
                                Marlitt, Eugenie

                       Die Frau mit den Karfunkelsteinen

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                                Eugenie Marlitt

                       Die Frau mit den Karfunkelsteinen

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Tante Sophie hatte die Klammerschrze vorgebunden und nahm Wsche von der Leine.
Das Herz lachte ihr im Leibe, whrend sie unter den hochgespannten Seilen
hinschlpfte - frischgefallener Schnee, ja, was war der gegen das Wei der
bleichenden Tafeltcher und Leinenbezge? - Seit urvordenklichen Zeiten war
stets das schnste Bleichwetter, sobald die Leinenschtze des ehrenwerten Hauses
Lamprecht und Sohn an die Luft gebracht wurden - selbstverstndlich! Es sei
das so gut ein Vorrecht wie das berhmte Kaiserwetter, meinte Tante Sophie immer
mit listigem Augenzwinkern, denn es war jemand im Hause, der solche
Blasphemien absolut nicht hren mochte...
    Nun zog heute wieder die kstliche Sommerluft drrend durch die feuchten
Lakenreihen, und die Julisonne schien ihre ganze Kraft in dem mchtigen Viereck
des Hofes zu konzentrieren. Ueber die Dcher schossen Schwalbenscharen, wie
stahlglnzende Pfeile, in den Hof herein; ihre Nester hingen an den steinernen
Fenstersimsen in der Bel-Etage des stlichen Seitenflgels, und es war niemand
da, der den kleinen Blaurcken wehrte, wenn sie auf den Simsen rasteten und in
ihrem aufdringlichen Gezwitscher kein Ende fanden. Ja, es wehrte ihnen weder ein
Menschenblick, noch eine fortscheuchende Handbewegung; denn nie klang eines der
Fenster droben in diesem Seitenbau, hchstens da einmal im Jahre auf Stunden
gelftet wurde; dann fielen die groblumigen Gardinen wieder zusammen und lieen
es geduldig geschehen, da ihnen die Sonne den letzten Farbenrest aus der
morschen Seidenfaser sog.
    Das Haupthaus, dessen Fassade auf den vornehmsten Platz der Stadt
hinausging, hatte der Zimmer und Sle genug, und der Bewohner waren nicht viele,
da brauchte man die obere Zimmerflucht des stlichen Seitenflgels nicht. Die
Leute sagten aber anderes. So hell und sonnig auch das angebaute Hinterhaus in
die Lfte stieg, und so friedlich es erschien mit seinen hohen, stillen
Fenstern, es war doch der unheimliche Schauplatz eines Kampfes, eines
fortgesetzten, gespenstigen Kampfes bis in alle Ewigkeit. So sagten die Leute
drauen in Gassen und Straen, und die darinnen widersprachen nicht. Warum auch?
Hatte es doch seit Anno 1795, wo die schne Frau Dorothea Lamprecht in dem
Seitenflgel ihr Wochenbett abgehalten und da verstorben war, fast keinen
dienstbaren Geist der Familie gegeben, der nicht wenigstens einmal die lange
Schleppe eines weien Nachtgewandes durch den Korridor htte schleifen sehen,
oder gar gezwungen gewesen war, sich halbtot vor Schrecken platt an die Wand des
Ganges zu drcken, um die lange, hagere Selige im grauen Spinnwebenkleide an
sich vorberzulassen. Drum schliefe auch niemand droben in dem Hause, sagten die
Leute.
    An dem Unwesen sollte ein Eidbruch schuld sein.
    Justus Lamprecht, der Urgrovater des derzeitigen Familienoberhauptes, hatte
seinem sterbenden Eheweibe, der Frau Judith, feierlich zuschwren mssen, da er
ihr keine Nachfolgerin geben wolle - es sei um ihrer zwei Knaben willen, sollte
sie gesagt haben; im Grunde aber war es glhende Eifersucht gewesen, die keiner
anderen den Platz an der Seite ihres zurckbleibenden Ehemannes gegnnt. - Herr
Justus hatte aber ein leidenschaftliches Herz gehabt, und seine schne Mndel,
die in seinem Hause gewohnt, nicht minder. Sie hatte gemeint, und wenn sie in
die Hlle mit ihm msse, sie lasse doch nicht von ihm und heirate ihn der
neidischen Seligen zum Trotz und Tort. Und sie hatten auch zusammen gelebt, wie
zwei Turteltauben, bis sich die schne, junge Frau Dorothea eines Tages in den
Seitenflgel zurckgezogen, um sich in der mit frstlicher Pracht ausgestatteten
Wochenstube ein neugeborenes Tchterchen in den Arm legen zu lassen. Herr Justus
Lamprecht hatte gesagt, nun sei er auf dem Gipfel des Glckes...
    Es war aber gerade strenger Winter gewesen, und just in der Weihnachtsnacht,
wo drauen alles zu Stein und Bein gefroren, war mit dem Glockenschlag Zwlf
langsam und feierlich die Thre der Wochenstube nach dem Gange hinaus
zurckgefallen, und die Selige war auf einer grauen Wolke, wie in Spinnweben
gewickelt, hereingekommen. Und die Wolke, der Spinnwebenrock, und der hliche
Kopf mit der Spitzen-Dormeuse, alles war unter den seidenen Betthimmel gekrochen
und hatte sich auf der Wchnerin so fest zusammengekauert, als solle dem
blhenden jungen Weibe das Herzblut ausgesogen werden. - Der Wartfrau waren Hand
und Fu gelhmt gewesen, und sie hatte sozusagen in einer Eisgrube gesessen, so
mrderisch kalt war es von dem Spukwesen ausgegangen; die Sinne waren ihr
vergangen, und erst lange danach, als das Neugeborene geschrieen, war sie wieder
zu sich gekommen.
    Ja, das war nun eine schne Bescherung gewesen! Die Thre nach dem
eisigkalten Gang hatte noch sperrangelweit offen gestanden, und von der bsen
Frau Judith war auch nicht ein Rockzipfelchen mehr zu sehen gewesen, im Bette
aber hatte Frau Dorothea aufrecht gesessen und unter heftigem Schtteln und
Schaudern mit den Zhnen geklappert und ganz wirr nach dem Kind in der Wiege
gesehen, und nachher war sie in Raserei verfallen, und nach fnf Tagen hatte
sie, ihr totes Kindlein im Arm, im Sarge gelegen. - - Die Aerzte hatten gesagt,
Mutter und Kind seien infolge heftiger Erkltung gestorben; die
pflichtvergessene Wrterin habe die Thre schlecht verschlossen, sei
eingeschlafen und habe verrckt getrumt - einfltiges Gewsch! - Wenn das alles
so mit natrlichen Dingen zugegangen war, weshalb geschah es denn nachher, da
die schne Verfhrerin oft schon im Abendzwielicht aus der ehemaligen
Wochenstube gehuscht kam, und die graue Furie hinter ihr hersauste, um ihr von
hinten die langen, drren Arme wrgend um den Hals zu schlingen? - - -
    Die Firma Lamprecht und Sohn hatte zu Ende des vorigen Jahrhunderts noch
mit Leinen gehandelt, und die fter wiederholte Bezeichnung Thringer Fugger
sollte gar nicht bel auf ihr Ansehen gepat haben. - Dazumal hatte ihr groer
Huserkomplex am Markte einem Bienenstock geglichen, so lebendig war der
Menschenverkehr gewesen. - Bis unter die Dcher hinauf sollten die Leinenballen
aufgestapelt gewesen sein, und allwchentlich waren mchtige Frachtwagen
schwerbeladen in die weite Welt hinausgefahren. Tante Sophie wute das alles
ganz genau. Sie selbst hatte freilich jene Zeiten nicht gesehen; aber in ihrem
hellen Kopfe waren Familientraditionen, alte Geschfts- und Tagebuchnotizen und
die verschiedenen, oft kuriosen Nachlaverfgungen so pnktlich registriert, wie
sie kaum der Archivar einer Regentenfamilie in den Annalen sammelt.
    So war denn auch die alljhrliche Julibleiche eine Zeit der Reminiszenzen.
Da kamen uralte Wschestcke auf die Leine, nicht der Benutzung wegen - bewahre!
- nur damit sie nicht vergilbten und in neue Brche gelegt werden konnten. Und
die eingewebten Jger und Amazonen, die mythologischen und biblischen Figuren in
dem Damastzeug mochten sich dann freilich jedesmal verwundern, wie still und
anders es in dem Hofe geworden, da von Flachspreisen und Webelhnen kein Wort
mehr fiel, kein hochgetrmter Frachtwagen durch die Thorwlbung des Packhauses
rasselte, und das Schlagen der Websthle in fast lautloser Stille erloschen war.
- Es ging ja wohl fter ein Flstern und Rauschen durch den Hof, aber das kam
vom Zugwind, der durch das Gestruch und Gezweig fuhr - du lieber Gott, wie sich
doch die Welt nderte! - Grnes Blattwerk auf dem ehemaligen
Geschftstummelplatz, der dazumal nicht die rmlichsten Grasspitzen zwischen
seinem festen Bachkieselgefge hatte aufkommen lassen! Je nun, hatte sich doch
das alte Steinpflaster im Laufe der Zeiten selbst nicht behaupten knnen! Eine
dichte Rasendecke lag jetzt auf dem etwas abschssigen Terrain, schne
Rosenbume schttelten ihre buntfarbigen Bltenbltter ber das weiche Gras her;
es rauschte junges strotzendes Lindenlaub vor dem westlichen Seitenflgel, der
sogenannten Weberei, und das alte Packhaus, welches nach Norden hin den Hof
abschlo, war von oben bis unten vllig umschnrt von dem grnen Schuppenpanzer
des Pfeifenstrauches.
    Der Leinenhandel war lngst vertauscht worden mit einer Porzellanfabrik, die
sich auerhalb der Stadt, auf dem nahegelegenen Dorfe Dambach befand.
    Der gegenwrtige Chef des Hauses Lamprecht und Sohn war Witwer. Er hatte
zwei Kinder, und Tante Sophie, die Letzte einer Seitenlinie der Familie, fhrte
ihm die Wirtschaft, mit fleiigen Hnden, in Zucht und Ehren und weiser
Sparsamkeit. Und die lustige Tante mit der groen Nase und den gescheiten
braunen Augen hielt es fr den klgsten Einfall ihres ganzen Lebens, eine alte
Jungfer geworden zu sein, dieweil auf diese Weise doch noch fr ein Weilchen
eine echte Lamprechtsphysiognomie aus der Hausfrauenstube auf den Markt
hinausgucke. - Das klang nun freilich ebenso unangenehm nervenberhrend fr das
Ohr der Frau Amtsrtin, wie die stehende Bemerkung ber das Kaiserwetter; aber
die Frau Amtsrtin war eine sehr feine Dame, die zu Hofe ging, und Tante Sophie
steckte stets die unschuldigste Miene auf, und so kam es nie zu einem Streit
zwischen beiden.
    Amtsrats, die Schwiegereltern des Herrn Lamprecht, wohnten im zweiten
Stock des Haupthauses. Der alte Herr hatte sein schnes Rittergut verpachtet und
sich zur Ruhe gesetzt; aber er hielt es in der Stadt nicht lange aus. Er lie
Frau und Sohn - seinen einzigen - oft allein und war weit mehr drauen in
Dambach, in der Landluft, wo ihm der Wald und das Hasenrevier greifbar nahe
lagen, und er in dem gerumigen, zu der Fabrik gehrigen Pavillon seines
Schwiegersohnes hausen konnte, so oft und so lange er Lust hatte. -
    Es schlug vier auf dem nahen Rathaustrmchen; und mit der
Nachmittags-Kaffeestunde nahte das Bleichwerk seinem Ende. - Die Wsche hatte
sich allmhlich in den riesigen Korbwannen wei und hoch wie Schneehgel
aufgetrmt, und Tante Sophie nahm zu allerletzt die Klammern behutsam von den
kostbaren Wschealtertmern. Aber da gab es ihr pltzlich einen frmlichen Stich
durch das Herz.
    Eine schne Bescherung! rief sie ganz erschrocken und betreten der
helfenden alten Magd zu. Da guck' her, Brbe! Das Tafeltuch mit der Hochzeit zu
Kana ist aus dem Leim gegangen - es hat einen mchtigen Ri!
    Ist auch alt genug - der reine Zunder! - Alles hat seine Zeit, Frulein
Sophie!
    Was du doch gescheit bist, alte, kluge Brbe! Das Stzchen kann ich auch
auswendig. - O je, der Schaden geht dem Speisemeister geradeswegs durch die
ganze Physiognomie - da werde ich meine liebe Not mit dem Stopfen haben. - Sie
hielt das dnngewordene, morsche Gewebe prfend gegen das Licht.
    Ein altes Erbstck ist's freilich! Die Frau Judith hat das Gedeck noch mit
eingebracht.
    Brbe rusperte sich laut und schielte verstohlen nach den Fenstern des
stlichen Seitenflgels empor. Solche Leute, die keine Ruhe in der Erde haben,
die mu man nicht so laut beim Namen nennen, Frulein Sophie! rgte sie mit
gedmpfter Stimme und entschieden mibilligendem Kopfschtteln. Justement in
der Zeit nicht, wo es wieder umgehen thut - der Kutscher hat es erst gestern
abend wieder wei um die Gangecke laufen sehen -
    Wei? Na, dann ist's ja doch der Spinnwebenrock nicht gewesen... Also der
nette dicke Kutscher spielt sich auf das Sonntagskind in Eurer Gesindestube? Das
sollte nur der Herr wissen! Ihr Hasenfe wollt wohl sein Haus wieder einmal in
aller Leute Muler bringen? - Sie zuckte die Achseln und schlug das Tafeltuch
zusammen. Mir, fr meine Person, mir wre das brigens ganz egal. Es hrt sich
eigentlich gar nicht schlecht an, wenn die Leute sagen: die weie Frau in
Lamprechts Hause! - Alt und angesehen genug sind die Lamprechts ja! Den Luxus
knnen wir uns schon erlauben, so gut wie die im Schlosse.
    Diese letzten Worte waren offenbar nicht an die Adresse der Magd gerichtet -
Tante Sophiens braune Augen zwinkerten lustig nach der Lindengruppe vor der
Weberei. Dort funkelten ein paar Brillenglser auf dem feinen Nasenrcken der
Frau Amtsrtin. Die alte Dame hatte ihren Papagei ein wenig ins Grne
heruntergetragen und hielt Wache bei ihm von wegen der Hauskatzen. Sie stickte,
und neben ihr, am weigestrichenen Gartentische, sa ihr Enkel, der kleine
Reinhold Lamprecht, und schrieb auf seiner Schiefertafel.
    Ich will nicht hoffen, da Sie das ernstlich meinen, liebste Sophie! sagte
die Frau Amtsrtin; eine leichte Rte war in ihr Gesicht getreten, und die Augen
blickten scharf ber die Brille. Mit solchen geheiligten Vorrechten spat man
brigens nicht; das ist unziemlich - Strengere als ich wrden sagen
demokratisch!
    Ach ja, das she denen schon hnlich! lachte Tante Sophie. Das sind
solche, die auch am liebsten wieder mit Feuer und Schwert in der Welt hantieren
mchten! Aber mu denn der Mensch gleich ein Demokrat sein, wenn er nicht wie
ein Wurm am Boden kriecht? Bei denjenigen, die da wiederkommen, um die
lebendigen Kreaturen ins Bockshorn zu jagen, ist doch kein Unterschied mehr, und
die weie Schlofrau mu ebensogut erst aus einem Moderhufchen steigen, wie dem
Urgrovater Justus sein schnes Dorchen auch!
    Die alte Dame rmpfte die feine, kleine Nase und schwieg indigniert. Sie
legte ihren Stickrahmen weg und trat zu Brbe. Wie ist denn das - der Kutscher
will gestern abend auch in dem Gange etwas gesehen haben? fragte sie gespannt.
    Jawohl, Frau Amtsrtin, und der Schreck liegt ihm heute noch in allen
Gliedern. Er hat oben in den guten Stuben bis zur Dmmerstunde die Fubden
gewichst, und nachher beim 'runtergehen ist's ihm gewesen, als wenn in dem Gange
hinten eine Thre sachte zugemacht wrde - Frau Amtsrtin, in dem Gange, wo im
ganzen Leben kein Thrschlssel umgedreht wird! Na, kurz und gut - es ist ihm
freilich eiskalt ber den Rcken gelaufen, und die Beine sind ihm bleischwer
geworden; aber er hat sich doch ein Herz gefat, ist ein paar Schrittchen auf
die Seite geschlichen und hat um die Ecke geschielt. Und da ist's vor seinen
Augen in den langen Gang hingehuscht, ganz schlank und schmchtig und schlohwei
von oben bis unten -
    Vergi nur ja die schwarzledernen Handschuhe nicht, Brbe! warf Tante
Sophie ein.
    Bewahr' mich Gott, Frulein Sophie, nicht einen schwarzen Faden hat das
Unding an sich gehabt! Und wie's um die andere Gangecke saust, da fliegt alles
auseinander wie Schleierzeug und ist verschwunden gewesen, der Kutscher sagt,
wie Rauch im Winde. Den bringen um die Dmmerstunde nicht zehn Pferde wieder bis
an den Gang hin!
    Wird auch gar nicht verlangt von der Heldenseele - der gehrt in den
Altweiberspittel mit seinem Spinnstubengewsch! sagte Tante Sophie halb
amsiert, halb rgerlich, und griff nach einer Serviette, um sie von der Leine
zu nehmen; aber in demselben Augenblick fuhr auch ihr Kopf herum. Potztausend,
was kmmt denn da fr ein Fuhrwerk angerasselt! Ja Gretel, bist du denn
nrrisch?
    Durch den hochgewlbten Thorweg des Haupthauses kam ein hbscher
Kinderlandauer mit einem Gespann von zwei Ziegenbcken in den Hof
hereingebraust. Die Lenkerin, ein Mdchen von ungefhr neun Jahren, stand
aufrecht und hielt die Zgel stramm in den Hnden. Der runde, breitrandige
Strohhut war ihr nach dem Nacken zurckgesunken und schwebte, von den
Bindebndern am Halse festgehalten, wie eine gelbe Heiligenscheibe hinter dem
dunklen Gelock, das wild im scharfen Zugwind aufflog.
    Das Gefhrt rollte bis zu den Linden, unter denen der kleine Reinhold sa;
da erst wurde mit einem krftigen Ruck Halt gemacht, zum Schrecken des
Papageien, der laut aufkreischte, whrend der Knabe von der Bank glitt.
    Aber, Grete, du sollst ja nicht mit meinen Bcken fahren! Ich will's nicht
haben! zankte Reinhold weinerlich, und sein blasses, schmales Gesichtchen
rtete der Zorn. Es sind meine Bcke! Der Papa hat sie mir geschenkt!
    Ich thu's nicht wieder, ganz gewi nicht, Holdchen? versicherte die
Schwester, vom Wagen springend. Geh, sei nicht bse! - Hast mich noch lieb? -
Der Kleine kletterte wieder auf seine Bank und lie es nur widerwillig
geschehen, da sie ihn mit strmischer Zrtlichkeit umfate. - Siehst du, Hans
und Benjamin wollen ja doch auch ihren Spa haben! Die armen Kerle sind so lange
im Dambacher Stalle eingesperrt gewesen.
    Und du bist wirklich allein von Dambach hereingefahren? fragte die Frau
Amtsrtin, Entrstung und nachtrglichen Schrecken in ihrer zarten Stimme.
    Natrlich, Gromama! Der dicke Kutscher kann doch nicht hinter mir im
Kinderwagen sitzen? - Der Papa ist nach Hause geritten, und ich sollte mit der
Faktorin wieder im groen Wagen hereinfahren; aber die Trdelei dauerte mir zu
lange.
    Solch ein Unsinn! Und der Gropapa?
    Der stand im Hofthor und hielt sich die Seiten vor Lachen, wie ich
vorbeisauste.
    Ja, du und der Gropapa! Ihr seid mir - die alte Dame verschluckte
weislich den Rest ihrer scharfen Bemerkung und zeigte mit dem Finger emprt auf
Brust und Leib der Enkelin. Und wie siehst du aus? So bist du durch die Stadt
gefahren?
    Die kleine Margarete ri an der Schleife am Halse, um sich von dem Hute zu
befreien und streifte mit einem gleichgltigen Blick das gestickte Vorderblatt
ihres weien Kleides. Heidelbeerflecken! sagte sie kaltbltig. Es geschieht
euch schon recht, warum zieht ihr mir immer weie Kleider an! Brbe sagt's ja
immer, Packleinwand wre am besten fr mich -
    Tante Sophie lachte, und eine mnnliche Stimme fiel ein. Fast mit der
kleinen Equipage zugleich war ein junger Mensch in den Hof gekommen, ein
auffallend hbscher, neunzehnjhriger Jngling, der Sohn der Frau Amtsrtin und
ihr einziges Kind; denn sie war die zweite Frau ihres Mannes und nur die
Stiefmutter der verstorbenen Frau Lamprecht gewesen. Der junge Mann hatte einen
Sto Bcher unter dem Arm und kam vom Gymnasium her.
    Die Kleine streifte ihn mit einem finstern Blick. Du brauchst gar nicht zu
lachen, Herbert! murrte sie gergert, whrend sie die Zgel der Bcke wieder
aufnahm, um das Gespann nach dem Stalle zu bringen.
    So? Werde mir's merken, meine kleine Dame! Aber darf man fragen, wie es mit
den Schularbeiten steht? Drauen beim Heidelbeeressen hat das gndige Frulein
schwerlich seine franzsische Lektion repetiert, und ich mchte wissen, wie viel
Kleckse das Schnschreibebuch heute abend zu verzeichnen haben wird, wenn die
Aufgabe per Dampf erledigt werden mu -
    Keine! Ich werde schon aufpassen und mir Mhe geben - gerade dir zum Trotz,
Herbert!
    Wie oft soll ich dir wiederholen, unartiges Kind, da du nicht Herbert,
sondern Onkel zu sagen hast! zrnte die Frau Amtsrtin.
    Ach, Gromama, das geht ja nicht, und wenn er zehnmal Papas Schwager ist!
entgegnete die Kleine unwirsch und mit allen Zeichen der Ungeduld die dunkle
Lockenwucht aus dem Gesicht schttelnd. Wirkliche Onkels mssen alt sein! Ich
wei aber noch ganz gut, wie Herbert mit Ziegenbcken gefahren ist und mit
Bllen und Steinen die Fenster eingeworfen hat. Und vom Doktor war ihm das Obst
verboten, und er hat doch immer ganze Hnde voll Pflaumen heimlich aus der
Tasche gegessen - ja wohl, das wei ich noch sehr gut! - Und jetzt ist er ja
auch weiter nichts, als ein Schulfuchs, der noch mit den Bchern unter dem Arme
geht. - Brr, Hans! Wollt ihr warten! schalt sie auf das ungeduldige Gespann und
fate die Zgel fester.
    Bei der sehr laut gesprochenen, rckhaltslosen Kritik aus kindlichem Munde
war der junge Mann dunkelrot geworden. Er lchelte gezwungen. Du Naseweis, dir
fehlt die Rute! prete er zwischen den Zhnen hervor, whrend sein
scheuverlegener Blick das gegenberliegende Packhaus streifte.
    Die ein wenig schief hngende uere Holzgalerie, die im oberen Stock vor
den Schiebefenstern dieses alten Hauses hinlief, war auch laubenartig von dem
Blattgeflecht des Pfeifenstrauches bersponnen; nur da und dort lie es Raum fr
Luft und Licht, indem es einen Rundbogen wlbte. Und in einer solchen grnen
Nische blinkte es wie mattes Gold, und manchmal hob sich eine zarte, weie Hand
hinter der Brstung, um wie trumerisch ber das lockere Goldhaar
hinzustreichen, oder sich hinein zu vergraben... In diesem Augenblick aber blieb
drben alles still und unbeweglich.
    Die Frau Amtsrtin war die einzige, die das verstohlene Hinberblicken des
Sohnes bemerkt hatte. Sie sagte kein Wort, aber ihre Stirn zog sich finster
zusammen, whrend sie dem Packhaus geflissentlich den Rcken wandte.
    Liebste Sophie, mein Sohn hat recht - Gretchen wird von Tag zu Tag
unmanierlicher! sagte sie hrbar gereizt zu Tante Sophie, wobei sie den Stnder
mit ihrem Papagei ergriff, um ihn wieder hinaufzutragen. Ich thue mein
mglichstes, so oft das Kind oben bei mir ist, aber was hilft das alles, wenn
hier unten ber ihre Ungezogenheiten gelacht wird? - Unsere selige Fanny war in
Gretchens Alter schon vllig Dame; sie hatte von klein auf Takt und Chic in
bewunderungswrdiger Weise. Was wrde sie sagen, wenn sie ihr Kind so wild und
ungezgelt aufwachsen she, wenn sie hrte, wie das Mdchen so entsetzlich
geradeheraus und unverblmt zu sprechen gewohnt ist! - Ich verzweifle an irgend
einem Resultat diesem Kopf gegenber!
    Hartes Holz, Frau Amtsrtin! Daran lt sich freilich schwer schnitzeln,
entgegnete Tante Sophie mit einem humorvollen Lcheln. Ueber wirkliche
Ungezogenheiten lache ich nie - da seien Sie ganz ruhig! Aber damit macht mir
unsere Gretel das Leben auch gar nicht sauer... Mit den Knixen und Reverenzen
mag's freilich schwer halten - das glaub' ich Ihnen gerne; und darin kann ich
auch nicht helfen, denn ich bin keine von den sogenannten Weltpolitischen. Ich
sehe nur immer darauf, da dem Wildfang seine schne Wahrheitsliebe verbleibt,
da das Kind nicht heucheln und schmeicheln und schne Dinge sagen lernt, an die
es selbst nicht glaubt.
    Whrenddem brachte die kleine Margarete, die bei dem Wort Rute emprt
aufgefahren war, als fhle sie bereits den Schlag, mit Brbes Hilfe das Gefhrt
unter Dach und Fach, und Reinhold zeigte dem jugendlichen Onkel seine
Schreibbungen auf der Schiefertafel.
    Der Knabe war von ausnehmend zarter Gestalt, ein drftig
zusammengeschmiegtes Figrchen mit matten, langsamen Bewegungen.
    In der Gretel steckt ein Ueberschu von Kraft, der will sich austoben!
fuhr Tante Sophie fort. Wollte Gott, unser stilles, blasses Jngelchen da -
sie zeigte verstohlen nach dem Kleinen, und ihr Blick verdunkelte sich - htte
ein Teil davon!
    Ueber sogenannte Kraftmenschen habe ich meine eigene Ansicht, Liebste!
entgegnete die Frau Amtsrtin achselzuckend. Mir geht die distinguierte Ruhe
ber alles! - Da sind wir brigens wieder einmal bei dem alten Thema von
Reinholds Schwchlichkeit - wenn Sie wten, wie Sie mich mit dieser ewigen
Gespensterseherei irritieren! Mein Gott, Lamprechts einzige Hoffnung, sein
Kleinod! - Nein, Gott sei Dank, unser Junge ist innerlich ganz gesund! Der
Doktor beteuert es, und ich zweifle nicht, da Reinhold spter einmal seinem
Papa an Kraft und Gewandtheit nichts nachgeben wird!
    Diese Behauptung erschien sehr gewagt, wenn man das kmmerliche
Menschenpflnzchen am Gartentische mit dem Mann verglich, der in diesem
Augenblick in den Hof ritt.
    Herr Lamprecht kam von einer andern Seite, als sein Tchterlein, durch die
Strae hinter seinem Besitztum, welche einst die mit Leinen befrachteten Wagen
frequentiert hatten. Er kam in der letzten Zeit meist diesen Weg. -
    Sowie die Reitererscheinung aus dem Dunkel des tiefen Packhaus-Thorweges
auftauchte, hatte sie etwas beraus Imposantes. Herr Lamprecht war ein
auffallend schner Mann, tannenschlank und dunkelbrtig, voll Feuer und Wrde
zugleich in Haltung und Bewegungen.
    Papa, da bin ich! Volle zehn Minuten frher als du! Ja, die Bcke laufen
anders als dein Luzifer, die laufen ganz famos! triumphierte Margarete, die bei
dem Getrappel der Pferdehufen auf dem hallenden Thorwegpflaster aus der
Stallthre gesprungen kam.
    Das Gerusch des aufgestoenen Thorflgels drunten brachte auch Bewegung in
das grne Versteck der Holzgalerie, das gerade ber der Einfahrt lag - der
blonde Kopf fuhr empor. - Vielleicht wurden das Grn der berhngenden Bltter
und die altersdunkle Hauswand dahinter zur besonderen Folie und lieen die
Maiblumenfrische des jungen Gesichts doppelt blendend hervortreten; auf jeden
Fall aber war das Mdchen im hellen Sommerkleide eine Gestalt, die sofort aller
Blicke auf sich ziehen mute.
    Sie bog sich, voller Neugierde, wie es schien, aus dem Bltterrundbogen;
dabei fielen zwei dicke Flechten vornber und hingen jenseits des Gelnders lang
herab, so da der Zugwind die blauen Bandschleifen an ihren Enden hin und her
wehen machte.
    Und auf der Gelnderbrstung mochten Blumen liegen; bei der hastigen
Bewegung, mit welcher das Mdchen den Arm aufsttzte, flogen ein paar schne
Rosen herab und fielen vor den Hufen des Pferdes auf das Pflaster nieder. - Das
Tier scheute; aber der Reiter klopfte ihm beruhigend den Hals und ritt in den
Hof herein. Mit einem seltsam starren Blick, der weder rechts noch links zu
sehen schien, zog er beim Nherkommen den Hut; er war achtlos ber die Blumen
hingeritten und hatte nicht einmal emporgeblickt nach dem offenen Gange, von
woher die duftenden Strenfriede gekommen - Herr Lamprecht war ein stolzer Mann,
und die Frau Amtsrtin begriff vollkommen, da er den Bewohnern des Hinterhauses
wenig Beachtung schenke.
    Seine kleine Tochter dagegen schien anders zu denken. Sie lief bis zum
Packhaus und hob die Blumen auf. Sie binden wohl einen Kranz, Frulein Lenz?
rief sie nach dem Gange hinauf. Ein paar Rosen sind heruntergefallen - soll ich
sie Ihnen zuwerfen, oder hinaufbringen? Ja?
    Keine Antwort erfolgte. Das junge Mdchen war verschwunden; es mochte sich,
erschrocken ber das zurckscheuende Tier, in das Innere des Hauses geflchtet
haben.
    Herr Lamprecht stieg indessen vom Pferde. Er war nahe genug, um zu hren,
wie seine Schwiegermutter mit mibilligendem Erstaunen zu Tante Sophie sagte:
Wie kmmt denn Gretchen zu der Intimitt mit den Leuten da drben?
    Intim? - Davon wei ich nichts. Ich glaube nicht, da das Kind je die
Treppe im Packhause hinaufgestiegen ist. Nichts als das gute Herz ist's, Frau
Amtsrtin! Die Gretel ist eben hilfreich gegen jedermann; das ist die richtige
Hflichkeit und mir tausendmal lieber als solche, die auen voller Komplimente
sind und innerlich recht grob denken in bezug auf andere Menschen... Es mag aber
auch bei dem Kinde die Freude an der Schnheit sein - ich mach's ja nicht
besser! Mir lacht immer das Herz im Leibe, wenn ich das schne Mdchen dort auf
dem Gange hantieren sehe.
    Geschmacksache! warf die Amtsrtin leicht hin, aber ihre Stirn furchte
sich in Mimut, und ein finsterer Seitenblick streifte den Sohn, der sich tief
ber Reinholds Schiefertafel bckte. Das blonde Genre hat nie Reiz fr mich
gehabt, setzte sie mit ihrer stets sanften, gedmpften Stimme hinzu. Uebrigens
habe ich ja gewi an Gretchens Zuvorkommenheit nichts auszusetzen; es berrascht
und freut mich vielmehr, da sie auch hflich sein kann. Ich gehre auch nicht
zu solchen, die innerlich grob in bezug auf andere Menschen denken, Liebste -
keineswegs; dazu bin ich zu mild und zu christlich! Aber ich stehe auch fest auf
meinen gut konservativen Anschauungen, nach welchen gewisse Grenzen absolut
aufrecht erhalten werden mssen... Das junge Mdchen - mag es auch als
Erzieherin in England gewesen sein und einen hheren Bildungsgrad erlangt haben
- allen Respekt vor diesem Streben! - aber ich sage trotz alledem: dieses
Mdchen ist und bleibt hier doch nur die Tochter eines Mannes, der fr die
Fabrik arbeitet, und das mu fr uns alle magebend sein - hab' ich nicht recht,
Balduin? wandte sie sich an ihren Schwiegersohn, der etwas Ungehriges an dem
Sattelzeug seines Pferdes zu prfen schien.
    Er hob kaum die Stirn, aber ein verstohlener Blitz zuckte seitwrts aus
seinen dunkelglhenden Augen, so jh und grell, als wolle er die zarte sanfte
Frau zu Staub und Asche verbrennen. - Sie mute einen kurzen Moment auf die
Besttigung ihres Ausspruchs warten, dann aber kam sie prompt und gleichmtig
von den Lippen des schnen Mannes: Sie haben ja stets recht, Mama! Wer wrde
sich wohl unterstehen, anderer Meinung zu sein?
    Er drckte sich den Hut tiefer in die Augen und fhrte das Pferd nach dem
Stall in der Weberei.

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Unter den Linden ging es inzwischen ziemlich laut her. Margarete hatte die
aufgelesenen Rosen auf den Gartentisch gelegt - nur so lange, bis Frulein Lenz
wieder auf den Gang herauskomme, sagte sie und kniete auf der Bank neben dem
kleinen Bruder nieder.
    Da sieh her, Grete! sagte Herbert und zeigte auf die Schiefertafel. Er sah
noch sehr rot aus, und seine Stimme klang so sonderbar zitterig und unterdrckt
- wahrscheinlich noch vom Aerger, dachte das kleine Mdchen. - Sieh her,
wiederholte er, und schme dich! Reinhold ist fast zwei Jahre jnger als du,
und wie schn und korrekt ist seine Schrift gegen deine Buchstaben, die so
hlich gro und steif sind, als wren sie mit einem Stck Holz, und nicht mit
der Feder geschrieben!
    Aber deutlich sind sie, entgegnete die Kleine ungerhrt - so schn
deutlich, sagte Brbe, da sie die Brille gar nicht erst aufzusetzen braucht wie
beim Gesangbuchlesen - warum soll ich mich denn da plagen mit den dummen
Schnrkelchen?
    Nun ja, das konnte ich wissen - du bist ein unverbesserlich faules kleines
Mdchen! sagte der junge Mann, wobei er wie zerstreut eine der Rosen ergriff
und ihren Duft einatmete - er schien dies aber nur mit den Lippen zu thun.
    Ja, faul bin ich manchmal in der Schule, das ist wahr! gab die Kleine
ehrlich zu; aber nicht in der Weltgeschichte - nur im Rechnen und -
    Und in den Schularbeiten zu Hause, wie dein Direktor klagt -
    Ach, was wei denn der? Solch ein alter Mann, der frchterlich schnupft und
immer nur in der Schule und in seiner engen, schrecklichen Gasse steckt - keine
Sonne scheint hinein, und seine Stube ist voll Tabaksqualm wie ein Schlot -, der
wei viel, wie einem zu Mute ist, wenn man im Dambacher Garten im Grase liegt
und - halt, daraus wird nichts! Die wird nicht wegstibitzt! unterbrach sie
sich, warf ihren geschmeidigen Krper blitzschnell ber die Tischplatte hin und
haschte nach der Rose, die Herbert, vermutlich abermals infolge seiner
Zerstreutheit, eben in der Brusttasche verschwinden lie.
    Aber der sonst so beherrschte junge Mann war in diesem Augenblick kaum
wieder zu erkennen. Ganz bla, die Augen voll Grimm, erfing er die kleine Hand,
noch bevor sie ihn berhrte, und schleuderte sie von sich wie ein bsartiges
Insekt.
    Die Kleine stie einen Schmerzenslaut aus, und auch Reinhold sprang
erschrocken von der Bank.
    Holla - was geht denn da vor? fragte Herr Lamprecht, welcher dem
herbeigeeilten Hausknecht sein Pferd berlassen hatte, und eben an den Tisch
trat.
    Er darf nicht! Das ist so gut wie gestohlen! stie die kleine Margarete
noch unter der Einwirkung des Schreckens hervor. Die Rosen gehren Frulein
Lenz -
    Nun, und -?
    Herbert hat eine weie genommen und in die Tasche gesteckt - gerade die
allerschnste!
    Kinderei! zrnte die Frau Amtsrtin. Was fr abgeschmackte Spe,
Herbert!
    Herr Lamprecht sah erhitzt aus, als habe ihm der Ritt das ganze Blut nach
dem Kopfe getrieben. Er trat dem jungen Mann schweigend nher und wiegte die
Reitpeitsche in seiner Hand; und allmhlich umschlich ein berlegenes,
verletzendes, spttisches Lcheln seinen Mund; er kniff die Augen zusammen und
fixierte sein jugendliches Gegenber von Kopf bis zu Fen, und es war, als
sprngen Funken aus den Lidspalten in das Gesicht des jungen Menschen, der
heftig errtete.
    Lasse ihn doch, Kleine! sagte Herr Lamprecht endlich mit einem lssigen
Achselzucken zu seinem Tchterchen. Herbert braucht das gestohlene Gut fr die
Schule - er wird morgen in der botanischen Stunde seinem Professor eine rosa
alba vorzeigen mssen.
    Balduin! - die Stimme erstickte dem jungen Manne, als wrge eine Hand an
seiner Kehle.
    Was befiehlst du, mein Junge? wandte sich Herr Lamprecht mit ironischer
Beflissenheit um. Habe ich nicht recht, wenn ich behaupte, der bravste Schler,
der ehrgeizigste Streber, der je die Schulbank gedrckt hat, werde vor seinem
Abiturienten-Examen schlechterdings keinen anderen Gedanken haben, als die
Schule und abermals die Schule? - Geh, bffele nicht so bermig! Du bist in
der letzten Zeit ganz hohlugig geworden, und dein pausbackiges Jungengesicht
verliert die Farbe; unser zuknftiger Minister aber braucht - du weit, wie
jeder Minister heutzutage - Nerven von Stahl und ein ganz gehriges Quantum
Eisen in seinem Blut.
    Er lachte spttisch auf, schlug den jungen Mann auf die Schulter und ging.
    Auf ein Wort, Balduin! rief ihm die Frau Amtsrtin nach und nahm zum so
und so vielten Mal den immer wieder hingestellten Stnder mit ihrem geliebten
Papagei auf.
    Herr Lamprecht blieb pflichtschuldigst stehen, obgleich er so ungeduldig
aussah, als brenne ihm der Boden unter den Sohlen. Er nahm auch seiner
Schwiegermutter den Vogel ab, um ihn zu tragen, und whrenddem scho Herbert wie
toll an ihnen vorber in das Haus, und die steinerne Treppe hallte wider unter
den wilden Stzen, mit welchen er aufwrts strmte...
    Nun hat Herbert doch recht behalten! murrte Margarete und schlug zornig
mit der flachen Hand auf den Tisch. Ich glaub's nicht! Der Papa hat nur Spa
gemacht - Herbert wird wohl dem Professor eine Rose mitbringen mssen! - Dummes
Zeug!
    Sie raffte die brigen Blumen zusammen, wand ihr seidenes Haarband um die
Stiele und lief nach dem Packhaus, um den kleinen Strau ber das Holzgelnder
zu werfen. Er blieb auf dem Sims liegen, niemand griff danach, nicht ein Schein
des hellen Musselinkleides wurde sichtbar, noch weniger aber dankte die sanfte
se Mdchenstimme, die man so gern hrte, vom Gange herab. - Mimutig kehrte
das kleine Mdchen unter den Lindenschatten zurck.
    Es war recht still geworden im Hofe. Tante Sophie und Brbe hatten die
letzten Wschestcke von der Leine genommen und die hochgetrmten Korbwannen ins
Haus getragen, der Hausknecht war, nachdem er die Stallthre geschlossen,
ausgegangen, um Besorgungen zu machen, und der kleine, stille Junge sa wieder
auf der Bank und malte mit beneidenswerter Geduld seine gerhmten Buchstaben auf
die Schiefertafel.
    Margarete setzte sich neben ihn und faltete die kleinen, hageren,
sonnverbrannten Hnde im Schoe; sie lie die ewig unruhigen Fe baumeln und
verfolgte mit ihren lebendigen, klugen Augen den Flug der Schwalben, wie sie
ber die Dcher herkamen und im scharfen Bogen die blauen Lfte durchschnitten,
um unter den weit hervorspringenden Fenstersimsen des gegenberliegenden
Seitenflgels zu verschwinden.
    Inzwischen kam Brbe mit dem Wischtuch; sie fuhr mit demselben ber den
Gartentisch, legte eine Kaffeeserviette auf und stellte das klirrende
Tassenbrett hin; dann fing sie an, die Waschleine aufzurollen. Von Zeit zu Zeit
warf sie einen rgerlichen Blick nach dem Kinde, das so ungeniert und
angelegentlich seine Augen ber die obere Fensterreihe des spukhaften Hauses
hinwandern lie; fr die alte Kchin war das eine naseweise Herausforderung, die
ihr einen gelinden Schauder ber die Haut jagte.
    Brbe, Brbe, schnell, drehe dich um! es ist jemand drin! rief die Kleine
pltzlich und zeigte mit dem ausgestreckten Finger direkt nach einem der Fenster
in Frau Dorotheens ehemaliger Wochenstube, wobei sie von der Bank sprang.
    Unwillkrlich, als werde sie von einer fremden Macht herumgerissen, wandte
Brbe den Kopf nach der bezeichneten Stelle und lie vor Schrecken den mchtig
angeschwollenen Waschleinenknuel aus den Hnden fallen. Wei Gott, der Vorhang
wackelt! murmelte sie.
    Unsinn, Brbe! Wenn er blo wackelte, so wre das weiter gar nichts; das
knnte auch vom Zugwind sein! sagte Margarete berlegen. Nein, er war dort in
der Mitte - sie zeigte abermals nach dem Fenster - dort war er auseinander und
es hat jemand herausgesehen; und das ist doch nrrisch - es wohnt kein Mensch
drin -
    Um tausend Gotteswillen, Kind, wer wird denn immer mit dem Finger
hinzeigen! raunte Brbe und griff nach der kleinen Hand, um sie niederzubiegen.
Sie war dicht vor die Kinder getreten, als wolle sie die Kleinen mit ihrer
breiten massiven Figur decken, und kehrte dem bezeichneten Fenster den Rcken -
um keinen Preis htte sie noch einmal die Augen zurckgewendet. Siehst du,
Gretchen, das hast du nun von deinem ewigen Hingucken! Ich wollte dir's vorhin
schon sagen, aber du bist ja immer gleich obenhinaus, und da war ich still...
Fr so 'was, wie die Fenster da oben, mu der Mensch gar keine Augen haben.
    Aberglubische alte Brbe - das sollte nur Tante Sophie hren! schalt das
kleine Mdchen rgerlich und suchte die vierschrtige Alte aus dem Wege zu
schieben. Erst recht mu man hinsehen! Ich will wissen, wer das gewesen ist! Es
ging vorhin zu schnell - husch, war's wieder weg! - Ich glaube aber, es war
Gromamas Stubenmdchen, die hat so eine weie Stirn -
    Die? - Jetzt war es an der gescholtenen Kchin, eine berlegene Miene
anzunehmen. Erstlich, wie kme die in die Stube? Doch nicht durchs
Schlsselloch? Und zum zweiten thte sie's auch gar nicht - nicht um die Welt,
Gretchen! Das naseweise Ding hat's gerade so gemacht wie du - die dachte auch,
ihr knnt's nicht fehlen, und da hat sie vorgestern abend in der Dmmerstunde
ebenso ihren Schreck weggehabt, wie gestern der Kutscher... Geh du lieber ,nauf
in die gute Stube mit den roten Tapeten, wo die alten Bilder hngen - die mit
den Karfunkelsteinen in ihren kohlpechschwarzen Haaren, die ist's! Die hat
wieder einmal keine Ruh' in der Erde und huscht im Hause 'rum und erschreckt die
Menschen.
    Brbe, du sollst uns Kindern nicht solchen Unsinn vorschwatzen, hat die
Tante gesagt! rief Margarete bitterbse und stampfte mit dem Fue auf. Siehst
du denn nicht, wie Holdchen sich ngstigt? ... Beruhigend wie ein
Gromtterchen legte sie die Arme um den Hals des Knaben, der mit
angsterfllten, weit aufgerissenen Augen zuhrte. Komm her, du armes Kerlchen,
frchte dich nicht, und la dir doch nichts weismachen von der dummen Brbe! Es
gibt gar keine Gespenster - gar keine! Das ist alles dummes Zeug!
    In diesem Augenblick trat Tante Sophie aus dem Hause. Sie brachte den Kaffee
und stellte einen groen, zuckerbestreuten Napfkuchen auf den Tisch. Kind,
Gretel, du siehst ja aus wie ein streitlustiges Kickelhhnchen! Was hat's denn
wieder einmal gegeben? fragte sie, whrend Brbe sich schleunigst aus dem
Staube machte und ihrem abwrts gerollten Leinenknuel nachlief.
    Es war jemand dort in der Stube, antwortete die Kleine kurz und knapp und
zeigte nach dem Fenster.
    Tante Sophie, die eben den Kuchen anschnitt, hielt inne. Sie drehte den Kopf
um und streifte mit einem flchtigen Blick die Fensterreihe. Da oben? fragte
sie mit halbem Lachen. Du trumst am hellen Tage, Kind!
    Nein, Tante, es war ein wirklicher Mensch! Gerade dort, wo der Vorhang so
rot ist, da ging er auseinander. Ich sah ja die Finger, ganz weie Finger, die
ihn schoben, und auf einen Husch sah ich auch eine Stirn mit hellen Haaren -
    Die Sonne, Gretel, weiter nichts! versetzte Tante Sophie gleichmtig und
hantierte taktmig mit ihrem Messer weiter an dem Kuchen. Die spielt und
spiegelt in allen Farben auf den alten verwetterten Scheiben, und das tuscht.
Htt' ich den Schlssel, da mtest du auf der Stelle mit mir hinauf in die
Stube, um dich zu berzeugen, da kein Mensch drin ist, und dann wollten wir
sehen, wer recht behielte, du Gnschen! Den Schlssel hat aber der Papa, und die
Gromama ist eben bei ihm, und da will ich nicht stren.
    Brbe sagt, die Frau, die im roten Salon hngt, htte herausgesehen - die
luft im Hause herum, Tante, und will alle Menschen erschrecken, klagte
Reinhold in weinerlich ngstlichem Ton.
    Ach so! sagte Tante Sophie. Sie legte das Messer hin und sah ber die
Schulter nach der alten Kchin, die aus Leibeskrften an ihrem riesigen Knuel
wickelte. Bist ja ein lieber Schatz, Brbe - die richtige Jammerbase und
Todtenunke! ... Was hat dir denn das arme Weibchen im roten Salon gethan, da du
sie zum Popanz fr die Urenkelchen machst?
    Ach, mit dem Popanz hat's keine Not, Frulein Sophie! entgegnete Brbe
trotzig und ohne von ihrer Beschftigung wegzusehen. Gretchen glaubt's so wie
so nicht... Das ist ja eben das Unglck heutzutage! Die Kinder kommen schon so
superklug zur Welt, da sie an gar nichts mehr glauben wollen, was sie nicht mit
Hnden greifen knnen. - Sie wickelte mit so grimmigem Eifer weiter, als gelte
es, all den kleinen Unglubigen die Hlse zuzuschnren. - Glaubt der Mensch
aber nicht mehr an die Geister- und Hexengeschichten, da kmmt auch unser
Herrgott zu kurz, ja - und das ist eben die Gottlosigkeit heutzutage, und darauf
leb' und sterb' ich!
    Das magst du halten, wie du willst; aber unsere Kinder lssest du mir
knftig aus dem Spiel, ein fr allemal! gebot Tante Sophie streng. Sie schenkte
den Kindern Kaffee ein und legte ihnen Kuchen vor; dann ging sie, um ein
Rosenbumchen von der Waschleine zu befreien, die sich durch Brbes Ungestm in
seinen Aesten verwickelt hatte.
    Die Sonne war's aber nicht - das steht bombenfest! - Ich will's schon
herauskriegen, wer immer durch den Gang huscht und in die Stube schleicht!
murmelte die kleine Skeptikerin am Kaffeetisch vor sich hin und brockte sich die
Obertasse voll Kuchen.

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Auf ein Wort, Balduin! hatte die Frau Amtsrtin gebeten, und seit Herr
Lamprecht die Ehre hatte, ihr Schwiegersohn zu sein, waren ihre Bitten stets wie
Befehle seinerseits respektiert worden. So auch heute. Er hatte zwar eine tiefe
Falte des Mimutes auf der Stirn, und am liebsten htte er wohl dem verzogenen
Papagei, der fortgesetzt kreischend gegen seinen miliebigen Trger
protestierte, den bunten Hals umgedreht; allein davon wurde der Frau Amtsrtin
nicht das geringste bemerklich, um so weniger, als, sehr zur rechten Zeit, das
aus der oberen Etage kommende Stubenmdchen das Tier in Empfang nahm und
hinauftrug.
    So ging das zarte, schmchtige Frauchen ahnungslos und grazis neben dem
Schwiegersohn her; die Spitzenbarben ihres Hubchens wehten in der Zugluft des
Treppenhauses, und die kurze, dunkelseidene Schleppe raschelte vornehm ber die
Stufen. - Sie waren ziemlich ausgetreten, diese breiten, mchtigen
Sandsteinstufen. Weit ber zwei Jahrhunderte hindurch war alles, was das Haus an
Lust und Leid gesehen, da hinauf und hinab geglitten. Hochzeiten und
Tauffeierlichkeiten, Tanz- und Tafelfreuden, wie der letzte Prunkzug der
Hingeschiedenen - das alles, was den verschiedenen Generationen Kopf und Herz
bewegt und erfllt, es war verbraust und verschmerzt, und nur die Fuspur war
verblieben. - Und jetzt stieg die zierliche alte Dame mit ihren kleinen
Goldkferschuhen auch Stufe um Stufe hinauf, um droben eine Herzensbeklemmung
loszuwerden - Unmut und Besorgnis sprachen deutlich genug aus ihren Zgen.
    Herrn Lamprechts Privatwohnung bildete, hart an der Treppe gelegen, den
Schlu der langen Zimmerreihe in der mittleren Etage. Hinter diesen Rumen, nach
dem Hofe zu, lag der Korridor oder Flursaal, wie er im Hause genannt wurde, in
seiner Lnge und gewaltigen Breite so recht der Raumverschwendung der alten
Zeiten entsprechend. Er endete erst hinter dem letzten Zimmer, dem sogenannten
roten Salon; dort bog er um die Ecke des angebauten stlichen Seitenflgels und
verengte sich zu dem dmmernden Gang hinter Frau Dorotheens Sterbezimmer, in
welchen nur an dem entgegengesetzten uersten Winkel, da, wo ein paar kleine
Stufen seitwrts in das Packhaus hinunterfhrten, das karge Tageslicht durch ein
hochgelegenes Fensterchen hereinfiel.
    In dem Flursaal standen altertmliche Kredenzen von wundervoller
Schnitzarbeit, und an der Rckwand, zwischen den herausfhrenden dunkelgebeizten
Flgelthren der Zimmer, reihten sich Sthle hin, ber deren Sitze und
Polsterlehnen sich noch derselbe geprete gelbe Samt spannte, den einer der
alten Kaufherren einst aus den Niederlanden mitgebracht... Hier war manches
Menuett aufgefhrt, mancher Festschmaus abgehalten worden, und es lieen sich
auch heute noch die hliche Frau Judith in der Spitzendormeuse und das
verfhrerische junge Weib mit den Karfunkelsteinen im Haar als Herrinnen in die
altfrnkische Ausstattung unschwer hineindenken. - Aber mochte auch vieles von
dem Prachtgert der Urvter seinen Platz hier und in den Zimmern und Slen
drinnen behauptet haben, vor der Wohnung des Hausherrn machte die Piett Halt,
und der moderne Luxus bernahm die Herrschaft.
    Es war mehr das Boudoir einer Dame, als ein Herrenzimmer, in welches Herr
Lamprecht seine Schwiegermutter eintreten lie. Rosenholz und Seide,
Aquarellbilder und ein sanftes Rosalicht, das von den Vorhngen und
Polsterbezgen ausging - dies zarte Gemisch bildete zusammen eines jener sen
Nestchen, in welchem man sich eine schne junge Frau behaglich
zusammengeschmiegt denkt - und hier hatte in der That Herrn Lamprechts
verstorbene Frau gewohnt.
    Die Frau Amtsrtin ging auf einen der kleinen Lehnsthle zu, die, halb in
die Spitzen und Seidenfalten der Vorhnge vergraben, die tiefen Fensterwinkel
fllten. Ihr kam in diesem Raum nur selten noch der Gedanke an die Tochter, die
einst hier gewaltet; sie war es gewohnt, ihren Schwiegersohn an dem kleinen
Schreibtisch sitzen und all das zierliche Gert benutzen zu sehen. Ein Mann von
starken Leidenschaften, hatte er sich nach dem Tode der jungen Frau in seinem
ersten Schmerz hier eingeschlossen, und seitdem war das Zimmerchen sein Tuskulum
verblieben.
    Ach, wie reizend! rief die alte Dame und blieb wie angefesselt vor dem
Schreibtisch stehen, neben welchem sie sich eben niedersetzen wollte. Sie war
auch reizend, die Malerei in Wasserfarben da auf dem Medaillon einer Briefmappe
- ein durchsichtiges Gegitter von zartem Farnkraut, und dahinter wie eingefangen
ein Stckchen des geheimnisvollen Sprieens, Lebens und Webens nahe dem
Waldboden. Eine originelle Idee, und wie sauber ausgefhrt! setzte die Frau
Amtsrtin hinzu und nahm die Lorgnette zu Hilfe. Hier das Blumengeistchen, wie
es sich begehrlich aus seinem Glockenblumenhuschen nach der Erdbeere
hinberreckt - wirklich ganz allerliebst! ... Eine Arbeit von schner Damenhand,
Balduin? - Hab' ich recht?
    Mglich! meinte er achselzuckend mit einem flchtigen Seitenblick nach der
Mappe, whrend er sich bemhte, ein schiefhngendes Bild an der Wand gerade zu
rcken. Die Industrie rekrutiert ja heutzutage eine ganze Armee helfender
Krfte auch aus der Frauenwelt -
    Also nicht speziell fr dich ausgedacht?
    Fr mich?! - Der kleine Nagel, der das Bild seitwrts in gerader Linie
festhalten sollte, war herausgefallen - der groe, stattliche Mann bog sich tief
nieder, um den Flchtling auf dem Teppich zu suchen, und als er sich wieder
aufrichtete, da hatte ihm das Bcken das ganze Blut nach dem Kopfe getrieben...
Liebe Mama, sollten Sie wirklich von dem allermchtigsten Faktor in unserem
modernen Leben, dem Egoismus, nichts wissen, und knnten Sie in der That
glauben, da man heutzutage irgend etwas ganz umsonst, ohne die geringste
Hoffnung auf Erfolg thue?
    Er sagte das noch abgewendet, wobei er den Nagel wieder in die Wand zu
drcken suchte. Nun erst wandte er der alten Dame sein Gesicht voll zu - um
seinen Mund zuckte es bitter und spttisch. Nehmen wir doch einmal alle die
schnen Damenhnde unserer Kreise durch, und sagen Sie mir, welche von ihnen
wohl im stande sein wrde, eine solch knstlerische, die grte Geduld
erfordernde Aufgabe auszufhren fr einen Mann, der - nicht mehr zu haben ist!
    Er trat auf das andere Fenster zu, whrend sich die alte Dame in ihrem
kleinen, weichen Lehnstuhl zusammenschmiegte. Nun ja, darin magst du wohl recht
haben! sagte sie lchelnd und in dem gleichmtigen Tone, wie man lngst
Feststehendes, Unanfechtbares und sattsam Bekanntes zugibt. Es ist allerdings
stadtkundig, da unsere arme, teure Fanny dein Gelbnis der Treue fr Zeit und
Ewigkeit mit in das Grab genommen hat. Erst vorgestern abend wieder war bei Hofe
die Rede davon. Die Herzogin sprach von der Zeit, wo meine arme Tochter noch
gelebt und eine vielbeneidete Frau gewesen sei, und der Herzog meinte, man solle
doch ja die sogenannte gute alte Zeit mit ihrem Biedersinn im Gegensatz zu der
heutigen nicht immer herausstreichen; der hochangesehene, wegen seiner Strenge
fast gefrchtete alte Justus Lamprecht zum Beispiel habe in seiner Jugendzeit
einen Treuschwur in eklatantester Weise gebrochen, whrend ihn sein Urenkel
durch edle Festigkeit beschme.
    Herr Lamprecht war hinter der roten Gardine verschwunden. Er hatte die Hnde
auf den Fenstersims gesttzt und sah ber den Marktbrunnen hinweg in die
gegenberliegende, vom Markt bergauf steigende Gasse hinein. - Der schne Mann
hatte ein merkwrdiges Gesicht. Stolz, oder vielmehr Hochmut, in so scharfer
Linie ausgeprgt, wrde jedem anderen Antlitz etwas gleichsam Versteinertes
gegeben haben; hier aber wirkte ein feuriges Blut unverkennbar berwltigend. Es
machte die Augen in unbezhmbarer Wildheit auffunkeln und lie ein
sanftverlangendes Lcheln unwiderstehlich um seine Lippen spielen, es jagte den
Glutstrom des Jhzornes in die Stirnadern und hauchte die Blsse des
Seelenschmerzes in die Wangen. Jetzt aber, bei den letzten Worten der alten
Dame, schlug Herr Lamprecht die Augen nieder. Er sah aus, als habe er die
Sttzen seiner Seele, die stolze Zuversicht, den Mannestrotz, das Vollbewutsein
reichen Besitzes nach innen und auen fr einen Moment vollstndig verloren -
nahezu wie ein gescholtener und beschmter Schulknabe stand er da, den
dunkelbrtigen Kopf tief gesenkt und sich die Lippen fast wund beiend.
    Nun, Balduin! rief die Frau Amtsrtin und bog sich sphend vor, weil es so
still blieb in der Fensterecke. Freut es dich nicht, da man bei Hofe eine so
schmeichelhafte Meinung von dir hat?
    Das Rascheln der Seidengardinen verschlang den tiefen Seufzer, der ihm ber
die Lippen zitterte, whrend er in das Zimmer zurcktrat. Der Herzog scheint
diese edle Eigenschaft lieber an anderen zu bewundern, als an sich selbst - er
hat eine zweite Frau! sagte er bitter.
    Ich bitte dich ums Himmelswillen, was fhrst du fr eine Sprache! fuhr die
alte Dame ganz alteriert empor. Danken wir Gott, da wir allein sind!
Hoffentlich haben diese Wnde keine Ohren! - Nein, nein, Balduin, ich fasse es
wirklich nicht, wie du dir eine solche Kritik erlauben magst! setzte sie
kopfschttelnd hinzu. Das ist ja doch ein ganz anderer Fall! Die erste Gemahlin
war sehr krnklich -
    Bitte, Mama, ereifern Sie sich nicht! Lassen wir doch das!
    Nun ja, lassen wir das! ahmte sie ihm nach. Du hast gut reden! An dich
wird der Versucher freilich nie herantreten. Nach Fanny mu es dir
selbstverstndlich ganz unmglich sein, auch nur ein vorbergehendes Interesse
fr eine andere zu fassen. Die Herzogin Friederike dagegen -
    War boshaft und hlich. Herr Lamprecht warf diese Worte nur offenbar ein,
um das Thema auf fremdem Terrain festzuhalten.
    Sie schttelte abermals mibilligend den Kopf. Diese Ausdrcke wrde ich
mir selbst nie gestatten - der Glanz und die Auszeichnung hoher Geburt vershnen
und verschnen. Uebrigens ist ja dabei wie gesagt ein himmelweiter Unterschied;
den Herzog band kein Versprechen; er war frei und vollkommen berechtigt, eine
neue Ehe zu schlieen.
    Damit lehnte sie sich wieder in ihren Stuhl zurck, schob die Spitzenbarben
ihrer Haube mit einer sanft gelassenen Bewegung aus dem Gesicht und faltete im
Scho die Hnde, auf die sie gedankenvoll niedersah. Du kannst derartige
Dilemmas berhaupt nicht beurteilen, lieber Balduin. Fanny war deine erste und
einzige Liebe, und wir gaben dir mit Freuden unsere Tochter. Und als du dich mit
ihr verlobtest, da weinten deine Eltern Freudenthrnen und nannten dich ihren
Stolz, weil sich die Neigung deines Herzens nach oben und nie und nimmer in
unglckseliger Jugendverirrung abwrts gerichtet habe - mit einem tiefen
Seufzer unterbrach sie sich und blickte bekmmert vor sich hin. Gott wei am
besten, welch sorgsam behtende, pflichtgetreue Mutter ich zu allen Zeiten
gewesen bin, gewi nicht weniger, als deine Eltern: und doch mu es mir
passieren, da mein Sohn auf Abwege gert - Herbert macht mir in der letzten
Zeit unbeschreiblichen Aerger!
    Wie, der Mustersohn, Mama? rief Herr Lamprecht. Er war whrend der langen
Rede seiner Schwiegermutter auf und ab geschritten, den Kopf vorgeneigt und in
mechanischem Tempo auf die regelmig verstreuten Rosenbouketts im Teppichmuster
tretend. Jetzt blieb er an der entgegengesetzten Wand des Zimmers stehen und sah
spttisch fragend ber die Schulter zurck.
    Hm! rusperte sich die Frau Amtsrtin und reckte ihr Figrchen ziemlich
gereizt empor. Das ist er ja wohl in vieler Beziehung auch noch. Er hat ein
groes Ziel -
    Ei ja, wie ich schon vorhin unten im Hofe sagte. Er wird einmal steigen und
steigen, bis er mit seinen Futritten alle anderen Streber unter sich hat und
nichts mehr ber sich wei, als den Allerhchsten im Staate.
    Tadelst du das?
    Ei bewahre, gewi nicht, sofern er wirklich das Zeug dazu hat. Aber wie
viele werfen jetzt ihre wahren Ueberzeugungen von sich, heucheln und schmeicheln
und hngen sich der Macht an den Rockscho, um aus bedientenhaften
Speichelleckern mit mittelmigen Kpfen einflureiche Mnner zu werden!
    Du brandmarkst ja frmlich die treueste Hingebung und Selbstverleugnung!
zrnte die alte Dame. Aber ich frage dich, wrdest denn du den Frevelmut, die
Dreistigkeit haben, einer hheren Orts gegebenen Richtung entgegenzutreten? -
Ich wei doch recht gut, da niemand lieber einer Einladung in die ersten Kreise
folgt, als du, und kann mich nicht erinnern, je einen Widerspruch gegen dort
herrschende Meinungen aus deinem Munde gehrt zu haben.
    Auf diese scharfe und jedenfalls wohlbegrndete Bemerkung schwieg Herr
Lamprecht. Er sah angelegentlich in die gemalte Landschaft hinein, vor welcher
er eben stand, und fragte nach einer kurzen Pause: Und welchen Vorwurf machen
Sie Herbert?
    Den einer entwrdigenden Liebelei! platzte die alte Dame erbittert heraus.
Wre es nicht allzu deutsch und vulgr ausgedrckt, so wrde ich sagen, ich
wnsche diese Blanka Lenz ins Pfefferland... Steht der Mensch doch aller
Augenblicke oben an den Flurfenstern und starrt nach dem Packhaus hinber! Und
gestern weht mir der Zugwind im Treppenhause ein Rosapapier vor die Fe, das
dem verliebten Jungen wohl aus einem Schreibheft gefallen sein mag -
selbstverstndlich enthielt es ein glhendes Sonett an Blanka! - Ich bin auer
mir!
    Herr Lamprecht stand noch an seinem Platze, mit dem Rcken nach seiner
Schwiegermama; aber es war eine seltsame Bewegung ber ihn gekommen - er
schwang, genau wie vorhin im Hofe, die geballte Faust auf und ab, als fuchtele
er mit der Reitpeitsche durch die Luft.
    Bah, dieses Milchgesicht! sagte er, als sie wie erschpft schwieg, und
lie die Hand sinken. Er reckte seine herrliche Gestalt hoch empor, und mit
einer militrisch strammen und doch eleganten Schwenkung drehte er sich auf dem
Absatz und stand so gerade dem deckenhohen Spiegel der Fensterwand gegenber,
der ihm ein tiefgertetes, verchtlich lchelndes Gesicht zeigte.
    Dieses Milchgesicht ist der Sohn eines vornehmen Hauses - das vergi
nicht! entgegnete seine Schwiegermutter und hob den Finger.
    Herr Lamprecht lachte hart auf. Verzeihen Sie, Mama, aber ich kann mit dem
besten Willen den Herrn Amtsratssohn ohne Bart, trotz des Glorienscheines seiner
Geburt, nicht fr gefhrlich und verfhrerisch halten!
    Darber magst du die Frauen entscheiden lassen, sagte die Frau Amtsrtin
hrbar empfindlich. Ich habe alle Ursache, zu glauben, da Herbert bei seinen
nchtlichen Promenaden unter der Holzgalerie, dem Balkon dieser Julia -
    Wie - er wagt es? brauste Herr Lamprecht auf - in diesem Augenblick war
sein Gesicht nicht wieder zu erkennen, so furchtbar entstellte der Jhzorn die
schnen Zge.
    Du sprichst von wagen dieser Malertochter gegenber? Bist du von Sinnen,
Balduin? rief die alte Dame tief emprt und stellte sich pltzlich mit fast
jugendlicher Elastizitt auf die kleinen Fe. Aber der Schwiegersohn hielt dem
erbitterten Redestrom, der unausbleiblich erfolgen mute, nicht stand; er
entwich in die Fensterecke - dort trommelte er mit den Fingern so heftig auf den
Scheiben, da sie drhnten.
    Sag mir nur ums Himmelswillen, was ficht dich an, Balduin? rief die Frau
Amtsrtin in etwas herabgemildertem, aber immer noch entsetztem Ton und folgte
ihm in die Fensternische.
    Der Blick hinaus schien ihn wieder zu sich selbst gebracht zu haben. Er
hrte auf zu trommeln und sah seitwrts auf die kleine Frau nieder. Das ist
Ihnen ein Rtsel, Mama? fragte er hhnisch zurck. Soll ich nicht emprt sein,
wenn auf meinem Gebiet - ich will sagen, in meinem Hause - solche Stelldicheins
provoziert werden von dem - Bankrutscher, der er noch ist! - Unverschmt! da
wre wirklich eine eklatante Zchtigung mit der Haselgerte noch ganz am Platze!
Wieder schlugen die Flammen des Zornes gesteigert empor; aber er zwang sie
nieder. Bah, alterieren wir uns nicht, Mama! sagte er ruhiger und zuckte
verchtlich die Achseln. Die Geschichte ist zu jungenhaft dumm! Mit dem
unreifen Brschchen, das gerade jetzt ausschlielich womglich bis ber beide
Ohren im Griechisch und Latein stecken mte, wird man doch wohl noch fertig
werden - meinen Sie nicht?
    Nun sieh, da stehen wir ja auf ganz gleichem Boden, wenn du auch allzuhart
in deinen Ausdrcken bist! rief sie sichtlich erleichtert. Das ist's ja
gerade, weshalb ich dich um eine Besprechung bat... Denke aber ja nicht, da ich
bei dieser Liebelei etwa gar eine Befrchtung fr Herberts Zukunft hege - so
weit wrde er sich nie vergessen -
    Eine Porzellanmalerstochter zu heiraten? - Guter Gott! Seine Exzellenz,
unser zuknftiger Staatsminister! lachte Herr Lamprecht auf.
    Herberts Karriere reizt dich ja heute ganz besonders zum Spott - immerhin!
Was geschehen soll, geschieht trotz alledem, sagte sie spitz. Aber das ganz
beiseite: Ich habe jetzt nur sein bevorstehendes Examen im Auge. Es ist unsere
heilige Pflicht, alles zu beseitigen, was ihn irgendwie abzieht, und das wre
denn in erster Linie diese unglckselige Flamme drben im Packhause.
    Er war, whrend sie sprach, von ihr weggetreten und ging wieder auf und ab.
Und jetzt langte er nach einem der auf einem Bcherbrett stehenden
Miniaturbndchen, schlug es auf und schien den Inhalt zu mustern.
    Die alte Dame zitterte vor Aerger. Eben noch ohne einen eigentlichen Grund
bis zur Tollheit aufbrausend, zeigte er jetzt ein unverhehltes Gelangweiltsein,
eine geradezu impertinente Passivitt! Aber sie kannte ihn ja - er konnte
zuweilen auch recht launenhaft und bizarr sein... Nun, diesmal mute er
stillhalten, bis ihr Zweck erreicht war.
    Ich verstehe brigens nicht, was das Mdchen so lange in Thringen zu
suchen hat, fuhr sie fort. Es hie anfnglich, sie gehe nach England zurck
und sei nur auf vier Wochen zu ihrer Erholung bei den Eltern. Nun sind bereits
sechs Wochen ins Land gegangen, und so sehr ich mich auch bemhe und aufpasse,
ich sehe nicht, da irgendwie zur Abreise gerstet wird... Solche Eltern sind -
fast htte ich gesagt Prgel wert! Das Mdchen liegt buchstblich auf der faulen
Brenhaut. Sie singt und liest, tnzelt hin und her und steckt sich Blumen in
die roten Haare, und die Mutter sieht ihr verzckt zu und plttet auf dem Gange
im Schwei ihres Angesichts Tag fr Tag die hellen Sommerfhnchen, damit das
Prinzechen ja immer recht kokett und verfhrerisch aussieht... Und um dieses
Irrlicht flattern alle Gedanken meines armen Jungen! - Das Mdchen mu fort,
Balduin!
    Die Bltter des Buches raschelten unter seinen immer hastiger umwendenden
Fingern. Soll sie ins Kloster?
    Ich bitte dich instndigst, nur jetzt keinen Scherz! Die Sache ist
bitterernst. Das Wohin ist mir sehr gleichgltig; ich sage nur das Eine: Sie mu
fort aus unserem Hause!
    Aus wessen Hause, Mama? Meines Wissens sind wir hier im Hause Lamprecht,
und nicht auf dem Gute meines Schwiegervaters. Zudem wohnt der Maler Lenz weit
drben ber dem Hofe -
    Ja, das ist eben das Unbegreifliche! fiel sie ein, klug ber seine scharfe
Zurechtweisung hinwegschlpfend. Ich kann mich nicht erinnern, da das Packhaus
je bewohnt gewesen wre.
    Nun ist es aber bewohnt, liebe Mama, sagte er mit fingiertem Phlegma und
warf das Buch lssig auf ein Tischchen.
    Sie zuckte die Achseln. Leider - und ist noch dazu neu tapeziert worden fr
die Leute. Du fngst an, deine Arbeiter zu verwhnen -
    Der Mann ist kein gewhnlicher Arbeiter.
    Mein Gott, er bemalt Tassen und Pfeifenkpfe! Deshalb wirst du ihn doch
wahrhaftig nicht so auszeichnen, da er im Hause des Prinzipals wohnen darf? -
In Dambach ist doch wirklich Platz genug!
    Als ich Lenz vor einem Jahre engagierte, da stellte er die Bedingung, in
der Stadt wohnen zu drfen, weil seine Frau an einem krperlichen Uebel leidet,
das oft pltzlich die rascheste rztliche Hilfe ntig macht.
    Ach so! - Sie schwieg einen Moment, dann sagte sie kurz entschlossen: Nun
gut, dagegen lt sich ja nichts einwenden, und es soll mir auch schon gengen,
wenn die Stimme nicht mehr ber den Hof schallt, und das Hin- und Herschweben
der kleinen Kokette auf dem Gange ein Ende hat. Es gibt ja genug Mietwohnungen
fr kleine Leute in der Stadt.
    Sie meinen, ich soll den Mann Knall und Fall aus seinem stillen Asyl
vertreiben, weil - nun weil er so unglcklich ist, eine schne Tochter zu
haben? - Seine Augen blitzten die alte Dame an - ein dsteres Feuer glomm in
ihnen auf. - Wrden nicht alle meine Leute glauben, Lenz habe sich etwas zu
schulden kommen lassen? Wie drfte ich ihm das anthun? - Das schlagen Sie sich
nur aus dem Sinn, Mama, das kann ich nicht!
    Aber, mein Gott, etwas mu doch geschehen! Das kann und darf nicht so
fortgehen! rief sie in halber Verzweiflung. Da bleibt mir nichts anderes
brig, als selbst zu den Leuten zu gehen und dahin zu wirken, da das Mdchen
abreist. Auf ein Geldopfer, und sei es noch so bedeutend, soll es mir dabei
nicht ankommen.
    Das wollten Sie in der That? - Etwas wie ein geheimes Erschrecken klang in
seiner tonlosen Stimme mit. Wollen Sie sich lcherlich machen? Und vor allem,
wollen Sie mit diesem auffallenden Schritt auch mein Ansehen als Prinzipal in
den Augen aller schdigen? Soll man denken, von Ihrem Privatinteresse hnge das
Wohl und Wehe meiner Leute ab? Das kann ich nicht dulden - er hielt inne; er
mochte wohl fhlen, da er zu heftig fr empfindliche Damenohren wurde. - Es
ist mir stets eine Freude und Genugthuung gewesen, meine Schwiegereltern im
Hause zu haben, setzte er beherrschter hinzu, und das Gefhl der
unumschrnkten Herrschaft in Ihrem Heim ist Ihnen gewi niemals beeintrchtigt
worden; ich habe wenigstens zu allen Zeiten streng darauf gehalten, da keines
der Ihnen zugestandenen Rechte auch nur um ein Jota verkmmert werde. Dafr
verlange ich aber auch, da kein Uebergriff in mein Departement stattfindet.
Verzeihen Sie, liebe Mama, aber darin verstehe ich keinen Spa; ich knnte da
vielleicht sehr unangenehm werden, und das wre fr beide Teile nicht
wnschenswert! -
    Bitte, lieber Sohn, du steigerst dich in ganz unmotivierter Weise! fiel
die Frau Amtsrtin khl, mit einer vornehm abwehrenden Handbewegung ein. Und im
Grunde ist es ja doch nichts als eine Laune, die du so hartnckig verfichtst -
ein andermal wird es dir vollkommen gleichgltig sein, ob der Herr Maler Lenz
samt Familie ein Dach ber dem Hause hat, oder nicht - dafr kenne ich dich! -
Nun immerhin! Selbstverstndlich bin ich die Nachgebende. Vorlufig werde ich
freilich gezwungen sein, fortwhrend auf Wachtposten zu stehen, und keine ruhige
Stunde mehr haben -
    Da seien Sie ganz ruhig, Mama! Sie haben an mir den besten Verbndeten!
sagte er unter einem sardonischen Auflachen. Mit den nchtlichen Promenaden und
schwlstigen Sonetten hat es ein Ende - mein Wort darauf! Wie ein Bttel werde
ich dem verliebten Jungen auf den Fersen sein; darauf knnen Sie sich
verlassen!
    Drauen wurde die Flurthre geruschvoll geffnet und trippelnde Schritte
kamen ber den Saal.
    Drfen wir hereinkommen, Papa? rief Margaretens Stimmchen, whrend ihre
kleinen Finger krftig anklopften.
    Herr Lamprecht ffnete selbst die Thre und lie die beiden Kleinen
eintreten. Na, was gibt's? - Das Dietendrfer Gebck habt ihr gestern
aufgegessen, ihr Leckermuler, und das Naschkstchen ist leer -
    Ach bewahre, Papa, das wollen wir gar nicht! Heute gibt's Napfkuchen
unten! sagte das kleine Mdchen. Tante Sophie will nur den Schlssel haben -
den Schlssel zu der Stube hinten in dem dunklen Gange, die immer zugeschlossen
ist -
    Und wo die Frau aus dem roten Salon vorhin in den Hof heruntergesehen hat,
vervollstndigte Reinhold.
    Was ist das fr ein Kauderwelsch? Und was soll das unsinnige Gewsch von
der Frau aus dem roten Salon? schalt Herr Lamprecht mit barscher Stimme, ohne
jedoch ein gewisses beklommenes Aufhorchen verbergen zu knnen.
    Ach, das sagt ja die dumme Brbe nur so, Papa! Die ist ja doch so
schrecklich aberglubisch, entgegnete Margarete... Und nun erzhlte sie von
dem, was sie am Fenster gesehen haben wollte, von dem groen rotblumigen Boukett
in dem verschossenen Vorhang, das sich pltzlich zu einem breiten, dunklen Spalt
auseinander gethan, von den schneeweien Fingern und der Stirn mit den hellen
Haaren, und wie Tante Sophie dabei bleibe, die Sonne sei es gewesen, was doch
gar nicht wahr sei - und Herr Lamprecht wandte sich seitwrts und griff nach dem
hingeworfenen Miniaturbndchen, um es wieder auf das Bcherbrett zu stellen.
    Ohne allen Zweifel ist es die Sonne gewesen, du Nrrchen! Tante Sophie hat
ganz recht, sagte er, und erst nachdem das Buch mit peinlicher Genauigkeit
wieder eingereiht war, drehte er sich um. Ueberlege dir's doch selber, Kind!
gab er ihr zu bedenken und tippte lchelnd mit dem Zeigefinger gegen die Stirn.
Du kmmst herauf, um den Schlssel zu der festverschlossenen Stube zu holen,
und ich habe ihn auch - er hngt dort im Schlsselschrnkchen. - Kann nun ein
Wesen von Fleisch und Bein durch Thrfugen kriechen?
    Die Kleine stand da und blickte nachdenklich vor sich hin. Ueberzeugt war
sie nicht, das sah man; auf der breiten, trotzigen Kinderstirn war deutlich zu
lesen: Was meine Augen gesehen, das lasse ich mir nicht ausreden! - ein
Gesichtsausdruck, den besonders die Gromama nicht vertragen konnte. Und so
hatten auch Papas Argumente weiter keinen Erfolg, als da das Kind ernsthaft
sagte: Du kannst mir's glauben, Papa, es war ganz gewi Gromamas
Stubenmdchen!
    Herr Lamprecht lachte laut auf, und die Frau Amtsrtin konnte trotz ihres
Aergers nicht umhin, leise einzustimmen. Die Emma, Kind? Nun, Gott bewahre
mich, was fr tolles Zeug spukt in deinem Kopfe, Grete! - Weit du auch, wandte
sie sich mit bedeutungsvollem Augenzwinkern an ihren Schwiegersohn, da uns die
Leute im Hause wieder einmal das Leben recht schwer machen von wegen der
bewuten, neuaufgewrmten Sage? Reinholds Erwhnung der Frau im roten Salon mag
dir beweisen, da die dummen Menschen selbst vor den Kindern den Mund nicht
halten knnen. Ein jedes will etwas gesehen haben, und diesmal nicht etwa bloe
Schatten und Wolken von Spinnweben - die Emma zum Beispiel schwur unter Zittern
und Zhneklappern, das gewisse Huschende sei nichts weniger als durchsichtig
gewesen, und aus den fliegenden Schleiern habe sich fr einen Moment ein Arm
gehoben, so wei und rund! ... Sie nickte sprechenden Blickes ausdrucksvoll mit
dem Kopfe und prete die verschlungenen Hnde gegen die Brust. - Wenn nur nicht
bereits eine direkte Beziehung zwischen Herbert und gewissen Leuten dahinter
steckt! - Der Gedanke macht mir das Blut sieden.
    Sapristi - das wre! meinte Herr Lamprecht mit einem dmonischen Lcheln,
wobei er sich den Bart strich. Da wrden sich freilich Argusaugen und nie
schlafende Ohren ntig machen... Ich habe es brigens satt bis zum Ueberdru,
dieses ewige Gekltsch unter unseren Leuten - das Haus kommt frmlich in Verruf!
Es ist von jeher ein Fehler gewesen, da man den Flgel so gar nicht benutzt
hat; dadurch hat das verrckte Traumgespenst einer alten Amme von Jahr zu Jahr
an Boden gewonnen. Dem will ich ein Ende machen! Am liebsten nhme ich gleich
ein paar Porzellandreher samt Familien aus Dambach herein; aber die Leute mten
dann stets durch den Flursaal, an meinen Thren vorbei, und der Lrm pat mir
nicht! - Da werde ich den kurzen Proze machen und selbst einmal eine Zeitlang
ab und zu in Frau Dorotheens Zimmern hausen -
    Das wre allerdings ein Radikalmittel! warf die Frau Amtsrtin lchelnd
ein.
    Und eine verschliebare Thre, die den Gang nach dem Flursaal hin
abschlsse, wre wohl auch am Platze - da htten die Hasenfe, die hier oben zu
thun haben, keinen Grund mehr, um die Ecke zu schielen und sich so lange mit
Wonne zu gruseln, bis sie ihr eigenes Hirngespinst gesehen... Ich will mir die
Sache einmal berlegen!
    Er griff nach einer Bonbonniere auf dem Schreibtisch. - Na seht, da haben
sich ja doch noch so ein paar Leckerle verkrochen! sagte er und fllte den
Kindern die Hndchen mit Bonbons. So - nun geht wieder hinunter! Der Papa hat
viel zu schreiben.
    Und der Schlssel, Papa? Hast du den ganz vergessen? fragte die kleine
Margarete. Tante Sophie will jetzt gleich hinauf und die Fenster aufmachen. Sie
sagt, es kme kein Regen, und die Nachtluft mte einmal so recht durchfegen;
und morgen sollen die Stuben und der Gang gescheuert werden.
    Herr Lamprecht wurde rot vor Aerger. Zum Henker mit dieser ewigen
Scheuerei! brach er los und fuhr ungeduldig mit der Hand durch sein reiches
Haar. Vor einigen Tagen hat der Flursaal frmlich geschwommen, und das Scharren
und Kratzen der Scheuerwische brummt mir heut noch in den Ohren... Daraus wird
nichts! Gehe du nur hinunter, Gretchen, und sage der Tante, das habe Zeit, ich
wrde selbst mit ihr sprechen!
    Die Kinder trollten sich, und auch die Frau Amtsrtin zog die Pelerine
fester ber die Schultern, um zu gehen. Sie verabschiedete sich in ziemlich
gemessener Weise. Ihre Herzensbeklemmung war sie nicht losgeworden; der Herr
Porzellanmaler sa fester als je im Packhause, und der sonst so ritterlich
galante Schwiegersohn fing an, recht unangenehm bockbeinig zu werden. Und auch
jetzt, trotz seiner respektvollen Verbeugung, zeigten seine Augen nichts weniger
als Reue und Abbitte - weit eher die heimliche, brennende Ungeduld, allein zu
sein. - Sichtlich gergert rauschte sie hinaus.
    Er blieb bewegungslos mitten im Zimmer stehen. Drauen fiel die Flurthre
ins Schlo, dann trippelten die Goldkferschuhchen Stufe um Stufe aufwrts; er
horchte, bis auch der letzte Laut im hallenden Treppenhause erstarb - dann
sprang er mit einem Satze an den Schreibtisch, ri die Briefmappe an sein Herz,
an seinen Mund, strich mit der Hand wiederholt ber das kleine Aquarellbild, als
wolle er den Blick der alten Dame, der darauf geruht, fortwischen, und verschlo
die Mappe in den Schreibtischkasten. Das war das Werk einiger Sekunden gewesen.
Gleich darauf war das Zimmer leer... Dafr kamen bald leichte Abendschatten
herein; der Rosaschein erblate, und im Zwielicht wurde das von der Wand
herniedersehende Bildnis der verstorbenen Frau Fanny unheimlich lebendig, so
sprechend lebendig, als werde die lebensgroe Gestalt im nchsten Augenblick die
graue Atlasschleppe aufnehmen und auf den Teppich herniedersteigen, um, grau und
hager und die groen Augen voll leidenschaftlichen Feuers, dahinzuhuschen, wie -
die selige Frau Judith...

