
                                Fontane, Theodor

                                     Ccile

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                                Theodor Fontane

                                     Ccile

                                     Roman

                                 Erstes Kapitel

Thale. Zweiter...
    Letzter Wagen, mein Herr.
    Der ltere Herr, ein starker Fnfziger, an den sich dieser Bescheid
gerichtet hatte, reichte seiner Dame den Arm und ging in langsamem Tempo, wie
man eine Rekonvaleszentin fhrt, bis an das Ende des Zuges. Richtig, Nach
Thale stand hier auf einer ausgehngten Tafel.
    Es war einer von den neuen Waggons mit Treppenaufgang, und der mit
besonderer Adrettheit gekleidete Herr: blauer berrock, helles Beinkleid und
Korallentuchnadel, wandte sich, als er das Waggontreppchen hinauf war, wieder
um, um seiner Dame beim Einsteigen behlflich zu sein. Die Compartiments waren
noch leer, und so hatte man denn die Wahl, aber freilich auch die Qual, und mehr
als eine Minute verging, ehe die schlanke, schwarzgekleidete Dame sich schlssig
gemacht und einen ihr zusagenden Platz gefunden hatte. Von hnlicher Unruhe war
der sie begleitende Herr, dessen Auf- und Abschreiten jedoch, allem Anscheine
nach, mit der Platzfrage nichts zu schaffen hatte, wenigstens sah er, das
Fenster mehrfach ffnend und schlieend, immer wieder den Perron hinunter, wie
wenn er jemand erwarte. Das war denn auch der Fall, und er beruhigte sich erst,
als ein in eine Halblivree gekleideter Diener ihm die Fahrbillets samt
Gepckschein eingehndigt und sich bei dem Herrn Obersten (ein Wort, das er
bestndig wiederholte) wegen seines langen Ausbleibens entschuldigt hatte.
Schon gut, sagte der so beharrlich als Herr Oberst Angeredete. Schon gut.
Unsere Adresse weit du. Halte mir die Pferde in Stand; jeden Tag eine Stunde,
nicht mehr. Aber nimm dich auf dem Asphalt in acht. Dann kam der Schaffner, um
unter respektvoller Verbeugung gegen den Fahrgast, den er sofort als einen alten
Militr erkannte, die Billets zu coupieren.
    Und nun setzte sich der Zug in Bewegung.
    Gott sei Dank, Ccile, sagte der Oberst, dessen scharfer und beinah
stechender Blick durch einen kleinen Fehler am linken Auge noch gesteigert
wurde. Gott sei Dank, wir sind allein.
    Um es hoffentlich zu bleiben.
    Damit brach das Gesprch wieder ab.

Es hatte die Nacht vorher geregnet, und der am Flu hin gelegene Stadtteil, den
der Zug eben passierte, lag in einem dnnen Morgennebel, gerade dnn genug, um
unseren Reisenden einen Einblick in die Rckfronten der Huser und ihre meist
offenstehenden Schlafstubenfenster zu gnnen. Merkwrdige Dinge wurden da
sichtbar, am merkwrdigsten aber waren die hier und da zu Fen der hohen
Bahnbgen gelegenen Sommergrten und Vergngungslokale. Zwischen
rauchgeschwrzten Seitenflgeln erhoben sich etliche Kugelakazien, sechs oder
acht, um die herum ebensoviel grngestrichene Tische samt angelehnten
Gartensthlen standen. Ein Handwagen, mit eingeschirrtem Hund, hielt vor einem
Kellerhals, und man sah deutlich, wie Krbe mit Flaschen hinein- und mit
ebensoviel leeren Flaschen wieder hinausgetragen wurden. In einer Ecke stand ein
Kellner und ghnte.
    Bald aber war man aus dieser Straenenge heraus, und statt ihrer erschienen
weite Bassins und Pltze, hinter denen die Siegessule halb gespenstisch
aufragte. Die Dame wies kopfschttelnd mit der Schirmspitze darauf hin und lie
dann an dem offenen Fenster, wenn auch freilich nur zur Hlfte, das Gardinchen
herunter.
    Ihr Begleiter begann inzwischen eine mit dicken Strichen gezeichnete Karte
zu studieren, die die Bahnlinien in der unmittelbaren Umgebung Berlins angab. Er
kam aber nicht weit mit seiner Orientierung, und erst als man die Lisire des
Zoologischen Gartens streifte, schien er sich zurechtzufinden und sagte: Sieh,
Ccile, das sind die Elefantenhuser.
    Ah, sagte diese mit einem Versuch, Interesse zu zeigen, blieb aber
zurckgelehnt in ihrem Eckplatz und richtete sich erst auf, als der Zug in
Potsdam einfuhr. Viele Militrs schritten hier den Perron auf und ab, unter
ihnen auch ein alter General, der, als er Cciles ansichtig wurde, mit besondrer
Artigkeit in das Coup hinein grte, dann aber sofort vermied, abermals in die
Nhe desselben zu kommen. Es entging ihr nicht, ebensowenig dem Obersten.
    Und nun wurde das Signal gegeben, und die Fahrt ging weiter ber die
Havelbrcken hin, erst ber die Potsdamer, dann ber die Werdersche. Niemand
sprach, und nur die Gardine mit dem eingemusterten M. H. E. flatterte lustig im
Winde. Ccile starrt' darauf hin, als ob sie den Tiefsinn dieser Zeichen erraten
wolle, gewann aber nichts, als da sich der Mattigkeitsausdruck ihrer Zge nur
noch steigerte.
    Du solltest dir's bequem machen, sagte der Oberst, und dich ausstrecken,
statt aufrecht in der Ecke zu sitzen. Und als sie zustimmend nickte, nahm er
Plaids und Decken und mhte sich um sie.
    Danke, Pierre. Danke. Nur noch das Kissen.
    Und nun zog sie die Reisedecke hher hinauf und schlo die Augen, whrend
der Oberst in einem Reisehandbuch zu lesen begann und kleine Strichelchen an den
Rand machte. Nur von Zeit zu Zeit sah er ber das Buch fort und beobachtete die
nur scheinbar Schlafende mit einem Ausdrucke von Aufmerksamkeit und Teilnahme,
der unbedingt fr ihn eingenommen haben wrde, wenn sich nicht ein Zug von
Herbheit, Trotz und Eigenwillen mit eingemischt und die freundliche Wirkung
wieder gemindert htte. Tuschte nicht alles, so lag eine Geschichte zurck,
und die schne Frau (worauf auch der Unterschied der Jahre hindeutete) war unter
allerlei Kmpfen und Opfern errungen.
    Es verging eine Weile, dann ffnete sie die Augen wieder und sah in die
Landschaft hinaus, die bestndig wechselte: Saaten und Obstgrten und dann
wieder weite Heidestriche. Kein Wort wurde laut, und es schien fast, als ob dies
apathische Trumen ihr, der eben erst in der Genesung Begriffenen, am meisten
zusage.
    Du sprichst nicht, Ccile.
    Nein.
    Aber ich darf sprechen?
    Gewi. Sprich nur. Ich hre zu.
    Sahst du Saldern?
    Er grte mich mit besondrer Artigkeit.
    Ja, mit besonderer. Und dann vermied er dich und mich. Wie wenig
selbstndig doch diese Herren sind.
    Ich frchte, da du recht hast. Aber nichts davon; warum uns qulen und
peinigen? Erzhle mir etwas Hbsches, etwas von Glck und Freude. Gibt es nicht
eine Geschichte: Die Reise nach dem Glck? Oder ist es blo ein Mrchen?
    Es wird wohl ein Mrchen sein.
    Sie nickte schmerzlich bei diesem Wort, und als er nicht ohne aufrichtige,
wenn auch freilich nur flchtige Bewegung sah, da ihr Auge sich trbte, nahm er
ihre Hand und sagte: La, Ccile. Vielleicht ist das Glck nher, als du
denkst, und hngt im Harz an irgendeiner Klippe. Da hol ich es dir herunter,
oder wir pflcken es gemeinschaftlich. Denke nur, das Hotel, in dem wir wohnen
werden, heit Hotel Zehnpfund. Klingt das nicht wie die gute Zeit? Ich sehe
schon die Waage, drauf du gewogen wirst und dich mit jedem Tage mehr in die
Gesundheit hineinwchst. Denn Zunehmen heit Gesundwerden. Und dann kutschieren
wir umher und zhlen die Hirsche, die der Wernigeroder Graf in seinem Parke hat.
Er wird doch hoffentlich nichts dagegen haben. Und berall, wo ein Echo ist, la
ich einen Bllerschu dir zu Ehren abfeuern.
    Es schien, da ihr die Worte wohltaten, im brigen aber doch wenig
bedeuteten, und so sagte sie: Ich hoffe, da wir viel allein sind.
    Warum immer allein? Und gerade du. Du brauchst Menschen.
    Vielleicht. Nur keine Table d'hte. Versprich mir's.
    Gern. Aber ich denke, du wirst bald andren Sinnes werden.
    Und nun stockte das Gesprch wieder, und in immer rascherem Fluge ging es
erst an Brandenburg und seiner Sankt-Godehards-Kirche, dann an Magdeburg und
seinem Dome vorber. In Oschersleben schlo sich der Leipziger Zug an, und mit
etwas geringerer Geschwindigkeit, weil sich die Steigung fhlbar zu machen
begann, fuhr man jetzt auf Quedlinburg zu, hinter dessen Abteikirche der Brocken
bereits aufragte. Das Land, das man passierte, wurde mehr und mehr ein
Gartenland, und wie sonst Kornstreifen sich ber den Ackergrund ziehen, zogen
sich hier Blumenbeete durch die weite Gemarkung.
    Sieh, Ccile, sagte der Oberst. Ein Teppich legt sich dir zu Fen, und
der Harz empfngt dich  la Princesse. Was willst du mehr?
    Und sie richtete sich auf und lchelte.
    Wenige Minuten spter hielt der Zug in Thale, wo sofort ein Schwarm von
Kutschern und Hausdienern aller Art die Coups umdrngte: Hubertusbad!
Waldkater! Zehnpfund!
    Zehnpfund, wiederholte der Oberst, und einem dienstfertig zuspringenden
Kommissionr den Gepckschein einhndigend, bot er Ccile den Arm und schritt
auf das unmittelbar am Bahnhof gelegene Hotel zu.

                                Zweites Kapitel


Der groe Balkon von Hotel Zehnpfund war am andern Morgen kaum zur Hlfte
besetzt, und nur ein Dutzend Personen etwa sah auf das vor ihnen ausgebreitete
Landschaftsbild, das durch die Feueressen und Rauchsulen einer benachbarten
Fabrik nicht allzuviel an seinem Reize verlor. Denn die Brise, die ging, kam von
der Ebene her und trieb den dicken Qualm am Gebirge hin. In die Stille, die
herrschte, mischte sich, auer dem Rauschen der Bode, nur noch ein fernes
Stampfen und Klappern und ganz in der Nhe das Zwitschern einiger Schwalben,
die, im Zickzack vorberschieend, auf eine vor dem Balkon gelegene Parkwiese
zuflogen. Diese war das Schnste der Szenerie, schner fast als die Bergwand
samt ihren phantastischen Zacken, und wenn schon das saftige Grn der Wiese das
Auge labte, so mehr noch die Menge der Bume, die gruppenweis, von ersichtlich
geschickter Hand, in dies Grn hineingestellt waren. Ahorn und Platanen
wechselten ab, und dazwischen drngten sich allerlei Zierstrucher zusammen, aus
denen hervor es buntfarbig blhte: Tulpenbaum und Goldregen und Schneeball und
Akazie.
    Der Anblick mute jeden entzcken, und so hing denn auch das Auge der
schnen Frau, die wir am Tage vorher auf ihrer Reise begleiteten, an dem ihr zu
Fen liegenden Bilde, freilich, im Gegensatze zu dem Obersten, ihrem Gemahl,
mit nur geteiltem Interesse.
    Der Tisch, an dem beide das Frhstck nahmen, stand im Schutz einer den
Balkon nach dem Gebirge hin abschlieenden Glaswand und fiel nicht nur durch ein
besonders elegantes Service, sondern mehr noch durch ein groes und prchtiges
Fliederbouquet auf, das man, vielleicht in Huldigung gegen die durch Rang und
Erscheinung gleich distinguierte Dame, gerad auf diesen Tisch gestellt hatte.
Ccile selbst brach einige von den Bltenzweigen ab und sah dann abwechselnd auf
Berg und Wiese, ganz einer trumerischen Stimmung hingegeben, in der sie sich
augenscheinlich ungern gestrt fhlte, wenn der Oberst, in wohlmeinendem
Erklrungseifer, den Cicerone machte.
    Vieles, hob er an, hat sich speziell an dieser Stelle gendert, seit ich
in meinen Fhnrichstagen hier war. Aber ich finde mich doch noch zurecht. Das
Plateau dort oben, mit dem groen wrfelfrmigen Gasthause, mu der
Hexentanzplatz sein. Ich hre, man kann jetzt bequem hinauffahren.
    O gewi kann man, sagte sie, whrend sie, sichtlich gleichgiltig gegen
diese Mitteilung, mit ihrem Auge den Balkon berflog, auf dem die Jalousieringe
klapperten und die rot und wei gemusterten Tischdecken im Winde wehten.
Zugleich zupfte sie an einer ihrer Schleifen und wandte den Kopf so, da man,
von der andern Seite des Balkons her, ihr schnes Profil sehen mute.
    Hexentanzplatz, nahm sie nach einer Weile das Gesprch wieder auf.
Wahrscheinlich ein Felsen mit einer Sage, nicht wahr? Wir hatten auch in
Schlesien so viele; sie sind alle so kindisch. Immer Prinzessinnen und
Riesenspielzeug. Ich dachte, der Felsen, den man hier she, hiee die
Rotrappe.
    Gewi, Ccile. Das ist der andre; gleich hier der nchste.
    Mssen wir hinauf?
    Nein, wir mssen nicht. Aber ich dachte, du wrdest es wnschen. Der Blick
ist schn, und man sieht meilenweit in die Ferne.
    Bis Berlin? Aber nein, darin irr ich, das ist nicht mglich. Berlin mu
weiter sein; fnfzehn Meilen oder noch mehr. Ah, sahst du die zwei Schwalben? Es
war, als haschten sie sich und spielten miteinander. Vielleicht sind es
Geschwister, oder vielleicht ein Prchen.
    Oder beides. Die Schwalben nehmen es nicht so genau. Sie sind nicht so
diffizil in diesen Dingen.
    Es lag etwas Bittres in dem Ton. Aber diese Bitterkeit schien sich nicht
gegen die Dame zu richten, denn ihr Auge blieb ruhig, und keine Rte stieg in
ihr auf. Sie zog nur ein Chenilletuch, das sie bis zur Hfte hatte fallen
lassen, wieder in die Hhe und sagte: Mich frstelt, Pierre.
    Weil du nicht Bewegung genug hast.
    Und weil ich schlecht geschlafen habe. Komm, ich will mich niederlegen und
eine halbe Stunde ruhn.
    Und bei diesen Worten erhob sie sich und ging unter leichtem Gru, den die
Zunchstsitzenden ebenso leicht erwiderten, auf das Nebenzimmer und den Korridor
zu. Der Oberst folgte. Nur einer der Gste, der, ber seine Zeitung fort, von
der andern Seite das Balkons her das distinguierte Paar schon seit lange
beobachtet hatte, stand auf, legte die Zeitung aus der Hand und grte mit
besondrer Devotion, was seines Eindrucks auf die schne Frau nicht verfehlte.
Wie belebt und erheitert nahm diese pltzlich ihres Begleiters Arm und sagte:
Du hast recht, Pierre. Luft wird mir besser sein als Ruhe. Mich frstelt nur,
weil ich keine Bewegung habe. La uns in den Park gehn. Wir wollen sehn, ob wir
die Stelle finden, wo die Schwalben nisten. Ich habe mir den Baum gemerkt.

Der junge Mann, der sich von seinem Platz erhoben und mit so besondrer Artigkeit
gegrt hatte, rief jetzt den Kellner heran und sagte: Kennen Sie die
Herrschaften?

    Ja, Herr von Gordon.
    Nun?
    Oberst a. D. von St. Arnaud und Frau. Sie kamen gestern mit dem Mittagszug
und nahmen ein Diner  part. Die Dame scheint krank.
    Und werden einige Tage bleiben?
    Ich vermute.
    Der Kellner trat wieder zurck, und der als Herr von Gordon Angeredete
wiederholte jetzt zwei-, dreimal den Namen, den er eben gehrt hatte. St.
Arnaud... St. Arnaud!
    Endlich schien er es gefunden zu haben.
    Ja, jetzt entsinne ich mich. In St. Denis war Anno 70 viel von ihm die
Rede. Kugel durch den Hals, zwischen Karotis und Luftrhre. Wahrer Wunderschu.
Und wunderbar auch die Heilung; in sechs Wochen wiederhergestellt. Witzleben hat
mir ausfhrlich davon erzhlt. Kein Zweifel, das ist er. Er war damals ltester
Hauptmann in einem der Garderegimenter, bei Franz oder den Maikfern, und wurde
noch in Frankreich Major. Ich mu ihn im Cerf gesehen haben. Aber warum auer
Dienst?
    Der dies Selbstgesprch Fhrende nahm, als er sich, mit Hlfe seines
Gedchtnisses, auf diese Weise leidlich orientiert hatte, die Zeitung wieder zur
Hand und berflog den Leitartikel, der die letzten Fortschritte der Russen in
Turkmenien behandelte, zugleich aber, unter allerhand Namensverwechselungen,
auch ber Indien und Persien orakelte. Der Herr Verfasser wei da so gut
Bescheid wie ich auf dem Mond. Und das Blatt verdrielich wieder beiseite
schiebend, sah er lieber auf das Gebirge hin, das er, seit lnger als einer
Woche, an jedem neuen Morgen mit immer neuer Freude betrachtete. Zuletzt ruhte
sein Blick auf dem Vordergrund und verfolgte hier die Kieswege, die sich, in
abwechselnd breiten und schmalen Schlngellinien, durch die Parkwiese hinzogen.
Eins der Bosquets, das dem Sonnenbrand am meisten ausgesetzt war, zeigte viel
Gelb, und er sah eben scharf hin, um sich zu vergewissern, ob es gelbe Blten
oder nur von der Sonne verbrannte Bltter seien, als er aus eben diesem Bosquet
die Gestalten des St. Arnaudschen Paares hervortreten sah. Sie bogen in den Weg
ein, der, jenseits der Parkwiese, parallel mit dem Hotel lief, so da man, vom
Balkon her, beide genau beobachten konnte. Die schne Frau schien sich unter dem
Einflusse der Luft rasch gekrftigt zu haben und ging aufrecht und elastisch,
trotzdem sich unschwer erkennen lie, da ihr das Gehen immer noch Mh und
Anstrengung verursachte.
    Das ist Baden-Baden, sagte der vom Balkon aus sie Beobachtende.
Baden-Baden oder Brighton oder Biarritz, aber nicht Harz und Hotel Zehnpfund.
Und so vor sich hin sprechend, folgte sein Auge dem sich bald nhernden, bald
entfernenden Paare mit immer gesteigertem Interesse, whrend er zugleich in
seinen Erinnerungen weiterforschte. St. Arnaud. Anno 70 war er noch
unverheiratet, sie wre damals auch kaum achtzehn gewesen. Und unter solchem
Rechnen und Erwgen erging er sich in immer neuen Mutmaungen darber, welche
Bewandtnis es mit dieser etwas sonderbaren und berraschenden Ehe haben mge.
Dahinter steckt ein Roman. Er ist ber zwanzig Jahre lter als sie. Nun, das
ginge schlielich, das bedeutet unter Umstnden nicht viel. Aber den Abschied
genommen, ein so brillanter und bewhrter Offizier! Man sieht ihm noch jetzt den
Schneid an; Garde-Oberst comme il faut, jeder Zoll. Und doch auer Dienst.
Sollte vielleicht... Aber nein, sie coquettiert nicht, und auch sein Benehmen
gegen sie hlt das richtige Ma. Er ist artig und verbindlich, aber nicht zu
gesucht artig, als ob was zu kaschieren sei. Nun, ich will es schon erfahren.
brigens wirkt sie katholisch, und wenn sie nicht aus Brssel ist, ist sie
wenigstens aus Aachen. Nein, auch das nicht. Jetzt hab ich es: Polin oder
wenigstens polnisches Halbblut. Und in einem festen Kloster erzogen, Sacr coeur
oder Zum guten Hirten.

                                Drittes Kapitel


Herr von Gordon war auf bestem Wege, seine Mutmaungen noch weiter auszuspinnen,
als er sich durch ein von rckwrts her laut werdendes, sehr ungeniertes Lachen
unterbrochen und zwei neue Besucher auf den Balkon heraustreten sah, stattliche
Herren von etwa dreiig, ber deren spezielle Heimat, sowohl ihrem Auftreten wie
besonders ihrer Sprechweise nach, kein Zweifel sein konnte. Sie trugen
graubraune Sommeranzge, deren Farbe sich nach oben hin bis in die kleinen
Filzhte fortsetzte, dazu Plaids und Reisetaschen. Alles pate vorzglich
zusammen, mit Ausnahme zweier Ausrstungsgegenstnde, von denen der eine, mit
Rcksicht auf eine Harzreise, des Guten zuwenig, der andere aber entschieden
zuviel tat. Diese zwei nicht passenden Dinge waren: ein eleganter
Promenadenstock mit Elfenbeingriff und andrerseits ein hypersolides Schuhzeug,
das sich mit seinen Schnrsen und dicken Sohlen ausnahm, als ob es sich um eine
Besteigung des Matterhorn, nicht aber der Rotrappe gehandelt htte.
    Wo kampieren wir? fragte der ltere, von der Trschwelle her Umschau
haltend. Im selben Augenblick aber des geschtzt stehenden Tisches mit dem
groen Fliederstrau ansichtig werdend, an dem die St. Arnauds eben noch
gesessen hatten, schritt er rasch auf diese bevorzugte, weil windgeschtzte,
Stelle zu und sagte: Wo das blht, da la dich ruhig nieder, bse Menschen
haben keinen Flieder. Und im selben Augenblicke sowohl Reisetasche wie Plaid
ber die Stuhllehne hngend, rief er mit charakteristischer Betonung der letzten
Silbe: Kellnr!
    Befehlen?
    Zuvrderst einen Mokka samt Zubehr, oder sagen wir kurz: ein Schweizer
Frhstck. Jedem Mann ein Ei, dem tapfren Schweppermann aber zwei.
    Der Kellner lchelte schalkhaft vor sich hin und suchte, zu sichtlicher
Freude der beiden neuen Ankmmlinge, durch eine humoristische Handbewegung
auszudrcken, da er nicht recht wisse, wer der zu Bevorzugende sein werde.
    Berliner?
    Zu dienen.
    Nun denn, Freund und Landsmann, Sie werden uns nicht verraten, wenn Sie
hren, da wir eigentlich beide Schweppermnner sind. Macht vier Eier. Und nun
flink. Aber erst hier das alte Schlachtfeld abrumen. Und wie steht es mit
Honig?
    Sehr gut.
    Nun denn auch Honig. Aber Wabenhonig. Alles frisch vom Fa. Echt, echt!
    Unter diesem Gesprche hatte der Kellner den Tisch klargemacht und ging nun,
um das Frhstck herbeizuschaffen. Es folgte eine Pause, die das Berliner Paar,
weil ihm nichts anderes brigblieb, mit Naturbetrachtungen ausfllte.
    Das also ist der Harz oder das Harzgebirge, nahm der ltere zum zweiten
Male das Wort, derselbe, der das kurze Gesprch mit dem Kellner gehabt hatte.
Merkwrdig hnlich. Ein bichen wie Tivoli, wenn die Kuhnheimsche Fabrik in
Gang ist. Sieh nur, Hugo, wie das Ozon da drben am Gebirge hinstreicht. In den
Zeitungen heit es in einer allwchentlich wiederkehrenden Annonce: Thale,
klimatischer Kurort. Und nun diese Schornsteine! Na, meinetwegen; Rauch
konserviert, und wenn wir hier vierzehn Tage lang im Schmok hngen, so kommen
wir als Dauerschinken wieder heraus. Ach, Berlin! Wenn ich nur wenigstens die
Rotrappe sehen knnte!
    Du hast sie ja vor dir, sagte der andre, whrend eben auf einem groen
Tablett das Frhstck gebracht wurde. Nicht wahr, Kellner, das rtliche Haus da
oben, das ist die Rotrappe?
    Nicht ganz, mein Herr. Die Rotrappe liegt etwas weiter zurck. Das Haus,
das Sie sehen, ist das Hotel zur Rotrappe.
    Na, das ist die Rotrappe. Das Hotel entscheidet. brigens, Pilsener oder
Kulmbacher?
    Beides, meine Herren. Aber wir brauen auch selbst.
    Wohl am Ende da drben, wo der Rauch zieht?
    Nein, hier mehr links. Die Schornsteine nach rechts hin sind die
Blechhtte.
    Was?
    Die Blechhtte. Blech mit Emaille.
    Wundervoll! Mit Emaille! Fehlt blo noch das Zifferblatt. Und darf man das
alles sehn?
    O gewi, gewi. Wenn die Herren nur ihre Karten abgeben wollen...
    Und damit brach das Gesprch ab, und die beiden Touristen par excellence
machten sich an ihr Frhstck mit Ei und Wabenhonig.

Eine halbe Stunde spter erhoben sie sich und verlieen den Balkon, wobei der
jngere den Stock mit der Elfenbeinkrcke quer vor den Mund nahm, zugleich den
Ton einer zum Marsch blasenden Pickelflte nachahmend. Alles, was noch auf dem
Balkon verblieben war, sah ihnen neugierig nach, auch Gordon, der ihren
Weitermarsch bis ins Bodetal hinein verfolgt haben wrde, wenn nicht der eben
mit neuen Ankmmlingen eingetroffene Frhzug sein Interesse nach der
entgegengesetzten Seite hin abgezogen htte. Sngervereine rckten vom Bahnhof
heran und marschierten auf Treseburg zu, wo sie den Tag zu verbringen und ihre
Sngerwettkmpfe zu fhren gedachten. Im Vorberziehen an dem Hotel schwenkten
sie die Hte, zahllose Hochs ausbringend, von denen niemand recht wute, wem sie
galten. An ihre letzte Sektion aber schlossen sich alle diejenigen an, die der
Zug auerdem noch gebracht hatte, lauter Durchschnittsfiguren, unter denen nur
die direkt Abschlieenden einiger Aufmerksamkeit wert waren.
    Es waren ihrer zwei, beide lebhaft plaudernd, aber doch nur wie Personen,
die sich eben erst kennengelernt haben. Der zur Linken Gehende, schwarz
gekleidet in Stehkragenrock, dabei von freundlichen Zgen, war ein alter
Emeritus, den Gordon schon von verschiedenen Ausflgen und namentlich von der
Table d'hte her kannte, whrend der andere durch eine groe Hlichkeit und
beinah mehr noch durch die Sonderbarkeit seiner Kleidung auffiel. Er trug
nmlich ziemlich defekte Gamaschen und eine Manchesterweste, deren Sche lnger
waren als seine Joppe, dazu Strippenhaar, Klapphut und Hornbrille. Worauf
deutete das alles hin? Seinem unteren Menschen nach htte man ihn ohne weiteres
fr einen Trapper, seinem oberen nach ebenso zweifellos fr einen Rabulisten und
Winkeladvokaten halten mssen, wenn nicht sein letztes und vorzglichstes
Ausrstungsstck: eine Botanisiertrommel, gewesen wre, ja sogar eine
Botanisiertrommel am gestickten Bande. Diese bestndig hin und her schiebend,
schritt er an der Seite des geistlichen Herrn, der brigens bereits Miene zum
Abschwenken machte, mit groen Schritten und unter bestndigen Gestikulationen
auf die Parkwiese zu.
    Botaniker, sagte Gordon zu dem Wirte von Hotel Zehnpfund, der sich ihm
mittlerweile gesellt hatte. Sieht er nicht aus wie Knecht Ruprecht, der den
Frhling in seinen Sack stecken will?
    Der joviale Hotelier jedoch, der, wie die meisten seines Standes, ein
Menschenkenner war, wollte von der Gordonschen Diagnose nichts wissen und sagte:
Nein, Herr von Gordon, die grne Trommel, die kenn ich: in neun Fllen von zehn
ist sie Vorratskammer, am gestickten Bande aber ist sie's immer. Nichts von
Botanik. Ich halte den Herrn fr einen Urnenbuddler.
    Archologe?
    So drum herum.
    Und als beide so sprachen, verschwand der Gegenstand ihrer Unterhaltung
jenseits der Parkwiese, nachdem er sich schon vorher von dem im Hotel wohnenden
Emeritus verabschiedet hatte.

                                Viertes Kapitel


Zehn Minuten vor eins lutete die Tischglocke durch alle Korridore hin, und
wiewohl die Haute-Saison noch nicht begonnen hatte, versammelte sich doch eine
stattliche Zahl von Gsten im groen Speisesaal. Auch die beiden Berliner in
Graubraun fehlten nicht und hatten sofort am untern Ende der Tafel eine Korona
teils bewundernder, teils lchelnder Zuhrer um sich her, zu welchen letztren
auch der alte Herr im geistlichen Rock und der Langhaarige mit der Hornbrille
zhlte. Das im Gegensatze zu dem unterwegs von Ccile geuerten Wunsche heut
ebenfalls erschienene St. Arnaudsche Paar war vom Oberkellner gebeten worden,
die Mittelpltze der Tafel einzunehmen, gegenber von Herrn von Gordon, der im
selben Augenblicke, wo die Herrschaften Platz genommen hatten, auch schon die
mit allerhand rotem Blattwerk zwischen ihm und Ccile stehende Vase zu
verwnschen begann. Selbstverstndlich lie er sich durch dies Hindernis nicht
abhalten, sich vorzustellen, worauf der Oberst, vielleicht weil er einen
adeligen Namen gehrt hatte, mit bemerkenswerter Artigkeit erwiderte: von St.
Arnaud - meine Frau. Es schien aber bei diesem Namensaustausch bleiben zu
sollen, denn Minuten vergingen, ohne da ein weiterer Annherungsversuch von
hben oder drben gemacht worden wre. Gordon, trotzdem ihm die Tage preuischer
Disziplin um mehrere Jahre zurcklagen, glaubte doch, mit Rcksicht auf den Rang
des Obersten, diesem das erste Wort berlassen zu mssen. Auch Ccile schwieg
und richtete nur dann und wann ein Wort an ihren Gemahl, whrend sie mechanisch
an einem Trkisringe drehte.
    Seit dem Ragot fin en coquille, von dem sie zwei Brckchen gekostet und
zwei andere auf der Gabelspitze gelassen hatte, hatte sie bei jedem neu
prsentierten Gange gedankt und lehnte sich jetzt mit verschrnkten Armen in den
Stuhl zurck, nur dann und wann nach der Saaluhr blickend, auf deren Zifferblatt
der Zeiger langsam vorrckte. Gordon, auf bloe Beobachtung angewiesen, begann
allmhlich die Vase zu segnen, die, so hinderlich sie war, ihm wenigstens
gestattete, seine Studien einigermaen unauffllig, wenn auch freilich nicht
unbemerkt, fortsetzen zu knnen. Er gestand sich, selten eine schnere Frau
gesehen zu haben, kaum in England, kaum in den States. Ihr Profil war von
seltener Reinheit, und das Fehlen jeder Spur von Farbe gab ihrem Kopfe, darin
Apathie der vorherrschende Zug war, etwas Marmornes. Aber dieser Ausdruck von
Apathie war nicht Folge besonderer Niedergeschlagenheit, noch weniger von
schlechter Laune, denn ihre Zge, wie Gordon nicht entging, begannen sich sofort
zu beleben, als pltzlich von der unteren Tafel her dem Kellner in gutem
Berlinisch zugerufen wurde: Kalt stellen also. Aber nicht zu lange. Denn der
Knall bleibt immer die Hauptsache - bei welcher These der, der sie aufstellte,
mit seinem Zeigefinger rasch und geschickt unter den Mundwinkel und mit solcher
Energie wieder herausfuhr, da es einen lauten Puff gab.
    Alles lachte. Selbst der Oberst schien froh, aus der Tafel-Langweile heraus
zu sein, und sagte jetzt, whrend er sich ber den Tisch hin vorbeugte: Nicht
wahr, Herr von Gordon, Sie sind ein Sohn des Generals?
    Nein, mein Herr Oberst, auch kaum verwandt, denn ich bin eigentlich ein
Leslie. Der Name Gordon ist erst durch Adoption in unsere Familie gekommen.
    Und stehen in welchem Regiment?
    In keinem, Herr Oberst. Ich habe den Dienst quittiert.
    Ah, sagte der Oberst, und eine Pause folgte, die zum zweiten Male
verhngnisvoll werden zu wollen schien. Aber die Gefahr ging glcklich vorber,
und St. Arnaud, der sonst wenig sprach, fuhr mit einem fr seinen Charakter
berraschend artigen Entgegenkommen fort: Und Sie sind schon lngere Zeit hier,
Herr von Gordon? Und vielleicht zur Kur?
    Seit einer Woche, mein Herr Oberst. Aber nicht eigentlich zur Kur. Ich will
ausruhen und eine gute Luft atmen und nebenher auch Pltze wiedersehen, die mir
aus meiner Kindheit her teuer sind. Ich war, eh ich in die Armee trat, oft im
Harz und darf sagen, da ich ihn kenne.
    Da bitt ich, da wir uns vorkommendenfalls an Ihren guten Rat und Ihre
Hlfe wenden drfen. Wir gedenken nmlich, sobald es das Befinden meiner Frau
zult, immer hher in die Berge hinaufzugehen und etwa mit Andreasberg
abzuschlieen. Es soll dort die beste Luft fr Nervenkranke sein.
    In diesem Augenblicke prsentierte der Kellner ein Panach, von dessen
Vanillenseite Frau von St. Arnaud nahm und kostete. Lieber Pierre, sagte sie
dann mit sich rasch belebender Stimme, du bittest Herrn von Gordon um seinen
Beistand und verscheuchst ihn im selben Augenblick aus unserer Nhe. Denn was
ist lstiger als Rcksichten auf eine kranke Frau nehmen? Aber erschrecken Sie
nicht, Herr von Gordon, wir werden Ihre Gte nicht mibrauchen, wenigstens nicht
ich. Sie sind zweifellos ein Bergsteiger, also enragiert fr groe Partien,
whrend ich vorhabe, mir, noch auf Wochen hin, an unserem Balkon und der
Parkwiese gengen zu lassen.
    Das Gesprch setzte sich fort und ward erst unterbrochen, als der an der
unteren Tafel inzwischen erschienene Champagner mit allem Zeremoniell geffnet
wurde. Der Pfropfen flog in die Hh, und whrend der jngere die Glser fllte,
musterte der ltere die Marke, selbstverstndlich nur, um Gelegenheit zum
Vortrage einiger Champagner-Anekdoten zu finden, die smtlich, um seinen eigenen
Ausdruck zu gebrauchen, auf Wirt und Hotel-Entlarvung auf dem Pfropfenwege
hinausliefen - alles brigens in bester Laune, die sich nicht blo seiner
nchsten Umgebung, sondern so ziemlich der ganzen Tafel mitteilte.
    Zehn Minuten danach erhob man sich und verlie in Gruppen den Esaal. Auch
die Berliner gingen den Korridor hinunter, machten aber an einem
Fenstertischchen halt, auf dem das Fremdenbuch aufgeschlagen lag, und begannen
darin zu blttern.
    Ah, hier. Das is er: Gordon-Leslie, Zivilingenieur.
    Gordon-Leslie! wiederholte der andere. Das ist ja der reine Wallensteins
Tod!
    Wahrhaftig, fehlt blo noch Oberst Buttler.
    Na, hre, der alte...
    Meinst du?
    Freilich, mein ich. Sieh dir 'n mal an. Wenn der erst anfngt... 
    Hre, das wr famos; da knnt man am Ende noch was erleben.
    Und damit gingen sie weiter und auf ihr Zimmer zu, um sich hier, wie sich
der ltere ausdrckte, inwendig ein bichen zu besehn.

                                Fnftes Kapitel


Gleich nach Aufhebung der Tafel war zwischen den St. Arnauds und ihrem neuen
Bekannten und Tisch-vis--vis ein Nachmittagsspaziergang auf die Rotrappe
hinauf verabredet worden, und um vier Uhr traf man sich unter der groen
Parkplatane, wo Gordon dann sofort auch, aber doch erst, nachdem er seine
Dispositionen gehorsamst unterbreitet hatte, die Fhrung bernahm. Die gndige
Frau, so waren seine Worte gewesen, mge nicht erschrecken, wenn er, statt des
sehr steilen nchsten Weges, einen Umweg vorschlage, der sich nicht blo durch
das, was er habe (darunter die schnsten Durchblicke), sondern viel, viel mehr
noch durch das, was er nicht habe, hchst vorteilhaft auszeichne. Die sonst
blichen Begleitstcke harzischer Promenadenwege: Htten, Kinder und aufgehngte
Wsche, kmen nmlich in Wegfall.
    Ccile gab in guter Laune die Versicherung, lange genug verheiratet zu sein,
um auch in kleinen Dingen Gehorsam und Unterordnung zu kennen; am wenigsten aber
werde sie sich gegen Herrn von Gordon auflehnen, der den Eindruck mache, wie zum
Fhrer und Pfadfinder geboren zu sein.
    Bedanken Sie sich, lachte der Oberst. Reminiszenz aus Lederstrumpf.
    Gordon war nicht angenehm von einem Scherze berhrt, dessen Spott sich
ebenso gegen ihn wie gegen Ccile richten konnte, verwand den Eindruck aber
schnell und nahm das Shawltuch, das die schne Frau bis dahin ber dem Arm
getragen hatte. Dann wies er auf einen einigermaen schattigen, am Parkende
gelegenen Steinweg hin und fhrte, diesen einschlagend, das St. Arnaudsche Paar,
an Buden und Sommerhusern vorber, auf das benachbarte Hubertusbad zu, von dem
aus er den Aufstieg auf die Rotrappe bewerkstelligen wollte. Von beiden Seiten
trat das Laubholz dicht heran, aber auch freiere Pltze kamen, auf deren einem
eine von einem vergoldeten Drahtgitter eingefate, mit wildem Wein und Efeu
dicht berwachsene Villa lag. Nichts regte sich in dem Hause, nur die Gardinen
bauschten berall, wo die Fenster aufstanden, im Zugwind hin und her, und man
htte den Eindruck einer absolut unbewohnten Sttte gehabt, wenn nicht ein
prchtiger Pfau gewesen wre, der, von seiner hohen Stange herab, ber den meist
mit Rittersporn und Brennender Liebe bepflanzten Vorgarten hin, in bermtigem
und herausforderndem Tone kreischte.
    Ccile blieb betroffen stehen und wandte sich dann zu Gordon, der den ganzen
Umweg vielleicht nur um dieser Stelle willen gemacht hatte.
    Wie zauberhaft, sagte sie. Das ist ja das verwunschene Schlo im Mrchen.
Und so still und lauschig. Wirkt es nicht, als wohne der Friede darin oder, was
dasselbe sagt: das Glck.
    Und doch haben beide keine Sttte hier gefunden, und ich gehe tglich an
diesem Hause vorber und hole mir eine Predigt.
    Und welche?
    Die, da man darauf verzichten soll, ein Idyll oder gar ein Glck von auen
her aufbauen zu wollen. Der, der dies schuf, hatte dergleichen im Sinn. Aber er
ist ber die bloe Kulisse nicht hinausgekommen, und was dahinter fr ihn
lauerte, war weder Friede noch Glck. Es geht ein finsterer Geist durch dieses
Haus, und sein letzter Bewohner erscho sich hier, an dem Fenster da (das
vorletzte links), und wenn ich so hinseh, ist mir immer, als sh er noch heraus
und suche nach dem Glcke, das er nicht finden konnte. Pltze, daran Blut klebt,
erfllen mich mit Grauen.
    Es war, als ob Gordon auf ein Wort der Zustimmung gewartet htte. Dies Wort
blieb aber aus, und Ccile zhlte nur die Maschen des vor ihr ausgespannten
Drahtgitters, whrend der Oberst sein Lorgnon nahm und die Fenster mit einer Art
ruhiger Neugier musterte.
    Dann, ohne da weiter ein Wort gesprochen worden wre, schritt man dem
Schlngelwege zu, der auf die Rotrappe hinauffhrte.

                                Sechstes Kapitel


Die Bahnhofsuhr unten in Thale schlug eben fnf, als das St. Arnaudsche Paar und
Gordon bis auf wenige Schritt an den Felsenvorsprung mit dem Hotel zur Rotrappe
heran waren und im selben Augenblicke wahrnahmen, da viele der Gste, mit denen
sie die Table d'hte geteilt hatten, ebenfalls hier oben erschienen waren, um an
diesem bevorzugten Aussichtspunkte ihren Kaffee zu nehmen. Einige, darunter auch
die beiden Herren in Graubraun (und an einem Nachbartische der Emeritus und der
Langhaarige), saen, paar- und gruppenweis, unter einem von Pfeifenkraut
berwachsenen Zeltschuppen und sahen in die reiche Landschaft hinein, aus der,
in nchster Nhe, die pittoresken Gebilde der Teufelsmauer und weiter zurck die
Quedlinburger und Halberstdter Turmspitzen aufragten. Alles, was unter dem
Zeltschuppen und zum Teil auch in Front desselben sa, war heiter und guter
Dinge, voran die beiden Berliner, deren Diner-Stimmung sich, unter dem Einflu
einiger Kaffee-Cognacs, eher gesteigert als gemindert hatte.
    Da sind sie wieder, sagte der ltere, whrend er auf das St. Arnaudsche
Paar und den unmittelbar folgenden Gordon zeigte: Sieh nur, schon den Shawl
berm Arm. Der fackelt nicht lange. Was du tun willst, tue bald. Ich wundre mich
nur, da der Alte...
    Seine Neigung, in diesem Gesprchstone fortzufahren, war unverkennbar; er
brach aber ab, weil die, denen diese Bemerkungen galten, mittlerweile ganz in
ihrer Nhe Platz genommen hatten, und zwar an einem unmittelbar am Abhange
stehenden Tische, neben dem auch ein Teleskop fr das schaulustige Publikum
aufgestellt war. Eine junge, freilich nicht allzu junge, mit Skizzierung der
Landschaft beschftigte Dame sa schon vorher an dieser Stelle, was den
Obersten, als er seinen Stuhl heranschob, zu den Worten veranlate: Pardon,
wenn wir lstig fallen. Aber alle Tische sind besetzt, mein gndiges Frulein,
und der Ihrige geniet auerdem des Vorzugs, der landschaftlich anziehendste zu
sein.
    Das ist er, sagte die Dame rasch und mit ungewhnlicher Unbefangenheit,
whrend sie das Blatt, an dem sie bis dahin gezeichnet, in die Mappe schob. Ich
ziehe diese Stelle jeder andern vor, auch der eigentlichen Rotrappe. Dort ist
alles Kessel, Eingeschlossenheit und Enge, hier ist alles Weitblick. Und
Weitblicke machen einem die Seele weit und sind recht eigentlich meine Passion
in Natur und Kunst.
    Der Oberst, den das frank und freie Wesen der jungen Dame sichtlich
anmutete, beeilte sich, sich und seine Begleitung vorzustellen, und fuhr dann
fort: Ich hoffe, meine Gndigste, da wir nicht zu sehr als eine Strung
empfunden werden. Sie schoben das Blatt in die Mappe...
    Nur weil es beendet war, nicht um es Ihren Augen zu entziehen. Ich
mibillige diese Kunstprderie, die doch meistens nur Hochmut ist. Die Kunst
soll die Menschen erfreuen, immer da sein, wo sie gerufen wird, aber sich nicht
wie die Schnecke furchtsam oder gar vornehm in ihr Haus zurckziehen. Am
schrecklichsten sind die Klaviervirtuosen, die zwlf Stunden lang spielen, wenn
man sie nicht hren will, und nie spielen, wenn man sie hren will. Das
Verlangen nach einem Walzer ist ihnen die tdlichste der Beleidigungen, und doch
ist ein Walzer etwas Hbsches und wohl des Entgegenkommens wert. Denn er macht
ein Dutzend Menschen auf eine Stunde glcklich.
    Ein herantretender und nach den Befehlen der neuen Gste fragender Kellner
unterbrach hier auf Augenblicke das Gesprch, aber es wurde rasch wieder
aufgenommen und fhrte, nach einer kleinen Weile schon, zur Durchsicht der
bereits die verschiedensten Bltter enthaltenden Mappe. Ccile war entzckt,
verklagte sich ihrer argen Talentlosigkeit halber, unter der sie zeitlebens
gelitten, und tat freundliche, wohlgemeinte Fragen, die reizend gewesen wren,
wenn sich nicht, bei mancher berraschenden Kenntnis im einzelnen, im ganzen
genommen eine noch verwunderlichere Summe von Nicht-Wissen darin ausgesprochen
htte. Sie selber schien aber kein Gewicht darauf zu legen und bersah ein
nervses Zucken, das bei der einen oder anderen dieser Fragen um den Mund ihres
Gatten spielte.
    Gordon, selber ein guter Zeichner und speziell von einem fr landschaftliche
Dinge gebten Auge, hatte hier und da Bedenken und gab ihnen, wenn auch unter
den artigsten Entschuldigungen, Ausdruck.
    Oh, nur das nicht, sagte die junge Dame. Nur keine Entschuldigungen.
Nichts schrecklicher als totes Lob; ein verstndiger und liebevoller Tadel ist
das Beste, was ein Knstlerohr vernehmen kann. Aber sehen Sie das hier; das ist
besser. Und sie zog unter den Blttern eines hervor, das eine Wiese mit
Brunnentrog und an dem Trog ein paar Khe zeigte.
    Das ist schn, sagte Gordon, whrend die bestndig auf hnlichkeiten
ausgehende Ccile durchaus eine Wiese, die man vorher passiert hatte, darin
wiedererkennen wollte.
    Die junge Malerin berhrte diese Bemerkungen aber und fuhr, whrend sie
Gordon ein zweites Blatt zuschob, in immer lebhafterem Tone fort: Und hier
sehen Sie, was ich kann und nicht kann. Ich bin nmlich, um es rundheraus zu
sagen, eine Tiermalerin.
    Ah, das ist ja reizend, sagte Ccile.
    Doch nicht, meine gndigste Frau, wenigstens nicht so bedingungslos, wie
Sie gtigst anzunehmen scheinen. Eine Dame soll Blumenmalerin sein, aber nicht
Tiermalerin. So fordert es die Welt, der Anstand, die Sitte. Tiermalerin ist an
der Grenze des Unerlaubten. Es gibt da so viele intrikate Dinge. Glauben Sie
mir, Tiere malen aus Beruf oder Neigung ist ein Schicksal. Und wer den Schaden
hat, darf fr den Spott nicht sorgen. Denn zum berflu heie ich auch noch
Rosa, was in meinem speziellen Falle nicht mehr und nicht weniger als eine
Kalamitt ist.
    Und warum das? fragte Ccile.
    Weil mich, auf diesen Namen hin, die Neidteufelei der Kollegen in Gegensatz
bringt zu meiner berhmten Namensschwester. Und so nennen sie mich denn Rosa
Malheur.
    Ccile verstand nicht. Gordon aber erheiterte sich und sagte: Das ist
allerliebst, und ich mte mich ganz in Ihnen irren, wenn Sie diese Namensgebung
auch nur einen Augenblick ernstlich verdrsse.
    Tut es auch nicht, lachte jetzt das Frulein, das eigentlich stolz auf den
Spitznamen war, den man ihr gegeben hatte. Man kommt darber hin. Und
Spielverderberei gehrt ohnehin nicht zu meinen Tugenden.
    In diesem Augenblick erschien der Kellner mit einem tassenklirrenden
Tablett, und whrend er die Serviette zu legen und den Tisch zu arrangieren
begann, hrte man, bei der eingetretenen Gesprchspause, beinah jedes Wort, das
unter dem Zeltschuppen, und zwar an dem zunchststehenden Tische, gesprochen
wurde.
    Darin, sagte der Langhaarige, dessen Botanisiertrommel trophenartig an
einem Balkenhaken hing, darin, mein sehr verehrter Herr Emeritus, mu ich Ihnen
durchaus widersprechen. Es ist ein Irrtum, alles in unserer Geschichte von den
Hohenzollern herleiten zu wollen. Die Hohenzollern haben das Werk nur
weitergefhrt, die Begrnder aber sind die halb vergessenen und eines dankbaren
Gedchtnisses doch so wrdigen Askanier. Ein oberflchlicher
Geschichtsunterricht, der beilufig die Hauptschuld an dem pietts-und
vaterlandslosen Nihilismus unserer Tage trgt, begngt sich, wenn von den
Askaniern die Rede ist, in der Regel mit zwei Namen, mit Albrecht dem Bren und
Waldemar dem Groen, und wenn der Herr Lehrer ein wenig sthetisiert (ich hasse
das sthetisieren in der Wissenschaft), so spricht er auch wohl von Otto mit dem
Pfeil und der schnen Heilwig und dem Schatz in Angermnde. Nun ja, das mag
gehen; aber das alles sind, wenn nicht Allotria, so doch bloe Kosthppchen. In
Wahrheit liegt es so, da sie, die Askanier, trotz einiger sonderbarer Beinamen
und Bezeichnungen, die, wie gern zugestanden werden mag, den Scherz oder einen
billigen Witz herausfordern, samt und sonders bedeutend waren. Ich sage, gern
zugestanden. Aber andrerseits mu ich doch sagen drfen, wohin kommen wir, mein
Herr Emeritus, wenn wir die Bedeutung der Menschen nach ihren Namen abschtzen
wollen? Ist Klopstock ein Dichtername? Vermutet man in Griepenkerl einen
Dramatiker oder in Bengel einen berhmten Theologen? Oder gar in Ledderhose? Wir
mssen uns frei machen von solchen Albernheiten.
    An einer lebhaften Bewegung seiner Lippen lie sich erkennen, da der
Emeritus emsig dabei war, dem Manne des historischen Essays mit gleicher Mnze
heimzuzahlen, da seine Pensionierung aber, auf Antrag seiner ihn sonst
verehrenden Gemeinde, vor zehn Jahren schon, und zwar um Mmmelns willen,
erfolgt war, so war an ein Verstehen dessen, was er sagte, gar nicht zu denken,
whrend das, was in eben diesem Augenblick an dem berlinischen Nachbartisch
gesprochen wurde, desto deutlicher herberschallte.
    Sieh nur, sagte der ltere. Die beiden Trme da. Der nchste, das mu der
Quedlinburger sein, das ist klar, das kann 'ne alte Frau mit 'm Stock fhlen.
Aber der dahinter, der sich so retir hlt! Ob es der Halberstdter ist? Es mu
der Halberstdter sein. Was meinst du, wollen wir 'n mal ein bichen ranholen?
    Gewi. Aber womit?
    Na, mit 's Perspektiv. Sieh doch den Opernkucker da.
    Wahrhaftig. Und auf 'ner Lafette. Komm.
    Und so weitersprechend, erhoben sie sich und gingen auf das Teleskop zu.
    Berliner, flsterte Rosa leise zu Gordon hinber und rckte mehr
seitwrts.
    Aber sie gewann wenig durch diese Retraite, denn die Stimmen der jetzt
abwechselnd in das Glas hineinschauenden beiden Freunde waren von solcher
Berliner Schrfe, da kein Wort von ihrer Unterhaltung verlorenging.
    Nu? hast du 'n?
    Ja. Haben hab ich ihn. Und er kommt auch immer nher. Aber er wackelt so.
    Denkt nicht dran. Weit du, wer wackelt? Du.
    Noch nich.
    Aber bald.
    Und damit traten sie von dem Teleskop wieder unter die Halle zurck, wo sie
sich nunmehr rasch zum Weitermarsch auf die eigentliche Rotrappe hin
fertigmachten.
    Als sie fort waren, sagte Rosa: Gott sei Dank. Ich ngstige mich immer so.
    Warum?
    Weil meine lieben Landsleute so sonderbar sind.
    Ja sonderbar sind sie, lachte Gordon. Aber nie schlimm. Oder sie mten
sich in den letzten zehn Jahren sehr verndert haben.

