
                              Anzengruber, Ludwig

                               Der Sternsteinhof

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                               Ludwig Anzengruber

                               Der Sternsteinhof

                                       I

Ein Guregen war herniedergerauscht. Wallend und gischend scho das sonst so
ruhige Wsserlein zwischen den zwei Hgeln dahin; auf der Hhe des einen stand
ein groes, stolzes Gehft, am Fue des andern, lngs den Ufern des Baches, lag
eine Reihe von kleinen Htten.
    Die letzte dieser Htten war gar verwahrlost, der Trstock stand fast frei
in der geborstenen Mauer, die Fensterrahmen hingen schief, hie und da guckte ein
nackter Stein aus dem rauhen, verwitterten Anwurfe hervor, und wenn auch die
rgsten Risse und Sprnge mit Lehm verschmiert und mit Heu und Streu verstopft
waren, so machte das den Anblick nicht besser. Dahinter stieg ein schmaler
Streif bearbeiteten Bodens hinan, bestellt mit etlichen Gemsebeeten, einem
Acker mit Krautkpfen und einem anderen mit Kartoffelpflanzen. Die Einfriedung
dieses Besitztums war mehr angedeutet als wirklich, von Schlingpflanzen
umwucherte Pflcke standen weitab voneinander, und quer zwischen deren
gabelfrmigen Enden lagen vermorschte, schlanke Baumstmme.
    Wenn der Bach, in den sie allen Unrat leiteten und warfen, trge dahinflo,
dann machte er der rmlichen Siedlung viel Unlust, dann befiel auch die
Beschrnktesten da unten eine unklare Empfindung, in welcher Enge, in welchem
Schmutze sie dahinlebten; aber heute wuschen die Wasser dahin, und in die
khlende Feuchte der Luft mischte sich frischer Erdgeruch und wrziger
Pflanzenduft, und auf dem Sternsteinhof dort oben konnten sie es auch nicht
wohlatmiger und gesnder haben.
    Auf dem Bnklein vor der letzten Htte sa ein etwa vierzehnjhriges
Mdchen, auer einem Kopftuche, einem Hemdchen von ungebleichtem Linnen und
einem verwaschenen, blauen, wei getpfelten Rckchen hatte es nichts am Leibe.
Die Kleine hatte die Fe an sich gezogen, da sie in der Luft baumelten, nur
manchmal streckte sie den linken aus, drckte die Sohle in die feuchte Erde und
sah nach dem Grbchen, bis sich dieses mit Wasser fllte, dann war der Schuh
fertig. Ja, wer Schuhe htte, der knnte unter die reichen Leute gehen, wohl
auch da hinauf nach dem Sternsteinhof.
    Sie hob wieder das Kpfchen. Von ihrem Gesichte war nichts zu sehen als das
runde Kinn, der untere Teil der vollen Backen und die Spitze der kleinen Nase
zwischen dem Spalt des Kopftuches, das sie zum Schutze der Augen tief in die
Stirne gezogen hatte, denn das war auch ntig; hinter dem Hgel, ihr im Rcken,
ging eben die Sonne unter, und daher flammten die Fenster des Gehftes, nach dem
sie so unverwandt hinsah, in sprhendem Feuer. Das nasse Schieferdach des
Wohnhauses, das dort inmitten weitlufiger Wirtschaftsgebude stand, verschwamm
frmlich in dem tiefdunklen Grau der Wolken, die dahinter standen und nur an den
Rndern einen ganz schmalen, rotgoldenen Saum zeigten, so da es fast aussah,
als reiche der Sternsteinhof bis an den Himmel.
    Wunder htte es das Kind nicht genommen! So weit der Hgel reicht - oh, wie
weit war das -, gehrt aller Boden zum Sternsteinhof und noch ein gutes Stck
ebenen Landes dazu. Was die Wiesen an Vieh ernhren konnten, die cker zu tragen
vermochten, das hatte der Sternsteinhofbauer in Stllen und Scheunen. Das sagten
ja die Leute, da ihm alles wie vom Himmel fiel, seit er den feurigen Stein, die
Sternschneuze, die just zur Zeit, als er den neuen Hof zu bauen begann, auf
seinen Grund herniederscho, aus der Erde heben und in das Fundament einmauern
lie.
    Pltzlich wirbelte inmitten des dunklen Grau ein helles, sandfarbes Wlkchen
lustig empor, der Rauch, der aus einem der Schornsteine ober dem Schieferdache
aufstieg. Das Mdchen starrte darnach hin und seufzte leise. Von der Seite
gesehen, mit dem bergebundenen Tchelchen, dessen Zipfel, hohl und spitz, das
Gesicht verdeckte, mute sich ihr Kpfchen wie das eines kurzschnbeligen Vogels
ausnehmen, und nachdem sie vorhin zu dem Goldrande der Wolken aufgeblickt hatte
und nun gerade vor sich hinsah, so war es, als htte zuerst der Vogel, etwa aus
der jungen Saat, in die blaue Weite geguckt und pltzlich beugle er etwas ganz
Nahes und besnne sich, ob er darauf losgehen solle.
    Ganz so sah es wenigstens nach der Meinung eines halbwchsigen Brschchens
aus, das schon lngere Zeit hinter den Zweigen der mannshohen Bsche im
Vorgrtchen der Nachbarhtte lauerte. Als der putzige Vogel da drben den
Schnabel senkte, bermannte den Burschen die Lustigkeit seiner Vorstellung so,
da er mit dem Knebel, den er sich aus einem seiner Hemdrmel drehen wollte, um
den lauten Ausbruch seiner Heiterkeit zu ersticken, nicht mehr rechtzeitig
zustande kam und nun in ein prustendes, grlendes Lachen ausbrach, dem aber
sofort ein krampfartiger, pfeifender Husten folgte.
    Die Kleine schrak anfangs heftig zusammen, jetzt aber klatschte sie in die
Hnde und rief lachend: Siehst, das geschieht dir recht, Muckerl, das ist die
Straf dafr, da du die Leut so erschreckst.
    Was auch der Angeredete zu entgegnen gedachte, eine Entschuldigung oder eine
Grobheit, fr den Augenblick mute er die eine wie die andere fr sich behalten.
Er lehnte an der Mauer und rang nach Luft, und in sein Gehuste klang das helle,
frhliche Lachen von drben.
    Eine dralle, behbige Frau setzte mit einem rgerlichen Rucke Pfanne und
Topf, die sie eben zur Hand genommen, auf den Herd zurck und trat unter die
Tre.
    Was gibt's denn da wieder fr Dummheiten? sagte sie.
    Muckerl, du wrst wohl jetzt alt genug, um gescheit zu sein.
    Es is ja aber weiter nix, Mutter, als a bissel a Hetz, sagte der Bursche.
    Die mtterliche Mahnung an sein Alter schien allerdings wohlangebracht. Wie
er so dastand, barhuptig und barfig, in Hemdrmeln, verlegen an dem einen,
einzigen Hosentrger zerrend, erschien er so engbrstig, so vllig in der
Entwicklung zurckgeblieben, kaum so gro wie das Dirnchen vor der Htte
nebenan, und er mag es wohl ein um das andere Mal vergessen, da er volle drei
Jahre mehr zhle, wie denn auch die Leute, denen davon gesagt wird, sich's
gewhnlich wiederholen lassen und dazu noch den Kopf schtteln.
    Fr Personen, die schon etliche Male die Gelegenheit wahrnahmen,
wohlangebrachte Mahnungen zu uern, hatte es sicher nichts berraschendes, da
Muckerl, sobald ihm die Mutter den Rcken kehrte, zum Vorgrtel hinaushuschte.
    Er nherte sich dem Mdchen.
    Gutn Abend, Helen.
    Gutn Abend, Muckerl. Rck zuher. Sie machte ihm auf dem Bnkchen Platz.
Was hast denn vorhin so gelacht wie nit gscheit?
    ber dein Vogelhauben. Geh, tu s' weg. Er lste ihr den Knoten.
    Das Dirnchen griff nach dem Tuche, das ihr in den Nacken sank, und legte es
vor sich in den Scho. Was irrt dich denn das, dummer Ding?
    Freilich irrt's mich, weil ich dein Gsicht gern sh.
    Na, so gaff. Sie drehte den Kopf ber die eine Schulter nach ihm und sah
ihm ganz nah, ohne zu lachen, in die Augen. Hast leicht noch kein solchs
gsehn?
    Er schttelte den Kopf.
    Es war ein vollbckiges Kindergesicht mit gesundem Rot auf der kaum merklich
braun angehauchten Haut, umrahmt von reichen Flechten schwarzen Haares mit
blulichem Schimmer. Die Stirne war frei, wlbte sich oben etwas vor, das gerade
Nschen zeigte einen fein modellierten Rcken und zierliche Nstern, die
brennend roten Lippen waren voll, die obere schien ein klein wenig aufgeworfen,
die untere bichen eingekniffen, unter dichten Augenbrauen und zwischen schwer
befransten Lidern funkelten ein Paar graue Augen mit merkwrdig groen, dunklen
Sternen.
    Nachdem das Mdchen eine Weile den bewundernden Blicken des Jungen
standgehalten, sagte es spttisch: Wenn ich auch dir gfall, Muckerl, so la dir
sagen, du mir gar nit.
    Das glaub ich, lachte der Junge. Er hatte ja alle Morgen beim Kmmen sein
Bild im Spiegel vor sich und wute, wie er aussah mit seinem braunen, borstigen
Haarschopf ber der breiten Stirne, der knolligen Nase darunter, den schmalen
Lippen, den fahlen, eingesunkenen Wangen; nichts war auffallend an ihm als die
groen schwarzen Augen, und die waren nicht schn, denn sie traten zu stark aus
den Hhlen.
    Das glaub ich, Helen, wiederholte er. Er nahm es von der besten Seite. Wie
einer aussieht, dafr kann keiner, und dagegen kann er auch nichts machen.
    Vllig schiech bist, Muckerl, neckte die Dirne.
    Und du rechtschaffen sauber, sagte der Junge.
    Das ist halt jetzt, sagte sie ernst, denk aber, was ich zu wachsen hab,
bis ich gro bin wie andere Leut. Meinst, ich bleib sauber?
    Die Suberste wirst da herum.
    Das ist auch was! Die Kleine rmpfte das Nschen.
    Sag ich denn, da in Zwischenbhel? fuhr Muckerl eifrig fort. Im ganzen
Landviertel, mein ich.
    Geh, dummer Bub, fopp ein anders! Du wirst alle grogwachsenen Weibsleut
und uns kleine Menscherln alle vom ganzen Landviertel kennen!
    Das hat's auch gar nit not. Hat's nit zugetroffen, was ich vor zwei Jahr
von der Reitlers Eva gsagt hab? da die ihrn langen Leib und d' kurzen F
behalt? Nun, und kommt die heut, grogwachsen, nit dahergschritten wie ein Gans,
die ein'm anblasen will?
    Du hast recht, vllig hast recht, Muckerl, lachte Helen, dann fate sie
ihn pltzlich an beiden Hnden. Sag, verstehst du leicht wahrsagen, wie ein
Zigeuner?
    Sei nit einfltig, ich versteh nur, was 'n Leuten gfallen mag, und schtz
wohl auch, ob, was ich heut seh, sich darnach auswachst, und das ist mir so
unterm Holzschnitzen kommen. Du weit, mit Lffeln und Rhreln hab ich schon -
kaum aus der Schul - angfangt, spter hab ich wohl auch ein'm heiklichen Bauern
an einer Stuhllehn oder am Trsims was gschnitzt, aber das gfreut mich schon
lang nimmer, tragt auch nur wenig Groschen, damit erhalt ich mein Mutter nit und
km selber mein Lebtag zu nix. Weit, zulernen will ich. Denen, die d' weltlichn
Mandeln und Heiligenbilder machen, will ich's nachtun. Der Herr Pfarrer hat's
auch schon meiner Mutter versprochen, den ersten Heiligen, den ich zuweg bring,
nimmt er in unser Kirchen. Schon a Zeit schau ich mir alle Sach daraufhin an, ob
s' ihr Holz wert wr, wenn man s' schnitzte, und dasselbe kann ich mir dann auch
so leibhaftig ins Pflckl hneindenken, da ich mein, ich drft nur mitm Messer
nachgehn, da ich's herauskrieg, aber zu eilig bin ich drauf aus, und da fallt
oft da und dort a Span zviel weg, und 's Ganz wird mir schief und schelweanket;
hab ich erst a sichere Hand, dann bin ich Meister und schneid nur Gfallsams,
wofr mich 's Holz nit reut.
    Die Kleine hatte die ineinandergeschlungenen Hnde auf die Schulter des
Burschen gelegt und sttzte sich so auf diese. Gelt, sagte sie, mich ttst
schnitzen?
    Wie d' dasitzst, von Kopf bis zun Fen, aber lieber noch, wann d' einmal
grogwachsen bist. Verla dich drauf, du wirst bildsauber, Helen; um dich werdn
sich die Buben raufen.
    Muckerl! Du Himmelsackermenter! wo steckst denn? rief es von nebenan.
Gleich komm! 's Nachtmahl steht afm Tisch!
    Die Mutter, flsterte der Junge und glitt von dem Bnkchen herab. Gute
Nacht, Helen! 's kann wohl sein -
    Was denn?
    Da ich dann auch mitrauf.
    Er huschte davon.
    Als er in dem rein und sauber gehaltenen Stbchen bei Tische sa, keifte die
Mutter: Wie oft soll ich dir's noch sagen, mach dich da drben nicht unntz. Du
bist doch wahrhaftig kein Kind mehr, und ein Bursch in deinen Jahrn vergibt sich
etwas, und es ist auch ganz unschicksam, wenn er sich mit so ein halbwchsigen
Menscherl umtreibt. Vertrglich bin ich gern mit alle Nachbarsleut, aber
vertraulich nit mit jedem und mit den Zinshoferischen wohl zur allerletzten
Letzt. Die Dirn wachst um die Alte auf, und die kenn ich noch von meiner ledigen
Zeit her, die ist von der Art, die keinem ein Guts tut, sie htt es denn dabei
besser, und der nichts bles zustot, ohne da sich's zugleich fr andere
schlechter trifft.
    Muckerl hatte sehr aufmerksam zugehrt, jetzt schlo er den offenen Mund
hinter einem Lffel Suppe. Er a schweigend weiter. Offenbar war ihm das Gesagte
so unverstndlich, da er ihm mit keiner Frage beizukommen wute.
    Unter der Tre der verwahrlosten Htte zeigte sich die schlanke, hagere
Gestalt eines alten Weibes. Nichts als die blitzenden, groen, grauen Augen
hatte die Alte mit dem Kinde gemein.
    Komm h'rein, essen.
    Essen? fragte die Kleine gedehnt. Wieder ein Schmalzbrot?
    Sei du froh, wenn wir Schmalz darauf haben, es schmeckt doch weniger hart
wie trocken.
    Ghnend trat das Kind in die Stube, schlo aber hastig den Mund und zog die
Nase kraus vor der moderigen Feuchte, die in dem engen Rume grte und ihn noch
unfreundlicher machte, als er es in seiner Unwohnlichkeit ohnehin schon war.
    Die Kleebinderin rgert's wohl gro߫, sagte die Alte, da dir ihr Muckerl
nachschleicht?
    Kann ja sein, antwortete die Kleine, indem sie den Kopf zurckwarf und die
Schultern hob, als wollte sie andeuten, der groe rger der Kleebinderin sei ihr
ganz gleichgltig.
    Du fangst aber bissel frh an, fuhr die Alte mit gutmtigem Spotte fort,
dir sagen zu lassen, da du schn bist.
    Ich hab ihn nit grufen und kein Anla zur Red geben, entgegnete
schnippisch das Mdchen, nahm mit unwilliger Gebrde das dargereichte, mit
triefendem Fett beschmierte Brot an sich und ging zur Htte hinaus. An groen,
harten Brocken kauend, stand sie dort und sah nach dem Sternsteinhof hinauf, der
dort oben lag wie ein Schlo.
    Alle Mrchen, von denen sie gehrt oder gelesen hatte, vermischten sich in
ihrem Kinderkopfe. - -
    Da war einmal eine blutjunge, bettelarme Dirne, wohl war sie bildsauber,
aber das merkte ihr niemand an, denn sie hatte nur schlechte Kleider, und mit
denen lag sie nachts in der Herdasche; der war es aufgegeben, auf einer
glhenden Pflugschar ber ein Wasser zu schreiten, einen glsernen Berg
hinanzuklettern und in dem Schlosse dort oben einem bsen, alten Weibe, das den
Schlsselbund nicht ausfolgen wollte, den Kopf zwischen Deckel und Rand einer
eisernen Truhe abzukneipen, dann aber war das Schlo entzaubert, gehrte mit
allem Hab und Gut innen und allem Grund und Boden auen der armen Dirne, die nun
bis an das Ende ihrer Tage herrlich und in Freuden lebte.
    Wahrhaftig, die kleine Zinshofer Helene war ein weltkluges, entschlossenes
Kind. Sie schtzte ganz richtig, da viel Anstrengung, Mhsal und Pein auf dem
Wege nach solch einem verzauberten Schlosse liegen msse, auf die Hilfeleistung
gtiger Feen machte sie sich keine Rechnung, schne Prinzen schienen ihr kein
dringliches Erfordernis, und alte Weiber mochten sich vorsehen.

                                       II


Helene erfllte die Vorhersagung des Kleebinder Muckerl. Ja, sie bertraf, wie
er sich selbst gestehen mute, seine Erwartungen. Freilich, einige Zeit war
darber vergangen, aber wer fragte nach, wo die hingekommen? Der Muckerl
wenigstens tat es nicht, dem war sie kurzweilig genug geschwunden; was sie
gebracht hatte, war gut, was sie noch bringen konnte, wird besser sein, und dem
sah er freudig und geduldig entgegen.
    Er verstand sich jetzt aufs Holzschnitzen, er erhielt seine Mutter und kam
fr das ganze Hauswesen auf. Das erste, was er vornahm, als er seine Hand sicher
fhlte, war kein leichtes Stck und bezeugte guten Mut und Selbstvertrauen; ein
ganzes Krippel stellte er fertig, die Heilige Familie im Stalle zu Bethlehem,
chslein und Esel fehlten nicht, nur die Hirten lie er weg, an deren Stelle
dachte er sich eben die fromme Gemeinde von Zwischenbhel, denn die war ja da,
um anzubeten, und darum schnitzte er keine hlzerne Andacht hinzu. Der Pfarrer
stellte, versprochenermaen, das Bildwerk in der Kirche auf, da er es aber doch
nicht fr ein Kunstwerk halten mochte, auf dessen Besitz man gegen einen
umherstreifenden Touristen oder sei es auch nur gegen einen Konfrater stolz tun
konnte, so beschlo er, es der Geschmacksrichtung seiner Pfarrkinder
nherzubringen, und lie von einem durchreisenden Knstler, der sich einen
Flchenmaler nannte, weil er Fensterlden, Trbalken und Haustore behandelte,
die Figuren mit schreienden lfarben anstreichen.
    Die Gemeinde fand das ber alle Maen schn, und einige versetzte allein der
Geruch des frischen Anstriches in eine andchtige Stimmung. Als Muckerl sein
Werk mit Farbe berdeckt fand, geriet er in eine sehr geteilte Stimmung. Die
Farbe, ja, die Farbe macht sich ganz gut, es schaut das Ganze wie lebendig her,
und der Pfarrer mochte wohl recht haben, als er sie dazutun lie, aber Fleisch,
Gewand und Haare waren immer ein Klecks, und da glnzte es an Stellen, wo es
nicht gehrig war. Muckerl sah mit Befremden, wie manche Falte, die er
geschnitten hatte, unschne Buckel machte, und wieder, wie eine andere vom Leibe
abstand, wo sie sich schmiegen sollte; womit er es versehen hatte, das trat nun
auffllig hervor, dagegen verschwanden die Gesichtszge seiner Heiligen, von
denen er berzeugt war, sie wren ihm aufs beste geraten, ganz unter einem dicht
aufgetragenen Anstriche. Wahre Puppenkpfe hatten sie auf den Schultern sitzen.
Pltzlich entsann er sich des kleinen, hlzernen, bunten Trken, der ober dem
Krmerladen als Zeichen des Tabaksverschleies angebracht war.
    Der Himmelherrgottssakkermenter, murmelte er ziemlich laut, hat mir 's
Ganze verschndt. Erschrocken fuhr er zusammen und bekreuzte sich.
    Das war aber doch nicht recht vom hochwrdigen Herrn, da er einen solchen
hat ber die Sach lassen! Htt er nit dazu einen andern finden knnen? War es
nit ganz unaufrichtig, da er berhaupt gar nit hat verlauten lassen, da eine
Farbe dazu soll und da er sie darauf haben will? Die Farb mag der Muckerl nit
verreden, sie mag ja 'm Messer nachhelfen, aber decken darf sie nicht, was das
gut gemacht. Wer aber soll das machen? Wer kann sich wohl besser dazu anschicken
als der, dem 's selbe Schnitzwerk von der Hand gangen is? Das lernen wird keine
Hexerei sein, und der Muckerl will's erlernen.
    Er erlernte es. Bald wunderte sich das ganze Dorf ber die bunten
Holzstatuetten, die er zwischen den Fenstern zur Schau stellte, kein Heiliger
des Kalenders brachte ihn in Verlegenheit, denn da er mit der himmlischen
Familie fertig geworden, wird er doch Aposteln, Nothelfern, Mrtyrern, heiligen
Frauen und Jungfrauen beizukommen wissen.
    Nicht lang, so hatte man es auch in der Umgegend Rede, was fr ein
Geschickter da drben in Zwischenbhel sitze, und wenn einer ein Herrgott, eine
Gnadenmutter oder ein Heiligen brauche, so drfe er nur zu dem gehen. Aber nur
wenige kamen, und die feilschten rechtschaffen; am meisten ngstigten den
Muckerl die sogenannten Herrgottlkramer, die mit solcher frommer Ware das Land
abliefen; sie dachten ihn als billige Bezugsquelle auszuntzen und verhielten
sich ihm gegenber wie Kunsthndler in einer Grostadt gegen einen talentierten
Anfnger in der Malerei.
    Schwere Sorge beschlich oft den Muckerl. Selten, gar selten war es, da ein
Buerlein, ein altes Mtterchen, eine junge Dirne Nachfrage hielt, noch
seltener, da er nach stundenlangem Feilschen einen Herrgott, der nicht genug
blutig sein konnte, einen Namenspatron, der nie andchtig genug schien,
verkaufte; die Herrgottlkrmer bekam er fter zu Gesichte, die aber machten ihn
mit ihren Ausstellungen schwitzen, mit ihren Anboten ganz verzagt, und oft rief
er sie unter Trnen in den Augen zurck, wenn sie an der Tre in wegwerfendster
Weise fragten: Na, gibst mir's diesmal mit oder nit? Noch ein Gang her is mir
der ganze - folgte ein sehr derber Ausdruck - nit wert!
    Aber da fand sich mit einmal ein Absatz. Eines Abends trat ein Mann in
Muckerls Htte, nannte sich einen Handelsagenten fr religisen Hausrat, htte
das Beste sagen hren ber den Heiligenschnitzer zu Zwischenbhel und wre
gekommen, dessen Ware zu sehen. Er uerte sich ber die vorgelegten Proben sehr
freundlich, lchelte mitleidig, als er den Preis erfuhr, um den bisher diese
Arbeiten abgegeben wurden, bot sofort das Fnffache, gab Vorschu und bestellte
nach Dutzenden. In der Stadt, beteuerte der Herr Agent, htte man derlei ntiger
als am Lande, dort wre mehr Geld, aber auch mehr Gottlosigkeit, darum gehe man
jetzt daran, den religisen Sinn zu heben, was am besten durch massenhaften
Umsatz von billigem und geflligem religisen Hausrat zu bewerkstelligen sein
drfte, wofr denn eine Handelsgesellschaft aufkommen wolle. Der Herr Kleebinder
mge nur darauf achten, immer gleich gute Ware zu liefern, so wrde ein
lohnender Absatz fr lngere Zeit gewi sein.
    Muckerl schwamm in Seligkeit, fast htte er sich vergessen und wre dem
kleinen, sbelbeinigen Mnnlein um den Hals gefallen, aber ein leider in den
unteren Volkskreisen eingewurzeltes Vorurteil lie ihn davon abstehen, denn der
Mann, der sich mit der Hebung des christlich-religisen Sinnes befate, war,
beschmenderweise, ein Jude.
    Nun rckte gute Zeit ins Haus, mit ihr aber auch manches, das die alte
Kleebinderin derselben nicht recht froh werden lie und sie ihr endlich gar
verleidete.
    Es war an einem Samstagabende, als Muckerl den Hgel hinter den Htten
herabkam. Er trug seine kurze Jacke mit blanken Knpfen, seinen saubern
Brustfleck, seine guten Schuhe, kurz, sein Feiertagsgewand; seine bestaubten
Fe, sein erhitztes Gesicht lieen schlieen, da er nicht von nah, wohl gar
von der Kreisstadt heimkehrte.
    Er trug ein kleines Pckchen, es war in sein rotes, geblmtes Taschentuch
eingeschlagen und kam in keiner seiner Hnde noch sonst zur Ruhe; er fate es
bald in die Rechte, bald in die Linke, drckte es gegen seine Brust, barg es im
Rcken, schob es unter die eine oder die andere Achsel und holte es sofort
wieder hervor.
    Vorsichtig lugte er durch die Zweige des lebenden Zaunes in seinen Garten,
und als er seine Mutter nicht um die Wege sah, war er mit einem Sprunge auf
Nachbarboden und trat durch die rckwrtige Tre in die Zinshofersche Htte.
    Er fand Helene mit der Alten zusammensitzen, Rben schlen und in einen Topf
schneiden.
    Guten Abend miteinander, sagte er.
    Guten Abend, sagten die beiden.
    Wie geht's? fragte er. Wie geht's? Soweit ich's euch abzusehen vermag,
nit bel, denk ich. In der Stadt bin ich gwesen. Halt ja. Md bin ich, erlaubts
schon, da ich mich setz.
    Das Mdchen wies mit der Hand, in der es das Messer hielt, nach der
Gewandtruhe, die in der nahen Ecke stand.
    Muckerl setzte sich. Er hielt das Paket an beiden Enden angefat und drehte
es zwischen den zehn Fingern fortwhrend herum.
    Nach einer Weile sah die Alte auf, wobei ein finsterer Blick die Tochter
streifte, und sagte: Na, wie schaut's denn aus in der Stadt?
    Ich dank der Nachfrag, entgegnete Muckerl, es ist vllig schn dort und
so gangbare Wege haben s', ganze Steinplatten. Ja, Helen, wie ich da drauf
gleichen Schritts getrabt bin, hab ich an dich gedacht.
    An mich? Ich wt nit, was ich mitm Stadtleuten ihren Pflaster zu schaffen
htt.
    Dort tritt sich nit leicht eins ein Scherbe, ein Nagel oder solchs
Teufelszeug ein, wie da bei uns schnell gschehen is und erst neulich dir.
    Ah, ja so. Das ist lngst wieder heil. Schau mal. Die Dirne streckte vom
niedern Schemel, auf dem sie sa, den rechten Fu dem Burschen hin.
    Mein Seel, sagte der, ganz sauber verheilt. Wr auch schad um die fein
F, wann s' ein Narbe verschandeln mcht.
    Is dir leid drum, so breit mir halt, wo ich geh und steh, eine Strohdecken
drunter.
    Da wei ich mir eine bessere Abhilf. Ich gib ein Futteral drber. Der
Bursche sagte das mit kurzem, wie Husten klingendem Lachen und ward darnach rot
bis unter die Haare. Das heit, fuhr er stotternd fort, das heit, wenn halt
d' Zinshofer Mutter damit einverstanden wr, so wren da ein Paar Schuh.
    Die Dirne blickte ihn von der Seite an. Nur der Mutter Einverstndnis
braucht's, meinst du? Ich denk, es ist die Frag, ob ich s' tragen will?
    Du wolltst sie nit? stammelte Muckerl.
    Dir, seh ich, mu mer schon z' Hilf kommen, sagte die Alte. Du mut auch
erst bei jungen Weibsleuten aufhorchen lernen, die verreden oft, wonach ihnen
Herz und Hand giert.
    Was du alles weit, hhnte die Dirne, dann wandte sie sich an Muckerl.
Wirst wohl auch was Rechts eingekauft haben? La mal schaun, da ich ein
Ungschickten auslach. Werd dir wohl frn guten Willen danken mssen, passen
werdn s' mer eh nit.
    Wird sich ja weisen, schrie Muckerl, der pltzlich wieder in scherzhafte
Laune geriet, in hoch gehobener Hand das Bndel schwang, als ziele er in
bedrohlicher Weise nach dem Kopfe der Dirne. Gleich kommt's.
    Na, sei so gut, kreischte Helen, fuhr vom Sitze empor und entrang ihm das
Tuch. Nachdem sie dasselbe aufgeknpft hatte, betrachtete sie die Schuhe. Sie
sttzte das rechte Bein auf den Schemel und hielt die Sohle des Schuhes an die
des Fues. Schau, sagte sie, wahrhaftig, die knnten mir recht sein, und
schn sein s' auch, recht schn. Sie drehte sie eine Weile in den Hnden, bot
sie ihm dann zurck. Da nimm s' wieder, seufzte sie.
    Ja, warum denn? fragte ganz ratlos der Bursche. Warum denn, Helen?
    Nein, Muckerl, ich mu danken, wirklich mu ich dir recht schn danken. Ich
sag's, wie's wahr is. Da dazu ghren Zwickelstrmpf, die hab ich nit, und mit
bloen Fen tret ich lieber auch auf d' bloe Erd als auf Leder. Auslachen mag
ich mich nit lassen.
    Du Nrrisch, sagte mit triumphierender Miene der Bursche, meinst du, ich
denk nur vom Grndonnerstag auf Karfreitag? Ah mein, nein. Er zerrte ein
kleines Pckchen hervor, das er in eine Jackentasche gezwngt hatte. Da schau,
was da drein is.
    Es waren Zwickelstrmpfe und hochrote Strumpfbnder mit Seidenbandschleifen.
    Muckerl, schrie die Dirne, vor Freude die Hnde zusammenschlagend. Du
bist doch ein guter Bub.
    Ja, gut is er, der Muckerl, sagte die Alte.
    Helen setzte sich neben den Burschen. Na, drfst auch zuschaun, wie ich s'
anleg. Ohne sich im mindesten durch seine Nhe beirrt zu fhlen, probierte sie
Strmpfe und Schuhe an. Wie das pat, lachte sie, du drftst von mein Fen
's Ma gnommen haben.
    Das hab ich auch, mitn Augen; drauf mu ich mich ja verstehen, von welcher
Gr Hand, Fu und Kopf zu eines Menschen seinm Leib passen.
    Die Dirne hielt den Saum des Rockes in der Hhe, wo die Strumpfbnder saen,
um die Beine geschlagen und betrachtete selbstgefllig ihre Fe. Bis daher,
sagte sie lchelnd, ist die Prinzessin fertig, von da ab fangt 's Bettelweib
an, und das ist weitaus 's grere Stck.
    Muckerl erhob sich. Nur nit verzagt. Kommt Zeit, kommt Rat. Noch ist nit
aller Tage Abend. Gut Nacht. 's ist jetzt Zeit, da ich geh, sonst ngstet sich
d' Mutter oder schilt gar. Gute Nacht miteinander!
    Schon am andern Morgen hatte er Ursache, zu bereuen, da er an seine
Gutmtigkeit so gar keinen Vorbehalt geknpft. Helen kam vorbeigelaufen, als sie
aber ihn und die alte Kleebinderin in der Kche stehen sah, verweilte sie sich
ein wenig. Guten Morgen, rief sie, und rasch einen Fu nach dem andern
vorstreckend, fuhr sie fort, eine nrrische Freud hab ich mit den Schuhen und
Strmpfen. 's is gleich ein anderes Gehen. Dank dir schn dafr, Muckerl.
    Die alte Frau sah ihren Sohn mit einem Blicke an, vor dem er sich verlegen
zur Seite krmmte.
    Die Dirne wies die glnzenden Zhne, warf beiden einen boshaft lachenden
Blick zu und lief weiter.
    Die Kleebinderin faltete die Hnde ineinander und lie sie in den Scho
fallen. Muckerl! Meht war sie auerstande hervorzubringen, die berraschung
verschlug ihr die Rede, ber welchen Umstand der gewissenhafte Bursche sich
jedes heuchlerischen Bedauerns enthielt, dagegen fand er es sehr unbehaglich,
da sie diesen Tag ber, sooft sie seiner ansichtig wurde, mit dem Kopfe
schttelte.
    Etwa eine Woche darnach kam Muckerl wieder einmal aus der Stadt zurck, aber
diesmal umging er das Dorf nicht, er hielt sich auf der geraden Strae und
schlenkerte auffllig mit den Armen, als wollte er die Leute, die eben um die
Wege waren, sehen lassen, da er mit leeren Hnden kme.
    Gleichen Weges war eine gute Weile zuvor Helene mit flinken Fen durch das
Dorf gerannt, sie hielt dabei ein schweres Bndel mit beiden Armen gegen die
Brust gepret. Jetzt kniete sie inmitten ihrer Stube, vor ihr auf dem Boden
lagen Wschstcke, Latzschrzen, Rcke und ein Sammetspenser ausgebreitet, und
sie sah unter den langen Wimpern auf all die Herrlichkeiten herab, ein Lcheln
innerster Zufriedenheit in den Winkeln der aufeinandergepreten Lippen.
    Die alte Zinshoferin schlug ein ber das andere Mal die Hnde zusammen.
Endlich fragte sie: Vom Muckerl?
    Das Mdchen nickte.
    Wofr hat er dir's gegeben? fragte die Alte mit scharfem Tone, der jedoch
bei ihrem lauernden Blick und gemeinen Lcheln nicht nach mtterlicher Strenge
klang, sondern nach rder Neugierde, die zu wissen verlangt, woran man sei, und
Herrischkeit, die bestimmen will, wohin es weiter solle.
    Die Dirne sah stirnrunzelnd empor. Wofr? Dafr, da ich ihm auf der
Straen nit 'n Weg und daheim nit d' Tr weis. Fr weiter nix! Sie lachte
hhnisch auf. Du mut wohl dein Zeit a dankbars Gemt ghabt haben, weil d' so
fragen magst!
    Als Muckerl der weit auerm Ort, im Busche, ihn erwartenden Dirne das Bndel
einhndigte, lie er sich von ihr zwei Dinge in die Hand versprechen, da sie in
ihrem neuen Putz seiner Mutter nicht unter die Augen gehe und da sie sich
nchsten Sonntag von ihm ins Wirtshaus fhren lasse. Ob er auch nur einen
Augenblick daran dachte, wie ungereimt es war, der Mutter verheimlichen zu
wollen, was Sonntags jeder als Neuigkeit von der Schenke mit heimtragen wird?
Ach, der Bursche dachte wohl an gar nichts, als wie schn, wie gar aus der Weis
schn die Dirne war!
    In der Samstagnacht, vor dem Einschlafen, drehte sich Helen im Bette nach
der Mutter um. Hrst? Ich hab vergessen, dir zu sagen, morgen fhrt mich der
Muckerl ins Wirtshaus.
    Und du gehst?
    Warum nit? Wozu htt ich mein Putz? Jetzt, wo ich unter d' Leut gehen kann,
hab ich kein Ursach mehr, ihnen fernzbleiben.
    Na, da heit aber auch schon vom Montag 's Kleebinder Muckerls sein
Schatz.
    Meintwegen, mir schadt's nit, und ihm macht's ein Freud, und die gnn ich
ihm.
    Die gnnst ihm? murrte die Alte. Spiel du dich nit auf die Erkenntliche
hinaus! Wr dir so ums Herz, so ging wohl dein Mutter allen andern vorauf! Nit?
Aber wann nur du dich zsammstatzen kannst, so mag ich nebenherrennen wie ein
Hadernknigin. Der Muckerl wrd mich auch bedenken, wann du ihm nur ein gut Wort
gbest.
    Ich hab um mein Sach keins an ihn verlorn, werd ich doch nit um fremde
betteln.
    Ja, das stnd dir nit an, du hochfahrigs Ding! Haltst dich leicht schon
vorm Bettelngehen sicher? Nimm nur dein Holzschneider. Fahrt ihm einmal
unversehens der Schnitzer in d' Hand und bleiben ihm die Finger verkrmmt, is's
mit der ganzen Herrlichkeit vorbei. Httst wohl auch auf was Gescheiters warten
knnen.
    In selbstgeflliger Eitelkeit, die Worte dehnend und singend, entgegnete die
Dirne: Zuwarten und aufdringen is nit mein Sach. Sie befhlte ihre vollen
Arme, die sie vor sich ber der Bettdecke liegen hatte, den einen mit dem
andern. Mit solche Arm braucht mer nur festzhalten, was einm taugt unter d,
was darnach greifen.
    Freilich wohl, dalkete Gredl! Aber la mer sich einmal drauf ein, dann halt
mer nit nur, mer wird auch ghalten und mag nit loskommen.
    Das Mdchen kehrte sich gegen die Wand und ghnte. Pah, wr mir drum,
riskieret ich halt ein blaues Fleckel.

                                      III


Der Sonntag hat seine festliche Stimmung vom ersten Luten der Kirchenglocken,
das in der Morgenluft verklingt, bis nachmittags, wo man, vom Segen heimkehrend,
wieder ber die heimische Trschwelle tritt; darnach aber, wenn die Sonne sich
neigt und die Vgel zu lrmen aufhren, whrend Manner und Buben im Wirtshause
damit anheben, beginnt fr jene, die in den Stuben sitzen, fr die Buerinnen,
fr die Bursche, die kein Geld haben, fr die Bauern, die es sparen wollen, fr
die Unkrftigen, die vom Siechtum eben erstanden sind oder sich in dasselbe
gelegt haben, eine verlassene, nachdenkliche, ja langweilige Zeit.
    Gegen das Verlassensein hilft freundnachbarlicher Besuch, gegen die
Nachdenklichkeit unterhaltsame Ansprach, welche auch der Langweile nicht
aufzukommen gestattet. Es war daher recht christlich von der alten Matzner Resl
am oberen Ende des Ortes, da sie sich entschlo, die Kleebinderin am unteren
Ende desselben heimzusuchen. Die alte Resl befand sich nicht einmal allein auf
ihrem Stbel, sie hatte da jedzeit ihr einzig Kind, die Sepherl, um sich; mochte
sie brigens auch einen klein wenig selbstschtigen Anla zu dem Besuche bei der
Mutter Muckerls haben, so soll das der Christlichkeit ihres Unternehmens keinen
Abbruch tun, wer kann im Verkehre unter Menschen diese Schwche hoch aufnehmen,
die selbst der Frmmste im Verkehr mit Gott nicht los wird, durch den er fr
sich die ewige Seligkeit zu gewinnen hofft.
    So gingen denn Mutter und Tochter die schmale Strae zwischen der
Huserzeile und dem Ufer des Baches dahin.
    Sepherl war eine mannbare Dirne, mittelgro, mehr sehnig als voll gebaut,
was, wie die Rauheit ihrer Hnde, von frher, harter Arbeit herrhren mochte;
sie hatte ein rundes, gutmtiges Gesicht, das Schnste in selbem waren groe,
frische, blaue Augen, die sie oft, wie wundernd, weit aufri, und daher rhrte
wohl die dnne, in der Mitte gebrochene Falte, die ober den Brauen von einer
Schlfe zur andern lief. Ihr Mund war klein, wie im Wachstum zurckgeblieben,
und nahm sich, geschlossen, die blutroten Lippen in tiefe Winkel verlaufend, wie
der eines Kindes aus, das dem Weinen nahe ist.
    Die alte Kleebinder sa bei geschlossener Tre am Fenster, als die beiden in
das Vorgrtchen traten. Sie beeilte sich ihnen entgegen.
    Bist allein, sagte die Resl.
    Ja, mein Muckerl is ins Wirtshaus.
    Ich wei.
    Tut euch setzen. Sepherl, nimm dir den Sessel aus dem Eck dort. Is recht
schn, da ihr euch wieder einmal anschaun lat.
    Freut uns, wann wir dir nit unglegen kommen. Heut is a schner Tag, und 'n
Weg von uns her kann mer wohl fr ein klein Spaziergang rechnen. Es wr auch gar
nit unlustig zu gehen, tt nur der Bach nit sein, der stinkt so viel.
    Ja, so viel stinken tut er, sagte Sepherl mit dnner Stimme und wunderte
sich hinterher, das heit, sie machte groe Augen, sei es ber die ble
Eigenschaft des Baches oder weil sie ungefragt dazwischengesprochen.
    Dich sieht mer aber fast gar nit auer Haus, Kleebinderin?
    Ich komm so viel schwer ab. Weit ja, Matzner Resl, mein Muckerl arbeit
heim. Feldarbeit braucht kein Nachrumen, aber Stubenarbeit braucht's, man
glaubt nit damit fertig z' werden. Ja, er schafft aber auch fleiig die ganze
Woche ber. No, wollt er sich heut einmal lustig machen, hab ich mir gedacht,
soll er.
    Hast recht, Kleebinderin. Ich kann nit anders sagen, als da du recht hast.
Er is a braver Bub und gnnt dir, als seiner Mutter, ja auch alles Gute.
    Das tut er. Der liebe Gott mag ihm's lohnen.
    Amen! sagte die alte Resl, dann deutete sie nach der oberen Lade eines
breiten Wschschrankes. Gelt, jetzt is wohl wieder Geld da drein, wie der alte
Kasten schon seit viel Jahr nimmer beisamm gsehn hat?
    Es is schon eins drein, sagte die Kleebinderin, vom Ellbogen auf die Hnde
dazu beteuernd schttelnd, ich sag nit, da keins drein wr, aber so viel, wie
du vermeinst, mein liebe Matznerin, wohl nit! Mut ja bedenken, da aus 'n
harten Zeiten her noch Schulden zu zahlen waren, und was 's Arbeitszeug kost und
d' Farben, wie hoch d' Fracht z' stehn kommt, und was einm d' Steuer abbricht,
Jesus, du mein! Sie beugte sich, beide Hnde auf die Knie gesttzt, vor und
sprach zur Diele hinab. Kannst mir's glauben, wann d' besten Freund kmen, nit
ein Heller htten wir zu verleihen.
    Mein liebe Kleebinderin, wer so gut als ich wei, wie einm nach nothafter
Zeit jeder zruckglegte Groschen anlacht, dem leidt's d' Freundschaft nit, da er
davon borgen kommt. Mut also nit meinen, ich htt an dein Geldtruhen klopfen
wolln.
    Glaub's eh nit, bist ja von je a Sparmeisterin gwest.
    Mut auch nit glaubn, ich vermut gar so viel bei dir. Gott sei Dank,
Rechnen hab ich noch nit verlernt. Es is wahr, s habts jetzt ein schn
Einkommen, und der Muckerl is rechtschaffen fleiig, aber dafr will er halt
auch sein Aufheiterung haben, wie ja billig is; doch das leucht einm ein, da du
kein Haus sparen kannst, bei dem Aufwand, den er macht.
    Mein Muckerl?!
    Na ja, und es wird ihm's auch niemand verdenken, da er sein jung Lebn
gniet und sich wie andere Bursche mitn Schatz ins Wirtshaus setzt.
    Mein Muckerl? mit ein Schatz?
    Und sauber is die Zinshofer Helen, da lat sich nix sagn.
    Die Zinshofer Dirn?
    Und gegen d' Armut, die s' plagt, kommt ja der Muckerl auf. Schand macht s'
ihm keine, sie kann sich sehn lassen neben ihm, wie er s' jetzt hrausputzt hat
von Kopf bis zun Fen.
    Von Kopf bis zun Fen, sagst? Oh, der scheinheilige Lotter! Und ich wt
um die ganze Gschicht nit einmal von Fen an, wenn nit das kecke Mensch, um
mich z' rgern, die Schuh und Strmpf gwiesen htt, die er ihr kauft hat.
    Jesses! - So ein Unbedacht! - Heilige Mutter Anna! - Htt ich nur nix
gsagt! Die alte Resl legte nach jedem dieser An- und Ausrufe die Hand vor den
Mund, aber nur, um sie sofort wieder wegzunehmen, und nach dem letzten fate sie
nach den Hnden von Muckerls Mutter. Mut mir nit bs sein, Kleebinderin.
    Ich mu dir wohl danken, entgegnete diese niedergeschlagen, da du mir
noch heut rechtzeitig damit ins Haus kommen bist und ich nit morgen vor alln
Leuten im Ort ein Narren gleich schau.
    Nimm's nit bel, Kleebinderin, da ich's frei bered; mir is gleich die Sach
nit recht richtig vorkommen, und ich mocht schwer daran glauben, aber sag
selber, mut ich nit? Konnt ich mir denn denken, du wtest um nix? Freilich war
mir ratselhaft, wie sich's hat schicken mgen, da dir mit einmal d'
Zinshoferschen Leut recht sein, die du nie hast leiden mgen!
    Nach all dem, heut weniger wie je. Jesses, der gottlos Bub!
    Aber was wahr is, Kleebinderin, is wahr, d' Schnste htt er an ihr.
    Die Kleebinderin wies mit der Hand alle Schnheiten entschieden von sich.
    Ja, ich an deiner Stell gb auch nix drauf. Dein Bub is a braver Bub, ein
guter Bub, aber d' Schnheit plagt 'n just nit, und nebn der Zinshofer Dirn
kommt er gar nit auf. Heirat ein Mann z' tief unter sein Vermgen, is er seiner
Wirtschaft feind, betrat er z' hoch ber sein Schnheit, is er's seiner Ruh.
    Mein liebe Matznerin, das is a dalket Reden! Fr mein Bubn is mer d'
Schnste grad sauber gnug, und wr d' Zinshofer Dirn nur anderer Leut Kind, so
sorget ich nit.
    Verzeihst schon, aber soviel wie du von deinm Muckerl kann auch die
Zinshofer von ihrer Helen halten, denn jede Mutter hat 's schnste Kind, und die
Alte achtet's wohl fr kein Gnad, die vom Himmel fallt, wann dein Sohn ihr Dirn
zum Weib nhm! Mein liebe Kleebinderin (diese Ansprache berzuckerte jedesmal
eine bittere Pille, die eine Alte der andern einzugeben Lust hatte), halt du
dein Bubn, so hoch d' willst, aber afs Kirchdach mut 'n nit setzen; wo junge
Leut gnug af ebenen Boden ohne Bschwer sich zsammfinden mgen, wird ihm kaum
einer andern Mutter Kind dorthin nachsteigen. Freilich, ein arms Hascherl wt
ich, das sich lang schon einbildt, er s so hoch ber alle andern, und sich 'n
gern herunterholet, aber kein Leiter findt, die hinanreicht. Sie streichelte
Sepherls Scheitel und ttschelte deren Wange. Die Dirne ward glhrot im Gesichte
und blickte wieder wundernd auf. Frau Resl erhob sich. Nun, denk ich, wr gnug
gschwtzt, vielleicht schon alls zviel; aber wenigstens weit, woran d' bist,
Kleebinderin, und wann d' dazuschaust, so lie sich wohl noch verhten, was dir
etwa nit in Kram taugt. No, nix fr ungut. Bht Gott!
    Bht Gott! kommt gut heim. Vllig verwirrt hat mich euer Reden. Gute
Nacht!
    Gute Nacht, Kleebinderin!
    Auf der Strae fragte die Dirne mit leiser, klagender Stimme: Nun sag mir,
muten grad wir ihm 'n Verdru ins Haus tragen?
    Du Tschapperl du! Htten wir ihm den ersparen knnen?! Ich wollt mir nur
niemand bei der Kleebinderin zuvorkommen lassen; sie sollt sehn, da alte
Freundschaft die erste am Platz is, und sie sollt hren, was mich schon lang
druckt zu sagen, nit meinerwegen, sondern deintwegen.
    Das Mdchen schttelte den Kopf. Morgen wei er's, da wir da waren, und
schaut mich mit kein guten Aug mehr an.
    Bisher hat er dich mit gar keinm angschaut! Is dir so um sein Anschaun,
kannst ja zfrieden sein, wann er derweil auch nur bse Augen in dir stecken
lat. Kommt Zeit, kommt Rat.
    Beide schritten lngs des Baches dahin, von dem nun in der Abendkhle eine
widerlich riechende Feuchte aufstieg.
    Allein gelassen, geriet die Kleebinderin, je mehr sich die Zeit dehnte, in
immer grere Aufregung und Befrchtungen, der Falschheit ihres Sohnes wegen, so
da zuletzt die arme Alte ebensowenig an einer Stelle zur Ruhe kam wie eine Maus
in der Falle.

