
                                Fontane, Theodor

                                  Graf Petfy

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                                Theodor Fontane

                                  Graf Petfy

                                     Roman

                                 Erstes Kapitel

In einer der Querstraen, die vom Graben her auf den Josephsplatz und die
Augustinerstrae zufhren, stand das in den Prinz-Eugen-Tagen erbaute Stadthaus
der Grafen von Petfy mit seinem Doppeldach und seinen zwei vorspringenden
Flgeln. Ein altmodisches Hochparterre, dazwischen ein Hof und ein etwas
vernachlssigtes, den ganzen Bau nach vornhin abschlieendes Eisengitter. Ging
man an einem dunklen Tage hart an diesem Eisengitter vorber und sah durch seine
rostigen Stbe hin auf den mit Kies bestreuten Vorhof, so gewann man den
Eindruck, da hier alles lngst tot und ausgestorben sei; trat man aber
umgekehrt auf das Trottoir der andern Straenseite hinber, so bemerkte man an
allerlei kleinen Zeichen und nicht zum wenigsten an einem gedmpften
Lichtschimmer, der abends durch die nicht ganz zugezogenen Gardinen fiel, da,
wenn nicht der ganze Bau, so doch die zwei vorspringenden Flgel desselben
bewohnt sein muten.
    Und so war es auch.
    Die beiden letzten Petfys, Graf Adam und seine Schwester Judith, eine seit
vielen Jahren verwitwete Grfin von Gundolskirchen, bewohnten das Palais in
getrennter Wirtschaftsfhrung und benutzten in Gemeinschaftlichkeit nur die dem
Corps de logis angehrigen Reprsentationsrume.
    Die Gesellschaft, die sich in diesen Rumen zu versammeln pflegte, war, je
nachdem der Bruder oder die Schwester invitiert hatte, von sehr verschiedenem
Geprge.
    Beide Geschwister gefielen sich nmlich in einem ausgesprochenen
Protegieren, aber whrend die Protektion des Grafen der Kunst galt, galt die der
Grfin der Kirche, weshalb es weder ausbleiben noch berraschen konnte, da sich
in denselben Empfangsrumen eine sehr verschiedene Gesellschaftselite: die
Wolter und der Kardinal von Schwarzenberg, abwechselnd bewegte. Nur selten, da
man eine Vereinigung beider Elemente wagte.
    Graf und Grfin waren jeder zu seinem Teil ebenso voll Hingebung wie voll
Wohlwollen, und doch htt es keiner allzu scharfen Beobachtung bedurft, um
wahrzunehmen, da die Protektion, in der sie sich ergingen, etwas von einer
noblen Passion an sich trug. Sie fhlten eine gewisse Leere, wollten sie
standesmig ausfllen und trafen darnach unter dem, was ihnen zur Hand war,
ihre Wahl.
    Aber dieser Entstehung ihrer Passion waren sich beide seit lange nicht mehr
bewut und standen vielmehr in Aufrichtigkeit und gutem Glauben jeder an seinem
Platz.

                                Zweites Kapitel


Es war Ende Januar, einer jener unfreundlichen Tage, wo der Himmel nicht wei,
ob er nebeln oder nieseln soll. Grau zogen die Wolken ber die Dcher hin, und
die stille Strae, darin das Petfysche Palais gelegen war, war noch stiller als
gewhnlich. Aber vor dem Palais selber herrschte Leben, und nicht nur Azaleen,
Rhododendren und andere hohe Topfgewchse, sondern auch allerlei Ksten und
Futterale mit Musikinstrumenten und endlich Krbe, darin kunstvoll aufgetrmtes
Gebck die schrgstehenden Deckel wie zur Seite geschoben hatte, wurden
abgeladen.
    Kein Zweifel, der alte Graf gab heute sein Winterfest.
    Inzwischen war die zwlfte Stunde herangekommen, das Gewlk zog ab, der
Himmel begann zu blauen, und als angesichts dieser erfreulichen Zeichen ein in
der Nhe wohnender Taubenzchter ein Volk Tauben in die Luft steigen lie, um
den bevorstehenden Wetterumschlag aller Welt zu verknden, fuhr vor dem
Petfyschen Palais ein elegantes Cabriolet vor.
    In dem Hause gegenber aber, in dessen erstem Stock ein groes Putz- und
Konfektionsgeschft war, erschienen sofort drei, vier Mdchenkpfe, junge
Demoiselles, am Fenster und sahen neugierig auf den jungen Offizier, der eben
die Zgel in die Hand seines Dieners legte.
    Ah, der Herr Neffe, Graf Egon! rief eines der jungen Mdchen. Und wie ihm
der Attila sitzt! Ein Husar ist doch das Schnste.
    Niemand widersprach, entweder, weil man derselben Ansicht war, oder
vielleicht auch, weil die Sprecherin ein fr allemal als Autoritt in derlei
Dingen einschlielich aller Angelegenheiten des Hauses Petfy galt; der junge
Kavalier aber, der zu dieser Bemerkung ber die Vorzge von Husarentum und
Attila Veranlassung gegeben hatte, wandte sich seinerseits vom Gitter her rasch
auf das Portal zu, vor dessen Eingang ein pechschwarzer Walache stand, ein Ideal
von einem Trhter, gro und dick und mit zwei Schnurrbrten, von denen der
eine, der kleinere, wie ein Dachreiter auf dem andern sa.
    Noch zu Haus? fragte der als Graf Egon und Neffe des Hauses bezeichnete
junge Offizier und stieg, als der Walache gravittisch sein Ja genickt hatte,
die breite, nur wenig Stufen zhlende Marmortreppe hinauf.
    Ein langer Korridor lief auf das Frontzimmer zu, das von Graf Adam bewohnt
wurde. Niemand erschien, um zu melden, auch Andras nicht, der erst
sechzehnjhrige Groom und Liebling, der seit kurzem an des erkrankten
Kammerdieners Stelle den persnlichen Dienst beim Grafen hatte. So trat der
Neffe denn unangemeldet ein, streckte sich ohne weiteres, den Oheim bei der
Toilette vermutend, in einen Schaukelstuhl und musterte das Zimmer, das er von
langher kannte, doch so genau zu betrachten nie zuvor Gelegenheit gehabt hatte.
Der Charakter seines Bewohners sprach sich in allem aus und verriet gleichmig
den Militr wie den Junggesellen und Theaterhabitu. Vor dem Fenster stand ein
beinahe mannshohes Bauer mit einem Kakadu darin, whrend im brigen alle Wnde
mit einer ganzen Galerie von Bhnengren, unter denen die Rachel den Ehrenplatz
einnahm, berdeckt waren. Ebenso lagen Albums umher, auf deren einem in groer
Golddruckaufschrift Collection of beauties zu lesen war.
    Egon begann eben darin zu blttern, als er den kleinen, staffeleiartigen,
immer das Neueste tragenden Stnder eines aquarellierten Blattes gewahr wurde.
Neugierig trat er heran und sah nun, da es die Wolter als Messaline war in
jenem verfhrerischen Moment, wo sie den Sohn des Paetus auf einem Blumenlager
empfngt.
    Egon war noch in Bewunderung vertieft, als der alte Graf eintrat und den
Neffen in einem eleganten Visitenanzuge, den er augenscheinlich eben erst
angelegt hatte, begrte.
    Nun, Egon, zufrieden mit dem Bilde?
    Sperb!
    Mein ich auch. Makart hat sich hier selbst bertroffen. Ich ziehe diese
Skizze seinen greren Bildern vor. berhaupt in dem, was Knstler Ausfhrung
nennen, geht soviel von der Hauptsache verloren. Was der Moment schafft, ist
immer das Beste. Byron hatte ganz recht, sich mit einem Tiger zu vergleichen,
der alles gleich im ersten Sprunge packen msse. Gleich oder gar nicht. So liegt
es.
    Die Fachleute denken meist anders darber, entgegnete der Neffe, der die
Vorliebe des Oheims fr Kunstgesprche kannte. Hrt man sie, so sollte man
glauben, skizzieren knne jeder und Ideen haben sei so ziemlich das Trivialste
von der Welt. Aber lassen wir das. Ich komme, nach deinen Befehlen zu fragen. Es
wird heute getanzt werden. Fr den Fall, da du noch Auftrge hast, steh ich mit
meiner ganzen Zeit zu Diensten. Ich habe mich beurlaubt und bitte dich, ber
mich zu verfgen.
    Obligiert, Egon. Aber es ist alles im Gange, die Cotillonberraschungen mit
eingeschlossen, und das eine, was noch fehlt, mu ich selber beschaffen, oder
sag ich lieber, in Ordnung bringen. Eben deshalb siehst du mich bereits
gestiefelt und gespornt. Es handelt sich um die reizende Franz, die heute,
Pardon, wenn ich etwas bertreibe, die Knigin unseres Festes sein soll.
    Sagen wir die Nouveaut.
    Gut, auch das. Nouveaut: nicht bel. Und um diese Nouveaut soll ich
kommen, weil es der unbedeutenden kleinen Stiglmayr, die geradeso hausbacken ist
wie ihr Name, beliebt hat, sich einen Katarrh anzuschaffen oder eine Migrne.
Nun soll die Franz statt ihrer spielen. Lies. Es ist zum Rasendwerden. Du siehst
mich auf dem Wege zu ihr. Es wird sich doch unter den zwanzig jungen und alten
Damen irgendeine Vertretung finden lassen, ohne gerade die Franz fr diese Rolle
heranzuziehen. Wirklich, so mal  propos wie mglich! Denn gerade heute hatt ich
vor, sie deiner Tante Judith vorzustellen, woran mir, offen gestanden, liegt.
Den Rest berla ich schlielich der Franz selbst, ihrer Klugheit und ihrer
Anmut.
    Anmut?
    Ja; so sagt ich. berrascht dich das Wort?
    Einigermaen. Um anmutig zu sein, ist sie nicht mehr jung genug. Es gibt
eine Frauenanmut von vierzig, aber keine Mdchenanmut von sechsundzwanzig.
    Du gehst hher hinauf, als die Galanterie gestattet, oder meinetwegen auch
weiter zurck.
    Und ich meinerseits frchte nur, da das Kirchenbuch noch weiter
zurckgeht.
    Oh, nichts davon. Es gibt nichts Grblicheres als Kirchenbcher. Aber alt
oder jung, ich habe sie gern und mag sie fr mein Fest nicht entbehren, am
wenigsten heut. Scheitert alles, so mu sie noch nach der Vorstellung
erscheinen. Das dumme Ding von Lustspiel, das gegeben wird, kann doch hchstens
vier Akte haben, vielleicht nur drei: gegen neun ist alles aus, und das Frulein
hat noch vollauf Zeit zur Toilette.
    Wird aber angegriffen sein.
    Um desto besser. Ich habe das beobachtet. Unsere Theaterdamen sind nie
reizender als unmittelbar nach dem Spiel. Sie haben dann noch etwas von dem
knstlerischen Hochflug und sind doch zugleich leise fatigiert von der
Anstrengung. Dieser Kampf ist entzckend. Un peu languissant. Aber wem sag ich
das?
    Egon wollte sich mit Rcksicht auf die Visite, die der Oheim noch vorhatte,
von seinem Platz erheben, der alte Graf aber hielt ihn zurck und sagte:
    Noch ein Wort, ehe ich dich fortlasse. Du kennst Tante Judith besser als
ich - Geschwister kennen sich eigentlich berhaupt nicht -, wogegen du des
Vorzugs genieest, nur ihr Neffe zu sein, und so sage mir denn, glaubst du, da
wir der Tante die Franz plausibel machen, oder mit anderen Worten, da ich ihr
zumuten darf, sie bei nchster Gelegenheit in ihren petit cercle zu ziehen?
Haben wir Chancen oder nicht? Judith ist im ganzen genommen ohne
Standesvorurteile, was ich gerecht genug bin ihr als eine der wenigen Segnungen
ihrer strengen Kirchlichkeit in Rechnung zu stellen. Jedenfalls bin ich mitunter
berrascht, sie so zu sehen, wie sie ist. Aber eine Schauspielerin! Und nun gar
noch eine solche! Ja, wenn es eine Tragdin wre, Volumnia oder Arria oder
mindestens die alte Galotti. Das Fach der Heldenmtter ist, wenn nicht geradezu
sakrosankt, so doch immer mehr oder weniger zulssig, eine
Respektabilittsflagge, die das Fahrzeug deckt. Aber Liebhaberin, Soubrette!
Soubrette, die reine Piratenflagge!
    Doch wen soll sie rauben?
    Vielleicht mich, lachte der Oheim und fuhr dann fort: Es gibt keine
Torheit, deren sie mich nicht fr fhig hlt. Sie wrde schlielich jede
verzeihen, aber die tollste hlt sie fr mglich. Sie sieht in mir einen ewigen
Jngling und beweist mir, da mein Leben eine Kette von Jugendtorheiten sei, ja,
sie hat sich, glaub ich, in den Kopf gesetzt, eine Jugendtorheit werde auch mein
Leben beschlieen. Zuletzt wr es nicht das schlimmste. Jedenfalls gut
ungarisch, und am Ende stirbt sich's besser jugendlich als ltlich.
    In diesem Augenblick hrte man Militrmusik, und der alte Graf erhob sich.
Ein Uhr. Es ist die hchste Zeit. Und nun mache der Tante drben deinen Besuch
und sondiere. Du mut sehen, aus des Fruleins Namen einigen Nutzen zu ziehen. 
Franziska Franz - man kann kaum sterreichischer aus der Taufe gehoben sein. Ist
es nicht, als flattere der Doppeladler direkt ber einem? Ich vertraue ganz
deiner Klugheit. Und erzhl ihr auch, vielleicht kme Liszt; das macht sie guter
Laune. Alles, was Pio Nono mit der Hand gestreift hat, ist gesegnet ein fr
allemal. Ich persnlich ziehe die Wolter vor.
    Und so sprechend, gingen sie den Korridor hinunter bis an die Marmortreppe,
wo man sich rasch trennte, der alte Graf, um dem Frulein, Graf Egon aber, um
der Tante seinen Besuch zu machen. Alles, was er eben gehrt hatte, ging ihm
durch den Kopf, ohne da es ihn geradezu verstimmt htte, denn er liebte den
Oheim wirklich und verzieh ihm gern und leicht seinen dann und wann etwas
exzentrisch auftretenden Theaterenthusiasmus. Aber wenn dieser Enthusiasmus auch
noch grer und seine Liebe zum Oheim geringer gewesen wre - der Onkel war eben
ein Erbonkel und mute daraufhin um so vorsichtiger behandelt werden, als das
durch die Tante reprsentierte Gundolskirchensche Vermgen ohnehin in einer
steten Gefahr war, von der Familie fort - und irgendeinem kirchlichen Orden,
sehr wahrscheinlich dem der Liguorianer, zuzufallen.

                                Drittes Kapitel


So verging der Vormittag.
    Am Abend war das Fest, die junge Schauspielerin erschien und wurde der
Grfin Judith vorgestellt.
    Aber ehe diese Vorstellung stattfinden konnte, hatte sich ein Zwischenfall
ereignet, der, wenn nicht das Fest selbst, so doch die Stimmung desselben
ernsthaft in Frage gestellt hatte.
    Zu neun Uhr war geladen worden, und der alte Graf wartete schon der ersten
Gste, namentlich aber Judiths, als Egon in Begleitung zweier Freunde, der
Grafen Pejevics und Coronini, erzherzogliche Adjutanten wie er, im Festsaal
erschien und in sichtlicher Erregung auf den Oheim zuschritt. Dieser begrte
die Herren mit der ihm eigenen Artigkeit, nahm aber an ihrer Haltung sehr bald
wahr, da etwas geschehen sein msse.
    Was gibt es, Egon?
    Gablenz... Er stockte.
    Nur heraus. Ich ahne.
    Hat sich erschossen. Eben hatten wir das Telegramm. Ich wollte nicht, da
dir unvorbereitet und inmitten deiner Gste die Nachricht kme.
    Die beiden jungen Grafen besttigten die Mitteilung.
    Es war in einer kleinen, aus Lorbeer und Palmen arrangierten Nische, wo man
das kurze Gesprch gefhrt hatte.
    Der alte Graf antwortete nicht, sttzte sich nur auf einen Marmortisch, der
hier samt ein paar Sthlen stand, und machte dann eine Handbewegung, in der er
die Herren aufforderte, sich zu setzen. Gleich darnach aber nahm er selber Platz
und sah, whrend er an seinem weien Bart drehte, stumm vor sich hin. Es war
augenscheinlich, da er mit seinen Gedanken abwesend war und momentan seiner
Besucher verga.
    Er war dir lieb und wert, nahm Egon, dem die Situation peinlich zu werden
anfing, endlich das Wort.
    Aber der Graf verharrte noch immer in seinem Schweigen. Erst nach einer
Weile war es, als ob er erwache. Lieb und wert, sagtest du, wohl, aber das sagt
nicht genug. Er war mein Freund, das sagt mehr. Und dabei flogen ihm die
Lippen. Ich wei, es wird viel gegen ihn gesagt werden, und es ist viel gegen
ihn zu sagen, oder doch manches. Aber gegen wen nicht? Er war ein vollkommener
Kavalier und hielt es mit dem Wort: Ich marchandiere nicht. Und an dem
Festhalten an diesem Wort ist er zugrunde gegangen. Htt er mit dem Ehrenpunkte
marchandieren knnen, er lebe noch.
    Unter allen Umstnden ein beklagenswerter Ausgang, antwortete Graf
Coronini, dem die Verteidigung in ihrem berschwang und zum Teil auch in einer
Verkennung des Tatschlichen offenbar mifiel. Ein beklagenswerter Ausgang, und
um so beklagenswerter, als der Zweck, um dessentwillen so gehandelt wurde, nicht
erreicht wird. In gewollter Wahrung seiner Ehre hat er sie nur aufs neue
blogestellt.
    Ein scharfer Blick, der den jungen Grafen traf und in nicht geringe
Verlegenheit brachte, scho in diesem Augenblick aus dem von Natur schon etwas
gerteten Auge des alten Petfy. Zugleich aber nahm dieser wieder das Wort und
sagte: Graf Coronini, Pardon, aber dem Ernste solcher Fragen ist mit
Alltagsbetrachtungen und einer landlufigen Moral nicht beizukommen. Ich bin mit
Ihrem Vater, dem Grafen, jung gewesen, ein halb Jahrhundert liegt dazwischen,
und so mssen Sie mir, einem alten Grognard, diese Sprache zugute halten. Es ist
ein tiefes und schnes Wort, das Wort von der sen Gewohnheit des Daseins;
alles, was lebt, hngt auch am Leben, und nur der geht, der gehen mu. Unter den
vielen Bcherweisheitsstzen, die mir von Grund aus zuwider sind, steht der von
der besonderen Feiglingschaft derer, die das Pistol in die Hand nehmen, obenan.
Nach dem bichen Lebensweisheit, das ich mir anzueignen in der Lage war, hrt
das Pistol auf, wo die Feigheit anfngt, und hrt die Feigheit auf, wo das
Pistol anfngt. Wer es in die Hand nimmt, ist durch schwere Kmpfe gegangen.
Achtung vor dem Unglck! Und nun gar der Ehrenpunkt; die Ehre! Jeder, der
berhaupt davon hat, wei allein, wo sie fr ihn liegt oder nicht liegt. Bitten
wir Gott insgesamt, da der Kelch der Erniedrigung, welchen Inhalts er auch sein
mge, gndiglich an uns vorbergehe; wenn er aber doch kommt und der, der ihn
trinken soll, ihn nicht trinken mag und gewaltsam und fr immer seine Lippen
dagegen schliet, so denk ich, wir respektieren den Toten und sein Tun.
    Graf Coronini, den eine glckliche Leichtlebigkeit auszeichnete, sprach in
gewinnendster Weise sein Bedauern ber das ihm entschlpfte Wort aus, und als
wenige Minuten spter unter einem raschen Zustrome der Saal sich zu fllen
begann, zeigte sich's, da der kleine Disput ein Glck fr den Verlauf des
Festes gewesen war. Der alte Graf, eine durchaus nervse Natur, hatte sich in
seiner Philippika gegen Graf Coronini nicht nur den aufsteigenden Groll, sondern
vor allem auch die voraufgegangene schmerzliche Bewegung von der Seele
heruntergeredet und lie nun als Wirt bis zum letzten Geigenstriche nichts von
seiner gewhnlichen Liebenswrdigkeit vermissen.

Seit jener Soiree war eine volle Woche vergangen, und selbst die jungen
Demoiselles in dem gegenbergelegenen Konfektionsgeschfte hatten den anfnglich
unerschpflich scheinenden Gesprchsgegenstand als erledigt auer Kurs gesetzt,
um sich in ihrer Eigenschaft als Chorus des Hauses Petfy neuen intrikaten
Fragen zuzuwenden.
    Es war Abend, nicht mehr ganz frh, und der Gaskronleuchter, der mit seinen
Milchglasglocken ber dem Arbeitstische hing, brannte schon seit Stunden.
    Ich wei etwas, sagte Resi, die heute wie gewhnlich den Chorfhrer
machte.
    Was?
    Die Franz ist heute bei der alten Grfin drben. Ganz intim. Kleiner
Zirkel. Bei dem Grafen in der Soiree neulich, nun, das war nicht viel. Aber bei
der Grfin, die so fromm ist, das bedeutet etwas. Was wohl Pater Feler dazu
sagen mag?
    Ja, der, unterbrach eine Kleine, nach innenhin Verwachsene, von der Resi
mit Vorliebe zu sagen pflegte, der liebe Gott hab ihr eine Stufe ins Kleid
genht. Ja, der, der Feler! Ein schner Mann, dem knnt ich alles beichten.
Und es bergruselt mich ordentlich, wenn ich blo daran denke.
    Du? lachten alle. Du? Was beichtest du denn?
    Als aber die Heiterkeit sich wieder gelegt hatte, sagte eine dritte: Ja,
der Feler! Sage, Resi, du hrst ja das Gras drben wachsen, wie kommt der nur
ins Petfysche Haus? Er ist ja doch ein Steirer, und drben ist alles
ungarisch.
    Oh, nicht doch, antwortete die Gefragte. Nicht alles; nur halb. Auf der
linken Seite, wo der Graf wohnt, da freilich ist alles ungarisch, aber auf der
rechten, wo die Grfin wohnt, ist alles deutsch. Und der Graf und die Grfin
sind auch immer im Krieg.
    Aber sie sind doch Geschwister, oder sind sie nicht?
    Gewi sind sie. Graf Adam und Grfin Judith und die Grfin Eveline, die die
schnste war und nun tot ist, die waren Geschwister. Und waren alle drei rabiat
ungarisch und die beiden jungen Grfinnen am meisten. Ich wei es von dem alten
Koloman Czagy, des Grafen Kammerdiener, der jetzt krank auf Schlo Arpa liegt,
weil er die Gelbsucht hat, er soll ganz abgemagert sein und aussehen wie eine
Zitrone. Ja, von dem wei ich es. Als dann aber die Grfin Judith den alten
Gundolskirchen und die Grfin Eveline den schnen Asperg heiratete, den Vater
von dem jungen Grafen, da war es mit dem Rabiatischen und dem Ungrischen vorbei.
Nix mehr Magyar. Und beide wurden gut steirisch. Und von daher schreibt sich
auch der Feler.

Pater Feler, als dies Gesprch gefhrt wurde, sa bereits drben in dem kleinen
Salon der Grfin, in dem mehrere Lampen brannten, aber alle mit einem durch
Bilderschirme gedmpften Licht. Diese Lichtschirme waren eine Spezialitt des
Salons und spielten eine Rolle darin, insonderheit einer, der auf der einen
Seite die Correggiosche Nacht und auf der andern die bende Magdalena von Carlo
Dolci zeigte. Alles machte den Eindruck von Behagen und Stille. Dicke Teppiche
lagen ausgebreitet, und ein feiner Parfm wie von Ambra war in der Luft. Er
schien von einem Lmpchen zu kommen, das auf einem Ecktisch stand und mit einer
kleinen blauen Flamme brannte. Darber hing der Gundolskirchensche
Lieblingsheilige, der heilige Florian.
    Es schien, da der Pater eben aufbrechen wollte. Die Grfin hielt ihn aber
zurck und sagte: Nein, lieber Freund, Sie mssen noch bleiben und den Tee mit
uns nehmen. Es liegt mir daran. Und doch andererseits...
    Er verbeugte sich, um seine Zustimmung auszudrcken.
    Und doch andererseits, wiederholte die Grfin, bin ich in einiger Sorge
vor Ihrer Kritik. Es entgeht Ihnen nichts, und ich frchte, Sie werden allerlei
sehen und hren mssen, was Sie, das mindeste zu sagen, nur wenig angenehm
berhren kann. Denn um was wird es sich handeln? Um Rivalitten und
Theaterintrigen. Aber ich konnt es meinem Bruder, dem Grafen, nicht abschlagen
und mocht auch nicht.
    Feler schien hier unterbrechen zu wollen, aber die Grfin fuhr fort: Und
dann ist sie Lutheranerin oder Kalvinistin, oder was wei ich, und wird also
sehr wahrscheinlich an der ewig wiederkehrenden protestantischen Ungezogenheit
kranken, ihre ketzerischen Naivitten in einem Tone vorzutragen, als ob ein
Appell unmglich sei.
    Lassen wir sie, meine Gndigste, sagte der Pater. Ich fr meine Person
habe nichts lieber als diesen Ton und vergnge mich immer wieder, die
verlorengegangenen oder doch in Abfall geratenen Kinder unserer Kirche von
kirchlichen Dingen reden zu hren, von Dingen also, die sie nicht verstehen und
doch auch wieder sehr gut verstehen. Es ist immer unterhaltlich und lehrreich.
Und am unterhaltlichsten und lehrreichsten erscheinen mir allemal diese Preuen
in ihrer rechthaberischen Ausgesprochenheit und ihrem ehrlichen Glauben an eine
preuische Verheiung mit dem Alten Fritzen als Gott oder wenigstens als
Nationalheiligen. Ich habe viel gegen sie zu sagen und nehme sie, wie sich von
selbst versteht, als unsere geschworenen und allerechtesten Feinde, zugleich
aber doch als solche, denen gegenber mir das sonst so schwierige Liebet eure
Feinde nie sonderlich schwer geworden ist. Sie haben etwas Anregendes und
berhaupt manches vor uns voraus. Und darunter sogar Groes.
    Und das wre?
    Beispielsweise die Freiheit. Nicht die politische, die nicht viel, und auch
nicht die soziale, die noch weniger bedeutet, aber die innerliche. Sie prfen
die Dinge, sind kritisch und leben selbstndig aus sich heraus. Und das ist ein
Heilsweg; ja, lassen Sie mich hinzusetzen: unter richtiger Voraussetzung der
einzige Weg, der zum Heile fhrt.
    Die Grfin sah ihn verwundert an, Feler aber fuhr fort: Sie sind
berrascht, gndigste Grfin, und doch bin ich Ihrer schlielichen Zustimmung
sicher. Es gibt eine hchste Lebensform, und diese hchste Lebensform heit: in
Freiheit zu dienen. Das Dienen aus bloem Zwang heraus ist tot, und erst aus
einem selbstgewollten, weil als unerllich erkannten Verzicht auf die Freiheit
erblht uns der echte, welterlsende Glauben. Aber um auf die Freiheit
verzichten zu knnen, dazu mu man sie vorher haben. Sie haben ist das Erste,
sich ihrer begeben das Zweite. Den ersten Schritt hat der Protestantismus getan.
Vermag er auch den zweiten Schritt zu tun, den Schritt zu Rckkehr und
freiwilliger Unterordnung unter das Gesetz, so haben wir in ihm das Ideal. In
hoc signo vinces. Da liegt die Zukunft, das Geheimnis einer hher potenzierten
Welt.
    Als die Grfin eben antworten wollte, wurde der als Portire dienende
Teppich zurckgeschlagen, und die junge Dame, die zu diesem Gesprche wenigstens
mittelbar die Veranlassung gegeben hatte, trat ein und schritt rasch und mit
einem leisen Anfluge von Verlegenheit auf die Grfin zu. Diese hatte sich
erhoben und bot ihr die Hand, die die junge Schauspielerin mit Devotion kte.
Dann verneigte sie sich gegen den Geistlichen, der sich mit erhoben hatte,
whrend die Grfin vorstellte: Pater Feler - Frulein Franziska Franz.
    Ich erwarte seit einer halben Stunde schon meinen Bruder, den Grafen, fuhr
die Grfin fort, whrend sie die junge Dame neben sich einlud. Er ist sonst die
Pnktlichkeit selbst. Bis zu seinem Erscheinen, liebes Frulein, werden wir uns
also mit Pater Feler einzurichten haben. Glcklicherweise sind Sie lange genug
in Wien, um zu wissen, da die Jesuiten, um das Schrecklichste vorwegzunehmen,
aller Schrecklichkeit unerachtet, doch sehr umgngliche Leute sind. Und die
Liguorianer eifern ihnen wenigstens nach. Nicht wahr, Pater Feler?
    Dieser lchelte, whrend Franziska nicht zgerte, das Wort umgnglich, das
ihr sehr apropos ausgesprochen worden war, geschickt aufzugreifen, um nun
ihrerseits daran anknpfend die Tugend der Umgnglichkeit als eine spezifisch
wienerische zu preisen.
    Ich hr es gern, erwiderte die Grfin, da Ihnen unser Wien gefllt. Es
ist nicht immer so. Das norddeutsche Wesen ist doch sehr anders.
    Sehr anders, wiederholte die junge Schauspielerin. Gewi. Aber vielleicht
liegt gerade hierin der Grund, da sich das Norddeutsche zu dem Wienerischen
hingezogen fhlt, denn das Wienerische hat neben dem Vorzuge der Umgnglichkeit
auch noch andere Vorzge, die das in den Schatten stellen, was gelegentlich mit
zu viel Gte gegen uns als unsere besondere Tugend betrachtet wird. Wir
empfinden tief das Unausreichende des blo Angelernten. Eine Sehnsucht nach dem
Einfacheren, Natrlicheren regt sich bestndig in uns, und diese Sehnsucht ist
vielleicht unser Bestes.
    Ein freundlicher Blick Felers, der mit feinem Ohre heraushrte, da all
das, wenn nicht selbstndig gedacht und gefhlt, so doch wenigstens aufrichtig
nachempfunden war, streifte die Knstlerin, die, nunmehr ihrerseits durch diesen
Blick ermutigt, in ihrem Thema fortfuhr:
    Und diese sich in gefllige Formen kleidende Natrlichkeit, die Wien so
zweifellos vor uns voraushat, woher kommt sie? Wenn mich nicht alles tuscht, so
spricht die Kirche dabei mit, die ja von alten Zeiten her die Formen des Lebens
bestimmte, die Kirche samt den Dienern der Kirche. Pater Feler wolle mir nach
einer nur nach Minuten zhlenden Bekanntschaft eine solche Liebeserklrung in
berfallsform freundlichst zugute halten. Aber dabei mu es auf jede Gefahr hin
bleiben, auer Ihrer schnen Kaiserin hat Wien nichts, das mich so sympathisch
berhrte wie seine Geistlichkeit, Jesuiten und Liguorianer mit eingeschlossen.

                                Viertes Kapitel


Das Erscheinen des alten Grafen, der sich lebhaft und beinahe hastig
entschuldigte, die Stunde so schlecht gehalten zu haben, unterbrach das
Gesprch. Graf Egon war mit ihm. Eine Vorstellung fand nicht statt; man kannte
sich bereits von der Soiree her.
    Oh, nichts von Entschuldigungen! sagte die Grfin, als beide Herren ihre
Pltze genommen hatten. Wir haben dich, um die Wahrheit zu gestehen, nicht
vermit, auch Egon nicht, am wenigsten in dieser letzten Minute, wo wir in der
bevorzugten Lage waren, Confessions entgegennehmen zu knnen. Und du weit ja,
Bruder, wieviel uns Confessions bedeuten! Unser lieber Gast sprach nmlich mit
Vorliebe von Wien und nicht blo von Wien, sondern auch von Liguorianerpatres,
was dich vielleicht am meisten berraschen wird. Ob auch erfreuen?
    Mich erfreut alles, was unsere liebe Freundin sagt oder tut, und selbst
Feler wird mir in diesem Falle zustimmen.
    Dieser nickte.
    Die junge Schauspielerin aber warf einen Blick auf Egon, dessen Gegenwart
sie befangen zu machen schien, und sagte dann, whrend sie den leichten Ton
ihres voraufgegangenen Geplauders wiederzugewinnen trachtete:
    Fast mu ich frchten, mich mit meinen Confessions ins Komische gestellt zu
haben. Aber mein Rollenfach, das das Naive wenigstens streift, mag mich
entschuldigen. Unser Beruf gibt uns schlielich unsern Ton und unsere Haltung.
    Und wenn nun das Naive vielleicht Ihre Naturanlage wre? scherzte der alte
Graf.
    Das ist es leider nicht. Ich bilde mir wenigstens ein, berlegend und
beinahe berechnend zu sein, eine nchterne norddeutsche Natur. Und wenn sich mir
meine Wnsche erfllen, so werd ich eine Kaufmannsfrau.
    Das werden Sie nie, warf Egon kurz und mit groer Bestimmtheit ein.
Angenommen selbst, meine Gndigste, da Sie's in Ihrer Charakteraufrechnung in
jedem Einzelpunkte getroffen htten, in der Summa: Kaufmannsfrau, sicherlich
nicht.
    In der Summa sicherlich nicht, wiederholte der alte Graf. Egon spricht,
als ob er einen Zahlkellner reprimandieren wollte. Summa, Fazit, Addition. Ich
bitte dich, von welcher Welt ziehst du den Vorhang! O diese moderne Jugend!
Etwas unselig Geschftliches ist in Sprache, Bilder und Anschauungen
eingedrungen. Ein Unglck, da sich unsere Jugend dem Theater so sehr
entfremdet.
    Feler lchelte.
    Sie lcheln, Feler, und wollen andeuten, alles moderne Weltenunglck, das
in Ihren Augen natrlich sehr anders aussieht als in den meinigen, komme von
etwas ganz anderem her. Aber glauben Sie mir, die Kirche tut es nicht, und unter
allen Umstnden lt sich auf dem ihrem Zepter unterstellten Gebiete jede Stunde
grndlich und erfolgreich nachexerzieren. Nur bei der Kunst heit es: Was
Hnschen nicht lernte, lernt Hans nimmermehr, whrend es doch zum Fromm- und
Christlichwerden eigentlich nie zu spt ist.
    Und doch empfiehlt es sich, vor Toresschlu damit anzufangen.
    Alles lachte, nicht zum wenigsten der alte Graf, der in bermtiger Laune
fortfuhr: Vor Toresschlu sagen Sie, Feler. Bah, in diesen heiligen Hallen, in
denen man die Rache nicht kennt und kaum die Snde, kann von vor Toresschlu
berhaupt nie die Rede sein. Ja, Judith. Ein Gefhl, als ob in deinem Salon
tagaus, tagein zelebriert werde, kann ich nie loswerden, und daran ist neben
anderem die kleine Ambralampe schuld, der ich mich bestndig versucht fhle das
Lebenslicht auszublasen. Aber sie steht ja direkt unterm Schutz des
Gundolskirchenschen Spezialheiligen, und so bin ich mir nie sicher, ob ich sie
nicht allen Ernstes als eine halbe Ewige Lampe anzusehen habe.
    Das Eintreten eines Dieners unterbrach ihn; Couverts wurden gelegt und
Glser gestellt, ohne da im brigen die Pltze gewechselt worden wren. Auch
eine Zeitung kam, und whrend Franziska mit dem Pater, Egon aber mit der Tante
sprach, tat der alte Graf einen Blick in das Wochenrepertoire.
    Seh ich recht, man hat den Zriny wieder hervorgesucht, beilufig nicht die
schlechteste Wahl. Et voil mes amis, die Helene Zriny. Aber wissen Sie, meine
Gndigste, da ich Ihnen ernstlich zrne, mir gerade das verschwiegen zu haben,
mir, Ihrem Verehrer und Freunde!
    Vielleicht aus Sorge.
    Wie das?
    Ich bange mich vor der Rolle.
    Dann freilich sind Sie verloren. Denn Sie werden dann das nicht treffen,
was in dieser Rolle das meiste bedeutet: das Nationale. Sich frchten ist das
Unungrischste von der Welt. Aber Sie werden sich nicht frchten, und wenn Ihnen
doch vielleicht ein paar Anwandlungen kommen, so wird der Elan Ihres Talents
gro genug sein, Ihr Temperament zu zwingen und siegreich mit fortzureien. Oh,
da Sie Magyarin wren!
    Ungefhr das Schmeichelhafteste, mein liebes Frulein, unterbrach hier
lchelnd die Grfin, das Ihnen im Hause Petfy gesagt werden kann. Denn mein
Bruder erklrt Sie damit auf halbem Wege fr wrdig, eine Magyarin zu sein, er
wrde sonst die Tatsache, da Sie's nicht sind, nicht so lebhaft beklagen. Und
dabei sind Sie mutmalich ohne jede Vorstellung von dem Vollgewicht einer
solchen Ehrenbezeugung und kennen berhaupt nichts von Ungarn als den Attila
unserer Husaren.
    O doch, doch; das Frulein kennt und wei mehr, viel mehr, und sie soll uns
selber sagen, was sie von Ungarn wei.
    Es ist nicht viel und wohl eigentlich zuwenig, wenn ich bedenke, da ich
nun schon ins dritte Jahr eine Wienerin bin, und auerdem hinzurechne, da Wien,
ich mchte sagen, die Vorhalle von Ungarn ist, die Tempelstufe.
    Der Liguorianer, ein ausgesprochener Steirer, freute sich des kleinen
Spottes und Egon kaum minder. Der alte Graf aber gab sich das Ansehen, als nhme
er's ernsthaft, und sagte: Vorhalle, Tempelstufe; davon drfen unsere Wiener
nichts hren, die sich das Herz der Welt bednken. Im brigen schuldet uns das
Frulein immer noch ihren Bericht ber Ungarn, und ich kann ihr ein Examen
rigorosum auf diesen Punkt hin nicht ersparen, schon weil ich recht behalten
mchte.
    Nun, ich gebe gern, was ich wei߫, entgegnete das Frulein, und ich
unterscheide deutlich zwei Grade der Erkenntnis: einen romantischen und einen
lyrischen. Das sind freilich keine rechten Unterscheidungen, denn die Romantik
kann lyrisch und die Lyrik kann romantisch sein; aber ich bitte
nichtsdestoweniger, es gelten zu lassen.
    O gewi߫, sagte die Grfin. Also das Romantische.
    Ja, damit fing es an. Es war, als ich noch ein Kind war und auf unserem
Kirchplatze, gerade vor unserer Tr, alljhrlich zweimal die Jahrmarktsbuden
standen: Buden mit Naschwerk und Pfefferkuchen und dazwischen allerlei
Bnkelsnger und Leiermnner. Und immer wo solch ein Leiermann stand, stand auch
eine buntbemalte Leinewand, auf der eine Geschichte, meist in zwlf
Bilderfeldern, abgebildet war. Auf dem ersten Bilde lag die Welt allemal in
brgerlichem Frieden, und eine junge Mutter beugte sich ber ein Wiegenkind; auf
einem der Mittelbilder trat dann in gebotener dramatischer Steigerung ein
schwarzer, brtiger Mann aus einem Waldesdunkel hervor und an die junge,
zufllig des Weges kommende Mutter heran, whrend auf dem zwlften und letzten
Bilde Mal fr Mal ein Gerst aufgeschlagen war mit einem niedrigen Stuhl darauf,
und auf eben diesem Stuhle sa der brtige Mann aus dem Waldesdunkel. Aber jetzt
mit verbundenen Augen und einem Rotmantel mit dem Schwerte hinter sich. Und wenn
ich dann dem Liede, das dazu gesungen wurde, begierig und angstvoll zuhrte, so
vernahm ich jedesmal, das sei geschehen im schnen Ungarlande zwischen
Stuhlweienburg und Debreczin, und ich darf wohl sagen, ich kenne bis diese
Stunde keine Stadt und keinen Namen, die mir so mit Schreck und Grusel
imprgniert erschienen wie diese beiden.
    Ei, das beklag ich, meine Gndigste, sagte der Graf. Da wird unser altes
Schlo Arpa darauf verzichten mssen, Sie je in seinen Mauern zu sehen, denn
Stuhlweienburg ist unsere nchste groe Stadt.
    Oh, ich hab es auch berwunden. Und Ungarn selbst hat es mich berwinden
gelehrt.
    Mit Hlfe der zweiten Epoche?
    Ja, die gndigste Grfin erraten es; mit Hlfe der zweiten Epoche. Da war
ich in einer Pension. Aber ich war schon fast erwachsen und in Vorbereitung auf
das, was aus mir werden sollte. Da hatten wir von Zeit zu Zeit auch
Deklamierbungen, und bei solcher Gelegenheit war es, da eine Mitschlerin von
mir ein Lied von Lenau vortrug.
    Ah, von Niembsch!
    Ich kannte Lenau schon. Er ist berhaupt sehr beliebt in Norddeutschland,
und den Teich, den regungslosen, in den der Mond seine bleichen Rosen flicht,
kennt jedes dreizehnjhrige Mdchen und jubelt in ihrem kleinen Herzen, wenn die
berhmte Stelle von dem sen Deingedenken kommt, am meisten aber, wenn sie zum
Schlu erfhrt, da dies se Deingedenken auch ein stilles Nachtgebet gewesen
sei.
    Feler lchelte vor sich hin, und auch die Grfin, die nach Art aller
vornehmen alten Damen eine Vorliebe fr kleine Gewagtheiten hatte, war ganz
enchantiert und nickte dem Bruder zu.
    Wohl, ich kannt ihn also, nahm Franziska wieder das Wort. Aber speziell
das Gedicht, das an jenem Tage deklamiert wurde, das kannt ich nicht, und als es
zu Ende war, war ich so hingerissen, da ich auf die Mitschlerin zustrzte und
sie umarmte und kte, was mir beilufig einen nachtrglichen Verweis zuzog.
    Und wie hie es?
    Ich wei es nicht mehr sicher, aber ich glaube fast, es hie Nach Sden.
Und vielleicht erkennen Sie's, wenn ich Ihnen den Inhalt in aller Krze
skizziere.
    Wir bitten darum.
    Es leitet sich mit einer Gewitterschilderung ein, und die halb schon wieder
von Licht durchglhten Wolken ziehen sdwrts auf Ungarn zu. Der Dichter selbst
aber folgt dem Zuge dieser Wolken und begleitet ihr Sdwrtsziehen mit dem
sehnsuchtsvollen Ausrufe: Ja, nach Sden steht mein Herz!
    Und nun?
    Und nun, auf dem dunklen Hintergrunde der Wolken, erwchst ihm
fatamorganaartig ein Heimatsbild: ein Waldtal und ein Mhlbach, und an dem
rauschenden Mhlbach erblickt er die Geliebte, die, sein eigenes
Sehnsuchtsgefhl erwidernd, in Verlangen nach ihm aussieht und Wind und Wellen
um ihn befragt. Aber Wind und Wellen ziehen weiter und weigern ihr die Antwort,
und das Lied selbst verklingt in der wunderbaren Strophe:

Dunkler wird der Tag und trber,
Lauter wird der Lfte Streit -
Hrbar rauscht die Zeit vorber
An des Mdchens Einsamkeit.

Ah, das ist schn, sagte der alte Graf, und ich klage mich an, es nicht
gekannt zu haben. Er war ein Freund unseres Hauses und speziell das enfant gt
meiner Mutter, die sich, wenn das Gesprch auf ihn kam, jedesmal ihres ganzen
Albionstolzes entschlug, womit sie sonst strker, allerdings auch berechtigter
als Lady Milford umgrtet war, und nicht mde wurde, zu versichern, da sie die
ganze grobritannische Lyrik um eines einzigen Lenauschen Gedichtes willen
hingebe. Ja, Feler, das war unser altes Wien, an das ich doch oft mit
herzlicher Freude zurckdenke. Da wurde noch vieles verziehen, was jetzt
unverzeihlich dnkt, und beispielsweise mit dem lieben Gott auf dem Kriegsfu zu
stehen galt noch einfach fr interessant. Auch unser guter Lenau verstand sich
darauf, aber es war au fond nicht bse gemeint, und aller atheistischen
Rodomontaden unerachtet, spukte doch eigentlich das Kirchliche darin vor. Er kam
nur nicht voll damit zurecht und starb zu frh. Und zudem der verdammte
Poetenehrgeiz! Unter allen Umstnden aber sind wir ihm zu Dank verpflichtet, uns
das auf dem Wege zwischen Stuhlweienburg und Debreczin fast schon
verlorengegangene Herz unserer lieben Freundin in einer zweiten ungrischen
Epoche zurckerobert zu haben. In einer zweiten ungrischen Epoche, nach der wir
hoffentlich sehr bald eine noch schnere dritte zu verzeichnen haben werden.
    Ich glaube, da sie fr mich bereits begonnen hat.
    Eine kleine Stutzuhr schlug eben zehn, und die junge Schauspielerin erhob
sich. Egon bat, sie begleiten zu drfen. Sie nahm das Anerbieten an ganz nach
Art einer Dame, die solcher Huldigungen und Dienste gewhnt ist, und
verabschiedete sich, wie sie gekommen, mit einem Handku bei der Grfin, whrend
sie sich gegen Feler verneigte.
    Der alte Graf aber geleitete sie bis in das Vorzimmer und half ihr hier sich
in ein Spitzentuch hllen, das sie kleidsam um Kopf und Hals trug. Dann in den
Salon der Schwester zurckkehrend, lie er sich in einen Fauteuil in aller
Bequemlichkeit nieder und sagte: Nun, Judith, wie findest du sie?
    Charmant.
    Und?
    Und pointiert.
    Und?
    Ich wei nicht weiter zu sagen. Aber fragen wir Feler.
    Und klug, fgte dieser hinzu, whrend er wie zerstreut mit einer an der
Tischdecke herabhngenden Seidenpuschel spielte. Wir werden allerhand von ihr
lernen knnen.
    Lernen! Ein Liguorianerpater und lernen! Und da spricht man noch von dem
Hochmut der Kirche.

Es hatte mittlerweile geschneit, und ein paar Hausdiener fegten eben den Schnee
beiseite. Egon reichte Franziska den Arm, war aber ersichtlich in Verlegenheit,
wie das Gesprch beginnen, und so hatten sie denn schon den Vorhof und das
Gitter passiert, als er endlich das Wort nahm.
    Ein trbseliges Wetter, begann er. Nun wieder Schnee. Der Wind dreht sich
in einem fort. Ich mache mir nichts aus dem Winter.
    Oh, da denk ich doch anders. Ich liebe den Winter, nur mu er wirklich ein
Winter sein. Es ist damit wie mit den Menschen: auf Bestndigkeit kommt es an.
Mit einem launenhaften Winter, der heute so ist und morgen so, mit dem ist
nichts anzufangen, aber ein echter und zuverlssiger Winter, der sich
einrichtet, als woll er nie wieder gehen der ist schn wie der schnste Sommer.
Doch das wissen sie hier nicht. Einen Schneesturm haben sie wohl, aber die
stille, feste Klte, die Brcken baut und trgt und hlt, die fehlt ihnen.
    Egon antwortete nicht; es schien nur, da er berlegte, was sie mit dem
allem gemeint haben knne. Denn obwohl sie sich selbst fr berechnend ausgegeben
hatte, so hielt er sie doch fr noch viel berechnender, als sie war. Erst als
sie bei dem hell erleuchteten und noch vollbesetzten Caf Daum vorberkamen,
wies er darauf hin und sagte:
    Das Theater mu eben aus sein. Ich wette, da in diesem Augenblicke
Dutzende von Pfeilen gespitzt und abgeschossen werden. Ein Glck, da sie
vorbeifliegen.
    Ach, solche Pfeile fliegen nie vorbei, wenigstens nie ganz, und die
spitzesten am wenigsten.
    Aber sie tten nicht, solange sie nicht vergiftet sind.
    Die ganz spitzen sind immer vergiftet. Das lt sich an jedem Mckenstiche
studieren.
    Aber Gott sei Dank auch die Ungefhrlichkeit.
    Nur leider nicht die Schmerzlosigkeit, und wenn ihrer viele kommen, so hat
man ein Fieber und eine schlaflose Nacht.
    Und so spricht ein Liebling des Publikums, ein Verzug, ein Glckskind?
    Viel Feind, viel Ehr. Aber auch viel Ehre, viel Feind. Und ein Glckskind!
Nun ja; vielleicht. Aber an jedes Glck hngt sich ein Unglck.
    Umgekehrt, ein Glck kommt nie allein.
    Unter so zugespitzter Rede waren sie bis an den Krntnerring und die
Schwarzenbergbrcke gekommen und gingen nun auf die Salesinergasse zu, deren
vorderstes Eckhaus Franziska bewohnte. Das eine Fenster war hell erleuchtet und
schickte sein Licht ihnen entgegen ber den Platz hin.
    Und was, wenn die Frage nicht zudringlich ist, finden Sie nun daheim, meine
Gndigste? nahm Egon das Gesprch wieder auf.
    Oh, das Beste, was man finden kann: ein Feuer im Kamin und ein Paar warme
Schuhe.
    Einigermaen gengsam.
    Und dazu Lieb und Treue und ein Geplauder von der Heimat.
    Und wer gewhrt Ihnen das?
    Mein zweites und mein besseres Ich, meine Freundin und Dienerin zugleich.
Und wenn sie nicht gleichen Alters mit mir und sehr streng und sehr tugendhaft
wre so wrd ich sie Ihnen kurzweg als die Amme der italienischen Komdie
vorstellen. Aber eins ist sie gewi: in jeder Sorge mein Trost und in jeder
unklaren Sache mein gutes Gewissen.
    Beneidenswert!
    Ei, das mein ich auch... Aber hier sind wir am Ziel, Graf Egon. Und die
Glocke ziehend und ihm dankend, stieg sie rasch die Stufen hinauf.

Auf der dritten Treppe wurde sie von ihrer Dienerin empfangen und trat gleich
darnach in den Vorflur, wo sie die Schneestubchen von ihrem Mantel
abschttelte. War niemand da, Hannah? Nein? Nun, desto besser, und nun bringe
mir den Tee.
    Ja, darauf ist heute nicht mehr gerechnet, Schatz. Ich habe keinen Tropfen
Rahm im Hause.
    Tut nichts, dann nehmen wir einen Tropfen Kirschwasser. Irgendwas wird doch
dasein. Aber eile dich. Ich hab es so kalt.
    Und eine Viertelstunde spter sa Franziska zurckgelehnt in einem
Schaukelstuhl und sah in die Kaminflamme, whrend Hannah ihr den Tee bot und
sich neben sie setzte.
    Hier, noch ein Oblatenbrot, sagte diese; glcklich gerettet. Und nun
erzhle.
    Ja, das ist leicht gesagt, Hannah. Erzhle! Aber was? Eigentlich wei ich
selber nichts, und woher sollt es auch kommen? Eine Grfin kann einem doch nicht
gleich ihre Lebensgeschichte zum besten geben.
    Ist auch nicht ntig und will ich auch nicht wissen. Nur ein bichen von
allem oder doch von der Hauptsache. Nimm also wenigstens einen Anlauf und sage
mir, wer da war und wie sie hieen.
    Nun gut. Also da war zunchst die Grfin selbst, von der die Karte kam, und
dann ihr Bruder, der alte Graf. Nun, den kennst du. Du hast ihn ja neulich
selber gesehen und gesprochen und knntest mir eigentlich sagen, ob er dir
gefallen hat. Was denkst du von ihm? Was sagst du?
    Dreierlei.
    Gut; nenn es.
    Er ist alt und mchte gern jung sein, er spielt den Weltmann und ist
eigentlich blo ein Wiener, und drittens und letztens: er glaubt, da sich alle
Weiber um ihn reien, und wird doch eigentlich nur genasfhrt.
    Er gefllt dir also nicht?
    O doch. Er gefllt mir schon.
    Ein Geck kann einem nicht gefallen.
    Er ist auch kein Geck. Mitunter streift er daran oder steht auch schon
mittendrin. Denn er hat all die Narrheiten eines alten Junggesellen und
Theaterenthusiasten. Aber ganz zuletzt ist er doch wieder anders. Ich glaube,
da er ein sehr gutes und braves und sogar ein edles Herz hat. Er ist vornehmer
und besser als irgendeiner der jungen und namentlich der alten Herren, die dir
einen Besuch gemacht haben.
    Sieh, das freut mich, da du das sagst. Und in seinem eigenen Hotel oder in
dem seiner Schwester ist er noch viel liebenswrdiger als hier. Denn hier fhlt
er die Verpflichtung, mir nach Art alter Herren den Hof zu machen, in seinem
Hause dagegen fhlt er nur die Verpflichtung, artig zu sein. Und das ist fr
unsereins schlielich mehr. Du weit ja, wie man gewhnlich mit uns spricht. Und
nun will ich dir auch sagen, wer die beiden anderen in der Gesellschaft waren.
Der eine war ein Liguorianerpater, ein Fnfziger, gro und stattlich, und der
andere, nun, der andere, das war ein junger Graf, Graf Egon, ein Neffe des
alten, ich glaube, sehr hbsch und Adjutant bei Erzherzog Rainer.
    Und hat dir natrlich am besten gefallen?
    Nein, nicht das. Er hat mir nur nicht mifallen; das ist alles, was ich
sagen kann. Er hat etwas von dem mir unertrglichen Von oben herab, und wenn ich
mich entscheiden und jedem einzelnen einen Rang in meinem Herzen anweisen
sollte, so wrd ich die Grfin obenan stellen und dann den Pater. Oh, sie waren
beide charmant und dabei so klug und verbindlich, wie nur vornehme Katholiken
sein knnen. Schon ihre Stimmen...
    Ja, sie haben eine verfhrerische Stimme, Frnzl! Ich wei davon. Aber das
darfst du mir nicht antun und deinem Pastor-Vater im Grabe nicht, so lau und
flau er war, da du zu viel auf diese Stimme hrst... Nur auf meine mut du
hren, wenigstens jetzt, in diesem Augenblick, und die mahnt dich, da es auf
Mitternacht geht und morgen um zehn Uhr Probe ist. Mach also, du mut
ausschlafen.
    Aber erst noch unsern Spaziergang, sonst schlaf ich berhaupt nicht. Und
auerdem bin ich aberglubisch.
    Hannah brachte Mantel und Kappe, wickelte Franziska darin ein, und nun
stiegen Herrin und Dienerin eine nur wenige Stufen zhlende Treppe hinauf, die
vom dritten Stock aus direkt auf das Flachdach des Hauses fhrte. Hier standen
den Sommer ber allerhand Kbel und Topfgewchse, jetzt aber sah man nichts als
ein paar Bretterlagen und einen Berg Schnee, den der Wind nach der einen Seite
hin zusammengefegt hatte.
    Sie gingen ein paarmal auf und ab und sahen auf die Stadt, auf deren
verschneite Dcher das Mondlicht fiel. Aus der Ferne her hrte man das Luten
einzelner Schlitten, aller eigentliche Lrm aber schien erstickt unter dem
weien Tuch.
    Und nun traten sie bis an die Brstung, wo der zusammengewehte Schnee lag,
und sahen in den Winterhimmel hinauf, der in wundervoller Pracht ber ihnen
glitzerte.
    Sieh, das ist der Groe Br. Und da sind wir zu Haus, da liegt unsere
Jugend, unsere Kindheit. Ach, Hannah, es war doch unsere schnste Zeit, als wir
noch abends in den Turm gingen und die Betglocke luteten und die Grabsteine der
alten Pastoren anstarrten, die mit ihren Ringkragen an den Wnden umherstanden.
Und wenn uns dann der Glockenstrick aus der Hand fuhr und mit einem Mal in die
Hhe schnellte, sieh, da war mir's immer, als htte sich der Gottseibeiuns ber
unser Luten gebost und den Strick uns weggezogen.
    Ach, rede nicht so, Frnzl; wenn du so sprichst, dann berdenkst du
jedesmal etwas Tolles oder Trichtes.
    Aber diesmal nicht. Ich berdenke gar nichts. Ich habe nur mit einem Mal
eine schmerzliche Sehnsucht nach dem Kirchenplatz hin, wo wir spielten und uns
auf die Holzstmme setzten und Geschichten erzhlten. Und von fernher hrten wir
dann das Meer, das drauen rauschte. Mir ist's, als hrt ich's noch.
    Willst du zurck?
    Franziska schttelte den Kopf. Nein, nicht zurck. Eine Sehnsucht ist etwas
anderes als der Wunsch, es wiederhaben zu wollen. Was sollt ich auch da? Mit
einer Schauspielerin ist es ein eigen Ding. Im Petfyschen Hause gilt sie viel
oder vielleicht viel, aber im Hause von Bckermeister Utpatel, auf dessen Bank
wir immer saen und Butterblumenstengel zusammensteckten, in dessen Hause gilt
sie wenig oder nichts. Nein, Hannah, nicht zurck! Aber zurck oder nicht, die
Liebe bleibt, und einen Gru wollen wir wenigstens in die Heimat
hinberschicken.
    Und sie nahm eine Handvoll Schnee vom Boden und warf ihn nach Norden zu. Der
Nachtwind aber, der ging, zerstubte den Ball wieder und trug die Kristallchen
blinkend durch die Luft.