So plaudernd, wurde das Durchblttern der Mappe fortgesetzt, freilich unter sehr
verschiedener Anteilnahme. Der Oberst, ohne recht hinzublicken, beschrnkte sich
auf einige wenige, bei solcher Gelegenheit immer wiederkehrende
Bewunderungslaute, whrend Ccile zwar hinsah, aber doch vorwiegend mit einem
schnen Neufundlnder spielte, der, von Hotel Zehnpfund her, der schnen Frau
gefolgt war und, seinen Kopf in ihren Scho legend, mit unerschttertem und
beinah zrtlichem Vertrauensausdruck auf die Zuckerstcke wartete, die sie ihm
zuwarf. Nur Gordon war bei der Sache, machte Bemerkungen, die zwischen Ernst und
Scherz die Mitte hielten, und sagte, als ein Blatt kam, das ein aus vielen
Feldsteinen aufgebautes Grabmal darstellte: Pardon, ist das Absicht oder
Zufall? Einige der Steine haben eine Totenkopfphysiognomie. Wahrhaftig, man wei
nicht, ist es ein Steinkegel oder eine Schdelsttte?
    Rosa lachte. Sie haben die Bilder von Wereschagin gesehen?
    Freilich. Aber nur die Skizzen.
    In Paris?
    Nein, in Samarkand. Und dann spter eine grere Zahl in Plewna.
    Sie scherzen. Plewna, das mchte gehn, das glaub ich Ihnen. Aber Samarkand!
Ich bitte Sie, Samarkand ist doch eigentlich blo Mrchen.
    Oder schreckliche Wirklichkeit, erwiderte Gordon. Entsinnen Sie sich der
samarkandischen Tempeltren?
    O gewi. Eine Perle.
    Zugestanden. Aber haben Sie nebenher auch die Tempelwchter mit Pfeil und
Bogen in Erinnerung, die, der seltsam kriegerischsten Beschftigung hingegeben
(da, wo sich Krieg und Jagd berhren), in Front dieser berhmten Tempeltren
hockten? Ach, meine Gndigste, glauben Sie mir, die Vorzge jener Gegenden sind
beraus zweifelhafter Natur, und ich bin alles in allem entschieden fr Berlin
mit einer Lohengrin- Auffhrung und einem Souper bei Hiller. Lohengrin ist
phantastischer und Hiller appetitlicher. Und auch das letztere bedeutet viel,
sehr viel. Namentlich auf die Dauer.
    Der Oberst nickte zustimmend, die Malerin aber wollte sich nicht gleich und
jedenfalls nicht in allen Stcken gefangengeben und fuhr deshalb fort: Es mag
sein. Aber eines bleibt, die groartige Tierwelt: der Steppenwolf, der
Steppengeier.
    Im ganzen werden Sie die Bekanntschaft dieser liebenswrdigen Geschpfe
Gottes im Berliner Zoologischen sichrer und kopierbarer machen als an Ort und
Stelle. Die Wahrheit zu gestehen, ich habe, whrend meines Trienniums in der
Steppe, keinen einzigen Steppengeier gesehen und sicherlich keinen, der sich so
gut ausgenommen htte wie der da. Freilich kein Geier. Sehen Sie, meine
Gndigste, da zwischen den Klippen.
    Und er wies auf einen Habicht, der sich, am Eingange der Schlucht, hoch in
Lften wiegte.
    Rosa sah dem Fluge nach und bemerkte dann: Er fliegt offenbar nach dem
Hexentanzplatz hin.
    Gewi߫, sagte Ccile, von Herzen froh, da endlich ein Wort gefallen war,
das sie der unheilvollen Mappe samt daran anknpfenden kunststhetischen oder
gar erdbeschreiblichen Betrachtungen entzog. Nach dem Hexentanzplatz! Ich hre
das Wort immer wieder und wieder; heute schon zum dritten Male.
    Was einer Mahnung, ihn zu besuchen, gleichkommt, meine gndigste Frau.
Wirklich, wir werden ihn ber kurz oder lang sehen mssen, das schulden wir
einem Harzaufenthalte. Denn allerorten, wo man sich aufhlt, hat man eine Art
Pflicht, das Charakteristische der Gegend kennenzulernen, in Samarkand (und er
verbeugte sich gegen Rosa) die Tempeltren und ihre Wchter, in der Wste den
Wstenknig und im Harze die Hexen. Die Hexen sind hier nmlich Landesprodukt
und wachsen wie der rote Fingerhut berall auf den Bergen umher. Auf Schritt und
Tritt begegnet man ihnen, und wenn man fertig zu sein glaubt, fngt es erst
recht eigentlich an. Zuletzt kommt nmlich der Brocken, der in seinem Namen zwar
alle hexlichen Beziehungen verschweigt, aber doch immer der eigentlichste
Hexentanzplatz bleibt. Da sind sie zu Haus, das ist ihr Ur- und Quellgebiet.
Allen Ernstes, die Landschaft ist hier so gesttigt mit derlei Stoff, da die
Sache schlielich eine reelle Gewalt ber uns gewinnt, und was mich persnlich
angeht, nun, so darf ich nicht verschweigen: als ich neulich, die Mondsichel am
Himmel, das im Schatten liegende Bodetal passierte, war mir's, als ob hinter
jedem Erlenstamm eine Hexe hervorshe.
    Hbsch oder hlich? fragte Rosa. Nehmen Sie sich in acht, Herr von
Gordon. In Ihrem Hexenspuk spukt etwas vor. Das sind die inneren Stimmen.
    Oh, Sie wollen mir bange machen. Aber Sie vergessen, meine Gndigste, wo
das bel liegt, liegt in der Regel auch die Heilung, und ich kenne Gott sei Dank
kein Stck Land, wo, bei drohendsten Gefahren, zugleich soviel Rettungen
vorkmen wie gerade hier. Und immer siegt die Tugend, und der Bse hat das
Nachsehen. Sie werden vielleicht vom Mgdesprung gehrt haben? Aber wozu so weit
in die Ferne schweifen! Eben hier, in unsrer nchsten Nhe, haben wir ein
solches Rettungsterrain, eine solche beglaubigte Zufluchtssttte. Sehen Sie
dort (und er wandte sich nach rckwrts) den Rotrapp-Felsen? Die Geschichte
seines Namens wird Ihnen kein Geheimnis sein. Eine tugendhafte Prinzessin zu
Pferde, von einem dito berittenen, aber untugendhaften Ritter verfolgt, setzte
voll Todesangst ber das Bodetal fort, und siehe da, wo sie glcklich landete,
wo der Pferdehuf aufschlug, haben wir die Rotrappe. Sie sehen an diesem einen
Beispiele, wie recht ich mit meinem Satze hatte: wo die Gefahr liegt, liegt auch
die Rettung.
    Ich kann Ihr Beispiel nicht gelten lassen, lachte Rosa. Zum mindesten
beweist es ein gut Teil weniger, als Sie glauben. Es macht eben einen
Unterschied, ob ein gefhrlicher Ritter eine schne Prinzessin oder ob umgekehrt
eine gefhrlich-schne Prinzessin...
    Was dem einen recht ist, ist dem andern billig.
    Oh, nicht doch, Herr von Gordon, nicht doch. Einem armen Mdchen,
Prinzessin oder nicht, wird immer geholfen, da tut der Himmel seine Wunder,
interveniert in Gnaden und trgt das Ro, als ob es ein Flgelro wre,
glcklich ber das Bodetal hin. Aber wenn ein Ritter und Kavalier von einer
gefhrlich-schnen Prinzessin oder auch nur von einer gefhrlich-schnen Hexe,
was mitunter zusammenfllt, verfolgt wird, da tut der Himmel gar nichts und ruft
nur sein aide toi mme herunter. Und hat auch recht. Denn die Kavaliere gehren
zum starken Geschlecht und haben die Pflicht, sich selber zu helfen.
    St. Arnaud applaudierte der Malerin, und selbst Ccile, die, beim Beginn des
Wortgefechts, ein leises Unbehagen nicht unterdrcken konnte, hatte sich, als
ihr das harmlos Unbeabsichtigte dieser kleinen Pikanterien zur Gewiheit
geworden war, ihrer allerbesten Laune rckhaltslos hingegeben. Selbst der
suerlich schlechte Kaffee, mit der allerorten im Harz als Sahne geltenden
hlichen Milchhaut, erwies sich auerstande, diese gute Laune zu verscheuchen,
und bestimmte sie nur, behufs leidlicher Balancierung des bels, um Sodawasser
zu bitten, was freilich, weil es multrig war, seines Zweckes ebenfalls
verfehlte.
    Die Rotrappen-Prinzessin, sagte der Oberst, wenn sie sich nach dem
Sprunge hat restaurieren wollen, hat es hoffentlich besser getroffen als wir.
Aber (und er verneigte sich bei diesen Worten gegen Rosa) wir haben dafr
etwas anderes vor ihr voraus, eine liebenswrdige Bekanntschaft, die wir
anknpfen durften.
    Und die sich hoffentlich fortsetzt, fgte Ccile mit groer Freundlichkeit
hinzu. Drfen wir hoffen, Sie morgen an der Table d'hte zu treffen?
    Ich habe vor, meine gndigste Frau, mich morgen in Quedlinburg umzutun, und
mchte mein Reiseprogramm gern innehalten. Aber es wrde mich glcklich machen,
mich Ihnen fr diesen Nachmittag anschlieen zu drfen und dann spter
vielleicht auf dem Heimwege.

Dieser Heimweg wurde denn auch bald danach beschlossen, und zwar ber die
sogenannte Schurre hin, bei welcher Gelegenheit man den eigentlichen
Rotrappe-Felsen, also die Hauptsehenswrdigkeit der Gegend, mit in Augenschein
nehmen wollte.
    Werden auch deine Nerven ausreichen? fragte der Oberst, oder nehmen wir
lieber einen Tragstuhl? Der Weg bis zur Rotrappe mag gehen. Aber hinterher die
Schurre? Der Abstieg ist etwas steil und fhrt in Kreuz und Rcken, oder um mich
wissenschaftlicher auszudrcken, in die Vertebrallinie.
    Der schnen Frau blasses Gesicht wurde rot, und Gordon sah deutlich, da es
sie peinlich berhrte, den Schwchezustand ihres Krpers mit solchem Lokaldetail
behandelt zu sehen. Sie begriff St. Arnaud nicht, er war sonst so diskret. Aber
sich bezwingend, sagte sie: Nur nicht getragen werden, Pierre; das ist fr
Sterbende. Gott sei Dank, ich habe mich erholt und empfinde, mit jeder Stunde
mehr, den wohlttigen Einflu dieser Luft... Ich glaube Sie beruhigen zu
knnen, setzte sie lchelnd gegen Gordon gewandt hinzu.
    So brach man denn auf und erreichte zunchst die Rotrappe, die berhmte
Felsenpartie, wo ganze Gruppen von Personen, aber auch einzelne, vor einer
Erfrischungsbude standen und unter Lachen und Plaudern das Echo weckten - die
meisten ein Seidel, andere, die dem Selbstbru mitrauten, einen Cognac in der
Hand. Unter diesen waren auch unsere Berliner, die sich, als sich ihnen erst St.
Arnaud mit der Malerin und dann Gordon mit der gndigen Frau von der Seite her
genhert hatten, anscheinend respektvoll zurckzogen, aber nur um gleich danach
ihrem Herzen in desto ungenierterer Weise Luft zu machen.
    Sieh die Groe, sagte der ltere. Pompse Figur.
    Ja; bichen zu sehr Caroline Plttbrett.
    Tut mir nichts.
    Mir aber. brigens darum keine Feindschaft nich. Chacun  son got. Und nun
sage mir, wen lassen wir leben, den Stpsel oder die Stricknadel?
    Ich denke Berlin.
    Das is recht.
    Und erfreut ber das Aufsehen, das sie durch ihre vorgeschrittene Heiterkeit
machten, stieen sie mit den Cognacglschen zusammen.

                               Siebentes Kapitel


Gordon bot Ccile den Arm und fhrte sie so geschickt bergab, da die
gefrchtete Schurre nicht nur ohne Beschwerde, sondern sogar unter Scherz und
Lachen passiert wurde, wobei die schne Frau mehr als einmal durch einen Anflug
kleinen bermuts berraschte.
    St. Arnaud, mssen Sie wissen, macht sich gelegentlich interessant mit
meinen Nerven, was er besser mir selber berliee. Das ist Frauensache.
Gleichviel indes, ich werd ihn in Erstaunen setzen.
    Und wirklich, ehe noch das Hotel erreicht war, war auch schon eine von St.
Arnaud gutgeheiene Verabredung getroffen, die Malerin am folgenden Tage nach
Quedlinburg begleiten zu wollen. Ccile selbst hatte den Vorschlag dazu gemacht.

Ja, die nervenkranke Frau, die von ihrer Krankheit, und vor allem von einer
Spezialisierung derselben, deren St. Arnaud sich schuldig gemacht hatte, nicht
hren wollte, hatte sich tapfer gehalten; nichtsdestoweniger rchte sich, als
sie wieder auf ihrem Zimmer war, das Ma von beranstrengung, und ihren Hut
beiseite werfend, streckte sie sich auf eine Chaiselongue, nicht schlaf-, aber
ruhebedrftig.
    Als sie sich wieder erhob, fragte St. Arnaud ob man das Souper auf dem
groen Balkon nehmen wolle? Ccile war aber dagegen und sprach den Wunsch aus,
da man allein bleibe. Der Kellner brachte denn auch eine Viertelstunde spter
das Teezeug und schob den Tisch an das offene Fenster, vor dem, weit drben und
zu Hupten der Berge, die Mondsichel leuchtete.
    Hier saen sie schweigend eine Weile. Dann sagte Ccile: Was war das mit
dem Spottnamen, dessen das Frulein heute nachmittag erwhnte?
    Du hast nie von Rosa Bonheur gehrt?
    Nein.
    St. Arnaud lchelte vor sich hin.
    Ist es etwas, das man wissen mu?
    Je nachdem. Meinem persnlichen Geschmacke nach brauchen Damen berhaupt
nichts zu wissen. Und jedenfalls lieber zuwenig als zuviel. Aber die Welt ist
nun mal, wie sie ist, auch in diesem Stck, und verlangt, da man dies und jenes
wenigstens dem Namen nach kenne.
    Du weit...
    Ich wei alles. Und wenn ich dich so vor mir sehe, so gehrst du zu denen,
die sich's schenken knnen... Bitte, noch eine halbe Tasse... Dich zu sehen ist
eine Freude. Ja, lache nur; ich hab es gern, wenn du lachst... Also lassen wir
das dumme Wissen. Und doch wr es gut, du knntest dich etwas mehr kmmern um
diese Dinge, vor allem mehr sehen, mehr lesen.
    Ich lese viel.
    Aber nicht das Rechte. Da hab ich neulich einen Blick auf deinen
Bcherschrank geworfen und war halb erschrocken ber das, was ich da vorfand.
Erst ein gelber franzsischer Roman. Nun, das mchte gehen. Aber daneben lag:
Ehrenstrm, ein Lebensbild, oder die separatistische Bewegung in der Uckermark.
Was soll das? Es ist zum Lachen und bare Trakttchenliteratur. Die bringt dich
nicht weiter. Ob deine Seele Fortschritte dabei macht, wei ich nicht; nehmen
wir an ja, so fraglich es mir ist. Aber was hast du gesellschaftlich von
Ehrenstrm? Ehrenstrm mag ein ausgezeichneter Mann gewesen sein, ich glaub es
sogar aufrichtig und gnn ihm seinen Platz in Abrahams Scho, aber fr die
Kreise, darin wir leben oder doch wenigstens leben sollten, fr die Kreise
bedeutet Ehrenstrm nichts, Rosa Bonheur aber sehr viel.
    Sie nickte zustimmend und abgespannt, wie fast immer, wenn irgend etwas, das
nicht direkt mit ihrer Person oder ihren Neigungen zusammenhing, eingehender
besprochen wurde. Sie wechselte deshalb rasch den Gesprchsgegenstand und sagte:
Gewi, gewi, es wird so sein. Frulein Rosa scheint brigens ein gutes Kind
und dabei heiter. Vielleicht ein wenig mit Absicht. Denn die Mnner lieben
Heiterkeit, und Herr von Gordon wird alles, nur keine Ausnahme sein. Es schien
mir vielmehr, als ob er sich fr das plauderhafte Frulein interessiere.
    Nein, es schien mir umgekehrt, als ob er sich fr die Dame interessiere,
die wenig sprach und viel schwieg, wenigstens solange wir oben auf der Rotrappe
waren. Und ich kenne wen, dem es auch so schien und der es noch besser wei als
ich.
    Glaubst du? sagte Ccile, deren Zge sich pltzlich belebten, denn sie
hatte nun gehrt, was sie hren wollte. Wie spt mag es sein? Ich bin
angegriffen. Aber bringe noch ein Kissen, eine Rolle, da wir noch einen
Augenblick auf das Gebirge sehen und auf das Rauschen der Bode hren. Ist es
nicht die Bode?
    Freilich. Wir kamen ja durch das Bodetal. Alles Wasser hier herum ist die
Bode.
    Wohl, ich entsinne mich. Und wie klar die Sichel da vor uns steht. Das
bedeutet schnes Wetter fr unsre Partie. Herr von Gordon ist ein vorzglicher
Reisemarschall. Er spricht nur zuviel ber Dinge, die nicht jeden interessieren,
ber Steppenwolf und Steppengeier und, was noch schlimmer ist, ber Bilder von
unbekannten Meistern. Ich kann Bildergesprche nicht leiden.
    Ah, Ccile, lachte St. Arnaud, wie du dich verrtst! Ich glaube gar, du
verlangst, er soll, als ob er noch in Indien wre, den Sulenheiligen spielen
und zehn Jahre lang nichts als deinen Namen sprechen. Es erheitert mich.
Eiferschtig. Und eiferschtig auf wen?

Und nun kam der andre Tag.
    Es war eine Frh- oder doch Vormittagspartie, darauf hatte Gordon bestanden,
und ehe noch der nach Quedlinburg abdampfende Zug ber die letzten Dorf-Villen
und die schne Blutbuche des am andern Fluufer gelegenen Baron Bucheschen
Parkes hinaus war, sagte Ccile, whrend sie die kleinen Fe gegen den Rcksitz
stemmte: Jetzt aber das Programm, Herr von Gordon. Versteht sich, nicht zu
lang, nicht zu viel! Nicht wahr, Frulein Rosa?
    Diese stimmte zu, freilich mehr aus Artigkeit als aus berzeugung, weil sie,
nach Art aller Berlinerinnen, am Lerntrieb litt und nie genug hren oder sehen
konnte. Gordon gab brigens die Versichrung, es gndig machen zu wollen. Es
seien vier Dinge da, darum sich's lediglich handeln knne: das Rathaus, die
Kirche, dann das Schlo und endlich der Brhl.
    Der Brhl? sagte Rosa. Was soll uns der? Das ist ja die Strae, worin die
Pelzhndler wohnen. Wenigstens in Leipzig.
    Aber nicht in Quedlinburg, meine Gndigste. Der Quedlinburger Brhl gibt
sich sthetischer und ist ein Tiergarten oder ein Bois de Boulogne mit schnen
Bumen und allerlei Bild- und Bauwerken. Carl Ritter, der berhmte Geograph, hat
ein gueisernes Denkmal darin und Klopstock ein Tempelchen mit Bste. Beide
waren nmlich geborne Quedlinburger.
    Also nach dem Brhl, seufzte Ccile, die nicht den geringsten Sinn fr
Tempelchen und gueiserne Monumente hatte. Nach dem Brhl. Ist es weit von der
Stadt?
    Nein, meine gndigste Frau, nicht weit. Aber weit oder nicht, wir knnen
ihn fallenlassen, ich meine den Brhl, und auch das Rathaus, trotz seines
steinernen Rolands und seines aus Brettern zusammengeschlagenen groen Kastens
mit Vorlegeschlo, darin der Regensteiner, natrlich ein Buschklepper oder
dergleichen, eine hbsche Weile gefangensa.
    Mit Vorlegeschlo߫, wiederholte Ccile neugierig, die sich fr den
Regensteiner augenscheinlich mehr als fr Klopstock interessierte. Mit
Vorlegeschlo. War es ein groer Kasten, darin man ihn einsperrte?
    Nicht viel grer als eine Apfelkiste, weshalb mir auch, bei seinem
Anblick, diese bevorzugten Versteckpltze meiner Jugend wieder in Erinnerung
kamen, mit ihrem Glck und ihrem Grusel. Besonders mit ihrem Grusel. Denn wenn
die Krampe zufiel und eingriff, so sa ich allemal voll Todesangst in dem
stickigen Kasten, um kein Haarbreit besser als der Regensteiner. Aber der
wirkliche Regensteiner (der brigens kein Asthmatikus gewesen sein kann) lie
sich's, trotz Stickigkeit und Enge, nicht anfechten und steckte zwanzig Monate
lang in dem Loch, ohne mehr Luft als die, die durch die sprlichen Ritzen
eindrang. Und nur dann und wann kamen die Quedlinburger und wohl auch die
Quedlinburgerinnen und sahen hinein und grinsten ihn an.
    Und pikten ihn mit ihren Sonnenschirmen.
    Ganz unzweifelhaft, meine gndigste Frau. Zum mindesten sehr
wahrscheinlich. Die Bourgeoisie, die nie tief aus dem Becher der Humanitt
trank, war gerade damals von einer besondren Abstinenz, und die liberale
Geschichtsschreibung, verzeihen Sie diesen Exkurs, meine Gndigste - greift in
nichts so fehl als darin, da sie den Brger immer als Lamm und den Edelmann
immer als Wolf schildert. Die Nrnberger henken keinen nich, sie htten ihn denn
zuvor, und dieser Milde huldigten auch die Quedlinburger. Aber wenn sie den zu
Henkenden hatten, henkten sie ihn auch gewi, und zwar mit allen Schikanen.
    St. Arnaud, dem jedes Wort aus der Seele gesprochen war, nickte beifllig
und wollte den ihm sympathischen Gegenstand eben mit einigen Bemerkungen
seinerseits begleiten, als der Zug hielt und ein paar Couptren geffnet
wurden.
    Ist dies Quedlinburg? fragte Ccile.
    Nein, meine gndigste Frau, dies ist Neinstedt, eine kleine
Zwischenstation. Hier ist der Lindenhof, und was dasselbe sagen will, hier
wohnen die Nathusiusse.
    Die Nathusiusse? Wer sind die? fragten a tempo beide Damen.
    Eine Frage, lachte Gordon, die die betreffende Familie sehr bel
vermerken wrde. Die gndige Frau, deren Protestantismus mir, Pardon, einigen
kleinen Anzeichen nach einigermaen zweifelhaft erscheint, hat Absolution. Aber
Frulein Rosa, Berlinerin, ah, ah...
    Keine Reprimande, keine Spttereien. Einfach Antwort: wer sind die
Nathusiusse?
    Nun denn, die Nathusiusse sind viel und vielerlei; sie sind, ohne die Frage
damit erschpfen zu wollen, fromme Leute, literarische Leute,
landwirtschaftliche Leute, politische Leute. Bcher, Kreuz-Zeitung,
Rambouillet-Zucht, alles kommt in der Familie vor, und selbst die Geschichte von
der aufgenommenen Stecknadel, die dann schlielich den Aufnehmer zum Millionr
umschuf, ist dem Ahnherrn der Nathusiusse nicht erspart geblieben. Aber das
bedeutet nichts, das ist eine alte Geschichte, denn in wenigstens sechs groen
Stdten, in denen ich gelebt habe, kam der Reichtum der Reichsten immer von
einer Stecknadel her. berhaupt sind die besten Geschichten uralt und berall zu
Haus, also Welteigentum, und ich habe manche, von denen wir glaubten, da sie
zwischen Havel und Spree das Licht der Welt erblickten oder ohne die Gebrder
Grimm gar nicht existieren wrden, in Tibet und am Himalaja wiedergefunden.
    Rosa wollte davon nichts wissen und stritt hartnckig hin und her, bis das
abermalige Halten des Zuges allem Streiten ein Ende machte.
    Quedlinburg, Quedlinburg!
    Und unsre Reisenden entstiegen ihrem Waggon und sahen dem Zuge nach, der
sich, eine Minute spter, rasch wieder in Bewegung setzte.

                                 Achtes Kapitel


Die Sonne brannte hei auf den Perron nieder, und Ccile, die, nach Art aller
Nervsen, sehr empfindlich gegen extreme Temperaturverhltnisse war, suchte nach
einer schattigen Stelle, bis Gordon endlich vorschlug, in die groe Flurhalle
des Bahnhofgebudes eintreten und hier in aller Ruhe den in der Schwebe
gebliebenen Schlachtplan feststellen zu wollen. Das geschah denn auch, und
nachdem man, ebenso wie den Brhl, auch noch das Rathaus ohne lange Bedenken
gestrichen hatte, kam man berein, sich an Schlo und Kirche gengen zu lassen.
Beide, so versicherte Gordon, lgen dicht nebeneinander, und der Weg dahin, wenn
man am Auenrande der Stadt bleibe, werde der gndigen Frau nicht allzu
beschwerlich fallen.
    All das war rasch akzeptiert worden, die Damen nahmen noch ein
Himbeerwasser, und eine Minute spter schritt man bereits, nach Passierung eines
von einer wahren Tropensonne beschienenen Vorplatzes, an der die Stadt in einem
Halbbogen umflieenden und an beiden Ufern von prchtig alten Bumen
berschatteten Bode hin. Das Wasser pltscherte neben ihnen, die Lichter hpften
und tanzten um sie her, und mit Hlfe kleiner Brckenstege machte man sich das
Vergngen, die Fluseite zu wechseln, je nachdem hben oder drben der khlere
Schatten lag. Es war sehr entzckend, am entzckendsten aber da, wo die bis
dicht an die Bode herantretenden Grten einen Blick auf endlos scheinende
Blumenbeete gestatteten, hnlich jenen drauen vor der Stadt, die schon, whrend
der Eisenbahnfahrt von Berlin bis Thale, Ccile bezaubert hatten. Auch heute
wieder konnte sie sich nicht satt sehen an der oft ganze Muster bildenden
Blumen- und Farbenpracht und fand es, gegen ihre Gewohnheit, sogar interessant,
als Gordon, in allerhand Einzelheiten eingehend, von den zwei groen
Gartenfirmen der Stadt sprach, die, mit ihren um die ganze Welt gehenden
Quedlinburger Blumensamenpaketen, ein Vermgen erworben und sich den
Zucker-Millionren in der Umgegend mindestens gleichgestellt htten.
    Ei, das freut mich. Zucker-Millionre! Wie hbsch das klingt. Und dabei
blieb sie stehen und sah, durch ein goldbronziertes Gitter, einen der breiten
Gartenstege hinauf. Das lila Beet da, das sind Levkojen, nicht wahr?
    Und das rote, fragte Rosa, was ist das?
    Das ist Brennende Liebe.
    Mein Gott, so viel.
    Und doch immer noch unter der Nachfrage. Mu ich Ihnen sagen, meine
Gndigste, wie stark der Konsum ist?
    Ah, sagte Ccile mit etwas pltzlich Aufleuchtendem in ihrem Auge, das dem
sie scharf beobachtenden Gordon nicht entging und ihn, mehr als all seine
bisherigen Wahrnehmungen, ber ihre ganz auf Huldigung und Pikanterie gestellte
Natur aufklrte. Der Eindruck, den er von diesem fein-sinnlichen Wesen hatte,
war aber ein angenehmer, ihm beraus sympathischer, und eine lebhafte Teilnahme,
darin sich etwas von Wehmut mischte, regte sich pltzlich in seinem Herzen.
    Von der Stelle, wo man stand, bis zu dem hochgelegenen Stadtteile, der mit
Schlo und Kirche das ihm zu Fen liegende Quedlinburg beherrscht, war nur noch
ein kurzer Weg, und ehe man hundert Schritte gemacht hatte, begann bereits die
Steigung. Diese selbst war beschwerlich, die malerisch-mittelalterlichen Huser
aber, die, nesterartig, zu beiden Seiten der zur Hhe hinauffhrenden Strae
klebten, erhielten Ccile bei Mut, und als sie bald danach auf einen von
stattlichen Husern gebildeten und zu weitrer Verschnerung auch noch von alten
Nubumen berschatteten Platz hinaustrat, kam ihr zu dem Mut auch alle Kraft
und gute Laune wieder, die sie gleich zu Beginn des Spazierganges an der Bode
hin gehabt hatte.
    Das ist das Klopstock-Haus, sagte Gordon und zeigte, seine Fhrerrolle
wieder aufnehmend, auf ein etwas zur Seite gelegenes und beinah grasgrn
getnchtes Haus mit Sulenvorbau.
    Das Klopstock-Haus? wiederholte Ccile. Sagten Sie nicht, es stnde...
Wie hie es doch?
    Im Brhl. Ja, meine gndigste Frau. Aber da luft eine kleine Verwechslung
mit unter. Was im Brhl steht, das ist das Klopstock-Tempelchen mit der
Klopstock-Bste. Dies hier ist das eigentliche Klopstock-Haus, das Haus, darin
er geboren wurde. Wie gefllt es Ihnen?
    Es ist so grn.
    Rosa lachte lauter und herzlicher, als die Schicklichkeit gestattete, sofort
aber wahrnehmend, da Ccile sich verfrbte, lenkte sie wieder ein und sagte:
Pardon, aber Sie haben mir so ganz aus der Seele gesprochen, meine gndigste
Frau. Wirklich, es ist zu grn. Und nun excelsior! Immer hher hinauf. Sind es
noch viele Stufen?
    Unter solchem Gesprch erstiegen alle das noch verbleibende Stck Weges,
eine gepflasterte Treppe, deren Seitenwnde dicht genug standen, um gegen die
Sonne Schutz zu geben.
    Und nun war man oben und freute sich, aufatmend, der Brise, die ging. Der
Platz, den man erreicht hatte, war ein mig breiter, Schlo und Abteikirche
voneinander scheidender Hof, der, auer den auf ihm lagernden Schatten und
Lichtern, nichts als zwei Mnner zeigte, die, wie Besuch erwartende Gastwirte,
vor ihren zwei Lokalen standen. Wirklich, es waren Kastellan und Kster, die
zwar nicht mit haentstellten, aber doch immerhin mit unruhigen Gesichtern
abwarteten, nach welcher Seite hin die Schale sich neigen wrde, worber in der
Tat selbst bei denen, die die Entscheidung hatten, immer noch ein Zweifel
waltete.
    Besichtigung von Schlo und Kirche, so lautete das Programm, das stand fest,
und daran war nicht zu rtteln. Aber was noch schwebte, war die Priorittsfrage.
Gordon und St. Arnaud sahen sich also fragend an. Endlich entschied der Oberst
mit einem Anfluge von Ironie dahin, da Herrendienst vor Gottesdienst gehe,
welchem Entscheide Gordon in gleichem Tone hinzusetzte: Preuen-Moral! Aber wir
sind ja Preuen.
    Und so wandte man sich denn rasch entschlossen dem Kastellan zu, freilich
nicht ohne sein Vis--vis, den nach links hin stehenden Kster, mit einem
hoffnunggebenden Grue gestreift zu haben. Er verneigte sich denn auch in
Erwiderung darauf verbindlich lchelnd und schien alles in allem nicht
unzufrieden ber diesen Gang der Dinge. Denn unten in der Stadtkirche luteten
eben die Mittagsglocken, und etwas Bratwurstartiges, das von der Kche her durch
die Luft zog, lie das In die zweite Linie gestellt werden fast als einen
Vorzug erscheinen.
    Unter diesen Vorgngen, die nur von Rosa scharf beobachtet und mit
Knstlerauge gewrdigt worden waren, waren alle vier in den Schloflur
eingetreten, an dem respektvoll die Honneurs machenden Kastellan vorber.
Dieser, ein freundlicher und angenehmer Mann, nahm durch seine Freundlichkeit
sofort fr sich ein, fiel aber andererseits durch ein unsichres und fast ein
schlechtes Gewissen verratendes Auftreten einigermaen auf, ganz wie jemand, der
Lotterielose feilbietet, von denen er wei, da es Nieten sind. Und wirklich,
sein Schlo konnte, durch alle Rume hin, als eine wahre Musterniete gelten. Was
es vordem an Kostbarkeiten besessen hatte, war lngst fort, und so lag ihm, dem
Hter ehemaliger Herrlichkeit, nur ob, ber Dinge zu sprechen, die nicht mehr da
waren. Eine nicht leichte Pflicht. Er unterzog sich derselben aber mit vielem
Geschick, indem er den herkmmlichen, an vorhandene Sehenswrdigkeiten
anknpfenden Kastellans-Vortrag in einen umgekehrt sich mit dem Verschwundenen
beschftigenden Geschichts-Vortrag umwandelte. Voll richtigen Instinkts ersah er
hierbei den Wert der historischen Anekdote, die denn auch bestndig aus der
Verlegenheit helfen mute.
    Rosa, deren Wibegier auf ganze Sle voll Rubens' und Snyders', voll
Wouvermans und Potters rechnete, hielt sich selbstverstndlich unausgesetzt in
der Nhe des Kastellans und mhte sich, durch allerlei klug gestellte Fragen
seine besondre Teilnahme zu wecken.
    Und in diesen Rumen also haben die Quedlinburger btissinnen residiert?
begann sie mit erheucheltem Interesse, denn es lag ihr ungleich mehr an
Brenhatz und Sechzehnendern als an Portrts mit Pompadourfrisuren. In diesen
Rumen also...
    Ja, meine gndigste Frau, antwortete der Kastellan, der unsre Freundin um
ihres muntern Wesens und vielleicht auch um ihres Embonpoints willen fr eine
glcklich verheiratete Dame nahm. Ja, meine gndigste Frau, wirklich residiert,
das heit mit Hofstaat und Krone. Denn die Quedlinburger btissinnen waren nicht
gewhnliche Kloster-btissinnen, sondern Frst-Abbatissinnen und saen von
Mechtildis, Schwester Ottos des Groen, an bei den Reichsversammlungen auf der
Frstenbank. Und hier im Schlosse war auch der Thronsaal. Es ist der Saal
nebenan, in welchem ich die gndige Frau vorweg bitten mchte, die roten
Damasttapeten beachten zu wollen. Es ist Damast von Arras.
    Und damit traten alle, von einem kleinen, bis dahin besichtigten Vorzimmer
her, in den groen Thronsaal ein, in welchem, neben der so ruhmvoll erwhnten
Damasttapete, nur noch der getfelte Fuboden an die frhere Herrlichkeit
erinnerte.
    Rosa sah sich verlegen um, was dem Fhrer nicht entging, weshalb er seinen
Vortrag rasch wieder aufnahm, um durch Erzhlungskunst den absoluten Mangel an
Sehenswrdigkeiten auszugleichen. Also, der Thronsaal, gndige Frau, hob er
an. Und hier, wo die Tapete fehlt, genau hier stand der Thron selbst, der Thron
der Frst-Abbatissinnen, ebenfalls rot, aber von rotem Samt und mit Hermelin
verbrmt. Und mit dem zustndigen Wappen: Zwei Kelche mit einem Pokal.
    Ah, sagte Rosa, mit zwei Kelchen und einem Pokal... Sehr interessant.
    Und hier, fuhr der Kastellan, whrend er auf einen groen, aber leeren
Goldrahmen zeigte, mit einer immer volltnender und beinah feierlich werdenden
Stimme fort, hier in diesem Goldrahmen befand sich die Hauptsehenswrdigkeit
des Schlosses: der Spiegel aus Bergkristall. Der Spiegel aus Bergkristall, sag
ich, der sich zurzeit in den skandinavischen Reichen, und zwar in dem
Knigreiche Schweden, befindet.
    In Schweden? wiederholte St. Arnaud. Aber wie kam er dahin?
    Auf Umwegen und durch allerlei seltsame Schicksale, nahm der Kastellan
seinen historischen Vortrag wieder auf. Unsre letzte Frst-Abbatissin war
nmlich eine Prinzessin von Schweden, Josephine Albertine, Tochter der Knigin
Ulrike, Schwester Friedrichs des Groen. ber zwanzig Jahre hatte Josephine
Albertine hier glnzend und segensreich residiert und sich an dem
Kristallspiegel, der ihr Stolz und ihr Lieblingsstck war, erfreut, als diese
Gegenden eines Tages westflisch wurden und unter Knig Jerome kamen. Da mute
sie sich trennen von ihrem Schlo, samt allem, was darinnen war, und natrlich
auch von ihrem Spiegel. Denn es ward ihr kaum Zeit gelassen zum Notwendigsten,
geschweige zum Einpacken und Mitnehmen dessen, was das Nebenschliche, wenn auch
freilich fr sie das Liebste war.
    Und was wurde?
    Nun, Knig Jerome, der, wegen dem ewigen Morgen wieder lustik sein, sehr
viel Geld brauchte, stand alsbald vor der Notwendigkeit, das ganze
Schloinventar unter den Hammer zu bringen, und eines Tages hie es in allen
Zeitungen, deutschen und fremden, da, neben den anderen Schtzen des Schlosses,
auch der berhmte Kristallspiegel versteigert werden solle. Das war der Moment,
auf den Prinzessin Josephine Albertine, die mittlerweile nach Schweden
zurckgekehrt war, denn die Bernadottesche Zeit war noch nicht da, gewartet
hatte, weshalb sie nunmehr strikten Befehl gab, auf den Spiegel zu fahnden und
jeden Preis zu zahlen, zu dem er angesetzt oder am Auktionstage selbst
hinaufgetrieben werden wrde. Wie hoch er kam, wei ich nicht; nur das eine wei
ich, da es ein Vermgen gewesen sein soll. Ich habe von einer Tonne Goldes
sprechen hren. Unter allen Umstnden aber kam der Spiegel nach Schweden, nach
Stockholm, woselbst er sich bis diesen Tag befindet und im Ridderholm-Museum
gezeigt wird.
    Allerliebst, sagte St. Arnaud. Im ganzen genommen ist mir die Geschichte
lieber als der Spiegel, eine Meinung, die von Gordon und Rosa vollkommen,
keineswegs aber von Ccile geteilt wurde. Diese htte sich gern in dem
Kristallspiegel gesehen und war whrend der zweiten Hlfte der ihr viel zu weit
ausgesponnenen Erzhlung an ein offenstehendes Balkonfenster getreten, das nicht
nur einen Blick auf das Gebirge, sondern auch auf die weiten Gartenanlagen
hatte, die sich, im Halbkreis, um die Schlofundamente herumzogen. In diesen
Gartenanlagen wechselten Strauchwerk und Blumenterrassen; was aber das Auge
Cciles bald ausschlielich in Anspruch nahm, war ein Sandsteinobelisk von
miger Hhe, der, halb in dem Schlounterbau drinsteckend, hautreliefartig aus
einer alten Mauerwand vorsprang. Der Sockel war mit Girlanden ornamentiert und
schien auch eine Inschrift zu haben.
    Was ist das? fragte Ccile.
    Ein Grabstein.
    Von einer btissin?
    Nein, von einem Schohndchen, das Anna Sophie, Pfalzgrfin von bei Rhein
und vorletzte Frst-Abbatissin, an dieser Stelle beisetzen lie.
    Sonderbar. Und mit einer Inschrift?
    Zu dienen, antwortete der Kastellan.
    Und den Damen ein Opernglas berreichend, das er zu diesem Behufe stets mit
sich fhrte, las Ccile: Jedes Geschpf hat eine Bestimmung. Auch der Hund.
Dieser Hund erfllte die seine, denn er war treu bis in den Tod.
    Gordon lachte herzlich. Denkmal fr Hundetreue! Brillant. Wie she die Welt
aus, wenn jedem treuen Hunde ein Obelisk errichtet wrde. Ganz im Stil einer
Barockprinzessin.
    Rosa stimmte zu, whrend Ccile verwirrt vom Fenster zurcktrat und
mechanisch und ohne zu wissen, was sie tat, an die Wandstelle klopfte, wo der
Kristallspiegel seinen Platz gehabt hatte.

Was haben wir noch zu gewrtigen? fragte Gordon.
    Die Zimmer Friedrich Wilhelms IV.
    Friedrich Wilhelms IV.? Wie kam der hierher?
    In den ersten Jahren seiner Regierung erschien er jeden Herbst, um von hier
aus die groen Harzjagden abzuhalten. Als aber Anno 48 die Jagdfreiheit aufkam
und Stadt und Brgerschaft ihm die Jagd verweigerten, wurd er so verstimmt, da
er nicht wiederkam.
    Was ich nur in der Ordnung finde. Bourgeoismanieren. Aber nun die Zimmer.
    Und damit traten sie, vom Thronsaal her, in ein paar niedrige, mit kleinen
Mahagonimbeln ausgestattete Rume, deren Spiebrgerlichkeit nur noch von ihrer
Langweil bertroffen wurde.
    Rosa sah ihre Hoffnung auf groe Tierstcke mehr und mehr hinschwinden,
hielt aber eine darauf gerichtete Frage immer noch fr zulssig.
    Freilich erfolglos.
    Tierstcke, antwortete der Kastellan in einem Tone, darin unsere
Knstlerin eine kleine Spitze zu hren glaubte, Tierstcke haben wir in diesem
Schlosse nicht. Wir haben nur Frst-Abbatissinnen. Aber diese haben wir auch
vollstndig. Und auerdem die Quedlinburger Geistlichen lutherischer Konfession
(ebenfalls beinah vollstndig), deren einer, altem Herkommen gem,
allsonntglich hier oben predigte, so da er neben seinem Stadtdienst auch noch
Hofdienst hatte. Nach der Predigt blieb er dann zu Tisch und mitunter auch bis
zur Dunkelstunde. So beispielsweise dieser hier, ein schner Mann, etwas bla,
der in seinen besten Jahren an der Auszehrung starb. Er war Prediger zur Zeit
der schwedischen Prinzessin Josephine Albertine, derselben, die den
Kristallspiegel wiedererstand. Und hier ist die Prinzessin in Person.
    Dabei wies er auf das Bild einer mittelalterlichen Dame mit groer
Kurfrsten-Nase, Stirnlckchen und Agraffenturban, aus deren ganz ungewhnlicher
Stattlichkeit sich die vom Kastellan nur leis angedeuteten Anfechtungen ihres
Seelsorgers unschwer erklren lieen.
    Einige der Bilder kehrten mehrfach wieder, was die Zahl der btissinnen
grer erscheinen lie, als sie tatschlich war. Rosa drang darauf, die Namen zu
hren, aber es waren tote Namen, einen ausgenommen, den der Grfin Aurora von
Knigsmark.
    Und vor das Portrt dieser traten jetzt alle mit ganz ersichtlicher Neugier,
ja, Ccile - die, vor kaum Jahresfrist, einen historischen Roman, dessen Heldin
die Grfin war, mit besonderer Teilnahme gelesen hatte - war so hingenommen von
dem Bilde, da sie von der Unechtheit desselben nichts hren und alle dafr
beigebrachten Beweisfhrungen nicht gelten lassen wollte.
    Gordon, als er sah, da er nicht durchdrnge, wandte sich um Sukkurs an
Rosa. Helfen Sie mir. Die gndigste Frau will sich nicht berzeugen lassen.
    Rosa lachte. Kennen Sie die Frauen so wenig? welche...
    Wohl, Sie haben recht. Und am Ende, wer will an Bildern Echtheit oder
Unechtheit beweisen? Aber zweierlei gilt auch ohne Beweis.
    Und das wre?
    Nun, zunchst das, da es nichts Toteres gibt als solche Galerie
beturbanter alter Prinzessinnen.
    Und dann zweitens?
    Da der Unterschied von hbsch und hlich in solcher Galerie
zurechtgemachter Damenkpfe gar keine Rolle spielt, ja, da einer
Hlichkeitsgalerie wie dieser hier vor einer sogenannten Schnheitsgalerie mit
ihrer herkmmlichen dheit und Langerweile der Vorzug gebhrt. Ach, wie viele
solcher Galeries of beauties hab ich gesehen, und eigentlich keine darunter, die
mich nicht zur Verzweiflung gebracht htte. Schon in ihrer Entstehungsgeschichte
sind sie meistens beleidigend und ein Versto gegen Geschmack und gute Sitte.
Denn wer sind denn die jedesmaligen Mcene, Stifter und Donatoren? Immer
ltliche Herren, immer mehr oder weniger mythologische Frsten, die, Pardon,
meine Damen, nicht zufrieden mit der wirklichsten Wirklichkeit, ihre Schnheiten
auch noch in effigie genieen wollen. Einer von ihnen - derselbe, von dem das
Bonmot existiert, er habe nie was Dummes gesagt und nie was Kluges getan - ist
mit seiner Galerie von Magdalenen (selbstverstndlich von Magdalenen vor dem
Buestadium) allen anderen vorauf. Er war ein Stuart, wie kaum gesagt zu werden
braucht. Aber unsere deutschen Kleinknige sind ihm gefolgt und haben nun auch
dergleichen. Ich entsinne mich noch des Eindrucks, den der Kopf der Lola Montez
oder, wenn Sie wollen, der Grfin Landsfeld auf mich machte. Denn Grfinnen
werden sie schlielich alle, wenn sie nicht vorziehen, heiliggesprochen zu
werden.
    Ei, wie tugendhaft Sie sind, lachte Rosa. Doch Sie tuschen mich nicht,
Herr von Gordon. Es ist ein alter Satz, je mehr Don Juan, je mehr Torquemada.
    Ccile schwieg und lie sich, wie gelhmt, in einen in einer tiefen
Fensternische stehenden Sessel nieder. St. Arnaud, der wohl wute, was in ihr
vorging, ffnete den einen der beiden Flgel und sagte, whrend die frische Luft
einstrmte Du bist angegriffen, Ccile. Ruh dich.
    Und sie nahm seine Hand und drckte sie wie dankbar, whrend es vor Erregung
um ihre Lippen zuckte.

                                Neuntes Kapitel


Ccile erholte sich rascher als erwartet von dieser Anwandlung, und die weitere
Besichtigung des Schlosses und bald danach auch der Abteikirche verlief zu
allseitiger Zufriedenheit, ganz besonders auch zur Freude Cciles. Ja, sie war
durch den Besuch der prchtig khlen Kirche so gekrftigt und erfrischt worden,
da man auf ihren Vorschlag das Programm berschritt und guten Mutes die schon
aufgegebene Partie nach dem Rathause machte, wo man erst den Roland und gleich
danach das Gefngnis des Regensteiners bewunderte. Daran schlo sich dann
unmittelbar ein ziemlich mittgliches Frhstck an Ort und Stelle. Kulmbacher
Bier, wofr das Rathaus ein Renommee hatte, wurde bestellt, und Ccile war
entzckt, als der Wirt die schumenden und frisch beschlagenen Seidel brachte.
Wieviel schner doch als eine Table d'hte, sagte sie. Pierre, votre sant...
Frulein Rosa, wohl bekomm's... Herr von Gordon, Ihr Wohl. Und whrend sie so
plauderte, stie sie mit ihrem Seidel an, sprach von dem Regensteiner, der es
achtzehn Monate lang nicht voll so gut gehabt habe, und war berhaupt wie ein
Kind. Nur als die Malerin auf die Bilder der btissinnen zurckkam und bei der
Gelegenheit bemerkte, da auch noch im Rathaussaale (wie der Herr Wirt ihr eben
verraten) ein Bild der schnen Aurora sei, besser und jedenfalls echter als das
im Schlo߫, brach Ccile rasch ab und sagte verstimmt und in beinahe heftigem
Tone: Bilder und immer wieder Bilder. Wozu? Wir hatten mehr als genug davon.