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Drunten in der Familienwohnung war man inzwischen mit den Strapazen des
berhmten Bleichtages glcklich zu Ende gekommen. Brbe hantierte bereits wieder
in ihrer blitzblanken, gerumigen Kche und bereitete das Abendessen. Der
Kalbsbraten wurde pnktlich besorgt und Salat und Kompotte hergerichtet; aber es
ging dabei nicht besonders friedfertig zu. Das Kchengeschirr klapperte
verdchtig laut gegeneinander, Kartoffeln rollten und hpften vom Kchentisch
auf den Boden, und die Thre der Bratmaschine rasselte auf und zu, als sollte
sie aus den Angeln fliegen... Jungfer Brbe war in der grimmigsten Laune. Tante
Sophie hatte ihr nochmals in ganz exemplarischer Weise den Text gelesen, weil
sie die Waschfrauen mit ihrer drastischen Beschreibung des wackelnden Vorhanges
so kopfscheu gemacht hatte, da sie es ablehnten, die Scheuerei in dem
spukhaften Flgel zu besorgen... Also auer dem Schreck auch noch eine
Strafpredigt fr die alte Brbe, die sich noch ntigenfalls totschlagen lie fr
die Familie Lamprecht - Notabene, fr Frulein Sophie noch ganz extra! ... War
man denn wirklich so stockblind, so verrannt in Leichtsinn und Unglauben, da
man nicht sah, wie das Unheil schon ber dem Hause stand, dick und
kohlrabenschwarz wie das schnste Hagelwetter? Hatte es nicht jedesmal Tod und
Verderbnis zu bedeuten, wenn die Geister in dem dunklen Gange hin und her
liefen? Da brauchte man nur durch die Stadt zu gehen - jawohl, von Haus zu Haus
konnte man gehen, und in den Damengesellschaften, wie bei den Weibern am
Waschtrog, berall konnte man Dinge ber das Unwesen in Lamprechts Hause zu
hren kriegen, da einem die Haare zu Berge standen. Aber da sa man nun
urgemtlich drben am Wohnstubenfenster und flickte dem Speisemeister in der
Hochzeit zu Kana das zerrissene Gesicht wieder zusammen, als ob alles Heil der
Welt von dem alten Tafeltuch abhnge und sonst nichts als eitel Sonnenschein im
Hause wre! Na, immer zu! Einmal kam's, das stand fest! ... Und die
Kchenkassandra griff bei diesem Monolog ab und zu nach einem groen irdenen
Topf auf der Bratmaschine, um mit einem Schluck verspteten Nachmittagskaffees
den Aerger hinunterzuwrgen.
    Man sa brigens nicht so urgemtlich am Wohnstubenfenster; denn es war
eine bse Aufgabe fr Tante Sophiens kunstfertige Hand, die Zge des
Speisemeisters wieder in die ursprnglichen Linien zu bringen, ohne da die
Stopferei sichtbar wurde. Und so beraus behaglich fhlte sich Margarete am
anderen Fenster auch nicht. Die Heidelbeerflecken waren mittels einer sauberen
Schrze dem beleidigten Auge entzogen worden; dann hatte Tante Sophie die Kleine
bei den Schultern gefat und sehr energischer Weise an den groen Tisch im
Fensterbogen dirigiert. So - nun werden die Schularbeiten gemacht! Und Klexe
gibt's nicht - nimm dich zusammen, Gretel! hatte sie gesagt.
    Da hie es nun stillsitzen, inmitten der vier dicken Wnde und den
Federhalter fest umklammern, auf da er nicht seine Extraspaziergnge auf dem
weien Papier mache! ... Droben am Abendhimmel frbten sich die Schferwlkchen
rosenrot; das Fenster stand offen und aus der gegenberliegenden,
bergansteigenden Gasse quollen ganze Strme sen Lindenbltenduftes herber;
sie kamen durch das Turmthor der Stadtmauer, in welchem die Gasse droben
mndete, und ber die uralten, geschwrzten Mauern selbst her, hinter welchen
die prachtvolle Lindenallee hinlief.
    Und vom Marktplatz schallte allerhand Thun und Treiben herein. Lehrjungen
gingen pfeifend mit der weitbauchigen Steinflasche vorbei, um das Abendbier zu
holen; aus allen Gassen kamen Mdchen und Frauen mit Holzbutten an den
Marktbrunnen, und die Mgde hielten Blechsiebe unter das Brunnenrohr und lieen
das frische, glitzernde Wasser ber den grnen Beetsalat hinrauschen - das war
so hbsch, man mute immer wieder hinsehen. Und unter dem Fenster neckten sich
im Vorbergehen zwei kleine Bettelmdchen. Margarete bog sich hinaus, griff in
die Tasche und warf ihnen die vom Papa erhaltenen Bonbons in die aufgenommenen
Schrzchen. Recht, Gretel! meinte Tante Sophie. Ihr nascht mir in der letzten
Zeit ohnehin viel zu viel, und die Kinder freut's.
    Ich verschenke meine Bonbons nicht, sagte Reinhold, der auf dem Etisch
einen Turm von seinen Bausteinen aufstellte. Ich hebe sie mir auf. Brbe sagt
auch immer bei allem, wer wei, wie man's wieder brauchen kann!
    Potztausend, unserem Jungen guckt ja der Kaufmann aus allen Hautfltchen!
lachte Tante Sophie und stopfte emsig weiter.
    Ja, die Tante hatte Recht - sie naschten in der letzten Zeit viel zu viel,
die beiden Kinder! Das se Zeug wollte gar nicht mehr munden... Wie anders doch
der Papa geworden war! Frher waren sie stundenlang oben bei ihm gewesen; er
hatte sie auf seinem Rcken reiten lassen, hatte ihnen Bilder gezeigt und
erklrt, Geschichten erzhlt und Papierschiffchen gemacht, und jetzt? - Jetzt
lief er immer im Zimmer auf und ab, wenn sie kamen; er machte auch fter bse
Augen und sagte barsch, sie strten ihn, er knne sie nicht brauchen. An die
hbschen Papierschiffchen war nicht mehr zu denken, ebensowenig an das Erzhlen
von Mrchen und anderen schnen Geschichtchen - - der Papa sprach lieber mit
sich selber, man konnte es nur nicht verstehen, es war blo gemurmelt. Er fuhr
sich auch manchmal mit beiden Hnden durch die Haare und stampfte mit dem Fue
auf, und wute wohl gar nicht mehr, da die Kinder da waren; und wenn er sich
dann besann, da stopfte er ihnen schnell die Taschen und Hnde voll ser Sachen
und schob sie zur Thre hinaus, weil er schreiben, viel schreiben msse... Ja,
das dumme Schreiben - man konnte es schon deswegen nicht ausstehen! - Und nach
all diesen deprimierenden Reflexionen mit ihrem haerfllten Schlugedanken
wurde die Feder zornig tief ins Tintenfa getaucht, und da lag der allerschnste
Klecks auf dem Papiere.
    Du Unglckskind! schalt Tante Sophie und kam schleunigst herber. Das
Lschblatt war zur Hand, aber beim Suchen nach dem Radiermesser mute Gretel
kleinlaut eingestehen, da der Herr Direktor ihr das Messer weggenommen, weil
sie in der langweiligen Rechenstunde am Schultisch geschnitzelt habe. Und ehe
noch Tante Sophie ihrer sehr begrndeten Entrstung Luft machen konnte, war die
Kleine schon zur Thre hinaus, um beim Papa ein Federmesser zu borgen.
    Wenige Sekunden nachher stand sie mit sehr verdutztem Gesicht droben vor dem
Zimmer. Die Thre war verschlossen; es steckte kein Schlssel, und durch das
Schlsselloch konnte sie sehen, da der Stuhl vor dem Schreibtisch leer stand...
Ja, was sollte denn das heien? - Es war ja gar nicht wahr, das, was der Papa
vom vielen Schreiben gesagt hatte - er schrieb nicht, er war gar nicht zu Hause!
    Die Kleine sah sich um in dem weiten, mchtig groen Flursaal. Er war ihr ja
so vertraut, und doch in diesem Augenblick so wunderlich neu und anders... Wie
oft tollte und jagte sie mit Reinhold hier herum; aber sie konnte sich nicht
erinnern, je allein hier oben gewesen zu sein.
    Nun war es zwar etwas dmmerig, aber so feierlich, so schn still in dem
Flursaal! Durch seine hohen Fenster sah man ber den Hof und das sehr
tiefgelegene, niedere Packhaus hinweg, weit in die grne, blhende Welt hinaus.
Auf den Kredenztischen stand allerlei funkelndes Trinkgert, und die Sthle mit
den gelben Samtbezgen hatten auf dem dunkelholzigen Rcklehnengestell
geschnitztes fremdartiges Gevgel zwischen Tulpen und langstieligem Blattwerk...
Tintenklecks und Federmesser waren total vergessen; der bermtige Wildfang mit
dem rckhaltslosen, derb aufrichtigen Wesen wandelte verschleierten Blickes von
Stuhl zu Stuhl, strich mit der Hand ber den verblichenen Samt und trumte sich
in eine wunderliche Gedankenwelt, die kein Laut von auen strte.
    Der letzte Stuhl stand in der Ecke, ziemlich nahe der Thre, die in den
roten Salon fhrte, und von da aus sah man schrg in den dunklen Gang hinter
Frau Dorotheens Sterbezimmer hinein. Auch er, an dessen entgegengesetztem Ende
in diesem Augenblick ein letztes rosiges Abendwlkchen durch das hochgelegene
kleine Fenster hereinstrahlte, war ihr vertraut, er hatte nie Schrecken fr sie
gehabt. Reinhold blieb freilich konsequent am Eingang stehen und traute sich nie
weiter; aber sie durchma ihn immer wieder bis zu dem Treppchen, welches
seitwrts zur Bodenthre des Packhauses fhrte. Auf der einen Seite unterbrachen
schngetfelte Zimmerthren die einfrmige Wandflche, und an der Rckwand
standen zweithrige Kleiderschrnke mit Metallbeschlgen.
    Tante Sophie hatte diese Schrnke auch einmal aufgeschlossen und gelftet,
und Margarete hatte hineinsehen drfen. Da hing eine kostbare Brokatschleppe
neben der anderen, farbenbunt, und zum Teil auch schwer mit Gold und Silber
durchwirkt - lauter Staatskleider Lamprecht'scher Hausfrauen. Auch Frau Judiths
Brautkleid, ihre Brautschuhe, wahre Ungetme von Stckelschuhen, waren
piettvoll hier aufbewahrt; sie war ja die einzige Tochter und Erbin eines
vornehmen, sehr begterten Hauses gewesen, ein bedeutender Teil des
Lamprecht'schen Reichtumes stammte von ihrer Mitgift her. Das wute die kleine
Margarete nicht; sie wrde wohl auch kein Verstndnis dafr gehabt haben - sie
suchte nur manchmal mit ihren kleinen Hnden an den Schrankthren zu rtteln, um
den geheimnisvollen Laut, das Aneinanderreiben der steifen Seide, herauszuhren.
    Nun war sie auch einmal mutterseelenallein hier. Der kleine Bruder war nicht
da, um sie am Rock zurckzuzerren, und sein ngstlicher Zuruf strte sie nicht.
Sie huschte tiefer in den Gang hinein und wollte eben vor einem der Schrnke
stehen bleiben, als sie ganz deutlich ein Gerusch hrte, wie wenn jemand in
ihrer Nhe wiederholt auf ein Thrschlo griffe. Die Kleine horchte auf, zog in
vergnglicher Ueberraschung den Kopf zwischen die Schultern, kicherte in sich
hinein und schlpfte in das dunkelnde Versteck neben dem Schrank, von wo sie die
schrg gegenberliegende Thre sehen konnte... Na, aber die Augen wollte sie
sehen, die Tante Sophie machen wrde, wenn sie hrte, da es die Sonne doch
nicht gewesen war! Und die Gretel behielt recht, Emma war es gewesen, und wenn
sie zehnmal that, als frchte sie sich - sie steckte ja noch drin im Zimmer! Der
konnte ein tchtiger Schrecken nicht schaden, ganz und gar nicht!
    In diesem Augenblick ging die Thre lautlos auf, und hinter ihr trat ein
kleiner Fu von der erhhten Schwelle auf die Gangdielen herab; dann huschte es
ganz wei aus dem schmalen Spalt, zu welchem sich die Thre geffnet hatte...
Von dem weien Latzschrzchen und dem kokettgerafften Falbelkleid des
Stubenmdchens war nun freilich nichts zu sehen; ein dichter Schleier fiel
vermummend vom Scheitel ber die ganze Gestalt her, und seine Spitzenkante
schleifte auf den Dielen nach. Aber es war doch Emma, die sich da einen Spa
machte - sie hatte solch ein Fchen und trug stets nette Schuhe mit hohen
Abstzen und Bandrosetten. Vorwrts, drauf! Das gab einen famosen Spa!
    Gewandt wie ein Ktzchen schlpfte das Kind aus seinem Versteck, flog der
Dahinhuschenden nach, warf sich mit der ganzen Schwere des kleinen Krpers von
rckwrts ber die Gestalt her und umklammerte sie mit beiden Armen; dabei
geriet ihre kleine Rechte durch eine Schleierffnung in das weiche, ber die
Hfte herabhngende Gewoge einer gelsten Haarflechte - sie griff fest zu und
zog zur Strafe fr den dummen Witz so derb an den Haarenden, da sich der
vermummte Kopf tief nach dem Nacken zurckbog...
    Ein Schreckensschrei, dem ein klagender Wehlaut folgte, scholl durch den
Gang - was dann geschah, kam so blitzschnell, so unerwartet, da die Kleine sich
nie, auch spter nicht eine klare Vorstellung machen konnte. Sie fhlte sich
gepackt und geschttelt, da ihr Hren und Sehen verging, ihr kleiner Krper
flog wie ein Ball um eine ganze Strecke, fast bis zum Eingang des Korridors,
zurck und strzte zu Boden.
    Sie blieb, wie betubt, mit geschlossenen Augen liegen, und als sie endlich
die Lider hob, da stand ihr Vater bei ihr und sah auf sie nieder. Aber sie
erkannte ihn kaum - sie entsetzte sich vor ihm und schlo unwillkrlich die
Augen wieder, instinktmig fhlend, da etwas Schreckliches kommen msse; denn
er sah aus, als wisse er nicht, solle er sie erwrgen oder zertreten.
    Steh auf! Was thust du hier? fuhr er sie mit kaum erkennbarer Stimme an,
packte sie mit rauhem Griff und stellte sie auf die Fe.
    Sie schwieg; der Schrecken, aber auch das Unerhrte der grausamen
Behandlung, verschlo ihr die Lippen.
    Hast du mich nicht verstanden, Grete? fragte er in etwas beherrschterem
Ton. Ich will wissen, was du hier treibst!
    Ich wollte zuerst zu dir, Papa; aber die Thre war verschlossen, und du
warst nicht zu Hause -
    Nicht zu Hause? Unsinn! schalt er und trieb sie vor sich her. Die Thre
war nicht verschlossen, sag' ich dir - du wirst ungeschickt beim Oeffnen gewesen
sein! Ich war hier im roten Salon - er zeigte nach der Thre, auf welche er die
Kleine zuschob - als ich dein Geschrei hrte.
    Margarete stemmte die Fe fest auf den Boden, so da Herr Lamprecht auch
stehen bleiben mute, und wandte ihm das Gesicht zu. Ich habe doch nicht
geschrieen, Papa? sagte sie mit weit geffneten, erstaunten Augen.
    Du nicht? Wer denn sonst? Du wirst mir doch nicht weismachen wollen, da
noch jemand auer dir hier oben gewesen ist? - Er war ganz rot im Gesicht, wie
immer, wenn er zornig und ungeduldig wurde, und seine Augen blitzten sie drohend
an.
    Sie sollte gelogen haben! In dem Kind, welches die Aufrichtigkeit selbst
war, emprte sich jeder Blutstropfen. Ich mache dir nichts weis, Papa! Ich sage
die Wahrheit! beteuerte sie, mutig und ehrlich zu den flammenden Augen
aufblickend. Du kannst dich darauf verlassen, es war jemand hier oben! Ein
Mdchen war's. - Sie kam aus dem Zimmer, weit du, wo ich die Stirn mit den
hellen Haaren am Fenster gesehen habe. - Ja, da kam sie heraus und hatte Schuhe
mit Bandrosetten an, und wie sie weiterlief, da hrte ich, wie die Abstze auf
den Dielen klapperten -
    Bist du toll? Er drehte sich mit einem Ruck nach dem Gange zurck. Das
rote Abendwlkchen war inzwischen weiter gesegelt, und durch das hochgelegene,
kleine Fenster sah nur noch der abgeblate Himmel herein - ein graues
Dmmerdunkel fing an, den langen Korridor zu fllen.
    Siehst du noch etwas, Grete? fragte er, hinter ihr stehend und mit seinen
beiden Hnden schwer auf die Schultern des Kindes drckend. Nein? - Dann nimm
auch Vernunft an, Kind! Durch den Flursaal htte das vermeintliche Mdchen nicht
entwischen knnen, denn wir selbst wrden ihr den Weg versperrt haben; die
Thren, wie wir sie da sehen, sind verschlossen, das wei ich am besten, denn
ich habe die Schlssel - glaubst du aber, es knne ein Mensch auf dem einzigen
Weg, der brig bliebe, durch das Fensterchen dort oben, hinausfliegen?
    Scheinbar ruhiger nahm er sie bei der Hand und fhrte sie an eines der
Flursaalfenster. Er zog sein Taschentuch heraus und wischte ihr die Thrnen vom
Gesicht, die ihr Schreck und Entsetzen vorhin erpret hatten; sein Blick schmolz
pltzlich in schmerzlichem Mitleid. Weit du nun, da du ein rechtes Nrrchen
gewesen bist? fragte er lchelnd, wobei er sich tief bckte, um in ihre Augen
zu sehen.
    Sie schlang strmisch ihre kleinen Arme um seinen Hals. Ich habe dich so
lieb, so lieb, Papa! beteuerte sie mit der ganzen Inbrunst eines heien,
zrtlichen Kinderherzens und drckte ihr schmales, sonnengebruntes Gesichtchen
an seine Wange. Aber du darfst auch nicht denken, da ich gelogen habe... Ich
habe vorhin nicht geschrieen - sie war's! Ich dachte, es sei Emma und wollte sie
fr ihren dummen Spa erschrecken. Aber Emma hat ja gar nicht so langes Haar,
das fllt mir eben ein, und meine Hand riecht noch nach Rosenl, weil ich den
Zopf festgehalten habe, und das ganze Mdchen roch wie die schnsten Rosen -
Emma ist's doch wohl nicht gewesen, Papa! ... Durch das kleine Fenster kann
freilich niemand fliegen; aber vielleicht war die Thre an der kleinen Treppe
offen, weit du, die Bodenthre vom Packhaus -
    Er hatte schon vorhin, ungestm emporfahrend, ihre Arme von seinem Nacken
gelst, und jetzt unterbrach er sie mit einem lauten Auflachen; aber trotz
dieses Lachens sah er pltzlich so bla und so furchtbar bse aus, da sich das
Kind scheu in die Fensterecke drckte.
    Du bist ein obstinates, dickkpfiges Geschpf! zrnte er und seine Stirn
zog sich immer finsterer zusammen. Die Gromama hat recht, wenn sie sagt, die
richtige Zucht fehle. Um deinen Kopf zu behaupten, fabelst du das ungereimteste
Zeug zusammen... Wer mchte sich wohl in eine Rumpelkammer voll Ratten und
Musen verkriechen, blo um ein kleines Mdchen, wie du eines bist, zu necken?
... Aber ich wei schon, du bist zu viel in der Gesindestube, und da wird dir
der Kopf mit Fraubasen- und Spinnstubengeschichten vollgestopft, und nachher
trumst du am hellen Tage unmgliche Dinge. Dabei bist du wild wie ein Junge,
und Tante Sophie ist viel zu schwach und nachgiebig. Die Gromama hat mich
lngst gebeten, der Sache ein Ende zu machen, und das soll nun geschehen, und
zwar sofort! Ein paar Jahre in fremder Zucht werden dich zahm und anstndig
machen!
    Ich soll fort? schrie das Kind auf.
    Fr ein paar Jahre, Grete, sagte er milder. Sei vernnftig! Ich kann dich
nicht erziehen; Gromamas Nerven aber sind zu angegriffen, um dein ungestmes
Wesen in stetem Umgang zu ertragen, und Tante Sophie - nun, die ganze Wirtschaft
liegt auf ihr, und sie kann sich nicht so um dich kmmern, wie es sein mte -
    Thue es nicht, Papa! fiel sie mit einer fr ein Kind fast unnatrlichen
festen Entschlossenheit ein. Es hilft dir nichts - ich komme doch wieder!
    Das wollen wir sehen -
    Ach, du hast ja keinen Begriff, wie ich laufen kann! ... Weit du noch, wie
du dem Herrn in Leipzig unseren Wolf geschenkt hattest und wie der gute alte
Hund nachher einmal frhmorgens drauen vor unserer Hausthre lag, todmde und
schrecklich hungrig? Er hatte sich gesehnt, der arme Kerl, und da hatte er den
Strick zerrissen und war fortgelaufen, und so mache ich's auch! - Ein
herzzerreiendes Lcheln flog um den bebenden Mund.
    Glaub's schon, unbndig genug bist du ja! Allein es wird dir wohl nichts
brigbleiben, als dich zu fgen - mit solchen kleinen Trotzkpfen macht man
kurzen Proze! sagte er streng. Er wandte sich dabei weg und sah anscheinend
durchs Fenster in den Hof hinab; in Wahrheit jedoch glitt sein scheuer
Seitenblick ber das Gesichtchen, das jetzt einen furchtbaren inneren Aufruhr
widerspiegelte, und wie von einem unwiderstehlichen Impuls getrieben, bog er
sich rasch wieder nieder und strich mit der Hand sanft ber die weiche,
pltzlich von einer wahren Fieberhitze berglhte Wange des Kindes.
    Geh, sei mein gutes Mdchen! redete er ihr zu. Ich bringe dich selbst
fort - wir reisen zusammen. Und schne Kleider sollst du haben, ganz wie unsere
kleinen Prinzessinnen.
    Ach, schenke sie lieber einem anderen Kind, Papa! versetzte die Kleine
tonlos. Bei mir gibt's immer schon am ersten Tage Risse und Flecken. Brbe sagt
immer: Es ist schade um jede Elle Zeug, die der kleine Reiteufel auf den Leib
kriegt, und da hat sie ganz recht! - Ich will aber auch gar nicht so sein, wie
die kleinen Mdchen im Schlosse - sie hob trotzig den Kopf und hrte auf, an
ihren Fingern nervs zu pflcken -; ich kann sie nicht leiden, weil die
Gromama immer so vor ihnen knickst.
    Ein sarkastisches Lcheln huschte ber Herrn Lamprechts Gesicht; gleichwohl
sagte er in strengem Ton: Siehst du, Grete, das ist's eben, was die Gromama so
oft in Verzweiflung bringt! Du bist ein unhfliches, kleines Ding und hast die
allerschlechtesten Manieren - man mu sich deiner schmen. Es ist die hchste
Zeit, da du fortkommst!
    Die Kleine schlug ihre feuchtflimmernden Augen sprechend zu ihm auf. Hat
denn meine Mama auch fortgemut, als sie noch ein kleines Mdchen war? fragte
sie, das hervorbrechende Weinen mhsam niederkmpfend.
    Eine dunkle Blutwelle scho ihm in das Gesicht. Deine Mama ist immer ein
sehr artiges, folgsames Kind gewesen, da war es nicht ntig. - Er sprach mit so
gedmpfter Stimme, als sei auer ihm und dem Kinde noch irgend ein horchendes
Wesen im Flursaal, vor welchem sich der laute Ton scheue.
    Ich wollte, sie wre wieder da, die arme Mama! - Sie hat freilich Holdchen
lieber auf den Scho genommen, als mich, aber da hat es doch nie geheien, da
ich fort sollte... Eine Mama ist doch besser als eine Gromama! Wenn die ins Bad
reist, da freut sie sich und sagt kaum Adieu. Sie wei nicht, wie ein Kind alle
lieb hat, alles, Papa, auch unser Haus, ach, und Dambach - sie hielt inne, als
breche ihr kleines Herz schon bei dem Gedanken an eine Trennung. Das Kpfchen
nahezu an die Fensterscheibe gedrckt, suchte sie mit flehentlichem Aufblick die
Augen des stattlichen Mannes, der die Finger leise auf der Brstung spielen lie
und sichtlich mit einer inneren Bewegung rang.
    Er schwieg bei der beredten Klage des Kindes. Sein Blick schweifte lange
ziellos ber die weite Landschaft drauen, und als er sich endlich senkte, da
ging ein jher Ruck durch die hohe Gestalt, und die Finger hrten auf zu
spielen... Der Papa war erschrocken - ber was denn? Es war weit und breit
nichts zu sehen. Die Sonne war lngst fort; auf den Feldern drben rhrte und
regte sich nichts; von den ein- und ausfliegenden Schwalben lie sich keine mehr
blicken; auch die Mwchentauben, die tagsber das Dach des Packhauses
umflatterten, hatten den Schlag aufgesucht, und auf dem stillen Gange unter den
Bltterrundbogen des Pfeifenstrauches stand ja nur Blanka Lenz, wie an jedem
Abend, seit sie aus England gekommen war...
    Diesmal aber hatte das Kind keine Augen fr das schne weie Gesicht, das
wie Mondlicht sanft aus dem dunklen Blattwerk drben dmmerte - es sah nur, wie
der Papa tief aufseufzte, wie er sthnend mit beiden Hnden nach den Schlfen
fuhr und sie prete, als drohe ihm der Kopf zu zerspringen.
    Die Kleine schmiegte sich an seine Seite und blickte noch dringlicher zu ihm
empor. Hast du mich noch lieb, Papa?
    Ja, Grete. - Er sah sie aber nicht an, er starrte immer auf denselben
Punkt.
    Gerade so lieb, wie du Reinhold lieb hast? Ja, Papa?
    Nun ja doch, Kind!
    Ach, da bin ich froh! Da wirst du mich doch auch hier lassen! - Wer sollte
denn auch mit Holdchen spielen? Wer sollte denn sein Pferdchen sein, wenn ich
nicht mehr da bin? Andere Kinder thun's nicht, weil er so schlimm mit der Gerte
haut. Gelt, Papa, es war nicht dein Ernst mit dem Fortreisen? Du hast mir nur
gedroht, weil ich so wild wie ein Junge bin? Aber ich will nun besser werden,
ich will auch hflich gegen die kleinen Prinzessinnen sein! ... Gelt, ich darf
dableiben, bei dir und allen? Papa, hrst du denn nicht?
    Herr Lamprecht zuckte bei der Berhrung der kleinen, seinen Arm schttelnden
Hand wie aus einem marternden Traum empor. Gott im Himmel, Kind, qule mich
nicht auch mit deinen entsetzlichen Fragetnen! Es ist zum Verrcktwerden! fuhr
er das zurckschreckende Kind an. Er whlte mit beiden Hnden in seinem Haar,
prete sich wiederholt die Stirn und schritt ein paarmal in wilder Hast auf und
ab.
    Es mochten eben nur die monotonen Fragetne gewesen sein, die ihn in ihrer
dringlichen Wiederholung irritiert hatten - den Sinn derselben erfate er wohl
erst nachtrglich, als er ruhiger wurde. Du machst dir einen ganz falschen
Begriff, Gretchen! sagte er endlich stehen bleibend in milderem Ton. Dort,
wohin ich dich bringen will, hast du eine Menge lustiger Spielkameraden, lauter
kleine Mdchen, die sich untereinander lieb haben wie Schwestern. Ich kenne
manches Kind, das bitterlich geweint hat, als es wieder nach Hause geholt
wurde... Uebrigens ist deine Erziehung in einem Institut eine lngst
beschlossene Sache zwischen mir und der Gromama - es handelte sich nur noch um
den Termin, um das Wann der Aufnahme. Ich habe nunmehr den Beschlu gefat und
dabei bleibt's... Es ist am besten, ich gehe gleich zu Tante Sophie, um das
Ntige mit ihr zu besprechen.
    Bei den letzten Worten schritt er nach der Flurthre. Geh mit, Grete! Hier
oben kannst du nicht bleiben! rief er ihr zu, als sie unbeweglich in der
Fensterecke stehen blieb. Sie kam langsam mit gesenktem Kopf ber den Saal her -
er lie sie an sich vorbei ber die Schwelle gehen, dann drehte er den
Thrschlssel um, zog ihn ab und ging die Treppe hinunter.

                                       5


Herr Lamprecht kmmerte sich nicht weiter darum, ob ihm die Kleine auch folge.
Er war lngst unten, und sie hatte ihn in die Wohnstube eintreten hren, als sie
noch oben an der Treppe stand. Die Hnde auf das Gelnder sttzend, glitt sie
langsam Stufe um Stufe hinab. Die Thre der Wohnstube war offen geblieben; Herrn
Lamprechts starke, volltnende Stimme klang heraus, und Margarete hrte beim
Herabkommen, wie er zu Tante Sophie von lautem Schreien, Laufen im Korridor des
Seitenflgels, von eingebildeten Erscheinungen am hellen Tage und seinem
Verweilen im roten Salon sprach; er blieb dabei, da das Kind sich die
Erscheinung im dunklen Gange eingebildet habe, da daran die
Fraubasen-Geschichten der Gesindestube schuld seien, und da Margarete sofort
in ein Institut bersiedeln msse, um alle diese Eindrcke abzuschtteln und im
brigen auch manierlicher und mdchenhafter zu werden.
    Leisen Schrittes ging die Kleine an der Thre vorber. Sie warf einen
scheuen Blick in das Zimmer - der kleine Bruder hatte seinen Turmbau im Stich
gelassen und hrte mit offenem Munde zu, und Tante Sophiens liebes, lustiges
Gesicht war ganz bla und fahl; sie prete die verschlungenen Hnde auf die
Brust, aber sie sprach nicht, weil das ja doch nichts half, dachte das kleine
Mdchen im Vorberhuschen, denn wenn der Papa einmal mit der Gromama zusammen
etwas beschlo, da half kein Bitten und Betteln mehr, die Gromama setzte es
durch... Nur einer hatte noch Gewalt, wenn er dazwischen fuhr und krftig
polterte und wetterte, und das war der Gropapa in Dambach. Der half, das wute
sie! Er lie seine Gretel nicht fortschleppen, am allerwenigsten aber in den
groen Vogelbauer, wo sie alle in einem Tone pfeifen muten, wie er stets
sagte, wenn die Gromama auf ein Mdcheninstitut hinwies... Ja, er half! Was
wollten sie denn machen, wenn er - wie er immer that, sobald ihm der Widerspruch
zu toll wurde - mit den starken Fingerkncheln auf den Tisch klopfte und mit
seiner rauhen Stimme ernsthaft sagte: Ruhe bitte ich mir aus, Franziska! Ich
will es so, und hier bin ich Herr!? Da ging ja die Gromama stets hinaus, und
die Sache war abgemacht. Ja, war man nur erst in Dambach, dann hatte es keine
Gefahr mehr!
    Sie lief hinaus in den Hof, um die Ziegenbcke aus dem Stalle zu holen; aber
der Hausknecht hatte die Thre zugeschlossen, und eigentlich gab es doch wohl
auch zu viel Lrm, wenn der Wagen rasselte; dann kam irgendwer und machte ihr
das Thor vor der Nase zu, und sie mute dableiben... Da hie es denn, sich
tapfer auf seine zwei Fe stellen und hinauslaufen. Im Vorbergehen hatte sie
ihren Hut genommen, der noch auf dem Gartentisch lag; sie knpfte die Bnder
unter dem Kinn und machte sich auf den Weg.
    Niemand hatte das Kind gesehen, als es durch den Thorweg des Packhauses auf
die Strae hinausschlpfte. Es war keine Menschenseele im Hof; auch Blanka Lenz
hatte den offenen Gang wieder verlassen. Und drauen war es auch menschenleer;
die Leute saen noch nicht vor den Hausthren, dazu war der Abend noch nicht
weit genug vorgeschritten; nur ein paar kleine barfige Jungen lieen auf dem
Kanal, der schmalen, seichten Wasserader, welche die Strae in der Mitte
durchschnitt, Papierschiffchen schwimmen. Die haben's gut! dachte die Kleine
und marschierte ber das Brckchen in die benachbarte Gasse; dann kam man zu
einem Durchbruch der Stadtmauer, und von da lief ein Fuweg durch die Felder und
eine niedere Anhhe hinauf nach Dambach. Er machte zwar einen ziemlich weiten
Bogen und war einsam; aber sie kannte ihn und schlug ihn auch jetzt ein - ber
der belebteren Chaussee wirbelten ja bei jedem Windhauch erstickende
Staubwolken, die sie heute Nachmittag beim Hereinfahren wie mit Mehl berpudert
hatten...
    Ach ja, heute nachmittag, da war noch alles gut gewesen! Sie htte
aufschreien mgen vor Lust, als die Bcke mit ihr aus dem Dambacher Hofthor
gestrmt waren; der Gropapa hatte gelacht und Hurra hinterdrein geschrieen, und
die Dorfkinder, ihre getreuen Spielkameraden, waren ein Stck mitgelaufen, und
die Jungen hatten untereinander gesagt: Sapperlot, die kann's aber! ... Nun
kam sie wieder, um sich beim Gropapa zu verkriechen. Ach, wenn er sie doch ganz
und gar drauen behielte! Sie wre ja um alles gern in die Dorfschule
gegangen... Dahinaus kam auch die Gromama niemals - sie sagte immer, sie knne
den Fabriklrm nicht vertragen, und darauf meinte der Gropapa allemal lachend:
und er bliebe drauen, weil er ihren Papagei nicht schreien hren knne.
    Whrend dieses Durcheinander in dem aufgeregten Hirn des Kindes kreiste,
trabten die kleinen Fe im schleunigsten Tempo vorwrts. Ein langes Stck Weges
ging es durch wogende Getreidefelder, und da wurde es dem kleinen Mdchen doch
ein wenig beklommen zu Mute - seit sie mit Tante Sophie zum letztenmal hier
gegangen, waren die grnen, jetzt schon zu mattem Gelb bleichenden Wnde auf
beiden Wegseiten so himmelhoch gewachsen. Nur immer eine kurze Strecke der
vielfach gewundenen Pfadlinie vor sich, war das winzige Menschenkind gleichsam
eingeschachtelt im Kornfelde, und der Kfer, der seine blauglnzenden Flgel
ausspannte und leise surrend aufflog, die buntlockige Winde, die sich an den
Halmen emporhalf, um droben Umschau zu halten, sie hatten es besser... Und zu
Hupten des Kindes wisperte es; ein seidiges Rieseln, wie wenn schleifendes
Gewand ganz leise daherkme, machte es bnglich in die Hhe blicken; aber Bange
machen gilt nicht, und es geht alles in der Welt mit natrlichen Dingen zu!
sagte Tante Sophie immer, und drum konnte es auch kein mit leisen Sohlen auf der
wogenden Halmflche einherwandelndes Wesen sein - es war nur der Abendwind, der
drber hinging und die nickenden Aehren aneinander rieb.
    Und nun hrte ja auch die enge Gasse endlich auf; der Weg ging ber
Kartoffel- und Rbencker, dann ber zertretenen Graswuchs die Anhhe hinauf,
die ein Laubwldchen, das sogenannte Dambacher Hlzchen, krnte; dahinter lag
das Dorf. Wohl war es noch hell genug, da das Kind die groen Erdbeerbsche mit
ihren weien Bltensternen und glhroten Frchten zwischen den Stmmen am
Waldessaum sehen konnte; aber diesmal gab es weder Zeit noch Lust zum Pflcken
und Naschen; in atemlosem Lauf war es bergauf gegangen - das kleine Herz
hmmerte in der Brust, und der Kopf glhte und war so seltsam schwer, als sei
Blei in Stirn und Schlfen... Nun, in Gropapas Stube war es khl; da stand das
groe Sofa mit den weichen Federkissen, auf welchem er stets sein
Nachmittagsschlfchen hielt, und da ruhte auch das Kind immer, wenn es sich mde
gelaufen hatte. Nur noch das Stckchen Weg hinter dem Dorfe weg - dann war ja
alles gut!
    Der weite Fabrikhof lag schweigend und menschenleer da, die Arbeiter hatten
lngst Feierabend gemacht; und durch den anstoenden Garten mit seinen schnen
Anlagen und dem schmucken, klaren Teich, in welchem sich der Pavillon spiegelte,
ging auch kein anderes Leben, als das leise Rauschen der mchtigen Baumwipfel,
unter denen es bereits stark dmmerte. Nicht einmal Friedel, Gropapas
Hhnerhund, bellte und kam auf das Kind zugesprungen - die Schwelle, auf welcher
er immer faulenzte, war leer, die Thre war auch zu, ja, sie erwies sich sogar
als fest verschlossen, und auf ein mehrmaliges Klingeln rhrte und regte sich
nichts drinnen.
    In ratlosem Schrecken stand die Kleine vor dem stillen Hause - der Gropapa
war gar nicht da! Das wre ihr doch nie und nimmer eingefallen - es war ja so
selbstverstndlich gewesen, da er zu Hause sein mute, wenn sie kam... Sie
umging das Haus von allen Seiten; htte eines der Fenster in der niederen
Erdgeschowohnung offen gestanden, sie wre, was sie schon oft im Uebermut
gethan, hinaufgeklettert und ber die Brstung ins Innere gesprungen, allein vor
allen Scheiben lagen die Rolllden - da war nichts zu machen.
    Das Weinen war ihr nahe, aber noch verschluckte sie tapfer die Thrnen. Der
Gropapa war wohl nur zum Faktor gegangen, und der wohnte ja gleich da drben in
der Fabrik. Aber im Hofe sagte ihr eine junge Stallmagd, Faktors seien mit der
zurckkehrenden Herrschaftskutsche nach der Stadt zu einem Polterabend
gefahren; den Herrn Amtsrat aber habe sie schon vor einigen Stunden fortreiten
sehen; es sei heute Kegelkrnzchen beim Oberamtmann in Hermsleben - das war ein
ziemlich entfernt gelegenes Gut.
    Lieber Gott im Himmel - was sollte nun solch ein armes, weithergelaufenes
Kind anfangen! - In der ersten Verzweiflung lief die Kleine wieder vor das
Hofthor, whrend die Magd in den Stall zurckkehrte. Aber schon nach wenigen
Schritten wurde Halt gemacht - nach Hermsleben konnte man doch unmglich laufen,
das war ja viel, viel zu weit! Nein, das ging absolut nicht; da war es besser,
auf den Gropapa zu warten - er kam vielleicht bald wieder!
    Damit lief das kleine Mdchen nach dem Pavillon zurck und setzte sich
geduldig auf die Schwelle der Hausthre. Das that den mdgelaufenen Beinchen
gut, und auch die tiefe Ruhe und Stille ringsum war eine Wohlthat nach dem
aufregenden Marsch. Wenn nur das dumme Hmmern in Stirn und Schlfen nicht
gewesen wre; aber jetzt, wo sie sich in die Threcke schmiegte, machte es sich
doppelt fhlbar... Und nun gingen auch noch allerhand bengstigende
Vorstellungen durch den schmerzenden Kopf. Zu Hause war die Zeit des Abendessens
lngst vorber, und sie hatte bei Tische gefehlt. Man suchte ganz gewi berall
nach ihr, und bei dem Gedanken, da sich Tante Sophie um sie ngstigen knne,
that ihr das kleine Herz bitter weh. Aber wenn es nur um Gotteswillen niemand
einfiel, sie hier in Dambach zu suchen, ehe der Gropapa zurck war! Ganz
entsetzt fuhr sie empor, und ihre Augen forschten nach einem Versteck, in
welchem sie sich ntigenfalls verkriechen konnte. Denn nun, wo sie heimlich
davongelaufen war, blieb gar kein Zweifel, da man sie gleich morgen fortbrachte
- dafr sorgte schon die Gromama, diese unerbittliche Gromama, die so
ungerecht sein konnte. Wenn Holdchen tppischer Weise hinfiel, dann wurde das
wilde Mdchen ausgezankt, weinte er aus Eigensinn, so hatte ihn gewi das
ungezogene Ding, die Grete gereizt - da doch solch eine Gromutter niemals
wute, wie lieb man sein Brderchen hatte, und alles, ja den Bissen vom Munde,
ach wie gern, hingab, nur damit es lachen und frhlich sein sollte! ... Ach ja,
die in der oberen Etage, sie waren alle nicht gut gegen die Grete! Und fast noch
schlimmer als die Gromama war dieser Mosje Herbert, den sie durchaus Onkel
nennen sollte - ein schner Onkel, der keinen Bart hatte, und noch gerade so,
wie sie auch, ber den Schulaufgaben schwitzen mute! Ihr fehle die Rute, hatte
er heute nachmittag gesagt, und die Finger, die er ihr vor Aerger beinahe
zerdrckt hatte, thaten noch weh... Wie der sich freuen wrde, wenn sie die
Grete morgen wirklich in den Wagen zerrten und ohne Gnade in den Vogelbauer
schleppten! Aber das geschah ja nicht - Gott behte! Sie wehrte sich mit Hnden
und Fen dagegen, sie wollte schreien, da die Leute auf dem Markte
zusammenliefen! ... Ach, wenn doch nur endlich der Gropapa kme!
    Aber es blieb totenstill im Garten; auch drben auf der Chaussee hatte das
vereinzelte Rollen und Aechzen der Wagenrder aufgehrt. Das Schweigen der Nacht
begann, wenn sie auch selbst noch zgerte, zu kommen. Es war ja ein goldener Tag
heute gewesen, und wie noch der heie Sonnenatem schwer ber der Erde brtete,
so schien sich auch ein Rest der funkelnden Tagesglorie in den Lften
festzuhalten und nicht erlschen zu wollen.
    Die Schlaguhr auf dem Trmchen des Fabrikgebudes schnurrte Viertelstunde
auf Viertelstunde ab. Die neunte Stunde war schon vorber, und nun war wohl das
Schlimmste berstanden. In der Stadt ging der Gropapa stets um zehn Uhr zu
Bette - er hielt es sehr streng mit der Pnktlichkeit und kam gewi bald nach
Dambach zurck... Ach ja, und wenn sie ihn dann von Hermsleben herangaloppieren
hrte, da wollte sie ihm entgegenlaufen und neben dem Pferde hertraben; dann sah
er doch wenigstens auf seine wilde Hummel herunter, und da konnte ihr niemand
etwas anhaben - niemand!
    Und es jagte in der That pltzlich ein Reiter daher - aber die Kleine lief
nicht nach dem Thore; sie horchte einen Augenblick mit starrem Entsetzen auf das
Getrappel der flchtigen Pferdehufe, dann sprang sie mit einem wilden Satze aus
der Threcke, rannte um den Teich und kroch in das fast undurchdringliche
Gebsch, welches sich zwischen die entgegengesetzte Seite des Teiches und das
den Garten vom Fabrikhofe trennende Eisengitter drngte. Der Reiter kam von der
Stadt her - es war der Papa, der sie suchte.
    Sie whlte sich tief in den dornigen Busch; das weie Kleid mit den
Heidelbeerflecken erhielt nun auch der Risse genug, und die Fe versanken im
Morast; trotzdem kauerte sie auf dem nassen Boden nieder und schmiegte sich so
enge zusammen, als wolle sie ihren schmalen Krper auf ein Nichts reduzieren.
Mit zurckgehaltenem Atem, und die aneinanderschlagenden Zhne fest
zusammenbeiend, hrte sie zu, wie der Papa im Hofe mit der aus einem Fenster
herabsehenden Magd sprach. Das Mdchen sagte ihm, da das Kind vor ihren Augen
umgekehrt und nach der Stadt zurck sei, sie habe es aus dem Thore fortlaufen
sehen.
    Trotz dieser Versicherung ritt Herr Lamprecht in den Garten herein.
Margarete hrte seitwrts hinter dem Gebsch das wilde Schnauben Luzifers - der
Papa mute einen scharfen Ritt gemacht haben - dann kam der Reiter in ihren
Gesichtskreis. Er umritt den Pavillon und konnte vom Pferde aus den nicht groen
Garten mit seinen Rasenpltzen und Gruppen von Ahorn- und Akazienbumen recht
wohl bersehen. - Grete! rief er in alle dunkelnden Ecken hinein. Jedes andere
Ohr htte aus diesem Schrei nichts als die namenlose Vaterangst zu hren
vermocht; fr die Kleine aber, die regungslos im Gebsch hockte und mit fast
wildem Blick jede Bewegung des Reiters verfolgte, war der Mann dort auf dem
Pferde in diesem Moment derselbe, der heute nachmittag, im dunklen Gange ber
sie gebeugt, nicht gewut hatte, ob er sie erwrgen oder zertreten solle. Und
jetzt, wo er, ihr ganz nahe, am Teichufer hielt und die Augen hinschweifen lie
ber das seichte Gewsser, welches so blank und kristallklar dalag, da man
selbst in der Dmmerung den weien Sand auf dem Grunde schimmern sah, jetzt, wo
ihm diese Augen unter den starken, schwarzen Brauen glhten, wie immer, wenn er
furchtbar bse war, berkam das kleine Mdchen ein unbeschreibliches, ein
frmlich lhmendes Furchtgefhl - ohne Atem, wie versteinert kauerte es im
Gestrpp, es htte sich eher mit dem Fu in das Wasser stoen lassen, als da
ihm auch nur ein antwortender Laut entschlpft wre.
    Herr Lamprecht wandte sein Pferd und ritt wieder hinaus. Es mochte wohl der
Knecht des Faktors sein, der eben mit schlrfenden Schritten ber den Hof herkam
und dem Reiter die Gitterthre ffnete. Herr Lamprecht sprach mit ihm und seine
Stimme klang so heiser und matt, als verlechze ihm die Kehle. Er fragte nach dem
Ausbleiben seines Schwiegervaters, und der Mann sagte ihm, da der alte Herr aus
dem Kegelkrnzchen selten vor zwei Uhr nachts zurckkme. Was noch weiter
gesprochen wurde, war nicht zu verstehen. Herr Lamprecht ritt ber den Hof zum
Thore hinaus, und der Mann schien ihn zu begleiten; aber nicht ber die
Chaussee, durch die Felder wurde der Rckweg nach der Stadt eingeschlagen.
    Die kleine Entlaufene war wieder allein. Nun die seelische Erstarrung von
ihr wich, wurde sie sich des schmerzhaften Druckes bewut, den die
zusammenstrebenden Zweige auf ihren eingezwngten Krper ausbten. Die
Bodennsse drang empfindlich durch die dnnen Zeugstiefelchen, und der Busch
wimmelte von Mcken, die ihr das Gesicht und die entblten Arme blutdrstig
umsummten. Mhsam richtete sie sich auf und hob die tief eingesunkenen Fe aus
dem Morast, der ihr schwer an den Sohlen kleben blieb. Jetzt brach sie in ein
leises, trostloses Jammern aus - der bse Busch wollte sie nicht wieder
fortlassen! Sie sollte dableiben in dem entsetzlichen Moderdunst, den sie durch
ihr Eindringen aufgerhrt; gefangen wie ein armer, kleiner Spatz in dem harten,
zhen Geschlinge der Zweige, sollte sie warten, bis der Gropapa kme! Ach, und
er kam ja nicht vor zwei Uhr nachts! Fnf lange Stunden sollte sie sich wehren
gegen die Mckenwolke, die ihr immer nher auf den Leib rckte, so oft sie auch
danach schlug! Und Frsche und Krten gab's hier auch genug - Reinhold wollte
sogar einmal gesehen haben, da eine lange, bunte Schlange aus dem Busch
gekrochen sei - sie schttelte sich vor Grauen und fhlte es frmlich lebendig
werden um und unter ihren Fen - alle Kraft zusammennehmend, arbeitete sie sich
wie toll durch die unheimliche Wildnis, bis die letzten starkstmmigen Auslufer
rauschend und knackend hinter ihr zusammenschlugen.
    Es war eine jmmerlich zugerichtete kleine Gestalt, die nach dem Pavillon
zurck mehr taumelte als ging. Den Hut hatten ihr schon beim Eindringen die
oberen Aeste weggerissen - mochte er hngen bleiben! Auch das total zerfetzte
Kleid wurde nicht beachtet; nur die in eine Schlammkruste gehllten Fe, die
bei jedem Schritt ber die breite, weie Sandsteinstufe vor der Hausthre
pechschwarze Abdrcke hinterlieen, waren ein erschreckender Anblick.
    Am Himmel trat ein funkelnder Stern nach dem anderen hervor - die in die
Threcke gedrckte Kleine bemerkte es nicht. Wenn sie die schweren Lider hob,
dann sah sie nur, da das Dunkel drunten den letzten schwachen Schimmer des
Teichspiegels verschlang - die Rasenpltze lagen schwarz unter den Bumen,
allerhand vorbeischwirrendes Nachtgesindel machte sich bemerklich, Kuzchen
schrieen, und vom Dachboden des Pavillons kamen die ruberischen Fledermuse.
Wie im Traume hrte sie vereinzeltes Hundegebell vom Dorfe her, und die Turmuhr
hatte wieder zwei Viertelstunden angezeigt... Noch viele, viele solcher
Viertelstunden muten von dort oben herunterrasseln, bis es zwei Uhr war - ach,
wie schrecklich! - Die Nsse an den Fen jagte ihr ein Frsteln nach dem
anderen ber den Leib und die an die harte Thrbekleidung gelehnte Stirn glhte
und schmerzte heftig... Ach, nur einmal, nur fr ein paar Minuten den schweren
Kopf in ein weiches Kissen drcken und einen Schluck Wasser aus dem khlen
Hofbrunnen zu Hause trinken drfen - das mute wohlthun! Tante Sophie go immer
ein wenig Himbeersaft in das Glas, wenn man ber Kopfweh klagte, und fr solche
Mckenstiche, wie sie jetzt auf den Armen und Wangen brannten, hatte sie eine
lindernde Salbe - ach ja, es war gut sein bei Tante Sophie! Ein unbezhmbares
Sehnsuchtsgefhl nach der treuen Pflegerin wallte pltzlich in der Kleinen auf.
    Sie schlo die Augen wieder und trumte sich in die Schlafstube daheim. Die
Fenster gingen auf den stillen Hof, und das Brunnenpltschern klang leise und
ununterbrochen herein - es war von jeher das einlullende Wiegenlied der beiden
Kinder gewesen. Sie lag im weien, weichen Bett, und Tante Sophie khlte ihr das
brennende Gesicht und die zerstochenen Arme, bis sie einschlief... Ja, schlafen,
heimgehen und schlafen - das war's! Das war's, was sie mit einem Ruck emportrieb
und durch den Garten und ber den Hof hinaus auf den Feldweg taumeln machte! Sie
hrte nicht mehr, da die Uhr schlug, als sie das Hofthor verlie - das
ngstliche Zhlen der Viertelstunden war vorber; sie dachte auch nicht an die
Wegstrecke, die vor ihr lag, sie sah nur das Ziel, die weite, khle Schlafstube,
in der sie den glhenden Krper mit seinen pochenden Pulsen ausstrecken durfte,
sie hrte Tante Sophiens gute Stimme und sah die Hnde, die sie auf den Scho
heben und ihre schwere, nasse Last von den Fen streifen wrden - was dann kam,
anderen Tages, daran dachte sie auch nicht mehr...
    Und die steifen Beinchen wurden gelenker mit der Bewegung. In immer wilderem
Lauf ging es hinter dem schweigenden Dorfe weg. Dann trat das Wldchen hervor -
eine dunkle Masse, die nicht ahnen lie, da sie aus Millionen suselnder
Bltter und Blttchen zusammengewoben sei. Vorbei ging es auch hier in achtloser
Hast, und nur einmal prallte die kleine Laufende seitwrts - weies Gewand
schwebte durch das Dickicht. Ach, es waren ja die Birken mit ihren hellen
Stmmen, sie standen nur nicht fest, sie waren so sonderbar wackelig, und der
kleine Stern, der gleich darauf drben ber dem Thale auftauchte - das Licht in
der hochgelegenen Trmerstube des Wachtturmes, welcher die Stadt beherrschte -
er schwankte auch, als ob der alte Bursche, der vierschrtige Turm, zu tanzen
anfange. Doch diese befremdende Erscheinung ging schnell wieder unter in dem
einen vorwrts hetzenden Trieb: Weiter! Heim zu Tante Sophie!
    Und im wispernden Kornfeld hrte sie Reinhold weinen, weil ihm die wilde
Grete seinen Turm umgeworfen habe, und Brbe murmelte in einem fort von der
Frau mit den Karfunkelsteinen im Haar und von dem wackelnden Vorhang in der
verschlossenen Stube, und die roten Klatschrosen, die das Kind heute wie Fackeln
im Korn glhen gesehen, sie machten die enge dunkle Gasse hei zum Ersticken;
aber mit dem Niederlegen auf die khle Erde war es doch nichts - weit drben
rief Tante Sophie immer wieder: Vorwrts, Gretel! Mach, da du heim kommst!
    So lief sie gehorsam weiter, zuletzt freilich mit einknickenden Knieen und
keuchender Brust, bis die Stadt erreicht war. In manchem Haus der letzten Gasse,
durch die sie erschpft schlich, brannte noch Licht, aber die Thren waren
geschlossen, und die matten Tritte des Kindes polterten frmlich auf dem hohlen
Kanalbrckchen, eine so tiefe Nachtstille webte bereits in Gassen und Straen.
Und nun wlbte sich endlich der Thorbogen des Packhauses ber dem kleinen
Mdchen; nur war es schlimm, da das schwere, altvterische Thrschlo im
Thorflgel gar so hoch sa, eine Kinderhand konnte es nicht erreichen. Nach
einer vergeblichen Anstrengung sank die Kleine auf dem niederen Prellsteine in
sich zusammen. Sie meinte, die ganze Welt drehe sich mit ihr im Kreise, und vor
dem Hmmern und Pochen ihrer Pulse knne sie nichts mehr hren; aber das Murmeln
des vorbeischieenden Kanalwassers drang doch an ihr Ohr, und die Khle, die es
ausstrmte, wirkte belebend auf ihr hindmmerndes Bewutsein. Und jetzt kam auch
jemand die Strae daher; es waren krftige Schritte, die sich dem Packhause
nherten, und nach wenigen Minuten trat ein Mann unter den Thorbogen. So weit
durchlichtete der sternfunkelnde Himmel die Nacht doch, da man die Umrisse
einer Gestalt zu erkennen vermochte - der Mann war Herr Lenz, der im Packhause
wohnte, und welchen die kleine Margarete gar gern hatte. Er warf ihr oft, wenn
sie im Hofe spielte, im Vorbergehen ein heiteres Scherzwort hin, und fr ihren
freundlichen Gru strich er mit liebkosender Hand ber ihr Haar.
    Lassen Sie mich auch mit hinein! murmelte sie heiser, als er mit dem
Hausschlssel das Thor geffnet hatte und im Begriff war, einzutreten.
    Er fuhr herum. Wer ist denn da?
    Die Grete.
    Was - das Kind aus dem Hause? - Um Gotteswillen, Kleine, wie kommst du denn
hierher?
    Sie antwortete nicht und griff nur mit tastender Hand nach seiner Rechten,
die er ausstreckte, um ihr aufzuhelfen; aber das ging absolut nicht, und so nahm
er sie ohne weiteres auf den Arm und trug sie in die tiefe Thorwlbung hinein.

                                       6


Da drin war es stockdunkel. Herr Lenz tappte mit seiner Last vorwrts und schlug
endlich eine Thre linker Hand geruschvoll zurck. Gleich darauf fiel ein
Lichtschein von oben ber die dahinterliegende steile Treppe herab.
    Ernst?! rief eine Frauenstimme angstvoll fragend herunter.
    Ja, ich bin's mit Haut und Haar, heil und gesund, Hannchen! Guten Abend
auch, liebster Schatz.
    Nun, Gott sei Lob und Dank, da du da bist! Aber liebster, bester Mann, wo
hast du denn gesteckt?
    Verlaufen hatte ich mich! sagte er im langsamen Hinaufsteigen. Dieser
verflixt schne Thringer Wald lockt wie ein Irrlicht - immer ein Punkt
prchtiger als der andere! Da luft man weiter und weiter und denkt nicht an den
Nachhauseweg. Entsetzlich mde Beine bringe ich heim; aber das Skizzenbuch ist
auch voll, Mutterchen.
    Damit tauchte er ber dem Treppengelnder auf, und seine Frau, die mit der
Lampe in der Hand oben stand, prallte zurck.
    Ja, gelt, was ich da mitbringe, Hannchen? I nun, das habe ich drunten im
Thorweg aufgelesen, sagte er, auf der obersten Stufe stehen bleibend, mit halb
lchelndem, halb besorgtem Gesichtsausdruck. Er versuchte, den Kopf zu wenden,
um das Kind auf seinem Arme bei Licht zu besehen; allein es hatte die Arme
krampfhaft fest um seinen Hals geschlungen; und das Gesichtchen, von dem wirr
hereinfallenden Haar fast verdeckt, drckte sich an seine Wange.
    Frau Lenz stellte die Lampe schleunigst auf den Vorsaaltisch. Gib mir das
Kind, Ernst! sagte sie mit ngstlicher Hast und reichte nach dem kleinen
Mdchen. Mit deinen armen mden Beinen darfst du keinen Schritt mehr thun -
Gretchen aber mu auf der Stelle fort! Man sucht sie seit vielen Stunden. Gott,
ist das ein Aufruhr drben im Vorderhause! Alles rennt durcheinander und die
alte Brbe heult in ihrer Kche, da es bis zu uns ber den Hof herschallt...
Komm her, Engelchen! lockte sie mit sanfter, zrtlicher Stimme. Ich trage dich
hinber!
    Nein, nein! wehrte die Kleine angstvoll ab und klammerte sich noch fester
an ihren Trger. Wenn drben alles durcheinander rannte, da war auch die
Gromama unten, und so wild und wirr es ihr auch durch den schmerzenden Kopf
sauste, ber den Empfang von seiten der alten Dame war sie sich doch vollkommen
klar. Nein, nicht hinbertragen! wiederholte sie mit fliegendem Atem. Tante
Sophie soll kommen.
    Auch recht, Herzchen! Dann holen wir die Tante Sophie, beschwichtigte Herr
Lenz.
    Ganz wie das Kindchen will, besttigte seine Frau, die besorgt auf die
heisere, nach Atem ringende Kinderstimme horchte und mit rascher Hand und
prfendem Blick den Haarwust aus dem entstellten Gesichtchen strich. Schweigend
nahm sie die Lampe und ffnete die Stubenthr.
    Das Packhaus, das lteste der aus der Urvter Zeiten stammenden
Hintergebude, war ein massiver Bau mit dicken Wnden und tiefen Fensternischen,
dessen eigentliche Fassade nach Norden, der Strae zugewendet, lag. Deshalb
wehte den Eintretenden eine so kstlich khle, eine vllig reine, nur von
erfrischenden Resedadften durchhauchte Luft entgegen. Hier, in dem stillen,
trauten Heim der Malerfamilie, berlie sich das Kind willig der sanften,
freundlichen Frau, die es auf den Scho nahm, whrend Herr Lenz Hut, Plaid und
Reisetasche ablegte.
    Blanka ist drauen auf dem Gange, sagte die Frau als Antwort auf den
suchenden Blick, den ihr Mann durch das Zimmer gleiten lie. Sie war dabei, ihr
Haar fr die Nacht zu ordnen, als der Kutscher aus dem Vorderhause bei uns nach
Gretchen fragte. Wir hatten freilich schon lngst die Unruhe drben bemerkt;
Herr Lamprecht war zu ganz ungewohnter Zeit aus- und eingeritten, und im Hofe
wurde jeder Busch durchsucht. Allein wir hielten uns wie immer streng an deinen
Befehl, nichts zu sehen, was in Haus und Hof deines Prinzipales vorgeht. Seit
nun aber der Kutscher dagewesen ist, sitzt unser Kind drauen auf dem dunklen
Gange und ist nicht hereinzubringen - das liebe, kleine Ding da ist ihr
Augapfel, wenn sie es auch nur vom Sehen kennt - aber, um Gott, Kind, was ist
denn das mit deinen Fen? unterbrach sie sich; das Lampenlicht fiel auf die
schlammberzogenen Stiefelchen, die ber ihrem hellen Kleide herabhingen. Mit
hastigen Hnden befhlte sie die Sume der zerschlitzten Rckchen, die auch die
Nsse des Sumpfbodens in sich gesogen hatten.
    Das Kind ist im Wasser gewesen, sagte sie halblaut und alteriert zu ihrem
Mann; es mu so schnell wie mglich in trockene Kleider. Geh, rufe Blanka!
    Er ffnete die Thre in der Rckwand der Stube. Der Raum dahinter, die
Kche, war dunkel, aber durch die gegenberliegende, weit offene Thre, die nach
dem Gange fhrte, sah man einzelne Lichter des Vorderhauses herberblinken.
    Auf den Ruf des Vaters eilten drauen leichte Schritte ber die knarrenden
Gangdielen, dann trat die schne Blanka aus dem tiefen Dunkel auf die
Thrschwelle im weien, spitzenbesetzten Frisiermantel, mit blassem Gesicht und
schlaff niederhngenden, nackten Armen, und das aufgelste Haar wogte
goldglitzernd um sie her. Bist du endlich gekommen, Vater? fragte sie
vibrierenden Tones. Mit scheuer Haltung und niedergeschlagenen Augen blieb sie
stehen - es sah aus, als sei ihr das Lampenlicht, das sie so pltzlich und grell
berflutete, unertrglich, und sie habe den einzigen Wunsch, in das Dunkel
zurckzuflchten.
    Was - ist das der ganze Willkommengru meiner Kleinen? rief Herr Lenz
launig. Weder Ku noch Handschlag? Und ich habe doch ein verlorenes Schfchen
mitgebracht! Siehst du denn nichts? Wer sitzt denn dort auf dem Scho der
Mutter?
    Mit einem Ausruf der Ueberraschung fuhr das junge Mdchen empor und flog auf
das Kind zu.
    Sieh, sieh! sagte Frau Lenz halb belustigt, aber doch auch ein wenig
verletzt. Vater knnte wohl eiferschtig werden! Du hast dich ja wirklich mehr
um das fremde Kind gengstigt, als um sein Ausbleiben! Jetzt hilf mir aber,
deinen Liebling zu subern und ins Trockene zu bringen. Dort im unteren Fach der
Kommode mssen noch Rckchen und Strmpfe aus deiner Kinderzeit liegen, die
suche hervor!
    Sie setzte die Kleine auf das Sofa und holte Waschwasser und ein Handtuch
herbei, whrend das junge Mdchen auf die Dielen niederkniete und mit fliegenden
Hnden den Inhalt des Schubfaches durcheinander warf.
    Wo bist du nur gewesen, Kindchen? sagte Frau Lenz beim Lsen der Schleifen
und Knpfe am Anzug des kleinen Mdchens - der Krper unter ihren Hnden war in
Schwei gebadet.
    In Dambach war ich, stie Margarete hervor. Aber der Gropapa konnte mir
nicht helfen, er war nicht da. - Und nun, whrend die Frau mit lauem Schwamm
die beschmutzten Fchen wusch, nun war es, als msse alles Erduldete, das sich
in die letzten Tagesstunden zusammengedrngt, von dem alterierten Kinderherzen
herunter. In krankhafter Hast wurde alles geschildert, die Schrecknisse im
Teichgebsch und die Angst, da der Papa vom Pferde steigen und den Busch
durchsuchen knne - und warum man zum Gropapa gelaufen sei! Nun, weil immer
eine weie Gestalt durch den dunklen Gang husche und die Leute erschrecke. Und
die Stube sei nicht verschlossen gewesen, ganz gewi nicht! Sie habe deutlich
gehrt, wie auf das Thrschlo gedrckt worden sei, dann habe sie es schneewei
durch den Thrspalt schlpfen sehen, und unter dem Schleier habe langes Haar
herabgehangen; und weil das Mdchen so laut geschrieen, da wolle nun der Papa
die Grete ins Institut stecken.
    Das ausgeprgteste Delirium! Die Kleine ist schwerkrank, murmelte Herr
Lenz mit abgewendetem Gesicht. Beeilt euch mit dem Umkleiden! Und er stahl
sich leise hinaus, um Anzeige im Vorderhaus zu machen.
    Die Rckchen und Kinderstrmpfe muten sich in eine unauffindbare Ecke
verirrt haben; denn die schne Blanka kniete noch vor der Kommode und suchte. In
ihrem weien Gewand und mit dem langen, blonden, rcksichtslos ber die Dielen
geschleiften Haar sah sie aus wie eine zu Magddiensten erniedrigte Prinzessin.
Nun wurde auch noch ein zweites Schubfach geruschvoll aufgezogen.
    Frau Lenz erhob sich ein wenig ungeduldig und trat hinzu. Liebes Herz, das
dauert mir zu lange, und ein solcher Kram, da man etwas nicht zu finden
vermchte, ist doch bei mir nicht Mode... Wo hast du denn deine Augen, kleine
Maus! Da liegt ja das blaue Flanellrckchen obenauf, hier in der Ecke stecken
drei Paar Strmpfe, und da ist auch noch ein Nachthemdchen!
    Sie nahm die Sachen heraus und schob die Kasten zu.
    Das junge Mdchen hatte keinen Grund mehr, in der halbdunklen Ecke zu
verweilen, und als es sich zgernd dem Licht wieder zuwendete, da schien selbst
aus den Lippen jeder frbende Blutstropfen gewichen zu sein.
    Kind, wie magst du dich nur so alterieren! rief die Mutter erschrocken.
Es ist nicht so schlimm, wie der Vater meint. Bei Kindern stellt sich sehr
leicht starkes Fieber ein, vergeht aber auch schnell wieder. In einigen Tagen
ist dein Liebling wieder gesund - du wirst es sehen! ... Hier, stecke die mden
Beinchen in frische Strmpfe, whrend ich drauen einen khlen Trank
zurechtmache.
    Die Tochter rollte schweigend die Strmpfchen auseinander, kauerte vor dem
Sofa nieder und schickte sich an, die kleinen, nackten Fe zu bekleiden; aber
kaum war die Kchenthre hinter der Frau zugefallen, als sich das junge Mdchen
mit einer leidenschaftlichen Gebrde aufrichtete, das Kind mit beiden Armen
umschlang und heftig an ihre Brust prete.
    Margarete ffnete die fieberglnzenden Augen weit vor Ueberraschung. Ach,
Sie haben mich lieb, Frulein Lenz? Ja?
    Die schne Blanka neigte bejahend den Kopf - im verhaltenen Schmerz klemmte
sie die Unterlippe zwischen die Zhne, und eine Thrne stahl sich unter der
gesenkten Wimper hervor.
    Es ist schn bei Ihnen in der khlen Stube! murmelte die Kleine und
drckte das Gesichtchen zrtlich in die blonde Haarflut, die ber die Brust des
Mdchens fiel. Ich mchte dableiben! ... Hierher kommt auch die Gromama nicht,
niemals - die geht nie ins Packhaus - der Papa auch nicht. Aber Tante Sophie
kommt... Bringen Sie mich zu Bette!
    In diesem Augenblick trat die Mutter wieder in das Zimmer.
    Ach, und wie gut Sie riechen, Frulein Lenz! rief das Kind lauter und hob
tiefatmend den Kopf. Wie die schnsten Rosen, gerade wie - ein Paar heier,
zuckender Lippen drckten sich fest auf den kleinen Mund und erstickten jedes
weitere Wort.
    Aber, Blanka, das Kind ist ja noch barfu, schalt Frau Lenz. Und wer wird
denn einen Patienten auch noch durch die eigene Angst aufregen! Geh nur weg,
kleine Ungeschickte! Ich will das Anziehen selbst besorgen.
    In wenigen Minuten war sie mit dem Umkleiden fertig; Eile machte sich aber
auch in der That ntig; denn, wie schon im Kornfelde, so mischten sich jetzt
wieder Fiebergebilde in die Vorstellungen des Kindes. Frau Lenz hielt ihm das
hereingebrachte Trinkglas an die Lippen, und in gierigen Zgen wurde der
heiersehnte Khltrank geschlrft. Gleich nachher kamen Schritte die Treppe
herauf, und Herr Lenz lie die Tante Sophie eintreten.
    Wer das humorbeseelte Gesicht der lustigen alten Jungfer kannte, der mute
erschrecken, so furchtbar hatte es die Angst der letzten Stunden in Linien und
Farben verndert. Mit einem stummen Gru fr die Hausfrau und das wieder in die
dunkle Ecke geflchtete schne Mdchen trat sie auf die kleine Margarete zu, die
ihr matt die Arme entgegenstreckte. Ein einziger prfender Blick, ein Befhlen
der Kinderstirn, und sie wute, da hier ein schweres Erkranken im Anzuge war.
    Das kommt davon, wenn man mit solch einem jungen Seelchen umgeht wie mit
einem schlechten Instrument, auf dem man herumdreschen kann, wie man will,
sagte sie derb in rckhaltslosem Schmerz und unsglicher Bitterkeit.
    Sie hllte die Kleine in einen Plaid, den sie mitgebracht hatte, nahm sie
auf den Arm und reichte Herrn und Frau Lenz die Hand. Dank, vielen Dank! Mehr
brachte sie beim Verlassen des Zimmers nicht heraus.
    Drunten im Hofe aber lste sich eine hohe Gestalt aus dem Dunkel und trat
ihr entgegen. Die kleine Margarete schrak zusammen und ein Beben ging durch
ihren Krper, als zwei Hnde nach ihr griffen - es war der Papa, der sie mit
einer ungestmen Bewegung an sich zog.
    Mein liebes Kind, mein gutes Gretchen, erschrecke nicht, ich bin's, der
Papa! sagte seine tiefe Stimme vibrierend. Er hielt sie fest an seiner
schweratmenden Brust, whrend er sie ber den Hof trug, und in der
hellerleuchteten Hausflur, wo alle Hausbewohner auf ihn und das Kind
einstrmten, hob er Schweigen gebietend die Hand und ging an den Verstummenden
vorber nach der Schlafstube der Kinder. - - -
    Na, dann ist's ja gut! Zigeuner haben sie nicht gestohlen, und umgekommen
ist sie ja sonst auch nicht, Gott sei gelobt und gepriesen! sagte Brbe nachher
in der Kche zu den anderen und nahm den ersten Ohnmachtsbissen nach so vielen
Angststunden. Aber sag' mir nur keiner, da nun auch die Geschichte aus und
vorbei ist! Wer den armen Wurm mit seinen schlenkernden Aermchen und Beinchen
gesehen hat, wie ihn der Herr vorbeitrug, der wei genug... Was hab' ich heute
nachmittag gesagt? Ein Unglck gibt's, hab' ich gesagt... Aber, da heit's
immer: Die aberglubische Brbe, der Unglcksrabe, die Jammerbase! I ja, spotten
kann ein jeder, das ist keine Kunst, aber beweisen, ja beweisen, das steht auf
einem andern Blatte. Wollen mal sehen, wer recht behlt, die klugen Leute, die
an gar nichts glauben, oder die alte Brbe mit ihrer Einfltigkeit! So eine, wie
die mit den Karfunkelsteinen, die wird sich wohl fr nichts und wieder nichts in
dem Gang da oben 'rumtreiben! Es ist nicht das erste Mal, da solch ein armes
unschuldiges Kindchen nachgeholt wird - denkt an mich - mit unserem armen
Gretchen geht's schief.
    Bei diesen Worten legte sie die Gabel mit dem angespieten Bissen wieder hin
und verhllte ihr Gesicht mit der blauleinenen Schrze. - -
    Und wochenlang hatte die Kchenprophetin die schmerzliche Genugthuung, Tag
fr Tag mit gesteigertem Nachdruck auf das, was sie gesagt, hinweisen zu knnen.
Bei all ihrem wirklichen Kummer dachte sie doch schon - ganz im stillen zwar,
aber wehmutsvoll ausmalend - an den schnsten Blumenkranz, der zu haben, und an
das goldgedruckte Karmen mit dem Namen Barbara Wenzel auf breitem, weiem
Atlasband, als die tchtige Natur des Kindes siegte, und eine pltzliche
glckliche Wendung eintrat.
    Nun war wieder Sonnenschein im Hause. Herr Lamprecht, der in den Stunden der
Gefahr fast nicht vom Bette des Kindes gewichen war, richtete seine gebeugte
Gestalt auf, und in Blick und Gebrden brach sein feuriges Naturell wieder
durch, ja, die Leute meinten, er habe in seinem ganzen Leben nicht so
siegerhaft und herausfordernd ausgesehen, wie eben jetzt. Was aber die anderen
im Hause freudig bemerkten, das erbitterte die alte Brbe frmlich. Er hatte
nmlich seinen Vorsatz, die spukhaften Appartements der verstorbenen Frau
Dorothea fr eine Zeit selbst zu bewohnen, ausgefhrt; auch der Korridor war
durch eine Thre vom Flursaal abgeschlossen worden. Fr die alte Kchin war es
fast noch schlimmer als eine Gotteslsterung, wenn sie ihn droben ungeniert die
verblichenen Gardinen zurckziehen und in sndhafter Herausforderung an das
Fenster treten sah. Von der huschenden weien Frau sprach nun niemand mehr -
natrlich! - durch eine dicke Bohlenthre konnte doch kein Christenmensch sehen!
Aber es wollte auch durchaus der Morgen nicht kommen, an welchem man den Herrn
mit umgedrehtem Genick in seinem Zimmer fand - im Gegenteil, es war wie gesagt,
als lebe er neu auf.
    Und der Gropapa, der in der Unglcksnacht, von Hermsleben kommend, gar
nicht vom Pferde gestiegen, sondern gleich nach der Stadt weiter geritten war,
er schkerte und scherzte auch wieder in seiner derb jovialen Weise; aber an dem
Tage, wo sein Liebling zum erstenmal die ganzen Nachmittagsstunden auer Bett
sein durfte, da brannte ihm doch der Boden unter den Fen und er ritt auf und
davon. Der infame Schreihals, das verzogene Beest in der oberen Etage jage ihn
aus seinen eigenen vier Pfhlen, sagte er noch lachend vom Pferde herunter; und
die Frau Amtsrtin stand oben am Fenster und streichelte ihren Papagei und
reichte ihm mit zierlich gespitzten Fingern ein Stckchen Zucker.
    Zwei Tage nachher reiste auch Herr Lamprecht fort - auf lange, sagten seine
Leute im Kontor. Die kleine Margarete sah verwundert in sein Gesicht, als er
sich Abschied nehmend ber sie bog und ihr die herrlichsten Dinge zu schicken
versprach. So habe ich den Papa noch nie gesehen, so schrecklich vergngt und
so wunderlich mit seinen funkelnden Augen, meinte sie.
    Das glaub' ich gerne, sagte Tante Sophie. Er freut sich, da sein kleiner
Ausreier wieder gesund ist, und wenn er die Geschftstour hinter sich hat, dann
geht er nach Italien und wohl noch weiter. Er will sich wieder einmal die Welt
ansehen, und er hat recht! Nach der Angstzeit ist ihm der Spa zu gnnen - wir
alle haben auf lange genug. Ja, Gretel, an den Bleichtag werd' ich denken, so
lange mir ein Auge im Kopfe steht!
    Und die Linden vor der Weberei hatten sich inzwischen sommerlich verdunkelt;
aus dem Rosenlaub leuchteten nur ganz vereinzelt, wie vom Himmel gefallene
Blutstropfen, die Blten des Jaqueminot, und auf den glitzernden Wassern des
Brunnenbassins schwammen schon die ersten herabgewehten herbstgelben Blttchen,
als die kleine Genesene ins Freie entlassen wurde. Es war vieles anders
geworden; am verwunderlichsten aber war es doch, da der Papa da oben gewohnt
hatte, wo nun, nach seiner Abreise, gerade heute grndlich gelftet wurde. Die
Fenster standen weit offen, man sah die wundervolle Malerei am Plafond des
groen, dreifenstrigen Wohnzimmers, und im anstoenden Gemach den Baldachin
eines grnseidenen Himmelbettes. Und auf den Fenstersimsen standen und lagen
behufs des Abstubens allerhand moderne Gegenstnde, Rauchutensilien,
Statuetten, Albums und ganze Ste von Zeitungen - Herr Lamprecht hatte sich die
verfemten Rume vollkommen wohnlich und nach Bedrfnis eingerichtet.
    Die Kleine sah nachdenklich hinauf - aus dem Zimmer mit dem herrlichen
Deckengemlde war die Verschleierte geschlpft, es war die zweite der Thren im
Korridor gewesen, hinter welcher der kleine Fu im zierlichen Hackenschuh zum
Vorschein gekommen war. Seit sie wieder gesund war, wute sie das alles ganz
genau; allein sie sprach nicht mehr darber, aus Verdru, weil niemand auf ihr
Fragen und Erzhlen einging - sie wute ja nicht, da die Aerzte erklrt hatten,
die Vision im Korridor sei bereits der Ausbruch ihrer nervsen Krankheit
gewesen. Und so wurde der ganze Vorgang mit seinen unglcklichen Folgen
totgeschwiegen, wie auch nie wieder ein Wort ber das Unterbringen der
unmanierlichen Grete in einem Institut verlautete...
    Auf dem offenen Gang des Packhauses war es auch totenstill; nur der lustige
Sommerwind fuhr manchmal durch das grnschuppige Geschlinge des
Pfeifenstrauches, stubte es mutwillig auseinander und erregte ein flsterndes
Geplapper der zurckfallenden Bltterzungen... In der hbschen Stube voll
Resedadfte aber sa gewi die Frau mit dem lieben zrtlichen Muttergesicht und
trauerte; denn die schne Blanka war nun auch fort; sie war heute frh abgereist
und wohl wieder in Kondition nach dem weltfremden Engelland gegangen, wie
Brbe heute morgen zu Tante Sophie gesagt hatte; und darber war die kleine
Margarete aus ihrem halben Morgenschlafe emporgefahren und hatte still, damit
die Tante und Brbe es nicht hren sollten, in ihr Kissen hinein geweint. In
diesem Augenblick aber, wo Reinhold in das Haus gegangen war, um seinen
Baukasten zu holen, und das kleine Mdchen allein unter den Linden sa, kam die
alte Kchin ber den Hof her, die Hand unter der Schrze, und mit einem wahren
Inquisitorenblick die Fenster der obersten Etage im Vorderhause streifend.
    Frulein Sophie wei drum und will, da ich dir's geben soll, Gretchen;
aber die Frau Amtsrtin braucht's nicht gerade mit anzusehen, sagte sie. Wie
du krank warst, da hat das schne Mdchen dort auf dem Gange gar manchmal
stundenlang auf mich gelauert, weil ich ihr immer sagen mute, wie es gerade um
dich stand. In den Hof 'runter gekommen ist sie kein einziges Mal, so lange sie
auch dagewesen ist - du lieber Gott, freilich, dein Papa und die Gromama sind
stolze Leute und leiden keine Zuthulichkeit und Dreistigkeit - nun aber heute in
aller Frhe, wie ich das Kaffeewasser am Brunnen holte, da kam sie ber den Hof
her, schon im Schleierhut und mit der Reisetasche, und bla wie der Tod und
konnte aus keinem Auge sehen vor Weinen, weil's ja gerade fortgehen sollte in
die weite Welt. Und sie sagte, ich sollte dich vieltausendmal gren und dir das
geben.
    Sie zog die Hand unter der Schrze hervor und legte ein kleines, weies
Paket auf den Gartentisch - jubelnd zog die Kleine ein gesticktes
Margaretentschchen aus dem Papier.
    Still, still, Gretchen - mut nicht so schreien! mahnte Brbe. Das war
gar eine eigene Geschichte heute frh, und schn war's nicht von der Frau
Amtsrtin, nein - alles was recht ist, sag' ich immer! - 's ist ja doch kein
Unglck, wenn der junge Herr Herbert auch gerade in dem Moment mit seinem
Trinkglas 'runter an den Brunnen kommt, wie er es ja jeden Morgen die ganzen
letzten Wochen gethan hat! Er sah ganz krank aus, wie eine Leiche, und kam auf
das Mdchen zu - ich glaube, er hat was sagen wollen, vielleicht glckliche
Reise oder sonst eine Hflichkeit; aber da stand auch schon die Frau Amtsrtin
da, hat noch das Nachtmtzchen aufgehabt, und der Schlafrock hat ihr um den Leib
gehangen, als ob sie geradewegs aus dem Bette hineingefahren sei; und Augen hat
sie gemacht, als wollte sie das Mdchen aufspieen. Die hat sich aber nur tief
vor ihr verneigt und ist zu ihren Eltern gegangen, die im Thorweg auf sie
gewartet haben - weit du, Gretchen, unsere Frau Herzogin kann sich nicht
stolzer und vornehmer haben als die Malerstochter, von der Schnheit gar nicht
zu reden; und es kann wohl sein, da das Stolze an ihr deine Gromama gergert
hat, denn eh' ich nur recht wute wie, hat sie das Papier in meiner Hand
aufgerissen und hineingeguckt.
    Frs Gretchen ist's, Frau Amtsrtin! sag' ich.
    So? sagt sie ganz laut und bse. Wie kmmt denn Frulein Lenz dazu, meiner
Enkelin ein Andenken zu schenken? Und das hat das arme Mdchen noch in ihre
Ohren hineingehrt und Vater und Mutter auch... Und den jungen Herrn hat's
gerade so gedauert wie mich - er hat schreckliche Augen gemacht und ist ins Haus
gestrmt... So, das war die Geschichte, Gretchen! Die Frau Amtsrtin wollte mir
zwar das Paketchen partout wegnehmen, aber ich hab' Fersengeld gegeben, und
Frulein Sophie sagt, sie she gar nicht ein, warum du das Tschchen nicht
tragen solltest.
    Sie ging wieder in ihre Kche, und die kleine Margarete sann und grbelte.
Das Herz that ihr weh, und Zornesthrnen stiegen ihr auf, weil die guten Leute
im Packhaus gekrnkt worden waren. Und Brbe hatte recht, Herbert sah ganz
anders aus, so bla und so schrecklich ernsthaft; er sprach mit niemand mehr,
nicht einmal mit Reinhold, der doch sein Liebling war. Ja, die Gromama! Sie
konnte manchmal so furchtbar strenge Augen machen, und davor frchtete sich der
groe Primaner Herbert auch - das hatte die Kleine wohl bemerkt... Aber es half
doch alles nichts, und wenn die Gromama noch so sehr zankte und noch so
schlimme Augen machte, sie trug das Tschchen doch, sie trug es alle Tage, auch
wenn einmal der Papa von seiner Reise zurckkam und sie ausschalt; denn stolz
war er, der Papa, vielleicht noch schlimmer als die Gromama; das hrte man an
seinem barschen Ton, wenn er Befehle gab, und auerdem sprach er nie mit den
Arbeitern, die unter ihm standen. Auch die Malersleute waren ihm zu gering; er
sah immer so aus, als wisse er gar nicht, da jemand im Packhaus wohne, und auf
dem offenen Gange mochte sein, wer wollte, er grte nie hinauf. An dem
Unglcksabend war er ja auch nicht in das Haus gegangen und hatte lieber im
dunklen Hofe gewartet, bis sie herausgebracht worden. Nur whrend ihrer
Krankheit hatte er nicht stolz ausgesehen; sie hatte ihm sogar, als es besser
mit ihr ging, und er allein an ihrem Bett gesessen, von der hbschen Stube im
Packhaus erzhlen drfen, und von dem schnen Mdchen, wie es so wei und mit
offenem Haar vom Gange hereingekommen, wie es ihren Kopf so fest an die Brust
gedrckt habe, da ihr das weiche, dicke Haar ganz schwer ber das Gesicht
gefallen sei. Und da hatte der Papa gar nicht gezankt - er war ganz still
gewesen; er hatte sie auf die Stirn gekt und gerade so fest an sein
starkpochendes Herz gedrckt, wie es die schne Blanka gethan. Und darber
verwunderte sie sich heute noch...