                                Fnftes Kapitel


Einige Wochen lang setzte sich der Verkehr Franziskas mit dem Petfyschen Hause
fort, dann aber brach er etwas auffllig ab, und selbst die Besuche, die der
Graf noch eine Zeitlang in dem Eckhause der Salesinergasse gemacht hatte, hrten
auf. Es hie, was auch zutraf, er sei verreist, und erst von Paris aus gab er
wieder ein Lebenszeichen und entschuldigte sich in den verbindlichsten Worten
seiner pltzlichen Abreise halber. Aber so verbindlich diese Worte waren, so
waren sie doch khler als gewhnlich oder wenigstens befangener.
    Franziska fhlte das heraus, war indessen an derartig wechselnde Vorgnge zu
sehr gewhnt, um ein besonderes Gewicht darauf zu legen.
    Anders in dem engeren Zirkel, der sich nach wie vor an jedem dritten Abend
im Salon der Grfin versammelte. Hier wurde nicht blo dem Ausbleiben des
Fruleins, sondern weit mehr noch der Abreise des Grafen eine gewisse Bedeutung
beigelegt, bei welcher Gelegenheit man nicht unterlie, sich die seltsamsten
Dinge zuzuflstern. Der alte Graf sei regelrecht verliebt oder interessiere sich
wenigstens bis zur Torheit fr das junge Frulein, und so sei denn die ganze
Pariser Reise nichts weiter als eine Flucht. Die Grfin habe mit Rcksicht auf
den eigensinnigen Charakter des Grafen anfnglich seiner Reise widersprochen,
natrlich nur in der Absicht, ihn durch solchen Widerspruch in seinem Plane
desto fester zu machen. Andere dagegen wollten von dem allem nichts wissen und
hoben ihrerseits hervor, da die jours de fte fr den alten Grafen vorber
seien; sie begegneten aber nur dem Spott aller medisanten Klub- und
Kasinohabitus, die nicht mde wurden, auf den siebenzigjhrigen Goethe, ja
zuletzt sogar auf Knig Sigurd Ring hinzuweisen, der noch mit neunzig Jahren in
Leidenschaft verfallen und auf die Freite gezogen sei. Der Graf aber sei
Vollblutungar und knne mehr.
    Ein Echo dieser Gesprche wrde zweifellos auch bis zu Franziska hinauf
gedrungen sein, wenn diese nicht durch ein nervses Fieber, in das sie bald nach
der Abreise des Grafen verfiel, vor allem derartigen Gerede bewahrt geblieben
wre. Sie lag wochenlang in jenem apathischen Dmmerzustande, der der Begleiter
und fast auch der Freund dieser Krankheit ist, und als endlich dieser Zustand
geschwunden und ihr ein wenigstens umschleiertes Interesse fr die Dinge des
Lebens zurckgekehrt war, da waren viele Wochen vergangen und beinahe heie
Sommertage da, trotzdem erst Frhling im Kalender stand.
    Am letzten Apriltage sa Franziska an ihrem Fenster und sah zum ersten Male
wieder auf das bunte Treiben der Stadt unten, und siehe da, noch ehe die Mitte
des Mai heran war, war sie schon in einem jener reizend gelegenen, in weitem
Halbkreise die Hauptstadt nach Sden hin umziehenden Villendrfer einquartiert
und geno hier die Wonne der Rekonvaleszenz. Es hatte sich dabei so glcklich
getroffen, da eine befreundete Kollegin - und zwar um so befreundeter, als sie
das Fach der hoben Tragdie kultivierte - mit ihr in die Sommerfrische gegangen
war, einer Molkenkur halber, die sie sich unter Hinweis auf ihr total
erschpftes Organ vom Theaterarzt hatte verordnen lassen. Eine Verordnung, in
die dieser lchelnd, aber doch zugleich auch mit der Bemerkung gewilligt hatte:
Wollte Gott, Frulein Phemi, da ich mich annhernd Ihres Organs erfreute.
    Natrlich war auch Hannah mit drauen, und alle drei bewohnten ein halbes
Parterre, das nach der Rckseite hin einen einfachen Garten mit Kaiserkronen und
Feuerlilien, in Front aber eine durch Glasfenster und Leinwandwnde geschtzte
Veranda hatte. Schrg gegenber von ihnen befand sich ein groes, mit
Oleanderbumen umstelltes Hotel, und zwischen hben und drben lief ein
chaussierter Straendamm, auf dem, die heien Mittagsstunden abgerechnet, ein
bestndiges Fahren war. Denn der Ort war nicht nur Eisenbahnstation, sondern von
alter Zeit her auch Knotenpunkt vieler Straen, die von hier aus strahlenfrmig
in die steirischen Vorberge hineinfhrten, ein entzckendes Hgelland, ber das
hinweg, sobald die Sonne zu sinken begann, das Hochgebirg in blauem Dmmer
aufragte.
    Heute jedoch war der Abend noch fern, und beide Freundinnen saen
frhnachmittags in der Veranda, deren Glasfenster man ausgehoben hatte, weil es
nach einer kurzen Regenzeit in den letzten Tagen wieder sehr warm geworden war.
Auf einem hart an der Brstung stehenden Tische lagen Muster, Decken und
Wollknuel umher, und die Tapisserienadel beider Damen, welche letzteren an
einer groen Stickerei beschftigt schienen, ging hurtig hin und her. Dabei war
eine rechte Nachmittagsstille, nichts wach, und nur aus dem Garten kamen ein
paar gelbe Schmetterlinge, haschten sich und flogen dann weiter die Strae
hinunter. Franziska sah ihnen nach, bis sie schlielich ber die Dcher hin
verschwanden, und war noch in ihrem Sehen und Sinnen verloren, als vom Flur her
ein reizender Blondkopf erschien, ein etwa zehnjhriges Mdchen, das an ihnen
vorber in Hast und Sturm auf die Strae zulief, einen Tonnenreifen vor sich,
den es mit dem Handgriff eines allem Anscheine nach sehr eleganten Fchers
schlug. An dem Reifen selbst waren kleine Blechstcke befestigt, und bei jedem
Schlage gab es einen Klang, als ob ein Tambourin oder Kinderjanitschar
geschttelt wrde.
    Lysinka, rief die Tragdin und lachte. Sieh nur, Franziska, sie hat
meinen besten Fcher genommen, ein Geschenk von Graf Pejevics von der letzten
Redoute her. Ein wahres Prachtstck, ich meine den Fcher. Und nun hantiert der
Unhold damit, als ob es ein Trommelstock wre... Lysinka!
    Aber die Kleine hrte nicht mehr, sondern jagte schon die chaussierte Strae
weiter hinauf und auf das groe, mit Oleanderbumen umstellte Hotel zu, vor dem
eben ein paar gelbe Reisewagen mit zurckgeschlagenem Verdeck hielten. Man sah
ordentlich, wie das schwarze Leder in der Sonne brannte, whrend ein paar
Hhner, die sich vom Hofe her eingefunden hatten, die Krner aufpickten, die
zerstreut umherlagen. Hier machte Lysinka halt, sah sich inmitten der pickenden
Hhner einen Augenblick um und jagte dann in geschickter Biegung, und die
Veranda, wo Phemi und Franziska saen, aufs neue passierend, nach der andern
Seite hin die Strae hinunter.
    Ein reizendes Kind! sagte Franziska. Du mut es sehr lieben. Tust du?
    Gewi tu ich's. Oder glaubst du, da der hohe Stil der Tragdie dergleichen
ausschliet? Auch Medea...
    Nichts von der. Ich will von Medea nichts wissen. Ich will nur wissen...
    Ein Geheimnis.
    Unter Schauspielerinnen gibt es keine Geheimnisse. Das solltest du wissen,
Phemi. Zudem hab ich dir alles aus meinem Leben erzhlt, Abenteuer und
Nichtabenteuer.
    Nun gut; so rate.
    Grflich? Hocharistokratie?
    Hher.
    Ah, ich seh schon, du willst dich auf einen Erzherzog hin ausspielen. Aber
ehe ich dir das glaube...
    Hannahs Erscheinen machte hier dem Gesprch ein Ende. Sie kam mit einem
groen Tablett, das sie vorlufig auf die rechtwinklige Brstung der Veranda
setzte, legte dann sorglich ein Tuch und arrangierte den Kaffeetisch.
    Und nun, Hannah, Juwel unserer Krone, hob Phemi wieder an, schaff uns
auch etwas Krausgebackenes oder einen Napfkuchen oder, um auch in slau gut
wienerisch zu bleiben, einen Gugelhupf. Denn du mut wissen, ich habe heute den
Lammbraten vorbergehen lassen - er hat immer so etwas Ungeborenes -, und so
klingt es denn in den Tiefen meiner Seele: Was du vom Lamm zu Mittag
ausgeschlagen, bringt nur der Gugelhupf zurck. Oh, ein himmlisches Wort, bei
dem ich ordentlich fhle, wie's hier mithupft. Und nun geh, Hanning, geh; ich
habe ein drittes Haus von hier etwas appetitlich Braunes im Schaufenster stehen
sehen, heute frh, als wir von der Promenade kamen, und die leere Strae sieht
mir nicht darnach aus, als ob sich slau mittlerweile daran vergriffen haben
knnte... Hier mein letzter Fnfguldenschein!
    Ach, Frulein Phemi, wenn Sie nur nicht immer vergessen wollten, da wir
Krachzeiten haben.
    Unsereins hat nie Krach, Hannah. brigens wecke keine traurigen Gedanken in
mir, denn schlielich und auf einem Umwege bin ich doch daran beteiligt. Und nun
geh, ehe es zu spt ist. Wir leben zwar in einer gedankenarmen Zeit, aber die
Not einer slauer Kaffeestunde macht auch den rmsten erfinderisch. Also vite,
vite.
    Hannah ging. Als sie fort war, beugte sich Franziska vor und sagte: Du
kannst dir gratulieren und stolz sein, Phemi, bei Hannah in solcher Gunst zu
stehen. Eigentlich hlt sie nicht viel von uns. Ihr Vater war Totengrber, und
davon ist ihr was geblieben. Und am meisten wundert es mich, da sie mit dem
Blondkopf so gut steht, mit der Lysinka. Sie hat ordentlich einen Narren an dem
Kind und erklrt es rundheraus fr einen Engel. Und das geht doch
schlechterdings nicht, oder das ganze Kapitel von der Erbsnde...
    Nichts davon! Um darber zu sprechen, mu man so studiert sein wie du. Das
alles ist nicht mein Sach. Aber wenn du dich ber die Hannah wunderst, weil sie
trotz all ihrer Tugend an dem Kinde hngt und dem Kinde nicht die Mutter und der
Mutter nicht das Kind anrechnet, so zeigst du nur, wie wenig du die Menschen
kennst. Und bist doch an die Vierundzwanzig.
    Eben gewesen, lachte Franziska.
    Nun, siehst du! Freilich, ich knnte deine Mutter sein oder wenn nicht
geradezu deine Mutter, so doch deine Stiefmutter...
    Dazu bist du wieder zu gut und verwhnst mich zu sehr.
    Also deine Mutter. Und nun hre. Was ich dir hinsichtlich deiner Hannah und
ganz speziell hinsichtlich ihrer Liebe zu dem Kinde zu sagen habe, das heit
einfach...
    Nun?
    Das heit einfach: es lebt sich am besten mit der Tugend.
    Das hat einen Doppelsinn.
    Ich wollt ihm den Doppelsinn nicht geben, und stnde mir auch schlecht an.
Es soll nur heien: es lebt sich am leichtesten und am bequemsten mit guten und
unschuldigen Leuten. An Tadel oder Vorwurf ihrerseits ist nie zu denken. Im
Prinzipe sind sie streng und streng auch gegen sich selbst. Aber was von anders
Geartetem an sie herantritt, dagegen sind sie mild, und es ist fast, als freuten
sie sich, eine Bekanntschaft damit zu machen. Es soll sich ja, wie die
Katholiken sagen, das Heilige durch Handauflegen fortpflanzen etwa nach Art
eines elektrischen Stroms, und so strmt auch vielleicht ein kleiner,
prickelnder Strom des Unheiligen von unsereinem aus. Jeder nach seinen Mitteln
und Krften.
    Ach, Phemi, wie du nur redest! Du bist ja gar nicht so.
    Man kann sich nicht unheilig genug machen. Eine durchgngerische Demut ist
das letzte Mittel, sich wenigstens einen Schimmer aus der ewigen Strahlenkrone
zu retten... Aber ums Himmels willen, Frnzl, sieh dich um, da kommt ja Graf
Egon.
    Franziska hatte sich vorgebeugt und erkannte nun auch ihrerseits den Grafen,
der eben drben aus dem Hotel getreten war und noch einmal zurcksah, um nach
einem Balkon hinauf zu gren, der am ganzen ersten Stock entlanglief und durch
Holzpfeiler getragen wurde. Sein Gru selbst aber galt einer alten Dame, der
Grfin.
    Egon war allein, nur von einer Ulmer Dogge begleitet, einem prchtigen Tier,
das augenscheinlich ungeduldig seinem Herrn auf der chaussierten Strae bis an
die Veranda hin vorauflief. Einen Augenblick spter aber war auch der junge Graf
heran und gewahrte die beiden Damen, die sich anscheinend in ihre Tapisserie
vertieft hatten. Er fuhr ganz ersichtlich zusammen, als ob ihm die Begegnung mit
ihnen mehr ein Schreck als eine Freude gewesen wre, fand sich aber rasch wieder
zurecht und trat an die Brstung heran, um beide mit aller Courtoisie zu
begren.
    Phemi hatte sich zum Gegengru erhoben und berstrzte den Grafen sofort mit
einer Frageflut, die keine Dmme kennen zu wollen schien, am wenigsten aber den
der Diskretion. Endlich schwieg sie.
    Meine Gndigste, lchelte Graf Egon, alles zu beantworten, mt ich den
letzten Zug abwarten knnen, was mir leider versagt ist. Aber ein Anfang liee
sich wenigstens machen, immer vorausgesetzt, da Sie geneigt sind, mir einen
Platz an Ihrem Kaffeetische zu gnnen.
    Er voltigierte, whrend er dies sagte, leicht ber die Brstung hin und
setzte sich in einen Gartenstuhl, den er selber aus einer Ecke herangeschoben.
    Ehe ich aber beginne, fuhr er fort, denn Fragen sind einer Gegenfrage
wert, bitte ich, mir sagen zu wollen, was Sie nach diesem Erdenwinkel gefhrt
hat?
    Ich war krank, antwortete Franziska, viele Wochen lang, und die stillen
Tage hier sollen mich wieder gesund machen.
    All dies war in einem durchaus ruhigen Tone gesprochen, und doch klang
ungewollt und ungewut etwas wie Vorwurf darin. Egon geriet denn auch in eine
leise Verwirrung, an der die Sprecherin erst erkannte, welche Bedeutung er ihren
Worten gegeben hatte. Sie fuhr daher rasch und mit soviel Unbefangenheit wie
mglich fort: Es ist erquicklich, die reine Luft hier zu genieen, am
erquicklichsten aber ist doch die geistige, darin ich lebe. Wenn ich nicht irre,
hat irgendein alter oder neuer Philosoph ausgesprochen, es mache nichts so
gesund wie Heiterkeit, und die Wahrheit dieses Satzes hab ich hier an mir selbst
erfahren. Denn Sie mssen wissen, Graf Egon, es gibt nichts Heitereres und
Vergngteres als eine Tragdin. Nicht wahr, Phemi?
    Diese patschelte die Hand, die Franziska, whrend sie so sprach, ihr gegeben
hatte, zugleich aber nahm sie selber das Wort und sagte: Was das fr
Anwandlungen sind! Ich bitte dich, ich soll mich nicht auf das Archidukale hin
ausspielen, und du spielst dich auf das Sentimentale hin aus. Und nun wirst du
schlielich noch rot und scheinst als Naive nicht einmal zu wissen, da mit
Hilfe solcher Anspielungen nie und nimmer das geringste verraten wird. Und wenn
Graf Egon auch raten wollte bis an den Jngsten Tag, er erriete doch nicht, um
was es sich hier handelt.
    Ich frchte wirklich, nein.
    Nun, siehst du. Zudem soll man an den kleinen Freuden des Lebens nicht ohne
Not vorbergehen, das verbeln einem die Schicksalsmchte, von denen ich schon
von Metier wegen zu reden wei. Und zu diesen kleinen Freuden des Lebens gehrt
es auch, in Geheimnissen und Anspielungen zu sprechen. Einige sagen freilich, es
sei ein schlechter Ton und nicht artig. Aber was ist artig? Eine Beschftigung
fr arme Leute.
    Gut, es mag so sein, aber du hast umgekehrt eine zu stark ausgeprgte
Neigung, dich unter Ignorierung der armen Leute mit deinen Kniginnen zu
verwechseln. Ist es nicht so, Graf Egon?
    Im Gegenteil, meine Gndigste. Bedaure, widersprechen zu mssen. Ich
meinerseits bin immer nur berrascht, unsere Freundin in so genialer Weise die
Rollengebiete wechseln und aus der Sprache der Kniginnen in die der echtesten
Weiblichkeit bergehen zu sehen.
    Eine Genialitt, lachte Phemi, die Sie mutmalich berschtzen. Immer,
mit Ausnahme der Pastoren, ist es einem jeden ein liebes und leichtes, aus dem
Aufgesteiften in das Natrliche zu verfallen. Erinnern Sie sich der
mythologischen Gottheiten, und wie begierig dieselben allezeit waren, aus ihrer
Gttlichkeit herauszutreten. Und nun gar erst die Gtter und Gttinnen dieser
Welt! Als Hofmann sollten Sie wissen und wissen es auch, wie schwer arme junge
Kniginnen an ihrem Hermelin zu tragen haben. Da haben wir beispielsweise die
Knigin Anna von England, allerdings nur in einem historisch angekrnkelten
Stck. Aber gleichviel, die Figur soll echt sein. Und nun beobachten Sie, woran
hngt sich dieser Knigin Anna knigliches Herz? An einen Fhnrich. Dabei
verwechselt sie die zwlf Millionen Staatsschulden mit den Toten bei Malplaquet.
Zwlf Millionen Tote! Viel, sehr viel; aber am Ende warum nicht? Ihr Fhnrich
blieb ihr ja, und so rollt ihr die Zahl so gemtlich von der Lippe, wie wenn's
eine Bagatelle wre. Da haben Sie Kniginnen! So sehen wirkliche Kniginnen aus,
und einer armen Sklavin gleich mir, die nur die Kniginnen spielt, sollt es
schwer werden, aus der Zepter-und-Kronen-Sprache herauszufallen? Und noch dazu
hier, hier in slau. Hier bin ich Mensch, hier will ich menschlich fhlen, ja,
Graf, auch dann noch, wenn Sie samt Franziska superior ber mich lcheln, weil
ich mutmalich wieder einmal falsch zitiert habe, was aber Ihre gerechte Strafe
dafr sein mag, da wir immer noch nicht wissen, um was sich's handelt und um
was Sie hier waren. Und nun dring ich allen Ernstes auf eine Generalbeichte.
    Die wir sicherlich lngst htten, Phemi, wenn du dem Grafen nur einen
Zollbreit Raum zum Niederknien gegnnt httest.
    Egon verneigte sich zustimmend und erzhlte nun in Krze, da die Tante seit
etwa acht Tagen hier in slau sei, drben im Hotel. Er sei gekommen, ihr Briefe
zu bringen, darunter auch Briefe von Graf Adam.
    Und wie geht es dem Grafen? fragte Franziska.
    Gut. So nehm ich wenigstens an. Es geht ihm berall gut, wo sich eine groe
Oper und eine Opra comique verfindet. Freilich fehlt ihm das Napoleonische
Regiment, und die Regierung im schwarzen Frack ist nicht gerade sein Ideal. Er
liebt das Bunte, darin ganz Ungar, aber zuletzt bleibt doch Paris Paris und
spottet jeder Kleiderfrage. Mit der Viardot hat er die Freundschaft erneuert und
mit der Sarah Bernhardt diniert, ein Diner, von dem sich mindestens eine Woche
lang in enthusiastischer Erinnerung zehren lt. Mitte Juni will er nach
Trouville, wenn nicht nach Biarritz, er ist aber unberechenbar und hlt
eigentlich jeden Tag fr verloren, den er, etwa Schlo Arpa abgerechnet,
auerhalb Wien zubringt.
    In diesem Augenblick hrte man aus der Ferne her den Pfiff einer Lokomotive.
Das ist mein Zug, meine Damen, und ich mu eilen.
    Oh, Sie haben noch sieben Minuten.
    Und er setzte sich wirklich wieder. Aber die Dogge, die sich all die Zeit
ber vor die kleine Verandatr gelagert und den Kopf zwischen die Pfoten
gesteckt hatte, gab jetzt so sichtliche Zeichen von Ungeduld und schlechter
Laune, da ihr Herr unter scherzhaftem Hinweis auf den malkontenten Begleiter
sich wieder erhob.
    Ein schnes Tier! sagte Phemi. Fast zu schade...
    Fr sein Coup? ergnzte lachend der Graf. Gewi. Und wrd es auch sehr
belnehmen, sich darin untergebracht zu sehen, denn er steckt ganz und gar in
Standesvorurteilen. Ich mu es eben mit dem Schaffner versuchen. Miglckt es,
so macht er die vier Meilen zu Fu. Apropos, ich darf doch der Tante von Ihrem
Hiersein melden? Au revoir.
    Und er ging rasch die Strae hinunter, an deren nahem Ausgange das
Bahnhofsgebude gelegen war. Eben fuhr der Zug ein. Eine Minute darnach aber gab
die Glocke schon wieder das Abfahrtszeichen, und beide Damen sahen nur noch die
weie Dampfwolke, die, sich verflchtigend, ber die letzten Huser hinzog.
    Weder Phemi noch Franziska sprach. Jede hing ihren Gedanken nach.

                                Sechstes Kapitel


Graf Egon hielt Wort, und schon den zweiten Tag darnach, als beide Freundinnen
von einem Mittagsspaziergang zurckkehrten, fanden sie zwei Karten vor, die von
einem Lohndiener abgegeben waren, whrend die Grfin selber in einem
zurckgeschlagenen Wagen vor der Veranda gehalten hatte. Phemi drehte die fr
sie bestimmte Karte hin und her und las mit Betonung jeder einzelnen Silbe:
Reichsgrfin Judith von Gundolskirchen, geborene Grfin Petfy. Wundervoll, und
kommt in der Schale, wenn ich erst wieder in Wien bin, obenauf. An Grafen ist
kein Mangel bei mir, aber Grfinnen sind desto seltener. Glaube mir, Frnzl,
dergleichen ist nicht nur hbsch, sondern auch ntzlich, und man mu jede gute
Brise bentzen... Und in einem Wagen, sagtest du, Hannah?
    Ja, in einem Wagen, besttigte Hannah. Und es war eigentlich nur der
Hotelwagen von drben, aber alles herrschaftlich zurechtgemacht und der Kutscher
mit Handschuhen. Er sah so feierlich aus, da mir das Lachen ankam. Und dazu der
lange Sepp als Lohndiener und einen Frack an. Und alles blo fr uns, Frulein
Phemi, wirklich blo fr uns. Denn an der nchsten Ecke sah ich sie kehrtmachen,
und ehe ich noch bis hundert zhlen konnte, hielten sie schon wieder vor dem
Knig von Ungarn.
    Franziska war mehr bestrzt als erfreut. Allerdings waren ihr die
Winterabende bei der Grfin in durchaus freundlicher Erinnerung, aber die
Beziehungen von damals wieder aufgenommen zu sehen entsprach wenig ihren
Wnschen.
    Am andern Tage gaben beide Damen in Abwesenheit der Grfin ihre Gegenkarten
ab, und Franziska lebte der Hoffnung, da es dabei sein Bewenden haben werde.
Darin irrte sie jedoch, und schon derselbe Tag war dazu bestimmt, eine
persnliche Begegnung herbeizufhren.
    Es kam dies so:
    Zu den kleinen Zerstreuungen Franziskas und Phemis gehrte namentlich auch
der Bahnhofsbesuch, wo sie zu promenieren und das bunte Treiben der ankommenden
und abgehenden Zge zu beobachten pflegten. Auch heute hatten sie sich
eingefunden und bogen eben aus den Anlagen in den parallel mit der Bahn
laufenden Kiesweg ein, als Franziska der Grfin ansichtig wurde, die, von ihrer
Kammerjungfer gefolgt, auf dem Perron auf und ab ging und ebenfalls den von Wien
kommenden Vieruhrzug abzuwarten schien. Es fehlten nur noch einige Minuten. Ein
Sichvermeidenwollen wre wenig schicklich, auerdem auch undurchfhrbar gewesen,
und so trat denn Franziska an die Grfin heran und bat nach den ersten
Begrungsworten, ihr ihre Freundin Euphemia La Grange vorstellen zu drfen. Die
Grfin reichte dem Frulein die Hand und sprach ihr Bedauern aus, den ihr
zugedachten Besuch der beiden Damen verfehlt zu haben, zugleich Franziska
versichernd, wie sehr sie sich freue, die so pltzlich unterbrochene
Winterbekanntschaft in diesen schnen Maitagen erneuern zu knnen.
    Ich habe von Ihrer andauernden Krankheit gehrt, fuhr sie fort, und mu
mich anklagen, mich dabei so sumig und anscheinend teilnahmlos gezeigt zu
haben. Aber ich war gut unterrichtet, erst durch meinen Bruder und spter durch
meinen Neffen, Grafen Egon. Und nun bitt ich die Damen, einen Platz fr mich
suchen oder wenigstens die Promenade wieder aufnehmen zu wollen, denn meine Fe
versagen mir im Stehen den Dienst und mahnen mich an die lange Reihe meiner
Jahre.
    Dabei schritt sie den Damen vorauf auf ein Tempelchen zu, das auf einem
knstlich aufgeworfenen Hgel inmitten der Anlagen errichtet war. Ehe sie jedoch
die Stufen desselben erreichen konnte, hrte sie schon das Herannahen des Zuges
und entschuldigte sich nun, das eben erst begonnene Gesprch auch schon wieder
abbrechen zu mssen, aber sie sei hier, um einen lieben Freund zu begren, den
sein Weg von Wien aus nach Wiener Neustadt fhre. Sie kennen ihn ja, mein
liebes Frulein, setzte sie hinzu, Pater Feler, ein eifriger Verehrer von
Ihnen und als solcher oft der Gegenstand unserer Neckereien. So Sie mir
gestatten, bring ich ihm Gre von Ihnen. Und damit empfahl sie sich und ging,
von ihrer Jungfer gefolgt, auf den Perron zurck.
    Euphemia sah ihr nach und sagte: Charmante alte Dame, jeder Zoll eine
Grfin. Ich glaube zwar, trotz aller Liebenswrdigkeit, sehr stolz. Aber es ist
mit dem Stolz wie mit der Tugend, worber ich dir erst neulich einen kleinen
Vortrag gehalten habe; weit du noch? Und sieh, alles, was ich dir damals von
der Tugend und den Tugendhaften sagte, das pat auch auf die Stolzen. Ich leg
ihre Karte noch mehr obenauf... Aber wer ist nur der Pater Feler?
    berzeuge dich selbst; eben ist er ausgestiegen und spricht mit der
Grfin.
    Ein schner Mann.
    Und sehr angenehm im Umgang.
    Er wird dich am Ende noch bekehren.
    Zweifle.
    Wer wei? Eine geborene Predigerstochter und gewordene Liebhaberin und
Soubrette, nimm mir's nicht bel, Frnzl, aus solchen Zutaten kann alles
werden.

Seit dieser Begegnung hatte sich ein Verkehr zwischen hben und drben
entwickelt, der sich indessen auf bloe Begrungen beschrnken zu wollen
schien. Jeden Morgen, wenn beide jungen Damen auf ihrer Veranda saen und Phemi
die Zeitung studierte - denn sie war eine Politikerin, ungemein fr Freiheit und
noch mehr fr Aristokratie -, erschien die Grfin auf ihrem Balkon, anscheinend
um nach dem Wetter, in Wahrheit aber, um nach den jungen Damen zu suchen, und
wenn dann diese sich erhoben, um ihren Respekt zu bezeugen, so nickte sie beiden
ihren Morgengru zu, bevor sie sich wieder in ihre Zimmer oder am liebsten auf
einen nach hinten zu gelegenen Gartenbalkon zurckzog.
    Aber dabei blieb es.
    Es wird nicht viel, sagte Phemi, die sich ber dies Halbverhltnis
rgerte. Wir kommen nicht von der Stelle mit ihr, und am Ende wr es besser
gewesen, wenigstens fr mich, Graf Egon htte mir dies slauer Idyll und die
Ruhe meiner Seele nicht gestrt. Ach, es war so still hier, Franziska, so
konflikt- und tragdienlos, und wenn ich vielleicht doch noch Medea war, so war
es Medea whrend der Freundschaftsschlieung mit Kreusa, die Zeit vor der
Eifersucht und den unliebsamen Gefhlen berhaupt. Wirklich, ich war wie
Fridolin in der Ballade so sanft und rein und natrlich auch glcklich, aber
seitdem dieser Maledetto von Egon hier war, ist eine totale Gemtsvernderung
mit mir vorgegangen. Ich habe meine Fridolinrolle vertauscht und knnte mich
jeden Augenblick ans Spinnrad setzen. Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer.
Wirklich, Schatz, ich werde tglich nervser, und wenn nicht bald etwas
geschieht, so reis ich ab.
    Ich wei, du wirst bleiben, Phemi; du hast ein Zeugnis auf Molkenkur und
mut nun aushalten. Alles straft sich und am meisten das Lgen... Aber da kommt
ja der lange Sepp von drben, und wenn ich sein Zwinkern und seine Wichtigkeit
recht verstehe, so bringt er uns eine Botschaft.
    Und wirklich, er kam von der Grfin und bergab ein an Franziska gerichtetes
Billet. Es lautete:
    Vielleicht ist es den Damen genehm, an einer Partie teilzunehmen, die wir
heute nachmittag in die Berge machen wollen. Mein Neffe Egon und mit ihm der
junge Graf Pejevics, der Frulein Phemi zu kennen vorgibt, sind mit dem letzten
Bahnzuge hier angekommen und rechnen auf ein Ja der beiden Damen. Am meisten
aber Ihre Judith v. G.
    Eine kurze Nachschrift, in der es hie: Nicht spter als drei, war
hinzugefgt, und der Bote brachte die Nachricht zurck, da sich beide Damen zu
festgesetzter Stunde die Ehre geben wrden.
    Und wirklich um Punkt drei schritten sie dem Knig von Ungarn zu, vor
dessen Freitreppe der heute jeder Galavorrichtung entkleidete Hotelwagen bereits
hielt. Auch die Grfin war schon da, stellte die Herren und Damen einander vor,
trotzdem diese sich von kurz oder lang her bereits kannten, und bat, als sie
dessen gewahr wurde, ihrer Zerstreutheit halber um Entschuldigung. Endlich aber
wandte man sich der wichtigen Frage zu, wie hinsichtlich des Gehens und Fahrens
die Rollen zu verteilen seien, und entschied sich nach lngerer Debatte dahin,
da die Grfin und Graf Egon in der Serpentine den Berg hinauffahren, die beiden
Damen aber in Begleitung von Graf Pejevics einen nheren Fuweg einschlagen
sollten. Oben auf dem Berge werde man sich dann ziemlich a tempo treffen. Und
nun trennte man sich, und die wenigstens auf Augenblicke noch zurckbleibende
Jugend sah dem mit Egon und der alten Grfin langsam dahinfahrenden Wagen nach.
    Ich sollte nun wohl Ihren Fhrer machen, hob Graf Pejevics an, aber
obschon Generalstbler, erkenn ich mich doch unfhig dazu. Sie mssen helfen,
meine Damen, und mir die ntigen Direktiven geben. Ein ganz besonderes Vertrauen
aber hab ich zu der Strategie von Frulein Phemi La Grange.
    Phemi war es zufrieden und schlug vor, einen etwas abseits gelegenen
Zickzackweg zu bentzen, einmal, weil es dabei was Tchtiges zu steigen und zu
klettern gebe, was doch immer die Hauptsache bleibe, vor allem aber, weil man
vorher einen groen Wiesengrund, einen vollkommenen Wurstelprater, zu passieren
habe, bei dessen Anblick man sich mal wieder wienerisch fhlen, ja vielleicht
sogar ein paar Kolleginnen in ihren Geheimnissen der Kunst und des Lebens
belauschen knne.
    Niemand widersprach, und so traten sie denn aus einem blo aus Remisen und
Stallgebuden bestehenden Gchen, das sich dicht hinter dem Hotel hinzog, auf
einen ansteigenden Ackerstreifen hinaus und wurden hier alsbald einer
querlaufenden Senkung gewahr, in der sich ein Schtzenplatz etabliert hatte. Die
Schtzen ihrerseits waren auch schon fleiig am Werk, aber das anderweite Fest-
und Jahrmarkttreiben ruhte noch oder befand sich doch hchstens in einer
verschwiegenen Vorbereitung fr den Abend. Selbst der Mann in der Wrfelbude
nickte, denn niemand in der heien Nachmittagsstunde war da, der sein Glck
htte versuchen mgen. So war das Budentreiben, das in diesem Augenblick
eigentlich kein Treiben war.
    Aber der von Phemi beliebte Weg lief auch nur eine kurze Strecke lang in
Front dieser Buden hin und bog vielmehr nach fnfzig Schritten schon an einem
mehrstckigen Carrousel vorbei, dessen Fahnen jetzt schlaff in der Luft
herabhingen, in einen hinter der Budenreihe hinlaufenden Seitenweg ein.
    Ah, hier fngt es an, sagte Phemi, whrend sie sich voll augenscheinlicher
Befriedigung umblickte. Hier sind wir hinter den Kulissen.
    Und wirklich, es war, wie sie sagte. Der den langen Degen verschluckende
Spanier, der magere Feuerknig, der Herkules, der sich den Ambo auf die Brust
packen, und der Pyramidenmann, der sich seine drei Kinder auf die Schultern
stellen lt - alle traten einem hier in schner Menschlichkeit entgegen, am
menschlichsten aber, wie selbstverstndlich, die Frauen, die sich, whrend sie
wuschen und pltteten oder ein Kleidungsstck mit einem neuen Flitter besetzten,
zu gleicher Zeit ihren zum Teil weitgehendsten Mutterpflichten unterzogen. Es
war nichts Schlimmes, was dabei zutage trat; da man indes nicht wissen konnte,
was vielleicht noch komme, so waren beide Damen, und sogar Phemi, doch
schlielich froh, als sie die Wohnungswagen hinter sich und statt ihrer die
nun beginnende Reihe der Gepckwagen zur Seite hatten. Es fehlte hier an all und
jedem Bengstigenden, und an Stelle davon traten Genrebilder von durchaus
harmlosem Charakter. In einer an vier Ketten hngenden Schokelle schlief eine
Hundefamilie, whrend auf dem Rand einer groen Trommel ein ltlicher und etwas
fadenscheiniger Rabe sa, in betreff dessen es zweifelhaft blieb, ob er sich
blo zufllig hier eingefunden oder aber den Rang eines wirklichen Mitgliedes
der Truppe habe. Phemi war natrlich der letzteren Ansicht und beteuerte
wiederholt, da ein Schtzenplatz ohne Wahrsagerei gar nicht mglich und die
vorhin gesehene schwarze Frau mit dem Kind an der Brust aller Wahrscheinlichkeit
nach die Lenormand dieses Kreises gewesen sei. Sie habe durchaus auch die
Requisiten dazu gehabt: einen stechenden Blick und einen falschen Scheitel. Und
das dritte sei eben dieser Rabe. brigens kme die Wahrsagerei wieder in Mode,
was auch gut und erklrlich sei, denn je freier der Mensch werde, desto ntiger
werd ihm der Hokuspokus.
    Graf Pejevics, der gerade vornehm genug war, um ungestraft liberalisieren zu
knnen, wollte demgem widersprechen, aber Phemi ging mit Hlfe von Spiritismus
und Amerikanismus, zwischen denen sie gleichzeitig auch allerlei natrliche
Zusammenhnge finden wollte, sofort zu Beweisen ber und zeigte sich dabei so
beredt und zeitungsbelesen, da man den ansteigenden Talweg bereits halb hinauf
war, als der Anblick des jetzt in gleicher Hhe mit ihnen fahrenden Hotelwagens
ihren Vortrag momentan unterbrach.
    Ah, die Grfin! Und sie grte mit ihrem Tuch ber die tiefe, mit Tannen
besetzte Schlucht hinweg.
    Phemi! sagte Franziska.
    Phemi nahm aber den Tadel, der sich darin ausdrckte, nicht an und sagte nur
lachend: Ich wei schon, was ich tu. Frage nur Graf Pejevics. Man mu die
vornehmen Leute nicht immer daran erinnern, da sie vornehm sind. Und dabei
winkte sie ruhig weiter. brigens la dir sagen, Schatz, da das alles nur
uraltes Sommerfrischen- und Badevorrecht ist. In der Stadt rckt sich's leicht
wieder zurecht.
    Eine Viertelstunde spter waren unsere drei Fugnger glcklich oben, und
als gleich darnach auch der Wagen erschien, hatte Phemi bereits einen Platz
gefunden, der jeden erdenkbaren Vorzug in sich vereinigte: temperierte Sonne,
Schutz vor Wind und Zug und einen wundervollen Blick in die Landschaft.
    Wie schn! sagte die Grfin, und Franziska gab ihr ein Mntelchen um,
whrend Egon ein Kissen aus dem Wagen und Graf Pejevics eine Fubank
herbeiholte. Hier bleiben wir, nicht wahr, und schonen unsere Krfte? Wenn man
das Gute hat, mu man das Bessere nicht auf allerlei Gefahr hin haben wollen.
Und nun, Egon, mache den Wirt; oder besser noch, Frulein Phemi. Zu der hab ich
ein Vertrauen und bin ganz sicher, da sie nicht blo den artigsten und
raschesten Kellner, sondern auch den besten und frischesten Kuchen fr uns
entdecken wird.
    Und nun kamen heitere Stunden oben auf dem Aussichtspunkte, schn und heiter
auch fr Franziska, die das Berg- und Burgenpanorama noch nicht kannte, darunter
Schlsser und Trme, die seit der Trkenzeit in Trmmern lagen. Am meisten
interessierte sie die Ruine von Schlo Merkenstein, und Graf Egon, der
landeskundig war, erzhlte von einer rtselvollen Buchstabeninschrift: O. H. I.
N. N., die sich bis diesen Tag an dem stehengebliebenen Portal der Burgruine
befinde. Phemi, die sich mitunter auf die Wissenschaftlichkeit hin ausspielte,
wollte die Bedeutung davon fr ihr Leben gern erraten und ruhte nicht eher, bis
ihr Egon die Buchstaben ins Notizbuch geschrieben und schlielich, als alles
Raten umsonst geblieben, die Versicherung gegeben hatte, da nur der Wiener Witz
bis dato die Deutung dafr gefunden habe.
    Welche? fragte das Frulein neugierig.
    Oesterreich Hinkt Immer Noch Nach.
    Und nun gab es ein norddeutsch bermtiges Lachen von seiten der beiden
jungen Damen, das erst schwieg, als sie halb erschrocken einen spttisch
superioren Zug um den Mund der beiden Grafen spielen sahen. Aber Phemi witzelte
rasch die kleine Verstimmung fort, und Graf Pejevics, der erst wenige Tage
wieder aus England zurck war, wohin er sich der Rennen halber begeben hatte,
wurde jetzt eindringlich gebeten, ber seine Reise zu berichten, ganz besonders
auch von seiten der alten Grfin.
    Ich bin halb von englischer Extraktion, sagte diese. Meine Mutter war
eine Howard und meiner Mutter Mutter eine Talbot.
    Eine Talbot! wiederholte Phemi mit einem beinahe komisch wirkenden Ernste,
dem man es deutlich anhrte, da die halbe Jungfrau von Orleans an ihrem
inneren Auge vorberzog.
    Aber trotz dieser nahen und nchsten Beziehungen, fuhr die Grfin fort,
war ich nie dort. Ich hab eine Scheu vor der berfahrt und hre jedesmal zu
meinem Troste, da es keinen schlimmeren Pas geben soll als den Pas de Calais.
Indessen, wenn ich auch niemals dort war, ich hre doch gern davon. Alles ist
interessant und eigenartig und zeigt uns das Leben von einer neuen Seite. Wie
fanden Sie London?
    Vor allem ohne Londoner und beinahe auch ohne Englnder. Es ist dasselbe
wie mit Wien, wie mit allen groen Stdten. Sie werden zum Rendezvous fr die
Provinzen oder die Welt berhaupt. In London ist alles irish und scotch, und
wollte man die Deutschen zhlen, so fnde man wahrscheinlich mehr als in unserem
guten Wien. Im brigen, um auch das noch zu sagen, ich kann mich mit einer
Lebensweise nicht befreunden, die den Tag mit Speck und Ei beginnt und ihn mit
Cognac abschliet. Kardinal Antonelli soll denn auch ausgerufen haben: Ich mag
kein Volk, das vierzig Sekten und eine Sauce hat. Er htte nach meinen
Erfahrungen auch noch hinzusetzen knnen: Alles sei schwer und massig in diesem
Lande, sogar die Trume. Wenigstens sprechen sie selber von plumpudding dreams.
    Es fehlte, wie sich denken lt, nicht an Opposition dagegen, am meisten von
seiten Phemis, die nicht mde wurde, vom Groen Freibrief an, ber Milton und
Shakespeare weg bis zu Scott und Thackeray hin, alles zu loben und zu preisen.
Egon und Graf Pejevics amsierten sich ersichtlich und stimmten mit ein oder
widersprachen auch, je nach Laune.
    So schwanden die Stunden, und erst als die Sonne gesunken und statt ihrer
die Mondsichel sichtbar geworden war, erhob man sich, um den Rckweg anzutreten.
    Auch die Grfin zog jetzt vor zu gehen und sprach nur den Wunsch aus, da
der am wenigsten abschssige Weg eingeschlagen wrde. Graf Pejevics bot ihr den
Arm, und Phemi plauderte nebenher, whrend Egon mit Franziska folgte.
    Man ging anfnglich sehr vorsichtig, vorsichtiger noch als ntig; als man
aber die Kuppe passiert und die breiteren Gelnde gewonnen hatte, machte sich's,
da man nicht nur in aller Bequemlichkeit, sondern auch in einem beflgelten
Marschtempo marschieren konnte. Denn das bunte Treiben auf dem Schtzenplatz
unten hatte mittlerweile begonnen, und die festen Takte von Trommel und Pauke
drangen bis hoch an den Abhang hinauf. Um jedes Carrousel her waren Lichter und
Lampions, und inmitten eines eingefriedigten Platzes, auf dem trotz der
Mondhelle noch viele Pechfackeln brannten, erkannte man nicht nur Pierrot und
Harlekin, sondern hrte ganz deutlich auch das Gelchter, das die Kapriolen und
Witze beider begleitete.
    Wir kommen gerade zu guter Zeit, wandte sich Egon an seine Begleiterin.
Und ich freue mich darauf. Knnen Sie sich denken, da ich ein wirkliches
Vergngen an diesen Dingen habe?
    Gewi߫, antwortete Franziska, das drfen Sie, das ist Ihr gutes Recht. Und
wenn ich an Ihrer Stelle wre, so wrd ich es auch haben. Aber unsereins ist
doch mehr oder weniger geniert und empfindet leicht eine Verwandtschaft heraus,
die schlielich bedenklich ist.
    Sie scherzen, sagte der Graf, oder wenn es wirklich Ihr Ernst ist, so
mcht ich fast von Empfindelei sprechen drfen.
    Empfindelei vielleicht. Aber Scherz, nein. Ich nehm es ganz ernsthaft. Auch
glaub ich kaum, da ich damit vereinzelt dastehe.
    Phemi? lachte der Graf.
    Nein, Phemi nicht. Aber andere, wobei mir eine kleine, dasselbe Gefhl
ausdrckende Lenau-Geschichte wieder in Erinnerung kommt, die mir Bauernfeld
letzten Winter erzhlte.
    Darf ich sie wissen?
    Gewi. Ich habe die Namen und nheren Umstnde vergessen, aber gleichviel.
In irgendeinem Wiener Restaurant, in dem Lenau verkehrte, befand sich eine junge
Person, die nicht blo die Gste bediente, sondern auch Verse machte. Diese
Verse nun wurden bei bestimmter Gelegenheit an Lenau gegeben, der sie las und
sofort in eine befangene Stellung zu der neu entdeckten Dichterin geriet. Alles,
was sie geschrieben hatte, war unter mittelmig, aber sich auch fernerhin von
ihr bedienen zu lassen erschien ihm nichtsdestoweniger unmglich oder doch im
hchsten Grade peinlich. Er sah in ihr die Kollegin, die Mitschwester und wute
sich schlielich nicht anders zu helfen, als da er fortblieb. Es hat das, als
mir Bauernfeld davon sprach, einen groen Eindruck auf mich gemacht, und ich
wrd es einen feinen und liebenswrdigen Zug an Lenau nennen, wenn ich mir nicht
selber damit eine Schmeichelei sagte.
    Die Sie sich mit gutem Gewissen sagen drfen, antwortete der Graf und nahm
einen Augenblick ihre Hand. brigens freut es mich aufrichtig, Sie so
lenaubegeistert zu finden. Heute schon zum zweiten Male.
    Wie das? Zum zweiten Male?
    Nun, meine Gndigste, Sie werden doch allen Ernstes nicht glauben wollen,
da ich das schne Nach-Sden-Lied, wie Sie's damals nannten, und seine
Schlustrophe vergessen haben knnte?
    Welches?
    Hrbar rauscht die Zeit vorber an des Mdchens Einsamkeit ... Ich glaube,
so hie es. Es hat mich damals in seiner melancholischen Schnheit eigentmlich
ergriffen und war der erste Plauderabend bei der Tante. Nur Feler war zugegen
und drauen Schnee gefallen. Entsinnen Sie sich noch?
    Franziska war betroffen, aber es gelang ihr, ihre Verlegenheit zu verbergen,
und in einem immer lebhafter werdenden Gesprche schritten beide die Berglehne
hinunter und auf die Budengasse zu.
    Sollten wir nicht lieber einen Umweg machen?
    Oh, nicht doch, antwortete die Grfin, an die sich seitens Franziskas
diese Frage gerichtet hatte. Mein Leben verluft viel zu still und einsam, als
da es mir nicht eine Freude sein sollte, von ungefhr unter Menschen zu kommen.
Ich such es nicht auf, aber wenn es sich gibt, so hei ich es jedesmal
willkommen.
    Und so mndete man denn wirklich in das bunte Fest- und Jahrmarkttreiben
ein.
    Eine Menge groer Schaubuden war da, Panoramen, an denen sie, dem
Menschenzuge folgend, rasch vorbergingen, bis ihnen zuletzt ein kleines Zelt
auffiel, ber dessen Eingang in Transparent die Worte standen: Einzige
Verkndigung der Wahrheit, und darunter in kleiner Schrift: Fnfzig Kreuzer.
    Ah! sagte Phemi, da mu ich hinein. Oft ist mir die Wahrheit umsonst
gesagt worden, aber sie war auch darnach. Nichts ist umsonst, nicht einmal die
Wahrheit.
    Und sie schickte sich wirklich an, in das Zelt einzutreten.
    Aber Franziska zog sie wie mit Gewalt zurck und sagte: Du bleibst!
    Eine momentane Verlegenheit trat ein und schwand erst wieder, als man aus
der Budengasse heraus war.
    Ich war berrascht, Sie so heftig zu sehen, nahm endlich Egon das Gesprch
wieder auf. So heftig und so bestimmt.
    Und noch dazu gegen Phemi, setzte Franziska lachend hinzu. Phemi selbst
aber wird mir am ehesten verzeihen. Ich konnte nicht anders und habe nun mal
einen tiefen Widerwillen dagegen. Unser ganzes Leben ist eine Kette von Gnaden,
aber als der Gnaden grte bednkt mich doch die, da wir nicht wissen und nicht
wissen sollen, was der nchste Morgen uns bringt. Und weil wir's nicht wissen
sollen, sollen wir's auch nicht wissen wollen.
    Auch nicht einmal im Scherz, im Spiel?
    Auch nicht einmal im Spiel. Denn es ist ein Spiel mit Dingen, die nicht zum
Spielen da sind. Ich mu es wiederholen, ich hasse jede Neugier, die den
Schleier von dem uns gndig Verborgenen wegreien will; aber am meisten
widerstreitet mir doch die Neugier, die nicht einmal ernsthaft gemeint ist. Es
gibt der tckischen Mchte genug, und ihre listig lauernde Feindschaft auch noch
durch Spiel und Spott herausfordern zu wollen tut nie gut und ist der Anfang vom
Ende.
    Der Graf schwieg.
    Bald darnach aber trennte man sich vor Phemis und Franziskas Veranda, bis
wohin die Grfin in Artigkeit gegen die jungen Damen diese begleitet hatte.