Das Wirtshaus lag am oberen Ende des Dorfes. Da der Garten etwas anstieg, so war
eine Kegelbahn in selbem nicht anzubringen, weder der Hhe noch der Quere nach;
bergauf htte kein Spieler die Kugel bis zu den Kegeln zu treiben vermocht, sie
von selbst bergunter laufen zu lassen, dabei wr weder Kunst noch Spa gewesen,
und quer, nach einer Seite berhngig, mute es ja jeden Schub verreien und km
der beste Scheiber vor lauter Anwandeln zu keinem Spiel. Aber kegeln wollten die
Bauern, und so war denn die Bahn vor dem Hause lngs der Strae angebracht, und
wer einkehren wollte, mute unter dem Vordach hindurch, an den lrmenden, meist
hemdrmeligen Spielern vorbeigehen.
    Als der Kleebinder Muckerl mit der Zinshofer Helen herankam, blickten alle
verwundert auf.
    Je, Muckerl, getraust du dich auch einmal von deine Herrgottln weg? rief
der Wirt und folgte den beiden durch den Hausflur, an Gaststube und Kche
vorbei, in den Garten nach.
    Der Bursche, der eben zum Schub angetreten war, verzog das Maul, verdrehte
die Augen und lie, als ob er ber diese Begegnung auf das nchste verge, die
schwere Kugel aus der Hand fallen, worauf er einen Schrei tat und auf einem
Beine herumhpfte, als sei das andere geschdigt worden.
    Es mute das ein guter Spa sein, weil ihn alle belachten.
    Im Garten war es khl und fast einsam. An einem Tische saen zwei alte
Bauern und an einem zweiten ein Knecht mit einer Dirn.
    Was soll ich bringen? fragte der Wirt. Wirst wohl ein Wein wolln, ein
bessern, versteht sich, und ein Backwerk? Wirst dich nit spotten lassen?
    Versteht sich, da der Muckerl sich nicht spotten lie.
    Sapramost, rief einer der Bursche drauen, ist aber die Zinshoferische
sauber, die is die Schnst wordn von alln!
    Auf der Bank hinter dem lange Tische, auf dem die Spieler ihre Krge stehen
hatten, saen etliche Dirnen, die mochten, whrend der Schatz kegelte, zusehen
oder untereinander plaudern, durften auch ab und zu einen Schluck nehmen. Hatte
eine ein Glas mit sem Weine vor sich und etwa gar eine Zuckerbrezel dazu, so
war das eine groe Aufmerksamkeit, oder sie - bezahlte sich's selbst.
    Bisher hatten sie ziemlich fremd gegeneinander getan und sich nur wenige
Worte gegnnt. Oft sah eine die andere mitrauisch von der Seite an und dann
wieder von ihr weg nach der Kegelbahn und verfolgte eifrig den Gang des Spieles
oder tat wenigstens so, whrend sie mit dem Schatz zu liebugeln versuchte und
dabei auch beobachtete, ob nit die daneben ein schlechts Mensch mache und ihn
ihr abzuwenden verlangt, wobei es allerdings vorkam, da die Betreffende selbst
einen Augenblick darauf verga, da sie seit acht Tagen mit einem Neuen gehe
und aus alter Gewohnheit dem Frheren zulchelte. Jetzt aber, wo mit einmal
die Zinshoferische die Schnste sein sollte, rckten sie nasermpfend zusammen,
zogen bedauernde und spttische Gesichter gegeneinander und wuten wohl, wem das
Bedauern und der Spott galt.
    Merkwrdig, sagte der Wirtshannsl, nebenbei bemerkt, seines Vaters beste
Kundschaft, merkwrdig, da bis heut keiner von uns um der ihr Sauberkeit gwut
hat!
    Kein Wunder, sagte ein anderer, wann hat man s' voreh auch zu Gsicht
kriegt? Nit auer, nit unter der Arbeit. Ihr Htten liegt am untersten untern
End, und mt mer erst gwut habn, was mer dort z' suchen hat, eh man sich nach
Feierabend dahin md luft, und ins Tagwerken hat s' ihr Mutter nit gschickt.
    Das war richtig, die Helen hatte noch niemand arbeiten gesehen.
    Als jetzt ein stmmiger Bursche in die rmel seiner Jacke schlpfte und
sagte: Die Schnur is aus, scheibts ohne meiner weiter! Ich geh, mir die zwei
Leuteln anschaun, da schrien die Dirnen lachend: Tu dich nur nit in Kleebinder
Muckerl verschaun! Sie bildeten jetzt eine Kette und hatten gegenseitig die
Arme um Nacken und Hften geschlungen.
    Sorgts nur, da euch keiner von euere Muckerln ausreit, sagte der
Stmmige mit pfiffigem Augenblinzeln.
    Nicht lange, so war ein Bursche nach dem andern verschwunden, und bei den
Dirnen, die nun aneinanderrckten wie Schafe, wenn's donnert, blieb niemand
zurck als der Wirtshannsl. Der Schalk wute, da er nun als der einzig
Gscheite bei den armen, vernachlssigten Geschpfen einen Stein im Brette haben
werde, und da verletzte Eitelkeit gar manche veranlate, sich so zu benehmen,
als wre ihr darum zu tun, die widerfahrene Krnkung auch zu verdienen, so sah
er einem recht unterhaltsamen Abend entgegen. Wirklich schallte es bald unter
dem Vordache vor lautem Gelchter und Geschrei, das manchmal in ein grelles
Aufkreischen ausartete. -
    Der Kleebinder Muckerl war im Orte wohlgelitten, in besonderer Achtung stand
er nicht, kam ihm ja auch gar nicht zu. Krperkraft, Arbeitstchtigkeit,
erwirtschaftetes, auch berkommenes Geld wertet der Bauer frischweg, darauf
versteht er sich, das bewhrt sich unter seinen Augen als zu Nutz und
wnschenswert; vor dem Manne, dem man nicht auf den Grund der vollen Tasche zu
sehen vermag, rckt er den Hut und gibt ihm, als einem, dem Gott ber die andern
emporgeholfen hat, wie der hohen Obrigkeit, aus Respekt, kurze Reden. Alle
andere Schtzung und Wertung ist ihm berkommen, selbst was unseres lieben
Herrgotts und all seiner Heiligen Gnad und Barmherzigkeit anlangt, verlt er
sich auf seines Pfarrers Wort und Lehr. Alles, was in seinem Kreise dem
Hergebrachten zuwiderluft, macht ihn verlegen und mitrauisch, 's mag ja von
Gott gegeben sein, 's knnt's aber auch der Teufel geschenkt haben, wer wei
sich da schnell aus? Und gar, was so inmitten zwischen dem Weltlichen und
Heiligen liegt, das Gebiet der Kunst, das ist ihm allzeit nebelgrau geblieben
und drfte es ihm wohl bleiben; vor einem Kunstgegenstande wagt er sich kaum
ber das reservierte Urteil hinaus: Das schaut schn aus! Da war denn nun der
Kleebinder-Muckerl, klein und knirpsig, sicher auerstand, auf dem Felde seinen
Mann zu stellen, freilich war sein Glck, da er findig und geschickt genug war,
sich daheim mit leichterer Arbeit mehr Geld zu verdienen als manche andere mit
der harten; aber feiern durfte er auch nicht, und seinm Sack war wohl noch auf'n
Grund zu sehn, brigens, war solche Arbeit berhaupt welche zu nennen und Ehr
dabei aufzuheben? Wohl heit's, zu Zwischenbhel, da sitzt einer, der versteht's
Herrgottlmachen und Heiligenschnitzen, aber (die guten Zwischenbheler empfanden
instinktiv, da ihr Dorfkind kein Genie sei) wenn er's gar so ausbndig, so
aller Welt ungleich verstnd, s er nit mehr unter uns. Eben dieses Gefhl der
Gewhnlichkeit Muckerls, das dem unzureichenden Grunde, ihn als etwas Besonderes
zu betrachten, entsprang, machte ihn wohlgelitten; nur wollten ihn die Bursche
unter sich nicht als einen Gleichen gelten lassen, und schau eins, nun mcht mit
einmal das Halbmnnel, der Stubnschaffer gar vor allen was voraushaben und mit
der Schnsten vom Ort gehn?!
    Dazu drft ihm doch wohl der Weg zu verlegen und zu verleiden sein.
    Wr anders denen unterm Vordache drauen die Lustigkeit vom Herzen gegangen,
so htten sie die Gesellschaft, die da rckwrts im Garten sa, verlachen
knnen, denn die kam zu keinem Behagen.
    Der Stmmige, der zuerst hinausgeschlichen war, hatte sich ohne viel
Umstnde an Muckerls Tisch gesetzt; nachdem er dem Herrgottlmacher ein paar
kurze Reden gegnnt, wobei er, ber dessen Achsel weg, Helenen zublinzelte, ging
er sofort daran, sich dieser gegenber als den Spahaften und Zuttigen zu
bezeigen, denn er hielt dafr, da der Deckel rasch vom Korbe msse, wenn er
Hahn darin sein wollte, denn die andern Bursche wrden nicht lang wegbleiben;
aber schon der nchste, der hinzukam, fand ihn verdrossen mit einer
hochgerteten Backe dasitzen.
    Und alle die Bursche, wie sie sich nun hinzufanden, richteten erst vorab
paar Worte an den Muckerl, dann reckten sie die Hlse und sprachen von dem
nchsten Tisch herber zu der Dirne, als se die allein unter ihnen.
    Zinshofer Dirn, anschaun is wohl erlaubt?
    Wenigstens nit verboten, sagte sie.
    Knntst uns ein Gfallen erweisen -
    Wt kein Grund.
    Sag uns, wie d' so sauber sein magst?
    Dank frs Kumplament, is mir leid, da ich's nit zruckgeben kann.
    Macht nix. Auf d' Subrigkeit von andere verstehst dich halt nit. Ds sieht
man.
    Alle Bursche lachten und, zum rger der Dirne, Muckerl mit.
    Da sa sie nun, wie sie es gewollt, unter Leuten und wnschte sich weit weg.
Htte sie lieber die dumme Geschichte mit dem Muckerl, wo doch noch nichts
dahinter war, geheimgehalten! Was brauchte sie die durchs ganze Ort zu tragen
und von morgen an sein Schatz zu heien? Dafr haben sie auch die Bursche
genommen, als sie vorerst Muckerl ansprachen, als ob sie gar nicht da wre, aber
statt nur ihre Ansprach zu suchen und dadurch zu zeigen, hier sen zwei, die
kein Drittes neben sich leiden, hat er sie wie allein sitzen lassen, und da
haben denn die andern getan, als ob er nicht da wre, und die Hnde nach ihr
ausgereckt, wie nach einem Ding, das man nur aufzugreifen braucht, etwa wie die
junge Katz beim Fell, und er ist daneben gesessen, hat keinem auf die Finger
geklopft, er hat sich nicht um sie gewehrt, nein, er hat sie sich um ihn wehren
lassen, als wr er ihrer so ganz sicher und sie mte sich in allem, lieb oder
leid, in ihn schicken. Lachen mag er, statt in den Tisch zu schlagen, als man
ihr ins Gesicht bietet, sie vergb sich was, wenn sie mit ihm ging!
    Diese Gedanken schossen ihr durch den Kopf, whrend sie die fortdauernden
Stichelreden der Burschen zungenfertig zurckgab. In augenflligem Unbehagen sa
sie da, zwischen den Hnden, die sie vor sich auf den Tisch gestemmt hielt, ihr
Taschentuch zerrend und zerknllend; mit klarer Stimme, die aber etwas hher
klang als sonst, schnellte sie ihre Gegenreden heraus und schielte dabei unter
den zusammengezogenen Brauen nach einer leeren Tischplatte neben, nur manchmal
warf sie Muckerl, der an ihrer Seite duchste, einen zornigen Blick zu, wenn der
gutmtige Bursche in das allgemeine Gelchter einstimmte und dadurch die
Heiterkeit auf ihrer beider Kosten auf das bedenklichste erhhte.
    Der Klang einer Zither am Nebentische machte sie zusammenschrecken. Sie
wute, was nun kommen werde. Gegen alle Red glaubte sie aufkommen zu knnen und
keine schuldig bleiben zu mssen, aber singen konnte sie nicht, dazu war ihre
Stimme zu schrill, und dafr fehlte ihr das Gehr, das wute sie vom
Kirchengesange her, auch aufs Wortreimen versteht sie sich nicht und hat nie auf
solche Alfanzerei etwas gegeben; gegen Trutzliedeln ist sie wehrlos.
    Da hob schon einer damit an.

Beim Herrgottlmachen,
Bein Heiligenschnitzen
Tu ich mich d' ganz Wochen
Krump und bucklet sitzen.

Darauf sang ein anderer:

Ich kenn ein jeds Fladerl,
Jeds Maserl im Holz -
Und 's allerschnst Maderl,
Ds wr halt mei Stolz!

Nun kam der Stmmige an die Reihe.

Spannst du dich mit der Schnsten zsamm,
Gib, Herrgottsschnitzer, acht,
Am End, da httst damit erst dann
Ein Herrgotts-Schnitzer gmacht!

Das zndete. Aber ehe noch das strmische Gelchter sich beruhigen konnte, hatte
Helen den Muckerl an der Hand gefat, emporgezogen und war mit ihm dem Ausgange
zugeschritten.
    Oh! Hoho! schrien die Bursche. Schon fortgehn, wo's erst lustig wird, und
's schnste Paar dazu?!
    Obwohl es nun auch dem Muckerl fr ausgemacht galt, da er just nicht unter
Freunden gesessen habe, wofr er ihnen, ohne Beht Gott zu sagen, den Rcken
kehrte, so konnte ihn doch der Spott ber das schnste Paar, den er auf sich
gemnzt und vom Neide eingegeben glaubte, nur schmunzeln machen.
    Die Dirne aber fhlte nur eine Spitze gegen sich heraus, weil sie mit einem
so gar Ungleichen gehe, der obendrein weder Maul noch Hand zu brauchen wute,
der sie reden und sich von ihr leiten lie. Mit einem trotzenden Blick in all
die spttischen Gesichter wandte sie sich unter der Schwelle ab und schritt Hand
in Hand mit dem Burschen hinweg. Bis sie das Wirtshaus auer Sicht hatten,
gingen sie so, dann gab ihn das Mdchen frei und trat von ihm zurck.
    Aber warum denn, warum denn? fragte der Bursche, der den krftigen Druck
ihrer Hand nicht ungerne weiter empfunden htte.
    Es war nit deshalb, sagte sie.
    Sie sprach es nicht aus, weshalb sie nach seiner Hand htte fassen knnen,
noch, was anderes sie veranlate, es zu tun, aber der Bursche verstand sie und
schritt, vor sich hinblickend, neben ihr her.
    Sie sprachen kein Wort und gingen mit raschen, hallenden Schritten durch das
Dorf.
    Bei seiner Htte angelangt, bot ihm die Dirne kurz: Gute Nacht! Sie
bersah wohl in der Dunkelheit des Burschen dargereichte Hand und war ihm rasch
aus den Augen.
    Ihre Tre hrte er knarren, ein paar keifende Worte der Alten, dann war
alles ringsum stille. Die Sterne brannten hoch oben am Himmel, die Mondsichel
glnzte. Fern bellte ein Hund, und nun hrte er auch den Bach leise gurgeln.
    Seufzend wandte er sich ab und schritt nach seinem Huschen.

                                       IV


Als Muckerl in die Schlafkammer trat, richtete sich die Kleebinderin im Bette
auf.
    Noch wach, Mutter?
    Ja.
    Aber wie kommt denn, da d' so spt noch auf bist?
    Ich denk, wohl daher, weil ich nit schlafen kann.
    Ei, mein.
    Hast dich gut unterhalten?
    So, so.
    Warst allein?
    Muckerl blieb die Antwort schuldig.
    Ob d' allein warst, frag ich. Druckt dich doch 's Gewissen, du falscher,
hinterhlterischer Bub du, weil d' dich mit der Sprach nit heraustraust? Meinst,
die Sach bessert, wenn mir's fremde Leut zutragn?
    Ah, mischen sich schon welche ein?
    Mit der Zinshofer Helen bist gwesen.
    Na, so war ich halt mit ihr.
    Ja, leider Gotts, wr's ein andere -
    Mir steht kein andere an.
    Kein Wort verlieret ich, aber grad die!
    Ich wei, du kannst s' nit leiden, und so verlierst mehr als ein Wort
drber und hebst nachtschlafender Zeit zun streiten an. Ich aber hab kein Lust,
mit dir z' warteln, und 'n Schlaf versumen taugt mer auch nit, wo ich morgen
fruh an die Arbeit will. Gute Nacht!
    Schn! Der Mutter 's Maul verbieten und ausm Gsicht gehn, das hast also
schon abglernt von ihr und glaubst, da dabei ein Segen sein kann?
    Jesses! Was du dir einbildst! Gott soll mich strafen, wann von dir a Red
war. Nix als mein Ruh will ich, weil da drber doch nit ruhig mit dir z' reden
is.
    Weil d' nit ruhig zuhren magst, so sag. Ich glaub dir ja recht gern, da
sie ber mich kein Wort verloren hat, sie wird's schon so zustand bringen, dich
deiner Mutter abwendig zu machen, wie sie's ja auch ohne ein Wort zustand
gebracht hat, da du dir ihr z'lieb ber deine Krften Auslagen machst.
    Selb war mein freier Willen.
    Du hast noch einen freien Willen!
    Und ber meine Krfte war's nit.
    So? Hast du's so berflssig? Hast du's scheffelweis stehn, da du nur
zuzgreifen und nit zu rechnen brauchst? Na, is mir lieb, aber 's ist auch 's
erstemal, da ich davon hr! Doch la dir sagen, wenn d' dich schon aufn
Guttter hnausspielen willst, so gib dein Almosen an Bedrftigere und an Leut,
die's verdienen.
    Es war kein Almosen.
    Freilich nit, glaub's wohl, ein Prsent war's, wo du noch hast schn bitten
mssen, da 's ja mcht freundlich angnommen werden; denn ein Almosen z' nehmen,
sind d' Zinshoferschen viel z' stolz, obwohl nit eins im Ort is, das so nix
htt, wie die nix haben.
    Aber, Mutter, schrie Muckerl, vor rger lachend, das is schon hellauf zum
Verzweifeln, wie du daherredst, erst soll ich's an Bedrftigere gebn, und dann
weit selber niemand, der weniger htt wie die! 's is ja ein Unsinn!
    Immer besser, Muckerl, immer besser! Hei du deiner Mutter Reden unsinnig,
aber Unsinn oder nit, ich hab nit nur von Bedrftigere gredt, sondern auch von
solche, die's verdienen.
    Na ja, du redest so fort, 's eine ins andere, und drber wrd der Morgen
grau. Ich hab schon gsagt, Almosen war's keins, da ich nachm Bedrfen oder
Verdienen fragen mt, mir war ums Schenken, und von dem Meinm werd ich wohl
weggeben drfen, was ich entbehren mag!
    Sag lieber, was andere nit entbehren mgen!
    Mein Geld is's aber doch, sagte der Bursche trotzig, und um das bissel,
was ich mir von mein Verdienst zruckbhalten hab und wovon du gar nix wtst,
wenn dir nit fremde Leut davon gsagt htten, brauchtest du kein so gwaltig
Aufheben z' machen! Unsere Kastenladeln hast strzen knnen, wie d' willst, 's
wr kein luketer Sechser hrausgfallen, bis ich zun schnitzen anghobn hab; alls
Geld, was jetzt im Haus is, rhrt von meiner Arbeit her, von dem hab ich dir nix
gnommen und nimm dir nix, so kannst dich wohl zufriedengebn!
    Die Kleebinderin schlug die Hnde zusammen und blickte zur Stubendecke auf,
wie ber eine ganz unerhrt unbillige Zumutung. Zufriedengebn?! sagte sie mit
weinerlicher Stimme. Bin ich denn a schlechte Mutter, die ihrm Kind kein Freud
gnnt und verlangt, dasselbe soll sich z' Tod arbeiten, da du mir 's Geld
vorwerfen magst?! Hast du mich je klagen ghrt die lange Zeit ber, wo ich
allein hab schaffen und sorgen mssen, da wir uns ehrlich fortbringen? Ich hab
kein Mh und kein Plag gscheut, uns 'n Mangel fernzhalten, und dabei nie keine
andere Meinung ghabt, als da ich tt, wie einer rechtschaffenen Mutter zukm!
Wenn alleinige Weiberarbeit was zu erbrigen vermcht, so htt der Kasten nit
erst auf dein Geld zu warten brauchen, womit du jetzt grotust und mit dem ich
mich zufriedengeben sollt, auch fr die Krnkung, da zwischen uns, die wir noch
kein Tag geschieden waren, jetzt mit einmal ein Fremde stehen soll, mir just die
Allerwildfremdeste, die du hast finden mgen! Nein, Muckerl, gegen das kommst du
mit deinm Geld nit auf, und wenn du sagst, da du mir nix davon nhmst, so sag
ich, sei ohne Sorg, ich nimm dir nix davon, kein Groschen! Bin ich dir im Weg,
so geh ich. Konnt ich die Jahr her 'n Unterhalt fr zwei bestreiten, werd ich
mit Gotts Hilf wohl noch so viel arbeiten knnen, da ich mich allein
fortfristen mag. Sie drckte schluchzend den Kopf in die Kissen.
    Der Bursche streckte ratlos die Arme gegen die Alte aus. Mutter! Ich bitt
dich, tu doch gscheit! Verfall nit af Gedanken und sinn Sachen aus, womit d' ein
frei verzagt machen knnst! La dir sagn, was kann denn ich dafr, da mir grad
die Dirn gfallt? Aber schau dir nur die andern dagegen an! D' mehrsten tun 'n
Augen weh, wenig vertragen ein nher Zusehn, und keine is ihr gleich. Noch bevor
ich gwut hab, was die zweierlei Leut auf der Welt bedeuten, hat mir schon keine
andere gefallen und jetzt erst recht nit! Kein grer Unglck knnt ich mir
denken, als wann die nit mein wrd. Wahrhaftig, ich will nit davon sagen, obwohl
ich mir's oftmal schon ausgedacht hab, was fr ein Segen das sein wird fr die
Arbeit, wenn mir vom frhn Morgen bis Feierabend so was Schns im Haus untern
Augen h'rumgeht, das is just, als ob einm beim Schnitzen und Pinseln was
geschickt die Hand fhret; aber nit, wie ich denk, mit ihr meins Lebens froh z'
werden, mu ich dir sagen, da d' mich recht verstehst, sondern da's ohne ihr
weiter fr mich kein Freud auf der Welt gb! Gegen 's selbe Einsehn hab ich mich
a Zeit hart gnug gwehrt, denn nit nur deiner Warnung bin ich eingedenk gwest;
soviel eins bei einm solchen Blindekuhspiel noch z' sehn vermag, hab ich auch
gsehn, zerst an mir hrunter, da ich mich in der Subrigkeit nit ihr an d' Seit
stellen kann, dann ein wenig z' nebenher an ihr hin, wo ich manchs gmerkt hab,
was mir nit hat gfallen mgn und noch nit gfallen mag, aber trotzdem kenn ich
kein andern Wunsch und Willn, als sie zu haschen und zu halten. Ja, sie is
eitel, unwirtschftlich und trutz, wie viel sind das aber auch, um die sich nit
d' Mh lohnen mcht, es ihnen abzgwhnen? Sie aber - das war gleich mein Denken
- knnt wohl noch recht, ganz recht werdn, wann sie allweil um dich wr, wann s'
von dir zulernet! Drum hab ich ghofft, weil ich nit von ihr lassen kann und sie
mir doch auch gut is, da du sie doch einmal, mir zlieb, leiden kannst!
    Ja, weil du das eine nit kannst, soll ich's himmelweit andere knnen,
murmelte die Kleebinderin. So sein die Kinder! Von ihrm ersten Schrei an mssen
sich die Eltern in sie schicken. Ds klein bissel Folgsamkeit, was grad nur die
Zeit, von wo s' d' Kinderschuh antun, bis wo sie s' vertreten haben,
nebenherlauft, is gar nit der Red wert. Na, wolln's einmal berschlafen. Gute
Nacht!
    Gute Nacht, Mutter, sagte Muckerl und zog, tief einatmend, die Decke an
sich.
    Die Kleebinderin begann nun eine ernste Selbstschau zu halten. Wozu war auch
das leidige Geznk? - rckte sie sich vor. Bin doch nit gar so alt, da ich mir
nimmer vorstelln knnt, wie einm jung z'mut is. Warum will ich Heu gegen 'n Wind
hufeln und meinm Bubn die Dirn verleiden, ohne der er nit sein mag, statt mich
z' freun, da sie ihm gut is? Weil ich nit will, da einm andern gfallt, was mir
nit, und eigentlich hab ich's doch nur gegen die alte Zinshoferin, die hat nie
was taugt, aber was kann die Junge fr ihr Mutter? Mu s' just derselben
nacharten? Kreuzbrave Eltern habn oft schlecht geratene Kinder; 's kann doch
auch einmal umgekehrt der Fall sein. Wenn d' Helen erst da im Haus sein wird, wo
s' nix Unrechts sieht noch hrt, und sie lat sich bedeuten, gar so unlenksam
wird sie ja nit sein, warum sollt sie nit a brav Weib abgeben, frn Muckerl
schon gar, der gwi a braver Mann wird?! Eher, als nit! Aber all ds htt ich
vorhin bedenken solln, statt da ich unvernnftig mich in d' Hitz red, bis ich
vor Gift und Gall nimmer aus wei. Bin doch wahrhaftig recht a bsartig,
eigensinnig alt Weib! - -
    Muckerl, rief sie halblaut, schlafst schon?
    Nein, Mutter.
    Ich denk just, da mer der Leut Gred und Zwischentragerei ein End macht und
die Sach fein schicksam einfdelt, drft wohl graten sein, die Zinshoferischen
zu uns z' laden. Taugt dir's, so htt ich nix dagegen, wann du s' am nchsten
Sonntag herberbittst.
    Ja, Mutter.
    Mehr sagte er nicht, aber darber, wie er es sagte, war die alte Frau recht
vergngt.

So fanden sich denn am Sonntagnachmittag die vier Leute im Kleebinderhusel
zusammen. Die beiden Buerinnen saen sich gegenber und sagten sich weder
Liebes noch Leides, sondern sprachen vom Wetter und vom Wirtschaften; die
Kleebinderin, ihrer berlegenheit bewut, redete ein langes und breites, und die
Zinshoferin, fter verstohlen ghnend, warf Kurzes und Schmales dazwischen.
Helene bezeigte sich mehr respektvoll als freundlich, sie sah meist vor sich
nieder, selten blickte sie nach Muckerl, der ihr gegenbersa und kein Auge
wandte. Er war der einzige, den die Langweile nicht anfocht, weil er sich ganz
rckhaltlos zufrieden und glcklich fhlte.
    Vom nchsten Tage an galt es im Dorfe fr ausgemacht, da nunmehr alles
zwischen dem Kleebinder-Muckerl und der Zinshofer-Helen in Richtigkeit sei. Die
Dirne blieb sich brigens in ihrem Verhalten ganz gleich, was die alte
Kleebinderin veranlate, immer nachdrucksamer mit dem Kopfe zu schtteln. Es
eilte der Helen gar nicht, sich bei der Mutter Muckerls einzuschmeicheln, sie
suchte deren Umgang nicht und hielt ihr bei Begegnungen gleichmtig stand, so
wie sie auch die Neigung des Burschen weder ermutigte noch ablehnte; ja, einem
weniger Gutmtigen htte sie sicher das Schenken verleidet, sie verstand sich zu
keiner Bitte und zu keinem Danke.
    Hatte sie Kleider oder Schuhzeug abgetragen, so sagte sie zu Muckerl: Nun,
schau einmal, wie schnell das ruiniert! Sein doch recht betrgerische Leut, die
so was verkaufen mgen, und du lat dir auch alle schlechte War aufhngen. Oder
wenn es sie nach irgend etwas verlangte, einem Schmuckgegenstande und derlei, so
fragte sie: Meinst nit auch, da das schn wr und mich kleiden mcht?
    Er suchte dann bessere Ware und auch das Schne und Kleidsame
herbeizuschaffen.
    Sie schlug es dem Muckerl rundweg ab, sich von ihm noch mal in das Wirtshaus
fhren zu lassen. Er tauge eben nicht unter Leute und darum sei es schwer, mit
ihm unter ihnen zu sitzen. Am Kirchtag aber - das verspricht sie - geht sie mit
ihm auf den Tanzboden.
    O du mein Gott, klagte die Kleebinderin, die Dirn hat ein Stolz, wie ich
nie glaubt hab, und je mehr der Bub unterduckt, je stolzer tut sie, und mit
allem stellt er sich zufrieden.
    Er stellte sich nicht zufrieden, er war es wirklich. Lieber wie eine, die
sich z' gring acht, mu ihm doch die Dirn sein, die sich vielleicht ein bissel
z' hoch halt, aber doch nit zu gut fr ihn. Nein, das tut sie nit. Er wei ja,
was ihm auf nchste Kirchweih bevorsteht!
    Es war noch ziemlich lange bis dahin.

                                       V


Da schne Mdchen gerne unscheinbare neben sich dulden, drfte nicht schwer zu
erklren sein, und da letztere sich den ersteren aufdrngen, hat seinen Grund
wohl darin, weil im Umgange mit einer so viel Umworbenen vielseitigere
Aufschlsse ber das zu erwarten stehen, was nun einmal der groen Mehrheit der
Menschen das Interessanteste im Leben ist und bleibt, ber das Lieben und
Geliebtwerden. Da sich die minder hbschen dabei auch mit der Hoffnung trgen,
gelegentlich einen der herzwunden Abgewiesenen fr sich in Beschlag zu nehmen,
mag im allgemeinen wohl nur eine boshafte, durch nichts begrndete Anschuldigung
sein.
    Unter den Dirnen, die sich zu Helen gesellten, war auch die Matzner-Sepherl.
Die Harthndige mit den wundernden Augen wute sich einzuschmeicheln, sie pries
so rckhaltlos die Schnheit der Kameradin und andernteils wute sie den Muckerl
nicht genug zu loben, so da sie es nur rechtschaffen recht fand, da die
Schnste nicht mit einem der gmein Bauersleut, sondern mit einem so
Kunstfertigen und Ausbndigen hausen wolle; was ganz angenehm zu hren war.
    Sepherl teilte auch mit Helene die neidische Bewunderung des
Sternsteinhofes, whrend alle anderen da unten am Fue des Hgels sich mit dem
gotteingesetzten Unterschiede zwischen reich und arm zufriedengaben und von
keinem Wnschhtchen trumten, das sie auf den Gipfel versetzen knnte.
    Sepherl war schon zu fteren Malen auf dem reichen Hofe gewesen, sie hatte
dort eine alte Base, die seit dem vor Jahren erfolgten Tode der Buerin dem
Hauswesen vorstand; diese brave Schaffnerin tat sich nicht wenig auf ihre
Bedeutung zugute, schtzte aber ganz richtig, da sie selbe nur dem mchtig
groen Anwesen verdanke, und lie sich bei gnstiger Gelegenheit gerne dazu
herbei, ein oder das andere Dorfkind darauf herumzufhren und zu verblffen. Ein
paarmal hatten die beiden Dirnen die Alte aufgesucht, ohne mehr als deren
allerdings recht wohnliches Stbchen vom ganzen groen Sternsteinhof gesehen zu
haben, dann aber wurden sie auf den nchsten Sonntagnachmittag geladen, wo die
Herrenleute aus sein wrden und auch wenig Gesinde sich daheim verhalten
werde.
    Es war ein sonniger Herbstnachmittag, an dem die beiden Dirnen in Begleitung
Muckerls lngs des Baches durch das Dorf schritten, bis wo in Mitte desselben,
der Kirche gegenber, die Brcke ber das Wasser und auf den Weg fhrte, der zum
Sternsteinhof hinanstieg.
    Bht dich Gott, Muckerl, sagten die beiden, denn der war nicht geladen
worden, und ihn mitbringen wre eine Unhflichkeit gewesen. Bht dich Gott, und
la dir unterdes die Zeit nit lang werden.
    Habt derwegen kein Sorg, sagte er, indem er sich auf das Brckengelnder
sttzte. Unterhaltet euch gut.
    Helen war boshaft genug, ihm ein Auch soviel zuzurufen, dann eilten die
Dirnen mit flinken Fen den Hgel hinan.
    Wirst sehen, Helen, keuchte Sepherl, der es nicht gelingen wollte, den
halben Schritt, den sie gegen die Kameradin zurckblieb, einzubringen, wirst
sehen, wieviel und was's alls da oben gibt; ganz weg wirst sein darber.
    Helene lchelte mit den geffneten Lippen, zwischen denen sie im raschen
Gehen die Luft einsog. Sie nahm sich vor, nicht ganz weg zu sein.
    Aber was sind menschliche Vorstze ungekannten und ungeahnten Eindrcken
gegenber? Die alte Schaffnerin empfing die beiden Mdchen mit herablassender
Freundlichkeit, bewirtete sie mit einer Schale Kaffee, ein seltenes Getrnk fr
Leute von da unten, das sollte die richtige Stimmung hervorrufen, denn leerer
Magen macht trbe Augen, dann ging es ans Umsehen.
    Fr Sepherl war dabei nichts Neues zu sehen, sie schenkte all dem
Aufgezeigten und Vorgewiesenen einen flchtigen Blick - wobei ihre Augen immer
noch verwundert genug taten, um die ehrgeizige Frau Bas bei guter Laune zu
erhalten - und machte sich das Vergngen, auf Helenens Gesicht zu achten; diese
brauchte sich anfangs gar nicht Gewalt anzutun, um das gleichgltigste von der
Welt beizubehalten, denn als es im Erdgeschosse durch die Gesindestuben ging,
fand sie eben nur mehr Stuben und mehr Hausrat auf einem Flecke, als sie sonst
Gelegenheit hatte, beisammen zu sehen, indes weder die einen noch der andere vom
Gewohnten sich unterschieden. Als sie aber ber den Hof nach den
Wirtschaftsgebuden folgte, die mit den blanken, handlichsten Gerten, ja mit
Maschinen voll bestellt waren, zu deren Gebrauchserklrung sie allerdings noch
stolz mit dem Kopfe nickte und ein erheucheltes Verstndnis murmelte, als sie an
den Scheuern mit den aufgehuften Vorrten vorbeikam und im Geflgelhofe
Hunderte von girrend, krhend, quackend und kollernd sich brstenden Tieren sie
wirre machten und als sie endlich in den bergroen Stllen vor einer ganzen
Herde Vieh stand, ein Stck immer schner wie das andere, da waren ihre Augen
denn doch allmhlich grer geworden, und befangen schlich sie nebenher, als es
zurck nach dem Wohnhause ging, dessen Oberstock nun erstiegen ward.
    Was sie da sah, als sie mit eingehaltenem Atem von Stube zu Stube ging, an
Notwendigem in ausgesuchter Form und an Entbehrlichem, das breit, wie hier nicht
zu entraten, an seinem Orte stand, der reiche Vorrat an Wsche und Kleidern, der
ihr einen halblauten Schrei der Verwunderung erprete, als die Schaffnerin die
Schrnke aufschlo, der groe versperrte Schrank, dem sie einen scheuen Blick
zuwarf, als sie hrte, er wre bis ans oberste Fach mit reichem Geschirr und
Silbergerte angefllt, endlich die eiserne Kasse, der weder ein Dieb noch das
Feuer ankonnte, worin der Bauer bar mehr liegen hatte, als alle Drfler da unten
zusammen mit Husern und Grnden schwer waren, und vor der sie fast andchtig
die Hnde faltete, all das verschmolz in ihr zu einem Bilde der Macht und
Herrlichkeit des Reichtums.
    Gedrckt und verschchtert verlie sie das Haus und atmete froh auf, als es
nach dem Garten ging. Die beiden Dirnen wurden brigens von der Alten auch nur
dahin gefhrt, weil sich dort, von einer groen Rebenlaube aus, am schnsten
weisen lie, was fr Liegenschaften zum Sternsteinhofe gehrten. Es war viel
Grund und Boden, aber den Eindruck ausschlielichen Besitzes machte er doch
nicht, er reichte nicht, bis wo Himmel und Erde in eins verschwammen, und rings
lag doch auch viel fremdes Eigentum.
    Die Schaffnerin setzte den Dirnen noch ein Glschen Wein vor, damit diese,
wie sie wohlwollend bemerkte, wieder zu Leben kmen, dann entlie sie die
beiden, sehr zufrieden darber, ihnen Anla gegeben zu haben, das weniger als je
zu sein.
    Eine gute Strecke legten die Mdchen schweigend zurck, dann blieb Helene
stehen und sah nach dem Hofe. Hast recht ghabt, Sepherl, sagte sie, man kann
wirklich ganz weg sein.
    Gelt ja? sagte die.
    Denk nur, fuhr Helene fort, die, welche mal den Bubn vom
Sternsteinhofbauer kriegt ... er hat ja wohl nur den ein?
    Wie d' fragen magst? Freilich, nur 'n Toni.
    Die den einmal kriegt und da oben hinauf zu sitzen kommt, die mu's schon
so gut haben, wie's kein Prinzessin auch nit besser haben kann!
    Pah, was d' redst! Einer Prinzessin, die gwohnt is, vom goldenen Geschirr
zu essen und da die Soldaten vor ihr 'Gwehr hraus' schreien, der fehlet noch
viel! Meinst denn, so a recht a reiche Bauerstochter bekm da sonderlich mehr
unter d' Hnd, als s' von ihrs Vaters Hof her gwhnt is? So arme Menscher, wie
wir, glaubeten sich dort freilich wie im Himmelreich, aber von uns kommt keine
hnauf.
    Schwerlich, seufzte Helen.
    Gar nit, sag ich dir! Du denkst nit, wie stolz die allzwei sein, der Alte
wie der Junge. Kein Dirn im Ort, soviel wir ihrer auch sein, halt der Toni auch
nur des Danks frs Gren wert.
    Da gschieht nur denen recht, die ihn anreden, rief Helen, ich gr ihn
nit!
    Und wenn er sich ja unterstnd, fuhr Sepherl fort, auf unsereine ein Aug
z' werfen, sein Vater schlg ihm allzwei ausm Kopf.
    Gschh ihm so wegen mir - Gott verzeih mir d' Snd, aber ich knnt's
zufrieden sein. Dann mt's der Alte trotz 'm Sternsteinhof billiger geben, und
um den nhm ich auch 'n blinden Toni.
    Pfui, wie du auch nur so grauslich daherreden magst, wo du doch schon fr
dein Teil ein Bubn hast, auf den d' stolz sein kannst! Der Toni vom
Sternsteinhof, wie reich er is, stellt sein Tag nix vor als ein Bauern, gegn den
is wohl der Kleebinder Muckerl ein ganz anderer. Dazu is der hochmtige
Sternsteinler - wann d' dir ihn je von der Nh betracht hast, mut mir recht
geben - weitaus nit der Schnste und Strkste, und er kann doch wahrlich nit,
wie der Muckerl, was ihm an Krftigkeit und Hbschheit fehlt, ausgleichen durch
sein Knstlichkeit und sein Bravheit und sein Gutheit.
    Schau, was du alls ber ihn weit, lachte Helen, schier werd ich mit dir
eifern mssen, es hat vllig 'n Anschein, als ob d' in mein Muckerl verliebt
wrst.
    Sepherl wandte ihr errtendes Gesicht ab. Geh zu, sei nit trig.
    Brauchst ja nit rot z' werden, wenn es nit wahr is, neckte Helene. Es
machte ihr Spa, da sie sich den unbestreitbaren Besitz des Burschen von Sepherl
geneidet dachte, diese durch lose Reden zu rgern. Sie schlug ihr derb auf die
Achsel. Na, trutz nit! Wann dir gar so um ihn is, kannst ihn ja habn. Gib mir
ein gut Wort, so la ich 'n dir.
    Hast du auch nur ein Laut von mir ghrt, der dir das Recht gibt, ein solche
Red wider mich z' fhrn? zrnte Sepherl. Da der Muckerl kein andere will wie
dich und, selbst wenn er eine mchten tat, mich schon af d' allerletzt, das
weit, und weil du's weit, so la dir auch sagen, da dich solch unbsinnt
Schwtzen nur selber verunehrt und ich mich fr dein Gsptt noch allweil z' gut
halt!
    Bist du aber empfindlich, sagte Helene, ber die Achsel nach ihr blickend.
Wann der Bub mein is, so werd ich mir doch ber das Meine ein Spa erlauben
drfen? Und sag ich scherzweis, ich tt dir 'n gnnen, so darf das doch dich nit
beleidigen, die 'n fr so ein Ausbund halt! Das im Gspa, im Ernst aber - is er,
wie er is, ich bin auch, wie ich bin -, vermcht ihn ein andere nur an klein
Finger z' fassen, kannst mir glauben, da ich 'n ihr schon nit mehr streitig
machet.
    Ja, so durfte die Zinshofer Helen wohl reden. Sepherl nickte zustimmend.
Wr auch ein Einfall, sich mit dir z' messen, der Muckerl tt dazu nur lachen.
Aber schau, da is er und steht noch allweil geduldsam auf der Brucken.
    Er stand wirklich noch da. Viel Wasser war, whrend er hier wartete, den
Bach hinabgeflossen, und er fragte sich, wieviel wohl noch da unter der Brcke
werde hinweglaufen mssen, bis sich schicken wird, was er wnscht und hofft?
    Er stand, da der Bach gegen ihn flo, sah nur das whrende Zudrngen und
Herankommen und achtete nicht auf das gischende, wallende, rastlose Gerinne, das
hinter seinem Rcken, was es gebracht hatte, Scheit oder Halm, auch mit sich
fortfhrte.

Frh am nchsten Morgen fand sich Helene auf dem Sternsteinhof ein.
    Je, was machst du da? fragte die alte Schaffnerin, als sie ihrer ansichtig
wurde.
    Denk, sagte die Dirne, indem sie nach ihrem rechten Ohrlppchen wies, ein
Ohrring is mir verlorengegangen. Hab ich ihn nit da heroben bei euch verstreut?
    Hab nix gsehn.
    Sollt er dir gleichwohl unterkommen -
    Will schon darauf achten.
    ber den Hof kam ein untersetzter, stmmiger Bursch auf die beiden
zugeschritten.
    Da kommt unser Bauerssohn, flsterte die Alte, die Dirne mit dem Ellbogen
anstoend.
    Helene betrachtete den Herantretenden. Er hatte krauses, schwarzes Haar,
eine gerade, ziemlich fleischige Nase und braune, hell leuchtende Augen. Sie
erwartete nach dem, was Sepherl ber ihn gesagt hatte, keinen Gru, aber sie
grte auch nicht.
    Wen hast denn da bei dir, Kathel? fragte er.
    's is die Zinshoferische von da unten, sagte die Alte mit einer
beilufigen Handbewegung nach dem Fue des Hgels, welche dartun sollte, wie
wenig fr hier oben das da unten zu bedeuten habe. Die Matzner-Sepherl hat s'
gestern mit heraufgebracht, und da hab ich ihr groe Augen machen gelehrt. ber
lauter Aufschaun hat s' gar ein Ohrring verloren, ohne da sie es gemerkt htte.
Gelt ja, du? Sie legte ihre knchernen Finger auf die runde Schulter der Dirne.
    Wahr ist's, sagte Helene, schn habt ihr's da heroben. Sie sagte das
aber in einem Tone gleichmtiger Anerkennung, wie wenn sie gestern gerade nicht
gar zu Ungewhnliches gesehen htte und als ob sie etwa mehr
absonderlichkeitshalber als aus sonst irgendeinem Grunde in der armseligsten
Htte da unten wohne.
    Na, wenn dir's gefallen hat, sagte der Bursche, kannst ja fter kommen.
    Bist gutmtig, lachte die Dirne, denkst, mit den Augen tragt euch keins
was hinweg und gnnst einm 's Anschaun.
    Bist du so interessiert? schmunzelte der Bursche. Wer wei, 's eine oder
's andere knntst du einm leicht wohl abbetteln.
    Meinst? entgegnete sie, ihm voll in die Augen sehend. Wenn ich's drauf
antragen mcht, knnt's ja sein; aber aufs Betteln verleg ich mich eben nit, ich
bsinn mich noch oft, ob ich nimm, was mer mir antragt. Sie wandte sich an die
Schaffnerin. Also sei so gut, wegen 'm Ohrringel. Solltst's zufllig doch
finden, so leg mir's af d' Seit. Es wr mir leid, fand sich's nit, 's eine ntzt
mir nix ohne 's andere, und obendrein is's ein Geschenk. Schau, so sehen s'
aus. Sie bog den Hals und reckte den Kopf hinber, da die Alte im linken
Ohrlppchen den Ring betrachten konnte, dann kehrte sie sich ab. Bht Gott
miteinander!
    Der Bursche tat einen leisen Pfiff. Die ist bissel hoffartig, scheint mir.
    Mir schon auch, meinte die alte Kathel.
    Aber gleichwohl sauber, das mu ich schon sagn.
    Sie ist 'm Kleebinder-Muckerl sein Schatz.
    'm Holzmandelmacher?
    'mselbn.
    So.
    Als Helene in der Htte unten anlangte, keifte die alte Zinshofer: Wo
streichst du schon herum in aller Frh?
    Afm Hof oben war ich. Ich mu gestern dort ein Ohrringel verstreut habn -
    Pah, du Gans, schau ein andermal doch lieber vorerst ordentlich im Haus
nach, eh d' nach allen Enden auslaufst. Dein Ohrring liegt in der Tischlad, grad
vorhin hab ich's gsehn.
    Jesses, nein, was ich fr ein verlorenes Ding bin! Freilich, da ist's. Na,
da bin ich recht froh. Htt mir 'n Gang und die Angst darum ersparen knnen.
    Sie tat einen scheuen Blick nach der Mutter und lchelte, als diese ihr den
Rcken kehrte, vor sich hin.
    Es war nach dem Mittagessen, als der Toni vom Sternsteinhof, nachdem er in
der Kche seine Pfeife in Brand gesetzt, ins Freie trat und langsam quer ber
die groe Wiese hinabzugehen begann; einem anderen htte es bel bekommen
knnen, das liebe Gras so in den Boden zu treten, wer aber wollte es ihm wehren,
dem knftigen Eigner? Nicht einmal der gegenwrtige, sein Vater, htte ihn
darber vor den Leuten grob anlassen mgen, und einen Rppler hinterher unter
vier Augen scheute der Bursche um so weniger, als es dabei bisher noch immer -
und um ganz anderer Streiche willen - ganz glimpflich abgelaufen war. Der Alte
tat sich allerdings auf seine Strenge etwas zugute, aber wenn ihm im Tun und
Lassen seines Einzigen, auf den er stolz war, etwas mifiel, so begngte er
sich, seine berlegenheit dadurch zu zeigen, da er mit lautem Geschrei und
Poltern das Unvernnftige, Unschicksame oder Unwirtschaftliche des Geplanten,
Geschehenen oder Unterbliebenen aufwies, bis ihm der Atem oder der Faden der
Rede ausging; der Junge hatte dabei nur demtig zuzuhren, und das war er gern
zufrieden.
    Toni hatte etwa zwei Dritteile des Weges, hinab zum Rande des Baches,
zurckgelegt, als er die Tre der letzten Htte da unten sich ffnen und Helene
heraustreten sah. Die Dirne schwenkte ein Wschstck in der Hand und setzte
vorsichtig Fu vor Fu in die Tapfen frherer Tritte, welche wie Stufen an das
Wasser hinabfhrten, dort bckte sie sich, senkte den vollen Arm in das Gerinne
und wusch das Leinenzeug.
    Bei dem Erscheinen des Mdchens kniff der Bursche die Augen zusammen und zog
den Mund breit. Er setzte langsam seinen Weg fort, bis er am Rande des Baches,
zwischen zwei verkrppelten Weiden, der Wscherin gerade gegenberstand. Pst!
Pst! machte er.
    Die Dirne fuhr mit einem Schrei empor, und da sie beide Hnde mit
ausgespreiteten Fingern, etwas unter dem Halse, gegen ihre volle Brust drckte,
so entglitt ihr das Wschstck, sie fand eben noch Zeit, mit einer Fuspitze
darauf zu treten, damit es nicht fortschwimmen knne.
    Jesses, was du mich aber erschreckt hast, sagte sie leise.
    Wieder spielte um den Mund des Burschen ein spttisches Lcheln, verflog
aber schnell, und er sagte, ebenfalls leise, im Tone neckender Vertraulichkeit:
Geh zu, wo du da d' Wiesen, wie breit sie liegt, vorn Augen hast, siehst mich
wohl schon a Weil da heruntersteign.
    Die Dirne zog die Brauen zusammen und bi auf die Unterlippe, whrend sie
sich rasch zum Wasser niederbeugte.
    Nach einer Weile sagte er: Du, ich htt mit dir wohl was z' reden.
    Sie schwenkte hastig das Linnen, dann fate sie es mit beiden Hnden, drehte
es zusammen und rang es aus; dabei hatte sie sich erhoben, aber erst als sie
damit fertig war, kehrte sie ihr hoch gertetes Gesicht dem Burschen zu und
sagte hart und rauh: Ich wt nit, was du mir zu sagen httest, und ich bin
auch gar nit neugierig. Sie wandte sich zum Gehen.
    La's bleiben, murrte der oben und schwenkte um, und unter dieser Bewegung
glaubte er wahrzunehmen, da die Dirne an der Tre der Htte, ber ihre Achsel
weg, ihm lachend nachblickte, das bewog ihn, auch den Kopf zu drehen, aber er
begegnete nur ihren groen, herausfordernd abgnstigen Augen und stieg
verdrossen, den Hut im Nacken, die Hnde in den Hosentaschen, spreitbeinig den
Weg hinan, den er herabgekommen war.
    Wenn auf dem langen Tische in der Gesindestube des Sternsteinhofes die
Schsseln dampften, so trat der Bauer hinzu und sprach mit lauter Stimme das
Tischgebet, Knechte und Mgde murmelten es nach, dann setzte er sich, langte
paarmal mit dem Lffel, Verkostens halber, nach dem Aufgetragenen, was den
andern das Zeichen gab, sich, wie sie dem Rang nach in der Reihe saen, die
Teller voll zu schpfen oder zu hufeln. Whrend die Dienstleute aen, spielte
der Bauer mit dem Lffel, beobachtete, ob nicht etwa einer oder eine ein
heikliches Gesicht mache, und richtete an einzelne kurze Fragen und Reden, zum
Schlusse sprach er die Danksagung und ging mit Toni in die reiche Stube hinauf,
wo sich's beide an einem sorgfltiger bestellten Tische wohl sein lieen, wie
ihnen zukam, da sie es ja doch nach unseres lieben Herrgotts unstreitigem Willen
besser auf der Welt haben sollten wie andere Leute.
    Abends nach der Mahlzeit, wenn die alte Kathel das Tischgerte weggetragen
hatte, blieben Vater und Sohn ungestrt.
    Der Sternsteinhofbauer war, trotz er mit etwas vorgebeugten Schultern ging
und sa, einen halben Kopf grer wie sein Bub, auch hatte er einen
betrchtlichen Leibesumfang, und auf einem Stiernacken trug er den groen Kopf
mit der niederen, breiten Stirne. ber den Hngebacken blinzten kleine, graue,
bewegliche Augen, beschattet von dichten Brauen, braun wie das kurz geschorene
Haar und der Backenbart, welcher vom oberen Rande der Ohren bis zu deren
Lppchen reichte, eine knollige Nase ragte ber einen Mund mit dicken, wulstigen
Lippen, zwischen denen er den Atem schnaufend einsog und die Laute drhnend
hervorstie.
    Den Toni beschftigte die Frage, ob wohl der Alte um seinen Wiesenfrevel
wisse? Er sollte darber nicht lange im unklaren bleiben.
    Der Bauer beugte sich bis zur Tischkante vor, sah seinen Einzigen mit
emporgezogenen Augenbrauen an und begann mit dem Kopfe wie eine Pagode zu
nicken. Bist mir a rarer Vogel, du! summte er.
    Warum, Vater?
    Warum? Warum? Wirst's wohl wissen, warum, und da ich das duckmuserische
Gefrag nit leiden kann, weit auch! Bist heut leicht nit d' ganze Wiesen
querhnunter und querauffi gelatscht? Was denkst denn eigentlich dabei, wem du da
sein Gut in Grund und Boden hneintrittst, 's meine oder 's deine? Ich mein
schier, 's wird 's meine sein, noch lang nit 's deine, verstehst, und da du mir
's meine schdigst, dagegn tu ich Einspruch! Komm du mir nur nit etwa mit der
dalketen Red, da 's ja doch mal 's deine sein wurd, da hat's, wie gsagt, noch
lang hin, und wann du dich gleichwohl in dein Gedanken als knftigen Eigner
aufspielst, so ist dieselbe Urassigkeit nur noch dmmer, und ich seh wohl, es is
a reine Gnad vom Himmel, je lnger er mich da af der Wirtschaft sitzen lat, und
so lang ich mich noch bissel rhren kann, denk du auch nit ans Verheiraten und
da ich dir in d' Ausnahm geh! Noch lang nit! Denn kaum wrst du da Herr davon,
rennest mer wohl mit lustige Brderln gleich rudelweis ber Felder und Wiesen
und tretest 'n Gottessegen in d' Erd; das is aber der Anfang vom
Verwirtschaften, und da knnt ich's wohl bald erleben, da mein Ausnahmstbel
mit einmal kein Dach und keine Mauern mehr htt! Ach nein, ich hab wohl mein
findigen Notarjus; wann ich mal geh - noch denk ich nit dran - aber dann mu der
mir d' Sach so verklausulieren, wann gleich kein Stein vom Haus und kein
Fubreit vom Boden mehr dein bleibt, da doch ich da mein Verbleiben und
Auskommen hab, und fr den Fall lffel du aus, was d' dir einbrockt hast, von
mir darfst nit 's gringste erwarten; als Ausnehmer kann ich kein Einleger
brauchen. Verstehst? Ja, da sitzt er, der Lalli, und lat in sich hneinreden wie
ein Stock! Er schlug mit der Hand in den Tisch. Sag mir nur, 's eine mcht ich
doch wissen, was hast denn eigentlich af der Wiesen z' suchen ghabt?
    Aber gar nix nit, Vater. Frei gstanden, es war halt ein unbsinnts Stckl.
    Ein unbsinnts Stckl? Na ja, hab mir's eh denkt, ds is allweil dein letzte
Red. Bis zum Hals hnauf hab ich s' schon, deine unbsinnten Stckeln! Komm mir
nit wieder damit!
    Es wird nix mehr vorkommen.
    Der Alte erhob sich. Sagst auch allweil, aber wann du glaubst, mit mir
spaen zu knnen, werd ich dir doch nchst ein Ernst zeigen.
    Wird nit notwendig sein.
    Der Bauer duckte den Kopf zwischen die emporgezogenen Achseln und ging
murrend nach der Tre.
    Gute Nacht, Vater, rief Toni und sah ihm verstohlen schmunzelnd nach.
    Der Alte ging nach seiner Schlafkammer, die nichts enthielt als ein
Nachtkstchen, zwei Sthle und ein Bett mit eisernem Gestelle; da hlt sich kein
Ungeziefer, und auf Strohsack, Rohaarpolster und unter rauher Kotze schlft
sich's am gesndesten, das hatte dem Sternsteinhofbauer einer versichert, der
bei den Soldaten gewesen und trotz ausgestandener Strapazen hundert Jahre alt
geworden war, und so weit hoffte er es auch zu bringen. Er dachte, da er noch
lange nicht ins Ausgeding msse und an den unbsinnten Stckeln seines Sohnes
immer eine gute Ausrede haben werde, wenn er vor der Zeit und zu dessen Gunsten
auch nicht wolle.
    Das htte der Toni wissen sollen; ihm wrde ber seinen nachsichtigen Vater
das Lachen vergangen sein.

