Sorgenteil haben, den ihm
Kuglmeier erst vor wenigen Stunden hier im Scherz zugesprochen hatte.
    Und hatte er nicht Herzensnot wie sie? Wie sollte er nicht zu seiner
Kmmernis all' ihren Kummer nehmen? Wie sollte er sie nicht trsten, wie ein
Bruder seine Schwester trstet?
    Er hrte kaum ihr still verhaltenes Schluchzen, er sah nicht die Thrnen,
die sich langsam aus ihren schnen, groen Augen lsten und die Wange
herabrollten; in dichter Finsternis saen sie da, Hand in Hand, durchflutet von
dem strmischen Lebensgefhl, das sich seines Anrechtes auf Glck nicht stumpf
begeben, nicht feig entsagen will.
    Was kann ich fr Sie thun? fragte er zum drittenmal im lautesten
Herzenston, sich zu ihr hinbeugend und ihre beiden Hnde fassend.
    Ihr Atem vermengte sich mit dem seinigen, als sie schluchzend hervorstie:
Ich wei es nicht.
    Sie wissen es nicht!
    Nein, ich wei es nicht. Ich kann jetzt nichts denken, nichts ordnen. Ich
bin pltzlich so erschttert. Ihre warme Teilnahme hat alles in mir aufgerhrt.
    Schlichting nach einer Pause: Ich habe wenig Fhlung mit der Mnchener
Gesellschaft, ich bin ein einsamer Mann der Studien und der Natur. Die soziale
Maskerade interessierte mich seither fast nur als Studienobjekt. Auer meinem
ganz kleinen Kreise hatte ich so gut wie keinen Verkehr. Allerdings ist mir doch
mancherlei von dem Wirrsal des Stadtlebens durch zuverlssige Mitteilung
vertraut geworden. Erst heute Vormittag habe ich die sonderbarsten Geschichten
aus meinem Viertel erfahren. Zum Beispiel ber das Prebanditentum hat mich
Doktor Trostberg ...
    Den kennen Sie?
    Der Sonderling ist einer meiner intimsten Bekannten, soweit man mit ihm
berhaupt intim werden kann.
    Das ist ein Weg! rief Frau Raler erfreut. Baron Drillinger steht mit
Doktor Trostberg in Verkehr; sie besuchen sich oft ...
    Das ist mir nicht unbekannt.
    Sehen Sie! Ich wei, der Baron, hlt groe Stcke auf ihn.
    Wenn ich's ber Trostberg vermchte, in unserem Sinne auf den Baron zu
wirken!
    In unserem Sinne ... sagte der gute Schlichting.
    Gefunden! Das wre eins. Und das andere: den Prebanditen auszuforschen, um
welchen Preis er uns in Ruhe lassen will. In der gestrigen Nummer hat er eine so
schamlose Anspielung gemacht und mich sogar mit dem jungen Englnder in
Beziehung gebracht, der in unserem Hause wohnt. Das ist nur das Vorspiel. Er hat
angekndigt, in der nchsten Nummer eine vornehme Musterehe in der Quaistrae zu
schildern ... Ich habe schon im vorigen Jahr durch meine Dienerin auf zwei
Exemplare abonnieren und fr zwlf Exemplare bezahlen lassen, ohne das Blatt zu
beziehen. Es scheint das gengt dem Hallunken nicht. Daher die Drohung, da er
auch meinen Mann angreifen will ... Mein Mann darf nicht blogestellt werden,
schon um der Kinder willen ...
    Das bernehm' ich auch.
    Und bald!
    Morgen in aller Frhe.
    O prchtig, wie Sie Rat und Hilfe wissen. Mein guter Stern hat mich zu
Ihnen gefhrt. Wie soll ich Ihnen danken!
    Danken? Nichts davon, Frau Kommerzienrat.
    Die konventionellen Masken legten sich wieder ber Herz und Gesicht.
    Jetzt reichen Sie mir die Hand und fhren mich still und unbemerkt aus dem
Haus.
    Schlichting kramte aus der Schreibtisch-Schublade eine Schachtel mit groen
Wachszndern - noch ein einziges Stck war darin. Er wollte anstreichen.
    Nicht doch; ohne Licht. Es soll mir jetzt niemand ins Gesicht blicken. Sie
ordnete ihren Schleier.
    Schweigend geleitete er sie an der Hand bis zur ersten Treppenstufe, dann
trat er vorsichtig einen Schritt voraus; sie legte ihre linke Hand weich und
fest auf seine Schulter, mit der rechten tastete sie an der Wand - und so
bewegten sie sich Stufe um Stufe die dunkle Stiege hinab, fast geruschlos. Das
Petroleumlmpchen, das sonst vor der Treppenwendung der Schneiderwohnung mit
einer trben, lhungrigen Flamme in einem halb zerbrochenen, angeruten Cylinder
qualmte, hatte sich wohl heute noch keiner lichtpflegenden Hand erfreut? Das
Haus schien wie ausgestorben. Vollstndige Finsternis herrschte. Und doch
verriet beim Nhertreten ein warmer, brenzlicher Dunst, da das Lmpchen schon
gebrannt haben mute und der Docht erst ganz kurz abgedreht worden war. Sollte
die Hand eines Aufpassers ...? Vor der Thr der Werkstatt trat Schlichting
unwillkrlich etwas sachter und zager auf. Unntige Vorsicht. Keine Maus rhrte
sich. Doch! War's nicht wie eine geschmeidige, jugendliche Gestalt, was sich da
fest zwischen den Thrpfosten in die Ecke drckte? Auf den Zehenspitzen sich
streckte, um sich dnner und unsichtbarer zu machen? Leuchteten nicht ein paar
glhende Augen, atmete nicht eine erregte Brust und hielt pltzlich vor den
Vorberschreitenden den Atem an?
    Die Frau Kommerzienrat strauchelte. Oh!
    Bitte, gndige Frau, etwas mehr nach links. Jetzt, so.
    ber die Schwelle der nur angelehnten Eingangsthr hinaus, winkte die
verschleierte Dame mit der Hand zurck, was zugleich als Abschiedsgru und
Aufforderung zum Zurckbleiben zu nehmen war, dann eilte sie mit groen,
elastischen Schritten davon. Im Hause knallte eine Thr zu, so heftig, da
Schlichting erbebte. Noch kreuzten sich so widerstrebende Gedanken und
Empfindungen in seinem Innern, da er sich ber nichts uerliches klare
Rechenschaft geben mochte. Da es aber die rothaarige Monika gewesen, die,
nachdem sie an seiner Zimmerthre gelauscht und sich von der Anwesenheit der
Frau Kommerzienrat berzeugt hatte, in wtender Eifersucht das Ende des
Stelldicheins abwarten, die beneidete und gehate reiche Frau das Haus verlassen
sehen wollte und doch in einer pltzlichen Anwandlung von Furcht die
Treppenlampe auslschte, - dieser Gedanke wre Schlichting in aller Ewigkeit
nicht in den Sinn gekommen.
    Wie ein Trumender wandelte er einigemal vor dem Hause auf und ab, dann kam
er in die Liebigstrae, dann in die Kochstrae, dann stand er vor einem
niedrigen Gartenzaun mitten im Httenviertel, starrte ber die kleinen,
verwahrlosten Beete auf ein beleuchtetes Fenster, hinter welchem ein alter Mann
in weien Hemdrmeln am Tische sa und laut aus der Zeitung vorlas. An seiner
Seite kauerte ein Weib, mit einem Strickstrumpf in der Hand, eingeschlafen, wie
es schien, das Kinn aus der Brust. Zwei Rangen, mit frischen, wilden Gesichtern,
lffelten ihre Suppe aus der Schssel. Das Hnschen hockte so tief in der Erde,
da das Fenster fast bis an den Gartenboden reichte. Vor dem Fenster war die
letzte Weihnachtstanne in den Boden gesteckt; der wurzellose Christbaum stund
wie schaudernd in dem kalten Licht, das die Petroleumlampe durch die Scheiben
warf. Ringsum schwarze Nacht. Schlichting starrte noch in das Licht. Ein
streunendes Frauenzimmer nherte sich, streifte ihn und flsterte: Schatz,
komm' mit. Er antwortete nicht. Er war in einer fremden Welt. Seine Gedanken
schlugen sich mit Phantomen herum. Der Hausfreund, Monika, Flora - -
    Ein kleines Mdchen, einen schweren Makrug mit beiden Hnden vor sich
hintragend, trippelte an ihm vorber. Ein Hund lief hinterher, emsig den Boden
beschnuppernd. Vor Schlichting schlug er an - wauwau, wau - dann hatte ihn die
Finsternis verschlungen.
    
    Schlichting setzte sich wieder in Bewegung, ganz mechanisch. Seine Gedanken
drehten sich wie im Karussel. Flora, Monika, der Hausfreund, der Prebandit,
Kuglmeier, die Frau Kommerzienrat. Die Nacht wurde schwrzer. Der Himmel blieb
sternenlos. An einer langen Holzbaracke vorbei. Ein grelles Licht liegt als
breiter, gelber Streifen auf her Strae. Das kommt aus dem Fenster eines
Fleischerladens. Rote Fleischstcke, weischimmernde Schweinsviertel, braune
Wurstkrnze hngen im Rahmen, davor eine flackernde llampe. Unter der niedrigen
Hausthr ratschen zwei Weiber in heiserem Sopran. Ein stinkiger Blutgeruch
dnstet aus dem schwarzen Schlund des engen Hausflurs. Weiter. Soldaten mit
schweren, rasselnden Schleppsbeln kreuzen den Weg. Ihr trabender Schritt
verhallt, die Schleppsbel verklirren. Stille. Niemand. Jetzt miaut eine Katze
vom Dach herab ihre Liebesschmerzen in die schweigende Nacht. Eine lange
Lichterkette blitzt auf. Das ist wieder die Liebigstrae. Links in die
Sterngasse. Eine Reihe von zwlf, fnfzehn einstckigen Huschen auf der rechten
Seite, eins wie das andere, jedes mit einer alten, wurmstichigen Altane. Man
riecht den Wurmfra, das vermorschte, verwitterte Holz. Aus einem Huschen
links, nicht viel grer als ein Ziegenstall, hrt man Kinder durcheinander
weinen und wimmern. Aus dem niedrigen Eingang bcken sich Mnner heraus, in
weien Chorhemden, mit Windlichtern und verschwinden um die Ecke, spukartig,
geisterhaft. Ein fernes Klingeln. Vorbei, vorbei. Immer noch die Sterngasse.
Wenige Fensterchen beleuchtet, einige mit blendend weien Vorhngchen. Ein
Mdchen auf dem Altan, ein Bursch mitten in der Gasse - und sich doch so nahe,
da das Zwiegesprch flsternd gefhrt wird. Ein Fensterflgel geht auf, ein
weigetnchtes Stckchen Wand mit einem Kruzifix, einer Schwarzwlderuhr, einem
Kalender blickt vom Stbchen in die nchtige Gasse. Links eine Wirtschaft.
Stimmengewirr, Deckelauf- und Zuschlagen, Bier-, Tabaks-und Speisendunst. Ein
Gast wird an die Luft gesetzt. Fluchen, Schreien, Gelchter. Davon, davon!
    Der Hinausgeworfene holt Schlichting ein und empfindet ein dringendes
Bedrfnis, sich dem Unbekannten zu erklren. Eine lange, konfuse Geschichte.
    Nur langsam, junger Herr, wir haben den nmlichen Weg, jawohl, ganz den
nmlichen.
    Schlichting wendet sich auf dem Absatz um, der Erzhler schwankt den Weg mit
ihm zurck. Die Geschichte wird immer verworrener, was die Fhrung der Fabel,
immer zwangloser und intimer, was den Ausdruck betrifft. Schlichting trabt, der
andere mit. Jetzt wieder langsamer.
    Sie mssen meine Rechtfertigung hren, junger Herr, ju - junger Herr. Die
Lumpenbande, sag' ich Ihnen. Die Sau - -!
    Verzeihen Sie, das geht mich nichts an. Erzhlen Sie das auf der Polizei.
Ich bin Student.
    Student? Hahaha. Was studieren Sie denn? Gripso-Grapsologie? Sie, das ist
eine Wissenschaft! Das ist die einzige Wissenschaft fr die mo - moderne Zeit.
Die mssen Sie aus dem Fundament studieren, die Gripso-Grapsologie. Wenn Sie die
nicht loshaben, hilft Ihnen alles andere nichts, junger Herr. Aber sein, sehr
sein. Juristen, Mediziner, Geistliche - alles eins, sag' ich Ihnen. Die
Gripso-Grapsologie ist die Hauptsache. Das ist die Grundlage von allem. Aber
sein, sehr sein. Und dann im Groen. Verstanden? Nur im Groen. Hahaha. Sollst
fallen Sie immer durch und werden in der Frohnfeste aufgefangen oder in der
Gruftgasse angeschwemmt. So wahr ich Hans Rindler heie: das kenn' ich, junger
Herr. Glauben Sie mir, die Reichssuppe hinter Schlo und Riegel ist ein
verdammtes Fressen; die liegt mir noch im Magen - - - Er hatte Schlichting beim
Rock gefat und redete fanatisch in ihn hinein und lallte und rchelte und
rlpste - und seine Augen funkelten wie die eines wilden Tieres. Es war eine
unheimlich einsame Gegend; eine schmale, lange, nur mit einer Richtungslaterne
beleuchtete Strae, links eine mannshohe Mauer, ber welcher ein scharfer
Gestank herberwehte wie von einer Pferdestallung, rechts eine hohe Einplankung
aus dicken Eichenbohlen. Schlichting vermochte sich nur mit Mhe zu orientieren:
die dicke, schwarze Masse jenseits der Einplankung mute der Holzgarten sein.
Der Betrunkene geberdete sich immer aufdringlicher und gemeiner. Schlichting
machte sich mit einer geschickten Bewegung los, aber so energisch, da der
gripso-grapsologische Sprecher das Gleichgewicht verlor und zu Boden strzte.
    Wart' Lump, Tropf, g'selchter Aff' ... gellte es dem Davoneilenden nach.
    Atemlos kam Schlichting vor seiner Behansung an.
    Unter der Hausthr lehnte Kuglmeier, rauchend und am Stummel kauend.
    Wo treibst denn Du Dich die ganze Zeit herum, Schlichting - ohne Hut? Und
die Pforte zu Deinem Allerheiligsten unter dem Dach unverschlossen? Ich habe
Dich oben gesucht, Dein Hut hing am Nagel, Dein berrock ditto. Ich konnte nicht
begreifen. Habe die Mdchen zurckbegleitet. Donnerwetter, das war ein famoser
Bummel in der Abenddmmerung im englischen Garten, voller Romantik. Aber so thu'
doch auch den Mund auf! ...
    La mich hinausgehen. Mich frstelt.
    Die andern warten gewi noch im grnen Baum ...
    La' warten, was warten mag. Gut' Nacht.
    Dem rappelt's. Wozu hab' ich auch auf ihn gewartet? Ich htte mir's denken
knnen, da er wieder einen Moralischen hat.
    Kuglmeier warf den Zigarrenstummel weg und trollte pfeifend davon.
    Im grnen Baum herrschte noch reges Treiben. Dem kleinen dicken Kuglmeier
wurde ganz poetisch zu Mute, als er sich der Wirtschaft nherte. Wie das kleine
altmodische Haus mit den engen traulichen Stbchen, das unter dem mchtigen
Gest uralter Kastanien mit seinem moosigen Ziegeldach versteckt lag und seine
schlichten Holztische und Bnke hart bis an die Isar hinschob, im Glnze seiner
Gasflammen ihm entgegengrte! Lag's doch wirklich da wie ein seliges,
schimmerndes Eiland, eingehllt in schwarze Nacht, als wr' es nur den
Eingeweihten und Auserwhlten auffindbar. Und das delikate Bier, und die
stattlichen Portionen saftiger Braten und Haxen und Ripperln, lind die gute
altmnchenerische Art der Bedienung, und die allweil fidele Gesellschaft! Lautes
Reden und Diskurieren, Zutrinken und Singen, die festen Schlge auf den runden
Banzen bei'm Anzapfen, das Fortrollen der leeren Fsser, der Ausruf des
behbigen, schmunzelnden Wirtes mit Posaunenstimme: Meine Herren, frischer
Anstich! die geschftig hin und her fliegenden stereotypen Bestellungsphrasen
in der Schenke und in der Kche, dazwischen ein lustiges Auflachen der Schenk-
und Kchenmadeln, die sonore Kommandostimme der Frau Wirtin am Heerde, wo in
weiten Kesseln ber dem prasselnden Feuer das Fett zischte und die Braten
quietschten und die Dnngeselchten brizzelten und die Haxen dampften und ein
warmer lieblicher Schmalzduft durch die offnen Fenster und Thren das Haus
durchstrmte und ber die Tische hinstrich und der Rauch aus dem Schlot in den
berhngenden sten und Zweigen der jungbelaubten Riesenkastanien verwirbelte:
das alles zusammen gab ein so herzerquickendes Bild frohen Lebensgenusses und
gesunder Lebensverdauung, da des Weltlaufs Elend und Sorgen wie ausgeblasen
schienen an den Stammtischen dieser zauberhaften Wirtshaus-Idylle an der
rauschenden Isar.
    Kuglmeier hemmte seine Schritte und berlegte: Was sollte er den Kameraden
sagen, wenn sie ihn wegen seines langen Ausbleibens mit Fragen bestrmten? Soll
er ihnen den abenteuerlichen Nachmittag und das Gaudium des Abends haarklein
erzhlen? Soll er ihnen einen Bren aufbinden? Werden sie ihn nicht mit seinen
Schneidersmdchen auslachen und zur Zielscheibe ihrer Witzeleien und Sticheleien
machen? Der groartige Rheinlnder mit seiner kritischen Preuenschnautze wird
ja wohl auch da sein ... Immerhin! Das wird, sich finden. Er schmatzte mit der
Zunge und schnupperte mit der Nase und fhlte schon den braunen Labetrunk die
Kehle hinabrieseln zwischen den herrlich schmeckenden Bissen eines gelungenen
Saftbratens oder Beefsteaks mit Ei ... Das ist das Wunderschne an einem
gesunden Umtrieb mit den drallen Dirnen, da man so famosen Appetit bekommt, und
das Wunderschne am Essen und Trinken, da man hernach die Reize der holden
Weiblichlichkeit um so genureicher zu schtzen wei.
    Mit diesem sybaritischen Gedanken stiefelte der kleine, dicke Kuglmeier
tapfer auf den grnen Baum los, whrend der Gesang eines feuchtfrhlichen
Burschenliedes der Isaren, welche zu Ehren eines verdienten Korps-Philisters
im ersten Stock Abschied kneipten, aus den offenen Fenstern und die Treppe herab
ihn brausend umschallten.
    Ah, der Herr Kuglmeier, grte ihn die Kellnerin mit lachenden, rehbraunen
Augen, indem sie vom blechbeschlagenen Schenkbrett sechs schumende Makrge mit
beiden Hnden im Schwnge herabrutschte; da die weien Schaumflocken weit
umherspritzten. Drauen im Garten sind die Herren. Eine Ma, nicht wahr?
Wnschen's auch was zu essen? Ich komm' gleich.
    Der ganze Garten war besetzt und summte wie ein Bienenschwarm. Dazwischen
das Klirren und Klappern der E- und Trinkgeschirre, das Knirschen des Kieses
unter den Fen. Auch das schne Geschlecht war vertreten und that im Plaudern,
Essen und Trinken sein Mglichstes. Die lichten Frhlingskleider waren
allerdings durch vorsichtig umgelegte Mntel verhllt, doch gab's in dem dunklen
Gewhl manchen krftigen, hellen Farbenpunkt. Zwischen den schwarzen Hten der
Zivilisten blitzten die Helme einiger Offiziere und die roten Streifen der
Dienstmtzen zahlreicher Einjhrigfreiwilligen, die sich durch ihre scharfen,
spitzen Accente als Norddeutsche bekannten, und die bunten studentischen
Verbindungskppchen tauchten gruppenweise an den einzelnen Tischen auf. ltere
Herren, die nahe dem reienden Wasser saen, hatten die Rockkrgen
aufgeschlagen, um sich vor Zugluft zu schtzen. Allerlei hausierendes Volk trieb
an den Tischen um die Wette mit den Kirchenbau-Lotterielos-Verschleiern seinen
kleinen Handel. Hliche alte Weiber, wahre Vogelscheuchen, boten die Zeitungen
feil, die sie in schmutzigen Mappen oder in alten, schwarzen Ledertaschen, mit
Riemen auf dem Bauche befestigt, herumtrugen und mit nselndem Tone ausriefen.
Schwarzgelockte italienische Vagabundenknaben mit schmierigen Gesichtern, daraus
verschmitzte Spitzbubenaugen leuchteten und blendend weie Zhne blitzten,
priesen in seltsamem Jargon Nsse und heie Maroni an. Als Frhlingsbotin
fehlte auch die triefugige Alte mit den roten Radieschen nicht. Ein Taubstummer
fingerte sich seine Almosen zusammen ...
    Nach einigem Hin- und Hersphen hatte Kuglmeier seine Kameraden entdeckt.
Etwas abseits, mit dem Rcken gegen den Bretterverschlag, der den pompsen Namen
Veranda fhrte, hatten sie sich kneipfroh eingerichtet; sie konnten von ihrem
Platze den ganzen Garten bersehen, und als sie den Sptling sich zwischen den
Bnken daherdrcken sahen mit hochgezogenen Ellbogen, empfingen sie ihn unisono
mit jubelndem Halloh: Die Kugl kommt, die Kugl kommt, der Meier ist schon da!
Richtig waren sie noch vollzhlig: der Medizinmann hatte sie alle hergeschleppt
und festgehalten. Der Stoff war ja ausgezeichnet und der Bierhumor so gediegen
wie noch nie.
    Und Schlichting, wo ist er, der Einsame? fragte der Rheinlnder mit seinem
lustigen Siegfriedkopf und streckte dem Altkommenden die Hand ber den Tisch
hinber.
    Ja, das ist Euch eine Geschichte, eine unglaubliche Geschichte ... begann
Kuglmeier und schnaufte auf. Aber erst setzen und trinken lassen ... Ich bring'
einen kolossalen Durst mit ...
    Also Platz fr den Kolo mit seinem Kolossalen. Hier, nimm einstweilen mit
meiner frischen Ma vorlieb und dann erzhle! Prosit!
    Bitte, dann erst eine solide Unterlage, denn ich bring' auch einen
kolossalen Hunger mit ...
    Herrgott, das kann sich auswachsen. Alles riesig. Das reine Heroenzeitalter
...
    Was mag ich nur gleich? Wei einer die neueste Speisekarte auswendig?
fragte Kuglmeier sich behaglich auf seinem Platze reckend.
    Speisekarte? Da hr' nur, wie die kulinarische Litanei aus dem
Kchenfenster schallt! Das alte, unausgesungene Mnchener Sirenenlied!
    Und durch das Getse vernahm man deutlich die Stimme der
Kchenbeherrscherin, wie sie den dienstthuenden Geistern die bestellten
Portionen zukommandierte nach biederber Altmnchener Art: Dem Herrn Doktor sein
Schweinszngl - dem Herrn Nat seine Klberf' - dem Herrn Professor seine
Ochsenaugen - der Frau Offizial ihre Schweinshaxe - der Frau Kommissr ihr
Kalbsherz - dem Herrn Lehrer sein sauer's Leberl - der Frau Direktor ihre
Dickg'selchten - dem Herrn Premier seine Nier'nln - dem Herrn Inspektor
sein' Kalbskopf mit rote Rub'n - die Frau Kassier mit ihr'm Kalbshirn thut mir
leid, gibt's nicht mehr - dem Herrn Medizinalrat sein Ochsenschweif mu noch a
bisl warten - dem Herrn Gerichtsschreiber seine Schweinsknchel werden mer
glei' haben - ein halber Kalbskopf wr' auch noch da -
    Haben Sie schon bestellt, Herr Kuglmeier? fragte die Kellnerin.
    Beefsteak mit Ei, das heit, mit zwei Eiern. Aber schnell, Kathi, und
blutig.
    Zwei Eier, Donnerwetter, das lt tief blicken, spottete lustig der
Medizinmann.
    Ich wrde raten, das Huhn auch gleich dazu zu nehmen! sagte der
Rheinlnder. Kraftaufspeicherung ist in diesen kritischen Frhlingszeiten immer
gut.
    Der Mensch ist kein Magazingewehr, wehrte Kuglmeier ab und warf seinen Hut
auf einen Baumast. Ich esse, weil mir's schmeckt. Punktum. Ihr scheint mir
inzwischen auch keine Not gelitten zu haben.
    Das Magazingewehr steigerte die Ausgelassenheit und rief die schelmischsten
Anspielungen und Deutungen hervor.
    Endlich schlo der groe Schweiger den lustigen Zwischenfall mit der
Bemerkung: Kuglmeier ist, wie mnniglich bekannt, allen Strapazen gewachsen.
Wenn er sich jetzt mit reicher Atzung versieht, so geschieht dies sicher nur im
Hinblick auf die groe Geschichte, die er noch zu erzhlen hat.
    Sehr gut! Im Hinblick -
    Donnerwetter ja, die groe Geschichte.
    Und Kuglmeier hielt Wort. Nachdem er das Beefsteak mit den Eiern
verschlungen und dazu die erste Ma geleert hatte, erzhlte er die groe
Geschichte. Er lie sich nicht lumpen. Er log, da sich die Balken bogen.
    Trotz des demokratischen Lustgefhls, das alle vor dem Makrug gleich
erscheinen lie, kannte doch auch die alte Wirtschaft zum grnen Baum die
menschlichen Standesunterschiede. Nicht nur in den gemtlichen Stbchen des
oberen Stocks gab's abonnierte Abende, an welchen der Zutritt den gewhnlichen
Sterblichen versagt war - eine Zeitlang waren diese Rume der exklusive
Sammelpunkt der Brder in Apoll vom Krokodil, dann einiger studentischer
Verbindungen, vornehmlich der Isaria, zuletzt die Geburtssttte der geistig
sehr zwanglosen Gesellschaft der Ungespundeten - sondern auch im Garten, wie
der groe Raum zwischen der Rckseite des Hauses und der Isar genannt wurde,
obschon dort niemals andere Blumen blhten, als die weien Schaumrosen auf den
vollen Makrgen, und niemals andere Kruter dufteten, als die vegetabilischen
Beilagen zur Bratenschssel, gab's reservierte Pltze, auf denen die
Privilegierten und Gewappelten sich's bequem machen durften. Unter anderem war
da ein Offizierstisch, ein Schauspielertisch, ein Studententisch, ein
Hofstallertisch und so weiter. War der Zudrang gro oder fanden sich Fremdlinge
ein, dann konnte freilich auf diese Sonderung nicht immer Rcksicht genommen
werden.
    Die Bank vor dem Kchenfenster war durch langes Gewohnheitsrecht den
Meistern und Oberarbeitern einiger benachbarter Gewerbshuser als angestammter
Sitz geblieben. Die Mannhardtsche Turmuhrenfabrik, die Schwarzmannsche
Lohgerberei, die Kunstschlosserei von Moradelli, eine jngere Filzwaren- und
eine Spielkartenfabrik hatten da zumeist ihre Vertreter sitzen. Bei ihnen nahm
auch der alte Wirt gern Platz, wenn's das Geschft erlaubte, und die Frau
Wirtin, familir nur die Mutter genannt, legte sich ins Kchenfenster und
diskurierte mit, wenn's am Herde nicht mehr streng ging. Es waren ureingesessene
Mnchener, Isarthaler, die nicht hher schwuren, als bei ihrem grnen Baum.
Ja, der war ihre eigentliche Heimat. Sie kannten von Urgrovaterszeiten her
seine Geschichte als wr's ihre eigene Familienchronik. Hier war das Zentrum
ihrer brgerlichen und landschaftlichen Eympathieen. Vom grnen Baum aus
liefen ihre Interessen in die Stadt und in die Welt und wieder zurck.
Isarthalauf- und abwrts kannten sie jeden Baum, jeden Strauch, jeden Stein,
jeden Winkel, jede Ecke, jede Baracke. Und das alles war ihnen so aus Herz
gewachsen, da ihnen die leiseste Vernderung weh that. Den Abbruch einer alten
Htte, das Fllen eines morschen Baumes empfanden sie wie einen Schnitt ins
eigene Fleisch und tagelang konnten sie darber hin- und herreden.
    Auch die beiden andern Wirtschaften links und rechts in fnfzig Schritt
Entfernung, das Ketterl und der rote Thurm, hatten die altmnchnerische
Physiognomie treu bewahrt und erfreuten sich einer Stammgastschaft von
untadelhafter konservativer Gesinnung; allein mit dem grnen Baum konnten sie
sich doch nicht messen. Im Ketterl hielten die Floknechte und Holzhndler und
die niederen Lnde-Bediensteten mit Vorliebe Einkehr; das waren derbe
Hochgebirgler mit gewaltthtigen Manieren und Redeweisen, die sich nicht in die
Mnchener Bequemlichkeit und Ruhe fgen wollten. Dazu kam noch ein anderes, was
den grnen Baum in eine hhere Sphre rckte: die geschichtliche Weihe. Der
grne Baum war es nmlich, wo einst der erste kniglich bayerische Prinz, auf
einem Isarflo aus dem schnen Oberlande kommend, gelandet war. Eine
Inschrifttafel aus graugelbem Sandstein ber der Thr auf der Fluseite bewahrte
das Datum dieses denkwrdigen Ereignisses: 14. September 1839 und den Namen
des Prinzen: Seine knigliche Hoheit Kronprinz Maximilian. Diese Thatsache
verknpfte gleichsam den grnen Baum mit dem Schicksale des erlauchten
Frstenhauses der Wittelsbacher; kniglicher Glanz schimmerte ber der
Wirtschaft, der freilich mehr und mehr zu verblassen drohte, seit der jetzige
Knig sich von der Stadt seiner Vter zrnend abgewandt.
    Wie eine wehmtige Erinnerung an entschwundene schnere Zeiten durchzog es
auch heute wieder in dieser lauen Frhlingsnacht die Gesprche der biederen
Gewerbsmnner am Stammtisch vor dem Kchenfenster. Einem neu eingetretenen
Geschftsfhrer der Turmuhrenfabrik wurde soeben die kronprinzliche
Landungsgeschichte in liebevollster Breite und epischer Ausmalung von dem Senior
der vollzhligen Stammtischgenossenschaft zum zehntenmal erzhlt. Vater Homer
konnte seine Odysseegeschichten nicht nachdrcklicher und anschaulicher
darstellen; und jeder nickte mit dem Kopfe und warf in den Kunstpausen, welche
der alte Uhrmacher in seiner Erzhlung anzubringen beliebte, seinen
bekrftigenden Spruch dazwischen.
    Da oben steht's auf der Inschrifttafel.
    Jedes Wort stimmt.
    Der selige Hitzelsberger hat sie gestiftet.
    Ja, ja, das war noch ein Flomeister aus der guten alten Zeit. Er war immer
da gesessen, wo ich jetzt sitze. Das war sein Platz. Hier hat Knig Ludwig, der
Erste natrlich, mit ihm angestoen und ihn wegen der Gedchtnistafel gelobt.
    Dann folgten die zeitgeschichtlichen Abschweifungen mit zarten, kritischen
Randbemerkungen:
    Der alte Ludwig ist fter hier gewesen und hat mit seinen Mnchenern eine
frische Ma getrunken, wenn er von seinen Reisen in Griechenland und Italien
heimgekommen ist. Damals mischten sich die Knige noch unter das Volk.
    Es hat sich viel gendert.
    Leider. Und niemals zum Vorteil.
    Ja, der alte Ludwig! So einen bekommen wir nicht mehr.
    Ich wei noch, wie er ins Hofbruhaus gegangen ist und sich am Brunnen
selber seinen Krug ausgeschwenkt hat. Und aus seiner hintern Rocktasche - man
hat damals die langen Sche getragen - hat er seinen Rettig gezogen. Dann hat
er wie jeder andere Brgersmann seine Ma getrunken, oder auch zwei, und seinen
Rettig dazu gegessen und sich leutselig mit den Gsten unterhalten. Ich seh' ihn
noch mit seinem hohen, weien Hut und seinem langen weigelben Rock. Die Sche
schlenkerten so zwischen den langen Beinen, weil er immer die tiefen Taschen
voll hatte. So etwas gibt's nimmer.
    Ja, ja. Das mu wohl wahr sein.
    Seht einmal heute die Welt an. Alles ist anders. Drum ist auch bei Hoch und
Niedrig keine Zufriedenheit mehr.
    Der Frst gehrt unter sein Volk, behaupt' ich.
    Nicht so laut. Dort sitzen Hofstaller. Der mit dem schweren goldnen
Uhrgehng und den Fingern voll Brillanten schaut immer herber mit seinem
verschlagenen Dachsgesicht und spitzt die Ohren.
    Die haben sich jetzt freilich gut aufprotzen.
    So ein Kerl bildet sich mehr ein, als ein Minister.
    Es heit, da es in diesem Frhjahr mit dem Theaterseparatgespiel nichts
wird.
    Wo Du nicht bist, Herr Organist, da hrt das Musizieren von selber auf. Mit
der Schlobauerei im Chiemsee soll's auch aus sein. berall stockt's. Die
bewuten Millionen wollen nicht anrcken ...
    So ein Heidengeld.
    Was htte man in Mnchen damit ausrichten knnen ... Aber nein, in die
Berge wird's vermauert ... Das kracht doch einmal alles zusammen.
    Ja freilich, das kracht doch einmal alles zusammen, besttigte der
eisbrtige Aufseher von der Filzwarenfabrik und hob die Neige seiner Ma zum
Munde, nachdem er die rauhe, buschige Schnurre, die wie ein Vorhang ber den
Lippen hing, seitwrts gestreift. Der Stoff ist wieder vorzglich heute; ich
denke, nur trinken noch eine.
    Die herzogliche Brauerei in Tegernsee versteht's Geschft. berhaupt ...
Kathi, mir auch noch eine Halbe, aber wirklich nur eine Halbe, rief der
Uhrmachermeister der vorberhuschenden Kellnerin zu und fate sie beim Zipfel
der durchnten, biertriefenden Schrze, die nur im kurzen Bruststck noch im
steifgebgelten Wei starrte. Darber baumelte ein welkes Veilchenstruchen,
das ihr eilt Student ins Knopfloch der straff gespannten, einen kugelrunden
Busen khn herausmodellierenden Trikottaille gesteckt hatte.
    Nehmen's nur eine Ganze, Herr Rembold, tief die Kathi zurck, wir stechen
gleich frisch an.
    Ei natrlich, lie sich jetzt die Stimme der Frau Mutter am Kchenfenster
vernehmen, mit einer Halben fngt man so spt nimmer an, Herr Rembold; Sie
schlafen dann besser. Die Wirtin fate mit ihrer krftigen Hand die obere
eiserne Querstange im Fenster und sttzte den Ellbogen ihres nackten, prallen,
vom Feuer hochgerteten Armes auf den Sims. Rembold wandte sich lchelnd nach
ihr um und nickte mit dem Kopfe.
    Ja, Mutter, heut' ist's wieder scharf hergegangen.
    Sagen's, Herr Rembold, was hrt man denn Neues vom Knig? Es wird wieder so
allerhand Kurioses herumgeredet. Ist's denn wahr ...? Sie migte ihre starke
Stimme bis zum Flsterton. Dann auf eine Frage vom Herde her, mit halber Drehung
ihres Halses, da es an ihrem Doppelkinn zerrte, schallend: Gibt keine Wursteln
mehr heute!
    Das ist's Mutter: es gibt halt keine Wursteln mehr.
    Der arme Knig! Ist's wirklich so weit? Und gar unter Kuratel will man ...
Sie drckte ihr Gesicht ans Gitter und vollendete den Satz ganz leise ins Ohr
des Uhrmachers.
    Vom offenen Fenster des oberen Stocks brauste der studentische Gesang mit
jugendlichem Ungestm in die Nacht hinaus, die Gesprche der Gartengste mit
seiner Klangwucht bertnend: Ein freies Leben fhren wir, ein Leben voller
Wonne ...
    Als das Lied verklungen, rief man an verschiedenen Tischen begeistert Bravo
und Dakapo und klatschte in die Hnde. Der Chor aus der Hhe antwortete mit
Wiederholung der letzten Strophe. Die helle Freude wehte wie Frhlingswind
hinauf und hernieder und erschlo die Herzen zu Scherz und Lust. Die Bekannten
grten sich ber die Tische hinweg und tranken sich mit hochgeschwungenen
Krgen aus der Ferne zu.
    Pltzlich hrte man von der Strae hinter der Wirtschaft her eiligen
Hufschlag und sausendes Gerassel schwerer Wagen und Glockengelute, und rotes
Fackellicht warf einen blutigen Schein in die dmmerige, gelbliche
Gartenbeleuchtung - und wie das wilde Heer war's vorbergejagt im Nu,
isarabwrts.
    Die Feuerwehr!
    Wo brennt's?
    Gste standen auf, bezahlten und entfernten sich eilig, um nachzusehen.
Andere kamen von auen herein. Einer meldete: Es ist nichts; drunten im Lehel
ein Zimmerbrand, kaum der Rede wert. Spter wieder ein anderer: Ein Schneider
soll seine Baracke ausgeruchert haben.
    Ein Schneider! Dabei hat er jedenfalls seinen Geisbart versengt; man
riecht's bis da herauf.
    Und nun wurden Witze ber das Lehel und seine vorsndflutliche Httenkolonie
gerissen.
    Da wird morgen der Tierschutzverein intervenieren mssen, da man wieder
Russen und Schwaben und Wanzen, die da unten legionenweise so friedlich hausen,
grausam gerstet und geschmort hat bei lebendigem Leibe.
    Es wr' wirklich nicht schade d'rum, wenn das ganze Nest da drunten in
Rauch und Flammen aufginge. Das wr' eine zeitgeme Suberung.
    Als Kuglmeier hrte, da es in einer Schneiderwerkstatt brenne, fielen ihm
alle seine schnen Snden vom Sptnachmittag ein. Er lie sich jedoch nichts
merken, um nicht den Neckereien seiner Kameraden zu verfallen. brigens hatten
ihn die fidelen Aufregungen und der reichliche Biergenu gengend stumpf
gemacht, um der Versuchung zu widerstehen, seine Lokalkenntnis im Lehel jetzt
mit romantischen Kombinationen zu verbrmen. Zudem fhrten seine Kameraden mit
einigen Isaren, die sich zu ihnen gesetzt, gerade sehr animierte Untersuchungen
ber einen schwierigen Beleidigungsfall.
    Der Ausdruck Pauksimpel ist grenzenlos beleidigend, das ist ber allen
Zweifel erhaben, kreischte ein blutjunger, schmchtiger Isare mit gestutzter
Nase und einem dicken, schwarzen Wattverband auf der linken Wange, der noch
krftig nach Jodoform stank.
    Vollkommen einverstanden. Der Ausdruck an sich. Aber sobald er vom
Prebanditen in seiner Kloake gebraucht wird, ist er durch die anerkannte
Gemeinheit des Skandalblattes neutralisiert. Da wirkt keine Beschimpfung mehr.
    berdies ist der Kerl ein Krppel und gar nicht satisfaktionsfhig.
    Er hat ja nicht einmal Elementarschulbildung und seine Schmieralien wimmeln
von orthographischen und syntaktischen Fehlern.
    Er ist die potenzierte Nullitt, ein ausgemachter Quadratlump, warf der
Medizinmann dazwischen. Und ein Hornvieh obendrein. Sein sogenanntes Weib,
aufgedonnert wie eine alte Schmierenkomdiantin - man hat sie mir neulich
gezeigt - soll in ihren jungen Nchten eine komplete Wildsau gewesen sein. Das
Paar sieht jetzt aus, als wre es schon einmal begraben gewesen und halbverfault
wieder lebendig geworden. Ausgeschminkte Kadaver. Nicht einmal unter dem
Seziermesser mchte ich den Burschen haben, geschweige vor einer ehrlichen
blanken Klinge. Das ist meine Meinung von der Sache.
    Allein der gekrnkte Isare lie sich damit noch nicht beruhigen.
    Erschwerend ist der Umstand, da er unser Korps systematisch mit seinen
Ekelhaftigkeiten verfolgt. Das geht ja schon seit Monaten so fort. Ttowierte
Indianer, zerkratzte Zifferblter, Schweinskotellets und so weiter fast in jeder
Nummer.
    Tunkt das Schwein in ein Jauchenfa, bis ihm der Dampf ausgeht; wenn
Zchtigung sein mu, ist dies die einzig angemessene, schlo der Medizinmann
die Debatte.
    Das ist die Presse in Eurer vielgerhmten Kunststadt Mnchen ... wollte
der Rheinlnder loslegen, als sich der mde Kuglmeier, der seither nur stumm
zugehrt, aufraffte und dem Sprecher ins Wort fiel: Bitte, nicht die Presse,
sondern nur ein einzelner Prebandit, ein zoojournalistisches Unikum, eine
Migeburt ... eine Sehenswrdigkeit ... eine ... Da fiel ihm pltzlich nichts
mehr ein. Die Kameraden lachten.
    Am Tisch vor dem Kchenfenster gab der Brand Veranlassung, die Baufragen im
Lehel und an den Isarufern zu errtern.
    Das Lehel ist zwar ein Stck Altmnchen, wie man's nicht schner malen
kann, aber es pat nicht mehr in den Nahmen der modernen Stadt, behauptete der
jngere Kunstschlosser.
    Gehen Sie mir doch mit Ihrer modernen Stadt, das ist ja der reine
Schwindel, grollte der Uhrmacher. Ich wei doch auch, wie viel es geschlagen
hat und bin kein Rckschrittler, aber was man moderne Stadt nennt, ist keine
Verschnerung der Welt. Im Lehel ist manches polizeiwidrig vernachlssigt; das
ist richtig. Deswegen braucht man das Alte nicht gleich mit Stumpf und Stil
auszurotten.
    Da ist nichts mehr zu bessern, lieber Herr Rembold, rief ein befreundeter
Handwerksmeister vom Nachbartisch herber. Mit dem Germpel mu aufgerumt
werden. Dann gibt's Baugrnde fr wahre Prachtstraen vom Gries bis an die
Maximiliansbrcke.
    Die Pracht kennt man, die Quaistrae ist so ein Muster von neumodischer
Pracht! Ich geb' keinen roten Heller dafr.
    Die Fortsetzung der Quaistrae wird schon besser werden. Wenn erst einmal
das Ketterl und der grne Baum wegrasiert sind und eine Palastreihe sich die
Isar hinaufzieht ...
    Was? schrie der Uhrmacher auf, der grne Baum wegrasiert? Da, wo wir
jetzt sitzen, auf diesem herrlichen Fleck Gotteswelt, ein neumodischer
Steinhaufen mit fnf Stockwerken? Und daneben ein anderer und so fort? Nein, das
gibt's nicht. Er schlug mit der Faust auf den Tisch.
    Der Kunstschlosser beschwichtigend: Plne, nichts als Plne; wir erleben
das nimmer.
    Das mcht' ich auch gar nicht erleben. Das ist ja der helle Wahnsinn, alles
ummodeln zu wollen. Mu denn jetzt auf einmal alles anders sein, als es unsere
Vorfahren gehabt haben? Die waren doch auch nicht auf den Kopf gefallen. Und
Mnchen ist schon berhmt gewesen, als man von dem ganzen neuen Schwindel noch
nichts gewut hat. Und unsere schne wilde Isar, die soll wohl zwischen Mauern
eng und pomade dahinflieen wie ein Bach, da man mit venezianischen Gondeln
darauf herumfahren kann? Und noch mehr Brcken, da man zuletzt vom Wasser gar
nichts mehr sieht? Deckt sie doch lieber gleich ganz zu, dann habt Ihr noch mehr
Baupltze ... Hoffentlich haben da auch noch andere Leute ein Wort mit zu reden,
denk' ich.
    Die anderen Leute haben schon geredet, der Magistrat zum Beispiel. Der
ganze Lndeplatz hier ist doch stdtischer Boden. Nun gut, die Lnde wird weit
weg verlegt, die paar Flomeistershuser werden abgebrochen, der grne Baum und
das Ketterl werden von der Stadt erworben und dann kann's losgehn, das ganze
Terrain wird planiert und als Bauplatz losgeschlagen.
    Aber da Sie das nicht wissen, Herr Nachbar Rembold! Man reit sich ja
jetzt schon um den Bauplatz. Der Bankdirektor und Konsul Schmerold in der
Quaistrae hat schon lngst ein Auge auf den Komplex geworfen und mcht' ihn dem
Magistrat abhandeln. Er hat sich hinter den grnen Baumwirt gesteckt, da er vom
Magistrat eine unmgliche Summe als Ablsung fordert, damit aus der Geschichte
nichts wird, bis er mit noch einigen Spekulanten sich alles selber in die Hand
gespielt hat.
    Das glaub' ich wohl, da die Herrgottsakermenter mchten. Zuletzt mchten
sie uns noch den ganzen Himmel verbauen, da man nicht mehr schnaufen kann. Aber
das setzen sie nicht durch. So wird die Isar nicht verhandelt und verschandelt.
Da ist die Brgerschaft auch noch da und der Knig ... Und mag denn der grne
Baumwirt um so ein Sndengeld sich das anthun lassen? ... Mutter ist's wahr?
wandte er sich erregt gegen das Kchenfenster.
    Es wird uns nicht viel anderes brig bleiben, oder unsern Kindern. So
schnell geht's brigens nicht, Herr Rembold.
    Hat man nicht schon hundertfnfzigtausend Mark geboten, Mutter? fragte der
Kunstschlosser.
    Das schon, aber mein Mann thut's nicht unter zweihunderttausend.
    Ein schnes Stck Geld fr die Knallhtte, sagte unbefangen der
eingefhrte junge Geschftsfhrer.
    Der alte Uhrmachermeister sprang auf, warf ihm einen vernichtenden Blick
voll unsglicher Verachtung zu, verlie den Tisch und ging heim. Sein grner
Baum eine Knallhtte! Und wegrasiert! Wahrhaftig, die junge Welt kennt keine
Piett mehr ... Das ist der Anfang vom Ende ... Wo soll denn das hinfhren, wenn
einmal ums Geld alles zu haben ist? Da braucht man ja vor keiner Schandthat mehr
zurckzuschrecken, sobald sie nur recht viel Geld eintrgt! Und wer das Geld
hat, der hat die Macht, alles andere zu Boden zu treten? Da soll doch gleich ein
Donnerwetter dreinschlagen oder ... die Sozialdemokratie ... wenn alles ein
Teufel ist ...
    An seiner Hausthr kehrte der Uhrmachermeister noch einmal um. Nein, mit
solchen Gedanken kann er sich nicht ins Bett legen. Ein schwerer Seufzer entrang
sich der Brust des greisen Mannes; sein Kopf glhte, seine Schlfe hmmerten.
Besser, er macht seiner geliebten Isar noch eine lange Nachtvisite und hlt
beruhigende Zwiesprach mit ihrem Rauschen und Murmeln, fern von allem
Menschenvolk. Und er schlug die Richtung nach der Zweibrckenstrae ein.
    Der grne Baumwirt hatte sich zu den Hofstallern gesetzt, um sie auszufragen
und auszuhorchen, was in Hohenschwangau und Neuschwanstein los sei und was es
fr Bewandtnis mit dem neuen chinesischen Schlo habe, das auf dem Falkenberg
errichtet werden soll und ob das franzsische Schlo auf der Chiemsee-Insel
ausgebaut werde oder nicht. Letzteres interessierte ihn besonders, weil ein
Verwandter seiner Frau, ein Steinbruchbesitzer, groe Lieferungen fr den
Schlobau bernommen hatte. Freilich hatte der Vetter noch starke Forderungen
bei der kniglichen Baukasse gut, allein das ngstigte ihn nicht, das Geschrei
der Zeitungen ber die Schuldenlast des Knigs war jedenfalls bertrieben. Wer
ein so groes Privatvermgen hat wie die Wittelsbacher und dazu noch eine
Zivilliste von vier oder fnf Millionen jhrlich, der kann sich schon etwas
erlauben. Der Knig ist nur zu loben, da er das Geld im Lande lt und unter
das Volk bringt. Das macht nichts, wenn auch langsam bezahlt wird; bezahlt wird
ja doch und sehr gut obendrein.
    Also es wird weiter gebaut? fragte der Wirt befriedigt ber die erhaltene
Auskunft.
    Warum denn nicht? Meinen Sie, der Knig lt sich etwas verbieten?
antwortete der mit dem Dachsgesicht. Wozu wr' er denn Knig?
    Die Zahl der Gste war allmhlich zusammengeschmolzen. Die Tische wiesen
groe Lcken auf. Zwei Gasflammen konnte die sparsame Kathi, auch eine Verwandte
der Wirtin, schon ausdrehen.
    Schauen's wer da noch kommt! sprach der Wirt aufstehend, wandte sich aber
noch rasch aus Ohr des herablassenden, auskunftspendenden Stallbeamten und
flsterte: Die sind von der Gesellschaft der Ungespundeten - Dann ging er
begrend den spten Ankmmlingen entgegen: Habe die Ehre, Herr Oberst! Guten
Abend, Herr Baron! Gr Gott, Herr Doktor!
    Die Ungespundeten nahmen an dem uersten Tisch unter dem mchtigen
Kastaniengest stillschweigend Platz. Der Wirt zog sich etwas pikiert zurck.
Kathi erschien, dienstwillig und lchelnd wie immer, trotzdem sie vor Mdigkeit
ihre Beine nicht mehr sprte.
    Der Baron schob seinen glnzenden schwarzen Cylinderhut in den Nacken,
wischte mit dem weien Taschentuch seinen Zwicker, zupfte seine lange Manschette
zurecht, legte Tabakdose und Zigarrettenpapier vor sich hin, rckte sich den
Zndholzstnder nher, sttzte dann die beiden Ellbogen auf den Tisch und begann
mit der feierlichen Grazie eines Trken und Ketters seine Zigarrette zu
drehen. Unter seinen langen, wohl gepflegten Aristokratenfingern rollte sich der
goldbraune Sultantabak in dem knisternden Papierchen zu der denkbar elegantesten
Form. Die erste Zigarrette reichte er galant dem Doktor ber den Tisch. Ecco,
caro Dottore!
    Remplem! schnauzte der Oberst und setzte seinen Schlapphut tiefer ins
Gesicht, da unter der breiten Krempe nur noch der leichtgeschwungene Rcken der
kraftvoll sinnlichen Nase und der lange graue Knebelbart mit der vom vielen
Rauchen in der Mitte angegelbten trotzigen Schnurre ins Licht fielen.
    Hol, Hol, Wotan! grte ein stmmiger Trinker in grngarnierter Lodenjoppe
herber und that den letzten tiefen Zug aus dem Makrug, den er mit Wucht auf
den Tisch zurckstellte. Dann trug er auf den kurzen dicken Beinen seinen runden
Bauch wie einen lebendigen Vierschlauch vor sich her, trat an den Tisch der
Ungespundeten und richtete seine fette Stimme mit breitem Grinsen des umbarteten
Vollmondgesichtes an den Oberst: Alter Germane, man sieht Dich ja nicht mehr,
ich mu leider schon gehen - weit, meine Schicksalswalterin wartet am Wehr! -
aber nchsten Sonntag solltest Du doch dabei sein: unsere Markgenossenschaft
feiert zu ihrem vierten Alting ein Waldfest in Gauting mit Vorfhrung einer
altgermanischen Hochgetid, Speerwerfen, Frauenspielen, Tanz und so fort. Du
kommst?
    Fllt mir gar nicht ein. Remplem. Ich pfeif' auf Eure Germanenkomdie.
    Gut' Nacht, Wotan. Und der stmmige Markgenosse wackelte mit seinen
ngelbeschlagenen Schuhen knirschend davon. Grobian ...
    Was war denn das fr ein Mannsbild und ein Kauderwelsch? fragte der Baron
und saugte an seiner Zigarrette.
    Bah! Ein Lumpenhund, der sich auf den Urgermanen dressiert hat. Wo hngt
die Wurst? War einst ein schneidiger Bursch, ein flotter Forstmann, hatte eine
Menge seiner Liebschaften, schn Hadwig von der Pfalz, schwarz Brbele von
Wrzburg - ich erinnere mich noch ganz genau. Dann kamen wir auseinander, als er
zu strebern anfing. Mit unglaublicher Rcksichtslosigkeit ist er dabei zu Werk
gegangen. Der verstand's, alle Hasen in seine Kche zu treiben.
    Und ist schlielich doch ein Troddel geworden, bemerkte der Doktor.
    Er macht mit seinem Urgermanentum einen urdummen Eindruck, der Baron.
    Lat mich aus! Die Dummen sind die Gescheidten. Wo hngt die Wurst!
Remplem. Prosit!
    Prosit! Es lebe das Spundloch!
    Das ist die ganze Lebenskunst: immer das rechte Loch zu finden.
    Und den unbequemen Kerls immer prompt dasjenige zu zeigen, das der
Zimmermann gemacht hat.
    Wie vorhin dein Markgenossen.
    Das ist mir der rechte Urgermane, daran erkenn' ich ihn: er frchtet Gott -
und sein Weib. Letzteres thatschlich, ersteren nur mit dem Maul, und wenn er
Zuhrer hat. Am besten einen ganzen Reichstag voll. Gottesfurcht, Weiberfurcht.
Dem neumodischen Urgermanen spezifisch wie der preuische Stechschritt. Prosit!
    Drillinger schon lang nicht mehr gesehen?
    Eine Ewigkeit.
    Ist auch kein rechtes Mannsbild. Das Beste an ihm war sein Bruder, der rote
Ludwig. Aber der hat in Europa nicht mehr schnaufen knnen. Hoffentlich hat er
das rechte Loch jetzt gefunden.
    Wie haben sie auch den armen Meister Effenbach gehetzt, bis er in seinem
Steinbruch zu Hllriegelskreut untergekrochen ist. Da haust er jetzt wie ein
Einsiedler im Urwald. Man hrt und sieht nichts mehr von ihm. Das ist ein Glck:
vergessen werden. Ein Original, ein Narr! haben sie geschrieen, weil er keine
wattierten Rcke, keine Lackstiefeln, keine Glacehandschuhe, keine Angstrhre
tragen mochte, sondern barhuptig und barfig in seiner weien Kutte sich wohl
fhlte. Ein groer Mensch und ein groer Knstler! Mit dem Malen wird's jetzt
freilich Matthi am letzten sein. In seiner Armut kann er sich weder Leinwand
noch Farben noch Pinsel mehr kaufen. Aber seinen Christuskopf malt ihm in der
ganzen Akademie doch keiner nach. Welch' eine Apotheose des Leids und der
Verzeihung! Das bleibt sein Denkmal. Des Doktors Augen funkelten.
    Es ist in der That merkwrdig, wie es diesem seltenen Charakter endlich
doch geglckt ist, in dieser Welt der Charakterlosigkeit, in diesem Zeitalter
der Waschlappigkeit, verbunden mit der Raubtiergier nach Geld, Besitz, Macht,
als Mensch fr sich zu leben, eine Welt fr sich zu schaffen und in frei
erwhlter Armut in vollkommenster Zurckgezogenheit sich seiner Freiheit zu
freuen.
    Und das zwei Stunden von Mnchen.
    Remplem! Wenn er sich's einfallen liee, hier wieder einmal aufzutauchen,
wrden sie ihn wieder auf den Kopf schlagen, da ihm Sehen und Hren vergeht.
Richtig bemerkt, Doktor, es gibt nur ein Glck: vergessen zu werden. Ruhm und
Ruhmesgeschrei - blauer Dunst.
    Es lebe - das Glck!
    Ah bah, das Spundloch!
    Zahlen, Kathi.
    Gut Nacht.
    Die reckenhaften Gestalten des Obersts und des Doktors nahmen den kleinen
Baron in die Mitte und schritten hinaus in die Nacht. Als sie sich unter der
groen Hngelampe des Ausgangsthores bckten, lief ein bizarrer, dreigezackter
Schatten die weie Wand hinauf.
    In der Wasserstrae streunten beutegierige Isarnymphen in groer Zahl am
Ufer her und hin, nchtliche Wanderer mit heiseren Kehlen anrufend, scheltend,
wenn ein Einsamer verchtlich oder mit hart abweisender Rede ihren Reizen
entging, lachend und spottend, wenn ein ehrsamer Philister, der sich im braunen
Nektar etwas mehr als die bliche Bettschwere angetrunken, mit strauchelndem Fu
sich in ihren Netzen verstrickt. Es war spt und empfindlich khl geworden. Nur
die Eifrigsten hielten noch aus bis Mitternacht.
    Wer torkelt denn da unten hart am Wasser herum? fragte eine ihre Genossin
und wies aus eine kleine Gestalt, die jetzt kauernd mit den Hnden in den Flu
griff.
    Der wird sich waschen wollen, oder abkhlen, oder gar ersufen. Was geht
das uns an?
    Eine Dritte trat herzu: Das scheint ein Verrckter zu sein. Er wackelt
schon lange am Ufer auf und ab und hlt Ansprachen an die Isar und die Bume.
Dazwischen hat er geflucht und dann wieder geschluchzt. Lat ihn in Ruh. Jessas,
jetzt hab' ich gar den Schnackler. Ich geh.
    Die Erste: Und ich bleib', ich bin neugierig, was der macht. Wart' doch.
    Die Zweite: Geh'n wir wenigstens nher hin, damit wir hren, was er sagt.
    Die Dritte: Er sagt fast immer das Nmliche, einmal: Verhandeln und
verschandeln will man Euch, wer am meisten bietet, der kriegt Euch und er kann
dann mit Euch thun was er will. O Snd', o Jammer! und dann: Ich geh' mit Euch,
ich mag nimmer, nehmt mich mit. Und lauter solche verrckte Reden.
    Die Zweite: Das ist doch nicht auf uns gemnzt? Es pat fast jedes Wort.
    Die Dritte: Bist Du einfltig. Die Bume und das Wasser spricht er so an.
Es ist ein Verrckter. Lat ihn in Ruh'. Das ist ein bedauernswerter Mensch. Ich
geh' heim.
    Heilige Mutter Gottes, schrie die Erste. Jetzt ist er im Wasser, die
Wellen reien ihn fort. Hilfe! Hilfe!
    Die drei Nymphen liefen kreischend hinab, hielten sich an einem Flo und
entrissen den Ertrinkenden der Flut.
    Ein herbeigeeilter Gendarm erkannte in ihm den alten Uhrmachermeister ....
    Auf der Kohleninsel heulte ein Hund ...

                                       6.