                                       7


Die Stadt B. war nicht die Residenz des Landes; aber ihre schne, gesunde Lage
machte sie zum bevorzugten Sommeraufenthalt des regierenden Herrn, trotzdem das
Schlo, auch in seinem Aeueren nichts weniger als imposant, fr eine grere
Hofhaltung kaum den ntigen Raum bot... In den letzten drei Jahren brigens
machte sich das nahe Zusammenrcken der Sommergste im Schlosse nicht mehr so
ntig - die beiden schnen Prinzessinnen waren, kaum dem Kindesalter entwachsen,
weggeholt worden und hatten, selbst fr Prinzessinnen, glnzende Partieen
gemacht, und der Erbprinz befand sich auf Reisen.
    Ob nun bereits der Wonnemond durch weiche Lfte und se Dfte seine
kstlich klingende Bezeichnung verdiente, oder ob er, noch ber liegengebliebene
Schneefelder der Berggipfel einherziehend, einen rauhen Aprilatem in die
letzten, zum flachen Land auslaufenden Thler des Thringer Waldes hineinblies,
gleichviel - pnktlich mit dem fnfzehnten Mai rckte alljhrlich die
Wagenkolonne aus der Residenz in das hbsche B. ein, und bald darauf sah man die
Schlte des Schlosses gastlich dampfen, die wohlbekannte Livree der herzoglichen
Bedienten tauchte in den Straen auf, und vor den vornehmsten Husern hielt dann
und wann eine Equipage - die Hofdamen machten Besuche. Auch das Lamprechtsche
Haus war eines der wenigen brgerlichen, denen diese Auszeichnung widerfuhr -
die Frau Amtsrtin Marschall war heute noch so wohlgelitten bei Hofe wie vor
zehn Jahren; denn volle zehn Jahre waren verstrichen seit jenem unglckseligen
Bleichtag, an welchem die kleine Margarete aus Furcht vor dem Institut nach
Dambach gelaufen war.
    Die herzogliche Gnadensonne bestrahlte selbstverstndlich auch alles, was
der alten Dame verwandtschaftlich nahe stand; so zum Beispiel wurde jetzt die
Firma Lamprecht und Sohn durch einen Kommerzienrat reprsentiert, den einzigen
der Stadt B., denn Serenissimus kargte sehr mit diesem Titel-Geschenk. Herr
Balduin Lamprecht war auch gegen die seltene Auszeichnung durchaus nicht
unempfindlich; seine Geschftsfreunde behaupteten, er trge seine Nase so hoch,
da kaum noch mit ihm auszukommen sei. Frher habe er doch wenigstens
verbindliche Manieren gehabt, aber auch die seien untergegangen in einem
abstoend finsteren Hochmut. Seit Jahren hatte ihn niemand mehr lcheln sehen.
Er reiste viel in Geschften und war thtig, wie kaum in den ersten Jahren
seiner Selbstndigkeit; aber wenn er heimkam, da wurde es frmlich dunkel im
Hause, da sanken die Stimmen der Untergebenen zum Flstern herab, in aller
Mienen lag ngstliche Spannung, und die Futritte klangen gedmpft, als frchte
jedes, einen in irgend einer Ecke lauernden bsen Geist aufzuscheuchen. Die
leidige Hypochondrie - ein Lamprechtsches Erbstckchen! sagte achselzuckend der
Hausarzt im Hinblick auf die dstere Stimmung des Heimgekehrten, der sich oft
tagelang einschlo. Tchtig Wassertrinken und Holzsgen, das wre am Platze!
Und die Frau Amtsrtin nickte eifrig mit dem Kopfe dazu - einzig und allein das
alte Erbbel war's - sonst absolut nichts! - Tante Sophie aber lchelte
ingrimmig, wenn ihr dieser salomonische Ausspruch zu Ohren kam. Jawohl, sonst
absolut nichts! pflegte sie ihn ironisch zu bekrftigen. Beileibe nicht etwa
das bichen Sehnsucht nach einem richtigen Familienleben - ei bewahre! Der Mann
mu ja Gott danken, da er einmal vor so und so viel Jahren eine Frau gehabt
hat, und kann nun bis an sein seliges Ende von der Erinnerung zehren... Der
Fanny mu doch die letzte Bosheit der seligen Judith gar zu gut gefallen haben,
weil sie's gerade so gemacht hat. Na meinetwegen, ich wollte nichts sagen, wenn
sie dem armen Kerl, dem Witwer, wenigstens ein paar stramme Buben hinterlassen
htte; aber der Reinhold, das Angstmnnchen - du lieber Gott, dem sah man's ja
schon im Wickel an, da es irgendwo haperte!
    Reinhold Lamprecht war in der That das Angstkind des Hauses verblieben. Er
litt an einem Herzfehler, der ihm jede geistige und krperliche Anstrengung
verbot. Er selbst fhlte die Entbehrung aller schnen Jugendfreuden wohl kaum,
denn sein ganzes Dichten und Trachten ging im Geschft auf. Wenn aber der
Kommerzienrat den langen, bleichen, dnnen Zahlenmenschen mit der khlen
Gemessenheit eines Greises am Schreibtisch stehen sah, unbekmmert ob drauen
Bltenschnee von den Bumen flog oder wirkliche winterliche Flocken vor den
Scheiben wirbelten, da ging es wie Zorn und Grimm durch seine Zge, und ein
bitter verchtlicher Blick streifte das Huflein Gebrechlichkeit, welches
dereinst das Haus Lambrecht reprsentieren sollte. Aber er sprach nie darber;
er ballte nur im stillen krampfhaft die Faust, wenn die Frau Amtsrtin sich
freute, da die vornehme Ruhe der seligen Fanny in so frappanter Weise auf den
Sohn bergegangen sei. Und eigentlich krnklich war der Stammhalter der
Lamprechts nach ihrem Dafrhalten absolut nicht - Gott behte! Er war nur
zarter, empfindlicher Konstitution - eine Frau wie Fanny konnte
selbstverstndlich nicht die Mutter von robusten Bauernkindern gewesen sein.
Margarete war ja auch bleich und schmchtig, aber kerngesund. Man mute nur ihre
Reisebriefe lesen - das Mdchen ertrug ja Strapazen und Anstrengungen wie ein
Mann! ... Diese Bravourstcke waren brigens durchaus nicht nach dem Geschmack
der alten Dame; der Entwickelungsgang der Enkelin mifiel ihr grndlich. Ein
langjhriger Aufenthalt in einem vom Adel frequentierten, etwas orthodox
angehauchten Pensionat, dann Vorstellung bei Hofe, und nach einigen Jahren der
Auszeichnung und des Triumphes als Abschlu eine gute Partie - so mute
eigentlich die Jugendzeit der einzigen Tochter eines reichen Hauses verlaufen.
Aber schon der Plan bezglich des Institutes hatte ja an Margaretens Trotzkopf
scheitern mssen, und das Mdchen war zum stillen Aerger der Gromama bis ber
das vierzehnte Lebensjahr in seiner entsetzlichen Urwchsigkeit verblieben.
Dann war allerdings ein pltzlicher Umschwung eingetreten.
    Die jngere Schwester der Frau Amtsrtin war an einen Universitts-Professor
verheiratet, dessen Name einen weithin geltenden Klang hatte. Er war Historiker
und Archolog, und da ihm bedeutende Mittel zur Verfgung standen, so reiste er
viel, um fr seine wissenschaftlichen Werke aus den Quellen selbst zu schpfen,
und dabei war ihm seine Frau ein treuer Kamerad - Kinder hatten sie nicht. Nach
langem Aufenthalt in Italien und Griechenland waren sie nun auch wieder einmal
in die Heimat zurckgekehrt, und die Frau Amtsrtin hatte sich glcklich
geschtzt, die Durchreisenden auf einige Tage beherbergen zu knnen, denn sie
war sehr stolz auf den Ruhm ihres Schwagers.
    Am ersten Tage war der unmanierliche Backfisch, die Grete, fr die
zrnende Gromama nicht zu finden gewesen - wer mochte denn auch einem
hochnotpeinlichen Verhr so geradewegs in die Hnde laufen? - Der famose
gelehrte Groonkel in Berlin hatte dem Mdchen von jeher einen gelinden Schauder
ber die Haut gejagt. Das war so einer, der die unglcklichen Schulkinder
einfing, sie zwischen seine Kniee klemmte und examinierte, bis sie vor Angst
schwitzten. Gesehen hat sie ihn nie; aber er war selbstverstndlich lang und
steif wie ein Stock, lachte nie und sah mit strengen stechenden Augen durch
groe, runde Brillenglser. Am zweiten Morgen aber hatte sie sich im Flursaal,
einer offenen Salonthre schrg gegenber, hinter dem Bffett verkrochen -
Professors frhstckten beim Papa. Und sie hatte groe Augen gemacht; denn der
schne alte Herr konnte lachen, wirklich so recht aus Herzensgrunde lachen. Er
hatte einen herrlichen, weien, bis auf die Brust herabwallenden Vollbart und
dazu prchtige helle Augen ohne Brillenglser. Und wie ein Junger hatte er das
Glas mit dem funkelnden Goldwein gehoben und einen schalkhaften Toast
ausgebracht. Dann hatte er von den Schliemannschen Ausgrabungen auf dem Berge
Hissarlik erzhlt, und sehr verwunderlich war es dabei gewesen, da seine Frau,
die Grotante mit dem glatt gescheitelten, vollen Grauhaar ber dem klugen
Gesicht, auch drein gesprochen, und zwar ganz mit demselben Verstndnis wie der
groe Gelehrte. Ja, eine weite wunderherrliche Welt voll alter, versunkener und
nun wieder erstehender Geheimnisse hatte sich da aufgethan, und die lauschende
junge Unwissende hinter dem Bffett hatte sich allmhlich aus ihrer kauernden
Stellung aufgerichtet; dann war es gewesen, als schleiche ein leiser,
nachtwandelnder Fu ber den Flursaal her, bis das langaufgeschossene Mdchen
unsicheren Blickes, in fluchtbereiter Haltung, aber im atemlosen Hren die
verschrnkten Hnde auf die Brust gepret, unter der Salonthre erschienen
war... Meine Grete - ein scheuer Vogel, wie Sie sehen! hatte der Papa mit der
Hand nach ihr hingewinkt und damit den Zauber gebrochen. Im panischen Schrecken
war der scheue Vogel von der Schwelle geflohen, hatte, verfolgt von einem
vielstimmigen heiteren Gelchter, die Flursaalthre klirrend hinter sich
zugeschlagen und war die Treppe hinab mehr gestrzt als gelaufen.
    Allein Flucht und trotziger Widerstand hatten nichts mehr gentzt, die wilde
Hummel hatte sich rettungslos auf ein fremdes Gebiet verflogen; Lernbegierde und
Wissensdurst waren in der jungen Seele erwacht und hatten sie immer wieder zu
Fen der Erzhler gefhrt, und als nach acht Tagen der Wagen vor dem
Lamprechtschen Hause gehalten hatte, um die Fortreisenden nach der Bahn zu
bringen, da war auch die unmanierliche Grete in Schleierhut und Reisemantel
aus der Hausthre getreten, verweinten Gesichts zwar und den letzten Jammerlaut
eines schweren Abschiedes auf den Lippen - aber man hatte sie mit nichten in den
Wagen schleppen mssen, und sie hatte auch nicht geschrieen, da die Leute auf
dem Markte zusammenlaufen muten, fest entschlossen und freiwillig war sie
mitgegangen, um bei Onkel und Tante zu lernen und sie auf ihren Reisen zu
begleiten.
    Darber waren fnf Jahre hingegangen. Margarete war neunzehnjhrig geworden
und hatte das vterliche Haus nicht wieder gesehen. Ihre Verwandten, vorzglich
den Papa, hatte sie in der langen Zeit fters, teils in Berlin, teils auf Reisen
bei verabredeten Rendezvous gesehen, und in den letzten zwei Jahren waren die
Besuche der Gromama in Berlin immer hufiger geworden; sie wollte die Enkelin
heimholen; allein Onkel und Tante zitterten bei dem Gedanken an eine Trennung,
und das junge Mdchen selbst versprte nicht die geringste Lust, sich am
heimischen Hofe vorstellen zu lassen, und so mute die Frau Amtsrtin zu ihrem
bittersten Verdru immer wieder allein zurckreisen.
    Tante Sophie war, auer Herbert, die einzige der Familie gewesen, die sich
ein Wiedersehen mit der Gretel hatte versagen mssen. Nein, das sollte ihr
einmal niemand nachsagen knnen, da sie um einer Freude, eines
Herzensbedrfnisses willen den Haushalt je, auch nur fr ein paar Tage, im
Stiche gelassen htte! Es ging eben nicht und lie sich vor dem Gewissen nicht
verantworten, und da hatte das dumme, alte Herz mit seiner Sehnsucht absolut
nichts drein zu reden... Nun machte sich aber der Ankauf neuer Teppiche und
Portieren fr die guten Stuben durchaus ntig, und Tante Sophiens Pelzmantel
verlor, trotz Steinklee und Pfeffer, seit Jahren die Haare - er mute
pensioniert werden. Ein neuer Pelzmantel war aber ein teures Stck, das konnte
man nicht nur so verschreiben und wie die Katze im Sacke kaufen, ebensowenig wie
die kostbaren Teppiche und Portieren; da hie es gleich vor die rechte Schmiede
gehen, und deswegen dampfte Tante Sophie - viel eiliger, als es ntig, aber doch
nur aus wirtschaftlichen Rcksichten - eines Tages nach Berlin und stand
pltzlich unter strmenden Freudenthrnen in Margaretens Mdchenstbchen. Und
was alle bittenden, sen und strengen Worte der Frau Amtsrtin nicht vermocht,
das that der Anblick der unvergessenen mtterlichen Pflegerin; eine heie
Sehnsucht wallte in dem jungen Mdchen auf - sie wollte heim auf einige Zeit,
heim, um ber Weihnachten zu bleiben; Tante Sophie sollte ihr, wie einst dem
Kinde, den Christbaum in der trauten Wohnstube anbrennen. Und so wurde
verabredet, da sie in der Krze der heimkehrenden Tante folgen solle, aber ganz
im stillen, niemand durfte es wissen, Papa und Gropapa sollten berrascht
werden. -
    So geschah es an einem stillen, milden Abend zu Ende des Septembers, da die
junge Dame, zu Fue von der Bahn kommend, den Thrflgel des Packhauses hinter
sich schlo und einen Augenblick lchelnd unter dem dunklen Thorweg stehen blieb
- sie schien noch auf das Knarren und Aechzen des alten Holzgefges zu horchen,
obschon es sofort verhallt war. Gerade diese Laute hatten in ihr Kindesleben
hineingeklungen, so weit sie zurckdenken konnte, in ihre Spiele im Hofe und oft
noch aufschreckend in das se Hindmmern des ersten Schlafes hinein. Und wie
oft hatte Tante Sophie erzhlt, da gerade durch dieses Thor, Jahrhunderte
hindurch, die Leinenfrachten, dieses goldbringende Handelsgut der Lamprechts, in
die Welt hinausgegangen waren! Das hatte die wilde Hummel damals nicht
sonderlich interessiert; jetzt aber flog ihr Blick unwillkrlich empor, als
msse er, trotz der Dunkelheit, an der Steinwlbung noch die Spuren der
hochgetrmten Planwagen finden knnen.
    In welchem Lichte erschien ihr berhaupt jetzt der stille Hof des alten
Patrizierhauses, seit sie durch Studium und belehrende Reisen sehenden Auges
geworden war! ... Wie festgebannt blieb sie stehen, nachdem sie mit erregt
pochendem Herzen einige Schritte vorwrts gelaufen. Unter ihren Fen raschelte
drres Laub; die mchtig gewachsenen lieben Linden hatten bereits zum grten
Teil die Bltter abgeworfen, und hinter den Stmmen dunkelten die Mauern des
uralten Weberhauses. Heute, wie an jedem Abend, kam der starke Lichtstrom der
groen Wandlampe drben aus den Kchenfenstern; er legte sich breit ber den Hof
hin, beschien grell wie immer seitwrts ein ganzes Stck des anstoenden
spukhaften Flgels und hob das mchtige, steinerne Brunnenbecken inmitten des
Hofes wei aus dem Abenddunkel. Und jenes beleuchtete Stck Fassade des zwischen
das Packhaus und das groe nchterne, stillose Vorderhaus geklemmten Seitenbaues
zeigte zur Ueberraschung der Heimkehrenden den edelsten Renaissancestil, und die
Steinfigur, die sich hoch ber den vier wasserspendenden Brunnenrhren hell
bestrahlt erhob, und nach welcher einst Herbert und spter auch Reinhold mit
Kieseln geworfen, sie war eine feingegliederte Brunnennymphe vom schnsten
Ebenmae - jeder der vandalischen Steinwrfe von damals entrstete in diesem
Augenblick noch nachtrglich die junge Kunstverstndige... Die Thringer
Fugger hatten die Kauf- und Handelsherren Lamprecht einst um ihres Reichtumes
willen im Volksmund geheien - in dem Erbauer des Seitenflgels mit dem dazu
gehrigen Brunnen hatte aber auch etwas von dem Kunstsinn der berhmten
Augsburger Leineweber gelebt, nur da er seine Schpfung, in herber, stolzer
Verschmhung alles Rhmens und Preisens, der Oeffentlichkeit entzogen und sie
lediglich zur eigenen Augenweide und Befriedigung in der Verborgenheit
aufgerichtet hatte. So war es recht! Die Tochter des alten Hauses hatte auch
ihre Dosis Brgerstolz im Blute mitbekommen - er trug in diesem Moment der
Heimkehr seinen Teil an dem freudig erregten Schlag ihres Herzens. O ja, so ein
ganz klein wenig hochmtig war man! ...
    Von der Brunnenfigur hinweg glitt ihr Blick ber die Kchenfenster und sie
empfand eine helle Wiedersehensfreude und lachte in sich hinein - da war
freilich von griechischen Linien nicht die Rede; Brbe tauchte aus der Tiefe der
Kche auf und trat in den hellen Lampenschein. Sie war noch ebenso brenhaft
vierschrtig und ungeschlacht wie ehemals; das dnne, graue, um den Kamm
gewickelte Zpfchen am Hinterkopf hatte sich in seiner Position ausgezeichnet
konserviert, und das Mundwerk ging flott wie immer - einzelne Laute ihrer
sprden Stimme kamen durch das offene Fenster.
    Es ging berhaupt sehr lebhaft zu in der Kche. Verschiedene Hnde muten
beschftigt sein, das Geschirr abzuwaschen, denn es klirrte und klapperte ohne
Aufhren; Brbe und der Hausknecht trockneten die Teller, und ein hbscher
junger Bursch in feiner Livree ging eilfertig ab und zu.
    Ohne Zweifel war Diner im Hause. Margarete hatte schon beim Heraustreten aus
der finsteren Thorwlbung durch die Flurfenster gesehen, da droben in der
Bel-Etage, im groen Salon, der Kronleuchter brannte. Das berraschte sie nicht;
Tante Sophie hatte ihr bereits in Berlin gesagt, da jetzt immer etwas los sei
zu Hause; zwischen den Leuten bei Hofe und Amtsrats sei groe Herrlichkeit,
und der Papa sei dadurch ein gar gesuchter Mann - und die braunen Augen hatten
dabei lustig gezwinkert... Ei nun, da war ja die beste Gelegenheit, sich die
Herrlichkeit in Bausch und Bogen zu besehen, ohne sich selbst sehen zu lassen,
gleichsam von der Tiefe einer Theaterloge aus! Es galt einen Versuch! -
    Sie ging durch die Hausflur in die Wohnstube. Da war es sehr dmmerig; das
Gaslicht kam schwach durch die Fenster herein und warf nur einen intensiveren
Lichtfleck auf die eine Wandflche, auch auf das Zifferblatt der schnen groen,
wohlbekannten Standuhr. Das behbig langsame Ticken des alten Inventarstckes
berhrte die Heimkehrende herzbewegend wie ein Gru von lieber Menschenstimme.
    Tante Sophie war nicht da, sie hatte selbstverstndlich oben alle Hnde
voll zu thun; dafr war das ganze, groe Zimmer von dem Duft ihrer
Lieblingsblumen erfllt - auf dem Etisch stand ein mchtiger Strau Levkojen
und Reseda, wohl der letzte fr dieses Jahr aus Tante Sophiens eigenem kleinen
Garten vor dem Thore - wie das alles anheimelte! -
    Margarete warf Hut und Mantel auf einen Stuhl, schwang sich auf den hohen
Fenstertritt und sah hinaus ber den gashellen Markt hin... Alles wie sonst, da
sie noch in den Kinderschuhen gesteckt und die scharfen Steinkanten des
holprigen Pflasters unter den Sohlen gefhlt, da der kleine, zum Teil noch von
uralten Verteidigungsmauern eiferschtig umschlossene Straenkomplex, Stadt B.
genannt, fr sie die Welt bedeutet hatte, in der sie um jeden Preis leben und
sterben gewollt! ... Alles wie sonst, der bemooste Neptun auf dem Marktbrunnen,
das Eckhaus schrg gegenber mit seinem Steinbild ber der gewlbten Thre -
welches besagte, da der Hausbesitzer zum Bierbrauen berechtigt sei -, die
schrille, kleine Glocke auf dem Rathaustrmchen, die eben halb acht schlug, das
ferne Klingeln verschiedener Schellen an den Ladenthren, und auch die edle
Wibegierde der guten Landsmnninnen, die dort in einem Trupp an der Straenecke
standen und, schlafende Kinder in ihre weiten, runden Kattunmntel gewickelt,
lange Hlse machten; sie konnten sich nicht satt sehen an dem Kronleuchter, der
droben in Lamprechts guter Stube brannte, und zischelten wacker durcheinander -
der richtige, rechtschaffene Klatsch an der Straenecke.
    Die junge Dame verlie ihren hohen Standpunkt am Fenster und lachte - sie
machte es ja nicht besser als die schnatternde Gesellschaft da drben, sie
huschte ja jetzt auch hinauf, um zu sehen, was alles dieser Kronleuchter
beschien...

                                       8


Das lautlose Huschen wurde ihr nicht schwer. Ein neuer, breiter Lufer von
dickflaumigem Teppichstoff verschlang jeden Futritt auf der Treppe. Vor
Margarete her eilte der Livreebediente mit einer Platte voll
Selterswasserflaschen hinauf; er bemerkte die junge Dame nicht, und droben lie
er achtlos die Thre offen, weit genug fr einen Flederwisch wie sie, meinte sie
und huschte durch den Spalt.
    Der Flursaal war sprlich beleuchtet; nur aus der weit offenen Salonthre
strmte der Kerzenglanz und teilte als breiter Streifen den mchtigen Raum in
zwei Hlften, und in dem Moment, wo der Bediente mit seinen Flaschen in die
offene Salonthre trat, schlpfte Margarete hinter ihm weg in den dunkelnden
Hintergrund und trat in eine der Fensternischen.
    Sie konnte einen groen Teil des Salons berblicken; und es war wirklich,
als se sie in der Theaterloge und she ein interessantes Lustspiel... Der
ersten Liebhaberin - das war die junge Fremde dort an der Tafel zweifellos -
konnte sie gerade in das Gesicht sehen; es war ein hbsches, volles, ruhig
lchelndes Gesicht auf schneeweiem, rundem Halse und breiten, ppigschnen
Schultern. Die junge Dame sa so, da fr die Beschauerin drauen der alte
berhmte Lamprechtsche Tafelaufsatz, ein mchtiges, mit Frchten und frischen
Blumen beladenes Kauffahrteischiff von gediegenem Silber, dicht neben ihr zu
stehen schien - das gab ein farbenprchtiges Bild; frischer waren die Blumen
auch nicht als der blonde Mdchenkopf mit seinem strahlenden Teint... Also, das
war sie, diese Heloise von Taubeneck, die gegenwrtig eine so dominierende Rolle
bei Amtsrats spielte! ... Nun, verwunderlich war es gerade nicht, da die
Gromama ber diese neue Beziehung so ganz und gar aus dem Huschen sein
sollte, wie Tante Sophie sich in Berlin ausgedrckt hatte. Eine Nichte des
Herzogs - sei es auch nur die Tochter des verstorbenen apanagierten Prinzen
Ludwig aus einer unebenbrtigen Ehe - dereinst Schwiegertochter nennen zu
drfen, das bertraf ja weit, weit Gromamas khnste Wnsche! Wie sie wohl dies
unmenschliche Glck trug? -
    Nun, die ehrgeizige alte Dame lehnte denn auch dort an der Schmalseite der
Tafel, mit stolzseligem Gesichtsausdruck und die Hnde fast andchtig gefaltet,
in ihrem Stuhl und verwandte kein Auge von der blonden Schnheit neben dem Sohn,
dem einzigen, vergtterten, der in rapider Geschwindigkeit Staffel um Staffel im
Staatsdienst erstieg und mit neunundzwanzig Jahren schon ein Herr Landrat war.
Wie oft hatte ihn Margarete als Kind aus Papas Munde spottweise unser
zuknftiger Minister nennen gehrt! Nun war er in der That dem hochgesteckten
Ziel nahe, wie Tante Sophie in Berlin erzhlt. Sie hatte gesagt, man munkele
bereits im Lande, da ein Wechsel in Sicht sei - der bisherige Chef des
Ministeriums krnkele und habe den Wunsch, nach dem Sden zu gehen. Schlechte
Leute aber behaupteten, Seiner Exzellenz thue keine Ader weh; die Diagnose rhre
nicht vom Arzt, sondern von einer hohen Persnlichkeit her, und der Herr Landrat
Marschall wrde, trotz seiner wirklich ausgezeichneten Fhigkeiten, keinesfalls
den Harrassprung in die hohe Stellung machen, wenn nicht eben - jenes Frulein
Heloise von Taubeneck wre. Ja, die Welt ist gar schlecht mit ihrer losen
Zunge! Damit waren diese neuesten Nachrichten aus der Heimat unter
bedauerlichem Achselzucken geschlossen worden; aber der Schalk hatte der Tante
aus jedem Augenwinkel gelacht. Uebrigens sei Herbert wirklich ein vornehmer Mann
geworden - hatte sie sich beeilt hinzuzusetzen -, wie geboren zu einer hohen
Beamtenstellung, wo man sich gegen Krethi und Plethi abschlieen msse...
    Nun ja, er war ein hbscher Mann geworden, eine rechte Diplomatenfigur mit
seiner vornehmen Sicherheit in Thun und Wesen. Wenn sie ihm in der Fremde
pltzlich begegnet wre, da htte sie vielleicht gestutzt, aber auf den ersten
Blick ihn sicher nicht erkannt... Sie hatte ihn lange nicht gesehen, es mochten
wohl sieben Jahre darber vergangen sein. Als Student hatte er seine Ferienzeit
meist auf Reisen verlebt, und wenn er ja einmal nach Hause gekommen, da war sie
dem eingebildeten Studiosus, der immer noch keinen Bart und deshalb auch kein
Anrecht auf den diktatorisch geforderten Onkeltitel gehabt, klglich aus dem
Wege gegangen, und er hatte nie gefragt, wo sie stecke - selbstverstndlich! -
    Nun war ihm aber der Bart gewachsen, ein schner, dunkler, am Kinn leicht
geteilter Vollbart, und aus dem miachteten Studenten war ein Herr Landrat
geworden, der noch dazu mit vollen Segeln auf seine Verheiratung lossteuerte und
binnen kurzem eine Tante an seiner Seite haben wrde; da konnte man mit gutem
Gewissen Onkel sagen - ja wohl, unbedenklich! Das junge Mdchen in der dunklen
Fensterecke lchelte schelmisch und lie die Augen weiter schweifen.
    Bei Betreten des Flursaales war ihr ein lautes Stimmendurcheinander
entgegengekommen; man hatte sehr lebhaft gesprochen, und sie meinte auch,
Gropapas geliebte, rauhe Stimme herausgehrt zu haben. Mit dem Eintritt des
Bedienten jedoch war es stiller geworden, und jetzt sprach nur eine einzige,
ganz angenehme, wenn auch etwas fette Frauenstimme; sie schien gewissermaen zu
dominieren, und in der Modulation lag, besonders wenn es galt, eine eingeworfene
Frage zu beantworten, eine merkliche Herablassung. Margarete konnte die
Sprecherin nicht sehen; sie mochte dem Papa zur Rechten sitzen, whrend Frulein
von Taubeneck links seine Nachbarin war.
    Die unsichtbare Dame erzhlte einen Vorfall bei Hofe, hbsch und
anschaulich, und unterbrach sich nur manchmal mit einem nicht wahr, mein Kind?
- was die schne Heloise stets mit der Antwort gewi, Mama! prompt und
gleichmtig besttigte. So war es also Frau Baronin von Taubeneck, die Witwe des
Prinzen Ludwig, welche neben dem Papa sa... Wie stolz er aussah! Die finstere
Melancholie, welche die Tochter bei jedem Wiedersehen aufs neue erschreckt
hatte, schien heute wie weggewischt von den schnen, wenn auch stark alternden
Zgen. Die Gromama war somit nicht die einzige, die sich in den Strahlen des
ber der Familie aufgehenden Glcksgestirnes sonnte...
    Frau von Taubeneck beschrieb eben mit gesteigerter Lebendigkeit, wie das
Pferd des Herzogs alle Anstrengungen gemacht, seinen Reiter abzuwerfen, als sie
pltzlich aufhorchend verstummte. Ueber ihre ziemlich laute Stimme hinweg
schwebte ein Klang in das Zimmer herein, ein langausgehaltener Ton - er schwoll
und schwoll und blieb doch geisterhaft zart und unirdisch, bis er pltzlich
abri, um eine Terz tiefer einzusetzen.
    Magnifique! Was fr eine Stimme! rief Frau von Taubeneck halblaut.
    Bah - 's ist ein Junge, gndige Frau, ein aufdringlicher Bengel, der einem
seine Kehltne an den Kopf wirft, wo man geht und steht! sagte Reinhold, der an
der Tischecke neben der Frau Amtsrtin sa - seine schwache, knabenhafte Stimme
bebte im verhaltenen Aerger.
    Ei nun ja, du hast recht - die Singerei im Packhause wird auch mir
nachgerade zu viel! besttigte die Gromama und sah ihn besorgt von der Seite
an. Aber es fllt mir doch im ganzen Leben nicht ein, mich darber zu rgern!
Hbsch ruhig, Reinhold! Die Familie im Packhause ist fr uns ein notwendiges
Uebel, an welches man sich mit der Zeit gewhnt - du wirst es auch lernen.
    Nein, Gromama, grundstzlich nicht! versetzte der junge Mann, whrend er
mit nervser Hast seine Serviette zusammenfaltete und sie auf den Tisch warf.
    Puh, wie heftig! lachte Frulein von Taubeneck - was fr herrliche Zhne
sie hatte! - Viel Lrm um nichts! - Es ist mir nicht erfindlich, wie sich Mama
durch die paar Tne unterbrechen lassen konnte, noch weniger aber begreife ich
Ihren Zorn, Herr Lamprecht - so etwas hre ich gar nicht. Sie hob den weien,
bis an die Schulter entblten Arm, nahm eine schne Orange von dem Tafelaufsatz
und fing an, sie zu schlen.
    Reinholds bleiches Gesicht rtete sich ein wenig - er schmte sich seiner
Heftigkeit. Ich rgere mich nur, entschuldigte er sich, da man den Singsang
so widerspruchslos hinnehmen mu. Der eitle Bursch sieht jedenfalls, da wir
Gesellschaft haben, und meint, er gehre auch dazu - unverschmt! - Er will um
jeden Preis bewundert sein.
    Wenn du das denkst, da bist du aber stark auf dem Holzwege, Reinhold!
sagte Tante Sophie eben hinter ihm weggehend. Sie hatte bisher an der
Kaffeemaschine ihres Amtes gewaltet und einen starkduftenden Trank gebraut,
dessen erste Tasse sie auf einem Silbertellerchen der Frau von Taubeneck
persnlich prsentierte. Sie war in ihrem schweren, schwarzseidenen Ripskleide;
das volle, graue Haar sa wie immer in zwei glnzenden Scheitelpuffen zu beiden
Seiten der hellen Stirn, und darber her fiel eine schne schwarze Spitze. Sie
sah ganz vornehm aus, die mittelgroe, gut konservierte Gestalt mit ihrem
sicheren Auftreten. Und die Zuckerschale von der Tafel nehmend, setzte sie
hinzu: Der Kleine fragt viel nach unsereinem; der singt fr sich selber wie der
Vogel auf dem Zweig. Das quillt ihm nur so aus der Brust, und ich hab' zu jeder
Stund' meine Freude dran - 's ist die reine Pracht und Herrlichkeit, eine wahre
Gottesstimme: Hren Sie's? Sie sah sprechend ber die Tafelrunde hin und neigte
den Kopf nach der Richtung des Hofes.
    Die Himmel rhmen des Ewigen Ehre! sang der Knabe drben im Packhause -
eine lieblichere Stimme hatte wohl noch nie zur Ehre Gottes gesungen.
    Reinhold warf der Tante einen Blick zu, der die Lauscherin im Fensterwinkel
emprte. Wie kannst du dich unterstehen, in diesem auserwhlten Kreise
mitzureden? Diese Frage lag deutlich genug in den hochmtigen, fast farblosen
Augen, und daneben sprhte die tiefste Erbitterung. Margarete kannte ja das
schmale, fleischlose Gesicht, auf welchem das Muskelspiel so harte, scharfe
Linien zog, in jeder Regung; sie hatte es als Kind ngstlich studieren gelernt,
aus schwesterlicher Liebe und auch, weil man gewohnt war, sie fr jeden
Heftigkeitsausbruch des schwchlichen Knaben verantwortlich zu machen. Gendert
hatte er sich nicht; er war immer gewohnt gewesen, um seines Leidens willen in
allem seinen Kopf durchsetzen zu drfen; auch jetzt trieb ihm sein bodenloser
Eigensinn das Blut dunkel nach dem Gesicht; nervs unruhig griff seine Hand nach
verschiedenem Gert auf der Tafel und stie es durcheinander, bis ein scharfes
Klirren die unwillkrlich Lauschenden aufschreckte.
    Pardon, ich war sehr ungeschickt! stammelte er kurzatmig. Aber die Stimme
macht mich ganz nervs - - sie klingt mir im Ohr, wie wenn ein Trinkglas mit
nassem Finger bestrichen wird.
    Nun, dem ist ja abzuhelfen, Reinhold, sagte Herbert beruhigend. Er stand
auf und kam heraus in den Flursaal, um die der Salonthre gegenberliegenden
offenen Fensterflgel zu schlieen...
    Also auch darin hatte sich nichts gendert. Reinhold war stets Herberts
Portg und Liebling gewesen, und wie einst der Primaner und Student beeifert
gewesen war, dem krnklichen Neffen alles Aergerliche und Verstimmende aus dem
Wege zu rumen, so that es auch zu dieser Stunde noch der Herr Landrat...
    Den Flursaal entlang gehend, inspizierte er auch die anderen Fenster und kam
an Margaretens Versteck heran. Sie drckte sich tiefer in die finstere Ecke, und
dabei rieb sich ihr Seidenkleid knisternd an der Wand.
    Ist jemand hier? fragte er aufhorchend.
    Sie lachte in sich hinein. Ja, sagte sie halblaut, aber kein Dieb oder
Mrder, auch nicht die Ahne Dorothee aus der Spukstube - du brauchst dich nicht
zu frchten, Onkel Herbert - es ist nur die Grete aus Berlin!
    Damit trat sie aus dem Fensterwinkel - ein schlankes Mdchen, das sich
lchelnd mit lssiger Grazie ein wenig vorbog, um sich zur Besttigung von dem
letzten Schrgstreifen des Kerzenlichtes bescheinen zu lassen.
    Er war unwillkrlich zurckgewichen und sah sie an, als traute er seinen
eigenen Augen nicht. Margarete? wiederholte er ungewi, fragend und reichte
ihr etwas zgernd die Hand hin; sie legte die ihre khl hinein, und er lie sie
ohne Druck wieder fallen - eine recht steife Begrung, aber ganz in der
Ordnung. So bei Nacht und Nebel kommst du heim? fragte er wieder. Und niemand
im Hause wei um dein Kommen?
    Ihre dunklen Augen blitzten ihn mutwillig an. Ja, weit du, einen Kurier
wollte ich nicht vorausschicken - das kommt ein bichen zu teuer fr meine
Einknfte; und da dachte ich mir, unterbringen werden sie dich schon zu Hause,
auch wenn du unverhofft kommst.
    Nun, wenn ich einen Augenblick im Zweifel war, ob die junge Dame da
wirklich die bermtige Grete sei, so wei ich's jetzt - du kommst zurck, wie
du gegangen bist!
    Ich will's hoffen, Onkel!
    Er wandte das Gesicht halb zur Seite, und da war's, als gehe ein leises
Lcheln durch seine Zge. Was soll aber nun werden? fragte er. Willst du
nicht hereinkommen?
    O, beileibe nicht! Die Herbstkhle in den Kleidern, Staub und Ru auf dem
Gesicht; dazu eine heruntergetretene Falbel am Rock und ein Paar zerplatzter
Handschuhe in der Tasche - ein schnes Debt vor dem Staatsfrack und brillanten
Hofschleppen! - Sie deutete nach dem Salon, wo bereits wieder eine laute,
lebhafte Konversation im Gange war. Auf keinen Fall, Onkel! du wirst dich doch
nicht so mit mir blamieren wollen?!
    Nun, wie du willst, sagte er khl und zuckte die Schultern. Wnschest du,
da ich dir den Papa oder Tante Sophie herausschicke?
    Gott behte! Sie trat unwillkrlich weiter vor und streckte die Hand aus,
um ihn zurckzuhalten; dabei tauchte ihr Kopf fr einen Moment tief in das
herberstrmende Licht - ein feiner, anziehender Kopf, den dunkle Locken
umwogten - Gott behte - was denkst du? Zu einer Begrung im Dunkeln sind mir
die beiden viel zu lieb! - Ich mu ihre Gesichter klar vor mir haben, mu sehen,
ob sie sich auch freuen... Und mssen denn die da drben durchaus wissen, da du
mich als Horcherin an der Wand ertappt hast? - Ich schme mich ohnehin genug.
Aber das Licht hier oben lockte zu verfhrerisch, und da taumelte die dumme
Motte hinein! ... Nun gehe ich wieder - ich habe genug gesehen!
    So? Und was hast du denn gesehen? -
    O, sehr viel Schnheit, wirkliche, bewunderungswrdige Schnheit, Onkel!
Aber auch viel Vornehmheit, viel - Herablassung - zu viel fr unser Haus!
    Die Deinen finden das nicht! sagte er scharf.
    Es scheint so, gab sie achselzuckend zu. Die sind aber auch viel
gescheiter als ich. Mir hat von jeher der Dnkel meiner Ahnen, der alten
Leinenhndler, im Blute gesteckt - ich lasse mir nicht gern etwas schenken.
    Er trat von ihr weg. Ich werde dich wohl nun deinem Schicksal berlassen
mssen, sagte er trocken, mit einer leichten steifen Neigung des Kopfes.
    O, bitte - nur noch einen Augenblick! Wre ich die Frau mit den
Karfunkelsteinen, dann knnte ich ungefhrdet verschwinden und brauchte dich
nicht zu inkommodieren; so aber mu ich dich bitten, fr einen Moment die
Salonthre zu schlieen, damit ich vorber kann.
    Er schritt rasch nach der Thre, ergriff beide Flgel und zog sie hinter
sich zu. Margarete flog durch den Flursaal; sie hrte, wie drinnen einstimmig
gegen das Schlieen der Thre protestiert wurde, und ehe sie die uere Thre
hinter sich zudrckte, sah sie noch, wie die beiden Flgel langsam wieder
aufgingen, wie sich der brtige Mnnerkopf noch einmal verstohlen herausbog,
jedenfalls um zu sehen, ob der Eindringling den Ausweg gefunden habe - lustig!
Der steifnackige Herr Landrat und die bermtige Grete im Komplott! Das htte er
sich wohl zehn Minuten zuvor auch nicht trumen lassen! ...
    Ein Aufschrei empfing sie, als sie wieder in die dmmerdunkle Wohnstube
trat. Die nach der Kche fhrende Thre wurde aufgerissen, und Brbe rannte
hinaus, da ihr die Rcke flogen.
    Sei gescheit, Brbe! rief Margarete lachend und ging ihr nach bis auf die
Schwelle der hellerleuchteten Kche. Ich sehe ihr ja gar nicht hnlich, der im
roten Salon, und so durchsichtig wie die spinnwebige Frau Judith bin ich doch
wahrhaftig auch nicht! ... Komm her und gib mir eine Hand, alte, treue Seele -
hab' mich gar manchmal nach dir gesehnt! Da - sie streckte ihre schne, schmale
Hand hin - sie ist warm und von Fleisch und Bein! Du kannst sie getrost
anfassen!
    Und die alte, treue Seele war pltzlich wie nrrisch vor Freude. Sie fate
nicht nur die Hand, sie schttelte sie auch, da dem jungen Mdchen Hren und
Sehen verging, und die Thrnen strzten ihr aus den Augen... Ja, da waren nun
fnf Jahre nur so verflogen, der Mensch wute nicht wie! Und aus dem Gretel war
eine Dame geworden, fix und fertig, wie ein Dckchen! Aus dem Ausbund! - Wie
eine kleine, wilde Katze ist sie mir gar manches Mal von hinterrcks auf meinen
breiten Buckel 'naufgesprungen, wenn ich kein Arg hatte und in meinen Aufwasch
vertieft war, - sagte sie zu der Kchenmagd und wischte sich lachend die Augen
- ja, zum Umstrzen war der Schreck allemal! - Aber - ihre laute, grelle
Stimme sank zum Flstern herab - das sollten Sie doch nicht, Frulein - ich
mein', mit solchen, wie die oben im Gange, soll sich der Mensch nicht
vergleichen! 's ist ein Aber dabei, und Sie sind ohnehin so bla, gar so bla!
    Margarete verbi mit Mhe das Lachen. Also auch da alles beim alten! Nun
ja, - ihre Mundwinkel zuckten in leiser Ironie - an uns ist kein Tadel, gut
konservativ sind wir', sagte Tante Sophie immer, wenn Reinhold die abgerissenen
Arme und Beine meiner Puppen sorgfltig sammelte und als alten Besitz
respektierte... Hast recht, Brbe, bla bin ich, aber doch frisch genug, um mich
meines Leibes und Lebens gegen deine Gespenster zu wehren. Und du sollst sehen,
in unserer starken Thringer Luft werden meine Backen bald rund und rot wie
Borsdorfer Aepfel sein... Aber horch! - durch das offene Kchenfenster klang
wieder die Knabenstimme herein - jetzt sage mir, wer singt denn drben im
Packhause?
    's ist der kleine Max, ein Enkelchen von den alten Lenzens. Seine Eltern
sollen gestorben sein, und da haben ihn die Groeltern zu sich genommen. Er geht
hier auf die Schule und mu wohl das Kind von einem Sohn sein - er heit auch
Lenz. Sonst kann ich nichts sagen. Sie wissen's ja, es sind so stille Leute; ob
sie Freud' oder Leid erleben, ein anderer Christenmensch erfhrt's nicht. Und
unser Herr Kommerzienrat und die Frau Amtsrtin knnen's partout nicht leiden,
wenn unsereiner auch nur thut, als wohnten Leute im Packhause. 's ist von wegen
der Klatscherei, wissen Sie, Frulein; und richtig ist's ja, so gemein darf sich
ein Haus wie unseres nicht machen... Der Kleine freilich fragt viel danach, was
bei uns Brauch ist - 's ist ein schnes Kind, Frulein Gretchen, ein
Staatsjunge! - Aber der ist vom ersten Tage an mir nichts dir nichts in den Hof
'runtergestiegen, und da spielt er wie von Rechts wegen, akkurat wie Sie und der
junge Herr Reinhold klein da 'rumgetollt haben.
    Brav, mein Junge! Ein tapferer kleiner Kerl! Da ist Kraft und
Selbstbewutsein drin! - nickte Margarete vor sich hin. Was sagt denn aber die
Gromama?
    Ja, die Frau Amtsrtin, die ist freilich toll und bse, und der junge Herr
erst - ach, ach! sie fuhr mit der Hand durch die Luft - da gibt's viel bses
Blut! Aber es hilft alles nichts, und wenn's noch so deutlich durch die Blume
gegeben wird, der Herr Kommerzienrat hat keine Ohren... Ich glaube, im Anfang
hat er's gar nicht gesehen, da das fremde Kind da 'rumgelaufen ist, wo's nicht
hingehrt - er ist ja immer so in tiefen Gedanken - das kmmt vom schwarzen
Geblt, Frulein, nur davon! Nun ja, und solche Leute sehen manchmal nicht
rechts und nicht links, und andere Menschen sind fr sie nicht auf der Welt.
Wie's ihm aber doch endlich beigebracht worden ist, da hat er gesagt, sie
sollten das Kind nur spielen lassen, wo es wollte, der Hof wr' gro genug - und
dabei ist's geblieben, und der Aerger mu 'nuntergewrgt werden.
    Sie nahm eine Stecknadel aus ihrem Halstuch und steckte eine halbgelste
Schleife am Kleid der jungen Dame fest; dann zupfte sie die Spitze am
Halsausschnitt zurecht und strich mit beiden Hnden glttend ber den etwas
zerknitterten Seidenrock. So, nun kann's losgehen! sagte sie zurcktretend.
Die werden gucken da oben! so unverhofft und so mitten hinein in die groe
Gesellschaft -
    Margarete schttelte den Kopf, da die Locken flogen.
    Das war nun freilich nicht nach dem Sinn der alten Kchin. Es sei heute
extra schn oben, meinte sie, und beim Champagner wrde es wohl richtig
gemacht worden sein zwischen der vom Hofe und dem Herrn Landrat... Ein paar
schne Menschen, Frulein, und eine groe Ehre fr die Familie! schlo sie ihre
Mitteilungen. Gesehen hab' ich freilich von der ganzen Herrlichkeit noch
nichts, ich in meiner Kche hier unten; aber die Leute sagen's, und die
Neidhammel in der Stadt sagen auch, die Frau Amtsrtin wrde ja wohl noch
zerplatzen vor lauter Hochmut... Ja, die losen Muler! Der Mensch kann sich
nicht genug in acht nehmen! ...
    Mit diesen Worten nahm sie eine Tischlampe vom Sims, um sie fr Margarete
anzubrennen; aber die junge Dame verbat sich alle Beleuchtung. Sie wollte im
Dunkeln warten, bis droben alles vorber sei und stieg wieder auf den
Fenstertritt in der Wohnstube.
    Da sa sie nun und sann; und zu allem, was durch den jungen Kopf flog, sagte
die alte Uhr ihr ruhiges, gleichmiges Ticktack und ebnete gleichsam die
hochgehenden Wogen in der Seele. Reinholds Gehssigkeit und sein und der
Gromama Hochmut machten ihr das Blut wallen; aber es wurde niedergekmpft -
nein, die Heimkehr in das vterliche Haus lie sie sich absolut nicht
verbittern! Fort mit der unerquicklichen Wahrnehmung! ... Da war das Gesicht der
schnen Dame vom Hofe, das hatte nichts Aufregendes! Sie mute sehr berlegenen
Verstandes oder eine phlegmatische Natur sein, diese herzogliche Nichte mit der
unbeschreiblichen Ruhe und Gelassenheit in Zgen und Gebrden... Frher hatte
man kaum um die Existenz der schnen Heloise von Taubeneck gewut. Prinz Ludwig
hatte einen hohen preuischen Militrposten bekleidet und seinen Wohnsitz in
Koblenz gehabt. Nur selten war er an den heimischen Hof gekommen, und das den
apanagierten Prinzen des herzoglichen Hauses zur Verfgung gestellte
Landschlchen, der Prinzenhof, hatte lange Jahre unbewohnt gestanden. Es lag
auerhalb der Stadt am Fue eines ehemaligen Burgberges, den noch einzelne
Mauertrmmer krnten, und war ein einstckiger Rokokobau mit Mansarde und den
ntigen Remisen und Stallungen, die unter dem Laubdach herrlicher alter Nubume
vllig verschwanden, whrend sich vor der geschnrkelten Vorderfront ein
hbsches, mit Blumengruppen und Statuen geschmcktes Rosenparterre hinzog. Vom
Dambacher Pavillon aus konnte man ja den Prinzenhof fast greifbar nahe liegen
sehen.
    Nun war er wieder bewohnt, und Tante Sophie hatte in Berlin viel von dieser
Vernderung gesprochen. Die Witwe des Prinzen Ludwig war froh gewesen, nach
seinem Tode hier unterkriechen zu knnen, wie sich der Kleinstdter insgeheim
drastisch genug ausdrckte; denn an Barem hatte der Verstorbene so gut wie
nichts hinterlassen, und die Witwenpension war keine allzugroe. Wie man aber
wute, hatte das herzogliche Paar eine warme Zuneigung zu der jungen verwaisten
Nichte gefat, und vorzugsweise aus dem Grunde mochte es wohl geschehen, da den
beiden Damen Subsistenzmittel zuflossen und Vorrechte zugestanden wurden, auf
die sonst nur Ebenbrtige Anspruch hatten.
    Nun, die Equipage, die eben ber den Markt heranbrauste, und drauen vor der
Thre hielt, war elegant genug, um ein frstliches Geschenk zu sein. Der offene
Wagen funkelte und glitzerte im Gaslicht, und das feurige Gespann schnaubte und
stampfte vor Ungeduld.
    Es whrte geraume Zeit, bis man sich droben entschlo, aufzubrechen, bis das
Stimmengerusch der Gesellschaft die Treppe herabkam, und der groe Flgel des
Hausthores zurckgeschlagen wurde, um den starken Lichtschein der Flurlampen auf
das Trottoir drauen strmen zu lassen.
    In diese grelle Beleuchtung trat zuerst die Baronin Taubeneck und watschelte
an Herberts Arm nach dem Wagen. Sie war von einer bermigen Korpulenz, und die
Tochter, die ihr folgte, mochte ihr spter darin hnlich werden. Jetzt freilich
hatte ihre hohe, volle Gestalt noch schne, ebenmige Linien. Sie zog die
schwarze Spitzenhlle fester ber das tief in die Stirn fallende Blondhaar,
setzte sich vornehm ruhig neben die keuchende Mama und sah sehr teilnahmlos auf
die brigen Gste herab, welche, noch einmal sich verabschiedend, den Wagen
umringten, um sich dann nach allen Richtungen hin zu zerstreuen.
    Herbert war sofort mit einer tiefen Verbeugung zurckgetreten - das sah
nicht aus, als habe die Verlobung in der That stattgefunden - die Frau Amtsrtin
dagegen hatte die Hand der jungen Dame zwischen die ihren genommen, sie prete
sie unter fortwhrendem, nahezu aufdringlichem Sprechen und bog pltzlich, wie
von Zrtlichkeit berwltigt, ihr Gesicht auf die hell behandschuhte Rechte, um,
Margarete vermochte nicht zu unterscheiden, ob den Mund oder die Wange darauf zu
drcken.
    Sie fuhr unwillkrlich vom Fenster zurck. Das Blut strmte ihr hei nach
den Schlfen - sie schmte sich in tiefster Seele fr die alte, weihaarige
Dame, die ihre sonstige stolze Gemessenheit und Wrde einem so jungen Geschpf
gegenber vllig verlor.
    Ganz erbittert sprang sie vom Fenstertritt. In was fr ein armseliges,
beschrnktes Thun und Treiben war sie zurckgekommen! Hatte sie deshalb den
weiten Flug in ferne Lande und alte Zeiten gemacht, und sich an dem berauscht,
was der Menschengeist im edlen Schnheitsgefhl, im Freiheitsdrange an Idealen
ersonnen und erstrmt, um hier an der widerlichsten Kriecherei zu sehen, wie
geistig arm der Mensch werden kann? ... Nein, der Kfig war zu eng! Auch nicht
die uersten Spitzen der freiheitgewohnten Flgel ihres Geistes opferte sie, um
sich ihm anzubequemen! ... Das, was augenblicklich dominierend und entnervend
durch das gesammte moderne Leben ging, der Servilismus, die Machtanbetung, das
ungenierte Buhlen um die Gnade einflureicher Persnlichkeiten, das waren jetzt
die Gespenster im Lamprechtshause, gegen die sie sich ihres Leibes und Lebens zu
wehren hatte! - Wahrlich, die schne Frau mit den Karfunkelsteinen, die einzig
aus rcksichtsloser, heier Liebe die Grabesruhe verwirkt, sie stand gro neben
den kleinen Seelen! ...

                                       9


Drauen rollte der Wagen davon. Margarete verlie die Wohnstube; aber sie flog
nicht, wie sie wohl gleich beim Kommen im ersten Impuls gethan, den Ihren
entgegen - wie angefrstelt stieg sie langsam die wenigen in die Hausflur
fhrenden Stufen hinab.
    Herbert schien eben die Treppe hinaufgehen zu wollen, und der Kommerzienrat
kam ber die Schwelle in die Hausflur zurck. Auf seinem Gesicht lag noch der
Glanz befriedigten Stolzes auf die seinem Hause widerfahrene Ehre. Er stutzte
bei Margaretens Erblicken, breitete aber gleich darauf unter einem Freudenruf
die Arme aus und zog die Heimgekehrte an seine Brust. Und da war auch wieder ein
Lcheln auf ihren Lippen.
    Ei, bist du es wirklich, Gretchen? rief die Frau Amtsrtin, die in diesem
Augenblick in Reinholds Begleitung von drauen hereintrat. So ganz wider
Erwarten? - Sie lie die Schleppe, die sie mit spitzen Fingern sorgsam hoch
ber den Boden hielt, rauschend niedersinken, streckte dem jungen Mdchen die
Rechte entgegen und hielt ihr mit wrdevoller Grazie die Wange zum Kusse hin.
Das schien die Enkelin nicht zu bemerken - sie berhrte die gromtterliche Hand
mit ihren Lippen und schlang dann die Arme um den Hals des Bruders... Ja, sie
hatte ihm vorhin ernstlich gegrollt! Aber er war ja ihr einziger Bruder, und er
war krank; das heimtckische Leiden raubte ihm die Jugend, allen Glanz, allen
Zauber der himmlisch schnen achtzehn Jahre ... Und wie das Herz unruhig und
bengstigend hastete in der schmalen Brust, an welche sie sich schmiegte! Wie
sein Krper sich frostig schttelte unter dem khlen Nachthauch, der vom Markte
hereinblies! -
    Gehen wir hinauf! Die zugige Hausflur ist ein schlechter Begrungsort!
mahnte der Kommerzienrat. Er legte seinen Arm wieder um Margaretens Schultern
und stieg mit ihr die Treppe hinauf, Herbert nach, der um eine Anzahl Stufen
voraus war.
    Groes Mdchen! sagte der Papa und ma mit vterlich stolzem Blick die
jugendliche Gestalt neben sich.
    Ja, sie ist noch recht gewachsen, meinte die Gromama, die an Reinholds
Arm langsam nachkam. Mut du nicht auch lebhaft an Fannys Zge und Erscheinung
denken, Balduin?
    Nein, ganz und gar nicht! Die Gretel hat ein echtes Lamprechtsgesicht,
entgegnete er, und seine Stirn verfinsterte sich.
    Droben im groen Salon stand Tante Sophie an einem Seitentisch und zhlte
das gebrauchte Silberzeug in einen Korb. Sie lachte ber das ganze Gesicht, als
Margarete auf sie zuflog. Dein Bett steht bereit, auf dem nmlichen Platz, wo
du als Kind alle deine lustigen und dummen Streiche verschlafen hast, sagte
sie, nachdem sie unter der strmischen Umarmung des jungen Mdchens zu Atem
gekommen war. Und in der Hofstube nebenan ist's auch ganz huschelig und
gemtlich, wie du's immer gern hattest.
    Also ein Komplott! meinte die Frau Amtsrtin mit scharfer Rge. Tante
Sophie war die Vertraute, und wir anderen muten uns bescheiden, bis der groe
Moment gekommen war! Sie zuckte mit den Schultern und lie sich auf den
nchsten Stuhl nieder. Wre er nur frher gekommen, dieser groe Moment, Grete!
Aber deine Heimkehr jetzt hat so gut wie gar keinen Zweck - der Hof geht in den
nchsten vierzehn Tagen nach M. zurck! von einer Vorstellung wird kaum noch die
Rede sein knnen.
    Sei du froh, liebe Gromama! Du wrdest doch keine Ehre mit mir einlegen.
Du glaubst gar nicht, was fr ein Hasenfu ich bin, was fr ein schauderhaft
tppisches Ding, wenn ich die Courage verliere! Das heit, vor unseren lieben,
alten Herrschaften wrde ich standhalten - die sind mild und gtig und
verschchtern ein zaghaftes Menschenkind nie geflissentlich. Aber die anderen -
Sie brach ab und fuhr sich mit der Hand unwillkrlich durch die Locken. Deshalb
bin ich ja aber auch gar nicht gekommen, Gromama; der Weihnachtsbaum hat mir's
angethan, Weihnachten drunten in der Wohnstube! Ich habe mich satt gesehen an
all den Konfektfiguren und den Buchbindermeisterwerken, die Tante Elise kauft
und mhelos an den Baum hngt. Ich will wieder jene Vorbereitungsabende
durchleben, wo es drauen strmt und schneit, und drin in der warmen Stube die
Nsse auf dem Tische rasseln, das Blattgold herumfliegt, und aus der Kche der
Duft von selbstgebackenen Kringeln und allerhand undefinierbarem Wundergetier
durch die Schlssellcher und Thrspalten zieht. Das Hbscheste wird freilich
fehlen - Tante Sophiens verdeckter Nhkorb, aus welchem dann und wann ein
Endchen von angefangenem Puppenstaat guckte; und ber die Bilderbcher bin ich
leider auch hinaus. Aber von Brbe verlange ich nach wie vor meinen
Pfefferkuchenreiter -
    Kinderei! schalt die Frau Amtsrtin rgerlich. Schme dich, Grete! Du
kommst ja nicht um ein Haar gebessert zurck!
    Ja, das sagte Onkel Herbert auch schon.
    Nicht in dem Sinne, berichtigte der Landrat khl. Er war mit in den Salon
hereingekommen, hatte sich bis dahin vollkommen passiv verhalten und stand eben
vor dem Tafelaufsatz, wo er mit vorsichtigem Finger die Blumen und Frchte
auseinander schob, um das wundervoll gearbeitete Takelwerk des Silberschiffes
besser sehen zu knnen... Ob er das alte, wohlbekannte Familienschaustck der
Lamprechts wirklich noch nicht gesehen hatte, der Herr Landrat? -
    Was - du hast den Onkel schon gesprochen? fragte Reinhold, sehr erstaunt
von der Birne aufblickend, die er sich schlte. Wie ist denn das mglich?
    Sehr leicht, Holdchen, dieweil ich vorhin in Person hier oben gewesen bin
-
    Doch nicht in der Absicht, einzutreten? rief die Frau Amtsrtin in
nachtrglichem Schrecken.
    Mit der Eskimofrisur und in dem grlichen schwarzen Fhnchen? setzte
Reinhold mit einer grotesken Abscheugebrde hinzu. Hast dich ja ganz famos
herausgeputzt in deinem Berlin, Grete!
    Margarete lachte und sah auf ihr Kleid herab. Alteriere dich nicht,
Reinhold, es ist nicht mein einziges und bestes! Sie wandte den Rocksaum
musternd und achselzuckend hin und her. Armes Fhnchen! Frisch ist's freilich
nicht mehr. Es mute mit mir durch Pyramiden und Katakomben kriechen und ist von
Gletschereis und Gebirgsregen oft windelna gewesen - der gute, alte Kamerad!
Nun habe ich mich seiner geschmt und ihn verleugnet! Onkel Herbert kann's
bezeugen, da ich mir selber nicht schn genug war, um vor dem hohen Besuch zu
debtieren -
    Ich bitte dich ums Himmels willen, Kind, thue mir den einzigen Gefallen und
fahre dir nicht so nach Jungenart durch die Haare! unterbrach sie die Gromama.
Eine schauderhafte Angewohnheit! Wie kommst du nur auf die wahnsinnige Idee,
dir das Haar kurz zu schneiden?
    Ich mute, Gromama, und ohne ein paar heimlicher Thrnen ist's auch nicht
abgegangen, das leugne ich gar nicht. Aber es war oft zum Verzweifeln, wenn die
Zpfe morgens beim Flechten kein Ende nehmen wollten, und Onkel Theobald drauen
vor der Thre wartete und auf und ab lief vor Ungeduld und Angst, da wir den
Zug oder die Post versumen knnten. Und da machte ich kurzen Proze, als es
nach Olympia gehen sollte, und griff zur Schere. Ich htte mich kahl geschoren,
wenn es ntig gewesen wre, so ungeduldig und auf das Weiterkommen erpicht war
ich selbst... Uebrigens ist die Sache gar nicht so schlimm, Gromama. Mein
Struwwelhaar wchst wie Unkraut, und ehe du dich versiehst, ist wieder ein ganz
respektabler Zopf da -
    Da kannst du warten, warf die alte Dame trocken ein. Unsinn, kapitaler
Unsinn! platzte sie dann zornig heraus. Tante Elise konnte auch besser
aufpassen und den Streich verhindern!
    Die Tante? Ach, Gromama, da sieht's erst schlimm aus! Mindestens um eine
Hand breit krzer, als dies - Sie zog einen ihrer Lockenringel mit einem
schelmischen Lcheln in die Lnge.
    Na, ihr mgt ein schnes Zigeunerleben fhren auf euren gelehrten Touren!
rief die alte Dame indigniert und strich nervs erregt einige Tortenkrmel auf
dem Tafeltuch zusammen. Wie meine Schwester es fertig bringt, sich den
Berufsstudien ihres Mannes so unterzuordnen, das ist mir geradezu unfalich. Wo
bleibt da das Recht der Frau auf die eigene angenehme Lebensstellung? ... Nun,
es ist ihre Sache - wie man sich bettet, so liegt man... Aber was soll nun
werden? Sieh dir noch einmal das Mdchen an, Balduin! Jahre knnen vergehen, bis
sie wieder prsentabel ist... Ich frage dich, Grete, wie willst du es anfangen,
in dem kurzen Gewirr eine Blume festzustecken, von einem Schmuckstck gar nicht
zu reden? Die Rubinsterne zum Exempel, die deiner seligen Mama so
unvergleichlich standen -
    Ah, die Karfunkelsteine? Die schne Dore im roten Salon hat sie auf dem
Toupet? fiel Margarete lebhaft fragend ein.
    Ja, Gretel, dieselben, besttigte der Kommerzienrat, der sich bis dahin
schweigend verhalten und eben ein Glas Champagner rasch geleert hatte, an Stelle
der Gromama. Er war erblat, aber die Augen glhten ihm unter der Stirn, und
seine Finger umklammerten das Glas, als wollten sie es zu Scherben zerdrcken.
Ich habe dich herzlich lieb, Kind, und will dir geben, was dein Herz verlangt;
aber die Rubinsterne schlage dir aus dem Sinne - solange ich lebe, kommen sie in
kein Frauenhaar mehr!
    Die Frau Amtsrtin fuhr sich mit dem Taschentuch ber die Augen und sah mit
traurig gesenkten Mundwinkeln in ihren Scho nieder. Ich begreife, ich verstehe
dich, lieber, lieber Balduin, sagte sie in tief mitfhlendem Ton. Du hast
Fanny allzusehr geliebt!
    Ein bitteres Lcheln flog ber sein Gesicht, und er hob die breiten
Schultern, als wolle er eine namenlose innere Ungeduld abschtteln. Klirrend
stie er das Glas auf den Tisch und ging mit drhnenden Schritten in das
Nebenzimmer, die Thre hinter sich zudrckend.
    Armer Mann! sagte die Frau Amtsrtin halblaut und beschattete einen Moment
mit der Hand die umflorten Augen. Ich bin untrstlich ber meine
Ungeschicklichkeit - ich htte nicht an diese nie heilende Wunde rhren sollen!
... Und gerade heute war er so heiter, ich mchte sagen stolz glcklich! Seit
Jahren habe ich ihn zum erstenmal wieder lcheln sehen... Ach ja, es waren aber
auch wieder einmal ein paar himmlisch schne Stunden, unvergelich schn und
beglckend! ... Nur eines hat mir ein paarmal thatschlich den Angstschwei auf
die Stirn getrieben, liebste Sophie! - das leise Aneinanderklirren des Silbers
hinter ihr verstummte, Tante Sophie horchte pflichtschuldigst dem, was da kommen
sollte - es wurde zu langsam serviert. Mein Schwiegersohn wird wohl fr solche
Flle noch helfende Hnde acquirieren mssen -
    Gott behte, Gromama, was soll denn das kosten? protestierte Reinhold.
Wir haben unsern Etat fr dergleichen, und der wird absolut nicht
berschritten. Franz mu eben seine faulen Beine besser rhren! Ich werde
knftig schon Feuer dahinter machen!
    Die Gromama schwieg. Sie nahm ein paar halbwelke Rosen, die Frulein
Heloise von Taubeneck in der Hand gehabt und auf ihrem Platz zurckgelassen
hatte, und steckte ihr spitzes Nschen hinein - sie widersprach dem erregbaren
Enkel nie direkt. Es war aber hauptschlich noch ein Bedenken, das mir im
Verlauf des Essens bengstigend aufstieg, beste Sophie - sagte sie nach einer
augenblicklichen Pause ber ihre Stuhllehne zurck - war nicht doch das Menu in
etwas zu derber Weise zusammengesetzt? Wissen Sie, Liebste, ein wenig zu
spiebrgerlich fr unsere hohen Gste? - Und das Roastbeef lie auch viel zu
wnschen brig.
    Sie brauchen sich wirklich nicht zu ngstigen, Frau Amtsrtin, entgegnete
Tante Sophie mit ihrem heitersten Lcheln. Der Kchenzettel war, wie ihn die
Jahreszeit gibt, und ein Schelm gibt mehr, als er hat. Und das Roastbeef war
gut, wie es immer auf unsern Tisch drunten kommt. Drauen im Prinzenhof
verlangen sie das ganze Jahr durch kein so feines, teures Stck, wie mir der
Hofmetzger sagt.
    So! - Hm! rusperte sich die Frau Amtsrtin und vergrub ihr Gesicht einen
Augenblick frmlich in den Rosen. Ach, dieser kstliche Duft! lispelte sie.
Sieh mal, Herbert - diese weie Theerose ist eine Neuheit aus Luxemburg, wie
mir Frulein von Taubeneck sagte. Der Herzog hat sie ganz extra fr den
Prinzenhof kommen lassen.
    Der Herr Landrat nahm die Rose. Er besah ihren Bau, prfte den Duft und gab
sie seiner Mutter zurck, ohne eine Miene zu verziehen.
    Wer sah diesem Mann an, da er einst eine solche weie Rose mit einer Wut
und Glut, als sei er pltzlich wahnwitzig geworden, geraubt und verteidigt und
um keinen Preis wieder herausgegeben hatte? - Margarete hatte diesen
rtselhaften Vorgang nie vergessen knnen, und jetzt war er ihr freilich kein
Rtsel mehr - der damalige Primaner hatte das schne Mdchen im Packhause
offenbar geliebt; es war eine erste schwrmerische Schlerliebe gewesen, die
er von seinem jetzigen Standpunkt aus natrlicherweise mitleidig belchelte. Die
Zeit der Lyrik war lngst vorber, und die strenge Prosa des trockenen,
berechnenden Verstandes war an ihre Stelle getreten.
    Da war der Papa, der sich eben mit seinem Schmerz in das Nebenzimmer
geflchtet, doch ein Anderer! Er konnte nicht vergessen. - Das Herz wallte ihr
ber von Mitleid und warmer, kindlicher Liebe - kaum wissend, da sie es that,
ffnete sie geruschlos die Thre, die er hinter sich geschlossen, und schlpfte
in das Zimmer.
    Der Kommerzienrat stand unbeweglich in der dunkelnden Fensternische, in die
nur ein schwacher Schein der Hngelampe fiel, und schien auf den Markt
hinauszusehen. Der dicke Teppich machte die leichten Mdchentritte unhrbar, und
so stand sie pltzlich hinter dem in sich versunkenen Manne und legte ihm sanft
schmeichelnd die Hnde auf die Schultern.
    Er fuhr herum, als sei die Berhrung ein Faustschlag gewesen, und starrte
mit verstrten, wie wahnwitzig blickenden Augen der Tochter in das Gesicht.
Kind, sthnte er, du hast eine Art, die Hand aufzulegen -
    Wie meine arme Mama?
    Er prete die Lippen aufeinander und wandte sich ab.
    Aber sie schmiegte sich fester an ihn. Lasse deine Grete da, Papa! Schicke
sie nicht fort! bat sie weich und innig. Der Gram ist ein schlimmer Kamerad,
und mit dem lasse ich dich nicht allein... Papa, ich werde zwanzig Jahre alt -
gelt, schon ein recht altes Mdchen? - und habe mich ganz gehrig drauen in der
Welt umhergetummelt. Ich habe viel gehrt und gesehen, fr alles Schne und
Groe die Augen redlich aufgethan und mir manche Lehre brav hinters Ohr
geschrieben, wie Tante Sophie sagt... Und die Welt ist so wunderschn -
    Kind, lebe ich denn nicht auch in der Welt? - Er deutete nach dem
anstoenden Salon.
    Ob aber auch unter Menschen, die dir wirklich und wahrhaftig aus deiner
Seelenfinsternis emporhelfen knnten?
    Er lachte hart auf. Das freilich nicht! Die wohl zu allerletzt! Aber man
kann sich auch mit verschlossener Seele hie und da zerstreuen. Freilich, der
Katzenjammer kommt nachher mit doppeltem Elend und strzt die arme Seele um so
tiefer in ihren grausamen Zwiespalt zurck.
    Nun, so wrde ich mich dem nicht aussetzen, Papa! sagte sie und sah mit
ernstem Blick zu ihm auf.
    Ein spttischer Zug ging durch sein dunkles Gesicht, whrend er ihr mit der
Hand ber das Haar strich. Meine kleine Weise, du sprichst, wie du's verstehst
- wenn das so leicht wre! ... Du bist durch Katakomben und Pyramiden gekrochen
und hast in Troja und Olympia an der Hand des Onkels dem Leben und Sein der
alten Welt nachgesprt, aber vom modernen Leben weit du blutwenig. Mit dem
eigenen Selbstgefhl wird jetzt keiner fertig, der etwas gelten will, dazu
gehrt auch etwas Sonnenschein, der aus den hchsten Kreisen kommt. Er zuckte
die Achseln.
    Das ist mir freilich unverstndlich, sagte sie, und das Blut stieg ihr in
das Gesicht. Aber ich wei doch mehr vom modernen Leben, als du denkst, Papa.
Der Onkel in Berlin duldet nichts Zweifelhaftes, im Dunkeln Kriechendes in
seinem Hause; da kommen nur helle Kpfe zusammen, und es wird frisch und frei
vom Herzen weg gesprochen. Sieh, und da sagte krzlich einer: Ach ja, sie nennen
es den Klassenha schren, wenn wir uns unserer Haut wehren und gegen die
drohende Niederdrckung kmpfen! Meine Seele ist rein von Ha - mgen jene doch
steigen, so hoch sie wollen, ich sehe neidlos zu, sie mssen sich nur nicht
dabei auf unsere Leiber stellen wollen. Aber das ist's eben, mit ihrem Steigen
wachsen ihnen Kraft und Lust, uns niederzutreten. Allein selbst darum hasse ich
nicht; ich trage der Vergangenheit Rechnung. Die Abneigung, dem Brgertum
Vorschub zu leisten, oder vielmehr das Streben, es nicht stark werden zu lassen,
liegt ihnen traditionsgem im Blute. Dagegen fhle ich Grimm, unbezwinglichen
Grimm gegen die feilen Fahnenflchtigen aus unseren Reihen, die liebedienerisch
und um des persnlichen Vorteils willen das eigene Fleisch und Blut bekmpfen
und um so fanatischer wten, als sie sich sagen mssen, da sie der
Ehrlichgebliebene verachtet. So sagte Doktor -
    Auch nur einer, dem die Trauben zu sauer sind, fiel der Kommerzienrat mit
lchelndem Hohn ein; eine Motte, die sich die Flgel nicht verbrennen konnte,
einfach, weil sie dem Licht noch nicht nahe kommen durfte! Der schwenkt auch
noch einmal, meine liebe Grete! Wir sind eben Kinder unserer Zeit und keine
Spartaner... Und wenn es zehnmal nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, und
wenn die Speichelleckerei in grbster, abstoendster Weise zu Tage liegt, die
Welt bewundert trotz alledem das dekorierte Knopfloch und nennt den Liebediener
ehrfurchtsvoll bei dem neuen Titel, den er sich erschlichen hat... Zu jenen
Servilen gehre ich nun allerdings nicht - ich will nichts haben, und zu
schwenken brauchte ich auch nie, denn ich habe niemals den Beruf in mir gefhlt,
mich wie ein Gladiator dem Herkmmlichen entgegenzustellen und mit
volksbeglckenden Tiraden mich lcherlich zu machen. Das ist Verstandessache;
die unbezwingliche Scheu aber, das unwillkrliche Beugen vor dem, was man in
jenen hohen Regionen sagt und urteilt, liegt mir im Blute. Es ist strker als
ich - ich kann nicht dafr, ich kann nicht darber hinaus, mit dem besten
Willen, mit aller Kraft nicht!
    Er lie das junge Mdchen pltzlich allein stehen in dem Fensterbogen und
schritt in fast wildem Tempo auf und ab. Ja, wer pltzlich alles -
Charakteranlage und Erziehungsresultate - abschtteln und wie auf einsamer
Insel, ungesehen, sich so zeigen drfte, wie es ihm in tiefster Seele aussieht,
wie er fhlt und leidet, ja der! - er brach mit einer leidenschaftlichen
Gebrde ab.
    Die Energie und Bestimmtheit dieses Mdchens hatte ihn offenbar fr einen
Moment vergessen lassen, da es seine junge Tochter war, vor deren Ohr sein
Schmerz laut wurde.
    Geh jetzt hinunter, mein Kind! sagte er sich bezwingend. Du wirst mde
und hungrig sein - ich frchte, es hat dir noch niemand etwas angeboten. Nun,
von dem Abhub der Tafel sollst du auch nichts essen. Tante Sophie wird dir schon
drunten einen gemtlichen Theetisch herrichten, und bei ihr bist du ja auch am
liebsten! Hast auch recht, Gretel - das ist Gold, lauteres Gold, und ich lasse
mich nicht irre machen, so oft man auch versucht, es zu verdchtigen... Was fr
eine heie Hand du hast, Kind! Und wie dir dein sonst so blasses Gesichtchen
glht! Ja, siehst du, kleine, tapfere Brgerin, die Politik -
    Die Politik? Ach Papa, ich bin ja nur ein Mdchen, ein kleines, dummes -
was geht mich die Politik an? Ich erzhle ja nur nach! Sie lchelte schelmisch.
Du wirst doch um Gottes willen nicht denken, da die Grete den Mnnern ins
Handwerk pfuschen will? Gott soll mich behten! Aber ich meine, fuhr sie ernst
fort, hier handle es sich ja nur um allgemein Menschliches, um Recht und
Unrecht, um moralische Kraft und Feigheit, um wahren Stolz und Niedertracht...
Und wre deine Schilderung wirklich die Signatur unserer Zeit und bliebe
magebend fr immer, ei, da mchte man doch lieber gleich eine Mumie von Memphis
oder Theben sein und vor Jahrtausenden gelebt haben! Aber das ist nicht wahr!
Sie schttelte energisch den Kopf. Wir leben trotz alledem in einer groen
Zeit, wenn wir auch inmitten einer gewaltigen Brandung ringen mssen, sagt Onkel
Theobald immer. Das Gute und Echte wird schon obenauf kommen, und die
widerlichen Blasen, die der Kampf jetzt auf die Oberflche treibt, werden nicht
ewig glitzern und die Schwachen blenden... Und du solltest nicht zeigen, wie du
fhlst? Aus Menschenfurcht dich verschlieen? Du, ein unabhngiger Mann,
solltest nicht nach deiner Faon ruhig und zufrieden werden drfen? Was helfen
dir Gnaden- und Gunstbeweise von auen, wenn du innerlich darbst und entbehrst
-
    Er zog sie pltzlich unter die Hngelampe, bog ihren Kopf zurck und sah ihr
mit dsterdrohendem Blick tief in die Augen, die offen und furchtlos zu ihm
aufblickten. Ist das Hellseherei, oder schleicht man mir nach? ... Nein, meine
Gretel ist ehrlich und wahrhaftig geblieben! Da gibt's kein Falsch! Und er
schlang seinen Arm wieder um ihre Gestalt. Mein braves Mdchen! Ich glaube, du
wrst die einzige Tapfere in der Familie, die zu mir hielte, wenn mich die Welt
in Bann und Acht erklrte -
    Natrlich, Papa, dann erst recht!
    Wrdest mir helfen, eine unselige Schwche zu berwinden?
    Ganz selbstverstndlich, mit aller meiner Kraft, Papa! Probiere es nur mit
mir! Ich habe Courage fr zwei. Hier meine Hand zu Schutz und Trutz! Ein
schnes Lcheln, halb schalkhaft, halb ernst, flog um ihre Lippen.
    Er kte sie auf die Stirn, und wenige Augenblicke nachher trat sie wieder
in den Salon.
    Tante Sophie war nicht mehr da. Sie war mit ihrem Silberkorb
hinuntergegangen und machte jedenfalls schleunigst den Theetisch zurecht. Der
Bediente lschte eben den Kronleuchter aus und Reinhold nahm das Konfekt, Stck
um Stck, von den Kristallschalen und legte es, pnktlich sortiert zum
Wegschlieen in verschiedene Glasbehlter. Die Frau Amtsrtin aber sa
behaglich zwischen Plschpolstern hinter einem Sofatisch - weil es oben durch
fortgesetztes Lften schauerlich khl, hier unten aber noch so kstlich warm und
mollig sei, wie sie sagte - und legte ihre allabendliche Patience... Gromama
und Bruder hatten somit nicht viel Zeit fr die Heimgekehrte, und das
Gutenacht beider klang recht zerstreut und obenhin.
    Das junge Mdchen vermite nichts, gar nichts! - Sie war froh, so leichten
Kaufs fr heute davon zu kommen - hier oben war sie fertig... Nur als sie
drauen durch den dmmerigen Flursaal schritt, da stand einer im Fenster und sah
anscheinend in den Hof hinunter - der Herr Landrat! - An ihn hatte sie auch
nicht mehr gedacht; Kopf und Herz waren ihr bervoll von der rtselhaften Art
und Weise, wie sie ihren Vater eben gesehen. Fr ihr klares, entschiedenes
Denken und Fhlen war ein solch dster geheimnisvoller Seelenzwiespalt etwas
ganz Verwunderliches, solch eine Mnnerseele in ihrem Widerstreit mochte wohl
schwer zu verstehen sein... Ob den dort, den khlgewordenen, in Amt und Wrden
stehenden Mann, nun doch auch vielleicht fr einen Moment die Erinnerung packte
und ihn hinbersehen lie nach dem Gange, wo einst das Goldhaar der schnen
Blanka durch die grnen Bltter und Ranken geleuchtet?
    Gute Nacht, Margarete! sagte er in diesem Augenblick in einem anderen
Tone, als die beiden Beschftigten im Salon.
    Gute Nacht, Onkel!

                                       10


Die Hofstube hatte von jeher etwas Verlockendes fr Margarete gehabt. Sie lag
im Erdgescho des spukhaften Flgels und stie dicht an die ehemalige
Schlafstube der Kinder. Ein gleicher halbdunkler Gang, wie der unheimliche
droben, lief hinter den Zimmern weg und trennte, auch um die Ecke laufend, die
Kche von der Wohnstube. - Die beiden Etagen standen in keiner Verbindung - es
war zum Glck keine Treppe da; man brauchte deshalb keine Angst zu haben, da
es der weien Frau oder dem Spinnwebenrock auch einmal einfallen knnte,
herunter zu huschen, wie Brbe immer sagte. - Die Zimmerreihe der unteren Etage
wurde in ihrer Mitte durch eine Thre unterbrochen, die nach dem Hofe ging, eine
mchtige, schwere Thre mit massivem Klopfer, und zu beiden Seiten flankiert von
Steinfiguren im Hochrelief. Breite Stufen fhrten von ihr nieder auf den
Kiesweg, der den Rasen durchschnitt und direkt nach dem Brunnen lief.
    In der Hofstube standen lauter Mbel aus der Rokokozeit, die Tante Sophie
gehrten. Sie waren spiegelblank poliert, die Metallbeschlge blitzten, und
altes ererbtes, vielfach gekittetes Meiener Porzellan stand auf den
geschweiften Platten der Kommoden und auf dem Schreibtisch mit seinem hohen
Aufsatz voll zahlloser kleiner Schiebekasten. Die Stube war sozusagen Tante
Sophiens Schmuckkstchen, ihre gute Stube, urgemtlich und peinlich sauber,
wie es nur immer bei einer lustigen, lebensfrohen alten Jungfer sein kann. Nun
waren auch noch alle die umherstehenden, feingemalten Schalen und Vasen, selbst
die Potpourris mit mchtigen Blumenstruen aus dem kleinen Garten vor dem Thore
gefllt - die bunten Rabatten muten der Heimkehrenden zu Ehren vllig abrasiert
worden sein - und auf den weien Dielen, die nie ein Firnisanstrich
verunreinigt, lag ein neuer, warmer Teppich, den Tante Sophie aus eigenen
Mitteln beschafft hatte...
    Und da war ihr der endlich heimgekehrte Liebling gleich beim Eintreten, als
der Lampenschein sich ber alle die geliebten, wohlbekannten Familienreliquien
der alten Jungfer ergossen, um den Hals gefallen und hatte sie fast erdrckt...
Das Bett hatte auch richtig auf dem alten Platze gestanden, und Tante Sophie
hatte noch lange daneben gesessen und erzhlt - lauter Liebes und Lustiges,
nicht ein Miton durfte in das neue Zusammensein fallen. Und jede der Pausen,
welche die heitere, humordurchdrngte Stimme gemacht, hatte das alte, eintnige
Brunnenlied der strmenden, pltschernden Wasser vom Hofe her ausgefllt;
dazwischen hinein war auch ein paarmal das scharfe Kreischen der
Packhausthorflgel gefahren, und dann hatte die ehemalige wilde Hummel, die nun
weit, weit die Welt durchflogen und Kopf und Herz beutebeladen heimgebracht, mit
einem so s und lieblich schlafenden Kindergesicht in den Kissen gelegen, als
habe sie sich nur bis nach Dambach und wieder heim mde gelaufen...
    Ja, das geliebte Dambach! Nun ging das Hin- und Herwandern wieder an. Der
Gropapa war ja nicht beim Diner gewesen - er hatte sich, wie immer, aus guten
Grnden um den auserlesenen Kreis herumgedrckt, wie die Frau Amtsrtin sehr
pikiert bemerkte. - Da hie es am anderen Morgen sich flink auf die Fe machen
und durch die tautriefenden Stoppelfelder hinauswandern, obgleich der Papa
versicherte, da der alte Herr nachmittags hereinkommen und mit ihm auf die
Hhnerjagd gehen wolle.
    Und das Wiedersehen drauen war noch viel schner gewesen, als sich das
junge Mdchen in Berlin ausgemalt hatte. Ja, sie war sein Liebling geblieben!
Der prchtige Greis, knorrig von Gestalt und rauh von Wesen, er war ganz mild
und weich geworden; er htte sie am liebsten wie ein Pppchen auf seinen breiten
Handteller gesetzt, um sie den herzulaufenden Fabrikleuten zu zeigen. - Sie war
ber Mittag geblieben, und die Frau Faktorin hatte ihre allerschnsten
Eierkuchen backen mssen; aber auf ihren noch berhmteren Kaffee wurde nicht
gewartet - pnktlich auf die Minute warf der passionierte alte Jger Flinte und
Bchsenranzen ber, dann ging es auf der Chaussee im scharfen Marsch vorwrts.
    Drben zur Seite lag der Prinzenhof. Luft und Beleuchtung waren so klar und
scharf, da man die Blumengruppen auf dem Rasenparterre bunt herberleuchten
sah. Allerdings hbsch genug war das Schlchen geworden! Frher hatte es wie
ein verschlafenes Dornrschen zu Fen des Berges gelegen - halb unter dem
schtzenden Betthimmel des bergaufkletternden Waldes, den heute schon die gelben
und roten Flammen des Herbstes betupften - ohne Glanz und Farben und wenig
beachtet. Jetzt hatte es sich gereckt und gestreckt und die Augen aufgeschlagen;
zwischen den dunklen Nubumen glitzerte und flimmerte es, als sei eine Handvoll
Diamanten dort verstreut worden - die alten vermorschten und nie geffneten
Jalousieen waren verschwunden, und neue, ungebrochene Spiegelscheiben fllten
die mchtigen steinernen Fensterrahmen.
    Ja gelt, Gretel, wir sind vornehm geworden hier drauen? fragte der
Gropapa. Er zeigte mit ausgestrecktem Arm hinber. Wie ein Recke schritt er
dahin, der Siebziger! Unter seinen Tritten krachte das Chausseegerll, und sein
mchtiger weier Schnauzbart leuchtete wie Silber in dem braunen, khnen
Gesicht, das die breite, einst auf der Mensur geholte Schmarre quer ber der
Wange von der einen Seite fast furchtgebietend machte. Ja, vornehm und
fremdlndisch! bekrftigte er weiterstapfend; wenngleich die Frau Mama eine
urdeutsche Pommersche ist, und die Tochter auch von vterlicher Seite her nichts
von John Bull, oder den Parlezvous franais in den Adern hat - macht nichts! -
es wird doch auf englische Art gekocht und gegessen und franzsisch parliert
nach Noten... Ja, die alten Nubume werden wohl gucken und sich in ihr Herz
hinein schmen, da sie in ihren alten Tagen wie dumme Bauernjungen dastehen und
in ihrer Jugend nicht lieber Platanen oder sonst was Vornehmes geworden sind.
    Margarete lachte.
    Ja, da lachst du, und dein Grovater lacht auch! - Ich lache ber den
Staub, den zwei Weiberrcke da herum - er beschrieb mit ausgestrecktem Arm
einen weiten Bogen ber die Gegend hin - aufwirbeln - die reine Affenkomdie,
sag ich dir! ... Warst du schon im Prinzenhof? heit's da, und bist du schon
vorgestellt? dort! Und der eine grt kaum, wenn man nicht, wie er, beim groen
Diner gewesen ist, und ein anderer stiert einem ganz perplex, wie einem
notorisch Verrckten, ins Gesicht, wenn man sagt, da man sich bedankt hat und
lieber in seinen vier Pfhlen geblieben ist... Ja, guck, Gretel, der Mensch
lernt nicht aus! Hab da gemeint, ich lebe mitten unter lauter Hauptkerlen vom
thringischen Schlag, von echtem Schrot und Korn, und da quetschen sich jetzt
die alten Knasterbrte in den Frack, schtten sich Eau de lavande, oder anderes
Riechzeug - er unterdrckte nur halb ein energisches Pfui Teufel! - auf ihre
Schnupftcher und schlucken zimperlich eine Tasse Thee mit Butterbemmchen da
drben - sie mgen schn dran wrgen, die ausgepichten Burgunderschluche die!
    Margarete sah ihn von der Seite an; von der betonten Lachlust vermochte sie
keine Spur zu finden; wohl aber sprhte ihm der helle, ehrliche Manneszorn unter
den weibuschigen, gerunzelten Brauen hervor. Sie hing sich schleunigst an
seinen Arm, hob den rechten Fu und versuchte in seine weiten, militrisch
strammen Schritte einzulenken.
    Er schmunzelte und schielte seitwrts auf sie herunter. Die winzige Spitze
ihres eleganten Stiefelchens sah gar zu lcherlich aus neben dem ungeheuren
Jagdstiefel. Was fr ein armes Spazierstckchen! Und das will sich auch noch
mausig machen! hhnte er. Geh, gib's auf, Gretel! Da lebt die Junge dort - er
zeigte nach dem Prinzenhofe zurck - auf einem andern Fue; Sapperlot, da mu
man Respekt haben! Freilich, ihr beide knntet in der Wiege umgetauscht sein -
solch ein polizeiwidrig kleines Pedal kommt dir nicht zu, und bei einer
Blaubltigen ist ein groer Fu allemal nur ein unbegreifliches, boshaftes
Naturspiel! ... Aber schn ist sie sonst, die junge Gndige - alles, was wahr
ist! Wei und rot wie Milch und Blut, blond - du braunes Maikferchen mut dich
daneben verkriechen -, gro, - er hob die Hand fast bis zu seiner Kopfeshhe -
schwer und feist, echt pommersche Rasse, und gesetzt und pomadig! Solch ein
Windspiel, wie eben eines neben mir hertrippelt, kommt da nicht auf.
    Ach, Gropapa, das Windspiel freut sich seines Lebens, so wie es ist -
darber lasse du dir ja kein graues Haar wachsen! lachte das junge Mdchen.
Uebrigens haben die armen Spazierstckchen schon ganz Respektables geleistet,
und es fragt sich noch sehr, ob dein groer Siebenmeilenstiefel da mit mir
Leichtfu auf den Schweizerbergen konkurrieren knnte. Frage nur den Onkel
Theobald in Berlin!
    Damit lenkte sie glcklich auf ein anderes Thema ber. Der alte Mann war
tief ergrimmt und gereizt; er bergo die zuknftige Schwiegertochter mit der
ganzen scharfen Lauge seines Spottes. Seine Beziehungen zu der Gromama mochten
deshalb augenblicklich noch weit weniger friedfertig sein als gewhnlich. Und er
hatte sicher wieder einmal recht, sein scharfer Blick trog selten; aber die
Enkelin konnte und durfte doch nicht Oel ins Feuer gieen, und so erzhlte sie
in anschaulicher Weise von dem Hospiz auf dem Sankt Bernhard, wo sie mit Onkel
und Tante whrend eines furchtbaren Schneesturmes bernachtet, von allerhand
Erlebnissen in Italien und so weiter; und der alte Herr hrte ganz hingenommen
zu, bis der Packhausthorflgel hinter ihnen zufiel, und das abgefallene
Lindenlaub im Hofe unter ihren Fen knisternd umherstob.
    Sie betraten eben die Flur des Vorderhauses, als ein winzig kleiner Hund,
ein Affenpinscher, durch einen schmalen Spalt des Hausthores vom Markt
hereinschlpfte. Er klffte die Eintretenden mit hoher scharfer Stimme an.
    Margarete kannte das kleine Tier. Vor Jahren war Herr Lenz einmal von einer
Reise zurckgekommen und hatte es mitgebracht. Und es hatte ausgesehen, als sei
es das Schohndchen einer Prinzessin gewesen. Blauseidene Bandschleifen hatten
aus seinem zottigen Fell geleuchtet, und an kalten Tagen war es in einer
schngestickten Purpurschabracke auf dem Gange herumgelaufen. Trotz aller
Lockungen war es aber nie in den Hof zu den Kindern herabgekommen, die
Malersleute hteten es wie ein Kind.
    Nun kam es da hereingelaufen, und gleich darauf wurde der Thorflgel weiter
aufgestoen, und ein Knabe sprang ihm nach. Fast in demselben Moment klirrte
aber auch das in die Hausflur mndende Fenster des Kontors, und Reinholds Kopf
fuhr heraus.
    Du infamer Bengel, habe ich dir nicht verboten, hier durchzugehen? schrie
er den Knaben an. Ist etwa der Thorweg im Packhause nicht breit genug fr dich?
... Das ist das Herrschaftshaus, und da hast du absolut nichts zu suchen, so
wenig wie deine Leute! Habe ich dir das nicht schon gesagt? Verstehst du denn
nicht deutsch, einfltiger Junge?
    Was kann ich denn dafr, wenn Philine mir ausreit und hier hereinluft?
Ich wollte sie fangen, aber es ging nicht gut, weil ich den Korb am Arme habe!
entschuldigte sich der Kleine mit einem etwas fremdartigen Accent. Und deutsch
kann ich sehr gut; ich verstehe alles, was Sie sagen, setzte er gekrnkt, aber
auch trotzig hinzu. Er war ein bildschnes Kind; ein wahrer kleiner Apollokopf,
umringelt von kurzgeschnittenen braunen Locken und strahlend in Frische und
Gesundheit, sa fest und hochgetragen auf dem krftigen Nacken. Aber all diese
Lieblichkeit schien nicht vorhanden fr den bleichschtigen jungen Menschen mit
dem tdlich kalten Blick und der keifenden Stimme, der am Kontorfenster stand.
    Und nun lie sich die entwischte Philine auch noch einfallen, die nach der
Wohnstube fhrenden Stufen hinaufzuspringen, als sei sie da zu Hause.
    Reinhold stampfte mit dem Fue auf, whrend der Knabe ngstlich der
klffenden Missethterin um einige Schritte nachlief.
    Nun mache dich nur schleunigst aus dem Staube, Junge, scholl es erbittert
aus dem Fenster, oder ich komme hinaus und schlage dich und deinen Kter
windelweich!
    Na, na, das wollen wir erst 'mal sehen, Verehrtester! Da sind auch noch
andere Leute da, die das zu verhindern wissen! sagte der alte Amtsrat und stand
mit zwei Schritten vor dem Fenster.
    Reinhold duckte sich unwillkrlich vor der pltzlichen gewaltigen
Erscheinung des Grovaters.
    Bist mir ja ein schner Kerl! hhnte der alte Herr - Aerger und Sarkasmus
stritten in seiner Stimme. Keifst wie ein Waschweib und machst dich mausig in
deines Vaters Hause, als httest du den Hauptsitz in der Schreibstube. Geh, la
dir erst die Federn wachsen und den Schnabel putzen! ... Warum soll denn das
Brschchen da nicht durchgehen, he? Meinst vielleicht, er tritt euch von dem
kostbaren Steinpflaster da 'was herunter?
    Ich - ich kann das Klffen nicht vertragen, es greift mir die Nerven an -
    Hr' mir auf mit deinen Nerven, Junge! Mir wird ganz bel bei dem Gewinsel!
Schmst du dich denn nicht, zu thun, als htten sie dich im Altweiberspittel
erzogen? Meine Nerven! ahmte er ihm zornig nach. I, da soll doch - er
verschluckte den Rest des Donnerwetters, zerrte an seinem Flintenriemen und
drckte sich den Hut mit der Spielhahnfeder fester in die Stirn.
    Inzwischen war auch Margarete nhergetreten. Aber Reinhold, sagte sie
vorwurfsvoll, was hat dir denn der Kleine gethan?
    Der? Mir? unterbrach er sie hhnisch - die Courage war ihm zurckgekehrt.
Na, wirklich, das htte noch gefehlt, da uns die Leute aus dem Hinterhause
auch noch direkt zu Leibe gingen! ... Sei du nur erst ein paar Wochen hier,
Grete, da wird es dir gerade so gehen wie mir, da wirst du dich umgucken,
Jungfer Weisheit! Wenn wir die Augen nicht offen halten, da wird bald kein
Fleckchen mehr im Hause sein, wo der Bursche dort - er zeigte nach dem Knaben,
der eben seinen Handkorb auf den Boden setzte, um den widerspenstigen Hund
besser greifen zu knnen - nicht Fu fat! ... Der Papa ist ganz unbegreiflich
indolent und nachsichtig geworden. Er leidet's, da der Junge in unserem Hofe
herumtollt und sich mit seinen Schreibeheften unter den Linden breitmacht - auf
unserem Lieblingsplatz, Grete, wo wir, seine eigenen Kinder, unsere
Schularbeiten gemacht haben! Und vor ein paar Tagen habe ich mit eigenen Augen
gesehen, wie er ihm im Vorbergehen ein neues Buch auf den Tisch gelegt hat -
    Neidhammel! brummte der Amtsrat unwillig.
    Denke, was du willst, Gropapa! platzte der sichtlich Erbitterte heraus.
Aber ich bin sparsam wie alle frheren Vertreter unserer Firma, und ber
hinausgeworfenes Geld kann ich mich wtend rgern. Man schenkt nicht auch noch
Leuten, die einem ohnehin auf der Tasche liegen. Jetzt, wo mir die Bcher
vorliegen, jetzt wei ich, da der alte Lenz nie auch nur einen Pfennig Mietzins
fr das Packhaus gezahlt hat. Dabei ist er ein so langsamer Arbeiter, da er
kaum das Salz verdient. Er mte notwendig per Stck bezahlt werden; aber da
gibt ihm der Papa jahraus jahrein seine dreihundert Thaler, ganz einerlei, ob er
auch nur einen Teller einliefert oder nicht, und das Geschft hat den bittersten
Schaden... Ich sollte nur einen einzigen Tag die Macht haben, da sollte aber
Ordnung werden, da wrde aufgerumt mit dem alten Schlendrian -
    Na, dann ist's ja ein wahres Glck, da solche Grnschnbel kuschen mssen,
bis -
    Ja, bis der Hauptsitz in der Schreibstube leer geworden ist, ergnzte der
Kommerzienrat, der pltzlich dazwischen trat. Wahrscheinlicherweise hatte er
Schwiegervater und Tochter ber den Hof her kommen sehen und sich schleunigst
fertig gemacht, um den pnktlichen alten Herrn drunten nicht warten zu lassen.
Er war im Jagdanzug und mochte wohl im Herabkommen den grten Teil des
Wortwechsels am Kontorfenster mit angehrt haben - es lag etwas Ungestmes in
seinem pltzlichen Hervortreten, und Margarete sah, wie ihm beim Sprechen die
Unterlippe nervs bebte. Er streifte brigens das Fenster mit keinem Blick; er
zuckte nur die Achseln und sagte ganz obenhin, in fast jovialem Tone: Leider
hat diesen Hauptsitz der Papa noch inne, und da wird sich das sehr weise
Shnlein das Aufrumen fr vielleicht noch recht lange Zeit vergehen lassen
mssen.
    Damit reichte er begrend seinem Schwiegervater die Hand hin.
    Das Fenster wurde geruschlos zugedrckt, und gleich darauf hing der dunkle
Wollvorhang so bewegungslos dahinter, als sei auch nicht der Schatten eines
Menschen daran hingestrichen. Der junge Heisporn mochte sich in Nummer Sicher
hinter seinen Schreibtisch zurckgezogen haben.
    Unterdessen war es dem Knaben gelungen, die eigenwillige Philine
einzufangen; Tante Sophie, die eben mit einem Porzellankrbchen voll Gebck aus
der Wohnstube kam, hatte ihm geholfen, indem sie sich breit ber den Weg
gestellt. Nun klapperten seine kleinen Abstze die Stufen herab; auf einem Arme
hatte er den Hund, und an den anderen hngte er wieder seinen Korb - sein
Gesichtchen sah ganz alteriert aus.
    Hast du geweint, mein Kleiner? fragte der Kommerzienrat und bog sich zu
ihm nieder. Margarete meinte, sie habe noch nie diese Stimme so weich und innig
gehrt, wie bei der teilnehmenden Frage, die dem sonst so kalt seinen Weg
gehenden, vornehm zurckhaltenden Mann gleichsam entschlpfte.
    Ich? - was denken Sie denn? entgegnete der Kleine ganz beleidigt. Ein
richtiger Junge heult doch nicht!
    Bravo! Recht so, mein Junge! lachte der Amtsrat berrascht auf. Du bist
ja ein Prachtkerl!
    Der Kommerzienrat ergriff den Hund, der alle Anstrengungen machte, sich zu
befreien, und stellte ihn auf die Beine. Er wird dir schon nachlaufen, wenn du
ber den Hof gehst, sagte er beruhigend zu dem Kinde. Aber an deiner Stelle
wrde ich mich doch schmen, mit dem Korbe ber die Strae zu gehen - er sah
finster auf das Anhngsel an dem kleinen Arme, als rgere er sich, die ideale
Gestalt dadurch entstellt zu sehen -; fr einen Gymnasiasten pat das nicht -
deine Kameraden werden dich auslachen.
    O - das sollen sie nur probieren! Er wurde ganz rot im Gesicht und hob den
schnen Kopf keck und energisch wie ein Kampfhhnchen. Ich werde doch fr meine
Gromama Semmeln holen drfen? Unsere Aufwartfrau ist krank und die Gromama hat
einen schlimmen Fu, und wenn ich nicht gehe, da hat sie nichts zu ihrem Kaffee,
und da frage ich nicht viel nach den dummen Jungen.
    Das ist hbsch von dir, Max, sagte Tante Sophie. Sie nahm eine Handvoll
Mandelgebck aus ihrem Krbchen und reichte es ihm hin.
    Er sah freundlich zu ihr auf, aber er griff nicht zu. Ich danke, ich danke
sehr, Frulein! sagte er und fuhr sich, selbst verlegen ber seine Abweisung,
mit der Hand in die Locken. Aber wissen Sie, Ses esse ich niemals - das ist
nur fr Mdchen!
    Der Amtsrat brach in ein lautes Gelchter aus; sein ganzes Gesicht strahlte,
und pltzlich hob er das Kind samt seinem Korb hoch vom Boden auf und kte es
herzhaft auf die blhende Wange. Ja, der ist freilich aus einem anderen Holze!
Sackerlot, das wr' einer nach meinem Sinn! rief er, indem er den Knaben wieder
aus seinen gewaltigen, kraftvollen Hnden entlie. Wie kommt denn das kleine
Weltwunder in die Rumpelkammer, in das alte Packhaus?
    's ist ein kleiner Franzose, sagte Tante Sophie. Gelt, in Paris bist du
eigentlich zu Hause? fragte sie den Kleinen.
    Ja. Aber die Mama ist gestorben und -
    Sieh doch - deine Philine ist schon wieder echappiert! rief der
Kommerzienrat. Lauf ihr nach! Sie ist imstande und rennt bis hinauf zu der
alten Dame, die oben wohnt!
    Der Kleine sprang die Stufen hinauf.
    Ja, seine Eltern sollen beide gestorben sein, sagte Tante Sophie halblaut
zu dem alten Herrn.
    Das ist ja aber gar nicht wahr! protestierte der Knabe von der Treppe
herab. Mein Papa ist nicht tot, nur weit fort, sagte die Mama immer - ich
glaube, weit ber dem Meer drben.
    Und sehnst du dich denn nicht nach ihm? fragte Margarete.
    Ich habe ihn ja noch niemals gesehen, den Papa, antwortete er halb
trocken, halb im Ton naiver Verwunderung darber, da er sich nach etwas sehnen
sollte, wovon er keine Vorstellung hatte.
    Das ist ja eine nrrische Geschichte? Den Teufel auch! - Hm! brummte der
Amtsrat fast betreten und schlenkerte die Finger der rechten Hand, als habe er
sich an etwas verbrannt. Da ist er ja wohl gar von einer Lenzschen Tochter?
    Kann ich nicht sagen - soviel ich wei, ist nur eine da, versetzte Tante
Sophie. Wie hat denn deine Mutter geheien, Jngelchen?
    Mama und Apolline hat sie geheien, antwortete der Knabe kurz. Er war des
Ausfragens sichtlich mde und strebte an den Umstehenden vorberzukommen.
Philine hatte sich endlich bequemt, den richtigen Ausgang zu suchen und war
bellend in den Hof hinausgelaufen.
    Nun springe aber, Kleiner! sagte der Kommerzienrat, der whrenddem
schweigend, aber mit einer Ungeduld zwischen Hausund Hofthr hin und her
gegangen war, als brenne ihm der Boden unter den Sohlen, und er frchte, etwas
von seinem Jagdvergngen einzuben. Pa auf, deine Semmeln kommen zu spt -
der Kaffee wird lngst getrunken sein!
    Ach, der ist ja noch gar nicht gekocht! lachte der Kleine. Ich mu doch
erst Spne vom Boden herunterholen und kleinmachen.
    Mir scheint, sie machen dich zum Aschenbuttel da drben, sagte der
Kommerzienrat, indem seine dunklen Augen aufblitzend das Packhaus suchten.
    Meinst du, das schade dem Brschchen? fragte sein Schwiegervater. Ich
habe auch als neunjhrige kleine Krabbe Holz fr die Kche kleingemacht und bin
in Feld und Stall zur Hand gewesen, wie ein Hirtenjunge - bleibt das etwa an dem
Manne kleben? ... Was hat denn solch ein armer kleiner Schlucker fr eine
Zukunft? - Da ist etwas faul und nicht in der Ordnung, so viel merk' ich; und ob
man je ber das Meer wieder kommen und seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit
thun wird, das fragt sich - mit dem Worthalten in solchen Dingen ist heutzutage
nicht viel los. Na, und der Alte dort, - er zeigte nach dem Packhause - der
wird gerade auch nicht schwer an seinem Geldkasten zu schleppen haben; da
heit's einmal fr den Mosje da, sich durchschlagen und alle Kraft aufwenden,
da im groen Weltgetriebe der Kopf oben bleibt -
    Ich will ihn spter ins Kontor nehmen, fiel der Kommerzienrat mit
seltsamer Hast ein; er legte dabei seine Hand wie unwillkrlich schtzend auf
den braunen Lockenkopf, als gehe ihm der Gedanke, da dieses prchtige Kind im
Kampf ums Dasein untergehen knne, ans Herz.
    Na, das ist ein Wort, Balduin, das freut mich! - Dann zieh' dir aber auch
den da drin - er neigte den Kopf nach dem Kontorfenster, hinter welchem sich
eben wieder die Vorhangsfalten verrterisch bewegten - erst besser, sonst
gibt's Mord und Totschlag.
    Er klopfte seiner Enkelin zrtlich die Wange und reichte Tante Sophie
abschiednehmend die Hand. Auf Wiedersehen, Base Sophie! - er nannte sie stets
so - ich werde diese Nacht wieder einmal in meiner Stadtkoje logieren - mchte
gern einen Abend mit Herbert und der Gretel zusammen sein. Bitte, es droben bei
der Gestrengen allerunterthnigst zu vermelden! setzte er mit einer ironisch
feierlichen Verbeugung hinzu und trat hinaus auf den Marktplatz.
    Der Kommerzienrat blieb noch einen Moment wie angefesselt stehen. Er sah,
zurckgewendet, wie seine Tochter dem fortstrmenden Knaben bis weit in den Hof
hinein nachflog, ihm mit beiden Hnden in das reiche Lockenhaar fuhr, und den
lachenden kleinen Bengel kte. Das war ein liebliches Bild, anziehend genug, um
wohl einen jeden das Fortgehen vergessen zu machen...
    Na, da hat sie ihn ja schon beim Schlafittchen! sagte Brbe, die am
Kchenfenster hantierte und schrg hinaus die Gruppe im Hofe auch sehen konnte,
schmunzelnd zu der Hausmagd. Dachte mir's doch gleich, da unser braves Gretel
mit dem Reinhold und der im oberen Stocke nicht in ein Horn blasen wrde. Der
kleine Schlingel mit seinem schnen Krauskopfe thut's ja einem jeden an, der ein
Herz und keinen Stein in der Brust hat... Da luft er hin und will sich
ausschtten vor Lachen ber den Spa, da ihn das schne Mdchen bei den Haaren
erwischt hat! 's ist doch 'was Schnes um die liebe Jugend! Das mut du doch
selbst sagen, Jette - 's ist gleich ein ganz anderes Leben, wenn so ein junges
Blut unter uns alte Husaren kommt! Das frischt auf!
    Und sie that ein paar krftige Zge aus dem geliebten Kaffeetopfe und
wischte sich den Schwei von der Stirn. Es war hei in der Kche. Die mchtige
Brat-und Backmaschine glhte und liebliche Kuchendfte schwebten in die
sonnendurchfunkelte Herbstluft hinaus - es wurde gebacken, als solle eine ganze
Compagnie heihungriger Soldaten vom Manver einrcken; war aber alles nur der
einzigen heimgekehrten Tochter des Hauses zu Ehren...

