
                              Hlderlin, Friedrich

                                Hyperions Jugend

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                              Friedrich Hlderlin

                                Hyperions Jugend

                                   [Fragment]

                                  Erster Teil

                                 Erstes Kapitel

In den ersten Jahren der Mndigkeit, wenn der Mensch vom glcklichen Instinkte
sich losgerissen hat, und der Geist seine Herrschaft beginnt, ist er gewhnlich
nicht sehr geneigt, den Grazien zu opfern.
    Ich war fester und freier geworden in der Schule des Schicksals und der
Weisen, aber streng ohne Ma, in vollem Sinne tyrannisch gegen die Natur,
wiewohl ohne die Schuld meiner Schule. Der gnzliche Unglaube, womit ich alles
aufnahm, lie keine Liebe in mir gedeihen. Der reine freie Geist, glaubt ich,
knne sich nie mit den Sinnen und ihrer Welt vershnen. Ich kmpfte berall mit
dem Vernunftlosen, mehr, um mir das Gefhl der berlegenheit zu erbeuten, als um
den regellosen Krften, die des Menschen Brust bewegen, die schne Einigkeit
mitzuteilen, deren sie fhig sind. Stolz schlug ich die Hlfe aus, womit uns die
Natur in jedem Geschfte des Bildens entgegenkmmt, die Bereitwilligkeit, womit
der Stoff dem Geiste sich hingibt; ich wollte zhmen und zwingen. Ich richtete
mit Argwohn und Hrte mich und andre.
    Fr die stillen Melodien des Lebens, fr das Husliche und Kindliche hatt
ich den Sinn beinahe ganz verloren.
    Einst hatte Homer mein junges Herz so ganz gewonnen; auch von ihm, und
seinen Gttern war ich abgefallen.
    Ich reiste, und wnscht oft, ewig fortzureisen.
    Da hrt ich einst von einem guten Manne, der seit kurzem ein nahes Landhaus
bewohne, und ohne sein Bemhn recht wunderbar sich aller Herzen bemeistert habe,
der kleineren, wie der grern, der meisten freilich, weil er fremd und
freundlich wre, doch wren auch einige, die seinen Geist verstnden, ahndeten.
    Ich ging hinaus, den Mann zu sprechen. Ich traf ihn in seinem Pappelwalde.
Er sa an einer Statue, und ein lieblicher Knabe stand vor ihm. Lchelnd
streichelt' er diesem die Locken aus der Stirne, und schien mit Schmerz und
Wohlgefallen das holde Wesen zu betrachten, das so ganz frei und traulich dem
kniglichen Mann ins Auge sah.
    Ich stand von fern und ruhte auf meinem Stabe; doch da er sich umwandte, und
sich erhub, und mir entgegentrat, da widerstand ich dem neuen Zauber, der mich
umfing, mit Mhe, da ich mir den Geist frei erhielt, doch strkte mich auch
wieder die Ruhe und Freundlichkeit des Mannes. -
    Und wie ich wohl die Menschen fnde auf meinen Wanderungen, fragt' er mich
nach einer Weile. Mehr tierisch, als gttlich, versetzt ich hart und strenge,
wie ich war. O wenn sie nur erst menschlich wren! erwidert' er mit Ernst und
Liebe. Ich bat ihn, sich darber zu erklren.
    Es ist wahr, begann er nun, das Ma ist grenzenlos, woran der Geist des
Menschen die Dinge mit, und so soll es sein! wir sollen es rein und heilig
bewahren, das Ideal von allem, was erscheint, der Trieb in uns, das Ungebildete
nach dem Gttlichen in uns zu bilden, und die widerstrebende Natur dem Geiste,
der in uns herrscht, zu unterwerfen, er soll nie auf halbem Wege sich begngen;
doch um so ermdender ist auch der Kampf, um so mehr ist zu frchten, da nicht
der blutige Streiter die Gtterwaffen im Unmut von sich werfe, dem Schicksal
sich gefangen gebe, die Vernunft verleugne, und zum Tiere werde, oder auch,
erbittert vom Widerstande, verheere, wo er schonen sollte, das Friedliche mit
dem Feindlichen vertilge, die Natur aus roher Kampflust bekmpfe, nicht um des
Friedens willen, seine Menschlichkeit verleugne, jedes schuldlose Bedrfnis
zerstre, das mit andern Geistern ihn vereinigte, ach! da die Welt um ihn zu
einer Wste werde, und er zu Grunde gehe in seiner finstern Einsamkeit.
    Ich war betroffen; auch er schien bewegt.
    Wir knnen es nicht verleugnen, fuhr er wieder erheitert fort, wir rechnen
selbst im Kampfe mit der Natur auf ihre Willigkeit. Wie sollten wir nicht?
Begegnet nicht in allem, was da ist, unsrem Geiste ein freundlicher verwandter
Geist? und birgt sich nicht, indes er die Waffen gegen uns kehrt, ein guter
Meister hinter dem Schilde? - Nenn ihn, wie du willst! Er ist derselbe. -
Verborgnen Sinn enthlt das Schne. Deute sein Lcheln dir! Denn so erscheint
vor uns der Geist, der unsern Geist nicht einsam lt. Im Kleinsten offenbart
das Grte sich. Das hohe Urbild aller Einigkeit, es begegnet uns in den
friedlichen Bewegungen des Herzens, es stellt sich hier, im Angesichte dieses
Kindes dar. - Hrtest du nie die Melodien des Schicksals rauschen? - Seine
Dissonanzen bedeuten dasselbe.
    Du denkst wohl, ich spreche jugendlich. Ich wei, es ist Bedrfnis, was uns
dringt, der ewig wechselnden Natur Verwandtschaft mit dem Unsterblichen in uns
zu geben. Doch dies Bedrfnis gibt uns auch das Recht. Es ist die Schranke der
Endlichkeit, worauf der Glaube sich grndet; deswegen ist er allgemein, in
allem, was sich endlich fhlt.
    Ich sagt ihm, da es mir sonderbar ginge mit dem, was er gesagt; es sei so
fremdartig mit meiner bisherigen Denkart, und doch scheine mir es so natrlich,
als wr es bis jetzt mein einziger Gedanke gewesen. So kann ich ja wohl noch
mehr wagen, rief er traut und heiter, doch erinnre mich zu rechter Zeit! - Als
unser Geist, fuhr er nun lchelnd fort, sich aus dem freien Fluge der
Himmlischen verlor, und sich erdwrts neigte vom Aether, als der berflu mit
der Armut sich gattete, da ward die Liebe. Das geschah am Tage, da Aphrodite
geboren ward. Am Tage, da die schne Welt fr uns begann, begann fr uns die
Drftigkeit des Lebens. Wren wir einst mangellos und frei von aller Schranke
gewesen, umsonst htten wir doch nicht die Allgengsamkeit verloren, das
Vorrecht reiner Geister. Wir tauschten das Gefhl des Lebens, das lichte
Bewutsein fr die leidensfreie Ruhe der Gtter ein. Denke, wenn es mglich ist,
den reinen Geist! Er befat sich mit dem Stoffe nicht; drum lebt auch keine Welt
fr ihn; fr ihn geht keine Sonne auf und unter; er ist alles, und darum ist er
nichts fr sich. Er entbehrt nicht, weil er nicht wnschen kann; er leidet
nicht, denn er lebt nicht. - Verzeih mir den Gedanken! er ist auch nur Gedanke
und nichts mehr. - Nun fhlen wir die Schranken unsers Wesens, und die gehemmte
Kraft strubt sich ungeduldig gegen ihre Fesseln, und der Geist sehnt sich zum
ungetrbten Aether zurck. Doch ist in uns auch wieder etwas, das die Fesseln
gerne trgt; denn wrde der Geist von keinem Widerstande beschrnkt, wir fhlten
uns und andre nicht. Sich aber nicht zu fhlen, ist der Tod. Die Armut der
Endlichkeit ist unzertrennlich in uns vereiniget mit dem berflusse der
Gttlichkeit. Wir knnen den Trieb, uns auszubreiten, zu befreien, nie
verleugnen; das wre tierisch. Doch knnen wir auch des Triebs, beschrnkt zu
werden, zu empfangen, nicht stolz uns berheben. Denn es wre nicht menschlich,
und wir tteten uns selbst. Den Widerstreit der Triebe, deren keiner entbehrlich
ist, vereiniget die Liebe, die Tochter des berflusses und der Armut. Dem
Hchsten und Besten ringt unendlich die Liebe nach, ihr Blick geht aufwrts und
das Vollendete ist ihr Ziel, denn ihr Vater, der berflu, ist gttlichen
Geschlechts. Doch pflckt sie auch die Beere von den Dornen, und sammelt hren
auf dem Stoppelfelde des Lebens, und wenn ihr ein freundlich Wesen einen Trank
am schwlen Tage reicht, verschmhet sie nicht den irdnen Krug, denn ihre Mutter
ist die Drftigkeit. - Gro und rein und unbezwinglich sei der Geist des
Menschen in seinen Forderungen, er beuge nie sich der Naturgewalt! Doch acht er
auch der Hlfe, wenn sie schon vom Sinnenlande kmmt, verkenne nie, was edel
ist, im sterblichen Gewande, stimmt hie und da nach ihrer eignen Weise die Natur
in seine Tne, so schm er sich nicht der freundlichen Gespielin! Wenn deine
Pflicht ein feurig Herz begleitet, verschmhe den rstigen Gefhrten nicht! Wenn
dem Geistigen in dir die Phantasie ein Zeichen erschafft, und goldne Wolken den
Aether des Gedankenreichs umziehn, bestrme nicht die freudigen Gestalten! Wenn
dir als Schnheit entgegenkmmt, was du als Wahrheit in dir trgst, so nehm es
dankbar auf, denn du bedarfst der Hlfe der Natur.
    Doch erhalte den Geist dir frei! verliere nie dich selbst! fr diesen
Verlust entschdiget kein Himmel dich. Vergi dich nicht im Gefhle der
Drftigkeit! Die Liebe, die den Adel ihres Vaters verleugnet, und immer auer
sich ist, wie mannigfaltig irrt sie nicht, und doch wie leicht!
    Wie kann sie den Reichtum, den sie tief im Innersten bewahrt, in sich
erkennen? So reich sie ist, so drftig dnkt sie sich. Sie trgt der Armut
schmerzliches Gefhl, und fllt den Himmel mit ihrem berflu an. Mit ihrer
eignen Herrlichkeit veredelt sie die Vergangenheit; wie ein Gestirn,
durchwandelt sie die Nacht der Zukunft mit ihren Strahlen, und ahndet nicht, da
nur von ihr die heilige Dmmerung ausgeht, die ihr entgegenkmmt. In ihr ist
nichts, und auer ihr ist alles. Ihre Mnnlichkeit ist hin. Sie hofft und glaubt
nur; und trauert nur, da sie noch da ist, um ihr Nichts zu fhlen, und mchte
lieber in das Heilige verwandelt sein, das ihr vorschwebt. Aber sie fhlt sich
so ferne von ihm; die Flle des Gttlichen ist zu grenzenlos, um von ihrer
Drftigkeit umfat zu werden. Wunderbar! vor ihrer eignen Herrlichkeit
erschrickt sie. La ihr das Unsichtbare sichtbar werden! es erschein ihr im
Gewande des Frhlings! es lchl' ihr vom Menschenangesichte zu! Wie ist sie nun
so selig! Was so fern ihr war, ist nahe nun, und ihresgleichen, und die
Vollendung, die sie an der Zeiten Ende nur dunkel ahndete, ist da. Ihr ganzes
Wesen trachtet, das Gttliche, das ihr so nah ist, sich nun recht innig zu
vergegenwrtigen, und seiner, als ihres Eigentums, bewut zu werden. Sie ahndet
nicht, da es verschwinden wird im Augenblicke, da sie es umfat, da der
unendliche Reichtum zu nichts wird, sowie sie ihn sich zu eigen machen will. In
ihrem Schmerze verlt sie das Geliebte, hngt sich dann oft ohne Wahl an dies
und das im Leben, immer hoffend und immer getuscht; oft kehrt sie auch in ihre
Ideenwelt zurck; mit bittrer Reue nimmt sie oft den Reichtum zurck, womit sie
sonst die Welt verherrlichte, wird stolz, hat und verachtet nun; oft ttet sie
der Schmerz der ersten Tuschung ganz, dann irrt der Mensch ohne Heimat umher,
md und hoffnungslos, und scheint ruhig, denn er lebt nicht mehr. Sie sind
unendlich, die Verirrungen der Liebe. Doch berall mcht ich ihr sagen: verstehe
das Gefhl der Drftigkeit, und denke, da der Adel deines Wesens im Schmerze
nur sich offenbaren kann! Kein Handeln, kein Gedanke reicht, so weit du willst.
Das ist die Herrlichkeit des Menschen, da ihm ewig nichts gengt. In deiner
Unmacht tut sie dir sich kund. Denke dieser Herrlichkeit! Denn wer nur seiner
Unmacht denkt, mu immer mit Angst nach fremder Sttze sich umsehn, und wer sich
beredet, er habe nichts zu geben, will immer nur aus fremder Hand empfangen, und
wird nie genug haben. Denn wrd ihm auch alles gegeben, es mte doch mangelhaft
vor ihm erscheinen. Auf dem schmalen Wege des Empfangens wird auch der Reichtum
fr uns zur Drftigkeit. Wer umspannt den Olymp mit seinen Armen? Wer fat den
Ozean in eine Schale? Und welchem Auge stellte sich ein Gott in unverhllter
Glorie dar? Es ist so unmglich fr uns, das Mangellose ins Bewutsein
aufzunehmen, als es unmglich ist, da wir es hervorbringen. Was blieb' uns auch
zum Tagewerk noch brig, wenn die Natur sich berwunden gbe, und der Geist den
letzten Sieg feierte?
    Doch soll es werden, das Vollkommene! Es soll! so kndet die geheime Kraft
in dir sich an, woraus, vom heien Strahle genhrt, dein ewig Wachstum sich
entwickelt. La deine Blte fallen, wenn sie fllt, und deine Zweige drre
werden! Du trgst den Keim zur Unendlichkeit in dir! Erhalt ihn in der
Drftigkeit des Lebens! Dein freier Geist verbe sein Recht unberwindlich am
Widerstande der Natur! Wenn sie uns zum Kampfe fordert, will sie nicht, da wir
um Gnade rufen, sie schtzt die Feigen nicht, sie straft den Schmeichler, wenn
er im Hochgefhle seines Adels und seiner Macht der alten Kmpferin begegnen
sollte, und wimmernd zu ihr spricht: Du meinst es gut, meine Freundin! Ich gebe
mich und meine Waffen dir. Den stt des Schicksals eherner Wagen um, der seinen
Rossen nicht mit Mut in die Zgel fllt. - Auch will die Natur nicht, da man
vor ihren Strmen sich ins Gedankenreich flchte, zufrieden, da man der
Wirklichkeit vergessen knne im stillen Reiche des Mglichen. Ergrnde sie, die
Tiefen deines Wesens, doch nur, um unberwindlicher aus ihnen in den Kampf
hervorzutreten, wie Achill, da er im Styx sich gebadet. Vollbringe, was du
denkst! - Wenn aber die Natur dir freundlich entgegenkmmt, im Gewande des
Friedens, und lchelnd dir zu deinem Tagewerke die Hnde reicht, wenn, freudig
berrascht, im Sinnenlande dein Geist, wie in einem Spiegel, sein Ebenbild
beschaut, die Formen der Natur zum einsamen Gedanken sich schwesterlich
gesellen, so freue dich, und liebe, doch vergi dich nie! Verla dein Steuer
nicht, wenn eine frhliche Luft in deine Segel weht! Entehre nicht des
Schicksals gute Gttin! du machst sie zur Sirene, wenn sie dich mit ihren
Melodien in den Schlummer wiegt.
    Es ist das beste, frei und froh zu sein; doch ist es auch das schwerste,
lieber Fremdling! - In seinen Hhn den Geist emporzuhalten, im stillen Reiche
der Unvergnglichkeit, und heiter doch hinab ins wechselnde Leben der Menschen,
auch ins eigne Herz zu blicken, und liebend aufzunehmen, was von ferne dem
reinen Geiste gleicht, und menschlich auch dem Kleinsten die frhliche
Verwandtschaft mit dem, was gttlich ist, zu gnnen! Gewaffnet zu stehn vor den
feindlichen Bewegungen der Natur, da ihre Pfeile stumpf vom unverwundbaren
Geschmeide fallen, doch ihre friedlichen Erscheinungen mit friedlichem Gemte zu
empfangen, den dstern Helm vor ihnen abzunehmen, wie Hektor, als er sein
Knblein herzte! Des Lebens Nchte mit dem Rosenlichte der Hoffnung und des
Glaubens zu beleuchten, doch die Hnde nicht mig fromm zu falten! was wahr und
edel ist, aus fesselfreier Seele den Drftigen mitzuteilen, doch nie der eignen
Drftigkeit zu vergessen, dankbar aufzunehmen, was ein reines Wesen gibt und der
brderlichen Gabe sich zu freuen! Dies ist das Beste! so lehrte mich - ich ehre
sie - die Schule meines Lebens. -
    Der seltne Mann erschien vor meinem Innern so sanft und gro. Froh bot ich
ihm die Hand, und dankte, und sagt ihm meinen Irrtum.
    Nur zu lange, rief er, irrt auch ich, und die Geschichte meiner Jugend ist
ein Wechsel widersprechender Extreme; ich kenne das, wo wir traurend und verarmt
des hohen Eigentums nicht gedenken und alles ferne whnen, was wir doch in uns
finden sollten, und das verlorne in der Zukunft suchen und in der Gegenwart, im
ganzen Labyrinthe der Welt, in allen Zeiten und ihrem Ende; ich kenn auch das,
wo das feindliche verhrtete Gemt jede Hlfe verschmht, jedes Glaubens lacht
in seiner Bitterkeit, auch die Empfnglichkeit fr unsre Wnsche der guten Natur
mignnt, und lieber seine Kraft an ihrem Widerstande mit.
    Doch auch diesen Verirrungen gnn ich itzt oft einen freundlichen Blick,
wenn sie mir erscheinen. Wie sollt ich sie noch mit Strenge bekmpfen? Sie
schlummern friedlich in ihrem Grabe. Wie sollt ich sie aus meinem Sinne bannen?
Sie sind doch alle Kinder der Natur, und wenn sie oft der Mutter Art verleugnen,
so ist es, weil ihr Vater, der Geist, vom Geschlechte der Gtter ist. Gengsam
hlt sich ewig in ihrer sichern Grenze die Natur; die Pflanze bleibt der Mutter
Erde treu, der Vogel baut im dunkeln Strauche sein Haus, und nimmt die Beere,
die er gibt; gengsam ist die Natur, und ihres Lebens Einfalt verliert sich nie,
denn sie erhebt sich nie in ihren Forderungen ber ihre Armut. Gengsam ist der
mangellose Geist, in seiner ewigen Flle, und in dem Vollkommenen ist kein
Wechsel. Der Mensch ist nie gengsam. Denn er begehrt den Reichtum einer
Gottheit, und seine Kost ist Armut der Natur. - Verdamme nicht, wenn in dem
Sinnenlande das niebefriedigte Gemt von einem zum andern eilt! es hofft
Unendliches zu finden: durch die Dornen irrt der Bach; er sucht den Vater Ozean.
Wenn sein vergessen, des Menschen Geist ber seine Grenze sich verliert, ins
Labyrinth des Unerkennbaren, und vermessen seiner Endlichkeit sich berhebt,
verdamme nicht! Er drstet nach Vollendung. Es rollten nicht ber ihr Gestade
die regellosen Strme, wrden sie nicht von den Fluten des Himmels geschwellt.
    Der schne Knabe, der indes im Garten sich beschftigt hatte, kam und bracht
uns Blumen, erzhlt' uns auch manches, und wies uns das goldne Feuer ber den
Gebirgen. Es war schon Abend geworden. Ich nahm die freundliche Herberge mit
Dank an. Das Leben ist nicht so reich, da wir ein reines Wesen, wie der Mann
war, den ich gefunden hatte, so schnell verlassen knnten.