.... Man merkt's Ihnen an, lieber Schlichting, da Sie das Erlebnis der
vergangenen Nacht angegriffen hat. Kein Zweifel, das war kein Brand von
ungefhr. Die Bosheit der Menschen ist grenzenlos. Was in der moderigen
Schneiderherberge aufflammte, sengende und brennende Liebe war's gewi nicht;
das hatte seinen Zunder in irgend einer gemeinen Leidenschaft, in Ha, Neid,
Rachsucht ... Forschen Sie gelegentlich der Ursache nach. Das alles ist
belehrend und lt sich schriftstellerisch verwerten, sobald man alle
Mittelglieder zwischen Ursache, Wirkung und Folgenreihe in der Hand hat ... Ein
Glck, da das Feuer so rasch gelscht wurde. Sie htten ja entweder in Ihrem
Dachstbchen ersticken oder bei einem Versuch, durch das Fenster zu entkommen,
den Hals brechen mssen. Feuersnot ist entsetzlich. Ich wohne darum mit meiner
Weltlitteratur und meinen andern geringen Habseligkeiten zu ebener Erde.
    Doktor Trostberg hatte sich eine frische Zigarrette aus Genidze-Tabak
gedreht und angezndet - wenigstens die zehnte in dieser Frhe, denn das ganze
weitlufige Gemach schwamm in Rauch und hllte die Bchergestelle an den Wnden
und das groe Bild Schopenhauers ber dem Schreibtische so dicht in blaugraues
Gewlke, da man sie kaum mehr erkennen konnte - dann zog er die gelbe Schnur
seines roten Schlafrocks enger um den schlanken Leib und legte sich der Lnge
nach mit dem Rcken auf das niedrige, breite Ruhebett, das mit einem kostbaren
Eisbrenfell, einem Geschenk des Knigs - berzhliges Stck aus der
Hundinghtte beim Linderhof - bedeckt war.
    Er strich sich mit der schmalen Hand ber das ovale, gelbliche Gesicht, das
von den Augenwinkeln die Wangen herab eigentmlich symmetrische Runzeln hatte,
zwirbelte seinen langen, schwarzen Spitzbart und begann wieder, whrend
Schlichting bleich und sinnend an dem halbgeffneten groen Gartenfenster stand,
mit seiner trockenen, etwas schnarrenden Stimme: Also Punkt Eins wre geordnet;
Sie knnen sich auf mich verlassen, da ich mit Baron Drillinger einen Versuch
machen werde. Ganz unter uns: ich thu' es aus purer Menschenliebe, nicht aus
verstandesmiger berzeugung; ob Drillinger mit der stattlichen Frau Soundso
oder der zierlichen X Y Z kost oder schmollt, das sind fr den Lauf der Welt
ganz belanglose Zwischenaktsscherze. Aber das in ihrer Ehe unbefriedigte Weib
hat sich nun einmal unsern Schwerenter als Trster in den Kopf gesetzt - gut,
thun wir ihr den Gefallen; obschon ich mir, ich wiederhole dies, keinen oder nur
einen sehr geringen Erfolg davon verspreche. Drillinger ist eine
optimistisch-flatternde Seele, und dabei oft eigensinnig und trotzig wie ein
Kind. Es mu ja auch solche Kntze geben. Ich erwarte ihn ohnehin heute oder
morgen. Und nun zu Punkt Zwei: in Sachen Prebandit, Ergnzung des bereits
Bekannten. Das ist auch ein Kantz, aber ein bodenlos schlechter. Deshalb jedoch
nicht weniger interessant. Nicht als Mensch, denn ich wte nicht, was an einem
solchen Stegreifritter von Schmierfinkski Interessantes zu finden wre, sondern
als Kulturerscheinung, als soziologischer Typus, als Produkt unserer verrotteten
und verpesteten Sittenzustnde. An solchen Frchten kann man zunchst erkennen,
wohin die Freiheit des journalistischen Gewerbes fhrt, welch' ein mchtiges
Element zur Durchseuchung und Auflsung der modernen Gesellschaft sie darstellt.
Das Zeitungswesen! Dieser stndige geistige und moralische Seuchenherd! Der pure
Hohn auf den vielgerhmten Willen der Kulturmenschheit, zur Wahrheit und
Gesundheit zu gelangen. Haben Sie sich einmal in einem Kaffeehaus die Horde der
Baccillenschlucker, vulgo Zeitungsleser, angesehen? Wie sie dahocken und mit
stieren Blicken und dummen, vom Qualm der schlechten Luft und des schlechten
Gesffes aufgedunsenen Gesichtern das bedruckte vergiftete Papier gierig
hineinschlingen? Wie sie ihre Hohlschdel mit politischem Quark und
feuilletonistischem Kohl und Klatsch und Tratsch ausmbeln? Und haben Sie einmal
eine Sudelkche gesehen, wo diese journalistischen Gerichte zusammengeschmiert
und gepappt und gekocht werden? Das mssen Sie einmal nach der Natur studieren,
mein lieber Herr Schlichting. Da werden Ihnen elektrische Lichter aufgehen! Da
werden Sie auch die Verachtung begreifen lernen, mit der ein Bismarck von den
Journalisten als von Leuten spricht, die ihren Beruf verfehlt haben. Die Presse!
Der Leipziger Professor Wuttke, mein alter Lehrer hat ein Buch darber
geschrieben. Der Unglckliche! Der Menschheit ganzer Jammer packt einen an, wenn
man das liest ... Ich sage Ihnen, hten Sie sich vor der
Tages-Zeitungsschreiberei - berhaupt vor dem ganzen politischen Wischiwaschi.
Das ist Gift fr jede seiner organisierte Natur. Und alles fr die Katz'! Von
allen irdischen Nichtigkeiten und Dummheiten ist die Tagespolitik die
allernichtigste und allerdmmste. Drum blasen sich die Politiker mit ihrem
Getrtsche auch so auf, weil sie selbst die Empfindung nicht los werden knnen,
da sie wie Wolken vom Winde verjagt werden, da sie nur Schattenbilder von
Schatten sind. Betrogene Betrger, Larifari-Kakaphonisten. Ein jeder glaubt ein
All zu sein, und jeder ist im Grunde nichts. Lassen wir nur erst einmal den
sozialen Csarismus, der bereits in der kaiserlichen Botschaft leise
prludierte, ber das alte, geschwtzige Europa kommen! ... Die Presse ist
Gromacht, wenn und wo es gilt, die ffentliche Versimplung und die
nichtsnutzigen Keime im Volksleben zu entwickeln; ihr tgliches, unausgesetztes
Getrpfel hhlt den hrtesten Stein. Sie ist eine Ohnmacht, wenn - - doch davon
ein andermal. Kommen wir auf unsern Mnchener Fall und erlauben Sie mir - wollen
Sie nicht Platz nehmen? nein? nach Belieben! - da ich etwas weiter aushole, es
kann zur Frderung Ihres Manuskriptes nur ntzlich sein. Es liegt mir in der
That daran, Ihnen meine Erfahrungen und Erkenntnisse gerade auf diesem Gebiete
zu novellistischer Verwertung mglichst umfassend mitzuteilen. Sie knnen ja
alles kontrollieren und brauchen sich nichts aufbinden zu lassen. Ja, Sie sollen
alles kontrollieren! Man soll keinem Menschen aufs Wort glauben in Dingen, die
man mit eigenen Sinnen erforschen und durchprfen kann. Und nun bietet sich
Ihnen ja die denkbar schnste Gelegenheit, Ihre impressionistische, prfende und
nachbildende Kraft zu erproben. Ich habe jetzt keine Zeit und keine Lust, solche
Geschichten nach der Natur zu schreiben. Ich htte vielleicht auch gar nicht das
notwendige Handwerkszeug dazu. Ich bin Dramatiker und nicht Novellist. Sie sind
noch keines von beiden, aber Sie fhlen den Drang, als Novellist wenigstens
einen Versuch zu machen. Wohlan denn! Und Sie wollen keine schon millionenfach
geschriebene banale Liebesgeschichte vom Hans und seiner Grete schreiben,
sondern - etwas anderes. Auch keine krachledernen Hosenfabeleien aus dem
dichterisch schon ganz zermrbten bayerischen Hochgebirg, keine Salontirolerei
oder sonst eine troddelhafte Volksmnchhausiade, wie sie noch immer schockweise
von den geriebenen Erfolgsspezialisten, die mit anderthalb Ideen zwanzig Bnde
vollschreiben, auf den Markt geschleudert werden. Das gefllt mir. Was es wird,
wird sich ja am Ende zeigen. Zunchst gilt es: frisch zu wagen und nach echten
Dokumenten zu arbeiten. Da setzt meine Handreichung ein ... Ohne die berhmte
Liebe werden wir dabei freilich nicht auskommen. Denn wenn wir, nur einen
Goetheschen Ausdruck zu nehmen, ein wahres Bild des beschatteten, buntgrauen
Erdenlebens entwerfen wollen, mssen wir unseren Pinsel auch in jenen unheimlich
gemischten Farbentopf tauchen, den uns die schlimme Teufelin Venus aus ihrem
Schoe darreicht. Was nun dazu Eigenerlebtes gehrt, das mssen Sie sich selbst
erwerben. Auch die wichtigste Zuthat, warmes, rotes Herzblut, knnen Sie nicht
aus zweiter Hand empfangen, das mssen Sie sich heidampfend aus der eigenen
Brust abzapfen. Aber vergeuden Sie die kostbaren Tropfen nicht. Aphrodite, die
schngelockte, mache es gndig mit Ihnen! Hten Sie sich vor den blassen,
blonden Lotosblumen, auch vor den roten, berauschend duftigen Nelken: die gehen
bis ans Mark. Eine volle, ppige Rose, dornenbewehrt, das ertrgt sich am
besten. Und fr das Studium reicht's. Unsere alten Helden nahmen ein blankes
Schwert mit aufs Minnelager: ein Stock, oder eine Peitsche thut's auch - - -
Unsere Liebesproblemdichter, die auf kaltem Verstandeswege arbeiten, kommen mir
vor wie Prostituierte, die sich dem Liebesakte gewerbsmig hingeben, ohne
jedwede Innigkeit der Empfindung, die bei der Umarmung nur den materiellen
Gewinn fhlen, der in ihr Portemonnaie fllt, oder die stupide Befriedigung
einer tierischen Laune, in welche hchstens die schamlos khle Beobachtung und
Vergleichung des gegenwrtigen Falles mit vorausgegangenen einen Zug entmenscht
menschlicher Besinnung bringt. Diese sogenannten keuschen Dichter mit ihrer
ausgeklgelten Liebesschilderei und Schleierweberei und Andeuterei sind die
eigentlich unkeuschen Dichter; sie leisten bei aller anscheinenden
Wohlanstndigkeit ihrer Darstellung der allzeit regen und aufgestachelten
Phantasie ihrer Leser die schmutzigsten Kupplerdienste. Natrlich wissen sie
sich sehr gescheidt damit zu decken, da sie bei aller halbverhllten Brnstelei
und Liebessthnerei die legitime Regulierung des Liebestriebes zu frdern
vorgeben. Nachdem sie ihr Liebesprchen und mit ihm den Leser und besonders die
Leserin mit heien Blicken, Kssen und anderen noch in den Rahmen der
konventionellen Sittlichkeit fallenden Betastungen und Entblungen weit genug
gebracht haben, dann legen sie den Finger an den Mund, ziehen den Vorhang zu und
pantomimen als echte Komdianten der Feigenblattmoral: So, meine Lieben, jetzt
seht euch nach einem legitimen Strohsack oder, wenn's die Mittel erlauben, nach
einem schwellenden Himmelbett um, und lat den Herrn Standesbeamten oder den
hochwrdigen Herrn Pfarrer rufen - und damit ist alles in schnster Ordnung, das
sonst Zuchtloseste und Verfehmteste ist dann eitel Zucht und Sitte. Form ist
alles. Legitimitt und Justemilieu! Und die gute, gedrillte Kulturmenschheit
wei sich nichts Erhabeneres in ihren Gedichten, Bildern, Romanen und
Theaterstcken, als diese ewigen Liebes-Legitimitts-Aufschneidereien abzuorgeln
und - - - in Wirklichkeit doch alles hinterrcks so geschehen zu lassen, wie's
der alten und ewig jungen Natur gefllt. Nein, mein Freund, mit solchem Zeug
wollen wir nichts zu thun haben. Das ist den Tropfen Tinte nicht wert, mit dem
man's niederschreibt. Herzblut und Wahrheit! - - Haben Sie schon einmal
grndlich erfahren, was Liebe ist - himmlische und irdische Liebe, wie sie
unsere sthetisch-sittlichen Spaltpilz-Spalter so weise und klug unterscheiden?
Haben Sie ... Ich verstehe Ihr Schweigen zu wrdigen, junger Freund. Es ist
krftiger, als ein lautes Ja. Aber wollen Sie wirklich nicht Platz nehmen? Ich
spreche leichter, wenn ich Sie gut aufgehoben wei. Ziehen Sie sich wenigstens
den Schaukelstuhl ans Fenster; sitzend hrt man nicht nur bequemer, sondern auch
besser. Und Sie sind noch mde und nervs von gestern und haben einen Tag voll
Arbeit vor sich. Rcken Sie mir das Rauchtischchen nher, bitte! So - Sie lieber
Mensch.
    Schlichting hatte sich im Schaukelstuhl am Fenster niedergelassen. Er wandte
sein bleiches Gesicht dem Sprecher zu, dessen ruhendes Lngenbild sich ihm in
phantastischer Verkrzung zeigte, im Nebel des Zigarrettendampfes: zunchst die
schimmernde Glatze eines fast kreisrunden Schdeldaches, dann den seinen
Nasenrcken, dann die rote Flche des Schlafrocks auf dem weien Fell dann zwei
gelblederne Pantoffelspitzen.
    Es ist schade, Herr Schlichting, da Sie nicht rauchen, und es ist zugleich
ein Gewinn denn das Rauchen - ich denke dabei nur an die Zigarrette, nicht an
den derben Glimmstengel, noch an die klobige Pfeife - ist eins der wenigen
wahrhaftigen Vergngen, die uns das erbrmliche Leben bietet und welches sich
auch der Weise gestatten darf; es ist leider aber auch eine Verfhrung zu
erschlaffender Trumerei nicht allein, sondern auch zum berma des Genusses. In
letzter Hinsicht bin ich selbst ein abschreckendes Beispiel. Ich rauche viel zu
viel, entsetzlich viel. Meine Stube ist ein blaues Wolkenheim, nicht wahr? Und
Sie leiden gewi darunter? Armer Freund, ffnen Sie nur ganz das Fenster. Ja?
Sie sagen gar nichts?
    Mit Ihrer Erlaubnis, Herr Doktor. Ihr blaues Wolkenheim mit dem anstoenden
frisch grnenden Garten und dem pltschernden Springbrunnen ist fr mich eine
Idylle.
    Schlichtings Stimme klang matt, belegt. Seine Augen waren rot gerndert,
seine Lippen bla. In der Fensterffnung neckte sich die durchsonnte
Frhlingsluft, die strmisch hereinflutete, mit den Rauchschwaden, die freien
Abzug suchten. Hellblauer Himmel spannte sich ber die Huserlcke, in welche
das Grtchen eingebettet lag. Zwei Tauben saen auf dem Beckenrand des kleinen
Springbrunnens und hoben ihre weien und grauen Flgel, um den erfrischenden
Wasserstrahl im Niederstuben aufzufangen. Gelbe Schlsselblumen ugelten aus
den grnen Rasenbeeten. In der Mauernische sonnte sich des Knigs Bste, ein
Modell von dem Bildhauer Achthuber.
    Sie sind auch zu gut fr diese Welt, mein lieber Impressionist. Und nun
endlich zur Sache Letzte Zwischenfrage. Wie viel Uhr ist es?
    Neun Uhr, Herr Doktor.
    Recht. Dann, knnen wir noch eine gute Stunde ungestrt plaudern. Die
Kanaille da droben empfngt nicht vor zehn Uhr. Und ich bin bis halb Elf auch
frei. Hoffentlich berfllt mich den Vormittag kein Kurier des Knigs. Ich
erwarte nur meinen Leibschneider und einen jungen Tonheros, der sich gestern
schon melden lie - Eleve von Franz Liszt, wie er stolzbescheiden auf seiner
Visitenkarte annonciert - Arthur Friedberg mit Namen. Also! Der Prebandit sitzt
jetzt im Bewutsein seiner redaktionellen Macht und Wrde an seinem Werktisch,
um die Korrekturen seines Witzblattes zu lesen. Er erwartet seinen stndigen
Mitarbeiter, einen vor langen Jahren aus der Armee gestoenen Leutnant, einen
Pflzer Landsmann von mir, der sich als Winkellitterat und Karikaturenzeichner
in der Hauptstadt niedergelassen hat und bei seinem zgellosen Lebenswandel
allmhlich so in Mikredit gekommen ist, da er als Bohmien der Feder und des
Stiftes nicht mehr whlerisch in der Art seines Tagewerkes sein kann, will er
sich berhaupt noch in dem faulen Sumpfe erhalten, der fr ihn das Leben
geworden. Aus seiner frheren Zeit hatte er sich wohl noch manche Beziehung
bewahrt, die er als galanter Abenteurer und Schmarotzer ausbeuten konnte. Von
reich verheirateten Damen, denen er einst zu mancherlei heimlicher Kurzweil
behilflich gewesen und die seine Enthllungen frchteten, bezog er jahrelang
einen Tribut. Allein auch diese Quellen sind im Wechsel der Zeit und der
Verhltnisse endlich versiegt. Vom Salonstrizzi und gelegentlichen Mitarbeiter
der besseren humoristischen Bltter ist er von Stufe zu Stufe bis zum
journalistischen Wegelagerer und Staudenhecht gesunken. Neben manchem guten Fang
und fetten Brocken waren es lange Zeit doch nur schmale Bissen, die er zu
erjagen bekam, weil er als Einzelner mit seiner Haut einstehen mute und seine
Schleichwege dem Auge der Polizei in allen Krmmungen bekannt waren. Die
Mnchener Verhltnisse erwiesen sich als nicht grostdtisch und kompliziert
genug, um auf eigene Faust das Freibeutertum mit hinlnglicher Regelmigkeit,
Ergiebigkeit und Sicherheit auszuben. Mit der Grndung der Kloake erffnete
sich ihm pltzlich die glnzende Aussicht eines festen Erwerbs in der
Prebanditen-Branche unter der Verantwortlichkeit eines andern. Jetzt brauchte
er seine gefhrlichen Schmieralien nicht mehr persnlich zu hausieren; er hatte
in der Kloake ein gesichertes Absatzgebiet, wo er unter dem Schutze des
verantwortlichen Herausgebers und Verlegers darauflos hantieren konnte, ohne der
Welt gegenber im schlimmen Falle mit seiner eigenen Person einstehen zu mssen.
In der Redaktion der Kloake hat das Schmierantentum eine regelrechte
Organisation gefunden, wo jeder einzelne Mitarbeiter in erwnschter Anonymitt
hinter dem Schilde des einzig verantwortlichen Ruberhauptmannes und Chefs
seinem Gewerbe frhnen, seine Notdurft befriedigen kann. In der knigslosen
Residenzstadt, wo durch die Abwesenheit eines die hchsten Gebiete des geistigen
und geselligen Lebens macht- und glanzvoll umspannenden und befruchtenden
Hoflebens auch Litteratur und Journalistik mehr und mehr in die Wege des
spiebrgerlichen Industrialismus getrieben und der kapitalistischen Ausbeutung
unterworfen wurden, konnte sich in den letzten Jahren besonders in der
niedrigeren Tagespresse eine immer entschiedenere Richtung ausprgen, welche die
ergiebige Pflege der schmutzigsten Skandal- und Schmhsucht auf ihre besudelte
Papierfahne geschrieben hat. Hatte selbst in den glcklicheren Zeiten der noch
am Knigshofe regelmig gepflegten Symposien die hauptstdtische
Tagesschriftstellerei die grte Mhe, mit der Aristokratie des Geistes und der
Geburt in Fhlung zu kommen und dadurch ihr Ansehen und ihren Einflu in Stadt
und Land zu erhhen, so waren jetzt, in der Epoche der Residenzflucht des
Staatsoberhauptes, doppelte Anstrengungen ntig, um in der Journalistik Mnchens
eine dem hohen Rufe der Kunststadt einigermaen entsprechende Reprsentation
aufrecht zu erhalten. Durch den Mangel einer kniglichen Hofhaltung war ja das
residenzstdtische Leben der sddeutschen Biermetropole der strksten
Triebkrfte und Anregungen zur Entfaltung vornehmer, reicher Geselligkeit im
groen Stile beraubt. Es fehlten die hohen Vorbilder, im Rahmen eines genial
pulsierenden Kunststadtlebens die ueren Lebenserscheinungen im Salon, im
Theater, im Konzert- und Ausstellungssaal, auf den Promenaden mit Pracht und
Glanz und geistig-vornehmer Grazie auszustatten. In der Tagespresse spiegelt
sich der Rckgang echt aristokratischen Wesens am deutlichsten. Die
Werkeltglichkeit des Gehabens, das Hemdrmeltum im Verkehr, die Verachtung der
schnen Formen, die Banalitt und Verphilisterung, wie sie sonst nur dem platten
Materialismus einer Industrie- und Fabrikstadt eigentmlich sind, drcken mehr
und mehr auch der knigslosen Residenz- und Kunststadt ihr gemeines Geprge auf
- und Isarathen, als lebendige Erscheinung auch im Menschlichen, nicht blo in
toten Bau- und Bildwerken, ist eine Fabel geworden. Ton und Haltung des grten
Teils der Tagespresse aber htten der Mnchener Journalistik am allerwenigsten
ein Anrecht auf den hellenischen Ehrentitel erwerben und dieselbe als Trgerin
atheniensischer Kulturgedanken und Lebensformen erweisen knnen.
    Die Tages- und Wochenblttchen, welche auf die lumpigsten Instinkte einer
geistig und sozial herabgekommenen Lesewelt spekulierten, schossen, Dank der
Gewerbe- und Prefreiheit, gleich Pilzen aus dem Mnchener Boden. Sie machten
sich gegenseitig eine wtende Konkurrenz und bekmpften sich mit Mitteln, auf
deren Ersinnung eine indianerhafte Phantasie htte stolz sein knnen. Zahlreiche
Blattleichen bedeckten quartaliter die Walstatt. Aber wer in diesem Kampfe um
Leser, Abonnenten und Inserenten, so oft er auch zu Boden geschlagen schien und
von der anstndigen Presse ohne jedwede Handreichung gelassen und wie ein
Gechteter behandelt wurde, doch immer wieder auf die Beine kam, das war Meister
Prebandit mit seinem humoristisch-satyrischen Wochen-Skandalblttchen Die
Kloake. Bald versuchte er's mit kriechender Schmeichelei, bald mit sinnloser
Frechheit sich an die Vertreter der relativ anstndigen Presse als echte
Schmeifliege heranzuschmeien und ihre Aufmerksamkeit kollegial auf sich zu
lenken, jedoch ohne Erfolg. Die groen Bltter nahmen von der Existenz des
dunklen Ehrenmannes nur unter der Rubrik Gerichtsverhandlungen Notiz, so oft die
Kloake wegen Erpressung, Verleumdung und Ehrabschneiderei von der Schrfe des
Gesetzes getroffen wurde, was in der letzten Zeit glcklicherweise nicht selten
der Fall war. Wenn das in Mnchen grassierende Vereinsgrndungsfieber fnf oder
sechs Journalisten erfat und so kraftlos gemacht hatte, da sie sich nur durch
die Errichtung eines neuen Klubs oder Bezirksverbandes zur ferneren Ausbung
ihres hehren Kulturberufes aufzuschwingen vermochten, da schlich der Meister
Prebandit und Kloaken-Chef jedesmal auf den weichsten Sohlen heran, um seine
vortrefflichen Qualitten in den Dienst der guten Sache zu stellen und seine
interessante Persnlichkeit mit der kurzgeschorenen Schweinswolle auf dem
Denkerhaupte, das mit dem Kopfe des geschtzten Rsseltieres so erfreuliche
hnlichkeiten hat, ritterlich anzubieten. Der Schuft braucht einen Putz, der
seine Scheuseligkeit den Menschen ertrglicher macht. Diesen Putz soll ihm das
Herdengefhl, genannt Kollegialitt, verschaffen. Er mchte auch am hellen Tage
ausgehen und jemand haben, der auf der Strae seinen Gru erwidert. Verstehen
Sie dieses Bedrfnis? Er mchte jemand haben, mit dem er ffentlich per wir
sprechen kann. Das ist Notdurft und Luxus zugleich. Allein die Vereinsmannen
hatten jedesmal trotz aller kollegialen Begeisterung, trotz aller Schwrmerei
fr den kameradschaftlichen Zusammenschlu aller Ritter von der Feder die
Nchternheit, den Herausgeber und Verleger des ruhmreichen Witzblattes von
Isarathen an die Luft zu setzen. Selbst wenn bei einer
Journalistenvereinssitzung, die so zahlreich besucht zu sein pflegt, da der
dritte Mann zum Skat durch einen Expreboten geholt werden mu, der ehrenwerte
Kloaken-Chef sich gastfreundschaftwerbend angemeldet htte, wrde man ihm die
Thre vor der Nase zugeschlagen haben. Und er hat eine so empfindliche,
vielsagende Nase, wie aus schimmeliger Ksrinde geschnitten! Eine Nase, die
nicht nur riecht, sondern auch gerochen wird. Soll ich Ihnen ein Glas Kognak
aufwarten?! Ich habe von einem Monsieur Paillard eine Probesendung da. Nein?
Also weiter. Dieses gewi nicht schne Verhalten der Kollegenschaft bereitet ihm
manche kummervolle Stunde. Nicht die strksten Flche ber die Schlechtigkeit
der Menschen, nicht die dreifache Dosis Doppelkmmel nach dem sechsten Liter
Metzgerbru, nicht die zrtlichste Prgelsoiree, die ihm ab und zu seine holde
Gattin bereitet - nichts, nichts, nichts vermag in solchen Stunden die geprete
Seele des Edlen zu erleichtern. Ja, das Dasein wird diesem biedern Kloaken-Chef
zuweilen recht sauer gemacht ... Haben wir Mitleid mit ihm, Mitleid auch mit der
Kanaille! Was meinen Sie, mein lieber Schlichting? Hab' ich Sie in Schlaf
geredet?
    Nein, Herr Doktor. Ist Ihr Appell an das Mitleid ernsthaft gemeint? Ich bin
geneigt zu glauben, da diese Erzschufte in der That bemitleidenswert sind - um
ihres inneren Elendes willen. Tat-twam asi ...
    Bezhmen Sie diese Neigung, sie fhrt Sie irre. Pfarrer und
Moralphilosophen haben allerdings vom sogenannten inneren Elend der Bsewichte
ein markerschtterndes Gemlde zusammenphantasiert, ein Gemlde im Schauderstil
Wereschagins. Die grndlichere Beobachtung straft sie Lgen. Es ist nichts mit
dem Seelenjammer dieser Jammerseelen. Diesen Spottgeburten aus Dreck und Fusel
ist unendlich wohler, als den reinen Geistern. Ein Herz- und Nierenprfer wie
Shakespeare hat das eigenartige Glcksgefhl dieser Kreaturen scharf erkannt und
an vielen Stellen berzeugend geschildert. Shakespeare, der genialste Analytiker
menschlicher Verworfenheit und teuflischer Bosheit! Das Schopenhauersche Mitleid
wre hier Gefhlsentartung.
    Wie steht es dann damit, da alles Glck erst mit der Vernichtung der
Leidenschaft, mit dem Schweigen des Willens, mit der Askese und Entsagung
begrndet werden soll?
    Glck und Glck ist zweierlei. Das Glck der Entsagenden ist die Sehnsucht
der bermenschen, die ber den darwinistischen Affensprling hinaus sind. Das
Glck der Untermenschen ist die Befriedigung ihrer ererbten Affentriebe, ihrer
Geilheit, Gefrigkeit, Nachahmungseitelkeit und hnlicher untermenschlicher
Widerlichkeiten.
    Schlichting schttelte den Kopf, zerstreut, mimutig, abgespannt.
    Doktor Trostberg bereitete sich eine frische Zigarrette aus duftigem
Genidzetabak.
    Ja, das Glck der Bsen - das klingt freilich wie ungeheuerlicher Sophismus
fr sittlich ausgewaschene Ohren. Warum gedeihen denn die Bsen so ppig? Warum
entschlpfen denn gerade die exzessiven Schufte wie dieser Prebandit viel eher
den Qulereien und Qungeleien des Lebens, denen so viele brave Leute tglich
unterliegen? Warum knnen diese Revolvermnner so frech mit ihrer Waffe spielen?
Freilich, einmal verunglcken sie damit, aber sie haben doch unendlich lange
sich des Erfolges ihres Ruberspiels erfreut.
    Weil das Publikum so feige ist, sich ihre Praktiken gefallen zu lassen. Das
Publikum ist der Mitschuldige. Es lt sich einschchtern. Nicht blo in Italien
zahlt man den Rubern ein Lsegeld oder einen regelmigen Tribut, damit man vor
ihren berfllen verschont bleibt.
    Schlichting fieberte. Er fhlte, wie ihm die Rte ins Gesicht stieg.
    Nein, nicht blo in Italien, sehr richtig. Dabei kommt auch noch dies in
Betracht: der heilige Florian wird vom Feuerfrchtigen angerufen: Ich bitt'
dich, heiliger Florian, verschon' mein Haus, znd' andere an. Wenn das Haus des
andern brennt, ist's immer ein Schauspiel, das man sich mit Vergngen beguckt,
weil's die Nerven kitzelt. So bezahlt man als Skandalfrchtiger dem
journalistischen Kloakenmann ein Schweigegeld fr sich, damit man zugleich als,
Skandalfreudiger sich an dem Anblick weiden kann, wenn er mit doppelter
Frechheit ber die Nichtzahler herfllt und sie von oben bis unten mit Kot
bemalt. Dem genugierigen Mob, auch dem gebildeten, ist jede Gemeinheit
willkommen. Ich werde Ihnen einmal mit einer Reihe von Einzelfllen aus der
sogenannten besten Gesellschaft aufwarten, da Sie staunen sollen. Aber Sie
mssen erst gehrig Kognak trinken lernen, - wollen Sie einen Schluck? ich habe
sehr guten da - damit Sie den Ekel aushalten. Ja, dieser glitzernde Sumpf,
dieser duftende Misthaufen ... Und das will sich, wie der Phariser im
Evangelium, an die Brust schlagen und augenverdrehend den Himmel angren: Ich
danke dir Gott, da ich nicht bin wie die andern Leute aus Sodom und Gomorrah
... Sie sind noch jung in Mnchen, lieber Freund. Die schmutzigen Mnchener
Geheimnisse unter der sozialen Glanzwichse entschleiern sich nicht mit dem
ersten Blick. Ich werde Ihnen meine Augen und meine Materialiensammlungen
leihen, wenn die Zeit gekommen. Dann werden Sie tief hineinblicken in unser
verborgenes Leben. Nur will ich die Stetigkeit Ihrer Arbeiten nicht
beeintrchtigen durch Stoffberladung. Nur eins will ich Ihnen heute noch
erzhlen, um der Kontrastwirkung willen. Ein Widerspiel exzessiver Gte der
exzessiven Schlechtigkeit. Im Gegensatz liegt die Kunst, auch fr den
Impressions-Novellisten. Wie lange sind Sie in Mnchen, Herr Schlichting? Zwei,
drei, Jahre, nicht wahr? Also werden Sie den Mann nicht vom Sehen kennen, kaum
vom Hrensagen. Ja, doch, ich selbst habe Ihnen neulich andeutungsweise von ihm
gesagt, da ihn der Prebandit hin und wieder durch seine Kloake schleife.
Richtig. Es geht mir so viel durch den Kopf. Die Verhhnung in dem Sudelblatt
ist jetzt vielleicht in Mnchen noch die einzige Erinnerung an ihn. Effenbach
ist ein Verschollener. Er hat sich vor ein paar Jahren mde, abgehetzt, krank
vom hauptstdtischen Schauplatz in seinen Steinbruch zurckgezogen, wie ein
todwundes Wild, das im Wald einen Unterschlupf zum Verenden sucht. Vielleicht
haben Sie meine Andeutung berhrt. Wie's heute um den Maler Effenbach steht,
wei ich selber nicht. Welch' ein unzeitgemer Mensch! Stellen Sie sich vor: er
lebt im Lande des berhmtesten Bieres - und trinkt nur frisches Wasser; er lebt
in der Stadt der saftigsten Braten und Kalbshaxen - und begngt sich mit der
schmalen Pflanzenkost des strengsten Vegetarianers; er lebt in der
Kunstmetropole, wo die vertraktesten Modebilder in den Straen herumlaufen und
die Knstler in ihrer Tracht sich der sterilsten und geschmacklosesten
Schneiderphantasie unterwerfen, um vor dem herrschenden Philister- und Geckentum
nicht aufzufallen - und er kleidet sich in ein schlichtes wollenes Kuttengewand
wie ein Mnch; alle Welt verbummelt die heiligen Sonntage so sndhaft und
vergngt wie mglich - und er sammelt seine Gedanken bei den Verachteten und
Verlassenen und hlt Vortrge ber die Quellen des menschlichen Elends; alle
Welt liegt auf den Knieen vor dem goldenen Kalb und kankaniert den Narrentanz
nach Lust, Reichtum, Ehre - er steht hoch aufgerichtet da in seiner Armut und
apostolischen Reinheit, beschftigt sich mit dem Leid der andern und erstrebt
nichts, als da man ihn unbehelligt seinen uneigenntzigen Beruf als
Menschheitsfreund erfllen lasse. Heilandhaftigkeit eines Neu-Nazareners im
Lande der alleinseligmachenden Makrge! Wo sogar die himmelragenden Thrme der
Metropolitankirche zu Unsrer lieben Frau die Form von Riesenmakrgen haben.
Erlsung dem Erlser! Die andern besorgen sich ihre Erlsung auf ihre Weise.
Durch die Jahrhunderte spottet's vom Jordan zur Isar herber: Wenn du ein Gott
bist, so hilf dir selbst und steig' herab vom Kreuze! Und Effenbach schleppt
seinen Kreuzbalken ... Dabei arbeitet er im Stillen rastlos an der
Vervollkommnung seiner Kunst, denn er ist ein genial veranlagter Maler, und
verschmht es, sich mit seinen Studien der ffentlichkeit aufzudrngen. Seine
Kunstgenossen sehen ihn ber die Achsel an. Welch' ein unzeitgemer Mensch,
nicht wahr? Nein, mehr als das: ein Phantast, ein Narr, ein Unfugtreiber, ein
polizeiwidriges Subjekt! Ja, ja. Wiederholt ist er seiner Kleidung und seiner
Lebensweise wegen vor die Schranken des Gerichts zitiert und des ffentlichen
Unfugs angeklagt worden. Natrlich! Wo er sich blicken lie, in unserer
gebenedeiten Biermetropole und Kunststadt, lief ihm der Pbel nach, und die
Ansammlung der Maulaffen htte Verkehrsstrungen und Unglcksflle verursachen
knnen. Welch' ein Malheur, wenn einige Troddeln unter die Rder gekommen wren!
Aber die Troddeln mssen geschtzt werden, selbstverstndlich. Die
vereinsmigen laxen Vegetarianer hassen ihn wegen seiner Strenge und
unbeugsamen Konsequenz; die parteimigen, ihren Mantel nach dem Winde hngenden
Politiker und Volksbeglcker verlachen und verachten ihn wegen seiner reinen
Unabhngigkeit und Selbsttreue; die groe Herde der Gaffer und zeitgem
gebildeten Philister verspottet ihn als einen Dummkopf aus Prinzip; die
fanatischen Frmmler verfolgen ihn ... Man kann sich das brutale Verhalten der
Allgemeinheit solchen Ausnahmemenschen gegenber sehr gut erklren. Schopenhauer
hat stets darauf aufmerksam gemacht, da die sogenannte gute Gesellschaft
Vorzge aller Art gelten lt, nur nicht die geistigen und reinmenschlichen. Und
das geht hinauf und hinab durch alle Schichten der konventionellen Bildungswelt.
Wie wird beispielsweise unser Knig seiner geistigen und menschlichen
Eigenheiten wegen angefochten - natrlich nur versteckt, insgeheim, denn seine
knigliche Wrde gewhrt ihm einen Schutz, dessen sich andere Sterbliche nicht
erfreuen. Er ist in dieser Welt des herrschenden Militarismus kein Kriegsfrst,
kein Stechschrittfex; er ist inmitten einer den sogenannten ritterlichen
Passionen der Jagd und des Sports huldigenden Aristokratie nicht nur kein
Liebhaber dieser grausamen Vergngungen, sondern deren erklrter Feind: er ist
bis zu einem gewissen Grade ein geistig berlegener Gegner unserer herrschenden
Kunstzustnde und schafft sich auf dem Gebiete des Schnen sein eigenes
Phantasiereich. Das alles verletzt die anderen, die jeder Thorheit, Narrheit,
Verkehrtheit und Stumpfheit grenzenlose Geduld und liebevolle Nachsicht
erweisen, sofern sie in den berlieferten Kram passen, die aber durchaus nicht
zugeben wollen, da wir eigenartig wir selbst seien, wie es unserer
individuellen Natur angemessen ist. Wir sollen mit diesen anderen im Einklange
leben, wir sollen einschrumpfen, uns umgestalten, d.h. uns verunstalten. Welch'
eine barbarische Tyrannei! Einem Knig ist nicht beizukommen. Aber dem Maler
Effenbach war beizukommen. Wie hat man ihn gemartert! ...
    Im Verlaufe dieser Erzhlung hatte sich Schlichting leise dem Sprecher
genhert.
    Ich glaube den Mann zu kennen, Herr Doktor, Ein sonderbarer Zufall ... ich
glaube wenigstens ...
    Hat es nicht geklingelt?
    Doktor Trostberg erhob sich, tief aufatmend von der langen Rede.
    Wir mssen leider abbrechen. Ich erwarte Besuch. Aber noch das: dieser
Effenbach ist es wert, von Ihnen grndlich nach der Natur studiert zu werden.
Ein Mensch, der noch niemand beleidigt hat, der in stiller Zurckgezogenheit
seiner Liebe zur Kunst und zur Menschheit lebt, nicht wahr, das ist ein
ausgesuchtes Original? Schreiben Sie einmal seine Lebensgeschichte mit der
Strenge des Gelehrten und mit der Zartheit des Dichters. Ihre Manuskriptbltter
lassen Sie mir einstweilen da. Also nicht vergessen: was den modernen Gelehrten
so hoch ber die flunkernden Dichter und Knstler und schngeistigen Salbaderer
stellt, ist dies: er hat Ehrfurcht vor der Natur und ihrer Wahrheit, er ist kein
Falschmnzer. Auch Sie sollen als angehender Schriftsteller dem Leben diese
Ehrfurcht nicht versagen. Dies sei Ihnen heiliges Gesetz. Was Sie schreiben,
schreiben Sie's als berzeugter Naturalist, aber - drucken lassen Sie's erst
nach Ihrem Tode! Auf Wiedersehen!
    Er war aufgesprungen und hatte Schlichting beide Hnde gereicht.
    Und unter der Thr zum Vorzimmer, wo ein buckliges Mnnchen mit einem Pack
unter dem Arm wartete: Lassen Sie sich das gesagt sein: Nirgends kann man sich
durch Wahrhaftigkeit mehr kompromittieren und mehr Unheil auf den Hals ziehen,
als im heiligen rmischen Reich deutscher Nation. Adieu. Gute Verrichtung.
    Ohne den Wartenden eines Blickes zu wrdigen, die Thrklinke in der Hand:
Herr Maximilian Schlichting, Schlichting! Noch ein Wort! Er hrt nicht mehr.
An das Flurfenster eilend: Wie er in Gedanken und Trumen dahinsteigt, ein
junger, wie von der eigenen Saftflle etwas schlfrig ermatteter Frhlingsgott!
Ein verdammt hbscher Bursch mit einem wahren Byronkopf. Dieser bebende
Schwingungsreiz der jugendlich schlanken Glieder. Ich darf ihn nicht mehr
ansehen, sonst mache ich ihm wirklich noch eine Liebeserklrung. Das gibt einen
Leckerbissen fr ein verliebtes Weib ... Schade ... Ich htte ihm noch ein Wort
ber sein Auftreten gegen den Prebanditen sagen und doch ein Glas Kognak
aufntigen sollen ... Gttin der Klugheit, strenge Pallas Athene, steh ihm bei!
... Mit hastigen schlurfenden Schritten eilte er an die Thr, die vom Flur ins
Schlafgemach fhrt, und herrschte den bescheiden in der dunklen Ecke wartenden
Handwerksmann an: Treten Sie daherein! Schnell, ich habe keine Zeit zu
verlieren!
    Der kleine bucklige Schneider mit der spitzen Nase, den blitzenden uglein
und einem wehenden flachsartigen Bart unter dem Kinn hinweg von Ohr zu Ohr,
trippelte hinein und breitete den Inhalt seines Packets auf dem Bett aus. Es war
ein neuer Frackanzug mit wattiertem Unterbeinkleid.
    Hilf, alter Knabe, rief Trostberg seinem Diener, dem halblahmen Gabriel,
einem verunglckten Zirkusklown, den er vor einem Jahre auf einer Reise in der
Schweiz aus Mitleid aufgelesen, hilf, damit wir die Fetzen gleich anprobieren.
    Gabriel humpelte heran, schnitt eines seiner fnfundzwanzig drolligen
Gesichter, indem er die Augenbrauen im spitzen Winkel in die Hhe zog und die
Unterlippe schwer herabsinken lie. Er hatte wieder den ganzen Morgen ber das
Ding an sich gebrtet. Seit er in Trostbergs Diensten, hatte er so vielerlei
philosophische Brocken aufgeschnappt, da er sich des Nachdenkens darber nicht
mehr erwehren konnte. Und erst seit der Doktor ihm selbst einen Band
Schopenhauer mit den Worten in die Hand gegeben: Der sei Dein Erzieher! hatte
der Exklown Anwandlungen tiefsinnigster Grbelei. Zirkus-Erinnerungen und
Philosophie gaukelten in seinem Kopf gar wunderlich.
    Du schielst ja wieder wie ein Haremstrke. Hier, zieh mir die Beinkleider
aus und hilf mir in die neuen hinein. Erst das. Und er griff nach den Wattons.
    O da knnt' man Blutwurst mit Kraut schwitzen, so eng ist der Schlauch,
chzte der Diener und prete seine Zunge in den rechten Mundwinkel.
    Der gndige Herr werden zufrieden sein, der Schnitt ist gelungen, die
Polsterung am rechten Fleck - sehen Sie, jetzt ist Ihr Bein so gerade gewachsen
wie ein spanisches Rohr, beteuerte der Schneider-Gnom und streichelte und
zupfte am Knie und an den Waden herum.
    Da oben zwickt's, bemerkte Trostberg und deutete auf die verfngliche
Stelle.
    Werden wir gleich haben, sagte geschftig der Bucklige, warf seinen
wehenden Flachsbart auf die Schultern und steckte die spitzige Nase an den
bezeichneten Ort. Aha.
    So, jetzt ist's gut. Nun den Frack her.
    Gabriel fate den Frack an den Aufschlgen mit Daumen und Zeigefinger und
wiegte ihn in der Luft mit einer Grazie und Vorsicht, als kme jetzt eine
Zirkusreiterin angesprengt, um den Teppichsprung auszufhren. Hipp, hipp,
schnalzte Gabriel leise und seine Augen versanken in einem Runzel- und
Faltentrichter, um pltzlich wieder wie Glaskugeln hervorzuschieen. Bravo,
gndiger Herr, sperb geschlpft. Man kann's nicht schner machen. Wille und
Vorstellung gleich gut, des grten Artisten wrdig.
    Keine Redensarten. Wie sitzt der Frack? Ist er gelungen?
    Wie das Ding an sich. Dabei legte Gabriel sein runzliges Klownsgesicht in
Falten und nickte dem Schneiderlein berlegen zu.
    Haben Sie die Rechnung bei sich, Herr Zangl?
    Zu dienen, gndiger Herr; sie steckt in der Fracktasche.
    Nimm sie heraus, Gabriel, und leg' sie zu den brigen. Sie pressieren doch
nicht, Herr Zangl?
    Rechnungen, brummte Gabriel, wir machen uns nichts aus dieser
Erscheinungsform des Willens.
    Der bucklige Schneider legte sein dunkelgrnes Umschlagtuch zusammen, verbi
einen Seufzer und antwortete zaghaft mit suerlicher Miene: Gar nicht, gndiger
Herr, es sind zwar schlechte Zeiten, wir haben leider ja kein Hofleben mehr in
Mnchen, keine Feste und Gesellschaften, keinen Luxus, es ist alles so einfach
brgerlich geworden wie in der Provinz, alle Geschftsleute klagen, aber wir
mssen so auch zufrieden sein.
    Natrlich mssen wir das.
    Es wird wohl auch wieder besser kommen. Ewig kann's doch nicht so
fortgehen.
    Nein, ewig nicht.
    Wie es Seine Majestt nur so lange hat aushalten knnen in den einsamen
Bergen und Schlssern, siebzehn, achtzehn Jahre oder mehr ...
    Die groen Geister haben immer die Einsamkeit gesucht. Nur Alltagsmenschen
brauchen die Herde zur Gesellschaft, weil sie sonst vor Langweile umkmen, da
sie nichts in sich selbst haben. Ein bedeutender Mensch fhlt sich umgekehrt in
der Gesellschaft vereinsamt und allein.
    Mit Erlaubnis: Seine Majestt soll zuweilen ja Gesellschaft in seinen
Schlssern haben, aber nicht die passende ... Stallknechte ... Lakaien ...
    Das ist seine Sache.
    Majestt soll in diesem Frhjahr nicht nach Mnchen wollen. Die Stadt soll
ihm noch verhater sein, seit er ... Man hrt so allerlei. Sonst befindet sich
Seine Majestt doch wohl?
    Danke gtiger Nachfrage. Den Umstnden angemessen. Adieu, Herr Zangl.
    Adieu, Herr Doktor. Entschuldigen Sie. Adieu.
    Schlie die Thr, Gabriel, und mache, da ich aus dem engen Zeug wieder
herauskomme. Zu allen Martern des Daseins auch noch diese Zwangskleidung, in der
man sich eingepret fhlt, wie ein Wickelkind.
    Bah, Herr, eine zufllige Erscheinungsform, nicht das Ding an sich. Aber
was ist das Ding an sich? Dem mcht' ich eins hinaufsitzen, wenn ich's mit der
Peitsche erreichen knnte ...
    Das Ding an sich ist der Klowinismus. Der Klownismus mu da sein, und
deshalb ist er da. Er ist der Kern von allem. Rei doch nicht so! Verneinung des
Klownismus ist Verneinung des Willens zum Leben. Drum bist und bleibst Du Klown,
so lang Du lebst. Du kannst Dich anstellen, wie Du willst, der Klown ist das
Bleibende. Nicht so ungestm sag' ich.
    Der Kammerdiener-Exklown hatte seinen Herrn bis auf's Hemd entkleidet.
    Da ging die Klingel.
    Sieh nach ... Nein, bleib' da. Ich bin ja fast nackt ... Sieh doch nach.
Wenn's der Tonheros, der langharige Herr von gestern ist, fhr' ihn in den
Tempel der Weltlitteratur und biete ihm Zigaretten an und ein Glas Kognak.
Musikanten haben immer Durst. Ich sei in der Toilette begriffen und kme gleich,
sag' ihm.
    Den werde ich nach Noten behandeln, den Musikanten, schmunzelte Gabriel,
machte ein Schafsgesicht und hinkte hinaus.
    Ein beraus schlanker, hochgewachsener, junger Mann mit langen, schwarzen
Haaren und glattrasiertem, fahlem Gesicht trat herein.
    Es war Arthur Friedberg. Er wurde von Gabriel vorschriftsmig empfangen. Es
wurden ihm die Zigarretten vorgelegt - Gabriel steckte zur Nachprobe gleich ein
Pckchen in die eigene Tasche; auch die Kognak-Karaffe wurde hingesetzt und
Gabriel lie sich's von seinem guten Genius nicht zweimal sagen, zunchst selbst
ein volles Glas hinter die Binde zu gieen. Friedberg berhrte nichts.
    Wer sind Sie eigentlich, sonderbarer Hausgeist? fragte der Musiker mit
gekruselter Lippe, von der Hhe seiner sechs Fu und des Bewutseins seines
inkommensurablen Talentes herab.
    Ich bin nicht, der ich war, und war, was ich nicht gewesen bin. Der Herr
Doktor wird gleich kommen; den kann man viel fragen. Gehen Sie einstweilen mit
Ihrem Ding an sich im Tempel der Weltlitteratur spazieren. Und fr sich setzte
er im Abgehen hinzu: Und lassen Sie sich mit Notenkpfen in allen Tonarten
klystieren, Sie verstopfte Einbildung von einer hohen C-Trompete.
    Gndiger Herr, der ist besorgt und aufgehoben, meldete der Hinkende.
    Also er gefllt Dir nicht, der Tonheros?
    Nicht so viel. Das ist ein berspannter Tropf.
    Gabriel!
    O, Sie werden ja sehen - und kurzen Proze mit ihm machen.
    Schnell, meinen dunkelbauen Promenadenanzug, Gabriel.
    Mit dem Sonnenblumen-Orden?
    La Deine Zirkuswitze von damals.
    Ach, Herr, damals war der dumme Aujust auch immer mit den schnsten Orden
bemalt, von oben bis unten, vorn und hinten. Der Zirkus ist die vornehmste Welt,
das Publikum abgerechnet, und die gelehrteste Welt; so gelehrte Hunde und
Schweine - bitte, hier in den linken rmel - immer diesen gebildeten Umgang -
hier die Manschetten. Ein frisches Taschentuch gefllig? Mnchen will eine
Kunststadt sein und hat nicht einmal einen Zirkus. Die Kravatte sitzt schief,
erlauben Sie. Der hochnsige Musikant da drinn' mcht' sich wohl auch fr einen
Knstler ausgeben. Die Hose mssen wir wieder einmal glatt bgeln. Der Hochmut
dieser Parterremusiker! Die sollen sich erst einmal aufs Trapez schwingen oder
auf die schwankende japanesische Leiter, ehe sie von Kunst reden wollen. Wir
hatten einmal einen Musikklown - sonst ein ganz gemeiner Mensch, aber wie der in
den hchsten Regionen geigte und eine glatte Serie von Saltomortales dazu machte
...
    Gabriel, hinkender Teufel, Du bist ein unverbesserlicher Schwtzer und
Taugenichts.
    Wie Gott will, das heit nach Schopenhauer wie der Wille will.
    Du hast wieder getrunken?
    -? -!
    Marsch, pack' Dich mit Deinem Willen auf Deinen Posten!
    Immer der alte Schnee: der Wille mit der Marschroute. Der Wille will, was
er mu. Also ist der Wille nicht das Ding an sich ... Das Ding an sich ist das
Mssen. O Schopenhauer, dem dummen Aujust steht der Verstand still.
    Besser, es stnde ihm das Maul still.
    Der Doktor lchelte dem forthumpelnden Diener nach.
    Der Musiker stand mit verschrnkten Armen und zusammengekniffenen Lippen vor
dem Bilde Schopenhauers. Er trug einen hellbraunen berrock mit dunklem
Samtkragen, etwas zu kurze Beinkleider, absatzlose Schnabelschuhe, gelbe
waschlederne Handschuhe und um den Hals ein weiseidenes Tuch lose ber dem
modischen Stehkragen geknotet. Die Haare waren von der Stirn zurckgekmmt,
bauschten sich an den Ohren auf und fielen als wirre Bschel auf die Schultern.
Es war ein Gemisch von altfrnkischer Knstlerziererei und modischer Sauberkeit
in der ganzen Erscheinung. Aus den Zgen des nicht unangenehmen Gesichtes sprach
fanatisches Selbstbewutsein.
    Nachdem er die Begrung und Entschuldigung des eintretenden Doktors mit
feierlicher Miene angehrt und mit stummer Verbeugung erwidert, nahm er auf dem
ihm angewiesenen Lehnstuhl Platz. Doktor Trostberg liebte es, sich der besseren
Beobachtung wegen zu neuen Besuchen so zu setzen, da sein Gesicht im Schatten
blieb, whrend auf das des Gastes volles Licht fiel.
    Womit kann ich Ihnen dienen?
    Indem Friedberg langsam die gelben Handschuhe abzog: Ich komme aus Italien,
wo ich mit meinem verehrten Meister Franz Liszt den Winter zu verleben pflege.
In Neapel habe ich die Bekanntschaft des genialen Architekten und vielseitigen
Reisenden Joseph Zwerger gemacht. Aus seinen Andeutungen schpfte ich das
Vertrauen, da Sie meine Annherung nicht abweisen wrden. Ich glaube, unsere
Wege bewegen sich nach dem nmlichen hohen Ziele: der berlegenen deutschen
Kunst die Weltherrschaft zu sichern, zunchst durch eigene Produktion, dann
durch Frderung des besseren Bekanntwerdens der Meisterwerke anderer,
hauptschlich Franz Liszts.
    Sie gestatten eine Unterbrechung: Sie sind Raucher? Lassen Sie uns auch auf
diesem Wege das nmliche hohe Ziel anstreben: hier Zigarretten aus
Genidezetabak, russische Papyros, Feuer, bitte, bedienen Sie sich. Es hrt und
spricht sich besser beim Rauchen.
    Ich bin Tondichter - danke, es brennt schon; Sie sind Wortdichter -
vorzglicher Tabak. Ich schlage Ihnen eine gemeinsame Arbeit vor.
    Ah, Sie wnschen ein Libretto fr eine, groe Oper.
    Nein. Wenigstens vorderhand nicht. Ich habe im Stile und unter den Augen
und Ohren meines verehrten Meisters Franz Liszt umfangreiche, den Konzertabend
fllende symphonische Tondichtungen geschaffen. Dazu bedarf ich eines fein
ausgefhrten, poetischen Programmes. Es handelt sich um Programm-Musik,
verstehen Sie, fr groes Orchester.
    Ich verstehe, Herr Friedberg. Darstellung bestimmter poetischer Stoffe
durch Instrumentalmusik, wie die poetisierenden Symphonieen von Liszt, Berlioz,
Raff, Romantik mit Pauken und Trompeten und so weiter ...
    Sie kommen mir wunderbar entgegen, Herr Doktor. Ich gehe aber weiter, als
die Genannten, ich erweitere den Gedanken- und Gefhlsinhalt der Programm-Musik
in neuen, eigenartigen Formen.
    Bitte, gehen Sie lieber nicht weiter! Ich ahne alles, was kommt - und
verwerfe alles.
    Friedberg, die Zigarrette aus dem Munde nehmend, mit berlegenem Lcheln:
Wie vermgen Sie das?
    Rund heraus: ich betrachte die ganze moderne Instrumentalmusik als einen
kolossalen knstlerischen Irrtum; ich negiere alle von Sebastian Bach bis auf
Wagner und Brahms komponierte programmatische Musik grundstzlich. Fr mich ist
Bach nicht weniger auf dem Holzweg, als Wagner; Mozart und Beethoven nicht
weniger, als Liszt und Brahms. Nur durch die im Verlaufe der Zeit und der
Gewhnung geschaffene Verderbnis des Gehrs sind wir berhaupt im stande,
moderne Instrumentalmusik zu ertragen. All' unsere Begriffe von Wohlklang und
belklang, von melodisch und unmelodisch, von harmonisch und disharmonisch sind
das Ergebnis einer grundfalschen musikalischen Erziehung. Spteren,
natrlicheren Zeiten und Bildungszustnden wird es ganz unerklrlich bleiben,
wie unsere so viel gepriesene Zivilisation diese unsinnige Instrumentalmusik so
hoch und wichtig nehmen konnte. Ich finde sie widernatrlich, scheulich. Was
gibt uns denn diese Instrumentalmusik, die von einem siebzig bis hundert Mann
starken Orchester in unsere armen Ohren geschmettert, gepfiffen, gestrichen,
getrommelt und gepaukt wird, an gegenstndlichen Klangfiguren und
Klangzeichnungen? Nicht so viel als uns zum Beispiel in der Malerei Tapeten- und
Kleidermuster geben. Erwecken denn diese Striche, Linien, Punkte, Tupfen in
allen erdenklichen kaleidoskopischen Durcheinanderschttelungen, die alles
malerischen Sinnes und Verstandes entbehren, erhabene Gefhle und Stimmungen in
uns? Das wird niemand zu behaupten wagen. Aber in unserer musiktollen Welt gibt
es sogar geistreiche Leute, die sich nicht genieren, die musikalischen Striche,
Linien, Punkte und Tupfen, die vom Orchester rhythmisch und harmonisch
durcheinander gemischt werden, erhaben und entzckend zu finden. Wenn ich aber
durch musikalisches Gerusch mich erheben und entzcken lassen will auf dem Wege
sinnlich-sinnloser Klangeinwirkungen, so bedarf ich dazu gar keines
Kunstapparates, keines kostspieligen Orchesters; dazu reicht das musikalische
Gerusch der Natur aus. Ja, ich finde, die einfache Natur wirkt noch viel tiefer
und mchtiger. Oder welche Instrumentalmusik reicht denn an die rhrenden,
beseligenden, erschreckenden Wirkungen heran, welche auf unser Gemt das
Rauschen des Waldes, das Brausen des Sturmes, das Heulen des Windes, das Pfeifen
des Hagelschlages, das Rollen des Donners, das Suseln und Schauern der Luft,
der Gesang der Vgel, das Pltschern des Baches, das Murmeln des Quells und so
weiter hervorrufen? Fr den denkenden und phantasievollen Menschen ist hier auch
eine ganz andere Flle innerer Gesichte und Gedankenverkndungen, als in der
wort-und gedankenlosen Instrumentalmusik fr groes und kleines Orchester.
Sublim, rufen unsere Musiklrmschwrmer! Dann ist die Mnchener Bockmusik auch
sublim, und die Tanzmusik nicht weniger erhaben, als die prtentisen
Konzert-Ouvertren Mendelssohns und Schumanns ...
    Der Musiker hatte den Kopf zurckgeworfen, die Zigarrette mit den Zhnen
zerbissen und drckte und kneipte jetzt mit den langen, knochigen Fingern an
seinem Halse herum, als wrge ihn etwas zum Ersticken. Endlich brachte er
zerhackt die Frage heraus: Aber die Verbindung von Wort und Ton, die
Verschmelzung von Poesie und Musik zu vlliger Einheit, wie in Wagners
Musikdramen, lassen Sie gelten?
    Bedingungsweise, Poesie und Musik vereinigt, aber unter Vorherrschaft der
Poesie.
    So, so. Da werden wir uns hart thun. brigens grau ist alle Theorie. Das
fertige Kunstwerk entscheidet. Wenn Sie erst einmal eine meiner Hauptschpfungen
gehrt, empfunden, sozusagen erlebt haben, denken Sie - ich wage das zu hoffen -
ber gewisse fundamentale Punkte vielleicht weniger schroff. Aber lassen wir das
heute auf sich beruhen. Noch etwas Anderes lie mich auf des Herrn Zwerger
Andeutungen hin die Ehre Ihrer Bekanntschaft suchen ...
    Herr Zwerger, ja, ja, der ist immer stark in Andeutungen. Er hat
merkwrdige Schrullen. Wie geht's ihm denn? Ich habe so lange nichts mehr von
ihm gehrt. Nach Epochen absoluter Ruhe pflegt er loszubrechen wie ein
scheintoter Krater und seine Briefe und Mitteilungen kommen dann glhend
dahergerast wie verheerende Lavastrme. Gegenwrtig scheint seine vulkanische
Natur in der Ruheperiode zu sein.
    Ich kenne ihn nur so weit, da ich ihn als einen ungewhnlichen Menschen
schtzen lernte. Es scheint ihm gut zu gehen. Meine Beobachtung stimmt mit der
Ihrigen. Er ist ein wunderbares Gemisch von Sanftmut und Wildheit, von Ruhe und
zehrender Ungeduld. Ein scheintoter Krater, wie Sie sehr richtig sagen. Also: er
machte mir Andeutungen von Ihren einflureichen Beziehungen zu Bayerns erhabenem
Kunstfrsten in Ihrer Eigenschaft als geheimer Hof-Theaterdichter.
    Erlauben Sie, da ist er in einem Wahn befangen wie so viele, die wenigstens
besser unterrichtet sein knnten. Was fr Klatschereien ber die Umgebung des
Knigs und seine intimsten Verhltnisse machen heute die Runde um die Welt!
    Je nun, Hochachtung vor Ihrer Bescheidenheit, Herr Doktor; mir drfen Sie
in aller Aufrichtigkeit einrumen, da Sie gute Beziehungen haben. Die haben
Sie, nicht wahr? Nun hren Sie. Wie Knig Ludwig fr den Meister von Bayreuth
mit seiner kniglichen Kasse und seiner kniglichen Protektion eingetreten, so
wnschen wir - meine Wenigkeit und ein anderer Tonknstler meiner Schule - da
seine Majestt fr unsere Richtung, fr die neueste programmatische
Zukunftsmusik, uns seine huldvolle Protektion zu leihen geruhe. Nichts weiter
als seine ideale Protektion. Kein anderer Frst in der Welt hat diesen macht-
und glanzvollen Namen als Schirmherr der Kunst wie Ludwig von Bayern. Und nur um
die Gunst des Namens ist es uns zu thun, um die Weihe unserer Bestrebungen durch
sein erhabenes Protektorat. Wie die Frstin Wittgenstein so treffend zu Wagner
sagte: Notre art est un art de millionaire, so knnen wir Jngsten auch von
unserer Kunst sagen: sie ist eine Kunst fr Millionre. Wir verschwistern die
lteste Weltmacht Kunst und die neueste Weltmacht Kapitalismus zu
ideal-praktischem Bunde, das Genie der Millionen mit dem Genie der Muse ...
    Ihre Zigarrette ist ausgegangen.
    Die Millionen sind auf unserer Seite ...
    Doktor Trostberg hielt dem Sprecher ein brennendes Streichholz hin und
fixierte ihn mit kaltem Blicke.
    Mein Mitstrebender ist ein naher Verwandter Rothschilds ...
    So. Sie wollen nicht mehr anznden?
    Friedberg achtete keiner Unterbrechung. Er schttelte nur seine schwarze
Mhne, da ihm das Haargewirr ber die Ohren ins Gesicht flog.
    Auf der einen Seite der Knig der Finanz, auf der andern Seite - -
verstehen Sie? Die Kombinationen sind unabsehbar. Wir grnden zunchst eine
internationale Programm-Musikgesellschaft mit dem Sitz in Mnchen; wir werben
ein internationales Riesenorchester an; wir nehmen der Reihe nach smtliche
erste Konzertinstitute und Musiksle der grten Kunstzentren in Pacht, mit
Mnchen beginnend, zur ausschlielichen Auffhrung unserer Werke ...
    Verzeihen Sie, es hat geklingelt. Ich kann nicht lnger ber mich
verfgen.
    Ich werde Ihnen unseren Plan schriftlich mitteilen. Ich kann auf Ihre
Frsprache bei dem Knige rechnen, sobald Sie etwas Positives schriftlich von
uns in Hnden haben, Herr Doktor? Ich bin ja nur auf der Durchreise hier, zur
Sondierung ...
    Gestatten Sie, da ich Ihnen auch etwas Positives schriftlich mitgebe, eine
Empfehlung an einen einflureichen, kunstverstndigen Freund ... Sie knnen
davon Gebrauch machen, sobald Sie wiederkehren.
    Friedberg stand hoch aufgerichtet da. Trotz seiner Erregung war whrend des
Redens die fahle Farbe seines Gesichtes nur blsser geworden.
    Doktor Trostberg berreichte ihm ein Kuvert mit seiner Karte, darauf er mit
Bleistift blo die Worte geschrieben: Herrn Direktor Dr. von Gudden. Den
internationalen Tonheros-Millionr zur Thr geleitend, verabschiedete er ihn mit
einer Verbeugung: Die Adresse knnen Sie im Gebrauchsfalle sehr leicht
erfragen. Auf Wiedersehen.
    Ich habe die Ehre, Herr Doktor.
    Wer hat geklingelt, Gabriel? Es ist ja niemand da?
    Verzeihung, ich habe selbst geklingelt, gndiger Herr, um das Zeichen zum
Aufbruch zu geben.
    Groartig. Du nimmst Dir Freiheiten heraus -
    Ich habe vergessen, Herr Doktor: der Maler ist auch schon dagewesen und hat
das Bild wieder gebracht. Der Herr Smann - -
    Hat's also nicht loszuschlagen vermocht? Das hat man von den
Kunstvereinsgewinnsten. Siebenhundert Mark Wert schreiben sie darauf, aber kein
Mensch mag's um diesen Preis, nicht einmal um die Hlfte, nicht um ein Drittes.
O Kunststadt!
    Amen. Gerade jetzt htten wir Baargeld so notwendig. Man kann zwar sehr gut
von Schulden leben, wenn man sich's ordentlich einteilt. Aber das ist der
Pessimismus: man kann sich's auf die Lnge nicht ordentlich einteilen ...
    Hansnarr! Wo ist das Bild? Lass' mal sehen.
    Gabriel schleppte den Kunstvereinsgewinn aus der Kche herbei: Wren die
Viecher doch nur lebendig, das gb' ein Schlachtfest ... Was thut man nicht aus
Verzweiflung. Man hngt doch lieber Schinken in den Schlot, als ein
ungeniebares Oelgemlde ...
    Geh, Barbar. Stell' es weiter nach links, da ist das Licht besser. Gut.
Prchtiger Rahmen. Ein Schweinestall im Freien heit das sinnige Gemlde. Von
irgend einem berhmten Polaken, Schubiakowski, oder so hnlich, mir ganz
unbekannt. Moderne Hellmalerei, hm. Das ist ein schlechter Verkaufsartikel. Ein
klassisch geschundener Heiliger oder Raubritter oder sonst etwas Ewigdummes aus
der Mythologie wrde eher einen begeisterten Kufer finden.
    In der Ecke hockt die Sau.
    Mutterschwein, sagt man.
    Diese Frau Mutter von einem Schwein ist die schnste Sau, die ich in meiner
Knstlerlaufbahn gesehen; fr den Zirkus schon zu fett. Da kommt man mit der
Dressur nimmer durch. Ach, wenn ich an sie denke, die Genossin meines Ruhms und
meiner Leiden ...
    Im Vordergrunde tummeln sich drei, sechs, acht, zehn Ferkeln, wei und
zart, ein Bild des Frohsinns und Lebens. Ein ideales Familien-Idyll.
    Darber hngt an einer Borste das Schwert des Damokles in Gestalt des
unsichtbaren Schlchtermessers. Wollen wir den armen Opfern eine Thrne weihen,
Herr Doktor? Gabriel trat einen Schritt zurck, betrachtete von der Seite
seinen Herrn mit einer spttischen Fratze. Seine Augen gingen vom Bild zum
Doktor und vom Doktor wieder zum Bild und machten unterwegs Abstecher nach unten
und oben; die alte Klownsnatur bekam so mchtiges Oberwasser, da alle
philosophischen Anwandlungen in grotesker Verzerrung zur gemeinen Spahaftigkeit
mit fortgerissen wurden.
    Wie viel Schweine haben Sie gezhlt, Herr Doktor? Zehn junge und ein altes?
Ich bringe mehr heraus ...
    Ich auch, wenn ich Dich mitrechne.
    Ich bin nicht so anspruchsvoll, da ich bei jeder Volkszhlung dabei sein
mu. Ich zhle nur die sogenannten Menschen auf dem Bilde mit ...
    Ja, ber die Bretterwand hinweg sieht ein Bursche mit einem Kinde im Arm
und eine Frau mit einem Kbel, aus dem sie den Trog fllte. Der Maler hat aber
offenbar seine ganze Hochachtung und Kunst nur den Schweinen gewidmet. Die
Menschen sind den Tieren gegenber sehr schlecht weggekommen.
    Eigentlich sind die Menschen die wahren Schweine.
    Esel, das ist das neue Kunstprinzip der Hellmaler, die Menschen wie die
Schweine und die Schweine wie die Menschen darzustellen. Das ist der sogenannte
Naturalismus.
    Das leuchtet mir ein, gndiger Herr, ohne da Sie sich in
Avancements-Unkosten zu strzen brauchen meinetwegen. Den Esel hebe ich mir auf,
wenn ich wieder Schopenhauer studiere.
    Sei nur nicht gleich empfindlich, mein kluger Engel Gabriel.
    Erzengel, Herr Doktor.
    Erzschuft. Und der Doktor streichelte dem Exklown die verrunzelte Wange.
Siehst Du, die Menschen sind so ausdruckslos und stumpfsinnig auf dem Bilde und
die Schweine so nett und aufgeweckt; auf den Gesichtern der Menschen liegt der
Schmutz faustdick und die Schweine sind so frisch gewaschen in ihren weien,
rosigen Borstenhemdchen, so wunderschn glatt und gepflegt, und wie sie sich
lustig grunzend zum Troge drngen und sich drcken und die Rssel sich wie
liebkosend an einander reiben. Geh', es ist ein reizendes Bild.
    Gabriel streichelte die gemalte Muttersau, ging mit dem Zeigefinger den
Ringeln ihres Schwnzchens nach, tippte an ihrem milchgeschwollenen Bauche herum
- und leckte sich dann die Finger, ab. Suk, suk, suk ...
    Pfui, Gabrielchen.
    Schade, da nichts dahinter ist. Alles nur Vorstellung, wie bei
Schopenhauer.
    Du bist mir der rechte Spiritualist und Metaphysikus; Deine Vorstellungen
gehen immer nach der Speckseite, nach dem schweinernen Grund der Dinge.
    Es klopfte an der Thr. Durch das Vorflurfenster spottete das blonde,
lwenmhnig umwallte Gesicht des Doktors Erwin Hammer von den Ungespundeten
herein. Er trommelte strmisch an die Scheibe.
    Fort mit dem Bilde in die Kche! befahl Trostberg. Na, der wrde uns
schn auslachen. Dem ist nichts heilig, nicht einmal der Kunstschweinsgenu.
Verschlie' es gut. Wir versilbern's doch noch.
    Ich bringe angenehmen Wrzburger Besuch Trostberg. ffne Dein
Zauberschlo!
    Gleich, gleich. Ein Gedanke, Gabriel! Vergi nicht, den Schweinstall im
Freien dem Herrn Kommerzienrat Raler anbieten zu lassen. Vielleicht heimelt ihn
das Sujet an. Aber nicht sagen, wo das Bild herkommt! Preis dreitausend Mark!
Der Maler mit dem unaussprechlichen polnischen Namen sei der grte
Schweineknstler des Jahrhunderts, ein Spezialist von Weltruf, sei mehrfach
geadelt und Inhaber von neunundneunzig Orden, male nur zu seinem Vergngen,
daher der billige Preis. Das wird dem Kunstfreund imponieren ... Verstanden
Gabriel? Heute noch besorgen!
    Whrend Gabriel den Auftrag seines Herrn beifllig begrunzend, mit dem Bilde
in der Kche verschwand, ffnete Doktor Trostberg gravittisch die Hausthr.
    Ah, was sehe ich, welche berraschung, ist es denn mglich, sind Sie's -
bist Du's wirklich, Oberamtsrichter, Regierungsrat, Finanzdirektor oder wie Du
dich sonst betitelst. Du avancierst ja immer. Deine Karriere ist der reine
Blitzzug ... Es ist eine Ewigkeit her -!
    Hab' ich's nicht gesagt, ich bringe angenehmen Besuch? tenorte der
Ungespundete und schob den etwas verdutzten Herrn mit der gestrengen,
selbstbewuten, typischen Beamtenphysiognomie und der goldenen Brille und dem
provinzlerhaft sorgfltigen Anzug ber die Schwelle. So, jetzt habt Ihr Euch.
Empfehle mich. Heute Abend bei den Ungespundeten sehen wir uns wieder. Addio,
Regierungsrat.
    Komm' doch auf einen Sprung mit herein, Doktor Hammer!
    Bedaure, hab' keine Zeit. Bin auf der Suche nach Drillinger. Weit Du was
von ihm?
    Trostberg schttelte den Kopf, whrend er die beiden Hnde des
Regierungsrats aus Wrzburg fate. Entschuldige nur ...
    Also nochmals Addio.
    Das ist kein Haus, das ist ein Taubenschlag, brummelte Gabriel, indem er
das Bild gegen die ruige Wand lehnte; er setzte sich auf den Kchentisch und
nahm behaglich eine Zigarrette aus dem Pckchen. Fr den Schnabel. Ei, das
schmeckt gut, wie ein Kraut aus dem Paradies. Besser noch, wie ein Ku, ein
frisch gebackener, im Frhling. Und er blies kunstvolle Ringe und schmatzte den
luftigen Gebilden nach und streckte die Arme aus und reckte sich. Jetzt wr'
ich aufgelegt ... Nach kurzem Besinnen holte er sich aus einer alten
Kohlenkiste eine aufgesparte Kognakflasche hervor, that einen krftigen Zug:
Hurrah, es lebe der Zirkus Trostberg! und noch einen: Der Zirkus
Schopenhauer! und noch einen: Was wir lieben! Nachdem er die Flasche wieder
versteckt, warf er den Kopf in den Nacken, klatschte leise in die Hnde und rief
im Zirkusjargon: Mjusik, Mjusik! Dann setzte er sich auf den Tisch und
jonglierte mit Korkstpseln ....
    Die Thr weit aufstoend, war Trostberg inzwischen mit seinem Freund
Regierungsrat Arm in Arm in den Tempel der Weltlitteratur geschritten ... Der
Regierungsrat kniff die dnnen Lippen zusammen, rckte an seiner goldnen Brille
auf der scharfkantigen Nase herum, strich sich die glatt gescheitelten, fest an
dem birnfrmigen, knochigen Kopf klebenden graumelierten Haare und sagte khl
und scharf: Erlaube zunchst eine Vorbemerkung, verehrter Freund: dieser Erwin
Hammer mit seinem geruschvollen Wesen will mir gar nicht mehr gefallen. Er
spricht so laut und frei, da die Leute auf der Strae stehen bleiben.
Unsereiner kommt ordentlich in Verlegenheit. Das geht nicht. Man kann von
Kollegen, von Vorgesetzten beobachtet werden. Verstehst Du? Und diese
gefhrliche Aufspielerei: ungespundet! Was ist denn fr ein Geist in die Leute
gefahren? Sie sollten doch mehr Rcksicht auf unsere Situation nehmen. Man mu
sich wahrlich scheuen, mit ihnen umzugehen. Zumal jetzt, - wir sind doch
unbelauscht? -! - wo so bedeutsame Vernderungen in der Luft liegen. Wir Diener
des Staates - ich komme soeben vom Minister - - Du verstehst mich doch? Die
Zeiten ndern sich. Tempora ...
    Mutantur, nos et mutamur in illis. Aber das wird sich gleich aufklren.
Bitte, mach Dir's nur erst bequem.
    Trostberg eilte in die Kche: Gabriel, ich bin nicht zu Hause, bis der
Lateiner da d'rin fort ist. Ich bin fr niemand zu sprechen - hte die Thr! Nur
fr den Fall, da ein Kurier - Damit war der Sprecher schon davon.
    Der Diener vollendete mimisch den Satz, indem er den Kopf ehrfrchtig neigte
und die Arme auf der Brust kreuzte. Seiner Majestt allerunterthnigster
Diener.
    Gabriel humpelte an die Hausthr und wollte den Riegel vorschieben. Zuvor
steckte er den Kopf lauernd hinaus. Ah, ah, ah, 's Wschermdel ... Pst, pst!
... Leise herein; so, weie Unschuld, das hast Du schlau erwischt, Anna.
    Die Wsche fr den gndigen Herrn! wollte die Prinze vom Waschkessel
heraustrompeten und ihren Korb auf die Schwelle stellen, um die betreffenden
Wschestcke herauszunehmen.
    Schnell hielt ihr Gabriel den Mund zu und zog sie hinter die Thr, schob den
Riegel vor und geleitete das erstaunte Wschermdchen in das Schlafzimmer, immer
auf den Zehenspitzen und mit dem Finger an den Lippen Schweigen gebietend. Er
schob Anna, die sich leise strubte, in die Fensternische, hinter den Vorhang;
mit groen verwunderten Augen blickte das Mdchen bald auf den drolligen Diener,
bald durch die Scheiben in den kleinen heimlichen Garten. Ja, was ist's denn?
fragte sie schchtern.
    Jetzt drfen wir schon lauter schwatzen, hbscher Schneck. Da hrt uns
niemand. Der gndige Herr hat hohen Besuch. Ein Lateiner! Da geht's auf Leben
und Tod!
    O Gott, machte das Mdchen. Lassen Sie mich gleich wieder fort, ich
frcht' mich. Dort im Korb -
    Pressiert nicht, grinste der Exklown, nahm seine seste, verfhrerischste
Maske vor, ttschelte Annas Wangen, strich wie zufllig ber ihre Hften hinab
und schwatzte dabei in einem Zuge, ein Gesicht dem ihrigen nhernd: Das ist die
merkwrdige Geschichte von dem Ding an sich, Wie der Philosoph Schopenhauer
gesungen hat: Es fhlt wohl jeder Mann einmal 'neu Hang zum Wscherpersonal.
Hast gut gewaschen? Ordentlich gebgelt? Recht steif gemacht? Der gndige Herr
mag's recht steif. O, weit Du, der will's extra; die Hemden, die Kragen, das
heit, besonders die Manschetten recht steif, wie Blech. Du bist ein ser
Schneck.
    Das Mdchen machte sich von dem Zudringlichen los, schlpfte unter den
Vorhang weg, packte eilig die Wsche aus und legte sie aufs Bett.
    Und da ist die Rechnung, die zwei letzten sind auch noch dabei. Ich soll
das Geld ja mitbringen, sagte die Frau Huber.
    O das pressiert nicht, und dann schau, Schneckerl, Du knntest's verlieren.
Wir schicken Dir's mit der Post, mit der Eisenbahn, mit dem Telegraphen, mit dem
Telephon, oder mit einem noch neueren Instrument, das g'rad erfunden wird. Heut
nicht und morgen auch nicht, schau, Schneckerl, aber im nchsten Schaltjahr, da
haben wir einen Tag mehr, den heben wir uns extra auf frs Schuldenzahlen. Also
einen recht schnen Gru an die Frau Huber. Dabei bemhte er sich wieder, das
Mdchen in seine Arme zu bekommen. Der frische Geruch ihrer Kleider, der warme
Duft, den ihr junger, gesunder Leib atmete, dazu ihre Angst, in dem fremden
Schlafgemach mit dem dmmerig verhllten Fenster durch ein zu lautes Wort
Skandal herbeizufhren, und zugleich ihr Bemhen, den verliebten Possenreier
abzuwehren, wodurch ihre Aufregung nur vermehrt wurde: das alles berauschte den
sinnlichen Menschen und machte ihn khner und frecher. Schau, flsterte er
hei und seine Augen zwinkerten lstern, wir sind abgebrannt, wir brennen immer
ab, das Lehel ist berhaupt feuergefhrlich, gestern hat's auch in der
Schneiderei gebrannt - Jetzt umschlang er sie mit beiden Armen und zog sie zu
sich nieder auf das alte Ledersopha, das dem Bette gegenber an der Wand stand -
Erzhl' mir von dem Feuer in der Schneiderei, komm' Schneckerl, das
interessiert mich. Der Schneider ist ein guter Freund von mir und die
Schneiderin ist auch eine gute Freundin von mir ...
    O Sie Schwindler, es ist ja gar keine Schneiderin da. Die Frau ist lngst
gestorben.
    Das macht nichts.
    Hren Sie auf! Sie thun mir weh ... Sie prete die Beine zusammen, machte
sich ganz steif und versuchte mit dem Ellbogen zu stoen.
    Warum wehrst Du Dich denn so?
    Oh, aber nein ... Pfui. Lassen Sie mich los!
    Wie ist denn's Feuer angegangen?
    Ich erstick' ja ... sthnte Anna und mhte sich verzweifelt, aus der
leidenschaftlichen Umklammerung des Gewaltthtigen sich loszuringen.
    Das Feuer ...
    Ich mag nicht. Sie halten mich auch fr so eine ...
    Schon glaubte der Exklown mit der Ermattenden gewonnenes Spiel zu haben, als
Anna durch eine geschickte Bewegung ihren rechten Arm freimachen und dem
Zudringlichen eine so saftige Ohrfeige und einen Schlag auf sein Kunstgebi
versetzen konnte, da er die Engel im Himmel in allen Tonarten singen hrte. Am
liebsten htte sie ihn erdrosselt.
    Mit mir geht's nicht so leicht, wie mit der Monika, schrie zornig das
Mdchen, schttelte ihre Kleider und steckte sich flink die Haare zurecht. Wir
wissen schon, was Sie mit der gemacht haben, Sie ...
    Pst, pst! jammerte Gabriel und hielt sich vor Schreck und Schmerz die
Ohren und den Mund zu, whrend er mit der Zunge einen abgeschlagenen knstlichen
Zahn herausstocherte.
    Sie ri den Korb vom Boden auf und strmte spornstreichs davon. Eine Wut
hatte sich ihrer bemchtigt, da sie alles ber den Haufen htte rennen mgen.
Wenn's noch ein richtiges, fesches Mannsbild gewesen wre, aber dieser grinsende
Aff'! Ein Wschermdel darf freilich nicht zimperlich sein und mu sich auf
allerhand gefat machen, wenn sie mit Herren allein in einem Zimmer zu thun hat,
das Mannsvolk kann von der Schmiererei und Druckerei nicht lassen, und die
hchsten Herrschaften sind oft die allerunfeinsten und die Gebildeten die
allerfrechsten, aber so etwas, wie dieser hinkende Teufel, nein, das war ihr
noch nicht vorgekommen. Dieser unverschmte Hund. Na, das wird dem Doktor
g'steckt, der soll wissen, was fr ein Vieh er zum Bedienten hat. Und die
Geschichte mit der Monika soll ihm auch noch eingerieben werden. Und in
Geldsachen gar nichts Nobles, niemals ein Trinkgeld, dazu die ewige Pumperei.
Was wird nur die Frau Huber sagen, wenn sie heut wieder ohne einen Pfennig
heimkommt! Eine saubere Kundschaft! Neulich hat sich der freche Hanswurst wurst
gar auf den Knig hinausgeredet: der Knig zahle auch nicht gleich und der Herr
Doktor htte selber viel zu fordern ...
    Und wtend warf Anna ihren Korb von einem Arm zum andern, da die weien,
steif gebgelten Hemden aufraschelten. In die Brandversicherungskammer mute sie
noch und in die Hofsgemhle an der Maximiliansbrcke und zum Konsul Schmerold
in der Quaistrae. Da hatte sie sich in ihrem Zorn ja richtig verlaufen! Links
hinber beim Jgerwirt! In ihrer Hast hatte sie mit ihrem Korb ein kleines Kind
gestoen, da es plrrend in die Straenrinne fiel. Ein altes Weib keifte hinter
ihr her. Jawohl, man kann auf jeden Bankert auch noch Acht geben ... Wie sie
jetzt scharf um die Ecke bog, rannte sie einen Herrn, gerade auf den Leib.
    Es war Maximilian Schlichting.
    Nach der langen Sitzung bei Trostberg und dessen ermdender Rede, die er wie
im Halbtraum angehrt, schwindelte ihm der Kopf. Er mute sich noch eine
Zeitlang in der Luft ergehen und seine Gedanken sammeln, bevor er den Besuch
beim Prebanditen unternehmen mochte. Am liebsten wre er auf und davongegangen.
Die ganze Welt ekelte ihn an. Was hat ihn nur so gltzlich in ihre schlammige
Wirbel gerissen? Was wollte sie eigentlich von ihm? Als er noch abseits stand
und mit allen Krften des Leibes und der Seele seinen stillen Studien lebte, wie
fhlte er sich da rein und gesund! Jetzt mute er knietief in ihrem Schmutze
waten, warum? Der Leiden und Leidenschaften anderer wegen. Zwischen gestern und
heute dnkte ihm eine Ewigkeit zu liegen und er sich selbst ein Fremder geworden
zu sein. Der glckliche Mensch in seiner Steinbrucheinsiedelei, der jetzt allen
Stadtunrat hinter sich hatte! Die glckliche Flora, die in Italiens
paradiesischen Gefilden schweifen durfte! Aber jetzt nicht daran denken! Der
Weg, ist jedem vorgezeichnet; der mu gegangen werden. Jede Zgerung macht ihn
nur mhsamer, jede Abschwenkung nur lnger. Das Schicksal hat uns am Schopf und
lt nicht aus. Wer nicht gehen will, wird geschleift. An sein Ziel mu jeder,
so oder so. Schlichting hieb mit seinem Stock eine matte Hochquart in die Luft,
spuckte aus und nahm die Richtung nach der Behausung des Prebanditen. Wie mich
der wahnsinnige Idiot wohl empfangen wird?
    Der Prebandit hatte sich heute frhzeitiger! denn sonst an sein ehrsames
Handwerk gemacht Morgenstunde hat Gold im Munde, schmunzelte er, als er den
Sto Briefe gemustert hatte, den er auf seinem Tische vorfand: Paillards Hand -
und hier der Oberkomdiant Geiling - und hier die Dichterin Thusnelda Wechsler -
das edle Kleeblatt seh' ich immer gern, die wissen, was sie einem Manne wie mir
schuldig sind - drei, vier, fnf unbekannte Pfoten - hier ein amtliches Siegel,
hier wieder eins, die heb' ich mir bis zuletzt auf, die mter soll der Teufel
holen; die Aktenschmierer sind einem Journalisten von meiner Befhigung immer
aufsssig; - hier ein Sendschreiben von meinem juristischen Nothelfer, dem
Advokaten Dr. Ofenschlupfer, das ist eine Perle von einem Anwalt, der packt
berall an und beit sich durch wie ein Fuchs. Ohne seine freche Schnautze wr'
meine Strafliste noch einmal so lang geworden. Was will denn der Gute? Seinem
Klienten guten Morgen wnschen? Das drfte er schon, ich setze ihn reichlich in
Nahrung ... Was? Ein Absagebrief? Er mag nichts mehr mit meinen Rechtsgeschften
zu thun haben? Unmglich. Das ist ein Irrtum, so sehr kann man sich nicht in
einem Menschen tuschen. Da hat man mich bei ihm verleumdet. Ich mu ihn um
Aufklrung bitten. Das lass' ich nicht auf mir sitzen. Sofort ad notam. Ein
halbes Dutzend Postkarten - zwanzig neue Abonnenten - hussa, das Geschft blht.
Alte bring meinen Kaffee herein! Der Tag fngt gut an. Heute la ich mich nicht
rgern. Drei Hrnchen mehr, auch von dem Gugelhupf und viel Butter. Hrst Du,
Alte?
    Die Thr seines Redaktionsbreaus war nur angelehnt. Die Alte, wie er
seine holde Gattin und Gebieterin titulierte, wenn er sie gemtlicher Stimmung
wute, war nebenan in der Kche mit der Zubereitung des Frhstcks beschftigt.
Die brave Dame mute sich heute dieser Arbeit selbst unterziehen, weil gestern
die Kchin pltzlich ins Gebrhaus abgeschoben wurde, allwo sie einer Frhgeburt
entgegenbangte. Ein Ersatz war noch nicht gefunden. Das kleine Aushilfsmdchen,
das man inzwischen angenommen, reichte gerade zur Stiefelputzerin und
Thrsteherin aus. Der Fetzen htte uns die Schweinerei freilich ersparen
knnen; aber Jugend hat nicht Tugend, bemerkte philosophisch der Prebandit auf
das wiederholte Gezeter seiner ber diese Schandweibsbilder emprten Gattin.
    Jetzt erschien sie mit dem Kaffeebrett: Mokka, Rahm, Zucker, Butter,
Gugelhupf, mrbe Brtchen - alles in Hlle und Flle. Sie sah heute womglich
noch verluderter aus, als sonst; sie schien sich eine besonders wste Nacht
geleistet zu haben. Nur mit einem fleckigen, rotwollenen Unterrock und einer
weien, zerknitterten Nachtjacke bekleidet, hingen ihre Brste, die kein
Schnrleib sttzte, schlaff herab und die fleischigen Hften traten, bei der
hintern Abplattung ohne Kul, hlich heraus; die ungeordneten Haare flogen ihr
wie eine schwarze Wolke um das gelbe Gesicht, in welchem die blau umrnderten,
unheimlich glhenden dunklen Augen, die scharf eingeschnittenen Nasenflgel und
das geschwollene Oberlippenzpfchen ebenso wilde Triebe wie die verwilderte Art
der Befriedigung verrieten. Es war die Weib gewordene Sinnlichkeit, die
Nananatur, gezgelt durch ein Bedrfnis nach hausfraulicher Huslichkeit und
Geschftigkeit, wodurch das Rouhafte der berreife sich nicht zu voller
Widerlichkeit zu entwickeln vermochte, so da fr das Wstlingsauge das
Lustweckende ihrer gealterten Erscheinung nicht allzu sehr beeintrchtigt wurde.
    La Dir's schmecken, ich mu zum Kind hinber, es scheint nicht ganz wohl,
es ist so unruhig, ich glaub' der rechte Eckzahn kommt.
    Das ist fatal. G'rad heut, wo vornehmer Besuch angesagt ist; der Paillard
kommt und der Geiling und wer wei was sonst noch Feines. Die mut Du auf Dich
nehmen, verstanden? Ich hab' viel zu thun; ich mu heut auch wieder einen
Schmarren zusammen dichten auf die Freibankmetzgerin Streibl, die gestern in
Abrahams Wurstsack abgefahren ist. Der untrstliche Gatte und seine Dulzinea,
die ich neulich mit dem Dreschflegel auf ihrem Liebeslager freundlich
zusammengedroschen, haben die Weltgeschichte begriffen und ordentlich geblecht.
Das poetische Mrzveilchen, das ich auf das Grab der Seligen pflanzen will, hat
er bestellt und hat die Dulzinea bestellt, ohne da eins vom andern wei, also
springt ein schnes Doppelhonorar heraus. Das wird ein profitlicher Tag heute.
Wie gesagt, wir mssen uns in die Arbeit teilen. Mach' Dich nur recht schn,
Alte. Du weit, der Franzos und der Komdiant geben was aufs uere, das sind
anspruchsvolle Lumpen, aber Lumpen, die sich nicht lumpen lassen. Schn gesagt,
nicht wahr, Alte? Aber da Du mich nicht gar zu eiferschtig machst! Ah, Du
kennst mich ... Einen Ku! ... Jetzt geh' zu Deinem Kind ...
    Whrend dieser geschftsmig-zrtlichen Rede kaute er auf beiden Backen; er
war ein groer Frevirtuos. Seine Mundwinkel trieften von Kaffee und Butterfett.
    Was stehst Du denn noch da? Geh' zu Deinem Kind und putz' Dich dann fein
heraus, recht anmutig, grazis, duftig, wie es Geiling zu wnschen pflegt, der
Weiberfeinschmecker.
    Ich hab' Dich nur noch etwas fragen wollen, fllt mir aber nicht mehr ein.
Es geht mir immer so, man kommt nicht zu Wort bei Deinem langen Geschwatz ... Ja
so, wegen dem Attenkofer. Er soll Cheveauxlegers nackt photographiert haben ...
    Halts Maul. Das ist schon abgemacht.
    Und wegen der Frau Raler, die jetzt auch ein Verhltnis mit ihrem
Hauslehrer, einem gewissen Kandidaten Schlichting, haben soll. Gestern Abend
soll sie bei ihm auf seinem Zimmer gewesen sein.
    Das ist wichtig. Aber die Person wird erst nchste Woche grndlicher
verarbeitet. Das gibt dann ein weiteres Kapitel. Sehr gut. In der letzten Nummer
hat sie schon spren knnen, wo der Wind herweht. Die Anspielung auf den jungen
Englnder war brillant, aber vielleicht zu fein. Na, da knnen wir ja
nachhelfen. Warten wir die Wirkung noch ein paar Tage ab. Nach dem Englnder
schlachten wir sie mit dem Hauslehrer ein - schlielich bleibt uns noch der
Drillinger. Da wird nicht ausgelassen, bis sie Goldfchse schwitzt. Bist
zufrieden, Alte? Also richte mir einstweilen den Stoff her. Ich will mir gleich
den Namen notieren. Das gibt einen Hurenskandal. Jetzt geh' zu Deinem Kind. Eins
nach dem andern. Auf meinem Redaktionsbreau mu Ordnung sein.
    Er sagte stets nur noch zu Deinem Kind, seit er sich ber die Zweifel der
Vaterschaft in einer prgelfrohen Nacht endgltig mit ihr verstndigt hatte.
Sein Intimus und Adlatus, der Herr Leutnant Kropfer, hatte ihn sehr geistreich
getrstet: Gewisse Kinder sind immer mehr oder weniger Mosaikarbeit; das bringt
die Kunst so mit sich. Wenn das Mosaik gelungen ist, merkt kein Teufel mehr die
einzelnen Stifte. Schlielich schtzt man das Kunstwerk und pfeift auf den
Knstler. Amen Selah. Maraschino und Kompagnie.
    Der Prebandit hatte alles aufgegessen und aufgetrunken, sich das Maul
abgewischt, das Kaffeeservice auf die Komode gestellt und beeilte sich nun, noch
schnell ein bischen Toilette zu machen, das heit: seinen Schnauz- und Kinnbart
schwarz zu frben, seinen braunen Knstlersamtrock anzuziehen und seine
Filzbabuschen gegen Lacklederschuhe zu tauschen. Das war seine kleine Eitelkeit.
Seine grere war: sich jeden Morgen mit dem Helden von Lepanto, mit Cervantes,
zu vergleichen. Wie er auf diesen grotesken Einfall kam? Das war ein sinniger
Gedanke der Dichterin Thusnelda Wechsler. Nachdem sie sein Schweigen ber ihre
erotischen Gedichte, richtiger, ber ihre zahlreichen Liebschaften, die sie
darin besungen, mit Champagnerkrben und Zigarrenkisten glaubte nicht mehr
ausreichend erkaufen zu knnen, packte sie ihn am Eitelkeitszipfel. Nein,
schner, heldenhafter Mann, wie Sie einem der grten Heroen der Kriegs-und
Litteraturgeschichte gleichen, ist in der That wunderbar! Sie sind Cervantes wie
er im Buche steht. Wer ist Cervantes? Ich erinnere mich im Augenblick dieses
Namens nicht, entgegnete er mit genialer Ignoranz. O Sie liebenswrdigster
aller Schker, wie fein Sie mich tuschen wollen. Sie mchten Ihren groen
Kollegen verleugnen, weil Sie ihm krperlich und geistig auf ein Haar gleichen:
auch er war einarmig wie Sie, ein heroischer Soldat wie Sie, er hatte eine
ritterliche Statur wie Sie, er gab ein Blatt heraus wie Sie - spter wurde es
gesammelt und als Buch verffentlicht unter dem etwas spanischen Titel
Donquixote, kurz: alles stimmt. Und er: Natrlich der Donquixote, ah, von dem
hab' ich auch gehrt, der erfand ja all' die dummen Streiche, die man heute noch
Donquixoterieen nennt. Natrlich! Darauf sie: Und hier verehre ich Ihnen einen
sehr kostbaren Stahlstich, sein Portrt. Er: Nach einer hnlichen Photographie
angefertigt, wie's scheint. - Selbstverstndlich. -
    Seit jener Zeit hngt das Bild des Cervantes unter dem Spiegel im
Redaktionsbreau der Kloake - und der Prebandit stilisiert seinen
polizeiwidrigen Vagabundenkopf nach seinem, genialen Doppelgnger und
Kollegen, dem Helden von Lepanto.
    Als seine Alte fragte: Wen stellt das Bild vor, wer ist das? antwortete er
ruhig-stolz: Kollege Cervantes; er soll mir sehr hnlich gesehen haben.
    Der Prebandit erwog sogar den Gedanken, ob's nicht vorteilhafter und
schner wre, vom nchsten Semester ab sein herrliches Wochenblatt, statt
Kloake Donquixote oder Der bayerische Donquixote zu benennen. Allein die
kluge Thusnelda Wechsler riet ihm von der Umtaufe ab. Erstens sei das Blatt
unter dem ursprnglichen Namen zu groem Renommee gekommen; zweitens klinge das
Wort echt klassisch, denn die weltbeherrschenden Rmer htten schon eine Kloake
mit dem Untertitel Maxima gehabt; drittens habe das Wort auer der
lateinischen Klassizitt - was in einer ltlichen akademischen Kunststadt wie
Mnchen schon an und fr sich sehr empfehlend sei - einen Stich ins
Naturalistische, wodurch die Sympathieen der allerneuesten Richtung in
Litteratur und Kunst unfehlbar gewonnen wrden, der franzsische
Romanschriftsteller Zola z.B. sei von liebreichen und witzigen Kritikern schon
des ftern der Gromeister der Kloakendichter genannt und seine berhmtesten
Bcher mit Kloaken verglichen worden; viertens habe das Wort wie das Blatt, dem
es als berschrift diene, wirklich so viel Lokalfarbe und Lokalgeruch, da jeder
kunstsinnige Mnchener die Umtaufe schmerzlich empfinden mte.
    Dem Kloaken-Journalisten leuchteten diese Grnde ein. Da er aber doch von
dem Titelblatt seines Witzblattes nicht mehr vollkommen befriedigt war, so
wollte er demnchst ein Preisausschreiben zur Gewinnung einer geeigneteren
Titelvignette veranstalten; als Prmie gedachte er dem siegreichen Knstler die
erschienenen Kloaken-Jahrgnge, stilvoll in Schweinsleder gebunden, sowie eine
seidengestickte Fahne und das Prdikat eines Ehrenmitgliedes der
Kloaken-Redaktion anzubieten. Jetzt stand noch in der rechten Ecke des Titels
ein geharnischter bayerischer Hiesl in einer Positur und mit einem Gesicht, als
htte er Rizinusl statt Hofbruhausbier aus seinem Makrug getrunken, und links
ein Mnchener Kindl mit einer so sndhaft verbldeten Fratze, als wre es vom
Jungferntribut des modernen Babylon ausgemustert worden. Diese Bilder konnten
seinem ebenso originellen wie verfeinerten sthetischen Gefhl nicht mehr
gengen. Um neben seiner lokalpatriotischen und bajuwarischen auch seiner
kaiserlich-deutschen Gesinnung gebhrend Ausdruck zu verleihen, wollte er schon
die Zge des bayerischer Hiesl in die des deutschen Reichskanzlers umwandeln ...
Vorlufig mute das alles Zukunftsmusik bleiben, so lange die wohllbliche
Polizei dem Kloaken-Witzblatt das Leben berhaupt noch so sauer machte.
    Lagen da nicht wieder drei Briefe mit unheilkndenden groen Amtssiegeln?
Der Prebandit stierte mit seinem einzigen Auge darauf - nein, er mag sich jetzt
seine rosige Stimmung nicht verderben lassen: er wird diese Uriasbriefe nicht
lesen. Er setzte sich wrdevoll in seinen Redaktionslehnstuhl und lie noch
einmal die freundlicheren Briefzeichen auf sich wirken. Dann ffnete er die
Zuschrift der Dichterin Thusnelda Wechsler.
    Hochzuverehrender Herr Chefredakteur! Ihre gehorsame Dienerin hat wieder
ein neues Buch verbrochen, diesmal einen Band Theaternovellen in Versen -
Heyse'sche Schule! Darf ich Ihnen das Werk mit einer eigenhndigen Widmung als
schwaches Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit zusenden? Garniert mit
einigen Bchsen russischen Sardinen und Kaviar? Ich versichere Sie, es ist kein
Kaviar frs Volk - von der Tante Meier - sondern wirkliche feinste Primamarke.
Ein durchreisender russischer Militr, Freund meines Freundes ...
    Und so weiter, machte der Prebandit, den Rest des Schreibens
berfliegend. Das gengt den Kaviar fr mich, das Buch fr den Antiquar. So
gibt's besser aus. Eine brave Frau. Hat sich halt wieder einen jungen Leutnant
abgerichtet, der Russe geht drein. Schwamm drber. Leben und leben lassen. Nein,
ich werde doch etwas ber sie schreiben, ich werde sie ber den Schellenknig,
den hochnsigen Kollegen Heyse und Konsorten, loben. Unsere beliebte
vaterlndische Dichterin und echt deutsche Hausfrau Thusnelda Wechsler, welche
so poetisch und taktfest zwischen Wiege und Schreibtisch Schritt zu halten wei,
... welche in dem einen Jahr dem deutschen Vaterland einen strammen, das
Geheimnis des Stechschrittes und des neuen Exerzierreglements schon im
Mutterleibe empfangenden Krieger, in dem andern Jahr einen Band genialer
Gedichte, keusch und lieblich wie Maienrosen, schenkt, ... dieses erhabene
Muster von einem Dichter-Weib ... hat soeben ein neues Werk ... und weiter, und
so weiter. Der Kaviar ist das Beste dran, aber das geht den Schafskopf von
Publikum nichts an. Meine Besprechung wird Sensation machen. Mein Adlatus
Kropfer mu sie ordentlich durchkorrigieren, wegen der verdammten Druckfehler,
die mir von meinen schurkischen Neidern, den sogenannten Schriftstellern, immer
als Schreibfehler aufgemutzt werden. Ich will jetzt gerade den
litteraturstudierten Schimpansen zeigen, da in mir ein kritisches Talent ersten
Ranges schlummert, das ein paar Dutzend Professorendichter im Nu in die Pfanne
haut und wirkliches Talent auf den Schild erhebt. Kloaken-Lob soll bald so
furchtbar wirken wie Kloaken-Tadel. Auf den Kaviar freu' ich mich. Das ist halt
ein Schatzerl, die Thusnelda ... Wo nur heute mein Leutnant bleibt! Er ist halt
ein Liedrian, wenn er Geld hat. Ich mu ihm den Brotkorb hher hngen.
    In diesem Augenblick ging die Thr auf und herein trat eine hochgewachsene
Gestalt mit ngelbeschlagenen Bergschuhen, Wadenstrmpfen, nackten Knieen,
kurzen Lederhosen, Lendengurt, Lodenjoppe, Filzhtchen mit Spielhahnfeder, das
kecke Gesicht von einem mchtigen roten Vollbart umrahmt.
    Gr Gott, Chef!
    Wenn man den Wolf nennt, kommt er g'rennt. Aber in dem Aufzug? Sie sind
halt der ewige Fex!
    Nix Fex. Auf den Wendelstein geht's. Einem Hamburger Alpisten mu ich den
Fhrer machen. Es ist auch eine Alpistin dabei, ein schneidiges Weib, mit Waden
wie ein Kanonenrohr. Ich wollte den Allerdurchlauchtigsten, Gromchtigsten um
zwei Tage Urlaub gehorsamst gebeten haben. Es sind seine Leute, Geld haben sie
wie Dreck. So was darf man niemals ausschlagen. Nur zwei Tage Urlaub.
    Und zwei Tage zum Ausschnaufen, macht vier. Die Redaktionsarbeit, he, und
die neuen Bilder? Ganze Berge von Briefen, Manuskript, Korrekturen ...
    Auf diesen Bergen kraxelt einstweilen der verehrte Chef mit Genu herum.
Bilder bring' ich einen ganzen Rucksack voll mit.
    Ich danke. Einen Tag hchstens kann ich Sie fortlassen. Es liegt viel
Wichtiges vor. Hier, helfen Sie nur wenigstens noch schnell die Korrespondenz
erledigen.
    Eine halbe Stunde, meinetwegen. Her mit dem, Trdel! Ich opfere mich.
    Der Leutnant Kropfer warf sein Htchen auf den Tisch, setzte sich rittlings
auf einen Stuhl und griff nach den hingeschobenen Briefen und Karten.
    Paillard hat sich melden lassen.
    Hm, hm, machte der Leutnant aufblickend und den Chef fixierend, whrend er
die Briefe und Karten wie Spielkarten mischte und mit Spielergewandtheit durch
die Finger flattern lie.
    Warum hm hm? Haben Sie etwas gegen den Mann?
    Gegen den Mann nicht, aber gegen sein Metier, das heit, eigentlich auch
nicht gegen sein Metier, aber gegen die unvorsichtige Art wie er's treibt. Man
wittert Unrat.
    Man ... wer wittert? fragte der Prebandit lauernd.
    Rcken Sie erst einmal mit einer seinen Havanna heraus und einem
anstndigen Glas Schnaps. Mein Magen lechzt nach einer guten Idee. Mein
Morgensegen, wollte sagen mein Frhstck hat zu wnschen brig gelassen. Ich mu
die Pepi abschaffen.
    Das ist Ihre Sache. Bleiben Sie bei der Stange, Kanonendonnerwetter. Dort
im Wandschrank. Am End' soll ich Sie noch bedienen?
    Knnt' Ihnen nichts schaden. Da lernten Sie wenigstens noch notdrftig gute
Lebensart.
    Der Prebandit knirschte mit den Zhnen, Also wer wittert?
    Kropfer, nachdem er sich gemchlich ein Glas Wisky eingeschenkt und eine
Havanna angezndet hatte, setzte sich wieder rittlings auf seinen Stuhl und
begann mit aller Seelenruhe: Sie machen Unsinn ber Unsinn. Was gehen Sie die
Privatliebhabereien des Knigs an? Was sticheln Sie noch auf den
Separatvorstellungen herum und auf den nackten Himmelsjungfrauen in dem
Knigsstck Urvasi, jetzt, wo der Knig weder ins Theater, noch berhaupt nach
Mnchen geht? Was haben Sie sich an dem Kriegsminister mit faden Witzen zu
reiben und am bayerischen Generalstab und am Raupenhelm? ...
    Der Prebandit bohrte sich mit den Fingern in die Nase und strich die grauen
Flckchen an seinem Ges ab. Lassen Sie mich doch mit diesen Geschichten in
Ruhe. Das mu ich als alter Haudegen so gut verstehen als irgend einer.
    Und wie stimmt Ihr bajuwarischer Patriotismus, mit dem Sie immer so dick
thun, zu diesen gefhrlichen Taktlosigkeiten?
    Patriotismus! O Sie Kindskopf. Das steckt man zum Fenster hinaus, wenn
man's braucht, und stellt's hinter den Ofen, wenn's seine Schuldigkeit gethan.
Wie Sie das Geschft naiv auffassen: gerade durch diese sogenannten
Taktlosigkeiten steigen meine Verhimmlungsgedichte im Preis, die ich bei
feierlichen Gelegenheiten auf das Herrscherhaus loslasse. Auf meinen Nutzen
komm' ich immer.
    Und ich bleib' dabei: es ist undiplomatisch, das Staatsoberhaupt in die
Kloake zu ziehen. Wenn's in der Fechtschule stinkt, was geht das Ihr Riechorgan
an?
    Der Prebandit wollte aufspringen.
    Bleiben Sie nur auf Ihrem Allerwertesten sitzen. Das Sndenregister ist
gleich zu Ende. Ich beschrnke mich mir auf die Hauptsachen, ich habe keine Zeit
auf Nebendinge einzugehen. Was haben Sie sich mit dem anrchigen Baron
Schneidmeyer einzulassen, mit diesem Urstrizzi ...?
    Jetzt brach der Prebandit in ein breites Lachen aus. Also aus dem Loch
pfeift's? Das ist der kurzen Rede langer Sinn? Der Schneidmeyer ist Ihnen
unbequem, da streck' ich die Waffen. Persnliche Abneigung, Eifersucht ...
    Sie haben nie einen vernnftigen Zusammhang begriffen. Da fehlt's halt an
den Anfangsgrnden. Ihnen mu man mit dem Zaunpfahl winken: Schneidmeyer gilt in
den magebenden militrischen Kreisen als ein Subjekt, dem man alles zutrauen
kann - und man traut ihm alles zu, verstanden? Fragen Sie einmal nach, was man
in Ingolstadt fr Augen macht, sobald er sich innerhalb des Festungsrayons
blicken lt. Die Spionage hat zudem niemals einen dmmeren Dilettanten gehabt,
als diesen unfhigen Leutnant a.D. ...
    Ich bemerke Ihnen, da das Wort Spionage in meinem Redaktionsbreau nicht
ausgesprochen wird.
    Gut. Ich werde es knftig blo buchstabieren. Nichtsdestoweniger wird man
von Oben bald in Ihre Karten blicken, wenn Paillard und Schneidmeyer fortfahren,
sich in der Weinrestauration am griechischen Marktplatz mit den bekannten Damen
eine Champagner-Schwemme zu leisten - in dem best beobachteten Buen Retiro von
ganz Mnchen. Fragen Sie doch einmal Ihre Gattin!
    Also dort wittert man Unrat? Hahaha. Mein lieber Leutnant, steigen Sie auf
Ihren Wendelstein und putzen Sie sich die Nase in der Gebirgsluft. Wenn das
alles ist, was Sie an Verdachtsmomenten bezglich Paillard und Schneidmeyer
aufgelesen haben, dann knnen wir ruhig schlafen.
    Wen die Gtter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit. Ich an
Ihrer Stelle ginge in dieser gefhrlichen Richtung nicht weiter. Fr Paillard
und Schneidmeyer wrde ich wenigstens meine Haut nicht zu Markte tragen.
    Fllt auch mir gar nicht ein. Ich bediene diese Kerls mit Dummheiten - und
empfange dafr gutes Geld, was ist weiter dahinter? Die kleinen Scherze
vermittelt brigens meine Frau. Wer will mir etwas nachweisen? Alles
Schriftliche, was dabei gewechselt wird, liest sich wieder Liebesbrief eines
Backfisches.
    Wahllos hatte Kropfer einen der Briefe, die vor ihm lagen, geffnet und
berflogen. Liest sich das etwa auch wie ein harmloser Liebesbrief? fragte er
leichthin, dem Prebanditen das Schreiben berreichend.
    Vom Bankier Weiler - franzsisch? Ich kann ja gar nicht franzsisch. Der
Esel! bersetzen Sie mir's, bitte.
    Der Inhalt lautet ungefhr so: Habe Sie gestern nicht mehr im Hotel
getroffen, wichtige Idee mitzuteilen, Louis findet nach neuesten sicheren
Nachrichten fast den ganzen Weltmarkt fr Kabinettskassa-Anleihe verschlossen -
Franzsisches Kapital letzte Zuflucht - Brillante Situation - - Welche
franzsische Partei - - bayerische Gegenleistung im Kriegsfall - Schreiben Sie
mir sofort Ihre Meinung ber dieses Riesenprojekt. Ich mu auf einige Tage
verreisen.
    Das an mich? Meine Meinung? Ich verstehe nicht. Als Finanzgenie habe ich
mich selbst noch nicht erkannt. Lautet der Brief wirklich so? Das ist ja sehr
rtselhaft und zugleich sehr schmeichelhaft fr mich. Welche Perspektive -
Verbindung mit der groen Finanzwelt, mit dem Weltmarkt, mit den Bankiers der
Knige. Nun zittert, ihr Mnchener Pimpelhuber, wenn ich mich noch mit den
Geldmchten alliiere, sprenge ich euch in die Luft, da ihr eure Knochen auf dem
Mond zusammenlesen knnt ... Was sagen Sie jetzt, Sie Hasenfu? Imponiere ich
Ihnen wieder einmal, he?
    Das haben Sie immer gethan ... Sie sind ein Kolo an Phantasie und
Khnheit! Aber alle Wetter: da sehen Sie her - hier das Briefkuvert: Herrn
Paillard, per Adresse Redaktion der Kloake. Per Adresse! An ihn, nicht an Sie!
Ich drcke mich. Ich wasche meine Hnde und Fe in Unschuld. Sehen Sie zu, wie
Sie dem Franzosen diese Verletzung des Briefgeheimnisses annehmbar machen.
bermorgen Abend erstatte ich Rapport. Adieu Chef! Und vergessen Sie nicht: in
erster Linie wollen wir die werten Mitmenschen nicht amsieren und nicht rgern
-wir wollen sie ausbeuten! Adieu! Herrgott von Strambach, schier htt' ich Ihnen
zum Abschied das fr mich Wichtigste nicht auf die Seele gebunden: hten Sie
sich vor meinem journalistischen und leiblichen Doppelgnger in Tiefschwarz, vor
dem schnen Schlemming Peterl. Alle Achtung vor seiner Geschicklichkeit, aber
einen erbrmlicheren Hallunken hat die Mnchener Sonne noch nicht beschienen.
Ich wei, da er mich bei Ihnen verdrngen will, da er Ihnen schon Proben
seiner Karikaturen und Reimereien vorgelegt hat um einen Spottpreis ... Sie
wrden ekelhafte Erfahrungen machen mit diesem Schweinekerl. Als verabschiedetem
Leutnant wurde ihm wegen schmutzigster Pumpgeschichten und Zechprellereien das
Recht aberkannt, die Uniform zu tragen ...
    Beruhigen Sie sich, mein lieber Kropfer, Ihr schwarzer Doppelgnger ist mir
selbst fr die unterste Sparte der Kloake zu schlecht.
    Gott segne Sie fr diese Einsicht. Adieu, Chef!
    Unter der Thr begegnete er der Frau des Prebanditen. Sie war sehr
raffiniert geschminkt. Das Korsett arbeitete die schlaffen Brste monumental
heraus und hob sie bis zum Kinn empor. Der Leib hatte durch die geschickte
Schnrung fast elegante Formen gewonnen. Das Haar war am Scheitel in krauser
Struppigkeit von einem Schildpatkamm gehalten, ber die Stirn fielen wilde
Ringellckchen bis zu den hohen, mit einem krftigen Tuschstrich markierten
Augenbrauen herab. Sie ist wollstig schn in ihrer roten Trikottaille, sagte
sich der Leutnant, begngte sich aber, sein Wohlgefallen nur in einem heien
Blicke auszudrcken. Wollstig schn, wiederholte er auf der untern
Treppenwendung, indem er zu ihr emporschaute und ihr einen Handku zuwarf ....
Viel Vergngen, Herr Leutnant! Ihre! Satansaugen funkelten und schleuderten
ihm Blitze nach. Gefall' ich Dir so? rief sie ihrem Gatten zu, sich mit
erhobenen Armen zwischen die Thrpfosten spreitzend und den Leib kokett
schwingend, so da die Linie von der Achselhhle bis zur schlank erscheinenden
Lende und von da ber die Schenkel hinweg verfhrerisch spielte.
    Er sah sie an, nickte und atmete schwer. Sie ging in ihr Zimmer zurck, das
als Empfangssalon fr besondere Gelegenheiten diente und am entgegengesetzten
Ende des Ganges auf der Hofseite lag.
    Der Prebandit hatte sich wieder in die Briefschaften vertieft. Er bemhte
sich vergeblich, das franzsische Schreiben des Bankiers noch einmal fr sich zu
entziffern und legte es dann kopfschttelnd beiseit. Fr das Mitwissen
wenigstens mu der Kravattenfabrikant Weiler Haare lassen, so viel steht fest;
bin ich Teilhaber des Geheimnisses, will ich auch Teilhaber des Profites sein,
den's abwirft. Mein Leutnant ist in manchen Stcken faktisch gescheidter, als
ich, sein General. Ausbeuten heit die Parole. Was bringt's ein? ist der
Hauptgesichtspunkt in allem. Ich bin noch viel zu sehr Idealist. Und auch darin
hat der Kropfer recht: man mu sich nach der Gefhrlichkeit einer Sache bezahlen
lassen. Den Franzosen Paillard mu ich nach ganz anders schrpfen. Da ich ein
Narr wre, das Nilpferd fr ein so Billiges an der Nase herumzufhren.
Sddeutschland wimmelt von franzsischen Spionen, einer dmmer als der andere,
aber die in Mnchen sind schon die dmmsten und filzigsten. Und wenn alle
Informationen, die ihm mein Weib vermittelt, auch keinen faulen Radischwanz wert
sind, so mu von nun an doch das Doppelte herausgeschlagen werden. Geld, Geld,
Geld regiert die Welt, Kanonendonnerwetter. Das ist das einzige Positive. Ich
werde dem Paillard den Standpunkt klar machen. Thu Gold in Deinen Beutel, viel
Gold - wie Lessing sagt.
    Und er sa lange in Gedanken und heien Wnschen und verzehrender Gier nach
Geld und Geldeswert, den Ellbogen auf die Briefe, den hlichen, dicken Kopf auf
die Hand gesttzt.
    Weiter! Das nenne ich eine elegante Zuschrift, fein und duftig wie ein
Liebesbriefchen; so drckt sich die Verehrung, welche der Absender fr den
Empfnger empfindet, schon im uern aus. Hren wir: Sehr geehrter Herr
Redakteur Sie sind ein Meister des subtilen Totschlags; schleichendes Gift,
indianerhaft prparierte Pfeilspitzen, Dolche, Nadeln - alle Mordwaffen
handhaben Sie mit bewundernswerter Treffsicherheit. Sie sind ein Unikum in der
deutschen Presse. Wo Sie hinhauen, welkt die Blte, verdorrt das Gras. Im Namen
eines hohen Sportsmanns heische ich Ihre Dienste. Eine kleine, niedliche
Knstlerin soll in seinem Auftrage wie ein Reh in das Revier Ihres Blattes
getrieben und dort mit waidmnnischer Kunst zu Tot gehetzt werden. Wollen Sie
uns das Vergngen machen? ber das Honorar und das brige werden wir uns nach
empfangener Zusage sofort verstndigen. Antwort unter A.H. hauptpostlagernd
Mnchen. Kanonendonnerwetter, diesmal gilt's in der That ein Meisterstck um
Meisterlohn. Der hohe Sportsman hat sich an den Rechten gewandt. Wir werden mit
einander zufrieden sein. (Whrend des Antwortschreibens pfeift er den Refrain
Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein). Diesmal hoffe ich mich
selbst zu bertreffen. Kanonendonnerwetter, da ist ja noch ein Postskriptum auf
der andern Seite. Selbstverstndlich verpflichtet sich mein ritterlicher
Auftraggeber, seiner Generositt keine Schranken zu setzen, falls Ihnen in
Ausbung Ihres Berufes in seinen Diensten irgend ein Unfall zustoen sollte oder
wenn Sie von irgend einem pedantischen Staatsanwalt wegen Jagdfrevels oder
Thierqulerei gefat wrden und ein bischen bluten oder brummen mten. Sie
werden fr smtliche unangenehme Folgen, welche Ihnen das kunstgerechte
Tothetzen unseres lieben, niedlichen Rehs etwa zuziehen knnte, vollauf
entschdigt werden ... Da sage noch einer, da es keine Noblesse mehr in der
Welt gibt! Dieser Brief ist ein Dokument zum Kssen ...
    Ah, Herr Chefredakteur, guten Morgen! Ist's erlaubt, einzutreten?
    Der Prebandit fuhr auf. Sehr angenehm, Herr Paillard! Es ist mir eine
groe Ehre, Sie wiederzusehen. Wir sind ganz allein, aber ich bin gerade sehr
beschftigt. In der Hitze des Gefechtes habe ich sogar einen fr Sie bestimmten
Brief erbrochen.
    Wie das? Das ist ja sehr merkwrdig.
    Sehen Sie, unsere beiden Adressen standen hier nebeneinander. Der Irrtum
ist erklrlich. Sie werden mir glauben, da keine Absicht im Spiele war.
    Geben Sie her.
    Nachdem er den Brief flchtig gelesen, ohne die geringste Bewegung zu
verraten, steckte er ihn zu sich mit den Worten: Eine Kaprice von Monsieur
Weiler, ganz ohne Bedeutung. In Gedanken setzte er bei: Verdammter Gauner von
einem Winkeljournalisten.
    Verdammter Gauner, dachte auch der Prebandit in seinem Sinn.
    Ich habe groe Eile. Ihre Frau hat gewi neue politische
Liebenswrdigkeiten fr mich? Die bayerische Politik ist ja spannend wie ein
Roman. Tglich neue Verwicklungen. Die widersprechendsten Gerchte
durchschwirren die Luft. Man munkelt sogar von einer Regentschaft. Der Knig
soll entmndigt werden. Unerhrt. Hoffentlich besttigt sich das nicht. Das wre
zu fatal fr unsere Plne. Nein, nein. Was ich fragen wollte: was ist's denn mit
diesem Baron Drillinger? Ist er gewiegter Militr? Hat er gute Verbindungen?
Geniet er Vertrauen? Leicht zugnglich scheint er nicht zu sein. Ich habe ihn
gestern beobachtet. Weiler war so gtig, mir seine Bekanntschaft zu vermitteln.
Spricht man von seinen Geldverlegenheiten?
    Mehr von seinen Liebschaften.
    Das wei ich. Eine sentimentale, aber verschlagene Natur. Keine ble
Disposition fr unsere Zwecke.
    So lang er noch an dem Raler'schen Weib hngt, ist er schwer fr anderes
zu haben. Da mu er losgesprengt und mrbe gemacht werden. Ich werde Ihnen den
Mann prparieren. Aber umsonst ist der Tod - verstanden, Herr Paillard? Fr
meine neuen Dienste mssen Sie schon etwas tiefer in den Sack greifen, als
seither.
    Ich sehe Ihren Vorschlgen entgegen.
    Die sollen Sie ehestens haben, gleichzeitig mit dem Bericht ber
Drillinger. Das Bewute liegt bereit. Wollen Sie sich zu meiner Frau bemhen?
Sie werden von ihr erwartet.
    Ich eile zu ihr. Auf spter also.
    Der Prebandit machte sich wieder an seine Korrespondenzen.
    Ein Schmhbrief. Dreckseele und Nachttopf tituliert mich ein Gekrnkter.
Ist mir schnuppe, wie der Berliner sagt. Geschft ist Geschft. Wenn ich aber
den Namen des empfindlichen Schmhbriefschreibers erfahren knnte, wrde ich ihm
die Dreckseele und den Nachttopf doch eintrnken. Weiter: ein Bittsteller aus
Nrnberg; um Honorar fr gelieferten Beitrag zu erbetteln, schmiert der Kerl
drei Seiten voll. Lcherlicher Mensch. In den Papierkorb damit. - Weiter: noch
ein Nrnberger, Gring heit der Edle; erbietet sich, den Ungespundeten Erwin
Hammer und seine Kumpanei zu vivisezieren, legt eine Probe seiner Schneidekunst
aus dem Frnkischen Kurier bei. Das besorgen wir vielleicht besser selbst,
sobald sich's rentiert. Einstweilen in die Materialienmappe damit. Als
gelegentlichen Handlanger wollen wir den Braven fr die Kloake notieren. -
Weiter: Sehr geschtzter Herr, einige Freunde wnschen sich den Baron Drillinger
zu kaufen, um ihn in seiner ganzen Schnheit in Ihrem Blatte auszustellen. Was
kostet der Mann? Zeichnung und Text wird geliefert. Gefllige Antwort erbeten
unter Chiffre X Y Z, Caf Paul. Diskretion Ehrensache. Das trifft sich gut. Den
Mann sollt ihr haben, aber billig wird er nicht abgegeben. Er gehrt dem
Meistbietenden. Was ist nur das wieder fr ein hungriger Tintenkleckser, der auf
diesen abgerissenen schmutzigen Wisch schreibt? Jessas, unser berhmter
Meistersinger: Dumm darf man schon sein, wenn man nur schon ist. Langt's
wirklich keinen anstndigen Briefbogen mehr, armer Millionr? Und gelobt
mchtest mal wieder sein - um einen Gotteslohn? Nein, mein ser Dummian, jetzt
werden andere Saiten aufgezogen. Da wirst du kurios spitzen, du eitler
Falschsinger mit drei Brillanten an jedem Finger. Andere Leute mchten auch
einen Brillanten - verstehst Du? - Weiter: die Brauerei zum fidelen
Klosterbruder meldet ergebenst, da ihr Bier vorzglich sei - und schickt
zugleich eine Anweisung auf dreihundert Mark fr eine entsprechende Notiz. Dem
Klosterbruder soll geholfen werden. Durch sechs Nummern meines Organs ist
konstatiert, da der Klosterbruder ein Saugesff fabriziert, mit dem
Dreihundert-Markschein hat er das gute alte Rezept wiedergefunden: die nchste
Nummer soll konstatieren, da er einen unfehlbaren Gttertrank braut. Ich
brauch' ihn ja nicht zu trinken und fr die Bauchschmerzen der anderen bin ich
nicht verantwortlicher Redakteur. Da fllt nur ein, da mich die
Gambrinusbrauerei nicht zur Bockprobe geladen, auch schon lange kein Inserat
mehr hergegeben hat. Diese Vernachlssigung soll ihr teuer zu stehen kommen.
Mnchen wird immer mehr Industrie- und Handelsstadt, und die groen Firmen
beeilen sich nicht, der Presse ihren Tribut in klingender Mnze zu zahlen? Ich
mu einmal strenge Musterung halten. Eine Reihe von Banken und
Aktiengesellschaften sind gegrndet worden, ganze Straen haben sich mit neuen
groartigen Geschften bedeckt, ohne da fr mein Blatt eine Reklame oder ein
Inserat abgefallen wre. Ich mu diesen Lausern und Filzern Mores lehren, da
sie heulen und zhneklappern. Von allem, was da fleucht und kreucht, fordere ich
meinen Teil. Merkt's. Na, wenn ich drei oder vier von diesen Geldscken gehrig
zusammenkarwatscht habe, dann lassen die andern schon die Schwnze hngen und
kommen herangewinselt. - Weiter: die neue Beamtenkreditbank weigert sich, ihre
Rechenschaftsberichte in der Kloake zu verffentlichen und ergeht sich in
patzigen Redensarten. Warte, Kanaille, meine Feder wird bei nchster Gelegenheit
ein furchtbares Blutbad unter deinem Aufsichtsrat anrichten. Notiert. - Weiter:
der Konzertsnger Felix Vollnhals, Mitglied der k. Hofkapelle, verbittet sich
jede fernere Kritik seiner Liedervortrge; meine Kritiken seien nur
Erpressungsversuche; schon die bloe Nennung seines Namens in einem Schund- und
Schandblatte wie die Kloake komme einer Beleidigung gleich. Infamer Brllaffe!
Ich werde eine Stimmbandoperation mit dir vornehmen, da dir die Freude am
Singen und noch einiges andere vergehen soll. Was bildet sich denn der
unverschmte Kehlenkunstreiter ein? Wer macht denn das Renommee dieser Leute,
wer treibt ihnen denn die zahlende und beifallblkende Herde mit den groen
Ohren in ihre Konzertstlle? Wir Journalisten! Und diese Eintagsberhmtheiten,
die wir gemacht haben, wollen sich gegen uns aufprotzen? Sich gegen mich
aufprotzen? Kanonendonnerwetter, ich will an diesem Pack einmal ein Exempel
statuieren ... Wenn dieser Vollnhals auch nur ein einziges Mal sich als nobler
Mensch gezeigt htte ... Nicht einmal ein lumpiges Zehnmarkstck hab' ich von
ihm gesehen. Komm' Brschchen, la dich ausbrsten ... La dir deine Tonleitern
und Triller grndlich um die Ohren hauen ... Zur Exekution vorgemerkt. - Weiter:
Was? Der Bildhauer Achthuber, dieser Gipskopf, wagt es, mir den Ignoranten und
Schandkerl an den Kopf zu werfen und mir mit diversen Rippenbrchen zu drohen,
wenn ich noch einmal seine Privatverhltnisse berhre? O du verdammter
Dreckkneter, eine solche Sprache erlaubst du dir mit mir?! ...
    Der Prebandit hatte sich in eine blutige Berserkerwut hineinmonologisiert;
seine plumpen stumpfen Finger umkrallten den dicken Korkfederhalter, als htten
sie schon die Bsewichte an der Gurgel, die es gewagt, den Kloaken-Chef so
bitter an seiner journalistischen Ehre zu krnken. Der Einarm-Einaug sah doppelt
scheulich aus in dieser Erregung; sein Gesicht war graugrn, sein Auge quoll
starr aus den rotgernderten Lidern, sein Mund hing schief, halbgeffnet, mit
dickflssigem Geifer. O, er htte Gift speien mgen, Gift ins Angesicht der
ganzen Welt ...
    Weiter! schreit er und greift nach einem andern Brief.
    Da klopft's.
    Herrrein!
    Kann ich das Vergngen haben, den Herausgeber der Kloake unter vier Augen
zu sprechen?
    Bescheidener sein, junger Herr, mit drei Augen vorlieb genommen! Mit wem
habe ich die Ehre? entgegnet der Prebandit kurz und grob, ohne sich von seinem
Platz zu erheben, in zornigen Gedanken noch ganz bei seinen Briefschreibern.
    Mein Name ist Maximilian Schlichting.
    Schlichting? Sie sind der Hauslehrer der Frau Raler?
    Verblfft von der barschen Pltzlichkeit dieser Frage, antwortet er
zurckhaltend: Das wohl auch, doch nur nebenbei. Eigentlich bin ich ...
    Der jngste Liebhaber der Frau Kommerzienrat! fllt ihm der Prebandit
hitzig in die Rede, mit irrem Blick, als sprche er zu einem Phantom.
Schlichting war einen Augenblick wie betubt. Er starrte den geifernden
Einarm-Einaug an, als htte er das grauenhafte Antlitz einer der
schlangenbehaarten Gorgonen vor sich. Die Stube schwamm vor ihm wie im Nebel und
daraus grinste ihn an das Haupt der Medusa, deren Anblick alles in Stein
verwandelt ...
    Der jngste Liebhaber, hier steht's in meinen Akten! hhnte der Prebandit
aufs neue.
    In dieser Wiederholung empfand Schlichting jedes Wort wie einen
Peitschenhieb. Das Blut saust ihm durch den Kopf, in seinen Ohren ist ein
Zischen, Pfeifen und Tosen. Er will den Arm erheben, auf den Banditen
eindringen, allein er ist wie gelhmt.
    Mein Herr, ich verbitte mir eine solche Unverschmtheit.
    Zu verbitten haben Sie sich auf meinem Redaktionsbureau gar nichts, hier
bin ich Herr. Der Prebandit richtet sich in seinem Lehnstuhl drohend auf. Was
wollen Sie?
    Wie knnen Sie sich zu einer solchen unerhrten Insinuation erfrechen? Was
habe ich gethan, das Sie zu einer solchen Beleidigung berechtigte?
    Der Beleidigte bin ich, hren Sie? Hinaus! - hinaus, sag' ich!
    Ich fordere Genugthuung!
    Hinaus!
    Sie sind ein Bandit!
    Hinaus!
    - - - - -
    Hahaha. Wie der Jngling geflogen ist ... Das hat mir wohlgethan ... Ich
fhle mich erleichtert!
    Bei dem ersten Schrei, der zwar durch die Entfernung gedmpft, aber doch
vernehmlich in das Zimmer der Kloakenfrau drang, hob Monsieur Paillard seinen
Kopf von dem Busen des Weibes, das mit einem Bein auf dem Sopha ausgestreckt
lag, whrend das andere in verfhrerischem Spiel mit dem Fue auf dem
Schnabelschuh des neben ihr sitzenden Rous wiegte.
    Was ist das nur? fragte Paillard aufhorchend.
    O, das ist nichts, erwiderte sie, ein nervses Ghnen verschluckend, wobei
sie ruhig fortfuhr, ihn mit ihren langen Fingern im Nacken zu krauen und zu
kitzeln.
    Das ist nichts? Er schreit ja wie ein Besessener.
    Einer seiner Anflle, wenn er durch irgend etwas aufgeregt wird. Da kann er
ganz sinnlos thun.
    Aber das ist entsetzlich vulgr, meine schne, holde Frau, lispelte der
verliebte Agent und legte eine Hand in ihren Scho.
    So gefllt er mir noch am besten. O, da kann er mit seinem Arm
herumschlagen wie ein Epileptischer. Diese Wildheit mag ich. Er ist in diesem
Zustand sehr stark, riesig stark; gewhnlich ist er ja schlaff und feig ...
    Ein Wollustschauer schttelte ihren Leib.
    Im Schlafzimmer mit seiner schwlen, dicken Luft wimmerte das Kind und wand
sich, von Krmpfen verzerrt, in seinem engen Bettchen. Mit bldem Auge
betrachtete das Dienstmdchen die leidende Kreatur, rttelte an dem Korbe und
nselte dazu mit schlfriger Stimme das alte Wiegenliedchen:

Schlaf, Kindl, schlaf,
Dein Vater ist ein Graf,
Die Mutter sitzt daheim und weint,
Weil das kleine Kindl greint.