                                       11


Aber wahr ist's, Gretel - bist doch noch genau derselbige Kindskopf, wie
dazumal, wo du mir auf Tritt und Schritt nachgelaufen bist, beide Hnde an
meinen Rockfalten, ganz einerlei, ob's auf den Boden oder in den Keller ging!
sagte Tante Sophie halb lachend, halb rgerlich in einer der spteren
Nachmittagstunden des anderen Tages. Sie stand im roten Salon der Bel-Etage, und
der Hausknecht reichte ihr die Bilder von den Wnden herab. Alle nach dem
Flursaal mndenden Thren der Zimmerreihe standen offen; das Tageslicht fiel
durch lauter vorhangentblte Fenster, und aufgescheuchte Staubwlkchen flirrten
und tanzten lustig in den Flursaal hinaus. Neue Tapeten, neue Gardinen,
Portieren und Teppiche sollten fr die voraussichtlich glnzende,
gesellschaftlich belebte Wintersaison in die Zimmer kommen - das gab auf Wochen
hinaus einen frchterlichen Rumor.
    Hier oben ist's nichts fr dich, Gretel, Trotzkopf! wiederholte die Tante
nachdrcklicher und winkte abwehrend dem jungen Mdchen, das lachend nun erst
recht auf der Schwelle Posto fate. Es zieht und stubt - ganz unverschmt
stubt's, sag ich dir! Mchte nur wissen, wo er immer wieder herkommt, der
verflixte graue Puder! Da rennt man das ganze Jahr durch mit Wischtuch und
Staubwedel hier oben herum, als wenn's extra bezahlt wrde - und nun solche
Wolken! Die Alten da oben - sie zeigte auf verschiedene noch hngende Oelbilder
lngst vermoderter Geschlechter - mssen sie geradezu aus ihren Percken und
Haarbeuteln schtteln... Und dein Pudelkopf wird davon gerade auch nicht schner
werden, Gretel!
    Schadet nichts, Tante! Ich bleibe da, und ehe du dich versiehst, hast du
auch meine beiden Hnde wieder an deinen Rockfalten. Es ist eine gar verwirrte
Zeit, in der wir leben, der moderne Turmbau zu Babel - nur umgekehrt - wir bauen
nach unten, in die stockdunkle Nacht hinein. Man wei kaum noch, was recht, was
schlecht, was krumm oder gerade, erlaubt oder verpnt ist, einen solchen
Mischmasch der Begriffe haben die famosen Baubeflissenen nach unten
zustandegebracht. Und da mu ein junges Ding wie ich froh sein, wenn es sich an
einen richtigen Steuermann festklammern kann - und der bist du, Tante!
    Geh weg! Ich dchte doch, gerade du httest dein Kpfchen fr dich und
lieest dir nicht so leicht ein X fr ein U vormachen... Da, hilf mir - wenn du
denn durchaus nicht fortzubringen bist - nimm sie am anderen Ende, ich kann sie
nicht allein schleppen, die schne Dore!
    Und Margarete ergriff das eben von der Wand gehobene Bild und half es ber
den Flursaal hinweg in den spukhaften Gang tragen, dessen Thre heute weit
zurckgeschlagen war. Dort lehnte schon eine ganze Reihe abgenommener Bilder an
den Wnden; da standen sie geschtzt; kein vorbergehender Fu berhrte sie, und
nicht ein zudringlicher Sonnenstrahl schdigte ihre Farben.
    Sie war in der That schwer, die Frau mit den Karfunkelsteinen. Sie stand in
einem geschnitzten, reichvergoldeten, wenn auch nahezu erblindeten Rahmen, der
eine von breitem Band umwundene Rosen- und Myrtenguirlande bildete. Die Frau
hielt ja auch ein paar Myrtenzweiglein lssig zwischen den schlanken Fingern -
so war sie jedenfalls als Braut gemalt. Das Bild war ein Kniestck, das junge
Weib in smaragdfarbener, mit Silberblumen durchwirkter Brokatrobe darstellend -
aber was fr ein Weib war das!
    Margarete hatte oft in kindlicher Neugier zu dem Bilde aufgeblickt; aber was
hatte sie damals von der Beseelung einer Gestalt, von der Darstellungskraft des
Pinsels verstanden? - Es war ihr immer nur aufgefallen, da die hohe Frisur, die
bei all den anderen Lamprechtschen Hausfrauen und Tchtern schneeweier Puder
bestubte, ihre tiefe Schwrze behauptet hatte. Jetzt kniete das junge Mdchen
auf den Dielen vor dem Bilde und sagte sich angesichts dieser erstaunlichen
Haarflle, aus deren nachtdunklem Geschlinge die tuschend gemalten fnf
Rubinensterne frmlich glitzerten, und von welchem einzelne gelste Ringel
schlangenhaft weich auch ber die zarte Brustwlbung hinabsanken, da diese Frau
sich khn und energisch gegen die herrschende Mode und die Verunglimpfung ihres
stolzesten Schmuckes verwahrt habe. Jetzt war es auch begreiflich, da ihr der
Volksmund das Wandern nach dem Tode angedichtet. Ihre Zeitgenossen, welche das
Feuer aus diesen mchtigen dunklen Augen in Wirklichkeit hatten sprhen sehen,
und vor welchen die zarte, bis in die grazis gebogenen Fingerspitzen hinein
beseelte Erscheinung leibhaftig gewandelt und geatmet, sie hatten an ein
wirkliches Sterben und Erlschen solchen Zaubers nicht glauben knnen.
    Es war doch etwas Wunderbares um so ein urdeutsches, altes Haus mit seinen
Traditionen, die sich an das altfrnkische Gert knpften und jeden Winkel
belebten! Nur feierlicher, aber geheimnisvoller gewi nicht war ihr beim
Beschreiten der marmorbelegten Korridore alter venezianischer Palste zumute
gewesen, als jetzt im Vaterhause, wo die Gangdielen unter ihren Tritten seufzten
und die Gestalten der alten Leinenhndler die Wand entlang mit gespenstigem
Leben aus dem Halbdunkel auftauchten, in ihrer Reihe immer nur von einer der
stummen, geschlossenen Thren unterbrochen, hinter denen so manches Geheimnis
schlafen mochte.
    Wohl hatte der Papa einst das hier seit vielen Jahren herrschende Schweigen
gestrt und sich in den verrufenen Zimmern einquartiert, um das aberglubische
Gesinde von seiner Gespensterfurcht zu kurieren, war auch bei seiner
jedesmaligen Heimkehr, die zu jener Zeit stets nur fr wenige Wochen seine Reise
unterbrach, mit Vorliebe in diesem seinem Tuskulum verblieben. Aber schon nach
zwei Jahren hatte sich das gendert; der Ausblick in den stillen Hof mochte ihm
doch auf die Dauer nicht behagt haben. Nach einer fast halbjhrigen Abwesenheit
hatte er eines Tages von der Schweiz aus angeordnet, da das ehemalige Boudoir
seiner verstorbenen Frau wieder fr ihn hergerichtet werde. Margarete erinnerte
sich noch, da damals zu ihrer Betrbnis die rosenfarbene Polstereinrichtung,
die Aquarellen und Rosenholzmbel in ein anderes Zimmer geschafft und durch ein
dunkles Meublement ersetzt worden waren. Und als er nach Hause gekommen, da
hatte er das groe Oelbild seiner verstorbenen Frau, das einzige, welches seinen
Platz an der Wand behauptet, sofort in den anstoenden Salon hngen lassen - der
Anblick des Bildes, ebenso wie die ganze Einrichtung scheine ihm neuerdings die
alte Wunde aufzureien, hatte die Gromama gemeint und deshalb das Arrangement
vollkommen gebilligt. Die Zimmer im Seitenflgel aber waren unter seiner
speziellen Aufsicht wieder in den frheren Stand versetzt worden - auch nicht
der geringste Gegenstand der modernen Einrichtung war darin verblieben - dann
hatte er lften und scheuern lassen, hatte eigenhndig die Vorhnge zugezogen
und den Schlssel, wie frher auch, an sich genommen.
    Margarete bckte sich und sah durch das weite Schlsselloch in das Zimmer
mit dem herrlichen Deckengemlde. Wie Kirchenluft wehte es sie an, und die
abgeblaten, transparenten Klatschblumenbouketts der Seidengardinen hauchten
drinnen ber Dielen und Wnde einen schwachrtlichen Schein. - Arme, schne
Dore! In ihrem kurzen Leben angebetet, auf den Hnden getragen, hatte sie ihr
ertrotztes Glck mit einem frhen Tode gebt; und nun sollten der Psyche auch
noch bis in alle Ewigkeit die Flgel geknebelt sein, auf da sie immer wieder
angstvoll gegen die zwei engen Wnde des dsteren Ganges aufflattern msse!
    Wie durch fernes Nebelgewoge dmmerte in dem jungen Mdchen die Erinnerung
an die Weiverschleierte auf. Die mchtigen Reiseeindrcke, die sie drauen in
der Welt empfangen, das hochgesteigerte geistige Leben im Hause des berhmten
Onkels hatten diese Episode ihrer Kinderzeit ziemlich in ihrem Gedchtnis
verwischt, so zwar, da sie schlielich selbst oft gemeint, der ganze seltsame
Vorfall sei doch wohl auf den Ausbruch ihrer damaligen schweren Nervenkrankheit
zurckzufhren. In diesem Augenblick jedoch, wo sie wieder vor derselben Thre
stand, aus welcher das Huschende damals gekommen war, und schrg gegenber den
riesigen Kleiderschrank stehen sah, hinter welchen sie sich versteckt, da gewann
der Vorgang wieder schrfere Umrisse, und es war ihr pltzlich, als msse sie
auch jetzt, wie in jenem Moment, das Geklapper der forteilenden kleinen Abstze
wieder hren.
    An dem Schranke steckte der Schlssel, dem ein mchtiges Schlsselbund
anhing. Margarete ffnete die nur angelehnte Thre weiter und sah, da Tante
Sophie verschiedenes Gert auf das obere Regal gestellt hatte, um es whrend der
Zimmerrenovierung in Sicherheit zu wissen. An den Haken aber hingen die
kostbaren Brokatschleppen der Urgromtter noch in Reih und Glied, wie sie es
vor Jahren oft gesehen. Wie auf einem Tulpen- und Hyazinthenbeet flammten da
alle starken Farben, und dazwischen funkelte Gold- und Silbergewebe und schweres
Borden- und Tressenwerk - ein bedeutendes, totes Kapital, das die Piett und der
Stolz des alten Handelshauses unberhrt im Schranke zerbrckeln lieen. Tief in
der dunkelsten Ecke schimmerte auch ein Streifen der smaragdfarbenen Schleppe,
in welcher sich die schne Frau Dore hatte malen lassen. Margarete zog das
kstliche Fundstck ans Tageslicht. Ja, Tante Sophie hatte recht, wenn sie
behauptete, in alten Zeiten habe man fr sein Geld solider gekauft. Das echte
Silber der eingewebten Blumen schimmerte, das Grn war vollkommen frisch und
unverblichen, und nur in den Falten zeigte sich der dicke, starrende Seidenstoff
etwas brchig.
    Es war ein enges, schmales Mieder, an welches das junge Herz der Frau Dore
einst geklopft hatte. Margarete meinte, es msse auch ihr selbst passen - und da
hatte pltzlich der Kindskopf der lustigen Gretel die Oberhand. Ganz nahe an
der Wand lehnte auch ein hoher Pfeilerspiegel; er stand den Bildern gegenber.
Es schreckte die junge Uebermtige nicht, da es just die hohe, stolze Gestalt
des Urgrovaters Justus war, die der Spiegel zurckwarf. Sie lste das lange
Kragenband vom Halse und band sich die Lockenflle hoch ber der Stirn zum
Toupet. Die sternfrmige Brosche, und die dazu gehrigen Ohrringe und
Manschettenknpfe von bhmischen Granaten muten die Rubinensterne vertreten,
und fr einen ersten flchtigen Blick tuschten sie auch hinlnglich.
    Es war doch wunderlich, da die Natur noch einmal an Gre und schmchtigem
Wuchs genau dieselbe Gestalt geschaffen hatte, wie sie vor fast einem
Jahrhundert durch das Lamprechtsche Haus gewandelt war. Das Mieder schmiegte
sich glatt und faltenlos an den Leib des jungen Mdchens, und das silberstoffene
Tablier des Rockes berhrte gerade ihre Fuspitzen.
    Sie erschrak vor sich selber, als sie die letzte Spange des Brustlatzes
festgenestelt hatte und noch einmal vor den Spiegel trat. Sie sah auch ein wenig
scheu zur Seite, wo neben ihrer Schulter die Augen des Justus Lamprecht aus dem
Dster des Ganges glhten und seine beringte Hand so plastisch dort auf dem
groen Folianten lag, als werde sie sich im nchsten Augenblick von der Leinwand
lsen und nach der Vermessenen herbergreifen... Nun, die frevelhafte Maskerade
sollte rasch ein Ende haben; in wenigen Minuten hing das Kleid unversehrt wieder
im Schranke, freilich nicht, ohne da Tante Sophie die moderne Ahnfrau gesehen
hatte.
    Mit unwillkrlich verlangsamten Schritten und Bewegungen trat sie aus dem
Gange. Die Schleppe rauschte mit einem frmlichen Getse ber die rauhen Dielen
- in diesem panzerartig klirrenden Staatsgewande wre der schnen Dore das
lautlose Huschen freilich nicht mglich gewesen.
    Der Hausknecht kam eben aus dem groen Salon und schritt durch den Flursaal
nach dem Ausgang. Bei dem herankommenden Gerusch wandte er arglos den Kopf
zurck und scho gleich darauf entsetzt mit einem grotesken Sprunge zur Thre
hinaus, die er rasselnd hinter sich zuschlug.
    Margarete lachte ber den Effekt und trat ber die Schwelle des groen
Salons; aber sie wich betreten zurck, denn die Tante war nicht allein, Onkel
Herbert stand neben ihr am Fenster.
    Gestern nachmittag um dieselbe Zeit nun wre es ihr sehr gleichgltig
gewesen, ob der Onkel dort gestanden oder nicht. Er hatte ja nie zu denen daheim
gehrt, an die sie besonders gern oder gar mit Heimweh gedacht, und auch das
erste Wiederbegegnen bei ihrer Heimkehr hatte ihr keinerlei Interesse fr ihn
geweckt. Seit gestern abend jedoch, wo sie einige Stunden droben bei den
Groeltern mit ihm zusammen gewesen war, hatte sie ihm gegenber das seltsame
Gefhl eines moralischen Unbehagens. Nicht, da sie sich durch die
enthusiastische Verehrung der Gromama fr den wohlgeratenen Herrn Sohn, oder
den unverkennbaren Respekt, welchen ihr Vater dem jungen Schwager
entgegenbrachte, htte beeinflussen lassen - sie wute ja, da jene beiden
leider nur dem Glck huldigten, welches sich an seine Fersen zu hngen schien,
und einen Auserwhlten in ihm sahen, weil Hochgestellte mit ihm wie mit
ihresgleichen verkehrten - das bestach sie nicht; nur der Gropapa, der sonst so
gerade, unbestechliche Charakter hatte sie stutzig gemacht. Es war doch kaum zu
glauben, da er vllig blind sei gegen die Art und Weise, wie sein Sohn Karriere
machte, da er nicht wisse, welche Mchte ihn mhelos ber Staffeln hinweghoben,
die andere erst nach jahrelanger Aufbietung aller eigenen Kraft zu erringen
vermochten. Und doch hatten dem alten Manne gestern inniges Wohlgefallen und
vterlicher Stolz frank und frei aus den Augen gestrahlt. Er hatte wiederholt
gegen das moderne Strebertum geeifert, das nie nach der Lauterkeit der Mittel
frage, um emporzukommen; Fuchsschwanz und Katzenbuckel und die Tartffes seien
wieder einmal an der Tagesordnung, und der rechtschaffene deutsche Sinn msse
sich vor den Nachbarsleuten schmen, die es mit anshen, wie diese
schleichenden und buckeligen Figuren auf dem groen Schachbrett Fu zu fassen
suchten.
    Fhlte er in verblendeter Vaterliebe den Pfahl im eigenen Fleische nicht,
oder verstand es der Herr Landrat, ihm Sand in die Augen zu streuen? Der hatte
so gemtsruhig dabei gesessen, als sei dieses Anathema ganz in der Ordnung.
Nicht ein einziges Mal war ihm das Rot der Verlegenheit oder der Beschmung in
das Gesicht getreten; er hatte seine Zigarre geraucht und die feinen blauen
Duftringel nachdenklich mit den Augen verfolgt; wenn er aber gesprochen, dann
hatte es stets Hand und Fu gehabt, wie Tante Sophie sich auszudrcken
pflegte.
    Uebrigens mochte doch der wahre Kern dieses Charakters sein wie er wollte,
das focht sie nicht weiter an; es verdro sie nur, da er sich im Urteil ber
die beiden Kinder seiner verstorbenen Schwester so gleich geblieben war - der
exemplarisch fleiige Reinhold von ehedem schien fr ihn nichts von seinen
Tugenden eingebt zu haben, whrend er offenbar der wilden Hummel auch heute
noch nichts Gutes zutraute. Und hatte er nicht recht? Reinhold ging in seinem
Berufe auf; er war der khle Verstand selbst - und in ihrem Kopfe spukten heute
noch tolle Fastnachtsscherze, wie Figura zeigte... Die Glut des Aergers im
Gesicht, versuchte sie, sich ungesehen zurckzuziehen. Die beiden dort wendeten
ihr den Rcken zu; sie schienen auf dem Fenstersims liegende Gegenstnde zu
betrachten, und das Rasseln der drauen zugeschlagenen Thre mochte fr ihr Ohr
das Rauschen der Schleppe bertnt haben. Nun aber war es wieder so still, da
die erste Rckwrtsbewegung des jungen Mdchens die am Fenster Stehenden
aufmerksam machte. Tante Sophie wandte sich um und schien einen Moment
sprachlos; dann aber schlug sie die Hnde zusammen und lachte laut auf.
    Beinahe wr' dir's geglckt, Gretel! Ach ja, gelt, ein Hauptspa wr's
gewesen, wenn sich die alte Tante auch einmal gegrault htte? Na, damit war's
nichts; aber es hat mir doch einen Stich durch und durch gegeben. Sie drckte
unwillkrlich die Rechte auf die Brust. Lasse dich nur um Gotteswillen vor
Brbe nicht sehen! ... Nein, wie du doch der armen Dore hnlich bist in der
Tracht, und hast doch kein Trpfchen Blut von ihr in den Adern! Hast ja auch
sonst ein ganz anderes Gesicht mit deinem schmalen Nschen und den Grbchen in
den Backen -
    Gewisse Zge um Mund und Augen und die Haltung des Kopfes machen die
Aehnlichkeit, fiel der Landrat ein. Die schne Dorothea hat es in ihrer
Oppositionslust khnlich mit den Vorurteilen der Welt aufgenommen, wie ihr
ungepudertes Toupet und ihre Heirat beweisen. Sie mu Eigenwillen und Uebermut
in hohem Grade besessen haben, und diese Charaktereigenschaften geben einen
besonderen Stempel.
    Margarete hob gleichmtig die Augen nach dem gegenberhngenden Spiegel, der
ihre ganze Gestalt zurckwarf. Ja, wahr ist's, es liegt viel kindischer
Uebermut in der dummen Maskerade! Aber Spa macht sie mir doch, kstlichen Spa!
- Und wenn alle Welt die Nase darber rmpft, es war doch wonnig, in das
Staatskleid unserer weien Frau zu schlpfen... Und wahr ist's auch, da ich
gern mit den Vorurteilen der Welt anbinde - ein Staatsverbrechen, das natrlich
gesetzten Leuten die Haare zu Berge treiben mu. Und darum hast du ganz recht,
Onkel Herbert, mir den Text zu lesen, wenn auch nur in der verblmten Form der
Satire... Sie zupfte die schnen Niederlnder Spitzen an Brustlatz und Aermeln
so ruhig und sorgsam zurecht, als sei sie vorhin nicht einen Augenblick auer
Fassung gewesen, und trat tiefer in das Zimmer herein. Ich frchte nur, du
kommst auch jetzt nicht weiter mit mir, als damals, wo meine Schreibehefte und
das Hersagen der franzsischen Vokabeln dir die Nerven irritierten, fuhr sie
achselzuckend fort. Ich schreibe nmlich heute noch wie mit dem Zaunpfahl, und
vor Pariser Ohren lasse ich mein bichen Thringisch-Franzsisch aus guten
Grnden nie laut werden.
    Geh, bertreib's nicht! So schlimm wird's nicht sein! sagte Tante Sophie
lachend. Da komm einmal her und sieh dir den Schaden an! - Sie nahm die
Scherben einer antiken Vase vom Fenstersims und legte sie auf den groen Tisch
inmitten des Zimmers. Ich behte die Sachen hier oben mit Augen und Hnden und
hab' auch bis jetzt noch kein Unglck gehabt mit dem zerbrechlichen Zeug; und
nun macht mir der dumme Mensch, der Friedrich, den Streich und wirft die Vase da
vom Spiegeltisch... Und ich konnte nicht einmal zanken; dem armen Tapps
klapperten die Zhne aneinander vor Schreck, und es war fast zum Lachen, wie er
seine paar Groschen aus der Tasche holte, um den Schaden zu bezahlen. Ich wei
nicht mehr, wieviel Dukaten die paar Thonscherben da gekostet haben sollen - ein
unsinniges Geld war's, das ist gewi. Vetter Gotthelf, dein Grovater, Gretel,
hat diese Vase aus Italien mitgebracht.
    Margarete war an den Tisch getreten. Imitation, und noch dazu schlechte!
sagte sie bestimmt nach kurzer Prfung. Der Gropapa hat sich betrgen lassen.
- Wirf die Scherben getrost in den Schutt, Tante! Brbes geliebter Kaffeetopf
ist von hnlicher Abkunft.
    Das klingt ja so entschieden, als sprche Onkel Theobald selbst, sagte der
Landrat vom Fenster her. Nun begreife ich, da er seine Mitarbeiterin bereits
schmerzlich vermit -
    Mitarbeiterin?! Sie lachte amsiert auf. Seinen dienstbaren Geist, einen
Erdgnomen, willst du sagen! So eine Art Wichtelmnnchen, das geruschlos den
Ofen in der Bibliothek besorgt, was kein Dienstbote kann; das dann und wann eine
Tasse starken Kaffes kocht und unbemerkt hinschiebt, wenn der groe Forscher
angestrengt arbeitet, und ab und zu eidechsenhaft still die Treppenleiter der
Bibliothek hinauf- und hinabgleitet, um ihm mit der pnktlichen Bcherzufuhr die
Quellenstudien zu erleichtern - solch ein Wichtelmnnchen, ja, das bin ich! ...
Und wenn hier und da etwas an mir hngen bleibt von dem Geist und dem Wissen,
das man dort gleichsam mit der Luft atmet, so ist das kein Wunder. Systematisch
geordnet und wirklich brauchbar aber ist das kunterbunte Chaos hier nicht - sie
tippte mit dem Finger gegen die Stirn. Wer verlangt das aber auch von einem
Mdchenkopf, gelt, Onkel?
    Lchelnd warf sie das Vasenbruchstck auf den Tisch. Woher aber weit du,
da Onkel Theobald meine kleinen Dienste vermit? fragte sie pltzlich lebhaft
aufblickend.
    Das kannst du erfahren. Meine Mutter hat vorhin einen Brief von Tante Elise
erhalten. Du fehlst nicht allein in Onkels Studierstube, auch im Salon der
Tante, wo sich die Freunde des Hauses versammeln, wird deine schleunige Rckkehr
ersehnt... Herr von Billingen-Wackewitz ist wohl das enfant gt in diesem
Salon?
    Aus welchem Grunde glaubst du das? - Ein helles jhes Rot stieg ihr in die
Wangen, whrend sie die Brauen leicht zusammenzog.
    Er wandte den durchdringenden Blick nicht von ihrem Gesicht. Das will ich
dir sagen. Ich mchte wetten, da der lange, eingehende Bericht der Tante keine
fnf Zeilen aufzuweisen hat, in welchem der schne Mecklenburger nicht
figuriert.
    Er ist Tante Elisens Proteg und einer der wenigen Adeligen, die das Haus
des Onkels, des alten Freiheitsschwrmers besuchen, sagte sie, sich von ihm
wegwendend, erklrend zu Tante Sophie.
    Der Landrat lehnte sich mit dem Rcken an Sims und Fensterkreuz. Also eine
politische Inklination, Margarete? warf er spttisch hin. Tante Elise schreibt
anders darber.
    Ihre Augen funkelten in tiefverletztem Mdchenstolz; aber sie bezwang sich.
Das sieht aus wie der Anfang eines Familienklatsches, und dazu sollte Tante
Elise, die geistreiche Frau, ihre Feder hergeben? sprach sie mit unglubigem
Achselzucken.
    Er lachte leise, aber hart auf. Die Erfahrung lehrt, da im Punkt des
Ehestiftens die Frauen insgesamt - gleichviel ob geistreich oder beschrnkt -
ein und dieselbe kleine Schwche haben.
    O, ich bitte mir's aus - ich nicht! protestierte die Tante energisch. An
solchen heiklen Dingen hab' ich mir nie die Finger verbrannt.
    Rhmen Sie sich nicht zu frh, Frulein Sophie - Sie knnten gerade jetzt
stark in Versuchung kommen! warnte er sarkastisch. Herr von Billingen soll ein
schner Mann sein -
    Ja, er ist gro von Gestalt und hat ein Gesicht wei und rot wie eine
Apfelblte, warf Margarete ein.
    Er sah nicht auf von seinen Fingerngeln, die er angelegentlich zu
betrachten schien.
    Vor allem trgt er einen Namen, der hochangesehen und sehr alt ist, fuhr
er unbeirrt fort.
    Jawohl, uralt! besttigte Margarete abermals. Die Heraldiker streiten bis
auf den heutigen Tag, ob das seltsame Gebild in einem der Wappenfelder das
Feuersteinbeil eines Hhlenbewohners, oder ein Webstuhlfragment aus der spteren
Pfahlbauzeit sein soll.
    Potztausend, was fr ein Stammbaum! Davor mssen sich ja unsere dicksten
Eichen verkriechen, meinte Tante Sophie mit schelmischem Augenblinzeln. Was,
so hoch willst du hinaus, Gretel?
    Die Augen des jungen Mdchens sprhten frmlich in Mutwillen. Mein Gott,
warum sollte ich denn nicht? fragte sie zurck. Ist das Hochhinauswollen nicht
ein Zug unserer Zeit? Und ich, ein Mdchen! ein Mdchen, das acht Lot Gehirn
weniger hat, als die Herren der Schpfung, wie sollte ich mir darber ein
eigenes Urteil bilden und meinen eigenen Weg gehen wollen! Nein, so vermessen
bin ich nicht! Ich laufe brav mit auf der Heerstrae der Tagesmode und sehe
nicht ein, weshalb es mir nicht auch Spa machen soll, mehr zu werden und den
Staub meiner Abkunft von den Fen zu schtteln.
    Na, das sollten unsere alten Herren da oben hren! drohte die Tante und
zeigte auf einige noch nicht abgenommene Oelbilder der aus ihrer Allongepercke
stolz und ernsthaft von der Wand herabschauenden Kaufherren.
    Margarete zuckte lchelnd die Achseln. Wer wei, wie sie heutzutage mit
ihrem strengen Brgersinn fertig wrden! Wir sind Kinder unserer Zeit und keine
Spartaner! hrte ich krzlich sagen; und so knnte es immerhin sein, da die
alten, mit Bienenflei in Kontor und Lagerrumen schaffenden Lamprechts es
machten wie so viele jetzt, und sich glcklich schtzten, ihren Honig als
Mitgift der Tchter in den leeren Stock irgend eines alten, hochangesehenen
Geschlechts gieen zu drfen... Das soll der Brgerstolz heutigestags sein - so
sagen die Leute.
    So sagen die Leute, wiederholte der Landrat kopfnickend.
Selbstverstndlich hast du diesen Ausspruch scharfer Zungen auch wieder nur von
anderen -
    Natrlicherweise, besttigte sie lachend. Ich mache es genau wie andere
junge Mdchen auch - ich plappere nach, Onkel... Ich hre zu, wenn andere ber
die heutigen Zustnde diskutieren, und manches interessiert mich wirklich. So
zum Beispiel die Kletterstange voll wnschenswerter Dinge, die jetzt in der Welt
aufgerichtet sein soll -
    Und welcher die Streber in hellen Haufen zustrmen, nicht wahr, Margarete?
unterbrach sie Herbert mit kaltem Lcheln.
    Ihr Blick, der dem seinen begegnete, verdunkelte sich. Jawohl, Onkel!
Solche, denen der ehrliche Heimatboden nicht gut genug, der gerade Weg nicht der
beste ist. Manch braves Menschenkind soll bei dem Ansturm zu Boden getreten
werden. Sonst soll das Klettern leicht sein, sagen die Leute; man msse immer
nur auf die ueren Signale achten, um Gotteswillen aber nie auf irgend eine
innere Stimme, wie die des Herzens oder der wahren Ueberzeugung, sonst falle man
herab, wie der angerufene Nachtwandler vom Dach. Auch schne Damenhnde sollen
manchmal helfen -
    Pst! machte Tante Sophie und hob den Zeigefinger in der Richtung des
Treppenhauses. Es mochte ihr wohl gelegen kommen, da drauen Schritte
heraufpolterten und das Gesprch unterbrachen, welchem die bermtigen
Anspielungen des jungen Mdchens eine peinliche Wendung zu geben drohten. Lauf
und wirf das Kleid ab, Gretel! drngte sie. Dem Schritte nach ist's Reinhold,
der herauskommt, und der kann selten einen Spa vertragen, er wird leicht grob!
    Margarete flog nach der Thre. Sie vermied es ngstlich, mit dem reizbaren
Bruder in Kollision zu kommen; aber schon war es zu spt; Reinhold kam in
Begleitung der Gromama den Flursaal entlang.

                                       12


Die Eintretenden prallten zurck vor der aus dem Rahmen gestiegenen schnen
Dore, die sich wieder bis an den Tisch inmitten des Salons zurckgezogen hatte,
die Stirn gesenkt, als erwarte sie widerspruchslos die Grobheiten, die auf ihr
Haupt niederregnen sollten.
    Das ist wieder einmal ein verrckter Streich von dir, Grete! Den Tod knnte
man davon haben, sagte denn auch Herr Lamprecht junior prompt, nachdem er zu
Atem gekommen war.
    Ja, Holdchen, es war eine grenzenlose Albernheit, gab sie sanft lchelnd
zu. Dabei ging sie von Thre zu Thre, um die offenen Flgel zu schlieen - fr
Reinhold war der Zug stets verderblich.
    Unsinn! murrte er und folgte jeder ihrer Bewegungen mit gergertem Blick.
Das rauscht und rasselt, und das Silber stubt ab von den morschen Fden. Der
Papa sollte nur kommen und sehen, wie du das kostbare Inventarstck ber die
Dielen schleifst! Da wr's aus und vorbei mit seiner Vorliebe, die ihm geradezu
ber Nacht gekommen sein mu - thut er doch gerade, als httest du in Berlin die
Weisheit mit Lffeln gegessen!
    Rege dich nicht auf! bat sie. Ich gehe gleich. In wenig Minuten hngt das
Kleid an seinem Platze, und ich werde mich nie wieder daran vergreifen. Geh, sei
gut! Sie legte bittend ihre zarten Fingerspitzen auf seine Hand, die er auf den
Tisch sttzte; aber er schob sie weg. Ach, lasse doch diese Kindereien, Grete!
Ich hab's von klein auf nicht leiden knnen, wenn man mir zu nahe kommt - das
weit du doch!
    Sie nickte lchelnd mit dem Kopfe, nahm vorsichtig das Kleid auf, um das
Lrmen beim Hinausgehen zu verhindern und ging zur Mittelthre. Aber an der
Schwelle zgerte sie und wandte sich zurck.
    Was sind denn da fr Dummheiten geschehen? hatte sie Reinhold sagen hren;
und nun sah sie, wie er die Vasenscherben durcheinander warf.
    Ja, siehst du, Reinhold, das ist nun so ein kleines Malheur, wie es einem
bei einer grndlichen Rumerei leicht passiert, sagte Tante Sophie
achselzuckend. Sie vermied es geflissentlich, den eigentlichen Missethter, den
armen Tapps, zu nennen.
    Was, ein kleines Malheur? wiederholte der junge Mensch ganz emprt. Aber,
Tante, du scheinst auch nicht die blasse Ahnung von dem Geldwert zu haben, der
dir hier oben anvertraut ist! Bare zehn Dukaten hat diese Vase gekostet; ich
will es dir aus dem Inventarbuch beweisen - bare zehn Dukaten! ... Ja, wei
Gott, es ist geradezu haarstrubend, wie oft aus Marotte mit dem Gelde gehaust
wird. Der gute Gropapa ist auch so einer gewesen. Tausende stecken in dem Kram
aus Olims Zeiten, den er zusammengeschleppt hat. Die Antiquittenhndler wissen
das und klopfen immer wieder an bei uns; aber der Papa wird allemal grob, und
ich wrge dann tagelang an dem Aerger ber die unverantwortliche Verschwendung!
... Aber es wird auch einmal anders, und dann wei ich einen, der aufrumt. Da
wird alles versilbert, alles, was nicht absolut ntig ist zum Hausgebrauch. Er
schttelte den Kopf und warf die Scherbe in seiner Hand auf den Tisch. Zehn
Dukaten! Ein Pappenstiel natrlicherweise! Eine Lappalie fr alle in unserem
Hause, die nicht rechnen knnen.
    Na, sei nur ruhig; ich hab' das Einmaleins grndlich weg und brauche nicht
auf euren Kontorsthlen zu sitzen, um zu wissen, was das Geld wert ist,
unterbrach ihn Tante Sophie gleichmtig. Die zehn Dukaten sind aber schon
dazumal zum Fenster hinausgeworfen gewesen. Auch der Klgste lt sich einmal
anfhren mit nachgemachtem Zeug, wie das hier ist. Sie zeigte auf die Scherben.
    Wie - nachgemacht? Wer sagt denn das?
    Margarete sagt es, sprach der Landrat, der langsam an den Tisch getreten
war.
    Reinhold lachte laut auf. Die Grete? Diese da? Er zeigte mit dem Finger
nach dem jungen Mdchen.
    Ja, deine Schwester, besttigte Herbert mit festem verweisendem Blick in
das impertinent grinsende Gesicht des Neffen. Ich mchte dich brigens bitten,
den Ton, welchen du der Tante und deiner Schwester gegenber noch so jungenhaft
unmanierlich anschlgst, nunmehr zu ndern. Es ist dir zeitlebens, deiner
reizbaren Nerven wegen, sehr viel nachgesehen worden, allzuviel, wie ich frchte
- aber nun solltest du doch wissen, da auch du Anstandspflichten hast.
    Reinhold hatte den Sprecher anfnglich ganz perplex angestarrt, eine solche
ernste Rge aus diesem Munde war ihm neu; aber bei all seiner Unverfrorenheit
war er doch ein feiger Bursche, der jedem Strkeren aus dem Wege ging. Er nagte
an seiner Unterlippe und wagte kein Wort der Erwiderung. Scheu wegsehend, griff
er in die Brusttasche, zog einen Brief heraus und warf ihn so auf den Tisch, da
das sehr groe Siegel obenauf zu liegen kam. Hier, Grete, der Brief ist vorhin
im Kontor fr dich abgegeben worden, sagte er mrrisch. Nur des Wappens wegen,
das fast so gro ist, wie unser herzogliches, bin ich die zugige Treppe
heraufgeklettert; sonst ist es mir sehr egal, wer dir schreibt.
    Das junge Mdchen war feuerrot geworden. Der Uebermut, der vorhin ihre ganze
Erscheinung beseelt hatte, war klglich zusammengesunken. Fast hilflos, mit
einem angstvoll scheuen Blick nach dem Briefe, stand sie da wie ein
tieferschrockenes Kind.
    Das ist das Wappen der Herren von Billingen-Wackewitz, Reinhold, sagte die
Frau Amtsrtin ganz feierlich, mit hrbarer Ergriffenheit. Ich knnte dir
manches heilig aufgehobene Billetdoux mit diesem herrlichen Siegel zeigen. Ein
Frulein von Billingen war frher Oberhofmeisterin bei unseren gndigsten
Herrschaften. Sie war mir sehr gtig gesinnt und korrespondierte mit mir ber
unseren Frauenverein... Mein Gott, wenn ich damals htte denken sollen - Sie
brach ab mit einem fast verzckten Aufblick, schlang ihren Arm um die Taille der
Enkelin und zog sie an sich. Mein liebes, liebes Gretchen, du kleine
Spitzbbin! rief sie mit tiefer Zrtlichkeit. Also das ist der Magnet gewesen,
der dich in Berlin festgehalten hat? ... Und ich bin so unverantwortlich
kurzsichtig gewesen und habe dir Vorwrfe gemacht, whrend du berufen warst, ein
unaussprechliches Glck in unser Haus zu bringen. Solch eine blinde, ungerechte
Gromama, gelt Herzenskind? Bist du mir bse?
    Die Enkelin entschlpfte der Umarmung und trat um einen Schritt weg. Sie
hatte ihre Fassung wiedergewonnen. Ich habe keinen Grund, bse zu sein - ein
solches Gefhl wrde sich auch wenig schicken fr die Enkelin, sagte sie fast
trocken und zupfte ordnend, mit einem Seitenblick nach Reinhold, an den Spitzen
des kostbaren Inventarstckes. Solche Extravaganzen drfen wir uns nicht
erlauben, solange ich im Staatskleid der schnen Dore stecke - Reinhold wird
zanken.
    Ach, wte er, was ich wei, entgegnete die alte Dame mit schalkhaftem
Augenblinzeln, dann wrde er nur mit mir finden, da dir die Robe
unvergleichlich steht! Ja, so wie ich dich da vor mir sehe, mit der wirklich
vornehmen Haltung und dem - nun, auch eine Gromama darf einmal schwach sein in
ihrer gromtterlichen Eitelkeit - und dem durchgeistigten, pikanten Gesichtchen
- ja, so knntest du dich getrost den illustren Frauengestalten anreihen, die in
einem gewissen Saale von den Wnden blicken.
    Auch mit dem wilden Haar und den Jungenmanieren, Gromama?!
    Die Frau Amtsrtin wurde ein wenig rot und hob beide Hnde empor. Liebes
Kind - doch nein, unterbrach sie sich - ich will heute still sein! Morgen,
oder vielleicht auch erst in einigen Tagen, wirst du mir viel zu sagen haben,
unendlich viel, mein Kind, was mich lebenslang beseligen wird. Ich wei es. Bis
dahin will ich mich bescheiden!
    Margarete antwortete nicht. Mit scheuem Finger griff sie nach dem Briefe,
schob ihn in die weite Kleidertasche und ging hinaus, um die Staatsrobe wieder
an Ort und Stelle zu bringen. In diesem Augenblick erinnerte sich auch die Frau
Amtsrtin, da sie ja eigentlich nur heruntergekommen sei, um sich bei Tante
Sophie ein Tortenrezept auszubitten; der Herr Landrat aber, der ja auch nur hier
eingetreten, weil er drauen im Vorbergehen das Gerusch der strzenden Vase
gehrt, hatte Hut und Stock vom Tische genommen und war mittlerweile in den
Flursaal hinausgegangen.
    Er stand vor dem nchsten Bffett und besah anscheinend sehr interessiert
die alten Humpen und Becher, als Margarete an ihm vorber nach dem Gange
schritt. Du wirst mir spter einmal viel abzubitten haben, Margarete, sagte er
halblaut, aber mit Nachdruck ber die Schulter hinweg zu ihr.
    Ich, Onkel? Sie hemmte ihre Schritte und trat verstohlen lchelnd nher.
Mein Gott, sofort, auf der Stelle soll es geschehen, wenn du es wnschest!
Tchter und Nichten mssen das, und knnen es auch getrost, unbeschadet ihrer
Mdchenwrde.
    Er wandte sich voll nach ihr um; zugleich warf er aber auch auf den
herankommenden Reinhold einen so streng und finster zurckweisenden Blick, da
der lange Mensch betroffen kehrt machte und mit den beiden alten Damen den
Flursaal verlie.
    Du scheinst die Jahre, whrend welcher wir uns nicht gesehen haben, fr
meine Person doppelt zu rechnen, sagte Herbert finster. Ich komme dir wohl
sehr alt und ehrwrdig vor, Margarete?
    Sie bog ihr Gesicht ein wenig zur Seite und die bermtigen Augen huschten
musternd ber seine Zge. Nun, weit du, gar so schlimm ist's nicht - ich sehe
noch kein einziges graues Haar in deinem schnen Barte.
    Schlimm genug, wenn du bereits danach suchst! Er sah einen Moment weg
durch das nchste Fenster. Es war mir ein wenig verwunderlich, bei deiner
Ankunft so respektvoll von dir begrt zu werden; meines Wissens hat mich immer
nur Reinhold Onkel genannt, du nie!
    Du hast recht - ich nie, trotz so mancher Strafpredigt! - Dein Onkelgesicht
imponierte mir nicht! Gerade wie Milch und Blut ist's, sagte Brbe immer.
    Ach so - nun sind dir die Farben greisenhaft genug?
    Sie lachte. Ach, das spricht ja nicht mehr mit - der Bart macht's! Solch
ein aristokratisch gescheitelter Kinnbart imponiert, Onkel!
    Er verbeugte sich ironisch.
    Und dann - als ich dich vorgestern abend neben der schnen Dame sitzen sah,
und du kamst dann heraus in den Flursaal, Zoll fr Zoll der erste Beamte der
Stadt, und deine ganze Erscheinung umleuchtet von dem Widerschein frstlicher
Vornehmheit, da kam mir das Respektgefhl geradezu berwltigend, und ich
schmte mich furchtbar.
    Da mu ich ja wohl sehr entzckt sein, da dir der Onkeltitel nun so flott
von den Lippen kommt?
    Sie wiegte lchelnd den Kopf. Nun weit du, so ganz unbedingt ist das nicht
zu verlangen. Ich sehe recht gut ein, da es nicht angenehm sein mag, von einem
so alten Mdchen, wie ich bin, Onkel genannt zu werden. Aber ich kann dir nicht
helfen. Wir armen Lamprechtskinder sind ohnehin zu kurz gekommen; wir haben nur
diesen einen Mutterbruder, und wenn auch nur ein Stiefonkel, mut du dir es doch
gefallen lassen, zeitlebens Onkel Herbert zu bleiben.
    Nun gut, ich bin's zufrieden, liebe Nichte. - Aber du wirst nun auch
wissen, da du diesem anerkannten Onkel gegenber die Pflicht des Gehorsams
bernimmst.
    Sie stutzte; aber sofort ging auch ein Strahl des Verstndnisses durch ihre
Zge. Ah, du meinst das! Sie legte die Hand dunkel errtend auf die Tasche, in
welcher das angekommene Schreiben steckte, und in ihren Augen glomm es wie
feindselig auf.
    Er sah nur mit halbem Blick hin und schwieg.
    Ja, das ist's! nickte sie mit Bestimmtheit. Du denkst genau wie die
Gromama. Ihr seid stolz auf die Aussicht, die sich mir bietet, und ffnet dem
Freier Herz und Arme, ohne ihn je gesehen zu haben. Wozu auch? Kennt ihr doch
seinen Namen - mehr braucht es nicht... Nun kennst du aber auch den Querkopf
deiner Nichte, und vielleicht beschleicht dich die geheime Furcht, da sie den
grenzenlos dummen Streich machen knnte, lieber Grete Lamprecht bleiben zu
wollen; da ist ein Recht mehr gegen den Oppositionsgeist von groem Wert fr die
Familie. Das Haus Marschall ist im Begriff, bis ber die Wolken zu steigen, und
da verlangt es das eigene Interesse, da auch die verwandten Lamprechts hher
gehoben werden.
    Es ist erstaunlich, wie scharfsinnig du bist!
    Sie lachte. Nein, Onkel, das Kompliment weise ich zurck! Du denkst zu
schmeichelhaft von mir. Der da, - sie hob den kleinen Finger der Rechten - der
sagt mir's nicht... Fr mich ist die ganze Luft unseres Hauses beseelt und
lebendig; aus allen Gngen und Treppenwinkeln wispert und flstert es mir zu;
denn ich bin an einem Ostersonntag geboren und habe mich immer sehr gut mit
unseren Hausgeisterchen gestanden. Und wie sie mir frher von den alten Zeiten
zuraunten, von den Silberfden des Lein, die sich drauen auf Handelswegen
verwandelt und als eitel Gold in die Truhen meiner Urvter zurckgeflossen
seien, so flstern sie jetzt von einem ganz anderen Glanz, von frstlicher Huld
und Gnade, von der Gunst schner, blaubltiger Frauen, und von dem alten
Plebejerblut, das nach jahrhundertelangem Sammelflei nunmehr reif sei, in einer
hheren Kaste aufzugehen.
    Ei, das sind ja ganz allerliebste Kobolde mit ihren kleinen Bosheiten, die
die Luft vergiften! Man sollte auf sie fahnden -
    Mit deinen Gendarmen, Onkel? Das gb' aber einen Spa fr die lustigen
Kameraden! Sie wrden erst recht an meinem Ohr niederhocken und weiter erzhlen
von dem neuen Theaterstck in Lamprechts Hause, in welchem sogar das dumme Ding,
die Grete, mitspielen soll - ein Freiherrnkrnchen auf das Struwwelhaar gesetzt,
und die Wandlung sei fertig, meinen sie... Aber weit du, Onkel, ein ganz klein
wenig Stimme habe ich doch auch dabei, meinst du nicht? Das kleine Wrtchen Ja
mu doch auch gesagt werden. Und da nehmt euch nur in acht, da der Vogel nicht
davonfliegt, ehe er gesungen hat! Mich fangt ihr nicht!
    Es kme auf eine Probe an -
    Versuch's, Onkel! Sie sah halb ber die Schulter nach ihm zurck, und ihre
Augen sprhten auf, als sei sie sofort bereit, den Wettlauf der Geister
anzutreten.
    Ich nehme die Herausforderung an, darauf verlasse dich! Aber das merke dir,
habe ich den Vogel einmal, dann ist's um ihn geschehen!
    Ach, das arme Ding, da mu es singen, wie du pfeifst! lachte sie. Aber
ich frchte mich nicht - ich bin eine Spottdrossel, Onkel, und knnte dich
leicht auf den verkehrten Weg locken!
    Sie verbeugte sich grazis, unter heimlichem Lachen, und schritt eiligst
nach dem Gange hinter der Frau Dorotheens Sterbezimmer, und whrend sie mit
flinken Hnden die Spangen des Kleides lste, hrte sie, wie der Landrat den
Flursaal verlie. Zugleich wurde aber auch die Stimme ihres die Treppe
heraufkommenden Vaters laut. Die beiden Herren begrten sich, wie es schien,
unter der Thr; dann fiel diese zu und der Kommerzienrat ging nach seinem
Zimmer.
    Er war schon in aller Frhe nach Dambach geritten, war ber Mittag drauen
verblieben und kam eben heim. Es drngte sie, ihn zu begren, um so mehr, als
er heute Morgen dster schweigend, mit verfinstertem Gesicht zu Pferde gesessen
und fr ihr frhliches Guten Morgen vom Fenster aus kaum ein leichtes
Kopfnicken und kein Wort der Erwiderung gehabt hatte. Das war ihr schmerzlich
auf das junge, froh gestimmte Herz gefallen. Aber Tante Sophie hatte sie
getrstet. Das sei wieder einmal solch ein schlimmer Tag, wo man sich
stillschweigend zurckhalten und ihm aus dem Wege gehen msse, hatte sie
gemeint. Er wisse da selbst am besten, was ihm not thue, um das schwarze
Gespenst los zu werden - das sei ein Ritt in die frische Luft hinaus und
Zerstreuung drauen im Fabrikgetriebe. Abends werde er schon umgnglicher
zurckkommen.
    Die Brokatschleppe der schnen Dore hing wieder in der tiefsten Schrankecke,
und Margarete war eben im Begriff, ihr Haar zu ordnen, als sie abermals die
Zimmerthr ihres Vaters gehen hrte. Er trat wieder heraus und ging den Flursaal
entlang. Er kam rasch nher, und es schien, als schreite er direkt dem Gange zu.
    Margarete erschrak. Sie war in Unterkleidern und mochte sich berhaupt nicht
hier vor ihm sehen lassen; wute sie doch nicht, in welcher Stimmung er
heimgekommen war und wie er ihr mutwilliges Attentat auf das ehrwrdige
Inventarstck des Hauses beurteilen wrde. Ein wahres Angstgefhl packte sie.
Unwillkrlich schlpfte sie in den Schrank, schmiegte sich tief in die
Seidenwogen - es war ihr, als versinke sie in rauschenden Gewssern - und zog
die Thr leise an sich.
    Wenige Augenblicke nachher kam der Kommerzienrat um die Gangecke. Durch die
schmale Thrspalte konnte ihn die Tochter sehen. Der Ritt in die frische Luft
und das Fabriktreiben in Dambach hatten nicht an das Geprge schwarzer
Melancholie gerhrt, welches diese schne Mnnererscheinung fr alle im Hause
oft so furchterweckend machte. Er hatte einen kleinen Strau frischer Rosen in
der Rechten und schritt achtlos zwischen den Bilderreihen seiner Vorfahren hin.
Nur das Oelbild der schnen Dore, welches schrg zwischen die Schrankecke und
die Wand gelehnt, ihm die bezaubernde Gestalt gewissermaen entgegentreten lie,
schien eine unheimliche Wirkung auf ihn zu ben. Er fuhr zurck und legte die
Hand ber die Augen, als befalle ihn ein Schwindel. Dieses Erschrecken war
begreiflich. Drben im roten Salon, hoch an der hellen Wand, trat das Dmonische
dieser Schnheit nie so sieghaft hervor, wie hier im spukhaften Halbdunkel... Er
murmelte leidenschaftliche Worte in sich hinein, packte wie in einem Wutanfall
das schwere Bild und kehrte es gegen die Wand. Der Rahmen schlug hart an das
Mauergestein und krachte in den Fugen.
    Der erschrockenen Tochter stockte der Atem. War es doch, als schlage aus dem
finsteren, melancholischen Brten pltzlich die Flamme des Irrsinns empor, als
msse die gewaltthtige Hand zerstrungswtig das stille Kaufmannshaus zum
Schauplatz grauenvoller Ereignisse machen. Aber das Furchtbare geschah nicht.
Mit dem Verschwinden der Frauengestalt in der dunklen Ecke schien auch der Sturm
des in der Seele aufgeregten Mannes beschwichtigt. Er schritt weiter, dicht an
der Tochter vorber, so da sie durch die klaffende Thrspalte sein heftiges
Ausatmen zu spren meinte.
    Gleich darauf rasselte der Schlssel im nchsten Thrschlo. Der
Kommerzienrat trat ein, zog den Schlssel wieder ab und schob drinnen den Riegel
vor.
    Ein Grauen berschlich die Lauschende. Was that er drinnen, so allein mit
seinen dunklen Gedanken in den den, verstaubten Rumen? - Niemand im Hause
ahnte, da er noch hier verkehrte. Brbe behauptete, er sei mit keinem Fu
wieder in den Gang gekommen - dazumal msse ihm doch gar zu arg aufgespielt
worden sein; denn fr nichts und wieder nichts gebe kein beherzter Mann so
jmmerlich Fersengeld, da er sich nicht wieder zurcktraue. Nun war er doch
drin - wie vergraben in der tiefen Stille und Dmmerung; denn kein Laut drang
heraus. - Vielleicht war es aber gerade diese grabesruhige Abgeschiedenheit, die
er schlielich suchte, wenn er im Weltgetriebe seinen bsen Dmon nicht
abzuschtteln vermochte. Sie snftigte wohl den inneren Sturm, das heie, kranke
Blut, das ihm so bengstigend den Kopf verdunkelte... Ja, er war krank. Es war
nicht, wie die Gromama flschlich behauptete, ausschlielich der Gram um ihre
verstorbene Mutter, der ihn so furchtbar verndert - war er doch in den ersten
Jahren nach ihrem Tode nicht so verbittert und schwarzgallig gewesen - nein, er
war krank, Wahngebilde verfolgten und marterten ihn; das hatte sie schon am
Abend ihrer Ankunft erkennen mssen. Er, der strengrechtliche, pnktliche Chef
der hochgeachteten Firma Lamprecht, der stolze Mann, auf dessen Ehre auch nicht
der leiseste Makel haftete, er bildete sich pltzlich ein, es knne eine Zeit
kommen, wo man mit Fingern auf ihn zeige, wo er verfemt sein werde in Kreisen,
denen sein falscher Ehrgeiz unablssig zustrebte. Das Herz krampfte sich ihr
zusammen vor Weh, indem sie sich vergegenwrtigte, wie er vor ihr, seinem Kinde,
in jenem Augenblick fast flehend gestanden und an ihre Mithilfe, ihre kindliche
Treue appelliert hatte. So weit hatte ihn die tckische Krankheit bereits
gebracht!
    Einen Moment noch horchte sie nach der verriegelten Thr hin - es blieb
totenstill dahinter -, dann stieg sie mit zitternden Knieen aus ihrem Versteck,
raffte ihre vorhin abgeworfenen Oberkleider zusammen und flog nach einem der
vorderen Zimmer, um dort ihren Anzug schleunigst wieder in Ordnung zu bringen...
Welch ein Glck, da der Papa nicht zehn Minuten frher nach Hause gekommen war!
Versetzte ihn schon die gemalte, leblose Leinwand in eine so hochgradige
Aufregung, was wre wohl geschehen, wenn er das unselige Weib scheinbar
leibhaftig jhlings vor sich gesehen htte! Da die Mummerei bereits ein anderes
Unheil angerichtet, daran dachte ihre Seele nicht.
    Seit einer halben Stunde sa er drunten auf der Kchenbank, der erschrockene
Hausknecht. Die zitternden Beine trugen ihn noch immer nicht, und die sonst so
schn rot lackierten Backen blieben bla. Die ganze Kche roch nach Likr -
nichts besseres als das! hatte Brbe gesagt und ihm ein betrufeltes Stck
Zucker um das andere in den Mund geschoben. Und das ganze Hausgesinde stand um
ihn her und konnte sich nicht satt hren und graulen.
    Nein, nein, nein - ein fr allemal nicht! wiederholte er zum so und so
vielten Male entschieden. Ich rhre sie nicht wieder an - nicht um die Welt!
Mag sie doch sehen, wie sie wieder hinaufkommt an ihren Haken... Ich und etwas
zerbrechen! - Du lieber Gott, meinen Pfeifenkopf habe ich nun schon an die
vierzehn Jahre, und soll mir ,mal einer herkommen und auch nur ein Ritzchen dran
finden! Und zeigen Sie mir den Teller oder das Glas, das ich beim Abtrocknen
hier in der Kche zerbrochen htte, Brbe! Sie knnen's nicht, mit dem besten
Willen knnen Sie's nicht - so was giebt's nicht bei mir! ... Und da oben fliegt
mir das Ding, die Vase, nur so aus der Hand! So ein heimlicher Puff von hinten
an den Ellbogen und, krach, da lag die Bescherung am Erdboden! Und das war die
Strafe, weil ich sie von ihrem Platz genommen hatte, die Boshaftige! ... Ich
dachte mir's gleich und wollte nicht. Die Stube wird ja nicht tapeziert,
Frulein, sagte ich. Das Bild knnte am Ende hngen bleiben. - Aber Frulein
Sophie glaubt ja an nichts - das Bild mute runter, absolut runter, und ich
armer Teufel kriegte die Prgel. Ja, den Schreck verwind' ich in meinem Leben
nicht! Und wie sie nachher auf mich zukam, just aus dem Rahmen 'raus, und das
grne Kleid rauschte und brauste, und die Karfunkelsteine glhten ihr auf dem
Kopfe, wie Funken aus dem hllischen Feuer, da dachte ich, jetzt ist dein Brot
gebacken, 's ist aus mit dir! Die Thre hab' ich noch glcklich erwischt, und
sie krachte frchterlich hinter mir zu; aber auf der Treppe hat's mir doch noch
eiskalt an den Hals gegriffen -
    Unsinn, Friedrich! Auf der Treppe that sie Ihnen nichts mehr - sie kann ja
nicht ber die Thrschwelle! sagte Brbe und reichte ihm ein Likrglschen hin.
So - und nun nehmen Sie 'mal den Schluck Pfefferminzschnaps da, der bringt Sie
auf die Beine! ... Und da ich's euch sage, ihr Leute - die Geschichte bleibt
unter uns! Bei der Herrschaft findet man ja doch keinen Glauben, und wenn man's
schwarz auf wei brchte. Da wird allemal zuerst gelacht und nachher gezankt,
und man kriegt seine Totenunke und Jammerbase nur so an den Kopf geworfen und
hat seinen Aerger weg. Und den Leuten in der Stadt drfen wir auch die Muler
nicht aufsperren - beileibe nicht! Die sind uns Lamprechts ohnehin nicht grn;
unser groes Geschft und das Ansehen und der unmenschliche Reichtum - das alles
pat den Neidhammeln nicht; fr die ist ein Unglck in unserem Hause so gut wie
Zuckerbrot - und ein Unglck gibt's, das steht fest. Dazumal, wie unser Gretchen
beinahe gestorben ist, da hat es da oben auch so lange rumort, bis sie uns das
Kind halbtot ins Haus brachten... Da heit's nun, die Ohren steif halten und
aufpassen. Ich sage euch, nehmt Feuer und Licht in acht - das ist unsere Sache!
Was freilich sonst geschehen soll, daran kann unsereiner nichts ndern... Mich
berluft eine Gnsehaut - Sie streifte zur Beweisfhrung den Aermel vom Arm
zurck. - Jeden Augenblick kann's kommen - jeden Augenblick! -

                                       13


Und in der darauffolgenden Nacht war es wirklich, als heule eine wehklagende
Stimme diese Prophezeiung nach, auch ber den Markt und die ganze Stadt hin -
der erste Oktobersturm brauste durch das Land. Die Raben hatten den ganzen
Nachmittag in groen Schwrmen wie toll ber der Stadt gekreist, und abends war
die Sonne wie in einem Blutmeer untergegangen; der Glutschein hatte noch lange
auf den Turmspitzen und Kirchendchern gelegen. Und nun kam's. Die ganze Nacht
hindurch fauchte und johlte es in den Lften und gnnte sich selbst kein
Aufatmen; und als es wieder Tag wurde, da pfiff die Sturmmelodie erst recht
durch die Straen. Die Leute, die ber den hochgelegenen Markt gingen, konnten
sich kaum auf den Fen erhalten, und um die Straenecken flogen Hte und Mtzen
im frmlichen Wirbeltanz.
    Die Frau Amtsrtin rgerte sich. Ihre zarten Fchen waren ein wenig
unsicher und wackelig geworden. Bei starkem Wind traute sie sich nicht mehr auf
die Strae, und so muten die auf den heutigen Tag festgesetzten Besuche mit der
heimgekehrten Enkelin in der Stadt unterbleiben.
    Margarete war desto zufriedener. Ihr erschien der freigewordene Nachmittag
wie geschenkt. Sie sa droben im Wohnzimmer der Gromama und half der alten Dame
mit flinken Fingern an der groen prachtvollen Stickerei. Der Teppich solle auf
Herberts Weihnachtstisch kommen, wurde ihr geheimnisvoll zugezischelt,
eigentlich aber sei er dazu bestimmt, im knftigen jungen Haushalt vor dem
Damenschreibtisch zu liegen. Und Margarete stickte unverdrossen an den
Bltenbscheln, auf welche der Fu der schnen Heloise treten sollte.
    Um vier Uhr kam auch der Herr Landrat vom Amte heim. Er hatte nebenan sein
Arbeitszimmer. Eine Zeitlang hrte man drben Leute kommen und gehen; der
Amtsdiener brachte Aktenbndel, ein Gendarm machte eine Meldung, auch bittende
Stimmen wurden laut, und Margarete mute denken, wie doch die tiefe, behtete
Stille in den oberen Regionen des alten Kaufmannshauses vllig verscheucht sei
durch Bewohner, die den Namen Lamprecht nicht fhrten. Das htten sich die alten
Kaufherren auch nicht trumen lassen! Es war immer ihr Stolz gewesen, das
mchtige Vorderhaus allein zu bewohnen und das obere Stockwerk lieber leer
stehen zu lassen, auf da kein fremder Fu das Recht habe, ihre schne, breite
Treppe auf und ab zu wandern und profanen Lrm zu machen.
    Trotz des Sturmes, ja, gerade in einem Moment, wo die Fenster unter heftigen
Windsten klirrten, wurde auch ein reizend arrangierter Korb voll kstlichen
Tafelobstes aus dem Prinzenhof gebracht. Der Frau Amtsrtin zitterten die Hnde
vor Freude ber die Aufmerksamkeit. Sie breitete schleunigst ein verhllendes
Tuch ber den Weihnachtsteppich und rief den Sohn herber, nachdem sie den Boten
mit einem reichen Trinkgeld entlassen.
    Der Landrat blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen, als sei er
betroffen, noch jemand auer seiner Mutter im Zimmer zu finden; dann kam er
nher und grte nach dem Fenster hin, an welchem Margarete sa.
    Guten Tag, Onkel! erwiderte sie seinen Gru freundlich gleichmtig und
stickte an dem Teppichende weiter, das unter dem Tuch hervorsah.
    Er zog flchtig die Brauen zusammen und warf einen zerstreuten Blick auf den
Obstkorb, den ihm seine Mutter entgegenhielt. Seltsame Idee, bei solchem Wetter
einen Boten in die Stadt zu jagen! sagte er. Das hatte doch Zeit -
    Nein, Herbert! unterbrach ihn die Frau Amtsrtin. Das Obst ist frisch
gepflckt und sollte seinen Duftanhauch nicht verlieren. Und dann - du weit ja,
da man drauen nicht gern einige Tage vergehen lt, ohne da gegenseitig
Lebenszeichen ausgetauscht werden... Welch kstlicher Duft! - Ich werde dir
gleich einen Teller voll Birnen und Trauben arrangieren und hinberstellen -
    Danke schn, liebe Mama! Freue dich nur selbst daran. Ich erhebe keinen
Anspruch - die Aufmerksamkeit gilt einzig und allein dir.
    Damit ging er wieder hinber.
    Er ist empfindlich, weil das Liebeszeichen nicht direkt an ihn selbst
adressiert war, flsterte die Frau Amtsrtin der Enkelin ins Ohr, whrend sie
nach ihrer Brille griff und die Arbeit wieder aufnahm. Mein Gott, noch kann und
darf ja Heloise nicht in der Weise vorgehen! Er ist so scheuverschlossen, so
unbegreiflich wenig selbstbewut und scheint fast zu hoffen, da sie zuerst das
entscheidende Wort herbeifhren soll. Dabei ist er furchtbar eiferschtig,
selbst auf mich, auf seine selbstlose Mama, wie du eben gesehen hast... Ja,
Kind, darin wirst du nun auch deine Erfahrungen machen! setzte sie laut in
neckendem Tone hinzu und war damit wieder bei dem Thema angelangt, das der Bote
vorhin unterbrochen. Sie versuchte die Fensternische zum Beichtstuhl zu machen -
es handelte sich um das Schreiben des Herrn von Billingen-Wackewitz. Margarete
hatte das Papier gestern abend noch verbrannt, und die ablehnende Antwort war
bereits unterwegs, darber entschlpfte ihr aber kein Wort. Sie antwortete
diplomatisch einsilbig und war innerlich emprt, da die alte Dame den Namen des
Zurckgewiesenen einigemal so laut und ungeniert nannte, als gehre er bereits
zur Familie. Es verletzte sie um so mehr, als die Thre des Nebenzimmers vorhin
nicht fest genug geschlossen worden war; der klaffende Spalt erweiterte sich
zusehends, und wer drben aus und ein ging, konnte jede dieser indiskreten
Bemerkungen hren.
    Die Gromama hatte die Thre freilich im Rcken und konnte nicht wissen, da
sie offen stehe, bis sie durch ein Gerusch drben aufmerksam wurde und sich
erstaunt umdrehte. Wnschest du etwas, Herbert? rief sie hinber.
    Nein, Mama! Erlaube nur, da die Thre ein wenig offen bleibt; man hat mein
Zimmer berheizt!
    Die Frau Amtsrtin lachte leise in sich hinein und schttelte den Kopf. Er
denkt, wir sprechen von Heloise, und das ist selbstverstndlich Musik fr sein
Ohr, raunte sie der Enkelin zu und sprach sofort vom Prinzenhof und seinen
Bewohnern.
    Nicht lange mehr, da fing es an zu dmmern. Die Arbeit wurde zusammengerollt
und weggelegt, und damit waren auch die berschwenglichen Schilderungen der
Gromama zu Ende. Margarete atmete auf und verabschiedete sich schleunigst. Sie
brauchte auch nicht einmal in das Nebenzimmer zu gren, die Thre war lngst
wieder leise von innen zugedrckt worden.
    Im Treppenhause fing sich der Zugwind - kein Wunder! - in der Bel-Etage
stand ein Flgel des groen nach dem Hofe gehenden Fensters offen, und der
Sturm, der von Norden her ber das Dach des Packhauses kam, schnob direkt herein
und zog wie Orgelton an den hallenden Wnden hin.
    Beim Herabkommen sah Margarete ihren Vater an dem Fenster stehen. Der
Sturmwind fuhr ihm gegen die breite Brust und zerwhlte das volle Kraushaar auf
seiner Stirn.
    Willst du wohl heruntergehen! rief er heftig in das Tosen und Klingen
hinaus und winkte mit dem Arm ber den Hof hin.
    Die Tochter trat an seine Seite. Er schrak zusammen und wandte ihr hastig
sein tieferregtes Gesicht zu. Der Tollkopf dort will sich wahrscheinlich das
Genick brechen! sagte er gepret und zeigte nach dem offenen Gang des
Packhauses.
    Dort stand der kleine Max auf dem Gelndersims des Ganges. Er hatte den
linken Arm leicht um den einen der Holzpfeiler gelegt, welche das weit
hervorspringende Dach trugen; den anderen streckte er deklamatorisch in die
brausenden Lfte hinaus und sang; aber es war keine zusammenhngende Melodie; er
schlug nur die einzelnen Tne der Skala an und lie sie schwellen und aushallen,
als wolle er bermtig die Kraft seiner kleinen Lunge mit der des Sturmes
messen. Das waren die vermeintlichen Orgeltne gewesen. Uebrigens mochte er den
Zuruf aus dem Vorderhause nicht gehrt haben, denn er setzte von neuem ein.
    Der fllt nicht, Papa! sagte Margarete lachend. Ich wei am besten, was
man in diesem Alter riskieren kann. Das Geblk auf unserem obersten Hausboden
knnte ganz andere Dinge von meinen Seiltnzerknsten erzhlen... Und der Sturm
kann ihm nichts anhaben, er hat ihn im Rcken... Freilich, dem alten Holzwerk da
drben ist nicht zu trauen. Sie zog ihr Taschentuch hervor und lie es zum
Fenster hinausflattern.
    Dieses Signal bemerkte der Kleine sofort. Er verstummte und sprang von
seinem hohen Posten. Sichtlich erschrocken und verlegen, machte er sich
allerhand auf dem Gange zu schaffen; er mochte sich schmen, beobachtet worden
zu sein.
    Das Kerlchen hat Gold in seiner Kehle, sagte Margarete. Aber er ist ein
kleiner Verschwender. Mit zwanzig Jahren wird er wohl nicht mehr so unsinnig in
den Sturm hineinsingen, dann wird er das kostbare Material zu schtzen wissen...
Den bekommst du nicht in deine Schreibstube, Papa - das wird einmal ein groer
Snger.
    Meinst du?! - Sein Auge funkelte sie eigentmlich, fast feindselig an.
Ich glaube nicht, da er dazu geboren ist, andere zu amsieren.
    Damit griff er nach dem Fenster, um es zu schlieen; aber in demselben
Augenblick ri ihm ein heulender Windsto den Fensterflgel aus der Hand, ein
Sto von so erschtternder Wucht, wie er selbst in der vergangenen wilden Nacht
nicht die Hausmauern erzittern gemacht hatte. Was in den nchsten Sekunden
vorging, die beiden vom Fenster Zurcktaumelnden sahen es nicht - sie meinten,
der Orkan fege das alte Kaufmannshaus und alles, was in ihm lebe und atme, mit
einem einzigen Ruck vom Boden weg - ein furchtbarer Krach, ein
nervenerschtterndes Getse von strzendem Trmmerwerk, dann ein momentanes
Verbrausen, als erschrecke der Wterich selbst vor der Zerstrung und wage es
kaum, an die undurchdringliche, graugelbe Wolke zu rhren, die pltzlich den Hof
fllte!
    Das Packhaus! - Ja, von dorther wogten und wallten die Staubmassen!
    Mit einem wilden Satze sprang der Kommerzienrat an der Tochter vorber und
die Treppe hinab. Margarete flog ihm nach; aber erst im Hofe gelang es ihr,
seinen Arm zu umklammern - stumm vor Entsetzen, konnte sie ihm nicht sagen, da
er sie mitnehmen solle.
    Du bleibst zurck! gebot er und schttelte sie von sich. Willst du auch
erschlagen werden? - Das waren Laute, die ihr durch Mark und Bein gingen, und
sie meinte zu sehen, wie sich ihm das Haar ber dem verzerrten Gesicht strube.
    Er strmte fort, und sie griff nach dem nchsten Lindenstamm, um sich auf
den Fen zu erhalten; denn eben brauste es wieder ber den Hof hin. Ein Wirbel
fuhr in die Staubwand, trieb die kmpfenden Wolken erstickend nach dem
Vorderhause und schleuderte sie dann hoch hinauf gegen den dmmernden Himmel.
    Nun traten auch wieder feste Umrisse aus dem schleierhaften Gemenge. Das
Packhaus stand noch, aber als kaum zu erkennende Ruine. Die untere Hlfte des
schweren Ziegeldaches, die den offenen Gang schtzend und verdunkelnd weit
berragt hatte, war in ihrer ganzen Lnge herabgestrzt und hatte die
Sttzpfeiler und das Ganggelnder mitgerissen. Drunten trmten sich die Trmmer
bis ber die Fenster des Erdgeschosses, und noch rutschten gelockerte Sparren
und Ziegel nach und strzten prasselnd herab.
    Es war ein lebensgefhrlicher, von den niederregnenden Nachzglern schwer
bedrohter Weg, der ber den Trmmerhaufen - Margarete sah angsterfllt ihren
Vater ber das Chaos hinklettern, hier versperrende Balken zur Seite
schleudernd, dort bis ber die Kniee zwischen Sparrwerk und Ziegelscherben
einsinkend, aber er kmpfte sich binnen wenigen Sekunden durch und verschwand im
Dunkel des Thorweges.
    Verschiedene Aufschreie von den Fenstern des Vorderhauses her hatten seine
Anstrengungen begleitet, und nun strzten alle Insassen des Hauses in den Hof
hinaus - Tante Sophie, das gesamte Dienstpersonal, und fast zugleich auch die
Herren aus der Schreibstube. Sie alle scheuchte der Sturm sofort dahin, wo
Margarete stand, unter die Linden, an die festen Mauern des Weberhauses.
    Nun, dem Herrn konnte nichts mehr geschehen! Die mchtige Thorwlbung dort,
welche ihn aufgenommen, rttelte auch der wtendste Orkan nicht um; aber das
Kind, das arme Jngelchen, das war mit heruntergerissen, das lag erschlagen
unter der grausen Last! Eben noch hatte es Brbe von ihrem Kchenfenster aus auf
dem Gange stehen sehen.
    Das Gesicht der alten Kchin war fahl vor Entsetzen, wie das eines
Gespenstes; aber noch im Laufen und gegen den Sturm kmpfend sagte sie mit
zitternden Lippen: Na, ihr Leute - da ist's ja! Hat nun die alte Brbe recht
oder nicht? - Es war kaum zu verstehen, so erstickt von Staub, Sturm und
Schrecken klang die Stimme; aber gesagt mute es werden.
    Tante Sophie band ihr Taschentuch um die flatternden Haare und nahm ihre
Rcke fest zusammen. Ihr standen die Worte noch nicht wieder zur Verfgung, aber
Hand und Fu waren flink zum Handeln geblieben. Trotz der immer noch fallenden
Ziegel und Holzstcke und des sie wtend umfauchenden Sturmes rannte sie ber
den Hof nach dem Trmmerhaufen, unter welchem das arme, erschlagene Jngelchen
liegen sollte, und die anderen folgten ihr unverweilt. Aber fast zu gleicher
Zeit erschien auch der Kommerzienrat droben in der offenen Kchenthre, welche
auf den Gang hinausfhrte. Er winkte abwehrend mit der Hand. Zurck! Es ist
niemand verunglckt! rief er hinab.
    Nun Gott sei Dank! - Die Gesichter hellten sich auf. Mochte doch nun noch
von dem wackeligen Dach herabfallen, was wollte - es that niemand weh, und den
sonstigen Schaden heilten Zimmermann und Dachdecker. Man konnte getrost in die
schtzende Hausflur retirieren.
    Na ja - um ein Haar war's geschehen! sagte Brbe in resigniertem Tone und
rieb sich mit der Schrze den Staub vom Gesicht. Es ist mir unbegreiflich, da
der Junge davongekommen ist - rein unbegreiflich! Im allerletzten Augenblicke
stand er doch gerade noch beim Gelnder. Sie schttelte unglubig den Kopf.
Na, es hat doch so sein sollen, und es ist ja ein Glck, ein Tausendglck, da
nicht das Allerrgste passiert ist! - Fr unser Haus wr's ja auch ganz
schrecklich gewesen, und niemand von uns htte in seinem ganzen Leben wieder
froh werden knnen -
    Sei nicht so einfltig, Brbe! fuhr Reinhold auf sie hinein. Er war vorhin
in der Hausflur zurckgeblieben, weil er im Sturm mit Recht seinen
gefhrlichsten Feind frchtete. - Du thust ja wirklich, als sei eines von
unserer Familie in Gefahr gewesen, und die Lamprechts htten womglich Trauer
anlegen mssen, wenn der Malerjunge verunglckt wre. Albernes Gewsch! - Aber
so seid ihr alle! Nur was euresgleichen angeht, kann euch alterieren; der
Schaden aber, den die Herrschaft von der dummen Geschichte hat, der ist fr euch
Lappalie! Ihr denkt, wir haben das Geld scheffelweise, und da kann drauf und
drein gehaust und gewstet werden - ich kenne euch! - Er hob seine Hand mit den
langen, drren Fingern schttelnd gegen das bei einander stehende Gesinde und
wandte sich mit einem geringschtzenden Achselzucken von den Verblfften ab.
    Der Spa da drben wird uns einen schnen Thaler Geld kosten, sagte er zu
den Herren der Schreibstube, indem er mit dem Kopfe nach dem Packhause
hinnickte. Es ist unverantwortlich vom Papa, da er die Hintergebude so
verfallen lt. Mir passiert so etwas spter einmal ganz gewi nicht; mir
entgeht kein verschobener Ziegel - darauf knnen Sie sich verlassen - und sollte
ich auf allen vieren in die Bodenecken kriechen und nachsehen! Ja, und - er
verstummte pltzlich, schob die Hnde in die Hosentaschen und lehnte sich, die
langen Beine vorstreckend, mit dem Rcken gegen die windgeschtzte Flurwand -
der Kommerzienrat kam eben ber den Hof zurck.
    Noch sah er tief alteriert aus und sein sturmzerwhltes Haar, das ihm wild
in die Stirn hing, verstrkte den Eindruck. Aber beim Erblicken des noch in der
Hausflur zusammenstehenden Menschentrupps nahm er sich sichtlich zusammen und
reckte seine Gestalt zu ihrer ganzen Hhe empor. Sein Auge begegnete kalt
abweisend den gespannten Blicken der Leute; es schien, als wolle er von
vornherein jede Frage abwehren - das Sprechen mit seinen Untergebenen war ja
berhaupt seine Sache nicht.
    Er winkte dem Hausknecht, gab ihm ein Medizinglschen, welches er in der
geballten Hand mitgebracht, und schickte ihn nach der Apotheke. Der alten Frau
drben hat der Schreck geschadet; sie ist sehr unwohl, und von dem helfenden
Mittel war kein Tropfen mehr im Glase, sagte er kurz, fast barsch und doch wie
verlegen entschuldigend zu Tante Sophie, und eine leichte Rte lief ber seine
Stirn - es war ja nur ein kleiner Samariterdienst, eine selbstverstndliche
Hilfeleistung einem erkrankten Mitmenschen gegenber, aber von seiten des
unnahbaren, hochmtigen Mannes war und blieb es eine unbegreifliche
Herablassung, und wie es schien, am meisten in seinen eigenen Augen.
    Margarete machte es in diesem Augenblick wie vorhin Tante Sophie, sie band
mit flinken Hnden ein Tuch ber den Kopf und ging schweigend nach der Hofthre.
    Wo hinaus, Gretchen? fragte der Kommerzienrat und griff nach ihrem Arm.
    Sie strebte nichtsdestoweniger weiter. Ich will nach der kranken Frau
sehen, wie es sich ja ganz von selbst versteht -
    Das wirst du bleiben lassen, mein Kind, sagte er gelassen und zog sie
nher an sich. Es versteht sich durchaus nicht von selbst, da du dich um eines
Krampfanfalles willen in die Gefahr begibst, selbst schwer verletzt zu werden...
Frau Lenz soll an derartigen Anfllen sehr oft leiden, und es ist noch niemand
im Vorderhause eingefallen, ihr beizustehen. Ein solches Hinber und Herber ist
berhaupt nie Brauch bei uns gewesen, und ich wnsche durchaus nicht, da darin
etwas gendert werde.
    Bei diesem sehr bestimmt ausgesprochenen Wunsch und Willen lste Margarete
schweigend die Tuchzipfel unter dem Kinn. Die Dienerschaft verschwand lautlos
hinter verschiedenen Thren, und die Herren zogen sich schleunigst in die
Schreibstube zurck. Nur Reinhold blieb zurck. Das geschieht dir recht,
Grete! machte er schadenfroh. Ja, eine blaue Schrze vorbinden und in die
armen Huser gehen, um kranke Leute zu pflegen und schmutzige Kinder zu waschen,
das ist jetzt so Mode bei den jungen Mdchen; und da denkst du natrlich auch,
wunder wie schn sich Grete Lamprecht als so eine heilige Elisabeth ausnehmen
mte! Es ist nur gut, da der Papa solchen Unsinn nicht leidet! - Und morgen
hrt auch die Gelegenheit zu solch abgeschmacktem Gethue von selbst auf, gelt,
Papa? Die Leute knnen doch unmglich im Packhause bleiben, wenn gebaut wird?
Die mssen doch heraus?
    Das ist nicht ntig - die Leute bleiben, wo sie sind! versetzte der
Kommerzienrat kurz, worauf sich Reinhold, die Hnde tiefer in die Hosentaschen
vergrabend und die hohen Schultern noch hher hebend, in wortlosem Aerger
umdrehte und nach der Schreibstube ging.
    Der Kommerzienrat legte seinen Arm um die Tochter und fhrte sie nach der
Wohnstube. Er rief nach Wein, und die ersten Glser des schweren Burgunders
wurden hinabgestrzt, als bedrfe es der ganzen Feuerglut des Weines, um eine
innere Stockung zu lsen.
    Margarete setzte sich auf den Fenstertritt, auf den Platz zu Tante Sophiens
Fen, wo sie als Kind immer gesessen. Sie verschrnkte die Arme um die Kniee
und lehnte den Kopf an das Sitzpolster des Armstuhles... Sie war allein mit dem
Papa. Inmitten dieser vier Wnde war es heimlich und behaglich; vom Fensterbrett
herab durchwrzten die Topfblumen die reine, sanfterwrmte Zimmerluft; die Uhr
hatte sich durch den Aufruhr im Hause nicht irre machen lassen, sie tickte nach
wie vor, und die Schritte des schweigend auf und ab gehenden, ganz in sich
versunkenen Mannes hielten gleichmig Takt mit dem sachtgehenden Pendel. Aber
drauen in den Lften brauste es schauerlich; die Fenster klirrten, und dann und
wann kam ber den Markt her der Lrm zuschmetternder Hausthren, oder
zurckgeschleuderter Fensterlden.
    Das wird schlielich noch den ganzen Dachstuhl vom Packhaus rtteln, sagte
Margarete und hob den Kopf.
    Ja, es werden noch Ziegel in Menge herabfliegen, aber das Dachgerst
nicht, entgegnete der Kommerzienrat. Ich habe auf dem Hausboden nachgesehen.
Das alte Geblk ist wie von Eisen, stark und festgefgt. Das, was zertrmmert im
Hofe liegt, ist ein elendes Flickwerk neueren Datums gewesen.
    Er blieb einen Moment ihr zugewendet stehen, und das schon stark mit grauem
Dmmern gemischte Tageslicht fiel auf seine Zge. Der Wein that seine
Schuldigkeit; er machte das Blut wieder rasch durch die Adern kreisen und
scheuchte die Schreckensblsse von Stirn und Wangen.
    Und der kleine Max ist wirklich heil und unversehrt geblieben? fragte die
Tochter.
    Ja - das losgerissene Dachstck ist ber ihn hinweggeschossen.
    Ein wahres Wunder! Da mchte man so gern glauben, da sich zwei Hnde
behtend ber den kleinen Lockenkopf gebreitet haben - die Hnde seiner toten
Mutter.
    Der Kommerzienrat schwieg. Er wandte sich weg und go Wein in sein Glas.
    Ich kann den furchtbaren Eindruck nicht los werden - mir zittern noch Hnde
und Fe, setzte sie nach einem augenblicklichen Schweigen hinzu. Zu denken,
da dieser schne Junge voll Kraft und Leben pltzlich tot oder grlich
verstmmelt unter den Balken und Scherben liegen knnte - Sie brach ab und
legte die Hand ber die Augen.
    Einen Augenblick blieb es still im Zimmer, so still, da man ein erregtes
Stimmengemurmel von der Kche herber hren konnte.
    Unsere Leute knnen sich auch noch nicht beruhigen, wie es scheint, sagte
Margarete. Sie haben das Kind gern. - Der arme kleine Schelm! Er hat eine
einsame Kindheit. Der deutsche Boden ist ihm fremd, die Mutter tot, und der
Vater, den er nie gesehen hat, weit ber dem Meer drben -
    Der Kleine ist nicht zu beklagen, er ist der Abgott seiner Angehrigen,
warf der Kommerzienrat ein. Er stand noch abgewendet, hielt das Trinkglas gegen
das Fensterlicht und prfte den dunkelglhenden Inhalt; daher klang das, was er
sagte, wie halb verweht.
    Auch der seines Vaters? fragte das junge Mdchen herb und zweifelnd. Sie
schttelte den Kopf. Der scheint sich sehr wenig um das Kind zu kmmern. Warum
hat er es nicht bei sich, wo sein Platz ist, wohin es von Gott und Rechts wegen
gehrt?
    Das gefllte Glas wurde unberhrt wieder auf den Tisch gestellt, und ein
schattenhaftes Lcheln flog um die Lippen des nhertretenden Mannes. Da geht
man wohl auch mit dem Papa schwer ins Gericht, der seine Tochter fnf Jahre lang
von sich gegeben hat? fragte er immer noch lchelnd, aber mit jenem nervsen
Zucken der Unterlippe, das bei ihm stets ein Merkmal innerer Bewegung war.
    Sie sprang auf und schmiegte sich an ihn. Ach, das ist doch ganz etwas
anderes! protestierte sie lebhaft. Deine wilde Hummel war dir zu jeder Zeit
erreichbar, und wie fleiig hast du sie besucht und nach ihr gesehen! Du
brauchst auch nur zu wnschen, und ich bleibe bei dir, jetzt und fr immer. Der
Vater des kleinen Lenz aber -
    Fr immer? wiederholte der Kommerzienrat. Er ignorierte die letzten Worte
und sprach laut und rasch: Fr immer? - Kind, wie lange noch, da kommt ein
Wirbelwind aus dem Mecklenburger Lande und weht mir meine kleine Schneeflocke da
fort, auch fr immer!
    Sie trat von ihm weg, und ihr Gesicht verfinsterte sich. Ach, weit du das
auch schon? - Sie haben es ja sehr eilig, die Guten!
    Wen meinst du damit?
    Nun, wen denn sonst, als die Gromama und Onkel Herbert, den gestrengen
Herrn Landrat! Sie fuhr sich in komischem Zorn mit der Hand durch die Locken
und warf sie aus der Stirn. Schauderhaft! Nun haben sie auch schon bei dir
miniert, und es sind noch keine vierundzwanzig Stunden, seit ihnen Tante Elisens
glorreiche Ausplauderei zu Ohren gekommen ist! ... Nun ja, ich soll schleunigst
unter die Haube! Sie brauchen gerade jetzt eine Gndige in der Familie, eine
fremde Namensglorie, so etliche Weihrauchopferwolken, die unser schlichtes Haus
wohlthtig verschleiern und allerhchsten Orts angenehm in die Nase steigen -
und dazu soll das arme Opfer, die Gretel, geschlachtet werden... Aber so
geschwind geht das nicht! - Sie lchelte mutwillig. - Vor allem mssen sie das
Mdchen haben, wenn sie es binden wollen. Onkel Herbert -
    Was machst du dir fr einen seltsamen Begriff vom Onkel! unterbrach er
sie. Der braucht uns Lamprechts nicht; ihm wird es sehr gleichgltig sein, was
fr einen Namen du knftig trgst. Der will alles durch sich selbst. Wie mancher
scheitert durch dieses herausfordernde, wenig devote Prinzip - gerade in unserer
Zeit, wo jedes Einzelstreben in einer groen Willensmacht aufgehen soll, ist es
miliebig, fast verpnt! Aber er darf sich das erlauben. Er ist ein
Sonntagskind, dem sich alle Hnde ungerufen entgegenstrecken, ob er sie auch
schroff zurckweist. Ich glaube, selbst bei seiner Verheiratung wgt er immer
wieder ab, ob ihm die schne Heloise nicht doch mehr zubringt, als er gibt -
daher sein Zgern.
    Nicht mglich! Sie schttelte unglubig und erstaunt den Kopf, schlug die
Hnde zusammen und lachte. Das ist ja das schnurgerade Gegenteil von dem, was
die Welt ber ihn sagt -
    Die Welt! - Den mchte ich sehen, der sich rhmen drfte, zu wissen, was er
denkt! ... Ja, im geselligen Verkehr hat er verbindliche, zuvorkommende
Manieren; aber dies scheinbar Gefgige geht ihm kaum bis unter die Haut, so viel
wei ich! Der ist durch und durch fest und zielbewut. Ich neide ihm seine
Verstandeskhle, ach, und wie! - Er seufzte tief auf, strzte auf einen Zug das
Glas Burgunder hinab, und dann sagte er: Jene Charaktereigenschaften tragen ihn
und haben ihn immer ber sich nach den Sternen greifen lassen -
    Gott bewahre, Papa - nicht immer! unterbrach sie ihn lachend. Es hat auch
eine Zeit gegeben, wo er herabgestiegen ist und nach den Blumen der Erde
gegriffen hat! - Die wunderschne Blanka Lenz mit den langen, blonden Zpfen,
weit du noch? - Sie verstummte vor dem hlichen, hhnischen Lachen, das ihr
Vater pltzlich aufschlug. Und nun ging er wieder so strmisch und drhnenden
Schrittes auf und ab, da die alten Dielen unter seinen Fen kreischten.
    Es whrte eine geraume Zeit, bis er wieder vor ihr stehen blieb, und da
erschrak sie - er war ganz braunrot im Gesicht, und die Augen blickten wild wie
gestern, da er das Bild der schnen Dore gegen die Wand gekehrt hatte.
Herabgestiegen! Ja, herabgestiegen - sagtest du nicht so? - Er streckte den
Zeigefinger wie beweisfhrend gegen sie aus. Siehst du wohl, da es mit deinem
Nivellierungsprinzip nicht weit her ist? - Was wei auch solch ein kleines
Mdchen! warf er achselzuckend hin und fuhr sich ungestm mit der Hand durch
das Haar. Also eine Baronin Billingen soll meine Grete werden! setzte er, sich
bezwingend, nach einer Pause hinzu. Mir wr's schon recht! Ich knnte stolz
sein! Ich knnte vor alle die alten Herren in den Slen oben hintreten und
sagen: Seht her, meine Tochter ist's, die die siebenzinkige Krone in unsere
Familie bringt - Er brach ab und bi die Zhne zusammen, und Margarete, die
anfnglich verletzt emporgefahren war, hing ihm pltzlich am Arme und sah ihm
lchelnd unter das Gesicht.
    Nun, da nimm die Baronin Tochter, du stolzer Papa, und fhre sie! Aber
hbsch langsam, nicht so im Sturmschritt, wie du eben noch marschiert bist!
sagte sie und fuhr ihm mit linder Hand ber die dunkelgefrbte Stirn. Du bist
mir da zu rot - das gefllt mir nicht! - So - eins zwei, eins zwei - immer
hbsch im Schritt! Und wenn du meinst, es sei meine Ansicht, wenn ich im Sinne
des Onkels spreche, dann bist du ein wenig im Irrtum... Ein Mann, der
schlielich am Frstenhofe freit, ist mit seiner ersten Liebe zu einer armen
Malerstochter herabgestiegen - so urteilt die sogenannte Welt und er selbst, von
seinem jetzigen Standpunkt aus, sicher in erster Linie... Ueber dein kleines
Mdchen und seine Prinzipien aber darfst du dich nicht so mokieren, bser Papa -
den Vorwurf der Inkonsequenz nehme ich sehr bel! - Mir wre Blanka Lenz nicht
feil gewesen gegen die pommersche Schnheit drauen im Prinzenhofe, mag die auch
noch so wei und rot und ppig sein - mir ganz gewi nicht! War die schne
Malerstochter doch damals das Ideal meiner enthusiastischen Kinderseele! Ich
bekam immer frmliches Herzklopfen, wenn sie pltzlich auf den Gang heraustrat,
so strahlend frisch und anmutig, so unbeschreiblich lieblich, wie eine
Mrchenfee! Die htte ich mit tausend Freuden Tante genannt - bei der
herzoglichen Nichte werde ich's selbstverstndlich bei einem tiefen
Vorstellungsknix und der Frage nach gndigem Befinden bewenden lassen!
    Sie sprach mit jenem Gemisch von Scherz und Ernst, das ihr ganzes Wesen
charakterisierte, und der Vater ging in dem langsamen Tempo, wie sie angegeben,
neben ihr. Er hatte den Kopf tief auf die Brust gesenkt, als sei er in seinen
eigenen Gedankengang versunken und hre kaum auf das Geplauder, aber sein Herz
schlug stark und ungestm gegen ihren Arm - ruhig war er nicht.
    Und nun im Ernst - mit der Baronin Tochter ist's nichts, Papa, wirklich
nicht - das wre ein zu teurer Spa! fuhr sie in demselben Tone fort. Ich
meine, was fange ich mit einem bloen Namen an, wenn ich mein ganzes Sein und
Wesen, wie ich nun einmal bin, dafr hingegeben habe? Ein schlechter Tausch! ...
Der gute Hans Billingen mag mich ja wohl gern haben - ich denke es nur, weil er
fr den Moment so total den Kopf verloren hat, da er alles Ernstes um mich
freit - aber ein entsetzlicher Katzenjammer bliebe fr ihn nicht aus, das wei
ich! Der lange, dicke Goliath ist ein Hasenfu, der ganz gehrig unter dem
mtterlichen Pantoffel steht, und diese Mama ragt ebenso turmhaft und
vierschrtig neben dem Sohne in die Hhe - und nun denke dir deine dnne,
schmale Grete dazwischen, denke dir, wie ihr die frchterlich adelstolze alte
Schwiegermutter ein Federchen um das andere aus den Flgeln rupft, auf da sie
nie wieder zurck kann in das heimische Nest, und die vornehme Welt nicht den
Kuckuck an seinen Federn erkenne! ... Und ber die Schamrte auf den Wangen
dieser meiner Schwiegermama sollten sich die alten Herren droben freuen? Denke
doch nicht! Sie wrden sich fr die Siebenzinkige gerade so bedanken, wie ich!
    Sie hemmte ihre Schritte, vertrat ihm den Weg und legte die Hnde auf seine
Schultern. Gelt, Papa, bat sie beweglich, du qulst mich nicht auch noch, wie
es die andern machen? Du lt deine Schneeflocke wirbeln, wie sie will? Alt
genug bin ich ja doch auch, um meinen Weg selbst zu finden!
    Er strich mit der Hand ber den Lockenkopf, der sich an seine Brust
schmiegte. Nein, ich zwinge dich nicht, Gretchen! antwortete er mit einer
Sanftheit, die sie ergriff. Vor Jahren htte ich meine ganze Autoritt
eingesetzt, um dich zu bestimmen; heute aber will ich dich nicht verlieren -
denn verloren wrst du mir in der Familie, wie du sie schilderst, doppelt
verloren, wie die Verhltnisse jetzt liegen... Der Sturm drauen rttelt an
meiner Seele wie eine fanatische Predigerstimme, und ich bin mde und mrbe...
Ich brauche meinen kleinen Kameraden mit seinen hellen Augen, seinem strammen
Rechtsgefhl - wohl in der allernchsten Zeit, Grete -
    Abgemacht! rief sie und schttelte ihm die Hand, krftig und herzhaft, in
der That wie ein Kriegskamerad. Nun bin ich ruhig, Papa! Gerade jetzt, wo so
manche unseres Standes eingeschchtert unterducken und katzbuckeln und zu ihrem
eigenen Schaden Altes, Vermorschtes neu sttzen helfen, thut ein energisches
Lebenszeichen des Brgerstolzes not, und sei es auch nur der eines - Mdchens...
Und nun will ich gehen und dir ein Glas frischen Wassers holen - du wirst immer
heier im Gesicht!
    Er hielt sie zurck mit dem Bemerken, da er in seinem Zimmer ein Medikament
gegen die Schwindelanflle habe, die ihn wieder einmal tglich heimsuchten. Mit
heien Lippen kte er sie auf die Stirn und ging hinaus.
    Das kommt und vergeht wie ein Dieb in der Nacht! Mache dir keine Sorgen,
Gretel! sagte Tante Sophie, die eben mit einem Arm voll Egert eingetreten
war, um den Abendtisch herzurichten, zu dem besorgten jungen Mdchen. Sie
ergriff die Weinflasche und hielt sie gegen das Licht. Leer bis auf eine kleine
Neige! schalt sie rgerlich. Da brauchst du dich nicht zu wundern, wenn der
Kopf rot wird. Der Doktor eifert jahraus, jahrein gegen die starken Weine; wenn
aber ein Schreck oder eine Sorge fortgesplt werden soll, da mu allemal vom
strksten her! Sie werden aber nie klger, die Herren!

