
                               Keller, Gottfried

                                Martin Salander

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                Gottfried Keller

                                Martin Salander

                                       I

Ein noch nicht bejahrter Mann, wohlgekleidet und eine Reisetasche von englischer
Lederarbeit umgehngt, ging von einem Bahnhofe der helvetischen Stadt
Mnsterburg weg, auf neuen Straen, nicht in die Stadt hinein, sondern sofort in
einer bestimmten Richtung nach einem Punkte der Umgegend, gleich einem, der am
Orte bekannt und seiner Sache sicher ist. Dennoch mute er bald anhalten, sich
besser umzusehen, da diese Straenanlagen schon nicht mehr die frheren neuen
Straen waren, die er einst gegangen; und als er jetzt rckwrts schaute,
bemerkte er, da er auch nicht aus dem Bahnhofe herausgekommen, von welchem er
vor Jahren abgefahren, vielmehr am alten Ort ein weit greres Gebude stand.
    Die reichgegliederte, kaum zu bersehende Steinmasse leuchtete auch so still
prchtig in der Nachmittagssonne, da der Mann wie verzckt hinsah, bis er von
dem Verkehrstrubel unsanft gestrt wurde und das Feld rumte. Aber der erhobene
Kopf, die an der Hfte gelind sich hin und her wiegende Reisetasche lieen
erkennen, wie er vom Schwunge der Gedanken bewegt, von Genugtuung erfllt
dahinschritt, um Weib und Kinder aufzusuchen, wo er sie vor Jahren gelassen.
Jedoch vergeblich forschte er zwischen der rastlosen berbauung des Bodens nach
Spuren frherer Pfade, die sonst zwischen Wiesen und Grten schattig und
freundlich hgelan geleitet hatten. Denn diese Pfade lagen auch weiterhin unter
staubigen oder mit hartem Kies beschotterten Fahrstraen begraben. Obgleich das
alles seine Bewunderung stetig erhhte, war er endlich doch angenehm berrascht,
als er unvermerkt, um eine Ecke biegend, sich in einen Huserwinkel versetzt
fand, den er augenblicklich an seiner verjhrten lndlichen Bauart
wiedererkannte. Die vorspringenden Dcher, das rote Balkenwerk, die kleinen
Vorgrtchen waren die nmlichen wie seit Menschengedenken.
    Da ist ja der Zeisig! rief der Wandersmann, indem er stillstand und mit
warmem Heimatgefhl die alte Lokalitt betrachtete, wahrhaftig der Zeisig! Im
Zeisig heit es hier! Wer kann sagen, warum einem eine solche Sache und ein
solches Wort whrend sieben Jahren nicht ein einziges Mal eingefallen ist, und
haben wir doch als Schler hier so schnen Apfelmost getrunken, wenn wir einen
Batzen besaen! Und der alte Brunnen steht auch noch, mit welchem man den
Zeisigbauer aufzog, da er Most und Milch daraus speise!
    In der Tat sprudelte aus der uralten Holzsule das klare Bergwasser in
denselben Trog, wie ehemals, und zwar durch den gleichen abgesgten Flintenlauf,
der statt einer eisernen Brunnenrhre darin steckte. Diese Entdeckung erregte
dem Mann eine neue Begeisterung.
    Sei mir gegrt, ehrwrdiges Zeichen friedlicher Wehrkraft! dachte er
halblaut; dies Rohr, das einst Feuer gesprht, spendet das lautere Quellwasser
fr Mensch und Tier! Aber schon hngt in jedem Hause, wie ich vernehme, das
gezogene Gewehr und harrt der ernsten Prfung; mge sie der Heimat lange erspart
bleiben!
    In diesem Augenblicke nherte sich ein Trupp spielender Kinder dem Brunnen,
kleines Volk von zwei bis sechs Jahren. Letzteren Alters konnten zwei Knaben und
berdies Zwillinge sein, weil sie genau dieselbe Gre, ganz hnlich runde Kpfe
mit dicken Backen und vor den Buchen aus gleichem Wachstuch geschnittene, mit
Blmchen bedruckte Schrzen aufwiesen, offenbar ebensowohl als Auszeichnung wie
zum Schutze der Kleider. Etwas seitwrts stand einsam ein bleicher Junge, der
seinen achten Sommer zhlen mochte und Anla zu einer kleinen Begebenheit bot,
welche die Aufmerksamkeit des heimkehrenden Mannes von dem alten Flintenlauf
ablenkte.
    Einer der beiden Schurztrger rief nmlich den einsamen Jungen hochmtig an:
    Was tust du denn hier? Was willst du?
    Als der Angerufene nicht antwortete und nur melancholisch herberblickte,
trat der andere Zwilling, die Hnde auf dem Rcken, den beschrzten Bauch
vorstreckend, nher hin und sagte patzig:
    Ja, auf was wartest du hier?
    Ich warte auf meine Mutter! erwiderte nun der Junge, unsicher werdend, ob
er das Recht habe, dortzustehen. Der andere aber versetzte trocken und
verchtlich wie ein Alter: So, du hast eine Mutter? whrend sein Bruder laut
auflachte und schrie:
    Haha! Der hat eine Mutter!
    Sogleich sang der ganze Kinderchor mit drollig nachgeahmtem Gelchter:
    Der hat eine Mutter!
    Und nie hrte man ein frhlicheres Lachen so kleiner Leute. Als ob das
lustigste Ereignis sie kniglich erheitere, holten sie immer ein neues Hahaha
aus der Tiefe ihrer arglosen Kinderherzchen herauf und standen dabei im Kreise
beisammen, innerhalb dessen ein zweijhriges Watschelbbchen, indem es sich mit
den fetten Hndchen die Seiten hielt, wiederholte:
    Oh! eine Moder hat der!
    Als dies Vergngen, wie alles hienieden, allmhlich sein Ende erreicht,
fragte der mit der Reisetasche, der es wohl beobachtet hatte und nichts davon
verstand, mit freundlichen Worten:
    Warum lacht ihr Kinder so darber, da der Knabe eine Mutter hat? Habt ihr
denn keine Mutter?
    Nein! Wir sagen Mama! erklrte der eine Rdelsfhrer der Kleinen, und
gleichzeitig nahm er einen Tonscherben von dem Boden, schpfte Wasser aus dem
Brunnenbecken und schleuderte es auf den Inhaber einer Mutter. Der verlor aber
die Geduld. Er sprang herbei, um den bsen Zwilling ein weniges zu zausen,
worauf beide Brder zu zetern und Mama! Mama! zu schreien begannen.
    Isidor! Julian! Was gibt's denn, was habt ihr wieder? lie sich eine
Stimme vernehmen, und aus einem der Huser kam eine rstige Frau, unzweifelhaft
vom Waschzuber weg. Die feuchte Schrze war zurckgeschlagen, auf der einen
Faust hielt sie einen modisch mit Blumen und Seide aufgeputzten Strohhut vor
sich hin, whrend sie mit dem andern rotbraunen Arm den Schwei von der Stirn zu
wischen suchte und der ihr folgenden Putzmacherin schmlend zurief, der Hut sei
nicht geraten, die Blumen stellten nichts Rechtes vor, sie wolle ebenso schne
und groe, wie andere Frauenzimmer, und weie Bnder statt der braunen. Sie
wte nicht, warum sie nicht ebensogut weie Bnder tragen drfte, wie diese und
jene, und wenn sie auch keine Rtin sei, so werde sie dereinst vielleicht eines
oder zwei solcher Stcke zu Schwiegertchtern bekommen!
    Die Modistin, welche ihr den Hut inzwischen abgenommen, versetzte bescheiden
schnippisch, es sei gut, da die Bnder nicht schon wei gewesen, sonst wrden
sie von den nassen Hnden der Frau bereits verdorben sein, und es frage sich, ob
diese befleckten braunen sauber herzustellen seien. Sie wollte sehen, was die
Meisterin dazu sage. Hiermit legte sie den Hut wieder in die Schachtel, in der
sie ihn hergetragen, und begab sich verdrielich hinweg, indessen die Waschfrau
ihr nachrief, sie solle nur machen, da sie den Hut bis nchsten Sonntag
erhalte, denn sie wolle damit zur Kirche gehen. Dann sah sie endlich nach ihren
Buben Julian und Isidor, welche zu schreien nicht aufhrten, obgleich der fremde
Knabe sich an seinen Standort zurckgezogen hatte.
    Was ist denn mit euch? Wer tut euch was? rief sie, worauf jene schrien:
Der dort will uns hauen!
    Nun aber mischte sich der stets aufmerksame Wandersmann in den Handel und
belehrte die Frau, die beiden Jungen htten den andern zuerst mit Wasser
begossen und ihn ausgelacht, weil er nur eine Mutter und keine Mama besitze.
    Das ist nicht schn von euch! sagte die Frau mit milder Zurechtweisung zu
ihren Sprlingen; er ist nicht schuld, wenn er arme oder ungebildete Eltern
hat, und ihr knnt Gott danken, da es euch besser geht!
    Der mit der Reisetasche konnte sich nicht enthalten, zu fragen, ob es denn
hierzulande ein Zeichen von Armut oder Verwahrlosung sei, wenn unter dem Volke
die Eltern noch Vater und Mutter genannt werden, und er tat diese Frage mit
anstndiger Wibegier, ohne Spott, gewrtig, schon wieder etwas Neues,
vielleicht Gnstiges und Rhmliches zu erfahren. Die Frau aber sah ihn gro an,
besann sich ein wenig, bis sie zu erkennen glaubte, da es sich um einen
unvorgesehenen unbefugten Angriff handle, und erwiderte alsdann mit geschrfter
Betonung:
    Wir sind hier nicht Volk, wir sind Leute, die alle das gleiche Recht haben,
emporzukommen! Und alle sind gleich vornehm! Und fr meine Kinder bin ich die
Mama, damit sie sich nicht vor dem Herrenvolk zu schmen brauchen und einst
aufrechten Hauptes durch die Welt gehen drfen! Jede rechte Mutter hat die
Pflicht, dafr zu sorgen, weil es Zeit ist!
    Was machst du denn fr einen Lrm, Frau? sagte der hinzugekommene Mann
derselben; er setzte einen groen Korb voll gelber Rbchen neben den Brunnen
nieder, indem er beifgte: Da ist Gemse zu waschen! Ich will gleich das Beet
umgraben und wieder ansen; die Buben knnen das Zeug absplen! Damit sie das
Wasser im Trog nicht verunreinigen, gib ihnen einen Zuber, Frau, und achte doch
darauf, da dem Vieh das Trinkwasser nicht immer getrbt wird von den Kindern!
    Hierdurch schien die wackere Frau, in Gegenwart des Fremden, noch gereizter
zu werden. Die Knaben seien jetzt ordentlich angezogen und sollen sich nicht
schon wieder versauen! Sie wolle die Rbchen nachher schon absplen, wozu noch
alle Zeit sei, denn sie wrden erst am nchsten Morgen geholt.
    Und die Zwillinge riefen ihrerseits: Vater, die Mama sagt, wir drfen uns
nicht versauen! Was sollen wir nun tun? Knnen wir laufen, wo wir wollen?
    Ohne die Antwort abzuwarten, sprangen sie mit den anderen Kindern davon; der
Fremde aber, statt ihrem Beispiel zu folgen, blieb immer noch stehen, in
Nachdenken verloren ber die neue Tatsache, da der Mann der Mama doch ein
einfacher Vater sei vor seinen Kindern, dabei auch freilich nicht soviel zu
gelten schien, wie jene.
    In diesen Gedanken unterbrach ihn der Landwirt oder Gemsegrtner und
fragte: Und was ist's mit dem Herrn hier, was wnscht er?
    Er wird wohl nichts zu wnschen haben! rief die Frau dazwischen; er hat
uns blo Volk genannt und sich verwundert, wieso die Buben mir Mama rufen
sollen!
    Das war nicht so gemeint! sagte der Fremde lchelnd, ich habe mich ja im
Gegenteil ber die Verfeinerung der Sitte hierzulande gefreut, ber die
zunehmende Gleichheit der Brger; gewahre nun aber doch, da das Familienhaupt
noch Vater genannt wird und nicht Papa! Wie darf ich mir nun das wieder
erklren?
    Die Frau blickte rgerlich auf ihren Mann, der ihr in diesem Punkte genugsam
Verdru gemacht haben mochte, und verhielt sich im brigen still. Der Mann
seinerseits betrachtete den Fremdling nun ebenfalls mit prfendem Blicke, wie
vorhin die Frau, und als er dessen offenes und gutmtiges Gesicht wahrnahm, lie
er sich zu einer vertraulichen Rede herbei:
    Seht, guter Freund! Das ist eine Sache, wovon manches zu berichten wre!
Die Gleichheit ist allerdings vorhanden und alle streben wir aufwrts. Am
eifrigsten sind die Weiber dahinter her; eine nach der andern nimmt jenen Titel
an, wogegen wir Mannsleute bei unserer Hantierung dergleichen Zierat nicht
brauchen knnen. Wir wrden uns selbst auslachen, wenigstens einstweilen noch,
und dann, was die Hauptsache ist, so wrde man uns die Steuern hinaufschrauben,
wenn wir den Papatitel annhmen. So hat der Herr Pfarrer in der Schulpflege zu
verstehen gegeben, wo die Sache zur Sprache kam, weil ein Schulmeister einen
Teil der Schler mit Papa und Mama traktierte, wenn er von ihren Eltern zu
sprechen hatte. Es waren dies natrlich solche Kinder, die schne Geschenke
brachten. Bei den Frauen, sagte der Pfarrer, habe das nicht soviel zu bedeuten,
weil ihre Eitelkeit bekannt sei; wenn aber die Mannsbilder sich Papa rufen
lieen, so urkundeten sie hiemit, da sie sich zu den Wohlhabenden und Frnehmen
rechnen, und da sie ohnehin zu wenig versteuern, so wrde man sie bald hher
einzuschtzen wissen. Es wurde dann auch sofort allen sechs Lehrern strengstens
befohlen, in der Schule von Gleichheits wegen das Wort Papa zu vermeiden und bei
reich und arm nur Vater zu sagen!
    Die Frau war schon bei Anfang dieser Rede zornig in ihre Kche
zurckgelaufen; der Landmann ging auch hastig seiner Wege, indem er sich besann,
da er noch genug zu tun und schon zu lang geschwatzt habe, und der Fremde stand
allein auf dem stillen Platze. Erst jetzt las er an dem alten Hause die
Inschrift Gemsegrtnerei und Milchwirtschaft von Peter Weidelich. - Also
Weidelich heien diese Leute, sprach er vor sich hin, ohne selbst darauf zu
achten. Er rieb sich sacht ein wenig die Stirne, wie einer, der nicht recht
wei, wo er sich im Augenblick befindet, bis er sich besann, da er ja noch
hchstens zehn Minuten zu gehen brauche, um die Seinigen zu sehen. Doch wie er
sich wandte und den Fu ansetzte, fiel ihm eine Hand auf die Schulter und eine
Stimme fragte:
    Ist das nicht der Martin Salander?
    Er war es wirklich; denn er kehrte sich wie der Blitz um da er auf dem
heimischen Boden zum ersten Mal seinen Namen hrte und nun auch das erste
bekannte Gesicht erblickte.
    Und du bist der Mni Wighart, wahrhaftig! rief er. Beide schttelten sich
die Hnde, einander aufmerksam, aber nicht unerfreut betrachtend als gute alte
Freunde, von denen keiner dem andern etwas zu danken oder je etwas von ihm
gewollt hatte. Das ist immer eine gute Begegnung an der Schwelle jeglicher
Heimat.
    Der genannte Mni oder Salomon schien um zehn Jahre lter als Herr Martin
Salander, sah aber noch so frisch und sauber mit seinem Schnurr- und
Backenbrtchen aus, wie ehemals, und trug denselben Rohrstock mit vergoldetem
Hundekopf, wie vor zwanzig Jahren. Mit allen ordentlichen Leuten stand er auf du
und du, obgleich keiner deutlich wute, seit wann. Trotzdem hatte er nie einen
Feind; denn er war fr jeden, der ihn traf, ein Ruhepunkt und eine Pause in den
Sorgen und Gedanken, die ihn bewegten, oder auch, wenn der Betreffende just
zerstreut dahintrieb, ein kommlicher Anhalt zur Sammlung.
    Martin Salander! Wer htte das gedacht! Und seit wann bist du wieder im
Land? Oder kommst du erst? fragte er abermals.
    Soeben komm ich vom Bahnhof! war die Antwort.
    Was du sagst! Ich komme doch auch daher, trinke alle Tage meinen Kaffee
dort und sehe, wer abgeht und ankommt, und habe dich nicht bemerkt! Der Tausend
noch einmal! Soso, da ist der Martin Salander wieder! Nicht wahr, du kommst
gradenwegs aus Amerika?
    Aus Brasilien, das heit ich habe mich sechs Wochen in Liverpool
aufgehalten in etwas Geschften. Nun aber ist's Zeit, da ich meine Frau
aufsuche, habe seit einem halben Jahre keine Nachricht von ihr und meinen drei
Kindern, sie mssen mich lngst erwarten. Hoffentlich steht es gut mit ihnen!
    Ja wo sind sie denn? Hier oben auf der Hhe? Diese Frage tat der alte
Freund nur mit halber Sicherheit seiner Stimme, und der andere schien auch etwas
betreten, indem er erwiderte:
    Ei freilich, sie hat ja seit Jahren eine kleine Sommerwirtschaft und
Fremdenpension auf der Kreuzhalde gepachtet, es kann nicht sehr weit von hier
sein!
    Bei sich selbst dachte er: Nun wei der nichts davon oder tut wenigstens so;
ein Zeichen, da er nicht ein einziges Mal dort war, der ewige Spaziergnger und
Schoppenstecher! Es mu also nicht glnzend gehen, und jedenfalls hat die arme
Marie keinen vorzglichen Wein zu verzapfen!
    Die kleine Verlegenheit berspringend ergriff Wighart die Hand, welche
Salander zum Abschiede bot, und hielt sie fest.
    Ich wrde gleich mitkommen; das geht aber natrlich jetzt nicht gut an bei
eurem ersten Wiedersehen, da kann man keine Strer und Gaffer brauchen! Allein
zehn Schritt von hier, um die Ecke, hat der alte Friedensrichter Hauser im roten
Mann einen Letztjhrigen, der trinkt sich wie Himmelsluft. Ich nehme bei schnem
Wetter tglich ein Schppchen davon. Nun tu ich es nicht anders, Meister Martin,
du mut zum Willkomm eine Flasche mit mir leeren! In einem halben Stndchen, in
zwanzig Minuten ist es getan und der Nachmittag ist noch lang! Komm! Mach keine
Umstnde! Ich will durchaus das erste Glas mit dir trinken und verspreche, dich
nicht lang aufzuhalten!
    Martin Salander, dessen Hand der gute alte Freund nicht fahren lie,
strubte sich ernstlich, vom Verlangen nach Frau und Kindern beseelt, denen er
so nahe war; als ein so Weitgereister jedoch, der oft grere Umwege und
Aufenthalte vergeblich gemacht und den sieben Jahren seiner Abwesenheit leicht
eine Viertelstunde hinzufgen durfte, um der unverhofften Begegnung eine Ehre
anzutun, gab er endlich nach. Er wute zwar, da es den geselligen Herrn
vornehmlich gelstete, in aller Eile etwas Nheres von seinen Schicksalen zu
erfahren und nebst der Ankunft abends als der erste in der Stadt erzhlen zu
knnen; aber auch er selbst empfand jetzt pltzlich ein Bedrfnis, ber die
Dinge in der Heimat von dem stets unterrichteten Manne Vorlufiges zu vernehmen.
So wandte er sich denn, statt den Weg in die Kreuzhalde fortzusetzen, mit dem
Mni Wighart in anderer Richtung hinweg und folgte diesem nach dem Roten Mann,
einem Bauerngute, wo ein alt angesessener reicher Landwirt nebenher sein
reingehaltenes Eigengewchs ausschenkte.
    Der Platz um den Brunnen war nun gnzlich still und leer; nur in einer Ecke
stand noch der Knabe, der auf die Mutter wartete und das jngste Kind Salanders
war, der eben hinweggegangen.

                                       II


Die beiden Mnner hatten in der Tat nicht weit zu gehen, bis sie das hinter
Obstbumen verborgene Haus fanden. Die Wohn- und Gaststube des Wirtes war leer,
als sie eintraten; eine Frauensperson, irgendwo beschftigt, kam auf Wigharts
Klopfen herbei.
    Wo haben wir den Herrn Friedensrichter? fragte er, zugleich eine Flasche
Wein bestellend.
    Sie sind alle in den Reben, gab die Magd zur Antwort, whrend sie eine
weie Flasche aus dem Schranke nahm, sie ins Wasser des blanken Kupferkessels
tauchte, auf welchem ein halbmondfrmiger geschuppter Fisch getrieben war, zu
beiden Seiten die Namenszge eines Vorfahren und darunter eine Jahrzahl aus dem
achtzehnten Jahrhundert. Jene ging, den Wein frisch im Keller zu holen, indes
die Gste sich an den breiten Nubaumtisch setzten.
    Martin Salander schaute sich um, holte tief Atem und sagte: Wie ruhig und
still ist es hier! Seit sieben Jahren bin ich nicht hinter einem Tisch wie
dieser gesessen!
    Durch die Fenster sah man nur Grnes, Apfelbume, Wiesen und statt der
blauen Luft, soweit der Blick zwischen den Stmmen und sten den Weg fand, im
Hintergrunde den ansteigenden Weinberg, dessen Erde soeben sorgfltig gelockert
wurde. Nur hie und da sah man von den gebckten Werkleuten einen Kopf aus dem
Laube emportauchen, und man glaubte die sonnige Ferne selbst zu erblicken, in
die er hinausschaute.
    Sieben Jahre, bei Gott! Ist es schon so lang, da du fort bist, sagte
Wighart.
    Und drei Monate!
    Die Magd brachte den Wein und ein paar Schnitte gutes Roggenbrot, und als
die Gste nichts weiter verlangten, ging sie wieder an ihre Arbeit. Wighart
schenkte beide Glser voll.
    Also sei willkommen! begrte er, mit ihm anstoend, wiederum den
Heimkehrenden, der noch nicht ganz zu Hause war und vor der Zeit die Ruhe
kostete; auf deine Gesundheit! Aber gut siehst du ja schon aus, wirklich wie
die Gesundheit selber! Also la uns annehmen, es sei dir gut gegangen und alles
wohl gut gelungen!
    Auf jede Art ist es mir gegangen; doch habe ich mich gewehrt und getummelt
und wenig geschlafen, das kann ich dir sagen, und endlich mich von dem Schlag
erholt, der mich damals so schmhlich getroffen hat. Es dauerte freilich lnger,
als ich meinte, da es gehen wrde!
    Wenn ich nicht irre, so bist du durch eine Brgschaft ins Unglck gekommen?
Ich war zu jener Zeit auf Reisen, und als ich wiederkam, hie es, du seiest
fort.
    Freilich, die Geschichte mit dem Louis Wohlwend!
    Richtig! Jeder nahm teil an deinem Migeschick, aber allgemein wurde auch
gefragt, wie du dein Vermgen durch eine so unbedachte Handlung aufs Spiel
setzen konntest?
    Ich habe nichts aufs Spiel gesetzt, ich wollte nichts gewinnen, sondern
einfach ein Gebot der Freundespflicht erfllen, das heit - ich glaubte eben
nicht, da es zum Zahlen kme, war vielmehr der Meinung, soviel mir noch
vorschwebt, die Suppe wrde wohl nicht so hei gegessen werden, wie sie gekocht
sei, und jeder wahre Freundesdienst sei mit einem Wagnis verbunden, sonst wre
es keiner. Wir waren im Lehrerseminar schon gute Freunde. Er lernte schwer und
hielt sich deshalb an mich, dem es leichter ging; vor den anderen schien es
eher, als ob ich von ihm lernte, Gott wei, wie es zuging! Es machte mir jedoch
Spa, denn er war sehr drollig, zutraulich und gescheit, und wo zwei beieinander
standen, trat er hinzu, selbst unter den Lehrern und Professoren. Mit diesen
wute er sich sehr ergtzlich zu benehmen, wenn die Jahresprfungen dawaren. Er
forschte nicht etwa, worber sie ihn besonders fragen wrden, sondern wute
ihnen geradezu beizubringen, was er wollte, das sie ihn fragen sollten, worauf
er sich die bezglichen Gegenstnde extra von mir eintrichtern lie oder wie ich
es nennen soll. Es war, wie wenn er eine Gabe htte, die Gedanken der Menschen
mit wenig Wrtchen zu reihen, hin und her gehen zu lassen und aufzulsen, und
doch war er nicht imstande, selbst eine dauernde Gedankenordnung festzuhalten.
Aber alles war, wie gesagt, spahaft, und jeder lie ihn gewhren. Er erhielt
auch richtig die Verweserei einer lndlichen Elementarschule, wo es herrlich und
in Freuden ging; als er aber Realklassen bernahm, d.h. den Unterricht der
greren Kinder, begann er bald von Ort zu Ort zu rutschen und gab in kurzer
Zeit das Schulmeistern auf. Ich hatte mich indessen noch zum Sekundarlehrer
ausgebildet und ordentlich Flei darauf verwendet; auch verwaltete ich die
Schule, an die ich gewhlt wurde, nicht allein mit der blichen Begeisterung,
sondern auch mit einigem Pflichtgefhl und bemhte mich redlich, die Schler so
durchgehend als mglich emporzuarbeiten. Ich freute mich schon der spteren
Tage, wo ich manchem Landmann zu begegnen hoffte, der es mir danken wrde, wenn
er eine richtige Berechnung anstellen, ein Stck Feld ausmessen, seine Zeitung
besser verstehen und etwa ein franzsisches Buch lesen knnte, alles ohne die
Hand vom Pfluge zu lassen! Allerdings hab ich es nicht erlebt; denn die Buben
schwanden einem vorweg aus den Augen und verkrochen sich in alle mglichen
Schreibstuben. Keinen sah ich je wieder auf dem Feld und an der Sonne!
    Salander hielt inne und besann sich; dann tat er einen leichten Seufzer und
redete weiter:
    Aber hab ich es denn besser gemacht? Bin ich nicht selbst vom Pfluge
weggelaufen?
    Du meinst, als du den Lehrerberuf aufgabst? sagte Wighart, da der andere
ein Weilchen wieder verstummte; wie bist du denn dazu gekommen?
    Vater und Mutter starben mir in der Heimat in derselben Woche an einem
bsartigen Fieber. Im Stall war ihnen ein krankes Klbchen zugrunde gegangen,
das haben sie oberhalb des Hauses in der Wiese vergraben, unfern unserer guten
Brunnenquelle, und sich so das Wasser in aller Unschuld vergiftet. Knecht und
Magd entrannen dem Tode mit Not. Die Ursache ward erst spter entdeckt. Mir aber
wandelten sich Schreck und Trauer bald in eine groe Unruhe, als ich mich im
Besitze des elterlichen Vermgens sah, das nach dem Verkaufe des Hofes fr einen
Schulmeister artig genug ausfiel. Ich heiratete meine Frau, die mir schon lnger
in die Augen gestochen, und auch sie besa bare Mittel. Da wurde es mir
pltzlich zu eng in der friedlichen Schulstube, in der entlegenen Landschaft;
ich zog hierher, in die Stadt dort hinter den Bumen, wollte mitten im Verkehr
stehen, unter Erwachsenen, auf Freiheit und Fortschritt ausschauen, ein
Geschftsmann, ein Muster von Brotherrn sein, ja sogar noch den Militrdienst
nachholen und Offizier werden, um meinen Mann zu stellen. Denn ich glaubte alles
schuldig zu sein, weil ich etwas Vermgen besa, das im Grunde doch kein
Reichtum zu nennen war.
    Zunchst beteiligte ich mich an einer bescheidenen Gewebefabrik, die von
einem kundigen Manne geleitet wurde; daneben bernahm ich einen herrenlosen
Handel mit Strohwaren; nun, das ist dir ja bekannt, es ging gar nicht bel. Ich
hielt mich fleiig und aufmerksam an die Sache, ohne der Welt den Rcken zu
kehren. Da war denn auch der Louis Wohlwend; der betrieb ein
Kommissionsgeschft, wie du auch weit, nebst einigen Agenturen und war immer
noch der gleiche zutuliche und vertrauliche Gesell und Hans in allen Gassen, von
dem jeder den Eindruck empfing, da es ihm gut gehe und er wohl wisse, was er
wolle. Auch zu mir hielt er sich fleiig, sooft er Zeit fand, und bald stand ich
im Rufe seines Spezialfreundes und wehrte mich nicht dagegen, obschon mir im
stillen manches auffllig war, was ihm anhaftete. In einem Gesangverein, in den
er mich einfhrte, bemerkte ich, da er immer falsch sang; ich dachte aber, er
knne nichts dafr, und nachher beim Glase Wein war er umso kurzweiliger und
beliebter, und er behauptete sich, trotzdem der belstand offenkundig, im
zweiten Tenor. Das rgerte mich zuletzt ernstlich; er tat aber, als ob er keine
Ahnung htte, und am Ende sagte ich mir, das sei eigentlich auch ein Idealismus,
wenn ein armer Teufel, der kein Gehr habe, durchaus singen wolle.
    Als ich eines Abends in der Weihnachtswoche an meinem Rechnungsabschlu sa
mit dem Vorsatze, bis nach Mitternacht zu arbeiten, kam er, mich in seinen
Verein abzuholen, wo Christbaum und Hauptvergngen sei. Ich wollte nicht
mitgehen; er gab nicht nach, und da meine Frau mich ebenfalls zu gehen bat, mir
die Erholung gnnend, tat ich es. Dies war der Unglckstag.
    Unterwegs kaufte ich zum berflusse auch noch eine Gabe fr den Christbaum,
ein artiges Bildungsbuch in Goldschnitt, und erhielt bei der Verlosung dafr
einen westflischen Schinken. Als das Essen, das folgte, vorber und die
Rennbahn fr die komischen Snger, die Deklamanten und Travestanten erffnet
war, bestieg auch Louis Wohlwend das Podium, den Vortrag der Schillerschen
Ballade Die Brgschaft ankndigend und sogleich beginnend. Er wute das Gedicht
zu meiner Verwunderung auswendig und trug es mit einer gewissen Erregung oder
berzeugung, mit halb zitternder Stimme vor, aber mit durchgehend so verflucht
falscher Betonung, da die Wirkung mehr verdrielich als lcherlich war.
Unbewut sprach er in jenem Tone ungebildeter Leute, welche klagend oder keifend
ein Schriftstck vorlesen, dabei auf den Tisch klopfen und aus Leidenschaft die
Rede verzerren, die Worte auseinanderdehnen und wie aus Wut die Nebensilben
beschreien, da ihnen die Hauptsilben nicht ausreichen. Gleich den Schlu der
erstem Strophe gab er mit steigenden Noten so:

Die Stadt vom Tyrannen befreien:
Das sollst du am Kreuze bereuen!

Dann schlo er die zweite Strophe:

Ich lasse den Freund dir als Brgen,
Ihn magst du, entrinn ich, erwrgen.

Ganz heillos klang es, wie er fortfuhr:

Da lchelt der Knig mit arger List,

und dazu wirklich ein Lcheln und eine arge Gesinnung auf seinem Gesichte zu
mischen suchte. Das Ende des Gedichtes klang dagegen gemtlich aus:

Ich sei, gewhrt mir die Bitte,
In eurem Bunde der dritte.

Es sind jetzt sieben Jahre her und die Dummheiten mir dennoch so genau im
Gedchtnis, als wren sie gestern abend geschehen.
    Ich war etwas verstimmt, als Wohlwend, von seinem erhhten Aufenthalte
heruntergestiegen, sich wieder neben mich setzte, und da es bereits auf
Mitternacht ging, erhob ich mich, um Hut und Mantel zu suchen, und begab mich
hinweg. Kaum war ich aber auf der Strae, so holte er mich ein, lief neben mir
her, rusperte sich, als wolle er ein neues Stck rezitieren. Ihn unterbrechend,
fragte ich, was er fr eine Freude daran finde, ein Gedicht, berhaupt eine
Rede, so schlecht herzusagen, so aufgeregt und zugleich so grundfalsch zu
deklamieren?
    Ja, antwortete er mit immer noch nachzitternder Stimme, aufgeregt sei er,
und schn werde er allerdings nicht deklamiert haben, weil er selbst derjenige
sei, der den Brgen suche, und auf einem kritischen Wendepunkt schwebe.
    Mit ganz vernderter, ganz vernnftiger Stimme gab er unverweilt seine
Angelegenheit kund. Er hatte eine folgenreiche Unternehmung gewagt, welche
bedeutenden Kapitaleinsatz verlangte, whrend sein Bankkredit durch das laufende
Geschft schon vollstndig in Anspruch genommen war und ferner genommen wurde.
Auf keiner Seite durfte er rckwrts gehen ohne Schaden an Gut und Ehre; das
Vorschreiten aber konnte beides nur mehren; kurz, es handelte sich um ffnung
eines neuen Kredits gegen Brgschaft, die mit drei Unterschriften zu leisten
war. In fnfzehn Minuten hatte ich als solidarischer Brge und Selbstzahler die
erste Unterschrift auf ein in Wohlwends Hause bereitliegendes Dokument gesetzt
und ging gleich darauf schlafen. Die zwei anderen Unterzeichner habe ich nie
gesehen; es waren ein paar stille ordentliche Mnner und Nichtzahler, welche
sich vor der Katastrophe ruhesam verzogen, nicht ohne ihrerseits selbst
verschiedene Brgen oder deren Glubiger geschdigt zu haben, insofern solche
wirklich etwa bezahlten.
    Gut also, vor Ablauf eines Jahres erklrte Louis Wohlwend sich
zahlungsunfhig, und was gleich mit Beginn der Konkursverhandlungen voll und
unweigerlich gedeckt werden mute, war der Betrag meiner Brgschaftsleistung.
Sie fra auf, was ich und mein Weib besaen, und zugleich liquidierte sich mein
eigenes Geschft ebenso rasch und reinlich, dank der guten Ordnung, die darin
herrschte, und ich konnte gehen, wo ich wollte! Ich war fr einmal fertig! Jetzt
wre es Zeit gewesen, in die Schulstube zurckzukehren; aber ach, es lag mir
ferne! Wohlwend aber lebte noch Jahr und Tag in und von dem Konkurse, der im
Sande verlaufen sein soll, ich wei nicht auf welche Weise.
    Aber wie mochtest du dein Frauenvermgen so preisgeben? unterbrach ihn
Wighart, die Frau konnte es ja nach Gesetz und Recht an sich ziehen!
    Die Frau wollte nicht, sagte Salander, wegen der Zukunft der Kinder, denn
ich wre bankerott geworden. Wir waren jung und glaubten an unsere Zukunft, die
wir nicht verderben mochten!
    Aber warum nahmst du die Familie nicht mit oder holtest sie nachtrglich,
als es dir gut ging?
    Weil ich im Vaterlande leben und sterben will, ich bin kein Auswanderer!
Und dann htte ich mich nicht drehen und tummeln knnen, wie ich tun mute;
hatte auch zweimal das Fieber und bezahlte sonst genug Lehrgeld, fing wiederholt
von vorn an. Als ich hinberging, nahm ich einige Kisten Strohhte mit, die man
mir anvertraute; etwas leichtere Seiden- und Baumwollsachen bekam ich auch mit,
und so machte sich notdrftig ein Anfang, mit dem ich bescheiden am Ufer
hinsteuerte, bis ein junger Mensch, den ich zu mir genommen, mich bestahl und
durchging, whrend ich wehrlos im Fieber lag. Notgedrungen trat ich in den
Dienst eines greren Hauses und bereiste die brasilianischen Provinzen mit Kauf
und Verkauf. Ich lernte dadurch den dortigen Binnenhandel, den ich in der Folge
auf eigene Rechnung betrieb, natrlich nach Verhltnis meiner Mittel. Nun, ich
bin jetzt durch und habe den Schaden ersetzt, mehr wollte ich nicht, und kann
die Arbeit hier bei den Meinigen und in meinem Lande wieder aufnehmen. Hier habe
ich Mosen und die Propheten!
    Er schlug auf seine trefflich gearbeitete Reisetasche, rief jedoch, sich
endlich besinnend:
    Sieh einmal, das ist eine schne Heimreise! Sechs Wochen in Liverpool, und
hier, fnf Minuten von der Frau, bleib ich noch hangen! Trink die Flasche allein
fertig, Freund, du wirst wohl noch sitzenbleiben! Der grne Schattenwinkel hier
ist wirklich zu gelungen! Der alte Freund hingegen, auf die Tasche deutend,
hielt ihn auf.
    Du hast gewi߫, sagte Wighart, gute Papiere bei dir? Solltest du etwa das
eine oder andere schne Inhaberstck abgeben wollen, so bitte ich, mir die
Gelegenheit zu gnnen, du weit, man hat in diesen papiernen Zeitluften immer
etwas zu versorgen oder besserzustellen!
    Nichts Derartiges ist da! versetzte Salander; in der letzten Zeit lie
ich alles Erworbene bei der Atlantischen Uferbank in Rio de Janeiro
zusammenlaufen, einem krftig sich entwickelnden jungen Institut, und trage nun
den Wert meiner nicht ganz drei Dutzend Contos de Reis in einer Anweisung bei
mir, bar zehn Tage nach Sicht!
    Abermals schlug er vergngt auf die Tasche.
    Donnerwetter, ein saftiger Wechsel! meinte Wighart.
    Seit zwei Monaten oder lnger avisiert, wie ich denke! der andere.
    Bei welchem Hause? Gewi beim groen Kasten? Oder der alten Kommode? Oder
bei der neuen Kommode? Das sind nmlich die neusten Scherznamen unserer Banken.
    Xaverius Schadenmller &amp; Comp. heit's, wart, ich hab's im Carnet!
    Er zog das Bchlein aus der Seitentasche seines Rockes.
    Ja, Schadenmller, Xaverius &amp; Comp.
    Wighart sah ihn mit aufgesperrten Augen an, bis er das Wort fand.
    Schadenmller, sagst du? Weit du, wer das ist?
    Jedenfalls eine rhrige Firma, wenn auch vor sieben Jahren noch unbekannt!
    Unglcksmann! Es ist Louis Wohlwend und kein andrer!
    Martin Salander erhob sich langsam hinter dem Tische, ganz fahl und bla
geworden, setzte sich aber gleich wieder und sagte:
    Es scheint, da jeder Mensch einen lgtzen hat, der allerorts wieder
dasteht und ihm entgegenglotzt. Denkst du am wenigsten dran, so ist er da. Das
ist mir jetzt eine angenehme Lage! Wer sagt indessen, da er nicht zahlen werde?
Er wird sich erholt und emporgeschafft haben, wie, kann mir gleich sein! Meine
Atlantische Uferbank ist doch auch nicht von Stroh und wei, was sie tut. Am
Ende will das Schicksal, da ich wieder zu meinem frheren Vermgen gelange,
wenn der Bursche so zu Krften gekommen ist!
    Unglcksmann noch einmal! Der, welcher Schadenmller heit, ist schon vor
zwei Jahren fort, sein Nachfolger, Wohlwends Gesellschafter, vor sechs Monaten,
und vom jetzigen alleinigen Vertreter der Firma, Wohlwend, heit es seit
gestern, er habe wieder einmal eingestellt, die Proteste regnen nur so und das
Kontor sei geschlossen!
    Salander sprang auf und mitten in die Stube, wo er unentschlossen sich
umschaute, seine Reisetasche rckend. Er ermannte sich bald ein wenig und
seufzte: Die arme Frau! Ich hatte ihr verlorenes Weibergut so vergnglich
ausgeschieden in meinem Buche und um die Zinsen vermehrt, um es sofort nach der
Heimkehr sicherzustellen! Nun hat's der Wohlwend zum zweiten Mal! Ein Kerl, der
so falsch singt und noch schlechter deklamiert!
    Der gute Mann wischte sich ein paar bittere Trnen von den Augen. Wighart,
von Teilnahme und Entrstung ungewhnlich bewegt, stand bei ihm und redete ihm
zu, keine Zeit zu verlieren.
    Vor allem, sagte er, mut du stehenden Fues in die Stadt hinunter,
Wohlwends Kontor aufsuchen und dich berzeugen, wie's dort steht. Es ist in der
Winkelriedsgasse.
    Wo ist denn die? So eine gab es frher nicht.
    Es ist eine vornehme, stille Seitenstrae im Westend; keine Verkaufslden,
nur blanke Metallplatten an den Haustren und daneben, da wirst du Schadenmller
&amp; Comp. gleich finden. Ich wrde mit dir gehen; allein es wird vielleicht
besser sein, wenn ich unterdessen deine Frau von deiner Ankunft benachrichtige
und auf irgendeine zweckmige Weise vorbereite.
    Salander ergriff ihn beim Arm. Nein! rief er, gehe nicht hin! Ich mu es
selbst ber mich nehmen. Seit ich in Europa bin, habe ich der Frau nicht
geschrieben, weil ich sie immer berraschen wollte und nicht dachte, so lang in
England hingehalten zu werden, wo ich noch einiges zu ordnen und Zuknftiges
einzuleiten hatte. Nun kann ich es nicht ber mich bringen, die arme Frau einer
fremden Mitteilung auszusetzen. Es wird besser sein, wenn sie mich zuerst nur
einmal wiedergesehen hat.
    Wie du willst! Dann komm ich aber mit dir und fhre dich zum Notar, wenn es
ntig ist, wie ich glaube; denn das nchste wird sein, fr den Protest zu
sorgen. Am Ende hast du den Regre auf deine Ozeanische Uferbank, oder wie sie
heit. Die Notariatskanzlei befindet sich nmlich auch nicht mehr, wo sie vor
sieben Jahren gewesen. Es nimmt mich nur wunder, woher sie in Rio so bedeutend
mit Wohlwend in Verkehr stehen!
    Hiemit rief Wighart die Wirtsmagd, bezahlte die kleine Zeche, und die Mnner
eilten abwrts nach dem schnen Stadtteil mit der Winkelriedsgasse.

                                      III


Whrend der Zeit hatte der Knabe im sogenannten Zeisig noch eine Weile auf die
Mutter gewartet und war dann wiederholt ihr eine Strecke entgegengegangen, aber
immer wieder auf seinen Standpunkt zurckgekehrt, aus Furcht, sie zu verfehlen;
denn der krzeste Weg von der Kreuzhalde nach der Stadt fhrte eigentlich nicht
hier durch, weshalb die kleine Familie von den Leuten im Zeisig auch nicht
gekannt war.
    Frau Salander hatte zum ersten Male diesen Weg genommen, weil am andern Wege
der Bcker wohnte, welchem sie zum ersten Male die aufgelaufene Monatsrechnung
nicht berichtigen konnte und das eine der Tchterchen, welches sie nach Brot
geschickt, unverrichteter Dinge heimkam. Das hatte sie, nachdem sie in
stndlicher Erwartung des Gatten sich schon lange krglich beholfen und gespart,
wie ein Schimpf getroffen, und die harte Not war pltzlich gleich einem
einsilbigen Gerichtsboten eingekehrt.
    So unversehens war der schweigende Gast da, da sie den Kindern am heutigen
Tage nichts als etwas leere Milch zu verteilen imstande gewesen, am frhen
Morgen; sie selbst hatte noch nichts genossen. Und heute gewrtigte sie dazu die
beinah einzige Familie, welche bei schnem Wetter zuweilen noch gegen Abend kam,
um den Kaffee im Freien zu trinken. Andere Gste hatte sie seit Wochen nicht
gesehen und sie besa deshalb auch kein bares Geld mehr. Anstatt dieser Tatsache
lange nachzusinnen, brauchte sie ihre Gedanken, mit den Kindern durch den Tag zu
kommen, weil die andere Tatsache, die Ankunft des Mannes, auch bevorstehen
mute.
    Sie lief daher nicht, von ihrem beweglichen Besitztume zu verkaufen oder
verpfnden, sondern ging zum bekannten Kleinbcker in die Stadt, von welchem sie
sonst die Semmeln und dergleichen Gebck bezogen hatte, und dem sie nichts
schuldete. Ohne viel Worte zu verlieren, erhielt sie den gewnschten Vorrat von
Brtchen und Hrnchen, ebenso beim Krmer ein Ttchen gersteten Kaffee und den
dazu erforderlichen Zucker, bei einem andern ein Stck guten Schinken und ein
halbes Pfund frische Butter, und berall war sie wohlangesehen, weil sie eine
stille, zurckgezogene Frau war, die sonst nie borgte. Nur der Bcker in der
Nhe hatte nicht mehr getraut, weil er am Wege wohnte und sah, da fast niemand
mehr hinaufging, und klglich das Ende bedachte.
    Trotz des willigen Entgegenkommens der Leute in der Stadt nahm sie aber
nicht ein Lot mehr von den Sachen, als das augenblickliche Bedrfnis erheischte,
obgleich es in einem hingegangen wre, wenn sie sich auf einige Tage versehen
htte. In diesem unscheinbaren Zuge mochten drei Dinge sich vereinigen: ihre
redliche Bescheidenheit, die Gewohnheit des Vertrauens auf die nchste Sonne und
wahrscheinlich nicht am wenigsten ein feiner, wenn auch unbewuter Sinn, den
nchsten Zweck zu schonen.
    So kam denn Frau Marie Salander, einfach und sauber gekleidet, ohne Blumen
auf dem Hut und eher schmal als breit, den Korb am Arme, endlich den Weg ber
den Zeisig herangegangen.
    Gelt, du hast lang warten mssen, Arnold! rief sie dem Knaben entgegen,
der sehnlich aus dem Scheunenwinkel hervorsprang, wo er schlielich sich auf ein
Muerchen gesetzt hatte. Ich habe die Ewaren erhalten, wenn ich sie auch nicht
bezahlen konnte. Nun wollen wir schnell heimgehen, damit wir bereit sind, wenn
wirklich Leute kommen! Gott sei Dank mu ich heut noch nicht sagen, es sei
nichts mehr im Hause!
    Aber wenn sie alles aufessen, sagte der Knabe, mssen wir dann weiter
hungern?
    Ei, sie essen ja nie alles, sie nehmen hchstens die Hlfte zu sich, und
mit dem brigen mssen wir uns bis morgen begngen, wo ich ja dann etwas Geld
habe! Kommen sie aber nicht, so trinken wir lustig den Kaffee und essen, soviel
wir mgen, und morgen ist auch ein Tag!
    Bald erreichten sie die hhergelegene Kreuzhalde, wo sich die Aussicht auf
die Stadt und die weite Landschaft ffnete, in der sie lag oder liegt. Sogleich
kamen die beiden Schwestern Arnolds herbei, Setti und Netti, der Mutter den Korb
abzunehmen; sie waren zehn und neun Jahre alt, von derselben feinen Blsse wie
der Bruder, nmlich der Blsse gesunder Kinder, welche von einem unwilligen
Kummer befallen sind, der ihnen unerklrlich ist. Doch glnzten die Augen der
Mdchen ungeduldiger und gieriger als die des Knaben, der gelassener Art zu sein
schien.
    Frau Salander ging den Kindern voran ins Haus, und sie folgten hchst
neugierig. Ohne Verzug entledigte sie sich des Hutes und legte eine reine weie
Schrze um, worauf sie den Korb auspackte, das Brotgebck auf einem greren
Teller aufbaute, die Butter auf einen kleineren legte, den Schinken schnitt und
eine Schssel damit bekleidete, da sie sich als reichlich gefllt darstellte.
Dies alles, ohne da sie einen einzigen Bissen nach dem Munde zu fhren sich
verga, um den armen Kindern, welche die Ellenbogen rings auf den Tisch gesttzt
zuschauten, nicht ein bses Beispiel zu geben.
    Frisch, Kinder! sagte sie mit einem leidlich muntern Lcheln, nehmt euch
zusammen, habt Geduld! Alles nimmt ein gutes Ende, wenn der Vater kommt! Jetzt
mssen wir noch ein Weilchen zusehen, wie andere essen; wir wollen doch fr den
Spa probieren, ob wir trotzdem etwas tun knnen! Habt ihr die Ferienaufgaben
wirklich fertig, nichts mehr zu rechnen, zu schreiben oder auswendig zu lernen?
Nehmt einmal eure Bcher vor! Ich glaube fast, die Sprche und Liederverse
bleiben euch gerade wegen dieses merkwrdigen Hungertages besser im Gedchtnis
als sonst.
    Die Mdchen wollen vom Lernen nichts hren; Setti nannte das Hohlgefhl
ihres Leibes altklug einen Magenkrampf; Netti frchtete Kopfweh zu bekommen, und
beide wollten lieber hkeln, wenn sie durften, da jedes fr den Vater einen
Geldbeutel angefangen hatte. Nur Arnold fate ein tapferes Vertrauen zu der
Schwindelei der guten Mutter und erklrte, die Gelegenheit zu benutzen und sein
schweres Lied fr die nchste Kirchenlehrstunde in Angriff zu nehmen; es
enthalte vier Verse von je zehn Zeilen, von denen jede sich so lang strecke, da
sie keinen Platz habe und das Ende umgebogen sei, wie die Schlinge fr die
Krammetsvgel. Die Mutter billigte alles und eilte in die Kche, den Milchvorrat
bereitzustellen, den sie am Morgen streng abgeteilt und fr alle Flle
weggeschlossen hatte. Dann holte sie aus dem Schranke den Honigtopf hervor, der
infolge der schlechten Begangenschaft leider nur zu viel der Sigkeit enthielt.
Sie fllte daraus eine hbsche Kristallschale, und zugleich fiel ihr bei, da
ein Lffel des dicken krftigen Saftes den Kindern ihr junges Leiden fr eine
kurze Zeit wohlttig verhllen drfte. Gedacht, getan, ging sie mit dem Topfe
von einem Kinde zum andern, hie es den Mund aufmachen und strich den Honig
hinein.
    Ermdet lie sie sich endlich auf einen Stuhl nieder und berblickte mit
einem Seufzer die sonderbare Anstalt, mit der sie das dunkelwaltende Schicksal
bestreiten oder wenigstens aufhalten wollte. Nicht nur in Feindesheeren,
Erdbeben und Gewitterstrmen und allgemeinen Notausbrchen fhrt ja dasselbe
einher; auch in den unscheinbarsten Vorgngen im stillen Leben eines Haushalts
tritt es jhlings zerstrend, ehrenrhrig hervor. Wenn die heutige Vorsorge
scheitert oder am Ende doch eine Beschmung herbeifhrt, kann sie alsdann die
Vorspiegelungen wiederholen, da sie eine wohlversehene Wirtin sei? Schon vor so
vielen Wochen mu das Schiff, das ihren Mann und sein Gut trgt, abgefahren
sein; wenn es nun untergegangen ist? Mit diesem bloen Gedanken verga sie sich
selbst und ihr Geschick, einzig und allein das dunkle Bild des langentbehrten
Gatten suchend. So in sich selbst versunken wie aus dem Grund eines Meeres,
schrak sie auf, als drauen Stimmen hrbar wurden und die Gartenglocke erscholl,
auch die Kinder schon an die Fenster liefen und verkndeten, da die
Professorsfamilie da sei.
    Auf dem Hof- oder ehemaligen Gartenland der Wirtschaft war von einem nun
verschwundenen Hain groer Bume eine einzige Platane stehengeblieben, welche
mit ihren ausgebreiteten sten einen letzten Tisch berschattete. Eine Familie,
bestehend aus einem weihaarigen Herrn und seiner Matrone nebst zwei ltlichen
Tchtern, hatte bereits am Tische Platz genommen. Die Kinder am Fenster aber
riefen: O weh, es ist noch einer dabei, ein langer Fremder, der gewi den
Schinken aufit!
    Und wirklich war so ein langer berzhliger noch herangestiegen, bis Frau
Salander unten anlangte und die Herrschaft begrte.
    Wie geht es Ihnen, Frau Salander? empfing sie der alte Herr, Sie sehen,
wir bleiben Ihnen treu, solang noch ein Baum dasteht! Bringen Sie uns den
blichen Kaffee samt Butter wie Elfenbein und dem flssigen Bernstein! Dies fr
die Damen!
    Papa meint mit dem Bernstein den schnen Honig, den Sie uns das letzte Mal
vorsetzten! belehrte die Frau Professor die Wirtin, welche diese Erklrung
ebensooft gehrt hatte als das Gleichnis, allein dermalen aus Zerstreutheit zu
lcheln verga.
    Sodann, was uns Mnner betrifft, fuhr der Herr Professor fort, so trinken
wir allenfalls zusammen eine Flasche jenes s abgekelterten roten
Fnfundsechzigers, der durch dies Verfahren zwar kein Goethe, wohl aber ein
Schiller geworden ist und angenehm prickelt, sobald er das Theatrum der
menschlichen Zunge betreten hat, um seine Spiele aufzufhren. Dazu nehmen wir
der Beschftigung halber einige Schnitten gerucherter Rindszunge, wenn Sie
davon noch so zarte besitzen wie neulich.
    Zunge ist leider nicht mehr da, sagte die Frau leicht errtend, dafr
knnte ich mit Schinken aufwarten.
    Auch gut, bringen Sie uns Schinken!
    Sie eilte ins Haus, Kaffee und Milch zum Kochen aufzusetzen, und bertrug
die Aufsicht den Mdchen, whrend sie mit weiem Zeug und Geschirr den Tisch so
sauber deckte, als wre das Haus im besten Flor. Bald standen auch die Speisen
einladend dazwischen, nur noch der Wein fehlte. Im Keller bewahrte Frau Salander
noch die letzten zwei Flaschen des erwhnten Weines, sonst war berhaupt kein
Getrnke mehr vorhanden als ein halbes Dutzend Flaschen abgezogenen Bieres, von
welchem sie nicht wute, ob es noch trinkbar sei. Den Wein hingegen hatte sie
fr den Mann beiseite gelegt, auf den sie harrte. Mit einem Seufzer nahm sie
eine der Flaschen und trug sie auf, ersorgend, da nicht nur die zweite, sondern
auch eine dritte verlangt werden knnte und so eine neue Gefahr erwuchs der
Offenbarwerdung ihres Unvermgens. Dann trug sie den dampfenden Kaffee hinaus
und versumte nicht, eine Flasche khlen Wassers vom Brunnen zu holen.
    Schon aber fhrte die Sorge sie ins Haus zurck, um die Kinder, welche aus
der Tre kamen, dort festzuhalten und in die Stube zu bannen; denn sie
befrchtete, die rmsten wrden sich mit gierigen Blicken um die Gste
herumstellen und den gesprchigen Herren, sowie der kritischen Neugier der
Frauen ihren Hunger verraten. Doch konnte sie nicht hindern, da die Kinder Kopf
an Kopf durch das Fenster schauten und keinen Blick von dem Tische der sich
rstig erfrischenden Leute verwandten. Sie sahen, wie die Frauen ihre
Butterbrtchen schnitten und bestrichen, zu Munde fhrten und im eifrigen
Gesprche das gleiche Geschft immer von neuem vornahmen. Mit mehr Wohlgefallen
bemerkten sie, da der alte Herr seinen Teller bald zurckschob, um seine
Zigarrentasche auszukramen; aber mit Schrecken sahen sie, wie der lange
Unbekannte mit dem breiten Maule und dem Bocksbarte in den Speisen herumwtete
und eine frmliche Fabrik von Schinkenbrtchen betrieb, die er auf seinem Teller
im Kreise nebeneinander legte und dann eines nach dem andern ganz in den Mund
steckte. Kinder schauderten, und auch der Mutter wurde es nicht wohler, als
durch die Schuld des Unheimlichen die Weinflasche frh leer stand und der
Professor nach der zweiten rief.
    Ein neues Unheil tat sich in einer Kinderschar auf, die lrmend, mit
abgerissenen Zweigen und Ruten, ber den offenen Hofraum gezogen kam und alsbald
vor dem Tische der kleinen Gesellschaft gaffend anhielt. An der Spitze der
Truppe standen die Zwillinge Isidor und Julian, die Hnde auf dem Rcken und
ihre beschrzten runden Buchlein vorstreckend; sie beschauten sehr aufmerksam
den Tisch, und die Blicke saen auch auf den Schinkenbrtchen und fuhren mit
ihnen in den Rachen des Breitmuligen hinunter, bis dieser mit dem Geschfte zu
Ende war. Der Professor stach mit der Gabel von dem Vorrat in der Schssel ein
Scheibchen heraus und hielt es dem Zwilling Isidor vor die Nase mit den Worten:
Mund auf, Augen zu! Dieser gehorchte unverweilt und erschnappte den Bissen
samt dem Brothppchen, das jener ihm dazu in den Mund steckte. Das gleiche
geschah mit dem kleinen Julian und so abwechselnd mit beiden, die immer
zuvorderst standen, bis der letzte Rest des Schinkens verschwunden war. Mit den
brigen Kleinen machten es die zwei Frulein ebenso, indem sie ihnen
Butterbrtchen in den Mund steckten und sich ber die drolligen Gesichter
freuten, die sie dazu machten. Binnen kurzem waren alle Teller rein und nichts
Ebares mehr auf dem Tische zu erblicken.
    Frau Salander stand hinter ihren Kindern am Fenster und sah, wie auch hier
der Welt Lauf erging und die einen verschlangen, was den anderen bestimmt war.
Es dunkelte ihr vor den Augen, was indessen auch davon herrhrte, da eine
Regenwolke unvermerkt heranzog und einzelne Tropfen bereits gegen die Scheiben
schlugen. Und im Laube der Platane rauschte ein unwirscher Luftzug. Die
Gesellschaft erhob sich sehr eilig. Der alte Herr pochte mit dem Stock auf den
Tisch und verlangte von der herbeieilenden Frau schleunige Rechnung. Ehe sie
antworten konnte, rief er: Nun habe ich auch noch die Brse vergessen oder gar
verloren! Vergeblich in allen Taschen suchend, nahm er den langen Gastfreund in
Anspruch: Herr Doktor! Helfen Sie uns aus der Not! Sind Sie vielleicht mit
Spieen bewehrt?
    Der war aber schon so vielfach, kreuz und quer, in einen gelblichen Plaid
eingewickelt, da er mit groer Mhe suchte, zu seinem Geldtschchen zu
gelangen. Es dauerte dem Alten zu lange.
    Lassen Sie, rief er, wir mssen springen, wenn wir noch den nchsten
Droschkenplatz erreichen wollen! Ich bezahle das nchste Mal, liebe Frau, Sie
kennen uns ja!
    Bitte, Herr Professor, das macht ja gar nichts, kommen die Herrschaften nur
gut nach Hause! sagte Frau Marie Salander mit guter Haltung, jedoch die Leute,
die sich nicht mehr umschauten, mit etwas unsicheren Schritten bis zum Ausgange
des Grundstckes begleitend.
    Zurckkehrend sah sie noch, wie die Zwillinge die Zuckerbchse vollends
ausrumten und mit ihrem Gefolge gleichfalls davonstoben. Der Honig war auch
ausgelffelt.
    Ihre eigenen Kinder hatte sie vorhin eingeschlossen und den Schlssel
eingesteckt; so stellte sie jetzt ohne deren Hilfe das smtliche Gerte auf das
groe Kaffeebrett, legte das Tischtuch ordnungsgem zusammen, nahm es unter den
Arm, trug das Brett mit einigem Klirren ins Haus und ging dann zu den Kindern
hinein, die an einem Huflein standen.
    Als sie sahen, da die Mutter mit Kummer auf einen Sessel sank,
unterdrckten sie den Ausdruck ihrer kindlichen Ansprche auf die Vorsorge und
den Schutz der Mutter, die sich heute zum ersten Male als unzuverlssig
erwiesen. Ihr leises Weinen wurde durch das Rauschen eines tchtigen
Regenschauers bertnt, der jetzt herniederfiel und die Luft verdunkelte, und so
blieb es eine gute Weile still in dem dmmernden Gemach. Frau Marie benutzte den
Augenblick, ihre Lebensgeister zu versammeln. Sie beschlo, bis zuletzt
auszuhalten und mit den Kindern fr diesmal lieber ungegessen schlafenzugehen,
als den Ruf des heimkehrenden Mannes durch weiteres Verraten ihres zerrtteten
Zustandes zu gefhrden.
    Der Himmel selbst schien ihr zu Hilfe zu kommen, denn es ward heller um sie
her; die sinkende Sonne beherrschte wieder das Feld und hatte die Regenwolke den
Berghang hinauf an den Waldrand getrieben, wo sie als eine dunkle graue Wand
hngenblieb, auf welcher der breite Fu eines Stckes Regenbogen sehr kraftvoll
leuchtete, indem er auf einer frischbetauten funkelgrnen Waldwiese stand. Es
war ein so starker Farbenschimmer, wie man ihn nur wenige Male im Leben sieht
und dann fast immer im Gedchtnis behlt. Da die Erscheinung ziemlich nah
aufglhte, sah man links und rechts ein paar schlanke Birken oder Eschenbumchen
sich abheben und deren Kronen in dem bunten Glanze verflieen.
    Ohne langes berlegen benutzte die Mutter sofort das schne Farbenspiel, die
Gedanken der Kinder womglich von ihren Kmmernissen abzulenken und zu
beschftigen, bis vielleicht die Dunkelheit heranschliche und nochmals den
lieben Schlaf brchte. Fr diesen Fall wollte sie zugleich die Kinder mit den
Schilderungen einer herrlichen Schmauserei unterhalten und ihre Phantasie ganz
damit anfllen, weil sie schon hatte sagen hren, da hungernde Leute, wenn sie
im Schlafe von guten und leckeren Dingen trumen, die Nacht soweit ganz leidlich
durchkommen; und sie hoffte sogar selbst ein bichen mitzuschmausen.
    
    Seht doch, welch ein schner Regenbogen! rief sie und weckte damit die
Kinder aus ihrem Brten. Sie guckten auf und staunten die Pracht mit groen
Augen an, die darber trocken wurden.
    Die haben's dort jetzt besser als wir, wenn das Mrchen wahr ist! rief sie
wieder.
    Wer denn? Wer denn? die Kinder.
    Nun, die kleinen Leutchen aus dem Berge! Habt ihr noch nichts davon gehrt?
die Erdmnnchen und -weibchen, die so alt werden, da sie eine kleine
Unsterblichkeit auf ihren Buckelchen haben, natrlich nur im Verhltnis; denn
sie sind nicht grer als ein mittlerer Finger. So um tausend Jahre herum sollen
sie alt werden. Wenn sie nun merken, da ihr Geschlecht ausstirbt in einer
Gegend, so kommen die letzten hundert Leutchen in den besten Feierkleidern
zusammen und halten ihren ewigen Abschiedsschmaus unter einem Regenbogen oder
vielmehr im Erdgescho desselben, das ein wahrer Zaubersaal ist. Seht nur, ihr
knnte von auen merken, wie das inwendig in allen Farben glitzern mu! Auch
noch aus einem andern Grunde sollen sie einen solchen Abschied feiern; nmlich
wenn das groe Volk im Lande anfngt auszuarten und dumm und schlecht zu werden
und die gescheiten Leutlein unten ein betrbtes Ende voraussehen, dann
beschlieen sie auszuwandern und dem Ende aus dem Wege zu gehen. Auch dann
kommen sie in vielen Regenbogen zusammen und sind noch ein Stndchen vergngt.
Sei dem wie ihm wolle, so wei ich nicht, welchen Anla wir hier vor uns haben.
Es wird sich wohl um ein Aussterben handeln, und da sind es, wie gesagt,
hchstens hundert Mnnlein und ihre Frauen, die dort sind. Den ganzen Tag haben
sie in ihren Felsstuben, im Waldesdickicht und an den verborgenen Bachquellen
gebacken und gebraten und gebraut und alles Gute vorausgeschickt, und nun sind
sie einspaziert, jeder sein goldenes Schsselchen in einem seidenen Scklein mit
einem Qustlein auf dem Rcken tragend, fr uns nicht grer als ein alter
Batzen, fr Zwerglein aber ein gehriger Teller. Lange Tische sind mit dem
feinsten Tuche bedeckt, das ber einige Dachschindeln gespannt ist. Da ziehen
sie in feierlichem Zuge herum. Voran marschieren zehn geharnischte Ritter in
rotgesottenen Krebsnasen als Brustpanzer und die brigen Schalenringe als Arm-
und Beinschienen umgelegt; als Helme haben sie zierlich gewundene
Schneckenhusel auf den Kpfen. Sie tragen die alten Silber- und Goldkannen und
andere Kleinode des Geschlechtes. Wie die Erdleutchen nun um die Tische
herumgehen, zieht jeder seine Schssel aus dem Scklein, legt sie an seinen
Platz und setzt sich dahinter, und jeder schttelt seinem Nachbar ernsthaft die
Hand. Freilich folgt nun ein desto frhlicheres Essen, da die goldenen Teller,
die feinen Messer und Gabeln nur so klingen. Zuerst kommt der delikateste
Reisbrei mit Rosinchen, belegt mit kleinen Bratwrstchen, die aus Feldlerchen
und zartem Ferkelfleische gemischt und gehackt sind. Herrlich sind diese
Wrstchen gerstet. Je drei oder vier Mann haben zusammen eine Bowle vor sich,
nmlich einen prchtigen reifen Pfirsich, aus welchem der Kern genommen, das
dadurch entstandene Loch aber mit Muskatwein gefllt ist. Ihr knnt euch denken,
wie sie mit ihren Lffelchen da hineinbohren!
    So fuhr sie mit eifriger Mhe fort, nicht nach den Geboten der
Wahrscheinlichkeit, sondern nach ihrer Kenntnis der kindlichen Gelste das
Bankett der Wichtelmnnchen auszumalen, bis sie nichts mehr wute und darum den
Schlu herbeifhrte, zumal der Regenbogen verblichen war und der letzte
Abendschein der Dmmerung wich.
    Haben sie nun genug gegessen und getrunken und von ihren jungen Tagen,
mittleren Jahren und alten Erfahrungen gesprochen, so stehen sie unversehens
alle miteinander auf, schtteln sich abermals, und zwar durcheinandergehend, die
Hnde und sprechen etwas kleinlaut: Wnsche wohl gespeist zu haben!
    Pltzlich aber suchen sie das Loch, wo sie hereingekommen sind, und fangen
an, hinauszudrngeln, sich auf die Fersen zu treten und in den Rcken zu
knuffen, bis alle verschwunden sind und die Tische im Saal mit allem, was darauf
steht, verlassen sind. Ein einziges lediges Weiblein, das allerjngste von etwa
zweihundert Jahren, was bei unsereinem einer Person von ungefhr zwanzig Jahren
gleichkme, ist noch dageblieben. Es hat die Pflicht, das ganze Geschirr zu
reinigen, trocken zu reiben und in eine eiserne Truhe zu verschlieen, die sie
an der Stelle, wo der Regenbogen stand, in den Boden vergrbt. Hierbei helfen
ihr die zehn Ritter, die mittlerweile drauen noch zurckgeblieben sind und ihre
Pfirsichbowlen ausgeschlafen haben. Und wie Bauern, wenn sie Marksteine setzen,
vorher rote Ziegelscherben als sogenannte Zeugen in die Grube legen, so werfen
sie die Krebsschalen mit hinein und gehen dann auch fort, sich schlafen zu
legen. Was tut aber nun das letzte Weiblein? Es nimmt das Scklein, worein sein
eigenes Goldschsselchen gewesen, auf den Rcken, einen Stecken zur Hand und
wandert seelenallein in die Ferne, um einem andern Volk dieser Art das
Gedchtnis des ausgestorbenen zu berbringen. Es soll schon vorgekommen sein,
da eine solche Person sich in der Fremde noch glcklich verheiraten konnte bei
einem jngeren Geschlechte.
    Hier schwieg Frau Marie Salander, doch etwas betroffen ber die Flunkerei,
die sie den Kindern vorgemacht, whrend diese sich noch ein Weilchen still
verhielten und dem Mrchen nachschauten, das wie der Regenbogen verduftete. Kaum
sahen sie noch das letzte Frulein mit Stab und Schsselchen in Gras und
Ackerfurchen dahinziehen.
    Da richtete sich die Mutter auf; von einem Einfall ergriffen, schritt sie
rasch auf ihr Kommodenschrnklein los, ffnete die Trlein, zog die Ldchen und
aus einem derselben eine kleine Schachtel hervor, welche etwas Goldschmuck
enthielt. Als Brautgeschenk ihres Mannes war der bescheidene Hort unantastbar
und nicht das, was sie suchte. Aber unter anderm Kleinzeug lag auch ein
Papierwickelchen dabei, das sie packte und aufmachte. Ein glnzendes, goldenes
Regenbogenschsselchen trat zutage, nmlich eine uralte Hohlmnze, Brakteat
genannt. Solche Mnzaltertmer wurden ehedem gern in wohlbestehenden Familien
aufbewahrt und als besondere Gunst nur etwa zu Patengeschenken verwendet. Auch
Marie Salander hatte das Stck, das sie in Hnden hielt, bei der Taufe ins
Wickelband bekommen und nun sich unvermutet an dessen Besitz erinnert. Auf den
vertieften Grund war ein unvollkommener Mannskopf geprgt und neben dem Bilde in
zerstreuten Zeichen die Inschrift Heinricus rex. Auf dem Papierschnitzel stand
von der Hand Salanders die Notiz geschrieben, der Goldwert betrage zehn Franken,
der Verkaufswert knne aber auf das Zehnfache und hher steigen.
    Sie wunderte sich, da sie nicht frher an diese Zuflucht gedacht. Beinahe
kam sie sich vor, als ob sie das ausgewanderte Erd- oder Bergweibchen wre, das
im fremden Lande ein Trppchen Kinder erworben hat und nun die ererbte
Goldschssel verkaufen mu, um sie fttern zu knnen.
    Nun ist's gut! sagte sie zu ihnen, noch diese kurze Nacht heit es
gefastet oder vielmehr geschlafen; morgen frh aber reisen wir in die Stadt,
verkaufen den Denkpfennig und leben wie an der Kirchweih!
    Die Kinder blickten sie zweifelhaft an; sie mochten die Rede fr eine
Fortsetzung des Mrchens halten, dessen Glaubwrdigkeit mit dem wieder
erwachenden Hunger abzunehmen schien.
    Da klang die Hausglocke. Es war Martin Salander, der nach allen Umtrieben
wegen seines Vermgens noch seine Reisekoffer und Kisten auf dem Bahnhofe geholt
und durch zwei Mnner hatte herbringen lassen, um nicht ganz ohne Habe bei den
Seinigen zu erscheinen eine seltsame, aber verzeihliche Selbsttuschung.
    Noch ehe die Frau Licht angezndet hatte, stand er in der offenen Stubentre
und sagte in das Halbdunkel hinein, in welchem er nur undeutliche Gestalten
erkannte, mit bewegter, nicht lauter Stimme: Guten Abend!
    Seinen Ton erkennend, erhob die Frau die Arme und ging ihm, vom Schreck
gelhmt, langsam entgegen und fiel ihm um den Hals, nicht lange danach vor
Freude weinend.
    Ach, mein lieber Mann! sagte sie mit halb erstickten Lauten, kommst du?
Bist du endlich da?
    Ja, meine gute Marie! und ich fhl es, eh ich dich sehen kann, du bist
meine treue, liebe Hlfte, jeder Zoll mein Weib! sagte er, als er sie fest in
den Armen hielt und ihre Schultern, ihre Arme streichelte und die schnflchigen
Wangen.
    Sie schlo ihm den Mund mit Kssen und rief, ohne den Mann fahren zu lassen:
Kinder, zndet doch die Lampe an, damit der Vater euch sieht!
    Das taten die beiden Mdchen, und als es hell wurde, standen sie mit dem
Bruder in der Reihe. Die Mdchen waren zur Zeit der Trennung zwei und drei Jahre
alt gewesen und besaen noch ein schwaches Erinnerungsbild des Vaters; sie
erkannten ihn deshalb bald mit Hilfe ihres kindlichen guten Willens. Traulich
und neugierig schauten sie ihn an. Der Knabe Arnold hingegen war erst einjhrig
gewesen und konnte den Vater nicht erkennen, soviel die Mutter von ihm erzhlt
hatte. Er schlug daher verschchtert die Augen nieder und blickte dann doch
wieder von der Seite auf den fremden Mann, der ihm jetzt entgegenschritt, ihm
das Kinn aufhob, dann den Tchterchen, eh er alle in die Arme nahm und abkte,
sie immer von neuem betrachtend.
    Du gute Frau, flsterte er, sie abermals umarmend, wie liebe, hbsche
Kinder hast du mir da herangezogen! Und wie froh bin ich, auch noch etwas
mithelfen zu drfen!
    Sie sind auch brav! sagte sie ihm ins Ohr und voll Vertrauen nachdem sie
ihn whrend der Kindererkennung bei Licht gesehen, wie er von der Tropensonne
wohl gebrunt, aber kaum lter erschien als vor sieben Jahren, und nichts
Fremdes an ihm haftete.
    Die Mnner, welche das Gepck gebracht, klopften an der Tre, ihre
Abfertigung begehrend. Frau Salander wies den Platz fr die Sachen an, der Mann
lohnte sie ab und entlie sie, worauf er in vernderter Gedankenrichtung, doch
in guter, fast vergessensfroher Laune rief:
    Aber nun, Frau Wirtin! Was hast du etwa zu essen und zu trinken fr deinen
Mann? Ich habe Hunger wie ein Wolf und seit heut morgen nicht viel genossen!
    Wir alle haben heute, aber gewi zum ersten Mal, noch gar nichts gegessen!
sagte die Frau mit einem Lcheln, das ihm die Bitterkeit versen sollte; wir
sind just, eh du kamst, vollstndig abgebrannt; allein sei sicher, wir haben
noch keine Schulden gemacht, als fr einen Monat Brot-Milchgeld!
    Mit starren Augen ma er Frau und Kinder der Reihe nach, sprachlos, doch
innerlich seufzend: Das kommt immer besser! bis er rief:
    Aber um des Himmels willen, Marie, warum hast du mir denn seinerzeit
geschrieben, ich solle dir kein Geld mehr schicken, du knntest es machen?
    Weil ich es frher auch konnte, erwiderte sie, und weil ich wnschte, da
du allen deinen Erwerb zusammenhalten und um so wirksamer damit schalten
mchtest!
    Das kann uns jetzt nichts helfen, wir mssen essen, vor allem die Kinder
und du! Ihr habt also nichts im Hause?
    Nicht einen Bissen!
    Dann wollen wir augenblicklich in die Stadt, ein gutes Wirtshaus aufsuchen
und ein Nachtessen bestellen. Ihr armen Trpfe, jawohl! Eilt euch, zieht an, was
ntig ist! Haben die Kinder Jacken und Htchen?
    Schon flogen sie hinaus und kamen bald mit Sonntagskittelchen, Krgelchen
und Htchen zurck. Die Mutter setzte auch den besseren Hut auf, schlug ein Tuch
um und zog Handschuhe an.
    Gelt, das geht uns heut noch besser, als wir gedacht! sagte sie froh
gerhrt zu den Kleinen, die sie frhlich zu atzen hoffte. Dann ergriff sie den
Arm des Mannes, die Kinder voranschickend. Als er aber auf dem Flur die
gebrauchten E- und Trinkgerte vom Nachmittage stehen sah, sagte er, einen
Augenblick stehenbleibend:
    Da ist jedoch gegessen und getrunken worden, oder woher kommt denn das
Geschirr?
    Ja, es wurde gegessen und getrunken, aber wir haben zugesehen! Komm, ich
will dir morgen erzhlen, was ich fr eine Wirtin bin!
    So gingen sie aus dem Hause; die Mutter schlo die Tre, und lebhaft ging es
den Bergweg hinunter, so matt sie sich eben erst gefhlt hatten. Die Frau
freilich sttzte sich tchtig auf den Arm des Mannes, von dessen Mhsalen sie
nichts ahnte. Indessen steuerte er nach einer Gegend, wo er mit Henne und
Hhnchen ungestrt zu sein hoffte; als sie aber an einem groen, hell
erleuchteten Garten vorberkamen, in welchem Musik gemacht wurde und viele Leute
saen, gelstete es die Kinder, ihren Hunger unter Geigen und Fltenklang zu
stillen; denn sie standen still und schauten sehnschtig durch das Gitter, wo
sie brigens auch berall an gedeckten Tischen essen sahen.
    Sie haben recht! sagte der Vater zur Frau, warum sollen sie heute nicht
eine Tafelmusik haben? Bleibe hier einen Augenblick mit ihnen stehen, ich will
sehen, ob ich nicht einen Winkel fr uns finde, wo wir unter uns sind!
    Er ging in das Haus und fand im Erdgescho des Gebudes einen Saal mit
offenen Fenstern, in welchem einige Leute saen; ein kleineres Nebenzimmer
jedoch war ganz leer, obgleich ein gedeckter runder Tisch darin stand. Sogleich
holte er Frau und Kinder herein und lie sie den Tisch einnehmen, ber welchem
ein Gasleuchter hing.
    O wie zufrieden blickten die Kinder nun drein, als sie die Hnde auf dem
Tischtuche bereinander legten, zuweilen mit den Fingern ein wenig trommelnd.
    Martin Salander gab seiner Frau, die neben ihm sa, die Hand, dann ber den
Tisch reichend auch den Kindern, einem nach dem andern. Er sagte nichts dazu und
war glcklich, alles andere vergebend. Ein Kellner kam, nach dem Begehr fragend.
    Marie, befiehl du, was du wnschest und fr die Kinder gut ist! Ich werde
dann mit Erlaubnis hintendrein schon nachbessern, wenn du zu knauserig bist!
sagte Salander.
    Warme Suppe ist jetzt wohl nicht da? fragte sie den Kellner.
    O ja, an Konzertabenden werden nach Belieben ganze Soupers serviert!
versetzte jener.
    Das ist ja ganz unser Fall, meinte Salander, da brauchen wir uns nicht
die Kpfe zu zerbrechen, nicht wahr, Marie?
    Ich bin sehr zufrieden! antwortete sie, froh, des weiteren enthoben zu
sein. Schnell legte der Kellner die Gedecke auf, die brigen Zubehrden glnzten
in blankem Christoffel schon auf dem Tisch. Bald erschien er auch mit der
Schssel, in welcher eine wrzige Suppe dampfte.
    Setzen Sie das Ding nur auf den Tisch! sagte Salander, und beeilen Sie
sich auch mit den brigen Speisen nicht, wir wollen uns Zeit lassen! Es soll
nicht Ihr Schade sein!
    Sehr wohl! empfahl sich der Kellner und lie die Herrschaft vorderhand mit
der Suppe allein. Als Salander bemerkte, da die Gattin so wohlig im Stuhle
zurcklehnte und sich eben aufraffen wollte, die Teller zu fllen, hielt er sie
zurck und schpfte an ihrer Stelle die Suppe, welche wie Ambrosia duftete. Und
wie sie die Lffel zur Hand nahmen, fiel im Garten drauen das Orchester mit
einem gewaltttigen Musikstck ein, da die Kinder in dem Posaunen- und
Paukengewitter die ersten Lffel mit einer seltsamen Mischung von Heihunger und
Herzensjubel zum Munde fhrten. Auf den anfnglichen Lrm folgte jedoch bald ein
Pianissimo, dem das Publikum im Garten lautlos lauschte; die drinnen lffelten
achtlos fort, ein Sch! zischte drauen, worber Frau Marie erschrak, die
Kinder lachten und Martin Salander das Fenster schlo.
    Et fort, kmmert euch nicht darum! mahnte er. So geschah es, und als eine
kleine Stunde vorbei, vergngten sich die Kinder wohlgesttigt an dem
ungefhrlichen Nachtisch. Jedes hatte ein Glas Wein bekommen, die Mutter aber
deren drei getrunken, und nun dnkte der Mann sich im Paradiese zu sitzen, als
die aufblhenden, leicht sich rtenden Antlitze mit frohen Augen ihm
entgegenglnzten, wohin er blickte, als wollten sie ihm sagen, was das Glck
sei: eine Art Krutlein Kommnichtum!
    Wenigstens sagte er sich in seinen Gedanken: Dies, was ich sehe, ist die
Wahrheit, und nicht das, was ich wei!
    Die Kinder wurden immer munterer; Arnold hatte sich dicht an die Seite des
Vaters geschmuggelt und sagte pltzlich: Aber Vater, weit du nicht, da ich
dich heute schon gesehen habe, bei dem Brunnen, wo die Weidelichbuben mich
auslachten, da ich nur eine Mutter und keine Mama habe!
    Salander hatte ber den nachherigen Ereignissen den Auftritt und das Gesicht
des Knaben gnzlich vergessen; er nahm es jetzt in die Hnde und rief:
    Bei Gott, es ist ja wahr! Wo hab ich nur meine Gedanken! Htt ich doch
gewut, da ich meinem Blute so nah war! Erstaunt schaute Frau Marie auf.
    Bist du denn nachmittags schon hier in der Nhe gewesen und nicht zu uns
gekommen? fragte sie, fast bekmmert. Er fhlte jetzt, da seine ble Lage doch
eine Wirklichkeit war, fate sich jedoch, weil es sein mute und er das neue
Unglck nicht hier und zu dieser Stunde verknden konnte. Er gehrte zu denen,
welche dergleichen lieber verschweigen mchten wie ein Vergehen, das ihnen
selbst und nicht fremder Schlechtigkeit zur Last fllt.
    Freilich, sagte er, bin ich schon um zwei Uhr oben gewesen, auf dem Wege
zu euch! Im Zeisig traf ich einen alten Bekannten, den Mni Wighart, der
schleppte mich mit Gewalt in den roten Mann, dort fiel uns ein, wir wollten mein
Gepck auf dem Bahnhof holen, damit das abgetan sei; dann mute ich die
Verzollung besorgen, wobei sie mir Umstnde machten; dann wechselte ich
unterwegs englisches Geld aus, das ich bei mir hatte, auch kamen noch andere
herzu, kurz, wie es geht, die Zeit verzettelte sich und es wurde Abend. Aber
nimm es nicht fr ungut auf, es geschah von selbst, wie der ganze Weltlauf!
    Sie war schon lang zufrieden und im Innern froh, da der Weltlauf sich so
gefgt, der Mann nicht zu ihrer sonderbaren Bewirtung kam und die Fremden zu
unwillkommenen Zeugen des Wiedersehens wurden.
    Erst gegen eilf Uhr traten sie den Rckweg nach der Kreuzhalde an. Der Mond
war inzwischen aufgegangen, und in seinem hellen Scheine zogen sie dahin, die
Kinder voran, welche bald zu singen anfingen, zur Erbauung des Vaters mit gutem
Ton und Gehr und frischen Stimmen. Die Frau verlie den Arm des Mannes nicht,
fragte, erzhlte, plauderte und berlie sich ganz dem Genusse einer
freundlichen Schicksalswendung.
    Aber je nher sie dem Hause kamen, desto schwerer wurde dem Manne wieder das
Herz; denn der Augenblick nahte, wo er die arme Frau aus ihrem Himmel reien
mute.
    Nein, heute nicht mehr, sagte er sich, sie soll diese Nacht noch einen guten
Schlaf in Glck und Sorglosigkeit tun, den sie so lang verdient hat! Morgen ist
ein neuer Tag!
    Das Haus lag im Mondschein still vor ihnen; sie schlossen auf, die Kinder
sprangen wieder voraus und machten Licht, und die Stube ward so belebt wie lange
nicht zu dieser Stunde. Die Mutter sah ihr Regenbogenschlchen im Papierchen am
Boden liegen, hob es unbemerkt auf und machte sich am Schrnklein zu schaffen,
um es im stillen wieder zu verwahren. Es tat ihr im Glcke wohl, an das artige
Besitztum und Abenteuer einen kleinen Aberglauben zu heften, da es auch knftig
vielleicht Heil ankndigen mge, solange es da sei.
    Nun macht, da ihr zu Bett kommt, Kinder! Morgen beizeiten mt ihr
ausfliegen und fr den Vater und uns das Frhstck herbeischaffen. Spterhin
reis ich selber aus.
    Hiermit trieb sie die aufgeregte Jugend in die Kammer, wo sie mit den
Kindern zu schlafen pflegte. Der Vater kam mit, um zu sehen, wo sie hausten, und
ihnen die Decke ber die Nasen zu ziehen. Es sah nicht aus wie bei Leuten, die
soeben nichts mehr zu beien hatten, sondern alles war in reinlicher, guter
Ordnung, noch mehr in dem Zimmer daneben, wo die Frau das Lager des Mannes schon
seit Monaten bereithielt.
    Wenn du heute nicht gekommen wrst, sagte sie scherzend, so htte ich
morgen mit deinem Bette den Anfang gemacht und es als berflssig verkauft, das
siehst du wohl ein!
    Vollkommen! Httest du's nur schon frher getan, anstatt solche Teufelei
und Hungersnot anzustellen! Aber ich wollte schon ein paarmal fragen, fuhr er
fort, aus dem offenen Fenster auf das mondhelle Umgelnde hinausdeutend: Wo
sind denn nur die vielen schnen Bume hingeraten, die sonst vor und neben dem
Hause standen? Hat sie der Eigentmer abschlagen lassen und verkauft, der Tor!?
Das war ja ein Kapital fr die Wirtschaft!
    Man hat ihm das Land weggenommen oder eigentlich ihn gezwungen, Baupltze
daraus zu machen, da einige andere Landbesitzer den Bau einer unntigen Strae
durchgesetzt haben. Nun ist sie da, jedes schattige Grn verschwunden und der
Boden in eine Sand- und Kiesflche verwandelt; aber kein Mensch kommt, die
Baustellen zu kaufen. Und seit die guten Bume dahin sind, ist auch mein Erwerb
dahin!
    Das sind ja wahre Lumpen, die sich selbst das Klima verhunzen. Nun wollen
wir aber auch zur Ruhe. - Du, Marie!
    Was, Martin?
    Eines, will ich wetten, hast du gewi vergessen!
    Was denn?
    Meinen alten Stiefelknecht!
    Hier ist er!
    Sie zog ihn unter dem Fuende des Bettes hervor.