                                 -------------

                                Zweites Kapitel


Noch denk ich gerne des Morgens, der uns jetzt umfing, und wie sein Zauber uns
verjngte. Doch fand ich nie ein treues Bild fr meine goldnen Stunden, um
andern zu verknden, was ich geno. Die Natur gab ihren Mutterpfennigen ein
ungangbares Geprge, damit wir sie nicht, wie Scheidemnze, verschleudern
sollten. Auch mir war sie lange fremd gewesen, diese Ruhe und Regsamkeit, wo
alle Krfte ineinander spielen, wie die stillen Farben am Bogen des Friedens.
    Es war ein heiterer blauer Apriltag. Wir setzten uns in den Sonnenschein,
auf den Balkon; es suselten um uns die Zweige und durch die sonntgliche Stille
tnte ferner Trme Gelut und gegenber das Spiel der Orgel vom Hgel der
Kapelle.
    Du machtest mich begierig, fing ich endlich an, auf die Geschichte deines
jugendlichen Lebens -
    Ich bin auch itzt gerade gestimmt, unterbrach er mich freundlich, die
wunderbaren unschuldigen Gestalten erscheinen zu lassen, auch die wildern. Du
bleibst so lange bei mir, bis ich zu Ende bin. Ich gestehe dir, ich mute mich
lange von ihnen ferne halten um deswillen, was ich verlor, ich mute mich hten
vor den Freuden und Schmerzen der Erinnerung, ich war, wie eine kranke Pflanze,
die die Sonne nicht ertragen kann.