    Dann die volkshumoristische Variante:

Schlaf Kindl, schlaf,
Dein Vater ist ein Schaf,
Die Mutter eine feine Dirn
Setzt ihm Hrner auf die Stirn.
Schlaf, Kindl, schlaf.

    Der Prebandit hatte sich eine Zigarre angesteckt. Er blinzelte zu dem
Cervantes-Bilde hinber, als wollte er sagen: Die Helden gren sich. Dann
rckte er sich in seinem Sessel zurecht und nahm die letzten Briefe vor.
    Wirklich? Auch dieser Stolze ist besiegt, der gefrchtete parlamentarische
Leithammel. Er bietet seinen Buckel willig meiner Redaktionsscheere, damit ich
ihm das goldene Vlie ein wenig beschneide. Triumph! Der Gefrchtete hat an mir
seinen Mann gefunden. Und ich habe meinen Witz nicht einmal angestrengt ... Ein
bischen an der Toga gezupft und die Nase germpft: Groer Brger, da scheint mir
etwas zu stinken, ich werde Dir gelegentlich einmal das Prunkgewand und die Hose
ffentlich ausziehen und den Leuten geigen, was darunter ist! Das war alles.
Kaum gedacht, war dem Stolz ein End gemacht. Es mu vieles faul sein im Staate
Dnemark. Ja, Lmmel, jetzt thust Du sanft wie ein Lmmchen ... Ich werde Dich
so gndig behandeln, da Du mir noch ffentlich die Hand drckst. Fette Inserate
versprichst Du? Bravo! ... Nun htte ich gute Lust, die Schmierereien mit den
abgeschmackten Amtssiegeln unerffnet in den Papierkorb zu schleudern. Ich
versteh' gar nicht, was sich diese Leute immer gegen unsereinen herausnehmen!
Die sollen mich doch geflligst in Ruhe lassen; wenigstens so lange ich sie in
Ruhe lasse. Das brige ist meine Sache. Da ich das Richtige treffe, beweisen
meine Erfolge. Da seht doch hin, wie dieses gromaulige Parlamentarische Tier
sich vor mir duckt und um gut Wetter bittet. Seht doch hin! Ich wette, wenn ich
ihm morgen in sein Champagnerglas spucke, muckst er nicht, so sehr hab' ich ihn
jetzt in meiner Hand ... Die Presse ist eine Gromacht, meine gewappelten
Herren! ... Wir werden Euch noch zeigen, wie viel die Uhr geschlagen ...
    Er schob die Briefe beiseite und trommelte mit seinen plumpen Fingern
darauf.
    Da klopfte es wieder, rhythmisch, in fein empfundener und abgewogener
Tonstrke.
    Bevor er den Mund zu dem entsprechenden Herein ffnen konnte, erschien ein
frisch vom Brenneisen des Haarknstlers kommender Kopf mit sanftem Grinsen in
der Thrspalte. Es war die zrtlich-heroisch-dmonische Charaktermaske des
Schauspielers Geiling.
    Darf ich, Allgtiger? fltete sein sonorer Baryton in der weichsten
Hhenlage. Erschrecken Sie nicht, den Qulgeist wieder zu sehen?
    Der Prebandit winkte mit der Hand, der Eintretende schwenkte grend seinen
glnzenden, funkelneuen Zylinder.
    Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit - wahrhaftig, Ihr Dichterkollege
Schiller hat nicht Unrecht. Ich kann Ihnen diesen Anblick nicht lnger ersparen,
Sie bser Mann. Ja, ja, ja, keine Widerrede, das sind Sie. Warum vernachlssigen
Sie mich so? Zwei von den acht eingesandten Berichten ber meine
Gastspieltriumphe - ich sage Triumphe und bertreibe nicht, sie waren einfach
phnomenal - haben Sie gar nicht abgedruckt und an den anderen haben Sie Striche
gemacht. Keine Ausrede. Habe ich Ihnen jemals Striche zugemutet? Habe ich nicht
Ihre Forderungen, Pardon, Ihre Vorschlge in extenso und darber erfllt? Habe
ich jemals mit meinem Golde gekargt? Habe ich Ihnen nicht immer mit vollen
Hnden gegeben und lustig dazu gepfiffen: Ja, das Gold ist nur Chimre, und ich
hab's frwahr redlich und sauer verdient. Nun, reden Sie doch!
    Sie lassen mich ja gar nicht zu Wort kommen. Was auch gar nicht ntig ist:
Sie, der geniale Menschenkenner, lesen mir's vom Gesicht, was ich sagen mchte
...
    Ja, das thue ich - und was ich lese ist dies: Ich, der allgewaltige
Chefredakteur, vor dessen Feder ganz Mnchen zittert, bin ein undankbarer
Erzschuft ...
    Oho! Da mcht' ich doch bitten ...
    Bin nicht wert, da mich Sonne, noch Mond, noch der Glanz des Goldes
bescheint, wenn ich diesem armen Komdianten Geiling nicht volle und rasche
Genugthuung gewhre. Hab' ich richtig gelesen oder nicht?
    Stimmt Wort fr Wort.
    Na also. Der Komdiant reichte dem Prebanditen die Hand mit
inhaltsschwerem Drucke. Die werte Frau Gemahlin zu begren, habe ich wohl
nicht das Vergngen?
    Sie berraschen uns ein wenig frh, groer Gnner; ich glaube, es ist noch
Besuch da. Bitte, gtigst Platz zu nehmen, ich will nachsehen ...
    Um alles in der Welt nicht, da ich stren mchte. Ich komme wieder.
Tauschen wir rasch ein paar Worte ber unser Geschft, dann schlpfe ich
unbemerkt davon wie ich gekommen.
    Wie Sie befehlen.
    Was ich zunchst wnsche - seine Stimme zum kunstvoll accentuierten
Suseln dmpfend: Sie wissen doch, da in den hchsten und allerhchsten
Sphren schicksalsschwere Dinge sich vorbereiten, die erhabene Person unseres
Knigs betreffend? - Wieder lauter, geschftsmig glatt: Was ich wnsche, ist
da in dieser Zeit des bergangs, der Krisis, die ja auch gewissermaen eine
Kunstkrisis ist, sehr sogar, Ihr Organ keine Woche vergehen lasse, ohne meiner
zu gedenken und zwar in starker, origineller, sensationeller Weise. Wir haben es
leider mit einem ziemlich stumpfen Publikum zu thun, das will krftig zur
Aufmerksamkeit aufgerttelt werden. Wir mssen das verzettelte Interesse
sammeln, konzentrieren. Mit dem abgebrauchten Vokabular erreicht die Kunstkritik
das nicht. Wir mssen uns neue Worte prgen. Zum Beispiel: nennen Sie mich das
schauspielerische Zentralgenie der kosmischen Kunstindividualitt oder ...
    Bitte, langsam, das mu ich mir gleich aufschreiben. Sie sagten?
    Schauspielerische Zen-tral-genie der kosmischen Kunst -
    Etwas langsamer ... der kosmetischen Kunst ...
    Kosmischen, kosmischen! Aber was qulen wir uns? Gestatten Sie mir, da ich
Ihnen von Woche zu Woche ein kleines Stilmuster schicke, ja? Das wre das
Einfachste.
    Sehr einverstanden.
    Aber nichts streichen!
    Genau wie Sie's wnschen. Ich brge Ihnen fr korrekten Abdruck.
    Keine sinnstrenden Druckfehler! Darin bin ich sehr empfindlich. Neulich
schrieb Ihr Blatt, das heit, setzte der Dummkopf von einem ungebildeten Setzer:
Judentanz statt Intendanz, in lateinischen Zitat Fama crescit eundo - Fauna
statt Fama und in einem andern famos statt fames. Oder sollten das auch Witze
sein?
    Mein Gott, zuweilen passieren einem auch solche Witze, lchelte der
Prebandit verlegen.
    Errare ... wie sagt doch gleich der Spanier?
    ... rurarem est.
    Ganz genau. Auf das Spanische verstehen Sie sich wie ein zweiter Cervantes.
Also bleibt bei dem Verabredeten. Und was noch zur vollen Wirkung meines Namens
unbedingt erforderlich, ja nicht bersehen: Nacht mu es sein, Friedlands Sterne
strahlen; ich fordere nicht, da Sie meine Kollegen mit dichter Nacht umhllen,
denn da wrde man die Pygmen nicht mehr auffinden, o nein, ich gnne ihnen ein
anstndiges Halbdunkel, wie es ihren Pfenniglichttalentchen angemessen. Aber was
darber, das mag ich nicht. Die Reklame fr mich wird auch Ihrem Blatte ntzen,
man wird sich an den Zeitungskiosken um die Nummern raufen, in welchen in dieser
neuen Weise ber mich geschrieben ist, man wird in den Bruhusern und Kellern
Agio dafr bezahlen, Sie werden Nachdrucke veranstalten mssen, kurz, ich mache
Sie zum reichen Mann, zum Millionr! Adieu, Mammonsdiener! Meinen Handku Ihrer
Frau Gemahlin; sie ist eine Fee, eine Sirene. Ich werde mir ehestens das Glck
gestatten, ihr meine Huldigung in einem kleinen Separatbesuch zu Fen zu legen.
Adieu, adieu! Er winkte die Hinausbegleitung ab und zog die Thr hinter sich
zu.
    Der Prebandit schmunzelte, indem er mit der Hand in seine Tasche fuhr und
die empfangene Geldrolle nachwog. Das ist noch ein Knstler! Zwar einen
lcherlichen Grenwahnsinn hat der Tropf und eine unverschmt satirische
Schnauze, aber diese Formen, diese Lebenskunst! ... Nun mu ich doch einmal nach
meiner Alten schauen ... Heute kann sie sich gewi nicht ber Strung beklagen
... So unbelauscht konnte sie den Franzosen schon lange nicht mehr einseifen und
ber alle mglichen Lffel barbieren. Hoffentlich hat sie ihre politische Rolle
gut gespielt ... Ein gesegneter Tag.
    Als er in den Flur treten wollte, ffnete das Mdchen einem neuen Besucher
die Thr. Er vermochte ihn in der Dmmerung des Ganges nicht zu erkennen. Nun
wird mir's aber fast zu viel, brummte er fr sich und fragte dann rgerlich
laut: Wer sind Sie, und was wollen Sie?
    Ich bin Englnder und will mit dem Redakteur von der Kloake sprechen.
    Hereinspaziert; aber kurz, mu ich bitten.
    Es war ein schlanker, junger Mann, in knapp anliegendem, karriertem
Sackanzug nach neuester Insulanermode. Mit langen Schritten storchte er hinter
dem Prebanditen ins Zimmer. Aus seinen seegrnblauen Augen blitzte Wurzelkraft
und Entschlossenheit.
    Was wollen Sie? fragte der Prebandit, an seinen Sessel gelehnt, den
Fremdling kaum eines Blickes wrdigend.
    Sie haben eine Frau beschimpft, Frau Raler.
    Ah, was Sie nicht sagen! Was geht das Sie an?
    Sie haben einen jungen Englnder beschimpft, mich, Harry Wood.
    Beschimpft? Seien Sie vorsichtiger in der Wahl Ihrer Ausdrcke, junger John
Bull und machen Sie, da Sie fortkommen.
    Gleich. Zuvor aber nehmen Sie das - und das - und das -
    Und mit drei wohlgefhrten blitzartig sich folgenden Boxer-Fauststen auf
Aug' und Nase, Mund und Magen honorierte er den berraschten Prebanditen so
kunstgerecht, da dieser ohne einen Laut in seinem Redaktionssessel
zusammenbrach. Die Nase war zu einem blutigen Brei zerquetscht und zerrieben,
das Auge hing wie eine dicke blauschwarze Kugel an dem Knochenbogen, die
Oberlippe war zersetzt und zerschlitzt. ber den schwarzgefrbten Schnurr- und
Kinnbart strmte das Blut und bildete eine dunkelrote warme Lache in dem
muldenfrmig auf dem Unterleibe aufgestlpten Samtrock.
    Der junge Englnder war hinausgestorcht, so still und gleichmtig, wie er
gekommen.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Das Gesprch der guten alten Freunde in Trostbergs Bibliothekzimmer hatte
nach einer langen und breiten Durchsprechung der neuesten Sensationsbroschre
Die bayerische Ministerrepublik von dem Demokraten Heinzelmann, auf welche
eine geharnischte Gegenschrift zu verfassen, der Regierungsrat den Doktor
vergeblich anzuspornen suchte, wieder eine intimere und lustig sprunghafte
Wendung genommen.
    Erlaube mir, sagte der Doktor, Deine jetzige kluge Leisetreterei mutet
mich doch eigentlich spahaft an. Nicht da Du den Schlapphut mit dem Cylinder,
die Joppe mit dem Gehrock vertauscht hast, will ich Dir ungebhrlich anrechnen.
Das sind Geschmacksachen. Aber geistig und moralisch hast Du doch von dem
schneidigen Draufgnger von damals fast gar nichts mehr.
    Ach, geh, wenn man einen zehnjhrigen Kadetten sich angeheiratet hat, der
nach preuischer Methode gedrillt wird ... und wenn man selbst noch aus
Leibeskrften fr Nachwuchs sorgt ... da gilt's pro aris et focis. Da ist's mit
Sturm und Drang vorbei, Freund. Ich habe mir die Hrner abgelaufen. Carpe diem,
was darber ist, das ist vom bel.
    Und Du bist glcklich in Deiner zweiten Ehe, was man so glcklich nennt -
    Der Regierungsrat nickte: Gewi, und was das Beste ist, meine geschiedene
erste Frau freut sich ohne Groll unseres neuen Glcks und ist uns eine gute
Kameradin geblieben. Die Frmmler und Mucker meinten zuerst freilich, es wre
sittlicher gewesen, wenn wir uns feindlich den Rcken gekehrt oder aus Ha
aufgefressen htten.
    Das fromme Lumpenpack kennt sich eben, daher seine Kannibalenmoral.
    Wer mich so sieht, als korrekte Breaugre, der ahnt nicht ...
    Da auch Du ein Schicksalsmensch bist, ein Katastrophenheiliger!
    Ja, mein Lieber, was kann man da sagen! Erst mu man alles innerlich
berwunden haben; eine frische Rinde mu ber die verborgenen Verletzungen
gewachsen sein, damit der alte Saftgang nicht mehr stockt, wenn er an der
Unglcksstelle vorberrollt. Quid sit futuram cras, fuge quaerere.
    So ist es. Erst wenn wir uns als unsere eigenen berlebenden fhlen, knnen
wir ruhig und mnnlich des alten Lebens gedenken in milder Gesinnung. Flche,
Gebete, Trostsprche, Verzweiflung, Hoffnung - alles ist berwunden. Man rollt
sich historisch vor sich selber auf wie eine Kartenlandschaft ... Und zum
Teufel, es sind doch Punkte drauf, wo man nicht hinsehen mag ohne Schauder und
Gruseln.
    Das Leben ist ein kurioses Ding. Seit Du mir von dem guten Drillinger
erzhlt, geht er mir immer wieder im Kopfe herum. Diese Offiziere a.D., die uns
die neue Ordnung so massenhaft bescheert, sind ein wahres Verhngnis, fr sie
selbst und fr das Volk. Dieser Andrang von inaktiven Offizieren bei allen
mtern und Stellen, bei unseren statistischen und polizeilichen Breaus! Eine
anstndige Beschftigung, die vor Versumpfung und Verbummelung schtzt, und vier
bis fnf Mark Diten sichert, scheint schon ein groes Los. Ein jeder, der sich
neu meldet, erfhrt aber, da schon Hunderte vor ihm vorgemerkt sind; er hofft,
nach Jahr und Tag doch anzukommen. Und ist er angekommen, was blht ihm? Eine
verknchernde, geistlose und doch ungewohnt mhsame Arbeit in noch ungewohnteren
dumpfen Breauzimmern Tag fr Tag. Er, der bis zu seiner Verabschiedung gewohnt
war, hoch zu Ro oder stramm zu Fu den grten Teil seiner Zeit in frischer,
freier Luft zuzubringen!
    Da mut Du erst Drillingers Schilderungen hren von den
Offiziersbeschftigungen in Fabriken. Das mu man ihm nachrhmen, er hat nichts
unversucht gelassen. Einmal war die Situation einfach grotesk: ein groer
Privatunternehmer hatte ihn in seiner Buchhalterei angestellt, um als
Hilfsarbeiter einen Menschen neben sich zu haben, an dem er sich, mit Rcksicht
auf dessen vornehme Geburt und klingenden Titel, im Gebrauch eleganter
Lebensformen ben konnte, whrend der Oberbuchhalter, ein ehemaliger
Unteroffizier, jede Gelegenheit ergriff, den ihm unangenehmen Hauptmann a.D. das
Untergeordnete seiner jetzigen Stellung mit ausgesuchter Bosheit fhlbar zu
machen. Auf der einen Seite mute er elender Silberlinge wegen sich den
empfindlichsten Krnkungen aussetzen, um auf der andern Seite den Nimbus seines
Chefs, eines eitlen plebejischen Emporkmmlings, verstrken zu helfen.
    Die vis comica einer solchen Situation ist klassisch.
    Auch in der Publizistik hat er einen Anlauf genommen. Er ist nicht in den
Sattel gekommen, trotz seines Talentes und seiner Anstelligkeit. Gar mancher
viel weniger Begabte seiner Kameraden hat in der Mnchener Presse Glck gehabt.
In allen Redaktionen stt man hier auf Offiziere a.D., von der Allgemeinen
Zeitung bis herunter zur salva venia Kloake; bei den Freisinnigen, den
Nationalliberalen, den Schwarzen und Roten - berall hantieren Offiziere a.D.
mit Redaktionsstift, Kleistertopf und Schere. In diesen Offizieren a.D.
verkrpert sich ein groes Stck soziale Frage. Unser guter Drillinger, wie
gesagt, kam nirgends an. Er versteht von der Kunst der Streberei nichts; er ist
der geborene Pechvogel. Auch die Trambahn, die Panorama-Gesellschaften, die mit
Offizieren a.D. wirtschaften, hatten fr ihn keinen Platz.
    Und jetzt Liebelei und Brsenspiel - das scheint mir von allen der
verhngnisvollste Versuch, aus dem Sumpf der Unthtigkeit heraus zukommen.
    Hinsichtlich seiner Liebeleien wird viel bertrieben, wie immer, wenn sich
der ffentliche Klatsch solcher Dinge bemchtigt. Was hier an unserer Isar
zusammengeklatscht wird, davon macht Ihr Euch in der Provinz gar keine
Vorstellung. Du siehst's ja - selbst der Knig auf seinem Thron ist nicht sicher
davor. Es bersteigt alle Begriffe, was ihm nachgesagt wird. Ja, wir leben in
einem freien Lande!
    Darum doppelte Vorsicht in dieser ghrenden Zeit. Was sie auch aus ihrem
Hexenkessel als angeblich erlsendes Gebild aufsteigen lassen mge, wir sind alt
genug, uns durch nichts mehr berraschen zu lassen ...
    Der Kurier seiner Majestt, meldete Gabriel mit schwacher Stimme und
verbundenem Kopf.
    Wie siehst denn Du aus, Unglcksmensch? fragte Trostberg berrascht.
    Es scheint, ich kann den Mnchener Frhling und den Schopenhauer nicht
vertragen: es treibt mir den Kopf auseinander.
    Bitte, einen Augenblick, lieber Regierungsrat, der Kurier wird gleich
bedient sein.
    Doktor Trostberg empfing den Kurier sehr zeremonis in einem salonartigen
Gemach, das zwischen Bibliothek- und Schlafzimmer lag.
    Seine Majestt befehlen das Drama-Manuskript? Hier. Es liegt schon seit
gestern bereit.
    Damit berreichte er dem Kurier eine dicke, blauwei verschnrte, mit
Goldschnitt verzierte Rolle.
    Und hier der neue Auftrag unseres allergndigsten Herrn, hob der Kurier
feierlich an, dem Doktor ein umfangreiches Buch berreichend. Seine Majestt
erwarten, da Sie die Auszge aus den bezeichneten Kapiteln sptestens bis
Mitternacht abliefern; die franzsischen Verse im Anhang sollen ins Deutsche
umgedichtet werden, so wortgetreu als mglich.
    Trostberg verbeugte sich. Er werde alles thun, die schwierige Arbeit zu
allerhchster Zufriedenheit auszufhren. Sodann mit einigen diplomatischen
Zwischenfragen berleitend, kam er auf persnliche Hofangelegenheiten, schlug
einen diskret vertraulichen Ton an und wollte den Kurier ein wenig ausforschen.
Der Kammerlakai war aber heute zugeknpfter als je. Er beantwortete verschiedene
Fragen mit dem nmlichen lchelnden Grinsen und Achselzucken. Nur als Trostberg
auf den neuen Gnstling, einen ehemaligen Friseur, anspielte, dem man in
Mnchener Kreisen groen Einflu auf den Knig zutraue, antwortete der Gefragte:
Glauben Sie das nicht, Herr Doktor; dieser Mann ist wie alle andern mit einem
Fu drin, mit dem andern drauen - und morgen vielleicht schon mehr drauen als
drin.
    Und Sie selbst, vortrefflicher Freund ... nicht wahr? ...
    Nun wurde der Kurier gesprchiger.
    Der Regierungsrat lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit an der Thr. Er
vernahm nichts. Auch das ist charakteristisch, wie alles was ich seit zwei
Tagen in Mnchen erlebe, und mu mit anderem gruppiert werden!
    Nach lngerem Warten sah er auf die Uhr, machte eine Miene der berraschung
und Ungeduld, dann trat er an den Schreibtisch, schrieb einige Zeilen auf eine
Visitenkarte, ergriff Hut und Stock und wollte gehen. An der Thr kehrte er noch
einmal um, berlas das Geschriebene und setzte mit malitisem Lcheln noch die
zwei Worte darunter Cedo maiori.
    Im Hinausgehen, ohne den Gru des Klowns zu erwidern: Ich weiche dem
Grern - der Regierungsrat dem Kammerdiener. Das ist jetzt unsere Situation ...
im Staate Dnemark.


                                 Zweiter Band.

                                       1.

                              Ew. Hochwohlgeboren!

Kurzweg so, ohne Ort- und Zeitangabe, oben rechts, geht's? Darf ich Ew.
Hochwohlgeboren mit einer Briefcharade necken? Und am Ende auch die Unterschrift
des Verfassers weglassen? Wobei ich, um selbst zum Glauben an die volle Wirkung
dieses fragwrdigen Briefes zu gelangen, voraussetzen mte, da Sie seit
unserer langen Trennung auch die Erinnerung an meine Handschrift verloren.
    Ich wei wirklich nicht, ob ich Ihnen gegenber in dieser schlechtesten
aller Welten, wo es besser wre, gar nicht geboren zu sein, es sei denn, da
u.s.w. - ob ich Ihnen gegenber den Spa so weit treiben darf. Zumal da Ihre
pessimistische Weltgestaltung - nicht wahr, wir sind in der Ergrndung des
Warum? Wozu? Woher? Wohin? unseres Daseins endlich weit genug gekommen, da wir
so etwas wie Weltgestaltung auf eigene Faust. Gefahr und Rechnung ins Werk
setzen und mit uns und unserer Lebensfhrung anfangen knnen, was wir mgen,
ohne irgend einem anmalichen Hinz oder Kunz Rechenschaft schuldig zu sein? -
also: zumal da Ihre pessimistische Weltgestaltung mehr und mehr einen Stich ins
Allerdurchlauchtigste, Gromchtigste, Sonnenknighafte bekommen hat, wie mir
jngst vorbergereiste Freunde im Fluge meldeten.
    Blutiger Heiland von Dachau, steh' mir bei. Doktor Trostberg in der Livree
eines geheimen Hofdichters, einer Art von dramatischem Minister fr die
litterarischen Angelegenheiten der kniglichen Separatvorstellungen? Bin ich
recht berichtet? In der That eine pikante Hutung fr einen Studienlehrer a.D.,
fr den gemaregelten Verfasser radikaler sozialphilosophischer Schriften ber
den deutschen Bauernkrieg und eines brennend roten Buchdramas Thomas Mnzer,
das anno dazumal seiner Feuergefhrlichkeit wegen von keinem Mnchener
Buchhndler in das Schaufenster gestellt werden wollte ...
    Ja, ja, und neues Leben blht aus den Ruinen, wie Schiller deklamierte,
der auch mit den Rubern (In tyrannos!) und den bhmischen Wldern begonnen,
um mit der geadelten klassischen Hof-Tragdie und einem Platz in der
Frstengruft zu schlieen.
    Ich empfinde es wirklich als Anmaung, mir mit Ihnen diesen epistolarischen
Scherz zu erlauben, wenn ich Sie nur jetzt studierend, exzerpierend,
bersetzend, dichtend auf vertrautestem Fue mit dem Hofe Ludwig XIV. in
Versailles denke, ganz vergoldet vom Strahle der Knigssonne jenes groen
franzsischen Jahrhunderts, du auf du mit den schnsten, liebenswrdigsten,
galantesten Damen; wenn ich Sie mir vorstelle, wie Sie mit der Madame Pompadour
zu Bett gehen und mit der La Vallire aufstehen, wie Sie - - - Nein, das will
ich mir lieber doch nicht vorstellen, Ihr deutscher Mannesbusen nhme sich in
dieser Entblung doch gar zu sndhaft aus.
    Und dabei hat sich Ihr Pessimismus auch ins Hoffhige hinberstilisiert und
schwebt bei feierlichen sthetischen Empfangsabenden zwischen der letzten und
vorletzten Hofrangklasse zum Olymp empor. Er trgt nicht mehr die krachlederne
Kniehose und die wollenen Wadenstrmpfe und die derben Bergschuhe, sondern
kleidet sich in die glnzende Hofkavaliertracht des groen Jahrhunderts; er hat
sich die ursprnglichen Naturlaute abgewhnt und spricht jetzt mit der glatten
Zunge des vollendeten Hflings. Dreh' dich im Grabe um, alter Onkel
Schopenhauer, philistrser frankfurter Isegrimm und Pudelfhrer!
    Allein, schon Sie, Hochwohlgeboren, eben weil mich diese ganze Geschichte
eigentlich nichts angeht, finde ich die alte, heitere Freiheit des Geistes
wieder, Ihnen diese scherzhafte Epistel zu widmen. Aus der Ferne nehmen sich die
Metamorphosen eines Sonderlings vielleicht auch - weniger bedenklich aus, als
sie thatschlich sind.
    Und nun bitte, ich Sie, betrachten Ew. Hochwohlgeboren diese Zeilen als eine
von meiner phantasielosen Ehrlichkeit schlecht erfundene captatio benevolentiae,
als eine diplomatisch miratene Vorrede zu dem nun folgenden eigentlichen
Briefe. Vor Monaten schrieb mir Drillinger (allerdings nur in einem
Postskriptum!) die Mahnung: Richte doch auch wieder einmal einen ordentlichen
Brief an unsern verehrten Dr. Trostberg, er rechnet darauf. Ich kam seither
nicht dazu. Schlimmer noch: in meinem letzten Brieffolianten an Drillinger
verga ich sogar, Ihrer zu gedenken und Ihnen die von Drillinger getreulich an
mich bermittelten Gre zu erwidern. Ich eile, das Versehen gut zu machen,
indem ich Ew. Hochwohlgeboren folgenden Extrabrief schreibe. Den versprochenen
Pessimistenbaustil werde ich Ihnen leider diesmal noch nicht mit einwickeln
knnen. Doch will ich mein Mglichstes thun, auch dieses Problema zeitgemer
philosophischer Architektur zu Nutz und Frommen der Mit- und Nachwelt noch zu
lsen.
    Ich schliee hiemit, nehme ein frisches Blatt - und beginne!

                                                  Pompeji, in den letzten Tagen.
                                                Albergo del Sole, Frhling 1886.

        Mein verehrter Doktor Trostberg!

    Daheim ein berflssiger, hab' ich die Jahre her halb Europa durchzogen:
Holland, Belgien, Frankreich, sterreich, Ungarn, die Schweiz - und andere von
Wissenschaft und Kunst berblhte Naturgebiete, um die tausend und millionenfach
abstudierte und abgebrauchte Gedanken- und Formenwelt mit eigenen Sinnen zu
mustern und die uns schulmig eingepaukten Meinungen, Ansichten, Gemeinpltze
und Urteile ein wenig nachzuprfen. Gar vielen Unsinnskram, den man daheim
ehrfrchtig und mhselig weiter schleppt, habe ich unterwegs abgeschttelt - und
es ist mir mit jedem Schritte leichter und wohler geworden. In jedem fremden
Wirtshause habe ich mit dem blichen Trinkgelde zugleich einige Dummheiten
zurckgelassen. (In Parenthese: der Leser wird hflichst gebeten, Dummheiten
nicht mit dummen Streichen oder sonst mit einer boshaften Doppeldeutigkeit zu
bersetzen.)
    Ich habe frisches Leben, frische Eindrcke gesucht und wie oft ich auch
enttuscht von dem uerlichen war, innerlich habe ich immer das Eine gewonnen:
erfrischte Kraft! Was ich jedoch noch nicht gewonnen habe, mein verehrter Doktor
Trostberg, das ist die ausreichende Zahl von Motiven, aus denen ich Ihnen den
neuen pessimistischen Baustil htte konstruieren knnen, den ich Ihnen in einer
berschwnglich mimutigen Stunde - ich wei das Pltzchen noch: auf einer von
blhendem Flieder umbuschten Bank auf der prchtig grnen, mit hohen Pappeln,
Ulmen und Linden bestandenen Landzunge zwischen den schumenden und tosenden
Isarwassern, links von der Maximiliansbrcke - zur architektonischen Ergnzung
und wohnlich stilgerechten Ausbauung Ihrer Weltanschauung versprochen habe. So
nahrhaft und gut die Pessimisten auch das hundeschlechte Dasein ertragen: der
Pessimismus selbst lebt noch rein von der Luft der Dichtung und Wagnerischer
Musik, sowie von einiger Farbenillusion trbseliger Malermeister.
Architektonisch ist er noch ganz und gar obdachlos. Nun werden Sie freilich
gleich wieder mit Ihrer herben Spruchweisheit bei der Hand sein: die Baukunst
nimmt in der Rangfolge der Knste berhaupt die niederste Stufe ein; sie ist
eine bloe Bedrfnis- und Nutzkunst und steht sthetisch nicht hoher als die
Bekleidungskunst - die Wohnstube, das Haus, der Palast sind eigentlich ja nur
erweiterte Kleider, um uns vor der Unbill der mrderischen Natur zu schtzen;
die Architekten sind auch keine philosophischen Kpfe, sondern hchstens
Rechnungsmaschinen, ihre Kunst ist nur entwickelte Naturnachahmung und hat im
Tierreich zahlreiche, zum Teil unerreichte Muster u.s.w.
    Bleibt uns also vorerst nichts anderes brig, mein verehrter Doktor
Trostberg, als unsere Zuversicht auf die Zukunft zu setzen und das Beste von der
Ausbreitung und Krftigung der pessimistischen Idee zu erhoffen. Haben wir erst
glcklich einmal ein durch und durch pessimistisches Volk, wie wir ein
biertrinkendes, handeltreibendes, kriegfhrendes, gottverehrendes Volk haben,
dann wird neben dem Kneipenstil. Bahnhofstil, Festungs- und Kasernenstil,
Kirchenstil u.s.w. auch der echte und gerechte pessimistische Philosophenstil
erstehen. Es wird zwar noch viel Hochgebirgs-Gletscherwasser in die Isar
flieen, bis wir jene Erhitzung der Kpfe und Herzen herbeifhren, welche die
Vergletscherungen des unseligen Optimismus in auflsenden Flu bringt und mit
dem neu erblhenden Pessimistenvolk auch der neue Pessimistenstil siegreich in
die Erscheinung tritt; allein Hoffnung lt nicht zu Schanden werden. Da der
Pessimismus an sich reich an Konstruktionsgedanken ist, die dereinst bauliche
Verwertung finden knnen, beweisen ja einstweilen die philosophischen
Lehrgebude, die in. den zahllosen Schriften unserer Schopenhauerianer und
Hartmannianer auftauchen. Ich selbst habe zwar - zu meiner Schande mu ich's
gestehen, auch wenn ich um eine ganze Quecksilbersule in Ihrer Achtung sinken
sollte - diese schriftlichen Lehrgebude noch nicht in der Nhe
beaugenscheinigt, ich habe mich bescheidentlich begngt, sie wie ferne
Nebelformen nach dem Hrensagen anzustaunen; allein ich habe hier eine kleine
geniale Person bei mir, eine Malerin in Temperafarben, die sich sehr grndlich
im Schrifttum der Philosophen umgethan zu haben scheint, und sie ist es, die mir
neulich erst wahre Wunder von den Konstruktionsgedanken der Schopenhauerianer
strengerer und laxerer Observanz erzhlt hat. Fr meinen eigenen philosophischen
Hausbedarf bin ich immer noch ganz anstndig mit dem kleinen witzigen
Gedankenvorrat ausgekommen, den mir die Lichtstrahlen aus Schopenhauers
Werken, das pikante Kapitel von den Illusionen der Liebe in Hartmanns
Philosophie des Unbewuten und der belehrende Umgang, dessen ich mich einst
mit Ihnen zu erfreuen hatte, in angenehmster Weise lieferten. Zufllig bekam ich
neulich ein Bndchen Gedichte von einem gewissen Leopardi in die Hand, der da
drben am Vesuv herumpessimistiert haben soll. Die Gedichte sind sehr schn.
Doch war ich sehr enttuscht, als mir versichert wurde, Leopardi sei wirklich
ein genialer Schmerzenreich, ein unheilbar leidender und tief unglcklicher
Mensch gewesen. Er soll auch sehr jung gestorben sein. Meine seitherigen
Erfahrungen hatten mich zu der Annahme verleitet, da der Pessimismus seine
Bekenner recht gut konserviere und sie ein vergngtes Alter erleben lasse.
Eduard v. Hartmann, der die Niedertrchtigkeiten der Liebe und Ehe am schrfsten
geielt, ist bekanntlich sehr angenehm verheiratet und glcklicher
Familienvater. Von Schopenhauer gar nicht zu reden, der nach zuverlssigem
Zeugnis besonders whrend seines italienischen Aufenthalts den Wonnekelch der
Liebe bis auf die Nagelprobe zu leeren und auch sonst bis in sein hohes Alter
vorzglich zu speisen und zu verdauen pflegte. Dieser Pessimismus hat mir immer
imponiert ... Er setzt bei seinen Bekennern eine ungewhnliche Seelengre
voraus, denn es ist frwahr kein kleines Stck, Lebenstheorie und Lebenspraxis
so taktfest auseinander zu halten und auf der scharfen Kante des Iustemilien
dahinzuspazieren, ohne Schwindel zu bekommen. Die oben zitierte kleine Malerin
in Temperafarben, ein allerliebster Kamerad mit einem eminent klugen Kpfchen,
hat mir diesen Kasus freilich in ein anderes Licht gerckt (sie rckt in ihrer
famosen Originalitt berhaupt alles in ein anderes Licht, auch in der Malerei,
wo sie wie ein Satan auf das plein-air versessen ist); sie sagte nmlich, der
Pessimismus hnle darin den fideleren Religionen, da auch seine Bekenner sich
in Schafe und Bcke, in Gerechte und Ungerechte scheiden lassen ...
    Also!
    Haben wir zur Zeit noch nicht die Kraft zur Schaffung eines
architektonischen Pessimistenstils so haben die herrschenden Baustile unserer
ruhmreichen Gegenwart wenigstens die Kraft, uns der pessimistischen
Weltanschauung geneigter zu machen. Mir war nie weltschmerzlicher zu Mute, als
wenn ich die neuesten Baudenkmler unserer guten Kunststadt Mnchen betrachtet
habe - z.B. die Gebude der Maximiliansstrae. Und erst was da unten an der Isar
herumgebaut worden ist! Bei diesem Anblick bekam ich sogar Grlicheres, als
Weltschmerz, ich bekam Bauchschmerz!
    Frchten Sie nicht, mein verehrter Doktor Trostberg, da ich aus Rache fr
die erlittenen scheulichen Empfindungen Ihnen boshaft zurufe: Stellen Sie sich
auf die Maximiliansbrcke und blicken Sie von da nach allen Himmelsgegenden in
die Bauwunder des sogenannten Isarathens hinein - da haben Sie eine Ahnung Ihres
Pessimistenstils! Was man da an der schnen, wilden, naturwchsigen Isar an
Mnchener Kunstoffenbarungen vorgesetzt erhlt, mag an Alles in der Welt
erinnern, nur nicht an den kraftvoll eigenartigen, harmonischen Schpfergeist
Athens. Und darum glaube ich, da wenn fr Mnchen je einmal die Bezeichnung
Kunststadt und Isarathen eine segensvolle Wahrheit werden und eine Bltenepoche
eigenen, kraftvoll berstrmenden Schaffens auf dem Gebiete des Schnen im
umfassendsten und hchsten Sinne bedeuten sollte, die entscheidenden Thaten
ihren Schauplatz an den Isarufern finden werden. Im Smaragd der Isar werden sich
die Siegeswerke spiegeln, und stolzes Rauschen wird den Triumph der neuen
Mnchener Kunst verkndigen. Was heute von den unerhrten Sehenswrdigkeiten der
Kunstleistungen in der knigslosen Haupt- und Residenzstadt Bajuwariens oder
Viermaniens gerauscht wird, das stammt meistens von jenen geistig drren
Blttern, die mit den Stichworten der von der Klique inszenierten Reklame
arbeiten. Das verblfft, aber berzeugt nicht. Die Botschaft hrt man wohl,
allein es fehlt der Glaube. Je nun, einstweilen mu uns auch dieses - Wurst
sein.
    Erinnern Sie sich, mein verehrter Doktor Trostberg, wie unser groer
einsamer Knig dereinst im Bunde mit Richard Wagner und Gottfried Semper den
hehren Tempel deutscher Zukunftsmusik am Strande unserer Isar errichten wollte?
Drben auf der bewaldeten, sagenumflsterten, eichen- und tannenumrauschten
Uferhhe gegen Bogenhausen? Wie er die nchterne Liebigstrae zur monumentalen
Kunstfeststrae umschaffen und in mchtigem Zuge von der Gartenseite des
Festsaales der Residenz bis an die Isar bauen, mittelst einer neuen Brcke ber
die Isar leiten und in malerisch aufsteigenden Terrassen bis an die Schwelle des
hehren Festspieltempels fhren wollte? Und die deutschen Vlker versammeln sich
hier, die hohen Feste ihrer nationalen Allkunst zu begehen, in lngeren
Zwischenrumen, begeisterten Herzens, aller Gemeinheiten und Sorgen des
politischen und wirtschaftlichen Werkeltaglebens entladen, rein gebadet an Geist
und Gemt im ther der groen vaterlndischen Kunst ... Sehen Sie, wie sie in
Scharen daherziehen, Mnner und Frauen, Jnglinge und Jungfrauen, festlich
gehobenen, elastischen Schrittes, beredten Mundes und glnzenden Auges, wie sie
an der hohen Freitreppe des Kunsttempels sich wenden und klopfenden Herzens die
Herrlichkeit der Landschaft bewundern, und aus der blauen Ferne gren die
schneeigen Hupter der ewigen Alpen herein, und die Isar rauscht jubelnd herauf,
und wie Nibelungenluft saust's durch die Wipfel der Eichen und Tannen, und im
Abendrot schwimmt die hehre Kunststadt mit ihren ragenden Trmen und Giebeln ...
Und nach diesem Naturvorspiel hebt sich der Vorhang ... Die materielle Welt
versinkt, die Sonne des Geistes geht strahlend auf am Firmament der Kunst, die
herrlichen Sterne der Dichtung und Musik leuchten und tnen in das Dunkel, und
in lebendigen Gestalten schreitet das Schicksal unserer Gtter und Vter, zum
erhabenen Bilde verklrt, an unserem Blicke vorber ...
    Ein Traum, ein Traum! O, es wre mehr gewesen. Der Nibelungenring Wagners
mit seiner grandiosen Symbolik htte wie ein Weltgericht der reinen Kunst an
dieser Sttte gewirkt. Hier htte man das wunderreiche Zeitgedicht des
Dichter-Komponisten in seiner wahren Bedeutung erfassen gelernt, was weder in
dem frnkischen Dorf Bayreuth, noch in den Prunkslen unserer Opernspa-Huser
jemals vollstndig gelingen wird: Die Jagd nach dem Ring, d.h. dem Goldreif,
welcher der Welt Erbe verleiht, als das tragische Verhngnis unserer Zeit, der
Kapitalismus in seiner Gtter und Menschen aufreibenden Besitz- und Machtgier,
die Weltherrschaft des Goldes - welch' ein dmonisches Kampfmotiv, in das sich
Himmel und Erde teilen, und welch' eine Katastrophe! Ich wei nicht mit
deutlichen Worten zu sagen warum, aber ich habe die Empfindung, da diese
Weltdichtung gerade an der Isar ihre volle Offenbarungsgewalt htte entfalten
mssen. Und hat der junge Knig nicht eine hnliche Empfindung haben mssen? ...
    Welch' grandiose, eines jugendschnen, idealen Bayern-Knigs wrdige
Knstlerphantasie!
    Leider ist das Volk nicht mit seinem Knig gegangen. Der groe Augenblick
fand ein kleines Geschlecht. O Jammer, es hat von der goldenen Minute
ausgeschlagen, was ihm keine Ewigkeit mehr zurckbringen wird. Der Knigswille
wurde gebrochen durch den brutalen Kleingeist der Kunststadtphilister, Meister
Richard Wagner wurde aus der verdummten Kunststadt vertrieben, Meister Gottfried
Semper rollte seine genialen Plne zusammen und ging, und Knig Ludwig der
Zweite schttelte Schmutz und Staub seiner Residenzstadt von den Fen und
flchtete sich in die Alpen und verzauberte sich in eine mrchenhafte Welt, aus
Dichtung gewoben und Wahrheit ... Groer, armer, unverstandener Knig, wie wird
das enden! ...
    Ja, mein verehrter Doktor Trostberg, ich habe Sie in dem Verdacht, da Sie
sich jenes wsten Mnchener Hexensabbates gar nicht mehr erinnern. Damals waren
Sie noch wohlbestallter klassischer Schulmeister in der frhlichen Pfalz. Was
kmmerten Sie da die unklassischen Mnchener Hndel? Sie rsonnierten und
zechten mit unserem gemeinsamen Freund Doktor Leyser - Gott hab' ihn selig! -
und schlugen sich die ersten pessimistischen Einflle zwischen zwei Flaschen
Jesuitengarten zu Faden, weil die ppige Sarah, die nachmalige Gesponsin meines
Mnchener Bankiers, Sie nicht erhren wollte. Aber ich habe jenen Hexensabbat in
Mnchen miterlebt, und als ich neulich meine kleine Reisebibliothek revidierte,
fielen mir wieder die Strophen in die Hand, worin der nun fast vergessene
Dichter Herwegh jenen Spuk schildert. Ich will zu Ihrer pessimistischen
Ergtzung die Hauptstellen ausschneiden und herkleben. Hier!

Vielverschlagener Richard Wagner,
Aus dem Schiffbruch von Paris
Nach der Isarstadt getragner
Sangeskundiger Uly,
Ungestmer Wegebahner,
Deutscher Tonkunst Pionier,
Unter welche Insulaner,
Teurer Freund, gerietst Du hier!
Und was hilft Dir alle Gnade
Ihres Herrn Alkinous,
Auf der Lebenspromenade
Dieser erste Sonnenku?
Die Philister, scheelen Blickes,
Spucken in den reinsten Quell;
Keine Schnheit rhrt ihr dickes,
Undurchdringlich dickes Fell.
Ihres Hofbruhorizontes
Grenzen berfliegst Du keck,
Und Du bist wie Lola Montez
Dieser Biedermnner Schreck.
Solche Summen zu verplempern,
Nimmt der Fremdling sich heraus!
Er bestellte sich bei Semper'n
Gar ein neu' Komdienhaus!
Ist die Bhne, drauf der Robert,
Der Prophet, der Troubadour
Mnchen's Publikum erobert,
Eine Bretterbude nur?
Schreitet nicht der groe Vasco
Weltumsegelnd ber sie?
Doch Geduld - Du machst Fiasco,
Hergelaufenes Genie!
Ja, trotz allen Deinen Kniffen,
Wir versalzen Dir die Supp';
Morgen wirst Du ausgepfiffen -
Vorwrts, Franziskanerklub!

    Ein niedlicher Rummel der Isarathener! Und das war Ludwigs vielgeliebtes
Residenzstadtvolk, in dessen Mitte er leben sollte ...
    Wenn er dem Zwange des Staatsgrundgesetzes gehorcht und einige Male im Jahre
bei Nacht und Nebel nach Mnchen kommt, dann schliet er sein Theater fr den
groen Haufen der Isarathener und lt sich Separatvorstellungen rsten, in
welchen neben den klassischen Meisterwerken der groen Deutschen mehr und mehr
die Louis-Quatorziaden der wlschen Reprsentationskomdie zur Darstellung
kommen, und mein verehrter Doktor Trostberg, der bleiche Schatten des einstigen
rotbltigen Zeitgenossen und berlebenden des deutschen Bauernkrieges, taucht
seine Schwertfeder in die Schminktpfchen franzsischer bersetzungsdramatik und
Pompadourlitteratur ...
    Ah, Sie wollen einen Pessimistenstil, geheimer Separatdichter? Da haben Sie
ihn!
    Und da, wo die Isarwellen scheu und klagend an der Bogenhauser Hhe
vorbereilen, da sehe ich einen Stein aus dem Wasser ragen ... Und auf diesem
Stein wird einst der Doktor Trostberg seine mibrauchte Schwertfeder zerbrechen
und seine Leier zerschlagen - im Jammer um eine verlorene schne Welt, und das
wird sein erster wahrhaftiger Weltschmerz sein, vor dem ich Hochachtung
empfinde, ich, der Weltfrohe.
    Und nun lassen Sie uns ein wenig von unseren letzten Tagen und Eindrcken in
Pompeji plaudern!
    Jawohl, dieses Pompeji, das sich jetzt nach tausendjhrigem Todesschlaf wie
ein Gespenst am hellen Tag aus seinem Grabe erhebt und sich Asche und Staub aus
den hohlen Augen reibt und seine verschollene Zier und seine verblichene
Schnheit Stck fr Stck aus den Trmmern zusammenliest, das war eine
Kunststadt. Frwahr, ich mchte unsere Kunststadt nicht an seiner Stelle sehen
...
    Ach, der Gedanke an die Heimat lt mir keine Ruhe, und mein Empfinden
schweift schon wieder ab ... Es ist ein Sturm, ein Aufruhr in mir, der jedem
beschaulichen Genieen spottet.
    Meine Feder saust im Fieber ber das Papier, und ich breche Ihnen den Hals,
Doktor, wenn Sie nicht stille halten und mich nicht achtungsvoll zu Ende hren.
Der Sie das Leid der ganzen Welt empfinden und tragen, drfen nicht widerwillig
das Leid des Einzelnen von sich weisen. Und ich leide, wenn ich an unumwundener
Aussprache verhindert werde. Aber ich will nicht zu einem Klotz reden, sondern
zu einer mitempfindenden Mannesseele. Fr letzteres halte ich sie trotzalledem.
Tusche ich mich, so sind Sie ein verdammter Egoist. Ich wrde es dann nicht
einmal mehr fr ein Vergngen, geschweige fr eine Ehre halten, von Ihnen
angepumpt zu werden. O nicht diese saure Miene, obwohl sie einen geborenen
Pessimisten gut kleidet! Ich revanchiere mich und pumpe Sie auch an, sobald ich
heimkomme. Nicht um Geld, sondern um einen guten Dienst. Jetzt, wo Sie ein
Zipfelchen vom Ohr des Knigs haben und ein Mann von allerhchstem Einflusse
sind ... Meine Isarbebauungsplne - ahnen Sie etwas? Ah, ich sehe schon isarauf-
und abwrts die Gerste aus dem Boden wachsen und ein Heer von Arbeitern wimmeln
und ganze Wagenburgen mit Baumaterial heranziehen ... Die Lastfuhrwerke knarren
und chzen, Staubwolken wirbeln auf, ein ungeheures Leben erfllt die stillen
Ufer, aus allen Gassen strmen die Gaffer herbei, um das Wunder der Umgestaltung
zu sehen. Wie die Gttin der Schnheit aus den Fluten des Meeres, so taucht ein
gttlich schnes Neu-Mnchen aus den Fluten der Isar auf ...
    Und da jagen meine Gedanken in diesem toten Pompeji umher wie aufgescheuchte
Vgel, wenn sich der Himmel mit Gewittern berzieht. Warten soll ich! schreibt
man mir von daheim. Warten. Der groe Zeitpunkt sei noch nicht gekommen. In
vier, fnf Jahren erst knne alles in Flu kommen. Man habe alle Hnde voll mit
anderen Dingen: mit der Wasserleitung, der Kanalisation, der Pflasterung, der
Trambahn, dem Viehhof, den Marktbuden, der Vollendung des Akademiegebudes, der
Auskundschaftung eines Platzes fr das Knstlerhaus der Allotria, Renovierung
und Erweiterung alter Kirchen, Erbauung von Schulkasernen, Erhebung Schwabings
zur Weltstadt, Umbau des Hofbruhauses und des Landtagsgebudes, Sanierung der
kniglichen Kabinetskassa, Ministerstrzerei u.s.w. berall, wo ich angeklopft
und sondiert habe, die nmliche Antwort: Warten!
    Ich habe diesen Winter in Rom eine Denkschrift ausgearbeitet und an den
Architekten- und Ingenieur-Verein nach Mnchen geschickt; ich habe einigen
Finanzgren Plne und Rechnungen vorgelegt; ich habe Fhlung gesucht mit den
fhrenden Kpfen im Stadtbauamt; ich habe Ministerialbeamte mit Anregungen
bombardiert: Warten! tnte es im Unisono - laut und leise. Das heit, einige
haben gar nicht getnt, sondern sind stumm geblieben bis auf den heutigen Tag.
    Das sage ich nur Ihnen. Nicht einmal Drillinger ist in alle meine Plne und
Bestrebungen eingeweiht. Ich machte ihm nur Andeutungen. Der hat genug mit sich
selbst zu thun und wird mit seinem kleinen Zickzack-Schicksal und seinen
unsinnigen Lebens-Experimenten und Liebeshndeln nicht fertig. Mich kann nur ein
Mann der festen, geraden Linie verstehen. Drillinger ist das nicht, trotz oder
wegen seiner naiven Irrwisch-Natur. Aber der sind auch Sie nicht mehr, mein
verehrter Doktor Trostberg, seit Sie knigsdichterlich flunkern, he? Oder geht
Ihre poetische Krumme bald wieder in eine logische Gerade ber? Oder luft sie
daneben her, bis sie sich in kurzem auer Atem gelaufen? Dauert sie nicht
lnger, als Frstengunst? Als Ludwig'sche Huld? ... Darf man hoffen?
    Warten!
    Gut, warten wir in drei Teufels Namen der Dinge, die da kommen sollen.
    Dieses antike Pompeji, ein Provinznest nach unseren Mabegriffen, sehen Sie,
das war recht eigentlich eine Grostadt und eine Kunststadt zugleich. Was fr
ein groer, knstlerischer Zug in allem, selbst im Kleinsten und Alltglichsten!
Diese Theater und Bder und Hallen und Thore und Promenaden haben sicher kein
provinzlerhaftes Spieer- und Krmer-und Bureaukratenvolk zu Urhebern und
Nutznieern gehabt. Hier freute sich eine geistreiche, elegante Brgerschaft
ihres Daseins und das knstlerisch schpferische Talent wurde seines Lebens und
Schaffens froh. Eine Welt der Schnheit und der Freude auf einem Raum nicht
grer, als eine Mnchener Vorstadt ...
    Es ist mit der Kunststadt genau so wie mit der Grostadt. Was gibt einem
Gemeinwesen den Charakter und die Bedeutung einer Grostadt? Etwa blo die Hhe
der Einwohnerzahl? Keineswegs! Der Statistiker kann eine halbe Million Seelen
nachweisen, und trotzdem sagt der Kulturforscher: Krhwinkel. Zehn oder zwanzig
Drfer und Mrkte nebeneinander gelegt und verkehrs- und verwaltungsmig
miteinander verbunden, geben eine groe Stadt - aber keine Grostadt.
    Also was gibt einem groen brgerlichen Gemeinwesen erst den Charakter einer
wirklichen Grostadt? Die groen Schulden etwa, das riesig anwachsende Budget,
das fraktionsnrrische Parlamentspielen mit den endlosen Rede- und
Rechthaberei-Turnieren der Stadtvter im Rathaus, wo jeder schlielich doch
zuerst an den eigenen Sack denkt, wenn er sich als Vorsehung ber das groe
Gemeindeportemonnaie hermacht? Nein. Der Charakter der Grostadt kann nur aus
dem groen Sinn der Brgerschaft hervorwachsen, aus dem groen Sinn, der im
Vereine mit dem weiten Blick und dem organisatorischen Genie der Verwaltung
aller Hemmungen Herr wird und dem stockenden geistigen, knstlerischen,
merkantilen und geselligen Verkehr neue und immer gewaltigere Schwungrder
einsetzt.
    Und hnlich verhlt sich's mit der Kunststadt. Da irgendwo ein Dutzend sehr
guter, einige Dutzend guter, ein paar Hundert mittelmiger Ausber irgend einer
Kunst ihre Werksttte aufschlagen und mit den Hilfs- und Nebengewerblern, den
Modellen, Leinwand-, Farben- und Pinselhndlern, den Kritiken, den
Atelierwanzen, den Bilderkrmern, Ausstellungs-Schacherern u.s.w. zusammenhausen
und sich tglich mit der Frage qulen: was kunstwerkle ich nur heute gleich
zusammen, um Sensation und Geld zu machen und die Kollegen zu verblffen? - das
gibt noch lange keine Kunststadt. Aber das gibt eine Kunststadt, wenn Hoch und
Niedrig, Reich und Arm, Meister und Schler, Schpfer und Kritiker und Hndler,
Verwaltung und Brgerschaft von dem allbelebenden Kunstgeiste krftiger
Kulturentfaltung erfat und durchdrungen, miteinander wetteifern, schaffend und
genieend, vorbereitend und ausnutzend, die hchsten Triumphe der Schnheit, der
Phantasie und des Frohsinns an ihre Heimatstadt zu fesseln, damit von ihr die
bahnbrechenden Ideen und Werke ausstrahlen in alle Welt und von allerwrts her
Strme der Bewunderung und goldenen Lohnes zurckflieen.
    Die Erziehung des Urmncheners zum Kunststdter war anfangs eine fast
aussichtslose That einzelner Frsten. Besonders als sich die alte Herzogstadt in
die neue Knigsstadt umwandelte. Man wehrte sich gegen die Ansiedlung genialer
Baumeister und Maler, genialer Schriftsteller und Musiker und Theatraliker oft
mit komischer Verbissenheit; der Urmnchener in seinem alten, dumpfen,
verpfafften Winkelwerk frchtete in ihnen die Lichtbringer und Aufklrer, die
geistigen Unruhstifter und Bewegungsmacher. Die gewohnte saule Ruhe, mit
edelstem Bier genossen, war ja so s, die geistige Beschrnkung half so
lieblich die kstlichen Kalbsbraten und Bockwrste und Radi verdauen - - und
dabei brachten die kirchlichen und breaukratischen Koterien so gemtlich ihr
Schfchen ins Trockene.
    Nur durch das unverdiente Glck, so auerordentlich hochsinnige,
weitblickende Frsten wie die Knige Ludwig I. und Max II. als Landesvter zu
haben, wurden die Mnchener zu dem Range moderner Kunststdter erhoben. Alles
verdankt Mnchen der beharrlichen Thatkraft und Unerschrockenheit dieser groen
Knige ... Und erst als der phantasievollste und idealste aller Wittelsbacher,
der jugendliche Ludwig II. den Thron bestieg, jubelte jedes echte Knstlerherz
... Das war der psychologische Moment in Mnchens Kunstgeschichte, die nach
neuen Zielen und Wegen drngte ... Da kam die groe unselige Schicksalswende ...
Seit der Monarch die Stadt verlassen und ... Berge und Inseln mit Millionen und
aber Millionen verschlingenden Phantasiebauten sich bedecken, seit jenem
verhngnisvollen Augenblick verlor das Mnchener Kunstleben alle Fhrung und
Richtung ins Groe. Ein kleinliches, trbes, chaotisches Durcheinander. Es wurde
dies und das probiert, allein ein stolzes, sicheres Zentrum, von dem aus die
neue Entwickelung zu lenken gewesen wre, wurde nirgends gefunden. Es ist auch
kein Meister aufgestanden, der mit der Wucht seines Genius die Leitung an sich
gerissen htte. Das Kliquenwesen blhte, die Koterieherrschaft, der
Intriganten-Unfug. Auflsung, Zerbrckelung. Kein Zug mehr ins Gewaltige. Ach,
das Herz knnte einem brechen, wenn man bedenkt, wie ganz anders alles htte
kommen knnen ...
    Pompeji, Pompeji! Wo bin ich denn?
    Ja, mein verehrter Doktor Trostberg, Sie thun sich leicht mit Ihrem
philosophischen Weltschmerz. Als ein halber Abkmmling jenes auserwhlten
semitischen Volkes, das wie kein anderes ber einen aufgespeicherten, fast
unerschpflichen Schatz von Energie und Seelenkraft gebietet, knnen Sie ohne
Gefahr im Ozean des Weltleids umherpltschern, whrend wir rassenmigen blonden
Germanen viel weicherer und empfindlicherer Natur sind. Uns setzen die
historischen Katastrophen ganz anders zu. Wir haben selten die feine Gabe,
selbst das Unglck zu berlisten und aus verzweifelten Lebenslagen, in welche
das Schicksal, der Zufall, die Schuld oder sonst irgend eine geheimnisvoll
unverantwortliche Macht uns gestrzt, einen Zugang zu neuen Vorteilen, Freuden
und Ehren im Kopfumwenden zu gewinnen.
    Merkwrdigerweise sind uns sogar die Frauen in der Ausntzung des
Migeschickes berlegen. Da ist z.B. die wiederholt zitierte kleine geniale
Person, Flora Kuglmeier nennt sie sich im profanen Leben - es gibt ja noch viel
dmmere Namen, z.B. den meinigen - ein kleiner Vulkan, ein Dmon, und dabei von
kltester Besonnenheit, von eiserner Beharrlichkeit, von unverwstlichem
Vertrauen auf die Kraft des eigenen Geistes, im kritischen Moment das Rechte zu
treffen.
    Das wrde ich so und so machen, spricht sie; den und jenen Erfolg mu man
sich vorerst ganz aus dem Sinn schlagen - jetzt herrschen die bergangsmenschen;
kmpfen mu man immer, zum Kmpfen sind wir da, wenn auch nicht immer zum
Siegen. Kmpfen heit aber nicht mit dem Kopf gegen die Wand rennen.
    Dann wieder mit einem unbeschreiblich feinen pfiffigen Zug, der in dem
stillen, berlegenen Gesicht gar humoristisch wirkt: Auf Gott vertrau' - und um
Dich hau'! Hauen steht besonders dem Deutschen gut, wenn er's mit Grazie und
Schick macht, da jeder Hieb sitzt und zugleich so betubend wirkt, da der
Andere sich gar nicht auf den Gegenschlag besinnen kann Hauen, aber weder
prgeln, noch fuchteln. Hauen mit Gottvertrauen. Und wenn die Geschichte
gefruchtet hat, auch dem lieben Gott sein ehrlich verdientes Lob nicht
vorenthalten. Das ist heldenhaft und klug. Das hat mir immer in den preuischen
Siegesberichten gefallen: Mit Gottes Hilfe haben wir die Mac Mahon'sche Armee
aufgerieben; mit Gottes Hilfe haben wir den Kaiser Napoleon gefangen u.s.w.
Wie's in dem Fibel-Sprchlein heit: Mit Gott fang' an, mit Gott hr' auf. Jeder
Sieg ist eine Verantwortung. Es ist klug, bei Verteilung desselben Gott so wenig
zu verkrzen wie den braven Kutschke. Bei Sadowa wurde auch der preuische
Schulmeister fr den Sieg ausdrcklich mitverantwortlich gemacht. Der preuische
Schulmeister hat den sterreichischen geschlagen. Sehr gut. Dann knnen sich die
feindlichen Kriegsherren bald wieder froh in die Augen sehen und sich brderlich
die Hand schtteln.
    Das sprudelt sie aber nicht heraus, auch spricht sie's nicht mit Pathos.
Gott bewahre. Die Rede ist langsam, mit nachdenklichen Pausen. Man merkt's: Der
Gedanke betrachtet sich den Weg und geht bedchtig im schnen Schrittwechsel,
damit er nicht ber die eigenen Fe stolpert. Und dann immer dies Entzckende:
der Gedanke hat Gefhl in sich, ohne Sentimentalitt; ber den dunklen, warmen
Ernst ist ein leichter, frhlicher Spott gehaucht.
    Von den gegenwrtigen Verlegenheiten des Knigs spricht sie mit rhrender
Teilnahme. Sie ist eine kernechte, kerngesunde Bayerin, entflammt fr eine groe
Auffassung und Deutung der bayerischen Geschichte im Rahmen der deutschen. Mit
Betonung des Partikularistischen, Stammeseigentmlichen. Die Flammen schlagen
aber nicht zum Dach hinaus und blenden nicht blitzartig den Blick. Ein starkes,
ruhiges, inneres Feuer, das sich nicht verregnen lt und blen Qualm erzeugt.
Fr die Beurteilung des Knigs fordert sie den tragischen Mastab und verwirft
den banal-kritischen. Sie betont die Ohnmacht des Einzelnen, und wre er noch so
hochgefrstet, gegenber der unerbittlichen modernen Staatsmaschine. Auch fr
die Logik des Geldwesens fordert sie Respekt.
    Das kleine Einmaleins hat schon die Grten zu Fall gebracht. Ein
Rechnungsfehler ist auch ein Stck Fatum.
    Bitte, nicht dieses Stirnrunzeln, mein verehrter Doktor Trostberg, das
offenbar sagen will: Die hat's ihm mit ihrer klugen Hausbackenheit angethan, mit
ihrem Gegengewicht zu seiner Kunstschwrmerei! Sie wissen ja noch gar nichts.
Ich bin heute auer stande, ein volles, rundes Charakterbild zu zeichnen. Ich
gebe nur einzelne Zge, die sich in dieser Abgerissenheit vielleicht zu
widersprechen scheinen. Zum Beispiel, fgen Sie in das bisher Gesagte die
wrmste Kunstbegeisterung ein, die umfassendste, die mir jemals bei einem Weibe
vorgekommen. Noch ein Wort von ihr: An unserer Isar wird eine
Entscheidungsschlacht geschlagen werden: wer in Mnchen als der Strkste die
nchsten Generationen beherrscht - der Kunstsinn oder der Kapitalismus, Geist
oder Geldsack.
    Kurz, eine ungewhnliche Person. Und dabei rhrend anspruchslos. Und so
bescheiden in ihren Bedrfnissen, in ihrer Kleidung. Wie das alles zusammen die
Schnheit ihrer Erscheinung erhht! Wre sie Schauspielerin geworden, raten Sie
einmal, welche Meisterrollen die Pole ihres Wesens bezeichnen wrden! Nichtwahr,
da reiben Sie verlegen Ihre pessimistische Denkerstirn, mein geheimer
kniglicher Separatdichter? Ich will Ihnen darauf helfen: der Shakespearische
Puck und die Ibsen'sche Nora. Verschmelzen Sie Puck und Nora - die Nora des
letzten Aktes, den lichten Sommernachtstraum mit der dsteren
Winternachtstragdie - - - Nein, nein, auch das wrde nicht ausreichen, die
geheimnisvolle Art meines Originals erschpfend darzustellen. Die Menschennatur
hat Mischungszauber, hinter die noch kein Poet gekommen ist. Wie wunderbar ist
auch diese Wirklichkeit: ich alter architektonischer Nuknacker trume hier in
Pompeji, der schnsten und heitersten Ruinenstadt die einst in der Venus ihre
Patronin verehrte, von unsern bajuwarischen Isar-Auen; ich hre den Heimatstrom
durch die Stille der Ruinen rauschen und vor meinem sditalischen Sonnenblick,
in welchem die Farben und Linien des glcklichen Kampaniens als das herrlichste
Landschaftsgemlde der Erde schwimmen, gleitet pltzlich deutscher Mondschein
und deutsches Sternenlicht sanft durch die Wipfel unserer hochragenden, im
Nachtwinde flsternden Isar-Buchenwlder und wecken die nordischen Mrchen auf,
die im grnen Bltterdunkel schliefen, und die Elfen schlingen ihren luftigen
Reigen, allen voran Puck, der allerliebste, allerschnste Puck ...
    Pompeji! Pompeji!
    Ich wollte schon lngst diesen endlosen, konfusen Brief schlieen, aber im
Zimmer nebenan schreibt Puck, ich wollte sagen: Frulein Flora Kuglmeier,
gleichfalls unverdrossen drauf los, ich glaube, an einer Art Reisetagebuch - und
sie sagte, ich solle nur ruhig weiter schmieren, bis sie fertig sei und mir
klopfe. Da mu ich doch wohl gehorchen. brigens regnet's heute in Strmen.
    Von Freunden und Bekannten, berhaupt von ihrer Vergangenheit spricht sie
nicht gern. Man mu schon sehr viel und gut zu fragen und das Unausgesprochene
aus ihren Antworten heraus zu horchen verstehen. Sie denkt von ihrem toten
Vater, einem ehemals sehr geschtzten Hofmusiker und Mitglied der kniglichen
Kapelle, besser und inniger, als von ihrer lebendigen Mutter. Ihr Bruder schlage
leider ihrer Mutter nach. Dieses Leider mu man sprechen hren und - sehen.
    Geistig und krperlich ungewhnlich. Besonders die Linie von der Nase zum
Kinn ist von groer, charakteristischer Schnheit. Der zarte geschmeidige,
jedoch gesthlte Leib, elastisch, von der Biegsamkeit einer Toledaner Klinge,
atmet die gesammelte Kraft, den herben Duft der Keuschheit. Frisch betauter
Luzerner Klee. Fr eine achtundzwanzigjhrige Mnchnerin - so alt taxiere ich
sie - etwas Phnomenales: bei hchstem, natrlichem Wissen noch nicht voll
erschlossene Sinnlichkeit, imponierende keusche Ruhe und Ausgeglichenheit den
heikelsten Problemen gegenber. Wichtiger Umstand: sie ist Protestantin, also
ohne mystische Aufpeitschung der sexuellen Neugier durch frhzeitige
Beichtstuhlerfahrungen u.s.w. (Ich unterdrcke hier eine Parenthese.)
    Aber was geht das Sie an? Gar nichts geht Sie's an, mein verehrter Doktor
Trostberg. Sie haben nicht das geringste Verstndnis fr solche verwickelte
Reize. Ein geschworener Pessimist. Es ist ja lcherlich - -
    Ja, und wenn sie lacht, wozu sie sich freilich selten genug entschliet,
erscheinen zwei wonnevolle Grbchen auf ihren Wangen und die kleinen, rosigen
Ohren scheinen sich leise zu bewegen. Sie braucht auch gar nicht zu lachen. Seh'
ich sie an, lacht mir das Herz im Leibe. Und das gengt, nicht wahr?
    Als Paar betrachtet, ich meine, wenn wir so nebeneinander dahinschreiten, in
Pompeji, zwischen Ruinen - sind wir freilich hinlnglich komisch. Sie hat mich
neulich selbst darauf aufmerksam gemacht. Wir standen auf dem Forum, blitzblauer
Himmel, glhende Nachmittagssonnenkugel ber dem Meer, auf dem die Reflexe wie
kleine Flmmchen hpften: unser Schatten lag wie eine ausgebreitete Haut
dunkelbraunblau auf den weien, sonnigflimmernden Steinplatten, ich ein
riesenlanger Kerl mit einem Kopf in Haar und Bart wie ein Bschel Wirrstroh, sie
daneben kaum bis an meine Schulter reichend, wenn sie sich auf die Zehenspitzen
ihres Miniaturfchens stellt - ja, es war himmlisch komisch. Ich sprte in
diesem Augenblick meinen klassischen Schulsack auf dem Rcken und kramte in
Gedanken nach einem geistreichen mythologischen Vergleich. Wir haben ja so
absurd niedertrchtige Gewohnheiten von der bldsinnigen humanistischen
Erziehung her. Und in Pompeji, wo man die Probe auf jeden
lateinisch-griechischen Unsinn, den wir daheim aus den Bchern gesogen, glaubt
machen zu knnen. Sie hingegen, vielwissende und doch unverbildete, klare Natur,
deutete auf mein groteskes Schattenbild und sprach: Wotan, der Wanderer. Wie das
in pompejanischer Luft klang! Wotan, der Wanderer! An sich selbst dachte sie gar
nicht. Sie sah nur mich.
    Ich mute an den Spruch eines griechischen Alten denken; ich glaube, es war
Aristoteles, der gesagt hat: Ein kleines Weibchen ist ein Paradoxon der Natur.
    Die alten Klassiker haben auch klassische Dummheiten gesagt; das ist
vermutlich eine. Ein Paradoxon der Natur! Und eine lange Hopfenstange von Weib,
was wr' denn die? Ein Weib, das man frmlich mit einer Leiter erklettern mte,
um im Kopfe doch nur ein leeres Nest zu finden? Der Aristoteles, wenn's der
Aristoteles war, was ich in diesem Augenblick ja nicht feststellen kann, war in
diesem Punkt ein Esel.
    Nun sollten Sie einmal die Archologin in dieser kleinen, genialen Person
kennen lernen! Nichts Muffiges, Schulzwngliches und Schulbngliches,
Altjngferlich-Pedantisches und nach eitler Unfehlbarkeit Miduftendes, wie
wir's mit sehr wenigen Ausnahmen bei unseren fachgelehrten Altertumskrmern
finden. Nein, nein, von all' diesen Lcherlichkeiten selbstverstndlich keine
Spur. Aber dafr ein unverdorbenes Auge voll naiver Sprkraft, einen
waldfrischen Sinn fr versteckte Schnheit und Wahrheit, einen kecken
Bestimmungsmut, ohne Flausenmacherei. Ich kann mir nicht helfen, mein verehrter
Doktor und Studienlehrer a.D., abgesehen von unserem modischen, koketten,
salonfhigen Wissenschaftlernachwuchse sind mir unsere gelehrten Huser,
sonderlich die Philologen, Rabbiner, Apotheker, Archologen und verwandte
Haarspalter, Geistespillendreher und Gehirnpflasterstreicher immer wie
Halbmnner vorgekommen, ausnehmend gelungene Exemplare wie keifende, znkische
alte Weiber, und die vollendeten Fachtroddeln wie Hexen auf nchtiger Haide. Da
hab' ich mich oft gefragt: warum bertrgt man diese mnnerverwstenden
Wissenschaften nicht lieber den Frauen? Die Wissenschaften wrden ihre
widerwrtigen Eigenschaften ablegen und gewi nicht schlechter dabeifahren ...
    Und nun lerne ich diese Archologin von natrlichen Talentes Gnaden kennen!
    Am ersten Tag war ihr Pompeji ein Stilleben, das sie nur von der malerischen
Seite reizte. Am zweiten Tag war's ihr ein Kuriositten-Kabinet, ohngefhr wie
das bayerische Nationalmuseum in der Maximilianstrae: sie guckte in dieses
Kstchen, in jenes Fensterchen, beugelte da einen alten Waschtrog, dort eine
vorsintflutliche Kochmaschine, hier eine mrderische Bartscheere, dort eine
stimmungsvolle Klystierspritze u.s.w. Am dritten Tag streckte ihr
archologisches Spezialinteresse ganz herzhaft die Fhler aus. Nun geben Sie
Acht, mein verehrter Doktor: wir schlendern durch eine uralte, krumme, enge
Geschftsgasse, sagen wir die Sendlingergasse von Pompeji - wir bleiben stehen,
zur Linken irgend ein alter Schnapsladen, zur Rechten eine Bckerei, und wie wir
so mitten in der Gasse stehen zwischen den tiefausgefahrenen Geleisen im
Lavablockpflaster, deutet mein kleiner genialer Kamerad mit der Spitze des
Sonnenschirms auf eine Skulptur im Pflasterstein (ich hatte schon meinen Stiefel
daraufgesetzt) und fragte mit Augen, Mund und Geste: Was ist das?
    Und aus mir antwortete schlagfertig, sachgem und hflich eine Stimme: Das
ist ein Phallus.
    Und sie darauf: - - -
    Ich erlasse ein Preisausschreiben mit einer Prmie von tausend Mark fr
jedes Wort und fordere das gesamte belletristische und psychologisierende
Deutschland auf, das Zwiegesprch sich auszudenken und ehrlich und druckfhig
niederzuschreiben, das sich an meine Antwort: Das ist ein Phallus an Ort und
Stelle zwischen Flora Kuglmeier und mir geknpft hat - und wer das Richtige
trifft, der soll sofort den Preis baar ausbezahlt erhalten. Da sollen einmal
unsere vielbeliebten idealistischen Familienromanziers die Probe auf ihren
Scharfsinn und ihre Lebenswahrheit machen.
    Das ist ein Phallus, sagte ich.
    Und sie darauf: - - -
    Dann ich: - - -
    Dann sie: - - -
    Und so weiter in Rede und Gegenrede mit ganz kurzen Pausen. Dauer des
Gesprchs etwa sechs Minuten.
    Es war Vormittags zwischen Neun und Zehn. Wir waren allein. Nur fnfzig
Schritte von uns die Nasenspitze eines Aufsehers an der Straenkreuzung. Der
Himmel wolkenlos, von idealer Blue. ber dem Vesuv ein leichtes, weies
Dampfwlkchen. Die Luft morgendlich frisch, seeduftig, reingewaschen, ozonsatt.
Die ganze Natur reckte sich vor Wohlgefhl.
    (In Parenthese mu ich Vergessenes mit zwei Worten gutmachen: ich habe noch
nichts ber die Farbe ihrer Augen, ber den Klang ihrer Stimme und ber das
Tempo ihres Ganges gesagt, was auch von einer Archologin zu wissen ntzlich und
angenehm ist. Augen, die man immer auf sich gerichtet sieht, in tiefster
Einsamkeit, in dunkelster Nacht, im heimlichsten Traum, die mit einem gehen
durch die geruschvolle Menge am hellen Tag und die vom Himmel gren, wenn am
Abend die ersten Sterne leuchten. Nun raten Sie ihre Art und Farbe. Und die
Stimme? Das Klangbild zu dem Farbenbild der Augen, im Klang bersetzte Seele.
Nun wissen Sie die Stimme. Und der Gang? B-dur-Sonate von Schubert erstes Motiv,
dann Chopin Prludium in H-moll assai lento, dann - aber Sie verraten gewi
nichts? - das ppige Geschlngel, wenn Kundry den reinen Thoren zum Kusse an
sich zieht. Lassen Sie sich diese Stze einmal vom Hofkapellmeister Levi
nacheinander vorspielen - ich horte, Sie htten Ihre Musikscheu hinlnglich
berwunden, seit Sie in den poetischen Diensten des musikliebendsten Monarchen
stehen? - und verwandeln Sie die Klangfiguren zur rhythmischen Plastik eines auf
zwei gesunden Beinen schwebenden Frauenleibes. Unsinn! Als ob Sie sich in Ihrem
ganzen Leben so etwas undefinirbar Schnes vorstellen knnten!)
    Und der besprochene, als Symbol der Fruchtbarkeit u.s.w. in den
Pflasterstein vor dem Bckerladen gemeielte Phallus versetzte uns mit einem
Schlag mitten in das blhende Reich rmisch-griechischer Archologie.
    Wir bogen in die nchste Gasse ein, wohin uns die enorm lange Nasenspitze
des Aufsehers als Wegweiser - verfhrte. Es war nmlich, wie sich bald
herausstellte, eine sogenannte verrufene Gasse.
    (In Parenthese: falls Ihre Mdigkeit oder Schamhaftigkeit Sie veranlat,
hier die Lektre abzubrechen, so bitte ich Sie, die folgenden Bltter ins Feuer
zu werfen, damit nicht einer der unschuldsvollen Jnglinge, die in Ihrer
Arbeitszelle, genannt Tempel der schmerzensreichen Weltliteratur,
studierenswegen verkehren, Schaden an seiner reinen Phantasie oder Tugend nehme.
Ich habe vorgebaut - die Verantwortung fllt auf Ihr sndiges Haupt, wenn diese
Bltter Unheil stiften.)
    Eine sogenannte verrufene Gasse. In der heiter vorsorglichen Venusstadt
Pompeji nichts Auffallendes. Nicht einmal in Mnchen, das den h. Benno zum
Schutzpatron hat.
    (Neue Parenthese: Sie kennen doch gewi auch die historische Antwort, die
Knig Ludwig I. auf das Gesuch gab, in der guten und braven Stadt Mnchen ein
neues - Bedrfnishaus zu errichten? Man baue, meinte der knigliche Pessimist,
ber die ganze Stadt ein Dach, denn sie sei ja doch schon ein einziges groes
... und so weiter.)
    Pompeji war in diesem Punkt so weit voran wie unser Isarathen und doch
zugleich viel sittlicher. Obgleich hier zu Lande die Feigenbltter wild wachsen,
whrend sie in unserem nordischen Moralklima aus Blech und anderen spottbilligen
Redensarten fabriziert werden, so verschmhten es die ehrlichen Alten doch, die
wahre Natur auf so lcherliche Weise zu maskieren und durch ein vorgeklebtes
Feigenblatt die Frage herauszufordern: Was steckt dahinter? Und whrend wir mit
Feigenblttern und andern Tugendmaskenzeichen herumlaufen, als wre unser
Kulturleben nur ein unaufhrlicher Karneval, erhebt unser Staat ganz ernsthaft
eine Steuer von der gewerbsmigen Lasterbung und unsere staatlich bestellten
Statistiker fisteln: Schne Maske, ich kenne dich - und halten uns die Tabellen
mit der genauen Berechnung des riesigen Prozentsatzes der unehelichen Kinder
u.s.w. unter die hochgetragene Tugendnase. Die organisierte Lebenslge!
    Ah, mein verehrter Doktor Trostberg, in unserem Pessimistenstil werden wir
nicht vergessen drfen, aus dem Feigenblatt und der Faschingsnase und den
statistischen Tabellen bedeutsame dekorative Motive zu formen ...
    Wunderbar, wie trotzdem dem Reinen alles rein bleibt: meinem kleinen,
genialen Kameraden ist es keinen Augenblick eingefallen, die Schritte zu zgern
oder sonst das angelernte, scheue Gethue unserer Damen hervorzukehren, als der
Aufseher uns mit der hflichen Meldung den Weg vertreten wollte: Entschuldigen
die Herrschaften, wenn ich Sie darauf aufmerksam machen mu, da die
Besichtigung gewisser Huser in dieser Gasse den Damen untersagt ist. Der
Aufseher folgte uns, und es entwickelte sich folgendes Gesprch:
    Mein Kamerad: Aber das Vorbergehen wird erlaubt sein?
    Der Aufseher: Das ist es, Signora.
    Ich: Sind die Huser wirklich so gefhrlich, selbst in ihrer
Ruinenhaftigkeit?
    Der Aufseher: Man sagt's, gewisser Freskobilder wegen.
    Mein Kamerad: Und hat sie nie eine Dame gesehen, diese gefhrlichen
Freskobilder?
    Der Aufseher: Ja, auf heimliche Weise. Mir ist jedoch nur ein Fall
bekannt.
    Ich: Erzhlen Sie, bitte.
    Der Aufseher: Es war eine Russin mit kurz geschorenem Haar und auch sonst
sehr mnnerhnlicher Tracht. Es waren mehrere Herren bei ihr. Der Aufseher - es
war mein Vorgnger im Amt - wurde getuscht. Die Dame schlpfte mit hinein.
    Mein Kamerad: Und welchen Eindruck hat sie empfangen? Hat man Ihnen nichts
davon gesagt?
    Der Aufseher: Doch. Man hat in Pompeji lang darber gelacht ...
    (Hren Sie, mein verehrter Doktor Trostberg: man hat in Pompeji darber
gelacht! Die lachenden Pompejaner - die Mumien mit inbegriffen, welch' ein Bild!
Bei uns htte man Anzeige erstattet, Verhre angestellt, Zeugen vorgeladen,
Protokolle aufgenommen, Polizeiberichte an die Zeitungen verschickt, Urteile
gefllt, den Aufseher davongejagt, das Haus unter Siegel gelegt oder demoliert,
die Russin des Landes verwiesen, kurz, es htte einen Mordsskandal gegeben: in
Pompeji hat man gelacht! Ist das nicht klassisch?)
    ... und das Geschichtchen ist von Mund zu Mund gegangen. Die russische Dame
soll nmlich sehr enttuscht gewesen sein. Sie hatte sich etwas ganz anderes
erwartet, etwas Auerordentliches. rgerlich soll sie ausgerufen haben: Und
weiter ist es nichts? Das ist alles? Ce n'est que a? ... Qu'y a-t-il
d'extraordinaire? Wir Russen sind wahrhaftig pompejanischer, als diese
Pompejaner!
    Mein Kamerad: Was sind's denn fr Sachen?
    Der Aufseher: Allerhand Unzucht, nur etwas sehr natrlich. Die Inschriften
sollen noch deutlicher sein, als die Bilder. Ein deutscher Professor ...
    Ich: Mommsen.
    Der Aufseher: Ja, der Signor Mommsen, hat alle Inschriften mit der grten
Genauigkeit abgeschrieben; jetzt kann man sie in Deutschland in einem gelehrten
Buche lesen; das ist nicht verboten. Die Bilder hat man auch kopiert. In Neapel
kann man die Photographieen kaufen; die sind aber eigentlich verboten. Sie sind
auch sehr teuer.
    (Auf meine vertrauliche Anfrage, untersttzt durch ein Trinkgeld, hat mir
der Aufseher hernach die Adresse des neapolitanischen Photographiehndlers
vertraulich mitgeteilt.)
    Als wir uns vom Aufseher und seiner verrufenen Gasse mit vieler Rhrung
verabschieden wollten, bekamen wir noch ein charakteristisches Abenteuer in den
Kauf. Auf der Schwelle des letzten anrchigen Hauses - es duftete aber gar nicht
nach Pckelfleisch oder anderem Schweinernen, sondern roch ganz lieblich nach
den wrzigen Krutern, die wild in den Mauerrissen blhten und ihre weigelben
Blumen im Morgenwinde schaukelten - sa ein schwarz gekleideter, hagerer Mann
mit dem Rcken gegen die Holzthr, nach seinem ganzen Habitus ein puritanischer
Geistlicher irgend einer englischen Religions- und
Sittenverbesserungsgesellschaft. Was will der Mensch dort? fragte ich blinzelnd
und mit den Blicken deutend den Ausseher. Worauf dieser sich begngte, mit
Blicken und Gesten zu antworten und etwas durch die Zhne zu murmeln, was etwa
sagen wollte: Ein verrckter Englnder, der freiwillig den Wchter spielt und
die Besucher haranguiert, dem Ort des Verderbens fern zu bleiben.
    Darauf mssen wir die Probe machen, dachte ich. Mit raschem Mienenspiel -
das lernt sich schneller in Neapel, als das Volapk - verstndigte ich den
Aufseher, nahm meinen kleinen, genialen Kameraden beim Arm und schritt mit ihm
auf die Thr zu. Wie von der Tarantel gestochen, schnellte mein Englnder auf,
stemmte den Rcken gegen die Thr, und breitete die Arme aus und mit einem
Gesicht, in welchem sich Entrstung. Bitte, Drohung, Entschlossenheit bis zum
uersten malten, sprach er in unverflschtestem Englisch-Italienisch: Um
Gottes Barmherzigkeit, was suchen Sie in diesem Vorhof der Hlle, in diesem
Pfuhl schandbarer Lste?
    Ein paar verblate Bilder, unschuldige Kunstwerke eines lustigen
altpompejanischen Wandmalers, entgegnete ich und machte Miene, den frommen
Cerberus wegzudrcken.
    O Herr, ich beschwre Sie beim Seelenheil Ihres holden Weibes, fordern Sie
hier nicht Einla, verzichten Sie auf den Anblick dieser heidnischen
Teufelswerke; Ihr Auge knnte nicht mehr mit reinem, beseligendem Blicke auf
Ihrem jungen Weibe ruhen ...
    Meinem jungen Weibe! Wie mich dies Wort seltsam schttelte!
    Flora Kuglmeier zupfte mich am rmel. Nie habe ich in ein lieblicher
errtendes Antlitz gesehen. Mit einer schnellen Biegung des Kopfes entzog mir
ihr breitschattender Strohhut das se Gesicht. Ich sah nur ein Stckchen Hals
und Nacken, leicht gebrunt, mit einem Kranz gekrauster, wilder Haare, ber die
ein aschblonder natrlicher Lockenbschel handbreit hinabfiel. Wie das sonnig
schimmerte und duftete! Frwahr man htte mir alle Schtze - Indiens, sagen die
Romanphrasenmacher - alle Schtze der Reichsbank und des Juliusturms anbieten
drfen, jetzt diesen herzerquickenden Anblick mit der Betrachtung der
klassischen Wandklexereien zu vertauschen, ich htte den Tausch ausgeschlagen.
Naturalia non sunt turpia und in der Kunst und Kunstbetrachtung gibt's nichts
Obsznes, allein der fanatisch-heilige Thrsteher hatte Recht: alle venusischen
Schilderungen der Alten wiegen die Wonnen eines lebendigen, holden, deutschen
Weibchens nicht auf.
    Wir schlugen uns um die Ecke. In der Nhe war das neue Ausgrabungsviertel.
Gestern hatte zu Ehren eines hohen fremden Gastes die Blolegung eines Hauses
stattgefunden. Wie in Deutschland die hohen Herrschaften einem Gaste von
Distinktion eine Jagdpartie anbieten, wird hier von den Behrden einem fremden
Besucher von Rang eine Ausgrabungspartie auf das Ehrenprogramm gesetzt. Wir
traten in das zuletzt blogelegte Haus. Wie da noch die Wnde frisch glnzten,
die Farben krftig leuchteten! Und das Vergngen, zu den Ersten zu gehren,
welche an dem frisch Ausgegrabenen herumrtseln drfen! Es war offenbar eine
Weinwirtschaft gewesen. Heda, Padrone, eine Flasche Falerner! Ja, vor
achtzehnhundert Jahren htten wir nicht umsonst gerufen. Der Padrone war leider
nicht mehr zu haben. Sie hatten gestern sein Gerippe zusammengelesen und ins
Museum geschleppt.
    Und jetzt eine Probe der eminenten archologischen Begabung meiner Flora
Kuglmeier. Ich hatte ihr aus der Anordnung des Gemaches, den Lchern fr die
Amphoren, den marmornen Schenktischen, die auf der einen Seite ein Gesimse fr
Flaschen und Krge, auf der andern eine Vorrichtung zum Kochen und Warmhalten
der Getrnke haben u.s.w. den Schlu auf die gastgeberische Bestimmung des Ortes
erklrt. Auch die Wandgemlde standen dazu in entsprechender Beziehung.
    Also eine Weinschenke, eine Kneipe, nichts weiter? fragte sie. Dabei
musterte sie aufs neue die Bilder.
    