                                       IV


Salander hatte nach allen Bewegungen und Erregungen des vergangenen Tages
endlich dem Schlafe nicht widerstanden. Doch mit dem ersten Frhscheine, der am
Himmel heraufkam, weckte ihn die schwere Sorge, die keineswegs eingeschlafen
war. Er sah seine Gattin, die im tiefsten Frieden lag und schlief, jeder Zug
ihres Gesichtes in seiner Ruhe und Zufriedenheit der Herold einer wohlgeborgenen
Seele. Und diesen Frieden sollte er mit einem Worte von Grund aus zerstren; die
Stunde war unwiderruflich da.
    Das neue Unglck schien ihm erst jetzt wirklich geboren, und er bereute
bitter, da er gestern nicht stehenden Fues wieder geflohen oder mit der bsen
Nachricht gleich ins Haus gefallen war.
    Als er, von dem alten guten Bekannten gefhrt, das Haus Schadenmller &amp;
Comp. gefunden, hatte er bemerkt, da an diesem Hause wirklich Arnold von
Winkelried mit den Speeren im Arm auf Goldgrund gemalt, prangte, nebst einer
Inschrift: Sorget fr mein Weib und meine Kinder! Das Haus gehrte dem Herrn
Louis Wohlwend, der auch das Bild malen lie, aber nicht bezahlte, wie sich
spter zeigte.
    Salander hatte seinen Begleiter mit Dank verabschiedet, weil er doch lieber
allein vor seinen alten und mutmalich neuen Schuldner treten wollte. Er stieg
die Treppe hinan und stie gleich im ersten Stockwerk abermals auf ein Schild
mit Schadenmller &amp; Comp., dabei aber auch eine Visitenkarte mit Louis
Wohlwend. Er zog die Klingel an, es schlrfte jemand in schlechten Pantoffeln
herbei, und als die Tre aufging, stand ein schbiger, unreif aussehender junger
Mensch vor ihm, einen Gummipinsel in der Hand, und fragte, zu wem er wolle?
    Ist der Herr des Geschftes hier? fragte Salander entgegen.
    Das Geschft ist zur Zeit geschlossen, Herr Wohlwend ist da, wie ich
glaube; wen soll ich anmelden, wenn er zu sprechen ist? erwiderte mitrauisch
der junge Mann.
    Fhrt mich nur gleich hinein, wo er ist, er wird mich schon kennen! sagte
Salander etwas barsch, indem er den Menschen drehte und vor sich herschob.
    Der ging ihm in eine leere Kontorstube voran, bat ihn, da zu warten und
begab sich in das Kabinett des Herrn Wohlwend. Salander sah sich inzwischen
etwas um und gewahrte, da man hier beschftigt war, Abzge eines unordentlich
autographierten Zirkulars zu falten, in Umschlge zu stecken und mit Gummi zu
verkleben. Es dauerte einige Minuten, bis der junge Mensch zurckkam und ihn
ersuchte, in das Kabinett zu treten. Salander klopfte zweimal, bis jemand
Herein rief. Als er eintrat, sah er an einem breiten Schreibtisch von
Mahagoni, in einen groblumigen Schlafrock gekleidet, einen Mann sitzen, der ihm
den Rcken zuwandte und eifrig zu schreiben schien, ohne sich aufzurichten.
    Herr Wohlwend? sagte Salander, um sich bemerklich zu machen.
    Stehe gleich zu Diensten, sagte jener, immer fortschreibend, schaute dann
aber einen Augenblick auf, kehrte sich wie der Blitz wieder ab, drehte sich
abermals um und warf dem Fremden einen stechenden Blick zu, wie man es einem
Todfeinde gegenber tut und auch dann nur, wenn man selbst bs ist. Doch ebenso
schnell nahm er sich zusammen, erhob sich, ging einen Schritt vorwrts und
stellte sich, als ob er erst jetzt nach und nach seinen Besucher erkennen wrde.
    Irre ich nicht? Ist das nicht der Martin Salander? Martin mute sich den
Mann im Schlafrock auch erst ein wenig betrachten, um ihn zu erkennen, obschon
in dessen Aussehen, auer einer ganz leisen Verwitterung, fast keine nderung
eingetreten war, als da er in dem frher glatten Gesicht einen Schnurrbart
hatte stehen lassen, der sich nicht am Platze fhlte und mit seinen Hrchen sich
nach allen Seiten sperrte und um sich stach. Durch diesen einzelnen Gegenstand
aber erschien das Gesicht urpltzlich ungeheuer leer, unwirtlich und trostlos
fr den, welchem der Schnurrbart neu war.
    Jawohl bin ich's! sagte Salander.
    Ei der Tausend, so sei willkommen, sagte der andere, die Hand hinhaltend
und den unwillkommenen Ankmmling prfend anblinzelnd, eher wie ein kritischer
Glubiger als wie ein bser Schuldner; es ist lange her, seit wir uns zuletzt
gesehen haben! Und was fhrt dich fr ein guter Stern her?
    Dies! erklrte Martin kurz, von der tollen Manier beleidigt. Er hielt ihm
die aus der Brieftasche gezogene Anweisung hin.
    Wohlwend empfing sie mit zwei Fingern, wie einen Krebs, zog die Augenbrauen
in die Hhe und las den Zettel.
    Ah! sagte er, die Atlantische Uferbank in Rio. In der Tat, wir stehen mit
derselben im Verkehr!
    Ist es etwa nicht angezeigt worden?
    In der Tat, ich erinnere mich an etwas dergleichen, habe aber nicht
beachtet, wen es betrifft. Unsere Geschfte haben sich leider durch zu raschen
Aufschwung so sehr ausgedehnt, da ich den berblick momentan nicht zur
Verfgung habe. Die Bank hat ein bedeutendes Guthaben bei uns; indessen, wir
stehen in Gegenrechnung, und ich mte nachschlagen. Sapperment!
Hundertsechzigtausend Francs! Du machst ja groe Geschfte, Freund!
    Es ist so ziemlich, was ich in sieben Jahren aufgebracht habe! Aber es wre
mir lieb, wenn du nachschlagen wolltest!
    Das kann ich augenblicklich nicht, guter Martin! Du mut wissen, da wir
uns in einer unversehens hereingebrochenen Krise befinden, welche hoffentlich
vorbergehend ist!
    Wer sind denn die Wir?
    Nun, die Firma und ich, deren Inhaber! Frher war ein gewisser
Schadenmller dabei. Kurz, die Bcher liegen auf der Kanzlei, und da begreifst
du, da ich jetzt nicht nachschlagen kann!
    So schreibe wenigstens auf das Papier, da es von dir eingesehen wurde!
    Nichts schreib ich darauf, bis ich orientiert bin!
    Dieses Benehmen brachte Salander etwas auf, sosehr er an sich hielt.
    Es ist jetzt das zweite Mal, da du so zu mir stehst, und du scheinst dir
nichts daraus zu machen, mich womglich auch diesmal um alles zu bringen!
sprach er mit strengerem Blick. Allein Wohlwend lie sich nicht beirren.
    Bitte, nicht schimpfen! sagte er mit gehobener Stimme, noch bin ich nicht
fallit! Und nie gewesen! Und wenn ich es wre, so stehe ich in der Hut der
Gesetze und des Rechtes und ist berall mein Haus meine Burg!
    Salander fiel voll Erstaunen und wie erschpft auf einen mit Plsch
bezogenen Armsessel, der mit kopfgroen Rosen bedruckt war. Wohlwend setzte
seine Rede mit begtigter Stimme fort:
    Lieber alter Freund! Mach es wie ich, behalte den Kopf oben! Sieh her, in
meiner unfreiwilligen Mue bin ich nicht mig, grble nicht ber Unabwendbares;
ich werfe mich auf Wissenschaft und Kunst. Hier treibe ich Heraldik, mit
Einbeziehung der buerlichen Hauszeichen, der Handwerksinsignien und verwandter
Dinge! Ein paar abgegriffene Wappenbcher, wie sie die Petschaftstecher und
Lffelgraveure an den Messen und Jahrmrkten vor sich aufgeschlagen halten,
lagen auf dem Schreibtische, dabei eine Farbenschachtel, wie die Knaben sie
brauchen, wenn sie Bilderbogen illuminieren, und einige Papierbltter mit ganz
kindisch nachgemalten Wappenbildern. Auch eine verworrene Skriptur machte sich
breit.
    Hier lassen sich alte Fden politischer und kultureller Entwicklung
offenlegen und neue anknpfen im Sinne einer neuen Verteilung der Volksehren -
    Martin Salander hrte nicht lnger auf die nachfolgenden Reden des Mannes;
er griff nur noch mechanisch nach einem schmierigen aufgeschlagenen, aber auf
dem Bauche liegenden Buche, mitten auf dem Tische des Kaufherren und Mzens. Es
war ein uralter Ruberroman mit dem Zeichen einer Leihbibliothek, offenbar die
eigentliche Lektre des Possenreiers in seiner unfreiwilligen Mue.
    Er nahm seine brasilianische Anweisung dem guten Freunde aus der Hand,
steckte sie sorgfltig ein, unterbrach die Rede und fragte nur noch: Bist du
verheiratet, Louis Wohlwend?
    Wieso fragst du das? Nein! erwiderte dieser.
    Ich meinte nur wegen des schnen Winkelriedspruches, der an dein Haus
gemalt ist! Du bist wohl im allgemeinen ein Beschtzer der Witwen und Waisen
oder solcher, die es werden knnten?
    Du weit, da ich von jeher einem idealen Zuge nachgehangen bin, und die
Wohnhuser freier Brger mit edlen Sinnsprchen historischen oder moralischen
Gehaltes zu schmcken und dazu Anregung zu geben, dnkt mich lobenswert!
    Nach diesem Spruche Wohlwends setzte Salander seinen Hut mitten in der Stube
auf den Kopf und verlie ohne ein weiteres Wort das Haus.
    Er rief eine Droschke herbei und lie sich nach der stdtischen
Notariatskanzlei fahren. Der Notar las die Anweisung, die ihm Salander nach
Mitteilung der Umstnde vorlegte, rckte die Brille zurck und sagte:
    Sind Sie selbst der Herr Martin Salander? Ja? - Es ist eben eine bse
Sache! Morgen erscheint die amtliche Publikation der Konkurserffnung mit den
blichen Fristen, soweit haben Sie noch alle Zeit. Ich will auch heute selbst
noch hingehen und den Mann amtlich einvernehmen bezglich Ihrer Forderung.
    Das dringendste, warf Salander ein, scheint mir zu sein, da schleunigst
die Verwahrung an die Bank in Rio abgeht! Ich bin bereit, die Kosten der ntigen
Kabeldepeschen zu hinterlegen!
    Das ist leider Gottes nicht mehr das nchste fr Sie, Herr Salander!
erwiderte der Notar mit ernster Teilnahme, vorgestern lief die sichere
Nachricht ein, die Atlantische Uferbank in Rio de Janeiro zahle nicht mehr,
gestern kam der Nachtrag, die Direktoren seien verschwunden und die Angestellten
auseinandergelaufen. Hiesige Huser haben schon vor zwei Wochen schlimme
Berichte erhalten, und was das schlimmste ist, man hlt bereits die aufgeflogene
Bank und was drum und dran hngt fr ein ausgebreitetes Raubgeschft. Ich
frchte, viele anvertraute Gelder sind ins Wasser gefallen, wo es am tiefsten
ist.
    Salander mute sich am Pulte des fleiigen Mannes halten und sagte nichts.
    Der Notar sah nach der Uhr.
    Ich werde mit Ihnen zum Gerichtsprsidenten gehen, es ist gerade noch Zeit;
denn es ist fr alle Flle ntig, da Sie eine gerichtliche Beschlagnahme des
Guthabens der Bank auswirken, welches die Anweisung angeblich decken soll.
    Ich habe unten eine Droschke stehen, sagte Salander. Sie fuhren hin und
erhielten die gewnschte Verfgung, welche freilich kaum einen greifbaren Wert
vorfand.
    Solch ein trauriger Bericht wartete auf Marie Salanders Erwachen, und als
das wachsende Frhrot am wolkenlosen Himmel ihr schlummerndes Gesicht wie ein
glckseliger Traum zu beleben schien, verschob der Mann abermals das Gericht
seines Leichtsinns, dessen er sich nun beschuldigte, bis die Kinder zum Einkauf
der Lebensmittel ausgesandt worden, dann wieder, bis das Frhmahl eingenommen
wre. Er wollte nicht, da die Frau am ersten Morgen der Wiedervereinigung in
Trnen am Herde stehen sollte.

                                       V


Die Kinder gingen und kamen, die Frau bereitete das Frhstck und nahm es
inmitten der Ihrigen mit an sich haltendem Frohmut ein, whrend die Kinder so
lustig waren, da sie auch den Vater aufheiterten und seine Sorge noch ein
Morgenschlfchen tat, obgleich es aus allen Trmen sieben schlug. Da fielen ihm
auch die Geschenke ein, die er in England in freigebiger Laune beschafft hatte.
Stracks ffnete er die Koffer und kramte aus, Ledersachen mit Stahlgerten,
merkwrdig hbsche Bilderbcher, deren englischen Text er gleich zum ersten
spielenden Unterricht benutzen wollte, feine Tcher und Spitzen fr die Frau und
die Mdchen, und einen ganzen Haufen vermischtes Backwerk, das berall zum
Ausfllen in die Kisten gestopft war.
    Das alles gab eine herrliche Kurzweil und Besttigung des Anbruches eines
goldenen Zeitalters, spornte aber zugleich die Hausmutter an, die solchem Wandel
gemen Pflichten zu erfllen. Sie ging hinweg, sich fr die ntigen
Geschftsgnge anzukleiden, was den guten Martin pltzlich an die Gewiheit
erinnerte, da sein Unglckshandel jetzt bereits stadtbekannt sein msse; denn
nicht nur hatte Freund Wighart jedenfalls gestern seinen Abendgang durch ein
paar Kaffeehuser gemacht und die Neuigkeit mit allem Anteil verkndet, sondern
auch die Beamten hatten keinen Grund, in einer offenen Konkurssache mit so
ungewhnlichen Vorfllen geheimzutun. Er durfte es nicht darauf ankommen lassen,
da die Frau sozusagen auf offener Gasse von dem Gercht berfallen wrde.
Hastig gab er den Kindern eines der Bcher und eine Handvoll englischen Biskuits
und riet ihnen, sich im Freien unter dem Platanenbaum anzusiedeln, was ihnen
gleich einleuchtete.
    Du, Netti! unser Vater gefllt mir, dir nicht auch? sagte im Hinausgehen
das altkluge Setti zu seiner Schwester, die nachahmend und berbietend
erwiderte: Oh, ganz gefllt er mir! Und ich finde, da er sich gut fr unsere
Mutter schickt! Du nicht auch?
    Arnold, der still hintendrein ging, hrte diese weisen Aussprche und
verstand mehr davon, als die klugen Schwestern dachten; denn er empfand es als
ein geheimnisvolles Glck, da die Eltern gut freinander paten und glaubte
gern daran, sagte aber kein Wrtchen dazu.
    Der Vater war indessen schon in die Schlafstube getreten, wo Frau Marie eben
ihr Oberkleid angelegt hatte und die Brustteile zuzuknpfen begann.
    Marie, sagte er, du hast mir nie geschrieben, da der Louis Wohlwend
wieder eine Handlung angefangen habe, sogar eine Art von Bankgeschft?
    Die Frau hielt inne und sah ihn gro an:
    Davon wute und wei ich ja gar nichts! Woher sollte ich es wissen, da ich
nicht unter die Leute komme auf meiner Einsiedelei?
    Auch von dem Haus Schadenmller und Compagnie hast du nichts gehrt?
fragte er weiter, immer noch zgernd.
    Nein doch! Wer ist das wieder?
    Das ist die Handlung, auf welche ich mit meiner, mit unserer ganzen
Ersparnis angewiesen bin, die ich in Rio bar einbezahlt habe. Warte!
    Er lief nach einer der geffneten Kisten und holte das in Brasilien
abgeschlossene Hauptbuch herbei, aus einem dunkeln Instinkte, da die grere
Anschaulichkeit den Vorgang erleichtern knnte.
    Auf dem letztbeschriebenen Blatte stand mit schngemalten Zahlen der Saldo
seines Vermgens eingetragen, ber einem mittels des Lineals vergnglich und
tadellos hergestellten Federstriche, und unter diesem war zu lesen: Von obigem
Saldo ist abzurechnen die Summe von 25000 Fr. eidgenssischer Whrung als
Guthaben meiner Ehefrau Maria N. N. aus ihrem mir zugebrachten Vermgen.
    Das aufgeschlagene Buch legte er auf den kleinen Tisch, der dastand, und
legte den Finger auf den Rechnungsabschlu.
    Siehst du, das sind sechsunddreiig Contos de Reis, etwas ber
zweimalhunderttausend Franken nach unserm Geld! Um Lebens und Sterbens willen
habe ich dein Zugebrachtes daruntergesetzt, wie du es da lesen kannst! Vom
Ganzen aber bergab ich drei Vierteile einem angesehenen Bankhause in Rio und
erhielt dafr eine Anweisung auf Schadenmller und Comp. dahier, wo ich das
liebe Geld bar in Empfang nehmen sollte. Woraus besteht aber diese Compagnie
Schadenmller? Aus einem einzigen Mann, und der heit Louis Wohlwend und bezahlt
nichts; denn er ist wieder einmal im Konkurs und kommt heute im Amtsanzeiger.
Und hier ist schon der Bericht eingelaufen, da auch das Haus oder die
Gesellschaft in Rio de Janeiro verschwunden sei! Bis jetzt kann keine Seele
wissen, wo das Geld geblieben ist, ob es in Rio schon beseitigt wurde oder ob es
der Wohlwend erwischt hat.
    Dies alles brachte er mit trockener, zuweilen stockender Stimme vor. Frau
Marie, zuerst nur halb neugierig, sah bald auf das Buch, bald in sein Gesicht,
was ihr die Hauptsache war und ihre Aufmerksamkeit am meisten erregte, bis sie
zuletzt totenbla wurde; ohne etwas zu sagen, heftelte sie mit zitternder Hand
das Kleid vollends zu und begann dann erst einzelne Fragen zu stammeln und sich
nach und nach in dem Unstern zurechtzufinden. Geduldig und fast demtig fgte
sich Martin in die geringe Ordnung ihrer Rede und wiederholte die gleichen
Aufschlsse und Besttigungen, bis ihr alles klar und deutlich war.
    Erst jetzt brach sie hnderingend in heie Trnen aus, indem sie ausrief: O
du armer Mann! Wo sind unsere sieben Jahre der Trennung und der Sorge?
    Pltzlich ging das erstickende Weinen in einen leidenschaftlichen
Zornausbruch ber.
    Unsere letzte Jugendzeit hat er vernichtet, der Hund! Wo ist er hin damit,
der Blutegel? Kann man ihm kein Salz auf den Rcken streuen? Kann man ihn nicht
zusammenpressen, den Schwamm, der alles aufsaugt? Dieser verfluchte Landschaden!
Wart, Mann! Wenn du ihn nicht bndigen kannst, so will ich den Sohn fr ihn
erziehen, da er ihm einst den Lohn gibt! Jetzt wei ich auch, warum mich immer
eine Art Ahnung beschlich, wenn ich den Marder sah mit seinem glatten Balg. Ist
es mglich, da ich soeben noch glcklich und gesund war, wie eine Lerche, und
jetzt so elend, ja so krank! Sie schritt wie verzweifelt im Zimmer umher,
ffnete ein Fenster und blickte hinaus.
    Was fr ein schner Tag! rief sie; welch liebliche Sommerluft ist uns
vergllt! Also so geht's, so geht's, so geht es! So, so! fgte sie mit halb
singendem Tone hinzu, vom bittersten Schmerze hervorgehaucht, schlo das Fenster
und setzte sich in einer Ecke auf den Boden, den Kopf auf die Arme legend.
    Martin Salander erstaunte in allem Elend ber die Rauheit einer
Leidenschaft, die er an der Frau noch nicht gesehen; an der leisen Hand des
Mitleidens gelang es ihm, sich ber die Stimmung der Gattin und zugleich ber
sein Schuldgefhl zu erheben. Er trat vor sie hin.
    Liebe Marie! sagte er mit weichem Ernste, sei nicht so untrstlich! Es
ist ja nur Geld! Soll dies das Einzige und Hchste sein, was wir haben und
verlieren knnen? Besitzen wir nicht uns selbst und unsere Kinder? Und soll
dieser Trost auf einmal ein leerer Gemeinplatz sein, sobald es uns und nicht
andere Leute angeht? Komm, kauere nicht wie ein Kind auf dem Boden, so tiefe
Trauer ist das ganze Geld samt dem Wohlwend nicht wert! Zwar sehe ich an deinem
leidenschaftlichen Gebaren, da du noch jung genug bist trotz der Klage ber die
verlorenen Jahre, und das dnkt mich so lieblich, wie die schne Sommerluft
drauen; aber steh dennoch auf, trockne deine Trnen und la die Kinder nichts
merken, so wirst du dich von selbst fassen! Du hast wohl berhrt, da ich einen
Teil des Vermgens gerettet habe, ich trage es in guten Papieren bei mir, die
Wohlwend nichts angehen, und so stehe ich doch ungleich besser da als vor sieben
Jahren, dazu um ntzliche Erfahrungen und Kenntnisse reicher. Komm, mache dich
vollends schn, wir wollen jetzt unsere Gnge machen, ich in die Kanzleien und
du fr die Kche, und nachmittags unternehmen wir einen tchtigen Ausmarsch mit
den Kindern. Wenn wir uns nur ganz gelassen benehmen, so wirst du sehen, da wir
den Ausweg schon wieder finden!
    Er reichte ihr die Hand, und sie richtete sich an derselben auf. Es war in
der Tat beinahe die Beschmung eines Kindes, mit der sie die Augen zu ihm
aufschlug, aber ebenso kurz andauernd, da ein Strahl besseren Mutes und
Vertrauens das Gesicht berflog. Denn sie sah den Mann seiner Lage gewachsen und
imstande, sie, die Gattin, zu ermahnen und aufzurichten; auch war seine Demut,
die sie am meisten bengstigt, in schicklicher Weise, ohne Aufsehen in den
Hintergrund getreten. In einer halben Stunde waren sie bereit, miteinander in
die Stadt hinabzuwandern. Setti mute sich der Mutter anschlieen, die beiden
anderen Kinder wurden zu ihren Schulbchern in das Haus verwiesen. Als Salander
sich auf dem den Kiesplatze umsah und mit rger bemerkte, wie auch weiterhin
eine Menge von Fruchtbumen verschwunden, die ehemals die Wege beschatteten,
fiel ihm auch die Holztafel ins Auge, die ber der Haustre hing und die
Inschrift Pension und Gartenwirtschaft zur Kreuzhalde aufwies.
    Halt, sagte er, die Tafel mu weg, und zwar gleich jetzt.
    Mit Hilfe eines Stuhles hob er das Brett aus den Haken und stellte es hinter
die Tre.
    Nun bist du erlst von der betrbten Herberge! sagte er; wir wollen auch
sofort einrcken lassen, da sie geschlossen sei!
    Die Befreiung aus ihrer wunderlichen Zwangslage, auf Gste warten zu mssen,
die nicht kamen und denen sie nichts mehr vorzusetzen gewut hatte, wenn sie
kamen, erleichterte der Frau das Herz, so wie auch das Einkaufsgeld, das sie
endlich wieder in ausreichendem Mae in der Tasche fhrte, ihren Schritten die
frhere Sicherheit zurckgab; nur das Gesicht wollte bei aller Gelassenheit
seinen Ernst nicht verlieren, weil die seit kaum vierundzwanzig Stunden erlebten
bergnge ihr Gemt erst jetzt im Innern zum Schwanken brachten, da sie das Ende
nicht absehen konnte. Aber dies stille Schwanken verstrkte nur ihren Willen,
aufrecht zu bleiben und treu zu den Ihrigen zu halten.
    Mann und Frau trennten sich bald mit der Abrede, zur Mittagsstunde wieder
beisammen zu sein. Martin Salander begab sich in die Notariatskanzlei. Die
gerichtliche Bekanntmachung war soeben in den Blttern erschienen. Dem Notar
hatte Wohlwend rundweg abgeschlagen, auf Salanders Anweisung irgendeine
Erklrung zu unterzeichnen, und in diesem Sinne auch bei der Versendung eines
nichtssagenden Rundschreibens an seine Geschftsfreunde den beraubten Freund
bergangen.
    Auf den Rat des Notars hatte Martin am Vormittage einen angesehenen
Rechtsanwalt aufgesucht und ihm die Wahrung seiner Sache mit gehriger Vollmacht
bergeben, derselbe ihm dagegen aufgetragen, beglaubigte Buchauszge und
Korrespondenzen ber seinen Verkehr mit der Bank in Rio de Janeiro beizubringen.
Jedenfalls stand eine langwierige Abwicklung des ganzen Prozesses in Aussicht.
Die Sache stehe so, meinte der Advokat, da es noch der glcklichere Fall wre,
wenn es auf frmlichen Betrug hinausliefe, wo man mit Verhaftung und
Strafuntersuchung einschreiten und den zur Seite geschafften Raub auffinden
knnte, whrend in einem gewhnlichen Falliment das anvertraute Gut unter allen
Umstnden verlorenginge.
    Hiemit hatte Martin Salander sich einstweilen zu beruhigen und volle Mue
zum berlegen dessen, was er inzwischen beginnen sollte. Demgem fand er sich
gefat und gewissermaen zufrieden beim Mittagessen ein, das die Frau ohne
jeglichen Aufwand, aber gut und nahrhaft bereitet hatte. Wein sei keiner mehr
da, sagte sie, der Mann mge selbst bestimmen, was etwa anzuschaffen wre; fr
heute mten sie sich mit frischem Wasser begngen, sie denke, wenn man nachher
ein bichen ausfliegen wolle, so werde Martin ohnehin etwa mit ihnen Einkehr
halten, wo es zu trinken gbe, und wenn es nur im Roten Mann wre.
    Diese Anspielung machte sie mit einem kleinen Lcheln und ganz gemtlich;
allein sie wrde sie ohne die heutigen Enthllungen doch nicht gemacht haben.
Auch verstand er sie wohl und antwortete ungesumt, sie habe vollkommen recht,
ihn daran zu erinnern; er werde trachten, ein Fchen von jenem Weine zu
erhalten, der ihr gewi schmecken solle. Mit diesem Vermeiden einer logischen
Errterung war hinwieder die Frau zufrieden, da sie das Gestndnis seines
Fehltrittes darin sah, fast vor der Haustr noch mit Fremden in ein Wirtshaus zu
gehen. Zur Vershnung erklrte sie brigens, da sie sich danach sehne, einige
Stunden ins Grne zu wandern; sie sei niemals nur in den Wald hinauf gekommen,
selbst zur Zeit nicht, wo sie noch Dienstleute gehalten habe.
    Sie zogen also miteinander aus, in den Wald hinauf, der sie mit seinem
durchsichtigen Schatten empfing. Die lange nicht genossene Luft solchen
Kulturgehlzes machte dem Familienhaupt wohl zumute; die alte Lebhaftigkeit
erwachte in ihm, so da er Frau und Kindern von dem Unterschiede zu erzhlen
begann zwischen den Urwldern des Westens, wo nur Kampf und Ausrottung herrsche,
und den von erquickender Luft durchwehten Forsten der Alten Welt, wo der Wald
gebaut und gepflegt wrde fast wie ein Hausgarten. Und wie auch da noch
Gegenstze zu treffen seien, zeigte er ihnen, indem er hier an dem reinlichen
Boden und den sauber und licht gehaltenen Stmmen eine Staats- oder
Genossenschaftswaldung, dort an Gestrpp, Wucherzeug und krnklichem Holze den
Besitz nachlssiger Bauern erkennen wollte. Auch prfte er die Kinder, ob sie
hie und da eine blhende Pflanze zu benennen wten oder den Vogel kennten, der
soeben gepfiffen habe. Sie wuten aber nichts, und er sagte zur Frau: Das ist's
eben; die Kinder sind zu einsam!
    Aber lieber Mann, erwiderte sie, die Kinder sind ja das Jahr hindurch
unter hundert andern, und in ihren Schulstuben sind alle Wnde voll Bilder, auch
viele Vgel, die sie bei Namen kennen! Was die lebendigen Vgel betrifft, so
habe ich als Mdchen gerade durch meine Unkenntnis etwas erlebt, das mir immer
noch nachgeht. Eines Sonntagabends, nach der Singstunde, spazierte ich ganz
allein ber eine Anhhe nach Hause und sa oben ein Weilchen nieder. Gegenber
lag ein anderer bewaldeter Hgel, in dessen Bumen verborgen ein mir unbekannter
Vogel sang, so schn, so schn durch die stille Luft und Einsamkeit, da es mir
wahrhaftig das Herz bewegte und ich feuchte Augen bekam. Ich erzhlte zu Hause
davon und htte gar zu gern gewut, was das fr ein Vogel mochte gewesen sein.
Die Leute rieten hin und her, ein Bursch, der manche Vogelstimmen nachahmen
konnte, gab diesen und jenen Ton an und nannte den betreffenden Singvogel;
allein keine der Weisen glich dem, was ich gehrt. Jetzt, nach soviel Jahren,
hre ich in ruhigen Augenblicken noch den unsichtbaren Snger und bin froh da
er mir unbekannt geblieben ist und auf die Art mir die Feierlichkeit jener
Abendstunde stets in Erinnerung blieb.
    Du hast mir das auch schon erzhlt, sagte Salander lachend, und es ist
artig genug, ich will es nicht bemngeln! Allein wenn es ein Argument gegen das
Kennenlernen der Dinge sein soll, so mu ich dich zur Ordnung rufen, Frau
Jesuitin! Verknderin des Mysterisen und Unbekannten!
    Geh, du weit wohl, da es nicht so gemeint ist, du Schulmeister!
    Der neckische Ton verwandelte sich in ein ernsteres Gesprch ber Ziele und
Grenzen des erzieherischen Verkehrs mit den Kindern, welches die wackere Frau
mit aufmerksamer Teilnahme in allen Ehren bestand. Beide Gatten, indem sie die
Kinder vor sich herspringen sahen, vergaen darber die Gegenwart und blickten
von Hoffnungen belebt in die Zukunft, welche ihnen fast so lieblich dnkte als
der unbekannte Vogel der Frau Marie.
    So hatten sie einen betrchtlichen Weg zurckgelegt und stiegen in ein
Waldtlchen hinunter, durch das ein schner klarer Bach flo, der sein
reichliches Wasser ber das bunte Geschiebe und Gerlle wlzte, wie es der Berg
ablie. In einer rundlichen Ausbuchtung ergo sich ber einige bemooste
Steinblcke ein kleiner Wasserfall, unmittelbar aus jungem Buchenschlag hervor,
und Martin Salander erkannte sogleich den anmutigen Winkel von frher her.
    Dort wollen wir uns ein Stndchen niederlassen, sagte er und rief den
Kindern zu, ihnen den Weg anweisend. Auch Frau Marie pries das Tlchen und eilte
rstig den abschssigen, von Gestein unterbrochenen Pfad hinunter. Seit langer
Zeit war es ihr nicht vergnnt gewesen, sich in freier Natur zu bewegen ohne
einen andern Zweck als die Bewegung selbst. Am Bachufer angekommen, hatten sie
noch um ein vorragendes greres Felstrumm zu biegen, welches den besten
schattigen Ruheplatz verbarg. Die vorausgelaufenen Kinder standen pltzlich
still, und als auch die Eltern am Platze waren, sahen sie einen Mann, der mit
bloen Fen, ausgestlpten Beinkleidern und Hemdrmeln im Wasser stand und
unter den Steinen umhergriff, nach Krebsen suchend. Auf einer trockenen
Steinplatte des Ufers lagen ein paar kleine tote Forellen neben einem Gese,
wie es die Angelfischer mit sich fhren, und einer offenen Botanisiertrommel,
welche in Papier gewickelte Ewaren enthielt. An geschtzter Stelle befand sich
im khlen Wasser eine angebrochene Weinflasche.
    Der Platz ist schon besetzt, sagte halblaut Salander, wir wollen
weitergehen! Er ging vorwrts, um auf dem engen Wege zwischen dem Krebsfnger
und seinen Veranstaltungen vorbeizukommen, und seine Familie folgte ihm auf dem
Fue, zunchst die Frau. Da richtete sich der Mann im Bache auf und schaute sich
um. Es war Herr Louis Wohlwend, der sich hier still zu vergngen schien.
    Die berraschung bannte beide Parteien fest, so da um Wohlwends Beine die
Bachwellen einen kleinen Schaum erregten und hinter Salander seine Familie
gedrngt stehenblieb. Wie es meistens geschieht, war der unrechtleidende Teil
wieder verlegener als der andere, und da Wohlwend die Salanderschen verblfft
vor sich sah, richtete er sich hoch auf, brachte die Hand an den Hutrand und
rief: Ah, salut!
    Gibst du hier Audienzen? sagte Salander endlich, ohne sich zu rhren.
    Wie du willst! versetzte Wohlwend; wo sollte ich am heutigen Tage mich
hinflchten als an den Busen der Mutter Natur? Es ist gewissermaen mein
Ehrentag, an dem ich das Martyrium unseres Jahrhunderts antrete als Opfer des
Verkehrs, des Kampfes ums Dasein! Heut stehe ich im Amtsblatt, da ist die erste
Folge, da ich mein bescheidenes Pltzchen im Kaffeehaus, mein harmloses
Spielchen um den Kaffee entbehren mu; das erfordert die Etikette, wie sie
einmal ist, bis sich die Sintflut des Geschwtzes verlaufen hat! Du weit,
Freund Martin, da ich von jeher einem edeln Idealismus gehuldigt; der kommt mir
nun zu gut und lt mich an so idyllischen Gegenstnden Trost suchen, wie sie
sich hier darbieten! - Ha, die Frau Liebste! Schne Frau, seien Sie mit aller
Verehrung begrt nach so langer Zeit -
    Wohlwend, Ihr knnt hier nicht mit uns von Euren Sachen reden; das sind
unsere Kinder, vor denen es sich nicht schickt! Sie sollen dergleichen nicht
hren! Bitte, lieber Martin, la uns unsers Weges gehen!
    Dies sagte Frau Salander, indem sie die Hand an des Mannes Arm legte. Martin
wandte sich gehorsam und setzte schweigend den Weg fort; Marie trat etwas zur
Seite und schob die Kinder vorwrts, und erst, als das letzte vorber war,
folgte auch sie, ohne sich weiter umzusehen. Sie mute ihre Rcke
zusammennehmen, um zwischen den herumliegenden Sachen Wohlwends, wozu auch seine
Strmpfe und Stiefel gehrten, durchzukommen, ohne sie zu streifen.
    Dieser stand wie versteinert in seinem Bache. In Gesicht und Stimme der Frau
hatte trotz einer blassen Unbeweglichkeit eine solche mit Verachtung durchwirkte
Strenge gelegen, da ihm die Furcht aufsteigen wollte, es gbe noch hhere
Mchte als Konkursrichter und Glubigerversammlungen. Es dnkte ihn nicht mehr
geheuer im Wasser; er watete hinaus und zog hurtig seine Fubekleidung wieder
an, um auf alle Flle besser zu stehen. Dann las er drei oder vier Krebse
zusammen, die bereits gefangen, aber dem Fischkbelchen entronnen waren und dem
Wasser entgegenstrebten. Zuletzt, um sich von dem lcherlichen Weiberauftritt zu
erholen, zog er die Flasche aus dem Wasser und setzte sich mit derselben und der
botanischen Bchse auf die Platte.
    Aber wiederholt unterbrach er sein Vespermahl. Wie kann das Weib sich
herausnehmen, ihn kurzweg mit Wohlwend anzureden, ohne Herr, und ihn zu ihrzen
wie einen Knecht oder Lumpensammler! Am meisten beschftigte ihn das mit den
Kindern. Hatte er denn etwas Unsittliches gesagt, was sie nicht hren durften?
Gar nicht! Er hatte eher schne, erhebende Worte gesprochen, wenn sie auch nicht
bare Mnze waren. Htte doch Salander geschimpft, dem wrde er den
Rechtsstandpunkt erlutert haben; aber er hat weislich geschwiegen.
    Wohlwends Idylle war durch die Frau entschieden gestrt, und er packte
zusammen. Doch schlug er einen andern Weg ein, als die Salanderleute gegangen.
    Diese stiegen wieder in die Hhe und sprachen einige Minuten nichts, bis
Martin ber die kurze Rede seiner Frau lachen mute.
    Du hast ihn scharf behandelt! sagte er zu ihr, wie zum Teufel gertst du
auf den Einfall, per Wohlwend und per Ihr mit ihm zu reden?
    Ich denke, man spricht so mit den Strflingen in den Zuchthusern; in
meinen Augen ist er aber nichts Besseres!
    Sie schien indessen durch den Vorfall ein klein wenig erheitert zu sein;
auch Martin lachte abermals, als er bedachte, wie schlau der Konkursit die
Kaffeehuser vermied, um tief im Walde seinen Meister zu finden. Nach einigem
Schweigen, als die Frau Raum bekam, ihm zur Seite zu gehen, ergriff er wieder
das Wort.
    Ich wei nicht, ich schwanke doch zuweilen, ob er nicht eher ein Narr sei
als ein schlechter Mensch; freilich ein gefhrlicher Narr!
    Frau Marie antwortete nur mit einem leichten Seufzer, womit sie die weitere
Untersuchung abschnitt. Die Kinder schwrmten links und rechts im Gehlze, die
Eheleute aber schritten jetzt lngere Zeit schweigend nebeneinander. Martin
bemerkte endlich einen mehr auf die Hhe fhrenden Weg. Hier geht es, wenn ich
mich nicht irre, auf einen guten Aussichtspunkt. Magst du noch so weit gehen, so
knnen wir, statt in dem Loch unten, wo uns der Unhold strte, oben unter dem
offenen Himmel ausruhen, so sehe ich zugleich ein Stck meines Landes.
    Gern geh ich hinauf; es kann nicht mehr weit sein, wir waren frher ja ein
paarmal dort!
    Sie erreichten eine Hochstelle, vor welcher das stlich und nrdlich
gelegene Land sich wirklich weithin ausbreitete und in den Schmelz des schnsten
Ferneblaus verlor. Unter einer Gruppe hoher Tannenbume nahm eine Ruhebank sie
auf, und sogleich suchten die Augen zwischen den sanft hinziehenden Erhebungen
und dazwischen sich schmiegenden Gefilden ihre Heimatgegenden, und sie glaubten
an sonnigem Hange eine Kirche oder ein Schulhaus wei aufschimmernd zu sehen.
Salander rief die Kinder herbei und zeigte ihnen das Land. Ich habe gelesen,
da in den letzten Jahren in der Schule eine Art Heimatkunde eingefhrt worden
sei; wie steht es damit? Was liegt dorthin fr ein Landesteil?
    Sie wuten noch nichts; nur das ltere Mdchen nannte das nchste, worin sie
wohnten, den Bezirk Mnsterburg, und wute auch, da es zwlf solcher Bezirke
gebe.
    Gut! diese nannte man frher Obermter, noch frher Vogteien, ehmals
Herrschaften und Grafschaften; eine solche umri er, mit dem Zeigefinger einen
bedeutenden Teil des Horizontes entlangfahrend. Die geschichtlichen Erinnerungen
wachten auf und schlossen sich aneinander, bis die Gegenwart daraus hervorging,
und alles schien ihm das sichtbare Land noch mehr zu verklren.
    Die Neue Welt jenseits des Meeres, sagte er zur Frau, nachdem die Kinder
wieder weggesprungen, ist wohl schn und lustig fr Menschen ausgelebter und
ausgehoffter Lnder. Alles wird von vorn angefangen, die Leute sind
gleichgltig, nur das Abenteuer des Werdens hlt sie zusammen; denn sie haben
keine gemeinsame Vergangenheit und keine Grber der Vorfahren. Solange ich aber
das Ganze unserer Volksentwicklung auf dem alten Boden haben kann, wo meine
Sprache seit fnfzehnhundert Jahren erschallt, will ich dazugehren, wenn ich es
irgend machen kann! Ich ginge doch ungern wieder fort!
    Ums Himmels willen, wie kommst du darauf? rief Marie Salander erschreckt.
    Ich meine nur so, eben darum! versetzte er mglichst gleichmtig, um zu
verbergen, da er just eine erste Andeutung des Entschlusses gewagt hatte, der
in ihm aufdmmerte, ehe der Abend des zweiten Tages seiner Heimkehr da war.
    Wochen auf Wochen vergingen, ohne da Wohlwends Proze einen Schritt
vorwrtsrckte; er wute groe und kleine Glubiger so zu bereden und zu
verwirren, da sie nicht schlssig werden konnten, und schon war anzunehmen, da
das Jahr ohne Entscheidung ablaufen werde. Von alledem war Salander mit seiner
Anweisung ausgeschlossen, welche anzuerkennen Wohlwend sich beharrlich weigerte.
Es ging allerdings aus seinen Bchern hervor, da er mit der Atlantischen
Uferbank in Verkehr gestanden und von Zeit zu Zeit Wertsendungen in Wechseln
erhalten, die er stets weiterbegeben haben wollte. Aus Rio de Janeiro war, wie
die Sachen dort standen, zur Zeit kein Aufschlu erhltlich, und in Mnsterburg
weigerte sich nicht nur Wohlwend, sondern auch die Masse, Salanders Ansprche
zuzulassen.
    Sein Anwalt glaubte, er wrde am besten tun, die Reise nach Brasilien rasch
nochmals zu verannehmen, um selbst an Ort und Stelle das Mgliche zu
unterlassen, wobei ja die Kosten nicht im Verhltnisse zu dem groen Verluste
stnden und durch gelegentliches Geschft mehr als eingebracht werden knnten.
    Diese Andeutungen reichten hin, den schon erwachten Gedanken festzumachen,
das Glck aufs neue zu versuchen. Wenn er von dem Vermgensreste, der ihm
geblieben, das Gut seinem Frau ausschied und sicherstellte, so konnte er mit dem
brigen und beim jetzigen Stande des Handelsverkehrs wohl wagen, die krzlich
abgebrochenen Verbindungen wieder aufzunehmen. Er getraute sich, das Verlorene
in weit krzerer Zeit einzubringen und berdies der Familie ihren regelmigen
Unterhalt zukommen zu lassen.
    Also bereitete er im stillen alles vor, erhielt auch von verschiedenen
Husern sogleich ntzliche Anerbietungen, mietete fr Frau und Kinder oder
eigentlich fr sich selbst mit eine bescheidene, aber anstndige Wohnung und
machte sich schlielich daran, der guten Marie die Sachlage zu erffnen.
    Obgleich die Dinge diesmal ungleich besser standen als bei der ersten
Trennung, so wurde sie doch tieftraurig. Sie saen am Fenster des Schlafzimmers
sich gegenber, durch welches Marie an jenem Morgen in ihrer Fassungslosigkeit
den schnen Tag angerufen hatte.
    Als ich, sagte sie nach einem Weilchen mit halber Stimme, dort in der
Ecke auf dem Boden sa, hast du mich ermahnt, ob das Geld denn das einzige und
Hchste sei, wonach der Mensch trachten knne? Du hast so recht gehabt, Martin,
da ich dir nun das Wort zurckgeben mchte!
    Es ist nicht der gleiche Fall! erwiderte Martin, es ist nicht dasselbe,
ob wir wegen verlorener Gter verzagen oder ob wir verzichten wollen, mit
frischer Tatkraft Verlorenes wiederzuerringen! Ich kenne nun einmal den Weg,
soll ich ihn geflissentlich vermeiden? Denke an unsere Kinder, Marie!
    Ach, ich denke eben an unsere Kinder! Mssen sie denn durchaus reich
werden, um leben zu knnen?
    Marie! Du hast ja erfahren, wie es kommen kann, wenn man nichts hat!
    Ohne hierauf zu antworten, fuhr sie fort:
    Sieh, als wir im Walde droben auf der Bank saen und in das heimatliche
Land hinausschauten, da dachte ich bei mir selbst, es wre vielleicht das beste
fr uns und die Kinder, wenn du dort herum wieder eine Schule bernehmen und der
bsen Welt aus dem Wege gehen wrdest! Mit dem Gelde, das du gerettet hast,
wollten wir bequem auskommen und noch zurcklegen -
    Salander war durch die Rede seiner Gattin im alten Lehrergewissen getroffen,
ohne da sie es wute; er war freilich ein Fahnenflchtiger. Aber er lie sie
nicht ausreden, sondern fate etwas krampfhaft ihre Hand:
    Nach den Geniestreichen, die ich mit unserem Wohlerworbenen schon gemacht,
begreife ich deinen Gedanken sehr gut, er ist billig und verstndig! Aber ich
kann nicht! Erstens wrde ich kaum noch die ntige bung und auch Erhaltung und
Mehrung der Kenntnisse besitzen, um ohne weiteres ein Lehramt anzutreten, und zu
einem Wiederholungskurs bin ich doch zu alt! Dagegen fhle ich mich noch jung
genug, freiwirkend in der Welt zu stehen, wozu mich eben der Geist getrieben
hat. Dazu brauche ich diejenige Unabhngigkeit, welche nur ein miger Besitz
verleiht; denn ein zu groer macht natrlich den Mann auch unfrei. Glaub nur, es
wird mir gewi noch gelingen! Ich werde nicht so lange fortbleiben, ein Teil der
Geschfte wird sich sogar hier abspielen und eine unvermutete Zwischenreise mit
frhlichem Wiedersehen nicht ausgeschlossen sein!
    So nimm uns mit! sagte sie mit brechender Stimme.
    Um euch Krankheit und Tod auszusetzen? Und dann geht es nicht, weil die
Kinder hier im Lande geschult werden mssen. Er nahm sie mit diesen Worten
zrtlich in die Arme und hielt sie so lang, bis sie sich seinem Willensschlusse
ergeben hatte.
    Er besorgte nun zunchst den Umzug in die neue Wohnung, die so gelegen war,
da die Frau Salander allenfalls einem kleinen Warenhandel vorstehen konnte, den
er von Brasilien aus eigens fr sie zu unterhalten gedachte. Zu diesem Zwecke
war im Erdgescho ein Magazin mit Schreibstbchen fr die Frau Prokuratrgerin
vorgesehen. Der Mann wollte auch sofort vorlufig eine Magd eintun mit der
Mahnung, sobald notwendig, auch ein Gewerbsknechtlein zu beschaffen. Doch die
Frau widersetzte sich ebenso vorlufig jeder Idee von Dienerschaft im Hause.
    Als auch alles brige verrichtet war, begleitete die kleine Familie den
Martin Salander auf den Bahnhof, zu guter Zeit. Auch Herr Mni Wighart stellte
sich um so pnktlicher ein, als er in der Restauration, den lustigen Verkehr des
Frhherbstes betrachtend, eine Tasse krftiger Fleischbrhe zu genieen pflegte.
Er versprach dem Abreisenden, die Wohlwendsche Konkurssache unter der Hand zu
beobachten und getreu zu berichten, was im Publikum vorgehe und geredet werde.
    So fuhr Martin wieder den atlantischen Ufern zu.

                                       VI


Die Zeit flo ruhig ber die Schicksale hin, oder sie trug sie vielmehr
unvermerkt, und so sa auch nach drei Jahren Frau Marie wirklich in ihrem
Schreibstbchen und verzeichnete im Buch eine Anzahl Kaffeescke, welche der
Fuhrmann abgeladen und ein rstiger Arbeitsmann in das Magazin trug, worauf er
wieder an das Verpacken von Zigarren ging; es war eine beliebte neue Sorte, die
Martin Salander von den Kolonien sandte und zum Teil selber pflanzen lie, da er
eigens dazu Land gekauft hatte. Auch eine Dienstmagd erschien, die Frau wegen
des Abendessens zu befragen; sie erhielt die Weisung, man wolle einmal von dem
Paraguay-Tee kosten, welchen Herr Salander versuchsweise geschickt habe, ob er
wohl Abnehmer finde. Hierauf brachte ein Landkrmer das Geld fr einen Sack
Kaffee und bestellte einen neuen, whrend ein Herr kam, der sich ein
Probekistchen von den Zigarren ausbat, von denen er gehrt.
    Der Postfaktor kam, eine Mandatsumme auszuzahlen, und endlich kehrten die
Mdchen aus der Sekundarschule, die sie besuchten, nach Hause, und das ltere,
Setti, wurde sofort mit den eingegangenen Geldern auf die Bank geschickt, wo das
kleine Handelshaus im Kontokorrentverkehr stand. Dieses gleiche Mdchen, das
seinem sechzehnten Jahre entgegenging, erhob bereits den Anspruch, auf nchste
Ostern bei der Mutter als Buchhalterin einzutreten. Der Rechnungslehrer hatte
gesagt, sie addiere wie ein Maikfer.
    Da es Herbstzeit war, so wurde es frh Abend; Frau Salander zahlte ihrem
Arbeitsmann den Tagelohn aus und entlie ihn fr heute. Zuletzt kam Arnold vom
Turnplatz heim, ordentlich gestreckt, und so sah die Mutter bald ihre Kinder
beim Scheine der alten Lampe um sich versammelt. Sie erfreuten sich des
einfachen Abendbrotes, welches die Magd mit ihnen teilte, und alles war
zufrieden, bis Setti, die knftige Buchhalterin, eine Streitfrage aufwarf, indem
sie die Vermutung aussprach, sie werde im Geschft eine Brille tragen mssen.
    Warum nicht gar! rief die Magd entrstet, es wre ewig schad um dein
Gesicht, du wrdest aussehen wie unser alte Gemeindeschreiber, wo ich her bin!
    Viele hhere Berufsdamen, und von den besten, tragen Brillen! versetzte
das Mdchen mit berlegener Ruhe, und Netti stimmte ihr bei, mit dem Zusatze,
da es eine blaue sein msse, das stehe schner.
    Nimm eine rote Brille, dann siehst du das Feuer im Elsa! sagte pltzlich
der still gelassene Arnold. Diesen sah die Mutter gro an, fast erschreckt.
    Seit wann machst du Witze, Arnold?
    Verblfft schaute er die Mutter an, denn er wute nicht, was sie meinte und
was er bles getan habe.
    Die Magd lachte. Recht habe der Arnold, behauptete sie. Frau Marie aber
fate sich zusammen von der kleinen Verwirrung, in die sie geraten, als sie
entdeckte, da der Knabe zu Worten kam. Dem Elternsinne erscheint es schon
merkwrdig, wenn die Kinder ein Sprichwort zum ersten Male gebrauchen.
    Es zog jemand die Klingel, eines der Mdchen lief und brachte ein Telegramm
herein, das von Basel kam und von Martin Salander aufgegeben war:
    Bin im Lande. Komme mit letztem Zug nach Mnsterburg. Holt mich nicht ab,
weil mit Gepck zu tun habe und Wagen nehme.
    Nach der ebenso frohen als ernstlichen berraschung, welche die Botschaft
mit sich brachte, wurde beraten, ob dem Befehl des Vaters zu gehorchen sei, oder
ob man nicht dennoch auf den Bahnhof gehen wolle; die Mutter entschied fr
Dableiben und Warten, weil es eilf Uhr nachts werden konnte und der Vater
rascher zurechtkam, wenn er nicht die ganze Familie im Gedrnge begren mute.
    Dadurch gewann die Mutter Zeit, sich selbst mit dem unerwarteten Bericht
nachdenklich auseinanderzusetzen. Erst vor drei Wochen hatte sie den letzten
Brief Martins erhalten, worin er sich zufrieden ber seine konomische Lage
ausgesprochen mit der Ankndigung, er drfe bereits an die Heimkehr denken, sei
es fr immer, sei es, um fr kurze Zeit und einzelne Geschftsausfhrungen, wie
er vorausgesagt, noch das ein oder andere Mal den Weg zu machen; er glaube aber
beinahe, es werde dies nicht ntig werden. Hierauf folgte in dem Briefe eine
Schlubetrachtung ber die politische Gegenwart und Zukunft im Vaterlande, die
Marie Salander nur oberflchlich beschaut und zum aufmerksameren Lesen fr eine
stillere Stunde zurckgelegt hatte. Sie achtete und liebte sogar den
brgerlichen Freisinn ihres Mannes und seine Neigung, fr das Ganze und Kommende
zu leben, worin er durch den Louis Wohlwend jetzt schon bis ins zehnte Jahr in
so merkwrdiger Art aufgehalten worden. Allein sie beanspruchte keinen Weitblick
ber Zusammenhang und Zukunft, sondern begngte sich, fr den Tag und Augenblick
bereit zu sein.
    Jetzt holte sie jenen Brief hervor, um nachzusehen, ob sie nicht doch eine
Stelle bersehen, die eine nahe bevorstehende Ankunft verhie, und auch um auf
seine Worte so gut als mglich eingehen zu knnen, wenn er darauf zurckkam.
    Wenn Du, schrieb er, erfreut bist, da wir so leidlich bald wieder auf
einen guten Weg gekommen sind, so mut Du das nicht meiner besonderen
Geschicklichkeit und Tatkraft zuschreiben, sondern dem freundlichen Glcke,
welches mir zur Seite ging. Allerdings habe ich auch einigen Flei aufgewendet,
wie es der Mensch etwa tut, wenn er sich ein Ziel sichtbar winken sieht. Die
Dinge, welche bei Euch zu Hause sich vollzogen haben, diese neue Verfassung,
welche unsere Republiken sich gegeben haben, diese unbedingten Rechte, die das
Volk ruhig, ohne irgendeine Strung sich genommen hat, alles das mchte ich in
seinen glorreichen Anfngen noch sehen und mit genieen, alles ruft mir zu:
komm! wo bleibst du? Und nun kann ich als unabhngiger Mann kommen, der seinen
Boden hat und nichts zu suchen braucht als die Gelegenheit, zu helfen und zu
ntzen! Und welch ein groer Augenblick ist es, in welchem unsere alte Freiheit
den groen Schritt tut! Ringsum uns hat sich in den groen geeinten Nationen die
Welt wie mit vier eisernen Wnden geschlossen; zugleich aber hat sich mit dem
moralischen Schritt, den wir getan, eine tiefste Quelle neuen Freiheitsmutes und
Lebensernstes geffnet, welche das uerste ertragen und das Hrteste berdauern
lt und am Ende die Welt berwindet, wre es auch im Untergang! Ein solches
Gefhl der Selbstbestimmung, der Furchtlosigkeit und der Pflichtliebe schtzt
strker als Repetiergewehre und Felswnde usw.
    Da stand freilich nichts von einer schon beschlossenen Reise. Der Drang
danach mute also seither pltzlich so gewachsen sein, vielleicht auf neue
verlockende Berichte oder sich verbreitende Sagen, da Martin nicht lnger hatte
widerstehen knnen.
    Er erschien denn auch, noch vor eilf Uhr, so frisch, freudig und fast
strmisch bei den Seinen, wie wenn er sieben Jahre jnger statt dreie lter
geworden und ein brausender Windsto neuen Lebens mit hereingekommen wre. Als
die Frau Marie ihn umarmte, empfand sie eine Art ehrerbietiger Scheu vor der
Macht der Ideen, die in den Worten des Briefes lagen und jetzt ber den Ozean
her ihr den Mann in die Arme geweht hatten.
    Holla! Welch niedliche Backfische, die darf man ja kaum berhren! rief er,
als er die zwei Mdchen erblickte und sie trotzdem herzhaft kte.
    Man sagt ihnen auch Hafenbraten! rief Arnold, der sich auch bemerklich
machen wollte.
    Ei, du Tausendskerl, Arnoldi, was sagst du da?
    Du kommst gerade recht, Mnnchen! rief die Frau, die laut lachend und voll
Behagen sich niedersetzte, dein Bub macht heut schon zum zweiten Mal eine Art
Witz! Er scheint unntze Worte aufzulesen!
    Mag er sie auflesen, wenn er sie nur gut anbringt! Komm, Arnold, und gib
mir recht patriotischen Gru und Handschlag! La sehen, wie bist du gewachsen?
Nicht bermig, doch soso fr deine eilf Jahre! Und wie steht's mit der
Schule?
    Er begann den Knaben abwechselnd mit den Mdchen zu befragen, whrend er das
ihm bereitete Nachtmahl mit vielen Unterbrechungen einnahm; er merkte aber
endlich, da er in Hinsicht auf Methoden und Gegenstnde nicht mehr auf dem
laufenden war und daher die Kinder nicht ganz richtig fragen konnte.
    Als Frau Salander es wahrnahm, sumte sie nicht lnger, dem Manne den
bereitgehaltenen Heimatsgru zu bieten, nmlich die erste Kanne grenden
Weinmostes, der eben im benachbarten Wirtshause zu haben war. Sie wute, da er
den Trank liebte, aber seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Zugleich trug die
Magd eine Schssel voll gebratener Kastanien auf den Tisch, womit den Kindern
ihr Recht wurde zum Gedenken dieser Glcksnacht. Um ein Uhr hob Frau Marie die
Tafel auf und wrde es wohl frher getan haben, wenn nicht soeben ein Sonntag
angebrochen wre.
    Der erhellte sich denn auch zum schnsten Herbsttage, dessen Morgenstunden
Salander im traulichen Verkehr mit den Seinigen verbrachte. Einmal nur wollte er
die Frau nach Wohlwend fragen, brach aber ab und sagte: Nein, heut will ich
davon nicht sprechen!
    Er a noch mit der Familie zu Mittag; dann erklrte er unversehens, wie er
nun einen tchtigen Gang in das Volk hinaus tun wolle, an die freie Luft, und
sehen, wie es sich atme. Allein wolle er den Gang tun, nur von seinen Gedanken
begleitet. Im letzten Augenblicke jedoch besann er sich anders und erlaubte dem
Knaben, mitzugehen. Arnold lie sich das nicht zweimal sagen und schritt
ansehnlich an des Vaters Seite aus dem Hause.
    Die Jahreszeit mit den Erstlingen der Kelter belebte die Straen. Salander
machte mit dem Knaben einen weiten Weg in der Runde um die Stadt; berall hrte
man Tanzmusik, welcher junges Volk beiderlei Geschlechts zustrebte. Man sah auch
etwa einen Zug Schtzen, die mit ihren Gewehren einer letzten Sonntagsbung
nachgingen, oder eine Schar Turner mit Stben auf der Schulter, den Tambour
voran. Dazwischen mannigfaches Volk durcheinanderwimmelnd, frhlich oder
gleichgltig, einzelne mrrisch und ber irgend etwas fluchend; den Hauch und
Glanz aber der neuen Zeit, das Wehen des Geistes, den etwas feierlicheren Ernst,
den er suchte, konnte er nicht wahrnehmen. Man hrte singen auf den Gassen und
in den Schenkhusern; es waren die alten Lieder, von denen die Leute, ganz wie
ehmals, nur die erste Strophe kannten und etwa die letzte; wenn einer noch eine
mittlere aufbrachte, so lallten die anderen das Lied ohne Worte mit. Auf einer
staubigen Strae balgte sich ein Haufe angetrunkener Jnglinge, als ob es keine
edlere Verstndigung fr junge Brger gbe, welche ber die Gesetze nachzudenken
gewohnt sind, ber die sie mitzustimmen haben. Alle hundert Schritte bettelte
ein Mann mit einer Ziehharmonika oder einem leeren Rockrmel, whrend der Arm
auf dem Rcken lag. Kurz, es war alles, wie es vor altem an einem Herbstsonntag
gewesen, und zu gewrtigen, da spter am Tage einige der freiesten Mnner nicht
mehr auf ihren Fen wrden stehen knnen.
    Salander schttelte leise den Kopf, indem er sich aufmerksam umsah. Nun,
sagte er bei sich selber, alle groen Vernderungen mssen einen bergang haben
und sich einleben! Aber ich htte geglaubt, schon die Tatsache eines solchen
Ereignisses wrde Land und Himmel eine andere Physiognomie machen! Am Ende ist
es aber und wird wohl sein die angeborene Bescheidenheit des Volkes, seine
schlichte Gewhnung, welche es nicht leicht die anspruchsvollere Toga umwerfen
lt!
    Sie gelangten jetzt vor ein greres Vergngungslokal, welches von
volkstmlichen Elementen angefllt schien; ein krftiges gleichmiges Gemurmel
war darin verbreitet, wie es so tnt, wenn der Lwe Volk bei ruhiger Laune ist.
Da Salanders Knabe die Frage, ob er nicht Durst habe, unverweilt bejahte, so
ging der Vater mit ihm hinein, wo ein groer Saal ganz mit jungen und lteren
Mnnern angefllt war, worunter wenige Weiber saen.
    Mit einiger Mhe fanden Vater und Sohn noch einen unbenutzten kleinen Tisch.
Kaum hatten sie sich aber gesetzt und etwas Bier erhalten, so kamen noch zwei
Leute, die ohne weiteres den brigen Platz ei nnahmen und sich ebenfalls Bier
geben lieen. Der eine war offenbar ein Sddeutscher, der andere ein Schweizer,
und zwar aus dem Mnsterburggebiet. Er trug Schnurr- und Kinnbart nach
franzsischem Zuschnitt und den Hut ins Genick zurckgeschoben, um verwogener
auszusehen. Sie fhrten ein lautes Gesprch, ohne sich um jemand zu kmmern,
unverzglich weiter.
    Wie gesagt, meinte der Schweizer mit fast brutalem Tone, du kennst mich!
Ich bin ein Kerl, der sich nicht foppen lt!
    Wer will dich denn foppen? Ich gewilich nicht! warf der andere bescheiden
ein.
    Ich sage nicht wer, ich sage es ganz allgemein! Da sieh den Brief, den mir
mein frherer Meister in St. Gallen geschrieben! Jede Stunde kann ich wieder
hin, wenn ich will!
    Er kramte einen Brief hervor und gab ihn dem Kameraden, der ihn las und
bekannte, das sei ein schner Brief, nicht jeder knne dergleichen Zeugnisse
aufweisen, ein schmeichelhafter Brief, der Tausend, jawohl!
    Es braucht sich nichts Schmeichelhaftes zu sagen! Ich brauche keine
Speichellecker, ich bin ein freier Mann, unabhngig, stolz, wenn du willst, aber
ich verachte die Schmeichelei!
    Ei, ich schmeichle ja nicht, wo werd ich denn schmeicheln! Es ist ja die
lautere Wahrheit!
    Das ist's! Aber ich geh nicht hin, ich will mich noch lang nicht binden,
und ich wei, da er mir nur die Tochter anhngen will. Ich knnte freilich
zugreifen, auch meine hiesige Kostfrau hat eine Tochter, die mir berall in den
Weg steht! Aber ich will mich nicht binden! Ich will noch gar nicht Meister
sein, obgleich ich meine Achtundzwanzig auf dem Buckel habe! Da mt ich ein
Narr sein und mich plagen! Lieber kujoniere ich die Meister!
    Ja, ja, du bist halt ein strammer Kerl!
    Wahrscheinlich! glaub's nur!
    Ich fr mein Teil habe leider Frau und Kind und bin leider auch Meister,
das ist nun so, ich bin angebunden und ein armer Teufel!
    Warum hast du so frh geheiratet?
    Das hab ich getan, weil ich nicht mehr heim wollte; da hab ich gedacht, du
heiratst hier bei erster Gelegenheit, dann bist du festgemacht!
    Ha, ich begreif schon, da du lieber in der Schweiz bist! Aber alle knnt
ihr doch nicht hier hocken, so schn es bei uns ist!
    Ja, ihr seid eben ganze Leut! Sapperment, ich hab's schon oft gedacht. Und
dir lst keiner die Schuhriemen auf!
    Hm! das brauchst du mir nicht zu sagen, ich nehme keine Schmeicheleien an!
Aber die Fliegen lasse ich mir allerdings nicht auf der Nase heiraten! Der
Schweizer strich sich grimmig geschmeichelt den Schnurrbart und stie mit dem
Deutschen an: Trink aus, ich zahle noch ein Glas!
    Martin Salander hrte diese Reden, die von einer gemeinen Gesinnung und
zgellosen Eitelkeit zeugten, mit Verwunderung, indem er zu sich sagte: Dieser
verfluchte Kerl! dieser Schreiner- oder Schustergesell hat sich ja ganz
ausgezeichnet eingerichtet: Wie die Ameisen sich Blattluse halten, die sie
melken, hlt sich der einen eigenen Lobhudler, einen Schwaben, wie man's hier
nennt!
    Er mute nur weiter hren. Der schweizerische Arbeiter hob ein solches
Selbstrhmen an, wie es nur ganz schlechtgezogene Menschen tun knnen, die zudem
niedrig denken und fhlen. Aber je mehr er prahlte und sich selbst herausstrich,
desto kleinlauter wurde der deutsche Gesell oder tat wenigstens so. Denn Gott
mochte wissen, was der Schluling fr einen Grund hatte, dem Flegel den Hof zu
machen.
    Allein je demtiger er sich bezeigte, desto bermtiger wurde der andere.
    Du bist einer von den Gescheitern, rief er, du weit es doch zu schtzen,
da du in der Schweiz und bei einer Nation bist, wie die meinige! Schau mich an!
Alles machen und ordnen wir selbst, wie wir es haben wollen, und ich bin einer
davon und frage weder Gott noch Teufel etwas nach! Heut noch geh ich in eine
Beratung ber ein Gerichtsgesetz, das ber tausend Baragraphi hat, und morgen
mach ich Blauen, denn es wird lang dauern. Der Meister kann dafr aufstehen und
schaffen! Anerkennst du das?
    Ich sag es ja immer, ich schme mich, ein Deutscher zu sein!
    Das ist nicht ganz aus dem Weg, obgleich ihr auch energische Bursche habt!
Sieh uns jetzt nur aufmerksam zu und lerne was Rechtes!
    Salander konnte nicht mehr an sich halten. Rot vor Zorn schlug er auf den
Tisch und rief dem Deutschen zu: Schmen sollte man sich, so zu reden, wenn man
ein so gewaltiges Vaterland hat! Und Ihr, Herr Landsmann, wandte er sich an den
Mnsterburger, solltet Euch schmen, einen arglosen Fremden so zu bedrcken und
Euch von ihm anpreisen und beloben zu lassen! Zehn Jahre bin ich in Amerika
gewesen und habe nirgends einen so eitlen Tropf und Prahlhans reden gehrt, wie
Ihr einer seid! Da sind wir schn bestellt, wenn das junge Volk schwatzt wie die
Elstern und alten Hebammen! Pfui Teufel!
    Er hatte in seiner trichten Aufregung so laut gerufen, da die Leute an
umstehenden Tischen sich drehten und zuhrten. Der Schweizer Landsmann hatte
zuerst verdutzt ausgesehen; jetzt stand er schon auf den Beinen, streckte die
Hand aus und rief:
    Wer seid Ihr da, wer heit Euch, zu horchen, was die Leute reden?
    Ich habe nicht gehorcht! Ihr seid mit Eueren Reden dahergekommen, wo ich
schon gewesen bin!
    Ihr seid dennoch ein Schleicher! Wenn Euch nicht gefllt, was wir sagen, so
geht weiter! Aber Ihr seid jedenfalls ein Spion und Volksverchter!
    Er rttelte an dem kleinen Tisch, der zwischen ihnen stand, da die Glser
klirrten, die Umstehenden drngten sich nher heran, und einige riefen, was der
wolle?
    Schimpfen tut er, wir seien eitle Trpfe und alte Hebammen, wir junges
Volk, wenn wir Freiheit und Vaterland rhmen!
    Auch der Deutsche verlor seine Gutmtigkeit und fing an, Lrm zu machen.
    Salander blickte auf seinen Knaben, nahm ihn an die Hand und drckte sich
unversehens durch die Leute und aus dem Saale, nicht ohne dem Tisch einen
krftigen Sto gegeben zu haben, den jener ihm auf den Leib rcken wollte. Er
htte nicht bel Lust gehabt, die aufgewachten Dmonen oder den Lwen mit
beharrlicher Rede zu zhmen; allein die Rcksicht auf sein Kind gebot ihm, allen
weiteren Hndeln aufzuweichen, damit er nicht gar erlebe, vor den Augen
desselben mihandelt und gedemtigt zu werden.
    Voll Verdru und Beschmung suchte er den krzesten Weg nach Hause, war aber
froh, dem Herrn Mni Wighart zu begegnen, dem er, da es noch zeitig am Tage war,
gern in eine stille Wirtschaft folgte, um sich zu fassen und fr den Knaben
einen freundlicheren Schlu des Spazierganges zu gewinnen.
    Sie trafen aber in einer Ecke des Hauses den Rechtsanwalt, welchen Salander
einst mit seiner Angelegenheit betraut hatte. Der vielbeschftigte Mann erholte
sich hier bei einem Sonntagsschppchen von der Wochenarbeit gleich einem
biederen Handwerksmeister, zeigte sich indessen nach dem unerwarteten Erscheinen
des Klienten freundlich bereit, den Wohlwendhandel in die Unterhaltung
aufzunehmen und beim Glase zu beraten. Martin Salander schickte daher den Knaben
bald mit dem Berichte nach Hause, der Vater werde in einer oder zwei Stunden
nachkommen.
    Leider war nicht viel zu beraten, da der Stand der Sache immer der alte
geblieben. In Rio lag sie fast ganz eingepkelt. Die verantwortlichen Personen
der Atlantischen Uferbank wurden eine Zeitlang verfolgt; allein sie drckten
sich immer rechtzeitig von Staat zu Staat und hielten sich nur au solchen Orten
auf, wo nicht nur an niemand ausgeliefert, sondern wo auch von keinem Verfolgten
das auf ihm gefundene Vermgen verwahrt, berhaupt kein Recht gehalten wurde.
Ein- oder zweimal ward einer verhrt und ber das nichtsnutzige Ergebnis ein
Protokoll eingesandt, der Betreffende hingegen samt seinem Gelde, das offenbar
aus der Kasse der Uferbank herrhrte, freigegeben, und das war sogar auf
englischem Grund und Boden geschehen und hatte so viel gekostet, da Salander
sich scheute, dem Teufel noch den Weihkessel nachzuwerfen, wie er sagte.
    Doch gab es in Brasilien Geschftsleute, welche dafrhielten, Martins
berhmte Anweisung sei ihm noch in guten Treuen ausgestellt worden, weil die
Uferbank in jenem Augenblicke noch nicht daran gedacht habe, aufzufliegen.
Hierber war nun eben nichts Aktenmiges zu erfahren.
    In Mnsterburg hatte Wohlwend nach langen Verhandlungen seine Glubiger mit
einigen bettelhaften Prozenten abfinden knnen, wobei Salanders Forderung gar
nicht in Betracht kam. Das Guthaben der berseeischen Bank, welches gerichtlich
in Beschlag genommen war zu seinen Gunsten, lie sich bei dem Mangel aller
gutwilligen Aufschlsse nicht ausscheiden, und der Anwalt hielt nichts als die
dunkle, nicht angenommene Anweisung in der Hand. Nachher verschwand Wohlwend aus
der Gegend. Sein Haus hatte der Baumeister an sich ziehen mssen, der dabei zu
Verlust kam. Der Maler des Arnold von Winkelried erhielt gar nichts.
    Ich bin berzeugt, sagte der Anwalt, da er schon vor zehn Jahren gerade
durch den Betrag Ihrer Brgschaft, den Sie auf dem Platz erlegen muten, um das
Falliment herumgekommen ist; und so glaube ich, da er auch diesmal durch Ihr
Geld, das er ganz oder zum Teil in die Klauen bekam, in den Stand gesetzt wurde,
sich mit den Glubigern, wenn auch noch so elend, abzufinden; denn natrlich hat
er den Lwenanteil fr sich behalten. Aber dennoch, ich kann mir nicht helfen,
ist er ein interessantes Subjekt, juristisch genommen. Da mich die
unverbrchlich kalte, schweigsame Haltung, die er stets der Anweisung gegenber
einnahm, ohne sich je mit einem Worte in Verlegenheit zu setzen, betroffen
machte, geriet ich auf den Einfall, ein etwas ungewhnliches Experiment mit ihm
auszustellen. Ich kenne einen sehr erfahrenen Irrenarzt; der hat als Vorsteher
einer auswrtigen Heilanstalt die Simulanten von Verrcktheit zu behandeln,
welche ihm in Untersuchungsprozessen bergeben werden, wenn sie mit solchen
Knsten dem Gestndnis entrinnen wollen. Er hat eine treffliche bung darin und
bringt diese Spitzbuben in der Regel binnen zwei Tagen oder auch zwei Stunden
zur gesunden Vernunft zurck, soweit sie ihnen berhaupt beschieden ist.
Freilich bindet er sich nicht an die Schranken, die dem Untersuchungsrichter
vorgezeichnet sind. Als der Mann zu jener Zeit sich einige Tage hier aufhielt,
erzhlte ich ihm von Louis Wohlwend und seinem putzigen Benehmen. Wir wurden
einig, da er als Vertreter eines fremden Beteiligten an dem berseeischen
Bankhandel, der auch mit mir Rcksprache gepflogen habe, zu Wohlwend gehen und
ihn unter dem Vorwand einer geschftlichen Erkundigung beobachten und ausholen
solle. Es gelang ihm, den Mann lnger als eine Stunde hinzuhalten, aber nicht,
ihn auf einem verfnglichen Worte zu ertappen. Es gebe, sagte der Arzt, einzelne
Menschen, welche die Macht haben, ein unbequemes Faktum sozusagen in ihrem
Bewutsein so gut aus dem Wege zu rumen, da sie nicht einmal im Schlafe,
geschweige im Wachen davon sprechen, wenn sie nicht sollen. Und es seien das
durchaus nicht geistig starke Leute, vielmehr solche, denen jedes Bedrfnis
mangle, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Dieser Mangel vermische sich
dann mit einer ordinren Verschmitztheit und bilde sich zu einer ntzlichen
Kraft aus. Nur die Nhe des natrlichen Todes vermge zuweilen den Bann zu
brechen. Zu diesen scheine Herr Wohlwend zu gehren, wenn auch als merkwrdige
Abart. Whrend der Unterredung habe er nicht krampfhaft vorsichtig getan,
sondern ganz unbefangen geplaudert, aufmerksam, scheinbar, zugehrt und sich
gestellt, als ob er nach gutem Rat suche, den Kopf geschttelt und schlielich
gesagt: Es ist eine verzwickte dumme Geschichte! Ich wrde Ihrem Klienten raten,
es zu machen wie der andere, der Herr Salander, und selbst hinzureisen nach Rio;
es mu dort noch eher etwas auszurichten sein als hier! Dabei habe er sich mit
einer alten Pappschachtel beschftigt, in welcher ein Dutzend zerzauste
Schmetterlinge und Kfer, von Staub bedeckt, auf einem Hufchen gelegen. Diese
verjhrten Lebewesen auseinandersuchend und auf frische Korkhlzchen
befestigend, habe er schlielich mit einem untiefen Seufzer gerufen: Ja, ja,
mein lieber Herr! ohne das bichen Wissenschaft wrde man oft nicht mehr den Mut
zum Leben behalten in dem Wirrsal dieser Welt! Haben Sie sich nie mit
Insektenkunde befat?
    Die Mnner schwiegen einige Zeit, wohl um sich zu besinnen, was sich ber
das rgerliche Vorhandensein eines so unbequemen Gesellen weiter denken lasse,
der gewissermaen, gleich einer Qualle, sich selbst aufzuheben vermge, wenn er
merke, da er ausgeforscht werde.
    Mittlerweile betupfte Mni Wighart mit dem Finger seine Nase, bis er
unversehens rief:
    Wie ist mir denn? Da geht mir etwas im Kopfe herum, das ja ganz hierher
gehrt und just von der heutigen berraschung zurckgedrngt wurde! Richtig!
Nicht lang ist's her, da ich von einem hiesigen Holzhndler hrte, er habe tief
in Ungarn den Louis Wohlwend gesehen, munter wie ein Fisch, verheiratet mit
einer schnen jungen Frau, und schon gesegnet mit zwei kleinen Kindern! Den Ort
kann ich nicht mehr nennen. Ich fragte den Holzhndler, ob er ihn gesprochen
habe. Freilich habe er ihn gesprochen und Wohlwend ihm erzhlt, wie ihm durch
diese glckliche Heirat nicht nur ein hbsches Weibchen, sondern auch ein
artiges Weibergut zuteil geworden sei. Er habe aber nicht viel mit ihm reden
knnen, weil jener sich kurzerhand entfernt. In einer Gaststube der Sache
nachfragend, sei sie ihm von sehaften Leuten besttigt worden mit der nheren
Angabe, der Schwiegervater Wohlwends, ein Schweinehndler, habe einer seiner
Tchter vor der Hochzeit ein schnes Vermgen nicht nur vorbestimmt, sondern
gerichtlich verschrieben als knftiges Erbe, und sich zugleich verpflichtet, bis
zu seinem Ableben dem Wohlwend die Zinsen davon jhrlich zukommen zu lassen.
Einige bezweifeln allerdings die Geschichte, weil der Schwiegervater keineswegs
fr so wohlhabend gelte, da er jeder Tochter ein solches Erbe zuteilen knnte;
andere dagegen weisen darauf hin, da das betreffende Frauenzimmer eine Tochter
aus erster Ehe sei und nur ihr Mtterliches beziehe, whrend eine dritte Partei
behaupte, sie sei gar nicht das rechte Kind des Schweinehndlers. Eine vornehme
Dame habe es heimlich zur Welt und bei dem Manne untergebracht.
    Kurz und gut, ergriff Martin Salander das Wort, mein Louis Wohlwend hat
ohne Zweifel im Osten Europas einen Schweinehndler drangekriegt!
    Hm! machte der Rechtsanwalt, ich mchte fast lieber sagen, ein stlicher
Schweinehndler hat den Meister Louis drangekriegt!
    Ei wieso denn?
    Nun, wieso denn? Wie wre es, wenn er seine beiseitegebrachten Raubgelder,
die schnen Contos de Reis des Herrn Martin Salander, ganz still an die Grenze
der Trkei geschleppt und auf diese geniale Weise in Weibergut verwandelt htte?
Und wie wre es, wenn der Ferkelkrsus den Schlaukopf um Kapital und Zinsen zu
prellen wte und ihm obendrein das Weibchen auf dem Halse liee? Was mich
allein stutzen macht, ist die Schwatzhaftigkeit, mit welcher er sich dem
Holzhndler entdeckt hat, nach dem, was ich vorhin von dem Psychiater erzhlte.
Er mu eben ungemein fidel gewesen sein oder wie Homer ein Schlfchen getan
haben! Der Umstand, da wahrscheinlich hier zwei Hechte am nmlichen Karpfen
stehen, hindert mich auch, Herr Wighart, Sie jetzt schon zu ersuchen, Sie
mchten Ihren Gewhrsmann um genaue Bezeichnung von Orts- und Personennamen
angehen. Ich will nur meine Phantasiearbeit noch einige Tage berlegen und werde
mir dann erlauben, bei Ihnen anzuklopfen, natrlich im Einverstndnis meines
Herrn Klienten, sofern er sich berhaupt noch als solchen betrachtet! Eigentlich
aber wrde es sich sofort um eine Kriminalsache handeln und fr die Behrden der
Anla dasein, von sich aus vorzugehen.
    berlegen Sie, Herr Frsprech! erwiderte Salander; am Ende schadet es
nichts, wenn wir den Schadenmller, den Hecht, wenigstens ein bichen aufstren
und herumjagen knnen!
    Die drei Mnner unterhielten sich noch eine Viertelstunde und brachen dann
auf, um sich, jeder an geeigneter Stelle, zu verabschieden. Martin Salander ging
nach Hause.
    Der Eindruck, den er von seinem Gang durch das neue Volk und von dem
Auftritt mit dem Maulhelden davongetragen, erwachte wieder, als er unter dem
alten Sternenhimmel dahinschritt, und das qulende Verhltnis zu dem alten
Freunde Wohlwend, an den er wie mit eisernen Ketten gebunden schien, verdunkelte
die trbe Stimmung noch mehr, die ihn befallen. Er nahm sich vor, den Advokaten
von der weiteren Verfolgung Wohlwends abzumahnen, damit der Mensch aus seinem
Gedchtnis eher verschwinde. Aber trotz dieses Vorsatzes bedurfte es des
freundlich erleuchteten Wohngemaches, in das er trat, und der um den Tisch
versammelten Kinder, die seiner harrten, um ein leichteres Herz zu gewinnen. Die
Gattin, die seine trben Augen noch schnell gesehen, kam mit einer sorglichen
Ansprache schon zu spt.
    Als Martin bald darauf zu seinem Advokaten ging, fand er diesen schon selbst
von dem Gedanken abgekommen, amtliche Nachforschungen ber die Natur des
Wohlwendschen Frauenvermgens zu veranlassen. Es schien ihm doch nicht tunlich,
auf Grund unbestimmter Gerchte und einer bloen witzigen Vermutung in
entlegenen Lndern so vorzugehen. Wenn wir die Angel jetzt auswerfen, sagte
er, so wird sie uns kurz abgerissen; halten wir sie aber noch zurck, so kann
sie uns unversehens einmal ntzlich werden.