Gegen fnf Uhr war man in Thale zurck, und Ccile, die sich nach Ruhe sehnte,
verabschiedete sich fr den Rest des Tages. Bis auf morgen, Frulein Rosa; bis
auf morgen, Herr von Gordon.
    Und dieser Morgen war nun da.
    Gordon, der am Abend vorher noch einem Konzert auf dem Hubertusbade
beigewohnt und bei dieser Gelegenheit eine halbe Stunde lang mit der Malerin
ber Samarkand und Wereschagin, dann aber mit dem ebenfalls erschienenen St.
Arnaud ber den Quedlinburger Roland, den Regensteiner und vieles andere noch
geplaudert hatte, hatte sich's, um den Morgen zu genieen, auf einem Fauteuil am
Fenster bequem gemacht und blies eben den Dampf seiner Havanna in die frische
Luft hinaus. Er lie dabei die Vorgnge des letzten Tages, darunter auch die
Bilder der Frst-Abbatissinnen, noch einmal an sich vorberziehen und begleitete
den Zug ihrer meist grotesken Gestalten mit allerhand spttisch erbaulichen
Betrachtungen. Ja, diese kleinen Grandes Dames aus dem vorigen Jahrhundert! Wie
wird eine freiere Zeit darber lachen, wenn sie nicht jetzt schon darber lacht.
Es gibt nichts, an dem sich das Wesen der Karikatur so gut demonstrieren liee.
Meist waren sie hlich oder doch mindestens von einem unschnen Embonpoint, und
alle hielten sie sich einen Kammerherrn und einen Mops, wuschen sich nicht oder
doch nur mit Mandelkleie und waren ungebildet und hochmtig zugleich. Ja, auch
hochmtig. Nur nicht gegen ihren Leibdiener. Er malte sich das alles noch
weiter aus, bis sich ihm pltzlich vor eben diese groteske Gestaltenreihe die
grazise Gestalt Cciles stellte, wechselnd in Stimmung und Erscheinung, genau
so, wie sie der vorhergehende Tag ihm gezeigt hatte. Jetzt sah er sie, wie sie,
sich vorbeugend, die Inschrift auf dem Grab-Obelisk des Bologneser Hndchens
las, und dann wieder, wie sie bei dem Gesprch ber die Schnheitsgalerien und
die Grfin Aurora nahezu von einer Ohnmacht angewandelt wurde. War das alles
Zufall? Nein. Es verbarg sich etwas dahinter. Aber dann vernahm er wieder das
heitere Lachen und sah, wie sie, glckstrahlend, den Krug nahm und anstie. Ihr
Wohl, Frulein Rosa; Herr von Gordon, Ihr Wohl. Und er empfand dabei deutlich,
da, was immer auch auf ihrer Seele laste, die Seele, die diese Last trage,
trotz alledem eine Kinderseele sei.
    Clothilde mu von ihr wissen, sprach er vor sich hin. Und wenn sie nichts
wei, so doch von ihr hren knnen. Liegnitz ist just der Ort dazu, nicht zu
gro und nicht zu klein, und was das Regiment nicht wei, das wei die
Ritter-Akademie. Die Schlesier sind ohnehin miteinander verwandt und haben einen
schwatzhaften Zug. Schwatzhaftigkeit, Eigensinn und so gerne hat Rbezahl jedem
der Seinen in die Wiege gelegt. Ja, Clothilde mu es wissen, an sie zu schreiben
hab ich ohnehin, und so denn two birds with one stone. Frulein Schwester wird
freilich sommerlich ausgeflogen und irgendwo im Gebirge sein, in Landeck oder in
Reinerz oder gar in Bhmen. Aber was tut's? Die Post wird sie schon zu finden
wissen. Wozu haben wir Stephan? Er kommt ja gleich nach Bismarck.
    Und bei diesem Selbstgesprche die Havanna aus der Hand legend, nahm er ein
Couvert und adressierte mit groer Handschrift: Dem Frulein Clothilde von
Gordon-Leslie, Liegnitz, Am Haag 3 a. Dann schob er das Couvert wieder zurck,
legte sich zwei kleine Bogen mit Hexentanzplatz und Rotrappe zurecht und
schrieb:
    Meine liebe Clotho. Genau vier Wochen heute, da ich mich von Dir und Elsy
verabschiedete. Vier Wochen fort aus Eurem traulichen Heim, aber erst seit einer
Woche hier, weil ich, als ich von Liegnitz nach Berlin zurckkehrte, Briefe
vorfand, die mich in geschftlichen Angelegenheiten erst nach Hamburg und dann
nach Bremen fhrten. Um Euch wenigstens eine Andeutung zu machen, es handelt
sich abermals um Legung eines Kabels. Von Bremen dann hierher, nach Thale, Thale
am Harz, und nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen Kurort in Thringen.
    Es gereut mich nicht, diesen entzckenden Platz mit seiner erfrischenden und
strkenden Luft gewhlt zu haben, denn Luft ist kein leerer Wahn, was der am
besten wei, der ihre mannigfachen Arten an sich selber erprobt hat. Wir gehen
einer totalen Reform der Medizin oder doch zum mindesten der Heilmittellehre
entgegen, und die Rezepte der Zukunft werden lauten: drei Wochen Lofoten, sechs
Wochen Engadin, drei Monate Wste Sahara. Ja, selbst Malaria-Gegenden werden in
kleinen Dosen verordnet werden, etwa wie man jetzt Arsenik gibt. Die groe
Wirkung der Luftheilmethode liegt in ihrer Perpetuierlichkeit - man kommt Tag
und Nacht aus dem Heilmittel nicht heraus.
    Ein gut Teil dieser Heilmethode hab ich auch hier, und so fhl ich denn mehr
und mehr die Verstimmung von mir abfallen, die mich, ohne rechten Grund, seit
lange qulte. Nur bei Euch war ich frei davon. Die Partien und Ausflge liegen
hier wie vor der Tr, und so sieht man sich in der angenehmen Lage,
Naturschnheit ohne jede Mh und Anstrengung genieen zu knnen. Da es eine
Schnheit kleineren Stils ist, schadet wenig. Ich bin oft genug bis 20 000 Fu
hoch umhergeklettert, um jetzt mit 2 000 vollkommen zufrieden, ja sogar eigens
dankbar dafr zu sein. Ich liebe Weltreisen und mchte sie, wiewohl ich fhle,
da die Passion nachlt, auch fr die Zukunft nicht missen, aber ich bin
andererseits kein Freund von Strapazen als solchen, und je bequemer ich den
Kongo hinauf- oder hinunterkomme, desto besser. konomie der Krfte.
    Doch was Kongo! Vorlufig heit meine Welt noch Thale, Hotel Zehnpfund, ein
wundervoller Hotelname, bei dem man sich, wie auf dem Bilde Wo speisen Sie?,
frmlich arrondieren fhlt und der sofort die Vorstellung weckt: hier ist es gut
sein.
    Und diese Vorstellung tuscht auch nicht. Es ist hier in der Tat gut sein,
appetitlich und unterhaltlich, letzteres besonders seit drei Tagen, wo sich,
durch Eintreffen neuer Gste, die Table d'hte belebt hat. Unter diesen Gsten
ist ein alter Emeritus, mit dem ich mich gleich anfnglich anfreundete, seit
Dienstag aber hat er vor einer neuen Bekanntschaft einigermaen zurcktreten
mssen: Oberst St. Arnaud und Frau. Er, trotzdem er a. D. ist (nicht blo zur
Disposition), Gardeoffizier from top to toe, sie, trotz eines languissanten
Zuges, oder vielleicht auch um desselben willen, eine Schnheit ersten Ranges.
Wundervoll geschnittenes Profil, Gemmenkopf. Ihre Augen stehen scharf nach
innen, wie wenn sie sich suchten und lieber sich selbst als die Auenwelt shen
- eine Besonderheit, die, von Splitterrichtern, sehr wahrscheinlich ihrer
Schnheit zum Nachteil angerechnet und mit einem ziemlich prosaischen Namen
bezeichnet werden wird. Es gibt ihr aber entschieden etwas Apartes, und wenn
ihre Beaut wirklich Einbue dadurch erfahren sollte, was ich nicht zugeben
kann, so doch sicherlich nicht ihr Reiz. Sie verzieht mich ein wenig, und zwar
in einer ganz eigentmlichen Weise, der ich Coquetterie nicht zuschreiben und
auch nicht ganz absprechen kann. Ich stehe vor einem Rtsel, oder doch
mindestens vor etwas Unbestimmtem und Unklarem, das ich aufgeklrt sehen mchte.
Und dazu, meine liebe Clothilde, mut Du mir behlflich sein. Du weit ja den
Genealogischen halb und die Rangliste ganz auswendig, hast das Offiziercorps
Eurer berhmten Garnison eingetanzt und kennst die nachbarlichen Wahlsttter
Kadettenlieutenants, die sich so ziemlich aus allen Provinzen rekrutieren. Du
mut also was erfahren knnen. Da er mehrere Jahre lang ein Gardebataillon
kommandierte, wei ich; er hat sich gestern abend, als ich von einem Konzert mit
ihm heimkehrte, selbst darber ausgesprochen. Warum aber nahm er den Abschied?
Warum zieht er sich augenscheinlich aus dem, was man Gesellschaft nennt, zurck?
    Vor allem jedoch, wer ist Ccile? Dies ist nmlich ihr Name. Woher stammt
sie? Brssel, Aachen, Sacr coeur, so scho es mir durch den Kopf, als ich sie
zum ersten Male sah, aber dies alles war ein Irrtum. Ich finde, sie schlesiert
ein wenig, und so wird es Dir, wenn ich darin recht habe, nur um so leichter
sein, meine Neugier zu befriedigen.
    Meine Neugier? Ich wrde Dir von einem tieferen Interesse sprechen, wenn ich
nicht frchten mte, diesen Ausdruck miverstanden zu sehen. Sie hat offenbar
viel erfahren, Leid und Freud, und ist nicht glcklich in ihrer Ehe, trotzdem
sie dem Obersten, ihrem Gemahl, in einzelnen Momenten etwas wie Dank oder selbst
wie Hingebung und Herzlichkeit zeigt. Aber es sind immer nur Momente, wo sie
nach einem Halt sucht und diesen Halt in ihm zu finden glaubt. Also, wenn Du
willst, eine Neigung mehr aus Schutzbedrfnis als aus Liebe. Mitunter auch aus
bloer Caprice.
    Ja, sie hat Capricen, was an einer schnen Frau nicht sonderlich berraschen
darf, aber was durchaus frappieren mu, ist das naive Minimalma ihrer Bildung.
Sie spricht gut franzsisch (recht gut) und versteht ein weniges von Musik, im
brigen fehlt ihr nicht blo alles Positive, sondern auch jener Esprit, der
adorierten Frauen fast immer zu Gebote steht. Wir waren gestern in Quedlinburg
und kamen unter anderm an dem Klopstock-Hause vorber. Ich sprach von dem
Dichter und konnte deutlich wahrnehmen, da sie den Namen desselben zum ersten
Male hrte. Was nicht in franzsischen Romanen und italienischen Opern vorkommt,
das wei sie nicht. Ob sie Zeitungen liest, ist mir fraglich. Und so gibt sie
sich Blen ber Blen. Aber sie besitzt dafr ein andres, was all diese Mngel
wieder aufwiegt: eine vornehme Haltung und ein feines Gefhl, will sagen ein
Herz. Denn ein feines Gefhl lt sich sowenig lernen wie ein echtes. Man hat es
oder hat es nicht. Dazu gesellt sich jener freiere Blick oder doch mindestens
jenes unbefangene, allem Schwerflligen abgewandte Wesen, das allen Personen
eigen ist, die jahrelang in der Obersphre der Gesellschaft gelebt und sich
einfach dadurch jenes je ne sais quoi erworben haben, das sie Gebildeteren und
selbst Klgeren berlegen macht. Sie wei, da sie nichts wei, und behandelt
dies Manko mit einer entwaffnenden Offenheit. Trotz einer hautainen Miene, die
sie, wenn sie will, sehr wohl aufzusetzen versteht, ist sie bescheiden bis zur
Demut. Da sie nervenkrank ist, ist augenscheinlich, aber der Oberst
(vielleicht, weil es ihm pat) macht unter Umstnden mehr davon als ntig. Er
mag brigens, was diesen Punkt angeht, in einer ziemlich heiklen Lage sein, denn
nimmt er's leicht, wo sie's vorzieht, krank zu sein, so verdriet es sie, und
nimmt er's schwer, wo sie's vorzieht, gesund zu sein, so verdriet es sie kaum
minder. Ich war auf der Rotrappe Zeuge solcher Szene. Mir persnlich will es
scheinen, da sie, nach Art aller Nervenkranken, im hchsten Grade von
zuflligen Eindrcken abhngig ist, die sie, je nachdem sie sind, entweder matt
und hinfllig oder aber umgekehrt zu jeder Anstrengung fhig machen. berhaupt
voller Gegenstze: Dame von Welt und dann wieder voll Kindersinn. Sie lacht
wenig, aber wenn sie lacht, ist es entzckend, weil man herausfhlt, wie dieses
Lachen sie selber beglckt. Sie war wohl eigentlich, ihrer ganzen Natur nach,
auf Reifenwerfen und Federballspiel gestellt und dazu angetan, so leicht und
grazis in die Luft zu steigen wie selber ein Federball. Aber es wird ihr von
Jugend an nicht daran gefehlt haben, was sie wieder herabzog. Vielleicht weil
sie so schn war. brigens glaube nicht, da ich an eine St. Arnaudsche
Mesalliance denke. Nichts in und an ihr, das an eine Tochter Thaliens oder gar
Terpsichorens erinnerte. Noch weniger hat sie den kecken Ton unserer
Offiziersdamen oder den unmotiviert selbstbewuten unseres Kleinadels auf seinen
Herrensitzen. Ihr Ton ist vornehmer, ihre Sphre liegt hher hinauf. Ob von
Natur oder durch zufllige Lebensgnge, la ich dahingestellt sein. Sie hascht
nach keinem Witzwort, am wenigsten mht sie sich um ein zugespitztes Repartie,
sie lt andre sich mhen und zeigt auch darin, da sie ganz daran gewhnt ist,
Huldigungen entgegenzunehmen. Alles erinnert an kleinen Hof.
    Und nun tue das Deine. Deiner Antwort sehe ich noch hier entgegen, und zwar
binnen einer Woche. Wird es spter, so nach Berlin poste restante. Zu
postlagernd hab ich mich noch nicht bekehren knnen. Und nun Dir und meiner
teuren Elsy Gru und Ku. Wie immer Dein Dich herzlich liebender
                                                                Robert v. G. L.

                                Zehntes Kapitel


Gordon berflog den Brief noch einmal und war mit seiner Charakteristik Cciles
zufrieden, aber nicht so mit dem, was er ber St. Arnaud geschrieben hatte. Der
war offenbar zu kurz gekommen, was ihn bestimmte, noch ein paar Worte
hinzuzufgen.
    Eben, meine liebe Clotho (so kritzelte er an den Rand), hab ich mein
langes Skriptum noch einmal durchgelesen und finde, da St. Arnauds Bild der
Retouche bedarf. Es wird dadurch freilich mehr an Richtigkeit als an
Liebenswrdigkeit gewinnen. Wenn ich ihn Dir als Gardeoberst comme il faut
vorstellte, was zutrifft, so gibt dies doch immer nur eine Seite; mindestens mit
gleichem Rechte darf ich ihn als den Typus eines alten Garons aus der
Oberschicht der Gesellschaft bezeichnen. Es ist unmglich, sich etwas
Unverheirateteres vorzustellen als ihn, trotzdem er voll Courtoisie gegen die
junge Frau, ja gelegentlich selbst voll anscheinend groer Aufmerksamkeiten ist.
Aber sie wirken uerlich, und wenn sie nicht blo in chevaleresker Gewohnheit
ihren Grund haben, so doch jedenfalls zur greren Hlfte. Zu dem allem hat er
(in diesem Punkte mit Ccile verwandt) einen genierten Blick; aber was ihr
kleidet, ja, rundheraus, ihren Reiz noch steigert, ist an ihm einfach
unheimlich. In manchen Momenten, ich zgere fast, es auszusprechen, wirkt er
nicht viel anders, als ob er ein Jeu-Oberst wre, der hier in Thale den
Gemtlichen spielt und seine Krfte fr eine neue Kampagne sammelt. Jedenfalls
wirst Du nach dem allen meine Neugier begreifen. Und nun noch einmal Gott
befohlen.
                                                                     Dein Roby.
Und nun schob er den Brief ins Couvert und ging in das Lesezimmer, um sich in
die Times zu vertiefen, die zu lesen ihm, seit seinen indisch-persischen
Tagen, ein Bedrfnis war.

Um dieselbe Stunde, wo Gordon den Brief schrieb, machte das St. Arnaudsche Paar,
wie tglich nach dem Frhstck, seinen Morgenspaziergang. Als sie die groe
Parkwiese zweimal umschritten hatten, war Ccile mde geworden und nahm auf
einer von Flieder und Goldregen berwachsenen Bank Platz, die zum groen Teil im
Schatten lag. Es war eine lauschige Stelle, vormittags die schnste der ganzen
Anlage, von der aus man nicht blo die vorgelegene bewaldete Gebirgswand,
sondern auch den Hexentanzplatz und die Rokappe mit ihren in der Sonne
blitzenden Hotels bersehen konnte. Die Luft stand, und nur dann und wann fuhr
ein Windsto durch die Stille.
    Ccile, die den schattigsten Platz hatte, zog den Sonnenschirm ein und
sagte: Gewi, ich finde das Frulein sehr unterhaltlich, aber doch etwas
emanzipiert oder, wenn dies nicht das richtige Wort ist, etwas zu sicher und
selbstbewut. Knstlerin, sagst du. Gut. Aber was heit Knstlerin? Sie schlgt
gelegentlich einen Weisheits- und berlegenheitston an, als ob sie Gordons
Grotante wre.
    Wohl ihr.
    Ja, beharrte Ccile. Wohl ihr. Wenn nur nicht das Gerede der Leute wre.
    Das Gerede der Leute, wiederholte St. Arnaud spttisch das ihn allemal
nervs machende Wort. Aber Ccile, die sonst ein scharfes Ohr fr diesen Ton
hatte, hrte heute darber hin, und mit ihrem Sonnenschirm auf einen Hausgiebel
zeigend, der in geringer Entfernung aus einer Baumgruppe hervorragte, sagte sie:
Das ist das Hubertusbad, nicht wahr? Wie verlief eigentlich das gestrige
Konzert? Ich hatte das Fenster auf und hrte noch die Schlupiece Komm in mein
Schlo mit mir. Wenn ich mir Rosa als Zerline denke.
    Und Ccile als Donna Elvira.
    Sie lachte herzlich, denn der Ton, in dem St. Arnaud dies sagte, klang
durchaus liebenswrdig und jedenfalls ebenso frei von Gereiztheit wie Tadel.
Donna Elvira, wiederholte sie. Die Rolle der Verschmhten! Wirklich, es wre
die letzte meiner Passionen, und wenn ich mich da hineindenke, so mu ich dir
offen gestehen, es gibt doch allerlei Dinge...
    Die noch schwerer zu tragen sind als die, die wir tragen mssen. Ja,
Ccile, sprich es nur aus. Und du solltest dich jeden Tag daran erinnern.
Freilich ist es leichter, die Wahrheit zu predigen, als danach zu handeln. Aber
wir sollten es wenigstens versuchen.
    Jedes dieser Worte tat ihr wohl, und in einem flchtigen
Zrtlichkeitsanfluge sich an ihn lehnend, sagte sie: Wie du nur sprichst. Als
ob ich eine Neigung htte, den Kopf hngen zu lassen. Und du weit doch das
Gegenteil. Ach, Pierre, wir htten uns statt der groen Stadt einen stillen
Platz suchen sollen, da wr uns manch Bitteres erspart geblieben. Einen stillen
Platz oder lieber gleich ein paar, um mit ihnen wechseln zu knnen. Wie leicht
und gefllig macht sich hier das Leben. Und warum?
    Weil sich bestndig neue Beziehungen und Anknpfungen bieten. Das ist noch
der Vorzug des Reiselebens, da man den Augenblick walten und berhaupt alles
gelten lt, was einem gefllt.
    Und doch hat das Leben aus dem Koffer auch seine schweren Bedenken. Man
findet nicht jeden Tag einen perfekten Kavalier, der die Tugenden unsrer
militrischen Erziehung mit weltmnnischem Blick vereinigt. Du weit, wen ich
meine. Welche Flle von Wissen, und dabei absolut unrenommistisch. Er hat einen
entzckenden Ton; es klingt immer, als ob er sich geniere, viel erlebt zu
haben.
    Sie nickte zustimmend und fuhr dann ihrerseits fort: Du hast gestern, als
ihr gemeinschaftlich das Frulein vom Konzert her bis an das Hotel
zurckfhrtet, noch ein Gesprch mit Herrn von Gordon gehabt. Ich stand am
Fenster und sah euch den Kiesweg auf und ab promenieren. Erzhle. Du weit, ich
bin eigentlich nicht neugierig, aber wenn ich es bin...
    Dann?
    Dann de tout mon cour. Also was ist es mit ihm? Warum ging er in die weite
Welt? Ein Mann von so guter Erscheinung und Familie, denn die Schotten sind alle
von guter Familie. Wir hatten unter den Kavalieren am Hofe... Daher meine
Kenntnis. Mir liegt sonst die Prtension fern, ber schottische Familien
unterrichtet zu sein. Also warum trat er aus der Armee?
    St. Arnaud lachte. Meine liebe Ccile, du gehst einer grausamen
Enttuschung entgegen. Er schied aus der Armee...
    Nun?
    Einfach Schulden halber. In diesem Punkte beginnt seine Laufbahn als
chevalier errant so trivial wie mglich. Er stand erst bei den Pionieren in
Magdeburg, dann bei dem Eisenhahn-Bataillon unter Golz, einer Truppe, die sonst
viel zu klug und zu gescheit ist, um sich durch Schuldenmachen auszuzeichnen.
Aber jede Regel hat ihre Ausnahme. Kurzum, er konnte sich nicht halten und
bersiedelte, wenn sich in solcher Lage von bersiedlung sprechen lt, nach
England, woselbst er seine wissenschaftlichen Kenntnisse praktisch zu verwerten
hoffte. Dies gelang ihm denn auch, und er ging Mitte der siebziger Jahre nach
Suez, um hier, im Auftrag einer groen englischen Gesellschaft, einen Draht
durch das Rote Meer und den Persischen Golf zu legen. Du wirst nicht orientiert
sein, aber ich zeige dir's auf der Karte.
    Nur weiter.
    Etwas spter trat er in persischen und, nach Beendigung einer unter seiner
Oberleitung hergestellten Telegraphenverbindung zwischen den zwei Hauptstdten
des Landes, in russischen Dienst. Es war gerade die Zeit, als Skobeleff, dessen
du dich von Warschau her erinnern wirst, vor Samarkand seine Triumphe feierte.
Spter, als der Kriegsschauplatz wechselte, war er mit demselben General vor
Plewna. Der wachsende Ha der Russen aber gegen alles Deutsche hat ihm
schlielich den Dienst verleidet; er nahm den Abschied und hat das Glck gehabt,
alte Beziehungen wieder anknpfen zu knnen. Er ist in diesem Augenblicke
Bevollmchtigter derselben englischen Firma, in deren Dienst er seine Laufbahn
begann, und gerade jetzt mit einer geplanten neuen Kabellegung in der Nordsee
beschftigt. Hat aber den lebhaften Wunsch, in preuischen Dienst
zurckzutreten, was ihm, bei Protektion an hoher Stelle, deren er sich erfreut,
ganz zweifellos gelingen wird.
    Und das ist alles?
    Aber Ccile...
    Du hast recht, lachte sie. Buntes Leben genug. Und doch find ich
wirklich, da einen Draht oder ein Kabel an einer mir unbekannten Kste zu legen
(und welche Kste wre mir nicht unbekannt) schlielich ebenso trivial ist wie
Schuldenmachen.
    Da bin ich doch neugierig, zu hren, was du geneigt sein mchtest, nicht
trivial zu finden.
    Nun beispielsweise den Regensteiner. Der ist doch um vieles romantischer.
Und wenn es der Regensteiner nicht sein kann, nun denn, Abenteuer, Tigerjagd,
Wste. Verirrungen...
    Geographische oder moralische?
    Beide.
    Nun, wer wei, was er davon noch in petto hat. Er konnte mich doch nicht
gleich in seine letzten Intimitten einweihen. Aber sieh nur...
    Und ein Windsto, der eben in das groe, mit Zentifolien dicht besetzte
Rondel gefahren war, trieb eine Wolke von Rosenblttern auf Ccile zu.
    Sieh nur, wiederholte der Oberst, und im selben Augenblicke sanken die
herangewehten Bltter, denen das Fliedergebsch den Durchgang wehrte, zu Fen
der schnen Frau nieder.
    Ah, wie schn, sagte Ccile. Das ist mir eine gute Vorbedeutung.
    Und sie bckte sich nach einem der Bltter, um es auf ihre Lippen zu legen.
Dann aber erhob sie sich und schritt, in guter Laune St. Arnauds Arm nehmend,
auf das Hotel zu.

                                 Elftes Kapitel


Es war noch eine gute Weile bis Mittag. St. Arnaud, der die Kartenpassion hatte,
beabsichtigte, sich in eine Harz-Karte zu vertiefen, Ccile dagegen wollte ruhen
und zog, als sie sich auf die Chaiselongue gestreckt hatte, den ber ihre Fe
gebreiteten Shawl hher hinauf und sagte: Wecke mich, Pierre. Nicht lnger als
zehn Minuten. Und gleich danach schlief sie, die linke Hand unter dem schnen
Kopf, whrend ihre Rechte noch das Tuch hielt. -
    Zwei Stunden spter erschien man an der Table d'hte, wo der die Neigungen
und Wnsche seiner Gste bestndig scharf im Auge habende Wirt eine
Neuplacierung hatte stattfinden lassen. Die St. Arnauds saen an alter Stelle,
Gordon aber, statt gegenber von Ccile, war links neben diese gesetzt worden,
whrend der Emeritus den erledigten Vis--vis-Platz und der in seiner
Erscheinung etwas aufgebesserte Privatgelehrte (denn das war er) den Platz neben
dem Geistlichen erhalten hatte. Rosa fehlte. Gordon erschien erst, als man die
Suppe schon herumgab, und als Soldat ein wenig verlegen ber die Versptung,
noch verlegener aber ber das Neuarrangement, das er vorfand, wandt er sich mit
der Bemerkung an Ccile, da er nicht recht wisse, wodurch er sich, der er doch
viel mehr ein Sodawasser- als ein Champagner-Gast sei, diese wirtliche
Bevorzugung verdient habe - eine Bemerkung, bei der der alte Emeritus jovial
und lebemnnisch lchelte, whrend der Privatgelehrte mit einem schon den Ernst
der Historie streifenden Interesse seine Hornbrille hherschob und mehr
forscherhaft-wissenschaftlich als landesblich-artig zu Gordon hinberstarrte.
Dieser selbst indes war durch die schne Frau viel zu sehr in Anspruch genommen,
um fr das Lcheln des Emeritus oder gar fr den Forscherblick des askanischen
Spezialisten irgendwie Sinn und Auge zu haben, und gab der Erregung, in der er
sich nach wie vor befand, durch allerlei rasche Fragen Ausdruck, die sich auf
die kleinen Vorkommnisse der Quedlinburger Partie bezogen, auf die Krypta, den
Roland und das Klopstock-Haus, das (und Ccile lachte jetzt mit) nur leider
zu grn gewesen sei. Noch andere Fragen drngten sich, und nur der btissinnen,
und speziell des Bildes der schnen Grfin Aurora, wurde von seiten Gordons mit
keinem Worte gedacht.
    Aber ich schwatze soviel, unterbrach er sich pltzlich selbst, und
versume darber die Hauptsache, die, mich nach dem Befinden der gndigen Frau
zu erkundigen, das mir, auf der Rckfahrt, in der Tat ernstlich gefhrdet
erschien, denn ich entsinne mich nicht, etwas hnliches von Zug erlebt zu haben,
nicht einmal auf amerikanischen Bahnen, die bekanntlich in frischer Luft ein
uerstes tun. Oh, wie ha ich diese groen Salonwagen, wo jede Vorsicht, auch
die sorglichste, scheitert, weil einem das eine geschlossene Fenster, auf das
man einen reglementsmigen Anspruch hat, zu rein gar nichts hilft - man bleibt
eben immer noch im Kreuzfeuer von sechs anderen, die sich der Kontrolle durch
allerhand Zwischenbauten entziehen, eine wahre Perfidie der
Wagenbaukonstrukteure. Sahen Sie gestern wohl den dicken kleinen Herrn in dem
Nachbarcompartiment? Der war schuld. Mit einem wahren Krach lie er alle noch
geschlossenen Fenster in die Versenkung niederfahren und sah sich dabei so stolz
und herausfordernd um, da mir der Mut entsank, ihn in seinem mrderischen Tun
zu hindern. O diese Ventilations-Enthusiasten!
    Und doch wei ich nicht, sagte St. Arnaud, ob sein Antagonist, der
Ventilations-Hasser, nicht vielleicht noch schlimmer ist als der
Ventilations-Enthusiast.
    Aufs letzte hin angesehen, also Extrem gegen Extrem, ganz unbedingt. Zuviel
Luft ist immer besser als zuwenig. Aber sehen wir von solch uersten Fllen ab,
so geb ich dem Ventilationsfeinde den Vorzug. Er mag ebenso lstig sein wie sein
Gegner, ebenso gesundheitsgefhrlich oder meinetwegen auch noch mehr; aber er
ist nicht so beleidigend. Der Ventilations-Enthusiast brstet sich nmlich
bestndig mit einem Gefhl unbedingter Superioritt, weil er, seiner Meinung
nach, nicht blo das Gesundheitliche, sondern auch das Sittliche vertritt. Das
Sittliche, das Reine. Der, der smtliche Fenster aufreit, ist allemal frei,
tapfer, heldisch, der, der sie schliet, allemal ein Schwchling, ein Feigling,
un lche. Und das wei der unglckliche Fensterschlieer auch, und weil er es
wei, geht er ngstlich und heimlich vor, so heimlich, da er mit Vorliebe den
Moment abwartet, wo sein Widerpart zu schlafen scheint. Aber dieser Widerpart
schlft nicht, und mit jenem nie versagenden Mut, den eben nur die hhere
Sittlichkeit gibt, springt er auf, lt seine Zornader anschwellen und
schleudert das Fenster wieder nieder, genauso wie der dicke kleine Herr gestern.
Sie knnen zehn gegen eins wetten, der Antagonist von Zug und Wind ist immer
voll Timiditt, der Enthusiast aber (und das ist schlimmer) voll Effronterie.
    Sehr gut, stimmte der Emeritus ein.
    Aber, fuhr Gordon fort, da kommen Forellen, meine gndigste Frau. Das ist
denn doch wichtig genug, um unsre Streitfrage wenigstens momentan ruhen zu
lassen. Darf ich Ihnen dieses Prachtexemplar vorlegen? Und zugleich etwas Butter
von diesem merkwrdigen Buttervogel hier, hier auf der zweiten Schssel, gelber
als gelb und mit zwei Pfefferkornaugen! Oh, sehen Sie, grotesk bis zum
Gruseligen. Zu den schlimmsten Ausschreitungen erregter Knstlerphantasie
gehren doch immer die der Konditoren und Kche.
    Was ich mich zuzugestehen gedrungen fhle, sagte der Langhaarige mit stark
wissenschaftlicher Betonung. Aber, so Sie gestatten, zugleich unter
Konstatierung gelegentlicher Ausnahmen. Das deutsche Mrchen, ber dessen
Abstammung zu sprechen uns hier zu weit fhren wrde... Darf ich mich Ihnen
vorstellen? Eginhard Aus dem Grunde... das deutsche Mrchen kennt von ltester
Zeit her ein ideales Pfefferkuchenhaus, ein Pfefferkuchenhaus nur in der Idee.
Dies steht fest. Ist es nun eine konditorliche Geschmackssnde, so wird sich die
Sache vielleicht przisieren lassen, das leibhaftig vor uns hinzustellen, was
bis dahin nur in unserer Vorstellung lebte? Die Beantwortung dieser Frage will
mir keineswegs leicht erscheinen, am wenigsten aber unanfechtbar, ob sie nun auf
nein oder ja lauten mge. Was mich persnlich angeht, so bekenn ich offen, da
ich mich in der Weihnachtszeit jedesmal herzlich freue, bei Degebrodt in der
Leipziger Strae (dessen Spezialitt diese Dinge zu sein scheinen) dem bis vor
wenig Jahren nur in der Idee bestehenden Pfefferkuchenhause greifbar zu
begegnen. Es untersttzt dergleichen die Phantasie, statt sie zu lhmen. Der
unsre Zeit und unsre Kunst entstellende Realismus hat seine Gefahren, aber, wie
mir scheinen will, auch sein Recht und seine Vorzge.
    Gewi, gewi߫, sagte Gordon. Ich revoziere. Wenn man Fisch it, darf man
ohnehin nicht streiten. Ich habe einen Professor gekannt, der an einer
Fischgrte gestorben ist.
    Die Forelle hat keine Grten.
    Aber Flossen. Und doch jedenfalls die Mittelgrte. Nehmen Sie sich in acht,
Herr Professor.
    Sie legen mir einen Titel zu...
    Pardon. Ich war der Meinung... brigens find ich diese Harz-Forellen
beraus delikat und von einem ganz eigentmlichen Aroma.
    Forellen sind Forellen.
    Doch nur etwa so, wie Menschen Menschen sind. Weie, Schwarze,
Privatgelehrte haben einen verschiedenen Geschmack, auch vom anthropophagischen
Standpunkt aus, und die Forellen desgleichen. Sie schmecken wirklich
verschieden. Ich darf es sagen. Denn wenn ich die Rechnung mache, so hab ich
wohl ein Dutzend Arten durchgekostet.
    Und die schnsten waren?
    In Deutschland, meine gndigste Frau, die Felchen im Bodensee (man mu
Markgrfler dazu trinken), und in Italien die Marnen aus dem Lago di Bolsena...
Die bedingungslos schnsten aber hab ich erst ganz vor kurzem in meiner Heimat,
will sagen in der schottischen Heimat meiner Familie, kennengelernt.
    Und das waren?
    Lachsforellen aus dem Kinross-See. Maria Stuart sa da gefangen, in einem
alten Douglas-Schlosse mitten im See, und wenn sie whrend dieser
Gefangenschaftstage, neben der Liebe von Willy Douglas, eines beilufig
illegitimen, also doppelt verfhrerischen Sohnes des Hauses, irgend etwas
getrstet haben kann, so mssen es die Lachsforellen gewesen sein.
    Und doch, unterbrach hier der Emeritus, wag ich die Behauptung, da das,
was unser Harz und speziell unsre Bode bietet, Ihre Lachsforellen im...
    Kinross-See.
    Im Kinross-See also, um ein betrchtliches berbietet. Nicht auf dem
Gebiete der Lachsforelle, nicht Forelle gegen Forelle, wohl aber...
    Nun?
    Wohl aber Schmerle gegen Forelle.
    Schmerle? wiederholte Ccile. Was ist das? Kennen Sie Schmerlen, Herr von
Gordon?
    O gewi. Ich entsinne mich ihrer aus meinen Kindertagen her, und bei meiner
Anlage zur Gourmandise knnt ich mich allenfalls entschlieen, eine Kunst-und
Entdeckungsreise zu machen, um das Gelobte Land der Schmerlen kennenzulernen.
Ist es weit?
    Nur wenige Stunden.
    Und nennt sich?
    Altenbrak; ein groes Dorf an der Bode. Wenn Sie die Partie machen wollen,
so haben Sie die Wahl zwischen einem Talweg unten und einem Hochweg oben. Am
meisten aber empfiehlt sich's wie gewhnlich, das eine zu tun und das andre
nicht zu lassen oder, mit andren Worten, ber die Berge hin den Hinweg und an
der Bode hin den Rckweg zu machen. Der eine Weg wrde Sie bei Jagdschlo
Todtenrode, der andre bei Treseburg vorberfhren. Eine sehr empfehlenswerte
Partie.
    Der Sie sich vielleicht anschlieen, mein Herr Emeritus, um uns Fhrer und
Berater zu sein.
    Mit vielem Vergngen, fuhr dieser fort. Und um so lieber, als mir dadurch
Gelegenheit wird, einen Mann wiederzusehen, der aufs glcklichste Humor mit
Charakter und Naivitt mit Lebensklugheit verbindet.
    Und wer ist dieser Glckliche?
    Der Altenbraker Przeptor.
    Und das bedeutet?
    Zunchst nichts weiter, als was es besagt, einen Lehrer also. Doch ist
nicht jeder Lehrer ein Przeptor. Die Nomination des meinigen (er ist bereits
ein hoher Siebziger) stammt noch aus einer Zeit her, wo man den
Dorfschulmeistern, wenn im Dorfe der Pfarrer fehlte, den Extratitel eines
Przeptors beilegte. Wenigstens in unsrer Braunschweiger Gegend. Damit war dann
angedeutet, da der Betreffende von einer gewissen hheren Ordnung und sowohl
berechtigt wie verpflichtet sei, Sonntag fr Sonntag der Gemeinde das Evangelium
oder auch eine Predigt aus einem Predigtbuche vorzulesen.
    Ccile, die bis dahin mit der Redseligkeit des ber Schmerlen und
Schulmeister-Originale sich verbreitenden alten Emeritus nur wenig einverstanden
gewesen war, wurde jetzt pltzlich aufmerksam, denn ein in ihrer Natur liegender
mystisch-religiser Zug, den die Lektre von Erbauungs- und namentlich von
Erweckungsgeschichten noch erheblich gesteigert hatte, lie sie jedesmal
aufhorchen, wenn gewisse Stichworte fielen, die Konventikliges oder
Sektiererisches in Aussicht stellten. In vorderster Reihe standen natrlich die
Mormonen, und wenn sich auch im gegenwrtigen Augenblicke so Gutes und
Interessantes kaum erhoffen lie, so sagte sie doch ber den Tisch hin: Und ein
solcher Przeptor befindet sich in dem Schmerlendorfe?
    Ja, meine gndigste Frau. Nur ist zu bedauern, da der ehemalige Przeptor
nicht mehr Przeptor ist, vielmehr sein Amt niedergelegt hat. Noch dazu gegen
den Wunsch seiner kirchlichen Behrde.
    So waren es seine hohen Jahre, was den Ausschlag gab?
    Auch das nicht, meine gndigste Frau. Das, was den Ausschlag gab, war sein
Gewissen.
    Aber aus einem Manne, wie Sie den Alten geschildert, kann doch kein bses
Gewissen gesprochen haben?
    In gewissem Sinne doch.
    O da bin ich neugierig. Ist es eine Sache, die sich erzhlen lt?
    Unbedingt. Und ich erzhle sie doppelt gern, weil sie meinen Altenbraker
Freund in einem schnen Lichte zeigt. Ich sprach von seinem bsen Gewissen, und
mit Recht. Denn das, was wir ein bses Gewissen nennen, ist ja immer ein gutes
Gewissen. Es ist das Gute, was sich in uns erhebt und uns bei uns selber
verklagt.
    Ccile sah ihn gro an. Aber sie gewahrte bald, da es absichtslos
gesprochen war, und so nickte sie nur freundlich und sagte: Nun denn.
    Nun denn, in meinem alten Przeptor regte sich also pltzlich sein gutes
Bses-Gewissen. Und das machte sich so. Predigten- und Evangeliumlesen war ihm
vorgeschrieben. Als er aber an die Siebzig kam und die Buchstaben in seinem
Predigtbuche, trotz angeschaffter starker Brille, vor seinem Auge zu tanzen und
zu verschwimmen anfingen, lie er sich in dem, was er spter seinen Dnkel
nannte, hinreien, alle Bcher zu Hause zu lassen und von der Kanzel herab aus
dem Stegreife zu sprechen. Mit andern Worten, er predigte, tat den Przeptor ab
und zog den Pastor an. Das ging so mehrere Jahre. Mit einem Mal aber kam ihm die
Vorstellung seines Unrechts, und da er in Eitelkeit und Vermessenheit tue, was
nicht seines Amtes sei. Alles erschien ihm pltzlich, und nicht ganz mit
Unrecht, als bergriff und Ungesetzlichkeit, und nachdem er das Gefhl davon
eine Zeitlang mit sich herumgetragen, entschied er sich endlich kurz und
energisch und ging nach Braunschweig, um sich selber vor einem Hohen
Konsistorium zur Anzeige zu bringen.
    Und was geschah nun? unterbrach hier St. Arnaud. Ich frchte, das Hohe
Konsistorium, man kennt dergleichen, wird gerade so klein gewesen sein, wie der
Alte gro war.
    Nein, mein Herr Oberst, es kam doch erfreulicher, und wenn eine Geschichte
zwei Helden haben darf, so hat sie die meinige, denn neben meinen Przeptor
stellt sich ebenbrtig mein Konsistorialrat. Der wute lange schon von dem
bergriff. Aber er wute zugleich auch, da die Altenbraker nie so
kirchgngerische Leute gewesen waren als von dem Tag an, wo der Przeptor zum
ersten Male den bergriff gewagt und mit dem unerlaubten Predigen begonnen
hatte. Und so stand er denn von seinem Lehnstuhl auf und sagte: Mein lieber
Rodenstein (das ist nmlich der Name meines Przeptors), mein lieber Rodenstein,
Ihre Klage wird gar nicht angenommen. Gehen Sie ruhig wieder nach Altenbrak und
machen Sie's gradso, wie Sie's bisher gemacht haben. Und damit Gott befohlen.
Und wirklich, der Przeptor ging auch. Aber wiewohl er sich fr soviel Nachsicht
und Gte respektvollst bedankt hatte, blieb er im stillen doch fest bei seiner
Meinung und gab, als er wieder daheim war, seinen Abschied schriftlich ein, der
ihm denn auch schlielich in Gnaden erteilt wurde. Seitdem sitzt er, wenn nicht
Gste kommen, einsam auf seiner Burg Rodenstein.
    Auf seiner Burg Rodenstein?
    Ja, man darf es so nennen. Jedenfalls nennt er es selber so. Seine Burg
Rodenstein aber ist nichts weiter als ein wundervoll auf einem Felsen gelegenes
Gasthaus, darin er als Rodensteiner haust und wie sein berhmter Namensvetter
unter allen Umstnden einen guten Trunk und, wenn gewnscht, auch die besten
Schmerlen auf den Tisch bringt. Und das ist das Schmerlenland, von dem ich Ihnen
sprach: Altenbrak und sein Przeptor, Burg Rodenstein und der Rodensteiner.
    Und da mssen wir hin, sagte Gordon, und Ccile klatschte zustimmend in
die Hnde. Da mssen wir hin, um die Streitfrage zwischen Forellen und
Schmerlen ein fr allemal entscheiden zu knnen.
    Und der Herr Emeritus bernimmt die Fhrung. Er hat bereits zugestimmt. Und
auch Herr Eginhard... Oh, Pardon...
    Aus dem Grunde.
    Und auch Herr Eginhard Aus dem Grunde, wiederholte Gordon, whrend er sich
gegen den Privatgelehrten verneigte, wird uns begleiten. Nicht wahr?

                                Zwlftes Kapitel


Die Partie nach Altenbrak war fr den andern Morgen verabredet, aber bis dahin
war noch eine lange Zeit, und als man aus dem Saal in den Korridor trat, wurde
mehrfach die Frage laut, was bei der schwebenden Hitze mit dem angebrochenen
Nachmittage zu machen sei. Der Privatgelehrte schlug eine Promenade durch das
Bodetal vor, drang aber nicht durch.
    Nur nicht Bodetal, sagte Gordon. Oder gar dieser ewige Waldkater! Das
reine Landhaus an der Heerstrae mit einer Mischluft von Kchenabgu und
Pferdestllen. berall Menschen und Butterpapiere, Krppel und Ziehharmonika.
Nein, nein, ich proponiere Lindenberg.
    Lindenberg, entschied St. Arnaud, und Ccile zeigte sich bereit, die
Promenade sofort zu beginnen.
    Du solltest dich erst ruhen, sagte der Oberst. Es ist hei, und der Weg
wird dich ermden.
    Aber die schne Frau, die regelmig andern Sinnes war, wenn St. Arnaud auf
ihr Ruhebedrfnis oder gar auf ihre Schwchezustnde hinwies, widersprach auch
diesmal und versicherte, whrend sie sich gegen den Privatgelehrten, um dessen
Begleitung sie schon vorher gebeten hatte, verneigte: bei gutem Gesprche noch
niemals mde geworden zu sein.
    Ein Verklrungsschimmer ging ber Eginhard, der, bei seinem Hange zu
generalisieren, sofort auch Betrachtungen ber die Superioritt aristokratischer
Lebens- und Bildungsformen anstellte. Zugleich war er fest entschlossen, sich
eines so schmeichelhaft in ihn gesetzten Vertrauens wrdig zu zeigen, war aber
nicht glcklich damit, wie sich gleich bei seinem ersten Versuche herausstellen
sollte.
    Miquelscher Privatbesitz, meine Gndigste, hob er an, whrend er auf eine
noch innerhalb der Dorfstrae gelegene, von einem herrschaftlichen Garten
umgebene Villa zeigte.
    Wessen? fragte Ccile.
    Doktor Miquels. Ehedem Brgermeister von Osnabrck, jetzt Oberbrgermeister
zu Frankfurt.
    An der Oder?
    Nein; am Main.
    Aber was konnte diesen Herrn veranlassen, von so landschaftlich bevorzugter
Stelle her, gerade hier sich anzukaufen und in diesem einfachen Harzdorfe seine
Sommerfrische zu nehmen?
    Eine wohl aufzuwerfende Frage, deren einzig mgliche Beantwortung mir in
der Deutschkaiserlichkeit des Doktor Miquel zu liegen scheint, ein Wort, das,
trotz seiner sprachlichen Anfechtbarkeit, den Gedanken genau wiedergibt, den ich
Ihnen, meine gndigste Frau, des ausfhrlicheren unterbreiten mchte. Darf ich
es?
    Ich bitte recht sehr darum.
    Nun denn, es darf als historische Tatsache gelten, da wir Mnner besaen
und noch besitzen, in denen das Kaisertum bereits mchtig lebte, bevor es noch
da war. Es waren das die Propheten, die jeder groen Erscheinung vorauszugehen
pflegen, die Propheten und Tufer.
    Und zu diesen zhlen Sie...
    Vor allem auch Doktor Miquel von Frankfurt. In der Tat, er war unter denen,
in deren Brust der Kaisergedanke von Jugend auf nach Verwirklichung rang. Aber
wo war diesem Gedanken am besten eine Verwirklichung zu geben? Wo durft er am
ehesten Nahrung finden und Frderung erwarten? Und auf diese Fragen, meine
gndigste Frau, gibt es nur eine Antwort: hier. Denn hier, an dieser gesegneten
Harzstelle, predigt alles Kaisertum und Kaiserherrlichkeit. Ich spreche nicht
von dem ewigen Kyffhuser, der ohnehin schon halb thringisch ist, aber speziell
hier, am harzischen Nordrande, gibt jeder Fubreit Erde wenigstens einen Kaiser
heraus. In der Quedlinburger Abteikirche, die Sie, wie mir zu meiner Freude
bekannt geworden, durch Ihren Besuch beehrt haben, ruht der erste groe
Sachsenkaiser, im Magdeburger Dome der noch grere zweite. Sie mit Namen zu
behelligen, meine gndigste Frau, kann mir nicht einfallen. Aber ich bitte
Tatsachen geben zu drfen. In Harzburg, auf der Burgberg-Hhe (deren Besteigung
ich Ihnen empfehlen mchte; Sie finden Esel am Fue des Berges) stand die
Lieblingsburg des zu Canossa gedemtigten Heinrich, und zu Goslar, in
verhltnismiger Nhe jener Burgberg-Hhe, haben wir bis diese Stunde die groe
Kaiserpfalz, die die mchtigsten Herrschergeschlechter, die Trger des
ghibellinischen Gedankens in schon vorghibellinischer Zeit, in ihrer Mitte sah.
Also Kaiser-Erinnerungen auf Schritt und Tritt. Und hierin, meine gndigste
Frau, seh ich den Grund, der Doktor Miquel, den Mann des Kaisergedankens, in
speziell diese Gegenden zog.
    Unzweifelhaft. Und Sie sprechen das alles mit solcher Wrme.
    Der Privatgelehrte verneigte sich.
    Mit solcher Wrme, da ich annehmen mchte, Sie selber seien mit unter den
Propheten und Tufern gewesen und Ihre Studien fnden ihren Gipfelpunkt in einer
begeisterten Hingebung an die deutsche Kaisergeschichte.
    Gewi, meine gndigste Frau, wennschon ich Ihnen offen bekenne, da der
Gang unserer Geschichte nicht der war, der er htte sein sollen.
    Und was ist es, woran Sie Ansto nehmen?
    Das, da sich der Schwerpunkt verschob. Ein Fehler, der erst in unseren
Tagen seine Korrektur erfahren hat. Als die Sachsenkaiser, die wir mit
mindestens gleichem Recht auch die Harzkaiser nennen drften, seitens der
deutschen Stmme gekrt wurden, waren wir auf der rechten Spur und htten, bei
dem endlichen, aber nur allzu frhen Erlschen des Geschlechts, den Schwerpunkt
deutscher Nation nach Nordosten hin verlegen mssen.
    Bis an die russische Grenze?
    Nein, meine Gndigste, nicht so weit; nach dem Lande zwischen Oder und
Elbe.
    Mit den Hohenzollern an der Spitze?
    Doch nicht. Nicht damals. Wohl aber, statt ihrer, ein anderes groes
Frstengeschlecht an der Spitze, das in bereits vorhohenzollerscher Zeit das
Land zwischen Oder und Elbe beherrschte, seitdem aber in unbegreiflich
undankbarer Weise vergessen oder doch beiseite gestellt wurde: das Geschlecht
der Askanier. Haben wir doch als einziges Denkmal und Erinnerungszeichen an
diese ruhmreiche Familie nichts als den Askanischen Platz, eine mittelmige
Lokalitt, die tglich viele Tausende passieren, ohne mit dem Namen derselben
auch nur die geringste historische Vorstellung zu verknpfen.
    Ccile war selbst unter diesen. Aber in Kreisen grogezogen, in denen aller
historischer Notizenkram einen hchst geringen Rang behauptete, bekannte sie
sich lachend zu dieser ihrer Unkenntnis und sagte: Sie mssen es leichtnehmen,
mein teurer Herr Professor, Pardon, da ich bei diesem Titel verbleibe; Sie
mssen es leichtnehmen. Es ist nicht jedermanns Sache, grndlich zu sein. Und
nun gar erst wir Frauen. Sie wissen, da wir jedem ernsten Studium feind sind.
Aber wir haben eine Neigung zu glcklicher Benutzung des Moments, auch ich, und
so drfen Sie jederzeit sicher sein, einer dankbaren Schlerin in mir zu
begegnen.
    Wieviel daran Ernst war, war ungewi, aber als desto gewisser konnte das
eine gelten, da Ccile nicht in der Laune war, den ersten erweiterten
Unterricht ber Askaniertum auf der Stelle nehmen zu wollen. Sie sah sich
vielmehr, als ob sich's um eine Hlfstruppe gehandelt htte, ziemlich ngstlich
nach St. Arnaud und Gordon um, die denn auch, den Emeritus in der Mitte, in
einiger Entfernung folgten.
    Ich bin, empfing sie die Herankommenden, ein gut Teil schneller gegangen
als gewhnlich, und lehrreiche Gesprche haben mir den Weg gekrzt.
    Aber whrend sie diese Worte sprach, hielt sie sich an einer Banklehne, und
St. Arnaud sah deutlich, da sie todmde war, gleichviel ob vom Weg oder von der
Unterhaltung. Er kam ihr deshalb zu Hlfe und sagte, whrend er den
Privatgelehrten lchelnd musterte: Dein alter Fehler, Ccile! Wenn dich etwas
lebhaft interessiert, Gesprch oder Person, berspannst du deine Krfte... Die
Herren werden verzeihen, wenn wir uns, whrend Sie den Berg ersteigen, diese
Bank hier zunutze machen und auf Ihre Rckkehr warten.
    Gordon und der Emeritus, beide wahrnehmend, wie's stand, beeilten sich, ihre
Zustimmung auszudrcken, und nur Eginhard, der auf eine Zuhrerin von soviel
feinem Verstndnis nicht gern verzichten wollte, sprach noch allerlei von dem
Belebenden des Doppel-Oxygen, das erfahrungsmig in dem Zusammenwirken von
Nadel- und Laubholz lge, von denen das Nadelholz auf der Lindenberg-Hhe sowohl
durch Larix tenuifolia wie sibirica, das Laubholz aber durch Quercus robur in
wahren Prachtexemplaren vertreten sei. Noch weitere Namen sollten folgen. Gordon
indes coupierte die Rede ziemlich brsk und schritt, des Emeritus Arm nehmend,
unter einem griechisch-lateinischen Kauderwelsch, in dem Ausdrcke wie
Douglasia, Therapeutik, Autopsie wild durcheinander wiederkehrten, an Eginhard
vorber, den sanft ansteigenden Schlngelpfad hinauf.
    Der Privatgelehrte seinerseits machte gute Miene zum bsen Spiel und folgte.

St. Arnaud und Ccile hatten sich's mittlerweile bequem gemacht. Die Bank war
ziemlich primitiv und bestand aus zwei Steinpfeilern und zwei Brettern, von
denen eins als Sitz, das andere als Lehne diente. Heidekraut und Epilobium
wuchsen umher, und weit vorhngende Tannenzweige bildeten ein Schutzdach gegen
die Sonne. Boncoeur, der schne Neufundlnder, der sich vom Hotel her auch heute
wieder angeschlossen hatte, hatte sich neben einem der Steinpfeiler ins
Heidekraut gelegt.
    Wie schn, sagte Ccile, whrend ihr Auge die vor ihr ausgebreitete
Landschaft berflog.
    Und wirklich, es war ein Bild voll eigenen Reizes.
    Der Abhang, an dem sie saen, lief, in allmhlicher Schrgung, bis an die
durch Wrterbuden und Schlagbume markierte Bahn, an deren anderer Seite die
roten Dcher des Dorfes auftauchten, nur hier und da von hohen Pappeln berragt.
Aber noch anmutiger war das, was diesseits lag: eine Doppelreihe blhender
Hagerosenbsche, die zwischen einem unmittelbar vor ihnen sich ausdehnenden
Kleefeld und zwei nach links und rechts hin gelegenen Kornbreiten die Grenze
zogen. Von dem Treiben in der Dorfgasse sah man nichts, aber die Brise trug
jeden Ton herber, und so hrte man denn abwechselnd die Wagen, die die
Bodebrcke passierten, und dann wieder das Stampfen einer benachbarten
Schneidemhle. Boncoeur hatte den Kopf zwischen die Vorderfe gelegt, und nur
dann und wann sah er zu seiner selbstgewhlten Herrin auf, als ob er sich wegen
seiner Saumseligkeit entschuldigen wolle.
    Pltzlich aber sprang er nicht nur auf, sondern mit ein paar groen Stzen
bis in das Kleefeld hinein, freilich nur, um sich hier sofort wieder auf die
Hinterfe zu setzen und ein paar Tne, die halb Geblaff und halb Gewinsel
waren, laut werden zu lassen.
    Was ist es? fragte Ccile, whrend St. Arnaud, nach rechts hin, auf einen
in Bchsenschuentfernung ber den Weg kommenden und im selben Augenblick auch
wieder im Unterholz am Bergabhange verschwindenden Hasen zeigte. Boncoeur aber,
mit seinem Behange hin und her schlagend, sah dem flchtigen Lampe noch eine
Weile nach und nahm dann seinen Platz neben der Bank wieder ein.
    Schlechter Hund, sagte Ccile, mit ihrer Schuhspitze seinen Kopf krauend.
    Guter Hund, erwiderte St. Arnaud. Er zieht einfach deine Liebkosungen
einer fruchtlosen Hasenjagd vor. Er ist ritterlich und verstndig zugleich, was
nicht immer zusammenfllt.
    Ccile lchelte. Solche Huldigungsworte taten ihr wohl, auch wenn sie von
St. Arnaud kamen. Dann schwiegen beide wieder und hingen ihren Gedanken nach.
Helles, sonnendurchleuchtetes Gewlk zog drben im Blauen an ihnen vorber, und
ein Volk weier Tauben schwebte daran hin oder stieg abwechselnd auf und nieder.
Unmittelbar am Abhang aber standen Libellen in der Luft, und kleine graue
Heuschrecken, die sich in der Morgenkhle von Feld und Wiese her bis an den
Waldrand gewagt haben mochten, sprangen jetzt, bei sich steigernder Tagesglut,
in die khlere Kleewiese zurck.
    Der Oberst nahm Cciles Hand, und die schne Frau lehnte sich md und auf
Augenblicke wie glcklich an seine Schulter.
    In solchem Trumen blieb sie, bis pltzlich an der Bahn entlang die Signale
gezogen wurden und von Thale her das scharfe Luten der Abfahrtsglocke
herberklang. Und siehe da, keine Minute mehr, so vernahm man auch schon den
Pfiff der Lokomotive, gleich danach ein Keuchen und Prusten, und nun dampfte der
Zug auf wenig hundert Schritt an dem Lindenberge vorber.
    Er geht nach Berlin, sagte St. Arnaud. Willst du mit?
    Nein, nein.
    Und nun sahen beide wieder der Wagenreihe nach und horchten auf das Echo,
das das Gerassel und Geklapper in den Bergen wachrief und fast so klang, als ob
immer neue Zge vom Hexentanzplatz her herunterkmen.
    Endlich schwieg es, und die frhere Stille lag wieder ber der Landschaft.
Nur die Brise, von Dorf und Flu her, wuchs, und die Kornfelder neigten sich und
mit ihnen der rote Mohn, der in ganzen Bscheln zwischen den Halmen stand.
    Unwillkrlich machte Ccile die schwankende Bewegung mit, bis sie pltzlich
auf ein Bild wies, das der Aufmerksamkeit beider wohl wert war. Von jenseit der
Bahn her kamen gelbe Schmetterlinge, massenhaft, zu Hunderten und Tausenden
herangeschwebt und lieen sich auf dem Kleefeld nieder oder umflogen es von
allen Seiten. Einige schwrmten am Waldrand hin und kamen der Bank so nahe, da
sie fast mit der Hand zu fassen waren.
    Ah, Pierre, sagte Ccile. Sieh nur, das bedeutet etwas.
    O gewi߫, lachte St. Arnaud. Es bedeutet, da dir alles huldigen mchte,
gestern die Rosenbltter und heute die Schmetterlinge, Boncoeurs und Gordons
ganz zu geschweigen. Oder glaubst du, da sie meinetwegen kommen?