                                Drittes Kapitel


tum der Heroen, unter den Augen der Miltiade und Aristide, beim Wettgesange der
edeln Dichter und im Kampfspiel, wo der Lorbeer winkte! und deine Gespielen - du
httest sie gewi recht lieb gewonnen, die starken bildsamen Jnglinge! ihr
httet euch in eures Herzens Frhlichkeit eure Geheimnisse vertraut, wie es euch
schmerze, noch nichts getan zu haben, wie ihr oft in der Stille ber euch
trauertet vor dem Bilde eines Helden, wie ihr nicht lassen knntet von der Liebe
zum Lorbeer, und euch oft berauschtet im Gedanken der Unsterblichkeit, ihr
httet euch gefreut, da es einem ergehe, wie dem andern, und khn geschworen,
des Herzens Triebe Genge zu tun. - Nun ist es freilich anders, gutes Herz! Du
siehest vor dir, wie es ist. Aber la dich das nicht irren! - Siehe das Licht
des Himmels an! Bedarf es fremden Feuers, um zu leuchten und zu wrmen? bedarf
es eines Dankes, um wohlzutun? und wenn sich die Erde mit Dnsten umwlkt, und
seine reinen Strahlen nicht aufnimmt, in ihr Innres, leuchtet es minder, wie
sonst? So sei auch du! Denk und tue, wie du sollst, und siehe nicht um dich; und
wenn der kleinen Menschen kleiner Tadel in deinem sichern Gange dir nachtnt, so
denke dir recht lebendig, wie der arme Perser den ungehorsamen Ozean peitschte!
- Es ist dein liebster Gedanke, zu werden, wie die Herrlichen, die einst waren.
Erhalt ihn! werde nicht mutlos! Gib dich nie auf halbem Wege zufrieden! Verweile
nicht an Armseligkeiten! Sei still und harre, bis deine Zeit kmmt! Lebe in
Gemeinschaft mit deinen Heroen! Du findest ihresgleichen schwerlich so bald
unter den Lebendigen. Bewahre dich, junge Seele! Du gehrst einer andern Welt.
Befasse dich nicht zu viel mit dieser, bis deine Zeit kommt, und du unter ihr
wirkst. Nhre dein Herz mit der Geschichte besserer Tage, suche nichts unter den
jetzigen! Das wenige, was sie dir geben, ist, wenigstens jetzt, nicht fr dich.
- Denke meiner Worte, Lieber! wenn ich ferne bin. Ich mu dich bald verlassen.
Wer wei? es knnten die letzten Worte sein, die ich dir sagte! Wenn ich sterbe,
so sterb ich mit der Hoffnung, da mein bestes Leben fortdaure in dir und denen,
die du einst bildest, da sie wieder in andern pflanzen, was in ihnen reifte
durch dich. Und was sprech ich von mir? Stehet ihr wieder auf im Geiste meines
Lieblings, ihr Herrlichen, die ihr schlft unter den Trmmern des gefallenen
Griechenlands! verjngt euch wieder in ihm, ihr alten Tugenden von Athen und
Sparta! o kehret wieder, goldne Tage, Tage der Wahrheit und der Schnheit,
kehret wieder in ihm! - Er sah, da ich zu tief erschttert war, um noch zu
hren, auch ihm mochte zu viel sich aufdringen, um es der jungen Seele
mitzuteilen. Er umschlang mich schweigend, innigst bewegt, ich Glcklicher! in
seinen Armen barg ich meine heftigen Seufzer und meine Trnen.
    Wir fuhren zurck nach Tina, und, wie ich ihn des andern Tags besuchen
wollte, war er fort.