                                      VII


Martin sumte nun nicht, seine Handelsgeschfte wiederaufzunehmen, d.h. sich fr
deren Fortfhrung auf dem Platze Mnsterburg einzurichten. Er mietete die
ntigen Rume fr Kontor und Magazine, und bald sa auch ein Schreiber am Pult
und lief ein Lehrling ab und zu. Frau Marie bat sehr, ihr die kleine
Handelsanstalt im Hause zu lassen, und er tat es mit Vergngen, da er ihr
gewisse Gegenstnde zuzuweisen gedachte, deren Bewltigung ihm selbst zu
umstndlich und wenig lohnend schien. Aber es stellte sich heraus, da die
wackere Frau nicht so leicht auf alles einging, sondern bereits so gut ihre
Grundstze besa wie ein altbewhrtes Handelshaus. Sie wollte sich mit nicht
vielen, aber als gut bekannten Waren begngen, fr welche sie eine sichere
Kundschaft wute; diese vermehrte sich unausgesetzt, aber gemchlich und ohne
Gedrnge, so da sie nie gentigt war, den Bedarf in ungeordneter Weise zu
decken; kurz, ihr Geschft war eines von denen, welche man ein stilles
Goldgrblein zu nennen pflegt.
    Der Mann htete sich, sie hierin zu stren, und lie sie gerne fernerhin
ihre besondere Rechnung fhren, die er geprft und in Ordnung gefunden hatte.
Freilich mute er dabei die buchmigen Posten des Soll und Haben aus ihren
verschiedenen Heften und Bchelchen zusammensuchen, und Marie Salander schaute
ihm etwas ngstlich zu, was wohl herauskommen werde; doch lachte sie vergngt,
als schlielich bis auf den letzten Franken alles in schwarzer und roter Tinte
an seinem Orte stand, mit Bilanz und Nachweis.
    So hauste Martin Salander mit den Seinen wieder auf altem Grunde und konnte
beruhigt in die Welt und in die Jahre hinausschauen, soweit es der Mensch
verlangen kann; denn wer auch nicht Welt und Zeit zu berholen strebte, dem
kamen sie von selbst vor die Fe gerollt.
    Trotz der Tuschung, die ihm auf seinem Sonntagsspaziergang ins Volk so
trbselig zerflossen war, mute er die Augen doch wieder auf die ffentlichen
Dinge richten und sich nher mit ihnen vertraut machen, wie sie sich nun
darstellten. Die neue Verfassung, die die Mnsterburger angenommen hatten, wurde
von den vorgeschrittensten Staats- und Gesellschaftsfreunden fremder Lnder als
etwas Zufriedenstellendes belobt, womit sich erreichen lasse, was man mit
Entschlossenheit wolle; und die gleichen Grundstze, welche man dem Volke in
einem gemigten, ja bescheidenen Sinne hatte belieben knnen, sollten schon in
ihrer jetzigen wrtlichen Gestalt gengen, von Tag zu Tag die ungeheuersten
Vernderungen einzufhren, an welche dasselbe Volk nicht gedacht hatte. In
diesen ersten Jahren summte es denn auch wie ein Bienenkorb von
Gesetzesvorschlgen und Abstimmungen, und Salander sah mit Verwunderung, wie im
Halbdunkel eines Bierstbchens zwei Projektenmacher den Entwurf eines kleinen,
Millionen kostenden Gesetzes oder Volksbeschlusses fix und fertig formulieren
konnten, ohne da die vom Volke gewhlte Regierung ein Wort dazu zu sagen bekam.
Dazu erhielten die massenhaften Wahlen aller kleinen und groen Beamten in
Verwaltung, Gericht, Schule und Gemeinde, sich in kurzen Zwischenrumen
drngend, die stimmberechtigte Bevlkerung unaufhrlich auf den Beinen, und da
Martin Salander keine dieser Pflichten versumte, so befand er sich unvermerkt
mitten in der Strmung. Um sich besser zu unterrichten, besuchte er die
politischen Versammlungen, fing an mitzureden und Vorschlge zu machen, und da
seine Unabhngigkeit bekannt war und man daher wute, da er fr sich nichts
wollte, wurde er in allerhand Ausschsse gewhlt, deren Arbeiten er sich mit
ehrlichem Eifer unterzog, obgleich ein Umherreisen im Lande damit verbunden und
er eigentlich kein Vagant war.
    Auf diesem weitlufigen Wege geriet er in die unmittelbare Volksleitung oder
unterschlchtige Regierung hinein, welche in Gestalt von Wanderlehrern dem Volke
die schwierigeren Punkte seiner Selbstbestimmung zu erklren, d.h. vom bel
unterrichteten an das besser zu unterrichtende Volk zu appellieren hatte.
    Zwar gab es Gegenstnde, die ihm selber nicht recht gelufig waren, weshalb
er sich vorher rasch mit ihnen bekanntmachen oder die gedruckten Aktenstcke auf
Treu und Glauben verteidigen mute. Indessen lie er sich dergleichen nicht oft
zuschulden kommen, whrend er es an anderen hufiger beobachtete. Zuweilen
wollte ihn eine trbe Ahnung beschleichen, als ob das Personal der politischen
Ober-, Mittel- und Unterstreber gegen frher im ganzen ein klein wenig gesunken
wre, so da die etwas geringere Beschaffenheit der einen Schicht diejenige der
anderen bedinge und erklre. Allein er fate bald wieder guten Mut, auf den
unverlierbaren guten Ackergrund des Volkes vertrauend, der stets wieder
gradgewachsene hohe Halme hervorbringe. Und er gelobte dann, obschon nun kein
Jngling mehr, auf sich selbst zu achten, wissentlich nie ein gemeiner Streber
zu werden und das gedachte Niveau nicht auch herunterdrcken zu helfen.
    So lblichem Vorsatze getreu erlebte er aber nochmals einen Verdru, hnlich
demjenigen des ersten Spazierganges nach seiner Rckkehr aus Brasilien.
Ebenfalls an einem Sonntagnachmittage wohnte er in seinem eigenen Heimatorte der
Besprechung einer Nahrungsfrage bei, die in allen Kulturstaaten dieselbe ist und
die gleiche neutrale und rein sachliche Behandlung erfhrt. Hier aber handelte
es sich um den Vorschlag einer nicht nur absonderlichen, sondern ganz unsinnigen
Einrichtung, die ein einzelner Kopf ausgeheckt und die in der Gegend einigen
Anklang gefunden hatte. Martin Salander sollte im Einverstndnis mit seinen
Freunden dagegen auftreten. Erst hrte er die Begrndung des Vorschlages und
eine Anzahl weiterer Reden an, in welchen von ungeschulten, meist jngeren
Leuten statt eingehender Grnde nur immer das Wort Republik, republikanisch,
Wrde des Republikaners usw. vorgebracht und geschrien wurde. Dieses Pochen auf
die Republik bei jedem passenden und unpassenden Anla hatte ihn schon lange
betrbt, gerade weil er ein aufrichtiger Republikaner war in Ansehung seines
Vaterlandes. Als er sich nun zu seinem Votum erhob, fhlte er sich gedrungen,
eine diesfllige Ansprache vorauszuschicken, zumal ihm die anwesende Mannschaft
einer wohlgemeinten Belehrung bedrftig schien.
    Liebe Mitbrger! begann er mit mglichster Ruhe, ehe ich meine
abweichenden Ansichten von der vorwrfigen Sache darlege, kann ich nicht umhin,
das auch mir teure Wort Republik zu berhren, das wir jetzt seit einer Stunde
gewi zwei Dutzend Male gehrt haben. Unsere Vorfahren haben seit bald
sechshundert Jahren die Republik in heien Schlachten begrndet und befestigt,
ohne das Wort je in den Mund zu nehmen, und die vielen alten Bundesbriefe und
Landbcher enthalten es nicht. Erst spter haben es die Patrizier und Brger der
herrschenden Stdte fr sich angewendet, um mit dem schnen Wort ihrer irdischen
Herrlichkeit einen antiken Glanz zu verleihen. Wir haben es jetzt im
Sprachgebrauch, aber nicht zum Mibrauch. Mich will bednken, wer es immer im
Munde fhrt und dabei auf die Brust klopft, knne ebensogut sich der Gleisnerei
schuldig machen wie jeder andere Phariser oder Mucker! Doch damit haben wir
jetzt nichts zu schaffen; nur darauf mchte ich aufmerksam machen, werte
Mitbrger, da auch der Republikaner alles, was er braucht, erwerben mu und
nicht mit Worten bezahlen kann; ber Naturgesetze hat die Republik nicht
abzustimmen, die Vorsehung legt ihr den Plan ber die dem Landwirte ntzliche
Witterung der Jahreszeiten so wenig zur Annahme oder Verwerfung vor als den
Untertanen der Knige und diesen selbst, und der Weltverkehr kmmert sich nicht
um die Staatsformen der Lnder und Weltteile, die er durchbraust. Dies wollte
ich mir zu bemerken erlauben, ehe ich zur Erffnung meiner Ansicht bergehe und
dabei mich mehr mit den faktischen Verhltnissen beschftige, als bisher
geschehen ist.
    Die unerwartete Predigt war nicht wohl angebracht. Nachdem schon frher ein
Murren vernommen worden, unterbrach jetzt einer den Sprecher und verlangte das
Wort:
    Es scheine wieder einmal Eile zu haben mit der Reaktion! Kaum seien einige
Jahre dahingeschwunden, so mge ein Kind dieser Landesgegend, ein ehemaliges
Mitglied der Volksschule, freilich jetzt in goldenen Ketten hngend, so vermge
Herr Martin Salander das Wort Republik nicht mehr zu vertragen! Unter solchen
Umstnden sei denjenigen, die sich noch dazu bekennen, nicht zuzumuten, in
ernster Volksverhandlung Reden der Feindseligkeit anzuhren. Wenn sonst niemand
mehr zu sprechen wnsche, so trage man auf Schlu der Diskussion und Abstimmung
an.
    Salander, der stehen geblieben, wollte mit gehobener Stimme fortfahren.
Einige, die aus der Sache nicht klug wurden, untersttzten ihn, andere, denen
der Sinn seiner Rede ebenfalls zu hoch gewesen, aber verdchtig schien,
ereiferten sich dagegen; es entstand ein Wirrwarr, in welchem diejenigen
obsiegten, welche ihn wohl verstanden, wie Martin es meinte, aber eben das von
ihm Gemeinte haten und nicht leiden wollten.
    Das Wort blieb ihm entzogen, ein Gegenantrag wurde nicht gestellt und die
betreffende Sache fr geschlossen erklrt. Sie fiel freilich im weiteren
Verlaufe spter unrhmlich dahin; Martin Salander hingegen war heute um eine
Erfahrung reicher. Er verlie das Haus und das ansehnliche Dorf, ohne weiter
jemand zu sehen, und anstatt die Bahn zu benutzen, auf welcher er gekommen,
schlug er einen Fuweg ein, der quer durch Felder und Wlder nach Mnsterburg
fhrte.
    Auf diesem einsamen Gange konnte er berlegen, inwiefern es nicht nur fr
den hheren Staatsmann, sondern auch fr den Volksmann zweckmig sei,
moralische Aufrichtigkeiten zu unterdrcken. Am Ende, dachte er, bin ich doch
froh, da ich es gesagt habe! Etwas bleibt davon doch hngen; und wenn sie mich
nach ihrem Sinne in die Zeitungen tun, so will ich erst laut predigen, da der
Name Republik kein Stein sei, den man dem Volke fr Brot geben drfe.
    Das redliche Vorhaben erhellte ihm das etwas verdrossene Gemt; rstigen
Schrittes bestieg er die Anhhen, die ihn noch von der Stadt trennten, und der
lange Hochsommertag lie ihn vor Sonnenuntergang die Scheitelhhe erreichen, wo
seiner eine seltsame berraschung wartete. Auf einer frischgemhten Wiese, zum
Teil von Gehlz umgeben, hatte der Wirt des nahen Hofes eine kleine Lustbarkeit
aufgeschlagen, indem er im Schatten der Bume einige lange Tische hinstellte und
auf die Wiese einen groen Bottich umstrzte. Auf diesem saen drei bescheidene
Musikanten, die eine gemchliche Tanzmusik auffhrten. Martin hatte die durch
die stille Luft fast sehnschtig klingende Kunstlosigkeit schon ein Weilchen
vernommen; jetzt erblickte er ein junges Vlkchen, welches in lockerem Ringe und
freien Gruppen um den Bottich herumtanzte, ohne allen Lrm, im goldenen
Abendschein, da die verlngerten Schatten der Tnzer auf dem grngoldenen Boden
mitspielten.
    Salander ergtzte sich an dem Anblick.
    Ein Bild wie aus einer andern Welt! dachte er, wie friedlich und
grundvergngt! Was mag das nur fr eine Gesellschaft sein? Die meisten sind gut
gekleidet, einige zierlich, andere schlichter! Junge Mdchen, junge Knaben!
    Aber wie erstaunte er, als er nhertretend seine eigenen Tchter erkannte,
die jetzt, im Alter von achtzehn bis neunzehn Jahren, schlank und anmutig, an
der Seite von jngeren Knaben sich drehten, die nicht minder hbsch aussahen und
schon hoch aufgeschossen waren, wie die Mdchen.
    Salander konnte nicht umhin, das erste Paar, Netti und ihren Knaben, mit den
Blicken zu verfolgen und den muntern Tnzer nher ins Auge zu fassen. Es war,
wie gesagt, ein feingelenker Bursche, dessen blonde Haarwellen im Sonnengolde
flogen und schimmerten.
    Indem er dem Paare nachblickte, verlor er dasselbe aus den Augen und suchte
daher das andere Mdchen, Setti, das er von weitem bemerkt hatte. Und soeben kam
es herangeschwebt, aber, wie ihn dnkte, mit dem gleichen Jngling, demselben
Goldhaar, wie Netti.
    Die Wetterhexen haben schne Anlagen! fuhr es ihm durch den Sinn, die
verstehen es ja schon vortrefflich, die Knaben auszuwechseln! Da mu man doch
ein wenig zusehen!
    Er lie das Prchen vorbeigehen und schaute ihm genau nach, indessen von der
andern Seite her wiederum Netti, immer mit dem gleichen Cherub zur Seite,
anrckte, diesmal aber dicht vor ihm anhielt, da die Musik aufhrte.
    Oh, da ist ja der Vater! Hast du uns aufgesucht und gewut, da wir hier
sind? rief die Tochter erfreuten Herzens.
    Woher sollte ich es wissen? Ich komme ganz zufllig daher! Was ist das fr
ein Ball? Ist Setti auch hier?
    Natrlich ja, und die Mutter mit Arnold auch, die sitzen dort an einem der
Tische! Weil du gesagt hattest, du wrdest mit dem letzten Zuge um zehn Uhr
heimkehren, anerbot sie uns, auf den Berg zu gehen.
    Salander wollte nun nach ihrem Tanzgesellen fragen, wer der junge Herr
eigentlich sei (der jetzt den Hut zum zweiten Male zog), als die Schwester mit
dem ihrigen zur Stelle kam, so da jener beide nebeneinanderstehen sah und sich
noch mehr wunderte.
    Das sind die Herren Isidor und Julian Weidelich, Schulkameraden von
Arnold! erklrte die ltere Tochter.
    Ei so? sagte Martin, ohne sich sogleich an den Vorgang am Brunnen im
Zeisig zu erinnern, seit welchem wohl sieben bis acht Jahre mochten verflossen
sein. Auch vom Gymnasium?
    Aber nicht von der gleichen Klasse, denn wir sind etwas jnger! sagte
Julian; wir kommen nur in der Singstunde zusammen!
    Also ein Paar Zwillinge, ohne Zweifel! Und woher zu Haus?
    Wir wohnen im Zeisig, nicht weit von der Kreuzhalde!
    Jetzt dmmerte es wie eine Erinnerung in Salanders Seele; er sah nach und
nach die rundlichen Bbchen mit ihren Schrzen, von denen freilich an den vor
ihm stehenden Heranwchslingen keine Spur mehr zu erkennen war.
    Und was macht die Mama? Lebt sie noch? fragte er weiter.
    Sie ist auch dort am Tisch und ganz gesund! lautete die Antwort.
    Das freut mich! Und ihr jungen Leute wollt also auch studieren? Und was,
wenn man fragen darf?
    Das wissen wir noch nicht! Vielleicht die Rechte, einer vielleicht
Medizin! sagte Julian; Isidor fgte hinzu:
    Wir knnen auch Professoren werden, wenn wir wollen, weil sie jetzt so hoch
bezahlt werden, sagt die Mama; nur sollten wir hierbleiben.
    Gut so! erwiderte Herr Salander; nun wollen wir aber doch sehen, wo die
Mutter ist! Kommt, Kinder!
    Die Tchter wiesen ihm den Weg, und die keineswegs schchternen Jungen
folgten ihnen auf dem Fue, whrend die Musikanten eine neue Tanzweise
anstimmten.
    Frau Marie war sehr froh, ihren Mann so unverhofft vor sich zu sehen. Sie
sa, das Waldesgrn dicht im Rcken, unter einfach brgerlichen Leuten, welche
sich an den billigen Getrnken und Speisen gelassen erquickten, an dnnem, aber
gesundem Wein, ser Milch, Bauernbrot, Kraut und Speckkuchen. Neben ihr sa die
Frau Amalie Weidelich, so rstig wie je, einem Kessel voll Lauge vorzustehen.
Dabei gedieh sie offenbar vortrefflich; denn sie war hchlich herausgeputzt,
trug einen bunten Blumenhut und eine goldene Uhr an langer Kette auf dem Leibe.
Das breite Gesicht glnzte krftig gebrunt, und ein zarter Rosenton auf den
Hhen der Wangen, des vollen Kinns und der Nase zeugte nur von dem Fleie der
Frau, die ein Haus voll Wscherinnen und Pltterinnen zu regieren hatte und
deren zahlreiche Erfrischungen in Wein wie billig vorkostete. Am frhen
Wintermorgen, ehe die mchtige Kaffeekanne aufrckte, gab es sogar ein Glschen
Kirsch- oder Nuwasser.
    Sie begrte den Martin Salander sehr freundlich und ganz unbefangen.
    Denken Sie, rief Frau Weidelich, wir haben gar nicht gewut, da wir vor
Jahren einmal Nachbarn gewesen sind! Nun sind's unsere Shne in der Schule! Sie
blickte mit Stolz auf die ihrigen und suchte dann wohlwollend den Salanderschen.
    Arnold ist in das Holz hineingegangen, um Pflanzen zu suchen, bemerkte
Frau Salander, geht, Mdchen! und ruft ihn herbei, damit wir auch ans
Aufbrechen denken knnen. Die Sonne dort geht bald hinab!
    Das eilt ja nicht so, versetzte Frau Weidelich, wir haben ja Mannsleute
genug bei uns! Ja, ja, Herr Salander! Ihr habt Eueren Weg tapfer gemacht und
seid jetzt ein reicher Herr, wie ich glaubwrdig finde! Aber nicht wahr, es
freut einen nur, wenn man erfreuliche Kinder hat, an die man es wenden kann?
Gott sei Dank, uns geht es auch ordentlich! Aber alles, was wir aufbringen,
opfern wir unsern zwei Shnen und ihren knftigen Tagen. Ich hoffe, sie werden
es einbringen und von sich reden machen; denn in der Lehre und allem, was ntig
ist, soll es an nichts fehlen! Wir htten gerne im Zeisig ein neues Haus gebaut
statt der alten Bauernhtte! Aber nein! sagten wir, es tut's noch, solange wir
da sind, und wo die Shne sich niederlassen und bauen werden, kann man ja noch
gar nicht wissen. Also wollen wir lieber das Geld behalten und uns schicken!
    Sie wollte wieder einen Blick auf ihre Zwillinge werfen, fand sie aber
nicht, weshalb ihre Augen dieselben sogleich suchten.
    Die zwei Salanderfrulein hatten ihren Bruder Arnold im Innern des Gehlzes
nicht lang gesucht, sondern nur ein paarmal gerufen, und waren dann wieder unter
die vorderen Bume gekommen, wo sie, einander um die Hften fassend,
Schwesterliebe oder Mdchenfreundschaft darstellend, auf und ab spazierten,
begleitet von den Zwillingen links und rechts.
    Die Mama Weidelich nahm den Aufzug wahr.
    Seht doch! sagte sie gerhrt, wie lieblich die jungen Leutchen dort
spazierengehen! Man knnte glauben, es seien zwei Brautprchen!
    Ei freilich, warum nicht, meinte Frau Salander lachend, die Mdchen wren
wenigstens alt genug fr die Knaben, und zu wachsen brauchten sie auch nicht
mehr!
    Das hat nichts auf sich! rief wiederum die andere Mutter; meine Buben
werden Bursche abgeben, aus denen man zwei machen kann vom Stck!
    Frau Marie fhlte sich von diesen Scherzen nicht angenehm berhrt; als sie
daher nach den Kindern sah und bemerkte, wie dieselben im Begriffe waren, mit
dem Beginne eines Walzers wieder nach der Mitte der Tanzwiese abzuschwenken,
jede der Tchter am Arm eines der Zwillinge, stand sie rasch auf und holte sie
ein.
    Was fllt euch ein, Setti, Netti! rief sie den Mdchen in entschiedenem
Tone zu, da ihr wieder anfangen wollt, whrend die Sonne untergegangen ist und
wir bald fortgehen werden? Kommt nur gleich mit und nehmt euere Sachen
zusammen!
    Die Mdchen lieen ihre Knaben ohne sichtbare Trauer gehorsam fahren; die
letzteren aber errteten und waren verlegen, was der Frau nicht entging und sie
ein bichen rgerte; denn es schien ihr nicht schicklich, da die Brschchen rot
zu werden brauchten. Sie spielten mit ihren silbernen Uhrkettchen, folgten aber
den Frauen zu den Tischen.
    Ihre Mutter empfing sie mit leuchtenden Blicken.
    Was ist das fr eine Auffhrung, ihr Tausendkerle, rief sie ihnen zu, mit
den Jungfern zu tanzen, und wo habt ihr es nur gelernt?
    Hei, das weit du ja wohl, Mama, in der Tanzstunde!
    Schweigt! Freilich wei ich's! Danket Gott, da ihr Eltern habt, die soviel
fr euch tun und alles aufwenden, was sie vermgen! Und der Vater arbeitet von
frh bis spt; jahraus und -ein plagt er sich, kauft Land und pflanzt und
schwitzt, und im Winter lt er es aus Frankreich und bis aus Algier kommen!
Denn er sagt, die Kosten gehen erst recht an, wenn ihr Studenten seid, da msse
es zu Tausenden parat liegen! Herr Salander, ich hab gehrt, da Ihr jeden
Augenblick Ratsherr werden knntet, wenn Ihr wolltet. Nun, Ihr seid Kaufherr,
das ist auch schn, und eine Art milder Ratsherr noch dazu! Aber ein paar so
studierte Rte oder Frspreche oder Pfarrherren, wie die zwei Schlingel da, ist
doch auch nicht bel?
    Mit glckseligen Augen blinzelte sie die Shne an, welche sich den Wein
eingeschenkt hatten, der noch in der Flasche gewesen, und sich weidlich den
Durst lschten.
    Trinkt und et, rief sie, und mg es euch gut tun! Soll ich noch eine
Halbe befehlen?
    Die Knaben verneinten es, da sie noch nicht einmal in das Alter vorgerckt,
in welchem man ber Durst zu trinken gelernt hat.
    Nun denn, so wollen wir aufbrechen, die Suppe wird bald fertig sein und der
Vater die Milch auch besorgt haben. Dann geht er noch zum Sonntagsschppchen,
und das ist ihm wohl zu gnnen! Kommt, macht vorwrts, ihr Sapperlter! Ich will
wetten, wenn ihr einmal die weien Mtzen tragt, oder auch rote, so denkt ihr,
die halben Nchte lang nicht heimzukommen! Aber wartet nur, wartet nur! Man wird
euch die Schneckentnze vertreiben! Jetzt empfehle ich mich hflich dem Herrn
und der Frau, und freut mich sehr der werten Bekanntschaft, hoffentlich nicht
das letzte Mal, und denen Jungfern - heda, ihr Buben, bedankt ihr euch nicht fr
die schne Unterhaltung, und steht dort wie Opferstcke?
    Die Knaben lieen sich blder und unbeholfener herbei, als sich nach ihrem
kecken Tanzen htte vermuten lassen, um den Mdchen die Hnde zu geben und gute
Nacht zu sagen. Endlich zog die glckliche Mutter mit den Shnen von dannen, und
es wurde nun stiller.
    Martin Salander wnschte noch ein wenig auszuruhen, da er einen
dreistndigen Marsch hinter sich hatte; der Sohn Arnold, der mit einer buschigen
Handvoll Waldpflanzen eintraf, warf sie auf den Tisch, um sie zu ordnen, und
entdeckte, da er mit Trank und Speise zu kurz gekommen sei, wodurch er den
Vorteil erreichte, mit dem Vater extra einen Schoppen auszustechen, da Mutter
und Schwestern nur Milch mit eingebrocktem Brot gegessen hatten.
    Salander fragte, wie sie denn in die Gesellschaft dieser Familie Weidelich
geraten seien?
    Das wei ich selber kaum! sagte Frau Marie, wir hatten soeben hier Platz
genommen, als wir auf einmal mittendrin waren. Arnold kennt, wie es scheint, die
jungen Herren!
    Ich habe sie frher schon im Scherz gefragt, erzhlte nun Arnold, ob sie
auch noch wten, wie sie als kleine Buben am Brunnen im Zeisig einen andern mit
Wasser gespitzt haben, weil er zu seiner Mutter nicht Mama sagte. Das dnkte sie
sehr lustig, und sie haben es ohne Zweifel zu Hause wiedererzhlt, wo man sich
der Begebenheit auch erinnert haben mag. Heute haben sie, wie ich bemerkte,
ihrer Mutter sogleich zugesteckt, ich sei jener Junge, und wir alle seien die
Leute von der Kreuzhalde, von denen nachher soviel die Rede gewesen.
    Dann kam sie heran, fuhr die Mutter fort, machte sich an mich und hatte
keine Ruhe, als die armen Musikanten laut wurden, bis ihre Knaben ihre Tanzkunst
zeigen durften, was unsern beiden Springmusen da, versteht sich, ganz genehm
war!
    Sie tanzen aber auch schon sehr gut, riefen Setti und Netti, und nehmen
jetzt noch Tanzstunden!
    Gott sei Dank! versetzte Frau Marie, ich sehe sie deswegen doch noch, wie
sie die Muler aussperrten damals, als wir hungerten, und die Reste
verschlangen, auf die wir so sehnlich harrten!
    Ach, es waren ja Kinder! Wir htten's auch hinuntergeschluckt, wenn man uns
Butterbrtchen mit Honig in den Mund steckte! meinten die Mdchen.
    Solche Zwillinge sind doch unbequem und vexierlich, sagte der Vater, ich
kann diese wenigstens gar nicht voneinander unterscheiden!
    Oh, sie haben doch ihre Abzeichen! rief Netti fast vorlaut; das linke
Ohrlppchen des Julian ist ein bichen in sich gewickelt, etwa wie ein Stcklein
Spritzkuchen, ganz appetitlich! Ich sah es, wenn sein welliges Haar auf und
nieder schlug.
    Das ist ja merkwrdig! fiel Setti ein, der andere, Isidor heit er, glaub
ich, hat das rechte Ohrlppchen genauso wie ein Eiernudelchen!
    Wissenschaftlich hchst merkwrdig! erklrte der Bruder mit schalkhafter
Trockenheit, das sind einfach entweder die berbleibsel einer untergegangenen
Form oder die Anfnge einer neuen, zuknftigen! Lat eure Ohrlppchen
untersuchen, Mdchen! Wenn ihr hnliches aufweiset, so nehmt euch in acht, sonst
whlen euch die Zwillinge zu ihren Frauen, um nach der Selektionstheorie eine
neue Art von wickelohrigen Menschen zu stiften! Oder heiratet sie lieber gleich
freiwillig!
    Die Mutter hielt ihm die Hand ber den Mund, da er neben ihr sa, und rief:
Schweig, du Nichtsnutz, wenn du nichts Gescheiteres aus der Schule zu schwatzen
weit als solche Possen! Der Vater aber lachte und sagte: Das hast du gut
gemacht, Arnold! Und jetzt wollen wir auch heimwandern, sonst wird es zu dunkel;
denn wir haben Neumond, aber die Sterne kommen schn, seht doch, einer nach dem
andern!

                                      VIII


Die Shne Weidelich fuhren fort, krftig emporzuwachsen und leiblich zu
gedeihen; sie gingen in guter Haltung einher, voll sichtlicher Zufriedenheit mit
dem Aufsehen, das sie erregten, wenn sie beisammen waren. Auch an geistigen
Gaben litten sie nicht eben Mangel, wohl aber an der Ausdauer, die vorgenommenen
Studien zu vollenden. Als sie in die oberen Klassen rckten und das Leben und
Lernen ihnen tglich ernster und tiefsinniger wurde, war Julian der erste, der
nicht mehr wollte. Er sprang ab und ging auf die Schreibstube eines Notars.
Isidor hielt aus, bis zum Schlusse, machte aber die Prfungen zum bergang an
die Hochschule nicht mehr mit, sondern besuchte als sogenannter Zuhrer ein
halbes Jahr lang einige juristische Vorlesungen und stand dann auch auf einer
Notariatskanzlei unter.
    Beide besaen eine regelmig schne Handschrift, wie sie der angehenden
Gelehrsamkeit, die andere Bedrfnisse hat, sonst nicht eigen zu bleiben pflegt,
und beide liebten gleichmig, sich im Malen kalligraphischer Kunststcke zu
ergehen. Sie erwiesen sich als sehr brauchbar in den vorkommenden Geschften und
eigneten sich durch die tgliche Erfahrung beinahe spielend die diesem
Kanzleiwesen zugrunde liegenden Kenntnisse an.
    Dem Vater Weidelich wollte ein solcher Ausgang zwar nicht gefallen; er
fragte, ob das die ganze Herrlichkeit sei, die man habe erreichen wollen? Die
Mama hingegen war hchlich zufrieden. Die Buben sind klger als wir, sagte
sie, die wissen schon, wo sie hinaus mssen! Knnen sie nicht alles, was man
ihnen zu tun gibt? Warum sollen sie sich ihre jungen Kpfe zerbrechen wie andere
Narren?
    Und weil sie nun, anstatt fernere unabsehbare Kosten zu verursachen, bereits
selber etwas Geld verdienten, fand sich auch der Vater zufriedengestellt und
blieb es, als im Alter von knapp zwanzig Jahren die Zwillinge von den
Vorgesetzten zu ihren Amtsvertretern befrdert wurden und demgem bereits
gerichtliche Zeugnisse ber ihre Wahlfhigkeit als Notare besaen.
    Um diese Zeit ungefhr ereignete es sich, da ein seltsames Phnomen
verliebter Leidenschaft mehr in der Welt war oder ruchbar wurde.
    Martin Salander glaubte wahrzunehmen, da seine zwei Tchter und deren
Mutter nicht mehr in einem vertraut unbefangenen Verhltnis zueinander standen,
da die Tchter in einer geheimnisvollen bereinstimmung zusammenhielten und
lebten, die Mutter dagegen von einem tiefen Ernst, wo nicht Kummer, erfllt
schien, den sie nicht immer zu verhehlen wute, besonders seit sie nicht mehr in
ihrer Handlung beschftigt war. Denn Salander, dessen Hauptverkehr ohne
besondere Anstrengung fortwhrend ordentlich blhte, vielleicht gerade weil er
nicht knstelte und spekulierte, mehr von seinen brgerlichen Liebhabereien oder
Pflichtleistungen eingenommen: Salander mochte nicht lnger ansehen, wie Frau
Marie ohne alle Not sich als Handelsfrau plagte. Er hatte daher das Filialwesen
einem ttigen jungen Kaufmann um gutes Geld berlassen und die treffliche Gattin
zur Ruhe gesetzt, was sie sich ohne berflssige Reden gefallen lie. Den ganzen
Gewinn, der ein schnes Kapital ausmachte, hatte er, ohne Widerspruch zu dulden,
zu ihrem lngst versicherten Frauengute geschlagen, damit sie unabhngig von ihm
selbst und seinem Stern oder Unstern, und im Falle seines Todes auch unabhngig
von den Kindern sein sollte in einer unsichern Zeit. Da sie also nun mit
Gedanken und Sorgen, die sie drckten, nicht mehr hinter dem Kaufmannspult
untertauchen konnte, lag ihr Angesicht offen vor dem Manne, und dieser fragte,
was vorgehe?
    Wenn die gute Frau reden mochte, so htte sie es ja von selbst getan. Sie
sah vor sich nieder, rieb sich die Hnde als ob es sie frsteln wrde. Dann
sagte sie:
    Ein Ziegel ist uns auf den Kopf gefallen!
    Ein Ziegel? Von welchem Dache denn? fragte Martin betreten, da er aus dem
Ernste der Gattin auf etwas Bedenkliches, ja Gefhrliches schlieen mute.
    Ich kann es doch nicht lnger fr mich allein verwinden! Unsere Tchter
haben eine Liebschaft!
    Zusammen dieselbe? fragte der Mann lchelnd, etwas erleichtert, da es
nicht auf Schrecklicheres hinauslief.
    Die Frau verharrte in strengem Ernste.
    Nein, es ist eine Doppelliebschaft, kurz und gut, sie haben sich mit den
Zwillingsschreibern aus dem Zeisig verlobt!
    Die Hexen! Wie kommt denn das, wann, wie, wo denn? Da mu ich mich
allerdings langsam hineinfinden! Das ist fast eine Nachricht wie ein Dachziegel,
wenn es auch nicht gleich ein Loch in den Kopf macht!
    Mir hat es den Kopf genug durchlchert. Denke dir doch, zwei Mdchen von
fnf- und sechsundzwanzig Jahren wollen zwei zwanzigjhrige Zwillinge heiraten!
Das ist ein ungehriges Abenteuer, beides, das Alter und die Zwillinge! Wren es
alte Weiber, die sich junge Mnner nehmen, so kommt das ja oft vor, man lacht,
und damit ist's gut! Aber Mdchen, in der Blte ihrer Jahre und doch an der
Grenze ihrer Jugend stehend, eine solche Wahl treffen, flaumbrtige Gecklein,
zwei Schwestern zwei Zwillinge!
    
    Nun, es ist schon eine Art Roman und auch mir nicht just angenehm; allein
die Liebe macht ja stets fort solche Streiche; sagt man nicht hundertmal, was
man erlebe, sei oft krasser als alles, was man erfinde?
    Ja, ja! Es ist dann auch meistens danach, ich danke dafr! Ach, liebster
Mann, wir haben gewi gefehlt, da wir die Kinder nirgends in die Welt geschickt
haben und auch nichts erlernen lieen, was einem Berufe hnlich war! Du sagtest,
wer Tchter im Hause zu behalten vermge, der solle es tun, und von Pensionen
wolltest du nichts wissen, noch weniger von Berufssachen. Das nanntest du den
rmeren das Brot vor dem Munde wegnehmen und eine Hungerschluckerei, wo es sich
nicht um bestimmte Talente handle, die zu pflegen seien. Du schwrmtest fr die
freien Tchter des Hauses und fr die freien Hausfrauen, welche nicht der
Dienstbarkeit zu verfallen brauchen, und ich stimmte dir bei, weil ich selbst
von unserm Glck betrt war, obgleich ich wute, wie gut es mir gekommen wre,
wenn ich einstmals einen Beruf gelernt htte! Du mut das nicht belnehmen, es
soll nicht der leiseste Vorwurf sein!
    Ich versteh es auch nicht so, mein liebes Weib, weil ich genau wei, wie
gut du dich durch die Welt schlgst! Da sie dir auf der Kreuzhalde die Bume
weggeschlagen haben, war nicht deine oder meine Schuld!
    Lassen wir das; ich will nur sagen, htten die Mdchen nicht ber eine so
vollkommene Mue und Freiheit verfgt, so htten sie schwerlich das widerwrtige
Abenteuer zusammen ausspintisiert! Jetzt, was sollen wir mit dem Zwillingsgemse
anfangen? Und die aufgeblasene Waschfrau obendrein!
    Ei, was die betrifft, so ist es gewi eine rohe Muschel; aber auch sie
birgt die Perle der Muttertreue! Doch mit alledem, erfahre ich nicht, was
eigentlich vorgeht. Haben sie sich dir offenbart?
    Gott bewahre, sie sind ja volljhrig! Sie wrden die Eltern allerdings zur
gutfindenden Zeit begrt haben; auch wre, wie ich sicher glaube, keines der
Kinder fr sich allein so verschlagen, so rcksichtslos gegen uns gewesen, aber
das verwnschte Doppelgespann hat die traurige Geschichte zu einer verschworenen
Heimlichkeit gemacht -
    Liebe Marie, unterbrach Martin, wir wollen die Frage der Zulssigkeit
einstweilen ruhen lassen! Du kannst doch nicht im Ernste behaupten, da
Zwillinge sich nicht verehelichen drfen, und ebensowenig, da es zwei
Schwestern, denen sie gefallen, verboten sei, sie zu nehmen.
    Das behaupte ich alles nicht, ich sage nur, da es mir in unserem Falle
nicht gefllt, nicht konveniert, mich bekmmert, weil es eine ungesunde Laune
ist! Denke dir, wie ein paar unreife Knaben unsere erwachsenen Tchter aufs Korn
gefat und sie frmlich erobert haben, whrend die trichten Mdchen im Besitze
des schnen Geheimnisses die besten Anlsse verschmhten, zu Mnnern zu kommen!
Und wir freuten uns bald ihrer Zurckgezogenheit, wenn sie wie Nonnen hausten
und in dunklen Kleidern, verschleiert, einhergingen, bald bedauerten wir, da
sie das junge Leben nicht froher genieen wollten! Freilich, sie haben es auf
ihre Weise genossen - du mut wissen da die jungen Leutchen Zusammenknfte
halten, wenn es ihnen beliebt; Mondscheinnchte, Sonnenaufgnge im Sommer, lange
Spaziergnge im Frhling, im Winter die Eisbahn - unsere alte Magd hat mir alles
hinterbracht, nachdem sie jahrelang geschwiegen. Und warum? Weil sie sich mit
der Weidelichsfrau auf dem Markte gezankt hat, die ihr schon von obenherab
aufspielen wollte. Sie klatschte nmlich, unsere Tchter seien jedenfalls eine
halbe Million wert, das Stck, das hre man allenthalben sagen! Diese
Schwtzerei und Vertraulichkeit wollte sich die Magdalene doch nicht gefallen
lassen, sie gab eine ablehnende Antwort, sie forsche nicht nach, was die
Herrschaft bese und dergleichen, worauf die andere entgegnete, da mge sie als
Dienstbote recht haben, sie, die Frau Weidelich, sei eben im Falle, sich eher
darum zu kmmern, was diese oder jene Leute fr Vermgen htten. Sie solle nicht
zu neugierig sein, sagte wiederum unsere Magd, noch sei nicht aller Tage Abend.
Wenn eine Waschfrau aus dem Kalten waschen wolle, so mge sie immerhin zwei
Zuber in den Regen hinausstellen, das gebe ein schnes Wasser zum Reinsplen;
wenn sie aber eine Million auffangen wolle, so genge es nicht immer, zwei
Zwillinge auf die Welt zu stellen und auf die Suche zu schicken! Worauf sie sich
ausschalten, bis es hinreichte und die Magdalene ganz erhitzt nach Hause
gelaufen kam und mir alles hinterbrachte und beichtete. Als ich ihr natrlich
die Leviten las und sie fortzuschicken drohte, weil sie uns so schmhlich und
fortgesetzt hintergangen, redete sie sich damit aus, da die Kinder ihr heilig
versprochen htten, bei erster Gelegenheit die Sache den Eltern selbst zu
entdecken, womit sie ja ganz aus dem Spiele kme. Ich habe aber aus dem Zanke
auf dem Markte erfahren und bin berzeugt, da die Mutter der Zwillinge die
Urheberin und das Triebrad des ganzen Elendes ist. Geschwiegen habe ich bis
jetzt, weil ich mich schmte, mich von den eigenen Kindern so beiseite gesetzt
zu sehen!
    Du hast da wohl recht, arme Marie, versetzte der Mann mit trber Miene,
nur teile ich dies Schicksal mit dir. Aber doch mchte ich sagen, es sei nicht
die Gesinnung oder bler Charakter, was die Mdchen zu ihrem kuriosen Wandel
getrieben, sondern das Bewutsein des Aufflligen und Untunlichen des ganzen
Verlaufes, den ihr dummer Liebeshandel genommen hat. Eh ich sie nun zur Rede
stelle, wnschte ich nur zu wissen, welcher Art eigentlich der intime Verkehr
des artigen Quartetts ist; ich mchte mich nicht im Tone vergreifen, du wirst
mich verstehen?
    Die Magdalene hat mir geschworen, da es in aller ehrbaren Sitte zugehe.
Sie shen sich hchstens des Monats einmal, und die Mdchen hielten die jungen
Menschen streng in den Schranken eines sogar pedantischen Verkehrs. Wenn man
nicht wie ein Sperber aufpasse, so merke man kaum, da zwei Liebespaare zusammen
seien. Die willfhrige Person hat die Kinder nmlich schon mehrmals auf
nchtlichen Ausgngen begleitet und bewacht, whrend wir ahnungslos schliefen.
    Ich mu einer solchen Zusammenkunft unbemerkt beiwohnen und glaube, das
beste wre, alsdann je nach den Umstnden mitten unter das Vlkchen zu treten
und die Sache zum Austrag zu bringen, jedenfalls die Burschen nach Hause zu
schicken und die Mdchen gleich mit heimzunehmen.
    Wenn es damit getan ist! sagte Frau Salander; es ist mir aber jedenfalls
lieb, wenn du die Sache nun rasch an die Hand nimmst und zum Rechten siehst. Ich
bin dem Handel nicht gewachsen, es beklemmt mir die Brust, mit Tchtern, die
keine Kinder mehr sind, von Dingen zu sprechen, die nicht sein sollten. Wenn nur
unser Arnold hier wre, so wte ich schon, was ich tte!
    Nun, was denn?
    Er mte mir als ein flotter Student, der er ist, die Schreiberlein
verjagen und seinen Schwestern die tollen Ideen austreiben!
    Ach, du gute Frau, da bist du nicht auf dem rechten Wege! Tolle Ideen sind
leider ein zheres Herz als die heieste Leidenschaft. brigens kommt er ja
nicht mehr als Student, sondern als Doctor juris zurck, und ich frchte, er
wrde nicht mehr die frhere Laune dazu haben.
    Die Gelegenheit, einer Schferstunde der verratenen Liebesleute beizuwohnen,
ergab sich nach wenigen Tagen. Martin Salander hatte vor einiger Zeit die
Tchter gentigt, aus ihrer nonnenhaften Haltung herauszutreten und sich in
einen Gesangchor aufnehmen zu lassen, welcher jeweilig grere Tonwerke einbte
und in Verbindung mit einem zahlreichen Orchester in einer der Stadtkirchen
hren lie. Sie hatten gute Stimmen und konnten auch ordentlich singen. Es sei
barbarisch, sagte er, solcher bung aus dem Wege zu gehen, anstatt durch
dieselbe anderen Freude bereiten zu helfen und sich selbst fr die spteren
Jahre die Fhigkeit zu erwerben, mit Verstndnis zu hren und zu genieen, wenn
man nicht mehr mittun knne.
    Um die gleiche Zeit traten auch die Brder Isidor und Julian in den Chor.
    Jetzt hatte Magdalene der Frau Salander die Kunde zugeraunt, da in der
morgigen Konzertprobe, welche bis spt in die Nacht dauern werde, die
Salanderschen Frulein mit ihrer Leistung ziemlich frher fertig wrden und mit
den Liebhabern eine Zusammenkunft verabredet htten.
    Rate, wo sie hingehen! sagte Marie zum Manne, als sie ihm die Ankndigung
hinterbrachte. Du errtst es nicht, und doch sind sie oft dort gewesen: in dem
groen Garten, der sich hinter dem Hause deines Geschftslokales erstreckt!
    Die Wetterhexen! Wie kommen sie hinein? Sie werden mir doch nicht die Haus-
und Kontorschlssel ausfhren und die fremden Bursche berall durchlassen?
    Bewahre! Sie haben den alten rostigen Schlssel gefunden, der die kleine
Hintertre in der Gartenmauer aufschliet, der Mauer, welche das groe
Grundstck an der entlegenen Seitenstrae eingrenzt. Die Mdchen gehen zuerst
hin, zehn Minuten spter machen sich die Zwillinge aus der Probe fort.
    An dem betreffenden Tage hielten sich die Tchter still zu Hause bis am
Abend, rollten dann ihre Singstimmen zusammen und begaben sich richtig in die
Konzertprobe. Der Vater hatte sie am Mittagtische beobachtet, etwas verlegen,
denn es waren ja stattliche Frauenzimmer von guter Haltung und lang nicht mehr
Kinder. Er hatte auch nichts Besonderes an ihnen gewahrt, als da sie dem
musikalischen Abend mit einiger Spannung entgegensahen, der schwierigen Aufgabe
wegen.
    Das Haus, in welchem er seine Geschftsrume gemietet, war im brigen zur
Zeit unbewohnt, und Salander ging zuweilen mit dem Gedanken um, das alte Wesen
zu kaufen und umzubauen, kam aber immer wieder bescheidentlich davon ab.
Inzwischen hatte er einen Buchhalter und den Gewerbsknecht darin untergebracht;
die hausten aber auf einer anderen Seite, als wo der Garten lag. Salander begab
sich am vorgerckten Abend unbemerkt auf sein Kontor, machte bei verschlossenen
Lden Licht und verweilte so lange, bis er die Stunde fr gekommen hielt. Dann
zog er Gummischuhe ber die Fe und ging leise ber den mondhellen Hof weg bis
an das Gittertor des parkartigen Gartens. Vorsichtig guckte er eine Weile durch
das krause Eisenzeug, hrte und sah jedoch weder einen Laut noch eine Bewegung
von Menschen. Also ffnete er sachte das Gitter und betrat den Garten, der
berall mit schlanken hohen Bumen besetzt war, wie sie jetzt nicht mehr
gepflanzt wurden.
    Ungefhr in der Mitte stand ein altes, in Sandstein gearbeitetes und
verwittertes Brunnenwerk mit Delphinen und Tritonen, von einem sprlichen
Wassergetrufel umflstert. Vor dem Brunnen dehnte sich ein gerumiger
Rundplatz, von mchtigen Akazien umstanden, und da die Bume noch unbelaubt
waren, schien der Vollmond ungehindert auf den Platz wie auch auf die Alleewege,
die in denselben mndeten. Dicht hinter dem Brunnen stand ein neues Gebsch von
Nadelhlzern. Martin Salander schlpfte hinein; es verbarg ihn vollkommen.
Diesen Platz beschlo er besetzt zu halten, da dem Brunnen gegenber eine
halbrunde Steinbank den zu dieser Jahreszeit einzigen Ruhesitz darbot.
    Es war auch Zeit, da der lauschende Vater seinen Standort eingenommen. In
wenig Minuten hrte er ganz nahe gedmpfte, aber rasche Schritte, und die
dunklen Gestalten seiner Tchter glitten wie Nachtschatten an dem Brunnen
vorber und umwandelten nebeneinander den runden Platz, ohne ein Wort zu
sprechen, zwei- oder dreimal, bis sie pltzlich vor dem Brunnenbecken anhielten.
Salander konnte sie nicht erkennen, sie hatten die Schleier tief ber die
Gesichter und um Hals und Kinn gezogen. Sie streiften die Handschuh' ab, suchten
die hohle Hand unter den Delphinen mit Wasser zu fllen und schlrften es
begierig in sich hinein. Zwar wehte eine milde Aprilnacht in der Luft, fast wie
eine Mainacht so lau, aber doch nicht so warm, den Durst der Jungfrauen zu
erklren.
    Himmel, da brennt's, da sie so lschen! dachte Martin Salander hinter
seinen Koniferen; natrlich, trgt doch jede ein Elmsfeuer im Herzen!
    Sie schpften abermals Wasser und khlten die Stirnen, nachdem sie die
Schleier etwas gelftet.
    Die armen Wrmer! dachte der Vater wiederum, das ist eine schwierige
Geschichte!
    Jetzt erkannte er auch die jngere, Nettchen, an der Stimme, als sie nicht
laut, aber vernehmlich sagte:
    O Setti, ich frchte, unser Glck hat am lngsten gedauert!
    Warum? Wegen der schlechten Madlene? erwiderte die ltere Schwester,
freilich auch nicht ohne einen unfreiwilligen Seufzer.
    Ach, schilt sie deswegen nicht, sie ist unserer Mutter doch auch etwas
schuldig! Und einmal mute es doch kommen, jetzt ist es da!
    Nun ist es freilich da oder wird bald kommen, ja! Nun heit es eben kmpfen
und ausharren! Oder sollen wir die liebsten Menschen, dies Wundergeschenk des
Himmels, leichten Sinnes fahrenlassen und verstoen?
    
    Und kannst du dich so leichten Kaufes im Unfrieden von den besten Eltern
trennen? Wenn nur die Mutter die armen Knaben fr brav halten knnte! Aber ich
wei, sie tut es nicht und tut es nicht!
    Sie hat gut sagen, weil sie alle mit unserem Vater vergleicht, der freilich
ein Ausbund ist, dem nicht jeder das Wasser reicht! Und doch ist er vielleicht
nicht minder ein kleiner Springinsfeld gewesen, so gut wie unsere blonden
Schtze, die Goldkpfe! Und sind sie nicht jetzt schon so fleiig wie die
Bienen, ehe sie nur die Nahrungssorgen kennen? Ich verlasse mich auf die nie
ganz versiegende Gte der Mutter und hauptschlich aber auf den freieren Sinn
des Vaters! Ich habe neulich ein gewi wahres Wort gelesen, da nur ein Mann im
vollen Sinne des Wortes human sein knne, human in allen Lagen des Lebens! Ich
fhle wenigstens, ich als Weib bin es nicht imstande, ich will nichts weiter
sagen!
    Salander war von solch ungeheuerlichen Reden seiner ltesten so verwundert
und zugleich erschttert, da er sich unwillkrlich an einer jungen Tanne
festhielt und so ein Gerusch in dem Busche verursachte. Die Schwestern
schwiegen muschenstill, voll Schrecken in die Finsternis hineinstarrend. Als
nichts weiter erfolgte, sagte Setti: Es ist der Wind oder ein Vogel gewesen,
den wir aus dem Schlafe geweckt haben. Wir wollen uns niedersetzen!
    Sie wandten sich nach der Steinbank, hatten sie aber noch nicht erreicht,
als im Hintergrunde die Mauerpforte knarrte. Die Mdchen standen wie gebannt und
sahen die Zwillingsherren auf den Fuspitzen die mondhelle Allee einhersuseln.
Auf dem Brunnenplatze angelangt, breiteten sie ohne Sumen die Arme nach den
Liebhaberinnen aus, wurden jedoch zurckgewiesen.
    Halt, ihr Herren! schalt Setti mit verhaltener, aber entschiedener Stimme,
es ist ausgemacht, da ihr bei solcher Gelegenheit ungleiche Hte tragen sollt,
damit jede Dame ihren Ritter erkennen kann! Nun kommt ihr mit Hten, die sich so
gleich sehen wie zwei Eier! Welcher ist denn nun der Isidor?
    Und welcher der Julian? fgte Netti bei.
    Beide riefen gleichzeitig: Ich! offenbar aus Mutwillen.
    Lat sehen! befahl Setti unwillig, die Ohrlppchen her! Sie ging auf den
einen zu und griff nach seinem rechten Ohre, whrend Netti das gleiche mit dem
linken Ohre des andern tat.
    Aha! sagte Salander bei sich selbst, das Eiernudelchen und das
Zuckerschneckchen! und wieder mute er an sich halten, um sich nicht durch
lautes Gelchter zu verraten. Soll ich diese meine zwei Meisterstcke mit ihren
Liebhabern nicht um Geld sehen lassen?
    
    Inzwischen hatten die Schwestern richtig herausgefunden, was ihnen gehrte,
ohne sich von den Schkern lnger hnseln zu lassen. Jeder erhielt einen
feierlichen Ku und sodann auf der halbrunden Bank einen Platz angewiesen neben
seiner Liebsten, worauf sogleich die Befehlsworte doppelt zu vernehmen waren:
Nicht umfangen, oder wir gehen!
    Zuerst schien die kleine Versammlung sich paarweise zu unterhalten, weshalb
Salander nicht ein Wort verstand. Er sah nur, da die Tchter aufrecht und
bewegungslos saen, wie Steinbilder, whrend Isidor und Julian, jeder der
Seinigen bescheiden zugeneigt, sich begngen muten, die nur mondhellen
Gesichter mit den Augen zu liebkosen.
    Herr Salander wunderte sich aufs neue ber die Mdchen; sie erschienen ihm
wie zwei dmonische Verkrperungen einer und derselben Wahnidee, von welcher die
Unglcklichen besessen wren. Wenn nun der eine der Zwillinge sterben mte oder
sonst abhanden kme, wrden sie dann vielleicht durch die bloe Halbierung
geteilt, oder wrden sich am Ende beide an den brigbleibenden Teil hngen,
gleich den salomonischen Mttern, und das Gespenst ihrer eingebildeten
Leidenschaft sie aufreiben?
    Es schauderte ihn bei dem Gedanken, da solche Seelenstrungen den so
blhenden Mdchen beschieden sein knnten. Und immer saen sie noch da und
flsterten Unvernehmliches mit den Jnglingen, die jetzt aufsprangen, von
irgendeinem Worte getroffen.
    Setti sprach allein weiter und so laut, da es der Vater im Busche verstehen
konnte:
    Ja, ihr schnen Brder! Es ist geschehen, was uns weh tut! Aus gewissen
Reden, die eure Frau Mutter auf offenem Markte hren lie, mssen wir schlieen,
da man uns Schwestern fr reiche oder reich werdende Personen hlt und somit
alle Lieb und Treue dem vermeintlichen Vermgen unserer Eltern gilt!
    Die Brder prallten zurck und standen betreten vor den gestrengen Mdchen;
denn auch Nettchen wendete sich dster, obgleich mit weicher Stimme, gegen ihren
Zwillingsanteil, zwar schon nicht mehr genau wissend, ob es der rechte sei,
wegen des vorgegangenen Platzwechsels. Auch die Schwestern waren nmlich
aufgestanden und zwischen die verwirrten Zwillinge getreten, die nach Worten
suchend hin und her schritten.
    Ja, so ist es, wir sind keine Marktware! sagte Netti und wischte sich die
Augen, mit denselben trotzdem den durch das Hin- und Hergehen der Unterscheidung
entschlpften Julian zu haschen suchend. Das beliebte Greifen nach dem
Ohrlppchen war durch den Ernst des Augenblicks unmglich geworden.
    
    Setti befand sich in gleicher Lage, jedoch mit mehr Geistesgegenwart.
    Sprich du, Isidor, wenn ihr etwas zu sagen habt! rief sie in
leidenschaftlicher Vergessenheit dennoch lauter, als sie wollte. Und sofort sich
fassend, ergriff er endlich das Wort.
    Was knnen wir dafr, wenn unsere gute Mama sich freut, da ihre Shne
reiche Brute haben? Ist es eine Snde fr sie? Und wre es selbst fr uns eine
Snde, die Geliebte vor allen Nahrungssorgen gesichert zu wissen? Obgleich wir
hoffen und vertrauen, sie aus eigener Kraft dagegen zu schtzen! Nein, teure
Elisabeth! Ich habe nicht notwendig, dein Erbe zu lieben; aber dich zu lieben
habe ich notwendig, das schwre ich dir! Lasse Geld und Gut, Eltern, Haus und
Heimat und alles im Stich und komm mit mir! Auch ich verachte nicht, um der
Armut oder um meiner selbst willen einzig und allein geliebt zu werden, auch ich
will alle schnen Hoffnungen und was mir von den Eltern zukommen wird, dahinten
lassen und mit dir bis ans Ende der Welt gehen!
    Er hatte sich whrend dieser Worte dem ltern Frulein Salander zu Fen
geworfen, was bisher unter den vier Leuten noch nie vorgekommen und auch sonst
gerade nicht landesblich war. Das gleiche tat Julian und hielt eine noch
feurigere Rede an Netti, in welcher er aber nicht arm, sondern reich werden zu
wollen versprach, um zu beweisen, da er nicht auf den Reichtum der Braut zu
schauen brauche.
    Sie hielten die Hnde der Schwestern fest umklammert und bedeckten sie,
durch die eigenen Worte zu Trnen gerhrt, mit Kssen. Da nun jede wieder ihren
Anteil sicher an der Hand fhlte und noch grere Rhrung empfand, so endete der
prfungsvolle Augenblick damit, da die Jnglinge sich emporschwangen und die
schmucken Mdchen ohne Widerstand umarmten, und dies unter so heftigem
Kssewechsel, wie es auch noch nie geschehen. Man sah dabei, da die Jnglinge
krftig genug in die Hhe geschossen waren, um die auch nicht kurzen
Frauengestalten zu berragen.
    Das bemerkte auch Martin Salander, der unversehens zwischen den zwei Paaren
stand und vielleicht noch lang htte stehen knnen. Allein er legte links und
rechts eine Hand auf die entsprechende Zwillingsschulter und sagte:
    Lat's fr heute genug sein, ihr jungen Herren! Und ihr artigen
Frauenzimmer seid so gut, euch von ihnen zu trennen! Hier steht der Vater, wie
es scheint fr euch eine berflssige Person!
    Die vier Liebesleute fuhren weit auseinander, Setti und Netti mit
Schreckenslauten, Isidor und Julian aber sich bald ermannend.
    Herr Salander, es geht alles mit rechten Dingen zu, wir sind mit Ihren
Frulein Tchtern verlobt!
    Wir sind nmlich alle volljhrig, soviel wir wissen! sagten die Jnglinge
etwas patzig; Salander merkte indessen wohl, da es mehr aus Unbeholfenheit denn
aus Trotz geschah.
    Das freut mich, versetzte er, es berhebt mich einigermaen der
Verantwortlichkeit, wenn ein dummer Streich geschehen sollte. Einstweilen kann
ich den edlen Wettstreit wegen des zu erwartenden Vermgens sogar
entgegenkommend schlichten und den Kummer meiner Kinder, es mchte sich um eine
schnde Geldheirat handeln, zum voraus migen, indem ich einfach die Tchter
enterbe, wenn sie in Miachtung der Eltern und unschicklichem Lebenswandel
verharren sollten!
    Das Wort Enterbung lief wie eine gemeinsame sanfte Erschtterung durch die
vier Verlobten. Sein harter Klang brachte die Tchter Salanders, die an
dergleichen als etwas Mgliches nie gedacht, unmittelbar zum Weinen, ohne da
sich vorlufig der krzeste Gedankengang damit verband; und die Brder Weidelich
senkten, in der Mondscheindmmerung freilich kaum bemerkbar, auf einen Ruck die
Kpfe.
    Niemand sprach zunchst ein Wort. Salander benutzte die Stille, die Szene zu
schlieen.
    Fr einmal, sagte er in ruhigem Tone, mu ich im Namen beider Eltern nun
wnschen, da in Zukunft dieser geheime Verkehr unterbleibt; es wird fr jeden
das beste sein. Darf ich die jungen Herren zu dem Hinterpfrtchen begleiten,
durch welches sie hereingekommen sind, damit ich den Schlssel an mich nehmen
kann? Meine Tchter werden den Garten mit mir auf dem gewohnten Wege verlassen.
Nehmt Abschied!
    Die weinenden Mdchen schickten sich an, dem Gebote zu gehorchen; da sie
aber ber dem Auftritte die Spur der Erkennens wieder verloren hatten und die
Jnglinge unentschlossen, ja strrisch sich nicht rhrten, reichte jede dem
Unrechten die Hand, ihm mit klopfendem Herzen den Mund zum Kusse bietend. Die
wackeren Jungen wollten es nicht hiebei bewenden lassen, sondern nderten rasch
die Stellung, wechselten Mdchen und Hnde und umarmten jeder die Seinige,
worauf sie, durch die Verwirrung mrbe geworden, dem Herrn Salander folgten,
indessen Setti und Netti trauernd auf die Steinbank sanken.
    Nachdem ihr Vater die Zwillinge durch das Mauerpfrtchen entlassen, den
Schlssel zweimal umgedreht und zu sich gesteckt hatte, kehrte er auf den
Rundplatz zurck.
    So, nun wollen wir zur Mutter gehen, rief er den Tchtern zu, sie grmt
sich zu Hause! Es ist zehn Uhr vorbei!
    Er ging ihnen voran in das Haus und das Kontor, wo noch das Licht brannte.
Whrend sie sich dort so gut wie mglich von dem erlebten Schreck erholten, sann
Vater Martin ber den Zuspruch nach, den er ihnen halten sollte und auch wollte;
je lnger er aber die so vollkommen ausgereiften Jungfrauen betrachtete, desto
schwerer dnkte es ihm, da viel hineinzureden. Er beschrnkte sich daher auf ein
paar anzgliche Brocken, die er hinwarf, um der Mutter den intimern Teil der
ntigen Vorstellungen zuzuschieben.
    Ist das nun, sagte er, vor ihnen stillstehend, die groe Raritt, die ihr
euch ausgesucht habt? Denkt ihr groen Staat damit zu machen? Zwei Mnner, die
ihr nicht voneinander unterscheiden knnt, wenn es etwas dmmerig ist? Dem liee
sich zwar abhelfen durch eine Bedingung im Ehekontrakt, da sie die Brte
ungleich tragen sollen, zum Beispiel der eine einen Vollbart, der andere einen
Schnurrbart. Allein genauer berlegt, haben sie leider noch gar keine Brte und
bekommen am Ende niemals solche, die dicht genug wren, unterschiedliche
Charaktere daraus zu schneiden!
    Der Spott brachte nicht die gewnschte Wirkung hervor; er betrbte nur die
Mdchen auf das tiefste, da sie wieder zu weinen anfingen, nachdem sie schon
sorgfltig die Augen getrocknet hatten.
    O lieber Vater, schluchzte Setti, es ntzt gar nichts, es hngt nicht von
uns ab! Solange sie uns treu bleiben, lassen wir nicht von ihnen!
    So?
    Ja, Vater! rief jetzt Nettchen, wie knnen wir unsere Wahl denn anders
rechtfertigen als durch die Standhaftigkeit, mit welcher wir den armen Menschen
die Treue halten?
    Da haben wir den starren Wahn! dachte Salander.
    Und was die grere Jugend unserer Verlobten betrifft, fuhr die ltere
Tochter nicht ohne Zierlichkeit fort, so bedrfen sie nicht nur liebevoller,
sondern auch mit einem mtterlichen Sinne begabter Frauen, die sie wohlttig zu
lenken verstehen! Ihre eigene Mutter hat nicht diejenigen Eigenschaften, welche
zur Bezhmung so kecker Burschen erforderlich wren. Wir aber, Netti kann es
bezeugen, haben schon einen veredelnden Einflu ber sie gewonnen, sie hren auf
uns und lassen sich gefallen, was wir ihnen sagen.
    Nettchen gab ungesumt ihr Zeugnis ab:
    Es ist wahr, was Setti sagt, sie sind schon viel manierlicher, selbst
gesitteter, als da wir sie kennenlernten!
    Das lt sich bei Gott hren, es mag etwas dran sein! dachte der
umhergehende Herr Vater; dann mssen die Gesellen aber ziemlich ungezogen
gewesen sein! Laut sagte er: Wir werden heute mit dieser Materie nicht fertig!
Kommt, wir wollen gehen!
    Er lschte das Licht und fhrte die bedrngten Frulein unbemerkt auf die
Strae. Schweigend schritt er neben ihnen her; da er nicht frhlich wie sonst
an jeden Arm eines der Kinder nahm, dagegen zwei- oder dreimal einen Seufzer
vernehmen lie, machte ihnen das Herz auch wieder schwerer, je nher sie der
Wohnung kamen. Und als sie in die Stube traten, wo die Mutter ganz allein am
Tische sa und strickte, fhlten sie, da sie trotz ihres schnen und klugen
Mdchenalters einen tiefen Fall getan. Sie suchten jedoch nicht etwa in ihr
Schlafzimmer zu entfliehen, sondern setzten sich still an eine Wand und blickten
traurig auf den Boden.
    Guten Abend, Frau! sagte Salander, da haben wir die Vgel eingefangen!
Sie bitten dich um Verzeihung und willigen ein, da alles weitere Ausfliegen
einstweilen unterbleibe! Denn sie waren mehr unbesonnen als leichtsinnig und
jedenfalls mehr leichtsinnig als bse!
    Das fehlte noch, da es mehr bs als leichtsinnig heien mte! erwiderte
Marie Salander ohne aufzublicken.
    Die den Gegenstand dieses kurzen Gesprches bildeten, waren solche Worte
nicht gewhnt und htten nie geglaubt, da es dergleichen fr sie gbe. Wehrlos
verharrten sie im Schweigen.
    Wenn ihr noch Hunger habt, sagte die Mutter, so knnt ihr in die Kche
gehen; hier hat man lngst abgerumt. Das Bett werdet ihr auch wohl finden, alt
genug seid ihr!
    Sie standen auf und gingen hintereinander her in die Kche, nahmen dort
jedoch nur das ntige Licht und stiegen ohne zu essen eine Treppe hinauf in ihr
Schlafgemach. ber ihnen auf dem Estrich lag muschenstill in ihrem Bett die
Magd, die sich kurz vorher weggeschlichen.
    Unten strickte die bekmmerte Frau fort, ohne eine Masche fallen zu lassen.
    Du hast sie also wirklich beisammen getroffen? fragte sie den Mann.
    Gewi, ja! Zuerst kamen die Kinder anmarschiert, im hellen Mondschein, dann
die vertrackten Weidelichsjungen; ich steckte in dem Gebsch hinter dem Brunnen,
sah alles, was vorging, und hrte beinahe alles, was gesprochen wurde. Ich mu
dir nun zuerst sagen, da ich, abgesehen von der Heimlichkeit, mit welcher sie
uns hintergingen, nichts sah oder hrte, was ehrbaren Liebesleutchen nicht
erlaubt ist; ich mchte behaupten, ich sah und hrte nicht einmal alles
Erlaubte, soviel ich mich wenigstens, mit deiner Genehmigung zu sagen, aus
unserer eigenen Praxis erinnern kann. Die Kinder scheinen eine merkwrdige
Gewalt ber die Bengel zu haben -
    Nimm es mir nicht bel, Martin, unterbrach ihn Marie, aber du sprichst
ganz verkehrt und nrrisch! Das Gegenteil ist wahr, die Bengel ben ja die
unglckliche Gewalt ber die Kinder!
    Nicht so, Marie! Diese Gewalt, die du meinst, die sitzt auch in den Mdchen
selbst, die Jungens wrden sie nie haben; es ist das Wahngebilde, an dem sie
leiden! Doch la dir erzhlen, wie es herging!
    Er beschrieb ihr so genau und anschaulich als mglich den ganzen Hergang,
indes sie bald unglubig, bald verwundert, aber immer unwillig aufschaute, den
Kopf schttelte und wieder strickte.
    Pltzlich warf sie den Strumpf auf den Tisch.
    Ich komme nicht darber hinweg! Sie haben mich als Mutter beleidigt; ich
bin nie gewhnt gewesen, seit ich die Kinder besa, und war von Hause aus nicht
gewhnt, von gewissen Dingen zu reden und zu sagen, die nicht sein sollen. Ich
glaube auch jetzt noch, da gutgeartete Kinder am besten durchkommen, wenn sie
die Leute im Haus, namentlich Vater und Mutter, offen und tadellos wandeln
sehen, ohne sie darber predigen zu hren. Und nun diese jahrelange
Verschlagenheit zweier Tchter gerade gegen die Mutter!
    Das mut du nicht von der Seite allein nehmen. Es ist in Gottes Namen
einmal geschehen, ein neuer Fall von Menschengeschichten, wo sollen diese
herkommen, wenn es nicht immer neue Erscheinungen gibt? Vielleicht ein lumpiges
Lustspiel, vielleicht ein erbaulich ernsthaftes Schicksal!
    Und wie steht es nun! Wie soll es werden?
    Wie ich dir sagte, sie erklren, von den Zwillingen nicht zu lassen, sie
meinen, aus ihnen zu machen, was sie wollen und was gut sei! Da aber der
Verkehr in bisheriger Weise aufhrt, dessen bin ich ziemlich sicher. Denn als
ich ein Wort von Enterbtwerden fallen lie, fhlte ich deutlich, da die
Herrschaften mrbe wurden. Ich mute es tun, weil ihrerseits bereits das Wort
Volljhrigkeit gefallen war.
    Frau Salander wurde in diesem Augenblicke totenbleich und griff nach der
Seite, wo das Herz hngt.
    Enterben! wiederholte sie mit jammervoller Stimme, kannst du denn das
wegen einer solchen Sache?
    Eigentlich wohl nicht leicht, erwiderte Martin mglichst ernsthaft, ein
guter Advokat knnte indessen einen unordentlichen Lebenswandel, fortgesetztes
Miachten und Hintergehen der Eltern, Kinderundank u. dergl. schon so
herausdrechseln, da es durchzusetzen wre vor nicht allzu scharfsichtigen
Richtern.
    Maria Salander packte ihr Strickzeug zusammen. Es rannen ihr Trnen ber die
Wangen, die sie nicht beachtete.
    So weit ist es schon gekommen, sagte sie, indem sie die Lampe lschte und
den Leuchter zum Schlafengehen ergriff, so weit, da in diesem Hause ein
solches Wort ertnen mu! Zwei Kinder verlieren!
    Martin sttzte und fhrte die schwankende Frau und trstete sie im Gehen:
    Ei, bedenke doch, ich mte ja tot sein, wenn das Testament erffnet und
angegriffen wrde! Wenn ich unter dem Boden dann den Proze gewnne, so knnten
du und dein Sohn Arnold den Mdchen alles wieder zurckgeben!
    Isidor und Julian Weidelich waren sehr erschrocken und kleinlaut in der
dunkeln Strae hinter der Gartenmauer gestanden und dann einig geworden, nach
dem Singhause zurckzukehren, ihre Abwesenheit eher zu vertuschen. Sie setzten
sich, als sie hrten, da immer noch gebt wurde, in ein Trinkstbchen, in
welchem sich pausierende Snger erfrischten, und sie taten, als ob sie die ganze
Zeit ber vorhanden gewesen wren. Dann schlugen sie erst den Weg nach dem
Zeisig ein, wo im elterlichen Hause fr jeden ein artiges kleines Studierzimmer
gebaut und eingerichtet war.
    Nach und nach fanden sie Worte, von dem Ereignis dieses Abends zu reden,
wurden aber nicht recht klug daraus. Fr sie ragten vornehmlich zwei Dinge aus
dem Abenteuer heraus: die Anfechtung ihrer verlobten Brute wegen der Liebe aus
Habsucht, ehe der Vater kam, und die Drohung des letzteren mit Enterbung der
Tchter. Beide Punkte standen in unheimlicher Beziehung zueinander. Die Frulein
wollten nicht des Vermgens wegen geliebt sein und der Vater ihnen dasselbe
entziehen, wenn sie sich berhaupt lieben lieen. Aber konnte denn der Alte sie
wirklich enterben? ber diesen Gegenstand waren sie als angehende Notare schon
von einiger Erfahrung, der betreffende Abschnitt des Erbrechtes ihnen gelufig.
Das Ergebnis des Ratschlages fiel auch ziemlich verstndig aus: sie fanden, es
drfte besser sein, sich den Geboten des Herrn Salander zu fgen und die
Zusammenknfte mit den Tchtern einzustellen, um die Frage jedenfalls nicht zu
verschrfen. Sie hielten dafr, da die Mdchen auch keine Neigung htten, die
unbestimmte Gefahr herauszufordern, und von der Volljhrigkeit allein nicht
leben knnten, wenn es zum Bruche mit den Eltern kme; und sie frchteten die
Mutter noch mehr als den Vater.
    Dagegen wollten sie einen schriftlichen Verkehr einfhren und so die Zeit
erwarten, die ihre Aussichten und Hoffnungen krnen wrde. Der Treue der beiden
Geliebten waren sie ja sicher, wie ihrer eigenen, und indem sie ber diese Seite
der Angelegenheit ein paar jugendliche Redeblumen von leichter Bauart in die
Verhandlung streuten, nahm diese den verwunderlichsten Ton von der Welt an. Und
doch war es ihnen auch hiemit Ernst, da es ja sonderbar htte zugehen mssen,
wenn so junge Gesellen keines dankbaren Gefhles fr die Hingabe eines solchen
Schwesternpaares fhig gewesen wren.
    Zu Hause wollten sie den Vorfall verschweigen, damit die Mama nicht neue
Verwirrung stifte.

                                       IX


Im Salanderschen Haushalt schien der gute Hausgeist der Unbefangenheit irgendwo
krank zu liegen. In Erwartung eines schweren Tages hatten Setti und Netti, die
in jener Unglcksnacht nicht geschlafen, einander gelobt, dem Gerichte der
tiefverletzten Mutter mit kindlicher Bescheidenheit, aber auch mit wandelloser
Treue dem erwhlten Geschicke standzuhalten.
    Als sie am Morgen in der Familienstube erschienen, sagte niemand ein Wort,
und auch als der Vater fortgegangen und sie mit der Mutter allein waren, schwieg
diese beharrlich von der Sache, gab auch nicht den geringsten Anla, den die
Tchter zu einer Beichte htten ergreifen knnen. So ging es den Tag hindurch,
den folgenden Tag und alle anderen Tage. Die Mutter begrub ersichtlich fr sich
das Unheil in die Nacht des Schweigens, um es so zu vernichten, im Glauben, da
es gelingen msse. Der Vater tat auch, als ob er es rein vergessen htte, und
nur die Magdalene flsterte ihnen einmal zu, sie drfe nicht davon sprechen,
wenn sie nicht fortgeschickt werden wolle.
    Arnold schrieb wie gewohnt nach Hause, bald an die Eltern, bald an die
Schwestern. Die Briefe an Vater und Mutter wurden offen herumgeboten, kein Wort
verriet darin, da er etwas von dem Kummer der Mutter wute, und was er an die
Schwestern schrieb, war ebenso ahnungslos und brderlich ungeniert wie von
jeher.
    Wenn sie ausgingen, so bemerkten sie nicht die kleinsten Zeichen einer
berwachung; man fragte gar nicht, wo sie hinwollten, und noch weniger sah ihnen
jemand nach. Kehrten sie zurck, so kmmerte sich niemand darum, wo sie gewesen
seien, wenn sie es nicht selbst sagten.
    So wuten diese stattlichen Hochjungfrauen nicht, woran sie waren, und
gingen wie Schatten in ihrem durchsichtigen Doppelgeheimnis herum. Sie fhlten
sich um so unbehaglicher, je mehr ein ruhiges Einvernehmen sich herzustellen,
eine vershnliche Ausgleichung in alter Gewohnheit neu zu befestigen begann;
denn die Mutter sah bei alledem so aus, wie wenn ein einziges Wort die
Finsternis wieder verbreiten knnte. Eines Mittags sa Salander mit den Tchtern
allein bei Tisch, weil Frau Marie verreist war, dem Leichenbegngnis einer auf
dem Lande verstorbenen Verwandten beizuwohnen. Salander zog einige Privatbriefe
aus der Tasche, die er vom Bureau mitgebracht, und beschaute sie nher.
    Da ist auch einer von Arnold, sagte er, was schreibt er? und legte den
geffneten Brief auf den Tisch. Setti nahm das Papier und las. Arnold
berichtete, da er leidlich doktoriert habe, soundso viel Geld draufgegangen sei
und da er nun von der Erlaubnis Gebrauch zu machen gesonnen sei, ber London
und Paris heimzureisen und dazu ein Jahr zu verwenden.
    Das ist mir recht wegen der Sprachen, in denen er noch zurck ist, sagte
der ehemalige Sekundarlehrer, fr das andere gebe ich ihm nicht soviel. Wenn er
von England spricht, wird er Dschury sagen, und Schri, wenn er von Paris
erzhlt, mehr kann er in einem halben Jahre kaum erschnappen, was die Rechte
betrifft!
    Inzwischen hatte Setti den Brief hingelegt, ohne ihn fertig zu lesen, und
hielt das Taschentuch vor die Augen. Gleich darauf auch Netti, die den Brief
aufgenommen und ebenfalls hineingeblickt.
    Was gibt es denn? Was habt ihr? fragte der Vater betroffen, warum lest
ihr nicht zu Ende?
    Er nahm den Brief an sich, suchte den abgebrochenen Schlu und las laut:
Nun gre ich auch treulichst das holde Geschwisterpaar! Der Krze halber habe
ich, um mir den teuren Zwiebegriff schneller vor die Seele zu fhren, die Namen
Setti und Netti zusammengezogen und denke nur Snetti!, so stehen sie vor mir!
Aber wie steht es denn mit ihnen? Ist noch keine Verlobung in der Luft? Sie sind
nachgerade keine Hasenbraten mehr! Mir kann's recht sein, wenn ich sie noch
hbsch zu Hause treffe; denn bei so whlerischen Stiftsdamen wei der Kuckuck,
was sie einem fr Schwger aussuchen!
    Ja so! brummte der Vater gutmtig, htt ich gewut, was da steht, so
blieb der Brief in der Tasche. Aber tut die Augentrckner weg und et eure
Suppe!
    Seine Art zu reden trstete die Mdchen ein bichen; es war doch das
Freundlichste, was sie in der ganzen Zeit gehrt, und sie aen mit dem Vater zu
Ende.
    Als die Magd nichts mehr im Zimmer zu tun hatte und Martin seinen Wein
gemchlich austrank, whrend die Frauenzimmer nach bestehender Sitte des Hauses
noch so lange ihre Pltze behielten, nahm er in gemtlichem Tone wieder das
Wort.
    Da das leidige Verhltnis, das uns alle behext, durch Arnolds arglosen
Scherz einmal berhrt worden ist, so wollen wir vernnftig ein bichen weiter
davon reden! Ihr haltet euch sehr achtungswert; wir glauben, die Mutter und ich,
da ihr den Umgang mit den jungen Leuten wirklich meidet; hinwieder wissen wir
nicht, woran wir mit der Zukunft sind und ob ihr selbst etwas mehr im klaren
seid? Vielleicht, dachten wir, finden sie sich doch allmhlich zurecht und sich
selbst wieder, und zwar ohne die zwei seltsamen Beisterne! Da kommt neulich der
Laufknabe von der Post und erzhlt, er habe auch die Fruleins am Schalter
gesehen. Haben sie Briefe hingebracht? frag ich, und er sagt: Nein, sie haben
Briefe geholt, die fr sie dort lagen. - Gut, ich wei schon, was es ist, gab
ich zur Antwort. Verkehrt ihr also poste restante mit ihnen?
    Ja! entgegneten die Tchter beide zugleich.
    Und in welchem Sinne? Der hoffenden Zuversicht oder der entsagenden
Freundschaft? Ihr seht, da ich mich in dem Sprachgeiste auszudrcken wei, der
in der bewuten Korrespondenz walten wird!
    Unsere Freunde entsagen nicht, solange sie zweier Herzen sicher sind, die
es nicht von ihnen verlangen!
    Dies sagte Nettchen, und Setti fgte hinzu:
    Wie wollten wir freilich die Hoffnung aufgeben, der geliebten Personen
verlustig gehen und dagegen fr das ganze Leben erst recht eine spottende
Nachrede eintauschen?
    Gut getrumpft! sagte der Vater, mit innerer Trauer der Gattin gedenkend,
die mit ebenso fest eingewurzeltem Gegensinne in derselben Stunde in einem
fernen Trauerhause am Tische sitzen und vom Leichenmahle genieen mochte.
    Liebe Kinder! fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, wie lang wollt
ihr denn eigentlich auf das vermeintliche Glck warten? Wenn ich nur das wte!
Ja, wenn ihr zwanzig Jahre alt wret, wie die Liebhaber, dafr diese von eurem
Alter, das liee sich hren!
    Immer das gleiche! riefen die Tchter durcheinander, habt doch Geduld, in
wenig Jahren werden wir mit ihnen gleich alt scheinen, sie so alt wie wir und
wir so jung wie sie, wenn wir nur erst verbunden sind! Sie werden Mnner sein!
brigens bekommen sie schneller die ihnen gebhrende Stellung, als manche
glauben, und dann hat das Elend ein Ende!
    Trumpf! rief der Vater lachend, aber voll Verwunderung ber die Reden der
Tchter; das tnt ja alles wie im heroischen Zeitalter, wo Mnner und Frauen
ewig jung blieben! Wir wollen es abwarten, und mgt ihr nicht eine Zeit erleben,
wenn es nach eurem Willen geht, wo ihr wirklich heroischer Krfte bedrftet!
Jetzt wollen wir die Sitzung aufheben. Heute abend mu ich in eine Versammlung
wegen der kommenden Wahlen gehen und kann nicht wegbleiben. Da wre es artig von
euch, wenn ihr statt meiner euch auf den Bahnhof begeben und die Mutter abholen
wolltet. Ich wei, es tut ihr gut, wenn sie euch unerwartet dort trifft!
    Die Tchter versprachen, es zu tun, und errteten leise aus geheimer Freude
ber den erhaltenen Auftrag.
    Martin Salander ging in sein Geschft, arbeitete ein paar Stunden darin und
dann noch eine gute Zeit in der Wahlsache, indem er Briefe und andere Papiere
durchging und dies oder jenes anmerkte. Es handelte sich um die Ermittelung
einer Vorschlagsliste fr die Kreiswahlen in den Groen Rat des Standes
Mnsterburg, die Durchmusterung der bisherigen Inhaber der Stellen, den Ersatz
abgehender, den Eintritt neuer Mitglieder. Salander freute sich immer noch
seiner Unabhngigkeit von allen Wahlverlegenheiten in Ansehung seiner eigenen
Person, indem er trotz seiner oft in Anspruch genommenen Dienste und mehrfachen
Zumutens dem frmlichen Amts- und Titelwesen ferngeblieben.
    Jetzt wollte es ihm aber heimlich bednken, da er, wie so mancher andere
auch, vieles doch am besten in dem gesetzgebenden Rate vertreten und sagen
knnte, als am entscheidenden Orte; denn was half es ihm, wenn er in freien
Vereinen und Zusammenknften eine Meinung durchsetzte gegen irgendeinen Gegner,
der dann in der Behrde sa und dort allein das Wort hatte.
    Er brachte aber nicht ber sich, was doch gang und gbe ist, sich selbst
vorzuschlagen, d.h. vertraulich den andern Fhrern zu erffnen, da er Lust
verspre, gewhlt zu werden; und um nicht den Anschein davon zu gewinnen, nahm
er ausdrcklich an der Leitung der heutigen Zusammenkunft teil, whrend
diejenigen wegblieben, die genannt zu werden wnschten oder wuten, da es
geschah. Freilich nicht alle; denn einige wiederum erschienen freimtig und
setzten sich breit hin.
    Im Saale zu den Vier Winden, der den verschiedensten Parteien und Vereinen
als Sammelort diente, fand Salander zwei lange Tische von dichteren Gruppen und
einzelnen Brgern ungleich besetzt, whrend ebenso viele Mnner noch an den
Wnden herumstanden und miteinander sprachen. Unter diesen trieben sich die
Einberufer umher, hier und da Rcksprache nehmend oder einen der schwierigeren
Kannengieer bearbeitend. Auch Salander gesellte sich zu ihnen. Er war der
Haupturheber des Gedankens, in vershnlichem Sinne beiden Hauptparteien Rechnung
zu tragen; er selbst gehrte der demokratischen an, deren Macht seit einiger
Zeit im Volke zu wanken begann, und so hielt er es fr ebenso klug als billig,
den Altliberalen wieder mehr Raum zu gnnen. Namentlich war er ein Verehrer der
modernen Liebhaberei der Minderheitenvertretung geworden, der nicht nur
politische Philosophen, sondern auch allerlei praktische Leute anhingen, welchen
der schne Grundsatz nchstens selbst ntzlich werden konnte, nachdem sie
bislang keine anders gesinnte Fliege zugelassen hatten, noch ferner zuzulassen
gesonnen waren.
    Da die Tische sich allmhlich dichter bevlkerten, gab der Vorsitzende das
Zeichen des Beginnes. Salander, durch die noch Herbeieilenden schreitend,
begegnete einem jungen Manne, der ihm bekannt schien und ihn durch Hutabnehmen
ehrerbietig grte, was er hflich erwiderte. Er mute einen der Tische entlang
gehen, um seinen Platz am Kopfende desselben unter den Anfhrern zu finden. Auf
demselben Wege stie er abermals auf den jungen Mann, der die gleiche
Hflichkeit wiederholte und den Hut zog, diesmal mit einer Verbeugung. Der
scheint seinen Hut gar nicht ablegen zu wollen, dachte er eben, als es ihm wie
Schuppen von den Augen fiel; das waren ja die Zwillinge! Ei nun, sie zeigten
doch eine wackere Teilnahme an den Landesangelegenheiten; das steht jungen
Leuten gut und beweist einen ernsten Sinn! Wenn sie nichts Schlimmeres treiben,
so ist es so bel nicht mit ihnen beschaffen!
    Durch diese Gedanken und die Erinnerung an das mittgliche Gesprch mit den
Tchtern halb zerstreut, nahm er endlich seinen Platz ein, das Schppchen Wein
bestellend, das der Ehrbarkeit halber in dieser Gegend des Saales nur ganz
langsam, gleichsam unmerklich getrunken werden durfte.
    Die Verhandlungen nahmen ihren Anfang mit einer politischen Rede des
Vorsitzenden, der Wahl der Stimmenzhler und anderer Funktionre, worauf der
Umgang der Vorschlge erffnet wurde. Einige gedruckte Zettel, von den
bestellten Berichterstattern mndlich erlutert, lagen zugrunde, und fnf bis
sechs unbestrittene Namen waren bald erledigt. Aber schon beim siebenten Namen,
als der Prsident die Frage stellte, ob ein weiterer Vorschlag gemacht werden
wolle, erschallte aus dem Hintergrunde eine krftige Stimme, die rief:
    Ich schlage vor Herrn Martin Salander, Kaufmann in Mnsterburg!
    Und aus einer andern Ecke des Saales her rief einer ebenso laut:
    Untersttzt!
    Ah! Gut so! Schon lngst verdient! u. dergl. murmelte es an den Tischen,
und jeder sah sich nach den Rufenden um.
    Der Vorsitzende aber klingelte an seinem Glase, und als es still geworden,
sprach er:
    Ich mchte die Versammlung fragen, ob wir jetzt schon auf neue Namsungen
eintreten oder vorerst die noch vorhandenen Vorschlge bereinigen wollen, die
voraussichtlich rasch und mit Einmut abgetan sind!
    Ich beharre auf meinem Antrag! rief die erste Stimme, und das laute
Untersttzt! aus der andern Ecke folgte unmittelbar wieder darauf. Der
Prsident verkndigte:
    Es ist vorgeschlagen, Herrn Martin Salander als siebentes Mitglied unseres
Kreises im Groen Rate auf die Wahlliste zu nehmen! Ich bitte den Antragsteller,
sich zu nennen!
    Notariatssubstitut Isidor Weidelich! erschallte es vom alten Orte her noch
lauter, und von der Untersttzungsecke her schrie der andere Rufer, offenbar
Bruder Julian:
    Bravo! bravo!
    Alles sah sich wieder um.
    Was ist das fr ein Weidelich? Welcher ist es? Der junge Mensch dort? hie
es.
    Der Prsident klingelte wieder und rief:
    Wem es also beliebt, da auf den Wahlvorschlag des Herrn Isidor Weidelich
schon jetzt eingetreten werde, der hebe die Hand auf!
    Auf! schrien nun eine Anzahl junger Leute, die Hnde in der Luft
schwenkend, und ihnen folgte eine Hand um die andere etwas zgernd; als es
aufhrte, ersuchte der Vorsitzende, die Stimmen zu zhlen. Es ergaben sich
sechsundfnfzig Hnde.
    Es scheint dies die Mehrheit zu sein! Oder wird das Gegenmehr verlangt?
    Zwei oder drei erhoben die Hand, lieen sie aber wieder sinken, als sie
sahen, da sie allein blieben.
    Es ist also beschlossen, die Vorschlagswahl des Herrn Martin Salander
sofort vorzunehmen. Wer dafr stimmt, da derselbe an nchstfolgender Stelle auf
die Liste gesetzt und dem Volke im Namen der gegenwrtigen Versammlung zur Wahl
empfohlen werde, der beliebe die Hand zu erheben!
    Mit Ausnahme weniger Lcken, die fast nicht bemerklich waren, erhoben sich
alle Hnde mit einem beiflligen Gerusch, welches bewies, da. Salanders Wahl
den anwesenden Brgern an sich als erwnscht erschien.
    Der so gut wie gewhlte Mann befand sich in verdrielicher Aufregung. Den
geheimen Wunsch im Herzen, den ihm wohl gebhrenden Sitz im Rate endlich
einzunehmen, sah er sich denselben durch das kecke und verfrhte Eingreifen der
Zwillinge zugewendet und zugleich durch die unhflichen Umstndlichkeiten des
Vorsitzenden das Abstimmen aufgehalten, ein Zusammentreffen, das ihm nur
unwillkommen sein konnte. Erwgend, da er die Wahlbewerbung unter solchen
Umstnden nicht bernehmen und die Ratsstelle namentlich nicht den Zwillingen
verdanken drfe, hatte er in der Zerstreuung den rechten Augenblick
entschiedener Einsprache versumt und war so unruhig und verlegen, da er sein
Schppchen, das unberhrt stand, in lauter kleinen Schlcken beinah ausgetrunken
hatte, als der Vorsitzende das gnstige Ergebnis mit einer gewissen
Feierlichkeit besttigte und im Geschfte fortfahren wollte. Er dankte fr das
ehrende Zutrauen, erklrte aber, die Kandidatur aus Grnden ablehnen zu mssen,
die er hier nicht auseinandersetzen knne, und bat mit sehr bestimmten Worten um
Vornahme einer neuen Wahl. Jetzt erst machten sich zwei ltere Mnner geltend,
um ihn zur Umkehr zu bewegen. Diesen war er im Herzen wahrhaft dankbar; allein
er blieb fest in seinem Entschlusse, und so nahm das Geschft seinen weiteren
Verlauf, bis es mit den blichen Zwischenfllen und unvorhergesehenen Wendungen
zu Ende geriet.
    Auch der Vorsitzende, mit Salander in hnlicher Lage geheimen Wunsches,
wurde beim Aufstellen neuer Kandidaturen auf Martins Vorschlag gewhlt, womit
dieser seine Brgerpflicht ruhig erfllte, weil er jenen als einen tchtigen
Mann kannte.
    Auf dem Heimwege hatte er sehr widersprechende Gefhle zu berwinden. Ein,
wie er glaubte, ihm zu fernerem Wirken notwendiges Amt mute er fahren lassen,
weil er es nicht aus den Hnden derjenigen empfangen durfte, die es wie aus dem
rmel geschttelt ihm schenkten. Was wrde Frau Marie dazu gesagt haben, wenn es
hie, die Weidelichs htten ihn ffentlich ausgerufen! Und doch, sosehr er sich
ber die Schlingel, wie er sie nannte, rgerte, empfand er widerwillig einen
Schimmer von Wohlwollen fr sie und den milungenen Streich, den sie ihm
gespielt. Dann schmte er sich, das erstemal, wo er nach mehrjhriger Ttigkeit
auf die Schwelle des Rathauses getreten, in einen so kleinen Fallstrick geraten
zu sein und sich zudem gestehen zu mssen, es gebreche ihm an der derben
Rcksichtslosigkeit, welche zum rstigen Vorgehen auf politischer Laufbahn
unentbehrlich sei.
    Schlielich ward er doch mit seiner Handlungsweise zufrieden, da er die
Folgen, alle die weiteren Anforderungen bedachte, wenn der Pfad des amtlichen
Lebens einmal beschritten war. Nein, sagte er, das Bewutsein, von den zwei
Brschchen auf den Schild gehoben zu sein, wre mir berall nachgelaufen, und
gewi htten sie selbst sich sehr unbequem an meine Fe geheftet! Und was heut
nicht geschieht, kann ja in glcklicherer Stunde besser geschehen!
    Fr sein Verhalten erntete er auch den schnsten Lohn, als er das Erlebnis
der Frau erzhlte und sie ihn hchlich darum belobte. Er hatte sie in
zufriedener und weicher Stimmung zu Hause gefunden, weil sie das Entgegenkommen
der Tchter als einen Anfang zum Bessern empfand und auslegte, deshalb auch den
Abend in freundlichem Vernehmen mit ihnen verlebte, was die Mdchen hinwieder zu
ihren Gunsten deuteten, als sie zu Bett gingen.
    Die Urheber all dieser Gemtswirrnisse, Julian und Isidor, steckten nach der
Versammlung in einem Bierhause der Stadt die Kpfe zusammen.
    Das ist uns nun schlecht gelungen mit dem verhofften Schwiegerherrn!
vermeinte der eine von ihnen.
    Was den Alten unserer teuren Schtze betrifft, so glaube ich, er rechnet
uns den guten Willen an bei Gelegenheit, und belgenommen hat er es gewi
nicht! erwiderte der andere; aber sonst ist unser Auftreten ja vollkommen
gelungen, er wurde ja so gut wie einmtig gewhlt!
    Freilich, ja, wer htte gedacht, da wir zwei das erste Mal schon, so wir
in eine politische Versammlung gehen, einen Ratsherrn machen wrden?
    Das sag ich auch, ein guter Anfang! Anstich, trink! Das mssen wir
fortsetzen! Wenn wir mit folgendem Erfolg ferner politisieren, so wird uns das
sehr frdersam sein! Mein Chef sagt, er wolle dies Jahr noch abgehen; ich mu
jetzt schon fast alles machen!
    Und meiner wird nicht mehr gewhlt, sehr wahrscheinlich, wenn seine
Amtsdauer abluft.
    Da kannst du gleich schon jetzt vorarbeiten in deinem Kreise! Trink deinen
Rest!
    Es gilt deinen Anstich! Hr einmal, was mir neulich eingefallen ist, ich
wollt es mir reiflicher berlegen!
    Los damit!
    Ich kalkuliere, es wre ntzlich, wenn wir zwei nicht zu der nmlichen
Partei gehen wrden, da knnten wir uns besser in die Hnde arbeiten! Es kommt
das fter in Familien vor, da der eine Bruder grau, der andere schwarz, der
dritte rot ist, und alle stehen sich gut dabei; einer macht dem andern Freunde,
indem er mit Liebe von ihm spricht und ihn empfiehlt!
    Das leuchtet mir ein! Wahrhaftig, je deutlicher ich's denke! Du Himmelhund!
Aber wie sollen wir den Kuchen teilen? Hast du eine bestimmte Vorliebe, ein
Prinzip?
    Ich? Noch nicht, das werden wir spter mit der Erfahrung erwerben, wenn es
unerllich ist! Aber fr jetzt ist es mir gleichgltig, welches Lied ich
pfeife; man braucht berhaupt nicht immer zu schwatzen, wenn man nicht bei der
Sache ist!
    's kommt dir ein Quart!
    Trink und Anstich!
    Sieh, so denk ich gerade! Nur einen Haken hat die Sache, den flotten oder
minder flotten Klang des Namens! Jetzt sind die Demokraten oben und gelten fr
schneidig; die Altliberalen werden schon von ihnen Zpfe genannt. Konservativ
wre dem Ohr genehmer, aber das Simpelvolk braucht den Ausdruck nicht!
    Da ist etwas dran! Schon das Wort altliberal oder altfreisinnig gleicht
einer Nachtmtze!
    Und doch, auf der andern Seite fngt der Begriff Demokrat an zu brenzeln!
Und ein Notar hat es hauptschlich mit dem Kapital zu tun!
    Jawohl, aber du vergissest, da auch die verschuldeten Bauern, die
Debitoren und Konkursiten, arme Leute aller Art, mit dem Notar zu tun haben, das
mu man dir ja nicht sagen! Und diese haben bei den Notarwahlen die Mehrheit,
wie anderwrts!
    Auch wieder wahr! Hr jetzt, da Vorteil und Nachteil sich so gleichmig
gegenberstehen, so schlag ich vor, die Parteien unter uns auszuwrfeln!
    Kellnerin, den Wrfelbecher!
    Als das Gerte da war, ergriff es Julian und schttelte es.
    Wie soll es nun gelten? Ich denke, wir schlieen alle Nebenparteien aus und
spielen nur um die zwei Hauptlager!
    Also Demokrat oder Altliberaler! Da reicht ein Wurf hin; wer die meisten
Augen wirft, wird das, was vorher bestimmt wurde, der andere nimmt den andern
Namen an.
    So sagen wir, der Gewinnende wird Demokrat, der Verlierende Altliberaler!
Soll es gelten?
    Fest soll es gelten!
    Trink vorher den Rest, a tempo, prosit!
    Drauf los, prosit!
    Julian schttelte nochmals die drei Wrfel und strzte den Becher auf den
Tisch. Es lagen achtzehn Augen, alle drei Sechser.
    Es ist schon fertig! rief Isidor.
    Nein, du wirfst auch, du kannst ja ebensoviel werfen und dann stechen wir!
sagte der Bruder Julian.
    Der andere warf, aber nur dreizehn Augen.
    Prosit Anstich, Herr Demokrat! rief er und der andere, Julian, rief:
Prosit Anstich, Herr Altliberaler, vulgo Zopfius!