                              Dreizehntes Kapitel


Alles freute sich auf Altenbrak, und selbst Ccile war schon um acht auf dem
groen Balkon, trotzdem der Aufbruch erst um zehn und zehneinhalb erfolgen
sollte.
    Dieser Aufbruch zu verschiedenen Zeitpunkten hatte darin seinen Grund, da
Ccile, sosehr sie sich erholt hatte, fr eine Fupartie doch nicht ausreichend
gekrftigt war, whrend St. Arnaud, ein leidenschaftlicher Steiger, auf eine
Wanderung ber die Berge hin nicht gern verzichten wollte. So war man denn
bereingekommen, den Marsch in zwei Kolonnen zu machen, von denen die
Fukolonne: St. Arnaud, der Emeritus und der Privatgelehrte, um zehn Uhr
vorausmarschieren, die Reiterkolonne: Gordon und Ccile, um zehneinhalb Uhr
nachfolgen sollte. Danach wurde denn auch verfahren, und als der Futrupp um
eine halbe Stunde voraus war, erhoben sich die bis dahin Zurckgebliebenen, um
sich, unmittelbar vor dem Hotel, an dem Halteplatze der Wagen und Pferde,
beritten zu machen. Gordon, wenig zufrieden mit dem Bestande, den er hier
vorfand, unterhandelte gerade mit einem der Vermieter, als Ccile, zwischen den
Pferden hin, ein Paar Esel gewahr wurde, die ganz zuletzt im Schatten einer
Platane standen. Sie freute sich sichtlich dieser Wahrnehmung, und mit einer ihr
sonst nicht eigenen Lebhaftigkeit die Verhandlungen unterbrechend, sagte sie,
whrend sie nach der Platane hinzeigte: Da sind Esel, Herr von Gordon. Das ist
nun einmal meine Passion: Eselreiten und Ponyfahren. Und wenn Sie nicht Anstand
nehmen...
    Im Gegenteil, meine gndigste Frau, man sitzt besser und gemtlicher, und
das gefrchtete Vom Pferd auf den Esel kommen, was bildlich sein Miliches haben
mag, ist mir in natura nie schrecklich gewesen.
    Ein Blick, von dem schwer zu sagen war, ob mehr schmeichelhafte Huld oder
naive Kinderfreude darin vorherrschte, belohnte Gordon fr seine
Bereitwilligkeit, und wenige Minuten spter saen beide bereits plaudernd im
Sattel und trotteten, ber einen Brckensteg hin, auf eine mit vorjhrigem
Eichenlaub gefllte Schlucht zu, die, jenseits der Bode, zu der auf dem
Bergrcken entlanglaufenden Blankenburger Chaussee hinauffhrte. Neben ihnen her
ging der Eseljunge, den Esel, auf dem Ccile sa, dann und wann zu
beschleunigterer Gangart antreibend. Es war ein bildhbscher, zugleich
hartgewhnter Junge, der abwechselnd ging und lief und dem Gesprche, das Gordon
und Ccile fhrten, mit klugem Auge folgte.
    Das Laub raschelte, die Sonne spielte durch das Gezweig, und aus dem Walde
her vernahm man den Specht und dann und wann auch den Kuckuck. Aber nur langsam
und sprlich, und als Gordon zu zhlen anfing, rief er nur ein einzig Mal noch.
    Ist euer Harzkuckuck immer so faul?
    O nein; mal so, mal so. Soll ich ihn fragen?
    Versteht sich.
    Wieviel Jahre noch?
    Und nun antwortete der Kuckuck, und sein Rufen wollte kein Ende nehmen.
    Das schuf eine kleine Verstimmung, denn jeder ist aberglubisch, und um die
Verstimmung wieder loszuwerden, sagte jetzt Gordon, das Thema wechselnd:
Eselreiten und Ponyfahren! Sie sprachen so glckstrahlend davon, meine
gndigste Frau. Sind es Kindererinnerungen? Das Ponyfahren lt es fast
vermuten. Aber, Pardon, wenn ich in meiner Neugier vielleicht indiskrete Fragen
tue.
    Nicht indiskret. berhaupt, was ist Diskretion? Wer ihr  tout prix leben
will, mu in den Kartuserorden treten.
    Der, Gott sei Dank, fr Frauen nicht gestiftet wurde.
    Mutmalich, weil seine Begrnder klug und weise genug waren, das Unmgliche
nicht anzustreben. Aber, Sie fragten mich, ob Kindererinnerungen. Nein, leider
nein. Meine Kindertage vergingen ohne das. Aber dann kamen andre Tage, freilich
auch halbe Kindertage noch, in denen ich aus der kleinen oberschlesischen Stadt,
darin ich geboren und grogezogen war, zum ersten Mal in die Welt sah. Und in
welche Welt! Jeden Morgen, wenn ich ans Fenster trat, sah ich die Jungfrau vor
mir und daneben den Mnch und den Eiger. Und am Abend dann das Alpenglhn. Ich
vergesse sonst Namen, aber diese nicht, diese sind mir in der Seele geblieben
wie die Tage selbst. Schne, himmlische, glckliche Tage, Tage voll ungetrbter
Erinnerungen. Und unter diesen ungetrbten Erinnerungen auch Eselritt und
Ponyfahren. Ach, es sind so kleine Dinge, aber die kleinen Dingen gehen ber die
groen... Und von woher stammt Ihre Passion fr derlei Kavalkaden?
    Aus dem Himalaja.
    Bei diesem Worte waren sie aus der Schlucht heraus, und Gordon wollte just
abbrechen, um, oben angelangt, des freien Umblicks vom Plateau her voll zu
genieen, im selben Moment aber wahrnehmend, da der Eseljunge, ganz wie
benommen, ihn anstarrte, berkam ihn ein Lachen, und er sagte: Junge, kennst du
den Himalaja?
    Mount-Everest... 27 000 Fu.
    Wo hast du das her?
    Nu, das lernen wir.
    A la bonne heure, lachte Gordon. Ja, der preuische Schulmeister... Zu
welch erstaunlichen Siegen wird uns der noch verhelfen! Und was sagen Sie dazu,
meine Gndigste?
    Nun zunchst nur das eine, da der Junge mehr wei als ich.
    Lassen Sie's ihm. Preuischer Drill und Gedchtnisballast. Je weniger man
davon schleppt, desto besser.
    Das sagt St. Arnaud auch, wenn er gut gelaunt ist. Aber au fond glaubt er's
nicht und empfindet ein bestndiges Crvecour ber all das, was die Herren
Przeptoren, zu deren einem wir jetzt wallfahrten, an mir versumt haben. St.
Arnaud, sag ich, glaubt es nicht, und Sie glauben es auch nicht, Herr von
Gordon. Ich hab es wohl bemerkt. Alle Preuen sind so konventionell in
Bildungssachen, alle sind ein klein wenig wie der Herr Privatgelehrte...
    Ja, stimmte Gordon zu, das sind sie. Sie heien nicht smtlich Eginhard,
aber alle sind mehr oder weniger Aus dem Grunde.
    Danach brach das Gesprch ab, und erst nach einer Weile nahm es Ccile
wieder auf. Ob wir die Herren noch einholen? fragte sie. Die Chaussee luft
hier wie mit dem Lineal gezogen, und doch seh ich niemand.
    In der Tat, Ccile sah niemanden und konnte niemand sehen, aber es lag nicht
an einer allzu groen Entfernung zwischen ihr und der Avantgarde, sondern
einfach daran, da die drei Herren, denen der Aufstieg doch saurer geworden war,
als sie vermutet hatten, Schattens halber in einen wundervollen Waldpfad
eingebogen waren, der erst spter wieder auf den Hauptweg mndete. St. Arnaud
hatte die Mitte zwischen seinen beiden Begleitern genommen und rechnete darauf,
die Fehde zwischen dem braunschweigischen Ro des Emeritus und dem askanischen
Bren des Privatgelehrten in krzester Frist ausbrechen zu sehn, schob aber
seinerseits alles, was den Streit unmittelbar htte heraufbeschwren knnen,
klug und vorsichtig hinaus und begngte sich damit, den Privatgelehrten ber
seinen Namen auszuholen.
    Irr ich, wenn ich annehme, mein hochverehrter Herr Aus dem Grunde, da Sie
rheinischen oder schweizerischen Ursprungs sind und hnlich wie die Vom Rat, Aus
dem Winkel und Auf der Mauer entweder der Klner Gegend oder aber den Urkantonen
entstammen?
    Doch nicht, mein Herr Oberst. Mein Urgrovater kam glaubenshalber aus Polen
und hie ursprnglich Genserowsky, noch bis vor kurzem befanden sich in der
Berliner Hasenheide Trger dieses alten Namens. Einer der Shne, mein Grovater,
war homo literatus, zugleich Verfasser einer griechischen Grammatik, und um ganz
mit den polnischen Erinnerungen zu brechen oder vielleicht auch wegen eines dem
deutschen Ohre nicht unbedenklichen Namensanklanges, lie er den Genserowsky
fallen und nannte sich Aus dem Grunde. Das einigermaen Anspruchsvolle darin
verkenn ich nicht, aber der Name ist mir berkommen, und so kann es mir
persnlich nur obliegen, ihm, nach dem bescheidenen Mae meiner Fhigkeiten,
Ehre zu machen.
    Ein Streben, zu dem ich Sie beglckwnsche.
    Der Herr Oberst beschmen mich durch soviel Gte. Das aber darf ich heute
schon aussprechen, da ich mich jederzeit vor Zersplitterung und einer damit
zusammenhngenden Oberflchlichkeit gehtet habe. Zersplitterung ist der Fluch
unsrer modernen Bildung. Ich befleiige mich der Konzentration und halte zu dem
guten alten Satze multum non multa. Mein Stolz ist der, ein Spezialissimus zu
sein, ein Spott-und zugleich Ehrenname, den mir beizulegen dem Chor meiner
Gegner beliebte. Der Herr Oberst wissen, welchem Gegenstande meine Studien
gelten, und es sind denn auch eben diese, die mich neuerdings wieder hierher in
den Harz und in der letzten Woche nach dem reizenden Gernrode (dessen Besuch ich
dem Herrn Obersten empfohlen haben mchte) gefhrt haben, nach Gernrode, das
seinen Namen bekanntlich von einem voraskanischen Markgrafen herleitet, dem
Markgrafen Gero.
    Demselben mutmalich, der dreiig Wendenfrsten zu Tische lud, um sie dann
zwischen Braten und Dessert abschlachten zu lassen?
    Von eben demselben, mein Herr Oberst. Aus welchem Zwischenfall ich brigens
bitten mchte nicht allzu nachteilige Schlsse ziehen zu wollen. Markgraf Gero
war ein Kind seiner Zeit, genauso wie Karl der Groe, dem die summarisch
enthaupteten zehntausend Sachsen nie zum Nachteil angerechnet worden sind. Es
sind das eben die Mnner, die Geschichte machen, die Mnner groen Stils, und
wer Historie schreiben oder auch nur verstehen will, hat sich in erster Reihe
zweier Dinge zu befleiigen: er mu Personen und Taten aus ihrer Zeit heraus zu
begreifen und sich vor Sentimentalitten zu hten wissen.
    Gewi, gewi߫, lachte der Oberst. Einverstanden mit allem, wobei mir nur
ewig merkwrdig bleibt, da die durch Natur und Beruf friedliebendsten Leute von
der Welt allemal fr Kopf-ab sind, whrend alle Leute von Fach an dreiig
abgeschlachteten Wendenfrsten doch einigermaen Ansto nehmen. Es mu brigens
ein Gesetz in dieser Erscheinung walten, vielleicht dasselbe, nach dem ganz
unbemittelte Personen immer erst geneigt sind, ein Dreiig-Millionen-Vermgen
als ein Vermgen berhaupt gelten zu lassen.
    Unter diesem Gesprche, das sich weiterspann, hatten unsere drei Freunde den
Punkt erreicht, wo der Waldweg wieder in den Hauptweg einbog, auf dem, im selben
Augenblicke fast, wo sie denselben betraten, ein Hauderer oder Personenwagen,
mit dem Anhaltiner Wappen am Wagenschlage, vorberrollte.
    War das nicht der askanische Br? fragte St. Arnaud.
    Zu dienen. Und zwar der askanische Br an einem emeritierten Postwagen aus
guter alter Zeit, wo das Herzogtum Anhalt noch eine selbstndige Postverwaltung
hatte. Die nunmehr lngst meistbietend versteigerten Wagen laufen nur noch als
Hauderer durchs Land und predigen einen Wechsel der Dinge, der mich in meiner
Eigenschaft als Deutscher beglckt, in meiner Spezialeigenschaft als zu Haus
Anhalt haltender Berliner aber ebenso betrbt wie verletzt. Denn worin hat
speziell Berlin den Ursprung und die Wurzel seiner Kraft? Einfach in dem jetzt
hinsterbenden Askaniertum, dem es nicht blo seinen Wappen-Bren, sondern in
gleichem Grade sein Gedeihen und seinen Ruhm verdankt. Und wie lohnt es diesem
Askaniertum? Ich hatte schon gestern die Ehre, mich gegen die gndige Frau
darber aussprechen zu knnen. Wenn ich sage durch Miachtung, so mach ich mich
insoweit noch einer erheblichen Beschnigung schuldig, als Haus Anhalt einfach
einer gewissen Komik verfallen ist, die sich tagtglich in den traurigsten
Berlinismen Luft macht. Urteilen Sie selbst. Erst vorgestern war es, da ich in
einem diese Frage berhrenden ernsten Gesprch der ganz unqualifizierbaren
Antwort begegnete: Versteht sich, Anhalt-Dessau. Denn wenn wir Dessau nicht
htten, so htten wir auch nicht den alten Dessauer, und wenn wir den alten
Dessauer nicht htten, so htten wir auch nicht: So leben wir! 
    Ah, sagte der Oberst, das waren die zwei Berliner an der Table d'hte.
Dergleichen darf man nicht belnehmen. Die Berliner sind Spamacher und gefallen
sich in ironischen Bemerkungen und Zitaten.
    Und treffen dabei meistens den Nagel auf den Kopf, setzte der Emeritus
hinzu. Denn Sie werden, mein hochverehrter Herr Eginhard, doch nicht allen
Ernstes verlangen, da wir uns im Zeitalter Otto von Bismarcks auch noch fr
Otto den Faulen oder gar fr Otto den Finner interessieren sollen?
    Doch, mein Herr Emeritus. Zu den schnsten Zierden deutscher Nation zhl
ich Loyalitt gegen das noch lebende Frstengeschlecht und unwandelbare Piett
gegen die, die bereits vom Schauplatz abgetreten sind.
    Eine Forderung, mein hochverehrter Herr Aus dem Grunde, die sich leichter
stellen als erfllen lt. Andauernde Treue gegen das Alte macht die Treue gegen
das Neue nahezu zur Unmglichkeit; aber unmglich oder nicht, es ist jedenfalls
ein gefhrliches Evangelium, das Sie da predigen. Denn was Albrecht dem Bren
recht ist, ist Heinrich dem Lwen billig, und doch mcht ich Ihnen nicht
anempfehlen, Ihren unentwegten Enthusiasmus fr emeritierte Postkutschen (Sie
selbst geruhten diesen Ausdruck zu gebrauchen) von Haus Anhalt auf das Haus Welf
bertragen zu wollen. Es gibt eben leichte und schwere Pietten, und die
letztern sind nicht jedermanns Sache, was auch kaum anders sein kann. Und um
schlielich auf diesem nur allzu heiklen Gebiet auch noch ein Wort von mir
selber zu sagen, so bin ich fester Braunschweiger trotz einem. Aber wenn heute
mein Herzog stirbt und morgen der Preu uns annektiert, so bin ich bermorgen
loyaler Preue. Nur keine Prinzipienreiterei, mein hochverehrter Herr Aus dem
Grunde. Das Wort sie sollen lassen stahn, das ist Recht und Ordnung, dafr bin
ich da, das ist Gewissenssache. Fr alles andre aber haben wir die Vernunft.
Treue! Man mu die Welt nehmen, wie sie liegt, und danach treu sein.
    Oder untreu.
    Meinetwegen.
    Und dabei lchelte der Emeritus mit berlegener Miene.

Der so voraufschreitenden Kolonne folgten Gordon und Ccile.
    Nach rechts hin, auf Blankenburg zu, lagen weite Wiesen und Ackerflchen,
whrend unmittelbar zur Linken ein Waldschirm von geringer Tiefe stand, der
unsere Reisenden von der steil abfallenden Talschlucht und der unten schumenden
Bode trennte. Dann und wann kam eine Lichtung, und mit Hlfe dieser glitt dann
der Blick nach der anderen Felsenseite hinber, auf der ein Gewirr von Spitzen
und Zacken und alsbald auch der Hexentanzplatz mit seinem hellgelben, von der
Sonne beschienenen Gasthause sichtbar wurde. Juchzer und Zurufe hallten durch
den Wald, und dazwischen klang das Echo der Bller-und Bchsenschsse von der
Rotrappe her.
    Es ist doch ein eigen Ding um die Heimat, sagte Gordon, sie sei, wie sie
sei. La ich mich aufs Vergleichen ein, so ist dies alles nur Spielzeug der
Natur, das neben dem Groen verschwindet, was sie drauen in ihren ernsteren
Stunden schuf. Und doch geb ich fr dieses bescheidene Plateau sechs
Himalajapsse hin. Es ist mit all dem Groen drauen, wie wenn man einen Kaiser
in Hermelin oder den Papst in pontificalibus sieht; man bewundert und ist
benommen, aber wohl wird einem erst wieder, wenn man seiner Mutter Hand nimmt
und sie kt.
    Sie sprechen das mit so vieler Wrme. Lebt Ihre Mutter noch? Haben Sie sie
wiedergefunden?
    Nein, sie starb in den Jahren, da ich drauen war. Ich habe nichts weiter
mehr als zwei Schwestern. Eine war noch ein halbes Kind, als ich Deutschland
verlie; aber mit der andern wuchs ich auf, wir harmonierten in allen Stcken,
und wenn sich mir meine Wnsche nur einigermaen erfllen, so trennen wir uns
nicht wieder, wenigstens nicht wieder auf Jahre. Ja, diese Bande sind doch die
festesten und berdauern alles andre. Wie manche Nacht, wenn ich in den
gestirnten Himmel aufsah, hab ich an Mutter und Schwester gedacht und mir ein
Wiedersehen ausgemalt. Nur halb ist es mir in Erfllung gegangen.
    Ccile schwieg. Sie war klug genug, um die Herzlichkeit solcher Sprache zu
verstehen und zu wrdigen, aber doch andererseits auch verwhnte Frau genug, um
sich durch ein so betontes Hervorkehren verwandtschaftlicher Empfindungen, und
zwar in diesem Augenblick und an ihrer Seite, wenig geschmeichelt zu fhlen.
    Und wie heit Ihre Schwester?
    Clothilde.
    Clothilde, wiederholte sie langsam und gedehnt, und Gordon, der
heraushren mochte, da ihr der Name nicht sonderlich gefiel, fuhr deshalb fort:
Ja, Clothilde, meine gndigste Frau. Sie wgen den Namen und finden ihn etwas
schwer. Und Sie haben recht. Ich glaube auch nicht, da ich fhig sein wrde,
mich jemals in eine Clothilde zu verlieben. Aber je weniger der Name fr eine
Braut oder Geliebte pat, desto mehr fr eine Schwester. Er hat etwas Festes,
Solides, Zuverlssiges und geht nach dieser Seite hin fast noch ber Emilie
hinaus. Vielleicht gibt es berhaupt nur einen Namen von ebenbrtiger
Soliditt.
    Und der wre?
    Mathilde.
    Ja, lachte Ccile. Mathilde! Wirklich. Man hrt das Schlsselbund.
    Und sieht die Speisekammer. Jedesmal, wenn ich den Namen Mathilde rufen
hre, seh ich den Quersack, darin in meiner Mutter Hause die Backpflaumen
hingen. Ja, dergleichen ist mehr als Spielerei, die Namen haben eine Bedeutung.
    Ich wollte, da Sie recht htten, es wrde mich glcklich machen. Aber was
hab ich beispielsweise von meiner musikalischen und sogar heiliggesprochenen
Namensschwester? Die Heiligkeit gewi nicht, und auch kaum die Musik.
    So plaudernd, erreichten sie die Stelle, wo der nach Altenbrak abzweigende
Weg auf ein weites Elsbruch einbog, hinter dem die bis jetzt von ihnen passierte
Waldpartie von neuem aufragte, freilich nicht als Wald mehr, sondern nur noch
als Schonung, ber deren Kiefern und Kusseln hinweg eine mutmalich einen Weg
einfassende Doppelreihe weistmmiger Birken sichtbar wurde. Hart in Front
dieser Schonung lagerte, deutlich erkennbar, eine Gruppe hemdrmliger oder doch
in Leinwandjacken gekleideter Personen, aller Wahrscheinlichkeit nach also
Holzschlger oder Arbeiter auf Tagelohn. Etwas Leichtes in den Bewegungen
jedoch, zumal wenn sich einzelne von ihnen erhoben, zeigte bald, da es keine
Tagelhner sein konnten.
    Was sind das fr Leute da? fragte Gordon den Jungen. Ehe dieser aber
antworten konnte, wurde drben ein Signalhorn laut, und im selben Augenblicke
begann ein Hin- und Herlaufen und gleich danach ein Ordnen und Richten. Und nun
setzten sich auch unsere zwei Reisenden in Trab und erkannten im Nherkommen,
da es blutjunge Leute waren, Turner in Drillichanzgen, die sich, mit
bemerkenswerter Raschheit und Gewandtheit, in Gliedern formierten. Ganz in Front
standen die Spielleute: drei Tambours und ein Hornist, und als die der
Aufstellungsseite zunchst reitende Ccile bis auf wenige Schritte heran war,
kommandierte der den Trupp fhrende Vorturner: Augen links, und dann:
Prsentiert das Gewehr. Er selbst aber salutierte mit dem Schlger, die Spitze
zur Erde senkend, whrend die drei Tambours den Prsentiermarsch schlugen.
Ccile verneigte sich dankend und verlegen, und einen Augenblick spter ritten
beide (Gordon unter militrischem Gru) in den Birkenweg ein, der sich, wie man
vermutet hatte, durch die Schonung hinzog und an manchen Stellen eine
vollkommene Laube bildete.
    War das reizend, sagte Ccile. Jugend, Jugend. Und so frisch und
glcklich. Und so ritterlich und artig.
    Gordon nickte. Ja, meine gndigste Frau, das ist Deutschland,
Jung-Deutschland. Und mit Stolz und Freude sehe ich es wieder. Drauen hat man
auch dergleichen, aber es ist doch anders. Hier gibt sich alles natrlicher und
weniger zurechtgemacht; weniger mise en scene. Gott erhalt uns unsere Jugend.
    Und whrend er noch so sprach, streiften die Birkenzweige Cciles Gesicht,
was ihn zu dem Vorschlag veranlate, doch die Pltze zu wechseln. Aber sie
wollte davon nichts hren. Es ist doch immer ein Streicheln, auch wenn es weh
tut. Und dazu diese himmlische Luft! Ach, ich knnte den ganzen Tag so reiten,
und von Mdigkeit wre keine Spur.
    Endlich hatten sie die Schonung im Rcken und hielten vor einer von einem
Plankenzaun eingefaten und hoch in Gras stehenden Wiese, darauf nichts sichtbar
war als, in einiger Entfernung, drei ziemlich gleich aussehende Huschen, die
todstill und wie verwunschen in der grellen Mittagssonne dalagen. Keine Grille
zirpte, kein Rauch stieg auf; um den Zaun herum aber ging in weitem Bogen der
Weg, anstatt die Wiese kurz und knapp zu durchschneiden.
    Wie heit das? fragte Gordon.
    Todtenrode, sagte der Junge.
    Nur in Ordnung. Wenn es nicht schon so hiee, so mt es so getauft werden.
Todtenrode! Wohnen Menschen hier? Mutmalich ein Totengrber?
    Nein, ein Frster.
    Unter solchem Gesprche waren sie bis an die Stelle gekommen, wo die
vorerwhnten drei Huschen standen. Eines derselben, das grte, das etwas von
Architektur und Ornament zeigte, war ganz von wildem Wein berwachsen, und
Gordon ritt heran, um, so gut es die Lichtblendung gestattete, von auen her in
die Fenster hineinzusehen. Keine Gardine war da, kein Vorhang, berhaupt nichts,
was auf Bewohnerschaft htte deuten knnen, und doch war unverkennbar, da dies
Haus in der de sehr bewegte Tage gesehen haben mute. Polsterbnke zogen sich
um panelierte Wnde, dazu Schenktisch und schwere Sthle, whrend sich in dem
Zimmer daneben, das sich, bei nur halber Tiefe, leichter bersehen lie,
allerlei Mbel aus der Zeit des Empire befanden, darunter ein hellblaues
Atlassofa mit drei schmalen Spiegeln ber der Lehne.
    Ccile sah gleichzeitig mit Gordon in die verblate Herrlichkeit hinein, und
auch der Junge stellte sich neugierig auf die Zehspitzen.
    Eine Frsterei, sagtest du. Das ist aber ein Jagdschlo.
    
    Ja, ein Jagdschlo.
    Und von wem?
    Von unsrem Herzog.
    Kommt er oft?
    Nein. Aber der vorige...
    Ja, lachte Gordon, der vorige, der kam oft. Und zu Ccile gewandt, fuhr
er fort: Ich hab ihn noch in Paris gesehen, den guten Herzog, alt geworden,
geschnrt und geschminkt, und mit Ringellckchen, eine lcherliche Figur, ebenso
der Liebling wie der Spott der Halbweltdamen. Wahrhaftig, wer die Geschichte
dieser Duodezfrsten schreiben will, mu bei den frstlichen Jagdschlssern
anfangen. Und nun gar dies hier, dies Todtenrode! Der bloe Name htte mich in
einen Tugendpriester verwandeln knnen. Aber diese Durchluchtings empfinden
anders und sagen umgekehrt: Je mehr Tod, je mehr Leben. Erst die Strecke mit dem
erlegten Wild, und dann Bacchus, und dann Eros, der gttliche Knabe. Zehn gegen
eins, da dies Todtenrode mit zu den bevorzugtesten Tempeln des kleinen Gottes
gezhlt hat. Ihr Himmlischen, was mag sich alles in diesem Allerheiligsten
abgespielt haben, an Freud und Leid! Ja, auch an Leid. Denn der Krug geht so
lange zu Wasser, bis er bricht, wobei mir brigens die Serenissimi selbst die
weitaus kleinste Sorge machen. Aber was so von Jugend und Unschuld mit in die
Brche geht, was so gemtlich mit hingeopfert wird in dem ewigen
Molochdienste...
    Ccile musterte den Sprecher, der einen Augenblick in der Laune schien, in
seiner Philippika fortzufahren; bald aber wahrnehmend, da er, wie damals vor
den Portrts der Frst-Abbatissinnen, in seinen Auslassungen um ein gut Teil zu
weit gegangen sei, begann er sofort das Thema zu wechseln, was ihm die sich
rasch verndernde Szenerie ziemlich leicht machte. Der Weg nmlich, der bis
dahin ber ein Plateau gefhrt hatte, senkte sich hinter Todtenrode wieder und
mndete, bald danach, auf eine mittelhoch am Abhange sich hinziehende Chaussee,
neben der, in der Tiefe, die diesseits von einem sonnigen Wiesengrunde, jenseits
aber von Wald und Schatten eingefate Bode hinflo. Erquickende Khle drang von
unten her bis zur Hhe hinauf, und einzelne Huser, die zerstreut und lauschig
am Flusse hin lagen, berechtigten zu der Annahme, da man in krzester Frist am
Ziele sein werde.
    Gordon wurde nunmehr sehr bald auch der drei voraufmarschierenden Herren
ansichtig, die ganz zuletzt einen Richtsteig eingeschlagen haben muten, und auf
sie hinweisend, rief er seiner Begleiterin in beinahe freudiger Aufregung zu:
Da sind sie. Wenn wir uns in Trab setzen, haben wir sie noch vor dem ersten
Hause.
    Ccile sah ihn bei diesen Worten verwundert an, aber mit einer Verwunderung,
in die sich etwas von Empfindlichkeit mischte. Das war doch naiver als naiv. Er
geno des Vorzugs ihrer Gesellschaft und schien nichtsdestoweniger hocherfreut
ber die Mglichkeit, im nchsten Augenblicke wieder in Nhe des Emeritus oder
gar an der Seite des Privatgelehrten sein zu knnen. Alle Verwunderung und
Empfindlichkeit aber verlor sich rasch in dem Komischen der Situation, und sich
aufrichtend im Sattel, sagte sie mit beinah bermtiger Betonung: Eh bien,
eilen wir uns, Herr von Gordon. Vite, vite. Man soll die Gelegenheit beim
Schopfe fassen.
    Und im Trabe, whrend der Junge sich in den Steigbgel hing, ging es bergab.
    Eine Minute noch, und man mute die Voraufmarschierenden eingeholt und das
Dorf selbst erreicht haben.

                              Vierzehntes Kapitel


Aber es war doch anders bestimmt, denn unmittelbar vor dem Dorfeingange wurde
Ccile, die dem Flusse zunchst ritt, einer im Grase sitzenden Dame, der
Malerin, gewahr.
    Wirklich, es war Frulein Rosa, mitten in der Arbeit vor einer Staffelei,
die sie sich aus drei Bohnenstangen mit eingeschlagenen Holzngeln
zurechtgezimmert hatte. Die Freude der Knstlerin gab sich, wie die der beiden
Ankmmlinge, ganz ungesucht, und den Pinsel ins Gras werfend, aber die Palette
immer noch auf dem linken Daumen, sprang sie von ihrem Malerstuhl auf und
reichte Ccile die frei gewordene Rechte.
    Willkommen in Altenbrak... Ach, nun entsinn ich mich... Die drei Herren...
vor einer Minute erst... Richtig, das war ja der Herr Oberst und der freundliche
alte Emeritus. Und der dritte... Ja, wer war der dritte?
    Der Herr Privatgelehrte.
    Nun, der htte seine Langweil und sich selbst in Hotel Zehnpfund belassen
knnen. Aber welche Freude, Sie wiederzusehen, meine gndigste Frau. Und Sie,
Herr von Gordon. Ach, es war mir zuviel Staub in Thale, zuviel Staub und zuviel
Sonntagsgste. Hexentanzplatz und Rotrappe sind nur wie Tempelhof und Tivoli,
Bier und wieder Bier. Aber hier ist Natur, und die wei und braun gefleckte Kuh
da... Sehen Sie doch nur, meine gndigste Frau, wie das liebe Vieh dasteht und
sich nicht rhrt. Ein wahres Mustermodell. Ich mchte schwren, es habe Gemt
und freue sich mit mir, da Sie da sind.
    Ccile, als die Malerin endlich schwieg, tat auch ihrerseits ein paar Fragen
und versuchte bei der Gelegenheit, einen Blick auf die Skizze zu werfen, aber
Rosa wollte davon nichts wissen und fuhr fort: Nein, meine gndigste Frau, nur
nicht gleich wieder Kunst und Kunstgesprche. Was Sie hergefhrt hat, hat einen
andern Zweck und Namen. Und ich brauche kaum danach zu fragen. Natrlich, der
Przeptor, der alte Murrkopf, der Mann mit der sonoren Bastimme,
Selbstherrscher aller Altenbraker und dabei Landesautoritt in Sachen der
Schmerle. Tglich bin ich an seinem Tisch (er hlt nmlich eine Pension), und
dann setzt er sich zu mir und sagt mir Liebenswrdigkeiten und will mich sogar
adoptieren. Aber ich hab ihm gesagt, er msse mich heiraten, anders tt ich's
nicht, ich wolle Schlofrau werden auf Burg Rodenstein oder kurzweg die
Rodensteinerin und den ganzen Tag ber mit dem Schlsselbund rasseln.
    Und Sie wohnen in seiner Pension?
    Nein, ich ziehe diese Seite des Dorfes vor. Ich wohne hier... das dritte
Haus da, gleich hinter dem Staket.
    Und sie wies auf ein reizendes, am Dorfeingange gelegenes Huschen, in
dessen Vorgarten ein paar Stachelbeerstrucher standen und Mohn und Borr bunt
durcheinander blhten. An dem Staket aber trockneten Netze, whrend eine Sichel
an der alten Linde hing.
    Beneidenswert, sagte Gordon. Manchem glckt es, berall ein Idyll zu
finden; und wenn er's nicht findet, so schafft er's sich. Ich glaube, Sie
gehren zu diesen Glcklichen.
    Ich glaub es beinah selbst, mu aber jedes persnliche Verdienst in der
Sache von mir abweisen. Der Himmel legt einem nicht mehr auf, als man tragen
kann. Und ich habe durchaus keine Schultern fr das Tragische.
    Ccile schien von diesem scherzhaft hingeworfenen Worte mehr berhrt, als
sich erwarten lie. Jedenfalls brach sie rasch ab und sagte: Das ist ein groes
Thema. Und wenn Herr von Gordon und Frulein Rosa erst ins Philosophieren
kommen...
    Dann gibt es kein Ende.
    Ccile nickte zustimmend, und unter einem herzlichen Au revoir warf sie
das Tier herum und lenkte, von Gordon gefolgt, auf den breiten Fahrweg ein, in
dessen Schatten der Junge zurckgeblieben war.
    Haben wir noch weit bis zum Przeptor?
    Noch eine Viertelstunde.
    Gut denn.
    Und man setzte sich wieder in Trab.

Wirklich, es war noch eine Viertelstunde, denn das Haus, das der Alte bewohnte,
lag an der entgegengesetzten Seite von Altenbrak. Aber so lang der Weg war und
so ruhebedrftig Ccile sich fhlte, dennoch sprach sie kein Wort von Ermdung,
weil das Bild, das die Dorfstrae gewhrte, sie bestndig interessierte. Links
hin lagen die Huser und Htten in der malerischen Einfassung ihrer Grten,
whrend nach rechts hin, am jenseitigen Ufer der Bode, der Hochwald anstieg, auf
dessen Lichtungen das Vieh weidete. Das Gelut der Glocken tnte herber, und
dazwischen klang das Rauschen des ber Kieselgerll hinschumenden Flusses.
    So ging es das Dorf entlang, an Stegen und Brcken vorbei, bis endlich da,
wo die Schlucht sich wieder weitete, der Eseljunge nach einem in Mittelhhe des
Felsens eingebauten Huserkomplex hinaufwies, daran in Riesenbuchstaben auf
weiem Schilde stand: Gasthaus zum Rodenstein.
    Hier wohnt der Przeptor.
    Und so hielt man denn.
    Und whrend der Junge die Esel in einem unteren Stallraum unterbrachte,
stiegen Gordon und Ccile die Stufen hinan, die zu dem Rodensteiner
hinauffhrten.

Auf der obersten Stufe stand bereits St. Arnaud und empfing die Sptlinge mit
vieler Freundlichkeit, aber doch zugleich mit einem Anfluge von Spott. Die
Herrschaften, hob er an, scheinen auf einen Wettlauf mit dem
braunschweigischen Ro beziehungsweise dem askanischen Bren verzichtet zu
haben. Zu meinem lebhaften Bedauern. Im brigen hab ich aus der mir auferlegten
Entbehrung das Beste zu machen gesucht und kenne in diesem Augenblicke nicht nur
Albrecht den Bren, sondern auch den Markgrafen Waldemar so genau, da ich
keinem Mllergesellen, und wenn es Jakob Rehbock in Person wre, raten mchte,
mich hinters Licht fhren zu wollen. Freilich, ob Herrn von Gordon an einer
derartigen Wissenszufuhr in gleicher Weise gelegen gewesen wre, mu
dahingestellt bleiben - hinsichtlich meiner teuren Ccile verbrg ich mich fr
das Gegenteil. Und nun an die Gewehre! Zehn Minuten haben ausgereicht, mich mit
dem Rodensteiner bekannt zu machen, und ich drste danach, Sie beide dem
trefflichen Alten vorzustellen. Unser Freund Eginhard, des Emeritus zu
geschweigen, ist zwar eben ber ihn her und hat, wenn ich recht gehrt habe, vor
fnf Minuten den ganzen Markgrafen Otto mit dem Pfeil auf die Sehne seiner
Beredsamkeit gelegt. Aber ich hoffe, der Pfeil fliegt schon. Und so denn
schnell, eh er zum zweiten Male spannt.
    Unter diesem Geplauder berschritten alle drei die Schwelle des Gasthauses
und traten, nach Passierung einiger winkliger und ziemlich verrucherter Stuben,
auf einen halb veranda-, halb balkonartigen Vorbau hinaus, dessen weit
vorspringendes Schutzdach in Front auf drei Holzpfeilern ruhte. Nach der
Rckseite hin aber lag dasselbe Schutzdach auf einer indigoblauen Wand, an der
entlang ein groer, immer mit Essig und l und leider auch mit Mostrichbchsen
besetzter Etisch stand. In Mitte desselben erblickte man Eginhard und den
Emeritus in allerlebhaftestem Gesprche mit einem Dritten, welcher Dritte
niemand anders als der Schloherr aller dieser Dominien sein konnte: der
Przeptor Rodenstein. Und so war es denn auch.
    Erlauben Sie mir, mein hochverehrter Herr Przeptor, Ihnen meine Frau
vorzustellen. Und hier Herrn von Gordon. Die Tagesaufgabe beider war
augenscheinlich, das Unausreichende kavalleristischer Leistungsfhigkeit aufs
neue zu beweisen und daneben die Superioritt der alten Garde zu Fu.
    Der Przeptor hatte sich von seinem Stuhl erhoben und hie Ccile
willkommen, eine zweite Verbeugung galt Gordon. Er sttzte sich, all die Zeit
ber, auf ein Weichselrohr mit Elfenbeingriff und gab, als er sich gleich danach
wieder an den Etisch lehnte (das Stehen wurd ihm schwer), eine bequeme
Gelegenheit, ihn in seiner ganzen Erscheinung zu mustern. Er konnte fglich als
der Typus eines knorrigen Niedersachsen, eines in Eichenholz geschnitzten
Westfalen gelten und vernahm denn auch nichts lieber, als da er einen
Waldeck-Kopf habe. Wirklich lie sich von einer solchen hnlichkeit sprechen.
Ein Fall, den er vor Jahr und Tag getan, machte, da er seitdem eines Stockes
bedurfte, sonst aber war er verhltnismig jung geblieben und glich, in der
Flle seines krausen Haares, darin sich nur wenig Grau mischte, mehr einem
Fnfziger als einem hohen Siebziger, der er doch war. Sein Bestes aber war sein
Organ, und man begriff vllig, da er mit dieser seiner Stimme vierzig Jahre
lang die Altenbraker zusammengehalten und ihnen durch Epistel- und
Bibelvorlesung von der Kanzel her den Prediger ersetzt hatte.
    Ccile fhlte sich sofort angezogen durch seine Persnlichkeit und sprach
ihm unbefangen und liebenswrdig aus, wie sehr sie sich freue, seine
Bekanntschaft zu machen. Der Herr Emeritus, in dem er einen warmen Verehrer
habe, habe sehr viel Schnes von ihm erzhlt, von ihm, von Altenbrak und von den
Schmerlen, und sie sehe wohl, da er nicht zuviel gesagt habe. Denn Altenbrak
sei reizend, und was die Schmerlen angehe...
    So wrden diese (unterbrach hier der Przeptor) hinter ihrer Reputation
nicht zurckbleiben und die gndige Frau gewi zufriedenstellen. Die gndige
Frau mge nur bestimmen, um welche Stunde sie das Diner zu nehmen wnsche. Das
Kchendepartement sei natrlich Sache seiner Frau, wenn er sich aber trotz
alledem mit einem Vorschlag einmischen drfe, so mcht er empfehlen: erst die
Schmerlen und dann einen Rehrcken aus dem Altenbraker Forst. Denn die Schmerlen
allein tten es nicht und gehrten zu den Gerichten, an denen man sich hungrig
e.
    Ccile war einverstanden, und nachdem man noch die Frau Przeptorin und
deren Tochter, eine junge Frstersfrau, zu Rate gezogen, wurde festgestellt, da
um fnf Uhr gegessen werden solle. Natrlich auf der Veranda. Die noch
dazwischenliegenden zwei Stunden aber solle jeder zu freier Verfgung haben,
entweder zu Promenaden an der Bode hin oder aber zu Ruhe und Schlaf.

Ja, Ruhe, danach verlangte Ccile, die sich denn auch unverweilt in eine nach
einem Grtchen hinaus gelegene Hinterstube zurckzog, wo die Fenster aufstanden
und die kleinen gelben Gardinen im Luftzuge wehten. In Nhe des einen Fensters
stand ein bequemes Ledersofa, darauf die total Erschpfte sich streckte, whrend
die junge, nur zu Besuch und Aushlfe bei den Eltern anwesende Frstersfrau sie
mit einem leichten Sommermantel zudeckte.
    Soll ich die Fenster schlieen, gndige Frau?
    Nein. Es ist gut so, wie's ist. Eine so schne Luft und doch kein Zug. Aber
wenn Sie mir eine Freude machen wollen, so nehmen Sie sich einen Stuhl und
setzen sich zu mir. Ich kann doch nicht schlafen und habe nur das Bedrfnis,
mich zu ruhen.
    Ach, das kenn ich.
    Sie? Wie das? Sie sind noch so jung und sehen so blhend aus, und Ihre
Augen lachen so frisch und glcklich. Sie haben gewi einen guten Mann. Nicht
wahr?
    Ja, den hab ich.
    Und Kinder?
    Auch die. Und die sind mein besondres Glck. Aber in drei Jahren drei, das
ist doch viel, und wenn das zweite geboren wird, eh das erste noch laufen kann,
und wenn dann Krankheit kommt und man den Tag ber am Herd und in der Nacht an
der Wiege steht und alle Lieder durchsingt und das Kleine doch nicht schlafen
will und einem dann die Augen zufallen und man sie mit aller Gewalt wieder
aufreien mu - ach, meine gndigste Frau, wenn solche Tage kommen, da lernt man
doch erkennen, was Ruhe heit und das Bedrfnis danach. Und da hilft keine
Jugend und keine Gesundheit. Und bei all meinem Glck hab ich oft bitterlich
geweint.
    In diesem Augenblick hrte man von drauen eine Kinderstimme.
    Da ruft eines?
    Nein, meine gndigste Frau, meine Kinder sind nicht hier. Die sind im Wald
drauen, beim Vater, und die lteste, die jetzt sieben ist, das heit, sie wird
acht zu Michaeli, die mu schon die kleine Mutter sein und die beiden andern in
Ordnung halten. Denn die Magd hat in der Kche zu tun und mit dem Vieh im
Stalle. Da mu denn eben alles mit anfassen. Und die gndige Frau sollten das
Kind sehen, wie sie sich in Respekt zu setzen wei, ja, sie gehorchen ihr besser
als mir, denn die Kinder untereinander besinnen sich nicht lang, ob ein Klaps
pat oder nicht. Und mein Mann sagt oft: Sieh, Frau, die Trude versteht es
besser als du: so mut du's machen. Du bist zu gut.
    Und das trifft auch wohl zu?
    Nun, bs bin ich grade nicht. Aber wer will sagen, da er, zu gut sei? Wenn
man so gut ist, wie man nur irgend sein kann, ist man noch immer nicht gut
genug. Am wenigsten gegen die Armen. Ach, meine gndigste Frau, das lernt man im
Wald. Wenn man die Not der Menschen sehen will, dann mu man im Walde leben und
das arme Volk sehen, das sich ein bichen Reisig zusammensucht und immer noch in
Angst ist, da sie was mitnehmen, was sie nicht mitnehmen drfen. Aber ich habe
meinem Mann auch gesagt: Tu, was du mut; aber wenn's sein kann, drck ein Aug
zu, denn die Not ist gro. Und wer den Armen ein Leid tut oder strenger ist als
ntig, der ist wie der Reiche, der nicht ins Himmelreich kommt.
    Ccile nahm die Hnde der jungen Frau. Ihr lieber Mann wird wohl so sein,
wie Sie selber sind. Mir ist nicht bang um ihn. Aber wenn er auch anders wre,
Sie werden ihn schon bekehren und fr seine Seele sorgen, und er wird das
Himmelreich haben, wie Sie selbst, dessen bin ich sicher. In einer guten Ehe mu
sich alles ausgleichen und balancieren, und der eine hilft dem andern heraus.
    Oder reit ihn auch mit hinein, lachte die junge Frau.
    Vielleicht, vielleicht... Aber ich denke, die Gnade rechnet mehr unsere
Guttat an als unsere Schuld.

Ccile wollte nur ruhn, aber zuletzt war sie doch eingeplaudert worden; ein paar
Pfauentauben flogen aufs Fenstersims, und die junge Frau Frsterin verlie leise
das Zimmer, um auf die Veranda, wo nur noch St. Arnaud und der Przeptor
verblieben waren, zurckzukehren und hier Mitteilung zu machen, da die gndige
Frau schlafe.
    Das ist gut, sagte St. Arnaud, ich sah, da sie der Ruhe bedurfte. Nun
aber, mein Herr Przeptor, mssen Sie mich mit Ihrem ganzen Gewese bekannt
machen. Ich find es nur in der Ordnung, da man im Publikum berall von Ihrem
Schlo Rodenstein spricht, denn wirklich, Ihr Gasthaus hngt wie eine Burg am
Felsen. Ist es Granit?
    Porphyr, Herr Oberst.
    Desto besser, oder wenigstens um eine Stufe vornehmer. Aber vornehmer oder
nicht, ich mu das alles sehen, immer vorausgesetzt, da Ihnen Ihr Fu ein
Umhersteigen gestattet.
    O gewi, mein Herr Oberst, wenn Sie nur Geduld mit einem alten Invaliden
haben wollen, der ein etwas langsames Tempo hat und immer nur einen Schritt
macht, wenn andre drei machen.
    Ganz nach Ihrer Bequemlichkeit. Ich werde Sie doch nicht um etwas bitten
und Ihnen zum Dank fr die Gewhr auch noch das Tempo vorschreiben wollen. Das
wre doch ein gut Teil zuviel. Aber nun sagen Sie mir zuvrderst, was bedeutet
das Tempelchen, das ich da sehe? Hier, gleich links, auf der obersten Spitze?
    Das ist mein Schmuckstck, mein Belvedere, wohin ich Sie gerade fhren
mchte. Da tritt der Porphyr am reinsten heraus, und Altenbrak liegt uns zu
Fen. Erlauben der Herr Oberst, da ich die Tte nehme.
    Bei diesen Worten erhob er sich und schritt, sich auf sein Weichselrohr
sttzend, auf einen in den Fels gehauenen Zickzackweg zu, der nach dem
Aussichtstempelchen hinauffhrte. St. Arnaud folgte, schwieg indes, weil er
wahrzunehmen glaubte, da dem alten Herrn nicht blo das Steigen, sondern auch
das Atmen schwer wurde.
    Nun aber war man oben und sah in die Landschaft hinaus. Was in der Ferne
dmmerte, war mehr oder weniger interesselos, desto freundlicher aber wirkte das
ihnen unmittelbar zu Fen liegende Bild: erst das Gasthaus, das mit seinem
Dchergewirr wirklich an eine mittelalterliche Burg Rodenstein erinnerte, dann
weiter unten der Flu, ber den links abwrts ein schlanker Brckensteg, rechts
aufwrts aber eine alte Steinbrcke fhrte.
    Beneidenswerter, Sie, sagte der Oberst. Knig Polykrates auf seines
Daches Zinnen. Und hoffentlich sagen Sie mit ihm: Gestehe, da ich glcklich
bin. Ist es nicht so?
    Der Przeptor wiegte den Kopf hin und her und schwieg, bis er nach einer
kleinen Weile sagte: Nun ja, mein Herr Oberst.
    Nun ja! Was heit das? Warum nicht blo ja? Was fehlt? Ein Mann wie Sie,
Liebling fnf Meilen in der Runde, gehalten von der Gemeinde, geschtzt von der
Behrde - wie wenige drfen sich dessen rhmen! Und wenn dann das Jubilum
kommt...
    Das kommt nicht.
    Warum nicht?
    Weil ich den Dienst quittiert habe.
    Wie das? Aber freilich... Pardon... ich entsinne mich; Ihr Freund und
Verehrer, der Herr Emeritus, hat uns schon in Thale davon erzhlt und auch den
Grund genannt, der Sie bestimmte. Gewissensbedenken, um nicht zu sagen
Gewissensbisse.
    Der Alte lchelte. Nun ja, Gewissensbisse, das auch. Aber das alles, offen
gestanden, blieb doch blo die kleinere Hlfte. Die Hauptsache war, ich wollte
dem Ehrentag entgehen, demselben Ehrentag, dessen der Herr Oberst eben
erwhnte.
    Dem Jubilum? aber weshalb?
    Weil ich der sogenannten Auszeichnung entgehen wollte.
    Aus Bescheidenheit?
    Nein, aus Dnkel.
    Aus Dnkel? Ich bitte Sie, wer geht einer Auszeichnung aus dem Wege?
    Die wenigsten. Und ich auch nicht. Aber Auszeichnung und Auszeichnung ist
ein Unterschied. Ein jeder freut sich seines Lohnes. Gewi, gewi. Aber wenn der
Lohn kleiner ausfllt, als man ihn verdient hat oder wenigstens verdient zu
haben glaubt, dann freut er nicht mehr, dann krnkt er. Und das war meine Lage.
Man wollte mir ein Bndchen geben an meinem Jubilumstage. Nun gut, auch ein
Bndchen kann etwas sein; aber das, das meiner harrte, war mir doch zuwenig, und
so macht ich kurzen Proze und bin ohne Jubilum, aber Gott sei Dank auch ohne
Krnkung und rger aus dem Dienste geschieden. Ich wei wohl, da man nie recht
wei, was man wert ist, aber ich wei auch, da es die Menschen in der Regel
noch weniger wissen. Und handelt es sich gar um ein armes Dorfschulmeisterlein,
nun so geht alles nach Rubrik und Schablone, wonach ich mich nicht behandeln
lassen wollte. Von niemandem, auch nicht von wohlwollenden Vorgesetzten. Und da
hab ich demissioniert und dem Affen meiner Eitelkeit sein Zuckerbrot gegeben.
    Bravo, sagte der Oberst und reichte dem Alten beide Hnde. Sich ein
Genge tun ist die beste Dekoration. Im letzten ist man immer nur auf sich und
sein eigen Bewutsein angewiesen, und was andre versumen, mssen wir fr uns
selber tun. Das heit nicht, sich berheben, das heit blo die Rechnung in
Richtigkeit bringen. Und nun erzhlen Sie mir von dem Porphyr hier. Ich dachte,
der Harz wre Granit. Aber es ist auch in der Natur so: mitten aus dem
allgemeinen Granit wchst mal ein Stck Porphyr heraus. Da heit es dann, woher
kommt er? Aber es ist eine nutzlose Frage. Er ist eben da.