                                 -------------

                                Viertes Kapitel


Ich trauerte lang um meinen Freund. Im Innersten betrbt dacht ich oft, wenn ich
an seinem Hause vorberging, wie er vormals dagestanden wre am Fenster, und mir
entgegengenickt htte, wenn ich die Strae heraufgekommen wre, und wenn die
Tre offen stand, sah ich wehmtig hinein in den dunkeln Vorsaal, und hrte
seine Stimme wieder, wie er mir die Treppe herunter nachrief: schlaf wohl,
lieber Junge! wenn das Volk versammelt war, und von ungefhr die Farbe seines
Mantels mir erschien, erschrak ich, als wr er da, und wenn ich einen Schiffer
hrte, wie er von seiner Fahrt sprach, und von fremden Menschen, die er gesehn,
glaubt ich immer, es mt ihm auch der Herrliche, den ich liebte, bekannt sein;
oft, wenn ich drauen herumging, weilte mein Blick am Horizont; dort wr er wohl
hinausgefahren, dacht ich, und meine Trnen rannen ins Meer. Der kleinste Laut,
den ich von ihm im Herzen bewahrte, war mir heilig, wie der letzte Wille eines
Verstorbenen. Ich folgte ihm fast zu treu. Ich verschlo mich, so sehr ich nur
konnte vor den Menschen. Neben den Geistern des Altertums fand nur er in meiner
Seele Platz. Mein Herz gehrte denen, die ferne waren. Wo ich ging und stand,
geleiteten mich die ehrwrdigen Gestalten. Wie Flammen, verloren sich in meinem
Sinne die Taten aller Zeiten, die ich kannte, ineinander. Nur Ein groer Sieg
waren fr mich die hundertfltigen Siege der Olympiaden. Was durch Jahrhunderte
getrennt war, versammelte sich vor meinem jugendlichen Geiste. Ich verga mich
so ganz ber all der Gre, die mich umgab.
    So war ich allmhlich herangewachsen. Ich fing jetzt an, mich ber mich
selbst zu befragen. Ich kehrt itzt oft von den Halbgttern, denen mein Herz
gehrte, auf mich zurck; ich ma, und erschrak ber mein Nichts. Mein ganzes
Wesen raffte sich auf, dem tdlichen Schmerze zu entgehen, der im Gefhle meines
Mangels lag. Ich wollt im hrtesten Kampfe mir einen Wert erringen. Aber wo
sollt ich? - Ach! ich htte gerne eine Stunde aus eines groen Mannes Leben mit
Blut erkauft. Traurend sah ich itzt oft in meinen Plutarch, und bittre Trnen
rannen mir aufs Blatt. Oft wenn ber mir die Gestirne aufgingen, nannt ich ihre
Namen, die Namen der Heroen, die einst auf Erden lebten - erbarmt euch meiner,
ihr Gttlichen, rief ich, lat mich vergessen, was ihr wart, oder ttet mich mit
eurer Herrlichkeit, ihr seligen Jnglinge! -
    Ich suchte endlich Trost unter den Menschen. Was ich mir selbst nicht geben
konnte, dacht ich unter andern zu finden. Man hatte mir schon oft gesagt, es
wrde mir gut sein, wenn ich nicht so sehr einsam lebte. Man wrde so leicht
exzentrisch in seinen Meinungen bei gnzlicher Zurckgezogenheit. In der
Gesellschaft lerne man die Flle des Guten friedlich unter sich teilen, man
lerne, aus sich nicht Alles zu machen, aus andern auch nicht, und sich zu
begngen mit dem, was jedem beschieden sei, man lerne Geduld, und das wre
Gewinns genug. Aber ich war damals so gar nicht gestimmt, etwas Verstndiges der
Art auf mich wirken zu lassen. Ich trat mit ganz andrem Sinne unter die
Menschen.
    Es ist sonderbar, wie ein jugendlich Gemt oft in die Kinderspiele des
Lebens so viel Gehalt legt. Es war mir unbegreiflich, wie die Menschen so
befriedigt zurckkommen knnten von ihren kleinen Festen, wenn nicht seltne
Dinge dabei zu finden wren. Wenn ich mir dachte, da ich dort wohl auch so
frhlich werden knnte, wie sie, wie unendlich viel mut ich erwarten!
    Auch versprach mir jedes ehrliche Gesicht so viel. Ich habe manchen
vergttert, im ersten Augenblicke, der sich recht sehr begngte mit seiner
Menschlichkeit. Mit Bedauren denk ich daran, wie ich itzt oft mit all meiner
Liebe trachtete, ein herzlich Lcheln zu erbeuten, wie ich oft in einem Worte
meine ganze Seele gab, und einen witzigen Spruch dafr zurckbekam, wie bei
einem andern ein wenig Gutmtigkeit mich so innig freute, und wie ich mich
verstanden glaubte von ihm, bis auch er mitteilte, was ihm am Herzen lag, und
ich dann Dinge hrte, woran ich so gar keinen Wert finden konnte, wie ich
dastand und huldigte vor prchtigen Sentenzen - ach! wie ich oft glaubte, das
Unnennbare zu finden, das mein werden sollte, dafr, da ich mich selbst an das
Geliebte verlor! - Das arme Wesen dachte, zwei Menschen knnten sich Alles sein,
dacht oft wirklich den heiligen Tausch getroffen zu haben, wo einer des andern
Gott sein sollte, und machte nun freilich Forderungen, worber der andre sich
wunderte. Er wollte ja nur Kurzweil, nichts so Ernstes!
    Einem jungen Manne, Gorgonda Notara nannt er sich, war ich immer gut
geblieben. Ich hatte so oft umsonst gehofft, ein Wesen zu finden, wo ich sagen
knnte, nun bin ich zufrieden auf ewig! hatte so oft mit Schmerzen mich
losgerissen, wo mein Herz so schnell und innig sich angehngt hatte, ich hatte
mich durch Dornen gewunden, und sie hatten mit jedem Schritte mich festgehalten,
um mich ihren Stachel fhlen zu lassen, ich hatte so oft mich hingedrngt, wo es
besser gewesen wre, auszuweichen, ich war nun froh, doch etwas an ihm zu haben,
und wenn ich mich entfernen wollte in meiner Ungengsamkeit, zog er mich immer
wieder an sich. Er war etwas vielseitig, und das kam mir zustatten; gab mir
freilich auch oft ein Mitrauen gegen ihn. Er wute jedem Dinge einen Wert zu
geben; er war uerst duldsam gegen mich, das tat mir wohl, aber er war es auch
gegen andre, die meine Gegenteile waren, und das war mir unbegreiflich. Er
bestritt mich oft gerade in meinen liebsten berzeugungen, aber mit
Freundlichkeit und Bedacht, - ich verglich uns, wenn wir so zusammen stritten,
oft mit den jungen Lmmern, die sich scherzend einander an die Stirne stieen,
als wollten sie sich so das Gefhl ihres Daseins in sich wecken - und, wie es
schien, mehr um das Gesprch zu beleben, mehr zum Versuche, was wohl aus dem Fr
und Wider sich ergeben mchte, als in strengem Ernste, und indes er wider mich
sprach, schien er doch auch seine Freude zu haben an dem sonderbaren Geschpfe,
das so ungelenksam und unersttlich wre in seinen Forderungen, und doch so
leicht und oft gerade dem Kleinsten sich hingbe; ich htte in meinem Leben noch
keinen Menschen gesehen, meinte er, ich wandelte von je her unter
Geistererscheinungen, und es wre nur schade, da diese verschwnden, sobald ich
nher kme, aber man mt ihm doch gut sein, dem wunderlichen Phantasten! -
    Einst saen wir mit andern zusammen; es war ein alter Bekannter von einer
Fahrt zurckgekommen, und wir feierten das frhliche Wiedersehn. Alle waren
inniger, wie sonst; ich glhte, und sprach ungewhnlich viel. Ich fhlte
wirklich zum ersten Male die Freude jugendlicher Verbrderung ganz. O man lebt
doch nicht umsonst, ihr Lieben! rief ich in meines Herzens Trunkenheit, und
streckte die Hand aus ber dem Tische, und jeder bot die seinige dar. - ffne
geschwinde die Fenster, rief ich einem, der gegen mir ber sa, nach einer Weile
zu. Was hast du, Hyperion? fragt' ein andrer. Dort gehn die Dioskuren am Meer
herauf, rief ich freudig. Zufllig sah ich einen Augenblick darauf in den
Spiegel, und glaubte drin ein zweideutig Lcheln an Notara zu bemerken.
Betroffen blickt ich um mich, und es war mir, als fnden sich auch auf andern
Gesichtern solche Spuren. Das war mir ein Dolch ins Herz! Ich glaubte mein
Innerstes verunehrt, meine beste Freude verlacht, von meinem letzten Freunde
mein Herz verspottet. Ich sprang auf, und eilte fort. - Alle die traurigen
Tuschungen, die ich von je her erfahren, jede Miene, jeder Laut, der mein Herz
zurckgestoen hatte, seit ich unter die Menschen gekommen war mit meinen
Hoffnungen, jeder unfreundliche Scherz, womit man sich an meinen kleinen
Unaufmerksamkeiten gercht, jede Mideutung, womit man meine unbefangenen
innigen uerungen lcherlich gemacht, jede Falschheit, womit man, wie mir itzt
schien, meine Liebe und meinen Glauben nachgefft hatte, alles, was ich lngst
verziehen hatte und vergessen, gesellte sich nun zu den unverhofften
Entdeckungen, die ich eben gemacht, - ich dachte mir einen um den andern aus dem
Zirkel, den ich verlassen hatte, wie er mir wohl seine bittern Bemerkungen
nachschicken werde; der rauhe Seemann stand lebendig vor mir mit seinem rger
und gegenber Notara mit seinen hmischen Entschuldigungen. Itzt kam ich an dem
Hause vorber, wo der edle Fremdling gewohnt hatte. Du hattest recht, guter
Mann! dacht ich, o du hattest recht! Ich sollte mich nicht zu viel befassen mit
dieser Welt, sagtest du. Ach! da ich dir nicht folgte, mein Schutzgeist! Nun
bist du gercht.
    Man belchelt oft den Menschen, und findet es ungereimt, wenn oft von einer
kleinen Wunde sein Innerstes erkrankt, und nur sehr schwer genest. Man wrde
besser tun, wenn man teilnehmend das bel zu ergrnden suchte. Man wrde dann