                                       X


Die Brder, so einig sie waren, trennten sich nur insofern vor der Welt, als
jeder denjenigen Volks- oder Brgerkreisen nachging, die seinem Parteinamen
entsprachen. Da sie noch wenig politischen Verstand und Gedankenvorrat besaen,
so fiel es ihnen nicht schwer, sich mehr durch ihre Anwesenheit als durch Reden
bemerklich zu machen und dagegen mit einer den Sprachfhrern gewidmeten
schmeichelhaften Aufmerksamkeit deren Wohlgefallen zu erwerben. Nach und nach
erwiesen sie sich ntzlich durch vorkommende mindere Schreibarbeiten, die sie
bereitwillig besorgten, und durch vertrauliche Mitteilungen aus dem Lager der
Gegenpartei, von Absichten und Beschlssen, drolligen oder nachteiligen
Vorfllen, persnlichen Reibungen und dergleichen, was sie einander jeweilig
ungesumt zuraunten. Das gab ihnen unter ihren Leuten dann den Ruf rhriger und
gut unterrichteter Politiker, wenn sie vorsichtig und ganz wie beilufig die
Neuigkeit an den Mann brachten. Es ist brigens anzunehmen, da der letztere Zug
nicht sowohl aus bsartiger Falschheit, als aus dem leichtsinnigen Spiel
hervorging, das sie mit dem Parteiwesen trieben. Noch andere, unschuldigere
Rnke bten sie fleiig. Wenn sie in eine ffentliche Zusammenkunft, einen
Verein oder auch nur sonst ins Wirtshaus gingen, sorgten sie dafr, da ihnen ab
und zu dringliche Geschftsbriefe und Telegramme aus ihren Kanzleien nachgesandt
oder da sie persnlich hinausgerufen wurden. Das belchelten zwar erfahrene
Unterstreber, aber mit Achtung und Wohlwollen. Sie hielten es fr etwas durchaus
Tchtiges, quasi Staatsmnnisches, und verrieten das ihnen bekannte Geheimnis
keineswegs an die Menge.
    Die Brder gediehen auf das beste und gewannen jeder an seinem Orte, tglich
an Ansehen und Beliebtheit im Volke. Die sicheren Hoffnungen auf die mter ihrer
beiden Vorgesetzten erfllten sich allerdings nicht. Der eine, der hatte abgehen
wollen, ward pltzlich eiferschtig und besann sich anders; derjenige, der nach
Ablauf seiner Amtsdauer gestrzt werden sollte, machte verzweifelte
Anstrengungen und empfahl sich persnlich in den Husern der Stimmberechtigten,
so da er mit knapper Mehrheit wieder besttigt wurde. Sein Substitut Julian,
der sich unbefangen beworben, erhielt aber so viel Stimmen, da er durch die
Ziffer schon eine Anwartschaft unter den hervorragenden Kandidaten bekam.
    Die zwei jungen Mnner sumten unter solchen Umstnden nicht lnger, sich
auerhalb ihrer Notariatskreise umzutun und erworbene Freundschaften zu
benutzen, und so whrte es nicht zu lange, bis jeder in einer fruchtbaren,
wohlhabenden Gegend des Landes zum Notar erwhlt worden, Isidor, der
Altliberale, im Norden, und Julian, der Demokrat, im Osten von Mnsterburg.
    Im Zeisig herrschte Freude. Frau Amalie Weidelich rief: Zwei Landschreiber
zu Shnen! und der Vater Jakob sagte: Ja, du hast's erreicht, was die Ehre
betrifft! Aber mit dem Einkommen der Notare soll es nicht mehr glnzend stehen!
Wir werden noch weiter opfern mssen!
    Ei, da sorg du nicht! eiferte die Mutter, diese Sorte bleibt nicht lang
auf dem Fleck stehen!
    Jedenfalls, fuhr Jakob Weidelich unbeirrt fort, braucht jeder alsbald ein
Haus, einen anstndigen Wohnsitz; denn mit einer Landschreiberei kann man nicht
bei Bauersleuten zur Miete wohnen! Das wird auch Geld kosten!
    Die Shne beruhigten den Vater. Zu einem artigen Haus oder gar einem migen
Landgute zu kommen, ergebe sich die vorteilhafteste Gelegenheit aus dem
amtlichen Geschftsleben selbst bei Anla von Konkursabsteigerungen,
Erbverkufen und anderen Fllen von Handnderungen, wo ein gewandter Notar, wenn
er die Augen auftue und etwas wage, ja zunchst bei der Anrichte stehe.
    Vater Weidelich verstand sich nicht recht auf solche Geschftslufe; von den
alten Landschreibern seines Gedenkens hatte man dergleichen Praxis nicht
vernommen; doch war er selber kein Gewinnverchter und fand es schlielich um so
besser, wenn hier das biblische Wort gelte: Dem Ochsen, der da drischt, sollst
du nicht das Maul verbinden.
    Die gute Mutter vermochte kein Wort mehr zu sagen, so gerhrt, so betroffen
war sie, die Shne in eigenen Herrenhusern sitzen zu sehen, weit auseinander im
Lande wohnend.
    Whrend die jungen Notare einstweilen noch in den Wohnrumen ihrer Vorgnger
die mter antraten und verwalteten, suchte gelegentlich jeder in den Ortschaften
seines Kreises eine Behausung. Das gab Gelegenheit, sich der angesessenen
Wohnerschaft zu zeigen und Leutseligkeiten mit ihr zu tauschen. Um auf der
nunmehrigen Laufbahn nicht mehr verwechselt zu werden, hatten sie auch das
uere so ungleich als mglich gemacht, Julian das ppige Haar kurz gestutzt und
ein zartes Schnurrbrtchen gepflanzt, Isidor das Haar mit Pomade glatt
gestrichen und gescheitelt; dazu trug jener einen schwarzen Filzhut, breit wie
ein Wagenrad, dieser ein Htlein wie ein Suppenteller.
    Das Glck wollte, da beide in kurzer Zeit Anla fanden, ein schnes
Grundstck zu billigem Preise an sich zu ziehen und statt der bisherigen
Besitzer lediglich den eigenen Namen in die Grundbcher einzutragen. Nachher
konnten sie soviel Land davon verkaufen, da sie beinahe zinsfrei wohnten.
Julians Sitz lag im Osten in der groen Dorfschaft Lindenberg; die weit
zerstreuten Huser zogen sich um den Fu des Berges herum, die neue Kanzlei aber
glnzte wei von der Hhe ins Land hinaus. Isidor hatte zur Residenz die
Kirchgemeinde Unterlaub gewhlt, und das kleine, aber zierliche Landhaus, das er
bezogen, war ebenfalls auf einer anmutigen, aus grnem Buchengehlz ragenden
Erdbrust gelegen, wo es im Lautenspiel hie. Wenn die Eltern Weidelich zu
einer gewissen Jahreszeit des Abends, bei schnem Wetter, die Anhhen ber dem
Zeisighofe bestiegen, so konnten sie in der Ferne die weien Mauern und die
Fenster beider Huser im Scheine der niedergehenden Sonne schimmern und funkeln
sehen.
    Aber nicht nur das Himmelslicht, auch die Gunst der Menschen schien die
glckseligen Wohnungen und ihre Eigner zu verklren; denn als wiederum eine
kleine Zeit verstrichen, starb in Isidors Gegend ein altes Mitglied des Groen
Rates und nahm in Julians Revier ein anderes, durch Verhltnisse gentigt,
seinen Austritt. Die Altliberalen, ber den Verlust ihres alten Genossen
betrbt, wollten es auch einmal mit jungem Holze versuchen und hoben den jungen
Notar im Lautenspiel auf den Schild; die Demokraten im Osten holten schon seines
groen Hutes wegen den Julian vom Lindenberg herunter; denn dieser Hut, als ein
unverhohlenes Zeichen der Gesinnung, bildete einen trefflichen Gegensatz zu dem
gescheitelten Haar und dem glatten Gesicht Isidors und eine Herausforderung
aller Andersgesinnten berhaupt.
    Sie wurden zur nchsten Versammlung des zweihundertkpfigen Rates einberufen
und, nachdem die Wahlen anerkannt, zum Handgelbde in den Saal gefhrt; schon
vor der Sitzung hatten sie unter Anleitung des Weibels sich die Pltze ihrer
Vorgnger gesucht und nahmen nach vollzogener kurzer Handlung dieselben ein.
    Als sie nun dasaen, der eine hier, der andere dort, waren beide gleichmig
still und doch unaufmerksam, so da sie kaum wuten, was jetzt verhandelt wurde.
Nach und nach fiel es ihnen ein, da sie gedruckte Sachen in einem Umschlag mit
sich fhrten, neue Vorlagen wurden ausgeteilt, sie vertieften sich bltternd
darein und erwischten auch den Faden, an welchem die Beratung eines
Gesetzentwurfes sich hinspann. Aber schon bei der ersten Abstimmung, die im
Laufe des Morgens stattfand, fehlten sie im Saale, da sie ihren guten Bekannten
gefolgt, die ihnen gewunken, und mit denselben zum Frhstcke in eine Schenke
gelaufen waren. Es konnte wegen Unvollzhligkeit berhaupt nicht abgestimmt und
muten die Weibel ausgesandt werden, aus den umliegenden Wirtschaften die
Abwesenden herbeizuholen, whrend der ernstere und an Ausdauer mehr gewhnte
Teil der Senatoren, der auf dem Rathause sa, irgendeinen Bericht anhrte. In
den ihnen wohlbekannten dunkeln, von Gerusch erfllten Zechstuben stellten sich
die Weibel unter die Tren und ersuchten mit lauten Ausruferstimmen die
hochgeachteten Herren, zur Abstimmung zu kommen. Mit einigem Tumult erhoben sich
die eifrigen Frhstcker und kamen, die Zwillinge mitten unter ihnen, eilig in
einer dichten Wolke durch die uralte Tre hereingestrmt.
    Isidor und Julian fanden die Sache lustig und kamen mit lachenden
Gesichtern, whrend der verdrieliche Prsident auf dem Hochsitze zum ersten
Vizeprsidenten neben ihm sagte: Das geht ja bald wie in einer Schule, wenn man
die Knaben hineintreibt!
    Es wurde mit dem Entwurf fortgefahren, wollte aber nicht recht klecken,
weshalb der Prsident vorschlug, abzubrechen und eine Nachmittagssitzung zu
halten. Das beliebte der Versammlung und verschaffte den zwei jngsten
Mitgliedern ein neues Vergngen, indem sie, jeder unter einer Schar seiner
Gesinnungsgenossen, zum Mittagessen ins Gasthaus wanderten. Dort tauten sie
vollstndig auf, beim Kartenspiel um den schwarzen Kaffee die Weihe der
Ebenbrtigkeit erwerbend.
    Als man nach zwei Stunden in die Ratssitzung zurckkehrte, fhlten sie sich
schon wie zu Hause. Sie begannen an diesem ersten Tage die uerlichen
Gewohnheiten lterer Stammgste und vielbeschftigter Mnner nachzuahmen, Julian
verlie seine Bank, um sich an einen Tisch zu setzen, welcher mit
Schreibmaterial bedeckt in der Mitte des Saales stand. Einen Vorrat klein
geschnittener Bltter nicht beachtend, lste Julian von einem Buche des
schnsten Papiers einen groen Bogen ab, schlug ihn auseinander und statt ein
Falzbein zu gebrauchen, ri er ihn aus freier Hand, um seine Kanzlistenknste zu
zeigen, mit einem Zuge mitten durch, allerdings schnurgerade.
    Ratsch! machte der Herr Prsident, dem der schrille Laut in den Ohren weh
tat, gegen seinen Nachbar, diesen Vergeuder mchte ich nie zum Finanzminister
machen! Wie er nur mit dem schnen Papier umgeht, das ihn nichts kostet!
    Julian aber fuhr fort, die Stcke entzweizureien, bis er endlich eines
passend fand, darauf zu schreiben, die Feder eintauchte, nachdenklich zur
Saaldecke emporschaute und dann anfing, etwas zu schreiben, zuweilen ein wenig
aufhorchend, um den Gang der Beratung nicht auer acht zu lassen. Zuletzt drehte
er sich auf seinem Stuhle nach dem Redner hin, lehnte sich zurck, schlug die
Beine bereinander und schien, die Feder hinter dem Ohre, aufmerksam, ja
gespannt zuzuhren. Dann schrieb er weiter, sandelte endlich, las das
Geschriebene, faltete es zusammen und schritt nach seinem Platze zurck.
    Bald darauf begab sich Isidor an den Tisch, wo er ein Bgelchen Postpapier
nahm und mit fliegender Hand einen Brief schrieb. Die Unterschrift aber vollzog
er langsam und nachdrcklich, bis er pltzlich die Faust in eine kreisende
Bewegung versetzte, die eine Weile in der Luft spielte, ehe sie sich auf das
Papier niederlie und eine Wolke von kraus durcheinandergeringelten Federzgen
auf und um den Namen kritzelte. Schlielich spritzte er geschickt drei Tupfen
dazwischen, zur Erbauung der Leute, die ihm von der Galerie herab zuschauten.
Dann faltete er den Brief, tat denselben in ein Kuvert und schrieb die Adresse,
streckte den Federhalter empor und winkte dem Weibel, der aufmerksam auf seinem
Posten stand. Diensteifrig eilte der auf seinen Zehen herbei, den silbernen
Schild an drei Kettlein vor der Brust, nahm den Brief in Empfang und legte ihn
mit einer Oblate unter die an den Tisch befestigte Siegelpresse, das kleinere
Staatswappen daraufdrckend, worauf er ihn hinaustrug oder vielmehr durch das
mit einem kleinen Trchen versehene Guckloch in der schweren Eichentre einem
der drauen stehenden Lufer hinausbot. Isidor lehnte indessen ausruhend in
seinem Sessel am Tische, mit verschrnkten Armen sich das Publikum auf der
Galerie betrachtend.
    Der Vorsitzende sagte zum Nebenmanne: Ich wollte wetten, der hat sich gewi
ein halbes Dutzend Frankfurter Bratwrstchen bestellt, die er heut abend mit
nach Hause nehmen will!
    Er kann auch um eine halbe Million Franken fr seine Hypothekarklientel
geschrieben haben, erwiderte lachend der Vizeprsident; Sie scheinen brigens
unserer neusten Ratsjugend nicht sehr gewogen zu sein?
    Nun, je nachdem! Wenn sie anfangen, zwillingsweise aufzuziehen und sich
benehmen wie auf dem Fastnachtstheater oder bei sonst einem Knabensport, so mu
ich gestehen - darf ich Sie bitten, mir Ihren Zusatzantrag schriftlich
einzureichen! unterbrach sich der Prsident, als ein Redner sein Votum schlo
und sich niedersetzte; wer begehrt ferner das Wort?
    Diese Nachmittagssitzung dauerte so lang, da die Herren Volksvertreter nach
Schlu derselben sofort die Bahnhfe aufsuchen muten, um die Heimat zu
erreichen. Denn seit das Lndchen berall von den Schienenwegen durchzogen war,
galt es nicht mehr fr wohlanstndig, die Nacht in der Hauptstadt zuzubringen,
whrend man in einer halben oder ganzen Stunde zu Hause und am Morgen ebenso
rasch wieder dasein konnte.
    Um nicht nachteilig aufzufallen, sahen sich auch die Brder Weidelich
gentigt, mit den Ratsgenossen nach ihren betreffenden Bezirken zurckzufahren.
Es gehrte berdies zum Tageslauf, an den Gesprchen der Heimkehrenden
teilzunehmen, wenn auch nur mit den Ohren, und so gewissermaen bis zum Ende
dabeizusein.
    An diesem Abend saen im Zeisig die Eltern der jungen Grorte unwirsch,
fast betrbt am Tische. Stolz auf das heutige Ereignis, welches die Gutheiung
all ihrer Opfer und Hoffnungen enthielt, hatten sie den ganzen Tag auf den
Augenblick geharrt, den die Shne finden wrden, Vater und Mutter aufzusuchen
und zu begren. Schon zur Mittagszeit hielten sie krftige Speise und besseren
Trank bereit und zgerten lange vergeblich, bis sie endlich zu essen begannen.
fter verlieen sie ihre Geschfte und liefen auf die Strae, in der Hoffnung,
die neuen Wrdentrger von der nahen Stadt heraufkommen zu sehen. Allein sie
kamen nicht.
    Sie werden nicht Zeit finden, sagte Jakob Weidelich, sie sind jetzt eben
angebunden bei den Geschften, an allen Enden!
    Als die guten Leute sptabends nochmals hinausgingen und die letzten
Bahnzge in der Ferne durch die Stille rollen und pfeifen hrten, wuten sie,
da sie die Shne nun nicht mehr sehen wrden. Die Frau wischte sich die Augen,
was seit undenklichen Zeiten nur geschehen, wenn sie Zwiebeln schlte; es war
ihr zumute, als ob die Shne fr immer entschwunden und in ein unbekanntes Land
gefahren wren.
    Sie kommen ja morgen wieder, sagte Jakob, und bermorgen wahrscheinlich
auch!
    Wer wei, ob sie dann an uns denken! Es ist mir ums Herz, wie wenn sie uns
nichts mehr angingen!
    Die Frau schlich ins Haus zurck, damit niemand ihre Betrbnis bemerke und
deren Ursache errate, und der Mann drckte sich nach ein paar Minuten auch
hinein. Sie tranken zusammen von dem besseren Wein, den sie fr die Shne
bereitgehalten.
    Und warum brauchen sie denn alle Tage hin- und herzufahren wie die
Maulaffen? schalt die Mutter, da sie ja so bequem bei uns bernachten knnten
und kein Geld ausgeben mten?
    Das verstehst du nicht! Sie haben doch in ihren Kanzleien nachzusehen, was
vorgegangen ist; und morgens frh, eh sie weggehen, weisen sie den
Schreibergesellen die Arbeit an. Das macht sich auch besser, als wenn sie sich
drei oder vier Tage lang nicht blicken lieen! Zu was hat man alle die
Eisenbahnen, fr die sich die Gemeinden und der Staat so berschuldet haben? Das
kommt ihnen jetzt zugute, sie knnen den Tag ber prchtig hier im Rathaus
sitzen und am Abend wie am Morgen frh doch ein paar Stunden zu Haus arbeiten!
Denn sie haben eine groe Verantwortlichkeit!
    Auch in Martin Salanders Wohnung war der Tag nicht ohne seltsame Spuren
vorbergegangen. Als die Familie beim Mittagsmahle vereinigt sa, zog er eine
Zeitung aus der Tasche, die um eilf Uhr ausgegeben worden. Er warf nur einen
Blick auf die neuesten Nachrichten, worunter die Erffnung des Groen Rates
nebst den zwei oder drei ersten Geschften; des Eintrittes der beiden jungen
Notare war erwhnt.
    Salander, dem die Wahlen nicht unbekannt geblieben, hatte noch nicht daran
gedacht, da heute eine Session begann und die Gebrder Weidelich an derselben
teilnahmen. Er fhlte sich wunderlich berrascht. Die unwillkommenen Liebhaber
seiner Tchter waren nicht nur als seine Gnner aufgetreten und nahe daran
gewesen, ihm selbst in den Obersten Rat zu verhelfen, sondern sie saen jetzt
selber darin, whrend er, der bewhrte und erfahrene Volksfreund, der Vater, in
der Zeitung lesen mute, was dort vorging. In Gegenwart seines weiblichen
Haushaltes berlief mit dem Schatten der Menschlichkeit eine unbequeme
Eifersucht sein Gemt.
    Was gibt es in der Zeitung, da du so ein bedenkliches Gesicht machst?
fragte Frau Marie, die ihn ansah, weil die Tchter ihn verstohlen zu beobachten
schienen.
    Ich? sagte er, die Augen nicht von dem Blatte wegwendend, es gibt weiter
nichts! Ich lese da just, da die Herren Weidelich heut in das Rathaus
eingezogen sind.
    Erst jetzt blickte er auf, da die Gattin sich bewegte, wie wenn sie
erschrke. Mit ihr zusammen nahm er wahr, da die Augen der Jungfrauen seltsam
glnzten und ihre Lippen zuckten, als wollten sie sagen: Sind sie nun alt genug?
    Die gute Suppe ist versalzen, Magdalene, nehmt mir den Teller weg! rief
die Mutter der eintretenden Kchin zu. Diese nahm den Teller samt dem Lffel und
kostete die Suppe.
    Ich begreife nicht, entgegnete sie, ich habe gewi nicht mehr Salz
genommen als gewhnlich!
    Gleichviel, sie ist versalzen! Ich mag berhaupt nicht essen! Hiemit legte
Frau Salander ihr Tellertuch weg und erhob sich.
    Marie, sei nicht tricht und i! Oder ist dir nicht wohl? rief nun Martin,
als er sah, da die Frau bla geworden. Besorgt stand er auf, und auch die
Tchter schoben mit ganz vernderten Gesichtern die Sthle zurck, um der Mutter
beizuspringen. Sie fate sich jedoch unvermutet. Bleibt nur sitzen und et!
sagte sie, ich will es auch tun, so gut ich kann!
    Als alle ihre Pltze wieder eingenommen und die bewegte Frau etwas ruhiger
geworden, fuhr sie zu sprechen fort:
    Ich sehe, da ihr nicht von eurem Willen weicht und die Dinge ihren Lauf
nehmen. Wenn ihr etwas zu sagen habt, so redet offen, ich mische mich nicht mehr
darein und berlasse eurem Vater den Rat und die Tat, wenn etwas zu tun ist!
    Sprich nicht so! sagte Martin, wir wollen nicht als geschiedene Leute vor
den Kindern stehen! Wie steht es denn nun, wandte er sich an die Tchter, was
geht vor mit den jungen Leuten, den Zwillingen?
    Es blieb ein Weilchen still. Dann nahm Frulein Setti sich zusammen. Liebe
Eltern! sagte sie mit gesenkten Augen, whrend Netti mit Herzklopfen neben ihr
sa, die Zeit ist jetzt da. Am nchsten Sonntag wollen sie kommen und um uns
anhalten. Wir bitten euch, uns nicht entgegen zu sein!
    Wieder herrschte ein kurzes Schweigen. Dann sagte Salander: Wir wollen sie
kommen lassen! Bis dahin drfen eure Eltern wohl noch ein wenig nachdenken und
auch dann die bliche Bedenkzeit ausbitten, insofern es wnschenswert scheint.
    Oh, wir wollen ja nichts berstrzen! rief Nettchen.
    Schon gut, i jetzt nur, es wird ja alles kalt! schlo Salander und setzte
allein die Mahlzeit fort, da die Mdchen feierten und die Mutter wieder
aufgestanden war und sich schweigend im Zimmer zu schaffen machte.
    Die Tchter zeigten sich von dieser Stunde an unterwrfig und sehr
liebenswrdig gegen Vater und Mutter. Wenn sie auch entschlossen waren, ihr
persnliches Recht zu behaupten, so wuten sie doch den Unterschied zwischen
einem friedlichen Ausscheiden aus dem Elternhaus und einem gewaltsamen Bruche
richtig zu schtzen. Sie hatten auch ihr gutes Gewissen wiederhergestellt, indem
sie mit den Geliebten nicht mehr zusammengetroffen und den brieflichen Verkehr
auf das Notwendige beschrnkten. Zur etwelchen Entschdigung bestiegen sie in
schnen Morgen- oder Abendstunden zuweilen die Berghhe, wo man das Haus des
Notars am Lindenberg und dasjenige des Notars im Lautenspiel sehen konnte. Jede
trug ein Doppelglas an schmalem Riemen umgehngt, und wenn sie oben anlangten,
forschten sie mit beseelten Augen in dem Ferneblau, welches die darin entrckten
Gegenstnde ihrer Liebeswahl noch tausendmal verschnerte. Netti vermochte durch
ihr Glas die Fenster am Hause Julians zu zhlen; der Schwester gelang das an
Isidors Hause nicht, weil es zu jener Zeit im Schatten stand. Dafr sah sie im
Lautenspiel einen weien Rauch aufsteigen und deutlich einen Streifen
Sonnenlichts auf einem Weiher und durch die Bume blitzen.
    Wie schn wird es sein, rief sie, wenn ich meinen Brief an dich datieren
kann: Lautenspiel, den 1. Mai!
    Auf Lindenberg, am 1. Juni wird sich auch nicht bel ausnehmen! meinte
Nettchen und guckte weiter; wenn ihr zum Besuch kommt, so essen wir in der
obern Eckstube, sieh mal das uerste Fenster links, dort mu man weit ins Land
hinaussehen! Es soll ein allerliebster kleiner Saal sein, hat er mir
geschrieben.
    Jetzt aber sahen sie mit noch grerer Sehnsucht, als in das Land hinaus,
dem kommenden Sonntag entgegen, so da derselbe fr sie nicht so unversehens da
war wie fr die Eltern.
    Frau Salander hatte sich inzwischen aus den Unterredungen mit Martin
schmerzlich berzeugt, da kein greifbarer Grund zu lngerem Widerstande
vorhanden war, der das bevorstehende Heiraten vor der Welt nur noch aufflliger
machen wrde, wenn die Tchter einfach wegliefen. Sie brachte es aber nicht ber
sich, der Heimsuchung und dem Triumphe der beiden hinterlistigen Tchter als
Opferlamm beizuwohnen; daher beschlo sie, den Tag zu einem lngst verheienen
Besuch auf dem Lande zu benutzen und zugleich durch ihre Abwesenheit den nach
ihrer Meinung mutwillig verirrten Kindern eine Strafe anzutun. Da sie jedoch dem
Mann zugegeben hatte, man werde die Freier in jedem Falle zu Tische behalten
mssen, so sorgte sie selbst fr ein anstndiges und doch in richtigem Mae
gehaltenes Essen, und niemand war froher mitzuhelfen als Magdalene, welche durch
den glcklichen Ausgang ihrer Snden vllig entlastet zu werden hoffte. Sie
diente gern in dem Hause und wnschte dasselbe nie zu verlassen.
    Als am Sonntagvormittag der Wagen fr die Mutter schon vor dem Hause stand,
sprach sie gegen Mann und Tchter noch die Hoffnung aus, man werde, was auch
kommen mge, von einer Verlobungsfeier absehen, welche ja keinen Sinn haben
wrde, da man sich auf Grund der Volljhrigkeit ohne Zutun der Eltern schon
verlobt habe.
    Die zwei Frulein verzichteten in ihrer Freude gern auf das Fest, das die
Mutter selbst fr berflssig erklrte; sie waren sogar ja froh, da sie fr
heute fortging, weil sie wuten, wie die Zwillinge sich vor ihr scheuten und die
heutige Handlung leichter abgewickelt werde.
    Martin Salander hingegen sah die Frau fast mit Trauer wegfahren, betroffen
von ihrer beharrlichen Strenge in dieser Sache; er wute, wie redlich und frei
von aller Gehssigkeit sie war, und fhlte daher aus ihrem Verhalten eine
schwere Ahnung von Unglck heraus, die er nicht zu teilen vermochte und doch
achten mute.
    Nicht lange war Frau Salander fort, so erschienen die Brder Julian und
Isidor, beide feiertglich gekleidet. Mit ihnen trat ein voller Sonnenschein in
das Zimmer. Salander war wie geblendet von den Gesichtern der Mdchen, die nicht
einmal lachten und doch so von Glck leuchteten, da er wnschte, die Mutter
knnte die merkwrdige Erscheinung auch sehen.
    Die Frulein saen standesgem auf dem Sofa des Besuchzimmers, der Vater
und die Freiersjnglinge auf Sthlen, und letztere so befangen, da es einer
guten angeborenen Bescheidenheit gleichsah. Das kam vornehmlich von der
Abwesenheit der Hausfrau her. Die Spazierstcke hatten sie vor der Tre
stehenlassen, wie es die Landleute taten, wenn sie auf die Kanzlei kamen; die
Hte hielten sie in den Hnden und schauten whrend der ersten Wechselreden
verlegen im Zimmer umher.
    Endlich brachte Salander sie auf den Zweck ihres Besuches; es gefiel ihm,
da so kecke und jugendliche Politiker doch bescheiden und sogar schchtern sein
konnten in ernstem Augenblick. Selbstverstndlich hatten sie nach allem, was
geschehen, nicht mehr viel zu sagen und taten es auch kurz und natrlich; der
Herr Groratsprsident htte nichts daran zu tadeln gefunden. Wieder sahen sie
sich an den Wnden um, whrend Salander seine Antwort erst flchtig erwog; der
wohlgeordnete Raum erhhte ihre ungewohnte Achtung und diese wieder Salanders
gute Meinung; jedes Bedenken, jede Vorstellung ber diesen oder jenen Punkt,
alle Fragen nach ihren Lebensplnen und Aussichten unterlassend, erklrte er,
immerhin mit ernster Miene, da er und die Mutter dem Willen der Tchter nicht
entgegen seien und nur der Hoffnung leben knnten, diese Verbindungen werden
usw., worauf er kurz abschnitt und die Notare, wenn sie nichts anderes
vorhtten, auf den Mittag zum Essen einlud.
    Sie waren noch immer so befangen, da sie nicht einmal wagten, in
Brutigamsweise sich den Mdchen zu nhern, die sie doch so gut kannten, und
diese von ihrer feierlichen Wrde zur Verlegenheit bergingen und darob fast
erbost wurden; denn sie wuten selbst nicht, wie vornehm sie pltzlich den
Zwillingen erschienen. Der Vater, solche Zartheit mit neuem Wohlgefallen
bemerkend und in der Absicht, die Verlobten jetzt allein zu lassen, nahm fr
kurze Zeit Abschied, um auf das Kontor zu gehen und die eingegangenen Briefe zu
ffnen.
    Am Mittagsmahle tauten die Notare ein wenig auf, doch nicht genug, um das
Gesprch zu wrzen. Salander wollte von Politik und den Ratsverhandlungen reden;
sie schienen aber nicht dazu gelaunt und lieen ihm meistens allein das Wort,
was er schlielich auch als Bescheidenheit auslegte. Er bedachte hierauf, da
man den Eltern Weidelich, die so nah wohnten, doch auch entgegenkommen msse,
und da der Anfang am besten zu bewerkstelligen wre, wenn er jetzt die Tchter
ermahnte, mit den Herren nach dem Zeisig zu spazieren und sich den knftigen
Schwiegereltern vorzustellen. Dadurch wrde Frau Marie Salander des ersten
Schrittes berhoben; er selbst wollte sie auf der einsamen Rckfahrt berraschen
und dem Mietwagen ein paar Stunden weit entgegenwandern.
    Sein Vorschlag wurde von jedermann sehr gebilligt, von den Tchtern, weil
sie auf einen ergiebigen Spaziergang rechneten, von den Zwillingen, weil sie ein
bses Gewissen hatten und die Eltern zu vershnen hofften. Die drei Sitzungstage
im Beginn der verflossenen Woche waren nmlich vorbergegangen, ohne da sie ein
einziges Mal Zeit gefunden, die sehnschtig ihrer harrenden Eltern aufzusuchen,
die nicht wuten, was sie denken sollten, bald mit der Wichtigkeit der Geschfte
und der Personen ihrer Shne sich trstend, bald an ihrem Herzen, ihrer
Kindesliebe verzweifelnd, und wahrscheinlich in beidem irrend. Auch wuten sie
nichts davon, was heute, an diesem schnen Sonntage, vorging. Die Zwillinge
hatten ihre Absicht verschwiegen, damit nicht etwa auf dem Markte durch Schuld
der mtterlichen Reden eine schdliche Szene entstand.
    So saen nun Jakob Weidelich und seine Frau Amalie auf der Bank vor dem
Hause und machten Kalender, als sie zwei schwarzgekleidete junge Herren mit
hohen Hten daherkommen sahen, jeder mit einer hbschen, blhenden und schn
geputzten jungen Dame am Arm. Denn die Salanderfrulein hatten es darauf
abgesehen, den fremden Eltern wie ihren Shnen Vergngen und ein wenig Ehre zu
bereiten, da die eigenen Eltern kein sonderliches Freuden- und Ruhmesgeschrei
erhoben. So wollten sie nun die Elternlust im Zeisig zu erhhen suchen und sich
mit daran gtlich tun.
    Mann und Frau Weidelich dachten eher an den Tod, als da das ihre Shne
wren, bis sie ganz herangekommen.
    Jetzt endlich erkannten sie ihr Blut, von gutem Weine und noch besserem
Abenteuer so rosig angehaucht wie noch nie; als aber vollends die zwei Frulein
Salander genannt und als Brute vorgestellt wurden, da vergaen sie,
insbesondere die Mutter, alles Leid schneller, als ein Licht ausgeblasen wird.
Wenigstens ward es ihr fast dunkel vor den Augen: die Salanderinnen, von denen
das Stck erst eine halbe Million Franken gelten sollte! Das heit, wenn ihr
Vater nicht wieder Dummheiten machte! Denn wer kann heutzutag noch fest auf
seinen Willen bauen? Das ist jetzt so, sie haben die Brute und sind Mannes
genug mit und ohne die halbe Million!
    Solche Gedanken strmten in der Brust der guten Frau, wurden aber nicht
laut; denn sie war stracks in das Haus hineingelaufen und putzte sich in der
Geschwindigkeit so gut als mglich heraus. In der Zeit fhrte der ehrliche
Milch- und Gemsehndler den Ehrenbesuch in die lndliche Stube, ntigte die
jungen Leute, um den Tisch herum Platz zu nehmen, und eilte, um nicht sofort
reden zu mssen, mit der blanken Weinkanne in den Keller.
    Whrend er dort war, kam die Frau gesprungen, rief: So ist's recht, ruhet
nur aus! lief aber zur andern Tr wieder hinaus, um die Magd auszutreiben, wie
sie sagte, damit sie schnell Kchlein backen helfe, nur eine Schssel voll, zum
Kaffee, der gemacht werden msse. Umsonst gingen und riefen die jungen Leute ihr
nach, sie solle doch alles bleiben lassen, sie htten weder Hunger noch Durst.
Das gehe sie nichts an und der Tag sei noch lang und noch nichts bereit, gab sie
zurck und trollte sich weiter. Sie prallte mit ihrem Manne zusammen, der mit
der gefllten Zinnkanne und einem groen Stck Kse auf bemaltem Teller
gemessenen Ganges hereinkam, auf den Tisch abstellte, denselben mit Glsern
bedeckte, dann aber nicht dablieb, sondern wieder hinausging und nach einer
Weile mit einer riesigen Schssel voll Schinkenschnitze zurckkehrte. Dann nahm
er kleinere, ebenfalls mit bunten Nelken verzierte Teller, Messer und Gabeln aus
dem Schrank und holte zuletzt ein groes Bauernbrot herbei, das er anschnitt.
Dazwischen hrte man von der Kche her schon das Feuer knistern und die Butter
in der Pfanne spratzeln.
    Ei, was machst du denn, Vater? rief Frau Weidelich, in weier
Kchenschrze und mit gertetem Gesichte eintretend, das wre ja spter nach
dem Kaffee recht gewesen! Wo soll ich denn damit hin?
    Bring nur, was du hast, wenn du fertig bist! sagte gelassen Jakob
Weidelich, wir stellen alles durcheinander, so sieht unsere Armut um so reicher
aus! Ohnehin trinken ich und die Buben lieber ein Glas Wein als Kaffee.
    Die Buben, ja! Wit ihr ungeratenen Ratsherren, da wir den schnen
Schinken vergangene Woche schon fr euch gesotten haben? Aber ihr habt euch
nicht ein Augenblicklein gezeigt und uns vergeblich warten lassen!
    Du mut es nicht belnehmen, Mama! entschuldigten sich die Shne, wir
gehren unseren Stellungen, nicht mehr uns selbst an; Geschfte und Umstnde
nahmen uns dies erste Mal so in Anspruch, da wir uns vor der Abfahrt nie
losmachen konnten. Knftig wird es hoffentlich nicht mehr so gehen!
    Gott bessere es! sagte die Mutter, aber das Kcheln macht mir einen
Heidendurst! Gib mir ein halbes Glas voll Wein, Vater, und schenke den jungen
Herrschaften auch ein, weil's einmal dasteht!
    Weidelich go einen klaren, halbroten Wein in die Glser.
    Zur guten Gesundheit, ihr lieben Jungfern! Zur Gesundheit, Vater! Und
Isidor und Julian!
    Sie trank das halbe Glas mit einem Zuge leer und wischte den Mund mit der
Schrze, sichtlich erfrischt weitersprechend:
    Und was machen denn die lieben Eltern, ihr Frulein? Ist die Mama wohlauf
und der Herr Papa auch?
    Vater und Mutter sind beide wohlauf, wir danken der Nachfrage! sagte
Setti, wir sollen Sie und Herrn Weidelich freundlich von ihnen gren, und sie
hoffen bald Gelegenheit zu haben, die geehrten Eltern unserer Brutigame selbst
zu begren!
    Jetzt ist's Zeit fr dich als Vater, auch dein Wrtlein zu sagen, stie
die frhliche Frau den Mann an, der, von der Verlobungsgeschichte zwar nur halb
unterrichtet, den Stand der Sache im ganzen doch zu beurteilen wute; er
rusperte sich ein weniges, eh er sprach:
    Was soll ich da viel sagen, als da es mir eine Ehre ist, oder uns, wollt
ich sagen! Ich bin ein schlichter Landwirt (die Shne hatten ihm diesen Ausdruck
eingelernt, weil der alte Name Bauer, der immer einen Herren voraussetze, im
souvernen Volke nicht mehr blich sei), ich bin ein schlichter Landwirt und
wei nicht gelehrte und wohlgesetzte Worte zu machen! Ich kann nur die
freundlichen Jungfern, die mir ganz gut gefallen, willkommen heien, und htte
nie gedacht, zu so vornehmen Sohnsfrauen zu kommen! Mge der Herr seinen Segen
dazu geben!
    Ich hab es schon lang getan! rief Mama Weidelich, es soll gelten! Lat
uns darauf anstoen!
    Sie trank die andere Hlfte ihres Glases aus, wischte sich aber diesmal mit
der Schrze gerhrt die Augen, statt des Mundes; denn ein schner Teil all ihres
Sinnens und Trachtens schien jetzt in Erfllung zu gehen. Vorderhand lief sie
wieder in die Kche, um ihrerseits die Arbeit am Glcke nicht ausgehen zu
lassen; man hrte sie Kaffee mahlen, Zucker zerstoen und dazwischen laut mit
der Magd reden, die, einen Spritzkuchen an einer langen Gabel emporhaltend,
nicht aus dem Staunen ber das Ereignis herauskam.
    Es blieb keine Zeit fr den Spaziergang, auf den die Jungen gehofft; die
Frau wollte die unverhoffte Verlobungsfeier nicht unterbrechen, den Triumph sich
nicht verkrzen lassen, und sie teilte die Heiterkeit ihres Gemtes auch den
anderen mit, zumal den zwei Bruten, welche fr die Ausdauer ihrer Gefhle hier
mehr Anerkennung fanden, als im eigenen Elternhause, und sich offenen Herzens
daran erfreuten. Es wurden sogar einige Liedchen im Chor gesungen; vor dem Hause
sammelten sich neugierige Kinder, bei dem alten Brunnen mit dem abgesgten
Flintenlauf standen Weiber aus der Nachbarschaft, welche das Gercht
herbeigelockt, und suchten des Anblickes der Brautleute teilhaftig zu werden.
    Das gelang ihnen auch. Die Herren Notare konnten trotz des mtterlichen
Eindringens nicht ber Nacht bleiben, weil fr beide auf den nchsten Morgen
Geschfte vertagt waren; die Brute aber waren zuletzt doch froh, sich auf den
Heimweg zu machen, um noch vor der Mutter zu Hause zu sein.
    Die Zuschauer auf dem Brunnenplatze, Weiber und Kinder, sahen daher
unvermutet den kleinen Festzug aus der Tr treten und sich ber den Platz
bewegen, zu zwei und zweien, voran die Brautpaare, zuletzt die Eltern als
Nachhut. Mama Weidelich wollte sich sehen lassen und bestand darauf, eine
Strecke weit das Geleite zu geben.
    Seht! flsterten die Leute, da kommen sie! Das sind die Landschreiber,
potztausend! Und das also die Frulein, die hortreich sein sollen! Sauber sind
sie, leutselige Weibsbilder! Und die Alte, die blht ja wie eine Rose! Guten
Abend, Frau Weidelich, guten Abend, Herr Weidelich!
    Sie nickte den Weibern dankbar zu, weil sie so hbsch am Wege standen.

                                       XI


Nachdem das Doppelbndnis einmal entschieden war, nahm sich die andere Mutter,
Marie Salander, der Aussteuer ihrer Tchter um so sorgfltiger und freigebiger
an. Nicht nur alles Gewobene, sondern so ziemlich die ganze haushltliche
Einrichtung im Lautenspiel zu Unterlaub und in Lindenberg sollten sie
mitbringen. Martin, ihr Mann, meinte, man msse doch den Leuten im Zeisig auch
das bliche zu tun einrumen; allein sie sagte, vor allem wnsche sie, da die
Kinder in ihrem Zugebrachten sitzen und stehen, schlafen und wachen knnen; man
wisse nicht, wozu es gut sei. Ein weiterer Vorteil bestehe in dem
gleichmigeren, einfachen Geschmack, der dabei herauskomme; wenn man nicht in
altgewohntem Vterhausrat lebe, so msse man sich das Neue auch fr die Augen
wohnlich zu machen suchen.
    Hr auf, Frau! lachte Salander, woher fliegen die Mcken? Du wirst mir am
Ende gelehrt und arbeitest an einer Mobiliarpsychologie!
    La mich zufrieden, sagte sie, ich bin nicht zu Possen aufgelegt!
    Setti und Netti lieen die Mutter gerne gewhren, um sie bei gutem Willen zu
erhalten; glich sie doch in ihrem Walten beinah einem jungen Mdchen, das eines
Tages nochmals ber seine alte Puppenstube gert und trumerisch damit zu
spielen beginnt. Sie sah dabei aus, wie wenn man sie nicht stren drfe, um
nicht das ffentliche Geheimnis ihres Kummers zu wecken.
    Die Tchter hatten indessen andere Schmerzen; die Frage, wer alles zu der
Hochzeit geladen werden solle, gab ihnen zu schaffen. Da beide Hochzeitsfeste
in eines verschmolzen werden mssen, schien in der Natur dieser
auerordentlichen Heiratsgeschichte selbst zu liegen und eine gerechte Krnung
des ganzen Liebeskunstwerkes, eine Vergtung der dabei erlittenen Unbilde zu
sein. Nun erfreute sich aber die Salanderfamilie keiner ausgebreiteten
Freundschaft und geselliger Beziehungen, einmal wegen ihrer wechselreichen
Schicksale, dann auch wegen Salanders politischem Wesen. Wohlhabende
Geschftsleute und hnliche, die aus den fr besonnen geltenden Reihen des
bisherigen Zustandes heraustreten und mit den bewegten Massen voranstrmen,
gelten bei jenen Standesgenossen mindestens fr wunderliche, unvertraute Kuze,
denen die gesicherte Staatsordnung ein Spielball der Leidenschaft oder des
Ehrgeizes sei; hieraus erwchst immer ein Lsen des engeren Verkehrs, whrend
die allgemeine Achtbarkeit schon der ntzlichen Geschftssachen wegen bestehen
bleibt. So wenigstens suchte Martin Salander den Seinigen entschuldigend die
Verlegenheit zu erklren, die bei der Auswahl der Hochzeitsgste zutage trat.
Die Tchter vollends besaen gar keine intimen Freundinnen mehr. Unter diesen
Umstnden dachte der Vater eine Zeitlang daran, aus der Hochzeit ein
freiheitliches Volksfest zu gestalten und eine Schar Demokraten mit ihren
Frauensleuten zu laden, die in Verbindung mit dem zu erwartenden Anhang des
Hauses Weidelich ein wackeres Bild, einen Auszug des Volkes darstellen wrden.
Die Mutter wute ihm jedoch den Gedanken auszureden, und er sah ein, da es
vielleicht nicht gut wre, diese Hochzeit zu einem politischen Parteifeste zu
machen mit einem nicht abzusehenden Verlaufe. Auch die Tchter scheuten sich,
mit ihrem erkmpften Glcke ein ffentliches Schauspiel zu geben.
    Desto eifriger wnschten die Brute den Bruder Arnold zur Hochzeit herbei.
Sie hatten einen mit den Eltern gemeinschaftlich geschriebenen Brief an ihn nach
England gesandt, nachdem er die erste Verlobungsanzeige mit einem kurzen
Glckwunsch ohne alle scherzhaften Wendungen erwidert.
    Auf die vierfache Einladung traf nun ein Brief Arnolds an den Vater ein.
Liebster Vater! schrieb er, Euere dringende Gesamtaufforderung, zur Hochzeit
zu kommen, hat meinem gut Salanderschen Sohnes-und Bruderherzen gewi wohl
getan, und fast tut es mir weh, dem Vergngen, das ich mir versprechen drfte,
entsagen zu mssen. Vielleicht werden die l. Schwestern es auch nicht galant
finden, wenn ich ber dies Mssen eigenmchtig selbst entscheide; allein es ist
so, ich kann jetzt wegen der Hochzeit nicht den hiesigen Aufenthalt pltzlich
unterbrechen, um mglicherweise, wie es eben so geht, nachher nicht mehr
zurckzukehren, wenn ich einmal dort bin. Die l. Mutter, welche, es sei gesagt,
ohne Eifersucht erregen zu wollen, eine Spezialitt meines Herzens ist, wird
mich verstehen!
    Liebster Vater! Ich habe Dir zu bekennen, da ich hier nicht Jura treibe,
wie wir verabredet, sondern englische Geschichte, wobei ja wnschendenfalls, wie
sie in Mnsterburg sagen, immer etwas Recht mit unterluft. Ich wei wohl, da
man nicht gerade in die Lnder zu gehen braucht, deren Geschichte man im
allgemeinen studieren will; wenn man aber da ist, kann man in Land und Leuten
einen Anschauungsunterricht genieen, der nicht zu verachten ist.
    Ich mu nun gleich zu dem bergehen, was hiemit zusammenhngt und ich Dir
vorzulegen habe. Du hast bis jetzt gewnscht, da ich sofort die juristische
Praxis antrete, wenn ich heimgekehrt bin, und zugleich beginne, mich am
politischen Leben zu beteiligen. Das mchte ich mit Deiner Zustimmung gern etwas
anders anfassen. Die Jurisprudenz werde ich nach Krften weiter pflegen, fhle
aber einen lebhaften Drang, mehr als bis zur Stunde geschehen, mich den
historischen Studien zu widmen, was ich mir folgendermaen denke. Unsere Mittel
wrden mir gestatten, eine Zeitlang in der Heimat als unabhngiger
Privatgelehrter zu leben, womit sich, damit ich nicht ganz umsonst esse, wohl
vereinigen liee, in Deinem Handelsgeschfte diese oder jene Funktionen zu
besorgen. Ich habe ja frher schon manche Stunde an Deinem Pulte mitgeschrieben.
Wrde so allmhlich ein leidlicher Kaufmann daraus, so tte die etwelche
Gelehrtheit ihm keinen Abbruch, und die Frage, welches die Zukunft Deiner Firma
sein soll, wre im Notfall zugleich fr eine weitere Zeit gelst. Also: ein
junger Jurist arbeitet nach Bedrfnis und Gelegenheit im Handelshause seines
Vaters mit, treibt daneben Geschichte fr seinen Hausgebrauch, um die werdende
Geschichte besser zu verstehen und ihre Dimensionen messen, ihre Bedingungswerte
schtzen zu lernen.
    Was Teufel ist das? unterbrach sich Martin Salander im Lesen, vergeblich
ber den Sinn der Phrase nachdenkend; las dann aber weiter:
    Wo will das hinaus? wirst Du fragen! Ich will gleich den Schlssel
hersetzen. In G. ging ich mit einigen Landsleuten um, welche sich vorzugsweise
gern ber die politischen Zustnde der Heimat unterhielten und die empfangenen
Nachrichten unter weisen Betrachtungen austauschten. Einer davon aus dem Kanton
X. wurde von seinem Vater ausgesucht, der nach dem Seebade reiste. Er brachte
einen Abend mit dem Sohne und uns zu, hrte unsere Gesprche an, in die wir den
alten Herrn bald verwickelten. Als er ein und das andere ungeduldige und
vorschnelle Urteil vernahm, woran sich der Schlu knpfte, es drfte der
betreffende belstand wohl erst durch ein neues Geschlecht von Gesetzgebern, von
frischen Krften gehoben werden, lchelte der Alte und meinte, es handle sich
nach seiner Erfahrung nicht sowohl um einen Mangel an frischen Krften, die ja
ohnehin schon durch das allgemeine Menschenschicksal unaufhrlich zuflssen, als
im Gegenteil um einen bedchtigeren, beharrlicheren Ausbau des Geschaffenen. Er
erzhlte nun anschaulich, wie er zum dritten Mal erlebt habe, da nach einem
kraftvollen Umschwung die Shne der Mnner, die ihn bewirkt und im besten
Mannesalter standen, als Schler sich zusammengetan und verabredet htten, sie
wollten noch etwas ganz anderes herstellen, wenn sie drankommen wrden. Ohne zu
wissen, was das Unerhrte eigentlich sein solle, htten sie spter wirklich Wort
gehalten, wie wenn sie auf dem Rtli geschworen htten, und ihre Zeit lang die
heilige Gesetzgebung verwirrt und gestrt, bis ihre eigenen Sprlinge den
gleichen Schwur getan und als neue Generation ihnen vom Amte halfen oder
wenigstens mit groem Spektakel zu helfen suchten. In diesem Lichte gesehen, sei
der Fortschritt nur ein blindes Hasten nach dem Ende hin und gleiche einem
Laufkfer, der ber eine runde Tischplatte wegrenne und, am Rande angelangt, auf
den Boden falle, oder hchstens dem Rande entlang im Kreise herumlaufe, wenn er
nicht vorziehe, umzukehren und zurckzurennen, wo er dann auf der
entgegengesetzten Seite wieder auf den Rand komme. Es sei ein Naturgesetz, da
alles Leben, je rastloser es gelebt werde, um so schneller sich auslebe und ein
Ende nehme; daher, schlo er humoristisch, vermge er es nicht gerade als ein
zweckmiges Mittel zur Lebensverlngerung anzusehen, wenn ein Volk die letzte
Konsequenz, deren Keim in ihm stecke, vor der Zeit zu Tode hetze und damit sich
selbst.
    Wir waren von dieser zurechtweisenden Rede des alten Herrn nicht wenig
verblfft, nahmen sie aber mit Achtung auf; wir muten das Tatschliche daran
zugestehen, da wir hnliches selbst schon unter der Jugend beobachtet, und
belachten den Humor davon.
    Nachher sprach ich mit einem der Freunde, dem ich nher stehe, wiederholt
von jener Unterhaltung; wir dachten von dem Gesichtspunkte des Alten aus mehr
ber die politischen Tageslufte nach, die wir aus der Heimat vernahmen. Kurz,
wir gelangten endlich zu dem Entschlusse, im Gegensatze zu den
Schulbankagitatoren, uns nicht als neue Generation aufzutun, sondern uns im
stillen fr alle Flle brauchbar zu machen in Zeiten, wo es notwendig werden
knnte, mit einzustehen und den Rang finden zu helfen. Am allgemeinen
mitzudenken sei immer ntig, mitzuschwatzen aber nicht.
    Lieber Vater! So ist nun die Gesinnung oder Stimmung beschaffen, aus welcher
heraus ich mein Verhalten, wie ich es oben dargelegt, einzurichten vorhabe,
insofern Du den Sohn in solcher Gestalt zunchst im Hause dulden kannst. Den
Tribut, den ein Haus dem ffentlichen Leben schuldig ist, bezahlst Du ja
indessen mit Deiner Person so vollgltig, da ich noch lang hin im Schatten
Deines Beispiels mich ruhig fortbilden kann!
    Martin legte den weitlufigen Brief offen auf sein Pult, nahm ihn wieder
auf, wandte die Bltter und sagte:
    Was ist nun das? Treibt er Spa oder Ernst? Mit seiner Geschichte! Und was
ist das fr ein alter Herr mit dem Kfer auf dem Tisch, den er dem Fortschritt
vergleicht? Halt, da dmmert was - ich glaube bald, ich habe einen jungen
Doktrinr in die Welt gesetzt! Er wei, da ich ein Mann des Fortschrittes bin,
und kommt mir mit dem Kfer! Das ist doktrinre Kritik, am Ende die ganze
Geschichte von dem alten Kerl erfunden! Und doch nicht, er ist dafr zu ehrlich
und ernsthaft! Im Grunde, wenn er im Geschfte mithelfen will, kann mir das nur
lieb sein, ein doctor juris steht ihm nicht schlecht an. Der historische
Doktrinarismus im politischen Gebiete wird ihm schon vergehen, wenn er in den
Zug kommt. Dimensionen und Bedingungswert der werdenden Geschichte! Gras wachsen
hren! Will er eingeschlagene Eier backen, den Thermometer in der Pfanne? Sei
es! wenn er nur was Rechtes wei, so ist ihm zuletzt dies oder jenes abzulernen,
woran er selbst nicht denkt! Das Ding mit dem stillen Privatgelehrten und dem
Kaufmann, der es drauf ankommen lt, ob er hervortreten wird oder nicht, hat
doch etwas fr sich und sieht gut aus, zumal wenn man es ja bequem machen kann!
In der Tat, es gefllt mir immer weniger bel! Was schreibt er denn da noch? Er
wnschte noch ein Jahr zu reisen, wenn es anginge! Warum nicht? Ich wollt, ich
htt es auch tun knnen, als ich jung war, nur um mich zu unterrichten! Nachher
mute ich freilich reisen, weit genug, hab aber vor Plackerei kaum was gesehen
und an Weib und Kind denken mssen!
    Er teilte den Brief den Frauenzimmern mit, die aus verschiedenen Grnden
betrbt waren, die Tchter, weil der Bruder nicht zur Hochzeit kam, die Mutter,
weil sie den Sohn noch lnger entbehren mute, und gerade jetzt, wo sie die
Tchter verlor. Und er hatte ihr noch nie Kummer gemacht. Sein Lebensplan aber,
oder wie man die Auseinandersetzung seiner Absicht benennen will, auf die Martin
sie aufmerksam machte, erfllte sie mit stolzer Freude, so wrdig und ernst
erschien ihr alles, was er schrieb, und sie billigte zuletzt alles, selbst das
Reisen. Mit dem Manne spter allein, konnte sie sich nicht enthalten, sich mit
einiger berhebung der Gegenschwherin gegenberzustellen und im Hinblick auf
deren Zwillinge den eigenen Sohn zu preisen.
    Salander wurde ordentlich eiferschtig auf ihn.
    Du bist ein bichen Aristokratin, sagte er, ich wei gar nicht, warum du
die Leute so wenig leiden kannst! Warte das Ende ab, wer zuletzt lacht, lacht am
besten! Die Zwillinge werden noch ein paar handfeste Mnner werden und
obenaufkommen, whrend unser Arnold mit seinen Schrullen vielleicht ein
unbedeutender Stubenhocker wird!
    Er nahm den Brief mit auf das Kontor und las ihn nochmals durch. Wieder lief
ihm der fortschrittliche Kfer des alten Herrn ber die Leber und rgerte ihn;
ein Gedanke gab den andern, Salander htte Arnold auch gern an der Hochzeit
gehabt, und bei diesem Punkte angekommen, nderte er pltzlich wieder seine
Ansicht von dem Feste und beschlo, dem doktrinren Sprling zum Possen doch
eine politische Volkshochzeit zu feiern, damit er in der Ferne vernehme, was die
Glocke geschlagen!
    Ohne die Gattin weiter einzuweihen, verband er sich mit den knftigen
Schwiegershnen und setzte mit ihnen den Plan fest. Dem Geiste der Zeit
entsprechend, wurde von allem Auffahren einer Menge Kutschen abgesehen und die
Eisenbahn als Befrderungsmittel gewhlt. Die aus der Stadt und ihrer Umgebung
geladenen Gste verfgen sich nach dem Bahnhof, wo die Hochzeitspaare und deren
Eltern sie erwarten. Jedermann ist anstndig gekleidet, wie zu einem
sonntglichen Ausfluge; aber keine Ballroben, keine Frcke werden gesehen. Im
Saale der Bahnhofswirtschaft wird die Morgensuppe genossen, mitten im Verkehr
des reisenden Publikums, ein Bild des rastlosen Lebens. Es ist indessen dafr
gesorgt, da das Beste aufgetragen wird in der stillen Zeit, da die Zge
abgefahren und die Sle leer sind. Dann fhrt ein Extrazug die Hochzeit nach dem
Orte, wo die Trauung stattfinden soll; es ist ein ansehnliches Dorf mit guter
Wirtschaft, das ziemlich in der Mitte zwischen der Stadt, dem Lindenberg und
Unterlaub liegt. Zwei kleine Sngerchre, die von den beidseitigen Freunden und
Anhngern der Brutigame gestellt sind, empfangen die Versammlung und begleiten
sie, eine krftige Landwehrmusik voran, in die Kirche, wo ein geistlicher
Demokrat die Predigt und den Trauungsakt verrichtet. Dann geht es zum
Hochzeitsmahle, fr das bei gutem Wetter im Baumgarten beim Hauptwirtshaus, also
im Freien, die Tische gedeckt stehen, und eine Zahl fernerer Gste der
Landesgegenden sind herbeschieden, worunter redekundige Leute.
    Ein kleines Festspiel unterbricht den Schmaus und die Gesnge. Auf die
verschiedene Parteistellung der zwei jungen Grorte anspielend, wird von
allegorischen Figuren ein Waffenstillstand zwischen den Demokraten und den
Altliberalen beraten und abgeschlossen, nicht ohne Hinweis auf die doppelte enge
Verschwisterung der Hochzeitsparteien, die als schnstes Vorbild fr das
Wiedervereinigen der Landesparteien ausgerufen werden usw. Hat sich, wie zu
erwarten, aus der zuschauend teilnehmenden Bevlkerung, welche freundlich zu
bewirten ist mit den Gsten zusammen eine kleine Volksversammlung gebildet, so
treten die Redner auf und benutzen die Reihe der blichen Toaste zum Einflechten
derjenigen Betrachtungen, welche geeignet sind, das Volksbewutsein zu heben,
und in den hchsten sittlichen Prinzipien des freien Staates gipfeln, dessen
Wurzeln in der freien Familie gegrndet sind.
    Vom Tanzen wird vorlufig abgesehen und vielmehr auf die Musik zum Anstimmen
und Begleiten einiger National- und Freiheitslieder gerechnet, welche durch die
anbrechende Nacht bei Fackelglanz, von der ganzen Menge gesungen, weithin sich
hren lassen sollen. Als Salander das Programm mit den Shnen Weidelichs an Ort
und Stelle des Festes zu ihrem anfnglichen Erstaunen und nachherigen groen
Vergngen vereinbart hatte, und zwar mit dem schlielichen Bemerken, da er
selbstverstndlich als Urheber des Projektes die ganzen Kosten bernehme, fuhr
er guter Laune nach Mnsterburg zurck.
    So, Meister Arnold, der das Gras will wachsen hren, schmunzelte er in
sich hinein, kmest du an die Hochzeit deiner Schwestern, so wrdest du es
einen guten Atemzug tun sehen, vielmehr hren, will ich sagen, oder beides
zusammen! Du wrdest lernen, da dies Land noch keine runde Tischplatte ist, wo
Kfer drauf hin und her rennen! Sein alter Herr hat vielleicht an Krebse
gedacht, die keine Augen in den Schwnzen zu haben pflegen, wenn sie ihre
Fortschrittswege zurcklegen!
    In der frhlichen Laune machte er auch Frau und Tchter mit dem
Festverlaufe, wie er bestimmt worden, bekannt. Zu seiner Verwunderung blieb die
Frau ganz gelassen und schien gar nicht so unzufrieden zu sein.
    Ich freue mich, sagte er, da du keinen Widerspruch mehr erhebst, du
wirst sehen, es wird eine gelungene Hochzeitsfeier absetzen, wie sie nicht alle
Tage vorkommt!
    Sie erwiderte mit schonendem Lcheln fr die Tchter:
    Ja, es ist mir soeben, whrend du erzhltest, ein anderes Licht
aufgegangen: ich glaube jetzt, da durch diese auerordentliche Art von Hochzeit
die ungewhnliche Geschichte derselben in den Hintergrund rckt oder vielleicht
ganz ausgeglichen wird!
    Nicht wahr? Siehst du, wie klug du bist? Daran habe ich nicht einmal
gedacht!
    brigens ist es mir auch sonst ein wenig besser zumute in der Sache. Ich
bin heute im Zeisig oben gewesen wegen Aussteuersachen und habe die Frau
Weidelich in groer Wochenarbeit getroffen und ein Weilchen warten und zusehen
mssen. Es gefiel mir, da sie gar keine Komplimente machte. Und dann hab ich
mich ordentlich erbaut an dem rstigen Fleie, mit dem sie hantierte und die
Arbeit regierte, wahrhaftig unermdlich und auch umsichtig; sie lie nichts
durchgehen, legte berall Hand an und sorgte zugleich fr die Waschweiber und
Pltterinnen. Den Mann hab ich auch gesprochen, und er gefiel mir in seiner
ehrlichen Bescheidenheit und Ruhe noch besser als die Frau. Auch er scheint nie
mig zu sein, so gemessen er sich herumbewegt. Nun, dachte ich, wenn die pfel
nicht weit vom Stamme fallen, so kann es auch da nicht stark fehlen!
    Hrt ihr, Kinder! freut es euch nicht? redete Salander die Tchter an.
    Was? sagten sie, aus dsterm Sinnen erwachend, in welchem sie gar nicht
auf das Gesprch der Eltern geachtet hatten. Ihre Augen waren sogar voll Wasser.
    Nach und nach stellte sich heraus, da die Morgensuppe ihres Ehrentages
nicht im Gasthofe oberen Ranges, sondern in der Bahnhofrestauration, unter
Geschftsreisenden und glotzenden Englnderinnen eingenommen, ihre Betrbnis
verursachte; da es keine Kutschen geben sollte, gerade fr sie allein, whrend
die rmste Magd in einer Droschke zur Kirche fahre, machte sie traurig; da sie
entweder im Brautgewand und Schleier, die Myrten auf dem Kopf, vielleicht den
Regenschirm in der Hand, zu Fu nach dem Bahnhof marschieren, oder dann, wie es
den Gsten vorgeschrieben, als Rigireisende verkleidet gehen wrden, beleidigte
sie.
    Merkwrdig! Euere Verlobten haben gerade diese Idee mit wahrem Gaudium
aufgenommen und denken sich damit auszuzeichnen! Sie gehen sogar damit um, weie
leinene Sommeranzge machen zu lassen und Strohhte zu tragen! berichtete der
Vater.
    So, tun sie das? Dann gehen wir einfach nicht mit! sagte Setti; wir haben
nicht so lange geharrt und ausgehalten, um aus unserer Vermhlung eine Maskerade
zu machen!
    Nein, das tun wir nicht! besttigte Netti; wir haben auch etwas dazu zu
sagen!
    Die Mutter schlichtete den Streit.
    Genaugenommen haben sie recht, was den hiesigen Teil des Festes betrifft,
sagte sie, es wre im Bahnhof doch eine wunderliche Existenz und auch die Kche
in einem guten Hotel angemessener. Das Getrappel zu Fu geht ja eigentlich auch
nicht, dazu ist die Stadt zu bevlkert; tausend Kinder wrden uns vor- und
nachlaufen. Den Mdchen knnen wir das Brautkleid, das sie nur einmal im Leben
tragen, auch nicht absprechen, und so sind Kutschen im voraus notwendig und
damit mssen wir fr die ganze Gesellschaft Kutschen haben! Wie es drauen im
Dorf gehalten werden soll, mag bei eurem Programm bleiben, dieser Teil ist ja
die Hauptsache.
    Gut, ich fge mich! entschied sich Salander. Dann frhstckt man aber im
groen Saal zu den Vier Winden und fhrt dahin und von dort nach dem Bahnhof,
meinetwegen in hundert Kutschen und noch mehr! Die Vier Winde mchte ich haben,
weil das Lokal einen politischen Beigeschmack hat.
    Frau Marie Salander blickte den Mann mit unmerklich zuckendem Munde an,
vielleicht das erste Mal mit dem zweifelhaft fragende Ausdruck, der in ihren
Augen lag.
    Der Tag war nach allen Vorbereitungen endlich da, inmitten des Junimonats,
und der Himmel unbewlkt. Vom Salanderschen Hause fuhren zwei Wagen mit den
Braut- und Elternpaaren nach den Vier Winden, whrend in einer Anzahl anderer
Fuhrwerke gegen vierzig Personen beiderlei Geschlechts dort anlangten. Auer den
Brutigamen und ihren Vtern erschienen fast smtliche Mnner in bequemen
Kleidern jeder Farbe und Machenschaft. Nur Herr Mni Wighart, vielleicht der
einzige nicht demokratische Gast, kam schwarz gekleidet. Er stimmte stets mit
der liberalen Partei, freute sich aber zuweilen, wenn sie eine Ohrfeige bekam,
weil er es vorausgesagt, und lie im brigen die Dinge sich nicht viel zu Herzen
gehen. Heute war er beraus gespannt auf das Hochzeitsfest, das schon im voraus
von sich reden gemacht, und hatte die Einladung des alten Freundes mit Dank
aufgenommen.
    Die Frauensleute der ganzen Gesellschaft kamen hochzeitlich gekleidet, mit
frisierten Haaren, Blumen und anderer Zierat, wie es Alter, Geschmack und Mittel
erlaubten. Und das ohne alle Verabredung; jede tat, was sie wollte, und alle
hatten das gleiche gewollt, trotz den Mahnungen der Mnner, die sich an
Salanders Vorschrift hielten. Sie freuten sich jetzt doppelt, als sie sich mit
beflissener Neugier um die Brute versammelten und deren romantischen Staat und
Anblick bewunderten, den sie feenhaft nannten, whrend man ihnen hatte
weismachen wollen, sie wrden auch in gewohnten Sonntagsrcken auftreten.
    Setti und Netti aber fhlten eine groe Befangenheit, denn noch nie war eine
Hochzeit in Mnsterburg gewesen, an welcher die Braut so wenig bekannte
Gesichter unter den Hochzeitsgsten sah.
    Indessen schuf das gute Frhmahl, verbunden mit dem sonnigen Tage, bald eine
vertrautere Stimmung, und der Extrazug in der Bahnhalle nahm eine zur Heiterkeit
ziemlich gleichmig vorbereitete Gesellschaft auf. In einer Stunde war man an
Ort und Stelle. Auf dem Stationsplatze bliesen acht gediente und gebte
Musikanten einen schnen Marsch, bis der Zug anhielt und die Insassen
ausgestiegen; im Wartesaal begrten die versammelten Gste von der Landschaft
die Ankommenden und ordneten sich mit denselben zum Gange nach der Kirche. Beim
Heraustreten machte die Musik kehrt und fhrte den Zug unverweilt mit klingendem
Spiele in den Tempel. Der Teil des Volkes, das nicht schon dort sa, besonders
die Jugend, lief nebenher, am dichtesten, wo die denkwrdigen Zwillingsbrder
und die geschmckten, ebenso merkwrdigen Brute gingen.
    In der gefllten Kirche standen auf der Empore in der Tat zwei Huflein
Snger, jedes von einem Schulmeister mit gelber Stimmpfeife angefhrt, die ihm
zugleich als Taktstock diente. Takt im weiteren Sinne besaen sie nicht genug,
denn statt sich als ein Chor zusammenzutun, hatten sie sich ausgestellt, als ob
sie gegeneinander das bekannte Pintschgauer Wallfahrtslied singen wollten.
Dennoch intonierten sie gemeinschaftlich unter dem Schwingen der zwei
Stimmpfeifen ganz ordentlich ein kirchliches Lied, welches vom Gemeindegesang
krftig gedeckt wurde.
    Der Pfarrer verlas hierauf ein eigens verfates Gebet, welches den
kirchlichen Sinn und die Rechte des freien Denkens gleichmig vertrat, und
hielt eine schne Predigt oder religise Rede ber das gefeierte Ereignis,
dasselbe mehrseitig erklrend und zu einer Parabel ausgestaltend, die allgemein
wohlgefiel und wahrhaft erbauend genannt wurde.
    Zum Schlusse trugen die Snger eine treffliche Komposition von Uhlands
Brautgesang vor, die ihnen etwas schwieriger wurde als der vorige Choral,
indem sie jetzt ohne die Gemeinde singen muten und die gelben Stimmpfeifen
nicht ganz gleich auf und nieder gingen. Auch war im Text durch den heutigen
Sonderfall eine kleine nderung als geboten erachtet worden. Statt des
Einganges:

Das Haus benedei ich und preis es laut,
Das empfangen hat eine liebliche Braut;
Zum Garten mu es erblhen;

wurde gesungen:

Das Haus benedei ich und preis es heut,
Das empfangen hat zwei liebliche Brut' usw.

und statt Aus dem Brautgemach tritt eine herrliche Sonn' hie es: tritt eine
doppelte Sonn'.
    Allein niemand bemerkte die unntige Verschlimmerung, und die kleinen Takt-
und Harmoniewirren fanden duldsame Hrer. Zufrieden mit dem guten Willen, wenn
es unter sich ist, betrachtet das Volk eine stramme Kunstbung eher als ein
aristokratisches Wesen und ist durch alle Schichten hindurch darauf aus, eifrig
zu demokratisieren, was in seinen Bereich kommt. So ungefhr uerte sich Martin
Salander der Gattin gegenber, als sie spter neben ihm am Tische sa und
bemerkte, es dnke sie, die Snger htten ein wenig stark falsch gesungen.
    Und das Volk hat recht! schlo er.
    Warum recht? Frher, es ist freilich lange her, dachtest du anders, als der
Wohlwend so falsch sang und deklamierte!
    Hm! Ja, das heit, es ist nicht der gleiche Fall! Dieser tat es in einer
gebildeten Welt, inmitten eines Vereines wohlgebter Leute, die er strte. Hier
htte er niemandem die Freude verdorben!
    Marie Salander lie aber den Mann noch nicht los von dem leise gefhrten
Zwischengesprch.
    Es will mir aber doch scheinen, da es nicht ganz recht sei, das gute Volk
nicht auch darber aufzuklren. Was brauchen sie denn so schwere Stcke zu
singen, die sie nicht ausfhren knnen? Mich dnkt, wer in der einen Sache
pfuscht, gewhnt es sich auch in allen anderen Dingen an, und man darf ihm
zuletzt nirgends mehr die Wahrheit sagen, er leidet es einfach nicht!
    Martin schwieg hiezu eine Minute und sann, in das Kelchglas blickend, das er
in der Hand hielt. Dann lie er es sanft an dem ihrigen klingen und sagte:
    Trink auf deine Gesundheit, Marie! Du sollst den ersten Toast haben an
dieser Hochzeit, ganz im stillen! Und jetzt wollen wir der Sache den Lauf
lassen! Sie trank unverweilt einen besseren Schluck als gewhnlich und mit ihm
einen jener kurzen Sonnen-oder Silberblicke, die mit der Lnge der Zeit sich
immer mehr verlieren, wenn die Menschen sich in Wind und Wetter leise ndern, so
da die Klugen weniger klug, die weniger Klugen Narren und die Narren oft
schnell noch Halunken werden, eh sie sterben, wie wenn sie Gott wei was
versumten.
    Als die Mama Weidelich, die gegenber sa, das verstohlene Anstoen des
Ehepaars Salander bemerkte, hielt sie ihr Glas auch herber und rief frhlich:
Potztausend, darf man nicht dabei sein? Sie stieen mit ihr an, der
Weidelichsvater kam auch herbei, und von da verbreitete sich das Klingeln ber
den ganzen Tisch, ber alle Tische wie ein Sturmgelute, ohne da man wute, wie
es entstand und was es bedeute; und als man nichts Gewisses erfahren konnte,
lachte alles ber den blinden Lrm, der darum nicht minder vergnglich gewesen.
    Da das Essen eben erst begonnen und Salander ein verfrhtes Reden
befrchtete, welches die Gastgemeinde darin strte, die Ordnung des Auftragens
unterbrach und die Schsseln kalt werden lie, so forderte er die Musik auf zu
blasen und fleiig fortzufahren. Das taten die ltlichen Kriegstrompeter auf die
zweckmigste Art. Statt der gelufigsten Soldatenmrsche fhrten sie eines
ihrer Konzertstcke auf, mit denen sie Staat zu machen pflegten, nmlich die fr
eine kleinere Blechmusik arrangierte Ouvertre zu der Oper Wilhelm Tell. Mit
redlicher Mhe, im gemchlichsten Zeitmae halfen sie sich so vorsichtig und
Gott vertrauend ber das Meer von Schwierigkeiten hinweg, da die tafelnden
Vlker weder im Essen noch im gemtlichen Gemurmel der einzelnen Nachbargruppen
beirrt wurden und am Ende, welches auch diese Tathandlung nahm, mit einem
donnernden Bravo die gewissenhaften acht Mnner lohnten. Dankbar lieen sie nach
kurzer Pause eine mutig schmetternde Marschweise erschallen, und etwas spter
ein beliebtes Volkslied, worauf sie aber schleunig das Wasser aus den
Instrumenten ablaufen machten und dicht hintereinander das Treppchen an ihrer
Bhne herunterstiegen, um in die Ecke zu eilen, wo auch fr sie der Tisch
gedeckt war.
    Da soeben in Erwartung neuer Gerichte die Teller gewechselt wurden, benutzte
der Herr Pfarrer den Augenblick, das erste Lebehoch auf die Brautpaare und
beiderseitigen Eltern auszubringen. Er schlug mit dem Messerrcken krftig an
das Glas, blickte gebieterisch umher, bis das Tellerklappern nachlie,
untersttzt durch Silentiumrufen, und erhob dann die weithin tnende Stimme.
Seine Toastrede bildete die Ergnzung der gehaltenen Predigt. Erst schilderte er
das Elternhaus der soeben vermhlten Jnglinge, den schlichten Landmann, der im
Verein mit der rastlosen Hausfrau sich zu bescheidenem Wohlstande
emporgeschwungen, aber wozu? Nur um das blhende Knabenpaar, welches der im All
waltende Gott in christlichem Ehestande ihnen aus reicher Hand geschenkt, des
Segens der Schulanstalten teilhaftig werden zu lassen mit derselben
unermdlichen Opferwilligkeit, mit welcher unser Volk sie begrndet hat und
durch alle Strme aufrecht hlt! Und wie hat dieser Segen angeschlagen? Es ist
ein ewig denkwrdiges Beispiel! Nach kaum erreichtem Alter hat das Volk die
Jnglinge, ja Jnglinge sage ich! an wichtige Amtsstellen berufen, deren treue
Verwaltung namentlich der landwirtschaftlichen konomie so unendlich wichtig
ist! Und nicht nur das; in unsere hchste Landesbehrde, die nur das Gesamtvolk
und Gott allein ber sich hat und sonst niemanden frchtet, hat es sie
gleichzeitig entsendet, eine Ehre, welche wohl kaum je einem so bescheidenen
Hause widerfahren ist. Blicket hin und seht sie dort beieinander sitzen, Eltern
und Shne, in all ihrem Werte, als ob es sie nichts anginge!
    Sie schauten den Sprecher unverwandt an, als alles Volk nach ihnen sah und
Beifall rief. Erst jetzt kehrte sich der Vater ab und blickte verlegen vor sich
nieder; die Mutter wischte sich die Augen, aus denen die Trnen flossen, und
faltete die Hnde; die Shne neben ihren Bruten verneigten sich leicht gegen
die Rufenden und den Redner, der weitersprach: Treten wir hinber in das
brutliche Haus, was sehen wir da? Auch einen aus dem Volke hervorgegangenen
Mann, der sich durch Flei und Intelligenz emporgeschwungen und gegen alle
Schicksalsschlge immer wieder erhoben hat, hher als vorher. In fernen
Weltteilen ums Dasein kmpfend, kehrt er immer wieder mit der gerechten
Siegesbeute zu den Seinigen zurck, zu den Kindern, die ihm die Gattin, ein
Muster edler Weiblichkeit, treulich erzieht. Ein geachteter Handelsherr, ist er
jetzt ein reicher Mann, ein Groer unter den Groen. Was tut er? Baut er sich
Palste und Villen? Fhrt er in Kutschen, hlt er Pferde wie die andern
seinesgleichen? Nein, er kennt schnere Freuden! Die Ideale seiner Jugend sind
es, welchen er nachgeht, fort und fort, jetzt wie einst; an ihnen hngt er, an
sie denkt er im Wachen und im Schlafen, fr sie arbeitet und lebt und webt er!
Und was sind das denn fr Ideale, wo liegen sie? Sie liegen bei dir, o Volk,
dein Wohl, deine Bildung, deine Rechte, deine Freiheit sind es, denen er einzig
Zeit und Arbeit widmet, die er dem Geschftsdrange abringen kann. Und was
verlangt er dafr? Anerkennung? Ehrenmter? Titel und Wrden? Nicht da ich
wte, meine Freunde! Da sitzt er unter uns mit der verehrten Gattin, wie der
Geringste so anspruchslos, um dem Volke sein Bestes darzubringen, den
jugendlichen Shnen und Vertretern desselben die geliebten Tchter! Eine
bedeutungsvolle Hochzeit! Hat er sie in den blumengeschmckten, teppichbelegten
Domkirchen, in den Prunkslen der Hauptstadt feiern wollen? Hierher in unsere
lndliche Gegend hat es ihn gezogen; unser altes Dorfkirchlein, dieser grne
Rasen, der Schatten dieser Fruchtbume ist der Schauplatz, den er sich
auserwhlte, um so recht in der Mitte, am Herzen des Volkes das Fest abzuhalten;
da ist ihm wohl und da soll es auch den neuen Familien wohl sein und bleiben;
denn hellere Sterne knnten nicht ber ihren Dchern strahlen als die Ideale
unseres Freundes Martin Salander! Sehet dort die lieblichen Brute in Schleiern
und Myrtenkrnzen und sehet die edeln Eltern und helfet mir nun, das feurigste
Lebehoch mit Glck-, Heil- und Segenswnschen den vier verbundenen Gastfreunden
darzubringen!
    Bis das Hochrufen und Glserklingen verrauscht war, hatten sich die Snger
zusammengestellt und trugen ein bei politischen und sonstigen ffentlichen Akten
bliches Vaterlandslied vor. Der Geistliche, von der Bhne heruntergestiegen,
drang mit seinem Notpokale, einem vom Wirte gelieferten Schtzenbecher, bis zu
dem Tischhaupte vor, wo die Gefeierten saen und auch er seinen Platz hatte.
    Salander sagte just zu seiner Frau, die blutrot im Gesichte war und nicht
aufblickte, der Herr Pfarrer habe ihm die Rede unmglich gemacht, die er nun zu
halten beabsichtigt. Alle Gesichtspunkte seien ihm von der gewaltsamen
Schmeichelei schiefgedrckt - da unterbrach ihn der Pfarrer mit dem Pokale, mit
dem er herumging. Salander schwieg und stie mit ihm an.
    Ich danke herzlich fr die gute Meinung! sagte er, ihm die Hand
schttelnd.
    Wieso gute Meinung? Hab ich etwa gelogen? erwiderte jener mit dem Tone, in
welchem derartige Naturen in solch unvermuteten Fllen sogleich eine Schraube
anziehen.
    Einen Schritt weiter, mit Frau Marie Salander anstoend, sagte er: Wie
steht es mit Ihnen, verehrte Frau, sind Sie auch nicht zufrieden mit meinem
Toast?
    Im Gegenteil, mehr als zufrieden, Herr Pfarrer, gab sie zur Antwort, ich
danke Ihnen auch nur fr das, was mir wirklich zukommt!
    Das kann ich nicht so genau bemessen, wie Sie sich denken knnen, und nehme
daher an, Sie danken mir fr alles, was ich gesagt. Ein Volksredner mu immer
ein Ganzes bieten. das sozusagen knstlerisch abgerundet ist. Wer sich in Gefahr
begibt, kommt darin um, das mssen Sie nicht vergessen!
    Wir wollen uns nicht streiten, Herr Pfarrer! Auf Ihr Wohlsein!
    Damit schien sie ihn abzudanken, und er schritt wrdig um das obere
Tischende herum zu den Gegeneltern.
    Jakob Weidelich uerte gar nichts, als da er mit ihm anstie, als da er
fr die Ehre danke, worauf der geistliche Herr sich an Frau Amalie wandte:
    Und wie sind Sie mit meinem Trinkspruch zufrieden, Frau Weidelich, hab
ich's Ihnen recht gemacht?
    Schn haben Sie's gemacht, Herr Pfarrer; wenn ich so reden knnte! Es mu
doch, der Tausend noch einmal! etwas Schnes sein, wenn man den Menschen eine
solche Freude machen kann! Sehen Sie, es ist mir nicht um mich zu tun, ich bin
eine unwissende Frau; aber der Shne wegen freut es mich doch, solche Dinge zu
erfahren! Sie sollen auch hochleben, Herr Pfarrer! Ich danke Ihnen tausendmal!
    Der Pfarrer betrachtete sie mit wohlwollendem Lcheln. Sie glhte vor
Vergngen und auch vom heute zahlreicheren Nippen wie ein Rose, durch welche die
Sonne scheint, und sah dabei aus wie eine Landvgtin. Auf den Rat der
Salandertchter hatte sie eine frisierende Frauensperson kommen und sich von ihr
die immer noch braunen Haare besser ordnen und mit ein wenig Spitzenwerk
bereichern lassen. Auf dem nagelneuen dunkeln Seidenkleide prangten Uhr und
Kette nebst einer Agraffe, welche die auf Porzellan bertragenen Photographien
der Zwillinge enthielt, wie sie als Knaben gewesen.
    Sie war aufgestanden, und da der Pfarrer sich mit seinem Schtzenbecher den
Brautpaaren selbst nherte, ging sie, das Glas in der Hand, in ihrer
Lebhaftigkeit mit, um auch mit ihnen anzustoen und anzufragen, wie es ihnen
gefalle und gehe?
    Gut! sagten sie mit einer seltsamen Mischung von Glck und Befangenheit,
indem sich jedes Paar bei der Hand fate. Die Jnglinge hatten sich die Rede des
Pfarrers als bare Mnze zu Herzen genommen und doch das Gefhl, da nicht alles
ganz richtig sei; berlegend, ob sie nicht redend auftreten sollten, wuten sie
im Augenblick nichts zu sagen, das ihnen gengen wrde, und fanden, es sei
angemessener, wenn sie sich still verhielten an diesem Tage. Dennoch strahlte
die jugendlich unvorsichtige Eitelkeit und das Selbstgefallen von ihren hbschen
Gesichtern und gaben ihnen einen Anflug von Unreife neben den in voller Reife
aufgeblhten Bruten, und diese versprten denn auch im hellen Tageslicht dieses
Festes eine wunderliche Empfindung, etwa wie diejenige einer reichen Schnen,
die sich mit vollem Bewutsein einem armen, unansehnlichen Menschen mit ihrer
Neigung zugewendet hat und doch wnscht, das Hochzeitsfest mchte berstanden
sein.
    Da jetzt neue Speisen aufgetragen wurden, beschlo das Salandersche Ehepaar,
das fr einmal genug gespeist hatte, einen Gang zwischen den Tischen und um die
Baumwiese herum zu machen. Das Weidelichsche Paar wollte spterhin das gleiche
tun.
    Als Marie an Salanders Arm ging, drngte es sie nachtrglich, sich ber den
Geistlichen auszusprechen.
    Das scheint doch ein schnurriger Herr zu sein! sagte sie, erst die dicke
Lobhudelei und nachher, wenn man nur das Ntigste dagegen hflich bemerkt, wenn
er kommt, den Dank zu holen, gleich spitzige Worte, deren Zusammenhang man
suchen mu. Wie verfnglich grob hat er dir so blitzschnell geantwortet! Und mir
hat er mit gleicher Artigkeit zu verstehen gegeben, da es sich nicht um mich,
sondern um eine knstlerisch abgerundete Volksrede handle!
    Du mut das nicht fr so gefhrlich auffassen, entgegnete Martin Salander,
er liegt eben immer im Kampfe mit seiner eigenen Sophistik, die sich stets in
seine Rede drngt, auch wenn er nichts damit will. Er braucht sie unbewut, wie
ein natrliches Verteidigungsmittel, auch wo kein Mensch ihn angreift. Ich habe
einmal ber einen Parteigenossen mit ihm gesprochen und beklagt, da dieser
soviel lge. Da gab er mir zur Antwort, er sei der beste Hausvater und erziehe
seine Kinder musterhaft. Damit war ich abgefertigt, weil es ihm nicht bequem
war, ber das Thema zu sprechen, und er nicht wute, wieweit es sich gegen ihn
drehen knnte.
    Du lieber Gott, sagte die Frau Marie in ihrer Einfalt, das ist ja eine
traurige Existenz!
    Nicht so traurig! Es ist nur Manier! Jeder, der viel spricht, besonders in
Politik, hat seine Manier, und es gibt solche, welche eine Manier der Unwahrheit
haben, ohne gerade etwas bles damit zu bezwecken; diese sind immer damit
geplagt, anderen kleine Fallen zu stellen, sie aufs Eis zu fhren, verfngliche
Fragen an sie zu richten; das alles bildet mehr eine schtzende Hecke fr sie
selbst, ein System der Abschreckung, als ein Angriffsmittel. Aber was fhren wir
da fr Hochzeitsgesprche!
    Sie hielten da und dort grend bei den Gsten, welche sie nicht gerade am
Tafelvergngen strten. Dann wandelten sie lngs des Einfanges um den Baumgarten
herum, wo sich bereits allerlei Zuschauer zu sammeln begannen und im Schatten
berhngender Bume auch etwas zu hren trachteten. Es war dafr gesorgt, da
dem sich zusammenschlieenden Menschenkranze spterhin erfrischendes Getrnk und
Krbe voll Kuchenbckerei geboten wurden fr jeden, der zugreifen mochte.
    Schon wurden einige Tische fr Gefe und Krbe an den leichten Stangenzaun
gerckt. Ein Bbchen in weien Hemdsrmeln, die Daumen beider Hnde in den
Armlcher des Sonntagswestchens haltend, wie ein Alter, stand zuvorderst und
verfolgte mit offenem Munde und groer Spannung diese Anstalten. Frau Marie
konnte sich nicht versagen, vom nchsten Tafeltische ein Stckchen Torte zu
holen und es dem Kinde vor den Mund zu halten, das gleich hineinbi. Der Knirps
machte Miene, so fortzufahren, ohne die Dumchen aus der Weste hervorzuziehen;
erst als ein zweiter, grerer seine Zhne auch ansetzen wollte, packte jener
das se Stck und fuhr wie der Blitz hinweg.
    Auch fr die Brauteltern war es Zeit umzukehren; sie wurden benachrichtigt,
es sei das kleine Festspiel in Bereitschaft, und sie eilten an ihren Platz. In
dessen Nhe, auf der hlzernen Terrasse des anstoenden Hauses, hatte man
mittels einiger Dutzend Ellen weier und rotgefrbter Baumwolltcher einen
Spielraum abgegrenzt. Das aufzufhrende Stck bestand aus einem in gereimten
Versen geschriebenen Zwiegesprch, ungefhr nach der von Salander angegebenen
Idee. Den Inhalt oder Text kannte er selbst nicht, da er nach getroffener
Verabredung mit den betreffenden Genies nicht mehr Zeit gefunden, sich darum zu
kmmern.
    Als ein Trompetensto das Zeichen gegeben und die ganze Hochzeit nach dem
Theaterchen guckte, trat aus den Tchern hervor eine derbe, junge Bauernfrau
auf, mit einer hlzernen Kelle oder Kochlffel im Grtel, und stellte sich als
die reine Demokratie, das heie Volksherrschaft, vor, die gewohnt sei, ihren
Brei selbst zu kochen, anzurichten und warm zu essen usw. Von der andern Seite
kam sodann ein sogenannter ltlicher Halbherr in der Tracht der ersten dreiiger
Jahre, mit hohem Hut, Vatermrdern, blauem Frack und kleinen Ohrringen. Er sah
ungleich komischer aus, als Salander gedacht, da er aussehen sollte und sich
fr den Fall gebhrte. Befragt, wer er sei und wo er denn hin wolle, stellte er
sich als den Liberalismus vor. Er habe vernommen, da eine groe demokratische
Hochzeit gefeiert werde, und obgleich ihm sonst die Demokratie von weitem lieber
als von nahem sei, mchte er doch gern ein bichen sehen, wie sie sich im
Familienleben ausnehme, wenn es unbemerkt geschehen knne. Da sei er gerade vor
die rechte Schmiede gekommen, sagte die rstige Person, sie sei die Demokratie,
er solle sich nur an sie halten, sie wolle ihm alles zeigen. Als er aber nher
trat und ihr das Busentuch neugierig ganz sachte etwas lften wollte, zog sie
die Kelle und schlag ihn damit so derb auf den Hut, da er tnte wie eine
Trommel.
    Von solchen Spen begleitet, setzten sie einen gegenseitigen Unterricht in
Gang, wobei aber der Liberalismus, so ziemlich wie es im Leben geschieht, ohne
es zu merken, einen Satz der Demokratie nach dem andern zu dem seinigen machte
und gegen sie selbst verteidigte, whrend sie mit neuen Stzen wieder weit
voraus war und auf seinem Hute trommelte.
    Als sie endlich sahen, da sie auf diese Art nicht so bald zusammenkmen,
schlossen sie einen vorlufigen Frieden, um die Hochzeit lustig mitzumachen und
sich vielleicht zu heiraten, wenn es sein mte. Worauf die Musik pltzlich
einfiel und einen Hopser spielte, die Demokratie und der Liberalismus aber sich
zu packen kriegten und einen drolligen Tanz auffhrten. Dabei ri die wilde
Person den guten Herrn so gewaltig herum, da seine Fracksche flogen, die Fe
stolperten und die Vatermrder die Spitzen nach hinten kehrten. Kurz, die beiden
darstellenden Gesellen unterlieen keine der bei solchem Anla blichen
Hanswurstpossen. Zuletzt zogen sie ab, indem das Weib auf dem Hute des Mannes
mit der Kelle den Zapfenstreich schlug und dazu die bekannte Weise pfiff.
    Das frhliche Gelchter inner- und auerhalb des Baumgartens verwandelte
sich in ein jubelndes Beifallrufen. Nur ein Huflein altliberaler Whler Isidor
Weidelichs, die ihm zu Gefallen eingeladen und gekommen waren, machte
verdrossene Gesichter, und sie murrten untereinander, wenn sie das gewut
htten, so wren sie nicht gekommen. Es waren biedere Leute, die durch alle
Ungunst der Zeit ihrer Gesinnung treu geblieben und die im Grunde richtigen
Anspielungen auf den Wankelmut oder die Nachgiebigkeit, welche das, was sie
frchtet, selbst herbeifhren hilft, nicht einmal verstanden.
    Auch Martin Salander war betroffen von der Gestalt, welche seine Anregung
bekommen hatte, und fhlte sich als Gastgeber verletzt. Er benutzte daher die
eingetretene Stille, die von ihm zu leistende Rede jetzt zu halten und mit einer
genugtuenden Wendung den Schaden auszugleichen, die reinere Idee, welche er in
der Sache ursprnglich gesehen, wiederherzustellen.
    Es gelang ihm auch leidlich, und das gleiche Vlklein, welches dem
bermtigen Traktieren des Liberalismus zugejubelt, klatschte ihm Beifall, als
er sein Hoch unter anderm auch den ehrenwerten anwesenden Vertretern der alten
freisinnigen Partei darbrachte, als den Zeugen des wahren Wortes, da man in
Freude und Leid zusammengehen und jener schneren Zukunft entgegenleben msse,
welche nur eine Partei noch kennen werde, diejenige der geeinigten und
befriedigten Patrioten!
    Das sogenannte ffnen der Schleusen war nun geschehen. Whrend zwei voller
Stunden wurde fast unaufhrlich und von allen Enden her toastiert. Zum greren
Behagen oder Troste der Festgenossen hatte aber ein neues Essen begonnen mit
anderen Gerichten und feineren Weinen. Die zwei Brautpaare sollten mit
anbrechender Dunkelheit das Fest verlassen und die durchgehenden Bahnzge
benutzen, um nach Lindenberg einerseits und in die Nhe des Lautenspiels
anderseits zu gelangen. Es waren Zge, die sich bequem und gleichzeitig hier
kreuzten. Man hatte von der Hochzeitsreise abgesehen, weil die Notare noch keine
Amtsverweser hatten und die Brute kein Verlangen danach trugen, vielmehr nichts
sehnlicher wnschten, als in den Idyllen der neuen Huslichkeiten sich
einzuspinnen, fern vom Gerusche der Welt. Alles war dazu eingerichtet und in
jeder Behausung ein tchtiges Dienstmdchen bereit.
    Die zwei Paare beendigten einen Umgang, welchen sie unter den Gsten getan,
mit Dank fr die erwiesene Ehre und geziemender Verabschiedung, whrend die
Tische bereits mit zahlreichen Lichtern besetzt und am Saume des Baumgartens
Pechpfannen angezndet wurden. Am Fue der kleinen Schaubhne angelangt, standen
sie einen Augenblick still; denn den Brdern tauchte gleichzeitig der Gedanke
auf, sie sollten, nach dem Vorgefallenen, als Mitglieder des Groen Rates doch
noch einige Worte zum besten geben. Am fglichsten knnten sie es tun, meinten
sie, wenn sie in Person die vom Schwiegervater verkndete Vershnung der
Parteien, als Angehrige derselben, sozusagen illustrierten, die Bhne rasch
bestiegen und oben sich unter passenden kurzen Reden angesichts der ganzen
Hochzeitsgemeinde die Hnde reichten. Indem sie berieten, welcher von ihnen das
Wort zuerst ergreifen solle, Isidor der Altliberale, oder Julian, der Demokrat,
entstand auf der Bhne ber ihren Kpfen ein polterndes Gerusch, welches die
allgemeine Aufmerksamkeit erregte und aller Blicke dorthin lenkte.
    Zwei Rpel oder zerlumpte Stromer, mit Knotenstcken und Bndeln am Rcken,
zogen Arm in Arm auf und drckten sich grhlend umher. Sie trugen zerzauste
Percken und Brte von Werg und mchtige falsche Nasen im Gesicht, da kein
Mensch ahnte, wer sie waren. Sie schienen nicht mehr zu wissen, wo sie
hinaussollten, lieen sich endlich fahren und stellten sich einander gegenber.
Es waren offenbar zwei Spavgel, die in dieser Verkleidung auftraten, einen
Beitrag an die Festlichkeit zu leisten; und man gewrtigte vergngt, was sie
vorbringen wrden. Nachdem sie eine Weile ber das Schicksal, ber Gott und die
Welt geschimpft, fingen sie an, zu beraten, was sie denn anfangen knnten, sich
ferner redlich durchzubringen? Sie zhlten eine Menge tollen Zeuges auf, was sie
schon versucht oder probieren knnten, bis der eine auf den Einfall geriet,
seine Gesinnung zu verwerten, die noch irgendwo vorhanden sein msse, da er sie
nie gebraucht. Gesinnung? schrie der andere, eine solche mu ich ja auch noch
haben, eine wie ein neugeborenes Kind! Sogleich nahmen sie die Reisebndel vom
Rcken, schnrten sie auf und whlten in dem unhabseligen Schunde herum, fanden
aber lange nichts. Halt, rief der eine, da mu was sein! und brachte ein
hlzernes Nadelbchslein zum Vorschein. Behutsam hob er das Deckelchen zur
Hlfte ab und guckte mit einem Auge in die Hhlung. Ja, da drin sitzt es, rief
er, und machte stracks wieder zu. Der andere Rpel fand ein winziges
Pillenschchtelchen, ffnete es ebenso vorsichtig wie jener sein Nadelbchslein,
verschlo es ebenso schnell und schrie, da sitze seine Gesinnung auch ganz
wohlbehalten drin.
    Da nun jeder dieser Habseligkeit sicher war, hie es, was damit anfangen?
Pltzlich erinnert sich der eine Rpel, da ehestens in der Gegend eine
glnzende Hochzeit zwischen der reinen Jungfrau Demokratie und dem alten Herrn
Liberalismus gefeiert und bei diesem Anlasse ein groer Vorrat von Gesinnung
bentigt werde, und zwar von beiden Arten, von der liberalen und von der
demokratischen. Jeder, der damit versehen sei, und auch kleinere Beitrge sind
willkommen, werde trefflich verpflegt, und wenn er tapfer fresse und saufe, so
sei er einer gut besoldeten Anstellung mit permanentem Urlaub sicher usw. Sie
wurden einig, an die Hochzeit zu gehen und ihre Gesinnung anzubieten. Um sich
aber nicht selber hinderlich zu sein, beschlossen sie, sich auf beide Seiten zu
verteilen und der eine bei der Braut, der andere beim Brutigam sich zu melden.
Sie besahen nochmals die kleinen Habseligkeiten im Bchschen und im
Schchtelchen, ob sie nicht eine Wegleitung daran zu erkennen vermchten. Allein
sie konnten durchaus nichts erraten und erfanden daher den Ausweg, auszuwrfeln,
wessen Gesinnung liberal und wessen Gesinnung demokratisch sein solle.
    Sie setzten sich also auf den Boden, zogen einen schmutzigen alten
Lederbecher mit Wrfeln hervor und wrfelten die Parteien unter sich aus,
natrlich wieder mit allerhand Schnurren und Possen. Es ist doch ein lausiges
Spiel, schrie der eine, wenn man kein Bier dazu hat! - Wir wollen uns ein
paar frisch gefllte Tpfe denken, rief der andere, sieh den schnen Anstich!
Trink!
    Endlich wurden sie mit dem Wrfeln, das sie mit vielen Mogeleien lustig zu
verlngern gewut hatten, fertig. Jeder prgte sich seinen Parteinamen
wiederholt ins Gedchtnis und machte zur greren Sicherheit einen Knoten in das
alte Schnupftuch, welches der eine von ihnen besa, so da dieser beide
Versicherungen mit sich trug. Dann gingen sie mit Hallo und Juhe hinter die
Bhne und verschwanden, wie sie gekommen.
    Die ganze Zeit ber waren die Notare mit den Bruten vor der Bhne gestanden
und hatten stumm hinaufgeschaut. Jetzt sahen sie sich mit roten Gesichtern an,
durften aber nicht miteinander reden. Glcklicherweise war es fr sie die
hchste Zeit, nach der Station zu gehen, wozu sie bereits gemahnt wurden. Von
den Eltern begleitet, begaben sie sich, nach Vornahme des ntigen
Kleiderwechsels, unbemerkt hinweg. Beide Bahnzge waren zum Ausfahren bereit.
Die Brder fanden einen Augenblick Zeit, einander zu fragen, welcher von ihnen
die Wrfelgeschichte ausgeschwatzt habe; jeder beteuerte, da er mit keiner
Silbe das getan. Dann mu uns damals einer beobachtet haben, der uns kannte!
fanden sie einstimmig und trugen von der schnen Hochzeit das unangenehme
Bewutsein hinweg, mit einem Gerchte behaftet in den Ehestand einzugehen. Als
der erste Bahnzug bestiegen werden mute und die Schwestern Setti und Netti sich
zum ersten Male in ihrem Leben trennten, befiel auch sie eine traurige, wie
ahnungsvolle Stimmung; sie fielen sich weinend um den Hals und wuten vor
Schluchzen sich beinahe nicht zu fassen.
    In dem Hochzeitsgarten wurde inzwischen nichts versprt, da der Schwank der
zwei Rpel verstanden worden und seine Bedeutung bekannt sei; er wurde als eine
harmlos satirische Hochzeitsposse aufgefat und belacht. Man wunderte sich nur,
wer die beiden Burschen gewesen seien.
    Der vielen jungen Frauensleute wegen wurde im Wirtshaussaale nun doch noch
ein Tanz angeordnet, und als Salanders Extrazug um Mitternacht den von
Mnsterburg gekommenen Teil der Gste wieder abholte, blieben dennoch Haus und
Baumgarten ganz erhellt und voll Gesang und Musik in der schnen Juninacht
zurck.