                               Siebentes Kapitel


Am andern Morgen saen beide Freundinnen eine halbe Stunde frher als sonst in
der Veranda, deren Leinwandvorhnge nach der einen Seite hin halb zurckgezogen
waren, whrend gegenber, wo die Vorhnge fehlten, eine Hngematte hing, in der
sich Lysinka schaukelte.
    Sie war in ein Bilderbuch vertieft und berlie deshalb, ohne wie sonst wohl
zuzuhorchen, die beiden Damen ihrem Gesprche, das sich selbstverstndlich um
die Partie vom Tage vorher drehte. Dann aber entstand eine Pause, bis Franziska
pltzlich und mit einiger Befangenheit fragte: Sagtest du nicht, da die
Belmonti geschrieben habe?
    Ja.
    Und da sie sich Lysinka zurckerbeten?
    Ja.
    Und willst du nicht darauf eingehen? Offen gestanden, ich glaube, da die
Belmonti recht hat und da du diese Ferien lnger ausdehnst, als dem Kinde gut
ist.
    Phemi lachte herzlich, dann aber sagte sie: Ja, Frnzl, es hilft dir
nichts, du mut nun schon deutlicher mit der Sprache heraus. Denn du wirst mir
doch nicht wirklich und ernsthaft einreden wollen, da du Lysinkas halber
Erziehungssorgen httest. Ich wrde glauben, du wolltest sie los sein, wenn ich
nicht umgekehrt wte, da du sie fast so gern hast wie Hannah. Also beichte.
    Franziska sah verlegen vor sich hin, und Phemi, der ihre Verlegenheit leid
tat, setzte deshalb ohne weiteres hinzu: Nun, la nur, ich brauche deine
Beichte nicht und will dir sagen, was es ist. Sieh, ich bin lange nicht so
gescheit wie du, hab aber bessere Augen und sehe gleich, wie's steht und im
Herzen aussieht. Auch in deinem. Und deshalb wei ich, es kommt alles nur daher,
weil du wieder Reputationsanflle hast und einfach frchtest, die Nichte knnte
dich ber kurz oder lang in Verlegenheit bringen, die Nichte, die mir wie aus
dem Gesicht geschnitten ist und an deren Nichtenschaft deshalb niemand glaubt.
    Sieh, fuhr sie fort, du bist ein so guter Kerl, da ich dir nichts
belnehme, schon lange nicht. Empfindeleien sind ohnehin nicht meine
Spezialitt, und so begng ich mich denn in dieser dir Sorge machenden
Lysinka-Sache mit dem geflgelten Wort: Es ist mein Kind, es bleibt mein Kind,
ihr gebt mir nichts dazu, noch dazu klassisches Zitat. Und sogar vom alten
Goethe, der immer recht hatte.
    Nicht immer.
    Aber doch in solchen Dingen. Er verstand sich zu gut darauf. Jedenfalls hab
ich vor, mich nach diesem Spruche zu richten und Madame Belmonti noch eine Weile
warten oder meinetwegen auch sich ngstigen zu lassen.
    Franziska schwieg. Endlich sagte sie: Verzeih, Phemi, da ich davon sprach.
Es war nicht recht. Aber ich dachte, man knne nicht gleichzeitig zwei Dinge
wollen, die sich einander ausschlieen. Es liegt dir selber an dem Umgange mit
drben und mu auch so sein, denn es ist eine herrliche Frau, diese alte Grfin,
ganz von jener Feinheit, Nachsicht und Milde, die, wie du mit Recht sagtest,
immer nur bei den Frommen und Vornehmen zu finden ist. Aber man darf ihr
umgekehrt auch nicht zuviel zumuten, und wenn wir wirklich einen auch nur
oberflchlichen Verkehr mit ihr unterhalten wollen, so mssen doch Fragen
ausgeschlossen sein, die, wenn sie wie zufllig in Gegenwart Graf Egons zur
Sprache kmen, unzweifelhaft zu Verlegenheiten und hinterher zu Witzeleien und
allerhand Medisance fhren wrden.
    Du bist ein Kindskopf, lachte Phemi. Lehre mich doch die vornehme Welt
kennen. Ich stecke lnger darin und will dir sagen, wie's liegt. Auch die Besten
nehmen uns blo so hin. Sie lassen sich's gefallen, da wir ihnen die Zeit
vertreiben, und sind auch wohl dankbar dafr, aber von unserer Tugend und Sitte
zu hren ist ihnen nur langweilig. Denn sie glauben nicht daran, und weil sie
nicht daran glauben, erscheint ihnen unser Tugendanspruch einfach prtentis.
Wir sollen nicht blo tatschlich anders sein wie sie, nein, sie wollen sich
dieses Unterschiedes auch bewut werden. Und so glaube mir denn, es wird ihnen
gar nicht schwer, uns zu pardonnieren, aber uns zu respektieren ist ihnen lstig
und unbequem. Du hast keine Vorstellung davon, in wie vielerlei Kleider sich der
menschliche Hochmut steckt. Und auch die Grfin drben, sosehr ich sie verehre,
wird schlielich keine Ausnahme machen... Aber sieh nur, wer ist denn der alte
Herr, der sich drben im Hotel eben ber die Balkonbrstung lehnt und hieher
lorgnettiert, als kenn er uns? Ist das nicht...?
    Und im selben Augenblick erkannten beide den alten Grafen und erwiderten
seinen Gru.
    Wirklich, er war es, und ehe sich beide Damen noch in ihren Verwunderungen
und Mitteilungen erschpft hatten, erschien er bereits in Person, um ihnen einen
Morgenbesuch zu machen. Er war unbefangen, auch Franziska gegenber, und
lchelte nur, als Phemi genau so, wie sie damals Egon bestrmt hatte, halb in
wirklicher und mehr noch in erknstelter Neugier mit hundert Fragen auf ihn
einzudringen begann. Es habe verlautet, wenn auch nur gerchtweise, da er den
Sommer in Trouville zubringen werde; statt dessen habe, wie der Augenschein
lehre, Wien oder doch slau gesiegt, woraus sie den Schlu ziehe, da das
entkaiserte Frankreich auch zugleich ein entzaubertes Frankreich fr ihn gewesen
sei.
    Der Graf in seiner Antwort schwankte zwischen Zugeben und Bestreiten und
versteckte dabei den eigentlichen und wahren Grund seiner Rckkehr hinter
allerlei Scheingrnden, in deren bermtiger und etwas grotesker Ausmalung er
sich gefiel. Es sei wirklich sein Plan gewesen, whrend der heien Monate nach
Trouville zu gehen, aber weil die Saison erst Mitte Juli beginne, habe er zu
viel Zeit gehabt, sich in seiner Phantasie mit dem Badestrand und seinen Bildern
zu beschftigen, eine Beschftigung, an der schlielich die ganze Reise
gescheitert sei; was brigens niemanden in Verwunderung setzen werde, der das
bergewicht der Vorstellung ber die Wirklichkeit irgendeinmal an sich selbst
erfahren habe. Das fait accompli bedeute gemeinhin nicht viel, aber in der
Erwartung der Dinge liege Himmel und Hlle. Das habe sich ihm in den Tagen
seiner Phantasiebeschftigung mit dem Trouviller Badestrand auch wieder recht
fhlbar gemacht. Er habe nichts gegen Urzustndlichkeiten, und das letzte, woran
er kranke, sei Prderie, ja das Paradiesische, das Mittelafrikanische, das
Mythologische, gleichviel, welcher Ausdruck seitens der Damen bevorzugt werde,
werde niemals von ihm beanstandet werden; aber er hasse die Mischgattungen und
msse statt ihrer auf Einheit und Reinheit des Stiles dringen. Jeder ehrlich
gemeinte Versuch, das alte Theatervorhangthema: Neptun und Arion samt dem ganzen
Corps de ballet der Weltmeere, zu neuem, wirklichen Leben erblhen zu lassen,
drfe seiner Zustimmung ein fr allemal sicher sein, aber verschmte
Halbzustnde, Zustnde, die nicht Fisch und nicht Vogel seien, htten diese
seine Zustimmung mit gleicher Entschiedenheit nicht. Und so drfe er sich denn
allerdings berhmen, ausschlielich unter der Wucht sthetischer Bedenken einen
fluchtartigen Rckzug aus Frankreich angetreten zu haben.
    Whrend er so sprach, war Lysinka neugierig aus ihrer Hngematte
herausgekrochen und stellte sich ohne jede Spur von Verlegenheit mit an den
Tisch, ganz so, wie verwhnte Kinder zu tun pflegen. Ihr Auge ging dabei
bestndig umher und sah jeden einzelnen wie fragend und doch auch wieder halb
verstndnisvoll an. Es war ersichtlich, da sie dem alten Grafen, der
unwillkrlich seine Hand ber ihr langes blondes Haar hingleiten lie, ungemein
gefiel; ehe er aber eine Frage zu tun imstande war, sagte Phemi, die mit
Franziskas aufsteigender Verlegenheit ein Mitleid haben mochte: Das war nun
also Trouville, Herr Graf. Und nun Paris, Paris, von dem ich so gerne hre, das
mein Ideal und meine Sehnsucht war von Kindheit an und das ich schon um meiner
Kunst willen so gern gesehen und befragt und studiert htte. Ja, wirklich, um
meiner Kunst willen. Eine reizende junge Kollegin von mir, natrlich
Liebhaberin, phantasierte neulich sogar von der Heiligkeit ihrer Kunst. Es war
komischer als Tewele. Doch ich verirre mich von der Hauptsache, von Paris, ber
das wir, nicht wahr, Frnzl, um so lieber berichten hren, als uns Graf Pejevics
gestern erst von London erzhlt hat.
    Und wie fand er London?
    Er klagte, da alles zu schwer sei, sogar die Trume.
    Je nun, lachte der Graf, die sind heuer auch in Frankreich gerade schwer
genug. Es sind Rstungs-und Waffentrume, Vierundzwanzigpfnder mit der
Aufschrift Revanche. Ja, die Franzosen sind und bleiben Kinder. Aber so schwer
ihre Trume sind, so leicht ist ihr Leben nach wie vor, und ich habe keinen
Unterschied entdecken knnen zwischen sonst und jetzt. Das entkaiserte
Frankreich, um Frulein Phemis Wort zu wiederholen, ist nicht entzaubert. Und
warum nicht entzaubert? Weil es zu den Vorzgen oder meinetwegen auch zu den
Schwchen dieses Volkes gehrt, im steten Wechsel der Dinge sich selbst immer
gleichzubleiben. Ich habe es nun unter einem halben Dutzend widerstreitender
Regierungen im wesentlichen ohne jede Vernderung gesehen und mchte mich fast
verwetten, da es auch dasselbe war, als die Trikoteusen um die Guillotine herum
saen und schnupften und plauderten und Strmpfe strickten. Es ist ein
Phantasievolk, dem der Schein der Dinge vollstndig das Wesen der Dinge
bedeutet, ein Vorstellungs- und Schaustellungsvolk, mit einem Wort, ein
Theatervolk.
    Wie die Wiener?
    O nicht doch, meine Gndigste. Die Wiener sind ein Vergngungsvolk und
gehen ins Theater, um unter Lachen und Weinen sich etwas vormachen zu lassen,
aber auch der Passionierteste fhlt sich schlielich auf seinem Parkett- oder
Parterreplatz immer noch wie zu Gast. Anders der Franzose. Der ist da zu Hause,
fllt die Hlfte seines Daseins mit Fiktionen aus, und wie die Stcke sein Leben
bestimmen, so bestimmt das Leben seine Stcke. Jedes ist Fortsetzung und
Konsequenz des andern, und als letztes Resultat haben wir dann auch
selbstverstndlich ein mit Theater gesttigtes Leben und ein mit Leben
gesttigtes Theater. Also Realismus! Auf der Bhne gewi, aber auch weitergehend
in der Kunst berhaupt. Welche Lust, ein franzsisches Schlachtenbild zu sehen,
auf dem die Sbel nicht angeklebt sind, sondern wirklich geschwungen werden.
Elan auch da, Leben und Wirklichkeit. Und nun gar erst der Roman!
    Ah, Sue; Balzac.
    berholt.
    Flaubert?
    berholt.
    Nun, wer denn?
    Eine neue Gre. Zola. Emile Zola.
    Was sehr unfranzsisch klingt.
    Und es auch ist. Italiener von Abstammung, wie die meisten berhmten
Franzosen.
    Und was will er?
    Ja, das ist schwer zu sagen, meine Gndigste, weil er sehr vieles will und
dies viele zu gleicher Zeit. Er hat jedenfalls seine Wahlverwandtschaften
gelesen und sieht in dem, was wir das Seelische zu nennen gewohnt sind, also zu
meinem lebhaften Bedauern auch in der ganzen Machtsphre der Liebe, nur sehr
uerliche, sehr natrliche Prozesse. Die Blutmischung spielt eine Rolle von
Bedeutung und natrlich auch die Nerven. Aber das ist nicht die Hauptsache. Bis
jetzt war es, wenn ich mich nicht irre, das Auge, was in dem bekannten und
entscheidenden groen Romanmomente den Ausschlag zu gehen hatte; der neue
Romancier mit dem italienischen Namen aber geht weit, weit darber hinaus und
zieht nicht mehr und nicht weniger als die Gesamtheit aller Sinne heran.
Gambettistische Leve en masse, wenn Sie wollen. Es hat unleugbar manches fr
sich, und ich breche nur ab, so gern ich fortfhre, weil das Thema zu delikat
und voll ganz besonderer Schwierigkeiten ist. Einer seiner Romane heit
beispielsweise Der Bauch von Paris.
    Ah, sagte Phemi. Sehr interessant. Das verspricht etwas. Und das
Neueste?
    Das Neueste? Nun, das las ich in dem Feuilleton einer Zeitung, und der
Titel lautete, so mir recht ist: La faute de l'abb Mouret. Der Herr Verfasser
beschwrt darin den Sndenfall, also ein immerhin interessantes Thema, noch
einmal herauf und lt ihn sich in einem modernen Blumenurwald vollziehen, dem
er in offenbar gewolltem Anklang an das altehrwrdige Paradies den Namen
Paradoux gegeben hat.
    Und wie fhrt sich Adam ein?
    Vollkommen dezent.
    Auch vor dem Fall?
    Auch da, meine Gndigste. Denn der Adam, um den es sich in dem Romane
handelt, ist eben kein wirklicher Adam, sondern in jedem Sinn ein Kostm-Adam
und in Wahrheit niemand anderes als der Abb Mouret selbst, ein schner und
liebenswrdiger junger Herr, der sich, wie's einem Abb geziemt, mit Hnden und
Fen strubt und wehrt und die Frucht vom Baume der Erkenntnis mit ihrer von
Minute zu Minute rter und verfhrerischer werdenden Backe gern wegbeten mchte.
Doch umsonst. Er fllt!
    Natrlich.
    Natrlich? wiederholte Franziska. Warum natrlich? Ich verlange, da
Gebete helfen... Und wie straft sich seine Schuld?
    Er geht leer aus.
    Comme toujours. Und Eva?
    Stirbt. Aber selbstverstndlich nicht auf dem herkmmlichen Wege, sondern
trgt sich hchst eigenhndig ihr Sterbelager aus der Gesamtflora des Paradoux
zusammen, schlft ein und chloroformiert sich mit Blumenduft zu Tode.
    Das mcht ich aber doch wirklich lesen.
    Ein Entschlu, in dem ich Sie nur bestrken kann. Und seien Sie versichert,
da jede Seite Sie fesseln wird, aller Einwendungen unserer kritischen Freundin
unerachtet. ber das Anfechtbare hilft schlielich die fremde Sprache hinweg.
Ich werde mich mhen, Ihnen die Bltter zu verschaffen. Und nun lassen Sie mich
meinen ersten, ohnehin ber Gebhr ausgedehnten Besuch rasch abbrechen. Auf gute
Nachbarschaft, meine Damen. Bis morgen.
    Und damit erhob er sich, um seinen Morgenspaziergang in der Richtung auf den
Bahnhof hin fortzusetzen. Als er eben die Veranda passiert hatte, lief ihm
Lysinka, die drauen Federball spielte, nach, nahm seine Hand und sagte: Guten
Tag. Ich werde dich begleiten.
    Franziska war es nicht recht, aber Phemi lachte nur und sagte Sieh doch, er
freut sich, das Kind an der Hand zu haben. Ach, Frnzl, du glaubst gar nicht,
wie gleichgltig Legitimittsfragen sind. Natrlich den Erbschaftspunkt
abgerechnet.

                                 Achtes Kapitel


In derselben halben Stunde sa die Grfin drben vor einem an ihrem
Balkonfenster stehenden Schreibtisch, um einen Brief an Feler zu richten. Aber
das entzckende Bild, das sich vor ihr ausbreitete, machte, da sie die Feder,
die sie vor einer Weile schon zur Hand genommen hatte, wieder niederlegte. Hoch
ber die mit Wein und Laubholz besetzten Berge hin zog ein silberglnzendes
Gewlk, whrend unten im Tale schon die mit jedem Augenblicke bedrcklicher
werdende Hitze des Tages lag. Ein Fhnlein, das die Schtzenplatzstelle
bezeichnete, hing schlaff am Mast herab und regte sich immer nur, wenn ein
Luftzug ging. Pltzlich aber klang ein Paukenschlag vereinzelt und wie zufllig
herber, und die Grfin, ihrem Sinnen dadurch entrissen, nahm die Feder wieder
auf und schrieb:

Lieber Freund!
    In meinem Leben hier hat sich seit voriger Woche manches gendert, und seit
gestern ist es ein Saus und Braus. In aller Frhe kam Egon Asperg und mit ihm
der junge Pejevics, der, wie Sie vielleicht wissen, einige Wochen der Rennen
halber in England war. Ich freute mich aufrichtig und beschlo, den Tag in aller
Heiterkeit mit ihnen zu verbringen, wrd aber damit gescheitert sein, wenn ich
nicht die beiden jungen Damen, deren ich neulich schon Ihnen gegenber Erwhnung
tat, als Hlfstruppe htte heranziehen knnen. Ein paar junge Schauspielerinnen
interessieren eben lebhafter als eine Tante von beinahe siebzig. Und heute mehr
denn je. Denn die Dinge, die fr uns das Leben ausmachen, erscheinen mir in den
Herzen der gegenwrtigen Generation um noch vieles erstorbener als in dem der
vorigen. Mein Bruder hat wenigstens noch Spott fr diese Dinge, Graf Egon aber
nur Schweigen und Gleichgltigkeit. Indessen ich will nicht anklagen, sondern
berichten.
    Ein Ausflug in die Berge ward also verabredet. Egon und ich zu Wagen, alles
andere zu Fu, so brachen wir in zwei Partien auf, um oben auf der Kuppe von
Heiligenkreuz wieder zusammenzutreffen. Die beiden jungen Damen waren
allerliebst, was Sie, der Sie der jngeren von Anfang an Ihre Sympathien
entgegenbrachten, nicht berraschen wird. Ich meinerseits mchte fast der
lteren, dem Frulein Phemi, wie sie kurzweg genannt wird, den Vorzug geben. In
Frulein Franz steckt allerdings ein bedeutenderer Fonds, aber eben weil sie
bedeutender ist, ist sie zugleich auch minder bequem und stellt uns, als be sie
Kritik, unter eine bestndige Kontrolle. Wie ganz anders dagegen das ltere
Frulein! Von einer gewinnenden Offenheit und Schelmerei, vergit sie, die Worte
zu wgen, oder will es vielleicht auch nicht und berhebt uns dadurch der
Notwendigkeit, auf uns selber in jedem Augenblick ngstlich achten zu mssen.
Auf uns achten ist freilich Pflicht, aber ngstlich auf uns achten wird leicht
zur Pein.
    Gegen neun Uhr waren wir von unserer Partie zurck, Egon und Graf Pejevics
verlieen mich gegen zehn, und ich hoffte, die nchsten vierundzwanzig Stunden
in einer vollkommenen Ruhe, nach der ich mich sehnte, zubringen zu knnen, da
wirbelte heute mit dem frhesten mein Bruder, Graf Adam, in mein Zimmer und
meine Stille hinein. Auf wie lange, steht dahin. Er sprach anfangs von einem
halben Tag nur, aber seine Plne haben sich rasch gendert. Sehr begreiflich. Er
ist eben drben bei den jungen Damen, was Ihnen genug sagt, und gnnt mir durch
diesen seinen Besuch die Mue zu diesen Zeilen an Sie.
    Ja, da ich es Ihnen gestehe, mein lieber Freund, ich bin in Sorgen, in
denselben Sorgen, die mich diesen Winter erfllten und deren uere Veranlassung
Sie so gut kennen wie die tiefere Charakterbegrndung. Und dies letztere wiegt
am schwersten. Er hat es versumt, sich zu rechter Zeit seiner Jahre bewut zu
werden, ist der ewig Jugendliche geblieben, unstet und rastlos, und hat zum
berflu auch noch eine Neigung ausgebildet, gegen all das anzustreben und unter
Umstnden auch anzustrmen, was er Vorurteile des Standes und der Gesellschaft
nennt. In ewiger Fehde hab ich diese seine Rastlosigkeit bekmpft, und doch fhl
ich jetzt, da gerade sie das Korrektiv und der Schutz seines Lebens war, so
sehr, da ich seit kurzem oder doch seit heute vor dem Moment bange, der dieser
seiner Rastlosigkeit ein Ende machen und ihn umgekehrt mit einer pltzlichen
Sehnsucht nach einem Ruhehafen erfllen knnte. Denn er wird auch dabei wieder,
um das mindeste zu sagen, unherkmmlich verfahren und seinem Tun den Stempel des
Aparten und Adoleszenten aufdrcken. Es entspricht das seiner Eitelkeit, von der
ich ihn trotz all seiner Vorzge nicht freisprechen kann. Und alle diese Dinge,
frcht ich, sind nahe, sehr nahe. Der Umstand, da er in dem Momente seiner
Rckkehr nach hier eben das vorfand, was er, als er nach Paris ging, zu fliehen
gedachte, wird nicht ohne Wirkung auf sein Gemt und seine Handlungsweise
bleiben. Denn er ist aberglubisch und glaubt an Zeichen. Er ist jetzt sicher,
da ihm ein solches Zeichen gegeben wurde.
    Schreiben Sie mir, lieber Freund, wie Sie sich persnlich zu dieser Frage
stellen, und seien Sie dabei rckhaltlos offen. Ich habe zu lange gelebt und zu
viel vom Leben gesehen, um mich schlielich nicht in allem zurechtfinden zu
knnen. Es verwundert mich nichts mehr oder nur weniges noch. Zudem geschieht
nur, was geschehen soll, und unerschtterlich bleibt mir der Glaube, da denen,
die Gott liebhat, alle Dinge zum Besten dienen. Vor allem auch die Prfungen.
Ich verharre, lieber Freund, als Ihre herzlich ergebene
                                                                   Judith von G.

Nachschrift. Im Begriff, die vorstehenden Zeilen zu couvertieren, kommt Ihr
Brief, auf den ich mich beeile wenigstens in einer kurzen Nachschrift noch
Antwort zu geben. Ich bin ganz Ihrer Meinung, da fr die total verwaiste
Gemeinde von Amrathskirchen etwas geschehen mu, um so mehr, als unsere
Regierung solcher doch naheliegenden Pflichten sich berhoben glaubt. Es fehlt
ihr niemals an Mitteln, wenn es neue Regimenter oder Uniformen, aber immer an
Mitteln, wenn es eine Kirche gilt. Und doch ist sterreich auf ihr erwachsen.
Felix Austria nube. Gewi; aber jeder andern Vermhlung ging die mit der Kirche
voraus. Ich vertraue, da die Zeiten nahe sind, wo sich die Machthaber dieser
Tatsache wieder erinnern werden. Es ist das Verderben unserer Tage, da wir,
losgelst vom Gttlichen, alles aus unserer Kraft und Weisheit herausgestalten,
alles uns selbst und nicht der ewigen Gnade verdanken wollen. Es gibt keine neue
Weisheit, und der ist der Weiseste, der dies wei und darnach handelt. Ich bitte
Sie, fnfhundert Gulden fr mich zeichnen und meinen Namen an die Spitze der
Liste stellen zu wollen. Mit mehr ffentlich herauszutreten erscheint mir nicht
tunlich, aber es ist mir recht, wenn wir unter der Hand die Summe verdoppeln.
                                                                       J. v. G.

                                Neuntes Kapitel


Phemi war am letzten Tag ihrer nie begonnenen Kur, und zwar unter Zitierung
einer gefhlvollen Stelle, von slau nach Wien zurckgekehrt, aber das Leben auf
der Veranda blieb unverndert dasselbe: der alte Graf erschien tglich, um
seinen Besuch zu machen, und nur die Grfin zeigte sich wieder etwas
zurckhaltender.
    Franziska, sosehr sie von Anfang an und mehr noch bei Wiederaufnahme der
Bekanntschaft zu der liebenswrdigen alten Dame sich hingezogen gefhlt hatte,
nahm nichtsdestoweniger diese Wandlung wie schon die whrend der Wintermonate
leicht und ruhig hin und fand sich darein, ohne der Ursache irgendwie neugierig
nachzuforschen. Es erschien ihr von alter Zeit her als das Vorrecht vornehmer
Leute, launenhaft zu sein und auf Sonne bedeckten Himmel und auf bedeckten
Himmel wieder Sonne folgen zu lassen.
    Dieser Zeitpunkt von wieder Sonne kam denn auch rascher noch als erwartet
und war das Resultat eines Pater Felerschen Briefes, an dessen Schlusse sich
folgende Worte fanden:
    Alles in allem, meine gndigste Grfin, wrde der Eintritt dessen, was
Ihnen als sorgenvolle Mglichkeit vorschwebt, nicht gerade das Schlimmste
bedeuten, und zwar deshalb nicht, weil es Befrchtungen abschlsse, die
bestndig in Sicht zu haben beinahe unerfreulicher und jedenfalls beunruhigender
ist, als sie sich erfllen zu sehen. Es rechnet sich eben besser mit Tatsachen
als mit Mglichkeiten. Auerdem, so mich nicht alles tuscht, ist die Wahl in
mehr als einem Stck gut getroffen und die Seele der jungen Dame von einer
Legierung, aus der eine Glocke werden kann, die klingt.
    Bei der Abhngigkeit, in der die Grfin seit so manchem Tag und Jahr von
ihrem Beichtvater stand, schuf dieser Brief einen beinahe sofortigen
Stimmungsumschlag und stellte Franziska gegenber den Ton freundlichen
Entgegenkommens wieder her, der seitens der alten Dame bis zu dem Eintreffen
Graf Adams geherrscht hatte. Ja, sie war dieser Wandlung insoweit geradezu froh,
als sie sich berhaupt ungleich mehr durch Pflichterwgungen und
Klugheitsrcksichten als durch den Zug ihres Herzens zu Zurckhaltung und Khle
hatte bestimmen lassen. Dabei hing sie, Nchstliegendes berspringend, allerlei
Lieblingsplnen, am meisten aber dem ihr ein besonderes Wohlgefhl schaffenden
Gedanken einer Konversion nach. Und dieses Wohlgefhl steigerte sich noch, als
eine halbe Woche spter Pater Feler selber in slau eintraf, um, wie seine
Sommergewohnheit war, groe Fupartien in die Berge zu machen, aus
Naturschwrmerei, wie die Grfin, aus dem Wunsche, wieder schlanker zu
werden, wie der Graf behauptete.
    Regelmig auf diesen Partien sah sich der Pater von Graf Adam, der selber
noch ein guter Steiger war, begleitet, und whrend sie so halbe Tage lang in
den Bergen umherkletterten, war Franziska drben bei der Grfin und mhte sich,
ihr durch Vorlesen oder Plauderei die Stunden der Einsamkeit zu verkrzen.

Ein solcher Tag war auch heute wieder. Der Lehnstuhl der alten Dame war, als der
Sonnenhall eben zu sinken anfing, auf den Balkon geschoben worden, und von den
Bergen her klang die Vesperglocke.
    Beide horchten hinber und sahen dabei still auf den Glutstreifen, der noch
ber den Tannen hing. Als aber die Glocke eine Weile schwieg, sagte die Grfin:
Ist es nicht schn? All das habt ihr nicht in eurem protestantischen
Nebellande.
    Doch, gndigste Grfin, wir haben es auch. Wir nennen es nur anders.
    Und das wre?
    Wir nennen es die Betglocke luten, und ich habe selber unzhligemal an dem
Glockenseil gezogen. berhaupt mcht ich doch sagen drfen, wir sind nicht voll
so heidnisch, wie die gndigste Grfin glauben. Wir haben auch den Gekreuzigten,
und jede Kirche hat sein Bild, zu dem wir andchtig aufblicken.
    Die Grfin lchelte halb unglubig, aber doch halb auch wie freudig
berrascht und sagte dann: Ich habe mir erzhlen lassen, in euren Kirchen hinge
noch immer der wittenbergische Doktor, den ihr den Reformator und
Wiederhersteller der reinen Lehre nennt, und in mancher Gemeinde ginge man noch
einen Schritt weiter und verehre blo den preuischen Knig. Ich meine den Knig
Friedrich den Zweiten. Und man hat mir sogar gesagt - ich zgere freilich, es
nachzusprechen -, es gbe Bilder, auf denen er wie Gott selber im Himmel se
mit seinen Generalen rund um sich her, und jeder Preue glaube mehr oder weniger
ernsthaft, da sein groer Knig von dort aus regiere blo in der Absicht, sein
Land immer grer zu machen.
    Ja, solche Bilder gibt es, gndigste Grfin, aber doch nicht in unseren
Kirchen. In unseren Kirchen haben wir auer dem Christusbilde, von dem ich schon
sprach, nur Kriegsdenkmnzen und groe schwarze Holztafeln, auf denen mit weier
Schrift die Namen derer stehen, die fr Knig und Vaterland gestorben sind. Und
wenn uns die Predigt oder das oft sehr vielstrophige Lied, das gesungen wird, zu
lange dauert, so lesen wir diese Namen, und es ist dann mitunter ein Glck, da
sie da sind.
    Und keine Jungfrau Maria?
    Franziska lchelte.
    Sie lcheln, mein liebes Frulein, und haben ein Recht, es zu tun. Es ist
wirklich ein groes Unrecht, da wir sowenig voneinander wissen und uns
gegenseitig verurteilen ohne Kenntnis dessen, das wir zum Gegenstand unserer
Herzensfeindschaft machen. Ich habe mitunter ein rechtes Verlangen, aus dieser
Unkenntnis herauszukommen, und Sie, liebe Franziska, sollen mir dazu helfen. Sie
mssen mir alle norddeutschen Sitten und Gebruche schildern, und wenn das
Erzhlte nicht aus der protestantischen Kirche sein kann, nun dann, so lassen
Sie's aus dem protestantischen Leben sein. Aus dem Leben kann ich dann
Rckschlsse ziehen auf den Glauben, weil das Leben ein Kind des Glaubens ist.
Ich denke mir, meine liebe Franziska, wir beginnen am besten gleich, oder Sie
geben mir, wenn nicht mehr, so doch wenigstens einen Vorschmack. Erzhlen Sie
mir von Ihrer Stadt an der Ostsee. War es nicht an der Ostsee?
    Franziska nickte.
    Nun denn, da mu ja die Stelle ganz in der Nhe sein, wo der Knig von
Thule seinen Becher ins Meer geworfen. Ohne die Ballade wt ich nichts davon,
und so hat auch das allerweltlichste Gedicht immer noch sein Gutes. Ich denke
mir Ihre kleine Stadt auf einer Sandbank gelegen und immer in Gefahr, vom Meere
verschlungen zu werden. Ist es so?
    Franziska hatte mit ihrer Antwort auf die verschiedenen Fragen und Wnsche
der Grfin eben begonnen, als Graf Adam und Feler eintraten und nach kurzer
Begrung der Damen ihre Sthle bis ebenfalls an die Balkontr rckten.
    Stren wir?
    Oh, nicht doch, sagte die Grfin. Im Gegenteil, wie gerufen. Unsere liebe
Freundin war eben im Begriff, mir etwas von ihrer nordischen Heimat
vorzuplaudern, einer kleinen Hafen- oder Badestadt an der Ausmndung der Oder.
    Ah, an der Oder, wiederholte Feler. Ein gut katholischer Strom.
    Ja, warf Franziska rasch ein. Aber doch nur zu Beginn, nur in der Enge
des Gebirges. Sobald er ins Freie tritt, wird er protestantisch und immer
protestantischer, je mehr er sich dem freien Meere nhert.
    Um endlich darin unterzugehen, schlo Feler mit brigens verbindlicher
Handbewegung.
    O nur keine Neckereien auf diesem Gebiet, beschwor der Graf. Ich pldiere
fr Schlu dieser Kriegsfhrung und will lieber von dem Ostseestdtchen hren,
darin unsere Freundin das Licht der Welt erblickte. Das interessiert mich mehr.
Ich denk es mir wie Vineta, poetisch, gruselig und ewig gefhrdet. Hab ich
recht?
    Je nach der Jahreszeit, wo Sie den Fu auf unsere Schwelle setzen. Kommen
Sie zur Sommerzeit, so sieht es aus wie dies slau, nur noch bunter und aparter
und eigentlich auch noch hbscher und heiterer.
    Das ist unmglich.
    Oh, Sie sollen selbst entscheiden. Da haben wir zunchst unsern Strom,
dessen breite Wasserflle schon die Nhe des Meeres ahnen lt. Und keine
tausend Schritte vor seiner Mndung, da wchst die Stadt auf und zieht sich
einreihig an einem Pfahlwerk entlang, an dessen steil abfallender Wasserseite
die Schiffe liegen, gro und klein, mit ihren vergoldeten Namen am Spiegel und
einer berlebensgroen, in Holz geschnittenen Figur am Bug. Auf dem breiten Damm
aber, der dem Schlngellaufe des Flusses folgt, bewegen sich Handel und Verkehr
wie unter einem Walde spalierbildender Maste. Denn zu beiden Seiten erheben sich
diese Maste, sowohl auf den Schiffen wie vor den Husern gegenber.
    Und wie sind diese Huser?
    Oft so niedrig, da man die Hand aufs Dach legen kann. Aber immer frisch
geweit. Und auf dem hohen Dache, das meist dreimal hher ist als das
eigentliche Haus, auf diesem Dach erhebt sich ein Giebel und auf dem Giebel eine
Flaggenstange, daran ein langes schmales Band oder auch eine sich bauschende
Flagge weht. Und keine Flagge dieselbe; denn in jedem dieser Huser hat ein
anderes Land seinen Sitz und seinen Schutz, und whrend ber dem einen der
sterreichische Doppeladler flattert, flattert ber dem andern der trkische
Halbmond oder der chinesische Drache. Es gibt nichts Bunteres und Lachenderes
als das Flaggen einer solchen Hafen und Handelsstadt. Und je kleiner, desto
mehr. Denn gerade diese Kleinheit untersttzt den Effekt. berall da, wo hohe
gotische Giebel in ihrem finstern historischen Ernst aufragen, da verschwindet
der heitere Flaggenschmuck in dem umherliegenden Dunkel; in den kleinen und kaum
hundert Jahre alten Stdten aber, die keine Geschichte haben und in ihrer
Kleinheit und Sauberkeit fast aussehen, als wren sie gestern erst aus der
Spielschachtel genommen, in ihnen ist die Flagge die Hauptsache, das flatternde
Band am Hut, das dem Ganzen erst Ansehen und Charakter gibt.
    Und wie geht nun das Leben in solcher Flaggenstadt?
    So heiter wie die Flaggen, die drber wehen. Ach, mir schlgt das Herz,
wenn ich an die Tage zurckdenke, wo wir, Hannah und ich, mit unseren Mappen
unterm Arm von der Schule her den Weg nach Hause machten. Es war immer ein
weiter Weg und ging am Strom entlang, an dem die Schiffe schrg oder auch wohl
mit ihrem Rumpfe nach oben lagen, um sie desto bequemer mit Werg ausstopfen und
die Fugen mit Schiffsteer ausgieen zu knnen. Am Bollwerk hin aber und um
geschwrzte, dreibeinige Grapen herum hockten Arbeiter und alte Matrosen und
unterhielten das Feuer oder rhrten in dem brodelnden Pech, dessen Qualm die
Luft erfllte.
    Htte mir's appetitlicher gewnscht.
    Auch derlei gab es. Denn nicht berall wurde kalfatert, und viele Schiffe
waren da, darauf auer dem Schiffshund nur noch ein Koch und ein Junge die lange
Winterwache hielten. Und auch die hantierten um die Mittagsstunde, nach Art der
anderen, um ein Uferfeuer her. Aber statt des Grapen waren nur zwei Ziegelsteine
da mit einer Bratpfanne darauf, in die jedesmal, wenn wir vorbergingen, eben
Kartoffeln und Speck und groe Zwiebelstcke hineingeschnitten wurden. Und nun
zog der Wrasen davon durch die Luft. Ach, welche Wonne! Vor nichts in meinem
Leben hab ich je wieder mit soviel Begehrlichkeit gestanden, und die beste
Mahlzeit htt ich drum hingegeben, wenn ich mich auf der Stelle bei diesem
primitiven Gerichte htte mit niederhocken und zu Gaste laden knnen.
    Glaub's, lachte der alte Graf. Kommt mir doch bei der bloen Beschreibung
ein kleines Gelst darnach. Aber das ist alles Idyll und Genre; wo bleibt
Vineta? Wo bleibt der Schrecken der Elemente?
    Auch der kam gelegentlich, aber immer erst um die Novemberzeit. Und wir
saen dann, ohne der Gefahr zu gedenken, oder vielleicht auch uns getrstend,
da sie gerade diesmal nicht kommen werde, still um unsern Arbeitstisch her und
berlegten, den Griffel oder die Feder aus der Hand legend, was wir uns wohl zum
Christfest wnschen sollten. Und wenn wir dann einen Scheffel Wnsche
durchberaten hatten, dann hie es: Zu Bett!, und wir nahmen die
Weihnachtsbilder, wie wir sie von frhester Kindheit an kannten, mit in unsern
Traum und sahen die Krippe mit dem Kindlein und den Stern berm Haus. Und auch
Joseph und die Jungfrau Maria.
    Und die Jungfrau Maria, wiederholte die Grfin und lchelte. Aus euren
Kirchen habt ihr sie verbannt, aber an eurem Herde lebt sie fort. Oh, sie stirbt
nicht aus, die Gebenedeite!
    Lassen wir die Jungfrau, sagte der alte Graf, ich drste jetzt nach
Vineta.
    Nun denn also, wir nahmen die Bilder mit in unsern Traum und sahen den
Himmel offen und die Engelscharen herniedersteigen. Aber mit einem Male gab's
einen unheimlichen Sto uns zu Hupten, ein Rtteln und Schtteln begann, und
wir fuhren aus unserem Kinderschlaf in die Hhe und sahen erschreckt und bla
einander an, denn wir wuten nun, da der Nordwester doch gekommen sei, derselbe
gefrchtete Nordwester, von dem wir gehofft hatten, er werde diesmal wenigstens
an uns vorbergehen, und von dem uns die Kindermuhme von Jugend auf erzhlt
hatte: der knn uns wegschwemmen, und eines Tages werd er's auch, denn er sei
der eigentliche Herr hier und wir lebten nur von seiner Gnade, und wenn er
wolle, so wr es mit uns vorbei. Ja, dann beteten wir, aber wir wuten nicht,
was wir sagten, denn wir dachten nicht an Gott und Glauben, sondern blo an
unsere Not und Gefahr, und unsere Seele war nichts als Angst und Aufhorchen auf
den Sturm. Oh, noch jetzt berrieselt's mich, wenn ich an jene Schreckensnchte
denke. Die vom First abgerissenen Hohlsteine klinkerten ber das Dach hin, in
dem Rauchfang ging ein Geheul, alle Lden und Tren klappten oder klapperten,
und wenn dann mit eins eine Pause kam, so war es am schlimmsten und zitterten
wir am meisten, denn dann hrten wir durch das tiefe Schweigen hin das Gebrause
des Meeres drauen, das an die Dnen und Dmme schlug und die groen
eingerammten Steine wie Kiesel aus der Westermole wusch. Am Bollwerk aber, trotz
der Ziegel und Fahnenstangen, die niederstrzten, war alles Geschftigkeit, und
wir sahen durch unsere Giebelfensterscheibe, deren kleine Gardine wir ngstlich
zurckgestreift hatten, wie sie drunten die Schiffe fester an die Pfhle banden,
aber doch zugleich auch die Boote von Bord her ans Ufer brachten, um eine letzte
Rettung zu haben fr den Fall, da es zum Schlimmsten kme. Denn der Nordwester
staute nicht nur den Strom zurck, sondern trieb auch das Flutwasser mit solcher
Gewalt von drauen her in den Strom hinein, da es am Kai hin oft nur noch
zollbreit unter der obersten Balkenlage stand. Und einmal - ich seh es, als ob
es gestern gewesen wre - stieg es drber hinaus, und im Nu war die niedriger
liegende Stadt ein See von einem Punkte zum andern, und in unsern Flur hinein
strzte die Welle. Da schrien wir auf, denn nun erfllte sich unser Schicksal,
und wir muten untergehen, wie Vineta untergegangen war.
    Aber der Herr, der den Winden gebietet...
    Gebot ihnen auch diesmal wieder, und was in der Nacht unser Entsetzen
gewesen war, das war tags darauf unsere Lust und unsere Wonne. Die
flottgemachten Boote fuhren jetzt hin und her: unser Nachbar, der Bcker,
landete mit seinen Wecken und Semmeln, und als es Tag geworden und ein klarer
blauer Himmel ber der Stadt war, waren wir glcklich, uns zu Schiff abholen und
zu Schiff in die Schule fahren zu knnen. Und glcklich wie wir war die ganze
Stadt. ber Tonnen und Bretter hin ging der Verkehr, bis nach abermals einer
Woche die groe Sintflut verlaufen und ein dichter Schnee gefallen war.
    Und unter Schellengelute ging's nun durch die verschneite Stadt hin, ber
deren Schneedchern die Wimpel und Flaggen jetzt wieder flatterten und beinahe
lustiger noch flatterten als um Johannistag und die Sommerzeit.

                                Zehntes Kapitel


An diese Schilderungen hatte sich noch eine ziemlich lebhafte Plauderei zwischen
Feler und Franziska geknpft. Er lie sich aus dem Gesellschaftsleben der
kleinen norddeutschen Stadt erzhlen und tat Fragen ber Fragen. Am meisten
interessierten ihn die Bilder aus dem lutherischen Pfarrhause: der reiche
Kindersegen, das Whistspiel und die Pastoralkonferenzen. Alles begegnete sowohl
von seiner wie von der Grfin Seite der unverkennbarsten Teilnahme, jede Miene
verriet es, und nur Graf Adam, der doch sonst der lauteste Bewunderer solcher
Schilderungen und Gesprche zu sein pflegte, war auffallend still geworden. Er
sann offenbar anderen Fragen und Dingen nach, antwortete zerstreut und spielte
mit der Gardinenquaste, die neben seinem Stuhle herabhing. Er war deshalb auch
einverstanden damit, da man frher aufbrach als gewhnlich, und gefiel sich
weder in Neckerei noch Widerspruch, als Feler um die Ehre bat, Franziska bis an
ihre Wohnung begleiten zu drfen. Ja, er lchelte kaum und zog sich, als beide
gingen, in sein Zimmer zurck, das unmittelbar ber dem Salon seiner Schwester
gelegen war.
    Diese war daran gewhnt, die nervse Lebhaftigkeit ihres Bruders ohne
besondere Veranlassung in ihr Gegenteil umschlagen zu sehen, und verwunderte
sich deshalb erst, als er am nchsten Morgen ohne weitere Grundangabe sein
Ausbleiben beim Frhstck entschuldigen lie. Zugleich hrte sie, da er in
seinem Zimmer auf und ab schritt, wie jemand, der von einer schweren inneren
Unruhe geqult wird. Was mocht es sein? Was war vorgefallen, das ihn htte
verstimmen knnen? Sie sann darber noch nach, als der alte Graf in ihren Salon
eintrat, eleganter gekleidet als gewhnlich und berhaupt in einer Haltung wie
jemand, der zur Audienz erscheint oder einen ernsthaften Vortrag halten will.
    Er ging auf die Schwester zu, begrte sie mit besonderer Artigkeit und nahm
einen Stuhl. Aber er kippte mit demselben nur hin und her, whrend er sich ber
die hohe Lehne desselben vorbeugte.
    Habe mit dir zu sprechen, Judith. Bist du bei Laune?
    Die Grfin war ersichtlich unruhig geworden. Ich glaube, du weit, Adam,
da ich das nicht kenne, was man Laune nennt. Aber vor allen Dingen bitt ich
dich, Platz zu nehmen.
    Nein, nicht Platz nehmen; ich kann dann nicht sprechen; es wird dann alles
wie Staatsaktion. La mich hier stehen oder noch lieber auf und ab gehen; der
Teppich wird ohnehin Sorge dafr tragen, es nicht allzu strend fr dich zu
machen. Und nun ist es wohl das beste, mit der Tr ins Haus zu fallen: ich habe
vor, mich zu verheiraten.
    Judith erschrak heftig, aber sie war doch andererseits auch so vorbereitet
darauf, da es ihr gelang, ihre Ruhe rasch wiederzugewinnen. Und so sagte sie
denn: Warum solltest du nicht? Es war einst der Wunsch meines Lebens.
    Einst, wiederholte der Graf mit einem Anfluge von Bitterkeit oder doch
Ironie.
    Die Grfin aber achtete des ironischen Tones nicht und fuhr ihrerseits
einfach fort: Und wen? Aber wozu frag ich noch!
    Und wie stellst du dich zu meiner Wahl?
    Nun, sie hat Chic.
    Und du Mitrauen?
    Nein. Ich habe sogar eine Vorliebe fr sie.
    Gut. Dann bin ich deiner schlielichen Zustimmung sicher, obschon ich, um
offen zu sein, vom Allerweltsstandpunkt aus mancherlei Schwierigkeiten und
Hindernisse keinen Augenblick verkenne: Geburt und Stand und Konfession.
    Ja, sagte Judith, das trennt euch, Geburt und Stand und Konfession. Aber,
mein lieber Adam, was euch eigentlich trennt, das hast du nicht genannt. Geburt
und Stand, sagtest du. Nun wohl, in kleinen Verhltnissen bedeuten sie viel und
schaffen vielleicht unbersteigliche Schwierigkeiten; aber das Haus Petfy darf
sich freier bewegen, und in dem Augenblicke, wo das Ja gesprochen ist, ist auch
ausgeglichen, was Geburt und Stand vermissen lieen.
    Er war ersichtlich erfreut, sie so sprechen zu hren, und nickte zustimmend.
    Also nicht das, fuhr die Grfin fort. Und auch die Konfessionsfrage
nicht, die Frage nach der Rechtglubigkeit, die mich viel weniger ngstigt, als
du vielleicht glaubst. Ich habe das Vertrauen zu der Macht unserer Kirche, der
Macht meiner Gebete zu geschweigen, da sie den mir wnschenswerten Ausgleich
wenn nicht schaffen mu, so doch schaffen kann. Aber eines kann sie nicht
ausgleichen den Unterschied der Jahre.
    Welches Wunder auch ungefordert bleibt.
    Und doch wre es gut, es vollzge sich. Ich wollte, du wrest weniger blind
oder es schrfte sich doch dein Auge.
    Blind? nahm er jetzt erregt und mit einem Anfluge von berlegenheit das
Wort. Blind. Bin ich es denn? Du verkennst mich bestndig, Judith, indem du
meine Fehler entweder bertreibst oder sie vielleicht auch in aller
Aufrichtigkeit grer siehst, als sie sind. Sieh, ich habe lange den Eitelkeiten
dieser Welt gelebt und dabei vieles nicht gesehen, was ich nicht sehen wollte.
Wer aber sein Auge schliet, ist noch nicht blind. Ich wei genau, was siebenzig
Jahre bedeuten und da sie der Zypresse nher stehen als der Rosenlaube. Der
Sprosser im Fliederbusch hat fr mich ausgeschlagen. Ich wei das. Glaube mir,
Judith. Und weil ich es wei, so bitt ich dich aufrichtig, erspar es mir, mich
in meinen alten Tagen noch auf irgendwelchem Liebesweg oder wohl gar in
Erwartung ausstehender Zrtlichkeiten ertappen zu wollen. La dir sagen, wie's
liegt. Ich habe das Einsamkeitsleben satt und habe vor allem auch die Mittel
satt, die sonst dazu dienen muten, dieser Einsamkeit Herr zu werden. Es ist mir
klargeworden, da man die Leere nicht mit Leerheiten ausfllen oder gar heilen
kann, und so steh ich denn vor einem neuen und nach einer sehr entgegengesetzten
Seite hin liegenden Ausfllversuche. Du hast es gut gehabt und hast unter
Felers Assistenz dein Lebensmanna in der Kirche gefunden, und etwas von
wirklicher Himmelsfreude hat dein irdisch Dasein durchleuchtet. Ich wei wohl
und wei es alles Ernstes, da dergleichen ein Glck ist; aber ich habe nicht
das Talent dafr und mu mich mit etwas Irdischerem und Alltglicherem behelfen.
Jeder sucht das Glck auf seine Weise...
    Und findet es doch nur da, wo es wirklich liegt...
    Ich bitte dich, Judith, nicht das; nichts aus diesem Tone...
Begreiflicherweise liegt es mir sehr fern, dich gerad in diesem Augenblicke
herausfordern zu wollen, denn ich bedarf deiner Untersttzung, aber was du da
fr mich hast und mir hinwirfst, das sind Mnzen, die der Bettler aufsucht,
nicht ich. Es gibt nichts, das mich so nervs machte wie Gemeinpltze, darber,
um ihre Drftigkeit zu verbergen, irgendein Segen mit irgendeinem Aplomb
ausgesprochen wurde. Viel, viel mehr als derartig abstndige Christlichkeiten
bedeuten mir in diesem Augenblick ein paar heidnische Gottheiten dritten Ranges,
kleine Gttinnen, in betreff deren ich nicht einmal wei, ob sie mythologisch
verbrgt und nicht vielleicht blo Geschpfe meiner eigenen Erfindung und
Ernennung sind.
    Und die wren?
    Erst die Gttin der Zerstreuung, dann die der Beschwichtigung und
Einlullung und endlich die der Plauderei. Das wren so drei, die meiner Not am
meisten entsprechen und mir vielleicht aufhelfen wrden. Glaube mir, Judith, ich
sehne mich nach Rast und Ruhe seit Jahren schon, aber jedesmal, wenn ich sie zu
haben vermeinte, summte mir eine Fliege durchs Zimmer und strte mich. Und sieh,
diesen Strenfried meiner Ruhe, der in bestndiger Metamorphose heute diese und
morgen jene Gestalt annimmt, diese bse Fee mcht ich mir durch eine gute Fee
verscheuchen, am liebsten aber wegplaudern lassen. Und das kann niemand besser
als sie. Sie hat den guten Verstand der Norddeutschen und bt die Kunst der
Erzhlung und Causerie wie keine zweite. War es nicht gestern erst, als gingen
wir mit ihr an dem Bollwerk entlang und shen die Giebel und Mastspitzen und die
hereinbrechende Flut! Und dazu welche Stimme! Mein Ohr horcht auf jedes Wort,
das sie spricht, und du mut dir's vorstellen, als htt ich eine bestndige
Sehnsucht nach einer Melodie.
    Die Grfin lchelte. Weit du, wie du sprichst, Adam? Ganz nach Art eines
Prinzen, der einen Vorleser oder, wenn's hoch kommt, einen Cellospieler sucht.
    Und doch such ich weder den einen noch den andern, und der Fehler in deinem
Vergleiche, Judith, ist einfach der, da du den tiefen und geheimnisvollen
Unterschied bersiehst, der in dem Gegensatz der Geschlechter liegt. Auch fr
den noch, der mit Hlfe seiner Jahre mit dem kleinen, pausbackigen Gott und
seinem Gefolge lngst abgeschlossen hat. Ein klug schwatzender Vorleser, den ich
herbeiklingle, wre mir rundheraus ein Greuel, eine Grfin Petfy aber, die mir
ein Romankapitel vorliest oder ein Chopinsches Notturno vorspielt, der k ich
die Hand.
    Und wie glaubst du nun, da sich Franziska zu solchem Antrage stellen
wird?
    Das sollst du von ihr erfahren. Eben deshalb mache ich dich zu meiner
Vertrauten.
    Und wenn sie nun ja sagt, was glaubst du, da daraus wird?
    Mein Glck.
    Erkauft durch das ihre. Denn junges Blut will junges Blut, und was sie dir
bringt, ist ein Opfer.
    Ein Opfer? Wer verlangt das? Ich nicht. Du verkennst mich bestndig, auch
hier wieder, auch wieder in diesem Punkte; denn alles, was dir blo egoistische
Laune dnkt, ist ein Kalkl, der auch das Recht des andern scharf mit in
Berechnung zieht. Opfer! Es soll umgekehrt ein Verhltnis werden, das sich auf
vollkommener Freiheit aufbaut, ein Ehepakt, der statt der
Verklausulierungsparagraphen ein einziges weies Blatt hat. Carte blanche. Ja,
Judith, la mich das Wort wiederholen. Wir sind unter uns und drfen uns
vielleicht um unserer Stellung und unserer Jahre willen gestehen, da wir ber
Alltagsbegriffe, die schlielich doch immer nur Lge verdecken, einigermaen
hinaus sind.
    Judith lchelte.
    Der alte Graf aber bersah es oder nahm es auch wohl als Zustimmung und fuhr
deshalb, immer lebhafter werdend, fort: Ich habe mich zu
Feierlichkeitsbetrachtungen angesichts dieser Dinge nie heraufschrauben knnen.
Es hnge die Welt daran, versichern einige mit Emphase, was mir immer nur ein
Beweis sein wrde, da die Welt an etwas sehr Inferiorem hngt. Rundheraus, all
das sind Erwgungen und Betrachtungen aus der Sphre von Gevatter Schneider und
Handschuhmacher. In der Obersphre der Gesellschaft bestimmt die Politik und
unter Umstnden auch die bloe Lebenspolitik die Heiraten und Bndnisse,
Bndnisse, bei deren Abschlu es noch jederzeit fernegelegen hat, dem Herzen
seine Wege vorschreiben zu wollen.
    Aber doch der Pflicht.
    Nun wohl, der Pflicht. Aber was ist Pflicht? Was wir so kurzweg als Pflicht
bezeichnen, zerfllt wieder in Einzelpflichten, in betreff deren es Sache des
bereinkommens bleibt, welche gelten sollen und welche nicht. Ich habe nicht
vor, auf alle zu verzichten, aber doch auf viele. Wei ich doch, da sie jung
ist. Und sie soll jung sein und Freude haben und jede Stunde genieen. Oder
glaubst du, da ich jemals Lust bezeigen knnte, zu den Traditionen der
eingemauerten Nonne zurckzukehren? Umgekehrt, es wrde mich glcklich machen,
sie von unseren besten Kavalieren umworben und unser altes Schlo Arpa zum
Minnehof  la Wartburg erhoben zu sehen. Ja, Judith, meine Phantasie schwelgt in
solchen Bildern und Vorstellungen. Ich hre schon den Marsch aus dem Tannhuser
und sehe Perczel oder gar den alten Szab sich als Wolfram von Eschenbach vor
ihr verbeugen. Ein heiteres Leben will ich um mich haben, ein Leben voll Kunst,
voll Huldigung und Liebesfreude. Was daneben zu wahren bleibt, das heit
Dekorum. Nichts weiter. Ansto geben oder geben sehen ist mir gleich
unertrglich; mais c'est tout. Diskretion also, Dekorum, Dehors.
    Und mit diesen Vollmachten ausgerstet, soll ich die Frage tun und die
Verhandlungen fhren?
    Ja. Willst du's?
    Ich will es, weil ich es wollen mu und weil mein Widerspruch in deinen
Entschlieungen nichts ndern wrde. Gegenteils. Widerspruch hat dich immer nur
gereizt und dich eigenwilliger gemacht in dem, was du wolltest. Also noch
einmal, ich will. Ich wei auch sehr wohl, es sind solche Verbindungen, wie sie
dir in diesem Augenblick als ein Ideal vorzuschweben scheinen, jederzeit
geschlossen worden; die Kirche verbietet sie nicht. Die Kirche betont nur die
Heiligkeit der Ehe, nicht das Glck der Ehe. Was ich dir also noch zu sagen
habe, kommt nicht aus Prinzip oder Dogma, sondern einzig und allein aus dem
Herzen einer Schwester, die dich liebt. Und als solche rufe ich dir zu: Gehe
nicht diesen Weg, halte vielmehr inne, wenn du noch innehalten kannst. Ich
prophezeie dir...
    Ich glaube nicht an Prophezeiungen.
    Nun denn, so sollen sie dir auch nicht werden, und nur einem Worte noch
ffne dein Ohr und deine Seele. Sieh, du teilst die Pflicht in Pflichten und die
Pflichten selbst wieder in solche, die dir je nach Gefallen unerllich oder
aber auch erllich erscheinen. Und zu den unerllichen rechnest du vor allem
die Diskretion und das Dekorum und die Dehors. Aber das sind vage Begriffe. Wo
ziehst du scharf die Grenze zwischen dem, was statthaft und unstatthaft ist? Was
liegt innerhalb deiner Dehors, und was liegt auerhalb?
    Es war ersichtlich, da er hier unterbrechen wollte. Judith aber nahm seine
Hand und fuhr, immer eindringlicher werdend, fort: Und zu dem einen Worte.
Bruder, noch ein zweites. Du glaubst allerpersnlichst deiner wenigstens sicher
zu sein, sicher in dem, was du Drberstehen und Anschauungsfreiheit und
Vorurteilslosigkeit nennst. Aber auch darin irrst du. Du bist weder deines
Herzens noch deiner Meinungen sicher, und was dir heut ein Nichts bedeutet, kann
dir morgen eine Welt bedeuten. Schwankend ist alles, und fest allein ist Gottes
Gebot. Auch das ungesprochene, das still und stumm in der Natur der Dinge liegt.
Ich beschwre dich, Bruder, berleg es. Es leitet mich nur die Liebe zu dir.
    Und der alte Erziehungshang.
    Ein Wort, aus dem ich sehe, da es zu spt ist und da du's unabnderlich
willst. Und so werd ich denn das Gesprch mit Franziska haben. Aber nicht hier;
erst wenn wir alle wieder in Wien sind.
    Er war es zufrieden, nahm Hut und Stock und verlie das Zimmer, indem er ihr
zerstreut einige Worte des Dankes sagte.
    Sie sah ihm nach und griff in ihrer Angst und Unruhe nach einem
Andachtsbuch, um darin zu lesen. Aber es wollte nicht gelingen.
    In welche Lagen uns doch das Leben fhrt! Ich eine Freiwerberin. Und in
einer Sache, die mich betrbt und erschreckt!