So plauderten sie weiter, und als sie, bei fortgesetztem Gesprch ber Altenbrak
und die Altenbraker, endlich den Zickzackweg wieder abwrts stiegen, bemerkten
sie Gordon und die beiden lteren Herren die, von einem Dorfspaziergange
heimkehrend, eben aus der Talschlucht nach Burg Rodenstein hinaufkletterten. In
ihrer Mitte Rosa. Diese begrte jetzt der ihr bis in Front des Hauses
entgegengehende St. Arnaud unter gleichzeitigen scherzhaften Vorwrfen ber ihre
Fahnenflucht aus Hotel Zehnpfund, und als man abermals eine Minute spter
gemeinschaftlich auf die Veranda trat, sah man, wie schon die Vorbereitungen zum
Mittagsmahl getroffen und Tisch und Sthle, der bessern Aussicht halber, bis
hart an die Holzpfeiler vorgerckt waren. Weies Linnen kam und Blumen, zuletzt
auch Ccile, noch angertet vom Schlaf, und ehe weitere zehn Minuten um waren,
hatte jeder seinen Platz beim Mahl, an dem teilzunehmen der Przeptor nach
einigem Zgern eingewilligt hatte. Er sa zwischen den beiden Damen und zeigte
durch Artigkeit und guten Humor, da er in seiner Jugend eine gute Schule
durchgemacht haben mute. Ccile war entzckt und flsterte Rosa zu: Tout 
fait comme il faut!
    Und so war auch das Mahl, das sich gleich mit einer kleinen berraschung
einleitete. Die Frau Przeptorin hatte nmlich, ber die vereinbarten Gnge
hinaus, auch noch fr ein Extra Sorge getragen, fr eine Kerbelsuppe,
hinsichtlich deren ihr Haushalt ein Renommee hatte.
    Ach, Kerbel, sagte der Oberst, als der Deckel abgenommen wurde. Wenn Sie
wten, meine liebe Frau Przeptorin, wie Sie's damit getroffen haben!
Wenigstens fr mich. Meine ganze Jugend steigt dabei wieder vor mir auf. Alle
Mittwoch, so lang es Kerbel gab, gab es auch Kerbelsuppe, das war wie Amen in
der Kirche, Kerbel und dann Reis und Saucichen. Ich denke, da es mir heute so
schmecken soll wie damals... Aber was trinken wir? Ccile, Frulein Rosa, was
soll es sein? Ich gehe bis an die Grenze des Mglichen...
    Also so weit mein Weinkeller reicht, lachte der Przeptor. Aber mein Herr
Oberst, der reicht nicht weit. Ein Trarbacher, ein Zeltinger. Mosel, dir leb
ich, Mosel, dir sterb ich. brigens das Beste, was ich habe...
    Nein, nein, unterbrach Ccile. Nicht Wein, nichts Fremdes. Braunschweiger
Landesgebru. Nicht wahr, Herr von Gordon?
    Unbedingt, sagte dieser. Bei solchen Gelegenheiten mu alles eine
Lokalfarbe haben. Also sagen wir Braunschweiger Mumme.
    So scherzte man weiter, bis man schlielich, auf des Przeptors Vorschlag,
sich fr ein einfaches Blankenburger Bier entschied, das denn auch in
Deckelkrgen aufgetragen wurde, jeder Krug mit einer blauen Glasurinschrift. Der
Oberst las die seine. Der Meister hat ein Doppelkinn, Hoch lebe die junge Frau
Meisterin... Ei, ei, mein fein's Jung-Gesell, wo will das hinaus? Das
herkmmliche Balladen-Tchterlein bleibt uns diesmal berraschlicherweise
vorenthalten, und die Frau Meisterin mu dafr aushelfen. Ein Glck, da sie
jung ist.
    In diesem Augenblicke kamen die Schmerlen auf einer mit Zitronenscheiben
bunt garnierten Schssel, und da niemand, mit Ausnahme des Emeritus und
selbstverstndlich auch des Przeptors, mit dem diffizilen Gerichte Bescheid
wute, so lie man die beiden anfangen und erging sich, als man ziemlich
vorsichtig zu folgen begann, in teils schmeichelhaften, teils despektierlichen
Vergleichen. Gordon sprach von White bait, woran ihn die Schmerlen erinnern
sollten, whrend ihnen der Oberst einfach eine Mittelstellung zwischen Yklei und
Spree-Stint anwies, allerdings im Tone der Entschuldigung hinzusetzend: Honny
soit qui mal y pense. Rosa drang aber auf vollkommene Revozierung, da sie sich
die Poesie der Schmerle nicht rauben lassen wolle, dieses herrlichsten aller
Fische, den zu besingen sie keinen Augenblick Anstand nehmen wrde, wenn ihr die
schnde Tiermalerei zu Kultivierung der sanglichen Schwesterkunst Zeit gelassen
htte. Aber der Herr Emeritus werde gewi fr sie eintreten. Alle Geistlichen
wren bekanntermaen heimliche Dichter, was auch kaum anders sein knne. Denn
wer allsonntglich unter einem Kanzeldeckel mit der Heiligengeist-Taube stehe,
fr den msse auch dichterisch notwendig etwas abfallen.
    Ja, der Emeritus, riefen alle. Lied oder Toast. Er mag whlen, aber
Verse.
    Gut. Ich bin es zufrieden, sagte der Alte. Doch jeder nach seinen
Krften. ber den Leberreim bin ich nie hinausgekommen. Und weil alle Welt einen
Leberreim machen kann, auch Frulein Rosa, trotz der von ihr abgegebenen
Erklrungen, so mu es einfach reihum gehen. Das ist Bedingung.
    Einverstanden, sagte Rosa. Nur mu es streng angefat werden, das ist
meine Bedingung, und wer einen falschen Reim macht oder ein Wort gebraucht, das
gar nicht existiert, der mu Strafe zahlen oder, mit anderen Worten, ein Pfand
geben.
    Und mit Auslsung, setzte der Privatgelehrte blinzelnd hinzu, der, wie die
meisten Pedanten, etwas von einem Faun hatte.
    Mit Auslsung also, wiederholte St. Arnaud. Aber vorher lassen wir die
Schssel noch einmal herumgehen. Das gibt uns dann die hhere Weihe. Nun, Herr
Emeritus, commenons.
    Und der Emeritus, whrend er von der Schssel nahm, rezitierte langsam und
bedchtig vor sich hin:

Am Bache stehn Vergimeinnicht, und drben steht die Erle,
Dazwischen blitzt, wie Silberschein, des Baches Kind, die Schmerle.

Gut, gut, sagte Rosa. Nun aber der Herr Oberst.
    Und dieser, ohne jedes Besinnen, begann sofort:

Was solln mir Aland, Blei und Hecht und andre groe Kerle,
Forelle, ja das ist mir recht und doppelt recht die Schmerle.

Vorzglich, vorzglich. Mein Kompliment, Herr Oberst. Der Emeritus ist
geschlagen. Ach, das ewig siegreiche Militr, siegreich auf jedem Gebiete. In
neuester Zeit auch (leider) auf dem der Malerei. Doch das sind trbe
Betrachtungen, zu trbe fr diese heitere Stunde. Fahren wir also fort. Herr von
Gordon, lassen Sie sehen, was Sie drauen in Persien gelernt haben. Die Poesie
soll ja da zu Hause sein. Ist es nicht so? Wie hie er doch? Ah, ja, Firdusi.
Nun also.
    Gordon, der eine scherzhafte Fehde zu provozieren wnschte, nahm ohne
weiteres Querlen als Reimwort und lie sich, als dies selbstverstndlich
beanstandet wurde, zu Behauptungen hinreien, deren uerste Fragwrdigkeit noch
ber die seines Reimes hinausging.
    Es gibt keine Querlen, entschied Rosa. Was Inkulpat meint, wenn er
berhaupt etwas gemeint hat, sind Quirle. Die gibt es. Herr von Gordon, ein
Pfand. Und nun Sie, Herr Eginhard. Ich bitte Sie, Sie bei diesem Vornamen, ich
mchte fast sagen im Namen der Poesie, nennen zu drfen.
    Eginhard begann, whrend er vor sich hin starrte, seine Brillenglser zu
putzen. Aber mit einem Male lag etwas Leuchtendes um seine Stirn, und er sagte
mit einem Anfluge von historischer Wrde:

Der kleinste Frst im Deutschen Reich, das war der Frst von Werle,
Der kleinste Fisch in Bach und Teich ist immer noch die Schmerle.

Rosa bestritt sofort wieder, da es einen Frsten von Werle gegeben habe, wobei
Ccile sekundierte. St. Arnaud aber trat nicht nur fr den Privatgelehrten ein,
sondern setzte sogar mit vieler Feierlichkeit hinzu, da er sich einer
Mesalliance zwischen einem Werleschen Frsten und einer anhaltischen Prinzessin
entsinne. Darauf brach er ab und wandte sich an Rosa: Nun aber sie, meine
Gndigste.
    Diese verneigte sich lchelnd und sagte dann: Ich finde, die Herren haben
sich's schwer gemacht, um mir es leicht zu machen. An dem Zunchstliegenden sind
Sie vorbergegangen. Entscheiden Sie selbst, ob ich recht habe:

Genug, genug der Reimerein auf Schmerlen oder Schmerle,
Hoch, dreimal, unsre schne Frau, der Perlen schnste Perle.

Dabei erhob sie sich und ging auf Ccile zu, um ihr die Hand zu kssen. Diese
litt es aber nicht, sondern umarmte sie mit einem Anflug von Verlegenheit,
zugleich sichtlich bewegt durch diese Huldigung einer heiteren und
liebenswrdigen Natur.
    Etwas wie Sentimentalitt schien aufkommen zu wollen, der Przeptor aber,
der kein Freund davon war, stellte den frheren Ton rasch wieder her, und unter
Vortrag aller mglichen Anekdoten aus seinem eigentmlichen, halb als Kantor und
halb als Pastor verbrachten Leben verging das Mahl, das niemand Miene machte
gewaltsam abzukrzen.
    Endlich aber erhob man sich, und als man in das Tempelchen hinaufstieg, um
bei frischer Luft und freier Aussicht den Kaffee zu nehmen, war die Sonne schon
im Niedergehen und hing ber den Tannen der Berghhe. Nun sank sie tiefer und
durchglhte die Spitzen der Bume, die momentan im Feuer zu stehen schienen.
    Alles war schweigend in das herrliche Schauspiel vertieft, und man sah erst
wieder auf, als zu frhlichem Sprechen und Lachen, von dem man nicht recht
wute, woher es kam, allerlei Stimmen laut wurden, die das Echo wecken wollten.
Aber es antwortete nicht.
    Inzwischen waren die vom Dorf her ungesehen und ungekannt Heranziehenden
immer nher gekommen, und als sie pltzlich um einen Vorsprung bogen, der sie
bis dahin verborgen hatte, bemerkten unsre Freunde, da es alte Bekannte waren.
    Die Turner, rief Ccile. Sie werden uns noch einmal begren wollen.
    Und wirklich schlossen sie sich, als sich der Weg wieder zu verbreitern
begann, zu Sektionen zusammen und marschierten in festem Tritt, und whrend die
Tambours schlugen, auf die Stelle zu, wo die schmale, fast zu Fen von Burg
Rodenstein liegende Holzbrcke nach dem andern Ufer hinberfhrte. Drben aber
nahmen sie nicht Aufstellung en ligne, sondern im Halbkreis, und stimmten hier,
umleuchtet von dem Lichte des hinscheidenden Tages, den Scheffelschen
Rodensteiner an:

Das war der Herr von Rodenstein,
Der sprach: Da Gott mir helf,
Gibt's nirgends mehr 'nen Tropfen Wein
Des Nachts um halber zwlf?
Raus da, raus da,
Raus aus dem Haus da,
Herr Wirt, da Gott mir helf.

Unsre hoch oben stehenden Freunde horchten weiter, aber es blieb bei dieser
Strophe. Die Turner brachen mitten im Singen ab, lachten und lrmten und konnten
sich an ihrem endlos wiederholten Raus da, aus dem Haus da kein Genge tun.
    Von dem Tempelchen her aber klatschte man jetzt Beifall, und der alte, ganz
aus dem Huschen geratene Przeptor verschwor sich ein Mal ber das andere, ein
Fa Echtes auflegen und die jungen Leute zu Gaste laden zu wollen.
    Aber diese, die den Gesang nur im Anblick der Gasthausinschrift Zum
Rodenstein improvisiert hatten, begngten sich, zum Gegengru ihre Mtzen zu
schwenken, und marschierten gleich danach in den Wald hinein und auf Treseburg
zu.

                              Fnfzehntes Kapitel


Eginhard und der Emeritus hatten vor, auf Schlo Rodenstein zu bleiben, um
anderntags einen beraus lohnenden Ausflug erst nach Rbeland und dann in
weitem Bogen nach Kloster Michelstein hin zu machen, die St. Arnauds ihrerseits
aber, und mit ihnen selbstverstndlich auch Gordon, waren entschlossen, noch am
selben Abende nach Thale zurckzukehren. Ein Blick auf die Bettbestnde hatte
nmlich der gndigen Frau, schon im Laufe des Nachmittags, die nur zu gewisse
Gewiheit gegeben, da von einem Nachtquartier an dieser sonst so reizenden
Stelle nicht wohl die Rede sein knne, was denn auch, als man bei
Sonnenuntergang von dem Aussichtstempelchen wieder hinunterstieg, St. Arnaud
veranlate, dem Eseljungen die ntigen Befehle zu Sattlung und raschem Aufbruch
zukommen zu lassen, whrend er fr sich persnlich ein Pferd aus den Altenbraker
Bestnden erbat. Denn er teile nicht die Passion fr Eselreiterei.
    Dann bitt ich den Herrn Przeptor, setzte Ccile mit einer ihr sonst nicht
eignen Bestimmtheit hinzu, den Eseljungen berhaupt ablohnen und statt des
einen Pferdes drei beschaffen zu wollen.
    Ei, ei, lachte St. Arnaud, einigermaen berrascht ber diese
Bestimmtheit, whrend der kaum minder verwunderte Gordon in Ccile drang, das
Bequemere doch nicht ohne Not aufgeben zu wollen.
    Aber Ccile blieb fest und sagte: Darin finden Sie sich nicht zurecht, Herr
von Gordon; dazu mu man verheiratet sein. Die Mnner sitzen ohnehin auf dem
hohen Pferd; schlimm genug; reitet man aber gar noch aus freien Stcken zu Esel
neben ihnen her, so sieht es aus wie Gutheiung ihres de haut en bas. Und das
darf nicht sein.
    In dieser Weise stritt man noch eine Weile, bis Gordon in einem ihn
treffenden Streifblicke zu lesen glaubte: Tor. Um deinetwegen.
    Eine Viertelstunde spter erschienen die Pferde; man nahm Abschied und
wandte sich auf die Holzbrcke zu, die die Turner vor ihnen passiert hatten. Im
Herankommen aber wahrnehmend, da die Balken- und Bretterlage viel zu schwach
sei, durchritt man den Flu, von dessen andrem Ufer aus alle drei noch einmal
nach Burg Rodenstein hinbergrten.
    Der Weg drben schlngelte sich zunchst eine Waldhhe hinauf, bald aber
stieg er wieder zur Bode nieder und folgte deren Windungen. Unter den
berhngenden Zweigen lag bereits Dmmerung, und minutenlang war nichts Lebendes
um sie her sichtbar, bis pltzlich, in nur geringer Entfernung von ihnen, ein
schwarzer Vogel aus dem Waldesschatten hervorhpfte, wenig scheu, ja beinahe
dreist, als woll er ihnen den Weg sperren. Endlich flog er auf, aber freilich
nur, um sich dreiig Schritte weiter abwrts abermals zu setzen und daselbst
dasselbe Spiel zu beginnen.
    Eine Schwarzdrossel, sagte Gordon. Ein schnes Tier.
    Aber unheimlich.
    St. Arnaud lachte. Meine teure Ccile, du greifst vor. Das sind Gefhle,
wenn man sich im Walde verirrt hat. Aber dies Stck Romantik wird uns erspart
bleiben, ja nicht einmal eine regelrechte Gruselnacht, in der man die Hand nicht
vor Augen sieht, steht uns bevor. Sieh nur, da drben hngt noch das Abendrot,
und schon kommt der Mond herauf, als ob er auf Ablsung zge. La die
Schwarzdrossel. Sie begleitet uns, weil sie froh ist, Gesellschaft zu finden.
Frage nur Herrn von Gordon.
    Ich mchte doch mehr der gndigen Frau zustimmen, sagte dieser. Alle
Vgel, mit alleiniger Ausnahme der Spatzen, exzellieren in etwas eigentmlich
Geheimnisvollem und beschftigen unsere Phantasie mehr als andere Tiere. Wir
leben in einer bestndigen Scheu vor ihnen, und es gibt eigentlich weniges auf
der Welt, was mir soviel Respekt einflte wie zum Beispiel ein grauer Kakadu,
Professoren der Philosophie folgen erst in weiterem Abstand. Und nun gar Storch
und Schwalbe! Wer htte den Mut, einer Schwalbe was zuleide zu tun oder einen
Storch aus dem Neste zu schieen?
    Ah, die Menschen sind Heuchler, sagte der Oberst. Heuchler und Pfiffici
zugleich. Sie stellen allemal das in ihren Schutz, was sie nicht brauchen
knnen. Ich habe noch nie von Storchbraten gehrt, und die gastrosophischen
Versuche mit dem ebenfalls gefeiten Schwan sind bis dato regelmig gescheitert.
Aber Bekassinen und Krammetsvgel! Sie schmecken viel zu gut, als da man
Veranlassung gehabt htte, sie heiligzusprechen.
    Unter solchem Gesprche war man bis an die Treseburger Brcke gekommen und
sah auf das am andern Ufer, unmittelbar neben dem Flu hin, reizend gelegene
Gasthaus Zum weien Hirsch. Einige der hier aufgestellten Tische hatten
Windlichter, die meisten aber begngten sich mit dem hellen Scheine, den der
Mond gab.
    Wollen wir hinber? fragte der Oberst.
    Aber Ccile war dagegen. Der Weg drben sei doch mutmalich derselbe, den
sie schon am Vormittage gemacht htten, und sie habe keine Sehnsucht, noch
einmal an Todtenrode vorberzukommen.
    Also diesseits!
    Und damit lenkte St. Arnaud in einen schluchtartigen Weg ein, der in
ziemlicher Steile zu dem zwischen Treseburg und Thale sich ausdehnenden Plateau
hinaufstieg.
    Oben war nichts als Gras und Acker, zwischen denen ein schmaler Weg lief,
nur gerade breit genug, um in gleicher Linie nebeneinander bleiben zu knnen.
Die Schatten aller drei fielen vorwrts auf den wie Silber blitzenden Weg, und
diesem ihrem Schatten ritten sie nach. Meist im Schritt. Die Luft ging kalt, und
Ccile begann zu frsteln, weshalb ihr Gordon ein Plaid reichte, das er bis
dahin ber die Kruppe seines Pferdes geschnallt hatte.
    Nimm's nur, sagte St. Arnaud. Herr von Gordon wird dich kunstgerecht
damit drapieren; das ist er seinem Clan Gordon schuldig. Und dann haben wir dich
als Hochlandserscheinung zwischen uns. Lady Macbeth oder dergleichen. Nur der
Reithut fllt aus dem Stil.
    Aber Ccile beschrnkte sich darauf, zur Eil anzutreiben, und nicht lange,
so war eine Wegkreuzung erreicht, von der aus man, in Entfernung von wenig mehr
als fnfzig Schritt, eines Denkmals ansichtig wurde.
    Was ist das? sagte der Oberst und ritt auf das Denkmal zu, whrend Gordon
und Ccile langsameren Schritts ihren Weg fortsetzten.
    Lockt Sie's nicht auch? fragte Ccile mit einem Anfluge von Spott und
bittrer Laune. St. Arnaud sieht mich frsteln und wei, da ich die Minuten
zhle. Doch was bedeutet es ihm?
    Und ist doch sonst voll Aufmerksamkeit und Rcksichtnahme.
    Ja, sagte sie langsam und gedehnt. Und eine Welt von Verneinung lag in
diesem Ja. Gordon aber nahm ihre lssig herabhngende Hand und hielt und kte
sie, was sie geschehen lie. Dann ritten beide schweigend nebeneinander her, bis
sich St. Arnaud ihnen wieder gesellte.
    Was war es? fragte Ccile.
    Das Denkmal eines alten Oberforstmeisters.
    Den hier ein Wilddieb erschossen?
    Nein, weniger sensationell. Er starb ruhig in seinem Bett.
    Und hie?
    Pfeil.
    Ah, Pfeil. Graf Pfeil?
    Nein, lachte St. Arnaud, blo Pfeil. Die Natur hat mitunter ihre
demokratischen Launen. brigens war er, aller Brgerlichkeit ungeachtet, eine
groe Forst-Autoritt, und einer unsrer berhmtesten landwirtschaftlichen Stze
rhrt von ihm her.
    Und welcher, wenn ich fragen darf?
    Da die Vermhlung von Sumpf und Sand unter Umstnden eine besonders feine
Kultur schaffe. Sumpf an und fr sich sei nicht zu gebrauchen und Sand an und
fr sich auch nicht, aber da der liebe Gott in seinem notorischen
Lieblingslande Mark Brandenburg beide dicht nebeneinandergelegt habe, das sei
fr eben diese Mark und natrlich auch fr die Menschheit eine besondere Gnade
gewesen, und die ganze preuische Geschichte sei sozusagen aus diesem Gnadenakt
hervorgegangen. Da hast du den berhmten Pfeilschen Agrikultur-Satz, der
vielleicht ein bichen zu geistreich ist. Denn unvermischter Pyritzer Weizacker
bleibt schlielich immer das Beste, jedenfalls besser als die Vermhlung von
Sumpf und Sand. Aber nun Trab, da wir warm werden und vorwrts kommen.
    Und im Fluge ging es weiter ber das Plateau hin, abwechselnd an Bumen und
Felszacken und dann wieder an Kreuzwegen und Wegweisern vorber. An einem stand:
Nach dem Hexentanzplatz, und St. Arnaud wies darauf hin und sagte: Wollen wir
einen Contre mitmachen? Oder bist du fr Extratouren?
    Es klang bermtig und spttisch, und sie bog sich bei seiner Annherung
unwillkrlich zur Seite.
    Der Oberst aber war in der Laune, sich gehenzulassen, und fuhr in dem einmal
angeschlagenen Tone fort: Sieh nur, wie das Mondlicht drben auf die Felsen
fllt. Alles spukhaft; lauter groteske Leiber und Physiognomien, und ich mchte
wetten, alles, was dick ist, heit Mnch, und alles, was dnn ist, heit Nonne.
Wahrhaftig, Herr von Gordon hatte recht, als er den ganzen Harz eine Hexengegend
nannte.
    Gleich danach waren sie bis an den Vorsprung gekommen, von dem aus sich der
Plateauweg wieder senkte. Die Pferde wollten in gleicher Pace vorwrts, aber
ihre Reiter, berrascht von dem Bilde, das sich vor ihnen auftat, strafften
unwillkrlich die Zgel. Unten im Tal, von Quedlinburg und der Teufelsmauer her,
kam im selben Augenblicke klappernd und rasselnd der letzte Zug heran, und das
Mondlicht durchleuchtete die weie Rauchwolke, whrend vorn zwei Feueraugen
blitzten und die Funken der Maschine weit hin ins Feld flogen.
    Die Wilde Jagd, sagte St. Arnaud und nahm die Tte, whrend Gordon und
Ccile folgten.

                              Sechzehntes Kapitel


Als sich unsere Reiter eine Viertelstunde spter dem Hotel nherten, sahen sie
deutlich, da der letzte Zug viel Gste gebracht haben mute, denn der groe,
nach der Parkwiese hinaus gelegene Balkon zeigte noch das bunteste Leben. Alles
stand in Licht, und in dem Lichte hin und her bewegten sich die Kellner. Einer
trug eine groe, hoch aufgebaute Teemaschine, was zweifellos bedeutete, da
Englnder oder Hollnder angekommen sein muten.
    Sieh, Pierre, sagte Ccile, die sich angesichts dieses lachenden Bildes
rasch wieder erheiterte. Das ist hbsch, da wir noch Leben vorfinden.
    Und gleich danach hielten alle drei vor dem Vorbau, hoben sich aus den
Stteln und traten in das Vestibl. Eine Welt von Koffern und Reisetaschen lag
hier bunt durcheinander, und als Ccile die Treppe hinaufstieg, tat ihr die
Wrme wohl, die die Gasflammen ausstrahlten.
    Ich denke, wir nehmen den Tee noch gemeinschaftlich auf dem Balkon. Nicht
wahr, Herr von Gordon?
    Und wirklich, binnen krzester Frist saen unsere Freunde mit unter den
Gsten, und zwar an demselben Tisch, an dem sich ihre Bekanntschaft, vor wenig
Tagen erst, eingeleitet hatte. Ccile, die sich inzwischen umgekleidet, trug,
halb vorsichts-, halb eitelkeitshalber, ein mit Pelz besetztes Jacquet, das ihr
vortrefflich stand und mit dazu beitrug, sie zum Gegenstand allgemeiner
Aufmerksamkeit zu machen. Nichts davon entging ihr, und ihre wohlige Stimmung
wuchs bis zu dem Moment hin, wo sie, nach eingenommenem Tee, den nur noch von
wenig Gsten besetzten Balkon am Arme St. Arnauds verlie.

Es schlug elf vom Dorfe her, als Gordon in sein einfaches, im linken Flgel
gelegenes Zimmer trat, um sich's hier, wie seine Gewohnheit war, schon vor dem
Schlafengehen in einer Sofaecke bequem zu machen. Er war aber noch viel zu sehr
bestrmt und aufgeregt, um sich dieser Bequemlichkeit lnger als eine Minute
hingeben zu knnen, und so stand er wieder auf, um zu dem schon offenstehenden
Fensterflgel auch noch den zweiten zu ffnen. Unter ihm lag ein mit Levkojen
und Reseda besetztes Rondel, und er sog den in einem starken Strom
heraufziehenden Duft begierig ein. Alles war still; die Bosquets, die den
Gartenstreifen einfaten, standen in tiefem Schatten, und nur an einer einzigen,
dem Zimmer der St. Arnauds gegenbergelegenen Stelle zeigte sich der Schatten
durch einen Lichtstreifen unterbrochen. Gordon sah darauf hin, als ob er die
Geheimnisse der kleinen Welt, die Ccile hie, aus diesem Lichtstreifen
herauslesen wolle. Dann aber berkam ihn ein Lcheln, und er sagte zu sich
selbst: Ich glaube gar, ich werde der Narr meiner eigenen Wissenschaft und
verfalle hier in Spektralanalyse. Poor Gordon! Die Sonne mag ihre Geheimnisse
herausgeben, aber nicht das Herz. Und am wenigsten ein Frauenherz.
    Unter solchem Selbstgesprche trat er vom Fenster zurck und lie alles, was
der Tag gebracht, noch einmal an seiner Seele vorberziehen. Wieder vernahm er
das heitere Lachen, mit dem sie bei Tisch die Schmerlen-Reime begleitet hatte,
wieder sah er das mondbeschienene Plateau, darauf sie heimritten, hrte wieder
das langgedehnte Ja, das doch ein kurzes Nein war, und fhlte noch einmal
den erwidernden Druck ihrer Hand. Und dabei kehrten ihm alle Betrachtungen und
Fragen zurck, denen er schon in seinen Zeilen an die Schwester Ausdruck gegeben
hatte. Was ist es mit dieser Frau? So gesellschaftlich geschult und so naiv!
Sie will mir gefallen und ist doch ohne rechte Gefallsucht. Alles gibt sich mehr
aus Gewohnheit als aus Coquetterie. Sie hat augenscheinlich in der vornehmen
Welt gelebt, vielleicht in einer allervornehmsten, und hat Auszeichnungen und
Huldigungen erfahren, aber wenig echte Neigung und noch weniger Liebe. Ja, sie
hat ein Verlangen, eine Sehnsucht. Aber welche? Mitunter ist es, als sehne sie
sich, von einem Drucke befreit zu werden oder von einer Furcht und innerlichen
Qual. Ist ihr St. Arnaud diese Furcht? Ist er ihr eine Qual? Nein; er hat nichts
von einem Qulgeist, trotzdem sie heute seine Courtoisie zu bestreiten schien.
Aber das sind Stimmungen, und ich habe sie, wie heute voll Ablehnung, so auch
ebenso voll Dank und Hingebung gegen ihn gesehen. Und doch eine Wolke! Sie hat
eine Geschichte, oder er, oder beide, und die Vergangenheit wirft nun ihre
Schatten.
    In diesem Augenblicke schwand drben der Lichtstreifen auf dem Bosquet.
    Es soll dunkel bleiben.
    Und er schlo das Fenster und suchte die Ruhe.

Die kam ihm nicht gleich, aber als sie kam, schlief er fest, und die Sonne war
schon an seinem Fenster vorber, als er aufwachte. Nach der Uhr sehend, sah er,
da der Zeiger bereits auf acht wies, und er sprang nun rasch aus dem Bett.
    Seine Toilette war erst halb beendet, als es klopfte.
    Herein.
    Der Portier bergab ihm ein Telegramm, zugleich Entschuldigungen
vorbringend. Es sei schon gestern nachmittag gekommen, als die Herrschaften noch
auf der Altenbraker Partie gewesen seien. Und nachher sei's vergessen worden.
Herr von Gordon mge verzeihen.
    
    Gordon lchelte. Telegramme hatten lngst aufgehrt, eine besondere
Wichtigkeit fr ihn zu haben, und so kam es, da er auch jetzt noch eine Minute
vergehen lie, ehe er den Zettel berhaupt ffnete. Sein Inhalt lautete:
Bremen, 15. Juli. Wegen des neuen Kabels abgeschlossen. Wir erwarten Sie
morgen. Eine Welt widerstreitender Empfindungen drang auf ihn ein, als er auf
diese Weise den ihm whrend der letzten Tage so lieb gewordenen Aufenthalt in
Thale so pltzlich abgebrochen sah. Aber das Angenehme, Beruhigende,
Zufriedenstellende wog in diesem Widerstreit der Gefhle doch schlielich vor.
Gott sei Dank, ich bin nun aus der Unruhe heraus und vielleicht aus noch
Schlimmerem. Wer sich in Gefahr begibt, kommt drin um, und mit unserer
Festigkeit und unseren guten Vorstzen ist nicht viel getan. Eine gndige Hand
mu uns bewahren, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Fhre uns nicht in
Versuchung. Wie wahr, wie wahr. Mein gutes Glck interveniert mal wieder und
meint es besser mit mir als ich selbst.
    Und er klingelte.
    Mein Frhstck und meine Rechnung... Sind Oberst St. Arnaud und Frau schon
auf dem Balkon?
    Ja, Herr Baron.
    Er lie sich die Rangerhhung gefallen und fuhr fort: Und der nchste Zug
nach Hannover?
    Neun Uhr zwanzig.
    Ah, da hab ich noch Zeit vollauf.
    Und er hob, als er wieder allein war, den Koffer auf den Stnder und begann
zu packen. Die Raschheit, mit der er dabei verfuhr, zeigte den Vielgereisten,
und der vom Zimmerkellner mittlerweile gebrachte Kaffee hatte noch eine mittlere
Temperatur, als auch alles schon fertig und der ins Schlo gedrckte Koffer samt
Schirm und Plaid beiseite geschoben war.
    Gordon sah nach der Uhr.
    Neun. Also noch zwanzig Minuten: fnfzehn fr mein Frhstck und fnf fr
den Abschied. Etwas wenig. Aber je weniger, desto besser. Was soll man sich
sagen? Abschiedsworte mssen kurz sein wie Liebeserklrungen. Das Beste hlt
nicht lange vor und strubt sich gegen Dauer: der erste Moment ist poetisch, der
zweite kaum noch und der dritte gewi nicht mehr. Und weil man das fhlt und ein
schlechtes Gewissen hat, so wird man lgnerisch und heuchelt und bertreibt. Und
das mag ich nicht. Ich will mich nicht selbst um die schnen Eindrcke dieser
Tage bringen und will gehobenen Herzens und ohne alles Redensartliche von ihr
gehen. Ich will mich ihrer erinnern, wie, wie... Nun wie... Nun, nur um 's
Himmels willen nichts von kindischen Vergleichen. Und doch, woran erinnert sie
mich? An wen? Oder an welches Bild?
    Und er wiegte den Kopf, nachsinnend, hin und her. Endlich schien er es
gefunden zu haben: Ja, das ist es. Ich habe mal ein Bild von Queen Mary
gesehen, ich wei nicht mehr genau wo, war es in Oxford oder in Hampton-Court
oder in Edinburgh-Castle. Gleichviel, es war die schottische Knigin, meine arme
Landsmnnin. Etwas Katholisches, etwas Glut und Frmmigkeit und etwas
Schuldbewutsein. Und zugleich ein Etwas im Blick, wie wenn die Schuld noch
nicht zu Ende wre. Ja, daran erinnert sie mich. Und der alte Oberst! Nun! der
knnte den Bothwell aus dem Stegreif spielen. Wahr und wahrhaftig. Ob er
irgendeinen Darnley hat in die Luft fliegen lassen? Es wre leichtsinnig, sich
fr das Gegenteil verbrgen zu wollen. Aber weg mit solchen
Pulverfa-Reminiszenzen. Ich will hier mit etwas Heitererm abschlieen.
    Und unter solchem Selbstgesprche trat er noch einmal ans offene Fenster und
sah, ber die zunchstgelegene kleine Gartenanlage fort, in das Flachland
hinaus, an dessen uerstem Rande die Trme von Quedlinburg aufragten. Er blieb
eine Minute lang im Anblick derselben und nahm dann Hut und Stock, um sich bei
den St. Arnauds zu verabschieden. Aber diese waren nicht mehr auf dem Balkon,
sondern promenierten bereits im Park unten und schritten eben auf ihre
Lieblingsbank zu, die, von Flieder und Goldregen halb berwlbt, den Blick auf
den Bahnhof frei hatte.
    Bitte, so wandte er sich an den Oberkellner, lassen Sie meine Sachen
hinberschaffen.
    Und nun ging er auf die Bank zu, wo St. Arnaud und Ccile mittlerweile Platz
genommen hatten. Boncoeur war mit da, lag aber diesmal nicht zur Seite, sondern
in Front, in vollem Sonnenschein. Als er Gordon kommen sah, hob er einen
Augenblick den Kopf, ohne sich im brigen zu rhren.
    Ah, Herr von Gordon, sagte der Oberst. So spt. Ich dachte, Sie wren ein
Frhauf. Meine Frau hat Ihnen in den letzten zehn Minuten mindestens ebenso
viele Krankheiten angedichtet. Ich wette, sie schwrmte schon in der Vorstellung
einer allerchristlichsten Krankenpflege.
    Der ich mich nun rasch und undankbar entziehe.
    Wie das?
    Ein eben erhaltenes Telegramm ruft mich fort, und ich komme, mich zu
verabschieden.
    Gordon sah, wie Ccile sich verfrbte. Sie bezwang sich aber, warf mit dem
Schirm ein paar Steinchen in die Luft und sagte: Sie lieben berraschungen,
Herr von Gordon.
    Nein, meine gndigste Frau, nicht berraschungen. Erst seit einer Stunde
wei ich davon, und es lag mir daran, ber das, was nun sein mu, so schnell wie
mglich hinwegzukommen. Was sag ich Ihnen noch? Ich werde diese Tage nie
vergessen und wrde mich glcklich schtzen, sie frher oder spter, sei's hier
oder in Berlin oder irgend sonstwo in der Welt, wiederkehren zu sehen.
    Ccile sah vor sich hin, und eine peinliche Stille folgte, bis St. Arnaud
artig, aber nchtern erwiderte: Worin sich unsere Wnsche begegnen.
    In diesem Augenblicke lutete die Glocke drben zum zweiten Male.
    Das gilt mir. Adieu, meine gndigste Frau. Au revoir, Herr Oberst.
    Und Gordon, den Hut lftend, ging auf den Bahnhof zu, der nur durch eine
hohe Hecke von der Parkwiese getrennt war. Vor einem der hier eingeschnittenen
Durchgnge blieb er noch einmal stehen, verneigte sich und grte militrisch
hinber. Der Oberst erwiderte den Gru in gleicher Weise, whrend Ccile dreimal
mit dem Taschentuch winkte.
    Keine Minute mehr, und der Pfiff der Lokomotive schrillte durch die Luft.
Boncoeur aber sprang auf und legte seinen Kopf in den Scho der schnen Frau.
Dabei schien er sagen zu wollen: La ihn ziehen: ich bleibe dir und - bin
treuer als er.

                              Siebzehntes Kapitel


Gordon war allein im Coup und nahm einen Rckwrtsplatz, um so lange wie
mglich einen Blick auf die Berge zu haben, zu deren Fen er so glckliche Tage
verbracht hatte. Hundert Bilder, whrend er so hinstarrte, zogen an ihm vorber,
und inmitten jedes einzelnen stand die schne Frau. Gedanken, Betrachtungen
kamen und gingen, und auch der Abschiedsmoment stellte sich ihm wieder vor die
Seele.
    Dieser Abschied, sprach er vor sich hin, ich wollt ihn abkrzen, um nicht
in armselige Redensarten zu verfallen, und doch war mein letztes Wort nichts
andres. Auf Wiedersehen! Alles Phrase, Lge. Denn wie steht es damit in
Wahrheit? Ich will sie nicht wiedersehen, ich darf sie nicht wiedersehen; ich
will nicht Verwirrungen in ihr und mein Leben tragen.
    Er wechselte den Platz, weil die just eine starke Biegung machende Bahn ihm
den Blick auf die Berge hin entzog. Dann aber fuhr er in seiner Betrachtung
fort: Ich will sie nicht wiedersehen, so sag ich mir. Aber schlielich, warum
nicht? Sind Verwirrungen denn unausbleiblich? Lady Windham in Delhi war nicht
lter als Ccile, und ich selbst war um fnf Jahre jnger als heut, und doch
waren wir Freunde. Niemals, in den nun zurckliegenden Tagen, hab ich mir im
Umgange mit der liebenswrdigen Lady mitraut und ihr selbst noch weniger. Also
warum kein Wiedersehen mit Ccile? Warum nicht Freundschaft? Was in einer
indischen Garnisonstadt mglich war, mu noch viel mglicher sein innerhalb der
Zerstreuungen einer groen Residenz. Sind doch Einsamkeit und Langeweile so
recht eigentlich die Gevatterinnen, die die Liebestorheit aus der Taufe heben.
    Er warf die Zigarette fort, lehnte sich zurck und wiederholte: Warum nicht
wiedersehen? Aber er konnte weder Ruhe noch Trost aus dieser Frage schpfen.
Ach, da ich von der Frage nicht loskomme, das ist eben das Miliche, das gibt
die Vorwegentscheidung. Ich entsinne mich eines Rechtsanwalts, der mir einmal
beim Schoppen erzhlte: Wenn wer zu mir kommt und im Eintreten schon anhebt Ich
habe da was geschrieben und wollte nur noch von ungefhr anfragen, ob vielleicht
eine Stelle..., so ruf ich ihm schon von weitem zu: Streichen Sie die Stelle.
Sie wrden mich nicht fragen, wenn Sie nicht ein schlechtes Gewissen htten. Und
da ich immer wieder frage, warum nicht Freundschaft?, das ist mein schlechtes
Gewissen, das beweist mir, da es nicht geht und da ich den Gedanken daran
fallenlassen mu. Ccile lebt nicht fr Krnzchen und Flora-Konzerte, soviel
steht fest; ob die Natur sie so schuf oder ob das Leben sie so bildete, gilt
gleich. Mglich, ja wahrscheinlich, da sie sich zeitweilig nach Idyll und
Herzensgte sehnt, aber sie schtzt instinktiv einen jeden nach seinen Mitteln
und Gaben, und ich wre der Lcherlichkeit verfallen, wenn ich meinen Ton ihr
gegenber pltzlich auf Kunstausstellung und Tagesneuigkeiten oder gar auf den
vorlesenden Freund stellen wollte. Was sie von mir erwartet, sind Umwerbungen,
Dienste, Huldigungen. Und Huldigungen sind wie Phosphorhlzer, eine zufllige
Friktion, und der Brand ist da.
    Solche Betrachtungen begleiteten ihn und kamen ihm whrend seines Bremer
Aufenthalts allabendlich wieder, wenn er, nach den Geschften und Mhen des
Tages, seinen Spaziergang am Bollwerk hin machte. Seine Vorstze blieben
dieselben, aber freilich seine Neigungen auch, und als er eines Tages, wo diese
Neigungen mal wieder strker als die Vorstze gewesen waren, in seine Wohnung
heimkehrte, schob er ein Tischchen an die Balkontr seines nach dem Flusse hin
gelegenen Zimmers und setzte sich, um an Ccile zu schreiben.
    Es war eine kostbare Nacht, kein Lftchen ging, und auf den vorberflutenden
Strom fielen von beiden Ufern her die Quai- und Straenlichter; die Mondsichel
stand ber dem Rathaus, immer stiller wurde die Stadt, und nur vom Hafen her
hrte man noch Singen und den Pfiff eines Dampfers, der sich, unter Benutzung
der Flut, zur Abfahrt rstete.
    Rasch flog Gordons Feder ber die Seiten hin, und die weiche Stimmung, die
drauen herrschte, bemchtigte sich auch seiner und fand in dem, was er schrieb,
einen Ausdruck.

Die Verhandlungen in Bremen whrten lnger als erwartet und kamen erst zum
Abschlu, als eine nach den friesischen Inseln hin unternommene Reise die bis
dahin bezweifelte Durchfhrbarkeit des Unternehmens bewiesen hatte. Gordon
lernte bei der Gelegenheit Sylt und Fhr kennen, auch Norderney, woselbst er
emsig nach den St. Arnauds forschte, die, dessen entsann er sich, den Plan
gehabt hatten, ihre Sommertour auf Norderney zu beschlieen. Er ging aber
vergeblich die Fremdenliste durch und war endlich froh, die Insel, der er seine
Mistimmung entgelten lie, nach zweitgigem Aufenthalt wieder verlassen zu
knnen.
    Anfang August war er in Berlin, wo, neben amtlichen und finanziellen
Vorbereitungen, auch allerlei das Technische betreffende Bestellungen und
Kontrakte zu machen waren. Er bezog eine schon Ende Mai, kurz vor seiner Reise
nach Thale, gemietete Wohnung in der Lennstrae, wohin er auch alle Briefe zu
richten angeordnet hatte. Leider fand er nichts vor, weder in der Wohnung noch
auf der Post, oder doch nicht das, woran ihm am meisten gelegen war. Eine
schlechte Laune stellte sich ein, aber glcklicherweise nicht auf lange.
    Tor, der ich bin und immer nur mit meinen Wnschen rechne. Man braucht kein
Menschenkenner zu sein, um zu wissen, da Ccile keine passionierte
Briefschreiberin ist. Wre sie das, so wre sie nicht sie selbst.
Briefeschreiben ist wie Wetterleuchten; da verblitzt sich alles, und das
Gewitter zieht nicht herauf. Aber Frauen wie Ccile vergegenstndlichen sich
nichts und haben gar nicht den Drang, sich innerlich von irgendwas zu befreien,
auch nicht von dem, was sie qult. Im Gegenteil, sie brten darber und
berladen sich mit Gefhl bis dann mit einem Male der Funken berspringt. Aber
sie schreiben nicht, sie schreiben nicht.
    Er schob, whrend er so sprach, den Sofatisch beiseit und begann
auszupacken. Unter den ersten Sachen war auch eine Schreibmappe, deren Deckel
eine Photographie zeigte, das Bild seiner Schwester. In der Stimmung, in der er
war, sah er sich's an und sagte: Clothilde. Wie gut sie aussieht. Aber sie
taugt auch nichts. Es mu ber drei Wochen sein, da ich an sie geschrieben. Und
bis heute keine Antwort, trotzdem das Thema nichts zu wnschen briglie. Denn
ber was schrieben Frauen lieber als ber eine andre Frau, und noch dazu, wenn
sie merken, da man sich fr diese andre interessiert. Und doch kein Wort. Ist
ein Brief verlorengegangen? Unsinn, Briefe gehen nicht verloren. Nun, es wird
sich aufklren. Vielleicht liegt mein langes Skriptum irgendwo in Liegnitz,
whrend Frulein Schwester noch in der Welt umherfhrt.
    In diesem Augenblicke klopfte es.
    Herein.
    Der Eintretende war ein Groindustrieller, Vorstand einer Fabrik fr
Maschinenwesen und Kabeldrhte, dem Gordons Ankunft von Bremen her telegraphiert
worden war und der nicht sumen wollte, sich ihm vorzustellen. Gordon
entschuldigte sich wegen der berall im Zimmer herrschenden Unordnung und bat
den Fremden, einen eleganten Herrn von augenscheinlich weltmnnischen Allren,
in einem der Fauteuils Platz zu nehmen. Der Fremde lehnte jedoch mit vieler
Verbindlichkeit ab und lud seinerseits Gordon ein, ihn nach seiner
Charlottenburger Villa hinaus begleiten und daselbst sein Gast sein zu wollen;
sein Wagen halte bereits vor der Tr, und was Geschftliches zu sprechen sei,
lasse sich unterwegs verhandeln. Wir haben dann den Abend fr ein Gesprch mit
den Damen. Seine Frau, so schlo er, die passioniert fr Nilquellen und
Kongobecken sei, freue sich ungemein, einen so weitgereisten Herrn
kennenzulernen, und wenn es Afrika nicht sein knne, so werde sie sich auch mit
Persien und Indien zufriedengeben.
    Gordon fhlte sich durch die ganze Sprechweise sehr angeheimelt und nahm an.

Der Abend in Charlottenburg war entzckend gewesen, und Gordon hatte sich wieder
berzeugt, wie klein die Welt sei. Gemeinschaftliche Freunde waren entdeckt
worden, in Bremen, England, New York, und zuletzt auch in Berlin selbst. Auch
den Obersten von St. Arnaud kannte man; er habe eine schne Frau, die schon
einmal verheiratet gewesen sei (sehr hoch hinauf), und habe eines Duells halber
den Abschied nehmen mssen. Unter solchem Geplauder war der Abend vergangen, und
erst lange nach Mitternacht hatte Gordon, in einem Mischzustande von Mdigkeit
und Angeheitertsein, seinen Heimweg angetreten.
    Nun war es Morgen, und er erschrak fast, als er in sein Wohnzimmer trat und
sich hier umsah. Alles lag noch gerade so da, wie's gestern, als der Besuch kam,
gelegen hatte: Wsche, zerstreut ber die Sthle hin, berzieher und Fracks an
Schrankecken und Fensterriegel gehngt, und der Koffer selbst halb aufgeklappt
zwischen Tr und Ofen. Am buntesten aber sah es auf dem Sofatisch aus, wo
Nagelscheren und Haarbrsten, Eau-de-Cologne-Flaschen und Krawatten ein Chaos
bildeten, aus dessen Zentrum ein rotes Fez und als berraschung ein
Markt-Astern-Bouquet aufragte, das die Wirtin, vielleicht um sich ihres Mieters
fester zu versichern, mit beinah komischer Sorgfalt in eine blaue Glasvase mit
Silberrand hineingestellt hatte. Nirgends ein Zollbreit Platz. Zu dem allen kam
in eben diesem Augenblick auch noch der Kaffee; Gordon nahm schnell eine Schale
voll und setzte dann das Tablett auf den Bcherschrank.
    Und nun sollt ich wohl, hob er an, in diesem Chaos Ordnung stiften. Aber
ich war so lange nicht in Berlin, wenigstens nicht mit Mue, da ich ein Recht
habe, mich als einen Fremden anzusehen. Und fr einen Fremden ist es immer das
erste, da er sich ein Kissen aufs Fensterbrett legt und die Huser und Menschen
ansieht.
    Und damit trat er wirklich ans Fenster und sah hinaus.
    Aber Huser und Menschen in der Lennstrae! Da htt ich mir freilich einen
anderen Stadtteil und vor allem ein anderes Vis--vis suchen mssen. Alles ist
so still und verkehrslos hier, als ob es eine Privatstrae wre mit einem
Schlagbaum rechts und links. Sei's drum; man mu die Feste nehmen, wie sie
fallen, und die Straen auch. Im brigen wird sich schon was finden, das der
Betrachtung aus der Vogelperspektive wert wre. Das an der Ecke da, das mu der
Schneckenberg sein (Erinnerung aus meinen Collge-Tagen her), und wenn ich Glck
habe, so seh ich auch noch ein Stck von dem Schaperschen Goethe. Wahrhaftig, da
blitzt so was zwischen den Bumen; - au fond sind Bume besser als Huser, und
ein bichen Publikum wird sich auch noch einstellen. Wo Bnke stehen, stehen
auch Menschen in Sicht. Als ich Berlin Ende Mai passierte, schien der
Tiergarten, speziell hier herum, aus lauter roten Kopftchern und blauweien
Kinderwagen zu bestehen, und wenn erst die Mittagssonne wieder brennt, werden
auch die roten Kopftcher wieder dasein. Und vielleicht auch die zugehrige
Soldateska. Bis dahin mu ich mich mit dem Schlangenungetm begngen, das da,
zehn Ellen lang, im Grase liegt. Ah, jetzt blitzt der Strahl ber den Rasen
hin.
    Er sah noch eine Weile dem Spritzen zu, freute sich, wie sich das
Sonnenlicht in den Tropfen brach, und gab dann seinen Fensterplatz wieder auf,
um endlich Ordnung zu schaffen. Rstig ging er ans Werk und mute lachen, als
der Kleiderschrank bei jeder Berhrung seiner Holzriegel quietschte. Noch ganz
die alte Zeit. So quietschten sie frher auch. Aber Berlin wird Weltstadt.
    Und whrend er so sprach, flogen die Ksten auf und zu, bis, nach Ablauf
einer Stunde, nicht blo die Stiefel aller Arten und Grade blank aufmarschiert
in einer Ecke standen, sondern auch die Brsten und sonstigen Reinigungsapparate
des zivilisierten Menschen ihren richtigen Platz gefunden hatten.
    Er ruhte sich einen Augenblick und machte dann Toilette.
    Wohin? Alte Freunde besuchen, die vielleicht keine mehr sind? Immer
milich. Also neue, das heit mit andern Worten die St. Arnauds. Denn andre hab
ich nicht. Aber sind sie da? Da ich sie vor acht Tagen auf der langweiligen
Insel nicht finden konnte, beweist nicht, da sie zurck sein mssen. Sie knnen
sich, statt fr Norderney, mindestens ebensogut fr Helgoland oder Scheveningen
entschieden haben. Eins ist wie das andre. Aber mit oder ohne Chance, jedenfalls
kann ich einen Versuch machen.
    Und er nahm Hut und Stock, um in der St. Arnaudschen Wohnung vorzusprechen.

Diese war auf dem Hafenplatze, so da der einzuschlagende Weg erst durch ein
Stck Kniggrtzer Strae, demnchst aber ber den Potsdamer Platz fhrte, der
auch heute wieder wegen Kanalisation und Herstellung eines Inselperrons
unpassierbar war. Wenigstens in seiner Mitte. So mute Gordon denn an der
Peripherie hin sein Heil versuchen, was ihn freilich nur in neue Wirrnisse
brachte. Denn es war gerade Markt heute, der, wie gewhnlich an dieser Stelle,
zwischen Straendamm und Huserfront abgehalten wurde. Hier saen die
Marktfrauen in einer Art Defilee gekeilt in drangvoll frchterliche Enge,
durch welche Gordon nun hindurch mute. Wirklich, das war nichts Leichtes, aber
so schwer es war, so vergnglich war es auch, und auf die Gefahr hin, berrannt
zu werden, blieb er stehen und musterte die Szenerie. Weit hin standen die
Himbeer-Tienen am Trottoir entlang, nur unterbrochen durch hohe, kiepenartige
Krbe, daraus die Besinge, blauschwarz und zum Zeichen ihrer Frische noch mit
einem Anfluge von Flaum, hervorlugten. In Front aber, und zwar als besondere
Prachtstcke, prangten unfrmige versptete Riesenerdbeeren auf Schachtel- und
Kistendeckeln, und dazwischen lagen Kornblumen und Mohn in ganzen Bndeln, auch
Goldlack und Vergimeinnicht, samt langen Bastfden, um, wenn es gewnscht
werden sollte, die Blumen in einen Strau zusammenzubinden. Alles primitiv, aber
entzckend in seiner Heiterkeit und Farbe. Gordon war ganz hingenommen davon,
und erst als er sich satt gesehen und ein paar krftige Atemzge getan hatte,
ging er weiter, um, an der Kthner-Straen-Ecke rechts einbiegend, auf den
Hafenplatz zuzuschreiten.
    Sie werden in dem Diebitschschen Hause wohnen. Etwas Alhambra, das pat
ganz zu meiner schnen Ccile. Wahrhaftig, sie hat die Mandelaugen und den tief
melancholischen Niederschlag irgendeiner Zo oder Zuleika. Nur der Oberst, bei
allem Respekt vor ihm, stammt nicht von den Abenceragen ab, am wenigsten ist er
der poetische Letzte von ihnen. Wenn ich ihn  tout prix in jenen maurischen
Gegenden unterbringen soll, so ist er entweder Abdel-Kader in Person oder ein
Riffpirat von der marokkanischen Kste.
    Whrend er noch so vor sich hin plauderte, stand er vor dem St. Arnaudschen
Hause, das aber, wie die Nummer jetzt auswies, nicht das Haus mit der
Alhambrakuppel, sondern ein benachbartes von kaum minderer Eleganz war, wie
gleich sein Eintritt ihm zeigen sollte. Die Stufen waren mit Teppich, das
Gelnde mit Plsch belegt, whrend die buntbemalten Flurfenster ein mattes Licht
gaben. Eine Treppe hoch angekommen, las er: Oberst v. St. Arnaud.
    Er klingelte. Niemand aber kam.
    Also noch verreist. Ich will's aber doch noch einmal versuchen. Solange die
Herrschaften nicht da sind, sitzen die Dienerschaften auf den Ohren.
    Und er klingelte wieder.
    Wirklich, ein hbsches Mdchen kam, eine Jungfer, etwas verlegen. Sie schien
in einer intimen Unterhaltung gestrt worden zu sein oder doch mindestens in
ihrer Toilette.
    Die gndige Frau schon zurck?
    Erst heut ber acht Tage.
    Von Norderney?
    Nein. Von dem Gut.
    Ah, von dem Gut, sagte Gordon, als ob er wisse, da ein solches existiere.
Dann ging er wieder, nachdem er sein Bedauern ausgesprochen hatte, die
Herrschaften verfehlt zu haben.
    Also noch auf dem Gut. Das will sagen, auf dem Gute der Frau. Denn Obersten
haben keine Gter. Es gibt zwar Dotationen, aber die kommen erst spter, wenn
sie berhaupt kommen.
    Und damit trat er wieder auf den Platz hinaus.