                                      XII


Martin Salander war zur volksmig politischen Feier einer Hochzeit, welche bald
berall von sich reden machte, durch den Brief seines Sohnes von neuem gereizt
worden; er hatte dessen blasierte Weisheit, wie er es nannte, lakonisch mit
einer Fortschrittstat beantworten wollen, so wortreich sie in der Ausfhrung
geriet.
    Nun stellte sich unvermutet eine Folge ein, an die er nicht gedacht. In der
Gegend, wo das Fest stattgefunden, erklrte ein Mitglied des Groen Rates wegen
huslicher Zerrttung mitten in der Amtsdauer den Rcktritt und mute durch eine
Neuwahl ersetzt werden. Indem sie sich nach dem Manne umschauten, verfielen die
Leute auf den Volksfreund Salander, und weil er schon einmal abgelehnt hatte,
sandten sie ein paar Mnner, die ihn bewegen sollten, dem Rufe zu folgen.
berrascht bat er um kurze Bedenkzeit, sosehr sie in ihn drangen; denn er war
aufrichtig gesinnt, nochmals ernstlich zu berlegen, ob er den Schritt tun solle
und sich ber dessen Bedeutung fr seine Person insbesondere Rechenschaft zu
geben.
    Martin gehrte nicht zu den Befreiern oder Gleichstellern des
Frauengeschlechts hinsichtlich des brgerlichen Daseins, und seine eigene Frau,
so hoch er sie hielt, fragte er nie ausdrcklich um Rat und Meinung in
ffentlichen Dingen. Hiermit wahrte er seinen Standpunkt. Um so lieber gnnte er
ihr den Einflu, den sie von selbst bte, wenn er doch so ziemlich von allem
sprach, was ihn bewegte, und zwar meist in Gestalt eines lauten Denkens in ihrer
Gegenwart, beim Morgenkaffee, bei Tisch, beim Schlafen und Spazierengehen. Sie
hatte dann die Auswahl, einen beliebigen Gegenstand aufzugreifen und ihre
Gefhlsansichten oder Widersprche zu uern oder ganz zu schweigen. In
letzterem Falle nahm er an, die Sache sei ihr ganz gleichgltig, und lie das
Selbstgesprch allmhlich verstummen. Wenn sie sich aber zustimmend oder tadelnd
aussprach, namentlich ber Persnlichkeiten, so hatte er wiederum die Wahl, zu
benutzen, was ihm klug und wahr schien, oder auf sich beruhen zu lassen, was
etwa aus einem Denkfehler hervorgehen mochte oder aus mangelnder Einsicht. Auf
diese Weise beraubte er sich nicht der Hilfsquellen, die aus dem Gemte einer
rechten Hausfrau flieen, und gab ihr die Ehre, die ihr gebhrte.
    So begab er sich jetzt mit der genommenen Bedenkzeit in die Nhe der Gattin,
ihr zunchst den an ihn ergangenen Ruf mitteilend und irgend etwas Unbedeutendes
beifgend. Dann ging er weg, kam bei erster Gelegenheit wieder und begann mit
langen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen, nunmehr einer Reihe von
Betrachtungen Raum gebend.
    Ich habe bis jetzt, lie er sich stckweise hren, mancherlei mitgewirkt
und getan, ohne jede Verantwortlichkeit, als diejenige gegen mein eigenes
Gewissen, und ohne ein eigentlich zusammenhngendes Arbeiten. Das wrde nun
anders werden. Ich kann, wenn ich dort etwas ntzen will, nicht in den Rat
eintreten, um still auf der Bank zu sitzen und bei den Abstimmungen aufzustehen
oder sitzenzubleiben. Ich kann auch nicht in den Tag hinein schwatzen, wenn ich
reden will, sondern ich mu die Akten studieren und aktenmig reden; das ist
die einzig ehrliche Beredsamkeit und schafft Einflu! Wissen ist Macht! Ich tue
das, gut! Dann komme ich in die Ausschsse und Kommissionen, und wenn ich es
dort wieder tue, so hngen sie mir die Berichterstattungen auf den Buckel, und
ich kann mich hinsetzen halbe Nchte durch und Papier beschreiben wie ein
Kanzlist.
    Hier unterbrach ihn Frau Marie oder benutzte vielmehr eine der kurzen
Pausen, die er hufig machte.
    Verstehst du denn alle die Akten, sagte sie, oder das, wovon sie handeln,
so gut, da du darber schreiben und reden kannst?
    Darum sag ich ja eben, versetzte Martin, ohne stillzustehen, da ich sie
studieren mu!
    Nach einigen weiteren Schritten hielt er dann doch vor der Frau an, die am
Tische sa und fr die Kche die letzten vorjhrigen Apfel schlte; denn die
Magd, sagte sie, gehe mit den raren Frchten so grblich um, da kaum etwas
dranbleibe.
    Du hast aber, fuhr er fort, wohl nicht das gemeint, was man Aktenstudium
nennt, sondern was man berhaupt unter Etwasgelernthaben versteht. Da darf man
freilich nicht genau nachsehen; der Groe Rat soll auch keine Akademie sein. Es
handelt sich im Gegenteil darum, in Sachen, die man nicht von Grund aus kennt,
nicht mitreden zu wollen, dafr aber die Sachkenner ins Auge zu fassen und sich
nach ihnen zu richten, wenn sie einem als ehrlich erscheinen.
    Es gilt also in solchen Fllen - hier setzte er die Fe wieder in Gang -
statt der Akten mehr die Menschen zu studieren, wie wenn zum Beispiel zwei
gleich angesehene Fachmnner ber eine kostspielige Flukorrektion, ber Bau und
Einrichtung einer Landesirrenanstalt, ber ein Seuchengesetz entgegengesetzte
Ansichten uern. In diesen Fllen wrde ich in einer begutachtenden Kommission
keinen Platz nehmen und mich auf meine Stimmabgabe beschrnken wie jeder andere,
je nach dem stillen Eindruck, den ich empfangen - und knnte doch unrichtig
stimmen! setzte er mit einem Seufzer hinzu. Fragt sich nun, berwiegt das
Positive, was man leisten zu knnen glaubt, die Nichtleistung so betrchtlich,
da es der Mhe lohnt, und was habe ich einzuwerfen?
    Er zhlte die Fhigkeiten auf, die er zu ben oder zu erwerben sich
getraute, voraus im Erziehungswesen, in Staatshaushalt und Volkswirtschaft,
Ausbildung und berwachung der Volksrechte, da sie redlich arbeiten, und so
noch mehreres. Weil aber die Frau nichts mehr fragte oder bemerkte, lie er die
abgebrochenen Stze endlich ganz eingehen und begab sich, nach der Uhr sehend,
rasch hinweg.
    Einen Tag lie er noch verstreichen, worauf er den Leuten in jenem
Wahlkreise schrieb, er nehme die Kandidatur an.
    Mit den besten Absichten blickte er dem neuen Lebensabschnitte entgegen.
Nach der mit groem Mehr erfolgten Wahl las und prgte er sich sogleich die
Ratsordnung ein und was in Verfassung und anderen Gesetzen damit zusammenhing.
Sodann lie er ein Taschenschreibbuch binden, auf dessen vorderste Seite er
Auszge aus den jhrlichen Voranschlgen der Einnahmen und Ausgaben, aus den
Staatsrechnungen usw. schicklich geordnet einschrieb, so da er die Hauptposten
aus allen Gebieten der Staatsverwaltung bersichtlich bei sich trug und sich
jeden Augenblick ber das konomische Gleichgewicht des Landes Rats erholen
konnte.
    Dies getan, suchte er sich aus gedruckten Berichten der letzten Periode ber
den Stand der Geschfte im Groen Rate zu belehren, ber unerledigte Antrge,
Postulate und Motionen, stockende Gesetzentwrfe, ausstehende Berichte und
Antrge der Regierung u. dergl., fr welche Gegenstnde er in anderer Gegend des
Taschenbuches, mit gengendem Raum zur Fortsetzung, eine gedrngte Notizenreihe
anlegte.
    Das brauche er nicht, bemerkte er der Frau, um sich allenfalls mit
Nrgeleien als Topfgucker aufzutun, sondern gerade um berflssige Anfragen zu
vermeiden und sich selbst Aufschlu geben zu knnen, wo die Sachen liegen.
    Auf die Art leidlich gerstet, seinem Alter und politischen Rufe
entsprechend nicht zu sehr als Neuling zu erscheinen, wie er dachte, betrat er
den Saal, nahm ohne Suchen den ersten besten Platz ein, der frei war, und
verlie ihn nicht mehr vor dem Schlusse der Sitzung. Ohne Zerstreuung folgte er
die ganze Zeit ber den Verhandlungen und warf auch in die Zeitungsbltter,
welche Nachbarn ihm hinreichten, kaum einige Blicke. Das gebhrte sich zwar als
selbstverstndlich sowohl nach dem Wortlaute des Amtsgelbdes, das er abgelegt
hatte, als nach dem Inhalte eines langen Gebetes, mit dem jede Session erffnet
wurde und das einen Bestandteil der gesetzlichen Geschftsordnung bildete;
allein wenige, glubig oder unglubig, nahmen das gttliche Pflichtenheft streng
wrtlich. Martin Salander hingegen, der unkirchlich gesinnt war, erachtete sich
nichtsdestominder fr gebunden, weil die in Gelbde und Gebet enthaltenen
Vorschriften richtig und notwendig waren und die liturgische Form ihre
Gesetzeskraft nicht aufheben konnte.
    Erst nach beendigter Sitzung fand er Gelegenheit, die Schwiegershne zu
gren, deren fteres Ab- und Zugehen er nicht einmal beachtet, zumal sie eine
gute halbe Stunde nach ihm erschienen waren. Seine Einladung, mit ihm nach Hause
zu kommen, lehnten sie dankend ab, weil der eine gewisser Verhandlungen wegen
mit seinen Bezirksgenossen beim Essen zusammentreffen, der andere einige
Geschfte besorgen msse. Nachher aber wollten sie miteinander einen Waffenladen
aufsuchen, um sich zwei neue Scheibengewehre zu kaufen; denn sie waren seit
einiger Zeit schon Mitglieder von Schtzengesellschaften.
    Martin Salander ging also allein nach Hause. In sich gekehrt, mit einem
Gefhle von Zufriedenheit wie einer, der den langen Morgen hindurch gearbeitet
hat, schritt er dahin, obgleich er keine Hand gerhrt und kein Wort gesprochen.
Lediglich die ununterbrochene Aufmerksamkeit, welche er whrend fnf Stunden den
Verhandlungen gewidmet, gab ihm das Bewutsein getaner Arbeit. Er htte nicht
gedacht, da ein solcher Unterschied zwischen Anwesenheit und Anwesenheit sein
knnte, und bedenkend, wie er bald auch angebrachtermaen etwas zu sagen haben
werde, empfand er einen krftigen Appetit zu dem verspteten Mittagsmahle.
    Frau Marie, die ihn am Zuge der Hausglocke erkannt, trat ihm auf dem Flur
entgegen und kndigte ihm einen sonderbaren Besuch an, seinen Vorgnger im
Groen Rate, dessen Stelle er heute eingenommen. Der Mann scheine sich in
schlechten Umstnden zu befinden und wrde ersichtlich nicht belnehmen, wenn
man ihn zum Essen dabehielte; sie habe ihn aber nicht einladen wollen, ehe
Salander ihn gesehen.
    Was will er denn? fragte dieser. Ich habe ihn frher da und dort
getroffen und erinnere mich, da er ein gut und gescheit aussehender Mann
gewesen ist. Aber ich kann mir nicht vorstellen, was er will?
    Er sagt, er habe viel von dir gehrt und auch von der berhmten Hochzeit;
er freue sich, da er einem solchen Nachfolger habe den Platz rumen knnen, und
fhle sich dadurch erleichtert und sei gekommen, das zu sagen und zu der Wahl
Glck zu wnschen!
    Der arme Teufel! La ihm nur ein Gedeck hinsetzen, die Herren Tochtermnner
sind ohnedies nicht mitgekommen!
    Als Salander in die Stube trat, erkannte er den Mann kaum wieder, der
bescheiden auf einem Stuhle am Fenster sa, sich erhob und mit unsicher
gewordener Beredsamkeit ihn begrte und seine Gratulationsworte vorbrachte. Er
habe, sagte er, an der Staatskasse ein kleines Guthaben an Taggeldern beziehen
wollen, leider aber nichts erhalten, sondern noch einen berschu von Buen
wegen versumter Sitzungen erlegen mssen. Da habe er gedacht, er wolle den Weg
nicht ganz umsonst gemacht haben und wenigstens dem wrdigen Nachfolger seine
Aufwartung machen.
    Aber, Herr Kleinpeter! erwiderte ihm Martin Salander lchelnd, wie mir
scheint, ist hier nicht viel Glck zu wnschen, wenn man noch Geld verliert!
Haben Sie schon zu Mittag gegessen, oder darf ich Sie vielleicht zu unserer
Suppe einladen?
    Verlegen dankte der Mann, doch mit einem verrterischen Blick auf den
gedeckten Tisch; Salander wiederholte daher die Einladung etwas entschiedener
und nahm ihm den Hut aus der Hand, denselben beiseite legend.
    Der offenbar einst hbsche Mann zeigte alle Anzeichen des Verfalles. Die
frhere Wohlbeleibtheit war aus den Kleidern geschwunden, da sie zu weit
geworden und schlotterig an ihm hingen, dabei aber so abgetragen waren, da es
lange her sein mute, seit er etwas machen lassen. Die Wsche war unordentlich
und das zerschlissene Halstuch so schlecht umgebunden, da man die lieblosen und
trgen Hnde leibhaft zu sehen glaubte, die den Mann so aus dem Hause gehen
lieen. Seine eigenen Hnde hafteten gewohnheitsgem an verschiedenen Stellen
der Rockklappen, um einen Fadenschein, einen Schmutzfleck oder ein zerrissenes
Knopfloch zu decken. Die kmmerlich unfreie Haltung, welche ihm hiedurch
anklebte, entsprach auch dem farblosen gedunsenen Gesichte, dessen Zge die
Spuren von Niedergeschlagenheit und Kummer, sowie von zahlreichen Anlufen
verrieten, im Trunke sich selbst zu vergessen.
    Das Ehepaar Salander ermunterte den merklich erschpften Kleinpeter, sich
schmecken zu lassen, was da sei; Frau Marie legte ihm selbst auf den Teller; er
war jedoch bald satt, oder vermochte wenigstens nicht viel zu essen. Dagegen
sprach er dem Glase, welches Martin pnktlich fllte, mit unbewutem Fleie zu
und wurde darber fast aufgeweckt und zutraulich. Dies gewahrend, ging jener
selbst in den Keller, ein paar bessere Flaschen auszusuchen; es kam ihn die
Laune an, den Tag seines Einzuges ins Rathaus zu Mnsterburg durch solche
Mildttigkeit an dem verarmten Manne zu feiern. Die Frau holte indessen gern
neue Glser herbei, den Gast freundlich unterhaltend; denn auch sie empfand ein
seltsames Mitleid mit ihm, und sie glaubte vielleicht, sein Schicksal oder
anderes Unheil von ihrem Martin abzuwenden, indem sie sich gegen das Unglck
menschlich erwies.
    Salander sprach einiges von den Ratsangelegenheiten zu dem redseliger
werdenden Herrn Kleinpeter und glaubte ihn nach diesem oder jenem Verhltnis und
dem Standpunkt, den er dazu eingenommen, befragen zu sollen; allein obschon der
Vorgnger nicht viel lnger als ein halbes Jahr keiner Sitzung mehr beigewohnt,
so war es doch, als ob alles wie ein Traum hinter ihm lge. Er besann sich kaum
auf die Dinge und beantwortete die Fragen gleichgltig und ungenau, whrend das
Gesicht sich wieder zu trben begann.
    Salander entkorkte sogleich eine der Flaschen, die Frau nahm sie und fllte
zwei Glser, deren lieblicher Duft sich verbreitete und das Herbstsnnchen auf
das blasse Gesicht zurckrief. Das ruhig teilnehmende Wesen dieser Eheleute, der
tiefe Frieden, der zwischen ihnen zu walten schien, und der die Nerven belebende
Wein lieen ihn jeden Unstern vergessen und machten sein Herz frhlich, so da
er mit schwimmenden Augen und gerteten Backen dasa und freiwillig begann, alte
Drolligkeiten und Geschichten aus dem lndlichen Amtsleben zu erzhlen, bis die
erste der feinen Flaschen zu Ende ging. Whrend Salander die zweite
zurechtmachte und der Gast mit froher Aufmerksamkeit zuschaute, benutzte Frau
Marie die Pause, ihn zu fragen, welchen Familienbestand er zu Hause besitze und
ob alles gesund sei.
    Da sah sie der Mann wie aus sem Schlafe geweckt gro an, die glckselige
Weinrte verzog sich gegen die Augen hinauf, die so schon glhten, er lie den
Kopf sinken, sttzte ihn auf die Hnde und weinte gleich darauf wie ein kleines
Kind. Erstaunt und erschrocken betrachteten Martin und Marie Salander den
Vorgang und den gewaltsam schtternden, angegrauten Kopf vor ihnen. Doch standen
sie von ihren Sthlen auf, sich um den schluchzenden Gast zu bemhen und ihn
aufzurichten. Es gelang zuletzt; doch stand er beschmt vor ihnen, entschuldigte
sich wegen des krankhaften Anfalles, wie er sich ausdrckte, und wollte sich
entfernen.
    Salander sah aber wohl, da es nicht eigentlich das trunkene Elend war,
das ihn befallen, wie man landesblich das Weinen der Betrunkenen nennt, sondern
die pltzliche Erinnerung an ein unglckliches Dasein, welche den
widerstandsarmen Altrat bermannt hatte. Er redete ihm daher freundlich zu, sich
zu setzen und zu erholen.
    Bereite uns jetzt einen guten schwarzen Kaffee, sagte er zur Gattin,
nachher wird uns die andere Flasche um so besser munden; denn die mu Herr
Kleinpeter noch trinken helfen!
    Frau Salander besorgte den Kaffee auf das beste und lie es nicht an einem
Glschen alten Kirschgeistes fehlen.
    So dauerte es nicht lange, bis die Gedrcktheit des neuen Gastfreundes
abermals wich und das Feld der froheren Laune berlie, welche das unverhoffte
Wohlergehen nicht durch ihre Abwesenheit verabsumen wollte. Kleinpeter wurde
wieder so gesprchig und offenherzig, da er mit beruhigten Sinnen selbst auf
den Ursprung des krampfhaften Trnenvergieens zurckkam; ein Wort gab das
andere, und da er vielleicht zum ersten Mal einer teilnehmenden Aufmerksamkeit
begegnete, erzhlte er unbefangen und aufrichtig, wie es sich mit ihm verhalte.
In Zeit einer Stunde wuten Martin und Marie Salander so ziemlich seine
Geschichte, nach Magabe ihres Verstndnisses.
    Der Alt-Grorat Kleinpeter war ein geringer Fabrikant von Baumwolltchern
gewesen, mit einigem Vermgen das vom Vater berkommene Geschft vorsichtig und
gemchlich fortbetreibend, ohne stark vorwrts, aber auch ohne zurckzugehen.
Als ein umgnglicher und beliebter Mann setzte er mehr Wert auf die
Anforderungen des gesellschaftlichen und brgerlichen Verkehres als auf den
Erwerb von Reichtmern. Ein eitles, leichtsinniges Weib, das er geheiratet,
trieb ihn noch dazu an; denn sie setzte das unschuldige Ansehen, dessen er sich
erfreute, auf ihre alleinige Rechnung und spreizte sich in demselben wie ein
Pfau. Alles, was er tat, war ihre Tugend, was an ihm gefiel, ihr persnlicher
Vorzug, was ihm widerfuhr, ihr Verdienst. Es war ihr Mann, von dem man sprach
und mit dem sie grotat, und weiter nichts, und berall wollte sie dabei sein,
wo er hinging; auch fuhr sie allein im Lande herum, sooft sie konnte, sich sehen
zu lassen und zu prahlen. Zu Haus aber machte sie ihm das Leben sauer durch die
verchtliche Art, mit der sie sein Tun und Lassen und ihn selbst zu behandeln
sich frmlich die Mhe gab, damit er ja nicht gegen sie aufzukommen sich
unterstehe. Auch sonst lebte er schlecht in seinem Hause, weil ihr alles zu viel
war, was einer Sorgfalt gleichsah. Zwei heranwachsende Shne schlugen in ihre
Art.
    Als Kleinpeter, dem just kein Besserer im Lichte stand, zum Mitgliede des
Groen Rats und bald zum Amtsstatthalter gewhlt wurde, stieg der Hochmut der
Frau auf den hchsten Gipfel. Die Titel schienen nur fr sie da zu sein, und es
war niemandem zu raten, sie nicht mit dem einen oder anderen anzureden. Und
whrend sie dem rmsten Mann es mignnte und ihn beinahe hate, weil er doch
der Inhaber der Titel war, benutzte sie dieselben wiederum, das damit verbundene
Ansehen zum Schuldenmachen und anderen Mibruchen auszubeuten.
    Hierin fand sie bald gengende Aushilfe, als die Shne die Verwaltung der
bescheidenen Fabrik bernahmen, die der Vater ihnen berlie, um sich
ausschlielich seinem Amte zu widmen und Frieden zu haben. Darin tuschte er
sich arg.
    Die Shne waren seit dem Verlassen der Schulen nicht vom Fleck zu bringen
gewesen, um etwas von der Welt zu sehen und zu lernen, woran auch der Vater
schuld war, der sie nicht dazu gezwungen und sie zu Hause herumlungern lie, wo
sie sich nur die Gemtsroheit und ungeschliffenen Sitten der Mutter und einer
Anzahl von Gesellen gleichen Schlages zum Vorbild nahmen. Anstatt das Geschft
ordnungsgem zu fhren, vernachlssigten sie dasselbe und gerieten in die
rgste Wechselreiterei, ohne da etwas verdient wurde. Da zogen sie dann stets
den Vater Statthalter mit hinein, der sich verbrgen oder geradezu seinen Namen
auf die Papiere setzen mute; und auch die Frau Statthalter und Grortin
entbldete sich nicht, ihm mit Schuldpapieren zum Unterschreiben zu kommen. Die
von ihm mitunterzeichneten Wechsel und Obligi waren lange Zeit immer
unterzubringen, kehrten nach weitlufigen Wanderschaften zu ihm allein zurck
und muten mit saurer Mhe und tausend Sorgen von ihm eingelst werden.
    Das alles ging unter stetem Zank und Streit vor sich, da Mutter und Shne
sich immer grber und unverschmter gegen ihn betrugen, als ob er ein schlechter
Hausvater wre. Dies Elend zu vertuschen und den Lrm, der tglich auszubrechen
drohte, zum Schweigen zu bringen, mute er um seiner mter willen immer
nachgeben. Er hatte seine Amtsstube mit einem Schlafzimmerchen in ein kleines
Nebengebude verlegt, um Ruhe zu finden. Allein das Weib lie sich das nicht
anfechten. Sie kam whrend der Audienzen, die er hielt, oder der Verhre, die er
leitete, durch die Amtsstube gelaufen mit brutalem Auf-und Zuschlagen der Tren,
wenn sie nicht zu Wort kommen konnte. Sogar den Schreiber, den Polizeisoldaten
und den Amtsboten des Statthalters suchte sie mit einer ganz einfltigen
Falschheit und Untreue zu geheimen Gegnern des Mannes zu machen, der doch in all
seiner Schwche die Sttze des Hauses blieb bis zum Zusammenbruche.
    Und niemanden gab es, der ihn klagen gehrt. Ach, er wute gut, warum er
schwieg; denn niemand wrde geglaubt haben, da ein Mensch, welcher im eigenen
Hause so elend dastand, das Wohl des Landes beraten und fremde Leute zu regieren
sich unterstehen knnte.
    Wie aber alles Menschliche ein Ende nimmt, ging es auch hier dem Feierabend
so vielen Unrechtes und Leidens entgegen. Die Arbeiter waren wegen rckstndiger
Lhne schon aus der Fabrik weggeblieben und anderwrts angestellt worden.
Trotzdem hatten die Shne noch bedeutende Ankufe von Garn gemacht, dieses aber
sofort versetzt, und als der Zahlungstermin nahte, besaen sie weder Garn noch
Tuch noch Geld und liefen Gefahr, des betrgerischen Bankrotts verdchtig zu
werden. Mit dieser schnen Enthllung berfielen sie den Vater, als die flligen
Wechsel vorgewiesen wurden, in der Morgenfrhe, natrlich wieder im Tone des
Vorwurfes, da er sie in ein so erbrmliches Fabriklein hineingesetzt habe. Und
als er hilflos dastand und fragte, wo er um Gottes willen auch Geld hernehmen
sollte, da ja alles verpfndet und berschuldet sei, verwiesen sie ihn frech auf
die von ihm bezogenen Steuergelder, die bequem bereitlgen und fr den
Augenblick ohne Gefahr in Anspruch genommen werden drften.
    Der Vater wurde bla.
    Es ist mir genau vorgeschrieben, sagte er, wieviel Gelder ich im Hause
behalten darf und wann ich sie an die Staatskasse abfhren mu, abgesehen davon,
da ich meine Hand nicht auf irgend andere Art unter den Deckel stecke!
    So haben wir morgen die Insolvenzerklrung! sagten sie; Kleinpeter und
Shne heit ja die Firma!
    Sie schauten in der Stube umher, nach der alten Geldkiste, wo die denn
hingekommen sei. Der Vater hatte sie krzlich in eine andere Ecke geschleppt und
an den Boden festgeschraubt, unter welchem sich dort ein starker Balken hinzog.
Eben stand die Kiste offen; der eiserne Deckel war zurckgeschlagen, in einer
Abteilung lag in Rollen abgezhltes Geld nebst einem Pakete Banknoten und
obenauf ein mit den betreffenden Zahlenangaben beschriebener Zettel. Der ltere
Sohn schritt unverweilt nach der offenen Kasse und ergriff den Zettel, indem er
rief:
    Hier ist mehr als genug fr den Augenblick! Der vierte Teil sogar gengt,
und spter wird sich Rat schaffen lassen!
    Gleichzeitig wollte er nach den Banknoten greifen. Doch der Ratsherr strzte
sich dazwischen und hielt ihm den Arm fest; der zweite Sohn sprang herzu, dem
Bruder zu helfen, und es rang nun der alternde Mann in Todesngsten mit den
Shnen, die sich nicht scheuten, den Vater unsanft hin und her zu stoen.
    Endlich gelang es ihm doch, den schweren Deckel zu packen und zuzuschlagen,
worauf die ruberischen Shne ein wenig zurckwichen, aber nicht aussahen, als
wollten sie von ihrem Vorhaben abstehen. Diesen Augenblick benutzte er, einen
der Schlssel abzuziehen.
    Wenn ihr nicht auf der Stelle hinausgeht und euch heute nochmals hier
blicken lat, sagte er zu ihnen mit bebender, doch gedmpfter Stimme, so soll
euch mein eigener Landjger festnehmen und in Daumschrauben nach Mnsterburg
bringen! Er kann jede Minute dasein!
    Die unerwartete Kraft des schwachen Mannes, der um seinen letzten Besitz,
den ehrlichen Namen, kmpfte, schreckte die ungeratenen Shne zurck, und sie
entfernten sich ebenso bleich, wie der Vater geworden war.
    Zitternd und keuchend sa der Statthalter auf der eisernen Kiste und wischte
sich den Schwei von der Stirne. Mit wirren Gedanken betrachtete er seitwrts
die verjhrte Schlosserarbeit an dem alten Erbstck, ohne sie zu sehen. Als er
sich endlich etwas gesammelt, stand er mit mden Gliedern auf, ffnete die Kasse
wieder und nahm die Steuergelder, sie zu verpacken. Er suchte das ntige Papier,
Schnre und Siegellack zusammen, wickelte und schnrte alles mit groer Hast und
Eile doppelt und dreifach ein, fest aber ungefg, denn es war sonst die Arbeit
des Amtsdieners, und zuletzt zndete er Licht an und versiegelte das Paket an
drei oder vier Orten, jedesmal mit einem Sthnen das Siegel betrachtend, eh er
es aufdrckte.
    Dann schrieb er den zur Ablieferung gehrigen kurzen Bericht, den er mit
besonderem Umschlag versah und adressierte, und schickte den eintretenden Weibel
mit beiden Stcken zur Post, ihm einschrfend, sich nirgends aufzuhalten und
dafr zu sorgen, da Geld und Brief mit der ersten Gelegenheit abgingen. Auch
sollte er nicht vergessen, einen Postschein zurckzubringen. Er blickte dem Mann
durch das Fenster nach und sah richtig, wie die Frau ihn auf dem Hof anhalten
und sehen wollte, was er da forttrage; wie sie aber vom Weibel kurz
stehengelassen wurde.
    Hierauf legte er in zwei weiteren Schreiben an den Prsidenten des Groen
Rates und an die Regierung seine Stellen als Ratsmitglied und als Statthalter
nieder. Denn er wute, da es jetzt aus war, wenn auch nicht, was aus ihm werden
sollte.
    Die leere Eisenkiste lie er offenstehen. Die Frau kam geschlurft und guckte
sogleich hinein; aber es dnkte sie, es blase ein so kalter Wind ans dem leeren
Hohlraum, da sie die Nase stracks zurckzog und den Statthalter fragen wollte,
was denn das sei. Dieser gab ihr jedoch keinen Bescheid, sondern wandte sich an
den Landjger, der erschienen war. Der Statthalter hatte ihm am Abend vorher
angekndigt, er msse in Polizeisachen mit Auftrgen nach der Hauptstadt gehen,
und die bezglichen Akten bereitgemacht. Die stellte er ihm jetzt zu und
zugleich die beiden Entlassungsschreiben, welche pnktlich zu besorgen er ihm
anbefahl.
    So hatte er nun sein Haus bestellt und besa nichts mehr als die hinterlegte
Amtsbrgschaft, in ein paar Werttiteln bestehend, welche mit seinem Rcktritt
frei wurden und seither wohl auch verschwunden waren.
    Als die Herzausschttung Kleinpeters nach und nach versiegte, herrschte
mehrere Minuten lang eine Stille, in welcher Martin und Marie Salander die
erschtternden Eindrcke nachwirken lieen, indessen jener, sein Vertrauen nicht
bereuend, die fhlbare Teilnahme samt einigen nachgeholten Schlcken des
duftreichen Weines ebenso schweigend geno.
    Martin bedachte mit Grauen, welch dunkle Zustnde im Leben ffentlicher
Vertrauenspersonen verborgen liegen oder auch als ffentliches Geheimnis
bestehen knnen. Er wute zwar, da einzelne Erscheinungen dieser Art zu allen
Zeiten hervorgetreten sind; sie waren dann auch als groe Unglcksflle
empfunden worden. Jetzt wollte ihn aber eine Ahnung beschleichen, als ob es sich
um Symptome handle, die ihm glcklicherweise eine Gegenbetrachtung trstlich
aufwog. Die rasche Entschlossenheit, mit welcher der Statthalter sich nicht mehr
fr amtsfhig hielt und seine Stelle niederlegte, nur weil die Shne das
Vergehen der Untreue ihm zugemutet und es selbst hatten verben wollen, erfllte
ihn mit wahrer Achtung, und diese verminderte sich keineswegs, als ihm der
Gedanke aufstieg, der scheinbar so schwache Mann habe nicht allein fr die
Gesunkenheit der Shne ben, sondern sich selbst verhindern wollen, doch noch
in die Schlingen der wachsenden Not zu fallen. Nein, sagte sich Salander, gerade
wenn der Haltlose noch am wahren Brgersinne sich aufrichten und die Achtung vor
sich selbst retten kann, ist das Gemeinwesen nicht im Niedergange.
    Die Frau Marie bedachte anderes; sie hatte es mit dem wunderlichen Weibe zu
tun, das der Mann mit bitterem Groll und ohne einen Rest von Neigung
geschildert; sie zweifelte keinen Augenblick, da dasselbe die Quelle seines
Unglcks sei, verstand aber den Charakter der Unholdin nicht recht.
    Ich begreife nicht, Herr Kleinpeter, nahm sie das Gesprch wieder auf,
wie eine Frau auf das Ansehen ihres Mannes so eitel sein und es auf jede Weise
benutzen kann, whrend sie es ihm doch mignnt und ihn darum hat, so da sie
sich frmlich abmht, ihm die schuldige Achtung vorzuenthalten!
    Ja, Frau Salander, erwiderte der gewesene Statthalter, das hab ich nicht
so studiert! Wer die Dinge an sich erlebt, der versteht sie, sozusagen, ohne sie
deutlich erklren zu knnen. Nach allem brigen zu schlieen, denke ich, es
werde dabei nebst der Eitelkeit eine mit geistiger Beschrnktheit verbundene
hochgradige Selbstsucht im Spiele sein und berdies das Herkommen sich geltend
machen. Meine Frau Gemahlin stammt aus einer Gegend, wo, mit Respekt zu sagen,
die Frauen besonders hochfahrig, aufgeblasen und als groe Lstermuler bekannt
sind. Nachbarneid und Klatschsucht suchen ganze Dorfschaften heim, und
zerklften weitlufige Familien so gut wie das geringste Httenvlklein. Jede,
die sich verheiratet, setzt sich vor, zu zeigen, wo sie her sei, und die
Oberhand zu behaupten. Die Mnner sind ttig, aber grob und fluchen in den
unteren Schichten wie Seeruber, in und auer dem Hause. Da ben denn die Weiber
von Jugend an ihre Zungen, und wenn eine dazu nicht recht gescheit ist, so kann
man sich denken, was da herauskommt!
    Wie sind Sie denn in dies gelobte Land geraten? fragte Frau Marie.
    Ein guter Freund sagte zu mir, er wisse fr mich eine zum Heiraten. Wo
steht sie? fragte ich in dem damals blichen schnden Sprachstil junger
Landlwen. Jener nannte Ort und Namen und strich alle Vorzge heraus. Ich fand
eine hbsch aussehende, schngekleidete Tochter, welche sich so freundlich und
sanft anzulassen verstand, da ich unverzgert anbi, obgleich mir von
unbekannter Hand zugesteckt wurde, sie habe den Anschicksmann selber abgesandt.
Anstatt hiedurch mich schrecken zu lassen, fhlte ich mich vielmehr
geschmeichelt und war vllig gerhrt. Sie entpuppte sich ziemlich rasch und
schrecklich. Indessen ist sie auch unter den Weibern ihrer Heimat noch eine
Ausnahme und rger als die anderen, gewissermaen ein Extrakt!
    Mitten in der Rede mute er lachen, da ihm ihr neuster Streich einfiel. Sie
habe ein langes Geznk ber seine Verarmung mit der Androhung der gerichtlichen
Scheidung geschlossen, worauf er lediglich bemerkt, sie werde dann jedenfalls
Gelegenheit finden, die Titel einer Frau Statthalterin und Grortin endlich
abzulegen, die jetzt schon nicht mehr am Platze seien. Da habe sie ganz feuerrot
und furibund einen Satz gegen ihn getan und geschrien, es falle ihr nicht ein,
zu verzichten; sie besitze das gttliche Recht, sich lebenslang so nennen zu
lassen, und werde nicht davon weichen!
    Auf die Frage, was sie denn mit all dem Geld angefangen, wofr sie
Schuldscheine ausgestellt, erwiderte er:
    Fr Kleider und Putz hat sie es ausgegeben! Weil ich das erste Amt im
Bezirk versah, hielt sie es fr ihre Pflicht, sich am schnsten zu kleiden, und
das war in der Tat nicht wohlfeil, indem es einige groe Industrielle gibt,
deren Damen ordentlich Staat machen. Noch vor einem Jahre mute ich ein
Wechselchen von hundertundzwanzig Franken bezahlen, das sie auf mich gezogen,
und fr was? Fr ein kleines Sonnenschirmchen mit elfenbeinernem Stock und mit
kostbaren Stoffen behngt. Sie hatte es hier im Schaufenster eines Ladens
gesehen, in welchem sie bekannt war, und es sogleich auf besagte Art gekauft.
Mit diesem Schirmchen spazierte sie im ganzen Flecken und weiter herum, wo sie
die reicheren Frauen und Fruleins zu rgern glaubte. Dann ging sie extra des
Paraslchens wegen einige Wochen ins Bad und stellte auch dort wieder eine
Anweisung auf mich aus. berdies bezog sie von ihren bemittelten Eltern, die
jetzt noch leben, mehrmals Geld mit der Angabe, ich brauche es. Als sich dann
endlich herausstellte, da sie gelogen hatte, erhielt sie nichts mehr auf diesem
Wege.
    Der gute Mann wrde noch lange geplaudert haben, wenn nicht die Stunde der
Heimreise gekommen wre; denn die bedrngten Umstnde erlaubten ihm nicht, das
Retourbillett fr die Eisenbahn preiszugeben. Auerdem freue er sich, noch eine
kurze Zeit ruhig in seinem alten Heim schlafen zu knnen; die Frau Statthalterin
sei gestern mit ihrer ganzen Garderobe und dem Sonnenschirmchen zu ihren Eltern
gezogen, die Shne aber seien vor zwei Wochen nach Amerika gereist, um dort
Anstellungen als Fabrikaufseher zu finden, die man ja gern aus der Schweiz
beziehe. Jawohl, aber nicht solche! Wren sie frher gegangen! Seine Fabrik samt
dem alten Grundbesitz dagegen stehe unter Konkursverwaltung; er gewrtige jeden
Tag die Gant. Glcklicherweise gehe ihn die Sache weiter nichts mehr an.
    Knnten Sie, fragte Salander, das Anwesen jetzt nicht selbst wieder an
sich ziehen, wenn sich eine Beihilfe fnde, und es neu in Gang bringen?
    Ich werde mich wohl hten, Herr Grorat! versetzte Kleinpeter ohne
Besinnen. Wenn es wirklich gelnge, so wren sie eines Tages alle drei wieder
da, die Milch abzurahmen! Lieber will ich eine stillbescheidene Ttigkeit
irgendwo bernehmen, sei es, was es wolle; wenn Ihnen etwas vorkommen sollte,
das fr mich geeignet wre, so geben Sie mir vielleicht einen Wink, wenn Sie so
gut sein wollten!
    Ich will gewi daran denken, seien Sie dessen versichert! versprach ihm
Martin Salander und gab ihm die Hand. Sie sind ja noch wacker und kein alter
Mann, wenn Sie sich ein bichen aufrappeln! Leben Sie wohl, kommen Sie gut nach
Hause!
    Danke tausendmal, und Ihnen auch fr alles Genossene, Frau Salander, und
fr alle erwiesene Freundlichkeit!
    Es ist nicht wichtig und gern geschehen! sagte Frau Marie und schttelte
ihm die Hand, ich wnsche glckliche Reise und da es Ihnen wieder besser
gehe!
    Mit unerwartet raschen Schritten eilte der aufgerichtete Mann von dannen.
Nachdenklich schauten ihm die Eheleute nach, wie er die Strae entlangging.
    Er schwankt ja nicht im geringsten! bemerkte Marie, ich besorgte, er
wrde ein Fhnchen bekommen. Es sollte ihm doch noch zu helfen sein, wenn er das
saubere Weibsstck los wre!
    Und wenn er ein ruhiges Pltzchen hinter dem Winde hat, glaub ich auch, da
er sich noch erholen kann. Aber regieren mu er nicht mehr wollen!
    Der neue Grorat bedachte auf dem Wege zum Kontor, das er noch aufsuchte,
das sonderbare Erlebnis dieses ersten Tages seines spten amtlichen Daseins, wie
er dazukomme, den verunglckten Vorfahren zu bewirten und zu trsten; und er
pries sich glcklich, da in seinem gutartigen Haushalt solche Gefahren nicht
vorhanden seien. Dennoch behielt er einen melancholischen Eindruck von der so
unmittelbar wahrgenommenen Unsicherheit der menschlichen Dinge in den obersten
Anstalten selbst.

                                      XIII


Mit der Zeit ward Martin Salander ein vielbeschftigter Mann im Rat und
auerhalb desselben und kam im Schwanken des Parteilebens, im Sichkreuzen der
Anforderungen wie in einen Wirbelwind zu stehen, da ihn alle an sich ziehen
wollten.
    Der Kampf drehte sich nun vorzglich um die Frage, ob die neueste
schweizerische Volksherrschaft dem Andrange der sozialen Umwlzung ihren Grund
und Boden zur Verfgung stellen solle, d.h. ob man dem Volke vorgeben knne, es
sei das sein Zweck und sein Wille gewesen. Durch diese Frage entstand ein
gelindes Schieben und Verndern der Parteibestnde, whrend das Volk im ganzen,
als ein fremder, dunkelartiger Krper betrachtet, schwieg.
    Salander verfolgte den Mittelweg, die Fhlung mit dem gesellschaftlichen
Umsturz abzulehnen, dagegen die Zustnde durch das Verstaatlichen aller
mglichen Dinge in den bisherigen Formen zu erleichtern und zu verbessern, so
da er einen Standpunkt einnahm, den er vor kurzen Jahren noch bestritten hatte,
die damaligen Inhaber jedoch als einen berwundenen schon preiszugeben bereit
waren.
    Indessen nahmen auch diese alles Gebotene vorlufig auf Abschlag und zur
heilsamen bung entgegen; in den Gemeinden und drauen im Bunde wehte der
nmliche Wind, berall wurden Ausgaben beschlossen zu Hilfs- oder Kulturzwecken;
Martin Salander aber war unermdlich, mitzuwirken und neue Erfindungen in Umlauf
zu bringen.
    Seine Schwiegershne leisteten ihm zuweilen Adjutantendienste, indem sie
berall, wo sie hinkamen, seine Ideen oder solche, fr die er einstand, in den
Gemeinden unter das Volk warfen, auch wo niemand an eine neue Unentgeltlichkeit
oder ffentliche Wohltat gedacht hatte, die nun sofort unentbehrlich schien.
    Marie erbaute sich ordentlich an dem guten Herzen Martins, mit welchem er
sich dieser Ttigkeit freute. Eines Tages fand sie in einem seiner abgelegten
Rcke das Taschenbuch mit den Budget- und Staatsrechnungsauszgen.
    Hast du das Buch nicht vermit? fragte sie, ihm dasselbe zeigend; es
steckte in dem alten schwarzen Rock, den du seit einem Jahre nicht mehr
anzogst.
    Salander besah das Buch.
    Hm! wahrhaftig, ich hab es nicht vermit! Ich brauche es auch nicht mehr so
notwendig; denn erstens sind mir diese Dinge jetzt gelufiger und sodann wird
unlang eine Verschiebung derselben eintreten mssen. Verschiebung, das ist
eigentlich ein schlechtes Wort, welches die heimlichen Sozialisten in den Mund
nehmen, wenn sie friedlich verschmt andeuten wollen, wohin sie zielen. Da eine
etwelche Verschiebung stattfinden werde, heit es dann, sei nicht zu bezweifeln
und nur eine Frage der Zeit!
    Aber was meinst du denn damit?
    Ich? Siehst du, ich meine es ungefhr so: durch den gebieterischen
Fortschritt der Zeit wachsen die Ausgaben auf allen Punkten so sehr, da die
Einnahmen sie nicht mehr decken; wenn zum Beispiel die Gemeinden die ihnen
gestellten Aufgaben gehrig lsen wollen, so werden sie zu stark belastet, und
der Staat, will sagen der Kanton, mu ihnen beispringen und einen Teil seiner
Einknfte abtreten. Da aber die Kantone selbst ihre erhhten Ausgaben zu
bewltigen haben, die Steuern aber nicht ins unendliche vermehren knnen, so
mssen sie den Bund in Anspruch nehmen, der sich zu erklecklichen Beitrgen wird
verstehen mssen, wenn er seine hheren Pflichten erfllen will. Wiederum sind
die Einnahmen des Bundes nicht unerschpflich, und es mehren sich gleichzeitig
seine eigenen gewohnten Ausgaben. Also mssen wir suchen, ihm neue Quellen zu
erffnen und die Mittel zu beschaffen, die er fr alle das braucht.
    Das ist ja der reine Ringelreihen! lachte Marie; sehr lustig und listig
zugleich, wie ich verstehe! Oder wir machen es wie der Mann, der seinen
Geldbeutel den ganzen Tag von einer Tasche in die andere steckt; so kann er sich
einbilden, er habe hundert Geldbeutel, und kauft sich alles, was er will. Ist es
nicht so?
    Nicht ganz so, meine Liebe! Ich kann es dir jetzt nicht nher
auseinandersetzen, es sind eben nationalkonomische Dinge! Man nennt es
Volkswirtschaft!
    Sein Lieblingsfeld war aber die Volkserziehung; sie galt ihm als die wahre
Heimat, in welcher er seinen frhen Abfall von der Schule gutmachen msse. In
seinem heiligen Eifer ahmte er unbewut die jdischen Krmer nach, die das
feilschende Publikum so stark berfordern, da sie eines migen Preises sicher
sind. Aber das Ideal, an welchem er arbeitete, stand ihm so fest, da er doch
ernstlich an die Erreichbarkeit seiner Hhe glaubte. Jeder der rastlos
auftauchenden Schrullen widmete er seine Aufmerksamkeit, half sie abrunden, zu
einem annehmbaren Gebilde ausgestalten und vertrat sie dann mit allem ihm zu
Gebote stehenden Einflu in den Aufsichtsbehrden, in denen er sa, in Vereinen
und bei jeder Gelegenheit im Groen Rate.
    Ich hoffe es doch noch zu erleben, sagte er eines Tages zur Frau, da
keiner unserer Jnglinge zu Stadt und Land vor dem Antritt des zwanzigsten
Jahres aus der staatlichen Lehre entlassen wird!
    Was sollen sie denn so lange treiben?
    Lernen und immer lernen! ben und wieder ben! Bedenke doch nur, wie sehr
sich der Stoff huft! Haben wir erst durchgesetzt, da der tgliche Schulbesuch
bis zum fnfzehnten Jahre dauert und ein allgemeiner Sekundarunterricht
eingefhrt ist, so fngt die Fortbildung an in den mathematischen Fchern, im
schriftlichen Ausdrucke, in der Kenntnis des tierischen Krpers und
Gesundheitspflege, vermehrten Landeskunde und Geschichte. Die stete Ausbildung
im Turnen und militrischen Exerzitium ist schon vorgeschrieben, mu aber besser
betrieben werden, besonders die Schiebungen mssen frher und zahlreicher
stattfinden. Selbstverstndlich geht neben allem her die fortgesetzte Pflege des
Gesanges und der Musik, letztere, insofern sich in einer Gemeinde genug Knaben
finden, die zum Spielen von Blasinstrumenten, den Trgern der heutigen
Volksmusik, veranlagt sind -
    Gottlob, dies gefllt mir am besten! unterbrach Marie die Rede des Mannes
und seinen Spaziergang im Zimmer zugleich. Mit einem Wieso? blieb er stehen.
    Ei, wenn ihr erst das gute Volk mit der Kenntnis des menschlichen Krpers
und der regelmigen Pflege der Gesundheit zu einem einzigen Hypochonder gemacht
habt, so kann es sich an der Volksmusik herrlich wieder aufheitern! Und so wird
die Demokratisierung der Kunst, von der du damals, erinnerst du dich? an der
Hochzeit unserer Kinder gesprochen hast, immer mehr ihren wohlttigen Einflu
bewhren! Aber fahre lieber fort!
    Ich bin bald am Ende! Nhern sich die jungen Mnner ihrem zwanzigsten
Lebensjahre, etwa im achtzehnten, werden sie staatsbrgerlich eingeschult. Die
Verfassungskunde haben sie schon in der Alltagsschule rasch durchgemacht als
Knaben; jetzt wird sie in den flchtigeren Kpfen halb verblat sein. Sie wird
also nochmals krftig aufgefrischt und abschlielich sodann der ganze Kreis der
Gesetzgebung fr das Verstndnis geffnet, kurz ehe sie in den Genu und die
Pflichten der Volksrechte eintreten. Ich dchte, das wren Sachen genug, die
Zeit auszufllen! Schwierig wird es im Anfang wohl sein, gleichmig und
beharrlich vorzugehen, doch es wird gehen mssen, wenn die Rechte selbst nicht
eine Ironie werden sollen! Ich habe noch vergessen, da nebenher jeder junge
Bursche lernen soll, sich einen schlichten Tisch oder eine Bank zu zimmern, und
da auch hiefr auf eine Einrichtung zu denken ist!
    Das letztere ist gut, es wird den bermut unseres ppigen Handwerkerstandes
dmpfen! Die Axt im Haus erspart den Zimmermann! bemerkte Frau Marie.
    Martin machte ein ebenso rtselhaftes Gesicht wie seine Frau, da er nicht
wute, wie es gemeint war; denn der genannte Stand war just bel dran.
    Mein Vortrag scheint nicht deine durchgehende Billigung zu haben! sagte
Martin, abermals vor ihr stehenbleibend. Es ist dir zu vieles darin, nicht
wahr?
    Aber mit ernster Miene und prfend zu ihm aufblickend, erwiderte sie: Nein,
lieber Mann! Es fehlt mir im Gegenteil noch etwas ziemlich Wichtiges an dem
Programm, was aber vielleicht nicht dazu gehrt und einer besonderen
Entschlieung vorbehalten ist. Vergessen oder bersehen worden kann es nicht
sein!
    Was wre denn das? Vielleicht die obligatorische Kochschule auf Staats- und
Gemeindekosten? Aber die gehrt in das Programm der Mdchenerziehung, das auch
in Aussicht genommen ist. Du wirst ohne Zweifel in die betreffende
Frauenkommission berufen werden und dich als meine Gattin nicht wohl entziehen
knnen!
    Das meine ich alles nicht! Ich meine den schrecklichen Kriegszug, welchen
die Schweizer nach Asien oder Afrika werden unternehmen mssen, um ein Heer von
Arbeitssklaven oder besser ein Land zu erobern, das sie liefert. Denn ohne
Einfhrung der Sklaverei, wer soll denn den rmeren Bauern die Feldarbeit
verrichten helfen, wer die Jnglinge ernhren? Oder wollt ihr diese besolden,
bis sie zwanzig Jahre alt sind und dann alles verstehen, nur nicht zu arbeiten,
den gezimmerten Tisch und die Bank ausgenommen?
    Aber Marie! Was soll denn das heien? sagte Martin mit rotberlaufener
Stirne; du erwiderst ja mein ehrerbietiges Vertrauen heute mit lauter Satiren,
und das von den bittern!
    Verzeih mir, Martin! Ich bin nicht bitteren Herzens, ich wei ja, wie du in
allem gesinnt bist! Ich bin blo ein bichen traurig, weil ich auch wei, da du
einer groen Enttuschung entgegensteuerst, und das tragen wir in unserm Alter
nicht mehr so leicht wie frher!
    In unserm Alter? Woher sind wir alt, wenn wir es nicht wollen sein? Und was
die Illusionen betrifft, so tun sie nicht weh, so wenig als bunte Seifenblasen,
die uns an der Nase platzen!
    Dies sagte er mehr zum Scherz, um den ernstgewordenen Ton der Frau
abzulenken, der ihm unbequem wurde. Denn unter den zahlreichen Gegnern des so
ausgedehnten Unterrichtswesens hatte noch nicht ein einziger Mann gewagt, sich
in dieser Weise zu uern.
    Lassen wir jetzt die Geschichten, die dich nicht freuen, nahm er wieder
das Wort, und kommen wir auf die Kinder zu reden, deren Hochzeit du vorhin
gedachtest! Ich wollte dich schon einmal fragen, warum man die jungen Frauen nie
mehr sieht. Oder ist die eine oder andere in meiner Abwesenheit gekommen?
Frher, im Anfang, trafen sie gern etwa bei uns zusammen, wenn sie die Mnner in
die Stadt begleiteten, das ist auch seit geraumer Zeit nicht mehr geschehen.
    Marie Salander wurde noch viel ernster, als sie schon gewesen war, sagte
aber nur:
    Ich wei nicht, was es ist, es fllt mir auch auf. Aus ihren knappen
Briefchen ist schon lang nichts mehr zu entnehmen, was sie nher angeht. Ich
dachte, du wtest mehr von ihnen, weil du ja mit den Schwiegershnen verkehrst,
die sich noch weniger hier sehen lassen.
    Es hat auch aufgehrt bei mir! Ich habe mich ihrer Dienstleistungen in
ihren Bezirken vertraulich bedient; als ich aber wahrnahm, da sie zu viel
Brimborium dabei machten und namentlich jede unbedeutende Geschichte zu einer
Reise und Lustbarkeit benutzten, hielt ich es als Schwiegerpapa fr meine
Pflicht, diese Art Verkehr einzustellen. brigens alles ohne ble Nachrede, denn
es sind immer noch junge Leute!
    Frau Salander seufzte erst jetzt ein weniges, als sie sagte, sie wisse doch
etwas mehr als der Mann, obschon nichts Erkennbares, und wolle nicht lnger
damit zurckhalten. Sie fuhr also fort:
    Seit einem halben Jahre ist weder Setti noch Netti mehr hier gewesen; von
guter Hand habe ich jedoch vernommen, da sie untereinander sich seit lnger als
einem Jahre nicht mehr sehen, da sie sich sogar zu vermeiden scheinen, so gut
sie knnen, whrend sie in den ersten Zeiten ihrer Verheiratung einander jede
Woche einmal besuchten, bald im Lautenspiel, bald auf dem Lindenberg
zusammensaen. Was ist nun das? Was ist geschehen? Ich wei es nicht, und
niemand will es wissen!
    Vielleicht ist es eine Kinderei, meinte Salander einigermaen betroffen,
vielleicht doch mehr! setzte er nach einer Minute Nachdenkens hinzu; am Ende
hat sich der Zwillingswahn, von dem sie besessen waren, in eine andere Idee
verwandelt oder ein Junges bekommen, da sie selbst noch kein Kind haben!
    Vielleicht und am Ende, entgegnete die Frau, wre es ein Glck, wenn sie
berhaupt keine Kinder bekmen. Es will mich eine Ahnung beschleichen, als ob
etwas nicht in Ordnung wre und die Kinder nicht wagten, sich uns anzuvertrauen,
namentlich mir, weil sie nur ihrem Willen gefolgt sind.
    In diesem Falle mte man doch suchen, dahinterzukommen und ihnen zu
helfen!
    Das habe ich schon gedacht; aber wie, ohne mehr zu schaden als zu ntzen?
    Ich glaube, das einfachste wre, sie beide eines schnen Tages mit unserer
Heimsuchung zu berraschen, die wir den Leutchen sowieso schuldig sind; wir
waren erst einmal bei jeder Partei! Wenn wir bei gutem Wetter mit einem
Morgenzuge nach Unterlaub fhren, zu Setti hinauswanderten und uns dort ein oder
zwei Stunden aufhielten, so wrden wir zunchst ungefhr merken, wie es dort
steht oder ob etwas zu erfahren ist. Dann kutschieren wir auf der Kreuzbahn nach
Lindenberg hinber und fordern Setti auf, mit uns zu Netti zu kommen. Wir werden
ja sehen, ob sie's tut oder was sie sagt und was sich weiter begeben wird.
Abends sind wir bequem wieder hier.
    Der Frau Salander war dieser Vorschlag willkommener wie auch die Besorgnis
tiefer, als sie erraten lie. Sie verschoben die Fahrt deswegen aber keineswegs;
an einem der nchsten Tage reisten sie nach der Station bei Unterlaub und gingen
zu Fu in das sogenannte Lautenspiel. Als sie die liebliche Lage des Hauses in
dem lichten Buchenbestande, der es zur Hlfte umgab und vom Finkenschlag
widerhallte, mit neuem Wohlgefallen erblickten, sagte Martin Salander:
    Es mte doch nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn in diesem idyllischen
Frieden ein ernstliches Unheil gedeihen knnte! Wie reinlich ist der Kies auf
dem ganzen Platz geharkt; und auch das Parkgehlz ist in sauberstem Zustande,
und darber weg sieht man noch eine mchtige Kronenflle des eigentlichen
Forstes sich links die Hhe hinanziehen!
    Ja, es ist schn hier! antwortete Frau Marie, vielleicht nur zu schn fr
mige Herzen!
    Sie gingen um das Haus herum, wo an der hinteren Tre wie an der vorderen
eine kleine Orangerie in alten Kbeln aufgestellt war. Bei einem der Bumchen
stand Frau Setti Weidelich in schnem Kleide, mit dem Ausbrechen abgngiger
Bltter beschftigt. Ihr Gesicht schien im Profil schmler als frher, blasser
und vor allem freudlos.
    Da sieh! flsterte Marie Salander, den Mann am Arme berhrend.
    Er blieb einen Augenblick stehen und sah die Tochter, ging dann aber um so
rascher vorwrts, so da Setti die im feinen Kiese knirschenden Schritte hrte
und sich wendete. Kaum erblickte sie Vater und Mutter, so strahlte ungewohnte
Freude auf ihrem Gesichte, einen Schleier der Wehmut durchbrechend, der sich
gleichzeitig darber verbreiten wollte. Aber nur zgernd trat sie ihnen
entgegen, bis sie sah, da die Eltern die Schritte beschleunigten, und ihnen nun
in die Arme flog.
    Mu man dich aufsuchen, wenn man dich einmal sehen will? fragten sie, und
Netti auch? Was ist das fr eine Auffhrung?
    Setti errtete stark und schlug die Augen nieder.
    Ich wei nicht, ich komme nicht von Hause weg, entgegnete die junge Frau
verlegen, aber habt ihr denn Netti auch nicht gesehen?
    So wenig wie dich! Wo fehlt es denn? fragte die Mutter.
    Wo sollte es fehlen? Auch die zuflligen Ursachen knnen sich ja gleichen
und berall dieselben Folgen haben! Aber wollt ihr nicht ins Haus kommen und
ausruhen, liebe Eltern? Wie sehr erfreut ihr mich! Darum hat es nur auch so
schn getrumt in der vergangenen Nacht!
    Getrumt? Und was denn? fragte der Vater.
    Es war mir, als sei ich ein kleines Kind, das auf der Landstrae wandert
und nicht wei, wohin. Am Arme trug ich ein Scklein, worin sich ein Apfel und
ein Stck Brot befand. Ich hatte Hunger und setzte mich auf einen Stein; allein
das Scklein war so fest zugeschnrt mit einem verwickelten Knoten, da ich
nicht zu dem Brote gelangen konnte und mir sehr weinerlich wurde. Da sah ich
pltzlich mir gegenber ein Haus in einem prchtigen Blumengarten, in welchem
Musik ertnte und ein groes Tellerklappern und Glserklingen, und denkt euch!
an eines der offenen Fenster traten ein Herr und eine Frau mit Blumenstruen in
den Hnden, und das war niemand anders als Herr und Frau Salander, die Hochzeit
hielten; jung und sehr hbsche Leute waret ihr und sahet, da ich mein Scklein
nicht auftun konnte und dazu weinte; so rieft ihr mich zu euch hinauf. Ich kam
sogleich, und der Vater sagte: Zeig her dein Sckchen, wir wollen dir's
aufmachen. Du lstest den Knoten und hieltest es geffnet der Mutter hin, die
griff hinein und zog das Regenbogenschsselchen hervor, das sie uns Kindern
einst gezeigt, als wir ungegessen ins Bett sollten. Es war aber eine ordentliche
goldene Schssel oder vielmehr ein Teller. Potztausend! rieft ihr beide, wie
heit du, kleines Mdchen? Als ich es sagte, hie es: Der Name ist uns nicht
unbekannt! Wir wollen dich an Kindes Statt annehmen um dieses schnen Tellers
willen. Da mute ich zwischen euch an dem Tische sitzen, bekam herrliche
Krebssuppe auf den goldenen Teller, da der Nasenzipfel des Heinricus Rex kaum
noch durchschimmerte. Die Krebssuppe, von der ich getrumt, hngt offenbar mit
den Krebsschalen zusammen, mit welchen die Erdmnnchen im Mrchen der Mutter
geharnischt waren. Merkwrdigerweise war ich auf meinem Sessel als Kind so gro
wie alle anderen Leute!
    So plauderte Setti vergngt und zufrieden die Treppe hinauf. Trume sind
Schume, sagte der Vater. der deinige soll dir indessen bedeuten, da wir dich
jederzeit von neuem adoptieren! Nicht wahr, Marie?
    Die Mutter nickte nur, und da sie zugleich in die Stube traten, fragte sie:
    Wo ist denn dein Mann? Darf man denn in die Kanzlei gehen, ihn zu
begren?
    Die Tochter wurde sofort wieder ernster und errtete abermals, als sie
erwiderte, Isidor sei ins Dorf gegangen, wo er Geschfte habe und zuweilen einen
Frhschoppen nehme, besonders wenn etwas Politisches um den Weg sei. Er werde
wohl bald kommen, sie wolle brigens den Schreiber schicken, ihm zu sagen, wer
da sei.
    Durchaus nicht! La ihn nur ungestrt! sagten die Eltern gleichzeitig.
    So bitte ich, zu befehlen, was ihr fr den Augenblick genieen mgt, ein
Glas sen Wein, eine Tasse Tee oder Bouillon? Auch Schokolade haben wir.
    Wenn die Fleischbrhe schon krftig genug ist, so gib uns ein paar Lffel
voll, der Vater nimmt sie auch am liebsten, wie du weit, entschied die Mutter;
mach indessen keine Umstnde mit uns, wir wollen uns keineswegs gtlich tun!
Und fr den Mittag triff nun gar keine weiteren Anstalten, hrst du? Wir sind
mit allem zufrieden!
    Liebe Mutter, ich mu doch etwas dazu holen lassen, nur ein Stckchen
Fleisch, ein paar Fische aus unserm Weiher, schon des Mannes wegen; er wrde
sich sonst geniert fhlen. Bitte, la mich machen!
    Nun, so mach zu, du mut es besser wissen! versetzte Frau Marie, sag
aber: du kleidest dich im Haus ja wie eine Prinzessin! Dreh dich einmal um, das
ist ja ein Staatsrock! Der Tausend, was fr Garnituren! Und hast nicht einmal
Besuch erwartet!
    Wiederum blickte Setti zur Seite, als sie berichtete, der Mann wolle es so
haben und sie msse es des lieben Friedens willen tun. Nun sei sie es gewhnt
und wisse kaum noch, da sie hbsch gekleidet gehe.
    Martin Salander fragte, ob ihr Schwager Julian es auch so mache, worauf sie
erwiderte:
    Freilich! Sie tun in allem das gleiche, und ich glaube nicht, da sie es
verabreden!
    Was, diese jungen Schnaufer? warf die Mutter dazwischen. Auf diese Weise
braucht ihr ja die Zinsen von eurer migen Mitgift allein fr die Kleider?
    Ich glaube, wir wissen beide nicht, was wir eigentlich brauchen; denn die
Mnner heben alles auf den Kanzleistuben in den feuerfesten amtlichen
Kassenschrnken auf, und alles, was zu bezahlen ist, holen sie dort.
    Die Frau Notarin ging hinaus, ihr Geschft zu besorgen, worauf die Mutter zu
Herrn Salander sagte:
    Da haben wir nun die mtterlich liebevollen, die Jnglingsmnner so
wohlttig beeinflussenden Gattinnen!
    