                                       14


In der Wohnstube wurden die Rollvorhnge herabgelassen. Wer mochte auch noch
hinaussehen auf den Markt, wo sich die unglcklichen Menschenwesen, die das
gebieterische Mu߫ ins Freie trieb, als unfrmliche, flatternde Kleiderbndel
mit Lebensgefahr um die Straenecken kmpften, wo der heulende Unhold das Wasser
im Brunnenbecken wtend peitschte und mit allem, was nicht niet- und nagelfest,
bis ber die Dachfirste hinauf Fangball spielte. Es war bitter kalt geworden,
aber Tante Sophie lschte das Feuer im Ofen und stellte dafr die summende
Theemaschine auf den Tisch - heute msse man von innen heizen, sagte sie, in die
Schlte drfe kein Feuerfunke mehr kommen. Sie hatte noch einmal die Runde durch
das ganze Haus gemacht und alle Thren, Fenster und Bodenluken untersucht und
meinte, sie wolle sich nicht wundern, wenn heute nacht auch noch das Dach des
Vorderhauses auf den Markt herunterspaziert kme - da oben sei es frchterlich.
    Ein behagliches Beisammensein gab es heute nicht. Der Kommerzienrat wollte
nicht essen und blieb oben, und auch Reinhold zog sich, nachdem er mrrisch
schweigend eine Tasse Thee getrunken, mit seinem unbesiegbaren Zorn ber die
Verwstung des Packhauses, in seine Stube zurck. So blieben Tante Sophie und
Margarete allein und wachten der gefahrdrohenden Nacht entgegen. Auch die
Dienstleute gingen nicht zu Bette. Sie saen in der Kche bei einander; die
Mgde steckten frierend die Arme unter die Schrze und die Mnner kauten an der
kalten Pfeife und horchten in stummer Sorge auf das furchtbare Anschwellen der
Sturmesstimme... War es doch, als wolle der Orkan die uralte kleine Stadt, die,
seit einem Jahrtausend als treuer Wchter an die Pforte des Thringerwaldes
geschmiegt, allen Strmen, allen Kriegsungewittern getrotzt hatte, in dieser
einen Nacht wie ein Kinderspielzeug in Splitter und Scherben zusammenschtteln.
Unter seinen Sten erbebte die Erde, Schlte und Ziegel rasselten von den
Dchern und zerbarsten auf dem Straenpflaster, und in das Gebrll und
Zornesschnauben hinein mischte es sich wie ein unirdisches Wehklagen, als seien
unter den Futritten des Dahinrasenden drauen auf dem stillen Fleck vor dem
Thore die tiefgebetteten Schlfer erwacht und durchirrten suchend die Gassen, in
denen sie vorzeiten gewandelt.
    Und gegen die zwlfte Stunde that sich die Stubenthr auf, und Brbe
erschien auf der Schwelle, ganz bla, schaudergeschttelt, und den Zeigefinger
der Rechten nach der Zimmerdecke emporgereckt. Es tappe und trampele wie mit
Reiterstiefeln ganz greulich oben im Gange, und dazwischen werde gepocht und
geklopft, als wenn jemand eingesperrt sei und heraus wolle, zischelte sie
hinter ihren zusammenschlagenden Zhnen, verschwand aber sofort wieder hinter
der sacht zugedrckten Thre, als sich Tante Sophie, ohne ein Wort zu sagen, aus
der Sofaecke erhob, die Sturmlaterne anzndete und mit Margarete das Zimmer
verlie.
    Oben im Flursaal brauste ihnen ein Zugwind entgegen, der sie zurckzuwerfen
drohte. Auf dem letzten Bffett brannte die groe Tischlampe des
Kommerzienrates, und die Thre nach dem Gange stand weit offen. Von dort her
pfiff und orgelte es allerdings, als sause das wilde Heer durch den langen,
dunklen Schlund. Tante Tophie trug schleunigst die Lampe, aus welcher die
windgejagte Flamme hoch emporschlug, auf das geschtzte vordere Bffett, und
whrenddem betrat Margarete mit hochgehobener Laterne den Gang.
    Der Sturm hatte das Fenster am Ende des Ganges eingedrckt, sein eisiges
Blasen und Fauchen kam dort direkt vom Himmel herein; er warf den aufgerissenen
Flgel schmetternd hin und her und ri und stie an den hingelehnten Bildern,
von denen ein Teil bereits am Boden lag - das war wohl das Tappen und Pochen
gewesen... Aber das Fenster war ja so klein; durch dieses enge Viereck konnte
sich unmglich die gewaltige Windsbraut zwngen, die das Mdchen wtend anfiel
und Gang und Flursal mit ihrem Tosen erfllte. Margarete kmpfte sich vorwrts,
und da prallte sie pltzlich zurck.
    Sie stand vor dem Treppchen, das seitwrts nach der Bodenkammer im Packhause
hinabfhrte; sonst war das eine dstere, abgeschlossene Ecke; jetzt aber sah der
dmmernde Himmel mit seinen Sternbildern durch das Dachgerippe des Packhauses
herein - der nie benutzte Thrflgel hing zurckgeworfen nur halb in den Angeln,
und im Thrrahmen, mhsam gegen den Anprall sich haltend, stand ihr Vater.
    Er sah den Laternenschein, der neben ihm hin auf die Dielen der Dachkammer
drauen fiel, und wandte sich um. Du bist's, Gretchen? fragte er. Jagt dich
der Aufruhr auch durch das Haus? Es sieht schlimm aus hier oben. Wie vor den
Posaunensten des Weltgerichts strzt das bichen Menschenwerk zusammen - nicht
die Sonne allein, auch der Sturm bringt's an den Tag, mein Kind! setzte er mit
einem unheimlichen Lcheln, das sie betroffen machte, hinzu. Schau,
jahrhundertelang hat geheimnisvolles Dunkel unter dem alten Dach gespukt und nun
scheinen die Sterne auf die Dielenbretter und man meint die Fuspur von denen zu
sehen, die einst da gegangen sind.
    Er stieg das Treppchen herauf; Tante Sophie kam eben auch den Gang daher.
Sie schlug die Hnde zusammen. Um alles in der Welt, hat denn der
Spektakelmacher uns Lamprechts ganz extra aufs Korn genommen? Das ist ja die
reine Wstenei! schalt sie emprt und zeigte nach der aufgerissenen Thre.
Seit Menschengedenken hat keine Seele an das Thrschlo gerhrt, und nun! - das
Loch mu auf der Stelle zugemacht werden, wenn wir nicht das Haus voll Ratten
haben wollen!
    Ratten?! - Mir war's eben noch, als kme eine weie Taube
hereingeflattert, sagte der Kommerzienrat wieder mit jenem hhnisch bitteren
Lcheln, das seine Lippen schmerzhaft aufzucken machte.
    Tante Sophie erschrak. Na, das fehlte noch, da uns auch der Taubenschlag
abgedeckt ist! rief sie und trat resolut um einige Schritte hinaus, um zwischen
dem Balkenwerk hindurch nach dem Dach des Weberhauses zu sehen, wo ihre
gefiederten Pfleglinge hausten.
    Der Kommerzienrat wandte sich achselzuckend ab und ging hinunter in die
Erdgeschowohnung. Er kam bald darauf mit dem Kutscher und dem Hausknecht
zurck, die eine Leiter und Balkenstcke trugen. Nur mit Mhe gelang es ihnen,
die Thre anzudrcken; dann wurden die Balken dagegen gestemmt.
    Vielleicht war's gut, da der Sturm einmal da durchgefegt ist, hrte
Margarete den Kutscher bei der Arbeit halblaut zu dem andern sagen, whrend sie
mit ihrem Vater und Tante Sophie bemht war, die umgeworfenen Bilder wieder
aufzurichten. Da hinaus will's ja partout immer, das Unwesen! Ich hab's ja
selbst einmal mit eigenen Augen gesehen - es mssen nun an die zehn Jahre her
sein - wie die weie Schleierwolke geradeswegs durch den Gang in die Ecke da
scho, als ging es direktement ins Freie 'naus - ja prosit! - da war die Welt
mit Brettern verschlagen und das Schleierzeug zerflog und zerflatterte nur so an
den Wnden - immer die nmliche Geschichte, seit die Frau tot ist und nicht in
den Himmel kommen kann! ... Nun ist aber da ein Luftloch gewesen, gerade weit
genug, um so ein armes Weiberseelchen 'nauszulassen - das wr' gut fr die
Herrschaft, und ihr wollte ich die Ruhe auch gnnen. Verdient hat sie's freilich
nicht; denn sie ist's doch gewesen, die ihren Liebsten 'rumgekriegt hat, da er
der ersten Frau sein Wort nicht halten durfte. An so einer Falschheit sind
allemal die Weiber schuld, allemal!
    Der Zugwind trug jedes Wort deutlich herber, und den stolzen Kommerzienrat
mochte die Kritisierung seiner Vorfahren aus unberufenem Dienermund schwer
rgern - Margarete sah, wie er die geballte Hand hob, als wolle er den Sprecher
zchtigen; aber er lie es bei einem zornigen: Vorwrts! sputet euch!
bewenden, worauf der Kutscher erschrocken die Leiter anlehnte und zu dem
Fensterchen emporkletterte, das ebenfalls mglichst verbarrikadiert wurde.
    Margarete verlie den Gang und trat fr einen Moment in das nchste Fenster
des Flursaales. Aus verschiedenen Fenstern des Vorderhauses fiel heller
Lampenschein in den Hof, auf die sausenden Lindenwipfel und die spritzenden
Wasser des Brunnens, und mit Schmerz sah das junge Mdchen, da die steinerne
Brunnennymphe ber den vier wasserspeienden Rhren fehlte - der Sturm hatte auch
sie herabgerissen, wie ein mchtiges Simsstck droben am Dache des spukhaften
Flgels, ber welche ghnende Lcke gerade ein breiter Lichtstreifen aus den
oberen Flursaalfenstern hinlief. Droben wachte man auch.
    Sie sah pltzlich ihren Vater neben sich stehen, whrend die beiden Mnner
mit ihrer Leiter geruschvoll hinter ihnen weg nach dem Ausgange trabten. Er
legte seine Hand schwer auf die Schulter der Tochter und zeigte empor nach dem
unbeweglich auf dem Dach liegenden Lampenschein. Das sieht so still aus
inmitten des Aufruhrs, so stolz ruhig wie die Bewohner unserer vornehmen oberen
Etage selbst... Wenn sie wten! - Morgen wird es einen Sturm da oben geben,
einen Sturm, so wild wie der, unter welchem eben unser altes Haus in seinen
Fugen bebt!
    Tante Sophie kam eben mit der Laterne um die Gangecke und da brach er kurz
ab. Auf morgen denn, mein Kind! sagte er, dem jungen Mdchen die Hand
drckend; dann nahm er die Lampe vom Bffett und zog sich in sein Zimmer zurck.
- -
    Nach Mitternacht legte sich der Sturm. Die Lichter in den Husern der Stadt
erloschen, und die gengstigte Bewohnerschaft suchte noch schleunigst die
wohlverdiente Ruhe. Auch im Hause Lamprecht wurde es still; nur Brbe warf den
Kopf in ihren buntgewrfelten Bettkissen hin und her und konnte vor Aerger nicht
schlafen - es war eben kein richtiges, festes Glauben und auch kein Verla mehr
in der Welt. Nun schwatzten die beiden dummen Menschen, der Kutscher und
Friedrich, der Herrschaft auch nach dem Munde, und behaupteten, die Bilder
seien es gewesen und erst hatten sie doch kreidewei in der Kche gesessen und
heilig und teuer geschworen, da das Pochen und Stampfen oben im Gange nichts
anderes als Teufelsspuk sein knne. Aber nur Geduld - es kam schon noch, es kam!
-
    Am anderen Morgen war es frmlich kirchenstill in den Lften. Die Sonne
bergo alles Trmmerwerk, von den durchlcherten Trmen und Kirchendchern an
bis zum niedergeworfenen Gartenstaket herab, mit warmem gleienden Gold und
lockte ein wahres Brillantengefunkel aus den Scherben und Splittern der
zerschlagenen Fensterscheiben. Ja, der Spektakelmacher hatte viel Unheil
angerichtet, und die Handwerker hatten fr die nchste Zeit vollauf zu thun, um
den Schaden gutzumachen.
    Aus Dambach war auch beim Morgengrauen ein Bote mit Hiobsposten gekommen.
Das Unwetter sollte die Fabrikgebude dermaen beschdigt haben, da eine
lngere Betriebsstrung zu befrchten stand. Daraufhin war der Kommerzienrat in
aller Frhe hinausgeritten. Er habe ganz frisch ausgesehen und auch erst in
aller Ruhe seinen Kaffee getrunken, sagte Tante Sophie auf das ngstliche
Befragen Margaretens hin, die noch geschlafen hatte. Freilich habe er eine
Sorgenfalte zwischen den Augen gehabt; es sei ja auch keine Kleinigkeit, wenn
die Fabrik stille stehe, und auerdem msse tief in den Beutel gegriffen werden,
schon allein der Reparaturen an den Hintergebuden wegen, denn da sehe es beim
Tageslicht geradezu gottheillos aus.
    Margarete trat auf die Thrstufen des Seitenflgels hinaus und berblickte
den verwsteten Hof, und in diesem Augenblick kam auch der Herr Landrat,
gestiefelt und gespornt, und die Reitgerte in der Hand, vom Vorderhause her und
ging nach den Pferdestllen. Ob er den alten Mann in der That nicht bemerkte,
oder ob auch fr ihn das Prinzip im Vorderhause galt, nach welchem das Dasein
der Packhausbewohner mglichst ignoriert wurde, genug, er trat unter die
Stallthre, ohne die hfliche Begrung des Malers Lenz zu erwidern, der in der
Nhe des Brunnens stand.
    Der alte, weihaarige Mann war, wie es schien, lediglich ber den das ganze
Packhaus absperrenden Trmmerhaufen geklettert, um die Bruchstcke der
zerschlagenen Brunnennymphe zusammenzusuchen. Er hatte eben den Kopf des
Steinbildes aus dem Grase aufgenommen, als Margarete zu ihm trat und ihm mit
herzlichem Grue die Hand hinstreckte. - Sie hatte ihn ja immer lieb gehabt, den
stets heiteren, lebensfrohen, greisen Knstler, der mit so gutem, treuem Auge
durch seine Brillenglser in die Welt sah; und heute noch stand ihr jener Moment
vor der Seele, wo sie sich als Kind in ihrer trostlosen Verlassenheit mit dem
wonnigen Gefhl des Geborgenseins an seine Brust geschmiegt hatte. Das verga
sie nie.
    Er freute sich wie ein Kind, sie wiederzusehen, und versicherte frhlich auf
ihre teilnehmenden Fragen nach seiner erkrankten Frau, da daheim alles wieder
wohlauf und zufrieden sei, wenn auch augenblicklich das Dach ber dem Haupte
fehle. Der Sturm habe schlimm gehaust, seine ruchloseste That sei aber doch die
Zertrmmerung der Brunnennymphe, eines seltenen Kunstwerkes, das immer sein
Augapfel gewesen sei. Und nun sprach er ber die kstlichen Linien des
Nymphenkopfes in seinen Hnden und ber verschiedene berhmte weibliche Statuen
der antiken Welt, ein Thema, auf welches Margarete lebhaft einging, um so mehr,
als der alte Mann ein ausgezeichnetes Kunstverstndnis an den Tag legte... Und
whrenddem war der Landrat wieder in der Stallthre erschienen; er hatte das
junge Mdchen von dorther gegrt, und nun ging er wartend langsam unter den
Linden auf und ab.
    Margarete hatte seinen Gru nur mit einem flchtigen Kopfnicken erwidert -
die Art und Weise, mit welcher sich der hochmtige Breaukrat dort isolierte,
emprte sie - nun, er brauchte ja auch fr sie nicht da zu sein. Im Gesprch
weiter gehend, begleitete sie den alten Maler durch den Hof nach dem Packhaus;
dort sprang sie auf den Trmmerhaufen und hielt dem mhsam Hinaufkletternden
helfend beide Hnde hin. So leicht sie war, das locker bereinander geworfene
Bollwerk krachte und wich doch unter ihren Fen, und jeder noch so vorsichtige
Tritt des alten Mannes brachte es in schtternde Bewegung.
    Jetzt kam auf einmal Leben in die statuenhaft ruhige Erscheinung des
Landrats. Er warf seine Reitgerte auf den Gartentisch und eilte in frmlichem
Sturmschritt nach den Trmmern. Schweigend stieg er auf das nchste Balkenstck
und reckte die Arme empor, um die Schwankende zu sttzen und ihr herabzuhelfen.
    Ei beileibe nicht, Onkel! Du riskierst die Nhte deiner neuen Handschuhe!
rief sie mit einem halben Lcheln und den Kopf nur wenig nach ihm zurckwendend,
whrend ihre Augen gespannt die letzte Anstrengung des alten Mannes verfolgten,
der eben drben glcklich den Boden erreichte. Adieu, Herr Lenz! rief sie ihm
in warm herzlichem Tone zu, dann trat sie einen Schritt seitwrts und flog wie
eine Feder ber die emporstarrenden Holzstcke hinweg auf die Erde nieder.
    Das war eine unntze Bravour, die schwerlich jemand bewundern drfte,
sagte der Landrat frostig, indem er ein herabgefallenes kleines Lattenstck von
seinem Fue schttelte.
    Bravour? wiederholte sie unglubig. Denkst du wirklich an Gefahr dabei? -
Hier unten erdrckt das morsche Bretterwerk niemand mehr.
    Seine Augen streiften seitwrts ihre zarte, biegsame Gestalt. Es kme
darauf an, wer zwischen diese ngelgespickten Trmmer geriete -
    Ah, danach zhlst du den guten alten Maler zu den krperlich und moralisch
Unverwundbaren? Du rhrtest weder Hand noch Fu, ihm herberzuhelfen, so wenig
wie du vorhin seinen hflichen Morgengru erwidert hast.
    Er sah fest und prfend in ihre Augen, die in bitterer Gereiztheit
flimmerten. Das Gren ist wie Scheidemnze; es geht von Hand zu Hand und
bleibt an keinem Finger hngen, entgegnete er ruhig. Wenn du also glaubst,
beschrnkter Hochmut hindere mich, einen Gru zu erwidern, so irrst du - ich
habe den Mann nicht gesehen -
    Auch nicht, als er dort neben mir stand?
    Du meinst, ich htte hinzutreten und auch mein Gutachten ber den
Nymphentorso abgeben sollen? unterbrach er sie und ein Lcheln flog um seinen
Mund. Mchtest du wirklich, da sich der, welchem du ja nicht oft genug den
ehrwrdigen Onkeltitel geben kannst, in seinen alten Tagen blamiere? ... Ich
verstehe nichts von diesen Dingen, und wenn ich mich auch dafr interessiere, so
habe ich doch nie Zeit gehabt, mich eingehend damit zu beschftigen.
    O, Zeit und Lust genug, Onkel! lachte sie. Ich wei noch genau, wie dort
unter den Kchenfenstern - sie zeigte nach dem Vorderhause - ein groer Junge
stand, die Taschen voll Kiesel, und stundenlang die arme Brunnennymphe mit den
hbschen, runden Steinchen bombardierte -
    Ach sieh - so giebt es doch noch eine Zeit in deiner Erinnerung, wo auch
ich jung fr dich gewesen bin -
    Ursprnglich willst du sagen, Onkel! - Eine Zeit, wo der Diplomatenfrack
noch nicht die mglichste Reserve auferlegte, wo der Kletterbaum nur als
Nebelbild in weiter Ferne dmmerte; eine Zeit, wo Glut und Leidenschaft in
deinen Augen flammten und deine Hand regierten - ich hab's empfunden, dort! -
Sie deutete nach der Gartenmbelgruppe unter den Linden. - Gott wei, in
welcher Ecke sie jetzt unbeachtet zerfllt, die weie Rose, um welche damals mit
einer Erbitterung, einem Feuer gekmpft wurde, als sei sie das schne, blonde
Mdchen unter den Aristolochiabogen selbst!
    Sie sah mit Genugthuung, wie er wiederholt sich verfrbte. Von all denen,
die den Herrn Minister in spe, den zuknftigen Verwandten des Frstenhauses
umschmeichelten, htte es gewi keiner gewagt, ihn an diese Jugendtollheit zu
erinnern - sie that es mit Freuden. Er mute sich schmen, wenn er jene erste
enthusiastische Liebe mit seiner heutigen Selbstsucht und Herzensverkncherung
verglich.
    Aber eigentlich beschmt oder bestrzt sah er doch nicht aus. Er wandte sich
ab und berblickte den verwsteten Gang des Packhauses, der einst mit seinem
ppig wuchernden grnen Pflanzenschmuck das schnste Mdchenbild umrahmt hatte.
Wie ein Zauberspuk war alles verschwunden. Das Rankengeflecht hatte das
strzende Dach mit heruntergerissen und bis auf das kleinste Blttchen unter dem
grausen Scherben- und Splittergemenge begraben, und das Mdchen? - Seit sie
damals durch das Thor des Packhauses in die weite Welt gegangen, hatte kein
Menschenauge sie wiedergesehen, niemand wieder von ihr gehrt.
    Fata Morgana! sprach er halblaut vor sich hin, wie in die Erinnerung von
damals verloren. Er hatte vorhin bei Erwhnung des Kletterbaumes leise
gelchelt, und auch jetzt spielte derselbe Zug um seine Lippen, whrend ein
leichtes Rot in seine Wangen stieg. Die Rose nicht allein, auch eine blaue
Seidenschleife, die der Wind von dem blonden Haar in den Hof herabgeweht hatte,
und einige achtlos ber das Ganggelnder geworfene, bekritzelte Papierschnitzel
liegen noch als treubehtete Reliquien in der Brieftasche von damals bei
einander, sagte er, halb und halb ironisierend, und doch bewegt. Er schttelte
den Kopf. Da du dich des Vorfalles noch erinnerst!
    Sie lachte. Wunderbar ist das doch nicht! Ich habe mich in jenem Moment vor
dir und deiner stummen, bleichen Wut gefrchtet - so etwas vergit ein Kind so
wenig, wie einen Akt der Willkr, gegen den sich sein Gerechtigkeitsgefhl
emprt. Der groe Herr Primaner hatte stets gegen Raub und Diebstahl gedonnert,
wenn die Finger der naschhaften Grete mit dem Obstteller der Gromama verstohlen
in Berhrung gekommen waren, und da griff er nun selbst heimlich wie ein Dieb
nach dem Eigentum der schnen Blanka und lie es in der Brusttasche
verschwinden.
    Jetzt lachte auch er. Und seit jenem Moment bist du meine Widersacherin -
    Nein, Onkel, du hast ein schlechtes Gedchtnis. Gut Freund sind wir ja nie
gewesen, auch vorher nicht. Du hast die Erstgeborne deiner Schwester nie leiden
knnen, und ich habe dich konsequenterweise rechtschaffen dafr gergert. Diese
Rechnung ist stets ehrlich und redlich ausgeglichen worden.
    Seine Stirn hatte sich, whrend Margarete sprach, verfinstert und auch jetzt
blieb er ernst. Das wre mithin abgemacht gewesen, sagte er; trotzdem bist du
beflissen, jetzt erst recht Abrechnung mit mir zu halten -
    Jetzt, wo ich mich eifrig bemhe, dich nach Titel und Wrden streng zu
respektieren? Sie zuckte lchelnd die Schultern. Wie es scheint, nimmst du mir
den Frwitz bel, mit welchem ich dich an die rosa blanca erinnert habe; und du
hast ja auch recht, es war bereilt und nicht gerade taktvoll. Aber es ist
seltsam; seit ich vorhin mit dem alten Mann gesprochen habe, steht mir ein
verhngnisvoller Tag meiner Kindheit so lebhaft vor Augen, da ich die
Erinnerung nicht los werde. Da habe ich die Malerstochter zum letztenmal gesehen
- sie war bla und verweint, und das starke, blonde Haar hing ihr aufgelst ber
den Rcken... Ich habe von klein auf eine fast nrrische Schwche fr
Mdchenschnheit gehabt - die lebendigen schlanken Griechenmdchen haben mich
zum Aerger des Onkels ebenso interessiert, wie die ausgegrabenen Gtterbilder,
und in Wien bin ich einer schnen Serbin durch Gassen und Straen nachgelaufen;
und doch haben mir alle diese spteren Erscheinungen das Bild von Blanka Lenz
nicht verdrngen knnen... Die Frage nach ihr schwebte mir vorhin auf den
Lippen, trotzdem schwieg ich; mir war pltzlich, als mte ich ihrem Vater mit
dem Tochternamen wehe thun. Das Mdchen ist so vllig verschollen - ich glaube,
niemand in unserem Hause wei, was aus ihr geworden ist, oder -? Sie verstummte
und sah ihn schelmisch beredt von der Seite an.
    Ich wei es auch nicht, Margarete, versicherte er mit Humor. Seit jenem
Morgen, wo sie abgereist ist, und der groe Herr Primaner in seiner wilden
Verzweiflung erwog, ob wirklich das Leben des Weiterlebens noch wert, oder ein
Schu ins Herz vorzuziehen sei, habe ich nie wieder von ihr gehrt. Aber es ist
mir ergangen wie dir, ich habe sie nicht vergessen knnen, lange, lange nicht,
bis pltzlich - die Rechte gekommen ist; denn das war sie trotz alledem nicht
gewesen.
    Margarete sah bestrzt zu ihm auf - das klang so wahr, so aus tiefster
Ueberzeugung heraus, da ihr auch nicht der geringste Zweifel an der Echtheit
seiner Gesinnung blieb. Er liebte diese Heloise von Taubeneck wirklich. Nicht um
seiner Karriere willen strebte er nach ihrer Hand, wie die bse Welt behauptete
- nein, er wrde auch um sie werben, wenn sie die Malerstochter wre... Der Papa
hatte doch recht gehabt mit seiner Versicherung, da Herbert bei all seinem
brennenden Ehrgeiz, seinem energischen Emporstreben dennoch die krummen Wege
verschmhe...
    Mittlerweile war der Hausknecht wiederholt unter der Stallthre erschienen,
und jetzt winkte der Landrat ihm zu. Sein Pferd wurde herausgefhrt, und er
schwang sich hinauf.
    Du reitest nach dem Prinzenhofe? fragte Margarete, indem sie ihre Hand in
seine Rechte legte, die er ihr vom Pferde herab noch einmal bot.
    Nach dem Prinzenhof und weiter, besttigte er. Nach der Richtung hin hat
der Sturm schlimm gehaust, wie mir gemeldet wurde. Mit sanftem Druck entlie er
die Hand, die er bis dahin festgehalten, und ritt davon.
    Margarete blieb unwillkrlich stehen und sah ihm nach, bis er seitwrts
hinter dem Thorpfeiler des Vorderhauses verschwunden war. Sie hatte ihm unrecht
gethan, und, was noch schlimmer war, sie hatte diesen falschen Standpunkt ihm
gegenber wiederholt in verletzender Weise betont - das war peinlich... Und er
liebte sie wirklich, diese khle, dicke, pomadige Heloise, den ausgesprochenen
Gegensatz der grazisen Libelle, die einst dort unter dem grnen Bltterbehang
gegaukelt! Unbegreiflich! Aber Tante Sophie hatte recht. Ja, wo die Liebe
hinfllt! sagte sie stets achselzuckend, wenn sie von dem Weltwunder sprach,
da sich nmlich wirklich und wahrhaftig einer vorzeiten in ihre groe Nase
verliebt habe... Mit nachdenklich gesenkter Stirn ging sie langsam nach der
Thre des Seitenflgels zurck. Da, im Grase neben dem Brunnenbecken lag das
abgeschlagene Hndchen der Nymphe. Sie hob es auf, und beim Anblick der
charakteristischen Form mute sie an die verschiedenen Hypothesen des alten
Malers bezglich des antiken Originales der Statue denken - aber auch nur einen
Moment; dann verschleierten sich ihre Augen wieder hinter den Wimpern, und wie
traumverloren stieg sie die Thrstufen hinauf - das interessanteste Problem war
und blieb doch - die Menschenseele!

                                       15


Spter fllte sich der Hof mit Arbeitern. Das Aufrumen der Trmmersttte
verursachte einen wsten Lrm, der das junge Mdchen bald aus ihrer trauten
Hofstube verjagte... Nun sa sie wieder wie ehemals auf dem Fenstertritt im
Wohnzimmer und tunkte die Feder in das groe porzellanene Tintenfa, welches vor
Jahren so viel Kleckse in den Schreibeheften und auf den Schrzen der
ungeschickten Grete verschuldet hatte. - Sie wollte an den Onkel in Berlin
schreiben, aber sie fand die rechte Sammlung nicht; ihre Gedanken waren
fortwhrend auf der Flucht vor der ngstlichen Spannung, welche sie seit heute
nacht beunruhigte. Morgen wird es da oben einen Sturm geben, so wild wie der,
unter welchem eben unser altes Haus erbebt! hatte ihr Vater im Hinweis auf die
obere Etage gesagt. Was da geschehen sollte und mute, war ihr ein Rtsel.
Zwischen dem Papa und den Verwandten droben schien das beste Einvernehmen zu
herrschen; auch nicht die geringste Spur eines Konfliktes trat zu Tage; und doch
muten innere Differenzen obwalten, die dem Chef des Lamprechtshauses nachgerade
unertrglich geworden waren, denn er wollte ja um jeden Preis ein Ende
machen...
    Unter den Fenstern des Vorderhauses war es auch nicht viel stiller, als im
Hofe. Es war Markttag gewesen. Noch hrte man vereinzeltes Feilschen um Butter,
Eier und Obst herber, und geleerte Holz- und Getreidewagen rasselten heimwrts
ber das Pflaster. Dann zogen den Marktplatz entlang die Kurrendeschler, der
wohlbekannte, aus den Schlern der hheren Lehranstalten rekrutierte Singchor...
B. war eine von den wenigen thringischen Stdten, welche diese uralte, von den
gabenheischenden Bettelmnchen und den spteren Bacchanten herstammende Sitte
noch schtzten und pflegten.
    Wie eine Schar Dohlen kamen sie daher, die Knaben und Jnglinge, in ihren
runden, schwarzen Mnteln, und schwarze Baretts auf die junge Stirn gedrckt.
Solch einer war auch Tante Sophiens Lieblingsheld, Martin Luther, gewesen, und
gleichgesinnt wie dessen Beschtzerin, die edle Frau Cotta in Eisenach, bestritt
sie jahraus, jahrein den Mittagstisch fr zwei arme Schler aus ihrer eigenen
Tasche.
    Drben vor der Apotheke sangen sie einen Choral, und bald darauf formierte
sich der weite Kreis vor Lamprechts Hause und intonierte das Lied: Es ist
bestimmt in Gottes Rat. - Sie sangen schlecht und recht mit ihren vom
Stadtkantor gedrillten Kehlen, die, so jung, meist mit Seele und Ausdruck noch
nichts zu schaffen haben; und doch griffen diese Tne seltsam bewegend an
Margaretens Herz, und ein Gefhl banger Beklemmung berschlich sie - ja der
gestrige furchtbare Schrecken, die Sturmesnacht und die augenblickliche innere
Spannung machten sich nun doch geltend, man war wunderlicherweise ein wenig
nervs.
    Und Tante Sophie kam herein, inspizierte wiederholt den hergerichteten
Mittagstisch und scheuchte eine naschhafte Fliege von der Obstschale. Es mu
schlimm aussehen drauen in der Fabrik, dein Vater kommt gar nicht wieder,
sagte sie zu dem jungen Mdchen am Fenster. Brbe brummt in ihrer Kche und
jammert um die Pastetchen, die derweil Saft und Kraft verlieren. - Und nach
einem Blick aus dem Fenster ber den Markt hin, wo die Schler eben auseinander
gingen, und der ersehnte Reiter sich immer noch nicht zeigte, meinte sie: Du
knntest schnell noch einmal die Treppe hinaufspringen, Gretel. Der Schlosser
ist droben und bringt die Bodenkammerthre in Ordnung. Ich hab' Sorge, da er's
mit den hingelehnten Bildern nicht genau nimmt.
    Margarete ging hinauf, an den unversehrten Bildern vorber. Die
vorgestemmten Balkenstcke waren wieder entfernt, und die Thre stand offen wie
in der vergangenen Nacht. Der Schlosser hantierte an den losgerissenen Angeln,
und drauen unter dem freigelegten Dachgerst waren Zimmerleute beschftigt.
    Sie trat auf die kreischenden Bodendielen, unter das eisenfeste, gebrunte
Geblk hinaus, das scharf gezhnt in den blauen Himmel hineinschnitt. Jetzt lag
die klare Oktobersonne auf der Fuspur, von welcher der Papa in der Nacht
gesprochen hatte. Sie schttelte den Kopf - feine Sohlen waren sicher nie ber
diese rohen, ungehobelten Bretter gegangen, hchstens der benagelte Schuh der
frheren Packer... Alte Huser haben freilich ihre Geheimnisse, und fr die
Sonntagskinder glitzern die Augen der Hausgeisterchen unter den schleierhaften
Staubschichten und Spinnweben, und das Zischeln von lichtscheuen Thaten und
sonstigen schlimmen Dingen kommt aus allen Ecken. Warum aber gerade hier, in den
ehemaligen Lagerrumen unverfnglicher Leinenballen, der Sturm ein ungelstes
Rtsel habe aufjagen und an den Tag bringen sollen, das begriff sie jetzt unter
dem lachenden Tageshimmel noch viel weniger, als in der Nacht, da der Papa so
wunderlich gesprochen...
    Hier oben in den Lften wehte ein ziemlich starker Zugwind, der dem jungen
Mdchen das Haar aufflattern machte. Sie zog einen kleinen, schwarzen
Spitzenshawl aus der Tasche, band ihn ber den Kopf und wollte eben die
Speicherrume entlang schreiten, als ein lautes Aufkreischen von Frauenstimmen
aus den offenen Kchenfenstern ihren Schritt hemmte... Kein Gesicht zeigte sich
an den Fenstern, wohl aber strzte in diesem Augenblick der Kutscher in den Hof
und rannte nach den Stllen, und verschiedene andere Menschen, die nicht in das
Haus gehrten, liefen mit. Die Arbeiter sprangen von dem Trmmerhaufen, und im
Nu drngte sich inmitten des Hofes ein Menschenknuel um einen Bauer, der mit
fliegendem Atem und so scheuer, gedmpfter Stimme sprach, als frchte er, es
knne ein Widerhall von den Mauern laut werden.
    Hinter dem Dambacher Hlzchen, klang es wie verloren herauf, und hinter
dem Dambacher Hlzchen haben sie ihn gefunden, sagte pltzlich eine Stimme
dicht an der halb offenen Thre des nchsten Bodenraumes. Es war ein Lehrjunge,
der von unten heraufkam. Sein Pferd ist an einen Baum angebunden gewesen,
berichtete er atemlos weiter, und er hat auf dem Moose gelegen - die
Marktweiber haben gedacht, er schliefe. Nun haben sie ihn wieder in die Fabrik
geschafft. Solch ein reicher Mann wie der, hat viele hundert Fabrikleute unter
sich und Kutscher und Bedienten, und hat doch so allein - Er verstummte
erschrocken, vor dem entgeisterten Mdchenantlitz unter dem schwarzen
Spitzentuch, vor den groen, entsetzten Augen und der schlanken Gestalt, die mit
schlaff herabhngenden Armen wie nachtwandelnd an ihm und den Gesellen
vorberschritt. Sie fragte nicht: Ist er tot? Diese erblaten Lippen waren wie
im Krampfe geschlossen. Stumm glitt sie von Thr zu Thr, die Treppe des
Packhauses hinab, und durch das offene Thor auf die Strae hinaus.
    Und nun ging es eilenden Fues durch die abgelegenen, menschenstillen
Gassen, denselben Weg, auf welchem sie einst aus Furcht vor dem Institut
davongelaufen war... Ein erinnernder Gedanke an damals kam ihr freilich nicht;
sie schritt auch nicht durch wogende Kornfelder, von der nachwirkenden Abendglut
der Julisonne umbrtet - weithin breiteten sich die Stoppelflchen, von denen
Krhenscharen aufflogen. Sie hrte auch nicht das scharfe Gekreisch der Vgel,
die einzigen Laute ber der grabesstillen Herbstflur - ihr war, als zge der
Schlerchor neben und hinter ihr. Es ist bestimmt in Gottes Rat klang es fort
und fort und lief mit ihr... Und dann blieb sie sekundenlang stehen und prete
sthnend die Hnde auf die Ohren und schlo die Augen. Nein, nicht das
Schlimmste war geschehen! Nicht wie die schwanke Aehre, die ein einziger
Sensenschnitt hinmht, sank solch eine eisenfest gefgte, kraftstrotzende
Gestalt dahin; nicht so griff die dunkle Hand in das hochgesteigerte Getriebe
menschlicher Plne und Entschlsse und wischte jh entscheidende Worte von den
Lippen! - Weiter flogen die Fe im rasenden Lauf ber das Blachfeld, die Anhhe
empor und durch das raschelnde Laub, mit welchem der nchtliche Sturm den Weg
hinter dem Wldchen beschttet hatte. Sie konnte ja nicht schnell genug
hinkommen, um die unsgliche Qual los zu werden, um zu sehen, da es nur ein
heftiger Schwindelanfall gewesen, da alles wieder gut, alles beim alten, da
die Stimme wie immer zu ihr sprach, die Augen sie anblickten, und diese
entsetzliche Stunde wie ein grauenvoller Traum berstanden sei.
    Hinter dem Dambacher Hlzchen haben sie ihn gefunden, klang es aber wieder
aufschreckend in ihrem Ohr, und jetzt stockte ihr Fu, und der ihr Herz s
beschleichende Glaube an einen tuschenden Traum zerrann grausam. Da, wo sich
die Birken zwischen die Buchenstmme mischten, ja da war es gewesen! Da war der
Boden von Menschenfen zerstampft wie ein Kampfplatz, da hatte man mchtige
Aeste von den Bumen gerissen, um Raum zu gewinnen. Ihre innere Kraft brach wie
unter einem Streich zusammen, und als das Wldchen und die ersten Dorfhuser
endlich hinter ihr lagen, und die Fabrikgebude sich in Steinwurfsweite drben
hindehnten, da lehnte sie sich mit wankenden Knieen an eine der Linden, die dem
Thor des Fabrikhofes gegenber den Rast- und Erholungsplatz der Arbeiter
beschatteten.
    Im Hofe standen viele der Fabrikleute in Gruppen, aber kein Laut einer
Menschenstimme kam von dorther; man hrte nur die Huftritte eines Pferdes - es
war Herberts Brauner, der auf und ab gefhrt wurde. In demselben Augenblick, wo
Margarete die Linden erreichte, trat der Landrat drben aus dem Garten in den
Fabrikhof, und fast zugleich bog von der seitwrts hinlaufenden Chaussee eine
Equipage ab und brauste vor das Thor. Wie durch einen Nebel sah das junge
Mdchen flatternde Bnder und wallende Hutfedern - die Damen vom Prinzenhofe
saen im Wagen.
    Um Gotteswillen, bester Landrat, beruhigen Sie mich! rief die Baronin
Taubeneck Herbert entgegen, der an den Wagenschlag trat und sich verbeugte - er
war bleich wie ein Toter. Gerechter! Wie sehen Sie aus! Also ist es doch wahr,
das Entsetzliche, Unglaubliche, das mir der Oberamtmann von Hermsleben eben beim
Begegnen mitteilte? Unser lieber, armer Kommerzienrat -
    Er lebt, Onkel - nicht wahr, er lebt? sagte da eine flehende, in
verhaltenem Schmerz vergehende Stimme dicht neben ihm, und heie Finger preten
seine Hand.
    Er fuhr in heftigem Schrecken herum. Um Gott, Margarete -!
    Die Damen im Wagen bogen sich vor und starrten die reiche Kaufmannstochter
an, die, erhitzt und bestaubt, im einfachen Morgenkleid und einen schwarzen
Shawl um den Kopf gebunden, wie ein Dienstmdchen dahergekommen war. Wie,
Frulein Lamprecht, Ihre Nichte, lieber Landrat? fragte die dicke Dame stockend
und unglubig, aber auch mit jener beschrnkten Neugier, die sich selbst in den
peinlichsten Momenten vordrngt.
    Er antwortete nicht, und Margarete hatte nicht einmal einen Blick fr seine
zuknftige vornehme Schwiegermutter - was wute sie in diesem entsetzlichen
Augenblick von den Beziehungen dieser drei Menschen zu einander! In wilder Angst
haftete ihr Auge auf Herberts verstrtem Gesicht.
    Margarete - er sprach nicht weiter, aber sein Ton voll innerer Qual sagte
ihr alles. Sie schauderte in sich zusammen, stie seine Hand, die sie noch fest
umklammert hielt, von sich und schritt ber den Hof nach dem Pavillon.
    Es scheint ihr sehr nahe zu gehen - sie hat den Kopf total verloren, hrte
sie die klare, khle Stimme der schnen Heloise mitleidig hinter sich sagen.
Wie wre es sonst mglich gewesen, so derangiert die Straen der Stadt zu
passieren!
    In dem Hausflur des Pavillons standen zwei im Fortgehen begriffene Aerzte
der Stadt und die in Thrnen schwimmende Faktorin, und halblaute Worte von
Gehirnschlag und einem schnen, beneidenswerten Tod schlugen an Margaretens Ohr.
Ohne die Augen zu heben, glitt sie an den Sprechenden vorber und trat in das
Zimmer, wo der Papa sich aufzuhalten pflegte. Ja, da lag er auf dem Ruhebett -
sein schnes Gesicht hob sich in tiefer Blsse von dem dunkelroten Polster - ein
friedlich Schlafender, dem die jhe, schmerzlos hinraffende Hand alle dunkeln
Rtsel von der Stirn gestreift hatte! - Zu seinen Fen sa der Gropapa den
weien Kopf in den Hnden vergraben.
    Der alte Mann sah auf, als die Enkelin in stummem Schmerz an dem Ruhebett
niedersank - ihm war es nicht verwunderlich, sie so derangiert auf eigenen
Fen ankommen zu sehen, er kannte seine Gretel. Schweigend, mit sanfter Hand
zog er sie an sich, und da, an seiner treuen Brust, brachen endlich die
wohlthtigen Thrnen unaufhaltsam hervor...

                                       16


Im Flursaal, zwischen der Thre des groen Salons und dem gegenberliegenden
mittleren Fenster, war der traditionelle Platz, wo alle, die im Leben den Namen
Lamprecht getragen, noch einmal in glanzvoller, wenn auch stummer Abschiedsrolle
erschienen, ehe sie das feuchte Mauergewlbe drauen auf dem stillen Platz vor
dem Thore bezogen. Hier hatte auch die bse Frau Judith gelegen, einen
lchelnden Glanz auf dem zornmtigen Gesicht - hatte sie doch ihren
verzweifelten Kampf mit dem Tode, nach dem bindenden, ihrem Eheherrn mhsam
abgerungenen Eid, sofort willig aufgegeben und ihren hageren, unschnen Leib zur
ewigen Ruhe ausgestreckt.
    Und hier, unter den fremdlndischen, blhenden Gewchsen, die den
silberbeschlagenen Sarg der reichen Frau umstanden, sollte Herr Justus Lamprecht
die schne Dore zum erstenmal gesehen haben. Sie war die verwaiste Tochter eines
fernen Geschftsfreundes gewesen, welcher Herrn Justus testamentarisch zu ihrem
Vormund ernannt hatte. Und da sollte eines Abends eine Reisekutsche vor dem
Lamprechtschen Hause gehalten haben, und weil keine Menschenseele sich um das
Fuhrwerk gekmmert hatte, wohl aber erschrecklich viel Leute in das Haus und die
glnzend helle Treppe hinaufgestrmt waren, da sollte das angekommene fremde
Mdchen aus dem Wagen geschlpft und mit den Leuten gegangen sein, bis sie oben
mit erschreckten Augen vor der toten Frau gestanden. Das war ihr erster Einzug
im Hause ihres zuknftigen Ehemannes gewesen, ein ganz schlechtes Zeichen, und
auch schon um deswillen hatte es dann spter so kommen mssen, da sie schon
nach wenigen Jahren auf derselben Stelle eingebahrt gelegen, wie ein schnes
Wachsbild, mit ihrem toten Engelchen im Arm, und im strengen, blumenlosen Winter
doch mit kostbaren, weither geholten Blumen frmlich berschttet; und die weie
Seide ihres Sterbekleides war ber den Sarg hinausgeflossen und hatte wie Schnee
ellenlang die Dielen des Flursaales bedeckt. Das erzhlten sich die Leute heute
noch...
    Seitdem hatte noch manches stille Antlitz an dieser Stelle die letzten
geflsterten Richtersprche ber sich ergehen lassen mssen; Vter und Shne,
Mtter und Tchter, alle hatten auf dieser Station gerastet, und in Abwechselung
mit den greisenhaften, lebensmden Auswanderern des Hauses hatte auch manche
vorzeitig in der Jugendblte hingestreckte schne Mannesgestalt da gelegen. Aber
einen Toten, wie den letztverstorbenen Lamprecht, hatte der Flursaal noch nicht
beherbergt. Alte Mtterchen, die unter dem Strom von Schaulustigen auch mhsam
die Treppe hinaufgeklettert waren, wuten das ganz genau zu sagen; sie hatten
ihr ganzes langes Leben hindurch nicht ein einziges Mal gefehlt, wenn in
Lamprechts Hause der Trauersaal hergerichtet war. Und sie hatten recht mit ihrer
Behauptung - lag doch dieser herrliche, reckenhafte Mann da, als werde und msse
er jeden Augenblick, verwundert ber sein seltsames Bett, aufspringen, die
Blumen abschtteln, den Schlaf aus den Gliedern recken und die Neugierigen mit
seinen feurigen Augen spttisch anstrahlen! ... Und andere, die Mnner, die
zusammen zischelten, hatten auch recht, wenn sie meinten, die letzte mchtige
Sule des alten Hauses sei mit ihm gebrochen - was nun werden solle? - Die
Schattengestalt, die da lang und schlotterig, den dnnen Hals in einen steifen
Halskragen gezwngt, und die drren Finger in stetem Frsteln aneinander
reibend, hin und her glitt, sie war so jmmerlich anzusehen neben dem gewaltigen
Toten, da man mit diesem Erben unmglich rechnen konnte.
    Man hatte gefrchtet, der Schreck ber die pltzlich hereinbrechende
Katastrophe werde auch fr ihn verhngnisvoll werden; aber er war eigentlich gar
nicht sehr erschrocken gewesen; er hatte weit mehr erstaunt und konsterniert
ausgesehen, und war am ersten Tage wie im Traume umhergegangen. Nachher hatte
die Khlheit seines Wesens die Leute im Kontor noch eisiger angeweht, als
bisher, und bei dieser Fassung und Objektivitt war es auch niemand
verwunderlich gewesen, da er schon am zweiten Tag probiert hatte, wie es sich
auf dem verwaisten Schreibstuhl des Heimgegangenen sitze.
    Die Trauerfeierlichkeiten waren vorber. Der grte Teil der Versammelten
hatte sich entfernt; nur da und dort zgerten noch einzelne, die sich nicht satt
sehen konnten an diesem letzten Mal in seiner Pracht und Herrlichkeit. Die
hervorragenden Teilnehmer an dem Einsegnungsakt, die Geistlichkeit, die Damen
vom Prinzenhofe, der stellvertretende Adjutant des Herzogs und die nchsten
Freunde des Hauses, verweilten noch im groen Salon, wo sich auch die
Angehrigen des Verstorbenen versammelt hatten. Nur die Tochter des Hauses
fehlte. Sie hatte sich hinter die schwarztuchene, das mittlere Fenster mit ihrem
reichen Faltenwurf verhllende Draperie zurckgezogen. Wie verwundet war sie in
diese dunkle Ecke geflchtet. Mute es sein, dieses Zeremoniell, diese grausame
Schaustellung des Toten und der schmerzvollen Trauer der Ueberlebenden? Hier
oben, wo ihr war, als tne der pltzlich abgerissene Akkord eines Menschenlebens
in seinen letzten Schwingungen fort, wo sie meinte, der Flgelschlag der
geschiedenen Seele msse mit rckwirkender Kraft nachzittern in dem ehemaligen
irdischen Heim, hier hatten die Tapeziere tagsber gepocht und gehmmert, und
unermdlich waren Tragbahren voll Orangerie treppauf geschleppt worden. - Und
mute es sein, da sich eine Schar fremder Gesichter um den Sarg drngte,
whrend der Geistliche innige, ergreifende Abschiedsworte sprach? Aber je mehr,
desto grer die Ehre fr die Familie! Mit jedem neuen Wagen, der donnernd
drunten vorgefahren, war die zierliche Gestalt der die Honneurs machenden
Gromama frmlich gewachsen... Und was fr gedankenlose Redensarten gingen von
Mund zu Mund! Ein pltzlich dazwischentretender Fremder htte meinen mssen, der
Verstorbene sei zeitlebens ein elender Krppel, ein in jeder Hinsicht darbender,
verkmmerter Mensch gewesen, weil ihm ja die ewige Ruhe, die Heimberufung aus
dieser Welt so zu gnnen war.
    Ihm ist wohl! In allen Varianten wurde es gesagt; aber keiner dieser
Schnredner wute, da gerade in seinen letzten Lebensstunden eine
geheimnisvolle Mission sein ganzes Denken und Wollen durchdrungen und ihn zur
Ausfhrung unwiderstehlich gedrngt hatte.
    Er hatte keine Ahnung davon gehabt, da der Tod mit ihm reite, als er sein
Haus verlassen. Drauen in der Fabrik war er der Ruhigste unter den durch die
Verwstungen beunruhigten Leuten gewesen. Er hatte berall die Schden
besichtigt und seine Befehle gegeben; dann war er heimwrts geritten - und da
hatte es ihn gepackt. Vom Schwindel berfallen, war er vom Pferde gestiegen und
hatte noch Kraft genug gefunden, das feurige Tier festzubinden und sich auf den
weichen, laubbestreuten Moosboden hinzustrecken. Wer aber konnte wissen, welche
Schrecken das pltzlich hereinbrechende Todesgefhl hinter der jetzt so glatten,
kalten Stirn kreisen gemacht? Fortgerissen, ohne erfllt zu haben, was ein Ende
nehmen sollte und mute - kam wirklich ein so vlliges Vergessen ber die
entfhrte Seele, da ihr wohl war, wie alle diese Leute wissen wollten?
    Die letzten der noch im Flursaal anwesenden Leute waren gegangen, und es war
so feierlich still geworden, da man ber das gedmpfte Stimmengemurmel im Salon
hinweg das vereinzelte Knistern der herabbrennenden Wachskerzen hren konnte...
Da kam der Maler Lenz aus dem tiefen, dunkelnden Hintergrunde des Flursaales, er
mochte wohl whrend der ganzen Zeremonie unbeachtet dort gestanden haben. Der
alte Mann war nicht allein, sein kleiner Enkel ging mit ihm und schritt auf das
Gehei des Grovaters unverweilt nach dem schwarzbeschlagenen, um einige Stufen
erhhten Podium, auf welchem der Sarg stand. Der Kleine war eben im Begriff, den
Fu auf die erste Stufe zu setzen, als Reinhold wie toll aus dem Salon
geschossen kam.
    Da hinauf kannst du nicht, Kind! stie er kurzatmig, mit unterdrckter
Stimme, aber sichtlich emprt hervor und zog den Knaben am Arme zurck.
    Erlauben Sie, da mein Enkel die Hand kt, die - Der alte Maler kam nicht
weiter, so bescheiden er auch seine Bitte vorbrachte.
    Das geht nicht, Lenz - so verstndig sollten Sie doch selbst sein!
unterbrach ihn der junge Mann kurz abweisend. Was htte denn werden sollen,
wenn alle unsere Arbeiter mit diesem Ansinnen an uns herangetreten wren? Und
Sie werden mir doch zugeben, da Ihr Enkel nicht um ein Titelchen mehr Recht
hat, als die Kinder unserer anderen Leute -
    Nein, Herr Lamprecht, das kann ich Ihnen nicht zugeben. versetzte der alte
Mann rasch. Das Blut stieg ihm dunkel ins Gesicht. Der Herr Kommerzienrat war
-
    Mein Gott, ja, - gab Reinhold mit einem ungeduldigen Achselzucken zu -
der Papa war allerdings oft unbegreiflich nachsichtig; aber so wie er im Grunde
dachte, lt sich durchaus nicht annehmen, da er dem Jungen eine solche intime
Annherung im Beisein vornehmer Freunde - er zeigte nach dem Salon zurck -
gestattet haben wrde. Ich mu ihn deshalb auch zurckweisen... Geh du nur
hin! - er schob das Kind an den Schultern weiter und zeigte nach dem Ausgang -
dein Handku ist nicht vonnten!
    Margarete schlug emprt die schwarze Gardine auseinander und trat aus der
Fensternische. In demselben Augenblick kam aber auch Herbert eiligen Schrittes
aus dem Salon - er hatte in der Nhe der Thre gestanden. Ohne ein Wort zu
sagen, nahm er den Knaben an der Hand und fhrte ihn an Reinhold vorber die
Stufen hinauf.
    Lieber auf den Mund! sagte der Knabe, das erblate Gesichtchen von der
wachsbleichen, in Blumen gebetteten Hand wegwendend, in seiner kurzen, knappen
Ausdrucksweise halblaut zu seinem Fhrer. Er hat mich auch manchmal gekt -
wissen Sie, im Thorweg, wo wir ganz allein waren.
    Der Landrat stutzte einen Moment; dann aber nahm er den Knaben auf seinen
Arm und hob ihn ber den Sarg. Und da bog sich der schne Kinderkopf tief auf
den stillen Mann nieder, so da seine braunen Locken die kalte Stirn
berfluteten, und kte ihn auf die brtigen Lippen.
    Dem jungen Mdchen, das noch, wie im energischen Hervortreten begriffen, mit
beiden Hnden den schwarzen Tuchbehang auseinander hielt, ging es wie ein
Aufleuchten ber das verhrmte Gesicht, und ein dankbarer Blick flog hinber zu
dem, der mit ernstem, entschiedenem Protest die Lieblosigkeit von der
geheiligten Sttte wies.
    Indessen waren die im Fortgehen begriffenen Anwesenden geruschlos aus dem
Salon gekommen.
    Gott, wie erschtternd! hauchte die Baronin Taubeneck, whrend der Landrat
die Stufen herabstieg und den Knaben sanft aus seinen Armen entlie. Aber wie
ist mir denn? - wandte sich die Dame leise an die Frau Amtsrtin - ich kann
mich mit dem besten Willen nicht erinnern, da noch so junge Angehrige der
Familie existieren.
    Sie haben ganz recht, gndige Frau; meine Schwester und ich sind die
einzigen Ueberlebenden, fiel ihr Reinhold fast heftig, tief erbittert und
verbissen in das Wort. Der zrtliche Ku sollte nur ein Dank fr genossene
Wohlthaten sein; sonst hat der Junge in unserer Familie absolut nichts zu suchen
- er gehrt dem Manne da! Bei diesen Worten zeigte er auf den alten Maler, der
schweigend die Hand des Kindes ergriff und mit einer dankenden Verbeugung gegen
den Landrat den Flursaal verlie.
    Es war, als gehe jeder Laut menschlicher Stimmen mit ihm, ein so tiefes,
verlegenes Schweigen trat ein. Der Widerspruch, so unschicklich laut am Sarge
eines Geschiedenen erhoben, mochte das Gefhl aller peinlich berhrt haben. Es
fiel kein Wort mehr. Mit stummer Begrung ging man auseinander, und gleich
darauf fuhren drunten die Wagen nach allen Richtungen weg.
    Da du auch so frhe fort mutest, Balduin! murmelte der alte Amtsrat in
schmerzlicher Klage. Gnade Gott den armen Leuten, ber die der herzlose Bursche
nun Macht hat, die unter seine Fuchtel mssen!
    Der alte Herr war mit seiner Enkelin allein im Flursaal zurckgeblieben,
whrend die anderen den Fortgehenden das Geleit gaben. Geh, mach ein Ende,
Gretel! Sei tapfer! mahnte er bittend, indem er ber das lockige Haar der
Weinenden strich, die im bitteren Abschiedsweh auf der obersten Stufe kniete.
Sie kte die kalte Hand - war ihr doch, als drfe sie den Hauch des
Kindermundes auf den Lippen des Toten nicht weglschen - dann erhob sie sich und
ging an der Hand des Grovaters nach den anstoenden Zimmern.
    So, meine liebe Gretel, das Allerschwerste wre berstanden! sagte er
drinnen. Und nun gehe du in Gottes Namen auf ein paar Wochen nach Berlin
zurck. Dort besinnst du dich am ersten wieder auf dich selber, und der arme,
gequlte Kopf da lernt wieder fest und aufrecht sitzen... Dann aber denke auch
an deinen alten Grovater. Es wird gar einsam werden drauen in unserem lieben
Dambach, denn - er kommt nicht mehr! - um den weien Schnurrbart zuckte und
bebte es. - Mir war er ein guter Sohn, mein Kind; wenn mir auch sein
eigentliches inneres Wesen zeitlebens ein Buch mit sieben Siegeln geblieben
ist.
    Darauf ging er hinaus und schlo die Thre hinter sich, und Margarete
flchtete in das abgelegenste Zimmer, den roten Salon - sie wute, da jetzt
drauen mit dem Kerzenlicht der letzte Glanz eines in den Augen der Welt weit
bevorzugten, reichen Erdendaseins erlosch, da die letzten Vorbereitungen zu der
morgen in aller Frhe stattfindenden Uebersiedelung nach dem stillen kleinen
Haus vor dem Thore getroffen wurden... Ja, morgen um diese Zeit war alles
vorber, und auch sie war weit, weit weg vom verwaisten Vaterhause! Heute noch,
mit dem letzten Zug kam der Onkel Teobald aus Berlin zu der Beerdigung, und
morgen mittag reiste er wieder ab und sie mit ihm.
    Sie ging auf und ab in dem schwach erleuchteten Zimmer, von dessen weiten,
hohen Wnden jeder ihrer Schritte widerhallte. Man hatte die ausgerumte
Bel-Etage einstweilen nur notdrftig wieder hergerichtet - die Teppiche fehlten,
und der gesamte Bilderschmuck stand noch im Gange des Seitenflgels. Ein
mchtiges Viereck dunkelte auf der verblichenen Tapete - da hatte das Bild der
Frau mit den Karfunkelsteinen gehangen, der Schnen, Heigeliebten, deren arme
Seele der grausame Aberglaube hundert lange Jahre im alten Kaufmannshause hatte
umherirren lassen, bis der Sturm hereingebraust war und sie auf seine Flgel
genommen haben sollte... O, jene Sturmnacht! Da hatte die Verwaiste zum
letztenmal in das Vaterauge geblickt! Auf morgen denn, mein Kind! hatte er
gesagt - das war der letzte Hauch seines Mundes fr sie gewesen; dieses morgen
kam nie, niemals! - Sie prete die Stirn zwischen die Hnde und lief von Wand zu
Wand.
    Da ging drben die Salonthre. Herbert kam herein und durchschritt mit
suchendem Blick die Zimmerreihe. Er war im Ueberzieher und hatte den Hut in der
Hand.
    Margarete blieb stehen, als er auf die Schwelle trat, und ihre Hnde sanken
langsam von den Schlfen nieder.
    Haben sie dich so allein gelassen, Margarete? fragte er innig
mitleidsvoll, wie sie ihn vor Jahren meist zu dem kranken Kinde Reinhold hatte
sprechen hren. Er kam herein, warf den Hut hin und ergriff die Hnde des jungen
Mdchens. Wie kalt und erstarrt du bist! Das de, dstere Zimmer ist kein
Aufenthaltsort fr dich. Komm, gehe mit mir hinber! bat er sanft und hob den
Arm, um ihn sttzend um ihre Gestalt zu legen; aber sie fuhr zurck und trat um
einige Schritte von ihm weg. Meine Augen schmerzen, sagte sie hastig,
erschrocken aus ihrer dmmernden Ecke herber. Das gedmpfte Licht thut ihnen
gut nach der grausamen Helle im Flursaal... Ja, hier ist's de; aber still,
mitleidig still - eine wahre Wohlthat fr eine wunde Seele nach so viel weisen
Trostphrasen!
    Es war auch manch gutgemeintes Wort darunter, begtigte er. Ich begreife,
da das heutige Zusammenstrmen von Menschen und die Prunkentfaltung dein Gefhl
verletzt haben. Aber du darfst nicht vergessen, da unser Verstorbener allezeit
Gewicht auf derartige ffentliche Kundgebungen gelegt hat - die glnzende
Totenfeier ist ganz in seinem Sinne verlaufen. Das mag dir ein Trost sein,
Margarete!
    Er zgerte einen Moment, als warte er auf ein Wort von ihren Lippen; aber
sie schwieg, und da griff er wieder nach seinem Hut. Ich fahre nach der Bahn,
den Onkel Theobald abzuholen. Er wird es besser verstehen, als wir alle,
erlsend zu deinem verschlossenen Schmerz zu sprechen; und deshalb bin ich froh,
da er kommt... Aber mu es sein, da du mit ihm nach Berlin zurckkehrst, wie
mir mein Vater eben sagte?
    Ja, ich mu fort! antwortete sie gepret. Ich habe selbst nicht gewut,
wie gut mir's bisher in der Welt ergangen ist - man nimmt das schne glatt und
ungeprft verlaufende Leben hin, wie das leichte Atemholen, um welches wir kaum
wissen. Nun kommt zum erstenmal ein groes Unglck ber mich, und ich bin ihm
nicht gewachsen, ich stehe ihm fassungslos gegenber - es hat eine furchtbare
Macht ber mich! - Sie war ihm unwillkrlich wieder nher getreten und er sah,
wie der mhsam verbissene Schmerz ihre Stirn furchte. Es ist schrecklich, immer
wieder ein und denselben Gedankengang durchlaufen zu mssen! Und doch habe ich
nicht die Kraft, ihn abzuschtteln; ja, ich bin zornig auf die, welche von auen
her den Kreis unterbrechen... Und das wird hier nicht anders - drum mu ich
fort. Der Onkel hat Arbeit fr mich, strenge Arbeit, an der ich mir emporhelfen
werde - er stellt einen neuen Katalog zusammen.
    Und die Menschen dort sind dir auch sympathischer -
    Sympathischer als der Gropapa und die Tante Sophie? Nein! unterbrach sie
ihn kopfschttelnd. Ich bin viel zu sehr ihresgleichen an Temperament und
Charakter, als da andere Bresche zwischen uns legen knnten.
    Die beiden sind nicht deine einzigen Angehrigen hier, Margarete.
    Sie schwieg.
    Ach, die armen Totgeschwiegenen! Mit denen haben es die in Berlin freilich
leicht! sagte er bitter lchelnd. Die Edlen aus Pommern oder Mecklenburg, oder
irgendwoher knnen ruhig ihr Ritterschwert stecken lassen - Er unterbrach sich
und wurde rot unter ihrem unwilligen Blick. - Verzeihe! setzte er rasch hinzu.
Das durfte ich nicht - in diesen dunklen Stunden nicht!
    Ja, in diesen Unglcksstunden ist es grausam, mich an ein ewig lchelndes
Gesicht zu erinnern! besttigte sie fast heftig. Ich fhle zum erstenmal, wie
gram man solchen wohlgenhrten, rosigen, gleichmtigen Menschen sein kann, wenn
man tieftraurig ist... Man fhlt sich als gebeugte Jammergestalt, und da ragen
sie neben einem empor, blhend und seelenruhig, und in jedem Zuge steht zu
lesen: Was ficht mich das an? Die Junge vom Prinzenhofe stand heute auch so
neben mir drauen am Sarge, stolz und frisch und khl bis ins Herz hinein; ihr
aufdringliches Parfm erstickte mich fast, und das unaufhrliche Knistern ihrer
langen Schleppe reizte meine Nerven bis zur Unertrglichkeit - ich htte mit den
Hnden nach ihr stoen mgen.
    Margarete! unterbrach er sie. Er ergriff mit sonderbaren Blicken ihre
Hand; aber sie wand sich los.
    Besorge nichts, Onkel! sprach sie herb. So viel gute Manieren sind mir
doch noch verblieben. Und wenn ich zurckkomme -
    Nach abermals fnf Jahren, Margarete? fiel er ihr ins Wort und sah ihr
gespannt in das Gesicht.
    Nein. Der Gropapa wnscht meine baldige Rckkehr. - Anfang Dezember komme
ich wieder.
    Dein Wort darauf, Margarete! Er sprach das hastig und streckte ihr
abermals die Rechte hin.
    Was kann dir daran liegen? fragte sie achselzuckend mit einem scheuen,
halben Aufblick ihrer verweinten Augen; aber sie legte doch fr einen Moment
ihre kalten Fingerspitzen in seine Hand.
    Drunten war der Wagen, der den Landrat nach der Bahn bringen sollte, lngst
vorgefahren; und jetzt erschien die Frau Amtsrtin im groen Salon und kam die
Zimmerreihe daher. Sie sah klein aus wie ein Kind in dem schlichten, wollenen
Trauerkleide, und das harte Schwarz ihrer Krepphaube machte das feine, verwelkte
Gesichtchen frmlich mumienhaft. Neben der offiziellen feierlichen Trauer in
ihren Zgen machte sich in diesem Augenblick aber auch eine Art von unwilligem
Befremden geltend.
    Wie, hier finde ich dich, Herbert? fragte sie, auf der Schwelle
verweilend. Du hast dich so eilig von unsern teilnehmenden Freunden
verabschiedet, da ich die Entschuldigung dafr nur in deiner beabsichtigten
Fahrt nach dem Bahnhof finden konnte. Nun wartet der Wagen lngst vor dem Hause,
und du stehst hier bei unserer Kleinen, die schwerlich auf deine Trstungen
hren wird - dafr kenne ich die Grete... Du wirst zu spt kommen, lieber Sohn!
    Ein undefinierbares, schwaches Lcheln flog um die Lippen des lieben
Sohnes; aber er nahm pflichtschuldigst seinen Hut und ging schweigend hinaus,
whrend die Frau Amtsrtin den Arm der Enkelin in den ihren zog, um sie
fortzufhren. Droben in Gromtterchens Salon sei es wohlig warm und die
Theemaschine summe, wie die alte Dame in trauervoll gedmpftem Tone sagte; Onkel
Theobald werde wohl sehr erkltet ankommen, und da thue eine Tasse heien Thees
not... Und es sei doch sehr zu beklagen, da der Onkel dem Einsegnungsakt nicht
habe beiwohnen knnen; eine solche illustre Trauerversammlung habe das
Lamprechtsche Haus noch nie gesehen; geachtete Namen allerdings immer genug; nie
aber hohen Adel - noch nie! Ob das nicht der herrlichste Abschlu eines stolzen
Menschenlebens sei? Ein Abschlu, ber den sich die Engel im Himmel freuen
mten.

                                       17


Es war Winter geworden, so ein rechter Winter thringischer Art, der die
Federbetten der Frau Holle oft so lange ber die Berge und Thaltiefen
ausschttet, bis nur noch die niederen Firste der Dorfhuser aus dem
silberweien Gestube hervorragen... Auch die kleine Stadt an der Pforte des
Thringer Waldes erhielt ihr redliches Teil der warmen Schneedecke. Blank und
glatt, und immer neue Millionen der Schneesternchen in sich einwebend, lag sie
da; alle Missethaten der Oktoberstrme, die mhsam geflickten Schden an Mauern,
Dchern und Trmen und auch das wiederhergestellte Ziegeldach des Packhauses im
Lamprechtschen Hofe verschwanden unter dem eintnigen Wei.
    Und drauen vor dem vergoldeten Eisengitter des halb offenen steinernen
Huschens, dessen Fallthren sich vor acht Wochen ber dem letztverstorbenen
Lamprecht geschlossen hatten, trmte der Flockenwirbel eine alabasterne Mauer,
ein Epitaphium; und wer lesen konnte, fr den stand auf der glitzernden
Schrgseite: Bleibet fern! Was hinter mir liegt, hat mit euch drauen nichts
mehr zu schaffen! - Einsame Schlfer! Einer nach dem anderen waren sie hier
eingerckt, und wohl ein jeder der alten Kauf- und Handelsherren hatte bei
diesem notgedrungenen Abmarsch, beim Scheiden aus der geliebten Firma im stillen
gemeint: Es wird nicht gehen ohne dich! Aber es war gegangen. Das
Geschftsgetriebe war stets ber der vermeintlichen Lcke przise
zusammengeklappt, und die Bcher hatten danach keinerlei Verlust zu verzeichnen
gehabt.
    So hatte sich auch die letzte Wandlung anscheinend geruschlos vollzogen.
Reinhold war zwar noch minorenn, aber er hatte das achtzehnte Jahr berschritten
und sollte binnen kurzem mndig gesprochen werden, eine leere Form, deren
Vollziehung durchaus nicht erst abgewartet zu werden brauchte. Der junge
Kaufmann mit den khlen Prinzipien eines greisen Kopfes hielt die Zgel schon
nach wenig Tagen stramm in den Hnden; und er war sattelfest, das mute ihm ein
jeder lassen. Der erste Buchhalter und der Faktor, die einstweilen mit der
Fortfhrung der Geschfte betraut waren, sanken neben ihm an Macht und Willen
zur Null herab, und machten ihr Einspruchsrecht, im Hinblick auf die kurze Dauer
ihres Amtes und die Reizbarkeit des Erben, nur selten geltend. Die anderen aber,
die Herren im Kontor und die in der Fabrik Beschftigten, duckten sich scheu und
finster ber ihre Arbeit, wenn der nervse lange Mensch, schlotterig in Haltung
und Gliedmaen, aber mit Augen voll entschlossener, unerbittlicher Hrte, in den
Arbeisrumen erschien. Der Kommerzienrat war auch streng gewesen und hatte den
Untergebenen selten ein freundliches Wort gegnnt; aber an seine Gerechtigkeit
hatte man nie vergebens appelliert, dies und seine Noblesse in Bezug auf die
Bezahlung seiner Leute - leben und leben lassen war sein Grundsatz gewesen -
hatte ihm bei all seinem Hochmut dennoch die Herzen aller geneigt gemacht.
    Daran bte jetzt der jugendliche Nachfolger eine geradezu vernichtende
Kritik.
    Das alles hat ein Ende! - Dem Papa ist Geld genug durch die Finger gefallen
- er hat gehaust wie ein Kavalier, Kaufmann ist er nie gewesen! sagte er und
begann aufzurumen mit dem alten Schlendrian... Da wurde gleichsam ber Nacht
vieles anders...
    Margarete war auch wieder da - seit vorgestern abend. Tante Sophie hatte die
Stunde ihrer Ankunft gewut und war mit dem Wagen an die Bahn gekommen, und die
Frau Amtsrtin hatte sich herabgelassen mitzufahren, um die Verwaiste unter die
gromtterlichen Flgel zu nehmen. Aber die alte Dame war nicht wenig berrascht
gewesen, mit der Enkelin auch den Herrn Landrat aus dem Coup steigen zu
sehen... Er hatte sich als Abgeordneter des Landtages seit mehreren Wochen in
der Residenz aufgehalten und war erst in den nchsten Tagen zurckerwartet
worden. Ein besonderer Fall habe ihn fr einige Stunden nach der nchsten
greren Station gefhrt, hatte er lchelnd gesagt, und da sei es ihm sehr lieb
gewesen, die heimkehrende Nichte zu treffen und sie whrend des mehrstndigen
Aufenthaltes auf dem Bahnhof beschtzen zu knnen... Die Frau Amtsrtin hatte
rgerlich den Kopf geschttelt ber dies unntze Hin- und Herfahren bei der
Klte. Der besondere Fall htte sich jedenfalls bequem auch auf dem Heimwege
abwickeln lassen; aber der Dampf mache es jetzt den Menschen allzuleicht, jeder
Laune nachzugeben.
    Und gestern in aller Frhe hatte er verabredetermaen mit dem Schlitten vor
der Thre gehalten, um Margarete mitzunehmen. Er habe seinem Vater eine
Mitteilung ber das verpachtete Gut zu machen, hatte er gesagt, und da sei es
die beste Gelegenheit auch fr sie, den Gropapa zu begren... Dann waren sie
hingeflogen ber die weite, weie Flche drauen. Der Himmel war eine kompakte
Schneewolkenmasse gewesen, und eisige Windste hatten ihnen um die Ohren
gepfiffen und ihr den Schleier vom Gesicht gerissen. Die Zgel mit einer Hand
haltend, hatte er schleunigst die flatternde Gaze erfangen, war aus dem Aermel
seines weiten Pelzes geschlpft und hatte den freigewordenen Teil der zottigen
Hlle um den frostbebenden Krper des jungen Mdchens geschlagen... Lasse
doch! hatte er gleichmtig gesagt und trotz ihres Strubens den Pelz noch
fester um sie gezogen. Tchter und Nichten knnen sich das getrost, unbeschadet
ihrer Mdchenwrde, von einem Papa oder alten Onkel gefallen lassen.
    Und mit einem scheuen Seitenblicke nach dem Prinzenhof hatte sie gemeint,
man knne mglicherweise von dort aus die Mummerei sehen. Nun, und wenn auch?
Wre das ein Unglck? hatte er mit einem lchelnden Blick auf sie wieder
geantwortet. Die Damen werden wissen, da das Rumpelstilzchen da neben mir gar
niemand anderes sein kann, als meine kleine Nichte... Ja, freilich, die schne
Heloise war ihrer Sache so gewi, da sie unmglich auf einen zweifelnden
Gedanken kommen konnte!
    Gegen Abend war er wieder in die Residenz zurckgekehrt, um einer letzten
Sitzung beizuwohnen. In den gestrigen Tag hatte sich mithin so vieles
zusammengedrngt, da Margarete erst heute gewissermaen zu sich selbst kommen
konnte.
    Es war Sonntag. Tante Sophie war in der Kirche, und die Dienstleute, Brbe
ausgenommen, waren auch gegangen, die Predigt zu hren. So herrschte tiefe,
sonntgliche Stille im Hause, die der Heimgekehrten gestattete, die Eindrcke,
die sie bei ihrer Rckkehr empfangen, zu berdenken.
    Sie stand auf dem Fenstertritt und sah mit umflortem Blick ber den
schneeflimmernden Marktplatz hinweg... War es doch, als herrsche nicht allein
drauen bittere Winterklte - die Atmosphre im Hause war auch kalt und frostig,
wie durchhaucht von unsichtbaren Eiszapfen... Es hatte ja frher auch oft genug
Zeiten gegeben, wo ein finsterer Geist durch das alte, liebe Heim gewandelt, wo
die Melancholie des Hausherrn einen Druck auf die Gemter ausgebt hatte. Aber
das war doch nur der Widerschein seiner Verstimmung gewesen, mit welcher er sich
ohnehin meist in die Einsamkeit seines Zimmers vergraben hatte. Alles, was sonst
das Vaterhaus traut und anheimelnd machen konnte, war dadurch nicht alteriert
worden. Er hatte sich nie in die althergebrachten huslichen Einrichtungen
gemischt, hatte stets mit vollen Hnden gegeben, und war somit bemht gewesen,
das Behbige seines Hausstandes fr die Seinen und die ihm dienten, zu
erhalten... Wie hatte sich das gendert!
    Er sa in diesem Augenblick auch wieder drben auf seinem Schreibstuhl,
hinter dem geliebten Soll und Haben, der Nachfolger; aber das Kontor war nicht
mehr allein der Schauplatz seiner Thtigkeit. Er war gleichsam berall. Wie ein
Schatten spukte die lange Gestalt im Hause umher, vom Dachboden bis zum Keller
hinab, und erschreckte die hantierenden Leute durch ihr pltzliches lautloses
Erscheinen. Brbe jammerte, da er ihr wie ein Gendarm auf den Fersen sei, er
rufe die fortgehenden Butter- und Eierfrauen an sein Kontorfenster und frage,
wie viel sie in der Kche abgeliefert htten, und dann kme er selbst hinber
und schimpfe ber den riesigen Verbrauch; er ziehe ihr auch frisch aufgelegte
Holzstcke aus dem Bratfeuer und habe die groe Kchenlampe mit einer ganz
kleinen vertauscht, die sich wie ein Fnkchen in der mchtig weiten Kche
ausnehme, und wobei sich der Mensch die alten Augen blind gucken msse.
    Geld verdienen, Geld sparen! das war jetzt die Devise, und die kalten,
blutleeren Hnde aneinanderreibend, versicherte der junge Chef bei jeder
Gelegenheit, jetzt erst solle die Welt wieder das Recht haben, die Lamprechts
als die Thringer Fugger zu bezeichnen - unter den letzten beiden Chefs sei der
Geldruhm halb und halb in die Brche gegangen.
    Ueber Tante Sophiens Lippen war bis jetzt noch kein anklagendes Wort
gekommen, aber sie war recht bla geworden, das frische, geistige Leben war wie
weggewischt aus ihrem lieben, treuen Gesicht, und heute morgen beim Kaffee hatte
sie gesagt, da sie mit dem nchsten Frhjahr ein paar Stuben und eine Kche an
ihr Gartenhaus anbauen lasse; drauen in der schnen Gottesnatur zu wohnen, das
sei immer ihr stiller Wunsch gewesen.
    Jetzt kam sie ber den Markt her. Die Kirche war aus. Massenhaft strmten
die Andchtigen die Gasse herab, die von der Kirche nach der Galerie, dem
stattlichen, die Ostseite des Marktes begrenzenden Pfeilergang fhrte. Dort
wehten Schleier und Hutfedern, schleiften Samt und Seide ber die Steinplatten.
Reich und arm, alt und jung, wanderten sie nebeneinander, ihres Lebens und
Daseins so sicher und gewi - und vielleicht nchsten Sonntag schon ging so
mancher nicht mehr mit. Wer hrt das Rauschen des Zeitwaltens ber seinem
Haupte? - So sicher und gewi waren einst auch die stolzgeschmckte Frau Judith
und die schne Dore den Weg ber den Markt hergegangen, den jetzt Tante Sophie
in ihrem neuen Pelzmantel beschritt.
    Auch die Kurrendeschler kamen choralsingend daher. Margarete zog ihr
Pelzjckchen ber der Brust zusammen und ging hinaus, die Tante an der Thre zu
begren, und in dem Augenblicke, wo sie den Thorflgel ffnete, stimmten die
jungen Kehlen drauen das herrliche Die Himmel rhmen des Ewigen Ehre in
ergreifender Weise an.
    Hab' mir's ganz extra fr den Sonntag bestellt - sonst werden nur Chorle
gesungen, sagte Tante Sophie eintretend und schttelte den Schnee von den
Schuhen. Aber Margarete hrte kaum, da sie sprach. Sie stand und horchte
atemlos auf den hohen Sopran, der seraphimgleich, sieghaft und silberklar ber
den anderen Stimmen schwebte.
    Nun ja, 's ist der kleine Max aus dem Packhause, sagte die Tante. Der
kleine Kerl mu nun auch ums Brot singen.
    Margarete trat auf die Schwelle der halboffenen Thre und sah hinaus. Dort
stand er, das schwarze Barett auf den Locken, die blhenden Wangen noch tiefer
gertet durch die scharfe Winterluft, und mit den Tnen, die der warmen, jungen
Brust entquollen, wurde der Hauch des Atems zum Dampf vor seinem Munde.
    Sobald der letzte Ton verklungen war, winkte ihm Margarete, und er kam
sofort herber und neigte sich wie ein kleiner Kavalier vor der jungen Dame.
    Geschieht es mit dem Willen deiner Groeltern, da du bei der Klte vor den
Thren singst? fragte sie in fast unwilligem Ton, wobei sie die Hand des Knaben
ergriff und ihn zu sich auf die Schwelle zog.
    Das knnen Sie sich doch denken, Frulein! antwortete er unumwunden und
wie emprt. Die Gromama hat's erlaubt, und da ist's dem Gropapa auch recht.
Es ist ja auch nicht immer so kalt, und das macht auch nichts - die frische Luft
ist mir gesund.
    Und wie kommt es, da du unter die Schler gegangen bist?
    Ja, wissen Sie denn nicht, da wir Jungens damit viel Geld verdienen? - Er
warf einen hastigen Blick hinter sich, wo eben die letzten kleinen Nachzgler
weiter gingen. Lassen Sie mich! drngte er ngstlich. Der Prfekt zankt! Er
zog sein kaltes Hndchen gewaltsam aus der Rechten der jungen Dame, und fort war
er.
    Da hat sich wohl auch vieles im Packhause gendert? fragte Margarete
beklommen, wie mit zurckgehaltenem Atem.
    Jawohl, meine liebe Grete, alles! antwortete Reinhold an Stelle der Tante.
Er stand an seinem offenen Kontorfenster. Und du sollst auch sogleich erfahren,
in welcher Weise sich's gendert hat. Habe nur zuvrderst die Freundlichkeit,
die Thre zu schlieen, es kommt mrderisch kalt herein... Die Nachbarsleute
werden sich wohl gefreut haben, da Frulein Lamprecht die selige Frau Cotta in
Eisenach nachfft und die Kurrendeschler ins Haus ruft - schade, da du nicht
auch einen Napf voll Suppe in der Hand hattest! Das wre noch rhrender
gewesen.
    Tante Sophie schlo die Thre und entfernte sich schweigend.
    Die Tante macht jetzt immer ein Gesicht, als wenn sie Essig verschluckt
htte, sagte Reinhold achselzuckend. Der neue, scharfe Besen, mit welchem
jetzt das Haus ausgefegt wird, gefllt ihr nicht - selbstverstndlich, den Alten
mag es freilich nicht behagen, wenn frische Luft durch ihr warmes, verrottetes
Nest fhrt; aber das ficht mich nicht an, und noch weniger werde ich der Tante
den Gefallen thun, das alte Lotterleben fortbestehen zu lassen und notorische
Faullenzer im Geschft zu behalten. Der alte Lenz ist schon seit fnf Wochen
entlassen und hat mit Neujahr das Packhaus zu rumen... So, nun weit du's,
Grete, weshalb der Junge vor den Thren singt. Andere Kinder mssen das auch -
es fllt ihnen keine Perle aus der Krone - und ich sehe nicht ein, weshalb der
Prinz aus dem Packhause zu gut dafr sein soll.
    Er schlug das Fenster zu, und Margarete ging ohne ein Wort der Entgegnung in
die Hofstube. Dort hllte sie sich in einen Shawl, schob eine kleine Geldrolle
in die Tasche und schritt gleich darauf ber den Hof nach dem Packhause.