                                       VI


Am Morgen des zweiten Tages darnach lehnte der Toni vom Sternsteinhof an der
Bretterwand einer Scheuer und schmauchte sein Pfeifchen. Er sah hinab nach dem
Huschen des Kleebinder-Muckerl, der sich im Vereine mit dem alten Tagwerker
Gregori mhte, eine groe Kiste heraus und auf einen Schiebkarren zu schaffen;
nachdem sie das fertiggebracht, bckte sich der Alte, um das Scheibband, das ihm
von den Achseln herabbaumelte, an die Handhaben zu legen, dann spuckte er in die
Fuste, griff zu und fuhr des Weges.
    Die Helen, die unter ihrer Tre gestanden hatte, kam jetzt herzu, Muckerl
fate sie an der Hand, und beide schritten plaudernd langsam hinterher. Die alte
Kleebinderin lief in das Vorgrtel, nickte und sah ihnen lange nach.
    Die Dirne ging mit bloem Kopfe, sie wird also den Holzschnitzer nur eine
Strecke und nicht allzuweit begleiten.
    Toni paffte in kurzen, hastigen Sten Rauchwlkchen aus seiner
Morgenpfeife, whrend er den beiden da unten wandelnden, immer kleiner werdenden
Gestalten mit den Augen folgte, bis er sie ganz am oberen Ende des Ortes, nicht
grer wie Krhen im Schnee, hinter der Wegkrmmung verschwinden sah. Er blickte
um sich, und da er niemand in der Nhe merkte, machte er sich eilig davon,
legte, fast laufend, die Strecke bis zur Brcke zurck, dort lehnte er sich ans
Gelnder, verschnaufte ein wenig und ging dann langsam zum Dorfe hinaus.
    Er schritt bedchtig immerzu, bis er auf Helene traf, die gerade unter dem
Busche stand, wo sie sich damal verstohlenerweis mit Muckerl zusammengefunden.
    Gr dich Gott, Dirn, sagte der Toni.
    Auch soviel, entgegnete Helen.
    Wohin 's Wegs?
    'n Muckerl hab ich begleit, jetzt geh ich wieder heim.
    So, 'n Muckerl? Is das dein Schatz?
    Ich wt nit, warum ich dich in dem Glauben irrmachen sollt; er wird schier
so was sein.
    Wundert mich.
    Da ich ein Schatz hab?
    Ds nit. Eine wie du kann zehn fr ein habn, wann s' will.
    Na, jetzt weit, ebn wenn's afs Wollen ankommt, da taugn mir die zehne fr
ein schon gar nit; da wr mir schon einer wie zehne lieber.
    Ja, aber so einer wie zehne is doch der Muckerl nit!
    Das sag ich auch nit, aber la mir 'n in Fried. Da er mir mehr gilt wie
ein anderer, mag dir vllig gngen, um wie viel mehr, kann dir gleich sein.
    Nein, das is mir ebn nit gleich, das mcht ich wissen, du, als d' Schnst
- -
    Schwtz du nit von der Schnsten! Lang bevor ihr anghoben habt, mich als
dieselbe auszschreien, hab ich ihm schon dafr golten. Vielleicht verstehst, da
er dadurch schon gegn andere voraushat; vielleicht auch nit, jednfalls erspar
ich 's Erklren.
    Verstnd's eh, wann er nur wie unsereiner und kein so Halbmandl wr, oder
du eine, die sich mit jedem zfriedengebn mt, das is aber nit, und zu dir pat
ein Suberer.
    Ah, mein, dem frag ich grad nach! Subrigkeit hab ich fr mich selber gnug,
und von einm andern seiner lat sich nichts hrunterbeien.
    Freilich nit, aber es knnt sich ja einer finden, der mehr hat wie der
Muckerl, wovon mer hrunterbeien kann, und da wurd doch nit schaden, wenn der
nmliche ein wengerl leidlicher zun anschaun wr?
    Die Dirne sah den Burschen mit zugekniffenen Augen von der Seite an.
Natrlich, weit du mir auch gleich ein solchen?
    Knnt sein, schmunzelte Toni, und am End is er gar nit weit von da.
    Wann d' ihm begegnest, so sag: ich lie ihn schn gren und meinthalbn
mcht er nur bleiben, wo er is.
    Ich werd ihm's sagen, glaub aber nit, da er sich daran kehrt.
    Das is sein Sach. Und jetzt, bht Gott!
    No, eil nit, ich ging gern noch mit dir -
    Kannst ja, wann mer ein Weg haben.
    Da mer sich ausreden, aber da durchs Ort -
    Dir zlieb werd ich doch kein Umweg machen?! Ich wt nit, warum und wozu.
Was ich von dir anhrn mag, das kannst schon auf offener Straen vorbringen,
wenn auch Leut untern Tren stehen oder ausn Fenstern schauen.
    Eben der Leut wegen is mir um dich.
    Um mich? Was brauch ich die Leut z' scheuen, wo ich ihnen untern Augen
herumgeh? Aber du frchtst wohl, da deinm Vater zu Ohren kommt, du wrst da
herunten mit einer von uns gsehn wordn?
    Oh, hoho! lachte der Bursche. Da kennst du mein Vadern schlecht; der
schreit wohl bei jedem Anla rechtschaffen herum, aber schlielich, wie gro er
is, steck ich 'n doch in Sack.
    Da gib nur Obacht, da d' dir nit doch einmal die Taschen dabei zerreit.
    Kein Sorg! Bei meinm Vadern richt ich alls, was ich will.
    Alles?
    Alles!
    Na, 's wird wohl auch bei allm Bisherigen um nix Bsonders ghandelt habn.
    Toni begann mit groem Eifer von seinen unbsinnten Stckeln zu erzhlen,
aber er verstummte, als sie an den ersten Htten des Dorfes vorbeischritten.
    Da hast's, flsterte er, da stehen schon welche und gaffen.
    La s' doch, wenn s' Zeit und Lust dazu habn, sagte die Dirne und begann
sofort mit lauter Stimme von dem Wetter, den Ernteaussichten, ihrem Haushalt und
ihrer Wirtschaft zu reden, bis zur Brcke, wo sie dem Burschen gute Mahlzeit
bot.
    Nur eins noch, sagte der.
    Was?
    Willst mir wirklich kein Glegenheit gebn, da ich mich einmal mit dir
ausreden knnt?
    Nein, wirklich nit.
    Warum?
    Warum, willst wissen? Weil mir der Spatz, den ich da herunten samt sein
Nest in Hnden hab, lieber is wie du stolzer Tauber da drobn afm Dach vom
Sternsteinhof.
    Der Bursche stie ein paar kurze, hhnende Lachlaute aus, dann sah er der
Wegschreitenden eine gute Weile nach, pltzlich ward er es mde, stemmte die
Ellbogen auf dem Brckengelnder auf, schob alle zehn Finger unter den Hut,
dessen Krempe ihm dabei tief in die Stirne fiel, und kraute sich in den Haaren.
    So sah ihn Helene noch lange dort stehen, als sie mit der alten Kleebinderin
an der Vorgrteltre plauderte.

Auf dem Sternsteinhofe wurden Knechte und Mgde zum fleiigen Kirchenbesuche
angehalten, aber der Bauer und sein Sohn nahmen es damit nicht so genau; war es
ihnen vormittags nicht gelegen, Gott die Ehre zu geben, so lieen sie sich, wenn
nichts dazwischenkam, nachmittags beim Segen sehen; fter fuhren sie auch nach
dem nahen Marktflecken, wo sie mit Bauern, die ebenfalls reich, also mehr
ihresgleichen waren, verkehren konnten, und da schickte es sich hufig, da sie
erst inmitten oder zu Ende des Gottesdienstes hintrafen und ihnen just Zeit
blieb, ein paar andchtige Vaterunser zu beten, ehe es zu dem Wirtshaustisch
ging.
    Aber seit seiner Begegnung mit Helene im Busch versumte Toni keine
Frhmesse, blieb die Predigt ber und besuchte nachmittags den Segen. Er lie
den Bauer allein auf dem Hofe sitzen, auch allein nach dem Marktflecken fahren
und sprach sich dem Alten gegenber sehr verstndig dahin aus, da derselbe als
Herr in allem seinen freien Willen haben msse, wie gut es aber auch sei, wenn
einer an seiner Statt, den Dienstleuten zum erbaulichen Beispiele, sich
gehrigerweis in der Dorfkirche sehen lasse.
    Zweimal noch unter der Zeit war er Helenen ber den Weg gelaufen. Er sah sie
unten der Strae entlangkommen und eilte nach der Brcke, um sie zu berholen,
aber sie war stets flinker gewesen, und ihm blieb nichts ber, als ihr in
einiger Entfernung zu folgen, und da kehrte sie sich das eine wie das andere Mal
an der Htte der alten Matzner-Resl gegen ihn, sah ihn mit groen Augen
befremdet, ihm kam vor, auch ein wenig spttisch an und verschwand unter der
Tre, um nach einer Weile mit Sepherl herauszutreten und eifrig plaudernd, ohne
einen Blick zur Seite zu tun, mit der Kameradin vom oberen Ende des Dorfes zum
unteren zurckzukehren.
    Nun geschah es oft, da der Toni mitten unterm Essen Gabel und Messer aus
der Hand legte, statt der Arbeit nachzugehen, in irgendeinem Winkel stand, sa
oder lehnte und in das Narrenkastel guckte, das heit, ausdruckslos vor sich
hinstarrte; das alles mochte er mehr als vier Wochen getrieben haben, als ihm
der Bauer eines Mittags vom Tische weg ins Freie nachfolgte.
    Nun, Bub, sagte er, an dir kann wohl der Herr Pfarrer sein Freud habn.
    Warum, Vater?
    Weil d' dich so nachdrucksam afs Fasten und Beten verlegst.
    Ich? Mich?
    Ja, du dich! Und la dir sagen, wenn d' dich kastein willst, so htt ich so
weit nix dagegn, aber das beschauliche Wesen - tu mir d' Freundschaft - leg ab!
Der Sternsteinhof is kein Kloster, und es bringt da kein Verdienst, sondern nur
Schaden, wann du dein Arbeit so ganz beiseite setzst.
    Das tu ich doch nit, das bildst d' dir ein, sagte der Bursche, indem er
sein errtendes Gesicht wegwandte.
    Ja, 's is a wahre Einbildung, gelt? lachte der Alte und entfernte sich,
paarmal nach seinem Sohne zurckblickend, es berhrte ihn wie immer gar nicht so
unangenehm, wenn er sich diesem berlegen zeigen konnte.
    Toni ging durch den Hausflur in den Garten. Er lie sich in der Rebenlaube
nieder. Er sttzte den Kopf mit der Linken, den Ellbogen hatte er auf das eine
Knie aufgestemmt, auf dem andern lag flach seine Rechte; so sa er nachdenklich
eine geraume Weile, dann seufzte er auf: So kann's nit fortgehn.
    Der Garten hatte ein Seitenpfrtchen, von welchem ein ausgetretener Weg auf
dem Kamme des Hgels ber die Wiesengrnde fhrte. Wer diesem schmalen Steig,
der sich mhlich bergab verlor, folgte, hatte das Dorf im Rcken. Toni
schlenderte bedchtig auf selbem dahin, oft blieb er stehen und sah nach der
letzten Htte da unten in Zwischenbhel.
    Pltzlich ri es ihn herum, und er beugte den Oberleib vor und streckte den
Hals. Helene war auf die Strae getreten. Kein Zwinkern der Augen, kein Zucken
der Mundwinkel wie damals, als er ber die Wiese nach dem Bache hinunterstieg,
zeigte sich jetzt in dem Gesichte des Burschen, nur die uerste Spannung war
darin zu lesen, mit welcher er von der Hhe aus jede Bewegung der Dirne
beobachtete.
    Helene trug einen kleinen Buckelkorb, sie stand eine Weile und blickte um
sich, dann ging sie unten an dem Ufer des Baches in der gleichen Richtung fort
wie Toni oben am Kamme des Hgels.
    Gewi, sie ging drres Astwerk oder Tannenzapfen auflesen in dem kleinen
Nadelholzbestande, welcher der Gemeinde gehrig war und der tote Wald hie; es
war das ein kmmerliches Gehlze, nahe dem Rande des Baches, der es bei
Hochwasser berflutete und Sand und Gerlle zwischen den Stmmen lie, aber ganz
war es dem Verderben geweiht, seit der Borkenkfer dort zu hausen begann; kahl
ragten die schlanken Schfte empor, morsch brachen sie in sich zusammen, nur
wenige gesunde Bumchen fristeten noch fr unbestimmte Dauer ihr Sein. Der tote
Wald war aufgegeben. Selbst des Leseholzes wegen gab es keinen Streit, nur die
Allerrmsten des Ortes schickten ab und zu ihre Kinder, um von dem Geste
heimzuholen, was einem nicht unter dem Griffe zermrbte.
    Da ihn die Dirne gesehen habe und ihm nun geflissentlich ber den Weg
laufe, das galt dem Burschen fr ausgemacht, doch empfand er diesmal keine
freudige Genugtuung darber, er fhlte sich vielmehr bange und beklommen, einen
Augenblick wnschte er sogar, sie mchte nicht gekommen sein, doch weil sie es
war, achtete er bald auf nichts mehr, als mit der Gestalt, die flink auf der
Strae da unten sich fortbewegte, gleichen Schritt zu halten.
    Nahe, wo der Steig endete, fhrte er hinter den Bschen knapp am Rande des
Baches dahin; dort blieb der Bursche einen Augenblick stehen, mit verhaltenem
Atem und ohne Regung, damit er nicht unversehens an einen Zweig des Strauches
rhre, der ihn deckte. Nur durch das schmale Bett des Wassers getrennt, ihm
gerade gegenber sa die Dirne auf einem Erdaufwurf, der Schuh mochte sie wohl
gedrckt haben, sie hatte ihn ausgezogen und schttelte ihn, dann zog sie ihn
wieder an, streckte den Fu zierlich vor und lockerte ihr Strumpfband, darauf
erhob sie sich und schritt in den Tann, hinter dessen schlanken Stmmen sie
verschwand. Toni legte die kurze Strecke Weges bis an den Bach zurck, lief ber
den Baumstamm, der da statt einer Brcke diente, und sah nahe im toten Walde
Helene erwartend stehen. Er ging entschlossen auf sie zu.
    Sie lie ihn auf drei Schritte herankommen, dann warf sie mit dem einen Arme
den Korb von der Schulter zur Erde und streckte den anderen gegen ihn aus. Das
mu einmal ein End haben, rief sie.
    Das mein ich auch, sagte der Bursche und nickte dazu ernst mit dem Kopfe.
    Ganz offen gesteh ich's, fuhr sie fort, heut hab ich dich wohl von der
Hhen daherkommen gsehn und es drauf anglegt, da ich mit dir zusammtreff, weil
mir dein Nachlaufen durchn Ort und ewig Angaffen in der Kirchen hitzt schon
einmal z' dumm wird! Hilft's bei dir nit, wenn mer, was dich angeht, kurz und
bndig in einm Sprchel sagt, brauchst du zum Verstehen leicht ein Predigt oder
ein Litanei?
    Red dich aus, red dich nur aus, sagte Toni, indem er vor sich zu Boden
sah.
    Du bildst dir wohl ein, du wrst gar ein Besondrer und alle anderen gring
gegen dich? Freilich, du bist der einzige Sohn vom reichen Bauer afm
Sternsteinhof und selber einmal der Herr drauf, halt ja, das bist du, aber
detwegn brauchst doch mich nit fr ein schlechts Mensch z' halten! Sie hatte
unterdem von den nahe stehenden Bumen drre ste abgebrochen und neben dem Korb
hingeworfen, jetzt schwang sie eine dnne Gerte in der Hand und fhrte damit
einen Lufthieb gegen den Burschen. Haltst mich leicht nit dafr?
    Wie km ich auf den Gedanken? sagte er kleinlaut, ohne den Blick vom Boden
zu erheben.
    Bist noch nit draufkommen, so helf ich dir drauf! Was willst mit all deinm
Nachlaufen und Aufdringlichkeiten bezwecken, als da ich den Burschen, der's
ehrlich mit mir meint, fahrenlassen sollt, dir zlieb, der's nit in Ehren meint,
nit in Ehren meinen kann noch darf?!
    Toni blickte auf. Wieso nit knnt und nit drft?
    Dumme Frag, zrnte die Dirne. Nimm du mich nur nit fr gleicherweis so
dumm und ehrvergessen, da ich dir ein Ghr schenken und dabei bersehen knnt,
wie gro und breit der Sternsteinhof zwischen uns zweien liegt, von wo ich
niemal Hoffnung hab, aus einer Fensterrahm auf Zwischenbhel herunterzschauen.
Jetzt weit mein Meinung, und von heut, bitt ich mir aus, bleib von mein Wegn
und schau in der Kirchen, wohin z' schauen hast, wann dich d' Frommheit
hneinfhrt, nachm Altar und nach der Kanzel, aber nit nachn Weiberbnken;
meintwegn auch dahin, aber nach einer andern.
    Bist fertig? So hr auch mich an. Ob ich gegn andere stolz bin, kommt da
nit in Frag, du hast dich in derer Hinsicht gwi nit ber mich zu beklagen; wr
ich nur halb so belnehmerisch wie du, so laufet ich jetzt wohl schon heimzu,
brigens gschieht's weder aus Demtigkeit, noch tu ich mir ein Zwang an, da ich
dir standhalt, es is mir nur drum, da ich dich seh und hr, und hast kein
freundlich Gsicht und kein gut Wort fr mich, so nimm ich auch mit ein finstern
und mit unbschaffene vorlieb, und dafr, da ich dich gern hab, kann ich just
sowenig wie der Herrgottlmacher, mcht also nit, du nhmst mir's bler auf und
legest mir's anders aus wie dem.
    Helene hob die runden Schultern.
    's tt deiner Ehr nit 'n gringsten Abbruch, wann d' dich mitleidig
bezeigest zu mir.
    Helen runzelte die Brauen. Du Narr du, setz dir keine Dummheiten in Kopf,
so fehlt dir gleich nix!
    Hast schon recht, wenn du's ein Dummheit nennst und ein allmchtige dazu!
Alles, was du dagegen vorgebracht hast, und mehr noch, hab ich mir selber gsagt,
mich z' Anfang gnug dawider gsperrt und gspreizt, und doch hat's mich
unterkriegt, da ich mich jetzt nimmer auswei. Leni, mein Seel und Gott, auf
dein Red vorhin, da der Sternsteinhof zwischen uns zwein stnd, htt mir einer
sagen knnen, derselbe wr niedergebrennt bis afn Grund, mir wr's nit
nahgangen.
    Die Dirne lachte laut auf. Das kannst ja erprobn. Znd ihn an!
    Das is ein sndhaft Reden. In Vatershaus wird doch keiner Feuer anlegen.
    No, mein nur nit, da ich dich dazu anstiften mcht! Ich wollt dir nur
weisen, da's schlielich doch allweil af mein frhers Sagen hnauslauft und jeds
weitere Reden zwischen uns berflssig is. Httst du dein Hof eben nit, knnt
mer dir a ehrlich Absicht zutrauen, so bist du aber der Toni vom Sternsteinhof,
und die Dirn, die sich mit dir einlat, vergibt sich von vorhinein.
    Als ob ich's - wie ich bin - nit ehrlich meinen knnt! Afm Sternsteinhof
bleibt's nit allweil so bstellt wie jetzt, kann auch ein Vernderung eintreten.
-
    Wenn dein Vater sterbet, meinst? Die Dirne sah ihm bei der Frage scharf in
die Augen.
    Er wandte sich ab. Ich wnsch ihm den Tod nit, bewahr, aber gsetzt -
    Der Mann is noch nit so alt, da er von heut af morgen stirbt; der kann's
noch ein Reih von Jahrln mitmachen. Glaub kaum, da d' eine findst, die sich,
dadrauf z' warten, einlat.
    's wr auch das nit notwendig, nur af a schicksame Glegenheit brauchet mer
z' passen, dann krieget ich ihn schon herum. Was mir anliegt, das setz ich bei
ihm durch, da bin ich sicher.
    Das hast schon einmal gsagt.
    Du kannst auch drauf glaubn, und ber kurz oder lang vermcht ich dir's
auch zu weisen. Nach der Leut Gred frag ich 'n Teuxel. Auf dich allein kommt's
an. Aufrichtig gsagt, Leni, lieest du den Muckerl gehn und haltest zu mir, wann
-
    Was, wann?
    Wann ich dir 's heilig Versprechen gb, da ich dich zur Buerin afm
Sternsteinhof mach?!
    Geh zu, schrie sie auf, mit beiden Armen abwehrend. Ein flchtiges Zittern
berlief ihren Krper, dann stand sie starr mit leuchtenden Augen, zwischen den
halb geffneten Lippen den Atem hastig, aber geruschlos einsaugend; sie fuhr
mit der Rechten nach dem linken Arm, den sie dicht an den Leib geschmiegt hielt,
und kneipte sich paarmal in das pralle Fleisch; dann bckte sie sich rasch nach
dem Korbe und warf das Reisig, das herumlag, in denselben. Als sie sich mit hoch
gertetem Antlitz wieder aufrichtete, sagte sie neckend: Meinst, ich trau dir
nur gleich so? Das mtst mir schriftlich gebn.
    's gilt schon, sagte ernsthaft der Bursche. Heut schreib ich's noch
nieder. Find du dich morgen da an der Stell ein, kannst's haben.
    Ich komm schon, lachte sie, ich bin ja auch neugierig, was du fr eine
Handschrift schreibst. Bht dich Gott derweil! Sie warf den Buckelkorb ber die
Achsel, nickte dem Burschen freundlich zu und lief ein paar Schritte, dann hielt
sie inne und kam bedchtig zurck. La's doch lieber sein, sagte sie.
    Ja, warum denn aber?
    Armer Hascher, am End reuet dich der ganze Handel.
    Mich nit, da drauf gib ich dir mein Wort.
    La gscheiterweis mit dir reden, Toni. Jetzt, wo ich wohl glauben mu, da
du's ehrlich meinst, wr es von mir nit rechtschaffen, wenn ich dir verhehlen
tt, was mir eben fr Bedenken durchn Kopf schieen. Bevor sich nit d'
schicksame Glegenheit findt, wo du dein Vadern herumzkriegen glaubst, knnen wir
uns nit offen als Liebsleut zeigen, denn was ihm bis dahin verschwiegen bleiben
soll, drfen wir nit in der Leut Muler bringen; wir mssen also heimlich
zueinand halten. Gelt ja?
    Toni nickte.
    Und da is's wohl nit gut mglich, da ich, ohne ein Aufsehn z' machen und
ein aufdringlichs Gefrag zu wecken, 'n Muckerl, so mir nix, dir nix, abweis, und
du kannst auch nit verlangen, da ich's tu, solang die Sach noch in Lften
hngt; denn ein wie fests Zutraun du auch haben magst, so is uns ein rechter
Ausgang doch nit verbrieft. Gelt nein? So is wohl fr all Fll besser, ich la
den Bubn noch weiter neben mir herzotteln und tu dazu nix dergleichen.
    O nein! Mut mich nit fr gar so einfltig halten! brauste der Bursche
auf. Wann du die Meine sein willst, leid ich nit, da ein anderer an dich
rhrt.
    Mein lieber Toni, da hast du nix z' leiden, das mt wohl vorerst ich, und
da d' derhalbn ganz sichergehst, so sag ich dir: sowenig ich mir den Bubn hab
nah kommen lassen und nah kommen lie, bevor ich ihm nit als Weib anghr,
ebensowenig sollst du mir nah kommen, bevor ich nit als Burin afm Sternsteinhof
sitz! Is dir das nit anstndig, meinst du's anders, so magst dein Gschrift nur
bhalten!
    Af Ehr und Seligkeit! Leni, einer anderen trauet ich nit soviel, aber du
darfst dir schon alls herausnehmen gegn mich! Tu, wie d' glaubst und fr recht
haltst; dem, was mich dabei verdriet, mu ledig ich nach einm End sehn; sei nur
freundlich zu mir, gib mir fter Glegenheit, da ich dich sehen und hren mag
und bei'n Hnden fassen kann -
    Sie standen Hand in Hand und lchelten sich an. Da zog die Dirne die Hnde
zurck und sagte: Morgen is auch ein Tag. Morgen beredn wir 's andere. Aber
weil d' mein braver Bub sein willst und weil d' so willig Vernunft angnommen
hast - ich bin sonst wohl gar nit freigebig - doch geh her, sollst ein Lohn
dafr habn. Sie schlang ihm den Arm um den Nacken und prete ihre Lippen auf
die seinen, dann lief sie eilig auf und davon.
    Toni ging an den Bach, er taumelte, als er den Steg berschritt, so da er
rgerlich auflachte, dann ging er, wie trumend, ber die Wiese dem
Sternsteinhofe zu. Von der Hhe sah er, ferne auf der Strae unten,
verschwindend klein, die Gestalt der Dirne sich hastig fortbewegen, und manchmal
schien ihm, als unterbrche ein Sprung oder ein Stolpern die Gleichmigkeit
ihrer Schritte.
    In der nchstnchsten Nacht, als die alte Zinshofer eingeschlafen war und
Holz zu sgen begann, erhob sich Helene vom Lager, trat an das Fenster, zu dem
der Vollmond hereinschien, und griff nach einer bereitgehaltenen Nadel; sie
nhte an einem kleinen Leinwandtschchen, fgte eine Schnur daran, und nachdem
sie das Anhngsel um den Hals genommen, schlpfte sie wieder unter die Decke.
Sie schlief unruhig, und wenn sie halbwach nach dem Tschchen griff, so
knitterte das, als ob es ein Papier enthielte. Es umschlo auch ein solches -
das Eheversprechen des Toni vom Sternsteinhof.

                                      VII


Schon einige Male hatte die Sepherl, wenn sie vom oberen Ende nach dem unteren
kam, um Helene aufzusuchen, diese nicht daheim getroffen.
    Die alte Zinshofer sagte, sie wre in den toten Wald gegangen, und lachte
ber die nrrische Dirn, die jetzt fast jeden andern Tag dahin liefe, Klaubholz
sammeln, wobei sie immer fr einen gesunden Span hundert mit Wurmmehl
heimbrchte; aber besser sei doch, sie tue etwas, wenn sie damit auch nichts
richte, als sie mcht gar faulenzen und etwa auf dumme Gedanken gebracht werden.
    Eines Tages aber setzte sich 's Sepherl in den Kopf, die Kameradin
wiederzusehen, und entschlo sich, selbe auf dem Heimweg oder an Ort und Stelle
zu berraschen. Sie ging nach dem toten Walde. Die lange Strecke bis hin hatte
sie keine Begegnung, doch als sie vor den Tannen stand und eben beide Hnde hohl
vor den Mund legte, um durch einen lauten Ruf ihre Anwesenheit und Wartestelle
der Gesuchten kundzugeben, da krachten im Gehlze drre Zweige unter nahenden
Tritten. Sie lie erschreckt beide Arme sinken, als sie an der Seite Helenens
den Toni vom Sternsteinhof herankommen sah. Der Bursche duckte sich allerdings
sofort hinter die Stmme, aber es war zu spt, um nicht bemerkt zu werden.
    Helene schritt auf Sepherl zu. Je, du bist da? Gr dich Gott!
    Gr dich auch Gott, antwortete kurz die Angesprochene.
    Helene fate die Dirne an der Rechten, um Hand in Hand mit ihr
dahinzuschlendern, aber da Sepherl mit unwilliger Gebrde sich losri, fragte
sie: Na, was is's denn? Was hast denn?
    Du warst nit allein!
    Wer sollt denn bei mir gwest sein?
    Fr blind mts mich nit nehmen und Verstecken is vor klein Kindern gut.
Ich hab 'n ganz gut gsehn, 'n Bauerssohn vom Sternsteinhof.
    Und wann er's war? Kann ich ihm 'n Ort verwehren?
    Davon is kein Red, aber heut is nit 's erste Mal, da d' hertriffst. Er
sucht dich da, und du lat dich finden. Solltst dich wohl schmen!
    Ich wt nit warum. Denkst du von mir Schlechts?
    Ich will just nix Schlechts von dir denken, aber Rechts kann ich doch auch
nit, wo du zu noch ein haltst nebn 'm Muckerl.
    Du sollst dich hten, z' sagn, da ich's mit ein andern halt. Wo hast denn
'n Beweis? brigens, schtz ich, bist du weder zu mein Richter noch zu sein
Wachter bstellt!
    Trutzig tun steht dem gar wohl an, den man af blen Wegn betrifft.
    Auf blen Wegn?! schrie Helene.
    Ja, af blen Wegn, ereiferte sich Sepherl, ich sag, af blen Wegn, weil
s' seitab von Ehrlichkeit und Ehrbarkeit fhrn. Von zwein mu doch allweil einer
der Betrogene sein, nit? Und wer's da wr, is fr mich gar kein Frag! Was willst
denn mit dem reichen Bauerssohn? Vielleicht dein Gspa habn, weil's doch zu kein
Ernst fhren kann? 's selbe steht schon einm Weibsleut bel gnug an und is nit
ehrlich gegn den, der's ernst meint; denn ehrlicherweis kann man nur einm
anghrn frs Leben, oder verlangst du s' leicht paarweis fr Zeit und Weil?!
    Purr! Hast du ein Maul! Kann mich aber von dir nit beleidigen. Ich wei ja,
gegn eine, die bei mehr Mannleuten Anwert findt, da redt der Neid aus euch, bei
denen sich der eine einzige frs Leben ewig nit einstelln will! berhaupt
versteh ich nit, wie du da so aufbegehrn magst! Dir kann ja recht sein, wenn ich
mich mitm Muckerl entzwei, vielleicht wirst du dann eins mit ihm.
    La dir sagen, schrie zornrot Sepherl, la dir sagen, du bist 'n gar nit
wert, du grauslichs Ding du! Und da d' es weit, mit dir geh ich auch gar
nimmer. Sie lief etliche Schritte voraus.
    Geh zun Teuxel, wann d' willst! Wer bist denn du, da ich mir a Gnad aus
deiner Freundschaft machen mt?!
    Schweigend rannten die beiden auf der Strae dahin, eine voran, die andere
hinterher.
    Helene bi sich auf die Lippen. Nach einer Weile rief sie: Du, Sepherl!
    Was gibt's? fragte die Angerufene, ohne stehenzubleiben oder den Kopf zu
wenden.
    Du wirst doch von dem Heutigen nix weiter verlauten lassen? Gelt nein?
    Wenn ich nit darnach gfragt werd, nit! lautete die trockene Antwort.
    Sepherl wurde aber gar bald darnach gefragt, die Entfremdung zwischen ihr
und Helenen fiel zuerst der alten Matzner Resl auf, und diese machte das in
Erfahrung Gebrachte der Kleebinderin zu wissen, welche den Muckerl davon in
Kenntnis setzte und am Schlusse einer sehr eindringlichen Rede fragte, ob er
nach allem, was er sich schon habe gefallen lassen, sich auch das noch gefallen
lassen wolle.
    Muckerl erklrte mit aller Entschiedenheit, die ihm zu Gebote stand, da er
das nicht gesonnen sei und die Dirne rechtschaffen zur Rede stellen werde. Er
machte sich auch denselben Abend noch auf den Weg nach dem toten Walde; doch als
er des Gehlzes ansichtig wurde, stand er von dem Gedanken ab, es zu betreten.
Scheute er ein Zusammentreffen mit dem Burschen, oder frchtete er, bei einer
berraschung vielleicht mehr zu sehen, als ihm lieb sein mchte? Darber gab er
sich keine Rechenschaft, meinte nur, da er es eigentlich ja doch nur mit der
Dirne allein zu tun habe, und setzte sich unweit des Tanns auf einen
Gerllhaufen, um die Heimkehrende zu erwarten; als er sie endlich herankommen
sah, erhob er sich und ging ihr entgegen.
    Als er vor ihr stehenblieb, tat sie noch einen Schritt auf ihn zu und stand
so hart an ihm, da er htte aufblicken mssen, um ihr in die Augen zu sehen,
aber er hob den Kopf nicht und sagte leise: Ich htt mit dir z' reden.
    So red!
    Ich wei, wo du herkommst.
    Das is kein Kunst, es wei jeder, woher der Weg fhrt.
    Ich mein, von wem du herkommst, mit wem du warst, wei ich.
    Nun?
    Mitm Sternsteinhofer-Bubn treibst d' dich da herum.
    Was weiter?
    Das brauch ich mir nit gfallen z' lassen!
    Wann d' dich berhaupt drum z' bekmmern httst, freilich nit!
    Was sagst du? fragte, durch die kurzen Reden der Dirne erregt, der kleine
Bursche mit erhobener Stimme. Was sagst du? Ich htt mich da drum nit zu
bekmmern? Ich mich nit?! Mut ich nit dastehn, wie ausn Wolken gfalln, wie d'
Mutter davon z' reden anghobn hat?!
    So, dein Mutter hetzt dich also gegn mich auf? Gut, da ich's wei.
    Sag du nur nix gegn mein Mutter, damit kommst du nit auf; mein Mutter is
ein Ehrenweib -
    Mag sie zehnmal ein Ehrenweib sein, schrie jetzt Helene, detwegen bin
doch ich auch noch kein schlechte Dirn! Ein einzigs find mer auf im ganzen Ort,
das mir a Schlechtigkeit nachsagen kann!
    So? Und zeigt das von einer Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit und Bravheit,
wann du mit einm andern gehst?
    Wann ich ging - ich sag wann -, so ging ich allweil nur mit einm, von ein
andern wei ich nix!
    Von ein andern weit nix? Wer wr denn nachher ich, wenn ich nit der eine
bin, mit dem zu gehn hast?
    Mit dem ich z' gehn hab? No hrst, Muckerl, jetzt seh ich wohl, du willst
eifern, und dazu hast du doch gar kein Recht.
    Bin ich nit dein Schatz?
    Warst's vielleicht, kannst's noch sein, oder bist's gar niemal gwesen.
Schatz nennt auch der Fuhrmann d' Kellnerin vom Wirtshaus, wo er alle heilige
Zeit einmal einkehrt. Das Wrtl Schatz wird viel beredt, aber sagt nix.
    Und du redst jetzt auch nur, weil d' nix z' sagen weit! Ich hab's vom
Anfang nit anders gmeint, als da du mein Weib werdn solltst, und ich durft nach
deinm Bezeign wohl auch voraussetzen, da du dazu 'n Willen hast; und da du
mein Bewerben gar nit oder anders verstanden httst, das glaub ich nit, denn von
der Zeit, wo s' 'n ersten Schuh selber an d' F bringt, is jede Dirn so
gscheit, da sie sich in denen Sachen auskennt; und wann du meinst, es knnt dir
kein einzigs im ganzen Ort a Schlechtigkeit nachweisen, so irrst dich! Einm
einzigen fragt freilich 's ganze Ort wenig nach, und wie d' Sach zwischen uns
zwein steht, so bringt's dich just auch nit ins Gschrei; schlecht handelst aber
trotzdem gegen mich, wann du mir hinterm Rcken mein ehrlich Meinung so bel
vergiltst!
    Tu jetzt dein Maul zu und d' Ohren auf, damit ich dir beibring, wie wir
eigentlich zueinand stehen. Davon, da ich dein Weib werden sollt, war zwischen
uns, wann d' dich recht bsinnen willst, niemal die Red! Prsent hast mir gmacht,
eingladen hast mich zu euch h'nber, das war alles! Das hast du freiwillig; ich
hab dir nix nit abgebettelt und mich euch auch nit aufdrngt. Da ich 's
gschenkte Gewand nit zruckgwiesen und af gute Bissen an eurem Tisch kein Spott
glegt hab, das kann mir auch nur verbeln, wer mich nit blo und hungrig hat
herumrennen gsehn. Da draufhin konnt ich mich aber doch nit unfreundlich gegn
dich bezeigen? Kein Hund knurrt die Hand an, die 'n streichelt und fttert. Ich
konnt mir wohl denken, da dir nit alleinig drum sein wrd, an mir a gut Werk z'
tun, aber ich braucht's auch nicht anders aufznehmen, denn bis afn heutigen Tag
hast du mich ungfragt neben dir herlaufen lassen. Reut dich jetzt dein
Weggschenkts, so schick ich dir zruck, was ich davon noch im Bsitz hab, aber das
Recht rum ich dir nit ein, mit mir z' eifern und mich z' Red z' stellen! So
steht die Sach zwischen uns zwei, und damit habn wir ausgredt!
    Muckerl begann sich hinter dem Ohr zu krauen. Mein Gschenkts nimm ich
nimmer zruck, stotterte er, und was 'es Fragen anlangt, so hab ich's nur
unterlassen, weil ich gmeint hab, es verstnd sich doch alles von selber. Wann
d' aber gfragt sein willst, so knnt ich ds doch gleich hitzt an der Stell.
    Nach dem, was d' heut schon alls gredt hast, verlang ich mir nix mehr von
dir z' hren. Wann berhaupt, so drft's a ziemliche Weil dauern, bis ich dir
das Geredte vergi!
    Aber schau, Helen - wann 's noch bs gmeint gwest wr! - Aber, geh zu - du
wirst doch nit so sein?
    Eingedenk deiner Gutheit gegn mich will ich dir was sagn. Wann dir
anstndig is, mit mir zu verkehren wie bisher und anders nit, wie ich dir vorhin
ausdeut hab, so will ich's weiter mit dir versuchen und dir dein dumm
Aufbegehren verzeihn.
    Dadrauf gib mir d' Hand!
    Da hast's.
    Gelt ja, es gilt aber auch dafr, da d' 's mit kein andern haltst?
    Sie zog die Hand zurck. 's kann dir wohl gngen, wenn ich sag, da ich's
mit keinm andrerweis halt wie mit dir!
    No, nit zrn dich! 's machet mich vllig unglcklich, wann ich dich bs af
mich wt. Werd mir nur bald wieder ganz gut, da ich dir abfragen mag, was ich
gern hret.
    Vor allm la nur du dich nit wieder aufhetzen, und wr's auch von einm
Ehrnweib, wie dein Mutter is! Wann der Sau 's Ohr fehlt, so fat's kein Hund
dran, und wann a Gred kein Grund hat, so sucht mer ihm vergebens ein Anhalt.
    Muckerl begann nun seine Mutter zu entschuldigen. Sie htte, nur aus Sorg um
ihn, verlogenen Bescheid fr wahr genommen; es also im Grunde niemandem bel
gemeint, auch nicht der Helen, der sie ja bislang, eh sie durch das unbschaffene
Gered irrgemacht wurde, alles Gute gegnnt habe und wieder gnnen werde, nachdem
sich jetzt all das Nachgesagte als falsch herausgestellt. Doch, ber das
hartnckige Schweigen und die trotzigen Gesichter der Dirne sich mehr und mehr
ereifernd, gelangte er mhlich dahin, seiner Mutter immer weniger Dank fr ihre
Sorge zu wissen, schlielich es ganz ungerechtfertigt zu finden, da sie sich
berhaupt da eingemengt habe, und als er sich von der Dirne bei deren Htte
verabschiedete, war er der alten Frau ernstlich bse geworden.
    Die Kleebinderin hatte alle Mhe, dem verdrossenen Burschen das Vorgefallene
abzufragen, dann schlug sie darber im Geiste die Hnde ber dem Kopfe zusammen.
Sie beschlo, Helene nun fter ins Haus zu laden und jedmal, solange es anginge,
daselbst zu verhalten; fr die rauhe Jahrzeit sollte Muckerl an Kleidern nicht
mehr schenken, als notwendig, sich aus der Tre zu wagen, damit die Dirne, auch
ungeladen, den warmen Ofen aufsuchen kme und sich gewhne, in der Stube zu
sitzen, und schon mit dem nchsten Fasching sollte dann alles zu gutem Ende
gebracht und Hochzeit sein. Ein verheiratet Weib hat weniger Anfechtung und mehr
Furcht vor blen Ruf; welchs sich nit dazu verstund, Ungebhr dem Haus
fernzhalten und derselbn auerhalb auszuweichen, das mt schon gar ein
schlechts Geschpf sein - und fr ein solches mochte die Kleebinderin ihre
knftige, wenn auch unwillkommene Schwiegertochter doch nicht halten.

                                      VIII


Der himmlische Patron der Kirche zu Zwischenbhel, Sankt Koloman, ist ein
spter Heiliger, sein Tag fllt auf den dreizehnten Oktober. Da sich aber das
Wetter in der ersten Hlfte dieses Monates meist leidlich anlie, so da die
Tanzlustigen sich im Freien, auf der Wiese hinter dem Gasthausgarten,
herumtreiben konnten, wo eine groe Scheuer zum Tanzboden umgestaltet war, so
fand der Zwischenbheler Wirt fr die Gste, die unter Dach bleiben wollten,
sein Auslangen mit zwei Stuben, der gewhnlichen Gaststube und seiner Wohnstube,
die er fr diesen Tag ausrumte; letztere nahm der Sternsteinhofbauer in
Beschlag, der sich jede Kirchweih vor den Unteren sehen lassen wollte als
einer, dem nichts zu gut und nichts zu teuer; ihm gesellte sich eine Schar
groer Bauern von fern und nah, die ihn alle in seinem Hochmute untersttzten,
wenn auch keiner unternahm, es ihm gleichzutun.
    Einige unter ihnen hielten aber nicht nur dieses Unterfangen fr zu
ungeheuerlich, sondern verzichteten berhaupt darauf, auch nur in bescheidener
Weise neben dem Sternsteinhofbauer glnzen zu wollen, fanden es ungleich
angenehmer und nutzbringender, sich von ihm zechfrei halten zu lassen und nur,
wie es Gsten eines solchen Wirtes zukam, dafr zu sorgen, da gehrig was
draufginge.
    Darunter war einer, dessen Bescheidenheit fast der Tugend der
Selbstverleugnung gleichkam, wenn man bedachte, da gerade er es vermocht htte,
so tief in den Sack zu langen wie der Sternsteinhofer, und so wenig wie der
befrchten mute, die Finger leer herauszuziehen. Es war das ein langer, drrer
Mensch mit eingesunkener Brust, hohlen Wangen und tiefliegenden, unter buschigen
Brauen hervorblitzenden, dunklen Augen, zwischen denen scharf eine Hakennase
vorragte, die Lippen hielt er zusammengekniffen; wenn er sie ffnete und sprach,
so sah es aus, als ob er seine Rede vorab auf ihren Geschmack prfe. Das
Feiertagsgewand, das er trug, sah unsauber aus. Er hie der Ksbiermartel,
Martin war nmlich sein Taufname, und die andere Bezeichnung verdankte er der
gewi lblichen konomischen Eigenheit, mit einem Glase Bier und einem Stck
Kse vor sich bei stundenlangen Zechgelagen auszuharren; fr diesmal aber, wo es
galt, dem, was der Sternsteinhofer auftragen und vorfahren lie, alle Ehre
anzutun, kam er seiner Gastpflicht in solchem Mae nach, da ftere Male am
Tische die zarte uerung laut wurde: Ja, Ksbiermartel, wo frit und saufst
denn du nur alls das hin? Daraufhin blickte er von seinem Teller auf, mit
arbeitenden Backen und dem berlegenen Lcheln eines Mannes, dem es gelungen,
pltzlich einen schnen, bisher unbeachtet gebliebenen Zug seines Charakters zu
enthllen.
    Der Ksbiermartel war nicht ohne Begleitung von Schwenkdorf, wo er hauste,
auf den Zwischenbheler Kirchtag herbergefahren, er hatte sein einziges Kind,
die etwa zwanzigjhrige Sali mitgebracht, welche nun mit dem Toni vom
Sternsteinhofe drauen im Wirtshausgarten sa.
    Die Dirne war hoch aufgeschossen, so da sie trotz einer gewissen Flle
etwas derbknochig aussah. Die schwarzbraunen, dickhaarigen Scheitel, die
starken, geschwungenen Brauen und die gebogene Nase - glcklicherweise nur ein
schwaches Abbild der vterlichen - verliehen ihrem lnglichen Gesichte den
Ausdruck der Willensstrke, der aber durch die fast schchternen Blicke ihrer
dunkeln, in einem unbestimmten blulichen Glanze schwimmenden Augen wieder
wettgemacht wurde. Rosalie schien nicht gewohnt, sich unter frhlichen Menschen
zu bewegen, sie sah deren lrmend lustigem Treiben zugleich verschchtert und
neugierig zu; sie schien nicht zu wissen, was sie, als reiche Bauerstochter, fr
Respekt von Seite ihres Tnzers beanspruchen konnte, auch nicht, was die rmste
Dirne in solchem Falle fr Aufmerksamkeiten fordern wrde; schweigend sa sie an
der Seite des wortkargen Burschen, und wenn er sie an der Hand aufzog und sagte:
Springen wir auch mal herum, oder ihr Glas fllte und ihren Teller mit
Backwerk hufte, so dankte sie ihm mehr mit Blicken als mit Worten. Sie dachte
wohl, es sei echt mnnisch, sich wenig mit einem Weibe abzugeben.
    Den Toni vom Sternsteinhof nahm es zwar wunder, da Ksbiermartels Sali es
nicht rgte, wie mrrisch und verdrossen er neben ihr sitze, aber er war es in
die Haut hinein zufrieden; er sorgte nur, seiner Verstimmung so weit Herr zu
bleiben, da niemand dem Grund derselben auf die Spur zu kommen vermge. Er
bemhte sich, die gleichgltigste Miene von der Welt beizubehalten, whrend er
Helene nicht aus den Augen lie, wenn sie plaudernd mit dem Holzschnitzer ber
den Rasen dahinschritt oder beim Tanze in den Armen des unbeholfenen Knirpses
sich gering machte, damit der sie herumschwenken oder in die Hh lpfen
konnte; verlor sie sich aber ganz in dem Gewhle, so da sie nicht mehr zu sehen
war, dann befiel den Toni eine Unruhe, er machte einen langen Hals, rckte auf
dem Sitze hin und her, erhob sich wohl auch ein und ein anderes Mal.
    Eben begann wieder der Ba zu schnurren, die Trompete zu schmettern und die
Klarinette zu gellen, die Paare traten zum Tanze an; der Kleebinder Muckerl
hatte diesmal die Matzner Sepherl aufgezogen. Helene kam langsam ber die Wiese
dahergeschritten bis an den Zaun, der diese von dem Garten schied, sie warf
einen Blick herber, dann kehrte sie sich ab, lehnte sich mit dem Rcken gegen
das Gatter und sttzte den vollen Arm auf einen Pfahl. Sie hielt das Gesicht dem
Tanzboden zugewendet.
    Toni erhob sich, er winkte der Dirne an seiner Seite mit der Hand zu und
sagte: Bleib nur, ich will blo ein kleins wengerl schaun. Er ging auf den
Zaun zu und blieb zwei Schritte hinter Helenens Rcken stehen. Leni, rief er
halblaut.
    Durch eine kaum merkliche Bewegung des Kopfes zeigte die Dirne, da sie nach
ihm hinhorche.
    Ich bitt dich, fuhr er fort, schau dir nur die schmerzhafte Muttergottes
an, die s' mir da an d' Seiten gsetzt haben.
    Die Dirne griff spielend die Schrze auf und fhrte sie gegen das Gesicht,
darunter die hohle Hand zu bergen, die sie vor den Mund legte. Das is gut frn
Unterschied, flsterte sie.
    Wenn man ihr dein Halbmandel quer bern Scho leget, wr 's Karfreitagbild
fertig; zun bufertigen Gedanken-Erwecken taugen die zwei.
    Helene kicherte unter der Schrze.
    Noch eins, Leni. Komm morgen!
    Werd nit knnen.
    Es is um nix Grings.
    Werd halt schaun.
    Bht dich Gott.
    Die Dirne neigte den Kopf, whrend der Bursche sich entfernte, und ging dann
so bedchtig, wie sie gekommen, nach dem Tanzboden zurck.
    Als der Toni an den Tisch trat, sah er zwei Gestalten, eine dicke und eine
dnne, seinen Vater und den Ksbiermartel, in dem Hausflur erscheinen und sich
nach dem Garten wenden, rasch bot er der Sali die Hand. Springen wir wieder mal
mit herum, rief er und zog das Mdchen hastig mit sich fort; als die Alten am
unteren Ende des Gartens eintraten, eilten die Jungen just zu seinem oberen
hinaus.
    Der Ksbiermartel zeigte mit seinem knchernen Arm nach dem Paare. Schau,
wie schn sauber sie mit ihm Schritt halt, schmunzelte er. Ich sag dir, sie
mag ihn leiden.
    Wundert mich nit, is auch ein sauberer Bub, sagte der Sternsteinhofbauer.
    No, so uneben is die Dirn just auch nit, da s' ihm zwider sein mt!
    Bewahr.
    Also gebn wir s' einmal zsamm, wie wir's schon seit langem bereins worden
sein!
    's hat ja noch Zeit.
    's hat Zeit! 's hat Zeit! Bei dir hat's Zeit! Die Dirn is mannbar, sag ich
dir, warum sollt s' d' schnst Zeit verpassen und berstndig werdn, wie wann s'
ein arms Waiserl wr, das nix nit mit ins Haus brcht wie 'n gflickten Kittel,
den s' am Leib tragt?!
    Ich wei ja, was s' mitkriegt, 's is wohl schon a Weil her, da d' mir's
gsagt hast, aber ich hab's noch nit vergessen.
    Is ja recht, wann dir's gmerkt hast. Was ich biet, das biet ich, und
dadrauf kannst mich an der Stell beim Wort nehmen; halt aber du nur mit dem
deinm nit ewig lang zruck. Bei gar zviel Zeit zum Umschaun fnd sich am End doch
was anders!
    Das frcht ich nit. Ich kenn dich z' gut. Du bist af dein Vorteil. Du
neidst 'm Gulden seine hundert Kreuzer. Von alln, die d' mir gleichstelln
kannst, habn die ein'n nur Dirndeln, die andern zwei oder mehr Bubn, unter die
's Ganze einmal aufteilt wird. Stimmt mein Rechnung?
    Freilich stimmt s'! Freilich stimmt s'! Aber schau, knnt sich leicht a
bessere Glegenheit schicken wie 's nchst Frhjahr, wo s' dein Sohn zur
Abstellung einberufen werdn, da mer 'n gleichzeit von Soldaten frei und zun
Bauern macheten?! Da ich 'n von Militari losbring, das la mir ber, ich wei
mehr als ein Weg dazu, du brauchst nur d' Kosten af dich z' nehmen.
    Das wei ich, da du s' nit tragen wirst, und du weit, da ich einer bin,
wo's kein Haus kost, dem 's af kein Htten ankommt! Aber ds is unbillig, da
ich mein Hof meinm schweren Geld nachwerfen sollt, um mir ein Herrn z' setzen.
    No ja, du bist halt unbegngsam, du hast dir noch allweil nit gnug herrisch
gtan af der Welt! Wann ich ein Bubn htt, ich s schon lang in der Ruh.
    Du hast aber kein, und wenn du dein Dirn ausm Haus gibst, bist du nur noch
freierer Herr drauf! Ds is ein ungleicher Handel zwischen uns, und der verlangt
sein Besinnen, und Besinnen, da 's ein nit reut, braucht sein Zeit; darum la
ich mich nit drngen. Nun is gnug dadavon gredt, schaun wir lieber ein bissel
tanzen zu.
    Gut, gut, schaun wir zu. - - Aber 's Drngens wegen is's mir nit gwest, da
d' glaubst. Ich wollt dich nit drngen.
    Das wrd dir auch viel helfen, ausghungerter Zsammscharrer, murrte der
Sternsteinhofbauer, indem er vorauf aus dem Garten schritt.
    Dich spann ich doch noch in Karren, angfressener Geldvertuer, brummte der
Ksbiermartel, hinten nachtrabend.