    Ich bin ganz stupid! entgegnen er, das sind ja verfluchte Kerls von
Tyrannen! In dem Punkte haben die Mdchen, wie es scheint, vllig recht
behalten: sie werden bald Mnner sein! Wenigstens ihren Weibern sind sie
gewachsen!
    Als Setti zurckkam, sprach die Mutter zu ihr:
    Wir haben uns vorgenommen, nach dem Essen nach Lindenberg zu fahren, um
auch deine Schwester Netti zu sehen. Wir rechneten darauf, dich mitzunehmen, um
euch beieinander zu haben. Du kannst doch abkommen? Du fhrst abends hieher
zurck!
    Die Tochter erschrak sichtlich bei dieser Erffnung und erbleichte. Ich
wei doch nicht, meinte sie, ob ich heute weggehen kann. Isidor hat von
Geschften gesprochen, die er nachmittags irgendwo zu verrichten habe. Wenn
niemand da ist, so schleicht sich der Schreiber auch weg.
    Und da mut du die Kanzlei hten?
    Jedenfalls das Haus; es steht so abgelegen, da ich die Magd nicht allein
darin lassen kann; auch wei ich den Leuten, die dies oder das zu fragen kommen,
eher Bescheid zu geben. Zuweilen arbeite ich sogar ein wenig fr die Langeweile,
wenn die Kanzlei leer steht, und habe schon manche Hofbeschreibung kopiert!
    Das lie sich alles hren; allein sie brachte es so ngstlich vor, da eine
gewisse Scheu, mit nach Lindenberg zu gehen, nicht mehr zu verkennen war. Aus
der letzten Bemerkung schpften die Eltern berdies den Verdacht, die Tochter
werde zum Abschreiben angehalten, so unwahrscheinlich es sie sonst gefunden
htten, da sie es leiden wrde. Genug, die Mutter vermochte nicht lnger die
Zeit zu verlieren, dem Ziele ihres Ausfluges nherzukommen, und sagte, die Hand
der jungen Frau ergreifend, mit milden, aber eindringlichen Worten:
    Sag uns jetzt den wahren Grund, warum du nicht mitgehen willst! Wir sind
deshalb gekommen und wollen erfahren, was zwischen euch vorgefallen ist, da ihr
nicht mehr miteinander verkehrt und euch bei uns nicht mehr blicken lat! Warum
bist du so gedrckt, ja traurig, wirst rot und bleich, und vielleicht finden wir
deine Schwester im gleichen Zustand!
    Rede nur, Kind, es mu sein, wir gehen nicht fort, ohne Klarheit zu haben!
fgte der Vater hinzu.
    Die Tochter stand da, ohne ein Wort hervorzubringen. Die Eltern wurden
selbst verlegen und wuten nicht, sollten sie weiter in die Tochter dringen oder
nicht. Zuletzt sagte Salander noch aufs Geratewohl:
    Ist vielleicht das Glck ausgeblieben oder schon verschwunden, auf das ihr
hofftet?
    Ja, so ist es! antwortete Setti fast tonlos. Sie zog ihre Hand aus
derjenigen der Mutter, suchte nach dem Taschentuch und bedeckte sich Mund und
Augen, indem sie ein krampfhaft ausbrechendes Schluchzen zu ersticken suchte.
Sie lieen die Arme sich etwas erholen, ehe sie weiterforschten. Endlich fing
sie von selbst wieder an.
    Es ist nichts mit ihnen! Sie haben keine Seelen! O Gott, wer htte das
denken knnen!
    Wer? Ihr selbst! sagte die Mutter, die sich die Trnen zornigen Mitleidens
aus den Augen rieb.
    Wir wissen es und schmen uns vor Vater und Mutter, und an den jungen
Bruder mgen wir gar nicht denken! Aber auch vor uns selber schmen wir uns
gegenseitig und knnen uns nicht ansehen. Sobald wir der schrecklichen Tuschung
recht innegeworden sind, haben wir uns fliehen mssen wie Menschen, die eine
gemeinsame Untat verbt haben. Und doch habe ich Heimweh nach der Schwester und
sie gewi auch nach mir! Aber wenn wir zusammen sind, so ist es, als ob jede
zwei bse Gewissen in sich fhlte!
    Martin und Marie Salander gingen aufgeregt nebeneinander hin und her.
    Fr jetzt wollen wir es genug sein lassen! Du mut mit uns kommen, Setti;
ihr sollt euch wieder zurechtfinden, so wird es schon besser gehen. Jetzt wasch
die Augen aus, der Mann kann jeden Augenblick erscheinen, und wir drfen uns
nichts merken lassen, eh wir alles berlegt haben und wissen, was wir tun
wollen!
    Es wird nichts zu tun sein! entgegnete Setti etwas gefater, es steht
eben nicht so, da wir nach Brauch und Sitte vor der Welt einen Grund zur
Trennung fnden.
    Sie begab sich hinaus, den Rat des Vaters zu befolgen und das Gesicht
abzukhlen; gleich darauf kam Isidor gestrmt, der unterwegs erfahren, welchen
Besuch er zu Hause finden werde. Er war sehr aufgerumt und begrte die
Schwiegereltern als eine ihm sehr schmeichelhafte berraschung, entschuldigte
sich aber sogleich, da er schnell noch in der Kanzlei nachsehen mte, lief
aber statt dessen in die Kche und das Speisezimmer, um das Gekche und den
Tisch zu untersuchen, ob auch seine Ehre gewahrt und trotz des Zuwachses fr
seine eigene Elust gesorgt sei.
    Am Tische lie sich von dem, was vorausgegangen, keine Spur entdecken. Frau
Setti schien die Gelassenheit selbst, welche durch die Gegenwart der Eltern und
das ihnen abgelegte Bekenntnis noch erleichtert und vermehrt wurde. Die Mutter
erkannte als Frau aus dieser vollkommenen Ruhe und Selbstbeherrschung, wie
nichtig der junge Mann fr das Herz seiner Gattin geworden sein mute. Sie
konnte ihn ertragen, wie man ein bses Geschick ertrgt, das man selbst
verschuldet hat.
    Der Vater mute seine Aufmerksamkeit mehr dem Notar zuwenden, und er
wunderte sich, wie ihm nicht frher schon die Schuppen von den Augen gefallen
seien. Es fiel nicht ein rundes oder, wie man zu sagen pflegt, nicht ein
vernnftiges Wort von seinen Lippen. Der schlaue junge Streber hatte Amt, Haus
und Frau; darber war seine Persnlichkeit schon zu Ende geraten und konnte sich
nur noch im Gerusche von vielen ihresgleichen geltend machen. In der Stille des
Hauses, wo man die einzelnen Worte vernimmt, war nichts mehr an ihm.
    Wir haben vor, teilte Salander dem Notar mit, diesen Nachmittag auch die
Leute am Lindenberg zu besuchen, und wollen unsere Tochter mitnehmen. Sie haben
doch nichts dagegen, Herr Sohn? Sie sagt uns zwar, Sie htten auch auswrtig zu
tun, es wird sich aber vielleicht beides fr einmal vertragen?
    Ei warum nicht, Herr Vater? Ich htte Lust, selber mitzugehen und bitte nur
um Dispens!
    Isidor war froh, da er mit guter Manier seiner Wege gehen konnte, denn das
prfende Auge der schweigsamen Schwiegermama tat ihm nicht wohl. Dagegen
begleitete er die Frau und ihre Eltern eine kleine Strecke weit, als sie
aufbrachen.
    Auf dem Hofe bewunderte Salander wieder das Buchenwldchen und die dahinter
emporragenden Wipfelmassen des greren Forstes, eine Umgebung, die nicht mit
Geld zu bezahlen sei.
    O ja, es macht sich nett! sagte der Schwiegersohn. Nur wird es nicht mehr
so lang stehenbleiben, als es schon steht. Der Wald gehrt der Gemeinde
Unterlaub und soll in ein paar Jahren geschlagen werden; die Holzhndler sind
schon dahinter her. Da werd ich unsere Buchen auch darangeben, es geht in einem
zu, und sie tragen ein schnes Geld ein!
    Sind Sie bei Trost? rief Salander. Ihre Buchen schtzen ja allein Haus
und Garten samt der Wiese vor den Schlamm und Schuttmassen, die der abgeholzte
Berg herunterwlzen wird!
    Das ist mir Wurst! erwiderte der jugendliche Notar in nachlssigem Tone.
Dann zieht man weg und verkauft den ganzen Schwindel! Es ist ja langweilig,
immer am gleichen Ort zu hocken!
    Salander dachte sein Teil und gab keine Antwort. Frau Setti lie whrend
Isidors Mitteilung ein paar Worte des Erstaunens hren und verriet so, da sie
von dem bevorstehenden Holzschlage noch gar nichts wute, was ein neues
Anzeichen von des Mannes Lebensart war. Sie schwieg daher auch und sagte nur
noch: Adieu, du schnes Lautenspiel!
    Woher heit es eigentlich hier im Lautenspiel? fragte die hinzutretende
Mutter.
    Das mag der Henker wissen, ich knnt es nicht sagen! In den Grundbchern
heit es nur: Haus und Hofstatt genannt im Lautenspiel, und ebenso in meinem
Kaufschuldbrief, erklrte Isidor.
    Hast du denn nicht gehrt, was sie in der Gegend davon erzhlen? fragte
Frau Setti.
    Nein, ich habe gar nie danach gefragt! Woher soll es denn kommen? Woher
heit es denn bei uns im Zeisig und im roten Mann? Von irgendeiner Dummheit!
    Es soll hier vor etwa zweihundert Jahren, erzhlte Setti, ein geiziger
Junker gehaust haben, um seine sechs schnen Tchter vor der Welt zu verbergen,
damit sie nicht zum Heiraten kmen und er sie nicht ausstatten msse. Sie htten
alle sechs wunderschn die Laute gespielt und dazu gesungen, aber zusammen nur
drei Lauten besessen, mit denen bei schnem Wetter je die Hlfte in den schnen
Buchenwald hinausgegangen sei und sich dort sattgespielt und gesungen habe,
worauf die anderen drei Frulein sie ablsten und mit frischen Krften
weiterspielten. So habe das Gehlz stets von dem Saitenspiel und Gesang getnt,
und die Vgel htten dazu mitgeholfen. Durch den Klang seien endlich
vorbeiziehende Herren, Jger und Reiter, angelockt worden, seien in das Gehlz
eingedrungen und mit den musizierenden Frulein in Verkehr getreten, und
allmhlich sei eines um das andere doch zum Heiraten gekommen und habe der Alte
mit der Aussteuer hervorrcken mssen. Als aber nur noch drei Tchter und die
drei Lauten briggeblieben, habe er sie mit den Instrumenten in das obere
Stockwerk des Hauses gesperrt und den Schlssel stets bei sich gefhrt. Die drei
gefangenen Tchter haben dann in hellen Mond- und Sternennchten erst recht so
rhrend und laut an den offenen, aber vergitterten Fenstern gesungen, da die
Kavaliere von weither angezogen und verliebt worden sind. Sie strmten
ordentlich das Haus, das umwohnende Volk half ihnen dabei, die drei Tchter
hatten die Wahl, und der Junker mute sie auch noch aussteuern. Dadurch sei sein
Gut so vermindert worden, obgleich er wohl noch htte leben knnen, da er sich
aus Verzweiflung ums Leben gebracht habe. Davon rhre auch das Sprichwort her,
das man jetzt noch etwa von alten Leuten in dieser Gegend hrt: Er kann sich ja
hngen, wie der Junker im Lautenspiel! Hast du auch dies nie gehrt?
    Niemals! Oder ich hab nicht darauf geachtet! Ist auch nicht schad drum!
    Vater und Mutter saen nun mit der lteren Tochter in dem Bahnzuge, der nach
Lindenberg fhrte. Setti fhlte sich halb froher zumut, halb wieder furchtsam,
da sie nicht nur die Schwester, sondern auch deren Mann sehen sollte und das
Wort, da Leidensgefhrten dem Unglcklichen zum Troste gereichen, hier nicht
zutraf. Das durchgehende Doppelwesen verdoppelte auch die Reue, anstatt sie zu
vermindern; denn nicht nur sah jede der Schwestern in der andern sich selbst
wieder, sondern auch im Gatten derselben den eigenen Verdru.
    Gemchlich stiegen die drei Personen, am Ort angekommen, die Berglehne
empor, bis sie die sogenannte Landschreiberei erreichten. Auch hier war ein Sitz
der Ruhe und des Naturgenusses; nur bot statt des Laubwaldes eine ausgedehnte
Fernsicht dem Gemte jene Ruhe, insofern es fr sie offen stand. Aus einem
wohlgepflegten Gemsegarten kam die Magd gegangen, zu sehen, wer da sei, als die
kleine Gesellschaft sich ein wenig verschnaufte, und aus einem Fenster des
Erdgeschosses guckte ein halbwchsiges Schreiberlein mit einem
Zigarrenstmmelchen im Munde, welches der Herr Notar weggelegt haben mochte. Die
Magd aber fhrte die angelangten Leute, die sie nicht kannte, um die Hausecke
herum nach einer Laube, wo die Frau mit Pltten beschftigt sei.
    Auf einem Tische lagen frischgewaschene Kragen, Manschetten und anderes
feineres Weizeug; am Boden stand ein glhendes Kohlenfchen. Die Frau Netti
aber stand an einer fensterartigen ffnung des Laubwerkes und schaute, die Hand
ber der Stirne, in die Ferne, nach dem blauen Hhenzuge bei Mnsterburg. Auf
der Rckseite mute die Kreuzhalde sein, whrend aus dem halb zugewandten
Scheitel des Berges eine leise grnliche Tinte, von der westlichen Sonne
gestreift, jene Waldwiese ahnen lie, wo der Vater die Mdchen mit den
Zwillingen tanzend gefunden hatte! Stille Trauer webte um die reglose Gestalt,
und was man von dem halbgeffneten Munde sehen konnte, war ziemlich weinerlich
beschaffen.
    Um sie aus dem schweren Traume zu wecken, rief die Mutter, in die Laube
tretend, die Tochter beim Namen. Wie heute morgen ihre Schwester, so erblickte
auch Netti mit freudigem Erschrecken die Eltern und flog ihnen sogar
entschlossener entgegen. Allein sobald sie hinter ihnen die Schwester stehen
sah, blieb sie auch stehen und lie erbleichend die Arme am Leibe niedersinken,
wobei sie nur die Worte hren lie: Ach, Setti!
    Auch diese Berin war dies erste Mal, wo sie sich wiedersahen, befangen und
sagte ebenso kleinlaut: Ach, Netti! Doch als diejenige, welche mit den Eltern
ihren Frieden schon gemacht, war sie schneller gefat und bot der armen
Schwester die Hand, und Netti ergriff sie so furchtsam, als ob es eine
Geisterhand wre.
    Sie wissen schon alles und meinen es gut mit uns wie frher! sagte Setti
noch. Aber so tief war das Gefhl der gemeinsamen Vergangenheit und des Irrens
in derselben, da sie auch jetzt noch nicht sich zu umhalsen wagten. Martin und
Marie Salander umarmten jetzt beide verirrten Kinder zusammen und gingen mit
ihnen ins Haus.
    Die Mutter musterte die jngere Tochter, die so schn gekleidet war wie die
ltere, nur da sie zudem ein massives goldenes Armband trug, das ihr einst die
Eltern geschenkt hatten.
    Du bist hoffrtig geworden, da du das Armband zum Pltten trgst! sagte
sie versuchsweise, um zu erfahren, ob auch hier der Wille des Mannes schuld sei.
Netti stammelte etwas Unverstndliches, Setti sprang ihr bei und besttigte die
Vermutung der Mutter, da der demokratische Volksmann Julian das Armband sehen
wollte, wenn er daheim war.
    Ist er nicht da, da er sich nicht blicken lt? fragte der Vater.
    Er ist schon am Morgen frh in den Wald hinaufgegangen, erwiderte Netti,
er hat dort einen Vogelherd und bringt zuweilen einen halben oder ganzen Tag
droben zu. Er fngt auch viele kleine Vgel, die er gebraten sehr gern it.
    Fngt deiner auch Vgel? fragte er die andere Tochter.
    Nein, er fischt! sagte sie.
    Gottlob, das gibt mir etwas Mut! murrte Martin, ich habe die Herren schon
fr zu dumm fr solche Knste gehalten, womit ich indessen nicht behaupten will,
da jeder Vogelsteller oder Fischfnger notwendig ein Genie sein msse!
    Beide Tchter schreckten ber den harten Worten leicht zusammen, und die
Mutter, es bemerkend, sagte zur jngeren:
    Du knntest uns dann bald fr einen guten Kaffee sorgen, da wir uns nicht
bereilen mssen; denn wir wollen ausgiebig bei dir plaudern!
    Als der Kaffee genossen wurde, gestaltete sich die Plauderei zu einer
allgemeinen Beratung, an welcher die beiden Landschreiberinnen mit Verstand und
beruhigtem Blute Anteil nahmen, nachdem sie sich an das langgefrchtete
Zusammentreten gewhnt hatten. Und dies war unter den Augen der nur von der
Sorge um sie bewegten Eltern leichter geschehen, als sie geglaubt.
    Fr Martin und Marie Salander handelte es sich zunchst um die Frage, ob sie
die Tchter ohne weiteres wieder zu sich nehmen sollten, oder abzuwarten sei,
was die Zeit etwa brchte. Die jungen Frauen lebten eigentlich nicht schlecht
oder geplagt in den Husern ihrer Mnner; hundert Weiber wren froh gewesen, nur
die ganze Woche die schnen Kleider tragen zu drfen, die diese verlangten. Ihr
Unglck war, da sie die Liebe zu den Zwillingsnotaren verloren hatten, ohne da
dieselben es fhlten oder der Beachtung wert hielten. Dadurch zeigten sie erst
recht die traurige Ble des Innern und blieben von der zerflossenen Traumwelt
der Frauen als leere Schemen brig.
    Der Verdacht lag nahe, da auch diese bloen Schemen die Frauen roh und
schlecht behandelt htten, wren diese nicht die Tchter eines reichen Mannes
gewesen; oder vielmehr tauchte der alte Skrupel wieder auf, sie htten von
Beginn an eine Spekulation herzloser und dazu unreifer Burschen dargestellt, der
sie durch den verblendeten Eigenwillen zum Opfer gefallen seien. Nun aber
stimmten sie darin berein, da sie ihr Schicksal hinnehmen und nur froh sein
wollten, wenn nicht davon gesprochen wurde, solange nichts Schlimmeres
hinzutrat; und wenn nur der Verkehr mit dem Elternhause und unter sich selbst
wiederhergestellt war, so hofften sie durch die Macht der Zeit ein Los
allmhlich tragen zu lernen, das so vielen Frauen nicht besser beschieden sei.
    Die Eltern wuten hiegegen vorderhand nichts einzuwenden. Von einem
Einwirken auf die jungen Mnner konnte gar nicht die Rede sein, da diese sich
nicht geben konnten, was sie nicht hatten, und die Sache gar keine greifbare
Seite darbot. Sie beschrnkten sich also darauf, die in ihren idyllischen
Trumen so arg verunglckten Kinder in dem lblichen Vorsatze der Geduldbung zu
bestrken und ihnen fr alle Notflle Schutz und Hilfe zuzusagen. Vor allem
jedoch verlangten sie, da die Tchter ihre Eltern nun fleiiger besuchen
sollten, so oft als mglich, allein und zusammen, wie es komme, ohne sich
abhalten zu lassen. Das versprachen sie gern und nahmen sich auch vor, es zu tun
und sich selber gegenseitig wieder heimzusuchen, sooft es sie freute.
    Auf diesem Punkte angelangt, wurde die Beratung durch die Ankunft Julians
geschlossen. Verwundert grte er die Gesellschaft, die er so unvermutet
vorfand, und bedauerte hchlich, gerade an diesem Tage in den Wald gegangen zu
sein. Einem Bauernknaben, der ihm Proviantsack und Weidtasche nachtrug, nahm er
die Sachen ab.
    Glcklicherweise, rief er, bringe ich noch wenigstens etwas Gutes zum
Abendbrot! Hast du fr mich auch noch einen Schluck Kaffee, Frau Grortin? Ja
so, ihr seid ja euer drei da und knnt uns zwei Herren berstimmen! Hier, wollt
ich sagen, ist nun was zu braten, was bald geschehen sein wird, wenn das Zeug
nur erst gerupft ist. Da will ich mich aber selber dranmachen!
    Er schttete die Weidtasche auf den Tisch aus, und ber dreiig arme Vgel
mit verdrehten Hlschen und erloschenen Guckaugen, Drosseln, Buchfinken,
Lerchen, Krammetsvgel und wie alle hieen, lagen als stille Leute da und
streckten die starren Beine und gekrmmten Krllchen von sich.
    Sie werden sehen, Mama, die Dinger schmecken Ihnen wie Marzipan, wenn sie
mrb und gut geraten sind! Ich will aber selbst zusehen! Hat's etwas Speck in
der Kche, Frau?
    Bitte, Herr Sohn, beeilen Sie sich nicht! sagte Frau Salander, wir essen
jedenfalls nicht mit, mein Mann und ich, wir sind vollkommen satt und wollen
noch mit dem letzten Zuge fort!
    Aber, Meister Julian, schaltete Martin dazwischen, wissen Sie denn nicht,
da die Jagd auf Singvgel verboten ist? Sie, als Mitglied des Groen Rates?
    Herr Vater, ich habe nicht gejagt, sondern das Garn gespannt, und da sind
allerdings ein paar Finklein dazwischengekommen, die nicht geladen waren.
brigens wird sich wohl kein Wchter des Waldes an mich machen!
    Gleichheit vor dem Gesetze, nicht wahr? erwiderte Salander auf Julians
Rede, der offenbar auf den Schutz seines Ansehens als Ratsmann anspielte,
allerdings sehr ungeschickt.
    Nun, mag essen, wer will, ich lass es braten, denn ich habe Hunger! sagte
er und trank die Tasse aus, welche die Frau ihm eingeschenkt; dann raffte er die
Vgel bei den Fen zusammen, je fnf oder sechs zwischen zwei Fingern, und zog
mit diesen hngenden Vogelbuketts von dannen.
    Als einige Zeit spter die Schwiegerleute und Setti abreisen wollten und den
Flur entlang gingen, kam er zum Abschied aus der Kche gelaufen, eine weie
Schrze vorgebunden und das Messer in der einen Hand, in der andern eines der
nackten aufgeschnittenen Tierchen. Die blutigen Finger vorweisend, entschuldigte
er das Unvermgen, in besserer Form ein Lebewohl zu bieten, als da er den
rechten Handknchel oder Ellbogen darstreckte.
    Die Weggehenden sahen sich so gezwungen, den gekrmmten Arm zu berhren und
sanft daran zu rtteln, um den Hndedruck zu ersetzen.
    Seine Frau Nettchen war sehr verlegen und tat, als ob sie die
Ungeschliffenheit des gefrigen jungen Gemahles nicht bemerkte, indem sie
rascher voranging; die Mutter Marie wunderte sich, wie schnell die beiden Brder
sich vergrbert hatten, und dachte, das werde mit der Zeit ein Paar recht takt-
und gefhllose Philister abgeben.
    Den empfangenen Eindruck verarbeitete Martin Salander nach anderer Seite
hin. Zur Tochter Netti, die Eltern und Schwester bis zur Station hinunter
begleiten wollte, sagte er:
    Hat dein Mann so viel Zeit in seinem Berufe, da er ganze Tage solchen
Liebhabereien nachgehen kann?
    Was das betrifft, antwortete Netti, so ist der Geschftsandrang ungleich;
aber ich knnte nicht mit Wahrheit sagen, da ich glaube, er vernachlssige
wirklich etwas. Er arbeitet leicht, soviel ich sehe, ohne sich lang zu besinnen,
und dann macht er sich nichts daraus, wenn mehr zu tun ist als gewhnlich, die
halben Nchte hindurch in der Kanzlei zu sitzen und anhaltend zu schreiben. Erst
neulich war er den Tag ber fort, in Mnsterburg, und als er abends um halb zehn
Uhr heimkam, ging er nicht ins Bett, sondern auf die Kanzlei, obgleich er nicht
mehr munter schien. Als es drei Uhr schlug und er immer noch nicht in seinem
Bette lag, glaubte ich, er sei unten eingeschlafen; ich stand auf, um
nachzusehen, schon wegen der Lampe, damit nichts Ungeschicktes geschehe. Aber er
sa noch und arbeitete. Er hatte eine ganze Reihe Hypotheken oder Pfandbriefe,
Grundbuchauszge und dergleichen, was sonst die angestellten Gehilfen tun
mssen, selbst ausgefertigt, alles sauber geschrieben, sogar die berschriften
in sorgfltiger Fraktur. Eben war er daran, die Urkunden zusammenzufalten und
die kanzleimigen Titel auf die Rckseiten zu setzen, alles in guter Ordnung.
Dies tat er alles, weil der Schreiber und der Lehrling nicht vorwrtsgekommen
waren und er einen Schub vorarbeiten wollte, damit es besser flecke. Er hatte
nicht einmal gern, da ich dazukam und sah, wie er eigentlich Arbeit
verrichtete, fr die er die Leute bezahlt.
    Da ist doch eine gewisse Gutmtigkeit darin! meinte Salander. Ist dein
Isidor auch solch ein Nachtarbeiter, Setti?
    Ja, er treibt sich auch zuweilen lang in der Kanzlei herum, erwiderte Frau
Isidor Weidelich, ob er mit seiner Arbeit den Angestellten unter die Arme
greift, wei ich nicht. Ich habe nur gesehen, da er die Bcher durchmustert und
sich Notizen daraus macht.
    Auf der Bahnstation Lindenberg muten sie sich trennen. Die Eltern stiegen
sogleich nach Mnsterburg ein, whrend Setti und Netti noch in dem Warteslchen
zusammenblieben, um mit schwermtig verlorenen Worten leise zu plaudern, bis der
nach Unterlaub fahrende Zug herankam.
    Martin und Marie Salander saen zu Hause vor dem Schlafengehen sich auch
nicht in rosiger Laune gegenber. Sie hatten sich nun berzeugt, da das Leben
der blhenden Tchter verdete, und das um so trost- und endloser, wenn es im
gegenwrtigen Zustande beharrte und sich zu einem ewigen Landregen anlie.
    Marie sttzte ihren Kopf auf den Arm und sah in Gedanken verloren vor sich
hin.
    Nun haben wir noch den Arnold, um eine Hoffnung zu nhren, sprach sie
eintnig, und wie leicht kann auch die verlorengehen!
    Er ist aber nicht dazu da, da wir an diese Mglichkeit denken sollen,
lie sich Martin hren, er lebt und ist da, und auch die Tchter leben ja und
werden ihres Daseins auch wieder froher werden! Arnold kann brigens nun bald
heimkehren, wenn er will; glcklicherweise ist er gesund geblieben und wird es
hoffentlich ferner bleiben!
    Ich wollte, er wre schon da! Morgen schreibe ich ihm einen Brief!
    Nachdem er von seinen verlngerten Studienreisen zurckgekehrt, war der Sohn
zunchst in die Handlung eingetreten, sich grndlicher darin umzusehen und
einzuben. Es dauerte auch nicht lange, bis er so viel Einblick und Urteil
gewann, die Notwendigkeit oder wenigstens das Ntzliche einer persnlichen Reise
nach jenen Zonen zu erkennen, wohin die hauptschlichen Beziehungen des Hauses
sich richteten. Hierin traf er mit den Wnschen des Vaters zusammen, welcher
lngst das Bedrfnis nach einem zuverlssigen Stellvertreter empfunden, da er
selbst den Gedanken zeitweiliger Reisen aufgegeben hatte. Seit einem Jahre oder
etwas lnger befand sich Arnold in Brasilien und hatte in der Tat schon gute
Dienste geleistet durch glckliches Auge und rasche Hand.
    Die Aufgabe, unsern dortigen Grundbesitz an geeignetem Pflanzland zu
erweitern, sagte Salander, hat er unter den obwaltenden Umstnden mglichst
gut lsen knnen, so da wir, wie auch die Konjunkturen sich wenden, schon
hieran noch langehin einen sicheren Haltpunkt haben. Fr Betrieb und Aufsicht
hat er einen rhrigen und treuen jungen Landsmann gefunden, den wir gelegentlich
beteiligen knnen, so da wir keine fremden Pchter mehr brauchen. Und was die
brigen Geschfte angeht, so hat Arnold nach Briefen, die ich habe, bei den
Handelsfreunden berall sich schicklich und klug benommen und einen guten
Eindruck hinterlassen. Er hat's freilich leichter als ich, da ich mit meinem
abgebrannten Lichtstmpfchen in den Kolonien herumhausieren mute. Was mich aber
freut, ist, da wir einen Sohn und Genossen besitzen, der tchtig gelernt und
die Welt mit Land und Leuten gesehen hat. Und da er dazu unabhngig sein wird,
oder es schon ist, so wird ein Wirkungskreis im schnsten Sinne des Wortes ihm
zuteil werden, der uns mit zur Ehre gereicht!
    Mag er leben, wie es ihm gegeben ist, sagte Marie, und nicht anders, so
wird er zufrieden bleiben! Wr er nur erst zurck!
    Nach dieser Erbauung am Sohne kehrten ihre Sorgen wegen der Tchter wieder
an Ort und Stelle zurck, eine lngere Stille herbeifhrend. Sein trbes
Nachsinnen schlo Martin ab:
    Eines kann ich mir am wenigsten reimen! Wenn ich zurckdenke, wie die
Mdchen in dem nchtlichen Garten, wo ich sie mit den zwei Gesellen zuerst
belauschte, die Burschen am Bndel fhrten, da sie gehen und stehen muten, wie
sie es wollten; wie sie ihnen nachher den Verkehr versagten und jene gehorchten
- und wenn ich jetzt sehe, wie sie nicht den kleinsten Einflu mehr haben und
die Lmmel tun und lassen, was ihnen beliebt, den jetzigen Frauen sogar wie
orientalischen Sklavinnen Putz und Kleider vorschreiben und diese sich fgen,
whrend sie doch die Mnner nicht mehr lieben und achten, so mu ich immer
fragen, wie hngt denn das zusammen und wie ist es mglich?
    Da hilft das Grbeln nicht viel! entgegnete die Frau Salander. Man knnte
sagen, es seien auf beiden Seiten nicht mehr die gleichen Leute da, nachdem die
Trume der Willkr zerronnen. Dort sind aus den knabenhaften Traumfiguren junge
Mnner geworden, welche die rohe Seite hervorkehren und berdies zu jenen
gehren, welche von einem Bubenalter ins andere fallen; hier wurden die Mdchen
zu verheirateten Frauen; das ertrumte Phantasieglck ist verflogen und nur der
Anstand geblieben, der ihnen verbietet, das Elend auch noch mit tglichem Zanken
und Streiten zu verbrmen; denn da dieses das einzige Ergebnis jeden Versuches
wre, einen erneuten Einflu zu gewinnen, wissen sie natrlich wohl. Es ist ja
schon jene frhere Gewalt ber die jungen Leute auch nur ein Teil des
Phantasielebens gewesen. Allein alles das ist schon zu viel gesagt! Wir haben es
mit einer unerklrten Unregelmigkeit, mit einem Phnomen zu tun, wie du dich
schon ausgedrckt hast!
    Es wird wohl so sein, versetzte der Mann melancholisch, es gibt
dergleichen in der moralischen wie in der physischen Welt! Der Himmel mge uns
in Gnaden bewahren!

                                      XIV


Am anderen Tage begab sich Martin Salander zeitig in sein Kontor, um das gestern
etwa Versumte zu ordnen. Als er dies getan, auch die neuen Briefschaften
gelesen und eben eine Morgenzeitung ansehen wollte, wurde ein Fremder
hereingefhrt, der ihn zu sprechen wnschte.
    Ein gut gepflegter Mann stand aufrecht mitten im Zimmer von fremdartigem
Aussehen. Er trug eine tatarenhnliche Bartpflanzung im Gesicht, lang
herunterhngende, steifgewichste Schnurrbrte und eine entsprechende Einfassung
des Kinnes. Der Kopf war ziemlich enthaart, dafr die Augen von vielen Fltchen
umgeben, die ebensogut von angewhntem Blinzeln und Zwinkern als vom Alter
herrhren konnten; in der Hand hielt er einen kleinen Filzhut mit
aufgeschlagenem Rande, die Beine waren bis an die Knie mit glnzenden Stiefeln
bekleidet, aus einem Knopfloch des geschlossenen Rockes hing eine dicke goldene
Kette, die eine Spanne tiefer in ein anderes Loch zurckschlpfte.
    Salander fragte, mit was er dienen knne.
    Alter Freund! Kennst du mich nicht mehr? Den Louis Wohlwend?
    Salander erkannte die Stimme, wenn es auch nicht der alte Sprachton war,
doch im allgemeinen, und mit ihrer Hilfe traten auch einzelne Zge des alternden
Gesichtes hervor. Er htte in diesem Augenblick eher an den Tod gedacht als an
den Wohlwend und mute sich darauf besinnen, wie er eigentlich zu dem Manne
stehe. Er beschrnkte sich also darauf, denselben anzusehen, ohne etwas zu sagen
oder die dargebotene Hand zu ergreifen. Der Mann Wohlwend rckte einen Stuhl
herbei, setzte sich darauf und lud den alten Freund und Handelsherrn mit einem
Zeichen ein, seinen Platz am Pulte wieder einzunehmen.
    Ich nehme wahr, hub er nun seine Rede wieder an, da ich mich mit dem
Zwecke meines Besuches htte ankndigen sollen, um nicht ber den alten Span zu
stolpern, der, wie es scheint, noch immer zwischen uns liegt. Du hast mich wegen
jener Anweisung der verkrachten Atlantischen Uferbank einst ungerecht verfolgen
lassen, aber natrlich nichts ausgerichtet, denn ich vermochte nicht zu zahlen,
was ich schuldig war, mithin noch weniger, was ich nicht schuldete. Ich hatte
damals Gelegenheit, fr einen Hndler mit eichenem Fadaubenholz nach Ungarn zu
reisen und trieb mich von dort in den ungarischen Lndern herum, brachte mich
als Anschicksmann und Vermittler in allen mglichen Handelszweigen so geradehin
durch, ohne Gewinn zu machen, hatte mit Holz, Wein, Schafwolle und sogar mit
Schweinsborsten zu tun. Durch die Schweinsborsten gelangte ich in der Gegend von
Essek an der Drau zu einem gewaltigen Schweinezchter, der Gefallen an mir fand.
Er handelte auch mit anderen Produkten und suchte mich als Buchfhrer oder
Faktotum festzuhalten, und ich blieb dort. Ich war, wie du weit, immer noch
ledig, fand nun Anla, mich verehelichen zu knnen. Mein Prinzipal hatte zwei
Tchter, und zwar von zwei Frauen. Diejenige von der ersten wurde meine Gattin,
und damit die Vermgensverhltnisse beider sich nicht verwickeln sollten, jeder
zukam, was ihr gebhrte, so ordnete er noch bei Lebzeiten seinen Nachla und
stellte jeden Teil sicher. Jetzt ist der Mann gestorben. Ich kann aus den
Einknften meiner Frau ordentlich mit ihr leben und bei geregeltem Haushalte
jhrlich etwas zurcklegen. Wenn der nachgelassene Grundbesitz vorteilhaft zu
veruern ist, stellt sich der Status vielleicht noch besser. Das erste, woran
ich dachte, war natrlich die allmhliche Rckerstattung an mir erlittener
Verluste, welche etwa nicht durch Vertrge ausgeglichen wurden; voran steht der
ganze Betrag der Brgschaft, welche du fr mich geleistet hast, alter Freund
Salander! eh du das erste Mal nach Brasilien gingst! Ich will hier einen
lngeren Aufenthalt machen. Ich kann natrlich nur die Ersparnisse aus den
Jahreseinknften meiner Frau verwenden und mu mich demgem in einzelnen
Abzahlungen bewegen. Kurz, ich bin gekommen, den Anfang zu machen.
    Er zog eine Brieftasche hervor und legte einige Banknoten auf Martin
Salanders Pult, worauf er fortfuhr:
    Hier sind fnftausend Franken! Willst du mir die Liebe tun, sie als erste
Abschlagszahlung zu buchen und eine billige Zinsberechnung fr den ganzen
verflossenen Zeitraum behufs der ebenfalls sukzessiven Amortisation
auszustellen? Denn ich habe zwei Knaben, die auch erzogen sein wollen und mir
Ausgaben machen werden.
    Jetzt befand sich Martin Salander in Verlegenheit. Wenn die Zahlungslust
Wohlwends wirklich ernst gemeint war, so mute er, Salander, sich in ein
freundliches Benehmen zu ihm setzen, und doch wute er nicht einmal, ob er das
Geld annehmen solle, ohne seinen Advokaten beraten zu haben. Wenn aber Wohlwend
in der spteren Geschichte mit der Uferbank dennoch unschuldig gewesen, was ja
leicht mglich war, so stand er nun mit seinen guten Vorstzen und dem
tatschlichen Beginne der Ausfhrung ehrlich vor ihm, und Salander durfte ihn
nicht lieblos zurckstoen.
    Er nahm daher die fnf Banknoten in die Hand, strich sie glatt und sagte
nach einem kurzen Besinnen:
    Wenn du mir jenes Brgschaftskapital vergten kannst, so ist es mir nur
angenehm; man kann verlorengeglaubtes Geld immer doppelt gut brauchen! Behufs
der einfachen Verzinsung  vier vom Hundert schlage ich vor, zehn Jahre
aufzurechnen, das heit, die Frist, nach deren Ablauf die Forderung verjhrt
war, so da wir fr Kapital und zehnjhrige Verzinsung eine runde Summe
erhalten, die sich nicht mehr verndert, im Falle die Abzahlungen nicht
ausbleiben! Diese Fnftausend wrden also die erste Rate fraglicher Gesamtsumme
ausmachen!
    Ich erkenne wieder den braven alten Freund! entgegnete Louis Wohlwend mit
biederem Tone. Zinsfu und Zeitberechnung sind amikal und ich nehme beides mit
Dank an!
    So will ich dir eine vorlufige Quittung schreiben und, weil es dir
vielleicht angenehmer ist, nachher ein ausfhrlicheres Schriftstck selbst
besorgen, damit ich nicht den Buchhalter mit der Skriptur beauftragen mu.
    Ganz, wie du willst! Nochmals Dank! erwiderte Wohlwend, ihm gefhlvoll die
Hand hinstreckend. Sieh, nun kann ich mich frhlich als heimgekehrt betrachten,
da ich mit dem ltesten Jugendfreunde daheim Frieden gemacht habe!
    Salander verga ber der friedlichen Verhandlung, die ihm ja unverhofft
altverdientes Geld zurckbrachte, alles, was er wegen Wohlwend erduldet und
selbst schon ber ihn geredet hatte. Er schttelte ihm freundlich die Hand, wie
ein gutmtiger Mann, dem ein Stein vom Herzen fllt, wenn er auch einen
gerechten alten Groll loswerden kann. Er lie den halb asiatisch aussehenden und
auch einen so klingenden angenommenen Deutschdialekt sprechenden Louis gewhren,
der auch bis zur Mittagstunde schwatzend dablieb, nach allem fragte, die
kommenden und gehenden Geschftspersonen betrachtete und abwechselnd Salanders
Glck pries. Und als dieser aufbrach, um nach Haus und zu Tisch zu gehen, ging
er Wohlwends Gesellschaft nicht aus dem Wege, der ihn ein Stck begleiten
wollte.
    Sie kamen bei einem Gasthofe an, in welchem Herr Louis Wohlwend wohnte. Er
blieb an der Pforte stehen und hielt Salander fest.
    Tu mir den Gefallen und geh nur einen Augenblick mit herein! Ich mchte dir
gar zu gern meine Familie, Frau und Buben und die Schwgerin vorstellen!
    Aber das kann ja leicht ein andermal geschehen! Jetzt erwartet man mich zum
Essen! entschuldigte sich Salander.
    Versteh! drngte Wohlwend, ich mchte morgen frh mit ihnen auf den Rigi,
um sie ein Stck von unserer Herrlichkeit sehen zu lassen! Und es kann noch
anderes dazwischen kommen! Nur ein Augenblickchen!
    Salander lie sich, um das Unvermeidliche abzukrzen, die Treppe
hinaufdrngen und sah sich in einem Salonzimmer zwei stattlichen Frauenzimmern
gegenber, deren Schnheit verschieden, aber gleich fremdartig erschien, ebenso
wie ihre Haltung und Reisetracht.
    Dies ist nun mein alter Freund Martin Salander! verkndete er ihnen, und
zu letzterem gewandt:
    Dies ist meine Frau Alexandra Wohlwend, geborne Glawicz! Dies ihre
Schwester, Frulein Myrrha Glawicz, und dies sind meine Knaben Georg und Louis!
    Salander bot ihnen allen, die ihn mit etwas linkischer Respekterweisung
begrten, die Hand und sprach einiges zu ihnen ber die Reise, die sie gemacht,
und dergleichen. In der Zeit war Louis Wohlwend hinausgeschlpft und kam wieder
herein.
    So, alter Freund! Du erweisest uns die Ehre, mir uns zu essen! Ich habe den
Lohndiener in dein Haus gesandt mit dem Bericht, du seiest bei uns und gut
aufgehoben!
    Aber, guter Freund, das geht doch nicht wohl an! meinte der sich
strubende Salander. Doch half es ihm nichts, und er lie sich zwingen.
    Es dauerte eine Viertelstunde, bis es zur Tafel schellte, und das Gesprch
war nicht eben flieend, besonders wenn Wohlwend nicht schwatzte. Aber es wurde
Salandern nicht langweilig, da er die fremden Leute unbefangen betrachtete.
    Als es endlich zu Tisch ging, bekam er die Schwester der Frau Wohlwend zu
fhren und mute auch neben sie sitzen.
    Nimm dich in acht! sagte Louis Wohlwend scherzend, es fliet
wahrscheinlich hellenisches Blut in ihren Adern. Mein seliger Herr Schwiegerpapa
hat ihre selige Mama vom Schwarzen Meere herbergeholt und deren Vorfahren
sollen aus Thessalien dorthin gekommen sein.
    Martin blickte die stille Nachbarin von der Seite an, die ihm jetzt ganz
nahe war. Er sah ein paar leuchtende Augen, die sich ihm wie in gleichgltiger
Trauer zuwendeten, aus dem dunklen Haarknoten eine tadellose Stirn- und
Nasenlinie sich niedersenken und unter dem schwellenden Munde das schnste Kinn
sich runden, alles wie nach dem Rezept fr altgriechische Frauenkpfe.
    Salander fhlte ein prickelndes Behagen neben der seltenen Gestalt, und als
Wohlwend Champagner kommen lie und er ein paar Glser genossen hatte, war es
ihm, wie wenn er einen neuen Weltteil oder ein neues Prinzip entdeckt, kurz, das
Ei des Kolumbus gefunden htte.
    Die an der Tafel gewesenen Fremden hatten alle schon den Speisesaal
verlassen, nicht ohne da die meisten unter ihnen im Vorbeigehen einen Blick auf
die neben Martin sitzende Schnheit warfen. Jetzt kam auch ein Kellner und
anerbot der noch beim Champagner sitzenden Herrschaft, den Apparat in das
Nebengemach zu tragen, da in diesem Saale in zwei Stunden wieder gespeist und
der Tisch neu gedeckt werden msse. Zugleich hob er die Flasche aus dem
Khleimer und beschaute sie, die aber leer war.
    Durch diese Schndigkeit, der Flasche sowohl, wie des Kellners, wurde Martin
Salander aus einem traumartigen Zustande geweckt. Er stand auf und lehnte
Wohlwends dringenden Antrag, dem Vorschlage des Kellners zu folgen, entschieden
ab.
    Nun, alter Freund! sagte Louis Wohlwend, also auf ein anderes Mal! Ich
hoffe, wir werden uns wieder verstehen lernen! Die Freundschaft ist keines der
schlechteren Ideale, insonders wenn sie alt ist, wie guter Wein!
    Salander, der wieder ganz wachgeworden, fand zwar den Vergleich nicht
zutreffend, da sehr alte Weine heutzutage nicht mehr so hochgeschtzt werden wie
frher. Jedoch unterdrckte er diese Bemerkung und eilte, sich im Kreise herum
von den dastehenden Personen zu verabschieden. Die letzte war Frulein Myrrha
Glawicz mit dem griechischen Blut und stand hinter ihm; er suchte sie an der
unrechten Stelle, so da er sich in einiger Verwirrung um sich selbst drehte und
beinahe ausglitt, eh er der schweigsamen Dame die Hand reichen und endlich
abziehen konnte.
    Es dnkte mich wie das Schweigen des blauen Himmels dort im alten Hellas!
sagte er bei sich selbst, mit beschwingtem Gange die Straen entlangschreitend.
    Es ist doch, bei Gott! eine schne Sache um das Schne, das klassisch
Schne! Dabei schlug er unbewut ein Schnippchen in die Luft; ein oder zwei
Vorbergehende sahen ihm verwundert nach.
    Was ist denn das fr ein Fremdenbesuch, mit dem du im Gasthof gegessen
hast? fragte seine Gattin Marie, bei der er fr ein Stndchen vorsprach.
    Hat man dir's nicht gesagt? fragte Martin verblfft.
    Das kannst du ja wissen, da du nur melden lieest, du kmst nicht zu Tisch
und wrdest dort speisen!
    Ich habe gar nichts melden lassen, er tat es ohne mein Wissen!
    Wer Er?
    Ja so! Nun rate - der Louis Wohlwend!
    Der ist da? Und du hast mit ihm gegessen?
    Die Frau Salander sa starr vor Erstaunen, aber nicht von der freudigen Art.
    Erschrick nur nicht so arg! Denke dir, er will unser Brgschaftsgeld mit
Zins abzahlen und hat mir als Anfang fnftausend Franken gebracht!
    Ich wollte, der Boden htte ihn damit verschlungen! Wenn das Geld nicht
verschmerzt wre, so htt er's nicht gebracht! Und da hast du gleich wieder
Freundschaft gemacht?
    Das just nicht! Aber sei doch nicht so wunderlich, liebe Marie! Ich kann
nichts anderes darin ersehen, als da er den Schaden gutmachen will, da er es
nun vermag!
    O Mann, und ich kann nichts anderes erkennen, als da er gekommen ist, dich
zum dritten Mal auszuplndern!
    Das htte er jetzt nicht mehr ntig! Ein solcher Spitzbube ist er doch nie
gewesen, da er, der ein Vermgen erheiratet hat, aus bloer Liebhaberei eine
alte Schuld bezahlt, um sie als Kder zu einem neuen Fang zu benutzen. Und dann
wre er nicht mit Weib und Kindern dazu eingerckt!
    Beht uns der Himmel! Weib und Kinder? Das mag ein schnes Volk sein!
    Schn? Schau sie einmal an, du wirst dich wundern! Die Frau selbst dnkt
mich zwar nicht besonders fein, hab sie auch nicht recht angesehen, weil sie
eine jngere Schwester hat, ein Frulein Myrrha, die ich betrachten mute! Ich
sage dir, eine Antigone, eine Nausikaa, die schne Helena selbst, wrd ich
sagen, wenn sie hiefr nicht zu fromm ausshe!
    Erst jetzt fate Frau Marie den begeisterten Mann besser ins Auge und
gewahrte sein leicht gertetes Gesicht und die glnzenden uglein, die er
machte. In dieser ungewohnten Anwandlung einer spten Schnheitsverehrung
erschien er ihr so liebenswrdig komisch, da sie herzlich lachen mute und ihn
mit wachsender Heiterkeit betrachtete.
    Es ist gewilich wahr! rief er treuherzig, indem er das frhliche Wesen
ihrem Unglauben zuschrieb, nicht ahnend, wie viel edler die Laune war, die sie
beseelte. Und als sie ihn mit noch lustigerem Wohlwollen zu betrachten fortfuhr,
lief er ungeduldig mit den Worten davon:
    Ach geh! Mit dir ist nichts anzufangen.
    Dieser gute Martin! dachte die in ihrem Sessel lehnende und einen Augenblick
die Hnde bereinanderlegende Frau, der ndert sich nicht, bis er zerbricht!
Immer jagt er einen neuen Osterhasen auf, wenn man glaubt, er sei zu Ende! Jetzt
hat er es wieder mit der Griechenschnheit zu tun, wie er es in alter Zeit
genannt hat; er wird nchstens mit dem Odysseebuch ankommen, das wir ehemals
durchlasen. Nun, er hlt seinen Geist immer in Bewegung, immer ist er mit etwas
beschftigt und braucht nicht Kegel zu schieben!
    
    Der so gnstig beschriebene Mann ging indessen schon wieder anders gelaunt
den Weg nach dem Geschftshause, als wie er ihn angetreten. Erst auf der Strae
wirkte das anmutige Verhalten der Frau in ihm nach, deren innere Jugend den Rest
der Jahre um so lieblicher durchschimmert hatte, als das Vorkommnis in seiner
Art neu war.
    Der kleine Verdru, den er ber ihr Lachen empfunden, verschwand unvermerkt.
Wer htte gedacht, sagte er, da diese gute Marie, die ich so lang kenne,
einer so zierlich goldenen Laune in solchem Falle fhig wre! Nie hab ich sie so
gesehen! Hier kann man wahrlich nicht sagen, der Mensch ndert sich, bis er
zerbricht! Stets, wenn man es am wenigsten denkt, bringt sie ein neues Licht zu
Tag! Freilich, da sie hiemit stets dieselbe bleibt, kann man doch nicht sagen,
sie ndere sich!
    Aber keines von beiden erinnerte sich mit einem Wrtchen an das Gesprch,
welches sie am gestrigen Abend vor dem Schlafengehen wegen der Tchter gefhrt,
und was sie von den unregelmigen und unerklrten Erscheinungen des
menschlichen Lebens gesagt hatten.

                                       XV


Martin Salander hrte mehrere Wochen nichts weiter von Louis Wohlwend und dessen
Familie, und wenn er auch zuweilen neugierig war, was der kuriose gute Freund zu
guter Letzt noch aufstellen werde, so dachte er doch immer weniger und
gleichgltiger daran.
    Eines Abends verkndigte ihm Frau Marie, da sie die Tchter besuchen und
bei jeder einen Tag zubringen mchte. Die Mnner seien nmlich beide an ein
Schtzenfest in der Westschweiz gereist und werden es nicht verlassen, bis sie
ein paar silberne Becher herausgeschossen, was sie mit vielem Geldaufwand und
unendlichem Schieen zu erzwingen gewohnt waren. Ihre Abwesenheit wnschten die
Frauen zu einer grndlichen Musterung des Hausgertes, namentlich Betten und
Linnenzeug, zu benutzen und dabei die Mutter mit ihrem Rate zur Seite zu haben.
Sie gedachten natrlich, auf diese Weise einen vollen Sommertag der ungestrten
mtterlichen Gesellschaft sicher zu sein und es berdies so einzurichten, da
jede der Schwestern an der Visitation und dem Ratschlage im Hause der andern
teilnahm, wobei sie nicht nur ein lehrhaftes Wahrnehmen und Vergleichen der
erlittenen Schden, sondern auch ein hchst zufriedenes, vertrautes Stilleben zu
dreien tage- und nchtelang zu erzielen hofften. Denn wenigstens eine Nacht
wollte jede Tochter den ersehnten Besuch bei sich festhalten.
    Martin fand alles in der Ordnung, bis auf die kostspielige Schieerei der
Schwiegershne, von denen jeder in der Tat ein Glasschrnklein mit einer Reihe
glnzender Becher im Hause stehen hatte, ohne einen sichern Schu abgeben zu
knnen. Da es aber einmal so war, so gnnte er allen drei Frauen die zwei oder
drei vertraulichen Tage und ermahnte die seinige, solange bei den Kindern zu
bleiben, als sie es freue und ihr selbst guttue. An beiden Orten sei ja die Luft
so rein und gesund als mglich.
    Am bestimmten Tage brachte er die treffliche Gesponsin zum Bahnhofe, wo die
Magd schon einen Korb mit guten Sachen hingetragen hatte, das Zusammensein der
einsamen Strohwitwen etwas festlicher zu gestalten.
    Vom Bahnhofe hinweg machte Salander einen lngeren Gang durch abermals
neuentstandene oder ausgebaute Quartiere und unterhielt sich damit, ein und
anderes Haus zu ersphen, auf welches er flssiges Kapital geliehen hatte. Da er
aber kein fleiiger Stadtgnger war, so vermochte er die Huser schon nicht mehr
herauszufinden. Hierber fielen seine Gedanken auf das bedenkliche Umsichgreifen
der Baulust, welcher er ja selbst Vorschub leistete, und auf die Reden, welche
bereits von einem unvermeidlichen Huserkrach umgingen. Mag er kommen, dachte
er, ich habe nur erste Hypotheken, und ohne das: mitgeflogen, mitgefangen! Man
mu mit der Zeit marschieren, sie gleicht alles wieder aus; was sollten unsere
Handwerker anfangen, wenn nicht das bichen Bauen noch wre?
    Er betrachtete ein schnes Haus genauer, welches schon bewohnt schien, da im
Erdgescho eben ein Handelsgeschft oder Warenlager eingerichtet wurde und die
Fenster der brigen Stockwerke mit Vorhngen versehen waren. Wie er so stand,
trat Louis Wohlwend aus dem Hause und erblickte den Martin Salander.
    He, rief er, da ist er ja wie gerufen, der alte Freund! Just diesen
Augenblick war ich im Begriff, dich auf dem Kontor aufzusuchen! Wie gern wrde
ich dich gleich hinauffhren, denn wir wohnen einstweilen in diesem Hause; aber
meine Frauenzimmer befinden sich noch nicht im Stadium und wrden schneuzen wie
Katzen, wenn ich einen Herrn brchte!
    Ei so! sagte Salander, als er endlich zum Worte kam, du hast eine Wohnung
bezogen und gedenkst also hierzubleiben?
    Es ist wohl mglich, da wir wenigstens so lang bleiben, bis die Buben
geschult sind. Denn das habe ich nun empfunden, da ich sie hier in die Schulen
schicken mu; sie sollen ja doch Schweizer bleiben. Wir sind einige Wochen
herumgereist, auch am Genfer See; in Lausanne habe ich ein Privatinstitut
gefunden, das mir sehr gefllt. Dort will ich sie fr ein Jahr, oder je nachdem,
unterbringen, und nachher sollen sie hier oder anderswo in der deutschen Schweiz
eine gute Mittelschule, Gymnasium oder Realschule durchmachen.
    Was sollen sie denn werden? fragte Salander.
    Mit meinem Willen jedenfalls nicht Kaufleute! Ich habe genug davon
bekommen, sintemal nicht jedem das Glck eines Martin Salander beschieden ist!
    Dieser nahm eine Redensart, die er auch schon von anderen Schiefgelaufenen
hren gelernt hatte, nicht bel; er lchelte gutmtig:
    Also Studien nimmst du in Aussicht fr die Knaben?
    Studien, hm! Ja und nein! Ich frchte, die Burschen sind nicht so recht
intelligent genug! Dennoch schwebt mir dunkel vor, als ob sie das Studium der
Theologie bewltigen knnten!
    Theologie? Das mu ja heutzutage gerade das Schwierigste sein, das die
entgegengesetztesten Fhigkeiten erheischt!
    Nicht so sehr, wie du meinst! erwiderte Louis Wohlwend mit berlegenem
Zwinkern seiner Augen. Da eigentlich keiner wute, wie es der andere meinte oder
meinen wollte, so lieen sie den Gegenstand fallen.
    Wo gehst du hin? fragte Wohlwend.
    Auf das Bureau; ich habe meine Frau nach der Eisenbahn gebracht; sie ist
fr einige Tage verreist, und nachher bin ich ein wenig spazieren gegangen.
Jetzt wird es wohl Zeit sein.
    Ich begleite dich noch eine Strecke! Apropos! Was sagst du dazu, da ich in
deinem Hause wohne?
    In meinem Hause? Wo denn? Ich habe keines!
    Wo ich vorhin herauskam? Ich habe mit dem Eigentmer ber die jetzigen
Bauverhltnisse gesprochen und dabei natrlich erfahren, wo er das Geld her hat.
Es ist also so gut dein Haus, wie seines!
    Ich sehe nicht, wie! Auch wenn der Mann es mte fahrenlassen, so kmen
andere nach mir, denen es zufiele. Ich stehe sicher!
    Wer kann das sagen? Wenn der Kaufwert um ein Drittel oder Viertel sinkt, so
wird das Haus dein und ist dann erst preiswrdig!
    Aber ist denn das Haus wirklich eines, worauf ich Geld habe? Wie heit der
Besitzer?
    Wie, du kennst deine Huser nicht? Martin, du bist bei Gott groartig! Bei
diesen Worten warf Wohlwend einen stechenden Blick auf den alten Freund, der
zufllig einen halben Schritt voraus war und das bse Auge nicht fhlte.
    Jener wute wahrscheinlich selbst nicht, was die aufblitzende kleine Wut
erregte, ob Salanders Erwerbsglck oder die unbekmmerte Ruhe, welche er besa.
Whrend jener schon mehr ausgekundschaftet, als er verriet, wute dieser nicht
einmal, wo die Huser standen, die er belehnte, was wie eine persnliche
Beleidigung auf ihn wirken mute. Tat ihm Salander ja nicht die Ehre an, die
Frage nach dem Namen des Hauseigentmers zu wiederholen, die vorhin
unbeantwortet geblieben.
    Aber kaum hatte er den halben Schritt eingeholt, war die schlimme Anwandlung
aus seinen Augen verschwunden, und er plauderte weiter.
    Alter Freund! Was ich sagen wollte: ich wei nicht, wie ich zu deiner
Allergndigsten stehe? Gern mcht ich sie doch unter den nunmehrigen
Verhltnissen begren, zumal ich auch mit Damen behaftet bin, denen ein
schicklicher Umgang Bedrfnis wre. Sie sind durch den frhen Tod ihrer Mtter
in der feineren Erziehung nicht gefrdert worden, haben zwar durch fahrende,
junge geistliche oder weltliche Lehrer Unterricht erhalten, wenn es sich fgte;
das wollte aber nicht viel heien, htte auch nicht viel zu sagen, wenn sie als
Ersatz mehr gesellschaftliches Geschick htten, als sie sich in ihren
heimatlichen Verhltnissen haben aneignen knnen - aber da hapert's eben, wie du
leicht bemerken magst, und aus diesem Grunde mu ich darauf sehen, sie bald in
dies oder jenes Haus einzufhren, wo sie etwas lernen knnen, so das ntigste -
    Du klopfst da an der unrechten Tre, unterbrach ihn Salander, meine Frau
lebt ziemlich zurckgezogen und hlt nicht einmal eine Stubenjungfer. Seit
vielen Jahren behelfen wir uns mit einer lteren Magd, du kannst dir also
denken, da wir kein Haus machen, wo fr Damen etwas zu lernen ist.
    La das nur gut sein! Die gndigste Frau ist mir nicht grn, ich wei das
wohl; allein darum hab ich doch allen Respekt vor ihr und schtze, da sie fr
sich allein schon ein gutes Haus vorstellt - versteh mich nur! Ich suche ja
nicht Glanz und Gerusch fr die armen Weibchen, sondern ein Vorbild ruhig edler
Weiblichkeit in allem Tun und Lassen -
    Da kommst du bei der Marie schlecht an, wenn du dergleichen vorbringst!
unterbrach Salander abermals den Aufdringlichen, sie kann das Wort nicht
ausstehen und hat es dem Redner jetzt noch nicht verziehen, der sie einst an der
Hochzeit unserer Tchter vor allem Volk ein Muster edler Weiblichkeit genannt
hat!
    Ha, die famose Hochzeit! rief Wohlwend, davon hab ich auf dem
Borstenmarkt zu Budapest eine Zeitungsnotiz gelesen. Ich frhstckte ein
Schweinshaxerl mit einem Seidel Erlauer, nahm ein Blatt in die Hand und las aufs
Geratewohl: Den berhmten Hochzeiten zu Kana, des Camacho (welchen ich nicht
kenne) usw. wird man diejenige eines Herrn Martin Salander in der freien Schweiz
anreihen mssen, welche derselbe bei der Verheiratung seiner zwei Tchter
angestellt hat und wobei nicht nur eine Menge Volkes bewirtet, sondern auch
politische Schauspiele und Allegorien aufgefhrt wurden, alles unter freiem
Himmel! Davon mut du mir noch erzhlen! Stelle dir vor, wie es mich
elektrisiert hat und wie mir trotz meines gebratenen Schweinshaxerls der Mund
wsserte!
    Ja, ein andermal! sagte Salander, der rot und verlegen geworden und nach
der Uhr sah, jetzt mu ich doch ans Geschft gehen, es ist bald neun Uhr!
    Wohlwend fate ihn aber am Rockknopf:
    Noch ein Wort, alter Freund! Du bist also allein zu Hause? Wir haben noch
gar nie recht ausgeplaudert, nimm vorlieb und i heute mit uns, wenn du nichts
anderes vorhast! Wir sind freilich nur unvollkommen eingerichtet und ohne allen
Luxus auch in der Kche - allein ich wei, du nimmst vorlieb! Wir mssen uns in
den eigenen vier Wnden bewegen, wenn wir ungestrt sein wollen. Du versprichst
zu kommen, nicht wahr?
    Martin fhlte sich durch das neue Andrngen Wohlwends nicht angenehm berhrt
und gedachte auch des Widerwillens der Frau Marie. Doch der Umstand, da er sich
vorgenommen hatte, auswrts zu speisen, und eine gewisse Neugierde, das
Schnheitsbild nochmals zu erblicken, dessen Lob eine so liebliche Heiterkeit
der Gattin erweckte, vernderten pltzlich seinen Sinn und verhllten sein
Bewutsein mit einem aufsteigenden Nebelgewlk, und er sagte zu, worauf Wohlwend
sich schleunig entfernte und Salander endlich die Sttte seiner Arbeit
aufsuchte. Er blieb einige Stunden andauernd beschftigt, auch nachdem seine
Leute weggegangen, und bersah mit klarem Blicke die Geschftslage nach allen
Seiten. Wo sich eine Schwierigkeit zeigen wollte, rhrte sie nicht von
Selbsttuschung oder bedachtlosem Verfahren her, und es lie sich ihr mit
ruhigem Gleichmute begegnen. In der Stille der Mittagsstunde warf er auch einen
prfenden Blick in die Bcher, sowie auf die persnlichen Notizbltter ber die
wichtigeren Vorkommnisse im allgemeinen, und nahm mit Befriedigung wahr, was er
zwar wute, da der Gang seiner Handelsangelegenheiten keine verwegenen Sprnge
machte, dagegen in gleichmigem Flusse sich gelassen vorwrts bewegte. Darin
glaubte er dankbar ein ihm anhaftendes Glck zu erkennen, seit den frheren
Unfllen nur auf redliche und zuverlssige Geschstsfreunde zu stoen oder
dieselben sogar anzuziehen, wenn er so eitel sein wollte, sich dessen zu rhmen.
    Nun schnarrte die solide Uhr ber dem Schreibtische, viertelte, schlug ein
krftiges Eins und erinnerte ihn daran, da er dem Louis Wohlwend versprochen
habe, bei ihm zu essen, und zugleich, da dieser lteste Freund beinahe der
einzige Mensch war, der ihm wiederholt Unglck gebracht hatte. Er erschrak
frmlich, schlo die Aufzeichnungen wieder ein und besann sich schwankend, ob er
nicht besser tte, dem Gefhle seiner Marienfrau zu folgen, nicht hinzugehen und
berhaupt mit dem wunderlichen Gesellen kurz abzubrechen. Als er jedoch
bedachte, wie Wohlwend ja den guten Willen zeige und bereits bettigt habe, das
Vergangene freiwillig gutzumachen, dnkte es ihm doch untunlich und grausam, den
Mann so zu behandeln, jetzt, wo er sich aus den Wirrsalen eines vielleicht mehr
trichten als schlechten Lebens gerettet zu haben und zur Ruhe gekommen schien.
    Damit erhob er sich von seinem Stuhle, suchte nach Haar- und Kleiderbrsten
seiner Angestellten, welche die Herren in einem Winkel aufbewahrten, wusch die
Hnde und machte sich schn, soweit es sein Alter erlaubte, da er mit Frauen zu
Tisch sitzen sollte. Dann schellte er dem Gewerbeknecht, der im Hause wohnte,
und befahl ihm, das Kontor zu schlieen, auch dem Buchhalter zu sagen, er wrde
vermutlich diesen Nachmittag nicht mehr erscheinen.
    Er stieg in dem bewuten Hause drei Treppen hoch, bis er die Wohnung fand,
an deren Tre eine Karte mit dem Namen L. Volvend-Glavicz befestigt war. Zeugte
das hochgelegene Quartier von bescheidenem Auftreten, so verkndete die Karte,
da deren Inhaber schlielich in die Zunft derjenigen eingetreten sei, die immer
etwas an ihrem ehrlichen Namen herumzubasteln haben. Martin schttelte den Kopf
und zgerte, die Hand an der Klingel ein letztes Mal. Er wird am Ende nichts
weiter damit wollen, als ein wenig der Eitelkeit frnen, da er nun die Mue dazu
hat! dachte er nach einigem Besinnen und zog die Glocke.
    Es dauerte ein kleines Weilchen, bis einer der Knaben ffnete und den Gast
mit einem stummen Bckling einlie. Durch die offenstehende Tre eines Zimmers
sah man den gedeckten Tisch, an welchem das andere Shnchen stand und die
Mandeln zhlte, die auf einem Teller lagen. Beide Knaben trugen Stiefeln, wie
der Vater, und darber lange Rcke von gelblicher Farbe, gleich
Herrschaftsbedienten; in hnlichem Geschmacke waren die Haare mit Pomade
bestrichen und dicht an die Schlfen geklebt. So machten sie den Eindruck von
Kindern, welche die Eltern nicht zu kleiden verstehen. Als weiter niemand
erschien, fragte Salander denjenigen, der ihm geffnet, wie er heie, denn er
hatte es vergessen.
    Georg! erwiderte er, abermals mit einem Bckling, und der dort ist der
Louis!
    Richtig! Nun, und wo ist euer Papa?
    Dort drin sitzt er! sagte Georg, auf eine andere Tre weisend. Martin
klopfte dran, und es tnte Herein.
    Ah! Der Freund Salander! rief Wohlwend, der an einem Tischchen in der Nhe
des Fensters sa und schrieb, jetzt aber aufstand und ihm die Hand reichend
entgegentrat, sei willkommen bei uns!
    Ich mu mich wegen des Versptens entschuldigen, sagte Salander, ich habe
mich auf dem Kontor ganz vergessen, bis es eins schlug!
    Hat gar nichts zu sagen! Du siehst, ich war auch beschftigt; ich bin ein
armer Teufel und habe stets mit dem Vermgen meiner Frau zu schaffen, es ist
eine etwas schwierige Gegend dort hinten! Und meine Schwgerin hat zwar ihren
eigenen Sachwalter, aber auch dem mu ich fortwhrend auf die Finger sehen, ich
habe eben seine letzte Abrechnung unter den Hnden. Jetzt wollen wir aber sehen,
wo die Frauenzimmer bleiben!
    Er packte einige Papiere zusammen, die auf dem Tischchen lagen, und
verschlo sie in eine Kommode.
    
    Schau einmal dies Mbel, wie gut es gemalt ist! sagte er, reines
Tannenholz, und sieht aus wie Nubaum! Wir sitzen nmlich ganz in gemietetem
Hausrat, Betten und alles, bis das Provisorium entschieden ist. Auch das Essen
haben wir heute vom Restaurant, haben zwar eine Kchin mitgebracht, die aber mit
den hiesigen Einrichtungen noch nicht auszukommen versteht.
    Eine Tre ging auf, durch welche Frau Alexandra Volvend-Glavicz eintrat. Sie
ging in rauschender Seide daher und war ziemlich so gro wie ihr Mann; dennoch
schien sie ihm auf die Augen zu sehen, wie wenn sie sich scheute, etwas nicht
gut zu machen. Das Gesicht war wohlgebildet, aber ausdruckslos und tiefer
gefurcht, als den vielleicht bald vierzig Jahren angemessen war, die sie zhlte.
    Siehst du, wendete sich Wohlwend an sie, hier heit's nicht: K die
Hand, meine Gndigste! wenn ein Herr kommt. Die Hand gegeben und geschttelt,
damit Punktum!
    Salander erleichterte der guten Dame das Manver, indem er es nach der
soeben vernommenen Vorschrift ausfhrte und ihr aufrechtstehend die Hand bot.
    Guten Tag, Herr Staatsrat von Salander, sagte sie mit fast rauher Stimme,
es freut mich, wenn Sie mit unser einfachem Tisch vorliebnehmen wollen!
    Dabei machte sie statt seiner einen Bckling, genau wie vorhin ihr Sohn
Georg.
    Nicht so! rief Wohlwend lachend, du darfst deswegen noch kein Kompliment
machen, wenn man dir schon nicht die Hand kt!
    Sie errtete stark, weil sie trotz des Lachens den stechenden Blick auffing,
den er zugleich damit abgab. Denn er war zornig ber die offenbar eingelernte
und verkehrt vorgebrachte Phrase ihrer Begrung. Zum Glck fr sie, die
furchtsam dastand, ging die Tre wieder auf und ihre Halbschwester erschien,
Salanders Augen sogleich auf sich ziehend und festhaltend. Sie war jetzt
wirklich eine schne Erscheinung, ebenso gro wie ihre Schwester, war sie wohl
zwanzig Jahre jnger, und in dem weien Kleide, das sie trug, von tadellosem
Wuchse. Das Kleid war einfach gearbeitet, ohne alles Gebausche, indem der
Hauptzierat in einem ebenfalls weien Spitzenkragen bestand, welcher die
schnsten Schultern und Arme sprlich durchschimmern lie, aber von ihnen um so
schnere Falten erhielt. Einen feineren Glanz verlieh alledem die sanfte
Schchternheit, die darber ausgegossen war und die bescheiden auftretende
Gestalt in ihrem so stattlichen Wuchse in der Tat wie Mondlicht verklrte. Sie
lchelte leicht, als sie Salander grte, aber mehr wie um Atem zu schpfen, als
um ihn oder irgend jemand anzulcheln, und er verbeugte sich bei diesem Anla
unfreiwillig, trotz seiner demokratischen Gesinnung, und nahm sogar die Hnde
hervor, die er auf dem Rcken gehalten hatte.
    Jetzt kamen auch die Knaben gelaufen und zeigten an, da die Suppe auf dem
Tische stehe.
    So lat uns gehen, eh sie kalt wird! mahnte Wohlwend. Es ist das einzige,
was die Kchin heute geleistet hat, eine gut sterreich-ungarische Suppen, eine
Mehlspeis nicht zu vergessen! Herr Grorat, darf ich dich bitten, meiner Frau
den Arm zu bieten und voranzugehen, links durch!
    Martin mute sich zusammennehmen, der Einladung rasch zu gehorchen. Woher
hat er nur diese verfluchten Knste? dachte er, hier wute er den Teufel davon,
sowenig als ich!
    Am Tische kam er heute natrlich neben die Frau zu sitzen, erhielt aber
dafr die herrliche Myrrha von hellenischer Abkunft zum Gegenber.
    Zu seiner Verwunderung ergriff Louis Wohlwend sofort den Suppenlffel und
tauchte denselben in die Schssel, nachdem die Kchin, auch eine merkwrdige
Erscheinung, den Deckel weggenommen hatte.
    Das ist mein Amt! sagte er zu Salander, der ihm zuschaute, darf ich um
die Teller bitten, wir wollen sie einfach weitergeben, da wir unser so wenig
sind!
    Die Frau war sichtlich etwas beschmt, so regiert zu werden; allein er
schpfte einen Teller um den andern voll, indem er jedem seinen Anteil an den
guten Sachen herausfischte, die auf dem Grunde der Schssel ruhten, und so
gerechtes Ma bte, auch dafr sorgte, da kein Teller im Herumreichen
berschwappte.
    Martin Salander befolgte in allen Lagen seines Lebens, wo eine Suppe vorkam,
die Angewhnung, ohne Verzug mit dem Genusse derselben zu beginnen, sobald er
sie im Teller hatte. Da nun das Schpfen beendigt war, sumte er auch nicht
lnger, versenkte seinen Lffel in die Brhe und fhrte ihn zum Munde. Als er
damit auf dem halben Wege angelangt war, und auf diesen Augenblick schien der
Tischherr gewartet zu haben, sagte Wohlwend unversehens mit trockenem Tone:
    Georg, bete!
    Verblfft hielt Martin Salander den Lffel schwebend in der Luft und schaute
auf. Alle hielten die Hnde gefaltet vor sich hin, whrend der Knabe ein
Tischgebet verrichtete. So blieb jenem nichts anderes brig, als seinen Lffel
niedergehen zu lassen und die Hnde wenigstens vor sich auf den Tisch zu legen.
Zu einem geheuchelten Mitfalten fehlte es ihm doch an Unverfrorenheit.
Inzwischen betrachtete er den Louis Wohlwend ganz unbefangen, wie er ernsthaft
vor sich niederblickte und unter seinem tatarischen Schnurrbart die Lippen
schlo, wie wenn er einen Schluck Wein auf der Zungenspitze htte.
    Als das Gebet zu Ende, wurde die Suppe ohne weiteres Hindernis verzehrt, und
da hiebei wenig gesprochen zu werden pflegt, fand Salander Zeit, ber den
Vorfall seine Gedanken zu machen. Da in einer Familie mit Kindern das
Tischgebet fortgefhrt wird und auch Wohlwend, der die Sitte wahrscheinlich im
Hause des Schwiegervaters vorfand, es tat, fiel ihm nicht so auf, wie die
unverkennbare Absicht, mit welcher er den arglosen Gast den Lffel hatte
ergreifen lassen, eh er den Befehl erteilte. Martin schlo also hieraus, da es
auf ihn besonders gemnzt sein msse, und indem er mit geheimem Ergtzen die
alten Schnurren darin erkannte, wunderte er sich nur, zu was sie jetzt noch
ntig seien, und da Wohlwend die beleidigende Form nicht selbst gefhlt habe.
Solange er ihn kannte oder zu kennen glaubte, ahnte er doch nicht, da der gute
Freund allmhlich auch von einer gewissen Bosheit gefllt worden, welche ohne
sein Wissen durchsickerte, wo er es am wenigsten wnschte, da der Zusammenhalt
sich lockerte. Wohlwend merkte brigens, da der Gast das Auftrittchen seiner
neusten Erfindung nicht ganz unempfindlich hinnahm und erffnete daher das
Tischgesprch folgendermaen:
    Du bist vielleicht von unserem soeben gebten Brauche berrascht, alter
Freund! Du weit, ich war nie ein Kopfhnger, nie ein Frmmler und gedenke es
niemals zu werden! Aber in diesen Zeitluften und bei einem Leben, wie ich es
fhren mute, immer auf der niedrigsten Gewinnsjagd umhergetrieben und fruchtlos
abgehetzt, da lernt man wieder mehr nach den alten Idealen der Menschheit
ausschauen, um, wenn vielleicht nicht fr sich, so doch fr die Kinder etwas zu
retten, woran sie sich halten knnen! Du verstehst!
    Salander bemerkte, da die Frauen wie die Knaben den Sprecher aufmerksam
ansahen und seine Worte, die ihnen neu und unverstndlich waren, nach dem
Ausdruck ihrer Mienen zu schlieen, doch fr etwas Groes und Weises hielten. Er
wollte das Familienhaupt daher nicht einmal durch Stillschweigen im Stiche
lassen.
    Du bist ja ganz in deinem Recht! entgegnete er. Abgesehen von den Fragen
huslicher Andacht hielt ich stets dafr, da man berhaupt angesichts der
Stellung, welche die christliche Religion in der Weltgeschichte wie im Leben der
Gegenwart einnimmt, gar nicht ermchtigt sei, den Kindern deren Inhalt zu
unterschlagen, wie er sich jeweilig fr einmal darstellt. Man hat die Pflicht,
ihnen das Entwickeln freier berzeugung fr das Alter der Mndigkeit offen zu
halten; dazu mssen sie erfahren, was bis auf ihre Zeit bestanden hat, und
mssen hren, was die Religion selbst von sich sagt, nicht was andere von ihr
aussagen.
    Die Kchin, eine rundliche, von der Natur gebrunte Person in der Tracht
einer slowakischen Buerin, trug nun zwei oder drei gengende Gerichte auf,
deren Anordnung von bescheidenem und verstndigem Sinne Zeugnis gab, fern von
aller Grotuerei. Auch der Wein, den Wohlwend einschenkte, war ein
schmackhafter, jedoch keineswegs teurer Siebenbrgener, offen aus dem Fasse
gezapft; feinere Flaschen standen nicht bereit.
    Diesen Wein hab ich schon von Haus kommen lassen, trink nur genug davon, er
schmeckt immer besser und macht nichts! fgte er bei.
    Salander erstaunte beinah ber das brgerlich solide Wesen, welchem das
Gebet vorausgegangen, whrend das Mitfhren der Dienerin in fremder Volkstracht
diesem Wesen wiederum einen fast vornehmen Anstrich verlieh.
    Wohlwend setzte aber sein Gesprch fort.
    Du hast dich sehr gut ausgedrckt in deiner Weise, in Betreff der
religisen Kindererziehung! Ich mchte aber einen Schritt weiter gehen und
sagen, haben wir's erst auf diesen Standpunkt gebracht, so wollen wir die
idealere Anschauung auch fr uns Alte beibehalten oder wieder aufnehmen, wir
tragen ja nicht schwer daran!
    Wenn ich nur wte, was er will! dachte Salander, und verlor darber einige
Worte Wohlwends, fand sich aber ungefhr zurecht, als dieser fortfuhr:
    Ja, Freund! Ich bin berzeugt, da ihr bei der Aufrichtung des
unmittelbaren Volkswillens, die ihr glorreich vollzoget, eine groe Sache
bersehen, sozusagen rein vergessen habt! Die Religion habt ihr links liegen
lassen und die Kirche vor den Kopf gestoen, statt die Geistlichkeit ins
Interesse zu ziehen! Das wird sich rchen!
    Wer hat denn der Religion oder vollends den Geistlichen etwas getan?
fragte Salander, ich wenigstens, der nicht dabei gewesen, wei nichts davon!
    Es ist genug getan, wenn man tut, als ob sie nicht da wren, und es ist
jammerschade um die Mglichkeit, den Gottesstaat der Neuzeit zu errichten!
    Salander rief lachend: Den Gottesstaat der Neuzeit zu errichten? Du
sprichst ja in Jamben! So wollen wir auch damit fortfahren! Weit du noch, wie
Schillers Don Carlos schliet? Nicht? Kardinal, ich habe das Meinige getan, tun
Sie das Ihre! So wird das Stck immer wieder schlieen!
    Und ich werde nicht ruhen und meine Idee an den Mann zu bringen suchen!
entgegnete Wohlwend, fr welchen Salanders Zitat unbrauchbar war, da er den Don
Carlos nie ausgelesen hatte. Ich knnte viel Versumtes nachholen und mich
gegen den Lebensabend hin vielleicht dem Vaterlande noch ntzlich machen!
    Das wird ja immer merkwrdiger! dachte Salander, er kommt, eine
theokratische Bewegung auf unsere Demokratie zu pfropfen, das hat natrlich
gefehlt, deswegen haben wir sie ausgebaut! Aber die Narrheit, die er diesmal
aushngt, ist ungleich groartiger als die frheren Schnurren; hoffentlich ist
es der Konkurs, vor dem er diesmal flieht, nicht im selben Mae! Allein das
ist's doch nicht, sonst wrde er nicht alte Schulden bezahlen! Am Ende ist es
der reine bermut, da er nun versorgt ist; er will auch seine Rolle spielen, und
weil ihm nichts anderes zur Hand liegt, hat er sich irgendeiner missionierenden
Sekte angeschlossen und macht den Apostel!
    Wohlwend hielt indessen wirklich eine Art Predigt, welche Salander in seiner
Zerstreutheit gar nicht vernahm. Das brigens leere Wortgerusch diente nur
dazu, seine Aufmerksamkeit noch mehr einzuschlfern, und auch seine Gedanken
verloren sich aus dem Gesichte, wie wenn ein Nebeldunst zwischen sie trte. Um
zu wissen, wo er sich eigentlich befinde, blickte er auf und sah gegenber das
Antlitz des Frulein Myrrha, deren elegisch bewimperte Augen ihn betrachteten
und deren Lippen sich mit einem anmutigen Lcheln ffneten, weil seine
berraschten Zge ihren Ausdruck nderten. Da sein Glas leer stand, ergriff sie
eine Flasche und fllte es, worauf er das Gef nahm und ihr ebenfalls
einschenkte. Bei der Gelegenheit lie er sein Glas mit dem ihrigen bescheiden
zusammenklingen und trank auf ihre Gesundheit, wobei der Abglanz eines jungen
Glcksgefhls ber seine Gesichtshaut wallte und die Fltchen derselben sich
gleich kleinen Schlnglein winden, strecken und krmmen lie und beinahe den
Eindruck gutmtiger Torheit hervorbrachte. Wohlwend bemerkte den Vorgang und
hielt inne mit seiner Rede.
    Halt, sagte er, wir mssen zum Anstoen einen bessern Tropfen nehmen!
    Er ging hinaus und holte nun doch eine Flasche Tokaier herbei, dessen Gold
den migen Martin Salander mit wohliger Wrme durchstrmte und in seinem Munde
zu frhlichen Worten wurde, wenn auch nicht zu Worten der Weisheit, denn er
sprach fr die schnen Ohren der Myrrha Glawicz, ohne zu wissen, was in
dieselben einging oder ihnen gefallen konnte, und da sein eigenes Licht wie in
einem Luftzuge flackerte, wurde auch der Zusammenhang und Sinn seines Redens
nicht recht erkennbar.
    Doch blieb es unbeachtet, weil durch das unverhoffte Ende von Wohlwends
Predigt und das heitere Wesen Salanders sich eine Art Munterkeit einstellte und
selbst die Knaben laut wurden. In solchem Tumltchen wandelte Martin pltzlich
die Lust an, der Familie um der schnen Genossin willen auch eine Ehre anzutun
und sie zu einer Spazierfahrt einzuladen. Er nahm eine Karte aus dem Carnet und
schrieb fr den Fuhrherrn, dessen Kunde er in Fllen des Bedrfnisses war, die
Bestellung eines guten Wagens darauf. Louis Wohlwend, angenehm berhrt, erklrte
feierlich, die Einladung anzunehmen, und sandte die Knaben mit der Karte weg,
sie einem der Dienstmnner zu bringen, die an der nchsten Straenecke standen.
    In einer halben Stunde kam der Kutscher mit dem gutgehaltenen, offenen Wagen
angefahren; nach einem weiteren halben Stndchen waren die Frauen bereit und
stieg die Gesellschaft die drei Treppen mit groem Ansehen hinunter, und es
fgte sich gut, da der Hauseigentmer, der in der Tat Salanders Schuldner war,
unter der Haustre stand und diesen begrte; so konnte sich Wohlwend, heute
vollends wie ein ungarischer Stuhlrichter dreinschauend, als Freund des
Kapitalisten und Kaufherrn brsten und schwang wohlmgend sein Htchen.
    Die Damen hatten sich mit breiten Federhten und bunten berwrfen versehen.
Myrrha trug einen solchen von roter Florseide ber ihren weien Staat. Die zwei
Mnner auf dem Rcksitze hatten den Knaben Louis zwischen sich genommen, Georg
sa neben dem Kutscher auf dem Bocke. Die Pferde waren fr Mietrosse rasch genug
und hbsch geschirrt, das ganze Fahrzeug mithin augenfllig beschaffen, und so
fuhr Martin Salander darin harmlos durch einen guten Teil der Stadt, und
jedermann, der ihn erkannte, sah ihm nach, ohne da er es gewahrte.
    Auch den Herrn Mni Wighart sah er nicht, der mit seinem alten Stock unter
dem Arme auf einem Platze stand, fast ebensowenig gealtert oder beschdigt als
der Stock, und eben ein abgebranntes Zigarrenrestchen aus dem Meerschaumrhrchen
blies, um einen frischen Stengel aufzustecken. Bei ihm weilte Martins alter
Rechtsanwalt im Gesprche, sich einer ziemlichen Haarverdnnerung erfreuend, die
ihm an dem warmen Tage zustatten kam; denn er hatte den Hut abgenommen, um den
Scheitel zu lften. Beide schauten dem Wagen nach.
    Da fhrt ja Martin Salander, der sieht uns nicht einmal! sagte Wighart,
was hat er wohl fr ein Volk bei sich?
    Nachdem der Anwalt durch die Lorgnette die auf dem Rcksitze noch sichtbaren
Herren erfat hatte, antwortete er:
    Das kann nur einer sein - raten Sie, wer?
    Ich habe keine Ahnung! War vier Wochen im Bade und komme gestern abends
zurck!
    Nun, es ist kein anderer als der ehemalige Schadenmller und Co., der Louis
Wohlwend!
    Was Sie sagen! Wie ist das mglich? Ich htte gedacht, das wre ein
verkleideter Chinese mit Familie! Und seit wann ist der Kerl denn da?
    Schon vor einiger Zeit kam Herr Salander zu mir und erzhlte, wie er bei
ihm erschienen sei und eine Abzahlung an den ersten Verlust, Sie wissen ja, von
jener Jugendbrgschaft her, geleistet habe und sie jhrlich fortsetzen wolle,
und fragte, ob er ohne Gefhrde darauf eingehen drfe. Ich sagte, er solle
nehmen, was er bekommen knne. Von der spteren greren Geschichte sprach er
ihn so gut wie frei. Ich konnte ihm keine Maregeln anraten, der Mann Wohlwend
ist der alte Hexenmeister in Gestalt eines blden Gehirnes. Er hat hier
Niederlassung genommen, und als man ihm das Steuerformular schickte, brachte er
sein ganzes Geschft auf das Gemeindehaus und wies in aller Form nach, da, was
er besitze, alles erheiratetes Weibergut sei, und erklrte, unweigerlich
versteuern zu wollen, was nicht etwa in Ungarn liege und dort versteuert werde!
    Und nun fhrt Salander ihn in der Kutsche spazieren?
    Oder der andere ihn, ich wei es nicht! Aber ein schnes Stck
Weiberfleisch sa in dem Wagen, soviel ich in der Geschwindigkeit bemerkte!
fgte der Anwalt hinzu, ob am Ende der Satan auf diese Art Muse fangen will?
    Da liegt keine Gefahr! Meister Martin htte frher angefangen, wenn er ber
solche Steine stolpern wollte! Aber dennoch ist mir das Ereignis, die Rckkunft
des Schadenmllers, so bitter wie ein Gallapfel! Der verfluchte Kerl mit seinen
Kalmckenschnuzen! Salanders lgtz, wie er ihn einst nannte, steht wieder da!
Es wrde ihm freilich nicht schaden, wenn er nochmals eine nicht allzu derbe
Lektion erhielte; schon wegen seiner ewigen Whlhuberei verdiente er einen
etwelchen Nasenstber! Und dennoch gnn ich es ihm nicht, er ist doch ein
rechter Mensch!
    Gewi ist er's! sagte der Anwalt und drckte dem Herrn Wighart, Abschied
nehmend die Hand.
    Der also belobte Martin fuhr mit dem Hause Wohlwend-Glawicz nach einem etwa
zwei Stunden entfernten, lustig gelegenen Erholungsorte, der wegen guter
Bewirtung, schner Aussicht und schattigen Grten berhmt und viel besucht war.
Dort verbrachten sie den Nachmittag mit Kaffeetrinken und Spazierengehen, wozu
die reinlichen Wege eines nahen Tannenwaldes einluden. Dann und wann fhrte
Salander die im grnen Halbdunkel wei leuchtende Gestalt der Myrrha daher, und
wenn sie allein ging, sah er sie, von einzelnen Sonnenlichtern gestreift, mit
einer angeborenen Anmut sich bewegen, die ihr zu Gebote stand, sobald sie der
angelernten Manieren einer mangelhaften Erziehung sich entledigen konnte.
    Ein bekannter Knstler, dem Salander in einem solchen Augenblicke begegnete,
stand bei ihm still, der schnen Person nachschauend, und fragte, was er da fr
eine Muse aufgegabelt habe?
    Nicht wahr, das ist ein hbsches Frauenzimmer? sagte er mit angenommenem
Gleichmut.
    Das will ich meinen! Das sieht man nicht alle Tage! Sapperlot, sehen Sie,
welch ein einfacher Rhythmus, ohne allen Aufwand, man wei kaum, wo es steckt,
Form und Bewegung in eines gegossen! Wie edel das fliet, vom Nacken ber
Schultern und Arme auf den Rcken und von den Hften herunter! Wo stammt die
Dame her?
    Sie kommt mit einer Familie aus Ungarn, ihre Mutter soll aber irgend von
altem Griechenboden, aus Thessalien herstammen.
    Ganz glaublich! Und auch in diesem Falle noch eine Raritt! Viel Vergngen,
Herr Salander!
    Die Worte des Knstlers und Kenners bewirkten eine seltsame Aufregung im
innern und uern Martin; sie machten sein Herz klopfen und seine Augen glnzen,
whrend sie zugleich seine Schritte lhmten, da er sich auf eine im Gehlze
befindliche Bank niederlassen mute.
    Welch eine Besttigung seines Schnheitsgefhles! Wie wurde sein dunkler
Trieb aufgehellt, noch eine Strecke Weges im Strahle echter Schnheit zu
wandeln, und er ahnte nicht, wie echt pedantisch es war, durch Aussagen eines
andern, eines Kenners, sich bestrken zu lassen.
    Er nahm sich aber zusammen, von Stimmen nahender Leute geweckt; es waren die
Wohlwendschen, die ihn aufsuchten. Mit verndertem Wesen, wie einer, der einen
Geist gesehen hat, voll inneren Staunens ber den Reichtum des Lebens und
zugleich in ernster Zurckhaltung befangen, schritt er mit ihnen nach dem Garten
zurck, wo eine Abendkollation bestellt war. Dort verharrte er, wenig sprechend,
an Myrrhas Seite, die er ungesucht gefunden, und berlie ihrem Schwager das
Wort, der den Frauen und Knaben allerlei Unterricht erteilte und zuweilen
unversehens den Freund Salander mit einem Ist's nicht so? berraschte und ihn
dabei aufmerksam betrachtete.
    Unterdes sammelten sich noch andere Gste, die zu Pferde oder im Wagen
ankehrten und den schnen Abend noch rasch genieen wollten, darunter Leute, die
dem Herrn Wohlwend nicht gefielen, weil es wahrscheinlich alte Glubiger waren.
Sie erkannten ihn zwar nicht, und wenn es auch geschehen wre, so htte es
nichts zu sagen gehabt; denn es liefen manche Geschftsleute herum, welche ein
oder mehr Male sich abgefunden, ohne deswegen belstigt zu werden. Allein es war
ihm jetzt nicht angenehm, zumal er bemerkte, da die Herren fleiig nach dem
Frulein Myrrha Glawicz zu blicken anfingen, und aus diesem gleichen Grunde war
es auch Martin Salander recht, aufzubrechen. Sie lieen also einspannen und
fuhren mit angehender Dmmerung ab.
    Als sie die Stadt erreichten, war es Nacht. Martin brachte die Familie
Wohlwend in ihre Strae und begab sich dann zu Fu nach Hause, langsamen
Schrittes, bald gesenkten Hauptes, bald nach den Gestirnen ausschauend, welche
einzeln und zu zweit hie und da in der Hhe ber die Gassen zogen, ebenso
sumig, wie der Mann in der Tiefe. Die alte treue Magdalene, die seiner geharrt,
ffnete die Haustre, erfreut, da der Herr kam, nachdem sie den ganzen Tag
allein im Hause gewaltet.
    Habt Ihr auch ordentlich gelebt? fragte er; ich will wetten, es war Euch
alles zuviel!
    Mir? Da kennen Sie mich schlecht, Herr Grorat! Ich habe getan, was mich
gut dnkte! Mittags hab ich einen dicken Pfannkuchen und einen Salat gehabt, wie
ein Fuder Heu, mit heiem Speck angemacht, Herr Grorat! und abends kochte ich
eine Milchsuppe, wie meine selige Mutter sie machte, es ist lang her! mit Brot
und Pfeffer drin! Dazwischen hab ich alles Messing in der Kche geputzt und mir
dazu extra einen Schoppen Wein im Keller geholt!
    Ei, warum nicht gar!
    Freilich, vom letztjhrigen, der im Sommer gut fr den Durst ist, wenn Sie
ihn schon nur Purrligeiger nennen! Aber haben Sie denn auch zu Nacht gegessen,
Herr Grorat? Soll ich Ihnen nicht Tee machen und etwas Kaltes dazu?
    Gar nichts brauch ich!
    Nur der Sympathie wegen! Denn die Frau sitzt im Lautenspiel gewi noch mit
den Kindern zusammen und sie plaudern und tun sich gtlich! Die armen Kinder!
Wie haben sie sich gebettet! Aber Jugend hat eben keine Tugend, und ich Esel
mute noch mithelfen! Glcklich, wer darber hinaus ist, ber das bse Wesen,
und kein unruhiges Herz mehr hat!
    Martin Salander hrte nicht mehr und schickte die Magd zu Bett. Erst als sie
aus dem Zimmer gegangen, hrte er nachtrglich die Worte: Glcklich, wer kein
unruhiges Herz mehr hat, wie man fter in der Zerstreutheit eine Rede vernimmt,
die schon verklungen ist wie ein Ruf im Felde.
    Aber er achtete nicht darauf, sondern ergriff das Licht und schritt in das
Schlafzimmer hinber, wo es still war, wie in einer Gruft. Der Spiegel seiner
Frau warf ihm den Schein der flackernden Kerze entgegen, welche teils von seinen
starken Schritten, teils von einem leisen Luftzuge unruhig brannte. Salander
stellte sich vor den Spiegel, und das Licht emporhaltend, begann er prfend sich
selbst zu beschauen; allein es beschlich ihn eine Scheu, es ward ihm zumut, als
ob Marie Salander ihm mit ernsten Augen ber die Schulter blickte und erblassend
verschwnde. Seine Aufregung verwnschend, ging er in das Besuchzimmer, wo ein
groer wohlgeschliffener Spiegel hing, und stellte sich vor diesem auf.
    Martin Salander war nie ein Liebhaber seines Gesichtes gewesen und
bewunderte es im Spiegel so wenig als in den Bildern, welche die Sitte der Zeit
ihm abrang. Er ging nun im fnfundfnfzigsten Lebensjahre; zwar nicht lter
erscheinend als die meisten seiner Altersgenossen, die sich leidlich erhalten,
sah er doch keineswegs so jung aus wie einer jener Glcklichen, die immer
Zweiundvierziger bleiben; das noch volle und sogar buschige Haar, sonst blond,
war so bezuckert wie ein hrenfeld, auf das der spte Reif gefallen ist, ebenso
der krause Bart, der berdies mehr als eine sehnige Furche an Hals und
Unterkiefer verhllen mochte, aus dem zu schlieen, was im oberen Gesichte in
milderen Farben zutage trat. Die geistige Jugend und gemtliche Rstigkeit, die
trotzdem dasselbe Gesicht und dessen Augen belebten, konnte er selber nicht
verstehen und anrechnen, und so fand er sich von dem nchtlichen Spiegelbild
weder erbaut noch aufgemuntert.
    Sei es! sagte er, indem er rasch den Leuchter wegstellte und sich in einen
der Lehnsthle warf, ich hab das ja wissen knnen, und da ich Alter ein Gesell
bin, gehrt ja gerade zu der Frage, die mich bewegt! Noch mu ich wirken und
schaffen, und noch brauch ich einen Mund voll Frhlingsluft, welche das Herz
erneuert! - Die gute Marie! von Untreue im banalen Sinn ist ja nicht die Rede!
Bessere Leute als ich haben ihre Jahre mit der Frauenfreundschaft, Neigung,
nenne man es Liebe, verschnt und erweitert; und hat sie nicht im voraus schon
gelacht, und wie lieblich gelacht, als ich zum ersten Mal von der schnen Myrrha
erzhlte? Die Myrrha! Wird sie mich dulden knnen? fhlen knnen und wollen, was
sie mir zu sein vermag? Hier ist ein Schicksal im Spiele, das so oder so
vorbergehen wird! Es vernnftig zu lenken, ist meine Sache, es wird bald getan
sein, wenn es nicht ist, was ich wnsche - und wenn es ist, so soll der Pfad
eben und sonnig bleiben und niemand straucheln!
    Er verlor sich in sen Trumen vom Genusse einer jugendlichen Neigung des
seltenen Geschpfes und von einem Verkehre, der ein erfreuliches Schauspiel fr
die Menschen darbieten wrde, weit entfernt, rgernis zu erregen; und in
unbestimmter Zukunft sah er Myrrhas Leben, befreit von den unheimlichen Banden,
in denen er jetzt gefangen war, wohlgeordnet dahinflieen an der Hand eines
ihrer wrdigen Mannes.
    Nicht einen Augenblick fielen ihm seine unglcklichen Tchter ein, deren
Liebesphantasie er so klar, wenn auch menschlich zu beurteilen wute, noch
weniger der Unterschied zwischen ihrem und seinem Alter und noch weniger
derjenige zwischen ihrer damaligen Lage und der seinigen. Und noch weniger ahnte
er, wie klar jetzt zutage trat, da die guten Mdchen die Eigenschaft, solchen
fixen Ideen anheimzufallen, von niemand anderem als von ihrem Vater ererbt
hatten, und welch tragikomischen Anblick es bot, den armen Mann die Tatsache so
sehr nachtrglich nach rckwrts hin illustrieren zu sehen!
    Und weiter bedachte er keineswegs, wie solch ideales Liebesverhltnis eines
weisen lteren Mannes als Hauptsache ein mit ungewhnlichem Geiste begabtes
weibliches Wesen voraussetzt, whrend er von Myrrhas innern Zustnden noch gar
keinen Begriff hatte oder dieselben zusammenphantasierte. Und das war wieder um
so bedenklicher, als es darauf hinauslief, es walte auch hierin eine
Selbsttuschung vor und die schne Neigung beruhe lediglich auf einem sinnlichen
Anreiz.
    Alles das war dem guten Martin Salander in seiner jetzigen Seelenlage
unbewut, aber darum nichtsdestominder vorhanden in ihm, wie auer ihm, und
drckte die Seele, wie wenn er an alles dchte; denn sie war doch immer daheim,
wie eine gut gewhnte Hausfrau. Er fiel daher, als er um Mitternacht endlich das
Lager suchte, in einen unerquicklichen Schlaf, in welchem die Seele unwirsch
herumfuhr wie ein Poltergeist.
    Davon erwachte er am Morgen mit schwerem Herzen, und als er den Druck
versprte und ihm ein tiefer Seufzer entfuhr, sagte er: Aha, da haben wir's!
Eine Leidenschaft! Eine Leidenschaft! Ach du lieber Gott! Wie hat das noch an
mich kommen mssen!
    Und so hielt er den Rumor des alten Gewissens fr den Anbruch eines spten
Liebesfrhlings und litt Liebesschmerzen, wie ein junger Mensch, doch mit dem
Kummer eines bejahrten Vaters, der sich voll Sorgen fr die Seinen niederlegt
und mit Seufzen den Tag erwachen sieht.
    Dazu ward er in kurzer Zeit mit Verwunderung inne, wie jung er sich vor
diesem unglckseligen Abenteuer gefhlt, und wie er jetzt tglich an seine Jahre
denken msse, whrend er noch nie so ntig hatte, sie zu vergessen, und zwar
nicht allein wegen der unbequemen Leidenschaft, sondern auch wegen des
allgemeinen Weltlaufes.
    Der Sommer wurde mit jeder Stunde geruschvoller, sozusagen ppiger durch
eine ungeheure Zahl grerer und kleinerer Feste, Anlsse, Gesamtreisen,
Vereinsausflge und Begehungen aller Art bis in den Herbst hinein in allen
Himmelsrichtungen; es war, als ob das ganze Volk wanderte, unter allen
Vorwnden, Dorfschaften und stdtische Nachbarschaften, Huflein von Greisen,
welche fnfzig, sechzig, siebzig Jahre alt geworden, und Hunderte von
Kinderschulen mit flatternden Fhnchen, von denen zuweilen eine an der Sonne
lagerte, bis die Vorsteher aus dem berhmten Bierhause kamen, in das sie
geschwind untergetreten. Ein unkundiger Fremder htte fragen knnen, wer
eigentlich in diesem Lande im Sommer arbeite, auer etwa den Wirtsleuten, weil
er nicht bedachte, da ihrer noch genug da waren, die zu Hause blieben und etwas
schafften, und da auch von denen, die wanderten, manche vor und nach genug
taten, um sich die Freude gnnen zu drfen, wie denn auch immer neue Zge sich
auf den Wegen kreuzten und bald wieder verschwanden.
    Wenn man jedoch sich der Klagen ber schlechte Zeiten und stetig wachsende
Volksnot erinnerte, so begriff auch der Einheimische nicht recht, wo sie alle
das Geld hernahmen, das sie verjubelten. Scharen katholischer Wallfahrer, die
zwischen den weltlichen Lustfahrern sich bewegten, konnten ihn aber belehren,
da frher noch mehr im Volke gewandert und geschmaust wurde, und das gerade in
Zeiten der Bedrngnis.
    Martin Salander hatte zu besagter Fest- und Wanderfreude sonst redlich das
Seinige beigetragen berall, wo irgendeine patriotische, volkserzieherische und
fortschrittliche Idee hineingelegt werden konnte; dann begann der wachsende
Strom ihn stutzig zu machen, und er mahnte zum Mahalten. Jetzt, wo das berma
im Lande rauschte, wendete sich sein Sinn wieder. Er wollte nicht auf der Seite
des griesgrmigen Alters stehen und, gestachelt von dem verliebten
Jugendbedrfnis, begab er sich selbst in das Gedrnge und war da oder dort
hinter den wallenden Fahnen zu erblicken, mit einem Festzeichen im Knopfloch,
seidener Armbinde oder mindestens mit einer Alpenrose auf dem Hut. Dergestalt
glaubte er das Blhen des Vaterlandes in neuer Jugend zu genieen und rumte an
den Festtafeln in Gedanken der Bringerin derselben einen Ehrenplatz neben sich
ein, unbeschadet des tglichen Seufzers, mit dem er sich schlafen legte.
    Es ist doch ein wahres Wort, sagte er einst bei sich selber, wenigstens fr
die ideale Liebe, jenes geflgelte: l'amour est le vrai recommenceur! Sie macht
mir sogar die alte Republik wieder hpfen wie ein Zicklein!
    Die Abendsonne, welche eben unter die betreffende Festhalle hereinschien,
spiegelte an der vergoldeten Innenwand eines groen Ehrenpokales, der vor ihm
stand, mit rotem Weine frisch versehen, und der Goldschein leuchtete mit
unbeschreiblichem Zauber in die durchsichtige Purpurflut.
    Martin heftete seine Augen auf das funkelnde Farbenbild, das, urpltzlich
aus offenem Himmel gekommen, seine Gedanken zu besiegeln schien wie ein
flammendes Siegelwachs. Ein rtlicher Schimmer aus dem Becher spazierte sogar
ber sein begeistertes Gesicht, was eine ihm gegenbersitzende anmutige Frau
wahrnahm und es ihm sagte mit der Mahnung, er solle sich still halten, denn er
she jetzt hbsch aus. Geschmeichelt hielt er ein Weilchen das Gesicht
unbeweglich still, bis auf demselben der Abglanz zu flimmern begann, gleich dem
Wein in dem Pokale. Denn es lief eine schwache Erschtterung durch den langen
schmalen Tisch herauf, welche auch den Inhalt des Bechers bewegte.
    Die Erschtterung rhrte aber davon her, da ein Festgenosse von zwei
brgerlich gekleideten Polizeibeamten unversehens aufgefordert wurde, sich zu
erheben und mit ihnen hinauszugehen, und sich dessen weigerte, so da der leicht
gezimmerte Tisch einen Sto empfing, als sie Hand an den Mann legten und ihn zum
Aufstehen zwangen. Erbleichend fgte er sich und folgte ihnen, nicht ohne mit
niedergeschlagenen Blicken verschiedene Dekorationen, bestehend in Rosetten,
Schleifen und silbernen oder vergoldeten Emblemen, vom schwarzen Kleide zu
nehmen, eins nach dem andern, so unbemerkt als mglich. Er war nmlich nicht nur
mit dem allgemeinen Festzeichen des Tages, sondern, da er im Verlaufe desselben
mehrere Freundschaften geschlossen, mit den ausgetauschten besondern
Vereinsorden geschmckt.
    Nur wenige wurden auf den Vorgang aufmerksam; so auch Salander, an welchem
der Mann mit seinen Begleitern vorbei mute, und jener schauderte, als er wohl
sah, wie der Unglckliche die Ehrenzeichen der Freude ablste und verstohlen in
die Tasche zu bringen suchte. Es dnkte ihn nicht weniger schrecklich, als wenn
einem hohen Offizier vor der Regimentsfront Degen und Ehrenzeichen abgenommen
werden.
    Erst als der Mann verschwunden war, verbreitete sich an den Tischen das
Gercht von der Ursache der Verhaftung. Er war ein wohlbekannter und beliebter
Festbesucher und eines groen Vertrauens teilhafter Verwalter irgendeiner der
florierenden Unternehmungen, stets frhlich und aufgerumt, wo er hinkam; nur
zuweilen, in letzter Zeit, mit einem gesummten Liedertriller einen aufsteigenden
Seufzer abdrehend, oder mit den Fingern auf dem Tische trommelnd oder mit langem
Absetzen des Glases zerstreute Gedanken verhllend. Solche Beobachtungen wurden
nun mitgeteilt, nachdem man vernommen, da whrend seiner Abwesenheit von Hause
ein Wirrsal von Unterschleifen, in das er verflochten, entdeckt und gleichzeitig
festgestellt worden sei, wie er bei Auswanderungsagenten sich nach
Schiffsgelegenheiten erkundigt habe. In seinem Leichtsinn hatte er sich nicht
versagen knnen, vor der Flucht noch schnell das Fest mitzumachen zur letzten
schnen Erinnerung, da ja ein reinlicher Brger auch das Unliebsame stets zu
einem artigen Stammbuchverslein zu gestalten strebt.
    Verstimmt verlie Salander das Fest und reiste stracks nach Mnsterburg
zurck. Nachdem er mit seiner Gattin das Abendbrot geteilt, nahm er eine Zeitung
zur Hand, und das erste, was er las, war die Nachricht von den zutage getretenen
Unterschlagungen eines Beamten im Osten der Schweiz; im gleichen Blatte stand am
Schlusse als Neuestes der kurze Bericht von der Flucht eines Kassiers im Westen.
    Was ist denn das fr ein Unglckstag? rief er kopfschttelnd und erzhlte,
was er soeben an dem Feste selbst mit angesehen.
    Es ist zwar nicht eidgenssisch gedacht, sagte er; aber ich bin doch
froh, da diese traurigen Sachen nicht in unserm Kanton vorgefallen sind!
    Lies nur fertig! versetzte Marie, auf dem Beiblatte steht noch etwas
Schnes!
    Da las Martin richtig, da ein Aktuarius Schimmel in Mnsterburg infolge
einer Reihe von Veruntreuungen und Bestechlichkeiten, deren er verdchtig, am
heutigen Tage verhaftet worden sei.
    Das fngt bei Gott an, einem an den Hals zu gehen, wie das Wasser! sagte
Salander, indem er die Zeitung wegwarf, diesem habe ich durch meine Frsprache
zu der Stelle verholfen. Ich hab es zwar bereut, weil er sich sofort als ein
gromuliger und unverschmter Mensch auffhrte und mit seinem Patriotismus
prahlte; fr unehrlich hielt ich ihn jedoch nicht. Jetzt erinnere ich mich,
vernommen zu haben, wie es auffalle, da er immer an den ffentlichen
Wirtstafeln speise, anstatt mit Weib und Kind zu Hause, wo es ihm zu schlecht
sei! Da liegt der Lump!
    Auf diesen rauhen Windsto blieb es den Rest der Woche hindurch still von so
rgerlichen Dingen; ein mit siebenhundert Franken verschwundener junger Mensch,
der am Samstag noch vereinzelt durch die Abendzeitungen lief, wurde nicht
beachtet. Desto heftiger brach das Unwetter gleich am nchsten Montag wieder
los, nachdem durch die mibruchliche und unredliche Fhrung ihrer Leiter ein
paar Geldgewerbe ins Schwanken geraten waren und weite Kreise in Mitleidenschaft
zogen. Lag hier die Ursache in der blinden Habsucht reicher Leute, welche ihren
berflu der scheinbar glcklichen Hand solcher moralischen Tolpatsche zum
Spielball berlieen, so brauste am Dienstag ein Konsortium abgeschiedener
Seelen durch die Luft, welche als arme Erwerbsbeflissene aus den Kassen ihrer
Vorgesetzten ein gut geregeltes Brsenspiel unterhalten. Am Mittwoch ritt auf
der Unheilswolke ein alter Seckelmeister daher, der die Aufsichtsmnner
alljhrlich den gleichen Haufen zersgter und als Geldrollen verpackter
Besenstiele berzhlen lie. Am Donnerstag kam ein Aktienchef, der wchentlich
eine kleine Mappe auf den grnen Tisch und die Faust darauf legte mit den
Worten: Meine Herren, hier ist meine Ehre und jeder wnschbare Nachweis! Die
Beisitzer flatterten als angeschossene Enten hinten drein, weil nie einer gewagt
hatte, das Mppchen unter der Faust wegzuziehen oder auch nur ein Erlauben
Sie! zu sagen, denn sie waren aberglubisch, und er streckte aus der Faust zwei
Finger weit gespreizt hervor, sooft einer Miene machte; sie glaubten, er knne
hexen. Als er spurlos verschwand, blieb das Mppchen auf dem Tisch zurck; es
enthielt nichts als eine hohe Sule von benannten Zahlen, welche der Reihe nach
durchstrichen waren, mit schwarzer, blauer, roter Tinte, mit Blei-und
Silberstift, je nach der Tageszeit und dem Orte des Unterganges. Am Freitag kam
ein Gemeindefaktotum, das den Ertrag eines schnen Lrchenwaldes in die
Lotterien aller Lnder gesandt bis auf ein weniges, das er versoffen hatte. Am
Samstag ertrnkte sich ein Vormund ber sieben reiche Waisen, die nun arm
geworden. Am Sonntag war wieder Ruhetag.
    Aber am Montag hob der Tanz von neuem an, und so ging er viele Wochen fort,
da man die Mgde auf den Gassen, wenn sie des Morgens die Zeitungen holten und
lasen, und die Mnner beim Frhschoppen rufen hrte: Sie haben wieder einen!
Wieder einen!
    Durch das erwachte und wachsende Mitrauen hervorgerufen, vermehrte sich der
Untersuch und trieb namentlich ein kleines Heer mittlerer und kleiner Beamten
ans Licht, welchen allen es unmglich gewesen, anvertrautes Gut in Verwahrung zu
halten, ohne sich daran zu vergreifen. Und die schlimme Krankheit durchzog das
ganze Land, ohne Ansehen der Konfessionen oder der Sprachgrenzen. Nur etwa im
Gebirge, wo die Sitten einfacher geblieben und das bare Geld oder Geldeswert
seltener, war nicht viel davon zu hren.
    Unaufhrlich erstaunte und grbelte Martin Salander von neuem und sann der
Mglichkeit der traurigen Tatsache nach, da die bel der Zeit nicht an den
Grenzen der Republik stehenblieben, deren geistigen und sittlichen Ausbau er so
getreulich betreiben half. Das war jedoch etwas anderes als jene materiellen
Verkehrsfragen, wegen deren er einst den Leuten die Wahrheit sagte.
    Sein Herz wurde aufrichtig bekmmert, was ihm insofern zustatten kam, als er
jetzt, wenn er sich schlafen legte, unter diesem Gemtsdrucke hervor einen
Seufzer tat und der Frau den Grund sagen durfte, wenn sie danach fragte. Die
schne Leidenschaft drckte im geheimen freilich mit; doch wagte sie sich
einstweilen nicht weiter hervor.