finden, da auch dem schwchsten Feinde der Sieg sehr leicht wird, wenn ihm
ingeheim ein Strkerer vorarbeitete, und unsre strksten Feinde sind wir selbst.
    Das arme Wesen wollte sich nun zurckflchten in sich selbst, und hatte doch
lngst sein Selbst verloren. Ich hatte mich gewhnt, Ruh und Freude aus fremder
Hand zu erwarten, und war nun drftiger geworden, als zuvor. Ich war, wie ein
Bettler, den der Reiche von seiner Tre stie, und der nun heimkehrt in seine
Htte, sich da zu trsten, und nur um so bittrer sein Elend fhlt zwischen den
rmlichen Wnden. Je mehr ich ber mir brtete in meiner Einsamkeit, um so der
ward es in mir. Es ist wirklich ein Schmerz ohne gleichen, ein fortdaurendes
Gefhl der Zernichtung, wenn das Dasein so ganz seine Bedeutung verloren hat.
Eine unbeschreibliche Mutlosigkeit drckte mich. Ich wagt oft das Auge nicht
aufzuschlagen vor den Menschen. Ich hatte Stunden, wo ich das Lachen eines
Kindes frchtete. Dabei war ich sehr still und geduldig; hatt oft einen
wunderbaren Aberglauben an die Heilkraft mancher Dinge; oft konnt ich ingeheim
von einem kleinen erkauften Besitztum, von einer Kahnfahrt, von einem Tale, das
mir ein Berg verbarg, Trost erwarten. Mit dem Mute schwanden auch sichtbar meine
Krfte. Ich glaubte wirklich unterzugehn.
    Ich hatte Mhe, die Trmmer ehmals gedachter Gedanken zusammenzulesen, der
rege Geist war entschlummert; ich fhlte, wie sein himmlisch Licht, das mir kaum
erst aufgegangen war, sich allmhlich verdunkelte. - Freilich, wenn es einmal,
wie mir deuchte, den letzten Rest meiner verlornen Existenz galt, wenn mein
Stolz sich regte, dann war ich lauter Wirksamkeit, und die Allmacht eines
Verzweifelten war in mir, oder wenn sie von einem Tropfen der Freude getrnkt
war, die welke drftige Natur, dann drang ich mit Gewalt unter die Menschen,
sprach, wie ein Begeisterter, und fhlte wohl manchmal auch die Trne der
Seligen im Auge, oder wenn einmal wieder ein Gedanke oder das Bild eines Helden
in die Nacht meiner Seele strahlte, dann staunt ich und freute mich, als kehrte
ein Gott ein in dem verarmten Gebiete, dann war mir, als sollte sich eine Welt
bilden in mir; aber je heftiger die schlummernden Krfte sich aufgerafft hatten,
um so mder sanken sie hin; versuche nur nichts mehr, sagt ich mir dann, es ist
doch aus mit dir!
    Wohl dem, der das Gefhl seines Mangels versteht! wer in ihm den Beruf zu
unendlichem Fortschritt erkennt, zu unsterblicher Wirksamkeit, wer im Schmerze
der Erniedrigung den kleinen Trost verachten kann, unter den Kleinen gro zu
sein, ohne an sich zu verzweifeln, und den Glauben an die Gtterkraft des
Geistes aufzugeben, wer sie berstanden hat, diese Feuerprobe des Herzens, wenn
es berall eine Leere findet, und das wenige, was es geben kann, verschmht
fhlt! - Wohl manches jugendliche Gemt trauert, wie ich einst trauerte, im
Gefhle menschlicher Armut, und je trefflicher die Natur, desto grer die
Gefahr, da es verschmachte im Lande der Drftigkeit. Mir ist er heilig, dieser
Schmerz, so wahr michs freuet, wenn mir ein freundlich Auge begegnet! Aber sagen
mcht ich der Seele, die mir ihn klagte, da sie nur darum ihr Paradies verloren
htte, damit sie ein Paradies erschaffe, doch werde dies mit nichten am
siebenten Tage vollendet sein, denn der Ruhetag der Geister wrd ihr Tod sein,
sagen wrd ich ihr, da sie, um ihres Adels willen nicht einzig fremder Hlfe
vertrauen soll, die treuste Pflege msse den zu Grunde richten, der mig von
ihr allein sein Heil erwarte; in brderlichem Zusammenwirken bestehe das Beste,
doch sei es auch herrlich, allein zu stehn, und sich hindurchzuarbeiten durch
die Nacht, wenn es an Kampfgenossen gebreche.
    Mich hatte nun der Frhling berrascht in meiner Finsternis. Ich hatt ihn
wohl zuweilen von ferne gefhlt, wenn die toten Zweige sich regten, und ein
lindes Wehen meine Wange berhrte. Das junge Grn hatte mich oft wunderbar
belebt auf Augenblicke, und manchmal, wann das freundliche Morgenlicht mich
weckte, hatte die Ahndung, da es wohl noch besser werden knnte, mein hlflos
Herz erfreut. Aber das war vorbergegangen, wie der Schatten einer Geliebten.
    Ich hatte mich huslicher Geschfte wegen einige Wochen in einem andern
Teile der Insel aufgehalten, und kehrte nun zurck nach San-Nicolo.
    Er war itzt da in meinen Hainen, der holde Frhling, in aller Flle der
Jugend.
    Mir war, als sollt ich doch auch wieder frhlich werden. Ich ffnete meine
Fenster, und kleidete mich, wie zu einem Feste. Auch fr mich sollt er
wiederkehren, der himmlische Fremdling! Was hofft dann der Arme? mchten die
Toten auferstehn? dacht ich bei mir selbst. Aber mein Herz lie sich nicht
abweisen. Es ging mir, wie den Kindern, die so gerne Zutraun fassen zu einem
heiter farbigen Kleide. Mit jedem Blicke wuchs in mir der Glaube an bessere Tage
vor dem frhlichen Bilde der Natur.
    Ich sah, wie alles hinausstrmte aufs freundliche Meer von Tina, und sein
Gestade. Ich ging auch hinaus.
    Alles verjngte und begeisterte der se zauberische Frhling. Fast jedes
Gesicht war herzlicher, lebendiger; berall wurde gutmtiger gescherzt, und die
sonst mit fremdem Grue vorbergegangen waren, boten sich itzt die Hnde.
    Das frhliche Volk bestieg die Boote, steuerte hinaus ins Meer und jauchzte
von ferne der holden Insel zu, kehrte dann zurck in die Platanenwlder, zu
seinen zephyrlichen Tnzen, lagerte sich unter Zelten zum lieblichen Mahle, und
pries und freute sich hoch, da keiner sich verirrt htte in den Labyrinthen des
Ronnecatanzes.
    Aber mein Herz suchte mehr, als das. Das konnte nicht vom Tode retten.
    Ich ging fort, und streifte herum auf einsamen Hgeln, sah oft hinunter nach
der frhlichen Welt, und dachte, warum ich dann darben mte, wo alles so selig
wre. Doch wollt ich keinem seine Freude mignnen, und hoffte, auch meiner
warte vielleicht noch eine gute Stunde. So kehrt ich zurck.
    An Notaras Hause, wo ich vorberkam, sa seine Mutter, deren Liebling ich
war, und um sie ein Zirkel edler Mdchen, die Seide spannen, und kindliche
Liedchen sangen. Da kmmt der Menschenfeind, rief die Mutter mir zu. Ich trat
nher, und dankt ihr fr den freundlichen Gru. Du bist gestraft, da du so
lange wegbliebst, fuhr sie lchelnd fort, etwas Lieberes hat indes in meinem
Hause Platz genommen. Man kann dich nun entbehren, du Stolzer!
    Ich sah mich um. Da stand sie vor mir, die Herrliche, wie eine Priesterin
der Liebe, heilig und hold! - ach! ber dem Lcheln voll Ruh und himmlischer
Duldsamkeit thronte mit eines Gottes Majestt ihr groes begeistertes Auge, und
wie Wlkchen ums Morgenlicht, wallt' im Frhlingswinde der dunkle Schleier um
ihre Stirne.
    Ich kann es nicht anders nennen, es war Gefhl der Vollendung, was sie mir
gab in diesem Augenblicke; war doch die Nacht und Armut meines Lebens, die ganze
drftige Sterblichkeit, mit allem, was sie gibt und nimmt, so dahin, als wre
sie nie gewesen! Oft trauert ich, da wir nur dann erst wissen, von diesen
Momenten der Befreiung, wann sie vorber sind. Sie wgen Aeonen unsers
Pflanzenlebens auf, sprach ich oft bei mir selbst, wenn ich ihr Andenken
feierte, diese namenlosen Begeisterungen, wo das irdische Leben tot und die Zeit
nicht mehr ist, und der entfesselte Geist zum Gotte wird.
    Jahre gingen vorber, Meere trennten mich von ihr, tausendfltig verwandelte
sich vor mir die Gestalt der Welt, aber ihr Bild verlie mich nie. Oft, wenn ich
am heien Mittag, ermattet von meinen Wanderungen, unter fremdem Himmel ruhte,
erschien sie mir, wie in dem trunknen Momente, da ich sie fand, ich pret es an
mein glhendes Herz, das se Phantom, ich hrte ihre Stimme, das Lispeln ihrer
Harfe; wie ein friedlich Arkadien, wo in ewigstiller Luft die Blte sich wiegt,
wo ohne Zwang die Frucht der Ernte und die se Traube gedeiht, wo keine Furcht
das sichre Land umzunt, wo man von nichts wei, als von dem ewigen Frhling der
Erde, und dem wolkenlosen Himmel und seiner Sonne, und seinen heiligen
Gestirnen, so stand es offen vor mir, das Heiligtum ihres Herzens und Geistes.
    Und spter, unter den Bitterkeiten und Mhen des Lebens, bei strmischer
Fahrt, am Schlachttag, unter namenlosem Unmut, wo er mir auf ewig verschwunden
schien, der gute Geist, den ich sonst so gerne ahndete, in allem, was lebt, wo
ich kalt und stolz mir sagte: hilf dir selber, es ist kein Gott! ach! da trat
oft ihr Schatten vor mich, wie ein Engel des Friedens, und besnftigte mein
verwildertes Herz mit seiner himmlischen Weisheit.
    Jetzt ehr ich als Wahrheit, was mir einst dunkel in ihrem Bilde sich
offenbarte. Das Ideal meines ewigen Daseins, ich hab es damals geahndet, als sie
vor mir stand in ihrer Grazie und Hoheit, und darum kehr ich auch so gerne
zurck, zu dieser seligen Stunde, zu dir, Diotima, himmlisches Wesen!