                                 Elftes Kapitel


Eine Woche spter hatte man sich wieder in dem alten Petfyschen Palais
eingerichtet, und schon den Tag darauf empfing der Graf durch Andras, der den
Verkehr zwischen den beiden Flgeln unterhielt, einige Zeilen, in denen ihm
Judith in aller Krze mitteilte, da sie Franziska gesprochen habe. Dieselbe sei
dem Anschein nach nicht allzu sehr berrascht oder doch wenigstens vollkommen
ruhig gewesen und erwarte seinen Besuch.
    Es war elf Uhr, als ihm diese Zeilen zu Hnden kamen, und vor Ablauf einer
Stunde schon war er auf dem Wege nach der Salesinergasse. Das Leben in der
Ringstrae kam ihm heute noch heiterer vor als gewhnlich, und das Haus selbst,
das in mittglichem Sonnenschein dalag, schien ihm, als er von der Innenstadt
her in die Vorstadt einbog, nur Glck und Freude bedeuten zu sollen.
    Oben traf er Hannah, die mit einem Anfluge von Verlegenheit ihn einzutreten
bat. Das Frulein sei zur Probe, msse jedoch sehr bald wieder dasein.
    Das Zimmer, in das er von Hannah gefhrt worden, war dasselbe, in welchem
Franziska nach ihrem ersten Plauderabend bei der Grfin eine Schilderung des
cercle intime versucht hatte. Nichts darin, das im geringsten an ein Boudoir
erinnert htte, vielmehr herrschte statt alles russisch Patchoulihaften, das
sonst wohl den Zimmereinrichtungen junger Schauspielerinnen eigen zu sein
pflegt, eine norddeutsche Schlichtheit und Ordnung und eine beinahe hollndische
Sauberkeit vor. Auf dem Sofatische stand eine Marmorschale mit Weinlaub und
Erdbeeren darin und daneben ein Schmuckstnderchen, das hier wie zufllig oder
vielleicht auch in der Hast einer etwas zu spt beendeten Toilette
stehengeblieben war. Ein Kettenarmband lag auf dem Tische daneben, an dem
Stnderchen selbst aber hing ein einfaches, nur aus zwei Golddrhten
zusammengelegtes Ringelchen, das statt eines Steins nichts als eine Goldplatte
mit einem emaillierten Vergimeinnicht zeigte.
    Der Graf hing eben noch seinen Betrachtungen ber das Ringelchen nach, das
augenscheinlich ein Geschenk aus der Schul- oder Konfirmandenzeit her war, als
Franziska durch eine Seitentr eintrat und ihn, unter Ausdruck ihres Bedauerns
ber eine Versptung auf der Probe, mit leichter Handbewegung aufforderte,
seinen Platz auf dem Fauteuil wieder einzunehmen.
    Er seinerseits hatte sich einige Worte zurechtgelegt, Worte, darin sich der
Graf und der Liebhaber ziemlich genau die Waage hielten. Aber ihr Erscheinen
nderte sofort seinen Entschlu und lie ihn umgekehrt empfinden, da es geraten
sein wrde, das erste Wort ihr zu lassen.
    Auch Franziska schien es von dieser Seite her anzusehen und das erste Wort
als ihr gutes Recht in Anspruch zu nehmen. Sie sagte deshalb, whrend sie sich
auf das Sofa niederlie: Ihr Vertrauen zu meinen Erzhlungsknsten, Graf...
    Er drohte scherzhaft mit dem Finger, aber Franziska lie sich nicht stren
und fuhr in leichtem und beinahe bermtigem Tone fort:
    Ja, Graf, wir Frauen bleiben immer dieselben und wollen schlielich um
unseres Ichs willen adoriert werden. Und nur um unseres Ichs willen. Darin bin
ich wie andere. Statt dessen erscheint Graf Petfy mit einem
allerschmeichelhaftesten Antrage, der aber alles Schmeichelhaften unerachtet
doch schlielich auf nichts anderes hinausluft als darauf, eine
Mrchenerzhlerin, eine Redefrau haben zu wollen, etwa wie Louis Napoleon einen
Redeminister hatte. Werbung um eine Plaudertasche. Vielleicht der einzige Fall
in der Weltgeschichte, die nach dem Mae meiner allerdings vorwiegend aus dem
historischen Lustspiel herstammenden Geschichtskenntnis immer nur das Umgekehrte
zu verzeichnen hatte. Nmlich: mulier taceat...
    ... in ecclesia, lachte der Graf. Und zwar nur in ecclesia. Sie drfen
nicht halb zitieren, Franziska. Gleichviel indes, ich wei nun alles; Sie wrden
anders zu mir sprechen, wenn Sie vorhtten, mir mit einem Nein entgegenzutreten.
Ich bin unendlich glcklich darber, und wenn Sie das Ohr fr die Stimme des
Herzens haben - und Sie haben dies Ohr -, so wird es Ihnen auch gesagt haben,
da ich, um Ihre Worte zu wiederholen, keine Redefrau, keine Plaudertasche will,
die mir Geschichten erzhlt und mich abwechselnd durch Drolerien und Anekdoten
unterhlt. Allerdings will ich unterhalten sein, aber auch das Unterhaltlichste,
das Beste, das Sie mir aus Ihrer Gaben Flle zu bieten imstande sind, wenn ich
es loslste von Ihnen, von Ihrer Person, so wre das Beste das Beste nicht mehr.
Der Zauber Ihrer Rede sind schlielich doch Sie selbst. Und so komme ich denn
noch einmal mit diesen meinen ausgestreckten Hnden und bitte Sie, dem, was mir
vom Leben noch bleibt, einen Inhalt und mit dem Inhalt einen Glanz, ein Glck
und eine Freude geben zu wollen.
    Es schien, da Franziska nach einer Antwort suchte, der alte Graf aber fuhr
fort:
    Ich lese deutlich, was in Ihrer Seele vorgeht. O dieser Selbstling, der im
Grunde nur einen geflligen Ton fr sein Ohr oder ein sich einschmeichelndes
Bild fr sein Auge sucht und doch zugleich einen Lebenseinsatz fordert, ein
Leben und ein Herz. Aber nein, Franziska, kein Herz oder doch nicht das, was die
Welt, die Jugend ein Herz zu nennen beliebt. Ein anderes, das nichts weiter
bedeutet als Sympathie. Meine Wnsche, dessen bin ich gewi, halten sich
innerhalb des Erfllbaren. Worauf bin ich aus? Ich kann keine trben Gesichter
sehen und liebe Licht und Lachen und Esprit und Witz. Das ist alles, und nur
darauf bin ich aus. In meiner Jugend galt ein Champagnerleben als ein Ideal.
Aber auch das ist mir zu schwer. Es gibt eine Luft, unter deren Einatmung die
Freude kommt und heitere Bilder aus der Seele sprieen. Nach der Luft drst ich,
und ich habe sie, wenn ich in Ihrer Nhe bin. Um diese Nhe werb ich, Franziska,
nicht um mehr. Sie sollen frei sein und die Grenzen Ihrer Freiheit selber
ziehen; Ihr feiner Sinn ist mir Brge, da Sie sie richtig ziehen werden.
    Franziska lchelte leise vor sich hin, und eine Verlegenheit, die sie,
whrend sie sich hnlicher Worte der Grfin erinnerte, wenigstens momentan
beschlichen hatte, fiel rasch wieder von ihr ab. Ich glaube, Graf, sagte sie,
mit Geflissentlichkeit einen halb scherzhaften Ton anschlagend, Sie verkennen
mein Geschlecht. Ich sehe Schwierigkeiten, aber ich sehe sie nicht da, wo Sie
sie sehen. Unser Erbteil ist Neugier, nichts weiter, und was sich aus der ewig
beargwohnten Welt der Gefhle mit einmischt, das wiegt nach meiner Erfahrung
nicht allzu schwer. Ich kenne die Skala dieser Gefhle, habe die Mittelgrade
selbst durchmessen und bin ohne rechten Glauben an die Hoch- und Siedegrade der
Leidenschaft. Also nicht das, Graf... Und auch nicht die Kunst. Es gab freilich
einmal eine Zeit, in der ich ehrlich und aufrichtig des Glaubens war, ohne Kunst
nicht leben zu knnen. Aber auch das liegt hinter mir. Um in diesem Glauben zu
verharren, dazu mu man eine Trin oder ein Genie sein. Und ich bin weder das
eine noch das andere.
    Und doch...
    Nein, kein doch; nur einfach ein Gestndnis meiner Furcht. Ich frchte mich
vor dem kleinen Kriege, der meiner harrt, vor dem Neid auf der einen und dem
Hochmut auf der andern Seite, vor den Krnkungen und Nadelstichen, die mir nicht
erspart bleiben werden.
    Und ich meinerseits wte niemand, der sich zu diesen Nadelstichen versucht
fhlen knnte, niemand. Und kmen sie doch, nun so gibt es Mittel, ihnen zu
begegnen. Das mag meine Sorge sein. Frisch auf denn, Franziska, Mut und
Hoffnung! In mein altes Schlo Arpa soll wieder das Leben einziehen, und das
Ungarn der Wirklichkeit soll Sie das Ungarn Ihrer Kinderphantasie, so denk ich,
fr immer vergessen lassen.

                                Zwlftes Kapitel


Als der Graf sich erhoben und in herzlicher Weise verabschiedet hatte, trat
Franziska vom Sofa her ans Fenster. Die frisch eindringende Luft tat ihr wohl,
und sie setzte sich an die Brstung und sah auf das Straentreiben. Aber an
ihrem inneren Auge zogen sehr andere Bilder vorber: ein Schlo und ein See,
Freitreppen und Korridore, Jagdzge, Wald und Steppen und dazu Kavaliere mit
ihren Damen, die flsterten und kicherten. Und ihre Blicke maen sich, und sie
begegnete dem Hochmut, den man fr sie hatte, mit gleich hochmtiger Miene.
    Sie hing solchen Bildern noch nach, als Hannah von der Tr her auf sie
zukam, ihr zutraulich das Haar zurckstrich und dann sagte: So soll es nun also
doch sein.
    Hast du gehorcht?
    Nein. Ich horche nie. Mein Vater selig litt es nicht und sagte, das sei von
den kleinen Snden eine der groen. Was nicht fr einen gesprochen wird, das
darf man auch nicht hren und wissen wollen. Ich sah den Grafen, als er ging,
und las es ihm von der Stirn.
    Und was sagst du?
    Ja, Frnzl, was soll ich sagen?
    Alles, was du denkst.
    Nun, ich denke vielerlei.
    Halte mit nichts zurck. Da du's nicht billigst, das seh ich, und so
kannst du gleich mit dem Warum anfangen. Oder sind der Grnde so viele?
    Ja, viele sind es, Frnzl.
    Offen gestanden, das ist mir lieb; denn viele sind nicht so schlimm wie
einer. Viele bringen sich untereinander um, und was dann brigbleibt, bedeutet
nicht viel. Also nenne sie nur; je mehr, je besser.
    Er ist alt und du bist jung.
    Gut.
    Er ist ungrisch-wienerisch und du bist preuisch-pommerisch.
    Gut.
    Er ist katholisch und du bist protestantisch.
    Gut.
    Er ist ein Graf und du bist eine Schauspielerin.
    Franziska nickte. Wohl, Hannah, alles wahr. Aber zuletzt trifft doch das
zu, was ich dir eben schon gesagt habe. Sage selbst. Er ist gerade Wiener genug,
um den Katholiken, und auch wieder Ungar genug, um den Wiener in Ordnung zu
halten. Und so bleibt denn wirklich nichts brig als ein alter Graf und eine
junge Schauspielerin.
    Und glaubst du, da die gut zueinander passen?
    Ich will es nicht als Regel aufstellen. Aber es gibt Ausnahmen, und unter
den Ausnahmen ist es eine der gewhnlichsten und der zulssigsten. Und erklrt
sich auch. Im allgemeinen, darin hast du ja recht, gehrt zu einem Grafen eine
Grfin; wer wollte das bestreiten? Aber wenn es keine Grfin sein kann, so kommt
nach der Grfin gleich die Schauspielerin, weil sie, dir darf ich das sagen, der
Grfin am nchsten steht. Denn worauf kommt es in der sogenannten Oberschicht
an? Doch immer nur darauf, da man eine Schleppe tragen und einen Handschuh mit
einigem Chic aus- und anziehen kann. Und sieh, das gerade lernen wir aus dem
Grunde. So vieles im Leben ist ohnehin nur Komdienspiel, und wer dies Spiel mit
all seinen groen und kleinen Knsten schon von Metier wegen kennt, der hat
einen Pas vor den anderen voraus und bertrgt es leicht von der Bhne her ins
Leben.
    Ich will es gelten lassen, Frnzl. Aber dann bleibt immer noch alt und
jung.
    Hltst du das fr so schlimm?
    Nein. Oder wenigstens nicht immer. Ich knnt es. Aber man mu seiner sicher
sein.
    Ich glaube meiner sicher zu sein. Und ber diesen Punkt, ber den ich jetzt
soviel hren mu, auch von dir, mu ich dir mal ein ernstes Wort sagen. Aber du
mut auch aufmerksam sein. Denn ich wei wohl, wenn dir etwas nicht pat, so
hast du Wachs in den Ohren und antwortest, ohne gehrt zu haben.
    Sprich nur; ich hre schon.
    Ob ich meiner sicher sei! Ja, liebe Hannah, wer ist schlielich seiner
sicher, ganz sicher? Aber sicher oder nicht, du darfst mir nicht immer mit
Betrachtungen und einer Angst und Sorge kommen, als ob ich sechzehn wre, mit
anderen Worten also, du darfst nicht sprechen, gerade du nicht, als ob ich, wenn
nicht direkt in Passionen steckte, so sie doch jeden Tag zu gewrtigen htte. Du
mut schlielich am besten wissen, wie's steht. Oder mtest es wenigstens
wissen. Ein fr allemal also, ich habe keine groen Passionen, ganz gewi nicht,
und wenn ich sie vor Jahr und Tag vielleicht hatte - vielleicht, sag ich, denn
ich habe nicht Lust und Mut, jedes Bagatellgefhl fr eine groe Passion
auszugeben -, so liegen sie hinter mir.
    Du mut dich nicht so hineinreden, Franziska; das zeigt nur, da ich doch
vielleicht recht habe. Wenn aber auch nicht, denn wer sieht ins Herz, so hab ich
doch in dem einen recht, um das sich's hier berhaupt nur handelt. Es ist etwas
mit dem jung und alt, und dabei bleibt es. Und nun gar in der Ehe.
    Gewi ist es was damit. Aber aus einem ganz andern Grunde, wie du glaubst.
    Und der wre?
    Weil die Jahre, wenn sie doppelt und dreifach auftreten, auch das Ma der
Unfreiheit verdoppeln und verdreifachen, jener Unfreiheit, in die man sich
ohnehin in jeder Ehe begibt. Und da liegt es. Nur da. Frher, als ich noch in
meines Vaters Hause war, hab ich viele Traureden mit angehrt, und immer war es
dasselbe Thema: Begrabt euer eigen Ich. Immer Unterordnung, immer Opfer um des
andern willen. Davor, meine liebe Hannah, erschreck ich. Zu dem Grafen konnt ich
in diesem Sinn nicht sprechen und sprach ihm deshalb von Krnkungen und
Nadelstichen, die meiner vielleicht harren wrden und gewi auch harren werden,
aber der eigentliche Grund ist doch der, den ich dir eben genannt habe, die
Freiheitsfrage. Jetzt beherrsch ich ihn. Ob ich ihn als Grfin auch noch
beherrschen werde, dnkt mir zweifelhaft, ohne da ich deshalb an einen Oger
oder Blaubart denke. Durchaus nicht. Er ist innerlich viel zu fein und vornehm
und nebenher auch viel zu sehr von mir eingenommen, um jemals den launenhaften
Tyrannen zu spielen; er wird mir immer zuliebe leben und meine Wnsche
belauschen und erfllen. Aber je mehr er das tut, je weniger frei werd ich sein
und mich auch meinerseits schicken mssen. Ich wei wohl, da man das soll. Aber
ob ich's auch immer knnen werde? Nimm eine Kleinigkeit. Du weit, ich liebe
Nelken, und htt ich mir nicht eben erst all und jede Passion abgesprochen, so
htt ich nicht bel Lust, mir eine regelrechte Nelkenpassion zuzuschreiben. Und
nun stelle dir vor, da er vielleicht Nelken nicht leiden oder wenigstens den
Geruch davon nicht ertragen kann. Was wrde geschehen? Ich wrde natrlich
sofort auf meine Lieblingsblume verzichten, aber doch zugleich den Wunsch und
das Verlangen darnach nie mehr loswerden. Und so knnt es sich ereignen, da ich
aus Sehnsucht nach einer Blume krank und unglcklich wrde. Lache nicht, solche
Torheiten kommen vor. Alles in allem, ich bin zu lange meinen eigenen Weg
gegangen; Unterordnung und Ehe sind immer schwer, aber sie werden schwerer, wenn
zu der eheherrlichen Autoritt auch noch die der Jahre kommt.
    Und warum willst du's, wenn du so denkst? Warum tust du's?
    Weil unser Herz ein kompliziertes Ding ist, ein Ding mit vielen und oft
widerstreitenden Wnschen, und weil die Freiheit, so hoch ich sie stelle, doch
schlielich nicht alles in der Welt bedeutet. Es gibt eben auch anderes noch,
Dinge, die gelegentlich noch mehr bedeuten oder wenigstens bedeuten knnen.
    Ja, bei gewhnlichen Leuten.
    Auch bei sehr nicht-gewhnlichen. Umgekehrt; je hher hinauf, je mehr hab
ich recht. Oder glaubst du beispielsweise, da es leicht sei, der Freund eines
Prinzen oder Erzherzogs zu sein? Du schttelst den Kopf. Nun gut, also nicht
leicht. Und nun sieh dir den Grafen Pejevics an, den du ja kennst und gern hast
und der mir ganz wundervoll hieher pat, wie gerufen. Wie steht es nun mit dem
Grafen? Er ist ein groer Magnatensohn, einer der Allerreichsten und
Vornehmsten, also natrlich auch der Freiesten, und wenn er auf seine Gter
geht, so kt ihm alles den Rockscho und, wenn er will, auch die Steigbgel.
Und doch ist er hier und spielt den Erzherzogsadjutanten und Galopin. Und warum
das alles? Einfach, weil die Abhngigkeit von einem Erzherzog ihm schlielich
doch noch mehr bedeutet als seine ganze Magnatenfreiheit, Rockscho- und
Steigbgelku mit eingeschlossen. Und hnlich ergeht es mir. Offen gestanden,
ich htt es vor kurzem noch nicht gedacht und mich anders taxiert. Aber tritt
erst mal die Versuchung an uns heran, so merken wir bald, da wir nicht anders
sind als andere; die Weltlust reit uns hin und nicht zum wenigsten der Ehrgeiz.
Ja, der Ehrgeiz ist ein groer Versucher.
    Aber nicht der grte.
    Welcher andere?
    Sag es dir selbst.
    In diesem Augenblick hrten beide, da drauen die Glocke gezogen wurde,
zweimal, aber nicht stark, und Hannah ging, um nachzusehen. Ein Diener gab ohne
weitere Bemerkung ein Bouquet ab, in das eine Karte gesteckt war. Auf der Karte
selbst aber stand: Egon Graf Asperg.
    Franziska wurde rot. Wute der junge Graf schon von dem Geschehenen? Oder
war es ein Spiel des Zufalls?

                              Dreizehntes Kapitel


Die Nachricht von einer stattgehabten Verlobung zwischen dem Grafen und
Franziska machte viel von sich reden; als aber einen Monat spter erst in der
Augustiner- und dann in der protestantischen Kirche der Gumpendorferstrae die
Doppeltrauung stattgefunden hatte, beruhigte man sich um so rascher, als alles,
was von medisanten Bonmots in Kurs gesetzt werden konnte, schon in den Tagen
vorher verausgabt worden war. Unter allen Umstnden kam nichts davon zur
Kenntnis des grflichen Paares, das sich unmittelbar nach der Trauung, nur in
Begleitung von Andras und Josephinen, einem neu engagierten und echt
wienerischen Kammermdchen, zu mehrwchentlichem Aufenthalte nach Oberitalien
begeben hatte. Von dort aus sollte dann die Rckreise direkt nach Schlo Arpa
hin angetreten werden, wohin Hannah in Begleitung einiger anderen Dienerschaften
schon gleich nach der Hochzeit aufgebrochen war. Franziska hatte sich schwer von
ihr getrennt, aber gerade bei der Vertraulichkeit, die zwischen ihnen herrschte,
diese Trennung doch auch wieder als ntig angesehen.
    Der Aufenthalt in Oberitalien begann am Gardasee, woran sich dann ein Besuch
von Venedig schlo, von Venedig, das Franziska noch viel schner fand, als sie
gedacht und getrumt hatte. Nichtsdestoweniger war sie, nachdem sie zehn Tage
lang alles Gefrorene durchgekostet und eine Legion von Erbsendten an die
Markusplatztauben verfttert hatte, am elften Tage froh, den Aufenthalt
abgebrochen zu sehen, und zwar um so mehr, als der Graf willens war, auf der
Rckreise noch Etappen zu machen, vor allem in Verona, das vor lnger als einem
halben Jahrhundert sein Garnisonsort und der Schauplatz seiner ersten Triumphe
gewesen war. Franziska hatte lachend eingewilligt, aber doch nur unter dem
Zugestndnis, da ihr das Haus und Grab der Julia Capulet gezeigt werde, weil
Liebesgeschichten mit tragischem Ausgange nun mal ihre Passion seien. Und nach
diesem Programm war die Rckfahrt auch wirklich angetreten und ausgefhrt
worden, erst in kleinen, oft unterbrochenen Tagereisen, bis man endlich, von
Station Bozen aus den Eilzug bentzend, in zwlfstndiger Fahrt die Sdspitze
des groen Arpasees erreicht hatte. Hier an der Sdspitze lag Nagy-Vasar, ein
Flecken, von dem aus dreimal tglich ein Dampfschiff bis zu dem am Nordufer des
Sees und zugleich zu Fen von Schlo Arpa gelegenen Stdtchen Szegenihaza ging.
    Das Schiff hatte sich eben in Bewegung gesetzt, denn die Abfahrtszeit, zwei
Uhr, war schon vorber; als aber der auf seiner Kommandobrcke stehende Kapitn
des Schiffes des Grafen ansichtig wurde, gab er Contredampf, legte noch einmal
an und empfing respektvoll die Herrschaften. Franziska sah auf der Stelle, wie
beliebt der Graf war und welches Ansehen er bei hoch und niedrig geno.
    Es war ein glhheier Tag, aber das ausgespannte Zeltdach und mehr noch der
Wind, der ging, lieen die Hitze nicht unangenehm empfinden. Am wenigsten
empfand sie Franziska, die nicht mde wurde, die prchtigen Bilder, die der See
bot, in sich aufzunehmen. Wohl war der Gardasee schner gewesen, aber alles
interessierte sie hier mehr, weil sie berufen war, zu dem allem in eine nhere
Beziehung zu treten. Der alte Graf las nicht eigentlich, was in ihrer Seele
vorging, aber er freute sich doch lebhaft ihrer aufrichtigen und ganz
unverkennbaren Teilnahme.
    Nun, glaub ich, hob er an, wird es an der Zeit fr mich sein, den
Cicerone zu machen. Sieh, das da drben ist Szent-Grgey. Und dies hier unten am
Abhang mit den zwei Windmhlen, das ist Mihalifalva.
    Mihalifalva! Wie schn das klingt!
    Und ist doch das Prosaischste von der Welt. Was meinst du wohl, was sich
hinter diesem Mihalifalva verbirgt? Mihalifalva heit Michelsdorf. Alles hier
herum ist falva, sehr natrlich, denn falva heit Dorf. Und damit hast du den
Schlssel, der dir den ganzen poetischen Zauber aufschliet. Das da mit dem
Schindelturm ist Iwanifalva. Wundervoll, denkst du. Nicht wahr? Aber bei Lichte
besehen heit es Hansdorf.
    Unter allerlei Fragen, die Franziska tat, wurde der Graf immer beredter und
begleitete die Namen der umherliegenden Drfer und Stdte bald auch mit
Anekdoten, unter denen einige nicht nur pikant genug, sondern auch ganz darauf
berechnet waren, Franziska die Gesellschaftskreise kennenzulehren, in die sie
nun binnen kurzem eintreten sollte.
    Gegen sechs legte das Dampfschiff an der weit vorgebauten Landungsbrcke von
Szegenihaza an, das Endstation und fr die Nordhlfte des Sees genau dasselbe
wie Nagy-Vasar fr die Sdhlfte war. Etwas landeinwrts erhob sich Schlo Arpa
steil und mchtig und berblickte den See.
    Sieh, sagte der Graf und wies hinauf.
    Andras und Josephine blieben des Gepckes halber zurck, und in einem
leichten Korbwagen, dessen Trittbrett sich nur handhoch ber der Erde befand,
fuhren jetzt Graf und Grfin von der Landungsbrcke her auf das Schlo zu. Die
Sonne stand hinter einem alten, halb abgebrochenen Steinturm, an dem anscheinend
zwei nach auen hin an einem Balken oder einer Welle hngende Glocken gezogen
wurden und sich schattenhaft hin- und herbewegten, whrend ihr immer mchtiger
werdender Klang die Luft erfllte. Der Weg war wie eine Tenne, zu beiden Seiten
stand der Mais bermannshoch, und dazwischen dehnten sich groe Beete mit
Wassermelonen, die durch einen vom Schloberg herabkommenden Bach bewssert
wurden. Im Fluge ging es daran vorber, die kleinen Pferde schttelten ihre
Mhnen, und in das tiefe Gelut der Glocken klang der Ton ihrer Glckchen.
    Aber nun kam die Steigung, und die Pferde fielen wie von selbst aus dem Trab
in den Schritt. Auch das Luten oben wurde schwcher und schwieg endlich ganz,
so da der Graf den Kutscher auf ungrisch fragte, was es sei. Bevor dieser aber
antworten konnte, begann das Luten wieder; es waren indes nicht zwei Glocken
mehr, die gingen, sondern nur eine.
    Franziska ihrerseits hatte bei der Flle von Bildern, die sich ihr boten,
des Zwischenfalles nicht acht. Alle hundert Schritte waren Laubgirlanden
gezogen, an denen die Petfyschen Farben flatterten, und auf einzelnen
Felsvorsprngen standen Mnner und Frauen und schwenkten ihre Tcher und Hte.
So kamen sie bis an das Tor und fuhren unter seinem Wappenstein fort in den
Schlohof ein.
    Der Graf sprang aus dem Wagen, bot Franziska den Arm und fhrte sie von der
Rampe her in die groe dunkle Flurhalle. Hier hatten zahlreiche Dienerschaften
Spalier gebildet und grten und knicksten, whrend Graf und Grfin an ihnen
vorber in den oberen Stock hinaufstiegen, in dem eine Reihe Zimmer fr
Franziska hergerichtet war. Der Graf, wie wenn sie sein Gast gewesen wre,
verneigte sich vor der Entreetr und sagte mit einem ihm sonst uneigenen Ernste:
Gesegnet sei dein Ein- und Ausgang...! Ich schicke dir nun Hannah... Sie hat
sich, seh ich, nicht vordrngen wollen, aber du wirst ihrer bedrfen. Und nach
diesen Worten empfahl er sich und ging in das Erdgescho zurck, wo die von ihm
bewohnten Rume gerade unter den ihrigen lagen.
    In Franziskas Zimmer dmmerte das Licht des scheidenden Tages. Was sie
zunchst sah, war ein Muttergottesbild ber ihrem Schreibtisch. Es gab ihr im
ersten Augenblick einen Schreck, und als Hannah gleich darnach eintrat, ging sie
rasch auf diese zu und umarmte sie.
    Hannah ihrerseits machte sich los, um ihrer Freundin, die sie jetzt verlegen
und doch zugleich auch mit einem Anfluge von Schelmerei ihre liebe Grfin
nannte, die Hand zu kssen. Aber Franziska schlo ihr den Mund und sagte: Was
Grfin! Grfin bin ich vor den Leuten. Hier bin ich deine Franziska. Wie's war,
so bleibt es... Gott, liebe, liebe Hannah, wie du mir gefehlt hast! Jede Stunde.
Sieh, der Graf ist so gut gegen mich, zu gut... Aber erst nimm mir den Mantel ab
und dies noch, und nun gib mir ein Glas Wasser, damit will ich anfangen im
schnen Ungarland. Ich bin so benommen, so verschmachtet... so, das hat mich
erquickt..., verschmachtet von der Hitze, von dem vielen Sehen und der Aufregung
und Fremdheit. Sieh doch nur. Und sie wies auf das Muttergottesbild.
    Ich mut es lassen, Frnzl, und auch den Rosenkranz, den sie dem kleinen
Christus ber den Arm gehngt haben. Aber das groe weie Lilienbouquet, das
drunter stand, das hab ich dem alten Grtner wieder abdisputiert und ihm gesagt,
die Grfin kriege Kopfweh.
    Da hast du recht getan. Und nun geh vorauf und zeige mir die Rume, darin
ich wohnen soll.
    Es waren nur wenige Zimmer. An das Wohnzimmer, darin sich beide zunchst
befanden, schlo sich ein Toiletten- und Schlafzimmer. Dann aber kam ein
Treppchen, nur drei, vier Stufen, das zu Hannahs Gela, einem eingebauten
Alkoven, hinauffhrte.
    Das ist nun also mein neues Heim, sagte Franziska. Weit du, Hannah, es
gefllt mir und gefllt mir auch namentlich um deshalb, weil es nicht grer
ist, als es ist; nicht so endlos. Und nun zeige mir auch, was wir nach der
andern Seite hin haben. Oder sage mir's wenigstens.
    Da haben wir erst den Saal mit dem groen Balkon und hinter dem Saal ein
Billardzimmer und die Bibliothek. Und hinter der Bibliothek die Bildergalerie.
    Hier wurde Hannah durch das Eintreten eines alten und krnklich aussehenden
Dieners unterbrochen, der mit vieler Frmlichkeit meldete, da der Graf die Frau
Grfin erwarte, so's der Frau Grfin genehm sei... Auf der Veranda.
    Wer war der Alte? fragte Franziska.
    Das war Herr Koloman Czagy, des Grafen erster Kammerdiener. Er krnkelt
seit einiger Zeit und war deshalb letzten Winter nicht mit in Wien, sonst htten
wir seine Bekanntschaft schon frher machen mssen. Ja, Herr Koloman ist mit dem
Grafen jung gewesen und gilt fast noch mehr als der Andras.
    Ah, ich versteh. Aber unter allen Umstnden will ich den Grafen, seinen
Herrn, nicht warten lassen! Arrangiere mir nur das Haar ein wenig, es ist so
zerzaust vom Wind, und erzhle mir dabei. Du mut ja whrend dieser drei Wochen
eine ganze Welt von Dingen erlebt haben, und wenn ich dich so stehen sehe,
kommst du mir schon halb ungrisch vor. Bring mir nur ein paar Worte bei, da ich
wenigstens Guten Tag oder Wie geht es Ihnen? sagen kann. Ich will dem Grafen
eine Freude machen. Er ist so dankbar fr Kleinigkeiten.

Der Tee ward auf der Veranda genommen und dabei lebhaft und in heiterem Tone
geplaudert.
    Ich hoffe, da nichts fehlt, sagte der Graf.
    Im Gegenteil, scherzte Franziska. Mehr ist da, als ich erwarten durfte,
selbst eine Muttergottes ber dem Schreibtisch.
    Er lachte.
    Ja, Frnzl, ohne das tun wir's halt nit, und a bissel frs Haus ist auch in
alle Wege gut, wie Riechsalz oder Melissengeist. Ehe man's sich versieht,
braucht man's und fragt nicht lang, ob es aus einer Klosterapotheke stammt oder
aus einer andern. Konfession! Bah, das bedeutet nicht viel. Es gibt so vieles,
was drbersteht und sich unmittelbar an den Menschen wendet, er sei so oder so.
Sieh, ich glaub eigentlich nichts und berla es meiner Schwester-Grfin, mich
aus dem Fegfeuer oder auch noch von woandersher freizubeten, aber unsere
schwache Natur ist doch schlielich immer strker als unser strkster Unglaube,
der au fond blo renommiert und keine Courage hat, das wei ich von mir selbst,
und sowie was auf dem Spiele steht oder auch blo eine Gicht oder ein Zwicken
kommt, so schiel ich nach meinem heiligen Stephan hinber, der ber meinem
Schreibtisch steht, gerad so wie das Muttergottesbild ber dem deinen, und sage:
Nun hut dich und sput dich, Stephanerl, und tu was fr einen Magyar und
ehrlichen Christenmenschen. Und sieh, Frnzl, ich denke mir, so was steckt in
jedem und am End auch in einer kleinen, lieben Ketzerseele.
    So ging das Gesprch, ganz wie der Graf es liebte, pointiert und an Klippen
hin, aber so munter und gut gelaunt es zu sein trachtete, der Ton voller
Unbefangenheit wollte doch nicht aufkommen. Ihn beschftigte die Frage, wie sie
sich in dieser ihr fremden Welt wohl zurechtfinden werde, whrend sie von der
Sorge beherrscht blieb, da eine tiefe Verlegenheit, die sie fhlte, sich doch
vielleicht in ihrem Auge verraten haben mchte.
    Der Abend brach endlich herein, und ein khlerer Luftstrom kam vom See her,
aber es war kein Wind, die Lampe flackerte nicht, und der lang herabhngende
Schleier derselben bewegte sich nur, wenn sich einer der Nachtschmetterlinge
darin verfing. Endlich wurde der Mond ber dem Gebirge sichtbar und stand so
licht und klar da, wie wenn er den Frieden besiegeln wolle, der drunten
ausgebreitet lag. Franziska blickte still und tief aufatmend hinauf, und auch
der Graf schwieg, als er sah, wie das Bild sie berhrte.
    Dann erhob sie sich und bot ihm eine gute Nacht.

Oben fand sie Hannah, die die Fenster geffnet hatte.
    Wonach siehst du?
    Nach dem Giebach, der hier links vom Schloberg kommt. Er sickert jetzt
blo so hin und wartet auf die Regenzeit. Da soll's dann eine Pracht sein.
    Ist aber doch besser so. Der Regen macht immer trb und sperrt alles ein.
Ich bin fr Sonne, Licht und freie Bewegung, nur freilich heute nicht mehr. Es
war doch ein anstrengender Tag, der mich mde gemacht hat. Komm, kleide mich aus
und erzhle mir; ich hab ohnehin noch allerlei Fragen. Sage, spukt es hier?
    Ich habe noch nichts gesehen.
    Das beruhigt mich nicht ganz. An dich knnen sie nicht heran, du bist wie
das leibhaftige Vaterunser. Aber jedes alte Schlo hat nun mal einen Spuk. Ich
wei es aus unserer Gegend, und es wird hier nicht anders sein. Auf jede hundert
Jahre kommt ein Gespenst.
    Aber wie du nur sprichst. Da mten wir hier ja zwei haben.
    Und haben wir gewi auch.
    Ein schwarzes und ein weies, lachte Hannah. Und du willst eine
Protestantin sein und eine Pastorstochter? Nein, das hat mir mein Vater selig
mit dem Stock ausgetrieben. Und ich dank es ihm noch. Das ist so fr Wilde. So
wie hier.
    Wilde? Das darfst du nicht sagen; ich werde dich beim Grafen verklagen. In
Ungarn ist alles gut und hohe Kultur. Aber nun geh, ich werde sehen, was ich
trume. Was man in der ersten Nacht trumt, das bedeutet was.
    Schlafe nur berhaupt, das bedeutet dir das Beste.
    Damit trennten sie sich, und nur die Tren bis zu Hannahs Schlafzimmer hin
sollten offenbleiben. Franziska hrte noch, wie Hannah die Stufen zu dem Alkoven
hinaufstieg; dann wurd es still.
    Aber nicht auf lange. Rechtshin, im Gebirge, mocht es gewittert haben, und
heftige Windste, die jetzt ber den See kamen, umlrmten das Schlo so heftig,
da Franziska trotz aller Mdigkeit davon geweckt wurde. Was sie besonders
erschreckte, war ein Rasseln wie von Eisenstben, und so stand sie denn auf und
trat in den ihrem Wohnzimmer vorgelegenen groen Saal ein, um hier nach der
Ursache zu sehen. Alsbald bemerkte sie, da es ein weit vorgebauter alter Balkon
sei, dessen vom Winde gertteltes Gitterwerk solchen unheimlichen Ton gab. Ihre
Bengstigung schwand jetzt, aber zu noch weiterer Beruhigung ging sie doch bis
zu Hannahs Alkoven und horchte hier auf das Atemholen der fest und ruhig
Schlafenden.
    Ein gutes Gewissen, sagte sie. Warum bang ich mich? Ich war doch sonst
nicht so furchtsam.
    Und sie tappte sich wieder zurck und schlief endlich ein.

                              Vierzehntes Kapitel


Franziska war frh wach, setzte sich an das offene Fenster und sah auf den See
hinaus, den von rechts her hohe Berge, von links her Hgelzge mit Drfern und
Weingrten einfaten. Einer aus der Reihe dieser Hgel aber, der hchste, war
der Schloberg, dessen steiler Abfall ihn, in der Front wenigstens, noch hher
und stattlicher erscheinen lie, als er war. Er bezeichnete genau die Stelle, wo
die Hgellandschaft in das gebirgige Terrain berzugehen anfing. Am Fue wand
sich ein Bach, und Franziska, die gerne sehen wollte, woher er komme, bemerkte,
nachdem sie seinen Lauf auch nach aufwrts hin verfolgt hatte, da es derselbe
von der Schloberghhe herabkommende Giebach sei, nach dem Hannah am Abend
vorher ausgeschaut hatte.
    Sobald sie sich in dem allem zurechtgefunden, wandte sie sich wieder in das
Zimmer zurck, um sich hier allmhlich und muevoll mit dem Raum vertraut zu
machen, darin sie nun leben sollte. Die Mbel waren alt, aber wohlerhalten, und
jedes Stck interessierte sie, zumeist eine Rokokokommode, die mit Schildpatt
und groen goldenen Griffen reich ausgestattet war. ber dieser Kommode befand
sich eine Bcheretagre von Nubaumholz, auf deren oberstem Bord allerlei
Meiner und chinesisches Porzellan stand, links und rechts zwei kleine Pagoden.
Sie setzte dieselben in Bewegung und sah ihrem gravittischen Kopfnicken zu.
Dann aber nahm sie neugierig einige Bnde.
    Was mag man nur frher hier gelesen haben?
    Es waren deutsche, franzsische, namentlich aber englische Bcher in
buntester Reihenfolge. Werthers Leiden und Thomas a Kempis' Nachfolge
Christi standen friedlich nebeneinander; dann kamen die Canterbury Tales in
einer illustrierten Prachtausgabe, zuletzt aber Rousseau, mehrere Bnde. Nichts
war da, was auf einen bestimmten Geschmack hingedeutet htte, nur auf jene
literarisch gebildete Teilnahme, wie sie whrend der zweiten Hlfte des vorigen
Jahrhunderts in der Mode war.
    Um neun Uhr wurde das Frhstck genommen, und Franziska begab sich auf die
Veranda. Der Graf, als er sie kommen sah, warf die Morgenzigarette fort, legte
die Zeitung aus der Hand und erhob sich aus seinem Schaukelstuhl, um die neue
Schloherrin zu begren. Sie trug ein Morgenkleid von weiem Kaschmir und
empfing Schmeicheleien und Huldigungen von seiten des Grafen, der einen
ausgebildeten Sinn fr Toilettendinge hatte. Sie setzte sich ihm gegenber, und
keinen Augenblick im Zweifel, welcher Ton anzuschlagen sei, begann sie von ihrer
ausgestandenen Angst und Unruhe zu berichten.
    Und nun sage mir, Petfy, habt ihr wirklich keine Gespenster?
    Nein, Frnzl, in dem einen Stcke sind wir durchaus modern. Ein paarmal hat
uns der Toldy dergleichen aufreden wollen; aber es kam nicht. Ich vermute, aus
Respekt vor meinen Pistolen.
    Und doch glaub ich an Spuk und dergleichen.
    Ich auch. Aber es mu was vorausgegangen sein, und dies alte Schlo Arpa,
soweit ich seine Geschichte zurckverfolgen kann, ist einfach nur aus Stein und
Mrtel aufgebaut worden und ist nichts dazwischen. Und sieh, wo die Dinge so
schlicht und alltglich liegen, da fehlen die Vorbedingungen fr den Spuk. Ich
mchte sagen, die Petfys haben der Gespensterwelt nicht genug zu Gefallen getan
und sich viel zu sehr als prosaisch ordentliche Leute geriert.
    ... So da ich also behaupten darf, in eine durchaus respektable Familie
gekommen zu sein.
    Darfst du, lachte der Graf. Und wirklich, ein paar Kleinigkeiten, ein
paar sehr lliche Snden abgerechnet, wie Schwester Judith sagen wrde, sind
wir ber das Hausbackenste nicht hinausgekommen. Eigentlich nie. Mein
Urgrovater lie sich anfnglich gut an und entfhrte von Brssel her eine
Comtesse Damremont, aber es hielt nicht lange vor, er heiratete sie gleich nach
der Entfhrung und strich also die Schuld aus seinem Schuldbuche wieder aus.
Darnach kam mein Grovater, der in der Struenseezeit als Gesandter in Kopenhagen
einen Grafen Schimmelmann im Duell ber den Haufen scho. Aber das ist auch
alles.
    Und am End auch gerade genug.
    Vielleicht. Nur nicht genug, um dir oder mir oder irgendwem anders durch
Erscheinung einer Dame blanche die Nachtruhe zu stren. Und nun erlaube mir, dir
von dieser Lachsforelle vorzulegen, eine Delikatesse, neben der selbst die
Felchen im Bodensee verschwinden. Natrlich Spezialitt von Schlo Arpa. Aber
nun Pardon, wenn ich dich schon verlasse; meine Leute graben mir im Park einen
artesischen Brunnen und sind schon, glaub ich, ber den Mittelpunkt der Erde
hinaus. Alles, was Magyar ist, ist eigensinnig und will sein Ziel und Glck
allemal da finden, wo er's zu suchen angefangen hat. Und wenn's eine Handbreit
daneben liegt, so lt er's liegen.
    Was mir, beilufig, gefllt. Man mu das Glck zu zwingen wissen.
    Gewi, aber seine Launen auch zu respektieren verstehen. Und nun au
revoir.
    Auch Franziska erhob sich und ging in ihr Zimmer zurck.
    Oben fand sie Josephinen. Ach, la es heut, Josephine; Hannah soll kommen.
    Josephine knickste verdrossen und einigermaen pikiert darber, sich durch
eine Rivalin verdrngt zu sehen, gleich darnach aber erschien Hannah mit dem
Toilettenmantel und stellte sich hinter den Stuhl ihrer Herrin.
    Weit du, Hannah, mir ist, als htt ich dich fnf Jahre lang nicht gesehen,
und doch ist es, la mich rechnen, erst neunzehn Tage, da wir von Wien nach
Italien abreisten. Ich htte dich so gerne mitgehabt. Und dann dacht ich auch
wieder, es sei besser so.
    Das war es auch.
    Vielleicht. Aber jede Stunde hast du mir gefehlt.
    Und doch soll es in Italien so wunderschn sein und so viel zu sehen, da
man gar nicht wei, wie man damit zu Ende kommt.
    Das ist es ja, Hannah, und eben deshalb ist es am besten, man fngt gar
nicht erst an. Du hast keine Vorstellung, wie md ich immer war. Und dabei mut
ich in einem fort bewundern und alles schn finden und glcklich sein.
    Ja, glcklich sein; warst du's denn nicht?
    Oh, gewi war ich's. Er ist ja so gut gegen mich und berschttet mich mit
Aufmerksamkeiten und Freundlichkeiten. Und auch mit Geschenken. Aber sieh, es
ist ein Unglck, ich hnge nicht an Geschenken; ich finde sie beschwerlich und
langweilig. Und nun denke dir, immer Ketten und Gehnge, daraus man sich nichts
macht, und zehntausend Bilder, die man nicht versteht.
    Zehntausend?
    Oder sage die Hlfte, meinetwegen, aber das macht gar keinen Unterschied.
Einer von den berhmten Malern hat das Paradies gemalt, auf dem tausend Figuren
sind; ich glaube, so viele kommen gar nicht ins Paradies hinein. Der Graf war
auch der Meinung und freute sich, als ich's sagte, denn ich mu es dir
wiederholen, er ist von einer bestndigen Gte gegen mich und findet alles
hbsch und reizend, was ich sage, so da es mich geradezu beschmt. Aber whrend
ich das von dem Paradiese so scherzhaft und zu seiner wirklichen Erheiterung
hinsagte, war er doch zugleich auch ein wenig rgerlich auf mich, und warum?
Weil es wie Kritik klang und er in einem fort immer nur Bewunderung, immer nur
Kunstbewunderung von mir verlangte.
    Du bist doch aber selbst eine Knstlerin.
    Eben weil ich es bin oder es zu sein mir wenigstens einbilde, gerade
deshalb bin ich so sehr gegen berspanntheiten auf diesem Gebiet. Immer nur die,
die von Kunst wenig wissen und verstehen, finden alles himmlisch und gttlich.
Auch der Graf hat mehr Begeisterung als Verstndnis. Erinnere dich nur, genau
genommen, wut er auch vom Theater nicht viel, trotzdem er die Wolter elfmal als
Messaline gesehen hatte. Das sieht wie Studium aus, bedeutet aber wenig oder
nichts. Er kennt eigentlich nur Personen, die ihm gefallen, und solche, die ihm
mifallen. Und das nennt er dann Kunst und Kritik! Und nun gar Bilder... Aber
stelle dich hierher, da ich den Blick auf den See frei habe... Nun, also
Bilder, sagt ich. Ja, was tat er? Er nannte die Namen, und diese Namen gingen
ihm glatt genug ber die Lippen, denn er spricht recht gut Italienisch. Aber das
ist auch alles. Und weil er zufllig viele Jahre lang in Verona gestanden hat,
so sprach er am liebsten.. . Aber kennst du Paul Veronese?
    Gott, Franziska, wir sind doch aus einem gebildeten Lande.
    Nun gut also. Da httest du nun hren sollen, was er mir alles vorschwrmte
von Kolorit und pastos und satten Farben. Ja, du lachst, aber wirklich von
satten Farben. Und das alles, wenn man elend und hungrig ist und kaum noch
stehen kann, denn sie haben nirgends Sthle, blo Bilder und immer wieder
Bilder. Ach, da hie es dann sich zusammennehmen, und mir war oft das Weinen
nahe. Und doch ist er so gut, und ich mu und will ihm zuliebe leben, auch in
kleinen Dingen. Denn an kleinen Dingen hngt ja das Glck und in der Ehe erst
recht. Und ich bin doch nun in der Ehe.
    Versteht sich, bist du.
    Franziska errtete. Dann fate sie sich wieder und sagte: Ja, Hannah, da
hast du mir gefehlt und bei hundert anderen Gelegenheiten. Denn die Josephine
dalberte nur immer, erst mit dem Zimmerkellner und dann mit dem Andras, trotzdem
er noch ein halbes Kind ist und erst sechzehn wird... Aber, o Gott, was schwatz
ich da von Venedig und Josephinen, all das bedeutet ja nichts, und nur das
bedeutet was, wie dir's ergangen ist, dir, meiner lieben Hannah. Denn darin
spiegelt sich mein eigenes Leben und wie mir's in Zukunft ergehen wird. Und nun
sage mir, wie die Leute hier sind. Alles, was du mir gestern erzhlt hast, war
lange nicht genug und nur so notdrftig drber hin. Ich will aber alles wissen,
alles, ob sie freundlich und entgegenkommend sind oder zurckhaltend, offen oder
verschlagen, gewitzt oder aberglubisch, mit einem Wort, gut oder bse.
Verschweige mir nichts. Und nun sprich und stelle sie mir vor, einen nach dem
andern, als ob sie leibhaftig vor mir stnden.
    Also der alte Czagy...
    Franziska nickte.
    Der ist der Erste, daran ist kein Zweifel. Er hat mehr Einflu als alle
anderen zusammengenommen. Aber wichtiger fr dich ist doch eigentlich der kleine
Kaplan.
    Ein Kaplan? Hier im Schlo?
    Nein, unten in der Stadt. In Szegenihaza. Wenn du das Glas nimmst, kannst
du sein Haus sehen.
    Und dann?
    Nun, dann haben wir noch den Toldy, den alten Toldy.
    Oh, den kenn ich. Das ist des Andras Vater.
    Ja. Aber auer dem Andras hat er noch elf andere Kinder. Je mehr Magyar, je
mehr Freiheit, ist einer von seinen Stzen und Glaubensartikeln.
    Also wohl berspannt?
    Ich wei es nicht sicher. Nur das wei ich, er war Honvedfhnrich und hat
einen Hieb ber den Kopf von Anno neunundvierzig her. Es kann also wohl sein.
Ist immer ungrisch rabiat und hat alles, was kaiserlich ist. Aber ehrlich und
kreuzbrav und kann erzhlen und Geige spielen und hat nicht blo den Garten und
das Treibhaus unter sich, sondern auch die Galerie. Da wei er gut Bescheid und
kennt jeden Petfy.
    Gut. Aber als ich gestern hier ankam, hab ich nicht drei, sondern dreiig
gesehen oder doch nicht viel weniger. Ich erschrak ordentlich. Ein paar sahen
aus wie Zigeuner.
    Und sind es auch, und sind eigentlich alle wie Zigeuner oder
Musefallenhndler. Alle schlank und braun und langes Haar und gutmtig und
lachen immer. Aber ich trau keinem nicht. Wutsch, ist ein Lffel weg. Es ist
alles wie in einer Verschwrung.