    Pltzlich: Da sehen Sie einmal diese blaue Wand, durch bebnderte und
bekrnzte Stbe in Flchen eingeteilt und in den Ecken dieser Flchen je drei
Kugeln. Wie deuten Sie diese Dekoration?
    Ich erwiderte: Das ist ein beliebiges Verzierungsmuster ohne tieferen
Sinn.
    Darauf sie mit schelmischer berlegenheit: Sie sind bald mit Ihrem Latein
zu Ende. Das ist gar kein beliebiges, das ist ein sehr bestimmtes Muster von
lokaler Bedeutung. Aller Schmuck und Zierat hat Beziehung auf Gebrauch und
Umgebung.
    Ich stutzte: Sie werden doch nicht in diesen Stben ...
    Billardstcke und in diesen Kugeln Billardkugeln erkennen wollen? spottete
sie. Freilich will ich das. Dieser Raum war nicht blo eine Kneipe, er war auch
ein Billardsaal ...
    Ich klopfte ihr auf die Schultern und lachte: Das haben Sie brav gemacht.
Ein Billardsaal ...
    Lassen Sie mir nur ein wenig Zeit und ich werde Ihnen das Nebengemach als,
wie sage ich nur gleich ... als ...
    Als Klavierzimmer oder Gesellschaftssaal mit weiblicher Bedienung und einem
Pianino in der Ecke nachweisen - nicht wahr?
    Nein, fr so unvernnftig und unknstlerisch halte ich die Alten nicht.
Villard, ja. Aber das Pianino kannten die Alten nicht, und htten sie's gekannt,
wrden sie's polizeilich unterdrckt haben an den Orten, die zur Freude und
nicht zur Marter bestimmt waren. Nur die modernen Kulturvlker sind so
bldsinnig, was zur Freude geschaffen, bis zur grten Unlust und Schinderei zu
bertreiben. Die glcklichen Pompejaner wuten nichts von der Klavierpest. Sie
wuten auch nichts von unserer Schultyrannei. Ein griechisches Gymnasium war ein
Ort der Lust, ein deutsches Gymnasium ist eine Hlle dagegen; ich hab's
jahrelang an meinem Bruder beobachtet. Wir lernen von den Alten hauptschlich
nur, um unsere Dummheiten klassisch zu beschnigen.
    In dieser Weise lie sie noch lange ihrer Laune die Zgel schieen. Unbewut
fhrte sie mit allerlei Einfllen die altertmelnden Schriftgelehrten und
Klgler und Nachahmer ganz ergtzlich ad absurdum.
    Und jetzt einen Schritt ins Tablinum, verehrte Zeichendeuterin!
    Sagen wir auf deutsch Wohnstube, bersetzte sie sofort.
    Das war nun freilich etwas voreilig. Allein ich wollte ihr die Freude der
freien bertragung nicht durch pedantische Schulmeisterei verleiden. Ich lie
mich daher zu einem Kompromi herbei - mein archologisches Gewissen hielt sich
muschenstille, ach, selbst das Gewissen wird weit und galant einem solchen
herzigen Geschpf gegenber! - und bemerkte: Sagen wir lieber die sogenannte
gute Stube auf Berlinisch, denn das Wohn- oder Familienzimmer lag bei den
Pompejanern ganz im Hintergrunde des Peristyls und hie kus; die Alten hielten
darauf, ihr Familienleben sorglich von der Berhrung mit der Welt abzuschlieen.
    Das war brav von den Alten, das gefllt mir, sagte sie.
    Wieder ein hbsches Bild, ein Lieblingsmotiv der Pompejaner, nach den
zahlreichen Wiederholungen zu schlieen.
    Die verlassene Ariadne? Es scheint, da diese Skandalgeschichte in der
alten Welt Sensation gemacht hat. Bei uns ist dergleichen etwas Alltgliches.
Ein simples Leutnants-Abenteuer. Welcher Backfisch hat bei uns nicht schon
seinen Verzweiflungs-Moment der verlassenen Ariadne gehabt, oder gleich eine
Serie von solchen Momenten, bis sich der trstende und heiratsmutige Dionysos in
Gestalt eines begterten Spiebrgers eingefunden ... Ein passables Mdchen,
diese Ariadne - aber der Held ist ein fader Geck. Und diese spahafte
Ausrstung: ganz nackt mit einem kolossalen Helm auf dem Kopf. Bei den Griechen
findet man so etwas erhaben; ein Neger aber mit einem Cylinderhut erscheint
bodenlos lcherlich. Finden Sie einen Unterschied? Ich nicht. Der Tochter des
Minos ist brigens recht geschehen. Warum mute sie sich mit diesem Hanswurst
einlassen. Die Mnner sind ja im allgemeinen so feig.
    Aber, aber! drohte ich.
    Mu man sich nicht zu jedem angefhrten oder sitzengebliebenen Mdchen
einen elenden Durchbrenner als Pendant denken?
    Was wrden Sie der armen Ariadne raten, wenn sie nun erwacht und ihre
trostlose Situation bersieht? fragte ich listig.
    O, das ist sehr einfach: ich wrde ihr raten, zunchst ein bischen zu
tanzen, um ihre verrenkten Glieder wieder in Ordnung zu bringen - sie liegt ja
so schlecht, sehen Sie nur, es sind ihr gewi auch die Beine eingeschlafen - und
dann soll sie dem sauberen Helden eine Nase drehen und sich selbst auslachen.
Wenn sie das nicht vermag, soll sie sich wieder hinlegen und schlafen bis zum
jngsten Tag.
    Aber dann htte ja der gute Dionysos nichts zu trsten gehabt!
    Ein ganz besonderes Vergngen bereiten meinen genialen Kameraden die
Wandinschriften, die Dipinti und Sgraffiti. Die Elemente des Lateinischen sind
ihr gelufig, da sie ihrem jngeren Bruder auf Lateinschule und Gymnasium bei
Fertigung der Hausaufgaben fleiig helfen mute, um den Faullenzer vorwrts zu
bringen, und ihre vollkommene Beherrschung des Franzsischen und Italienischen
wei sie mit feinem Sprachinstinkt auch fr die Entzifferung antiker Inschriften
nutzbar zu machen. Reicht's nicht, spring' ich mit den Resten meiner
Schulgelehrsamkeit zu Hilfe. Im Korridor der Casa dell' Orso haben wir lange
nach dem Original des bekannten Doppel-Distichons gesucht, das in jedem
Pompeji-Fhrer steht und von Romann so verdeutscht wurde:

Liebende herbei! Ich will
Venus einige Rippen brechen,
Ihrer Schenkel Gtterkraft
Will ich mit dem Knttel schwchen!
Kann sie mir das Herz zerreien,
Kann ich ihr den Kopf zerschmeien.

    Wir fanden's nicht. Dafr das andere:

Binde den Wind hier an, wer da Liebende schilt; er verbiete
Munter springendem Quell, da er zu Thale enteilt.

    Ist das nicht ganz reizend? Spter hatten wir das seltene Finderglck, ein
Distichon einzuheimsen, das allen seitherigen Sammlern entgangen zu sein
scheint. Ich bin so freigebig, es Ihnen im Originaltext zu verehren:

Qui quidem amat, vivit; moritur qui nescit amare,
Bis morietur qui saevus amare vetat.

    Drei Worte waren nicht mehr leserlich, ich habe sie aus Eigenem ergnzt -
und ich will's um des hbschen Inhalts willen gern auf mich nehmen, von Ihnen
ausgelacht zu werden, wenn ich gestmpert oder ganz daneben geschossen habe. Ich
bin ja so wenig ein Dichter wie ich ein geborener Lateiner bin. Aber diese
Todesdrohung fr den, der nicht zu lieben versteht - gibt das nicht zu denken?
Und ich will leben, langes, reiches, lebendigstes Leben leben! Wie fang' ich's
an? ...
    Es klopft an der Wand. Das verabredete Zeichen.
    Gleich, gleich. Ich bin bereit, meine se, unvergleichliche Flora.
    Ich gre Sie mit meinen heitersten Gren, verehrter Freund und Doktor
Trostberg. Frchten Sie als guter Deutscher Gott und sonst nichts auf der Welt.
In wenigen Monaten werde ich Sie in der Heimat wieder sehen. Betrachten Sie
inzwischen diesen Brief, mit dem ich mir und hoffentlich auch Ihnen eine rechte
Freude gemacht, als ganz vertrauliche Mitteilung. Empfangsbesttigung,
Danksagung, goldene Busennadel, Photographie u.s.w. erbitte innerhalb vier
Wochen postlagernd Palermo.
    Ich unterzeichne in Eile und schleudere die Feder fort. Flora -
                                                                 Joseph Zwerger.

                                       2.


Das Kinderzimmer ging immer noch auf den Hof. Als Kommerzienrat Raler das
vierstckige, mit Balkonen und einem Vorgarten geschmckte Eckhaus der
Maximilian- und Quaistrae vor drei Jahren kaufte, sagte er wohl, das sei nur
provisorisch, das Kinder-und Schlafzimmer msse die beste und sonnigste Lage
haben, Morgensonne natrlich, und auf der Gartenseite, damit die gute,
ozonreiche Luft durch die Fenster strme, der Vogelgesang aus den Zweigen der
Ahorn-, der Kirschen- und Birnbumchen in aller Frhe erschalle und die kleinen
Langschlfer aus den Betten pfeife. Allein Herr Raler war strker in guten
Meinungen und Vorstzen, als in deren Ausfhrung.
    Man mu sich ja ohnehin so einschrnken in den neuen Husern: zehn Zimmer,
was will das viel bedeuten! Wenn man den groen Salon, den Speisesaal, das
Empfangszimmer, die altdeutsche Kneipstube, das Billardzimmer, das Boudoir der
gndigen Frau und das Badezimmer abrechnet, bleiben blo noch drei Rume zum
Wohnen und Schlafen. Damit ist der ganze erste Stock nach seinem Rauminhalt
erschpft. Das Erdgescho, ein Hochparterre mit einer Veranda gegen den Garten,
ist fr empfindliche Leute zum Bewohnen nicht recht ratsam; der Straenlrm, die
feuchte Nachtluft von der Isar herber, die Nhe des Grundwassers, die
Ausdnstung der verschiedenen Kanle und so weiter - nein, nein, Herr Raler
konnte sich nicht entschlieen, da unten zu hausen. Auer zwei eleganten
Gesellschaftsrumen, die mit exotischen Gewchsen vollgestellt waren und als
eine Art Treibhaus und Anhngsel des Gartens gelten konnten, enthielt das
Hochparterre noch die Kche mit den notwendigen Nebengemchern und die Zimmer
fr das Dienstpersonal nach der Hofseite.
    Auer dem ersten Stock auch noch den zweiten zu bewohnen, das erlauben die
schlechten Zeiten nicht einmal einem Kommerzienrat. Man hat ja ohnedies noch das
teure Landhaus am Starnberger See auf dem Hals. Und den zweiten Stock wrde Herr
Raler, der trotz aller, wenn auch nur schchternen, Versuche mit der
Schweningerei immer noch seine wohlgewogenen hundertzehn Kilo wiegt, schon aus
dem einfachen Grunde nicht bewohnen, weil er das Treppensteigen als eine der
hlichsten Einrichtungen des Lebens empfindet. Jawohl, eine Aufzugsmaschine!
Aber wie viele Unglcksflle sind schon passiert durch das Zerreien einer
Kette, Brechen des Fahrstuhls und hundert andere Fhrlichkeiten, welche das
teure Leben bedrohen. Zudem ist auch das Treppenhaus so verbaut, da sich die
nachtrgliche Einrichtung einer Aufzugsmaschine nur mit den grten Kosten
bewerkstelligen liee.
    Ganz abgesehen von dem riesigen Entgang an Mietzins, den die englische
Familie bezahlt, die seit sechs Jahren den zweiten Stock inne hat.
    Eine Familie von verrckten Kunst- und Naturschwrmern, die sich alle drei
Jahre die unverschmteste Preissteigerung gefallen lt, nur um die herrlich
gelegene Wohnung an der wildbrausenden Isar mit dem Ausblick auf das bayerische
Hochgebirge, besonders den mchtigen Alpenstock des Wettersteingebirgs mit der
Zugspitze, zu behaupten, obwohl vom Balkon aus nur noch ein hausgroes Stck
davon ber dem Isarthal zu erblicken ist, seit die Neubauten der Grobruer auf
dem Auer und Giesinger Hhenzug entstanden sind und die Rundsicht auf die Alpen
bis auf einen schmalen Streifen zugedeckt haben. Aber das gengt den Englndern
im zweiten Stock: allmorgendlich und allabendlich tummeln sie sich auf dem
Balkon, bewaffnen sich mit ellenlangen Fernrhren, strecken die Hlse, begucken
sich die schimmernden Alpenspitzen und debattieren ihre Wetterprognose.
    Die mchtigste Anziehung nchst dem Blick auf die Alpenwelt jedoch bt auf
die englische Familie die Isar selbst: auf die weiblichen Mitglieder besonders
zur Flozeit, wenn die wetterharten Holzknechte von Tlz und Lenggries mit den
blauen Falkenaugen, den khnen Hackennasen, den starren blonden Schnauzbrten
und dem gemsbart- und auerhahnfedergeschmckten Filzhut, das Hemd auf der Brust
offen, da die braune Haut mit dichten Haarbscheln heraussieht, - ihre Fle
dahertreiben und auf dem Flokanal, hart am Wehr vor dem Ralerschen Hause,
verankern.
    Da jauchzt das Herz der Lady Mary Vivian und ihrer Kousinen Misses Wood,
wenn die Bursche bei der harten Arbeit mit den blinkenden Holzxten auf die
Tannenstmme einhauen und dabei die derben Wilderer-Waden das Leder der hohen
Wasserstiefel durch die Wucht der gespannten Muskulatur zu zersprengen drohen.
Und die Rufe und Gegenrufe, die wie wilder Vogelschrei klingen in dem
urbajuwarischen Gebirglerdialekt - welch ein erregender, erfrischender
Tonwechsel in diesen Naturlauten, wenn die englischen Ohren und Herzen sich den
Winter ber in den s berckenden Weisen von Chopin, Wagner, Liszt halb zu tot
geschwelgt!
    Fr die mnnlichen Mitglieder des Wood-Astonschen Familien-Komplexes liegt
der Hauptzauber der wilden Isar in etwas ganz anderem: nmlich in den nicht eben
seltenen Szenen der Mordromantik, die sich gerade an dieser Uferstelle am
eindrucksvollsten abspielen. Der erste Blick vom Balkon gilt in der Frhe dem
groen Wehr am sogenannten Abrecher oberhalb der Maximiliansbrcke: ob hier
nicht der Kadaver irgend eines Ertrunkenen im smaragdgrnen Kanalwasser sich
blht und schaukelt. Da gibt es dann Volksauflauf, Gendarmen-Intervention,
Rettungsversuche, Polizei-Inspektion; der Kadaver wird mit mehr oder weniger
Anstrengung und Lrm herausgefischt, am Ufer niedergelegt, untersucht, dann von
schwarzuniformierten Mnnern auf eine Tragbahre geladen, mit einem braunen
Wachstuch zugedeckt und davongeschleppt in die Morgue, gefolgt von einem
Gendarmen. Lange bleibt der Volkshaufen noch stehen - die Dienstmdchen und die
alten Weiber der Nachbarschaft fehlen niemals; man beguckt die Stelle, bespricht
mit einem groen Aufwand von Gesten den Fall und zerstreut sich dann allmhlich,
das Verdikt von Mord oder Selbstmord oder simplem Unglcksfall in die nchsten
Gassen tragend. Welch ein labendes Schauspiel fr Mister Harry Wood, dessen
Strke neben dem Dilettantismus in der Malerei gerade die Selbstmordstatistik
bildet! Er hat bereits ziffermig festgestellt, da die Isar vor seiner Wohnung
im Jahr durchschnittlich zehn Kadaver produziert, wovon drei mnnlichen und
sieben weiblichen Geschlechts - die letzteren zu fnfzig Prozent dem
jugendlichen Dienstmdchenalter angehrend. Er ist infolge seiner intensiven
Beobachtungen und Berechnungen auch gar nicht der Ansicht der Mnchener
Polizeibehrde, da die Mehrzahl dieser Ertrinkungsflle auf Unvorsichtigkeit
und hnliche harmlose Ursachen zurckzufhren sei, sondern behauptet im
Gegenteil, da besonders bei den jugendlichen weiblichen Opfern auf
Vergewaltigung aus Lustgier und Raubsucht und auf berlegten Mord geschlossen
werden msse. Seine englische Phantasie, genhrt an den Brsten der
kriminalistischen Rothaut-Muse eines Poe und Bret Hart, malt ihm dabei mit
lebhaftestem Eingehen auf alle nur denkbaren Nebenumstnde die packendsten
nchtlichen Schauderszenen an den Brcken, Stegen, Wehren, an den parkartig
bewaldeten Stellen der Isarufer und auf den Isarinseln mit ihrer lauschigen
Abgeschiedenheit in den grellsten Farben. Das gewhrt ihm einen wahrhaft
knstlerisch-wissenschaftlichen Genu.
    Seine mchtig erregte Einbildungskraft spielt ihm manchmal auch die
abenteuerlichsten Possen. Wenn er lange auf dem Balkon gestanden und in die
rauschende Isar gestiert, einen Ertrunkenen zu entdecken, und die heie Sonne
der bajuwarischen Hochebene seinen britischen Insulaner-Schdel zum Krachen
geheizt hat, dann geht eine mrchenhafte Verzauberung mit ihm vor. Die schmale
Isar verbreitert sich vor seinem Blicke zu einem ungeheuren glitzernden
Wasserspiegel, zweigt ganze Strme als Nebenflsse von der Ausdehnung eines
Mississippi ab, dazwischen gaukeln, wie die Luftgebilde einer Fata Morgana,
Urwlder und Prrien, bevlkert von kampfeswtigen Rothuten, die auf blutigen
Kriegspfaden wie wahnsinnige Tiger dahinschleichen, die Mordwaffe im Anschlag
...
    Holla, schreit er pltzlich auf, ein Leichnam schwimmt daher, noch einer
und wieder einer - und dort ein Skalp und noch ein Skalp - heisa! da wieder ein
ganzer Kopf, scharf abgeschnitten ...
    Und er beugt sich ber den Balkon, klatscht in die Hnde, mit rckwrts
gewendetem Gesicht frenetisch ins Zimmer rufend: Mi Vivian, Mi Vivian, sehen
Sie doch, wie das purzelt und Wasser schluckt und wieder ausspeit und ruhig
schwimmt und wieder purzelt, eins, zwei, fnf, zehn Kadaver - und eine Legion
Kpfe und Skalps! Wunderschn, hinreiend!
    Und Mi Vivian springt vom Flgel auf und lacht, und die ganze Familie hlt
sich den Bauch und lacht: Mister Harry phantasiert - phantasiert wie toll. Ein
paar alte schwimmende Holzscheite hlt er fr Kadaver, ein Reisigbndel fr
einen Skalp, einen alten Blechtopf fr einen abgeschnittenen Kopf!
    Aber dort, seht doch, ein bewaffneter Indianerzug! und er deutet auf den
Steg an der Feuerwerksinsel.
    Das sind ja durstige Mnchener, die nach den Bierkellern wallfahren und vor
Ungeduld, da ihnen das Bier nicht durch die Luft ins Maul fliet, mit den
Stcken fuchteln ...
    Aber das breite Wasser da unten, gro wie ein See, mit der feurigen Sonne
darber? Ist das nicht der Mississippi?
    Kindskopf, nein, das ist die Isar, die I-saa-r! Mi Vivian lacht ihm immer
lustiger ins Gesicht und nimmt ihn mit ihren langen, feinen Fingern ein wenig
beim Ohrlppchen.
    Nun spielt er die Posse mit Bewutsein und Absicht weiter. Vivians Griff hat
ihn angenehm elektrisiert. Aber diese beiden kolossalen Mississippi-Dampfer,
die da drben Bord an Bord schaukeln, die mt Ihr doch gelten lassen?
    Mi Vivian nimmt ihn krftiger beim Ohr, da er vor Lust mit den Zhnen
knirscht: Schelm, das ist der Hofbruhauskeller und die gotische Kirche von
Haidhausen!
    Mama Wood, den Kopf in die Neuesten Nachrichten vergrabend und nach
Unglcksfllen schnffelnd, erklrt: Harry ist um seine Phantasie zu beneiden.
Die Isar thut ihre Schuldigkeit schlecht; sie hat schon so lange keinen Kadaver
mehr gebracht! Es ist recht langweilig ... Man verlernt das se Gruseln ...
    Kommen aber zu den Ertrunkenen noch einige Erhenkte an den alten, schnen
Kastanienbumen an der Isar-Quai-Promenade unter den Fenstern des Ralerschen
Hauses, dann schmeckt der englischen Familie das Frhstck noch einmal so gut;
sie ist dann unsagbar befriedigt von den hohen Naturreizen und Vorzgen ihrer
Wohnung, da sie sich mit Enthusiasmus eine Mietzinserhhung gefallen lt,
whrend sie sich mit Hnden und Fen gegen eine Steigerung wehrt in einem
Jahre, welches weniger Isar-Ertrunkene oder gar keine Kastanienbaum-Erhenkte
Produzierte.
    Well, lispelte im vorigen Jahre Mister George Vivian Aston, das derzeitige
Oberhaupt des englischen Familien-Komplexes, als ihm der Herr Kommerzienrat eine
neue Steigerung ankndigte, nachdem sich sehr gnstig gerade am Morgen des
Mietzahlungstags ein erhenkter Packtrger am Kastanienbaum befunden hatte: 
Well, die dreihundert Mark ist der arme Teufel wert, er war sehr gut gehenkt und
sah sehr gut aus in dem Morgennebel, der mich an meine geliebte Insel-Heimat
erinnerte.
    Seit der Grndung des Mnchener Ruderklubs, der seine bungen, in den
Abendstunden auf dem Isarkanal zwischen der Maximilians- und Ludwigsbrcke
abhlt, sind die Englnder, besonders die Ladies Mary und Georgina, ganz Feuer
und Flamme fr die wundervolle Lage ihrer Mnchener Wohnung. Auch Mister Harry
Wood verspricht sich von dieser aquatischen Erweiterung des Mnchener
Vereinslebens neue Gensse; er hat seiner Statistik eine neue Rubrik eingefgt:
Ertrunkene Mitglieder des Mnchener Ruderklubs bei ihren Schulfahrten auf der
Isar an der Quaistrae.
    Dieser Harry Wood war in der ersten Zeit ein Gegenstand des Abscheues fr
die ganze kommerzienrtliche Hauseigentmerschaft. Hatte er doch die satanische
Gewohnheit, in den Ralerschen Garten zu spucken! Und als ihm dieser
Gartenspuck-Sport kraft eines neuen Paragraphen, den Herr Raler extra fr
diesen unvorhersehbaren Fall in die alte, gedruckte Hausordnung einfgen lie,
untersagt worden war, da ersann er flugs eine andere Unart, um den neuen
Hauseigentmer zu rgern. Der unglaubliche Mensch nahm ein Blasrohr und bescho,
hinter den Spitzen-Gardinen des Balkonfensters versteckt, den Glatzkopf des
Herrn Kommerzienrats mit Erbsen, sobald dieser arglos lustwandelnd im
Abenddmmer zwischen den grnen Struchern und Bumen seines Hausgartens
auftauchte. Erst der heimlichen, aber energischen Dazwischenkunft der Frau
Leopoldine Raler, welche zwar keine besondere Hochachtung vor dem kahlen Haupte
ihres Gemahles empfand, es aber doch nicht zur Zielscheibe fr englische
Blasrohrschtzen entwrdigt sehen wollte, gelang es, diesem Unfug zu wehren. Auf
Frau Leopoldine hielt Harry Wood groe Stcke.
    Wir sollten endlich doch ein anderes Zimmer fr die Kinder bestimmen; je
mehr die Knaben heranwachsen, desto bedenklicher werden die Strungen vom Hofe
her. Die Hofseite hat mir nie gefallen, Du erinnerst Dich? bemerkte Frau
Leopoldine Raler, mit etwas mden Bewegungen in ein einfaches, knappes
Hauskleid, gelb und braun, von echt persischer Wollweberei, die krftigen Formen
pressend, von der Schwelle ihres Boudoirs zu Herrn Raler hinber, der sich
gedankenlos im amerikanischen Schaukelstuhle wiegte und seine feuchten
Bulldoggen-Augen in den goldenen Arabesken des Salon-Plafonds spazieren gehen
lie. Gedankenlos? Vielleicht doch nicht ganz. Im roten Fleisch des
Vollmondgesichtes spielte eben wieder ein verschmitzter Zug, offenbar als
Nachwirkung eines listigen Gedankenfragments, das durch den Eintritt der
fragenden Frau nicht zu Ende gebracht werden konnte. Die Gestrenge! Natrlich.
Sie berief sich immer auf den puritanischen Arzt, wenn sie seinen
Nachtischscherzchen ausweichen wollte. Die Widerwillige! Aber sie hatte sich
doch seiner Laune bequemt ...
    Ich erinnere mich, mein Leo (er gebrauchte mit Vorliebe die mnnliche Form
der Namenskrzung), ich erinnere mich, mein Leo! erwiderte er mit schlfriger
Stimme zweimal. Ich bin ganz Deiner Meinung.
    Er ghnte, ohne die Hand vorzuhalten.
    Das bist Du seit drei Jahren, hast aber bis heute nichts gendert, und Du
bist doch der Herr im Hause.
    Ja, der bin ich, mein Leo. Sind neue Unzukmmlichkeiten vorgefallen?
    Sie trat hinter den Stuhl, hielt mit festem Griff der Lehne die
Schaukelbewegung an und sagte, ohne ihr schnes, mattleuchtendes Gesicht zu dem
dicken, schlfrigen Gatten niederzubeugen: Der Harry Wood spricht von seinem
Kchenbalkon immer dummes Zeug zu den Leuten in den Hof hinunter, aber so laut,
da es in der Kinderstube gehrt wird. Da unterbrechen die Knaben die Arbeit,
horchen und lachen. Herr Schlichting hat sich soeben ber die Strung beklagt.
    Der gute Herr Schlichting. Das glaub' ich wohl. Recht, ich werde mir die
Sache berlegen. Wenn's gar nicht anders geht, werde ich die Englnder doch noch
zum Haus hinaussteigern. Sonst liegen keine Unzukmmlichkeiten vor?
    Die Hausleute im dritten und vierten Stock beschwerten sich vorhin, da
eine unbekannte Hand in vergangener Nacht die Thrklinken mit gekochten
Wursthuten berzogen und die kleinen, runden Gucklcher mit Oblaten zugeklebt
habe. Als die Frau Professor im dritten Stock vom Theater heimkehrte und im
Dunkel die warme weiche Wursthaut an der Thrklinke in die Hand bekam, schrie
sie vor Entsetzen und war einer Ohnmacht nahe ...
    Der Herr Kommerzienrat wlzte seinen Fettwanst vor Lachen halb aus dem
Schaukelstuhl heraus und quackerte sein Lieblingswort: Das macht der Liebe kein
Kind ... Die gute Frau Professor ... Das glaub' ich wohl.
    Der pltzliche Lachanfall trieb ihm das Blut bis in die weie Glatze hinauf.
Fast ngstigte er sich, da er der lustigen Erregung nachgegeben. Aber der Spa
war zu gut. Die Frau Professorin, die Vornehmthuerin und Superkluge, statt der
Thrklinke eine warme Wurst in der Hand und einer Ohnmacht nahe! Ein gottvoller
Jux! Und er lachte aufs neue, da ihm dicke Tropfen ber die runzligen
Thrnenscke hinweg die Backen herunterliefen.
    Der Verdacht lenkt sich natrlich auf den tollen Englnder. Aber die Leute
im vierten Stock zischeln schon, unser Hermann wr' auch solcher Streiche fhig;
der Englnder verfhre ihn und stifte ihn zu nichtsnutzigen Streichen an.
    Wenn das Gesindel vom vierten Stock ...
    Es sind anstndige Leute, die Postoffizials, bitte ...
    Erlaube, mein Leo, was im vierten Stock wohnt und ein halbes Dutzend Kinder
hat, ist mehr oder weniger Gesindel ... Kein anstndiger Mensch steigt und wohnt
so hoch ... und setzt so viele Kinder den andern Leuten auf die Kpfe ...
    Wer selbst Kinder hat und seine Kinder liebt, sollte auch vor dem
Elternglck und der Elternsorge der andern mit geziemender - ich sage nicht
Noblesse, das versteht nicht jeder! - Achtung denken oder wenigstens sprechen.
Wer anders handelt, wrdigt sich selbst herab ...
    Du bist heute sentimental, mein guter Leo; das Beamtenpack mit den vielen
Kindern ist mir nun einmal zuwider. Das blht sich und brstet sich ... Ja, die
Bildung! Und die Einbildung! Und dabei nichts im Sack; jeden Monat rennt's mit
seiner Quittung an die Staatskasse. Das frit alles aus der groen Schssel -
und den Kinderluxus mu zuletzt das Volk, das heit: mssen wir bezahlen. Ewig
Gehaltsaufbesserungen, und Witwen- und Waisenpensionen. Das verstehst Du nicht,
was das kostet. Wo kein Vermgen ist, gehren auch keine Kinder hin.
Kindermacherei auf Regimentsunkosten, das ist was Rechtes! Davon will ich gar
nicht reden, wie die im vierten Stock unser Haus abntzen. Immer ist die Treppe
beschmutzt, das schne Stiegengelnder schon ganz verkratzt. Wie die Fubden
und die Tapeten ausschauen, daran mag ich nicht denken. Und dafr zahlen sie die
lcherliche Miete von 700 Mark. Na, ich werde den Herrn Offizial mit seinem
Kinderpack nchstens hinaussteigern. Zum Saustall ist mir mein vierter Stock zu
gut.
    Mit einem zornigen Sto schnellte Frau Raler den Schaukelstuhl in Bewegung
und verlie das Zimmer, etwas wie ein ekelhafter Protz! zwischen den Zhnen.
    Der Herr Kommerzienrat versank eine Sekunde in verblfftes Staunen, dann
erholte er sich wieder mit der verlangsamten Wiegebewegung und quackerte fr
sich weiter: Der gute Leo hat wirklich wieder einen schlechten Tag. Aber das
macht der Liebe kein Kind. Was im vierten Stock wohnt, ist immer mehr oder
weniger Gesindel, und wenn es meinen Hermann verleumdet, wird's zum Tempel
hinausgesteigert. Das ist einfach. Ich begreife die Aufregung meines guten Leo
nicht. Auf den Hermann la' ich nichts kommen. Absolut nichts. Nchstes Ziel ...
Georgi ... kaum noch vier Wochen ... wird ... das Gesindel ... gesteigert ...
da ihm ... die ... Rippen ... kra ... krachen ...
    Und der Herr Kommerzienrat war sanft eingenickt. Er hatte den Mund mit den
gelben, angefaulten Zhnen halb offen und schnarchte seinen gediegenen
Nachmittagsschlaf. Auf der Maximilianstrae klingelte die Pferdebahn, an der
Quaistrae rauschte die Isar, im ersten Stock verklimperte Mi Vivian gar
gefhlvoll ihre Seele im Wagner'schen Siegfried-Idyll; durch das offene
Balkonfenster ber dem Garten flutete Frhlingshauch und Sonnenduft in linden,
wrzigen Wellen herein: Raler schlief in seinem weichgepolsterten Amerikaner
wie ein feister seliger Engel im Paradies. Nicht einmal der Anflug einer bsen
Traumeslaune wagte ihn heute zu stren ... Und wie er dalag, in holder
Bewutlosigkeit das stilwidrigste Inventarstck seines stilvollen Salons! Wie er
schnarchte und dnstete! Keine Angst: die Verdauung war wieder wundervoll in
Ordnung. Der groe Kunstmzen, als welchen er sich mit Hochgenu preisen hrte,
war vor allem ein groer Knstler im Essen und Trinken. Sein Wahlspruch: Sehr
gut und sehr viel! Und heute war das Men wieder geradezu erhaben gewesen.
Krammetsvgelsuppe von gttlichem Wohlgeschmack. Poularde mit frhem
Riesenspargel aus dem Sden von berwltigender Qualitt. Und das brige! Und
das Unsagbare zum Nachtisch ...
    Er schnarcht wie ein Sgebock, spottete die Gusti und legte die
Korrespondenz nebenan auf das japanische Serviertischchen. Der platzt doch noch
in seinem Dickwanst ... Dann huschte sie auf den Zehenspitzen wieder hinaus.
    Es war keine Zofe mehr in gefhrlichen Jahren. Eine Art von abgelagertem
weiblichen Faktotum, ebenso allwissend in allen intimen Hausangelegenheiten wie
ein Beichtvater in den Sndhaftigkeiten seines Sprengels, und dabei ein
seltsames Gemisch von diskreter Unverschmtheit, treuherziger Dienstgeflligkeit
und schlauer Berechnung des eigenen Vorteils. Jedermann im Hause schwor auf ihre
Zuverlssigkeit, und niemand schwor falsch. Gusti war eine abgefeimte Diplomatin
- und, wie alle Diplomaten, wenn's schief ging, nie um eine gute Ausrede
verlegen.
    Der Herr Kommerzienrat hatte sie aus seiner ersten Ehe, wo sie als Kindsfrau
dem kleinen Eugen ihre Wrterdienste leistete, in die zweite Ehe mit herber
genommen. Die zweite Ehe war seither unfruchtbar geblieben; Frau Leo Raler,
keiner Kinderwrterin bentigt, erhob die gewandte Gusti zur Wrde einer Zofe -
was aber kaum mehr als eine Sinekure bedeutete, da die neue Gndige
merkwrdigerweise ihre Leibesbedienung selbst besorgte. Gusti machte sich im
Hause ntzlich, wo sich irgend eine Gelegenheit bot. Sie war die Vertraute
beider Gatten, bis zu einem gewissen Grade, und sie hatte dabei fr jeden ein
besonderes Ohr und eine besondere Zunge, wobei sie mit groem Geschick jeder
Verwechslung gewachsen war. Nie war ihr in diesem Punkte bis jetzt ein Unfall
passiert.
    In der ersten Zeit seiner zweiten Ehe, so vor vier, fnf Jahren, hatte der
Herr Kommerzienrat sehr viel auszustehen, bis er sich einigermaen in das
fremdartige Wesen seiner neuen Gattin eingelebt. Gusti griff ihm bei diesem
Anpassungsproze wacker unter die Arme mit dem Schatze ihrer Erfahrungen und
ihrem Instinkte fr absonderliche Weiberlaunen und deren oft noch
absonderlicheren Art der Befriedigung. Da sie oft fehl griff, lag an den
Umstnden, nicht an ihrem Witz und Willen.
    Wenn ihr der Kommerzienrat sein Leid klagte, da Frau Leopoldine doch gar so
khl und verschlossen gegen ihn sei, da er so wenig zrtliches und in der
Zrtlichkeit erfinderisches Entgegenkommen bei ihr finde, da sie die Erfllung
ihrer ehelichen Pflichten so widerwillig und trge, zuweilen sogar unter
Widerspruch betreibe und immer neue Ausflchten ersinne, um seinen Intimitten
zu entschlpfen, kurz, da sie ihn auf die schndeste Weise behandle und seine
Liebe nur wie mit Almosen erwidere, die man einem elenden Bettler hinwirft, um
Ruhe vor ihm zu bekommen: dann lchelte Gusti spitzbbisch: Sie fassen die
Sache auch gleich zu tragisch auf, gndiger Herr; Ihre Frau ist nun einmal
anders als die andern, deswegen drfen Sie nicht verzweifeln.
    Kalt ist sie wie ein Eisblock, antwortete Raler bekmmert.
    Dann mssen wir den Eisblock aus Feuer bringen.
    Aus Feuer! Wenn er sich nicht von der Stelle rhrt! Wenn er daliegt wie
angefroren ...
    Dann bringen wir das Feuer zu ihm, wir erhitzen die Luft.
    Raler schttelte den Kopf: Du redst dummes Zeug Gusti. Das macht der Liebe
kein Kind.
    Freilich nicht, wenn Sie sich immer so abschlieen, keine Gesellschaften
geben, keinen ordentlichen Menschen zu sich einladen, nichts als so grauslich
ernsthafte Gschaftlhuber ... Da wird jede Frau verdrossen, besonders eine so
junge und schne wie die Frau Kommerzienrat. Ein solches Kleinod sperrt man
nicht in die Truhe. Da verliert's seinen Glanz. Das mu aus Licht, dann
funkelt's und erfreut das Herz.
    Ja, das Herz der anderen.
    Was liegt daran? Besitzer bleibt man doch und hat im Besitz den schnsten
Genu davon. Na, die Eifersucht, die lt freilich keinen gescheidten Gedanken
aufkommen.
    Ich bin neugierig auf Deinen gescheidten Gedanken.
    Laden Sie Ihre jngeren Freunde ein, machen Sie wenigstens einmal in der
Woche einen lustigen Abend, wo man sich zu einem Spielchen zusammensetzt oder
musiziert und tanzt wie in den andern vornehmen Husern ...
    Jngere Freunde! O Du Schlange, sag' doch gleich Verehrer und Liebhaber!
pustete der dicke Kommerzienrat.
    Ei freilich, na, was wr' dabei? Jede schne Frau von Stand hat ihre
Verehrer. Das bringt die Damen in guten Humor und frischt ihre Laune auf - und
schlielich schpft der Mann als der einzig wirkliche Liebhaber den Rahm ab.
Jessas Maria, da doch manche Mnner gar so vernagelt sind und so blind ...
    In einigen weiteren Geheimsitzungen verfocht die schlaue Gusti ihren
Vorschlag so gut, da dem Kommerzienrat ein Brett ums andere vom Kopf und eine
Schuppe nach der andern vom Auge fiel. Er wurde so frei und so hellsehend, da
die lustigen Abende und Jourfix bei Ralers bald zum Stadtgesprch wurden.
Liebhaber-Vorstellungen nannte sie zwar die Bosheit der Krhwinkler,
Rekruten-Musterung die Offizierskasino-Mdisance, Hornvieh-Rennen die
Hintertreppen-Flegelei, aber die Hauptsache blieb doch, da der Herr
Kommerzienrat an der Sache Vergngen fand und munter des Glaubens lebte, zur
Aufheiterung seiner so ernsten und nachdenksamen Leopoldine das rechte Mittel
gefunden zu haben. Obwohl die Frau Kommerzienrat anfnglich von dem Einfall
ihres tppischen Grandseigneur-Nachffers berrascht war und sich gegen die
Fortsetzung dieser gewaltsamen Erheiterungsversuche strubte, so glaubte sie
doch, es dem Ansehen ihres Eheherrn schuldig zu sein, die Honneurs des Hauses
mit dem vollendeten Maskenspiel der Weltdame zu machen. Ihr Herz blieb
unbeteiligt.
    Keiner der zahlreichen Gste aus dem Kaufmanns-, Knstler- und Beamtenstand,
so gewandte Kurmacher auch darunter waren, konnte sich eines tieferen Erfolges
bei der seltsamen Frau erfreuen. Nichtsdestoweniger trieb die Geckeneitelkeit
manchen zu der schurkischen Koketterie, im Kreise seiner Stammtischbrder mit
ahnungsvollen Anspielungen auf genossene Bevorzugungen und Triumphe die
Geschichte seiner galanten Abenteuer als unwiderstehlicher Schwerenter zu
erweitern. Besonders der im Rufe eines treffsicheren Frauenjgers und
Unschuldmrders stehende Parklas, Beamter im statistischen Breau, dessen
breites, blondbebartetes Maul stets vom Honigseim ranziger Galanterieen triefte,
rhmte sich bei seinen Zechgenossen, da er ein neues Leben begonnen habe: Frau
Raler habe ihm den Geschmack an seiner Spezialitt, immer einige zierliche
Theatermuschen an seiner liebegeschwellten Brust zu hegen, ganz und gar
abgewhnt, seit ihn die Sphinx selbst an ihren rtselvoll heien Busen genommen
und mit ihren Lwentatzen halb totgedrckt. Die ganze freiwillige mnnliche
Prostitutions-Kohorte kam darob in Aufruhr: Frau Raler! lautete fortan ihre
geheime Parole.
    Frau Raler selbst in ihrer festen Gefhlsumzirkung, welche noch auf den
Rechten wartete, dem das Schicksal die siegreiche Grenzberschreitung
zugesprochen, hatte keine Ahnung von dem Unfug. War doch von je die mnnliche
Prostitution, welche sich gelegenheitslauernd in Husern und Gassen, auf
Promenaden und geselligen Ausflgen herumwlzt, um als williges Werkzeug
sinnlicher Befriedigung den zgellose Weibern zu dienen, ein Gegenstand
lebhaftesten Abscheus fr sie gewesen. Wie viele Verfhrer hatten schon mit
brnstigem Zuwinken und Bocksgemecker ihren Lebensweg umdrngt! Aber was lag ihr
an diesen Hundenaturen? Wie oft hatte sie ihrer Freundin Bertha, dieser
lsternen und neidigen braungefleckten Tigerkatze, die ehrliche, aber nie
geglaubte Versicherung gegeben, da alles, was gewhnliche Frauen von ungestmer
Sinnlichkeit zu Falle bringt: ein hbsches Gesicht, ein starker Nacken, ein
fesches Bein mit muskulsen Schenkeln, ein appetitliches Fell, ein von innerem
Feuer ausgeglhter Teint, ein bald keckes, bald zaghaft glitscheriges Auftreten
u.s.w. keine Gewalt ber sie habe.
    Ja, diese vielerfahrene Bertha, deren zweites Wort war: Willst Du die
Wahrheit ber die Mnner wissen, so frage mich! - Diese schlanke
Forstmeisterswittib, die im Wald und auf der Haide, im Salon und in der
Dachkammer, im Patschuliduft wie im Mistgeruch mit dem Ewigmnnlichen
experimentiert hatte, ohne den Schein der ehrbaren Frau der Welt gegenber
preiszugeben: sie hatte ihre liebe Not mit ihrer alten Pensionsfreundin
Leopoldine.
    Einmal kam eine groe Singhalesentruppe nach Mnchen. Wochenlang produzierte
sie sich in einem Zeltlager auf der Theresienwiese. Die dunkelhutigen und
dunkelugigen Kerls mit ihren schlangenglatten Leibern und bald trumerisch
lssigen, bald leidenschaftlich sprunghaften Bewegungen hatten die ganze
Mnchener Damenwelt rebellisch gemacht. Frauen vom hohen Adel und Frauen des
Erwerbsstandes sahen sich die Augen aus dem Kopf nach diesen asiatischen
Wildlingen. Bertha war aus Rand und Band vor exotischer Nchstenliebe; einmal
wre sie und eine blonde Brumeisterin beinahe im Zeltlager bernachtet, wenn
der Aufseher sie nicht entdeckt und mit Gewalt hinausbefrdert htte. Diese
halbnackten Singhalesenjnglinge, deren Gewandung, Gang und Reitkunst bald die
Beine bis hoch zu den Schenkeln hinauf entblt zeigte, bald den schmalen,
biegsamen Oberleib enthllte und die edelste Muskulatur den bewundernden Blicken
darbot; diese Shne einer fremden Natur von unverbrauchter Kraft, von
verheiungsvollstem leidenschaftlichen Elementarismus: wie wuten sie schon
durch den Gegensatz zu der schweren, umstndlichen Mnnlichkeit Bierbajuwariens
die sinnlichen Weiber zu entflammen! Zigarren, Nschereien, kostbare Andenken
wurden den Fremdlingen heimlich von den Damen zugesteckt als Gegenleistung fr
das nervenerregende Schauspiel, fr einen lodernden Blick aus den indischen
Samtaugen, fr eine flchtige Belastung, fr einen sehnschtigen Hndedruck.
Bertha lie ihrer Freundin Leopoldine keine Rube, sie mute mit ihr hinaus, die
Mnnerwunder einer fremden Zone auf der Theresienwiese zu betrachten.
    Bertha entschied sich zuerst fr einen jungen Zauberer, dann fr einen
grotesken Teufelstnzer, dann wieder erkannte sie den Preis sieghafter
Mnnlichkeit einem Priesterjngling zu; zuletzt blieb sie bei einem mrchenhaft
zarten Menschen stehen, der auf einem kostbar gesattelten Elefanten unter einem
roten Baldachin ritt. Was meinst Du? Welcher wre Dir der schnste und
begehrenswerteste? fragte sie wild umherhastend mit den Augen, deren Sehkraft
sie noch mit dem Opernglas verstrkte.
    Leopoldine: Da knnte man ebenso gut fragen: welchen Insassen eines
Affenhauses ich schn und begehrenswert fnde. Interessant ist schlielich
alles. Als Schaugericht kann man sich diese Kerls gefallen lassen. Sonst
versteh' und will ich nichts davon. Beim Fortgehen drckte Leopoldine einem
kaum zweijhrigen, trotz der warmen Umhllung frstelnden, hstelnden
Singhalesenkind ein Silberstck ins grauschwarze Hndchen. Das arme Ding sieht
seine Heimat auch nie wieder.
    Nachdem der Singhalesenransch verraucht war, trat fr Bertha die europische
Kultur mit ihren zahllosen Mnnertypen wieder ins Vordertreffen.
    Es war auf der internationalen Kunstausstellung im Glaspalaste. Die Damen
promenierten im Ehrenpavillon; der Springbrunnen warf seine Wasser durch
Tannenwipfel und sing sie pltschernd in Felsenbecken auf; hinter einem Boskett
schmetterte die Regimentsmusik. Die Rendezvous-Stunde der vornehmen Welt.
    Ach, Leopoldine, sieh doch den dort, mit dem schwarzen ppigen Vollbart,
wie mu der auf der Brust und berall behaart sein, ganz zottelig, schau, den
mcht' ich haben!
    Und Leopoldine kalt: Der oder ein glattes Milchschwein - mich lockt
wahrhaftig nichts von dieser Sorte; ich wnsche Dir viel Vergngen.
    Und Bertha darauf: Ja, ich wei, Du suchst den keuschen Mann, ein Geschpf,
das nie existiert hat und wenn es existierte, das Dmmste und Unausstehlichste
wre, was ich mir denken knnte ...
    Und Du den Salonlwen, der seine parfmierte, an allen Ecken und Enden
schon ramponierte Mnnlichkeit mit faunischem Grinsen Dir auf dem
Prsentierteller entgegentrgt - und dann wieder den Bettler, dessen Fleisch Dir
aus den Fetzen seines Gewandes lstern zuwinkt, whrend seine scheue Miene mit
niedergeschlagenem Blick ein Almosen heischt - geh' mir, der eine wie der andere
ist der sen Geheimnisse einer glhenden Umarmung gleich unwert ...
    Dann fauchte Bertha, da ihre scharf geschnittenen Nstern ber den sinnlich
geschrzten Lippen bebten: O, ich wei, der Gegenstand Deiner Passion sind
unverdchtige, zurckhaltende Individualitten, an denen sich die sexuelle
Neugierde die seltsamsten Befriedigungen verspricht, ich wei, ich wei ...
    Nichts weit Du! Wie frivol, mir solche Dinge zuzutrauen!
    Gewi, Frau Bertha wute trotz aller eigenen Erfahrungen die Natur ihrer
Freundin nicht zu deuten. Diese wute es aber ebenso wenig. Sie war sich in der
Liebe selbst ein Rtsel. Vor lauter verhaltener Sinnlichkeit kam sie nicht zur
landesblichen Befriedigung der Sinnlichkeit. Sie jagte dem Phantom einer Liebe
nach, das ein Wunder bewirken sollte. Sie fhlte, da in der Sinnlichkeit ein
hohes Menschheitsideal verwirklicht werden knnte, aber sie fand nicht den Mann
dazu. So lebte sie ihre erste Jugend in erzwungener Keuschheit dahin, vegetierte
in zielloser Sehnsucht, die verschlossenen Samenkrner einer traumhaften Liebe
in der einsamen Seele. Oft hatte sie sich den Tod gewnscht.
    Was wird aus mir werden? fragte sie in bangen Stunden und brach in heies
Schluchzen aus. Dann betrachtete sie sich wieder im Spiegel oder betastete sich
auf ihrem den Lager in verschwiegener Nacht und seufzte: Es ist schade um mich
... Und sie konnte sich nicht helfen.
    In der Pension, wo sie als die Waise eines wenig bemittelten Hofrats von den
wohlhabenden Schlerinnen, deren Eltern im Fett reichen Erwerbes schwammen,
ohnehin mit einer gewissen Zurckhaltung behandelt wurde, hatte sie sich inniger
an Bertha v. Starkloff angeschlossen und in naiver Hingabe deren ausschweifende
Phantasieen geteilt. Snger, Schauspieler, Dichter, Maler, welche durch ihre
ffentlich ausgestellten, recht lecker zugerichteten Photographieen den
Verehrungssinn der jungen Damen erhitzt und entflammt hatten, wurden mit
bewundernden Briefen und Gedichten heimlich bombardiert. Leopoldine verbte fr
ihre Freundin Bertha manche liebestammelnde Reimerei, welche diese mit einem
fingierten Namen unterzeichnete und zur Anbahnung einer schwrmerisch erotischen
Korrespondenz an die rechte Adresse befrderte. Gar mancher von den jungfrulich
angedichteten Knstlern fhlte sich so tief in seiner mnnlichen Eitelkeit
geschmeichelt, da er in entzckten Briefen antwortete, seine Photographie
beifgte und sich zu einem Stelldichein bereit erklrte. Ein ebenso geckenhafter
als erzdummer mit Familie gesegneter Opernsnger reagierte auf diesen
Pensionatskultus in so beharrlicher Weise, da die Institutsvorsteherinnen von
dem Unfug Wind bekamen und, um ein Exempel zu statuieren, die Unschuldige mit
der Schuldigen, Leopoldine mit Bertha aus der tugendsamen Anstalt entfernten.
Bertha Starkloff genas bald darauf bei einer hilfsbereiten Frau, die sich in den
Inseratenblttern den nach zeitweiliger Zurckgezogenheit sich sehnenden Damen
nachdrcklich zu empfehlen pflegte, eines Knbleins. Das kleine Geschpf hatte
aber kaum das Licht der Welt erblickt, als es sofort den Geschmack daran verlor
und sich stracks aus dem Staube machte. Bertha kehrte bla und keusch aus der
Zurckgezogenheit in das Getmmel des Lebens zurck und beglckte einen
gutmtigen ltlichen Forstmann mit ihrer Hand und anderen hbschen Sachen. Um
ihre arme Freundin Leopoldine Klebnikow kmmerte sie sich jahrelang nicht mehr.
    Nachdem fr Leopoldine die ersten schmerzlichen Folgen jener theatralischen
Pensionats-Katastrophe berstanden waren und sie selbst den Weg zur Bhne
versuchsweise gefunden hatte, trat eine neue Wendung in ihrem Leben ein. Eines
Tages, als sie von einer Theaterprobe heimkehrte, wurde sie unter ihrer
Hausthre von einer fremden, anscheinend vornehmen und wrdigen Dame von uerst
zutraulichen, gewandten Manieren angehalten und zu einer Besprechung an einem
dritten Orte, einer kleinen Villa in einem Garten an der Briennerstrae,
eingeladen, unter der Bedingung, die grte Verschwiegenheit zu beobachten. Die
Dame nannte keinen Namen, keinen nheren Zweck. Sie begngte sich nur,
wiederholt zu versichern, da die wichtige Unterredung, wenn sie zur
Zufriedenheit ausfalle, fr Frulein Leopoldine von den glcklichsten und
angenehmsten Folgen sein wrde. Jede Gefahr sei ausgeschlossen. Die Diskretion
verbiete ihr, mehr zu sagen. Frulein Leopoldine mge Ja sagen, alles brige
werde sich finden. Zgernd gab Leopoldine ihre Zusage. Warum? Was trieb sie zu
dem Abenteuer, das eine fremde Dame mit ihr einfdeln wollte? Sie wute es
selbst nicht, woher und wie es pltzlich ber sie gekommen, diesem Kitzel der
Neugierde nachzugeben. Da irgend ein Mann im Spiele sei, ahnte sie natrlich
sofort. Diese Ahnung verstrkte den abenteuerlichen Reiz. Etwas Unerklrliches,
berraschendes! Eine Begegnung mit einem geheimnisvollen Mrchenprinzen? ... Sie
hatte eine schrecklich unruhige Nacht ... Ohne da Mutter und Bruder davon
erfhren, hielt Leopoldine Wort. In sehr aufgeregtem Zustande kam sie in das
bezeichnete Haus - sie schtzte daheim Theaterprobe vor - und wurde von der
fremden Dame mit bestrickender Liebenswrdigkeit empfangen.
    Himmlisch, da Sie gekommen sind, ich frchtete fast schon, da Sie mich
umsonst warten lieen. Aber dann sagte ich mir: nein, sie ist viel zu nett und
zu klug, ihrem Glck aus dem Wege zu gehen, auch wenn es sich unter
ungewhnlichen und geheimnisvollen Umstnden ankndigt. Ich bin entzckt, Sie zu
sehen. Lassen Sie sich umarmen! Und nun zur Sache!
    In den knospentreibenden Bosketts des Gartens flsterte der Frhling, aus
den Wipfeln der Ahornbume rief die Amsel, aus den Veilchenbeeten wehte ser
Duft. Dazu das hohe Gemach mit der kostbaren Vertfelung, den schweren
Teppichen, auf welchen das Gerusch der Schritte erstarb, den Portiren und
dichten Vorhngen, welche nur sprliche Helle eindringen lieen, und den
knstlich bereiteten Wohlgerchen, welche betubend den wohlig schlummernden
Raum erfllten: das alles vermehrte Leopoldinens Aufregung. Bald berkam es sie
wie eine schmerzlich se Betubung, welche jeden Willen lhmte, dann wieder wie
Gewissensangst und Mahnung, doch ja auf ihrer Hut zu sein und jeder
berrumpelung ihrer Sinne zuvorzukommen. Ihr Blick verschleierte sich, ihr Herz
schlug bis zum Halse herauf. Die Dame redete in sie hinein mit den holdesten
Worten der Verfhrung. Bei diesem Wortgepltscher fuhr Leopoldine pltzlich auf
wie aus einem Traume. Am liebsten wre sie davongeeilt. Allein aus dem Banne der
funkelnden Schlangenuglein der zrtlichen Dame gab es kein Entrinnen. Mit dem
Blicke drckte sie Leopoldine auf den schwellenden Sitz des niedrigen Eckdivans.
Sie setzte sich an ihre Seite und fate ihre Hand.
    Ein hoher Herr verehrt Sie, bewundert Sie, liebes Frulein. Seine Stellung
verbietet ihm, sich Ihnen in der gewhnlichen Weise zu nhern und Ihnen seine
Gefhle auszudrcken. O frchten Sie nichts! Seine Absichten sind die edelsten.
Er leidet schwer unter der Entsagung, welche ihm sein Lebensstand auferlegt,
unter der Zurckhaltung, welche ihm seine hohe Wrde gebietet. Und er fhlt so
hei fr Ihre Schnheit, Ihre Jugend, Ihr Talent ... Erweisen Sie sich ihm
freundlich, gromtig ...
    Es ist doch nicht ein -
    Ein geistlicher Herr, wollen Sie sagen, liebe Seele? Und wenn? Und der
hchsten geistlichen Aristokratie angehrend und aus dem Wlschlande stammend,
wo eine feurigere Sonne scheint, als in unserem trben Norden? Ein genialer
Freund aller Kunst und Schnheit, dem auch unter dem priesterlichen Kleide das
Herz fr die Wunder reiner Liebe schlgt? Schreckt Sie das? Ich will Sie zu ihm
geleiten; Sie sollen ihn zunchst nur sehen und ihm Ihren Anblick verstatten.
Was ihm ein Fest der Augen, soll Ihnen eine Gelegenheit zur Prfung sein ...
Gefllt er Ihnen nicht, je nun, Sie sind frei, Ihre Meinung zu uern und zu
thun was Ihnen beliebt. Ich will Sie zu ihm geleiten ...
    Heute? Jetzt? O Gott!
    Diesen Augenblick ... Ach, da ist der hohe Herr selbst. Ich ziehe mich
zurck. Seien Sie recht, recht gtig mit ihm ...
    Leopoldine hat spter die Szene ihrem alten Beichtvater zhneknirschend mit
allen Einzelheiten geschildert und nicht achtend der vterlichen Abwehr des
entsetzten ehrwrdigen Greises mit den bitteren Worten geschlossen: So, da habt
Ihr Euere Heiligkeit in Kirche und Haus -! Rein und wei wie das Kaschmirkleid,
das ich an jenem verdammten Tage trug, war mein Herz, und besudelt habe ich die
Sttte verlassen, in die mich wlsche geistliche Wollust gelockt, um mich meines
kstlichsten Gutes, der Unschuld, mit den Teufelsknsten eines ausstudierten Don
Juans zu berauben. Und als sie einige Jahre hernach dem nmlichen wrdigen
Seelenarzt als verheiratete Frau Kommerzienrat ihre Osterbeichte ablegte, schlo
ihr Schuldbekenntnis nicht weniger bitter: Was der geweihte Zlibatr an mir
begonnen, hat der Weltmensch in kirchlich eingesegneter Ehe an mir vollendet;
wenn meine Phantasie vergiftet ist, werfen Sie den Fluch nicht allein auf das
sndige Weib, dem Gott in Zukunft gndiger sein mge, als er's in der
Vergangenheit gewesen. Wenn der Himmel das Herz eines Weibes verderben will,
gibt er sie einem thricht schamlosen Manne zur Gattin.
    Einmal, in einer Plauderstunde mit Bertha, als diese die Knste der Mnner
analysierte, ernsthafte und scheue Frauen zu willigen Werkzeugen sinnlicher Gier
zu machen, fand Leopoldine das harte Wort: In der Liebe scheinen Gtter und
Bestien Brder zu sein. Und da soll ein Weib seine Ehre wahren!
    Da wurde Bertha Feuer und Flamme. Weit Du, Leopoldine, wer meiner
jugendlichen Unerfahrenheit in bezug auf den Umgang mit dem mnnlichen
Geschlecht eigentlich die unverschmteste Aufklrung gegeben hat? Du wirst's
nicht glauben: ein Geistlicher im Beichtstuhl, ein fetter Mnch in den
Dreiigern. Ich habe niemals in den verrufensten Bchern so schamlose Dinge
gefunden wie ich sie als frhreifes fnfzehnjhriges Mdchen im Beichtstuhl zu
hren bekam. War das ein Lasterkasten! Als ich alle seine anzglichen Fragen,
die mir das Blut in die Wangen trieben und mich furchtbar aufregten, mit gutem
Gewissen verneint hatte, sagte der Mensch, das sei keine Tugend, ich soll's erst
einmal probieren - und erst wenn ich aus Erfahrung die wunderbar se Snde und
das unbeschreibliche Vergngen, das der geschlechtliche Umgang gewhre, kennen
gelernt und dann in Zukunft jedem unerlaubten Genusse mit klarem Bewutsein aus
dem Wege ginge, dann erst knnte ich mich der Tugend rhmen. Unerfahrenheit sei
keine Tugend. Hierauf beschrieb er mir, wie ich mich auf diese sndige
Lustbarkeit zunchst auch ohne Liebhaber gengend vorbereiten knne. Es war ganz
unglaublich. Zuletzt bot er sich in unzweideutiger Weise selber an, diese meine
Vorstudien zu leiten; ich solle ihn einmal besuchen ... Ich habe noch ein in
Goldschnitt gebundenes Bchlein, Die Nachfolge Christi, das er mir zum Andenken
an einen Besuch geschenkt hat. Die Keuschheit der Frommen, das wute ich seit
jener Zeit, ist ein unglaubliches Ding ... Nein, dieser Pater Evorist ...
    Was kann noch Groes an der Keuschheit liegen, wenn selbst im Ehestand
Schamlosigkeiten als Pflichterfllungen honoriert werden? Schweigen wir darber.
Auch ich gedenke mit Schaudern eines Kusses von heiligen Lippen ... Ich gedenke
mit Schaudern meiner Hochzeitsnacht ... Soviel Schmutziges selbst am
Erhabensten. Die Ehe hat mich verdorben ... brigens bist Du zu sehr
verleutnantet -
    Frau Leopoldine hatte ins Schwarze getroffen. Verleutnantet war eine ganz
richtige Bezeichnung der neuesten Geschmackslage ihrer Freundin. Vorausgegangen
war die Epoche der Vermalerung. In den Ateliers junger, genialer Pinselfhrer
ging's so ungebunden und anregend zu! Da war so viel zu sehen - und so
berraschendes. Und es war gar nicht schwer, mit diesen flotten
Kunststadtgenossen in Verkehr zu kommen. Mit einigen mute man sich freilich in
acht nehmen, denn sie hielten nicht reinen Mund und brachten bse Reden in
Umlauf. Der Herr Schnrle zum Beispiel war so einer. Da hatte man gleich einen
Spitznamen weg. Madame Voulezvous hatte der Undankbare eine ehemalige
gefllige Freundin getauft - und der Titel war ihr lange hngen geblieben. Bei
einem andern gab's so schwle, aufregende Sachen, mythologische Tiermenschen von
unerhrter Leidenschaft, Zentauren, halb Mann, halb Ro, von zermalmender
Muskelkraft. Einmal malte er ein Zentaurenpaar: das Mnnchen mit dem Leibe eines
schwarzen Hengstes, das Weibchen mit dem Leibe einer isabellenfarbigen Stute;
mit den nervigen Menschenarmen hielten sie sich den Oberleib umschlungen,
whrend sie sich hinten aneinanderpreten, da die Flanken krachten, und mit
hochgeschwungenen, sausend die Schenkel und den Rcken sich peitschenden
Schweifen trabten sie im Abendlicht am Ufer hin, der violetten, schumenden
Meeresbrandung entgegen. Es war ein kolossal ergreifendes Bild, eine
Verkrperung und zugleich poetische Verklrung unerhrter natrlicher
Liebeskraft. Htte nur der Maler nicht die Indiskretion begangen, seiner
Zentauren-Stute die Zge seiner Freundin Bertha zu leihen! So kam's zum Bruch,
denn Bertha mute noch obendrein das Bild um teures Geld erwerben, damit es
nicht in fremde Hnde gerate. Spter wandte sich der Maler einer zahmeren
Gattung zu und hatte den Vorteil, von dem Knig mit eintrglichen Bestellungen
fr das Chiemseeschlo ausgezeichnet zu werden. Bertha hatte inzwischen die
Geschmackswandlung vom mythologischen Zentaurentum zum modernen Heldentum der
leichten Reiter mit den malerischen grnen Uniformen vollzogen. Sie war
verleutnantet, wie Frau Raler sagte.
    Verleutnantet ist schn gesagt, lachte Bertha frech auf, da es wie
hndisches Bellen klang.
    Bertha schwor in der That damals nicht hher, als auf die feschen
Leutnants, die stets zu allem zu haben und viel ritterlicher seien, als die
losen Maler.
    ... Ja, zu sehr verleutnantet, um mein Ideal von Liebe und Keuschheit zu
begreifen.
    Ideal! Mich trifft der Schlag. Wo hast Du denn diese Merkwrdigkeit
aufgegabelt? Vielleicht als Empfangsdame in der photographischen Anstalt von
Albrecht, wo der verrckte Attenkofer als Cerberus Deine Keuschheit bewachte?
    Diese Anspielung gab der Plauderstunde eine bse Wendung. Leopoldine brach
den Verkehr mit Bertha ab. Erst nach monatelangem Bemhen gelang es der
letzteren, die alten Beziehungen allmhlich wieder anzuknpfen.
    Wenn man bei Frau Leopoldine Raler Sonnenschein in schlechtes Wetter
verwandeln wollte, brauchte man sie nur an jene voreheliche Epoche, die
empfindlichste in ihrem Leben, zu erinnern. Auch hier barg sogar fr ihren
nchsten Bekanntenkreis die Empfindlichkeit Leopoldinens ein ganzes Nest von
Unerklrlichkeiten. Was lag hier eigentlich unter der Decke? Niemand wute es.
Leopoldinens Mutter war gestorben, mit der Theaterlaufbahn ging es nicht
vorwrts, ein miratener Bruder hing ihr an der Geldtasche, pltzlich war sie
vom Schauplatz verschwunden, dann tauchte sie als Empfangsdame im
photographischen Salon der berhmten Albrechtschen Anstalt auf: das war die
uere Reihenfolge ihrer Lebensthatsachen, deren innerer Zusammenhang dem
profanen Blick verschlossen blieb.
    Bei Albrecht hatte der verwitwete Kommerzienrat Raler Leopoldine kennen
gelernt und zur berraschung aller die Gunst der rtselhaft stolzen und schnen
Empfangsdame in so hohem Mae gewonnen, da sie dem hlichen Manne in die Ehe
folgte als zweite Frau. Natrlich sah die sittsamliche ffentliche Meinung der
Schmierbltter, sowie die Klatschsucht der Freunde und Bekannten und sonstiger
Maulaffen und Frechlinge, die ihre Nase in alles stecken, in diesem Ereignis nur
eine unerhrte Schmutzerei. Sein Reichtum hat sie verlockt; sie hat nicht ihn,
sondern seinen Geldsack geheiratet; sie hat sich wie eine Dirne ihm verkauft,
deutelten die braven Tugendbolde. Der Kommerzienrat Raler und die Exkomdiantin
Klebnikow! Alle Wetter! Das ist ja ein wahres Ereignis! Natrlich war's ein
Ereignis im Leben zweier Menschen, die fr ihr Handeln in Herzensangelegenheiten
nur sich selbst verantwortlich waren. Was ging das die andern an? Gar nichts.
Aber eben weil sie's gar nichts anging, strzten sie sich um so gieriger darber
her und lieen die bsen Zungen weit aus den Mulern hngen. Der Raler, dieser
dicke Schweinehund, na, man kann sich's denken ... - Und sie erst! Natrlich
sie!! Diese durchgewichste Person; wenn nur die Hlfte von dem wahr ist, was man
ber sie hrt, ist's stark genug ... - Nun kann sie ihre schnen Arme bis an
die Schultern in die Geldscke stecken. Geld war ihr die Hauptsache; man wei
ja, wie diese Frauenzimmer sind. Und er, dieser alte Troddel, statt ein gut
brgerliches Mdchen zu nehmen und glcklich zu machen, wirft seinen Reichtum
dieser Abenteurerin nach ...
    Und Du httest sie nicht - anders haben knnen? fragte der cynische Neffe
den Onkel Raler.
    Statt dem Frager mit einer Ohrfeige zu antworten, obwohl's ihm in der Hand
zuckte, erwiderte Raler fast beschmt: Nein, um keinen Preis der Welt.
    Unglaublich.
    Wre dieser Neffe nicht selbst in jeder Faser ein moralischer Lump gewesen,
htte er sein Unglaublich nicht ber die Zunge zu bringen vermocht. Er
erinnerte sich sehr gut, da er und einige seiner glnzend ausgestatteten
Kameraden von der mnnlichen Demimonde vergebens das Rasendste an
verfhrerischen Angeboten geleistet hatten, um sich die stolze Leopoldine
Klebnikow willig zu machen oder wenigstens ihre Zusage zu einer heimlichen
Partie zu erreichen, die unter der Leitung eines virtuosen Impresario zu der
ersehnten Orgie auswachsen konnte. Der biedere Neffe hatte mit seinen
Spiegesellen von der Jeunesse dore - vergoldete Jugend zu Deutsch, was
wiederum mit bertnchten Grbern oder mit Brokat drapierten Spucknpfen zu
bersetzen wre - eine Wette eingegangen, bis zum nchsten Vollmond die
Widerspenstige so gezhmt zu haben, da sie ihm aus der Hand frit. Das waren
seine eigenen Worte. Nachdem er seinen Schdel, der schon anfing,
vielversprechende Spuren von Kahlkpfigkeit in seinem sechsundzwanzigsten
Lebensjahre zu zeigen, mit allerlei Plnen zu diesem Handstreich gemartert
hatte, flsterte ihm ein Kamerad den Gedanken ein, sich als Photographenlehrling
ins Albrechtsche Atelier aufnehmen zu lassen, was ja um so unaufflliger
geschehen knne, als die Ausbung der Photographie mehr und mehr als Sport auch
von vornehmen Weltbummlern betrieben werde. Diese stundenlange unmittelbare
Nhe, besonders in der Nacht, wo mit elektrischem Lichte gearbeitet wurde, mte
doch die gnstigsten Gelegenheiten schaffen!
    Es half nichts. Bis zum nchsten Vollmond hatte der improvisierte
Photographie-Dilettant zwar ein sehr stilvolles Samtkostm, welches alle seine
mnnlichen Reize eines leicht angefetteten, rosigen Blondins von mittlerer
Gestalt farbig und plastisch hinreiend zur Geltung bringen sollte, abgentzt,
allein sein Kriegsplan hatte sich vollkommen wirkungslos erwiesen. Zum Teil aus
rger ber den Mierfolg und die verlorene Wette, zum Teil aus Geldverlegenheit,
da der Onkel pltzlich das Portemonnaie verlegt hatte, lie sich der
rosig-blonde Neffe von einer reiselustigen Dame als Mdchen fr alles nach
Paris anwerben, wo er sich mit besseren Erfolgen in allerlei Photographie-Sport
ausleben konnte. Als er nach zweijhrigem Pariser Aufenthalt wieder in den Kreis
der vornehmen mnnlichen Demimonde Isarathens zurckkehrte, war er zwar ein
vollendeter Kahlkopf, aber auch ein vollendeter Photograph geworden. Nachdem ihm
das Hans seines kommerzienrtlichen Onkels auf Betrieb Leopoldinens bald nicht
weniger fest verschlossen wurde als es die kommerzienrtliche Geldbrse bereits
war, sah der angenehme Neffe aufs neue Holland in Not - und rasch entschlossen
nahm er die Hand und das Vermgen eines dummen und verliebten
Brstenbinderstchterchens - Schwiegerpapa war k. Hoflieferant - und grndete
sich, um endlich doch auch geschftlich etwas Rechtes vorzustellen, ein eigenes
photographisches Atelier, das von seinen ehemaligen Freunden viel besucht und
mit der hbschen Bezeichnung Amor und Psyche oder zum photographischen
Damensport bald in Schwung gebracht wurde.
    Der Lebemann a.D., wie er sich im Kreise seiner ehemaligen Spiegesellen und
Klubfreunde mit fader Selbstgeflligkeit nannte, spielte sich jetzt auf den
Knstler-Erwerbsmann hinaus, um seinem knickerigen Onkel zu imponieren.
    An allen Hauptstraenecken Mnchens prangten seine photographischen
Musterbilder in reichgeschnitztem Rokokorahmen. Als Spezialitt pflegte er das
Kostmbild, weil er mit richtigem Instinkt die Kunststadtkomdie der vornehmeren
und reicheren Lebenskreise als ergiebiges Feld erkannte, wo die Pfiffigkeit
erntet, was die Eitelkeit set.
    Die Frauen und Tchter der Grobruer und Grohndler und Bankiers wollten
um die Wette mit den Frauen und Tchtern der berhmten Maler, mit den
Aristokratinnen und Theaterprinzessinnen im Glanze knstlerischer Darstellung
ihre Leibesschne zur Schau tragen. Um sich den Anschein regsten Kunstinteresses
und lebendigen Schnheitsgefhls zu geben, gengte es ja bei der zunehmenden
Versumpfung echten Kunstgeistes und der Neigung zu leerem Maskenprunk, die
groen malerischen Vorbilder der Renaissance zu modischen Toilettestcken
karnevalhafter Schaustellungen zusammenzuflicken. Diese herabwrdigende
Veruerlichung der Kunst zum wesenlosen Scheine gelang den Damen der
Geldsack-Aristokratie im Bunde mit den Belustigungs-Malermeistern ganz
vortrefflich. Zwar protestierte die Natur durch den Schnitt der Alltagsgesichter
und den Umfang der oft schwer zu bndigenden Flle und Plumpheit des Leibes
gegen diese renaissanceliche Kunstaffenkomdie, allein der Zug der Mode war
strker, als die Einsprache der Natur. Und dieser Zug der Mode war es, dessen
sich Ralers Neffe als Kunstmodephotograph so gut zu bedienen wute, da sein
Geschft bald ein blhendes wurde, jeder Konkurrenz zum Trotz.
    Bei aller Befriedigung wurmte ihn nur eins: da Frau Kommerzienrat Raler
sich immer noch wehrte, seiner Schnheitsgallerie sich einverleiben zu lassen.
Mit einer ihm unerklrlichen Beharrlichkeit nahm sie von seinem photographischen
Aufschwung nicht nur keine Notiz, auch als er ein neues Atelier in der
Quaistrae neben dem kommerzienrtlichen Hause eingerichtet hatte, sondern
ignorierte ihn auch vollstndig, als er mit unzweideutiger Aufdringlichkeit sich
in ihren Mittwochs-Gesellschaftsabenden einstellte.
    Ein rtselhaftes Weib, murmelte er, aber der Teufel soll mich holen, wenn
ich sie nicht dennoch auf meine Platte zwinge.
    Der Hllenzwang versagte seine Wirkung. Auch den Onkel bekam er nicht vor
sein Objektiv, so sehr er ihn umschmeichelte.
    Aber bester Onkel, bei Albrecht hast Du Dich neunundneunzigmal in allen
erdenklichen Posen abkonterfeien lassen und Du bist inzwischen wirklich nicht
hlicher geworden ...
    Ja damals! grunzte der Kommerzienrat und rieb sich die Glatze.
    Bockbeinige Bande! Der Teufel soll ...
    Vorlufig begngte sich der durchlauchtigste Hllenfrst, seinen Schwanz in
die Ralerschen Mittwochsabende zu stecken und die schne Gesellschaft zu
sprengen. Ton und Formen des Umgangs waren nach und nach bedenklich ungezwungen
geworden. Es ri eine Gemtlichkeit ein, die nichts Arges darin finden wollte,
wenn ein Herr Knstler hinter dem Fenstervorhang sich handgreiflich von der
Modellfhigkeit einer Dame fr sein neuestes Venusbild berzeugen wollte, oder
wenn sich eine ppige hhere Tochter in hheren Semestern in den kleineren
Salon zurckzog und sich auf das Ruhebett warf, whrend ein Herr Piano- oder
Geigen-Zauberer vor ihr auf dem Teppich kauerte und geeignete Teile ihres flott
hingegossenen Leibes als Tastbrett fr virtuose Fingerbungen bentzte.
    Frau Raler erlaubte sich zwar, ihren Gatten mit unmutsvollen Bemerkungen
auf diese Exzesse knstlerischer Phantasie aufmerksam zu machen, fand aber wenig
geneigtes Gehr.
    Das mache der Liebe kein Kind, meinte er lachend, und ein vornehmes Haus in
der Kunststadt Mnchen sei kein Kloster; es sei ihm erzhlt worden, da es in
den berhmten Soireen der Baronin Paurexins, wo auch hauptschlich Knstler
verkehren, und an den Donnerstag-Abenden des Akademieprofessors Franz v.
Kraxelheim noch viel bunter zugehe. Das sei nun einmal der herrschende Ton. Es
wre doch lcherlich, sich ber Scherze zu skandalisieren, welche bei den
feinsten und gebildetsten Herrschaften ganz anstandslos passieren. Gegen ernste
Unzukmmlichkeiten wrde er der Erste sein sich aufzulehnen. Man drfe sich
nicht in den Ruf der Spiebrgerlichkeit bringen, zumal bei den Gelehrten und
Knstlern immer noch die Neigung bestehe, die kaufmnnischen und industriellen
Inhaber der modernen Million unrhmlich zu behandeln, fast wie Menschen zweiter
Klasse ...
    Sei unbesorgt, mein Leo, auch ein Geldmann wie ich versteht sich so gut aus
aristokratischen Schliff und Schick wie die Herren Barone und Grafen von
Habenichts und wie die grothuerischen Knstler, die ihren Bettelsack erst an
unserer Kasse fllen und uns dafr ihre lschwarten aufhngen. Also mach's wie
ich und drcke anderthalb Augen zu. Ich wei, Du amsierst Dich doch, verstell'
Dich nicht, mein Leo! Wie gesagt, so lange keine Unzukmmlichkeiten ...
    Der Herr Kommerzienrat wurde erst stutzig, als in der nchsten Woche, am
Gedchtnistage seiner Hochzeitsfeier, wo ein Souper und ein Tnzchen die
Lustbarkeit des Abends erhhen sollte und der Kreis der Geladenen erweitert
wurde, zahlreiche Absagen einliefen. Der freundnachbarliche Konsul Schmerold
schrieb, da er bedauere ablehnen zu mssen, geschftliche Verpflichtungen
u.s.w. lieen ihn nicht frei ber seine Abende verfgen. Das war glaubwrdig.
Ebenso, da sich der Fabrikbesitzer und Handelsrichter Hans Deixlhofer damit
entschuldigte, da er der Entbindung seiner Frau entgegensehe. Die blonde Frau
Deixlhofer kam ja berhaupt nicht mehr aus den interessanten Umstnden heraus.
Kaum eins angekommen, war schon ein anderes unterwegs. Wie die Orgelpfeifen. Und
alles frisch und gesund ... Hauptsache ... Der Professor Hirneis und die
Dichterin Thusnelda Wechsler dankten, weil sie zur Zeit die Zahl ihrer
geselligen Verpflichtungen nicht vermehren drften. Das waren faule Ausflchte,
offenbar. Der Bankier Guggemoos, den die jngste Gemeindewahl zur Wrde eines
Stadtvaters erhoben hatte, dankte, auch im Namen seiner Frau und Schwgerin,
ohne sich die Mhe zu geben, seine Ablehnung zu begrnden. Das war unhflich.
Der Kunsthndler Feldmann, der Goldwarenfabrikant Zwicker, der Magistratsrat
Rohleder, der Oberst a.D. Gotteswinter und die Baronin Kleebach-Kilpo schickten
einfach ihre Karten mit dem Ausdrucke des Bedauerns. Das war beleidigend. Was
sollte das alles bedeuten?
    Rasch wurden die Vorbereitungen eingeschrnkt und der Tanz vom Programm
gestrichen. Man wollte Unwohlsein eines Kindes vorschtzen. Auer dem leichten
Volk der gewhnlichen Jourfix-Gste waren nur fnfzehn besonders geladene
Personen erschienen. Einer der Getreuen des Hauses hatte einen ungeladenen Gast
angemeldet und mitgebracht: den Hauptmann a.D. Baron Max v. Drillinger.
    Die ungeladenen Gste sind die willkommensten, sagte der Kommerzienrat
geschftsmig begrend und fhrte den Baron seiner Frau zu. Sie sind uns kein
Fremder, wir haben schon von Ihnen gehrt ... Hier meine liebe Gattin Frau
Leopoldine.
    Sie verneigte sich khl und dster.
    Vierzig Personen saen zu Tische. Den Hauptgenu des Abends bot der Mehrzahl
der Gste das Essen und Trinken. Alles war in Hlle und Flle vorhanden. Der
Hausherr, um sich aus einer gewissen Befangenheit zu befreien, sprach selbst den
sorgfltig ausgewhlten und zubereiteten Speisen und Weinen tchtig zu und
versumte nicht, auf die Gte des Gebotenen mit Eifer aufmerksam zu machen. Auch
der Kunstwert der Aufstze und Gefe wurde von ihm mit Nachdruck hervorgehoben.
Niemand lie sich durch diese sthetische Beflissenheit des Kunstmzens den
Appetit verderben. Baron Drillinger kam der auffallend stillen und nach Innen
gekehrten Hausfrau gegenber zu sitzen; an seiner Seite sa der Schauspieler
Geiling und die pikante Forstmeisterswittwe Bertha Hohenauer, geborne v.
Starkloff (sie versumte nie, bei Vorstellungen diesen genealogischen Vermerk
passend anzubringen).
    Drillinger sah an diesem Abend sehr interessant aus; seine dunklen Augen
leuchteten in schwrmerischem Glanz aus dem auffallend blassen Gesicht. Es war
etwas Weiches, Elegisches in seinen Zgen, etwas Wlsches fast, mit der
frhlichen Derbheit der urbajuwarischen Bierkpfe verglichen, deren es heute
einige ltere Musterexemplare an der Ralerschen Tafel gab. Eigentlich fand er
auch gar keinen Gefallen an dieser Schmaus-Gesellschaft. Er war da
hereingekommen wie der Heide Pontius Pilatus ins christliche Glaubensbekenntnis.
Am Nachmittag hatte er ein zrtliches Stelldichein absolviert mit dem jungen,
tollen Weibchen des pensionierten Generals Roller, genannt Rollmops, der
freundlich gesinnten Hlfte seines ehemaligen Busenfeindes. Brigitta hatte Wind
davon bekommen - und wie gewhnlich die Schalen ihres gerechten Zornes ber das
Haupt des argen Snders ausgegossen. Wie gewhnlich machte der bse Max die
Miene der gekrnkten Unschuld zu dieser altjungferlichen Strafpredigt und suchte
dann durch allerlei scherzhafte Abschwenkungen den Sinn der Alten auf
gemtlichere Wege zu lenken. Zum Beispiel mit dem parodistischen Bibelspruch:
Hasse deinen Nchsten und liebe sein Weib wie dich selbst. Oder: Sei
unterthan, deinen Vorgesetzten, und sage nicht nein, wenn die Generalin ja
sagt. Oder: Du sollst dem Ochsen, der kommandiert, nicht das Maul verbinden,
aber seine Hrner zu vermehren, ist erlaubt. Und dergleichen Sndhaftigkeiten
mehr. Diesmal jedoch mit einem nicht gewhnlichen Mierfolg. Und so war er froh,
als Erwin Hammer zufllig Sukkurs brachte. Nur der Vorschlag behagte ihm nicht,
sich als blinder Passagier mit zu Ralers kutschieren zu lassen. Diese Leute
interessierten ihn ja gar nicht!
    Und jetzt sa er doch da! Er sprach wenig und bemhte sich mit der
geflligen Grazie eines erprobten Weltmannes und Beobachters zuzuhren. Seine
Ohren waren zwar heute nicht von besonderer Schrfe, doch entging ihm kein Wort,
als Bertha Hohenauer dem Schauspieler zuflsterte: Wenn Du das Glck siehst,
halt's fest; dies ist die Summe aller Weisheit zum Glcklichsein.
    Dieser Spruch bildete den ganzen Abend das Leitmotiv seiner gemischten
Empfindungen. Als nach aufgehobener Tafel ein wenig musiziert wurde und nach
einigen knstlerischen Momentsphantasieen auch eine Dilettantin ein bischen  la
Liszt rhapsodiert hatte - die Mehrzahl der Herren that sich mittlerweile im
Rauch- und Spielzimmer gtlich - setzte sich auch Baron v. Drillinger leise an
das Klavier und wagnerisierte in gedmpften Akkorden Gtterdmmerungsmotive. Da
traf ihn zum erstenmal einer jener rtselhaft hellen Blicke Leopoldinens wie ein
Blitz aus einer schwarzen Wetterwolke. Dann pltscherte der Regen der
Unterhaltung in hastigem Getrpfel ringsum hernieder und Frau Raler war wieder
verschwunden. Wenn Du das Glck siehst - - ah bah! machte Drillinger,
harpeggierte einen verminderten Septimenakkord ber die Klaviatur hin, da die
Tne harfenartig verklangen, matt und matter, wie ersterbende Herzschlge. Er
erhob sich langsam vom Stuhle. Niemand achtete darauf. Man war pianinomde. Die
Maultrommel, ah ja, besonders auf der Damenseite; wie wurde da Wahrheit und
Dichtung aus dem Leben der lieben Mitmenschen von gestern und heute flink in
Noten gesetzt und durch alle Tonarten gepeitscht! Im Ganzen schien die gesellige
Stimmung flau. Drillinger lehnte noch am Pianino und lie seinen Blick ber die
schwatzenden Gruppen in dem gelben Salon gleiten. Er kam sich immer noch
eigentmlich fremd, fast verschchtert in dieser Umgebung vor. Was mute ihn
aber auch Erwin Hammer da herein schleppen, um ihn hier stehen zu lassen wie
einen Marterstock! Ja, wie einen Marterstock! Drillinger mute lcheln ber sich
selbst: wie war ihm nur dieser komische Vergleich in den Sinn gekommen? Ein
Marterstock oder kurzweg ein Marterl, die frommnaive Bildsule, welche das
Landvolk im einsamen Feld oder Hochgebirg an der Stelle errichtet, wo ein armer
Mensch verunglckte durch Absturz, Blitzschlag ... Spaig, was die Phantasie fr
Sprnge macht. Er hier ein Marterl ... Blitzschlag ... Es ist zu dumm. Alle
Wetter, jetzt eben ging die seltsame Frau wieder an ihm vorber, diesmal
gesenkten Blickes, wie eine trauernde Walkre, wie eine Brunnhilde, der ein
unsichtbarer Schicksalsmund die Gottheit von der Stirn gekt ...
    Und hinter ihr drein watschelte der Kommerzienrat. Nein, der hatte nichts
Wotanhaftes. Leo, so hr' doch, Leo! Frau Leopoldine hrte nicht; sie war in
einer Gruppe von Damen verschwunden. Der Kommerzienrat war pustend mitten im
Salon stehen geblieben, hilflos, ratlos, mit einem dumm-verlegenen Ausdruck im
feisten Vollmondsgesicht. Leo, Le ... Da erblickte er den Baron einsam am
Klavier.
    Sie haben famos gespielt, Herr Baron; scheinen in allen Stteln gerecht,
hehehe?
    Die Kunst ist oft ein gar zahmer Klepper, Herr Kommerzienrat, da gehrt
nicht viel Mut dazu, das heit, zuweilen nichts als ein gewisser Mut.
    Schade, da unser berhmter Tastenschlger heute nicht gekommen ist, der
geniale Friedberg, ein ganz junger Mensch, aber von einer unglaublichen
Verwegenheit auf seinem Instrument. Der haut Ihnen das Zeug herunter ... Sie
kennen ihn nicht?
    Drillinger verneinte lchelnd.
    Er hat meinen Flgel neulich so verarbeitet, da ich ihn zur Reparatur
fortgeben mute; das Pianino ist nur als Lckenber da. Jngst hat er meiner
Frau vorgespielt was die Isar rauscht. Alles durcheinander, Trauermrsche und
Hopswalzer. Besonders in der Tanzmusik ist er unwiderstehlich. Ja, wenn der da
wre und loslegte, da sollten Sie einmal die Damen sehen, keine ist mehr zu
halten. Das Frauenzimmervolk, Sie kennen es ja, ganz unberechenbar, hehehe! Ein
Rattenfnger auf der Bildflche - und weg ist's. Na, das macht der Liebe kein
Kind ... Apropos, Bildflche: Sie mssen uns einmal am Tag die Ehre schenken und
meine Bildergallerie betrachten.
    Mit Vergngen, Herr Kommerzienrat.
    Wollen Sie nicht ins Rauchzimmer kommen? Wir schwatzen uns hier die Kehle
heiser. Ich habe da drin ein exquisites Kraut, auch einen feinen Tropfen dazu.
Die Herren qualmen und politisieren, was Zeug hlt. Die soziale Frage wurde
schon wieder zum ixtenmal gelst. Kommen Sie doch.
    Drillinger war zwar heute weniger denn je aufgelegt, sich von Hinz und Kunz
politische Kannegieereien vorreden zu lassen. Immerhin, dachte er; mitgegangen,
mitgefangen, mitgehangen. Und da ihn das Ewigweibliche ausnahmsweise einmal gar
nicht lockte ...
    Der Kommerzienrat schielte noch einmal suchend nach Leopoldine in den Salon
zurck. Kommen Sie, Herr Baron! Er fhrte ihn durch einen kleineren Salon, wo
zerstreute Gruppen jngerer Leute drauflos schwadronierten, in das Rauchzimmer.
War das dort nicht der Schauspieler Geiling, der sich mit der verliebten Wittwe
durch die Portire drckte? Drillinger erhaschte nur noch flchtige Umrisse des
verschwindenden Prchens. Unbekannt mit der Einteilung der weitlufigen Wohnung
und den Gewohnheiten ihrer Bentzung, vermochte er nicht zu erraten, wohin sich
die Witwe mit ihrem Galan gewandt, um in trauter Ungestrtheit die Summe aller
Weisheit zum Glcklichsein zu ziehen. Ein anderer Gast, der sich gut auskannte,
der Maler Schnrle, eine gallige Natur und ein unermdlicher Sprhund, hatte mit
dmonischer Freude die Davonschleichenden aus seinem Observatorium in der
Fensternische beobachtet. Dem Komdianten war er schon lange aufsssig und der
geborenen Starkloff war er aus allerlei Ursach auch nicht grn. Hollah, diesmal
gilt's, dachte er, und diesmal werden die sauberen Schliche aufgedeckt ... Er
schlngelte sich leise hinaus ...
    Schon drohte im Bereiche der Damen der Geist der Unterhaltung zu
verflchtigen; die boshaften Gesprche erlahmten, die ungeduldigen Fchen
trommelten zum Aufbruch, es war heute offenbar nichts mehr los. Da hie es
pltzlich: Friedberg wird noch kommen! Friedberg ist da!
    Hui dada, hui dada, dideldumdei -
    Liebste Frau Kommerzienrat, rhrte die hhere Tochter in den hheren
Semestern, Friedbergchen mu uns was Lustiges aufspielen, damit wir doch noch
ein wenig tanzen knnen. Sie mssen erlauben ... Wir knnen nicht mehr an uns
halten ... Unsere Beine sind schon den ganzen Abend in Aufregung ... Sehen Sie
dort den Herrn Leutnant, der ist schon ganz weg ... Bitte, bitte ... Tanzen ist
ja Gottesdienst; der Knig David hat vor der Bundeslade hergetanzt ...
    Hui dada, hui dada, dideldumdei -
    Einige ltere Herren flchteten vor dem Tanzrummel aus dem gelben Salon in
das Rauchzimmer und da sie auch dies schon berfllt fanden, in den
Billardsalon. Hier hatte der sogenannte Wunderdoktor Wendelin Wamperl, seines
Zeichens Rechtsanwalt, dessen Schnurrbartenden wie Pfropfzieher ausgedreht
waren, eben den Queue auf das Billard geworfen und einer Gruppe Herren, welche,
das Weinglas in der Hand, schlechte Witze ber einen neuesten Ehebruchskandal
rissen, voll sittlicher Emprung zugerufen: Und ich bin dafr, da jeder Mann
und jedes Weib, auf Ehebruch ertappt, mit Kastrierung bestraft wird!
    Gewi, Untreue ist Infamie, sofern man nicht selbst den Genu davon gehabt
hat, sagte einer aus der Gruppe mit Beziehung, ein sonderbar gestalteter
Heiliger, dessen Nasenflgel aufgeblht schienen, als wren sie mit einer
kitzelnden Prise Schmalzlertabak gefllt, whrend der hochgezogene Nasenrcken
und die gefltelte Nasenwurzel den Eindruck eines permanenten Niesreizes
machten. Wer dieses gespannte Gesicht ansah, war versucht, immer gleich Helfgott
zu sagen. Da mu ich doch bemerken, da die tonangebende Presse den Fall viel
milder beurteilt hat, als der gestrenge Herr Doktor.
    Die Presse, hhnte Wamperl, diese babylonische Hure; das mu ich als
ehemaliger Herausgeber einer Zeitung doch besser wissen, wie so etwas gemacht
wird. Milde Beurteilung! Da hat die Bestechung eben nicht bis zum Schweigegeld
gereicht.
    Doktor Wamperl hat Recht: gegen die zunehmende Zerrttung des Ehelebens
mte mit den strksten Strafen vorgegangen werden. Die Ehe ist die Basis von
allem - bemerkte ein Dritter.
    Natrlich, zischelte der gereizte Nasenflgler - so sehr die Basis von
allem, da kein anstndiger Mensch mehr sich damit einlassen mag und das
Junggesellentum von Jahr zu Jahr zahlreicher wird. Fragen Sie doch unsern
bewhrten Statistiker Parklas!
    Junggesellentum? fuhr Doktor Wamperl auf, sagen Sie doch richtiger die
mnnliche Halbwelt. All' diese biederen Junggesellen sind zu haben, wenn eine
holde Sirene lockt. Lauter Kuckuckseierfabrikanten, wenn's aufs Apropos ankommt.
Biedermnner, die, wenn sie zum Verfhren zu faul, nichts sehnlicher wnschen,
als verfhrt zu werden. Und diese Mustermenschen schimpfen auf den Ehestand und
auf die Weiber und die Dirnen - und sie selber schlupfen drin herum wie die
Maden im Kslaib.
    Bravo, Herr Doktor! rief der Kommerzienrat beifllig und schob dem Baron
v. Drillinger zuvorkommend einen Rohrsessel hin, whrend er gleichzeitig einem
vorbeieilenden Diener bedeutete, einen frischen Trunk zu bringen.
    Der mehr und mehr gereizte Nasenflgler: Sie gebrauchten den Ausdruck
mnnliche Halbwelt, Herr Wamperl; das wre ein Thema fr Ihre Feder. Schreiben
Sie doch einen tief empfundenen Artikel darber.
    Bei diesen Worten erschien Erwin Hammer geruschlos unter der Thr.
    Wofr? Fr die Tagespresse?
    Es stehen Ihnen doch die angesehensten Bltter offen.
    Angesehene Bltter gibt's nur im physischen, nicht im moralischen Sinn. Ich
danke. Ich verachte die Presse fr das, was sie nicht schreibt und noch mehr fr
das, was sie schreibt. Ich verachte sie grundstzlich.
    Oho! von verschiedenen Seiten.
    Und Doktor Wamperl mit explosivem Cynismus: Ja, ich verachte sie. Eher
pflanze ich coram publico einen Kaktus auf dieses Billard, als da ich wieder
die Feder fr einen Zeitungsartikel anrhre ...
    Probe machen! riefen einige bermtige.
    Bitte, meine Herren, fiel der Kommerzienrat ein, das Kaktuspflanzen ist
unstreitig ein gesundes Vergngen, aber mein Schleifersches Billard gebe ich
nicht dazu her. Haben Sie eine Ahnung, was dieses Mbel gekostet hat? Das wr'
ein teurer Blumentopf, mein Lieber.
    Erwin Hammer war leise zu Wamperl getreten und flsterte ihm ins Ohr: Ich
komme soeben aus dem Museum; groartige Lobeshymne ber Ihre jngste
Verteidigung gelesen.
    In welcher Zeitung? fragte dieser ebenso leise wie gespannt.
    Das wei ich nicht mehr. Ich glaube, im Nrnberger Anzeiger oder in der
Frankfurter oder in der Allgemeinen. Man hat sich um das Blatt gerissen.
    Da mu ich doch nachsehen.
    Und Doktor Wendelin Wamperl drckte sich eilig.
    Erwin Hammer sah ihm spttisch nach.
    Was ist los? Ist er beleidigt, da er sich franzsisch empfiehlt? fragte
der Kommerzienrat besorgt.
    Gott bewahre, erwiderte Hammer. Ich gehe jede Wette ein, da unser groer
Zeitungsfeind in dieser Nacht noch alle Kaffeehuser einrennt und alle
Zeitungsstnder demoliert, um einen Lobesartikel auf seine vorgestrige
Verteidigungsrede aufzustbern.
    Und der Artikel findet sich nirgends?
    Natrlich nicht. Ich hab' ihm den Bren aufgebunden, um seiner Eitelkeit
einen Possen zu spielen. Der Gute ist so wtend auf die Presse, weil er nicht
genug gelobt wird.
    Das ist gelungen. Bravo, Herr Doktor Hammer! rief der Kommerzienrat und
rieb sich vergngt die Hnde.
    Hammer setzte sich zu Max v. Drillinger und entschuldigte sein Durchbrennen.
    Inzwischen stellte der Diener eine Batterie schner schlanker
Rheinweinflaschen auf den Kredenztisch. Die Herren schnkten sich selbst ein
nach Belieben. Der Kommerzienrat war in einen Polsterstuhl gesunken und hrte
schlfrig den Auseinandersetzungen des Prokuristen der kniglichen
Notenbankfiliale zu.
    Jawohl, diese Entscheidung des Reichsgerichts ist eminent wichtig.
    Welche Entscheidung? fragte Raler und rieb sich die Augen, vom
Zigarrenrauch gebeizt. Das Reichsgericht entscheidet so viel, da man sich
extra einen Gelehrten dafr anstellen mu, wenn man im Geschft alles beachten
will.
    Zu dienen, Herr Kommerzienrat, antwortete der junge Prokurist Gottlieb
Nordhuser, ein gewandter Streber, der sich mit Vorliebe den lteren,
einflureichen Kaufherren, besonders wenn sie hbsche Frauen oder heiratsfhige
Tchter hatten, angenehm zu machen suchte. Die Entscheidung lautet so,
dozierte er mit glatter, einschmeichelnder Stimme: Hat ein Bankier seinem
Kommittenten den Kauf von bestimmten Brseneffekten empfohlen mit der Angabe,
da sie steigen werden, obwohl ihm bekannt ist, da ein verhltnismig geringer
Umsatz in diesen Effekten stattfindet und dieser geringe Umsatz hauptschlich
von ihm selbst veranlat ist, um uerlich den Kurs derselben eine zeitlang auf
einer bestimmten Hhe zu erhalten und somit den Leuten Sand in die Augen zu
streuen, so ist er fr den seinem Kommittenten durch diese schwindelhafte
Manipulation erwachsenen Schaden haftbar.
    Gedmpft tnten die schmachtenden Walzermelodieen Knstlerleben von Strau
aus dem gelben Salon herber und begleiteten die reichsgerichtliche Prosa, da
sie im Munde des geflligen Prokuristen fast wie Poesie, wie eine rezitierte
Romanze klang.
    Ich bewundere Ihr stupendes Gedchtnis, Herr Nordhuser, nickte der
Kommerzienrat. Eine sehr gute Entscheidung. Htte ich dieselbe damals gehabt,
wre ich dem Bankier Weiler anders zu Leibe gegangen. Nun, gedrosselt habe ich
den Spitzbuben, da sein Kragen noch lange blaue Flecken zeigte, aber der Spa
kam mich doch teuer.
    Dem Kravattenfabrikanten htte man schon lngst den Hals zuziehen sollen.
Immerhin hat Ihre Lektion gefruchtet, Herr Kommerzienrat. Weiler ist seitdem
viel vorsichtiger geworden. An einen Finanzmann wie Sie wird er sich so leicht
nicht mehr heranwagen, fltete der Prokurist mit seiner einschmeichelnden
Stimme.
    Raler fhlte sich sehr angenehm berhrt, sich aus solchem Munde als
Finanzmann preisen zu hren. Er drckte die Augen zu. Mit diesem freundlichen
Eindruck htte er jetzt schlafengehen mgen. Wenn nur auch Leopoldine diese
sachverstndige Anerkennung seiner Finanzkapazitt gehrt htte! Wo sie nur
stecken mag, da sie sich gar nicht nach ihm umsieht? Er schielte nach der Thr.
Diese verdammten Gastgeberpflichten ...
    In der Trinkergruppe in der andern Ecke wurde die Unterhaltung immer
lebhafter, seit Erwin Hammer seine schneidigen Bemerkungen den Leuten an die
Kpfe warf.
    Alles ist Halbwelt, rief er, anknpfend an das Wort, das Doktor Wamperl
zurckgelassen. Die Kunst, die Wissenschaft, die Politik, die Finanz - ich bin
so frei, auch im Hause des Gehenkten vom Stricke zu reden - berall die
nmlichen Halbwelt-Allren und die nmliche Halbwelt-Moral. Diese industrielle
Brutalit, in allem nur Ware zu sehen, alles nach dem Ausbeutungsgewinn zu
taxieren, ist das nicht schmutziger Halbweltsgeist? Ideale -! Wird ihr Preis
nicht auch durch Angebot und Nachfrage geregelt? Haben wir nicht eure Menge
ererbter Ideale, die, weil keine Nachfrage mehr besteht, jetzt als traurige
Ladenhter verschimmeln? Seht Euch doch einmal in unserer guten Kunststadt
Mnchen das Zeug an, was als modernes Ideal in die Schaufenster gestellt wird,
um zu prunken und zu bestechen und den Blick der Kauflustigen auf sich zu
ziehen!
    Nennt doch das Kind beim Namen und sagt einfach: der Kapitalismus! Der hat
jetzt alles im Sack. Was ihm nicht dient, existiert nicht mehr. So ist es
einmal. Da beit die Maus keinen Faden ab. Man fgt sich oder man fgt sich
nicht.
    Natrlich fgt man sich, mischte sich der rotnasige Orang Utang Xaver
Schwarz, Vorstandsmitglied des Hausbesitzervereins, ins Gesprch.
    Reichtum ist Ehre, Sie mssen das ja am besten wissen, Herr Schwarz,
zischte der Nasenflgler.
    Ach, spotten Sie nicht ber den Reichtum und lassen Sie mich mit der
sogenannten Ehre aus, Herr Major! gab Xaver Schwarz zurck. Die Ehre! Kann ich
mit der Ehre Huser bauen? Kann ich mit der Ehre Steuern zahlen und den Staat
erhalten? Kann ich mit der Ehre Geschfte machen? Man kann von der Ehre so wenig
leben als von der Luft.
    Nun ja, da habt Ihr ja die ganze Herrlichkeit. Herr Schwarz sprach ein
groes Wort gelassen aus. Alles brige ist Lge, im besten Fall Notlge, rief
Hammer mit einer groen Geste.
    Der Wamperl hatte wahrhaftig so unrecht nicht.
    Wahrhaftig nicht. Nur sollte er sich immer gleich bei der eigenen Nase
nehmen und sich selber als lebendiges Beispiel zum Besten geben, hhnte der
gereizte Nasenflgler und griff nach einer vollen Flasche.
    Seine Verachtung der Presse ist einfach lcherlich.
    Das stimmt, besttigte Hammer. Nchst dem Komdianten Geiling ist in ganz
Mnchen kein Mensch hungriger nach Zeitungslob, als gerade er, der groe Kato
der Rechts- und Linksumwissenschaft, der groe Ehrenretter aller
Finanzspitzbuben und anderer Seeruber.
    Nicht so laut, der Geiling ist noch im Hause, beschwichtigte der
Prokurist, der, nachdem der Herr Kommerzienrat sanft eingeschlummert war, sich
dieser aufgeregten Tafelrunde vorsichtig genhert hatte.
    Aber ich bitte Sie, drhnte Hammer mit rcksichtsloser berzeugungskraft,
dieser Mensch wrde nur wieder eine erwnschte Reklame fr sich darin sehen,
wenn wir uns hier ber seine Reklame-Hubereien lustig machen.
    Wie er sich das Trompeterkorps der Prehusaren abgerichtet hat, das erzhlt
er ja gelegentlich jedem selbst, der's hren will, versicherte der Nasenflgler
Major a.D. Fabian v. Pemsl-Schwanegg mit wiegendem Kopfe.
    Max von Drillinger hatte getrunken, geraucht, zugehrt, - aber alles wie im
Traume. Nichts gewhrte ihm einen tiefen Eindruck mit folgerichtigem
Zusammenschlu aller Umstnde, die ganze Gesellschaft und ihr Gebahren erschien
ihm so matt und bla und ganz und gar berflssig.
    Ja, ganz und gar berflssig, wiederholte er halblaut und ging hinaus.
Ich will doch das Weibervolk noch einmal aufs Korn nehmen, in diesem
entsetzlich abgetriebenen Revier ... Die Hausfrau schien in der That nicht bel
... Leider fhle ich mich heute so wenig aufgelegt, mich der Bestrickung dieses
Weibes mit frischen Sinnen hinzugeben.
    Es bot sich ihm im Hausflur ein seltsames Bild. Frau Raler hatte eine
ltere Freundin bis zur Thr geleitet. Mehrere Herren, darunter einige bekannte
Maler, umschwrmten und umwedelten sie mit Phrasen gewhnlichster Galanterie.
Stolz aufgerichtet stand sie da, mit stoischer Stirn und dem unentwegt ber die
Kpfe der Schmeichler hinweg wie in weite Ferne gerichteten Blick die Galanterie
zu berhren. Als sie Max von Drillingers ansichtig ward, trat sie, nicht
achtend der anderen, auf ihn zu: Wollen Sie denn auch schon gehen, Herr Baron?
    Ausweichend lautete seine etwas verlegene Antwort: Es ist so hei hier,
gndige Frau. Und flsternd setzte er hinzu: Ich leide.
    Ich leide auch. Wer leidet nicht?
    Hatte er recht gehrt?
    Er schwieg, denn er scheute sich, gleich den andern mit einer
konventionellen Redensart zu erwidern. Das Weib traf ihn jetzt so mchtig mit
dem Eindrucke ihrer hohen Originalitt, da sein Auge aufleuchtete und
bewundernd auf ihr ruhte. Sie fhlte die Huldigung, die ihr in dieser stummen
Sprache unbewut und unbeabsichtigt dargebracht wurde, da sie ihm die Khnheit
verzieh, mit der er ihre Hand ergriff und sie zum Kusse an seine Lippen fhrte.
    Mit dieser Berhrung glaubte Drillinger nicht nur die Sicherheit seines
Geistes wiedergefunden zu haben, auch seine seitherige Erschlaffung schien einem
krftigeren Pulsschlag gewichen zu sein. Wie neubelebend durchdrang ihn jetzt
die Nhe dieses Weibes; es war ihm, als htte er sie in mystischer Kommunion in
sein eigenes Wesen aufgenommen. Und doch trat er wieder zeremoniell einen
Schritt zurck, indem er ihre Hand loslie. Ein eigentmliches Mitrauen
umwlkte seine Stirn und setzte sich lauernd in seine Augen und berschauerte
kalt seine zrtliche Begierde. Wie ein Ton in eisiger Nacht zerspringt, so
zerbrach das se Sehnsuchtslocken des Herzens an dem frostigen Gedanken: Sie
ist eines anderen Weib und, wie alle, selbst im Leid unheilbar schamlos, sobald
man's zu teilen sich anschickt. Was schnarren und schnattern die da hinten? Und
es war ihm, als hrte er die schmutzigen Neid- und Unzuchtsreden der brnstigen
Schwrmer, und als she er deren giftige Blicke auf sich gerichtet als auf den
Erwhlten des Augenblicks, den berlisteten und vom Weibe Beherrschten ...
    Klang's nicht so: Da haben die zwei Rechten einander erraten?
    Und wieder: Nun kann er zappeln ... Er zittert schon im Paarungskrampf ...
Es ist ein Skandal, da er sich auch da hereindrngt ... Seht die straffen
Formen ihres Oberleibes, wie sie beben und sich wlben und wie der Unterleib
sich einzieht und zurckweicht ... Und wie dieser Bock sie jetzt anstiert ...
Ah, sie thut sprde, die Komdiantin ... Ein Bild zum malen! Das ist was fr
Dich, Kropfhay ... Wo ist denn der Schnrle? Das wre sein Genre ...
    Drillinger sprach zu ihr, aber er wute selbst nicht recht, was er sagte und
wie er's sagte, denn der anderen Lasterreden, die wirklichen und die
eingebildeten, drangen ihm gleich vergifteten Pfeilen ins Gehirn. Ich will doch
lieber gehen, ich bin wirklich leidend, schlo er.
    Nun reizte sie's, seinen Eigenwillen zu brechen. Und wie sie so mit ihrem
Widerspruch in ihn drang, da flte sie ihm beinahe Furcht ein.
    Lassen Sie sich fhren, sprach sie, da es wie Bitte und Gebot zugleich
klang.
    Er folgte ihr und trat am Ende des Ganges mit ihr hinaus auf den Balkon.
    Das ist die Feuerwerksinsel, die hochragenden Bume da drben, zwischen den
tosenden, Wasserfllen? fragte er.
    Wie die Bcklinsche Toteninsel. Dieses Nachtbild ...
    Und was rauscht Ihnen die Isar dazu?
    Ein Grablied ...
    Mit triumphierenden Mienen, den Finger am Mund, kam Schnrle aus einer
Seitenthre geschlichen und winkte den gaffenden und lachenden Gesellen. Pst,
pst, hier reift etwas!
    Kropfhay deutete nach dem Balkon. Die anderen reckten die Hlse.
    Bewahre! flsterte Schnrle und seine bsen Augen funkelten und kniffen
sich ein, da es wie Blitze aus der schmalen Ritze leuchtete: Da unten - im
Gartensalon. Da reift etwas Wunderschnes. Pst ... Geduld! In fnf Minuten wird
uns der herrlichste Skandal als saftige Frucht in den Scho fallen.
    Und er gestikulierte in die fragenden Gesichter hinein und erschpfte die
Andeutungen mit den wsten Zeichen seiner Geberdensprache ... Dann schlich er
mit den Eingeweihten hinaus, wie ein Verschwrerchor in der Operette in den
Kulissen verschwindet.
    Major Fabian von Pemsl-Schwanegg fuhr mit dem weien, kronenbestickten
Taschentuch, das er um den Zeigefinger gewickelt, in die germpfte Helfgott-Nase
und brachte endlich einen schallenden Nieser zum Ausbruch. Dann jagte er ein
Glas Wein durch die Gurgel und nahm seine Erzhlung wieder auf.
    Erwin Hammer ghnte und steckte damit die ganze Tafelrunde an. A - i - jah!
Hai - ja!
    Der Wein ist ein Erhitzer, aber kein Durststiller, eine khle Ma
Hofbruhausbier wre eine rechte Wohlthat. Aber der edle Gastgeber schlft den
Schlaf des Gerechten. Da mssen halt wir dem gastlichen Hausregiment ein wenig
nachhelfen. Diener! He! Und Hammer gab dem kommerzienrtlichen Ganymed den
entsprechenden Auftrag.
    Sehr willkommen!
    Im Schwung war er hinaus. Ein Zwanzigliterfchen auf Eis harrte lngst des
Anstichs.
    Xaver Schwarz brummelte. Die Hammersche Eigenmchtigkeit ging ihm wider den
Strich, obwohl er selbst nach einem erfrischenden Trunke lechzte.
    Ach was, Sie alter Frmmler, thun Sie nur nicht so! lachte ihn Hammer aus.
Man sieht's Ihnen ja an, da Sie's nicht erwarten knnen, Ihr ausgepichtes
Vaterunser-Loch mit edlem Hofgebru durchzusplen. Der Abendsegen wird Ihnen
dann herausrutschen wie geschmiert. Also keine Redensarten. Die knnen Sie sich
fr den sterlichen Beichtstuhl aufsparen.
    Aber ich meine Geschichte nicht! schrie der Major-Nasenflgler dazwischen,
der immer wtend wurde, wenn er nicht loslegen konnte, die Dichterin Thusnelda
Wechsler nmlich ...
    Ist im Weiblichen was der Geiling im Mnnlichen ist, oder umgekehrt, na?
fuhr ihm Hammer ins Gerede.
    Ach, du gerechter Strohsack, lispelte der Prokurist und schlrfte eine
Thrne.
    Kennen wir schon: Thusnelda war eines Tags oder einer Nacht emprt, da ein
gewisser Journalist ihr immer am Zeug flickte, am Dichtzeug nmlich, in seinem
Schmierblttchen. Da sprach Thusnelda: Dem Kerl mu ich endlich das Maul stopfen
- und sie lud ihn zum Essen ein. Aber siehe da, die Abftterung half nicht. In
ihrem Grimm ersann sie eine grausame List. Sie legte sich ins Bett und lie den
kritischen Federfuchser zu sich rufen: Das haben Sie aus mir gemacht! Ich bin
halbtot - vollenden Sie Ihr Werk, wenn Sie's vermgen ...
    Und so weiter. Das ist 'ne alte Geschichte, aber ein probates Mittel. Das
Bier, das Bier! Bravo! Prosit! rief eine speckige Stimme von der andern Seite
herber.
    Prosit!
    Fabian von Pemsl-Schwanegg wrgte an seinem rger und that einen
verzweiflungsvollen Schluck.
    Reden wir von was anderem, wenn berhaupt noch geredet sein mu. Sie kennen
das berhmte Wort: Das Bier, das nicht getrunken wird, hat seinen Beruf
verfehlt. Helfen wir, da es seinen Beruf erflle ... Wie viel Liter? ...
Zwanzig? ...
    Herr von Polly, der sogenannte Bierbaron - eine dunkle Sage rannte, da er,
obzwar legitimer Ministerssohn aus einem Groherzogtum  la Gerolstein, doch,
durch eine Verkettung romantischer Umstnde mtterlicherseits, einem
Grobrau-Pascha sein edelgeborenes Dasein, sein plebejisches Bierdimpfl-Gesicht
und den Besitz ansehnlicher Bruerei-Aktien verdanke - wackelte auf seinem
krummen Gebein auch heran, sich einen frischen Makrug zu sichern. Er hatte sich
den ganzen Abend zwischen dem Bffet und dem Damenflor im gelben Salon
herumbewegt, gewohnt, stets das Angenehme mit dem Ntzlichen zu verbinden. Wie
er seine krummen Beine auf allen Gesellschaftsbden, so hatte er seine langen
Hnde auf allen gastlichen Bffets, seine Glotzaugen auf allen Nuditten der
weiblichen Galatoiletten, seine langen, roten Ohren in allen Plauderwinkeln. Das
Wort bekam er gewhnlich erst zum Kehraus der Konversation, wenn es nur noch
halbschlafende Zuhrer gab, denn sein Geschlapper war allen zuwider. Er
vermochte berdies kaum einen Satz sprachrichtig zu bilden.
    Sffig, Herr Baron, nichtwahr? Ausgezeichneter Stoff! nickte ihm der
Major-Nasenflgler Fabian von Pemsl-Schwanegg ermunternd zu, um den Doktor
Hammer zu rgern. Wie gehen denn jetzt die Geschfte in der Grobrau-Industrie?
Sie sind doch auf dem Laufenden wie kein Zweiter!
    Ihr knnt Euch die Kinnbacken ausrenken mit Eurem mundfaulen Geschwtz,
dachte Hammer und lachte in sich hinein, eine frische Havanna im Munde, zwischen
den aufgesttzten Ellbogen den nachgefllten schumenden Makrug! Ich gebe
jetzt meinen eigenen Gedanken und Trumereien stille Audienz.
    Bunter Lrm klang aus den Nebengemchern immer lauter herein.
    Nachdem der Bierbaron von Polly sich den schaumtriefenden Schnurrbart
abgeleckt, lmmelte er sich auf einen Rauchstuhl und zog die Schleuen seiner
Kehraus-Beredtsamkeit aus: Die bayerische Bierproduktion hat, wie man zu sagen
pflegt, wieder eine betrchtliche Steigerung erfahren, was in der Hauptsache zur
Folge hat, da die Rente eine bedeutend bessere geworden ist ...
    Der Prokurist Nordhuser nahm seinen Krug und schlich zu zwei Herren auf die
andere Seite hinber. Wer ist denn jener melancholische Herr gewesen, der sich
vorhin entfernt hat, wissen Sie, der mit den interessanten Augen? - Ach, Sie
meinen den Baron Drillinger, den bald sentimentalen, bald enthusiastischen
Schwachmatikus? ...
    Der Herr Kommerzienrat wlzte sich schnarchend in seinem Armstuhl. In seiner
dunklen Ecke nahm niemand mehr Notiz von ihm. Man war diese Art von abwesender
Anwesenheit bei ihm gewohnt.
    Der Bierredner mauschelte blumenreich weiter: Was der bayerischen
Bierfabrikation den Nimbus der Reellitt, wie man zu sagen pflegt, erhalten hat,
so wie auch den Stempel der Reinheit aufgedrckt hat, das ist bekanntlich das
gnzliche Verbot, welchem gem keine Surrogate, sondern nur Gerste, Hopfen,
Wasser und Hefe zum bayerischen Biere zu verwenden sind. Nichtsdestoweniger
haben sich die Absatzverhltnisse im allgemeinen schwieriger gestaltet, so zwar,
wenn auch, wie anzunehmen ist, da sich der Export nach Paris nur einer
momentanen Stockung, wie man zu sagen pflegt, zu unterziehen hat ...
    O heiliger Gallimathias, nun mchte ich dir doch eine ber die Schnauze
ziehen, fluchte Hammer, halb belustigt, halb gergert ber seinen Makrug
hinweg.
    Jedoch die Bierpalste der Mnchener in Berlin, he? feuerte der
befriedigte Major-Nasenflgler den Redner an. Dieser Bier-Aufschwung im
verschnapsten Norddeutschland! Die frommen Preuen thun jetzt, als kriegten sie
mit dem Bier zugleich die wahre Religion ins Land ...
    Jawohl, das ist nicht blo die Eitelkeit unserer Grobruer, sondern auch,
weil sie die Erfahrung gemacht haben, da ihre riesig gesteigerte Produktion
nicht mehr so leicht unterzubringen ist wie frher. Wer wie ich, meine Herren,
einen tiefen Einblick in den Betrieb der Grobrauereien gethan zu haben in der
Lage gewesen, der wird mir beistimmen, wie man zu sagen pflegt, da nur eine
starke Erhhung der Branntweinsteuer hierzu beitragen kann ...
    Der Maler Schnrle erschien unter der Thr, den Kopf wie suchend nach allen
Seiten wendend. Dann tnzelte er auf den Fuspitzen auf den schlafenden
Kommerzienrat los, rttelte ihn und bellte ihm einige Worte ins Ohr.
    Wer wre, wer wre ... so dreist ... solche Unzukmmlichkeit ... lallte
der schlaftrunkene Raler. Mit welcher Frau? Mit meiner Frau?
    Gleichgltig, mit welcher Frau, Herr Kommerzienrat; ein Haus, in welchem
solche Dinge passieren knnen, ist blamiert vom Keller bis zur Windfahne.
    Branntweinsteuer, ja, ja, es gibt kein besseres Mittel gegen die
Schnapspest unserer nordischen Brder. Bier wirkt sittlich; das ist das Ol
rechtschaffener Denkungsart, die unsern nordischen Brdern auch nicht schaden
kann.
    Dann len Sie zunchst nur sich selbst grndlich ein, Herr Pemsl von
Schwanegg und Herr von Polly, rief Hammer aufstehend, mit einem verchtlichen
Blick auf die schwefelnde Kumpanei.
    Sie werden beleidigend, mein Herr! krhte der Herr von Polly und wollte
sich gegen Hammer aufschnellen, fiel aber wieder mit einem schweren Plumps auf
seinen Stuhl zurck. Er fuhr mit der Hand an seine weie Kravatte, deren
Schleife unter dem linken Ohre stand, und zerrte, als msse er sich Luft machen,
um einem Erstickungsanfall zu entgehen. Seine schmutzigen Fingerspitzen - die
langen Ngel mit den tiefen Trauerrndern waren eine Sehenswrdigkeit - lieen
graue Kleckse an Hemd und Kravatte zurck.
    Der Major-Nasenflgler wurde grn im Gesicht vor rger und Wut. Das uns?
Sie wollen einen Skandal provozieren, Herr Preue? Sie meinen wohl, uns Bayern
kann man alles bieten?
    Der Zank hatte den schlaftrunkenen Raler vollends ernchtert und auf die
Beine gebracht. In seinem Gehirn schossen die Einflsterungen Schnrles und die
Schreie der anderen durcheinander. Von allen Seiten strzten die Herren auf ihn
zu. Schaffen Sie doch Ordnung, Herr Kommerzienrat, das ist ja skandals!
    Was ist denn los? gluckste er mit vorquellenden Augen und verstrtem
Ausdruck. Ich versteh' ja gar nicht ... Wo ist denn ...
    Drunten im Gartensalon, kommen Sie nur, berzeugen Sie sich! rief Schnrle
dringend und fate ihn am Arm, ihn fortzufhren.
    Baron von Polly vertrat ihnen den Weg. Sein Gesicht flammte. Dieser Mann
da - er deutete auf Hammer, der sich in aller Gemtsruhe eine frische Zigarre
ansteckte, als wre nichts passiert - dieser Mann da hat den schnen Abend
gestrt. Er hat alle Bayern beleidigt.
    Herr Xaver Schwarz, der mittlerweile in einer andern Gruppe sein
patriotisches Licht hatte leuchten lassen und eben einem bekannten
Kirchturmspolitiker seine Bereitwilligkeit erklrte, sich bei der nchsten Wahl
in den Agitations-Ausschu ultramontaner Whler aufnehmen zu lassen, kam,
angelockt durch den Lrm, mit aufgeblasenen Backen angestiegen. Was? Die
Preuen gegen die Bayern? Da sind wir auch noch da! Wir sind zwar alle Brder,
aber hier ehrt man unsern Knig nur in unsern Landesfarben!
    Es handelt sich gar nicht um Landesfarben! schrie ihn Polly an.
    Die Verwirrung erreichte ihren Hhepunkt, als aus dem gelben Salon, wo
inzwischen der Maler Kropfhay die schreckliche Geschichte mit den Worten
verbreitet hatte: Im Gartensalon ist ein Gespenst, das Shakespearesche Tier mit
dem doppelten Rcken erschienen! mehrere Damen ganz erhitzt anstrmten: Herr
Kommerzienrat, was sagen Sie dazu? Ist's wahr? Solche Dinge in Ihrem Hause? Das
ist ja unheimlich!
    Andere drngten lachend nach: Nein, es ist, unglaublich! Dieser Geiling
...
    Alle Teufel, wo ist meine Frau? Ich versteh' ja von der ganzen Geschichte
nichts!
    Thren wurden aufgerissen und wieder zugeschlagen. Das ganze Hans schien in
Aufruhr, als ob das wilde Heer durch die Rume jage. Eine heie Luft brodelte
vom gelben Salon herber mit dem Dunst von erhitztem Menschenfleisch und
vermischte sich mit der raucherfllten Atmosphre des Billardzimmers, wo die
Gasflammen unter den grnen Lampenschirmen trbe flackerten.
    Das Tier mit dem doppelten Rcken, verstehen Sie nicht, Herr Kommerzienrat?
In Ihrem Gartensalon, auf dem Divan unter den Palmen? kreischte ihm die hhere
Tochter in den hheren Semestern unter die Nase.
    In der Angst seines Herzens rief er aus dem Trubel heraus: Leopoldine!
Leopoldine!
    Verschiedene boshafte Bemerkungen schwirrten an seinen Ohren vorber.
Mehrere Gste entfernten sich kopfschttelnd ohne Dank und Gru.
    Leopoldine! Leopoldine! Jean, schnell, suchen Sie meine Frau! rief der
unglckselige Raler, der vllig den Kopf verloren hatte.
    Die Frau Kommerzienrat hatte vorhin noch eine Weile auf dem Balkon in
weltentrckter Zwiesprache mit dem Baron Max von Drillinger gestanden.
    Geht es Ihnen auch so, Herr Baron? Nach solchen Erfahrungen wird man immer
unpersnlicher. Wie vermchte man sonst im Dunstkreis der Gewhnlichkeit weiter
zu leben? Was bleibt nach solchen Umwlzungen im Leben brig, uns aufrecht zu
erhalten, als der Glaube an das Ideale, an die Pflicht?
    Es kommt darauf an, gndige Frau, wie man das Leben auffat.
    Und noch mehr, wie man es anfat.
    Anfat! Mit welcher verhaltenen Energie dieses Wort sich von ihren Lippen
lste!
    Ob es gut oder schlecht schmeckt, fuhr sie fort, wir mssen mit ihm
fertig werden. Das Glcklichsein scheint wirklich nicht die Hauptsache zu sein,
worauf es ankommt - - oder?
    Er htte der hohen, ernsten Frau um den Hals fallen und ihr Berthas Wort
zurufen mgen: Wenn du das Glck siehst, halt's fest, dies ist die ganze Summe
aller Weisheit zum Glcklichsein.
    Er wagte nicht einmal mehr, ihre Hand zu berhren. Sein
Leutnants-Skeptizismus in Betreff der Frauentugend sah sich in komischer
Verlegenheit diesem verlsterten Ausnahme-Weib gegenber. Eine Heuchlerin oder
eine Heldin? Seine Empfindung entschied sich fr die Heldin.
    Dem Baron wurde es nicht allzu leicht, in der Nhe einer schnen, gesunden
Dame seine Empfindung aus diesen abstrakten Ton praktischer Heiligkeit zu
stimmen, zumal in einer Umgebung wie sie in diesem Augenblick der einsame Balkon
des Ralerschen Hauses bot: hinter sich die verfhrerischen Klnge Strauscher
Walzer, nach deren wollstigen Rhythmen verschlungene Menschenpaare sich im
Takte wiegten, Mnnlein und Weiblein Brust an Brust; vor sich die rauschende
Isar, etwas rechts die Feuerwerksinsel, wo der kleine, dicke, originelle
Heinrich Burg haust, der tglich um die nmliche Stunde mit seinem tief ins
Gesicht gedrckten Schlapphut wie ein wandelnder Champignon ber den Steg der
berflle schreitet, um in geheimnisvollen, zwischen Bschen versteckten
Laboratorien in Gestalt von alten, verwitterten Bretterhuschen seiner
pyrotechnischen Zauberkunst obzuliegen; links auf der jenseitigen Uferhhe das
phantastische Gebude des Maximilianeums, hinter dessen luftigen Flgeln soeben
der Mond aufging und die Bogenhallen mit seinem silbernen Glnze erfllte; ber
sich den tiefdunkelblauen Nachthimmel mit dem Kranze seiner goldenen Sterne ...
Und eine Luft fchelte von diesem Himmel mit seinem lchelnden Sternenschein
hernieder, so frhlingslind und rein und seltsam erregend.
    Die Frau Kommerzienrat lud ihren Gast ein, mit ihr noch einen Gang in den
eilte Stiege tiefer gelegenen Gartensalon zu machen. Dort pflege sie oft dem
Getse der Gesellschaftsabende auf einige Augenblicke zu entrinnen. Es sei ein
traulicher Zufluchtswinkel, ein buen retiro, dem die lrmfreudigen Gste
freilich wenig Geschmack abgewnnen. Einsamkeit und Schweigen, wer suche das
heute noch? Der Knig in seinen sieben Bergeinsamkeiten, wie wenig werde er von
den Lrmmachern der Gegenwart begriffen! Ein Heim in der Felsenwelt wie ein
Adler - es ist zu auerordentlich, als da es nicht den Spatzen in den Gassen
und auf den Dchern wie Wahnsinn erscheinen sollte ... Oh, Sie haben ein
wunderschnes Heim, Frau Kommerzienrat, bemerkte der Baron, den Balkon
verlassend.
    Haus wollen Sie sagen. Zu einem Heim gehrt mehr, als Bequemlichkeit und
Glanz, welche der Reichtum verleiht. Die Kraft des Reichtums ist geringer, als
man denkt. Das reichste Haus vermag oft kein Heim zu schaffen.
    Max von Drillinger runzelte die Stirn, als ihn diese neue philosophische
Randglosse in der pltzlichen Helle des Korridors traf, und dachte, wie es doch
auf die Dauer recht langweilig sei, mit einem so herrlichen Weib nicht aus der
Tretmhle abstrakter Gedanken und kritischer Klgeleien herauskommen zu knnen.
Einige kichernde Gruppen, an denen sie vorbei muten, veranlaten ihn, gerade
vor den Augen dieser leichtfertigen Salonpflanzen die Saite geistreicher
Koketterie aufzuziehen und nicht den landesblichen trivialen Kurmacher zu
spielen. Die sollten einmal sehen, diese Flachkpfe, auf welchem sthetischen
Fu ein Max von Drillinger mit dieser offenbar verkannten Frau verkehre.
    O, Sie haben gewi Recht, gndige Frau, sagte er mit absichtlich erhobener
Stimme und fuhr, seine Schritte hemmend und ein wenig verweilend, deklamatorisch
fort: Nicht weniger Recht hat aber auch unser Schiller mit seinen berhmten
Versen:

Es ist ein altes Wort, doch bring' ich's wieder:
Die Ehre wohnt beim Reichtum. Reichtum bt
Die grte Herrschaft ber Menschenseelen.
Der Arme, sei
Er noch so gro geboren, gilt fr nichts.

    Leider, ja! erwiderte sie einfach, ohne sich umzublicken. Hren Sie nur
diese Unruhe da drinn'. Gehen wir schneller. Ich erflle heute meine Pflichten
als Dame des Hauses schlecht. Aber die Menschen sind mir so zuwider, die kein
ernstes Wort vertragen ...
    Schnrte kam eilig die Treppe herauf und drckte sich mit scheuem Grinsen an
ihnen vorbei.
    Ein widerwrtiger Schleicher, dieser Sittenbilder-Kleckser mit dem
Basiliskenblick, bemerkte Drillinger.
    Haben Sie die nhere Bekanntschaft der Frau Bertha Hohenauer gemacht?
    Herr Geiling hatte sie ganz in Beschlag genommen.
    Das erklrt Schnrles schlechten Humor. Schnrle war einst sehr um sie
bemht. Fatale Liebeshndel ...
    Drillinger lchelte. berhaupt die Liebe - nichtwahr, gndige Frau?
    Eine khlere Luft schlug ihnen entgegen. Links zweigte die Kellertreppe, ab,
rechts war die Thr zum Vorzimmer des Gartensalons. Das Vorzimmer war, wie das
Treppenhaus, an Gesellschaftsabenden gewhnlich hell erleuchtet, whrend der
Gartensalon nur von einigen venezianischen Lampions, die malerisch in den grnen
Strucher- und Palmengruppen hingen, ein mattes Rosalicht empfing. Dicke Lufer
bedeckten den Boden.
    Frau Raler schauerte, als sie die angelegte Thr des Vorzimmers ffnete und
den Baron so nahe hinter sich fhlte, da sein Atem ihren Nacken bestrich.
    berhaupt die Liebe -! wiederholte Max v. Drillinger leiser. Ah!
    Pltzlich war Frau Raler stehen geblieben.
    Das Vorzimmer war dunkel. Wie kam das? Wer hatte das Licht ausgelscht? Der
schwarze Raum erschien ihr wie ein Abgrund. War es nicht unpassend und
unheimlich, mit dem fremden Manne solche Wege zu wandeln, die zu den schwersten
Mideutungen verleiten konnten? Aber war ihr Max v. Drillinger noch ein Fremder,
nachdem sie ihm ein solches berma von Vertraulichkeit entgegengebracht? Vor
wem hatte sie sich berhaupt zu rechtfertigen? Unsinn ... In diesem Augenblick
drckte sie aber doch die dunkle Einsamkeit wie stiller Vorwurf.
    Bitte, Herr Baron, lassen Sie mich erst nachsehen, ob der Gartensalon
beleuchtet ist. Ich begreife nicht ... Sonst brennt hier immer Licht ... Ich
wollte Sie wirklich nicht in Nacht und Nebel hieher fhren ...
    Ich sehe hell, wo ich Sie sehe ... Ihre Lichtgestalt ...
    Er brach ab. Frau Raler hatte das dunkle Vorzimmer durchschritten und die
mit einer Portire verhngte Thr zum Gartensalon leis und hastig geffnet und
war mit einem dumpfen Oh! auf der Schwelle stehen geblieben.
    Nein, das ging zu weit: das Gewchshaus in einen Venusberg zu verwandeln! An
diesem Orte solche Umarmungen! Geiling glaubte sich wohl im Theater ...?!
    Bertha!
    Bevor sie im stande war, die Thr wieder zu schlieen, drngten schon
lachend und spottend mehrere Gste den Kommerzienrat die Treppe herunter.
    Frau Kommerzienrat, man kommt! rief Drillinger erschreckt, er wute selbst
nicht warum. Er schritt auf sie zu und fate ihre Hand.
    Das ist ja eine Verschwrung! quackte der Kommerzienrat mit seinen
pappigen Lippen und rieb sich die Augen. Ah, Leopoldine und der Baron, stie
er heiser heraus, als er mitten im dunklen Zimmer seine Frau Hand in Hand mit
Drillinger erblickte, von dem Streifen Rosalicht beleuchtet, das aus der offen
gebliebenen Salonthr hereinzitterte.
    Ein Irrtum, meine Herrschaften! Nur vorwrts in den Gartensalon, dort ist
das Schauspiel! pfiff Schnrle mit seiner dnnen, erregten Stimme und strmte
voraus.
    Der Kommerzienrat stand jedoch wie angewurzelt und schttelte den Kopf.
    Ich begreife nicht ...
    Ich auch nicht, Herr Kommerzienrat, sagte verdutzt der Baron, indem er die
Hand der Frau Raler loslie. Es ist ...
    So? Sie begreifen auch nicht?
    Ausgeflogen, da, durch den Garten; Donnerwetter, jammerschade, wir sind zu
spt gekommen, kreischte und gestikulierte Schnrle auer sich.
    Jean zndete die Lichter des Vorzimmers an und stellte eine Lampe in den
rosadmmerigen Gartensalon. Die grelle Helle verscheuchte die Gespenster, welche
der hmische Schnrte in der Phantasie der Gste heraufbeschworen hatte - an
Verdchtigem blieb nur das Eine: Frau Ralers dunkler Verkehr mit Drillinger.
Dieses Verdchtige war aber fr die Klatschsucht das einzig Positive, was die
Zuschauer aus diesem Zufalls-Possenspiel mit nach Hause nahmen.
    So endeten die Gesellschaftsabende des Ralerschen Ehepaars mit einer Faree,
deren Unkosten zunchst die Unschuldigen zu tragen hatten. Nur einer lie sich
von der Schuldlosigkeit der Schuldigen wie der Unschuldigen nach einigem
Struben berfhren: der Herr Kommerzienrat. Wenn spter durch irgend eine
unvorsichtige Gesprchswendung die Rede auf dieses Fiasko der geselligen Abende
stie, pflegte er zu sagen: Nun ja, das macht der Liebe kein Kind, es war ein
dummer Zufall; die Leute, mgen sagen, was sie wollen.
    Der dumme Zufall lie sich's freilich nicht nehmen, in seiner Art weiter
zu schalten und fr Frau Raler und Max v. Drillinger an ihre erste Begegnung an
jenem Abend das knotenreiche Fdchen intimer Beziehungen anzuspinnen, ein
Fdchen, das sich allmhlich so verdichtete, da Frau Raler den jungen
Kandidaten Schlichting in ihrer Herzensnot mit dem Bekenntnisse verblffen
mute: Ich kann nicht mehr ohne ihn leben.
    Warum liebst Du mich eigentlich? Mit dieser Frage schlo einst Drillinger
eine heie Liebesstunde in Pasing. So ganz leichthin, beim Anznden der
Zigarette.
    Leopoldine schttelte traurig den Kopf. Ich wei nicht - vielleicht, weil
ich mu, um fr meine Untreue als Frau durch meine Treue als Deine Geliebte
gestraft zu werden.
    Warum hast Du Dich zu jener Narrenehe entschlossen?
    Warum? ...
    Sie zgerte mit der Antwort. Ein Bein ber das andere gelegt, mit dem
Zuknpfen ihres Halbstiefels beschftigt, lie sie die Hand mde sinken.
    Sonst hast Du mir geholfen, Max!
    Er lie sich aus ein Knie nieder, stellte ihren Fu auf seinen Schenkel und
zog die letzten Knpfe zu. Also warum? fragte er wieder, ohne die Zigarette
aus dem Munde zu nehmen.
    Raler litt unter seiner Liebe, verstehst Du das? Er hatte unerzogene
Kinder zu Haus, die nach einer Mutter schrieen ... Ich hielt ihn fr sehr
unglcklich ... Er war der einzige Mensch, den ich nicht leiden sehen konnte.
    Also blo darum?
    Weil ich mir selbst nicht mehr traute und keinem Menschen auf der Welt -
aus Verzweiflung.
    Aus Verzweiflung? Vielleicht auch darber, da Herr Albrecht selbst ... wie
man sagt ...
    Pfui! Du solltest der Letzte sein, so etwas zu wiederholen.
    Pause. Gespenster gingen um. Husch! Leopoldine fhlte ein leises Schauern.
    Ach, Max ...! seufzte sie auf.
    Und warum bleibst Du in dieser Ehe, nachdem Du mich liebst? forschte er
kaltbltig weiter, wie ein Vivisektor, der die Herzkammern eines geknebelten und
betubten Versuchstieres blolegt, nicht achtend der Qualen, die sein trauriges
Experiment schafft.
    Weil ich Dir noch nicht traue ...
    Ein merkwrdig sophistischer Grund!
    Und weil ich an den mutterlosen Kindern aus Ralers erster Ehe shnen will
durch Pflichterfllung, was ich an Raler selbst aus Pflichtverletzung sndige.
Jetzt weit Du's.
    Was wrdest Du unter solchen Umstnden thun, wenn Du - ein Kind von mir
httest?
    Mich tten - und Dich dazu.
    Du bist wahnsinnig.
    Ich bin nur gerecht und nehme die Konsequenzen, meiner Handlungen auf
mich.
    Von den vielen heftigen Szenen wilder Eifersuchtskmpfe war Drillinger
besonders eine im Gedchtnis geblieben. Sie fing wie gewhnlich mit scheinbar
harmlosen Fragen, nach unaufgeklrten Punkten in Leopoldinens Vergangenheit an.
    Warum bist Du nicht beim Theater geblieben, erzhle, Leopoldine!
    Ich hatte nicht genug Talent dazu, meine groe Figur war fr eine Reihe
kleinerer Rollen auch nicht gnstig. In die Ecke mochte ich mich nicht drcken
lassen ...
    Geh, das allein kann der Grund nicht gewesen sein.
    Ich war zu arm und hatte nicht genug Mittel, um anstndig vorwrts zu
kommen. Ohne Bestechungen geht's einmal nicht.
    Du hattest Verehrer - waren keine zahlungsfhigen Leute darunter?
    Leopoldine schwieg. Hatte sie berhrt? Endlich sagte sie abschweifend: Das
Talent bedeutet so wenig beim Theater. Gunst, Gnnerschaft sind viel wichtiger
fr das Vorwrtskommen. Zunchst liebt man immer erst das Weib, dann erst das
Talent, wenn es ein - geflliges ist. Das Talent allein entscheidet gar nichts.
Von den Gemeinheiten dieser Zustnde, besonders bei kleinen Theatern, hat man
gar keinen Begriff.
    Das ist schlielich berall so. Der Unterschied liegt nur in den Nancen.
Erzhle weiter, wir kommen schon auf den Punkt, wo ich Dich haben will.
    Du tyrannisierst mich, Max. Macht Dir das Vergngen?
    Ja. Erzhle weiter!
    Ich gehorche Dir. Wir werden in vielen Stcken einander nie verstehen.
    Das liegt an Dir. Erzhle!
    In meinem Rollenfach hatte ich eine Rivalin, damals, weit Du, in Landshut,
eine ganz ungebildete, talentlose Hausmeisterstochter. Interessiert Dich das
wirklich?
    Gewi. In Deiner Vergangenheit interessiert mich alles.
    Ich forsche doch auch nicht mit diesem peinlichen Argwohn in der Deinigen!
    Bitte!
    Also eine urdumme Person, aber sie hatte einen hbschen Puppenkopf, einen
zwar ungrazisen, jedoch gewisse Mnner lockenden Leib - und war sehr gefllig,
beispiellos gefllig; natrlich hatte sie einen reichen Verehrer, einen
abgelebten Kaufmann, der ihr die schnsten Toiletten schenkte, und der wollte
dann auch seine kostbaren Geschenke auf der Bhne ausgestellt sehen ... Und die
Talentlosigkeit bekam die schnsten Rollen, und spielte sie herunter, wie sie
ihr von dem Regisseur eingepaukt wurden, und in der Zeitung bekam sie die
schnsten Kritiken und der Direktor that, was er ihr an den Augen absehen konnte
und trug sie auf den Hnden und lie sie in allen Fchern herumspielen ...
Schlielich beherrschte sie den Direktor, der gar nicht mehr aus dem Unterrock
hervorkam, und die Regisseure und die Rezensenten und die ganze Schmiere - und
der reiche Verehrer zahlte alles und jedes ... Von grenzenlosem Ekel ber diese
Kunstwirtschaft erfllt, brach ich das Engagement und lief davon.
    Mit wem? Natrlich gleichfalls mit einem sogenannten Verehrer ...
    Damit war das Zeichen zu einer frchterlichen Auseinandersetzung gegeben - -
-
    All' ihr Elend wgend, sprach Leopoldine fr sich selbst: Das Grlichste
ist die Vergangenheit. Alles rcht sich. Das Gedchtnis ist die Rache. Ihm
braucht wahrlich nicht erst die brutale Eifersucht des Geliebten zu Hilfe zu
kommen: es verrichtet sein Henkeramt von selbst. Alles spte Glck ist vergllt,
gedenkt man frher Schuld - -
    Ach, la doch dieses Herumspintisieren.
    Wer rhrt alles in mir auf? Ich frchte, auch Dein Gewissen foltert Dich
noch fr all' die Schrecknisse, womit Du meine groe Liebe lohnst. Hast Du etwa
eine Shne in Deiner Reinheit? Bin ich die Alleinschuldige? ...
    Es war dem Baron mit der laxen Leutnantsmoral in allem, was das Liebesleben
und seine Folgen betrifft, durchaus versagt, den Grund und Ernst eines solchen
Gefhls zu erfassen. Er fhlte sich pltzlich angekltet und so unbehaglich in
Leopoldinens Nhe, da er wochenlang die Begegnung mit ihr zu vermeiden suchte.
Dann erfate ihn wieder ein jhes Fieber, und er glhte und drstete nach ihren
Kssen und Umarmungen.
    Das Weib pflegte, deine Lust zu sein und du konntest nie der Liebe genug
haben, spottete er in solchen Zeiten des Gefhlsumschlags seiner selbst, und
nun bist du an eins geraten, das dir aus unfalich groer Liebe eitel Unlust
schafft - und von dem du doch nicht lassen kannst.
    Der Herr Kommerzienrat machte die Beobachtung, da Frau Leopoldine merklich
leichter zu haben sei, seit der Baron im Hause verkehrte. Das that ihm wohl.
Der Baron ist ein Hexenmeister, sagte er. Und er dankte ihm still fr seine
Hexerei. Die Leute sagen ihm bles in bezug aus die Frauen nach: das macht der
Liebe kein Kind - wem sagen sie's nicht nach? Und zumal hier in Mnchen, in
diesem Krhwinkel-Klatschnest! Wir kennen's ja. Und wir pfeifen drauf. Der Baron
gefllt meiner Frau, er gefllt aber auch mir - und das ist die Hauptsache.
    Einmal wute er beide allein im Zimmer, als er heim kam. Hatten sie ihn
kommen sehen? Nicht die Spur. Ahnten sie, da er vor der Thr stand? Nicht im
Traum. Also konnte er am Schlsselloch lauschen; jedes Wort mute echt sein.
Gusti schlich unbemerkt vorber, mit einem spitzbbischen Lcheln in den Augen.
Und er lauschte. Zuerst vernahm er wenig mehr, als konfuses Stimmengerusch, ein
Zwitscherduett im fernen Busch; aber jetzt hoben sich die Stimmen immer
deutlicher und nachdrcklicher, kein Wort ging verloren.
    Sie moralisieren! schmunzelte er. Er widerlegt sie, er zahlt ihr
odentlich heim. Sie kehrt natrlich die Radikale heraus. Wart', Leo! Ganz ihre
Art: Den Knstler zwingen, eine Moral anzunehmen, blo weil sie - moralisch ist?
Weil sie zum angenommenen Umgangston gehrt? Der rechte Knstler lt sich nur
Knstlerisches aufzwingen ... Und jetzt der Baron. Da bin ich neugierig: - - Das
heit, sie bringen es selbst hervor, und wie sie sich ihre eigene Kunst
schaffen, so wollen sie sich auch ihre eigene Moral machen! Wo kmen wir da hin,
gndige Frau? Moral ist etwas fr sich selbst Bestehendes, alle Menschen ohne
Unterschied, das Genie wie den Dummkopf gleichmig Verpflichtendes! Bravo, Herr
Baron! Der deckt dich gehrig zu, mein Leo! ... Natrlich bleibt sie nicht bei
der Stange; sie springt ab, wie alle rechthaberischen Weiber ... Sie ist erhitzt
... Man hrt jetzt allerwrts das Ziel der Moral ungefhr so bestimmen:
Erhaltung der tugendhaften Menschheit, Frderung der Wahrheit, Strkung der
sozialen Ordnung. Erhaltung, Frderung, Strkung, lauter Sand in die Augen. Die
Herrschenden und Besitzenden wollen die Moral von den Andern, sofern sie ihnen
Vorteil und Vergngen verschafft - und sie machen sich blutwenig aus der Moral,
sofern sie ihnen keinen Vorteil und kein Vergngen verschafft ... Aber Leo!
Hihihi ... ... Ah, nun fngt er sie mit Nachgiebigkeit. Der Pfiffikus! ...
Gndige Frau, es hat edle und weise Mnner gegeben, welche an die Musik der
Sphren geglaubt. Wir glauben nicht mehr daran. Sind jene Glubigen darum
weniger edel und weise? Wir glauben nicht an Sphrenmusik, aber wir glauben an
die soziale Notwendigkeit der Moral, an die Schnheit ihrer sittlichen
Wirkungen. Soll man deshalb dereinst von unserer Intelligenz und unserem
Charakter geringer denken? Ich klatsche Beifall mit beiden Hnden.
    Und die Thr aufreiend: Herr Baron, lassen Sie sich umarmen, Sie sind mein
Mann.
    Als sich einmal der Baron wochenlang nicht hatte sehen lassen, begegnete ihm
Raler zufllig in den Isar-Auen.
    Aber bser Mensch, was treiben Sie? Kommen Sie doch wieder einmal zu uns
und machen Sie meiner Frau ein wenig die Kur! Bitte, ja, kommen Sie! Sie mssen
Leapoldine wieder tchtig moralisieren; kein Mensch kann's so gut wie Sie. Thun
Sie ihr und mir den Gefallen!
    Und der Baron that beiden den Gefallen.
    Und Raler war ber die Maen vergngt.
    Als es aber spter Sticheleien hagelte, wo sich die Glatze des
Kommerzienrats nur blicken lie, und anonyme Schmh- und Drohbriefe ins Haus
schneiten, da verging ihm oft der Spa.
    Erbrmlich, klagte er, da man keine Ruhe haben und nicht einmal im
eigenen Hause nach seiner Faon selig werden kann!
    Frau Leopoldine selbst war, allen diesen Zwischenfllen zum Trotz, offenbar
heiterer und entgegenkommender gegen ihren Gatten geworden, namentlich in jener
Zeit, wo die Besuche und Aufmerksamkeiten des Barons ihren Hhenpunkt erreicht
hatten. Ein besonders gutes Zeichen sah der Kommerzienrat darin, da sie fter
als frher seine Geldbrse direkt ansprach zur Gewhrung grerer Summen fr
Untersttzungszwecke. Raler frohlockte, gewhrte sie und begehrte nichts
Nheres zu wissen. So ganz selbstlos und aus etwa angeborenem
Mildthtigkeitssinn handelte dabei der Kommerzienrat freilich niemals. Er
erinnerte gern an seine Gaben, als ob er frchtete, da man sie unterschtzen
knnte, und war nicht faul, sich eine Quittung in Form von allerlei
Extra-Zrtlichkeiten auszubitten. Da die Empfngerin nicht die Nutznieerin,
sondern nur die Vermittlerin seiner Wohlthtigkeit war, kmmerte ihn nicht.
    Frau Leopoldine machte sehr oft ganz allein lngere Besuche und Spaziergnge
in den Nachmittag-und Abendstunden und kam meist recht erquickt, ja lustig heim.
Es lag dann etwas so tief Befriedigtes und herzhaft Wunschloses in ihrem Wesen
wie bei jemand, der einen brennenden Durst gelscht hat und noch dankbar an den
Quell zurckdenkt, der ihm die kstliche Labe gewhrte. Ein frohes Lebensgefhl
durchdrang sie; sie sprte ordentlich jeden Pulsschlag, jeden Atemzug wie eine
Verheiung immer reicheren Glckes. Wie ein Bltenbaum in lichter
Frhlingspracht, so stand sie in Blust und Duft eines verjngten Lebens.
    Schn ist sie wieder und gtig heute, mein Leo! lachte Raler in sich
hinein.
    Erst in den letzten Monaten schienen diese Solo-Ausflge nicht mehr ganz die
alte Wirkung zu haben; Leopoldine wurde wieder nachdenklicher, grblerischer,
eine gewisse schwermtige Ruhe, ein stundenlanges Hinbrten wechselte mit
pltzlicher nervser Erregung und Gereiztheit. Verstimmt, wortlos ging sie an
ihrem Gatten vorber.
    Der Teufel verstehe sich auf dieses Abrakadabra der Weiberlaunen! meinte
er, wenn sich Gusti in Trstungen und Erklrungen erschpfte.
    Mit Gusti schien brigens die Gndige nicht mehr so vertraut zu stehen.
Gusti lie sich nichts merken und schluckte den rger ber die Zurcksetzung
hinab.
    Kommt Zeit, kommt Rat; man wird mich schon wieder brauchen, trstete Gusti
sich selbst. Der Baron gefiel ihr immer weniger. Er war ihr auch nicht spendabel
genug.
    Gegen die Kinder blieb Leopoldine gleich gut, gleich aufmerksam. War's auch
keine tiefinnerliche Zrtlichkeit, sondern sah's fter aus wie
selbstbertriebene, fest gewollte Pflichterfllung mit einem Stich ins Herbe und
Peinliche, so that es dem vterlichen Egoismus doch wohl, einen so zuverlssigen
Ersah fr die wirkliche Mutter gefunden zu haben, die ja zudem nur ein ziemlich
reizloses Geschpf gewesen. Auer dem Kindersegen hatte er wenig genug von ihr
gehabt. Von den Freuden der Liebe, die sie ihm bereitet, war ihm nur eine
drftige Erinnerung geblieben. Und seine Erinnerungskraft ist doch gerade in
diesem Punkte allezeit eine so ungewhnliche gewesen! Ganz natrlich: was sollte
sonst seine Gedanken belasten, wenn nicht die wonnigen Gensse des Lebens? Die
Angelegenheiten seines groen Fabrikgeschftes? Die ordneten sich unter der
Leitung vorzglicher Beamten von selbst. Die Verwaltung seiner Kapitalien? Die
Handhabung der Kouponschere macht keine Schwierigkeit. Die Sorge fr die
Familie? Kleinigkeiten! Beteiligung an den Angelegenheiten der Gemeinde und des
Staats? Soweit sie direkten Gewinn bringt, ist sie Sache des Geschfts und wird,
vom Direktor und seinem Stabe von Buchhaltern besorgt; da gengt sein bloes
Mitwissen. Soweit die Gemeinde- und Staatsangelegenheiten nicht direkt
gewinnbringende Geschftssachen sind, lt man sie berhaupt nur mit Auswahl an
sich herantreten. Bei Wahlen, Ausschssen fr gemeinntzige Unternehmungen,
Ehrenmtern u.s.w. lt man die Andern fr sich arbeiten und begngt sich,
seinen Namen, ab und zu auch das Reprsentations-Portemonnaie, zur Verfgung zu
stellen. Bei Konsortial-Unternehmungen, wie der geplanten Isarnferbebanung, der
Isarthalbahn u.s.w., wo natrlich die Firma der Ralerschen Eisengieerei
mitparadieren mu, hat der Herr Kommerzienrat an seinem Kollegen und Nachbar
Schmerold einen Zuverlssigen Wortfhrer und Aufklrer. Kurz, alles kann man von
andern besorgen lassen und dafr Gewinn und Ehre einheimsen - nur die Gensse
des Lebens mu man selbst durchprobieren ...
    War sie nicht auch eine Betschwester, diese selige erste Frau, die ihm alle
Franziskaner vom Kloster im Lehel auf den Hals hetzte, ihm, dem freisinnigen,
heiteren Kunstmzenas? Nein, das rechte Weib nach seinem Herzen war sie nicht
gewesen. Ihre Einbildungskraft und ihr guter und belehrsamer Wille waren
besonders in bezug auf Liebesgensse sehr beschrnkt. Auch sonst war sie in
zeitgemer Bildung sehr zurck und gar nicht mit ihrer Nachfolgerin zu
vergleichen.
    In einer unglcklichen Stunde schleuderte ihr Raler das Wort an den Kopf:
Du bist ein frommes Schaf. Und als sie bei jeder Entbindung sich geberdete,
als ginge die Welt aus den Fugen und mit dem Arzt immer gleich den Pfaffen
bestellte, da rief Raler verzweiflungsvoll: Nein, ein solches Weib zu haben,
das gar nichts kann, nicht einmal ein Kind anstndig auf die Welt bringen! Es
war ein arges Hauskreuz. Wenn er's recht bedachte, eine Schinderei. Bei alledem
hatte sie in ihrer ferneren Verwandtschaft Namen von angesehenen Talenten
aufzuweisen, zum Beispiel den gelehrten Professor Hirneis und den in seiner
Weise wohl genialen, aber auch aus der Art geschlagenen Bildhauer Achthuber.
Aber mit allen diesen Leuten mochte Raler nichts mehr zu thun haben. Es war
immer sein Grundsatz gewesen, sich die angeheiratete Verwandtschaft, die nhere
und fernere, mglichst weit vom Leibe zu halten.
    Summa: so viel er auch bei Leopoldine mit in den Kauf nehmen mute, was ihm
oft ber die Hutschnur ging, die war doch aus ganz anderem Teig!
    Zweierlei Kinder sind zwar oft auch eine eigene Sache: aber Leo noch als
wirkliche Mutter zu sehen - - Ein Traum!
    Die Augen gingen ihm ber, wenn er sich das ausmalte.
    Warum sie wohl so lange unfruchtbar blieb? Sollte sie ... sollte er ...? Er
half sich ber diese Fragen mit dem Gedanken hinweg, da die Natur oft gar
geheimnisvolle Wege gehe, da man Beispiele habe von fnf-, zehn-, ja
fnfzehnjhriger Sterilitt, bis dann pltzlich aus spter Nachblte noch
Frchte reisten.
    Und wer wei - Leo war jetzt in so ppiger Pracht, da er sie sich gar nicht
schner wnschen konnte - ob die Mutterschaft nicht ihre stolze Erscheinung
schdigen, oder den Ernst ihrer Stimmung nicht noch hher treiben knnte?
    Komisch: er vermochte sich dieses hohe, stattliche Weib gar nicht in der
entstellenden Flle der Schwangerschaft vorzustellen. Noch komischer: neulich
hat er von ihren gesegneten Umstnden trotzdem getrumt. Wie eine Kugel stand
sie vor ihm, mit winzigen Extremitten. Und die Kugel wurde immer grer, eine
ganze Welt, whrend er immer mehr zusammenschrumpfte und schwand und schwand. -
Er wute pltzlich vom Traumbild und von sich selbst nichts mehr, es war wie
eine Ohnmacht, wie ein Sterben im wonnigen Schlafe.
    - - - -
    Und jetzt wieder, bei halb offenen Augen und klarem Kopfe schlich sich
dieses Traumbild betubend in sein Bewutsein.
    Meine schwangere Frau, sie erdrckt mich, sie erdrckt mich! schrie er und
fuhr aus dem Nachschlummer auf.
    Es ist gut, da mich dieser dumme Traum aufgejagt hat. - Ich habe heute zu
lange geduselt. Am hellen, lichten Nachmittag trumen ... Und hier ein ganzer
Sto Postsachen ... Leo ist in der Kinderstube; sie hat nichts gemerkt. Ich
mte mich ja schmen ...

                                       3.


Der Kommerzienrat irrte sich: Leo hatte wohl etwas von seiner langen Duselei
gemerkt. Zweiwal war sie auf der Schwelle erschienen, sich nach ihm umzusehen.
Sie war so voll Unruhe heute, noch mehr als gestern, wenn sie sich auch
abqulte, es nicht merken zu lassen.
    Erzhlen Sie mir noch einmal, Herr Schlichting, wie es beim Prebanditen
gegangen ... Nein, ich wei ja ... Es ist schon gut. Gehen Sie nur wieder zu den
Kindern. Ich lasse jetzt allem seinen Lauf. Nach einem unstten Blick nach der
Thr, als msse der Ersehnte pltzlich hereintreten: Ja, allem seinen Lauf.
Aber zu den Worten des Mundes fgte das Herz seinen Nachsatz:. Er mu
wiederkehren, es kann nicht anders sein. Und dennoch widersprach aufs neue der
Mund: Mag werden, was da will! Ich danke Ihnen, Herr Schlichting. Auch bei Dr.
Trostberg, bitte, keine weitere Bemhung ...
    Die Kleidermacherin Frau Schmid wurde gemeldet; sie sei auf heute bestellt
wegen des neuen Frhjahrskostms fr Frau Kommerzienrat. Sie wurde abgewiesen.
Morgen oder bermorgen knne sie wieder nachfragen, die gndige Frau befinde
sich heute nicht wohl.
    Frau Schmid zog grollend ab. So rcksichtslos sind die reichen Leute; ihrer
Launen wegen darf man sich die Beine aus dem Leibe laufen und schlielich finden
sie jede Rechnung zu hoch, berall wollen sie abzwacken, die reine Lauserei.
    Raler war einigemal im Salon auf- und abgegangen. Dann klingelte er und
befahl, in einer Stunde den Wagen bereit zu halten - Der Fuchs ist hoffentlich
wieder gut zu Fu?
    Zu dienen, Herr Kommerzienrat!
    Also nach Haidhausen in die Fabrik wird gefahren.
    Zu dienen, Herr Kommerzienrat.
    Es wre vielleicht doch besser, den Fuchs noch zu schonen. Das feurige Ro
bernimmt sich leicht.
    Zu dienen, Herr Kommerzienrat. Also lassen wir den Rappen einspannen.
    Der Diener empfahl sich mit einem Bckling. Alter Schps, dachte er, dir
wr' das Laufen auch gesnder, dich trifft doch der Schlag noch, da kannst Gift
drauf nehmen. Da sich deine Rsser nicht berfressen wie du, dafr lass' nur
mich mit dem Jean sorgen - uns bekommt der Hafer auch nicht schlecht. Im
Vorzimmer stie er auf die Gusti. Flink versetzte er ihr einen zrtlichen Klaps
auf den Hintern.
    Gehen wre ntzlicher, aber es ist zu mhsam in dieser erschlaffenden
Frhlingsluft. Nachdem er laut geghnt, nahm er den Pack Briefe vom
Serviertischchen und lie sich nahe dem Fenster auf die Ottomane kugeln.
Zunchst entfaltete er einige auswrtige Bltter, Berliner und Frankfurter
Zeitungen, den Frnkischen Kurier und die Augsburger Abendzeitung, dann
Flugschriften und Preislisten unter Streifband. Die Briefe lie er noch
unberhrt; das Lesen von Handschriften ist so anstrengend. Fr die
geschftlichen Korrespondenzen hat er sich deshalb die Erleichterung geschaffen,
sie erst von einem besonderen Kontorbeamten lesen und mit recht deutlicher und
groer Schrift auf einem beigelegten Blatt auszugsweise erklren zu lassen. Der
Biswanger war ja der treueste Mensch, der sich denken lt; noch einer von der
alten Generation. Er hat von der Pike auf im Ralerschen Geschfte gedient,
jahrelang um einen Hungerlohn, aber jetzt stellte er sich ganz gut. Seit einigen
Jahren klagte er wenigstens nicht mehr. Seine Kinder sind ihm weggestorben, und
mit dem Alter ist er immer bedrfnisloser geworden. Fr ihn und sein taubes
Weibchen, das zudem viel lter, als er, langt's, und da ihm eine ruhige
Stellung, in der er sich in einem langen, arbeitsamen Leben eingelebt, ber
alles geht, so erhebt er keine Ansprche mehr. Die jungen Leute sehen ihn
freilich oft mit Ingrimm an, da er sich um ein solches Spottgeld an das reiche
Geschft verkauft und mit einer wahren Hundetreue aushlt und dazu noch allen
die Zhne zeigt, die nicht mit gleicher Gewissenhaftigkeit ihren Schwei opfern
wollen.
    Biswanger hat es dem Kommerzienrat selbst vorgeschlagen, ihm die wichtigsten
Postsachen regelmig in die Privatwohnung zu schicken, damit er sie bequem nach
Tisch durchsehen knne.
    Ach ja, es ist eine schne Sache um ein geordnetes, bequemes Leben; der
Biswanger ist ein braver Kerl, dachte Raler heute wieder; ich mu ihm
nchstens doch das Vergngen einer kleinen Gehaltserhhung machen, oder die
berraschung einer Gratifikation - vielleicht schenke ich ihm ein
Jahresabonnement auf die Pferdebahn - die Aktien gehen ja ganz brillant in die
Hhe; htte, ich nur mehr davon genommen. Biswanger htte mir mehr zureden
sollen. Aber fr solche ganz moderne Dinge hat der gute Alte nicht immer den
rechten Blick. Eigentlich ist er doch nicht ganz frei von Weiwurstphilisterei.
Ich will ihn in seinen alten Tagen nicht, mehr verwhnen. Er ist noch so rstig
und luft gern. Die Freikarte wre wirklich ein Luxus. Lassen wir's lieber. Die
Generositt hat auch andere Unzukmmlichkeiten im Gefolge. Jede Bevorzugung
erregt nur bei den Anderen neue Unzufriedenheit. Die jungen Leute haben ohnehin
den sozialdemokratischen Teufel im Leib. Biswanger ist ja so auch glcklich. Er
braucht wirklich nichts, der brave Kerl. Ja, um zwanzig Jahre wenn ich ihn
jnger machen knnte, wre uns beiden geholfen. Der wird einst schwer zu
ersetzen sein ...
    Frau Leopoldine sphte wieder durch die Portiere. Sollte sie ihn lieber doch
nicht darauf vorbereiten, da der Prebandit einen Gaunerstreich gegen ihn
plant?
    Unschlssig stand sie eine Weile. Nein, ich mag ihm nicht wieder mit
Drillinger kommen. Er hat doch nur eine rohe Rede fr mich ... Ich lasse den
Ereignissen den Lauf.
    Im Umwenden begegnete sie dem lauernden Blicke der Gusti, die sich heute
auffllig in ihrer Nhe zu schaffen machte. Na, was denn, Gusti?
    O, ich meinte nur, gndige Frau, man knnte sich manche Sorge vom Halse
schaffen. Die Mnner kann man doch um den Finger wickeln, wenn man's richtig
anfat. Es giebt nichts Dmmeres auf der Welt, als die Mnner, besonders die
verliebten. Verzeihung, gndige Frau, ich spreche nur aus meiner Erfahrung ...
    Die Frau Kommerzienrat schnitt ihr jede weitere uerung mit dem Wort ab:
Ich kaufe keine fremden Erfahrungen. Jeder mu schlielich mit sich selbst
fertig werden.
    Gusti dachte: So werde durch eigenen Schaden klug; du kommst doch noch zu
mir, und entfernte sich schweigend, als wre nichts geschehen.
    Ob es wohl nicht klger gewesen wre, den Schlichting nicht zum Vertrauten
zu machen? Die Aufdringlichkeit Gustis brachte jetzt erst Frau Leopoldine auf
diesen Gedanken. Ein zwar guter, aber doch so unreifer Mensch! Und sein
jmmerlicher Mierfolg bei dem Prebanditen, wird er nicht die Situation
verschlimmern? O dieser unselige Rtselmensch, Max v. Drillinger, in welche Lage
hatte er sie gebracht! Was war aus ihrem Verstande, aus ihrer Selbstbeherrschung
geworden, seit diese rasende Leidenschaft fr den Undankbaren von ihrem Wesen
Besitz genommen! Und ihre Seele schreit nach ihm, ihr Leib brennt nach ihm - -
und ihn kmmert's nicht ... Welcher Dmon war in ihn gefahren, da er ihr so
namenloses Leid bereiten konnte? Was hatte sie ihm gethan, was einen solchen
pltzlichen Bruch zu rechtfertigen vermchte? Denn da sein jetziges Verhalten
einen Bruch bedeute, oder wenigstens die Absicht eines Bruches, daran durfte sie
hinfort nicht mehr zweifeln. Schon auf ihrer letzten nchtlichen Spazierfahrt
nach dem Grtnertheater hatte sie unter seinem frivolen Kaltsinn zu leiden. In
welch' beleidigender Form stellte er so ganz summarisch die Treue der liebenden
Frauen in Frage und sein brutales Vielleicht auch Du! ging ihr wie ein Schwert
durch die Seele. Und wie strmisch hatte er um sie geworben - er, der einzige
Mann, dem zu widerstehen ihr die schrecklichste Pein schuf, bis sie endlich
seiner Leidenschaft und dem unbesiegbaren Zuge ihres Herzens alles opferte,
alles, alles ... Wo war ein Traum, in den sie nicht ihn hineingetrumt, wo eine
Empfindung, in deren Mittelpunkt sie nicht ihn erhoben, wo eine Freude, eine
Hoffnung, eine Erhebung der Seele, die sie im Geiste nicht mit ihm geteilt? Er
ihr Abgott, ihr Alles - wie konnte er sich von ihr wenden? ... Sie breitete ihre
Arme aus, ihn zu umfassen, an die Brust zu drcken - und sie griff ins Leere.
Und wenn sich's besttigt, was sie seit vier Wochen halb mit Schreck, halb mit
Wonne vermutet, wenn die Zeichen nicht trgen? Noch hatte sie ihm keine
Andeutung gemacht ...
    Die Stunde war wohl vorber. Schlichting war verstrt und mde. Seine
Glieder fhlten sich schwer wie Blei. Es war ihm, als mte er sich zu Bett
legen wie ein Kranker. Wer wei! Aber umsomehr wollte er den Kindern die
versprochene Freude machen und ihnen die Briefe an die ehemalige Hauslehrerin
Frulein Flora Kuglmeier anfertigen helfen. Es war ihm jetzt so eigen, wenn er
an Flora dachte, so unheimlich, so frstelnd, wie wenn es in die Blten schneit
und ein rauher Winterswind durch den Frhling fhrt, alles so klglich
unzeitgem und freudlos.
    Die Kinder sahen den Herrn Kandidaten mit verwundert fragenden Blicken von
der Seite an. Er war heute ganz anders wie sonst. Das Gefhl seiner Bedrckung
hatte sich ihnen mitgeteilt.
    Ja, die Briefe, ach, die Briefe! riefen sie aufatmend.
    Aber lustig mssen sie werden, sonst mag ich gleich gar nicht, ergnzte
Hermann. Die Stunde war recht langweilig. Fehlt Ihnen etwas, Herr Schlichting?
Hat Ihnen Mama etwas Schlimmes gesagt?
    O nein, wie kannst Du glauben, die Mama! begtigte Franz und machte sein
drollig altkluges Gesicht, ohne den lteren Bruder anzublicken.
    Nun, mein Gott, es gibt allerhand Unzukmmlichkeiten, wie Papa zu sagen
pflegt. Aber das macht der Liebe - -
    Willst Du den Mund halten, Hermann! verwies ihn Schlichting streng. Du
sollst Vater und Mutter ehren, lautet das Gebot - und Du ffst die Redensarten
der Eltern nach! Wahrhaftig, ich wrde mich schmen.
    Sie verstehen heute aber auch gar keinen Spa, Herr Schlichting! suchte
sich der Zurechtgewiesene zu entschuldigen.
    Nein, zum Spamachen sind wir nicht da.
    Wir wollen recht schne Briefe schreiben, bemerkte Franz geschftig
einlenkend.
    Der kleine Eugen hockte in der Ecke am Tischchen bei seinem Spielkameraden
Werner, dem jngsten Shnchen des Postoffizials vom vierten Stock. Als er vom
Briefschreiben hrte und von Frulein Flora, legte er das Bilderbuch weg.
    Auch schreiben, auch schreiben!
    Bald saen die Ralerschen Sprlinge ber ihre Hefte und Tafeln gebeugt,
mit wahrem Feuereifer die Entwrfe ihrer Briefe bearbeitend. Eugen war am
ungeschicktesten und darum am aufgeregtesten. Er wischte immer wieder aus und
bestrmte Franz mit Fragen.
    Wie machst Du's? La sehen, la sehen!
    Franz wies ihn mit erhobenem Ellbogen und ungeduldiger Geberde ab; er zog
die Schultern hoch und legte den Kopf schief und so nahe auf das Heft, da Eugen
nichts mehr sehen konnte. Eugen wurde ganz rot im Gesicht, seine Bckchen
glhten; pltzlich lie er die Arme mutlos sinken und brach in Schluchzen aus.
Herr Schlichting, kein Mensch hilft mir ...
    Schlichtung fuhr aus seinen Gedanken auf. Komm' her, armer Kerl; wart' wir
wollen zusammenhelfen; unser Brief - na, die Andern werden gucken.
    O je, das wird was Rechtes werden, spottete Hermann, ohne bse Absicht,
wenn Eugen dem Herrn Schlichtung an Frulein Flora schreiben hilft. Und er
tunkte gravittisch eine frische Feder ein, blickte dabei dem Franz ber die
Schultern - und als er unachtsam mit der Feder zurckfuhr, fiel ein schwerer
Tintentropfen auf das Papier.
    Nun hab' ich gar einen Batzen gemacht.
    Eine schwarze San, vergrberte Franz den Ausdruck; Sndenschuld; warum
lt Du uns nicht in Ruh. Dabei schrieb er wie wtend und rutschte halb vom
Stuhl.
    Meinetwegen, so schick ich halt auch die Sau an Frulein Flora.
    Und sagst, es wr' Deine Photographie, spottete Franz schlagfertig. Du
thust Dich leicht. Ach Gott, ist das Briefschreiben schwer. Ich bin totmde.
    Faulpelz! gab ihm Hermann zurck.
    Ich bin weiter, als Du, gib acht!
    Der kleine Werner sa whrend dessen mit seinem tiefsinnigen blonden
Kpfchen und seinem grauen Wollenwmschen mutterseelenallein in der halbdunkeln
Ecke, die Hndchen auf die Kniee gelegt, ein Bild der Insichversunkenheit. Das
schwarze Mitziktzchen schlich sich heran und rieb sich an seinen Beinen. Ein
leises Lcheln ging ber sein Gesicht; dann ergriff er mit der einen Hand das
Tier mit der andern das Buch und wollte dem Mitziktzchen die Bilder zeigen.
Hu, der Br, Mitzi, der Br ...
    Franz legte die Feder weg und ging zu dem kleinen Werner. Du hast es gut,
Werni, Du brauchst keine Briefe zu schreiben. Magst Du geigen? Ja, wir wollen
geigen, gelt? Musizieren ist viel gemtlicher, als schreiben.
    Er trllerte leise.
    Die droe Deige! sagte Werner, lie die Katze los und seine Augen
leuchteten vor Vergngen. Das Geigen war seine Passion. Beim Einschlafen und
Aufwachen sprach er von der droen Deige und bat die Mutter, ihn morgen wieder
zu Eugen hinabgehen zu lassen, damit er auf der schnen droen Deige spiele.
Die Frau Postoffizial stimmte dem Wunsche ihres Lieblings zu: Ei gewi, morgen
darf Werni wieder geigen und wenn er brav ist, bringt ihm das Christkind selbst
noch eine Geige. Morgen wahrte oft freilich eine ganze Woche, denn sie wute,
da der Herr Kommerzienrat ihrem Kindersegen gram war und die Gte der Frau
Kommerzienrat, von der sie schon so viele Beweise erhalten hatte, mochte sie
nicht mibrauchen. Ralers Kinder, besonders Eugen und Franz, hatten den kleinen
Werni oft heimlich, herabgeholt und ihn auf sein Leibpltzchen in der Ecke
postiert. Da gab's Bilderbcher und Spielzeug in Hlle und Flle, aber, seit er
die droe Deige in die Hand bekommen, freute ihn die mehr, als alles brige.
    Nein, jetzt wird nicht gegeigt, das strt uns! rief Hermann vom Tisch
herber.
    Nur ganz leise, meinte Franz und nahm die Geige aus dem Kasten. Werner
wagte es nicht, das Instrument zu berhren; sein Herzchen pochte. Nun drckte
ihm Franz den Bogen in die Hand und blinzelte ihm ermutigend zu. Ganz sachte,
mit zitterndem Bogen strich er ber die Saiten der vor ihm auf dem Tische
liegenden Geige. Bei dem kaum erklingenden, bebenden Ton seufzte der kleine
Werner auf vor unfalicher Wonne. Sein bleiches Gesichtchen strahlte. Wie
anbetend hingen seine Blicke an dem Instrument ...
    Mama, hr' nur, wie die uns wieder stren, Franz thut heute gar nicht gut,
beschwerte sich Hermann, als Frau Leopoldine unter der Thr erschien.
    Sie sind noch beschftigt, Herr Schlichting?
    Wir wollen nur einen Brief fertig machen, gndige Frau.
    Mama, schau was ich geschrieben habe! fuhr Eugen auf und schwang stolz
seine Schiefertafel. Das schreib' ich dann auf einen schnen Briefbogen!
    Wenn nur die mit dem dummen Gegeig' aufhrten, ich wre schon fertig,
klagte Hermann wieder.
    Franz machte mit der Hand eine unmutige Bewegung gegen Hermann. Was nicht
gar! Wir musizieren so anstndig, Mama, da man's beinahe nicht hrt - und das
nennt der ein dummes Gegeig' - -!
    ngstlich legte Werner den Fidelbogen weg und sttzte seine Hndchen aufs
Knie. Sein Gesichtchen nahm wieder den scheuen, nachdenklichen Ausdruck an, das
Grbchen im kleinen, runden Kinn zitterte.
    Die Frau Kommerzienrat hob den kleinen Musikanten auf den Arm. Wie ein
verschchtertes Vgelein huschelte er sich an ihre Brust. Sie nahm die Geige
dazu: So, mein Kind, Du unschuldiger Strenfried, jetzt gehst Du mit der Geige
heim und musizierst so viel Du willst. Morgen kommst Du wieder, ja?
    Mit offenem Munde sah Hermann seiner hinausschreitenden Mama nach. Nein,
ist das komisch, bemerkte er kopfschttelnd und schob Herrn Schlichting sein
Schreibheft hin.
    Nimm wieder Platz, Franz, wir wollen nun hren, was jeder geschrieben hat.
Hermann, wird uns zuerst vorlesen! Wozu ich bemerke, da es niemals komisch ist,
was immer eine Mutter thun oder sagen mge - verstanden, Hermann?
    Franz protestierte dagegen, da Hermann zuerst vorlesen sollte. Wer zuerst
fertig gewesen, der habe auch das Recht zuerst gehrt zu werden - und das sei
er! Das Alter mache gar nichts aus, wenngleich Hermann immer so gewaltig thue,
weil er fingerslang lter sei. Hermann mchte berhaupt schon den groen Herrn
spielen und im Haus kommandieren!
    Der Klgere gibt nach, maulte Hermann, fgte aber gleich herausfordernd
hinzu: Herr Schlichting, so befehlen Sie dem Franz, seine Schmiererei zuerst
vorzulesen.
    Oho, Schmiererei, da mu ich bitten! rief dieser und stellte sich mit
seinem Blatt in Positur, nachdem ihm Schlichtung mit stummem Nicken das Zeichen
zum Anfang gegeben.
    Liebes Frulein Flora! Ich will Ihnen ein paar Zeilen schreiben, weil heute
Nachmittag Gottlob keine Schule und Herr Schlichting sehr gut ist. Ich thue den
ganzen Tag nichts als in die Schule gehen, lernen, schreiben, essen,
schlittenfahren. Schlittenfahren hat jetzt aufgehrt, weil der Frhling
angefangen hat. Geigen hat jetzt auch aufgehrt, weil mein Lehrer Herr
Kellermann einen bsen Arm bekommen hat. Das kann noch lange dauern. Ich mache
mir nichts daraus. Neulich ist ein sehr schner und lustiger Tag gewesen. Wir
durften auf den Maierhof gehen. Bis an die Eisengieerei sind wir gefahren. Wir
hatten ein lndliches Mahl bei der Hofbuerin, da gab es Bier, Brot, Kse und
Butter, auch Milch, se und saure, das schmeckte uns vortrefflich. Von der
Hofbuerin bekamen wir Haselnsse mit nach Haus, und weil Eugen gar zu gern
gelbe Rben wollte, bekamen nur auch diese - -
    Hier unterbrach Eugen: Weie Rben habe ich haben wollen, keine gelben.
    Franz: Freilich, aber die gelben schmecken besser und Frulein Flora mag
auch die gelben lieber, als die weien, darum habe ich gelbe Rben geschrieben.
    Schlichting: Das ist sehr liebenswrdig von Dir, da Du auf den Geschmack
von Frulein Flora Rcksicht nimmst, allein Wahrhaftigkeit steht hher als
Liebenswrdigkeit, mithin hat es bei den weien Rben zu verbleiben.
    Franz besann sich einen Augenblick, dann machte er einen dicken Strich durch
den Satz. Wenn es keine gelben Rben sein sollen, lasse ich die Rben berhaupt
ganz weg.
    Schlichting: Diese Wahl steht Dir frei. Weiter!
    Der Hermann ist halt wie zuvor, doch nicht mehr ganz so bse - -
    Hermann: Da fehlt der bergang von den Rben zu mir. Was Du von mir sagst,
ist mir gleichgltig.
    Ich wei keinen bergang. Ich will nicht verraten, da Du einige Rben
stibitzt hast und sie dem hochwrdigen Herrn Beichtvater in den Rock gesteckt.
    Weiter! mahnte Schlichting.
    Eugen ist recht brav. Er hat einen Schulsack von schwarzem Leder aus den
Rcken bekommen. Der Herr Baron hat gesagt, er trgt ihn so stramm wie ein
Soldat den Tornister -
    Schlichting: Ich bitte, den Herrn Baron zu streichen; Frulein Flora
interessiert sich nicht fr ihn und fr das, was er gesagt hat.
    Woher wissen Sie das? fragte Hermann und blickte den Hauslehrer scharf an.
    Woher ich das wei? Was kmmert Dich das? Ich rate, den Herrn Baron aus dem
Spiele zu lassen; er gehrt nicht in den Brief.
    Dann mu ich ihn gleichfalls streichen? In meinem Brief steht er auch.
    Du thust mir einen Gefallen. Weiter, Franz!
    Von Postoffizials Fanni habe ich ein schnes Einmerkerl bekommen, worauf
steht: Aus Liebe und mein Name. Es ist sehr fein gestickt, rosa und grn.
    Eugen, der mit gespanntester Aufmerksamkeit zuhrte, bemerkte hier: O, die
Fanni ist gut, sie hat mir zwei Kartennetze und einen Bilderbogen geschenkt.
Soll ich das dem Frulein nicht auch schreiben?
    Natrlich schreiben wir das dem Frulein auch.
    Worauf Hermann: Damit sie sich ein Beispiel daran nimmt und Dir aus Italien
auch etwas schickt. Eigentlich ist es sonderbar, da sie uns erst zweimal
geschrieben und noch gar nichts geschickt hat, auer ein bischen Lavasand vom
Vesuv neulich. Neujahr wre doch eine schne Gelegenheit gewesen, nicht wahr,
Herr Schlichting?
    O, die bringt es selber mit. In Italien wird das Schicken recht schwer
sein, beruhigte Franz. Wartet nur, bis sie wieder kommt. Frulein Flora kommt
gewi nicht mit leeren Hnden; ich wette, sie bringt etwas mit.
    Das wollen wir hoffen, schnitt Schlichting weitere Abschweife ab. Und nun
komm' rasch zu Ende, Franz.
    Unsere Gusti hat von Mama zu ihrem Namenstage eine Kapuze bekommen, wie die
Ihrige, aber anders, Mutter und Vater sind wie sonst, nur der Vater ist noch
dicker geworden - -
    Unsinn! rief Hermann dazwischen.
    - - dicker geworden und die Mama ist manchmal traurig.
    Das lt Du besser weg, Franz, bemerkte Schlichting.
    Franz schttelte den Kopf: Die Rben bleiben weg, Vater und Mutter bleiben
auch weg, da bleibt nicht mehr viel brig.
    Was hast Du sonst noch geschrieben? fragte Schlichting den nachdenklich
gewordenen Knaben.
    Ich habe geschrieben, da wir Zeitlang nach dem Frulein haben und da wir
uns freuen, wenn wir sie bald wieder sehen -
    Das ist brav, Franz. Nun schreibst Du noch dazu: Auch Herr Schlichting wird
sich von Herzen freuen, Frulein Flora einmal zu sehen, am liebsten wrde er zu
ihr nach dem schnen Italien reisen, aber er hat jetzt keine Zeit und kein Geld,
eine so weite Reise zu machen. Und dann viele Gre von ihm und von uns allen.
So, mach' das noch. Der Brief ist ganz nett und wird sie freuen.
    Warum schreiben Sie nicht selbst an Frulein Flora, Herr Schlichting?
fragte Hermann.
    Das heb' ich mir fr spter auf. Jetzt gengt es, da Ihr schreibt. Sie hat
ja auch nur an Euch geschrieben, nicht an mich.
    Also, nun komm' ich an die Reihe!
    Die Frau Kommerzienrat ffnete die Thr: Auf ein Wort, bester Herr
Schlichting, verzeihen Sie die vielfache Strung!
    Das war wieder der tiefe Seelenlaut, der ihm zu Herzen ging wie der
Notschrei am unvergelichen Abend; wieder begleitet von einem Blick und einer
Bewegung, welche die schmerzlichste berraschung erwarten lieen.
    Tat-twam asi! Warum kam ihm das so pltzlich wieder in den Sinn wie ein
Ton, der unvermutet im Ohr anklingend, ein ganzes schluchzendes Miserere weckt?
    Legt die Briefe in die Mappe, Kinder, bis zur nchsten Stunde. Adieu!
    Schlichting folgte der erregten Frau ins Vorzimmer.
    Aller Selbstbeherrschung zum Trotz, ich kann nicht mehr zur Ruhe kommen,
Herr Schlichtung. Es ist wie ein schrecklicher Wirbeltanz, in den ich immer
wieder hineingerissen werde. Soeben erzhlte mir die Frau Postoffizial, sie habe
von einer Bekannten gehrt, im Hause des Prebanditen habe es einen groen
Skandal gegeben, der Prebandit sei in seiner Stube berfallen und frchterlich
zugerichtet worden. Zu gleicher Zeit habe man Sie aus dem Hause gehen sehen. Man
bringe mich und Sie mit dem berfall in Zusammenhang; Sie htten in meinem
Auftrag den Menschen halb todtgeschlagen.
    Ja, htte ich das nur! lchelte Schlichting bitter. Es wre gewi uns
beiden wohler. Leider ist mir das nicht geglckt. Beruhigen Sie sich, gndige
Frau. Hat es ein Anderer besorgt, Gott segne ihn! Ich wei von nichts.
    Wer knnte dieser Andere sein? Der Herr Baron? Ich wag' es nicht zu denken.
Wenn ich es auch seinem leidenschaftlichen Ungestm zutraute, so wre es doch
noch mehr zu beklagen, denn es verschlimmerte die Sache heillos, wrde ich mit
ihm im Zusammenhange des Attentates genannt. Hat er sich vielleicht gerade darum
zurckgezogen, um diesen Plan auszufhren und mich an den Banditen zu rchen?
Rtsel ber Rtsel! Wie kann ich da Ruhe finden?
    Was auch geschehen sein mge, gndige Frau, direkt haben wir beide nichts
damit zu schaffen. Ich erinnere Sie an Ihr Wort von vorhin: Mag werden, was da
will ... Beruhigen Sie sich, wir sind ohne Schuld. Ich denke, wir knnen den
Dingen ihren Lauf lassen und abwarten.
    Gusti kam herein: Gndige Frau, die Dame mit dem Tituskopf ist wieder in
Mnchen; sie lie vorhin ihre Karte abgeben.
    Sie haben Recht, Herr Schlichting, sprach Frau Raler lauter und mit
Betonung: Wie immer haben Sie Recht; ich danke Ihnen. Indem sie ihm die Hand
reichte: Also bis zur nchsten Stunde! Leben Sie wohl!
    Sich an die im Hintergrunde wartende und beobachtende Gusti wendend: Fr
die Dame mit dem Tituskopf bin ich niemals zu Hause.
    Bertha Hohenauer war gemeint.
    Gusti stutzte. Jawohl, gndige Frau. Und fr sich: Das heit Fraktur
gesprochen. Was nur da wieder dahinter stecken mag!
    Vor wenigen Tagen erst war Bertha von einem lngeren romantischen Aufenthalt
in Berlin zurckgekehrt. Sie wollte sich ganz stille in Mnchen wieder
einrichten. Wie sie die Stille verstand, zeigte das Inserat, das sie am zweiten
Tag in die Neuesten Nachrichten einrcken lie: Amusement. Feine Dame sucht
Herrn zum Vierhndigspielen u.s.w. Exp. Nr. 169015.
    Schlichtung ging nach Haidhausen hinber, wo er mit dem Bildhauer Achthuber
im Hofbruhans-Keller zum Abendbrod zusammentreffen wollte. Der Gedanke gewhrte
ihm einige Befriedigung, da der Auswrfling von einem Prebanditen den Rechten
gefunden habe. So rcht sich frher oder spter jede Schuld. Doch gelstete ihm
jetzt nicht, Nheres zu erfahren. Achthuber erschien nicht. Nach einem
appetitlos verzehrten Imbi ging er in die Gasteig-Anlagen. Sein Kopf schmerzte
ihn. Er lie sich auf einer einsamen Bank unter einer Gruppe, von jungen Eichen
nieder. War er eingeschlummert in der Stille der Dmmerung? Als er sich erhob,
war es spter Abend geworden. Millionen Lichter funkelten vom Himmel hernieder.
Aus dem Thal rauschte die Isar herauf. Frstelnd trat er den Heimweg an.
    Als er hinter der Grtznervilla den Hgel hinab wollte, rief ihn eine
Gestalt an, die auf der dortigen Bank kauerte. Er trat nher. Es war ein altes,
zerlumptes Weib, mit einer weien Binde mitten im Gesicht und einem Korb auf dem
Scho.
    Was wollt Ihr von mir?
    Hihihi, schner Herr, ein Bettelweib, das lt man hocken, da geht man
vorber. Wr' ich noch jung und sauber, ging zu dieser Stunde kein Mannsbild
gleichgltig an mir vorbei. Ich hab's erfahren. Da gab's Blicke und Worte und
Antrge, nicht wahr, schner Herr? Eine alte Hexe freilich, hihihi, da drckt
man sich. Die kann der Teufel holen.
    Was fehlt Euch, Frau?
    Hihihi, die Nase fehlt mir. Oder sie fehlt mir auch nicht. Ich hab' sie nur
am unrechten Platz. Ich hab' sie hier im Korb.
    Sie nahm ein Papierpckchen heraus, wickelte es auseinander und hielt
Schlichting ein unfrmliches, blutiges Stckchen Fleisch hin.
    Sehen Sie nur her, schner Herr, das ist eine Nase, war eine Nase, eine
feine Nase, aber sie hatte den Krebs, und heute hat man sie mir im Haidhauser
Spital aus dem Gesicht geschnitten. Hihihi!
    Entsetzt wandte sich Schlichting ab. Das war zu grauenhaft ... Er lief den
Weg zurck ... Immer mehr Sterne beschienen den nchtigen Pfad - und der
nasenlose Mond ...
    Sollte er den leuchtenden Welten da droben einen Gru hinaufsenden, er, der
Einsame, der Leidende, der Zeuge so vieler Scheulichkeiten? Was wuten sie von
Menschenleid! An dieser Stelle war es, wo er neulich von der Brcke aus das
glnzende Meteor gesehen, einen Boten himmlischen Lichtes in tiefdunkler Nacht.
Wie anders wrde er's heute deuten! Ein kurzes Aufflackern. Glhen und Leuchten,
ein Freuden-oder Weheschrei ist alles Dasein. Dann wieder Nacht und Schweigen
und ewiges Vergessen. Das ist die Deutung unseres Loses. Tat-twam asi. Es ist
nichts. Und wie er milden Fues ber dir Maximiliansbrcke ging, klangen ihm zum
Rauschen der Isar die Worte des persischen Dichters in die traurige Seele:

Ist einer Welt Besitz fr dich zerronnen,
Sei nicht in Leid darber: es ist nichts!
Und hast du einer Welt Besitz gewonnen,
Sei nicht erfreut darber: es ist nichts!
Vorber geh'n die Schmerzen wie die Wonnen,
Geh' an der Zeit vorber: es ist nichts!