Als am nchsten Nachmittage Helene dem toten Walde zuschritt, trieben schwere,
graue Wolken vor einem kalten Winde einher. Es begann zu grupeln. In einem
Augenblicke schien aller Raum zwischen Himmel und Erde allein von den
durcheinanderfegenden und -wirbelnden weien Kgelchen erfllt; das whrte
einige Minuten, dann wurde ebenso pltzlich die Luft wieder hell, eine mrbe,
flaumige Schichte ber dem Wege dmpfte selbst den Hall der Tritte, und die
Stille, die rings geherrscht hatte, dnkte dem Gehr nun lautloser wie zuvor.
    Das Mdchen zog erschauernd das Tuch an sich. Auf der kurzen Strecke, die es
noch bis ans Ziel zurckzulegen hatte, kam ihm der Bursche entgegen.
    Er bot zum Grue die Hand. Im Wald hat's mich nit lnger gelitten, sagte
er, ich mut doch schauen, ob du bei dem argen Wetter kmst. Ich dank dir, da
d' dich nit hast abhalten lassen. Es is zu unfreundlich, als da ich dich lang
da verhalten mcht; ich werd's kurz machen. D' schlimme Jahrzeit is vor der Tr,
und bald werden mer herauen im Freien uns nimmer zusammfinden knnen; da wir
aber 'n ganzen langen Winter ber uns nur von fern und wie fremd begegnen
sollten, ohne ein vertraulich Beinandsein, dazu kann ich mich nit verstehen, und
das kannst auch du nit verlangen.
    Helene sah vor sich hin auf den Boden, sie hob die Schultern. Was is da zu
machen? sagte sie leise.
    Das werd ich dir sagen. Dein Mutter soll ein gscheit Weib sein, das ein
Einsehen hat; nit wie andere, die sich, alt, nimmer erinnern mgen, da sie
selber auch einmal jung gwest wren, und nun 'n Verliebten kein frohe Stund
gnnen und denselben alles fr Snd und Schand aufrechnen! Mein Vader, der halt
wieder 's Ganz fr a Dummheit, und vor ihm mu ich wohl unser Sach gheimhalten,
bis ich ihm einmal a nachgiebige Stund ablauer, denn km er frher dahinter, so
mcht uns das leicht 's ganze Spiel verderben, aber vor deiner Mutter hab ich
mich bei meinm ehrlichen Absehen nit z' scheuen; der knntst wohl alls Unsere
anvertrauen, und was kann s' nachher viel dagegen haben, wann ich von Zeit zu
Zeit bei euch einsprech? Da sein wir weit sicherer wie unter freiem Himmel. In
euerer Htten sucht mich gewi neamand.
    Geh, was du einm zumutst, schmollte die Dirne. Da mt ich mich ja frei
z' Tod schmen, wann ich ihr das beichten sollt! Was wrd sie sich denn denken
von mir, wo ich s' bisher hab glauben gmacht, mir vermcht's keiner anzutun und
ich lie 'n Kleebinder Muckerl nur aus Gnaden neben mir herlaufen?
    Was sie sich denken wrd? Da du hinter einm Unlieben seinm Rcken einm
Liebern nachtrachtst, wie sie vielleicht selber einmal getan hat, das wrd sie
sich denken. Dann mt ja auch dein Mutter kein Kopf fr ihrn Vorteil und kein
Herz fr dich haben, wann s' dich nit lieber wie da herunten als
Herrgottlmachersweib obn afm Sternsteinhof als Burin sitzen shet!
    Mein lieber Toni, da hat's wohl noch ein Weil hin!
    Wir drfen uns d' Weil nit lang werden lassen, eben drum mssen wir uns
fter sehen und reden knnen, dadrber vergeht Zeit und schickt sich Glegenheit
und frdert mit einmal, eh wir's denken und ohne Zutun, 'n rechten Ausgang.
    Ohne Zutun? Das mein ich wohl nit.
    Und ich auch nit so, da ich alls 'm leidigen Zufall berlie. Gb doch der
Herrgott sein Segn 'n Feldern umsonst, wann der Bauer kein Saat streuen mcht.
Jeds von uns mu sein Teil dazutun, das versteht sich, wie d' Reih an mich
kommt, bin ich gleich dabei; jetzt ist's an dir, red mit deiner Mutter, sonst
bleibt uns kein Rat.
    Ich werd reden. Wann kommst?
    bermorgen, wann's schon schn finster sein wird.
    Is recht. Sie reichte ihm die Hand zum Abschiede.
    Er hielt sie an derselben zurck. Gelt, aber dein Mutter wird da wohl schon
bers erste Verwundern hnaus sein, da s' kein Aufhebens und kein Getue macht,
wann ich komm?
    Mein Mutter wundert sich berhaupt nit bald ber was.
    Weil s' halt a gscheit Weib is.
    O ja, in Sachen, wozu d' kein Verstand brauchst.
    Ei, du mein, seufzte besorgt der Bursche, mir scheint gar, ihr habt euch
zertragen.
    's kommt fter vor; aber sorg nit, tu ich auch selten, wie sie will, so tut
sie doch meist, wie ich will. Komm nur. Husch! Wie's aber kalt is, ich mach, da
ich heimfind. Bht dich, Toni.
    Sie lief von dem Burschen weg, und der blickte ihr, sich in den Hften
wiegend, nach, solange er noch einen Zipfel ihres Gewandes im Winde flattern
sah.
    In der letzten Htte war das Licht erloschen. Die alte Zinshofer lag des
Schlafes gewrtig, da trippelte Helene an deren Bett heran und setzte sich an
den Rand desselben zu Fen der Mutter.
    Ich htt dir was zu sagen.
    Mu das heut noch sein? murrte die Alte.
    Weil ich just d' Kurasch dazu hab, mcht ich's nit aufschiebn.
    Mu was Saubers sein, was d' z' sagen a Kurasch brauchst!
    Wirst's ja hrn.
    No, so mach schnell; brich mir nit vom Schlaf ab mit deine Dummheiten.
    bermorgen, wenn's finstert, werdn wir ein Besuch kriegn.
    Was fr 'n?
    'n Toni vom Sternsteinhof.
    'n Toni vom Sternsteinhof? Was will uns der?
    Die Dirne kicherte verlegen und spielte an der Bettdecke. Wie d' fragen
magst! flsterte sie. Gern hat er mich halt.
    So, das is freilich 's Neuste! Wann d' aber glaubst, ich wrd da ruhig
zuschaun und mich etwa gar nit getraun, dem Bubn d' Tr z' weisen, weil er der
Sohn vom Sternsteinhofbauer is, und mich da sowenig einmengen, wie ich mich
wegen 'm Kleebinder-Muckerl eingmengt hab, da drftst dich doch irren! Zu was
denn eigentlich, du dumms Ding, gstehst mir ds ein? Um mein Rat is dir doch
nit, dem hast nie nachgfragt, hast allweil gtan, wie d' wolln hast, und
knntst's hitzt auch, wann dir just an so einer Liebschaft frs gache Glck
glegn is, nur verlauten darf nix davon; aber unter mein Augen la ich dich nit
die Henn mit zwei Hahnen spieln, da d' nachher, wann d' allein afm Mist
bleibst, leicht mir vor 'n Leuten d' Schuld gbst? Ah, nein!
    Ich denk, ich war da doch gscheiter, als mich d' Mutter halt. Du dankst
Gott, wann ich dich af dem Mist, worauf ich z' sitzen komm, auch dein Krndel
scharren la! Will er mich, so kann er mich nur als Burin afm Sternsteinhof
habn, und das will er.
    Du Narr du, af so Reden gibst du was?
    Da is nit von Reden d' Red, das hab ich schriftlich.
    Schriftlich?! Die Alte erhob sich mit einem Ruck und setzte sich im Bette
auf. Schriftlich, sagst? Jesus, nein! Das mut mir vorweisen, wann ich dir
glauben soll? Mach nur gleich Licht!
    Der Docht flammte auf. Beide Weiber saen aneinandergeschmiegt an dem
Tische, der kncherne Arm der Alten ruhte auf der Schulter der Jungen, so
buchstabierten sie zusammen das Schriftstck. Dann mute die Dirne erzhlen, wie
sie mit dem Burschen bekannt geworden.
    Die Zinshofer schlug fter vor Erstaunen in die Hnde. Nein, nein, bist du
aber eine Gfinkelte, rief sie, das htt ich gar niemal in dir vermut!
    Nun unterrichtete Helene ihre Mutter von den Verabredungen, die getroffen
waren, um vor Tonis Vater die Sache bis zur schicksamen Glegenheit
geheimzuhalten, und forderte zur Vorsicht auf.
    Eh bei ich mir lieber die Zung ab, eh ich ein unbedacht Wort sag; dadrauf
knnt ihr euch verlassen, beteuerte die Alte. Kannst dich berhaupt in allm
und jedn af mich verlassen; bist ja mein bravs, gscheits Kind! Sie ttschelte
zrtlich den vollen Nacken der Dirne, dann fuhr sie fort: Ich mu nur lachen,
wann ich mir vorstell, was seinzeit wohl die Kleebinderischen fr Gsichter dazu
machen werden! Wir warn uns nie freund, und ich vergnn's ihnen, da s' nachher
voll Gift und Neid 'm auskommenen Vogel da hinauf nachschaun knnen, wo er z'
Nest sitzt, afm Sternsteinhof.
    Und nun begannen beide eifrig zu schwtzen, zhlten die Annehmlichkeiten des
Nestes auf, planten, wie sie sich's in selbem wollten behagen lassen, und
wurden es nicht mde bis gegen Morgengrauen; da sank das Kerzenstmpfchen
verlschend in den Leuchter, und sie saen im fahlen Zwielichte.

Der Winter kam mit aller Strenge ins Land.
    Wenn die gefrorene Erde unter der Sohle klingt, so braucht, wer auf
verstohlenen Wegen geht, nur sachter aufzutreten, um nicht gehrt zu werden; ein
bel ist in dem Falle freilich der Schnee, denn der behlt die Tritte auf mit
allen Schuhngelspuren und verrt, woher sie kamen und wohin sie gingen.
    Die alte Kleebinderin schttelte fter den Kopf, wenn sie an manchem frhen
Morgen den Schnee, der ber Nacht gefallen war, vor der Zinshoferischen Htte
rein, gegen den Bach zu, weggefegt sah, whrend er andere Male dort Tage ber
gut liegen hatte, aber sie dachte nichts Arges; derlei Wunderlichkeiten
besttigten nur, was ihr seit langem fr ausgemacht galt, da es in den Kpfen
der Nachbarsleute nicht ganz richtig sei.
    Auch die alte Kathel auf dem Sternsteinhofe schttelte den Kopf, aber sie
dachte dabei Arges, und eines Tages nahm sie sich das Herz und zog den Bauer zur
Seite und fragte:
    Wirst mir's nit fr bel nehmen, wann ich dir was sag?
    Kommt darauf an, was's sein wird, entgegnete er. Red! Frs belnehmen
kann mer doch nit zun voraus einstehn.
    Dein Sohn soll's mit einer von da unten halten.
    So? Knnt ja sein. La ihm die Freud.
    Aber bedenkst denn auch? 's is doch sndhaft.
    La dir was sagen. Da heroben af mein Hof schau ich af Zucht und
Ehrbarkeit, wie mir zukommt, und unter mein Augen leid ich kein Lotterei und
kein schandbarn Verkehr; aber fr das, was sich etwa eins auswrts hinter mein
Rcken beigehen lat, hab ich nit aufzkommen! Mag's Knecht oder Dirn oder mein
leiblicher Sohn sein, 's is dann jedm sein eigene Sach, und derwegen mag er sich
auch abfinden, mit ihm selber, mitm andern, was mithalt, und mitm Beichtvatern.
    No nimmst mir's halt doch bel, da ich gredt hab.
    Gar nit. 's war recht, da d' redst, was d' weit; aber ich wei von nix,
und da stnd mir 's Reden bel an.
    Aber schau, knntst nit daraufhin den Bubn doch ins Gebet nehmen?
    Da ich vor ihm dasteh wie ein Narr, wann er mir's ableugnet? Nein, da wart
ich lieber ruhig ab; is was an der Sach, dann kommt er mir schon von selber.
Gschehne Snden beicht mer 'm Pfarrer und gmachte Dummheiten 'm Vadern.
    Dann knnt's etwa z' spt sein.
    Z' spt? Mcht wissen, in welcher Weis? Wie tief er sich auch einglassen
haben mag, dafr knnen wir aufkommen. Der Bauer schlug mit der Rechten an die
Stelle, wo er an Markttagen den Geldgurt trug. Und auf das, was er sich etwa
sonst in Kopf setzt, da gib doch ich nix?! Nit so viel! Er schnippte mit den
Fingern und schritt spreitbeinig ber den Hof.

                                       IX


Je nher der Fasching kam, desto nachdenklicher zeigte sich der Zwischenbheler
Wirt, endlich mute sein besorgliches Wesen auch der Wirtin auffallen.
    Vater, sagte sie, ich merk dir schon lang an, dir will was nit recht
zusammengehn. Was hast denn?
    Seine Stirne bewlkte sich noch mehr ... Mutter, seufzte er, meine
Ahnungen hab ich.
    Jesus! Es geht dir doch nit vor, da eins von uns versterben sollt?
    Das verht Gott! Nein, darauf hab ich kein Gedanken. Schaden frcht ich. Du
weit, af der letzt Kirchweih is kein Glas zerschlagen worden auer wie in
Unachtsamkeit, was mer nachher bei der Zech mit angekreidt hat, kein Zaun haben
s' umgebrochen, kein Sesselhaxen ausgdreht; alles is glatt und schn sauber
verlaufen.
    Gott sei Dank, ja! 's wird dir doch nit leid sein, da dsmal nit grauft
wordn is?
    Der Wirt schttelte bedenklich den Kopf. Hast du's d' Jahr her, die wir da
af der Wirtschaft sitzen, nur einmal erlebt, da's ohne Rauferei abgangen wr?
    Ds nit, 's is jedmal grauft wordn.
    No eben, so haben sie 's letzt Mal a Glegenheit zum Austosen versumt, und
was nit rechtzeit kommt, das kommt nachtrglich nur rger! Hitzt werdn s' bei d
Faschingstreitigkeiten 's Zruckverhaltene einbringen wolln und dabei doppelt
hausen; und wann s' drber mein ganz Anwesen verwsten, so is mir ds a schner
Nutzen!
    Schlimme Ahnungen haben vor guten die wenig empfehlende Eigenheit voraus,
da sie selten trgen.
    Ein Gewitter braut wohl lnger in der Luft, als einer denkt, der die Wolken
rasch am Himmel heranziehen sieht. Wer wei zu sagen, von welch entfernten
Mooren, Weihern, Seen und Flustrecken es seine Krfte an sich gesogen und
mhlich zurechtgemacht? Man spricht zwar oft bei noch klarem Himmel davon, da
ein Wetter kommen werde, man hat auf Vgel, Spinnen und Pflanzen achten gelernt,
aber wenn es da ist, mit seinen rollenden Donnern und flammenden Blitzen, dann
wirkt es doch, trotz aller Vorhersage, wie ein Unvorhergesehenes. Es mag
ungereimt klingen, aber nur zu oft hat sich, was in dieser Welt wie urpltzlich
hereinbrach, langer Hand vorbereitet. Das gilt von blutigen Vlkerschlachten wie
von weniger erschtternden Wirtshauskeilereien. - -

Der Toni vom Sternsteinhof fhlte sich durch sein Verhltnis zu Helenen immer
mehr bedrckt und gedemtigt, nicht weil es ein heimliches war, htte ein
solches, allein zwischen ihm und der Dirne, bestanden, er wrde sich's gerne
eine gute Weile ber gefallen lassen haben; aber da sie jeden Verkehr mit ihm
im Umgange mit einem andern ableugnen und diesen durch freundliches Bezeigen bei
gutem Glauben erhalten sollte, das schien ihm je lnger, je schwerer zu
verwinden.
    Zwar lachte man in der Zinshoferschen Htte ber den Eifer, mit welchem die
Kleebinderin darauf drang, da noch diesen Fasching alles richtig werde, als ob
die Alte an ihres Sohnes Statt das Mdchen heiraten wollte, und man war um den
Grund nicht verlegen, der einen Aufschub forderte und rechtfertigte, man
brauchte nur das geringe Alter Helenens vorzuschtzen, diese war ja wirklich
erst siebzehn vorbei; aber das war schlielich doch nur aufgeschoben und nicht
aufgehoben, und die Beziehungen des Herrgottlmachers zu der Dirne blieben nach
wie vor dieselben. Toni drang immer ungestmer darauf, da Helene, wenn sie ihm
vertraue, ganz mit dem Muckerl brechen solle.
    Sooft das geschah, stellte sich die Dirne ganz ratlos dazu, meinte, das
mache wohl schwere Ungelegenheit und erwecke den Verdacht; zuletzt wandte sie
sich jedesmal an ihre Mutter mit der Frage, was zu tun sei. Die Antwort lautete
auch jedesmal, Helene mge tun, wie sie wolle, sie - die alte Zinshofer - htte
freilich darber ihre eigenen Gedanken, und nun folgte irgendeine lehrreiche
Vergleichung der beiden Bursche mit Bezug auf deren Bewerbung um die Tochter; da
war einmal der Kleebinder Muckerl der Weifisch im Ghalter und der Toni vom
Sternsteinhof der Goldfisch im flieenden Wasser, ein andermal der erste der Has
im Ranzen und der zweite eben ein solcher im weiten Feld, denn in diesem Teile
ihrer Rede befleiigte sich die frsorgliche Mutter einer steten Abwechslung, da
sie einen erziehlichen Zweck vor Augen hatte und daher ihr Kind nicht durch
Wiederholungen ermden wollte.
    Helene sa dann auch wie eingeschchtert, und wenn sie nach einer kleinen
Weile wieder aufblickte, begann sie leise den Burschen zu fragen, ob er denn
noch keine Gelegenheit gefunden habe, mit seinem Vater zu reden, wann sich wohl
eine dazu schicken werde und ob er sich wohl schon beilufig ausgedacht habe,
wie er die Sache vorbringen mchte?
    Darauf wischte der Bursche mit dem rmel ber die Stirne und entgegnete
ebenso leise: Gelegenheit habe er wohl noch keine gefunden, wisse auch nicht zu
sagen, wann sich eine solche schicken werde, htt sich auch nicht ausgedacht,
wie er die Sache angehen wolle, da er ja nicht wissen knne, was der Vater reden
wrde; 's msse da eben ein Wort das andere geben!
    Siehst, schmollte dann die Dirne, du frderst fr dein Teil gar nichts,
denkst nit mal drauf, und von mir verlangst nicht nur, da ich fr das Meine
aufkomm, sondern sogar darber tu. Ich sollt 'n Kleebinder Muckerl aufgeben und
drft mich, gb's drber unter 'n Leuten ein Gemunkel, doch nit gleich frei zu
dir bekennen! Gelt, nein? Und wenn ich zu dir sagen mcht: Mach du jetzt vor
allen Leuten mich ihm streitig! du getrauest dich's auch nit. Gwi nit! Solltst
also wohl ein Einsehn habn.
    Da heuchelte er ein solches, weil er sich nicht anders zu helfen wute.
    Wenn der Toni zugegen war, sa die alte Zinshofer an dem Tische vor dem
Lichte, so da ihr breiter Schatten die Stube verdunkelte und einer, der etwa
zufllig zum Fenster hereinsah, nichts zu unterscheiden vermochte. Beide Tren
waren versperrt; sollte jemand an die vordere pochen, so konnte der Bursche zur
rckwrtigen hinausschlpfen, wurde es an dieser laut, so stand ihm die nach der
Strae offen; wenn er so, Hand in Hand mit der Dirne, auf der groen Gewandtruhe
in der Ecke sa und ihm der Gedanke kam, da er einmal vor dem Herrgottlmacher,
der Einla verlange, flchten mte und die Hand, die er eben, Finger zwischen
Finger, mit der seinen umspannte, der des Schluckers das gleiche Spiel nicht
sollte wehren knnen, da war ihm, als ginge der alte Kasten unter ihm an und
senge ihm Kleider und Glieder.
    Unleidlich wurde es ihm mehr und mehr in der Htte, aber unleidlicher schien
es ihm, fernzubleiben, und so kam er immer wieder.
    Der Fasching war mittlerweile ganz nahe herangerckt. In der Woche, welche
dem Sonntage voraufging, an dem im Zwischenbheler Wirtshause die Geigen zum
ersten Tanz erklingen sollten, fragte der Toni die Helen, ob sie mit dem Muckerl
hingehen werde.
    Er hat mich dazu aufgfordert, war die Antwort, ich konnt nit gut
ausweichen.
    Ich werd auch hinkommen, sagte der Bursche.
    Ist recht, sagte die Dirn.
    Getraust dich wohl auch paarmal mit mir herumztanzen?
    Getrauen? Sie hob trotzig den Kopf. Ich denk nit mal dran, da ich mir
damit was getrau! So weit halt ich mich noch meins Willens Herr, da ich tanz,
mit wem und wie oft mir beliebt, ohne viel z' fragen!
    Ist recht, sagte diesmal der Bursche.
    Sonnabend aber sagte der Sternsteinhofbauer zu Toni: Morgen is in
Schwenkdorf drben beim Gmeindwirt ein Ball, der Ksbiermartel will, da wir
dabeisein sollen; nun hab ich bei so was nix mehr z' suchen. Zuschaun langweilt
mich, ich bleib heim, fahr du allein hin.
    Ds is doch nit billig, Vater, lachte der Toni, du bleibst heim, weil d'
d' Langweil frchtst, und ich sollt hin, obwohl ich zun voraus wei, da ich
mich auch nit unterhalt.
    Wr nit bel, ein jung Blut, wie du!
    Ich bleibet auch lieber heim.
    Das geht nit an. Meinm Wegbleiben fragt niemand nach, aber deins wrd mer
mir verbeln, denn af dich is's eigentlich abgsehn; der Ksbiermartel will, da
du mit seiner Dirn tanz'st. 's sollt dir a Ehr sein! Sie sieht dich nit ungern,
scheint's.
    Das gilt mir gleich! Mir gfallt die gar nit.
    Aufs Gfallen oder Nitgfallen hin la ich dir noch lang Zeit; aber das sag
ich dir frei offen, unter uns Vatern is's bschlossene Sach, da s' dir nit
ausbleibt, und hast du s' erst, wirst dich schon drein schicken. Ghrt einm eine
einmal unweigerlich zu, dann verunehrt mer s' nit selber und gwinnt ihr, wohl
oder bel, gute Seiten ab.
    Das erlebst niemal, da ich dir die nimm!
    Bub! - Das will ich hitzt nit von dir ghrt haben, denn ich hab dich nit
darnach gfragt, denk auch nit dran, da ich's jemal tu! Du fahrst morgen nach
Schwenkdorf h'nber, dabei bleibt's!
    Da sich der Alte bei diesen Worten erhob, so fuhr auch Toni vom Sitze empor
und fate mit der Rechten nach seines Vaters Arm.
    Kein Wort weiter, grollte der Bauer. Sorg du, da ich ber dein Betragen
kein Klag hr. Damit is ausgredt!
    Er ging aus der Stube. Der Bursche sank in den Stuhl zurck und sa lange,
den Kopf auf beide Hnde gesttzt, pltzlich stand er auf und blickte wild nach
der Tre, die sich hinter dem Abgegangenen geschlossen hatte. Allz'herrisch is
nrrisch! murrte er. Bschlie du nur anderer Sach und verweiger einm d'
Einred, gut! Aber, so wahr ich da steh, ich komm dir zuvor und setz 's Meine ins
Werk und sto dir und deinm Ksbiermartel d' Kpf zsamm, da s' euch brummen.
Ich wei, wann ich dir mit Fertigem komm, dann heit mich wohl selber reden, und
wann d' dich dsmal ein fr allemal ausgschrien hast, so findt sich alls
Weitere. Ich kenn dich doch nit erst seit heut, mich aber sollst noch
kennenlernen!
    Und der Gedanke, wie er das Fertige auch fertigbrchte, hielt den Burschen
die halbe Nacht wach.

Der Wirt von Zwischenbhel hatte seine Betten abgeschlagen und samt Schrnken
und anderem Hausrat nach dem Bodenraum schaffen lassen. Seine Wohnstube war als
Schanklokal eingerichtet und das frhere, mit sauber gescheuerter Diele und
Tannenreisiggehngen an den Wnden, zum Tanzsaal geworden. Alle Tren im Hause
waren ausgehoben, so da man, ohne eine Trschnalle zu drcken, aus und ein
laufen konnte, ebenso die Fenster des Tanzlokals, obgleich durch selbe eine
prickelnde Luft hereinstrich; diese und die Leute werden ja nach ein paar Tnzen
warm werden.
    Diese Tnze im Fasching waren sonst immer friedlich verlaufen, es geschah
wohl, da zwei aneinandergerieten und nach einiger unzarter Behandlung der
Schwchere den Gescheiteren machte, der nachgab; in solchen Fllen nahm der Wirt
die Effekten des Nachgiebigen an sich, setzte ihm vor der Schwelle den Hut auf,
drckte ihm die Pfeife in die Hand und munterte ihn auf, sich nichts daraus zu
machen, bald wiederzukommen, denn heut wr 's nit wie alle Tag.
    Drohten mehrere in Streit zu geraten, so legte er sich dazwischen,
vershnte, wo es anging - ein gutes Werk, das sofort seine Zinsen trug, denn die
erneuerte Freundschaft wurde mit frisch gefllten Krgen bekrftigt -, ging dies
aber nicht an, so entschlug er sich bescheiden jedes Schiedsrichteramtes und
warf in edler Unparteilichkeit die Hauptschreier vor die Tre.
    Fasching ber war mit den Leuten besser auszukommen, da waren die
Zwischenbheler eben unter sich, kein fremdes Gesicht darunter; die Auswrtigen
hatten ja in ihrem Ort selbst Tanzunterhaltung. Mit der Kirchweih war's ein
anderes, da gab es fr den gleichen Tag oft auf Meilen in der Runde keine so
vielversprechende Lustbarkeit; was Wunder, wenn sich auch von meilenweit Gste
dazu einfanden? Die fhrten meist - unversehens oder wohl auch absichtlich -
Unfug und Streit herbei. Da die vorjhrige Kirchweih so glimpflich abgelaufen
war, dafr dankte die Zwischenbheler Wirtin dem lieben Gott und schrieb es
insonders den harten Zeiten zu, die den Leuten den bermut benhmen. Da von
diesem ersten bis zum letzten alle diesjhrigen Blle den vorangegangenen auf
ein Haar gleichen wrden, das war ihre berzeugung, und das sagte sie auch ihrem
Manne und fand es fr gar albern, wie er eins da mit seinen Ahnungen erschrecken
mge.
    Der Wirt lchelte und nickte in freudig eingestehender Beschmung dazu, zum
Reden hatte er keine Zeit. Der Tag hatte sich gut angelassen und schien ebenso
enden zu wollen. Stunde um Stunde war in lrmender Lustigkeit, ohne das
geringste Anzeichen einer beginnenden Entzweiung verstrichen. Eifernde hatten
sich durch ein Scherzwort begtigen, Aufbegehrerische auf die Sthle, die sie
schon hinter sich gestoen hatten, wieder zurckziehen lassen. Schon begann eine
friedliche Auslese der schwcheren, aber trotzdem und vielleicht eben darum
nicht ungefhrlichen Elemente der Gesellschaft; manch einer, der mhselig und
berladen war, taumelte durch den Flur nach dem Garten, sthnte zu den Sternen
auf und wies dem Monde ein gleich fahles Gesicht oder schlug nach wenigen
Schritten zu Boden, blieb auf der mtterlichen Erde liegen und deckte sich mit
dem ewigen Himmel zu.
    Wie htte es den Wirt von Zwischenbhel, der heute paar Arme zuwenig hatte,
gaudiert, wenn er den von Schwenkdorf htte sehen knnen, der viere zuviel
hatte: zwei, die ihm am Leibe angewachsen waren und die er, um kein Aufsehen zu
machen, in anscheinender Gleichmtigkeit in den Hosentaschen vergrub, und zwei
geistige, die er in heller Verzweiflung ber dem Haupte rang, so da ihm vorkam,
als ob ihn darber wirklich die Schulterbltter schmerzten. Es konnte aber auch
nicht mit rechten Dingen zugehen! Da sprangen Knechte und Mgde,
Kleinhuslerbuben und -dirnen auf dem Tanzboden herum, von den reichen
Bauersshnen aber lie sich auch nicht einer blicken, und die Tchter der
hbigsten Anwesner, Ksbiermartels Sali obenan, saen gekrnkt und gelangweilt
neben den scheltenden Angehrigen.
    Es hatte sich aber ganz ohne Hexerei so gefgt.
    Der Toni vom Sternsteinhof war beizeiten auf dem einspnnigen
Steirerwgelchen vom Hause weggefahren. Als er Zwischenbhel auer Sicht hatte,
begann er auf das Pferd loszupeitschen.
    Krampen, elendiger, greif aus! schrie er. Gelt, zun Tanz sollst mich
schleppen, kupplerische Schindmhrn? Drum stnd dir ein scharfs Traberl nit an,
weil d' meinst, 's htt kein so Eil und wir trfen noch allweil fruhzeitig gnug
hin! D Mucken la dir vergehn! Sorg nit, du sollst noch heut ein brigs vom
Tanz haben, da dir die Zungen hraushngt. Hi!
    Hier, wie oft anderswo, war es ein wahrer Segen fr die Reputation des
Menschen, da sich das Tier weder auf dessen Rede noch Handlungsweise verstand.
Die arme braune Stute ahnte also gar nicht, da ihr eine Leidenschaft frs
Tanzen zugemutet wurde; von dem Geschrei hinter ihr und den Peitschenhieben aber
fhlte sie sich bedeutet, da es sich ums Laufen handle, und das tat sie denn
rechtschaffen.
    In Schwenkdorf gab es mehrere reiche Bauern, deren Shnen hatte sich der
Toni als Kamerad angeschlossen, und wenn er unter ihnen sa, lieen sie ihn gern
als Ersten gelten, war er abwesend, so folgten sie der Leitung und den
Eingebungen des Tollsten und Geschwnkigsten, und dafr galt der Mller-Simerl:
auf dessen Mitwirkung zhlte der Toni. Nahe bei Schwenkdorf lenkte er von der
Strae ab und fuhr, hinter dem Orte, in leichtem Trott nach der Mhle.
    Er traf den Simerl daheim und machte ihm den Vorschlag, den heurigen
Fasching mit einem kapitalen Stckel einzuweihen, wobei sie zwei Fliegen mit
einer Klappe schlgen; nmlich, keiner von ihnen, was ein rechter Bub sei,
sollte auf den Schwenkdorfer Tanzboden gehen, sondern mit ihm fahren, ins
Zwischenbheler Wirtshaus einfallen und den Buben die Dirnen wegnehmen. Fix
hnein! Den rger hben und drben! Und wurd das ein Aufsehen machen! Z'
Schwenkdorf und z' Zwischenbhel und weiter in der ganzen Gegend gb's 'n Leuten
frs liebe lange Jahr z' reden!
    Der Gedanke war zu schn, um unausgefhrt zu bleiben. Simerl und Toni liefen
Gehft aus und Gehft ein, um Teilnehmer zu werben, und als die Musikanten im
Schwenkdorfer Wirtshause zu trompeten begannen, als wollten sie - wie der Simerl
meinte - das Dach vom Haus weg gegen 'n Himmel blasen, stand im Hofe der Mhle
eine Schar junger Bursche, untereinander mit verhaltenem Lachen flsternd, und
mancher fhlte sich ganz angenehm beklommen vor Aufregung ber die Heimlichkeit,
Schelmerei, Rauflust und Dirnverschreckung, die alle da so hbsch in einem mit
unterliefen.
    Der alte Mller, Simerls Vater, half selbst mit, das Steirerwgelchen in den
Schupfen zu schieben und Tonis braune Stute an den schweren Leiterwagen zu
spannen; seine Triefuglein glnzten vor Bosheit, und das Kinn seines zahnlosen
Kiefers wackelte vor Lachen. Unterhalts enk gut, s Sakra, kreischte er, als
der Wagen davonfuhr. Lustig, nur lustig heut, nickte er, dem Gefhrt
nachsehend, morgen bringt schon der ein und der andere a blutigs Kpferl heim.
Diese Voraussicht schien brigens den Alten nicht im mindesten zu beunruhigen,
denn er hpfte dabei lachend empor, als wollte er mit seinen drren Beinen einen
Rundsprung versuchen; als ihm dieser milungen war, schlo er das Tor und
schlich in das Haus.
    Von den Burschen, auf deren Beteiligung gerechnet worden war, fehlte auch
nicht einer; der lautern Unterhaltung halber nahm man auch noch ein paar
bekannte Sffer und Raufer mit, denen freie Zeche in Aussicht stand, und so
hatten sich fnfzehn junge Leute zu einer Dummheit und mehrerem Unfug
zusammengefunden. Htte der Toni fr etwas Vernnftiges und Rechtes Genossen
geworben, so htte er wohl keines Leiterwagens bedurft, um sie an Ort und Stelle
zu frdern.
    Eine gute Strecke lie er das Pferd im Schritt gehen, dann griff er zur
Peitsche, und polternd flog der Wagen dahin. Ohne Rast, ber Stock und Stein
ging es. Das war der Tanz, welchen Toni der braunen Stute verheien hatte.
    ber dem Musikgedrhne und Tanzgestrampfe htten die Zwischenbheler das
Heranrasseln des Wagens wohl berhren knnen, aber das grelle Gejauchze, mit
dem die Ankmmlinge ihr Ziel begrten, schlug durch allen andern Lrm durch,
der Reigen lste sich, die Leute drngten an die Fenster, die Musik verstummte,
der Wirt stand erschreckt, er kraute sich in den Haaren, und als er sich besann
und, um drauen nachzusehen, zur Tre strzte, ward er von den Hereinstrmenden
unsanft beiseite geschleudert.
    Gr Gott mitsamm, Vetter und Mahm! schrie Toni. Da sein wir auch, jetzt
kann's erst lustig werden. Aufgspielt, Musikanten! Er warf den Spielleuten eine
Banknote zu, und die geigten und bliesen sofort drauflos.
    Die Zwischenbheler vermochten ihrer berraschung nicht gleich Herr zu
werden, die Dirnen lieen sich unter verlegenem Lachen von den Schwenkdorfern
zum Tanz aufziehen, und die Bursche dachten nicht daran, es zu verhindern.
    Der Toni hatte Helene von der Seite Muckerls weggeholt. Komm, sagte er zu
ihr. Erlaubst's schon, murrte er gegen ihn.
    Um Gottes willen, Toni, flsterte die Dirne unter dem Tanze, erschreckt
ihn anstarrend, was soll's geben? Ich dacht, du kmst allein. Wozu hast du die
Wildling mitgebracht?
    Frag nit. Wirst's ja sehn, raunte er. Hast mir ja schon mehr als einmal
vorgworfen, ich getrauet mich nit, dich ihm streitig z' machen.
    Sie stand pltzlich stille und versuchte, ihn an der Hand zurckzuhalten.
Hast mit deinm Vadern gredt?
    Weiter! Er ri sie herum. Kein Wrtel noch.
    Aber, Toni -!
    Sorg nit! Wie's bisher gwesn, ertrag ich's nimmer lnger. Was ich tu,
verantwort ich. Verstehst? Ich!
    Was willst tun?
    Tanz! Schnatter nit! Erfahrst's schon!
    Die Klarinettetne verstiegen sich just wie Lerchentriller zu ganz
unglaublichen Hhen, da rumpelte der neidische Ba dazwischen und brach mit ein
paar drhnenden Schrumm, schrumm das Ganze pltzlich ab.
    Erhitzt traten die Paare auseinander.
    Die Schwenkdorfer drngten vom Tanzboden nach der Schankstube. Toni leitete
Helene an der Hand hinber und lie sie an seiner Seite niedersetzen. Noch
etliche Dirnen folgten ber eifriges Zureden den Schwenkdorfern nach, es waren
das solche, die sich von ihrem Liebsten vernachlssigt fhlten oder beleidigt
glaubten und ihm nun am Arme eines andern Burschen spttisch zublinzten: Das
hast davon, so gschieht dir, weil ich mit mir nit spaen la!
    Die Schwenkdorfer lieen sich nicht spotten, und der Wirt mute
herbeitragen, was gut und teuer.
    Mitten im Gelrme schrie Toni, auf Helene zeigend, seinen Kameraden zu:
Bubn! das wird mein Burin! Die Bursche schmunzelten und sahen sich dabei mit
zwinkernden Augen pfiffig an, die paar Zwischenbheler Dirnen am Tische lachten
laut auf.
    Lacht nit, erboste sich Toni. Er legte seine Linke mit ausgespreiteten
Fingern auf das rechte Bein Helenens. Die wird meine Buerin!
    Nun lachten die Bursche, die Dirnen sahen sich achselzuckend an.
    La's gut sein, sagte Toni zu dem Mdchen, das darber ganz verblfft
dareinsah, heut bers Jahr lachen s' nimmer.
    Whrend es in der Schankstube hoch herging, hatten sich im Tanzlokale die
Zwischenbheler grollend in eine Ecke zusammengedrngt.
    Das geht nit an! sagte ein stmmiger Bursche, der alle um eine volle
Kopflnge berragte. Kein zweits Mal drfen wir die Sackermenter nimmer zun
Tanz antreten lassen, sonst wr's gfehlt; nachher stunden wir bis in d' Fruh da
hrum wie denen ihnere Narren und 'n Menschern zum Spott! Fackeln wir nit lang!
D werdn mer doch noch meistern knnen? Gehn wir ber sie! D solln schneller
draut sein, wie s' hreinkommen sein!
    Fangen wir was an mit s! murmelten ein paar Eifrige.
    Nix leichter wie ds, fuhr der Stmmige fort, gehts jeder, dem sein Dirn
sich hitzt drben traktiern lat, und schaffts ihr 's Herberkommen.
    Die Betreffenden murrten: Die Dirnen knnten in drei Teuxels Namen bleiben,
wo sie wren, es lg keinem mehr etwas an der seinen.
    s Lllappen, schrie der Aufhetzer, freilich liegt an keiner nix, aber
das knnen wir uns Zwischenbheler Bubn doch nit nachsagen lassen, da da im
eigenen Ort nit wir die Herren wrn, sondern d von Schwenkdorf! Geh,
Kleebinder-Muckerl, du bist kein so Letfeigen, und dir kann an deiner Dirn schon
was liegn. Biet s' umhi! Wir stehen schon zu dir!
    Dieser Auftrag kam dem Muckerl sehr gelegen. Das in ihn gesetzte Vertrauen
und der zugesagte Beistand hoben seinen Mut. Er war gekrnkt und gereizt durch
die rcksichtslose Weise, mit der ihn Helene verlassen hatte und nun allein
stehenlie, unbekmmert darum, wie ihm dies gefallen oder nicht gefallen mochte.
Er wollte einmal ffentlich sein Recht auf die Dirne behaupten und diese
zwingen, es selbst anzuerkennen, denn die Hochnsigkeit, mit der sie ihn bisher
unter vier Augen behandelte, scheut sie sich wohl hier vor den Leuten zu zeigen.
Mag sie nachher paar Tage trutzen, aber auch wissen, da er nicht der Bursche
sei, der sich just alles gefallen liee; das macht ihm Ehr und lehrt sie
nachgeben.
    Er trat also in die Schankstube und sagte: Gleich geht der Tanz wieder
los.
    Ein Schwenkdorfer sagte ber die Achsel weg: Danken schn frs Ansagen.
Brauchts nit z' frchten, da wir wegbleiben.
    Um euch is kein Frag. Bleibts, wo's wollts. Helen!
    Sie sah nach ihm und tat ganz unbefangen.
    Komm her!
    Nit schlecht, lachte der Toni. Du haltst s' wohl fr ein Pummerl, der
laufen mt, wann du 'schn herein da' sagst!
    Mit dir red ich nit, Sternsteinhoferbub, sagte Muckerl. Helen, komm mit
mir hraus, sag ich!
    Ja, wenn du so ein gstrengen Herrn hast, hhnte Toni gegen das Mdchen,
dann heb dich nur lftig und eil!
    Helene sa zornrot, sie streckte die gefalteten Hnde in den Scho und zog
die Beine unter den Stuhl.
    Du siehst, sie will nit, fuhr Toni, zu Muckerl gewendet, fort, geh dir
also a andere suchen, uns is nit um dein Gsellschaft.
    Ich geh nit ohne ihr.
    Hblinger, schrie der Toni einem vierschrtigen Burschen zu, mir scheint,
der findt nimmer die Tr, weis ihm 'n Weg.
    Der breitschulterige, baumlange Bursche trat auf Muckerl zu und gab ihm
einen leichten Sto, der den kleinen Herrgottlmacher gleichwohl wanken machte.
Geh, sei gscheit, sagte er zu ihm, mach fort, bist ja unntig.
    Nein, knirschte Muckerl.
    Na, sei nit dumm, Bberl, sagte gutmtig der Hblinger. Wirst doch nit
wolln, da ich dir was mit afn Weg gib? Knntst z' schwer dran z' tragen haben.
    Da Muckerl in das laute Gelchter der Schwenkdorfer auch etliche
Zwischenbheler einstimmen hrte, so geriet er vor Wut auer sich und fhrte
nach der Brust seines Gegners einen Faustschlag. Der Hblinger sah ganz verdutzt
darein, als er sich fr seine gute Meinung so bel gelohnt fand, und holte eben
mit der Rechten sehr sachte, fast frsorglich aus, da strzte der Toni
dazwischen.
    Den lats mir, schrie er, das is mein Mann!
    Nach kurzem Ringen ward der Kleebinder Muckerl in eine Ecke geschleudert und
schlug dort so wuchtig mit dem Rcken gegen eine scharfe Tischkante, da er,
laut aufsthnend, zusammenbrach.
    Da kam durch die Tre ein irdenes Weinkrglein geflogen, das offenbar nach
dem Kopf des Toni gezielt, aber zu hoch angetragen war, es schmetterte gegen das
Kinn Hblingers; der stand starr, aber nur einen Augenblick, dann fuhr er, wie
toll, aus der Stube; das hatten die Zwischenbheler vorausgesehen, sie stoben
auseinander und einer, der sich auen knapp an die Mauer drckte, stellte dem
Verfolger ein Bein, so da der mit groem Gepolter hinfiel, und nun versuchten
sie, ihn an den Armen und beim Schopfe nach dem Tanzboden hinberzuziehen.
Hblinger, dem sofort die Vermutung aufdmmerte, da es ihm, wenn er herauen
bliebe, wohl weniger verschlge, als wenn ihn seine Gegner hineinbekmen,
begann aus Leibeskrften zu schreien: Helfts, helfts, helfts mer doch,
Leuteln!
    Auf das eilten die Schwenkdorfer herbei und faten ihn an den Fen und
zogen ihn daran zurck. Es begann ein erbittertes Hin- und Hergezerre. Bald war
der Hblinger mit Kopf und Armen im Tanzlokal, bald mit den Beinen, so lang sie
waren, in der Schankstube, immer aber mit dem Rumpf in dem Flur. Mit einmal
boten die Zwischenbheler ihrerseits alle Gewalt auf, und als sie vom anderen
Ende her auch den uersten Kraftaufwand versprten, lieen sie lachend los, die
Schwenkdorfer prallten zurck und schleiften, bis in die Mitte der Stube
taumelnd, den Geretteten nach sich, dessen Gesicht dabei die Diele fegte, bis
sie ihn schwer auf selbe niederplumpsen lieen.
    Der Riese blieb eine Weile auf beiden Ellbogen und Knien mit nachdenklich
gesenktem Haupte liegen und berlegte den Fall, der so ganz sein eigener war,
dann raffte er sich empor, bedeutete, da er fr diesmal genug habe und die
andern ihre Sache ohne ihn ausmachen knnten, wankte in eine Ecke und blieb
dort, den Kopf zwischen den Hnden, sitzen.
    Die andern wollten eben darangehen und, seinem freundlichen Rate folgend,
die Sache ohne ihn zum Austrag bringen, als der Wirt herbeigeeilt kam.
    Hansl! Hansl! zeterte er.
    Aber der Rabensohn meldete sich mit keinem Laut, er hatte sich vor das Haus
geschlichen und war den gengstigten Dirnen, die zu den Fenstern hinaus
flchteten, beim Heraussteigen behilflich.
    Ohne auf den Ungeratenen zu warten, strzte sich der Wirt mitten unter seine
aufgeregten Gste. Ausghalten! befahl er. Das sag ich enk, Bubn, grauft wird
da nit bei mir!
    Meng dich nit ein, schrie man ihm entgegen.
    Mit autoritativer Gebrde streckte der Wirt gegen einen der Schreier den Arm
aus, da ward er aber gleichzeitig von einem Dutzend angefat und flog aus der
Stube, da der Trstock schtterte und der Kalk von der Wand bltterte. Er kam
nicht wieder zum Vorschein, berlie es den Gsten, sich selbst zu bedienen, und
wnschte aus ergrimmter Seele Tiefen, da keiner dabei zu kurz kommen mge.
    Indes waren die Zwischenbheler und die Schwenkdorfer aneinandergeraten;
aber bald schmten sie sich, da sie wie die Bestien des Waldes sich mit Zhnen
und Klauen, Pranken und Hufen anfallen sollten, das Gefhl menschlicher Wrde
erwachte und rttelte auch die Erfindungsgabe auf; Schwache, die auf eine
Ausgleichung der Krfte bedacht waren, Starke, deren Arme an den
zurckweichenden Feigling nimmer zu reichen vermochten, begannen Stuhlbeine
auszudrehen und nach beweglichen Gegenstnden zu suchen, die, nach festen
Zielpunkten geschleudert, sich oft sehr ntzlich erwiesen. Nicht lange, so
arbeitete man nur mit knstlich verlngerten Armen und mit Wirkungen in die
Ferne.
    Dumpfes Gestrampfe und Geschiebe, einzelne Flche und Aufschreie begleiteten
den Vorgang, die Bursche vermieden alles berflssige Getobe und Gelrme und
fhrten den Kampf mit einer Art Verbissenheit. Die eine wie die andere Partei
sah zwei Flle fr mglich an, die Verwirklichung des einen galt es anzustreben,
die des andern zu verhindern, aber das hielt jede fr ausgemacht, zum Schlusse
muten die Zwischenbheler das Haus behaupten und die Schwenkdorfer drauen
liegen oder umgekehrt; doch daran dachte keine von beiden, da es noch ein
Drittes gebe, das unversehens eintreten knne, und dieses Ungeahnte ward
mittelbar durch zwei Bursche herbeigefhrt, die bewegliche Grnde hatten, sich
aus dem Schlachtgewhle zurckzuziehen.
    Der eine war der berlange Zwischenbheler, dem ein uerst unangenehmes
Schmerzgefhl die noch unangenehmere Vermutung erweckte, man habe ihm linksseits
alle Rippen eingeschlagen. Er lehnte bleich und schwitzend an der Mauer,
jammerte und flehnte wie ein Kind, was ihn aber nicht hinderte, sobald sich ihm
in dem allgemeinen Gebalge der Rcken eines Schwenkdorfers nahe schob, unter
Trnen auf denselben loszudreschen, da der Betroffene schreiend sich wegwand;
dabei unterbrach er fr keinen Augenblick seine Schmerzausbrche und heulte ohne
Aufhren in gellend hohen Tnen: s Raubergsindel miteinander! s Mrderbande!
Was wird mein Mutter dazu sagn? s Schindersknecht! ...
    Der kindliche Zug - die Bedachtnahme auf seine Mutter - wrde ihm alle Ehre
gemacht haben, wenn man nicht gewut htte, da er der armen Alten, die nah auf
einem Bauernhofe in harter Arbeit verkmmerte und verkrmmte, seit Jahren nicht
nachfragte; es wre vielleicht lohnend fr Physiologen und Psychophysiker,
nachzuforschen, inwieferne wohl solch ein pltzliches Wiedererwachen der
Kindesliebe mit einer leichteren oder schwereren krperlichen Verletzung im
Zusammenhange steht.
    Whrend der Lange heulte, wtete ein kurzer, stmmiger Schwenkdorfer, dem
man einen Krug allerdings sehr unpassend und unsanft auf das Nasenbein gesetzt
hatte, Stube aus und Stube ein, brllte die bindendsten Schwre, da er alles
zusammhauen werde, und wo er auf einen Gegenstand traf, der zu Splitter oder
Scherben gemacht werden konnte, da erfllte er auch als Christ seinen Eid.
    Die Wirkung blieb nicht aus, mag man sie nun durch Hinweise auf den
menschlichen Nachahmungstrieb, auf das Zusammenstimmen der Nervenstrnge vieler
mit denen eines einzelnen, welche den Grundton eines berreizes angeben und
festhalten, oder durch eine Kombination dieser beiden Annahmen zu ergrnden
versuchen, sicher ist, da das, was sich nun ereignete, seit alther beobachtet
wurde und zu den Sprichwrtern: Bses Beispiel verdirbt gute Sitten, Ein Narr
macht zehn und hnlichen Anla gab. Die Raufer, die sich bisher in Ausbrchen
des Schimpfes und Zornes, der Lust ber anderer Leid und des Leides ber anderer
Lust so zurckhaltend bezeigt hatten, wurden infolge des langgezogenen Geheuls
und des brllenden Gefluches, unter dem Holzwerk zerkrachte und Geschirr
zerbarst, immer aufgeregter und lauter, bis zuletzt das Haus drhnte von wstem,
weithin hallendem Lrm.
    Der war zwar nicht darnach, die Toten zu erwecken, aber jene, die drauen im
Wirtshausgarten in seliger Selbstvergessenheit lagen, rief er wieder ins
Bewutsein. Es waren ihrer fnf. Sie setzten sich auf, rieben sich die Augen und
lauschten; ein Lcheln verklrte ihre Gesichter, und sie versuchten es, wenn sie
auch etwas stier dazu sahen, einander verstndnisinnige Blicke zuzuwerfen;
pltzlich aber verfinsterten sich ihre Zge, es erfllte sie mit bitterem Groll,
sich von einer solchen Ergtzlichkeit ausgeschlossen zu finden.
    Mit einem Ruck rafften sie sich vom Boden auf, brachen Zaunpfhle aus,
schlugen mit einer Mistharke und einer Gartenhaue so lange gegen die Steine an
der Kellertre, bis ihnen die Stiele in Hnden blieben, und so bewehrt,
schritten sie in das Haus.
    Ihr Eintritt in die Stube wurde gar nicht beachtet. Sie sprachen kein Wort,
es schien ihnen das auch ganz berflssig, in der Sache sahen sie ganz klar,
wenn auch das sonst nicht der Fall war; hier wurde gerauft und ohne sie! Kein
Gefhl fr Landsmannschaft und Ortskindschaft bewegte ihr starres Herz. Sie
holten mit ihren Kntteln so hoch und krftig aus, da ein wettschtiger
Englnder keinen Penny fr die hrteste Schdeldecke riskiert haben wrde, zum
Glck aber versagten ihnen die Arme, und die Streiche fielen wuchtig auf Waden
und Schienbeine hernieder; noch ein und ein anderes Mal wiederholten sie diese
Bedrohung der Kpfe und Schdigung der Beine, dann war die Stube und das Haus
leer.
    Ein Blick auf die Angreifer hatte auch die Hartnckigsten belehrt, da sie
es mit Leuten zu tun htten, die nicht mit sich reden lieen, und wer bei dem
Versuch dazu den zweiten Streich abbekam, der hatte vollauf und nicht Lust, den
dritten abzuwarten, und so waren denn alle, fluchend, rgerlich lachend und so
eilig, als sich dies hpfend und hinkend tun lie, hinausgeflchtet.
    Die fnfe blickten sich unter ernstem Kopfnicken an, sttzten sich auf ihre
Tremmel und verschnauften. Als sie das Haus verlieen, war, so weit sie vor und
hinter sich sehen konnten, kein Mensch mehr um die Wege; sie schritten in einer
Reihe und schweigend dahin, nur wenn zufllig einer an einen anderen taumelte,
so wiegte der Angestoene im Handgelenke den Knttel und fragte leise, aber
eindringlich: Willst was, willst leicht was, du?, worauf ihn der Angeredete
treuherzig beruhigte: Nein, nix nt, gar nix nt.
    So gingen sie mit hallenden Tritten durch die stille Nacht, ernst und
wortlos, wie Racheengel, die eine strenge, aber unabweisbare Pflicht erfllt
hatten.