                              Achtzehntes Kapitel


Erst in einer Woche sollte Ccile von dem Gute zurckkehren. Das erschien Gordon
eine lange Zeit, und die Tage wollten kein Ende nehmen, noch weniger die Abende,
was ihm Veranlassung gab, es mit dem Theater zu versuchen. Aber er empfand
wieder ganz die Wahrheit dessen, was ihm einst ein Freund ber Theater und
Theaterbesuch gesagt hatte: Man mu oft hingehen, um Vergngen daran zu finden;
wer selten hinkommt, leidet unter der Unwahrheit dessen, was er sieht. Er gab
also den Theaterbesuch wieder auf, vielleicht rascher, als recht und billig war,
und mut es schlielich noch als ein besonderes Glck ansehen, in dem ihm nahe
gelegenen Htel du Parc einen ihm zusagenden Platz fr Unterbringung seiner
Abende zu finden. Er sa hier oft halbe Stunden lang und lnger in dem schmalen
Glaspavillon und las entweder die Zeitungen oder plauderte mit dem Wirt.
    Eines Abends traf er in eben diesem Glaspavillon auch die beiden Berliner
wieder, die, vom Hotel Zehnpfund her, ihm noch gut in der Erinnerung waren,
und er wrde sicherlich nicht versumt haben, sie zu begren, wenn sie nicht in
Begleitung ihrer Damen gewesen wren, die, nachdem ihnen ganz ersichtlich
Gordons Name zugetuschelt worden war, sofort Anstandsgesichter aufsetzten und
jeden Versuch ihrer Ehemnner zu Fortfhrung einer unbefangenen oder gar heiter
ungenierten Unterhaltung energisch ablehnten. In dieser erknstelten Wrde
verharrten sie denn auch bis zuletzt und brachen, nachdem sie sich gegen den sie
begleitenden und ihnen bekannten Wirt nur im letzten Momente noch mit
verstecktem Lcheln verbeugt hatten, unter entsprechender Pomphaftigkeit auf.
    Kannten Sie die Herrschaften? fragte Gordon. Ich war im Juni mit ihnen in
Thale zusammen; das heit mit den beiden Herren. Da waren sie ganz anders, etwas
laut, etwas sonderbar, so berlinisch.
    Ja, lachte der Wirt. Das ist immer so. Richtige Berliner gibt es
eigentlich nur noch drauen und auf Reisen. Zu Hause sind sie ganz vernnftig.
    Besonders, wenn die Frauen dabei sind.
    Ja, dann besonders.

Zwei Tage spter war die Zeit um, wo die St. Arnauds zurck sein wollten, und
Gordon zhlte jetzt die Stunden, um am Hafenplatz wieder vorzusprechen. Er
bezwang sich aber und lie abermals drei, vier Tage vergehen, eh er sich
anschickte, seinen Antrittsbesuch zu machen.
    Diesmal nahm er seinen Weg am Wrangelbrunnen und der Matthikirche vorbei,
welchen Umweg er nur der lngeren Vorfreude halber whlte.
    Nun aber ist es Zeit. Und damit bog er, vom Schneberger Ufer her, links
ein und passierte gleich danach die kleine, hier noch aus lterer Zeit her den
Verkehr nach dem Hafenplatz hin vermittelnde Dreh-und Gitterbrcke. Schon von
fern her sah er nach der Beletage hinauf und nahm nicht ohne Sorge wahr, da die
zusammengesteckten Gardinen nach wie vor die ganze Fensterbreite verdeckten. Als
er aber die Treppe hinaufstieg und den letzten Absatz derselben glcklich
erreicht hatte, lie ihm die den Trrahmen einfassende Laubgirlande keinen
Zweifel mehr, da die Herrschaften zurckgekehrt sein mten. Oben angekommen,
fuhr er mit leiser Hand ber das schon halb trockene Laub hin und sagte, wie
wenn er an dem Raschelton die Zeit gemessen habe: Drei Tage.
    Nun erst zog er die Glocke. Dasselbe nach Wesen und Sprechart
oberschlesische Mdchen erschien wieder, das ihm schon bei seinem ersten Besuche
geffnet hatte, diesmal mit bemerkenswerter Raschheit. Er nannte seinen Namen,
und einen Augenblick spter kam Antwort: Die gndige Frau lasse bitten.
    Gordon folgte, den Korridor entlang, bis an den sogenannten Berliner Saal,
an dessen Schwelle Ccile bereits stand und ihn begrte. Sie sah frischer und
jugendlicher aus als in Thale, welchen Eindruck ein helles Sommerkostm noch
steigerte. Gordon war wie betroffen, und einer fast ans Sentimentale streifenden
Empfindung hingegeben, nahm er ihre Hand und kte sie mit Devotion.
    Herzlich willkommen, sagte sie. Und vor allem schnen Dank fr Ihren
Brief; er hat mir so wohlgetan. Und wie liebenswrdig, da Sie Wort halten und
unsrer gedenken.
    Gordon erwiderte, da er vor zehn Tagen schon nachgefragt habe.
    Susanne hat uns davon erzhlt. Und die Beschreibung, die sie machte, war so
gut, da St. Arnaud und ich gleich auf Sie rieten. Aber nun vor allem Pardon,
da ich Sie nicht in unsren Glanzrumen empfange. Wir sind noch wie zu Gast bei
uns selbst und beschrnken uns auf ein paar Hinterzimmer. Ein Glck, da wir
wenigstens einen leidlich reprsentablen Gartenbalkon haben. brigens finden Sie
Besuch. Erlauben Sie, da ich voraufgehe.
    Gordon verneigte sich, und einen Augenblick spter traten beide, nach
Passierung eines schon im Seitenflgel gelegenen und mit Philodendrons und
andren Blattpflanzen fast berfllten Raumes, auf einen Vorbau hinaus, der, aus
Stein aufgefhrt, mehr einem nach vorn hin offenen Zimmer als einem Balkone
glich. Eiserne Sthle samt Tisch und Etagre standen umher, whrend auf einer
mit Kissen belegten Gartenbank ein alter Herr mit schneeweiem Haar sa, der
sich, als er Gordons gewahr wurde, von seinem Platz erhob.
    Erlauben mir die Herren, Sie miteinander bekannt zu machen: Herr von
Leslie-Gordon, Herr Hofprediger Doktor Drffel. Aber nun, wenn ich bitten darf,
placieren wir uns. Der Stuhl in der Ecke da... wahrscheinlich verstaubt..., aber
gleichviel, helfen Sie sich, so gut es geht. Und nun, Herr von Gordon, bitt ich,
Ihnen ein Glas von diesem Montefiascone einschenken zu drfen. Oder der Herr
Hofprediger bernimmt es vielleicht; er hat ruhige Nerven und eine sichere Hand,
whrend ich immer noch das Fingerzittern habe; Meer- und Gebirgsluft haben mir
gleichmig die Hlfe versagt. Aber nichts von solch unerfreulichen Dingen. Ihr
Wohl, Herr von Gordon.
    Und das Ihre, meine gndige Frau.
    Ccile dankte. Erinnern Sie sich noch des Tages, wo wir das letzte Mal so
zusammensaen?
    Oh, wie knnt ich des Tages je vergessen.
    Und er begann nun den Reim zu zitieren, worin Rosa von der Perlen schnster
Perle gesprochen hatte.
    Ccile lie ihn aber nicht aussprechen und sagte: Nein, Herr von Gordon,
Sie drfen mich nicht in Verlegenheit bringen, und am wenigsten hier vor meinem
vterlichen Freunde. Ja, die Schmerlen und der Rodensteiner. Und als dann die
Turner aufmarschierten! Es war so reizend. Aber das Reizendste von allem ist
doch, da wir in diesem Augenblicke darber sprechen und den Herrn Hofprediger
nicht nur in unsre gemeinschaftlichen glcklichen Erinnerungen einweihen,
sondern auch auf Verstndnis rechnen knnen. Denn er hat selber ein gut harzisch
Herz und ist ein Quedlinburger, wenn ich nicht irre.
    Nein, meine gndigste Frau, nur ein Halberstdter.
    Nur, nur, lachte Gordon. Jedenfalls beneid ich den Herrn Hofprediger um
seine Geburtssttte.
    Zuletzt ist jeder Platz gerade gut genug, um darauf geboren zu werden.
    Gewi. Aber doch der eine vor dem andern. Und wenn ich meinerseits mir
einen Platz htte whlen knnen, so htt ich mir Lbeck gewhlt oder Wismar oder
Stralsund, weil ich die Hansa-Passion habe. Gleich nach der Hansa aber kommt der
Strich von Halberstadt bis Goslar. Und als drittes erst kommt Thringen.
    Der Hofprediger reichte Gordon die Hand und sagte: Darauf mssen wir noch
eigens anstoen; erst Hansa, dann Harz und dann Thringen. Mir aus der Seele
gesprochen, trotzdem es fast sakrilegisch ist. Denn ein richtiger lutherischer
Geistlicher mu eigentlich auch zur Luther-Gegend halten.
    Gewi, zur Luther-Gegend, die die Dioskuren von Weimar uns gleich noch als
Zugabe bringt. Aber der Harz hat nun mal meine ganz besondren Sympathien, und
ich liebe jedes harzische Lied und jede harzische Sage, von Buko von Halberstadt
an bis zu des Pfarrers Tochter...
    ... von Taubenhayn, ergnzte der Hofprediger. Aber im selben Augenblicke
wahrnehmend, da Ccile, wie bei jedem unpersnlich bleibenden Gesprche, voll
wachsender Abspannung dreinsah, brach er rasch ab oder mhte sich wenigstens,
auf etwas Nherliegendes einzulenken. Ja, der Harz! fuhr er fort. Wir sind
ganz d'accord, Herr von Gordon. Und nun gar mein liebes altes Halberstadt, von
dem ich mit dem Knig von Thule singen mchte, es ging ihm nichts darber - so
sehr hng ich daran. Und doch, wenn ich mich umtun und einen Fleck Erde nennen
sollte, der vielleicht angetan wr, ihm in meinem Herzen den Rang streitig zu
machen, so wr es unser gutes Berlin. Und worin den Rang streitig macht? Just in
dem, was ihm am meisten abgesprochen wird, in landschaftlicher Schnheit. Bitte,
treten Sie hier heran, Herr von Gordon, hier an diese Brstung, und dann
urteilen Sie selbst. Wenn Sie den ganzen Harz auf den Kopf stellen, so fllt, so
schn er ist, kein Stck Erde heraus wie das hier.
    Und wirklich, er durfte so sprechen, denn was sich da, vom ersten Herbste
kaum angeflogen, zu Fen des Balkons ausbreitete, war eine Art Fderativstaat
von Grten, zwanzig oder mehr, die, durch niedrige, kaum sichtbare Heckenzune
voneinander getrennt, ein einziges groes Blumencarr bildeten: Astern in allen
Farben, aus denen Rondele von Canna indica emporblhten. Die Mittagssonne
blitzte dazwischen, und auf einer ihnen gegenbergelegenen Veranda standen Damen
im Gesprch und ftterten Tauben, die, von einem Nachbarhofe her, auf die
jenseitige Balkonbrstung geflogen waren.
    Insel der Seligen, sagte Gordon vor sich hin und bedauerte doch schon im
selben Augenblicke, das Wort gesprochen zu haben, weil er wahrnahm, wie peinlich
Ccile davon berhrt wurde. Doch es ging vorber, und sich rasch wieder in ihre
gute Laune zurckfindend, sagte sie: Wissen Sie, da ich all die Zeit ber an
den alten Emeritus und den Professor mit dem sonderbaren Namen gedacht habe.
Braunschweig oder Anhalt war das ewige Thema. War es nicht so? Und nun ist Harz
oder Thringen das erste Gesprch, das ich Sie fhren hre. Nein, mein Herr
Professor Aus dem Grunde, zu dem Behufe wollen wir uns nicht wiedergesehen
haben.
    Gordon versprach feierlichst Besserung, fragte nach dem Obersten und zuletzt
auch nach Rosa, und ob Nachrichten von ihr eingetroffen seien, was bejaht wurde.
Dann erhob er sich, verneigte sich mit vieler Artigkeit gegen den Hofprediger
und empfahl sich, whrend Ccile nach dem Diener klingelte.

Nun, fragte Ccile, welchen Eindruck haben Sie von ihm empfangen?
    Einen guten.
    Ohne Einschrnkung?
    Fast. Er ist klug und gewandt und, wie ich glaube, von untadliger
Gesinnung.
    Aber?
    Er hat, so lebhaft und sanguinisch er ist, einen eigensinnigen Zug um den
Mund und ist mutmalich fixer Ideen fhig. Ich frchte, wenn er sich etwas in
den Kopf gesetzt hat, so will er auch mit dem Kopf durch die Wand. Das
Schottische spukt noch in ihm nach. Alle Schotten sind hartkpfig.
    Ich hab ihn umgekehrt immer nachgiebig gefunden und beraus leicht zu
behandeln.
    Ja, alltags und in kleinen Dingen.
    Ccile schwieg sichtlich verstimmt, weshalb der Hofprediger, einlenkend,
fortfuhr: Im brigen, meine gndigste Frau, drfen Sie Bemerkungen wie diese
nicht ernsthafter nehmen, als sie gemacht werden. Alles, was ich gesagt habe,
sind Sentiments und Mutmaungen. Ich bin Hofprediger, aber nicht Prophet, auch
nicht einmal von den kleinen. Und wenn ich recht htte! Was bedeutet Eigensinn?
Unser Leben ist voller Fallgruben, und wer in die des Eigensinns fllt, fllt
noch immer nicht sonderlich tief. Da gibt es ganz andre. Herr von Gordon, wenn
mich nicht alles tuscht, ist ein Mann von Grundstzen und doch zugleich frei
von Langweil und Pedanterie. Man erkennt unschwer den Mann, der die Welt gesehen
und die kleinen Vorurteile hinter sich geworfen hat. So recht eine
Bekanntschaft, wie Sie sie brauchen. Denn es bleibt bei meinem alten Satze, Sie
verbringen Ihr Leben einsamer, als Sie sollten.
    Im Gegenteil, nicht einsam genug. Was sich Gesellschaft nennt, ist mir
alles Erdenkliche, nur kein Trost und keine Freude.
    Weil die Gesellschaft, die sich Ihnen bietet, hinter Ihren Ansprchen
zurckbleibt. Sie lcheln, aber es ist so, meine gndigste Frau. Was Sie
brauchen, sind unbefangene Menschen, Menschen, die die Sprache zum Ausplaudern,
nicht aber zum Cachieren der Dinge haben. Und zu diesen Unbefangenen zhlt Herr
von Gordon. So wenigstens ist der Eindruck, den ich von ihm empfangen habe.
Pflegen Sie seine Bekanntschaft, und er wird Ihnen das Licht und die Freude
geben, die Sie so schmerzlich vermissen.
    Sie schttelte den Kopf.
    Er aber nahm teilnehmend ihre Hand und sagte: Was ist es wieder, meine
liebe gndigste Frau? Sie mssen diese Melancholie von sich abtun. Es gehrt
nicht zu den Machtmitteln unserer Kirche, den Himmel aufzuschlieen und
seligzusprechen. Aber so wir nur den rechten Glauben haben, so trgt unser
Heiland unsere Schuld. Diese freudige Gewiheit haben wir, und Sie drfen sich
nicht mit Vorstellungen qulen, die darauf aus sind, diese Gewiheit immer
wieder in Frage zu stellen. Ich wei wohl, was diesen Ihren bestndigen Zweifeln
zugrunde liegt, es ist das, da Sie, vor Tausenden, in Ihrem Herzen demtig
sind. Und diese Demut soll Ihnen bleiben. Aber es ist doch zweierlei die Demut
vor Gott und die Demut vor den Menschen. In unserer Demut vor Gott knnen wir
nie zu weit gehen, aber in unserer Demut vor den Menschen knnen wir mehr tun
als ntig. Und Sie tun es. Es ist freilich ein schner Zug und ein sicheres
Kennzeichen edlerer Naturen, andere besser zu glauben als sich selbst, aber wenn
wir diesem Zuge zu sehr nachhngen, so verfallen wir in Irrtmer und schaffen,
weit ber uns selbst hinaus, allerlei Schdigungen und Nachteile. Damit sprech
ich dem Hochmute nicht das Wort. Wie knnt ich auch? Ist doch Hochmut das recht
eigentlich Bse, die Wurzel alles bels, fast noch mehr als der Geiz, und hat
denn auch die Engel zu Fall gebracht. Aber zwischen Hochmut und Demut steht ein
drittes, dem das Leben gehrt, und das ist einfach der Mut.
    Er hatte sich erhoben, und beide waren an die Balkonbrstung getreten, von
der aus sie jetzt die stille, vor ihnen ausgebreitete Blumenwelt berblickten.
Eine Weile schwiegen sie. Dann sagte Ccile: Mut! Vielleicht htt ich ihn, wenn
ich nicht in trben Ahnungen steckte. Die mir jetzt zurckliegenden glcklichen
Tage, welchem Umstande verdank ich sie? Doch nur dem, da er, den Ihre Gte mir
zum Freunde geben mchte, sieben Jahre lang drauen in der Welt war und ein
Fremder in seiner eigenen Heimat geworden ist. Er wei nichts von der Tragdie,
die den Namen St. Arnauds trgt, und wei noch weniger von dem, was zu dieser
Tragdie gefhrt hat. Aber auf wie lange noch? Er wird sich rasch hier wieder
einleben, alte Beziehungen anknpfen, und eines Tages wird er alles wissen. Und
an demselben Tage...
    Sie brach hier ab und schien einen Augenblick zu schwanken, ob sie
weitersprechen solle. Dann aber fuhr sie voll wachsender Erregung fort: Ja,
mein Freund, er wird eines Tages alles wissen, und an demselben Tage wird auch
der heitere Traum, den ich trumen soll, zerronnen sein. Und, da ich es sagen
mu, ein Glck, wenn er zerrinnt. Denn wenn er jemals Gestalt gewnne...
    Dann? was dann, meine gndigste Frau?
    Dann wre jeder Tag ein Bangen und eine Gefahr. Denn es verfolgt mich ein
Bild, das ich nicht wegschaffen kann aus meiner Seele. Hren Sie. Wir gingen,
als wir noch in Thale waren, St. Arnaud und ich und Herr von Gordon, eines
Sptnachmittags an der Bode hin und plauderten und bckten uns und pflckten
Blumen, bis mich pltzlich ein glhroter Schein blendete. Und als ich aufsah,
sah ich, da es die niedergehende Sonne war, deren Glut durch eine drben am
andern Ufer stehende Blutbuche fiel. Und in der Glut stand Gordon und war wie
davon bergossen. Und sehen Sie, das ist das Bild, von dem ich fhle, da es mir
eine Vorbedeutung war, und wenn nicht eine Vorbedeutung, so doch zum mindesten
eine Warnung. Ach, mein Freund, suchen wir ihn nicht zu halten, wir halten ihn
nicht zu seinem und meinem Glck. Sie sind der einzige, der es wohl mit mir
meint, der einzige, der reinen Herzens ist, und ich beschwre Sie, helfen Sie
mir alles in die rechten Wege bringen und vor allem beten Sie mir das Grauen
fort, das auf meiner Seele liegt. Sie sind ein Diener Gottes, und Ihr Gebet mu
Erhrung finden.
    Sie war unter diesen Worten in ein nervses Fliegen und Zittern verfallen,
und der Hofprediger, der wohl wute, da ihr, wenn diese hysterischen Paroxysmen
kamen, einzig und allein durch ein Ab- und berleiten auf andere Dinge hin und,
wenn auch das nicht half, lediglich durch eine fast rcksichtslose Herbheit zu
helfen war, sagte, whrend er sie bis an ihren Platz zurckfhrte: Dieser
berschwang der Gefhle, meine gndigste Frau, das ist recht eigentlich der bse
Feind in Ihrer Seele, vor dem Sie sich hten mssen. Das ist nicht Ihr guter
Engel, das ist Ihr Dmon. berschwenglichkeiten, die sich ins Religise kleiden,
ohne religis zu sein, haben keine Geltung vor Gott, ja, nicht einmal vor dem
Papste. Wovon ich mich selbst einmal berzeugen durfte.
    Der nchterne Ton, in dem er dies sagte, machte sie stutzen, aber eine gute
Wirkung, an der die Neugier einigen Anteil haben mochte, war doch fr den sie
scharf beobachtenden Hofprediger unverkennbar, und so nahm er denn aufs neue
herzlich und zutulich ihre Hand und wiederholte: Ja, meine gndigste Frau,
nicht einmal vor dem Papste, wovon ich mich selbst einmal berzeugen konnte.
Vielleicht erinnern Sie sich, da ich Hauslehrer und dann Reisebegleiter bei dem
jungen Grafen Medem war und mit ihm nach Rom ging. Als wir daselbst eines Tages
zu Schiff nach Terracina wollten, traf es sich, da auch der Papst, der alte
Gregor XVI., dieselbe Reise machte, damals schon ein hoher Siebziger. Ich seh
ihn noch, wie er ber die Schiffbrcke kam und, umgehen von seinen
Dienerschaften, auf ein Zeltdach zuschritt, das man eben in der Nhe des Steuers
fr ihn aufstellte. Kaum aber, da er sich hier placiert hatte, so drngte sich
auch schon eine die Fahrt mitmachende Frau durch alle Dienerschaften hindurch,
warf sich vor ihm nieder und umfate seine Knie. Sie war augenscheinlich aus der
Campagna nach der Stadt gekommen und rief jetzt, unter fortwhrenden heftigen
Selbstanklagen, die Vergebung des Heiligen Vaters an. Der lie sie denn auch
eine Weile gewhren, als es aber andauerte, trat er zuletzt an den Schiffsrand
und sagte kalt und abwehrend: Una enthusiasta.
    Ccile starrte verwirrt und verstimmt vor sich hin, war aber doch sichtlich
aus dem Bann ihrer ngste heraus, und so durfte denn der Hofprediger in einem
mit jedem Augenblicke freundlicher werdenden Tone fortfahren: Und nun zrnen
Sie mir nicht, meine gndigste Frau, wegen eines Mangels an Rcksichtnahme. Kenn
ich doch Ihren beweglichen und im letzten auch gesunden Sinn und wei deshalb,
Sie werden sich endgiltig aufrichten an dieser Geschichte. Die Heilslehren
existieren und sollen uns Brot und Wein des Lebens sein. Aber sie sind nicht ein
Schlagwasser oder Riechsalz, um uns in jedem beliebigen Momente pltzlich aus
unserer Ohnmacht aufzuwecken. Es gibt auf diesem Gebiete nichts Pltzliches,
sondern nur ein Allmhliches, auch die geistige Genesung ist ein stilles
Wachsen, und je tiefer Sie sich mit dem Glauben an den Erlsertod Jesu Christi
durchdringen, desto sicherer und fester wird in Ihnen der Friede der Seele
sein.

                              Neunzehntes Kapitel


Whrend der Hofprediger mit Ccile dies Gesprch fhrte, schlenderte Gordon am
andern Kanalufer auf seine Wohnung zu, bog aber, als er auf diesem Rckwege die
Pfeiler der die Strae kreuzenden Eisenbahnbrcke passiert hatte, zunchst nach
links hin in einen wenig belebten Weg ein, um hier, am Potsdamer Bahndamm
entlang, ungehinderter seinen Gedanken nachhngen zu knnen. Ahnungslos
hinsichtlich des Stimmungsumschlages, der sich, nachdem er den Balkon verlassen,
im Gemte seiner Freundin vollzogen hatte, war das ihn beherrschende Gefhl
lediglich ein freudiges Staunen ber die vorgefundene Wandlung zum Guten und
Gesunden hin. Ja, die Ccile seiner Thalenser Tage war eine schne, trotz aller
Melancholie bestndig nach Huldigungen ausschauende Dame gewesen, whrend die
Ccile von heut eine heitre, lichtvolle Frau war, vor der der Roman seiner
Phantasie ziemlich schnell zu verblassen begann.
    Was bleibt brig? Ich glaube jetzt klar zu sehen. Sie war sehr schn und
sehr verwhnt, und als der Prinz, auf den mit Sicherheit gerechnet wurde, nicht
kommen wollte, nahm sie den Obersten. Und ein Jahr spter war sie nervs, und
zwei Jahre spter war sie melancholisch. Natrlich, ein alter Oberst ist immer
zum Melancholischwerden. Aber das ist auch alles. Und schlielich haben wir
nichts als eine Frau, die, wie tausend andre, nicht glcklich und auch nicht
unglcklich ist.
    Unter solchem Selbstgesprche war er bis an die Blowstrae gekommen und
wollte sich eben, unter Benutzung derselben, in weitem Bogen wieder zurck nach
dem Tiergarten schlngeln, als er, in einiger Entfernung, eines Begrbniszuges
gewahr wurde, der nach dem Matthikirchhofe hinaus wollte. Der gelbe, mit
Krnzen berdeckte Sarg stand auf einem offnen Wagen, in dessen Front ein
schmales, silbernes Kreuz bestndig hin und her schwankte. Hinter dem Wagen
kamen Kutschen und hinter den Kutschen ein ansehnliches Trauergefolge. Gordon
wre gern ausgewichen, aber der gehabten Anwandlung sich schmend, blieb er und
lie den Zug an sich vorbeipassieren. Es ist nicht gut, die Augen gegen derlei
Dinge zu schlieen, am wenigsten, wenn man eben Luftschlsser baut. Der Mensch
lebt, um seine Pflicht zu tun und zu sterben. Und das zweite bestndig
gegenwrtig zu haben erleichtert einem das erste.

Gordon wuchs sich rasch wieder in Berlin ein und war nur verwundert, nach wie
vor keinen Brief aus Liegnitz eintreffen zu sehn, auch nicht, als er die
saumselige Schwester gemahnt hatte. Seine Verwunderung war aber nicht
gleichbedeutend mit Verstimmung, vielmehr gestand er sich, alles in allem nie
glcklichere Tage verlebt zu haben. Auch nicht in Thale. Wenn es sein konnte,
sprach er tglich bei seiner Freundin vor und erneuerte, dabei die freundlichen,
gleich bei seinem ersten Besuche gehabten Eindrcke. Was ihn einzig und allein
strte, war das, da er sie nie allein fand. Mitte September traf Cciles
jngere Schwester auf Besuch ein und wurde ihm als meine Schwester Kathinka
vorgestellt. Bei diesem Vornamen blieb es. Sie war um mehrere Jahre jnger und
ebenfalls sehr schn, aber ganz oberflchlich und augenscheinlich mehr nach
Verhltnissen als nach Huldigungen ausblickend. Ccile wute davon und schien
erleichtert, als die Schwester wieder abreiste. Der Besuch hatte nur wenig ber
eine Woche gedauert und war niemandem zu rechter Befriedigung gewesen. Auch
Gordon nicht. Desto grere Freude hatte dieser, als er eines Tages Rosa traf
und von ihr erfuhr, da sie verhltnismig hufig im St. Arnaudschen Hause
vorspreche, weshalb es eigentlich verwunderlich sei, sich bis dahin noch nicht
getroffen zu haben. Das msse sich aber ndern, womit niemand einverstandener
war als Gordon selbst. Und zu dieser nderung kam es denn auch; man sah sich
fter, und erschien bei diesen Begegnungen auch noch der in der benachbarten
Linkstrae wohnende Hofprediger, so steigerte sich der von Rosas Anwesenheit
beinah unzertrennliche Frohsinn, und vom Harz und seinen Umgebungen schwrmend,
erging man sich in Erinnerungen an Rotrappe, Hotel Zehnpfund und Altenbrak.
Der Oberst war selten da, so selten, da Gordon sich entwhnte, nach ihm zu
fragen. Er ist im Club, hie es ein Mal ber das andre. Der Club aber, um den
sich's handelte, war kein militrischer, sondern ein Haute-Finance-Club, in dem
Billard, Skat und L'hombre mit beinah wissenschaftlichem Ernst gespielt wurde.
Nur die Points hatten eine ganz unwissenschaftliche Hhe.
    Neben Rosa war es der alte Hofprediger, der, wenn man gemeinschaftlich
heimging, ber diese kleineren oder greren Inkorrektheiten Aufklrung gab,
meistens vorsichtig und zurckhaltend, aber doch immer noch deutlich genug, um
Gordon einsehen zu lassen, da er es mit seinem in seinem langen Skriptum an die
Schwester im halben bermute gebrauchten Jeu-Oberst richtiger, als er damals
annehmen konnte, getroffen habe. Teilnahme mit Ccile war, wenn er derlei Dinge
hrte, jedesmal sein erstes und ganz aufrichtiges Gefhl, aber eine nur zu
begreifliche Selbstsucht sorgte gleichzeitig dafr, da dies Gefhl nicht
andauerte. St. Arnaud war nicht da, das war doch schlielich die Hauptsache, das
gab den Ausschlag, und weder seine Blicke noch seine spttischen Bemerkungen
konnten das Glck ihres Beisammenseins stren.
    Ja, diese Septembertage waren voll der heitersten Anregungen, und Briefchen
in Vers und Prosa, die von seiten Gordons beinah jeden Morgen an Ccile
gerichtet wurden, sei's, um sie zu begren oder ihr etwas Schmeichelhaftes zu
sagen, steigerten begreiflicherweise das Glck dieser Tage. St. Arnaud
seinerseits gewhnte sich daran, diese Billets doux auf dem Frhstckstische
liegen zu sehn, und leistete sehr bald darauf Verzicht, von solcher
Mondscheinpoesie weitere Notiz zu nehmen. Er lachte nur und bewunderte, wozu
der Mensch alles Zeit habe. Ccile selbst, voll Mitrauen in ihre
Rechtschreibung, antwortete nur selten, wobei sie sich zurckhaltender und
ngstlicher als ntig zeigte, da Gordon bereits weit genug gediehen war, um in
einer mangelhaften Orthographie, wenn solche sich wirklich offenbart haben
sollte, nur den Beweis immer neuer Tugenden und Vorzge zu finden.

                              Zwanzigstes Kapitel


So waren vier Wochen vergangen, als Gordon, an einem der letzten Septembertage,
eine Karte folgenden Inhalts erhielt: Oberst von St. Arnaud und Frau geben sich
die Ehre, Herrn v. Leslie-Gordon zum 4. Oktober zu einem Mittagessen einzuladen.
5 Uhr. Im berrock. U.A.w.g.
    Gordon nahm an und war nicht ohne Neugier, bei dieser Gelegenheit den St.
Arnaudschen Kreis nher kennenzulernen. Was er, auer dem Hofprediger, bis dahin
gesehen hatte, war nichts Hervorragendes gewesen, ziemlich sonderbare Leute, die
sich allenfalls durch Namen und gesellschaftlich sichere Haltung, aber wenig
durch Klugheit und fast noch weniger durch Liebenswrdigkeit ausgezeichnet
hatten. Beinah alle waren Frondeurs, Trger einer Opposition quand mme, die
sich gegen Armee und Ministerium und gelegentlich auch gegen das Hohenzollerntum
selbst richtete. St. Arnaud duldete diesen Ton, ohne persnlich mit
einzustimmen, aber da er ihn berhaupt zulie, war fr Gordon ein Beweis mehr,
da es keine Durchschnitts-Duellaffaire gewesen sein konnte, was den Obersten
veranlat oder vielleicht auch gezwungen hatte, den Dienst zu quittieren. Etwas
Besonderes mute hinzugekommen sein.
    Und nun war der 4. Oktober da.
    Gordon, so pnktlich er erschien, fand alle Geladenen, unter denen der
Hofprediger leider fehlte, schon vor und wurde, nachdem er Ccile begrt und
ein paar Worte an diese gerichtet hatte, dem ihm noch unbekannten greren
Bruchteile der Gesellschaft vorgestellt. Der Erste, dem Range nach, war General
von Rossow, ein hochschultriger Herr mit dnnem Schnurr- und noch dnnerem
Knebelbart, dazu braunem Teint und roten vorstehenden Backenknochen; nach Rossow
folgte: von Kraczinski, Kriegsministerialoberst und polnisch-katholisch,
Geheimrat Hedemeyer, hager, spitznasig und sffisant, Sanittsrat Wandelstern,
fanatischer Anti-Schweninger, und Frau Baronin von Snatterlw. Gordon verneigte
sich nach allen Seiten hin, bis er Rosas gewahr wurde, der er sich nunmehr rasch
nherte. Wir sind hoffentlich Nachbarn... - Geb es Gott. Und nun trat er
wieder an Ccile heran, um sich, wegen einiger ihm vorgeworfenen Unklarheiten in
seinem gestrigen Morgenbillet, so gut es ging, zu verantworten.
    Ich habe die schlechte Gewohnheit, schlo er, in Andeutungen zu sprechen
und auf Dinge hinzuweisen, die von zehn kaum einer kennt, also auch nicht
versteht.
    Sie lachte. Wie gtig Sie sind, ber den eigentlichen Grund so leicht
hinwegzugehen und gegen sich selbst den Anklger zu machen. Sie wissen am
besten, da ich nichts wei. Und nun bin ich zu alt zum Lernen. Nicht wahr, viel
zu alt?
    In diesem Augenblicke wurden die Flgeltren geffnet, und Gordon brach ab,
weil er sah, da General von Rossow auf Ccile zukam, um ihr den Arm zu bieten.
Kraczinski, Hedemeyer, Wandelstern und einige andere folgten mit und ohne Dame.
    Die Pltze waren so gelegt, da Gordon seinen Platz zwischen der Baronin und
Rosa hatte.
    Gerettet, flsterte diese.
    Gerichtet, antwortete er mit einem Seitenblick auf die Baronin, eine
hochbusige Dame von neunundvierzig, mit Ringellckchen und Adlernase, die sich,
rgerlich ber das Geflster zwischen Gordon und Rosa, mit Ostentation von
Gordon ab- und ihrem anderen Tischnachbar zuwandte. Sie nannte das ihre
Revanche nehmen.
    Die Revanche war aber nicht von Dauer, und ehe noch das Tablett mit dem
Tokaier herumgereicht wurde, setzte sie, wie das ihre Gewohnheit war, bereits
hchst energisch ein und sagte mit einer ans Mnnliche grenzenden Altstimme:
Sie waren in Persien, Herr von Gordon. Man spricht jetzt soviel von persischer
Zivilisation, namentlich seit den umfangreichen bersetzungen Baron Schacks
(jetzt Graf Schack), eines Vetters meines verstorbenen Mannes. Ich kann mir aber
nicht denken, da diese Zivilisation viel bedeute, da persische Minister hier im
Kniglichen Schlosse, wenn auch freilich durch kulturelle Gebruche dazu
veranlat, eine ganze Reihe von Hmmeln eigenhndig geschlachtet und die
Schlachtmesser an den Gardinen abgewischt haben.
    Ich halte dies fr bertreibung, Frau Baronin.
    Sehr mit Unrecht, mein Herr von Gordon. Ich hasse bertreibungen, und was
ich sage, ist offiziell. brigens miverstehen Sie mich nicht. Ich gehre nicht
zu der Gruppe devotest ersterbender Leute, die knigliche Schlogardinen ein fr
allemal als ein Heiligtum ansehen. Im Gegenteil, ich hasse miverstandene
Loyalitten. Ein freier Sinn ist das allein Dienliche wie das allein Ziemliche.
Servilismus und niedrige Gesinnung sind in meinen Augen unwrdig und
hassenswert. Ein fr allemal. Aber Anstand und Sitte stehen mir hoch, und
blutige Messer an hellblauen Atlasgardinen abwischen, gleichviel, ob dieses
Horreur in kniglichen Schlssern stattfindet oder nicht, ist ein Roheitsakt,
den ich beinah unsittlich nennen mchte, jedenfalls unsittlicher als manches,
was dafr angesehen wird. Denn auf keinem Gebiete gehen die Meinungen so weit
auseinander als gerad auf diesem. Ich werde mich durch Stze wie diese keinen
Verkennungen Ihrerseits aussetzen, denn ich spreche zu einem Manne, der die
Wandelbarkeit moralischer Anschauungen, wie sie Race, Bodenbeschaffenheit und
Klima mit sich fhren, in hundertfltiger Abstufung persnlich erfahren hat. Irr
ich hierin, oder bin ich umgekehrt Ihrer Zustimmung sicher?
    Vollkommen, sagte Gordon, nahm aber doch die Pause, die der eben bei der
Baronin erscheinende Turbot ihm gnnte, wahr, um Rosa zuzuflstern:
Emanzipiertes Vollblut. Furchtbar.
    An der andern Seite des Tisches wurden statt der Steinbutte Forellen
prsentiert, und Ccile, die sich auf einen Augenblick von ihrem zweiten
Nachbar, dem bestndig ironisierenden Geheimrat, frei zu machen wute, sagte zu
Gordon ber den Tisch hin: Aber von den Forellen mssen Sie nehmen, Herr von
Gordon. Es sind ja halbe Reminiszenzen an Altenbrak. Denn von der Forelle bis
zur Schmerle, so wenigstens versicherte uns der alte Emeritus, ist nur ein
Schritt.
    Rosa, der dieser Zuspruch mitgegolten hatte, nickte. General von Rossow aber
griff das Wort auf und bemerkte mit krhender Kommandostimme: Nur ein Schritt,
sagen Sie, meine gndigste Frau. Nun gut. Aber, Pardon, es gibt groe und kleine
Schritte, und dieser Schritt ist einfach ein Riesenschritt. Ich war letztes Jahr
in Harzburg, unerhrte Preise, Staub und Wind und natrlich auch Schmerlen. Ein
erbrmlicher Genu, der nur noch von seiner Unbequemlichkeit und Mhsal
bertroffen wird. Es kommt gleich nach den Artischocken, ebenso langweilig und
ebenso fruchtlos. Und um diesen fragwrdigen Genu zu haben, war ich bei
vierundzwanzig Grad Raumur auf den Burgberg hinaufgestiegen.
    Und lieen sich die Schmerlen im Freien servieren, lachte St. Arnaud. Im
Freien und vielleicht sogar an der groen Sule mit der berhmt gewordenen
Inschrift: Nach Canossa gehen wir nicht. Aber wir gehen doch.
    Und gehen auch noch weiter, fiel der Geheimrat ein, der (schon unter
Mhler kaltgestellt) den bald darauf ausbrechenden Kulturkampf als Pamphletist
begleitet, seine Wiederanstellung jedoch, trotz andauernder Falk-Umschmeichlung,
nicht durchgesetzt hatte. Ja, noch weiter. Und dabei hob er seine goldene
Brille, mit der Absicht, sie zu putzen, wie das seine Gewohnheit war, wenn er
einen heftigen Ausfall plante. Die Gtter aber widerstritten diesem Versuche,
denn der linke Brillenhaken hatte sich in einem Lckchen seiner blonden Percke
verfitzt und wollte nicht nachgeben. Unter glcklicheren und namentlich
gesicherteren Toupet-Verhltnissen wrd er nun freilich, aller Widerhaarigkeit
zum Trotz, mit jener Energie vorgegangen sein, die sieben Jahre lang sein
Programm und den Inhalt seiner Pamphlete gebildet hatte, dieser Sicherheit aber
entbehrend, sah er sich auch hier gezwungen, den Verhltnissen Rechnung zu
tragen und auf ein rcksichtsloses Vorgehen zu verzichten, das ihn an seiner
empfindlichsten Stelle blogestellt haben wrde. Schlielich indes war das
Hkchen aus dem Toupet heraus, und mit einer Ruhe, die den Mann von Welt zeigte,
nahm er seinen Satz wieder auf und sagte: Ja, meine Herrschaften, und gehen
auch noch weiter. Das heit also bis nach Rom. Es sind dies die natrlichen
Folgen der Prinzipienlosigkeit oder, was dasselbe sagen will, einer Politik von
heut auf morgen, des Gesetzmachens ad hoc. Ich hasse das.
    Die Baronin, die sich in dieser Wendung zitiert glaubte, klatschte mit ihren
zwei Zeigefingern Beifall.
    Ich hasse das, wiederholte der Geheimrat, whrend er sich gegen die
Snatterlw verbeugte, mehr noch, ich verachte das. Wir sind kein Volk, das,
seiner Natur und Geschichte nach, einen Dalai-Lama ertragen kann, und doch haben
wir ihn. Wir haben einen Dalai-Lama, dessen Schpfungen, um nicht zu sagen
Hervorbringungen, wir mit einer Art Inbrunst anbeten. Rundheraus, wir schwelgen
in einem unausgesetzten Gtzen- und Opferdienst. Und was wir am willfhrigsten
opfern, das ist die freie Meinung, trotzdem keiner unter uns lteren ist, der
nicht mit Herwegh fr den Flgelschlag der freien Seele geschwrmt htte. Wie
gut das klingt. Aber haben wir diesen Flgelschlag? Haben wir diese freie Seele?
Nein, und wieder nein. Wir sind weiter davon ab denn je. Was wir haben, heit
Omnipotenz. Nicht die des Staates, die nicht nur hinzunehmen, die sogar zu
rhmen, ja die das einzig Richtige wre, nein, wir haben die Omnipotenz eines
einzelnen. Ich nenne keinen Namen. Aber soviel bleibt: bergriffe sind zu
verzeichnen, bergriffe nach allen Seiten hin, und soviel bergriffe, soviel
Fehlgriffe. Freilich, wer diesen Dingen, direkt oder indirekt, durch Jahrzehnte
hin nahegestanden hat, der sah es kommen, dem blutete seit lange das Herz ber
ein System des Feilschens und kleiner Behandlung groer Fragen. Und wo die
Wurzel? womit begann es? Es begann, als man, Arnims kluge Worte miachtend,
einen Hochverrter aus ihm stempeln wollte, blo weil ein Brief und ein
Rohrstuhl fehlte. Was aber fehlte, war kein Brief und kein Rohrstuhl, sondern
einfach Unterwerfung. Daran gebricht es. Arnim hatte den Mut seiner Meinung, das
war alles, das war sein Verbrechen, das allein. Aber wenn es erst dahin gekommen
ist, meine Herren, da jede freie Meinung im Lande Preuen Hochverrat bedeutet,
so sind wir alle Hochverrter, alle samt und sonders. Ein Wunder, da Falk mit
einem blauen Auge davongekommen ist, er, der einzige, der den Blick fr die
Notlage des Landes hatte, der einzige, der retten konnte. Nach Canossa gehen wir
nicht! O nein, wir gehn nicht, aber wir laufen, wir rennen und jagen dem Ziele
zu und berliefern, einer beliebigen und bestndig wechselnden Tagesfrage
zuliebe, die groe Lebensfrage des Staats an unseren Todfeind. Die groe
Lebensfrage des Staats aber ist unsere protestantische Freiheit, die Freiheit
der Geister!
    Die Baronin war hingerissen und steigerte sich bis zu Kuhndchen. Ihr
Wohl, Herr Geheimrat! Ihr Wohl, und die Freiheit der Geister!
    Einige der Zunchstsitzenden schlossen sich an, und sehr wahrscheinlich, da
sich ein allgemeiner Toast daraus entwickelt htte, wenn nicht der alte General
ziemlich unvermittelt dazwischengefahren wre. Der Beginn seiner Rede verfiel
zwar dem Schicksal, berhrt zu werden, aber mehr rgerlich als verlegen
darber, nahm er schlielich seine ganze Stimmkraft zusammen und ruhte nicht
eher, als bis er sich mit Gewalt Gehr verschafft hatte: Sie sprechen da von
der Freiheit der Geister, mein lieber Hedemeyer. Nun ja, meinetwegen. Aber
machen wir nicht mehr davon, als es wert ist. Wir sind unter uns (ein Blick
streifte Gordon), ich hoffe, sagen zu knnen, wir sind unter uns, und so drfen
wir uns auch gestehen, die protestantische Freiheit der Geister ist eine
Redensart.
    Erlauben Sie ..., warf Hedemeyer dazwischen.
    Ich bitte Sie, mich nicht unterbrechen zu wollen, fuhr der alte General
mit berlegener Miene fort. Sie haben gesprochen, jetzt spreche ich. Ihr
verflossener Falk, ich nenn ihn mit Vorbedacht Ihren Falk, hat es gut gemeint,
darber kann kein Zweifel sein. Aber pourquoi tant de bruit pour une omelette
...
    Alles lachte, denn es traf sich, da eine dicht mit Omelettschnitten
garnierte Gemseschssel in eben diesem Augenblicke dem General prsentiert
wurde.
    Dieser, sonst beraus empfindlich gegen derartige Zwischenflle, nahm
diesmal die ziemlich lang andauernde Heiterkeit mit gutem Humor auf und
wiederholte, whrend er eine der Schnitten triumphierend in die Hh hielt: Pour
une omelette... Ja, wie viele Menschen, mein lieber Hedemeyer, glauben Sie denn
bei dieser sogenannten Canossa-Frage wirklich interessiert? Sehr viele sind es
nicht. Dafr brge ich Ihnen. Auf Ehre. Manches sieht man denn doch auch, ohne
gerade zum Kultus zu gehren oder, Pardon, gehrt zu haben. Berlin hat dreiig
protestantische Kirchen, und in jeder finden sich allsonntglich ein paar
hundert Menschen zusammen; ein paar mehr oder weniger, darauf kommt es nicht an.
In der Melonenkirche habe ich einmal fnfe gezhlt, und wenn es sehr kalt ist,
sind es noch weniger. Und das, mein lieber Hedemeyer, ist genau das, was ich die
protestantische Freiheit der Geister nenne. Wir knnen in die Kirche gehen und
nicht in die Kirche gehen und jeder auf seine Faon selig werden. Ja, meine
Freunde, so war es immer im Lande Preuen, und so wird es auch bleiben, trotz
allem Canossa-Gerede. Das Interesse hlt immer gleichen Schritt mit der Angst,
und Angst ist noch nicht da. Jedenfalls ist es keine Frage, daran die Welt hngt
oder auch nur der Staat. Der hngt an was ganz anderem. Die Welt ruht nicht
sicherer auf den Schultern des Atlas als der preuische Staut auf den Schultern
seiner Armee..., so lautete das Friderizianische Wort, und das ist die Frage,
worauf es ankommt. Da, meine Herrschaften, liegt Tod und Leben. Der
Unteroffizier, der Gefreite, die haben eine Bedeutung, nicht der Kster und der
Schulmeister; der Stabsoffizier hat eine Bedeutung, nicht der Konsistorialrat.
Und nun sehen Sie sich um, wie man anitzo verfhrt und unter welchen Migriffen
und Schdigungen man zur Besetzung magebendster Stellen schreitet. Ich meine
vom Generalmajor aufwrts. Alles, was sich dabei hherer Gesichtspunkt nennt,
ist Dummheit oder Verranntheit oder Willkr. Und in manchen Fllen auch einfach
Klngel und Clique.
    Sie meinen...
    Einfach das Cabinet. Ich habe keine Veranlassung, damit zurckzuhalten und
aus meinem Herzen eine Mrdergrube zu machen. Ich meine das Cabinet, das sich's
zur Aufgabe zu stellen scheint, mit den Traditionen der Armee zu brechen. Wenn
ich von Armee spreche, sprech ich selbstverstndlich von der friderizianischen
Armee. Was uns heutzutage fehlt und was wir brauchen wie das liebe Brot, das
sind alte Familien und alte Namen aus den Stammprovinzen. Aber nicht Fremde... 
    Kraczinski, der zwei Brder in der russischen und einen dritten in der
sterreichischen Armee hatte, lchelte mit kriegsministerieller berlegenheit
vor sich hin, von Rossow aber fuhr fort: Der Chef, trotz altem livlndischen
Adel, der hingehn mag, ist, von meinem Standpunkt aus, ein homo novus, der der
unglckseligen Anschauung von der geistigen Bedeutung der Offiziere huldigt.
Alles Unsinn. Wissen und Talent ruinieren nur, weil sie blo den Dnkel
groziehen. Derlei Allotria sind gut fr Professoren, Advokaten und
Zungendrescher, berhaupt fr alle die, die sich jetzt Parlamentarier nennen.
Aber was soll das dem Staat? Der verlangt andres. Auf die Gesinnung kommt es an,
auf das Gefhl der Zusammengehrigkeit mit dem Stammlande, das nur die haben,
die schon mit am Cremmer-Damm und bei Ketzer-Angermnde waren. Aber das wird
jetzt bersehen, bersehen in einer mir ganz unbegreiflichen Weise. Denn die
hhere Disziplin ist lediglich eine Frage der Loyalitt. Und das wissen auch die
Hohenzollern. Aber weil sie nicht gerne dreinreden und allzu bescheiden sind und
immer glauben, die Herren vom grnen Tisch (und die Armee hat auch ihren grnen
Tisch) mten es besser wissen, so lassen sie sich bereden und betimpeln. Ein
erbrmlicher Zustand. Und da es nicht zu ndern ist, das ist das schlimmste.
Napoleon konnte nicht alle Schlachten selber schlagen, und die Hohenzollern
knnen nicht allerpersnlichst in alle Winkel der Verwaltung hineingucken. Da
liegt es, mein lieber Geheimrat. Da, nur da. Canossa hin, Canossa her.
Prefreiheit, Redefreiheit, Gewissensfreiheit, alles Unsinn, alles Ballast, von
dem wir eher zuviel als zuwenig haben.
    Ccile sah verlegen vor sich nieder. Sie kannte lngst diese vom rger
diktierte Beredsamkeit, die sie, bei frheren Gelegenheiten, immer nur als
berflssig, aber nicht als sonderlich strend empfunden hatte. Heute peinigte
sie's, weil sie sah, was in Gordons Seele beim Anhren dieser Renommistereien
vorging. Auch St. Arnaud empfand so, weshalb er es fr ratsam hielt, sich der
Situation zu bemchtigen und in geschickter Anknpfung an die Rossowschen Worte
von der Bedeutung alter Familien auf die Gordons berzugehen, die, seit dem
Dreiigjhrigen Kriege, jedenfalls aber seit dem Schillerschen Wallenstein,
uns als unser eigenstes Eigentum angehren. Oberst Gordon, Kommandant von Eger,
zhle zu den besten Figuren im ganzen Stck, und er glaube sagen zu knnen, die
Tugenden desselben fnden sich in dem neuen Freunde seines Hauses vereinigt. Er
trinke deshalb auf das Wohl seines lieben Gastes, des Herrn von Gordon.
    Gordon, der wohl wute, da rasches Erwidern die beste, jedenfalls aber die
leichteste Form des Dankes sei, nahm unmittelbar nach diesem Toaste das Wort und
bat, nachdem er in einer scherzhaft durchgefhrten Antithese den Obersten St.
Arnaud des 4. Oktober dem General St. Arnaud des 2. Dezember
gegenbergestellt und in Ccile die Lichtgestalt, die den Unterschied zwischen
beiden besiegte, gefeiert hatte, das Wohl der liebenswrdigen Wirte proponieren
zu drfen.
    Sein Trinkspruch war vorzglich aufgenommen worden, am enthusiastischsten
von der Baronin, die bei dieser Gelegenheit selbstverstndlich nicht ermangelte,
von ihrer im vorigen Sommer in Ragaz stattgehabten Promenadenbegegnung mit der
Kaiserin Eugenie zu sprechen, einer Frau, die, wenn sie, statt ihres Polisson
von Gatten, das Heft in Hnden gehabt htte, Frankreich ganz anders regiert,
jedenfalls aber mnnlicher verteidigt und hchstwahrscheinlich gerettet haben
wrde.
    Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben, und als sich, nach abermals einer
Minute, die gesamte Herrenwelt, mit Ausnahme des bei den Damen verbliebenen St.
Arnaud, in das Rauchzimmer zurckgezogen hatte, nahm von Rossow - der vor gerade
dreiig Jahren, als Hauptmann im Alexander-Regiment, einen schwachbesuchten
Casino-Vortrag ber den 2. Dezember gehalten hatte - noch einmal in der
St.-Arnaud-Frage das Wort und sagte, whrend er den dritten ihm prsentierten
Chartreuse mit einer an Grazie grenzenden Raschheit niederstrzte: Was
brigens, mein werter Herr von Gordon, Ihre Gegenberstellung oder meinetwegen
auch Ihre Parallele betrifft, nun ja, der damalige St. Arnaud und der
gegenwrtige, sie lassen sich, wenn's sein mu, vergleichen, und soviel
konzedier ich Ihnen ohne weiteres, da mit dem unseren auch schlecht
Kirschenpflcken ist. Auch der unsere, wenn ich ihn recht beurteile, hat ein
tiefes berzeugtsein von der Gleichgltigkeit des Einzelindividuums, und da er
das Jeu liebt, wie sein berhmter Namensvetter, werden Sie mutmalich ebenfalls
wissen. Aber der napoleonische, der Anno 51 die ganze Geschichte gemacht hat,
war ihm denn doch um einiges ber. Ein Deubelskerl, sag ich Ihnen. Und dabei
filou comme il faut. Unsere schne Ccile, was Sie freilich nicht wissen
konnten, lt sich denn auch in Anbetracht all dieser Umstnde nicht gern an die
Namensvetterschaft erinnern, St. Arnaud selbst aber ist stolz darauf. Und kann
auch. Wenn wir unruhige Zeiten kriegen, und man kann nie wissen, so wchst er
sich vielleicht noch in was hinein. Talent hat er. Sehen Sie nur das
Faunengesicht, mit dem er zu dem arrondierten kleinen Frulein spricht. Malerin,
nicht wahr? Wie heit sie doch?
    Frulein Rosa Hexel.
    Mit einem x?
    Ja, Herr General.
    Na, das pat ja. Nur keine Spielverderberei. Da kommt brigens das Tablett
noch mal. Chartreuse. Den kann ich Ihnen empfehlen.