                                      XVI


An einem Sonntagmorgen, als die Glocken verklangen und unversehens die wohlige
Stille dieser Stunde eintrat, nahm Marie Salander ein Buch zur Hand. Sie war
allein im Hause und brauchte in solchen Augenblicken nur sich selbst berlassen
zu sein, um allerlei beschauliche Einkehr zu halten. Es kam wie die frische
Luft, wenn ein Fenster offensteht.
    Jetzt freilich sa sie nicht lang allein. Ihr Mann hatte das bestndige
Verschlossenhalten der Haustre vor einiger Zeit als aristokratisch abgeschafft,
als volksfeindlich mitrauisch, trotz der berhandnehmenden Hausschleicherei
unzhliger Vaganten, die sich aus den Dachkammern der Dienstmdchen deren sauer
zusammengesparte Jahrlhne herunterholten. An Feiertagen arbeiten jedoch die
Diebe gewhnlich nicht in dieser Abteilung; nur im Anfang war Herrn Salander zu
solcher Zeit ein neuer Regenschirm vom Flure gestohlen worden. Was heute seine
Gattin in ihrer Sonntagsruhe strte, war ein unbeholfenes Klopfen an der
Stubentre. Als sie ging, dieselbe zu ffnen, trat Frau Amalie Weidelich herein.
Sie hielt mit beiden Hnden ein Gesangbuch samt dem weien Schnupftuch umfat,
welches nach lndlichem Weiberbrauche sauber gefaltet darauf lag.
    Mit Verlaub, sagte sie, und guten Tag, Frau Schwherin!
    Ei, die Frau Schwherin! grte Frau Marie berrascht. Sieht man sich
auch einmal? Sie sind gewi zu spt zur Kirche gekommen?
    Nein, ich war frh genug; aber da ich die Woche hindurch nicht fort kann
und immer weniger, je lter man wird, anstatt auszuruhen, sagte ich unterwegs zu
mir selber, du willst einmal hinter der Kirche herumgehen und der geehrten
Schwherschaft eine Visite abstatten! Ich besuchte sonst immer eine der
Stadtkirchen, wo es immer so voll und interessant ist und die Leute ihre
Visitenkarten an die Bnke nageln! Aber heute, dacht ich, kannst du aussetzen,
einmal ist keinmal, und die Predigten werden ja nicht abgestellt wie die
Brunnen, am Sonntag lauft's alleweil noch, das Lebenswasser! Aber sonst kann
man's freilich brauchen, meine liebe Frau Schwherin! Zwar versteh ich nicht
immer recht, wo's hinauswill, weil ich eben nicht gelehrt bin, aber ich tu's
meinen Shnen zu Ehren, die gebildete Herren sind! Man soll nicht sagen, da man
ihre Mama nicht in einem gebildeten Gottesdienst zu sehen bekomme! Sie verdienen
es eigentlich nicht! Aber man ist halt doch die Mutter! Und wenn sie dann auf
den Kanzeln von dem lieben Gott reden, der keine Beine habe und uns persnlich
nicht kenne, und wir doch mit einer gewissen Gotteskindschaft dicktun sollen, so
lasse ich es dabei bewandt sein und bete dafr das Vaterunser desto andchtiger
mit! Das versteh ich jetzt wieder besser, als auch schon, liebe Frau Salander!
denn ich hab es nicht wie der liebe Gott, ich fange an, meine Beine zu spren,
sie werden md.
    Darum nehmen Sie doch endlich Platz, gute Frau, da steht ja ein bequemer,
weicher Sessel! Wollen Sie nicht den prchtigen Hut ablegen? Wer hat den
gemacht?
    Marie Salander drngte mit diesen Worten das bittere Gefhl zurck, das der
unerwartete Anblick der Zwillingsmutter erweckt hatte: sie entnahm den
Gesichtszgen wie den Worten der Frau, da sie nicht mehr so guten Mutes war wie
frher. Diese setzte sich, ihr Kleid vorsichtig in acht nehmend. Der Hut?
sagte sie, den hat die Merklin gemacht, er ist aber viel zu schn und zu teuer
ausgefallen, es pat nicht mehr fr mich! Abnehmen will ich ihn nicht, es ist
mir zu mhsam, ihn wieder ordentlich aufzusetzen!
    Sie betrachtete nun ihrerseits ein Weilchen die Gegenschwherin und lobte
ihr Aussehen: Ihnen geht es gut, Sie bleiben immer gleich! Und was macht denn
der Herr? Ist er zu Hause?
    Mein Mann ist frh ins Freie hinausgegangen; jetzt wird er wohl fr eine
Stunde oder zwei auf dem Kontor sein. Was macht der Ihrige, Herr Weidelich? Er
ist doch gesund?
    Gottlob, so ziemlich, die Arbeit hlt ihn aufrecht, und doch schont er sich
zu wenig und klagt hie und da ber Unlust. Es hat eben jedes seinen Teil! Wir
wissen zum Exempel nicht, woran wir mit den Shnen sind; um es gerad
herauszusagen, bin ich gekommen, zu erfahren, ob Sie mehr von den Kindern wissen
und was vorgeht?
    Wieso denn vorgeht? fragte Frau Marie, nicht sowohl berrascht als halb
erschrocken.
    Ja, es mu etwas vorgehen oder gegangen sein. Unsere Shne, die uns leider
nicht mehr viel nachfragen, kommen nur zur Seltenheit einmal gelaufen. Frher
kamen sie zuweilen miteinander, jetzt scheinen sie sich zu meiden, und wenn sie
bei uns unverhofft zusammentreffen, so schwatzen sie etwas weniges, und der eine
oder andere macht, da er fortkommt. Erscheint aber einer allein, das geht nun
seit einem halben Jahr oder lnger, und man fragt nach seinem Bruder, so heit's
immer: Wei nichts von ihm, hab ihn nicht gesehen! Seh ihn berhaupt wenig die
Zeit her! So heit's bei Isidor, und so bei Julian! Und doch stecken sie immer
hier in der Stadt und haben Geschfte, jede Woche mssen wir ein paarmal hren,
sie seien da und dort gesehen worden, so mssen sie sich doch selber auch
begegnen und sollten nicht sagen, sie wten nichts voneinander. Da haben wir
gesagt, ich und mein Mann, Herr Salander und Frau sind durch ihre Tchter eher
auf dem laufenden, gefhrlich wird's am End nicht sein, sonst wrde man uns doch
Kundschaft geben! Da bin ich denn heut richtig abgeschwenkt und zu Euch
gekommen!
    Frau Salander schwieg verwundert einen Augenblick, indem sie zugleich
berlegte, ob sie der Frau Gegenschwherin die zum Teil hnliche Erfahrung an
den Tchtern mitteilen solle. Es knne nur zur besseren Erleuchtung der
beunruhigten Leute beitragen, dachte sie, wenn sie davon Kenntnis erhielten, die
ihnen offenbar ganz abgehe.
    Unsere Tchter, sagte sie, haben uns von diesen Dingen nichts anvertraut,
wahrscheinlich, weil sie ihnen unbekannt sind; wir haben in letzter Zeit nur
gelegentlich von ihnen gehrt, da die jungen Mnner viel abwesend seien.
    Natrlich, das glaub ich schon! warf Amalie Weidelich ein. Das ist kein
Geheimnis bei der Arbeit, die sie haben! Sonst wuten sie nichts, die Frauen?
    Diesmal, ich will sagen von diesem Umstande wenigstens nicht!
    Wie diesmal und von diesem Umstand? Aber ein andermal wuten sie, haben sie
geplaudert, he?
    Als Marie nicht sogleich zu antworten vermochte, redete die andere Mutter
mit gespannterem Tone fort:
    Seien Sie nur offen und hinterhalten Sie nichts! Sehen Sie, wir haben auch
davon gesprochen, ob nicht ein Familienzwist, eheliches Zerwrfnis und
dergleichen vorhanden sei; ob die jungen Weiber auch sich in die Verhltnisse
schicken oder vielleicht unzufrieden seien und den Mnnern zu Haus das Leben
schwer machen? Sie mssen es nicht belnehmen, Frau Schwherin, man hat
Beispiele, da zwei Schwestern, die in die gleiche Familie geheiratet haben,
zusammenhalten und gern miteinander Komplott machen, wenn es Unfrieden gibt, und
imstande sind, alles auf den Kopf zu stellen! Ich will ja nichts damit gesagt
haben, nur die Spur suchen!
    Nach nochmaligem kurzen Besinnen fand Marie Salander es an der Zeit, ihr
ohne weiteren Rckhalt auf die Spur zu helfen.
    Sehen Sie, Frau Schwherin, sagte sie mit ruhigem Ernste, soweit die
innere Erregtheit es zulie, es ist sicher nicht alles, wie es sein sollte, da
haben Sie recht! Ich will Ihnen jetzt nur erzhlen, da wir vor nicht langer
Zeit etwas hnliches an unsern Tchtern erlebten, wie Sie nun an Ihren Shnen.
Sie lieen sich gar nicht mehr bei uns sehen, wie wenn sie das Elternhaus
geflissentlich fliehen wrden, und als das uns endlich auffiel und wir uns
deshalb die Kpfe zerbrachen, vernahmen wir von dritter oder vierter Hand, da
die Kinder auch unter sich jeden Verkehr verloren htten und sich scheuten,
zusammenzutreffen. Da haben wir uns auch auf den Weg gemacht, mein Mann und ich,
aber wir sind gleich zu den Tchtern gegangen und haben sie zur Rede gestellt.
    Und nu? Was war's?
    Wir fanden beide allerdings zu Haus und in einer groen Traurigkeit, jede
von ihnen hatte Heimweh nach den Eltern und nach der Schwester und getraute sich
doch nicht, die zu sehen, die sie gern gesehen htte. Wir brachten sie dann am
gleichen Tage wieder zusammen, wie mit uns, und halfen ihnen ber die
Wunderlichkeit hinweg, so gut es ging.
    Aber was ist's denn gewesen? Ging es meine Shne an? fragte die
ungeduldige Wscherin.
    Da Sie es wissen wollen, so mu ich es Ihnen sagen; es dient vielleicht zum
notdrftigen Ausgleich der Irrungen oder Miverstndnisse und zur allgemeinen
Erkenntnis seiner selbst. Meine Tchter haben ihre Heirat bereut und sich
deshalb voreinander geschmt, weil sie den vermeintlichen Irrtum
gemeinschaftlich mit langer Beharrlichkeit begangen, und vor uns, weil wir die
Heirat nicht gern gesehen haben!
    So? sagte die arme Frau Weidelich mit gedehntem Laute, hchst betroffen
und bleich geworden; denn trotz ihrer anzglichen Reden von vorhin traf sie die
Erffnung so unerwartet, wie ein Blitz aus blauem Himmel. Sie fhlte das schne
Lebensgebude schwanken, das sie mit soviel Sorge und Kunst ihren Shnen
aufgerichtet. Der erste Gedanke war das groe Erbgut, das viele Geld, und der
zweite, da nicht einmal Kinder da seien.
    Als sie sich vom Schrecken etwas erholt, fragte sie mehr kleinlaut als
trotzig, was denn die Frauen gro Ursache htten, die Heirat zu bereuen und mit
so umstndlichen Manieren. Ohne weiteres Besinnen erwiderte Frau Marie:
    Ja, das ist eben das Verwunderliche, das sich mit der Zeit verlieren kann,
weil es ertragen werden mu; sie sagen von den jungen Herren, es sei nichts mit
ihnen, sie haben keine Seelen!
    Mit rotem Kopfe, den sie so stark schttelte, da der Hut darauf mit allen
Blumen und Bndern zitterte, der mden Beine vergessend, sprang die Frau
Weidelich aus ihrem Sessel auf und rief tdlich beleidigt:
    Keine Seelen? Meine zwei Buben, die ich unter dem Herzen getragen? Das ist
eine niedertrchtige Verleumdung! Rund und nett hab ich sie zur Welt gebracht,
wie zwei Forellen, von den Kpfchen bis zu den Fchen kein Mngelchen, und
jedem hab ich sein Seelchen mitgegeben von meiner eigenen unsterblichen Seele,
soviel Platz finden kann in einem so kleinen Tmpelchen Blut, und es ist mit den
Buben nachgehends gewachsen, wie sie selbst! Wo sollt es denn hingekommen sein?
Wrden sie Landschreiber geworden sein? Keine Seelen! Die verfluchten Gnse! Die
drfen mir nicht so kommen! Oh!
    Sie war so zornig, da sie nicht weitersprechen konnte und sich niedersetzen
mute. Marie Salander bereute ihre Tat und suchte nach einem Essenzbesteck, da
die Frau jetzt bla war. Sie verweigerte aber die Tropfen und bat um einen
Schluck Wein, wenn er da sei; denn sie fhlte sich wirklich elend.
    Frau Salander ging schweigend nach dem Schranke, in welchem dergleichen
Dinge fr alle Flle bereitstanden. Whrend der eingetretenen Stille hrte man
schwere Tritte auf Treppe und Flur, und gleich darauf klopfte ein Mann mit
harten Fingern an der Tre. Vom Schranke weg eilte jene hin, zu sehen, wer da
sei; denn wie erst bei dem ungeschickten Klopfen der Frau vermutete sie jetzt
wieder, es poche jemand, der nicht ins Zimmer wolle.
    Allein es war der Vater Jakob Weidelich, der dastand mit verstrtem
Angesicht und mit unsicherer Haltung hereinkam, als Marie Salander die Tr ganz
aufmachte. In der Zerstreuung nahm er den Hut erst vom Kopfe, nachdem er wortlos
sich auf den nchsten Stuhl gesetzt, wie ein erschpfter Mann.
    Verzeihen Sie, sagte er endlich, sich zusammenraffend, ich habe mit Herrn
Salander reden wollen, ist er nicht zu Hause? Aber da ist ja auch meine Frau!
Ich glaubte, du seiest in der Kirche?
    Und du, Jakob? Wie kommst du hierher? rief die Frau, die ber seinen
Anblick die eigene Beschwernis verga. Er hatte die gewohnten Sonntagskleider am
Leibe, doch mit bewutloser Hast umgeworfen. Die Weste war ungleich geknpft,
die Halsbinde fehlte, und in der Hand hielt er den abgeschossenen Werktagshut,
um welchen statt des verlorenen Bandes sich eine Krone vom Arbeitsschweie zog,
der den Filz durchdrungen. Frau Salander sah dies alles auch und berdies, da
seine Hnde leise zitterten. Bnglich erwartend, was noch kommen wrde, hielt
sie sich schweigend abseits und berlie dem Schwherpaare das Reden. Frau
Weidelich hatte sich auf die Beine gestellt und sich dem Manne genhert, indem
sie seinen nachlssigen Anzug musterte.
    Was ist denn das? rief sie, wie kannst du ohne Halstuch fortlaufen? Und
nicht einmal den Hemdkragen zuknpfen! Und am Sonntag mit dem alten Hut in der
Stadt herumstrmen, pfui Teufel!
    Als sie aber die ratlose Verfassung seiner Gesichtszge genauer sah,
durchfuhr sie ein Schrecken. Sie wute, da er nicht um eine Kleinigkeit in
einen Zustand geriet, den sie nie an ihm erlebt.
    Was hat's gegeben, Jakob? fragte sie mit bleicher Furcht, da das
Unbekannte, welches den sonst so ruhigen Mann aus dem Hause getrieben, ihr
doppelt schreckhaft erschien.
    Er suchte seine feuchte Stirn zu trocknen, fand aber kein Tuch in der
Rocktasche. Die Frau blickte umher und gewahrte das auf dem Tische liegende
Kirchenbuch mit dem Schnupftuch. Sie schlug dieses auseinander und wischte ihm
selber Stirn und Schlfen ab. Weidelich nahm ihr das Tuch aus der Hand; etwas
gefater lie er sich nun vernehmen:
    Unser Sohn Isidor ist in der Stadt - ich mu es in Gottes Namen sagen, er
sitzt gefangen, in schwerer Untersuchung - sie haben ihn gestern abend
gebracht.
    Marie Salander suchte mit einem kleinen Schrei den Halt des nahen
Fenstersimses; sie sah nur die arme Tochter Setti, die verlassen und gengstigt
im Lautenspiel sitzen mute, vielleicht selbst gefangengehalten oder wenigstens
bewacht.
    Isidors Mutter aber stand mit offenem Munde, den Mann anstarrend. Sie
begriff nicht, was er sagte.
    Was kann er denn angestellt haben? stotterte sie, das wird eine schne
Dummheit sein, sie sollen sich in acht nehmen!
    Es ist kein Spa, du arme Frau! sagte Jakob Weidelich, der sich jetzt
erhob und mit Gehen und Sprechen zu erleichtern suchte. Es ist einer von den
Behrden im Haus erschienen, sobald du fort warst, und hat mir das Unglck
angezeigt. Ich hafte ja mit unserm Vetter und Gevatter Ulrich als Amtsbrge fr
beide Shne. Drum befragte mich der Herr nach meiner Zahlungsfhigkeit und
forderte mich auf, die Mittel auf alle Flle bereitzuhalten; aber nicht nur das,
er wollte wissen, was ich darber hinaus etwa zu leisten imstande wre, obgleich
es nicht danach aussehe, als ob eine gtliche Auskunft mglich; denn es sei bei
unserm Isidor eine groe und bse Unordnung gefunden worden. Ich hab in
Schrecken und Angst nichts zu sagen gewut, als da ich tun werde, was ich
vermge, wenn es helfen knne, und bin hieher gelaufen, um den Herrn
Gegenschwher um Rat zu fragen, was zum Schutz des Sohnes zu tun sei. Denn ich
kann nicht glauben, da er, wie soll ich sagen, da er sich so vergessen habe!
In der Verwirrung hab ich nicht einmal das Nhere vernommen! Ich htte nie
geglaubt, da dergleichen an mich komme!
    Pltzlich schlug die Frau eine gellende Lache auf und tastete, wie wenn sie
in einem dunkeln Raume ginge, mit vorgestreckten Hnden nach dem krzlich
verlassenen Lehnstuhl. Dort schpfte sie Atem, lachte dann nochmals stoweise
und rief bitter gegen den Mann hin:
    Aber an mich kann es kommen? Mir schadet es nicht, hab's am End verdient,
gelt? Dein Lebtag denkst du nur an dich! Eine schne Welt, ein wackerer Sonntag!
Zuerst heit's, die Buben haben keine Seelen, dann werden sie eingekerkert und
zu Schelmen gemacht! Ach, ach, ach, wie weh!
    Ihre Worte verloren sich in einem erbrmlich klagenden Tone und dieser in
erneuter belkeit, die sie befiel, indes Weidelich sich auch wieder gesetzt
hatte und, die Hnde auf die Knie gesttzt, zu Boden starrte.
    Frau Marie Salander ergriff die bereits hervorgenommene Flasche mit altem
Xeres und fllte fr jedes der geschwchten Eheleute ein Kelchglas, obgleich ihr
selbst schlecht zu Mut war. Und wie die Mutter Isidors in seiner Person beide
Shne zusammenfate und einseitig nur an diese zu denken vermochte, so dachte
Marie Salander an beide Tchter, ohne von ihnen zu sprechen, da die bedrngten
Gegeneltern ihre Aufmerksamkeit den jungen Frauen jetzt nicht widmen konnten.
    Amalie Weidelich trank einen guten Schluck von dem Weine und stellte das
Glas weg, in die Luft, da es zu Boden fiel.
    Also der Isidor ist eingesperrt, sagte sie, und kann nicht mehr gehen, wo
er will! Bringt ihm denn jemand zu essen und zu trinken, wenn es ihn gelstet
und die gewohnte Zeit da ist, wie gerade jetzt? Haben sie dort auch etwas
Ordentliches fr einen Landschreiber, einen Ratsherrn? Fr einen armen Menschen,
der nicht wei, was Hunger und Durst ist?
    Soviel ich mich erinnere, bemerkte Frau Salander, knnen solche
Gefangene, solange die Untersuchung dauert und bis sie verurteilt sind, auf ihre
Kosten haben, was sie wnschen, so wie sie es ungefhr gewhnt sind.
    Verurteilt sind! Ein solches Wort will ich von niemandem hren! Wenn ihm
schlechte Teufel aller Art, mit denen er zu tun hat, Unkraut in seine Geschfte
gest haben, wenn er manchmal nicht wei, wo ihm der Kopf steht, so klrt er das
gewilich auf, und fr seine Verfolger wird es ein schlechtes Ende nehmen! Aber
jetzt mu man sorgen, da es ihm an nichts gebricht! Warum ist seine Frau nicht
mit ihm gekommen, ber ihn zu wachen und in der Nhe zu sein?
    Sie wird zu Hause zu wachen haben, da sonst niemand dort ist! sagte Marie
Salander trocken, ihren Unwillen zurckhaltend.
    So mssen wir sorgen, hrst du, Mann! Wir wollen hingehen, oder geh du
allein und bring ihm etwas Geld, im Fall sie ihn etwa ausgeplndert haben! Ich
will indessen heimlaufen und einen Vorrat von Speis und Trank bereitmachen,
hrst du nicht?
    Der Vater Weidelich hrte freilich nicht. Er zergrbelte unablssig den
Gedanken, da ihm Unehrlichkeit und Verbrechen in Gestalt des eigenen Sohnes
nahetreten und berdies sein ganzer bescheidener Wohlstand, den er in so vielen
Jahren mit saurer Arbeit errungen, in Rauch aufgehen solle und er rmer dastehen
wrde, als er im Anfang gewesen; denn den Hof im Zeisig hatte er zu seiner Zeit
noch mit Hilfe eines kleinen vterlichen Erbes erworben. Und wenn es so kme,
knnte er von vorn anfangen in seinem Alter? Wolle es Gott, so wrde es doch
nicht so kommen, es knne ja nicht sein!
    Da er solchergestalt in seiner Grbelei verharrte und keine Antwort gab,
verga die Frau ihren Vorsatz und sank mit zerfahrenen Sinnen in sich zurck.
    Marie Salander benutzte die herrschende Stille, um nach einem Glase frischen
Wassers zu gehen und sich dann still in eine Ecke zu setzen, in der Absicht,
nicht nur selbst einen Augenblick der Sammlung zu gewinnen, sondern auch das vom
Unheil ergriffene Ehepaar zu einer kurzen Ruhe zu verlocken. Es gelang ihr auch,
beinah ein halbes Stndchen zu berstehen, ohne da die Stille anders als durch
ein Sthnen oder Seufzen unterbrochen wurde.
    Mit rascheren Schritten als gewhnlich kam ihr Mann heran. Sie dankte dem
Himmel, als sie ihn hrte, und ward doch ber seinen Anblick betroffen, der von
Sorge und groem rger Zeugnis gab.
    Da sind wir ja alle beisammen! sagte er, im Zimmer stehend,
augenscheinlich wit ihr die Neuigkeit schon!
    Leider ja! lie sich Vater Weidelich vernehmen, der ber Salanders Ankunft
erwacht und aufgestanden war. Ich bin zuerst hierhergekommen, Herr Salander, um
Sie um Rat zu ersuchen, was zu tun sei. Es ist hoffentlich doch nicht so arg,
wie es im ersten Schrecken aussieht!
    Es ist schlimm genug! erwiderte Salander, der die ble Verfassung
Weidelichs und auch diejenige der Frau bemerkte. Diese war scheinbar
teilnahmslos in ihrem Lehnstuhle sitzengeblieben, mit abgewandtem Gesicht, und
Frau Marie, die aus ihrem Winkel hervortrat, deutete gegen ihren Mann auf sie
hin. Dieser suchte sich deshalb schonender auszudrcken, als er gestimmt war.
    Der Unterbeamte, der bei Ihnen war, fuhr er Weidelich gegenber fort, ist
auch zu mir auf das Bureau gekommen. Es scheint aber ein voreiliger und
diensteifriger Mensch zu sein; mir fiel auf, da er nicht genaueren Aufschlu
geben konnte und berhaupt am Sonntag in solchen Geschften herumlief. Auch bei
mir wollte er vernehmen, was ich allenfalls fr den Schwiegersohn zu tun
gesonnen wre, damit eine Strafklage unterbleiben knne. Das ist eine gute
Meinung, die jedoch zu einem Bescheid vorderhand nicht hinreichte. Ich machte
mich auf den Weg, um geeigneten Orts Bestimmteres zu vernehmen. Es ist keine
Rede von Fahrlssigkeiten und dergleichen Dingen, deren Folgen niedergeschlagen
werden knnten. Isidor hat unter Mibrauch des Amtes so unglaublich khne Dinge
unternommen, da die Entdeckung immer an einem Haare hing und endlich in
vergangener Woche eintrat. Drei Tage dauerte die Untersuchung der Bcher auf
seiner Kanzlei. Gestern waren die Hundertundfnfzigtausend berschritten, und
noch soll kein Ende abzusehen sein. Darum wurde das Verfahren in Unterlaub
abgebrochen und nach Mnsterburg verlegt.
    O Herr Jesus! tnte es vom Schmerzenssitze der Mutter Weidelich her mit
einem Jammergeschrei. Vater Jakob suchte wieder seinen Stuhl. Die vernommene
Zahl erhellte ihm wie eine Brandfackel die Lage. Auch Martin Salander fhlte
sich ermdet, desgleichen die Gattin Marie, und so saen die vier alternden
Personen schweigend umher, wie der Zufall es fgte.
    Nach einer geraumen Weile wimmerte die Frau Weidelich:
    Wre ich doch lieber zur Kirche gegangen, so htte ich noch eine Stunde
gehabt, wo ich von nichts wute! Das wr noch ein gutes Stndlein gewesen, und
htte guter Dinge nach Haus gehen knnen, ohne es mir ansehen zu lassen!
    Abermals nach einigen Minuten rief sie:
    Jetzt mu es doch sein! Jakob, wir wollen gehen, da wir unter Dach
kommen!
    Da sie sich gleichzeitig aufraffte, so gut es ging, nahm sich auch der Mann
zusammen und trat mit gebrochenem Wesen zu Salander, der sich ebenfalls erhoben.
    Es tut mir leid, sprach er mhselig, da wir Ihnen soviel Ungelegenheit
machen -
    Die Stimme versagte ihm, und er schwieg. Martin gab ihm die Hand; er sah,
wie der Mann litt, und, die eigene Beschwernis vergessend, sagte er mit
allerdings zweifelhaftem Troste zu ihm:
    Wer kann heutzutage behaupten, er sei vor dem allgemeinen bel sicher? Es
ist wie die Reblaus oder die Cholera! Wenn Euch einer schief ansieht, so drft
Ihr ihm nur sagen, er soll erst nach Haus gehen und nachschauen, ob's nicht
schon dort sei!
    Inzwischen hatte Amalie Weidelich mit ihrem Hute zu schaffen, der sich wegen
der Erregungen der Frau verschoben und nicht mehr recht sitzen wollte. Sie
suchte ihn vor einem Spiegel zurechtzurcken und festzumachen, und Marie
Salander kam ihr zu Hilfe. Pltzlich aber ri sie ihn vom Kopfe und erklrte,
sie wolle ihn nicht mehr aufsetzen, sondern ohne Hut heimgehen.
    So begab sich das Paar auf den Weg. Kaum waren sie auf der Strae, so fhlte
sich die Frau so schwach, da der Vater Jakob sie am Arme fhren mute; in der
linken Hand trug er den schnen bunten Hut wie einen Henkelkorb am Bande. Sein
eigener abgetragener, schweibefleckter Hut vollendete den wunderlichen Aufzug
des Paares, welches trbselig dahinschwankte durch den unsicheren Gang der Frau,
die sonst von manchem Glase Wein, das sie getrunken, niemals geschwankt hatte.
    Man blickte ihnen nach, Vorbergehende standen sogar still, und jemand sagte
vernehmlich zum andern: Die zwei Leutlein haben ja wacker gefrhstckt!
    Sie hrten es mit den scharfen Ohren der jungen Schande, sahen aber weder
rechts noch links. Auf einer gerumigen Brcke kamen sie noch schwieriger voran;
eine Menge Kirchenleute kreuzte sie von beiden Seiten her, und fast alle
blickten auf den Hut, der an Jakob Weidelichs linker Hand hing, und sodann auf
den etwas zerzausten Kopf der Frau.
    Gib mir den Hut, Jakob! sagte sie, es schickt sich nicht fr dich, da du
ihn trgst!
    Er lie es sich gefallen und gab ihr das stattliche Modenstck, und da sie
in diesem Augenblicke gegen das Brckengelnder gedrngt wurden, warf die Frau
den Hut in den Flu, ohne ihm nachzusehen.
    Was machst denn? Bist du nrrisch? murmelte der Mann.
    Nur vorwrts! Steh nicht still! sagte sie, ich habe genug von der
Herrlichkeit!
    So gingen sie weiter und bekamen Raum genug. Denn die nchsten des
Brckenvolkes, welche den Wurf bemerkt hatten, liefen eiligst auf die andere
Seite hinber und bogen sich ber das dortige Gelnder, um den Hut unterhalb der
Brcke hervorschwimmen zu sehen, und als die brigen dies Gelaufe wahrnahmen,
pflanzte sich die Bewegung fort, und die ganze Brcke entlang sprang alles wie
besessen nach jener Seite und guckte ins Wasser. Auf den ziehenden
Wellenspiegeln fuhr auch der arme Hut schon den Flu abwrts, wie ein mit Seide
bewimpeltes und mit Blumen bekrnztes Schiffchen oder ein schwimmendes Grtchen.
Aber in kurzer Frist stieen auch schon in einem Rettungskahne zwei Burschen vom
Lande und ruderten dem lustigen Fahrzeug eilig nach, um es entweder fr sich zu
erbeuten oder wenigstens ein gutes Trinkgeld zu verdienen, whrend die beiden
Ufer entlang sich immer neue Zuschauer einstellten.
    Indessen gewannen die bekmmerten Eltern der Zwillinge unerkannt das Freie
und klommen zum alten Zeisig empor.
    Da du den Hut nicht mehr aufsetzen magst, begann Weidelich, als sie einen
Augenblick verschnauften, finde ich auf eine Art begreiflich; aber du httest
ihn ja verkaufen knnen. Ich frchte, die Zeit ist nah, wo wir auf jeden Franken
achten mssen!
    Es ist jetzt geschehen, seufzte Amalie, ich hab kaum gewut, was ich
machte! brigens ist noch manches da, was ich verkaufen kann, die Rcke, die Uhr
und die Kette, das schickt sich alles nicht mehr, weil es die Blicke der Leute
auf mich zieht, und dann werde ich auch die Brosche nie mehr vorstecken, mit den
zwei Bbchen drauf - nein, die Brosche kann ich nicht verkaufen, wenn sie jetzt
auch nicht mehr recht tun knnen und uns verloren sind - ach, es war doch eine
glckliche Zeit! Nein, ich will das Bildchen behalten und auch das Gold daran
lassen, solang wir noch eine Brotrinde haben!
    Sie sagte das in Trnen, von Schluchzen unterbrochen. Jakob mahnte sie
erschreckt und kummervoll, sich zu fassen.
    Wie kannst du auf einmal so reden und beide Shne in einen Tiegel werfen?
Auch wenn der, der jetzt gefangen ist, nicht zu retten wre, so haben wir ja
noch den Julian, der wird doch, will's Gott, nicht so zum Vorschein kommen!
    Du kennst sie nicht wie ich, die ich sie zur Welt gebracht! Sie haben
jederzeit und alleweil das gleiche gedacht, gewollt und getan und jeder gewut,
was der andere wollte. Ach Herr du mein Gott, nun wei ich auch, warum sie
einander gemieden haben und immer sagten, ich wei nichts, ich hab ihn nicht
gesehen! Sie wuten genau, da sie auf den gleichen Wegen gehen und dasselbe
tun, und weil es etwas Bses und Gefhrliches war, scheuten sie sich! Denk dir
nur, die Salanderin, die ich diesen Morgen zu fragen ging, ob sie nicht wisse,
was das sein knne, erzhlte mir ganz trocken, ihre Tchter htten es hnlich
gemacht, sie htten die Eltern und sich selbst gegenseitig geflohen, und weit
du warum? Weil sie sich vor den Eltern und eine vor der andern geschmt haben,
ja geschmt!
    Weswegen? Was haben denn die getan?
    Sie haben sich geschmt, weil sie unsere Shne geheiratet haben! Wie
deutlich versteh ich jetzt unsere Buben, die armen Trpfe, die als
Zwillingsbrder sich im Bsen voreinander gefrchtet; und keiner wollte, da der
andere auf seine Sache zu reden komme! Es ist mir, als guck ich mitten in ihre
Herzen hinein!
    Das ist ein Glck zum Erbarmen, das wir mit den Shnen erlebt haben; es
wird ja je lnger je trauriger und unbegreiflicher! Ich wollte bald lieber, ich
wte nichts von meinem eigenen Leben!
    Es will alles zurckbezahlt sein, wie ich merke, erwiderte die Frau,
umsonst ist der Tod! Dort ist unser altes Haus! Gott sei Dank, da wir nicht
ein neues an seiner Statt bauten in unserm bermut. Obgleich wir beide immer
fleiig und ttig darin gewesen sind und uns der Arbeit nie geschmt haben. Wir
wollen uns heut noch gut darin verbergen und stillhalten, und tun, als ob es
eine Ewigkeit so still und heimlich bliebe. Die Dienstboten knnen noch nichts
wissen! Aber morgen ist's Montag, da mssen sie die Wsche fr die Woche abholen
in allen Ecken der Stadt, da werden sie's wohl vernehmen, und am Dienstag kommen
meine Wscherinnen, vier Stck - eine bittere Woche, diese erste - komm Jakob,
wir wollen hineingehen und uns still halten! Wenigstens merkt es der liebe Gott
nicht, da er uns nicht persnlich kennt, wie der groe Kanzelherr sagt! Es ist
ein Glck, da er uns also nicht nach unsern Kindern fragen kann; denn er hat
keinen Hochschein davon, wie unsere lustigen Shne zu sagen liebten, wenn einer
etwas nicht kannte! Komm hinein!
    Es war, als ob die arme Frau im Gefhl, da es ntig sei, sich wieder
lebendig redete, um sich vor den Hausgenossen eine Haltung zu machen. Sogar ein
wenig Geistesgegenwart gewann sie; denn sie griff sich im Hausflur pltzlich an
den Kopf und ging ungesehen zuerst nach der hintern Stube, als ob sie dort den
schnen Sonntagshut ablegen wollte.
    Auch Martin Salander und seine Frau verlieen das Haus an diesem Tage nicht
mehr. Nachdem die Gegenschwherschaft sich entfernt hatte und das Paar allein
war, sagte Martin:
    Es ist mir heut merkwrdig gegangen! Ich lie mir in der Frhe das Haar
schneiden; neben mir sa einer, der barbiert wurde und dabei durch das Fenster
auf die Strae schaute, immer in der Richtung, wie ihm der Barbier just das
Gesicht drehte, bald so und bald anders, so da ihm die Augen zuweilen nach dem
Himmel oder an die Zimmerdecke gewandt wurden. Als er fertig war, aufstand und
das Gesicht mit dem Handtuch trocknete, sagte er, whrend ihm der Bart geputzt
worden, habe er nach und nach auf dem Trottoir vor dem Fenster nicht weniger als
vier gute Bekannte gehen sehen, von denen jeder zur Zeit einen Anverwandten im
Zuchthause sitzen habe. Das sei doch etwas stark, whrend eines einzigen
Bartscherens! Und doch habe er bei weitem nicht alle Vorbergehenden gesehen,
weil ihm der Rasierer alle Augenblicke das Gesicht am Nasenzipfel oder Kinn zur
Seite zog. Einige habe er vielleicht bersehen oder nicht erkannt, da das blaue
Drahtgitter gerade am Fenster die Gestalten etwas verdunkle. Ich mute bei allem
Elende lachen, nun hat es sich schnell gercht!
    Wenn es nicht so schmhlich wre, was geschieht, gab Marie zur Antwort,
so wrde ich mich freuen, da wir die Tchter wieder zu uns nehmen knnen; denn
das wird keine Frage sein, ob sie jetzt frei werden oder nicht!
    Natrlich! Das heit, wenn sie nicht auf eine neue Narrheit verfallen,
nmlich die, den einmal angetrauten Gatten im Unglck, heie es, wie es wolle,
vor der Welt anhangen zu mssen und den Lohn im Bewutsein einer standhaft
gebten Barmherzigkeit zu suchen. Man hat ja Beispiele!
    Du vergit, da hiezu immer noch ein Fnklein Liebe gehren wrde, das ja
lngst erloschen ist!
    Du magst freilich recht haben! Um so besser! Aber wir sprechen ja schon nur
von beiden Herren, whrend noch gar nicht gesagt ist, da Meister Julian, der
Vogelsteller, den Weg seines Bruders gehen werde! Er kann, wenn auch nicht
braver, doch vorsichtiger, schlauer gewesen sein oder mehr Glck gehabt haben!
    Ich bin sicher, da er den anderen frher einholen wird, als man vielleicht
denkt. Wozu sollte er sich gerade in diesem Punkte von ihm unterscheiden?
    Desto schlimmer fr mich! sagte Salander mit dsterem Sinnen, oder
vielmehr fr uns alle! Wenn nur einer so elend zugrunde geht, so ist es nicht
das gleiche, wie wenn beide dahinfahren; da erst wird die auffllige
Doppelhochzeit recht aufgerhrt werden, die ich angerichtet habe, durch die ich
in den Rat gekommen bin, was jedermann wei, und die ein hhnisches Sprichwort
sein wird, lnger als wir leben; und auf diese Weise habe ich meiner politischen
Parteirichtung, der Volkssache berhaupt Schaden statt Nutzen gestiftet! Und die
Tchter werden wie lebendige Denkmler der vertrackten Geschichte herumgehen.
Und dann der Arnold! Schon damals hat man nur von der Salanderhochzeit
gesprochen; wenn er nun endlich heimkehrt, so hab ich ihm einen schnen Knppel
an seinen Namen gehngt, wenn er ffentlich wirken will!
    Solche ngste hab ich nun nicht, erwiderte Marie nachdenklich; du stehst
doch nicht auf so schwachen Fen, und was den Arnold betrifft, so wird er immer
den guten Namen finden, den er braucht. Nur gesteh ich, da, sosehr ich seine
Heimkehr herbeiwnsche, doch jetzt erschrecken wrde, wenn er mitten in den
Skandalproze hineingeriete! O diese heillosen Schlingel!
    Wir wollen darber nicht die arme Setti vergessen, die zu dieser Stunde
ratlos in ihrem traurigen Lautenspiel sitzen wird! sagte Salander, dessen
Gedanken durch das letzte Wort auf das Geschick der Tochter gerichtet wurden.
Ich wrde sofort nach Unterlaub fahren, wenn ich nicht dchte, es hlfe jetzt
zu nichts. Sie wird einige Tage auf sich selber gestellt und wahrscheinlich froh
sein, wenn niemand kommt! Einen rechtlichen Beistand braucht sie noch nicht, da
die Lage einfach ist. Das Bare, das wir mitgegeben, ist natrlich verschwunden;
die brige Aussteuer knnen sie ihr nicht mehr nehmen. So denk ich, wir
telegraphieren einstweilen nur um ein Lebenszeichen. Sie mag berichten, ob man
sie holen soll und wann; lang wird's nicht dauern, bis sie gehen mu; denn der
Konkurs ist in jedem Falle sicher, und das erste, was geschieht, ist der Verkauf
der Liegenschaft, die Gant.
    Da knnen wir nur fr Raum sorgen, versetzte Frau Marie, wenn wir auf
einmal die zwei Aussteuern unterbringen wollen, von denen jede ein Wohngemach so
ziemlich ausfllt. Ich habe mir so viel Mh damit gegeben, da ich den Kram
nicht gern im Stich lassen mchte. Schreib aber nun das Telegramm, da es die
Magdalene noch schnell forttragen kann. Der Mittag naht, Setti kann vielleicht
eher einen Bissen essen, wenn sie es hat. Wahrscheinlich macht sie sich
unsertwegen wieder Gedanken!
    Ich will selbst hingehen, damit Magdalene nicht im Kochen gestrt wird,
sagte Salander; ich bin von diesen schbigen Schicksalsuerungen hungrig
geworden!
    Bleib nur! rief Marie, das wenige, was noch zu tun ist, kann ich schon
besorgen, wenn ntig. Gehst du jetzt auf die Post, so triffst du vielleicht ein
Rudel guter Freunde und anderer mildttigen Seelen, die dich bereits voll
Teilnahme ausfragen und vor deinen Augen weitertelegraphieren, was du sagst!
Salander stutzte.
    Du kannst bei Gott recht haben! Sie sind jetzt alle schon beim Frhschoppen
gewesen, die Unterrichteten mitten drunter! Und ber den Verbleib von einigen
Hunderttausenden verlohnt sich das Telegraphieren immer fr gewisse Leute!
    Er nahm also ein Formular, beschrieb es mit den erforderlichen lakonischen
Worten und gab's der Frau.
    Sie las den Blitzbrief, studierte einen Augenblick daran herum und beschrieb
ein neues Formular. Verwundert las Martin Salander dasselbe, als sie fertig war.
Sie hatte die gleich harten Steinblcken dastehenden Haupt und Zeitwrter mit
den dazugehrigen, sie verbindenden Kleinwrtern versehen, sonst aber nichts
gendert.
    Du hast ja gar nichts dazugetan als die Pronomina, den Artikel und einige
Prpositionen und dergleichen. Dadurch wird ja lediglich die Depesche dreimal so
teuer! sagte er, noch immer berrascht.
    Ich wei wohl, es ist vielleicht nrrisch, erklrte sie bescheiden;
allein es will mir vorkommen, da diese kleinen Zutaten die Schrift milder
machen, ein wenig mit Baumwolle umhllen, so da Setti das Gefhl hat, als hrte
sie uns mndlich reden, und dafr reut mich die hhere Taxe nicht. Wenn du aber
willst, so unterschreib ich das Ding selbst!
    Es ist merkwrdig, wie recht du hast! sprach Salander, der die drei oder
vier Zeilen nochmals gelesen. Es nimmt sich in der Tat urpltzlich fein und
herzlich aus. Wo zum Kuckuck holst du die wunderbar einfachen Stilknste? Nein,
das mut du selbst unterschreiben, es wre mir altem Schulfex nicht
eingefallen!
    Eine Stunde spter bei Tisch sitzend, empfingen sie Settis Antwort, nach
welcher sie in wenig Tagen das Haus zu verlassen gedachte, indessen vorher noch
einen Brief verhie. Dieser gelangte schon am nchsten Morgen an. Er enthielt
eine gedrngte Anzeige des ber sie ergangenen Schreckens, der Tag und Nacht
andauernden Untersuchungsarbeiten der eingetroffenen Amtsleute und Fachmnner,
welchen Isidor in fortwhrenden Verhren beiwohnen mute. Anfangs habe er sich
sprtzig und hochfahrend angelassen und sich sonst verkehrt benommen; als aber
die Mnner, unter denen sich duzfreundliche Amtsgenossen von ihm befunden,
unversehens ihn trockenen Tones mit Ihr traktierten und ihm befahlen, hier zu
stehen, oder dort, oder sich in eine Ecke zu setzen und zu warten, bis man ihn
rufe, und zuletzt ein Polizeisoldat zum Vorschein kam, der die Kanzleitre nicht
mehr verlie, da habe er gemerkt, da er verloren sei, und weinend alles
gestanden, was man wollte, aber nichts, ohne Unwahrheiten daran zu hngen,
jedesmal auch einen Verweis bekommen. Als er mit allen Bchern und Akten
fortgebracht worden sei, habe er der Frau nur kurz ein Adieu zugerufen, mit dem
Beifgen, er sei leider Staatsgefangener (wie wenn er etwas Hheres und Feineres
ausgearbeitet htte), und er hoffe bald wieder da zu sein, sie mge gute
Hausordnung fhren! Schon seit einiger Zeit habe sie kein Monats- oder
Wochengeld mehr erhalten, sondern fr jede einzelne Ausgabe die bentigte Mnze
in der Kanzlei verlangen mssen. Jetzt sei mit Ausnahme ihrer Kleiderschrnke
und der Kche alles versiegelt. Eine Spur von ihrem Barvermgen habe sich nicht
gefunden, jedoch sei ihr versprochen, da sogleich nach Bestellung des
Konkursrichters die Freigabe ihrer smtlichen zugebrachten Fahrhabe verfgt
werden solle. Solange mge sie nicht im Hause bleiben, und wenn sie das wenige
Reisegeld bese, so wrde sie mit Erlaubnis der Eltern ohne Verzug dahin
zurckkehren, wo sie nie htte fortgehen sollen.
    Morgen ist Dienstag, sagte Salander, ich will sie morgen holen! Wir
wollen ihr sogleich telegraphieren, sie soll das Ntigste einpacken und sich
bereithalten. Hat sie auch noch Koffer oder Kisten? Ich will wetten, der Mensch
hat alles verreist und verrissen!
    Ich sah noch die Koffer und Korbsachen, die sie von hier mitgenommen hat,
erwiderte Marie, die Herren reisten stets mit kleinem Handgepck.
    Du hast recht! Wie es der groe Ditenfresser von Gauchlingen macht, der
jahraus und -ein das Land mit einer alten ledernen Aktenmappe durchrutscht, in
welcher ein Nachthemd steckt!
    brigens mchte ich mitkommen, nahm Marie wieder das Wort, und meine, wir
knnten einen Wagen nehmen, trotz der Eisenbahn, so mssen wir nicht mit Setti
zu Fu nach der Station wandern und knnen auch ihre Sachen sofort aufladen. Es
schadet nicht, wenn sie dort sehen, da sie noch wo zu Haus ist. Und hier kommen
wir gerade recht mit der Dunkelheit an, so da es auch gar nichts zu gaffen
gibt. Etwas kaltes Essen wollen wir fr alle Flle mitnehmen, wer wei, ob sie
etwas hat! Wir brauchen dann unterwegs nicht anzuhalten.
    Mit allem bin ich einverstanden, wie du es willst! Die du eine
Widersacherin dieser Unglcksheiraten gewesen bist, denkst jetzt an alles,
worauf unsereiner nicht geriete!
    Sie fhrten den Plan aus, besorgt, in welchem Zustande sie die Tochter
finden wrden. Setti erschien etwas abgemagert und bla, auch ermdet, aber doch
gefater, als die Eltern es sich vorgestellt. Das Gefhl der Befreiung aus
selbstverschuldeten unwrdigen Fesseln mochte unbewut die Wage halten gegen
alle anderen Eindrcke, die sie erfahren.
    Auch war sie nicht allein im Lautenspiel, obgleich die Magd und der
Schreiber ihres Weges gegangen. Wie in einem Hause, dessen Sttze durch jhen
Todfall abgeschieden ist, sich die Nachbarinnen trstend und helfend bei der
Witwe einfinden, so hatten sich bereits zwei oder drei angesehene Frauen von
Unterlaub eingestellt, welche tglich herbeikamen, der verlassenen
Landschreiberin gefllig zu sein oder wenigstens die Zeit zu vertreiben. Zwei
saen auch jetzt strickend auf den Koffern, die sie fllen und schlieen
geholfen, whrend Setti aus den letzten berresten die letzte Mahlzeit
zusammenstoppelte, Tee, Butterbrtchen, Eierkuchen. Der von der Mutter
mitgebrachte Imbi war hchlich willkommen. Da die Pferde gefttert werden
muten, sandte Martin den Kutscher in ein Wirtshaus zu Unterlaub und trug ihm
zugleich auf, den dortigen Gemeindammann hinzusenden, damit er das Haus
abschliee und in Gewahrsame der Behrde bringe.
    Die Dorffrauen nahmen an dem Stegreifmahle bescheidentlich teil, der
Merkwrdigkeit wegen, und lieen sich hernach nicht hindern, das gebrauchte
Geschirr zu reinigen und in der Kche alles an seinen Ort zu stellen. Dann
gossen sie das Splicht weg, putzten den Gustein und lehnten den kleinen Besen
suberlich in die Ecke; denn es war ein fast noch neues Binsenbeslein. Mit dem
Reste des Wassers endlich lschten sie sorgfltig das glimmende Herdfeuer.
    So erschien der Ammann eben recht. Er lie sich verstndigen, an die letzten
Rume und Behlter das amtliche Siegel zu legen, und hatte dazu das
Erforderliche mitgebracht, Siegellack, Bandstreifen und Stempel, sogar einen
Wachsstock, da er gewohnt war, zu dieser Verrichtung zuweilen nicht einmal ein
brauchbares Licht vorzufinden. Hier standen zwar ein paar schne Leuchter im
Zimmer, die Frau Salander einst selber eingekauft hatte. Sie meinte, man knnte
den einen davon oder beide nehmen und nachher in der Kutsche unterbringen, da
sie ja der Frau gehrten; dann mge man das Siegel anlegen. Allein der
Gemeindammann erklrte, die Leuchter mten bis zur Inventuraufnahme
stehenbleiben, es sei schon genug Verwirrung in der Gegend, der ganze
Besitzstand scheine zu schwanken wie bei einem Erdbeben; viele frchteten, von
Haus und Hof zu kommen, ohne zu wissen wie. Die Bevlkerung sei ganz erhitzt und
fabele von Millionen, die verloren seien.
    Znden Sie Ihren Wachsstock an! sagte Salander und reichte dem Amtsmann
ein Streichhlzchen. Dieser ging an sein Geschft und gelangte so mit der
kleinen Gesellschaft Schritt fr Schritt bis vor die Haustre. Martin Salander
drehte den Schlssel um und bergab ihn dem Gemeindammann. Hierauf nahmen sie
Abschied von den zwei Frauen und dankten ihnen fr die erwiesene Teilnahme und
Freundlichkeit, so da sie gerhrt die Augen wischten. Setti vermochte keine
Trne zu vergieen; halb gelhmt von den Worten des Amtsmannes, bestieg sie
mhselig mit den Eltern den bereitstehenden Wagen, der rasch davonfuhr.
    Die zurckgebliebenen drei Personen blickten ihm nach und gingen langsam
nach dem Dorfe zurck.
    Das sind gutstehende Leute, sagte eine der Frauen, der Herr vermchte
gewi dem Schaden abzuhelfen, wenn er wollte; und es sind jedenfalls auch
rechtdenkende Leute!
    Er wre ein Narr, wenn er einen Franken hergbe! versetzte der Herr
Gemeindammann. Eigentlich mten mir diejenigen den Schaden gutmachen, die
einen solchen Menschen zu ihrem Notar whlen und das Recht dazu an sich gerissen
haben! Jetzt wird die Staatskasse herhalten und das Wahlvergngen bezahlen
mssen!
    Im Wagen blieb es zwischen den drei anderen Personen eine gute Weile still,
bis Salander melancholisch zu sprechen anhub:
    Das wre jetzt das Lautenspiel gewesen! Armes Kind! Und ich hatte mir
gedacht, als der schne Eidam vom Bumeschlagen und Verkaufen des Gtchens
faselte, ich knnte den reizenden Sitz ihm wohl abnehmen und zum stillen Asyl
fr unsere alten Tage bestimmen! Jetzt mchte ich es nicht geschenkt haben; denn
es wre ja unmglich fr uns, dort zu wohnen!
    Setti schlft jetzt, sagte Frau Marie leise, wir wollen sie ruhen
lassen!
    In der Tat war die Tochter neben der Mutter eingeschlafen, da sie vermutlich
die letztvergangenen fnf oder sechs Nchte die Augen wenig zugetan hatte. Vater
und Mutter schwiegen daher und lehnten in dem geschlossenen Wagen zurck, um
sich nach all den trben Geschichten innerlich zu beschauen und darber
ebenfalls ein bichen einzuschlummern.
    Es war ziemlich dunkel, als der Wagen ber das Straenpflaster der Stadt
Mnsterburg rollte und die Eltern darber munter wurden. Setti erwachte erst,
als das Gefhrt pltzlich vor dem Hause hielt. Sie war indes so schlaftrunken
und mde, da der Vater sie leiten mute, und erst als die treue Magdalene
herbeieilte und ihnen die Treppe hinauf voranleuchtete, lebte sie auf und rief
lchelnd:
    Da bin ich ja! Guten Abend, Magdalene, denk, wie froh ich bin! Und du bist
immer wohlauf, wie ich sehe!
    Gottlob, man tut es immer noch aushalten, liebes Settli! Wenn nur bald alle
Kinder wieder beisammen sind, so wollen wir auch noch frohmtig werden und
Kastanien braten wie ehmals!
    Sie sagte es jedoch etwas gedrckt, wie wenn sie kein sehr gutes Gewissen
htte, und ffnete der Herrschaft die Tre des Wohnzimmers, sich sofort
zurckziehend.
    Am Tische sa, den Kopf auf die Hnde gesttzt, Schwester Netti von
Lindenberg. Auch sie schien zu schlafen und hatte guten Grund dazu, da sie
ebenfalls die letzten Nchte mit wachen Augen zugebracht und gegen Abend zu Fu
im Vaterhause angelangt und natrlich todmde war; denn ihr Mann Julian hatte
sich seit vier Tagen nicht mehr sehen lassen und sie sich geschmt, davon zu
reden; der Schreiber, der sie nicht darum befragte, ging ab und zu, wie er
wollte, und die Dienstmagd machte ein unvertrautes Gesicht. Heut aber las sie in
der Zeitung die Nachricht von Schwager Isidors Unfllen mit dem Zusatze, es gehe
bereits das Gercht von einem zweiten in Untersuchung geratenen Notar. Es
handelte sich zwar noch nicht um Julian, sondern um einen weiteren
Unglcksbruder, der sein Privatglck an den durch seine Hnde laufenden
anvertrauten Gtern ein wenig gerieben hatte, um sie fruktifizieren zu lassen,
wie der Kunstausdruck lautete. Allein sie vermochte natrlich nur an ihren Mann
zu denken, sowie an das ffentliche Unglck, in welches das husliche sich
verwandelte und die ganze Familie verwickelt wurde. Sie war in der Angst keines
anderen Beschlusses fhig, als sofort nach Mnsterburg zu eilen; ein Bahnzug
stand whrend mehrerer Stunden nicht in Aussicht, auch frchtete sie schon die
Leute, die mitreisten, und die Angestellten sowie die auf den Stationspltzen
Herumstehenden. So machte sie sich kurzentschlossen auf und legte den
dreistndigen Weg zu Fu zurck. Wie sich spter ergab, waren Ahnung und Furcht
wohlbegrndet. Julian sa zwar nicht im Gefngnis wie Isidor; aber er war bei
der ersten Kunde von den Vorgngen im Lautenspiel auer Landes geflohen; und die
in Isidors Amtskreis erwachte Erregung der vom Schaden Ergriffenen oder
Bedrohten fand schon einen starken Widerhall im Lindenberger Gebiet.
    So kam es, da die Salanderschen Eltern beide Tchter am gleichen Abend
wieder unter ihrem Dache bargen. Bei ihrem Eintreten erwachte Netti aus dem
Halbschlafe und hinkte ihnen traurig entgegen; denn sie hatte die Fe
wundgelaufen. Vater und Mutter umarmten und kten sie; doch die Tchter, da sie
sich nun gegenberstanden, gaben sich nur mit niedergeschlagenen Augen die
Hnde, die sie indes nicht fahren lieen. Die Schicksalslast, die sie sich
auferlegt, als sich die Zwillingsjnglinge einst an den Ohrlppchen zupften,
hatte sich auf einmal verdoppelt, und sie schmten sich aufs neue voreinander.
    Die von Lindenberg mute nun dartun, warum sie gekommen sei, und sie
erzhlte es.
    Der hat sich aus dem Staube gemacht, sagte der Vater; hier in der Stadt
ist er schwerlich! Aber grndliche Arbeit haben sie besorgt, diese jungen
Scheusale von Flachkpfen!
    Die Mutter ermahnte, die Beratung fr heute abzubrechen und die Ruhe zu
suchen; wer knne wissen, was die kommenden Tage wieder bringen.
    Frs erste, sagte Salander, mu Netti morgen bei guter Zeit nochmals nach
dem Lindenberg zurck und das Haus samt der Kanzlei in amtliche Obhut geben; ich
will mitgehen und dafr sorgen, da es ordentlich geschieht; denn so kann man
die Sache nicht im Stiche lassen!
    In der Frhe fuhr er mit Netti hinber und wunderte sich, auf der Hhe
angelangt und rings umschauend, aufs neue mit tchtigem rger, wie man in diesem
friedlichen Himmelsglanze so vom Teufel besessen werden und sich Welt und Leben
schmhlich zerstren knne.
    Drinnen im Hause jedoch gab es abermals Neuigkeiten, und es war gut, da
Netti, und zwar vom Vater begleitet, erschien. In der Kanzlei hauste schon ein
Trupp Untersuchender, Gemeindammann, Statthalter, einer vom Gericht und ein
zugezogener Notar, und bereits war festgestellt worden, da auch die Frau des
verschwundenen Landschreibers das Haus unbekannt wohin und heimlich verlassen
habe. Sie kam daher gerade recht, ein ordentliches Verhr zu bestehen, worauf
man sie aufforderte, ihr im Hause befindliches Eigentum zu bezeichnen, und ihr
erlaubte, das Unentbehrliche mitzunehmen und in Ehren abzuziehen. Das tat sie
auch, nachdem sie unter Beihilfe des Vaters die Magd ausbezahlt und
fortgeschickt, auch der Behrde berlassen hatte, ber das Verbleiben des
Schreiberleins zu verfgen.
    Martin Salander brachte desselben Tages auch diese Tochter mit ihren paar
Kisten und Schachteln in Sicherheit. Die Voraussage hingegen der beiden
Schwestern, da die guten Jnglinge bald genug zu ganzen Mnnern auswachsen
wrden, die von sich reden machen, war seltsam erfllt.

                                      XVII


Jeden Tag enthielten die Zeitungen nun Nachrichten ber den Fortgang der
Untersuchungen, deren Ergebnisse sich nicht so glichen, wie einst die Brder
Weidelich. Dadurch gewann jeder dem andern gegenber eine gewisse Originalitt,
was man nie fr mglich gehalten htte.
    Isidors Wirkungskreis umfate eine Anzahl buerlicher Gemeinden, die um
diese Zeit just in der Verbesserung ihrer Kreditverhltnisse begriffen waren.
Sie bildeten Genossenschaften fr gegenseitiges Gewhrleisten der
hypothekarischen Sicherheit und dergleichen, kndeten dann insgesamt die
beschwerlichsten wie die schlechteren Pfandbriefe und boten den Glubigern neue
Titel zu billigerem Zinsfue an. Da gleichzeitig viele Kapitalisten ihr in
Aktienunternehmungen angelegtes Geld nicht mehr sicher sahen, griffen sie gern
wieder nach dem Grundbesitz. Der Notar aber war der Mittelsmann und Fhrer der
ganzen Bewegung. Er schrieb ein Anleihen nach dem anderen aus, nahm die
Einzahlungen in Empfang, lste die gekndeten Briefe ab, indem er die alten
Glubiger auszahlte und den neuen die neuen Pfandbriefe ausstellte und
protokollierte, was das Zeug hielt: weil das alles sich in die Millionen belief,
so verfuhr er vielleicht bescheiden, wenn er von den vielen Geldern, die ihm
zwischen die Hnde gerieten, nur einige Hunderttausend veraberwandelte, um damit
sein Glck im Brsenspiel zu versuchen. Da er, wie recht und billig, als hohler
Kopf, der ohne alles Urteil dareinfuhr, nur verlor, so sah er sich bald
gentigt, einen veruntreuten Posten durch einen anderen zu ersetzen und darin
immer eifriger fortzufahren, indem er rstig die Schuldbriefe ausstellte und
zuerst mit einiger Auswahl, dann ohne Wahl das dafr erhaltene Kapital
zurckbehielt. Es handelte sich ohnehin um eine weitlufige und langwierige
Besorgung, und so vermochte er lngere Zeit die Leute mit allerlei trockenen
Redensarten hinzuhalten, auch im dringenden Fall durch einen neuen Eingriff
vorzubeugen immer in der Hoffnung, das Glck werde endlich groartig einschlagen
und alles in Ordnung bringen. Er war sogar so khn, viele gelschte alte Titel,
statt sie den Schuldnern zu bergeben, ohne Vermerk bei auswrtigen
Bankgeschften zu versetzen, whrend sie doch in den Protokollen abgeschrieben
waren. Auf diese Art gewann er mehr als einmal den doppelten Betrag am nmlichen
Briefe.
    Hiebei fhrte er lang eine ziemlich sorgfltige geheime Buchhaltung, bis ihm
dieselbe gleich dem ganzen Schwindel selbst ber den Kopf wuchs und er die
bersicht verlor.
    Julians Verfahren war nicht so mhselig und khn. Er begngte sich, von
jedem Kaufschuldbrief, den er zu fertigen hatte, ein Duplikat und ein Triplikat
herzustellen, letztere Stcke eigenhndig in stiller Nacht, und diese Kunstwerke
in einer besonderen Schatztruhe aufzubewahren. Sobald er nun ungerechtes Geld
bedurfte, suchte er ein oder mehrere Stcke hervor und schaute zunchst nur
darauf, ob die Originale, nach dem Inhaber zu urteilen, in festen Hnden ruhten.
Ergab sich aber ein Mangel an Vorrat solcher Stcke, so verfertigte und malte er
in aller Form gnzlich erfundene Pfandbriefe, die in keinem Protokolle standen,
und er sorgte nur dafr, da es Personen betraf, die in guter Sicherheit
dahinlebten und sich nicht auf dem Geldmarkte umtrieben. Er belastete die Hfe
wohlhabender Bauern mit Schulden zugunsten weit davon entfernter Rentner, die
sich von der unsichtbaren Bereicherung nichts trumen lieen. Da namentlich
diese ganz in der Luft hngenden Hypotheken sehr solid aussahen und von
Bankbeamten beim Anblick der darauf figurierenden Namen als gut geschtzt und
belehnt wurden, so beschrnkte Julian sich zuletzt ausschlielich auf den
bequemeren Zweig und behing ihn mit zahlreichen Frchten; je nach Bedrfnis
pflckte er dieselben, um am letzten Tage des Monats die ansehnlichen
Brsenverluste zu decken.
    Auch er fhrte Buch ber das Nebengeschft, schon um das Verzinsen auf den
Banken nicht zu versumen, was nicht ratsam war, dann aber auch behufs einer
wohlgeordneten Reihenfolge in der Rckzahlung der geborgten Gelder. Es war eben
der beiden Brdern gebliebene Anteil am menschlichen Idealismus, das Unrecht nur
mit dem Vorbehalte zu ben, es mit Fortunas Hilfe rechtzeitig gutzumachen und
nicht etwa zugrunde zu gehen. Das hielt ihren leichten Mut auch nach dem Falle
aufrecht und gab ihnen das Bewutsein, nicht zum Trosse verchtlicher Snder zu
gehren.
    Ungefhr eine Woche nach der Flucht erhielt Frau Netti einen Brief von
Julian, welchen er auf dem Wege nach einem portugiesischen Seehafen irgendwo
aufgegeben, die Adresse mit verstellter Hand geschrieben.
    Meine heigeliebte, verehrteste Gattin! lautete der Brief. Ein bitteres
Schicksal hat mich von Deiner Seite gerissen (Du wirst das Nhere bereits
vernommen haben!) und mich gezwungen, jenes kleine Lumpenlndchen zu verlassen,
wo ich geboren und in jugendlicher Unerfahrenheit der allgemeinen Verderbnis
anheimgefallen bin. Ein Flchtiger und Gechteter, eile ich jetzt besseren Zonen
entgegen, wo der freie Mannesgeist Raum zur vollen Entfaltung findet und wo ich
hoffe, in kurzer Frist den von einer philisterhaften und gelddurstigen
Krmerwelt mir aufoktroyierten Fehltritt gutzumachen. Ich kann Dir eidlich
beteuern, meine teuerste Gemahlin, da dieser Fehltritt aus einem langen
Martyrium bestand, ein Kampf ums Dasein war, dem ich einstweilen unterlegen bin,
ich sage feierlich: einstweilen! Und jetzt, liebstes Weib! wie ich dereinst
ewige Treue gelobt habe auch fr den Fall, da Deine Eltern Dich enterben
sollten, jetzt baue ich auch auf Deine Treue und hoffe, Du werdest sie mir
bewahren, nachdem ich ein Enterbter unseres Vaterlandes geworden bin! ber die
Lnder, durch welche ich bisher mit Sturmeseile gereist bin, kann ich Dir nichts
Interessantes mitteilen, da ich begreiflicherweise keine groen Beobachtungen
anstellen konnte. Aber von drben, berm Meere, hoffe ich Dir die Neue Welt
einllich zu schildern, die sich mir auftun wird, sobald ich festen und sichern
Fu gefat habe. Bis dahin kann ich Dir auch keine Adresse angeben. Gre Deine
verehrten Herren Eltern recht herzlichst von mir und sei so gut, es auch bei den
meinigen zu tun und sie um Verzeihung fr mich zu bitten! Es ist mir jetzt
unmglich, ihnen zu schreiben. Auch meine teure Schwgerin Setti gre ich
tausendmal! Ich bedaure nur meinen armen Bruder, den sie erwischt haben! Ich
glaube, ich habe das schlimme Beispiel geahnt, das er mir unbewut gegeben hat.
Item, die Sonne wird auch fr uns wieder aufgehen! Und nun lebe wohl, Geliebte!
Und auf ein glckliches Wiedersehen, wenn ich Dir eine Sttte bereitet habe!
Dein getreuer Gatte J. W.
    Netti gab beim Abendtee, als alle beisammen waren, den Ihrigen den Brief zu
lesen. Er wirkte fast erheiternd, besonders da sie die verlassene Frau so ruhig
sahen. Dies war sie, weil sie jetzt die Rechnung endgltig abgeschlossen hatte,
ohne Hoffnung auf eine mgliche nderung des Mannes. Frau Marie fhlte sich fast
zufrieden, Setti hingegen war immer niedergedrckt, weil ihr Umstand in nchster
Nhe geborgen sa, wenn auch unfreiwillig.
    Da kam spt noch Herr Mni Wighart auf eine Tasse Tee mit dem guten Rum,
welchen Salander zu beziehen wute. Dieser ging in letzter Zeit nicht unter die
Leute und sah es gern, da der teilnehmende und doch stets anspruchslose Kumpan
zuweilen ein Stndchen vorsprach.
    Frau Marie hatte ihm die Untat lngst verziehen, die er einst an ihr
begangen, als er bei der ersten Rckkehr aus Brasilien ihren sehnlich erwarteten
Martin sozusagen vor der Haustr in ein Wirtshaus verlockte.
    Sie holte ihm sogleich einen Aschenbecher herbei.
    Herr Wighart rief heuchlerisch: Hoho! Man sollte mich fr einen
Schnapsbruder halten; nun, 's mag fr einmal hingehen! als ihm Martin Salander
ans dem Rumflschchen die Tasse bis zum Rande vollgo.
    Warum ich so spt noch komme, ist etwas Lustiges, das ich erzhlen mu! Es
wird Euch ein klein wenig Spa machen! Der verflossene Meister Notar Julian
(Verzeihung, Frau Netti!) kommt noch tglich als ein trefflicher Humorist zum
Vorschein!
    Ein Humorist? seufzte Netti. Ach, du lieber Gott!
    Hrt nur! Ich komme aus den Vier Winden, wo einige Herren sitzen, die den
ganzen Tag mit den Angelegenheiten des Bewuten zu tun hatten. Noch kurz vor der
Abreise hinterlegte er bei der allgemeinen Not- und Hilfsbank einen schnen,
neuen, vorstandsfreien Pfandbrief von zehntausend Franken und erhielt darauf
sechstausend. Als Schuldner erscheint in dem Instrument ein reicher, filziger
alter Bauer hinter Lindenberg, genannt gidi, als Pfand dessen Hof und Land, und
als Glubiger der Bruder des Schuldners, ein anderer alter Filz, der sogenannte
Schleifer in Nasenbach und bekannter Wucherer. Diese beiden Brder fhren seit
Jahrzehnten eine Erbstreitigkeit um die andere, und wenn sie fertig sind, fangen
sie von vorn an. Sie leben wie Hund und Katz gegeneinander und betrachten sich
gegenseitig als den Fluch ihres Daseins, ohne alle Not, da jeder fr sich genug
htte. Gut, die alten Mnner waren heute nebst manchen anderen einberufen. Man
zeigte ihnen, als die Reihe an sie kam, die schne Hypothek und fragte, ob sie
in Ordnung sei? Zuerst nahm sie der angebliche Schuldner in die Hand, weil er
eher mit dem Aufsetzen der Brille fertig war; im brigen sind beide belhrig
und verstanden zunchst kein gesprochenes Wort. Kaum hatte der Hofbesitzer
herausstudiert, da er dem feindlichen Bruder zehntausend Franken schuldig sein
sollte, geriet er in eine frchterliche Aufregung und zerri den Brief von oben
bis unten so von Zorn zitternd, da die zwei Stcke zwei Sgen hnlich wurden.
    Der Schleifer aber, der nichts anders glaubte, als da der Bruder eine ihm
ntzliche und zustehende Urkunde vernichte, fiel ber ihn her, und
augenblicklich verkrallten sich ihre Hnde in den beidseitigen Halsbinden, und
die Greise hmmerten sich mit den kurzen, kraftlosen Faustschlgen auf die
Kpfe. Mit Mhe brachte man sie auseinander und schrie ihnen, als sie atemlos
dastanden, den Sachverhalt in die Ohren. Allein, sobald sie vernahmen, da
irgend jemand auf das Schriftstck, das notdrftig zusammengefgt auf dem Tische
lag, sechstausend Franken ausbezahlt erhalten habe, gerieten sie, ohne sich um
etwas anderes zu kmmern, wieder aneinander, zerklaubten sich aber diesmal in
krzester Frist Kinn und Backen und zerrissen sich die Naslcher. Abermals
wurden sie unter groem Gelchter, das endlich den amtlichen Ernst berwand,
gebndigt. Den eingebildeten Glubiger packten zwei Mnner an den Schultern,
drckten ihm das Gesicht gegen den Brief und fragten ihn bei Ja und Nein, ob er
diese zehntausend Franken dem Notar von Lindenberg fr den gidibauer, der hier
neben ihm stehe, selbst oder durch einen anderen bergeben und diesen nmlichen
Brief dagegen empfangen und jemals besessen habe?
    Nach ngstlichem Besinnen, whrenddessen ihm das Blut auf die unglckliche
Hypothek tropfte, krchzte er schlielich: Nein, davon wei ich nichts! Man soll
mich gehen lassen!
    Aber ich will wissen, wer die Sechstausend auf meinem Hof gekriegt hat!
schrie der andere, dem der Zusammenhang noch immer nicht klar schien. Sie wurden
jedoch ohne weiteren Bescheid vor die Tr gefhrt, wo die brigen Zeugen
harrten. Man gab ihnen ihre Hte und Stecken und schickte sie fort. Kaum auf die
Gasse gelangt, benutzte ihre verfluchte Leidenschaft die langentbehrte
Gelegenheit und hetzte die betrten Filze aufs neue aneinander. Ohne zu wissen
wohin, und ohne sich lassen zu knnen, so fesselte sie der Ha, liefen sie auf
beiden Seiten der Strae fort unter greulichem Schimpfen und Drohen; es war bei
Gott ein widerwrtiges Beispiel, wohin der elende Geiz und Neid sogar ein paar
betagter Brder treiben kann. Ich kam gerade dazu und lief mit dem Publikum den
Rasenden nach, bis sie unversehens aneinander gerieten und mit den langen
Weidornstcken dareinhieben, ohne sich zu treffen. Es kam dann ein
Stadtpolizist und fhrte die armen Teufel auf die Wache. Nachher ging ich auf
Vier Winden, wo ich das andere vernahm, wie ich es erzhlt.
    Ist das nicht ein verzwickter Streich von dem Notarius, ein kstlicher
Einfall sogar, den geldstollen Brdergreisen aus einem Pfandbriefe die Haare zu
verstricken als Glubiger und Schuldner? Viel Haare waren es freilich nicht
mehr, und die sprlichen Streifen, die noch herumhingen, haben sie sich vollends
ausgerauft!
    Das ist kein lustiger Einfall gewesen, sagte Netti; ich erinnere mich
jetzt, da er schon frher einmal klagte, wie er bei den reichen Geizhlsen Geld
fr Klienten gesucht habe und von beiden grob abgewiesen worden sei. Nun hat er
sie eben doch noch benutzt, ohne sie zu fragen!
    Er hat sie vermutlich schon damals anschmieren wollen. Jetzt mu natrlich
die Not- und Hilfsbank den Schaden tragen! versetzte Salander. Indessen ist es
in der Tat ein traurig lcherliches Phnomen!
    Jawohl! entgegnete Frau Marie, wie man in der Nacht beim Anblick einer
Feuersbrunst sagt, es sei furchtbar schn! Beht uns der Himmel!
    Wie sie noch so sprachen, halb zehn Uhr war schon vorbei, schellte jemand
stark an der Hausglocke. Nach einem Weilchen kam Magdalene mit einem Briefe, den
ein Gefngnisbote gebracht. Der Aufseher habe ihm denselben schon am Nachmittag
bergeben; allein er sei wegen vieler Arbeit erst jetzt nach Hause entlassen
worden und bringe den Brief doch noch auf Bitten des inhaftierten Weidelich.
    Das Schreiben war wirklich von Isidors Hand und an seine Frau Setti
gerichtet, die zusammenfuhr.
    Ist der Mann fort? fragte Salander, und als die Magd es bejahte, meinte
er, da man Julians Brief einmal habe, so mge man den Isidorischen auch annehmen
und Setti ihn fr sich lesen, ehe sie ihn zum besten gebe! Man msse die Dinge
jetzt anfangen, von der Seite der Merkwrdigkeit aus zu betrachten, sonst komme
man schwer darber hinweg.
    Ich habe genug an dem Briefmuster, das Nettli erhalten hat, sagte Setti,
und zweifle nicht, da meine Epistel von gleichem Werte ist. Ich begehre sie
nicht zu lesen und schenke sie euch! Lest, ich geh ins Bett!
    Damit erhob sie sich und wollte gehen. Der Vater hielt sie jedoch zurck.
    Halt! sagte er, du mut ihn auch hren, und Herr Wighart soll ihn auch
hren, so wird es etwas, das gewissermaen alle angeht, rein sachlich oder
gegenstndlich neutral! Die Mutter mag vorlesen; so kann sie sofort aufhren,
sowie nach ihrem Gefhl etwas Peinliches zum Vorschein kommen sollte!
    O du Erzdftler! sprach Marie Salander lchelnd; gib her den Brief.
Whrend ihr Mann schon seit einigen Jahren einer Brille bedurfte, wenn er lesen
wollte, las sie das Geschreibsel mit bloen Augen, ohne nur die Lampe nher zu
verlangen:
    Herzlich geliebtes Wesen! Teuerste Gattin! Endlich finde ich einen
Augenblick der Fassung, um Dir aus dem Kerker ein Lebenszeichen bersenden zu
knnen. Ich will mich ber das bis dato Erduldete und wie es gekommen ist, jetzt
nicht weiter verbreiten. So Gott will, wird der Tag unserer Wiedervereinigung
nicht ausbleiben, wo wir das Unglck mit frohem Rckblicke in traulichem
Geplauder genugsam betrachten knnen! Mge es so sein! Fr jetzt mchte ich Dich
nur mit einigen kleinen Wnschen behelligen, deren Erfllung in diesem
provisorischen Zustande mir zustatten kme. Da die Wut der Verhre etwas
nachzulassen scheint, bleibt mir so viel freie Zeit, da die Unttigkeit mir
peinlich wird. Da bin ich auf den Gedanken gekommen, sowohl um mir selbst
Rechenschaft zu geben, als vielleicht auch der Gesamtheit ntzlich zu sein, eine
sozialpdagogische Studie zu schreiben ber Pflichtverletzungen und ihre Quellen
im Staats- und Volksleben und die Verstopfung der letzteren, vom Standpunkt
eines Selbstprfers. Leider fehlt es mir an gutem Schreibmaterial, an das ich
gewhnt bin; das, was ich hier bekomme, ist miserabel. Schicke mir daher ein
Buch weies, starkes, aber gut satiniertes Papier, Imperial, ferner eine
Schachtel von meinen Stahlfedern, die Du ja kennst, ein Flschchen blaue Tinte,
ein dito rote und zwei Federhalter. Alles dies bekommst Du in der Handlung von
I.G. Schwarz &amp; Co. am besten. Bezglich der Kost befinde ich mich
einstweilen nicht so bel, da meine Eltern die Verpflegung garantiert haben;
denn Du weit, da ich ohne einen Rappen Geld fortgeschleppt worden bin. Doch
wre eine kleine Aufbesserung sehr erwnscht, woher untenstehende Notierung.
Endlich fehlt es mir an geeigneter Lektre. Es sind wohl Bcher zu haben, die
aber mehr fr Kinder oder Versorgte in Korrektionsanstalten passen. Eine gute
geographische und historische Beschreibung der nord- und sdamerikanischen
Staaten wre mir willkommen, nebst einigen Bnden Gerstcker oder so was. Auch
fehlt mir der Schlafrock, den ich vergessen habe. Du knntest ihn vielleicht
durch den Gemeindammann aus unserem Tuskulum herauspraktizieren lassen. Er hngt
gewi noch hinter der Tr wie immer. Tue mir also die Liebe und bercksichtige
folgendes Verzeichnis meiner dermaligen Wnsche:

   1. Obiges Schreibmaterial.
   2. Der Schlafrock.
   3. Eidamerks, 1 Laib mittlerer Gre.
   4. Salamiwurst, groe 1/2, kleine 1/1.
   5. Ein Topf eingemachte Zwetschgen.
   6. Eine Flasche Kognak.
   7. Bcher in obigem Sinn.
   8. Ein paar Dutzend Zigarren zur Probe, mittelstarke.
   9. Meine Haarbrsten, die ich vergessen. Vielleicht mit dem Schlafrock zu
  bekommen.
   10. Ein oder zwei Schlipse.
  Unwandelbar Dein getreuer Isidor.
    PS. Meine Demission beim groen Rate habe ich schicklicherweise schon jetzt
geglaubt erklren zu mssen. Dennoch fhle ich das Bedrfnis, auf dem laufenden
zu bleiben, so gut mglich. Vielleicht wre der Herr Vater so gtig, mir
zeitweilig die wichtigsten Traktanda und Sitzungsberichte zukommen zu lassen?
    Danke frs Zutrauen! murrte Martin Salander. Bist du zu Ende, Marie?
    Ja, gottlob! antwortete sie und legte den Brief hin. Wie gefllt dir die
Epistel, Setti? Gedenkst du dich auf den Weg zu machen und die verlangten Dinge
einzukaufen?
    Die Gattin des Briefschreibers sagte mit sichtlich bleicher Nasenspitze:
    Ich friere vor Klte, die mich berfallen hat, ich will zu Bett gehen! Gute
Nacht, allerseits!
    Nun, Freund Mni? sagte Martin, nachdem die eine Tochter sich entfernt,
ist der nicht auch ein Humorist?
    Wighart hatte schon seine Zigarrenspitze eingepackt.
    Nein, da hrt der Scherz auf! sagte er verdutzt; der Topf mit den
eingemachten Zwetschgen hat mich darniedergeworfen!
    Der Eidamerkse und das Papier fr die Studie sind aber auch nicht bel,
sowie die Ratstraktanden! seufzte Salander. Keine Spur von Scham oder Reu,
lauter Aufgeblasenheit! Es kommt mir vor, wie wenn wir auf einer hohlen Stelle
der Erdrinde sen!
    Nur nicht gleich so verzweifelt! mahnte die Mutter; wenn die Kpfe hohl
sind, so kann die Erde doch noch ein Weilchen vorhalten! Morgen will ich doch
einmal bei den Eltern im Zeisig nachsehen, wie es ihnen geht! Vielleicht ist es
eher angebracht, dort ein gutes Wort oder einen kleinen Trost einzulegen!
    Das ist wohlgesprochen, Verehrteste! sagte Mni Wighart. Ich bin gestern
wieder einmal beim Friedensrichter im Roten Mann gewesen, er hat einen
herrlichen Neuen; der Mann ist freilich auch wei am Kopfe, aber noch immer
munter! Dort vernahm ich, da die Frau Weidelich, als die Flucht des anderen
Sohnes bekannt war, bettlgerig geworden sei und der alte Weidelich herumgehe
wie ein Schatten an der Wand. Aber stets sei er bei der Arbeit, stehe noch eine
Stunde frher auf und gehe spter zu Bett, immer schweigend, mit allem mglichen
beschftigt, als ob er das Unglck damit bannen oder ungeschehen machen wollte.
Und dabei sorge er noch fr die Frau und ihre Pflege! Jetzt will ich euch aber
nicht lnger zur Last sein, ihr Herrschaften, und haltet euch nur frisch oben.
Recht geruhsame Nacht! Wie heit es doch in dem Brief, fllt mir noch ein. Lat
sehen!
    Er nahm den noch offen liegenden Brief und las.
    Richtig, da steht's. Salamiwurst, groe ein Zweitel, kleine ein Eintel! Es
klingt doch drollig! Recht gute Nacht nochmals!