Schon bevor die allgemeine Schlgerei losbrach, hatte sich der Toni vom
Sternsteinhof mit Helenen entfernt. Er bentzte den Augenblick, wo der Wirt
vermitteln wollte, und schlpfte mit der Dirne auf den Flur hinaus. Beide gingen
dann durch den Garten und ber die Wiese und gewannen den Fusteig, der hinter
dem Orte, an den Planken und Umzunungen der Grten, hinlief.
    Whrend dieses Paar den Weg hoch ber der Strae verfolgte, bewegte sich
unten auf dieser ein anderes mhselig fort, das einen dritten buchstblich auf
den Hnden trug.
    Kaum hatte der Wirtshansl die Matzner Sepherl aus dem Fenster gehoben, so
bat und beschwor ihn diese, den Kleebinder Muckerl nach Hause schaffen zu
helfen. Der Bursche lie sich dazu bereden; fr die Person des Herrgottlmachers
empfand er einiges Mitleid, und fr seine eigene versprach er sich von dem
Geschleppe eine Hetz und an Ort und Stelle Dank und Preis als Helfer,
Befriedigung seiner Neugierde, wie sich die alte Kleebinderin dazu gehaben
werde, vielleicht auch nasse Augen, denn Trnen ber fremdes Migeschick stehen
einem wohl an und werden stets von einem beruhigenden, trstlichen Gefhle
begleitet.
    Sepherl und der Wirtshansl hoben den Muckerl von der Stelle, wo er
zusammengebrochen war, auf, sie gaben sich die Hnde, er mute sich darauf
setzen und seine Arme um die Nacken beider schlingen, und so trugen sie ihn
fort.
    Sepherl zrnte, schmhte und schalt whrend des ganzen langen Weges Helenens
halber, indes der Wirtssohn aus Widerspruchsgeist diese zu entschuldigen und zu
rechtfertigen versuchte, der Kleebinder Muckerl schttelte gleichermaen ber
Anklage und Verteidigung den Kopf.
    Toni und Helene kamen von rckwrts an die Zinshofersche Htte heran.
    Nix, gar nix verschlagt's, sag ich dir, sprach eifrig der Bursche, und
was ich dir sag, das wirst mir doch glaubn? Gelt du? Er hatte seinen Arm um die
Hfte der Dirne gelegt, jetzt zog er sie an sich, da sie stillestehen mute,
und suchte ihre Lippen mit den seinen. Bist mein, wirst mein und bleibst mein!
Verla dich! Nur bis zun Hals hnauf hab ich s' schon ghabt, die Heimlichtuerei,
mich selbn hat s' schon redscheu gmacht, und wann ich vorm Vadern damit hab
hrausrucken wolln, war mir, als knnt ich an 'm ersten Wort erwrgen; das hat's
jetzt Rat, aufs heutige fahrt er schon morgen ber mich los. Soll sich nur
ausreden. Was will er denn machen? Offen hab ich Farb bekennt, und 'n
Ksbiermartel hab ich ihm verfeindt, das halt! Ich kenn die zwei Alten, is einer
wie der andere dickkopfet; der Langnasete kann mir sein Dirn nimmer nachwerfen,
er mu beleidigt tun, und mein Vader is z' stolz, sie ihm abzfordern, so bleibt
s' vom Sternsteinhof weg und kommt ein vieltausendmal Liebere und Schnere
drauf! Gelt? - Er zog sie wieder an sich. - Nur kein Angst! Auf morgn hab ich
mich vorgsehn und stell mein Mann, wie ich 'n heut gstellt hab. Bist nit
schlecht drber erschrocken, was? Ja, httst mer 's Streitigmachen nit nahlegen
drfen, wo du httst wissen knnen, da ich dich 'm Teufel streitig mach, wann's
drauf ankm. Morgen la ich 'n Sternsteinhofbauer austoben, und dann, schn
frsichtig, da nix bricht, bieg ich mir mein Sach, wie mir taugt.
    Beide traten durch die rckwrtige Tre in die Htte. Helen machte sich von
dem Burschen los und lief auf die Mutter zu. Denk dir, rief sie aufgeregt,
was der Toni heut angstellt hat!
    Aber sie hatte kaum Zeit, in fliegender Hast das Vorgefallene zu berichten,
da wurden auen Tritte hrbar, und es pochte an der vordern Tre; Toni und
Helene eilten zur rckwrtigen hinaus, und die alte Zinshofer ffnete.
    Die Kleebinderin strzte herein. Ist sie da? schrie sie.
    Die Zinshofer trat einen Schritt vor, um den Ausblick nach der halb
offenstehenden Tre im Rcken zu decken, dann sagte sie: Nein, wie d' siehst.
    Oh, das schlechte, heillose Mensch! zeterte die Kleebinderin. Nit umsonst
hat mir's schon von allem Anfang an geahnt, da kein Glck und kein Segen dabei
sein kann, mit der zu gehen! Nun liegt er dahin wie ein Hund und verlangt noch
nach ihr, der Narr! Jetzt soll er's nur auch gleich zu hren kriegen, da sie
nit einmal da is, und wie recht ich hab! Aber du, Zinshoferin, du komm und schau
dir an, wohin's mit einem kommt, der's mit so 'ner Schanddirn ehrlich meint, wie
die deine eine is!
    Sie zerrte die Zinshofer an der Hand nach sich aus der Htte.
    Helene hatte sich zitternd an Toni geschmiegt, jetzt lste sie die Arme von
seinem Halse und sagte: Jetzt geh.
    Nit, wann jetzt gleich afm Fleck die Welt unterging, stammelte er, sie an
sich pressend. Heut spieln wir alles gegen alles, halt auch du 'n Einsatz.
    Sie erschauerte, wollte reden, ihn zurckdrngen, aber sie ffnete nur den
Mund, um mit lchelnden Lippen tief aufzuseufzen, und ihre Arme sanken kraftlos
herab.

                                       X


Am Morgen darauf war im Dorfe von nichts anderem die Rede als von dem berfall
der Schwenkdorfer unter der Fhrung des Toni vom Sternsteinhof, und die Dirnen,
die mit letzterem an einem Tische gesessen, erzhlten auch, da er die Zinshofer
Helen fr sein knftige Buerin erklrt habe, was viel Spa gemacht htte, da
die hochnsige Gredl es fr Ernst zu nehmen schien.
    Die Schrze voll dieser Neuigkeiten, kam die Matzner Sepherl zur alten
Kathel, die sich ber das Gehrte bekreuzigte und segnete. Knechte und Mgde auf
dem Sternsteinhofe, die gestern dabeigewesen, zeigten sich zwar sehr rckhltig
bei der Umfrage, welche die Alte unter ihnen hielt, als sie aber aus deren
eigenem Munde hrten, was sie sich auszuschwatzen scheuten, da nickten alle
besttigend und lachten: Was fragst denn, wann d' eh alles weit?!
    Der Bauer stand nachdenklich inmitten des Hofes, als sich die getreue
Schaffnerin an ihn heranschlich. Er sann gerade darber nach, wo wohl der Toni
Ro und Wagen gelassen haben mochte, die nirgends zu sehen waren. Es sind das
doch keine Gegenstnd, die einer wie Pfeife und Tabaksbeutel unter einer
Wirtshausbank mag liegenlassen und vergessen.
    Die Kathel hatte ihre Meldung kaum beendet, als der alte Mller von
Schwenkdorf auf den Hof gefahren kam. Er fhrte hinter seinem eigenen Wagen das
vermite Gefhrt und Gespann mit. Gr Gott, Sternsteinhofbauer, sagte er.
    Gr Gott, murrte der und zog ein finsteres Gesicht. Von allen Menschen,
die ihm zuwider waren, war ihm der Alte der zuwiderste.
    Der Mller blinzte ihn boshaft an, schnalzte paarmal mit der Peitsche, dann
begann er: Bring dir da dein Wagerl und dein Rsserl zruck, was uns gestert der
Toni gliehen hat, zun einmal hrber- und wieder umhifahren. Ein Mordsbursch,
dein Toni! Wnschet ich mir einen zweiten, wnschet ich mir den. An dem kannst
noch dein Freud erlebn, Sternsteinhofbauer. Hihi. Kommt da angfahrn, packt 'n
ganzen Rudel, d rarsten Bubn, zsamm - heidi -, lassn mer d' Schwenkdorfer
Urseln sitzen und fahrn mer raufen nach Zwischenbhel! Ladt s' afn Leiterwagen
und teufelt mit s davon, 'm Brunl sein d' Augen ausm Kopf und d' Zungen ausm
Hals ghngt. Na, dann war aber auch bei uns drenten a Verdrielichkeit und ein
Erbosen! Der Ksbiermartel hat sein Sali beizeiten aufpackt und is heim, und in
seiner Stubn war er mehr mitm Kopf an die Tram wie mitn Fen af der Erd, so
gsprungen is er, wie ein greizter Aff im Kfig. Na und da herenten bei enk mu
auch nit schlecht grauft worden sein. Mein Bub liegt mit drei Lcher im Kopf, in
jeds knnt mer an Faust stecken. Gschieht ihm recht, dem Sakra. Mer mu nit nur
schaun, wo mer selber hinhaut, sondern auch, wo ein anderer herhaun knnt. So
habn wir's ghalten unserer Zeit. Was? Han? Nit?
    Der Sternsteinhofbauer runzelte die Stirne.
    Ah, ja richtig! Nix fr ungut! fuhr der Alte fort. Fallt mer grad bei, du
warst ja ein schwacher Raufer; wie oft hab ich dich selber wo in einm Winkerl
ghabt und abtllnt, da's a Freud war. Viel Schur hab ich dir antan, bei d
Dirndeln auch. Jesses, wie lang ds schon her is! Wenn mer bedenkt, wie die Zeit
vergeht! Na, 's hat mich gfreut, da ich dich bei derer Glegenheit wieder einmal
gsehn hab, weil d' mer ja sonst vllig berall ausweichst. Also bht Gott! Aber
eins noch, da ich nit vergi. Er schlaft wohl noch, dein Bub? Knntst ihm's
ausrichten, wann d' so gut sein mchtst. Mein Bub lat dein Bubn schn gren,
und wann der Toni wieder einmal Kameraden sucht, d d' Schlg af ihnere Buckeln
nehmen, whrend er sich mit einer saubern Dirn wegschleicht, so soll er nur ja
nit afn Simerl vergessen; lat der ihm sagen! A Feine mu d aber wohl sein!
Drei Lcher im Kopf von meinm Bubn sein mir lieber, als der setzet sich so was
drein! Ja, so zwei, d d' nit zsammgibst und nit auseinandkriegst, knnen dir
viel Unglegenheit machen. Hihi!
    Er ri sein Wgelchen herum und jagte davon.
    Der Sternsteinhofbauer mute zur Seite springen, wollte er nicht die Rder
ber den Zehen haben. Er schickte einen schweren Fluch dem alten Lump nach,
dann wandte er sich an die alte Kathel und hie sie das Mittagessen auftragen.
    Er selbst begab sich hinauf nach der Schlafkammer seines Sohnes. Er pochte
an die Tre. Schon wach? fragte er barsch.
    Ja, tnte es von innen.
    So komm, essen.
    Ich mag nix.
    Du knntst einm wohl auch 'n Appetit verderben, murrte der Alte, dann
sagte er laut: Paar Lffel Suppen werdn deinm wsten Magen ganz zutraglich
sein. Komm nur!
    Als die beiden einander bei Tische gegenbersaen, tat der Junge, ber den
Teller weg, einen raschen Blick nach dem Alten, der mit zusammengezogenen Brauen
vor sich hinstarrte.
    Sicher, der wute genug. Mag er -! Vielleicht alles, was die wuten, die
dabei waren, und auch nichts, wovon keiner! - Noch einmal blickte der Bursche
auf, wie ein Schalk, dann senkte er den Kopf und legte den Lffel weg.
    Schon abgspeist? begann der Alte.
    Ja.
    Ich hr, du hast dich gestert nit lang in Schwenkdorf verhalten?
    Gar nit. Wir habn d' Langweil gfrcht, ich und d' andern.
    Dann seids hrber?
    Dann sein wir hrber.
    Habts euch gut unterhalten?
    So ziemlich.
    Sollst ja auch grauft habn?
    Ja, 'n Herrgottlmacher hab ich wohl hinglegt, da er afs Aufstehn vergessen
hat.
    Rar ds! Wann der klagbar wird, kann mer noch 'n Bader zahln. Wegn was is's
denn hergangen?
    Er wollt sein Dirn nit an unsern Tisch sitzen lassen.
    Und da mutst du dich drum annehmen? Versteht sich. Bist wohl in die Seine
verschameriert?
    Kann's nit laugnen.
    Is d gar so sauber?
    Kein so Saubere hast du noch gar nit gsehn, nit mal d' Mutter.
    Ds is wenig gsagt, dein Mutter war nit sauber, aber zugbracht hat s' brav.
Wie heit denn dieselbe?
    Zinshofer Helen.
    Zinshofer? Das is ja die Alte, die unter den Hungerleidern da unten am
allermeisten nix hat?
    Habn tun s' nix, das is wohl wahr.
    Trotzdem hr ich, da d' httst verlauten lassen, du nahmst die Dirn zur
Burin?
    So hab ich gsagt.
    Ein schlechter Gspa, ds.
    Kein Gspa! 's is mir vllig ernst.
    Du bist a Narr!
    Kann sein, man sagt ja, Verliebte wrn nrrische Leut. Ich hab mir nur
denkt, weil mer doch eh 's mehrste haben von alle da in der Gegend, so mcht
just nit so dumm sein, wann afn reichsten Hof auch d' schnste Burin z' sitzen
km!
    La mich aus mit der Schnheit! 's erst Kindbett nimmt d oft mit fort;
dann hast 'n Schleppsack afn Hals, aber 'n leeren. Kein Kind bist nimmer. D
Gschichten, was wir als klein anghrt habn, wo Betteldirn'n von Kaisern und
Knigen heimgfhrt wordn sein, d habn sich im Fabelland zutragn; da aber der
Sternsteinhof weit auerthalbn von selbm liegt, das brauch ich dir wohl nit erst
z' sagn! Er erhob sich und strich mit der flachen Hand ber das Tischtuch. Nun
is gnug! Schlag dir die Dummheit ausm Kopf.
    Das geht nit an, sagte der Bursche. Ich mu dir noch was eingstehn. Er
spreitete die Beine auf dem Sitze auseinander, beugte sich vor und sah starr
nach dem Salzfasse, whrend er langsam sprach: Wann ich auch die Dirn
sitzenlassen mcht, was mir nit einfallt, so braucht sie's nit z' leiden. Sie
hat's schriftlich.
    
    Was schriftlich?
    Mein Ehversprechen.
    Dein Ehversprechen? lachte hhnisch der Alte. Ja, bist denn du in Jahrn,
wo d' ohne mein Einwilligung eins geben kannst? Wrst drein, ich jaget dich
jetzt af der Stell vom Hof! So aber hat a Schriftlichs von dir noch gar kein
Gltigkeit. Hat dir die Dirn drauf Glauben gschenkt, dumm gnug von ihr, dann
kannst du dir in d' Faust lachen, und sie mu sich gfalln lassen, wann s' noch
hinterher d' Leut verspotten.
    Ich geb denen kein Anla dazu. Schriftlich oder mndlich, ich halt mein
Wort.
    Du Himmelherrgottssakkermentslotter du! brllte der Sternsteinhofbauer,
mit der Faust in den Tisch schlagend. Traust du dich, mir ins Gsicht z'
trutzen, mir ins Gsicht? Wo du dasitz'st und Wrtl fr Wrtl zugebn mut, da
mir nit um eins zviel bericht wordn is ber dein gestrig Stckel?!
    Der Bursche fuhr vom Stuhl empor und schrie dazwischen: Ds is 's erste
nit, aber wann d' dich dreinschickst, so knnt's wohl 's letzte sein!
    Da 's letzte sein wird, dafr la nur mich sorgen, aber 's Dreinschicken,
das is dein Sach. Bisher hab ich dir allein Unbsonnenheiten und dumme Streich
nachzsehen ghabt, gestert aber hast dich offen gegn mein Willn - gegn deins
leiblichen Vaders Willen - aufglehnt! Ich denk, du hast noch z' wollen, wie ich
will, und drum frag ich dich kurz und mein dir's gut: heiratst du seinzeit, d
ich dir bestimm, und gibst von heut alln Verkehr mit der Dirn da unten auf?
    Dadrauf sag ich dir ebnso kurz, da ich kein andere heirat und 'n Verkehr
mit derer Dirn nit la! Verhalt mich dazu, wann d' kannst! Sperr mich ein, so
brech ich dir aus. Tu, was d' willst, so find ich mein Weg zu ihr und dort mein
Bleiben.
    Der Sternsteinhofbauer fuhr mit beiden Fusten nach der Brust und schttelte
sich an der Jacke. Nachdem er eine Weile nach Atem gerungen, sagte er langsam
und leise, doch drhnte jedes Wort halblaut nach: Merk dir's gut, was d' mer
gsagt hast: du nahmst kein andere und vom Verkehr mit derer Betteldirn vermcht
ich dich nit abzbringen!
    Toni nickte trotzig mit dem Kopfe.
    Du hast mir damit, fuhr der Alte fort, 'n kindlichen Gehorsam aufkndt.
Versteh mich wohl! Es darf dich daher gar nit wundern, wann ich mein Hand von
dir abzieh. Dadrauf mach dich nur gfat.
    Er ging aus der Stube.
    Der Bursche blickte ihm verblfft nach. Wie war das diesmal doch ganz anders
gegen sonst alle Male, wo der Alte, wenn er ausgescholten hatte, begtigt
davonging? Freilich, die Sache war gewichtiger wie noch keine, und gleich, so
auf das erste Wort hin, mochte der wohl nicht nachgeben! Doch was er gesprochen,
war sicher auch nicht sein letztes! Bald, vielleicht morgen schon, kommt er
wieder angerckt und dann so oft, bis er es mde werden wird. Da heit's eben,
sich mehrmal mit ihm herumbeien, und heute, frs erstemal, war es ja ganz gut
abgelaufen. Ein blinder Schu mag Spatzen und Diebe scheuchen und ein leeres
Drohen Kinder und Narren!
    Toni eilte hinab nach Zwischenbhel. Er hielt den Kopf hoch, als er rasch an
den Htten vorberschritt, und wenn er merkte, da er beobachtet wurde, so sah
er mit herausfordernden Blicken hinter sich.
    Als er in der Zinshoferschen Htte die Dirne, die auf seinem Schoe sa, in
den Armen hielt, da verga er ganz, warum er eigentlich gekommen, und erst auf
die Nachfrage Helenens erzhlte er, was vorgefallen war; da die beiden
Frauenzimmer doch etwas ngstlich dareinsahen, so beruhigte er sie, es stnde ja
alles ganz gut, wrde nur immer besser werden, anders knne er es selber nicht
sagen.
    Whrend er unten im Dorfe sa, fand sich der Ksbiermartel oben auf dem
Sternsteinhofe ein.
    Ich komm, mich ber dein Bubn beklagen, war sein erstes Wort, als er den
Bauer erblickte.
    Ich wei eh alles, murrte der.
    Wann d' eh alles weit, fuhr der Ksbiermartel fort, so weit auch, da
's hitzt mit unserer Verschwiegerung nix mehr sein kann.
    Warum nit? brauste der Sternsteinhofbauer auf. Ist dir mein Bub etwa mit
einmal z' schlecht oder dein Dirn zu rar?!
    Der Ksbiermartel sah ihn gro an, dann sprach er langsam, die verkniffenen
Lippen mehr als sonst bewegend, als sprche er Brocken, die er vorher noch ein
wenig gltten wolle: Wann d' mer so kommst, dann, frei hraus, ja!
    Ksbiermartel!
    Sternsteinhofer! Was willst? Is mer gleich dein Bub z' schlecht, so bleibst
doch du mir recht. Davon is der Beweis, da ich heut schon da bin. D'
Verschwiegerung aufsagn htt Zeit ghabt; das geht mir nit gar so nah, wie ich
auch siech, da's dir nit nahgeht. Aber wann d' dein Sohn von d' Soldaten
freikriegen willst, so wr jetzt d' hchst Zeit, da ich geh a gut Wort einlegn
und du ... Er machte eine allgemein verstndliche Bewegung mit Daumen und
Zeigefinger.
    Spar du dir d' guten Wort, ich spar 's andere.
    Was meinst?
    Da ich mich fr dein Freundlichkeit bedank, aber kein Gebrauch davon
mach.
    Aber dann nehmen s' dir 'n heilig.
    Solln s' 'n.
    So redst hitzt, hintnach aber reut's dich.
    Gott bewahr, niemal, sag ich dir, Ksbiermartel! Er soll nur 'm Kalbsfell
folgen oder neuzeit der Blechblasen. Ds is ihm gsund, ds is 's einzige Mittel,
um ihm d' Unbotmigkeit ausztreiben, mit der er mir zugstiegen km; 's is nit
erhrt, denk dir, einm Bettelmensch wegn!
    Na siehst, das kimmt von ewigm Zuwarten. Httst ihn gleich zsammgebn mit
der Sali, wr ihm d' andere gar nit in Sinn kmma.
    Verla dich drauf, d exerzieren s' und manvrieren s' ihm schon wieder
hraus. Das geht hitzt in einm! Eigentlich wr ja fr dein Dirn dabei gar nix
verlorn.
    Drei Jahr.
    Drei Jahr! Was sein drei Jahr? Drei Jahrn frag ich nit nach, so alt ich
bin! Und wann bis dahin dein Sali noch nit unter der Hauben wr ...
    Deinm Bubn wegn werd ich s' nit in d' Selchkuchel hngen!
    Ds brauchst nit, sie erhalt sich wohl auch so frisch. Ich sag ja nur, wann
der Fall wr, dann -!
    Na ja, dann, wann! Da is noch allweil Zeit z' reden, bis d' Zeit sein
wird.
    Hast recht. Hitzt davon reden, hat wirklich kein Schick und kein Absehn und
mcht uns nur allzwein d' Gall riegeln.
    Wohl, is eh a so.
    Sie schttelten sich die Hnde und schieden.

                                       XI


Zwei fanden sich in ihren Voraussetzungen getuscht; der Kleebinder Muckerl,
welcher erwartete, da Helene schon am nchsten Tage an sein Krankenlager eilen,
ihn beklagen und sich entschuldigen wrde, und der Toni vom Sternsteinhof, der
einer Fortsetzung des Streites am Mittagstisch noch fr den Abend des gleichen
Tages entgegensah. Das Mdchen blieb fern und der Alte stumm.
    In der Htte des Herrgottlmachers sprach die Matzner Sepherl ein, sooft sie
Zeit hatte abzukommen, und teilte sich mit der alten Kleebinderin in der Pflege
des Kranken. Auf dem Sternsteinhofe ging alles seinen gewohnten Gang.
    Darber verflossen Tage und wurden zu Wochen, in der vierten durfte Muckerl
das Bett verlassen. Er hatte alle Bezeigungen von Freundlichkeit und Sorge
seitens der Sepherl gleichmtig hingenommen und litt es auch jetzt, da diese
seiner Mutter behilflich war, ihn wie ein Kind, das erst das Gehen gewhnen
msse, nach dem Werktische zu leiten.
    Tief aufatmend sa er dort, Sepherl zog einen Stuhl herzu und setzte sich an
seine Seite. Die alte Kleebinderin stand mit gefalteten Hnden, sah ihren Buben
lange nachdenklich an und nickte mit dem Kopfe wie jemand, der sich in etwas
schickt, das nun einmal vorber sei und weit bler htte ablaufen knnen. Dann
ging sie aus der Stube und lie die beiden allein.
    Sepherl fate Muckerls Hand. Wie froh bin ich, sagte sie, da wir dich
wieder so weit haben.
    Er starrte vor sich hin, zog sachte seine Hand zurck und begann unter
seinen Schnitzmessern und Werkgerten zu kramen.
    Schau - schwtzte die Dirne weiter -, nun htt ich an dich eine groe
Bitt. Nmlich, ich hab ein Gelbnis getan fr den Fall, da alles gut ablaufen
tt; aber dasselbe zu halten wr ich allein nit imstand und hab schon zum
vorhinein drauf gerechnet, da du das Deine dazu tun wrdst, und das is
eigentlich 's allermeiste, wie ich dir frei sagen mu. Gelt, ich bin dreist?
    Er blickte auf. Gar nit, sagte er, ich bin dir viel Dank schuldig.
    Deswegen doch nit; Danks halber verlang ich mir nix! Hr mich an. Ich hab
der allerheiligsten Jungfrau ein Bildnis versprochen fr unser Kirchen; denk
dir, wie ich kindisch bin, schnitzen mt's freilich du, ledig 's Aufstellen wr
mein Sach. In Gedanken hab ich's ghabt, weit, als die Allerreinste, af der
Weltkugel stehend, die Schlang untern Fen; 's Jesukind tt wegbleibn, da
dir's weniger Arbeit macht und billiger kommt. Verstehst? Sie sah auf ihre
Schrze nieder, die sie glattstrich, und flsterte: Was d' dafr kriegst, das
zahlet ich dir schon kleinweis, so nach und nach, wann d' mer d' Freundschaft
erweist.
    Bist gscheit? fragte der Bursche. Von dir werd ich noch ein Geld nehmen!
Ganz umsonst mach ich dir's, wie ja auch du umsonst meiner Mutter beigstanden
bist in der schweren Zeit.
    Das geht nit, Muckerl, das darf ich nit annehmen! Ah, wenn ich mir's
schenken lie, da km ich freilich leicht davon! Fremde gute Werk und anderer
Eigentum knnt jeder Narr 'm Himmel geloben, da wr weiter kein Verdienst dabei!
Nein, nein, gschenkt nehm ich's nit, das wr grad soviel, als ob ich Unserer
Lieben Frau nit Wort hielt, wenn ich alls einm andern zuschieb und gar nix dazu
tun tt.
    Is a Unsinn, brummte der Bursche rgerlich, dann blinzte er die Dirne von
der Seite an und sagte ernst: No, weit was, zahl mir halt d' Farb, die ich fr
'n Anstrich brauch.
    Wird ds wohl viel ausmachen? fragte die Dirne rasch.
    Muckerl hielt die Hand vor den Mund und hustete, dann antwortete er kurz:
Fr eins, was so wenig hat wie du, allweil noch gnug.
    Ich dank dir aber schon recht vielmal, Muckerl. Sepherl blickte ihn dabei
zrtlich an. Ich kann sagen, da hast mir wohl ein schweren Stein vom Herzen
gnommen! Und weit, aufstellen wollen wir dann das Bild nach der Zeit, wo du von
der Stellung heimkommst, denn ich denk, dich werden s' doch nit zun Soldaten
nehmen.
    Der Bursche schttelte den Kopf und sah wehmtig lchelnd an seinem
abgezehrten Krper hinab. Dann begann er mit der Dirne ganz ernsthaft zu
akkordieren - gleich als htte er es mit einer hbigen Buerin zu tun -, wie
hoch, welcher Weis sie wohl das Bildnis haben wolle, und schmunzelte nur
verstohlen ber ihre redseligen Erklrungen. Zuletzt hie er sie aus dem Vorrate
einen ziemlich schweren Block auf den Arbeitstisch schaffen. Die Figur sollte
ber ein drittel Lebensgre haben. Von dem Tage an beschftigte er sich mit
dieser Arbeit.

An einem Abende der sechsten Woche war es, da in der letzten Htte des Ortes
zwei Gesichter sich anstarrten, aus denen jeder Tropfe Blutes gewichen war.
    Nach langem, peinlichem Schweigen lste sich der Krampf des einen, und wie
unter Fieberfrostschtteln fielen die Worte:
    Du darfst mich nit in der Schand lassen.
    Das lste auch die andere Zunge, sie mochte am trockenen Gaumen geklebt
haben, so heiser klang es: Ich wei mir da kein Rat, als ihr mts hnauf aufn
Hof, 'm Alten unter die Augen.
    Nun folgte erst ein verstrtes, zielloses Hin- und Widerreden und zuletzt
eine in angstvoller Hast sich berstrzende Einigung.
    Eine bange Nacht ging dem kommenden Morgen vorauf. Der Reif lag noch auf den
jungen Grsern und Blttern, als sich zwei Frauenzimmer durch das Dorf
schlichen, sachte, als scheuten sie den Hall ihrer eigenen Tritte, ber die
Brcke huschten und den Weg nach dem Sternsteinhofe einschlugen.
    Das Gesinde machte groe Augen, als es so in aller Frhmorgens die Zinshofer
mit ihrer Dirn heransteigen sah. Die Junge schritt aufrecht an Knechten und
Mgden vorber und gab ihnen nicht Gru noch Wort; die Alte folgte duchsig nach,
sie nickte jedem und jeder zu und grte mit einschmeichelnder Freundlichkeit.
    Man achselzuckte und lachte hinter den beiden her. Was der Aufzug wohl zu
bedeuten hatte?
    Der Sternsteinhofbauer sa mit Toni beim Frhstck. Er blickte verwundert
auf, als es an der Tre pochte. Toni schrak zusammen, er legte seine Pfeife auf
den Tisch, erhob sich und ffnete die Tre.
    Vader, sagte er bedeutsam.
    Die beiden Hereintretenden stammelten ihren Gru und blieben an der Schwelle
stehen. Hier senkte das Mdchen tief den Kopf, whrend es die Alte fr passend
hielt, eine so steife Haltung anzunehmen, als sich mit dem Respekte vor dem
groen Bauern und ihren mden Knochen vertrug. Sie fand es da ganz am Platze,
die beleidigte Mutter hervorzukehren, beileibe aber nicht die in ihrem Kinde,
sondern die durch dasselbe beleidigte; sie fixierte mit finstern Blicken den
Aufsteckkamm und die zusammengerollten Zpfe ihrer Tochter; eine strenge Mutter,
die gewillt ist, ihre Verzeihung von der Nachsicht und Verzeihung anderer
abhngig zu machen.
    Der Bauer schmauchte seine Pfeife ruhig fort, tat einen flchtigen Blick
nach den beiden Frauenzimmern, sah dann eine gute Weile seinem Sohne boshaft in
das Gesicht, ehe er barsch fragte: Was soll denn ds?
    Das is sie, Vader, begann der Bursche mit stockendem Atem. Ich wollt -
da du sie sehn solltst - weil du sie ja gar noch nit kennst -
    War ein ganz unntig Herbemhen, murrte der Bauer. D Katz kauf ich auch
nit auerm Sack.
    Hab doch a Erbarmnis mit den armen, verschreckten Weibsleuten, bat Toni.
Hr eher an, was sie zu sagen haben; du weit gar nit, wie du dich versndigst,
wann d' jetzt noch alles im vorhinein verredst.
    Der Alte zog die Brauen in die Hhe. Oho! Willst du mich vor einer
Versndigung frchten machen? Von einer mein kann da kein Red sein, und fr a
fremde hab doch ich nit aufzkommen! brigens mgn d' Weibsleut sagn, was s' z'
sagen haben, aber du meng dich mit kein Wrtl drein, das beding ich mir aus,
sonst sein wir gleich fertig!
    Gut, Vader, ich werd mich mit kein Wrtl einmengen, beteuerte Toni. Bei
allem, was d' angibst und tust, will ich an mich halten! Aber das la dir auch
gsagt sein und merk dir's gut, wie du dich heut nimmst und gibst, das entscheidt
zwischen uns zwei fr alle knftige Zeit -
    Schau, Bub, drohn mut nit, fiel ihm der Bauer mit anscheinender
Gutmtigkeit in die Rede. 's Drohen fhrt zu nix; drum hab ich mir's auch gegn
dich ganz abgwhnt. La du d Weibsleut ihner Sach vorbringen, wer wei,
vielleicht komm ich mit ihnen besser auseinander, wie d' denkst. Er wandte sich
nach der Tre. Na, so redts. Als die so geradezu Aufgeforderten lange keine
Worte zu finden vermochten, trat er ganz nahe an die Dirne heran. Dich htt ich
wohl fr kecker ghalten, wo du doch da afm Sternsteinhof Burin werdn willst!
    Dein Sohn hat mir's so versprochen, sprach leise die Dirne und unter der
Rede ruspernd, und du wirst ihm wohl daraus kein Vorwurf machen,
Sternsteinhofbauer, da er auf Ehr halt!
    Gar nit, 's Versprechen is recht ehrbar, aber was 's Halten angeht, da hab
ich ebn auch ein Wrtl dreinzreden -
    Das is vor Gott und 'n Menschen dein Recht.
    Daran htt er eben denken solln, bevor er verspricht.
    Ich htt mich nit hergetraut, wann ich mir nit gwi wr, da ich dir,
einmal da herobn, kein Schand machen wrd; weil ich mir aber des gewi bin, da
ich dir in keinm Weg eine machen tt, so bin ich gekommen, dich mit aufgehobenen
Hnden zu bitten, la du ihn sein Wort halten!
    Der Bauer kniff die Augen zusammen.
    Dreister werdend, fuhr die Dirne fort: Alls Vertrauen hab ich zu dir.
Schau, was ich schriftlich von ihm hab -
    's hat kein Gltigkeit, schaltete der Alte ein.
    Du sagst's, und dir mu ich glauben. Aber in deine Hnd leg ich's zrck,
sie drckte ihm das zerknitterte Papier in die Rechte, welche sie dabei mit
beiden Hnden anfate und nicht mehr loslie. Sein mndlich Wort auch, mein
ganz's Glck und Leben, mein Ehr und Hoffen leg ich in deine Hand, von dir
allein erwart ich's wieder! Sie sah ihn mit groen, flehenden Augen an, die
sich langsam mit Trnen fllten, so da jetzt Tropfe auf Tropfe ber ihre Wange
rollte.
    Der Bauer trat einen Schritt zurck und sagte, die Achsel lpfend, zur
Alten: Zinshoferin, du wirst einsehn, all das sein Kindereien, das kann nit
sein und geht nit an! Mich dauert 's junge Blut, aber das ganze jammerige Getu
wr uns allzsamm erspart blieben, httst du, wie sichs ghrt, dein Dirn
bewacht.
    Die Alte blickte mit verdrehten Augen nach der Stubendecke auf, die sollte
Zeuge sein, wie hart und ungerecht sie da angeklagt wurde.
    Der Bauer hatte das Heiratsversprechen Tonis entfaltet.
    Helenen zuckten die Finger, es wieder an sich zu nehmen.
    Der Alte sagte, ber die Achsel hinweg, rauh zu Toni: Da sieht man, was
dabei hrauskommt, wenn Bubn, kaum aus der Schul, sich in solche Sachen
einlassen. La dir dein Lehrgeld zruckgebn. Schreibst da 'seinzeit' und solltst
doch wissen, da's nach der Schrift 'seiner Zeit' heien mu. Er zerri das
Blatt in kleine Stcke, die auf die Diele niederstoben.
    Da warf sich Helene vor ihm auf die Knie. Sternsteinhofbauer, kreischte
sie, so wahr du af a glckselige Sterbstund hoffst, beug nit aus, red nit hrum,
erbarm dich meiner Not! Ich hab ganz afm Toni sein Wort vertraut - sei du nit
dawider, da er mir gibt, was er mir gnommen, mein Ehr! Sie rang, laut
aufschluchzend, die Hnde.
    Lump, elendiger! schrie der Alte. So weit is's schon mit dir, da d'r
kein Gwissen draus machst, eine ins Elend z' bringen?! - Steh auf, Dirn! Steh
auf, sag ich!
    Nit eher, Sternsteinhofbauer, um die Welt, nit eher, und mt ich ein
Ewigkeit daliegn, bis du verzeihst und mich mit ihm zsammgibst!
    No, no, nur fein gscheit! Weil du unvernnftig warst, kannst nit verlangen,
da's andere auch sein solln! 's Gschehene lat sich - leider Gotts - nimmer
ungschehn machen, aber was mir in dem Fall z' tun obliegt, das werd ich auch
tun, vielleicht ber Erwarten, denn Kargerei und Schmutzerei lat sich der
Sternsteinhofbauer nit nachsagen. Er kehrte sich ab und ging nach einem
Schrank, an welchem er eine Lade herauszog.
    Helene sah ihm mit glhenden, nun trockenen Augen nach, und hinter den
geffneten Lippen schlugen ihr die Zhne zusammen.
    Der Alte fuhr fort. Wie sich's weiter schicken wird, das is dermal nur Gott
allein bewut, aber wann's not tut, so will ich auch fr knftighin meine Hand
nit von dir abziehn. Frs erste, nimm das! Er drckte dem Mdchen einen Pack
Banknoten in die Hand.
    Mit einem Ruck stand Helene aufrecht und warf ihm das Geld vor die Fe.
Geld? Geld bietst du mir? schrie sie. Geld fr meine Ehr?! Fr die reicht mer
just dein Sternsteinhof - weniger nit! - Sie prete beide Hnde gegen die
Brust, und die Sprache versagte ihr.
    Der Bauer zog den Mund breit und starrte ihr mit pfiffigem Blinzeln in die
zornsprhenden Augen. Und aufn Hof war's alleinig abgsehn, wie ich hitzt wohl
merk, hhnte er. Bist a berschlaue, du! Wr der Bub nit der Toni vom
Sternsteinhof gwest, er htt dir nie in d' Nh kommen drfen; find's auch
begreiflich, wt nit, wie sich eine sonst in ihn verschauen knnt. Aber fein
hast's eingfdelt, das mu mer sagen! Nit umsonst hast dir Wort und Schrift
geben lassen, und auch dein Leichtsinn war nit unberlegt; denn hitzt schaut's
vllig darnach aus, als wr von deiner Seit der Handel ehrlich und die War echt,
whrend mer dir vorenthalten tt, was mer nur versprochen hat, um dich
dranzkriegen! Du siehst, ich kenn mich aus. Es is ebn leichter, ein jungen
Gimpel fangen, als einm alten Fuchs Eisen stellen. Sei lieber fein vernnftig -
er wies nach den auf dem Boden liegenden Bankzetteln - und la nit liegen, was
allein fr dich da z' holen is, um das, was d' nie kriegst.
    Immer verzerrter war das Gesicht der Dirne geworden, immer krampfhafter
arbeiteten ihre Zge, jetzt ballte sie die Faust gegen den Alten und taumelte
zur Tre hinaus. Sie hatte keinen Blick fr Toni, der trotzig beistimmend ihrem
Abgange zunickte, keinen fr die Mutter, die nicht ermdete, stumm die Hnde
gegen den Bauern auszustrecken und dann beteuernd an die Brust zu legen, nur ein
Gefhl beherrschte ihr Sinne und Seele, das des erbittertsten Hasses, verschrft
durch die qulende Empfindung ihrer Ohnmacht, und whrend sie Stufe um Stufe,
Fu vor Fu die Treppe hinunterwankte, tat sie das Stogebet: Gott mge sie den
Tag erleben lassen, an dem sie dem protzigen Bauern all das Heutige heimzahlen
knne!
    Was willst du noch? herrschte der Alte die Zinshofer an, die noch immer an
der Tre stand.
    Sie blickte verlegen und begehrlich nach den auf der Diele liegenden
Scheinen.
    Ah, dir tut 's Geld leid? lachte er. No, so nimm's! Aber sorg dafr, da
die Dirn Dummheiten und Aufhebensmachen sein lat! Je weniger davon unter d'
Leut kommt, desto gscheiter is's fr sie selber. Er schob ihr die Banknoten mit
dem Fue zu.
    Das Weib lchelte dankbar, raffte das Geld auf und schlich mit einem
Vergelt's Gott davon.
    Vader, sagte Toni, ganz nahe an den Bauer herantretend, ich hab mein Wort
ghalten, ich hab mich nit eingmengt, aber jetzt reden wir zwei miteinander.
    Der Alte ma ihn mit einem geringschtzigen Blicke. Na, so red zu.
    Solang ich noch minderjhrig bin, darf ich ohne dein Einwilligung nit
heiraten -
    Das steht.
    Darum werd ich halt d' Grojhrigkeit abwarten. Bis dahin aber zieh ich
mich mit der Dirn zusamm.
    Wohin denn?
    Das wei ich selber noch nit. Kommt drauf an, wo ich ein Platz find. Von
morgen an verding ich mich als Knecht.
    's wird dich niemand nehmen.
    Oho! Dadrauf hoff du nur nit. Ich kann arbeiten.
    Dummer Bub, wie d' daherredst! Was ist da meinseits z' hoffen oder z'
frchten? Dich wird kein Bauer nehmen, weil d' Stellung vor der Tr is.
    D' Stellung?
    No ja. Mer nimmt doch kein Knecht, der einm etwa in vierzehn Tagn mitm
Struel afm Hut von der Arbeit davongeht.
    Du lie'st mich zun Soldaten?
    Gwi.
    Du willst mich nur schrecken. Ich hr ja schon lang von einm Abreden mitm
Ksbiermartel -
    Da war noch a andere Abred dabei, und is hitzt die eine mit der andern
hinfllig wordn.
    Vader, dadrein schick ich mich niemal, so unter wildfremde Leut in ein
andern Weltteil! Da mach's krzer, schlag mich lieber gleich tot.
    Ds werd ich mir berlegn; kein Schad wr wohl nit um dich, aber ich mt
dich fr ein Guten zahln.
    Tu ich mir halt selber was an!
    Larifari, d's tun, sagn's nit, und d's sagn, tun's nit!
    No und wann ich auf und davon renn?!
    So bringen s' dich halt ein, und du kannst in Handschelln, 'n Schandarm
hinter deiner, durch ein paar Ortschaften spaziern.
    Und just nit gib ich mich! Allzsamm verderb ich euch 's Spiel! Was denn
nachher, wann ich mir zufllig ein Finger von der Hand hack?!
    Ds tu! Dann nehmen s' dich erst recht, stecken dich af a Festung wohin zu
einer Strafkumpanie, und da kannst dir karren und schaufeln gnug. Jo, mein
Brschel!
    Vader, mchtst gscheiderweis mit dir reden lassen. Was ich da vorbracht
hab, war ja lauter Unsinn. Wann d' etwa meinst, ich sollt mer doch noch mal alls
reiflich berlegn, so knnt ja sein, da ich mich ganz anders bsinn, nit?
    Nein, nein, mh dich nit! Frei hraus, dir trau ich nimmer. Freilich, um
loszkommen, wr dir kein Versprechen z' heilig; aber du erspar dir ds und ich
mir d' Reu hintnach. Unter den Griff, unter dem ich dich hitzt hab, krieget ich
dich dann kein zweits Mal wieder, und du wrst ganz der Kerl darnach, der mich
leicht nachher noch einzschchtern versuchet, durchs Drohen, da d' mer zwegn
der Befreiung bei Gricht Anstnd machest! Ah, nein. Ehrlich whrt am lngsten.
Ich tu mein Pflicht, tu du d' deine, dien deine drei Jahrln, 's wird dich nit
umbringen.
    Und knnt ds etwa nit sein?! Bedenk ds, eh d' so gegn dein eigen Fleisch
und Blut handelst!
    Sorg nit, es is bedacht. Ich handel da nach bestem Wissen und Gwissen. War
dir der Vader z' gring, da d' ihm ghorchst und folgst, nun, so kriegst hitzt
ein andern Herrn; der Kaiser, der is mehr, vielleicht macht der dich zu einm
ordntlichen Menschen. Ich will's wnschen. Er schlug dem Burschen auf die
Achsel. Halt dich auch brav dazu!
    Dann fiel die Tre hinter dem Alten ins Schlo, und Toni blickte verstrt um
sich. - Darum also hatte der Bauer den Streit nach jener Faschingsnacht nimmer
Rede gehabt, weil er es nicht der Mhe wert gehalten, weil alles schon zuvor bei
ihm aus- und abgemacht war? Und wie er damal auf seinem letzten Wort bestanden,
so wird er's wohl auch diesmal! Da ndert keins mehr was, und je mehr sich eins
dabei vergb, je weniger richtet's!
    Der Bursche schlug sich mit der Faust vor die Stirne; dann lste er mhlig
die Finger und fuhr sich damit durch die Haare. Lange stand er so, trbe vor
sich hinstarrend und hastig durch die geschwellten Nstern atmend. Pltzlich
fuhr er auf, lief zur Stube hinaus, die Treppe hinab, ber den Hof und des Weges
nach dem Dorfe entlang.
    Wohin? Zur Helen? Ei, Herrgott, um der ihren Jammer anzuhren und sein Teil
noch hinzuzutragen? Damit ist doch weder ihm noch ihr geholfen, und wahrlich, 's
Elend hat er fr heute schon bergnug. Morgen ist auch ein Tag. Bis dahin mag
jedes zusehen, wie es mit dem Seinen allein zurechtkommt. Lieber ins Wirthaus!
    Er kam spt in der Nacht heim. Beim Ausziehen schleuderte er einen Stiefel
nach dem andern an die Tre, da es durch das stille Haus drhnte, dann ffnete
er leise und lauschte; ihm war, als hrte er in der Kammer am Ende des Ganges
den Alten fluchen, da reckte er den Arm in die Finsternis vor ihm, schttelte
die Faust und schrie: Schinder! Hierauf klinkte er zu und fiel auf das Bett.
    Am nchsten Morgen entfernte er sich frh. Wieder machte er auf der Brcke
halt und berlegte, ob er der Dirne einen Morgengru zum Fenster hineinrufen
solle. Hm, verweinte Augen sehen so unlustig, und welch Geplrr - mute er
frchten -, da sich erst dann anhbe, wenn so ein Wort das andere gb und er
mit allem herausgerckt km?! Nein, es steht bel gnug um sie, was soll sie sich
auch noch darber krnken, wie arg es um ihn stnde? Wenigstens hat's Zeit
damit; auf das, was mit derselben sich htt glcklich schicken knnen, wollt sie
nit warten, aber ein neu Pack Unheil aufs alte oben hnauf wird sie wohl erwarten
knnen! So denkt er; auch, da sich der Tag mit den Schwenkdorfer Kameraden
angenehmer totschlagen liee. Er ging zum Dorfe hinaus.
    Drei Nchte blieb er fort, in der vierten kam er auf der Zwischenbheler
Strae dahergetaumelt, er stolperte an der Brcke vorber und besann sich erst,
als er schon ein gutes Stck von derselben entfernt war. Er begann albern zu
lachen und schalt seine Beine liederliche Gasselgeher, dann ging er die Strecke
zurck. Am unteren Ende des Ortes hatte er nichts zu suchen. Die Dirn, die
leidige Dirn mit ihrer Ungeduldsamkeit ist eigentlich doch an all seinem
Unglcke schuld! An ihr wr's gewesen, gescheiter zu sein, das ist den
Weibsleuten ihr Sach, wenn den Mann der Verstand verlt; dazu werden sie ja
auferzogen und bewacht! Von heut auf morgen wollte sie das Zusammenkommen
erzwingen, und nun ist ein Auseinandermssen daraus geworden auf grimmge Zeit
und Weil und alle Weit und Fern! Nun haben sie's alle beide! Recht bedacht, ist
es nur billig, wo ihm das Fortgehen das Herz abdrcken will, da ihr das
Dableiben Leidwesen macht! Nur recht und billig, weil sie so hat sein knnen,
und das mt er ihr ins Gesicht sagen, wenn sie gleich jetzt vor ihm stnd, aber
das tt so unfein und streitig klingen, und darum will er ihr lieber gar nit
unter die Augen, bis ihm wieder anders ums Gemt ist und er ihr gute Wort geben
kann - die ist er ihr wohl schuldig -, aber frher nit, bis ihm anders ums Gemt
ist, bis dahin wird sie warten mssen.
    Tonis Gemtszustand schien sich aber nicht zu bessern, denn Helene erwartete
den Burschen Tag fr Tag vergebens. Erst an dem Abende, wo die Zwischenbheler
Buben von der Stellung heimkehrten, sah sie ihn zum ersten Male wieder; er
stand, ferne von ihr, mitten in der lrmenden Schar, den Hut mit dem Struchen
weit aus der Stirne gerckt, und schrie als einer der Lautesten. Ein Bursche
mochte ihn auf die Anwesenheit der Dirne aufmerksam gemacht und zu necken
begonnen haben, denn pltzlich klatschte er sich auf das rechte Bein und drehte
sich auf dem linken herum und kehrte ihr den Rcken zu.
    Frh am Morgen darauf holten die Schwenkdorfer Buben den Toni vom
Sternsteinhof ein, um gemeinsam nach der Stadt zu ziehen, wo sie einkaserniert
werden sollten.
    Wenn anders eine ganz unvernnftige Anstrengung der Stimmbnder durch
Schreien, Jauchzen und Singen auf eine frohe Seelenstimmung schlieen lt, so
waren die jungen Leute, welche da den Ort verlieen, die zufriedensten,
glcklichsten Menschen. Den Mller Simerl von Schwenkdorf ri vermutlich nur die
Frhlichkeit seiner Kameraden mit, der Anla, den diese zur selben hatten,
fehlte ihm, seinen Hut zierte kein Struchen, denn der Arme hatte sich vier
Wochen vor der Stellung auf einer Hochzeit beim Freudenschieen den Daumen der
rechten Hand zerschmettert. So kommt mancher oft ums Schnste, klagte er
seinen scheidenden Freunden.
    Als der Zug eine Strecke weit auer Ort war, erhob sich unter einem Busche
am Wege eine Dirne und erwartete das Herankommen der Rekruten.
    Toni erkannte Helene.
    Du, sein Nachbar stie ihn mit dem Ellbogen an, mir scheint, da kriegst
was mit afn Weg, ich glaub aber nit, da's a Bul sein wird.
    Toni zog den Mund breit und blinzte pfiffig dazu. Ah, was! sagte er.
Gehts nur voran, ich hol euch bald ein.
    Er blieb ein paar Schritte zurck.
    Die Voranschreitenden streckten unter Scherzreden die Arme gegen die Dirne,
sie am Kinn oder um die Hfte zu fassen, aber sie lief, an ihnen vorber, auf
Toni zu.
    Als dieser sie herankommen sah, da fiel ihm doch ihre Schnheit ins Auge und
ihr Verlust aufs Herz. Nur die verweinten Augen, das vergrmte Gesicht, das
Gejammer und Geklage hatte er gefrchtet und gemieden; wie sie aber jetzt sich
ihm nherte, zwar mit bsem Geschau und zornroten Wangen, doch so stramm und
entschlossen, da zuckte es ihm in den Hnden, diese ihr entgegenzustrecken, sie
an den ihren festzuhalten, zu fragen, ob sie ihm treu bleiben wolle, dieweil er
ferne sei, ihr zu sagen, da nichts vermge, ihn von ihr abwendig zu machen, und
da alles noch gut werden wrde!
    Denkend, wie das die Dirne berraschen msse, die ihm jetzt ganz erregt und
wild nahe trat, ffnete er lchelnd die Lippen.
    Da stand sie hart an ihm. Schuft! schrie sie und spuckte ihm ins Gesicht.
    Aufsthnend holte er mit der Faust aus, aber das Mdchen wich flink zurck
und lief eilig gegen das Dorf.
    Er hrte das laute Gelchter seiner Kameraden, die in einiger Entfernung
stehengeblieben waren, da fuhr er sich mit dem rmel der Jacke ber das Gesicht
und begann vor Zorn zu weinen, da es ihn schtterte; aber bald ermannte er sich
und eilte auf die Wartenden zu. Vorwrts! schrie er. Das wr berstanden!
Lachts nit! Was will mer denn machen gegn ein Weibsbild? Das mu mer sich
gfallen lassen, und jeder von euch leidet gern, da so a Saubere ihm darum bs
wrd, weil s' ihm vorher z' gut gwesen war!
    Recht hast, Toni, neiden tun s' dir s', weiter nix! rief der Mller Simerl
und stimmte an:

Ei meingerl - sagt 's Dirndel - bin ich dir hitzt z' schlecht?
Hoih, hoih, hodero!
Und frher, du Rauber, da war ich dir recht!
Hoih, hoih, hodero!
Der Bub, der sagt drauf: 's liegt mer hitzt nix mehr dran,
Hoih, hoih, hodero!
Weil ich dich, mein Schatzerl, schon auswendig kann!
Hoih, hoih, hodero!