Um neun Uhr brach man auf. Alles drngte sich im Korridor, und Ccile fragte die
Malerin, ob der Diener eine Droschke holen solle. Rosa dankte jedoch, Herr von
Gordon werde sie bis an den Platz begleiten, und dort finde sie Pferdebahn.
    Unten bot ihr Gordon denn auch den Arm und sagte: Wirklich nur bis an den
Platz? Und nur bis an die Pferdebahn?
    O nicht doch, lachte Rosa. Was Sie nur denken? So leicht kommen Sie nicht
davon. Sie mssen mich bis nach Hause bringen, Engel-Ufer, und ich schenke Ihnen
keinen Schritt. Aber sahen Sie nicht die Gesichter, als ich blo Ihren Namen
nannte? Der Geheimrat hob den Kopf, wie wenn er eine Fhrte suche. Man mu es
den Schandmulern nicht zu leicht machen. Und das sind sie samt und sonders, die
ganze Gesellschaft.
    Ich frchte, da Sie recht haben. Aber doch alles in allem nicht bel,
nicht dumm.
    Nein, nicht dumm.
    Und auch nicht uninteressant.
    Nein, auch nicht uninteressant. Und au fond doch wieder. Es sieht alles
nach was aus und klingt leidlich. Aber was ist es am Ende? Chronique
scandaleuse, Malicen, Absetzen einiger Bitterkeiten. Und dann hat jeder sein
elendes Steckenpferd. Der Klgste bleibt immer St. Arnaud selbst, er steht
drber und lacht. Aber dieser alte General! Ich verstehe nichts von Politik und
noch weniger von Armee, wer mir aber ernsthaft versichern will, da ein kluger
General Mller allemal eine Landeskalamitt und neben einem Hampel von
Hampelshausen nie zu nennen sei, wer mir das ernsthaft versichern will, mit dem
bin ich fertig, und wenn ich ihn trotz alledem interessant finden soll, so bin
ich dazu zwar bereit, aber frag mich nur nicht wie.
    Schau, schau, Frulein Rosa, das sprht ja wie ein pot  feu.
    Der ich auch bin. Und wenn ich nun gar erst von diesem Geheimrat rede, da
sprh ich nicht blo, da zisch ich wie eine Schlange, versteht sich
Feuerwerksschlange.
    Und doch war vieles richtig, was er sagte.
    Vielleicht; vielleicht auch nicht. Ich versteh nichts davon. Aber unehrlich
war es jedenfalls. Er ist ein schlechter Kerl, frivol, zynisch, und kein
Frauenzimmer, und wenn es die keusche Susanne wre, kann eine Minute lang mit
ihm zusammen sein, ohne sich einer Unpassendheit ausgesetzt zu sehen. Er
versteht unter protestantischer Freiheit die Freiheiten, die er sich nimmt, und
deren sind viele, jedenfalls genug. Sein ganzer Liberalismus ist Libertinage,
weiter nichts. Ein wahres Glck, da man ihn beiseite geschoben hat. Er schreibt
jetzt, natrlich pseudonym, an einer neuen Broschre. Da er unterhaltlich ist,
will ich nicht bestreiten, aber St. Arnaud knnte was Besseres tun, als ihn
auszuzeichnen und ihn neben unsere schne Ccile zu setzen. Ich hoffe, sie
duldet ihn nur. Aber auch das ist schon zuviel. Er sollte zum Islam bertreten
und Afrikareisender werden. Da gehrt er hin. Und irgend so was passiert ihm
auch noch.
    Gordon lachte. Bravo, Frulein Rosa. Fehlt von den Gsten eigentlich nur
noch die Snatterlw.
    ber die zu sprechen ich mich hten werde. Haben Sie doch, mein werter Herr
von Gordon, in aller Intimitt zwei Stunden lang neben ihr gesessen. Und ich sah
wohl, wie sie jedesmal Ihren Arm nahm und ihn zustimmend drckte. Sie hat
berhaupt etwas von einer Massage-Doktorin.
    Und Ccile?
    Ach, die arme Frau! Es wird wohl auch nicht alles sein, wie's sein sollte.
Schnheit ist eine Gefahr von Jugend auf; nicht als ob ich aus Erfahrung
sprche, dafr ist gesorgt. Aber sie ist lieb und gut und viel zu schade. Gebe
Gott, da es ein gutes Ende nimmt.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Es war spt geworden, und der Wchter patrouillierte schon durch die Lennstrae
hin, als Gordon wieder vor seiner Wohnung anlangte. Rosa hatte, den ganzen Weg
ber, fast unausgesetzt gesprochen, am meisten ber St. Arnaud, auf den sie
wiederholt und mit einer gewissen Teilnahme zurckgekommen war. Er lt viel zu
wnschen brig, und ich mcht ihn nicht zum Feind und fast ebensowenig zum
Freunde haben; aber trotz alledem ist er immer noch der Beste, weil der
Ehrlichste. Natrlich seine arme Frau ausgenommen. Erst gestern wurde bei
Grolmans von ihm gesprochen, und wenn auch nicht gerade mit Respekt, so doch
mindestens mit Bedauern. Es war ein Unglck, da er den Dienst quittieren mute.
Blieb er in der Armee, so war alles gut oder konnt es wieder werden. Jetzt ist
er verbittert, befehdet, was er frher vergttert hat, und sitzt auf der Bank,
wo die Sptter sitzen. Und das ist eine schlimme Bank. Er war ganz Soldat und
ging darin auf. Nun hat er nichts zu tun und steht im Tattersall umher oder
besucht den Club, ja, fast lt sich sagen, er lebe da. Vor Tisch liest er
Zeitungen, nach Tisch spielt er Whist oder Billard; das klingt sehr harmlos,
aber, wie Sie vielleicht wissen werden, es geht um Summen, die fr unsereins ein
Vermgen bedeuten.

    Gordon folgte jedem Wort und fragte nach dem, was ihn selbstverstndlich am
meisten interessieren mute: nach dem Verhltnis und der Lebensweise des
Ehepaares untereinander. Aber was er als Antwort darauf hrte, war im
wesentlichen nur eine Besttigung dessen, was er schon whrend der Harzer
Sommertage beobachtet hatte. Ja, schlo Rosa, sein Verhltnis zu Ccile, da
hab ich kein gutes Wort fr ihn. Mitunter freilich hat er seinen Tag der
Rcksichten und Aufmerksamkeiten, und man knnte dann beinahe glauben, er liebe
sie. Aber was heit Liebe bei Naturen wie St. Arnaud? Und wenn es Liebe wre,
wenn wir's so nennen wollen, nun so liebt er sie, weil sie sein ist, aus
Rechthaberei, Dnkel und Eigensinn, und weil er den Stolz hat, eine schne Frau
zu besitzen. In Wahrheit ist er ein alter Garon geblieben, voll Egoismus und
Launen, viel launenhafter als Ccile selbst. Die rmste hat ihr Herz erst
neulich darber zu mir ausgeschttet. Er hlt, sagte sie, viertelstundenlang
meine Hand und erschpft sich in Schnheiten gegen mich, und gleich danach geht
er ohne Gru und Abschied von mir und hat auf drei Tage vergessen, da er eine
Frau hat.
    Das und viel anderes noch ging Gordon im Kopfe herum, als er wieder in
seiner Wohnung war; vor allem aber klang ihm das im Ohr, was Rosa gleich zu
Beginn ihrer Unterhaltung gesagt hatte: Gebe Gott, da es ein gutes Ende
nimmt.

Zu guter Zeit war er auf und bei seinem Kaffee, schob aber die Zeitungen, die
die Wirtin gebracht hatte, zurck. Alles Behagens unerachtet, war er in keiner
Lesestimmung und beschftigte sich nach wie vor mit dem, was ihm der gestrige
Tag gebracht hatte. Die Fenster standen auf, und er sah hinaus auf den
Tiergarten. Ein feiner, von der Morgensonne durchleuchteter Nebel zog ber die
Baumspitzen hin, die, trotz der schon vorgerckten Jahreszeit, kaum ein welkes
Blatt zeigten; denn am Tage vorher war es windig gewesen, und das wenige, was
sich bis dahin von gelbem und rotem Laube mit eingemischt hatte, lag jetzt unter
den Bumen und bildete Muster auf dem Rasenteppich. Dann und wann fuhr ein
Wasserkarren langsam durch die Strae; sonst alles still, so still, da Gordon
es hrte, wenn die Kastanien aufschlugen und aus der Schale platzten.
    Ein immer wachsendes Wohlgefhl berkam ihn. Ich glaube, ich bin so
glcklich, weil ich wieder in der Heimat bin. Wo war ich nicht alles? Aber
solche Momente hat man nur daheim.
    Als er sich wieder zurckwandte, vernahm er deutlich, da drauen auf dem
Korridor gesprochen wurde. Der Herr mu unterschreiben. Und gleich danach trat
der Brieftrger ein. Er brachte Karten und Geschftsanzeigen, der
eingeschriebene Brief aber, ber dessen Empfang quittiert werden mute, war der
langerwartete von Schwester Clothilde.
    Nun endlich.
    Gordon setzte sich in den Schaukelstuhl am Fenster, um hier con amore zu
lesen.
    Mein lieber Roby. Deinen zweiten Brief, in dem Du Dich ber mein Schweigen
beklagst, erhielt ich gleichzeitig mit dem ersten. Ich fand beide hier vor, als
ich vorgestern abend von meinen Weltfahrten nach meinem lieben Liegnitz
zurckkehrte. Dein Brief aus Thale war mir selbstverstndlich nach Johannesbad
und, weil er mich dort nicht mehr traf, nach Partenkirchen hin nachgeschickt
worden. An letzterem Orte kam er frher an als wir (wir heit Kramstas und ich),
was die Partenkirchner Post veranlate, Deinen Brief nach Liegnitz
zurckzuschicken. Da hat er zwei Monate lang gelagert. Du siehst, ich bin auer
Schuld.
    Eine Welt von Dingen habe ich, seitdem Du hier warst, erlebt: die junge
Kramsta hat sich mit einem Offizier verlobt, Helene Rothkirch ist Hofdame bei
der Prinzessin Alexandrine geworden, und der alte Zedlitz hat sich wieder
verheiratet. Und nun erst die jetzt zurckliegende Reise mit ihren hundert
Bekanntschaften und Eindrcken! Aber ich werde mich hten, Dir von Berchtesgaden
und dem Watzmann eine lange Beschreibung zu machen, einmal, weil Dir 8000 Fu
nicht viel bedeuten knnen, und zweitens, weil ich annehme, da junge Kavaliere,
die sich nach einer schnen Angebeteten erkundigen, lieber von dieser
Angebeteten als vom Watzmann hren wollen.
    Gordon lachte. Ganz Clothilde. Und wie recht sie hat.
    ... Also die St. Arnauds. Nun wir kennen sie hier recht gut, oder doch
wenigstens die Vorgnge, die seinerzeit viel von sich reden machten. Es war
nicht gerade das Beste, wobei Dich das eine trsten mag, da es, alles in allem,
auch nicht das Schlimmste war.
    St. Arnaud war Oberstlieutenant in der Garde, brillanter Soldat und
unverheiratet, was immer empfiehlt. Man versprach sich etwas von ihm. Es sind
jetzt gerade vier Jahre, da er in Oberschlesien Oberst und Regimentskommandeur
wurde. Den Namen der Garnison hab ich vergessen; brigens auch ohne jede
Bedeutung fr das, was kommt. Er nahm Wohnung in dem Hause der verwitweten Frau
von Zacha, richtiger Woronesch von Zacha, in deren bloem Namen schon, wie Dir
nicht entgehen wird, eine ganze slawische Welt harmonisch zusammenklingt. Frau
von Zacha war eine berhmte Schnheit gewesen; ihre Tochter Ccile war es noch.
Jedenfalls fand es der Oberst und verlobte sich mit ihr. Vielleicht auch, da er
sich in dem Nest, das ihm die Residenz ersetzen sollte, blo langweilte.
Gleichviel. Drei Tage nach der Verlobung empfing er einen Brief, worin ihm
Oberstlieutenant von Dzialinski, der lteste Stabsoffizier, seitens des
Offiziercorps und als Vertreter desselben die Mitteilung machte, da diese
Verlobung nicht wohl angnglich sei. Daraus entstand eine Szene, die mit einem
Duell endete. Dzialinski wurde durch die Brust geschossen und starb vor Ablauf
von vierundzwanzig Stunden. Das Kriegsgericht verurteilte St. Arnaud zu neun
Monaten Festung, wobei, neben seiner frheren Beliebtheit, auch die Tatsache mit
in Rechnung gestellt wurde, da er provoziert worden war. Provoziert, so
gerechtfertigt die Haltung Dzialinskis und des gesamten Offiziercorps gewesen
sein mochte.
    Gordon legte den Brief aus der Hand und wiederholte: So gerechtfertigt
diese Haltung gewesen sein mochte. Warum? Wodurch? Aber was frag ich? Clothilde
wird mir die Antwort nicht schuldig bleiben.
    Und er las weiter.
    Und hier ist nun die Stelle, mein lieber Robert, wo Herr von St. Arnaud
zurck- und Frau von St. Arnaud in den Vordergrund tritt. Was lag vor, da das
Offiziercorps gegen seinen eigenen Obersten Front machen mute? Ccile war eine
Dame von zweifelhaftem oder, um milder und rcksichtsvoller zu sprechen, von
eigenartigem Ruf. Als sie kaum siebzehn war, sah sie der alte Frst von
Welfen-Echingen und ernannte sie bald danach, und zwar nach wenig schwierigen
Verhandlungen mit Frau von Zacha, zur Vorleserin seiner Gemahlin, der Frstin.
Die Frstin war an derartige Ernennungen gewhnt, erhob also keinen Widerspruch.
So kam Ccile nach Schlo Cyrillenort, lebte sich ein, begleitete das frstliche
Paar auf seinen Reisen, war mit demselben in der Schweiz und Italien, las am
Teetisch vor (aber selten) und blieb im Schlo, als die alte Frstin gestorben
war. Nicht sehr viel spter schied auch der Frst selbst aus dieser Zeitlichkeit
und hinterlie dem schnen Tee-Frulein ein oberschlesisches Gut, zugleich mit
der Bestimmung, da es ihr freistehen solle, Schlo Cyrillenort noch ein Jahr
lang zu bewohnen. Es lag dem schnen Frulein aber fern, aus diesem ihr
bewilligten Witwenjahr irgendwelchen Nutzen ziehen oder sich berhaupt unbequem
machen zu wollen, und erst als Prinz Bernhard, der Neffe, zugleich Erbe des
verstorbenen Frsten, auch seinerseits den Wunsch uerte, da sie Schlo
Cyrillenort nicht verlassen mge, gab sie diesem Wunsche nach und blieb. Prinz
Bernhard kam von Zeit zu Zeit zu Besuch, dann fter und fter, und als das
Trauerjahr um war, zog er von Schlo Beauregard, das er bis dahin bewohnt hatte,
nach dem Hauptsitz und Stammschlo der Familie hinber. Sonst blieb alles beim
alten; nichts nderte sich, auch nicht in den Ausflgen und Reisen, die nur
weiter gingen und bis Algier und Madeira hin ausgedehnt wurden. Denn wenn der
alte Frst alt gewesen war, so war der junge krank. Er starb schon das Jahr
darauf, und man erwartete nunmehr allgemein, da die schne Ccile dem von ihr
protegierten Kammerherrn von Schluckmann (der, nach Ableben des alten Frsten,
als Hofmarschall in die Dienste des jungen eingetreten war) die Hand zum Bunde,
zum Ehebunde, reichen wrde. Dieser Schritt unterblieb aber, aus Grnden, die
nur gemutmat werden, und die schne Frau kehrte jetzt, wie sie's schon
unmittelbar nach dem Tode des alten Frsten beabsichtigt hatte, zu Mutter und
Geschwistern zurck, von denen sie sich mit Jubel empfangen sah. Eine
verhltnismig glnzende Wohnung wurde genommen, und in dieser Wohnung war es,
da St. Arnaud, zwei Jahre spter, die still und zurckgezogen lebende Ccile
(damals noch katholisch) kennenlernte. Sie soll inzwischen bergetreten sein;
einer Euerer beliebtesten Hofprediger wird dabei genannt.
    Da hast Du die St.-Arnaud-Geschichte, hinsichtlich deren ich Dich nur noch
herzlich und instndig bitten mchte, von Deiner durchgngerischen Gewohnheit
ausnahmsweise mal ablassen und das Kind nicht gleich mit dem Bade verschtten zu
wollen. Als Leslie-Gordon kennst Du natrlich Deinen Schiller und wlzt
hoffentlich mit ihm, als ob es sich um Wallenstein in Person handele, die
grere Schuldhlfte den unglckseligen Gestirnen zu. Wirklich, mein Lieber, an
solchen unglckseligen Gestirnen hat es im Leben dieser schnen Frau nicht
gefehlt. Ihre frhesten Jugendjahre haben alles an ihr versumt, und wenn es
auch nicht unglckliche Jahre waren (vielleicht im Gegenteil), so waren es doch
nicht Jahre, die feste Fundamente legen und Grundstze befestigen konnten. Eva
Lewinski, die, wie Du Dich vielleicht entsinnst, lange bei den Hohenlohes in
Oberschlesien war und ihre Kinderjahre mit Ccile verlebt hat, hat mir
versprochen, alles aufzuschreiben, was sie von jener Zeit her wei. Ich schliee
diesen Brief erst, wenn ich Evas Zeilen habe... Diesen Augenblick kommen sie.
Lebe wohl. Elsy ist in Grlitz bei der Grotante, daher kein Gru von ihr. In
herzlicher Liebe
                                                                Deine Clothilde

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Gordon war in der hchsten Erregung. Einzelnes, was er in der Charlottenburger
Villa, gleich nach seinem Eintreffen in Berlin, und dann gestern wieder aus dem
Munde des alten Generals gehrt hatte, hatte freilich nicht viel Gutes in Sicht
gestellt, aber dieser Schlag ging doch ber das Erwartete hinaus.
Frstengeliebte, Favoritin in duplo, Erbschaftsstck von Onkel auf Neffe! Und
dazwischen der Kammerherr - ein Schatten, der sich schlielich gestrubt hatte,
sich zum Ehemann zu verdichten.
    Er warf den Brief fort und erhob sich, um in hastigen Schritten im Zimmer
auf und ab zu gehen. Dann aber trat er an das zweite, bis dahin geschlossene
Fenster und ri auch hier beide Flgel auf, denn es war ihm, als ob er ersticken
solle.
    Der eingelegte Zettel von Eva Lewinski (nur ein halber, eng bekritzelter
Briefbogen) war auf den Teppich gefallen. Er nahm ihn jetzt wieder auf und
sagte: Besser alles in einem. Lieber die ganze Dosis auf einmal als
tropfenweis. Und wer wei, vielleicht ist auch etwas von Trost und Linderung
darin.
    Und er setzte sich wieder und las.
    An alles andre, meine liebe Clothilde, htt ich eher gedacht als daran, da
ich noch einmal in die Lage kommen knnte, von der Familie Zacha zu plaudern.
Und zu Dir! Nun, wir waren Nachbarn, und solange der alte Zacha lebte, der
brigens nicht alt war, ein mittlerer Vierziger, ging es hoch her. Er war ein
Betriebsdirektor bei den Hohenlohes, verstand nichts und tat nichts (was noch
ein Glck war), gab aber die besten Frhstcke. Kavalier, schner Mann und
Anekdotenerzhler, war er allgemein beliebt, freilich noch mehr verschuldet,
trotzdem er ein hohes Gehalt hatte. Pltzlich starb er, was man so sterben
nennt; die Verlegenheiten waren zu gro geworden. Das Wie seines Todes wurde
vertuscht.
    Ich sehe noch die Frau von Zacha, wie sie dem Sarge folgte, tief in Trauer
und angestaunt von der gesamten Mnnerwelt. Denn Frau von Zacha, damals erst
dreiig, war noch schner als Ccile. Diese mochte zwlf sein, als der Vater
starb, aber sie wirkte schon wie eine Dame, darauf hielt die Mutter, die wohl
von Anfang an ihre Plne mit ihr hatte. Verwhntes Kind, aber trumerisch und
mrchenhaft, so da jeder, der sie sah, sie fr eine Fee in Trauer halten mute.
    Kurz nach dem Tode des Vaters ging es. Die junge Herzogin auf Schlo Rauden,
die sich fr die schne Witwe mit ihren drei Kindern interessierte, gab und
half. Aber die Wirtschaft war zu toll, und so zog sie zuletzt ihre Hand von den
Zachas ab. Alles, was diesen blieb, beschrnkte sich auf eine kleine Pension. An
Erziehung war nicht zu denken. Frau von Zacha lachte, wenn sie hrte, da ihre
Tchter doch etwas lernen mten. Sie selbst hatte sich dessen entschlagen und
sich trotzdem sehr wohl gefhlt, bis zum Hinscheiden ihres Mannes gewi und
nachher kaum minder. Es stand fest fr sie, da eine junge schne Dame nur dazu
da sei, zu gefallen, und zu diesem Zwecke sei wenig wissen besser als viel. Und
so lernten sie nichts.
    Oft muten wir lachen ber den Grad von Nichtbildung, worin Mutter und
Tchter wetteiferten. Alle Quartal kam ihre Pension. Dann gaben sie
Festlichkeiten und schafften neue Rschen und Bnder an, auch wohl Kleider, aber
immer noch Trauerkleider, weil die Mutter wute, da ihr Schwarz am besten
stnde. Vielleicht auch, weil sie gehrt hatte, da Knigin-Witwen die Trauer
nie ablegen.
    Sie hatte ganz verschrobene Ideen und war abwechselnd unendlich hoch und
unendlich niedrig. Sie sprach mit der Herzogin auf einem Gleichheitsfu, am
liebsten aber unterhielt sie sich mit einer alten Waschfrau, die in unsrem Hause
wohnte. War dann das Geld vertan, was keine Woche dauerte, so hatten sie zwlf
Wochen lang nichts. Es wurde dann geborgt oder von Obst aus dem Garten gelebt,
und wenn auch das nicht da war, so gab es Pilzchen. Aber glaube nur nicht, da
Pilzchen wirklich Pilze gewesen wren. Pilzchen waren groe Rosinen, in welche,
von unten her, halbe Mandelstcke gesteckt wurden. Das war mhevoll genug, und
mit Anfertigung davon verbrachte Frau von Zacha den ganzen Vormittag, um die
Gtterspeise dann mittags auf den Tisch zu bringen. Inmitten des Schsselchens
aber lag, um auch das nicht zu verschweigen, eine besonders groe Rosine, die
nicht nur den ihr zustndigen Mandelfu hatte, sondern auch noch von zwei
horizontal liegenden und ebenfalls aus Mandelkern geschnittenen Speilerchen
kreuzartig durchstochen war. An den vier Spitzen dieser Speilerchen saen dann
ebenso viele kleine Korinthen und stellten das morceau de rsistance her, das in
der Sprache der Zachas le Roi Champignon hie. Eine Bezeichnung, von der die
Leute sagten, da sich sowohl der Witz wie das damalige Franzsisch der Familie
darin erschpft habe.
    Dies, meine liebe Clothilde, sind meine persnlichen Erlebnisse,
Kindererlebnisse. Was dann weiter kam, weit Du besser als ich. Wie immer Deine
                                                                         Eva L.

Gordon hielt den Zettel in der Hand und zitterte. Dann aber war es mit eins, als
ob er seine Ruhe wiedergefunden habe. Ja, das entwaffnet! Grogezogen ohne
Vorbild und ohne Schule, und nichts gelernt, als sich im Spiegel zu sehen und
eine Schleife zu stecken. Und nie zu Haus, wenn eine Rechnung erschien. Und doch
tagaus und tagein am Fenster und in bestndiger Erwartung des Prinzen, der
vorfahren wrde, um Kathinka zu holen oder vielleicht auch Lysinka, trotzdem
beide noch Kinder waren. Aber was tut das? Prinzen sind frs Extreme. Vielleicht
nimmt er auch die Mutter. Alles gleich, wenn er nur berhaupt kommt und
berhaupt wen nimmt. Sie gnnen sich's untereinander. Er ist ja geners, und
dann knnen sie weiterspielen. Ja, spielen, spielen; das ist die Hauptsache. Nur
kein Ernst, nicht einmal im Essen. Ach, wer schn ist und immer in Trauer geht
und Pilzchen it, der ist fr die Frstengeliebte wie geschaffen. Arme Ccile!
Sie hat sich dies Leben nicht ausgesucht, sie war darin geboren, sie kannt es
nicht anders, und als der Langerwartete kam, nach dem man vielleicht schon bei
Lebzeiten des Vaters ausgeschaut hatte, da hat sie nicht nein gesagt. Woher
sollte sie dies Nein auch nehmen? Ich wette, sie hat nicht einmal an die
Mglichkeit gedacht, da man auch nein sagen knne; die Mutter htte sie fr
nrrisch gehalten und sie sich selber auch.
    Er drehte den Zettel noch immer zwischen den Fingern, zupfte daran und
knipste gegen Rand und Ecken, alles, ohne zu wissen, was er tat. Endlich erhob
er sich und sah auf die Baumwipfel hinber, die jetzt in vollem Morgenlichte
lagen.
    Die Nebel drben sind fort, aber ich stecke darin, tiefer, als ob ich auf
dem Watzmann wr. Und ist man erst im Nebel, so ist man auch schon halb in der
Irre. Que faire? Soll ich den Entrsteten spielen oder ihr sagen: Bitte, meine
Gndigste, schicken Sie den Hofprediger fort, ich bin gekommen, um Ihre Beichte
zu hren. Und dann zum Schlu: Ei, ei, meine Tochter. Oder soll ich ihr von
Bubungen sprechen? Oder von den Zehn Geboten? Oder vom hheren sittlichen
Standpunkt? Oder gar von der verletzten Weiblichkeit? Ich habe nicht Lust, mich
unsterblich zu blamieren und Zeuge zu sein, da sie lchelt und klingelt und
ihrer Zofe zuruft: Bitte, leuchten Sie dem Herrn.
    Er trat, als er so sprach, vom Fenster an die Spiegelkonsole, wo, neben Uhr
und Notizbuch, auch sein Zigarrenetui lag. Ich werde mir eine
Gleichmuts-Havanna anznden und die eine Wolke mit der andern vertreiben.
Similia similibus. Kolonel Taylor pflegte zu sagen, alle Weisheit stecke im
Tabak. Und ich glaube fast, er hatte recht. Ich werde meine Besuche bei den St.
Arnauds ruhig fortsetzen und mir gar keinen Plan machen, sondern alles dem
Augenblicke berlassen. Ich glaube wirklich, das ist das beste: sie freundlich
ansehen und mit ihr plaudern wie zuvor, als wt ich nichts und als wre nichts
vorgefallen... Und am Ende, was ist denn auch vorgefallen? Was kmmert mich
Serenissimus und sein Tee-Frulein? Oder Serenissimus II.? Oder gar der
Kammerherr und Hofmarschall? Ach, wenn ich jetzt an Jagdschlo Todtenrode
zurckdenke... Deshalb schrak sie zusammen und wandte sich ab, als wir in die
gespenstischen Fenster guckten. Und schon vorher, in Quedlinburg, als ich ber
die Schnheitsgalerien und die Grfin Aurora so tapfer perorierte, schon damals
war es dasselbe. Nun klrt sich alles... Arme, schne Frau!

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Er wollte nichts tun, in seinem Benehmen nichts ndern, und doch lie er drei
Tage vergehen, ohne bei den St. Arnauds vorzusprechen.
    Endlich, den vierten Tag, nahm er sich ein Herz.
    Es war inzwischen herbstlich und windig geworden, und die Bltter tanzten
vor ihm her, als er ber den Hafenplatz ging. Er warf einen Blick hinauf und
sah, da berall, ganz wie damals bei seinem ersten vergeblichen Besuche, die
Holzjalousien herabgelassen waren. Nur in St. Arnauds Zimmer standen die
Fensterflgel weit auf, und die Gardinen wehten im Winde.
    Wieder im Tattersall oder im Club. Nie zu Haus. Es scheint wirklich, da er
sie manchen Tag keine Stunde sieht, und Rosa mag recht mit ihrer Mutmaung
haben, da seine Liebe, wenn berhaupt vorhanden, von ganz eigner Art sei.
Jedenfalls wird sie dieser Art nicht froh, soviel steht fest, soviel seh ich.
Und beinahe, wenn ich zurckdenke, hab ich ihr eigen Gestndnis davon. Und kann
es anders sein? Die Liebe lebt nicht von totgeschossenen Dzialinskis, vielleicht
gerade davon am wenigsten, sie lebt von liebenswrdigen Kleinigkeiten, und wer
sich eines Frauenherzens dauernd versichern will, der mu immer neu darum
werben, der mu die Reihe der Aufmerksamkeiten allstndlich wie einen Rosenkranz
abbeten. Und ist er fertig damit, so mu er von neuem anfangen. Immer dasein,
immer sich bettigen, darauf kommt es an. Alles andere bedeutet nichts. Ein
Armband zum Geburtstag, und wenn es ein Kohinur wre, oder ein Nerz- oder
Zobelpelz zu Weihnachten, das ist zuwenig fr dreihundertfnfundsechzig Tage.
Wozu lt der Himmel soviel Blumen blhen? Wozu gibt es Radbouquets von Veilchen
und Rosen? Wozu lebt Felix und Sarotti? So denkt jede junge Frau, wobei mir zu
meinem Schrecken einfllt, da ich auch ohne Bouquet und ohne Bonbonnire bin.
Also nicht besser als St. Arnaud. Und er ist doch blo ein Ehemann.
    Unter solchem Selbstgesprche war er bis an das Haus gekommen, dessen Tr
sich im selben Augenblick ffnete, wie wenn sein Erscheinen von der Portierloge
her bereits bemerkt worden wre. Wirklich, ein kleines Mdchen sah neugierig
durch das Guckfenster und schien auf seinen Gru zu warten. Er nickte denn auch
und stieg die Treppe hinauf.
    Gleich auf dem ersten Absatz traf er den von Ccile kommenden Geheimrat.
Ah, Herr von Gordon, grte dieser. Les beaux esprits se rencontrent. Die
Gndigste fhlt sich unwohl; leider, oder auch nicht leider; je nachdem, wie
man's nehmen will. Sie wissen, es ist ihr ewig Weh und Ach...
    Und er lachte, whrend er unter nochmaliger legerer Hutlftung an Gordon
vorberging.
    Dieser war von der Begegnung aufs unangenehmste berhrt, und um so
unangenehmer, als ihm an dem Diner-Tage nicht entgangen war, da Ccile viel
Entgegenkommen fr ihren geheimrtlichen Tischnachbar gehabt hatte. Sein
frivoler Witz machte sie lachen, und was seine kaum die ntigsten Schranken
innehaltende Dreistigkeit anging, von der Rosa gesprochen hatte, so hatte Gordon
gerade lange genug gelebt, um zu wissen, da die Dreisten die Vorhand haben.
    Und nun war er die Treppe hinauf und zog die Klingel.
    Die gndige Frau wird sehr erfreut sein, empfing ihn die Jungfer und
meldete: Herr von Gordon.
    Ah, sehr willkommen.
    Ccile war wirklich leidend, hatte den Lieblingsplatz auf dem Balkon aber
nicht aufgegeben. Die kleine Bank mit den zwei Kissen war fortgerumt, und statt
ihrer stand eine Chaiselongue da, darauf die Kranke ruhte, den Oberkrper mit
einem Shawl, die Fe mit einer Reisedecke zugedeckt, in die das Wappen der St.
Arnauds oder vielleicht auch das der Woronesch von Zacha eingestickt war. Auf
einem Tischchen daneben stand ein phiolenartiges Flschchen samt Wasser und
Zuckerschale.
    Gordon, als er sie so sah, war tief bewegt, verga alles und wollte Worte
der Teilnahme sprechen. Sie lie es aber nicht zu, nahm vielmehr ihrerseits das
Wort und sagte, whrend sie sich mit Anstrengung an dem Rckenkissen hher
hinaufrckte: So spt erst. Ich habe Sie frher erwartet, Herr von Gordon...
Hat unser kleines Diner so wenig Gnade vor Ihren Augen gefunden? Aber setzen Sie
sich. Dort unten steht noch ein Stuhl. Werfen Sie das Tuch beiseit; oder nein,
geben Sie's her, ich will es noch ber den Shawl decken. Denn offen gestanden,
mich friert.
    Und doch haben Sie sich hier ins Freie gebettet, als ob wir Juli statt
Oktober htten.
    Ja, der Geheimrat, der eben hier war, war derselben Meinung und tadelte
mich, ja, drang in dem ihm eigenen Tone darauf, mich persnlich umbetten zu
wollen.
    Ein Ton, den ich hre. C'est le ton, qui fait la musique.
    Freilich. Und bei niemandem mehr als bei dem Geheimrat. Und doch amsiert
er mich; ich gestehe es, wenn auch vielleicht wenig zu meinem Ruhme. Man hrt
soviel Langweiliges, und er ist immer so pikant. Aber warum ich hier in dieser
Oktoberfrische liege, das macht, da ich einfach keine Wahl habe. Denn la ich
mich in die Vorderzimmer bringen, so hab ich, so hoch sie sind, keine Luft, und
so kommt es denn, da ich das Frsteln und schlimmstenfalls selbst ein
Erkltungsheber vorziehe. Von zwei beln whle das kleinere. Nun aber fort mit
dem ganzen Thema. Nichts ist langweiliger als Krankheitsgeschichten, wenn nicht
zwei zusammenkommen, die sich untereinander berbieten. Und zu diesem
Rettungsmittel werden Sie nicht greifen wollen. Erzhlen Sie mir also lieber von
Rosa. Wissen Sie, da ich schon eiferschtig war. Immer sprachen Sie leise
miteinander, wie wenn Sie Geheimnisse htten, und als der alte General seinen
letzten Trumpf ausspielte, gab es ein verstndnisvolles Hndedrcken. Oh, mir
ist nichts entgangen. Und dann zuletzt noch das Chaperonnieren bis an die
Pferdebahn. Nun, das klingt freilich ebenso harmlos wie nah, ist aber doch
schlielich ein ziemlich weiter Begriff und reicht, wenn es sein mu, bis an das
Engel-Ufer. Beilufig, wie kann man am Engel-Ufer wohnen, eine Knstlerin und
eine Dame.
    Ach, Sie haben leicht spotten, meine gndigste Frau. Wissen Sie doch am
besten, wie's liegt. Rosa! Mit Rosa knnte man um den quator fahren, und man
landete genauso, wie man eingestiegen. Ich habe sie bis an ihre Wohnung gefhrt,
und wir haben eine Welt besprochen und bewitzelt. Und doch, wenn ich, statt
ihrer selbst, eins ihrer Bilder unterm Arm gehabt htte, so wr es dasselbe
gewesen. Um es kurz zu sagen, ihr Charmantsein ist ohne Charme, und ich kenne
Frauen, deren zustimmendes Schweigen mir mehr bedeutet als Rosas witzigstes
Wort.
    Ccile lchelte und verschmhte es, sich das Ansehen zu geben, als ob sie
Sinn und Ziel seiner Worte nicht verstanden habe. Zugleich aber schttelte sie
den Kopf und sagte: Sie werden besser tun, mir von meinen Tropfen zu geben. Da,
das Flschchen. Es ist ohnehin schon ber die Zeit. Aber zhlen Sie richtig und
bedenken Sie, welch ein kostbares Leben auf dem Spiele steht. Es ist Digitalis,
Fingerhut. Entsinnen Sie sich noch der Stunden, als wir von Thale nach Altenbrak
hinberritten? Da stand es in roten Bscheln um uns her, kurz vor dem Birkenweg,
wo sich die Turner gelagert hatten und dann aufsprangen und vor uns
prsentierten.
    Vor Ihnen, Ccile ...
    Ja, fuhr diese fort, ohne der Unterbrechung zu achten, damals glaubte ich
nicht, da der Fingerhut fr mich blht. Seit gestern aber ist mir auch noch
eine Herzkrankheit in aller Form und Feierlichkeit zudiktiert worden, als ob ich
des Elends nicht schon genug htte. Fnf Tropfen, bitte; nicht mehr. Und nun
etwas Wasser.
    Gordon gab ihr das Glas.
    Es schmeckt nicht viel besser als der Tod... Nun aber setzen Sie sich
wieder und erzhlen Sie mir von Ihrer eigentlichen Tischnachbarin. Interessante
Frau, die Baronin. Nicht wahr? Und so distinguiert!
    Jedenfalls mehr dezidiert als distinguiert. Den Zweifel, diesen Ursprung
oder Sprling aller Bescheidenheit, haben die Gtter beispielsweise nicht in
ihre Brust gelegt; dafr aber den Ha, wenigstens den redensartlichen. Gott, was
hate diese Frau nicht alles! Und dazu welch ein Appetit! Und jedes dritte
Gericht ihr Leibgericht; Pardon, sie brauchte wirklich diesen Ausdruck. Ach,
Ccile, wie kommen Sie zu diesem Mannweib, zu solcher Amazone, Sie, die Sie ganz
Weiblichkeit sind und...
    Und Schwche. Sprechen Sie's nur aus. Und nun elend und krank dazu!
    Nein, nein, fuhr Gordon in immer wrmer und leidenschaftlicher werdendem
Tone fort: Nein, nein; nicht krank. Sie drfen nicht krank sein. Und diese
dummen Tropfen; weg damit samt der ganzen Doktorensippe. Das brstet sich mit
Ergrndung von Leib und Seele, schafft immer neue Wissenschaften, in denen man
sich vor Psyche nicht retten kann, und kennt nicht mal das Abc der Seele.
Verkennung und Irrtum, wohin ich sehe. Ach, meine teure Ccile, Sie haben sich
hier in bittere Klte gebettet, um freier atmen zu knnen. Aber was Ihnen fehlt,
das ist nicht Luft, das ist Licht, Freiheit, Freude. Sie sind eingeschnrt und
eingezwngt, deshalb wird Ihnen das Atmen schwer, deshalb tut Ihnen das Herz
weh, und dies eingezwngte Herz, das heilen Sie nicht mit totem Fingerhutkraut.
Sie mten es wieder blhen sehen, rot und lebendig wie damals, als wir ber die
Felsen ritten und der helle Sonnenschein um uns her lag. Und dann abends das
Mondlicht, das auf das einsame Denkmal am Wege fiel. Unvergelicher Tag und
unvergeliche Stunde.
    Sie sog jedes Wort begierig ein, aber in ihrem Auge, darin es von Glck und
Freude leuchtete, lag doch zugleich auch ein Ausdruck ngstlicher Sorge. Denn
ihr Herz und ihr Wille befehdeten einander, und je gewissenhafter und ehrlicher
das war, was sie wollte, je mehr erschrak sie vor allem, was diesen ihren Willen
wieder ins Schwanken bringen konnte. Sie hatte sich gegen sich selbst zu
verteidigen, und so sagte sie denn: O nicht so, lieber Freund. Sehen Sie die
roten Flecke hier? Ich fhle wenigstens, wie sie brennen. Glauben Sie mir, ich
bin wirklich krank. Aber, wenn ich auch gesund wre, Sie drfen diese Sprache
nicht fhren. Um meinetwegen nicht und auch um Ihretwegen nicht.
    Es war ersichtlich, da er diese Worte nicht recht zu deuten verstand, und
so wiederholte sie denn: Ja, auch um Ihretwegen nicht. Denn diese Sprache,
soviel sie bedeuten will, ist doch nur Alltagssprache, Sprache, darin ich jeden
Ton und jede kleinste Nuance kenne. Das wenigstens hab ich gelernt, darin
wenigstens hab ich eine Schule gehabt. So spricht herkmmlich ein Mann von Welt
zu einer Frau von Welt, und es fehlen nur noch die Herabsetzungen und
Verkleinerungen, ich sage nicht, wessen, und die versteckten Anklagen, ich sage
nicht, gegen wen, um das Herkmmliche dieser Sprache vollkommen zu machen. Ein
Glck fr mich, da Ihr Taktgefhl mich vor diesem uersten wenigstens zu
bewahren wute.
    Sie schob, als sie so sprach, sich abermals aufrichtend, den Shawl zurck
und setzte dann in wieder freundlicher werdendem Tone hinzu: Nein, Herr von
Gordon, nicht so. Bleiben Sie mir, was Sie waren. Ich finde Sie so verndert und
frage vergebens nach der Ursache. Aber was es auch sein mge, machen Sie mir
mein Leben leicht, anstatt es mir schwer zu machen, stehen Sie mir bei, helfen
Sie mir in allem, was ich soll und mu, und tuschen Sie nicht das Vertrauen
oder, wozu soll ich es verschweigen, das herzliche Gefhl, das ich Ihnen von
Anfang an entgegenbrachte.
    Gordon schien antworten zu wollen, aber sie wies nur auf die Karaffe, zum
Zeichen, da sie zu trinken wnsche, trank auch wirklich und fuhr dann aufatmend
fort: Es drckt mich mancherlei. Sie haben gesehen, wie wir leben; es ist
soviel Spott um mich her, Spott, den ich nicht mag und den ich oft nicht einmal
verstehe. Denn die groen Fragen interessieren mich nicht, und ich nehme das
Leben, auch jetzt noch, am liebsten als ein Bilderbuch, um darin zu blttern.
ber Land fahren und an einer Waldecke sitzen, zusehen, wie das Korn geschnitten
wird und die Kinder die Mohnblumen pflcken, oder auch wohl selber hingehen und
einen Kranz flechten und dabei mit kleinen Leuten von kleinen Dingen reden, von
einer Gei, die verlorenging, oder von einem Sohn, der wiederkam, das ist meine
Welt, und ich bin glcklich gewesen, solang ich darin leben konnte. Dann, ich
war noch ein halbes Kind, wurd ich aus dieser Welt herausgerissen, um in die
groe Welt gestellt zu werden, und ich habe mich, solang es galt, auch ihrer
Freuden gefreut und an ihren Torheiten und Verirrungen teilgenommen. Aber jetzt,
jetzt sehne ich mich wieder zurck, ich will nicht sagen, in kleine
Verhltnisse, die wrd ich nicht ertragen knnen - aber doch zurck nach Stille,
nach Idyll und Frieden und, gnnen Sie mir, es auszusprechen, auch nach
Unschuld. Ich habe Schuld genug gesehen. Und wenn ich auch durch all mein Leben
hin in Eitelkeit befangen geblieben bin und der Huldigungen nicht entbehren
kann, die meiner Eitelkeit Nahrung geben, so will ich doch, ja, Freund, ich will
es, da diesen Huldigungen eine bestimmte Grenze gegeben werde. Das habe ich
geschworen, fragen Sie nicht, wann und bei welcher Gelegenheit, und ich will
diesen Schwur halten, und wenn ich darber sterben sollte. Forschen Sie nicht
weiter. Es ist hier mehr Tragdie zu Haus, als Sie wissen. Und nun verlassen Sie
mich, ich bitte Sie. Der Arzt kann jeden Augenblick kommen, und ich mchte
nicht, da mein Puls ihm verriete, wie sehr ich seine Vorschriften miachtet
habe.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


In groer Bewegung hatte Gordon Ccile verlassen, und erst auf dem Heimwege kam
er wieder zur Besinnung und berdachte sein Benehmen. Er hatte sich wirklich dem
Augenblick berlassen und war, als er sie krank und schmerzlich resigniert sah,
nur voll herzlicher Teilnahme gewesen. Aber dies Gefhl reiner Teilnahme hatte
nicht angedauert. Aller Krankheit und Resignation unerachtet oder vielleicht
auch gesteigert dadurch, war etwas Bestrickendes um sie her gewesen, und diesem
Zauber aufs neue hingegeben, war er schlielich doch in eine Sprache verfallen,
die zu migen oder gar schweigen zu heien er nach dem Inhalt von Clothildens
Briefe nicht mehr fr geboten gehalten hatte. Worte waren gesprochen,
Andeutungen gemacht worden, die vor einer Woche noch unmglich gewesen wren.
Ja, schlo er seine rckblickende Betrachtung, so war es, so verlief es. Und
dann antwortete sie so dringend wie nie zuvor und zugleich so demtig wie
immer.
    Unter solchem Selbstgesprche war er bis an das Tiergarten-Hotel und gleich
danach bis in die unmittelbare Nhe der Lennstrae gekommen. Aber zu Hause,
zwischen Alltagsmbeln und bei nichts Besserem als zwei Schweizerlandschaften in
ldruck, die schon unter gewhnlichen Verhltnissen eine Qual fr ihn waren,
sich einzupferchen, widerstand ihm heute doppelt, und so ging er an seiner
Wohnung vorber und auf eine Bank zu, die, trotzdem die Oktobersonne einladend
darauf schien, unbesetzt war.
    Er lehnte sich, den Arm aufsttzend, in eine der Ecken und sann und
rechnete, bis allmhlich eine Bilderreihe, darin es auch an grotesken Gestalten
nicht fehlte, die Reihe seiner Gedanken ablste. Vorauf erschien die schne Frau
von Zacha, ganz in Krepp, mit groen schwarzen Jettperlen dreimal um Brust und
Hals, und an den Perlen ein Kruzifix bis auf den Grtel. Und dann sah er Ccile,
wie sie die Strae hinaufsah. Und dann kamen die, auf die sie wartete: erst ein
Alter in Jagdjoppe, rstig und jovial und mit grauem Backenbart, englisch
gestutzt und geschnitten, und dann ein Junger in Reisekostm, fein und
durchsichtig und hstelnd, und dann ein dritter in Uniform, mit hohen Schultern
und Gold am Kragen. Und er mute lachen und sagte: Marinelli. Ja, kleiner
Frsten Hofmarschall... Und in der, Welt hat sie gelebt. Traurig genug. Aber was
beweist es? Soll ich daraus herleiten, da sie mir eine Komdie vorgespielt und
da alles nichts gewesen sei wie der Jargon einer schnen Frau, die sich
unbefriedigt fhlt und die langen den Stunden ihres Daseins mit einer
Liebesintrige krzen mchte? Nein. Wenn dies Lug und Trug ist, dann ist alles
Lge, dann bin ich entweder unfhig, wahr von unwahr zu unterscheiden, oder die
Kunst der Verstellung hat in den sieben Jahren meiner Abwesenheit wahre
Riesenfortschritte gemacht, solche, da ich mit meiner schwachen Erkenntnis
nicht mehr folgen kann.
    Er wollte sich losmachen von diesen und hnlichen Betrachtungen, aber es
brodelte weiter in seiner Seele. Die Welt ist eine Welt der Gegenstze, drauen
und drinnen, und wohin das Auge fllt, berall Licht und Schatten. Die
dankbarsten Menschen berschlagen sich pltzlich in Undank, und die Frommen, mit
dem seligen Hiob an der Spitze, murren wider Gott und seine Gebote. Was hat
nicht alles Platz in einem Menschenherzen? Alles vertrgt sich, man rckt mit
gut und bs ein bichen zusammen, und wer heute sittlich ist und morgen frivol,
kann heute gerade so ehrlich sein wie morgen. Clothilde hatte recht, als sie
mich ermahnte, das Kind nicht mit dem Bade zu verschtten. Und was sagte Rosa:
Die arme Frau. Sie mu also doch Zge herausgefunden haben, die Teilnahme
verdienen. Und das sagt viel. Denn die Weiber sind untereinander am strengsten,
und wo sie pardonieren, da mu Grund fr Gnade sein.
    In diesem Augenblicke kam eine Spreewaldsamme mit einem Kinderwagen und nahm
neben ihm Platz. Er sah nach ihr hin, aber die gewulsteten Hften samt dem
Ausdruck von Stupiditt und Sinnlichkeit waren ihm in der Stimmung, in der er
sich befand, geradezu widerwrtig, und so stand er - brigens zu sichtlicher
Verwunderung seiner Bankgenossin - rasch auf, um weiter in die Parkanlagen
hineinzugehen.
    Als er nach einer Stunde md und abgespannt nach Hause kam, bergab ihm der
Portier einen Brief und ein Telegramm. Der Brief war von Ccile, soviel sah er
an der Aufschrift, und die Frage, woher die Depesche komme, war ihm deshalb,
momentan wenigstens, gleichgltig. Er stieg hastig in seine Wohnung hinauf, um
zu lesen, oben aber berkam ihn eine Furcht. Endlich erbrach er den Brief. Er
lautete: Lieber Freund. Es geht nicht so weiter. Seit dem Tage, wo wir das
kleine Diner hatten, sind Sie verndert, verndert in Ihrem Tone gegen mich. Ich
sprach es Ihnen schon aus und wiederhole, da ich darauf verzichte, nach dem
Grunde zu forschen. Aber was der Grund auch sei, fragen Sie sich, ob Sie den
Willen und die Kraft haben, sich zu dem Tone zurckzufinden, den Sie frher
anschlugen und der mich so glcklich machte. Prfen Sie sich, und wenn Sie
antworten mssen nein, dann lassen Sie das Gesprch, das wir eben gefhrt haben,
das letzte gewesen sein. Es gilt Ihr und mein Glck. Die zitternde Handschrift
wird Ihnen sagen, wie mir ums Herz ist, das in allen Stcken nicht will, wie's
soll. Aber ich beschwre Sie: Trennung, oder das Schlimmere bricht herein. ber
kurz oder lang wrde Sie der Beruf, den Sie gewhlt, doch wieder in die Welt
hinausgefhrt haben - greifen Sie dem vor. Ich vergesse Sie nicht. Wie knnt ich
auch! Immer die Ihrige
                                                                         Ccile