                              Fnfzehntes Kapitel


Bald darnach war die Toilette beendet, und Franziska, whrend sich Hannah noch
im Zimmer um sie her zu tun machte, nahm auf gut Glck eins der Bcher vom
Bcherbord und setzte sich in das Nischenfenster, um zu lesen. Aber sie war
zerstreut, der Sinn stand ihr nach anderen Dingen, und so legte sie das Buch
wieder beiseite und sagte:
    Es geht nicht, Hannah. Ich mchte lieber etwas sehen, den Park oder den
Garten. Sage, was bedeutet der groe Saal hier nebenan, der jetzt wahrscheinlich
zu seiner eigenen Verwunderung nichts weiter ist als ein Entree zu meinem
Zimmer.
    Das ist der Esaal aus der Trken- oder der Prinz-Eugen-Zeit her, wo der
Neubau des Schlosses eben fertig geworden war. Und Toldy zeigte mir auch die
Stelle, wo Prinz Eugen leibhaftig gesessen hat.
    Oh, das interessiert mich. Prinz Eugen! Komm, das will ich sehen. Du mut
mich berhaupt im Schlosse hier umherfhren und mir alles sagen, was du weit.
Ich habe dann auch Stoff fr den Grafen und kann ihm Konversation machen. Er hat
es so gern. Bis jetzt kenn ich ja nur meine drei Zimmer.
    Unter diesen Worten war Franziska, von Hannah gefolgt, in den groen Saal
eingetreten. Dieser lief durch die ganze Schlotiefe, weshalb er auch zwei
Balkone hatte, von denen der eine weit ber den See hin ins Land hinaussah,
whrend sich der andere mit einem Blick auf den Schlohof begngen mute. Hohe
Glastren fhrten auf beide hinaus. Der Saal selbst war von hellgelbem,
poliertem Stuck, desgleichen der Plafond, an dessen vier Ecken ebensoviel Engel
in den Saal herniederhingen und in die Tuba bliesen.
    Franziska sah hinauf und sagte: Die Wahrheit zu gestehen, Hannah, ich freue
mich, diese vier Engel nicht bestndig ber mir zu haben. Sie blasen den
Petfyschen Ruhm in die Welt hinaus, und das ist gut, aber unter ihnen zu sitzen
ist gefhrlich. Zeige mir lieber, wo Prinz Eugen gesessen hat.
    Ich wei nur, was ich von Toldy wei: der Prinz habe die Balkontr gerade
im Rcken gehabt.
    Welche?
    Die dort, die nach dem Hofe hin.
    Und nun suchten beide die Stelle, wo der Prinz notwendig gesessen haben
msse, lachten, als sie sie gefunden hatten oder doch gefunden zu haben
glaubten, und traten endlich wie zum Lohn fr ihre Mhe durch die Glastr auf
den Balkon hinaus.
    Aber nicht auf lange. Die Vormittagssonne fiel von der Seite her blendend
auf den Schlohof und zwang sie, wieder zurckzutreten, um im Schatten der
Trpfeiler besser sehen zu knnen.
    Ah, das ist schn, sagte Franziska, whrend sie den Hof mit ihrem Lorgnon
musterte. Du hast mir nur von Trkenzeit und von zweihundert Jahren erzhlt,
aber das, was hier drben steht, ist ja viel, viel lter. Und da es so dicht
eingesponnen daliegt, das lieb ich am meisten. Sieh doch nur hier, eine pure
Wildnis. Und dabei wies sie nach rechts hin auf ein niedriges und halb
zerbrckeltes Mauerstck, das in seiner Front von Weinlaub halb berwuchert war,
whrend von der Rckseite her allerlei Holunder- und Ebereschenbume mit ihren
schwarzen und roten Beeren in den inneren Schlohof hineinwuchsen. Und dies
hier, fuhr sie fort, dies hier mit dem niedrigen Rundbogen, das mu die
Kapelle sein, vielleicht nicht mehr im Gebrauch, aber doch in alter Zeit
gewesen, viele hundert Jahre zurck. Versteht sich, da sind ja die zwei Nischen,
wo die Heiligen gestanden haben, und der berhngende Turm. Und sieh nur, da ist
auch das Glockenseil... Ach, Hannah, es bleibt dabei, das waren doch unsere
besten Tage, wie wir noch mit dem Kirchenschlssel in den Turm gingen und an dem
Glockenseil zogen und den Abend einluteten.
    Franziska, whrend sie so sprach, war wieder auf den Balkon hinausgetreten
und schtzte sich jetzt, so gut es ging, mit der Hand gegen die Sonne. Dabei sah
sie nach dem Glockenturm hinauf, der im wesentlichen nichts war als eine vom
Giebel her vorgeschobene Holzwelle mit einem hlzernen Schrgdach darber. Auf
dem Wellbaum aber, ganz wie segelreffende Matrosen auf einer Rahe liegen, lagen
ein paar Arbeiter und zogen ein starkes Tau durch eine der Glockensen, whrend
ein paar andere von Dach und Giebel her ihre Kameraden bei der Hantierung
untersttzten. Und wirklich nicht lange mehr, so sah Franziska, wie sich die
grere Glocke zu senken begann, langsam und allmhlich, bis sie das starke
Bohlenbrett einer mit vier kleinen Pferden bespannten Schleife berhrte, die
mittlerweile von dem Torbogen her unter den Turm gefahren war.
    Alles ging lautlos vonstatten, ohne da irgendeiner der Schlobewohner durch
Neugier herbeigelockt worden wre, vielleicht weil die Sonne so glhendhei auf
den Hof fiel. Endlich aber erkannte Franziska den Kutscher, der sie gestern vom
Dampfschiff her abgeholt hatte.
    Was gibt es? fragte sie hinunter.
    Kaput, Grfin gndigste.
    Gestern?
    Gestern, klang es zurck. Und ehe sie weiter fragen konnte, setzte sich
der Zug auch schon in Bewegung und bog vom Hof her in den Schlngelweg ein, den
man unter dem Portal hin noch eine Strecke weit verfolgen konnte.
    Franziska war bla geworden und zitterte. Hast du's gehrt?
    Was?
    Du fragst noch? Als man zu meinem Einzuge lutete...
    ... hatte die Glocke schon einen Sprung. Das ist es und weiter nichts.
Glaube mir, ich versteh mich auf Glocken, und wenn du durchaus was von Zeichen
und Auslegung haben willst, so sag ich dir, es heit: Alles, was hier nichts
taugt oder einen Sprung hat, das mu jetzt ans Licht und offenbar werden. Ein
neues Leben unter der neuen Grfin! Ja, Frnzl, das heit es.
    Ach, Hannah, das sagst du so, weil du mir ansiehst, da es mir einen Stich
ins Herz gegeben hat, und weil du mich trsten willst. Aber du redest es mir
nicht fort. Es gibt eben Zeichen und Trume.
    Fr die, die daran glauben. Ich habe meinen lutherischen Katechismus und
das Gesangbuch. Und das ist besser als Traumbuch und Aberglauben.

Eine Stunde spter war der Graf zurck und lie fragen, ob die Grfin eine
Spazierfahrt mit ihm machen und darnach die Bildergalerie besichtigen wolle. Der
alte Toldy habe schon Ordre, die Vorhnge zurckzuziehen und fr Luft und Licht
zu sorgen.
    Franziska war froh - an ein Nein war ohnehin nicht zu denken -, und in
halb wiedergewonnener guter Laune bestieg sie gleich darnach den Korbwagen, in
dem sie schon gestern die Fahrt vom Dampfschiff bis zum Schlosse gemacht hatte.
Der Graf fuhr selbst, war sehr aufgerumt und fragte viel und rasch, schwieg
aber beharrlich ber den Zwischenfall, trotzdem die Gertschaften und Taue noch
umherlagen, deren man sich bei dem Herabholen der Glocke bedient hatte.
    Der Park war eine Schpfung aus des Grovaters Tagen her und berdeckte den
halben Schloberg, der nach rckwrts hin ebenso sanft und allmhlich wie nach
vorne hin steil und pltzlich abfiel. Auf der allmhlich abfallenden Seite waren
fnf groe Terrassen angelegt, die zunchst durch Treppenstufen, aber nebenher
auch durch in der Serpentine gebaute Fahrwege miteinander Verbindung hielten.
Innerhalb dieser Wege ging jetzt die Fahrt. Auf der zweiten Terrasse befand sich
die Stelle, wo der artesische Brunnen gegraben wurde, dann kamen gespannte
Teiche mit Hngeweiden, bis endlich eine schon ganz am Fue des Berges gelegene
Htten- und Huserreihe folgte, darin alles wohnte, was man trotz seiner
Zugehrigkeit zu Haus und Herrschaft oben im Schlo nicht haben wollte: Slowaken
und Walachen und der alte Zigeunerknig Hanka, der von hier aus seinen meist auf
der Wanderschaft begriffenen, ziemlich zahlreichen Clan regierte. Zuverlssig
war nur Klaus Ambronn, ein deutscher Schmied aus den Rheinlanden her, der,
soweit es ging, nach dem Rechten sah und das Amt eines Vogts oder Schultheien
verwaltete.
    Der Graf freute sich der Teilnahme, die Franziska sichtlich bewies und die
noch wuchs, als sie wahrnahm, da unter des Schloherrn Passionen auch die
Parkpassion eine Rolle spielte. Geschickt raffte sie zusammen, was ihr von
Sanssouci, Wrlitz und dem Dresdener Groen Garten her noch in Erinnerung war,
und zog allergewagteste Parallelen, die jedoch dadurch eher gewannen als
verloren, indem sie dem Grafen, was er sehr liebte, Gelegenheit zu
Berichtigungen und Erklrungen boten.
    Ausgangs der Htten- und Huserreihe stand eine Gruftkapelle, wenig ber
hundert Jahre alt, durch deren Gitterstbe Franziska die groen Metallsrge
stehen und eine, so schien es, von der Wlbung herunterhngende Lampe mit mattem
Schimmer brennen sah. Sie wollte fragen, was es sei, bezwang sich aber und
schwieg und beglckwnschte sich gleich darnach zu diesem Schweigen, als sie von
der Kapelle her in einen entzckenden Wiesengrund einbogen, darin ein von einem
Nachbarberge herabkommender Bach schumte. Zahlreiche Birkenbrcken fhrten von
einem Ufer aufs andere hinber und herber, und an eben diesem Bache hin ging
jetzt eine halbe Stunde lang die Fahrt, bis der Graf, eine Kurve nach rckwrts
hin beschreibend, einen breiten Platanenweg ereichte, der in seiner Verlngerung
allmhlich wieder auf die Schlohhe hinauffhrte.
    Franziska war sehr glcklich. Namentlich die Wiesengrundpartie hatte sie
wirklich erquickt, und ein leises Unbehagen kam ihr erst wieder, als sie bei der
Rckkehr in den Schlohof des Glockenturms und der offenen Dachstelle darber
ansichtig wurde. Doch es ging rascher vorber, als sie dachte, vielleicht weil
ihr Hannahs Bild wieder in Erinnerung kam. Ja, diese Bibel- und
Gesangbuchleute, sagte sie, sie sind doch beneidenswert und nicht blo besser,
sondern auch klger als wir. Wirklich, es verlohnte sich nicht, eine Stunde zu
leben, wenn ein Menschenlos daran hinge, ob eine Glocke springt oder nicht.

                              Sechzehntes Kapitel


Der alte Toldy, der den Grtner inzwischen abgelegt und den Galeriediener
angezogen hatte, wartete schon auf der Rampe. Mit ihm Andras.
    Alles in Ordnung, Toldy? fragte der Graf.
    Toldy nickte.
    Gut. Aber wir wollen nicht hier hinauf, nicht die groe Treppe; ich will
der Grfin den alten Turm zeigen.
    Unter diesen Worten nahm er Franziskas Arm und fhrte sie, whrend Andras
vorauflief und Toldy folgte, bis an einen alten, an den neueren Schlobau sich
anlehnenden Eck- und Feldsteinturm, in dem eine Wendeltreppe zwei Stock hoch
hinaufstieg. Alles Licht kam durch schmale, nur handbreite Scharten, die von
fnf Schritt zu fnf Schritt das dicke Mauerwerk durchbrachen. An einer dieser
ffnungen hielt der Graf und wies auf die Landschaft, die sich gerade von hier
aus in einer besonderen Schnheit zeigte: weithin sichtbar flimmerte der See,
rechts daneben aber stieg ein hoher und scharf profilierter Felskegel auf, der
der Bischof hie, weil man den Stab und die Bischofsmtze deutlich erkennen zu
knnen glaubte.
    Wieder einige Stufen hher war an Stelle der Scharten eine niedrige, mit dem
Neubau Verbindung haltende Spitzbogentr, und hier stand Andras, um durch eine
tunnelartige Passage hin den Weg zu zeigen. Der Graf bckte sich und reichte von
rckwrts her Franziska die Hand.
    Als diese glcklich aus dem Defilee heraus war, war sie frappiert von der
Anmut des unmittelbar dahinter gelegenen Zimmers, das in diesem Augenblicke nach
der eben passierten Enge beinahe gerumig wirkte, trotzdem es nur ein einziges,
erkerartig vorspringendes Fenster, ein sogenanntes bow-window, hatte. Dies
Zimmer hie das Howardcabinet und enthielt ausschlielich Landschaften, die der
englischen Mutter des Grafen, der schnen Arabella Howard, bei Gelegenheit einer
Erbschaft zugefallen waren. Einige dieser Landschaften waren von Gainsborough,
andere von Everdingen oder doch aus seiner Schule. Franziska, trotz allem, was
sie vor wenig Stunden erst ber Galeriebesuch gesagt und geklagt hatte, hatte
doch Verstndnis fr Bilder und erkannte leicht, da es sich hier um etwas
Besonderes und Hervorragendes handle, was eine sorgliche Musterung nicht nur
verlohne, sondern sogar fordere; der Graf aber verriet augenscheinlich Ungeduld
und wollte weiter, weil er sich auf den Eindruck freute, den der Ahnensaal auf
Franziska machen wrde.
    Diese Freude blieb ihm aber aus, denn im selben Augenblick, wo man unter
Zurckschlagung einer Portire von dem Cabinet her in den Bilder- und Ahnensaal
eingetreten war, erschien auch schon Herr Koloman Czagy mit der Meldung, da
Besuch gekommen sei.
    Wer? fragte der Graf ungehalten und beinahe barsch.
    Oberst Szab mit Baron Perczel und Graf Devaviany.
    Ah, Szab, rekolligierte sich der Graf. Unsere medisanteste Zunge! Die
Herren sind offenbar neugierig, dich kennenzulernen, und warten auf den
Augenblick, um mit ihrer Klatsch- und Lgenpost um unsern See herumfahren zu
knnen. Aber meinetwegen. Komm, la uns abbrechen, Frnzl; ich werde dich
vorstellen.
    Ist es so dein bestimmter Wunsch und Wille?
    Wille? Was Wille! Der deine gilt; du bestimmst.
    Dann zieh ich es vor, hier zu bleiben und die Neugier der drei Herren noch
ein weniges warten zu lassen.
    Einverstanden. Man soll es den Klatschbasen beiderlei Geschlechts nicht
allzu bequem machen. Und nun sieh dich um in der Galerie. Toldy kennt sie besser
als ich.
    Damit ging er, und Franziska blieb mit Toldy zurck. Dieser, sowenig er von
Bildern verstand, war doch in dem einen ein guter und geschulter Galeriediener,
da sich die schwere Kunst, nicht zu stren, all seiner sonstigen
Plauderhaftigkeit zum Trotz angeeignet hatte. Klug hielt er sich zurck, auch
heute wieder, immer abwartend, ob Franziska nach ihm verlangen wrde.
    Diese trat ohne weiteres an eine der Lngswnde heran, an der sich in
stattlicher Reihe die lebensgroen Bilder der Familie Petfy befanden. ber
alles, was noch Rstung und hohe Reiterstiefel trug, ging sie schnell hinweg und
verriet erst Aufmerksamkeit, als sie bei Bildnissen angekommen war, die diesem
Jahrhundert angehrten. Alle hatten Inschriften, entweder unmittelbar auf der
Unterleiste des Goldrahmens oder aber auf kleinen Tfelchen, die, so schien es,
neuerdings erst angehngt worden waren. Eine Rotblondine mit einem Rembrandthut
und einer Strauenfeder darauf fesselte sie ganz besonders. Sie zweifelte keinen
Augenblick, wer es sei, befragte aber doch das Tfelchen und las: Arabella
Howard, geb. 9. Mrz 1785 auf Arundel Castle, Sussex; vermhlt 21. Mrz 1803 mit
Graf Michael Petfy; gest. 11. Februar 1837 auf Schlo Arpa.
    Des Grafen Mutter also, wie sie gedacht hatte. Das Bild schien bereits Jahr
und Tag vor der Verheiratung, trotzdem diese schon mit achtzehn Jahren
stattgefunden hatte, gemalt worden zu sein und lie die Lady jugendlicher als
ihre zwei Tchter erscheinen, unter denen nur die Zge der jngeren an die der
Mutter erinnerten. Eveline Grfin Petfy, geb. 10. November 1816, vermhlt mit
Graf Aribert Asperg 1841, gest. den 13. August 1845 zu Wien. Das Tfelchen trug
einen Flor, und Franziska sagte, whrend sie die beiden letzten Zahlen verglich:
Ein kurzes Glck, wenn es ein Glck war.
    Das letzte Bild, das in der Reihe hing, war das des Grafen, etwa vor zehn
Jahren erst gemalt. Er trug Frack und Ordensstern; das Haar war noch voll, aber
schon beinahe wei.
    Zwischen diesem Bild und dem abschlieenden Eckpfeiler war noch ein Platz
frei. Franziska blickte fest auf die leere Stelle, bis sie sich selbst zu sehen
und das Tfelchen zu lesen glaubte. Franziska Franz, geboren... Und ein banges
Gefhl berkam sie pltzlich, wie wenn sie hier doch nur eine Fremde sei, nur
durch Laune geduldet und zugelassen. Aber dies Gefhl whrte nicht lange. Sie
hatte zuviel von vornehmer Welt gesehen, um sich durch bloe Namen auf lnger
als einen Augenblick imponieren zu lassen. Und so wandte sie sich von den
Ahnenbildern fort und trat an die Lngswand gegenber.
    Hier befanden sich groe Tableaux mit viel Rot und Gelb, ber deren Rot und
Gelb noch mehr Grau schwebte. Schlachtenbilder also. Gleich das erste - die
Tfelchen fehlten hier war unverkennbar ein Bild aus der Zeit der Trkenkriege:
Halbmond und Roschweife fllten das Feld, und in der Mitte sprang eine Festung
in die Luft.
    Zriny, sagte sie lchelnd. Aber mit diesem Zrinybilde, mit dem das
Trkische begann, schlo es auch wieder, und was weiter kam, waren neuere
Schlachten, die nicht weiter zurckgingen als bis Gro-Aspern oder Marengo. Sie
sah flchtig drber hin und sammelte sich erst wieder, als sie bei dem letzten
angekommen war, auf dem sich zwei feindliche Heere gegenberstanden, von denen
das eine, so schien es, eben die Waffen gestreckt hatte. Die Waffen lagen aber
nicht am Boden, sondern waren zu Pyramiden zusammengestellt, an denen bunt und
malerisch Czakos, Sbel und Patrontaschen hingen. Im Vordergrunde blickten
einige der gefangenen Fhrer finster schmerzlich zur Erde, whrend sich auf den
Gesichtern der Soldaten abwechselnd Wut und Verzweiflung spiegelten. Was war es?
Auch hier fehlte das Tfelchen, aber in dem Rahmen selbst war eingeschrieben:
Vilagos, 13. August 1849.

                             Siebenzehntes Kapitel


Diese Kapitulation von Vilagos war augenscheinlich das beste Galeriebild, aber
sich in dem, was Portrt darauf war, zurechtzufinden, wollte Franziska trotz
aller Anstrengung nicht gelingen. Und so sah sie sich schlielich doch
gezwungen, Toldy heranzuwinken. Fr diesen ein langersehnter Moment.
    Ich finde mich nicht zurecht, Toldy, sagte sie. Hier links, soviel erkenn
ich an den grnen Uniformen, ist alles russisch, und das hier seid ihr. Aber ich
kenne niemand. Wer ist der hier, der Graubart?
    Ist Ki; General.
    Tot?
    Tot. Piff, paff! Und er hob beide Arme, wie zum Gewehranschlag.
    Und der hier?
    Ist Nagy Sandor; General.
    Tot?
    Tot. Aber statt der Bewegung des Gewehranschlages machte er jetzt die des
Gehenktwerdens. Und, fuhr er nunmehr, ohne weitere Fragen abzuwarten, in immer
lebhafter werdendem Tempo fort, hier Leiningen, General; tot. Und hier Aulich,
General; tot. Und hier Rdiger, General; aber russischer General. Und hier
Grgey, Hund.
    Das darfst du nicht sagen, Toldy.
    Darf ich sagen, Grfin gndigste. Grgey Verrter, und Verrter... Hund.
Und dabei funkelten ihm die alten Augen, und ein ungrisch unverstndlicher
Redestrom kam von seinen Lippen, dem Franziska nichtsdestoweniger mit Hlfe
zahlreich eingestreuter Namen entnehmen konnte, da vom Grafen Ludwig Batthiany,
ganz besonders aber von den Galgenexekutionen vor Arad die Rede war.
    Als er endlich schwieg, dankte sie dem Alten, ohne seinen Ha gegen
sterreich und Grgey noch irgendwie weiter rektifizieren zu wollen, und verlie
den Bildersaal, um unter Vermeidung der Wendeltreppe durch das Billardzimmer in
ihre Wohnrume zurckzukehren.

Als sie diese betrat, heimelte sie das beraus Behagliche darin an, aber die
Fahrt und mehr noch die Galerie hatten sie mde gemacht, und so streckte sie
sich auf eine dem Fenster gegenberstehende Chaiselongue und schlief ein.
    Als sie wieder erwachte, stand Hannah in der Tr.
    Ich wollte dich nicht stren, denn du brauchst Schlaf; aber der Graf
schickt eben schon zum zweiten Male: die Herren wrden zu Tische bleiben. Er
erwartet dich also.
    Franziska fhlte sich wenig angenehm von dieser Meldung berhrt und erschrak
fast. Es war ihr nicht zu Sinn, eine Konversation mit ungrischen Edelleuten zu
fhren, mit Kavalieren, deren Ton und Ausdrucksweise sie von ihren Wiener Tagen
her nur zu gut kannte. Mit wachem Auge weiterzutrumen wre ihr das ungleich
Liebere gewesen. Es galt aber, sich dieser Stimmung so rasch wie mglich zu
entreien, und so setzte sie sich an den Spiegel, um ihrer Toilette den Abschlu
zu geben.
    Gib mir noch das venezianische Collier, Hannah; ich glaube, der Graf freut
sich, wenn ich es trage. So. Und nun noch den Fcher. Ach, Hannah, ich wollte,
ich s erst wieder an diesem Tisch hier und htte nichts um mich und nichts
ber mir als die Muttergottes und den kleinen Christus, der mir den Rosenkranz
entgegenhlt. Ich wollt ihn lieber zwlfmal abbeten als von Oberst Szab zwlf
Artigkeiten hren. Ich empfinde doch nur Gne dabei.
    Sei nur erst im Feuer, so kommt dir der Mut. Es ist gerade wie beim
Theater.
    Ja, du hast recht, ganz so. Sie sind auch wirklich nur gekommen, mich als
Grfin auftreten zu sehen. Und haben nebenher noch das Vergngen, selbst
mitspielen zu drfen.

Vorstellung und Begegnung waren ganz so verlaufen, wie Hannah prophezeit hatte.
Nach berwindung einer ersten Scheu war Franziska gesprchig geworden, und bei
Schlu der Tafel stand es auer Frage, da man sich gegenseitig gefallen hatte.
Nur eines war ihr unbequem gewesen: ein gewisses berma von Zurckhaltung und
Respektsbezeugung, das augenscheinlich vorher verabredet worden war. Aber sie
war andererseits zu klug und zu billig denkend, um nicht den Unmut darber
verhltnismig leicht zu verwinden. Die goldene Mitte zu halten ist unter
allen Umstnden schwer, und die vornehme Welt kann es am wenigsten. Es dnkt ihr
das bequemste, sich in Extremen zu bewegen.
    Der Kaffee war nicht auf der Veranda, sondern auf der obersten Parkterrasse
genommen worden, von der aus sich das Landschaftsbild weniger groartig als in
der Front, aber dafr auch um so lieblicher prsentierte. Das, was voll
knstlerischen Sinnes von seiten des Grafen an dieser Stelle geschehen war,
steigerte nur diesen Eindruck, und so konnte es denn kaum ausbleiben, da
Huldigungen ber Huldigungen gegen ihn laut wurden, am meisten im Hinblick auf
den Teich und die Trauerweiden, ber die mehrere hohe, dunkle Zypressen von der
untern Terrasse her hinwegragten. In der Tat, es war ein entzckendes Bild und
der Abend ohne Luftzug und ohne Schwle. Nur dann und wann kam von den
Rosenbeeten her ein leiser Hauch herber.

Es war kurz vor Sonnenuntergang, als die drei Herren aufbrachen. Ihr Wagen
verfolgte von Terrasse zu Terrasse denselben Schlngelweg, den Graf und Grfin
auf ihrer Vormittagsfahrt innegehalten hatten, und beide sahen jetzt dem im
schnellsten Trabe dahinjagenden Gefhrte nach, bis es die letzte Biegung bei der
Gruftkapelle gemacht und sich in dem Wiesengrunde, darin es bereits dunkelte,
verloren hatte. Aber noch in dem Dunkel verfolgten sie die Spur.
    Als Franziska nach einer Weile wieder Platz genommen, nahm der Graf ihre
Hand und sagte:
    Du hast dich tapfer gehalten, Frnzl, und auf den alten Szab kannst du nun
rechnen. Devaviany bedeutet nicht viel, er ist von alter Zeit her ein Narr und
denkt an nichts als an seine Handschuhe. Sahst du wohl, wie kokett er sie strich
und streichelte? Bleibt also nur noch Perczel. Und der ist bon garon. Szab
allein gilt; er hat den Ruf und Ruhm, den alle Sptter haben, nicht vor Gott,
aber doch in der Gesellschaft und zumal in der unsrigen. Und weil ich nun mal
von der Gesellschaft spreche, so la mich auch gleich von unserem Leben
sprechen, das halt kein Leben sein kann wie bei Vfour oder Vry. Soviel steht
leider fest. Es hilft aber nichts, Frnzl, und auf ein bichen Einsamkeit und
Langeweile wirst du dich schon gefat machen mssen. Ich kann's nicht aus der
Welt schaffen.
    Und sollst du auch nicht, Petfy. Es ist mir so recht, wie's ist. Da ich
dir's nur gestehe, mich erquickt diese Stille geradezu.
    Gewi, solange dir noch der Lrm der groen Stadt im Ohre klingt. Aber ist
der erst mal verklungen, ganz verklungen, so verlangst du auch wieder darnach.
Gib acht, ich wei das. Und so hab ich mir's denn berlegt, wie wir's machen
wollen, um die groe Leere nicht aufkommen zu lassen oder sie doch wenigstens
hinauszuschieben. Denn zuletzt kommt sie doch. Und nun hre. Mit unserem Schlo
hier bist du so gut wie fertig, und wenn nicht heute, so doch morgen. Man kann
eben nicht immer auf den See sehen, so schn er ist, und auer dieser Terrasse,
die dir den Blick in den Park und die niedergehende Sonne gnnt - sieh nur, wie
sie da zwischen den Zypressen hngt -, hast du nichts hier als den alten Turm
und die Bibliothek und die Bildergalerie. Vielleicht noch das Billard. Spielst
du?
    Nein.
    Also Beweis mehr, wie ntig uns ein Programm ist.
    So gib es.
    Ich denke mir also, wir haben ein gemeinschaftliches Frhstck ein fr
allemal, und du plauderst mir dabei vor, was du die Stunden vorher getrumt
hast. Gute Trume kommen einem Sensationskapitel am nchsten; brigens brauchen
sie nicht wahr zu sein, nur hbsch und unterhaltlich. Und dann entla ich dich
in Gnaden, und du bist frei bis zu Tisch. Aber so leicht das klingt, so schwer
wiegt es, denn es ist eine lange, lange Zeit, und unser Besuch heute hat uns nur
zufllig mit einer Ausnahme debtieren lassen. Also frei bis zu Tisch, bis
sechs. Dann speisen wir, und gleich darnach beginnt unser eigentlicher Tag oder,
sag ich lieber, der meinige. Nach Tisch haben wir dann noch eine Fahrt etwa wie
heute frh, und unterwegs erzhlst du mir dies und das und gibst mir eine
Quintessenz aus der Plauderecke der Zeitung.
    Auch vom Theater?
    Ei, gewi. Das ist ja gerade das Beste, Frnzl, das ist die Hauptsach. Es
war mir schon recht heute, da der Geck von Devaviany meiner lieben kleinen
Grfin die Ehre gegnnt und ber seine neuesten Coulissenconnaissancen - denn er
wechselt jede dritte Woche - geschwiegen hat, aber wenn wir unter uns sind,
Frnzl, und in dem Korbwgelchen ber die Wiese fliegen, ei, dann will ich auch
hren, was mir Spa macht, von dem Speidel und dem Spitzer und dem Herrn von
Dingelstedt und dem Herrn von Laube. Versteht sich. Und will auch hren, ob uns
der Strakosch wieder ein neu Genie prpariert oder ob uns der Herr von Wilbrandt
eine neue rmische Kaiserin appetitlich zurechtmacht. Ja, Frnzl, davon will ich
hren. Und dann nehmen wir unsern Tee, wr's auch nur, weil ich die kleine blaue
Flamme so gerne seh, viel lieber als die bei Schwester Judith, und nach dem Tee,
nun, da spielen wir ein Schach oder noch lieber ein Piquet. Aber du darfst nicht
betrgen und nicht vierzehn Buben ansagen, wenn du sie nicht hast. Und wenn dann
Vollmond ist oder auch nur die Sichel ber der Terrasse steht, dann la ich den
Hanka kommen und den Toldy - denn wenn wir sie beide haben, dann berbieten sie
sich und will jeder der Erste sein -, und dann haben wir einen Czardas und sehen
zu, wie sich das junge Volk im Kreise dreht.
    Und ich tanze mit
    Tanzt Grfin mit, lachte der Graf. O gewi, das pat. Und der Andras wei
sich zu schicken. Ist Magyar.
    Und bei solchem Leben, Petfy, willst du mir noch von Einsamkeit und
Langeweile sprechen? Das ist ja wie aus dem Mrchen.
    Ja, Frnzl, wie aus dem Mrchen. Freilich. Aber ein Mrchenleben ist kein
Leben. Es fehlt was darin.
    Und das wre?
    Die Menschen.
    Ich entbehre sie nicht.
    Jetzt nicht, heute nicht. Aber es wechselt alles. Und ein Tag ist kurz und
ein Tag ist lang.

                              Achtzehntes Kapitel


Der andere Morgen sah beide wieder auf der Veranda.
    Nun, Frnzl, immer im Programm. Paragraph eins: wie hast du geschlafen?
Paragraph zwei: was hast du getrumt?
    Es war leider etwas wirr. Ich sah Szab, den alten Obersten, in einer
Gesellschaft schner Damen, die sogleich neugierig einen Kreis um ihn schlossen.
Und dabei sagte mir eine Stimme, da von mir gesprochen werden wrde, weshalb
ich in eine Fensternische trat, um besser horchen zu knnen, was unschicklich
ist, aber in drei Vierteln aller Lustspiele wird gehorcht, und so mut du mir's
verzeihen, wenn ich von der lieben alten Gewohnheit nicht gleich lassen kann.
Wenigstens im Traume nicht.
    Und sollst auch nicht. Bleibe, wie du bist. Aber weiter, weiter. Du
horchtest also.
    Ja, wenigstens eine Weile. Sehr bald indes schlich ich mich wieder nher
und sah nun, da aus dem Kreise schner Frauen ein Kreis alter Militrs geworden
war, alle mit dicken goldenen Epauletten, und nur Szab schien unverndert. Als
ich aber schrfer zusah, war es Szab nicht mehr, sondern Grgey.
    Du hast das Bild in der Galerie gesehen, und so kam es in deinen Traum.
Oder ist alles blo Dichtung?
    
    Dichtung und Wahrheit. Ich hab es mir etwas zurechtgemacht, um eine Brcke
zu finden.
    Eine Brcke? Wohin? Wozu?
    Zu Fragen, die wie politische Fragen aussehen und doch schlielich keine
sind, sondern nur allerpersnlichste Fragen und Lebensfragen dazu.
    Da bin ich doch neugierig. Also.
    Nun, sich, ich habe dich fr wienerisch und gut kaiserlich gehalten und
sehe pltzlich, seit ich hier bin, da es doch sehr anders mit dir liegt. Ich
atme hier nicht blo ungrische Luft, sondern bin auch sonst noch in einer
ungrischen Atmosphre. Darber mut du mich aufklren und mich einweihen in die
letzten und besten Interessen deines Herzens. Und da ich eine Fremde bin,
erleichtert es dir und mir. Ich bin eben als Fremde nicht sterreichisch und
nicht habsburgisch, und wenn es sich darum handelt, ungrisch zu sein oder
ungrisch zu werden, so liegt nichts in mir, was mich daran hinderte. Nimm mich
also als das vielzitierte weie Blatt, auf das, wenigstens politisch, noch eine
ganze Welt von Weisheit geschrieben werden kann. Allen Ernstes, ich proponiere,
da wir auch die Politik auf unser Programm setzen und da ich, was dasselbe
sagen will, in meinem tglichen Zeitungsrapport nicht gebunden bin, bei der
Schratt oder der Frank ein fr allemal stehenzubleiben. Ich kenne dich zu gut,
als da ich glauben sollte, du hieltest Theaterdinge fr Weltbegebenheiten. Es
ttet dir nur ein paar mige Stunden weg, und Grfin Judith tuscht sich, wenn
sie glaubt, da das wirklich dein Leben und deine Welt sei. Hab ich unrecht? Und
ist es zudringlich, wenn ich darber ein Wort zu hren wnsche?
    Nein, Frnzl, ist nicht zudringlich. Und bist auch viel zu klug, um es zu
sein. Ich freue mich, da du fragst, und beinahe mehr noch, dir unumwunden
antworten zu knnen. Aber womit beginn ich? Gleichviel! In dem, was du hier
gesehen hast, hast du richtig gesehen; es ist alles gut ungrisch, und mein altes
Herz empfindet es als ein Glck und eine Gnade, da es so sein darf und da
alles gekommen ist, wie's kam. Es htt eben auch anders kommen knnen, und dann
wei ich nicht, was aus mir geworden wre. Jedenfalls kein Glcklicher, der ich
jetzt bin, und jetzt mehr denn je.
    Bei diesen Worten nahm er Franziskas Hand und fuhr dann fort, whrend er sie
mit besonderer Freundlichkeit anblickte: Sieh, Frnzl, meine Jugend und meine
besten Mannesjahre fallen noch in eine Zeit, darin es Fragen wie diese gar nicht
gab. Unser altes sterreich war so bunt, wie's auch heute noch ist, aber die
Farben vertrugen sich untereinander. Ein jeder hing mit Leib und Leben am
Kaiserhaus, und weil das Kaiserhaus gut wienerisch war und wir alle mit, so
wunderte sich keiner darber, da die ganze bunte Landkarte von Wien aus regiert
wurde. Das war so Herkommen, immer so gewesen. Und nun vollends in der Armee; da
htt ich den sehen wollen, der mir etwas gegen deinen Namensvetter, den Franzl,
oder auch nur gegen das Ferdinandl gesagt htt, obwohlen das Ferdinandl ein
schwaches Mandl war. Aber ich verliere mich.
    O nein, nein. Nur weiter. Ich hre.
    Nun also, so war's, und es htt auch ohne Schaden so bleiben knnen,
wenigstens fr mich, der ich kein Politiker war und auch eigentlich bis diese
Stunde nicht bin. Aber eines Tages, wie der Frhling kommt, so sagen die einen,
oder wie der Dieb in der Nacht kommt, so sagen die anderen, eines Tages waren
andere Zeiten angebrochen, und das Feuer, das wir bis dahin, wenn's irgendwo mal
brannte, mit unseren Militrstiefeln leicht ausgetreten hatten, das brannte
jetzt durch ganz sterreich hin, am meisten aber hier, und ehe du drei
Vaterunser beten kannst, war unser Ungarland wie verkehrt oder meinetwegen auch
wie verhext, und auf jeder Fahne stand und flatterte: Lieber ungrisch sterben
als kaiserlich verderben. Auf jeder Fahne stand es, sag ich, und in jedem Herzen
dazu. Ja, Frnzl, wir hatten eine Revolution, und Revolutionszeit ist schwere
Zeit, und mehr als einer ist an ihr zugrunde gegangen. La dir's von Toldy, der
mit dabei war, erzhlen, wie sie die Sieben am Festungstore von Arad gehngt
haben, gehngt um was? Blo weil sie's Ungarland mehr geliebt als den Eid, den
sie dem Kaiser geschworen.
    Und du, Petfy?
    Nun, ich, ich tat das, was sonst immer als das Schlechteste gilt und meist
auch ist, ich whlte nicht links und nicht rechts. Aber diesmal war es doch das
Beste. Mut es auch sein. Denn sieh, Frnzl, wenn einer ein richtiges Herz hat
und tut dann das, was das Herz ihm sagt, das ist immer das Richtige, komme, was
mag. Und so trat ich denn vor ihn hin, vor meinen Kaiser und Herrn, der
dazumalen nicht in Wien, sondern auf Schlo Innsbruck war, und bat ihn um meine
gndigste Demission. Ich habe, so sagt ich ihm, eh ich Eurer Majestt schwur,
Ungarn geschworen; das ist der ewige Blutschwur, den jeder seinem Lande schwrt,
dem Stck Erde, darauf er geboren. Hier mein Degen! Ich hab ihn fr Osterreich
gefhrt, und ich kann und will ihn nicht gegen sterreich fhren. Aber auch
nicht im Kriege gegen mein Land und seine Fahnen. Und nun verurteilen mich Eure
Majestt, wenn es so sein mu. Eine Wolke lag da wohl auf seiner Stirn, aber er
gab mir doch den Degen zurck und entlie mich in Gnaden, und was nebenher
Ungnade war und blieb, das diktierte die Politik, aber nicht sein edles Herz.
Ich ging ins Ausland, in alle Welt. Und nun kennst du den alten Petfy, der
aller Zeiten Wandlungen unerachtet geblieben ist, was er war: gut kaiserlich und
gut wienerisch, aber freilich auch gut ungrisch. Und wenn es zum letzten geht,
gut ungrisch ber alles. Bist du zufrieden?
    Zufrieden und dankbar. Ich kenne nun die Richtung, in der ich zu gehen, und
den Ton, den ich anzuschlagen habe. Von berzeugungen, soviel bleibt, soll man
nicht lassen, aber wo sie fehlen und fehlen drfen, da soll man sich den
berzeugungen anderer anbequemen. Ich glaube, das ist Pflicht berhaupt und die
meinige noch im besonderen, denn darin tuschst du dich, Petfy, die bloe
Causerie reicht nicht aus fr unser Leben, ebensowenig wie das beste Feuilleton
fr eine Zeitung ausreicht; es mu noch etwas Ernsthaftes hinzukommen, sonst
wird das Scherzhafte bald schal und abstndig. Ich beginne morgen Ungrisch, und
sind wir im nchsten Sommer wieder hier, so lese ich dir den Pesti Hirlap in der
Ursprache vor oder wohl gar Jokais neuesten Roman.
    Im nchsten Sommer, wiederholte Petfy. Wer wei, was dann ist. In meinen
Jahren hat man gelernt, nach Tagen zu rechnen, und nimmt den Tag, als ob er das
Leben wre.
    Beide schwiegen. Ein leiser Zugwind ging und hob ein paar welke Bltter in
die Luft, von denen eines auf Petfys Hand niederfiel. Er nahm es und sagte:
Sieh die Besttigung. Es wird Herbst.
    Aber nicht Winter. Und von Herbst bis Winter ist eine lange Zeit.

                              Neunzehntes Kapitel


Es waren Wochen vergangen, und das Leben auf Schlo Arpa gestaltete sich ganz
nach Wunsch. Franziska hatte wirklich mit ungrischen Studien begonnen, und
tagtglich kam der kleine, den Unterricht leitende Geistliche von Szegenihaza
herauf. Es war ein rundes und behagliches Mnnlein und verriet den frheren
Klostermnch unter anderem auch darin, da er einem immer fr ihn
bereitstehenden Frhstcke sowohl vor wie nach dem Unterricht lebhaft und
geruschvoll zusprach, bei welcher Gelegenheit er die Fragen seiner Kirche
heiter und humoristisch, aber doch zugleich auch mit vielem Takt, und ohne
seiner Stellung etwas zu vergehen, zu behandeln wute. Franziska zog oft
Parallelen zwischen diesem Ton und dem, der ihr noch aus dem elterlichen Hause
her erinnerlich war, ein Ton, der trotz etwas persnlich Freiem im Auftreten
ihres Vaters in Gegenwart von Amtsbrdern immer etwas schwerfllig
Wichtigtuerisches und, was das schlimmste war, auch etwas Salbungsvolles gehabt
hatte.
    Neben dem kleinen Geistlichen war es besonders der alte Toldy, zu dem sie
sich mehr und mehr hingezogen fhlte. Beinahe tglich besuchte sie sein kleines,
hinter einer Weinlaube verstecktes Wohnhaus, die Grtnerei, darin seit einem
Jahre die Mutter fehlte, kmmerte sich um die jngeren Kinder und half dem
Hauswesen auf, das etwas im argen lag. Traf sie den Alten selbst, so wurde sie
nicht mde, sich aus seiner Honvedzeit und von den Heldenkmpfen des Jahres 1849
erzhlen zu lassen und dabei ruhig hinzunehmen, da jede dieser Erzhlungen mit
einer Flut ungrischer Verwnschungen endigte. Nur einmal unterbrach sie diesen
Redestrom, um ihm wie damals in der Bildergalerie begreiflich zu machen, in
Ungarn wren sie Patrioten, in Wien aber Verrter gewesen und auf Verrterei
stnde der Tod berall in der Welt - Auseinandersetzungen, die fr ihn natrlich
ohne Beweiskraft und durchaus in den Wind gesprochen waren. Ungar liebt
Vatterland, und wer liebt Vatterland, ist Held. Und gleich darnach wie zur
Bekrftigung dieses Satzes war er ins Rezitieren gekommen und hatte sein Leib-
und Lieblingslied angestimmt: Es stehen sieben vor Arads Tor.
    Solcher Lieder aus der Revolutionszeit kannte Toldy sehr viele, daneben aber
auch alte Lieder, die schon im Volksmunde lebendig waren, als von Schlo Arpa,
dem neuen Schlo Arpa, noch kein Stein auf dem andern stand. Ja, seines
neunundvierziger Enthusiasmus unbeschadet, hielt er an diesem uralten
Liederschatze fast noch fester als an dem neuen, und tagtglich, wenn er in der
Mittags- oder Abendstunde nach Hause kam und sich's unter der Laube bequem
gemacht hatte, lie er seine Kinder diese volkstmlichen Weisen singen und
begleitete den Gesang derselben auf der Geige. Denn er war, wie schon der Graf,
als er mit Franziska das Programm entwarf, in aller Krze bemerkt hatte, ein
vorzglicher Geiger und stand in dieser seiner Kunst nur um ein geringes hinter
dem unten im Dorfe wohnenden Zigeunerknig Hanka zurck.
    Einmal traf es sich, da Franziska hinzukam, als die Kinder so mehrstimmig
sangen, und wie gefangengenommen von der einschmeichelnden und zugleich doch so
schwermtigen Melodie, blieb sie hinter einer Buchsbaumhecke stehen und horchte,
bis der Gesang zu Ende war. Nun erst gab sie ihren Versteckplatz auf und schritt
auf das Grtnerhaus zu, vor dem im Halbschatten der nach vornehin offenen
Weinlaube die zwei ltesten und zwei jngeren Tchter Toldys saen, jene mit dem
Aufziehen von Paprikaschoten, diese mit dem Aushhlen kleiner Krbisse
beschftigt. Toldy selbst hielt noch die Geige in der Hand. Alles erhob sich,
als man die Grfin kommen sah, und die beiden jngeren Kinder, die Franziskas
Lieblinge waren, eilten ihr entgegen, um ihr das Kleid zu kssen.
    Ich habe zugehrt, Toldy. Das war ja wunderschn, aber so traurig. Ist es
wirklich so traurig, oder habt ihr es nur so gesungen?
    Ist traurig, Grfin.
    Und was ist es denn?
    Ist Lied von Barcsai.
    Barcsai? Wer war das? Ein berhmter Ruber? Oder auch piff, paff?
    Nix piff, paff. Barcsai Freund.
    Freund? Von wem?
    Aber Toldy schwieg nur und fuhr mit dem Zeigefinger wie zum Sto durch die
Luft, augenscheinlich um auszudrcken, da Barcsai erstochen worden sei.
    Erstochen? Wer hat ihn erstochen?
    Graf.
    Welcher Graf?
    Graf... Nix Name.
    Franziska lachte. Der arme Graf. Da hat Barcsai mehr Glck gehabt, der hat
doch wenigstens einen Namen. Aber weit du wohl, Toldy, da ich das Lied haben
mchte.
    Sie sprach das so hin und war deshalb einigermaen berrascht, eine Minute
spter den alten Toldy, der das blo hingeworfene Wort als einen Befehl genommen
hatte, mit einem mittlerweile hervorgesuchten Blatt erscheinen zu sehen.
    Ist Barcsai.
    Sie nahm das Blatt und sah, da es ein echter Jahrmarktsdruckbogen war mit
einem noch viel echteren Jahrmarktsbilde darauf: eine mit Strohkrnzen
umwickelte Frau, schon ganz in Flammen stehend.
    Franziska fuhr zusammen. Aber ihre Neugier berwog doch, und so sagte sie:
Habe Dank, Toldy. Morgen schaff ich's dir zurck oder bring es selbst. Ich will
es nur bersetzen und dem Herrn Curatus vorlegen, bei dem ich Ungrisch lerne. Du
weit doch davon?
    Und damit erhob sie sich und kehrte durch den Park ins Schlo zurck.
    Es lag ihr wirklich daran, den kleinen Geistlichen in Verwunderung zu
setzen, und rasch erkennend, da ihr wenigstens der Anfang der Ballade, der aus
lauter Alltagsworten bestand, nirgends Schwierigkeiten machen wrde, setzte sie
sich an ihren Schreibtisch und schrieb, ohne da sie das Wrterbuch zu Rate
gezogen htte:

Vater, Vater, lieber, guter Vater,
Meine liebe Mutter liebt Barcsai.

Hrst du, Weib, was unser Kind da plaudert?

Hr wohl, was es plaudert, liebster Gatte.
Tricht ist es. Wei nicht, was es redet.

Und er eilt von hinnen, fort auf Tolna,
Ging die Hlfte Weges - kam dann wieder.

ffne, Weib, die Tre, ffne, Gattin!

Ja, ich ffne, ffne schon, mein Gatte,
La den Rock nur um den Leib mich werfen,
La die Linnenschrze nur mich umtun,
La die roten Stiefel nur mich anziehn.

Aber jener sprengte schon die Tre.

Hier legte Franziska die Feder nieder und berflog das wenige, was noch folgte.
Wo das sprachliche Verstndnis einen Augenblick versagte, half ihr das Bild nur
zu gut nach, und so wute sie zum Schlu, da das unglckselige Weib, weil es
den Barcsai geliebt, bei einem durch den Gatten veranstalteten Rachegastmahl
diesem und seinen Gsten als brennende Fackel gedient hatte.
    Sie schob entsetzt das Blatt beiseite.
    In diesem Augenblick aber meldete der alte Czagy, da der Graf die Frau
Grfin zum Tee bitten lasse. Sie lie ihm ihr Erscheinen zurcksagen, und als
sie sich gleich darnach in einem kurzen Gesprche mit Hannah wieder gesammelt
hatte, kam ihr pltzlich der Einfall, ob es sich nicht empfehlen wrde, das
ganze Vorkommnis ins Scherzhafte zu ziehen und dem Grafen eine humoristische
Szene daraus zu machen. Wirklich, es war ein vorzglicher Stoff, aber sie fhlte
doch allzu deutlich, da es miglcken werde. So gab sie denn den Plan wieder
auf und begngte sich damit, bei der Teeplauderei von Toldy zu sprechen und von
der kleinen Marischka, die mit jedem Tage reizender und drolliger werde.

                              Zwanzigstes Kapitel


Der Curatus, der am andern Vormittage wie gewhnlich zum Unterricht kam, war mit
der bertragung zufrieden und erheiterte sich an Franziskas Entsetzen ber den
Inhalt der Ballade. Dabei nahm er zugleich Veranlassung, den Literarhistoriker
zu spielen, Barcsai sei Lieblingsballade von alter Zeit her und seinem Stoffe
nach nicht schrecklicher als andere. Das sei nun mal Balladenrecht, wenigstens
in Ungarn. Es gbe kaum ein altes Volkslied, darin nicht Verrat und Untreue
vorkmen, denn das Lied spiegle das Leben. Allerdings verlange das Volksgefhl
hinterher auch Shne, ja, sei dabei ziemlich streng und gestatte meist nur die
Wahl zwischen Eingemauert- und Angezndetwerden. Aber das letztere werde
bevorzugt, weil es bunter und lebendiger sei.
    So ging das Geplauder, und alle Schrecknisse der Barcsaiballade waren aus
ihrer Seele weggescherzt, als der Graf sie gleich nach Ablauf der
Unterrichtsstunde zur Spazierfahrt abholte.
    Diese Spazierfahrten, die meist in die Berge hinein, aber auch wohl um die
nrdlichen Buchtungen des Sees gingen, blieben Franziskas besondere Freude, was
nicht berraschen durfte. Der Graf war auf diesen Fahrten am gesprchigsten und
plauderte dann viel von seinen Kinder- und Jugendjahren, von seiner
geschwisterlichen Liebe zu Grfin Judith und wie schn und reizend sie gewesen
sei, bis endlich der alte Gundolskirchen, ein hausbackener Steiermrker, einer
von denen, die mit Reiterstiefeln zur Welt kommen, an die Stelle der ihr
angeborenen magyarischen Grazie die deutsche Wrde vulgo Schwerflligkeit
gesetzt habe, den Rest habe dann die Kirche getan.
    Allemal, wenn das Gesprch diese Richtung nahm, nahm Franziska wahr, da es
dem Grafen in der Neigung lag, ber die kirchlich und zugleich
schwerfllig-deutsch gewordene Schwester Judith in einen spttischen Ton zu
verfallen, aber ebensowenig entging ihr, da es diesem spttischen Ton an
Unbefangenheit gebrach. Soviel er sich dagegen struben mochte, die Schwester
hatte doch das, was ihm fehlte: Klarheit und Einheit. Sie war jede Stunde
dieselbe, whrend er auf jedem Gebiete schwankte. Selbst sein prononciert
ungrischer Patriotismus, so voll und ehrlich er war, war doch schlielich nicht
ganz das, wofr er ihn ausgab, und so kamen ihm selbst zum Trotz immer wieder
Stunden, in denen er empfand, ohne Hof und Hauptstadt eigentlich nicht
existieren zu knnen. Es ging eben ein Bruch durch sein Leben und seine
Denkweise.
    Wochen vergingen. Eine besondere Freude war ihm die Vorliebe, mit der
Franziska ihren Studien oblag, und nur ein Schatten lagerte sich ber diese
glckliche Zeit: allerlei Herrenbesuch aus der Nachbarschaft kam, oft mehr, als
lieb und bequem war, aber die Damen blieben aus und lieen mit jedem Tage
deutlicher erkennen, da man die Mesalliance betonen wolle. Der Graf rgerte
sich heftig und begann den Besuchern, ja selbst Szab gegenber, eine groe
Khle zu zeigen und lie sich dann im Gesprche mit Franziska, wenn der Besuch
endlich fort war, bis zu Bitterkeiten und Drohungen hinreien. Er sei nicht
gewohnt, einen solchen Affront zu dulden; ob man ihn etwa zwingen wolle, sich an
die Revision der ungrischen Stammbume zu machen? Er habe lange genug gelebt, um
das Wunderbarste darber berichten zu knnen. In dieser erregten Sprache ging es
weiter. Aber so heftig er war, so wurd es doch schlielich Franziska nie schwer,
die Zornesfalte wieder wegzudisputieren. La, Petfy, du zwingst mich sonst,
dir einen Kursus ber vornehme Welt zu halten! Ich will dir erzhlen, wie's
kommt. Eines Tages sind wir in Pest, und ein Erzherzog oder vielleicht die
Kaiserin selbst ladet uns in ihre Zirkel. Andrassy reicht mir den Arm, und
Prinzessin Gisela gebt eine Viertelstunde lang in irgendeinem Poetensteig oder
noch besser auf einer freien Parkwiese, wo wir hundert Zuschauer haben, mit mir
spazieren. Sieh, ich biete jede Wette, den andern Vormittag wei ich mich vor
Besuch, auch vor Damenbesuch, nicht mehr zu retten.
    Es war eines Morgens im September, als dies Gesprch gefhrt wurde.
Franziska zog sich gleich darnach in ihre Zimmer zurck und klingelte nach
Josephinen. Diese war meistens guter Laune, hatte Neuigkeiten und erhielt jeden
Tag einen langen und zrtlichen Brief von ihrem Wiener Brutigam, was sie
freilich nicht hinderte, sich von dem halben Schlo Arpa den Hof machen zu
lassen. Dieses bestndige Kokettieren, und noch dazu nach allen Seiten hin,
berhrte Franziska wenig angenehm, aber der Wiener Brief und die Lust und
Ungeniertheit, womit seitens der Empfngerin der Inhalt desselben jedesmal zum
besten gegeben wurde, lieen sie doch ber manches hinwegsehen und brachten es
zuwege, da die Toilettestunde keineswegs zu den schlimmsten des Tages zhlte.
    Nun, Josephine, was schreibt er heute?
    Kein Brief gekommen.
    Aber die Zeitungen sind doch schon da. Vielleicht ist er dir untreu
geworden.
    O nicht doch, gndigste Grfin, das kann nicht sein. Ich hab einen Charme
von klein auf, und wer den Charme hat, von dem kann keiner wieder los.
    Er knnt aber doch gehrt haben, da du hier herumkokettierst und sogar mit
dem Andras dein Wesen treibst.
    Mag er. Da wird er blo eiferschtig, und mit der Eifersucht wchst der
Charme. Das wei ich. brigens brauchen wir heute keine Briefe, gndigste
Grfin, denn wir haben genug mit uns selber zu tun. Ist ja seit gestern abend,
als wre der Bse los im Gebirg und auf dem See.
    Was gibt es denn?
    Ein Wildschwein hat dem Frsterssohn von Szent-Grgey die Seit aufgerissen;
liegt auf den Tod. Und auf dem See gestern abend, als die Fhre von Nagy-Frs
nach Mihalifalva hinber wollt, ist das Boot umgekippt, und ihrer elf sind
ertrunken. Und der elfte war der Kaplan, das heit ein junger Kaplan, hbsch und
bla, der einem Kranken die Sterbesakramente bringen wollt. Und hat das
Allerheiligste hoch in der Hand gehalten, immer ber dem Wasser. Aber es hat ihn
auch nicht retten gekonnt.
    Ich begreife nicht, da mir der Graf nicht davon gesprochen hat.
    Es kommt eben erst aufs Schlo, und der Herr Graf wissen es noch keine
Viertelstund. Es ist das Neueste.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Die Nachricht von dem Unglck auf dem See hatte Franziska wirklich erschttert,
aber Josephinen, als sie nach einer halben Stunde das Zimmer wieder verlie, war
es nichtsdestoweniger gelungen, das Gleichgewicht in ihrer Herrin Seele
wenigstens so weit wiederherzustellen, da alle vorerzhlten Ereignisse nur noch
nachwirkten, als ob sie sich im vorigen Jahrhundert oder weit weg in einem
berseeischen Lande zugetragen htten. In keinem Falle nahm Franziska
Veranlassung, ihre Tagesordnung dadurch stren zu lassen, die fr heut einfach
lautete: Brief an Grfin Judith.
    Unmittelbar nach ihrer Ankunft hatte sie bereits an diese geschrieben, aber
doch nur wenige Zeilen, Zeilen, auf die weder eine Antwort erwartet noch
eingetroffen war. So lag denn eine wirkliche Schreibepflicht vor.
    Schon seit einigen Tagen, meine gndigste Grfin, war ich willens, meiner
ersten Benachrichtigung von hier einen lngeren Brief folgen zu lassen, sah mich
aber immer wieder an der Ausfhrung meines Vorhabens verhindert.
    Auch der heutige Tag schien mich durch ein schweres Unglck auf unserem See,
das dem Geistlichen von Nagy-Frs das Leben kostete - selbst das Allerheiligste
versank in die Tiefe -, meinem Vorhaben abermals untreu machen zu wollen. Ich
entreie mich aber der dadurch hervorgerufenen Stimmung und schreibe.
    Vierzig Tage sind es heute, da ich auf Schlo Arpa bin, und die lange kurze
Zeit liegt hinter mir wie ein Traum. Die Gte des Grafen gegen mich ist
grenzenlos, seine Nachsicht rhrend, seine Meinung von mir beschmend. Er
findet, da mir nicht ausreichend gehuldigt wird, und zrnt darber mit der
Nachbarschaft, die sich seiner Ansicht nach mehr als statthaft zurckhlt; es
gelingt mir aber immer wieder, einen Ausbruch seiner Empfindlichkeit zu hindern
und ihm den gegenwrtigen Zustand als einen erklrlichen, entschuldbaren und
sehr wahrscheinlich auch vorbergehenden darzustellen.
    Ich habe mich nun hier vllig eingelebt, und so mag es mir gestattet sein,
Ihnen, meine gndigste Grfin, ein Bild dieses Lebens zu geben.
    Den Morgen verbring ich mit Petfy; dann folgen viele Stunden, in denen ich
mir allein gehre. Das Zimmer, das ich bewohne - das zweifensterige neben dem
groen Esaal -, gnnt mir einen Blick ber den See, dessen Schnheit mich immer
wieder entzckt. Anfnglich jeden Tag und jetzt jeden zweiten Tag kommt der Herr
Curatus von Szegenihaza herauf und gibt mir eine Sprachstunde (magyarisch), die
sehr oft eine Doppelstunde wird. Gescheit und fromm, dabei persnlich ohne
jedweden Anspruch, gehrt er ganz jenen selbstsuchtlosen und aller Eitelkeit
entkleideten Geistlichen zu, denen man in Ihrer Kirche hufiger begegnet als in
der unsrigen. Ich disputiere mit ihm beinahe mehr, als ich konjugiere, woraus
mir der Vorteil wird, im Ungrischlernen auch zugleich die katholische Kirche
kennenzulernen, von der ich offen gestanden bis dahin sehr unausreichende
Begriffe hatte.
    Neben dem Geistlichen ist es der alte Toldy, der meine Zeit am meisten in
Anspruch nimmt. Er lebt mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart, und
unter den Gegenstnden seiner Adoration steht Comtesse Judith obenan. Ein wahres
Kreuz knnte mir sein bei jeder Gelegenheit hervortretendes Magyarentum sein,
wenn nicht die Naivitt, mit der sich dasselbe gibt, etwas Vershnendes und oft
etwas geradezu Rhrendes htte. So nehm ich ihn denn als Type, folg ihm
liebevoll auch in seinen Schwchen und vervollstndige durch mein Geplauder mit
ihm die Sprachstudien, zu denen der Geistliche von Szegenihaza die Fundamente
legt. Meine Fortschritte setzen mich beinahe selbst in Verwunderung, aber mehr
noch, als sie mich verwundern, beglcken sie mich. Denn ich gehre nun diesem
Lande mit meinem Herzen, und wenn vielleicht nicht voll mit meinem Herzen, so
doch mit meinen Entschlssen an und will das ganz sein, was zu sein ich mir an
jenem mir unvergelichen Tage vornahm, der mir zuerst Ihr schnes Herz und Ihre
wohlwollenden Gesinnungen fr mich offenbarte. Nach dem nur kurzen Diner, sechs
Uhr, folgen Fahrten ber Land, ein paarmal auch schon ber den See. Das schnste
Wetter hat uns bis jetzt begnstigt; nicht einmal ein Gewitter zog in den heien
Tagen herauf. Den Tee nehmen wir abwechselnd auf der Plattform in Front des
Schlosses oder auf der obersten Gartenterrasse, die sich mehr und mehr in einen
Blumengarten verwandelt hat. Ich erzhle dann, was ich von Josephine gehrt oder
auch in den Zeitungen gelesen habe, wobei mich immer wieder die schne Milde des
Grafen berrascht und ein Gerechtigkeitssinn, der, so mcht ich annehmen, auch
Sie, gndigste Grfin, in Erstaunen setzen wrde. Denn er ist doch anders, als
Sie vermeinen, anders in diesem und manchem andern Punkte. Wohl zeigt er sich
unruhig und unbefriedigt und sucht die Ruhe nicht da, wo sie vielleicht einzig
und allein zu finden ist, aber er sucht sie doch und nicht blo in dem, was man
Zerstreuungen nennt. Er birgt vielmehr umgekehrt einen Schatz von Gemt in
seinem Herzen, und da er nur selten und immer nur flchtig und andeutungsweise
davon spricht, ist mir ein Beweis mehr von seiner tiefer angelegten Natur. Erst
gestern abend auf unserer Spazierfahrt bei Sonnenuntergang, was er besonders
liebt, berraschte mich wieder ein Wort von ihm. Die Sonne stand schon unter dem
Horizont, aber in dem zurckgebliebenen Glutscheine spiegelte sich noch von
unten her ihr Schattenbild. Er wies darauf hin und sagte: Sieh, Franziska, das
ist das Leben oder doch sein Ausgang. Wenn die Sonne fort ist, bleibt uns ihr
Bild noch eine Weile zurck, aber ein Schattenbild nur, und auch das ist kurz.
In dieser Weise spricht er fter zu mir und verrt darin einen Anflug von
Resignation, der mich betrbt. In allem andern aber bin ich glcklich und
unzweifelhaft um vieles glcklicher, als ich zu hoffen wagte. Gute Sterne haben
bisher ber meinem Leben auf Schlo Arpa gestanden, und von dem, was ich
frchtete, hat sich nichts erfllt. Ich frchtete mich vor Unfreiheit, auch vor
Unfreiheit in kleinen Dingen, aber in Wahrheit bin ich freier geworden. Wieviel
schner ist dies Leben als das, das abgeschlossen hinter mir liegt und in dem
eines war, das mich stets emprte: das Sichbewerbenmssen um Gunst und Liebe.
Hier hab ich beides als ein freies Geschenk.
    Anfang Dezember will Petfy wieder nach Wien zurck. Ich freue mich darauf
und auch nicht. Das laute, grostdtische Leben hat einen unendlichen Reiz fr
mich gehabt und hat ihn vielleicht noch, aber ich mchte nur Zuschauer darin
sein und nur andere leben und erleben lassen. Selbst wieder eine Rolle darin zu
spielen widerstrebt meinem innersten Herzenszuge. Mir will es scheinen, da ich,
wenn nicht fr die Stille, so doch fr die Kontemplation geboren und in dem, was
mir zurckliegt, in einem Irrtum befangen gewesen bin. Ich habe noch eine
Sehnsucht, aber diese Sehnsucht ist nicht die Welt. Oder irrt ich auch darin
wieder? Schlieen Sie mich in Ihre Gebete ein. Ihre Ihnen dankbar und herzlich
ergebene
                                                               Franziska Petfy