Der Snger begann nun, sich ber die Freuden der Liebe in jener naiven
Anschaulichkeit auszulassen, welche man heutzutage nur noch dem unverdorbenen
Volke oder einem alttestamentarischen Knige nachsieht. Unter diesem zarten,
sinnigen Liede, dessen Jodler die Bursche begeistert unisono grlten und
fistelierten, ging es des Weges weiter.
    Helene war in fliegender Hast durch das ganze Dorf gerannt, bei ihrer Htte
angelangt, warf sie sich auf die Schwelle nieder und lag, unter krampfigem,
stoendem Geschluchze, laut heulend.
    Die Tre hinter ihr ffnete sich, und die alte Zinshofer flsterte: Dummes
Ding, komm hrein, komm hrein, mach kein Aufsehen.
    Helene schttelte heftig den Kopf und wehrte mit den Armen ab. Lange lag
sie, gerttelt, das Herz wie unter einem furchtbaren Drucke angstvoll hmmernd,
ihrer selbst nicht Herr; dann setzte sie sich auf und starrte vor sich hin, ber
den Bach, wo hinter den Weiden die grne Matte anstieg. Sie hielt den Blick,
unter gesenkten Lidern, nach dem Fue des Hgels gerichtet, keine Wimper zuckte
empor, um verstohlen nach dem Kamme zu sehen, ob dort noch das Gehft stnde.
    Sie kehrte sich seufzend ab. Flchtig streifte ihr Auge die Nachbarhtte,
dann beschattete es die Hand, mit der sie sich ber die Stirne strich. Nachdem
sie eine geraume Weile nachsinnend gesessen, hob sie den Kopf und blickte
unbefangen wie ein Kind, das eine Zchtigung vom vorigen Tage berschlafen. Sie
zog das rechte Bein an sich, lockerte den Schuh und nahm ihn ab. Mit dem Absatze
scharrte sie kleine Kiesel aus der Erde und schnellte sie mit der Spitze der
Sohle gegen das Vorgrtchen der Nachbarhtte. Sie trieb dieses Spiel mit groem
Eifer und sah jedem Steinchen nach, wie nah es fiel oder wie weit es traf, bis
es ihr zuletzt gelang, paarmal hintereinander Steine in des Nachbars Garten zu
werfen, die sie raschelnd durch die Bsche gleiten hrte; da pate sie sich den
Schuh wieder an, erhob sich und trat in die Htte.

                                      XII


Muckerl war ohne Struchen auf dem Hute von der Stellung zurckgekehrt. Obwohl
man das allgemein erwartete, so hatten doch die Kleebinderin und die Matzner
Sepherl mit nicht geringem Bangen seiner Heimkunft entgegengesehen. Die Angst
der alten Frau war brigens ganz berflssig, sie htten ihr den Buben nicht
genommen, und wre der auch ein Riese gewesen, ja, er htte sich nicht einmal zu
stellen brauchen, wenn sie rechtzeitig gehrigen Ortes dagegen eingeschritten
wre, denn als der einzige Sohn einer Witwe, welcher deren Unterhalt bestreitet,
war er militrfrei; aber es nahm sich eben keiner die Mhe, sie darber zu
belehren. Wo es Pflichten zu erfllen gilt, da wei die Ortsobrigkeit auf Meilen
in der Runde die Armen und rmsten zu finden, ihre Rechte - es sind deren nicht
allzu viele - lehrt sie niemand suchen.
    Nach dem lrmenden Abzuge der Rekruten war es ziemlich stille geworden im
Dorfe. Die Bauern, deren Shne fortgezogen waren, fluchten leise, denn der
Entgang zweier krftiger Arme machte sich bald auf den kleinen Wirtschaften
allerorten fhlbar; nun muten sich die Alten entweder in vermehrter
Arbeitsplage selbst hinunterschinden oder in den Beutel langen und einen Knecht
dingen; es bedurfte just keiner besonderen Arbeitsscheu oder Sparsamkeit, um sie
auf jene neidisch zu machen, die keine tauglichen Buben, aber dafr
augenscheinlich mehr Patriotismus besaen, indem sie oft nachdrcklichst ihren
Shnen erklrten: Kerl, mir tut nur leid, da dich der Kaiser nit gnommen hat,
und wann er dich heut noch wollt, gleich knnt er dich habn!
    Ganz anders und, wie sich das bei ihnen von selbst versteht, edler dachten
die Weibsleute von der Sache. Mtter und Schwestern bangten und sorgten nur, was
aus dem Steffel, Seppel oder Martel wrde, wenn ein Krieg auskm, und gar die
Dirnen, deren Schatz fortgezogen war, die machten sich ber dieses uerste
hinaus noch herzinnerste Sorgen, was das lustige Soldatenleben an ihrem liebn
Bubn verderben knnte?! Warum sie sich besagtes Leben gar so lustig dachten,
darber konnten sie sich selbst oder wollten sie anderen nicht Rechenschaft
geben; aber so eine war wirklich gar bel daran!
    Fr einen Menschen, der mit der Eigenart seines Geschlechtes einigermaen
vertraut ist, hatte es gar nichts Aufflliges, da die Mnner, trotz ihrer rohen
Anschauungen, wenig dem Glcke der alten Kleebinderin nachfragten, whrend
diese, gerade der edleren, weiblichen Denkweise zufolge, mit einmal mehr
Neiderinnen zhlte, als sie je zuvor in ihrem ganzen Leben besessen.
    Gewhnliche Naturen ziehen es indes vor, sich beneiden und nicht bedauern zu
lassen, und Muckerls Mutter war eine sehr gewhnliche. Wenn die Sonne ber dem
Hgel, auf dem der Sternsteinhof stand, heraufkam und das breit einstrmende
Licht in der kleinen Htte alles glnzen und gleien machte, was dazu angetan
war, die Werkzeugklingen auf dem Arbeitstische des Burschen, die Bleche und
Glasuren der Kchengeschirre, die Bilderrahmen und die Messingbeschlge der
Schrnke, da dnkte der alten Frau, das liebe Tagesgestirn leuchte wieder so
wrmend und erfreuend, wie es das zu ihren besten Zeiten getan, wo sie als
sorgenloses Kind, als aufgeweckte Dirn, als junges Weib und Mutter unter seinen
Strahlen sich frhlich tummelte und - brunte.
    Am Sonntage, nachmittags, nach dem Segen, gingen die alte Kleebinderin und
Muckerl, die alte Matzner und Sepherl zusammen durch das Dorf. Die beiden Alten
trippelten nebeneinander her, und die zwei jungen Leute schritten ihnen vorauf.
Die drei Frauenzimmer trugen erstaunlich groe Gebetbcher in den Hnden, es
mochte viel Trost und Erbauung in einem solchen Platz haben.
    Wenn der Bursche an die Dirne ein Wort verlor oder diese eines an ihn,
wackelten die zwei alten Weiber mit den Kpfen und sahen sich bedeutungsvoll an.
    Du, Sepherl, sagte Muckerl, die Muttergottesin, die d' bei mir bestellt
hast, is fertig, der Anstrich is schon trocken, wann du willst, kannst s' morgen
schon in d' Kirchen tragen. Ich hoff, du wirst zufrieden sein. Er schmunzelte
dazu.
    Das mein ich schon auch, sagte sie ernst.
    Daheim stellte er die Statuette auf seinen Arbeitstisch und fragte die
Dirne, wie sie ihr gefalle.
    Sepherl stand lange davor mit wundernden Augen, dann sagte sie leise:
Weit, die Schlange, das mu ich schon sagen, is dir gar gut graten, vllig
frchten knnt mer sich vor dem Vieh.
    Muckerl lachte laut auf. Und von der Heiligen sagst nix?
    Die is z' schn, flsterte die Dirne.
    Gar z' schn! lachte er noch lauter.
    Schau, Muckerl, fuhr die Sepherl fort, du mut mer's nit bel aufnehmen,
ich red nur, wie ich's versteh, und ich versteh leicht gar wenig davon, aber
schon lang wollt ich dir's sagen, deine Heiligen kommen mir doch alle vor wie
reicher Leut Heilige.
    Reicher Leut Heilige - was benamst d' als selbe?
    Mein Gott, so Bildeln halt, was reicher Leut Augen schmeicheln, als ob
gleich ihnen d' lieben Heiligen ein Ansehn htten, so fllig und ausgestalt, wie
wenn ein gring Sorgen und Mhen dazu gehret, da eins sich 's Himmelreich
erstreit! Zviel weltlich machst d' Heiligen, und Mnner und Weiber machen sich
unterm Anschaun leicht andere Gedanken, wie sie sollten.
    Na, wie solln s' denn deinm Dafrhalten nach nachher ausschaun? fragte
gereizt der Bursche.
    Ds wei ich nit, ds kann ich nit sagen, aber so nit, Muckerl, wie die
dein. So schaut keins aus nach berstandener Qual und Marter und harter Bu und
schwerem Lebn, ehnder wie unsereins, hrunterkommen und zerrackert.
    Geh, dalkete Gredl, an meinsgleichen, was sich selber nit z' helfen wei,
werd ich mich doch nit um Hilf wenden, das tu ich doch nur mit rechtem Vertraun
ans ausbndig Schne und ans alles berwindsame, dem kein Not und Elend ankann.
    Du hast all dein Lebtag nit verstanden, was beten heit, wann d' dich einer
Frbitt wegen ans ausbndig Schne halten willst und an was kein Not ankann und
was auch dein Ungstalt nit begreift und dein Jammer nit versteht.
    Deinm Reden nach mt mer wohl 'n Teufel schn machen und d' Heiligen
verunziern? Nit? Wann d' dadraufhin noch nit einsiehst, wie d' dalket
daherplauscht und kein Begriff von der Sach hast, tust mer leid!
    Kann ja sein, da d' recht hast, und ich hab ja gleich gsagt, da ich
mglich davon gar nix versteh; aber d Muttergottesin da is mein Bestelltes, und
das werd ich wohl bereden drfen, da die mir nit gfallt, und, frei hraus, d
nimm ich nit, da d' es weit.
    Aber warum denn nit?
    Weil s' af a Haar dem heillosen Nachbarsmensch, der Zinshofer Helen,
gleicht.
    Gleicht, aber nit is! schrie Muckerl, im ganzen Gesichte erglhend. Weht
der Wind ber das Eck? Soll s' vielleicht nach dir gschnitzt sein, du
Hanfputz?!
    Die Dirne starrte den Burschen mit ihren wundernden Augen ngstlich an, ihr
weinerlicher Mund begann zu zucken, sie legte beide Hnde vor die Brust und
sagte nach einer Weile mit klagend dehnender Stimme: Das wollt ich nit haben,
Muckerl, da d' dich ber mich erzrnst. So hoffrtig bin ich gar nit, da ich
nur dran denk, du knntst ein Bild nach mir schnitzen; aber du wrst kein
Christ, Muckerl, wann d' nit einshest, wie ein groe Snd das wr, wann mer ein
solchs in der Kirch zur Andacht aufstellet, das einer gleichschaun mcht, die
noch dazu in selbem Ort 'n Leuten unter 'n Augen herumlauft, und wr s' auch d'
Bravste; doch mit der hie's d' Heilig Jungfrau gradzu verschnden.
    Himmelherrgottsakkerment, fluchte Muckerl, so soll s' gleich auch schon
der Teufel holn! Er schwang das Schnitzmesser.
    Jesses und Josef, Muckerl, der Herr verzeih dir d Snd! kreischte Sepherl
und fiel ihm in die Rechte.
    Na, la nur, sagte er, wieder gutmtig lchelnd. Ich will ihr nur bissel
d' Nasn zustutzen. Wirst sehen - du weit gar nit, was d' Nasn in einm Gsicht
bedeut -, wie gschwind sie anders ausschaun und niemand mehr gleichen wird.
    Er begann zu schnitzen, whrend die Dirne mit eingehaltenem Atem ber dem
Werktische lehnte und ngstlich zusah, immer bereit, ihm das Messer zu
entreien, wenn ihr etwa scheinen sollte, da es zu tief griffe.
    Muckerl legte schmunzelnd das Werkzeug weg. Er hatte den zarten Bug der Nase
und den feinen Schwung der Nstern ins Rundliche verschnitzelt, und die Madonna
trug nun, obgleich es ihr gar nicht zu Gesichte stand, Sepherls Nase. Davon
ahnte die Dirne freilich nichts, sie sah nur, da die verhate und lsternde
hnlichkeit gnzlich verschwunden war, und klatschte vor Freude in die Hnde wie
ein berglckliches Kind; ihr Jubel lockte die beiden alten Frauen herbei, man
bestaunte und belobte das Bildwerk nach Gebhr, whrend Muckerl die durch das
Schnitzmesser blogelegten Stellen wieder mit Farbe bestrich. Als Sepherl mit
ihrer Mutter sich zur Heimkehr anschickte, gab er ihr das Liebfrauenbild mit und
schrie ihr, noch von der Schwelle aus, nach, sie mcht sich wohl im Tragen vor
der Himmelmutter ihrer nassen Nasen in acht nehmen.
    So schieden sie unter frhlichem und freudigem Lachen. Die Frauen whnten
die Erfllung ihrer geheimen Wnsche und Hoffnungen so nahe bevorstehend, da
sie schon in wachen Trumen, hingeworfenen Andeutungen und halben Reden ein
Glck vorzukosten begannen, von welchem der, dem sie alle sich dafr
verpflichtet fhlten - nicht etwa Gott -, der Kleebinder Muckerl, gar nicht
berhrt wurde.
    Am andern Morgen, lange bevor noch die Glocken zur Frhmesse riefen,
erwachte Sepherl. Ein feiner Duft von frischer lfarbe erfllte die Stube. Das
Mdchen besann sich, warf die Kleider ber, schritt auf den groen Wschschrein
zu, auf welchem die Statuette stand, sttzte die Ellbogen auf und faltete die
Hnde.
    Allergebenedeiteste Jungfrau! Weil ich dich noch da bei mir hab, erlaub,
da ich mit dir red; denn wenn ich dich spter zur Kirch bring, hat der Mesner
ein Menge z' fragen und z' sagen, und die Leut drngen auch zu, so da sich dort
fr mich kaum a Glegenheit schicken mcht, mit dir unter vier Augen z' sein. Gar
schn tt ich dich bitten, schenk 'm Kleebinder Muckerl 'n lieben Gsund vllig
wieder, da ihm kein Nachmahnung an sein Siechtum verbleibt, la 'n gscheit
werdn, da er einsieht, wie 'n d' Zinshofer Helen eigentlich gar niemal gern
ghabt hat und seiner gar nit wert is, und wann dir recht wr, so htt ich nix
dagegn, wann du ihn mir zum Manne gbst. Ich wrd ihm schon treu bleiben und
fleiig sein und alles verrichten und erleiden, was halt sonst noch im heiligen
Ehstand not tut und sein mu, was du ja selber weit, hochgebenedeite
Gottesmutter und allerreinste Jungfrau!
    Als die Glocken klangen, nahm sie das Bild in ihre Arme und lief damit
davon, sie lpfte es, so schwer es war, kte es auf die Wange, kurz, htschelte
es wie ein Kind seine Puppe; pltzlich aber besann sie sich auf das Ungehrige
ihres Gebarens und trug die Statuette, aufrecht gehalten und in gemessenen
Schritten, nach der Kirche.
    Spter fiel ihr oftmal der Gedanken schwer aufs Herz, ob sie sich nicht etwa
durch ihre kindische, unrespektierliche Vertraulichkeit die himmlische
Frsprache verscherzt habe. Denn im Laufe desselben Tages noch, whrend sie am
oberen Ende des Dorfes ihrer harten Arbeit nachging, trugen sich am unteren Ende
Dinge zu, deren Folgen ihr manchmal den Stoseufzer erpreten: Himmlische
Gnadenmutter, ich will nit murren, aber das war damal doch nit schn von dir!

Die Sonne stand schon ziemlich hoch am klaren Himmel, als der Kleebinder Muckerl
in den rckwrtigen Garten trat und dort langsam auf und nieder zu schreiten
begann. Die Luft fchelte lind und rein, denn der Bach sammelte in sein Bett den
gerinnenden Schnee und wusch es vom Kies bis zum Uferrande; die Knospen waren
geplatzt, und Bume und Bsche standen in Blte oder jungem Grn, doch machte
diese zarte Zier die ste und Zweige noch nicht schatten und gab zwischendurch
dem Blicke die weiteste Ferne und nchste Nhe frei.
    Ganz nah, vom verwahrlosten Nachbargarten her, schimmerten drei farbige
Flecke, der rote Rock, das graue Linnenhemd und das bunte Kopftuch eines
Frauenzimmers, das, am Boden kauernd, mit einem Messer die Erde eines Beetes
lockerte und alles, was da schon grn aufgeschossen war, mit Stumpf und Stiel
ausjtete. Daneben auf dem Kies lag eine Tte von grauem, geschpftem Papier,
mit vergilbten Schriftzgen bedeckt, das Taufzeugnis eines, der lange nicht
mehr lebte; ein buntes Gemenge von Samenkrnern war daraus hervorgerollt, und
ber dieses furchtbare Geschtte und Gerlle suchte eben eine kleine Mcke
zappelnd den Weg, welche wohl keinen Grund dafr wute, warum sie sich nicht der
Flgel, die ihr am Leibe angewachsen waren, bediente.
    Das eifrig geschftige Weib hielt den Kopf tief gebeugt; da es jung war,
das verrieten die vollen und doch sehnigen Arme, das verriet der runde Nacken,
bei dessen wechselnder Bewegung sich das Hemd strammte und zugleich fltelte.
    Der Muckerl wute gar wohl, wer das war. Er hatte die drei farbigen Flecke
nur so nebenher wahrgenommen, und doch tanzten sie ihm Weges auf und ab vor den
Augen.
    Aber brauchte er die Dirne zu scheuen? Denk nicht! Wie sie ihm auch begegnen
mag, nicht! Und wie sie das wrd, das mcht ihn schon neugiern - schier -
gwaltig auch noch. -
    Mit eins blieb er hart am Zaune, kaum zwei Schritte von ihr, stehen. Eine
geraume Weile starrte er hinber. Sie mute wissen, da und wie nah er zur
Stelle sei, auch ohne ihn zu sehen; sie mute den Schritt, mit dem er pltzlich
herangetreten, gehrt haben. Der Schatten vom Rande seines Hutes streifte das
Beet, in dem sie grub, aber sie jtete weiter, als htte sie sonst auf nichts
acht.
    Wollte sie es abwarten, bis er wieder fortginge? Liegt ihr seine Nh so hart
auf? Schon recht! Er will doch sehen, wer es eher mde wird.
    Nun rusperte sie leise und sagte, ohne aufzublicken, halblaut: Bist du mir
bs?
    Als er lange nicht antwortete, wandte sie ihm ihr Gesicht zu. Ihre Lider
waren gertet, die Augen sahen verweint aus.
    Da schttelte er traurig den Kopf.
    Sie stie das Messer in die Scholle, rckte auf den Knien herzu bis an den
Zaun, griff den Saum ihres Rockes auf, reinigte ihre Finger von der Erde und
sagte dann: So gib mir dein Hand.
    Er reichte sie ihr dar und sagte mit schluckender Stimme:
    Ich bin dir's nit.
    Sie sah ihn berrascht an: Ich doch dir nit, flsterte sie.
    Er zog seine Hand zurck und rang sie mit der andern ineinander. Helen, wie
hast mir nur das antun knnen?!
    Sie kehrte sich ab und bohrte mit dem Messer, das sie wieder ergriffen
hatte, paarmal in die Erde. Ich wei's selber nit, brach sie mit rauher Stimme
los, es klang hart, fast abstoend. Es mu mich rein der Teufel gritten haben.
Schad, da mer's beredt! Gschehens lat sich nimmer ungschehn machen.
    Aber doch vergessen.
    Das kannst du ja leicht fr dein Teil, wie berhaupt d' Mannleut in denen
Stcken besser dran sein. Redn mer von was andern. Sie erhob sich, warf das
Messer hinter sich und trat einen Schritt nher. Drf mer bald gratuliern?
    Wem meinst? Und wozu?
    Na, euch, dir und der Sepherl, 'm einm zum andern.
    
    Er ward rot und verlegen wie ein Mensch, den eine schamlose Nachrede
verwirrt. Da bist falsch bericht, stotterte er, an so was denkt keins von uns
zwein.
    Die Sepherl gwi, das sag ich dir; ich wei das seit langem, ohne da sie
mir's htt einzgstehn brauchen, noch von der Zeit her, wo wir miteinander gangen
sein.
    Muckerl seufzte tief auf. Sie is wohl a brave Dirn, aber sie mcht mich
bedauern, wann's so wr, wie du sagst; an dein Stell kann keine treten.
    Und ich auch nit mehr an selbe zruck.
    Warum? fragte er eifrig. Warum nit? Warum sollt's jetzt, wo der
Strenfried fort is, nit zwischen uns wieder werden knnen, wie es war?
    Wir htten uns ja heiraten sollen! lachte sie schrill und hhnisch auf. Es
war ganz unangenehm anzuhren. Dann fuhr sie mit gedmpfter Stimme fort: Nach
dem mittlerweil Gschehnen berlegst du dir's wohl, was ein andrer belgmacht
hat, gutzmachen, und ich bin zu gewitzt, als da ich's mit einm zweiten noch
verschlechter.
    Der Bursche sah sie mit groen Augen an. Ich versteh dich nit, sagte er,
nur wann d' meinst, da ich's anders mein als ehrlich, so hast a falsche
Meinung.
    Tschapperl, sagte sie, ihm ganz nahe tretend und fest in die Augen
blickend. Du weit eben wenig vom Gschehnen. War der Bub vom Sternsteinhof
gegen dich grob, so war er gegen mich ein Schuft! Da ich dich aufgegeben und
mich mit ihm einglassen hab, das mu ich jetzt schwer gnug ben; du kannst
zfrieden sein! Er hat versprochen, da er mich zu seiner Buerin macht und ...
Was soll ich dir's fr dein ehrlich Meinen nit gleich da an der Stell sagen, was
ich nit lang mehr vor 'n Leuten werd verbergen knnen? ... In d' Schand hat er
mich gbracht!
    Der Bursche begann zu zittern, sein Antlitz ward kreidebleich, seine
Mundwinkel zuckten, und die Augen, mit denen er die Dirne klglich anstarrte,
fllten sich mit Trnen.
    Sie wandte das pltzlich erglhende Gesicht von ihm ab, und mit beiden
Hnden ihn ober den Ellbogen fassend und sachte rttelnd, raunte sie ihm zu:
Aber - Muckerl - es is ja nit wahr.
    Er schttelte leise.
    Da drckte sie den Kopf gegen seine Brust und rief schluchzend: Es is wahr
- ja, es is wahr -, ich bin ganz elend und verloren! Sto mich weg! Sto mich
weg von dir!
    Aber er lie sie gewhren, und nach einer Weile fhlte sie seine Hand ihren
Scheitel begtigend streicheln.
    Und wie sie so an ihn geschmiegt war, mit gesenkten, tropfenden Wimpern, das
Ohr an seinem hmmernden Herzen, vergalt sie ihm die Schwche, die immerhin
gromtige Schwche, mit der er sie eine fr ihn herbste Wahrheit nicht
entgelten lie, mit einer berzuckerten Lge: Wrst du mir je gekommen - ihre
Stimme sthnte noch unter einzelnen Nachsten des verwundenen Schluchzens -,
nur halb so aufdringlich wie der Lump, es knnt heut alls anders sein.
    Der Bursche holte so aus dem Tiefinnersten Atem, da es den Kopf der Dirne
von seiner Brust wegstie. Helen, stammelte er, was will ich machen? - Ich
kann mir nit denken, ohne dich z' sein. - Wenn ich dich doch nhm -
    Fr den Fall - eh d' weiterredst - la dich bedeuten! Wie ich jetzt vor dir
steh, als ledige Dirn im Unglck, mu ich wohl dein wie jeds Menschen sein
Mitleid dankbar hinnehmen; nhmst du mich aber zum Weib - sie richtete sich
auf, legte ihre Hand schwer auf seine Schulter und fuhr hart und rcksichtslos
fort: - dann verlanget ich, behandelt zu werdn wie jeds anders solchs, und
nachdem ich dir offen alles gebeicht und ehrlich gestanden hab, da du mich
unter dein Dach kriegst nit wie sonst der Brauch und auch nit allein, vertraget
ich weder, da du sagest, du httst mich nur aus Mitleid gnommen, noch, da du
mir ein Vorwurf ausm Vergangenen machest!
    Ich machet dir auch kein und tt schon rechtschaffen sorgen fr dich und
fr das - andere.
    Sie sah ihn mit groen Augen durchdringend an. Dein Ernst?
    Er nickte und bot ihr beide Hnde.
    Sie schlug ein und sagte kurz und fest: Es gilt! Da aber berwltigte sie
die Rhrung ber die Gutmtigkeit des Burschen, sie drckte seine Rechte an ihr
Herz, dann an die Lippen. Muckerl, rief sie, du bist doch mein wahrhafter
Helfer in der Not! Da du mich so liebhast und vor der Schand errettst, das
verge ich dir in alle Ewigkeit nit!
    Sie meinte es in diesem Augenblicke gewi aufrichtig, aber, ach, die
kurzlebigen Menschen denken nicht, wie viel an den Ewigkeiten, mit denen sie um
sich werfen, oft eine kleine Spanne Zeit ndert.
    Nachdem sie eine Weile schweigend sich an den Hnden gehalten, fragte die
Dirne, den Burschen zrtlich anblickend:
    Kannst hrber? Sie meinte, ber den Zaun.
    Er deutete lchelnd nein.
    Dann komm ich! Sie schwang sich flink ber das niedere Gatter, ohne auf
ihre lftige Gewandung zu achten; sah es doch niemand als der eine, vor dem ihr
ja frder jede Scheu ausgeschlossen schien. Nun hing sie an seinem Halse und
prete die drstenden Lippen auf die seinen, und er taumelte unter ihrer Last,
wie trunken von ihren Liebkosungen.
    Da rief es vom Hause her: Komm essen! Als aber die Kleebinderin in den
Garten heraustrat, kreischte sie laut auf: Muckerl!
    Die Dirne tat nur einen Schritt zur Seite hinter das drftige Gebsch. Sie
kehrte der Alten den Rcken zu, und diese sah sie noch ein paarmal den Kopf
neigen und mit den Hnden ausdeuten, ehe der Bursche sich verabschiedete und
langsam herankam.
    Als Muckerl vor der alten Frau stehenblieb, die ihn mit weit aufgerissenen
Augen fragend anstarrte, wies er mit dem Daumen seiner Rechten hinter sich und
sagte zutraulich:
    Mut wissen, Mutter, wir sind wieder gut.
    Wer? schrie sie entsetzt.
    Na, ich und d' Helen, entgegnete er, mit Mund und Augen freudig lchelnd.
    Die Kleebinderin schlug die Hnde zusammen und flocht die Finger ineinander,
so schritt sie vor ihm her nach der Stube, wo sich beide zu Tische setzten. Da
die Alte das Fragen unterlie, so blieb dem Jungen das Sagen erspart. Er
beschftigte sich angelegentlich mit dem Essen, whrend sie nachdenklich ber
ihrem leeren Teller sa, was ihm brigens gar nicht auffiel.
    Wenn es wahr ist, da seelische Erschtterungen auf die Befriedigung
gemeiner leiblicher Bedrfnisse vergessen lassen, wonach sich die Verwaltung von
Volkskchen viel konomischer gestalten liee, falls psychische Konflikte
billiger zu beschaffen wren wie Rindfleisch, wenn es ferner wahr ist, da
Appetitlosigkeit der Prfstein wahrer Liebe ist, dann, ja dann hatte bei all dem
Bedeutsamen, was die letztverflossenen Viertelstunden den Kleebinder Muckerl
erleben lieen, dessen Gemt und Herz gar nichts zu tun; sicherlich veranlate
ihn keines von diesen beiden, nachdem er Messer und Gabel aus der Hand gelegt,
den Gurt zu lockern.
    Gar anders als die Mutter des Burschen nahm die der Dirne die Sache auf.
    Hast du aber ein Glck, rief lachend die alte Zinshofer.
    Helene runzelte die Stirne. Was Glck? Mer zertragt sich und findt sich
wieder zusamm, das kommt hufig gnug vor.
    Die Alte verzog hhnisch den Mund. Freilich, hufig gnug, aber so wie in
deinm Fall doch nur selten. Wei er denn alles?
    Gwi. Ich betrg kein'n!
    Na, und jetzt kimmst nit mit leeren Hnden.
    Mutter, schrie die Dirn zornig, wann du mir von dem Geld redst, das ich
dem Alten vor d' F gworfen hab und das du dir ohne meinm Wissen und Willen
zug'eignet hast, so la dir sagen, da ich auch noch heut davon nix wei und nix
will! berhaupt, ht du dein Zung! Wann d' nur mit einm einzign unbedachtsamen
Wort 'n Hausfrieden zwischen mir und mein Mann strst, so hat's gute Auskommen
zwischen uns zwei ein End, und du sollst mich kennenlernen!
    Na, na, murmelte die Alte, ich mein, ich kenn dich eh, Giftnickl du!
Schau einmal!
    Damit schlich sie sich beiseite.
    Als abends die Matzner Sepherl kam, sa die Kleebinderin im Vorgrtel, sie
erhob sich und hielt die Dirne, die mit freundlichem Grue an ihr vorber
wollte, am Arme zurck. Bleib ein wenig, sagte sie, ich wart da schon d'
lngste Zeit auf dich; ich mu dir doch sagen, was Neues da bei uns vorgeht,
willst dann noch hnein, armer Hascher, so kannst's ja.
    Je, du mein! Ja, was gibt's denn?
    Sie sind wieder auf gleich.
    Die Dirne machte ihre wundernden Augen noch grer. Sie sein wieder auf
gleich? Ja, wer denn, Kleebinderin?
    Die alte Frau deutete nach der eigenen Htte und dann nach der
Zinshoferschen. Hm! Der da drin und d dort drbn!
    Ei, so lach! Das is doch sein Ernst nit. Wie s' gegn ihn war ...
    Daran denkt er nit, und sie lat 'n sich nit drauf bsinnen. Nun, er mag
tun, wie er fr recht halt. Er is gro gnug, um sein Willen z' haben, und alt
gnug zun berlegen; aber das wei ich, wenn er die heirat, ich bleib nit im
Haus!
    Das Mdchen starrte der Alten in die feuchten Augen, pltzlich senkte es den
Kopf, sagte tief aufseufzend: Nun, so bht dich Gott, Kleebinderin, kehrte
sich ab und ging ungleichen Schrittes den Weg zurck, auf dem es hergekommen
war, eine Strecke sumig schlendernd, die andere schulich dahineilend. Die
Leute, an welchen die Dirne, so verworren und verloren, vorberstrich, lachten
und meinten: D' Matzner Sepherl tut schier was suchen, hat wohl 'n gestrigen
Tag verloren.
    Mglich! Und vielleicht nicht nur den gestrigen, sondern mehrere Tage mit
allem, was diese sie Liebes und Gutes hoffen lieen!

                                      XIII


An einem der nchsten Abende kam die Kleebinderin zur alten Matzner gelaufen. In
der rckwrtigen Kammer, auf einer Gewandtruhe, neben dem Fenster, durch dessen
blauen, rotgeblmten Vorhang die Strahlen der untergehenden Sonne brannten,
saen die beiden Weiber, und ihre einander zugekehrten Gesichter erschienen
halbseitig wie blau und rot ttowiert. Sepherl kauerte auf einem Schemel im
Winkel und horchte wundernd zu.
    Ich kenn mich nit aus, Matznerin, klagte die Kleebinder, nit um die Welt
kenn ich mich aus. Schon 'n frhen Morgen kommt das Mensch an 'n Zaun und ruft
dem Bubn ein Gru zu, und dann geht das Hin- und Hergelauf an. 'n Tag ber rennt
s' alle Daumlang herzu und zrtelt und lppelt mit ihm, da einm vom Anschaun
nit gut werdn knnt, und 's Ganz is am End doch nix wie Falschheit, denk ich!
Lat sie sich einmal a Weil lnger nit blicken, so schleicht ihr der Lapp nach,
wie scheu er auch sonst gwest is; sie mu 'n rein behext habn!
    Wr nit unmglich, nickte die Matzner, die Dirn is mir nit z' gut fr so
Praktiken, und ihr Mutter wei wohl auch dazu Rat, die schaut nit umsonst aus,
wie wann s' afm Besen reiten knnt; aber was half's, wann mer's gleich z'
beweisen vermcht, wo s' heuttags in den Grichten nit mehr drauf glauben?!
    Sepherl schttelte seufzend den Kopf - nicht ber den Unglauben der
Gerichte, sondern weil sie bedauerte, da bei der Gottlosigkeit so wirksamer
Praktiken eine brave Dirn an deren Anwendung gar nicht denken durfte.
    Ich sag dir, Matznerin, fuhr die Kleebinder eifrig fort, ich werd noch
krank vor rger. Jedn freien Augenblick, den s' habn, stecken s' beieinander,
und wann s' kein habn, so machen sie sich ein. Ging eins verloren, wr nur d'
Mglichkeit, da mer's mitm anderm zsamm fnd; aber dafr niemal keine, da du
s' auseinander brchtst! Und bei all dem Getu und Getreib, wo sie sich eh kaum
ausn Augen kommen, begreif ich nit, warum s' 'n Tag vllig gar nit erwarten
knnen, wo's zur Kirchen geht.
    Wann soll denn d' Hochzeit schon sein?
    Nach ihrn Redn, heut ber vierzehn Tgn.
    Ds geht ja nit. Wo blieb denn da 's kirchlich Aufgebot von der Kanzel,
drei Sonntg hintereinander?!
    Sie lassen sich ein fr allemal verknden.
    Das geht ja nit.
    Aber mitm Dispens.
    Mitm Dispens? Ah, freilich wohl! Schau, mer mu sich nur z' helfen wissen.
Ehnder hat man gsagt, 's ging was so schnell wie mit der Post, neuzeit mag mer
wohl sagn, wie mit der Eisenbahn. Hihihi!
    Mein liebe Matznerin, ein Fremds hat da leicht lachen. Du steckst eben nit
in meiner Haut und weit nit, wie mir is. Dank du Gott dafr!
    Mein liebe Kleebinderin, sei nit harb, ich hab ja nit ber dich glacht,
sondern ber d.
    Glaub dir's, glaub dir's schon. Ich biet doch auch kein Anla dazu, hitzt,
wo sich mein einzig Kind von mir abwendt und ich mir fremd wo ein Unterkunft
suchen mu.
    Aber Kleebinderin - -
    Diese war mit der Schrze vor den Augen aufgestanden.
    Sepherl eilte herzu. Das lat der Muckerl niemal gschehn.
    Die alte Frau lie das Vortuch sinken. In derselben Wirtschaft, was dann
anhebt, kann ich nit bleiben und mag auch nit! Sie streckte die Hand zum
Abschied hin. Nun mach ich euch weiter keine Unglegenheit, bht dich Gott,
Matznerin.
    Beht dich Gott, Kleebinderin! Sepherl, begleit s' heim, d' Kleebinderin!
Jesses, jesses, hat mer oft im Alter ein Kreuz, woran mer jung gar nit denkt.
ber diesen unstreitigen Erfahrungssatz verfiel die alte Matzner, whrend sie
den Davongehenden nachblickte, in ein chronisches Kopfschtteln.
    Sepherl schritt neben der Mutter des Holzschnitzers einher, und da diese
unterwegs nicht zum Sprechen aufgelegt schien, so beschrnkte sich die Dirne
darauf, von Zeit zu Zeit zu versichern, all das jngst Geschehene wr schon aus
der Weis - ja vllig aus der Weis tt's sein.
    Als die beiden die Htte erreichten, fand gerade in dem Rahmen eines
offenstehenden Fensters ein schkerndes Gebalge zwischen Helene und Muckerl
statt. Die Dirne drohte dem Burschen, sie werde ihn beim Schppel nehmen, und
er verma sich bei seiner Seel, wenn er sie bei den Hnden zu fassen kriegte,
ihr alle Finger auszudrehen oder ihr den kleinen wurz abzubeien.
    Sepherl machte die wunderndsten Augen. Alle Finger will er der ausdrehen
oder 'n klein wurz abbeien! Schau, das htt sie ihm gar nie zugtraut, da er
vermcht so - zrtlich z' tun!
    Als Muckerl der Herankommenden ansichtig wurde, rief er: Gr Gott, Mutter!
Gutn Abend, Sepherl!
    Je, sagte die Helen, Sepherl, was machst denn du da?
    Was sie da mache? Sie, die da unterm Dach schwere Zeiten hat tragen helfen?
Und das fragt die, welche dieselbn herbeigfhrt hat und ihr jetzt bei gutem
Wetter wieder breit die Tr verstellt! Oh, wie das hochmtig und hhnisch war! -
Dafr nahm es die eiferschtige Dirne, und ihrem Empfinden nach hatte sie recht;
Helene aber dachte nicht, da so ein unbeholfenes, unschnes Ding sich einbilde,
man knne ihm ernstlich belwollen oder berhaupt gegen es hochmtig sein. Sie
hatte, ohne eine Antwort abzuwarten, die Neckerei mit dem Burschen wieder
angehoben.
    Sepherl stemmte den einen Arm in die Seite und schttelte den andern gegen
das Paar. Galsterts nur nit gar soviel, rief sie kichernd, sonst habt ihr's
mit d' Bauern z' tun, d brauchen hitzt schn Wetter, und wann Kaibeln raufen,
kimmt bald ein Regen! Damit lief sie fort, und oft schlug sie mit der geballten
Rechten in die flache linke Hand und lachte: Dsmal hab ich ihr's gebn! Ah, ich
la mich nit feanzen! Dsmal hab ich ihr's ghrig gebn! Zwar hat sich der
Muckerl auch ihre spitze Red gefallen lassen mssen, dem war nicht abzuhelfen,
aber rechtschaffen freuen tat es sie nur, der hochmtigen Dirn eins angehngt zu
haben.
    In ganz Zwischenbhel wunderte man sich darber, wie der Herrgottlmacher
mit der Zinshofer Helen so gschwind wieder bereins hat werden knnen, und
besonderes Aufsehen machte es, da's den zwein Leuteln mitm Hochzeitmachen so
unmenschlich eilt. Auch im Pfarrhofe kam die Rede darauf.