                                       18


Die Thre des alten Hauses fiel schwerfllig hinter der jungen Dame zu, und sie
blieb einen Moment regungslos am Fue der Treppe stehen. - Diese Stufen war sie
an jenem entsetzlichen Tage heruntergekommen, um nach Dambach zu laufen und die
grause Gewiheit zu erlangen, da sie eine Waise sei... Wenn er wte, wie der
Unmndige jetzt hauste! Wie er ohne Gnade und Erbarmen alles ausschied, was
nicht ganz mit seinen Rechenexempeln stimmte! ... An dem kleinen Max hatte der
Verstorbene sein Wohlgefallen gehabt - mute sie doch oft dabei an Saul und
David denken - der finstere, melancholische Mann hatte sich auch dem Zauber
nicht entziehen knnen, den der schne, hellschauende Knabe auf alle ausbte.
Sie erinnerte sich, mit wie weicher Stimme er zu dem Kinde gesprochen, wie er
seinem Schwiegervater versichert hatte, da er den Knaben spter in sein Kontor
aufnehmen werde. Und hatte er nicht auch damals, inmitten des verwstenden
Sturmes am Fenster gesagt, da der Knabe wohl nicht dazu bestimmt sei, andere zu
amsieren? ... Und nun sang das Kind in schneidender Winterklte vor den Thren!
-
    Sie stieg die Treppe hinauf. Das Bretterwerk unter ihren Fen war
schneewei, und ein feiner Wacholderduft wehte sie an - der echte Thringer
Sonntagsduft!
    Auf ihr leises Anklopfen erfolgte kein Herein, und auch ihr Eintreten wurde
nicht sofort bemerkt, obgleich die wachsame Philine sofort in der Kche
anschlug. In der einen tiefen Fensternische sa Frau Lenz und strickte an einer
bunten Wolljacke, und in der anderen stand der Arbeitstisch ihres Mannes; er sa
tiefgebckt ber seiner Arbeit. Erst bei dem lauten, freundlichen Gru der
jungen Dame sahen die beiden alten Leute auf und erhoben sich.
    Den erstaunten, gespannten Mienen des Ehepaares gegenber geriet Margarete
pltzlich in Verlegenheit. Ihr warm aufquellendes Gefhl hatte sie hierher
getrieben, aber sie kam aus dem Hause, wo den alten Leuten ein unerbittlicher
Feind lebte, der ihnen das Brot vom Munde nahm und sie hinausstie in Sorge und
Elend. Muten sie nicht Bitterkeit und Mitrauen gegen alles empfinden, was von
dorther kam?
    Der alte Maler kam ihr zu Hilfe. Er bot ihr herzlich die Hand und fhrte sie
nach dem Sofa... Da sa sie nun in derselben Ecke, wo man vor zehn Jahren das
abgehetzte, fiebergeschttelte Kind zrtlich gehegt und gepflegt hatte. Jener
Abend trat ihr in allen Einzelheiten vor die Seele, und sie begriff nicht, wie
der Papa nach solchen Beweisen von Hilfsbereitschaft und Gte fr sein Kind in
seinem Hochmut gegenber den Bewohnern des Packhauses bis an sein Ende hatte
verharren mgen. Und wie schlimm stand es jetzt erst um die alten Leute!
    Noch war der Mangel nicht sichtbar. Die Stube war wohlig durchwrmt. Ein
groer warmer Teppich bedeckte den Fuboden; weder Mbel noch Gardinen sahen
verkommen und abgenutzt aus - man sah, es war all die Jahre her Geld und
Sorgfalt aufgewendet worden, das Behbige des Heims zu erhalten. Inmitten des
Zimmers stand der hergerichtete Mittagstisch. Das frisch aufgelegte Tischtuch
glnzte wie Atlas, die Servietten steckten in feinen Ringen, und neben den
gemalten Porzellantellern lagen Silberlffel.
    Ich habe Sie in Ihrer Arbeit gestrt, sagte Margarete entschuldigend,
whrend sie den nchsten Stuhl einnahm und Herr und Frau Lenz sich auf das Sofa
setzten.
    Es war keine Arbeit, nur ein Zeitvertreib, erwiderte der alte Maler. Ein
festes Arbeitspensum habe ich nicht mehr, und da male ich an einer Landschaft,
die ich vor Jahren angefangen habe. Freilich geht es langsam. Ich bin auf dem
einen Auge vllig erblindet, und das andere ist auch ziemlich schwach; so bin
ich immer nur auf die wenigen hellen Mittagsstunden angewiesen.
    Man hat Ihnen Ihr festes Arbeitspensum genommen? fragte Margarete,
unumwunden auf ihr Ziel losgehend.
    Ja, mein Mann ist entlassen, besttigte Frau Lenz bitter. Entlassen wie
ein Tagelhner, weil er als gewissenhafter Knstler die Arbeit nicht so
massenhaft lieferte, wie die jungen gedankenlosen Schmierer.
    Hannchen! unterbrach er sie mahnend.
    Ja, lieber Ernst, wenn ich nicht spreche, wer soll es sonst? erwiderte sie
herb, und doch auch mit einem wehmtigen Lcheln in den vergrmten Zgen. Soll
ich in meinen alten Tagen aufhren, das zu sein, was ich zeitlebens gewesen bin,
der Anwalt meines allzu bescheidenen, guten Mannes?
    Er schttelte den grauen Kopf. Ungerecht drfen wir aber auch nicht sein,
liebe Frau, sagte er mild. Fr mein festes Einkommen habe ich allerdings in
den letzten zwei Jahren nicht mehr die entsprechende Arbeit geliefert, meiner
Augen wegen. Ich habe das auch gesagt und um Bezahlung per Stck gebeten, aber
der junge Herr will davon nichts hren. Nun, ihm steht ja das Verfgungsrecht
zu, wenn er auch noch nicht mndig erklrt ist, und die Testamentserffnung noch
bevorsteht... Auf dieses Testament hoffen noch manche von den alten Arbeitern
drauen in Dambach, denen es hnlich ergeht wie mir.
    Margarete wute von Tante Sophie, da ein Testament ihres Vaters vorhanden
war, welches in den nchsten Tagen erffnet werden sollte; aber es war nur eine
flchtige Erwhnung gewesen, die Tante mochte nichts Nheres wissen. Das sagte
die junge Dame auf den eigentmlich gespannten Blick des alten Mannes hin. Sie
hatte auf diese Thatsache wenig Gewicht gelegt, noch weniger aber war ihr der
Gedanke gekommen, da die letztwillige Verfgung des Verstorbenen mglicherweise
Reinholds Eigenmchtigkeiten rckgngig machen knne.
    Mein Gott, rief sie lebhaft, wenn Sie meinen, da das Testament vieles
ndern kann -
    Es wird und mu vieles ndern, fiel Frau Lenz mit sonderbar harter
Betonung und Bestimmtheit ein.
    Margarete verstummte fr einen Moment, betroffen in den noch immer schnen,
blauen Augen der alten Frau forschend - eine Art von wilder Genugthuung funkelte
in ihnen auf. Nun ja, setzte sie dann nachdrcklich, mit schwerem Vorwurf
hinzu, wozu dann die Grausamkeit, das Kind ums Brot auf der Strae singen zu
lassen?
    Frau Lenz fuhr empor und trat auf ihre Fe. Sie war lahm und konnte sich
nur schwer fortbewegen; aber in diesem Moment schien sie von Schmerz und
Schwche nichts zu fhlen. Grausam? Wir? Gegen unser Kind, unseren Abgott,
unser alles? rief sie wie auer sich.
    Der alte Maler ergriff begtigend ihre Hand. Ruhig Blut, liebes Herz!
mahnte er mild lchelnd. Grausam sind wir zwei alten Menschen nie gewesen,
gelt, Hannchen? Nicht gegen die kleinste Kreatur der Schpfung, geschweige denn
gegen unseren Jungen... Sie haben ihn singen hren? wandte er sich zu
Margarete.
    Ja, vor unserem Hause, und das Herz hat mir wehe gethan. Es ist so
bitterkalt - ich meinte, der Atem msse ihm vor dem Munde gefrieren. Er wird
sich erklten.
    Herr Lenz schttelte den Kopf. Der kleine Bursche hat sich selbst hart
gewhnt. Die Stube da ist ihm zu eng fr seine Stimme, und da steht er oft, ehe
wir uns dessen versehen, droben am Bodenfenster oder auf dem offenen Gange und
singt in Sturm und Schneegestber hinein.
    Er war bei den letzten Worten aufgestanden, hatte zrtlich den Arm um seine
Frau geschlungen und sie sanft in die Sofaecke zurckgedrckt. So - das Stehen
macht dir Schmerz, lieber Schatz. Und du mut auch deinen Alten nicht so
ngstigen mit der Erregtheit, die dir allemal schadet! ... Ja, wissen Sie,
Frulein, solch ein Frauenherz ist ein Wunder an Liebeskraft und
Liebesfhigkeit, sagte er, seinen Platz wieder einnehmend, zu der jungen Dame.
Man meint, mit der Hingebung und Aufopferung fr die Kinder msse es erschpft
sein, und da kommen die Enkel, und das Gromutterle ist wieder dieselbe Lwin,
die sie in der Jugendkraft gewesen.
    Margarete dachte mit Bitterkeit an die alte Dame im oberen Stock des
Vorderhauses, fr welche Kinder und Kindeskinder nur Stufen waren, auf denen sie
emporsteigen wollte.
    Sehen Sie, da an den warmen Ofenkacheln lehnen die Hausschuhe, und in der
Ofenrhre steht heies Warmbier fr unseren kleinen Kurrendeschler, fuhr er
fort. Und wenn er heimkommt, da strahlt er allemal vor Freude; denn seiner
Meinung nach hat er jetzt einen mchtigen Wirkungskreis - er sorgt fr seine
Groeltern. - Der alte Mann lchelte, und dabei wischte er sich unter der
Brille eine Thrne der Rhrung fort.
    Ja, es kamen ein paar fatale, ein paar schlimme Tage fr uns, nachdem der
junge Herr mir aufgesagt hatte, hob er wieder an. Wir hatten die Schneider-und
Schuhrechnung fr Max gezahlt, und unseren Kohlenvorrat angeschafft, und eine
Summe, auf die wir stets pnktlich rechnen konnten, war pltzlich weggefallen;
und da kam ein Abend, an welchem wir vor der leeren Kasse standen und nicht
wuten, wovon wir am andern Tag auch nur eine Suppe kochen sollten... Ich wollte
gehen und ein paar von unseren Silberlffeln verkaufen; aber das Frauchen da -
er zeigte mit zrtlichem Blick auf seine Frau - kam mir zuvor. Sie nahm
Stickereien und Strickereien, die sie mit ihren geschickten Hnden in
Muestunden gearbeitet hatte, aus der Kommode und ging - so sauer ihr auch das
Gehen wird - mit Max in die Kauflden, und da brachte sie nicht nur Geld,
sondern auch viel Bestellungen mit heim... Nun lasse ich alter Kerl mich von der
Hand ernhren, an die ich einst den Verlobungsring gesteckt hatte, in der
unerschtterlichen Ueberzeugung, da mein Mdchen das Leben einer Prinzessin an
meiner Seite haben solle. - Ja, sehen Sie, das ist nun Knstlerleben und
Knstlerhoffen!
    Ernst! unterbrach ihn Frau Lenz und drohte mit dem Finger. Willst du
wirklich Frulein Lamprecht weismachen, ich sei so eine gewesen, die sich ein
Schlaraffenleben bei dir ertrumt htte? ... Nein, Frulein, er fabelt, der alte
Knstlerkopf! Zum Faulenzen habe ich nie Talent gehabt, dazu bin ich immer zu
rasch gewesen. Schaffen und Helfen, das war stets mein Lebenselement, und die
Ader hat auch Max von mir. Gromama, sagte er auf dem Nachhauseweg, morgen gehe
ich unter die Kurrendeschler. Der Herr Kantor hat zu mir gesagt, solch einen
kleinen Jungen mit meiner Stimme knnte er brauchen fr seinen Chor, und die
Jungens bekommen ganze Taschen voll Geld -
    Wir suchten ihm die Idee auszureden, fiel Herr Lenz ein; aber er lie
nicht nach; er bat und weinte und schmeichelte, und da gab meine Frau endlich
den Ausschlag und erlaubte es -
    Aber nicht um des Erwerbes willen! unterbrach sie ihn fast heftig
protestierend. Denken Sie das um Gotteswillen nicht! Die paar Groschen liegen
unberhrt im Kasten; sie sollen als ein Denkzeichen an die Zeit aufbewahrt
werden, wo das bittere Mu dem Kinde den Gedanken eingegeben hat, ums liebe Brot
vor dem Hause zu singen, das -
    Hannchen! mahnte der alte Mann mit groem Ernst und Nachdruck.
    Sie prete die Lippen aufeinander und sah mit seltsam loderndem, beredtem
Blick durch das gegenberliegende Fenster in die froststarrende Luft hinein. Es
lag etwas Rachedrstendes in ihrem ganzen Wesen. Das Kind ist schlecht genug
behandelt worden in dem groen, stolzen Hause, seit es die deutsche Heimat
betreten hat, sagte sie mit noch weggewandtem Blick grollend, wie zwischen
zusammengebissenen Zhnen hervor. Der Kies im Hofe war zu vornehm fr seine
Sohlen, und der Gartentisch unter den Linden wurde entweiht durch seine Bcher,
seine schreibenden Hndchen. Und von dem Sarge droben im groen Saal sollte er
weggescheucht werden wie - Sie brach ab und legte die Hand ber die Augen.
    Mein Bruder ist krank und deshalb keines Menschen Freund; mit ihm drfen
Sie nicht so streng ins Gericht gehen, auch andere mssen unter seiner
Schroffheit leiden, trstete Margarete sanft. Dagegen wei ich, da mein Vater
den kleinen Max sehr gern gehabt hat, wie alle in unserem Hause. Ich wei, da
er fr seine Zukunft hat Sorge tragen wollen, und aus dem Grunde bin ich
gekommen... Es wrde auch ihm gewi, wie mir, ans Herz gegangen sein, das
prchtige Kind drauen vor der Thre stehen zu sehen, und deshalb mchte ich Sie
bitten, dem kleinen Kurrendeschler die gegebene Erlaubnis von heute ab zu
verweigern und mir die Freude zu gnnen - Sie schob heierrtend die Hand in
die Tasche.
    Nein, kein Almosen! rief Frau Lenz fast wild und legte die Hand auf den
Arm der jungen Dame. Kein Almosen! wiederholte sie beruhigter, als Margarete
die leere Hand aus der Tasche zog. Ich fhle, Sie meinen es gut. Sie haben von
klein auf ein edles, braves Herz gehabt. Niemand wei das besser als ich - Sie
trifft kein Vorwurf! ... Aber lassen Sie uns auch das bichen Stolz darauf, den
ber uns verhngten Schlag aus eigener Kraft pariert zu haben... Sehen Sie, -
sie zeigte nach einer groen Korbwanne im Fensterbogen, die bis an den Rand mit
bunter Stickerei gefllt war - das ist lauter fertige Arbeit! Wir brauchen
vorlufig nicht zu darben, und spter wird Gott helfen! ... Max soll nicht
wieder auf der Strae singen, ich verspreche es Ihnen heilig und teuer! Er wird
zwar jammern, aber er mu sich hineinfinden.
    Margarete nahm die Rechte der alten Frau in ihre Hnde und drckte sie warm.
Ich kann Sie verstehen und werde gewi nicht wieder so plump mit der Thre ins
Haus fallen, sagte sie mit einem flchtigen Lcheln. Sie werden mir dagegen
gewi erlauben, das Kind nach wie vor lieb zu haben und seinen Lebensgang im
Auge zu behalten.
    Wer wei, Frulein - die Verhltnisse wandeln oft ganz pltzlich die
scheinbar festesten Ansichten - wer wei, wie Sie nach vier Wochen darber
denken! erwiderte Frau Lenz mit schwerer Betonung.
    Nicht anders als heute auch, dafr mchte ich meinen alten Kopf verwetten!
rief ihr Mann ganz enthusiastisch. Ich habe das kleine Gretchen in seinem Thun
und Wesen beobachtet, als es noch im Hofe spielte. Es gehrt eine starke
Geschwisterliebe und Aufopferungsfhigkeit dazu, immer wieder das geduldige
Pferdchen eines verzogenen, krnklichen Bruders zu sein und sich widerstandslos
schlagen und peinigen zu lassen. Ich habe ferner gesehen, wie das liebe, kleine
Ding nach der Kche rannte und von der brummenden Brbe fr die Bettelkinder in
der Hausflur Butter auf die Brotstcken ertrotzte... Wollte ich alle die
erlauschten Zge eines guten, wackeren Herzens aufzhlen, ich wrde nicht
fertig. Und ich wei, das Weltleben drauen hat von dem reichen Fonds nichts
genommen - das hat der alte Lenz gleich in den ersten Tagen nach der Rckkehr an
sich selbst erfahren.
    Margarete hatte sich whrenddem erhoben - sie war ganz rot und verlegen.
Nun, dann haben doch wenigstens ein paar Augen die wilde Hummel nachsichtig
beurteilt, sagte sie lchelnd. Aber Sie sollten nur die Zensuren von damals
sehen, sollten wissen, wie oft mir der Kopf gewaschen werden mute meiner
Frevelthaten wegen! Das ist freilich Geheimnis des Vorderhauses geblieben und
konnte Ihre gtige Meinung nicht alterieren... Nur in dem einen Punkte gebe ich
Ihnen recht - ich habe einen harten Kopf, den die Macht der Verhltnisse doch
nicht so leicht binnen vier Wochen wandeln drfte.
    Sie reichte den beiden alten Leuten Abschied nehmend die Hand und verlie,
von ihnen bis zur Treppe geleitet, das Packhaus. Sie ging weit gedankenvoller,
als sie gekommen war... War das ein kstliches Zusammenleben in dem alten Hause
da hinter ihr! Je heftiger das Schicksal auf die Herzen einstrmte, desto enger
schlossen sie sich aneinander an.
    Ihr Blick flog unwillkrlich ber die vornehme obere Etage des Vorderhauses
- da herrschte freilich ein anderer Geist, Anstand, gute Sitte, Konvenienz
nannte ihn die Gromama, und verkncherte Selbstsucht, gepaart mit
verachtungswrdigem Unterwerfungstrieb gegen Hochgestellte der alte Mann, der
lieber einsam drauen auf dem Lande lebte, als da er die Eisesluft atmete, in
welcher sich die distinguierte Frau Gemahlin gefiel. War es da ein Wunder, wenn
Herbert - aber nein, selbst im Geiste durfte sie ihn nicht mehr durch das
Vorurteil krnken, da er herzlos sei! ... Er war gut zu ihr. Er hatte ihr sogar
zweimal nach Berlin geschrieben, frsorglich, als sei er ihr Vormund, und sie
hatte ihm geantwortet. Daraufhin war er ihr bei ihrer Rckkehr auf die letzte
grere Station entgegengekommen, in dem zartsinnigen Wunsche, ihr das
Wiederbetreten des vereinsamten Vaterhauses in etwas zu erleichtern... Das hatte
die Gromama freilich nicht erfahren; sie htte diese Zuvorkommenheit und
Herablassung des Herrn Landrats gegen das junge Ding, die Grete, sicher nicht
gebilligt, schon aus dem Grunde nicht, weil sie ihr das Leid angethan hatte,
durchaus nicht Baronin von Billingen werden zu wollen. Die alte Dame hatte
bitterbse darber an ihre Schwester und Margarete geschrieben... Wie Herbert
ber das Scheitern dieser Wnsche dachte, das war dem jungen Mdchen bis zur
Stunde dunkel geblieben. Er hatte die delikate Angelegenheit in keinem seiner
Briefe erwhnt, und sie war auf ihrer Hut gewesen, auch nur mit einem Worte
daran zu rhren...
    Mit diesen abschweifenden Betrachtungen war sie lngst in die Hofstube
zurckgekehrt und hatte die Geldrolle wieder in den Kasten des Schreibtisches
gleiten lassen - unter einem abermaligen Errten. So konnte und durfte sie ihre
Teilnahme fr den kleinen Max nicht wieder bethtigen wollen - der Weg war ihr
verschlossen. Sie fhlte sich machtlos; die Verhltnisse bersehen und wissen,
wie da zu wirken sei, das konnte nur ein Mann. Sie nahm sich vor, mit Herbert
darber zu sprechen...

                                       19


Seitdem waren zwei Tage verstrichen. Der Landrat war noch nicht zurckgekehrt,
und deshalb herrschte tiefe Ruhe auf der sonst so frequentierten Treppe und im
oberen Stock. Margarete ging jeden Morgen pflichtschuldigst hinauf, um der
Gromama guten Tag zu sagen. Das war stets ein saurer Gang; denn die alte Dame
grollte und zrnte noch heftig. Sie schalt zwar nicht laut - Gott behte, nur
keine offenkundige Leidenschaftlichkeit! Der gute Ton hat ja dafr feinere und
desto sicherer treffende Waffen: Messerschrfe in Blick und Stimme, und Dolch-
und Nadelspitzen auf der Zunge. Aber diese Art und Weise des Angriffs emprte
die Enkelin doppelt, und sie brauchte oft ihre ganze Selbstbeherrschung, um
gelassen und schweigend zu ertragen... Meist ungndig entlassen, ging sie dann
immer mit dem Gefhl der Erlsung die Treppe wieder hinab, um fr einen Moment
in den Flursaal einzutreten. Es herrschte zwar eine mrderische Klte in dem
weiten Saal, und Papas Privatzimmer waren versiegelt; nicht einer der traulichen
Rume, in denen er gelebt und geatmet, nicht der kleinste Gegenstand, den seine
Hand berhrt, waren ihr zugnglich; sie mute sich mit der Stelle begngen, wo
sie ihn zum letztenmal friedlich schlafend, einen Schein der Verklrung auf der
im Leben so finsteren Stirn, gesehen hatte. Aber an dieser Stelle berkam sie
doch immer das wehmtig wohlthuende Gefhl, als spre sie einen Hauch seiner
Nhe. Drunten geschah ja alles, um die Spuren seines Daseins und Wirkens
mglichst schnell zu verwischen...
    Heute morgen nun hatte Margarete beim Verlassen des Flursaales eine
Begegnung gehabt. Sie war rasch auf die Schwelle der Thre getreten und hatte
pltzlich Auge in Auge vor der eben vorbergehenden schnen Heloise gestanden.
Der jungen Dame um einige Schritte voraus war die Baronin Taubeneck die
Treppenwendung hinaufgekeucht; sie hatte, von der Anstrengung des Emporsteigens
ganz benommen, die aus dem Flursaal Tretende gar nicht gesehen; ihre Tochter
dagegen hatte sehr freundlich gegrt, ja, ihr Blick war sogar mit dem
unverkennbaren Ausdruck von Teilnahme ber die Mdchengestalt in tiefer Trauer
hingeglitten, das konnte Margarete sich selbst nicht wegleugnen; und doch war
sie in Versuchung gewesen, den hflichen Gru zu ignorieren und ohne ihn zu
erwidern, in den Flursaal zurckzuflchten... Diese schne gerhmte Heloise war
ihr nun einmal in tiefster Seele unsympathisch - weshalb? Sie wute es selbst
kaum... So in nchster Nhe gesehen war die herzogliche Nichte in der That am
schnsten. Die herrliche Sammethaut des jungen Gesichts, die Pracht der Farben
und die groen, glnzend blauen Augen blendeten frmlich, und der Gropapa hatte
recht, wenn er sagte, davor msse sich seine Enkelin, das braune Maikferchen,
verkriechen. Selbst die phlegmatische Ruhe ihres Wesens machte sich im Gehen nur
als stolze Wrde und Vornehmheit geltend. Was, Neid, Grete? hatte sich das
junge Mdchen selbst in diesem Augenblicke des aufsteigenden Grolles und
Widerwillens gefragt. Nein, Neid war es nicht! Ihr war es ja stets ein Genu
gewesen, in ein schnes Mdchenantlitz zu sehen - Neid war es ganz bestimmt
nicht! Wohl aber mochte es die angeborene Verbitterung des plebejischen Blutes
gegen die Widersacher des Brgertums sein - ja, das war der Grund! Und als die
Gromama droben unter einem Wortschwall der Freude und Beglckung dem Besuch
entgegengekommen war, da hatte das junge Mdchen die Hnde auf die Ohren gelegt
und war die Treppe hinabgeflohen.
    Drunten aber hatte der herrschaftliche Schlitten, eine herrliche Muschel mit
kostbarer Pelzdecke, vor der Thre gehalten, und nachdem spter die Damen wieder
eingestiegen waren, da hatte die schne Heloise mit ihrem weien Schleier und
wehenden Goldhaar ausgesehen, als fliege eine Fee ber den Schnee hin. O weh,
wie lcherlich dagegen mochte neulich das zusammengeduckte Rumpelstilzchen im
Schlitten gehockt haben, wie frostgeschttelt und hilfsbedrftig neben Herberts
vornehmer Erscheinung! -
    Den ganzen Tag ber hatte sie bittere, aufdringliche Gedanken und
Empfindungen nicht los werden knnen; und dazu war es dunkel in allen Stuben.
Der Himmel schttelte unermdlich ein dichtes Flockengestber ber die kleine
Stadt her, und nur selten fuhr ein Windsto lichtend durch die strzenden
Schneemassen, die wie ein silberstoffener Behang alle Aussicht in Gassen und
Straen verschlo... Erst am Abend, als die Lampe auf dem Tische brannte, wurde
es heimlicher in der Wohnstube und stiller in Margaretens Seele. Tante Sophie
war trotz des Schneewetters ausgegangen, um einige unaufschiebbare Bestellungen
zu machen, und Reinhold arbeitete in seiner Schreibstube; er kam berhaupt nur
noch herber, wenn er zu Tisch gerufen wurde.
    Margarete ordnete den Abendtisch. Im Ofen brannten die Holzscheite
lichterloh und warfen durch die Oeffnung der Messingthre einen breiten,
behaglichen Schein ber die Dielen, und von dem Gesims der unverhllten Fenster
her, gegen die drauen die Schneeflocken wie hilflos flatternde Seelchen
taumelten, um an den erwrmten Scheiben rettungslos zu sterben, dufteten doppelt
s Tante Sophiens Pfleglinge, ganze Scharen von Veilchen und Maiblumen... Nein,
gerade dem hlichen Tage zum Trotze sollte nun der Abend gemtlich werden!
Brbe brachte sauber garnierte kalte Schsseln herein, und Margarete entzndete
den Spiritus unter der Theemaschine; und als Reinhold sagen lie, man mge ihm
ein belegtes Butterbrot hinberschicken, er werde nicht kommen, da wurde das
Herz der Schwester erst recht leicht.
    Drauen fuhren mehrere Wagen vorber, und es war auch, als halte einer
derselben vor dem Hause. War der Landrat zurckgekommen? - Nun, das erfuhr man
ja morgen, frher freilich nicht! - Margarete fuhr fort, Schinkenscheibchen auf
Reinholds Brot zu legen; sie sah auch nicht auf, als ein leises Thrgerusch an
ihr Ohr schlug. - Brbe brachte jedenfalls noch etwas fr den Tisch herein; aber
ein so kalter Luftzug, wie er eben ber ihre Wange strich, kam doch nicht von
der warmen Kche her; unwillkrlich blickte sie auf, und da sah sie den Landrat
an der Thre stehen. Sie schrak heftig zusammen, und die Gabel mit dem Schinken
entfiel ihrer Hand.
    Er lachte leise auf und trat nher an den Tisch. Er war noch im Reisepelz,
und auf seiner Mtze glitzerten Schneeflocken, also direkt von drauen kam er
herein.
    Aber solch ein Schrecken, Margarete! sagte er kopfschttelnd. Warst wohl,
trotz deiner hausmtterlichen Beschftigung, im sonnigen Griechenland, und der
Hans Ruprecht im Pelz ri dich in die rauhe Thringer Wirklichkeit zurck? ...
Nun, guten Abend auch! setzte er in treuherzig Thringer Weise hinzu und bot
ihr die Hand - war ihr doch, als msse es Freude sein, die sie aus seinen Augen
unter der Pelzmtze hervor anleuchtete.
    Nein, in Griechenland war ich nicht, antwortete sie, und die
augenblickliche innere Erregung bebte noch in ihrer Stimme nach. Trotz Schnee
und Eis bin ich um die Weihnachtszeit doch lieber hier. Aber es ist fr mich
etwas Unerhrtes, dich in unsere Wohnstube eintreten zu sehen. Du wirst selbst
wissen, da diese Stube stets abseits von deinem Wege gelegen hat. Frher mag
dich der Kinderlrm verscheucht haben, und spter - der schmerzhafte Zug, der
seit dem Tode ihres Vaters ihre Lippen umlagerte, wich momentan einem
schelmischen Lcheln - spter das ausgesprochene Spiebrgertum in der
Einrichtung und dem Leben und Weben hier unten.
    Er zog ein kleines Paket aus der Rocktasche und legte es auf den Tisch. Das
ist's, weshalb ich hier eingetreten bin, das einzig und allein! sagte er
ebenfalls lchelnd. Weshalb soll ich ein ganzes Pfund Thee, das ich fr Tante
Sophie in der Residenz besorgt habe, zwei Treppen hinaufschleppen? Nun nahm er
die Pelzmtze ab und schleuderte die letzten funkelnden Schneereste fort.
Uebrigens irrst du in deiner Annahme - ich finde es urgemtlich hier, und dein
Theetisch sieht nichts weniger als spiebrgerlich aus.
    Darf ich dir eine Tasse Thee anbieten? Er ist eben fertig -
    Ei wohl! Er wird mir gut thun nach der kalten Fahrt. Aber dann mut du mir
auch erlauben, da ich meinen Pelz ablege. Er mhte sich, die schwere Last
abzustreifen. Unwillkrlich hob Margarete den Arm, um zu helfen, wie sie es bei
Onkel Theobald zu thun gewohnt war; aber er fuhr zurck und ein Zornesblitz
sprhte aus seinen Augen. Lasse das! wies er sie fast rauh zurck. Die
tchterliche Hilfe mag bei Onkel Theobald ntig sein - bei mir noch nicht!
    Unmutig, mit einem letzten krftigen Ruck ri er den Pelz von der Schulter
und warf ihn auf den nchsten Stuhl.
    So, nun bin ich allerdings hilfsbedrftig - ich lechze nach deinem heien
Thee! sagte er gleich darauf und lie seine elegante Gestalt in die Sofaecke
gleiten. Seine Stirn war wieder heiter, und er strich sich behaglich den Bart.
Aber ich bin auch hungrig, liebes Hausmtterchen, und solch ein appetitliches
Butterbrot, wie du es eben vor meinen Augen zurechtgemacht hast, sollte mir
schon schmecken und jedenfalls besser munden, als die Butterbrote droben, die
meine Mutter konsequent durch die Kchin herrichten lt... Spter, am eigenen
Herd, werde ich mir das allerschnstens verbitten - die Hausfrau mu mir
eigenhndig dergleichen Bissen mundgerecht machen, wenn sie nicht will, da ich
hungrig vom Tische aufstehe.
    Margarete reichte ihm den Thee; aber sie schwieg und sah ihn nicht an. Sie
mute denken, ob die stolze Heloise wirklich die Etikette so beiseite setzen und
mit ihren wundervollen weien Hnden die Butterbrtchen fr den Herrn Gemahl
streichen wrde? - Und Herbert selbst? Dachte er im Ernst so spiebrgerlich
huslich, Gromamas Sohn, der Mann der Formen, mit denen er der Welt imponierte?
    Du bist sehr still, Margarete, unterbrach er das eingetretene kurze
Schweigen; aber ich sah ein spttisches Zucken deiner Mundwinkel, und das
spricht deutlicher als Worte. Du mokierst dich innerlich ber die Huslichkeit,
wie ich sie haben will, und meinst, mein Wille knne an so manchem scheitern.
Ja, siehst du, ich lese in deinen Zgen wie in einem Buche - du brauchst deshalb
nicht gleich so rot zu werden wie ein Pfingstrschen - ich wei mehr von deinen
Seelenvorgngen, als du denkst.
    Jetzt sah sie verletzt und unwillig auf. Schickst du deine Gendarmen
wirklich auch auf die Hetzjagd nach Gedanken, Onkel?
    Ja, meine liebe Nichte, das thue ich mit deiner gtigen Erlaubnis, und das
mut du dir schon gefallen lassen, antwortete er leise lachend. Mich
interessieren alle oppositionellen Gedanken und mehr noch solche, denen der Kopf
selbst nur widerwillig Raum gibt, gegen die er ankmpft, wie das junge Ro gegen
seinen oktroyierten Herrn, und die schlielich glnzend siegen, weil ein
mchtiger Impuls hinter ihnen steht.
    Er fhrte seine Tasse zum Munde und sah dabei aufmerksam zu, wie die
zierlichen Mdchenfinger flink das gewnschte Butterbrot zurechtmachten.
    Ein Einblick in die Wohnstube hier mu in diesem Augenblick auerordentlich
behaglich und anmutend sein, hob er mit einem Blick auf die unverhllten
Fenster nach einem momentanen Schweigen wieder an. Da drben - er neigte den
Kopf nach der jenseitigen Huserfront des Marktes - knnte man uns fglich fr
ein junges Ehepaar halten.
    Margarete wurde flammendrot. O nein, Onkel, die ganze Stadt wei -
    Da wir Onkel und Nichte sind - ganz richtig, meine liebe Nichte, fiel er
sarkastisch gelassen ein und griff abermals nach seiner Tasse.
    Margarete widersprach nicht; aber eigentlich hatte sie sagen wollen: Die
ganze Stadt wei, da du verlobt bist... Nun, mochte er denken, was er wollte!
Er neckte sie in fast bermtiger Weise, und Humor, den sie bis jetzt nicht an
ihm gekannt, prickelte in jedem seiner Worte. Er war offenbar froh gelaunt und
brachte jedenfalls stillbeglckende Aussichten aus der Residenz mit. Aber sie
selbst war nicht in der Stimmung, sich mit ihm zu freuen, sie war unsglich
deprimiert und wute nicht weshalb, und wie man oft im inneren Zwiespalt
unbewut gerade nach Widerwrtigem greift, nur um eine Wendung herbeizufhren,
so sagte sie, indem sie ihm das fertige Brtchen hinreichte: Heute morgen hatte
die Gromama Besuch - die Damen vom Prinzenhofe waren da.
    Er richtete sich lebhaft auf, und eine unverkennbare Spannung malte sich in
seinen Zgen. Hast du sie gesprochen?
    Nein, erwiderte sie kalt. Ich hatte nur eine flchtige Begegnung mit der
jungen Dame im Treppenhause. Du weit am besten, da sie mich einer Anrede nicht
wrdigen kann, weil ich im Prinzenhofe noch nicht vorgestellt bin.
    Ach ja, ich verga! - Nun, du wirst das ja wohl nunmehr in den
allernchsten Tagen abmachen.
    Sie schwieg.
    Ich hoffe, du thust das schon um meinetwillen, Margarete.
    Jetzt sah sie ihn an; es war ein finsterer Grollblick, der ihn traf. Wenn
ich das Opfer bringe, mich in tiefer Trauer und in meiner jetzigen
Seelenstimmung zu der Komdie hinausschleppen zu lassen, so geschieht es einzig
und allein, um dem Drngen und den Qulereien der Gromama ein Ende zu machen,
versetzte sie herb. Sie hatte sich auf den nchsten Stuhl gesetzt und kreuzte
die Hnde auf dem Tische.
    Ein kaum bemerkbares Lcheln schlpfte um seinen Mund. Du fllst aus deiner
Rolle als Hausmtterchen, rgte er gelassen und zeigte auf ihre feiernden
Hnde. Die Gastlichkeit verlangt, da du mir Gesellschaft leistest und auch
eine Tasse Thee nimmst -
    Ich mu auf Tante Sophie warten.
    Nun, wie du willst! Der Thee ist vortrefflich und soll mir trotz alledem
schmecken. Aber ich mchte dich doch einmal fragen, was hat dir denn die junge
Dame im Prinzenhof gethan, da du stets so - so bitter wirst, wenn von ihr die
Rede ist?
    Eine glhende Rte scho ihr in die Wangen. Sie - mir? rief sie wie
erschrocken, wie ertappt auf einem bsen Gedanken. Nicht das mindeste hat sie
mir angethan! Wie knnte sie auch, da ich bis jetzt kaum in ihre stolze Nhe
gekommen bin? Sie zuckte die Schultern. Ich fhle aber instinktmig, da das
der Kaufmannstochter noch bevorsteht -
    Du irrst. Sie ist gutmtig -
    Vielleicht aus Phlegma - mglich, da sie sich ungern echauffiert. Ihr
schnes Gesicht -
    Ja, schn ist sie, von einer unvergleichlichen Schnheit sogar, fiel er
ein. Und ich mchte gern wissen, ob heute morgen nicht etwas wie ein heimliches
Glck in ihren Zgen zu lesen gewesen ist - sie hat gestern Hocherfreuliches
erfahren.
    Ach, also darum war er heute abend so bermtig, so voll bersprudelnder
Laune; das Hocherfreuliche betraf ihn und sie zusammen. Das fragst du mich?
rief sie mit einem bitteren Lcheln. Du solltest doch am besten wissen, da die
Damen vom Hofe viel zu gut geschult sind, um ihre Gemtsaffekte jedem profanen
Blick auszusetzen. Von heimlichem Glck konnte ich nichts bemerken; ich
bewunderte nur ihr klassisches Profil, die blhenden Farben, die prchtigen
Zhne bei ihrem gndigen Lcheln und erstickte fast in dem Veilchenparfm, mit
welchem sie das Treppenhaus erfllte, und das, dieses Ueberma war nicht vornehm
an der Aristokratin -
    Sieh, da war ja gleich wieder der bittere Nachgeschmack!
    Ich kann sie nicht leiden! fuhr es ihr pltzlich heraus.
    Er lachte und strich sich amsiert den Bart. Nun, das war gutes, ehrliches
Deutsch! sagte er. Weit du, da ich in der letzten Zeit manchmal des kleinen
Mdchens gedacht habe, das ehemals mit seiner geradezu verblffenden derben
Offenheit und Wahrheitsliebe die Gromama nahezu in Verzweiflung gebracht hat?
... Das Weltleben drauen hatte nun diese Geradheit in allerliebste, kleine,
grazise Bosheiten verwandelt, und ich meinte schon, auch der Kern der
Individualitt sei umgewandelt. Aber da ist er, blank und unberhrt! Ich freue
mich des Wiedersehens und mu wieder an die Zeiten denken, wo der Primaner
ffentlich im Hofe als Spitzbube gebrandmarkt wurde, weil er eine Blume
annektiert hatte.
    Schon bei seinen ersten Worten war sie aufgestanden und nach dem Ofen
gegangen. Sie schob unntigerweise ein Stckchen Holz um das andere in die
helllodernden Flammen, die ihre finster zusammengezogene Stirn, ihre sichtlich
erregten Zge anglhten... Sie rgerte sich unbeschreiblich ber sich selbst.
Das, was sie gesagt hatte, war allerdings die strikte Wahrheit gewesen, aber
dabei eine Taktlosigkeit, deren sie sich bis an ihr Lebensende schmen mute.
    Sie blieb am Ofen stehen und zwang sich zu einem Lcheln. Du wirst mir
glauben, da ich jetzt nicht mehr so penibel denke, erwiderte sie von dorther.
Das Weltleben hrtet die Seele gegen allzu feine Auffassung. Es wird in der
heutigen Gesellschaft so viel gestohlen an Gedanken, man nimmt vom guten Namen
des lieben Nchsten, von seinem ehrenhaften Streben, von der Rechtlichkeit
seiner Gesinnungen so viel, als irgend zu nehmen ist, und mchte gar oft am
liebsten die ganze Persnlichkeit vom Schauplatz verschwinden machen, wie damals
die Rose in deine Tasche eskamotiert wurde. Diesen Kampf ums Dasein, oder
eigentlich diesen Diebstahl aus Selbstsucht und Neid kann man am besten im Hause
eines Mannes von Namen beobachten. Ich habe mir viel davon hinter das Ohr
geschrieben, und diese Weisheit allerdings auch mit einem guten Teil meiner
kindlich naiven Anschauung bezahlt... Du knntest mithin vor meinen Augen alle
Rosen der schnen Blanka in die Tasche stecken -
    Die wren jetzt sicher vor meiner ruberischen Hand -
    Nun, dann meinetwegen das ganze Rosenparterre vor dem Prinzenhofe! fiel
sie schon wieder erregter ein.
    O, das wre denn doch zu viel fr das Herbarium meiner Brieftasche, meinst
du nicht, Margarete? Er lachte leise in sich hinein und lehnte sich noch
behaglicher in seine Sofaecke zurck. Ich brauche mich auch nicht als Dieb dort
einzuschleichen. Die Damen teilen redlich mit mir und meiner Mutter, was an
Blumen und Frchten auf ihren Fluren wchst, und auch du wirst dir bei deinem
Besuche einen Strau aus dem Treibhause mitnehmen drfen.
    Ich danke. Ich habe keine Freude an knstlichen Blumen, sagte sie kalt und
ging nach der Stubenthre, um sie zu ffnen. Tante Sophie war zurckgekommen und
stampfte und schttelte drauen den Schnee von ihren Schuhen und Kleidern.
    Sie machte groe Augen, als sich Herberts hohe Gestalt aus der Sofaecke
erhob und sie begrte. Was, ein Gast an unserem Theetische? rief sie erfreut,
whrend Margarete ihr Mantel und Kapotte abnahm.
    Ja, aber ein schlecht behandelter, Tante Sophie! sagte er. Die Wirtin hat
sich schlielich in die Ofenecke zurckgezogen und mich meinen Thee allein
trinken lassen.
    Tante Sophie zwinkerte lustig mit den Augen. Da hat's wohl ein Examen
gegeben, wie vor alten Zeiten? - Das kann die Gretel freilich nicht vertragen.
Und wenn Sie vielleicht ein bichen ins Mecklenburgsche hineinspaziert sind, um
hinzuhorchen -
    Keineswegs, antwortete er pltzlich ernst, mit sichtlichem Befremden. Ich
habe gemeint, das sei abgethan? setzte er fragend hinzu.
    Bewahre! Noch lange nicht, wie die Gretel alle Tage erfhrt! entgegnete
die Tante stirnrunzelnd im Hinblick auf die Qulereien der Frau Amtsrtin.
    Der Landrat suchte prfend Margaretens Augen, aber sie sah weg. Sie htete
sich, auch nur mit einem Worte auf dieses widerwrtige Thema einzugehen, das die
Tante unvorsichtigerweise berhrt hatte... Aber er sollte es nur wagen, mit der
Gromama gemeinschaftlich vorzugehen und in sie zu dringen, ihren Entschlu doch
noch zu ndern - er sollte es nur wagen!
    Sie trat, beharrlich schweigend, hinter die Theemaschine, um Tante Sophiens
Tasse zu fllen; Herbert aber kehrte nicht wieder an den Tisch zurck. Er
bergab der Tante den mitgebrachten Thee und wechselte in verbindlicher Weise
noch einige Worte mit ihr; dann nahm er den Pelz auf den Arm und hielt Margarete
seine Rechte hin. Sie legte ihre Fingerspitzen flchtig hinein.
    Kein Gutenacht? fragte er. So bitterbse, weil ich dich bei Tante Sophie
verklagt habe?
    Das war dein Recht, Onkel - ich war nicht hflich. Bse bin ich nicht; aber
gerstet!
    Gegen Windmhlen, Margarete? - Er sah ihr lchelnd in die zornig
aufblickenden Augen; dann ging er.
    Sonderbar, wie sich der Mann gendert hat! sagte Tante Sophie und sah ber
ihre Tasse hinweg heimlich lchelnd in das blasse Mdchengesicht, das, den
Fenstern zugewendet, mit verfinstertem Blick in das Schneegestber
hinausstarrte. Er ist immer gut und voll Hflichkeit gegen mich gewesen, das
kann ich nicht anders sagen; aber er war und blieb mir doch ein Fremder, von
wegen seiner vornehmen, khlen Art und Weise... Jetzt ist mir aber oft ganz
kurios zu Mute, ganz so, als htte ich ihn auch, wie euch, unter meiner Zucht
gehabt. Er ist so herzlich, so zutraulich - und da er heute abend den Thee hier
unten genommen hat -
    Das will ich dir erklren, Tante! unterbrach sie das junge Mdchen kalt.
Es gibt Stunden, in denen man die ganze Welt umarmen mchte, und in einer
solchen Stimmung ist er aus der Residenz, vom Frstenhofe zurckgekommen. Er
hat, wie er selbst sich ausdrckte, hocherfreuliche Nachrichten mitgebracht. Wir
drfen demnach in der Krze die endliche Proklamation seiner Verlobung
erwarten.
    Kann sein! meinte Tante Sophie und leerte den Rest ihrer Tasse.

                                       20


Margarete stand am andern Morgen im offenen Fenster der Hofstube. Sie fegte das
dicke Schneepolster vom Steinsims drauen und streute Brotkrumen und Krner fr
die hungernden Vgel. Droben ber dem weiten Viereck des Hofes stand ein
klarblauer, frostflimmernder Himmel; nicht das kleinste Flckchen hatte er
zurckbehalten, und wenn es noch da und dort silbern herniederstubte, so kam es
von einem der mde gewordenen Lindenzweige, die einen Teil der schweren
Schneelast zu Boden sinken lieen... Es war sehr kalt. Keine Taube wagte sich
heraus auf die Flugstange, und die Vgel, fr welche der Futterplatz
zurechtgemacht wurde, hungerten auch lieber in ihren Verstecken - nicht das
leiseste Fluggerusch unterbrach die tiefe Morgenstille des Hofes.
    Margarete wollte eben frostdurchschauert das Fenster schlieen, als die
Thre des Stallraumes im Weberhause geffnet wurde, und der Landrat auf seinem
schnen Braunen ber die Schwelle ritt. Er grte herber und kam direkt unter
das Fenster.
    Du reitest nach Dambach zum Gropapa? fragte sie wie mit zurckgehaltenem
Atem.
    Zunchst nach dem Prinzenhofe, antwortete er, und zog glttend an seinem
neuen, eleganten Handschuh. Vielleicht gelingt es mir besser als dir, in den
Zgen der jungen Dame zu lesen, was ich wissen will - was meinst du dazu,
Margarete?
    Ich meine, da du das bereits weit und durchaus nicht ntig hast, ein
Orakel zu befragen, sagte sie schroff. Ob dir aber die Dame so in aller Frhe
Rede stehen wird, das ist eine andere Frage. Sie sieht zu wohlgepflegt aus, als
da man an ein Frhaufstehen glauben mchte.
    Da bist du wieder sehr im Irrtum. Ich wette, sie ist in diesem Augenblick
bereits bei ihrer Lady Milford im Stalle und sieht nach dem Rechten. Das Reiten
ist ihre Passion - du hast sie noch nicht zu Pferde gesehen?
    Sie schttelte den Kopf und warf ihn zurck.
    Nun, sie reitet sperb und wird viel bewundert. Sie sieht in der That aus
wie eine Walkre, wenn sie auf ihrem stattlichen Pferd daherkommt. Diese Lady
Milford ist brigens kein englisches Vollblut, ist vielmehr eine ehrliche
Mecklenburgerin, schn gebaut und fromm - du kennst vielleicht die Rasse -
    Jawohl, Onkel. Herr von Billingen hat zwei prchtige Mecklenburger
Wagenpferde. Mit diesem Namen warf sie selbst trotzig den Fehdehandschuh hin.
Mochte er nun auf dem Terrain vorgehen, wie die Gromama; das war ihr doch
lieber, als die unerschpflichen Lobpreisungen einer Verhaten anhren zu
mssen. Gerstet war sie ja, sie fhlte eine wahre Kampfbegierde in sich
aufglhen.
    Er bog sich vor und klopfte seinem Braunen, der unruhig wurde, den Hals. Zu
diesen prchtigen Pferden gehrt selbstverstndlich ein eleganter Wagen? fragte
er gelassen.
    Gewi - ein sehr schner, selbst in Berlin bewunderter Wagen. Es sitzt sich
ganz hbsch im Fond, auf den silbergrauen Atlaspolstern. Herr von Billingen hat
Tante Elise und mich fter ausgefahren -
    Ein vornehmer, stattlicher Kutscher -
    O ja, stattlich wohl, wie ich dir schon einmal gesagt habe! Gro und breit,
und wei und rot wie eine Apfelblte! Ganz der norddeutsche Typus, wie zum
Beispiel die junge Dame im Prinzenhofe.
    Er warf einen schnellen Blick auf ihren trotzig geschwellten Mund, ihre
dunkel gerteten Wangen und lchelte. Geh, schliee das Fenster, Margarete! Du
wirst dich erklten, sagte er. Solche Dinge erzhlt man sich am besten am
gemtlichen Theetisch. Er neigte sich grend und ritt fort, und sie schlo
hastig das Fenster.
    Auf den nchsten Stuhl niedersinkend, vergrub sie das Gesicht in den
verschrnkten Armen, die sie auf den Fenstersims legte. Sie htte weinen mgen
vor Erbitterung und Aerger ber sich selbst - sie zog seiner lchelnden Ruhe
gegenber stets den krzern - - - - - -
    Gegen Mittag kehrte Herbert wieder zurck und bald darauf kam die Gromama
herunter, um mit groer Feierlichkeit anzuzeigen, da die Herrschaften im
Prinzenhofe sie und die Enkelin heute nachmittag bei sich zu sehen wnschten.
    Nun flog der Schlitten in der dritten Nachmittagsstunde wieder ber die
weite Schneeflche drauen. Diesmal sa die Gromama neben dem jungen Mdchen,
erwartungsvoll und hoch aufgereckt; sie strotzte von Samt und Seide.
    Herbert fuhr selbst. Er sa hinter den Damen, und wenn er sich vorbog, da
konnte Margarete seinen Atem an ihrer Wange spren. Heute brauchte sie seinen
Pelz nicht; sie hatte sich schleunigst einen warmen Pelzumhang gekauft, und es
war ihr vorgekommen, als habe er diese neue Acquisition beim Einsteigen mit
sarkastischem Blick gemustert.
    Das Rokokoschlchen rckte wie im Fluge immer nher. Mit seinen mchtigen,
sonnenglitzernden Spiegelscheiben lag es in der weiten Schneelandschaft wie ein
Schmuckstck auf weiem Sammetpolster... Drben in Dambach qualmten die
Fabrikschlte, und diese Zeugen der Arbeit stiegen als riesige schwarze Sulen
in den Himmel hinein und verschleierten auf weite Strecken hin sieghaft seine
klare Blue; aber die durchsichtige Luftschicht ber dem Prinzenhofe berhrten
sie nicht. Die Frau Amtsrtin bemerkte das mit hrbarer Befriedigung dem Sohn
gegenber.
    Wir haben augenblicklich Westluft, sagte er. Der Nordwind verfhrt nicht
so glimpflich; er trgt oft die Rauchspuren bis in die Fenster hinein, wie die
Damen klagen.
    Aber mein Gott, lieen sich denn da nicht Vorkehrungen treffen? rief die
alte Dame ganz emprt.
    Ich wte keine anderen, als da man bei solcher Windrichtung einfach das
Feuer ausbliese -
    Und dann ginge ein Teil der Arbeiter spazieren und htte nichts zu essen,
warf Margarete bitter ein.
    Die Gromama fuhr herum und sah ihr ins Gesicht. Ist das ein Ton! ... Du
bist ja hbsch vorbereitet auf deine Vorstellung in einem hochadligen Hause! Ich
mu dich sehr bitten, dich und uns nicht etwa zu blamieren mit liberalen
Gemeinpltzen, wie ich sie leider an dir kenne! Der Liberalismus ist nicht mehr
Mode - Gott sei Dank! - In den Kreisen, in denen ich zu leben das Glck habe,
hat er nie Boden gefunden, und wenn hier und da einer der Unseren mit dem
frheren Humanitts- und Freiheitsschwindel kokettiert hat, so ist er jetzt
desto grndlicher kuriert und - will es nicht gewesen sein.
    Herbert lie in diesem Augenblick die Peitsche auf dem Rcken der Pferde
spielen und mit doppelter Schnelligkeit sauste der Schlitten ber die glatte
Bahn, um nach kaum einer Minute vor der Hauptthre des Prinzenhofes zu halten. -
-
    Ach ja, wir wohnen schauerlich einsam hier! besttigte die Dame des Hauses
eine dahin zielende Bemerkung der Frau Amtsrtin, und sah mit einem tiefen
Seufzer in die totenstille Schneelandschaft hinaus. Die Vorstellung war vorber,
und man hatte sich im Salon niedergelassen.
    In den Kaminen der ineinandergehenden Zimmer knisterten und knackten die
brennenden Holzscheite; man sa behaglich und warm inmitten alter Pracht und
Herrlichkeit. Das Inventar des Prinzenhofes war seit alters her dasselbe
verblieben, gleichviel, ob ein apanagierter Prinz oder eine frstliche Witwe die
jeweiligen Bewohner gewesen waren. Herrliche Mbel aus den Zeiten Ludwig des
Vierzehnten fllten die Zimmer, und das eingelegte Schmuckwerk ihrer Holzflchen
in Silber, Bronze und Schildpatt schimmerte und blitzte heute noch wie vor
lnger als hundert Jahren. Nur die Polsterbezge und die Gardinen schien man fr
die jetzigen Bewohnerinnen erneuert zu haben; sie waren frisch und
geschmackvoll, aber sehr einfach.
    Ich habe seit meinem sechzehnten Jahre in der groen Welt gelebt, fuhr die
dicke Dame fort, und qualifiziere mich absolut nicht zum Eremitendasein. Ich
wrde thatschlich hier verkmmern, wte ich nicht, da nunmehr eine Erlsung
kommen mu. Sie warf dem Landrat einen lchelnden, verstndnisinnigen Blick zu,
und er neigte zustimmend den Kopf. Die kleine Frau Amtsrtin aber wuchs frmlich
unter jenem Blicke. Sie sah entzckt zur Seite, wo die schne Heloise sa.
    Die junge Dame lehnte in ihrem Armstuhl, reich gekleidet und stolz
nachlssig wie eine Frstin. Sie hatte ein paar freundliche Worte zu Margarete
gesprochen und verhielt sich seitdem schweigsam. Aber es sprach in der That
heute mehr Seele aus ihren Zgen, und das erhhte ihre Schnheit wahrhaft
berraschend. Ziemlich entfernt, aber in gerader Linie hinter ihr an der
Schmalseite des Salons hing das Oelbild einer Dame, ein Kniestck. Sie war in
schwarzem Samtkleide; herrliches blondes Haar quoll unter einem Htchen mit
langer weier Feder hervor, und ihre linke Hand ruhte auf dem Kopfe eines neben
ihr stehenden Windspieles.
    Die Aehnlichkeit zwischen ihr und der schnen Heloise war eine frappante,
und das sprach die Frau Amtsrtin mit bewundernden Blicken aus.
    Ja, die Aehnlichkeit ist gro und leicht begreiflich - es ist das Bild
meiner Schwester Adele, sagte die Baronin Taubeneck. Sie war an den Grafen
Sorma verheiratet und starb zu meinem groen Schmerz vor zwei Jahren. Und denken
Sie sich, mein Schwager, der sechzigjhrige Mann, spielt uns jetzt den Streich
und heiratet die Tochter seines Gutsverwalters! Ich bin auer mir!
    Das begreife ich, sprach die Frau Amtsrtin ganz emprt. Es ist hart,
solche Elemente in der Familie dulden zu mssen, wirklich deprimierend. Aber
meines Erachtens sind die modernen Heiraten von der Bhne weg, wie sie die hohen
Herren jetzt belieben, doch noch viel schrecklicher. Wenn ich mir denke, da
eine Theaterprinzessin, vielleicht gar eine Ballerina, die noch wenige Tage
zuvor in schamlos kurzen Rckchen von der Herrenwelt beklascht worden ist,
pltzlich als Herrin in solch ein altes Grafenhaus einzieht, da schaudert mir
die Haut, da emprt sich jeder Blutstropfen in mir!
    Der Landrat rusperte sich, und die Dame des Hauses ergriff ein Flacon und
atmete den Duft so eifrig ein, als sei ihr bel geworden.
    In diesem Augenblicke trat ein Bedienter ein und berreichte Frulein von
Taubeneck auf silbernem Teller einen Brief. Sie ergriff das Schreiben mit ganz
ungewohnter Hast und zog sich in das Nebenzimmer zurck, und nach wenigen
Augenblicken berief sie den Landrat zu sich.
    Margarete sa dem Eckkamin des Salons gerade gegenber. Der mchtige, etwas
nach vorn geneigte Spiegel ber demselben warf einen Teil des Salons mit all
seinen blinkenden Gertschaften zurck, aber er fing auch eine Fensterecke des
Nebenzimmers auf, einen lauschigen Winkel voll Blumen hinter Tllgardinen.
    In dieser Fensterecke stand Heloise und reichte dem eintretenden Landrat den
geffneten Brief hin. Er berflog den Inhalt und trat noch nher an die junge
Dame heran. Sie sprachen leise und eingehend miteinander, und mitten im Gesprch
bog sich die schne Heloise pltzlich seitwrts, brach eine vollaufgeblhte rote
Kamelie vom Stock und befestigte sie eigenhndig mit einem vielsagenden Lcheln
in Herberts Knopfloch.
    Mein Gott, wie bla Sie sind, Frulein! rief die Baronin in diesem Moment
und griff nach Margaretens Hand. Sind Sie unwohl?
    Das junge Mdchen schttelte heftig, in sich zusammenfahrend, den Kopf, und
alles Blut scho ihr in die Wangen. Sie sei gesund wie immer, versicherte sie,
und das Blawerden sei wohl eine Nachwirkung der kalten Fahrt.
    Und jetzt kam auch Frulein von Taubeneck in Herberts Begleitung wieder
herber.
    Die Baronin hob mit einem Lcheln den Zeigefinger drohend gegen den Landrat.
Was, mein schnstes Kamelienbumchen haben Sie geplndert? Wissen Sie nicht,
da ich's eigenhndig pflege, da jede Blte gezhlt ist?
    Heloise lachte. Die Schuldige bin ich, Mama! Ich habe ihn dekoriert! ...
Und habe ich nicht alle Ursache dazu?
    Die Mama nickte lebhaft zustimmend mit dem Kopfe und nahm eine Tasse Kaffee
von dem Prsentierbrett, das ein Bedienter eben herumreichte. Und nun blieben
die Kamelien das Gesprchsthema. Die Baronin war eine eifrige Blumenzchterin,
und der Herzog hatte ihr deshalb einen kleinen Wintergarten einrichten lassen.
    Den mssen Sie sich nachher ansehen, Frulein, sagte sie zu Margarete.
Die Gromama kennt ihn bereits, sie bleibt bei mir und wir plaudern derweil ein
wenig, whrend der Landrat Sie hinberfhrt.
    Herbert kam dieser Aufforderung ziemlich eilig nach. Er lie Margarete kaum
Zeit, eine Tasse Kaffee zu trinken, weil er meinte, es wrde sehr bald dmmerig
werden. Das junge Mdchen erhob sich, und whrend Heloise ihre seidenrauschende
Gestalt auf den Sessel vor dem geffneten Flgel sinken lie und ziemlich
ungeschickt zu prludieren begann, verlieen die beiden den Salon.
    Sie durchschritten eine ziemlich lange Zimmerflucht, und von allen Wnden
sahen Angehrige des Herrscherhauses auf sie herab, im gestickten Hofkleide,
oder mit harnischgeschtzter Brust - ein hellugiges Geschlecht mit weier Haut
und blhenden Wangen und einem intensiven Rotgold auf den mchtigen
Schnauzbrten oder dem zierlichen Henriquatre.
    In deiner langen Wollschleppe schwebst du geruschlos wie die Ahnenfrau der
Rotbrte da oben durch das alte interessante Prinzenschlchen, sagte Herbert
zu seiner schweigenden Begleiterin.
    Die wrden mich nicht anerkennen, versetzte sie mit einem ber die Bilder
streifenden Blick; ich bin zu dunkel.
    Allerdings, ein deutsches Gretchen bist du nicht! meinte er lchelnd. Du
knntest leicht das Modell zu Gustav Richters italienischem Knaben gewesen
sein.
    Wir haben ja auch welsches Blut in den Adern - zwei Lamprechts haben sich
ihre Frauen aus Rom und Neapel mitgebracht. Weit du das nicht, Onkel?
    Nein, liebe Nichte, das wei ich nicht; ich bin in eurer Hauschronik nicht
so bewandert. Aber so wie ich gewisse Charakterzge an der Nachkommenschaft
beurteile, mssen diese Frauen zum mindesten Dogentchter oder sonstige
Prinzessinnen aus italienischen Palsten gewesen sein.
    Schade, da ich dir diese Illusion zerstren mu, Onkel! Sie pat so hbsch
zu deinen und Gromamas Wnschen, und gerade unter diesen stolzen Augen allen -
sie zeigte nach den Bildern - wird dir die Berichtigung nicht angenehm sein;
aber daran lt sich nichts ndern, da die eine der Frauen ein Fischerkind, und
die andere eine Steinmetztochter gewesen ist.
    Sieh da, wie interessant! Da haben ja die alten, gestrengen Handelsherren
doch auch ihre romantischen Anwandlungen gehabt! ... Aber im Grunde genommen,
was geht denn mich die Vergangenheit des Lamprechtschen Hauses an?
    Eine Art schmerzhaften Erschreckens ging durch die Zge des jungen Mdchens.
Nichts, gar nichts hast du damit zu schaffen! antwortete sie hastig. Es steht
dir ja frei, die Verwandtschaft zu ignorieren. Mir kann das nur lieb sein; dann
habe ich von deiner Seite keine Einmischung und Qulerei zu befrchten, wie ich
sie tglich von der Gromama erleiden mu.
    Sie qult dich?
    Sie schwieg einen Moment. Anklagen hinter dem Rcken anderer war nie ihre
Sache gewesen, und hier sprach sie zum Sohn ber seine Mutter. Aber die bsen
Worte waren ihr nun einmal entschlpft und nicht rckgngig zu machen.
    Nun, ich war ja auch ungehorsam und habe einen ihrer Lieblingswnsche nicht
erfllt, sagte sie, whrend Heloise drben aus ihrem Prludium in ein
rauschendes modernes Musikstck berging. Diese bittere Enttuschung nagt an
ihr - das thut mir leid, und ich entschuldige ihre Mistimmung gegen mich,
soviel ich kann. Aber das ist mir unfalich, wie sie trotz alledem noch hoffen
mag, mich umzustimmen, meine Entscheidung null und nichtig zu machen. Ich kann
das leidenschaftliche Verlangen, jenem exklusiven Kreise verwandtschaftlich nahe
zu kommen, berhaupt nicht verstehen; und ist es nicht auch dir verwunderlich,
da die Gromama so selbstverstndlich auf das Anathema eingehen mochte, das die
Baronin gegen den Eindringling, die Zuknftige ihres Schwagers, schleuderte? Was
bin ich denn anderes als diese Gutsverwalterstochter?
    Er lchelte und zuckte die Achseln. Herr von Billingen ist ein Graf, und
die Lamprechts genieen das Ansehen eines alten Patrizierhauses, so mag meine
Mutter denken, und deshalb ist mir ihr Verhalten nicht so verwunderlich. Weniger
verstndlich bist du mir... Woher die leidenschaftliche Erregung gegen jene
Geburtsbevorrechteten, die oft in so erbitterter Weise zu Tage tritt?
    Sie hatten bei diesen letzten Worten den Wintergarten betreten; aber weder
die Farbenpracht der blhenden Pflanzen, noch der ihr entgegenstrmende
Blumenduft schienen fr Margarete vorhanden. Sichtlich erregt blieb sie dem
Eingang nahe stehen.
    Du beurteilst mich ganz falsch, Onkel, sagte sie. Nicht jene Exklusiven
sind es, mit denen ich zrne - dazu kenne ich sie zu wenig. Ich wei nur, da
sich von alters her groe Vorrechte und Privilegien an ihre Namen knpfen, und
da vor ihrer Hochburg ein Engel mit feurigem Schwerte steht. Wie sollte mich
das feindselig stimmen? Die Welt ist weit, und man kann seinen Weg gehen, ohne
da Anmaung und Geburtsdnkel verletzend an einen herantreten drfen. Also
darin trifft mich der Vorwurf der Verbitterung nicht; wohl aber grolle ich mit
jenen, die meinesgleichen sind, und von denen Unzhlige so glcklich sind wie
ich, auf eine groe Summe brgerlicher Tugenden in ihrer Familie zurckblicken
zu knnen. Sie sind so gut Geborene wie jene, sie haben auch Ahnen, von denen
verschiedene in tapferer Verteidigung ihres Eigentums so manchen hochgeborenen
Strauchritter in den Sand gestreckt haben.
    Er lachte. Und trotzdem weist eure gemalte Ahnensammlung keinen Mann in
Wehr und Waffen auf?
    Wozu auch? fragte sie bitterernst zurck. Im Leben und Streben ist jeder
ein ganzer Mann gewesen, wie der blhende Wohlstand seines Hauses, sein Ansehen
bei den Zeitgenossen bewiesen - braucht es da noch uerer Abzeichen? - Wre es
immer so geblieben, das Brgertum htte auch seine respektierte Hochburg. Aber
die Nachkommen ziehen es vor, zu katzbuckeln, ja sogar in serviler Weise Steine
hinzuzutragen, welche jene anderen zum Wiederaufbau alter, gestrzter Schranken
und Postamente brauchen... Das Genie, der Reichtum, die groen Talente, sobald
sie dem brgerlichen Boden in aufsehenerregender Weise entsteigen, werden wie
von einem Magnet in jene Sphre gezogen und gehen drin auf, Macht und Ansehen
derselben immer aufs neue strkend, whrend die Erhobenen dem geachteten Namen
ihrer Vorfahren undankbar ins Gesicht schlagen, um in dem neuen Stand mit
Widerwillen und Geringschtzung von den Erbeingesessenen geduldet zu werden.
    Er war sehr ernst geworden. Seltsames Mdchen! Wie tief geht dir die
Erbitterung ber Dinge, die fr andere junge Mdchen deines Alters kaum
existieren! sagte er kopfschttelnd. Und wie hart klingt die Verurteilung in
deinem Munde! Noch vor kurzem wutest du wenigstens diese herbe, strenge
Auffassung unter lchelnder Satire und Grazie zu verstecken.
    Ich habe seit dem Tode meines Vaters Lachen und Scherz verlernt, fiel sie
mit zuckenden Lippen ein, und Thrnen verdunkelten ihren Blick. Wei ich doch,
da gerade ihn Vorurteil und falscher Wahn verblendet und sein Leben unheilvoll
verdstert haben, wenn ich auch den eigentlichen Grund seiner Seelenqual nicht
kenne. Doch genug davon! Ich bitte dich nur um eins, Onkel! Nun du weit, wie
ernst ich's meine, wirst du auch nicht anstehen, die Gromama zu bestimmen, da
sie mich nicht lnger bestrmt - sie erreicht doch nichts!
    Wenn du den Mann liebtest, dann wrden deine strengen Prinzipien
unterliegen, er bliebe der Sieger!
    Nein! Und tausendmal nein!
    Margarete! - Er trat pltzlich auf sie zu und ergriff ihre beiden Hnde.
Ich sage wenn du ihn liebtest. Kannst du dir wirklich nicht denken, da man, um
das Glck eines anderen Menschenlebens zu werden, seine Antipathien, seine
liebsten Neigungen, ja, ganz und gar sich selbst berwindet und hingibt?
    Sie prete die Lippen aufeinander und schttelte heftig den Kopf.
    Du willst sagen, da du kein Verstndnis fr das Wesen der Liebe hast? Er
drckte ihre Hnde fester, die sie ihm zu entziehen strebte.
    Ihre Augen hafteten am Boden, sie sah nicht auf. Mu das sein? murmelte
sie mit tieferblaten Lippen. Ist ein solches Verstndnis ntig fr jedes
Menschenkind, und kann man nicht auch durchs Leben gehen, ohne jener dmonischen
Macht Raum zu geben? Sie richtete sich pltzlich auf und entzog ihm mit einem
gewaltsamen Ruck ihre Hnde. Ich will nichts mit ihr zu schaffen haben, rief
sie und in ihren Augen brannte ein wildes Feuer. Seelenfrieden will ich und
nicht jenen mrderischen Kampf - Einen Moment hielt sie wie erschrocken inne,
als ertappe sie sich selbst auf einer Unvorsichtigkeit. - Ich wrde brigens
nicht unterliegen, setzte sie beherrschter hinzu. Mein bester Helfer wre der
Kopf - ich hoffe, er ist hell und stark genug dazu.
    Glaubst du? Nun, so versuche es und leide, bis - Er brach ab, und sie sah
scheu zu ihm auf - so tief erregt hatte sie seine Zge noch nicht gesehen. Aber
er hatte eine wunderbare Gewalt ber sich selbst. Nachdem er den Wintergarten
einmal durchschritten, trat er wieder auf sie zu.
    Wir mssen wieder in den Salon zurckkehren, sagte er ganz ruhig. Du
wrdest in Verlegenheit kommen, wenn man dich drben um dein Urteil befragte,
denn du hast nichts gesehen. Drum betrachte dir hier das prchtige
Palmenexemplar, dort die kanarische Dracaena. Und sieh, hier ber das Tulpen-
und Hyazinthenbeet hngt der spanische Flieder seine Trauben; sie sind am
Aufbrechen - ein wahres Frhlingsbild! Hast du dich nun ein wenig orientiert?
    Ja, Onkel!
    Ja, Onkel, wiederholte er spttisch. Der Titel kommt dir ja heute wieder
einmal recht flott von den Lippen; du siehst hier wohl ganz besonders die
altehrwrdige Respektfigur in mir?
    Hier nicht anders als daheim auch.
    Also immer! Der Onkeltitel geht und steht mit mir, wie mit jenem der Zopf,
der ihm hinten hing. Nun, ich will ihn ertragen, bis du dich vielleicht einmal
auf meinen Namen besinnst.
    Bald nachher saen die drei wieder im Schlitten; aber sie fuhren nicht nach
der Stadt zurck. Der Landrat lenkte in den Feldweg ein, der das Ackerland
seitwrts durchschnitt und direkt nach Dambach fhrte. Sein Vater habe heute
morgen ber Rheumatismus in der Schulter geklagt, und da wolle er doch sehen,
wie es um den Patienten stnde, sagte Herbert und trieb die Pferde an.
    Die Frau Amtsrtin kauerte migelaunt in ihrer Ecke. Der Abstecher war
durchaus nicht nach ihrem Geschmack, aber sie wagte nicht, offen zu
protestieren. Statt dessen sprach sie sich mibilligend und sehr scharf ber
Margaretens Schweigsamkeit aus - sie habe zwischen den Damen gesessen wie eine
Landpomeranze, der man jedes Wort abkaufen msse, und die nicht drei zhlen
knne.
    Das Schweigen hat auch sein Gutes, Persnlichkeiten gegenber, deren
Antezedenzien man nicht ganz genau kennt, liebe Mama, raunte der Landrat dicht
an ihrem Ohr. Mir wre es heute auch lieber gewesen, du httest dich nicht so
rckhaltslos ber die Ballerinen ausgesprochen - die Baronin Taubeneck ist auch
eine gewesen!
    Groer Gott! Die Frau Amtsrtin sank mit diesem Ausruf wie vernichtet in
sich zusammen. Nein, nein, das ist ein Irrtum, Herbert, eine bodenlose
Verleumdung bser Zungen! raffte sie sich nach kurzem Besinnen wieder auf. Die
ganze Welt wei, da die Gemahlin des Prinzen Ludwig von altem Adel gewesen ist
-
    Gewi. Aber die Familie war seit langem total verarmt. Die letzten Trger
des alten Namens waren Subalternbeamte, und die zwei schnen Schwestern, die
Baronin Taubeneck sowohl, als auch die verstorbene Grfin Sorma haben unter
angenommenem Namen als Tnzerinnen ihr Brot verdient!
    Und das sagst du mir heute erst?
    Ich wei es selbst erst seit kurzem.
    Die Frau Amtsrtin sprach kein Wort mehr. Wenige Minuten spter hielt der
Schlitten im Dambacher Fabrikhofe. Das Abenddunkel war lngst hereingebrochen,
und aus den langen Fensterreihen der Arbeitssle fiel heller Lichtschein auf die
breite Schneeflche des Hofes.
    Die alte Dame zog tief aufseufzend, unter hrbarem Frostschtteln den Pelz
ber der Brust zusammen und trippelte am Arm ihres Sohnes ber den
schneebedeckten Kiesweg des Gartens. Bei der Biegung der Weglinie um den
festgefrorenen Teich sahen sie den Amtsrat am offenen Fenster seines Zimmers
stehen. Die Lampe brannte auf dem Tische hinter ihm; er war im Schlafrock und
klopfte seine Pfeife am Fensterbrett aus.
    Nun sehe mir einer den Mann! schalt die Frau Amtsrtin gergert mit
unterdrckter Stimme. Er behauptet, rheumatisch zu sein und stellt sich bei der
entsetzlichen Klte ans offene Fenster!
    Ja, das sind so Reckengewohnheiten, Mama - die ndern wir nicht, lachte
der Landrat und fhrte sie nach der Thre des Pavillons.
    O je, was fr ein rarer Besuch! rief der alte Herr, sich vom offenen
Fenster zurckwendend, whrend seine Frau ber die Schwelle schritt.
Potztausend, Franziska, bist du's denn wirklich? Und so bei Nacht und Nebel,
bei Schnee und Eis? Das hat seinen Haken! Er schlo schleunigst das Fenster,
durch welches allerdings ein eisiger Zugwind fauchte. Soll ich Kaffee kochen
lassen?
    Die alte, kleine Dame schttelte sich frmlich. Kaffee? Um diese Zeit? Nimm
mir's nicht bel, Heinrich, aber du verbauerst entsetzlich in deinem Dambach! es
ist ja nahezu Theezeit! ... Wir kommen vom Prinzenhofe -
    Dacht' ich's doch! Da sitzt der Haken -
    Und wollten nicht in die Stadt zurckkehren, ohne uns zu erkundigen, wie es
dir geht.
    Danke fr gtige Nachfrage. Je nun, es reit und zwickt mich in der linken
Schulter, und der Rumor wird mir manchmal ein bichen zu bunt - das ist richtig.
Ich habe heute schon ein paarmal dazu gepfiffen, um wenigstens Takt in die
Geschichte zu bringen.
    Sollen wir dir nicht doch den Arzt herausschicken, Vater? fragte Herbert
besorgt.
    Nichts da, mein Sohn! In die alte Maschine da - er zeigte auf seine breite
Brust - ist zeitlebens kein Tropfen Quacksalbergift gekommen, da werde ich mir
doch nicht in meinen alten Tagen noch das Blut verderben! Die Faktorin ist mir
mit Senfspiritus frchterlich zu Leibe gegangen und hat mir ein Wergbndel
bergebunden; sie behauptet, das wrde helfen -
    Ja, besonders, wenn du bei der Klte ans offene Fenster trittst, wie
vorhin! sagte die Frau Amtsrtin anzglich und fuhr mit dem Muff zerteilend
durch den Tabaksdampf, der sich nun bei geschlossenem Fenster sehr bemerklich
machte. Ich wei schon, mit dem Arzt darf man dir nicht kommen; aber du
solltest es wenigstens mit einem Hausmittel versuchen.
    Vielleicht einem Tchen Kamillenthee, Frnzchen?
    Nein, Lindenblte mit Zitronensaft wrde praktischer sein; das hilft mir
immer - du mut schwitzen, Heinrich!
    Brr! schttelte er sich. Dann lieber gleich ins Fegfeuer! Siehst du,
Maikferchen, - er schlang seinen Arm um Margaretens Schultern, die lngst Hut
und Mantel abgeworfen hatte und an seiner Seite stand - so soll dein alter
Grovater maltrtiert werden! In den Spittel mit ihm, wenn er wirklich
Lindenblte trinkt - meinst du nicht!
    Sie lchelte und schmiegte sich an ihn. In solchen Dingen bin ich
unerfahren wie ein Kind, Gropapa, da darfst du nicht an mein Urteil
appellieren. Aber erlauben mut du mir schon, da ich bei dir bleibe. Du darfst
nachts mit deinen Schmerzen nicht allein sein. Ich stopfe dir immer frische
Pfeifen, lese vor und erzhle, bis dir der Schlaf kommt.
    Das wolltest du, kleine Maus? rief er erfreut. Ach ja, mir wr's schon
recht! Aber morgen ist ja Testamentserffnung, da darfst du nicht fehlen.
    Ich werde den Onkel bitten, mir den Schlitten herauszuschicken -
    Und der frsorgliche Onkel wird pnktlich Sorge tragen, sagte der Landrat
mit einer ironisch tiefen Verbeugung.
    Abgemacht! rief der Amtsrat. Aber, Franziska, du retirierst ja in halbem
Sturmschritt nach der Thre! - Na ja, du wirst fr die da drben - er hob die
Hand in der Richtung des Prinzenhofes - deinen besten Staat angezogen haben,
und der wird hier eingeruchert. Ich hab's freilich ein bichen schlimm gemacht
mit dem Qualmen und Dampfen.
    Und mit was fr einer Sorte! warf sie malitis und nasermpfend ein und
schttelte an ihrer Seidenschleppe.
    Nun, nun, ich bitte mir's aus! Es ist ein feines Kraut, ein krftiges
Kraut! Davon verstehst du aber so wenig, wie ich von deinem Pekkothee,
Frnzchen... Aber geniere dich nur nicht! Es prickelt dir in deinen kleinen
Pedalen, so schnell wie mglich in die frische Luft zu kommen. Du hast mehr als
deine Schuldigkeit gethan, hast dich in meine verrucherte Spelunke gewagt - wer
mir das vor einer halben Stunde gesagt htte! ... Drum gib deiner kleinen Mama
den Arm, Herbert, und bringe sie schleunigst und fein suberlich in den
Schlitten zurck.
    Er ffnete galant die Thre, und die alte Dame schlpfte an ihm vorber,
beide Hnde im Muff vergraben, und war gleich darauf im Dunkel jenseits der
Hausthre verschwunden.
    In diesem Augenblick bckte sich Margarete und nahm die Kamelie vom Boden
auf, die Herbert beim Lften seines Pelzes unbewut abgestreift hatte. Stumm
reichte sie ihm die Blume hin.
    Ah, beinahe wre sie zertreten worden! sagte er bedauerlich und hielt die
Kamelie prfend in den Lampenschein. Das htte mir sehr leid gethan! Sie ist so
schn, so frisch und strahlend wie die Geberin selbst - findest du das nicht
auch, Margarete?
    Sie wandte sich schweigend weg, nach dem Fenster, an welches die Gromama
drauen ungeduldig klopfte, und er schob die rote Blume, wie einst die weie
Rose, in seine Brusttasche und schttelte seinem Vater zum Abschied die Hand -
dann ging auch er.