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Abermals waren Wochen vergangen, und in Ablsung der sonnigen Tage, die seit
Anfang August ber Schlo Arpa gestanden, hatten sich Regentage eingestellt. Es
regnet wie auf dem Szekler Landtage, sagte Franziska scherzhaft, und als der
Graf nach der Bedeutung davon fragte, rezitierte sie zu seiner nicht geringen
Erheiterung das gleichnamige Chamissosche Gedicht.
    Ei, da mu ich aus einem norddeutschen Gedicht erfahren, wie's auf dem
Szekler Landtag aussieht, lachte der Graf, und jedesmal, wenn er Franziska
begegnete, wies er auf die Wasser, die drauen nach wie vor niederstrmten, und
wiederholte die Refrainzeile: Der Regen regnet immer noch.
    Als es mit diesem Wetter anfing, versuchten beide zunchst noch ihre
Spazierfahrten fortzusetzen, am dritten Tag aber waren die Wege bereits so
grundlos geworden, da man es aufgeben mute. Nichts blieb ihnen als eine
Promenade durch die Gewchshuser und ein tagtgliches fleiiges Billardspiel,
das Franziska wenigstens im Anfang sichtlich bemht war zu lernen. Aber weder
das eine noch das andere konnt ihr eine rechte Freude schaffen, in den
Treibhusern war es zu wasserschwl, und das Billardspiel rgerte sie, weil es
ihr nicht gelang, es im Umsehen zu bemeistern. In allem, was sie tat, wollte sie
rasche Resultate sehen. Nichtsdestoweniger hielt man sich bei Stimmung und fand
immer neue Mittel, um ein sich anmeldendes Unbehagen aus dem Felde zu schlagen.
In allen Kaminen brannten riesige Feuer, der kleine Geistliche, wenn er zur
Unterrichtsstunde kam, ward ber den halben Tag hin festgehalten, und die kaum
dreijhrige Marischka, Toldys Jngste, sah ihren Geburtstag gefeiert, als ob sie
wenigstens eine Prinze gewesen wre. Zweimal gab es auch Tanz. Zigeuner, denen
man bei dem Unwetter einen Unterschlupf in einer Schlobaracke gegnnt hatte,
spielten zum Dank dafr ihre Czardas (Hanka selber war mit heraufgekommen), und
Graf und Grfin saen all die Zeit ber in der groen Halle, darin sich die
Dienstleute versammelt hatten, und sahen dem Treiben zu. Selbst Josephine tanzte
mit, unter den Klngen der Musik sich einer Exklusivitt entschlagend, auf die
sie sonst nur in ihren intimsten Privatverhltnissen zu verzichten pflegte.
    So ging es anderthalb Wochen, und man htte sich in neue gute Tage, die doch
endlich anbrechen muten, hinbergerettet, wenn nicht Krankheit gekommen wre.
Erst erkrankte Hannah und den Tag darauf auch der Graf.
    Franziska nahm es nicht allzu schwer damit oder gab sich wenigstens das
Ansehen davon, und als Hannah sie wegen der doppelten Krankenpflege bedauern
wollte, sagte sie: Hannah, ich begreife dich nicht. Wie du nur so tricht sein
und alles so falsch ansehen kannst! Du tust mir leid, und der Graf tut mir leid,
aber sprich nur nicht von Mitleid mit mir. Mir konnt eben nichts Besseres
geschehen als eure Krankheit. Ich bin doch nun das Billardspiel los und die
Promenaden im Treibhaus und kann mich statt dessen mit etwas Vernnftigem
beschftigen, also zum Beispiel, ob eure Zudecke sich verschoben hat oder ob ihr
vielleicht heimlich ein Buch habt, aus dem ihr lesen wollt und nicht sollt.
Glaube mir, Hannah, ich schwrme geradezu fr Barmherzige-Schwesterschaft oder,
wenn dir das zu katholisch klingt, fr Diakonissentum; wenigstens hier. Der Graf
wollt es mir auch abdisputieren und einige meiner Krankenpflegepflichten in die
Kche verweisen, die Kathis und Nanis htten ohnehin nichts zu tun, aber ich hab
ihn bekehrt und ihm rundheraus gesagt, erst kme ich und dann die Kathis, und
ich htte nicht Lust, mir eine so gute Gelegenheit zum Zeitvertreib entgehen zu
lassen. Und sieh, Kind, so liegt es wirklich. Ich gnne dir alle mgliche
Gesundheit, weil ich wei, da du Krankheit nicht leiden kannst, aber wenn ich
ein bichen egoistischer wre, so wnscht ich dir jeden Tag einen furchtbaren
Wadenkrampf, so furchtbar und so heftig, da ich dich ganz in Senfpflaster
einwickeln mte. Das kenn ich alles noch von meiner seligen Mutter her, und war
eigentlich schlimm genug, aber mitunter war es auch eine wahre Wonne, wenn's
einen so in die Augen bi, bis die Trnen kamen.
    Male den Teufel nicht an die Wand.
    Wegen des Krampfes oder wegen der Trnen?
    Vielleicht wegen beidem. Ich hab es nicht gern, wenn du so sprichst,
Franziska. Bedenke doch, ich kenne dich von klein auf und wei nur zu gut, da
dir ganz anders ums Herz ist. Es geht etwas in dir vor, und du willst es nur
nicht aufkommen lassen.
    Ach, du bist eine Trin. Aber lassen wir's. Ich will nun fort und nach
deinem Leidensgefhrten sehen, er wird sonst ungeduldig. Hier stell ich dir die
Medizin her und das abgebrauste Brausepulver. Und nun hast du alles, was du
brauchst, zur Hand. Oder soll ich dir lieber noch die Josephine schicken?
    O nein.
    Und nach diesem Zwiegesprch ging sie treppab. In dem Zimmer unten lag der
Graf auf einem Feldbett, nur mit einem Militrmantel zugedeckt. Er hatte so
seine Vorstellungen von dem, was sich fr einen Soldaten gezieme, wohin vor
allem auch ein knstlich genhrtes Entsetzen vor dem Federbett gehrte. Nichts
als das Ticktack der Uhr unterbrach die Stille. Die schweren Damastvorhnge der
Fenster waren geschlossen, und nur vom Tisch her, auf dem eine mit einem
Schleier verhangene Lampe stand, fiel ein mattes Licht auf das Lager des
Kranken.
    Ei, das ist hbsch, da du kommst, Frnzl. Ich habe die Minuten gezhlt. Es
ist so leer und de hier, so leer und de fr mich schon, und wie mu es erst
fr dich sein! O dieser Regen! Es regnet, regnet immer noch. Vorzglich! Ich
kann diese Zeile von eurem franzsisch-preuischen Dichter gar nicht loswerden.
Aber nun setz dich und nimm den Lampenschleier fort, ich will dich deutlicher
sehen knnen. Oder la ihn doch lieber, ich komme sonst auch in eine helle
Beleuchtung, und ein Kranker prsentiert sich am besten im Halbdunkel, wenn er
sich berhaupt prsentiert. Ein vermaledeites Wetter! Und dreimal vermaledeit
diese Neuralgie! Hier in der Hfte sitzt es. Sie nannten es Ischias, die Herren
Doktoren, aber das ist mir gleich, sie knnten es auch Inferno genannt haben
oder geradezu Hlle. Judith, wenn sie davon hrte, wrde sagen, es spuke vor.
Aber es kann nicht jeder in den Himmel kommen. Dazu mu man eben einen
Beichtvater haben wie Feler, der fromm genug ist, einen Luzifer loszubeten.
Glaubst du nicht auch? Apropos, ist ein Brief von Judith gekommen?
    Nein.
    Ich finde, sie lt lange damit warten, und doch gibt es Situationen, in
denen man umgehend schreiben mu oder doch in derselben Woche noch. Und nun sind
es ber zwei.
    Die Grfin kann krank sein wie du.
    Kaum. Wer sich jeden Tag so reinbeichtet wie Judith, bei dem gedeiht keine
Neuralgie. Krankheit wchst nur auf dem Beet der Snde, sagen die Frommen, und
vielleicht haben sie recht. Unter allen Umstnden halten sie sich dessen gewi,
solange sie nicht persnlich in die Zwickmhle genommen werden, und nur eines
ist mir noch gewisser, da du hier seit vierzehn Tagen ein elendes und tristes
Leben fhrst und da mit diesem Elend und dieser Tristheit ein Ende gemacht
werden mu. Ja, Frnzl, ein Ende gemacht, und wenn ich die Ziegler auf
Gastrollen, etwa Medea zweimal tglich, oder euren Bismarck auf eine Brenjagd
in den Karpaten einladen sollte - gleichviel, wir mssen heraus aus dieser
Dumpfheit, in die kein Licht und keine Freude dringt.
    Ich bitte dich, Petfy, denk an dich und nicht an mich. Ich habe gute
Tage.
    Gute Tage? Graue Tage hast du.
    Nein, gute Tage, sag ich. Und wenn sie nebenher grau sind, so la sie; die
grauen sind nicht die schlimmsten. Nichts ist schwerer zu ertragen als eine
Reihe von guten Tagen.
    Ist schon recht. Aber es hat's ein Mann gesagt, und ihr, ihr empfindet
anders: ihr seid fr Gegenstze, knnt Schwarz ertragen, aber nicht Grau, Tod
und Unglck, aber nicht Langeweile. Kenne das und habe mir auch schon einen Plan
ausgedacht. Sobald ich die Hand wieder rhren kann, schreib ich an Phemi.
    Nein, Petfy. Das unterla. Ich bitte dich darum.
    Aber ihr stimmtet doch so gut zusammen, und so mich nicht alles tuscht,
hattest du wirklich ein Herz fr sie.
    Hatt ich auch und hab ich noch. Ich bin ihr ganz aufrichtig zugetan, und
wenn sie meiner je bedrfen sollte - sie wird es nicht, sie wei eben fr sich
selbst zu sorgen -, so werd ich mich vor der Lcherlichkeit und vor der
Undankbarkeit hten, ihr gegenber die Fremde herauskehren zu wollen oder wohl
gar die Grfin. Ich bin dessen berhaupt nicht fhig. Ich wei das. Aber ebenso
gewi wei ich auch, da ich keine Veranlassung habe, diese Beziehungen ohne Not
wieder anzuknpfen. Ich bin nun aus dem Kreise heraus und wnsche mich nicht
wieder hinein. Am wenigsten aber wnsche ich ein zweilebiges Leben zu fhren,
ein zweilebiges, das nach meiner Meinung nicht viel besser ist als keins.
    Er hatte den Kopf anfangs mimutig hin und her gewiegt, aber diese Milaune
ging rasch wieder in eine freundlichere Stimmung ber. Und so soll es denn
immer Hannah sein! Hannah und immer wieder Hannah. Weit du, Frnzl, ich
bewundere deine Gengsamkeit und da ihr euch nicht ausplaudert.
    Oh, wir knnen uns nicht ausplaudern, weil wir, was dich vielleicht
berraschen wird, eigentlich berhaupt wenig plaudern.
    Je nun, was tut ihr denn?
    Wir verstehen uns.
    Das ist freilich viel.
    Beinahe alles.
    Nun gut. Aber ist sie nicht etwas zu nchtern oder doch wenigstens nchtern
berhaupt?
    Immer nur da, wo sie's sein darf, wo Nchternheit ausreicht oder hingehrt.
Ich mchte sagen: nchtern fr alle Tage.
    Und feiertags?
    Ist sie voll Mut und Leidenschaft und liebt mich so, da sie jeden
Augenblick fr mich sterben wrde.
    Das glaubst du?
    Nein, ich wei es und wei es seit lange, seit meinem zehnten Jahr, da fing
es an. Und wie sie sich damals gezeigt hat, so zeigt sie sich noch. Ich bin
ihrer so sicher, wie da ich lebe, ja, mein Zutrauen zu ihr ist grenzenlos.
Sieh, um dir nur ein Beispiel zu geben, ich ngstige mich beim Gewitter, aber in
ihrer Gegenwart fllt alle Furcht von mir ab. Es ist mir dann, als stnde mein
Schutzgeist neben mir. Eigentlich knnt ich dir von ihr erzhlen, von ihr und
meiner Kinderzeit. Aber sage mir, wenn der Anfall kommt und die Schmerzen; ich
wei, du bist dann am liebsten allein.
    Erzhle nur; ich hre. Kinderzeit ist ohnehin unsere beste Zeit und die
lehrreichste dazu. Da leben wir noch so recht eigentlich und zeigen uns, wie wir
sind. In dem, was nachher kommt, ist soviel Zurechtgemachtes. Auch im Guten.
    Avis au lecteur.
    O nicht doch, Frnzl, ich hasse das, ich hasse das Hinterrckssprechen in
Winken und Andeutungen. Aber du wolltest mir von Hannah erzhlen, und wie sie
zuerst dein Champion wurde, dein Ritter ohne Furcht und Tadel. War es nicht so?
    Ja. Du darfst es so nennen, denn es gab etwas von einer regelrechten
Schlacht, und Blut flo. - Aber es ist kalt geworden. Erlaube mir also, da ich
zunchst fr Feuer sorge, soweit die paar Kohlen dazu reichen, und vor allem
diesen Schirm beiseite schiebe. Das Halbdunkel hier ist nur gut fr
Gespenstergeschichten, und die wren das letzte, was ich erzhlen mchte.
    Gib deiner Geschichte jede Beleuchtung, die du fr gut hltst, vor allem
aber gib die Geschichte.
    Nun, also Hannahs Vater war Kster an der Kirche, wo der meinige Prediger
war...
    Ich entsinne mich...
    Er war aber nicht blo Kster, sondern auch Totengrber, was ihm in meinen
Augen noch ein besonderes Ansehen gab. Er hatte langes weies Haar, viel weier,
als es seinen Jahren nach htte sein mssen, und sah eigentlich immer aus, als
ob er irgendeinem das letzte Gebet sprechen wolle. Trotz allem Grauen aber, das
mir sein Ernst und seine Hagerkeit einflten, hatt ich ihn gern oder doch nicht
ungern, weil mir alles an ihm apart vorkam und nicht zum wenigsten seine
Wohnung, die dicht neben dem Kirchhofsgitter lag und eigentlich geradeso wirkte
wie der alte Stedingk selber. Denn das war sein Name, Tordeson Stedingk, und es
hie, da er von den schwedischen Stedingks herstamme. Sommers standen immer
frisch angestrichene Bahren, die trocknen sollten, um sein Haus her, Grund genug
zu Grusel und Angst, am meisten aber ngstigte mich ein kleines Grtchen, das
von Buchsbaum eingefat war und darin nur immer Studententblumen blhten. Einmal
sah er mich und rief mich heran, um mir eine dieser gelben Blumen zu geben, aber
ich war wie starr vor Schreck und schttelte nur den Kopf. Als ich mich endlich
wieder erholt hatte, lief ich fort und hatte dabei das Gefhl, als ob mich
irgendwer an den Hacken halte.
    Das wird aber doch eine Gespenstergeschichte.
    Nein, nein. Ich verirre mich blo und krame mehr aus, als zu meiner
Geschichte gehrt, alles nur, weil die Bilder von alter Zeit her wieder lebendig
werden und so mchtig auf mich einstrmen, da ich mich ihrer nicht ganz
erwehren kann.
    Und sie tupfte, whrend sie so sprach, mit ihrem Taschentuch ber die Stirn
hin und fuhr dann fort:
    Unser eigentlicher Spielplatz war ein groer Grasplatz um die Kirche her,
auf dem Bauholz und allerlei Stmme lagen, die, wenn der Herbst kam, geschnitten
werden sollten, Kiefern und Tannen und auch wohl Birken- und Eschenholz, in der
Mitte des Platzes aber war ein Tmpel, durch den die Jungen, die gute
Stelzenlufer waren, immer durchmarschierten, was mich so mit Neid und Entzcken
erfllte, da ich's auch zu lernen anfing und nicht eher zufrieden war, als bis
ich mit allen um die Wette mitten im Wasser stehen und auf einer Stelze
balancieren und mit der andern prsentieren konnte. Du kannst dir denken, welche
Wonne das war.
    Petfy nickte seine Zustimmung.
    Aber, fuhr Franziska fort, was war der Kirchplatz im Vergleich zu dem
Kirchhof, der dicht daneben lag und ber dessen niedrige Mauer weg die
Hagebuttenstrucher bis in die Strae hineinwuchsen. An dem Kirchhofe hing unser
ganzes Herz. Eigentlich war es kein rechter Kirchhof mehr, denn was starb, wurde
seit Jahr und Tag schon vors Tor hinausgetragen und auf einem abgesteckten und
ummauerten Stck Heideland begraben, einzelne Familien in der Stadt aber hatten
noch ein Anrecht an den alten Kirchhof, und so kam es, da immer noch von Zeit
zu Zeit auf ihm beerdigt wurde. Das war denn allemal ein Festtag fr uns, und
wenn am Abend vorher, so gegen Sonnenuntergang, der alte Stedingk aus seiner
Hoftr trat und sich ans Graben machte, so fehlte keiner von uns, weil jeder
neugierig war, ihn das Grab aufschtten zu sehen. Und einmal hatten wir auch
wieder so gestanden und zugesehen und, als er zuletzt fertig war, unser schon
drauen auf dem Kirchplatz begonnenes Spiel auf dem Kirchhof drinnen wieder
aufgenommen. Es hie Hirsch und Jger - ich wei nicht, ob ihr das Spiel hier
auch habt -, der strkste Junge, wie sich denken lt, war allemal der Hirsch,
der aufgestbert oder auch in seinem Versteck berrascht, umstellt und zur
Kapitulation gezwungen werden mute. Dieser strkste Junge nun, der damals mit
uns spielte, hie Willy Thompson und war eines reichen Schiffsreeders Sohn,
dessen Familie von Inverness oder Aberdeen herbergekommen war. Denn in der
kleinen Stadt war alles schottisch oder schwedisch, weil der Handel dahin ging.
Nun, dieser Willy war eigentlich ein blondes Prachtstck, trotzdem er bermtig
und hochfahrend und ein vollkommener Tyrann war, der uns in Schrecken und
blindem Gehorsam hielt.
    Wenn ein Streit ausbrach, so stand alles auf seiner Seite, blo aus Furcht
vor ihm, und da ihm irgendwer widersprochen htte, kam eigentlich gar nicht
vor.
    Der alte Graf richtete sich auf, ersichtlich immer interessierter, weil er
bei dieser Schilderung die Bilder seiner eigenen Jugend wieder vor sich
aufsteigen sah.
    Und so war es auch an dem Abend, fuhr Franziska fort, von dem ich
erzhle. Kaum da unser blonder Tyrann ausgeflogen und in seinem Versteck
untergekrochen war, so war auch schon alles hinter ihm her, hierhin, dorthin,
und whrend er sonst darauf rechnen durfte, nie gefunden zu werden, und dann
ganz zuletzt wie gutwillig zum Vorschein kam, um uns zu verhhnen und
auszulachen, so hatten wir ihn heut in fnf Minuten schon. In einer der
Kirchhofsecken stand nmlich in schrger Stellung ein gueisernes Monument, und
in dem dreieckigen Winkel, der dadurch gebildet wurde, sa er und war nun
gefangen. Unter einem ungeheuren Jubel holten wir ihn hervor, um ihn ber den
Kirchhof hin bis an die Anschlagstelle zurckzufhren. Als wir aber bis an die
frisch gegrabene Grube gekommen waren, ri er sich pltzlich los, packte mich,
die ich ihn besonders verhhnt haben mochte, beim Zopf und schrie: Franze, du
bist schuld; du hast geguckt, du hast mich verraten. Ich sah, wie wtend er war,
und legte mich aufs Versichern meiner Unschuld, aber er wurde nur immer wtender
und schrie: Bekenn es, sag es, dann schenk ich's dir; sonst, sonst..., und nun
fing er an zu schwren: Sonst werf ich dich hier ins Grab. In meiner namenlosen
Angst fiel ich vor ihm aufs Knie, gerad als ob sich's um mein Leben gehandelt
htte, und wirklich, ich glaub auch, ich htt es nicht berlebt. Aber er wollte
von nichts hren und wissen und zerrte mich auch wirklich schon auf die Stelle
zu, wo mitten in dem eben aufgeworfenen Sandhaufen das groe Grabscheit des
alten Stedingk wie ein Kreuz im Zwielicht aufragte. Von den anderen Jungen hatte
keiner den Mut, fr mich einzutreten; als er jetzt aber oben stand und mich
unerbittlich nach sich zog, sprang Hannah vor und sagte: La sie los! Er aber
lachte blo, und es war auch zum Lachen, denn Hannah, die jetzt so derb und
gesund aussieht, war damals ein blasses und schwchliches Kind und so
mondscheinen, da man sie durch und durch sehen konnte. La sie los! rief sie
noch einmal und legte die Hand auf die Grabscheitkrcke. Dummes Ding, du sollst
mit hinein. - La sie los! rief sie zum dritten Mal, whrend ihr die Augen wie
aus dem Kopfe traten, und als er noch immer nicht ablie und mich weiter zerrte,
ri sie pltzlich das Grabscheit aus der Erde heraus und stie es ihm mit
solcher Gewalt vor die Brust, da er rckwrts taumelte. Voll Geistesgegenwart
griff er im Fallen noch nach einem Hagebuttenstrauch und hielt sich fest,
whrend ihm zu unser aller Entsetzen das Blut ber die Turnjacke flo; denn das
nach oben hin ausgleitende Grabscheit hatte mit einer seiner scharfen Ecken ihm
das Kinn bis an die Lippe hin aufgeschnitten. Und so hielt er sich eine Weile
noch, bis er zuletzt ohnmchtig vor Schmerz und Blutverlust in denselben
Hagebuttenstrauch hineinfiel, der ihn vor dem Niederstrzen ins Grab bewahrt
hatte. Blut besiegelt, sagt das Sprichwort, und das Blut, das an diesem Tage
flo, Petfy, hat Hannahs und meine Freundschaft frs Leben besiegelt.
    Aber was wurd aus dem Jungen, dem zweiten Helden der Geschichte?
    Nun, den haben wir vor drei Jahren in Leipzig mit dem ganz zerhauenen
Gesicht eines alten Korpsburschen wiedergesehen. Er lie sich bei mir melden,
als ich dort zu Gastspiel war, war sans phrase reizend, und als er endlich auch
Hannahs ansichtig wurde, brach er in einen wahren Hllenjubel aus und rief
einmal ber das andere: Sieh, Hannah, es ist immer so weitergegangen. Aber die
hier, und dabei wies er auf die Narbe am Kinn, ist doch die beste.
    Der Graf war ernst geworden und sagte: Frnzl, ich knnte dich um deine
Hannah beneiden, wenn beneiden meine Sache wr. Aber das ist gewi, sie ist ein
Schatz fr dich, den du festhalten mut.
    Das will ich auch. Aber zunchst will ich nachsehen, ob sie nichts versumt
und keine Torheiten begangen hat. Denn sobald sie krank ist, ist sie, was
Medizin angeht, voll Ungehorsam und Unvernunft.
    Ein Beweis mehr fr ihre Vernnftigkeit. Ich werde schlielich auch noch
ein Hannahschwrmer werden.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Hannah schlief fest und atmete ruhig. Das Fieber hatte sichtlich nachgelassen,
und leise, wie sie gekommen war, verlie Franziska, die wohl wute, da dieser
Schlaf die Genesung bedeute, den Alkoven wieder, um in ihrem Wohnzimmer vor dem
Kamin Platz zu nehmen.
    Das Feuer darin war halb niedergebrannt, aber ber dem Kamin befand sich ein
Ofen, der seine Heizung von auen her empfing und trotz vorgerckter Stunde noch
eine behagliche Temperatur ausstrmte, was nicht berraschen durfte, denn der
erst beim Beginn der Regentage zum Vorschein gekommene schnauzbrtige Slowake,
dem das Heizungsdepartement unterstellt war, pflegte lieber zuviel als zuwenig
zu tun.
    Es war noch nicht spt, und Franziska nahm auf gut Glck ein Buch vom
Bcherbord. Es war ein Band von Rousseau, die Confessions, und sie sah im
Durchblttern, da wenigstens auf den ersten fnfzig Seiten viele dnne
Bleistiftstrichelchen an den Rand gemacht worden waren. Die Leserin indes, sehr
wahrscheinlich die Mutter des Grafen, schien sich im Weiterlesen immer
ablehnender gegen den Autor verhalten zu haben, denn der Strichelchen, die ganz
unzweifelhaft Zustimmung ausdrcken sollten, wurden immer weniger und der
Fragezeichen immer mehr. In der Mitte des Buches aber lag ein weies,
goldgerndertes Blatt mit einem Spruch darauf, und dieser Spruch selbst lautete:
Vor jedem steht ein Bild des, was er werden soll. Solang er das nicht ist, ist
nicht sein Friede voll. Franziska stutzte. Wie schlicht, sagte sie, wie
nchtern fast! Und doch bewegt es mich. Und warum? Ist es, weil ich das Bild
dessen, was ich werden soll, ahnungsvoll bereits vor mir sehe, oder ist es
umgekehrt, weil ich es nicht sehe? Sonderbar.
    Sie legte das Buch wieder aus der Hand, gab ihren Platz vor dem Kamin auf
und setzte sich in die Fensternische. Wenn nicht alles tuschte, so mute sich
das Wetter zum Guten gendert haben; nur kalt schien es geworden zu sein, denn
die Scheiben beschlugen sich, und die Tropfen zogen Rinnen ber das Glas. Ich
mu doch sehen, sagte sie neugierig und erhob sich halb von ihrem Sitz, um den
Fensterflgel zu ffnen.
    Wirklich, der Regen hatte nachgelassen, und nur ein Nebel, der aus der
halbberschwemmten Landschaft aufstieg, lagerte noch zwischen Schlo und See.
Seine Dichtigkeit hinderte den Schall, und nichts von Lrm und Leben drang von
unten herauf, bis mit einem Male, wenn auch schwach und gedmpft nur, die Glocke
des sich eben nhernden Dampfschiffes vernehmbar wurde. Sie freute sich des Tons
und suchte begierig nach dem Schiff, aber nach mehreren Minuten erst sah sie,
da ein dunkelroter Schimmer allmhlich und wie mhevoll durch den Nebel brach.
Das war das Laternenlicht vorn am Bugspriet, und nun wuchs es und wurde ein
Feuerauge. Sie konnte den Blick nicht davon abwenden und hatte das Gefhl dabei,
da das noch unsichtbare Schiff ihr etwas bringen msse. Was? Nun, zum mindesten
ein Zeichen aus der Welt.
    Endlich schwieg das Luten, und sie hrte nur noch den Pfiff und das Zischen
des Dampfes, der abgelassen wurde.
    Sie schlo das Fenster wieder. Josephine kam, um ihr beim Auskleiden
behlflich zu sein, aber Franziska schickte sie wieder fort, weil ihr daran lag,
sich ungestrt ihren Gedanken und Trumereien berlassen zu knnen. Alte Bilder
zogen herauf und mit ihnen ein Gefhl unendlicher Sehnsucht. Wonach? Wohin? In
ihre Kindheitstage zurck? War sie glcklicher gewesen, als sie mit Hannah auf
dem Kirchplatze gesessen und hinaufgesehen und die Sterne gezhlt hatte? Nein.
Unbefriedigt damals wie heute. Und so haben wir denn nichts sicher als ein ewig
ungestilltes Verlangen?
    Immer leidenschaftlicher und fiebriger drngten sich ihr die Fragen, bis sie
zuletzt ermattet einschlief. Aber nicht lange, so war sie wieder wach, warf
einen Plaid ber und trat auf den Balkon hinaus, auf denselben Gitterbalkon, auf
dem sie schon einmal, damals von Angst und Schreck wie heute von Unruhe
gepeinigt, gestanden hatte. Der Nebel war fort, eine scharfe Luft zog vom
Gebirge her, und sie sog die Khle begierig ein. ber einem der bewaldeten
Vorberge stand die Mondessichel, und an ihr vorber zogen die Reste der
Regenwolken endlos und in fliegender Hast. Alles war lngst still in Schlo und
Stadt, nur ein dumpfes Donnern und Brausen traf ihr Ohr, und als sie hinhorchte,
woher es komme, sah sie, da es der unter den tagelangen Regengssen
angeschwollene Bergbach war, der ihr zur Linken ber die Klippenwand hin in die
Tiefe scho. Die ganze Wassermasse lag in Nacht und Dunkel, und nur immer auf
Augenblicke, wenn die Sichel drben ihr Licht herberschickte, leuchtete der
Schaum auf. Aber unausgesetzt hrte sie von der Klippenwand her das eintnig
mchtige Rauschen, und dazu klang es pltzlich und erinnerungsvoll in ihrer
Seele:

Hrbar rauscht die Zeit vorber
An des Mdchens Einsamkeit.

Es waren dieselben Worte, die damals an jenem ersten Abend in Grfin Judiths
engerem Kreise den alten Grafen entzckt und vielleicht ber ihr und sein Leben
entschieden hatten.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


Franziska hatte nach der unruhigen Nacht lnger geschlafen als gewhnlich, so
da, als sie zu spter Stunde erwachte, die Sonne bereits hell ins Zimmer
schien. Alles war wie verndert und ihre melancholische Stimmung wie mit dem
Regen fortgezogen.
    Auch die beiden Kranken hatten sich erholt und gingen unter dem Einflu des
Wetterumschlags ihrer Genesung ersichtlich entgegen. Der Graf sa aufrecht in
seinem Feldbett, und Tr und Fenster waren geffnet, um dem Licht berall
Zutritt zu gnnen. Franziska versumte nicht, von der so vorteilhaft vernderten
Situation auch ihrerseits Nutzen zu ziehen und ber das Schiff und das Feuerauge
zu berichten, die sie beide bis in ihren Traum hinein verfolgt htten. brigens
sei sie sicher, da ihr das Schiff eine Neuigkeit gebracht habe.
    Hat es auch, Frnzl, einen Brief von Judith. Sie kommt und Egon auch, und
beide warten nur noch auf bessere Tage.
    Franziska, whrend der Graf diese Worte sprach, sah vor sich hin und
wechselte die Farbe.
    Du freust dich nicht?
    O doch, ich freue mich. Und wie knnt ich auch anders, als mich freuen? Du
weit, wie sehr ich die Grfin verehre, ja wie sehr ich sie liebe; Wochen und
Tage, die sie mir htte vergllen knnen, hat sie mir zu den unvergelich
glcklichsten gemacht. Ich freue mich wirklich und aufrichtig, und wenn ich doch
vielleicht einen Augenblick erschrak, so geschah es in dem Gedanken, aus dieser
mir liebgewordenen Stille pltzlich und unerwartet herausgerissen zu werden.
    Er sah sie scharf an, aber sie hatte durchaus die Herrschaft ber sich
zurckgewonnen und begegnete ruhig seinem Blick.
    Im brigen, nahm der Graf wieder das Wort, whrend er unter Papieren
umhersuchte, die neben ihm auf dem Tisch lagen, im brigen hat der Brief an
mich auch eine Einlage. Da! Schwester Judith scheint sich wie gewhnlich nicht
ganz kurz gefat zu haben. Im Briefeschreiben ist sie noch ganz die Dame des
vorigen Jahrhunderts, obschon sie dem unsrigen angehrt und sich sogar den Tag
von Austerlitz als ihren Geburtstag ausersehen hat. Beilufig die wenigst
patriotische Tat ihres Lebens.
    Franziska hatte den Brief genommen, augenscheinlich in der Absicht, ihn auf
ihrem Zimmer in aller Mue zu lesen, aber Petfy war andern Sinnes und fuhr
fort: Ich bin neugierig zu hren, was sie dir schreibt. Es werden keine
Staatsgeheimnisse sein, berflieg es also und la mich wissen, was ich wissen
darf. Nur die berschrift mcht ich mit eigenen Augen sehen... Liebe Grfin...
Ah, das ist gut; und nun lies.
    Franziska nahm den Brief zurck und las:
    Ich bin noch altmodisch genug, meine liebe Franziska, Briefe durch Einlage
zu schicken; in meiner Jugend tat man dies oft und gern, jetzt lchelt man
darber. Jede neue Zeit dnkt sich eben klger als die vorausgegangene. So war
es von jeher, und ich entsinne mich, ber vieles gelacht zu haben, was meine
Mutter, trotzdem sie doch manches Freiere von England her mit herbergebracht
hatte, noch als einen Gegenstand von besonderer Wichtigkeit ansah.
    Alltagsbetrachtung! unterbrach der Graf. Aber la uns weiter hren.
    Ich freue mich, da Dein Leben auf Schlo Arpa Dich so glcklich macht, und
find es klug, da Du das Ungrische so gleichsam von verschiedenen Seiten her in
Angriff nimmst. Aber wenn Du den Rat einer alten Frau nicht verschmhst, so gehe
darin nicht zu weit. Es wird das klgste fr Dich sein, deutsch zu bleiben und
das Ungrische nur so weit gelten zu lassen, soweit es gelten mu. Alles, was in
Deinem neuen Leben an Dich herantritt, mut Du freundlich ansehen und ein Wort
der Anerkennung dafr haben, auch selbst gegen besseres Wissen, aber Du darfst
nicht selbst ungrisch sein oder werden wollen. Es wird einem ein solches Opfer
in den seltensten Fllen gedankt. Und kann auch kaum. Denn so gewi ein
Sichselbstvergessen unser Schnstes ist, so geziemt sich dies Selbstvergessen
doch immer nur im Sinn und Dienste des christlichen Ideals. Wir sollen unser Ich
opfern um der erlsenden Liebe willen, das ist etwas Groes, aber wir sollen
uns, unser Volk und unsere Sprache nicht aufgeben, blo um einer andern in
gleicher Selbstsucht und Selbstgerechtigkeit befangenen Nationalitt willen.
    Und doch hat sie's getan. Aber fahre fort.
    All das ist weder nach Gottes Gebot noch nach dem Gesetz der Klugheit, und
ich lebe der berzeugung, da der Herr Curatus von Szegenihaza diese meine
Meinung teilen wird. Wr es anders, so wr er mehr ungrisch als christlich, was
ich nach dem Bilde, das ich in frherer Zeit von ihm empfangen habe, nicht
glaube. Der Unglcksfall auf dem See hat mich tief erschttert, am meisten aber,
da die Gegenwart des Allerheiligsten das Unglck nicht abwenden konnte.
Vielleicht da um eines Schuld und Missetat willen soviel Unschuldige den Tod
miterleiden muten.
    Judith hat eine Neigung, warf hier der Graf ein, an den einfachsten
Erklrungen vorberzugehen und immer nach wenigstens einem Geheimnis zu suchen,
wenn es ein Wunder nicht sein kann. Das Fhrboot kenterte, weil es berladen und
der Fhrmann betrunken war. C'est tout. Aber la mich auch den Schlu hren.
    Durch Graf Adam wirst Du, noch ehe Du diese Zeilen liest, von unserer
Absicht eines kurzen Herbstaufenthalts auf Schlo Arpa vernommen haben. Wenn ich
sage, von unserer Absicht, so heit das, Egon begleitet mich. Er wnscht an den
Wolfsjagden teilzunehmen, die der alte Graf Pejevics in der Umgegend von Schlo
Falcavar und auf seinen Gtern berhaupt abzuhalten gedenkt. Auch der junge
Graf, den du ja kennst, wird, wenn er Urlaub erhlt, bei den Jagden zugegen
sein. Ich freue mich sehr auf diesen Aufenthalt, den ersten wieder seit nun
gerade zehn Jahren. Wohl ist es wahr, die Sttten unserer Jugend bleiben uns
allzeit teuer, und wir hngen daran mit der Kraft einer ersten Liebe.
    Sage dem Pfarrer meinen Gru, ebenso dem alten Toldy. Sowie der Regen
nachlt, den wir hier unausgesetzt seit fast zwei Wochen gehabt haben, brechen
wir auf. Ein Telegramm meldet Euch zuvor noch Bestimmtes und wenn nicht die
Stunde, so doch den Tag unserer Ankunft. In herzlicher Ergebenheit Deine
                                                       Judith v. Gundolskirchen,
                                                             geb. Grfin Petfy

Franziska legte den Brief aus der Hand und sagte: Wie liebenswrdig! Und am
liebenswrdigsten da, wo sie mich tadelt. Ich glaube, da sie recht hat und da
es in der Tat eine Gefahr in sich birgt, sich irgendwo gewaltsam einbrgern zu
wollen. Ich mu alles mehr abwarten lernen. Das aber berrascht mich doch, und
du selbst, Petfy, schienst etwas der Art andeuten zu wollen, die Grfin, deine
Schwester, so wenig ungrisch zu sehen, trotzdem sie doch ihrer ungrischen
Jugendtage mit Vorliebe zu gedenken scheint. Ist sie deutsch geworden ihrem
deutschen Eheherrn oder einfach ihrem deutschen Namen zuliebe?
    Weder das eine noch das andere. Kirchliche Leute haben eben die Kirche. Die
bedeutet ihnen Heimat und Vaterland, und nur die. Die Nationalitten sind ihnen
nichts und empfangen ihre Schtzung erst aus der Frage, wieweit sie der Kirche
dienen oder nicht. brigens ist Judith nach Art aller Langsamen und
Schwerflligen auch rascher Entschlsse, ja vollkommener berhastungen fhig,
und da wir, wie der Augenschein, Gott sei Dank, zeigt, seit sechs Stunden ein
anderes Wetter haben, so knnen wir sie nach sechsmal sechs Stunden erwarten.
Ich werde mich also von heut an in Papier Fayard wickeln und mit meinem Rest von
Hftweh wenigstens soweit aufzurumen suchen, um die Huser Gundolskirchen und
Asperg auf gut ungrisch empfangen zu knnen.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


Den dritten Tag darnach kam ein Telegramm: Wir treffen mit dem Mittagsdampfer
ein; Egon. Und wenn schon in den Tagen vorher ein Lften und Klopfen, ein
Schieben und Stellen gewesen war, so verdoppelte sich jetzt der
Einrichtungseifer. Fr Grfin Judith wurden die Zimmer bestimmt, die neben denen
ihres Bruders gelegen waren, whrend fr Egon, wie schon bei manchem frheren
Besuche, wieder die kleine Turmstube hergerichtet wurde, womit der in seinem
unteren Teile nur ein Treppenhaus bildende alte Schloturm nach obenhin
abschlo. Egon, wenn er hier wohnte, stieg dann oft und gern auf die Plattform
hinauf und erfreute sich von dieser aus der wunderbar schnen Aussicht ber den
See. Der alte Graf behandelte dies als deutsche Romantik und spottete darber,
obschon er selbst in Dinge verfallen konnte, die viel romantischer waren.
    Und nun brach der Tag an, wo sie kommen sollten. Franziska war frh auf,
nahm noch einmal bis in die Turmstube hinauf eine Musterung vor und stand eben
auf dem Punkte, durch den groen Esaal in ihre Zimmer zurckzukehren, als sie
Hannahs ansichtig wurde, die von dem der alten Kapelle gegenber gelegenen
Balkon her irgendeinem auf dem Schlohofe stattfindenden Vorgange neugierig
zuzusehen schien.
    Was hast du? fragte sie, Hannah aber winkte nur halb geheimnisvoll, so
still wie mglich heranzutreten, und als Franziska diesem Winke folgte, sah sie,
da eine Taube bemht war, ein groes Wollknuel abzuwickeln, das mitten auf dem
Schlohof lag und von einer der Mgde verloren sein mute. Das Tierchen, eine
Kropftaube, pickte bestndig daran herum und ruhte nicht eher, als bis es einen
wohl zwanzig Fu langen Faden abgewickelt hatte, mit dem es nun, whrend das
unten liegenbleibende Knuel sich abwechselnd hob und wieder fiel auf eine dicht
neben dem Glockenstuhl befindliche Mauerffnung zuflog. Es war ganz ersichtlich,
da es den unten von ungefhr gemachten Fund benutzen wollte, sich oben ein Nest
zu bauen, und als Hannah wahrnahm, da alles beinahe abgewickelt war, schickte
sie sich an, an das alte Knuel ein neues anzubinden, blo um sich zu
vergewissern, wie lange das Tier wohl in seinem Fleie verharren wrde.
Franziska litt es aber nicht und sagte: Du darfst es dem, der sein Nest bauen
will, nicht zu schwer machen.
    Ich mach es ihm nicht schwerer, als er sich's selber macht. Dieser Krpfer
kann ja den Faden, wenn er will, jeden Augenblick wieder fallen lassen.
    Es war nur ein kleiner und unbedeutender Hergang, und doch haftete das Bild
davon in Franziskas Seele. Trieb! sagte sie. Wohl nichts weiter als Trieb.
Aber er bedeutet Arbeit und Mhe um Lebens und Liebe willen.
    Und sie hing diesen und hnlichen Betrachtungen noch eine Weile nach.
    Aber die Mittagsstunde war nahe heran, und der Graf lie sagen, da der
Wagen in einer Viertelstunde vorfahren werde. Da galt es denn, sich zu eilen.
Sie wute, wie sehr er auf Pnktlichkeit hielt, und trat eine Minute vor der
Zeit in sein Zimmer in leichtem Hut und schwarz und wei gestreiftem Burnus,
darin er sie mit Vorliebe sah. Die Kapuze mit der Quaste daran und mehr noch der
seidenglnzende Stoff, der im Winde bauschte, kleideten sie in der Tat
vorzglich. Ein zweiter, leerer Wagen, ebenfalls zweisitzig, folgte. Den Bergweg
hinunter ging es in einem migen Trab, unten aber jagten die Pferde durch die
Tmpel hindurch, die hier noch berallhin von der Regenzeit her standen. Der
Mais ragte hoch auf, so hoch, da auf eine ganze Strecke hin der Ausblick
gehindert war, kaum indes, da ihr Wagen die Maisplantage hinter sich hatte, so
ward auch schon der Dampfer sichtbar, der auf die Anlegestelle zusteuerte.
    Rasch, rasch! rief der Graf, indem er dem Kutscher einen Schlag auf die
Schulter gab und auf das immer nher kommende Schiff deutete, dessen
unausgesetztes Luten eine ganze Welt von Ankmmlingen erwarten lie. Aber nur
wenige Passagiere standen unter dem ausgespannten Dach, dessen rot eingefate
Borte lustig hin und her flatterte. Franziska glaubte die Grfin schon von
fernher erkannt zu haben und wies auf eine stattliche Gestalt in schwarzer Robe;
der alte Graf aber, der schrfer sah, lachte herzlich, da sie den Geistlichen
von Nagy-Vasar, der freilich noch schwrzer als Schwester Judith sei, mit
dieser verwechselt habe.
    Fast im selben Augenblick, wo der Wagen hielt, hielt auch der Dampfer.
    Egon, in Jagdrock und steirischem Hut, sprang ans Ufer, umarmte den Oheim
und kte Franziska die Hand. Er schien in ausgiebigster Laune, freilich auf
Kosten der alten Grfin, die noch immer nicht sichtbar wurde. Die Tante habe
sich zu Beginn der Fahrt auf Deck befunden und bei den gleichgltigsten Stellen
im heiesten Sonnenbrande tapfer ausgehalten, im Moment aber, wo der See breit
und schn geworden sei, habe sie sich in die Kajte zurckgezogen, nicht um zu
schlafen, was er gelten lasse, sondern um eines seekranken Kanarienvogels
willen, der seit etwa zwei Monaten mit Feler die Herrschaft teile. Mais
voil. Und nun wies er auf die Tante, die mit dem Vogelbauer in der Hand eben
die Kajtentreppe heraufkam und gleich darnach auch die kleine Rollbrcke
passierte, die man inzwischen von der Landungsstelle her auf das Schiffsdeck
geschoben hatte.
    Die Begrung war herzlich, weniger mit dem Bruder als mit Franziska, deren
Handku sie mit einem Ku auf die Stirn erwiderte. Wie gut dir die Luft von
Schlo Arpa bekommen ist! Vortrefflich. Du siehst besser und frischer aus als in
slau. Und das waren doch auch schne Tage. Nicht wahr? Hrst du noch dann und
wann von dem reizenden Frulein Phemi?
    Unter solchem Gesprch und Geplauder hatte man von der Landungsbrcke her
den Punkt erreicht, wo die beiden Wagen hielten, Franziska nahm im ersten neben
der Grfin Platz, Egon aber im zweiten neben dem alten Grafen. Und im Fluge ging
es nun auf Schlo Arpa zu.
    Nun, meine liebe kleine Grfin, sagte Judith, whrend sie die Quaste, die
bestndig hin und her flog, in Franziskas Kapuze zurckstopfte, nun sage mir:
come sta? Wie lebt sich's mit diesem Ungeheuer von Bruder, mit diesem Infidle,
mit diesem berbleibsel aus dem Nachlasse des Herrn von Voltaire? Du hast mir
geschrieben, du seist glcklich, und dein Teint und deine klaren Augen scheinen
es mir besttigen zu wollen, aber, meine teure Franziska, Briefe lgen und Teint
und Augen auch. Aber was nicht lgt, das ist die Stimme, und so sage mir denn,
denn so schn und so frei fahren wir nicht wieder in die Welt hinein, sage mir
also: bist du glcklich?
    Franziska nahm Judiths Hand und kte sie. Dann sagte sie, whrend sie zu
der Grfin aufsah und ihre Hand, die sich wie Wohlwollen anfhlte, fest in der
ihrigen behielt: Ich habe mehr Glck gewonnen, als ich erwartete. Der Graf
liebt mich und ist edel und gerecht. Ob ich glcklich bin? Ich wei es nicht,
gndigste Grfin, aber ich hoff es. Vielleicht kann man glcklich sein, wenn man
es sein will, und ich hab einmal gelesen, man knne das Glck auch lernen. Das
hat mir gefallen. Und wirklich, es mu Mittel dazu geben.
    Ja, das Gebet. Und vor allem das eine: Fhr uns nicht in Versuchung.
    Auch in dem Wagen, der folgte, ging das Gesprch. Etwas von dem
Schlammwasser spritzte gegen Egons Hut, der ihn abnahm, um ihn wieder zu
subern. Sieh, gerad an den Gemsbart, sagte der Oheim. Und so straft dich
denn der erste magyarische Tmpel fr dein unmagyarisch Herz. In allem Ernst,
Egon, du kannst in dem Gemsbarthute nicht zu dem alten Pejevics fahren, der,
weil er eigentlich kein Magyar ist, selbstverstndlich den Doppelmagyaren
spielt. Aber gleichviel, deine Mutter war eine Petfy, das vergit man dir nicht
und fordert einen Reiherbusch oder eine Adlerfeder von dir, solange du hier
bist. Du kennst unsere kleinen Schwchen.
    Und unterwerfe mich ihnen. Am wenigsten aber mcht ich mir die Jagd und die
Stimmung auf Schlo Falcavar verderben. Weit du, wer zugegen sein wird?
Natrlich Szab.
    Der gewi und sehr wahrscheinlich auch Perczel. Devaviany zweifelhaft.
Familienmalheur. Im brigen steh ich mit der Nachbarschaft auf einem Grollfu
und wei eigentlich so gut wie nichts. Man beliebt nmlich, meine Grfin nicht
grflich genug zu finden, oder bemngelt ihren Stammbaum. Ich bin aber nicht
gewohnt, mir Vorschriften machen oder wohl gar alte Vorurteilsalbernheiten als
ebensoviel Weisheit aufdrngen zu lassen.
    Und so lebt ihr denn ziemlich einsam?
    Nein und ja. Jedenfalls einsam genug, um sich eines lieben Besuches doppelt
zu freuen.
    Und damit fuhr ihr Wagen unter dem Portal fort in den Schlohof ein.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