Die Zwischenbheler Kirche war gar klein geraten, man hatte sie, seitab der
Strae, auf den Hgel hingebaut, und eine ziemliche Anzahl niederer, breiter
Stufen, fr altersmde Beine vorgesehen, fhrten zu ihr hinan, und eine eiserne,
lngs der Wand festgenietete Stange leitete die zitternden Hnde.
    Rechter Hand umfriedete eine verfallene Bruchsteinmauer ein kleines
Grundstck, durch die schwarz angestrichenen Latten des Tores sah man
tiefgrnen, hgeligen Rasen, aus dem hie und da ein Kreuz ragte. Die Torflgel
standen halb zugelehnt, und zwischen den Grbern graste eine braungefleckte Kuh,
sie beschnffelte eben ein ganz verwittertes Blechschild, das einst jeden, der
sich aufs Lesen verstand, davon benachrichtigte, da hier die Margarete Zauner,
genannt Schluckaufgredl, Kuhmagd beim Hochleitnerbauer, beerdigt liege. Die
kannte vielleicht bei Lebzeiten die Braungefleckte noch als Kalb.
    Linker Hand lehnte sich der Pfarrhof an das Kirchlein, klein und
unansehnlich wie dieses; zwei Fenster im Erdgeschosse und zwei im Stockwerke und
an Stelle des dritten, ober dem Tore, eine Nische, in welcher ein Heiliger
stand, von dem unter den ltesten Leuten im Dorfe die Sage ging, es wre der
heilige Pamphilius gewesen, denn dermalen war das Steinbild durch langjhrige
Unbilden des Wetters so mitgenommen, da davon nicht mehr bergeblieben als eine
hchst fragwrdige Verallgemeinerung menschlicher Gestalt.
    Ein kleiner Hofraum, in welchem der Stall fr die Braungefleckte stand, und
ein schattiges Grtchen stieen rckwrts an das Haus, dessen niedere Gemcher,
man konnte in jedem mit ausgereckter Hand an die Decke reichen, drei Personen
bewohnten. Die Stube unten, gleich neben dem Tore, war als Pfarrkanzlei
eingerichtet, und die anschlieende Kammer, mit den Fenstern nach dem Hofe,
hatte ein junger Hilfsgeistlicher inne; im Stockwerke waren diese Wohnrume
getrennt und mndeten Tr an Tre nach dem Gange; da hauste der Herr Pfarrer in
der Stube und die Pfarrkchin in der Kammer nebenan, aber in Zwischenbhel hatte
dessen niemand ein Arg, denn die Pfarr-Regerl war ein berjhriges, langes,
drres Weibsbild; die Bauern meinten, vor der liefe der Teufel davon, wenn sie
ihm Karessen mache, und der hllische Erbfeind soll doch sonst nicht heikel
sein. Man sagte der Regerl nach, da sie wie die teuere Zeit aussehe und der
Herr Pfarrer wie die gute Stund selber; er sah auch unter dem
kurzgeschnittenen, schneeweien Haar mit dem gutmtigsten Gesichte in die Welt,
ber dem zahnlosen, freundlich lchelnden Munde und den rot angehauchten
Bckchen blinkten ein Paar klare, graue Augen, forschend und traulich, selten
sa davor, auf dem leicht gebogenen Sattel der Nase, die Brille mit der
Horneinfassung, meist schob sie der alte Herr nach der Stirne hinauf, da er
ihrer nur zum Lesen bedurfte. Von Gestalt war er ein kleines Mnnlein, kurz,
beweglich, nirgendwo lange standhaltend, was ja auch zu dem Vergleiche mit der
guten Stunde pate, wie jeder bezeugen wird, der eine solche einmal erlebt.
    Als vor ungefhr einem Jahre der hochwrdige Herr Leopold Reitler, Pfarrer
zu Zwischenbhel, merkte, da ihm beim Schreiben manchmal die Hand versage und
er sich obendrein ber einigen Vergelichkeiten ertappte, da schritt er bittlich
um einen geistlichen Hilfsarbeiter ein, der ihm denn auch nach berraschend
kurzer Frist in der Person des hochwrdigen Herrn Kaplans Martin Sederl
zugeteilt ward.
    Der junge Kleriker war ein hoch aufgeschossener, derbknochiger Mensch, er
trug den Kopf, zu dessen beiden Seiten die Ohren fast platt anlagen, auf
vorgerecktem Halse, das kurze, braune Haar fiel ihm struppig in die niedere
Stirne, in seinem durch die vortretenden Backenknochen und derben Kinnladen
auffallend breiten Gesichte verschwand eine kaum nennenswerte Nase und trat
dagegen ein schrecklich groer Mund hervor, dessen Lippen ber einem Gebi von
langen, stellenweise mifrbigen Zhnen fletschten, selbst die glnzenden
dunklen Augen machten keinen gewinnenden Eindruck, da er sie bestndig rollte;
mochte er auch durch dieses unvorteilhafte uere gegen mancherlei Anfechtungen
gefeit sein, so frderte ihn dasselbe durchaus nicht in seinem Berufe und gab
erst vor kurzem den Anla, da er in der benachbarten Dizese, wo er in einem
greren Pfarrsprengel wirkte, das Opfer eines unverzeihlichen Migriffes
geworden war.
    Ein Gutsbesitzer fhlte sich sterbenskrank. Fr den Mann blieb sonst die
Kirche, wo sie war, nmlich zwei Stunden Weges seitab seiner Strae; aber nun
gab er dem Andringen seiner Verwandten und Freunde nach und wollte sich, der
Leute wegen, die letzten Trstungen gefallen lassen. Es wurde also nach der
Pfarre geschickt, und dort dachte man, es sei ganz gleichgltig, wen man
abordne; war der berchtigte Freigeist unbufertig, dann kam ihm keiner recht,
und wollte er sich wahrhaft bekehren, so war dazu jeder gut; es wurde daher ohne
weiters der Kaplan Sederl samt dem Kirchendiener in die Kutsche gepackt und an
Ort und Stelle spediert.
    Als der junge Mann allein an dem Sterbelager sa und sich mhte, dem flachen
Gesichte einen salbungsvollen, auferbaulichen Ausdruck zu geben, als er das
groe Maul ffnete und in einem erschrecklichen Deutsch zu sprechen begann,
jeden einzelnen Vokal wie einen Doppellaut dehnend und mit Weiche und Hrte der
Mitlaute ein bedenkliches Wechselspiel treibend, da geriet der Kranke in eine so
ausgelassene Heiterkeit, da der Kaplan bestrzt und entrstet die Flucht
ergriff. Wenige Tage darnach war der Gutsbesitzer auf dem Wege der Besserung,
aber in der Pfarrei vermochte man sich dieses medizinischen Erfolges auf Kosten
des theologischen nicht zu erfreuen, und man wre den im Grunde ganz
unschuldigen Martin Sederl gerne losgeworden, htte man nur gewut, wohin mit
ihm; im Konsistorium, wo die Eingaben der beiden Pfarrmter zusammentrafen, ward
die eine durch die andere erledigt, und so kam der hochwrdige Herr Kaplan,
schneller als er und andere es dachten, nach Zwischenbhel.
    Da sa er nun in der dumpfigen Kanzleistube an dem verstaubten Amtstische
und las, da er sich vor Langweile nicht auswute, die Eintragungen in den
Kirchenbchern, was ihn allerdings lngere Zeit beschftigen konnte, da selbe
hundertfnfzig Jahre zurckreichten. Fliegen umschwrmten ihn, und wenn sich
eine oder mehrere auf seinem Kopfe tummelten und in dem steifen Haar verwirrten,
so schlug er mit der flachen Hand darnach; einem Statistiker wrde es nicht
schwergefallen sein, durch Ermittlung der Ziffer des Prozentsatzes der Getteten
einem Gesetze auf die Spur zu kommen, das, im Hinblick darauf, da meist nur die
verbuhlten Individuen der Gattung diesem Verderben sich aussetzten und ihm
anheimfielen, einer sittlichen Basis nicht ermangelt htte; aber der Kaplan
hielt wenig von den Wissenschaften, von der Statistik das allerwenigste, die
Geschicke der Menschen standen ja in Gottes Hand, und erschlagene Fliegen zhlt
man hchstens, wenn es eine Wette gilt, wer mehr erschlge.
    Er hob eben wieder die Hand, lie sie aber auf halbem Wege sinken, denn im
Flur wurden hastig schlurfende Schritte laut, die Tre ffnete sich, und der
Pfarrer scho herein in die Stube.
    Guten Morgen! Guten Morgen! rief er dem sich erhebenden Kaplan zu.
Bleiben S' sitzen, bleiben S' sitzen, lieber Sederl! Schau einmal - er nahm
das lange Rohr seiner Pfeife aus dem Munde und deutete mit der Federspule nach
den auf dem Boden liegenden Fliegen -, Sie sein ja so ein arger Fliegentter,
wie der rmische Kaiser Domitianus, von dem ein Hfling einm, der a Audienz
unter vier Augen wollt, gsagt hat, der wr allein, nit amal a Fliegn bei ihm.
    So weit hab ich es noch nit gebracht, meinte der Kaplan, und wenn er
sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen, so klang das ganz ertrglich. Seine
rmische Majestt hat sie wohl bei geschlossenen Fenstern erschlagen.
    Hm, der Pfarrer schttelte den Kopf, wei nit, Fensterscheiben hat's
damal noch nit gegeben, Fliegengatter vielleicht -
    Er hat s' wohl mehr im Griff gehabt.
    So wird's sein, lachte der alte Herr, schulterte sein Pfeifenrohr und
drckte die Asche im Tonkopfe mit dem Daumen zusammen, dann sog er an der
Spitze, um zu erproben, ob noch ein Stubchen glimme; es bekam ihm bel,
verkohltes Gekrmel flog ihm in den Mund, er eilte zum Spucknapf und sprudelte
und spuckte. Kreuzdividomini, schimpfte er, da ich allweil verge, da aus
aus ist. Er klopfte mit der Pfeife so energisch gegen das Fensterbrett, da die
Tonscherben hinaus ins Freie sprangen. Oh, Sakra hnein, jetzt is s' hin auch
noch!
    Der Kaplan lehnte sich mit einem berlegenen Lcheln in seinem Stuhl zurck
und begann - vermutlich whnte er, der Geist sei ber ihn gekommen - in fremder
Zunge zu reden: Hr Bfarrer, Sie zaigen da eihnen so hibschen Zoornesaifer,
deer auhf gresere Dnge ankewahndt...
    Der Pfarrer drehte sich auf dem Absatze nach dem Sprecher um. Er kniff die
Augen zusammen, als wolle er sich seinen Mann genauer betrachten. Sein S'
gscheit? Sie werdn doch mir kein Predigt halten wolln, Herr Sederl? Wo wolln S'
denn hnaus damit?
    Sederl vermied das ihm abtrgliche Hochdeutsch, als er fortfuhr: Nehmen S'
's nit bel, ich bin jetzt lang genug um Sie, seh, da Sie das Zeug dazu htten,
so recht dareinzuteufeln, aber Sie erhitzen sich ber Kleinigkeiten, statt ...
    Das is a Fehler, fiel ihm der Pfarrer eifrig ins Wort, ein leidiger
Temperamentsfehler, da habn S' vollkommen recht, mein lieber Sederl! Sooft mir
so ein verluderter Ausdruck hrausfahrt, reut mich's und bitt ich unsern
Herrgott, da er mir d' Snd verzeiht, und schm mich nit wenig, mich alten -
mich alten Menschen ber so einer Ungebhr zu ertappen, wogegen ich jahraus und
-ein 'n Bauern gute Lehren geb! Nun, Sie habn gsehn, das vorhin war wegn der
verhllten Pfeifen, das is mein Schaden gwest, den ich durch mein Zornmtigkeit
nur grer gmacht hab, da ich mich aber einmeng und dadurch etwa ein fremden
vergrer, da werd ich mich hten; berhaupt, Gott dienen und Dreinteufeln,
stimmt mir nit. Doch weil wir just auf dem Gegenstand sein, reden wir sich aus!
Sie sind noch jung, Herr Kaplan, und knnen zulernen, und ich bin nit zu alt,
mich aufklren zu lassen. Reden wir sich aus! Wo nachher, meinen S' denn, da
'sselbe Dreinteufeln am Ort wr?
    Der Johann Nepomuk Kleebinder und die Helene Zinshofer haben das einmalige
Aufgebot erwirkt und knnen in wenig Tagen ber Hals und Kopf in den heiligen
Ehstand treten.
    Wohl!
    Nach dem Gemunkel und Gered der Leute drfte aber eine Entwrdigung des
Sakramentes dahinterstecken, die fr die Gemeinde vom belsten Beispiel sein
knnte.
    Versteh, versteh Sie vollkommen, Herr Kaplan. Aber auf Drfen und Knnen
knnen und drfen wir nichts geben. Wo Sie frchten, in Schmutz zu greifen, da
halten S' als reinlicher Mensch die Hnd davon. Alles Gred und Gmunkel hat nicht
Hellers Wert fr mich, erst wenn sich dessen volle Wahrheit im Beichtstuhl
erweisen sollt, tritt die Frag an mich heran, wie wohl das rudige Schaf am
heilsamsten zu behandeln wr, ob ich 'n Stab Wehe oder 'n Stab Sanft dazu aus 'm
Winkel langen soll, und bitte, Herr Kaplan, bitte, sich eben just da an meine
Stell zu versetzen. Was wrden Sie tun? Wrden Sie durch ein besonderes
Veranstalten, und wr's auch nur durch ein Verdonnern in der Amtsstube, wo jeds
horchen herzurennt, das in der Nh weilt, wrden Sie durch so was Vergehen, die
schon unters Beichtsiegel gnommen sind, 'n Leuten zu vermerken geben? Wollen Sie
die Gfallnen, statt sie aufzurichten, tiefer niederducken und die andern drber
wegsteigen lassen und in ihrer Schadenfreud und Hochmtigkeit bestrken? Wollen
Sie einm Gschpf, das die Unsauberkeit, in der 's bisher gsteckt hat, mit einmal
inne wird und sich rechten Wegs besinnt und voll Angst und Verzagtheit auf selbm
hinflcht, denselbigen verlegn und erschweren? Wolln Sie das? Er machte dabei
mit dem Pfeifenrohre einen Ausfall gegen den jungen Kleriker und traf mit der
Federspule dessen zweiten Rockknopf.
    Der Kaplan knickte, beide Hnde vorstreckend, in dem Stuhle zusammen, als ob
ihn der Sto niedergeworfen htte. Mein Gott, nein, sagte er.
    Ich denk selber, da Ihnen dazu 's Herz versaget, fuhr der Pfarrer fort.
Schaun S', Hasen vom Kohl scheuchen und Gns in Stall treiben, is halt
zweierlei! Um von ble Vorstz abzschrecken, mag's schon taugn, ein rechten Lrm
z' schlagen, aber 'm Gschehnen gegenber richt mer mit alle
Himmelheiligkreuzdonnerwetter nix, und wann einer da werkttig Reu bezeigt, so
mu ich trachten, da ich ihn bei gutm Mut und Willen erhalt! Die Leut sndigen
oft in aller Unschuld, will sagen aus purer Dummheit, Bosheit liegt ihnen fern,
und 'm Dolus fragt selbst die irdische Gerechtigkeit nach. Nun mag's in dem Fall
mit der Braut schlimm gnug bestellt sein, aber 'n Umstnden nach is es
ausgeschlossen, da das 'm Brutigam verborgen bleibt, und der is ein braver
Bursch, und wenn der 'n Mantel der christlichen Nchstenlieb ber 'n Schaden
breit, soll ich 'n nachher aufdecken? Soll ich die Dirn, die sich grad noch
rechtzeit, bevor sie sich verloren gibt, auf Zucht und Ehrbarkeit zurckbesinnt,
hart anlassen und machen, da s' auch nur fr ein Augenblick ihre guten Vorstz
bereut? Er reckte die Hand empor und schttelte mit den gespreizten Fingern.
Ah, nein, nein, mein Lieber! Ich wei zu gut, was so eine zrckgtretene Reu
stiften kann, das is wie bei einm Ausschlag, und die Folg mcht ich nit auf mein
Gwissen nehmen!
    Ich ja auch nit, seufzte der Kaplan.
    Und was Sie von einm blen Beispiel und Entwrdigung reden, trifft auch nit
zu. So ein ledigs Zsamm- und Auseinanderlaufen findt mer, leider Gotts, gnug da
herum in der Gegend, und in dem liegt 's ble Beispiel, nit an denen, die 'n
kirchlichen Segen ansuchen. Es kann auch von keiner Entwrdigung des Sakraments
die Red sein, denn dem der Eh geht, wie wir wissen, das der Bu voran, auf alle
Flle treten also beide Teile rein vor 'n Altar hin; ins Herz vermag ich keinm
z' schaun; steckt noch in irgendeinm Falterl ein Schmutz vom Vorhergegangnen,
oder nimmt eins die aufzuerlegende Pflicht nit ernst gnug, so hat das jeds mitm
Herrgott allein auszmachen, und dessen is, wie gschrieben steht, das Gericht;
wir sind nur seine Gnadnverwalter, und die habn wir auszteilen, wie ich mein,
nach der Vorschrift, nit gepfeffert und nit berzuckert.
    Der alte Herr hatte das Pfeifenrohr an den Enden angefat und wiegte mit den
Armen, jetzt machte er einen heftigen Ruck, da es sich bog, knack, sagte es;
er schlug rgerlich die beiden Stmpfe gegeneinander, schleuderte sie dann nach
einer Ecke und bewegte die Lippen, da er sich aber nichts verlauten lie, so mag
es dahingestellt bleiben, ob er nicht etwa im stillen, ganz fr sich, einen
verluderten Ausdruck gebrauchte.
    Er warf die Hnde ber den Rcken, machte ein paar Schritte, rusperte sich
und hob wieder an: Ja, mein lieber Herr Sederl, Sie kennen halt die Menschen
noch viel zuwenig und gar erst die Leut, die Leut! Man nennt uns nit umsonst
Seelenrzt, wenn auch neuzeit gesagt wird, Seel htt der Mensch gar keine, das
is Wortfechterei und Silbenstechen; der Mensch hat so was wie eine Seel, das sag
ich allen gelehrten Herren zu Trutz, ich, der ich jetzt meine guten dreiig Jahr
dasitz auf einer und der nmlichen Pfarr und alle meine Patienten vom ersten bis
zum letzten, vom ltesten bis zum jngsten genau kenn! Der Mensch hat eine Seel,
die ihm im gsunden Krper verkmmern und bern siechen hinauswachsen kann, ein
Ding, das z' tiefinnerst uns per du anredt, und wann das sagt: 'Du Halunk', so
gebn wir uns bei alln Reichtmern und Ehren der Welt nit zfrieden, und wann es
sagt: 'Du braver Kerl', so halten wir getrost aller Verleumdung und Verfolgung
stand. Wenn aber Gottlosigkeit und Zweifel, eigene oder fremd woher, der Seel d'
Red verschlagen, so wird sie krank, und wir haben dann die Wahl, wie wir ihr
Luft machen wollen, durch die Furcht vorm Teufel und der Hll oder durch d'
Hoffnung auf Gottes Erbarmung und das Himmelreich, und da wei ich's nit anders,
als da der Mensch die Erbarmung sucht; der Sndigste verstockt und verhrtet
sich gegen die Furcht, aber die Zeit und die Stund kommt, und wr's seine
letzte, wo er sein Ohr der Botschaft von der Gnad und Erbarmnis Gottes zuneigt.
Paarmal schon bin ich an die Sterbebetten von Erzhalunken grufen worden und
htt, lieber als nit, gleich nach 'm Sndenbekenntnis davonrennen und sie allein
liegen lassen mgen, aber wann s' mich angschaut habn mit Augen wie ein
winselnder Hund an der Ketten, der 'n Bauer mit 'm Tremmel herzukommen sieht,
ja, du mein Gott, da hab ich alln Trost, mag er gschrieben stehn oder nit,
aufgewendt, da ich ihnen ber ihr letzte Not hinweghelf. So was will
durchgmacht sein, von dem Augenblick an, wo man sich aus hellem Mitleid um so
ein verlornen Menschen zu ngstigen anhebt, bis dahin, wo einm mit einmal hart
und leid um ihn gschieht, bis zletzt, wo man sich zugleich mit ihm beruhigt und
in selbem gott- und weltergebenen Frieden, wie er von der Erd, aus 'm Haus
scheidt. Sederl! Solche Wunder der Barmherzigkeit mu man erlebt und Gott die
Ehr dafr gegeben haben, dann entschliet man sich wohl zur eindringlichen
Vermahnung, zum aufmunternden Zuspruch, aber aufs Dreinteufeln gibt man nit so
viel. Er schnippte mit den Fingern.
    Der Kaplan sah aus dunkelrotem Gesichte mit leuchtenden Augen nach dem
Pfarrer. Er erhob sich und streckte ihm die Hand hin. Verzeihen S', flsterte
er.
    Ah, gehn S' mir weg, da gibt's nix zu verzeihen! Sie sind hierorts mein
Assistent, als solchen kann ich Sie nit auf eigene Faust herumdoktern lassen und
mu Sie wohl ber mein Method, die sich d' Jahr her bewhrt hat, aufklrn, so
wie ich drauf schaun mu, da Sie erst mit unsere Patienten vertraut werden. Es
is gar eigen und merkwrdig mit 'm Volk. - Er wiegte nachdenklich den Kopf. -
Stelln S' Ihnen vor, was die letzten Trstungen anlangt, passiert's mehrfach,
da einer, in dessm Herzkammerl es unsauber gnug ausschaut, sich steif und fest
'n Himmel erwart, whrend ein alts, fromms Mtterl, was nie keiner Fliegn ein
Leid angtan, die Hll frcht, wie nit gscheit. Es is mir unerklrlich, aber es
hat ganz 's Ansehen darnach, als wr bei solchn Leuten, die doch nit davon
glesen noch ghrt habn, von selber der Gedanken erwacht, da Gott von allm
Vorhinein, ohne da durch 's Menschen eigenes Dazutun dran was z' ndern stnd,
ein Teil zur Seligkeit und 'n andern zur Verdammnis bestimmt htt!
    Der Kaplan machte den Versuch, Runzeln zu ziehen, was aber nicht gelang, da
sich die Haut ber seine niedere Stirn glatt wie ein Trommelfell spannte.
rlauhben, woo aaber fntet sihch teer Getange? fragte er, erregt und -
hochdeutsch.
    Der Pfarrer sah ihn mit hoch gehobenen Augenbrauen erstaunt an. Im heiligen
Augustin, antwortete er, wenn anders mein Gedchtnis im Behalten nit schwach
gwordn ist.
    Sederl sah vor sich hin, er stemmte die Fingerspitzen gegeneinander und
drckte langsam Handflche an Handflche. Verzeihen S', murmelte er, 's
meinige hatte mich fr'n Augenblick verlassen. brigens ist diese Meinung ...
    Nur spekulativ, wie es mehr oder weniger alles is, was in Glaubenssachen
bers Credo hnausgeht. Ich hab's nur vorgebracht, weil's mir z' Anfang meiner
Seelsorg viel z' denken geben hat, und ich war damal der Meinung, solche
Anschauungen unter 'n Leuten htten ihrn Grund in der bermtigkeit der einn,
denen ihr Lebn lang alls Gute zugflossen is, ohne da sie ein Finger darnach
auszurecken brauchten, und in der Verzagtheit der andern, die von der Wiegn an
alls Elend verfolgt hat. Mag schon was Wahrs dran sein, aber fr alle Flle
wollt's nit ausreichen, und bei nherm Zusehen bin ich auf welche getroffen, die
'n Katechismus mit gar eigene Augen lesen und fr d' Gebote Gottes und die
Vorschriften der Kirche vllig farbenblind sein; mit solchen hat mer erst a
hells Kreuz, ob s' d' Gnad Gottes mitm irdischen Wohlergehn, die Andachtsbungen
mitn guten Werken verwechseln oder anderswas anderswie, das is ein Teufel. Und
soviel ich bisher Glegenheit ghabt hab, die Dirn, ber die wir 'n Dischkursch
fhrn, zu beobachten, scheint mir, die is eine von derer Gattung. Na, wann s' d
Tag zur Beicht kommt, hrn S' ihr s' ab, Herr Kaplan! Sie knnen dabei was
lernen.
    Gerne.
    Es pochte, ein halbwchsiges Dirnchen schlpfte zur Tre herein, drckte mit
einem Stoe seiner Rckseite sie wieder ins Schlo, lief dann auf beide
Geistlichen zu und kte ihnen die Hnde.
    Ah, du bist's, Hannerl? fragte der Pfarrer, die Kleine in die pralle Wange
kneipend. Kann mir's denken, warum d' herlaufst. Hat gwi der Storch schon a
Gschwisterl gbracht?
    Das Kind nickte.
    Is 's a Brderl?
    Das Kind schttelte den Kopf.
    Ein Schwesterl also. Sollst wohl d' Tauf ansagn?
    Die kleine Dirne nahm jene schwermtige, einfltige Miene und summende,
klagende Sprechweise an, welche sie den Erwachsenen bei Beileidsbezeigungen
abgelauscht hatte. 's Kindl bleibt uns nit, drum is d' Hebmutter mit der
Nachbarsliesel als Gdin hraufgrennt, da's nur gleich gtauft wird. Sie warten
in der Kirchen.
    Der Pfarrer strzte aus der Stube und lief kopfschttelnd nach dem
Gotteshause, um ein Wesen in die christliche Gemeine aufzunehmen, das, ohne in
einer Wiege gelegen zu haben, in den Sarg gebettet werden sollte.

Der Kleebinder Muckerl und die Zinshofer Helen waren von der Kanzel geworfen
worden. Am darauffolgenden Nachmittage stieg die Dirne die breiten Stufen zur
Kirche hinan, langsam, mit gesenktem Kopfe; oben angelangt, wandte sie sich nach
links und schritt dem Pfarrhause zu. Dort stand sie eine Weile unschlssig vor
der Tre der Kanzleistube, dann pochte sie leise, auf den Zuruf von innen fate
sie mit unsicherer Hand an die Klinke und trat ein.
    Hinter dem Schreibtische sa der Kaplan, den Kopf ber einen mchtigen
Folianten geneigt, sie sah nichts von ihm als seine groen Hnde, mit denen er
die Deckel des Buches umklammerte, und seine Schdeldecke mit dem struppigen
Haar, in dessen Mitte ein kahler Fleck, die Tonsur, glnzte.
    Gelobt sei Jesus Christus, sagte sie.
    In Ewigkeit!
    Ein Schwarm von Fliegen surrte an ihr vorber. Sie wehrte einige ab und sah
zu, wie sie sich jagten, zerstreuten und mhlich an verschiedenen Stellen wieder
zur Ruhe kamen; dann flsterte sie: Hochwrden ...
    Was gibt's? fragte der Geistliche, ohne aufzublicken.
    Ich bin d' Zinshofer Helen - die Braut -
    Wei es.
    Da wr ich halt und tt gern beichten.
    Jetzt gleich?
    Wenn's sein kann und ich nit unglegen komm, Hochwrden, wr mir's lieber,
jetzt gleich.
    Der Kaplan nickte, schob das Lineal als Lesezeichen zwischen die Bltter,
klappte das Buch zu und erhob sich. Erst jetzt, wo er vor der Dirne stand,
richtete er seine unsteten Augen auf sie, sie blickte ihn schchtern an, da
senkten beide die Wimpern und sahen, wie zuvor, nach der Diele.
    Der Ton der Stimme klang rauh und die Rede unfreundlich, als der Kaplan
sagte: Geh Sie voraus in die Kirche, sammle Sie sich noch ein wenig, ich komme
gleich nach.
    Als sie allein in die leere Kirche trat und selbst ihr leiser Tritt auf den
Steinfliesen einen Hall weckte, der in den hohen Gewlben zitternd, wie klagend,
erstarb, da blickte sie scheu um sich, atmete schwer auf und prete beide Hnde
an das Herz.
    Der junge Priester ging an ihr vorber nach der Sakristei. Er legte sich
selbst die Alba, das weie Chorhemd, an, hing sich die Stola um und setzte das
Kppchen auf, dann begab er sich in den Beichtstuhl; das Taschentuch in seiner
Linken hielt er vor das Gesicht, mit der Rechten machte er das Zeichen des
Kreuzes ber die Dirne und neigte das Ohr seitwrts nach dem Gitter, hinter dem
es nun zu wispern und zu flstern begann. - -
    Das Tuch ist ein notwendiges Requisit. Die Augen hlt der Priester
geschlossen, die verraten nichts, die untere Hlfte seines Gesichtes aber deckt
das Tuch; gut, wenn es nichts zu verhllen hat als etwa das Lcheln ber naive
Gestndnisse kindlicher Seelen und nicht das starre Erstaunen, das jhe
Erschrecken, den frstelnden Ekel ber ungeahnte Laster, Missetaten und
Gemeinheiten.
    Bei seinen bisherigen Beichtkindern htte Kaplan Sederl allerdings des
Tuches nicht bedurft. Man hatte ihm jene alten Frauenzimmer zugewiesen, die
ihres chronischen Seelenleidens halber allwchentlich in die Kirche gelaufen
kamen und manchen wackern Priester rgerten; ferner mute er aushelfen, wenn man
die Schulkinder zur sterlichen Beichte fhrte. Die Sndenbekenntnisse, welche
er zu hren bekam, waren daher keineswegs aufregender Natur, er war aber auch
anderseits ein sehr ernster Mann, der kein Gestndnis leichtzunehmen vermochte
und jedes in aller Weit- und Breitschweifigkeit behandelte, darum drngten sich
die alten Weiber an ihn heran, whrend Knaben und Mdchen, nur vom Lehrer
hingewiesen, sich vor seinem Beichtstuhle anreihten und, wenn es irgend anging,
sich sachte wieder davonstahlen; es galt fr eine Art Schulstrafe, bei Kaplan
Sederl beichten zu mssen.
    Was sich nun aber hier, wo er zum ersten Male in der kleinen Dorfkirche zur
Beichte sa, an die vorgeschriebene Reue- und Leiderweckung anschlo, war nicht
das herabgeleierte, aus dem Beichtspiegel zusammengesuchte Gestndnis eines
Kindes, nicht das selbstqulerische, von Seufzern begleitete Geschwtz einer
hysterischen Alten, es war das Bekenntnis eines reifen Wesens, das sich bewut
war, gesndigt zu haben, eine Selbstanklage, die in allen Punkten zu Recht
bestand und, obwohl stotternd, doch im Tone trockenster Aufzhlung vorgebracht
wurde.
    Hei und kalt berlief es den jungen Geistlichen. Ihn emprte diese von
keiner Regung der Scham begleitete Aufdeckung moralischer Gebreste und Schden,
er verga, da die Vorschrift dem Beichtkinde auftrug, sich dem Beichtiger
gegenber von der Scham nicht beeinflussen zu lassen. Zum ersten Male hatte er
Gelegenheit, in die Tiefen eines menschlichen Herzens zu blicken, und er fand da
nicht Verla noch Treue, ohne da er ahnte, wie wenig berhaupt davon in der
Welt vorkam und fortkam und, schon als zarter Schling roh unter fremde Fe
getreten, mit eigenen Hnden, leichtfertig oder verzweifelnd, ausgerauft wurde,
da es ja doch keinem zu Nutz noch zu Genu gedieh.
    Er lie die Hand mit dem Tuche sinken, mit zornigen Augen sah er durch das
Drahtgeflechte des Gitters und begann zu eifern.
    Damit hatte er es versehen, und doch machte dieses Versehen die Beichte ihm
lehrreich und verhalf ihm zu einem der bleibendsten Eindrcke in seiner
Erinnerung.
    Helene starrte ihn erst erschreckt an, dann begannen sich ihre Augen mit
Trnen zu verschleiern. In stammelnder Erregung brachte sie Aufklrungen und
Erluterungen ber ihr Tun und Lassen vor, durch welche dasselbe entschuldigt
werden, in milderem Lichte erscheinen sollte, immer aber fand sie sich zuletzt
einem schlechten Willen, einer strflichen Schwachheit gegenber, denen sie
nachgegeben hatte, welche ihr selbst unerklrlich waren und nun geradezu wie
Eingebungen des Bsen erschienen. Jammernd rang sie die Hnde, brach in ein
krampfhaftes Schluchzen aus und stie sich die Stirne an dem geschnitzten Zierat
des Beichtstuhles blutig.
    Da berkam, jh wie eine Offenbarung, den jungen Priester die Erkenntnis,
warum der, an dessen Statt er nun des Amtes zu walten vorgab, nicht jene, die
vertrockneten oder reinen, unberhrten Herzens auf den Hhen des Lebens
wandelten, zu sich berufen hatte, sondern die der Fhrung und des Trostes
Bedrftigen, die Kinder, die Mhseligen und Beladenen und die Snder, und warum
die alte Welt bis in ihre Grundfesten erschttert wurde durch die neue
Botschaft, welche an Stelle des starren Gesetzes die Liebe, an Stelle der Strafe
die Gnade zu setzen verhie.
    Und nun begann der Kaplan beruhigend und trstend zuzusprechen, und je
leiser das Sthnen der vor ihm Knienden wurde, je mehr ihre geknickte Gestalt
sich aufrichtete, je inniger und vertrauender ihr Blick auf ihm haftete, je
berzeugender und eindringlicher ward seine Rede, und nie hatte er, so ganz
eingedenk ihres Gewichtes, die Lossprechungsformel feierlicher und andchtiger
ausgesprochen.
    Als er aus dem Beichtstuhle trat und das junge, schne Weib zu ihm aufsah
mit dem bleichen, reglosen, frommen Antlitze, da meinte auch er sagen zu drfen:
Wer sich rein fhlt, der werfe den ersten Stein auf sie! Gehe hin und sndige
nicht mehr! Mchtig hob sich seine Brust. Er reckte sich empor. Heiliger Ernst
lag ber seinen Zgen, und aus seinen Augen blickte eine milde und gelassene
Ruhe, als she er die Dinge in dem Lichte einer weltentlegenen Sonne, in all
ihrem drftigen Scheine und ewigen Wandelbarkeit. Zu der Stunde war dieser
hliche Mensch schn; schn, wenn es je eine durchgeistigte Form ber eine
leere vollendete davontrug.
    Er trat an die Dirne heran. Die Worte seines Herrn und Meisters zu
gebrauchen schien ihm doch eine Entwrdigung. Er berhrte flchtig mit der Hand
ihren Scheitel und hie sie mit leiser Stimme aufstehen und gehen.
    Helene raffte sich rasch auf und lief nach der Kirchenpforte, der Kaplan
schlo hinter ihr ab, begab sich in die Sakristei, wo er hastig seinen Ornat
ablegte und dann durch ein kleines Pfrtchen hinaus ins Freie trat.
    Es begann zu dmmern.
    Hinter der Kirche lief durch dichten Busch ein schmaler Pfad, wenige
Schritte lang, bis zur Ecke der niederen Friedhofmauer, dort lehnte sich der
junge Geistliche an das Gestein und sah ber die Ruhesttte der Toten hinweg, in
die Ferne. Einzelne Sterne blinkten dort ber den Hgeln.
    Und dort in unermessenen Weiten, dahinter dem allem, wo kein Stern mehr
kreist, waltet, was die Myriaden Stubchen aufleuchten, erglhen, wirbeln macht,
alle zu sich emporzwingt, und zu dem aller Staub aufstrebt, der tote wie der
belebte - jene alleinige Kraft und Macht, die auf den Gestirnen die Steine
klingen lt und auf bewohnten den Hall atmender Kehlen weckt und die
unmittelbar an uns rhrt, wenn Hohes, Hehres, Gewaltiges uns in erschauernder
Seele erfat, von dem wir nicht wissen, woher es uns komme, nur, da es nicht
des Staubes ist!
    Aus solch innerster Lohe brach wohl die heilige Flamme der Offenbarung
hervor, und fr den, der getreulich ihre Wrme und Segnungen spendet, kommt die
Stunde, da ein Funke ihrer Glut in seinem Herzen anglimmt und er sich einen Teil
jener all-einen Kraft fhlt!
    Der junge Priester breitete die Arme gegen den Himmel; da raschelte etwas
zwischen den Grbern, eine Maus oder eine Eidechse, er schrak leicht zusammen
und sah eine Weile nach dem welligen Rasen hinber, dann faltete er die Hnde
und senkte demtig das Haupt.
    Dem Herrn allein die Ehre und mir den Frieden des Wandels nach seinem
Worte.
    Ach, nur selten sind jene Augenblicke berwltigender Begeisterung, in denen
der Mensch gleichsam einen Weg aus sich heraus und ber sich hinweg findet!
Rasch zerrt das Alltgliche ihn wieder an sich und stopft ihn unter den
gewohnten Hausrat, der fast zu einem Teil des Selbst geworden ist, und je
niedriger ein Gert, um so aufdringlicher erscheint dessen Dienstleistung; es
ist, als ob dasselbe spttisch kicherte: Euer Herrlichkeit geruhten ein wenig
Gott zu spielen, haben aber darber meinen Gebrauch doch nicht verlernt.
    Schon am nchsten Nachmittage stak der Kaplan wieder in der dumpfigen
Amtsstube. Vor der Tre derselben stand lauschend der Pfarrer. Von Zeit zu Zeit
schallte innen ein klatschender Klaps. Als es dem alten Herrn zuviel ward,
polterte er lachend hinein. Lieber Herr Sederl, nein, das kann nit weiter so
fortgehen, die Verantwortung nhm ich nit auf mich. Sie legen ja frmlich Hand
an sich! Gleich morgen frh schick ich zum Kramer um ein Fliegnpapier, wolln
hoffen, da mer bei dem Spitzbubn ein echts kriegt und wir die Racker loswerdn,
denn wenn wir's mitm draufgstreuten Zucker nur fttern mchten, dann httn mer
uns rein noch welche dazukauft.
    Helenens Schreck im Beichtstuhle war ein aufrichtiger, der Ausbruch ihres
Jammers kein gemachter, berechneter. Sie frchtete eine Verweigerung der
Absolution, eine entehrende Blostellung vor den Leuten oder irgendein anderes,
sie wute selbst nicht, was, das ebenso all ihre Aussichten und Plne fr die
Zukunft zernichten konnte. Sie vermochte auch auf dem Heimwege ihrer Aufregung
noch nicht Herr zu werden und gelobte dankbaren Herzens, sich von Zeit ab brav
und rechtschaffen zu halten, weil nur diesmal alles gut ausgegangen.
    Zur Stunde aber, wo Kaplan Fliegentter vom Pfarrer berrascht wurde,
musterte sie ihren Brautstaat, der ber ihrem Bette ausgebreitet lag, und
trllerte dabei und sang Schnadahpfeln:

Kein Katz, was nit maust,
Kein Spatz, was nit fliegt,
Kein Burin, was haust
Und 'n Mon nit betrgt.

Das war gestern eine Beicht gewesen! Ei, wohl, eine schwere, harte Beicht. Gott
sei Dank, da es berstanden war!
    Der alte Pfarrer kannte seine Beichtkinder und war berzeugt, da einige von
ihnen nur durch genderte Verhltnisse, in die sie sich wohl oder bel schicken
muten, zur Vernunft zu bringen wren, darum sah er es wohl auch gerne, wenn die
Zinshofersche Dirn unter die Haube kam, und darum sagte er bezglich jener
Beichte - da ihn ein leises Mitrauen gegen einen beidteiligen, nachhaltigen
Erfolg derselben beschleichen mochte - zu dem Kaplane: Sie knnen dabei was
lernen!
    Damit behielt er recht.

                                      XIV


Wenige Tage vor der Hochzeit Muckerls mit Helenen legte sich die alte
Kleebinderin krank zu Bette. Es bot dies willkommenen Anla, jede lrmende
Feier, welche leicht zu bsartigen Spen und gehssigen Ausschreitungen
Gelegenheit geben konnte, zu unterlassen und sich mit einer stillen Trauung zu
begngen, ohne da es aussah, als ob man sich durch Furcht vor den Leuten
einschchtern und im freien Willen beschrnken liee.
    Freilich fiel es dem jungen Weibe hart, so ohne Sang und Klang in sein neues
Heim ziehen zu mssen. Helene htte eher allem Spott und Hohn getrotzt als auf
etwas verzichtet, das sie in eigenen und fremden Augen gegen andere
Hochzeiterinnen zurckstehen lie, da es sich aber schickte, da sie sich mit
der Lage ganz in der Weise abzufinden hatte, wozu jede andere der gleiche Fall
verpflichtete, so war sie heimlich darber froh.
    Am Abende des Hochzeitstages eilte sie hinber nach ihrer Htte, ihr
Sacherl - wie sie ganz freimtig eingestand - zurckzuholen in das Haus,
woher es gekommen.
    Die alte Zinshofer sa nachdenklich und gedrckt auf der Gewandtruhe, sie
hatte den einen Arm ber das nicht allzugroe Bndel gelegt, Helene zog ihr
dasselbe darunter hinweg und sagte, in der Stube herumblickend: Schau, jetzt
hast 'n ganzen Raum fr dich; wird dir auch wohltun. Gute Nacht!
    Mit diesen Worten verabschiedete sie sich von der Sttte ihrer Kindheit und
von der Mutter.
    Vom nchsten Morgen an schaltete sie im Kleebinderischen Heimwesen. Sie
fragte nicht nach, wie die Schwiegermutter es bisher mit manchem gehalten habe
und wohl auch frder damit gehalten wissen wollte; die arme Alte aber, die siech
darniederlag, konnte sich nicht einmengen, wenn sie auch gewollt htte. Kam die
Zinshofer mit unerbetenen Ratschlgen, so wurde sie von der jungen Kleebinderin
zum Hause hinausgescholten, wofr die gekrnkte Mutter dem ungeratenen Kinde die
Strafe Gottes in Aussicht stellte; doch lie der Himmel in bekannter Langmut den
unkindlichen Frevel aufsummen, obwohl die Alte allwchentlich mindestens
einmal zeternd und belfernd von der Jungen hinweglief.
    Des Holzschnitzers Mutter, das arme, kranke Weib, war nun freilich
auerstande, das Haus zu verlassen, auch machte das schwere Siechtum sie anderen
Sinnes; sie wollte in der Htte sterben, in der sie die lngste Zeit ihres
Lebens verbracht, sie wollte in ihren letzten Tagen ihr einziges Kind um sich
haben, wie nah es ihr auch ging, dessen Neigung mit einer anderen teilen zu
mssen, und mit welcher anderen! Sie mitraute derselben, ja, sie bangte, weil
sie so gar elend und unntz herumlge, da das junge Weib sie dem verliebten,
nachgiebigen Manne ganz entfremden und verleiden knne, und sie glaubte vorbauen
zu mssen und sagte oft, ohne eigentlichen Anla: Wenn ich merken tt, da ich
da im Haus zur Last fall, ich ging gleich, mich sollt nix halten.
    Daraufhin blickte der Sohn sie jedesmal mit groen, bittenden Augen an, aber
er blieb stumm; da ihn irgend etwas von seiner Mutter zu trennen vermchte,
schien ihm so ganz undenklich, da es ihm zu einer Entgegnung an Worten gebrach,
und so unterblieb auch jede Beteuerung seiner unvernderten Kindesliebe, nach
welcher die arme Kranke wohl erwartend hinhorchte und die sie ihm, sich zur
Trstung und Beruhigung, von der Zunge lsen wollte. Es war aber noch ein
anderes, das ihm die Kehle zuschnrte; er merkte die Eifersucht zwischen der
alten und der jungen Frau, und da doch an beiden sein Herz hing, so hielt er es
fr berflssig, der einen in Gegenwart der andern gute Worte zu geben, und
vermied es des lieben Hausfriedens willen.
    Ob Helene den Einflu ihrer Schwiegermutter frchtete oder nicht, davon war
sie berzeugt, da diese nicht gut auf sie zu sprechen war, und verlie daher
nur selten und auf kurze Zeit das Haus, um der Alten nit Gelegenheit zu geben,
's Maul auszuleeren und hinterrcks zu schimpfen und zu hetzen.
    War aber das junge Weib auswrts, dann legte Muckerl sein Werkzeug aus der
Hand und ging hinber in die Kammer zur Kranken. Mit Schrecken betrachtete er
den unfrmlichen, von der Wassersucht entstellten Leib, die abgezehrten Arme der
hilflos Darniederliegenden. Er zog sich einen Stuhl an das Bett, erfate die auf
der Decke liegende kncherne Rechte und hielt sie, bis er die trockene Hitze
derselben qulend empfand und sie sachte freigab. Dann htte er oft gerne beide
Hnde vor das Gesicht geschlagen und laut aufgejammert, aber er wollte es ja der
armen Alten nicht merken lassen und sich selber des Gedankens erwehren, wie
schlimm es um sie stnde.
    Im Monate August war es, an einem Nachmittage, hei und stille rings, als
ruhte die Welt, durch Arbeit ermdet, als htte sich die Sonne im Wrmen und
Leuchten, die Geschpfe und Pflanzen im Regen, Bewegen und Wachsen bernommen.
Muckerl steckte den Kopf zur Kammertre hinein. Die Leni is fort, sagte er,
da mu ich doch gleich dir nachschaun, dieweil die nit eifern kann, du bist ja
wohl mein zweiter Schatz.
    Die Kranke lchelte nicht wie sonst dem Eintretenden zu, ihre Augen glnzten
feucht, das Gesicht war fahler, sie schien erregt.
    Wie geht's denn, Mutter? fragte er, nher hinzutretend.
    Wie soll's gehn? murmelte sie. Nit gut, wie immer, wo's afs End zugeht.
    Er schttelte den Kopf.
    Beutel 'n Kopf nit, Muckerl, 's is doch so, und daran is nix zu ndern.
Freilich wohl, dich wird's schmerzen, armer Bub, ich wei, ich wei ja, dafr
kenn ich dich; sein ja auch lang gnug zusammengwest, die Tg zhln wir wohl
leicht an 'n Fingern her, wo wir uns einmal ausn Augen warn. Aber andern wird
just nit viel dran glegen sein.
    Red nit so, Mutter. Wer knnt dir 'n Tod wnschen?
    Ich mu dir nur sagen, Muckerl, leichter km mich 's Sterben an, wann die
Heirat nit gwest wr; aber 's Menschen Will is sein Himmelreich, du warst alt
gnug, den dein zu habn, so wollt ich mich nit einmengen, obwohl mir's von allm
Anfang an nie recht war.
    Der Holzschnitzer blickte zu Boden.
    Die Kranke holte tief Atem, dann fuhr sie fort: So schickt ich mich drein
und hab der Helen nie was in Weg glegt, freilich wr mir auch nie eingfalln, sie
knnt so sein, wie sie is.
    Wie is sie denn? stotterte Muckerl.
    'n Vormittag war d' Matzner Sepherl da und hat d' Botschaft gbracht, der
Kleinleitner Paul, der schon d' Jahr her siech liegt, wr heut fruh von seinm
Leiden erlst wordn; da hab ich deutlich ghrt, trotzdem s' mitm Rhrlffel afs
eisern Hfen gschlagen hat, wie die Helen sagt: 'Alle Leut sterben, nur die Alte
nit!'
    Mutter! schrie Muckerl auf. Das is von ihr nur ein unbsinnts Reden, sie
meint's nit so. Sei gwi!
    La gut sein, sagte die Alte, wie sie's auch meint, ich wei, davon stirb
ich nit. Ihr Meinen bricht mir kein Stund ab und legt mir keine zu. Nur
rechtschaffen schmerzen knnt's mich, wann ich s' lieb htt; aber so wie ich sie
jetzt kenn, hat's kein Gfahr.
    Tu ihr's halt verzeihen, Mutter, sagte Muckerl mit gepreter Stimme, und
mut nimmer dran denken; weit ja, wie ich dich liebhab.
    Er stand ganz nahe dem Bette, und als die alte Frau die schwachen Arme zu
ihm erhob, da beugte er sich hernieder, und sie ttschelte ihm mit zitternder
Hand die Wange.
    Ich wei, freilich wei ich's.
    Es gibt Liebkosungen, die wehe tun, es sind die unserer scheidenden Lieben,
wo jeder Ku, jede Umarmung, jeder matte Hndedruck uns sagt: Es ist nicht lange
mehr, da wir uns haben.
    Bht Gott, Mutter, ich mu jetzt - -, stammelte der Holzschnitzer, und als
ihn die Arme der Kranken freigaben, schlich er aus der Kammer, sachte schlo er
die Tre hinter sich, dann aber strzte er hastig hinaus in den Garten, sank
dort in der schattigen Laube auf die Bank, prete beide Hnde vor das Gesicht,
und zwei schwere Tropfen rollten zwischen den Fingern ber die Knchel herab.
    Und doch hatte die Kleebinder gelogen, sie gab sich fr strker, als sie
war; ihr hatten die Worte Helenens rechtschaffen wehe getan! Mag sich ein
Kranker auch selber fr aufgegeben betrachten, die Mahnung daran von fremder
Lippe schmerzt und schreckt ihn, denn sie rckt gleichmtig so nahe, gar so
nahe, um was er mit frchtendem Zagen und bangen Schauern sich qult in den
stillen Stunden des Tages und in wachen Nchten. Hier war es eine ungeduldige
Mahnung, und die sie verlauten lie, des einzigen Sohnes Weib!
    Whrend der junge Mann mit dem Schmerze rang, der ihm die Brust
zusammenschnrte, wenn er der ihm ganz unverstndlichen Herzlosigkeit seines
Weibes gedachte, das ja allein ihm zuliebe der Mutter gut sein mute, lag die
alte Frau in ihrem Kmmerlein mit gefalteten Hnden und starrte mit
trnenverschleierten Augen vor sich hin. Eines sich nah, zunchst wissen, dem
man nicht frh genug sterbe! Das war wieder ein qulender Gedanke mehr, die
viele Zeit ber, wo sie mit sich allein war wie eben jetzt.
    Was mag in einsamen Stunden in der Seele eines Todkranken vorgehen?
    Was sann die alte Frau, allein gelassen mit dem Gedanken an den Tod? Was
dachte sie beim Kommen und Gehen des Sohnes? Wenn er kam: seh ich ihn doch
wieder; wenn er ging: vielleicht nimmer! Seh es nicht mehr, mein Kind, hre
nicht mehr seine Stimme, empfind nicht mehr sein treuherzig Liebbezeigen! Es ist
doch ein Eigenes um das Sterben! - Eine schwere Trne rollte ber die
eingefallene Wange. Da hrt sie Tritte, trocknet die Augen und blickt nach der
Tre, auen wird es wieder stille, wieder spinnt sich der Gedanke fort: Es ist
doch ein Eigenes ... wieder feuchten sich die Wimpern. Was sie all fr
Scheidensweh dachte, wer wei es? Ach, warum nimmt der Mensch tausendfach
Abschied, um einmal zu gehen?
    Als der Monat um war, sagte sie: Ich htt nimmer gedacht, da ich den
Ersten noch erleb. Dann aber kam ein Tag, wo es das Leiden ber die geduldige
Frau gewann und sie nur den einen Wunsch herausstie: Ein End will ich, ein
End, und da war es, wo auch der Sohn darunter zusammenbrach und laut aus
tiefster Brust aufschluchzte. Sie aber sagte: La gut sein, ich kann mir wohl
denken, wie dir is.
    Und nun kamen jene qualvollen letzten Tage und Nchte, deren Erinnerung nach
Jahren noch jeden durchschauert, den je Liebe oder Pflicht an das Sterbelager
eines Schwerkranken bannte. Diese schwere Zeit ber war Helenen kein Vorwurf zu
machen, sie wich nicht von der Seite der Kranken, sie war ihr Tag und Nacht zu
Dienst, unverdrossen eilte sie an den Herd, kochte und briet zu ganz
ungewhnlicher Stunde, wenn gerade ein sogenanntes falsches Gelste bei der
Leidenden sich einstellte. Sie rief Muckerl aus der Arbeitsstube herbei, als die
alte Frau in Zgen lag, damit diese, welche sicher nur noch der Wunsch nach der
Gegenwart des Sohnes festhielt, leichter sterbe. Helene drckte der Toten auch
die Augen zu und schlo ihr den Mund, da Muckerl sich scheute, Hand an die
Leiche zu legen.
    Als die Bltter eben zu vergilben und zu welken begannen, senkte man den nun
zur Ruhe gekommenen armen, gemarterten Leib in die Erde. Vom Grabe weg eilte
Helene flinken Schrittes voraus, um daheim die Fenster zu ffnen und das Haus zu
lften.
    An Muckerl, der mit gesenktem Kopfe und hngenden Armen, wie trumend,
einherschlich, hatte sich die Matzner Sepherl angeschlossen, sie bezeigte ihm
ihre Anteilnahme nicht mit Worten, sondern durch Seufzer und erbrmliches
Getue.
    Pltzlich blieb der Holzschnitzer stehen, es prete ihn etwas auf dem
Herzen, und es wrgte ihn im Halse, er mute es aussprechen. Es ist arg,
brachte er mhsam heraus.
    Die Dirne fate ihn begtigend mit beiden Hnden ber dem Ellbogen seines
linken Armes.
    Meinst du, die lftet nit gern? fragte er flsternd.
    Sie mu ja wohl, Muckerl, der Totngruch is bel und verzieht sich so
schwer.
    Sie tut's gern, weil sie froh is, da mein Mutter ausm Haus.
    Jesus, Maria! Sepherl faltete die Hnde und starrte ihn erschreckt an.
    Er nickte ihr mit trnenden Augen zu, dann winkte er nach ihrer Htte, bei
der sie eben angelangt waren, und ging von dem Mdchen hinweg.

Etwa zwei Monate darnach ward in der Htte des Holzschnitzers eines geboren, das
dort niemand rechte Freude machte; es war ein Knabe, man taufte ihn, nach dem
Namen des Mannes seiner Mutter, Johann Nepomuk.
    Helene betreute das Kind sorgfltig, aber sie zrtelte und spielte mit ihm
nur, wenn sie in beraus guter Laune sich selber gleichsam verga, und das kam
uerst selten vor; da mochte denn wohl zu Anfang dem Manne das Kleine dauern,
und er versuchte es, mit ihm zu schkern, aber er kam damit nicht recht
zustande, weil ihn dabei stets das Weib gar eigentmlich grougig und mit
spttischem Lcheln beobachtete; bald lie er es jedoch ganz sein, nachdem ihm
Helene einmal murrig den Knaben von der Seite gerissen und gesagt hatte: Zu was
das? Das kommt ihm nit zu. Wenn du dein Wort haltst, es z' fttern, mehr zu
verlangen hat es kein Recht.
    So aber hatte es der redliche Mann nicht gemeint, als er sein Versprechen
gab, auch rechtschaffen fr das andere zu sorgen, und da dieses nun, wie
fremd im Hause, heranwachsen sollte, verleidete ihm die Sorge fr dasselbe.
    Nicht lange hauste er mit Helenen allein unter einem Dache, so mute er sich
im stillen eingestehen, wie doch alles gar anders gekommen war, als er sich's
gedacht. Wohl sah er bewundernd zu dem jugendschnen, stattlichen Weibe auf und
anerkannte dessen berlegenen praktischen Sinn fr Wirtschaft und Leben, aber in
diesem selben Sinne, dem nur das Gegebene zu Recht bestand, der genau abwog, was
jedem zukam, und selbst die dargebotene fremde Hand zurckwies, um die eigene
frei zu behalten, handelte sie auch, wenn sie die Zrtlichkeiten des Mannes ber
sich ergehen lie und dessen schmeichelnde Hand von dem Kinde abwehrte, dem
brigens auch sie nur eine gestrenge Pflegerin war und blieb, da es in ihren
Augen nicht viel mehr Anspruch als den auf Gastrecht hatte. Tag fr Tag
vergllten solche erkltende Wahrnehmungen dem Manne die Freude ber ihren
Anblick und das Behagen ber ihr umsichtiges, husliches Walten; mit Gewalt
jagte es dann immer in seiner Seele den trben Gedanken auf, da sie es gewesen,
welche die letzten Lebenstage seiner Mutter verbittert, und so, in raschem
Wechsel bald angezogen von ihr, bald abgestoen, fhlte er sich bald mde,
herzensmde.
    Sie war nun allerdings unbestrittene Herrin im Hause, aber in welchem? Wer
war sie? 's Zwischenbheler Herrgottlmachers Weib! - Wenn sie abends mit dem
kleinen Hans auf dem Arme unter die Tre trat und hinauf sah zu dem
Sternsteinhofe, der mit vom Sonnenuntergange erglhenden Fenstern vor ihr lag,
wie sie als Kind oft ihn gesehen, dann htte sie gerne Steine von der Strae
raffen und all die blinkenden Scheiben zu Scherben werfen mgen; aber wie weit,
wie weit lag der prangende Hof, fr sie wohl gar wie aus der Welt!
    Einmal streckte das Kind nach dem Gefunkel auf der Hhe die rmchen aus, sie
sah es berrascht an. Weit du auch, wo d' hinghrst? Wo wir allzwei sollten
sitzen, wenn auf Wort und Schrift untern Menschen ein Verla wr?!
    Die Rte scho ihr pltzlich in das Gesicht, sie sah scheu um sich, ob
jemand in der Nhe, der sie gehrt haben knnte.
    Nrrisch! Der Fratz meint ihn nah wie zun Greifen! Ob das was vorbedeut?
Mein Jesus, den Gedanken nit loszuwerden, was das fr ein Unsinn is!
    Sie stand und starrte hinauf, bis der Glanz erloschen war.
    In der Arbeitsstube aber sa der Mann, am Werktische verkmmernd und
verkrmmend, fleiig schnitzelnd und pinselnd, geleckte Figuren, angestrichene
Puppen, aber seine Besteller waren es zufrieden, und dessen war er's auch.