Er war bewegt, am bewegtesten durch das rckhaltlose Gestndnis ihrer Neigung.
Aber er ersah eben daraus auch den ganzen Ernst dessen, was sie nebenher noch
schrieb, sie htte sich sonst zu solchem Gestndnisse nicht hinreien lassen.
    Ob ich den Willen und die Kraft habe, fragt sie. Nun, den Willen, ja. Aber
nicht die Kraft. Vielleicht, weil auch der Wille nicht der ist, der er sein
sollte. Woher sollt ich ihn auch nehmen? Ich kann hier nicht leben und an ihrem
Hause Tag um Tag gleichgiltig vorbergehen, als wt ich nicht, wer hinter den
herabgelassenen Rouleaux seine Tage vertrauert. Und so hab ich denn beides
nicht, nicht die Kraft und nicht den Willen.
    Als er so sprach, berflog er noch einmal die letzten Zeilen und griff dann
erst nach dem Telegramm. Es kam aus Bremen und enthielt die kurze Weisung,
herberzukommen, weil sich dem Unternehmen seitens der dnischen Regierung neue
Schwierigkeiten in den Weg gestellt htten.
    Ohne den Brief wre mir das Telegramm ein Greuel gewesen, jetzt ist es mir
ein Fingerzeig, wie damals der Befehl, der mich aus Thale wegrief. Nur da die
Situation von heute pressanter und das Glck im Unglck ersichtlicher ist. Es
bleibt ewig wahr, man soll nicht mit dem Feuer spielen. Trivialer Satz. Aber die
trivialsten Stze sind immer die wahrsten. Und so denn also Rckzug! Er wird mir
leichter, als ich's vor einer Stunde noch gedacht htte, denn alles, was gut und
verstndig in mir ist, stimmt mit ein und kommt mir zu Hlfe. Sich dpieren
lassen oder Spielzeug einer Weiberlaune zu sein, widersteht mir. Aber hier ist
nichts von dem allen, nicht Dpierung, nicht Weiberlaune, nicht Spiel. Arme
Ccile. Dir ist die hhere Moral nicht an der Wiege gesungen worden, und
Oberschlesien mit Adelsanspruch und Adelsarmut war keine Schule dafr. Nur zu
wahr. Aber es war ein guter Fond in ihr, ein sthetisches Element, etwas
angeboren Feinfhliges, das sie gelehrt hat, echt von unecht und Recht von
Unrecht zu unterscheiden. Etwas aus der Zeit, wo die Pilzchen mit dem Roi
Champignon auf dem Tisch standen, ist ihr freilich geblieben und wird ihr
bleiben, aber sie will aus dem alten Menschen heraus, aufrichtig und ehrlich,
und sie daran hindern zu wollen wre niedrig und geradezu schlecht. Also weg,
fort! Leben heit Hoffnungen begraben.
    Er sprach es in gutem Glauben vor sich hin. Aber pltzlich besann er sich
und lchelte: Hoffnungen - ideales Wort, das fr meine Wnsche, wie sie nun mal
sind oder doch waren, nicht recht passen will. Aber mssen denn Hoffnungen immer
ideal sein, immer wei wie die Lilien auf dem Felde? Nein, sie knnen auch Farbe
haben, rot wie der Fingerhut, der oben auf den Bergen stand. Aber wei oder rot,
weg, weg.
    Und er klingelte nach der Wirtin und gab Ordres fr seine Abreise.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


Den andern Morgen war er in Bremen und nahm Wohnung in Hillmanns Hotel, einem
entzckenden Gasthause, das er schon aus frheren Aufenthalten kannte. Die
Fenster in seinem Zimmer standen auf, und er sah abwechselnd ber die die
Vorstadt von der Altstadt trennende Esplanade hin in die buntbelebte Sgestrae
hinein und dann wieder unmittelbar auf eine neben der ganzen Hotelfront
hinlaufende mit Kies bestreute Rampe, darauf die Gste saen und eben ihren
Frhkaffee nahmen. Denn es war noch milde Luft, und die mchtigen Bume des
benachbarten Wallgangs bildeten einen Schirm, der die ganze Rampe zu einer
windgeschtzten Stelle machte. Hier wollt er auch sitzen, und als er sich
umgekleidet hatte, stieg er treppab und nahm an einem der Tische Platz. Das
Treiben, das vorberwogte: Rollwagen, die nach dem Hafen fuhren, Mgde, die zu
Markt, und Kinder, die zur Schule gingen, alles tat ihm wohl und gab ihm ein
stilles Behagen wieder, das er seit dem Tage, wo Clothildens Brief eintraf,
nicht mehr gekannt hatte. Dabei sah er Ccile bestndig vor sich, die, wie ein
hinschwindendes Nebelbild, ihn aus weiter Ferne her zu gren und doch zugleich
auch abzuwehren schien. Das war die rechte Stimmung, und er lie sich Papier und
Schreibzeug bringen und schrieb:
    Hochverehrte gndigste Frau, liebe, teure Freundin. Als ich gestern
nachmittag Ihre Zeilen empfing, empfing ich auch ein Telegramm, das mich hierher
berief. Es htte mich noch vierundzwanzig Stunden vorher unglcklich gemacht,
jetzt war es mir willkommen und half mir, wie schon einmal, ber Schwanken und
Kmpfe fort.
    Ich soll mich zurckfinden in den Ton unserer glcklichen Tage, so schrieben
Sie mir gestern. Mit Ihnen am selben Orte, dieselbe Luft atmend, wrd ich es nie
gekonnt haben; aber in dieser Trennung werd ich es knnen oder es lernen, weil
ich es lernen mu. Es ist noch frh am Tag, und ich habe noch niemand aus dem
Kreise meiner Auftraggeber gesprochen, aber wenn sich mir erfllt, was ich von
Herzen wnsche, so brechen alle Verhandlungen ab, die mich an diese Kste
fesseln, und an ihre Stelle treten wieder Missionen, die mich aufs neue weit in
die Welt und in die Fremde hinausfhren. Denn in der Fremde nehmen wir,
zurckblickend, das Bild fr die Wirklichkeit, und die Sehnsucht, die sonst uns
qulen wrde, wird unser Glck. ber lang oder kurz hoff ich wieder ber die
Schneepsse des Himalaja zu gehen, berall aber, und je hher hinauf, desto
mehr, werd ich der zurckliegenden schnen Tage gedenken, an Quedlinburg und
Altenbrak und das Denkmal auf der Klippe... Trume nur und Visionen, aber man
nimmt seinen Trost, wie und wo man ihn findet. Liebe, teure Freundin, Ihr
innigst ergebener
                                                                  Leslie-Gordon

Gordon sah einer Antwort entgegen, aber sie kam nicht, was ihn anfangs halb
beunruhigte, halb verstimmte. Die geschftlichen Verhandlungen indes, die den
Oktober ber andauerten und ihn zu Vermessungen und sonstigen Feststellungen
erst nach Schleswig und dann hoch hinauf bis an den Limfjord fhrten, lieen
eine Kopfhngerei nicht aufkommen. Erinnerungen erfllten sein Herz, aber jedes
leidenschaftliche Gefhl schien begraben, und er freute sich der Wendung, die
diese Lebensbegegnung, deren Gefahren er wohl einsah, schlielich genommen
hatte.
    So war seine Stimmung, als er ganz unerwartet die Weisung erhielt, abermals
nach Berlin zurckzukehren. Er erschrak fast, aber die Verhltnisse gestatteten
ihm keine Wahl, und an einem grauen Novembernachmittage, dessen Nebel sich in
dem Augenblicke, wo der Zug hielt, zu einem Landregen verdichtete, traf er in
Berlin ein und stieg in dem Hotel du Parc ab, in demselben Hotel also, darin
er whrend seines Septemberaufenthaltes tglich verkehrte und seinen
Mittagstisch genommen hatte.
    Das Zimmer, das ihm angewiesen wurde, lag eine Treppe hoch, nach der
Bellevuestrae hinaus, und hatte den Blick auf das von Bumen umstellte Podium,
auf dem er ehedem, wenn er vom Hafenplatze kam, manch glckliche Stunde
verplaudert hatte. Das lag nun zurck, und auch die Szenerie war nicht mehr
dieselbe. Die Kastanienbume, die damals, wenn auch schon angegelbt, noch in
vollem Laube gestanden hatten, zeigten jetzt ein kahles Gezweig, und vom Dach
her, just an der Stelle, wo man den ganzen sommerlichen Tisch- und Sthlevorrat
bereinandergetrmt hatte, fiel der Regen in ganzen Kaskaden auf das Podium
nieder.
    Gordon berkam ein Frsteln.
    Hoffentlich ist das nicht die Signatur meiner Berliner Tage. Das wrde
wenig versprechen. Aber am Ende, was kann man von einem Novembernachmittag
erwarten! Some days must be dark and dreary - ich wei nicht, sagt es Tennyson
oder Longfellow, jedenfalls einer von beiden, und wenn etliche Tage dunkel und
traurig sein mssen, nun denn, warum nicht dieser? Ein Feuer im Ofen und eine
Tasse Kaffee werden brigens die Situation um ein erhebliches verbessern.
    Er zog die Klingel, gab seine Ordres und tat einige Fragen an den Kellner.
    Was gibt es im Theater?
    Strenfried.
    Etwas antik. Und im Opernhause?
    Tannhuser.
    Haben Sie Billets?
    Ja, Parquet und ersten Rang. Niemann singt und die Voggenhuber.
    Gut. Erster Rang. Deponieren Sie's beim Portier.

Kurz vor sieben hielt die Droschke vor dem Opernhause, und der allezeit
bereitstehende Wagenschlagffner sagte mit der ihm eigenen und bei Glatteis und
trockenem Wetter immer gleichklingenden Frsorge: Nehmen Sie sich in acht.
    Gordon freute sich des voll und glnzend besetzten Hauses und lie von
seinem Umschauhalten erst ab, als der Taktstock sich erhob und die Ouvertre
begann. Er kannte jeden Ton und folgte mit Verstndnis und Freudigkeit, bis er
pltzlich, in einer ihm gegenberliegenden Loge, Cciles gewahr wurde. Sie sa
vorn an der Brstung, neben ihr der Geheimrat, der ihr, whrend der Fcher sie
halb verdeckte, kleine Bemerkungen zuflsterte, wobei beider Kpfe sich
berhrten. So wenigstens schien es Gordon. Und nun ging der Vorhang auf. Aber er
sah und hrte nichts mehr und starrte nur, whrend er Kinn und Mund in seine
linke Hand vergrub, nach der Loge hinber, ganz und gar seiner Eifersucht
hingegeben und von einem prickelnden Verlangen erfllt, lieber zuviel als
zuwenig zu sehen. Es schien aber, da beide dem Spiele nicht nur oberflchlich,
sondern aufmerksam und mit einem gewissen Ernste folgten, und nur dann immer,
wenn eine leere Stelle kam, beugte sich der eine zum andern und sprach
abwechselnd ein kurzes Wort, das von seiten Cciles meistens mit einem Lcheln,
von seiten des Geheimrates aber Mal auf Mal mit einem komisch gravittischen
Kopfnicken beantwortet wurde.
    Gordon litt Hllenqualen, und ber seine Rache brtend, war er nur darber
in Zweifel, ob er sich im gegebenen Moment (und der Moment mute sich geben)
lieber als bses Gewissen oder als Mephisto gerieren solle. Natrlich
entschied er sich fr das letztere. Spott und superiore Witzelei waren der
allein richtige Ton, und als ihm dies feststand, fiel zum ersten Male der
Vorhang.
    Drben aber leerte sich die Loge, darin nur Ccile mit ihrem Hausfreunde
zurckblieb.
    Und nun strmte Gordon hinber, um sich der gndigen Frau vorzustellen.
    Der Geheimrat hatte sein Glas genommen und musterte den Vorhang. Als er sich
eben wieder wandte, vielleicht um seiner Freundin und Nachbarin eine
kunstkritische Bemerkung ber Arion und noch wahrscheinlicher ber die
badelustige Nereidengruppe zuzuflstern, sah er den inzwischen eingetretenen
Nebenbuhler, der, mit halbem Gru ihn streifend, sich eben gegen Ccile
verneigte.
    Welches Glck fr mich, meine gndigste Frau, begann Gordon in seinem
spitzesten Tone, Sie schon heut und an dieser Stelle begren zu drfen. Ich
hatte vor, mich Ihnen morgen im Laufe des Tages zu prsentieren. Aber es trifft
sich gnstiger fr mich. Darf ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen?
    Ccile zitterte vor Erregung und fand in dem Krampf, der ihr die Sprache zu
rauben drohte, nichts als die mit hchster Anstrengung gesprochenen Worte: Die
Herren kennen einander? Geheimrat Hedemeyer... Herr von Gordon.
    Hatte bereits die Ehre, sagte Gordon, whrend er sich auf einem der frei
gewordenen Pltze niederlie. Gleich danach aber, sich leger auf eine
Seitenlehne sttzend, fuhr er im Tone forcierter guter Laune fort: Ein volles
Haus, meine Gndigste, jedenfalls voller, als man bei einer Oper glauben sollte,
die nun schon dreiig Jahre spielt und jeder auswendig kennt. Es mu der Stoff
sein oder die glnzende Besetzung. Ich vermute, Niemann. Er ist doch der
geborene Tannhuser, und kein anderer reicht da heran. Wenigstens nicht auf der
Bhne. Fr mich sind es Auffrischungen aus Tagen her, in denen ich noch des
Vorzugs geno, mit der silbernen Gardelitze, deren sich, einigermaen
berraschlich, auch das Regiment Eisenbahn erfreut, hier sitzen zu drfen, halb
als Kunstenthusiast, halb als militrisches Hausornament. brigens empfang ich
den Eindruck, als ob Kamerad Hlsen immer noch seine Gnadensonne ber Gerechte
und Ungerechte scheinen lasse. Sehen Sie da drben, meine Gndigste! Die reine
Leve en masse, wie gewhnlich mit Regiment Alexander an der Tte.
    Ccile hrte den spttischen Ton nur halb heraus, desto deutlicher der
Geheimrat, der denn auch, ersichtlich, um den drauen in der Welt von Europens
bertnchter Hflichkeit frei gewordenen Kanadier zu markieren - mit der ihm
eigenen Ironie replizierte: Sie waren nur sieben Jahre fort, Herr von Gordon?
Ich dachte, lnger.
    Gordon, der den Wert einer gelungenen malizisen Bemerkung auch dann noch zu
schtzen wute, wenn sich die Spitze derselben gegen ihn selber richtete, fand
sich momentan in eine leichte, gute Stimmung zurck und antwortete: Zu dienen,
mein Herr Geheimrat; leider nur sieben Jahre, weshalb ich vorhabe, die Zahl
baldmglichst zu verdoppeln, und zwar um meiner weiteren Ausbildung willen.
Natrlich Charakter-Ausbildung. Glckt es, so hoff ich einen richtigen
Naturmenschen zu erzielen, an dem nichts Falsches ist, auch nicht einmal
uerlich. Aber ich sehe, die Loge fngt an, ihre frheren Insassen wieder
aufzunehmen und mich an Rckzug zu mahnen. Ich darf mich doch der gndigen Frau
recht bald in ihrer Wohnung vorstellen?
    Zu jeder Zeit, Herr von Gordon, sagte Ccile. Lassen Sie mich nicht
lnger warten, als Ihre geschftlichen Obliegenheiten es fordern. Ich bin so
begierig, von Ihnen zu hren.
    All das wurd in Hast und Verlegenheit gesprochen, und sie wute kaum, was
sie sagte. Gordon aber empfahl sich und ging in seine Loge zurck.
    In dieser angekommen, gab er sich das Ansehen, als ob er dem zweiten Akt mit
ganz besonderem Interesse folge, und wirklich nahm ihn der Wartburgsaal und das
Erscheinen der Snger eine Weile gefangen. Aber nicht auf lang, und als er
wieder hinbersah, sah er, da Ccile die Loge verlie und der Geheimrat ihr
folgte.
    Das war mehr, als er ertragen konnte; tollste Bilder schossen in ihm auf und
jagten sich, und ein Schwindel ergriff ihn. Als er es mhsam berwunden, sah er
nach der Uhr: Halb neun. Spt, aber nicht zu spt. Und sie sagte ja: zu jeder
Zeit willkommen.
    Und damit erhob er sich, um dem flchtigen Paare zu folgen. Fand er sie,
schlimm genug, fand er sie nicht ... Er mocht es nicht ausdenken.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


Ah, Herr von Gordon, sagte die Jungfer, als der zu so spter Stunde noch
Vorsprechende mit aller Kraft (vielleicht um sein schlechtes Gewissen zu
betuben) die Klingel gezogen hatte.
    Treff ich die gndige Frau?
    Ja. Sie war im Theater, ist aber eben zurck. Die Herrschaften werden sehr
erfreut sein.
    Auch der Herr Oberst zugegen?
    Nein, der Herr Geheimrat.
    Gordon wurde gemeldet, und ehe noch die Antwort da war, da er willkommen
sei, trat er bereits ein.
    Ccile und der Geheimrat waren gleichmig frappiert, und das spttische
Lcheln des letztern schien ausdrcken zu wollen: Etwas stark.
    Gordon sah es sehr wohl, ging aber drber hin und sagte, whrend er Ccile
die Hand kte: Verzeihung, meine gndige Frau, da ich von Ihrer Erlaubnis
einen so schnellen Gebrauch mache. Aber, offen gestanden, im selben Augenblicke,
wo Sie die Loge verlieen, war mein Interesse hin und nur noch der Wunsch
lebendig, den Abend an Ihrer Seite verplaudern zu drfen. Als Antrittsvisite
keine ganz passende Zeit. Indessen Ihr freundliches Wort... Und so verzeihen Sie
denn die spte Stunde.
    Ccile hatte sich inzwischen gesammelt und sagte mit einer Ruhe, die
deutlich zeigte, da ihr unter diesem unerhrten Benehmen ihr Selbstbewutsein
zurckzukehren beginne: Lassen Sie mich Ihnen wiederholen. Herr von Gordon, da
Sie zu jeder Zeit willkommen sind. Und die spte Stunde, von der Sie sprechen...
Nun, ich entsinne mich eines Plauderabends mit dem Hofprediger, wo Sie spter
kamen. Auch aus dem Theater. Es war ein Don-Juan-Abend, und Sie hatten den
Schlu abgewartet.
    Ganz recht, meine gndigste Frau. Man will immer gern wissen, was aus dem
Don Juan wird.
    Und aus dem Masetto, setzte Hedemeyer hinzu, whrend er sich von dem
Fauteuil, auf dem er eben erst Platz genommen hatte, wieder erhob.
    Aber Sie wollen doch nicht schon aufbrechen, mein lieber Geheimrat,
unterbrach ihn Ccile, der in diesem Augenblick ihre ganze Verlegenheit
zurckkehrte. Schon jetzt, schon vor dem Tee. Nein, das drfen Sie mir nicht
antun und Herrn von Gordon nicht, der ein gutes Gesprch liebt. Und was hat er
an dem, was ich ihm sage? Nein, nein, Sie mssen bleiben. Und sie zog die
Glocke... Den Tee, Marie... Hren Sie doch, lieber Freund, wie drauen der
Regen fllt. Ich erwarte noch den Hofprediger; er hat es mir zugesagt. Noch
einmal also, Sie bleiben.
    Aber der Geheimrat war unerbittlich und sagte: Meine gndigste Frau, der
Club und die L'hombre-Partie warten auf mich. Und wenn es auch anders lge, man
soll nie vergessen, da man nicht allein auf der Welt ist. Es wr ein Unrecht,
Herrn von Gordon so benachteiligen zu wollen. Er hat viele Wochen hindurch Ihrer
Unterhaltung entbehren mssen und Sie der seinigen; nun bringt er Ihnen eine
Welt von Neuigkeiten, und ich bin nicht indiskret genug, bei diesen Mitteilungen
stren zu wollen. Wenn Sie gestatten, sprech ich morgen wieder vor. Vorlufig
darf ich vielleicht dem Herrn Obersten einen herzlichen Empfehl bringen. Auch
von Ihnen, Herr von Gordon?
    Gordon begngte sich damit, sich kalt und frmlich gegen den Geheimrat zu
verneigen, der, inzwischen an Ccile herangetreten, ihre Hand an seine Lippen
fhrte. Wie gerne wr ich geblieben. Aber es ist gegen meine Grundstze. Nennen
Sie mir nicht den Hofprediger; Hofprediger stren nie. Wer berufsmig Beichte
hrt, steht ber der Indiskretion. brigens ist er noch nicht da. Bis morgen
also, bis morgen. Und er ging. Im selben Augenblicke brachte Marie den Tee. Sie
wollte den Tisch arrangieren, aber Ccile, die das, was in ihr vorging, nicht
lnger zurckdmmen konnte, sagte: Lassen Sie, Marie, und wandte sich dann
rasch und mit vor Erregung und fast vor Zorn zitternder Stimme gegen Gordon.
Ich bin indigniert ber Sie, Herr von Gordon. Was bezwecken Sie? Was haben Sie
vor?
    Und Sie fragen?
    Ja, noch einmal: was haben Sie vor? was bezwecken Sie? Sprechen Sie mir
nicht von Ihrer Neigung. Eine Neigung uert sich nicht in solchem Affront. Und
in welchem Lichte mssen Sie dem Geheimrat erschienen sein.
    Jedenfalls in keinem zweifelhafteren als er mir. Lassen Sie das meine Sorge
sein.
    Aber in welchem Lichte lassen Sie mich vor ihm erscheinen. Und Sie
begreifen, mein Herr von Gordon, da das meine Sorge ist. Ich habe Sie fr einen
Kavalier genommen oder, da Sie das Englische so lieben, fr einen Gentleman und
sehe nun, da ich mich schwer und bitter in Ihnen getuscht habe. Schon Ihr
Besuch in der Loge war eine Beleidigung; nicht Ihr Erscheinen an sich, aber der
Ton, der Ihnen beliebte, die Blicke, die Sie fr gut fanden. Ich habe Sie
verwhnt und mein Herz vor Ihnen ausgeschttet, ich habe mich angeklagt und
erniedrigt, aber anstatt mich hochherzig aufzurichten, scheinen Sie zu fordern,
da ich immer kleiner vor Ihrer Gre werde. Meiner Tugenden sind nicht viele,
Gott sei's geklagt, aber eine darf ich mir unter Ihrer eigenen Zustimmung
vielleicht zuschreiben, und nun zwingen Sie mich, dies einzige, was ich habe,
mein bichen Demut, in Hochmut und Prahlerei zu verkehren. Aber Sie lassen mir
keine Wahl. Und so hren Sie denn, ich bin nicht schutzlos. Ich beschwre Sie,
zwingen Sie mich nicht, diesen Schutz anzurufen, es wre Ihr und mein Verderben.
Und nun sagen Sie, was soll werden? Wo steckt Ihr Titel fr all dies? Was hab
ich gefehlt, um dieses uerste zu verdienen? Erklren Sie sich.
    Erklren, Ccile! Das Rtsel ist leicht gelst: ich bin eiferschtig.
    Eiferschtig. Und das sprechen Sie so hin, wie wenn Eifersucht Ihr gutes
und verbrieftes Recht wre, wie wenn es Ihnen zustnde, mein Tun zu bestimmen
und meine Schritte zu kontrollieren. Haben Sie dies Recht? Sie haben es nicht.
Aber wenn Sie's htten, eine vornehme Gesinnung verleugnet sich auch in der
Eifersucht nicht, ich wei das, ich habe davon erfahren. Sie konnten Schlimmeres
tun, als Sie getan haben, aber nichts Kleineres und nichts Unwrdigeres.
    Nichts Unwrdigeres! Und was ist es denn, was ich getan habe? Was sich
erklrt, ist auch verzeihlich. Ccile, Sie sind strenger gegen mich, als Sie
sollten; haben Sie Mitleid mit mir. Sie wissen, wie's mit mir steht, wie's mit
mir stand vom ersten Augenblick an. Aber ich bezwang mich. Dann kam der Tag, an
dem ich Ihnen alles bekannte. Sie wiesen mich zurck, beschworen mich, Ihren
Frieden nicht zu stren. Ich gehorchte, mied Sie, ging. Und der erste Tag, der
mich nach langen Wochen und, Gott ist mein Zeuge, durch einen baren Zufall
wieder in Ihre Nhe fhrt, was zeigt er mir? Sie wissen es. Sie wissen es, da
dieser spitze, hmische Herr von Anfang an mein Widerpart war, mein Gegner, der
ein Recht zu haben glaubt, sich ber mich und meine Neigung zu mokieren. Und
eben er, er mir vis--vis in der Loge, sichrer und sffisanter denn je zuvor,
und neben ihm meine vergtterte Ccile, lachend und heiter hinter ihrem Fcher
und sich ihm zubeugend, als knne sie's nicht abwarten, immer mehr von seinen
Frivolitten einzusaugen, von all dem sen Gift, darin er Meister ist. Ach,
Ccile, meine Resignation war aufrichtig und ehrlich, ich schwr es Ihnen; ich
kam nicht wieder, um Ihre Ruhe zu stren, aber einen andern bevorzugt sehen und
so, so, das war mehr, als ich ertragen konnte. Das war zuviel.
    All das wurde gesprochen, whrend beide heftig erregt ber den Teppich
hinschritten; das Flmmchen unter dem Wasserkessel brannte weiter, und der Dampf
stieg in kleinen Sulen zwischen den beiden Bronzelampen in die Hh. Alles war
Frieden um sie her, und Ccile nahm jetzt seine Hand und sagte: Setzen wir uns,
vielleicht da wir dann ruhigere Worte finden... Sie suchen es alles an der
falschen Stelle. Nicht meine Haltung im Theater ist schuld und nicht mein Lachen
oder mein Fcher, und am wenigsten der arme Geheimrat, der mich amsiert, aber
mir ungefhrlich ist, ach, da Sie wten, wie sehr. Nein, mein Freund, was
schuld ist an Ihrer Eifersucht oder doch zum mindesten an der allem
Herkmmlichen hohnsprechenden Form, in die Sie Ihre Eifersucht kleiden, das ist
ein andres. Sie sind nicht eiferschtig aus Eifersucht: Eifersucht ist etwas
Verbindliches, Eifersucht schmeichelt uns, Sie aber sind eiferschtig aus
berheblichkeit und Sittenrichterei. Da liegt es. Sie haben eines schnen Tages
die Lebensgeschichte des armen Fruleins von Zacha gehrt, und diese
Lebensgeschichte knnen Sie nicht mehr vergessen. Sie schweigen, und ich sehe
daraus, da ich's getroffen habe. Nun, diese Lebensgeschichte, so wenigstens
glauben Sie, gibt Ihnen ein Anrecht auf einen freieren Ton, ein Anrecht auf
Forderungen und Rcksichtslosigkeiten und hat Sie veranlat, an diesem Abend
einen doppelten Einbruch zu versuchen: jetzt in meinen Salon und schon vorher in
meine Loge... Nein, unterbrechen Sie mich nicht... ich will alles sagen, auch
das Schlimmste. Nun denn, die Gesellschaft hat mich in den Bann getan, ich seh
es und fhl es, und so leb ich denn von der Gnade derer, die meinem Hause die
Ehre antun. Und jeden Tag kann diese Gnade zurckgezogen werden, selbst von
Leuten wie Rossow und der Baronin. Ich habe nicht den Anspruch, den andre haben.
Ich will ihn aber wieder haben, und als ich, auch ein unvergelicher Tag,
heimlich und voll Entsetzen in das Haus schlich, wo der erschossene Dzialinski
lag und mich mit seinen Totenaugen ansah, als ob er sagen wollte: Du bist
schuld, da hab ich's mir in meine Seele hineingeschworen, nun, Sie wissen, was.
Und ob ich in der Welt Eitelkeiten stecke, heut und immerdar, eines dank ich der
neuen Lehre: das Gefhl der Pflicht. Und wo dies Gefhl ist, ist auch die Kraft.
Und nun sprechen Sie; jetzt will ich hren. Aber sagen Sie mir Freundliches, das
mich trstet und vershnt und mich wieder an Ihr gutes Herz und Ihre gute
Gesinnung glauben macht und mir Ihr Bild wiederherstellt. Sprechen Sie ...
    Gordon sah vor sich hin, und um seinen Mund war ein Zucken und Zittern, als
ob die Worte, die sie so warm und wahr gesprochen, doch eines Eindrucks auf ihn
nicht verfehlt htten. Aber im selben Augenblicke trat das Bild wieder vor seine
Seele, davon er, vor wenig Stunden erst, Zeuge gewesen war, und verletzt in
seiner Eitelkeit, geqult von dem Gedanken, ein bloes Spielzeug in
Weiberhnden, ein Opfer alleralltglichster List und Laune zu sein, fiel er in
sein kaum beschwichtigtes Mitrauen und, schlimmer, in den Ton bittren Spottes
zurck.
    Sie sind so beredt, Ccile, sprach er vor sich hin. Ich wute nicht, da
Sie so gut zu sprechen verstehen.
    Und doch ist es nicht lange, seit ich Ihnen hnliches und mit gleicher
Eindringlichkeit sagen mute. Schlimm genug, da mir Ihr Wiedererscheinen eine
Wiederholung nicht ersparte. Was Sie Beredsamkeit nennen, nenn ich einfach ein
Herz.
    Und ich habe diesem Herzen geglaubt!
    Sie haben ihm geglaubt. Also in diesem Augenblicke nicht mehr! Und was
glauben Sie jetzt? Was glauben Sie noch?
    Da wir uns beide getuscht haben... Wir bleiben unsrer Natur treu, das ist
unsre einzige Treue... Sie gehren dem Augenblick an und wechseln mit ihm. Und
wer den Augenblick hat...
    Er brach ab, verbeugte sich und verlie das Zimmer, ohne weiter ein Wort des
Abschieds oder der Vershnung gesprochen zu haben. Im Vorzimmer scho er, mit
allen Zeichen uerster Erregung, an Drffel vorber, der einen Augenblick
spter in den Salon eintrat.
    Als Ccile seiner ansichtig wurde, strzte sie dem vterlichen Freund
entgegen und beschwor ihn unter Trnen um seinen Beistand und seine Hlfe.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel


Ccile kam spt zum Frhstck, und St. Arnaud, das Zeitungsblatt aus der Hand
legend, sah auf den ersten Blick, da sie wenig geschlafen und viel geweint
hatte. Sie begrten sich und wechselten dann einige gleichgiltige Worte. Gleich
danach nahm St. Arnaud die Zeitung wieder auf und schien lesen zu wollen. Aber
er kam nicht weit, warf das Blatt fort und sagte, whrend er die Tasse beiseite
schob: Was ist das mit Gordon?
    Nichts.
    Nichts! Wenn es nichts wre, so frg ich nicht, und du wrst nicht verwacht
und verweint. Also heraus mit der Sprache. Was hat er gesagt? Oder was hat er
geschrieben? Er schrieb in einem fort. Ewige Briefe.
    Willst du sie lesen?
    Unsinn. Ich kenne Liebesbriefe: die besten kriegt man nie zu sehen, und was
dann bleibt, ist gut fr nichts. brigens sind mir seine Beteuerungen und
vielleicht auch Bedauerungen absolut gleichgiltig; aber nicht sein Auftreten vor
Zeugen, nicht sein Benehmen in Gegenwart andrer. Er hat dich beleidigt. Der
Hauptsache nach wei ich, was geschehen ist; Hedemeyer hat mir gestern im Club
davon erzhlt, und ich will nur die Besttigung aus deinem Munde. Das in der
Loge mochte gehen, aber dich bis hierher verfolgen, unerhrt! Als ob er den
Rcher seiner Ehre zu spielen htte.
    Sprich dich nicht in den Zorn hinein, Pierre. Du willst von mir hren, was
geschehen ist, und ich sehe, du weit alles. Ich habe nichts mehr
hinzuzusetzen.
    Doch, doch. Die Hauptsache fehlt noch. All dergleichen hat eine
Vorgeschichte und fllt nicht vom Himmel. Am wenigsten vom Himmel. Gordon ist
ein Mann von Familie, von Welt und Urteil, und ein solcher Mann handelt nicht
ins Unbestimmte hinein. Er befragt die Situation. Und diese Situation will ich
wissen, will ich kennenlernen. Schildre sie mir; ich denke, da du sie mir
schildern kannst, und zwar ohne sonderliche Verlegenheiten und Verschweigungen.
Ein paar Ungenauigkeiten mgen mit drunterlaufen, meinetwegen, ich ereifere mich
nicht um Bagatellen. Im brigen, ich gestatte mir, das vorlufig anzunehmen,
kann nichts vorgekommen sein, was das Licht des Tages oder meine Mitwissenschaft
zu scheuen htte. Denn man fordert mich nicht heraus, niemand, am wenigsten
meine Frau, die, soviel ich wei, eine Vorstellung davon hat, da ich nicht der
Mann der Unentschiedenheiten und ngstlichkeiten bin. Aber du kannst das uralte
Frau-Eva-Spiel, das Spiel der Hinhaltungen und In-Sicht-Stellungen ber das
rechte Ma hinaus gespielt haben, gerad unklug und unvorsichtig genug, um
miverstanden zu werden. Liegt es so, so werd ich meine schne Ccile bitten, in
Zukunft etwas vorsichtiger zu sein. Liegt es aber anders, bist du dir keines
Entgegenkommens bewut, keines Entgegenkommens, das ihm zu solchem Eklat und
Hausfriedensbruch auch nur einen Schimmer von Recht gegeben htte, so liegt eine
Beleidigung vor, die nicht nur dich trifft, sondern vor allem auch mich. Und ich
habe nicht gelernt, Effronterien geduldig hinzunehmen. ber diesen Punkt verlang
ich Auskunft, offen und unumwunden.
    Ccile schwieg. Aber wahrnehmend, da es vergeblich sein wrde, ihn durch
halbe Worte von seinem Vorhaben abbringen zu wollen, sagte sie: Was ich zu
sagen habe, ist kurz. In Thale waren wir unter deinen Augen, und kein Wort ist
gesprochen worden, das sich nicht gleichzeitig an alle Welt, an dich, an den
Emeritus, an Rosa gerichtet htte.
    St. Arnaud wiegte den Kopf und lchelte, whrend Ccile, die des Heimrittes
von Altenbrak gedenken mochte, nicht ohne Verlegenheit vor sich hin blickte.
    Dann, fuhr sie fort, sahen wir uns hier. Es blieb, wie's gewesen. Er war
voll Rcksicht und Aufmerksamkeiten, und nichts geschah, was den Respekt gegen
mich auch nur einen Augenblick verleugnet htte. Seine Konversation war leicht
und gefllig, mitunter bermtig, aber trotz dieses Anfluges von bermut hrt
ich aus jedem Wort eine groe Zuneigung heraus, ein Gefhl, das mir wohltat und
mich beglckte. So waren seine Worte; so waren auch seine Briefe.
    La die Briefe.
    Du darfst mich nicht unterbrechen. Ich sage, so waren auch seine Briefe.
Dann kam das kleine Diner, wo wir Rossow und die Baronin zu Tisch hatten, und
von dem Augenblick an war er ein andrer. Die Hergnge jenes Tages knnen ihn
nicht umgestimmt haben, aber unmittelbar danach mssen Dinge zu seiner Kenntnis
gekommen sein, ich brauche dir nicht zu sagen, welche, die sein Auftreten und
seinen Ton vernderten.
    Erbrmlich. Eine Infamie.
    Nein, Pierre.
    Gut. Weiter.
    Ich empfand auf der Stelle diese Vernderung und wies in einem Gesprche,
darin ich mich ihm offen gab und zugleich Scherz und Ernst zu mischen suchte,
darauf hin, da er diesen vernderten Ton nicht anschlagen drfe, weder als Mann
von Ehre noch als Mann von Welt, und ich hatte den Eindruck, da er mir selber
zustimmte. Wenigstens entsprach dem sein unmittelbares Tun. Er verabschiedete
sich in ein paar Zeilen und verlie Berlin. Erst gestern ist er zurckgekehrt.
Das andre weit du. Du mut es als einen Anfall nehmen.
    Ich versteh, als einen Anfall von Eifersucht. In der Tat, er geriert sich,
als ob er legitimste Rechte geltend zu machen htte; Prtension ber Prtension.
Aber, mein Herr von Gordon, Sie sind in der falschen Rolle.
    Dabei scho sein Auge heftige Blicke, denn er war an seiner empfindlichsten,
wenn nicht an seiner einzig empfindlichen Stelle getroffen, in seinem Stolz.
Nicht das Liebesabenteuer als solches weckte seinen Groll gegen Gordon, sondern
der Gedanke, da die Furcht vor ihm, dem Manne der Determiniertheiten, nicht
abschreckender gewirkt hatte. Gefrchtet zu sein, einzuschchtern, die
Superioritt, die der Mut gibt, in jedem Augenblicke fhlbar zu machen, das war
recht eigentlich seine Passion. Und dieser Durchschnitts-Gordon, dieser
verflossene preuische Pionier-Lieutenant, dieser Kabelmann und internationale
Drahtzieher, der hatte geglaubt, ber ihn weg sein Spiel spielen zu knnen.
Dieser Anmaliche...
    Ccile las in seiner Seele, und Angst und Sorge vor dem, was jetzt
mutmalich kommen mute, befiel sie. Sie nahm deshalb seine Hand, mit der er auf
dem Tischtuch in nervser Unruhe hin und her fuhr, und sagte: Pierre, versprich
mir eins.
    Was?
    ... Dich nicht zu Gewaltsamkeiten fortreien zu lassen. Alles, was
geschehen ist, ist natrlich und, weil natrlich, auch verzeihlich. Es ist keine
Beleidigung darin, wenigstens keine gewollte Beleidigung.
    Ich werde nicht mehr tun als ntig, aber auch nicht weniger. An dieser
Zusage mut du dir gengen lassen.
    Bei diesen Worten erhob er sich von seinem Platze, ging in sein
Arbeitszimmer und nahm hier, wie wenn er vorhabe, sich's bequem zu machen,
zunchst eine Zigarre. Dann schritt er ein paarmal auf dem trkischen Teppich
auf und ab, setzte sich an seinen Schreibtisch und malte langsam und mit
sorglicher Handschrift die Adresse: Sr. Hochwohlgeboren, Herrn von
Leslie-Gordon...
    Aber wo? unterbrach er sich, whrend er auf einen Augenblick die Feder
wieder aus der Hand legte. Nun, er wird sich ja finden lassen... Wozu haben wir
Zeitungen und die Rubrik Angekommene Fremde. Unterschlagen wird er sich doch
nicht haben.
    Und nun schob er das Couvert zurck, nahm einen Briefbogen mit Wappen und
Initiale und schrieb.
    ber den Doppelbesuch, den Sie, mein Herr von Gordon, gestern abend der
Frau von St. Arnaud erst in der Loge, dann in der Wohnung derselben abgestattet
haben, bin ich unterrichtet worden, brigens nicht durch Frau v. St. Arnaud
selbst, die vielmehr - wie mir gestattet sein mag, in pflichtschuldiger
Bercksichtigung Ihrer Gefhle hinzuzusetzen - in einem eben mit mir gehabten
Gesprche nicht Ihre Anklgerin, sondern Ihre Verteidigerin gemacht hat. Aber
gerade diese Verteidigung richtet Sie. Da Sie, mein Herr von Gordon,
unmittelbar vor Ihrer Abreise von Berlin, einen Ton angeschlagen und ein Spiel
gespielt haben, das Sie besser nicht gespielt htten, verzeih ich Ihnen. Ich
finde mich darin zurecht, denn ich kenne die Welt. Da Sie dies Spiel aber trotz
Abmahnung und Bitte wiederholten, und vor allem, wie Sie's wiederholten, das,
mein Herr von Gordon, ist unverzeihlich. Frau von St. Arnaud, als sie
rckhaltlos ihr Herz vor Ihnen offenbarte, begab sich dadurch in Ihren Schutz,
und einer Frau diesen Schutz zu versagen ist unritterlich und ehrlos. Dies habe
ich Ihnen, mein Herr v. Gordon, aussprechen wollen und gewrtige durch General
v. Rossow das Weitere.
                                                                  v. St. Arnaud

                           Achtundzwanzigstes Kapitel


Gordon sa in dem Glaspavillon des Hotels, als St. Arnauds Brief eintraf. Er las
und verzog keine Miene. Da sich etwas der Art vorbereiten wrde, war ihm von
dem Augenblick an wahrscheinlich, wo der Geheimrat, um in den Club zu gehen, den
Salon Cciles verlassen hatte. Das Wahrscheinliche war nun da. Nichts von Furcht
berkam ihn, und wenn etwas davon ihn angewandelt htte, so wrd ihn der
unendlich hochmtige Ton des Briefes dieser Anwandlung rasch wieder entrissen
haben. War er doch selber ein Trotzkopf und von einem Selbstgefhle, das dem
seines Gegners unter Umstnden die Spitze bieten konnte. Gemach, mein Herr
Oberst; Sie halten nicht vor Ihrer Front, und ich bin nicht Ihr jngster
Lieutenant. Oder glauben Sie, da ich devotest um Entschuldigung bitten und mich
vor Ihnen klein machen soll, blo weil Sie das Totschieen als Geschft
betreiben. Sie tuschen sich. Ich hab auch eine feste Hand und den ersten Schu
dazu, wenn die Gesetze der Ehre noch dieselben sind. Der Ehre. Was sich nicht
alles so nennt! Nun, sei's drum ... Aber wen schick ich an Rossow? Ich werde
nach der Villa hinausfahren... Der Bruder der jungen Frau...
    Die Dinge regelten sich in der Tat innerhalb weniger Stunden, und weil
beiden Parteien daran lag, allerlei Weiterungen und Hemmnisse vermieden zu
sehen, wie sie nicht wohl ausbleiben konnten, wenn Ccile davon erfuhr, so kam
man berein, an demselben Abende noch den Dresdner Schnellzug benutzen und am
andern Morgen, in einem in der Nhe des Groen Gartens gelegenen Wldchen, den
Handel ausfechten zu wollen.

Ccile, so gut sie St. Arnauds ungestmen Charakter kannte, gewrtigte keinen
unmittelbaren Zusammensto und war deshalb nur verstimmt, aber nicht eigentlich
gengstigt, als sie den andern Morgen hrte, der Oberst, dessen
Unregelmigkeiten sie kannte, sei tags vorher nicht nach Hause gekommen.
    Er ist der Mann der Exzentrizitten. Was wird vorgekommen sein? Ein Sport,
eine Clublaune, vielleicht ein Wettritt neben dem Eisenbahnzuge her. Und dann
Nachtquartier in einer Dorfschenke mit der Devise: Je schlechter, je besser.
    Sie nahm ein Buch zur Hand und versuchte zu lesen. Aber es ging nicht, und
als auch ein Gesprch mit dem Papagei versagte, zog sie sich in ihr Schlafzimmer
zurck, um hier frher als sonst Toilette zu machen.
    Ich will zu Rosa. Freilich am Ende der Welt. Aber seit Wochen hab ich ihr
einen Besuch versprochen, und ich sehne mich nach einem guten Menschen.
    In ihrem Schlafzimmer war ein eleganter Kamin, vor dem die Jungfer sich eben
beschftigte. Diese warf Kohlen und Tannpfel auf und suchte mit einem kleinen
Blasebalg das halb ausgegangene Feuer wieder anzufachen.
    Ah, das ist gut, Marie. Mach es uns warm: ich friere. Du knntest mir noch
den Shawl bringen.
    Whrend dieser Worte ging drauen die Klingel, und Ccile hrte, wie des
Obersten Diener ein lngeres Gesprch hatte.
    Sieh, was es ist.
    Marie ging und kam mit einem Briefe zurck, der eben abgegeben war. Er trug
nur die Aufschrift: Frau von St. Arnaud, Hafenplatz 7a. Und Ccile sah, da es
Gordons Handschrift war.
    Geh, Marie... nein, bleib.
    Und mit zitternder Hand ri sie das Couvert auf und las.
    Verzeihung, gndigste Frau, Verzeihung, liebe Freundin. Ich hatte wohl
unrecht, nein, ich hatte gewi unrecht. Aber der Sinn war mir gestrt, und so
kam es, wie es kam. Ein berhmter Weiser, ich wei nicht, alter oder neuer Zeit,
soll einmal gesagt haben, wir glaubten und vertrauten nicht genug, und das sei
der Quell all unsres Unglcks und Elends. Und ich fhle jetzt, da er recht hat.
Ich htte, statt Zweifel zu hegen und Eifersucht grozuziehen, Ihnen vertrauen
und der Stimme meines Herzens rckhaltslos gehorchen sollen. Da ich es
unterlie, ist meine Schuld. Ich werde Sie nicht wiedersehen, nie, was auch
kommen mag. Sehen Sie mich allezeit so, wie ich war, ehe die Trbung kam. Immer
der Ihre. Wieder ganz der Ihre.
                                                                          v. G.

Das Blatt entglitt ihrer Hand, und ein heftiges Schluchzen folgte.
    Marie sprang herzu, lie die halb Ohnmchtige in den Fauteuil nieder und
griff nach dem Klnischen Wasser, das auf dem Kaminsims stand. Aber Ccile
richtete sich mit Anstrengung wieder auf und sagte: La. Es geht vorber. Weit
du, Marie ... Herr von Gordon ...
    Jesus Maria, gndige Frau...
    Da. Lies. Das sind seine letzten Worte.
    Und die Jungfer bckte sich nach dem auf den Kaminteppich gefallenen Brief,
um ihn Ccile zurckzugeben. Aber diese schttelte nur den Kopf und sagte,
whrend sie nach der Konsoluhr zeigte: Merk die Minute ... Er ist erschossen
... jetzt.

                           Neunundzwanzigstes Kapitel


Am andern Morgen brachten alle Zeitungen folgende gleichlautende Notiz:
    Wie wir aus Dresden erfahren, hat gestern um neun Uhr frh, in Nhe des
Groen Gartens, ein Duell zwischen dem Obersten a. D. von St. Arnaud und dem
frher ebenfalls der preuischen Armee zugehrigen Zivilingenieur von
Leslie-Gordon stattgefunden. Herr von Leslie-Gordon fiel, whrend von St. Arnaud
nur leicht an der linken Seite verwundet wurde. Herr von Gordon wird, einer
letztwilligen Verfgung entsprechend, nach Liegnitz, wo zwei seiner Schwestern
leben, bergefhrt werden. Herr von St. Arnaud hat Sachsen unmittelbar nach dem
Rencontre verlassen. ber die Veranlassung zu dem Duell verlautet nichts
Bestimmtes, da die Sekundanten jede Auskunft verweigern.

Vier Tage danach traf unter der Adresse der Frau von St. Arnaud nachstehender
Brief in Berlin ein:

                                                       Mentone, den 4. Dezember

Meine liebe Ccile! Was geschehen ist, wirst Du mittlerweile durch Rossow
erfahren haben, und ber meinen persnlichen Verbleib gibt Dir der Poststempel
Auskunft. Ich habe hier im Hotel Bauer (es findet sich berall dieser Name)
Wohnung genommen und geniee der Ruhe nach all den Vorkommnissen und unruhigen
Bewegungen der nun zurckliegenden Woche. Selbst von einer gewissen
Herzensbewegung darf ich sprechen, zu der ich mich, Dir gegenber, gern bekenne.
Der Ausgang der Sache machte doch einen Eindruck auf mich, und so bot ich ihm
die Hand zur Vershnung. Aber er wies sie zurck. Eine Minute spter war er
nicht mehr.
    Ich hoffe, da Du das Geschehene nimmst, wie's genommen werden mu. Tu l'as
voulu, George Dandin. Sein Benehmen war ein Affront gegen Dich und mich, und er
htte mich besser kennen mssen. brigens bin ich seinem Mute Gerechtigkeit
schuldig und mehr noch seiner unsentimentalen Entschlossenheit, die mir beinah
imponiert hat. Denn er wollte mich treffen, und seine Kugel, die mir die Rippen
streifte, ging nur zwei Finger breit zu weit rechts. Sonst war ich da, wo er
jetzt ist. Da Du mit ein paar Herzensfasern an ihm hingst, wei ich und war mir
recht - eine junge Frau braucht dergleichen. Aber nimm das Ganze nicht
tragischer als ntig, die Welt ist kein Treibhaus fr berzarte Gefhle.
    Da ich mich den Langweiligkeiten einer abermaligen Prozessierung entzogen
habe, wirst Du natrlich finden. Ich werde mit nchstem sechzig und fhle keinen
Beruf in mir, abermals ein Jahr lang (oder vielleicht noch lnger) um den
Julius-Turm spazierenzugehen. So zog ich denn die Riviera vor.
    Empfiehl mich Rossow. Er hat sich in der ganzen Affaire brillant benommen
und teilte nach seinen Verhandlungen mit Gordon ganz meine Meinung ber diesen.
Gordon tuschte durch glatte Formen; anfangs auch mich. Im Grunde seines Herzens
war er hochmtig und eingebildet, wie die meisten dieser Herren. Er berschtzte
sich, weil ihm das Weltfahren zu Kopfe gestiegen war, und miachtete die
gesellschaftlichen Scheidungen, die wir, diesseits des groen Wassers, vorlufig
wenigstens noch haben.
    Wenn Deine Gesundheit es zult, erwart ich Dich sptestens in nchster
Woche. Die Luft hier ist entzckend, keine Spur von Winter, alles noch in Blte
oder schon wieder in Blte. Komm also. Der Pflicht der Abschiedsbesuche sind wir
ja Gott sei Dank berhoben; jede Situation hat ihre Meriten. Im brigen wird es
gut sein, wenn Dich Marie begleitet, die hier, was ihr den Abschied von Fritz
vielleicht erleichtert, das Katholische nher und bequemer hat als in Berlin. Au
revoir,
                                                                Dein St. Arnaud

Drei Tage nach Eintreffen dieses Briefes richtete der Hofprediger Drffel das
folgende Schreiben an den Obersten von St. Arnaud:
    Mein Herr Oberst. Es liegt mir die Pflicht ob, Sie von dem am 4. dieses
erfolgten Ableben Ihrer Gemahlin in Kenntnis zu setzen und mich dabei der mir
seitens derselben gewordenen schriftlichen Auftrge zu entledigen.
    Ich bitte, zunchst chronologisch berichten zu drfen.
    Ihre Frau Gemahlin war schwer leidend seit dem Tage, wo die
Zeitungsnachricht eintraf; sie wollte niemand sehen, folgte widerwillig den
Anordnungen des Arztes und sah von den Bekannten nur Frulein Rosa und mich. Ich
sprach tglich vor, in der Regel in den Mittagsstunden. Vorgestern, bei meinem
Erscheinen, fand ich die Jungfer in Trnen und erfuhr, die gndige Frau sei tot.
    Als ich in das Zimmer trat, sah ich, was geschehen.
    Frau v. St. Arnaud lag auf dem Sofa, ein Batisttuch ber Kinn und Mund. Es
war mir nicht zweifelhaft, auf welche Weise sie sich den Tod gegeben; ihre Linke
hielt das kleine Kreuz mit dem Christuskopf, das sie bestndig trug. Der
Ausdruck ihrer Zge war der Ausdruck derer, die dieser Zeitlichkeit mde sind.
Auf dem Tisch neben ihr lag ihr Gebetbuch, in das sie, zusammengeknifft und nach
Art eines Lesezeichens, einen an mich adressierten Brief gelegt hatte. Dieser
Brief, das Beichtgeheimnis eines demtigen Herzens, ist mir unendlich wertvoll,
weshalb ich bitte, den Inhalt desselben Ihnen, mein Herr Oberst, nur
abschriftlich und nur in seinem sachlichen Teile mitteilen zu drfen. Es heit
in diesem Letzten Willen:
    Ich wnsche nach Cyrillenort bergefhrt und auf dem dortigen
Gemeindekirchhofe, zur Linken der frstlichen Grabkapelle, beigesetzt zu werden.
Ich will der Stelle wenigstens nahe sein, wo die ruhen, die in reichem Mae mir
das gaben, was mir die Welt verweigerte: Liebe und Freundschaft und um der Liebe
willen auch Achtung... Vornehmheit und Herzensgte sind nicht alles, aber sie
sind viel.
    Mein Vermgen erhlt meine Mutter, mein Gut St. Arnaud. Nach seinem Tode
fllt es an die frstliche Familie zurck.
    ber die Dinge, die mich tglich umgaben, bitt ich St. Arnaud, Verfgung
treffen zu wollen, und bestimme meinerseits nur noch, da die Konsoluhr und der
trkische Shawl an Marie, das Gebetbuch mit den Aquarellinitialen an Rosa, das
Opalkreuz aber, das mir beistehen soll bis zuletzt, an Sie, mein vterlicher
Freund, fallen soll. Ihre hundertfach erprobte Milde wird nicht Ansto daran
nehmen, da es ein katholisches Kreuz ist, und auch daran nicht, da ich, eine
Konvertitin, meine letzten Gebete an eben dies Kreuz und aus einem katholischen
Herzen heraus gerichtet habe. Jede Kirche hat reiche Gaben, und auch der Ihrigen
verdank ich viel; die aber, darin ich geboren und grogezogen wurde, macht uns
das Sterben leichter und bettet uns sanfter.
    So, mein Herr Oberst, die Bestimmungen der gndigen Frau, denen ich
meinerseits nur noch hinzuzufgen habe, da in Gemheit derselben verfahren
werden und heute nacht noch, und zwar von mir persnlich begleitet, der Kondukt
nach Cyrillenort stattfinden wird. Dort werden wir die Tote morgen um die zehnte
Stunde zur Ruhe bestatten. Die Vorbereitungen dazu sind bereits getroffen.
    Der Friede Gottes aber, der ber alle Vernunft ist, sei mit uns allen.