Seit jenem Ankunftstage war eine geraume Zeit, ber drei Wochen, vergangen und
Egon lngst wieder von den groen Jagden im Pejevicsschen Schlosse zurck. Man
war mitten im Oktober und sprach bereits von Abreise, das wundervolle Wetter
aber, das jetzt ausgleichen zu wollen schien, was der Regen vorher verschuldet
hatte, schob den Termin immer wieder hinaus. Auch war es mit dem Aufbruch ein
gut Teil weniger ernsthaft gemeint, als es den Anschein hatte, wenigstens von
seiten Egons, der nicht mde wurde, das sich in der Ellipse bewegende Leben
oder, was dasselbe sagen wolle, das Leben mit dem Doppelmittelpunkte zweier
Tanten als eine neue und hchste Daseinsform zu proklamieren.
    Mit Franziska stand er berhaupt auf dem Neckfu und versicherte, da sie
gleich vom ersten Augenblick an ihn in ihrer neuen Eigenschaft als Magyarin
enttuscht habe. Schon am Dampfschiff hab es begonnen. Er habe sie nmlich auf
einem Rassepferd erwartet, im Reitkleid, mit wehendem Schleier und englischer
Gerte; statt dessen sei sie wohlverwahrt in einem Korbwagen herangekommen, ganz
wie protestantische kleine Comtessen, die zum Religionsunterricht oder zum
Kinderball in die Stadt gefahren werden. Ja, so hab es begonnen, und was er
seitdem hier erlebt habe, habe seine Verwunderung und seine Betrbnis nur
gesteigert und ihn mehr und mehr erkennen lassen, auf wie falschen Wegen sie
wandle. Sie wolle magyarisch sein oder doch wenigstens werden und fange das
Magyarische mit der Korrektheit an, whrend sie's umgekehrt mit der
Unkorrektheit versuchen msse. Korrektheit, und noch dazu solche, zu der man
durch Grammatik und die kleine Kirchengre von Szegenihaza herangebildet werde,
sei durchaus alltglich, und was alltglich sei, sei nicht ungrisch. In Ungarn
msse das Leben in der Attacke genommen werden. Und er wette, da sie, richtig
geleitet, den Mut und die Geschicklichkeit und vielleicht auch schon ein Stck
Vorbildung dazu bese. Die richtige Leitung aber habe gefehlt. Das Nchste sei,
den kleinen Geistlichen unten auf Urlaub zu schicken, fr den Rest hoff er sich
persnlich verbrgen zu knnen.
    Egon, wenn er so neckte, durfte der Zustimmung des alten Grafen jedesmal
sicher sein, der nur noch hinzuzufgen liebte: Franziska habe zuviel von des
Goldschmieds Tchterlein mit Gebetbuch und Trippelschritt; sie sei nicht blo
deutsch, sie sei sogar schwbisch. Nur Grfin Judith opponierte, wenn so
gesprochen wurde, schttelte den Kopf und wollte von Steeplechase nichts wissen.
Franziska sei mehr auf die Betrachtung als auf die Durchlebung der Dinge
gestellt und werde den Geistlichen, wenn er ausbleibe, gewi schmerzlich
vermissen; sie sh es durchaus als ihre Pflicht an, um Franziskas willen in
diesem Sinne zu sprechen. In Wahrheit aber sprach sie nur deshalb mit soviel
Wrme fr das Weitererscheinen des Herrn Curatus, weil sie persnlich nichts
lieber hatte als Plaudereien ber Beichtgang und den Stand der Sittlichkeit in
der Gemeinde.
    Franziska, wenn der Kampf der Parteien in dieser Weise tobte, horchte
dankbar lchelnd dem Lobe zu, das ihr von der alten Grfin gespendet wurde, war
aber doch zu jung, als da sie nicht die bald in Angriff genommenen Lektionen im
Sattel denen in der Grammatik vorgezogen htte. Mitunter schlo sich der alte
Graf an, meist aber war es Andras, der das junge Paar in die Berge hinein
begleitete.
    Whrend dieser Ausflge war es denn auch, da sich Egon und Franziska recht
eigentlich erst kennen und ein Gefallen aneinander finden lernten. In der rasch
durchtrabten Plaine sprachen sie wenig, aber in das Schluchten- und
Waldeswirrwarr einbiegend, wo zwischen Gestrpp und Unterholz hin der Weg erst
gebahnt werden mute, wurde ihr Gesprch lebhaft.
    Egon zeigte sich dann sehr anders als im Kreise daheim. Er lie den
spttischen Ton fallen, sprach ernst und einfach und vermied Fragen, die fr ihn
ohnehin so gut wie beantwortet waren. Er sah deutlich, da Franziska vor einer
Aufgabe stand, die schlielich ihre Kraft bersteigen wrde. Sie gab sich
freilich khl. Aber war sie's? Er hegte Zweifel und sah sich eines Tages in
diesen seinen Zweifeln bestrkt. In einem benachbarten adligen Hause nmlich
hatte sich ganz vor kurzem erst ein Entfhrungsroman abgespielt, in dem eine
Schwgerin Graf Devavianys die Schuldige, nach Ansicht andrer aber, und zwar mit
Rcksicht auf ihren sittenverdorbenen und grundschlechten Eheherrn, die Heldin
war. Auch Franziska trat fr die Verklagte mit lebhaften Worten ein, und als
Egon, brigens mehr aus berlegung als aus berzeugung, ihr widersprach, wurde
sie mit jedem Momente heftiger und erregter. Einer der ihr feststehenden Grund-
und Lebensstze sei der von der Gegenseitigkeit der Pflichten, und die
Forderung, eine gewohnheitsmige Pflichtuntreue mit unerschtterlicher
Pflichttreue beantworten zu sollen, empre sie geradezu, ja mehr, sie fhle ganz
deutlich, da sie durch Verrat und Untreue, denen sie wie selbstverstndlich
hingeopfert werden solle, zu den extremsten Dingen hingerissen werden knne.
Dank und Piett, ohne die die Welt roh und gemein sei, seien ihr, so hoffe sie
wenigstens, tief ins Herz geschrieben, aber ebenso tief berge sie den
leidenschaftlichen Hang nach Wiedervergeltung in ihrem Gemt, und wenn sie
zurckblicke, so gb es fr sie kein Gefhl, in dem ihre Phantasie so geschwelgt
habe wie in dem befriedigter Rache.
    Egon, whrend sie so sprach, hatte sie von der Seite her scharf beobachtet
und hielt ich von dem Augenblick an mehr noch als vorher berzeugt, da die
Khle, die sie zeigte, nur Tuschung sei.
    Sein Interesse wuchs aber, je mehr ihn diese Frage beschftigte.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel


Auch die Beziehungen, die Franziska zur alten Grfin unterhielt, gestalteten
sich, soweit eine Steigerung berhaupt noch mglich war, immer freundlicher und
erfuhren durch kleine, halb scherzhafte Meinungsverschiedenheiten keine
Schdigung, weil man sich in ernsthaften Dingen einig wute. Dies trat schon an
einem der ersten Tage hervor, wo Grfin Judith, ihre Scheu gegen Treppensteigen
berwindend, einen speziellen, allerdings auch wohl von Neugier diktierten
Anstandsbesuch bei Franziska gemacht und eine herzliche Plauderstunde mit dieser
gehabt hatte. Gleich beim Eintritt war sie froh berrascht gewesen, dem
Muttergottesbilde wiederzubegegnen, das sie sich sehr wohl entsann in den Tagen
ihrer Kindheit an eben dieser Stelle gesehen zu haben. Und wirklich, nur der
Rosenkranz am Arm des Christkindes war neu hinzugekommen. Franziska, die rasch
bemerkte, was im Gemte der alten Grfin vorging, schob ihr einen bequemen
Sessel heran, setzte sie sorglich hinein und sagte dann erklrend und in einem
gedmpften Tone: sie habe sich wohl gedacht, da ihr das Muttergottesbild eine
besonders liebe Erinnerung sein werde, weshalb sie denn auch eine Weile
geschwankt habe, ob sie's nicht von der Konsole herabnehmen und unten im
Schlafzimmer der Grfin aufstellen solle. Aber sie woll es nur gestehen, sie
habe sich ihrerseits nicht davon trennen mgen. Denn das Muttergottesbild sei
das erste gewesen, von dem sie hier auf Schlo Arpa begrt worden sei, noch
frher als von Hannah, und sosehr sie sich im ersten Augenblick als Protestantin
ber diesen Gru verwundert und beinahe erschreckt habe, so sei's ihr doch am
andern Tage schon gewesen, als wchse das kleine Nischendach und nehme sie mit
unter seinen Schutz.
    Von all diesem, als Franziska so sprach, war der guten Grfin Herz so ganz
getroffen worden, da sie bewegt geantwortet hatte: Franziska habe recht getan,
das Bild an alter Stelle zu lassen; man solle, nach dem Sprchwort, alte Bume
nicht verpflanzen, aber alte Heiligenbilder auch nicht, und so hoffe sie sich
keiner Snde schuldig zu machen, wenn sie rundheraus ausspreche, die Heiligen
segneten berall, aber da, wo sie gerade stnden und schon von alter Zeit her
gestanden, da htten sie doppelte Macht und noch ganz besondere Wurzeln ihrer
Kraft. Und dieser Kraft bedrfe der eine mehr als der andere. Franziska sei
jung, und ein junges Herz, eben weil es jung sei, brauche zwiefach Trost und
Beistand. Ein altes finde sich schon eher zurecht. Und darnach hatte man das
Gesprch fallenlassen, das nichtsdestoweniger oder vielleicht gerade, weil man
es still nachwirken lie, das gute Verhltnis zwischen beiden noch um ein
erhebliches befestigt und auch wohl Hoffnungen in dem Herzen der alten Grfin
angeregt hatte. Denn sie war nach wie vor nicht frei von dem Hange nach
Bekehrung und hielt es mit dem Fischzuge Petri. Schon in Wien hatte sie mit
Feler die Mglichkeit eines bertritts erwogen und an dem Tage, der dem
vorerwhnten Gesprche mit Franziska folgte, diesen Punkt auch brieflich wieder
aufgenommen. Aber erst einem zweiten kleinen Ereignisse war es vorbehalten, sie
hinsichtlich ihrer Konversionsplne mit voller, wenn auch freilich abermals
miverstandener Hoffnung zu erfllen. Das Ereignis selbst aber war das folgende.
    Schon bald nach Egons und der alten Grfin Ankunft auf Schlo Arpa war von
einem Besuch unten in der Gruftkapelle gesprochen worden, immer jedoch hatte
sich's wieder zerschlagen, bis endlich seitens des alten Grafen, sowenig ihm
persnlich an diesem Kapellenbesuche lag, ein Trumpf darauf gesetzt worden war.
Fahren oder Gehen stand allein noch zur Frage. Schwester Judith, die sich vor
dem Bergab und mehr noch vor der raschen Zickzackbewegung frchtete, entschied
sich fr Gehen mit dreimaliger Rast, und zwar erst bei Toldy, dann bei den
Hngeweiden und zuletzt bei Schmied Ambronn unten, in dessen Verwahrsam sich
auch der Gitterschlssel befand. Unten angekommen, setzte man sich auf eine
zwischen zwei Pappeln stehende Bank, gerade der Schmiede gegenber, und sah dem
Schmied, der eben ein Pferd beschlug, bei seiner Hantierung zu. Tante Judith war
entzckt. Sieh, Franziska, das hab ich nun seit fnfzig Jahren nicht mehr
gesehen, seit meinen Mdchentagen nicht. Wo hat man nur immer seine Augen? Nie
da, wo man sie haben sollte. Man achtet soviel auf Schlechtes und Hliches im
Leben und auf das Gute nicht. Sieh doch nur das Eisen, womit er den Huf abstt,
und das Sprhfeuer auf dem Herd.
    Der Schmied, als er die Herrschaften erscheinen sah, hatte sich bei seiner
Arbeit unterbrechen wollen, war aber dem Widerspruche des Grafen begegnet. Habe
lange genug in Deutschland gelebt, mein lieber Ambronn, um euer Sprchwort zu
kennen: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Also nur erst fertig hier. Wir haben
Zeit und die Toten auch. brigens seht nur, wie Grfin Judith Euch zusieht; sie
verschlingt Euch fast, so gut gefallt Ihr ihr. Und ist nicht der schlimmste
Geschmack, den sie hat. Nicht wahr, Judith? Aber dafr mt Ihr sorgen, Ambronn,
da der Jung am Blasbalg seine Schuldigkeit tut und da die Funken immer hher
fliegen. Haben wir die, so haben wir alles, und es kann dann so lange dauern,
wie's will. Ist dann, als ob wir Feuerwerk htten.
    Der Schmied, der vornehme Leute sehr gut kannte, beeilte sich
nichtsdestoweniger, und ehe zehn Minuten um waren, erschien er mit dem Schlssel
und bog, vorangehend, auf den kleinen Platz ein, auf dem die Kapelle gelegen
war.
    Es war ein Grasplatz mit zwei runden Asterbeeten und einem Kiesweg
dazwischen; mitten auf dem Kiesweg aber stand eine Sonnenuhr. Egon wies darauf
hin, als er mit Franziska vorberging. Fr wen?
    Und nun stieg der Schmied die Steinstufen hinauf und ffnete die groe
Gittertr, dieselbe, durch die Franziska gleich am ersten Ausfahrtstage mit dem
Grafen einen Blick geworfen und das Flimmern der Ewigen Lampe gesehen hatte.
    Drinnen sah es etwas vernachlssigt aus, der Graf war eben kein
Kapellenbesucher. Und nun gar eine Gruftkapelle! Staub und Spinnwebe lagerten
ber allem, und der unausgesetzt aufsteigende Qualm der Ewigen Lampe hatte das
steife byzantinische Marienbild, das an der Wand dahinter aufragte, halb
berblakt. Die strengen Zge schienen noch strenger geworden, und nur das
Christkind, das nach der Weltkugel griff, lchelte.
    Franziska konnte sich von dem Bilde nicht trennen und sah andchtig und
bewegt hinauf, whrend Egon, der zum ersten Male hier war, ziemlich abgespannt
an den Srgen hinschritt und sie wiederholentlich zhlte, trotzdem zur
Feststellung ihrer Zahl ein einziger Blick gengte. Nur auf dem letzten Sarge
lag ein Kranz, aber verwelkt, weil er nur einmal alljhrlich erneuert wurde.
    Der alte Graf schien nicht viel interessierter als Egon, am lstigsten aber
war ihm das Anstandsschweigen, die gezwungene Rcksicht auf Gebete, die, Judith
abgerechnet, mutmalich von keinem gesprochen wurden. Endlich trat er in die
Lcke, die noch zwischen dem letzten Sarg und dem Wandpfeiler war, und sagte:
Sieh, Judith, zwei Pltze noch, fr dich und fr mich. Kommt noch wer, so
mssen wir zusammenrcken. Die Petfys haben es an Politesse nie fehlen lassen.
    Franziska gab es einen Stich, als er so sprach. Gehrte sie nicht hierher?
berkam ihn pltzlich eine Standes- und Hochmutslaune? Nein, unmglich. Wenn er
sich eben halb scherzhaft seiner Politesse berhmt hatte, so wute sie, da er
eines besa, das ungleich hher stand: Edelsinn und ein innerstes Widerstreben,
anderer Gefhle zu verletzen. Aber wenn es nicht Hochmutslaune war, was war es
dann? War es, da er sie zart und rcksichtsvoll in ihrer Eigenschaft als
Protestantin nicht ohne weiteres an die katholische Stelle hin einladen wollte?
Sie kam zu keinem Abschlu und ging ernst und sinnend neben der alten Grfin
her, die, halb durch ihre Wnsche, halb durch ihre Korrespondenz mit Feler
prokkupiert, all diesem Ernst und Sinnen eine andere Deutung gab und an die
Mglichkeit dachte, da der Moment vor dem verblakten Marienbilde doch
vielleicht ein Erweckungsmoment gewesen sein knne.

Unter denselben Pausen, die man beim Hinabsteigen gemacht hatte, stieg man auch
wieder bergan und war eben bei dem Teich und seinen Hngeweiden angekommen, als
man etwas hher hinauf ein Schluchzen, Lrmen und Lamentieren hrte, das, wenn
nicht alles tuschte, von der Stelle herkam, wo hinter dem langen Weingange die
Grtnerei gelegen war. Und wirklich, als man sich mit soviel Raschheit, wie das
Asthma der alten Grfin nur irgendwie zulie, jener Vorlaube genhert hatte, vor
der Franziska damals an dem Barcsaitage mit soviel Devotion und Liebe von seiten
der Toldyschen Kinder empfangen worden war, sah man, da sich hier etwas
Ungewhnliches ereignet haben msse, denn nicht nur lief Toldy wie von der
Tarantel gestochen auf und ab, auch die beiden ltesten Tchter starrten, den
Kopf auf die Hand gesttzt, in Traurigkeit vor sich hin, whrend vier kleinere,
von denen keines ber sieben zhlte, bald an dem Rock des Vaters, bald an Kleid
oder Schrze der beiden lteren Schwestern hingen und jenes Wehgeschrei
fortsetzten, das man schon auf Mittelhhe des Abhanges gehrt hatte. Franziska,
die fr alles Toldysche voll wirklicher Zrtlichkeit war, eilte, wie sie den
Jammer sah, allen anderen vorauf, den beiden ltesten Mdchen entgegen, aber ehe
sie noch eine Frage stellen konnte, hatte sich Toldy selbst schon vor dem Grafen
in die Knie geworfen und berflutete diesen mit einem Redestrom, in dem
Marischka das dritte Wort war. Marischka sei fort, Marischka habe drunten auf
der Wiese gespielt mit Stellmacher Szekelis groer Aranka, die schon ins zwlfte
Jahr geh, und mit Zsoldos kleinem Grgeli, der noch kleiner sei als Marischka.
Und mit eins sei von der Seite her ein bses altes Weib mit einem roten Tuch um
den Kopf aus dem Erlenbusch herausgesprungen und htte die Marischka gepackt und
weggezerrt. Und das Kind habe nicht einmal geschrien, so todangst sei es
gewesen. Und der kleine Grgeli sage, sie htten's in einen Sack gesteckt. Aber
das sei nicht wahr, das sei blo aus dem Mrchen, wo die Kinder immer in einen
Sack gesteckt wrden, nein, das glaub er nicht; aber weg sei die Marischka und
er msse sie wiederhaben, denn Marischka sei das Nesthhnchen und ein Engelchen
und er solle nur die Grfin gndigste fragen, die wi es auch, da es ein
Engelchen sei.
    So ging es noch eine gute Weile, whrend die Kinder ebenfalls niederknieten
und ihre Hndchen falteten und jmmerlich weiterweinten und -schluchzten. Es war
rhrend, die Liebe der kinderreichen Familie zu dem verlorengegangenen Liebling
zu sehen, aber in das Rhrende mischte sich freilich auch ein Beisatz von
Komischem, der, wenn nicht von Judith und Franziska, so doch von Egon und dem
alten Grafen empfunden wurde.
    Ja, Toldy, sagte dieser endlich, ich will tun, was du willst, aber du
mut mir sagen, was und wie. Gegen wen hast du Verdacht? Wohin sind sie
gegangen? Und wen nehmen wir mit?
    Istem Magyar, ich wei: der Hanka mu helfen. So wir haben Hanka, haben wir
auch Marischka. Hanka ist Knig. Aber Hanka hat Ha gegen Toldy, zweimal, erst
Ha wegen dem Spiel - und er machte die Bewegung eines Geigenstrichs -, und
dann Ha, weil Toldy gesagt hat - aber Toldy hat es nicht gesagt -, das letzte
Feuer, das sei von ihm, von dem Hanka gewesen. Aber wenn Graf sagen: Hanka,
hilf!, dann hilft Hanka und vergit Ha. Denn Hanka liebt Graf und frchtet
Graf.
    Einem solchen Appell an Hlfe war natrlich nicht zu widerstehen, und so
wurde denn, als man das Schlo erreicht hatte, sofort an Knig Hanka
geschickt, der alsbald auch zurcksagen lie: er wisse nichts weiter, als da
drei Lager am groen See seien; an alle drei woll er schicken und alle drei
seinen Willen wissen lassen. Aber es werde sich keiner zu dem Kindesdiebstahl
aus freien Stcken bekennen wollen, und so werde man's doch suchen mssen, bis
man's finde. Aber finden werde man's.
    Nach Eingang dieser Nachrichten beruhigten sich alle Parteien, am meisten
Andras, der sich von Anfang an ziemlich khl gezeigt und im Gegensatz zu dem
Rest der Familie zu Hannah, die seine Vertraute war, dahin ausgesprochen hatte,
da das Toldysche Haus berhaupt auf zuviel Augen stehe. Was aber die Marischka
betrfe, so sei sie wohl ein Verzug, aber kein Engel. Ein Punkt, ber den zu
sprechen er um so geeigneter war, als er selber ungebhrlich verzogen wurde.

Ja, man beruhigte sich, und Egon, als die Teestunde da war, stand bereits an dem
Punkt, alles von der heiteren Seite zu nehmen. Zugleich sprach er gegen
Franziska, die dabei zustimmend nickte, die Hoffnung aus, sie werde die fr den
andern Tag anberaumte groe Suche mitmachen, immer vorausgesetzt, da sich bis
dahin nicht alles wieder geregelt habe, was freilich das wahrscheinlichste sei.
Denn das ganze Gesindel hnge zusammen, und nachdem Knig Hanka seinen Ukas
nunmehr erlassen habe, werde sich das Engelchen am andern Morgen auf Toldys
Trschwelle vorfinden.
    Aber dies erfllte sich nicht, und als um die zehnte Stunde noch immer an
keine Marischka zu denken war, brach man in zwei starken Trupps auf, von denen
der alte Graf die fr das linke, Graf Egon die fr das rechte Seeufer bestimmte
Kolonne fhrte. Bei der ersteren war auch Toldy, bei der zweiten aber Andras und
Franziska, welch letztere trotz alles Abmahnens der alten Grfin ihrer Neugier
und einem kleinen in ihr aufsteigenden Abenteuerhange nicht hatte widerstehen
knnen. Unten in Szegenihaza schlo sich dem Egonschen Trupp auch noch der
kleine geistliche Herr an, anscheinend um dem Ganzen eine hhere Weihe zu geben,
in Wahrheit aber aus Vorliebe fr die junge Grfin und in dankerfllter
Erinnerung an die Stunden und Tage, die sein armes, kleines Leben einen Sommer
lang beglckt hatten.
    Egon hie ihn willkommen, und in jagdgerechtem Absuchen immer wieder von der
Peripherie der Gehlze her bis in das Innere vordringend, ritt man von Dorf zu
Dorf, auch sonst noch auf jede Kleinigkeit achtend. Aber die Sonne stand schon
ziemlich tief, ohne da man einer Spur des Kindes begegnet wre. Franziska hing
den Kopf, whrend Egon in wirklicher oder erknstelter Verstimmung ber den
Schuft von Hanka herfiel, der blo groe Worte gemacht habe, sehr wahrscheinlich
aber mit im Komplott sei. Das ganze Vergngen sei wie Dachsgraben ohne Dachs,
und alles in allem habe der Junge, der Andras, ganz recht, wenn er von zu vielen
Geschwistern im Hause Toldy spreche.
    Bei solchem Geplauder waren sie bis in die Nhe der Sdspitze des Sees
gekommen, als sie pltzlich einige hundert Schritte hinter sich ein Rufen hrten
und in raschem Sichwenden Andras erkannten, der, eine Strecke Weges
zurckgeblieben, in seiner Linken etwas in die Hhe zu halten schien. Gleich
darnach aber hrten sie, da er Marischkas kleine Schuhe auf dem Grabenrande
gefunden habe, ganz so wie hingestellt, um leicht und bequem gesehen zu werden;
dies sei der eine, den andern aber hab er stehenlassen, um die Stelle nicht zu
verpassen; er wette jetzt seinen Kopf, hier wrden sie die Marischka finden, tot
oder lebendig. Alle waren derselben Meinung und umstellten, als ihr Trupp heran
war, eine von Disteln, Gras und Heidekraut berwachsene Gemarkung, auf der sie
nun abermals wie zum Kesseltreiben vorgingen. Und siehe da, was man vermutet
hatte, traf ein, und zwischen hohem Farnkraut, ein Tuch unterm Kopfe, lag das
Kind und schlief. Auch ein weniges von Brot war ihm in die Tasche gesteckt
worden. Alles jubelte, sogar Egon, und jeder bedauerte, da der alte Toldy, weil
bei der andern Kolonne, sein Glck nicht gleich erfahren knne. Zwei, drei
Schloleute brachen denn auch auf, ihn an der andern Seeseite zu suchen, der
Rest aber legte das bermdete Kind, das ruhig weiterschlief, in einen Korb und
machte kehrt, um nunmehr unter Fhrung des Geistlichen an demselben Ufer hin, an
dem man gekommen war, den Rckweg anzutreten.
    Dies war ein mehr als dreistndiger Weg, den die vom langen Ritt sich
ohnehin ermdet fhlende Franziska nicht auch noch im Sattel zurckzulegen
wnschte, weshalb sie vorschlug, lieber in der einmal eingeschlagenen Richtung
bis zu dem nahen Nagy-Vasar hin weiterreiten und von dort aus das letzte
Dampfschiff zur Heimfahrt benutzen zu wollen. Andras solle sie beide begleiten.
    Egon war mit dem Vorschlage zufrieden, und so ritten sie denn auf den
Flecken und seine Dampfschiffstelle zu.

                           Achtundzwanzigstes Kapitel


Es schlug eben sechs in den umliegenden Drfern, als Egon und Franiska, nur von
Andras begleitet, auf Nagy-Vasar zuritten. Was sie nach rechts und links hin vor
sich hatten, waren cker und Wiesen, und nur dann und wann unterbrach ein mit
Tannen untermischtes Birkengehlz die sich bis an den See hin dehnende Plaine.
Der Weg konnte keine halbe Stunde mehr sein, und so muten sie das um sieben Uhr
abgehende Boot noch bei guter Zeit erreichen, auch wenn sie nur Schritt ritten.
    Aber gleich das erste Gehlz, das sie zu passieren hatten, gab ihnen einen
Aufenthalt, indem sie ziemlich in der Mitte desselben einen Feuerschein zwischen
den Bumen hin wahrnahmen und allerlei Stimmen zu hren glaubten. Es schien ein
Streit.
    Wir mssen hinein und sehen, was es ist, rief Egon, sein Pferd rasch
herumwerfend, whrend ihm Andras und Franziska durch die weien Birkenstmme hin
folgten. Aber sie fanden nichts und kehrten endlich nach lngerem Suchen auf die
groe Strae zurck.
    Ich hoffte schon, sagte Egon, da wir dem Toldy noch ein zweites, ein
Pflegekind mitbringen knnten.
    Dessen er sich in dem Glck ber das eigene Kind auch sehr wahrscheinlich
gefreut haben wrde.
    Ganz unzweifelhaft. Denn zu den vielen Unerklrlichkeiten des Daseins
gehrt auch die, woher die gewhnlichen Leute, die sogenannten Enterbten der
Gesellschaft, ihre Zrtlichkeit nehmen.
    Ich dchte, daher, woher andere sie gemeinhin auch nehmen oder doch nehmen
sollten, aus dem Herzen.
    Gewi. Aber wo die Not des Lebens nicht blo mitspricht, sondern oft
geradezu mitschreit, erscheint es mir immer rtselhaft, da die Stimme des
Herzens berhaupt noch gehrt wird. Eine meistens doch nur leise Stimme.
    Warum leise? Sie kann auch laut sein. Aber freilich, ich wundere mich
nicht, Sie diese Sprache fhren zu hren. War Ihnen doch die ganze Suche von
Anfang an nur ein Sport.
    Egon bi sich auf die Lippen und sagte mit einem Tone, darin eine gewisse
Schrfe lag: Vielleicht. Aber rasch wieder einlenkend, fuhr er fort: Ich
begreife Sie nicht, Franziska. Welche Vorwrfe! Sie werden sich doch, Pardon,
nicht auf das Gefhlvolle hin inszenieren wollen! Gerade Sie. Das ist ganz
unmglich. Ich mchte nicht gern ber diesen Punkt eine Meinungsverschiedenheit
oder auch nur Unklarheit zwischen uns herrschen sehen, und so lassen Sie mich
Ihnen denn sagen, da es in meinen Augen nichts Trivialeres gibt als
Sentimentalitten. Und darin, denk ich, stimmen wir zusammen. Ich gnne dem
Gesamthause Toldy sein Glck und sein Geschluchze, denn alle diese Menschen, die
Weiber natrlich vorauf, haben eine merkwrdige Gabe, zu jeder ihnen beliebigen
Zeit in einen Strom von Trnen ausbrechen zu knnen, aber offen gestanden, ich
habe kein Vertrauen zu der Aufrichtigkeit und noch viel, viel weniger zu der
Tiefe solcher Gefhlsefferveszenz.
    Efferveszenz! wiederholte sie. Welche Welt von Gleichgltigkeit drckt
sich in diesem einen Fremdwort aus! und diese Gleichgltigkeit haben Sie fr das
Hchste. Denn das ist es, wenigstens unter den irdischen Dingen. Ich kenne diese
Leute, diese sogenannten Enterbten, und wenn ich mir nun ausmale, wie der alte
Toldy das Kind in die Hhe hebt und es kt und umhalst und wie's dann reihum
geht und jeder es halten und wieder haben will, so wird es mir hei und kalt ums
Herz, und ich beklage geradezu, nicht Zeuge davon sein zu knnen. Wie leer ist
anderer Leben dagegen!
    Anderer?
    Oder sagen wir unser, Ihres, meines. Ich habe nicht gelernt, aus meinem
Herzen ein Geheimnis zu machen, und will es auch als Grfin Petfy nicht
lernen.
    
    Ich erkenne Sie nicht wieder, Franziska.
    Weil Sie mich nie gekannt haben... Aber wir werden uns in Trab setzen
mssen, Egon, oder wir verfehlen das Schiff.
    Andras wurde herangerufen, um ber die beste Richtung Auskunft zu geben, ehe
er aber noch antworten konnte, hrten alle drei schon das erste Luten vom
Dampfschiff her. Allez! und in einer rascheren Gangart ging es jetzt ber
einen Feldweg und gleich darnach in schrger Richtung ber eine Wiese hin, um
mit Hlfe dieser Schrglinie die Hlfte des Weges abzuschneiden. Aber in der
Mitte der Wiese war eine Sumpfstrecke, darin die Pferde so tief einsanken, da
sie kehrtmachen und die Hauptstrae wieder aufsuchen muten.
    Endlich trotz alledem hatten sie Nagy-Vasar erreicht und jagten nun, um das
Versumte wieder einzuholen, die lange, winklige Gasse hinauf auf den See zu,
von woher eben das dritte Luten herberklang. Aber ehe sie noch die letzte
Biegung gemacht hatten, lste sich das Schiff schon vom Bollwerk und war bereits
in voller Fahrt, als sie die Landungsbrcke zwei Minuten zu spt erreichten.
Andras, im ganzen Stolz eines grflichen Dieners, rief dem Kapitn ein ziemlich
befehlshaberisches Halt! nach und erwartete nicht anders, als da der Respekt
vor seinem Grafen allerhand Wunder wirken werde. Dies Wunder aber blieb aus, da
Kapitn und Schiffsleute weder Egon noch Franziska erkannten, und so setzte das
Boot denn seine Fahrt ruhig fort, whrend sich das an der Anlegestelle
herumstehende Volk seiner kleinen Schadenfreude hingab und kicherte.
    Que faire? fragte Egon, der sich rasch vom Pferde geschwungen hatte. Wir
werden uns in der nchsten Schenke wohl oder bel einquartieren oder vielleicht
besser noch bis Mihalifalva reiten mssen. Da finden wir etwas, das einem
Gasthof hnlich sieht.
    Auch Franziska war aus dem Sattel gestiegen. Ich denke, wir nehmen ein
Segelboot und versuchen es mit einer Fahrt ber den See... Sagt, Leute, wie
lange fahren wir bis Szegenihaza?
    Diese Frage hatte sie an eine Gruppe von Personen gerichtet, die bis dahin
in dem Ausdruck ihrer Schadenfreude voran gewesen waren, jetzt aber bei der
Aussicht auf Lohn und Verdienst mit einem Male sehr ernst und respektvoll
wurden.
    Zwei Stunden, sagte der eine. Drei, verbesserte der andere. So ging es
hin und her, bis man sich dahin einigte, da es in dritthalb Stunden zu machen
sei, wenn man ein kleines, leichtes Boot, ein Segel und zwei gute Ruderer nhme.
Der Wind sei nicht ungnstig, Sdwest, und die Sterne zgen immer heller herauf.
    Alles Volk, das zur Hand war, war denn auch sofort bereit, ein auf den
Strand gezogenes Boot wieder flottzumachen, Egon aber nahm Franziskas Hand und
sagte: Franziska, Sie nehmen die Sache von der romantischen Seite. Fast ist es,
als trgen Sie Verlangen nach einem Abenteuer. Aber erinnern Sie sich, da
Abenteuer und Gefahr Geschwisterkinder sind. Ich habe manches von diesem See
gehrt und mu Ihnen sagen, da Sie beides haben knnen, Abenteuer und Gefahr.
    Beides? scherzte sie. Nun, dann um so besser. brigens vergessen Sie, da
ich aus einer Seestadt bin. Und weil ich es bin, wei ich mit aller nur
mglichen Sicherheit, da es gerad umgekehrt liegt und da keine Gefahr im Anzug
ist. Schiffersleute sind die sorglichsten und beinahe ngstlichsten Leute von
der Welt, und wenn ein Bootfhrer mir sagt: Heute fahr ich, so fahr ich mit ihm,
wohin er will, und wenn es in einer Nuschale wre.
    Gut, ich bin es zufrieden. Unter allen Umstnden wrd es mir schlecht
anstehen, noch weiter abmahnen zu wollen. Also wir fahren!
    Andras hatte, whrend dies Gesprch gefhrt wurde, die drei Pferde bei dem
Schenkwirt untergebracht. Als er zurckkam, schwamm das Boot schon, und abermals
eine Minute spter lste sich's unter dem Zurufen der Menge von dem Brckenpfahl
ab, an dem man es kurz vor dem Einsteigen zu grerer Bequemlichkeit angekettet
hatte. Jeder hatte seinen Platz: Andras am Steuer, Egon und Franziska dicht vor
ihm; von den beiden Schiffsleuten aber, denen man sich anvertraut hatte, hielt
der eine die Segelleine, whrend der andere bequem ausgestreckt am Boden lag und
seinen wollhaarigen Mohrenkopf gegen die Kielspitze lehnte. Nichtsdestoweniger
war er ersichtlich die Hauptperson und gab durch kurze Bewegungen mit seiner
Stummelpfeife dem gegenbersitzenden Andras an, ob er mehr nach rechts oder nach
links hin steuern solle.
    Die Fahrt war entzckend, keine Welle ging, und Egon und Franziska, die den
Blick auf den anscheinend in endloser Ausdehnung vor ihnen liegenden See frei
hatten, konnten noch eine Zeitlang die durchglhte Rauchwolke des ihnen
vorauffahren den Dampfschiffs erkennen. Endlich aber schwanden Schiff und
Glutschein, und von Licht war nichts mehr sichtbar als die Pnktchen in den
Httenfenstern am Ufer. Andras begann ein Lied, unsicher erst und befangen; als
aber gleich darnach sein Gegenpart am Kiel und wieder einen Augenblick spter
auch der Mann am Segel einzufallen und Egon im Takte Bravo zu klatschen begann,
wurde das Singen immer krftiger und voller und klang melodisch in die Nacht
hinein.
    Egon nahm Franziskas Hand und sagte: Wie schn!
    Romantisch, neckte diese. Zuletzt behalt ich doch recht mit unserer
Fahrt.
    Aber immer einsamer ward es. Die letzten Lichtfnkchen am Ufer erloschen,
und nur die Sterne glhten noch ber ihnen.
    So war eine Stunde wohl vergangen, und sie muten eben den Punkt erreicht
haben, wo zwischen zwei Bergmassen das Wetterloch und sehr wahrscheinlich in
Folge bestndig kreisender Luftstrmungen eine von den Schiffern gefrchtete
Trichterbewegung, ein Strudel, auf dem See war. Egon wute von diesen Strudeln
und ihrer Gefahr, aber auch wenn er nicht davon gewut htte, wrd ihn die
pltzlich vernderte Haltung der beiden Bootsleute darauf aufmerksam gemacht
haben. Der jngere, der bis dahin die Segelleine gehalten hatte, reffte
pltzlich ein, whrend der andere seine Pfeife beiseite warf und rasch
aufsprang, um dem andern bei seiner Arbeit behlflich zu sein. Ihr Singen hatte
schon vorher aufgehrt. Und nun nahmen beide die groen Ruder zur Hand und
griffen mit einer Anstrengung ein, die deutlich erkennen lie, da man entweder
den Kurs ndern oder einen immer strker werdenden Widerstand besiegen wolle.
    Franziska hatte all dessen nicht acht und sah nur auf die blinkenden
Tropfen, die vom Ruder fielen. Sie war mde geworden und bedauerte nichts
weiter, als da das Singen aufgehrt habe. Pltzlich aber berlief es sie
frstelnd und fiebrig, und sie sagte leise vor sich hin: Mich friert.
    Wirklich, es kam eiskalt vom Gebirge her, whrend zugleich hoch oben in der
Luft ein feines Getn, ein unheimliches Pfeifen anhob. Und als Egon jetzt
hinaufsah, sah er, da die Sterne fort waren. Er schwieg indes und fragte nur
den mit dem Mohrenkopf, ob er nicht eine Decke fr die Grfin habe. Der nickte,
gab dem andern sein Ruder mit in die Hand und kam gleich darnach mit zwei Decken
zurck, die bis dahin in der Nhe des Steuers unter einem Stck Segeltuch
gelegen hatten. Franziska stand auf und wollte sich darin einhllen, aber sie
hatte nicht mehr Kraft genug und streckte sich endlich auf Egons Bitten am Boden
des Bootes hin aus, auf dem man ihr eine Kopflage zurechtgemacht hatte. Dann
nahm Egon die Decken und deckte sie zu.
    Es war hchste Zeit, denn kaum da sie so lag, so kam es auch schon wie eine
Spirale die Luft herunter und hob das Wasser samt dem Boot in die Hhe, als ob
ein Kork gezogen wrde. Dazu wuchs das unheimliche Gepfeif, und als Egon jetzt
unwillkrlich dem wenigstens anscheinend aus der Hhe niedersteigenden Tone nach
obenhin folgte, sah er, da die Sterne wieder da waren. Aber sie standen jetzt
an einem wunderbar durchglhten Himmel, und ihr Licht, das eine Stunde vorher
noch so still und friedlich auf die Welt herabgeblickt hatte, sah jetzt auf sie
nieder, als ob es Unheil und Untergang bedeute.
    Mich friert, wiederholte Franziska, whrend sie mit der Hand auf ihre
Schlfe wies; Egon aber, ohne sich zu besinnen, ri jetzt den langen blauen
Schleier von dem neben ihr liegenden Reithut und wand ihn um ihre Stirn, und der
freundlich matte Blick, der ihn traf, verriet ihm, da er's mit diesem Dienste
getroffen habe.
    Die Bootsleute hatten mittlerweile die Ruder eingezogen, und Egon, der eine
Hoffnung daran knpfen mochte, fragte: Sind wir heraus?
    Aber keiner antwortete.
    Soll ich helfen? fuhr er fort. Wenn ihr mde seid, ich versteh's. Und
Andras versteht es auch.
    Aber sie schwiegen weiter.
    Hrt doch. Ich seh, ihr habt noch zwei andere Ruder; gebt sie nur her. Vier
knnen mehr als zwei. Wir wollen mit anfassen.
    Alles still.
    Basseremtete! rief jetzt Egon im Zorn. Sprecht. Ich will Antwort haben.
Wir kommen nicht von der Stelle, drehen uns blo und mssen doch am Ende
heraus.
    Mssen? wiederholte der ltere nur, whrend er lchelnd seine Pfeife nahm
und damit spielte.
    Franziska war bis dahin halb apathisch dem Gesprche gefolgt. Sie sah nun,
wie's stand, und Egon die Hand reichend, sagte sie: Verzeih! Ich bin schuld.
    Woran?
    An unserem Tod.
    Wir leben.
    Aber wie lange noch? Und es ist auch das Beste so. Wenigstens das Beste fr
mich. Der Tod lst alles Wirrnis, das ich heraufbeschworen habe. Was sollt ich
noch hier? Ich sterbe gern, Egon, und gerade so, so. Das Glck bleibt mir treu
bis zuletzt... Aber du?
    Nein, nein, Franziska. Es kann nicht sein; nicht so. Wir leben noch, mssen
leben. Und er ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Kssen.
    In diesem Augenblicke schwieg das Pfeifen und Singen oben in der Luft, und
statt seiner gab es einen schweren, dumpfen Schlag, wie wenn ein Segel im Winde
hin und her klappt. Und dabei legte sich das Boot auf die Seite, so weit und so
tief, da es kentern zu wollen schien; aber als es wieder stand, griffen beide
Bootsleute mit ihren Rudern ein, und alle fhlten jetzt, auch Franziska, da sie
dem Tod entronnen und aus dem Trichter heraus seien.
    Egon hatte das Steuer genommen.
    Wohin? rief er. Aber der, der den Fhrer machte, wies nur auf ein
Inselchen, das sie jetzt, keine hundert Schritte mehr entfernt, aus dem
Wogenschwall aufragen sahen. Es war ein Schieferfelsen mit angespltem Schlick
und Sand, an dessen Abhang die Mwen ihre Nester hatten. Aber keine war zu
sehen, alle steckten in ihren Felsenlchern, und nur ein Fischreiher, so schien
es, stand auf der kahlen Hhe und hielt Umschau.
    Wohin? wiederholte Egon seine Frage.
    Doch statt aller Antwort kam diesmal ein Wellensto und warf das Boot auf
den Strand.
    Alles sprang in die Brandung, und durch Schaum und Gischt hin watete man auf
das Vorland zu, das zwischen dem Felsen und dem See lag. Allen voran Franziska,
der mit der Hoffnung auf Leben auch die Lust am Leben wiedergekommen war, und
als sie jetzt aus Tod und Brandung heraus mit einem Male wieder den trockenen
Sand unter ihren Fen knirschen fhlte, warf sie sich nieder und griff in den
Sand hinein, als ob sie das Leben selbst mit aller Kraft aufs neu erfassen
wolle. Dabei sprach sie Dankesworte vor sich hin und weinte und schluchzte, bis
ihr Weinen und Schluchzen endlich schwieg.
    Komm! bat Egon.
    Aber sie hrte nicht mehr, und als er sie vom Boden emporhob, sah er, da
sie besinnungslos war und eine Ohnmacht ihr Leben in Banden hielt.
    Ist eine Htte da?
    Ja. Da, wo der Rauch zieht.
    Und sich untereinander ablsend, trugen sie sie die roh in den Felsen
gehauenen Stufen hinauf, bis man oben vor der Fhrhtte hielt.

                           Neunundzwanzigstes Kapitel


Die Insel, darauf das Boot angelaufen war, lag nur in geringer Entfernung vom
Ostufer des Sees, so da, als der Sturm eine Stunde spter nachgelassen hatte,
von seiten Egons beschlossen werden konnte, Botschaft an den alten Grafen zu
senden. Ein zwlfjhriger Junge, der den See wie sein Vaterunser kannte, war
auch zu der Botschaft bereit, setzte glcklich ber und traf um zwei Uhr nachts
auf dem Schlo oben ein. Er fand noch alles wach und bergab an Graf Adam einen
Zettel, den Egon geschrieben hatte. Dieser lautete: Gerettet. Franziska matt
und erschpft. Bei Tagesanbruch fahren wir mit der Fhre bis Szent-Grgey, wo
wir einen Wagen erwarten. Egon.
    Der Graf, als er gelesen, gab den Zettel an Judith. Diese war in uerster
Erregung, sah in allem nur Wunder und Gebetserhrung und versprach, eine
Kirchenschenkung zu machen, whrend ihr Bruder das Rettungswunder auf die zwei
Bootsleute schob und sich dahin entschied, es diesen zugute kommen zu lassen.
    Im brigen, schlo er, da wir nun Egon und Franziska geborgen wissen,
wollen wir auch uns selber bergen. Etwas Schlaf ist immer gut, es fehlt uns
sonst an Kraft, uns morgen unserer Geretteten zu freuen. Denn eine Freude mit
mden Augen ist nur halbe Freude. Also gute Nacht.
    Am andern Morgen regte sich bis zu verhltnismig spter Stunde nichts im
Schlo, und zehn Uhr war lngst vorber, als man sich endlich beim Frhstck
traf und nach voraufgegangener herzlicher Begrung an ein Fragen und Erzhlen
ging.
    Franziska hatte das Wort und sprach lebhaft und anziehend, aber obschon sie
hinter ihrem Erzhlerrenommee nicht eigentlich zurckblieb, so blieb doch vieles
in ihrem Vortrage dunkel und lckenhaft und gewann erst wieder Leben und
Unbefangenheit, als sie mit gewohnter Vorliebe fr die Kleinmalerei zur
Schilderung des Fhrhauses und seiner Insassen berging. Alle Geschichten ihrer
Kindertage seien ihr in demselben Augenblick wieder lebendig geworden, wo sie
sich beim Erwachen aus ihrer Ohnmacht in dem aus Feldstein und Rasenstcken auf
gebauten Fhrhause mitsamt der alten Fhrhaushexe vorgefunden habe. Wirklich,
alles sei halb Mrchen, halb Walter Scott gewesen. Aber kein Kaffee der Welt hab
ihr je so geschmeckt wie dieser Fhrhaus- und Hexenkaffee, was schlielich auch
wieder nicht zu verwundern und jedenfalls kein Mirakel sei. Denn die Lage, darin
man sich gerade befinde, bestimme nicht nur unser Tun, sondern auch unseren
Geschmack, und whrend ihr, um nur ein Beispiel zu gehen, bis dahin Blak und
Torfqualm der Inbegriff alles Lstigen und Widerlichen gewesen sei, denke sie
jetzt mit Dankbarkeit an die Blak- und Torfqualmwolke zurck, aus der ihr in
eben dieser Fhrhtte das Leben neu niedergestiegen sei.
    Das Glck kommt immer in der Wolke, lachte der alte Graf, und wer es
nicht aus der Mythologie wei, nun, der wei es aus den Bildergalerien. Und du
darfst darber nicht verlegen werden, Franziska, denn ich wage die Behauptung
und erhebe sie hiermit zum Dogma: Alles, was noch gemalt werden kann, ist auch
noch salonfhig. Und dabei bleibt es, auch wenn Schwester Judith mir Blicke
zuwirft, als ob sie den groen Bann ber mich verhngen wolle. Sie vergit eben
ganz und gar, da wir dem frohen Ereignis, das sich zugetragen, auch ein
Dankopfer zu bringen haben, und das meine besteht in etwas bermut und guter
Laune. Jeder nach seinen Krften. Judith freilich wird auf der Rettungsinsel
lieber eine Kapelle bauen und eine heilige Franziska darin aufstellen lassen,
immer vorausgesetzt, da es eine solche gibt. Vorlufig aber stell ich ernstlich
zur Frage: wer fhrt mit? In einer Stunde nmlich mu ich auf drei Tage zur
Gerichtssitzung nach Gruz, diesem verdammtesten aller verdammten Nester, das
keinen Pflasterstein und auf tausend Muler in Bausch und Bogen dreitausend
Rssel hat. Eins zu drei. Aber was sag ich, eins zu drei? Wer eine
Gerichtssitzung mitmacht, der rechnet sich noch ganz andere Prozentstze heraus.
Doch das beiseite. Was meint ihr, Egon, Franziska? Ihr knntet mich bis
Mihalifalva begleiten und mir bei der Gelegenheit als erste Wallfahrer eure
Rettungsinsel zeigen.
    Egon und Franziska schwiegen unschlssig, Judith aber war mit groer
Entschiedenheit dagegen. Es sei besser, des Jngstvergangenen in Andacht und
Stille zu gedenken als spttisch und persiflierend aus dem Inselchen eine
Pilgersttte zu machen.
    Der Graf lachte, war es aber zufrieden und brach allein auf, um an dem so
wenig schmeichelhaft von ihm geschilderten Komitatsort einer dreitgigen
Gerichtssitzung beizuwohnen.

                              Dreiigstes Kapitel


Eintnig waren die drei Tage vergangen; Egon und Franziska mieden sich und
trafen sich nur bei Tisch und beim Tee, und whrend der Stunden, wo sonst so
lebhaft geplaudert zu werden pflegte, war es jetzt still, als ob man sich nichts
zu sagen habe. Judith hatte dessen am ersten Tage nicht acht, am zweiten aber
bemerkte sie's, und am dritten sprach sie's unumwunden aus. Nun besannen sich
Egon und Franziska wieder und nahmen ein Gesprch auf, lebhaft, pointiert und
berhaupt anscheinend wie frher. Aber es lachte niemand. Die Worte, die
gewechselt wurden, entbehrten aller Unbefangenheit.
    Am vierten Tage frh kam ein Telegramm aus Gruz, worin der Graf meldete, da
er statt am Vormittage, wie gewollt, erst spt am Abend eintreffen werde.
    Das Blatt ging von Hand zu Hand, ohne da eine Bemerkung gemacht worden
wre; dann aber zog sich Franziska zurck und sah, oben in ihrem Zimmer
angekommen, in das Kaminfeuer, das lustig flackerte. Hannah erschien aus dem
Nebenzimmer, um ein Scheit aufzulegen, eigentlich aber, weil sie sah, da ihre
Herrin und Freundin bedrckt war und sprechen wollte.
    Setze dich auf das Kissen hier, sagte Franziska nach einer Weile. So;
hier. Und nun bleib und erzhle mir etwas Hbsches, etwas Freundliches, etwas
Trostreiches. Ich brauch es so sehr. Ich habe Sehsucht nach Wien, nach Welt und
Menschen und wollte, wir wren erst fort von hier.
    Ich wollt es auch, aber glaubst du, da es hilft?
    Was?
    Da wir hier fortgehen. Ich meine, Frnzl, es mu hier anfangen. Und dabei
wies sie mit dem Finger auf Franziskas Herz.
    Diese schwieg und sah vor sich hin.
    Ja, Frnzl, du mut wieder einen Willen haben; konntest dich doch sonst
bezwingen. Aber die langen Regentage sind schuld, da fing es an. Und das zweite
war, da sie die Marischka wegstahlen, und das dritte, da das Dampfschiff fort
war. Ach, an derlei hngt es immer, und in so kleine Haken hakt der Teufel am
liebsten ein. Ich sorge mich jetzt vor dem, was kommt. Denn sieh dich vor,
Frnzl ich versteh mich auf Augen, und ein so gutes Herz er hat, so heies Blut
hat er. Er ist ein Feuertopf, und fllt erst mal ein Funke hinein, so haben wir
ein Geprassel und einen Krach und Knall. Ich beschwre dich, hast du mir nichts
zu sagen, nicht ein kleines Wort, das mich beruhigen knnte?
    Franziska schttelte den Kopf.
    Frnzl, Grfin, fuhr Hannah fort, ich begreife dich nicht. Du weit, ich
war damals dagegen, in slau schon und dann in Wien. Aber als du's durchaus
wolltest, da begab ich mich und dachte bei mir: Nun, sie mu es am Ende wissen,
was ihr Herz kann und nicht kann. Und du berhmtest dich auch. Und nun endet es
so. Bezwinge dich und denke, du bist noch jung. Ich will dich nicht mit
Tugendrederei qulen; ach Gott, Tugend! Aber sei klug und bedenke, was Phemi dir
immer sagte: Bis dreiig ist es nichts. Und sieh, ehe du dreiig bist, bis dahin
ist noch lang und ndert sich vielleicht viel. Du mut nur warten knnen.
    Ich glaube wohl, da du recht hast, Hannah, aber es ist nun einfach zu
spt. Und dann, dann... Aber ich will mich nicht bergen und flchten dahinter:
es wre kleinlich und unedel gegen ihn und vielleicht Schlimmeres noch. Also
lassen wir's. Ich fhle meine Schwche, mein Unrecht, und ich bekenne mich
dazu.