                                     XVIII


Marie Salander stieg am nchsten Nachmittage wirklich in den Zeisig hinauf, die
alten Wege, die sie einst gegangen, als der kleine Arnold ihrer harrte. Sie traf
den alten Weidelich in seinen Gemsegrten, wo er die Herbstgeschfte besorgte,
mit der Schaufel in der Hand das Ausgenutzte und Abgewelkte wegrumte und zwei
oder drei Arbeitern Anweisungen erteilte. Er schien um zehn Jahre lter geworden
zu sein seit der kurzen Zeit.
    Als Frau Salander sich zwischen den Beeten langsam nherte, stie er die
Schaufel in die Erde und ging, seinen alten Hut lftend, ihr entgegen.
    Lassen Sie sich nicht stren! Ich wollte nur sehen, wie es Ihnen geht und
was die Frau macht! Wir haben gehrt, sie sei krank.
    Es ist eine freundliche Nachfrage! sagte Jakob Weidelich. Leider liegt
die Frau im Bett und ist schlecht dran! Sie hat einen Schlaganfall bekommen, als
es hie, der Julian habe sich geflchtet, er sei auch so weit wie der andere.
Wollen Sie nicht einen Augenblick hineingehen - ich darf fast nicht sagen, Frau
Schwher!
    Kann sie aber doch sprechen?
    Nur langsam; sie ist halb gelhmt, ich wei nicht, wie es noch werden
soll!
    Die arme Frau! Ich will sie doch begren, wenn es angeht!
    Der bekmmerte Mann fhrte sie in das Haus und in die Wohnstube, wo die
Mutter der verunglckten Shne im Bette lag.
    Amalie, das ist Frau Salander, sie ist so gut und will dich besuchen! Die
Kranke ruhte tief in den blau- und weigewrftelten Bettstcken; Jakob rckte
die Kissen unter dem Kopfe zurecht, da sie freier um sich blicken konnte, und
Marie setzte sich auf den Stuhl, der neben dem Bette bereitstand. Sie ergriff
die eine Hand, welche der Bewegung fhig war und den Druck schwach erwiderte,
und fragte mit einigen trstenden Worten nach dem Befinden der Schwergeprften.
Diese drehte die Augen nach ihr und sah sie gro an.
    Sie sagte nichts als: Beide hin! Das war ihr gelufig.
    Dann schwieg sie schwer atmend, bis sie einige weitere Worte gesammelt: Ich
kann Gedanken nicht beieinanderhalten, weil die Buben weit auseinander. Hier
einer, wei nicht wo, und einer auf dem Meer, ach, ich sehe keinen mehr, nie!
    Das wollen wir nicht sagen, es geht alles vorber und wird wieder gut!
versuchte Frau Salander gegen ihre berzeugung zu trsten; sie konnte nicht
anders, weil sie das Leiden der hilflosen Mutter tief empfand und begriff;
vielmehr tat es ihr weh, da ihrem guten Willen nicht bessere Worte zu Gebote
standen.
    Die Kranke bewegte aber, so gut sie es vermochte, verneinend den Kopf.
    Nein, ich hab gehrt, glaub ich, da sie Tausendskerle sind, und nicht
wiederkommen wollen, vielleicht nicht ehrsam, so spitz-, so spitzbbelig, die
Blondkpfe. Ach Herr Jesus, sie waren so lieb - nein, jetzt noch -
    Der Kopf sank zur Seite, und sie schlo die Augen.
    Sie ist jetzt nur erschpft und sucht Schlaf! sagte Jakob Weidelich, als
er sah, da Frau Salander erschrak. Diese stand geruschlos auf und ging mit ihm
hinaus. In der greren Stube bot ihr der selbst mde Mann von neuem einen
Stuhl; sie merkte, da er noch einiges zu sprechen wnschte, und nahm bei ihm,
der sich auf die alte Bank setzte, Platz.
    Auf ihre Frage, ob er von dem Unglck schon stark in Mitleidenschaft gezogen
sei, abgesehen von den Leiden der Frau, erwiderte er, alles, was er erworben
habe, sei zu grten Teile, nahezu ganz verloren. Als Amtsbrge habe er fr
beide Shne die Kautionssummen schon sicherstellen mssen. Sobald der Proze
oder die Prozesse auf einem gewissen Punkte seien, werden die Forderungen
eingezogen. Er habe zwar noch Mitbrgen, die aber erst zahlen mten, was er
nicht mehr zu leisten imstande wre. Zudem seien es Verwandte, deren Vorwrfe
und Miachtung er nicht ertragen wrde.
    Ich werde nicht vom Hof getrieben, aber er wird mit Schulden belastet, fr
deren Verzinsung ich die paar Jahre arbeiten mu, die mir noch bleiben, wenn ich
berhaupt diese Zeit berstehe! Die Frau werde ich wohl verlieren, und damit
geht auch ein schner Verdienst verloren! Das schwerste indessen ist, da ich
nicht wei, wie man den Buben einst wieder aufhelfen soll, wenn sie ihre Strafen
verbt haben! Ob ich noch lebe oder nicht mehr lebe, so wird nichts mehr
dasein; und es sind noch immer die leiblichen Kinder!
    Das mssen Sie nicht so schwernehmen, sagte Marie Salander, sie werden
immer noch jung genug zur ehrlichen Arbeit sein; und wenn das Leben sie hart
ankommt, so schadet es ihnen nichts! Jeder von ihnen hat an seine Frau
geschrieben; die Briefe sind zufllig am gleichen Tage angekommen. Ich mchte
sie Ihnen nicht zeigen, guter Herr Weidelich, denn aus beiden Briefen ist nichts
zu ersehen, als da ihnen jedes Gefhl und Verstndnis ihrer wahren Lage abgeht!
Ich wrde es dem Vater nicht sagen, wenn ich nicht dchte, es hlfe Ihnen ein
wenig, die Dinge von der rechten Seite anzusehen.
    Das Gesicht des armen Mannes ward womglich noch schmler, und er
entgegnete, mit zuckenden Wimpern zur Seite blickend:
    Es wird so sein, ich fange es an zu begreifen!
    Er verharrte kummervoll in sich versunken, wie ein Mensch, der von einem ihm
notwendigen Worte oder Begriffe Abschied zu nehmen versucht.
    Wir haben im Beginn dieser Geschichte, meine Frau und ich, sagte er dann,
beratschlagt und gegrbelt, woher die Buben die Unzucht geerbt haben. Wir sind
freilich aus dem Volk und knnen beide nicht ber die Groeltern und ihre Zeit
hinauf denken; was weiter zurck ist, davon wissen wir so wenig wie von den
Heiden, von denen wir alle abstammen. Aber wenn doch bei meines Urgrovaters
Zeiten zum Beispiel etwas vorgekommen oder einer bestraft worden wre, so htte
mein Vater es gewut und davon gesprochen, denn er sprach oft von seinen
Groeltern. Und so ist es bei der Frau. Einzig von eines Grovaters Bruder hatte
sie die dunkle Erinnerung, da er ein Flein Apfelmost gestohlen haben sollte,
und zwar aus Barmherzigkeit, weil ein liederlicher Fuhrmann es an der heien
Sonne liegen lie und im Wirthaus drinnen im Schatten sa. Dafr sei er in den
Turm gesetzt worden, nmlich der Groonkel.
    Das ist ja fr nichts zu rechnen, sagte Frau Marie lchelnd, obgleich der
Mann durchaus keinen Scherz hatte erzhlen wollen. Sie erhob sich, um zu gehen.
Vater Jakob zgerte ein wenig und brachte dann schchtern vor, er htte noch
etwas auf dem Herzen, das ihn drcke. Auf ihre Bitte, es nur zu sagen, fuhr er
fort:
    Ich glaube nmlich, es werde nun mit dem ehelichen Verhltnis unserer
Kinder zu Ende gehen. Meine Frau wollte nichts davon wissen, als sie noch reden
konnte und mochte, vor der Flucht des zweiten. Allein ich kann und mu es nur
billigen, wenn die jungen Frauen auf Scheidung klagen! Ich wte nicht, wie es
anders gehen sollte, besonders nach dem, was ich von den Briefen hre, welche
die Shne geschrieben. Es wrde mich in meiner Not doppelt bedrcken, wenn ich
ansehen mte, wie mein Blut fernerhin einer braven Familie mit Unehren zur Last
fallen wollte. Nein, glauben Sie nicht, Frau Salander, da ich den Schritt
belnehmen und nicht vllig gerechtfertigt finden werde! Das habe ich noch sagen
mssen, und ich bitte auch, mir und meiner Frau alles Widerwrtige, was man an
uns erlebt und noch zu erfahren hat, nicht nachzutragen!
    Marie Salander gab ihm die Hand.
    Allerdings ist es so, sagte sie, wie Sie voraussetzen! Unsere Tchter
mssen sich von den unglcklichen Mnnern trennen; sie haben viel mehr, als Sie
wissen, zu erdulden gehabt und dazu geschwiegen. Auch das, was nun kommt, fr
das Leben noch auf sich zu nehmen, sind sie nicht gesonnen, und wir wrden es
auch nicht zugeben. Ich danke Ihnen aber fr Ihre ehrenhafte Gesinnung im Namen
der Meinigen und versichere Sie, da wir, wohlbewut, wie sehr auch unsere
Tchter gefehlt haben, Ihnen und Ihrer wackern Frau ein gutes Andenken bewahren
und auch gewi und freundschaftlich gefllig erweisen werden, wenn sich die
Gelegenheit biete. Ich habe heut einen tiefen Blick tun knnen, an dem Bette da
drben und in dieser Stube hier! Leben Sie wohl und mge Ihnen Gott helfen!
    Nochmals gab sie ihm mit nassen Augen die Hand, welche Jakob zitternd
drckte. Er vermochte aber nichts zu erwidern, da seine ungewohnte Beredsamkeit
pltzlich wieder versiegte.
    Nachdenklich ging Frau Salander von der Anhhe weg; sie bedachte, wie
verschieden bei aller Traurigkeit doch das Los zwischen den zwei Familien
geteilt sei, whrend die Tchter an der leichtsinnigen Heirat in Hinsicht auf
ihre damals reiferen Jahre die grere Verschuldung trugen. Und wer knne
wissen, ob nicht der Antrieb, selber reich zu werden, gerade durch die
sogenannte reiche Heirat in die trichten Notare gefahren sei. Dann fiel ihr das
dstere Nachsuchen der alten Leute und das von einem Vorfahren entwendete
Fchen Apfelmost bei.
    Das fehlte auch noch, dachte sie, da das arme Volk nachgrbeln soll, woher
es die bel geerbt habe, ob von vterlicher oder mtterlicher Seite, die ganz
neu in seinen breiten Ackergrund geset worden! Davon werde ich meinem Martin
nichts sagen, sonst grbt er ebenfalls nach und fgt seinen erzieherischen
Postulaten noch eines ber selektionstheoretischen Volksunterricht in sittlicher
Beziehung bei, oder wie er es nennen wrde! Und der rhrende Zug der
hoffnungslosen Eltern wrde mit der Zeit, wei der Herr, zu welchem
Homunkuluswerk aufgeblasen!
    Das war von Marie Salander nicht wissenschaftlich gedacht; allein sie
kmmerte sich darum nicht und verschwieg das Mostfchen.
    Zwei Tage nach der Ankunft von Julians Brief brachte ein Zeitungstelegramm
die Kunde von seiner in Lissabon erfolgten Gefangennahme, wo er, mit Geld
wohlversehen, herumspazierte.
    Nach weitern acht Tagen wurde er auf die hrteste Art eingebracht. mit
Daumenschrauben, weil er zu entspringen versucht hatte. Sein Proze hielt mit
demjenigen Isidors bald Schritt; denn die Betriebsart des letzteren erforderte
ein verwickeltes und langwierigeres Verfahren als die drollig einfache Prellerei
Julians.
    Endlich waren die Anklageakten geschrieben, und da die Brder keines der von
ihnen wirklich verschuldeten Vergehen mehr leugneten, so htten beide Flle vom
ordentlichen Strafsenat beurteilt werden knnen, wenn nicht in jedem ein Rest
vorgekommener Betrgereien brig geblieben wre, zu deren Einverstndnis keiner
der Angeklagten sich herbeilie, und die noch nicht aufgeklrt werden konnten.
Erst in letzter Stunde geriet man einem geschftlichen Handlanger auf die Spur,
welchen beide Weidelichs, ohne voneinander zu wissen, zu manchen
Dienstleistungen gebrauchten, ohne wiederum zu glauben, da der Mann von der
verfnglichen Natur der ihm aufgetragenen Verrichtungen eine Ahnung habe.
Derselbe durchschaute aber wegen des eigentmlichen Gebarens der Brder und bei
der groen Frequenz ihrer Auftrge die Sache bald oder war frech genug, sie
wenigstens durchschaut haben zu wollen, und verbte auf ihre Rechnung, aber in
seine Tasche, eine Reihe miger Additionen oder Subtraktionen, je nach dem
Fall, bei Einzahlungen oder Bezgen. Dieser untergeordnete Deliktschmarotzer
wurde nachtrglich eingezogen, verhrt und konfrontiert, auch so gut als
berwiesen. Allein er leugnete alles und jedes aus und ab, und so muten alle
drei Prozesse miteinander vor das Schwurgericht gebracht und im Zusammenhange
verhandelt werden.
    Damit war den Unheilsbrdern und ihren Angehrigen das uerste, ein
ffentliches Schauspiel, nicht erspart geblieben; denn es sammelte sich an dem
festgesetzten Tage in aller Frhe ein groes Volk in und vor dem Gerichtshause
und in den umliegenden Wirtschaften. Inmitten des unruhigen Gewoges saen sie
auf der Anklagebank wie auf einer Insel im Meere. Diesmal konnten sie nicht, wie
im Groen Rate, an einen Tisch gehen und Briefe schreiben, und statt des
dienstfertigen Groweibels stand hinter jedem ein Polizeisoldat.
    Auf einer anderen Insel saen die Geschworenen, schlichte Mnner, wie das
Los sie aus allen Ecken des Landes herbeigeweht, mit ihrem Obmann, zu dem sie in
der Eile denjenigen ernannt, dem sie unter sich vermge seiner sonstigen
Stellung die meiste Gewandtheit zutrauten.
    Eine erhhte Klippe nahm der Gerichtshof ein. Die Menge der einberufenen
Zeugen war so zahlreich, da sie nur in kleineren Gruppen hereingefhrt und
jedesmal von den Angeklagten mit scheu aufgeschlagenen Augen betrachtet wurden.
Alle waren es ihnen wohlbekannte Landleute, deren brgerliches Dasein sie
zugrunde gerichtet htten, wenn nicht der Staat mit seinen Steuerkrften
eintrat. Auch ein Trupp von Finanzpersonen zog auf, die von dem eine halbe
Million bersteigenden Gesamtschaden einen guten Wisch anzusprechen kamen.
    Die Verhandlungen dauerten bis gegen Abend, bestanden aber mehr im Verlesen
der weitlufigen Anklageschriften und Feststellen aller einzelnen Punkte, als in
langen Reden der ffentlichen Anklger und der Verteidiger, da nichts mehr
bestritten war, als die durch den Deliktschmarotzer getrbten Teile. Dieser
Nebenhandel erledigte sich aber von selbst und diente als Rechenprobe, indem nun
das ganze groe Exempel klappte, sozusagen bis auf den Franken. Isidors
Verteidiger benutzte sogar den Anla, die Brder Weidelich als eine Art
ordnungsliebender Mnner ins Licht zu stellen, die nur durch einen
betrgerischen Vertrauensmann an den Rand des Verderbens gebracht worden.
Hiergegen bemerkte ein Staatsanwalt, ob jener nicht noch eine Brgerkrone fr
die Angeklagten verlange? Es sei nur gut, da der Staat nicht ganz allein die
Suppe werde ausessen mssen, sonst erlebe man, da die kolossale Anschrpfung
als eine sozialpolitische Tatstudie bezeichnet werde, ein allerdings etwas
weitgehender praktischer Umsatzversuch, der mit derjenigen Achtung und Milde zu
behandeln sei, welche den Opfern sozialer Probleme gebhren.
    Diesen ironischen Ausfall griff sofort Julians Verteidiger in vollem Ernste
auf, und denselben weiter ausfhrend, geriet er, nach Milderungs- oder gar
Rechtfertigungsgrnden suchend, auf die beklagenswerte Mangelhaftigkeit des
ffentlichen Unterrichts, der Volkserziehung, der alles Unglck beizumessen sei.
Im gegenwrtigen Falle seien die hoffnungsvollen jungen Mnner wohl zur Schule,
sogar in hhere Anstalten, geschickt worden. Er wolle die Beschaffenheit dieser
Schulen nicht nher untersuchen; es genge der Augenschein, da die Wirkung
ausgeblieben. Und da finde er keinen andern Ausweg, als den Regre auf die
Eltern, welche in ihrer eigenen, vom Staate vernachlssigten Erziehung nicht die
Mittel gefunden htten, ihrem guten Willen den rechten Nachdruck zu geben und
die Shne mit Sachkenntnis und im Bewutsein ihrer Aufgabe vor Abwegen zu
behten usw.
    Die verlorenen Shne schauten den Sprechenden aufmerksam an, wie wenn ihnen
ein Licht aufginge und zugleich ein Stern der Hoffnung. Der Gerichtsprsident
schlo jedoch das Verfahren und hielt die zusammenfassende Anrede an die
Geschworenen, ihnen die Fragereihen, die sie zu beantworten hatten, mit den
leitenden Gesichtspunkten auseinandersetzend. Zum Schlusse konnte er sich nicht
versagen, die Angriffe des verdrehten Advokaten auf das Unterrichtswesen als
Quelle der Verbrechen abzuweisen.
    Meine Herren Geschworenen! sagte er in ernstem Tone, vor nunmehr hundert
Jahren hat in unserm Lande ein braver Mann ein Buch fr das arme und unwissende
Volk geschrieben, das Sie alle kennen: Es heit Lienhard und Gertrud! Von da an
hat er ein langes Leben voll Mhsal, Mikennung und unermdlicher Arbeit
zugebracht und durch seine Arbeit ist das Gebude unserer Volksschule
vorbereitet und es ist darauf gegrndet worden. Seit lnger als einem halben
Jahrhundert hat unser engeres Gemeinwesen, immer in den Fustapfen des braven
Mannes ehrerbietig wandelnd, das Gebude erneuert und stetig, ununterbrochen
umgebaut. Viele Millionen haben wir in fnfzig Jahren dafr geopfert; seit
Jahrzehnten rhmen wir uns, da die Ausgaben fr unser Unterrichtswesen den
obersten Posten in der Staatsrechnung bilden; gegenwrtig betrgt dieser Posten
nahezu die Hlfte der besagten jhrlichen Rechnung, obgleich wir die brigen
Staatszwecke, wie ich glaube, nicht ungebhrlich vernachlssigen! Die Last,
welche die Gemeinden sich fr die Schule auferlegen, ist natrlich nicht
inbegriffen. Und zur Erziehung des Volkes werden tglich neue Anforderungen
gestellt und alle werden erwogen und das irgend Mgliche bercksichtigt, wenn es
nicht geradezu verkehrt ist. Und nun kommt man uns so!
    Meine Herren Geschworenen! Die braven Eltern der beiden Angeklagten sind
auch noch in ihrer Kindheit Schler der neuen Zeit gewesen, wie wahrscheinlich
die meisten ltern Leute unter uns; aber wenn es auch nicht der Fall wre, so
drften wir sie doch nicht wegen angeblicher Unwissenheit fr die Snden der
Kinder verantwortlich machen, so wenig als die damaligen Einrichtungen! Denn ich
glaube, das Haus des ungelehrten Landmannes kann noch heute, wie zu allen
Zeiten, eine Schule der Ehrlichkeit und Pflichttreue sein! Den Auslassungen der
Verteidiger gegenber, meine Herren! spreche ich die berzeugung aus, da Sie
denselben in Ihrem Erwgen um so weniger Raum geben, als sie im rechtlichen
Sinne nicht zur Sache gehrten. Ich denke, da Sie das wissen, und habe doch
reden mssen von dieser Stelle aus, weil es mir, wie schon fter in neuerer
Zeit, zumute war, wie wenn der Geist eines hysterischen alten Weibsbildes in
unserem Lndchen herumfhre, wie der Bse im Buch Hiob!
    Dieser Prsident war allerdings ein Altliberaler und der gleiche Herr,
welcher bei dem ersten Erscheinen der Zwillinge im Groen Rate den Vorsitz
fhrte. Daher wurde einigen Beifallsrufen, die in der tiefen Zuhrermasse
ungehrigerweise laut wurden, ein heftiges Zischen entgegengesetzt.
    Die Geschworenen zogen sich zurck. Obgleich so gut wie einig ber den zu
fllenden Wahlspruch, bedurften sie doch einiger Zeit zur geordneten Vornahme
des Geschftes, und das Volk, hievon verstndigt, lief zum grten Teil
auseinander.
    Auf dem Zeisighofe war es an diesem Tage noch stiller als gewhnlich. Jakob
Weidelich suchte sich in seiner unverdrossenen Arbeit zu verbergen, bald im
Stall, bald in den Vorratsrumen. Ab und zu sah er nach der Frau, die sich so
weit hatte erholen knnen, da sie zeitweise das Bett zu verlassen und sich im
Krankensessel aufzuhalten vermochte. Mit Mhe hatte der Mann ihr alle
Nachrichten vom Fortgange der traurigen Geschichte verheimlicht; sie wute weder
vom Einbringen des entflohenen Julian etwas, noch vom heutigen Gerichtstage, und
es sah aus, als ob ein glckliches Vergessen der Dinge ihrer starken Natur
allmhlich wieder aufhlfe.
    Am Nachmittage wurde es immer stiller. Nicht nur fast die ganze
Nachbarschaft hatte die Neugierde in die Stadt hinunter getrieben, auch
Weidelichs Knechte waren von der Arbeit weggelaufen, um die Meistersshne in
ihrer Not sitzen zu sehen. Schon brach die frhe Herbstdmmerung an, und noch
immer blieb es still, bis auf die Khe im Stall, die nach der Trnke brllten.
Weidelich ging hin, sie an den Brunnen zu treiben; es war nicht mehr der alte
mit dem Flintenrohr. Der hatte fr den vergrerten Wirtschaftsbetrieb nicht
mehr gengt, weshalb Wasser hinzugekauft und ein steinerner Brunnen mit zwei
starken Metallrhren erbaut worden. Die gefleckten Tiere drngten sich um die
gerumige Schale und tranken mit Behagen das lautere Bergwasser. Jakob gnnte es
ihnen und sah das Labsal rinnen mit jener schwermtigen Zerstreutheit, welche
den Gang der bittersten Stunde einen Augenblick aufhlt. Der stattliche Brunnen
hatte der Vorbote eines neuen Hauses sein sollen; nun blieb es dabei.
    Als die Khe sich satt getrunken, fhrte er sie nach dem Stalle zurck. Die
jngste bockte herum und entlief in eine Wiese. Jakob suchte die Milchmagd, die
aber hinter dem Scheunentor bei irgendeiner Nachbarin verborgen stand und leise
schwatzte.
    Mittlerweile war es der kranken Frau im Hause langweilig geworden, da sie
niemanden mehr sah oder hrte. Sie schleppte sich aus der Wohnstube, wo ihr
Sessel stand, in das Schlafgemach an das halb offene Fenster, nach dem Manne zu
sehen. Unter diesem Fenster lehnte eben der eine der Knechte, der endlich
zurckgekommen und hinter das Haus geschlichen war, um unbemerkt sich zu
schaffen zu machen. Bei ihm befand sich auch schon die aus der Nachbarschaft
herbergehuschte Magd im eifrigen Gesprch.
    Sie glaubten die Meisterin in der vordern Stube und sprachen nicht gerade
laut, doch so vernehmlich, da die Kranke alles verstand und mit einer wahren
Hellsicht die Ereignisse in einem Augenblicke begriff, wie wenn sie die ganze
Zeit vorher alles einzelne erfahren htte. Sich mit beiden zitternden Hnden an
den Fensterpfosten klammernd, lauschte sie mit dem besser hrenden Ohre hinaus.
    Es war ein verfluchtes Gedrng, sagte der Knecht; Kopf an Kopf, und doch
totenstill, als das Urteil verkndet wurde!
    Was fr ein Urteil denn? fragte die Magd ungeduldig.
    Jeder hat zwlf Jahre Zuchthaus, der Lindenberger und der Unterlauber. Dann
ist noch ein kleinerer Schelm da, eine Sorte von Markthelfer der andern, der hat
vier Jahre! Mich dauern doch die Alten; ich kann mir nicht helfen!
    Herr und Heiland! sagte die Magd. Zwlf Jahre! Wie sahen sie denn aus?
Was machten sie?
    Ich hab sie nicht sehen knnen. Einer, der vor mir stand, sagte, sie shen
elend aus, er glaube, sie seien ohnmchtig. Ich hab's aber nicht geglaubt. Die
Leute lachten und fluchten durcheinander.
    Jakob Weidelich kam um die Hausecke und schickte, ohne sich bei dem Knecht
nach irgend etwas zu erkundigen, denselben samt der Magd an die Geschfte. Er
selbst besorgte noch einiges in der Scheune und ging endlich, da es ganz dunkel
wurde, ins Haus, um Licht zu machen und fr sein Weib zu sorgen. Nun prete es
ihm erst das mde Herz, da er wute, was heute geschehen sein mute und der
armen Frau nicht lange mehr verborgen bleiben konnte.
    In ihrem Sessel fand er sie nicht, die Kissen waren auf den Boden gefallen.
Erschreckt ging er in das andere Zimmer, wo sie beim Fenster auf dem Boden lag
und schwach rchelte.
    O Frau! Was machst du, armes Kind? rief er flennend und trug sie auf das
Bett. Er leuchtete mit der Lampe in ihr Gesicht. Das Auge drehte sich zum
letzten Male mhsam nach ihm und erlosch dann.
    Der Arzt, nach welchem Jakob den schwatzhaften Knecht alsobald schickte und
der auch in zehn Minuten da war, bettigte ihren Hingang.
    Um diese Stunde glichen die Shne der Toten einander wieder ganz so, wie sie
ehedem getan, und setzten die Beamten der Strafanstalt in Verlegenheit, da sie
geschoren, rasiert und in die Strflingskleider gesteckt waren, als lebende
Beweistmer, da das eiserne Uhrwerk der Gerechtigkeit noch aufgezogen war und
seinen Dienst tat.
    Nach Verflu von drei Tagen lie Jakob Weidelich die Leiche begraben. Er
hatte die Nchte wie immer in seinem Bette zugebracht, das neben ihr stand; die
schlaflosen langen Stunden gingen dadurch leidlicher vorber, weil er whnte,
sie msse seinen Jammer und die einzelnen Worte, die er zuweilen sthnend an sie
richtete, vernehmen.
    Am letzten Morgen nahm er mit unsicherer Hand seinen stoppeligen Bart ab,
vor dem kleinen Spiegelchen stehend, das ihm viele Jahre gedient. Die
eingefallenen Wangen, das vernderte Kinn und besonders das Aussparen des
bescheidenen Backenbartes machten ihm die grte Mhe, deren ihm das elende
Leben nicht mehr wert schien.
    Einen Augenblick fiel es ihm ein, ob er nicht besser tte, mit dem Messer
tiefer hinabzufahren und die Kehle abzuschneiden, so wre auch er erlst. Aber
das eingewurzelte Pflichtgefhl lie ihn keinen zweiten Augenblick bei dem
Gedanken verweilen; er barbierte sich ruhiger zu Ende.
    Von den nicht zahlreichen Verwandten fand sich nur der kleinere Teil am
Leichenbegleite ein; die anderen entschuldigten sich. Martin Salander, den der
Witwer benachrichtigt, aber nicht ausdrcklich eingeladen, erschien schwarz
gekleidet im Hause unter dem Hufchen sonstiger schlichter Mnner aus Jakobs
Bekanntschaft, die ihm den Dienst nicht versagten. Es tat dem armen Manne
offenbar wohl in der peinlichen Stille, die in der Trauerstube herrschte. Vor
dem Hause dagegen sammelte sich eine gute Zahl ernster Leute der Umgegend,
welche dem schwarz behangenen Sarge folgten, der auf den Friedhof hinausgetragen
wurde.
    Es war ein unruhiger Tag im Sptherbste. Bald schien die Sonne auf Wiesen
und Grten, bald jagte der Wind fliegende Wolken ber den Himmel und ihre
Schatten ber die Wege, welche der Trauerzug langsam beschritt, den von acht
Mnnern getragenen Sarg voran. ber die Bahre und die Kpfe der Leidtragenden
hinweg wehte der Wind auerdem das von den Bumen gerissene abgestorbene Laub
und die gelben Bltter raschelten und tanzten auf dem Wege so hurtig voraus, wie
wenn sie Leben und groe Eile htten, den Heimgang einer Seele anzusagen.
    Auf dem Friedhofe ruhte die Sonne und flimmerte in unbestrittenem Glanze auf
den Hunderten von Glas-, Flitter- und Blechkrnzen, mit denen der verirrte
Geschmack die Denkmler der Verstorbenen behing, aus der gleichen Eitelkeit,
welche Wochen und vierzehn Tage hindurch die ffentlichen Bltter erst mit der
Todesanzeige und dann mit der Danksagung fr erfahrene rhmliche Teilnahme
anfllt. Das wre alles so recht im Sinne der armen Amalie Weidelich in ihrer
guten Zeit gewesen; nun war sie der Torheit enthoben und ging den letzten Gang
in einem besseren und hheren Stile.
    Whrend die Bahre den Weg nach dem offenen Grabe fortsetzte, trat die
Trauerversammlung in das sogenannte Bethaus, wo der Geistliche bereitstand, nach
Vorschrift Anrede und Gebet abzuhalten. Er hatte den Vater Weidelich besucht und
gesehen, da derselbe eine totenrichterliche Leichenpredigt, nach lndlichem
Gebrauch den Umstnden angepat, nicht gut ertragen wrde, und widerstand daher
dem Anreiz, ein Beispiel zu liefern.
    Nach geschehener Verrichtung hielt er das Barett vor das Gesicht und
verharrte so an seinem Platze, zum Zeichen, da es aus sei. Einer um den andern
begann hinauszugehen. Weidelich blieb ermdet auf seiner Bank sitzen und auch
aus Bescheidenheit, bis das Bethaus leer und auch der geistliche Herr
unversehens verschwunden war. Dann wankte auch er hinaus und schaute unter der
Tr sich nach dem Grab um. Von den Personen des Geleites war niemand mehr zu
erblicken.
    Da trat Martin Salander zu ihm, nahm ihn unter den Arm und fhrte ihn zum
Grabe, wo die Totengrber soeben den einfachen Sarg von weiem Tannenholz, wie
er bis in die neuere Zeit fr reich und arm gezimmert worden, in die Grube
senkten und die Erde hinunterzuschaufeln begannen.
    Jakob Weidelich fing wehrlos an zu weinen und brachte kaum die Worte: Du
armes Kind! hervor, nun zum zweiten Male, seit er die Frau tot gefunden. Er
redete sie offenbar in den verschollenen Tnen der Jugendzeit an, die am Ende
der Dinge wieder erwachten, weil keine zrtlicheren dem verwitternden Manne zu
Gebote standen.
    Als die Graberde ber dem Sarge wieder eingepackt war, und der Totengrber
seine Arbeit mit der flachen Schaufel noch ein wenig streichelte und klopfte, um
sich das Ansehen eines Knstlers zu geben, fhrte Salander den vereinsamten Mann
hinweg und begleitete ihn bis in seine Wohnung, weil er wute, da er dort nun
sich allein berlassen blieb, wenn man das unvertraut gewordene Gesinde nicht
zhlte.
    Er sa mit ihm eine Zeitlang schweigend am Tische. Weidelich ruhte aus und
brtete dann in sich hinein, bis er sich aufrichtete und sagte:
    Nun kann meine Frau am Morgen liegen bleiben; ich aber mu mich bei Zeiten
auf die Beine machen und das Geld fr die Brgschaft auftreiben, das jetzt
bezahlt sein mu. Am Abend sitze ich nicht mehr auf freiem Grund und Boden und
bin so arm wie eine meiner Muse, dazu noch zins- und fronpflichtig. Es ist
hart! Ohne Lohn zu bleiben nach der Arbeit!
    Salander zog seine Brieftasche hervor und legte sie auf den Tisch.
    Ich bin, antwortete er dem Manne, wegen dieser Sache besorgt gewesen! Die
Meinigen und ich, d.h. Frau und Tchter, wir haben uns gesagt, da man Sie nicht
in solchen Zustnden verlassen knne, da es uns auch anstehe, das Band der
Verwandtschaft, obgleich es niemand Segen gebracht, in freundlicher Weise zu
lsen. Also bin ich gestern auf die Staatskasse gegangen und habe Ihre
Brgschaftspflichten, sozusagen, in Ihrem Namen, erfllt. Hier haben Sie die
Quittungen, sie lauten zusammen fr die beiden Shne auf sechsundsiebzigtausend
Franken. Leben und schaffen Sie nur weiter mit guter Gesundheit und machen Sie
kein Wesen aus der Sache, es wird Sie niemand behelligen. Ich meinerseits kann
es wohl tun und habe auch nichts dagegen, wenn Sie damit einst den Shnen noch
ntzlich sein knnen. Sie waren einmal unsere Tochtermnner, so kann ich auch
eine Brgschaftsschuld fr sie bernehmen, wenn es ihrem braven Vater die alten
Tage leichter macht! Nehmen Sie die Quittungen an sich und behalten Sie den
Sachverhalt als Ihr Geheimnis fr sich; die Leute knnen ja annehmen, ich htte
das Geld auf Ihren Hof geliehen!
    Jakob Weidelich war so rot als noch mglich geworden und traute seinen Augen
nicht, als er die zwei Scheine in der Hand hielt. Nur undeutlich und verworren
drckte er seine Dankempfindungen aus, in welche sich Zweifel an der
Annehmbarkeit eines solchen Opfers mischten. Er hielt aber die Quittungen fest,
und als Salander sich entfernte, hrte er noch, wie auch Jakobs Stimme schon
fester tnte, die einen der Arbeitsleute zur Ordnung wies.
    Das wre auch vorbei! sagte Martin vor sich her, und der Kaufmann in ihm
fgte hinzu, es sei doch fraglich, ob man nicht mit Recht ihn einen Narren
heien drfte, da er eigentlich nur den jungen eingesperrten Verbrechern ein
Geschenk gemacht habe, welche den Vater beerben; und wenn sie wieder auf freien
Fu kmen, knne dieser lngst tot sein.
    Doch nein! sprach wieder der alte Martin. Es ist so recht und die beste
Auseinandersetzung mit den Buben, nachdem sie sich einmal in meine Lebenskreise
haben drngen knnen! Ja, die Hochzeit, die verhexte Hochzeit! Gleich morgen mu
der Anwalt mit der Scheidungsklage fr die Tchter beauftragt werden! Diese
Sache wird bald erledigt sein!

                                      XIX


Whrend Martin Salander von den Zeitkrankheiten, welche zuletzt in schweren
Symptomen bis an seinen huslichen Herd drangen, in Verdru, Sorge und Zweifel
versetzt war, hatte er den Louis Wohlwend und sein Haus beinah ganz aus dem
Gesicht verloren. Das rhrte freilich auch daher, da Wohlwend fter reiste und,
nachdem er die Knaben in ein erzieherisches Haus am Genfersee gebracht, in der
Tat, wie er vorausgesagt, fr seine Gottesstaatsidee zu wirken trachtete. Er
suchte geistliche und weltliche Anfhrer heim und nahm an Versammlungen der
verschiedensten Art teil, um der heiligen Sache Eingang zu verschaffen und dafr
aufzutreten, fand aber, auer bei ein paar Perpetuum-Mobile-Erfindern und
dergleichen wenig oder gar keinen Anklang. Mit vieler Mhe hatte er eine
Verfassung ausgedacht, in welcher fr alle Ratsversammlungen, vollziehenden
Gewalten und Gerichte dem lieben Gott das Prsidium vorbehalten war und zur
unmittelbaren Leitung der Geschfte Vizeprsidenten durch die Kirchensynode
gewhlt wurden, die mit dem groen Landesrate zusammenfiel. Diese Synode sollte
aus ebensoviel Laien als Geistlichen bestehen. In allen weltlichen und
geistlichen Behrden, besonders auch in den Gerichten, wurde bei wichtigen
Beschlssen und Urteilen, wenn die Stimmen gleichstanden, dem gttlichen
Prsidenten der Stichentscheid mittels des Loses anheimgestellt, das unter
Innehalten einer eigenen Gebetordnung gezogen werden sollte usw. Gottes
Stichentscheid erschien um so wundersamer, als Wohlwend auf Befragen erklrte,
seiner weitgehenden Duldsamkeit sei es rein gleichgltig, welcher Gottesbegriff
zugrunde gelegt werde, ob der persnlich berweltliche oder der allschlich
innerweltliche, der dreieinige oder der unbedingt einfachste; ihm komme es nur
auf die Idealitt des Gedankens an.
    Diese Abenteuerlichkeit schadete ihm aber nicht einmal soviel, wie der
gnzliche Mangel an wirklich religisem Gefhl oder an Verstndnis oder
Bewutsein dessen, was er sich unter dem Worte Religion dachte. So merkte denn
jeder, da Wohlwend, sobald er sein Wort von den ewigen Idealen ausgestoen
habe, auf dem Boden seines Schulsackes angelangt und dieser kleiner sei, als
derjenige frisch konfirmierter Kinder. Und seine ehemalige Schulmethode, anderen
erst abzufragen, was er mit Vorteil sagen knne, lie ihn jetzt ganz im Stich,
da er alt war und sich nur lcherlich machte.
    Dennoch lie er das Ding nicht ruhen, tat, als ob er nichts merkte, und fuhr
mit leichtem Sinne fort, jede Gelegenheit zum Entfalten des Prophetenmantels zu
benutzen, ein Zeichen, da Salander richtig gedacht und Wohlwend nur eine
Spezialitt besitzen wollte, um sie als Tarnkappe zu brauchen, auch eine
Kurzweil zu haben, wie ehemals die Heraldik und den Krebsfang.
    Nun, da die gute Jahreszeit vorber und der erste Schnee gefallen, war er
mehr zu Hause. Eines Morgens befand er sich mit der Frau Alexandra allein
zusammen, in seltsamer Zwiesprache begriffen, welche er auf die
Privatangelegenheiten gelenkt hatte. Es handelte sich um das Verhltnis zu
Martin Salander; dasselbe war scheinbar eingeschlafen, und Wohlwend gedachte, es
wieder zu beleben. Allein noch hatte er keinen Tritt in das Haus des alten
Freundes getan, da er nicht dazu aufgefordert wurde, und er getraute sich nicht,
ungeladen zu erscheinen; denn er frchtete die dortige Hausfrau wie ein Schwert.
Salander aber hatte die vergangenen Monate noch weniger Lust und Mut empfunden,
den Versuch zu wagen und die Familie bei sich einzufhren.
    Wohlwend sa an einem zierlichen, aber gebrechlichen Damenschreibtischchen,
das er sich zugelegt, nur nebenbei etwa mit schriftlicher Arbeit beschftigt. Im
Mittelstcke des Aufsatzes, hinter einem Spiegeltrchen, lag in einem Tabernakel
die Handschrift seines Verfassungsentwurfes. Halb gegen die Gattin gewendet, die
auf dem Sofa weilte, erwiderte er auf etwas, das sie eben gesagt:
    Kannst du mich denn ewig nie verstehen? Nicht auf den alten Herrn Salander
hab ich es abgesehen mit der Myrrha! Er sieht sie gern und ist vielleicht
verliebt in sie, damit will ich ihn allerdings an uns ziehen; allein er hat
einen Sohn, der heimkehrt und der Erbe des bedeutenden Handelsgeschftes sein
wird. Dieser soll die Myrrha heiraten, wenn man meine Plne nicht verdirbt; und
dann hoff ich nicht nur, dadurch in ntzliche Beziehungen zu kommen, sondern
auch den strflichen Hochmut der Madame heimzuzahlen, die uns verachtet.
    Fr sich murmelte er noch:
    Der selbstgerechte und kluge Bruder Martin, ihr Gemahl, hat einstweilen
durch die berhmten Schwiegershne den Lohn fr jene Hochzeit erhalten, der
Geldprotz!
    Indes hatte die Frau wieder zu reden begonnen, und er rief:
    Was sagst du?
    Ich sage, man kann mit meiner Schwester nicht auf die Art umgehen! Schon
durch den Spa mit dem alten Herrn kommt sie in ein Geschwtz, und ist der Sohn
da, so hat er vielleicht eine, die er wei, oder will die Myrrha sonst nicht.
Guck nur und schiel mich an, es ist so!
    Er rttelte unwillkrlich an dem Tischchen, gegen das seine Hnde sich
stemmten.
    Aber Alexandra redete nur lauter:
    Sie ist nicht die Gescheiteste und hat niemand mehr auf der Welt als mich,
wie es scheint, der dafr sorgt, da sie nicht -
    Hier wurde sie von Knall und Fall unterbrochen. Louis Wohlwend hatte sich
zornig erhoben, auf das Schreibtischlein gesttzt, und die dnnen gewundenen
Sulchen, die es trugen, dabei auseinandergedrckt. Das zarte Mbel lag klglich
auf dem Boden mit allem, was sich darauf befunden; aus dem kleinen
Porzellangefe lief ein kmmerliches Bchlein Tinte.
    In diesem Augenblicke trat auch Myrrha in das Zimmer und stellte sich mit
Schrecken und Bedauern ebenfalls vor den Schaden. Wohlwend war pltzlich zur
Besonnenheit und Frau Alexandra aus dem Winkel zurckgekehrt, in welchen sie
sich geflchtet hatte. Hiermit blieb das Gesprch fr einmal auf sich beruhen.
    Das, wovon es handelte, schwebte dafr anderwrts an die Luft empor.
Salanders Sorgen waren zur Ruhe gekommen, die Wut des allgemeinen bels hatte
nachgelassen, die rgerlichen Zeitungsnachrichten hrten allmhlich auf, und
sein besonderer Anteil, die Geschichte der zwei Notare, war in der shnenden
Stille der Strafgefngnisse eingeschlafen, der kurze Scheidungsproze der
Tchter entschieden und ihr altneues Leben im Elternhause trstlich geordnet.
    Sie hatten sich mit einem Teil ihres Gertes im oberen Stockwerke
eingerichtet und gingen der Mutter mit der im einsamen Ehestand angewhnten
huslichen Ttigkeit zur Hand. Im brigen lebten sie eingezogen und
verhltnismig zufrieden, was die Mutter nicht hinderte, im stillen, soviel der
Vater merken konnte, auf den Sohn Arnold zu bauen, durch welchen wohl der ein
und andere Mann von Tchtigkeit im Gesichtskreise der Familie auftauchen wrde;
denn die Tchter shen eigentlich erst jetzt nach etwas aus, wie wenn sie an
Inhalt gewonnen htten. Arnold sollte einstweilen in dem Hause wohnen, wo
Salanders Geschftsrume waren. Er hatte die Liegenschaft endlich gekauft, weil
die Eigentmer gestorben. Der groe Garten sollte neu hergestellt und gepflegt,
auch das Haus fr alle ausgebaut werden.
    Nachdem dergestalt eine friedliche Windstille eingetreten und die Zukunft
heller und wieder glcksfhiger geworden schien, entlud sich auch Martin
Salanders Gemt seiner Lasten bis auf den dunklen Druck seines verjngten
Liebesbedrfnisses, oder wie man es nennen mochte. Um seine mannigfaltige
Ttigkeit fr Volk und Staat mit erneuter Kraft aufzunehmen, war ihm, wie er
unverwstlich glaubte, die Herzerneuerung durch die schne, keusche Neigung
notwendig, die sich whrend des Unwetters geduckt hatte, wie jenes Kuzlein, und
nun wieder die Flgel breit machte und die Augen glhen lie in den dunklen
Nchten. Zwar hielt ihn die Anwesenheit der Tchter noch von allen bedenklichen
Schritten zurck, so da er sich nur in unbestimmten Plnen und Hoffnungen des
Wiedersehens erging.
    Da geschah es an einem Winternachmittage, als er einen Marsch ins freie Feld
tun wollte, da er dem Frulein Myrrha Glawicz begegnete, welches in der
Vorstadt einen verlorenen Weg zu suchen schien und, in Samt, Pelz und Schleier
gehllt, vorsichtig und scheu die feinen Fe in den Schnee setzte gleich einem
verirrten ziervollen Vogel aus wrmeren Zonen.
    Erst als sie schon ganz in der Nhe war, erkannte er die Gestalt, die er mit
den Augen wohlgefllig verfolgt hatte, und sah, wie sie tief errtete und ihn
mit den groen Augen flehentlich ansah, als ob sie um Mitleid bte, da er sie
freudig erschreckt begrte. Erfahrend, wohin sie wolle, fhrte er sie eine
Strecke auf den richtigen Weg, den sie zu gehen hatte, und versuchte mit ihr zu
sprechen, abermals ohne einen ordentlichen Gang der Wechselreden zu finden. Denn
er war bald ebenso verwirrt wie die Dame selber, die sich, vor einem Hause
stehenbleibend, pltzlich mit sem Danke und neuem Errten losmachte und
hineinging.
    Seinen Weg stundenlang fortsetzend, bis die rtliche Dmmerung die
beschneiten Fluren allmhlich verhllte, beschlo er, seiner Gattin
anzukndigen, da er die Wohlwendschen Frauen ins Haus einzufhren wnsche, und
ihr dabei offen zu bekennen, wie er des Anblickes der unschuldigen Schnheit
Myrrhas bedrfe und daran von den Krankheiten der Zeit zu gesunden und wieder zu
erstarken hoffe, und wie das alles keine Bedenken und Gefahren in sich bergen
solle. Kurz, er dachte sich eine lange Rede aus, seine Torheit als Weisheit
darzustellen; und selbst die guten Tchter erschienen ihm nicht mehr als
Hindernisse, sondern im Gegenteil als jugendliche Mittlerinnen in dem
Verjngungshandel, da sie ja erst recht den wonniglichen Verkehr ermglichten.
Trotzdem schlug ihm das Herz etwas ngstlich, als er sich seinem Hause nherte;
die Angst verwandelte sich aber in Verwunderung, weil alle Fenster von unten bis
oben hell erleuchtet waren.
    Auf dem Hausflur lagen Kisten und Gepckstcke; die schne Laterne, die von
oben herunterhing, als ein neuangeschafftes Stck, erhellte die Treppen, auf
denen Frau Marie mit dem Schlsselbund dem Manne begegnete. Sie fiel ihm sofort
um den Hals und rief:
    Martin, wo bleibst du? Es ist wieder einmal einer aus Brasilien gekommen!
Arnold ist da!
    Jetzt schon? Ich glaubte, auf Ostern gelte es? sagte Salander betroffen.
    Er wird eben tglich klger und hat sich frher eingeschifft! Komm herein,
Setti und Netti sind in allen Zustnden, das macht, er hat sich herzig gegen sie
benommen, sie brauchten sich gar nicht zu schmen vor dem Herrn Bruder! Hr nur,
wie sie lachen!
    Sie lachten wirklich, obschon Arnold ganz ernsthaft in der Stube stand, als
Vater Martin hineinging. Der Sohn trug den jugendlichen Kopf des letztern auf
den Schultern; aber er war um einen Zoll hher gewachsen und dabei schlank wie
eine Tanne. Das Herz des Vaters freute sich ber den Anblick; ein feines Ohr
htte mitten in der Herzensfreude einen schwachen Schrei, wie eines erwrgten
Kaninchens hren knnen, da in derselben die pedantische Liebelei Martins ohne
weitere Umstnde verschied. Denn ohne da er sich deutlich des Vorganges bewut
wurde, stand der blhende Sohn wie eine lebendige Kritik vor ihm und wirkte
augenblicklich auf seine gute Natur.
    Im brigen schttelten sie sich bieder die Hnde. Ich meinte, sagte
Salander, du kmst im Frhling?
    So war ich gewillt! Allein im Mrz mu ich wieder einmal meinen
Militrdienst tun, sie wollen mir nicht lnger Urlaub geben. Wenn ich meinen
jetzigen Grad behalten wolle, heit es, so msse ich dienen, weil ich noch jung
sei, sie knnen keine alten Leutnants in den Batterien brauchen! Vorher mu ich
doch ein paar Monate mich hier einleben!
    Du hast recht! erwiderte Martin wehmtig. Ich wollte meiner Zeit auch
noch dienen und wre wenigstens vielleicht ein brauchbarer Verwaltungsoffizier
geworden; daran hat mich die Wohlwendgeschichte verhindert, als ich Knall und
Fall fort mute! Nun hab ich doch den Sohn im Feuer, wenn's etwas gibt!
    Apropos Wohlwend, sagte Arnold Salander, da bring ich Neuigkeiten mit!
Ich habe die Akten, betreffend deinen Handel mit der verpufften Bank in Rio,
nicht vergebens mitgenommen. Erst ein Vierteljahr vor der Abreise bekam ich
durch einen guten Bekannten von dir Wind, da ein alter ausgerucherter Kerl von
jener Gesellschaft, von der Not getrieben, herangeschlichen sei und krank im
Spitale liege. Er sei entdeckt worden; verschiedene Leute, die einst Schaden
erlitten, lieen ihn gerichtlich verhren, und der geschwchte Patron, der
nichts mehr zu verlieren habe, krame aus, was er wisse. Natrlich gab ich deine
Akten, versehen mit einem zweckdienlichen Auszug und Bericht, auch ein und
verlangte die Einvernahme. Siehe da, er bekannte, hinter dem Rcken des schnen
Direktoriums mit Schadenmller-Wohlwend noch einen besondern geheimen
Betrugskonto gefhrt zu haben, zu dessen Gunsten sie einander bei guter
Verlegenheit allerlei Hasen in die Kche gejagt; so habe er auch den Wohlwend
von deiner Erzhlung und der dafr erhaltenen kolossalen Tratte in Kenntnis
gesetzt und ihm bedeutet, was er zu tun nicht unterlassen solle. Allein sie
htten, von den Ereignissen berrascht, den sauberen Konto nie liquidieren
knnen, und so habe Wohlwend fr sich behalten, was er erwischt, das heit, was
hier in Mnsterburg nicht ausbezahlt worden sei. Das Protokoll in gutem
Portugiesisch, gehrig beglaubigt, habe ich bei mir. Der Mensch ist dann
gestorben; was dort weiter geschehen, wei ich nicht.
    Martin hrte staunend zu und sagte zuletzt nur: Also doch! Aber statt sich
lange bei der altvermuteten und neubesttigten Sache aufzuhalten, mute er in
verschwiegenen Gedanken nur das gtige Geschick preisen, das im letzten
Augenblicke ihn davor bewahrte, in das ihm gestellte Netz zu fallen, seine treue
Frau zu krnken und vor dem Sohne als ein trichter alter Mensch dazustehen. Mit
dem letzten Seufzer, den er in dieser Sache tat, gelobte er sich Besserung, und
schritt darauf an der Spitze der Seinigen in das Speisezimmer, wo Frau Marie und
ihre Tchter zu Ehren des Heimgekehrten den Tisch bereitet hatten und die
Magdalene mit wahrem Hochmut den schnsten Braten auftrug, den sie seit langem
gewendet und begossen.
    Ich bin nun froh, da ich endlich wieder da bin, sagte Arnold Salander,
als der Vater ihm einschenkte, es ist doch am besten in der Heimat!
    Du kommst gerade in keinem glcklichen Augenblick, versetzte Martin, der
Vater; hast du nicht vernommen, was in diesem Jahre alles ber uns gegangen ist
von elendem Zeug?
    Ich habe es wohl verfolgt und zwar in unsern eigenen Zeitungen, entgegnete
Arnold, es war nicht erbaulich! doch ist schon manches ber unser Land
gekrochen, was noch weniger schn gewesen ist! Nach den glorreichen
Burgunderkriegen war das Volk so verwildert, da man jeden aufhenken mute, der
soviel stahl, als ein Strick kostete. Das steht ja schon in unsern Schulbchern!
Und doch haben wir die vierhundert Jahre weitergelebt!
    Es war zuweilen auch danach, sagte der Vater, es ist aber doch ein guter
Spruch, den du getan hast! Kommt, Frau und Kinder, und lat uns mit Arnold
anstoen und uns freuen, da er es ertrglicher findet, als wir gehofft!
    Sie klangen froh, wie lange nicht, mit allen Glsern zusammen, Magdalene
schaute unter der Tr zu und strich mit beiden Zeigefingern die Augen. Frau
Marie rief sie heran und bot ihr das eigene Glas, das sie tapfer leerte, worauf
sie schmig hinauslief.
    Arnold nahm sein Wort nochmals auf.
    Ich glaube, sagte er, es wrde vieles ertrglicher werden, wenn man
weniger selbstzufrieden wre bei uns und die Vaterlandsliebe nicht immer mit der
Selbstbewunderung verwechselte! Ich habe, obgleich noch jung, ein ziemliches
Stck von der Welt gesehen und das Sprichwort: C'est partout comme chez nous
wrdigen gelernt. Wenn wir nun etwa in ein schlechtes Fahrwasser geraten, so
mssen wir eben hinauszukommen suchen und uns inzwischen mit der Umkehrung jenes
Wortes trsten: Es ist bei uns, wie berall!
    Das war dem alten Martin aus dem Herzen und ganz nach seinem Sinne
gesprochen; nur dnkte es ihn neu, weil er selbst, seit er so rstig an dem
ffentlichen Wohle mitgezimmert und -gebastelt, manches fr unvergleichlicher
und einziger gehalten hatte, als es war.
    Noch geraume Zeit sa die wiedervereinigte Familie beisammen und ganz so
glcklich, wie an jenem Abend, da Martin gekommen war, die hungernden Kinder
samt der Mutter zu speisen.
    Mit leichtem Mute und wirklich verjngt ging er zu Bett. Nach einiger Zeit,
da Marie wahrnahm, da er nicht schlief, sondern zufrieden etwas spintisierte,
rief sie:
    Du, Martin! Gelt, der Arnold freut dich doch, denn du hast zum ersten Mal
deinen Gutenachtseufzer vergessen, mit dem du mich seit lnger als einem halben
Jahre betrbt hast!
    Du bist nur halb auf der Spur! gab Martin bedchtig stockend zur Antwort;
dann entschlo er sich jedoch, der treuen Frau seine Abirrung zu bekennen, damit
kein dunkler Punkt zwischen ihnen sei.
    Er erzhlte ihr also die ganze Geschichte mit der Myrrha Glawicz, die
eingebildeten Liebesleiden bei harmlosen Absichten und hheren ethischen
Beweggrnden, samt der Rede, die er sich fr Frau Marie ausgedacht, bis zu dem
Augenblick, wo der bloe Anblick des Sohnes das Luftschlo zertrmmerte.
    Nun, was sagst du dazu? fragte der vergebungsbedrftige Mann hinber, da
die Frau schwieg. Erst nachdem sie sich eine Weile unruhig auf ihrem Lager
gedreht, lachte sie pltzlich hellauf und schwieg dann wieder. Dann lachte sie
nochmals und sagte:
    Ich lache nur aus Freuden darber, da diese letzte Gefahr, die uns
bedroht, sich so glimpflich verzogen hat! Dank du dem Himmel, Mann! da dein
Sohn so zu rechter Zeit, auf die Minute, gekommen ist! Es wre ja nicht um mich
zu tun gewesen, aber um dich und ihn, und die Tchter! Wie wren wir vor denen
dagestanden! Aber weit du, Martin, weil du von der einfachen, unerwarteten
Gegenwart unseres Sohnes geheilt wurdest, so soll dir die Verrcktheit vergeben
und vergessen sein, die du mir hast antun wollen! Es ist ein gutes Zeichen, ein
goldenes, das ich mir im Gemt aufbewahren will, solang ich noch lebe! Und
jetzt, schlaf wohl, Mann, deine Geschichte hat doch etwas Einschlferliches an
sich!
    So ging Martin Salanders spter Liebesfrhling, der die Verjngung seiner
politischen Tatkraft herbeifhren sollte, in Gnaden und ohne weitere Gewitter
vorber.

                                       XX


Und er schien doch jnger geworden, als er, den Sohn zur Seite, am nchsten
Morgen den Weg nach seinem Kontor beschritt. Leicht trugen ihn die Fe; die
Hften aber wiegten sich leise, fast unmerklich, hin und her, wie einstmals,
wenn ein frischer Lebensmut, ein guter Gedanke ihn durchstrmten.
    Im Geschftshause angekommen, unterhielten sie sich zuerst mit den
Angestellten, die Arnold freundschaftlich grte, und besprachen im allgemeinen
dies und jenes, was der Tag brachte oder in letzter Zeit ausgefhrt worden. Dann
begaben sich Vater und Sohn in Martins besonderes Zimmer, um in ausfhrlicher
Unterredung Stand und Zukunft des Hauses grndlicher zu errtern, als es in
Briefen geschehen konnte. Neues trat hiebei nicht viel zutage, wenn es nicht
etwa die Schlufrage war, ob nicht die Geschfte, die Unternehmungen bei so
befriedigendem Gange auszudehnen und ein gewisser Aufschwung zu wagen sei?
    Es war Martin, der die Frage aufgeworfen und den Sohn aufmerksam und mit
vollem Vertrauen ansah.
    Arnold bedachte sich oder hielt vielmehr mit der Antwort zurck, welche er
nicht zu suchen brauchte. Er spielte indessen mit dem Muster einer neuen
Goldwage, die man auf des Vaters Tisch gestellt hatte.
    Es hngt von dir ab, lieber Vater! sagte er endlich, ich arbeite gern mit
unter deiner Leitung!
    Nein, von dir hngt es ab! erwiderte Martin, du bist der Sohn und Erbe,
dessen die Zukunft ist!
    Der Nachdruck der Frage liegt in den Worte wagen, das du gebraucht hast: ob
eine Ausdehnung zu wagen sei! fuhr Arnold fort, wir stehen hart an der Grenze,
wo dies ganz richtig gesagt ist, d.h. wo man, um Mehreres zu tun, ein Teil des
Gewonnenen, vielleicht schlielich alles aufs Spiel setzen mu. Fr meine
Person, mu ich gestehen, habe ich drben, jenseits des Wassers, in stillen
Augenblicken mehr als einmal nachgedacht, wieweit wir eigentlich gedeihen wollen
in unserm Erwerb? Wollen wir in der Tat kleine Nabobs werden, die entweder ihr
Leben ndern oder den weit ber ihre Bedrfnisse reichenden Mammon ngstlich
vergraben mssen und in beiden Fllen vor sich selbst lcherlich sind? Zudem
bist du ja Politiker und Volksmann, ich bin meines Zeichens Geschichtsfreund und
Jurist; es steht also uns beiden besser an, wenn wir in schlicht brgerlichen
Verhltnissen und Gewohnheiten bleiben, wie du es bis jetzt so musterhaft getan
hast. Vergib, das ist mein Gefhl! Ich empfinde auch einiges Heimweh nach meinen
Bchern und mte bei allfllig rapidem Anwachsen des Geschfts mehr Zeit mit
dem Kurszettel in der Hand und auf der Brse zubringen, als mir lieb wre!
    Du sprichst nur Gedanken aus, die ich selbst schon gehegt! Was mich aber
auf die Frage gebracht hat, ist die Zukunft unsers Landes. Ich frchte, die Zeit
ist nicht mehr fern, in welcher die Gesetzgebung die Hand krftiger auf das
Vermgen legen wird; da drfte es, dacht ich, gut sein, wenn man tchtiger
einzuschieen hat, ohne gerade zu verarmen.
    Arnold lachte.
    Das wre, sagte er, nicht mein Standpunkt, ich mchte nicht Geldmacher
fr zuknftige Dinge sein, die ich nicht billigen kann. Ich werde vielmehr die
Willkr bestreiten, solang ich es vermag; siegt sie, wohl und gut, so fge ich
mich gelassen; dann ist es mir aber auch gleichgltig, ob sie uns zwei oder zehn
Millionen nehmen.
    Ei, wer spricht denn gleich so von nehmen, rief der Vater leicht gereizt,
es geht alles mit rechten Dingen zu! Glaub aber nur, die Postulate der
Notwendigkeit werden so dicht regnen, da wir noch froh sind, gute Schuhe zu
haben!
    So la regnen, es wird auch wieder aufhren! Erinnere dich, Vater, an den
Anfang unsers Jahrhunderts, als nach der durchgerungenen Helvetik das Vaterland
auf den Kopf gestellt war und in der Knechtschaft des ersten Konsuls von
Frankreich seufzte. Damals berichteten die Pfarrer, da in ihren Gemeinden viele
Leute lebensmd seien und sich nach dem Tode sehnten! Jetzt nach achtzig Jahren
sitzen wir, geringe Leute vom Lande, frei wie Lerchen in der Luft, wenn auch
nicht frei von Leidenschaft vielleicht: wir sitzen hier in einem der Huser der
untergegangenen Aristokratie und pflegen Rats, ob wir noch reicher werden wollen
oder nicht! Ich frchte mich aber weder mit dem vielen Gelde noch ohne
dasselbe!
    Der alte Salander blickte den jungen mit glnzenden Augen an und ergriff
dessen Hand.
    So la uns, sprach er gerhrt, mit leiserer Stimme, wie ein Verschwrer,
la uns zu dieser Stunde geloben, da wir das Land und Volk nie verlassen
wollen, es mag beschlieen, was es will.
    Das kann ich wohl geloben! antwortete der Sohn, den Handschlag des Vaters
erwidernd. Hhere Gewalt immerhin vorbehalten!
    Was meinst du damit?
    In diesem Fall zum Beispiel eine vllige Entartung!
    Das kann ja die schnste reservatio mentalis werden!
    Nun, also ohne Vorbehalt! Es wrde doch chez nous comme partout sein!
    Also es gilt! schlo Martin Salander und gab Arnolds Hand frei.
    Und was das Geschft betrifft, fgte er bei, so lassen wir es einstweilen
beim alten!
    Nach dieser seltsamen Verhandlung, in welcher die zwei Mnner sich so
grundverschieden und doch wieder so grundhnlich erwiesen, kamen sie auf den
Louis Wohlwend zu sprechen und berieten, was mit dem von Arnold aufgebrachten
Protokoll zu beginnen sei. Sie fanden, da sie schon wegen der Verjhrung keinen
Nutzen mehr fr das Haus darin suchen, dagegen unter der Hand sich erkundigen
wollten, ob etwa Pflichten gegen dritte eine Anzeige erheischen knnten.
Vorlufig beschlossen sie, eine deutsche bersetzung anzufertigen, um mittels
derselben ntigenfalls den Wohlwend zu jeder Stunde durch bloen Vorhalt aus dem
Lande treiben zu knnen. Inzwischen sollte der Verkehr mit ihm gnzlich
abgebrochen werden. Arnold empfand nicht bel Lust, die Verjagung ohne weiteres
vorzunehmen; der Vater hingegen war fr das Abwarten, da er mit den Frauen, die
er fr unschuldige Opfer hielt, Erbarmen hatte. Sogar Wohlwend selber zu
schonen, fhlte er ein geheimes Bedrfnis; denn wenn der Snder fr die Strafe
auch nicht mehr erreichbar war, so mute ihn das Bekanntwerden jenes
Aktenstckes dennoch in die Reihen der offenkundigen Verbrecher endgltig
hinabstoen. Und er blieb doch immer Salanders ltester Jugendgenosse und
gewesener guter Freund.
    Kaum waren auch diese Dinge abgetan und die Mnner im Begriff, jeder an eine
Beschftigung zu gehen, so klopfte es und der unglckliche Wohlwend trat herein,
die schne Myrrha am Arme fhrend.
    Verzeih, alter Freund, rief er, da wir dich so unvorgesehen berfallen!
Da mache ich mit meiner Schwgerin einen Gang durch die Stadt und vernehme
pltzlich, da der Herr Sohn heimgekehrt sei. Und wie wir hier an das Haus
kommen, sag ich, wir wollen einen Sprung hinauftun, du kannst immer mitkommen,
und den Herrn in frischer Tat begren! Seien Sie auch uns bestens willkommen,
Herr Arnold, so heien Sie doch?
    Vater und Sohn waren wie vom Blitz getroffen. Keiner ergriff die dargebotene
Hand, aber keiner wute ein Wort zu sagen, noch weniger brachten sie es ber
sich, den Mann in Gegenwart des so rhrend schnen Frauenzimmers schroff
abzuweisen. Endlich ermannte sich Martin Salander, indem er den alten Freund
sachte beiseite zog und leise zu ihm sagte:
    Sie entschuldigen, Herr Wohlwend, da wir Sie jetzt nicht sprechen knnen!
Wir sind, wie Sie leicht begreifen, dringend beschftigt!
    Sie? murmelte Wohlwend stutzend und trat sogleich weiter zur Seite, was
soll das heien?
    O nicht eben viel! versetzte Martin verlegen und doch sonderbar gereizt,
da der bse Geist die gefhrliche Person vor die Augen des Sohnes brachte. Die
Verhltnisse ndern sich zuweilen; ein geeigneter Aufschlu wird sich wohl
finden lassen; fr heute, wie gesagt, mssen wir Entschuldigung verlangen, wir
sind wirklich sehr beschftigt!
    Er htte kein hrteres Wort ber die Lippen gebracht, weil Myrrha, nach
welcher er einmal hinschielte, ein inniges Mitleid von neuem erweckte. In seiner
Verlegenheit schritt er neben Wohlwend an der Wand auf und nieder, whrend er
seine abgebrochenen Worte sprach, und Wohlwend schritt beharrlich neben ihm her,
schweigend, bse Blicke schieend, auch nach den jungen Leuten sphend und den
Aufbruch nicht wagend, weil er nicht wute, wie der sich gestalten wrde.
    Indessen war Myrrha verlassen im Zimmer gestanden, ratlos blickend und
zuletzt zitternd, als Arnold sie berrascht betrachtete. Nun bat er sie
geflligst, sich zu setzen, und nahm selbst einen Stuhl.
    Sie sind aus Ungarn, mein Frulein? fragte er sie mit unwillkrlicher
Teilnahme, um etwas zu sagen.
    Wiederum zitternd schaute sie ihn an und erwiderte mit erwachendem
Vertrauen:
    Ja wahrlich aus Ungarn, Knigreich! Aber Schwager Volvend-Glavicz hat nicht
wahr gesagt, nicht jetzt auf der Straen, schon gestern abend hat gewut, da
gndiges Herr angekommen sind! Aber entschuldigen Sie, er hat nur vergessen!
    Und wie lange leben Sie schon hier?
    Glaub ich, zwei Jahr, oder eines, bitt ich um Vergebung, ich wei es nicht
sicher!
    Und wie gefllt es Ihnen denn in der Schweiz? fuhr er etwas verblfft fort
und sah sie genauer an. Das empfand sie wohl. Sie flsterte mit fallenden
Trnen:
    Mir gefllt es nirgendwo! Bin ich nur schn, aber nicht ganz gescheit,
sagte mein Vater seliger, und Herr Volvend-Glavicz sagt, bin ich auf den Kopf
gefallen, aber Heiraten macht gesund! Versteh ich nicht, aber auch glaub ich
nicht, bis ich das sehe!
    Das alles sagte sie trotz der Bedrngnis mit trauten Worten, von Jugend zu
Jugend, wie wenn sie da vor die rechte Schmiede gekommen wre in einer
verworrenen und hchst bedenklichen Angelegenheit. Immer mehr erstaunt sah
Arnold das zierliche Geschpf forschend an und entdeckte erst jetzt, wie ein
irres Licht durch den feuchten Schleier der Trnen flackerte.
    In diesem Augenblicke blinzelte Wohlwend herber, der noch immer in der
Unbehaglichkeit neben dem alten Salander herlief, und sah die scheinbar schnelle
Vertrautheit der jungen Leutchen. Offenbar hielt er die ausgeworfene Angel fr
festsitzend, mochte aber fr geraten halten, die Schnur fr einmal abzureien,
um die Angel fr einen gnstigeren Zeitpunkt wirken zu lassen. Pltzlich lie er
den Vater Salander stehen, trat mit zwei Schritten hinter Myrrhas Stuhl und
legte die Hand auf ihre Achsel.
    Nun drfen wir die Herren aber wirklich nicht lnger stren, rief er,
komm, Schwgerin Myrrha, wir wollen uns empfehlen!
    Zugleich nahm er sie, die sich erschrocken erhob, an den Arm und verschwand,
laute Abschiedsworte in das Zimmer zurckrufend und eine stattliche Pelzmtze
schwingend, mit dem schnen Scheingebilde ebenso rasch durch die Tr, wie er
gekommen war.
    Vater und Sohn standen und schauten sich an.
    Arnold tat endlich einen starken Atemzug, gleich einem, der sich von jhem
Schreck erholt.
    Wie schad um das schne Frauenzimmer! sagte er.
    Wieso schade? fragte der Alte entgegen, der schon zu frchten begann, der
Sohn mchte sich bereits verliebt haben.
    Nun, meinte Arnold hinwieder, weil der arme Tropf ja bldsinnig ist, wo
nicht gar verrckt!
    Bldsinnig?
    Aber wei man denn das nicht? Hast du nie mit ihr gesprochen?
    Mehrmals! Allerdings wollte nie ein ordentliches Gesprch zustande kommen!
    Jedenfalls ist das Mdchen in hohem Grade einfltig, was wohl aufs gleiche
herauskommt! Hr nur, mit was die rmste mich unterhalten hat.
    Arnold erzhlte den Inhalt ihrer wenigen Reden und schilderte ihr Benehmen,
den Ausdruck ihres Gesichtes.
    Der Vater wurde feuerrot bis unter die angesilberten Locken ber der Stirne,
ratlos, was er dazu sagen solle. Es war ein allzu bitterer Nachklang, der ihn
auf dem Nachhauseweg, den sie angetreten, wiederholt den Kopf schtteln lie.
Arnold nahm diese innere Erregung nicht wahr. Der Sohn hatte das kleine Ereignis
auch schon vergessen, als es ihm bei Tisch unversehens einfiel und er davon zu
reden begann. Nachdem er den Hergang geschildert, hob er hervor, wie gut sich
natrliche Anmut mit Bldsinnigkeit zu vertragen scheine. Es sei aber ein
unheimliches Schauspiel, und er wrde sich doch dafr bedanken.
    Frau Marie war sofort leicht rot geworden, als er des unerwarteten Besuches
erwhnte. Als sie aber einen Blick auf ihren Mann warf und in seinen stummen
Zgen den schwer verhehlten Kampf mit der Beschmung, in der er vor ihr sa,
bemerkte, verzog sich die Rte wie ein zarter Rosenschleier, und in den Augen,
um die Lippen regte es sich leise wie das feinste Lustspiel, das je in einem
Frauengesichte aufgefhrt wurde.
    Nur Martin Salander, der die Gattin mitrauisch anblickte, sah und verstand
es; er fhlte sich leidlich besser, nickte ihr dankbar und etwas dummlich zu,
indem er sie um ein Glas Wasser bat. Aber schon hatte sich das Spiel auf Maries
Gesicht in ernste Zufriedenheit verwandelt, als sie hrte, mit welch kalter Ruhe
Arnold seine Offenbarungen schlo.
    Erst jetzt wagte Salander, der Vater, dem Sohne zu bemerken: Du hast aber
doch den Kopf etwas nah mit ihr zusammengesteckt, wie ich flchtig sehen
konnte!
    Nicht ich, entgegnete Arnold, sie war es, die mir in ihrer Unschuld nher
rckte, und das strte mich sogar ein bichen, weil sie jedenfalls kurz vorher
Wurst gegessen hat, wie ich an ihrem Hauche sprte. Wre etwas Senf dagewesen,
so htte ich ihn dazu genossen!
    Mit dir ist auch nicht gut Kirschen essen! rief eine der Schwestern, die
bislang kleinlaut zuhrten, da das Kapitel ihnen nicht gefiel, und der Vater
sagte:
    Ja, er ist ein kritischer Gesell! Die Mutter sagte kein Wort; aber ihr
Auge ruhte wohlgefllig auf dem Sohne. Das wahre Geheimnis war und blieb den
Kindern verborgen.

                                      XXI


Das neue Leben der wieder vollzhligen Familie flo nun klar und ruhig weiter,
bis die Flut sich etwa kruselte, durch Martins pflichteifrigen Geist bewegt.
    Es dauerte nicht lang, so wollte er nicht mehr zusehen, wie Arnold auer dem
Geschfte nur seinen Studien und dem gesellschaftlichen Verkehr mit einigen
Jugendgenossen lebte; er drang in ihn, sich doch allgemach den ffentlichen
Dingen zuzuwenden, wozu er ja die beste Gelegenheit habe, wenn er mit dem Vater
die politischen Vereine, Wahlversammlungen und zuweilen auch einen der
zahlreichen Vortrge zur Erklrung eines Gesetzes oder anderer Volksbeschlsse
und obschwebenden allgemeinen Fragen besuche. Da werde er bald lernen, die
erworbenen Kenntnisse anzuwenden, die Urteilskraft geltend zu machen und ein
Mitwirkender zu werden. Und das sei notwendig, denn ohne erweckte Jnglinge und
junge Mnner fehle es den weisesten Alten am halben Leben.
    Allein Arnold lehnte des Vaters Andringen bescheiden, aber beharrlich ab. Er
habe sich vorgenommen, so erklrte er, sich auf die Erfllung aller
Brgerpflichten zu beschrnken, wozu, nebenbei gesagt, auch gehre, niemals an
einer Wahl teilzunehmen, wenn man weder den Vorgeschlagenen noch die
Vorschlagenden kenne. Das sogenannte Mitwirken wolle er an sich kommen lassen,
wenn es einst sein msse, bis dahin aber das faktische Geschehen beobachten und
die Frchte desselben betrachten; an ihnen werde er auch die Personen erkennen,
die sie hervorbringen, besser als aus ihren Reden, und die Parteien hinwieder an
diesen Personen, sowie an den Zeitungsartikeln, die sie schreiben. Die
hergebrachten Einflsse mge er nicht auf sich wirken lassen und gehe deshalb
auch nicht hin, wo sie ausgewechselt werden; nur so fhle er sich frei und einst
imstande, jedem zu sagen, was er fr wahr halte. Manche junge Leute dchten
jetzt so.
    Der Vater bestand nicht lnger auf seinem Ansinnen; aber er fhlte sich
verletzt, wenn das nun der ganze Einflu war, den er auf den eigenen Sohn haben
sollte, er, der so uneigenntzig es sich sauer werden lie, dem Lande zu dienen.
Er kam daher wieder auf den Gedanken zurck, der Sohn sei auf den Schulen ein
Doktrinr geworden, in welchem vielleicht der Reaktionr nur schlummere. Ein
schmerzliches Mitrauen fing an sein Gemt zu belstigen.
    Das wandte sich zwar wieder zum Bessern, als Arnold eines Tages sich erbat,
einige Freunde im Haufe bewirten zu drfen, da er etwas derart schuldig sei. Es
handelte sich um acht junge Leute, von denen ein Teil unbemittelt, wo nicht arm,
ein anderer Teil aber Shne reicher Familien waren. Arnold wnschte zugleich,
da der Vater seine Gegenwart schenke, und dieser schlug mit dem raschen
Gedanken ein, bei diesem Anlasse des Sohnes Umgang und Gesinnung grndlicher zu
erfahren. Die Mutter machte dem Sohne gern die Freude, erklrte aber, man msse
einen Koch mit Aufwrter kommen lassen, die alte Magdalene sei auerstande, die
Sache zu bewltigen, und sie selbst wisse nicht, was jetzt blich sei und knne
auch nicht mehr in der Kche stehen. Die Tchter drfe man nicht vorspannen.
    Arnold verwahrte sich gegen die Maregel. Er wolle nicht Aufwand und
ppigkeit ins Haus bringen, das sei ihm nicht eingefallen! Seine Freunde seien
alle verstndige und frhliche Gesellen, und wenn die alte Magdalene ein paar
solide Stcke zubereite, was sie ja schon lang knne, und die Speisen etwas
drollig daherbringe, so werde alles aufs beste ablaufen. Einen weiblichen
Adjutanten in der Kche mge sie immerhin beiziehen.
    Es gab hierber einen kleinen Zank, bis er die Oberhand behielt, aber nur
scheinbar. Als er am bestimmten Abend eine Stunde frher nach Hause kam, stand
ein schneeweier Koch am Herde und im Speisezimmer ein befrackter Aufwrter, der
sich mit einer Menge von Tellern und Glsern zu schaffen machte und ohne Zweifel
die Servietten gefaltet hatte, welche auf dem bereits gedeckten Tisch in Gestalt
von Kaninchen und Hhnern die Teller zierten. Frau Marie sagte, es wre nicht
anders gegangen; sie habe nicht mit einem milungenen Wesen die Familie erst
recht als eine Emporkmmlingsware ins Gerede bringen knnen!
    Die Gste stellten sich pnktlich ein, fast alle auf einmal, so da Vater
Salander bequemlich als der letzte erscheinen konnte, ohne zu lange warten zu
mssen. Sogleich fand er sich angenehm berhrt durch das gute Aussehen und das
anstndig offene Benehmen der Gesellschaft. Bei Tisch vollends wunderte er sich
insgeheim ber den unbefangenen guten Ton, die Abwesenheit aller schlechten
Sprechmanier verhockter Kreise mit ihren Trivialwitzen und Zweideutigkeiten. Um
besser zu hren, sprach er selbst nicht viel und htete sich besonders, von
Politik anzufangen, in der Absicht, da die Freunde Arnolds und mit ihnen er
selbst um so rckhaltloser darauf verfallen sollten. Er sorgte auch gengend fr
Erneuerung der Getrnke, welche die Zungen lsen. Die jungen Herren wurden nur
frhlicher, alles in geziemenden Grenzen, ohne einiger Vorsicht zu bedrfen. Die
Unterhaltung belebte sich, und da die Teilnehmer ziemlich gleichmig gebildet,
wohlunterrichtet und auch lebendigen Geistes waren, so tauchten politische
Gegenstnde nicht minder als andere hervor; allein nicht ein unfreisinniges
Wort, nicht ein Wort, welches auf Miachtung des Volkes htte schlieen lassen,
war zu hren, kaum etwa ein ungezwungen derber Ausdruck ber diesen oder jenen
gemeinen Sykophanten, der eben in der Presse oder in den Rten spukte; dann hie
es hchstens: Was wollt ihr? Dem Kerl ist sein Weg vorgezeichnet, er mu ihn
laufen und wird seinem Lohn nicht entgehen!
    Indem Martin sich noch ber den erfahrungsmigen Ton wunderte, welcher
dieser Jugend schon gelufig schien, war der Gegenstand schon aus dem Gesprch
verschwunden. Die haben, dachte er, nicht die Fhigkeit, auf einer Idee zu
beharren; sie scheinen doch keine politische Ader zu besitzen! Aber ehe er den
Verdacht besser ausspinnen konnte, bewegte sich die Unterhaltung auf weiten
freien Bahnen; keiner tat sich als Lehrer oder Prophet hervor, und Phrasen
wurden noch weniger laut; man sah nur, da es mnnliche Jnglinge seien, die
sich die Welt offen behielten und nicht in einen Tabaksbeutel stecken lieen.
Martin hatte einige Mhe, neuen und neuesten Anregungen auf den Pfaden des
allgemeinen Bildungszustandes zu folgen, denn er war in manchen Dingen ein wenig
viel zurckgeblieben und mute sich mehr als einmal Aufschlu erbitten, der ihm
ohne Wohlweisheit und ganz ohne Aufheben erteilt wurde, als selbstverstndlich,
wie man einem sagt, was drauen fr Wetter sei. Und durch alles ging ein Hauch
unverdorbener Ehrlichkeit, die ihm das Herz erfrischte.
    Gottlob! dachte er, wir haben unser Geld nicht umsonst ausgegeben! Das sind
doch auch Erziehungsfrchte!
    Doch untersuchte er nicht, ob des Hauses oder des Staates.
    Er teilte bald die heitere Laune der Tischgenossen; ritterlich dachte er,
sein sichtliches Vergngen damit zu bezahlen, da er um zehn Uhr schon die
kleine Tafelrunde Arnolds sich selbst berlie und sich als Alter zurckzog.
Allein es gelang ihm erst um halb elf, loszukommen und die Frauen in ihrem Asyl
aufzusuchen, wo sie noch wach beisammensaen.
    Kommst du endlich, du Kneipier? sagte die Mutter, das mu dir ja herrlich
gefallen haben bei den jungen Leuten! Wie war es denn?
    Ich habe mich, glaub ich beinah, in meinem Leben nicht so gut unterhalten,
wie diesen Abend! versicherte der Mann, es sind ganz vortreffliche Menschen,
helle Kpfe und nota bene gesittete Bursche, mit denen unser Arnold verkehrt,
Gesellen, von denen man sagen kann, sie seien alle gut aufgehoben, wenn sie
beieinander sind!
    Das klingt ja sehr erbaulich! erwiderte Frau Marie froh, und ist mir lieb
zu hren! Und was spielt denn der Arnold fr eine Rolle unter ihnen?
    Es spielt keiner eine Rolle! Sie sind keine Streber, mchte ich beschwren,
und wissen dennoch, was sie wollen, obgleich oder weil sie nicht davon
schwatzen! Glaub nur, wenn es viele junge Mannschaft der Art gibt, so ist mir
vor unserer Zukunft nicht bang!
    Mit beredter Zunge suchte er den vergngt lauschenden Frauen den ungefhren
Verlauf des Abends zu schildern und von einigen der Freunde, die ihm besonders
gefallen, ein Bild zu entwerfen, bis er durch einen krftig schallenden Gesang
unterbrochen wurde, der von dem bescheidenen Saale her ertnte. Sie sangen dort
mit resoluten frischen Stimmen ein lebensfrohes Lied, rasch und taktfest, kurz
und gut, und gleich darauf hrte man sie aufbrechen und ohne starkes Gerusch
das Haus verlassen.
    Ei, wie nett war das! riefen die jungen Frauen, und so rund
abgeschlossen, punktum!
    Da seid ihr alle noch auf, sagte der mit einem Lichte eintretende Arnold,
das ist gut, ich glaubte schon, unser Geschrei htte euch aus dem Schlafe
geweckt. Ich mochte sie nicht gern verhindern und hab sogar mitgekrht, da es in
einem zu ging!
    Ihr httet immer noch fortsingen mgen, sagte die Mutter, und doch hat
uns das entschlossene Aufhren einen trefflichen Eindruck hinterlassen! Macht
ihr es immer so?
    Ja, wenn wir einmal singen; ich wei nicht, wie es sich bei uns
eingebrgert hat! Die Lust mu hinaus und da wir keine Virtuosen sind, so mgen
wir doch auch keine Fronarbeit leisten! Aber nun gute Nacht allerseits und
schnen Dank fr gebte Geduld! Ich will noch ein Stndchen lesen, eh ich
schlafe!
    Als Arnold fort war, fragte die Mutter ihren Martin ganz erstaunt:
    Hat der gute Junge denn nur Wasser getrunken? Noch ein Stndchen lesen! Und
ist so ruhig wie eine windstille Luft!
    Den Teufel hat er Wasser getrunken! sprach Salander, der Vater. Er
schluckte soviel Wein, wie jeder andere! Er ist eben dein Sohn, du Hexe!
    Alle lachten ber den komischen Zorn und gingen zu Bett.
    Ruhig fuhr nun das Schifflein Martin Salanders zwischen Gegenwart und
Zukunft dahin, des Sturmes wie des Friedens gewrtig, aber stets mit guten
Hoffnungen beladen. Manches Stck mute er noch als geflschte Ware ber Bord
werfen; allein der Sohn wute unbemerkt die Lcken so wohl zu verstauen, da
kein Schwanken eintrat und das Fahrzeug widerstandsfhig blieb den bsen Klippen
gegenber, welche bald hie, bald dort am Horizonte auftauchen.
    Auch das dunkle Raubschiffchen des Louis Wohlwend, das seit bald einem
Menschenalter Martins Bahn kreuzte, strich noch wiederholt heran, konnte aber
nicht mehr entern. Es war jetzt ziemlich sicher, da er mit dem an Martin
begangenen Raube seine Frau auf die bewute Weise erwarb, damit das Gut bergend
und zugleich ihr eigenes Erbe. Also hatte er keineswegs ntig, noch mehr zu
raffen; allein er hielt den alten Freund einmal fr sein Privateigentum, und
der Neid der angeborenen Beschrnktheit trieb ihn immer wieder, seinen Teil zu
erhaschen und den Freund zu schdigen, whrend die einfltige Religionsstifterei
ihm zur Vermummung dienen und zugleich die rohe Eitelkeit befriedigen sollte,
der er zu allen Zeiten frnte.
    Die Salanderschen mochten aus Mitleid mit seinen Knaben und den
wahrscheinlich unschuldigen Weibsleuten noch immer keinen Gebrauch von dem
Dokument machen, das ihn augenblicklich vernichten mute. Sie begngten sich
damit, ihn kurz abzuweisen, in welcher Form auch er sich an sie machen wollte,
ohne ihm zu sagen, warum es geschehe.
    So geriet er zuletzt in einen unertrglichen Zustand der Ungewiheit und
verlor gnzlich sein dummes Selbstvertrauen. Er rumte den Platz, um anderwrts
das Nichts zu finden, das ihm beschieden war.
    Eines Abends erschien Mni Wighart, der Getreue, und erzhlte, er habe
Wohlwend auf dem Bahnhofe gesehen, wie er mit Weibern, Kisten, Koffern und bsen
Blicken erschienen und mit einem Blitzzuge abgefahren sei.