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                                Fnftes Kapitel


Der Abend jenes Tages meiner Tage ist mir mit allem, was ich noch gewahr ward in
meiner Trunkenheit, unvergelich. Mir war er das schnste, was der Frhling der
Erde geben kann, und der Himmel und sein Licht. Wie eine Glorie der Heiligen,
umflo sie das Abendrot, und die zarten goldnen Wlkchen im Aether lchelten
herunter, wie himmlische Genien, die sich freuten ber ihrer Schwester auf
Erden, wie sie unter uns wandelte in aller Herrlichkeit der Geister, und doch so
gut und freundlich war gegen alles, was um sie war.
    Alles drngte an sie. Allen schien sich ein Teil ihres Wesens mitzuteilen.
Ein freundlicher Ernst, ein zrteres Aufmerken, eine innigere Traulichkeit war
unter alle gekommen, und sie wuten nicht, wie ihnen geschah.
    Mit Begeisterung erzhlte mir die Mutter, indes die andern um Diotima
beschftigt waren, wie ihr das liebe Mdchen Freude mache mit ihrem stillen
nachdenklichen Wesen, und ihrer steten Zufriedenheit, wie sie sich scheue vor
allem, was einem menschlichen Herzen wehe tun knne, vor allem, was nicht schn
und schicklich wre; auch sehe man es sogleich, wenn etwas durch ihre Hnde
gegangen wre, man knne gewi nicht sagen, ihr Herz hnge an kleinen Dingen,
und doch wr es immer, als wre sie mit ihrer ganzen Seele an der Sache gewesen;
ein Gartenbeet gewinne ein ganz andres Ansehn, wenn sie es ordne; es wr ihr
auch so leicht nicht abzulernen, das Eigentliche, was einem an den Gewndern
gefiele, die sie geschnitten, und den Krnzen, die sie gewunden htte; - ihr
Element seien aber die alten Dichter und Weisen, hierin seie sie ein eignes
Wesen, sie sei zwar sehr geheim damit, aber man htte doch schon bemerkt, da
sie im Herzen das Andenken groer Menschen im alten Griechenlande ungefhr
ebenso feire, wie die andern frommen Gemter das Fest der Panagia, und anderer
Seligen; auch sonst sei etwas - sie mte nur sagen - bermenschliches an ihr.
Httest du sie gestern gesehn, setzte sie hinzu, es wre dir wohl so sonderbar
zu Mut gewesen, wie mir. Es hatte kaum getagt, als ich hinunter ging in den
Garten. Da sah ich, ohne da sie mich bemerken konnte, das liebe Mdchen in dem
heimlichen Pltzchen unter den Platanen, wie sie dastand mit ausgebreiteten
Armen, und emporrief: Dir opfr' ich mein Herz, ewige Schnheit! - Ich werde den
Anblick im Leben nicht vergessen.
    Sie komme von den Ufern des Paktols, fuhr die Mutter nach einer Weile fort,
aus einem einsamen Tale des Tmolus, wohin ihr Vater, ein Verwandter der Notara,
aus Verdru ber sein Volk sich von Smyrna zurckgezogen htte, und ihre Mutter,
ehmals die Krone von Ionien, seie seit einem Jahre tot.
    Der junge Notara trat itzt auch noch zu uns, grte mich freundlich, und
fragte, ob ich immer noch zrne, er wisse nicht einmal seine Schuld genau, die
Mutter lie ihn aber nicht weiterreden, zog ihn auf die Seite, und flsterte
ihm, herzlich zu mir herberlchelnd, einige Worte zu, da ich fast etwas
Freudiges vermuten mute. - Ich bat Notara, mir zu verzeihen.
Staunen. Mein Geist verzehrte sich ber der frohen Mhe, den ganzen Reichtum zu
fassen, der vor ihm sich auftat. - Es fiel mir lange nicht ein, ein Wort zu
sprechen, und, da es mir einfiel, lie es meine Verwirrung nicht zu.
    Man sprach endlich auch von so manchen Wundern griechischer Freundschaft,
von Achill und Patroklus, von der Kohorte der Thebaner, von der Phalanx der
Sparter, von Dion und Plato, von all den Liebenden und Geliebten, die auf- und
untergingen in der Welt, unzertrennlich, wie die brderlichen Gestirne.
    Da wacht ich auf. Solche Herrlichkeit zernichtet uns Arme! rief ich;
freilich waren es goldne Tage, wo man die Waffen tauschte und sich liebte bis
zum Tode, wo man unsterbliche Kinder zeugte in der Begeisterung der Liebe, Taten
und Gesnge und ewige Gedanken, ach! wo der gyptische Priester dem Solon noch
vorwarf, ihr Griechen seid allzeit Jnglinge! wir sind nun doch Greise bei all
unsrem leichten Sinne! - Es ist alles so anders geworden. Man lebt bequem, und
hat daran genug. Der Mensch bedarf des Menschen nicht mehr; er braucht nur Hnde
und Arme, zu seinem Dienste.
    So spricht mein Vater auch, versetzte Diotima, und ihr Auge verweilte
ernster an mir.
    Nun kann ichs ihm nicht lnger vorenthalten! rief die Mutter; spricht dein
Vater auch so, Diotima? Ich glaub es wohl. Wit ihr auch, ihr guten Kinder, da
ihr aus einer Quelle geschpft habt? Der fremde Mann, Hyperion, mit dem ich so
oft dich lustwandeln sah, und dich an so manches Steinchen stoen, weil du kein
Auge von ihm wandtest, dem du so oft nachweintest am Meere drauen, als er fort
war, wie du mir selbst gestandst, der ist Diotimas Vater.
    Tausend Herzensgre von ihm! rief Diotima freudig - ich hab auch etwas
mitgebracht; die bse Mutter htt es wohl eher sagen knnen, setzte sie lchelnd
hinzu, und eilte hinein ins Haus.
    O ihr Lieben! rief ich auer mir vor Freude, und fate die Hnde Notaras und
seiner Mutter. Nun seh ich erst, wie herzlich gut du dem Manne bist, versetzte
die Mutter. Ja wohl bin ich ihm herzlich gut, erwidert ich etwas betroffen, denn
ich fhlte wohl, da meine Freude nicht ihm allein galt.
    Itzt kam Diotima zurck, und brachte mir zwei goldne Mnzen. Auf einer stand
Minerva mit der Aegide, und warf die Lanze, und eine Palme sprote zu ihren
Fen; die andre mit dem Apollonskopfe gab mir Diotima mit dem Zusatze, ich
mchte dabei an Delos und den Cynthus denken.
    Sie erzhlte mir noch viel von ihrem Vater, und wie er oft von mir
gesprochen habe; wir sprachen auch noch manches im allgemeinen.
    Wie ich sie da verstand! und wie sie das freute! wie ein zufllig Wrtchen
von ihr eine Welt von Gedanken in mir hervorrief! sie war wirklich ein Triumph
des jugendlichen Geistes, die stille Vereinigung unsers Denkens und Dichtens,
und ich erfuhr zum ersten Male ganz, wie die Freude begeistern kann.
    Kinder! es wird spt! fiel endlich die Mutter ein, und Hyperion kann uns
immer Dank sagen fr diesen Abend. Leer ist er nicht ausgegangen.
    Sie gingen hinein. Ich strzte fort in rasender Freude, schalt und lachte
ber den Kleinmut meines Herzens in den vergangnen Tagen, und der stolze Knabe
konnte gar nicht begreifen, wie es mglich gewesen wre, so ein rmlich Wesen zu
sein.
    Wunderbar war mirs zu Mut, als ich in mein Zimmer trat. Es war mir alles so
fremd geworden. Jedes Gerte schien mir etwas Trauriges an sich zu haben, und
ich war doch so selig. Auch ihr mutet es entgelten, ihr Armen! sagt ich vor
mich hin in meines Herzens Trunkenheit, als ich vor die offnen Fenster trat, und
meine verwilderten und halbverwelkten Blumen sah, nahm das Wassergef und bego
sie lchelnd.
    Ich brachte die Nacht unter dem Fenster zu. Es waren zauberische Stunden.
Aus goldnen Trumen, wo an ein Wrtchen von ihr meine ganze Seele sich hing, um
es hundertfach zu deuten, und ber ihrem Bilde mir jedes Dasein schwand, weckte
mich das Wehen der Nachtluft um meine glhende Wange; die stille Natur schien
mir das Fest meines Herzens mitzufeiern; die Sterne blickten freundlicher durch
die Zweige; lieblicher duftete der Othem der Blten. Ich schlummert endlich
stehend ein, sberauscht, wie von holden Melodien eingewiegt. - Bald spielte,
wie eines Freundes warme Hand, das kommende Tageslicht um meine Stirne, und ich
lchelt empor.
    Es war ein seliger Morgengru, den itzt mein Herz dem Himmel und der schnen
Erde brachte. Himmel und Erde schienen mir neugeboren, wie ich es war.
    Ich ging hinaus zu meinen alten Lieblingspltzen. Die lngstvergangnen
Stunden, die Stunden des Erwachens, wo der Knabe dasa in dunklem Sehnen, und
nicht wute, was es war, als die Fittige der jungen Seele sich regten, wo zum
ersten Male tiefer atmend die Brust sich hob, und das Auge nun nicht mehr so
gerne verweilte an dem, was nahe war, und lieber nach der blauen geheimnisvollen
Ferne sich richtete, die ahndungsvollen Stunden des Erwachens dmmerten wieder
auf in mir. Damals, dacht ich, weissagtest du dir diesen Frhling! o damals
sahst du hinaus in die bere Welt, die dich itzt umgibt!
    Ich dnkte mir nun so reich und stark. Mein Innerstes war so befriedigt. Es
gab fr mich in der Welt nichts Feindliches mehr. Meine Insel hatt ich nun auch
recht lieb gewonnen. Mit innigem Wohlgefallen sah ich hinab auf ihre grnen
Ufer, wo die Wellchen unschdlich um die Myrtengebsche spielten, und wie das
friedliche San-Nicolo mit seinen Bltenwldern aus dem Morgendufte sein rtlich
Haupt erhub, und die Fenster an Notaras Hause glhten, und der Rauch aufstieg
von seinem Herde; bald sah ich, wie die Tre sich ffnete, die in den Garten
fhrte, und Diotima die Marmortreppen hinunterging; ich erkannte sie an der
hohen schlanken Gestalt, und dem purpurnen Oberkleide, das um den weien
Leibrock flog. Wie mein Auge an diesen Farben sich weidete! Es ist nichts, was
sich nicht in der Nhe eines solchen Geschpfs beseelte, fr einen Sinn, wie der
meinige war. Nach einer Weile