    Ein unsagbares Grauen vor allem Menschlichen, wie er's nie gefhlt, hatte
ihn erfat. Die abgeschnittene Nase der verrckten Vettel ... Ja, es ist ein
elend, jmmerlich Ding um alles Lebendige ... Er bog rechts in die Mhlgasse
ein. Wie die wie wahnsinnig arbeitende Hofsgemhle mit ihrem kreischenden,
schneidenden Pschpsch ihm die Ohren zerri und durch Mark und Bein ging!
Frher hatte er dieses hllische Sgen und Schneiden kaum wahrgenommen. Alles
bereitete ihm jetzt Schmerz. Er eilte heimzukommen in seine stille, dunkle
Kammer ...
    Kommerzienrat Raler hatte heute lnger als gewhnlich sich in die Lektre
der Zeitungen vertieft. Die Artikel Zur Sanierung der kniglichen
Kabinetskasse, die sich nun schon seit Wochen bandwurmartig durch die Neuesten
Nachrichten wanden, hatte er seither kaum beachtet. Das ist Kurpfuscherei,
sagte er; auch ist die Kassa gar nicht krank, ganz wo anders sitzt das bel und
zwar an einer Stelle, wo berhaupt kein Arzt hinkommen kann. Die Kasse hat ein
bses Loch, das ist wahr, aber das verstopft man nicht mit Zeitungspapier. Das
geht blo das knigliche Haus an und da hat sich kein Unberufener einzudrngen.
Das sind Familienangelegenheiten, die nicht in die ffentlichkeit gehren; die
Prinzen werden schon wissen, was sie zu thun haben. Sie sollen's nur machen, wie
ich's mit meinem Neffen gemacht habe. Aber freilich, Unzukmmlichkeiten sind da
nicht zu vermeiden. Man mu keck zugreifen.
    Nachdem jedoch auch die Berliner und Frankfurter Bltter Betrachtungen ber
die bayerische, Kabinetskasse anstellten und lange Auszuge mit allerhand Glossen
aus den Sanierungsartikeln brachten, fate der Kommerzienrat die Sache schrfer
ins Auge; heute zum erstenmal hat er einen solchen Artikel ganz gelesen und sich
bemht, seinen Inhalt zu durchdringen. Er glaubte das seiner Stellung als
Mnchener Finanzgre schuldig zu sein.
    Eine verwickelte Geschichte. Der Knig baute eben, wie er aus Geschft kam,
meinen alten Biswanger haben sollen. So ein junger Monarch ohne
volkswirtschaftliche Erfahrungen und Kenntnisse und den Kopf voll Wagelaweia ...
ein kompletter Phantasiemensch ...
    Er griff nach einem anderen Blatt.
    Nein, jetzt wchst mir die Volkswirtschaft selber zum Hals heraus. Wie
diese armen Schlucker von Zeitungsschreibern mit ihrer Finanz-Gescheidigkeit
sich aufspielen, bersteigt alle Begriffe. Das ist heute nun schon der dritte
Artikel ber das Thema mobiles Kapital und Grundbesitz ... Ich wette, da der
Schreiber weder Kapitalist noch Grundbesitzer ist, also gar keinen Dunst von der
Sache hat. Wer etwas hat, der hlt's zusammen und macht keine Redensarten, und
wer nichts hat, der schaue, da er etwas bekomme, inzwischen kann er mir mit
seiner Weisheit gewogen bleiben. brigens lese ich da doch einen guten Satz:
Einstweilen ist die bliche Schimpferei auf die Kuponsabschneider und die
Rentenbesitzer, welche angeblich vom Schweie der ehrlichen Arbeit leben,
geradezu eine Lcherlichkeit. Natrlich ist sie das. Das habe ich meinen Leuten
immer gesagt, wenn sie mir mit ihren sozialdemokratischen Flausen gekommen sind.
Der Eine mu im Schweie seines Angesichtes seine Renten erarbeiten, der Andere
mu im Schweie seines Angesichts seine Renten verzehren. Ich sehe da keinen so
groen Unterschied ... Hier schon wieder ein Wischiwaschi-Artikel: Die
volkswirtschaftliche Mitleidenschaft des Rentenkapitals. Das ist der
Zeitungsgenu in einer Kunststadt! Als ob sich die Kerls das Wort gegeben
htten, von nichts anderem zu schreiben, damit ja diese Dinge dem unzufriedenen
Volk immer im Kopf herumgehen, bis sie an gar nichts anderes mehr denken und die
rote Drehkrankheit kriegen und ihr bischen Verstand vollends verlieren. Alle
besseren Empfindungen sterben ab, wenn die Menschen immer an den Geldsack
denken. Wo will denn das noch hinaus? Wer keine Kinder hat, dem kann,
schlielich die ganze Lumpenkomdie Wurst sein, wenn doch einer den andern
auffrit - wer aber Kinder hat, der besinnt sich, solche brennende Fragen ins
Volk zu schlendern, die niemals gelst werden knnen, so lange der Menschheit
Besitz und Eigentum noch heilig sind. Wer an das Gut meiner Kinder tastet,
Kapital, Fabrik, Grundbesitz, den schlag' ich nieder: das ist meine
Sozialpolitik ... Hier ein Artikel ber Das Wohnungselend der arbeitenden
Klassen. Den les' ich nicht. Schade fr die Druckerschwrze. Jeder wohnt halt so
gut oder schlecht als es seine Verhltnisse erlauben. Daran ndert keine
Salbaderei etwas. Nach der Bibel hatte Jesus Christus nichts, wo er sein Haupt
hinlegte. Und er war Gottes Sohn! Wir sind nur armselige, Menschen. Gottes Sohn
war eigentlich obdachlos und wenn er heutzutage und in Bayern lebte, wre er in
schner Verlegenheit, wenn ihn ein Gendarm nach seinem Unterstand und seinen
Existenzmitteln fragte. Dagegen bewohnt sein dermaliger Stellvertreter auf
Erden, der Papst in Rom, einen Palast, der elftausend Wohngemcher enthlt, und
erfreut sich einer Jahreseinnahme von mehreren Millionen. Man spricht jetzt
wieder so viel von praktischem Christentum. Ich sehe aber nicht, da es die
Wortfhrer desselben anders als wir treiben. Also mge man uns in Ruhe lassen.
    In einem andern Blatte fand er einen Aufsatz Volkswirtschaft und Schule.
Der kam ihm ber alle Maen lcherlich vor. Also die Schulkinder mchten's auch
schon mit ihren Theorieen verhetzen. Groartiger Fortschritt! Wenn jetzt zum
Beispiel der Schlichting da hinten, ein gutmtiger und gelehrter Bursch, der
keinen roten Heller von Haus aus hat, meinen drei Shnen seine Volkswirtschaft
auskramen wollte! Das wr' ja so dumm, da eine alte Kuh den Lachkrampf kriegen
mute. Solchen Schulmeistern wollt' ich aber heimleuchten. Ei, da kommt ja eine
Musterlektion, die mu ich des Spaes halber doch lesen. Hren wir!
    Raler pflegte Geschriebenes oder Gedrucktes, das er rasch seinem
Verstndnis nher bringen wollte, sich halblaut vorzulesen, um mittelst des
Ohres sich die Auffassung zu erleichtern. In eintnig singender Weise las er
folgendes:
    Fr wenige hundert Mark erwirbt jemand eine Bodenflche, abseits gelegen
und wenig fruchtbar, ohne sonderlichen Wert fr irgend einen Zweck. Einige Zeit
spter wird durch Neuanlage einer Strae, einer Eisenbahn, eines Kanals jene
Gegend dem Verkehr erschlossen. Die Stadt dehnt sich nach jener Richtung hin aus
und der Wert des Grundstcks wchst mit jedem Jahre. Bald ist die jngst noch
wertlose Flche ein vielbegehrter Baugrund und der Eigentmer erhlt fr eine
Quadratrute einen hheren Preis als ihn einst der ganze Morgen gekostet. Der
Grundwert ist hier in wenigen Jahren verzehnfacht, vielleicht verhundertfacht.
Und was hat der Eigentmer fr ein Verdienst um diese betrchtliche Erhhung
seines Kapitals? Gar keins. Er hat nicht durch Arbeit oder sonst welche
Aufwendung den Wert seines Eigentums erhht; ohne sein Zuthun ist dies
geschehen. Durch wessen Verdienst? Durch das Verdienst der Gesamtheit - des
Staates, der Gemeinde. Nur durch die gemeinsame Unternehmung, durch die
Schaffung von Verkehrswegen und Verbesserung der Verkehrsmittel auf gemeinsame
Kosten, durch Erhhung des Kulturzustandes unter allgemeiner Mitwirkung, kommt
die Werterhhung des Grundbesitzes zu stande. Es wre nun recht und billig, wenn
der erhhte Wert auch von der Gesamtheit in Anspruch genommen wrde. Jetzt macht
thatschlich die Gesamtheit in solchen Fllen dem Einzelnen ein Geschenk, das er
nicht verdient; ja sie macht sich sogar noch zum Schuldner des Beschenkten, denn
dieser fordert fr den erhhten Wert seines Eigentums einen erhhten Zins. Die
Mieter auf dem im Werte gesteigerten Grundstck mssen dem Eigentmer das hohe
Kapital verzinsen, das ihm die Gesamtheit erst geschenkt hat ...
    Nachdem er tief Atem geholt, ein Glas Kognak getrunken und sich eine feine
Havanna angesteckt, sagte er, sich spttisch die Glatze reibend: Mein lieber
Herr Kommerzienrat, folglich bist du ein Gauner, wenn du in Isarufergrnden
spekulierst und das miserable Erdreich drauen an der Auenstrae und am
Scheyernplatz aufkaufst, um es eines Tages wieder mit Profit als Bauplatz
loszuschlagen oder selbst zu bebauen! Solchen Unsinn mu man sich in unserer
aufgeklrten Zeit bieten lassen. Die Unternehmungslust wird zum Verbrechen
gestempelt, die kapitalistische Entwickelung wird gebrandmarkt! Da mu ich
schlielich noch den Konsul Schmerold aus Moralitt zum Haus hinauswerfen, wenn
er mich zu grerer Rhrigkeit in der Ausntzung meiner kapitalistischen
Stellung freundnachbarlich antreibt ... Wr' ich noch um zwanzig Jahre jnger,
ich wollte ganz anders ausgreifen. Mit dem Schmerold zusammen wrde ich das
ganze Isargebiet aufkaufen, ohne erst die Zeitungsschreiber zu fragen. Und was
wre erst mit der Kunst zu machen, die ohnehin auf Privatunternehmungsgeist
angewiesen ist: den ganzen Mnchener Kunstbetrieb knnte man auf Aktien grnden
wie die Vierbrauerei ... Ach was, fort mit diesen bldsinnigen Blttern!
    Er nahm jetzt die Briefe zur Hand. Schner Zufall, da ist gleich eine
Zuschrift von Schmerold. Was sagt Biswanger dazu? Schmerold hat Recht, das
Kapital der Mnchener Lokalbahn-Aktiengesellschaft mu um die vorgeschlagene
Summe erhht werden, nur durch Vermehrung der Mittel kann so gearbeitet werden,
wie es fr das Unternehmen von Vorteil ist. Brav, Biswanger, du wirst in deinen
alten Tagen doch noch ein schneidiger Spekulant. Htt' ich mir nicht gedacht.
Weiter: Wegen der Isarthalbahn Unterredung mit dem Minister gepflogen; sehr
gnstige Stimmung fr Privatausfhrung mit eventuellem Staatszuschu. Aber keine
Zeit zu verlieren, da der Bankier Weiler die grten Anstrengungen macht, eine
Gruppe von Finanzleuten fr das Projekt zu interessieren, sich an die Spitze zu
stellen und alles was mit der baulichen und verkehrsmigen Umgestaltung des
Isarthals zusammenhngt, an sich zu reien. Besagter Weiler ist berhaupt in
Beobachtung zu nehmen: auch auf dem Gebiete der Bruerei-Spekulation trgt er
sich mit Plnen, welche im Interesse des Mnchener Vierexports schleunigst
durchkreuzt werden mssen. Nur durchkreuzt? Dieser Schuft mu endlich am
hiesigen Platze vollstndig unmglich gemacht werden. Ich knnte mir ja alle
Haare ausraufen, da ich frher dieser Filzlaus geholfen habe, sich immer tiefer
hier einzufressen mit Filialen in allen Spelunkengassen. Wenn ich denke, wie
bescheiden der alte Weiler angetreten ist ... die kleine Wechselstube am
Dracheneck des Marienplatzes, bei der alten Hauptwache ... Aber an der
Offiziers- und Beamtenkundschaft hat er sich frech gemstet ... Ganze
Offiziersheiratsgter hat er verschluckt ... Weiter: Die bayerische
Brauindustrie hat zweifellos ihren Hhepunkt erreicht; es liegt im Interesse der
Aktionre - -
    Verzeihung, Herr Kommerzienrat, ich habe zweimal vergeblich angeklopft; der
Wagen ist vorgefahren, meldete der Diener.
    Ich fahre nicht. Ich habe noch zu viel zu thun. Fragen Sie in einer halben
Stunde nach meinen Befehlen.
    Zu dienen, Herr Kommerzienrat.
    Dieser fr sich: Ich habe schon lange nicht mehr mit so viel Vergngen
gearbeitet. Wenn mich jetzt Leo she, wie ich in meinem Element bin! Das wre
mein Ehrgeiz: sie mte mich noch in das Gesicht ihres Barons hinein bewundern.
Was der alles mit Redensarten zusammenwurstelt - und wo man ihn anfat, da hat
er nichts, und wo er hingreift, da findet er nichts. Es scheint, Leo hat ihn
selber satt. Seit dem Karneval kommt er seltner ins Haus. Ich mein' fast, er
weicht mir aus. Auf dem Faschingsball wollten mich die Esel mit ihm auf ziehen,
dann schickten sie mir anonyme Briefe. Jawohl, der Kommerzienrat Raler wird so
dumm sein, auf euere Sticheleien und Angebereien 'reinzufallen! Da ihn Leo gern
gesehen hat, da seine Suada ihr Ohr kitzelte, das macht mich noch lange nicht
bedenklich. Ich kenne Leo; ich kenne auch diese Sorte von Sholzrasplern. Der
Rasp, dieser lcherliche Brsianer, und der Parklas, diese hlzerne
Zhlmaschine, und zum Schlu dieser Drillinger, der alle Vierteljahr einen
andern Beruf verfehlte! Ja, diese eleganten Kurmacher - die sind akkurat wie die
Zeitungsschreiber: ihre Hauptstrke ist das groe Maul. Damit wollen sie Berge
versetzen. Herrgott, beinah' mcht' ich einen Witz machen. Aber das Geschft
ruft. Wo bin ich stehen geblieben? Ah so, da: es liegt im Interesse der
Aktionre, nicht nur die Produktionssteigerung nicht hher zu treiben, sondern
auch der Finanziierung auswrtiger Brauereigeschfte auf dem hiesigen Markte
entgegenzuarbeiten. Nach letzter Richtung mssen dem Weiler die Hnde gebunden
werden. Er will uns mit einer sterreichischen Brauerei auf den Buckel steigen
und sucht berall nach kapitalkrftigen Dummkpfen, die ihm die Leiter halten
sollen. Details nchstens. brigens soll er sich tief mit der
Diskonto-Gesellschaft eingelassen haben, deren Wirtschaften mit den gewagtesten,
ja, zweifellos unerlaubten Mitteln im finanziellen Verkehr einen baldigen
Zusammenbruch wahrscheinlich macht. Gott gebe, da er dabei den Hals bricht. Wie
unsinnig hat mich der Kerl damals mit seinen faulen Aktien beschwindelt! ...
Lieber Nachbar Schmerold, du kannst auf mich rechnen ... Jetzt wr' mir aber
eine kleine Erholung doch willkommen ...
    Ghnend ffnete er einen anderen Brief.
    Aus der Hlle! Ja, das ist noch eine lustige altmnchnerische Gesellschaft
und eine vornehme obendrein. Das verdank' ich meinem Kunstmzenatentum, da die
Herren bei feierlichen Veranlassungen mich niemals bersehen. Was ist's diesmal?
Eine Einladung zum Frhlings Diner, oder wie sie es nennen: zum Hllenfra! Nun
ja, da hab' ich ja gleich meine Erholung - leider nur in Gedanken einstweilen.
Hier das Menn in ihrer Geheimsprache:

                                  Hllenfra.

                                 Teufelsbrhe.
                    Kleine Drachen mit Nachtschatten-Knollen
                            Hexenlenden mit Zubehr.
                               Pech und Schwefel.
                      Mephistoschweif mit feurigen Kohlen
                        Lasciate ogni Speranza-Pudding.
                                Gromutterkse.
                       Frh-Obst aus Sodom und Gomorrah.

                                    Gesffe:

                               Satansblut M. 2. -
                          Grneberger Auslese M. 2. -
                    Fnfmalhundertausend Teufel-Wein M. 5. -
                                Ditto M. 10.50.

    Das verspricht einen hllisch fidelen Abend. Schade, da man keine
Satansweiber einfhren darf. Da wrde mein Leo Augen machen, wenn ich sie mit
mir in diese Unterwelt schleppte ... Aber so gut geht mir's auf keinen Fall mehr
in diesem Leben - Leo's Sinn ist nicht mehr umzustimmen; alles Gesellschaftliche
ist ihr verhat. Wie einsiedlerisch hat sie mich gemacht! Oft kenn' ich mich
selbst nicht mehr ... Das lustige Vereinsleben in meiner Jugend ...
    Er sa einen Augenblick nachdenklich und seufzte. Der rot und schwarz
gedrckte, mit allerlei Teufeleien zeichnerisch verschnrkelte
Hllenspeisezettel zitterte in seiner Hand.
    Und nun rasch den Rest der Korrespondenz erledigt, damit ich endlich an die
Luft komme, fuhr er rgerlich auf ... Eine umfangreiche Denkschrift ber die
Bebauung der Isarufer, Ausbau der Quaistrae vom Lehel bis zu den Isarauen
u.s.w. von einem gewissen Joseph Zwerger, begutachtet vom Architekten-und
Ingenieurverein. Das soll ich doch nicht lesen? Nein, lieber Schmerold, das
httest du behalten knnen. Und was sagt mein Biswanger dazu? Verfrht, kann
erst in Erwgung gezogen werden, wenn der geschftliche Teil erledigt ist;
berdies scheinen Zwergers Plne fr Mnchener Verhltnisse viel zu groartig
und zu spezifisch knstlerisch. Wir mssen erst Praktiker von bewhrtem Rufe
hren, bevor wir mit Knstlern und Theoretikern ohne Namen uns einlassen. Ich
begreife den Schmerold nicht, da er mir so etwas schickt ... Wir wollen doch
nicht bauen, um den Knstlern einen Spa zu machen? Was architektonische
Phantasieen losten, das zeigt uns das Beispiel des Knigs. Das kleine Stckchen
Quaistrae, das wir jetzt haben, ist doch wahrhaftig nicht bel. Wenn wir so
fort bauen, wird die neue Isarstadt schn genug und wir kommen auf unsere Rente
... Ein anderes Schreiben berfliegend: Hab' ich's nicht gesagt, die
Zeitungsschreiberei ist nur Wasser auf die Mhle der Sozialdemokraten? Jetzt
marschiert das Lehel bereits gegen die Quaistrae an und verlangt Palste fr
die Arbeiter! Dieses Schriftstck sollte ich eigentlich dem Xaver Schwarz, dem
ewigen Vorstande des Hausbesitzervereins, vorlegen, der whrend der Gemeinde-und
Landtagswahlzeit nicht mde geworden ist, als frommer Ultramontaner ein
sozialistisches Mntelchen umzuhngen, und den Noten um den Bart zu gehen. Jetzt
sitzt er in der Kammer und im Reichstag und dnkt sich wunder was. Schwarz heit
er und schwarz ist er wie ein Schlotfeger - und er segt und scharrt auch
fleiig, fr seinen Sack wenigstens. Warum wenden sich die roten Lehelbrder
nicht an dieses Volksvertretungsmuster? Was wollen sie von mir, der ich weder
Stadtvater noch Land- und Reichsbote bin, sondern einfacher Geschftsmann?
Meinen diese roten Lehelbrder, in meinen Geschaftsbchern htte ich eine Rubrik
fr ihre Wnsche und Hirngespinnste? Warum belstigen sie mich, da ich niemals
etwas mit ihnen zu schaffen hatte? Und dieses Zeug soll ich lesen?
    Er wog den dicken Brief, aus dem er flchtig einige Stichproben gelesen, in
der Hand.
    Wie unverschmt diese Leute gleich ins Zeug gehen! Unser Volksverein hat
vernommen, da nchstens der Ausbau der Quaistrae, d.h. die vollstndige
Umgestaltung und Neubebauung des linken Isarufers in Mnchen, in groem Stile
durchgefhrt werden soll; das halbe Lehel, die Lndstrae, die Wasser-und
Auenstrae werden diesem Plane zum Opfer fallen. Hunderte von armen Familien,
die seit undenklichen Zeiten still und zufrieden da gewohnt, werden von den,
Isarufern vertrieben oder in ungesunde Kellerwohnungen oder in entlegenere
Pesthhlen des Proletariats gedrngt werden. Der Grund und Boden, an den uns so
viele Familienerinnerungen knpfen, der uns gewissermaen heilig ist, wird uns
von der Bauspekulation entrissen, um ihn mit glnzenden Straen, mit Villen und
Zinspalsten zu bedecken. Uns einen Ersatz dafr zu bieten durch die Anlage von
gesunden und billigen Arbeiterwohnungen in nicht zu groer Entfernung von dem
Weichbilde der Stadt und dem uns liebgewordenen Flusse, daran scheint keiner der
Herren Spekulanten, die doch auch unsere Mitbrger sind, zu denken. Dabei wre
ja wenig oder nichts zu verdienen! Das Gesindel mag zusehen, wo es in Zukunft
Obdach findet! Es kann ja in irgend einer Arbeiterkaserne Unterschlupf suchen!
Luxurise Herrschaftswohnungen herzustellen, das verspricht diesen Herren vom
Raubbauwesen ein besseres Geschft, als das Erbauen von zweckmigen Wohnungen
fr Arbeiter, kleine Beamte und andere Angehrige unserer Weien
Kultursklaverei. Was brauchen diese armen Schlucker berhaupt zu wohnen und
Familienwohnungsbedrfnisse zu entwickeln? Es ist auch weit sicherer und
angenehmer, eine Wohnung um 1200 Mark zu vermieten an eine sogenannte seine
Partei, als drei Wohnungen zu 400 Mark an Leute, die es trotz aller Anstrengung
nicht weiter bringen, als von der Hand in den Mund zu leben. Dies ist der
Standpunkt des Mnchener Hausbesitzervereins, der natrlich nicht mde werden
wird, die Bebauung der Isarufer so zu beeinflussen, wie es in seinen
Interessenkram pat. Die Vertreter von Gemeinde und Staat kmmern sich ja nicht
um die soziale Seite der Bausachen. Da bei dieser Wohnungsfrage hohe sittliche
Gter des Volkes auf dem Spiele stehen, kommt keinem dieser Herren in den Sinn.
Die Macht des Kapitals rechnet nicht mit sittlichen Werten. Trotzdem wagen wir's
unsere Stimme zu erheben ... Wagt es immerhin, ihr Krakehler vom Volksverein im
Lehel ... Was geht denn mich diese ganze Geschichte an? Sehe ich denn aus wie
einer, der die Rolle eines Wortfhrers fr die sozialdemokratischen Whlhuber
spielen und ihre umstrzlerischen Bestrebungen bei der Mnchener Finanzwelt
vertreten mchte? Oder soll ich Baugesellschaften fr Arbeiterpalste grnden,
wo sich die armen Teufel einnisten und ihren Mietzins schuldig bleiben knnen?
Es ist unglaublich, was sich diese Leute fr freche Abgeschmacktheiten in den
Kopf setzen. Sind das Zustnde: auf der einen Seite wird man von den Knstlern
und Architekten mit der Forderung belstigt, mglichst groartig und kostspielig
zu bauen und die Millionen nur so auszustreuen, auf der andern Seite wird man
von den roten Arbeitern ermahnt, in erster Linie auf ihre Bequemlichkeit zu
denken ...! Da soll man nicht wild werden.
    Eben wollte Raler dem Diener klingeln, als dieser schon hereinkam und
meldete, da ein Herr Pfaffenzeller den Herrn Kommerzienrat zu sprechen wnsche.
    Nichts da, jetzt wird ausgefahren. Pfaffenzeller? Den kenn' ich gar nicht.
Er soll in die Fabrik kommen, wenn er Geschftliches vorzutragen hat.
    Der Mann kommt von der Fabrik. Er bittet dringend. Er will sich nicht
abweisen lassen.
    Er will nicht? Den Menschen mcht' ich mir doch ansehen, der nicht will,
wenn ich will. Ich bin nicht da, verstanden?
    Doch, Sie sind da, Herr Kommerzienrat, sprach mit wohlklingender Stimme
ein junger Mann, dessen intelligentes Gesicht schmerzliche Entschlossenheit
ausdrckte. Sein Anzug wie sein Auftreten verrieten den gebildeten,
selbstbewuten Arbeiter. Ich mu Sie sprechen, denn mir ist Unrecht geschehen.
    Hier ist kein Gerichtshof!
    Verzeihung, Herr Kommerzienrat, in meinem Falle doch. Mein Name ist
Pfaffenzeller. Auf die Empfehlung des Herrn Baron v. Drillinger habe ich vor
kurzem Stellung in Ihrer Fabrik gefunden - und heute Vormittag hat mich Ihr
Verwalter Nordhuser kurzer Hand entlassen, ohne da ich mir etwas im Geschft
htte zu Schulden kommen lassen.
    So? Davon wei ich nichts. Es geht mich auch eigentlich nichts an. Aber
wenn Sie von Drillinger empfohlen worden sind, so kann ich einmal eine Ausnahme
machen und Ihre Geschichte anhren. Erzhlen Sie!
    Whrend sich der Kommerzienrat in seinem Amerikaner wiegte, erzhlte der
junge Mann: Infolge eines Antrittes mit dem Direktor des Kohlenwerks in
Penzberg und weil ich dort schon lange gern weggegangen wre, kndigte ich und
ging nach Mnchen. Hier hatte ich das Glck, durch die Empfehlung des Herrn
Baron v. Drillinger einen passenden Posten in Ihrem Geschfte zu finden. Am
ersten dieses Monats trat ich ein, Bezahlung und Arbeit gefiel mir, nur mute
ich eine Erklrung unterschreiben, von der mir vorher nichts gesagt worden war,
nach welcher ich bis zur weiteren Regelung des Verhltnisses sofort entlassen
werden konnte ... Ich habe die Handelsschule und das Polytechnikum besucht, Herr
Kommerzienrat ...
    Das geht mich nichts an, bleiben Sie bei der Sache! Der Arbeiter ist fr
mich nur Arbeiter, so lange er mein Brot it, und nicht Privatmann, studiert
oder unstudiert.
    Wie es Ihnen beliebt, Herr Kommerzienrat. Also ich unterschrieb die
Erklrung, weil ich sah, da andere Neueintretende sie gleichfalls
unterschreiben muten. Heute Vormittag nun kam Ihr Herr Verwalter auf mich zu
und zeigte mir an, da ich sofort entlassen sei. Als ich ihn um den Grund
fragte, wollte er mit der Sprache nicht herausrcken, zuckte mit den Achseln und
sagte endlich, weil ich Handschuhe bei der Arbeit angehabt htte. Als ich ihm
bemerkte, da dieses der wahre Grund nicht sein knne, wurde er hochfahrend und
uerte, mehr knne und wolle er nicht sagen, ich sei entlassen und damit wre
die Sache abgethan.
    Der Kommerzienrat: Wie, war denn das mit den Handschuhen?
    Mit dem Handschuhanhaben verhlt sich's so: Ich arbeitete im
Guwarenmagazin selber mit, um alles genau kennen zu lernen. Das htte ich ja
nicht ntig gehabt, aber ich bin der Meinung, da man berall mit handanlegen
und so viel als mglich alles praktisch lernen msse zur Ergnzung der
theoretischen Studien ...
    Raler fuhr in seinem Stuhle herum und betrachtete den Kopf des Sprechers.
Das Benehmen des jungen Mannes berraschte ihn, es lag etwas im Klang und
Tonfall seiner Stimme, was ihm sogar imponierte. Die Stimme hatte metallischen
Klang und zugleich etwas Kommandomiges, Herrisches, ohne berhebung; der Kopf
hatte scharfes Relief, wie aus Eisen gegossen.
    Unbeirrt durch den prfenden Blick Ralers fuhr Pfaffenzeller fort - so
ruhig und bestimmt, als verfechte, er die Sache eines Dritten: Ich habe
bemerkt, da auch die anderen Leute mit schwieligen Hnden bei ihren Arbeiten im
Guwarenmagazin sich der Putzwolle oder gewhnlicher Lumpen bedientest, um ihre
Haut zu schtzen. Da meine Hnde doch noch etwas mehr empfindlich sind, weil ich
jahrelang vorwiegend in Breaus thtig gewesen, und ich mit Lumpen nicht
ordentlich zugreifen konnte, so zog ich ein Paar alte Handschuhe an. Das war's.
    Und Sie glauben nicht, wenn Ihnen Nordhuser sagte, der Handschuhe wegen
htte man Sie entlassen? Warum glauben Sie nicht?
    Weil der Grund ein kleinlicher wre, ein so kleinlicher, da ein richtiger
Geschftsmann sich schmen mte, ihn ihm Ernste vorzubringen. Meine Vermutung,
was der wirkliche Grund meiner Entlassung sei, wurde bald besttigt. Ein Kollege
teilte mir heute Mittag mit, Herr Nordhuser habe schon vor einigen Tagen die
Bemerkung fallen lassen, ich wre vom Polizeikommissr und noch von anderer
Seite - sehr wahrscheinlich vom Direktor in Penzberg - als Sozialdemokrat
bezeichnet worden und in der Arbeiterliste auf der Polizei stnde schon lngst
hinter meinem Namen das bse Zeichen SD, womit ich der besonderen Ausspionierung
angelegentlichst empfohlen sei.
    Und das sagen Sie so ruhig, junger Mann?
    Gewi, denn es ist eine elende Verleumdung. Wre ich je Anhnger der
heutigen Sozialdemokratie gewesen, meine Beobachtungen htten mich davon
geheilt.
    Also verkehrten Sie mit Sozialdemokraten?
    Ich habe ber die Sozialdemokraten und ihre Lehren die magebenden
Schriften gelesen und zur Ergnzung meiner Studien habe ich an einigen
sozialdemokratischen Versammlungen teilgenommen als stiller Beobachter. Neulich
im Lehel in der Sankt Annabrauerei, wo sie ber die Arbeiterwohnungsfrage
debattierten, bin ich zum letztenmal dabei gewesen; man hat mich als
verdchtiges Subjekt gemustert und beinahe hinausgeworfen. Ich bin von selbst
gegangen. Die Leute konnten mir nichts mehr neues bieten. Es ist wie der Hund,
der, wenn ihn die Flhe beien, nach seinem Schwanz schnappt und wie toll im
Kreise herumfhrt; der Grund dieser Bewegung ist einleuchtend, aber bei der Art
der Bewegung kommt nichts heraus. Die Flhe beien- sich nur um so tiefer ins
Fleisch. Ich bitte um Entschuldigung, Herr Kommerzienrat, wegen des drastischen
Vergleichs.
    So, so, bei den Sozialdemokraten im Lehel haben Sie Ihre Abende zugebracht
...
    Verzeihung, nur wenige Abende und blo studierenswegen.
    Das ist gleich. Die Thatsache gengt, da man Schlimmes von Ihnen denkt.
    Mir gengt sie auch, jedoch in einem andern Sinne. Traurig genug, da man
sich bei den herrschenden Klassen in besseren Geruch bringen kann, wenn man die
Abende, statt sie mit sozialen Studien und Beobachtungen auszufllen, in den
Kneipen totschlgt oder mit Vereinssimpeleien und lderlichen Frauenzimmern
verbringt. Das gilt nicht fr staatsgefhrlich, denn es ist in den besten
Kreisen Sitte. Htte ich Geld dazu, wurde ich am Abend die besseren Abfhrungen
im Theater besuchen und gute Vortrge hren. Allein das Gute ist zugleich das
Teuere und das Teuere knnen sich nur die wohlhabenden Leute leisten. Ich bin
leider noch nicht wohlhabend.
    Nein, Sie sind jetzt der freie Mann mit dem leeren Portemonnaie und dem
Kopf voll sozialdemokratischer Studien und ihre Stellung ist futsch.
    Sehr gtig, Herr Kommerzienrat. Zunchst liegt mir nicht an der Stellung,
sondern den wahren Grund zu erfahren, warum ich sie verloren habe. Da ein
fleiiger Mensch davongejagt werden kann wie ein Hund, ist schon stark genug von
einer Geschftsverwaltung, die sich selbst respektiert, da man aber auch noch
mit Lgen, Verleumdungen und Ausreden davongejagt wird, ist beleidigend.
    Was wollen Sie also, kurzgesagt?
    Ich will, da Sie Ihren Verwalter Nordhuser veranlassen, den wahren Grund
und die Quelle zu nennen ...
    Dazu kann in meinem Geschfte niemand gezwungen werden.
    Gut. Der Herr Kommerzienrat ist also als Chef gegen seine eigene
Beamtenmaschinerie machtlos oder hat nicht einmal den Willen zur Macht, was auf
das Gleiche hinausluft. Ich bedauere, meine Zeit mibraucht zu haben.
    Was haben Sie vor?
    Ich werde nun den Baron v. Drillinger aufsuchen und ihm die Sache
vortragen, vielleicht kann er fr mich erreichen, was Sie ablehnen, vielleicht
mir auch zur Wiedererlangung einer Stellung behilflich sein. Vorlufig druckt
mich keine Not als das mir widerfahrene Unrecht.
    Unrecht! Unrecht! rief Raler phlegmatisch. In einem groen Geschfte mit
hunderten von Arbeitern mu auf Disziplin gehalten werden. Das verstehen Sie
nicht.
    Im Gegenteil, das verstehe ich sehr wohl. Aber ich gebe nicht zu, da man
sich auf Disziplin hinausredet, wo man ein handgreifliches Unrecht begeht. Die
Soldatenschinder kennen ja auch den Kniff.
    Sind Sie mit dem Baron verwandt?
    Nein.
    Sie kennen ihn schon lnger?
    Ja und nein, je nach dem, was man unter kennen versteht.
    Was halten Sie, von ihm?
    Was ich von ihm halte? Das kann wohl fr Sie gleichgltig sein, fr meine
Sache ist es gleichgltig.
    Ihr Urteil interessiert mich. Ich lege sogar Gewicht darauf. Dein
Kommerzienrat kam es jetzt komisch vor, den Baron v. Drillinger in diese Sache,
gezogen zu sehen. Aber er fhlte ein seltsames Bedrfnis, gerade die Meinung
dieses Mannes ber ihn zu hren.
    Er ist ein guter Mensch - alles in allem.
    Weiter nichts?
    Mir gengt er so.
    Mir auch ... Wie sind Sie mit ihm bekannt geworden?
    Ein Verwandter von nur, der Architekt und frhere Genie-Offizier Joseph
Zwerger, zur Zeit in Italien, ist als Studiengenosse mit dem Baron
altbefreundet, daher datieren unsere Beziehungen. Ich bin in Franken geboren,
ein Maingruder aus der Wrzburger Gegend ...
    Architekt Zwerger, so so, das interessiert mich. Und aus der Wrzburger
Gegend - na, das macht der Liebe kein Kind. Von dort stammt die Familie meiner
zweiten Frau her. Bitte, wollen Sie nicht ein wenig Platz nehmen, Herr
Pfaffenzeller, Sie sind so lange gestanden, wir knnen ja noch ...
    Sich unterbrechend, gegen den eintretenden Diener gewendet, der mit der
Mahngrimasse eines unverschmten Bcklingmachers zur Ausfahrt drngte: Ich weih
schon. Lassen Sie wieder ausspannen; ich gehe zu Fu.
    Herr Kommerzienrat, ich habe in der That keinen Grund, Ihnen lnger lstig
zu fallen. Sie knnen und wollen mir nicht zu meinem Rechte verhelfen, damit ist
meine Angelegenheit an dieser Stelle vorerst erledigt. Das Weitere wird sich
finden. Ich habe die Ehre, Herr ...
    Diese Klarheit und Entschiedenheit, verbunden mit hflicher Form und Frische
des Ausdrucks, berhrten den Kommerzienrat immer sympathischer. Das war
vielleicht eine Gelegenheit, seinen Verwaltern und Aufsehern einmal zu zeigen,
da er ihnen auch als Menschenkenner berlegen sei ... Der Biswanger steht hoch
in den Sechzigern ... Wenn dieser Pfaffenzeller sich an dessen Seite zu seinem
einstigen Nachfolger ausbilden liee! Der scheint ja ganz das Zeug zu haben,
einen solchen wichtigen Vertrauensposten auszufllen zum Vorteile des
Geschftes. Den Nordhuser wrde es freilich entsetzlich wurmen. Das schadet
aber nichts. Nordhuser kehrt neuerdings immer eine gewisse berlegenheit
heraus, spielt den Unfehlbaren, zieht fremde, besonders preuische Elemente mit
Vorliebe ins Geschft - in Mnchen haben ohnehin die alten Mnchener bald nichts
mehr zu sagen, wo eine einflureiche Stelle offen ist, wird ein Auslnder
untergebracht, alles wird verpreut, berall werden Nordlichter auf die
bayerischen Leuchter gesteckt, das hat ja dem Knig sein Land und seine
Hauptstadt so entfremdet, in den Bergen hat er doch noch echte, treue Bayern um
sich - -, jawohl, mein lieber preuischer Nordhuser, der bayerische
Pfaffenzeller wird dir sehr gut bekommen ...
    Herr Kommerzienrat, ich mu gestehen ... warum halten Sie mich denn auf?
    Raler hielt ihn am rmel und betrachtete ihn gedankenvoll mit seinen
wsserig schimmernden Bulldoggenangen. Jetzt lchelte er ihn an, klopfte ihm auf
die Schultern und quakte gemtlich: Also die Bezahlung und die Arbeit hat Ihnen
in meinem Geschft gefallen? Wissen Sie was? Sie gefallen nur auch in meinem
Geschft. Ihre Entlassung scheint mir jetzt selbst eine Unzukmmlichkeit. Auf
der einen Seite sind Sie entlassen, dabei bleibt's, der Disziplin wegen; auf der
andern Seite stelle ich Sie wieder an, weil ich Sie fr einen brauchbaren
Menschen halte. So befriedigen wir beide Teile. Sagen Sie mir, wo haben Sie
schon gearbeitet? In Penzberg und wo noch?
    Nach krzerem Aufenthalt in Belgien und im Elsa, wo ich mich noch einmal
als Architekt ohne gengende Erfolge erprobte, schlug ich mich in die Schweiz,
wo ich zwei Jahre in Genf, zuletzt in der Girardschen Eisengieerei, Rue du
Petit-Salve, thtig war. Damit glaubte ich meine Auslandsstudien vorerst
abschlieen zu knnen und ich kehrte wieder nach Bayern zurck.
    Sie verstehen fremde Sprachen?
    Des Franzsischen bin ich, soweit wir's im Geschft brauchen, vollkommen
mchtig, mit dem Englischen bin ich gleichfalls gengend vertraut.
    Sehr gut. Das wird dem alten Biswanger recht sein.
    Pfaffenzeller lchelte: Warum dem alten Biswanger?
    Das sollen Sie gleich erfahren: Biswanger braucht einen Adlatus sozusagen,
und dazu werde ich Sie ernennen, sobald Sie eine gewisse Probezeit in meinem
Privatbreau bestanden haben.
    Ich stelle nur eine Bedingung: meine Sache mit Herrn Nordhuser mu vorher
ins Reine gebracht werden. Ich bin nicht der Mann, der sich zur Thr
hinauswerfen und zum Fenster wieder hereinziehen lt.
    Selbstverstndlich, wenn Sie darauf bestehen. Darber wie ber alles brige
werden wir morgen in meinem Breau einig werden. Jetzt sagen Sie mir nur noch
eins: wissen Sie etwas von den Plnen Ihres Vetters Zwerger? Es sind mir da
durch zweite und dritte Hand ein ganzer Sto Denkschriften, Zeichnungen, Risse,
Kostenvoranschlge und so weiter von ihm zugestellt worden. Haben Sie von seinen
Absichten oder Unternehmungen schon etwas gehrt?
    Sie meinen seine Plne zur baulichen Umgestaltung Mnnchens an der Isar, am
Marienplatz und auf der Theresienwiese?
    An der Isar, blo an der Isar. Das ist das nchste Projekt, das uns
interessiert.
    Gewi, Herr Kommerzienrat. Seit Jahren beschftigt ihn eigentlich nichts
anderes. Diese Plne sind sein Lebenswerk sozusagen. Bei seiner groen
knstlerischen Begabung fehlt ihm nur die Geduld und Leidenschaftslosigkeit des
praktischen Geschftsmannes, um endlich im rechten Zeitpunkt an den rechten
Platz zu kmmen. Seine Isarplne, so unausfhrbar groartig sie auch auf den
ersten Blick scheinen - ich war noch ein grner Polytechniker, als er mir die
ersten Aufschlsse gab, aus denen ich damals allerdings nichts zu machen wute -
haben - unzweifelhaft eine Zukunft, vorausgesetzt, da die bauliche Entwickelung
Mnchens nicht von der Spekulation verdorben oder von architektonischen Stmpern
verpfuscht wird.
    Wie meinen Sie das, Herr Pfaffenzeller?
    Wenn man weit in der Welt herumgekommen ist, gewhnt man sich, auch die
Heimat mit kritischen Blicken zu betrachten. Man lernt vergleichen und verlernt
blind bewundern. Ludwig I., der Schpfer der Kunststadt Mnchen, hat eine Reihe
von klassischen und mittelalterlichen Bauwerken in Griechenland und Italien
kopieren und den Mnchenern als Musterbauten aufrichten lassen. Nach der
Ludwigschen kam die Maximilianische Bauperiode fr Mnchen; da verlegte man sich
auf eigene Witzes- und Erfindungskraft. Damit ging es schon bedeutend abwrts.
Mnchen ist aber durch beide knigliche Bauherren wenigstens eine interessante
architektonische Mustersammlung geworden und hat neue Straen und Pltze fr das
gesteigerte Grostadtleben gewonnen.
    Sehr richtig. Die Maximiliansstrae ist doch eine Pracht, dazu die
Maximiliansbrcke und das Maximilianeum und ...
    Nun, das ist sehr Geschmackssache, Herr Kommerzienrat. Die
Maximiliansbrcke zum Beispiel ist die einzige von den drei oder vier
Isarbrcken, die noch einigermaen Stil hat und gut aussieht. Aber sie entbehrt
doch wie die andern jedes bildnerischen Schmuckes, sie hat gar keinen
monumentalen, skulpturalen Zierat, kein Bildwerk, sie ist in dieser Beziehung so
kahl als mglich. Fr eine wirkliche Kunststadt sind smtliche hiesige Brcken
viel zu schmucklose Nutzbauten.
    Sie wollen doch keine Heiligenfiguren auf der Maximiliansbrcke aufstellen,
wie es neulich der fromme Xaver Schwarz zur Verschnerung der Isar im
Gemeindekollegium vorgeschlagen hat? Etwa die zwlf Apostel, sechs links und
sechs rechts, jeder mit seinem Marterwerkzeug, damit die Mnchener ihr
christkatholisches Bewutsein strken, wenn sie zum Hofbruhauskeller
hinberwandeln?
    Nein, fr diese ultramontane Kapellen-Zuckerbcker-Plastik danke ich. Die
fehlte gerade noch in der Kunststadt Mnchen! Da wre es stilgemer, gleich die
wirklichen Ortsheiligen Mnchens, die Apostel der Bierbrauerkunst, geschart um
Seine Majestt vom Spundloch, den heiligen Gambrinus, auf der Maximiliansbrcke
aufzustellen ...
    Der Gedanke ist gar nicht dumm, meinte der Kommerzienrat; der alte
Schleibinger, der Sternecker, der Pschorr, der Sedlmeyer und so weiter wrden
sich ganz gut dort ausnehmen; sie haben fr den Ruhm Mnchens mehr gethan, als
sich die Frommen trumen lassen.
    Einverstanden, Herr Kommerzienrat.
    Ich sehe auch gar nicht ein, warum man Mnchen nur den Frsten und
Feldherrn, den Dichtern und Philosophen, wie dem Schelling, oder den Optikern,
wie dem Frauenhofer, oder den Lithographen und Stenographen und dem Liebigschen
Fleischextrakt-Erfinder Denkmler setzt und nicht auch den groen Industriellen
und Bruern. Htten Sie etwas dagegen?
    Nein, Herr Kommerzienrat. Aber wir kommen von der Sache ab. Wir sprachen
davon, was sich an den neuen Straen aussetzen lt ...
    Haben Sie etwas an meiner Quaistrae auszusetzen?
    Mit Ihrer Erlaubnis allerdings, Herr Kommerzienrat. In dieser von der Natur
so bevorzugten Stadtgegend wre mir keine Architektur lieber, als diejenige,
welche Ihre Mnchener Baumeister an dieser Stelle produziert haben.
    Da mu ich Ihnen sagen: das verstehen Sie nicht. Die Quaistrae ist ein
kleines Weltwunder. Fragen Sie nur einmal meine Englnder im zweiten Stock!
    Dann sind diese Englnder sehr viel weniger anspruchsvoll als ich. Das gebe
ich zu. Diese aneinandergeklebten acht oder neun Huser von gleicher Hhe,
gleicher Schablonenhaftigkeit, gleicher Eintnigkeit der Verhltnisse, gleicher
Schbigkeit im Schmuck der klotzigen Stukornamentik mit den angeleimten
Schwalbennester-Balkonen - ein kleines Weltwunder? Ihr Haus, Herr Kommerzienrat,
macht allerdings eine Ausnahme.
    Gut, dann soll Ihnen die Kritik der anderen geschenkt werden. Also Sie
verlangen von den Neubauten mehr Schnheit und - - und -
    berhaupt mehr originelle Groartigkeit, jetzt wo die historischen
Stilarten glcklich abgewirtschaftet haben. Mnchen ist darin noch sehr weit
zurck.
    Da kann spter nachgeholfen werden.
    Spter! Das ist der Haken. Seit ber zwanzig Jahren, das heit whrend der
ganzen Regierungszeit des jungen Knigs Ludwig II. ist meines Wissens von
staatswegen zur baulichen Verschnerung Mnchens so gut wie nichts geschehen,
wenigstens nichts, was sich mit dem messen liee, was in dieser langen Zeit in
anderen deutschen Grostdten gebaut worden ist. Nun hat inzwischen eine
radikale Umwandlung der geistigen Richtungen und des Verkehrs platzgegriffen -
wovon sich natrlich unser Landesvater in seinen Mrchenschlssern in den Bergen
nichts trumen lt. Auch in Mnchen ist die Industriestadt ber die Kunststadt
hinausgewachsen. Die Zahl der Einwohner und ihre Betriebsamkeit hat eine
ungeheuere Steigerung erfahren. Nach allen Seiten dehnt sich der Nahmen der
Stadt. Auch die landschaftlich reizvollsten Partien, wie die oberen Isarufer,
die seither vollstndig vernachlssigt blieben, lenken jetzt die Augen der
Baulustigen auf sich. Alles spricht dafr, da wir am Anfang einer neuen
Bauperiode stehen, die an Umfang und Bedeutung alle ihre Vorgngerinnen weit
bertreffen wird.
    Sehr richtig.
    Aber gerade hier liegt eine groe Gefahr. Whrend der langen Stockungspause
sind die groen Baukunsttraditionen verkmmert, dafr die industrielle und
kapitalistische Spekulation und der dem Idealen abgewandte Sinn mchtig
erstarkt. Welches wird also das Geprge der neuen Periode sein? Welcher Geist
wird sie beherrschen? Der kunstwidrige Geist der Spekulation, der Geldmacherei.
Und er wird die Architekten in seine Dienste zwingen und die Stadtverwaltung
wird Ja und Amen dazu sagen, wenn nur die sicherheitspolizeilichen und
gesundheitlichen Vorschriften nicht gar zu auffllig umgangen werden. Diese neue
Bauperiode und die ihr anhaftenden eigentmlichen Gefahren hat Joseph Zwerger in
seinem vorausschauenden Knstlergeist erkannt - und eine Frucht dieser
Erkenntnis und des reinen Willens, sie der Entwickellung Mnchens in
segensvollster Weise dienstbar zu machen, sind die Zwergerschen Isarplne. Die
kleinen Rechen- und Baumeister werden zwar die Hnde ber dem Kopf
zusammenschlagen, aber sie werden nichts an der Thatsache ndern, da Zwerger
sich als einer der khnsten Bauknstler des neuen Mnchens in seinen Entwrfen
ausgewiesen hat.
    Wissen Sie das so gewi, Herr Pfaffenzeller?
    Ich begreife, Herr Kommerzienrat, da Sie geneigt sind, mich der
bertreibung, vielleicht gar der Schwrmerei zu zeihen; Sie kennen mich noch zu
wenig. Es gengt mir, wenn Sie daraus wenigstens den Antrieb schpfen, die
Zwergerschen Plne eingehend von Sachverstndigen prfen zu lassen und sie nicht
unbeachtet von der Hand zu weisen. Ich habe schon in der Fabrik gehrt, da Sie
mit bedeutenden Kapitalien sich an einer Baugesellschaft beteiligen, wollen ...
    Ja, das will ich ... Die berproduktion im Fabrikbetrieb treibt das Geld
notwendig auf andere Wege. Da sucht man den besten, und als Kunstmzen und
Mnchener Patriot - verstehen Sie -
    Glaubt man ihn in der bauknstlerischen Spekulation erblickt zu haben, was
ich vollkommen richtig finde.
    Ihre freie Aussprache gefllt mir. Schade, da wir Herrn Zwerger nicht
persnlich hier haben. Auf schriftlichem Wege kommt man nicht ans Ziel.
    Das Nmliche habe ich meinem Vetter lngst gesagt. Ich werde ihn
auskundschaften und herzitieren. Man mu zur Stelle sein und fr sich selbst und
seine Sache persnlich eintreten.
    Wie Sie, Herr Pfaffenzeller! Sie haben mir schn zugesetzt! Glauben Sie
mir, ein solches Auftreten htte sich der Kommerzienrat Raler sonst nicht
leicht von einem andern bieten lassen. Sie haben ein ganz verwnschtes Glck,
mich heute gerade in so guter Laune getroffen zu haben. Na, ich werde Ihnen
spter noch einmal ordentlich Grobheiten dafr machen, da Sie mich so erwischt
haben ... Und der Kommerzienrat schwappelte mit seinem dicken Bauche und
lachte, aber pltzlich wurde sein Gesicht ganz blaurot und er sank, mit den
Armen um sich schlagend, in den Stuhl. Pfaffenzeller ergriff die Wasserflasche
auf dem Serviertischchen und bespritzte ihm die Stirn ... Alle Wetter! Das hat
man von der Fettleibigkeit. Und von dem da: Pfaffenzeller schob eine
halbgeleerte Kognakflasche auf die Seite und die Kaffeetasse und die
Havannaschachtel ...
    Als sich Raler wieder erholt hatte, reichte er dem jungen Manne mit dem
eisernen, glattgeschorenen Kopf, dem festen und klugen Blick und dem nervigen
Arm seine dicke, feuchtkalte Hand: Sie haben mir geholfen, ich danke Ihnen. Das
kommt davon, wenn man seinem Arzt nicht folgt und sich berarbeitet. Morgen im
Breau wollen wir weiter verhandeln.
    Pfaffenzeller wollte sich eben verabschieden, als die drei Knaben
hereinstrmten.
    Papa, wir machen jetzt mit der Mama den Abendspaziergang. Gehst Du heute
nicht mehr aus? rief Franz.
    Wo ist die Mama? fragte Raler, ohne sich aus dem Sessel zu erheben.
    Sie erwartet uns unten im Garten, antwortete Hermann.
    Raler seufzte: Sie geht fort, ohne mich zu gren ... Zu Pfaffenzeller:
Meine Shne! Drei schlimme Buben, aber tchtig. Die werden mich einmal im
Geschft bertrumpfen ... So, geht jetzt. Hermann, gib auf die Brder acht und
macht keine dummen Streiche. Begrt den Mann hier, das ist Herr Pfaffenzeller.
Adieu jetzt, adieu.
    Nachdem sich auch Pfaffenzeller entfernt hatte, blieb der Kommerzienrat noch
lange in trben Gedanken sitzen. Dem fragenden Diener sagte er blo: Schlieen
Sie die Fenster. Ich will heute weiter nichts. Ich bleibe daheim.
    Die Sonne war im Untergnge. Aus dem Feuermeere ihres Verscheidens zuckten
die letzten goldenen Strahlen am Abendhimmel auf, der in mattem Blau schimmernd,
sich allmhlich mit braunen und grn-grauen Wolken streifte, bis der Dunst der
Grostadt nach einem ungewhnlich schwlen Nachmittag alle Farbenpracht in einen
trben Dmmer hllte. Ein letzter Sonnenstrahl hatte ber Ralers Wohnung hinweg
die hohen Bogenfenster im Mittelbau des Maximilianeums getroffen und auf dem
Spiegelgrunde blutig lodernde Glut entfacht. Raler starrte gedankenvoll in das
gleiende Gefunkel, bis ihm die geblendeten Augen schmerzten; im Wegsehen noch
verfolgte ihn der Feuerzauber, glhende Scheiben rollten vor seinen
geschlossenen Lidern. Als er nach einer Weile die Augen wieder aufschlug, war
alle Beleuchtungsherrlichkeit verschwunden. In bleichem Dmmerlicht ragte der
kalte Bau mit seinen stolzen Sulen und Loggien. Die Dunkelheit kroch
gespenstisch durch die hohen Bogengnge der Seitenflgel und fllte sie mhlich
mit tiefstem Schwarz, die Formen und Farben der pompejanisch bemalten
Hintergrnde verschlingend.
    Raler hatte seinen Stuhl an das Balkonfenster gerckt. Das Maximilianeum
dnkte ihm jetzt eine grandiose Theaterdekoration, eine Riesenkulisse, und in
seinen schweifenden Gedanken tauchte pltzlich die Erinnerung auf an die letzte
Vorstellung der Gtterdmmerung, der er vor einem Jahr im Hoftheater mit
Leopoldine beigewohnt. An ihrer Seite sa Drillinger. Das ist erhaben, sagte
der Baron und drckte Leo die Hand, als Brnhilde auf ihrem treuen Ro dem
Flammentod entgegensprengte; das mchte ich von Ihnen sehen ... Meine Frau
soll fr Sie durchs Feuer springen, Herr Baron? hatte er dem begeisterten
Kurmacher hingeworfen; weiter haben Sie keine Schmerzen? Was der Herr Baron
oder Leopoldine darauf geantwortet, dessen entsann er sich nicht mehr, nur die
schmerzliche Empfindung war ihm jetzt wieder gegenwrtig, die ihm jenes letzte
gemeinschaftliche Theatervergngen verbitterte: das Brennen in der Magengrube,
der Druck im Genick, der gallige Geschmack auf der Zunge. Was er aber in jener
Nacht in der Verschwiegenheit des ehelichen Schlafgemachs ber sich ergehen
lassen mute, das berstieg alles Ma der Erinnerungsfhigkeit ... Leopoldine
hatte sich seitdem verbessert; sie trieb die Unart nicht mehr so weit, ihm
seinen Bettschwei und schlechten Geruch ins Gesicht vorzuwerfen und damit ihren
Ekel vor seinen zrtlichen Annherungen zu rechtfertigen; sie begrndete ihre
Klte und ihren Widerstand mit der Rcksicht auf seinen gesundheitlichen Zustand
und auf das rztliche Gebot, sich ja aller tieferen Aufregungen zu enthalten.
Das lie sich eher hren und erleichterte eine Verstndigung. Zuweilen hatte ihm
ihr Widerstand sogar Spa gemacht, besonders in der letzten Zeit, wo sie wieder
mit ihrer angebornen Verschmtheit kokettierte und steif behauptete, da sie gar
keine sinnliche Natur sei und kein Bedrfnis nach mnnlichem Umgang habe ... Da
ihr auch das Glck der Mutterschaft versagt sein mute! ...
    Das Isarwehr war aufgezogen, so da der Schwall des Wassers mit vermindertem
Gerusch thalwrts abstrmte. Auch von der Strae her kndigte sich die
abendliche Stille an. Die von acht zu acht Minuten verkehrende Pferdebahn
klirrte heller auf den Eisenschienen und das Schellengebimmel war in der
Einsamkeit klarer, als im Lrmkonzert des Tages. Die hohen Schornsteine der
Bruereien und weiter zurck der Ziegeleien von Haidhausen wlzten ungeheure
schwarze Rauchschwaden durch die Abendluft; getrieben von einem leichten Sdost,
nahm das kohlendunstige Gewlke seine Richtung ber das Isarthal in die innere
Stadt. Raler pochte an den Fensterrahmen, ob er auch gut geschlossen; er fhlte
sich so beengt auf der Brust, es war ihm, als msse er selbst in dieser
erstickenden Rauchatmosphre atmen ... Von den Schlten seiner eigenen Fabrik
konnte Raler vom Fenster aus nichts gewahren. Wenn er heute doch hinausgefahren
wre! Vielleicht befnde er sich wohler. Mute ihm dieser Pfaffenzeller in die
Quere kommen ... Ein merkwrdiger Mensch, eine Kraft - und fr das Geschft
jedenfalls einmal von groem Wert. Was der alle Biswanger zu diesem Mitarbeiter
sagen wird? Wo jetzt Leo mit den Kindern herumspazieren mag? Ach, Leo ...
    So wirbelte dem Kommerzienrat alles bunt durch den Kopf. Es duldete ihn
nicht mehr im Zimmer. Wenn er zum Nachbar Schmerold hinberginge und sich
erkundigte, ob der Herr Konsul schon von der Reise zurck sei? Die
Angelegenheiten der Isarbaugesellschaft, die Vorlagen des Architekten Zwerger
und die Whlereien des Bankiers Weiler machen eine mndliche Unterredung
dringend notwendig. Schmerolds sind nur so frmlich, die ungewhnliche
Besuchsstunde wird ihnen auffallen. Und Raler mochte heute keinem kritischen
Blick, keinem kritischen Wort mehr begegnen. Ja, die Schmerolds, die haben noch
ein strenges Familienleben, das Respekt einflt ...
    Er trat aus Balkonfenster und ffnete es leise, um die Abendlust zu prfen.
Der Wind wehte das Abendgebetluten vom Giesinger Berg in die Stadt; jetzt
ertnten die Glocken von der Mariahilferkirche in der An dazu, es war ein
feierlicher Zusammenklang, und nach und nach sielen die ehernen Stimmen der
nheren Kirchen ein, vom Gasteig, von Haidhausen, vom Lehel, von Bogellhausen -
die Lust des ganzen Isarthals schien sich in Glockenklang anfzulsen, ber den
rauschenden Wassern und frhlingsgrnen Wipfeln wogten die feierlichen
Harmonieen dahin, bald wie ein heller Psalm, bald wie klagende Geisterchre ...
    Raler lauschte. Er unterschied zuerst die hohen und die tiefen Klnge der
einzelnen Glocken, ihre Einstze, ihren krzeren oder breiteren Rhythmus, dann
ihr Aussetzen und Verstummen. Am mchtigsten summte es vom Haidhauser Thurm.
Schlielich war er selbst so bewegt von der ergreifenden Schnheit des
Gebetlutens, da er noch lange lauschend stand, als die letzten tnenden
Schwingungen verhallt waren. Hob er nicht langsam die Hand zu den Augen, eine
Thrne auszuwischen? Zitterte es nicht wie ein Nachhall frommer Empfindung durch
seine Seele, wie ein verwehtes Gebet aus seiner Jugendzeit?

Liebster Mensch, was mag's bedeuten
Dieses Abendglockenluten?
Es bedeutet abermal
Deines Lebens Ziel und Zahl.
Dieser Tag hat abgenommen,
Bald wird auch der Tod herkommen ...

    Wie ging's weiter? Er erinnerte sich der brigen Verse nicht mehr. War's
nicht unheimlich, da sie ihm berhaupt heute in den Sinn gekommen? Sein Vater
hatte sie ihm einst gelehrt; sein Vater hatte sie auch in den letzten Zgen
gesprochen, als er unter dem Gelute der Abendglocken seinen Geist aushauchte -
nach frchterlicher Krankheit, nach frchterlichem Todeskampfe. Er hatte ein
bses Wstlingsleben auf langem Schmerzenslager abzuben ... Der Geistliche
hatte traurig den Kopf geschttelt, als er seine letzte Beichte gehrt.
Dienstboten, junge Mdchen und Frauen, nichts war vor seiner Gewaltthtigkeit
sicher gewesen. Das wuten die Kinder - und schmten sich des eigenen Vaters.
Ein besudeltes Familienleben! Weg mit den Erinnerungen!
    Nein, er mochte heute nichts mehr von Geschften wissen ... Zu Schmerold
konnte er morgen hinbergehen. Er wollte seine Kinder und seine Frau erwarten.
    Unter den alten Kastanienbumen vor dem Ralerschen Hause wandelte seit
einer Viertelstunde Max von Drillinger unschlssig auf und ab. Die tiefhngenden
ste mit den halbentfalteten Bltterknospen verbargen ihn dem Auge der Frau, die
mit den Kindern vorbergegangen war. Ihr Anblick hatte ihn nicht gerhrt. Eine
vllig Fremde htte er nicht gleichgltiger betrachten knnen. Er hat die Probe
bestanden. Es war aus. Diese Episode, seines Lebens hatte ferner keine Macht
mehr ber seine Entschlsse ... Seiner Unterredung mit dem Bankier Weiler waren
noch schlimme Wahrnehmungen im Caf Paul gefolgt. Er hatte dort den Baron Polly
getroffen, den unleidlichen Schwtzer, der ihm allerlei Dinge zurannte, die
seine Beziehungen zu Frau Raler nach der Meinung allwissender Leute als
katastrophenreif erscheinen lieen. Gerade jetzt ein Skandal, wo er mit sich
einig geworden, seinem Leben eine andere Richtung zu geben? Er trug die letzten
Zuschriften der Frau Kommerzienrat in der Tasche, unerffnet, wie er sie
empfangen. Was lie sie ihn nicht in Ruhe? Was drang sie sich ihm noch auf, da
sie lngst wahrnehmen konnte, da das Abenteuer fr ihn den Reiz verloren, da
er nur noch aus Gutmtigkeit ihr zu Willen gewesen? Frher hatte sie ihm von
Schuld und Shne vorphilosophiert und ihm manchen Genu mit ihren kalten
moralischen Sprchen verdorben - und jetzt, wo er sie wieder in die alte Ordnung
und in die Arme ihres unerschtterlich verliebten Gatten sanft zurckgleiten
lassen wollte, jetzt - ach, es ist ja zu abgeschmackt. Was die Weiber ihre
Leidenschaft und Treue nennen, ist oft nur ihre Eitelkeit und Trotzkpfigkeit.
Da der Streber Parklas, der sich nun bis zum Regierungsrat hinaufgeschleimt,
ein Schurkenstcklein gegen ihn und Frau Raler im Schilde fhren solle, wie
Polly auszuplaudern wute, da man den Prebanditen gegen ihn Hetzen und dem
Kommerzienrat ffentlich eine Schimpf- und Schandsuppe einbrocken wolle, das
wre doch zu infam. Welchen Vorteil knnten sich diese Menschen denn davon
versprechen, sich in eine Abrechnung zu mischen, die nur ihn, den Kommerzienrat
und seine Frau anginge? Abrechnung, ja, das sollte sein. Wenn er jetzt zu Raler
hinaufginge und ihm die ganze Unterredung mit Weiler berichtete und zugleich auf
etwaige Schurkenstreiche, die gegen seinen Geldbeutel und seine Reputation im
Anschlage, diplomatisch vorbereitete? Und dann dankbare Verabschiedung und in
den nchsten Tagen einen Ausflug, von dem kein Mensch wte, wozu und wohin? Als
Geburtstagsgeschenk, das er sich selbst macht, dem vollen Frhling entgegen,
nach diesem langen Winter des Mivergngens? Hinaus in die freie Ferne und die
Stadt mit ihren Fesseln und Qulereien weit hinter sich? Wahrhaftig, der Bosheit
der lieben Mitbrger zu entkommen, mu man ihnen den Rcken kehren, sich
vergessen machen, untertauchen, verschwinden. Und weil die Bosheit immer
irgendwen und irgendwas haben mu, sich daran gtlich zu thun, wie der rudige
Hund an einem Knochen, den er sich in der Gosse erschnffelt, so wird sie fr
das entwischte Opfer sich flugs ein neues suchen. Die verfolgende Meute der
menschlichen Bluthunde mu die Spur verlieren ... Ja, er wird sich der Hetze
durch eine Frhlingsfahrt entziehen ... Brigitta hat sich ja wieder erholt und
die Einsamkeit wird auch ihr doppelt gut thun, wenn sie von seinen Nervositten
nicht mehr zu leiden hat ... Und dem Weiler einen geharnischten Schreibebrief
zum letzten Gru, der Zhne und Hrner haben soll, damit er sich sputet, den
verfahrenen Finanzkarren wieder auf glatte Bahn zu bringen ... Vielleicht wre
es auch empfehlenswerter, mit dem Raler die Sache schriftlich abzumachen; da
weicht man unangenehmen Gegenreden aus und hat die eigene Rede vollkommen in der
Gewalt; zudem ist es nicht klug, noch einmal das Haus zu betreten, das so
strende Erinnerungen weckt ... Im brigen soll der dicke Kommerzienrat sich
selber seiner Haut wehren ...
    Aber dem Tristaniden Doktor Trostberg, dem knnte ich den erbetenen Besuch
abstatten. Wenn ich nur nicht seine Redseligkeit frchtete, heute, wo mir
ohnehin der Kopf summt. Ich werde ihm ein willkommenes Studienobjekt sein. Eine
abstrakte Natur, wird er sich wenigstens nicht in meine persnlichsten
Angelegenheiten eindrngen. Er sieht im Einzelnen nur das Allgemeine. Er ist ein
khler ein frostiger Schematisierungsfanatiker. Seine Art, das Leben zu
betrachten, wird mir gerade jetzt wohl thun, wie ein kaltes Sturzbad einem -
erhitzten Kopf. Ich geh' zu ihm ... Na, er wird Augen machen ... Mit meinem
optimistischen Widerpart wird's freilich nicht weit her sein ...
    Als Drillinger aus dem Schattenkreise der Kastanien treten wollte, kam eine
lebhaft plaudernde Gruppe ber den Steg am Wehr geschritten. Es waren drei
Mnner mit Cylinderhten und hellfarbigen, kurzen Frhjahrsberrcken.
Drillinger trat rasch ein par Schritte zurck und lehnte sich an einen Stamm. In
der Mitte des Steges blieben die Cylinderhte stehen, vor der altertmlich aus
Stein gehauenen Statue des heiligen Nepomuk mit dem, drren Mooskranz, der im
Scheine der nahen Gasflamme den Hals der grauen Bildsule wie ein braungoldener
Wulsttragen umschlo.
    Teufel noch einmal, sprach Drillinger fr sich, die stehen genau so da,
wie das Cylinderkleeblatt, das ich einigemale an der Ecke des Grtnertheaters
bemerkt habe. Die reien Witze ber den armen Brckenheiligen, wie man an der
Bewegung der Cylinder und an dem Lachen merken kann. Die Worte verschlingt das
tosende Wasser. Ich stehe selbst so da wie ein Marterl ... Da ihm das dumme
Bild von damals wieder in den Sinn kommen mute. Er rgerte sich ber sich
selbst und die Andern.
    Jetzt kamen sie nher. Er verstand zuerst nicht jedes Wort, aber immerhin
mehr, als ihm lieb war.
    Die vornehme G'weih-Strae ...
    Wenn ich Raler wre, beantragte ich die Umtaufe ... Es war eine meckernde
Bastimme. Der Sprecher trug einen semmelgelben berrock.
    Raler ... Laus der Gute ... Laus der Gute ...
    Menelaus-Strae! Das machte sich verflucht klassisch ...
    Das Spotten ist umsonst. Wenn die Quaistrae je einmal umgetauft wird ...
    Das wird sie sicher, denn in Mnchen wird alles umgetauft - nicht blo die
Straen -
    Auch die groen Politiker: die Schwarzen in Patrioten, die Patrioten in
Zentrumsmnner ...
    Zentrmmer klingt schner und krzer ... Dabei schwang der Sprecher einen
Rohrstock mit silbernem Knauf, der im Gaslicht schimmerte.
    Dann wird aus Quaistrae Raler-Strae, da schwr' ich drauf, denn in der
sogenannten Kunststadt siegt die Industrie ber Geist und Witz und Verstand und
wer den straffen Geldbeutel hat und zur rechten Zeit mit Gerusch zu ffnen
versteht, der zieht ein in die Ruhmeshalle des Mnchener Spiebrgertums und
bekommt Statuen und Straennamen, er mag ein Hornvieh sein in Folio ...
    Ach, Schnrle, hren Sie doch auf mit Ihrem Knstlerneid ...
    Bei Raler ist noch kein Licht ...
    Im Dunkeln ist gut munkeln. Drillinger, wit Ihr, liebt das stimmungsvolle
Dunkel fr seine Schferstunden.
    Na, dem werden wir jetzt in der Kloake fr ffentliche Beleuchtung sorgen.
    Wenn ihm diesmal das Schfern nicht verleidet wird, dem stolzen Wiedehopf
...
    Dann will ich dem Prebanditen als einem dreckigen Stmper eigenhndig den
Kragen umdrehen ...
    Seien Sie ohne Sorge, die Abbildung allein gengt, da den alten Hahnrei
Raler der Schlag trifft.
    Das wr' des Guten zu viel. Da hatte ja der schne Max gewonnenes Spiel!
    Sie waren auf die Quaistrae hinbergeschritten. Die Stimmen erstarben in
der Ferne.
    O ihr infamen Schweinehunde! knirschte Drillinger. Also ihr! Dieser
Schnrle, dieser Fabian Pemsl ... der wie oft meine Kasse und meine Arbeit in
Anspruch genommen ...
    Den Dritten hatte er nicht erkannt.
    Er htte sie erwrgen mgen, die Haut ber die Ohren ziehen, in eine Pftze
treten, in die Isar schmeien, - allein er konnte nicht von der Stelle, es war
ihm, als wre er knietief in den Erdboden gesunken, sein Oberleib schwankte, er
mute sich am Stamm festhalten. Diese infamen ... Die Wut prete ihm die Zhne
aufeinander, da er kein Wort mehr hervorbrachte. Er starrte in der Richtung der
Quaistrae den Cylindern nach und obwohl sie um die Ecke der Maximilianstrae
verschwunden waren, schien es ihm doch, als wackelten sie noch unter der letztem
Gaslaterne gleich schwarzen Gespenstern neben Ralers Gartenthor. Nach einer
Weile brach er in ein nervses Lachen aus. Zu Trostberg!
    Die Frau Kommerzienrat war mit den Kindern nun wohl schon eine starke Stunde
unterwegs. Zuerst hatte sie keinen festen Plan. Nur an die Luft und mglichst
fern von jedem menschlichen Antlitz! Hermann und Franz gingen voraus - Hermann
trug einen hellen berrock und ein steifes schwarzes Htchen mit geschwungener
Krmpe, wie ein junger Herr; Franz dagegen war in seinem Matrosenanzug von
leichtem dunkelblauen Tuch und Eugen in seinem braunen Jgertrikot.
    Wohin zu, Mama?
    Sie zeigte mit der Hand ber den Steg. Eugen blieb an ihrer Seite; das
Zischen, Broddeln und Tosen der Isar-Wasserflle an der Feuerwerksinsel erfllte
ihn mit freudigem Grausen, mit ser Angst. Er kam sich in seiner Furchtsamkeit
doch so khn vor, ber die alten, morschen Balkenlagen, die jngst erst mit
frischen Stmmen ausgeflickt worden waren, dahinzuschreiten, unter sich die
ungeheuren Strudel, deren Gewoge in weiem Schaum aufspritzend, donnernd von
Absatz zu Absatz hinab springend, auf der anderen Seite der Insel das tiefer
liegende, ruhige Bett erreichte. An der wildesten Stelle, wo der Wasserschwall
am unheimlichsten tobte, da vor lauter schaumigem Gischt und glitzernden:
Sprhnebel das grne Isarwasser nicht mehr zu erkennen war, hielt sich Eugen auf
der einen Seite an der Hand der Mutter, auf der andern an der dnnen, grauen
Holzstange, welche das Gelnder vorstellte, denn die Stadtvter, hatten sich
aller Unglcksgefahr zum Trotz noch nicht entschlieen knnen, diese Ufer- und
Wegstellen des doppelarmigen, reienden Flusses mit zuverlssiger schtzenden
Eisengelndern zu umgeben.
    Mama, sieh, hier ist die grne Isar ganz wei.
    Ja, mein Kind.
    Wie Milch.
    Ja.
    Es gibt ein Land, Mama, wo Milch und Honig fliet, sagte Herr Schlichting.
Das mu schn sein. Da mchte ich hin. Du auch, Mama?
    Ja, mein Kind.
    Hermann und Franz blieben bisweilen im Gesprche stehen, lehnten sich ber
die Gelnderstange, riefen den Nachkommenden Bemerkungen oder humoristische
Warnungen zu, lieen sich aber von Mama und Eugen nicht mehr einholen; sie
fhlten sich als freie Spaziergnger, die nach eigenem Geschmack dahin und
dorthin schlendern konnten. Ein rckwrts gewandter Blick gengte ihnen, immer
den geziemenden Abstand wieder herzustellen, wenn sie etwas zu weit vorangeeilt
waren. Die Richtung, die fortan einzuschlagen war, konnte ja nur die eine sein:
zwischen den Wassern, auf den Stegen und Landzungen der zwei Isarlufe bis
hinauf an die Reichenbachbrcke. Frau Raler ging gleichmigen Schrittes, die
groen, ernsten Augen gesenkt, ihr feines, bleiches Gesicht von dem schwarzen,
mit Schmelzperlen besetzten Hut umrahmt, die stolzen Lippen ein wenig schlaff
geffnet, manchmal in den Winkeln krampfhaft bebend. Sie hielt einen Augenblick
die Schritte inne und atmete krftig.
    Mama, bist Du mde?
    Nein, mein Kind.
    Mama, was ist unter dem Wasser, da es immer so aufstrudelt?
    Es wird ber Lcher und Steine und Felsen gejagt und da berschlgt
sich's.
    Wer jagt's denn?
    Es jagt sich selber, weil's abwrts will.
    Warum will's denn abwrts?
    Weil's mu, es kann nicht anders. Sein Lauf ist so.
    Nach einigem Besinnen fing Eugen wieder an: Ist es wahr, sind Hexen unter
dem Strudel? Die Gusti sagt, es sind Hexen darunter und die machen das Wasser so
wild, da es strudelt.
    Das sind Dummheiten.
    Gusti sagt oft Dummheiten, Du hast Recht, Mama.
    Die Abendsonne warf helle, warme Flecke aus die gelblichgrnen Wipfel der
Uferweiden am Gasteigabhang, whrend die stdtische Baumschule unten am Flurand
schon im Schatten lag. Frau Raler schlo ihren wei und schwarz gestreiften
Entontcas.
    Sieh, Mama, wie das goldene Kreuz auf dem Auer Kirchturm funkelt.
    Der durchbrochene Helm des gotischen Turmes der Mariahilfkirche aus rotem
Sandstein stand wie verklrt in seinem lichtrosigen Scheine und erhob sich in
majesttischer Ruhe aus der geruschvollen Flulandschaft; etwas weiter rechts
schwang sich der schlankere Giesinger Kirchturm in dunklerer Frbung und
anmutigen Lullen in den grausilbernen Duft des von gelben Schleierwlkchen
durchwobenen Himmels.
    Jetzt waren Hermann und Franz an der Reichenbachbrcke angelangt; sie
blickten rckwrts: Gehen wir da hinber?
    Die Mama war so in Gedanken, da sie nicht auf die Frage achtete.
    Im Wirtshaus an der Ecke der Frhlingsstrae spielte eine fidele Musikbande
Ach ich hab' sie ja nur auf die Schulter gekt. Hermann pfiff die Melodie mit
und blieb bei der zerlumpten Hndlerin stehen, die unter einem grauleinenen
Schirmdach am Brckeneingang auf einem schmutzigen wackeligen Tisch ihre Waren
feilbot: gebratene Fische und Schmalznudeln, schichtweise aufgehuft, von
schner dunkelbraunroter Farbe mit gelblichen Tupfen.
    Einkuft, junger Herr, einkauft!
    Hermann htte gerne in seiner Laune irgend eine scherzhafte Ansprache an die
Handelsfrau halten oder sonst einen Possen mit ihr anfangen mgen, - allein die
Mama! Und es waren auch zu viele Leute da; das war auf der alten Holzbrcke ein
Gewhl von Arbeitsvolk, das in die Stadt zurckkehrte oder nach der Vorstadt
hinaus ging, die meisten mit spalosen, vergrmten Gesichtern und schlechten
Kleidern, da dem vornehmen Kommerzienratssohn die Lust verging. Franz hatte
sich auf den hohen Wurzelast eines alten riesigen Weidenbaumes, der mit seinem
weitausladenden Astwerk hart am Ufer stand, voll turnerischer Behendigkeit
aufzuschwingen bemht und rief jetzt dem herbeieilenden Eugen zu: Hilf ein
wenig, da oben ist's lustig zu sitzen!
    Eugen fate den Kletterer unter dem rechten Knie, dann unter dem linken
Knchel und machte hup, hup. Richtig war Franz mit brderlicher Nachhilfe
hinaufgelangt. Er that noch ein briges und stellte sich hoch auf - auf dem
originellen Wurzelsitz.
    Jetzt mut Du eine Predigt halten, wenn Mama vorberkommt! rief Eugen voll
freudiger Selbstbewunderung seiner Strke und seines Einfalls. Gelt, Franz?
    Ja, wenn mir etwas einfllt.
    O nur so etwas - wie das Einmaleins oder das Vaterunser, das wird Dir schon
einfallen, meinte der kleine Eugen in seiner drolligen Klugheit, whrend er
sich bckte, um ein zart gedrechseltes Schneckenhuschen aus, dem frisch
sprossenden Gras aufzuheben.
    Frau Leopoldine fhlte sich ermdet; ihr Gang war schleppend geworden. Hier
in diesen jungen Anlagen war sie einst mit Max von Drillinger spazieren gegangen
- war's wirklich erst vor einem Jahr? Ja, wirklich - und es dnkt ihr doch so
weit, so weit zurck. Und auch zur Frhlingszeit war's. Und auch eine bse Szene
war vorausgegangen. Allein die Umstnde waren damals ganz anders. Der Baron
schien wirklich in seiner Liebe neue Luterung und in seiner Treue neue Kraft
gewonnen zu haben, sein ganzes Leben ernster zu erfassen. Auch die Beziehungen
zu Raler hatten vieles Entwrdigende abgestreift. Freilich wagte man noch nicht
an die Zukunft zu rhren: wie denn aus diesem Gesetzlosen ein Gesetzliches, aus
dem Unerlaubten ein Erlaubtes werden knne ...? Aber es gab eine Vershnung,
eine Verstndigung ... Wie viel blendende Wunder bot damals die verjngte Welt,
der neu erblauende Himmel ihrem Auge! Es war, als rauschte die Isar ihr das Echo
all' der bezaubernden Reden und Schwre Drillingers ins Ohr ... Ach, wo ist sie
hin, die Poesie jener Abende am Isarufer, wo sie und er, ein verbrecherisches,
aber berseliges Liebespaar, im grinsen Bltterschatten ihre Wonnen bargen ...
Nein, nicht mehr daran denken, nie mehr! ... Unselige Welt! ... Wie verfliegt
aller Zauber, sobald sich die Sonne der Liebe verdunkelt, wie kalt und hlich
wandelt sich alles Leben ... Einst hatte sich Leopoldine das Wort
aufgeschrieben: Wem nie von Liebe Leid geschah, geschah von Lieb auch Liebe
nie. Das war mehr als Leid, was ihr Max v. Drillinger jetzt zugefgt, das war
Beleidigung, Infamie! Und Zorn und Ekel wollten sie erfassen ...
    Eugen? Wo bist Du? rief sie ngstlich und rgerlich zugleich, als sie sich
pltzlich allein, sah.
    Hier, Mama! Such mich! antwortete der Schelm mit verstellter Stimme hinter
dem Weidenbaum hervor.
    Und als sie sich nun nherte und Franz seine Predigt beginnen wollte, fiel
ihm wahrhaftig nichts ein als das Einmaleins, das Vaterunser und ein
Bibelspruch. Und er deklamierte mit naivem Pathos den Spruch: Gott ist die
Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm.
    Klang's ihr nicht wie Hohn aus Kindesmund?
    Gelt, Mama, der Franz predigt gut? Ich schenke ihm ein Hans zur Belohnung.
Er warf ihm das Schneckenhuschen hinauf. Franz fing es geschickt auf - und da
fiel ihm pltzlich etwas wunderbar Poetisches ein: Raum ist in der kleinsten
Htte fr ein glcklich liebend Paar! Er wute nicht mehr, wo und von wem er
das gehrt hatte, vielleicht von der Gusti oder vom Jean, wenn sie abends an den
Hoffenstern ihre Gefhle austauschten und die Buben mit brennenden Wangen
lauschten, - aber famos war es gewi. Den Zeigefinger auf das emporgehaltene
Schneckenhuschen richtend - Raum ist in der kleinsten Htte fr ein glcklich
liebend - Was war das? Ach Gott, Mama, warum schlgst Du mich? Und mit einem
Satz war er auf dem Boden und stand totenbleich vor ihr. Mama, was hast Du
gethan?
    Hatte sie wirklich mit dem Schirm nach dem deklamierenden Kind geschlagen?
Sie konnte sich im Augenblick nicht deutlich Rechenschaft geben vor Erregung.
Ein furchtbarer Vorwurf drohte ihr aus dem entsetzten Gesichte des Knaben. So
waren sich Stiefmutter und Stiefkind noch nie gegenber gestanden.
    Hermann kam herbei. Er hatte den Vorgang nur halb gesehen. Was gibt's
denn?
    Um sich Fassung zu geben in dieser seltsamen Ratlosigkeit, herrschte sie ihn
an: Geh mit dem Franz heim, er war unartig. Eugen bleibt bei mir.
    Hermann betrachtete bald die Stiefmutter, bald den Bruder. Dann schttelte
er den Kopf, fate Franz am Arm und sagte: Gut, gehen wir heim. Komm!
    Darf ich nicht auch mit heim? fragte Eugen schchtern, mit einem fragenden
Blick auf die Hand in Hand davongehenden Brder.
    Was wollte sie eigentlich nun selbst?
    Sie reichte Eugen schweigend die Hand und ging mit ihm der Brcke zu. Kaum
war sie in der Mitte derselben angelangt, stie sie in einer Lichtung des
Gewhls auf den Professor Hirneis. Seine Freunde hatten immer behauptet, da er
zwei linke Beine habe, denen schwer auszuweichen. Diesmal schien die
Unmglichkeit des Ausweichens auf beiden Seiten gewesen zu sein. Sie waren sich
fast schon auf die Fe getreten, als sie sich erst erkannten.
    Ah, Frau Kommerzienrat, sieht man Sie auch wieder einmal; welch' angenehme
berraschung!
    Die htten Sie sich frher verschaffen knnen, Herr Professor, wenn Ihnen
daran gelegen wre ...
    Gndige Frau, das Leben stellt Ansprche ... Wollen Sie sich gtigst
erinnern, da ich einmal fnf Einladungen ausgeschlagen habe, nur um einen Abend
in Ihrer Gesellschaft zubringen zu knnen.
    Das mu sehr lange her sein, Herr Professor?
    Ja, nach den vielen Vernderungen, die wir seitdem erlebt, gewi
einigermaen lange ... Wie geht es dem Herrn Gemahl?
    Danke ...
    Was fhrt Sie zu so spter Stunde in diese Vorstadtgegend? Darf man so
indiskret fragen als alter Freund?
    Das Bedrfnis eines lngeren Spaziergangs, Herr Professor, antwortete sie
nicht ohne Verlegenheit und berraschung. Was berechtigte ihn zu dieser
Aushorcherei? War ihr Privatleben etwa wie ein Buch, in dem jeder blttern und
nach Belieben Fragezeichen und Randglossen anbringen durfte? Hat nicht jeder
genug zu thun, sein eigenes Lebensbuch zu studieren und in Ordnung zu halten?
Oder erwirbt mit der Berufung auf alte Bekanntschaft jede Rcksichtslosigkeit
einen Freischein?
    Wohnt nicht auch der Herr Baron von Drillinger hier in der Nhe? In der
Auenstrae?
    Er konnte sich diese unverschmte Anspielung nicht schenken.
    Sie knnen versichert sein, da mir das sehr gleichgltig ist. Mein Besuch
in der Auenstrae gilt einer ganz anderen Person - einer - einer
Kindspflegerin.
    Das war ihr wie eine Eingednug gekommen. Vor einer Minute hatte sie selbst
noch nicht daran gedacht. Aber jetzt war's doppelt gut, da ihr diese Absicht
nachtrglich zu ihrem Spaziergang eingefallen. Die Kindspflegerin! Der Gedanke
an Elisa v. Hutzler war ihr durch den Kopf geblitzt. Aber warum Kindspflegerin?
Richtig, Eugens Amme wohnte mit ihr im nmlichen Huschen. Und beiden Frauen
stand sie als Wohlthterin schon lange nahe. Jetzt, wo alles im tollen Wechsel
kreist, wird es auch da eine Vernderung geben. Es ist gut, darauf
vorzubereiten.
    Der Professor aber dachte: Natrlich rckt sie ihm auf die Bude und
schleift den armen Jungen als Aushngeschild der Harmlosigkeit mit. Er stellte
sich jedoch mglichst befriedigt von dieser Antwort: Freilich, ja, ja, ich kann
mir's denken; ein Werk der Barmherzigkeit, so en passanr, wie es unsere im
Wohlthun nie ermdenden Frauen zu ben pflegen. Ich will Sie nicht lnger
aufhalten. Es ist mir eine groe Freude gewesen. Habe die Ehre, Frau
Kommerzienrat, habe die Ehre!
    Die, Ehre! Ja, ja.
    Das war der berhmte Gelehrte und Schriftsteller, um den sich die,
schngeistigen Damen rissen, ihre Gesellschaftsabende mit ihm zu schmcken - und
in seinem Gemte doch nur ein roher Egoist und rpelhafter Geck. Wie so viele
andere hatte er auf den ersten kommerzienrtlichen Soireen Frau Leopoldine
umschmeichelt und manch ein glhendes Gedicht in professorlichem Zopfstil
gewidmet, sogar ein komisches Epos das brunliche Schinkenbein hatte er sich's
kosten lassen, sie wenigstens zur Bewunderung seiner universellen Begabung zu
entflammen und ein dankbares Lcheln von ihr zu erhaschen; denn ihr Lcheln,
behauptete er damals, sei noch schner, als ihr wunderschner Mund, ihr Blick
noch schner, als ihr wunderschnes Auge ... Als sich jedoch sein von Frau
Raler nicht gengend gewrdigtes Genie zu innigerem Bunde mit der holden Psyche
der Thusnelda Wechsler vereinigt hatte - ich schwrme fr das Abnorme,
rechtfertigte Thusnelda ihre neue Neigung - zog sich der Vielbegehrte zurck.
Seine Besuche wurden seltener, dann hrten sie ganz auf. Und jetzt haderte -
Frau Leopoldine mit sich selbst, da sie ihm bei dieser zuflligen Begegnung
noch Rede gestanden, statt sich auf eine frmliche und flchtige Erwiderung
seines Grues zu beschrnken. Ja, sie hatte ihn nunmehr im Verdacht, da er
vielleicht dem in Hexametern verfaten anonymen Spottgedicht nicht ganz ferne
stehe, das sie vor wenigen Tagen erhalten und worin in ziemlich schmutziger
Geistreichelei auf das angebliche Verhltnis Drillingers mit einer kleinen
Gesangsknstlerin angespielt war: nachdem er sich lange gemht, mit markigem
Strich der hochgereckten Bageige wonniges Getn zu entlocken, presse ein
zierliches Violoncell er jetzt zwischen die ermdeten Kniee - Leopoldine
erinnerte sich der geknstelten Wortfolge nur noch ganz lckenhaft und
undeutlich, denn sie hatte das boshafte Pasquill im ersten Zorn sofort
verbrannt.
    Mama, gehst Du noch weit? Du gehst so schnell! stie der kleine Eugen
hervor mit Thrnen in der Stimme.
    Armer Kerl, Dir geht's heute auch schlimm. Nein, wir gehen nicht mehr
weiter. Nur noch ein paar Schritte. Wir fahren dann ein groes Stck mit der
Trambahn zurck.
    Sie beugte sich zu ihm nieder und streichelte ihm trstend die Wangen und
kte ihn.
    Am uersten Ende der Auenstrae lag hinter dem groen, eingeplankten
Platze, der im Sommer als Nennplatz fr die Radfahrer, im Winter als Eisbahn fr
die Schlittschuhlufer diente, eine Reihe von uralten, einstckigen Hnschen,
umgeben von Grten, Gemsefeldern und Schuttablagerungen. Die Bauart war die
denkbar einfachste, lndlichste. Die Wnde waren wettergrau, die Thren und
Fenster ohne Symmetrie, die Ziegeldcher saen windschief. Aber es sprach etwas
Trauliches, Anheimelndes aus diesen anspruchslosen Gebuden. Das eins hatte eine
gedeckte Treppe gegen den Garten, mit wildem Wein oder Epheu umrankt, das andere
eine Art von Veranda, wo Rosmarin, Goldlack und rote Nelken in Tpfen blhten,
das dritte eine Holzaltane, - wo seit Generationen die treue Hausschwalbe ihr
Sommernest bezog - kurz, jedes hatte etwas, was die Freude seiner Bewohner an
dieser stillen lndlichen Natureinsiedelei im Rcken der Stadt und fnfzig
Schritte von der Isar, die zwischen hohen Bumen und Bschen eilig
dahinrauschte, zur Lust am Romantischen im stimmungsvollen Kleinleben der Armut
erhhen konnte.
    Meist wohnten hier Leute, die eine lange, billige Miete genieend, ein
Stckchen Feld dazu gepachtet hatten und eine bescheidene Gemsegrtnerei
trieben, oder Schiffbrchige des kleinen Gewerbestandes, die sich hieher wie auf
ein Wrak gerettet hatten, oder solche, die in der Zurckgezogenheit ihr Leben
fristen und die Wunden vernarben lassen wollten, welche ihnen der Kampf um ein
eigenwillig, von der gewhnlichen Ordnung abweichend gestaltetes Dasein
geschlagen hatte.
    Zur letzten Gattung gehrten die Bewohner des abseits vom Landwege
liegenden, nur auf einem schmalen, holperigen Pfade zu erreichenden
Gartenhuschens, ber dessen vermorschte, ausgetretene Holzschwelle jetzt die
Frau Kommerzienrat Raler mit ihrem Shnchen schritt.
    Elisa v. Hutzler singt, sagte sie und blieb einen Augenblick im dunklen
Flur stehen, tief Atem holend und den seufzerartig anschwellenden und
verwehenden Tnen der Sngerin lauschend. Es war eine kranke, mde Stimme, die
sich an einem wenig bekannten pietistischen Liede aus dem vorigen Jahrhundert
abmhte. Auf einem ausgespielten Harmonium wurden weinerliche Akkorde dazu
angeschlagen. Der Text, soweit ihn Frau Raler verstehen konnte, war sonderbar
genug, rhrte sie aber in seiner frommen Naivett fast zu Thrnen. Sie lie sich
auf die Treppe nieder und zog das Kind auf ihren Scho. Drauen waren die
Lichter des Sonnenuntergangs verglommen. Die Nacht sank dunkelnd hernieder ...
Der seufzerartige Gesang, klang wie aus einer andern Welt ... An einzelnen
Stellen fiel eine tiefe, zitterige Mnnerstimme mit ein, ganz geisterhaft ...