                                       21


Die Testamentserffnung war vorber und hatte so manchem der pltzlich
entlassenen miliebigen Fabrikarbeiter die bitterste Enttuschung gebracht. Das
Schriftstck war alten Datums gewesen. Wenige Jahre nach seiner Verheiratung war
der Kommerzienrat mit dem Pferde gestrzt, die Aerzte hatten ihm und den Seinen
nicht verhehlen knnen, da Lebensgefahr vorhanden sei, und da hatte er eine
letztwillige Verfgung getroffen. Dieses Dokument war sehr kurz und knapp
abgefat gewesen, wie sich bei der heutigen Erffnung herausgestellt. Die
verstorbene Frau Fanny war zur Universalerbin ernannt; auch war verfgt, da das
Geschft verkauft werden solle, weil damals noch kein mnnlicher Erbe existiert
hatte - Reinhold war erst ein Jahr spter geboren. Dieser letzte Wille war
mithin nicht mehr rechtskrftig, und die beiden einzigen Erben, Margarete und
Reinhold, traten in ihre unverkrzten, natrlichen Rechte.
    Margarete war sofort nach dem Schlu des Erffnungsaktes nach Dambach
zurckgekehrt, weil der Gropapa sie noch brauche. Reinhold dagegen hatte sich
auf seinen Schreibstuhl gesetzt, hatte die kalten Hnde aneinander gerieben und
dabei streng und finster wie immer die arbeitenden Kontoristen gemustert. Seine
Miene war unverndert - was auch htte das Testament bringen knnen, das ihm die
bereits usurpierten Rechte auch nur um ein Titelchen zu krzen vermochte? ...
Und die Leute schielten ngstlich mit gelindem Grauen nach dem unerbittlichen
gespensterhaften Menschen, der den Platz des ehemaligen Chefs nunmehr
vollberechtigt einnahm, und welchem sie auf Gnade und Ungnade fr immer
berantwortet waren.
    Es war in der vierten Nachmittagsstunde desselben Tages. Der Landrat war
eben heimgekommen, und die Frau Amtsrtin stand im Vorsaal, mit einer
Verkuferin um eine Henne feilschend. Da kam der Maler Lenz herein.
Schwarzgekleidet vom Kopf bis zu den Fen trat er in einer Art von ngstlicher
Hast auf die alte Dame zu; sein sonst so friedensvolles, freundliches Gesicht
war ungewhnlich ernst und trug die Spuren innerer Erregung.
    Er fragte nach dem Landrat, und die Dame wies ihn kurz nach dessen
Arbeitszimmer; aber sie musterte ihn doch prfenden Blickes, bis er nach einem
bescheidenen Anklopfen im Zimmer ihres Sohnes verschwunden war. Der Mann war
sichtlich verstrt, irgend eine schwere Last lag auf seiner Seele. Sie fertigte
die Handelsfrau schleunigst ab und ging in ihr Zimmer. Sie hrte den Mann drben
sprechen; er sprach laut und ununterbrochen, und es klang, als erzhle er einen
Vorgang... Der alte Maler war fr sie bis auf den heutigen Tag eine abstoende
Persnlichkeit verblieben; sie konnte es ihm nicht vergessen, da seine Tochter
Blanka ihr einst schlaflose Nchte verursacht hatte... Was mochte er wollen? -
Sollte der Landrat bei Reinhold ein gutes Wort einlegen, auf da der Entlassene
in Brot und Wohnung verbleiben drfe? Das durfte nun und nimmer geschehen! -
    Die Frau Amtsrtin war eine uerst feinfhlige, eine hochgebildete Dame,
das war mnniglich bekannt. Wer behauptet htte, ihr kleines Ohr unter dem
feinen Spitzenhubchen komme zuzeiten in nahe Berhrung mit der Zimmerthre
ihres Sohnes, der wre als bswilliger Verleumder gebrandmarkt worden. Nun stand
sie aber in der That da, auf den Zehen und weit hinbergereckt und horchte,
horchte, bis sie pltzlich wie von einem Schu getroffen zurckfuhr und wei bis
in die Lippen wurde.
    Im nchsten Augenblick hatte sie die Thre aufgerissen und stand im Zimmer
ihres Sohnes.
    Wollen Sie die Gewogenheit haben, Lenz, das, was Sie soeben behaupteten,
auch mir in das Gesicht hinein zu wiederholen? herrschte sie gebieterisch, aber
sichtlich an allen Gliedern bebend, dem alten Manne zu - alle Sanftheit war wie
weggeblasen von dieser schrillen Stimme.
    Gewi will ich das, Frau Amtsrtin! antwortete Lenz sich verbeugend mit
bescheidener Festigkeit, Wort fr Wort sollen Sie meine Erklrung noch einmal
hren. Der verstorbene Herr Kommerzienrat Lamprecht war mein Schwiegersohn -
meine Tochter Blanka ist seine rechtlich angetraute Ehefrau gewesen -
    Die alte Dame brach in ein hysterisches Gelchter aus. Lieber Mann, bis zum
Fasching haben wir noch weit - sparen Sie Ihre unfeinen Spe bis dahin auf!
rief sie mit zermalmendem Hohn und wandte ihm verchtlich den Rcken.
    Mama, ich mu dich dringend bitten, in dein Zimmer zurckzukehren! sprach
der Landrat und reichte ihr den Arm, um sie hinwegzufhren - auch er war bleich
wie ein Toter, und in seinen Zgen malte sich eine tiefe, innere Bewegung.
    Sie wies ihn unwillig zurck. Wre es eine Amtsangelegenheit, um die es
sich handelt, dann httest du recht, mich aus deinem Geschftszimmer zu weisen;
hier aber ist's ein schlau eingefdeltes Bubenstck, das unsere Familie
beschimpfen will -
    Beschimpfen? wiederholte der alte Maler mit einer Stimme, die vor
Entrstung bebte. Wre meine Blanka das Kind eines Flschers, eines Spitzbuben
gewesen, dann mte ich die schwere Beleidigung schweigend hinnehmen; so aber
verwahre ich mich entschieden gegen jede derartige Bezeichnung. Ich selbst bin
der Sohn eines hheren Regierungsbeamten geachteten Namens; meine Frau stammt
aus einer vornehmen, wenn auch verarmten Familie, und wir beide sind vllig
unbescholten durchs Leben gegangen; nicht der geringste Makel haftet an unserem
Namen, es sei denn der, da ich mein Brot als akademisch ausgebildeter Knstler
schlielich aus Mangel an Glck in der Fabrik habe suchen mssen... Aber es ist
in den brgerlichen Familien, die zu Reichtum gelangt sind, Mode geworden, auch
von Mesalliance zu sprechen, wenn ein armes Mdchen hineinheiratet, und zu thun,
als sei das Blut entwrdigt, wie der Adel den brgerlichen Eindringlingen
gegenber behauptet. Und diesem vllig unmotivierten Vorurteil hat sich leider
auch der Verstorbene gebeugt und damit eine schwere Schuld gegen seinen zrtlich
geliebten Sohn auf sich geladen.
    O, bitte - ich wte nicht, da der Kommerzienrat Lamprecht seinem einzigen
Sohn, meinem Enkel Reinhold, gegenber irgend eine Schuld auf dem Gewissen
gehabt htte! warf die Frau Amtsrtin hhnisch, mit verchtlichem Achselzucken
ein.
    Ich spreche von Max Lamprecht, meinem Enkel.
    Unverschmt! brauste die alte Dame auf.
    Der Landrat trat auf sie zu und verbat sich ernstlich und entschieden jeden
ferneren verletzenden Einwurf. Sie solle den Mann ausreden lassen - es werde und
msse sich ja herausstellen, inwieweit seine Ansprche begrndet seien.
    Sie trat in das nchste Fenster und wandte den beiden den Rcken zu. Und nun
zog der alte Maler ein groes Briefkouvert hervor.
    Enthlt das Papier die gerichtlich beglaubigten Dokumente ber die
gesetzliche Vollziehung der Ehe? fragte der Landrat rasch.
    Nein, erwiderte Lenz; es ist ein Brief meiner Tochter aus London, in
welchem sie mir ihre Verehelichung mit dem Kommerzienrat Lamprecht anzeigt.
    Und weiter besitzen Sie keine Papiere?
    Leider nicht. Der Verstorbene hat nach dem Tode meiner Tochter alle
Dokumente an sich genommen.
    Die Frau Amtsrtin stie ein helles Gelchter aus und fuhr herum. Hrst
du's, mein Sohn? rief sie triumphierend. Die Beweise fehlen -
selbstverstndlich! Diese nichtswrdige Beschuldigung Balduins ist ein
Erpressungsversuch in optima forma. Sie zuckte die Achseln. Mglich, da die
Verfhrungsknste der kleinen Kokette, die einst vor unseren Augen auf dem Gang
des Packhauses ihr Wesen getrieben hat, nicht ohne Wirkung auch auf ihn
geblieben sind; mglich, da sich daraufhin drauen in der Welt eine intimere
Beziehung zwischen ihnen angesponnen hat - das ist ja nichts Seltenes
heutzutage, wenn ich auch Balduin einen solchen Liebeshandel nimmermehr
zugetraut htte. Indes, ich will es zugeben - aber eine Verheiratung? Eher lasse
ich mich in Stcke hacken, als da ich solchen Bldsinn glaube!
    Der alte Maler reichte Herbert den Brief hin. Bitte, lesen Sie, sagte er
mit vllig tonloser Stimme, und bestimmen Sie mir gtigst eine Stunde, zu
welcher ich Ihnen morgen auf dem Amte das weitere vortragen darf! Es ist mir
unmglich, noch lnger mein totes Kind so schmachvoll verlstern zu hren... Nur
mit der grten Selbstberwindung gestatte ich fremden Augen den Einblick in das
Schreiben - Sein schmerzlicher Blick hing wie sehnschtig an dem Briefe, den
der Landrat an sich genommen hatte. Es kmmt mir vor, wie ein Verrat an meiner
Tochter, welche die einzige Schuld, die sie je auf ihre Seele genommen hat, in
den Zeilen ihren Eltern beichtet. Wir haben keine Ahnung gehabt, da mein Chef
und Brotherr hinter unserem Rcken unser Kind zu einem Liebesverhltnis
verleitet hat - auf seinen dringenden Wunsch, sein strenges Gebot hin hat sie
uns alles verschwiegen... Wre sie kinderlos gestorben, ich htte die ganze
Angelegenheit auf sich beruhen lassen. Sie ist in fremdem Lande heimgegangen;
niemand in dieser Stadt hier hat um die seltsamen Verhltnisse gewut, es wre
somit keine Veranlassung dagewesen, fr ihre Ehre einzutreten. So aber gilt es,
ihrem Sohn zu seinem Rechte zu verhelfen, und das will und werde ich mit allen
Mitteln, die mir zu Gebote stehen - -
    Sie htten das schon bei Lebzeiten meines Schwagers thun mssen!
unterbrach ihn der Landrat fast heftig, nachdem er in sichtlich groer Aufregung
das Zimmer durchmessen.
    Herbert! schrie die alte Dame auf. Ist es mglich, da du diesem
emprenden Lgengewebe auch nur den allergeringsten Glauben schenkst?
    Sie haben recht, ich bin dem herrischen Mann gegenber allerdings schwach
gewesen, versetzte Lenz, ohne auf den Ausruf der Amtsrtin zu hren. Ich
durfte mich nicht mit Versprechungen von Zeit zu Zeit hinhalten lassen, wie es
leider geschehen ist... Als wir vor einem Jahre unseren Enkel sehen und zu uns
nehmen durften, da sagte der Kommerzienrat, da ihm augenblicklich die
Verhltnisse noch nicht gestatteten, mit der ffentlichen Anerkennung seines in
zweiter Ehe geborenen Sohnes hervorzutreten. Dagegen werde er schleunigst sein
Testament machen, um schlimmstenfalls dem kleinen Max seine Sohnesrechte zu
sichern... Nun, er hat sein Versprechen nicht gehalten - im Vollgefhl seiner
Kraft mag ihm dieser schlimmste Fall, sein pltzlicher Tod, ganz unmglich
erschienen sein... Aber ich verzage nicht - die Legitimationspapiere sind ja da,
der Trauschein, das Taufzeugnis meines Enkels, diese Papiere mssen sich im
Nachla finden. Und deshalb komme ich zu Ihnen, Herr Landrat - es widerstrebt
mir, einen Rechtsanwalt hineinzuziehen. Ich lege die Sache in Ihre Hnde.
    Ich nehme sie an, versetzte Herbert. In diesen Tagen werden die Siegel
abgenommen, und ich gebe Ihnen mein Wort, da alles geschehen soll, um Licht in
die Angelegenheit zu bringen!
    Ich danke Ihnen innig! sagte der alte Mann und reichte ihm die Hand. Dann
verbeugte er sich nach der Richtung, wo die Frau Amtsrtin stand, und ging
hinaus.
    Eine kurze Zeit blieb es still im Zimmer, so bedrckend still, wie es nach
dem ersten Windsto eines heranziehenden Gewitters zu sein pflegt - man hrte
nur das Knistern der Papiere, die Herbert aus dem Kouvert nahm und entfaltete,
whrend die Amtsrtin wie geistesabwesend nach der Thre starrte, hinter welcher
der Unglcksmensch verschwunden war... Nun aber raffte sie sich auf.
    Herbert, rief sie entrstet ihrem lesenden Sohn zu, kannst du wirklich
deine Mutter in ihrer furchtbaren Aufregung und Erbitterung vor dir stehen
sehen, whrend du dich in das lgenhafte Geschreibsel jener erbrmlichen Kokette
vertiefst?
    Es ist kein lgenhaftes Geschreibsel, Mama, sagte er aufblickend,
sichtlich erschttert.
    Ah, du bist gerhrt, mein Sohn? ... Nun, das Papier ist geduldig, und die
schne Dame wird selbstverstndlich alle ihre Schreibeknste aufgeboten haben,
um ihren Eltern gegenber ihrem Fehltritt ein Mntelchen umzuhngen... Und ein
Mann wie du lt sich auch bethren und glaubt daraufhin -
    Ich habe schon vorher geglaubt, Mama.
    Lcherlich! - Das Gerede eines alten, halbblden Mannes -
    Liebe Mama, gib es auf, dich und mich mit falschen Vorspiegelungen
beruhigen zu wollen; sieh lieber der Wahrheit gefat ins Auge! ... Mit den
ersten erklrenden Worten des alten Malers war es, als wrde mir eine Binde von
den Augen gerissen. Balduins ganzes geheimnisvolles Gebaren whrend der letzten
Jahre, zu welchem wir vergebens den Schlssel gesucht haben, es liegt
entschleiert vor mir! Er hat einen furchtbaren inneren Zwiespalt mit sich
herumgetragen. Htte ihm der Tod nicht diese zweite Frau entrissen, dann wre es
anders gekommen. Das schne, hochgebildete Weib an seiner Seite, htte er es
wohl ber sich vermocht, nach Jahr und Tag mit ihr in die heimischen
Verhltnisse zurckzukehren. So aber ist der Zauber gebrochen gewesen. Ihm ist
nichts geblieben, als die Thatsache, da er der Schwiegersohn des alten Lenz
sei, und da hat der Feigling in ihm gesiegt - der erbrmliche Feigling! zrnte
er. Wie hat er's ber das Herz bringen knnen, den Knaben, diesen prchtigen
Jungen, der sein Stolz sein mute, in seinem eigenen Hause, im Vaterhause des
Kindes zu verleugnen? Wie hat er's ertragen, da Reinholds schielender Neid oft
genug den kleinen Bruder tckisch getroffen hat? ... Armer, kleiner Kerl! Wie er
mir am Sarg des Verstorbenen ins Ohr flsterte: Ich will ihn lieber auf den Mund
kssen. Er hat mich auch manchmal gekt, im Thorweg, wo wir ganz allein waren
-
    Siehst du, mein Sohn, das alles beweist nur, da ich recht habe, da dieser
prchtige Junge ein - Bastard ist, unterbrach ihn die Amtsrtin. Sie war ganz
ruhig geworden; es spielte sogar ein verlegenes Lcheln um ihren Mund. Den
Hauptgrund aber, weshalb Balduin eine zweite Ehe nicht eingehen konnte und
durfte, scheinst du ganz zu bersehen: sein Gelbnis, das Fanny mit ins Grab
genommen hat -
    Ja, das ist's, was ich meiner Schwester nur schwer verzeihen kann! sagte
Herbert fast heftig. Es ist eine Grausamkeit, eine Unnatur ohnegleichen, den
Trennungsschmerz eines Zurckbleibenden zu benutzen, um solch einen
unglckseligen Mann fr Lebenszeit an eine Totenhand zu schmieden -
    Nun, darber wollen wir nicht streiten; ich sehe das mit anderen Augen an
und sage mir, da uns dieser Umstand die beste Gewhr ist und bleibt. Denke an
mich, die Papiere werden sich nicht finden - sie haben nie existiert! ... Nun,
desto besser! Die Sache lt sich mit Geld abmachen; das Vermgen der beiden
rechtmigen Erben wird freilich bluten mssen; allein was hilft es? Das kann in
aller Stille abgewickelt werden und ist doch dem Skandal, einen Stiefbruder so
vulgrer mtterlicher Abkunft zu haben, weit vorzuziehen.
    Ihr Sohn sah ihr starr ins Gesicht. Sprichst du im Ernste, Mutter? fragte
er gepret. Du ziehst es vor, den Verstorbenen mit der Schuld eines ehrlosen
Verfhrers in der Erde belastet zu sehen? Groer Gott, bis zu welcher
Unmoralitt verirrt sich doch das unselige Standesvorurteil! ... War Fanny nicht
auch die Tochter eines Brgerlichen? Und war ihre eigene Mutter, die erste Frau
meines Vaters, nicht auch ein einfaches Mdchen aus dem Volke gewesen?
    Recht so! Schreie diese Thatsachen in die Welt hinaus, jetzt, wo wir im
rapiden Steigen begriffen sind! zrnte die alte Dame mit unterdrckter Stimme.
Ich begreife dich nicht, Herbert. Woher auf einmal diese penible Auffassung?
    Ich habe nie anders gedacht, rief er emprt.
    Nun, dann ist es deine Schuld, wenn ich mich irrte. Wei man doch nie, wie
du denkst. Ein intimeres Aussprechen, wie es sich zwischen Mutter und Sohn
eigentlich von selbst versteht, gibt es bei uns nicht - man tappt dir gegenber
stets im Finstern... Uebrigens denke du ber die Sache, wie du willst, ich stehe
fest auf meinem Standpunkt. Ich ziehe es in der That vor, eine mit Geld
aufgewogene, geshnte und verschwiegene Schuld in der Familie zu wissen, als
pltzlich die liebe Muhme oder Base von Krethi und Plethi zu werden... Dann
mchte ich aber auch fragen: Hast du denn gar kein Herz fr Fannys Kinder? -
Wenn ein dritter rechtmiger Erbe auftritt, so erleiden sie einen ungeheuren
Verlust.
    Es bleibt ihnen immer noch mehr als genug -
    In deinen Augen vielleicht, aber nicht in denen der Welt... Gretchen ist
eine der ersten Partien im Lande, und wenn sie auch kopflos genug die
glnzendsten Aussichten jetzt noch von der Hand weist, so wird und mu doch eine
Zeit kommen, wo sie verstndig wird und diese Dinge ansieht, wie sie sind. Wie
es aber um diese ihre brillanten Aussichten stehen wrde, wenn ein Drittel des
Lamprechtschen Vermgens einem Nachgeborenen zufiele, darber bin ich keinen
Augenblick im Zweifel.
    Ein Mdchen wie Margarete wird begehrt werden, auch wenn ihr Vermgen noch
so sehr zusammenschmilzt, sagte Herbert. Er war ans Fenster getreten, wo er
abgewendet von seiner Mutter verharrte. Je weniger, desto besser! setzte er
fast murmelnd hinzu.
    Sie schlug die Hnde ber dem Kopfe zusammen. Die Grete? Ohne Geld? Was
machst du dir fr Illusionen, Herbert! - Nimm ihr diesen Nimbus, und das
schmchtige Ding wird sein wie ein armer Vogel, dem man allen Federschmuck
ausgerupft hat! ... Nun wahrhaftig, fast mchte ich wnschen, du kmst nach
meinem Tod in die Lage, das Mdchen unter die Haube bringen zu mssen!
    Das sollte mir nicht schwer werden, sagte er mit einem unmerklichen
Lcheln.
    Ein klein wenig schwerer denn doch, als wenn du einen neuen Schreiber
anzustellen httest - das glaube deiner alten Mutter, mein Sohn! entgegnete sie
spttisch. Aber wozu um des Kaisers Bart streiten! schnitt sie kurz den
Wortwechsel ab. Wir sind beide erregt; ich ber die Unverschmtheit des
Menschen, der uns eine Bombe ins Haus wirft, welche sich, nher besehen, als ein
Schreckschu erweist, und du, weil dir das Seelenbekenntnis einer ehemaligen
Flamme zu Gesicht gekommen ist... Wenn wir ruhiger geworden sind, dann wollen
wir weiter sprechen... Selbstverstndlich bleibt die Angelegenheit vorlufig
unser beider Geheimnis. Die Kinder, Margarete und Reinhold, erfahren es noch
zeitig genug, wenn es gilt, die Abfindungssumme aus ihrem Erbe zu entnehmen, um
- fr die unselige Verirrung ihres Vaters zu ben - arme Kinder!
    Damit verlie sie das Geschftszimmer ihres Sohnes.

                                       22


Heute lag die Sonne breit ber der Stadt, eine bleiche, machtlose Wintersonne,
die vergeblich an dem frostgehrteten Schneepanzer der Dcher sog und leckte.
Wohl rannen einzelne feine Wasserfden abwrts, allein sie blieben als kleine
silberne Fransen an der Dachrinne hngen. Die zarten, sehnschtigen Zimmerblumen
hinter den Fenstern freuten sich aber trotz alledem des blassen Sonnenlchelns,
und Papchen im Salon der Frau Amtsrtin schrie und lrmte, als seien die
Goldfunken, die seinem Messingring und den glnzenden Bilderrahmen an den Wnden
entsprhten, eitel Sommerglanz, der hinunter ins Grne des Hofes locke...
Papchen war aber auch noch extra vergngt. Er hatte seit langem nicht so viel
Kosenamen, so viel Biskuit und Zuckerbrot von seiner Herrin erhalten, als heute.
Es war berhaupt, als fliege noch ein besonderer Sonnenschein durch die vornehme
obere Etage des Lamprechtshauses. Die Bettelkinder bekamen mehr Brot und weniger
Strafpredigten als gewhnlich, die Kchin verlie fter als billig ihren
Kochherd, um den schnen, fast noch neuen Hut immer wieder aufzuprobieren, den
ihr die Frau Amtsrtin geschenkt hatte, und das Stubenmdchen berlegte unter
lustigem Trllern, wie sich wohl ihr Geschenk, ein Kaschmirkleid der alten Dame,
am schnsten modernisieren lasse.
    Drunten in der Lamprechtschen Kche sah es anders aus, weil man ja doch ein
Herz und keinen Stein in der Brust hatte, wie Brbe immer sagte. Um das Packhaus
hatte man sich freilich nicht zu kmmern, wie es seit Jahren Brauch und Gesetz
im Vorderhause war; aber wenn in einer Wohnung nur ber den Hof 'nber eine
Schwerkranke lag, da konnte es doch ein Christenmensch nicht fertig bringen, zu
thun, als sei dieses Haus ein bloer Steinhaufen, in welchem keine menschlichen
Herzen lebten, die in Angst und Bedrngnis schlugen. Und deshalb war man still
und gedrckt in der Kche und hantierte unwillkrlich geruschloser als sonst
blich.
    Brbe hatte gestern gegen Abend Wasser am Hofbrunnen geschpft, und da war
auch die Aufwrterin aus dem Packhause gekommen, um einen frischen Trunk zu
holen. Die Frau hatte tief alteriert erzhlt, da Frau Lenz vor einigen Stunden
einen Schlaganfall gehabt habe, sie knne nicht sprechen und die linke Seite sei
gelhmt - der Doktor, der noch an ihrem Bette sitze, nehme die Sache sehr
bedenklich. Und die Thrnen waren ihr aus den Augen geschossen bei der
Schilderung, wie der alte Herr Lenz totenbla im Zimmer auf und ab gehe und die
Hnde ringe und in seiner Angst und Herzensnot nicht einmal einen Blick fr den
kleinen Max habe, der in einer Ecke am Bett der Gromama kauere, ihr immerfort
in das entstellte Gesicht she, und auch nicht den kleinsten Mundbissen zu sich
nhme. Und dann hatte sie der alten Kchin weiter ins Ohr geraunt, Frau Lenz
habe schon den ganzen Tag ber sehr aufgeregt ausgesehen, und nachmittags sei
der alte Herr nach Hause gekommen, ganz wei im Gesicht und mit einer so
heiseren Stimme, als verlechze ihm die Kehle. Sie, die Aufwrterin, sei in die
Kche an ihre Aufwaschgelte gegangen; aber gleich darauf habe sie einen dumpfen
Fall gehrt, und das sei drben im Zimmer die Frau Lenz gewesen, die zu Boden
gestrzt sei... Was geschehen sein msse, worber sich die arme Frau erschreckt
habe, wisse sie nicht, hatte die Aufwrterin gesagt. Aber die Frau Amtsrtin
wute es - der Landrat hatte den alten Lenz auf das Amt kommen lassen, um ihm
die unerbittliche Thatsache mitzuteilen, da sich nichts, auch nicht das
kleinste Papierblttchen, nicht die geringste Notiz, weder ber den gesetzlichen
Ehevollzug des verstorbenen Kommerzienrates mit seiner zweiten Frau, noch
bezglich des nachgeborenen Sohnes im Nachla gefunden habe. - -
    Das Geheimnis, das vom Packhause herber mit seinen Fden das stolze
Vorderhaus zu umspinnen gedroht hatte, schien somit dem Dunkel verfallen, das so
viele ungelste Rtsel der Welt fr alle Zeiten deckt. Noch blieb dem alten Lenz
allerdings die persnliche Nachforschung in den Kirchen von London, wo die
Trauung seiner Tochter, die Taufe seines Enkels stattgefunden; allein in dem
Briefe der jungen Frau war die Kirche nicht genannt, in welcher sie als
glckseliges Weib an seiner Seite gestanden und den Ehering empfangen habe ...
Der alte Lenz hatte ferner dem Landrat erzhlt, er habe eines Tages von der
Pflegerin seiner Tochter, die zugleich ihre Freundin gewesen, die Nachricht
erhalten, da ihm ein Enkel geboren sei, und drei Tage darauf sei ein Telegramm
eingelaufen mit der Meldung, da die junge Frau im Sterben liege. Er habe zwar
schleunigst die Reise nach London angetreten, um sein einziges Kind noch einmal
zu sehen, sei aber doch zu spt gekommen - die Erde habe sie bereits gedeckt. -
Das Heim seiner Tochter, eine wahrhaft frstlich eingerichtete Wohnung, habe er
verlassen gefunden; nur die Pflegerin sei noch dagewesen, um auf Befehl des
Kommerzienrates alles Mobiliar versteigern zu lassen. Sie habe ihm mitgeteilt,
da der Kommerzienrat, nachdem er die letzte Handvoll Erde auf den Sarg der
Verstorbenen geworfen, sofort abgereist sei. Er habe sich wie ein Wahnsinniger
gebrdet, so da sie ihm meist angstvoll aus dem Wege gegangen sei. Seinen
Knaben habe er nicht einmal angesehen, geschweige denn geliebkost - weil das
arme Kind die Veranlassung zu Blankas Tode gewesen. Trotzdem habe er den kleinen
Neugeborenen samt der Amme mit sich genommen, denn London wolle er nicht
wiedersehen, sollte er gesagt haben. Den ganzen Nachla der Verstorbenen an
Kleidungsstcken, Leibwsche und dergleichen habe er ihr fr die Pflege
geschenkt, hatte die Dame hinzugesetzt, aus dem Schreibtisch aber habe er alle
Briefschaften und sonstigen Papiere an sich genommen. Nicht ein beschriebenes
Blttchen sei mehr in den Fchern zu finden gewesen, hatte der alte Lenz dem
Landrat weiter berichtet, und ein solch schriftliches Andenken von seiner
Tochter sei das einzige gewesen, das er sich gewnscht, auf welches er Anspruch
gemacht habe. So sei ihm nichts geblieben, als ihr kleiner Liebling, das
Hndchen Philine, das verlassen in einer Zimmerecke gekauert und ihm dankbar die
liebkosende Hand geleckt habe... Erst nach Jahresfrist sei damals der
Kommerzienrat in seine deutsche Heimat zurckgekehrt, ein vllig verwandelter
Mann, dessen Ausbrche der Verzweiflung die alten Eltern seines heimgegangenen
Weibes tief erschttert und gengstigt htten... Im Dunkel der Nacht sei er zu
ihnen gekommen. Da erst htten sie erfahren, da er den kleinen Max nach Paris
in die Pflege der Witwe eines verstorbenen Geschftsfreundes, einer
hochgebildeten, ausgezeichneten Frau gegeben habe. Das Kind sei damals gut
aufgehoben gewesen; der Kommerzienrat habe mit der Dame unausgesetzt
korrespondiert und sei stets von allem genau unterrichtet gewesen, was seinen
kleinen Sohn angegangen; dagegen habe er sich nie entschlieen knnen, das Kind
selbst wiederzusehen... Nun sei aber vor einem Jahre die Dame in Paris pltzlich
gestorben, und der Kommerzienrat habe den Entschlu ausgesprochen, den Knaben in
einem Institut unterzubringen. Dagegen sei indes Frau Lenz entschieden
aufgetreten - das Kind sei noch zu jung, es brauche notwendig noch das ruhige,
beglckende Leben, die Pflege inmitten der Familie, und nunmehr reklamiere sie
als Gromutter den Knaben; sie habe lange genug die Sehnsucht nach Blankas Kinde
unterdrcken mssen; und erschreckt durch ihre Drohung, die Hilfe seiner
Verwandten anzurufen, falls er auf seinem Vorhaben bestehe, habe er den kleinen
Max eines Tages in die deutsche Heimat, in das groelterliche Haus bringen
lassen... Wie ein Wunder habe sich damals eine pltzliche Umwandlung vollzogen;
beim Anblick des schnen, intelligenten Knaben sei wie mit einem Schlage die
tiefste Vaterzrtlichkeit unwiderstehlich in dem Herzen des finsteren Mannes
erwacht. Oft sei er spt abends ins Packhaus gekommen und habe stundenlang
schweigend am Bett des schlafenden Kindes gesessen, sein Hndchen in der seinen
haltend. Er habe sich auch mit groen Plnen fr die Zukunft dieses seines
nachgeborenen Sohnes getragen.
    Das alles hatte der alte Maler schlicht und einfach dem Landrat im stillen
Amtszimmer mitgeteilt, und wenn noch ein Zweifel in Herberts Seele gelebt htte,
vor der schmucklosen Darstellung des tiefbewegten alten Mannes wre er sofort
verflogen. Aber hier entschied nicht die festeste Ueberzeugung, und wre sie die
der ganzen Welt gewesen, sondern der Buchstabe, das Schwarz auf Wei߫. Ohne
gesetzlich beglaubigte Dokumente schweben alle Ansprche rechtlos in der Luft,
deshalb reisen Sie! hatte Herbert gesagt. Sie werden auf groe Schwierigkeiten
stoen und viel Zeit und Geld brauchen; aber um ihrer gerechten Sache willen
werden Sie die Schwierigkeit nicht scheuen und Ihre Zeit gern opfern, und das
Geld, nun das wird sich schon zur rechten Zeit finden, darum sorgen Sie sich
nicht! Das war wenigstens ein schwacher Trost, ein Strohhalm gewesen, an den
man sich in der Bedrngnis klammern konnte; aber diesen Trost hatte der alte
Mann seiner Frau nicht einmal geben knnen - schon bei seinen ersten Worten war
sie vor seinen Augen zusammengebrochen...
    In der Schreibstube ging whrenddem alles seinen gewohnten Gang. Htte der
junge Chef ahnen knnen, da es fern am Horizont gewitterhaft aufblitze, er
wrde sein Augenmerk auf ganz andere Dinge gerichtet haben, als es die
Kleinigkeitskrmerei war, mit der er sich immer noch vorzugsweise beschftigte.
Mit dem Aufrumen des alten Schlendrian war er immer noch nicht fertig. Es gab
noch da und dort Hinterthren, durch welche sich der Unterschleif ermglichen
lie. Nicht allein im Hause mute man jedes Eckchen immer wieder inspizieren,
nein, auch der Hof verlangte wachsame Augen mit seinem zweiten Ausgang, dem
Packhausthor. Da gingen und kamen die Taglhnerinnen, da konnten leicht
Viktualien und Holz aus der Kche und Hafer aus den Pferdestllen
weggeschleppt werden; deshalb wurde jeder Ausguck in den Hof freigelegt,
wurden jahrelang verschlossen gewesene Fensterlden tglich zurckgeschlagen.
Die Nachteile dieser Observationsposten hatte bereits Brbe gestern empfunden,
als sie mit ihrem Eimer vom Brunnen zurckgekehrt war. Gleich darauf war der
junge Herr in die Kche gekommen, hatte die alte Kchin heftig ausgescholten und
sich ein fr allemal den neumodischen Mgdeklatsch am Hofbrunnen verbeten.
    Heute nachmittag war auch Margarete von Dambach zurckgekehrt. Sie konnte
zufrieden sein mit dem Erfolg ihrer sorgsamen Pflege, dem Gropapa ging es viel
besser. Aber der Hausarzt, den der Landrat insgeheim befragt, war der Ansicht
gewesen, da das Uebel in dem allen Strmen und Wettern preisgegebenen,
leichtgebauten Pavillon keinenfalls gnzlich gehoben werden knne; der alte Herr
mge doch lieber fr die strengste Winterzeit nach der Stadt bersiedeln. Damit
hatte sich der Amtsrat einverstanden erklrt, und zwar um so eher deshalb, weil
er nicht in der oberen Etage wohnen sollte. Ein paar, gerade ber den
Lamprechtschen Wohnrumen gelegene Zimmer der Bel-Etage sollten um des erwrmten
Fubodens willen fr ihn eingerichtet werden.
    Nun galt es, dem alten Herrn die Wohnung behaglich zu machen, und deshalb
war Margarete in der Stadt. Tante Sophie war glcklich, sie wieder zu haben,
wenn auch Brbe ganz erschrocken meinte, da das liebe Gretelgesichtchen gar
so schmal und vergrmt aussehe. Tante Sophie freute sich aber auch im stillen,
da der Amtsrat nach der Stadt bersiedeln sollte; da war doch wieder ein
mnnlicher Wille im Hause, eine Stimme, die, wenn sie sich zum Befehl erhob,
Furcht und Respekt einflte. Und das that not, der kleinen, herrschschtigen
Frau im zweiten Stock gegenber, die nun, nachdem sich die Augen des ehemaligen
Hausherrn geschlossen, ihre geheime Abneigung gegen das derbe, unverschmt
gerade Frauenzimmer, die Sophie, frei zu Tage treten lie, die sich in die
Hausangelegenheiten mischte und an dem Thun und Lassen der alten Jungfer
mkelte, als sei sie ihr untergeben.
    Gleich in der ersten Stunde erfuhr Margarete von dem Jammer im Packhause.
Tante Sophie und Brbe berieten in der Kche, wie sie wohl einige Erfrischungen
fr die Kranke unbemerkt an den alten Lenz gelangen lassen knnten.
    Ich trage sie hinber, sagte Margarete.
    Brbe schlug die Hnde ber dem Kopfe zusammen. Um Gotteswillen nicht - das
gbe Mord und Totschlag! bat und versicherte sie. Der junge Herr lauere an
allen Hinterfenstern; die Leute im Packhause seien ihm nun einmal ein Dorn im
Auge; er verachte sie noch viel mehr als der selige Herr Kommerzienrat. Ihr, dem
alten Dienstboten, habe er gestern abend den Kopf gewaschen und den Text
gelesen, nach Noten, blo weil sie mit der Aufwrterin gesprochen; und wenn nun
gar die eigene Schwester sich so gemein mache - nein, den Mordspektakel wolle
sie nicht erleben!
    Margarete lie sich nicht beirren. Sie nahm schweigend das Krbchen mit den
Geleebchsen und ging in die Hofstube. Dort hllte sie sich in einen weiten,
weien Burnus von flockigem Wollstoff und trat ihren Gang an.
    Aber sie traf es schlecht. In dem Augenblicke, wo sie die Stufen nach dem
Hausflur hinunterschritt, kam die Gromama in elegantem pelzbesetztem Samtmantel
die groe Treppe herab. Sie war offenbar im Begriff, einen Besuch in der Stadt
zu machen.
    Was, so schneewei inmitten der tiefsten Trauer, Gretchen? rief sie. Du
wirst dich doch hoffentlich nicht so in der Stadt sehen lassen?
    Nein. Ich gehe ins Packhaus, sagte Margarete fest, warf aber doch einen
scheuen Blick nach dem Kontor, wo das Fenster klirrte.
    Ins Packhaus? wiederholte die Frau Amtsrtin und trippelte doppelt
geschwind die letzten Stufen herab. Da mu ich denn doch erst ein Wrtchen mit
dir reden.
    Ich auch! rief Reinhold herber und schlug das Fenster wieder zu. Gleich
darauf trat er in den Hausflur.
    Gehen wir in die Wohnstube! sagte die Gromama. Sie warf ihren Schleier
zurck und ging voran, und Margarete mute wohl oder bel folgen, denn Reinhold
schritt dicht hinter ihr wie ein eskortierender Gendarm.

                                       23


Kaum in das Zimmer eingetreten, griff er ungeniert nach Margaretens Mantel und
schob ihn von dem Krbchen an ihrem Arme weg. Himbeergelee, Aprikosengelee, -
las er von den Etiketten der Glasbchsen ab - lauter gute Sachen aus unserem
Keller! ... Und die soll der Mosje Kurrendeschler drben essen, Grete?
    Der nicht! sagte Margarete ruhig. Du wirst wohl wissen, da Frau Lenz
schwerkrank ist, da sie einen Schlaganfall gehabt hat.
    Nein, das wei ich nicht, mir kommen solche Dinge nicht zu Ohren, weil ich
nie mit unseren Leuten klatsche. Ich halte es genau wie der Papa, der nie danach
gefragt hat, ob die Leute im Packhause leben oder sterben.
    Und das ist die richtige Art, besttigte die Gromama. Strenge
Zurckhaltung mu der Fabrikherr beobachten - wo kme er sonst hin, seinen
Hunderten von Arbeitern gegenber? ... Aber sage mir nur ums Himmels willen,
Grete, was dir einfllt, am hellichten Tage den Theatermantel da umzuhngen?
Ihr Blick glitt mit scharfer Mibilligung ber die weie Umhllung.
    Ich wollte nicht so unheimlich dunkel an das Bett der Kranken treten -
    Was? Um dieser Frau willen unterbrichst du die Trauer fr deinen Vater?
rief die alte Dame erbittert.
    Er wird es mir verzeihen -
    Der Papa? lachte Reinhold kurz und hart auf. Sprich doch nicht Dinge, an
die du selbst nicht glaubst, Grete! Damals, wo du auch, vor unser aller Augen,
die barmherzige Schwester im Packhause spielen wolltest, da hat er dir streng
ein fr allemal den Besuch verboten, weil ein solches Hinber und Herber nie
Brauch im Hause gewesen sei. Und da es bei seinem Wunsch und Willen bleibt,
dafr werde ich sorgen... Ist es nicht schon an und fr sich eine unverzeihliche
Taktlosigkeit von dir, zu dem Menschen zu gehen, den wir wegen notorischer
Faulheit entlassen muten.
    Der Mann ist halb erblindet -
    So, weit du das auch schon? Nun ja, er sucht sich damit zu entschuldigen;
aber es ist nicht so schlimm. Uebrigens ist er bei weitem nicht lange genug im
Geschft, als da wir - selbst diese fingierte Erblindung angenommen -
verpflichtet wren, uns um ihn und seine Familie zu kmmern. Frage den
Buchhalter, der wird dir sagen, da ich ganz korrekt handle! - Lege nur deinen
Theatermantel ab! Du wirst einsehen, da du dich nachgerade lcherlich machst
mit deinen unverlangten Samariterdiensten!
    Nein, Reinhold, das kann ich nicht einsehen, entgegnete sie sanft, aber
fest; so wenig wie ich glaube, auch hart und unbarmherzig sein zu mssen, weil
du es bist. Ich widerspreche dir ungern, weil ich wei, da dich jeder
Widerspruch aufregt; aber bei dem Wunsche, dir jeden Aerger zu ersparen, darf
ich nicht andere Pflichten verletzen.
    Dummheit, Grete! Was geht dich die Malersfrau an?
    Sie hat Anspruch auf Hilfe und Beistand ihrer Mitmenschen wie jeder andere
Kranke auch, und deshalb sei gut, Reinhold, und hindere mich nicht, das zu thun,
was ich fr gut und recht halte!
    Und wenn ich dir es trotzdem verbiete?
    Verbieten? wiederholte sie erregt. Dazu hast du nicht das Recht,
Reinhold!
    Er fuhr auf sie hinein und seine bluliche Gesichtsfarbe verdunkelte sich
unheimlich.
    Die Frau Amtsrtin ergriff beschwichtigend seine Hand. Wie magst du ihm nur
so schroff entgegentreten, Grete! zrnte sie. Allerdings steht ihm bereits ein
gewisses Recht zu. In kurzem wird er unumschrnkter Herr hier sein; denn so viel
wirst du doch wissen, da mit der Firma das alte Erbhaus der Lamprechts an den
einzigen mnnlichen Trger des Namens zu fallen hat -
    Der Tochter wird dann einfach ihr Anteil hinausgezahlt, und sie hat auf dem
Grund und Boden nichts mehr zu sagen und zu suchen, und wenn es zehnmal ihr
Geburtshaus ist! fiel Reinhold mit seiner hmischen, knabenhaften Stimme so
hastig ein, als habe er schon lngst auf die Gelegenheit gelauert, der Schwester
diese Erffnung zu machen.
    Ich wei das, Reinhold, sagte sie traurig, mit umflortem Blick, und der
gramvolle Zug um ihren Mund vertiefte sich. Ich wei, da ich mit dem Papa auch
das alte, liebe Heim verloren habe. Aber noch bist du nicht der Herr hier, der
mich ausweisen darf, wenn ich mich nicht in allem widerspruchslos unterwerfe -
    Und deshalb wirst du fr die paar Wochen auch noch der Dickkopf bleiben,
der du immer gewesen bist, und  tout prix ins Packhaus gehen, gelt, Grete?
unterbrach sie Reinhold mit boshaften Augen. Er schob in fingiertem Gleichmut
nach gewohnter Art die Hnde in die Taschen, obwohl er vor Aerger bebte. Nun,
meinetwegen, fgte er achselzuckend hinzu, wenn du denn durchaus nicht auf
mich hren willst, so soll dir Onkel Herbert den Kopf zurechtsetzen!
    Den lasse aus dem Spiele, Reinhold, wehrte die Gromama lebhaft ab; der
wird sich schwerlich hineinmischen! Hat er es doch auch entschieden abgelehnt,
Gretes Vormund zu werden - nun, was siehst du mich denn so sonderbar erschrocken
an, Grete? Mein Gott, was fr Augen! ... Du wunderst dich, da ein Mann wie er
sich htet, einen Mdchenkopf in Zucht zu nehmen, der so voll Eigenwillen steckt
wie der deine? Nun, mein Kind, wer dich kennt, wird schwerlich in eine solche
Beziehung zu dir treten - denke nur an dein unverzeihliches Verhalten in Bezug
auf die Partie, die wir alle so sehr fr dich wnschen! - Doch das gehrt nicht
hierher! Ich habe Eile; mein Krankenbesuch bei der Geheimrtin Sommer fllt
sonst in unschickliche Zeit, und deshalb will ich dir kurz sagen, da du dir
selbst einen Schlag ins Gesicht versetzest, wenn du zu den Leuten ins Packhaus
gehst... In der allernchsten Zeit werden dir Dinge zu Ohren kommen,
haarstrubende Dinge, die dich mglicherweise ein schnes Stck Geld kosten
knnen. Willst du aber trotzdem deinen Kopf behaupten, so verbiete ich dir
hiermit, als deine Gromutter, ein fr allemal den Besuch und hoffe den Gehorsam
zu finden, der sich ziemt!
    Sie nahm ihren Muff vom Tische, zog den Schleier ber das Gesicht und wollte
sich entfernen; aber Reinhold hielt sie zurck. Du sprachst von Geld,
Gromama? fragte er in atemloser Spannung. Ich will doch nicht hoffen, da der
Mensch da drben die Unverschmtheit hat, Nachforderungen an unser Haus zu
stellen? - Er hat sich wohl gar an Onkel Herbert gewendet?
    Echauffiere dich nicht, Reinhold! beschwichtigte die alte Dame. Die Sache
schwebt sehr in der Luft; wer wei, ob sie je Grund und Boden findet. Auf alle
Flle aber wissen wir, da diese Lenzens Schlimmes im Schilde fhren - deshalb
kein Mitleid, sage ich! Man verschwendet nicht Wohlthaten an seine notorischen
Feinde.
    Sie verlie das Zimmer. Reinhold aber nahm das Krbchen mit den
Einmachbchsen, das Margarete auf den Tisch gestellt hatte, und rief nach Tante
Sophie. Sie kam aus der Kche und er forderte ihr den Kellerschlssel ab.
    I Gott bewahre! den bekommst du nicht - in meinem Einmachkeller hast du
absolut nichts zu suchen! erklrte Tante Sophie entschieden. Bist ja ein
greulicher Topfgucker! ... Und den Topf lasse du nur ruhig stehen - du hast kein
Recht an die Sachen! Das ist Obst aus meinem Garten, das ich jedes Jahr fr arme
Kranke einkoche.
    Er stellte den Korb schleunigst auf den Tisch zurck; denn das wute er von
Kindesbeinen an, die Tante war die lautere Wahrheit selbst, da gab es fr ihn
keinen Zweifel. Nun ja, dann habe ich freilich nichts damit zu schaffen, gab
er zu, und du kannst mit deinem Obst thun, was dir beliebt. Nur ins Packhaus
darfst du nichts schicken - das leide ich nicht!
    So - das leidest du nicht? Hr' mal, der Kopf da - sie tippte sich mit dem
Zeigefinger gegen die Stirn - der hat seit vierzig Jahren - denn so lange sind
meine guten Eltern tot - fr sich allein, schnurstracks nach seinem guten
Glauben gehandelt und sich nicht drehen und wenden lassen, wie es anderen Leuten
gerade pate, und jetzt will solch ein Kiekindiewelt kommen und mir Vorschriften
machen? Das hat selbst dein seliger Vater nicht gethan!
    O, der wre noch ganz anders aufgetreten, wenn er gewut htte, da dieser
Mosje Lenz sein Feind im stillen gewesen ist! Ich habe der Gesellschaft im
Packhause nie getraut; ihr scheinheiliges, stilles Gethue ist mir von klein auf
zuwider gewesen. Nun, da der Papa die Augen zugethan hat, nun weisen sie die
Zhne - die reine Jesuitengesellschaft! ... Von der Gromama aber ist es
unverantwortlich, uns solch beunruhigende Nachricht mit ungewissen Andeutungen
zuzuraunen - ich htte auf volle Offenheit bestehen sollen! Aber ich wei schon,
es ist mit ihr nichts anzufangen, wenn sie in ihrem Visitenmantel steckt; da
brennt ihr der Boden unter den Fen, und sie thut, als hinge das Wohl der
ganzen Stadt von ihren Besuchen ab... Na, endlich wirst du vernnftig, Grete!
Recht so, trage deinen weien Mantel wieder in den Schrank! Aber denke ja nicht,
da ich dabei an deine vollstndige Bekehrung glaube! Ich werde ein scharfes
Auge auf den Hof und das Packhaus haben, darauf verlasse dich.
    Mit dieser Drohung verlie er die Wohnstube, whrend Margarete den Mantel
ber den Arm hing, um ihn fortzutragen.
    Aber sage mir nur, Gretel, was sind denn das fr kuriose Geschichten? Was
ist's mit den alten Lenzens? rief Tante Sophie, nachdem sich die Thre hinter
dem Fortgehenden geschlossen hatte.
    Sie sollen unsere Feinde sein, antwortete das junge Mdchen bitter
lchelnd.
    Unsinn! Was wird noch alles in dem oberen Stock ausgeheckt werden! zrnte
die Tante. Wenn der alte Mann mit seinem guten, treuherzigen Gesicht falsch und
hinterrcks ist, da kann man nur getrost da zuschlieen, - sie zeigte nach
ihrem Herzen - dann taugt die ganze Menschheit nichts und ist nicht wert, da
man sich um ihr Schicksal kmmert! ... Aber die Geschichte ist nicht wahr, da
will ich gleich meinen kleinen Finger verwetten!
    Ich glaube so wenig daran, wie du, und alle Andeutungen und Drohungen
wrden mich nicht abhalten, zu der kranken Frau zu gehen, sagte Margarete.
Aber um Reinholds willen darf ich nicht. Er wird bei der geringsten Aufregung
so blau im Gesicht und das ngstigt mich unbeschreiblich, Tante! Sein Zustand
hat sich offenbar verschlimmert, wenn auch der Arzt es nicht zugeben will. Wie
drfte ich da etwas thun, das ihn reizt und rgert? - Wir mssen auf andere
Mittel und Wege sinnen, der Kranken ein wenig zu Hilfe zu kommen.
    Ein wenig spter ging sie hinauf in die Bel-Etage; sie hatte die fr den
Gropapa bestimmten Zimmer vorlufig lften und heizen lassen. Die im Oktober
beabsichtigte Renovierung der Bel-Etage war bis jetzt selbstverstndlich
unterblieben; noch standen die Bilder und Spiegel im Gange des spukhaften
Seitenflgels.
    Nun sollte wieder einiges Leben in die stillen Rume kommen, ein Wrmehauch
in die eisige Luft des mchtigen Flursaales, von welcher die junge Verwaiste
heute meinte, sie halte noch das ganze Wehe der unglckseligen Katastrophe in
ihrer Erstarrung gefangen... Hier, wo alle Fenster nach Norden gingen, herrschte
ein winterlich trbes Licht, und drauen auf der weiten Schneelandschaft, die
sich jenseits der Stadt hinbreitete und fern, fern an den wolkenlos blauen
Himmel stie, glitzerte auch nur der bleichgelbe Schein der spten
Nachmittagssonne, alles so kalt und ohne Leben, so trostlos, als knne es dort
nie wieder grn oder in goldenen Halmen aus der Erde steigen, als wrden die
drr und schwarz in den Himmel starrenden Aeste der Obstbume sich nie mehr mit
Blten bedecken.
    Margarete trat in das letzte Fenster des Flursaales. Hier hatte sie die
Stimme ihres Vaters zum letztenmal fr dieses Leben gehrt, und hier in die
tiefe, dunkle Nische war sie nach fnfjhriger Abwesenheit in jugendlichem
Uebermut geschlpft, um das neue Lustspiel im vterlichen Hause unbemerkt mit
anzusehen... Ja, und da war auch der ehemalige Student als erster Beamter der
Stadt zu ihr getreten, und sie hatte sich ber den Herrn Landrat lustig
gemacht und ihn innerlich verspottet... O, da sie mit all ihrer gerhmten
Kraft, ihrem Eigenwillen diesen Standpunkt nicht wieder zu erringen vermochte!
Ihre Hand ballte sich unwillkrlich, und ihr Blick fuhr in ohnmchtiger
Erbitterung ber die weite Welt drauen hin. Aber in diesem Moment erschrak sie
und fuhr heftig zurck - der Landrat kam ber den Hof, vom Packhausthor her. Er
hatte mglicherweise ihre Zorngebrde beobachtet, denn er lchelte und grte
hinauf, und da floh sie in das fr den Gropapa bestimmte Wohnzimmer, den roten
Salon.
    Aber ihr schleuniges Zurckziehen half ihr nichts; wenige Augenblicke
nachher stand Herbert vor ihr... Er war fast jeden Tag nach Dambach gekommen um
seines Vaters willen, und doch reichte er ihr jetzt so froh die Hand hin, als
habe er sie seit lange nicht gesehen.
    Es ist gut, da du wieder da bist! sagte er. Nun wollen wir unsern
Patienten zusammen pflegen. Aber auch fr dich selbst war es an der Zeit, in
dieses Haus mit seinen hohen, luftigen Rumen zurckzukehren - der Aufenthalt in
der engen, dumpfen Pavillonstube hat dir nicht gut gethan, du bist so bla
geworden.
    Er suchte mit einem sarkastischen Lcheln und doch auch besorgt ihre Augen,
aber sie sah weg, und da fuhr er fort: Das bleiche Mdchengesicht am Fenster
hat mich ein wenig erschreckt, als ich aus dem Packhause trat -
    Aus dem Packhause? fragte sie unglubig.
    Nun ja, ich habe nach der armen, schwerkranken Frau gesehen - hast du etwas
dagegen einzuwenden, Margarete?
    Ich? - Ich sollte es dir verargen, wenn du so echt menschlich und
barmherzig handelst? rief sie feurig. Ihr Blick strahlte auf; sie war in diesem
Augenblick vollkommen wieder das enthusiastische Mdchen, dem das warme, edle
Empfinden das Blut rascher in die Adern trieb. Nein, darin denke ich genau wie
du - Onkel!
    Nun sieh, da habe ich doch endlich einmal etwas in deinem Geist und Sinn
gethan - ich hre es an dem Herzenston deiner Stimme! ... Wir empfinden beide
jugendlich warm - dazu pat aber ein ergrauter, knochensteifer Onkel nicht; du
fhlst das auch, denn der ehrwrdige Titel kam dir eben recht schwer von den
Lippen - wollen wir ihn nicht lieber begraben, den alten Onkel?
    Jetzt glitt doch auch ein schwach lchelnder Zug um ihren Mund. Trotzdem
sagte sie abweisend: Nein, es mu dabei bleiben! - Was wrde auch die Gromama
sagen, wenn ich in meine Kinderunart zurckfiele?
    Das wre doch am Ende lediglich deine und meine Sache.
    O nein, so unbedingt ganz gewi nicht! Die Gromama wird ihre
Obervormundschaft ber uns alle, solange sie lebt, nicht aus den Hnden geben,
das wei ich! antwortete sie bitter. Und du kannst von Glck sagen, da sie
deinen Besuch im Packhause nicht bemerkt hat; sie wrde sehr bse sein.
    Er lachte. Und was wrde die Strafe fr den alten Knaben sein? In der Ecke
knieen, oder kein Abendbrot bekommen? - Nein, Margarete, setzte er ernst hinzu,
so sehr ich auch bestrebt bin, Aergernis und Verdru von meiner Mutter fern zu
halten und ihr das Leben nach Krften leicht und angenehm zu machen, so wenig
darf ich ihr aber auch entscheidenden Einflu auf meine Handlungen gestatten.
Und deshalb wirst du mich noch fter aus dem Packhaus kommen sehen.
    Sie sah hellen Blickes zu ihm auf. Htte sich vorhin ein Zweifel in meine
Seele geschlichen, vor deinem ruhigen Urteil wre er geschwunden! Der alte
Maler, den ich von meiner Kindheit an lieb gehabt habe, kann nicht unser Feind
sein!
    Wer sagt das?
    Die Gromama. Ist es wahr, da er Nachforderungen an uns Geschwister
stellt?
    Ja, Margarete, es ist wahr, besttigte er sehr ernst. Er hat viel von
euch zu fordern. Wrdest du das ohne Protest ber dich ergehen lassen?
    Wie knnte ich anders, wenn die Forderung eine gerechte wre? versetzte
sie ohne Zgern; aber die Rte eines pltzlichen Befremdens schlug ber ihr
Gesicht.
    Auch wenn diese Forderung dein Erbteil bedeutend schmlerte?
    Sie lchelte flchtig. Es ist bisher immer von seiten anderer fr mich
gesorgt und bezahlt worden; ich kann deshalb den eigentlichen Wert des
Geldbesitzes nicht beurteilen; darin aber bin ich meiner selbst gewi, da ich
tausendmal lieber mein Brot mit Nhen verdienen, als auch nur einen Groschen
haben mchte, der mir nicht zukme... Ich wei ja auch, da du nichts Unbilliges
untersttzen wrdest, und deshalb bin ich zu jedem Opfer bereit!
    Kleine Tapfere, die den Fu sofort im Bgel hat, wenn es gilt, eine brave
That auszufhren!
    Ihr Gesicht verfinsterte sich. Ein schlecht gewhltes Bild fr mich, die
ich nicht reiten kann, warf sie herb und achselzuckend hin. Die vornehme Welt
spielt in alle deine Gedanken hinein, Onkel!
    Er verbi ein Lcheln. Was willst du? Dem Bann der Sphre, in der man viel
lebt, entzieht sich so leicht keiner. Wrst du die Freiheitsdurstige, die
glhende Verfechterin eines stolzen, starken Brgertums geworden, wenn du nicht
im Hause des Onkels Theobald gelebt httest? Ich glaube schwerlich.
    Du irrst! Das ist nicht angeflogen, nicht eingeimpft, das ist mit mir
geboren. Es wre Eigentum meines Blutes, meiner Seele gewesen, auch ohne den
erweckenden ueren Einflu, ungefhr so wie man sagt, - ein Zug ihres
ehemaligen Mutwillens umspielte ihren Mund - da Raphael ein groer Maler
gewesen sei, auch wenn er ohne Hnde das Licht der Welt erblickt htte. Sie
wurde aber sofort wieder ernst und kam auf Herberts Mitteilung zurck. Auf
welches Recht sttzt der alte Lenz seine Ansprche? fragte sie unumwunden.
Inwiefern ist er unser Glubiger?
    Du wirst kurze Zeit Geduld haben mssen, antwortete er zgernd, und seine
Augen streiften prfend ihr Gesicht, als schwanke er, ob er jetzt schon sprechen
solle oder nicht.
    Ach, das ist wohl eigentlich Sache meines Vormundes? fragte sie scheinbar
gleichgltig, aber ihre Wangen frbten sich und ihre Stimme klang geschrft.
    Noch hast du keinen Vormund, entgegnete er leise lchelnd.
    Allerdings vorderhand nicht - du hast es ja nicht werden wollen.
    Ah, ist dir das auch schon hinterbracht worden? - Nun ja, ich habe es
entschieden abgelehnt, weil mir alles Zwecklose in der Seele zuwider ist.
    Zwecklos? - Ach so, dann hat ja die Gromama recht, wenn sie sagt, du
bedanktest dich fr diesen Posten, weil mit meinem bodenlosen Eigenwillen doch
nichts auszurichten sei.
    Nun, stichhaltig wre diese Begrndung in der That - bse genug bist du
ja! Er sah sie schalkhaft von der Seite an. Indes, ich wrde mich nicht
frchten, ich wrde mit diesem bodenlosen Eigenwillen schon fertig werden. Aber
ich habe einen anderen Grund und den sollst du in der allernchsten Zeit
erfahren.
    Sie wurden unterbrochen; ein Tapezier trat herein. Der Landrat wollte neue
Futeppiche fr seinen Vater legen lassen. Nun kam der Mann, um den Fuboden der
Zimmer auszumessen, und whrend Herbert mit ihm verhandelte, schlpfte Margarete
hinaus. -
    Ja, recht hast du, Jette, 's ist ein wahres Elend! sagte Brbe seufzend zu
dem Hausmdchen in dem Augenblick, als Margarete drunten in der offenen
Kchenthre vorber nach der Hofstube ging. Die alte Kchin rollte Teig auf dem
Nudelbrett aus. Ja, Snd' und Schande ist's, da der Mensch hier im Hause nicht
einen Finger rhren darf, um den armen Leuten drben beizuspringen! ereiferte
sie sich. Was wr's denn nun weiter, wenn ich einen Topf voll Nudelsuppe
'nbertrge fr den alten Mann und das Kind? Aber - da Gott erbarm'! - das
wollt' ich nicht probieren! Der in der Schreibstube tht einem ja den Kopf
abreien! Sie streute zornig eine Handvoll Mehl ber die breite Teigflche.
Ja, und es mu schlecht stehen um die alte Frau; die Aufwrterin hat eben
wieder Eis vom Brunnen geholt, und den Doktor hab' ich heute schon zweimal
kommen sehen - pa auf, Jette, die Frau stirbt! Sie stirbt! Meine Kochtpfe
haben nicht fr die liebe Langeweile den ganzen Vormittag im Ofen gesungen, das
bedeutet allemal Tod im Hause, allemal!

                                       24


Am andern Tage herrschte viel Rumor in der Bel-Etage. Tapeziere, Tncher und
Ofenputzer kamen und gingen, und Margarete war von frh an viel in Anspruch
genommen. Und das war gut; es blieb ihr nicht viel Zeit zum Nachgrbeln, das ihr
ohnehin die Nachtruhe geraubt - sie hatte fast die ganze Nacht mit offenen Augen
gelegen und heftige Strme waren ihr durch Kopf und Herz gegangen.
    In dem roten Salon sollten die Bilder an ihren alten Platz gehangen
werden... Zum erstenmal wieder, seitdem die Totenkerzen im Flursal gebrannt
hatten, schlo Tante Sophie den Gang hinter Frau Dorotheens Sterbezimmer auf,
und Margarete folgte ihr mit Wischtuch und Federstuber; sie wollte das Reinigen
der Bilder selbst besorgen.
    Ein Grauen berlief sie beim Betreten des dsteren Ganges - es war ihr
umheimlich, ja frchterlich geworden. Das geheimnisvolle Gebaren ihres Vaters an
jenem Nachmittage, da er sich in das Zimmer der schnen Dore eingeschlossen,
seine rtselhaften Andeutungen in der Sturmnacht - von welcher er gesagt, da
auch sie, nicht die Sonne allein, Verborgenes an den Tag bringe - und der
grauenhafte Weg, der sie selbst ber diese alten, chzenden Dielen und den
Bodenraum des Packhauses hinweg an die Leiche des so jh Hingerafften gefhrt
hatte, dies alles beklemmte und erschtterte sie von neuem.
    Sie trat so scheu und zaghaft auf, als msse das Gerusch ihrer Schritte die
an den Wnden hingereihten Gestalten erwecken und beleben, und alle Geheimnisse
des alten Hauses, die sie ins Grab mitgenommen, wrden pltzlich mit ihnen laut
werden.
    Noch lehnte das Bild der schnen Dore abgewendet in der Schrankecke, wie der
Verstorbene es damals hingeschleudert, der Sturm hatte nicht daran gerhrt...
Doppelt erschtternd und herzbezwingend trat ihr beim Umwenden das schne Weib
aus dem Rahmen entgegen, nachdem sie von so manchem ausdruckslosen, alltglichen
Frauengesicht den Staub weggewischt hatte. Sie kniete vor dem Bilde noch einige
Augenblicke und sann, was wohl diese mchtigen Augen, der lieblich lchelnde
rote Mund verschuldet haben mochten, um noch nach hundert Jahren eine solche
Erbitterung hervorzurufen, wie sie der Verstorbene in jenem unheimlichen Moment
an den Tag gelegt hatte...
    Drunten aber sagte Friedrich, der Hausknecht, der aus dem roten Salon
gekommen war und einen scheuen Blick in den offenen Gang geworfen hatte: Unser
Frulein kniet jetzt gar vor der mit den Karfunkelsteinen! Wenn sie nur wte,
was ich wei! Die Frau mu bei Lebzeiten ein wahrer Satan gewesen sein, da sie
nicht einmal in ihrem Rahmen Ruhe hat. Das gottheillose Bild gehrt von Rechts
wegen auf den Boden, hinter den Schlot, sag' ich - da kann sie meinetwegen ohne
Rahmen 'rumspazieren!
    Aber das Bild kam nicht auf den Hausboden. Margarete hing es selbst mit
Hilfe des Tapeziers an seinen alten Platz. Dann ging sie hinunter in ihre stille
Hofstube, um sich ein wenig zu erwrmen.
    Sie setzte sich an das Fenster und sah in den beschneiten Hof hinaus. Die
Temperatur war etwas milder geworden, hier und da sank ein gelstes
Schneebllchen von den Lindensten; Finken, Meisen und Spatzen tummelten sich
auf den fr sie hergerichteten Futterpltzen, und auch die Haustauben kamen
herab und halfen die reichlich gestreuten Krner aufpicken.
    Aber pltzlich flog die ganze Vogelgesellschaft lrmend auf - es mute
jemand in dem Hof vom Packhause herkommen. Margarete bog sich ber die Brstung,
und da sah sie den kleinen Max, wie er, die ngstlich suchenden Augen auf die
Kchenfenster geheftet, direkt auf das Vorderhaus zu, durch den Schnee stampfte.
    Die junge Dame erschrak. Wenn Reinhold den Knaben bemerkte, dann gab es
einen Sturm... Sie ffnete das Fenster und rief das Kind mit halb unterdrckter
Stimme zu sich. Es kam sofort herber und zog sein Mtzchen, und da sah sie
Thrnen in den trotzigen Augen.
    Die Gromama will umgebettet sein, und der Gropapa kann sie nicht allein
heben, sagte er hastig. Die Aufwrterin ist fortgegangen; ich habe sie berall
gesucht und bin in der Stadt herumgelaufen, aber ich kann sie nicht finden. Nun
haben wir niemand! Ach, das ist zu schlimm! Und da wollte ich zu der guten Brbe
-
    Gehe nur und sage dem Gropapa, es wrde sofort Hilfe kommen! raunte
Margarete hinab und schlo eilig das Fenster.
    Der Kleine lief spornstreichs heim, und Margarete griff nach ihrem weien
Burnus und ging nach der Wohnstube.
    Tante Sophie war eben im Begriff, auszugehen.
    Das junge Mdchen teilte ihr im Fluge mit, da augenblickliche Hilfe im
Packhause ntig sei, und schlielich sagte sie: Ich wei jetzt, wie ich
unbemerkt hinber kommen kann - durch den Gang und ber den Bodenraum des
Packhauses! Hast du den Schlssel zu der Dachkammer in Verwahrung?
    Die Tante reichte ihr einen neuen Schlssel vom Haken. Da, Gretel, gehe du
in Gottes Namen!
    Margarete flog die Treppe hinauf, nicht ohne einen ngstlichen Seitenblick
nach dem Kontorfenster zu werfen; aber der Vorhang hing unbeweglich hinter den
Scheiben; es war still und menschenleer in der Hausflur, wie sich vorhin auch
kein Gesicht an den Fenstern nach dem Hofe gezeigt hatte, und droben im roten
Salon waren nur noch die Tapeziere beschftigt, den Teppich zu legen.
    Sie huschte durch den Flursaal und die noch zurckgeschlagene Thre des
Ganges; das neue Schlo der Dachkammerthre war schnell geffnet, und auf dem
ganzen Bodenraum trat ihr kein Hindernis in den Weg, alle Thren standen offen,
auch die nach der Treppe fhrende war unverschlossen.
    Tief aufatmend trat Margarete in die Wohnstube der alten Leute. Es war
niemand drin; aber aus der nur angelehnten Kchenthre kam leises Gerusch. Die
junge Dame ffnete die Thrspalte weiter und sah in den mit Kochdunst erfllten
Raum hinein.
    Der alte Maler stand am Herd und bemhte sich eben, Brhe aus dem dampfenden
Fleischtopf in eine Tasse zu gieen. Er hatte die Brille auf die Stirn
hinaufgeschoben und machte ein ngstliches Gesicht - die ungewohnte
Beschftigung des Kochens schien ihm viel Mhe und Kopfzerbrechen zu
verursachen.
    Ich will Ihnen helfen! sagte Margarete, indem sie die Kchenthre hinter
sich zuzog.
    Er sah auf. Mein Gott, Sie kommen selbst, Frulein? rief er freudig
erschrocken. Der Max hat mir den Streich gespielt, ohne mein Vorwissen in Ihrem
Hause Hilfe zu suchen - er ist eben ein resoluter kleiner Bursche, der nie
unverrichteter Sache heimkommen will.
    Er hat recht gethan, der brave Junge! sprach die junge Dame. Dabei nahm
sie dem alten Mann den Fleischtopf aus der Hand und go die Brhe durch den
Seiher, den der ungeschickte Koch vergessen hatte, in die Tasse.
    Das ist die erste krftige Nahrung, die meine arme Patientin genieen
darf, sagte er mit glcklichem Lcheln. Gott sei Dank, es geht ihr um vieles
besser! Sie hat die Sprache wieder und der Doktor hofft das beste.
    Wird es ihr aber nicht schaden, wenn ein ungewohntes Gesicht, wie das
meine, ihr pltzlich nahe kommt? fragte Margarete besorgt.
    Ich werde sie vorbereiten. Er nahm die Tasse und trug sie durch die
Wohnstube in die anstoende Kammer.
    Margarete blieb zurck - sie brauchte nicht lange zu warten. Wo ist sie,
die Gute, die Hilfreiche? hrte sie die Kranke fragen. Sie soll hereinkommen!
- Ach, wie mich das freut und trstet!
    Die junge Dame trat auf die Schwelle und Frau Lenz streckte ihr den gesunden
Arm entgegen. Ihr Gesicht war so wei wie das Leinen, auf welchem sie lag, aber
die Augen blickten bewut.
    Wei und licht wie eine Friedenstaube kommt sie! sprach sie bewegt. Ach
ja, Wei trug sie auch so gern, die von uns gegangen ist, um nie wieder zu
kommen -
    Sprich jetzt nicht davon, Hannchen! mahnte ihr Mann ngstlich. Du
sehntest dich ja, in eine bequemere Lage gebracht zu werden, und deshalb ist
Frulein Lamprecht gekommen, wie ich dir schon sagte; sie will mir helfen, dich
umzubetten.
    O, ich danke! Ich liege gut, und wenn ich bis jetzt auf Nesseln gelegen
htte, ich glaube, ich wrde es nicht mehr fhlen... Mir ist jetzt so wohl! Der
Anblick des lieben, jungen Gesichts erquickt mich... Ja, ich hatte auch eine
Tochter, jung und schn und ein Engel an Herzensgte. Aber ich war wohl zu stolz
auf dies Gottesgeschenk, und dafr -
    Aber Hannchen, unterbrach sie der alte Mann in sichtlicher Angst. Du
darfst nicht so viel sprechen! Und Frulein Lamprecht wird sich nicht so lange
bei uns aufhalten knnen -
    Ich bitte dich, lasse mich reden! rief sie heftig erregt. Mir liegt ein
Stein auf der Brust, und der mu heruntergesprochen werden... Sie schpfte tief
und schwer Atem. Kannst du dir nicht selbst sagen, da eine unglckliche Mutter
auch einmal die traurige Wonne genieen will, vor anderen von ihrem toten
Liebling zu sprechen? ... Sei unbesorgt, Ernst, du Guter, Getreuer! setzte sie
beherrschter hinzu. Hat mich nicht schon der Besuch des Herrn Landrats gestern
halb gesund gemacht? ... Ich konnte ihn freilich nicht sehen und sprechen; aber
gehrt habe ich alles, was er dir drben sagte. Er glaubt an uns, der edle Mann,
und da war jedes gute Wort Heilung fr mich.
    Sie zeigte auf ein Porzellanbildchen in Ovalform, das ber ihrem Bette hing.
Kennen Sie diese? fragte sie, und ihr Blick richtete sich fast verzehrend auf
das Gesicht der jungen Dame.
    Margarete trat nher. Ja, diesen Kopf mit den taufrischen Lippen, den
cyanenblauen Augen und der goldenen Glorie einer mchtigen Haarflle ber der
Stirn, diesen hinreiend schnen Kopf kannte sie! -
    Die schne Blanka! sagte sie bewegt. Ich habe sie nie vergessen! - An
jenem Abend, wo mich Herr Lenz auf seinem Arme hier heraufgetragen hat, da hing
das Haar, das auf dem Bilde als Flechte ber die Brust fllt, gelst und
glitzernd wie ein Feenschleier ber ihren Rcken hinab.
    An jenem Abend, wiederholte die Kranke aufseufzend, ja, an jenem Abend,
wo sie sich mit ihrem strmisch bewegten Herzen ins Dunkel geflchtet hatte! O,
ber die ahnungslosen Eltern! brach es von ihren Lippen. O, ber die blinde
Mutter, die ihr Lamm nicht zu hten verstanden hat!
    Hannchen!
    Die alte Frau beachtete den Einwurf und die flehentlich bittende Miene ihres
Mannes nicht.
    Geh, mein liebes Kind, wandte sie sich an den kleinen Max, der am Fuende
des Bettes sa. Geh in die Kche zu Philine! Hrst du sie winseln? Sie will
herein, und der Arzt hat's doch verboten.
    Der Knabe stand gehorsam auf und ging hinaus.
    Ist er nicht ein gutes, schnes Kind? fragte die Kranke aufgeregt, und in
ihren Augen funkelten Thrnen. Mte nicht jeder Vater stolz sein, ein solches
Himmelsgeschenk zu besitzen? ... O, und er -! Ob er wohl der himmlischen
Seligkeit teilhaftig wird, der seines Sohnes Ehre und Lebensglck ins Grab
mitgenommen hat?
    Ich bitte dich, liebe Frau, sprich nicht mehr! Nur heute nicht! bat der
alte Mann instndigst - er zitterte sichtlich an allen Gliedern. Ich werde
Frulein Lamprecht bitten, uns morgen noch einmal zu besuchen, dann wirst du
krftiger und ruhiger sein.
    Die Kranke schttelte schweigend, aber energisch verneinend den Kopf und
ergriff mit der Rechten Margaretens Hand. Wissen Sie noch, was ich Ihnen sagte,
als Sie mir versicherten, da Sie unseren Max lieb htten und seinen Lebensgang
im Auge behalten wrden?
    Margarete drckte die Hand sanft und beruhigend. Sie sagten, die
vernderten Verhltnisse wandelten oft eine Ansicht ganz pltzlich, und wer
knne wissen, ob ich nach vier Wochen noch so dchte, wie in jenem
Augenblicke... Nun denn, die Beziehungen zwischen uns haben sich bereits
gendert, wie man mir sagt - inwiefern dies geschehen ist, wei ich freilich
noch nicht; indes, mag sie doch sein, welcher Art sie will, was hat denn diese
Wandlung mit meiner Vorliebe fr das Kind zu schaffen? Wird es dadurch weniger
liebenswert? ... Aber nun mchte auch ich herzlich bitten, sprechen Sie heute
nicht mehr! - Ich will jeden Tag zu Ihnen kommen, und Sie sollen mir alles
sagen, was Ihnen das Herz erleichtern kann.
    Die alte Frau lchelte bitter. Man wird Ihnen die Besuche bei der verhaten
Familie vielleicht heute schon nach Ihrer Rckkehr verbieten.
    Ich gehe einen Weg, der fr die anderen nicht existiert. Ich bin auch heute
ber Ihren Hausboden gekommen.
    Die Augen der Kranken ffneten sich weit in schmerzlicher Aufregung. Den
Unglcksweg, auf den mein armes Lamm gelockt worden ist? rief sie
leidenschaftlich. Ach ja, da ist sie mir zu Hupten hingegangen, und die
Mutter, die ihr Herzblut hingegeben htte, um die Seelenreinheit ihres Kindes zu
bewahren, sie ist blind und taub gewesen, sie hat geschlafen wie die thrichten
Jungfrauen in der Bibel... Ich habe ihn nie betreten, den unheilvollen Gang,
durch den die weie Frau Ihres Hauses wandeln soll; aber ich wei, es ruht ein
Fluch auf ihm, und sie, mein Abgott, ist daran zu Grunde gegangen. Gehen Sie ihn
nicht wieder!
    Das soll mich nicht abhalten - ich gehe ihn ja in Ausbung der
Nchstenpflicht! sagte Margarete mit unsicherer Stimme und stockendem Atem. Ihr
war, als sehe sie pltzlich in eine geheimnisvolle, dunkle Tiefe hinein, aus
welcher bekannte Umrisse aufdmmerten.
    Ja, Sie sind gut und barmherzig wie ein Engel; aber Sie knnen bei allem
guten Willen ber menschliches Ermessen auch nicht hinaus! rief die Kranke,
indem sie sich mit gewaltsamer Anstrengung in den Kissen aufrichtete. Auch Sie
werden uns schlielich verurteilen, wenn Sie hren, da wir Ansprche erhoben
haben, ohne die Beweise dafr erbringen zu knnen... O, guter Gott, nur einen
einzigen Lichtstrahl in dieser qualvollen Finsternis! ... Man wird uns
hinausjagen, und Blankas Sohn wird nicht wissen, wohin er sein Haupt legen soll,
das Kind, dem sie ihr junges Leben hat hinopfern mssen!
    Mit vllig entfrbten Lippen ergriff Margarete die Hand der alten Frau.
Nicht diese halben Andeutungen! bat sie, mhsam die eigene furchtbare
Aufregung bemeisternd, die ihr Herz strmisch klopfen machte und ihr fast den
Atem raubte. Sagen Sie mir unumwunden, was Ihnen das Herz belastet, Sie sollen
mich ruhig finden, mgen diese Enthllungen sein, welcher Art sie wollen!
    Der alte Maler bog sich hastig ber die Kranke und flsterte ihr einige
Worte ins Ohr.
    Sie soll es noch nicht erfahren? fragte sie und wandte unwillig den Kopf
weg. Und weshalb nicht? Will man warten, bis du von London zurckgekehrt bist,
und wenn mit leerer Hand, dann bleibt es fr alle Zeit ein ungelichtetes Dunkel?
... Nein, dann soll sie wenigstens wissen, da es ein rechtmiger Erbe ist, der
ausgestoen wird aus dem Hause seines Vaters, weil er nichts Schriftliches
aufweisen kann... Max ist so gut Ihr Bruder, wie der bse Gestrenge in der
Schreibstube! sagte sie mit unerbittlicher Entschlossenheit zu der jungen Dame.
Blanka war fr ein kurzes Jahr Ihre Mutter, sie war die zweite Frau Ihres
verstorbenen Vaters.
    Erschpft sank ihr Kopf in die Kissen zurck; Margarete aber stand einen
Augenblick wie versteinert. Es war weniger die pltzliche rckhaltslose
Entschleierung der Thatsache, vor welcher sie erstarrte, als das grelle Licht
der Erkenntnis, das in einem einzigen Moment eine ganze Kette dunkler Vorgnge
beleuchtete.
    Ja, diese heimliche Ehe war es gewesen, welche die letzten Lebensjahre ihres
Vaters so furchtbar verdstert hatte! Sie wute jetzt, da er den Sohn dieser
zweiten Ehe zrtlich geliebt und doch den Mut nicht gefunden hatte, ihn
ffentlich anzuerkennen. Aber sie wute auch, da mit jenem entsetzlichen
Moment, wo er frchten mute, dieses geliebte Kind lge erschlagen unter den
herabgestrzten Dachtrmmern, der feste Entschlu in ihm gereift war, es nunmehr
in alle seine Rechte einzusetzen. Morgen wird es einen Sturm da oben geben,
einen Sturm, so wild wie der, unter welchem eben unser altes Haus in seinen
Fugen bebt, hatte er unter Hinweis auf die obere Etage in jener Sturmnacht
gesagt. Ja, heftigen Auftritten hatte er in der That entgegensehen mssen. Nun,
der Tod hatte ihm diesen Zusammensto mit den Vorurteilen der von ihm so sehr
gefrchteten vornehmen Welt erspart, aber um welchen Preis! -
    Sie haben keine schriftlichen Beweise in den Hnden, sagten Sie nicht so?
fragte sie mit halb erstickter Stimme.
    Keine, erwiderte der alte Maler tonlos, und eine bittere Enttuschung
sprach aus dem Blicke, den er auf die pltzliche Frage hin der jungen Dame
hinwarf. Wenigstens keine solchen, die vor dem Gesetz gelten. Diese hat der
Verstorbene beim Tode meiner Tochter an sich genommen; aber sie sind in seinem
Nachla nicht zu finden gewesen, sie sind spurlos verschwunden.
    Sie mssen und werden sich finden, sagte sie fest. Damit ging sie nach der
Kche und kam gleich darauf, den kleinen Max an der Hand, wieder herein. Er
soll mir zeitlebens ein lieber Bruder sein, sagte sie bewegt, indem sie den
rechten Arm um den Knaben schlang und ihre Linke wie zum Schutz auf seinen
Lockenkopf legte. Das Kind ist ein Vermchtnis meines Vaters fr mich - ein
heiliges! ... Niemand hat einen Einblick in das Geheimnis seiner letzten
Lebensjahre gehabt; nur seiner Aeltesten hat er zuletzt Andeutungen gemacht. Sie
waren freilich rtselhaft fr mich; aber jetzt wei ich die Lsung. Htte mein
Vater nur noch zwei Tage gelebt, dann trge diese arme Waise hier lngst unseren
Namen... Aber ich werde nicht ruhen noch rasten, bis sein entschiedener letzter
Wille, der ihm vor seinem Tode ausschlielich Kopf und Herz erfllt hat, zur
Geltung kommt... Nein, sprechen Sie nicht mehr! rief sie, die Hand abwehrend
gegen die kranke Frau ausstreckend, die mit dem Ausdruck des Glckes in den
Zgen die Lippen ffnen wollte. Sie mssen jetzt ruhen! Gelt, Max, die Gromama
mu schlafen, damit sie bald wieder gesund wird?
    Der Knabe nickte und streichelte die Hand der Gromama. Er nahm seinen Platz
am Fuende des Bettes wieder ein, whrend die junge Dame, gefolgt von Herrn
Lenz, in die Wohnstube ging. Hier in dem tiefen Fensterbogen teilte er ihr zur
Orientierung noch Nheres leise, in flchtigen Umrissen mit, und sie weinte
still dabei in ihr Taschentuch hinein. Die Nervenerschtterung war zu heftig
gewesen, und um der Kranken willen hatte Margarete standhaft die innere Bewegung
beherrscht; nun aber kam die Reaktion, und die erleichternden Thrnen lieen
sich nicht mehr zurckdrngen.
    Ehe sie ging, sah sie noch einmal in die Schlafstube. Der kleine Max deutete
auf die Kranke und legte den Finger auf den Mund - sie schlief augenscheinlich
s und fest; sie hatte die Last von der Seele gewlzt, und eine Jngere, Starke
hatte sie auf ihre Schultern genommen. - - -
    Wenige Minuten spter stieg Margarete die Bodentreppe im Packhause wieder
hinauf. Sie ging wie im Traume, aber in einem sturmvollen. Es war nicht viel
mehr als eine halbe Stunde vergangen, seit sie ahnungslos diese Stufen
hinabgehuscht war, aber welchen Umschwung aller Verhltnisse schlo diese eine
halbe Stunde in sich! ... Nun war es ja klar geworden, weshalb der Papa an ihre
Kraft und Treue appelliert hatte! Einer unseligen Schwche hatte er sich
angeklagt - ja, diese Schwche, die Furcht, da ihn die vornehme Gesellschaft um
seiner zweiten Heirat willen in Bann und Acht thun werde, sie war es gewesen,
die ihm das Leben vergiftet hatte! -
    Sie blieb unwillkrlich stehen und sah nach dem Vorderhause hinber. Ein
schneidender Wind pfiff durch die offene Dachluke, und glitzernde Eiszapfen
umstarrten wie Drachenzhne den schmalen Rundbogen. Margarete schauerte in sich
zusammen, aber nicht vor der Winterklte, die khlte ihr wohlthuend das glhende
Gesicht - ihr traten die Kmpfe vor die Seele, die sich in dem alten Hause dort
abspielen muten, bis das Recht triumphieren und der Jngstgeborene in das
vterliche Haus einziehen durfte... Und hatte die kranke Frau nicht recht? War
dieser schne, krftige Knabe nicht ein wahres Himmelsgeschenk fr das Haus
Lamprecht, das nur noch auf zwei Augen stand? - Aber was kmmerte die
kaltherzige, hochmtige alte Dame im oberen Stock der gesicherte Fortbestand der
stolzen geliebten Firma? Das Kind war der Enkel der miachteten Malersleute,
und das gengte, um ihr jeden Blutstropfen zu empren und sie anzuspornen, die
Anerkennung der Waise so lange wie mglich zu hintertreiben. Und Reinhold, der
sparsame Kaufmann, der beide Hnde fest auf den ererbten Geldkasten gelegt
hatte, er gab sicher keinen Groschen heraus, ohne die heftigste Gegenwehr! -
    Sie schritt weiter auf den Bodendielen, die unter ihren Fen chzten... Ach
ja, es waren nicht blo die groben Sohlen der Packer darber hingegangen, auch
feine, beflgelte Mdchenfe hatten huschend die ungehobelten Bretter berhrt -
eine weie Taube war einst hier aus und ein geflogen. Bei diesem pltzlichen
Gedanken stieg in ihr eine heie Rte nach dem Gesicht, das sie einen Augenblick
in den Hnden vergrub; dann schritt sie rascher der Thre zu, die nach dem
unheilvollen Gange fhrte - sie ahnte nicht, da in der That das Unheil hinter
dieser Thre lauere.

                                       25


Im Vorderhause hatte sich inzwischen eine aufregende Szene abgespielt. Brbe
hatte den Tapezieren eine Erfrischung hinaufgetragen, und nach einem kurzen
Gesprch mit den Leuten hatte sie die Thre geffnet, um den roten Salon zu
verlassen; aber schmetternd war der Thrflgel sofort wieder zugeflogen, und die
alte Kchin war mit einem Aufschrei ins Zimmer zurckgewankt. Sie hatte im
ersten Augenblick nicht zu sprechen vermocht; mit der Hand nach der Thr
deutend, war sie in den nchsten Stuhl gesunken und hatte sich die Schrze
verhllend ber den Kopf geworfen. Aber drauen war nun absolut nichts
Besonderes zu finden gewesen, wie der eine Arbeiter versicherte, der
hinausgegangen war, um zu sehen, was der robusten Alten einen solchen Schrecken
eingejagt habe.
    Glaub's gern, nicht alle sehen's! Ach, das ist mein Tod! hatte Brbe unter
ihrer Schrze hervorgesthnt. Dann hatte sie versucht, wieder auf die Beine zu
kommen; aber die waren so schwach und zitterig gewesen, da sie eine geraume
Weile auf ihrem Stuhle hatte sitzen bleiben mssen. Nur ganz allmhlich hatte
sie die Schrze fallen lassen und sich scheu umgesehen, und ihre gesunde
braunrote Gesichtsfarbe hatte ins Aschgraue gespielt. Aber sie war still gewesen
- das waren ja fremde Leute, die Gesellen da, denen durfte man doch den Mund
nicht aufsperren, die trugen's weiter, und dann wute in ein paar Stunden die
ganze Stadt, was bei Lamprechts passiert war! -
    Zum Glck waren die Arbeiter bald darauf mit ihrer heutigen Aufgabe fertig
gewesen. Da hatte sie doch nicht allein den langen Flursaal passieren mssen.
Sie war mit den beiden Gesellen gegangen, hatte nicht rechts noch links gesehen,
und war endlich wieder in ihre Kche geschlichen - ja, geschlichen, hatte der
Hausknecht ausgesagt, - wie ein Gespenst sei sie dahergekommen und auf die
Aufwaschbank hingesunken. - Hier war aber ihr Mundwerk wieder flotter gegangen.
Nun war sie ihr auch erschienen, die mit den Karfunkelsteinen, und nun sollte
nur einer kommen und ihr ausreden wollen, was sie mit ihren eigenen Augen
gesehen hatte! Er sollte nur kommen!
    Und der Hausknecht samt der alten Jette hatten Mund und Nase aufgesperrt;
der Kutscher war auch dazu gekommen, und just in dem Moment, wo der Friedrich
gefragt hatte: War sie auch im grasgrnen Schleppkleide, wie bei mir dazumal?
- da war auch ein Lehrling aus der Schreibstube gekommen, um ein Glas
Zuckerwasser fr den jungen Herrn zu fordern.
    I bewahre - grn nicht! hatte Brbe kurzatmig, aber unter energischem
Kopfschtteln verneint. Wei, schneewei ist's in dem Gange hin um die Ecke
geflogen! Akkurat so mu sie im Sarge gelegen haben. Und daran hatte sie eine
Schilderung geknpft, die selbst dem Lehrling das Haar struben gemacht.
    Durch ihn aber war das Geschehnis bis in die Schreibstube gedrungen.
Reinhold war ber das lange Ausbleiben des jungen Menschen heftig erzrnt
gewesen, und da hatte sich derselbe mit dem Aufstand in der Kche entschuldigt.
    Gleich darauf war der junge Herr herber gekommen. Er hatte in einem dicken
Pelzrock gesteckt und seine warme Ottermtze auf dem Kopfe gehabt. Du gehst
jetzt mit mir hinauf und zeigst mir die Stelle, wo du die weie Frau gesehen
haben willst! hatte er streng der an allen Gliedern zitternden alten Kchin
befohlen. Ich will doch sehen, ob man dem Gespenst nicht endlich einmal auf den
Grund kommen kann! ... Ihr Hasenfe bringt mir das Haus immer mehr in Verruf -
wie soll ich da Mieter bekommen, wenn ich spter einmal alle berflssigen Rume
abgeben will? ... Vorwrts, Brbe! Du weit, ich verstehe absolut keinen Spa!
    Und da hatte Jungfer Brbe nicht einen Laut des Widerspruchs ber ihre
bebenden Lippen gebracht. Sie war ihm mit einknickenden Knieen gefolgt, die
Treppe hinauf und den Flursaal entlang, ihr entsetzensvolles Struben an der
Gangecke hatte ihr auch nichts geholfen; er hatte sie am Arme gepackt und an den
sie geisterhaft anstarrenden Bildern vorber geschoben, bis zu dem Treppchen,
das seitwrts nach dem Boden des Packhauses fhrte.
    Aber da war er pltzlich wie toll hinabgesprungen, hatte die nur angelehnte
Thr der Dachkammer ein wenig weiter aufgeschoben und durch den Spalt
hineingelugt, und als er Brbe das Gesicht wieder zugewendet, da waren seine
groen, grauen, toten Augen voll Leben gewesen, sie hatten gefunkelt wie die
einer tckischen Katze.
    Nun marschiere du wieder hinunter in deine Kche, hatte er boshaft
grinsend befohlen, und sage den anderen Hasenfen, ein Gespenst, das einen
Korb voll eingemachter Frchte bei sich habe, sei nicht gefhrlich! Vorher aber
gehe hinauf zur Gromama. Ich lasse sie bitten, in den roten Salon zu kommen.
    Brbe hatte sich schleunigst aus dem Staube gemacht. Aber es war ihr
pltzlich nicht ganz geheuer zu Mute gewesen; sie hatte das unbestimmte Gefhl
gehabt, als habe sie einen recht dummen Streich gemacht. Und als Tante Sophie
gleich darauf von ihrem Ausgang zurckgekehrt war, da hatte sie nach einigen
Prliminarien zu erzhlen begonnen, aber schon nach wenigen Stzen war die Tante
entsetzt zurckgefahren. O, du Unglcksbrbe, du! hatte sie gejammert und war
so, wie sie von der Strae hereingekommen, in Hut und Mantel, die Treppe
hinaufgeeilt.
    Sie htte alles darum gegeben, ihrer Gretel einen heftigen Auftritt zu
ersparen, oder ihn wenigstens durch vorherige Vorstellung und Frsprache zu
mildern, aber sie kam zu spt. In demselben Augenblick, wo sie den Flursaal
betrat, kam Reinhold in Begleitung der Gromama aus dem roten Salon.
    Er machte eine tiefe ironische Verbeugung nach dem Gange hin, und die Frau
Amtsrtin rief hinber: Ei, meine liebe Grete, du scheinst dir ja als schne
Dore recht zu gefallen! Neulich kamst du, wie aus dem Rahmen gestiegen, in ihrem
Brautrock, und heute erschreckst du die Leute im Hause als weie Frau -
    Ja, als die Frau mit den Karfunkelsteinen! ergnzte Reinhold. Brbe ist
wie verrckt! Sie hat den famosen weien Theatermantel da durch den Gang laufen
sehen und das ganze Haus rebellisch gemacht. So mu es kommen! Ihr da unten
haltet gegen mich wie die Kletten zusammen, und nun verrt eine die andere, wenn
auch wider Willen!
    Whrend dieses impertinenten Zurufes war Margarete um die Gangecke gekommen.
Sie antwortete nicht - die Bestrzung schien ihr die Lippen zu verschlieen.
    Betrgerin! schnauzte Reinhold sie an, indem er ihr nher trat. Also auf
solchen Schleichwegen gehst du? Hast ja schne Dinge drauen in der Welt
gelernt!
    Reinhold, mige dich! wies ihn Margarete mit ruhigem Ernst und wirklicher
Hoheit in die Schranken, whrend sie an ihm vorber zu Tante Sophie gehen
wollte; aber er vertrat ihr den Weg. 's ist recht, flchte du nur zu deiner
Gouvernante! da hast du ja von jeher Schutz und Hilfe gefunden! -
    Du auch! fiel Tante Sophie ein. Eure Gouvernante war ich nie; - eine Art
trockenen Auflachens kam ihr von den Lippen - ich kann weder Franzsisch noch
Englisch, und aufs Polieren verstehe ich mich auch nicht - aber so etwas, wie
ungefhr der getreue Eckard, das bin ich gewesen. Ich hab' euch ber Leib und
Seele meine beiden Hnde gehalten, so gut ich's eben konnte, und mein bichen
Kraft eingesetzt, solange ihr sie brauchtet, und wie dich deine schwachen
Beinchen jahrelang nicht tragen wollten, da sind es meine Arme gewesen, auf
denen du durch Haus und Hof und in die frische Luft hinausspaziert bist - ich
habe dich niemals fremden Hnden berlassen... Nun kannst du laufen, aber nicht
zu anderer Freude. Du lufst wie ein Kerkermeister horchend von Thr zu Thre,
gnnst deinen Mitmenschen nicht einmal die Luft, geschweige denn eigene Gedanken
und eigenes Genieen - alle sollen nach deiner Pfeife tanzen - das alte
Lamprechtshaus kommt mir nachgerade vor wie ein Zuchthaus. Und drum mein' ich,
es sei hoch an der Zeit, da man geht. Dich und dein Gnadenbrot brauche ich
nicht; aber die Gretel, die nehm' ich mit!
    Whrend dieser schneidigen Strafpredigt war der Kopf des langen jungen
Menschen immer tiefer in den dickzottigen Pelzkragen geschlpft, und seine Augen
irrten scheu an den Wnden hin. Er erinnerte sich recht gut, wie die Tante
Sophie wochenlang Nacht fr Nacht an seinem Krankenbette gewacht, ihm, dem meist
Appetitlosen, eigenhndig jeden Bissen mundgerecht zubereitet, und ihn noch als
siebenjhrigen Knaben die Treppen hinaufgetragen hatte, und da mochte wohl das
Rot, das augenblicklich sein fahles Gesicht berflog, Schamrte sein. Die Frau
Amtsrtin aber war sichtlich emprt.
    Glauben Sie wirklich, wir wrden unsere Enkelin mit Ihnen ziehen lassen?
fragte sie erzrnt. Das ist ein wenig khn und voreilig, meine Liebe! Ich
meine, die reiche Erbin wird sich doch wohl bedenken, im ersten besten
Armeleutestbchen unterzukriechen.
    Tante Sophie lchelte humorvoll. Es ist nur gut fr den Staat, da Sie
nicht Einschtzungskommissar sind, Frau Amtsrtin! So schlimm, wie Sie denken,
ist's wirklich nicht - ich mte ja nicht Lamprecht heien! Wohlgemerkt, ich
sage das nur, um die Beschuldigung der Khnheit und Voreiligkeit von mir zu
weisen!
    Margarete trat auf die Tante zu und legte zrtlich den Arm um die geliebte
Gestalt. Die Gromama irrt, sagte sie. Erstens bin ich nicht die reiche
Erbin, fr die man mich hlt, und dann wrde ich recht herzlich gern mit dir
auch in ein Armeleutestbchen ziehen, wenn ich nur bei dir bleiben drfte. Aber
vorlufig drfen wir beide das Haus nicht verlassen; ich habe eine Mission zu
erfllen, und du mut mir beistehen, Tante!
    Nun, der Missionsweg soll dir von nun an verschlossen sein, Grete - ich
werde die Thre nach dem Packhause zumauern lassen - sie hat ohnehin keinen
Zweck - und damit basta! Ich will doch sehen, ob ich mir nicht Ruhe verschaffen
kann! sagte Reinhold, indem er frostgeschttelt den Pelz fester ber die Brust
zusammenzog und nach dem Ausgang schritt - die schwache Regung eines guten
Gefhls war bereits wieder unterdrckt. Uebrigens ist es - gelinde gesagt - ein
klein wenig unverschmt von dir, an deinem Erbteil zu mkeln, setzte er, sich
noch einmal zurckwendend, hinzu. Du erhltst weit mehr, als es der Tochter von
Rechts wegen zukommt. Htte der Papa - wie es seine Pflicht mir, dem
Geschftsnachfolger, gegenber gewesen wre - beizeiten ein Testament gemacht,
dann stnden die Sachen jetzt anders; so aber mu ich Unsummen an dich
hinauszahlen.
    Ja, der Ansicht bin ich auch, da mir dieses groe Erbe nicht zukommt - ich
werde teilen mssen! versetzte Margarete bedeutsam.
    Mit mir noch einmal? lachte Reinhold hhnisch auf. Das wirst du bleiben
lassen! Du hast noch nicht einmal das Recht, darber zu verfgen. Und ich will
auch deine Gromut gar nicht, so wenig wie es mir einfllt, auch nur einen
Pfennig, oder das kleinste Rechtstttelchen von dem Meinigen herauszugeben. -
Jeder bleibe fr sich, das ist meine Maxime! ... Bei dieser Gelegenheit will ich
dir auch sagen, Gromama, da nirgends auch nur eine Spur von einem
Geschftskontrakt zwischen dem Papa und dem Menschen da drben - er deutete
nach dem Packhause - zu finden ist. Jene Nachforderung, mit welcher du so
geheimnisvoll thust, ist mithin Schwindel und fr mich abgethan - ich will nun
gar nichts Nheres wissen! ... Uebrigens danke ich dir, da du auf meine Bitte
heruntergekommen bist; du hast dich nun selbst berzeugen knnen, wie perfide
und hinterrcks meine Schwester zu handeln gewohnt ist.
    Er ging hinaus und lie die Thre schallend hinter sich zufallen.
    Margarete war bis in die Lippen erblat.
    Nimm dir's nicht zu Herzen, Gretel! trstete die Tante Sophie. Hast's ja
von klein auf nicht besser gewut, bist immer der Sndenbock und Prgeljunge
gewesen! Und er ist dadurch ein herzloser Bursche, ein grausamer Egoist geworden
-
    So jung schon ein ganzer Mann wollen Sie sagen, liebe Sophie, ein Mann, der
sich kein X fr ein U vormachen und nicht mit sich spaen lt, fiel die Frau
Amtsrtin ein. Margarete trgt selbst die Schuld, wenn er ihr bse Dinge gesagt
hat. Sie durfte nicht zu den Leuten gehen, von denen sie wute, da sie
unstatthafte Ansprche an die Erben erheben.
    Jene Ansprche sind gerecht, sprach das junge Mdchen fest.
    Was, - fuhr die Gromama auf - diese Elenden haben gegenber der Tochter,
als Dank fr ihren Samaritergang, ber den verstorbenen Vater gesprochen? Und du
glaubst die Fabel? Sie zog mit hastigen Hnden an ihrer Kapotte. Hier ist
mir's zu kalt - du gehst jetzt mit mir hinauf, Grete, die Sache mu besprochen
werden!
    Margarete folgte ihr schweigend, whrend Tante Sophie mit einem besorgten
Blick nach ihr die Treppe hinabging.