Notara begleitete sie und die Mutter war im Hause beschftiget. Diotima ging
allein umher unter den Blumen. Es schien ihr etwas widerfahren zu sein. Der
Schmerz auf ihren Lippen ging mir durch die Seele, so mild er schien. Wir gingen
eine Weile schweigend auf und nieder.
    Mich verfolgt ein bittrer Gedanke, rief sie endlich, ich wag es kaum, ihn zu
sagen, und kann doch von ihm nicht ablassen. Schon manchmal hat er sich mir
aufgedrungen, auch heute wieder. Ist es dann wahr - je mehr Menschen, je weniger
Freude? - O wie oft ich das fhlen mute! rief ich, wie oft - es ist
unbegreiflich, wie man des Zusammenlaufens nicht mde wird! - Als wtest du
nicht, erwiderte Diotima, da der bunteste Wechsel diesen Menschen das Beste
dnkt, und diesen finden sie doch untereinander - ihr bunter uneiniger Wechsel,
fuhr ich fort, der ist gerade die wahre Gestalt des bels; ich mag es nicht
nachempfinden, wie er mich oft verwirrte, und verzerrte, wie in dem Kriege, den
man unter der Larve des Friedens fhrt, wo man immer das, woran das eigne Herz
hngt, vor fremden Pfeilen sichern, wo man so ngstlich jede unschuldige Ble
verhllen mu, wo der andere bei aller Ruh und Freundlichkeit, die er zeigt,
doch mitrauisch jede Bewegung belauert, ob sie nicht fr Feindesanfall gelte,
wie in diesem kleinen schlechten Kriege die Krfte so heillos zu Grunde gehn;
nein! es ist eine unerhrte Ungereimtheit! sie bieten allem auf, um
zusammenzusein, und dann, wann sie zusammen sind, strengen sie mit aller
erdenklichen Mhe sich an, um einsam zu sein im eigentlichen Sinne, sie ffnen
die Tre und verschlieen ihr Herz - dem Himmel sei Dank, da ich los bin!
    Das betrbt mich eben, da es rtlicher scheint, fr sich zu leben, fuhr
Diotima fort; ich trage ein Bild der Geselligkeit in der Seele; guter Gott! wie
viel schner ists nach diesem Bilde, zusammen zu sein, als einsam! Wenn man nur
solcher Dinge sich freute, denk ich oft, nur solcher, die jedem Menschenherzen
lieb und teuer sind, wenn das Heilige, das in allen ist, sich mitteilte durch
Rede und Bild und Gesang, wenn in Einer Wahrheit sich alle Gemter vereinigten,
in Einer Schnheit sich alle wiedererkennten, ach! wenn man so Hand in Hand
hinaneilte in die Arme des Unendlichen -
    O Diotima, rief ich, wenn ich wte, wo sie wre, diese gttliche Gemeinde,
noch heute wollt ich den Wanderstab ergreifen, mit Adlerseile wollt ich mich
flchten in die Heimat unsers Herzens!
    Oft leb ich unter ihr im Geiste, fuhr Diotima fort, und mir ist, als wr ich
ferne in einer andern Welt, und ich entbehre der gegenwrtigen so leicht; - wir
singen andre Lieder, wir feiern neue Feste, die Feste der Heiligen in allen
Zeiten und Orten, der Heroen des Morgen- und Abendlands; da whlt jedes einen
aus, der seinem Herzen, seinem Leben am nchsten ist, und nennt ihn, und der
herrliche Tote tritt mitten unter uns in der Glorie seiner Taten, auch wer,
geschftig am stillen Herde, mit reinem Sinne das seine tat, wird nie von uns
vergessen, und Kronen blhn fr jede Tugend; und wenn auf unsern Wiesen die
goldne Blume glnzt, in seiner blulichen Blte das hrenfeld uns umrauscht, und
am heien Berge die Traube schwillt, dann freun wir uns der lieben Erde, da sie
noch immer ihr friedlich schnes Leben lebt, und die sie bauen, singen von ihr,
wie von einer freundlichen Gespielin; auch sie lieben wir alle, die
Ewigjugendliche, die Mutter des Frhlings, willkommen, herrliche Schwester!
rufen wir aus der Flle unsers Herzens, wenn sie herauf kmmt zu unsern Freuden,
die Geliebte, die Sonne des Himmels; doch ists nicht mglich, ihrer allein zu
denken! Der Aether, der uns umfngt, ist er nicht das Ebenbild unsers Geistes,
der reine, unsterbliche? und der Geist des Wassers, wenn er unsern Jnglingen in
der heiligen Woge begegnet, spielt er nicht die Melodie ihres Herzens? Er ist ja
wohl eines Festes wert, der selige Friede mit allem, was da ist! - Den Einen,
dem wir huldigen, nennen wir nicht; ob er gleich uns nah ist, wie wir uns selbst
sind, wir sprechen ihn nicht aus. Ihn feiert kein Tag; kein Tempel ist ihm
angemessen; der Einklang unserer Geister, und ihr unendlich Wachstum feiert ihn
allein.
    Es ist mir unmglich, die Begeisterung des heiligen Mdchens nachzusprechen.
O schone dich, Diotima, schone dich und mich, rief ich endlich, da sie mit so
grenzenloser Liebe sich in ihre bessere Welt verlor, wer will es aushalten, nach
solchen Stunden, in der Armseligkeit, in die man zurckmu? Aber du bist
glcklich, du fhlst die Gegenwart nur selten, hast sie nie gefhlt, wie ich es
mute - Ach! sie sind doch Menschen, fuhr Diotima fort, die Armen, die sich vor
uns mde ringen, und abkmmern, ohne da sie wissen worber; weil ihnen das
Eine, was not ist, nicht erscheint, da mchte man so gerne helfen - Wie gerne,
rief ich, mcht ich es ihnen gnnen, da sie lebten, wie du! -
    Guter Hyperion! unterbrach sie mich mit ihrer stillen Herzlichkeit, und ihr
groes Auge glnzte von freundlichen Trnen. Mir ging ein Himmel auf in diesen
Worten. Es war mir ohnedies schon lange eine Qual gewesen, so ruhig vor ihr zu
bleiben. O Schwester meines Herzens! rief ich, mir hast du den Frieden gegeben!
erhalt ihn mir, um dieser Stunde willen! ich lebe dein Leben durch dich - o
deinen Himmel, Diotima, fuhr ich fort, da sie mich unterbrechen wollte, ich hab
ihn umsonst gesucht auf dem drren Felde des Lebens, ich war so lange ohne
Heimat; ach! es war die Nacht vor dem erfreulichen Tage; ich seh es nun, wir
sterben nur, um neu zu leben, ich war hingewelkt vor der Zeit, nun kmmt mir ein
ewiger Frhling, ich fhl es, hier ist unsterbliche Jugend, hier, wo du bist! -
Stille, stille, jugendlicher Geist! rief Diotima.
    Ich war, indes sie es sprach, selbst ber mich erschrocken. Es schwebte mir
noch manches warme Wort auf der Zunge; ich verschwieg es, aber bei jedem ward
ich bestrzter. Ich war stille, aber ich fhlte nur um so brennender, wie ich an
ihr hing. Sonst war ich ruhiger von ihr gegangen als heute. Ich wollte noch an
demselben Abend zurck, aus mancherlei Grnden, die ich mir einredete, aber ich
hatte kaum drei Schritte gewagt, so verwies ich es mir. Mit qulender Ungeduld
erwartet ich den andern Tag. Tausend Dinge wollt ich ihr sagen. Ich stand im
Geiste vor ihr, fate ihre Hnde zum ersten Male, und drckte sie so mit Zittern
an meine Stirne. Wenn Diotima nicht wre, dacht ich, und es war mir, als fhlt
ich Zernichtung.
    Ich erschrak ber diese Heftigkeit; ich hielt mir die schnen Tage vor, wo
ich freier und stiller um Diotima lebte, ich suchte, ihre zarten Melodien in
mein Herz zurckzurufen, aber die Unruhe blieb, und ich ward nur um so
verwirrter, je mehr ich mein unbndiges Herz mit Vorstellungen plagte. - Es war
mir unerklrlich, da ich gerade heute so sein sollte.
    Ich wute mir nicht zu helfen, wie ich des andern Tages vor sie trat. Sie
schien mir so fremd, so unbekmmert um mich. Sie war auch meist abwesend mit der
Mutter, bei huslichen Geschften. Sie wollten mit Diotima die Insel ein wenig
durchwandern, sagte mir die Mutter, es wrde dem lieben Mdchen doch Freude
machen, das schne Land zu sehn, und so htte sie jetzt noch manches zu
besorgen, weil sie einige Tage ausbleiben wrden.
    Es war gut, da sie meine Antwort nicht abwartete, und wieder hinauseilte.
So schnell htt ich ihr nichts darauf zu sagen gewut.
    Und morgen schon wird die Reise vor sich gehn? fragt ich die Mutter, als sie
wieder hereintrat, wohl auch sehr frhe? Vor Tagesanbruch! versetzte sie; wir
wollen mglichst in der Khle reisen. - Die Seeluft mildert zwar die Hitze
ziemlich, erwidert ich, doch ist der Morgen freilich lieblicher. Und wann werdet
ihr zurckkommen?
    In sechs Tagen wrden die ltesten gewhlt, versetzte sie, da mchte sie
doch wieder in San-Nicolo sein. Es wre schn, wenn ich entgegenkme.
    Wie doch das unerfahrne Herz so klug ist, wenn es liebt! Beredsamkeit war
sicher meine Tugend nie gewesen, und heut am wenigsten. Jetzt, da Diotima wieder
gegenwrtig war, konnt ich gar kein Ende finden in meinen Schilderungen von dem
Wege, den sie zu machen gedachte. In meinem Leben malt ich nie lebendiger. Nicht
eine der lieblichen und groen Stellen lie ich unbemerkt, die sie unterweges
finden wrde. Alles Erfreuliche, was ihr begegnen konnte, sucht ich an mich
anzuknpfen. Bei jedem Reize der herrlichen Insel sollte Diotima mein gedenken.
-
    Ich hatte keine Ruhe die Nacht ber. Die Sterne leuchteten noch am Himmel,
als ich hinausging. Ich lagerte mich unter dunkeln Platanen an einem Hgel, der
nicht sehr ferne von der Strae lag. Mancherlei bewegte sich mir in der Seele.
Auch meine trben Tage, ehe ich Diotima gefunden hatte, erschienen mir wieder.
Der Mensch kann manches tragen, dacht ich. Die Freude gehet ber ihm auf und
unter. Aber er wandert doch auch in der Nacht seinen Weg so hin. Ist er nur
einmal vertraut damit geworden, so wird ihm auch das Unertrgliche leidlich. Nur
mu er nicht zurcksehn, auf das, was er verlor. Ein Tropfe aus der Schale der
Vergessenheit, das ist alles, was er bedarf!
    Ich hatte einige Tage zuvor einen alten Schiffer gesprochen, der im Gefechte
mit den Korsaren den rechten Arm verloren hatte, auch sonst zur Fahrt zu schwach
geworden war. Der hatte mir erzhlt, wie er anfangs jedesmal hinausgegangen sei
an den Hafen, wenn ein Schiff ausgelaufen sei, oder wiedergekommen, wie er sich
immer da der alten Zeiten erinnert habe, wo ihm der Vater noch seinen Segen
mitgegeben htte auf die Fahrt, und wie er dann mit klopfendem Herzen
hinausgewandert wre aufs herrliche Meer, wie ihm ein frischer Trunk vom Brunnen
das Herz erfreuet htte bei einer Landung, oder der blaue Himmel nach einer
strmischen Nacht, und dann bei glcklicher Rckkunft der Gru seines Alten -
das wr ihm immer eingefallen, wenn er drauen am Hafen htte Schiffe gehn und
kommen gesehn, und ihm htte oft vor Sehnsucht das Herz geblutet, und er htte
oft geweint in seinen alten Tagen, wie ein Kind, wenn er wieder in seine Htte
geschlichen wre mit seinem Einen Arme, aber seitdem ihn seine Fe nicht mehr
tragen wollten, und er nicht mehr ans Meer hinaus kme, und nicht mehr so oft
seiner Jugend gedchte, trag er sein Schicksal geduldiger. So ist der Mensch,
dacht ich, ist nur erst die Freude recht ferne, so hlt er dem Kummer stille,
und hilft sich, so gut er kann.
    Der erwachende Morgen weckte mich aus meinen Gedanken. Es schien mir
sonderbar, da ich darauf gekommen war.
    Jetzt sah ich unten auf der Strae die lieben Reisenden herankommen. Ich
raffte schnell mich auf, und wollte hinab. Aber ich dachte, es mchte doch wohl
auffallen, und so blieb ich. Ich hrte, wie sie sangen. Siehst du, wie
entbehrlich du bei ihrer Freude bist, sagt ich mir, und mir war es doch, als
knnt ich eher die Luft, die ich atmete, vermissen, als Diotima. Nun war mir der
Gesang allmhlich verhallt, auch die dunkeln Gestalten, die mein Auge, solang es
konnte, verschlang, waren verschwunden. Ich lauschte noch eine Weile, und
blickte da hinaus, wo ich sie verloren hatte; aber ich hrte nur das tropfende
Wasser in den Ritzen des Hgels; kein menschliches Geschpf zeigte sich in der
ganzen Strecke, wohin ich sah. Lebe wohl, Diotima! Herrliche! Gute! rief ich
endlich und kehrte nach Hause.
    Ich geleitete sie im Geiste; ich belauschte ihr Auge, wie es hinaussah in
die schne Welt; jetzt ist sie wohl in dem Tale, dacht ich, wo die lieblichen
Gruppen von Ulmen und Pappeln stehn, wovon du ihr sagtest; da denkt sie
vielleicht, du httest nicht uneben geweissagt, und sagt den andern, sie mchte
dir wohl gnnen, da du auch da wrst, und deine Freude httest. - Aber
entbehren kann sie dich doch gar leicht! du sahst es ja! Das dacht ich auch,
doch zrnt ich mir dabei, und schlug mirs aus dem Sinne, weil es klein und
eigenntzig wre, da ich wnschen knnte, sie sollte nicht frhlich sein, wann
ich gerade mich nicht freuen knnte.
    Mit meiner ganzen Liebe hing ich an der Stunde, wo ich sie wiedersehen
sollte. Es war ein frhliches Gewebe von Hoffnungen, womit ich das Herz mir
schweigte, und war ich damit zu Ende, so lst ichs wieder auf, es lieblicher zu
erneuern.
    Mit sem Zauber wehten mir, wie Boten der Holdin, die Lfte des Himmels vom
Tal entgegen, wo ich ihrer wartete. Bltenflocken umtanzten mich, und
Nachtigallen schlugen unter den Rosen am Wege. Sonst war es stille ringsumher;
ich konnte jeden Laut vernehmen, der von ferne kam.
    Itzt wanderte mir ein freundlicher Pilger vorber. Ob er nicht auf seinem
Wege Reisenden begegnet wre, fragt ich ihn. Er htte Reisende gesehn in einem
Haine, erwiderte der Pilger, sie htten dort sich vor dem Mittagsstrahle unter
die Ulmen geflchtet; ein holdes Mdchen htte Namen in die Bume geschnitten.
Ich wnscht ihm herzlich fr seine frohen Worte frohe Wandertage und eilte fort.
Jetzt, wo das Tal sich ffnete, sah ich hinaus; da kamen sie!
    Diotima warf den Schleier zurck, und nickt' und lchelte mir entgegen, und
ich flog hinan. Da bot sie traulich mir die Hand; ich mut ihr geschwind
erzhlen, wie ich jeden Tag indes gelebt; ich sagt ihr, da ich frh am Tage, wo
sie abgereist, den Hgel bei San-Nicolo besucht, und sie von da gesehen htt und
gehrt, da ich indes ihre Harfe gestimmt, und den Gesang gelernt, den sie am
Abend, da ich sie zum ersten Male begrte, gesungen htte, da ich oft nach
ihren liebsten Blumen in Notaras Garten gesehn, und ihrer gepflegt; auch htt
ich aus dem seltnen Buche, das ein Fremder mir geliehn, die Bltter fr sie
abgeschrieben, die am meisten sie vergngten - so warst du ja recht fleiig,
sagte Diotima, fuhr dann fort, wie sie meinen Sinn geahndet htte in jeder
Stelle der Insel, die ich ihr beschrieben, wie man so ganz zusammentreffen knne
in einem Urteil, einer Freude, gerade da, wo die andern so selten einig wren;
man htt auch einmal von Delos gesprochen, da htte sie den Knaben Hyperion vor
sich gesehn, wie er mit ihrem Vater so fromm umhergegangen wre unter den
heiligen Ruinen, wie er staunend oben auf dem Cynthus gestanden, und schweigend
mit dem Auge nur gefragt; sie htte dann so herzlich gewnscht, da sie damals
auch mit uns umhergewandert wre; sie wre zwar ein unverstndig Kind gewesen,
doch htte sie gewi auch etwas geahndet, weil der Vater so ernst gewesen wre,
und der kleine Gespiele - so und anders dacht ich mir Diotimas Empfang, und war
selig in meinen kindischen Trumen.