Wo ist mein Schflein, das ich liebe,
Das sich so weit von mir verirrt,
Und selbst aus eigener Schuld verwirrt,
Darum ich mich so sehr betrbe?
Wit ihr's, ihr Auen und ihr Hecken,
So sagt mir's, eurem Schpfer an:
Ich will seh'n, ob ich's kann erwecken
Und retten von der Irrebahn.

    Mama, wer singt so? Mama, Du weinst? Und ngstlich umschlang das Kind den
Hals seiner Stiefmutter. Mama, mssen wir lange da bleiben? Erwartest Du
jemand, Mama?
    Sie prete den kleinen, scheuen Frager an die leidenschaftlich wogende
Brust. Von oben klang der Gesang fort:

Ich will dir keine Ruhe lassen,
Ich will dich locken bis du hrst
Und dich von Herzen zu mir kehrst;
Ach, wie will ich dich dann erfassen
Und an mein Herz ganz sanfte drcken,
An Liebesseilen sollst du gehn,
Dann wird kein Feind dich mehr bercken,
In meinen Hrden sollst du stehn.

    Mama, ist eine Kirche da droben? Das klingt wie eine Orgel.
    Das ist mehr als Kirche und Orgel, mein Kind. Das ist ein frommes Herz in
einem frommen Haus ... Komm jetzt!
    Das Stbchen lag im Dunkeln. Der Abendgru Leopoldinens wurde zunchst mit
dem Anznden einer Stearinkerze beantwortet. Elisa v. Hutzler leuchtete dem
spten Gaste ins Gesicht. Ach Sie!
    Ja, ich und hier mein Eugen.
    Von der Ecke hinterm Ofen her eine zitterige Stimme: Danken Sie Gott fr
Ihr Kind. Wo ist das meinige? Ruber und Mrder ... Ich werde es nie wieder
sehen ...
    Wenn es Gottes Wille ist, Knbelseder, ja! unterbrach ihn beschwichtigend
Elisa von Hutzler. Und sich zu Frau Raler wendend, flsternd: Ach, es ist noch
schlimmer mit ihm geworden, seit Sie zuletzt hier waren, edle Wohlthterin. Er
ist ganz erblindet und der Wohnungswechsel damals hat seinen Verfolgungswahn neu
genhrt. Und auch hier ist kein Bleibens. Es wurde uns frs nchste Ziel
gekndigt. Wie uns das bekmmert. Wir mssen fort und wissen nicht wohin.
    Ja, wir sind heimatlos auf heimischer Erde, hob die zitterige Stimme
hinter dem Ofen wieder an. Wo man sich unter einem Dache glaubt, wird's
abgerissen. Wir sind obdachlos. All' die schnen, alten Huschen ringsum an der
Isar werden abgerissen - ist's wahr? Zuletzt mssen wir armen Leute in den
Steinbruch, wie der Maler Essenbach, wenn wir nicht vorher ins Grab sinken. Die
Geldmenschen kennen kein Erbarmen. Warum verfolgt Gott die Armut so?
    Lstere nicht, Gregor. Die Frau Kommerzienrat hat uns viel Gutes gethan,
sie wird auch ferner ihre Hand nicht von uns abziehen. Wie dankbar mssen wir
ihr sein ...
    Ich bin ja selbst bettelarm, und was ich Ihnen gegeben habe, war nicht von
meinem Eigenen; mir haben Sie nichts zu danken, auer der Vermittlung, denn
nicht die Gabe war mein, nur die Hand, die sie dargereicht hat.
    Und das Herz! Ihr groes, gutes, edles Herz! rief das alte, verrunzelte
Frulein mit einer Gewalt, der Empfindung, der ihre Stimme nicht gewachsen war,
so da sie berschlug und quicksend und weinerlich klang wie die eines Kindes.
Gott wird es tausendfach an Ihren Kindern lohnen, Frau Kommerzienrat! Und sie
legte, ihre welke Hand segnend auf den Scheitel Eugens, der sein Kpfchen
ngstlich senkte. Wie ist der Junge gewachsen und schn geworden, seit wir ihn
nicht mehr gesehen ...
    Ja, das Kind, das Kind, wie ist es schn geworden ... Wit ihr's, ihr Auen
und ihr Hecken? O mein Schflein ... Ruber, Mrder ... Mitmenschen ...
    Frau Raler kannte diese Jammerausbrche des alten Mannes, aber nie waren
sie ihr so zu Herzen gegangen wie heute. Eugen hing krampfhaft an ihrem Arm. Ja,
sie mute den Besuch abkrzen und gehen. Es war auch schon so spt. Nur noch die
Frage nach der Barbara und ihren Pfleglingen - aber ob sie es ber die Lippen
bringen wird, eine mgliche Verkrzung der seither gewhrten Untersttzung
anzudeuten?
    Und Eugens Amme, die Barbara?
    Das Mdchen von der Tochter des Barons in der untern Isarstrae hat sie
aufs Land gegeben, nach Thalkirchen. Sie nimmt ein Geringeres an. Heut Abend ist
sie fortgegangen, es abzuholen. Sie wollte der gndigen Frau schon Mitteilung
machen. Wenn wir umziehen mssen, o gndige Frau, das vermehrt auch fr die
Kinder die Kosten; wir haben wenig genug fr uns brig.
    Wie viele Pfleglinge hat jetzt die Barbara?
    Drei mit dem, das sie heut Abend abholt; sie wird Ihnen die Adresse der
Wchnerin schreiben.
    Nein, nicht schreiben, Frulein Elisa; es knnte doch einmal ein Brief in
die Hnde meines Mannes geraten, und wir stehen nicht so, da ich ihm ohne Hader
und Vorwrfe Aufklrungen geben knnte. Er hat jetzt noch weniger Verstndnis
fr arme Kinder und Mtter als frher. Das mu alles heimlich bleiben, wie
bisher, verstehen Sie? Kein Mensch auf der Welt braucht, zu wissen, was ich fr
die Andern thue.
    Heimlichthun ist Unglck, murmelte der Greis in der Ecke.
    Ja, Frau Kommerzienrat, wie es in der Bibel heit: die Rechte soll nicht
wissen, was die Linke thut. Ach, wenn Sie nur noch zwanzig Mark zulegen wollten
im Monat ... Die Not ist gro ... brachte Elisa zaghaft heraus, aber man merkte
doch, da sie, zu fordern gewohnt war.
    Frau Raler schttelte traurig den Kopf: Wten Sie, wie viele
Verpflichtungen ich habe und wie schwer es mir oft wird, die Almosengelder
zusammenzubringen ...
    Nein, sie konnte heute nicht davon anfangen.
    So sind die reichen Leute, dachte Elisa v. Hutzler, denn sie hatte
wirklich keine Ahnung, da sie seit Jahren fr sich, fr Barbara und deren
Pfleglinge nicht nur reiche Spenden, sondern schwere berwindungen und Opfer von
Frau Raler geheischt und in unerschpflicher Gte empfangen hatte.
    berlegen Sie sich's, gndige Frau, nur zwanzig Mark ... hob die Bittende
wieder an. Um der armen Kinder willen ...
    Wir wollen sehen. Gute Nacht. Einen Gru an Barbara.
    - - - -
    Gleichzeitig mit Hermann und Franz, die ohne Sumen heimgegangen waren,
schritt ein modisch aufgeputzter, hchst eleganter und selbstbewuter Herr - in
seinem uern eine Mischung von Knstler und Stutzer mit hochmtiger Bravour zur
Schau tragend - die Treppe zu Ralers Wohnung hinauf: der Neffe des
Kommerzienrats, der berhmte Modephotograph. Er nickte den beiden Knaben nur
flchtig zu und im Vorzimmer angekommen, ging er sofort zur Thr, dem Diener von
der Seite die Frage zuwerfend: Der Herr Kommerzienrat ist allein zu Hause, wie
ich unten hrte?
    Zu dienen, aber ...
    Der Neffe hatte die Thr bereits hinter sich geschlossen.
    Die Knaben legten ihre Hte ab und sahen sich fragend an: sollten sie zu
Papa hinein, oder sich still auf ihr Zimmer zurckziehen?
    Ich will Papa begren, entschied Hermann; Du kannst hinter gehn.
    Bitte, einen Augenblick, mein lieber Neffe, sagte der Kommerzienrat weich,
denn die sentimentale Stimmung hatte den ganzen Abend vorgehalten, Du brauchst
keine Entschuldigungen fr Deinen Besuch und keine Vorreden, ich bin ganz allein
und stehe Dir zu Diensten ... Guten Abend, Hermann! Habt Ihr einen guten
Spaziergang gemacht. Wo ist die Mama?
    Ich bin allein gekommen mit Franz. Mama hat uns unterwegs pltzlich
heimgeschickt. Sie ist mit Eugen weiter gegangen, wohin, wei ich nicht.
    Heimgeschickt? Allein weitergegangen? Erzhl'!
    Sonst ist nichts zu erzhlen. Ich wei nur, da Mama den Franz geschlagen
hat; er sei unartig gewesen, sagte sie, und dann hie sie uns sofort heimgehen.
    Geschlagen? fragte der Kommerzienrat gedehnt und mit eurem Gesicht, als
habe er falsch verstanden. Geschlagen sagst Du? Wirklich geschlagen?
    Der Neffe hatte voll angenehmster berraschung diese Meldung gehrt, sich
dann geruspert und in die Unterredung gemischt: Erzhl' nur, Hermann,
verschweige nichts!
    Ich wei weiter nichts. brigens geht das nur Papa und uns an.
    Recht, mein Sohn. Franz soll nachher, hereinkommen!
    Gewi, sagte der Modephotograph, ich will mich in diese Kindergeschichten
auch gar nicht eindrngen, aber sie knnen die Sache bestens beleuchten helfen,
die ich Dir vortragen mu, verehrter Onkel. Ich werde mich kurz fassen. Ich habe
nur wenig Zeit ...
    Hermann war hinausgegangen mit der festen Miene eines Zeugen, der seine
Schuldigkeit gethan.
    Geschlagen? quackte der Kommerzienrat wiederholt und behielt den Mund
offen. Begreifst Du das, Neffe? Ich kenne meine Frau nicht mehr.
    Das stimmt. Ich kenne sie um so besser und will sie Dich mit zwei Worten
kennen lehren, denn es ist allerhchste Zeit, da Du erfhrst, Onkel, was die
ganze Stadt schon lngst wei und was jetzt die Spatzen von den Dchern der
Quaistrae pfeifen.
    Schweig'! Keine Verleumdungen, keine Skandalgeschichten ... Davon will ich
nichts hren ...
    Skandalgeschichten wohl, aber keine Verleumdungen, nur die pure Wahrheit,
Onkel, hab' ich Dir zu melden.
    Die Wahrheit der Kloake. Wer kennt die nicht? Dort ist der Spucknapf, wenn
Du ein Bedrfnis hast. Ich verstehe vieles nicht an meinem Weibe, aber das ist
kein Grund, da ich sie vom ersten besten begeifern lasse. Das mit dem Franz
wird sich aufklren. Hast Du sonst noch Schmerzen?
    Etwas pikiert fuhr der Neffe fort: Ich hab' Dich seither fr einen Mann von
Ehre gehalten - - o, bitte, ich halte Dich noch dafr! Die Mnner fixierten
sich ...
    Unangemeldet war Gusti hereingetreten, eine Lampe in der Hand.
    Was willst Du? schrie sie der Kommerzienrat an.
    Verzeihung, gndiger Herr, jene Lampe hat nicht genug l, ich will diese
dafr hinstellen.
    Scher' Dich zum Teufel, Du kluge Jungfer! Ist Dir das Schlsselloch zum
Horchen nicht gro genug? Hol' mir den Franz herein!
    Franz erschien. Er strich verlegen mit der Hand durch sein Kraushaar.
    Also, wie war's?
    Der Knabe wurde bald bleich, bald rot. Da auch der unbeliebte Vetter da
sein mute!
    Ich, habe zum Spa deklamiert, auf einem Baum, da hat die Mama zornig nach
mir geschlagen mit dem Sonnenschirm ... Dann hat sie mich fortgejagt ...
    Und sie ist mit Eugen weitergegangen?
    Ja. Hermann hat sie noch mit einem Herrn auf der Brcke stehen sehen.
    Mit was fr einem Herrn?
    Das wei ich nicht. Hermann hat ihn auch nicht erkannt. Es war zu weit und
schon dunkel.
    Geh'!
    Franz ging. Er fhlte sich erleichtert, da das Verhr so gut abgelaufen
war.
    Der Neffe: Arme Kinder!
    Was soll das heien?
    Du wirst mir erlauben, Onkel Kommerzienrat, da ich mir ein Bild von dem
Vorgang mache. Deine Frau hatte, gleichgltig, ob zufllig oder verabredet, in
der Dmmerung wieder einmal eine Zusammenkunft mit einem Herrn. Ohne Zweifel mit
Drillinger. Um keine verstndigen Zeugen zu haben, entledigte sie sich der
lteren Knaben, selbst um den Preis einer Mihandlung. Eine Stiefmutter - und
eine Kurtisane! Es ist dunkle Nacht - und sie ist noch nicht daheim.
    Der Kommerzienrat schrie auf und drohte dem Sprecher mit der geballten
Faust.
    Mit kaltem Hohn, unbekmmert um die Drohung, fuhr der Neffe fort: Ich bin
leider nicht so naiv, von der Geliebten eines Drillinger etwas anderes zu
erwarten. Du freilich, eine so glckliche Natur! Es wrde Dir nur eine lustige
Viertelstunde bereiten, wenn Du sie einmal zusammen im Bett berraschtest, so 
la Venus und Mars. Du wrdest Dir die pikante Szene vielleicht von Kropfhey oder
Schnrle noch malen lassen und in Deiner Gallerie aufhngen ... Andere Leute
haben nicht so viel Kunstsinn, dafr etwas mehr Sittlichkeit. Und diese andern
Leute scheinen jetzt entschlossen zu sein, ihren Standpunkt dem Deinigen
ffentlich gegenber zu setzen. Einige Deiner Konkurrenten, sagt man, sollen
sich der Sache schon bemchtigt haben, um Dich in der ffentlichen Meinung tot
zu machen. In die nchste Ausstellungs-Jury wirst Du nicht mehr gewhlt werden.
Numero eins. Numero zwei: - - -
    Schweig, schweig!
    Raler sank in den Polsterstuhl und hielt sich die Ohren zu.
    Numero zwei: man wird allen stdtischen Unternehmungen, wo Dein Name mit an
der Spitze steht, Schwierigkeiten ber Schwierigkeiten bereiten. Numero drei:
man wird zur Durchfhrung der Isarthal-Plne ein neues Konsortium bilden, in
welchem Du nicht vertreten bist, man wird den Bankier Weiler gegen Dich
ausspielen - -
    Bldsinn, Tollhuslerei! rchelte Raler und fuchtelte mit den Hnden in
der Luft.
    Nein, mein verehrter Onkel, fuhr der Neffe fort, die Einblsereien des
Bierbarons Polly zum Teil wrtlich wiederholend, man wird sich auch in den
neuen Brauerei-Aktiengrndungen ohne Dein Kapital recht gut zu helfen wissen,
nachdem es auf der Brse ruchbar geworden, da Du mit Hilfe einiger
Winkelspekulanten Fhlung mit bhmischen und mhrischen Gesellschaften gesucht
hast, um mit ihren Papieren den hiesigen Markt zu verderben - -
    Der Modephotograph hielt inne. Raler lag mit geschlossenen Augen im
Polsterstuhl, die dicken Lippen einwrts gekniffen.
    Der Neffe trat hinten an den Stuhl heran und setzte leiser ein: Damit Du
alles weit: man hat mir den kniglichen Hoftitel, um den ich eingekommen,
verweigert, und als ich nach dem Grunde forschte, Hindeutungen auf Dich gemacht
und auf die Entwrdigungen, welche Dein Familienleben Deinem Kommerzienratstitel
bereite. Deine Schande fllt auf die ganze Verwandtschaft. Dein Weib hat den
Fluch der Lcherlichkeit ber alles gebracht, was Raler heit. Man scheut sich,
persnlich mit Dir zu verkehren. Ich wei, da Konsul Schmerold, obwohl er nur
zwei Schritte zu Dir hat, den schriftlichen Weg vorzieht. Das alles dankst Du
der blinden Vergtterung eines Weibes, das keine Frau, keine Mutter, keine
Wirtschafterin, kurzum, das nichts ist als eine stolze Kokette, die sich in
Deinem Reichtum walzt und in den Armen ihres Buhlen. Ich habe gesprochen - nun
ist es an Dir zu handeln. Vielleicht ist es noch nicht zu spt. Gute Nacht.
    ber dem Lampencylinder zndete sich der Modephotograph eine Havanna an und
schritt hinaus wie ein Held, der eine groe That vollbracht hat und sich nun ein
Vergngen gnnen darf.
    Raler lag wie betubt, er hrte die Schritte des Fortgehenden nicht mehr.
    Frau Leopoldine sah bei der Heimkehr von ihrem Samaritergang - sie hatte auf
dem Rckweg noch flchtig eine Wchnerin besucht - den Neffen das Hans
verlassen. Nachdem sie Eugen der Dienerin bergeben, ging sie sofort in das
Zimmer, ihren Gatten aufzusuchen. Er merkte es nicht, da sie jetzt hinter
seinem Stuhle stand.
    Dein Neffe war da, sagte sie nach kurzem Besinnen mit leiser, fester
Stimme.
    Raler fuhr auf, starrte sie an wie ein Gespenst, die Augen quollen ihm aus
den Hhlen, sein Gesicht war verzerrt ... Er packte sie roh an beiden Armen:
Kurtisane! Fluch ber Dich! Verdammte Buhlerin! Du bist keine Frau, keine
Mutter ... O meine Kinder! ... Fort von hier, fort!
    Die Stimme versagte ihm.
    Regungslos stand sie da, den Wtenden um Haupteslnge berragend und ihn mit
einem hoheitsvollen Blicke messend, dann kamen von ihren bleichen Lippen die
Worte, tonlos, gemessen: So geberden sich die Raler, wenn sie gegen ein
wehrloses Weib zusammenstehen, eine Ehre zu verteidigen, die zu besitzen sie
niemals sich stark und wrdig genug gezeigt.
    Kraftlos lie er die Arme sinken.
    Leopoldine schwankte hinaus. Im Kinderzimmer suchte ihr brennender Blick den
geschlagenen Franz, der in der dunklen Ecke am Spieltischchen sa, die groen
blauen Augen erwartungsvoll auf die eintretende Mutter gerichtet. Sie ging auf
ihn zu und kniete sich zu ihm nieder, ihn mit Ungestm an ihre Brust drckend.
Das Kind schlang seine Arme um ihren Hals und schluchzte: Verzeih, Mama, ich
hab' Dich ja so lieb, so lieb ...

                                       4.


An der Maximiliansbrcke angekommen, schwankte Drillinger, ob er ins Lehel
hinunter gehen und den Doktor Trostberg so spt am Abend aufsuchen solle, oder
ob es nicht mannhafter wre, dem Fabian Pemsl direkt auf den Leib zu rcken.
Jetzt oder nie msse etwas Entscheidendes geschehen ... Aber das Entscheidende
in diesem Falle, welche Gestalt wrde es annehmen? Wie will man sich mit diesem
Viehvolk ritterlich auseinandersetzen? Durch eine richterliche Klage, durch den
Spruch eines, Ehrenrates, durch ein konventionelles Duell - was ist mit alledem
gewonnen? Der Skandal wird nur um so rger und es lt sich gar nicht absehen,
wie weit die Bosheit und Rachsucht der Menschen die einmal ffentlich in Flu
geratene Geschichte treiben wird ... Ja, lebte man in einem wirklich freien
Lande, wo der Einzelne sich selbst die Unverletzlichkeit seiner Person und
seines Privatlebens sichert und mit den Frechlingen summarische Abrechnung hlt,
so wrde er diesen schmutzigen Ehrabschneider auf offener Strae niederschieen
wie einen tollen Hund! Aber so - in einem sogenannten geordneten Staatswesen mit
seiner verzwickten Maschinerie, seinem breaukratischen Apparat, seinen
Sackgassen von Traditionen, seinen Bergen von Vorurteilen, wie will man sich da
fr alle die gekrnkten feineren Empfindungen einer stolzen Individualitt Recht
verschaffen? Und das Recht allein, wenn man's nach den haarstrubendsten
Prozeduren endlich zuerkannt erhalten hat, wie kahl und zugestutzt und armselig
nimmt sich's aus im Vergleich zu der vollen, satten Rache, die sich der Mann
ohne Umweg und ohne aktenschmierende Mittelsperson selbst an seinem
hundsfttischen Beleidiger nimmt, indem er ihn mit dem Fu zertritt wie ein
ekelhaftes, giftiges Insekt!
    Drillinger konnte nicht weiter denken, so sehr hatte ihn aufs neue die Wut
bermannt. Das Rauschen der Isar weckte ein tosendes Echo in seinem Gehirn; es
war als schumte sein Blut in Sturzbchen durch seinen Kopf und vor seinen Augen
hpften die Gaslichter auf der Brcke und verbanden sich zu feurigen Schlangen,
die sich in die eigenen Schwnze, bissen, dann zischten und zngelten sie wieder
nach allen Seiten auseinander, verschlungen von der schwarzen Nacht.
    Alles schwankte. Er mute sich, nachdem er links an der noch geschlossenen
Sodawasserbude vorbei war, an die steinerne Brstung lehnen. Der Wind war
umgesprungen und trug ihm krftigen Geruch von der Essigfabrik herber.
Allmhlich snftigten sich seine Gefhle wieder. Er betrachtete sich die
Lebensbilder, die im Halbdunkel der Gasbeleuchtung vor ihm ber die Brcke
gaukelten - Lebensbilder, die ihm nicht wesenhafter dnkten als ein
Schattentanz, womit man die Phantasie der Kinder fft. Da ein Fhnlein
bierseliger Philister mit schweren Hngebuchen, dort ein Huflein schwatzender
Bummler, dann wieder Einzelwesen im Gnsemarsch hintereinander, keines sich um
das andere kmmernd, jedes sein unsichtbares Kreuz auf dem wundgedrckten Rcken
schleppend, dann wieder der schkernde Leichtsinn, das rollende Laster, die
tugendhafte Gedanken- und Trieblosigkeit, dazwischen auf den Schienen der
Pferdebahn ein Glaskasten wie ein vorberfliegendes Wachsfigurenkabinet. Und
unten rauscht der Flu, unablssig, wahnsinnig, eine Welle jagt die andere, und
darber hngt der schwarze Himmel mit seinem flimmernden Sternenschmuck ...
Brigitta wird daheim am Fenster sitzen ... Und Frau Raler ... Dort ist ihr
Erkerfenster, unbeleuchtet ... Nein, es darf kein Zurck geben. Abgethan ist
abgethan. Hui, die Toten reiten schnell ... Die Toteninsel - mitten in dieser
Frhlingslandschaft - hatte sie's damals bei der ersten Begegnung nicht selbst
gesagt in ahnungsvollem Vorgefhl?
    Vom Erkerfenster schwebt's herab, hinber, wallende schwarze Schleier vom
Haupt bis zu den Fen, von der Luft geblht, sich windend, flatternd,
zerflieend - vorgestreckte, weie, schlanke Hnde, so bleich, so bleich, ein
Urne umklammernd, darin liegt ein Herz, sein Herz! Still setzt sie's bei auf der
Toteninsel, es klagen die Wipfel, es wimmern die Wellen ...
    Unsinn! Das ist das Leben: ein Soldat geht mit seinem Schatz vorber, beide
sind benebelt; sie hat seinen Pallasch ber die weie Schrze geschnallt, er
trgt ihren Korb - ein Gendarm hlt sie fragend an und zieht sein ledernes
Notizbuch. Ein Musikant - das Weib humpelt mit der Bageige hintendrein - ein
frommer Spieer lftet seine Schwiegermutter aus, eine alte Jungfer ihren
stinkigen Mops ... Leben! Ordnung! Ideale! kreischt ein Studentlein; ich
pfeife auf den Krmpel, so lange man mir den in der Natur verkrperten
Nihilismus nicht widerlegt ... Sittliche Weltordnung, Nihilismus, lauter
Redensarten: das Leben ist das Leben und die Natur ist die Natur - einerlei, was
Ihr fr Kommentare dazu schwatzt: Ihr ndert nichts, Notwendigkeit ist! alles,
wie's werden mu, so wird es, Amen. Aber meinen Alten soll der Teufel holen, er
hat mich mit dein Wechsel nun wieder schn aufsitzen lassen ... Die Kathi, ein
famoser Besen ... Der Dingsda, patenter Kerl ... Schweinehund ...
Leibfuchs! ... Eine salbungsvolle Stimme: Geistige Gesundheit ist ein
Ergebnis der Erziehung ... Die Zahl solcher Geisteskranker, welche auf Kosten
der Armenpflege unterhalten werden, mssen, ist fortwhrend im Zunehmen
begriffen ... Grell schmetternd: Die Welt war immer ein Narrenhaus; sobald die
Narren die Mehrheit haben, geben sie den Ton an und wir werden als verrckt
eingesperrt ... Ganz in Ordnung, die Majoritt hat berall Recht ...
Erbliche Neurose ... Grenwahnsinn bei Knstlern, Herrschern ... Bei
ganzen Vlkern sogar ... Kriegslust zum Beispiel, ist sie nicht auch
Wahnsinn?
    Eine andere Gruppe in diesem nchtlichen Gestaltenzug, der sich wie ein
lebendiger Fries vor dem nervs sphenden Auge Drillingers entrollte:
Diskontogesellschaft? ... Ich gebe kein Pfund Lumpen dafr ... Der Weiler?
Unkraut verdirbt nicht ... Schlamassel ... In der Isarthalbahn - Unternehmung
kommt er gegen den Schmerold doch nicht auf ... Der Halsabschneider am
Dracheneck? ... O Jemine!
    Ja, mit dem bindet nur an ...
    Drillinger fhlte sich der Wirklichkeit wieder nher, als er diesen Namen
hrte, und empfand eine gewisse Schadenfreude, als einer klglich von der blen
Behandlung wisperte, die er von dem geriebenen Bankier erfahren. O, auch er wird
ihm knftig ganz anders auf die Finger sehen; ein gebranntes Kind scheut das
Feuer. Mit groer, fast erschreckender Klarheit wollten in Drillingers Kopf die
Erinnerungen an die Morgenstunde in Weilers Winkelbude hervorschieen. Zuletzt
sind Finanzfragen fr eine neue Lebensordnung viel entscheidender, als aller
Liebes-und Familientrara, als alle Empfindelei fr den Ehrschnickschnack und
das, was die Leute sagen ... Wer Geld hat, hat alles. Nur mit Geld und mit
dem, was Geld bringt, kann man diesem Viehvolk noch imponieren, mit nichts
anderem. Der Geldsack weiht und heiligt alles. Sei ein Hundsfott und habe Geld,
sehr viel Geld, rasend viel Geld - und sie vergttern dich. Brauchte, er sich
das noch zu wiederholen? Was er sich zu wiederholen brauchte nach diesen
nichtsnutzig aufregenden Tagen war dies, da man felsenfestes Vertrauen auf sein
Glck haben msse. Ja, das Glck, es mute auch ihm noch sein lchelndes Antlitz
zeigen ... Wenn er an seinem vierzigsten Geburtstage ein Gelbde htte ablegen
mssen, es htte kein anderes sein drfen, als nie und nimmer am Glck
verzweifeln zu wollen - allen Schikanen zum Trotz. Auch Brigitta soll noch mit
ihm zufrieden sein ...
    Zwei junge Dmchen schlenderten an ihm vorber und drehten ihm die wiegenden
Kpfe mit den auffallend hohen Federhten zu. Er glaubte sie zu erkennen. Ach
die! Die Tchter des verrckten Barons - wie die Glubigen wissen, Jugendsnden
des Kommerzienrats Raler - wie die Wissenden glauben. Wo ist in solchen Dingen
berhaupt Gewiheit? Leopoldine wehrte sich immer gegen diese Schleierlftung;
die Jugend ihres Herrn Gemahls interessierte sie nicht ... Natrlich! Sie wollte
ber ihre eigene Jugend niemals interpelliert sein und so oft ich daran rhrte,
htte sie in alle Lfte fahren mgen ... Die Weiber, die Weiber! O du alter,
weiser Knig Salomo, der du an neunhundertneunundneunzig noch nicht genug
hattest und noch die tausendste nehmen mutest, was fr ein grandioses Hornvieh
bist du gewesen!
    Nun wollte er sich doch zu seinem Schmerzenreich Dr. Edgar Trostberg auf den
Weg machen; jetzt fhlte er sich wieder in der Stimmung, diesen Nachtbesuch bei
dem lebensfeindlichen Dichterdenker und neuesten Knigsgnstling - der Komdiant
war nach kurzer Herrlichkeit im Sonnenschein der Gnade auch wieder kaltgestellt,
ja, ja, dem ewig strebernden Geiling war der Purzelbaum zu gnnen! - mit Ehren
zu bestehen.
    Die Dmchen sahen sich um; sie glaubten offenbar, die Nachfolge Drillingers
gelte ihnen. Als sie in die Mhlstrae einbogen, schlug Drillinger den nmlichen
Weg ein. Er kreuzte sich mit dem Doktor Wendelin Wamperl, der die Strae
heraufpustete wie eine marode Lokomotive. Wamperl blieb stehen und blickte den
Frauenzimmern und dem ihnen folgenden Herrn teilnahmsvoll nach.
    Auf der Maximiliansstrae begegnete er dem Oberst Wotan von den
Ungespundeten.
    Ich glaube, Oberst, soeben Deinem ungespundeten Drillinger auf der
Schrzenjagd begegnet zu sein.
    Das sieht Dir gleich, Remplem.
    Mir? Ihn, bitte!
    Da dreh' ich die Hand nicht 'rum. Du willst, wenn Du kannst, er kann, wenn
er will: das ist der ganze Unterschied. Ich gnn' Euch das Vergngen. Gut'
Nacht, heiliger Wendelin, wnsche angenehme Matratze!
    Grobian, murmelte Wamperl. Fnfzig Schritte weiter stie er auf den
Professor Hirneis. Lieber Hirneis, mit dein Sittenverfall, geht's mit
Eilzuggeschwindigkeit. Begegne ich soeben dem Baron Drillinger, wie er zwei
anrchigen Frauenzimmern in einer verdchtigen Gasse nachsteigt - und hinter ihm
drein der Oberst Wotan. Das sind die Ungespundeten! Der Drillinger knnte wei
Gott mit seiner skandalsen Liaison mit der - na, Du weit ja, es genug sein
lassen.
    Mir scheint, das thut er auch. Ich war sozusagen Augenzeuge, wie die stolze
Frau Kommerzienrat, es ist kaum eine Stunde her, in der Auenstrae ihm aus die
Bude nachgerckt ist. Die Seele dreht sich einem im Leib herum.
    Bist Du sicher? Vor einer Stunde? Gut, so besorgt er sich jetzt einen
Nachtisch. Unerhrte Zustnde. Sodom und Gomorrah war ein Musterstaat,
verglichen mit den heutigen Halbweltsitten. Dazu die Schlechtigkeit der Presse,
die Laxheit der Gesetze ... es ist rein zum Verzweifeln.
    Entschuldige -
    Wo gehst Du hin?
    Auf einen Sprung ins Caf Roth, die neuesten Pariser Bltter durchzusehen.
Im Figaro soll ein sensationeller Artikel ber den Knig und die
Kabinetskassa-Affaire stehen.
    Erlaube, da ich mich anschliee. Ich kann mich bei der Gelegenheit ber
die Obsznitten des Journal amsant rgern, dessen Bilder ich in dieser Woche
noch nicht gesehen habe.
    Drillinger war hinter den wartenden Dmchen ins Haus getreten, ohne sie
eines Blickes zu wrdigen. Er ging ber den Hof, durch den Garten, und klingelte
an Trostbergs Thr.
    Kennst ihn, Nanni?
    Da htten wir uns den Weg sparen knnen. Ich hab' ihn fr einen andern
gehalten. Da Du's nicht frher gemerkt hast!
    Bleiben wir oder gehen wir wieder?
    Heute ist schon ein ganz lumpiger Tag. An: liebsten legt' ich mich ins
Bett.
    Ich auch. Aber dann macht der Alte wieder Spektakel.
    Also vorwrts. So schlecht ist das Geschft schon lang nicht mehr
gegangen.
    Meinetwegen. Der Alte soll sehen, wie er diesmal den Hauszins
zusammenbringt. Ausziehen mssen wir doch. Uns kann's eigentlich Wurst sein.
    Ich hab' die Sauwirtschaft schon lange dick. Wenn's nicht wegen dem Kind
wr', ich ging auf und davon. Das ist wirklich kein Leben.
    Wenn man bedenkt, wie gut es die Wappenhur' im ersten Stock hat ...
    Ja, die hat's getroffen. Glck mu man haben.
    Und wir haben halt kein Glck ... Da kommt er wieder ...
    Drillinger schritt hinaus, wie er gekommen, ohne die Dmchen zu beachten.
Gabriel hatte ihm gemeldet, da der Herr Doktor verreist sei, nach
Hohenschwangau oder Neuschwanstein, er wisse es nicht so genau, wo sich der
Knig gerade aufhalte - und vor morgen Abend werde er nicht zurckkehren. Der
schielugige Klown that sehr weinerlich und weltschmerzlich und hatte den Kopf
eingebunden.
    Wir haben den Herrn Baron schon so lange vergeblich erwartet - und jetzt
sind Sie endlich da und er ist nicht da. Sollt' man nicht gleich Hnd' und Fe
ber den Kopf zusammenschlagen? O mein Kopf! Kommen Sie bermorgen wieder ...
Der Klown verzerrte sein Gesicht, da die Haut wie mit kleinen Lchern best war
und aussah wie eine Streusandbchse.
    Drillinger war herzlich froh, wie er wieder auf der Strae war. Nun wollte
er ohne weiteren Aufenthalt heimgehen. Er hatte jedoch noch keine zwanzig
Schritte gemacht, als er seitwrts an einem Bachbergang einige Studenten mit
einem rabiaten Menschen in eifriger Verhandlung gewahrte, der in einemfort
beteuerte: So wahr ich Hans Rindler heie. Was wollen die hier, in dem stillen
Lehel? Unwillkrlich blieb er stehen und horchte.
    Nicht so laut! ermahnte der studentische Wortfhrer. Also Sie kennen
ihn?
    So wahr ich Hans Rindler heie und heute so nchtern bin wie jener
Laternenpfahl.
    Und Sie wollen uns die Geschichte prompt besorgen?
    So wahr ich Hans Rindler heie. Mit was fr Marterwerkzeugen soll ich ihn
traktieren? Soll ich ihm die Gedrme aus dem Leibe haspeln und zu
Bageigensaiten verspinnen?
    Sind Sie Darmsaitenfabrikant gewesen? fragte ein aufgeschossener Jngling
spottend, der nmliche, der auf der Brcke in der Natur den verkrperten
Nihilismus entdeckt hatte; Drillinger erkannte ihn an Gestalt und Stimme.
    Jawohl, so wahr ich ... Ein musikalisches Geschft ... ... Oder soll ich
ihm das Herz ausreien und ums Maul schlagen? Oder ihm die Zunge durch den Nabel
ziehen? Oder Riemen aus seinem Bauch schneiden und seine Banditenlarve damit
zerpeitschen? Das alles hat er verdient.
    Patente Phantasie, Rindler, an Ihnen ist ein Dichter verloren gegangen.
    Meine Herren, verkennen Sie mich nicht. Dieser Prebandit ist der Schrecken
vom ganzen Lehel. Wenn ich einmal mit diesem Helden anbinde, mu es glorios
gehen. Soll ich das Schwein kitzeln, da es ein Rad schlgt wie ein besoffener
Pfau? Oder soll ich mit seinem Schdel Luse aus dem Asphalt der
Maximilianstrae stampfen?
    Hren Sie auf, entsetzlicher Mensch. Etwas viel weniger Poetisches: Sie
sollen ihn in eine Mistpftze tunken, bis ihm der Dampf ausgeht. So ist's
beschlossen. Wollen Sie das machen unter den vorgeschlagenen Bedingungen?
    So wahr ich ... Herrgott, wenn uns nur Niemand hrt.
    Seien Sie nicht feig, Hans!
    Ich mein' nur wegen der Konkurrenz. Da mir kein anderer die schne Arbeit
vor der Nase wegschnappt. Wissen Sie, die Gripso-Grapsologie ... Dabei zog er
schnell die Finger mehrmals krallenartig ein und machte eine kreisende
Armbewegung dazu.
    Eine dmonische Komdie, Schurken ber Schurken! Mir kann's recht sein,
hundertmal recht; sie besorgen meine eigene Rache ... dachte Drillinger und
suchte unbemerkt davon zuschleichen. Es gelang ihm, sich durch ein enges,
stinkiges Gchen zu drcken und unbehelligt in die Sternstrae zu kommen. Ganz
in Gedanken ber das soeben Erlebte kam er noch einmal an dem Hause vorber, das
er vor wenigen Minuten verlassen. Gabriel stand unter dem Thor bei den Dmchen.
Als er den Baron im Eilschritt des Weges kommen sah, rief er ihn an: Noch in
unserer Gegend, Herr Baron? Die Mdchen kicherten verlockend und wichen
seitwrts, als wollten sie dem Baron den Platz freimachen, hereinzukommen.
    Ich habe Sie vorhin zu fragen vergessen: Warum haben Sie denn eigentlich
den Kopf eingebunden, Gabriel? warf Drillinger stehenbleibend hin, nur um etwas
zu sagen.
    Ach, Herr Baron, ein kleiner Schlaganfall, heute frh ...
    Ein Schlaganfall?
    Nun machte die Brnette einen Vorsto, sich in scherzhaft insinnierender
Weise am Gesprche zu beteiligen und das Interesse des Barons auf ihre sich
lstern darbietende Gestalt zu ziehen.
    Wr' ich dabei gewesen, es wre ihm nichts passiert.
    Sie sind wohl seine kleine Schutzheilige? fragte der Baron und ma die
Sprecherin mit kritischem Blick
    Heilige weniger, antwortete sie mit schamlos aufdringlicher
Schlagfertigkeit, aber bei mir wre er sicher gewesen. Drillinger trat einen
Schritt nher. Sie deutete das als Entgegenkommen und fuhr schmeichelnd fort:
Da drin habe ich ein trauliches Zimmer - o, das sollten Sie ansehen, da ist man
aufgehoben wie im Himmelreich. Gabriel hstelte und rusperte sich und schielte
zum Thorweg hinaus wie eine Schildwache. Als der Baron sie schweigend fixierte,
nahm sie wieder das Wort und fltete innig: Wollen Sie sich nicht bei uns
ausruhen? Ich erzhle Ihnen die Geschichte von dem Prebanditen und was dem
heute geschehen ist.
    Prebanditen? Nein, da danke ich ... Ich bin heute gar nicht mehr
neugierig.
    Er drehte sich auf dem Absatze herum, gab dem Klown einen Schlag auf die
Schulter und mit einen raschen: Gut' Nacht, Gabriel! war er verschwunden. Er
eilte, als frchtete er eine Verfolgung, er wute nicht deutlich warum ... Es
war ihm bei dem starr begehrlichen Blick der glutugigen Brnette pltzlich
alles so unheimlich, schemenhaft und totentanzhnlich erschienen ... Er jagte
die Isar entlang in die Nacht hinein wie in einen schauerlich schwarzen Abgrund,
hhnende Stimmen und Blicke ringsum, Kreischen und Geschrei aus den tosenden
Wassern, den rauschenden Wipfeln, dem Flstern der Luft, dem Pochen des eigenen
Herzens ... Mit zerschlagenen Gliedern, in Schwei gebadet, kam er vor seinem
Hause an, verwundert wie ein Irrender, der pltzlich am Ziele steht ...
    Als er am Morgen nach einem langen, wirren, wenig erquickenden Schlaf vor
Brigitta erschien, empfing ihn die Alte mit kurzem Wunsch und Gru. Sie sah noch
hinflliger aus, als gestern. Er betrachtete sie forschend von der Seite ...
Merkwrdig, die Alte kam ihm so fremd vor ...
    Sie haben mir gestern viel Zeit zum Alleinsein und Nachdenken gegnnt.
    Soll das ein Vorwurf sein, Brigitta?
    Ich habe ein wenig gelesen und viel gehrt.
    Du machst wieder Vorreden. Ich ehre Deine Gewohnheit. Du nderst Dich doch
nicht mehr. Was hast Du gelesen? Er setzte sich an den Tisch, den Kopf in beide
Hnde gesttzt mit den kleinen Fingern an der Stirn trommelnd.
    Ja, das ndern! Da mte Gott ein Wunder thun - auch bei andern Menschen.
Ich habe ein trauriges Kapitel gelesen. Sie, die Heldin der Geschichte, eine
reife, leidenschaftliche Frau, war in Liebe zu einem jungen Manne entbrannt, und
in der Thorheit ihres Herzens glaubte sie, sich zu entshnen, wenn sie den
Geliebten, in andern Dingen auf bessere Wege brchte, wenn sie ihn erziehen
knnte. Er war ein sehr verwickelter Charakter, alles gemischt, aber seine
Energie war geschwcht. Zuletzt zog seine Schwche ihre Strke herab und sie
sank tiefer und tiefer, jemehr ihre Liebe durch sein sinnliches Wesen in sndige
Lust ausartete ... Ach, es ist eine zu traurige Geschichte. Das Weib, das seine
Fhrerin und Meisterin werden wollte, wurde sein Werkzeug, seine Sklavin, bis
sie am Ende beide im Laster verdarben. Ich kann das nicht so wiedergeben, mein
alter Kopf ist zu schwach ...
    Er sah auf. Ja so geht's in der Welt. Eine sehr lehrreiche Geschichte,
Brigitta ... Also das war die Vorrede, eine Dichtung. Und nun la uns zur
Wirklichkeit kommen, obwohl ich heute weder Dichtung noch Wahrheit hren mchte
... Nur Stille, Stille ... Alles Wirkliche ist so schauderhaft laut, so grell
... Ich bin nervs, Brigitta.
    Ja, zur Wirklichkeit, die noch schlimmer ist, als die schlimmste Dichtung,
sprach sie fr sich weiter, ohne seine Abwehr zu beachten.
    Er schnellte empor und unterbrach sie hastig, aufgeregt: Weit Du, Alte,
ich gebe keine saure Gurke fr die ganze Wirklichkeit; die ist jeden Tag anders,
verschiebt sich fortwhrend, dehnt sich, schrumpft zusammen, kruselt sich, ist
jung, lebendig, greisenhaft, maustot, ein Scheusal, ein Unsinn, ein Nichts. Was
habe ich nur gestern wieder fr skandalse Wirklichkeits-Erfahrungen gemacht ...
Aber im Grunde sind das alles nur dumme Trume ... Siehst Du, ich bin eine
knstlerische Natur, das ist so im Blut, die Unruhe, die Phantasterei. Da hlt
man das Getrumte fr wirklich und das Wirklichste zerfliet wie Trume und
Schume. Wo ist eine feste Grenze? Nirgends. Man knnte ja sein bischen Verstand
darber verlieren, wenn man nachdenkt. Ich mag nicht mehr. Mir ist alles
zuwider. Ich mu aufs Land, ins Gebirg, in die Einsamkeit, drei, vier Wochen,
ich wei nicht wohin, wie lange, es wird mir aber wohl thun ... Nicht wahr, Du
findest auch, da es mir wohlthun wird? Dir wird es auch wohl thun, wenn Du den
unausstehlichen Teufel eine zeitlang los hast, gelt? Ach, die Menschensippe! Ich
knnte mir die Lippen blutig beien, die Fuste auf dem eigenen Schdel in
Splitter schlagen, aber es hilft nichts. Und dann die kleinen, nichtigen Sachen
des materiellen Lebens, diese Widerborstigkeit, wenn man ihrer habhaft werden
will, und die man doch erringen, die man meistern mu, wenn man der Knechtung
entgehen will, all' dieser Quark, dieser Dreck, der doch wieder die Hauptsache,
ein teuflisches Machtmittel ist, und dieses dmonische Unvermgen, sich von all'
dem Verachteten und Gewnschten, von all dein Gehaten und Ersehnten als
anstndiger Mensch loszumachen! Als anstndiger Mensch, hrst Du? Denn da wir
anstndig sind, oder dafr gelten, das ist fr uns auch eine Art Rache an diesem
hundsfttischen Philistertum. Ich mu aufs Land, aufs Land, aufs Land! Halte
mich nicht zurck, Brigitta, ich beschwre Dich, hier werde ich verrckt ... Die
Erbrmlichkeiten der Stadtmenschen ...
    Gehen Sie nur, in Gottes Namen, aber vorher eine Abrechnung ...
    Natrlich, freilich, versteht sich - mit dem Weiler meinst Du doch? fuhr
er der Alten erregt in die mde Rede. Ja, das wird besorgt, soweit sich's nicht
in wenigen Wochen von selbst erledigt; da kannst Du ganz ruhig sein. Du bekommst
Deine Abrechnung.
    Ich meinte anders ...
    Er atmete aus. Also wenigstens keine gemeinen Geldfragen, kein widerlicher
Finanzkrieg in Sicht ...
    Eine moralische Abrechnung ...
    Mit jener Frau? Donnerwetter, la mich in Ruhe, ist lngst erledigt.
    Ich begreife Ihre schreckliche Hitze und Aufregung nicht. Kann ich ruhiger
reden, als ich's heute thue? Ich sage kein Wort von jener Frau, keine Silbe
mehr. An Ludwig hab' ich gedacht, an Ihren unglcklichen Bruder, an den
drangsalierten Menschen in Amerika.
    An den hab' ich schon mehr gewendet, als Du weit. Ich hab' jetzt kein Geld
fr ihn, in diesem Augenblick wenigstens nicht. Nach der andern Abrechnung! Er
soll sich einstweilen von seinen Sozialisten und Anarchisten und hnlichen
Menschenfreunden helfen lassen ... Seine Stimme war dster wie sein Blick.
    Ach, es ist ja alles anders. Seit gestern hab' ich neue Botschaft. Er ist
in Texas, auf einer Farm, Mac Girk bei Hamilton, fern von allen sozialistischen
Verbrderungen. Es war einer hier, der bei ihm gewesen; Sie waren ja nicht zu
Hause den ganzen Tag und die halbe Nacht. Da ist der Brief ...
    Sie zog mit zitternder Hand mehrere unregelmig gefaltete, zerknitterte
Briefbltter aus der Tasche - das Schreiben, das ihr Ludwigs Leidensgefhrte
berbracht.
    Nein, ich mag nichts lesen, ich kann seine Handschrift nicht sehen ...
Buchstaben wie zngelnde, tanzende Schlangen, unheimlich ... Du kannst mir's ja
sagen. Er warf sich aufs Sopha und starrte die Wand an.
    Brigitta schttelte den Kopf Was hatte er nur? Das war keine gewhnliche
Krisis - so nannte sie diese unerklrlichen Gemtszustnde, welche oft in
lngeren Zwischenrumen bei ihm eintraten und sein Wesen verstrten.
    Aus Chikago hat er uns das letztemal geschrieben, dann ist er nach Saint
Paul, dann nach Hamilton. In Saint Paul war er bei einer deutschen
Schauspielergesellschaft, in Hamilton lie er sich anwerben, gegen kriegerische
Indianerstmme zu ziehen; da wurde er verwundet und traf den Landsmann, der
jetzt wieder glcklich heimgekommen ist, er aber ist auf einer Farm bei Mac Girk
zurckgeblieben. Dort diente er als Knecht bei einer Kolonistenfamilie aus
Franken, die erst kurz zuvor dahin gekommen war und den Pacht bernommen hatte.
Die Hitze ist dort frchterlich, der Boden braun und trocken, oft Monate lang
kein Tropfen Regen; Nachts arbeitet er nackt in den Baumwollenfeldern ... Er
lebt von dem Wild, das er schiet oder totschlgt, Brot giebt es selten, den
Trunk Wasser mu er oft meilenweit holen. Die frnkische Familie hat den Pacht
wieder aufgegeben und ist fortgezogen, weil sie zu verhungern und zu verdursten
frchtete ... Er will die Farm allein halten, bis neue Pchter kommen. Aber es
traut sich gewi kein Mensch in die schreckliche Gegend, und die feindlichen
Indianer stehen auch wieder an der Grenze. Das wird sein Letztes sein. Und wenn
wir ihm da nicht bald heraushelfen ... Wir haben ihn auf dem Gewissen ... Die
Abrechnung vor dem ewigen Richter ...
    Sie konnte nicht weiter sprechen. Ihre Stimme erstickte im trockenen
Schluchzen ... Drillinger drehte sich um mit einem so teilnahmsleeren Gesicht,
als htte ihm ein Unbekannter eine Geschichte von einem Mondbewohner erzhlt.
Ja und dann? Lieber von Indianern aufgefressen, als von Europern subtil
gemordet! sagte er und spielte mit seinem Schnurrbart.
    Ach, Sie konnten sonst so liebreich sein - und nun sind Sie hart wie Fels.
Nehmen Sie von meinem Geld. Ich will mein Testament umstrzen. Meine Verwandten
kommen auch ohne mein Weniges zurecht ... Magdalena, ich wei gar nicht wo sie
ist, seit sie aus dem Irrenhaus entlaufen, Sie haben es ja nicht fr gut
gehalten, die Nachforschungen fortzusetzen, und Afra ist verschollen und von
ihren Kindern hrt man nichts ... Nehmen Sie von meinem Geld und schicken Sie es
dem Ludwig ... Ich will ihn zu meinem Erben einsetzen ... Dann kann ich ruhiger
sterben, auf Ihre Umkehr zu eigener Huslichkeit wag' ich doch nicht mehr zu
bauen ... Auch darauf nicht, da Sie ihm die Rckkehr nach Deutschland erwirken
...
    Wie oft mu ich Dir noch wiederholen: die Rckkehr ntzt ihm nichts, wenn
wir ihn nicht vor dem Gefngnis vorbeidrcken knnen. Und diesen Gnadenakt
erreiche ich jetzt weniger als je. Und eine Wiederaufnahme des Prozesses und ein
Herumziehen in allen Blttern und dann ein Drillinger, mein leiblicher Bruder,
drunten in der Frohnfeste ... Das mutest Du mir zu?
    Beide schwiegen. Brigitta betrachtete mit kummervoller Miene die
Briefbltter. Es war schlechtes, graues Papier, mit blasser Tinte, an der Sonne
von Texas getrocknet, zum Teil nur mit Bleistift beschrieben. Jetzt faltete sie
die Bltter zusammen, es waren dicke Thrnentropfen darauf gerollt, und steckte
sie mit bebender Hand wieder in die Tasche.
    O, ich hatte mir eine andere Lebenswende von Ihrem vierzigsten Geburtstag
erwartet, sagte sie leise und sah ihn mit einem vorwurfsvollen Blicke an.
Meine bitterste Leidenszeit beginnt ... Gott steh' mir bei.
    Drillinger hatte sich erhoben. Er ging auf Brigitta zu. Sein Gesicht nahm
wieder einen wrmeren Ausdruck an. Hier meine Hand, Brigitta, gnne mir die
Erholungsfrist, dann will ich, wenn ich's nicht aus Eigenem vermag, Dein
gromtiges Gebot annehmen und dem Ludwig eine gewisse Summe schicken; bis dahin
wird er weder verhungern noch verdursten auf seiner Farm. Du nimmst die Sache zu
tragisch. Schlielich: das Leben ist der Gter hchstes nicht.
    Wenn es keinen Inhalt mehr hat, freilich.
    Drillinger war betroffen. War das Wort auf sein Leben gemnzt? Sollte er zu
guterletzt auch noch Brigitta beargwhnen, da sie schlimme Gedanken ber ihn
denke, obwohl sie seine Bemhungen kannte, seine zahlreichen Anlufe, um seinem
Leben Inhalt zu geben? Wie leicht wre es ihm gewesen, sich vor ihr einen
Heiligenschein anzuschwindeln, seiner Leistungsfhigkeit ein hheres Gewicht
anzuflschen - kurz, vor ihr die ganze angenehme Komdie aufzufhren, die
heutzutage berall in der Gesellschaft, in Gemeinde und Staat mit so viel List
und Wrde gespielt wird, da das liebe Publikum schon anfngt, die wirklich
Ehrlichen und Ungeschminkten als dumme Teufel und einfltige Spielverderber
auszuzischen und ihnen den Rcken zu kehren. Niemals mehr als heute wollte die
Welt betrogen sein und das Mitwissen um den Betrug und zugleich die Heuchelei
des Nichtwissens als se Zukost genieen ... War er nicht allzeit ehrlich und
aufrichtig wie ein Kind gegen die alte Wirtschafterin gewesen? Mit welchem
Rechte konnte auch sie Hintergedanken gegen ihn hegen? Hat er nicht das ganze
Spiel seines Lebens mit offenen Karten vor ihrem wachsamen Auge gespielt? Das
Spiel -? Herrgott, nein, hier war eine Karte, die er mit scheuem Verbrecherblick
vor ihr verborgen gehalten. Unmglich, sie aufzudecken! Wenn Brigitta den
letzten Teil seiner letzten Unterredung mit dem Bankier Weiler htte belauschen
knnen, wie mte er jetzt vor ihr erscheinen! Nein, nein, nein - auch das geht
vorber, und wenn wieder Ordnung geschaffen, wird er ihr auch in diesem Punkte
ein volles Gestndnis ablegen. Die gute, gute Alte!
    Er legte seinen Arm schmeichelnd um ihren Hals, drckte ihren Kopf gegen
seine Brust und hauchte ihr die Worte ins Ohr: Ich verspreche Dir, gegen den
armen Ludwig ein anderer zu werden, ihm zu helfen, ihm Geld zu schicken, ihm
einen Frbitter bei dem Knig zu bestellen - alles, alles, was in meinen Krften
steht, damit er den Weg in die Heimat und zu einem ehrlichen, glcklichen Leben
wieder finde!
    Weinend vor seliger Befriedigung lag die alte Frau an seiner Brust. Er
geleitete sie sanft an den Armstuhl und setzte sie hinein. Sie bedeckte seine
Hnde mit Kssen.
    Das ist meine glcklichste Stunde ... Und sie erhob das thrnende Auge
voll unendlicher Dankbarkeit gen Himmel.
    Aber erst nach meiner Erholungsfahrt! Diese Pause ist notwendig.
    Nur das Geld ...
    Das sei Dir gewhrt. Ich werde es durch den Bankier Weiler anweisen
lassen.
    Drillinger sa neben ihr und schlo die Augen. Es war ihm so wirbelig im
Kopf. Er wute nicht, was Wirklichkeit, was Gedanke war - alles schwamm
ineinander. Allmhlich nahm sein Denken so krperliche Kraft, so
herausspringendes Relief und brennende Farbe an, - da er das Gedachte wie ein
lngst vollzogenes Wirkliches empfand, dem er jetzt nur wie in trumerischer
Erinnerung nachhnge ...
    Es war Mittag geworden. Resl meldete, da das Essen bereit sei und legte die
angekommene Post auf den Tisch.
    Ein guter Freund - wozu hat man gute Freunde? - hatte sich beeilt, die
letzte Nummer der Kloake zu senden und eine Stelle mit Blaustift
anzustreichen. Drillinger htte sie ja bersehen knnen! Ein hundsgemeiner
Bldsinn: Wie Frau Raler Englisch lernte. Nur fnf Zeilen. Drillinger zerri
das Schmierblatt und warf es unter den Tisch. brigens sehr vernnftig von
Leopoldine, wenn sich's wirklich so verhielte; der junge Englnder wird ihr mit
den Feinheiten seiner Muttersprache manche Stunde angenehm verkrzen. Himmel,
wenn er seiner einstigen Eifersuchtsanwandlungen gedachte - wie dumm er sich
ausgenommen haben mu! Ja, es war endgiltig vorbei: er konnte sich Leopoldine im
Arme des Englnders vorstellen, ohne einen Schatten von Erregung zu verspren.
Wirklich? Harry Wood ist schlechter Geschmack. Unreifes Obst. Und das sein
Nachfolger! ...
    Die Kartoffelsuppe ist ausgezeichnet, Brigitta, nur noch einen Tropfen
Essig. Schade, da mein Appetit so gering.
    Was ist das fr ein dicker Brief?
    Gleich, gleich, Brigitta, eins nach dem andern. Es ist ein unvernnftiges
Zusammentreffen, Mittagstisch und Mittagspost. Eine einzige Zeile ist oft
imstande, einem die schnste Mahlzeit zu verderben. Ich habe mir schon oft
vorgenommen, whrend des Essens keine Zuschrift mehr anzusehen, aber immer
siegte wieder die Neugierde. Eine einzige Post im Tage gengte; frh nchtern
oder abends abgestumpft wre sie am ungefhrlichsten. Viermal im Tage, welch'
ein Wahnsinn! Viermal Empfangsstunde tglich fr Krethi und Plethi! Siehst Du,
das nennen die Affen die Triumphe des Fortschrittes.
    Es sind viele Sachen heute, wohl auch noch Gratulationskarten.
    Hier: von der Hlle - Unsinn; hier: von Bankier Weiler, Einladung ihn zu
besuchen. Ich bin nmlich gestern erst in Geschftsangelegenheiten bei ihm
gewesen. Er kann mir gewogen bleiben. Die Sache wegen Ludwig mache ich
schriftlich ab. Du glaubst nicht, wie ekelhaft so ein Geldkrmer sein kann.
Hier: eine Anfrage von einem gewissen Pfaffenzeller, einem Verwandten von
unserem Architekten Zwerger, wann er mich besuchen drfe in einer sehr
persnlichen Angelegenheit. Ich habe ihm zu einer Stellung verholfen, nun soll
er mich geflligst ungeschoren lassen. Das ist auch so ein moderner Nimmersatt
auf allen Suppen. Hier: ein Pumpgesuch von Peter Schlemming. Lcherlich. Weit
Du, der vor zehn Jahren beim Knstlerfrhlingsfest in Hllriegelskreut den
wilden Mann vorstellte, splitternackt, nur mit einem Bltterschurz und ber und
ber mit Isarschlamm beschmiert? In Grohesselohe hat er in einem Jahr drei
Kellnerinnen unglcklich gemacht. Kurz, ein Wildschwein. Und ewig mit der
Polizei in Fehde. Mich anpumpen! Seit Jahren gre ich ihn nicht mehr. Du hast
doch von seinen Skandalen gehrt?
    Gehrt und wieder vergessen. Solche Menschen sind nicht wert, da man ein
Gedchtnis fr sie hat. Der Braten wird kalt, bitte.
    Und nun zum Nachtisch den dicken Brief.
    Da bin ich neugierig, sagte Brigitta und rckte Schsseln und Teller
zusammen.
    Von Zwerger, von Joseph Zwerger!
    Brigitta hielt den Atem an. Also hatte sie doch richtig geahnt.
    Ein ganzes Buch! Das sieht dem Sonderling hnlich, lachte Drillinger, das
Siegel lsend.
    Lesen Sie nur den Anfang und das Ende und eine Stichprobe aus der Mitte und
sagen Sie mir, ob es Gutes ist, bat Brigitta.
    Der Anfang ist ganz Zwergersche Art: eine Gewitterschilderung, der Schlu -
warte nur! - Bewunderung der heldenhaften Brigitta, die das Unertrglichste
ertrgt, mich! - dann noch eine lange Nachschrift. Aus Neapel datiert. Und eine
Stichprobe aus der Mitte ...
    Drillingers Augen fielen zufllig auf die Stelle: Und wenn Du nach einer
seligen Stunde am Busen des s verbuhlten Weibes. Er schlug hastig das Blatt
um, dann las er: Flora Kuglmeier scheint mich mit ihrer Besuchszusage ...,
noch ein Blatt berschlagend.: Nun glaubst Du aber selbst, da die
geheimnisvolle Flora Kuglmeier ... das letzte Blatt mit der Nachschrift
hervorziehend: Flora hat nicht aufgeschrieen, ist nicht in Ohnmacht gefallen
...
    Mit humoristischem Lcheln zu Brigitta, indem er die Bltter zusammenschob:
Liebe Alte, ich glaube, das ist nichts fr Dich. Dein Platoniker ist in der
heien Sonne Sditaliens vom Pfade der Enthaltsamkeit gewichen. Der dicke Brief
ist ein erotischer Roman, nach den Stichproben zu schlieen ... Aber mit dem
Lobe, das er Dir zollt, kannst Du wahrhaftig zufrieden sein. Du hast's ihm
angethan.
    Ach, Sie scherzen. Ich bin sehr glcklich, da er wieder geschrieben und so
viel. Gewi stehen schne und erhebende Gedanken darin. Wenn Sie den ganzen
Brief gelesen haben, teilen Sie mir mit, was Ihnen passend dnkt, schlo sie
lchelnd. Und im Aufstehen: Ich will Gott danken fr den schnen Tag, den er
mir in seiner Gnade beschieden hat.
    Am Abend setzte sich Drillinger hin, eine Antwort an Zwerger zu schreiben.
Der Brief hatte ihn seltsam gepackt. Ja, ich mu mich aufraffen, aufraffen!
rief er ein ums andere mal, voll Unruhe das Zimmer durchmessend. Dann setzte er
sich wieder an den Schreibtisch und ordnete mhsam seine fliegenden Gedanken mit
der Feder in der Hand. Lieber Zwerger, wenn wir uns mit dem Blick ansehen
knnten, mit dem andere uns ansehen, es wre nicht auszuhalten. Jeder liefe vor
sich selbst davon. Aber ich glaube, jeder Verkehr, auch der freundschaftlichste,
beruht auf einer Illusion. Jedes Urteil eines Menschen ber einen anderen, und
wenn es noch so ehrlich, hat ein Miverstndnis zur Grundlage. Wir ergrnden und
verstehen uns selbst nicht - und dennoch bilden wir uns ein, andere zu ergrnden
und zu verstehen! Dein Brief hat mich an einem Scheideweg getroffen. Ich bin
entschlossen und hoffe zuversichtlich, richtig gewhlt zu haben. Auch Du
scheinst mir an einem Wendepunkt in Deinem Leben angelangt zu sein. Nimm Dich in
Acht und traue Dir nicht zu viel zu! Wenn Du so viel Widersinn ber Dich
zusammentrgst und in die Wagschale wirfst wie Du ber mich zusammgehorcht und
ausspintisiert hast, dann -
    Er legte ermdet die Feder weg.
    Ich will erst morgen den Achthuber aufsuchen und ihn ber die Flora
Kuglmeier ausholen, bevor ich weiter schreibe. Ich will erst einmal darber
schlafen. Es eilt brigens gar nicht. Der Zwerger knnte Wunder glauben, welches
Ereignis von grter Tragweite sein konfuser Brief in meinem Leben bedeute ...
Und diese architektonischen Schnurren! Macht denn die Isar pltzlich alle
Menschen verrckt?
    Am nchsten Tage war ein harter Witterungsumschlag eingetreten; der Frhling
war wie ausgelscht. Ein niedriger, grauer Wolkenhimmel mit kalten Regenschauern
umfing die Isarlandschaft und nahm ihr allen Glanz, allen Duft und alle Wrme.
Eisige Windste fegten ber die bayerische Hochebene, pfiffen in den Mnchener
Straen um alle Ecken, peitschten die Isarwasser gegen ihre Strmung und lieen
die Gesichter der Menschen, die sich schon auf laue Sonnentage eingerichtet
hatten, blau und rot anlaufen. Erstarrt hing das junge Grn an den Allee- und
Uferbumen, und die ersten Knospen und Blten waren von den Eisesschauern des
Todes bis ins Herz getroffen.
    Brigitta lie das Zimmer heizen und jammerte: Das wird ein bses Jahr. Ein
Unstern waltet ber diesem Frhling. Erst die heie Luft zur Unzeit und jetzt
sibirische Klte. Meine Ahnungen trgen nicht; sie prophezeien Schlimmes.
    Richtig verschlechterte sich das Wetter von Tag zu Tag. Drillinger fhlte
sich sehr elend. Er frstelte in seinem Winterpelz. Zwergers Brief ging ihm
nicht mehr aus dem Sinn. Die Beantwortung war stecken geblieben. So oft er die
Feder ansetzte, bemchtigte sich seiner Stimmung eine unerklrliche Zagheit. Er
war entrstet ber Zwergers Anmaung - wie er's nannte - sich in die intimsten
Herzens- und Gemtsangelegenheiten anderer einzumischen. Das verdiente
eigentlich keine Antwort, aber wenn eine, dann die schneidendste und
abweisendste gegen dieses aufdringliche Genieprotzen- und moralisierende
Zuchtmeistertum ...
    Brigitta sah mit wahrem Schmerz diesem inneren Kampfspiele zu, das sich
immer deutlicher in Drillingers Gesprchen, Monologen und wechselnden Launen
abspiegelte. Jetzt riet sie selbst zur Abreise. Die Antwort auf Zwergers Brief
drnge auch nicht, ja; sei ganz berflssig, da der Architekt in einigen Monaten
selbst komme. Mndlich verstndige man sich viel leichter. Zwerger sei doch ein
ganzer Mann, wenn auch etwas derb und hochfahrend; sie verspreche sich sehr viel
Gutes von seiner Rckkehr, auch fr Drillingers Lebensfhrung. Sie erinnere sich
noch, wie er ihr einmal den Plan eines Familienhauses entwickelt habe, das er
mitten im Buchenwald auf dem hchsten Punkt der Isarufer, weithin die
Landschaft, Alpen und Ebene beherrschend, erbauen und dem er den Namen
Lugtrutz geben wollte. Ja, etwas Trutziges hat er ...
    Ach, alle Welt ist wider mich! rief Drillinger aus. Es giebt keine
uneigenntzige Freundschaft mehr, nur lauernde Feindschaft in der Maske des
Wohlwollens, um uns in einer schwachen Stunde um so sicherer zu verderben.
Traust Du dem Zwerger, Brigitta? - Sei still, ich traue ihm nicht. Er ist ein
Spekulant, wie der Weiler, der Schmerold, der Raler ...
    Der Name war heraus. Er bi sich auf die Zunge. Schnell fuhr er fort in
klagendem Tone: Lauter Industrieritter, jeder in seiner Art, Knstler und
Unknstler, Christ und Jude, Millionre und andere Schelme ...
    Brigitta suchte zu seiner Snftigung einigermaen auf seine Anschauungen
einzugehen: Was mir an Zwerger auch nicht so ganz gefllt ist, da er aus der
Ferne auf Mnchen schimpft. Das ist unschn und unklug, ntzt auch gar nichts.
Er soll herkommen und sich seinen Platz erobern und dann zeigen, da er das
Bessere leisten kann. Ich bin eine Kraft, das ist leicht gesagt. Eine Kraft mu
sich in der That und Wahrheit bewhren. Und das mit der gewissen Flora
Kuglmeier, die wir freilich gar nicht kennen, scheint mir auch ein frivoles
Abenteuer. Aber das wird sich alles mit der Zeit aufklren ... Wollen Sie nicht
zum Bildhauer Achthuber gehen? Der Besuch wird Sie zerstreuen. Gehen Sie hin.
    Den ersten besseren Tag. Meinetwegen. Obwohl mir vor neuen Bekanntschaften
bangt ... Und der Tag kam. Die Frhsonne durchbrach mit majesttischer
Strahlengewalt das bleischwere Gewlkdach, das ber die durchweichte, triefende
Erde gespannt war, zerteilte die Rauchschwaden, die sich aus den Fabrik- und
Bruereischlten ber dem Isarthale zusammengeballt hatten, da die Frauentrme
und der Petersturm mit ihren Spitzen wie in einem dicken, schwarzen, stinkigen
Nebel staken; die Kette der Alpen hellte sich auf und erschimmerte in tiefem
Blau mit den weileuchtenden Schneefalten, und im krftigsten Grn jagten die
Isarwellen durch die wie erlst aufatmende Frhlingswelt. In wenigen Stunden
hatte die Sonne alle Nsse aufgesogen und alles prangte wieder in warmer
leuchtender Farbe.
    In gehobener Stimmung machte sich Max v. Drillinger auf den Weg, den
Bildhauer Achthuber zu besuchen. Recht sonderbar: er hatte schon allerhand von
diesem Knstler gehrt, der zur uersten Linken von der Partei der
Unabhngigen gehrte, auch manches seiner Portrtwerke hatte er schon im
Kunstverein gesehen und bewundert, manche lobende und noch fter manche
niedertrchtig herunterreiende Kritik ber ihn gelesen, allein es war ihm
bisher nicht in den Sinn gekommen, sich um die persnliche Bekanntschaft dieses
Mannes zu bemhen. Jetzt schreibt ihm dieser unangenehme, weil in alles
dreinschwatzende Zwerger aus Neapel: Flora Kuglmeier wnscht, Du mchtest die
Bekanntschaft des Bildhauers Achthuber machen - und flugs zieht er aus, dem
Wunsche zu willfahren. Was geht ihn eigentlich Achthuber und die ihm gnzlich
unbekannte Jungfrau Kuglmeier an? Kuglmeier! Es ist zum totschieen: eine
ixbeliebige Kuglmeier die neueste Flamme dieses Platonikers Zwerger, des
nmlichen Zwerger, der seit seiner Leutnantszeit die unerhrte Marotte
kultivierte, sich in den weiberfeindlichen Schopenhauer zu verlieben, um in der
Philosophie dieses Pessimisten ein Gegengift gegen weibliche Verfhrung und ein
Schonungsmittel seiner moralischen und physischen Kraft zu finden, Pessimist zu
werden, um Optimist bleiben zu knnen! Als wenn sich einer im Falschschreiben
ben wollte, um im Rechtschreiben sattelfest zu bleiben!
    Drillinger brach diesen Gedankengang ab, als er beim Garten des Flowirts in
der Mhlgasse, beim Eingang ins Lehel, einem ihm ehemals befreundeten Polizeirat
begegnete. Der Anblick dieses mehr geheimen als ffentlichen Organs der
staatlichen Ordnung jagte ihm eine neue Idee durch den Kopf.
    Aus ein Wort, Herr Polizeirat!
    Ach, Sie, Herr Baron, eine Ewigkeit ... antwortete der geschmeidige Beamte
in Cylinder, berrock und Glachandschuhen.
    Nein, ich will Sie nicht belstigen, nur eine Frage ...
    Bitte, ich begleite Sie gerne ein paar Schritte.
    Die Sache ist die: ich wnsche Ihren Rat. Ich habe neulich im Caf Paul
zufllig eins unserer Kutscherbltter, die Freie Volkszeitung angesehen und im
sogenannten humoristischen Teil, wo die bestellten Ehrabschneidereien und
Skandalgeschichten florieren, eine lansbbische Schnaderhpfelei gefunden, in
welche mein Name verwebt war. Gleichzeitig erfuhr ich von einem Bekannten, da
mir die Ehre zugedacht sei, in der Kloake in der bekannten Weise verherrlicht zu
werden. Was hat ein ruhiger Staatsbrger unserer Haupt- und Kunststadt zu thun,
um sich dieser journalistischen Wegelagerer in anstndiger Weise zu erwehren?
    Entweder sie zu ignorieren oder sie beim Gericht zu belangen.
    Das Ignorieren geht in gewissen Fllen schwer, Herr Polizeirat, zum Kadi zu
laufen und allen Chikanen unserer Prozeordnung in Beleidigungsklagen sich
auszusetzen, noch schwerer. Und was erreicht man? Im besten Falle eine
Verurteilung des Hallunken zu einer kleinen Geld- oder Freiheitsstrafe. Die Ehre
wird ja in unserer neuen deutschen Gesetzgebung so billig taxiert, billiger, als
ein gestohlenes Paar Stiefel! Und dann? Der Prebandit rcht sich fr seine
Verurteilung durch neue Angriffe, nur da er sie jetzt so stilisiert, da ihm
auch das Gericht mit der schwerflligen Paragraphenmaschinerie nicht mehr
beikommen kann. Nein, das ist nichts. Wissen Sie mir keinen andern Weg?
    Der geschmeidige Polizeirat zuckte die Achseln und blickte seitwrts.
    Vor die Mndung einer Pistole fordern kann und darf man diese Schufte auch
nicht. Gewhnlich sind sie ja durch ihren berflu an Bildungsmangel und
getrbter Vergangenheit berhaupt nicht satisfaktionsfhig; der Kloakenchef ist
zudem noch ein Krppel und bezieht ein Almosen aus dem Reichsinvalidenfond. Wie
soll sich ein Offizier zu diesen Bettelsuppen-Kreaturen stellen! Ganz unter uns,
Herr Polizeirat, was wrden Sie in meinem Falle thun?
    Der Polizeirat blickte sich erst vorsichtig um, dann machte er mit
lchelnder Miene mit der Rechten die pantomimische Bewegung des Durchprgelns:
Aber sich nicht erwischen lassen! lftete grend den Cylinder und empfahl
sich.
    Gut, dachte Drillinger, als erste Abschlagszahlung werden das ja die
Herren Studenten durch ihren Hans Rindler besorgen lassen. Und er setzte seinen
Weg nach dem Gries fort, nicht ganz unzufrieden mit dem Ergebnis seiner
Unterredung.
    Der gewrfelte Polizeirat aber resmierte in Gedanken Begegnung und Gesprch
so: Dem Drillinger brennt seine Situation auf die Ngel und nun mchte er sich
als unschuldiges Opferlamm hinstellen. Fr so herzhaft htte ich ihn aber
wirklich nicht gehalten, seinem schlechten Gewissen auf diese Weise Luft zu
machen. Ohne Zweifel hat er Wind davon, da wir durch eine wertvolle
Denunziation seiner verrterischen Verbindung mit dem Agenten der franzsischen
Spionage, dem Kognak - Musterreiter Paillard, auf der Spur sind. Nun spielt er
bei der ersten persnlichen Begegnung mit einem Polizeiorgan den Naiven! Der
wird Augen machen, wenn wir einmal das Material soweit beisammen haben, da wir
ihn mitsamt seinem Bankier Weiler aufheben und einspunden knnen ... Und dann zu
guterletzt, als den Dritten im Bunde, den Prebanditen selbst!
    Das Atelier des Bildhauers Achthuber lag an dem Knie, welches die
Wscherinstrae Gries mit dem Gchen Zum Rosenbusch bildete, ganz am
nrdlichen Ende des Lehel-Stadtviertels. Es war ein hoher, neuer Bau, der, von
auen erkennbar, auer der Werkstatt nur noch wenige Rume zum Wohnen enthielt.
Die weigetnchte Wand gegen die Straenseite zeigte neben der Eingangsthr ein
sehr groes Atelierfenster und daneben einige kleinere schmale Fenster. Jenseits
der chaussierten Strae, die vom Englischen Garten hinauffhrte, dehnten sich
hinter einem niedrigen Plankenzaun Rasenpltze, die der Bebauung harrten, und
Wiesen, mit alten Pappeln beseht und von Bchen durchzogen, die in die nahe Isar
mndeten, nachdem sie ihrer Dienstbarkeit als treibende Kraft in den stdtischen
Mhlen und Fabriken entronnen waren.
    Ich stre bei der Arbeit? Verzeihung, Herr Achthuber! sagte Drillinger,
die Thr in der Hand behaltend, unentschieden, ob er eintreten oder sich wieder
zurckziehen solle. Mein Name ist Max v. Drillinger. Ich kann wohl spter
vorsprechen ...
    Am Modelliertische mitten im Atelier stand ein mittelgroer Mann von echt
germanischem Typus in nachlssig stolzer Haltung, den hellen, durchdringenden
Blick fest auf den Eintretenden gerichtet, in der einen Hand einen nassen
Thonbatzen, in der andern das Modellierholz, die rmel aufgestlpt, den Kopf mit
einer Richard Wagner-Mtze bedeckt, die der Knstler jetzt mit dem Handgelenk in
den Nacken streifte.
    Nein, bitte, eintreten! Man strt mich immer, aber das schadet, nichts. Ich
arbeite ruhig weiter. Kommen Sie nur herein, Herr Baron. Willkommen!
    Das klang so fest, ruhig und herzlich zugleich, da Drillinger entschlossen
die Thr hinter sich in die Klinke drckte und mit ausgestreckter Hand aus den
Bildhauer zutrat.
    Ja, lachte dieser, die Hand kann ich Ihnen noch nicht geben, die ist ganz
voll Schpfungsdreck, Erdenklo, wie's in der Bibel heit. Das knnen wir dann
nachholen. Bitte, suchen Sie sich einen Platz, dort am Vorhang, da ist noch ein
leidlicher Stuhl. Nicht wahr, es sieht schrecklich unsauber bei mir aus?
Entschuldigen Sie, mein Modell wird unruhig. Nur noch ein Viertelstndchen, dann
sind wir mit dem Hiob fr heute fertig.
    Das Modell, ein alter Herr mit verwildertem Kopf und entbltem Oberleib,
hockte auf einem Tritt in der Ecke.
    So, jetzt wieder stillehalten, Mister John, reden drfen Sie jetzt auch
wieder, dieser Herr hier verrt nichts, das ist ein Kunstfreund und
Menschenfreund zugleich. Und gegen Drillinger gewendet: Mister John ist
nmlich kein Professionsmodell, Herr Baron, sondern ein guter alter Freund von
mir aus meiner amerikanischen Zeit. Er leistet mir einen groen Dienst, indem er
mir sitzt.
    Der alte Herr seufzte. Seine Stellung war so, da er den Baron nicht sehen
konnte.
    Whrend Drillinger dem Knstler in rcksichtsvoller Entfernung ber die
Schulter blickte, flsterte ihm dieser zu: Sie haben es gut getroffen, Herr
Baron. Der alte Herr ist nmlich nicht ganz ... Achthuber deutete mit dem
Modellierholz nach seiner Stirn. Sie werden es gleich hren. Ein toller
Weltpilger.
    Fahren Sie nur in Ihrer Erzhlung fort, Mister John, ich arbeite ganz gut
dabei, Sie wissen ja, wie mich jedes Wort interessiert. Und sich wieder
flsternd gegen Drillinger neigend: Es beruhigt ihn nmlich, wenn er vor mir
seine Wahnideen auskramen kann. Ich kenne die nrrische Geschichte lngst
auswendig. Hren Sie nur, es ist psychologisch nicht ohne Reiz, oder wenn Sie
lieber wollen, sehen Sie einstweilen meine Sachen an.
    Drillinger stubte den Stuhl mit seinem Taschentuch ab und setzte sich
nieder. Achthuber schaffte emsig weiter und nahm vorerst keine Notiz mehr von
ihm. In was fr eine Gesellschaft bin ich da geraten? fragte sich Drillinger
kopfschttelnd und betrachtete sich die merkwrdige Umgebung. Von den Wnden
grinsten allerlei Karikaturen in Kpfen, Reliefs und Medaillons auf ihn herab
...
    Nun, Mister John, wo sind wir stehen geblieben? ermunterte der Bildhauer
sein noch immer in Schweigen verharrendes, nur unruhig mit dem Kopfe wackelndes
Modell. In Amerika, nicht wahr?
    Jetzt ertnte eine leise, hohle Stimme wie aus dem Grabe, ohne Betonung ber
die Stze hingleitend: Mittlerweile war meine Familie aus Amerika zurck. Nur
Afra war drben geblieben. Schreitet man unentwegt ber tausend Steine zum Ziele
menschlicher Harmonie, so erscheint man dnkelhaft oder verrckt. Tadelt man
begegnendes Unrecht in jeder Gestalt, so schreien die Gestrten und die Feigen:
Bsewicht! 1862 hat ein Herr hier auf der Maximiliansbrcke im Vorbeihuschen mir
- warum? - zugeraunt: Kommen Sie nur einmal wieder nach Newyork, dann sollen Sie
etwas erleben, und der nmliche 1870 auf dem Broadway meiner Afra: You only come
to Munich again you shall see!
    Ziehen Sie die linke Schulter ein wenig hinauf, mein lieber John! mahnte
Achthuber.
    Die warme, feuchtdunstige Luft und das Atelierlicht wirkten auf Drillinger
einschlfernd. Die Rede des Alten tnte ihm wie Ammensingsang. Er empfand nur
einen krperlichen Eindruck und wute nichts daraus zu machen. Eine wunderbar
ergreifende Medusa ber der Thr faszinierte ihn.
    Mister John fuhr fort: Afra war mir damals noch nicht nahe getreten. Heute
erinnere ich mich an allerlei Mnchener Redensarten aus meiner ersten
amerikanischen Zeit. Dann mute ich das Klima und das Leben dort meiden. Ich
ging ber den Ozean und das war unser Unglck; sie konnte meine Abwesenheit
nicht ertragen. Die Familie, in deren Scho sie Aufnahme gefunden, verlangte
Garantien fr meine Rckkehr. Bei Mitrauen soll sie mitkommen, hatte ich
erwidert. Und dann war sie tot, tot, tot ... Dann kam der Teufel ber sie: Du
hast sie gemordet, und sie drohten. Beobachtung, Argwohn, Flstereien berall,
wohin ich kam, in London, Paris, Berlin. Um so satanischer, als ins Kalkl
fielen meine Einsamkeit, Unthtigkeit, Nervositt, Provokationsgruben, der
Chauvinismus, royalistische Verbindungen ... Die in weiter Welt auf Revanche
oder Rankne lauernden Widersacher; endlich die Hoffnung, ich mchte irgendwo
noch irgendwas begehen, woraus man Greifbares gegen mich schmieden kann. Aber
Mister John thut das nicht ...
    Nein, er thut das nicht, sagte Achthuber fest und gtig, aber mein lieber
John, neigt jetzt den Kopf ein wenig nach links, dann sind wir gleich fertig.
    Drillinger wandte den Blick auf den Boden und scharrte mit dem Fu ein
zerrissenes Zeitungsblatt nher heran. Achthuber gewahrte es und lchelte. Es
war eine Nummer der Kloake.
    Das Hiobmodell sprach unermdlich weiter: Bald hatte man gleichgestimmte
Seelen, Flachkpfe, Schufte auf Seite der Hetzlustigen. Gewohnheitsverbrecher
scheinen davon angeekelt worden zu sein, sonst htte deren Augenblicknutztrieb
mich auf einem entlegenen Weltgange beseitigen gekonnt. Endlich stutzten die
Braven in der Millionenstadt und rckten. In Mnchen rauscht die Isar, der
Andere ist jetzt stille. Manche gaben mir ihre Sympathieen zu verstehen. Was
seitdem in der Umgebung sich abgespielt hat, davon wissen viele Vieles.
Verrckter Mann! Abschaffen, asylieren, exilieren - Weltstadttne, die hier
nicht klingen. Hochstehende werden berall dpiert, meiden direkte
Kenntnisnahme, sind ohne Gegengewicht. In ihrem durchseuchten Hohlraum werden
die Martern als verdiente betrachtet. Mich als schuldig hinzustellen! Hahaha. So
lang die Kleine lebt ...
    Und jetzt sind wir fertig fr heute. Danke, alter Freund John. Darf ich Sie
morgen Vormittag wieder erwarten?
    Der Alte ordnete seine Kleider und verschwand leise. Achthuber nickte ihm
einen stummen Gru nach, dann deckte er ein nasses Tuch ber die Figur auf dem
Modelliertischchen, wusch und trocknete sich die Hnde und ging auf Drillinger
zu. Und nun erst Gr Gott, Herr Baron, Ihr Besuch ist mir angenehm; er wurde
mir schon von Italien aus avisiert. Sie selbst sind mir ja kein Fremdling. Ich
bedauere nur, da ich Ihre Geduld auf die Probe stellen mute.
    Das macht nichts, Herr Achthuber; das nichtsnutzige Frhlingswetter liegt
mir ein wenig in den Gliedern und macht mich schlaff, sonst htte die
interessante Szene, der ich beiwohnen durfte, mich gewi mehr angesprochen.
    Ja, dieser Mister John ist ein unbezahlbares Studienobjekt. Sein
eigentlicher Name ist Flocker. Man siehts dem harmlosen Verrckten nicht an, was
er schon alles hinter sich hat. In jedem Frhjahr kommt er zur Kur nach
Brunnthal. Ein familien- und heimatloser Kunstgelehrter, durch eine kleine Rente
unabhngig gestellt, durchpilgert er die Welt. Als ich vor drei Jahren in
Amerika weilte, machte ich seine Bekanntschaft. Seitdem besucht er mich
regelmig. Herzensgeschichten, die ihm den Verstand angebrannt haben, fesseln
ihn auch ein wenig an mich. In meiner kleinen amerikanischen Braut - sie ist
gegenwrtig in einem Dresdener Pensionat - will er das Abbild seiner zu Grunde
gegangenen Geliebten erkannt haben; auch der Zufall des Namens scheint ihm
imponiert zu haben. Aber was schwatze ich da von deutsch-amerikanischen
Abenteuern, kommen wir zu unsern gemeinsamen Freunden, unserm Architekten
Zwerger und seiner Verlobten Flora Kuglmeier!
    Drillinger machte groe Augen: Seiner Verlobten, sagen Sie?
    Ich plaudere vielleicht aus, was er noch geheim gehalten wissen will. Aber
es ist so. Frulein Flora hat mir die berraschende Nachricht erst diesen Morgen
geschickt und mir zugleich Ihren Besuch angekndigt.
    Ich finde den Zusammenhang nicht ...
    Den werden Sie gleich haben. Wollen Sie sich da herauf bemhen? Hier sitzt
sich's besser. Achthuber war die Treppe an der Schmalwand des Ateliers
hinaufgeeilt und hatte den grnen Vorhang zurckgeschlagen. Hier ist mein
Plauderwinkel und mein Observatorium.
    Es war ein lauschiges Gemach, zeltartig aus bunten Binsenmatten und
Teppichen gebildet und mit einem fellbelegten Divan ausgestattet.
    Nachdem sich die Herren niedergelassen hatten nahm Achthuber seinen Bericht
wieder auf: Meine nhere Bekanntschaft mit Zwerger verdanke ich meinem kurzen
Rom - Aufenthalt im letzten Winter. Wir sprachen viel ber die Mnchener
Kunstzustnde, tauschten unsere Zukunftsplne aus, - ein genialer Mensch, voll
Feuer und Phantasie! - weitgereist und viel erfahren wie wir beide waren,
gewohnt, die Dinge von groen Gesichtspunkten zu betrachten, fanden wir uns
schnell; ich stellte ihm noch meine ehemalige Schlerin - im Zeichnen und
Modellieren - die nicht weniger geniale Flora Kuglmeier vor, Exhauslehrerin
eines weitlufigen Vetters von mir ... (hier hstelte der Sprecher
unwillkrlich ein wenig) und reiste dann wieder ab. Dringende Aufgaben riefen
mich nach Mnchen zurck. Ich machte mir berdies nicht bermig viel aus
Italien ... Ja, ja, Herzen haben ihre Schicksale: Zwerger schien mir das
Ewigweibliche etwas von oben herab zu nehmen, schopenhauerisch infiziert, wie
mir schien - und jetzt, wie's halt jedem beschieden ist, wenn sein Stndlein der
Einkehr und der definitiven Entschlsse geschlagen hat. Ich gnn' ihm das
seltene Glck.
    Von alle dem hat er mir nichts geschrieben. Sein letzter Brief schien mehr
eine bermtige Humoreske, worin allerdings der mir bis dahin fremde Name Flora
Kuglmeier gar sonderbar gaukelte. Wer ist denn die Dame eigentlich?
    Fragen Sie vielmehr, Herr Baron, was ist denn die Dame eigentlich, und ich
antworte Ihnen: eine Perle! Ah, Sie schtteln den Kopf? Ich war auch lange ein
sndhaft unglubiger Thomas. Sie knnen sich ja denken, ein Knstler, nicht
wahr, der Verkehr mit den Modellen, den professionsmigen und - den andern; da
kommen die Damen nicht, uns ihre Tugend und Keuschheit anzubieten oder uns mit
frommen Bugedanken zu kdern. Und wir sind ja allzumal Snder - ich mu Ihnen
nur gelegentlich einmal meine intimeren Skizzen zeigen, proh pudor! - aber ich
schwre Ihnen bei meiner Knstlerehre, bei der kleinen Flora Kuglmeier lernte
ich Respekt.
    Das ist allerdings seltsam, sagte Drillinger in Gedanken und lie seinen
Blick ber die prachtvolle Figur des Knstlers gleiten.
    Glauben Sie mir, Herr Baron, diese Erfahrung war mir eine wahre
Herzstrkung. Zuerst freilich war ich ein wenig beschmt, dann aber jubelte ich
auf: Gott sei Dank, es giebt noch reine Frauenherzen und Frauenleiber! Besonders
fr einen Knstler ist diese Erfahrung notwendig und dieser Glaube ... Im
Keuschen liegt eine gttliche Kraft. Unser Zwerger ist ein seliger Mann. Jetzt
ist er geborgen. Jetzt wird er sich auch zum rechten Zielbewutsein
aufschwingen, nachdem sein Leben ein Zentrum in der Liebe gewonnen. Wenn ihm die
Umstnde nur ein wenig hold sind, wird er mit der Ausfhrung seiner Isarplne
seine Knstlerlaufbahn krnen.
    Was ist es denn eigentlich mit diesen Isarplnen?
    Das ist leicht und schwer zu sagen, je nachdem. Im Prinzip handelt es sich
darum, diese landschaftlich einzigen Baupltze an den Isarufern der gemeinen
Zinshaus-Bauspekulation zu entreien und sie einem dem knstlerischen Ruhme
Mnchens wrdigen Zwecke zu weihen. Es gilt da freilich zunchst einen heien
Kampf mit dem barbarischen Mammonismus, der alles phantasievoll Grandiose,
sofern es nicht sofort rentierlich im kapitalistischen Sinne, mit Fen tritt.
Und hier soll fr die Kunststadt Mnchen eine Entscheidungsschlacht geschlagen
werden, welche die knstlerische Vorherrschaft Bayerns auf Jahrhunderte hinaus
in Deutschland befestigen oder vernichten soll. Ein halbes Dutzend lumpiger
Millionen und der knigliche Schutz - und die Isarufer bedecken sich nach den
Zwergerschen Entwrfen mit Kunstausstellungsbauten, Museen, Galerieen,
dazwischen Privathusern im reichsten Pavillonstil, Grten, Anlagen,
Brunnenwerken, Statuen und so weiter, wie die Welt nichts hnliches gesehen ...
    Drillinger lchelte: Millionen und kniglicher Schutz! Unter den bekannten
obwaltenden Umstnden!
    Vorerst heit's nur Zeit gewinnen - fr die Vernderung der
augenblicklichen Umstnde. Von heute auf morgen kann ein ungeheurer Wechsel
eintreten. Der Knig ist krank, weltflchtig, regierungsmde. Er hat
Auerordentliches fr das Kunstgewerbe geleistet, ja, man kann sagen, da er das
bayerische Kunstgewerbe geschaffen und auf die gegenwrtige Hhe gebracht hat.
Aber jetzt sind seine Mittel erschpft. Er ist am Ende seiner Kraft. Ultra posse
nemo obligatur. Nicht einmal ein Knig. Lassen Sie die Krone auf ein anderes
Haupt bergehen ... In diesem Sommer feiert Mnchens Knstler- und Brgerschaft
das Ludwigs - Jubilum, die Hundertjahrfeier der Geburt Ludwigs I., des grten
Kunstknigs. Sein zaubermchtiger Geist ist im Wittelsbacherhause noch heute
lebendig; stellen Sie ihn im rechten Mann auf den rechten Fleck und Sie werden
Wunder erleben!
    Ich bewundere ihren khnen Gedankenflug, obwohl ich ihm nicht zu folgen
vermag. Industriealismus, Kapitalismus, sie haben nun einmal das Heft in Hnden
und werden sich's nicht durch die glnzendste Knstlerphantasie entwinden lassen
... Selbst knigliche Macht ... Die Zeiten Ludwigs des Ersten sind nicht mehr
die Ludwigs des Zweiten ...
    Es klingelte. Achthuber eilte an die Thr und steckte den Kopf hinaus.
    Nein, Isidor, melden Sie dem Herrn Bankier Weiler, da ich ihn jetzt
unmglich befriedigen kann ... In vierzehn Tagen wollen wir sehen ... Wie?
Pfand? Er soll sich selbst oder den Gerichtsvollzieher herausbemhen und sich
nehmen in drei Teufels Namen, was ihm gefllt. Bargeld hab' ich jetzt nicht. Den
Wechsel nehmen Sie nur wieder mit. Adieu ... Nochmal: nein! Vorwrts, sag' ich
... Betrachten Sie sich meinetwegen als hinausgeworfen ...
    Die Thr flog zu. Zwischen den dichten rtlich-blonden Augenbrauen des
Knstlers stand eine dstere Falte.
    Zu Drillinger zurckkehrend: Ich bitte um Vergebung. Ja, ja, das Geld im
Kleinen ist ein schndliches Ding. Mein Bankier hat eine wahnsinnige Inkasso -
Wut ... Mit Millionen! ist bequemer arbeiten, die sind weit nobler und
gefgiger, als die Tausender. Kleine Summen sind immer plebejisch ...
    Drillinger hatte sich schweigend erhoben. Der Zwischenfall, von dem er
unfreiwilliger Zeuge gewesen, drckte auf seine Stimmung und lie die kaum
verscheuchte Schwermut wieder die Oberhand gewinnen.
    Wollen Sie einen Blick auf meine Arbeiten werfen? fragte Achthuber sich
zusammennehmend. Es sind Einflle darunter, die Ihnen nicht mifallen werden.
Einzelne frhere Werke werden Sie bereits vom Kunstverein her oder aus Kritiken
kennen. Was ich im Kunstverein ausstellte, war natrlich dummes Zeug,
Schaugericht fr Krethi und Plethi; ist auch lngst verkauft. Dergleichen mache
ich nie wieder. Konzessionen schwacher Stunden und gewisser Bedrftigkeiten,
deren man sich besser schmt. Die Kritik pflegt solche Snden natrlich mit
hchstem Lobe auszuzeichnen. Waren Sie nicht selbst eine zeitlang kritisch
thtig? Es ist mir als ... kurz vor meinem Abstecher nach Amerika ...
    Meinen Sie mein journalistisches Unternehmen mit dem Baron Almen? Ein
unglcklicher Versuch. Seitdem habe ich die Hand von der Presse gelassen ...
    Das verdenke ich Ihnen nicht. Unsere Preverhltnisse lassen viel zu
wnschen brig.
    Wo ein Prebandit mglich ist, wie dieser Kloakenhuptling ...
    Den rechne ich nicht zur Mnchener Presse. Nein, das mchte ich unserer
Journalistik nicht anthun, so wenig ich mich ihr zu Artigkeiten verpflichtet
fhle; sie hat mich, besonders in meinen Anfngen, oft gemein genug behandelt.
Jetzt schweigt sie mich fleiig tot, das nehme ich ihr weniger bel. Aber dieser
Prebandit ist fr mich doch nur eine lustige Person. Neulich wollte er sich
auch an mir reiben, aber ich habe ihm einstweilen einige Hiebe brieflich
aufgesalzen, die fruchten werden. Ich stehe nmlich in gewissen Beziehungen zu
ihm, sehr sonderbarer Natur, von frher her, durch sein Weib ... Nicht wahr, da
staunen Sie? Kennen Sie sein Weib? Ich meine nur so ...
    Vom Sehen? Allerdings.
    Natrlich nur vom Sehen. Ich auch. Nur habe ich sie besser gesehen, als
irgend einer, als Aktmodell nmlich, in ganzer Figur, wie sie Gott geschaffen
und ein Ttowierknstler verbessert hat. Das ist eine furchtbar komische
Geschichte. Nach der Anrempelei des Prebanditen habe ich keine Veranlassung
mehr, sie lnger geheim zu halten. Also die Donna kam aus Hamburg hieher, aus
irgend einem Matrosen-Paradies. Eine teufelmige Schnheit, die hier zuerst mit
Modellstehen ihren Weg machen wollte. Die wenigsten Knstler wuten etwas mit
ihr anzufangen; auch wollte sie sich nicht weiter als bis zu den Lenden
hergeben. Da kam sie zu mir - und beehrte mich mit einem unfalichen Vertrauen.
Das heit: Hofbruhaus-Bock drei Glas, hierauf Marsala anderthalb Flaschen und
einige Fingerhte voll Chartreuse hatten sie beschwipst ... Daran war ich nicht
ganz unschuldig ... Gewisse Frauen sind erst im beschwipsten Zustande zu
ergrnden, dann aber unfehlbar ... Und meine Entdeckung! An der Innenseite
beider Schenkel von der Kniekehle bis oben hinauf ttowiert: einen Lwenkampf
unter Palmen darstellend! Die Bestien fletschen die Zhne, hauen mit den
Schwnzen um sich, packen sich im Nacken, in den Flanken - ein dmonisches
Kampfbild, naiv aufgefat, grotesk dargestellt, aber von unerhrter Wirkung an
dieser Stelle ...
    Das mcht' ich wahrhaftig ... nein, nicht in natura, aber in einer
beglaubigten Abschrift sehen.
    Der Wunsch ist berechtigt und soll erfllt werden. Sie sind zwar nicht der
Erste, dem ich's zeige, aber der Erste, dem ich den Namen der Besitzerin des
lebendigen Originales mitteile. Kommen Sie!
    Achthuber fhrte den Baron in eine verschlossene Abteilung des Ateliers.
    Das ist mein Rarittenkabinet, das ich nur ganz Intimen ffne. Einem
Freunde Zwergers biete ich den Eintritt als Gastgeschenk.
    Ich werde diese Auszeichnung zu wrdigen wissen, antwortete der Baron
verbindlich.
    Das, ist der Tempel der Natrlichkeit oder sagen wir schner: Vermhlung
von Natur und Kunst. Fr klassisch verdorbene Akademikeraugen ein Ort des
Schreckens und der Qual ... fuhr der Bildhauer fort, nachdem er von einigen
Gruppen und Statuen die schtzende Hlle, grobe, staubgraue Tcher, genommen.
Lngs der Wand standen auf einem niedrigen Simse eine Reihe von kleineren
Skizzen. Suchen Sie! rief Achthuber.
    Hier das Frauenzimmer auf dem ominsen Stuhl? Erlauben Sie, das ist
unerhrt, das ist kein Vorwurf fr die bildende Kunst!
    Der Knstler verzog die Lippen. Das mssen die Herren Nichtknstler doch
wohl den Knstlern zu entscheiden berlassen ... Sehen Sie nur genau hin, Herr
Baron, das ist wirklich der ominse Stuhl; Sie haben richtig geraten. Die genaue
Kopie des Stuhls, der im rztlichen Untersuchungsbreau von der Polizeibehrde
bekannten Damen allwchentlich angeboten wird. Der Knstler, dem nichts
Menschliches fremd sein darf, hat ein Recht, sich fr Personen, Dinge und
Zustnde nachschpferisch zu interessieren, welche in der profanen Alltagswelt
noch als die Domne des Arztes, des Polizisten, des Richters betrachtet werden.
Ei freilich, Venus, die Schaumgeborene - die Verfhrerin als strahlende Gttin -
und ihr mit Mars erzeugter Sohn Amor oder Kupido oder Eros, dargestellt als
neckischer Knabe mit Flgelchen an den Schultern, bewehrt mit Bogen und Kcher,
aus dem er Liebespfeile schiet, oder mit einer Fackel, dem Sinnbilde brennender
Liebe, diese mythologischen Kinderstubenscherze, das sind Vorwrfe fr die
echte, die ideale Kunst, nicht wahr? Nein, mein Herr, mit diesem verlogenen,
konventionellen Schnickschnack wollen wir modernen Knstler nichts mehr zu
schaffen haben. Unsere Seele schreit nach Erlsung von Unnatur und Lge, wir
sehen die hehre Schnheit nicht in der klassischen Schablone, sondern in der
Wahrheit, die vor unsern Augen liegt. Wir kehren uns nicht an die alten Muster,
wir halten uns an den Geist, der in uns selbst lebendig ist und beugen uns in
Ehrfurcht vor dem ewigen, erhabenen Urtext der Natur. Und darum schildern wir
unsere Zeit und unsere Menschen, unsere Irrtmer, Thorheiten, Leiden, Hoffnungen
und Ideale, wie die Alten die ihrigen geschildert haben. Dieser Stuhl hier und
das Weib darauf mit den ausgespreizten Schenkeln und der Gerichtsarzt davor mit
dem khlen Aktendeckelgesicht - das sind Abschnitte aus der echten, wirklichen
Venuslegende unserer Zeit, mit hoher obrigkeitlicher Approbation, ein Aufzug aus
dem hundertaktigen Drama unseres modernen sozialen Elendes, das nur diejenigen
nicht sehen, die es aus Feigheit oder eigener Niedertracht nicht sehen wollen
...
    Drillinger musterte die Gruppe aufmerksamer. Ich kann mir nicht helfen,
Herr Achthuber, so vollendet Ihr Werk auch sein mge und so frei von frivoler
Effekthascherei - man wird Sie doch der Verirrung, ja der Freude an der
Schweinerei bezichtigen ...
    Lassen Sie sich ad vocem Schweinerei eine Anekdote erzhlen, Herr Baron,
sagte der Knstler gelassen, indem er eine reizende nackte Mdchengestalt auf
der Drehscheibe so rckte, da das hellste Licht auf die Rckenseite fiel. Als
der groe franzsische Schauspieler Talma zum erstenmal den Brutus mit
entblten Armen und Beinen und echter rmischer Tunika statt in dem bisher
blichen Phantasiekostm spielte, da verlie seine Partnerin, Madame Vestris,
emprt die entweihte Bhne mit dem Rufe: Schwein! ... Heute ertragen wir nicht
nur, sondern wir fordern sogar echte Kostme im Theater und das prde Publikum
findet sich mit nackten Schultern und Armen ganz gut ab, whrend es gegen nackte
Fe oder Beine noch entrstet aufschreien wrde. Von dem Dichter oder bildenden
Knstler hingegen verlangt es nach wie vor das lcherliche Phantasiekostm der
Konvention. Die Schwachkpfe mgen es ihm geben, die starken Naturen, die
suvernen Knstler-Individualitten, kmmern sich keinen Pfifferling darum, und
wenn man ihnen auf Schritt und Tritt die, bldsinnige Insolenz
entgegenschleuderte: Was, du kannst es wagen, uns zu schildern wie wir sind - du
Schwein? Lieber Herr Baron, aus der Perspektive des modernen Knstlers gesehen,
sind alle diese Moralittsanflle pure Kindereien, und die ganze konventionelle
Moral, die den Leuten angedrillt wird, eitel Schwindel und Humbug. So lange
diese Moral herrscht, ist kein Raum fr die Sittlichkeit in der Welt. Und
Sittlichkeit thte uns so wohl wie echte Natur.
    Wer ist diese herrliche Lichtgestalt? fragte Drillinger trumerisch,
lngst nur noch Auge und den Ausfhrungen des Knstlers kaum ein zerstreutes Ohr
leihend.
    Meinem franzsischen Lieblingsschriftsteller Flaubert zu Ehren habe ich sie
Salambo getauft. Ich wei nicht, ob Sie die Geschichte von dem Tchterlein
Hamilkars kennen. Salambo ging in das feindliche Lager, schlief die Nacht ber
im Zelte des feindlichen Heerfhrers, um den Schleier der Gttin Tanit, den
dieser geraubt, wieder zurck zu holen. Eine unbefleckte Jungfrau, wie sie
gekommen, soll sie wieder nach Karthago zurckgekehrt sein.
    Drillinger seufzte ironisch. In Karthago mu dann wenigstens die
jungfruliche Keuschheit intensiver, oder die Weiberlust der Heerfhrer
bedeutend impotenter gewesen sein, als bei uns ... Je nun, die Welt ist so gro
und so verschieden ... Salambo hin, Salambo her, das ist ein wunderser
Frauenleib. Ach, ich htte ihn nicht ungenossen aus meinem Zelte entweichen
lassen - Sie wohl auch nicht, Herr Achthuber ...
    Meine keusche Salambo verfhrt Sie! sagte der Knstler in vorwurfsvoll
singendem Tone mit drohend erhobenem Finger. Herr Baron, das ist patentierte
und garantierte Jungfrulichkeit ... aller Liebe Mh' umsonst. Betrachten Sie
hier mein asketisches Ideal, das wird Sie abkhlen, oder dort meine Gruppe Leben
aus dem Tode, die Entbindung einer Sterbenden, das wird Sie erschrecken. Auch
meine Wrde der Arbeit, wie ein verunglckter halbverhungerter Knstler einem
Parven-Protzen die Stiefel putzt, ist ein gutes Ableitungsmittel fr wollstige
Gedanken. Das asketische Ideal ist eine Charakterstudie nach dem Leben des
Einsiedlers im Steinbruch von Hllriegelskraut. Lauter moderne Stoffe! Hier die
kleinen Propheten sind aus unserem Landtag, Abteilung, fr klerikal -
mittelalterliche Halluzinationen, geholt ...
    Das war umsonst geredet. Max v. Drillinger lag in Salambo's Fesseln, da er
alles andere bersah und berhrte. Diese Welt von jugendlich knospender,
taufrischer Schnheit, hat er sie nicht schon beglckt in seinen Armen gehalten?
Erinnerte dieser wonnesame Leib der Karthagerin nicht in jeder Linie, jeder
Schwellung, jeder Bebung an die zierliche Huldgestalt seiner kleinen Sngerin
Fifette? Und wie hat er sie in diesen Tagen vernachlssigt! Konnte er nicht
jeden Augenblick niedertauchen in ihre Liebe wie in einen Jungbrunnen und alles
Leid vergessen? Er hatte einen Entschlu gefat - diese Nacht bei ihr! Nun ri
er sich von dem Bilde los.
    In der That, Sie haben entzckende Sachen hier. Wenn Sie gestatten, werde
ich mir das alles spter einmal mit Mue betrachten. Ich mu in diesen Tagen
einen kleinen Erholungsausflug machen; wenn ich zurckkehre ...
    Sie sollen mir stets willkommen sein, Herr Baron. Inzwischen werden wir
hoffentlich auch neue Nachrichten von unserem gemeinsamen Freunde Zwerger
erhalten haben ...
    Wer ist das hier? fragte Drillinger im Hinausgehen, mit flchtigem Blicke
auf eine Portrtbste weisend. Den sollte ich kennen.
    Ein moderner Antinouskopf, nicht wahr? Das ist ein junger Philologe, ein
Unglcksmensch von einem Ideologen. Schlichting heit er.
    Und das hier?
    Eine Engelmacherin, sagt man. Ich will nicht darauf schwren. Man sagt ja
so vieles.
    Was Sie fr seltsame Bekanntschaften haben ... Eine Engelmacherin!
    Der Thiergarten Gottes und seiner Knstler ist gro.
    Es war der Kopf der Elisa v. Hutzler.
    Und das?
    Eine Blumenmacherin und angebliche Baronesse dazu. Als Baronesse hatte sie
gar nichts, als Blumenmacherin drei bis vier Mark in der Woche. Ihre Schwester
desgleichen. Um nicht zu verhungern ... die alte Geschichte ... Die satte Tugend
geht vorber und hlt sich die Nase zu. Die Polizei stellt eine Karte aus und
erhebt die Taxe.
    Drillinger stand sinnend, als suche er nach einer hnlichkeit mit einer von
zwei jungen Dmchen, die ihm krzlich begegnet ... auf der Maximiliansbrcke und
unter einem Thorweg ... Es ging ihm so vieles im Kopf herum. Das Leben wird mit
jedem Tag komplizierter.
    An der Thr sich umwendend, gewahrte er auf einem kunstvoll gearbeiteten
Postamente eine jugendliche Frauenbste, die ihm schon beim Eintritte
aufgefallen war, weil sie abseits von den anderen Bildwerken wie auf einem
Ehrenplatze stand. Es war ihm auch gewesen, als htte ihr der verrckte Flocker
beim Hinausgehen heimlich eine Kuhand zugeworfen.
    Verzeihen Sie eine letzte Frage, Herr Achthuber: wer thront dort gleichsam
als der weibliche Schutzgeist dieser kunstgeweihten Sttte?
    ber das edle Gesicht des Knstlers flog ein siegesstolzes Leuchten und mit
feinem Lcheln sagte er, die Kraft seiner Stimme zu geheimnisvollem Flstern
dmpfend: Meine Herzensliebschaft, meine Afra!
    Afra? fragte Drillinger nachdenklich wie einer, der sich auf verblate
Trume und erloschene Zusammenhnge besinnt. Die im Roman des Mister John eine
Rolle spielt?
    Die Art des Fragens belustigte den Knstler; sie sprach ihn an wie
frauenhafte Neugierde. Nun wollte er zum Schlu mit dem Frager eine kleine
Komdie spielen: Ich vermute sogar, da sie eine der Ursachen von Johns Irrsinn
ist, insofern, als Johns etwas berempfindliches Hirn durch die Abweisung, die
er von Afras Mutter auf sein hitziges Liebeswerben erfahren, bergeschnappt ist
... Mister John leidet zeitweilig auch an der Wahnvorstellung, er sei Afras,
meiner Zuknftigen, leiblicher Vater ...
    Nein, das Fabulieren wurde ihm doch zu schwer und es stritt auch gegen seine
Gewissenhaftigkeit, ein ihm so teures Wesen wie seine Afra in eine romantische
Komdie zu verflechten. Was wute er auch von Afras Vorgeschichte mehr, als da
ihre Kindheit im Findel- und dann in einem Erziehungshaus fr Waisenkinder in
Newyork verflossen ist? Also genug des grausamen Spiels!
    Drillinger erwiderte: Hm, seltsame Schicksale. Die Geschichte mssen Sie
mir einmal deutlich erzhlen, wenn ich wiederkomme, Herr Achthuber. Afra,
sonderbar ...
    Mit Vergngen, Herr Baron. Es ist zwar schauderhafte Romantik, und ich wei
nicht, ob ich, der Naturalist, sie Ihnen zu Dank vortragen kann. Immerhin!
    Wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, Mister John als Modell zu einem
Hiob zu benutzen?
    Er hat mich selbst darauf gebracht. Mit Vorliebe, das heit mit der den
Verrckten eigenen Hartnckigkeit verglich er sich mit dem alttestamentlichen
Dulder. Gleich dem Hiob habe ihn der grausame Gott, der berhaupt der Grund
alles bels in der Welt sei, weil er mit dem Menschen experimentiere wie ein
Vivisektor mit seinen Versuchstieren - ihm, dem Mister John, seine Familie und
seine Reichtmer genommen und, nicht zufrieden mit dem angestifteten Unheil,
auch noch seine Freunde gegen ihn aufgehetzt und seine Gesundheit geschdigt.
Auer sich selbst und dem Pechvogel Hiob wisse er niemand, dem Gott so sinnloses
und grausames Leiden auferlegte ...
    Und das alles um einer Afra willen, die ihn nicht einmal erhrt hat! Das
ist freilich gttlicher Widersinn. Wenn wir andern um der Weiber willen leiden,
wissen wir wenigstens warum ... Dem Knstler die Hand reichend: Sie haben mich
mchtig angeregt, Herr Achthuber. Mit Ihrer gtigen Erlaubnis komme ich wieder.
Ich wohne am sdlichen Ende der Stadt, Sie am nrdlichen. Uns beiden rauscht die
nmliche Isar, die es unserer Zwerger ... auf einen andern Gedanken
berspringend: Herrgott, da er sich verlobt hat, wirklich verlobt, ist doch
eine riesige Neuigkeit ... Leben Sie wohl, Herr Achthuber. Ich fliehe ...
    Gleichfalls. Das heit: ich bleibe! Wiedersehn, Herr Baron!
    War Drillinger bei Ihnen gewesen? fragte der Photograph Attenkofer
eintretend. Bin ihm an der Ecke begegnet, er schien aber so in Gedanken und
machte so lange, eilige Schritte, da er mich gar nicht sah.
    Ja, das ist auch so einer, dem der liebe Gott die Fe mehr zum
Davonlausen, als zum festen Schritt oder zum Zustoen und Zertreten gegeben hat.
Der richtige Modejournaloffizier auer Dienst in seinem uern. In seinem
Innern? Wer wei! Ich hatte mir ihn anders vorgestellt, weniger abgenutzt und
effeminiert, weniger ermdet und zerfahren. Er hat einen Stich ins Hysterische.
Knstlerisch ist er nicht uninteressant. Ganz klug werde ich erst aus ihm
werden, wenn ich ihn einmal unter mein Modellierholz bekomme ... Helden nur
unter scharfem Kommando, in Reih und Glied, wo's kein Entrinnen gibt; auf sich
selbst gestellt, schndliche Zrtlinge ... Und so etwas macht das Weibsvolk toll
... Ich hab' das Motiv ... Ein guter aktueller Typus. Der soll mir nach Mister
John an die Reihe kommen.
    Schon wieder in Gedankenarbeit? Ich will Sie nicht lange stren. Ich
wnsche Ihren Rat, lieber Freund. Ralers Neffe hat mir diesen Morgen
angetragen, in sein Geschft einzutreten. Soll ich annehmen? Er bietet mir eine
sehr angenehme Stellung. Ich wre damit vielem aus dem Wege, was mir bisher das
Leben verbitterte.
    Natrlich sollen Sie annehmen. Aber mit klarem Kontrakt. Alle Raler sind
mehr oder weniger Trpfe und Spitzbuben.
    Sie sind streng, aber ich danke Ihnen fr den Wink. Mein ganzes Unglck war
meine Armut. Und als armer Teufel wurde ich immer noch ausgebeutet und wo man
mich nicht ausbeuten konnte, verfolgte man mich.
    Selbstverstndlich. Den Armen traut man stets das Erbrmliche zu. Die
Wohlhabenden gelten zugleich als die Wohldenkenden. Sie Narr des Mitleidens und
der Entsagung! Nur der Erfolg, je materieller er sich in Besitztmern
ausspricht, desto besser - gibt moralische Autoritt.
    So klug bin ich endlich auch durch Schaden geworden. Im Ralerschen
Geschfte hoffe ich die Mittel zu erwerben, um ...
    Ich wiederhole: strammen, klaren Kontrakt. Was gibt's sonst Neues?
    Ihr Kollege Echter ...
    Verzeihung, Konkurrent wollen Sie sagen. Unter den Knstlern gibt's
heutzutage keine Kollegen, nur Konkurrenten. Nur Stmper und Lumpe trumpfen sich
altfrnkisch als Kollegen auf. Echter ist wenigstens kein Stmper. Er ist ein
Konkurrent, den man ernst nehmen mu. Was ist's mit ihm?
    Echter hat richtig den Auftrag bekommen, fr den Knig den groen
Relief-Fries, Triumphzug des Bacchus und der Ariadne auszufhren. Er hat mich
gestern ersucht, den Karton zu photographieren.
    Achthuber runzelte die Stirn. Also hat er mir richtig die schne Beute
abgejagt ...
    Professor Schnrle, der alle Schleichwege kennt, die zum Knig fhren, soll
ihm wacker geholfen haben. Ein unermdlicher Whler ...
    Das berrascht mich weniger. Dieser Pinselmeister ist ja mit den Fen und
der Schnautze geschickter, als mit den Hnden, daher seine raschen Erfolge.
Schnrle und die andern akademischen Dunkelmnner sind ja wtend auf mich und
haben allen Grund dazu, seit ich allmhlich mit meiner Richtung durchdringe und
die jungen Talente sich um mich scharen, obwohl ich weder mter noch Ehren und
Wrden und Auftrge zu vergeben habe. Aber dieser Echter! ... Wie ist denn seine
Arbeit?
    Nicht bel. Das Durcheinanderwogen von liebestrunkenen Gestalten ist sogar
vortrefflich. Allein gewisse Gruppen scheint er Ihrem Entwurfe direkt gestohlen
und nur wenig umgeformt zu haben, um's nicht merken zu lassen, zum Beispiel die
zwei Frauen, die sich taumelnd in die Arme sinken, - wissen Sie, wozu Ihnen die
Bertha Hohenauer damals Akt gestanden - und die andern, die vom Veitstanz des
Rausches ergriffen. Auch die Szene, wo ein Triton die eben errungene Geliebte
jubelnd in die Hhe hebt, da ihre ganze unverhllte Schnheit sichtbar wird,
whrend ein Satyr lstern nach ihrem Fue hascht, erinnert an Ihre Konzeption;
nur ist bei Echter alles geleckter und ohne Ihr Leben und Ihre Kraft.
    Mag's ihm wohl bekommen! Beim Knstlerfestzug zu Knig Ludwigs
Zentenarfeier werde ich ihm doch einen Possen spielen ...
    Echter und Schnrle sollen auch von den Zwergerschen Plnen durch Konsul
Schmerold Wind bekommen haben und nun Himmel und Hlle in Bewegung setzen, um
den Leuten den Geschmack daran zu verderben.
    Das wird ihnen schwerlich gelingen, wenn sie nicht dem ganzen
Architektenverein von heute auf morgen andere Kpfe aufsetzen knnen - Kpfe
nach dem Strohwischkopfmuster des Herrn Professors Schnrle. Zwerger hat das
Votum des Architektenvereins und - sein Genie fr sich. Daran werden die
Sturmbcke zerschellen.
    Aber einen rechten Hexensabbat wird's doch geben.
    Hexensabbat, ja ... Und nach einigem Nachdenken: Lieber Attenkofer, wenn
nicht alle Wetterzeichen trgen, liegt ein ganz anderer Hexensabbat in der Luft,
ein viel grerer, klassischerer - und dieser grere wird den kleineren
verschlingen. Vor Schnrles Lakaienpolitik braucht uns nicht bange zu sein. Wir
gehen einem Umschwung entgegen, mit Riesenschritten, glauben Sie mir - und
dieser Umschwung, wird die Lakaienwirtschaft auch in der Kunst wegfegen wie
Spreu. Dann werden wir wieder reinen Tisch und reine Luft haben. Sagen Sie nur,
der Achthuber hat's gesagt. Vielmehr: sagen Sie gar nichts. Halten Sie nur Augen
und Ohren offen. Reifsein ist alles - und arbeiten und sich nicht vor Tod und
Teufel frchten. Ich gehre ja ohnehin zu jenen, die immer Feinde ntig haben,
um scharf bei der Arbeit und frhlichen Herzens zu bleiben; Feinde sind mir so
notwendig wie das tgliche Brot; sie sind meine Wohlthter, meine Lustmacher,
meine Hofnarren, meine Sklaven. Nur ganz schmutzige, ekelhafte und insipide
Gesellen wie der Prebandit sind mir zuwider wie Luse und Wanzen ... Inzwischen
photographieren Sie ruhig Echters Triumphkarton, ausgefhrt ist er deswegen,
doch noch nicht, und lassen Sie sich ordentlich bezahlen. Nichts mehr aus
Gratis- Kunstbegeisterung und um einen Gotteslohn, verstanden?
    Ach ja, Herr Achthuber, setzte jetzt der Photograph mit einer Stimme ein,
die ins Falsett umschlug, was gar spahaft mit seiner Hnengestalt
kontrastierte: Eine Bitte htte ich auch noch, speziell fr mich. Wenn ich
jetzt mein Geschft auflse, habe ich eine Menge alter Verbindlichkeiten zu
bereinigen ...
    Und dazu brauchen Sie Geld - und das soll ich Ihnen pumpen? O Sie
Schwrmer!
    Gedulden Sie sich bis heute Abend, wenn's dunkel wird, will ich mit Ihnen
fechten gehen ...
    O, das wrde schwerlich ein Triumphzug werden.
    Ich frchte auch. Vielleicht schinde ich morgen etwas von dem
Bilderwucherer in der Maximilianstrae heraus, der mein Hofbruhaus-Idyll am
Tisch der Ungespundeten zur Vervielfltigung erworben hat. Der Hund Weiler
lauert zwar auch schon auf den Knochen und zeigt die Zhne ... Der soll sichs
Maul wischen. Also morgen - vielleicht! - -
    Max v. Drillinger war auf dem Nachhauseweg in das Caf Viktoria eingetreten,
hatte sich Papier und Tinte geben lassen und bei einem Glas Marsala an einem
stillen Ecktischchen folgende Zeilen an seine kleine Fifette geschrieben: Nur
einen Augenblick des Glcks in Deinen ppigen, sen Armen, mein liebes,
blhendes Herzensweibchen! Ich brenne vor Ungeduld nach Dir, nach Deinem Leib,
nach Deiner Seele! Du sollst dieses Mal keine Jeremiade von mir hren, mein
niedliches, braunes Reh, unser Wiedersehen soll eitel Wonne und Trunkenheit sein
und seligster Rausch. Nach der Zuchthausexistenz dieser letzten Woche und den
Hllenqualen, die ich erduldet, la mich eingehen in Deinen Himmel. Kein Weib
der Welt wei zu beglcken wie Du: Beglcke mich, Du Holde, Einzige! Heut Nacht
zur bekannten Stunde im bekannten Hause in der Buttermelcherstrae. Ich werde
die Wirtin benachrichtigen, da sie alles bereit hlt. Willst Du mich berselig
machen - mein Blut rast nach Dir, wenn ich Dich mir so vorstelle! - so komme
etwas frher und erwarte mich in Deiner betubenden Anmut und Deinem Liebreiz
mit aufgelsten Haaren, ohne Korsett, in dem blauen Schlafrock, vorn offen, und
in den durchbrochenen blauen Strmpfen. Du einziger, duftiger, unaussprechlich
ser Engel - Dein, Dein, Dein Max.
    Dann schrieb er einige Worte an die Wirtin und bergab beide Briefe einem
Expreboten. In der Maximilianstrae - der Weg an der Isar, durch die
Quaistrae, war ihm unheimlich - suchte er dem Oberst Wotan auszuweichen, allein
der grimmige Degen schnitt ihm den Seitengang ab. Den Schlapphut bis zu den
borstigen Brauen herabgezogen, schwarzgallige Worte auf den verchtlich
aufgeworfenen Lippen, hatte er den leichtfigen Baron gestellt.
    Nachdem sich Drillinger hoch und heilig, verschworen hatte, weder mit einem
gewissen Paillard eine mehr als rein zufllige Begegnung, noch mit dem
Schlemming, Schneidmeyer und tutti quanti seit einer Ewigkeit berhaupt eine
persnliche Beziehung gehabt zu haben, fuhr der Oberst fort: Gut, dann hat man
mich wieder angelogen. Aber lassen Sie sich das als Warnung dienen: Sie haben
rhrige Feinde, denen kein Mittel zu schlecht ist, Sie mit dem anrchigen, der
Spionage verdchtigen Gesindel in Zusammenhang zu bringen. Jetzt, wo in Bayern
ohnehin so viele Wasser getrbt sind - Sie verstehen mich. Semper aliquid
haeret. Weit vom Ziel ist gut vorm Schu.
    Ich verreise morgen ohnehin auf einige Wochen.
    Da thun Sie gut daran. Ich bin auch hllisch hauptstadtmde, zeitungsmde,
klatschmde. Ewig diese Knigs- und Kabinets- und Knstlergeschichten, das wird
ja so langweilig, da einem das Schilfrohr zum Bauch herauswchst. Remplem. Ich
geh' fort. Dieses nchterne Pendantenvolk mit seiner Arroganz und unheilbaren
Troddelose ... Hab' auch das Bier satt, will meine Eingeweide mit Rotwein
auswaschen. Ist ja auch gar kein Bierwetter, immer Klte und Regen; eine
Salvator- und Maibock-Saison ohne lachenden Sonnenschein, das ist gegen alle
Weltordnung. Ich rutsche ber den Brenner nach Sdtyrol hinab; da gibt's noch
Frhling und lustige Menschen und trinkbaren Wein.
    Aber die Ungespundeten, Herr Oberst, wenn alles geht?
    Hren Sie damit auf! Wer ist heute noch ungespundet? Alle halten den Knebel
im Mund und den Zapfen im Loch, weil sie der nchsten Viertelstunde nicht trauen
... Apropos, gestern bin ich die Isar hinauf, um in den Buchenwldern von
Grohesselohe und Grnwald ein wenig nach dem Frhling zu sehen. Zufllig kam
ich auch nach Hllrieglskreuth und in den Steinbruch, wo der Meister Effenbach
seine Werkstatt fr freie Religion und Menschlichkeit aufgeschlagen hat. Wenn
der Mann so fortfhrt, wie ich ihn gefunden habe, gehrt er nicht mehr in die
Philosophie und in die Soziologie, sondern in die Komdie. Hlt dieser Mensch
jetzt, der selbst nichts zu nagen und zu beien hat, auch noch ein Asyl fr
verrckte Weibsleute! Machte mir da eine uralte bende Magdalena, die's
jedenfalls lngst nicht mehr juckt, mit Bibelsprchen und mystischen Prunkworten
die Honneurs! Remplem. Die Weiber verderben alles. Wo ein Unterrock weht, wird
die Luft unrein. Und noch dazu alte Weiber, die ihre Jugendsnden nicht
vergessen knnen und ber die Verderbtheit der Welt seufzen ... Auch eine
vegetarische Kinderbewahranstalt plant dieser Heilige im Steinbruch! Heutzutage,
wo man nur durch furchtbare Kraft und Rcksichtslosigkeit noch einigermaen mit
der Welt fertig wird! Ich hab's ihm auch gesagt: wenn Ihr durchaus Kinder machen
und grofttern wollt, so sugt sie wenigstens mit Blut und bestellt ihnen
Lwinnen und Tigerweibchen als Ammen, so bekommt Ihr vielleicht einen Nachwuchs,
wie man ihn heute brauchen kann. Anders nicht. Remplem. Was geht's mich an? Also
ich geh' fort. Andere Luft, andere Menschen, anderen Trunk!
    Und andere Weiber, Herr Oberst, trotz alledem.
    Remplem. - -
    Zwei Tage spter hatte auch Max v. Drillinger mit seiner Fifette ein Billet
ber den Brenner genommen. In einem Geheimfach seines Reisekoffers ruhten drei
unerbrochene Briefe von der Frau Kommerzienrat Leopoldine Raler. Er hatte keine
Ahnung davon, da seine verschmhte Geliebte seit dem letzten Zusammenprall mit
ihrem Gatten den ersten Stock der kommerzienrtlichen Wohnung verlassen hatte
und in den Gartensalon hinabgesiedelt war, wo sie in schwerer Krankheit
darniederlag. Vorerst wute nur der Hausarzt und der alte Beichtvater aus dem
Lehelkloster, da die Folgen einer Faussekouche die Kranke zwischen Tod und
Leben schweben lieen. Im Interesse seines Familienlebens hatte der
Kommerzienrat ausstreuen lassen, da seine Frau auf Weisung des Arztes aus dem
ersten Stock ausgezogen sei und die Gartenwohnung mit Rcksicht auf die grere
Stille und ozonreichere Luft gewhlt habe; ein Nervenleiden habe zu dieser
Vernderung des Aufenthalts Veranlassung gegeben. Die Teilnahme im Hause an dem
Leiden der Frau Raler war eine allgemeine. Die Postoffizials, lieen sich
tglich nach dem Befinden der verehrten Kommerzienrtin erkundigen. Auch die
englische Familie bezeigte ihr Mitgefhl in ihrer Weise, obwohl sich Mister
Aston und Mistre Wood ber den dummen Zufall rgerten, der ihre angenehme
Emotion ber die vor einigen Tagen aus der Isar gefischte Leiche mit der
abgeschnittenen Nase nun mit der betrbten Stimmung ber einen schweren
Krankheitsfall im eigenen Hause kreuzte. Sie wird doch nicht sterben? fragte
Mama Wood ihren Familien-Statistiker Harry; das wre der erste Todesfall in
Mnchen, der uns nahe ginge - oder ging schon ein anderer voraus, mein Sohn?
Worauf Harry lakonisch erwiderte: Nein, Mama. Seit Harry seiner Kusine Vivian
gestanden, da er den Prebanditen regelrecht niedergeboxt habe, und die zarte,
aber heldensinnige Dame dieses Gestndnis mit einer enthusiastischen
Liebeserklrung erwidert hatte und dem nichts Schlimmes ahnenden Harry an den
Hals flog, war der glckliche Statistiker und Boxer sehr wortkarg geworden. Auch
hatte er ber Frau Ralers Leiden eigene Gedanken und Empfindungen, die er
niemand anvertrauen mochte. So Trbes hatte ihm die Isar noch nie gerauscht wie
in diesen Tagen.
    Max v. Drillinger hatte vor seiner beschleunigten Abreise - in Hetz und Hast
- andere Sorgen. Er mute den Bankier Weiler schriftlich um einen
Tausendmarkwechsel ersuchen nach Riva am Gardasee, nachzusenden gegen Schlu des
Monats - Alles brige ordnen wir nach meiner Rckkehr. Er hatte seiner Kchin
Resl die krnkelnde Brigitta auf die Seele zu binden und der unter Thrnen
Abschied nehmenden Alten die trstliche Versicherung zu geben: Alles brige
wegen Ludwig und was ich Dir von Afra angedeutet, erkunden und ordnen wir nach
meiner Rckkehr. Er hatte infolge seiner Antwort auf ein Inserat in den
Neuesten Nachrichten noch in aller Eile ein Stelldichein am Chinesischen Turm
im englischen Garten zu erledigen - und als die geheimnisvolle Dame Amsement
im Dmmer des Abends sich als Bertha Hohenauer entschleierte und mit feurigen
Reden von seinem schnen, edlen und kunstsinnigen Wesen, das stets einen so
tiefen Eindruck auf sie gemacht die Annherung abrunden wollte, gab er auch ihr
die Antwort: Alles brige Vierhndige ordnen wir nach meiner Rckkehr. Jawohl,
auch die Bertha Hohenauer mchte mit ihrer abgegriffenen Klaviatur zu den
schnen Knsten zurckkehren ... Mit rauchendem Kopfe jagte er heim. Davon mit
der Schmerzstillerin, mit der entzckenden Fifette! Davon!
    Den Doktor Trostberg hatte er vor seiner Abreise nicht mehr besucht. Er
htte ihn auch nicht angetroffen. Drillinger war schon ber alle Berge, als
Trostberg eines Abends von seiner Fahrt in die Knigsschlsser aus den Alpen
ganz verstrt heimkehrte. Bemhungen, den Knig zu sehen und zu sprechen, waren
erfolglos gewesen. Hatten ihn die Lakaien nur zum Besten gehabt, als sie ihn
drei Tage lang nicht aus dem neuen Frackanzug kommen lieen und ihn von Schlo
Berg am Starnberger See nach Schachen und von da nach Neuschwanstein und
Linderhof sprengten, immer mit der Versicherung, dort wrde er endlich auf das
wandernde Hoflager treffen? Nein. Die guten Leute wuten's selbst nicht besser.
Der Knig war wie von einer wilden Phantomjagd ergriffen und fortgewirbelt, in
dieser Zeit bald da, bald dort in den Voralpen, ohne verfolgbaren Plan, ohne
lngeren Aufenthalt, zuletzt in dem halbfertigen Schlo auf der Herreninsel in
Chiemsee whrend einiger Nachtstunden. Alle Wasser- und Beleuchtungsknste
muten pltzlich spielen, tausend Kerzen flammen, aufblitzen die Wunder einer
Mrchennacht - und dann war wieder alles vorbei, ausgelscht und verweht wie ein
mitternchtiger Geisterspuk ... Leise krachten und bebten die Fundamente ...
    Auf der Heimfahrt machte Trostberg einen Abstecher nach Forstenried, einen
befreundeten Arzt zu besuchen, der dort als Irrenpfleger des geisteskranken
Bruders des Knigs in dem Jagdschlo des einsamen Waldes seinem traurigen Amte
lebte. Was mute er da aus dem Munde des Arztes hren! Der Knig sei
geisteskrank, so geisteskrank wie sein wahnumnachteter Bruder, eine Hilfe gebe
es nicht mehr, und ein Wechsel in der Regierung des Landes sei nur noch eine
Frage von heute auf morgen! Aus dem Flstern der Dienstleute in den Vorgemchern
und Korridoren, aus dem geheimnisvollen Kommen und Gehen hoher
Staatswrdentrger, die hier in der Stille des Waldes mit berhmten Irrenrzten
ber das Schicksal des Knigs beratschlagten - des Knigs, der schon von
Wahnsinnsfurien von Schlo zu Schlo gehetzt, noch seinen herrscherstolzen
Allmachtstraum trumte - aus allen Mienen, aus Reden und Schweigen konnte er
lesen, da Ungeheures sich vorbereite ...
    Wie eine unheimlich drohende, schwarze Gewitterwolke am sonnenbeglnzten
Himmel ber einer stillblhenden Frhlingslandschaft, so schwebte jetzt das
Schicksalsbild des flchtigen, von Schlo zu Schlo rasenden Knigs vor seiner
Seele, und tief erschttert in seinem Gemte, mhte sich Doktor Trostberg
vergebens, wieder heimgekehrt in seine Klause, seiner eigenen unstten Gedanken
Herr zu werden.
    Zu verschiedenenmalen in der Nacht war er an das Bett seines Dieners
getreten und hatte den schnarchenden Klown geweckt mit Fragen wie: Gabriel, was
macht Dein Kopf? Gabriel, sind meine Freunde auch bei Sinnen? Gabriel, ist Baron
Drillinger nicht dagewesen? Gabriel, hat Maximilian Schlichting nichts von sich
hren lassen?
    Was der Diener von dem Besuche des Barons Drillinger zu melden wute, klang
wenig beruhigend. Er unterbrach ihn mit der Frage nach dem Kommerzienrat Raler,
und ob dieser das Schweinebild gekauft habe.
    Nein, antwortete Gabriel schlaftrunken, Raler ist nicht mehr
zurechnungsfhig, er hat das Bild nicht einmal angesehen, obwohl ich ihn daran
erinnert habe, da an der Stelle der Quaistrae, wo heut sein Hans steht, vor
zehn Jahren noch mein Zirkus wie in einer Wstenei gestanden habe, mein Zirkus,
wo ich mit den ersten gelehrten Schweinen Furore machte und man weder an die
Erbauung der Quaistrae noch an den Kommerzienrat Raler dachte. Alles half
nichts, er mochte nichts von dem Bilde wissen, er ist unzurechnungsfhig. Ich
schwre einen Eid darauf, er ist verrckt.
    Und mein Maximilian Schlichting, wie steht's mit ihm? Erzhl' mir's!
    Ich wei es nicht anders, als wie mir's die Monika erzhlt hat. Monika hat
bittere Thrnen dazu geweint und wollte sich von mir nicht trsten lassen. Der
Herr Schlichting sei auf den Tod krank, habe den Typhus und Delirien. Und dann
sei ein Herr Kuglmeier, ein bser Mensch, zu ihm gekommen und habe dem Kranken
erzhlt, seine Schwester Flora habe sich verlobt, und auf diese Nachricht ist's
mit dem Kranken noch rger geworden. Die Monika, nmlich des Schneiders Tochter,
bei dem Schlichting wohnt, pflegt den Kranken und weicht nicht von seinem Bett.
Wenn er stirbt, hat sie gesagt, dann bringe sie sich ins Zuchthaus. Warum? hab'
ich sie gefragt. Ich habe das Haus angezndet aus Eifersucht, hat sie gesagt und
ich znde es noch einmal an, hat sie gesagt, und brenne alles nieder. Gute
Nacht, Herr Doktor, jetzt kann ich nichts mehr erzhlen von diesen Leuten: die
sind alle verrckt, weil sie keine Philosophie im Leibe haben ...
    Und der Diener warf sich auf die andere Seite und schnarchte weiter.
    Verrcktheit fragt nichts nach Philosophie, Gabriel.
    Er horchte noch lange nach der rauschenden Isar zum Fenster hinaus. Der Tag
graute, als er sein Lager aufsuchte.
    Paranoia, Paranoia! Da soll man den - Mut haben einzuschlafen, wenn man
nicht wei, wie man in der Frhe aufwacht ... Wenn man nicht sicher ist, da man
im Schlafe sich nicht selbst verliert ... da man von der Morgensonne als Narr
angeschienen und angeschrieen wird. Paranoia ...
    Nach einer Weile erhob er sich wieder vom Bette und tappte mit bloen Fen
in die Schlafkammer des Klowns und rttelte und schttelte ihn, bis er erwachte.
Ein trbes, fahles Licht kam durch die Scheiben, ein grlicher Wind umwimmerte
das Haus.
    Ach Herr, es war ein schner Traum ... Festzug im Zirkus ... ich war Knig
mit einer wunderschnen Krone, und die Schleppe meines Purpurmantels umtnzelten
und umgrunzten mit Frohlocken und Vivat meine gelehrten Schweinchen, alle in
Gala-Uniform ...
    Gabriel, hattest Du stets Vertrauen zu Dir selbst?
    Im Zirkus immer, Herr!
    Hattest Du nie Mitrauen gegen Dich, gegen Deinen Verstand?
    Im Zirkus und mit meinen Schweinen nie, Herr! Das Publikum jubelte uns zu
und bewarf uns mit Blumen, pfeln und Orangen. Es war der schnste Festzug
meines Lebens. Die Krone stand mir sehr gut, nur mit dem Szepter that ich mich
hart, es war zu lang, zu schwer ... Und die Schweine, ach die Schweine, alle in
goldener Uniform, und so gelehrt, so ... grazis ... so ...
    Er schnarchte wieder ein, in seinen glcklichen Traum wie in ein weiches
Kissen zurcksinkend.
    Still rauschte die Isar.
    Paranoia! sagte der Doktor und ging kopfschttelnd in sein Schlafzimmer
zurck. Ich htte ihn doch in seinem Zirkus lassen sollen, in seinem
Festspielhaus, bei seinen gelehrten Schweinchen ... Armer Gabriel, glcklicher
Narr! Ach, und wir andern, die Schauspieler der Vernnftigkeit, die Theatraliker
der Weltweisheit!
    Doktor Trostberg ging vom Schlafzimmer ins Studierzimmer, in den Tempel der
Weltlitteratur; von allen Bcherrcken glaubte er das Wort Paranoia zu lesen.
Er trat aus Gartenfenster.
    Wie traurig des Knigs Bste in der Mauernische lchelte! Wie der Wind an
dem drren Lorbeerkranz auf dem hoheitsvollen Haupte zerrte und zauste! Und
jetzt - nein, zurck ins Schlafzimmer!
    Er zog die Fenstervorhnge dicht zu, vergrub sich tief in die Kissen und
schlief und trumte in den dstersten Regentag hinein. Was er getrumt? Als er
sich beim Frhstck seine Traumbilder ordnen wollte, kam er nicht ber
Bruchstcke hinaus. Zwei riesig aufgebauschte Gestalten, die eine in bunten, die
andere in schwarzen Gewndern, Frau Welt und Frau Vernunft, die gute Hur', wie
Luther sie nennt - umschwebten die Thore und Zinnen der Knigsschlsser und
begehrten vergeblich Einla ... Dann wiederum die schwarze Wolke am blauen
Himmel - Transfiguration derselben ber dem Starnberger See in lichte, klagende
Engelschre, wie die Gtterjungfrauen auf dem Himalaya im Urvasi-Theater - die
Roseninsel steigt aus dem See aus, hher und hher, wie in einer Apotheose,
verwandelt sich in ein Purpurkissen, darauf Krone und Szepter wie Sonnen glnzen
- dann ein zuckender Blitz hinab in den See, dann ein Donnerschlag weithin
hallend, dann ein nachtschwarzer Schleier, der alles bedeckt, die Alpen, die
Knigsschlsser, den See, Mnchen, die ganze Welt, - das Geheimnis des Todes ...
    Dem Zufall sei Dank: Zwergers Brief, den er unter den whrend seiner
Abwesenheit eingelaufenen Postsachen fand, gab seinen Gedanken eine andere
Richtung. Zuerst muteten ihn die Bltter ganz anachronistisch an, wie eine
uralte Handschrift, die man in dem verschtteten Pompeji ausgegraben und die so
seltsame Mhr kndet von Menschen und Schicksalen, die seit tausend Jahren
verschollen. Aber je weiter er las, desto gewaltiger und heiterer fate ihn der
Geist der Modernitt, der aus diesen Zeilen spottete, scherzte, klagte, fluchte,
segnete, hoffte. Er legte von Zeit zu Zeit die Bltter weg, lachte vor sich hin,
drehte sich eine frische Zigarette und sprach fr sich selbst: Dieser Umfang,
diese Flle! Ich schwatze gewi auch mein ehrlich Teil zusammen, wenn ich einmal
im Zug bin - das bringt das Jahrhundert der parlamentarischen und
publizistischen Schwatzsucht so mit sich - aber was zu viel ist, ist zu viel.
Das flutet und rauscht ja daher wie die Isar bei Hochwasser! Das ist ja ein
Buch, eine Parlamentsrede! Eine Parlamentsrede zum Fenster hinaus ins
zeitungsfressende Land hinein! Armer Zwerger, auch du hast deinen Beruf
verfehlt, du, ein Mann der Baukunst, der schweigsamsten, vornehmsten,
diskretesten, aller Knste! Ich wei wohl, es ist ein Vergngen, in ungezgeltem
Plauderton ber fremde Thorheit herzufallen, in suverner Kritik an allem
Menschen- und Affenwerk kein gutes Haar zu lassen - es ist sogar ein lukratives
Vergngen, wenn man wie unsere Landtagsschwtzer und Kritikschmierer noch dafr
bezahlt wird ... Ach, dem heimatfernen Einsiedler kann man's eigentlich nicht
verdenken, wenn ihm das Herz mit der Zunge und der Feder durchgeht ...
Einsiedler? Was? Mit einem Frauenzimmer? Auch du, Brutus? Mein keuscher Joseph?
Nun wird auch dir mit deiner Gotthnlichkeit bald bange werden! So spottet der
Strkste seiner selbst und wei nicht wie ... Wie ein Simson will er die Welt
der Kunst aus den Angeln heben - und liegt einer Delila im Schoe und merkt's
nicht, wie sie sacht die Schere erhebt und seine Locken bedroht und mit seinen
Locken seine Kraft vernichtet ... O komm' nur und sieh, wie die Natur selbst die
Knige vernichtet, du Knig aus eigener Kraft, du Suvern von Talentes Gnaden!
    Und immer wieder drngte sich das Bild des unglcklichen Frsten in seine
Gedanken. Er vermochte nicht, den pompeijanischen Brief des Freundes heute zu
Ende zu lesen.
    Ein Wahnsinnswind geht durch die Welt und blst mit seinem Gifthauch die
besten Kpfe an ... Lauter Hysteriker der Phantasie ...
    Mit diesem schwermtigen Wort legte Doktor Trostberg den Brief aus der Hand.
    Den leise hereintretenden Klown mit einem langen, kalten Blick fixierend,
schrie er ihn in pltzlicher Wallung an: Versiegle Deinen Kopf mit einem groen
Siegel und umpanzere Dich mit siebenfachem Erz, Hanswurst!
    Und dann: Geh und stelle mir einen Brgen fr die Vollsinnigkeit unserer
Irrenrzte! Einen Brgen, hrst Du? Ich trau' ihnen nicht. Woher nehmen sie das
Vertrauen in ihre eigene Gesundheit? In ihre eigene nrrische Unfehlbarkeit?
...
    Eine tiefe, dstere Traurigkeit hatte sich des Doktors bemchtigt.