                                       26


Oben im Salon kreischte und schimpfte der Papagei beim Eintreten des jungen
Mdchens; sie hatte von Kindheit an das boshafte verhtschelte Tier nicht leiden
knnen, und das wute Papchen sehr gut.
    Sei artig, mein Liebling, mein Goldchen! schmeichelte die alte Dame. Sie
reichte dem Schreier ein Biskuit und liebkoste ihn; dann nahm sie langsam und
bedchtig die Kapotte von ihrem Spitzenhubchen und den Umhang von den Schultern
und legte beides sorgfltig zusammen.
    Margarete wurde bald rot, bald bla vor innerer Unruhe und Aufregung; sie
bi sich auf die Lippen, aber kein Wort entschlpfte ihr; sie kannte ja diese
fingierte Gelassenheit - die Gromama zeigte sich nie klter und bedchtiger,
als wenn sie innerlich erregt war.
    Nun, ich glaubte, du habest mir wunder was fr weltumstrzende Mitteilungen
zu machen, sagte die alte Dame endlich ber die Schultern nach ihr hin, whrend
sie langsam den Kasten zuschob, in welchen sie Kapotte und Umhang gelegt hatte;
statt dessen stehst du am Fenster und siehst ber den Markt hin, als zhltest
du die Eiszapfen an den Dachrinnen.
    Ich erwarte, da du mich fragst, Gromama, erwiderte das junge Mdchen
ernst. Wre ich doch so ruhig, um mich so harmlos beschftigen zu knnen, wie
du meinst! Aber an mir bebt jeder Nerv.
    Die Gromama zuckte die Achseln. Das hast du dir selbst zuzuschreiben,
Grete! Dein Vorwitz ist bestraft - du hattest im Packhause nichts zu suchen...
Ich war auch erschrocken, als uns der Mensch mit seiner unerhrten Behauptung
pltzlich wie vom Himmel herunter ins Haus fiel; aber in meinen Jahren geht der
Kopf mit dem Schrecken nicht mehr durch. Ich erkannte sehr schnell den Schwindel
und habe dem gewiegten Juristen, meinem Sohn, der sich merkwrdigerweise
dpieren lie, vorausgesagt, wie es kommen mute: der Alte kann seine Behauptung
nicht aufrecht erhalten, weil ihm all und jede Begrndung fehlt. Er hat sich auf
den Nachla deines seligen Vaters berufen - aber was brauche ich dir das alles
zu sagen? unterbrach sie sich. Du weit es ja aus dem Munde deines Protegs
selbst; natrlicherweise unter der Beleuchtung, die er der Sache zu geben
beliebt; denn sonst wrdest du vorhin nicht behauptet haben, seine Ansprche
seien gerecht.
    Margarete war lautlos ber den Teppich hingeglitten, und jetzt stand sie,
ganz entfrbt vor innerer Erschtterung, wie ein Geist vor der alten Dame. Da
jene Ansprche vollkommen gerecht und begrndet sind, wei ich aus einem anderen
Munde, Gromama - - aus dem meines Vaters, sagte sie mit bebender Stimme.
    Die Frau Amtsrtin prallte zurck. Im ersten Moment sprachlos vor
Bestrzung, starrte sie die Enkelin mit weit offenen, entsetzten Augen an. Bist
du von Sinnen? stie sie endlich hervor. Du wirst mir doch nicht Dinge
weismachen wollen, die kein vernnftiger Mensch glauben kann? - Dein Vater! Mein
Gott, man mu ihn gekannt haben, den strengverschlossenen Mann, der sich mit
einem einzigen zurckweisenden Blick unnahbar zu machen wute, er sollte einem
unmndigen Ding wie dir ein solches Geheimnis mitgeteilt haben? - Nein, meine
liebe Grete, so alt war er noch lange nicht, um so kindisch geworden zu sein. -
Du maest dir da eine Mitwissenschaft an, ber die ich lachen wrde, wenn ich
dabei nicht deine Verblendung beklagen mte. Wre es denn wirklich so schn und
beglckend, dieses Kuckucksei im Lamprechtschen Nest zu wissen? ... Ich bitte
dich, stehe nicht gar so weise und berlegen vor mir - eine Haltung und Miene,
die jeden Blutstropfen in mir zur Wallung bringt! - Sie trat im heftigsten
Unwillen um ein paar Schritte von dem jungen Mdchen weg, knpfte mit unsicher
tappenden Fingern die Haubenbnder fester unter dem Kinn und fuhr sich mit dem
Taschentuch ber die Stirn.
    Wenn du deiner Sache so gewi bist und sie so energisch vertrittst, hob
sie nach einem augenblicklichen Schweigen wieder an, dann kann ich auch
verlangen, da du mir Wort fr Wort wiederholst, was dein Vater gesagt haben
soll.
    Nein, Gromama, verzeihe, aber das kann ich nicht! entgegnete Margarete
mit feuchten Augen. Mir ist sein Vertrauen ein Heiligtum, das ich nie
profanieren werde. Nur wo es gilt, fr ihn zu handeln, da er es selbst nicht
mehr kann, da werde ich rcksichtslos seinen letzten Willen zur Geltung zu
bringen suchen. Gerade an seinem Todestage hat er den kleinen Bruder in alle ihm
zukommenden Rechte einsetzen wollen -
    Sie hielt inne; die alte Dame hatte ein hliches Hohngelchter
aufgeschlagen. Den kleinen Bruder! wiederholte sie zornbebend. Du hast
wirklich die Stirn, eine solche Ungeheuerlichkeit deiner Gromutter gegenber
gelassen auszusprechen? ... Aber den Wortlaut dessen, was dir mitgeteilt worden
sein soll, willst du aus purer heiliger Scheu und Piett nicht wiederholen? Ich
will dir sagen, weshalb du so rcksichtsvoll bist - weil du nichts Positives
weit! Du hast luten und nicht schlagen hren, hast hier und da ein
vereinzeltes dunkles Wort deines Vaters aufgefangen, und nun hltst du diese
Brocken neben die neue Wundergeschichte, und da es zu klappen scheint, fhlst du
dich berufen, dein Licht leuchten zu lassen! ... ... Es ist ja auch gar schn,
fr die Verkannten und Verfolgten ffentlich in die Schranken zu treten! Und was
kmmert es solch eine sensationsbedrftige Natur, wenn dabei ein seit
Jahrhunderten respektierter Familienname in den Schmutz fllt?
    Sensationsbedrftig? wiederholte das junge Mdchen mit finsterer Stirn,
indem es stolz den Kopf zurckwarf. Ich bin gewi, da dieser hliche Zug
unserer Zeit meine Seele auch nicht einmal gestreift hat; diese Beschuldigung
darf ich mithin getrost zurckweisen... Und die Wiederverheiratung eines Mannes
mit einem unbescholtenen Mdchen von feiner Bildung sollte seinem Familiennamen
Unehre machen, das soll ich glauben? Sie schttelte den Kopf. Liebe Gromama,
sei nicht bse, aber du bist ja auch eine zweite Frau, und wie hochgeachtet
stehen meine Groeltern da!
    Unverschmt! brauste die alte Dame auf. Wie kannst du mich mit der ersten
besten hergelaufenen Person vergleichen! Du - aber wofr ereifere ich mich
denn! unterbrach sie sich und reckte ihr zierliches Figrchen empor, um die
verlorene wrdevolle Haltung wiederherzustellen. Die ganze Geschichte dreht
sich ja doch nur um eine Beutelschneiderei, eine Erpressung von seiten der
Eltern; die verschollene Tochter kommt dabei kaum in Frage, wir thun ihr damit
nur eine unverdiente Ehre an - wer wei, wo sie sich herumtreibt!
    Sie ist tot, Gromama! Schmhe sie nicht in der Erde! rief Margarete
emprt. Du darfst es nicht, eben um unserer Familienehre willen; denn - du
magst dich selbst tuschen wie du willst - sie ist trotz alledem die zweite Frau
meines Vaters gewesen!
    Wirklich, Grete? - Nun, dann frage ich nur, wo sind denn die Dokumente, die
es beweisen? ... Gesetzt, es verhielte sich alles genau so, wie die Leute im
Packhause behaupten, und du es in deiner unglaublichen Verblendung vertrittst -
gesetzt, er sei in der That durch seinen jhen Tod verhindert worden, die
geheime Ehe ffentlich anzuerkennen, dann, sage ich, mte sich doch irgend ein
darauf bezgliches Papier in seinem Nachla gefunden haben. Nichts von alledem!
Nicht die kleinste eigenhndige Notiz, geschweige denn gerichtlich beglaubigte
Atteste und Zeugnisse. Aber ich will noch weiter gehen. Ich will selbst
annehmen, da die Dokumente in der That selbst existiert haben, - sie machte
eine augenblickliche Pause - so kmen wir dann notwendig zu dem Schlusse, da
sie der Verstorbene selbst vernichtet hat, weil er nicht gewillt gewesen ist,
die Sache an das Licht der Oeffentlichkeit zu bringen. Und das, meine ich,
sollte dir gengen, die wahnsinnige Idee aufzugeben, infolge deren du dich fr
die Vollstreckerin seines vermeintlichen letzten Willens hltst.
    Margarete war zurckgewichen, als sei sie auf eine Schlange getreten. Das
kann unmglich dein Ernst sein, Gromama! Was hat dir mein Vater gethan, da du
ihm einen solchen Schurkenstreich zutraust... Ach, sein Zaudern, seine Furcht
vor dem Urteil der Welt, vor dem Standesvorurteil, dem Moloch, der das
Lebensglck Tausender verschlingt, wie hart strafen sie sich in diesem
Augenblick! Wie hat sich diese unselige Schwche schon bei Lebzeiten gercht
durch die Qual inneren Zwiespaltes! ... Und nun dieses Ende, dieser grauenvolle
Abschlu, der ihm selbst kein Auslschen seiner Verschuldung auf Erden gestattet
hat! Aber ich wei, was er gewollt hat - Gott sei Dank, da ich das wei, da
ich eine solche Verdchtigung, ein solches Brandmal von seinem Andenken abwehren
-
    Und damit einen Skandal an die groe Glocke schlagen kann, gelt, Grete?
ergnzte die Gromama hohnvoll. O, du Verblendete! ... Aber das ist dieser
verrckte heutige Idealismus, der blind und taub gegen die Wnde und Schranken
rennt und nicht fragt, was dabei zusammenstrzt, wenn nur der falsche Wahn, die
berspannte, schiefe und sentimentale Weltanschauung siegt! ... Magst du doch
die Mitteilungen deines Vaters verstanden haben wie du willst! ich bleibe dabei,
da er selbst gewnscht hat, den Schleier ber einer dunklen Stelle seines
Lebens zu belassen. Und er hat es wnschen mssen, schon um unsertwillen - ich
will sagen, der Familie Marschall wegen. Wir htten es wahrlich nicht um ihn
verdient, wenn durch seine Schuld auch ein Schatten auf unseren schnen,
makellosen Namen fiele, wenn ber uns gezischelt wrde in der Stadt und bei
Hofe, gerade jetzt, wo wir diesem erlauchten Kreise so nahe treten sollen! Ich
sage, um jeden Preis mu es verhindert werden, da von dem Erpressungsversuch
des alten Lenz auch nur ein Laut in das Publikum dringt - die bse Welt glaubt
gar zu gern das Schlimmste und munkelt weiter, auch wenn ihr sonnenklar bewiesen
wird, da sie sich irrt - und da hilft nur eines: Geld! - Um ein paar tausend
Thaler werdet Ihr freilich rmer werden; aber mit dieser Abfindungssumme wird
sich der alte Schwindler aus dem Staube machen und dahin zurckkehren, woher er
unseligerweise gekommen ist.
    Und das Kind? Der Knabe, der dieselben Rechte hat wie Reinhold und ich, was
soll aus ihm werden? rief Margarete mit flammenden Augen. Soll er hinausziehen
in die Welt, ohne das Erbe, das ihm von Gott und Rechts wegen zukommt, ohne den
Namen, auf den er getauft worden ist? Und mir mutest du zu, mit einer ungeheuren
Lge auf dem Gewissen durchs Leben zu gehen? Ich sollte je wieder einem
ehrlichen Menschen ins Auge sehen knnen, wenn ich mir sagen mte, da ein
groer Teil meines Erbes gestohlenes Gut sei, da ich einen Menschen um sein
kostbares Eigentum, um den geachteten Namen seines Vaters betrogen habe? Und das
forderst du von mir, die Gromutter von der Enkelin?
    Ueberspannte Nrrin! Ich sage dir, das wrden alle Vernnftigen, alle, die
auf Ehre und Reputation ihres Hauses halten, von dir fordern.
    Herbert nicht! rief das junge Mdchen mit leidenschaftlichem Protest.
    Herbert? rgte die Frau Amtsrtin scharf, mit hochmtigem Befremden.
Trittst du wieder in die Kinderschuhe zurck? Der Onkel, willst du sagen!
    Ein jher Farbenwechsel flutete ber das Gesicht der Gemaregelten. Nun
denn - der Onkel! verbesserte sie sich hastig. Er wird nie zu jenen
gewissenlosen Vernnftigen gehren, nie, niemals! Ich wei es! Er soll
entscheiden -
    Gott bewahre! Du unterstehst dich nicht, mit ihm darber zu sprechen, bis
-
    Bis wann, Mama? fragte der Landrat pltzlich von seinem Zimmer her.
    Die alte Dame schrak zusammen, als sei ein jher Donnerschlag ihr zu Hupten
hingerollt. Ah, bist du schon so frh zurck, Herbert? stotterte sie, verlegen
sich umwendend. Du kommst ja wie hereingeschneit!
    Keineswegs. Ich stehe seit lange hier in der offenen Thre, allein ich fand
keine Beachtung. Mit diesen Worten kam er herber. Er sah ernst, ja finster
aus, und doch war es dem jungen Mdchen, als leuchte sein Blick blitzartig auf,
indem er ihr Gesicht streifte.
    Ich wrde mich sofort diskret zurckgezogen haben, wandte er sich an seine
Mutter, wenn die leidenschaftliche Verhandlung zwischen dir und Margarete nicht
auch mich anginge - du weit, ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Licht in die
Angelegenheit zu bringen.
    Auch jetzt noch, nachdem du dich hast berzeugen mssen, da jeder
gesetzliche Anhaltspunkt fehlt? fragte die alte Dame zitternd vor Aerger. Sie
zuckte die Schultern. Nun, meinetwegen, steckt Fackeln an, um einen Schandfleck
zu beleuchten - mehr werdet ihr nicht erreichen! Dich, Herbert, begreife ich
nicht! Es liegt doch auf der Hand, da die Papiere - wenn sie je existiert
haben, was ich durchaus bezweifle - aus guten Grnden verschwunden sind. Sagst
du dir nicht selbst, da du dich mit diesem Aufbauschen des widerwrtigen
Handels an Balduin schwer versndigst?
    Wie - eine Versndigung nennst du es, wenn ich mich bemhe, seine Schuld
gutzumachen? zrnte ihr Sohn. Uebrigens kommt es fr mich gar nicht mehr in
Frage, ob eine Vertuschung von seiten des Verstorbenen stattgefunden oder nicht;
ich vertrete hier das Recht des Lebenden, der nicht bestohlen werden darf. Ich
wei bereits zu viel, um es geschehen zu lassen, da das Dunkel ber dem
widerwrtigen Handel, wie du die schwebende Frage nennst, verbleibt. Oder
glaubst du, ich wrde mich je zum passiven Mitwisser einer verschwiegenen Schuld
qualifizieren? Margarete sagt aus -
    Komme mir nicht mit diesen Hirngespinsten! rief die Frau Amtsrtin, in
erbitterter Abwehr beide Hnde gegen ihn ausstreckend. Man wei zur Genge, da
es fr solch einen migen Mdchenkopf nur eines sehr geringen Anhaltes bedarf,
um daran ein ganzes Gewebe von Phantastereien zu knpfen.
    Der Landrat wandte den Kopf seitwrts nach dem jungen Mdchen. Lasse es
dich nicht krnken, Margarete! sagte er.
    Was fr ein liebevoll trstender Ton! spottete seine Mutter. Wirst du mit
einemmal ein zrtlicher Onkel, du, der fr Fannys Aelteste nie auch nur eine
Spur von Sympathie gehabt hat? ... Immerhin! Haltet zusammen gegen mich, die
allein den Kopf oben behlt! Mich werdet ihr nicht berfhren, es sei denn, da
ich's schwarz auf wei sehe!
    Du wirst es schwarz auf wei sehen, Mama! sprach Herbert ruhig und
bestimmt. Die Kirchenbcher in London werden nicht auch verbrannt sein.
    O, mein Gott! Damit willst auch du sagen, Onkel, da mein Vater die in
seinen Hnden befindlichen Papiere selbst vernichtet haben msse? rief
Margarete in einer Art von stiller Verzweiflung. Das ist nicht wahr! Er hat es
nicht gethan! Ich werde ihn verteidigen und gegen diesen schmachvollen Verdacht
ankmpfen, solange ich Atem in der Brust habe! ... Ich habe die
unerschtterliche Ueberzeugung, da es keiner Reise nach London bedarf; die
Papiere mssen sich hier finden, wir mssen besser suchen.
    In dieser Illusion kann ich dich leider nicht bestrken, entgegnete
Herbert. Der ganze schriftliche Nachla, alle Dokumente, selbst die
Geschftsbcher sind auf das Gewissenhafteste durchsucht worden, auch nicht das
kleinste Briefblatt ist unseren Augen und Hnden entgangen. Ich habe die ganze
Bel-Etage durchforscht, auch alle Fcher und Kasten der unbenutzten Mbel in den
Gesellschaftsrumen.
    In diesem Augenblick flog eine tiefe Glut bis ber die Schlfen des jungen
Mdchens - es war, als durchschttere ein jher Schrecken ihren Krper.
    In den Gesellschaftsrumen der Bel-Etage, sagtest du? fragte sie wie mit
zurckgehaltenem Atem. Und die Zimmer im Seitenflgel?
    Der Landrat sah sie gro an. Wie htte mir auch nur der Gedanke kommen
knnen, dort zu suchen?
    Im Spukzimmer der schnen Dore, das seit Jahren kein Menschenfu betreten
hat! setzte die Frau Amtsrtin mit Hohnlcheln hinzu. Da siehst du ja,
Herbert, wie logisch es in solch einem kunterbunten Mdchengehirn zugeht!
    Ich habe den Papa kurz vor seinem Tode hineingehen sehen, sagte Margarete
scheinbar ruhig, aber ihre Stimme wankte vor innerer Bewegung. Er hat sich
damals eingeschlossen.
    So gehen wir unverzglich! rief der Landrat berrascht.
    Sie flog hinunter, um die Schlssel zu holen. Nach wenigen Minuten kehrte
sie zurck und traf mit Herbert an der Thre des Flursaales zusammen; aber er
war nicht allein; seine Mutter, in dicke, warme Shawls und Tcher gewickelt,
ging an seinem Arm. Sie msse doch auch dabei sein, wenn der Schatz gehoben
werde, sagte sie mit einem spttischen Seitenblick auf die Enkelin.

                                       27


Margarete eilte voraus und schlo die Thre des Zimmers auf. - Zum erstenmal in
ihrem Leben trat sie auf diese Schwelle, hatte sie das wundervolle Deckengemlde
zu Hupten. Eine mit dem schwachen Hauch verdorrter Blumenreste gemischte,
rtlich durchschimmerte Luft schlug ihr entgegen - die tiefstehende
Nachmittagssonne fiel durch die roten Klatschblumen der zermrbten, aber in den
Farben ziemlich erhaltenen Brokatgardinen... Ueber diese Schwelle sollte die
weie Frau schlpfen, und manche der Gespensterseher hatten auch die
spinnwebige, furienhafte Frau Judith hinzugedichtet; ber diese Schwelle waren
aber auch die Fchen in den Hackenschuhen gehuscht, aus dem Prunkgemach nach
dem Dachboden des Packhauses, und hatten die Leute im Hause erschreckt und die
Sage von der wandelnden schnen Dore neu aufleben gemacht.
    Die Frau Amtsrtin fuhr beim Eintreten mit dem Taschentuch durch die Luft.
Puh, was fr eine hliche Atmosphre! Und diese Staubmassen! rief sie ganz
emprt und zeigte ber die Mbel hin. - Da blinzelten allerdings Samt- und
Seidenschimmer und der Glanz der Vergoldung, die herrlichen Spiegelscheiben nur
schwach durch die weigrauen Staubschleier. - - Und da willst du uns
weismachen, dein Vater habe hier in seinen letzten Lebenstagen verkehrt, Grete?
... Ich sage dir, seit Jahren ist diese Thre nicht aufgemacht worden! ... Nun,
ein Wunder ist's freilich nicht, wenn du in dem Gange drauen alle mglichen
Visionen gehabt hast - da ist's ja zum Frchten schrecklich!
    Margarete schwieg. Sie sah den Landrat bedeutungsvoll an und zeigte auf eine
Fuspur, die ber das staubige Parkett hinweg direkt nach dem Schreibtisch am
Fenster lief.
    Herbert zog die Fenstergardinen auseinander, und der abgesperrte
Sonnenschein kam breit herein und lie in seinem blassen Gold die kstlichen
Perlmutter-und Metallarabesken an dem Schreibtisch matt aufleuchten... Es war
ein herrliches Stck Mbel mit geschweifter Tischplatte und einem mchtigen
Aufsatz, dessen Mitte eine Schrankthre, zu beiden Seiten flankiert von einer
Unzahl kleiner Schiebekasten, breit einnahm.
    Die Frau Amtsrtin hatte ihren Kleidersaum aufgenommen und war, sichtlich
betroffen, auch der Fuspur nachgegangen. Nun stand sie mit langem Halse hinter
Sohn und Enkelin und konnte eine nervse Spannung nicht verbergen.
    Der Schrankschlssel drehte sich leicht und willig unter Herberts Hand, und
die Thre sprang auf. Der Landrat fuhr zurck, und die alte Dame stie einen
schwachen Schrei aus; ber Margaretens Gesicht aber flog verklrend ein Gemisch
von freudiger Ueberraschung und tiefer Wehmut. Da ist sie! rief sie wie erlst
von Angst und Spannung.
    Ja, das war der herrliche Frauenkopf, wie ihn einst die Aristolochiabogen
umrahmt hatten! Das war der unvergleichliche, lilienhafte Schimmer der Haut, der
die Mdchenstirn so unschuldsvoll leuchten gemacht, das waren die in tiefem Blau
funkelnden Augensterne, ber denen sich feine, dunkle Brauen wlbten! Nur die
blonden, einst ber Brust und Nacken hinabfallenden Mdchenzpfe fehlten - das
Haar trmte sich wellig gelockt hoch ber der Stirn, und in der matten Goldflut
glitzerten die Rubinsterne der schnen Dore... Ach, deshalb sollten diese Steine
nie wieder ein Frauenhaar schmcken, solange er lebe, wie der Verstorbene an
jenem Gesellschaftsabend in so leidenschaftlicher Aufregung erklrt hatte! - Ja,
diese Frau mit den Karfunkelsteinen war ebenso geliebt und beweint worden, wie
die erste, die wandelnde weie Frau des Lamprechtschen Hauses! Der alte Justus
hatte sich nie wieder verheiratet und war ein finsterer, verbitterter Mann bis
an sein Lebensende verblieben, wie sein Nachkomme, der vielbeneidete Balduin
Lamprecht auch... Was fr ein dmonischer Zug der Seelen mochte die schne
Blanka wohl veranlat haben, sich genau so zu kostmieren wie ihre unglckliche
Vorgngerin, die den gleichen verhngnisvollen Schritt wie sie gethan, und ihn
mit ihrem jungen Leben gebt hatte! -
    Ein betubender Duft entquoll dem Schranke; rings um das Bild waren Rosen
aufgehuft, Rosenmumien, die wie Weihopfer hier hatten welken mssen. Vor dem
Bilde lag auch der letzte kleine Strau, den Margarete an jenem Nachmittag in
der Hand ihres Vaters gesehen - die schne Blanka mute Rosen und Rosenduft sehr
geliebt haben.
    Nun, das Bild beweist noch nichts! rief die Frau Amtsrtin mit
vibrierender Stimme in das pltzlich eingetretene Schweigen der Ueberraschung,
der Erschtterung hinein. Es wird so sein, wie ich dir sagte, Herbert! Bewiesen
ist in der That nur, da der Schwchling allerdings fr eine Zeit in die Netze
der Kokette gefallen ist.
    Ohne zu antworten zog der Landrat an einem der kleinen Schiebekasten, allein
derselbe gab nicht nach.
    Der Schrank wird hnlich konstruiert sein, wie Tante Sophiens Schreibtisch
in der Hofstube, sagte Margarete. Sie griff in das Innere des Schrankes und zog
an einer schmalen, vorspringenden Holzleiste; mit diesem einen Ruck waren alle
Kasten zur Linken erschlossen.
    In den unteren Fchern lagen viele moderne Schmuckstcke, vermischt mit
bunten Bandschleifen, jedenfalls lauter Reliquien fr den verwaisten Mann; dann
kam aber ein mit Papieren gefllter Kasten an die Reihe. Margarete hrte, wie
pltzlich die Atemzge der jetzt dicht hinter ihr stehenden Gromama tief und
schwer gingen; das alte, feine Frauenprofil erschien ber ihrer Schulter - es
war vollstndig entfrbt, und die Augen bohrten sich frmlich in den
Kasteninhalt.
    Nur einige mit schwarzem Band umwickelte Briefpakete machten diesen Inhalt
aus; obenauf aber lag ein einzelnes Kouvert mit der Aufschrift von der Hand des
Verstorbenen.
    Dokumente, meine zweite Ehe betreffend! las der Landrat laut.
    Die Frau Amtsrtin stie einen Aufschrei der Entrstung aus. Also doch?
rief sie, die Hnde zusammenschlagend.
    Gromama, sei barmherzig! bat Margarete innig flehend.
    Es bedarf keiner Barmherzigkeit, Margarete, sprach der Landrat
stirnrunzelnd. Ich begreife nicht, Mama, wie es dir berhaupt mglich gewesen
ist, die Nichtbesttigung zu wnschen. Das sonnenklare Recht des Knaben wre
auch ohne diese Papiere zur Geltung gekommen, und die Welt htte in der Krze
erfahren mssen, da ein nachgeborener Sohn aus zweiter Ehe existiere. Das
Auffinden dieser Dokumente hier hat mithin nur insofern Wert, als es uns, den
Nchststehenden, beweist, da Balduin nicht beabsichtigt hat, die Ehre seines
toten Weibes, seines Kindes um des Anathemas der vornehmen Welt willen zu
schdigen.
    Das habe ich gewut! rief Margarete mit aufstrahlenden Augen. Nun bin ich
ruhig!
    Ich aber nicht! zrnte die alte Dame. Mir vergllt dieser Skandal meine
letzten Lebensjahre. Schande ber ihn, der uns eine so emprende Komdie hat
mitspielen lassen! Ich habe bei Hofe sein Lob gesungen, so viel ich konnte. Sein
Ansehen bei den hchsten Herrschaften verdankte er mir, mir allein. Wie wird man
zischeln und spotten ber die bldsichtige Marschall, die ahnungslos den
Schwiegersohn des alten Lenz in die hchsten Kreise eingefhrt hat! ... Ich bin
blamiert fr alle Zeiten! Ich bin unmglich geworden bei Hofe! ... O, htte ich
mich doch nie herbeigelassen, in das Krmerhaus zu ziehen! Jetzt wird man mit
Fingern auf dieses Haus zeigen, und wir, die Marschalls, wohnen drin, und du,
der erste Beamte der Stadt - ich bitte dich, Herbert, nur nicht diese gelassene
Miene! unterbrach sie sich mit groer Heftigkeit. Dieser Gleichmut kann dir
teuer zu stehen kommen! Auch fr dich wird die schmutzige Geschichte
mglicherweise Folgen haben, die -
    Ich werde sie zu tragen wissen, Mama, fiel er mit unerschtterlicher Ruhe
ein. Balduin -
    Still! Wenn du noch einen Funken von Sohnesliebe in dir hast, so nenne
diesen Namen nicht! Ich will ihn nie wieder hren, mit keinem Laut will ich je
wieder an ihn erinnert sein, der uns belogen und betrogen hat, der Meineidige -
    Halt! rief Herbert, indem er sttzend seinen Arm um Margarete legte, die
totenbla und zitternd sich an der Tischkante festhielt. Die Adern schwollen ihm
auf der Stirn. Keinen Schritt weiter, Mutter! protestierte er heftig zrnend,
es klang aber auch ein tiefschmerzlicher Ton mit. Sagst du dich so
schonungslos, so unglaublich selbstisch los von Balduin und mithin auch von
seiner Waise, so stehe ich zu ihr! Ich dulde es nicht, da noch ein einziges
bses Wort fllt, unter welchem sie leiden mu, die ohnehin noch schwer am
Trennungsschmerz trgt! ... Aber auch Balduin lasse ich nicht lnger schmhen! -
Wohl, er ist schwach gewesen, und mir ist sein unmnnliches Schwanken unfalich;
allein es liegen Milderungsgrnde fr seine Handlungsweise vor... Du selbst
beweisest in diesem Augenblicke am schlagendsten, was fr Strme ihn umtobt
haben wrden, wenn er zur rechten Zeit mnnlich offen gesprochen htte... Er hat
sich bethren lassen durch die Lockung, der gesuchte Mann eines exklusiven
Kreises zu sein; er hat sich Schritt um Schritt tiefer verstrickt in einem Netz
der unnatrlichsten Widersprche, und ich sage selbst, dir und allen denen
gegenber, die so denken wie du, Mama, hat ein gewisser Mut dazu gehrt,
pltzlich als ein Mann aufzutreten, der sich von all euren Vorurteilen
emanzipiert hat und dem natrlichen Zuge seines Herzens gefolgt ist... Dieser
Fall in der eigenen Familie sollte dir doch die Augen ffnen und dir zeigen,
wohin diese geschraubten Ansichten, dieses Verleugnen der Natur des gesund und
richtig empfindenden Menschenherzens fhren mu: zu verschwiegenen, entnervenden
Seelenqualen, zu Lug und Trug, und gar oft zum Verbrechen... Ein Teil von
Balduins Schuld fllt auch auf die heutige Gesellschaft, ihn trifft nicht allein
der Vorwurf, eine Komdie aufgefhrt zu haben!
    Die Frau Amtsrtin hatte sich immer weiter von Herbert entfernt, whrend er
sprach; es war, als wolle sie die Kluft, die sich pltzlich durch den Kontrast
der Ansichten zwischen Mutter und Sohn aufthat, auch rumlich erweitern. Mit
fest zusammengepreten Lippen schritt sie zur Thre - dort wendete sie sich noch
einmal um.
    Auf alles, was du mir eben gesagt hast, habe ich selbstverstndlich kein
Wort der Erwiderung, rief sie mit zornbebender Stimme in das Zimmer zurck.
Ich sollte meinen, mit meinen Prinzipien sei ich bisher ganz leidlich durch die
Welt gekommen; sie sind der beste Teil meines Ich, sie sind mein Stolz, mit
ihnen stehe und falle ich! ... Du aber sieh dich vor! Dieses Liebugeln mit dem
grundsatzlosen modernen Liberalismus vertrgt sich nie und nimmer mit deiner
Stellung! ... doch was rede ich da! Ich bin viel zu taktvoll, um dir gute
Ratschlge geben zu wollen. Drauen im Prinzenhofe und vor den Ohren unserer
allerhchsten Herrschaften wirst du dich wohlweislich hten, solche Ansichten
laut werden zu lassen.
    Mit den Damen im Prinzenhofe politisiere ich grundstzlich nicht; der
Herzog aber kennt meine Gesinnungen bis auf den Grund, ich habe ihn darber nie
im Zweifel gelassen, versetzte der Landrat sehr ruhig.
    Sie sagte nichts mehr. Mit einem leisen unglubigen Auflachen berschritt
sie die Schwelle und drckte die Thre hinter sich zu.
    Margarete hatte sich whrenddem in die nchste Fensterecke zurckgezogen;
sie war vorhin erschreckt dem sttzenden Arm sofort entschlpft. Du hast dich
mit ihr entzweit um unsertwillen, klagte sie jetzt mit schmerzhaft zuckenden
Lippen.
    Das darfst du dir nicht so zu Herzen nehmen, erwiderte er, noch mit der
Aufregung kmpfend, die ihn so heftig durchschttert hatte. Sei du ganz ruhig!
setzte er sanft begtigend hinzu. Der Ri heilt wieder zu. Meine Mutter wird
sich besinnen; sie wird sich erinnern, da ich ihr immer ein guter Sohn gewesen
bin, trotzdem ich mit meinen Lebensanschauungen auf eigenen Fen stehe.
    Er prfte die Dokumente und nahm sie an sich. Ich gehe jetzt ins Packhaus,
sagte er. Jede Verzgerung ist eine Snde den alten Leuten gegenber... Das ist
ein Weg, um welchen mich alle guten Menschen beneiden mssen! Aber noch eins:
Bist du dir auch vllig klar darber, wie es sein wird, wenn ein Dritter neben
euch, den verwhnten beiden Einzigen, in gleiche Rechte tritt? Wenn der Knabe
aus dem Packhause pltzlich zu denen zhlt, die von den Wnden eures Hauses
niedersehen, und auf welche du so stolz bist? ... Du hast heute die Aufklrung
aus allen Krften erstrebt, um einen entehrenden Verdacht von dem Andenken
deines Vaters zu nehmen -
    Gewi. Aber ich habe auch zugleich fr das Recht des kleinen Bruders
gekmpft. Mir soll er tausendmal willkommen sein - ich werde ihn mit offenen
Armen empfangen! Gibt er doch auch meinem Dasein einen neuen Wert. Ich werde fr
ihn denken und sorgen drfen; ich will ihn bewachen als ein Kleinod, das mir
mein Vater anvertraut hat. Und eine solche Aufgabe ist wohl des Lebens wert!
    Bist du so arm an Hoffnungen fr dein eigenes junges Leben, Margarete?
    Ein finsterer Blick traf ihn. Dein Beileid brauche ich nicht -
bemitleidenswert arm ist man nur, wenn man sich mit seinem Schicksal nicht
abzufinden wei, versetzte sie schroff.
    Nun, da behte dich Gott, da dir nicht einmal dieses schne, thnerne
Piedestal unter den Fen zusammenbricht! - Ein leises Lcheln stahl sich um
seine Lippen; sie bemerkte es nicht, weil sie ber die Schulter weg in den Hof
hinaussah. - Aber ich will dich ja nicht krnken, Gott soll mich bewahren! Wir
sind heute so hbsch im gleichen Schritt und Tritt gegangen - wer wei, was uns
das Morgen bringt! Drum gib mir eine Hand, eine Freundeshand!
    Er hielt ihr die Rechte hin, und sie legte die ihre hinein, ohne Druck, ohne
die geringste Bewegung auch nur der Fingerspitzen. Hu, wie kalt, wie
beleidigend kalt! ... Nun, ein alter Onkel mu auch eine Unfreundlichkeit
hinnehmen knnen; dafr hat er ja die Last der Jahre und die Weisheit voraus,
setzte er mit gutem Humor hinzu und entlie die Hand aus der seinen.
    Er schob die Holzleiste an ihren alten Platz, verschlo den Schrank und nahm
den Schlssel an sich. Den Zimmerschlssel werde ich mir in diesen Tagen noch
einmal ausbitten, sagte er. Ich bin gewi, da der Schreibtisch noch manches
enthlt, was uns die Regulierung der ganzen Angelegenheit erleichtern wird...
Und nun halte dich hier nicht lnger auf, Margarete! Ich habe es empfinden
mssen, da du bis ins Herz hinein frierst.
    Gleich darauf hatte er das Zimmer verlassen. Margarete aber ging noch nicht.
Sie stand in der Fensterecke und blickte ber den Hof hin. Sie fror nicht; die
Zimmerklte khlte ihr wohlthtig die pochenden Schlfen.
    Drunten am Brunnen stand Brbe und lie Wasser in ihren blanken Eimer
laufen. Die aberglubische Alte ahnte noch nicht, da die Rolle ihrer Frau mit
den Karfunkelsteinen ausgespielt war fr immer... Ja, nun war das Rtsel gelst,
das jahrelang verdunkelnd ber dem Lamprechtshause geschwebt hatte!
    Margarete sah hinber nach den schneebeladenen Linden vor dem Weberhause.
Dort hatte einst die wilde Hummel gesessen und die sogenannte Vision von der
schneeweien Stirn zwischen den buntseidenen Fenstergardinen gehabt. Und jetzt
stand sie selbst hier oben und wute, da es die schne Blanka gewesen war, die
schleierverhllt als weie Frau gespukt hatte... Welch ein Zauber war von dieser
Gestalt ausgegangen, von diesem rosenduftenden Mdchen, das selbst den gereiften
lteren Mann, den stolzen Chef ihres Vaters zu ihren Fen gezwungen! ... Neben
ihm hatte freilich der damalige hochaufgeschossene Primaner mit dem rotwangigen
Jnglingsgesicht gar nicht in Frage kommen knnen. Jetzt allerdings war das
anders, o, so ganz anders! Er war der Vielumworbene, dem sich selbst die stolze
Schnheit, die herzogliche Nichte, zu eigen geben wollte - Margarete schrak
zusammen, denn da kam er eben ber den Hof her und schritt rasch nach dem
Packhause.
    Er winkte grend herauf, Brbes Kopf fuhr herum; der Eimer entglitt ihren
Hnden, und das verschttete Wasser strmte ber die schtzende Holzdecke des
Brunnenbassins. Die alte Kchin stand, zur Salzsule geworden, unter dem
spukhaften Fenster, aus welchem das junge Menschenkind aus Fleisch und Bein auf
sie herniedersah.
    Margarete trat zurck und zog die Vorhnge zusammen. Nun herrschte wieder
jenes Dmmerlicht, das die Wnde rtlich berhauchte und den spielenden
Amoretten an der Zimmerdecke ein geheimnisvolles Leben verlieh. Diese
pausbckigen Lockenkpfchen da oben hatten zu verschiedenen Zeiten auf zwei
schne junge Frauen des Lamprechtshauses so schalkhaft herabgelugt, wie sie auch
heute noch, unter Blumengewinden und Schleierwolken hervor, dem
druntenstehenden, tiefbewegten Mdchen zublinzelten... Die dunkelhaarige Frau
hatte ihren Liebestraum hier beschlossen, die mit den goldigen Mdchenzpfen ihn
aber begonnen. Beide hatten frh sterben mssen. Ein Jahr, ein kurzes Jahr des
Glckes war ihnen vergnnt gewesen; aber wog diese Spanne Zeit nicht ein ganzes
langes Leben voll Entsagung auf? - Das junge Mdchen ballte die Hnde und bi
die Zhne zusammen - waren sie schon wieder da, diese qualvollen Gedanken und
Empfindungen, mit denen sie rang auf Tod und Leben? Sie hatte sich gerhmt, ihr
bester Helfer sei der Kopf, und dieses Wort durfte nicht zu Schanden werden, sie
mute daran festhalten, und wenn sie dabei zu Grunde gehen sollte. Sie bernahm
jetzt neue ernste Pflichten - gengte nicht auch treue Pflichterfllung, um das
Leben liebenswert zu machen? Mute es durchaus ein berschwengliches Glck sein?
    Sie trat hinaus in den Gang und verschlo die Zimmerthre...
    Und als bald darauf der Abend hereinbrach, und es dunkel wurde in allen
Gngen und Winkeln des Hauses, da hatten die Hausgeisterchen viel miteinander zu
flstern. Das alte Geschlecht der Thringer Fugger stand nicht mehr allein auf
zwei Augen - ein krftiger, kraftstrotzender kleiner Nachkomme trat neben den
rmlichen, dahinwelkenden Spro, den der alte Stamm zuletzt getrieben; und die
Kauf- und Handelsherren, die noch im Konterfei, in Reih und Glied an den Wnden
des dunklen Ganges lehnten, konnten stolz sein; denn der kleine Bursche war
wirklich und leibhaftig einer der Ihren, wie sie ja auch im Leben samt und
sonders schne, intelligente Leute voll Kraft und Krperstrke gewesen waren.
    Und im Packhause sa dieser hoffnungsvolle Erbe auf den alten Knieen seines
Grovaters, neben dem Bett der genesenden Frau und aus den Augen der alten Leute
strahlte das Glck. Nun waren Kummer und Seelenpein berwunden; und ob auch
drauen am niederen Dach die Eiszapfen blinkten und ein dickes Schneepolster
gegen die Scheiben drckte, hier innen ging ein belebender Frhlingsodem durch
die Rume. Im Kachelofen knisterte das Feuer, und der sanfte Lampenschein
breitete sich ber jedes liebe Stck der altgewohnten Einrichtung, und zum
erstenmal wieder berkam das traute Heimgefhl die alten Leute, die ja bereits
mit einem Fu in der weiten Welt gestanden und nicht gewut hatten, wohin sie
mit dem ausgestoenen Enkel ihre mden Schritte lenken sollten.
    Im Vorderhause aber legten sich die Wogen, die der ereignisvolle Tag
aufgestrmt hatte, nicht so bald. Die Frau Amtsrtin hatte sich in ihr Zimmer
eingeschlossen und lie niemand vor. Ihre Leute schttelten verwundert die Kpfe
ber das Gebaren der alten Dame, die so voll Gift und Galle und bis in den
Grund der Seele hinein gergert, heraufgekommen war. Sie hatte befohlen, da
das Abendbrot dem Herrn Landrat allein serviert werde, und nachdem sie Papchen
einen widerwrtigen Schreier gescholten, war sie in ihr Schlafzimmer gegangen
und hatte innen den Riegel vorgeschoben...
    Und Brbe htte auch nie gedacht, da sie das erleben werde, was ihr der
heutige Tag gebracht hatte: die Erkenntnis, da sie ein ganz nichtsnutziges
Frauenzimmer und nicht wert sei, da die Sonne sie bescheine... Sie war vor
einer Stunde ganz entsetzt vom Brunnen gekommen und hatte Tante Sophie
zugeraunt, da sie Frulein Gretchen leibhaftig und mutterseelenallein am
Fenster der Spukstube gesehen habe. Aber da war endlich ein schweres Gericht
ber sie und ihren unseligen Aberglauben ergangen! Es hatte von seiten der Tante
Sophie eine Kopfwsche gegeben, an die sie denken mute, solange ihr ein Auge
im Kopfe stand... O, ber die dumme, blinde, alte Person, die Brbe! Sie hatte
ja das liebe Gretchen fr die Frau mit den Karfunkelsteinen angesehen, hatte mit
ihrem Geschrei das ganze Haus auf die Beine gebracht und den bsen Gestrengen
aus der Schreibstube auf die Schwester gehetzt - ach, und da sollten bse, bse
Reden gefallen sein! ... Nein, sie war wirklich nicht wert, da der liebe
Herrgott seine Sonne ber sie scheinen lie, und eher wollte sie sich die Zunge
abbeien, als da ihr je wieder ein Wort ber das Unwesen droben im Gange
entschlpfte! ... Und so sa sie auf der Kchenbank und weinte herzbrechend in
ihre Schrze hinein.
    Whrenddem gingen Margarete und Tante Sophie in der Wohnstube auf und ab.
Das junge Mdchen hatte den Arm um die Tante gelegt und ihr den gewaltigen
Umschwung im vterlichen Hause mitgeteilt... Es war dunkel in der Stube; die
brennende Lampe war sofort wieder hinausgeschickt worden - es brauchte niemand
zu sehen, da die Tante geweint hatte; eine solche Weichmtigkeit gestattete sie
sich nur uerst selten. Aber war es nicht ein Jammer, da der Mann neun volle
Jahre mit seinen verschwiegenen Seelenqualen neben ihr gegangen war? Und sie
hatte sich harmlos ihres Lebens gefreut und nicht geahnt, da sich rund um sie
her ein solches Drama abspiele! ... Und das Kind, der liebe, prchtige Junge, er
hatte nicht das vterliche Haus betreten, nicht an seines Vaters Tische essen
drfen - das Herz htte sich ja doch dem Balduin im Leibe umwenden mssen! ...
Du lieber Gott, was sich doch die Menschen alles anthun um ein bichen mehr
oder weniger, hher oder niedriger willen! sagte sie zum Schlu und wischte
sich die letzte Thrnenspur vom Gesicht. Unser Herrgott hat sie geschaffen,
ohne Wehr und Waffen als ein friedliches Geschlecht; aber da schrfen sie sich
die Zunge zum Messer und schmieden sich selber eiserne Panzer um die Herzen, auf
da nur ja niemals Friede sei auf Erden!
    An der Schreibstube ging der Sturm heute noch ungehrt vorber. Der junge
Gestrenge sa hinter seinen Bchern und kalkulierte. Er lie sich nicht
trumen, da er falsch rechne, da mit nchstem ein Fingerchen an dieser
Schreibstube anpochen, und der kleine Verhate aus dem Packhause Einla, Sitz
und Stimme fordern werde - von Rechts wegen!

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Die Frau Amtsrtin hatte am andern Tage noch nicht ausgetrotzt. Sie war fr
niemand sichtbar; nur das Stubenmdchen durfte bei ihr aus und ein gehen, und
als der Landrat mittags vom Amt zurckkam und um Zutritt bitten lie, da wurde
ihm der Bescheid, da die Nerven der alten Dame noch allzusehr erschttert
seien, sie bedrfe fr einige Tage der ungestrtesten Ruhe. Er zuckte die
Achseln und machte keinen weiteren Versuch, in das selbstgewhlte Exil seiner
Mutter einzudringen.
    Nachmittags kam er herunter in die Bel-Etage. Er hatte sein Pferd satteln
lassen und war im Begriff auszureiten.
    Margarete war allein in dem fr den Gropapa bestimmten Wohnzimmer und legte
eben die letzte Hand an die behagliche Einrichtung. Am Sptnachmittag sollte sie
im Glaswagen nach Dambach fahren, um am nchsten Morgen mit dem Patienten in die
Stadt zurckzukehren.
    Sie hatte Herbert heute schon gesprochen. Er war in aller Frhe im Packhause
gewesen und hatte ihr Morgengre von dem kleinen Bruder und seinen Groeltern
und die Beruhigung gebracht, da die gestrige heftige Nervenerschtterung der
Kranken nicht im geringsten geschadet habe; sie gehe im Gegenteil ihrer vlligen
Wiederherstellung mit raschen Schritten entgegen, wie er vom Arzt wisse.
    Nun kam er hier herein, um auch noch einmal Rundschau zu halten. Margarete
placierte eben ein schnes, altes, den Lamprechts gehriges Schachbrett in der
Zimmerecke unter dem Pfeifenbrette. Er bersah von der Thre aus den uerst
gemtlichen Raum.
    Ah, wie das anheimelt! rief er nherkommend. Da wird unser Patient seine
einsame Pavillonstube nicht vermissen! Ich freue mich, da wir ihn endlich hier
haben werden! Wir wollen ihn zusammen pflegen und fr sein Behagen und
Wohlbefinden treulich sorgen - ist dir's recht, Margarete? Es soll ein schnes,
inniges Zusammenleben werden!
    Sie hatte sich weggewendet und zog und ordnete an den verschobenen Falten
der nchsten Portiere. Ich wei mir nichts Lieberes, als mit dem Gropapa
zusammen zu sein, antwortete sie, ohne sich umzusehen. Aber mein kleiner
Bruder hat jetzt auch Ansprche an mich, und ob der Gropapa sich an das Kind so
schnell gewhnen wird, um es neben mir in seiner Nhe zu dulden, das steht doch
sehr in Frage. Ich mu dann meine Zeit zwischen ihnen teilen.
    Ganz recht, gab er zu. Und die Sache hat auch noch eine Seite, die
beleuchtet sein will. Nichts ist natrlicher, als da sich die Jugend zur Jugend
gesellt; wir zwei alten Leute - mein guter Papa und ich - knnen mithin nicht
von dir verlangen, da du dich fr uns allein aufopferst. Aber - lasse mit dir
handeln - dann und wann ein Abendplauderstndchen, willst du?
    Sie wandte sich mit einem schattenhaften Lcheln nach ihm um, und er griff
nach seinem hohen Hut, den er auf den Tisch gelegt hatte - sein nicht
zugeknpfter Ueberzieher lie einen tadellos eleganten Gesellschaftsanzug sehen.
    Er bemerkte ihren befremdeten Blick. Ja, es liegt heute noch vieles vor
mir, sagte er erklrend. Zunchst habe ich die Aufgabe, meinem Vater
Mitteilung von dem Umschwunge der Verhltnisse in eurer Familie zu machen, und
dann - er zgerte einen Moment, dann fgte er um so rascher hinzu: Du bist die
erste, die es erfhrt, selbst meine Mutter wei es noch nicht - dann gehe ich
nach dem Prinzenhofe zur Verlobung!
    Sie wurde schneewei ber das ganze Gesicht, und ihre Rechte hob sich
unwillkrlich nach dem Herzen. Dann darf ich dir ja wohl jetzt schon Glck
wnschen, stammelte sie tonlos.
    Noch nicht, Margarete, wehrte er ab, und auch in seinen Zgen malte sich
pltzlich eine tiefe innere Bewegung; aber er unterdrckte sie rasch. Heute
abend, wenn ich nach Dambach komme, um von da nach der Stadt zurckzukehren,
sollst du Gelegenheit haben, den Onkel glcklich zu sehen.
    Er winkte mit der Hand nach ihr zurck und ging eiligen Schrittes hinaus.
Bald darauf sah sie ihn ber den Markt reiten.
    Sie blieb bewegungslos am Fenster stehen. Die krampfhaft verschrnkten Hnde
fest auf die Brust gedrckt, starrte sie in das Stck Himmel hinein, das sich,
heute durch einen schmutzig grauen Wolkendunst getrbt, ber den weiten
Marktplatz spannte... Wohl durchkreiste das Blut in wilder Wallung ihre Adern,
und doch fhlte sie sich tdlich matt, als sei sie mit einem Streich zu Boden
gestreckt worden... Ja, dahin war sie gekommen! Vor wenigen Monaten noch war ihr
die Welt zu eng gewesen, himmelstrmend in Uebermut, Jugendlust und
Freiheitsdrang hatte sie jede Fessel verlacht, und heute dominierte in dem
armseligen bichen Gehirn ein einziger Gedanke, und ihre arme Seele wand sich
klglich hilflos am Boden, zum Gaudium all derer, die gern am Boden kriechen,
die stolze Seelen hassen und verfolgen. Aber mute denn die Welt um die Wunden
wissen, die ihr in Kopf und Herzen brannten? Gingen nicht viele durchs Leben und
nahmen Geheimnisse mit ins Grab, um die kein Mitlebender gewut hatte? - Und
dazu mute auch sie die Kraft finden. Sie mute lernen, ruhig in ein Paar Augen
zu blicken, welche die grte Macht ber sie hatten; sie mute es ber sich
gewinnen, zuvorkommend mit einer schnen Frau zu verkehren, die sie
verabscheute, und in einem Heim aus und ein zu gehen, in welchem diese Frau als
Herrin, als ihre hochgeborene Tante schaltete und waltete.
    Spter kam sie in die Wohnstube herunter und rstete sich zur Fahrt nach
Dambach. Tante Sophie schalt, da sie den Kaffee stehen lasse und den Kuchen
nicht anrhre, den die zerknirschte Brbe heute morgen einzig und allein fr sie
gebacken habe; allein das junge Mdchen hrte kaum, was sie sagte. Sie knpfte
schweigend die Hutbnder unter dem Kinn; dann legte sie den Arm um Tante
Sophiens Hals - und da berkam sie eine pltzliche Schwche, nmlich der tiefe,
sehnschtige Wunsch, hier, wie sonst in ihrer Kindheit, in jeglicher Bedrngnis
Zuflucht zu suchen und in das Ohr der Tante alles zu flstern, was ihr Inneres
durchtobte - unter dem Zureden der treuen Pflegerin war sie ja stets ruhiger
geworden. Aber nein, das durfte nicht geschehen! Die Tante durfte nicht den
Jammer erleben, sie so unglcklich zu wissen!
    Und so schlo sie die Lippen fest aufeinander und bestieg den Wagen.
    Drauen, jenseits der Stadt, lie sie das Glasfenster herunter. Von Sden
her kam ein leichter Wind und wehte sie an mit jenem sen Hauch, der das starre
Eis zu rinnenden Thrnen zwingt, der die Schneelast von Baum und Strauch lst,
und ein wundersames Regen in allem weckt, was da lebt und webt, auch im
Menschenherzen - es war Tauwetter im Anzuge... Und weich wie die Luft lag auch
das erste Abenddmmern auf der Gegend; die harten, unvermittelten Tne der
winterlichen Tagesbeleuchtung erloschen zu einem einzigen milden Grau, aus
welchem bereits da und dort das Lampenlicht vereinzelter Dorfhuser auftauchte.
Und dort zur Rechten flimmerte es, als liege eine Perlenkette in schwach
goldigem Glanze zu Fen der alten Nubume - die ganze Fensterreihe des
Prinzenhofes war beleuchtet, die Verlobungskerzen brannten...
    Sie drckte sich tief in die Wagenecke, und erst als der Kutscher von der
Chaussee ab in den Fahrweg nach der Fabrik einlenkte, und der Prinzenhof im
Rcken liegen blieb, da sah sie auf, scheu und ungewi, fast wie ein furchtsames
Kind, das sich zu vergewissern sucht, ob eine unheimliche Erscheinung auch in
der That verschwunden sei.
    Der Gropapa empfing sie mit freudigem Zuruf, und bei dem Laute der lieben,
rauhen Stimme raffte sie sich auf und suchte mglichst unbefangen seinen Gru zu
erwidern. Aber der alte Herr war heute auch ernster als sonst. Zwischen seinen
Brauen lag ein Zug finsteren Grolles. Er rauchte nicht, seine Lieblingspfeife
lehnte kalt in der Ecke, und nachdem die Enkelin Hut und Mantel abgelegt, nahm
er seine Wanderung durchs Zimmer, welche sie durch ihre Ankunft unterbrochen
hatte, wieder auf.
    Ja gelt, wer htte das gedacht, Maikferchen? rief er pltzlich vor ihr
stehen bleibend. Ein Narr, ein vertrauensseliger Schwachkopf ist dein alter
Grovater gewesen, da er die Augen nicht besser aufgemacht hat! Nun kommt das
wie ein pltzlicher Hagelschauer aus blauem Himmel ber einen her, und man steht
da wie in den April geschickt, und mu die Bescherung hinnehmen und Ja und Amen
dazu sagen, als wenn man's gar nicht anders erwartet htte.
    Sie schwieg und sah zu Boden.
    Arme Kleine, wie verstrt und elend du aussiehst! sagte er, indem er die
Hand auf ihren Scheitel legte und ihr Gesicht der Lampe zuwendete. Nun, ein
Wunder ist's nicht; Schwerenot noch einmal, das ist mehr als genug, um einen
alten Kerl wie mich auer Rand und Band zu bringen! Und du verbeiest es und
trgst es still und tapfer! ... Herbert sagt, wie ein Mann, ein braver, mutiger
Kamerad habest du neben ihm gekmpft.
    Sie wurde feuerrot und sah ihn an, als schrecke sie aus einem Traume empor.
Er sprach von den Enthllungen in ihrer Familie, whrend sie gemeint hatte, sein
Groll gelte Herberts Verlobung... Es stand schlimm um sie! So ausschlielich
beherrschte sie der Gedanke an das, was zu dieser Stunde drben im Prinzenhofe
vorging, da alles andere daneben spurlos versunken war.
    Aber, nun pa auf, Kind! hob er wieder an. In der Krze wird man uns in
unserem guten Krhwinkel auf das Allerschnste zerzausen. Die Klatschbasen haben
vollauf zu thun, und es soll mich nur wundern, wenn sie nicht den Ausrufer auf
den Markt schicken und die pikante Geschichte, so da geschehen im Hause
Lamprecht, ausschellen lassen... Na, thut nichts! Um das Gerede in der Stadt
hab' ich mich mein Lebtag nicht gekmmert, und die Sache an sich wird ja wohl
auch zu ertragen sein; nur eines verwinde und verzeihe ich nicht - pfui Teufel,
ber die Feigheit, die Grausamkeit, mit der ein Vater sein Kind verleugnet und
-
    Gropapa! unterbrach ihn Margarete flehentlich bittend und legte ihre Hand
auf seinen Mund.
    Nun, nun, brummte er und schob die kleinen kalten Finger von seinem
Schnauzbarte, ich will still sein, um deinetwillen, Gretel. Ich will dir auch
das Leben nicht sauer machen mit ungewnschten Ratschlgen und zudringlichen
guten Lehren; denn du wirst selbst am besten wissen, da ihr viel gutzumachen
habt an dem kleinen Burschen, der euch ins Haus gefallen ist, und auch an dem
armen Kerl, dem alten Lenz. Mcht' nur wissen, wie der's fertig gebracht hat,
nicht mit beiden Beinen hineinzuspringen in die Geschichte und von dem - na, von
deinem Vater, gleich zu Anfang das klare Recht fr den Jungen zu fordern! Na ja,
ein Knstler, eine stille Mondscheinnatur; wie soll da der Ingrimm, die Emprung
hineinkommen! -
    Die Frau Faktorin hatte einen schnen Abendtisch hergerichtet; aber
Margarete konnte nicht essen. Sie bediente den Gropapa und sprach lebhaft
dabei, und nach Tische stopfte sie ihm eine Pfeife. Dann packte sie seine Bcher
in eine Kiste und trug alles herbei, was sich zur morgigen Fahrt ntig machte.
Sie lief treppauf, treppab, und da blieb sie pltzlich an einem Fenster der
unbeleuchteten Oberstube stehen und prete beide Hnde gegen die Brust, in
welcher das Herz zu zerspringen drohte. Fast greifbar nahe blitzten dort die
hohen, lichtfunkelnden Fenster des Prinzenhofes durch das Nachtdunkel herber,
und bei diesem Anblick brach der letzte Rest von Selbstbeherrschung, den sie mit
fast bermenschlicher Kraft dem Gropapa gegenber behauptet hatte, in ihr
zusammen.
    Mit einem Jammerlaut aus tiefster Brust warf sie sich auf das nahestehende
Sofa und whlte das Gesicht in die Polster. Da zogen sie nun sieghaft an ihr
vorber, die Bilder, denen sie hatte entrinnen wollen! Sie sah frohe, glckliche
Menschen in den blumendurchdufteten, strahlenden Rumen des kleinen Schlosses,
sah vor allem die Braut, die blonde Schnheit, die das Frstenblut in ihren
Adern nicht geltend machte, die ihren stolzen Namen aufgehen lie in dem eines
brgerlichen Beamten um ihrer Liebe willen. Und er daneben - sie sprang auf und
floh aus dem Zimmer.
    Drunten sa der Amtsrat in seiner Sofaecke hinter dem Tische. Er war
offenbar ruhiger geworden, denn er las die Zeitung und rauchte seine
frischgestopfte Pfeife.
    Margarete griff nach ihrem Mantel. Ich mu einen Augenblick in die frische
Luft hinaus, Gropapa! rief sie von der Thre her dem Lesenden zu.
    Geh du, Kind, sagte er. Wir haben Sdwind, der lst die Spannung in der
Natur und ihren Kreaturen und macht vieles gut, was der Mosje Isegrimm vom
Nordpol her verbrochen hat.
    Sie ging hinaus, an dem Teich vorber, der, hartgefroren unter seiner
Schneedecke, kaum vom Wege zu unterscheiden war. In den Fabrikrumen brannte
lngst kein Licht mehr - es war still im Hofe, und nur der grimme Kettenhund kam
aus seiner Htte und schlug an, als die junge Dame das Thor passierte.
    Drauen ber die Felder her sauste der Tauwind, der in der hereingebrochenen
Nacht allmhlich zum Sturm anwuchs; er zerwhlte das unbedeckte Haar der
Dahinschreitenden, aber ihr Gesicht badete er gleichsam in weichen, feuchten,
schmeichelnden Wogen.
    Es war sehr dunkel; auch nicht das kleinste Sternenlicht blinzelte der Erde
zu; der Himmel hing voll schwerer, tiefgehender Wolken, die jedenfalls in dieser
Nacht noch als warmer Regen niederrieselten. Dann war allerdings die Spannung
gelst, und es tropften wohlthtige Thrnen von Ast und Zweig und nahmen der
Mutter Erde den weien Totenschleier vom Gesicht. Ja, wer sich ausweinen konnte!
Aber so mit trockenen, brennenden Augen in ein Leben voll unausgesprochener
Schmerzen hineinsehen zu mssen!
    Wo hinaus sie wollte? Immer dem Lichte nach, dem verderblichen Lichte, das
dem Nachtfalter die Flgel verbrennt und ihn ttet! Und wenn ihr dort aus den
Fenstern lodernde Flammen entgegengeschlagen wren, sie htte den Fu nicht
rckwrts zu wenden vermocht! Weiter, weiter, selbst in den Tod hinein, wenn es
sein mute!
    Sie lief mehr als sie ging den festgetretenen Weg entlang, der das Ackerland
durchschnitt. Noch knirschte der Schnee unter ihren Fen; das war bisher der
einzige Laut gewesen, der die Nachtstille unterbrochen; aber nun, nachdem auch
die Chaussee berschritten war, und das weite Parterre des Prinzenhofgartens
sich vor ihr hinbreitete, trug ihr der Wind rauschende Akkorde zu - im Schlosse
wurde Klavier gespielt. Da sa die Braut am Flgel - keine zarte heilige Ccilie
mit durchgeistigtem Gesicht, weit eher eine Rubensgestalt von ppiger Flle und
blhendstem Inkarnat - das volle Blondhaar glitzerte im Lichte der Kronleuchter,
und die schngebogenen Finger glitten ber die Tasten - aber nein, unter ihren
Fingern erbrauste das Instrument nicht in so erschtternd beseelter Weise,
Heloise von Taubeneck spielte stmperhaft und geistlos, wie sie neulich zur
Genge gezeigt hatte! - Aber wer es auch sein mochte, der da spielte, er hatte
teil an der Feier, die man heute beging - ein wahrer Sturm von Jubel und
Begeisterung brauste durch den Vortrag.
    Vor der Nordfront des Schlchens breitete sich ein mchtiger Lichtschein
hin. Der weite, im Sommer von buntfarbigen Blumengruppen unterbrochene
Rasengrund lag fleckenlos wei, ein einziges glitzerndes Schneefeld, hinter dem
Rankrosenspalier, das ihn von dem dicht an die Hausmauern stoenden Kiesplatz
schied. Dieser Platz war ziemlich von Schnee gesubert, nur eine dnne,
festgetretene Schicht lag auf den Kieseln.
    Margarete war bis hierher gekommen, ohne irgendwie durch Menschennhe
erschreckt zu werden. Nun migte sie ihren Laufschritt und ging unter den
Fenstern hin. Was sie hier wollte? Sie wute es selbst kaum - eine
geheimnisvolle, furchtbare Gewalt trieb sie wie der Sturm in den Lften vor sich
her; sie mute laufen und sehen und wute doch, da gerade der Anblick der
Glcklichen ihr wie Dolchstiche das Herz zerfleischen mute.
    In dem Salon, wo der Flgel stand, waren die weien Rollvorhnge
herabgelassen; kein Schatten einer menschlichen Gestalt bewegte sich hinter dem
transparenten Gewebe, man lauschte, wie es schien, regungslos dem meisterlichen
Spiele. Dagegen waren die drei Fenster des anstoenden Zimmers, in dessen Nhe
das junge Mdchen stehen geblieben war, nicht verhllt. Das Licht des
Kronleuchters flo in grellem Glanze durch die Scheiben und auf die
Frstenbilder, die im Hintergrunde des Zimmers von der Wand herabsahen. Das war
der Speisesaal; hier hatte das Verlobungsdiner stattgefunden; zwei Lakaien waren
beschftigt, die Tafel abzurumen; sie hielten die angebrochenen Flaschen gegen
das Licht und tranken die Reste aus den Weinglsern.
    Die Schluakkorde des Musikstckes waren lngst verhallt, und noch stand
Margarete neben einer der niederen Kugelakazien, welche da und dort das
Rankrosenspalier unterbrachen. Der Wind warf ihr das Haar von Stirn und Schlfen
zurck und stubte die gelockerten Schneereste von dem drren Gezweig des
Bumchens ber sie her. Sie fhlte es nicht. Ihr Herz hmmerte in der Brust,
mhsam rang sie nach Atem, whrend ihre heien Augen unablssig ber alle
unverhllten Fenster irrten - einmal muten sich die Glcklichen doch zeigen. O,
der Thrin, die in Wind und Wetter harrte und aushielt, um einen tdlichen
Streich zu empfangen! - Da wurde pltzlich eine Thre, ziemlich am Ende der
Hausfront, geffnet. Aus einem schwach beleuchteten Entree trat ein Mann und
stieg die niedere Freitreppe herab, whrend die Thre hinter ihm wieder
geschlossen wurde.
    Einen Augenblick stand die Lauscherin wie gelhmt vor Schrecken. Das
Rosenspalier hinderte sie, ber den Rasengrund in die Dunkelheit des freien
Feldes hinaus zu flchten, und vor ihr lag der lange, fast tageshell beleuchtete
Kiesplatz. Aber da gab es kein Besinnen, gesehen wurde sie, und nur ihre flinken
Fe konnten sie vor einer unausbleiblichen Demtigung retten. So floh sie wie
gejagt den Kiesplatz entlang und ber die Auffahrt vor dem westlichen Portal des
Schlchens hinaus ins Freie.
    Hier packte sie der Wind; er trieb sie vor sich her wie eine Schneeflocke
und erleichterte ihr die Flucht; allein weder er, noch ihr eigenes Dahinfliegen
konnten ihr helfen - die Mnnerschritte, die sie verfolgten, kamen nher und
nher. Der Weg war glatt und schlpfrig geworden, sie glitt pltzlich aus und
sank auf ein Knie nieder - in diesem Moment eines namenlosen Entsetzens umfate
sie ein krftiger Arm und hob sie empor.
    Spottdrossel, hab' ich dich? rief Herbert und schlang auch den anderen Arm
um das atemlose, an allen Gliedern bebende Mdchen. Nun sieh, wie du wieder
frei wirst! Mit meinem Willen niemals! Der Spottvogel, der mir unbesonnen ins
Garn geflogen ist, gehrt mir von Gott und Rechts wegen! Bist du's wirklich,
Margarete? - Ah, sie ist gekommen in Sturm und Regen! recitierte er und
verhaltener Jubel durchbebte seine Stimme.
    Sie strebte vergebens, sich loszuwinden, er umschlo sie desto fester. O
Gott, ich wollte -
    Ich wei, was du wolltest, unterbrach er die fast weinend hervorgestoenen
Worte. Du wolltest die erste sein, die dem Onkel gratulierte! Deshalb bist du
durch Sturm und Wetter ber weite, de Felder gelaufen, hast vor lauter Eifer
vergessen, eine warme Hlle ber deinen Tollkopf zu werfen, und bei alledem hast
du dich rettungslos verflogen und wirst obendrein deine Glckwnsche nicht los
werden, es sei denn, da wir umkehrten und dem Prinzen Albert von X und seiner
Braut unsere Aufwartung machten. Aber du wirst einsehen, da dein windzerzauster
Lockenkopf in diesem Augenblick nicht gerade salonfhig ist.
    Jetzt hatte sie sich losgerissen. Dein Glck macht dich bermtig! stie
sie in schmerzlichem Zorn hervor. Das ist ein grausamer Scherz!
    Ruhig, Margarete! mahnte er mit sanftem Ernst, indem er sie wieder an sich
zog und ihre widerstrebende Hand fest in seine Linke nahm. Ich scherze nicht.
Frulein von Taubeneck ist nach lngerem Hoffen und Harren endlich mit hoher
landesherrlicher Bewilligung die Braut des Prinzen von X geworden; und jetzt
darf es ja ausgesprochen werden, da ich in dieser Angelegenheit der Vermittler
gewesen bin. Die rote Kamelie, mit welcher ich neulich dekoriert wurde, war ein
Dankesausdruck fr meine sieggekrnten Bemhungen... Darin also hast du schwer
geirrt. Dagegen mu ich dir nach einer anderen Seite hin recht geben. Ich bin
wirklich bermtig! Ich triumphiere! Ist mir nicht mein Glck von selbst in die
Arme gelaufen? Ja, bist du nicht gekommen in Sturm und Regen, getrieben von
bser Eifersucht, die ich lngst in deinem Herzen gelesen habe? Denn du bist und
bleibst die Grete, deren gerades, offenes Wesen keine Weltpolitur hat schdigen
knnen. Nun leugne noch, wenn du kannst, da du mich liebst -
    Ich leugne nicht, Herbert!
    Gott sei Dank, er ist begraben, der alte Onkel! Und du bist fortan nicht
meine Nichte, sondern -
    Deine Grete - sagte sie mit schwacher Stimme, von dem jhen Wechsel
zwischen Glck und Leid vllig berwltigt.
    Meine Grete, meine Braut! ergnzte er mit siegerhaftem Nachdruck. Nun
wirst du auch wissen, weshalb ich es abgelehnt habe, dein Vormund zu werden.
    Er hatte sich lngst so gestellt, da er sie mit seiner hohen Gestalt vor
dem brausenden Winde schtzte; nun bog er sich nieder und kte sie innig; dann
nahm er den Seidenshawl von seinem Halse und band ihn sorglich ber ihr
unbedecktes Haar.
    Nunmehr schritten sie in raschem Tempo der Fabrik zu; und dabei erzhlte er
der Aufhorchenden, da er von der Universittszeit her mit dem jungen Frsten
von X befreundet sei. Derselbe habe ihn gern und gebe viel auf sein Urteil. Vor
einem halben Jahre nun habe der jngere Bruder des Frsten die schne Heloise am
Hofe ihres Onkels kennen gelernt und eine tiefe Neigung fr sie gefat. Diese
Neigung sei auch von ihrer Seite erwidert worden, und ihr Onkel, der Herzog,
habe dieselbe begnstigt. Dagegen sei der frstliche Bruder ein entschiedener
Gegner der Verbindung gewesen, auf Grund der illegitimen Geburt der jungen Dame.
Der Herzog habe schlielich ihn, Herbert, in das Geheimnis gezogen und die
Vermittelung in seine Hand gelegt, und da dieselbe zum glcklichen Ziele
gefhrt, beweise die heutige Feier im Prinzenhofe.
    Hast du das wundervolle Klavierspiel gehrt? fragte er zum Schlu.
    Sie bejahte.
    Nun, das war er, der Brutigam, der sein Glck in alle Lfte
hinausjubelte... Morgen wird unsere gute Stadt auf dem Kopfe stehen vor
Erstaunen ber das Ereignis. An beiden Hfen ist das strengste Stillschweigen
beobachtet worden, und da ich das Geheimnis ebenso streng behtet habe,
versteht sich von selbst. Nur mein guter Papa hat darum gewut. Ich htte es
nicht ertragen, wenn er auch nur stutzig geworden wre gegenber dem allgemein
kolportierten, albernen Mrchen von meiner Bewerbung um Frulein von Taubenecks
Hand! ... Aber mit dir habe ich nun noch eine Rechnung abzumachen. Du hast mich
fr einen Erzbsewicht verschrieen, hast mir die schndesten Bitterkeiten gesagt
ber mein Buhlen um Frstengunst; einer jener gewissenlosen Streber sollte ich
sein, die, ber das Lebensglck anderer hinweg, die hchste Spitze des
Kletterbaumes zu erreichen suchen, gleichviel, ob sie fr eine hohe,
verantwortliche Stellung befhigt sind oder nicht, und was dergleichen schne
Dinge mehr sind - was hast du darauf zu sagen?
    O, sehr viel! antwortete sie, und wenn es nicht tiefdunkle Nacht gewesen
wre, so htte er sehen mssen, wie das liebliche, schalkhafte Lcheln, das ihn
beim ersten Wiedersehen an der bermtigen Grete berrascht und entzckt
hatte, ihr Gesicht belebte. Wer hat mich geflissentlich in dem Glauben
bestrkt, da der Landrat Marschall um die Nichte des Herzogs freie? Du selbst.
Wer hat das schlimme Feuer der Eifersucht in einem armen Mdchenherzen entfacht
und bswillig zur hellen Flamme angeblasen? Du, nur du! Und wenn ich anfnglich
nicht glauben konnte, da du Liebe, wahre, tiefe Liebe fr die schne, aber
erschrecklich indifferente Heloise fhltest, so geschah das aus Respekt vor
deiner geistigen Ueberlegenheit, und ich mute, wie die bse Welt auch, zu dem
Schlu kommen, da die weien Hnde der herzoglichen Nichte erkoren seien, dich
auf die hchste Staffel des Kletterbaumes, den Ministerposten, zu heben...
Abbitten werde ich nicht mehr - wir sind quitt! Du hast selbst glnzend Revanche
genommen. Denke nur an das arme Mdchen, das du der Nacht und Nebel zu einem
Gang nach Canossa getrieben hast!
    Er lachte leise in sich hinein. Das konnte ich dir nicht ersparen - ich
habe ja selbst dabei gelitten. Aber es war doch schn, zu beobachten, wie du mir
Schritt um Schritt nher kamst! Nun aber genug des Kampfes! Friede, seliger
Friede sei zwischen uns! Er schlang seinen Arm um ihre Schultern, und nun ging
es in wahrem Sturmschritt frba.

                                       29


Am anderen Morgen war es, als sei die gute Stadt B. durch pltzlichen
kriegerischen Trommelwirbel aus dem gewohnten Geleise des Werkeltages
aufgeschreckt worden. Das Gercht von der Verlobung im Prinzenhofe lief von Mund
zu Mund, und da keine Menschenseele auch nur eine blasse Ahnung davon gehabt
hatte, ja, da selbst die Damenkrnzchen mit ihrem unbestrittenen Monopol fr
Sprsinn und Kombinationen so stockblind gewesen waren, das machte allerdings
die Leute nahezu auf dem Kopfe stehen.
    Durch das Stubenmdchen kam auch die alarmierende Nachricht brhwarm in das
Schlafzimmer der Frau Amtsrtin. Unsinn! rief die alte Dame verchtlich, fuhr
aber doch mit beiden Fen aus dem Bette und stand nach wenigen Minuten im
Schlafrock und Nachthubchen vor ihrem Sohne.
    Was ist das fr ein fabelhaft dummes Gerede ber Heloise und den Prinzen
von X, das die Bckerjungen und Metzgerfrauen von Haus zu Haus tragen? fragte
sie, das Thrschlo in der Hand.
    Er sprang auf von seinem Schreibstuhl und bot ihr die Hand, um sie tiefer
ins Zimmer zu fhren; aber sie wies ihn zurck. Lasse das! sagte sie hart.
Ich habe nicht die Absicht, hier zu bleiben. Ich will nur wissen, wie es
mglich ist, da ein solch grundloses Gercht entstehen konnte.
    Er zgerte einen Moment. Sie that ihm leid, da sie diesen bitteren Kelch
leeren mute, wenn sie auch selbst die Schuld trug; aber nun sagte er ruhig:
Liebe Mama, die Leute reden die Wahrheit, Frulein von Taubeneck hat sich
allerdings gestern mit dem Prinzen von X verlobt.
    Das Thrschlo entglitt ihrer Hand - sie fiel fast um. Wahr? stammelte sie
und griff nach ihrer Stirn, als zweifle sie an ihrem eigenen Verstande.
Wirklich wahr? wiederholte sie und sah ihren Sohn mit funkelnden Augen an;
dann brach sie in ein hysterisches Gelchter aus und schlug die Hnde zusammen.
Da hast du dich ja schn an der Nase herumfhren lassen!
    Er blieb vollkommen gelassen. Ich bin nicht gefhrt worden, wohl aber habe
ich das Brautpaar zusammengefhrt, entgegnete er ohne die mindeste Gereiztheit
und knpfte daran mit wenig Worten die Mitteilung des Sachverhaltes.
    Sie hatte ihm, whrend er sprach, immer mehr den Rcken gewendet und nagte
erbittert an der Unterlippe. Und das alles erfahre ich jetzt erst? fragte sie,
nachdem er geendet, mit zuckenden Lippen ber die Schulter zurck.
    Kannst du von deinem Sohne wnschen, da er ein ihm anvertrautes Geheimnis
vor Damenohren laut werden lt? Ich habe nach Mglichkeit gegen deinen Irrtum
angekmpft; ich habe dir oft genug erklrt, da mir Frulein von Taubeneck
vollkommen gleichgltig sei, da es mir nicht einfiele, mich je ohne Liebe zu
binden. Du hast fr alle diese Versicherungen stets nur ein geheimnisvolles
Lcheln und Achselzucken gehabt -
    Weil ich sah, wie dich Heloise mit ihren Blicken verfolgte und -
    Er errtete wie ein Mdchen. Und ist das nicht einseitig gewesen? Kannst du
dasselbe von mir behaupten? Frulein von Taubeneck ist sich ihrer Schnheit
bewut und kokettiert mit allen. Solche Blicke sind wohlfeil - mir machen sie
nicht den geringsten Eindruck. Du aber solltest doch wissen, da das ein
leichter amsanter Tauschhandel ist, den die meisten fr erlaubt und durchaus
nicht fr verpflichtend halten. Frulein von Taubeneck wird trotz alledem eine
brave Frau werden - dafr brgt schon ihre groe Gemtsruhe.
    Die Thre fiel wieder zu, und die alte Dame verschwand mit blassem,
verstrtem Gesicht abermals in ihrem Schlafzimmer. Aber eine Stunde spter eilte
das Stubenmdchen zur Schneiderin und in die Putzhandlung, und der Hausknecht
rumorte auf dem Boden und schleppte verschiedene Koffer und Kfferchen die
Treppe hinab - die Frau Amtsrtin wollte nach Berlin zu ihrer Schwester reisen.
    Und als gegen Mittag der Amtsrat seinen Einzug hielt und am Arme seines
Sohnes die Treppe im Lamprechtshause hinaufstieg, da kam just seine Frau im
Pelzmantel und Schleierhut von oben herab, um in der Stadt Abschiedsbesuche zu
machen. Sie sprach berall von ihrem lngstgehegten, sehnschtigen Wunsche, doch
auch wieder einmal eine gute Oper und Konzerte zu hren, der sie nunmehr
unwiderstehlich nach Berlin locke. Das Ereignis im Prinzenhofe wurde nur
nebenbei berhrt, und lchelnd als etwas lngst Gewutes behandelt, ber das
sich selbstverstndlich jedes loyale Herz innig freuen msse; der Allerintimsten
aber flsterte sie ins Ohr, da sie den anfnglichen Widerstand des Frsten von
X sehr wohl begreife - es sei nicht jedermanns Sache, die Tochter einer
ehemaligen Ballerina in seine Familie aufzunehmen.
    Mit ihrer Abreise wurde es fr einige Tage still und friedlich im alten
Kaufmannshause; aber dann kam noch ein Sturm, der allen Bewohnern das Herz
erbeben machte. Reinhold mute endlich die Umwandlung der Familienverhltnisse
erfahren. Der alte Amtsrat und Herbert waren mglichst vorsichtig zu Werke
gegangen; allein die Enthllungen hatten trotz alledem die Wirkung einer
zerspringenden Bombe gehabt. Reinhold geriet in eine furchtbare Aufregung. Er
schrie und tobte und erging sich in den heftigsten Anklagen gegen seinen
verstorbenen Vater. Sein leidenschaftlicher Protest half ihm freilich nichts, er
mute sich schlielich fgen. Aber von da an zog er sich noch mehr als frher
zurck von der Familie - er a sogar allein auf seinem Zimmer, aus Furcht, da
er dem kleinen Bruder einmal in der Wohnstube begegnen knne; denn mit dem
Burschen wolle er nie und nimmer etwas zu schaffen haben, und wenn er hundert
Jahre alt werden solle, wiederholte er immer wieder.
    Fr diesen Ausspruch hatte der alte Hausarzt immer nur ein melancholisches
Lcheln - er wute am besten, wie es um die Altersaussichten seines Patienten
stand. Er forderte deshalb mglichste Nachgiebigkeit und Schonung von seiten der
Verwandten fr den Kranken, und das geschah bereitwilligst. Der kleine Max
kreuzte seinen Weg nie. Die Thre nach dem Packhause war nicht zugemauert
worden; auf diesem Wege wurde der lebhafte Verkehr zwischen dem Vorder- und
Hinterhause vermittelt... Der Amtsrat hatte den prchtigen Knaben an sein Herz
genommen, als sei er auch ein Kind seiner verstorbenen Tochter, und Herbert war
sein Vormund geworden.
    In Stadt und Land machte, wie vorausgesehen, das geoffenbarte Geheimnis des
Lamprechtshauses groes Aufsehen; es blieb lange Tagesgesprch, und in den
Klubs, den Damenkrnzchen und auf den Bierbnken wurde fr und wider debattiert
- die Lamprechts wurden in der That auf das Allerschnste zerzaust. Dieser
Widerstreit blieb jedoch ohne jedwede Einwirkung auf das jetzige friedvolle
Zusammenleben in Gropapas Zimmer, dem roten Salon. Man kam da tglich zusammen,
ein enger Kreis von Menschen, die innige Liebe und Zuneigung verband. Und auf
dieses Bild der Eintracht zwischen alt und jung sah die Frau mit den
Karfunkelsteinen lchelnd und augenstrahlend herab.
    Die Schnheit der Frau da oben ist so dmonisch und packend, da man sich
vor ihr frchten knnte, sagte Frau Lenz eines Abends erblassend zu Tante
Sophie, die neben ihr auf dem Sopha sa und Margaretens Namenschiffre in eine
Ausstattungsserviette stickte. Eine Lampe stand auf der Kommode unter dem Bilde,
und aus dem Lichtstrom tauchte das junge Weib so lebenatmend empor, als werde es
im nchsten Augenblick die Lippen ffnen, um auch ein Wort in die Unterhaltung
zu werfen.
    Dieser verderbliche Zauber mu sich meiner armen Blanka frmlich an die
Fersen geheftet haben, als sie von hier wieder in die Welt hinausgegangen ist,
setzte die alte Frau mit gepreter Stimme hinzu. Sie hat sich am liebsten mit
den Steinen geschmckt, die dort in den dunklen Haaren stecken, und in ihren
letzten Fiebertrumen hat sie mit der schnen Dore gerungen, die - sie mitnehmen
wolle.
    Der Landrat stand auf und rckte die Lampe fort, so da die Gestalt wieder
ins Halbdunkel zurcktrat. Ich habe die Rubinsterne heute in den Hnden gehabt
und sie weggeschlossen... In dein Haar werden sie nie kommen! sagte er zu
Margarete.
    Sie lchelte. Denkst du wie Brbe?
    Das nicht - aber an den Neid der Gtter mu ich denken. Und so mag das
unheimliche rote Gefunkel fr knftig in Frieden ruhen!
    Brbe aber sagte fast zu derselben Stunde drunten in der Kche zu den
anderen: Der Weg, den unser Junge jetzt alle Tage durch den Gang machen mu,
will mir aber nicht gefallen. Die mit den Karfunkelsteinen hat ihr Kindchen mit
in die Erde nehmen mssen, und da ist nun so ein schner strammer Stammhalter
dageblieben, und das macht boshaftig.
    Jetzt mssen Sie sich aber die Zunge abbeien, Brbe! sagte der
Hausknecht. Sie haben ja von dem Unwesen in Ihrem ganzen Leben nicht wieder
sprechen wollen.
    Ach was, einmal ist keinmal! Am besten wr's, der Gang wrde vermauert;
denn wer kann's wissen, ob nicht jetzt gar auch noch der schne Flachskopf neben
der Schwarzhaarigen umgehen thut? ...
    Der Glaube an dunkle Mchte wird nicht sterben, solange das schwache
Menschenherz liebt, hofft und frchtet!