Als Hannah und Franziska so sprachen, war Egon erst in den Park und dann ber
die breite Dorfwiese fort in die Berge gegangen. Heute zu Fu.
    Es war derselbe Weg, den er in den ersten Wochen seiner Anwesenheit fast
alltglich mit Franziska gemacht und auf dem ihm das Gesprch ber den
Entfhrungsroman in der Devavianyschen Familie zum ersten Mal einen bestimmten
Blick in Franziskas leidenschaftliche Natur gegnnt hatte. Hoch oben, am
Waldsaume hin, lag Tannen- und Birkenholz in Klaftern aufgeschichtet, und mde
vom Steigen nahm er auf einer dieser Klaftern Platz. Er sah vor sich hin,
zeichnete Figuren in den Sand und berdachte seine Lage.
    Was tun? Ich habe nur zwei Wege: weiter treiben oder Rckzug. Und der eine
Weg ist um nichts besser als der andere. Weiter treiben und auf Geheimnis hoffen
- eine Hoffnung, die jedesmal trgt. Denn alles dunkel Verschwiegene wchst sich
ans Licht, heut oder morgen. Also Rckzug oder, was dasselbe sagen will:
Rckfall in die Gewissenhaftigkeit, in eine Gewissenhaftigkeit, an die niemand
glaubt und am wenigsten die, der man damit zu sagen scheint: Ich bin
gewissenhafter als du. Die Weiber haben dies Rckzugsrecht, nicht wir. Unser
Rckzug ist allemal Erkhlung oder Feigheit oder berdru. Oder wird doch so
gedeutet. Also nur weiter! Wer ehrlich sein will, mu mit Ehrlichkeit anfangen.
    Der Weg, auf dem er aufgestiegen war und auf den er jetzt von der Hhe her
zurcksah, lief wie ein Faden zwischen den Waldwiesen hin, und ein Wsserchen,
das halb in Binsen stand, schlngelte sich nebenher. In den Binsen aber ging der
Wind, denn seit dem Sturm auf dem See war wieder ein Wetterumschlag eingetreten,
und grauschwarze Wolken, aus denen dann und wann ein Regenschauer niederfiel,
zogen endlos vom Gebirg her ber das Schlo hin. Auch in diesem Augenblicke
wieder lag der Glockenturm in solchem Gewlk, und ein fahler Lichtschein, der
von der entgegengesetzten Seite her auf die graue Wand fiel, steigerte nur das
Unheimliche des Anblicks. Um ihn her die Stelle, wo das Holz aufgeklaftert lag,
war windgeschtzt, aber aus dem Walde kam dann und wann ein Luftstrom und
schttelte von dem berhngenden Gezweig einige Tropfen auf ihn nieder. Alles in
Nhe und Ferne war wie in eine groe Trbe gekleidet.
    Er erhob sich endlich, um seinen Rckweg anzutreten, wollte jedoch den
Schlngelpfad, auf dem er gekommen war, nicht wieder einschlagen und zog es vor,
weglos ber eine den steilen Abhang bedeckende Wiese hinabzusteigen. Diese Wiese
war aber glatter und abschssiger, als er dachte, so da er sich, um nicht
auszugleiten, an allerlei Gebsch, Weidorn und Hagrosen, festhalten mute, die
den ganzen Abhang hinauf und hinab gepflanzt waren oder auch wohl sich selber
gepflanzt hatten. An einem dieser Bsche blhte noch eine versptete Rose; die
brach er und nahm sie mit sich, einen Augenblick von der Hoffnung und fast auch
von dem Glauben erfllt, ein Unterpfand knftigen Glckes in ihr empfangen zu
haben.
    Aber welches war das Glck?
    Und nun sprang er ber den Binsenbach fort und hielt wieder die groe
Strae, bis er zuletzt an ein tieferes Wasser kam, das an seinem Uferrande von
Werft und Weiden berwachsen war. Es hie, da erst ganz vor kurzem einer an
dieser Stelle gefunden worden sei, halb verschlammt und begraben und nur die
rechte Hand ausgestreckt nach dem niederhngenden Gezweig. Und keiner wute, war
es Untat oder ein Unglck.
    In weitem Bogen ging er um das verschlammte Wasser herum, aber als er's im
Rcken hatte, war ihm doch, als folg ihm wer.
    Er blieb stehen, da stand der andere auch. Und es berlief ihn eiskalt.
    Erst nach einer Weile nahm er wahr, da es der Widerhall seiner eigenen
Schritte gewesen, was er unheimlich und gespenstisch neben und hinter sich
gehabt hatte.

                           Einunddreiigstes Kapitel


Der Graf war spt abends, wie sein Telegramm gemeldet, wieder auf Schlo Arpa
eingetroffen, aber erst am andern Morgen begrte man sich. Er war sehr heiter
und aufgerumt und erzhlte von allerlei Zwischenfllen. Ein feiner Sinn fr das
Komische, der ihn auszeichnete, gab all seinen Schilderungen Kolorit und Leben.
    Aber nun will ich wissen, fuhr er fort, was inzwischen hier vorgegangen
ist, hier und drauen in der Welt. Denn ich habe seit vier Tagen kein
Zeitungsblatt in der Hand gehabt und wei nicht einmal, ob Gambetta mittlerweile
seine Revanche genommen hat oder nicht. Ich vermute, nicht, aber es wre mir
lieb, die Besttigung zu hren. Und zwar mcht ich sie, wenn es sein kann, von
Schwester Judith hren. Ja, Judith soll lesen, hlt sie doch ohnehin seit einer
Viertelstunde das Zeitungsblatt in der Hand und wartet darauf, da ich schweigen
soll. Ich habe mich zwar in meinem Redestrom durch ihre stille Kritik nicht
stren lassen, aber doch bestndig gefhlt, da sie mit ihrer Ungeduld und ihrer
Trauermiene meinem ganzen Gruzer Komitatsvortrage das Mark ausgesogen hat. So
denn zur Strafe, Judith, lies und fange mit Frankreich an. Es ist immer noch das
Interessanteste. Selbst ihr Geznk ist voller Leben.
    Er sprach weiter und schien es mit seinem Verlangen, etwas aus der Welt
hren zu wollen, nicht allzu dringlich gemeint zu haben. Endlich aber entsann er
sich wieder und sagte: Nun, was hast du gefunden? Gib uns die Quintessenz.
    Ich habe nichts gefunden, Adam. All diese Znkereien, die dich
interessieren, interessieren mich nicht, und was mich wiederum interessiert, das
sind Anekdoten und Notizen, ber die du spttisch hingehst.
    Es kme doch auf einen Versuch an. Ich bin schlielich auch durchaus der
Mann der Anekdote.
    Nun denn, im Hospitale zu Charenton, so berichtet hier die Augsburgerin,
ist hundertunddrei Jahre alt ein Mensch gestorben, den man allgemein den
Glasmenschen nannte.
    Sonderbar. Ein l'homme de fer ist mir auf meinen Weltfahrten irgendwo
vorgestellt worden, ich glaub in Straburg. Aber ein l'homme de verre ist mir
neu. Warum hie er so?
    Weil er sich selber einbildete, von Glas zu sein.
    Also durchsichtig?
    Ja.
    Sagt die Notiz nichts weiter? Du bist so einsilbig, Judith. Ich mchte mehr
wissen. Wie verbracht er sein Leben?
    Er lebte korrekt.
    Nur in der Ordnung. Wer von Glas ist, hat die Verpflichtung, korrekt zu
leben; er kann ja jeden Augenblick in seinem Triebwerk kontrolliert werden. Was
meinst du, Franziska?
    Diese senkte den Blick, berwand sich aber und sagte: Die Seele, mein ich,
bleibt unsichtbar.
    Ja, die Seele. Aber es wre schon immer was, das Herz arbeiten zu sehen.
    Es ist das so ntig nicht, sagte Judith. Alles hat seinen Widerschein,
und auch das Herz spiegelt sich. Wir sind alle viel mehr Glasmenschen, als du
glaubst, Bruder. Und es ist schlielich auch ein Glck, da es so ist.
    Aber ein greres noch, da es als Regel nicht so ist. Nur der Irrtum ist
das Leben.
    Oder die Wahrheit.
    Ach, die Wahrheit? Glaube mir, Judith, die Welt bleibt ewig in der alten
Pilatusfrage stecken.
    Egon, als dies Gesprch schwieg, trat auf die Veranda. Dann kam er zurck
und entschuldigte sich fr den Tag, er habe eine Verabredung; Fasanenjagd mit
Szab. Nach ihm erhob sich auch Franziska, der der Boden unter den Fen
brannte. War dies alles Zufall, oder war es mehr? Sie ging auf ihr Zimmer, froh,
aus dem Kreuzfeuer heraus zu sein.
    Nur Graf Adam und Grfin Judith blieben, jeder anscheinend in seine Lektre
vertieft. Aber die Grfin war es nicht, und als eine kleine Weile vergangen war,
legte sie die Zeitung nieder und sagte: Hast du noch nicht an Aufbruch gedacht,
Adam? Ich meine nach Wien. Die Tage werden kurz...
    Und dir zu lang, unterbrach der Graf. Der kleine Mann unten ist freilich
kein Pater Feler; aber Pardon, Judith, so steht nicht jeder zu dieser Sache.
Was sollen wir jetzt in Wien? Es ist noch um einen Monat zu frh, und verlngern
wir die Saison um diese vier Herbsteswochen, so nehmen die Frhjahrswochen kein
Ende. Zudem bin ich einigermaen Gewohnheitsmensch und treffe nicht gern vor dem
zweiten Dezember in Wien ein. Also, wenn du willst, auch ein Mann des zweiten
Dezember.
    Ich wrde mich nie so nennen, Adam, auch im Scherz nicht. Und nun gar du,
der im Aberglauben steckt. Aber was ich dir sagen wollte: du verfllst zu sehr
in deinen alten Fehler.
    Und der nennt sich?
    Ein liebenswrdiger Egoist zu sein. Ehedem durftest du das. Aber du bist
heute nicht mehr der, der du vor einem Jahre warst, und hast heute kein Recht
mehr, so bon gr, mal gr von deinem gewohnheitsmigen zweiten Dezember zu
sprechen.
    Ich verstehe dich nicht.
    Oh, du verstehst mich sehr gut; ich seh es an dem Zucken um deinen Mund.
Aber ich kann alles, was ich zu sagen habe, dir schlielich in einem einzigen
Worte sagen, und dies eine Wort ist ein Name.
    Hat sie geklagt?
    Mit keiner Miene; solche Naturen klagen nicht. Aber ob sie nun geklagt hat
oder nicht, das bleibt bestehen: du mutest ihr mehr zu, als sie tragen kann. Und
wenn ich vorher von Wien sprach und von unserer Abreise dahin, so heit das
einfach: sie mu aus dieser Einsamkeit heraus.
    Einsamkeit. Was heit Einsamkeit? Ich hab es in ihre Wahl gestellt, ob sie
Besuch haben wolle oder nicht, und hab ihr beispielsweise von Phemi gesprochen.
Sie hat es aber abgelehnt. Das war, ehe ihr kamt, ja, ehe wir wuten, da ihr
kommen wrdet. Nun seid ihr seit einem Monat hier, und jeder Tag ist so bunt wie
das Laub im Park drauen und so plapperhaft wie ein Elsternest. Ist das
Einsamkeit? Du bist hier, Egon ist hier, und zum berflu et pour combler le
bonheur sorgt auch noch der Himmel fr entfhrte Kinder, fr Schiffbruch und
Abenteuer.
    Eben deshalb, unterbrach hier die Grfin und verlie langsam das Zimmer.
Es war fast, als ob sie darauf gerechnet habe, von ihm zurckgerufen zu werden.
    Aber seine Verwirrung war zu gro, so gro, da er in Schweigen verharrte.
Sein Auge rtete sich, wie es stets geschah, wenn ihn ein Gegenstand erregte;
dann warf er die Zigarette durch die Balkontr, nahm ein Buch, das auf dem
Nebentische lag, und bltterte mit dem Finger ber den Rand hin, wie wenn man
ber ein Spiel Karten fhrt. Er war bis ins Tiefste getroffen. Aber seine
vertrauensselige Natur berwand es wieder, und indem er eine Spalte der Zeitung,
aus der Judith vorgelesen hatte, mit dem Auge durchlief, ohne sich im geringsten
um den Inhalt zu kmmern, sprach er vor sich hin: Es ist Judith, wie sie leibt
und lebt, und ich werde sie nicht ndern. Die hellste Seele von der Welt und
dabei passionierte Schwarzseherin. berall geheimnist sie was hinein. Das hat
sie sich von den Pfaffen angenommen, die sich nichts vorstellen knnen ohne
Dunkel, Komplott und Intrige. Welche Widersprche leben doch in unserer Natur;
sie selbst hat nie den kleinsten Hllenfaden gesponnen, und wenn der Himmel der
Hlle Preis wre, sie wrde diesen Faden nicht spinnen knnen. Aber weil sie von
Jugend auf gehrt hat, es gbe dergleichen in der Welt, so sieht sie's nun
berall. brigens ist es leicht, Rat zu schaffen. Egon hat sich eben
verabschiedet, und so pat es fr heute nicht; aber was heute nicht pat, pat
morgen, und morgen mit dem frhesten werd ich ihn stellen und ihm rundheraus
erzhlen, was der Tante Judith auf der Seele brennt.
    Er wiegte sich, als er so sann, in dem Schaukelstuhle hin und her und ging
dabei das Gesprch, das er mit Judith gehabt hatte, noch einmal durch. Wie
verlief es doch? Ich hatte von Egon gesprochen. Aber Egon war nicht das letzte
Wort... Schiffbruch und Abenteuer sagte ich, und dann antwortete sie: Eben
deshalb.
    Er sprang auf und schlug sich vor die Stirn. Wenn... Aber er wurde seiner
Erregung abermals Herr. Unsinn! Es ist Judith; c'est tout. Woher will sie's
wissen. Als ob sie mit im Boot oder wohl gar mit in dem rucherigen Fhrhaus
gewesen wre. Sie braucht Geschichten und macht sie sich, das ist alles, und am
Ende, warum nicht? Die Menschen machen sich ihre Gtter, warum sollen sie sich
nicht auch ihre Geschichten machen? Bedrfnis und Angebot, das alte Lied.
brigens freu ich mich auf das Gesicht, das Egon...
    In diesem Augenblicke trat Andras ein, um den Frhstckstisch abzurumen.
Der wei es, scho es dem Grafen durch den Kopf, und ehe er noch einen
bestimmten Plan fassen oder zu reiferer berlegung kommen konnte, fuhr es schon
aus ihm heraus: Andras, mein Junge, ich habe dich so gut wie noch nicht
gesehen, seit du mit auf dem See warst. Hast dich tapfer und brav gehalten, hat
mir die Grfin erzhlt, und Graf Egon...
    Der Junge lchelte.
    Sieh, das hr ich gern, Andras, und du kannst dir auch etwas wnschen,
jetzt gleich, oder wenn du mal gro bist und eine Braut hast, hier oder in Wien.
Aber hbsch mu sie sein, hrst du! Bist ja selber ein hbscher Jung. Und dann
heiratest du sie...
    Will nicht, Graf.
    Will nicht. Was heit will nicht? Du wirst schon wollen. Und dann kommen
wir alle zu deiner Hochzeit, ich und die Grfin und Graf Egon. Ja, die Grfin
und Graf Egon auch: die gehren ja jetzt zusammen, weil sie zusammen in dem Boot
und in der Gefahr waren. Und Gefahr schliet die Menschen zusammen, das wei
ich... Und du hast nichts auf dem Herzen? Und hast mir nichts zu sagen, Andras?
    Nein, Herr.
    Und weit nichts?
    Nein, Herr.
    Und willst auch nichts wissen?
    Andras hatte sein Nein, Herr schon ein drittes Mal auf der Zunge, besann
sich aber rasch und sagte, whrend er sich vor dem Grafen aufrichtete: Was,
Herr?
    In dem Tone lag etwas, was den Grafen beschmte.
    Nichts, sagte dieser ruhiger. Es ist gut so. Wir gehen in dieser Woche
noch nach Wien. Und du mit.

                           Zweiunddreiigstes Kapitel


Eine Woche spter war man wieder in Wien.
    Der Graf hatte noch am selben Tage, wo sein Gesprch mit Judith
stattgefunden, seinen Entschlu ausgesprochen, als Reisemarschall voraufgehen
und im Stadtpalais, in dem man inzwischen eine Reihe neuer Zimmer eingerichtet
hatte, nach dem Rechten sehen zu wollen, in Wahrheit aber lag ihm nur daran, ein
Zusammensein mit Egon in demselben Coup zu vermeiden. Er fhlte deutlich, da
er den rechten Ton nicht treffen, auch vielleicht der ihm eigenen Neigung zu
Sarkasmen nicht immer widerstehen werde, was, wenn unberechtigt, einfach
beleidigen und, wenn berechtigt, als ein Auskunftsmittel in Altweibermanier
erscheinen mute. Dem einen aber wie dem andern wollt er sich entziehen. In Wien
lieen sich dann die Begegnungen einschrnken, wenn sich dies, was doch immer
noch in Zweifel lag, berhaupt als wnschenswert herausstellen sollte. Die
Zerstreuungen der groen Stadt waren jedenfalls das beste Mittel, ihm einen
freieren Blick und ein eigenes, selbstndiges Urteil zurckzugeben.
    Wirklich, diese Zerstreuungen bten auch ihre Wirkung auf ihn, und sie
konnten es um so leichter, als sich seinem anscheinend nur oberflchlich, in
Wahrheit aber scharf beobachtenden Auge nichts zeigte, was dem in seiner Seele
wachgerufenen Argwohn irgendwelche Nahrung htte bieten knnen. Egon, wenn er
abends im Salon der alten Grfin erschien, war ernster und schweigsamer als
gewhnlich, aber in seinem Benehmen gegen Franziska lie sich weder eine
besondere Zurckhaltung noch auch eine besondere Vertraulichkeit entdecken. Und
so durft es denn nicht wundernehmen, da dem alten Oheim, wenn nicht ein volles
Vertrauen, so doch ein gewisser seelischer Mittelzustand zurckkehrte, der
gerade hoffnungsreich genug war, ihn zur Erffnung der Saison eine musikalische
Soiree mit sich anschlieender Ballfestlichkeit veranstalten zu lassen, eine
Reunion, zu der auer der Knstler- und Gelehrtenwelt auch alle diejenigen
Personen der Aristokratie geladen worden waren, auf deren Erscheinen man mit
Sicherheit rechnen durfte.
    Man hatte nur noch drei Tage. Da jedoch alle Vorbereitungen lngst getroffen
worden, so waren gerade diese Tage freie Tage, die denn der Graf auch vorhatte
so gut altwienerisch wie mglich zu verbringen. Im Theater also. Das Gastspiel
eines ausgezeichneten norddeutschen Knstlers, der zugleich ein besonderer
Liebling des Grafen war, forderte noch besonders dazu auf.
    Ich habe fr heute abend zu der Vorstellung unseres alten Freundes eine
Loge genommen, sagte der Graf, als er Franziska beim zweiten Frhstck
begrte. Wir werden ihn, nachdem wir die Partie Piquet und leider auch die
Beiden Klingsberge versumt haben, wenigstens in einer neuen Rolle sehen.
    Und in welcher? fragte Franziska.
    Als Herzog von Chevreuse; ein Scribesches oder Dumassches Stck mit
gleichgltigem Titel und gerade schon wieder alt genug, um als neu gelten zu
knnen. Ich entsinne mich, es in den letzten Louis-Philipp-Tagen in Paris
gesehen zu haben, habe jedoch keine Ahnung mehr, was es ist.
    Seinem Titel nach sehr wahrscheinlich eines jener franzsischen
Memoirenstcke, die nie schlecht und nie gut sind und mir immer ein Horreur
waren. In meiner Erinnerung haben sie nicht blo alle dieselbe Physiognomie,
sondern auch dieselben Personen: einen Knig und eine Knigin, eine merkwrdig
naive Prinzessin, ein paar Herzoge mit pomphaften Namen einschlielich
irgendeiner Maintenon oder Pompadour und dazwischen einen Perin oder Figaro, der
alles einfdelt oder nasfhrt, oder wohl gar einen Narzi, der der ganzen
Grandseigneurschaft die haarstrubendsten Sottisen sagt.
    Schau, Frnzl, entgegnete der Graf, der diesen Ton liebte, du hast ja
deine gute Laune wieder. Ich sehe nun, da es Zeit war, aus unserem alten
Dohlennest aufzubrechen; die Wiener Luft atmet sich doch besser und legt sich
dir weicher ums Herz, nicht wahr? Ich hab brigens die Loge links genommen, die
grere, denn ich rechne nicht blo auf Egon, der sich angesagt hat, sondern
auch auf Judith. Sie mu durchaus einmal heraus und nicht immer nur Feler sehen
und von der heiligen Genoveva hren.
    Und wirklich, die gute Grfin, in der sich aller Frmmigkeit unerachtet doch
dann und wann noch die Wienerin alter Tage regte, hatte sich bestimmen lassen,
der Vorstellung beizuwohnen, und eine kleine Zeit nach Beginn derselben erschien
man allerseits und nahm die Pltze: Grfin Judith und Franziska vorn, dahinter
der alte Graf samt Egon und Graf Pejevics, welcher letztere sich ihnen im Foyer
erst angeschlossen und den eigenen Platz im Stiche gelassen hatte. Zu Beginn des
Stckes wandte sich Franziska mehrfach um und schien, whrend sie Petfy
freundlich zunickte, fragen zu wollen: Ist es nicht genau das, was ich dir im
voraus erzhlt habe? Bald aber wurde sie befangen und unruhig, und als die
groe Szene kam, in der der alte Herzog in altfranzsischer Ritterlichkeit immer
noch Worte des Vertrauens an den Galan seiner jungen und bereits in Schuld
verstrickten Herzogin richtete, stieg ihr das Blut derart zu Kopf, da es sie
momentan wie Schwindel und Ohnmacht berkam. Aber es schwand wieder, und die
tiefe Bewegung ihres Herzens war zuletzt doch grer als alle Furcht und
Verlegenheit, und eine Trne fiel auf den Handschuh ihrer auf der Brstung
ruhenden linken Hand. Der alte Graf, in dessen Herzen der Inhalt des Stckes
alle Zweifel und Bitternisse der letzten Wochen wieder lebendig werden lie, war
in kaum geringerer Erregung, aber er bezwang sich und bewahrte gute Haltung bis
zuletzt.
    Es erscheint mir outriert, sagte Judith, die nach dem Fallen des Vorhangs
noch wie herkmmlich in der Loge blieb, um sich die groen Wasser drauen erst
verlaufen zu lassen. Wirklich, Adam, ich find es bertrieben.
    Ich auch, lachte dieser in einer ihm pltzlich und beinah ungezwungen
zurckkehrenden guten Laune. Von Grand aus nervs und allem Komischen
zugnglich, entspro ihm aus der Alltagsbetrachtung seiner Schwester eine Flle
wirklicher Heiterkeit. Im brigen aber enthielt er sich jedes Eingehens auf das
Stck und begngte sich damit, das Spiel des Gastes, den er in anderen Rollen so
hoch stellte, ziemlich scharf zu kritisieren. Er ist doch nur gro im Genre.
Das Tragische versagt ihm. Auch htt ich ihn seiner Maske nach eher fr einen
portugiesischen Granden aus der Pombalzeit als fr einen franzsischen
Grandseigneur gehalten.
    Einen Augenblick spter erhob man sich und kehrte gemeinschaftlich in das
Petfysche Palais zurck, wo der Tee wie gewhnlich im Zimmer der alten Grfin
genommen werden sollte. Feler wartete schon der Heimkehrenden und empfing die
Grfin mit einem Scherzworte.
    Rckfall in alte Torheiten, erwiderte diese nicht ganz frei von
Verlegenheit. Und wissen Sie, Feler, womit mein Bruder mein Gewissen zu
beschwichtigen gesucht hat? Mit dem sakrilegischen Satz: ein Komdiant knnt
einen Pfarrer lehren.
    Es kommt auf den Pfarrer an, entgegnete der Liguorianer und nahm gut
gelaunt und unter Verneigung gegen Graf Adam seinen Platz am Tisch, auf den eben
die Couverts gelegt und die Glser gestellt wurden.
    Das sich entspinnende Gesprch behandelte natrlich den Herzog von
Chevreuse, und Egon kam in die peinliche Lage, den Inhalt des Stcks vor Feler
skizzieren zu mssen. Er tat es aber in guter Haltung, und auch Franziska, die
sich wieder zurechtgefunden hatte, blieb anscheinend unbefangen.
    Es war nur Claret aufgestellt worden, und Egon, seit lange daran gewhnt, im
Salon der Tante den Wirt zu machen, nahm eben eine der Flaschen, um selber den
Kork zu ziehen. Es gelang ihm aber, wie der Zufall eben sein Spiel treibt, nicht
ohne Kraftanstrengung, und als er die Flasche wieder niedersetzte, sah die
Tante, da er an dem Ringfinger der linken Hand blutete.
    Was hast du? fragte die Grfin.
    Und es stellte sich nun heraus, da ein kleines, dnnes Ringelchen, das er
halb versteckt unter einem groen Trkisringe trug, in Folge der Anstrengung
zerbrochen und mit einer seiner Spitzen ihm in das Fleisch eingedrungen war. Er
zog das Ringelchen ab und schob es, so gut es ging, auf den Ringfinger der
andern Hand, der Oheim aber erkannte sofort, da es der kleine Ring mit dem
Emaillevergimeinnicht war, der damals in Franziskas Zimmer an dem
Schmuckstnderchen gehangen und ihn um seiner Einfachheit willen so sehr
frappiert hatte.
    Wie du nur blutest, sagte er, whrend er noch immer auf den Ring sah. Und
solch Ringelchen! Man sollte nicht glauben, da es so tief verletzen knne. Wo
stammt es nur her? Alles in allem kann es weder aus den Kronjuwelen der Petfys
noch aus denen der Aspergs kommen.
    Ich trag ihn noch von der cole militaire her, stotterte Egon. Es war
unser Verbindungszeichen.
    Ah, Verbindungszeichen. Wohl, wohl: das gewhnliche Los der Ringe. Nun,
hoffentlich nichts Hochverrterisches. Unter allen Umstnden aber nehmt euch in
acht, ihr jungen Leute. Wir sind noch nicht so heraus aus der alten Zeit, als
manche glauben; es findet sich immer noch mal ein Spitzel, der uns auf die
Finger sieht.
    Und damit kehrte das Gesprch auf allerlei Theaterdinge zurck.

                           Dreiunddreiigstes Kapitel


Er sah nun klar, und nur in dem einen sah er nicht klar, was zu tun sei. Sollte
er sich den lcherlichen Herzog zum Muster nehmen, ber den Judith in ihrem
einfachen Ausspruch: Ich find es aber doch bertrieben, erbarmungslos zu
Gericht gesessen hatte? Nein, es ging nicht. Und berhaupt, was war denn
geschehen? Es war nur geschehen, was geschehen mute. War er nicht allezeit so
stolz gewesen auf seine Kenntnis von Welt und Menschen, vor allem auch auf sein
Freisein von Vorurteilen in dem, was er den natrlichen Gang der Dinge nannte?
Was gab ihm jetzt ein Recht zu der Annahme, da ihm zuliebe dieser natrliche
Gang der Dinge sich in sein Gegenteil verkehren werde?
    In solche Betrachtungen vertieft, die bestndig zu Selbstanklagen wurden,
schritt er, als er von Schwester Judith in den andern Flgel zurckgekehrt war,
auf dem Teppich seines Zimmers auf und ab. Er ffnete das Fenster und sah,
whrend ein gedmpfter Lrm von der innern Stadt her herberscholl, auf die
stille Strae hinunter. Ein offener Wagen, in dem ein junges Paar sa, rollte
vorber, und das Licht der Gaslaterne fiel auf eine zarte Gestalt, Mdchen oder
Frau, die sich md und glcklich an die Schulter des Geliebten lehnte.
    Sie sind jung und lieben einander. Und das ist das Natrliche. Narr, der
ich war, als ich mir ein Etwas ausdachte, das halb von der Sultanin
Scheherezade, aber halb auch von der heiligen Elisabeth abstammen sollte; Dame
von Welt, aber auch Nonne, weiblicher Esprit fort, aber in Klausur. Im
Einfachsten hab ich mich verrechnet... Es gibt wohl Vgelchen, die winterlang
das Bauer nicht verlassen und nicht fortfliegen, auch wenn ihre Gefngnistr
offensteht. Gewi. Aber wenn der Frhling gekommen ist und es drauen lockt und
ruft, dann regt sich's doch, dann siegt doch der Hang und Drang im Herzen, und
frei sein in der Luft hoch oben und sich jagen und schwingen und zwitschern, das
ist dann mehr. Ich wut es wohl, aber ich verga es, weil ich's vergessen
wollte.
    So sprach er vor sich hin und trat dann vom Fenster her wieder an seinen
Arbeitstisch zurck, auf dem in geschnitztem Rahmen eine Photographie Franziskas
stand. Er nahm sie von der kleinen Staffelei. Das war damals, als wir in Riva
waren; ich entsinne mich noch des Tages. Und wie klug und ruhig sie mich
anblickt.
    Aber darf sie's nicht? unterbrach er sich pltzlich, und unter ihrem
ruhigen Blicke schien ihm selber etwas wie Ruhe wiederzukommen. Was wei ich am
Ende? Was hab ich in Hnden? Ich habe nichts als den Ring, auf den hin ich den
Schwiegersohn des alten Brabantio spielen knnte. Soll ich's? Soll ich aus der
Taschentuch- eine Ringszene machen und ihr statt des entsetzlichen the
handkerchief das etwas besser klingende the ring, the ring zurufen? Es gibt
hundert Ringe, hunderttausend, und der Boden, auf dem ich steh, ist recht
eigentlich der Fruchtboden aller bsen Einbildungen.
    Und so fuhr er fort, seinen Verdacht geflissentlich einzulullen und alles,
was ihm eben noch als Beweis gegolten hatte, wieder wegzubeweisen.
    In aller Frhe war er auf und fand sich pnktlich um neun Uhr beim Frhstck
ein; aber Franziska fehlte noch, und statt ihrer erschien Hannah und meldete:
die Grfin liee sich entschuldigen, auch fr den Tag; aber zum Tee werde sie
drben bei Grfin Judith sein und hoffe den Grafen dort zu treffen.
    Was ist es, Hannah?
    Ein Fieber. Sie hat kein Auge zugetan.
    Ein Fieber. Ist das alles? Ich finde die Grfin seit kurzem so verndert.
Was meinst du?
    Verndert? Vielleicht... Ich wei es nicht...
    Ich wei es nicht, wiederholte der Graf, als Hannah gegangen war. Und
damit brach alles, was er mhsam von sich wegbewiesen hatte, wieder ber ihn
herein und lie sein ganzes Trostgebude zusammenstrzen. Ich wei es nicht.
Wahrlich, es klang fast, als ob ich Franziska selber darum befragen solle. Soll
ich es? Sie wrde sich mir unterwerfen und nichts leugnen und ihre Schuld auf
sich nehmen... Aber ach, was schwatz ich nur! Ihre Schuld? Schuld, Schuld! Da
das hlich anmaliche Wort mir immer wieder auf die Lippe tritt, da ich es nur
zu denken wage! Hab ich ihr nicht selber im voraus den Ablazettel in die Hand
gegeben? Bin ich nicht das Kind, das etwas wiederfordert, das es zuvor
weggeschenkt hat? Bin ich nicht der Glubiger, der bis Ultimo warten will und am
dritten Tage schon nach Zahlung verlangt? Und wenn ich den Ausgang aus dem
Wirrsal nicht finden kann oder wenigstens nicht den, der ins Lichte fhrt, wer
ist schuld? Wer? Ich, ich allein. An mir ist es, die Konsequenzen eines falschen
Exempels auf mich zu nehmen, und ich will es und werd es.
    So strmten Fragen und Betrachtungen auf ihn ein, aber nach einer Weile fuhr
er ruhiger fort: Eine der lstigsten Erscheinungen in Leben und Gesellschaft
ist mir immer der Strenfried gewesen; ich mag seine Rolle nicht spielen. Und
zudem, was ist der einzelne? Nichts. Und nun gar der einzelne, wenn er gelebt
hat und seine Tage hinter ihm liegen. Es kann auch ein Glck sein, ein letztes
und hchstes, dem Glck an derer die Wege zu bereiten.
    Er rief Andras, lie sich ankleiden und ging in die Stadt, um inmitten ihres
bunten Treibens den Tag zu verbringen. Er freute sich an allem und war in der
Stimmung wie jemand, der aus einer schnen Gegend scheidet und im Abschiede sich
das Bild derselben noch einmal fest und warm ins Herz prgen will. Er sah in
Sankt Stephan hinein, wo man eben ein Hochamt zelebrierte, ging dann den
Kohlmarkt hinunter und trat in die Kirche der Augustiner, zu der das Haus Petfy
von alter Zeit her hielt. Ein paar Lichter brannten, ein Wispern und Murmeln
ging, und er sah still auf die Stelle vor dem Altar und gedachte des Tages, des
Tages seiner Vermhlung, an dem er das letzte Mal hier gestanden hatte. Dann
verlie er die Kirche wieder, nahm sein Diner, las eine Zeitung und vergngte
sich eine Weile vor der Burg, wo die Vorstellung eben begonnen haben mute.
Danach ging er wieder auf sein Palais zu, denn die Stunde war nahe, wo man sich
bei Schwester Judith zu versammeln pflegte.
    Wirklich, Franziska war da. Sie sa neben Feler und plauderte mit ihm in
jenem neckischen Tone, der von ihrer ersten Begegnung an zwischen ihnen
beibehalten war und namentlich dem Pater ein ersichtliches Behagen weckte. Zur
andern Seite hatte Graf Pejevics Platz genommen, und nur Egon fehlte, was Feler
veranlate, nach dem Jngstverwundeten der kaiserlichen Armee zu fragen, aber
zugleich auch nach dem mitldierten Inkulpaten, dem kleinen Ringe - Fragen, an
die sich dann wie von selbst ein Gesprch ber Ringe und Ringinschriften
anschlo, zu dem jeder nach Krften, am meisten aber Graf Pejevics beisteuerte,
der ein Numismatiker war und durch allerlei Kuriositten und Niedlichkeiten
berraschte. Nur Feler hatte geschwiegen, bis er zuletzt, nach seiner
Lieblingsdevise befragt, unter Lcheln bemerkte, da es sonderbarerweise der
Ring- oder Petschaftsspruch eines Protestanten sei, der ihm unter allem, was er
auf diesem Gebiete kenne, den nachhaltigsten Eindruck gemacht habe.
    Eines Protestanten? fragte Judith neugierig. Wessen?
    Thomas Carlyles.
    Und der Spruch selbst?
    Entsage!
    Niemand antwortete. Nur Franziska sagte: Wie schn!
    Und eine momentane Stille folgte.
    Kannst du's? fragte der alte Graf leise, whrend er sich zu Franziska
niederbeugte.
    Sie sah eine Weile vor sich hin. Dann hob sie das Auge wieder und sah ihn
still und ruhig an, und etwas wie Wehmut und Bitte lag in ihrem Blick.

                           Vierunddreiigstes Kapitel


Er war durch diesen Blick entwaffnet, zugleich in seinem Herzen bewegt und nahm
Franziskas Hand und kte sie, dann rasch aufbrechend, sprach er von Briefen,
die noch zu schreiben seien, und ging in den andern Flgel hinber. Hier nahm er
an seinem Schreibtisch Platz, erhob sich aber bald wieder, um auf und ab
schreitend erst ruhiger in seinem Gemte zu werden.
    Es war ein Bekenntnis, wie sie mich so ansah und mit ihren klugen Augen ihr
zu verzeihen bat. Aber was soll ich ihr verzeihen? Immer die trichte alte
Frage. Nichts, nichts. Whrend ich sie bestndig warnte, das Leben nicht als
Mrchen zu nehmen, hatt ich mir doch meinerseits ein Mrchen ausgedacht, und ihr
guter Wille, mir zu Willen zu sein, bestrkte mich in dem Glauben an eine
Mrchenmglichkeit. Ja, ihr guter Wille, mir zu Willen zu sein! Das war es; sie
hat mich einfach verwhnt. Htte sie mir von Anfang an gesagt: Aber eines mu
sein, Petfy, darauf dring ich; wir bleiben in Wien, unter Menschen, und ich
vergrabe mich nicht in eine Schloeinsamkeit; ich mu Verehrer und Anbeter um
mich haben, die mir schne Dinge sagen und die mich heut in das Konzert und
morgen in die Oper begleiten - ja, htte sie sich von Anfang an auf solch freien
und allerfreiesten Ton gestellt, auf einen Gesellschafts- und Lebensfu, auf den
sie sich stellen durfte, so htte mir ihre Plauderei gengt, und ihr bon sens
und der Sonnenschein ihrer ewig guten Laune wren mein Glck gewesen. Das war
es, was ich damals in slau wollte. Statt dessen hatte sie's besser mit mir im
Sinn... Wohl, ich wre glcklicher geworden, wenn sie dies Bessere nie gewollt
und, statt auf ihr Recht und ihre Freiheit zu verzichten, sich umgekehrt von
Anfang an auf ihr Recht und ihre Freiheit gestellt htte. Gewi, gewi. Aber
soll ich den Entrsteten spielen, blo weil sie sich freiwillig hher
eingeschtzt hat, als ihr Vermgen war?!
    Er stellte sich vor den Kamin und warf ein Scheit in die halb erloschene
Flamme. Mein Kalkl war falsch, und Judith hatte recht. Das ist alles. Es tut
nie gut, sich in knstliche Situationen hineinzubegeben und sich auszurechnen,
wie's kommen msse. Die Rechnung stimmt nie. Wir kennen uns nie ganz aus, und
ber Nacht sind wir andere geworden, schlechter oder besser. Schlimm, wenn wir
uns schlechter finden, aber oft schlimmer noch, wenn besser. Es gibt dann ein
Wirrsal, draus kein Entrinnen ist, und da wir, sie wie ich, das Leben
ernsthafter zu nehmen anfingen, als es geplant war, das entscheidet nun ber
mich und vielleicht auch ber sie.
    Von der Flamme fort sah er jetzt in die Hhe, wo dicht ber dem Kamin, ja
mit dem breiten Goldrahmen die Kaminkonsole berhrend, ein Bild hing, sein Bild,
im Attila und das Ordensband ber der Brust. Typisch der Kavalier. Und er
lchelte. Ja, was ich wollte, war eine Kavalierslaune, von der ich schlielich
einsehen mu, da sie nicht der Schlssel war, der berallhin schliet. Aber fr
das, was ich noch vorhabe, fr das, was noch zu tun brigbleibt, dafr pat sie;
nur nicht Umkehr oder die Blme der Unkonsequenz, und wenn es von alter Zeit her
als ein Hchstes gegolten hat, anderen zuliebe zu leben, so kann es unmglich
ein Niedriges sein, demselben Zweck und Ziel auch mal von der andern Seite her
beikommen zu wollen. Auf den Zweck kommt es an, der entscheidet, der heiligt.
Alter Grundsatz der Kirche. Wie sich wohl Feler dazu stellen wird?
    Er setzte sich jetzt nieder und schrieb eine Stunde lang, anscheinend
Geschftliches, das er schlielich untersiegelte. Dann nahm er einen Briefbogen,
warf rasch einige Zeilen hin, berflog noch einmal den Inhalt und verschlo
beide Schriftstcke.
    Den andern Morgen war er frher als gewhnlich auf und klingelte. Bringe
das Frhstck, Andras. In einer Stunde will ich ausreiten.
    Im Palais war alles noch still, als der Graf sich in den Sattel hob und
zunchst ber den Josephsplatz auf den Krntnerring und die Schwarzenbergbrcke
zuritt. Andras folgte. Das Eckhaus der Salesinergasse, darin Franziska gewohnt
hatte, lag in einem grauen Novembernebel; er sah hinauf, aber die Fenster der
oberen Etage waren unerkennbar. Ich soll es nicht sehen. Alles hat seine
Bedeutung. Auf dem Heumarkt, am Flu und seiner Brcke hin herrschte schon das
lebhafte Treiben, das hier allmorgendlich anzutreffen ist, aber es hatte nichts
von seiner gewohnten Buntheit, und die Gestalten schoben sich wie Schatten
aneinander vorber. Ist es doch, als ob es ein Unterweltsjahrmarkt wr. Und
htte doch mein altes Wien gerne noch mal in Lust und Farbe gesehen.
    An der Tegethoffbrcke bog er wieder ein und lenkte sein Pferd am Stadtpark
hin auf die groe Franz-Josephs-Kaserne zu, die grau verschleiert wie eine
Wolkenburg dastand. Vom Kasernenhofe her klangen Trommeln und Hrner, aber dumpf
wie Notsignale. So ritt er durch die Leopoldstadt bis in den Prater.
    Als er drauen war, fiel der Nebel so stark, da es sich einen Augenblick
anlie, als ob die Sonne hervorkommen wolle. Doch es blieb bei dem guten Willen,
und nur der Blick in die Landschaft war frei geworden. Er ritt an Pltzen
vorbei, daran sich hundert Erinnerungen fr ihn knpften, bis er zuletzt auf
eine knstlich aufgeworfene Hhe gekommen war, von der aus man einen Wiesengrund
bersah, eine Niederung mit Tmpeln und Wasserlachen und ein paar schmalen
Sandstreifen dazwischen. Eine der Lachen hatte Zuflu aus einem Graben, und das
Wasser stieg in Folge davon so rasch, da es nicht blo die Sandstreifen,
sondern zugleich auch eine hier eingenistete zahlreiche Kolonie von Feldmusen
mit berschwemmung und Untergang bedrohte. Zu hundert und aber hundert kamen sie
von links und rechts her aus ihren Lchern hervor, um sich auf eine
hhergelegene Stelle hin zu retten. Aber kaum da sie sich hier gesammelt
hatten, so scho auch schon von einer danebenstehenden und in ihrer ganzen obern
Hlfte mit Nestern berdeckten Pappel allerlei Krhenvolk auf die geflchteten
Muse nieder und fuhr mit ihnen als gute Beute davon.
    Der alte Graf hatte sein Pferd angehalten, um dem sonderbaren Schauspiele
zuzusehen. berall dasselbe: keine Flucht vor dem, was einmal beschlossen.
    Er ritt weiter in den Prater hinein und eine halbe Stunde spter an dem
Liechtensteinschen Garten vorber heimwrts auf sein Palais zu.
    Es war elf Uhr, als er hier wieder eintraf und das Pferd abgab. Er sprach
mit dem Trhter, der wie gewhnlich am Eingang in das Vestibl stand, und
erkundigte sich, ob die groen Topfgewchse schon angekommen seien.
    Alles da.
    Gut. Aber ich will es doch sehen. Komm. Oder nein, bleib; Andras soll mich
begleiten.
    Und er stieg in den oberen Stock hinauf, in dem fr das heute stattfindende
Fest alles bereits in Geschftigkeit war.
    Es wird niemand erscheinen, sprach er vor sich hin. Aber ich will die
Stelle doch sehen, wo Graf und Grfin Petfy die Saison erffnen und ihren
ersten Ball geben wollten. Und will mir auch die Palmen und sogar die
Lebensbume betrachten, die nun wohl eine Woche lang im Hause bleiben und mir
dann von hier aus bei den Augustinern ihren letzten Liebesdienst leisten
werden.
    Unter diesem Selbstgesprche war er eingetreten und sah auf den ersten Blick
und mit besonderer Befriedigung, da Aufstellung und Anordnung genau so waren
wie letzten Winter, als Franziska zum ersten Male hier erschien. Auch die grne
Nische war wieder arrangiert, in der er damals, als die Nachricht von Gablenz'
Tode kam, mit Egon und Graf Coronini gesessen und des jungen Rittmeisters
unliebsame Bemerkungen so scharf zurckgewiesen hatte. Jedes seiner eigenen
Worte kam ihm wieder in Erinnerung, und er lchelte: War es eine Vorahnung?
Jedenfalls ist es mir lieb, damals nicht anders gesprochen zu haben.
    Er ging vom Saal her den langen Korridor hinunter. Als er die Zimmerreihe
passierte, darin Franziska jetzt wohnte, traf er Hannah.
    Ist die Grfin zu Haus?
    Nein. Eben fort; sie braucht noch einiges fr den Abend.
    Es ist gut so. Wenn du sie siehst, sag ihr, da ich nach ihr gefragt. Aber
vergi es nicht.
    Er gab ihr die Hand, was ihr auffiel. Dann ging er auf sein Zimmer zu, darin
Andras eben das Fenster schlo.
    Ich bin fr niemand zu sprechen, Andras. Fr niemand. Und diesen Brief gib
an die Grfin, wenn sie zurck ist. Und nun geh. Ich will allein sein.

                           Fnfunddreiigstes Kapitel


Eine Woche darnach, nachdem seitens der Kirche sein gewaltsamer Tod auf einen
Anfall von Melancholie gedeutet worden war, war Totenfeier bei den Augustinern,
und das Wappen der Petfys stand zu Hupten des Katafalks, darber die schwarze
Sammetdecke mit dem Silberkreuz ausgebreitet lag. Im Halbkreis um den Altar her
aber saen auer den nchsten Angehrigen auch entferntere Leidtragende der
Familien Asperg und Gundolskirchen, whrend das ganze Schiff der Kirche von
Uniformen blitzte. Daneben viel Volks. Denn der Heimgegangene hatte die Werke
der Barmherzigkeit allezeit gebt und war ein Christ in seinem Tun gewesen, wie
sehr es sein Wort auch bestritten haben mochte. Viele waren selbstverstndlich
nur aus Neugier gekommen und erzhlten im Flstertone, was sie von seinem Tode
gehrt hatten: er habe zurckgelehnt in seinem Schreibstuhl gesessen, auf den
ersten Blick ohne Zeichen uerer Verletzung oder berhaupt dessen, was
geschehen sei, denn er habe sich nach innen hin verblutet. Auch ber das, was
seinen Tod verschuldet, wurde gemutmat: es habe sich um ein Hofamt gehandelt,
das eben vakant geworden und in frherer Zeit immer bei den Petfys gewesen sei,
der Kaiser aber hab es nicht gewollt, entweder wegen der jungen Grfin oder noch
von Neunundvierzig und der Revolution her. Und das habe der alte Graf nicht
verwinden knnen. So ging das Gesprch. Alles schwieg aber vom selben Augenblick
an, wo Pater Feler vor dem Altar erschien und mit der ihm eigenen, beinah
kirchenfrstlichen Wrde die Zelebrierung des Totenamtes begann. Die
Responsorien klangen, und die Kerzen auf den mit Flor umwundenen Leuchtern
brannten dunkler noch als gewhnlich in dem Weihrauchgewlk, das ber ihnen lag.
    Eine Stunde spter leerte sich die Kirche wieder, und die Dienerschaften des
Grafen trugen den Sarg zu vorlufiger Unterkunft in eine der Seitenkapellen.
    Es war zu verhltnismig frher Stunde, da die Feier stattgefunden hatte;
die nchsten Leidtragenden kehrten in das Palais Petfy zur Grfin Judith
zurck, whrend die junge Grfin ohne Sumen nach Schlo Arpa hin aufbrach, in
dessen Gruftkapelle der alte Graf am drittfolgenden Tage beigesetzt werden
sollte.
    Die Fahrt whrte nur wenige Stunden, und die verschleierte Nachmittagssonne
stand noch ber den Bergen, als Franziska bei Nagy-Vasar den Schnellzug verlie
und unmittelbar darnach das Schiff bestieg.
    Ein jeder an Bord wute von dem Tode des Grafen, und die Flagge wehte von
Halbmast.
    Als das Schiff an der Landungsbrcke von Szegenihaza angelegt hatte, war die
Sonne schon gesunken, und Franziska nahm allein Platz in dem ihrer harrenden
Wagen. Ach, wie verndert alles seit jenem Julitage, wo sie hier zum ersten
Male, den blauen Himmel ber sich, ber die sonnige Flche hingeflogen war. Auf
den Feldern standen heut berall Tmpel und Lachen, und durch den aufgeweichten
Boden hin ging es langsam und oft im Schritt auf das Schlo zu, dessen Umrisse
sich im Nebel und Zwielicht kaum noch erkennen lieen. Alles war de und
abgestorben, und nichts als ein Rest von gelbem Laube hing noch an den Bumen,
die hie und da neben dem Wege standen. Dabei tiefe Stille, nur dann und wann
unterbrochen, wenn ein paar Krhen aufflogen.
    Und nun hatte der Wagen den Punkt erreicht, wo der Weg in Schlngellinie
bergan zu steigen begann. Als sie bis zur halben Hhe hinauf waren, hielt ihr
Gefhrt, und Franziska sah, als sie sich vorbeugte, da man nicht weiter konnte,
weil ein schwerer, ebenfalls bergan fahrender Lastwagen die Passage so gut wie
gesperrt hielt.
    Was ist es? fragte sie den Kutscher, als das Geznk mit dem Vordermann
einen Augenblick schwieg.
    Is Glocke, Grfin gndigste, antwortete der Kutscher und rief dem andern
zu, da er links bis an den Rand hin ausbiegen und die Felsen- oder Innenseite
freigeben solle. Mhsam geschah es, und einen Augenblick spter fuhr Franziska
dicht an dem Wagen und seiner mit einem schwarzen Segeltuch berdeckten Last
vorber.

Im Schlosse fand sie's wohnlicher, als sie zu hoffen gewagt hatte; den zweiten
Tag, wie verabredet, kam Grfin Judith, und am dritten Tage stand der letzte
Petfy vor dem Altar unten in der Gruftkapelle. Die Zeremonie wiederholte sich
hier wie bei den Augustinern, nur mit dem Unterschiede, da statt des
stattlichen Feler der kleine Pfarrer von Szegenihaza die Totenmesse las und an
Stelle der vornehmen Welt nur Dienerschaften und Tagelhner um den Altar mit dem
groen, verblakten Marienbilde her versammelt waren. In Front aber saen die
beiden Grfinnen selbst, den Blick auf den mit neuen Krnzen geschmckten Sarg
gerichtet. Auch Hannah war in einem fast bis ans Kinn reichenden Trauerkleide
anwesend und sah ernst und teilnahmvoll vor sich hin, immer aber, wenn wieder
unverstndliche lateinische Stze gesprochen und das Weihrauchfa geschwenkt
wurde, lag etwas wie Verdrielichkeit und berhebung auf ihrem Gesicht. Endlich
schlo die Feier, alles kehrte zu seinem Tagewerk zurck, und nur die Glocken
oben klangen noch ber Land und See hin.
    Es waren aber wieder zwei, die gelutet wurden.

Franziska hatte sich bald darnach in ihr Zimmer zurckgezogen und blickte,
nachdem sie lange vergeblich sich zu beschftigen und in einem Andachtsbuche zu
lesen versucht hatte, zu der Nische mit dem Baldachin hinauf, von woher ihr das
Christkind den kleinen Arm entgegenstreckte. Sie nahm den daran hngenden
Rosenkranz und lie die Perlen desselben eine nach der andern durch ihre Finger
gleiten. Da war es ihr, als ob hinter ihr die Tr ging, und Hannahs ansichtig
werdend, steckte sie, wie von einer leisen Verlegenheit erfat, den Rosenkranz
in den Grtel, in der Hoffnung, da seine Perlen auf dem schwarzen Kleide
vielleicht weniger sichtbar sein wrden.
    Aber Hannah sah es doch und sagte: La nur. Ich hab es mir lange gedacht.
Es kommt nun doch so.
    Vielleicht. Aber denke dich in meine Lage. Kannst du mir bse sein?
    Hannah schttelte den Kopf.
    Du bist mir also nicht bse. Nun, das ist gut, aber es ist mir nicht genug.
Ich will auch deine Gutheiung. Und wenn du mir die nicht geben kannst, so will
ich wenigstens, da du sagst: Ich glaube selbst, es geht nicht anders.
    Sieh, fuhr Franziska fort, als Hannah immer noch schwieg, du bist so
gescheit und mut einsehen, da alles sein Gesetz und seine natrliche Folge
hat. Ich bin nun Grfin Petfy, ja, seitdem ich dies schwarze Kleid trage, mehr
als vorher. Es war nicht ntig, da ich's wurde; vielleicht wr es besser
gewesen, ich wurd es nicht. Aber ich bin es jetzt und kann den Schritt nicht
rckwrts tun. Dies Schlo ist mein und sein Besitzantritt, wie du weit, an
keine Bedingung geknpft; ich hab es zu freiem Eigentum. Also wieder mal eine
Freiheit, wirst du sagen. Aber diese Freiheit wenigstens will ich zu
gebrauchen verstehen, und nur das soll geschehen, was mir ziemt.
    Und glaubst du wirklich, da dir als erstes geziemt, einen Rosenkranz, wenn
auch verschmt, an deinen Grtel zu stecken?
    Ja, Hannah. Ich will nun Pflichten leben. Es soll dies nicht blo mein
Wittum, es soll auch mein Wirkungskreis sein, und ich kann hier nicht wirken als
eine Fremde. Was dieser Leute Sinnen und Trachten ausmacht, mu auch mein Sinnen
und Trachten ausmachen; wir mssen eins sein in diesen Dingen, sonst geht es
nicht.
    Hannah antwortete nicht.
    Sprich. Was denkst du?
    Was ich denke? Nun, Franziska, Grfin, da du's durchaus wissen willst, was
ich denke, so will ich dir's auch sagen. Ich denk an meinen Vater selig, den ich
eines Abends, als er dachte, ich schliefe schon, in seinem Halbplatt zu meiner
Mutter sagen hrte: Hr, Olling, mit uns oll Paster Franzen is dat nich veel.
Ht is he so, un morjen is he so. Und als meine Mutter nun widersprach und zum
Guten reden wollte, da wurd er rgerlich und sagte: Nei, nei, Mutter, bis still;
dat versteihst du nich; ick awer, ick kenn en. Un wenn morjen de Franzos or de
Ru kmmt un uns vrpriestern deiht, mit uns Herrn Christus wihr dat man nix,
und de heil'ge Niklas, de wihr ollens, denn priestert oll Franzen vermorjen:
Un de heil'ge Niklas is ollens. Und sieh, Franziska, das hast du von deinem
Vater selig geerbt. Aber ich will nicht, da sich meiner im Grabe rumdreht. I,
da ging' ich ja lieber bis an der Welt Ende. Wei wohl, manchem is es blo
wenig. Aber manchem is es auch viel.
    Und so willst du fort?
    Nein. Ich hab dich nun mal in mein Herz geschlossen, und weil ich dich
liebe, bleib ich. Aber bei meinem lutherischen Katechismus bleib ich auch.
    Am andern Morgen trafen sich die beiden Grfinnen, und Grfin Judith
erzhlte, sie habe Feler um seinen Besuch auf Schlo Arpa gebeten, in der
Voraussetzung, da Franziska diesen Schritt billigen werde.
    Franziska kte die Hand der alten Grfin und sagte: Nie werd ich Schritte
mibilligen, die Grfin Judith getan hat oder zu tun fr gut findet.
    Beide Damen sprachen dann noch ber vieles, was zu regeln und anzuordnen
sei, zuletzt aber sagte Judith: Ich stimme dem zu, meine liebe Franziska, da
du dich zurckziehen und der Betrachtung und den guten Werken leben willst. Aber
du bist noch jung, und der Zug in die Welt hinein ist mchtig. Und so denk ich
denn, wir rechnen vorlufig noch mit der Welt, die so vielen Zauber hat. Ich
habe dein Vertrauen gewonnen, fast deine Beichte; jede Scheidewand zwischen uns
ist gefallen, und unser Fhlen und Denken gehrt einander. Ist es nicht so? Nun
denn, so gestatte mir schon heute die Frage: Wirst du Egon deine Hand reichen?
    Ich wnsche, da er sie nicht fordert, aber wenn er sie fordert: nein.
    Es klingt etwas Herbes in deiner Antwort. Verdient er es?
    Nein. Aber wir sind allemal hart gegen die, die schuld sind an unserer
Schuld. Und um so hrter, je schuldiger wir uns selber fhlen.
    Und wer soll dich schtzen?
    Ich denke, sie, die schon so viele Grfinnen Petfy beschtzt hat.
    Und sie wies auf die Nische, daraus das Bild der Maria niederblickte.