                                       5.


Vom Petersturme, dem altersgrauen Senior der zwanzig oder fnfundzwanzig Trme
Mnchens und seiner Vororte, schlgt die siebente Stunde; sonor, wuchtig, wie
mit des schnsten Bierbasses tnender Allgewalt schmetterts durch die heie,
dumpfe Abendluft der bayerischen Kunst- und Biermetropole. Der erste strahlende
blitzblaue Frhlingstag geht zur Ruhe und schenkt den Werkleuten in
Schreibstuben und Ateliers, in Fabriken und Handwerksbuden den ersehnten
Feierabend - den Feierabend vor dem Himmelfahrtsfeste Christi.
    Sieben! Und nun brummt's und tnt's in die Runde mit eherner Stimme von Turm
zu Turm Erlsung von Staub und Hitze und Schwei ... Erlsung beim frischen
Anstich, beim schumenden Makrug in der gemtlichen Kneipe, im traulichen
Kellerschatten.
    Ja, das war ein Tag, den man loben konnte nach einem traurigen Mai voll
Regen und Frost, voll Bltentod und Blttersterben, voll Kot und Unlust - einem
wahren Schimpf- und Schandmonat, wie man ihn selbst in Mnchen und auf der
ganzen bayuwarischen Hochebene seit Menschengedenken nicht mehr erlebte. Und
morgen ist Himmelfahrt! Wenn nur das schne Wetter nicht wieder trbe Miene
zeigt! Und in zehn Tagen ist Pfingsten, das liebliche, lockende Fest mit seinen
Ausflgen an die anmutigen Gelnde des Starnberger Sees, an den lchelnden
Kochel- oder den melancholischen Walchensee, hinein in die blauen Berge mit
ihren Thlern und Schluchten und himmelanstarrenden Felsen, zu Wiese und Wald,
zu Jgern und Adlern und Gemsen, zu allen Wundern der unaussprechlich reichen
und schnen Hochlandswelt! Da steht man, der verlogenen, unheimlich
widerspruchsvollen Kulturmaskerade entrckt, endlich wieder auf du und du mit
dem ewigen Naturgeist, da badet man sich die bedrckte und bestaubte Seele rein
und frisch im unverdorbenen ther, der die Zinnen der Alpen umflutet wie an
ihrem Schpfungstag.
    Pfingsten! Morgen ist erst Himmelfahrt, wie vieles kann sich bis dahin noch
ndern! Man ist so gengstigt in dieser trben, unheilbrtenden Zeit, hinter
jeder Hoffnung droht ein Fragezeichen - und die Krankheit des Knigs und die
nicht lnger zu verschleiernde Notwendigkeit eines Wechsels im obersten
Landesregiment wirft einen verdsternden Schatten auf jede Freude. In ganz
Mnchen verhehlt sich's fast kein Mensch mehr, da von heute auf morgen die
Katastrophe der Entmndigung des Knigs und seiner Thronenthebung eintreten
kann, und je tieferes Schweigen die sonst so lauten Zeitungen sich pltzlich
auferlegt, desto vernehmlicher spricht jetzt die Stimme des Volkes und
unheimliche Mhr geht von Mund zu Mund ...
    Aber heute war doch ein goldner, ein sonniger Tag!
    Meister Achthuber legte sein Werkzeug aus der Hand, um sich zur
Ausschusitzung fr die Zentenarfeier Knig Ludwigs zu rsten, die eine
glnzende, epochemachende Huldigung der Knstler, fr das erhabene Frstenhaus
und die gesegnete Kunststadt Mnchen, die frhliche Heimat so vieles Groen und
Gewaltigen, was je menschlicher Schpfergeist ersonnen, werden sollte. Saure
Wochen, frohe Feste, zitierte er aus seinem Goethe und fgte improvisierend
hinzu: Hell Gemt bleibt doch das Beste! Dann steckte er seinen
Atelierschlssel in die Tasche.
    Biswanger schlo sein Kontor und rief im Vorbergehen seinem jungen Freunde
Pfaffenzeller, der sich in seiner neuen Vertrauensstellung im Ralerschen
Geschft nicht genug thun konnte und noch emsig in seinen Kontrollbchern
hantierte, einen guten Abend zu. Was ich Sie fragen wollte, Herr Pfaffenzeller,
haben Sie an den Architekten Zwerger geschrieben, da er den Termin nicht
versumt?
    Zu dienen, Herr Biswanger, ich wei sogar schon aus seiner heutigen
Privatmitteilung, da er noch vor Pfingsten mit seiner Braut Flora Kuglmeier in
Mnchen eintreffen wird.
    Sehr gut. Je eher, desto besser. Man kann nicht wissen, wie sich der
Zustand des Kommerzienrats nach dem letzten Schlaganfalle macht. Weiler ist
definitiv beseitigt, das steht fest. Es ist notwendig, da die neue Gesellschaft
keine Zeit verliert und so bald als mglich in Aktion tritt. Die
Bodenerwerbungen sind dem Abschlu nahe. Also das Eisen geschmiedet, ich meine
Raler, Schmerold und Kompagnie, so lange es hei ist.
    Ganz meine Meinung, Herr Biswanger.
    Wissen Sie, wenn jetzt ber kurz oder lang der Thronwechsel ... der alte,
etwas verwachsene Herr sah sich vorsichtig um. Pfaffenzeller nahm seinen
Gedankengang auf: Natrlich tritt er in kurzem ein und wir bekommen neue
Verhltnisse, neue Menschen, die groen Mnchener Plnen und Unternehmungen
gewi nur gnstig sein knnen.
    Wir verstehen uns, schlo Biswanger befriedigt.
    Es ist halb acht Uhr. Die Breaus, Werksttten, Lden und Gewlbe sind
geschlossen. Die Quaistrae ruht im tiefen Schatten, whrend in der
Maximilianstrae die Abendsonne mit blendender Helle ihre letzten Strahlen
verfeuert. Der Huser lange, verstaubte Reihe steht wie ausgestorben. Aber in
allen Straen und Gassen, die ins Freie fhren, wogt ein ungezhltes Heer, ein
phantastischer Auswandererzug: Mnner, Weiber und Kinder, Vornehme und Geringe,
viele bepackt mit Krben und Bndeln, wimmeln in der nmlichen Richtung: hinaus,
hinaus! Und neben dem Fuvolk in Civil-, Militr- und Studententracht rasseln in
hochaufwirbelnden Staubwolken, sonnig durchglht, die Droschken, die
Pferdebahnwagen, bis auf den letzten Platz, manche darber hinaus besetzt,
Privatfuhrwerke und die sausenden Vehikel der Radfahrer. Hier in bedchtigerer
Wallfahrt, dort in hastigem Eilschritt mit Rippensten rechts und links, drngt
alles aus dem Zentrum der erstickend heien Altstadt nach der freieren,
luftigeren Peripherie: nach dem Grtel der Bierkeller diesseits und jenseits der
Isar, wo den Durstigen und Ermattenden die erquickende Labe winkt.
    Der groe Unbekannte mit dem frischen Siegfriedsgesicht aus Schlichtings
studentischem Freundeskreise, Herr Bonzhaf aus Kln, der so ungern seinen Namen
nannte, weil ihn seine Kameraden immer mit einem rollenden R erweiterten und das
O zu einem U herabtnten, war heute in besonders glcklicher Laune. Er hatte
guten Grund dazu. Er hatte ein glnzendes Examen hinter sich und die
Anwartschaft auf die Hand des Fruleins Elsa Schmerold vor sich. Er glaubte es
wenigstens im bermute seines allzeit so siegreichen Herzens. Warum nicht? Sein
Vater, ein ansehnlicher Klner Fabrikant und alter Geschftsfreund des Konsuls
Schmerold in der Quaistrae, war zu Besuch gekommen. Seit dem Tode des Knigs
Max hatte er Mnchen nicht mehr gesehen.
    Nun Junge, sagte der joviale alte Herr zu Bonzhaf junior, als sie ber die
rauschende Isar schritten, sag' mir einmal, was Du von der Kunststadt Mnchen
hltst? Du hast sie nun wohl gengend studiert. Mir ist hier alles neu.
    Dabei suchte Bonzhaf senior seinen Sohn auf eine Bank in einer Ausbiegung
der Maximiliansbrcke zu ziehen, denn der Alte war nicht mehr gut zu Fu und
wollte die Frage und deren umstndliche Beantwortung als geschickten Vorwand fr
lngere Rast ausntzen.
    Kunststadt? Bierstadt willst Du sagen!
    Meinetwegen Bierstadt. Nun mal los!
    Aber das ist lang und macht unertrglich durstig.
    Schadet nicht; das Hofbru wird uns dann um so besser munden. Setz' Dich!
    Gut, dachte Bonzhaf junior, so will ich dem maroden Alten ein Loch in den
Bauch reden - Strafe mu sein. Dann setzte er sich und hob an, whrend Bonzhaf
senior gemchlich eine Zigarre in Brand setzte: Mnchen ist die erste
Bierfestung der Welt. Ganz im Mittelpunkt ragt die klassische
Gambrinus-Zitadelle aus urbayuwarischer Zeit: das knigliche Hofbruhaus. Rings
um die Stadt legt sich wie ein undurchbrechbarer Ring der Wall der
Bierkellerbauten mit vielen trutzigen Vorwerken und Sperrforts nach allen
Himmelsgegenden. Auf welchen Straen, Land-, Wasser- und Schienenwegen der
Fremdling auch nahen mge, er mu durch den Grtel der Kellerburgen; berall
knallen ihm die Spundpfropfen, entgegen, kriegerische Biergesnge mit
Banzenschlag und Deckelgeknatter umbrausen und betuben ihn. Die Trommeln
wirbeln, die Zinken schmettern, von uniformierten Militrkapellen wird der Sieg
des alles bezwingenden Nationalgebrus von den hohen Kellerbasteien in die Welt
hinausgeblasen. Gleich bei der Einfahrt in den Zentralbahnhof ragen rechts auf
cyklopischem Gemuer die mchtigen Kellerburgen der Spaten-, Pschorr- und
Hackerbruerei, flankiert von unzhligen, Tag und Nacht frchterlich qualmenden,
hohen, runden Feuertrmen, wahrend links auf natrlichem Hgel, gar traulich
bewaldet, der Augustiner-und Kandlerkeller sich recken in der anspruchsloseren
Form antiker Bierstadel. Naht der Fremdling auf der Nymphenburger Strae, so
stt er auf die wuchtigen Fortifikationen des Arzberger- und Lwenbrukellers,
ausgefhrt im reichsten Renaissancestil; kommt er von der Rosenheimer
Landstrae, so ist erst recht kein Entrinnen: da liegen links und rechts hart am
Wege, der sich isarthalwrts zu einem frmlichen Engpasse gestaltet, der
umfangreiche Zengerkeller (jetzt brgerliches Bruhaus genannt, im
Biedermannsstil), der Kuppelhallenbau des Mnchener Kindls, der Eberl-und
Sternecker - Keller, der alte Franziskaner- und Stubenvollkeller, an der
abzweigenden Preysing- und Wienerstrae der Drnbru- und Metzgerkeller und
gegenber der Leistbru- und der neue riesige Hofbruhauskeller. Wer aber
vorsichtig die groen Heerstraen umgehen und sich zum Beispiel vom Bavariapark
und der Theresienhhe her in die Stadt, schleichen wollte, der wrde pltzlich
von einer ganzen Kellerflanke aufs Korn genommen: Bavaria-, Pollinger-,
Hirschbru- und andere Keller - wer nennt die Namen alle? - kmpfen hier
Schulter an Schulter. Nicht weniger kellerbefestigt ist der Flulauf der Isar,
die nicht mde wird, die Wunder und Siege des berhmten Salvatorkellers zum
Zacherl am Nockher-Berge, wo die mrderischsten Bockschlachten zur Zeit der
Frhlingstag- und Nachtgleiche geschlagen werden, den Schwerhrigsten in die
Ohren zu rauschen. Damit in frheren Zeiten der weniger biergelehrte Fremdllng
wute, wessen er sich von der Eigentmlichkeit der guten Stadt Mnchen zu
versehen habe, erbauten die Ureinwohner die bis in die Wolken ragenden
Doppeltrme der Frauenkirche in Gestalt von zwei kolossalen Makrgen, so da
weithin ber die bayerische Hochebene sichtbar, das fromme Wahrzeichen von
Mnchen geblieben sind bis auf den heutigen Tag. Wessen Gehirnzentren aber nicht
von der bierologischen Wissenschaft erleuchtet, wessen Augen und Ohren nicht
durch den ungeheuren, auf ein Ziel zuwogenden, von Gesang und Musik und
Anzapfungslrm empfangenen Menschenstrom der rechten Erkenntnisvermittlung fhig
wren, der vermchte schon durch sein Riechorgan die Nhe der verborgensten
Keller und Bierkasematten erraten; denn eine ungeheure Duftwolke von Malz und
Hopfen, Rettig und Kse, Schinken und Knoblauchwurst, Kalbsbraten und
Dnngeselchten mit Sauerkraut und Senf umhllt in nie geahnter Strke diese
biergesegneten Orte. Hat sich aber ein Fremdling in den entlegeneren Gassen
verirrt und strebt er sehnschtig ins Freie zu einer klassischen
Gambrinuskultsttte, so darf er sich nur dem ersten besten Pilgerchor
anschlieen und sich vertrauensvoll fortziehen und drngen und treiben und
stoen lassen, schlielich wird er ganz unfehlbar an der rechten Stelle
angeschwemmt. In Slen, Hallen, Grten, die oft ber zweitausend Bierglubige
fassen, wird auch er noch einen Platz und einen Makrug, etwas Schweinernes oder
Klbernes finden, um sich fr alle Fhrlichkeit und Drangsal des Weges zu
entschdigen und seines wahren Mnchener Lebens und Strebens froh zu werden.
Amen.
    Brav, mein Junge, Gott hat Deine Mnchener Studien gesegnet. Der Mnchener
ist aber nicht nur Bier-, er ist auch Kunststdter erster Ordnung. Sag' mir auch
ber die Kunststadt Deinen Spruch!
    Ach, die Kunst ist zu lang - und es mischt sich so viel Fabel und Dichtung
hinein, da man bei der herrschenden Hitze und Meinungsverschiedenheit nur im
Schatten der Makrge davon reden soll. Also la uns erst Deckung suchen. Du
kommst ja doch zur Knigsfeier wieder, da kannst Du Dir aus der groen
Knstlerparade mit ihrem Drum und Dran selbst Belehrung schpfen. Ich glaube
brigens, da in Mnchen mehr vorzgliche Biere gebraut, als vorzgliche Bilder
gemalt werden und da der Bierexport weit mehr Geld nach Mnchen bringt, als der
Bilderexport. Die Industrie hat die Kunst berflgelt, was auch kein Unglck
ist.
    Hr' mal, sagte der alte Bonzhaf, sich mhsam erhebend, an diese
Knigsfeier glaub ich nicht. Wie soll sich so etwas mit der schauderhaften
Geschichte von des Knigs Irrsinn und Entmndigung zusammenreimen lassen? Den,
Bayern mcht' ich mir doch ansehen, der noch Lust versprte, unter solchen
Umstnden Jubelfeste zu begehen ...
    Also glaubst auch Du, da Ludwigs Regierungstage gezhlt sind?
    Jawohl, glaub' ich das. Es geht nicht mehr anders.
    Mir kommt's unglaublich vor. Ich fass' es erst, wenn man's mit allen
Glocken lutet, an allen Straenecken verkndigt ...
    - - - -
    Eine Woche spter verkndeten Plakate an allen Straenecken, da sich das
Ungeheuere und Unabwendbare vollzogen. Der Schicksalsspruch war gefallen. In
dumpfer Trauer, sprachlos, verwirrt von so viel Unglck im erhabenen
Knigshause, vernahm ihn das Volk. Dunkel sind die Wege der Vorsehung.
    Max v. Drillinger sa mit Fifette am Frhstckstische des Gasthofes zur
Sonne in Riva am Gardasee. Er war in denkbar schlechtester Laune, sein Blick war
bald stumpf nach innen gekehrt, bald irrlichtelierte er in jhem Glanze. Sein
Gesichtsausdruck war bernchtig, verzerrt, die Farbe ksig; strohern hingen die
Haare ber die durchfurchte Stirn. Seine blasse Hand zitterte, als er die Tasse
an die blutleeren Lippen fhrte. Fifette stocherte sich die weien Zhnchen und
bltterte zerstreut in den Zeitungen. Nicht die bsen Nachrichten von Brigittas
verschlimmertem Zustande, die ihm Resl in kaum entzifferbarem Kchinnendeutsch
geschrieben hatte, waren es allein, die ihn so verstrten und an seinen unmig
strapazierten Nerven wie mit glhenden Zangen zerrten; es kam noch etwas anderes
dazu. Am Abende vorher hatte er eine Eifersuchtsszene mit seiner
Reisegesellschafterin auf radikale Weise dadurch abzukrzen versucht, da er die
drei letzten unerbrochenen Briefe von Frau Raler aus dem Geheimfach seines
Koffers hervorholte und vor Fifette hinlegte. Whle einen, erbrich und lies ihn
- und urteile dann selbst, wie ich das sogenannte Verhltnis mit jener Frau
gelst habe, wer der Abschiedgeber gewesen, sie oder ich. Sieh her, alle drei
Siegel sind unverletzt. Ich kann Dir also kein X fr ein U vormachen.
    Schweigend ergriff Fifette das kleinste Briefchen, erbrach es und las, dann
schob sie es Drillinger hin. Er wurde bald rot, bald bla und ein
konvulsivisches Zittern schttelte seinen Krper, nachdem er die wenigen Worte
gelesen: Erinnere Dich Deiner Frage, was ich unter gewissen Umstnden thun
wrde ... Mich tten und Dich ... Die Umstnde sind eingetreten ... Ich hoffe
nicht, da Du so feig sein wirst, Dich dem Urteil durch die Flucht zu entziehen
...
    Fifette sprach: Ich verstehe nicht, ich ahne nur. Ich hasse den Feigling.
In dieser Stunde noch wrde ich abreisen, htte ich das Geld dazu. Schaff' das
Geld!
    Morgen frh. -
    Drillinger sah auf die Uhr und fhlte nach dem Wechsel in seiner
Brusttasche. In einer halben Stunde konnte er zum Bankier gehen. Dann war's aus.
    Als er sich erheben wollte, wies Fifette mit dem Zahnstocher auf ein
Telegramm in der Zeitung. Es ist entsetzlich, der Knig wegen Wahnsinn
abgesetzt. Sie stand auf und ging, in ihr Taschentuch schluchzend, hinaus. Der
Knig, vor dem sie gesungen, von dem sie ein kostbares Andenken am Arme trug,
von dem sie wie von einem Gotte dachte und schwrmte ... Entsetzlich!
    Seiner Sinne kaum mehr mchtig, strzte eine halbe Stunde spter Max v.
Drillinger aus der Wechselstube. Der Bankier hatte ihn mit dem Bedeuten
abgewiesen, die vorgelegte Geldanweisung sei ein ganz wertloser Kellerwechsel,
der Aussteller Weiler in Mnchen sei nach einer soeben eingetroffenen Depesche
bankrott und flchtig und werde von der Polizei gesucht, auch wegen Verdachts
der Spionage u.s.w. Drillinger hrte den Geldwechsler gar nicht zu Ende.
Bankrott! Das Wort traf ihn wie ein Donnerschlag.
    Fifette brachte durch Versetzen ihrer Pretiosen, auch des Knigs Armreif war
darunter, die notwendige Summe auf, um Drillingers Rechnung zu bezahlen und ihm
eine Fahrkarte nach Mnchen zu kaufen. Sie selbst blieb bis auf Weiteres im
Gasthof zurck, wo sich ein blutjunger Leutnant von den sterreichischen
Kaiserjgern vergeblich bemhte, sie zur Annahme seiner, guten Dienste zu
bewegen. - -
    Weit Du's gewi, Gabriel, das Prebanditennest ist von polizeiwegen
aufgehoben worden? fragte Doktor Trostberg seinen aufgeregten Diener.
    Hier steht's schon in der Zeitung.
    Wahrhaftig, da steht's: wegen eines unfltigen Artikels ber den
entmndigten Knig ... Jetzt will ich doch noch einmal nach dem Baron Drillinger
fragen. Es ist unglaublich, da er sich auf abenteuerlichen Wegen irgendwo im
Auslande herumtreiben sollte, nachdem in seiner Vaterstadt alle Gemter in
Aufruhr sind und die folgenreichsten Ereignisse Schlag auf Schlag folgen. Ich
bitte Dich, Gabriel, nimm Deinen wurmstichigen Kopf zusammen und mache mir jetzt
keine Dummheiten.
    Ja, wir sind merkwrdige Zeitgenossen, Herr.
    Doktor Trostberg klingelte noch vor Abend an Drillingers Thr. Er hrte
Rufen und Schreien aus heiseren Kehlen. Endlich wurde ihm von einem Menschen mit
gertetem Gesicht und wilden Manieren aufgethan. Wer sind Sie? fragte
Trostberg den fremden Mann, der offenbar betrunken war.
    Geht keinem Menschen was an, aber wenn Sie's wissen wollen, ich, ich bin
der Floerfranzl von Tlz. Was wollen Sie?
    Nachdem er den Betrunkenen mit den Worten Ich bin der Doktor Trostberg
beiseite geschoben, trat er ein.
    Ja, der, der Doktor wenn Sie sind - Sie, da kommen's fein zu spt. Die Alt'
liegt in, in den Zgen.
    Whrend der Floknecht in die Kche zurcktaumelte, ging Trostberg auf das
Zimmer zu, aus dessen halb offener Thr ihm wstes Lachen und Gekreisch
entgegentnte.
    Alte Hex, jetzt bist hin, hahahi; magst noch ein Schlckerl von dem Roten?
Hast mir so lang das Maul sauber g'halten, gelt, hihi, aber jetzt sind wir Herr,
Du Sakra. Und das besoffene Weibsbild warf sich ber das Bett der Sterbenden
und lachte und tobte, schlenkerte die Beine und schttelte die alte Frau, die
unter diesem bestialischen Angriff ihren letzten Seufzer aushauchte.
    Resl, nimm Dich z'amm, der Doktor! schrie der Floknecht aus der Kche.
    Entsetzt war Trostberg davon geeilt, um polizeiliche Hilfe zu holen.
    Am nchsten Morgen stand Max v. Drillinger im Breau des Mnchener
Polizeidirektors. Er besann sich und besann sich, allein er vermochte sich nicht
zu sagen, wie er dahin gekommen und was er wolle. Nachdem er dem Beamten seinen
Namen genannt, stellte dieser eine Reihe von Fragen nach dem Grunde seiner
Reise, seinen Beziehungen zu dem Bankier Weiler und dem Franzosen Paillard -
merkte aber sofort, da der Gefragte lauter verkehrte Antworten gab. Der
Polizeidirektor, anfnglich khl wie ein Untersuchungsrichter, sagte jetzt
bestrzt: Aber ich bitte Sie, Herr Baron, verstehen Sie nicht, was ich frage
oder wollen Sie nicht verstehen? Warum geben Sie mir so ungereimte Antworten?
Nun blickte Drillinger dem Direktor starr ins Gesicht, wackelte mit dem Kopfe
und begann bitterlich zu weinen. Endlich stotterte er: O ber mich
Unglcklichen, ich fhle, da ich wahnsinnig bin, Herr ... wahnsinnig, ein armes
Marterl ... Dann brach er kraft- und besinnungslos zusammen.
    Der Chef der Polizei klingelte einem Unterbeamten. Der Mann hier ist in
Gewahrsam und rztliche Beobachtung zu nehmen. Ich habe jetzt keine Zeit, mich
mit ihm weiter zu befassen.
    - - - -
    Der Pfingstmorgen brach an, aber es wollte nicht Tag werden. Der Himmel war
wie mit dichten Trauerflren verhangen, wie unendlicher Thrnenergu rieselte es
aus den schweren Wolken hernieder.
    Der Knig ist tot! Des Knigs Leiche und die seines Arztes v. Gudden wurden
im Starnberger See gefunden! Die Schreckensbotschaft ging wie ein Lauffeuer
durch die Stadt. Die unerhrte Tragik dieses kniglichen Lebens- und
Todesrtsels beherrschte alle Geister mit lhmender Wucht.
    Im Hause des Konsuls Schmerold in der Quaistrae war die Abendmahlzeit still
beendet worden. Man hatte kaum die Speisen berhrt, jeder Bissen quoll im Munde.
Wie ein Bann lag es auf den Gemtern. Der groe, eichene Tisch wurde abgerumt,
das Fenster mit den Butzenscheiben im Erker der altdeutschen Speisestube
geffnet, damit belebende Luft hereinstrme. An der dunkel getfelten Decke
zuckten die Flammen des Lstreweibchens. Drauen rauschte die Isar und der Regen
ging wie eine Sndflut nieder, klatschte auf die wildwogenden Gebirgswasser und
erfllte die Strae mit grauen Pftzen. Die Abendglocken klangen so verweint, so
tieftraurig wie ein gramzerwhltes Chopinsches Nokturno ... Schweigend hatte
sich die Familie mit Herrn Biswanger und Pfaffenzeller und den Gsten aus Kln
in den Salon zurckgezogen, den eine schwere Draperie von der Speisestube
trennte. Blo der Grovater, jetzt noch eine hohe, rstige Gestalt im
silberweien Greisenhaar, war in der Stube zurckgeblieben, um in seinem alten
Lederstuhl sein gewohntes Dmmerstndchen zu vertrumen.
    Die schne, blonde Elsa, die gestern erst ihren achtzehnten Geburtstag
gefeiert, kam aus dem Salon zurck und warf sich dem Grovater weinend an die
Brust. Dann beugte sie sich zum Erkerfenster hinaus; ihre Thrnen vermischten
sich mit den Regentropfen. Isarrauschen und Glockengelute erfllten ihre Seele
mit Schauder. Sie trat zurck und setzte sich zu Fen des Grovaters. O dieses
Nachtlied des Wahnsinns! O der unglckliche Knig!
    Der Grovater holte tief Atem. Ja, Kind, solche Pfingsten habe ich in
meinen sechsundachtzig Jahren nie erlebt. Je lter man wird, desto unglaublicher
erscheinen alle Dinge und Verhltnisse. Des Himmels Ratschlsse sind
unerforschlich; dieser Welt Weisheit ist Thorheit vor Gott ... Ich versteh's
nicht, ich versteh's nicht ... Gott schtze Bayern, Gott schtze den
Prinzregenten ...
    Als Pfaffenzeller den alten Herrn, dessen Tchtigkeit und Rstigkeit einen
tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatten, sprechen hrte, ging er leise in die
Speisestube zurck. Elsa bot ihm freundlich einen Stuhl neben dem Sitz des
Grovaters.
    Wann haben Sie den unglcklichen Knig zum letztenmal gesehen, Herr
Schmerold?
    Ach, das ist lange her, Herr Pfaffenzeller. Beim Siegeseinzug anno
Einundsiebzig, abends bei der Festvorstellung im Hoftheater. Es ist mir noch
alles im Gedchtnis. Wallensteins Lager wurde gegeben. Haufenweis war das Volk
ins Theater gestrmt. Als der junge Knig mit seiner Mutter und dem deutschen
Kronprinzen in der Hofloge erschien, brach alles in Jubel aus und das Orchester
spielte die Nationalhymne. Bei jeder patriotischen Stelle des Schillerschen
Stckes erschallte brausender Beifall. Als schlielich Kindermann das Reiterlied
anstimmte Wohlauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd, in das Feld, in die
Freiheit gezogen und dann die Wacht am Rhein gesungen wurde, ging's wie
Sturmesbrausen durchs Haus und alles jubelte zur Knigsloge hinaus. Der Knig
und der deutsche Kronprinz faten sich bei der Hand und verneigten sich. Zwei.
herrliche, stolze, deutsche Mnner ... Und jetzt nimmt unser Knig ein solches
Ende ...
    Dem Greis versagte die Stimme. Dicke Thrnen rollten ihm ber die Wangen.
Elsa schluchzte. Herr Pfaffenzeller konnte sich nicht enthalten, dem alten Herrn
die Hand zu kssen. Dann fate er die Hand des Mdchens mit leisem Drucke. Elsa
sah unter Thrnen auf und ihr schnes kindliches Auge ruhte eine Weile wie
trostsuchend im Auge des jungen Mannes, dessen energische Physiognomie heute
einen einnehmenden Zug milder Empfindung zeigte.
    Jetzt trat der Konsul herein. Wenn es Ihnen recht ist, Herr Pfaffenzeller,
gehe ich mit Ihnen auf den Bahnhof. Und zu seinem Vater gewendet: Der
Architekt Zwerger hat uns nmlich seine Ankunft telegraphiert. In der
allgemeinen Verwirrung wei er vielleicht gar nichts, wohin. Also gehen wir,
Herr Pfaffenzeller, es ist Zeit. Der Kufsteiner Zug kommt in einer halben
Stunde.
    Lebhafte Bewegung und lautes Gesprch im Salon: der Enkelsohn Franz war mit
Ralers Hermann soeben mit dem letzten Zuge von Starnberg zurckgekehrt. Die
Knaben hatten die Unglckssttte besichtigt, die Leiche des Knigs und Guddens
im Schlo Berg gesehen und berichteten jetzt in atemloser Hast. Auch ein
Bildhauer namens Achthuber sei da gewesen und habe des Knigs Totenmaske und
einen Abdruck seiner Hand abgenommen. Und viele Landleute und Gebirgler mit
Alpenstruen und Krnzen von Edelwei ... Vom Schmerz ber die furchtbaren
Geschehnisse und das Geschaute berwltigt, unterbrachen sie ihre verworrene
Erzhlung und weinten laut auf.
    In tiefer Ergriffenheit saen die Familienmitglieder und ihre Gste da. Als
htte das Schicksal an die Pforte des eigenen Hauses gepocht, als htte ein
teurer Angehriger der eigenen Blutsverwandtschaft in Nacht und Grauen geendet,
so schauderten die Herzen bei dieser Knigstragdie. Nun hatte der Tod diesen
weltscheuen, so lange in geheimnisvoller Hhe thronenden Knig mit einem Schlag
zum Gast eines jeden Brgerhauses gemacht, zum beweinten Liebling eines jeden
Herzens. In diesem Allgemeingefhl des innigsten Mitleides, das die guten
Menschen verbindet und ber die Bedeutungslosigkeit der flachen
Werkeltglichkeit in Stimmungen und Thaten erhebt, versank auch der Schmerz ber
die eigenen kleinen Leiden und Bekmmernisse.
    Wie geht es bei Euch zu Hause? fragte die Frau Konsul Schmerold den
Hermann Raler und legte ihre Hand dem Knaben mtterlich treuherzig auf die
Schulter.
    Gott sei Dank, Papa ist viel besser und Mama erholt sich wieder. Der Doktor
ist recht zufrieden.
    Vergi nicht, meinen Wunsch andauernder Besserung Deinen Eltern zu melden
und einen schnen Gru. Ich werde mir nchstens erlauben, die Frau Kommerzienrat
zu besuchen.
    Des Knaben verweinte Augen leuchteten dankbar auf. Es war das erste Mal, da
er seine Eltern von der gestrengen Frau Konsul gren durfte, und ihr Besuch
erst, wie wird der die einsame, traurige Mama freuen!
    - - - -
    Maximilian Schlichting, kaum notdrftig genesen, verbrannte sein
Novellen-Manuskript, verabschiedete sich herzlich von seiner treuen Pflegerin
Monika und zog zu Meister Effenbach in das Steinbruch-Blockhaus nach
Hllriegelskreut, um in der Einsamkeit und strkenden Waldluft seine volle
Wiederherstellung abzuwarten.
    Und wir sehen uns nie wieder? fragte das Mdchen, seine Hand in der
ihrigen haltend mit leidenschaftlichem Drucke und ihn mit einem Blicke innigster
Liebe betrachtend.
    Gewi sehen wir uns wieder, gute Monika. Ich werde immer an Dich denken.
La mich nur erst ganz gesund werden und meine Studien vollenden, dann sollst Du
sehen, wie dankbar ich sein kann. Inzwischen behalte mich lieb und bleibe brav.
    Schlichting und Effenbach wandelten unter weiblhendem Hollunder an der
Isar hin, als ein Fischer von Pullach die Nachricht von der Knigskatastrophe
brachte.
    Magdalena sa auf einem Felsblock am Ufer und sagte Bibelsprche vor sich
hin. Nun will ich mich aufmachen, sagt der Herr, nun will ich mich erheben, nun
will ich hochherkommen. Mit Stroh gehet ihr schwanger, Stoppeln gebret ihr;
Feuer wird euch mit eurem Mute verzehren. Denn die Vlker werden zu Asche
verbrennet werden, wie man abgehauene Dornung mit Feuer anstecket ...
    Der Knig ist tot, Magdalena, meldete ihr Effenbach tief erschttert.
    Die Irrsinnige blickte zu ihm auf. Sie verstand ihn nicht. Erst nach einigem
Sinnen ging es wie ein Glanz halben Verstndnisses ber ihr Gesicht; dann sprach
sie fest: Der Herr ist Knig. Ehe denn die Berge worden und die Erde und die
Welt geschaffen worden, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.
    Schlichting weinte. Die eine Hand auf Effenbachs Arm gelehnt, wies er mit
der andern auf die reissenden Schnellen und zischendbrausenden Wasserwirbel des
mit starkem und raschem Wellenschlage dahinjagenden Flusses. Wie trauert doch
Hyperions Schicksalslied?
    
    Es schwinden, es fallen
     Die leidenden Menschen
     Blindlings von einer
     Stunde zur andern,
     Wie Wasser von Klippe
     Zu Klippe geworfen,
     Jhlings ins Ungewisse hinab ...
    
    
    Als das trbe Wetter, der Regen und das Hochwasser wieder vergangen waren
und das breite Isarthal mit seiner smaragdgrnen Flut und den weien Kiesbnken
und dem dunkelgrnen Saume mchtiger Buchenwlder dalag im Glanze des
wundersamsten blauen Sommertages, der weite Himmel wolkenlos in tief
schimmernder Leuchtkraft seines reinen thers, da whlten Schlichting und
Effenbach einen aufragenden Felsblock mitten in der Isar zum Denkstein der
gemeinsam verlebten ereignisschweren Tage und meielten darauf die Worte des
griechischen Weisen:

                                   Ranta rei

    Alles fliet.
    Der wiedergesundete Jngling kehrte mit frischer Kraft und neuem Vertrauen
aus der Einsamkeit des Steinbruchs an der Isar in das brausende Leben zurck.

                                Ende des Romans.