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                                Sechstes Kapitel


Es wre gut, wenn die Hoffnung etwas seltner wre im Gemte des Menschen. Er
waffnete sich dann zu rechter Zeit gegen die Zukunft.
    Der Abend war nun wirklich da, wo ich sie wiedersehen sollte. Ich war auch
kaum hinausgegangen, so ward ich die Reisenden in einiger Entfernung gewahr.
Diotima grte mich auch freundlich, aber die Diotima, von der ich getrumt
hatte, war sie doch nicht. Ihr reiner immerttiger Geist uerte sich gegen
mich, wie zuvor; aber es ward mir schwerer, als sonst, auf sie zu merken; ich
war zerstreut, und hrt oft Augenblicke lang kein Wort von allem, was sie
sprach, und wenn ich lauschte, so war es, weil das arme Wesen trachtete, fr
seine sterblichen Wnsche ein erfreulich Wrtchen zu erhaschen. Oft, wenn sie
whrend ihrer Rede meinen Namen nannte, war ich pltzlich mit meiner ganzen
Seele gegenwrtig; aber mit Schmerzen fhlt ich bald, da ihr Geist nur einen
Augenblick mir nahe gewesen war.
    Ich ahndete nun allmhlich trbe Tage. Es war jetzt oft, als warnte mich
etwas, als ging' ich nicht auf rechtem Wege.
    Sie war das einzige, woran mein Leben sich erhielt, mein Herz hatte sich
nach und nach so gewhnt, da auch nicht der Schatte in mir war von einer
Hoffnung, die ohne sie bestanden wre, und sie schien sich doch mit jedem Tage
mehr von mir zu entfernen. Ich fhlte den sterbenden Frhling meines Herzens.
Der milde Himmel, der es umfangen hatte, und genhrt, die stille Seligkeit, die
ich gefunden hatte im sorglosen Anschaun der Grazie und Hoheit dieses seltnen
Wesens, verschwand mit jedem Tage merklicher. Mit Todesangst konnt ich itzt jede
Miene und jeden Laut von ihr befragen, ob sie mich verlassen wrde; ihr Auge
mochte gen Himmel sich wenden, oder zur Erde, ich folgt ihm, als wollte mir mein
Leben entfliehn. Ich mu es nur geradezu sagen, ich war oft rgerlich ber alles
Gute und Wahre, wovon sie sprach, weil sie mich darber zu vergessen schien. O
es ist mir sehr begreiflich geworden, wie der Mensch dahin geraten kann, da er
das beste, was wir haben, das edle freie Leben des Geistes zu morden strebt in
dem Wesen, woran sein Herz hngt. Es geht mir durch die Seele, wenn ich mir die
guten Kinder denke, die sich das Mein! und Dein! so unbedingt, mit solcher
Entzckung sagen. Der Miverstand ist so leicht. Und weh ihnen, wenn sie sich
miverstehn!
    Solang ich bei ihr war, und ihr begeisterndes Wesen mich emporhub ber alle
Armut der Menschen, verga ich oft auch die Sorgen und Wnsche meines drftigen
Herzens. Aber das dauerte nicht lange. Sowie ich zu mir selbst kam, begann auch
wieder meine Not, und je hher und heller ihr Geist ber mir leuchtete, um so
brennender fhlt ich meinen Jammer. Aber tief in mein Innerstes begrub ich ihn.
Es ging mir, wie den Menschen, denen die Flamme ihre Kammern verzehrt, und die
nicht um Hlfe rufen mgen, aus Scham und Scheue vor andern. Keine Stelle war
mir sicher genug, um mich der Klage meines Herzens zu entlasten. Ich erinnere
mich nicht eines Worts, das ich ber meinen Gram gesprochen htte. Ich sah auch
nicht, was es mir fruchten knnte, irgend ein Wesen um Hlfe anzusprechen; ich
hatte ja schon einmal Trost in der Welt gesucht, und war rmer zurckgekommen.
    Ich verzehrte mich in verworrenem gewaltsamem Ringen nach ihr, und mein
Wesen mattete sich um so schrcklicher ab, je mehr ich meine glhenden Wnsche
verbarg.
    So kam ich eines Tags zu Diotima. Ich war nicht lange da, so fing sie an: es
htte jemand einen Dank von ihr zu fordern, es wr ihr gestern eingefallen, da
sie ihrer Harfe so ganz verge, sie htte sie hervorgeholt, ihren Miklang, so
gut sie knnte, zu mildern, und sie ganz wohllautend gefunden.
    Der Himmel wei, wie viel ich mir unter dem versprochenen Danke dachte.
    Ich htte sie gestimmt, rief ich, und wute mir kaum zu helfen in meiner
Freude, ich htte nichts Besseres zu tun gewut fr meine Freundin, solange sie
verreist gewesen wre. Auch fiele mir eben ein, da ich damals einiges fr sie
abgeschrieben htte; ich wte nicht, wie es gekommen wre, da ich nicht eher
daran gedacht htte - ich lief sogleich fort, die Papiere zu holen; ich konnte
kaum sie finden in meiner freudigen Eile; o einen Dank von dir, herrliches
Wesen! rief ich, und segnete mit Trnen meine Schmerzenstage, um meiner neuen
Hoffnung willen!
    Sie bat mich, wie ich zurck war, ihr das Geschriebne vorzulesen, freute
sich innig ber die goldnen Stellen, und sprach darber ungewhnlich heiter und
lebendig. Anfangs, solange noch die se Erwartung sich in mir regte, stimmt ich
mit allem Feuer des seligen Herzens in ihre frohen Tne ein, doch wie sie
endlich so lange mit dem Danke zgerte, da verstummt ich freilich; es war etwas
in meiner Betrbnis, wovon bisher keine Spur in mir erschienen war; ich mchte
fast sagen, es sei Bitterkeit gewesen.
    Mit einer sonderbaren Gelassenheit schied ich, als ich endlich zu gehen
gentigt war. Ich hrte kaum darauf, als sie mir noch nachrief, ich danke dir,
Hyperion!
    Ich kam nun immer seltner hin; blieb endlich ganz weg. Eine Totenstille, die
ich kaum an mir begreife, war allmhlich ber mich gekommen. Ich lebte so hin,
mit halbem Bewutsein, ich suchte nichts mehr, ich half mir fort von einem Tage
zum andern, so gut ich konnte; ich achtete nichts, war mir selbst nichts mehr,
trachtete auch nicht, andern etwas zu sein.
    Um diese Zeit begegnete mir, da ich so in meiner Finsternis drauen
herumirrte, Notara mit seiner Mutter und einigen andern. Er beschwerte sich ber
meine Eingezogenheit; ich sagt ihm, da ich sein Haus nicht htte mit der bsen
Laune plagen mgen, die mich seit einiger Zeit heimgesucht htte, und wagt es,
zu fragen, wo dann Diotima wre? - Sie sei zu Hause, rief die Mutter, die fromme
Tochter schreibe an ihren Vater.
    Es war traurig, wie die unschuldigen Worte mich aus meiner Dumpfheit
weckten. Jetzt mut du hin! rief es augenblicklich in mir, und Feuer und
Schrecken wechselten in meinem verwilderten Herzen. Zitternd, gedankenlos ging
ich vorber an ihrem Fenster - nein! nein! du gehest nicht hinauf, dacht ich,
und taumelte fort nach Hause, und schlo die Tre ab. Aber wo ich hinsah, war
ihr Bild, und alle die freundlichen Worte, die ich einst gehrt hatte von ihr,
umtnten mich. - Was willst du von mir? rief ich vor mich hin; was strst du
meine Ruhe? - Ich war, wie ein zrnender Geist, den die Stimme des Beschwrers
aus seinem Grabe zwang. Verzeih es mir die Gute! ich fluchte der Stunde, wo ich
sie fand, und rast' im Geiste gegen das himmlische Geschpf, da es mich nur
darum ins Leben geweckt htte, um mich wieder niederzudrcken mit seinem Stolze.
Wie eine lange entsetzliche Wste lag die Vergangenheit da vor mir, und wtend
vertilgt ich jeden Rest von dem, was einst mein Herz gelabt hatte und erhoben.
Ich mu dir danken, dacht ich, ich bettelte vor deiner Tre, und du nhrtest
mich mit Brosamen. Wer will es dir verargen, da du das Beste fr dich
behieltst? Was solltest du auch dich an ein Geschpf verschwenden, das kaum des
Rettens wert war? Nein! du hast keine Schuld auf dir. Ich war ja zertrmmert,
zertreten von den andern, eh ich zu dir kam. Da war nichts mehr zu verderben,
nichts mehr gut zu machen! - Aber es ist doch wahrlich auch ein grausames
Erbarmen, das Wesen, das der langen Ruhe schon nah ist, mit einer Balsamtropfe
zu wecken, da es zwiefach stirbt! - Ich danke nun dafr; ich wollte, du httest
dich nie bemht. Nein! sie hat nicht gut an mir gehandelt. Sie ist, wie alle.
Die andern begannen, und sie hats vollendet - meisterlich! - Ich erschrak
endlich doch ber meine Lsterungen. Die reinen Melodien ihres Herzens, die sie
mir oft auf Augenblicke mitgeteilt hatte durch Red und Miene, da mirs ward, als
wandelt ich wieder im verlassenen Paradiese der Kindheit, ihre fromme Scheue,
nichts zu entweihen durch bermtigen Scherz oder Ernst, wenn es nur ferne
verwandt war mit Schnem und Gutem, ihre absichtlose Gte, ihr Geist mit seinen
hohen Idealen, woran ihre stille Liebe so einzig hing, da sie nichts suchte,
und nichts frchtete in der Welt, alle die lieben seelenvollen Abende, die ich
zugebracht hatte mit ihr, jeder Reiz ihrer Bewegung, die, wo sie stand und ging,
nur sie - das edle, unbefangne, stille Gemt - bezeichnete, das alles und mehr,
ihr ganzes himmlisches Wesen, ging wieder auf mir, wie der Boge des Friedens
nach Gewittern. - Und dieser Einzigen zrnst du? sagt ich mir; und warum? weil
sie nicht verarmt ist, wie du, weil sie den Himmel noch im Herzen trgt, nicht
eines andern Wesens, nicht fremden Reichtums bedarf, um die verdete Stelle
auszufllen, weil sie nicht unterzugehen frchten kann, wie du, um sich mit
dieser Todesangst an ein andres zu hngen; ach! gerade das Gttlichste an ihr,
diese Ruhe, diese himmlische Gengsamkeit hast du gelstert, die Unschuld hast
du um ihr Paradies beneidet; und mit einem so zerrtteten Geschpfe sollte sie
sich befassen? mu sie dich nicht fliehen? o warnt, ihr guten Geister! warnt sie
vor diesem Gefallenen! -
    Ich htte nun gerne alle Last des Lebens ber mich genommen, um mein Unrecht
gut zu machen. Nun war es mir nicht mehr um mich zu tun. Ich htte nun keinen
Dank begehrt, fr die Tugend eines Halbgotts! Ich wollte nun ganz werden, wie
sie, um ihretwillen! um ihr mit tausendfacher Freude zu vergten, was ich ihr zu
Leide getan!
    Ich wollte mich berhaupt einmal herausarbeiten aus meiner Nichtigkeit. Ich
sah mit Begeisterung hinaus auf mein knftig Leben. Es war mir, als htte schon
itzt ein heilig Feuer mich gelutert, und meine Schlacken weggetilgt auf ewig. O
Diotima! Diotima! rief ich, wenn ich einst vor dir stehe, wie ein neuer Mensch,
im Siegsgefhle, wenn es da ist, was ich einst als Knabe trumte - und es mu
kommen, es mu, so wahr ein gttlich Wesen des Menschen Brust bewegt! - wenn du
dann in deiner reinen Freude mich begrest, und denkst, es htte doch ein guter
Funke geschlummert in dem rmlichen Geschpfe - dann will ich dir ganz bekennen,
wie klein, wie arm ich war, und du wirst nicht zrnen, da der Schmerz zum Manne
mich schmiedete.
    Ich glaubte, nun endlich auf dem rechten Wege zu sein. Ich war es nicht.
Indes brachte mich doch dieser neue Sto wieder ins Leben. Ich war doch aus der
trgen Resignation heraus, wo man nichts mehr will, und nichts mehr achtet, aus
der Totenruhe, die bei allem Scheine von Weisheit, womit sie von den Feigen
geprediget wird, gewi das Nichtswrdigste ist, worein der Mensch geraten kann.
Entschuldige sich keiner, ihn habe die Welt gemordet! Er selbst ists, der sich
mordete! in jedem Falle! -
    Nun erst fiel mir Diotimas Vater wieder ein. Ich schrieb ihm: Du hast meiner
gedacht, edler Geist! ich denke deiner, jetzt,