                                       XV


Es war eine gar eigentmliche Begrung, die zwischen Vater und Sohn stattfand,
als nach dreijhriger Militrdienstzeit der Toni auf den Sternsteinhof
zurckkehrte.
    Die beiden wuten die lange Zeit ber nur wenig voneinander. Schreiben war
eben nicht ihre Sache. Der Alte berlie es dem Schulmeister, mit einigen Worten
das Geld zu begleiten, das dem Burschen regelmig zugeschickt wurde, damit sich
derselbe auch im Soldatenstande als der reiche Bauerssohn zeigen konnte; der
Junge schrieb nur, wenn er mitten im Monate in die Klemme geriet, und er erhielt
auch stets das Erbetene, dann aber mit ein paar eigenhndigen Zeilen des
Sternsteinhofers, welche weder Kosenamen noch Segenswnsche enthielten.
    Als der Alte den Brief empfing, der die Ankunft des Sohnes fr den folgenden
Tag anzeigte, lie er das Steirerwgelchen instand setzen, und ein Knecht mute
in der Nacht hinberfahren nach der Kreisstadt, welche an der Bahn lag.
    Am andern Morgen rasselte das Gefhrt in den Hof. Der Sternsteinhofbauer
stand an der Schwelle des Hauses, die Hnde ber den Rcken gelegt, und
betrachtete den Heimkehrenden aufmerksam. Wie jener stehen, so blieb dieser
sitzen.
    No, da wr ich wieder, sagte er, und nach einer Weile:
    Gr Gott, Vader.
    Der Alte nickte. Gr dich Gott. Siehst, jetzt bist wieder da, hast's
berstanden.
    Reservist bin ich halt, murrte der Bursche.
    Der Bauer warf gleichmtig den Kopf auf, als wollte er bedeuten: Wei's
ohnehin, und obwohl er merkte, das Gesicht des Burschen, fahl und welk, mit
blauen Ringen um die Augen, she nicht nur bernchtig so aus, sagte er doch zu
ihm: Schaust gut aus, hat dir nit schlecht angschlagn.
    No, etwa nit? Das ging' einm noch ab! rief Toni. Er schwang sich vom
Wagen, strampfte mit den Fen auf und reckte sich. Ah, war das a Radlerei und
Herumwerfen. Froh, wann mer wieder afn Fen isl Bis zun Essen is wohl noch a
Weil hin?
    Ds schon, aber willst vorher was -? -
    Nein, dank schn. Hast wohl nix dagegen, wann ich mich derweil bissel unten
im Ort umschau?
    Gar nix.
    Toni hob die Hand zum Hutrande, wie er als Soldat gewohnt war, sie zum Grue
an den Schirm der Kappe zu legen, schwenkte um und ging hinab nach
Zwischenbhel.
    Er schlenderte lngs des Baches hin. Hie und da ward er aus den Husern
grend angerufen, eines oder das andere lief ihm wohl auch in den Weg, aber er
fertigte die Neugierigen mit kurzen Gegenreden ab und schritt weiter nach dem
unteren Ende des Ortes. Nahe der vorletzten Htte, inmitten der Strae, spielte
ein Kind im Sande, er kam bis auf wenige Schritte an dasselbe heran und blieb,
es beobachtend, stehen, und als es nun das kraushaarige Kpfchen hob und ihn mit
den groen, braunen Augen anblickte, trat er rasch zu ihm, schon beugte er sich
herab und hob die Hand, um den Scheitel des Kleinen zu streicheln, da strzte
Helene herbei und ri das Kind vom Boden an sich.
    Du rhr mir's nit an, keuchte sie.
    Nrrisch, warum grad ich nit? flsterte er.
    Du fragst? zischte sie zwischen den Zhnen hervor. Aus ihrem
leichenblassen Gesichte starrten ihn ihre Augen so zornfunkelnd an, da er
unwillkrlich einen Schritt zurcktrat, dann aber verzerrte er den Mund und
stie ein paar kurz abbrechende Lachlaute hervor, doch sie kehrte sich ab von
ihm und schritt, das zappelnde Kind an der Hand nachzerrend, der Htte zu.
    Als der Sternsteinhofbauer mittags den Teller von sich schob und sich
behaglich in den Grovaterstuhl zurcklehnte, fragte er den gegenbersitzenden
Toni: No, Neuigkeiten im Ort?
    Der Bursche zuckte die Achseln.
    Ds trau ich mir wohl z' raten, da's dich gwaltig neugiert hat nach der
jungen Herrgottlmacherin.
    Nun ja. Begegnet habn mer sich.
    Der Alte zog die Brauen in die Hhe und warf einen ausholenden Blick nach
dem Burschen.
    Bin ungndig gnug aufgnommen wordn, lachte der rgerlich.
    Gschieht dir ganz recht. Htt ich dir vorausgsagt, einbilderischer Ding! Du
bist ihr niemal im Sinn glegn, der Hof is's gwest, und hitzt shet d lieber ein
Hasen bern Weg laufen wie dich. D is nit dalket, d tut keinm was zlieb ohne
Absehn, und nun htt's ja gar keins! Drum mach dir keine unverlaubten Gedanken.
    Fallt mer eh nit ein.
    Zeit wr's, da du dselbn und andere Dummheiten sein lie'st.
    Bist sicher!
    - z' Ostern kimm ich wieder, sagt 's Beichtkind zun Pfarrer.
    Sorg nit, du hast mich gscheit gnug gmacht.
    Der Alte lachte - und diesmal htte er es besser unterlassen.

Frh am andern Morgen sagte Toni: Hast wohl nix dagegen, Vader, wann ich mich
heut auerm Haus hrumtreib? Will mer ein weng d' F vertreten, vielleicht triff
ich auch mit einm Kameraden zsamm.
    Tu, wie d' willst, murrte der Bauer, da d' dich nit zur Arbeit antragen
wirst, hab ich mir denkt. Soldaten verderbn 'n Bauern, ob mer s' ihm ins
Quartier legt oder ihn selber dazu nimmt.
    No ja, frn Anfang mu mer sich freilich erst wieder eingwhnen, aber das
gibt sich. Man kann doch nit allweil hrumstromen.
    Wohin geht denn d' Reis? forschte der Alte.
    Der Bursche zog ein gleichmtiges Maul und neigte den Kopf gegen eine
Achsel. Wohin mich d' F tragen, halt 'm Weg nach. Welchen er einzuschlagen
gedachte, sagte er nicht.
    Einige Stunden spter trat er zu Schwenkdorf in Ksbiermartels Stube. Er
fand dort Sali, die ber einer Nharbeit sa.
    Gr Gott, sagte er.
    Auch soviel. Sie war aufgestanden und schob, was sie in Hnden hatte, zur
Seite, dann schritt sie nach der Tre. Der Vader wird gleich kommen.
    Toni verstellte ihr den Weg. Du bist mir bs und hast 's Recht dazu. Der
Gedanken hat mer 'n Gang her schwer gnug gmacht. Drum is mir lieb, da ich
allein mit dir reden kann - wann d' mich anhrn willst -, bevor dein Vader
kommt; denn einm Mon gegnber meint mer sich doch was z' vergeben, wann mer
eingstehn soll, wie gro mer gfehlt hat. Was mer aber leichtfallt, das is, da
ich dich um Verzeihn bitt fr mein Grobheit; ja wohl war das eine und a
ausgiebige dazu, schon am Kirtag mein wenig Aufschaun auf dich und nachher gar
's Sitzenlassen am Faschingball. So tt ich dich denn recht schn bitten, da d'
nimmer dran gedenken und mir's nit nachtragen mchtst.
    Weil d' mir's so orntlich und wie ghrig is abbittst, so will ich dir's
auch nimmer gedenken noch nachtragn.
    So gib mir d' Hand drauf, da d' mir wieder gut bist.
    Sie reichte ihm die Hand. Ich bin dir wieder gut, aber anderscht nit, wie
's frher zwischen uns gwesen is.
    Mein liebe Sali, wann ich meins Lebens froh werden soll, so mu's besser
kommen. Hr mich an - aber zun Zeichen, da d' kein Groll mehr hast, sitz da
nieder neben mir. Er fhrte sie nach der Bank, welche die Vertiefung des einen
Fensters ausfllte, und zog sie an seine Seite, dann fuhr er fort: La dir nur
sagen, wie alls so kommen is, ich mcht nit, ich km dir unverstndlich vor,
denn jeds Ding hat sein Grund. Ich wei nit, ob auch dir, aber mir war's
unbewut, da zwischen unsern zwei Alten schon lang bschlossene Sach war, wir
sollten uns heiraten, und zur selben Zeit, wo ich 's erstemal davon ghrt hab -
drei Jahr is's her, nit frher hat's mein Vader Wort ghabt -, da is's just so
hrauskommen, als ob mer mir dich wollt hnaufntigen, und Ntigen hat's doch nit
not bei einer Dirn, wie du bist, und ntigen lat sich auch kein Bub, wie ich
bin; berdem will ich dir's nur frei eingstehn, da zur selbn nmlichen Zeit ich
mit einer im Ort a Bandlerei ghabt hab. Du siehst, ich geh nit drauf aus, dir
was vorzlgen, und schm mich der Wahrheit nit.
    Das nhm ich dir auch gro bel. Mer wei ja, da ihr Mannleut oft mit mehr
als einer geht, bevor ihr auf die trefft, mit der ihr dann hausen wollt.
    Du bist a grundgscheite Dirn und wirst wohl auch verstehn, da mir damals
die Sach allenthalben kein rechten Schick ghabt hat.
    Es wr auch gar nit recht gwest, wo du's mit einer ghalten hast, an die
Hochzeit mit einer andern z' denken. Ich htt mich schn bedankt fr d' Ehr, mit
dir zun Altar z' gehn, wo dir die Dirn noch im Sinn liegt; so was mu vllig
vorbei sein, denn 's Weib darf keiner nachstehen.
    Blitz hnein, in allm hast recht! Hitzt is aber d dumme Gschicht lang schon
vllig vorbei -
    Sali rckte nher und legte ihm die Hand auf die Schulter.
    Dselbe hat gheirat, kurz drauf, schmunzelte er, ihrer Frage zuvorkommend.
Denk's kaum, wie s' ausgschaut hat. Hitzt bin ich kein heuriger Has mehr, und
hitzt wei ich, was mer taugt, und hitzt, Sali, wann nur du einverstanden wrst,
nhm ich dich zun Weib, ob's unsern zwei Vadern glegen km oder nit!
    Das is a unkindlich Reden! Da bin ich viel anderscht wie du. Wann's mein
Vader will, der deine nix dagegen hat und du's zfrieden bist -
    's gilt schon, mein Dirndl! O du mein Dirndl! rief der Bursche und schlo
sie in seine Arme und prete seine Lippen auf die ihren.
    Einige Augenblicke hielt sie sich, wie erschreckt und scheu, reglos; dann
wehrte sie den Burschen ab und erhob sich flink. Du bist ein Schlimmer! Jetzt
is's Zeit, ich lauf nachm Vadern! Damit war sie aus der Stube.
    Ei, du mein, sagte Toni, d is wie ein Stck Holz. Na, wann auch, was
tut's? Holz im Haus und Jagd im Wald macht 'n Frster bezahlt.
    Nach einer kleinen Weile kam der Ksbiermartel angetrabt. Na, du Lotter,
schalt er im Eintreten, bist wieder heim?
    Wie d' siehst.
    Du Sakra du, und hitzt kommst mer gar her, der Dirn 'n Kopf verdrehn? Na,
das sag ich dir nur frei gleich, Dummheiten leid ich nit, willst kein Gscheiten
machen, so bleib mer weg!
    Ksbiermartel, ich kann dir gar nit sagen, wie ehrlich ich's diesmal mein,
aber du kennst mein Vadern, du weit, der hat mehr Ausflchten wie a Fuchs. La
dich bedeuten, wie mer den jeden Schluf verlegen wollen; detwegen bin ich da.
    Sali, schrie der Ksbiermartel. Das Mdchen mute Wein und Rauchfleisch
auftragen, dann setzten sich die beiden Mnner zusammen, und der Ksbiermartel
lie sich bedeuten.

No, Toni, sagte am Sonntagmorgen der Sternsteinhofbauer, fahrst mit hnber
nach Schwenkdorf? Hast ja mehr kein Ursach, da d' dich grad in der
Zwischenbheler Kirchen als leuchtends Beispiel frs Gsind hinstellst.
    Ds nit, aber drent is's mir zwider.
    Zwegn we denn?
    'm Ksbiermartel und seiner Dirn halber.
    Haha, bsinnst dich af d?
    Nein, vergessen werd ich dselbe, wegn der ich so einklemmt wordn bin.
    Is eigentlich a arms Hascherl, hat da wieder die drei Jahr af dich gwart.
    Af mich? Da knnt s' noch lang warten. Wr doch a heller Unsinn, wann ich
hitzt ans Heiraten dcht, als Reservist.
    Wie lang hast noch?
    Siebn Jahr Reserv und zwei Jahr Landwehr.
    Macht neune. Sakra hnein, is a Zeit!
    Ja, und wann whrend derselben wo was auskm, knnt ich von Weib und Kind
und Haus und Hof davonrennen, und ds gebn s' keinm schriftlich, da er auch
wieder zruckkommt.
    Jo und ich, wann ich mittlerweil in der Ausnahm s, ich rhret nit an das
Deine, ob's hitzt zruckging oder vorwrtskm.
    Ds wr mir auch gar nit lieb, d' Wirtschaft vertragt nur ein Herrn, ehnder
nehmet ich mir noch ein orntlichen Pfleger.
    Der Alte blickte ihn von der Seite an. Hast ja recht und Zeit gnug zun
Aussuchen. Aber schau mal, wann d' vom Militr frei wirst, bist grad in
schnsten Jahrn und die Dirn -
    D wird just draus sein.
    Paperla, was s' an Schnheit verlorn hat, das hat s' mittlerweil an Geld
zugnommen. Ich sag dir, wann ich 'n alten Ksbiermartel hrumkrieg, da der dir
d Dirn bis af d' selbe Zeit aufbhalt, so heiratst du d und kein andere, da
hilft d'r kein Widerred.
    Wegn derer werd ich mich unntigerweis kein zweits Mal mit dir streiten.
Wart mer's ab.
    Wart mer's ab! No, so kimm mit, 's wird lustig werdn. Heut frozzel ich den
alten Geizkragn, da er Blut schwitzen soll. Mit diesem christlichen Vornehmen
kletterte er auf den Kutschbock, Toni nahm an seiner Seite Platz, und sie fuhren
nach Schwenkdorf zum Gottesdienste.
    Nach demselben saen sie im Wirtshause, der Sternsteinhofbauer auf seinem
gewohnten Platze, neben dem Ksbiermartel. Schau, sagte er diesem, da wr der
Bub wieder.
    Ich sieh 'n.
    Dnkt mich, er wr nit bler wordn.
    Mag sein.
    Und dein Dirn hat auch nicht abgnommen.
    Nein.
    No, was is's?
    Was soll denn sein?
    Gb ds noch a Paarl?
    Ihner zwei gebn allmal eins.
    Geh zu, laugn's nit, du hast die Schritt und die Wrter gar nit zhlt, die
d' aufgwendt hast, um d zwei zsammzbringen.
    Fallt mer nit ein, z' laugnen.
    Froh gwesen wrst!
    Ds wr ich auch, ich mag's ja hitzt ganz ungscheut eingstehn, wo mer nix
mehr dran liegt.
    Es lg dir nix mehr dran?
    Nein, ich will andersdwo hnaus mit der Dirn. Der reiche Produktenhandler
von der Kreisstadt war schon paarmal bei uns und hat anghobn, so dergleichen z'
reden. No und Burin mu s' ja just nit sein.
    Der Produktenhandler, sagst? Das is ja a alter Schppel.
    Jung is er nimmer, aber was is dabei? Ich hab mein Kind anders zogn wie
andere Leut 's ihnere. Wann ich sag: Sali, du heiratst 'n Grosultl! so heirat
s' ihn!
    Meinetest's deinm Kind gut! Wr a Partie, mit d vieln Weiber!
    Ei, du mein, weil wir's etwa christlich soviel genau nehmen mit der ein
Einzigen!?
    Du taugest ja zu einm Trken.
    Beileib, ich bin z' mager, ds sein lauter Ausgfressene; du gbest so ein
rechten Hallawachel ab.
    Ksbiermartel!
    Was denn, Sternsteinhofer?
    Es war allerdings an dem Tische recht lustig geworden, aber dem
Ksbiermartel stand kein heller Tropfe an der Stirne, geschweige denn Blut.
    Der Sternsteinhofbauer leerte sein Glas auf einen Zug, dann blinzte er den
am Tische Sitzenden mit zusammengekniffenen Augen zu: Pat auf, wie ich ihm's
heimgeb!
    Ich hr wohl schlecht? spttelte er. Oder hat er vorhin wirklich vom
Kinderziehn gredt? Was hat er denn zogn? A Dirn. Wann mer so a Waiserl
anschreit, fallt's eh gleich in d' Frai. Ds is kein Kunst. Da er sich da noch
z' reden traut gegn ein, der Bubnziehn versteht!
    Wie sich gewiesen hat vor drei Jahrn.
    Ds hat sich's auch, ich hab ihm 'n Daum ghrig afs Aug gdruckt.
    Ja, und dabei is ihm nit nur 's Aug, auch d' Hosen blau wordn.
    Du weit ja gar nit, du Hasenkopf, da ich damal zwei Fliegen mit einer
Klappen gschlagen hab! Ihn hab ich einer Dummheit ausn Weg gschickt, und vor dir
hab ich mir Ruh gschafft, da d' mer nit allweil vom 'in d' Ausnahm gehn'
vorredst.
    Der Ksbiermartel spitzte freundlich den Mund. D zwei Fliegn la ich dir
gelten, aber pariert hat er dir nit, und ds tut er dir auch heut noch nit.
    Ksbiermartel!
    Was denn? Brauchst nit so umhiezlugen nachm Bubntisch. Er sitzt nit dort,
s er dort, htt ich's doch nit beredt vor seiner. Aber dabei bleib ich, er
pariert nit! Schaff du ihm hitzt, was d' damal, er sagt dir wieder: Nein!
    Schleicht schon af der alten Fhrt, der Fuchs, murmelte der
Sternsteinhofer vor sich hin.
    Mu dich nit beleidigen, fuhr der Lange fort, aber jede Wett halt ich dir
dadrauf!
    Du bist einer, der was verwett, was setzst denn ein?
    Meine zwei Braun, wie s' drauen vorm Wagen stehen, gegn dein magerste
Kuh.
    Du bist a Narr! So heilig als was, htt ich d noch heut hinter mein Wagerl
am Halfter.
    Ich steh dir dafr, da s' im Gschirr bleibn!
    Ds bleibeten s' ja sowieso, schrie einer am Tische. Du hast ja beim
Wettanbot gsagt: wie s' drauen vorm Wagen stehen, und vorm Wagen stehen s' im
Gschirr.
    Freilich, pflichteten mehrere bei, 's Gschirr wr mitverspielt!
    Der Sternsteinhofbauer schielte ber die Achsel nach dem Ksbiermartel. No,
wie wird dir denn? Traust dich noch?
    Ich bleib bei mein Bot.
    's gilt!
    Beide schlugen ein.
    Holla! A Wett! Alle Krge trommelten auf der Tischplatte. He, Wirt, jetzt
schenk vom Besten ein, der Wetthalter, was gwinnt, zahlt alls und d'
Zeugenschaft braucht a Anfeuchting! Der Knerzhuber macht 'n Schiedsrichter und
bringt d' Sach ins klare!
    Der mit solcher Einstimmigkeit zur Wrde eines Vorsitzenden Erhobene war
keineswegs eine imponierende Persnlichkeit, schon der Name kennzeichnete ihn
fr den Kundigen als das gerade Gegenteil einer solchen; denn er hie eigentlich
schlechtweg Huber, mute sich aber, wie unter Bauern jeder einer greren
Namensvetterschaft Angehrige, einen auszeichnenden Zusatz gefallen lassen; der
seine war die Vorsilbe Knerz, welche auf einen im Wachstume arg
zurckgebliebenen Menschen hindeutet. Doch Mutter Natur gleicht gewhnlich ihre
kleinen Ungerechtigkeiten selbst aus, besonders wenn man ihr dabei vernnftig an
die Hand geht; Knerzhuber reichte zwar an keinen, wie sie da um den Tisch saen,
heran, aber an Umfang bertraf er jeden.
    Der kleine, kugelrunde Mann erhob sich, was immer, auer fr die
Zunchstsitzenden, ein Geheimnis blieb, denn bei seinen uerst kurzen, etwas
krummen Beinen sah er im Stehen nicht um ein Haar hher aus wie im Sitzen. Mit
dnner, zwitschernder Stimme tat er die Frage ber den Tisch:
    Alsdann, was soll's gelten?
    Der Sternstcinhofbauer antwortete: Ksbiermartels zwei Braun, wie s' draut
vorm Wagen stehen, gegn a Kuh aus mein Stall.
    D' magerste, setzte der Martel hinzu.
    Und was is strittig? zwitscherte Knerzhuber.
    's is Ksbiermartels Meinung, erklrte der Sternsteinhofer, da ich meins
Bubn nit Herr wr und da der sich weigern wurd, wann ich ihm schaff, da er dem
da sein Sali zun Weib nimmt. Herentgegen behaupt aber ich, da der Toni gegn
mein Willen nit muckt! Verstanden?
    No freilich, wohl, wohl, ds is einfach, murmelten alle.
    Ein Bauer stand auf und schob den Stuhl zurck.
    Wohin denn? Wohin denn? quickte Knerzhuber.
    Nun, 'n Toni holt mer, fragt 'n, der sagt ja oder nein, und d Gschicht is
im Handumkehrn ausgmacht.
    Der kleine Mann wies mit dem ausgestreckten rechten Arme auf den verlassenen
Sessel hin. Sitz nieder, sitz nur wieder nieder, sag ich! Manner, afn ersten
Augnschein nimmt sich freilich d' Sach aus, als knnt da vom Fleck weg der eine
d' Ro mit ihm fortfhren oder der andere hingehn und d' Kuh heimtreiben; aber
doch is's a ganz verzwickte Wett. Freilich, sagt der Bub nein, dann htt der
Sternsteinhofer verspielt, aber wann htt derselbe gwonnen? Denn dadermit, da
der Toni ja sagt, is noch nix erwiesen; sein kindlichn Respekt und Ghorsam zu
bezeigen, mt er auch darnach tun, denn sonst wre ja sein Ja nit ja, und
dadrum knnten erst nach seiner Hochzeit mit der Sali - und frher nit - 'm
Sternsteinhofer d zwei Bruneln ausgfolgt werdn.
    Unsinn, murrte der Sternsteinhofer, aber die andern alle kopfnickten sich
einverstndlich zu, und der Ksbiermartel blickte vor sich hin mit der
stillbegngten Miene eines Mannes, dessen Sache sich ganz nach Erwarten anlt.
Er vermied es, seinen Nachbar anzusehen.
    Sollt aber 'n beiden Wetthaltern dran glegn sein, hob der Knerzhuber
wieder an, da die Sach ihrn Austrag findt, bevor wir sich da von' Sitzen
heben, so htt ich ein Vorschlag z' machen.
    So red, schrie der eine.
    La hren, murmelte der andere.
    Wann sich d zwei Vadern d' Hnd drauf geben, da s' ihnere Kinder nach
einer bstimmten Zeit wolln Hochzeit machen lassen - es mu aber a
menschenmgliche Zeit sein mit 'r gnauen Angab von Jahr und Tag -, so soll das
als a ehrlicher Verspruch gelten, und wann dann der Bub mit der Sach und auch
mit der Zeit einverstanden is, so steht nimmer nix entgegen, da der
Sternsteinhofer 'n Wettpreis an der Stell von da mit fort nimmt. Das kleine
Mnnel schlug bekrftigend in den Tisch, dann setzte es sich nieder - was, wie
bemerkt, seinem Ansehen keinen Eintrag tat - und gnnte den beiden Gegnern Zeit
zur berlegung.
    Die Beisitzer murmelten beifllig.
    Der Sternsteinhofer hatte sich hoch aufgereckt und eine Weile auf den Rcken
des gebckt sitzenden Ksbiermartel herabgesehen, nun legte er ihm die Hand auf
die Schulter. No, du, was sagst denn dazu?
    Was soll denn ich dazu sagn? knurrte der. Ich denk, die Kuh z' gwinnen!
Verspiel ich d' Ro, bekmmert mich grad, wann du d kriegst, und werd ich dir
noch dazu verhelfen, nit?
    No, nur nit ungschickt! gwett is gwett! und bin ich einverstanden mit einer
menschenmglichn Zeit in Jahrn und Tagn, so kannst du's auch sein.
    Ah, nein, nein, hitzt kmen d' Finessen!
    Was wr dabei fr a Fine? lachte breit der Sternsteinhofer.
    Soll ich dir traun? soll ich dir traun? Der Ksbiermartel mute sich in
einer auerordentlich bedenklichen Lage fhlen, so nachdrcklich kraute er sich
hinter den Ohren. Wenn ich dir traun soll, dann mt dein Handschlag aber auch
dafr gelten - und wr's gleich schon 'n morgigen Tag, wo die zwei miteinand zun
Altar gingen -, da du vom Hochzeitmahl weg in dein Stberl gingst und d' jungen
Leut Herrn sein lie'st afm Hof.
    Einverstanden.
    Die beiden Alten boten ein schnes Bild echt menschlicher Eintracht, wie sie
so dasaen, sich die breiten Tatzen drckend und einer den andern von der Seite
mit lauernden Augen anblinzend.
    Also abgmacht, sagte der Sternsteinhofer mit Nachdruck, dann fuhr er
gleichmtiger fort: Mein Wort z' halten wird mer nit schwerfalln, denn nach
denselben Jahrn und Tagn werd ich wohl 's Hausens schon md sein - -
    Na siehst, schrie der Ksbiermartel, ich hab's ja gwut, da kimmt d'
Fine zun Vorschein! Af dein alte Bockkpfigkeit lauft's hnaus, da ich mein
Dirn deinm Bubn aufbehalten sollt, und wurd s' gleich drber steinalt und
kleinwinzig, bis dir's taugt und bis dir's glegen km!
    No, und was war denn das vorhin von dir, wann nit dein alte
Aufdringlichkeit, mit der d' mir schon d' Jahr her zuredst, mich zur Ruh z'
setzn?! Von dir war ich's gwrtig, hast du von mir was anderscht erwart? In
unsern Alter ndert mer sich doch nimmer. Also mach keine Mus, schick dich,
woh'nein d' mut, und la mich hitzt bsinnen, da ich die Zeit aussprech -
    Nein, nein! Der Ksbiermartel fuhr schreiend vom Sitze empor und focht
dazu wie verzweifelnd mit den Hnden in der Luft herum; man hatte noch nie ihn
sich so gebrden sehen. Nein, nein, das geht nit an! das is nit recht und
billig! ds gibt's nit, da du's selber bestimmst!
    Bist letz? fragte erstaunt der Sternsteinhofer. Wer soll's denn bstimmen,
wann nit ich?!
    Du nit! Dich will ich nit! brauch dich auch nit z' wollen! fuhr der
Ksbiermartel schreiend fort. Hr mich an! hrts mich an, Manner! Mich reut's,
wieviel ich Haar afm Kopf hab; ich wett eh selten, mit dem htt ich's schon gar
nit solln, mitm Sternsteinhofer nit, der is gar fein! Schier gib ich mein Wett
verlorn, aber solln d' Ro hin sein, solln d' jungen Jahr von meiner Dirn
verspielt sein, hitzt verschreib ich mich 'm Wetteufl mit Haut und Haarn, ob er
mir wohl will oder bel! Hat der Toni 's eine z' entscheiden, so soll er auch 's
andere, sagt er: ja, so soll er auch sagn: wann! Ds is nit mehr wie billig!
    Ds is auch nur billig, sagten die Beisitzer.
    Der Sternsteinhofbauer erhob sich. Das ganze Geschrei und Getue httst dir
ersparen knnen. Ich bin ganz einverstanden damit. Er beugte sich herab und
raunte dem Ksbiermartel ins Ohr: Du Fuchs, dem eilt's ebensowenig wie mir.
    Einen Augenblick sah der Lange erschreckt auf. Aber er hatte sich ja -
bedeuten lassen! Sofort senkte er wieder den Kopf und schmunzelte die
Tischplatte an.
    Der Sternsteinhofer winkte den andern Tischgenossen mit lachenden Augen zu.
Hitzt geh ich mir meine Ro anschaun, sagte er.
    Da gehn mer mit, schrien alle lachend.
    Wir mssen ja, lrmte einer, schon damit kein Abreden stattfindt zwischen
'm Alten und 'm Bubn!
    Der Alte hob drohend den Finger gegen den Vorlauten. Du! so was sag nit!
das is mer kein Gspa! Unehrlich wr ja eh verspielt.
    Toni sa im Hofe auf dem Verschlu einer groen Wasserbottich, in welche das
Rohr der Dachrinne mndete. Als die spektakulierende Schar aus dem Flur trat,
lief eine Kellnerin von ihm hinweg, mit der er eben geschkert hatte.
    Schau, du Grasteufel! Du hast's not, af Lottereien z' denken, sagte der
Sternsteinhofer. Denk du lieber an deine neun Jahr. Er fate ihn an einem
Knopfe der Joppenklappe und gab ihm einen kleinen Ruck. Neun Jahr hat er noch,
Manner, und pariern und ja sagn heit's (wieder ein Ruck) bein Einberufen -
sonst ging's ihm bel! Er gab ihm einen derben Schlag auf die Schulter, und
ohne auf die teils verdutzten, teils verschmitzten Gesichter seiner Geleitmnner
zu achten, schritt er gegen den Schupfen, unter welchem Ksbiermartels Wagen
stand, ganz ernsthaft seine Rede schlieend: Ja, ja, sein gar streng, die
Kriegsgrichten.
    Nachdem man die Pferde beaugenscheinigt hatte, kam er wieder ber den Hof
zurck. Komm mit, sagte er im Vorbeigehen zu Toni, und als sie in die
Wirtsstube eingetreten waren, stellte er sich dem Burschen gegenber, und ihn
gerade ins Auge fassend, begann er: Horch mal auf und versteh mich wohl. Es
soll sich hitzt weisen, ob auch dir deins Vaters Will hher gilt wie dein
eigener; drum erwart ich kein Widerred, wann ich dir sag: du betratst
Ksbiermartels Sali. D Zeit zu bstimmen, wann d' Hochzeit sein soll, is nach
Abmachen dir berlassen; du kennst alle Umstnden, weit, was d' z' sagen hast,
also braucht's kein lang Bsinnen. Red!
    Der Bursche blickte dem Alten trotzig in das Gesicht. Wann mer eh kein
Widerred erlaubt is, was will ich denn machen? Gut, so heirat ich halt d' Sali.
Es is mer nur lieb, da ich doch wenigstens selber d Zeit bestimmen kann, wann
das sein soll, und da bitt ich auch mir jede Widerred aus! Mu's schon sein,
will ich drber nit alt werdn; in acht Wochen is Hochzeit!
    In dem brausenden Gelrme, das jetzt losbrach, erstarb ein unartikulierter
Schrei des Sternsteinhofbauers.
    Wirt! Wirt! Wirt! - Jetzt weit, an wen d' dich z' halten hast! - Der
Sternsteinhofer zahlt! - Fll ein frischen ein!
    Man schttelte dem Alten die Hnde, er stand und starrte sprachlos vor sich
hin; erst als der Ksbiermartel hinzutrat und, ihn mit beiden Armen an den
Schultern rttelnd, rief: So hast richtig gwonnen, du Himmelsakra, du?! No,
sein dir vergnnt, d zwei Braun, sein dir vergnnt, weil's dein Bub so gut mit
meiner Dirn meint! - da schien der Sternsteinhofer wieder zu sich kommen, er
stie den Langen zur Seite, wies wiederholt nach dem Tische, was die Wettzeugen,
da eben die frisch gefllten Krge hingesetzt wurden, einer freundlichen
Einladung gleich erachteten, dann fate er den Toni ber dem Ellbogen, mit einem
Griffe, ber den der Bursche einen lauten Aufschrei nur mit Mhe verbi, fhrte
ihn aus der Stube, zerrte ihn in einen finstern Gang, der an den Flur stie und
drngte ihn dort in eine Mauerecke. Hundling, elendiger, keuchte er, mitm
Peitschenstecken schlag ich dir 'n Schdel ein bein Heimfahrn und schmei dich
in Straengraben.
    Bist narrisch, chzte der Bursche, mit verzerrtem Gesichte sich unter dem
harten Griffe des Alten krmmend, was hab ich dir denn gtan?
    Abkartelt war 's Ganze, um Haus und Hof habts mich betrogen! Er ri den
zappelnden Burschen an sich und warf ihn dann an die Wand, da es drhnte.
    Nit noch mal rhr mich an! kreischte der. Rhr mich nit an, sonst schrei
ich um Hilf! - Ich wei von nix. Und wann's wr, wie du denkst, wer hat dich
denn wetten gheien, wer hat dich denn gezwungen, Wort und Handschlag zu geben?!
Das alls hast freiwillig, und ehrnhafter sitz'st wohl in der Ausnahm, wann du
dir nix merken lat, als wann du Lrm schlagst und afn Hof zun Gsptt 'n Leuten
als der gfoppte Siebngscheite unter d' Augen gehst.
    Toni verstand sich berhaupt nicht darauf, seinem Vater einen Wunsch an den
Augen abzusehen, derjene aber, der jetzt aus denselben leuchtete, war doch etwas
gar zu unvterlich. Htten Blicke die Macht zu versteinen, zu versengen, zu
vergiften, der Bursche wre nicht lebend von der Stelle gekommen. Pltzlich
krampfte sich dem Alten der Mund und die ganze untere Partie des Gesichtes
zusammen, als ob er eine unreife, herbe Frucht zwischen den Zhnen htte. Er
kehrte dem Burschen den Rcken zu und schritt langsam nach der Gaststube zurck.
    Dort sa er, in sich gekehrt, wortkarg und leerte fleiig sein Krglein.
    Es war spt am Nachmittage, als sechs Bauern den Sternsteinhofer hinaus nach
dem Schupfen trugen. Einer ging dem Zuge mit einer Fahne vorauf, es war
eigentlich ein Besenstiel, an dem ein Tischtuch flatterte, sie ward gesenkt, als
man den Volltrunkenen in das Korbgeflechte seines Wgelchens auf Stroh bettete.
Man legte ihm, statt der Heiligenbilder, Spielkarten auf die Brust, und er
ermunterte sich gerade noch so weit, da er die Bltter zusammenraffen und dem
Spavogel an den Kopf werfen konnte, der sich eben anschickte, im lamentablen
Vorbetertone eine Danksagung der tftraurndn Hntrblbnn an die
ghrden, vrsahmldn Anwsndn herabzuleiern.
    Fahr zu, Halunk! lallte der Trunkene.
    Bht Gott, Ksbiermartel! rief der Toni vom Kutschbock. Du siehst, heut
kann ich nit abkommen. Gr mer d' Sali!
    Der Wagen rasselte davon, und hinterher liefen die zwei gewonnenen Braunen
und sahen mit breiten Mulern und ernsten Augen auf die gefallene Gre herab,
die vor ihnen im Stroh von einer Seite zur anderen kollerte. Von Zeit zu Zeit
hob der Bauer die schweren Lider und stierte die teilnahmslosen, gleichmtigen
Tiergesichter an, mit einem leisen Fluche schlo er dann wieder die Augen; sah
er aber die beiden Pferde die Kpfe zusammenstecken, als htten sie Wunder was
Heimlichs miteinander, so geriet er in Wut und traktierte sie mit Faustschlgen;
durch ihr Aufbumen und Schlagen zerrten sie dann das Wgelchen hinter sich, und
Toni hatte alle Mhe, sie wieder zu beruhigen.
    Diese kleine Beschwer vermochte jedoch nicht die gute Laune des Burschen zu
schmlern; er pfiff leise vor sich hin, und manchmal, wenn er mit einer halben
Kopfwendung hinter sich ins Grt nach dem herumschloddernden Alten blickte,
berkam es ihn auch, da er lachte, aber vorsichtshalber mit geschlossenem
Munde, durch die Nase.
    Ja, bei den Soldaten lernt man sich auf Pfiffe verstehen! Wie hufig in der
Welt, trgt es auch da die Keckheit ber den Verstand davon, das
Feinsteingefdelte, was der aussinnt, verspielt, und das Plumpste, was oft mit
Hnden zu greifen, gewinnt. Der Toni berlie sich der ungetrbten Freude ber
den Erfolg seiner Kriegslist. Nur etliche Male whrend der langen Fahrt
befhlte er seinen Kopf und seinen linken Arm; wo er gegen die Wand schlug, wird
es wohl Beulen geben, und wo sich die Finger des Alten eingekrallt hatten, blaue
und braune Flecken.
    Kein Drandenken wert! heiler htt ich nit davonkommen knnen. Eh, Fchsin,
bleibst im Schritt! Merkst, da's heimzu geht? Kannst 'n Stall nit erwarten? Ich
werd dir -
    Ganz nahe lag der Sternsteinhof. -
    In acht Wochen Herr drauf!

                                      XVI


Was sich im Wirtshause zu Schwenkdorf zugetragen, das kam dort wie zu
Zwischenbhel noch am nmlichen Sonntagabende unter die Leute, und einer trug es
dem andern als eine wahrhafte Neuigkeit zu, da ber acht Wochen der
Sternsteinhofer Toni mit des Ksbiermartels Sali Hochzeit halten werde. Wenn es
auch allgemein wundernahm, wie rasch sich das schickte und da der riegelsame
Alte sich so mit eins entschlo, in d' Ruh z' gehen, so war doch nichts
Aufflliges dabei, der Bauer wollte eben seinen Willen haben, und der Bub
gehorsamte; es waren nur ein paar berfindige Kpfe, die darber schttelten und
unter sich etwas von Aufgesessen sein verlauten lieen, aber beileib nicht zu
laut, denn sie gehrten zur klugen Brderschaft, welche die Wahrheit im Sack
behlt, wohl wissend, da sie fr den Besitzer kein Hecketaler, dem Reichen, dem
man sie bietet, meist ein unliebsames Schaustck und dem Bettler ein
abgegriffener Groschen sei, den er nicht einmal geschenkt nimmt.
    Am Montage war der Sternsteinhofer noch nicht imstande, ber seine Lage
nachzudenken, den Schmerz ersparte ihm ein Weh, nmlich Kopfweh; er hatte eines
von jenen, wobei dem Menschen vorkmmt, das Oberstbchen wre rein ausgerumt
und es s ein fleiiger Werkmeister darinnen und bohrte und sgte und hmmerte,
einmal mit spitzem Hammer, dann mit stumpfem Schlegel. Bis er Feierabend macht,
verelendet man einen Tag wie nichts.
    Dienstags ging der Bauer seinen gewohnten Beschftigungen nach, doch
erprete es ihm mehrmal den Seufzer: Ja, ja, mein lieber Hof, hitzt kimmst bald
in andere Hnd! Mittwochs betrbte ihn der Gedanke: dieselben Hnde mchten
wohl weder die fleiigsten noch die geschicktesten sein. Am Donnerstage beklagte
er das arme Anwesen, das ihn, seinen alten Herrn, gewi schwer vermissen
werde, aber er knne leider nicht helfen, Einmengen sei seine Sach nit! Freitags
war er zur berzeugung gelangt, da ohne ihn alles hinter sich gehen msse, und
Sonnabends beruhigte ihn vollends die Schlufolgerung: bei der hinterlistigen
Weis, mit der sich der junge Bauer und die Schnur hier eingedrngt htten, knne
kein Segen sein, die beiden wrden's heier auszubaden haben, als sie gedchten,
bis ihnen schlielich der Hof unten durchwischte und sie in D ... k zu sitzen
kmen; diese trstliche Voraussicht, die ihm in viel drastischeren, nicht gut
wiederzugebenden Bildern vorm geistigen Auge schwebte, vershnte ihn mit seinem
Schicksale, so da er Sonntags zu Schwenkdorf vor der Kirche Ksbiermartels Sali
so freundlich und vterlich begrte, als er es eben vermochte und wie es von
ihm eigentlich gar nicht zu erwarten stand.
    Von nun ab nahmen ihn nur noch zwei Dinge in Anspruch, die Vorbereitungen
zur Hochzeit und die Errichtung seines Ausgedings, denn eine Hochzeit wollte er
zursten, ber welche die Leute von nah Muler und Augen aufreien und die von
fernher die Hlse darnach recken sollten, und auf einem Ausgeding wollte er
sitzen wie sonst keiner im Land. Der findige Notarjus, der den Heiratskontrakt
aufzusetzen hatte, mute auch die Schenkungsurkunde niederschreiben, durch
welche der Sternsteinhofer Haus und Hof mit allen Liegenschaften und Grnden und
ein gut Stck bar Geld dazu seinem Sohne als Eigen bergab; den Rest seines
Ersparten jedoch samt der eisernen Kasse, einige genau bezeichnete
Einrichtungsgegenstnde und etliche ebenso genau beschriebene Stcke Viehes
behielt der Alte fr sich sowie auf der von Zwischenbhel abgekehrten
Sonnenseite des Hgels einen Teil des Gartens und daneben etwas Grund, dort
wollte er sich anbauen und, wenn das Huschen nebst den Stllen unter Dach sein
wird, mit all seinem Eigen dahin bersiedeln; bis auf die Zeit aber, so war es
ausbedungen, sollte die Eiserne an Ort und Stelle, sein Vieh in den
gemeinsamen Stallungen und er in seinem Kmmerlein unangefochten Verbleib haben,
denn er war vorsichtig genug, sich nicht der Gefahr auszusetzen, etwa
gelegentlich eines Streites mit allem Um und Auf vor das Haus gesetzt zu werden
und, ehe er noch ein solches hatte, einem armen Abbrandler gleich, unter
Gerumpel und blkendem Vieh ratlos dazustehen.
    Am frhen Morgen des Tages, an welchem der Toni zur Trauung nach Schwenkdorf
hinberfuhr, hatte das junge Weib des Holzschnitzers das Haus verlassen, um vor
dem Eintreffen des Brautzuges dort in der Kirche sein zu knnen. Jene
nervenaufregende, alle Furcht und Scheu bezwingende Neugierde, welche dem Manne
die strubenden Blicke auf Grauenhaftes, Widerwrtiges, Qulendes lenkt und dem
Weibe die Augen nicht davon abwenden lt, welche die Menschen nach
Richtpltzen, Leichenhfen und Unglckssttten drngen macht, jener Trieb, Arges
zu schauen, hatte Helene befallen, hatte ihr den weiten Weg unter die Fe
gegeben und bannte sie nun in der Kirche am Fue des Pfeilers fest, an welchem
sie mit hochklopfendem Herzen und verhaltenem Atem lehnte, bis alles - vorber
war; dann schlpfte sie mit im Gedrnge hinaus und lief auf schmalen, nur
einzeln gangbaren Pfaden ber Felder, Halden und Hnge und kehrte auf weitem
Umwege, durch den Busch, der auf dem Hgel hinter dem Orte oberhalb ihrer Htte
lag, nach Zwischenbhel heim.
    Dort brauste, drhnte und schtterte schon die Luft von dem Gelrme,
Musizieren und Schieen auf dem Sternsteinhofe. Wie dadurch befangen und beirrt,
verrichtete Helene lssig und nebenher einige Hausarbeit, und als der Abend kam,
bei dessen Schweigen das geruschvolle Treiben auf der Hhe gegenber bald
allein in aller Weite das groe Wort fhrte, da brachte sie das Kind zu Bette,
bot dem Manne gute Nacht und trat unter die Tre des Huschens, dort stand sie,
das rechte Bein ber das linke geschlagen, die Hnde ber dem Scho gefaltet,
den Kopf an den Trpfosten gelehnt, und starrte hinauf nach dem Sternsteinhof.
    Von dorther sang und klang, hallte und schallte es durch die stille Nacht,
von Zeit zu Zeit prasselte leuchtend eine Rakete empor, und dieses Getse und
Gebraus wird Stunde fr Stunde fortwhren bis zum Frhrot und sich erst im
hellen Sonnenschein des Tages mhlich beruhigen; dann hebt es wohl morgen,
vielleicht auch noch bermorgen, nach Tischzeit wieder an und verliert sich mit
den abziehenden Gsten. Morgen werden die Zurckgebliebenen sich berlrmen, um
die Weggegangenen zu ersetzen, und bermorgen werden alle der guten Tage
herzlich mde sein.
    Ein grelles Jauchzen, das einer aufsteigenden Raketengarbe nachgellte,
machte das junge Weib frstelnd zusammenschrecken, es strich mit der Hand ber
die Stirne, ermunterte sich, schlo die Tre und suchte sein Lager auf. - -
    Ksbiermartels Sali schien wirklich wie von Holz; wenigstens heut an ihrem
Ehrentage, ihrer nunmehrigen Wrde als junge Sternsteinhofbuerin eingedenk,
ging, stand, sa und tat sie so hlzern, da Toni heimlich darber lachen mute,
aber er gestand sich auch, da sie aus gutem Holze wre. Er hatte mittlerweile,
was die Weiberleut anlangt, zugelernt - der Soldatenstand soll ja auch in der
Beziehung eine gute Schule sein - und wute einen Unterschied zu machen zwischen
den einen, die, schalkischen Krmern gleich, welche Schleuderware feilbieten,
ebenso gerne betrgen, als sie das Betrogenwerden leicht verwinden, und den
andern, die, nicht lecker nach Unerlaubtem, sich jeden unlauteren Handel von
vorneherein verbieten und die Schlagfertigsten unter ihnen wohl auch dem
zudringlichen Krmer als Abstandsgeld eine Mnze verabfolgen, die, unter Brdern
fnf Gulden wert, selbst vor Gericht nur Kursschwankungen unterliegt und, seit
die Welt steht, noch nie mit falscher Prge vorgekommen ist, trotzdem aber an
ffentlichen Kassen nicht an Zahlungs Statt angenommen wird, wogegen sich
allerdings vorab die Steuereinnehmer hchlich verwahren wrden.
    Ob dem Sternsteinhofer Toni je unter der Hand einer oder der anderen
ehrenfesten Schnen jene einseitige Schamrte aufgestiegen, welche nicht das
Resultat eines physiologischen Prozesses, sondern das einer fremden
Kraftuerung ist, davon hat er nichts verlauten lassen, wie denn solchen
Vorkommnissen gegenber selbst die geschwtzigsten Mnner sich strengster
Diskretion zu befleiigen pflegen; sicher ist, er empfand Genugtuung darber,
da er nunmehr auch von einer solchen Ehrbaren nur Liebes zu gewrtigen habe,
und es schmeichelte seinem Stolze, in deren Alleinbesitz und ihr Herr zu sein.
    Da diese seine Buerin sich nicht gegen ihn auflehnen werde, dessen war er
gewi; er hatte die acht Wochen ber Zeit genug, sie kennenzulernen, und es
htte dazu nicht einmal so vieler Tage bedurft. Die Strenge, die in ihrem etwas
scharf geschnittenen Gesichte lag, deutete auf Selbstbewutsein und ernste
Auffassung eigener und fremder Pflicht, aber galt nur den Leuten, um sich nichts
zu vergeben, galt nur dem Gesinde, um es nicht lssig werden zu lassen, dem
Manne nicht, dem sprach das dunkle, im blulichen Glanze schimmernde Auge und
nur das; das junge Weib war eines jener Geschpfe, die mit einem Blicke auf den
Mann fr ihn durchs Feuer gingen, wenn es sein mte, ihm aber hinwieder ihr
Leblang kein zrtliches Wort gnnen und das eine so selbstverstndlich finden
wie das andere.
    Es war nach Mitternacht, als die Hochzeitsgste, deren Orts- und Zahlensinn
wohl einigermaen getrbt sein mochte, mit einmal die Abwesenheit des Brutigams
und der Braut wahrnahmen, eine Entdeckung, die groen Lrm und einen Aufwand
bedenklicher, aber keineswegs neuer Witze veranlate; alle taumelten auf und
wollten den beiden Schwiegervtern zutrinken, aber die Glser klangen nur mit
dem des schmunzelnden Ksbiermartels zusammen, der Brutigamsvater fehlte.
    Der alte Sternsteinhofer war kurz nach dem Aufbruche des Paares weggegangen,
er fand dasselbe oben in der groen Stube; der junge Bauer hatte seinen Arm um
die Hfte der jungen Buerin gelegt, und beide blickten verwundert auf, als sie
jemand herankommen hrten.
    Du bist's, Vader? fragte Toni. Kommst hitzt unglegn.
    Geh gleich wieder, brummte der Alte, wollt nur schaun, doch nit nach
euch. Er trat vor seine eiserne Kasse und rttelte an der Schrankklinke, nickte
befriedigt mit dem Kopfe, dann griff er in die Westentasche, brachte den
Schlssel zum Vorschein, schlo auf und langte mit der Hand in das Fach, Papiere
rauschten unter seinen Fingern, ein Geldsckchen klirrte gegen ein anderes, er
pfiff leise vor sich hin und warf die Tre wieder zu. Ein guten Rat tt ich
euch gebn, sagte er, sich an das Paar wendend. Beileib kein Einmengen in euer
Hausen - das is euer Sach - dem schau ich zu, und da tu ich euch nix zwider,
aber auch nix zlieb, das sag ich gleich; nur eins mein ich, gar ganz mit mir
verderben sollts euch's nit. Es is noch was da! Er schlug hinter sich mit der
flachen Hand gegen den Schrank. Gute Nacht!
    Gute Nacht, Vader, sagte Toni.
    Gut Nacht, flsterte Sali.
    Die schweren Tritte des alten Bauern verhallten auf der Treppe.

Mit dem Nichteinmengen des alten Sternsteinhofbauers in die Wirtschaft des
jungen hatte es bald ein gar eigenes Bewandtnis. Der iunge Bauer war nmlich des
guten Glaubens, es sei kindleicht, sich als Herrn des groen Anwesens
aufzuspielen, denn all die Jahre her war es nicht anders gewesen, als mache sich
da alles von selber; er erhielt gleich den andern sein Teil Arbeit aufgetragen,
und wenn er irgend sonst mit Hand anlegen wollte oder eine Frage ihm beifiel, so
lie es der Alte weder an Unterweisung noch Aufklrung fehlen, aber der Toni war
nicht sonderlich neugierig und der Alte, ungefragt und unangegangen, gar nicht
mitteilsam; der letztere wollte ja noch eine gute Weil hausen und herren und
dann erst, etwa ein Jahr vor der ihm gelegenen und genehmen Hochzeit des Sohnes,
Anla nehmen, den Burschen in alles und jedes vom Kleinsten bis ins Grte
einzuweihen und sich nicht Zeit und Mhe reuen zu lassen, bis derselbe sich
tchtig eingeschossen; das hatte sich nun der Bub durch das hinterlistig 'n
Vadern ums Seine narren grndlich verscherzt. Gar bald trat manches an den
jungen Bauern heran, wo dieser nicht Rat wute; das Gesinde befragen, ging doch
nicht an, der Schwiegervater zu Schwenkdorf war denn doch etwas aus der Hand
gelegen, und merkte der, wieviel in fremder Wirtschaft auf sein Meinen ankme,
dann konnte sich derselbe wohl mit der Zeit gar unliebsam berheben; so blieb
denn schlielich, wenn sich eine Sache recht zweifelhaft anlie, dem Toni nichts
ber, als den alten Sternsteinhofbauer auszuholen. Er schlich dann immer hinzu
und redete so nebenhin und nebenher, tat dabei das Maul kaum auf, aber spitzte
desto mehr die Ohren. Sag mal, was war da alter Brauch? der neue knnt etwa nit
taugen, oder: Damit halt ich 's wohl anders wie du, was meinst dazu?
    Der Alte streckte sich dann jedesmal, sog die Luft ein, da sein breiter
Brustkasten sich hob, und drhnte dann heraus: Was fragst nachm altn Brauch und
wie's andre halten? Tu, wie d' glaubst, wird ja recht sein, bist doch der Herr!
Zwei Anordner taugn nit af einm Anwesen, wie d' einmal gsagt hast. Liegt dir d'
Arbeit z' schwer auf, was nimmst denn kein Pfleger, wie d' dich in der nmlichen
Red hast verlauten lassen? Schau halt um ein orntlichen. So ein Pfleger pflegt
freilich vorerst sein Sack, aber versteht er was, so erwirtschaft er doch mehr,
als wie er dir stehlen kann, nur wann er nix versteht, is's gfehlt, dann geht er
mit der vollen Taschen, und dir bleibt a Loch in der dein'n.
    Der junge Bauer mochte, wie oft er wollte, in den saueren Apfel beien, er
trug nichts davon als stumpfe Zhne; er begann ernstlich zu sorgen, Schadens
wegen - da er es fr den Spott der Umgegend nicht brauche, das wute er; in
seiner Not vertraute er sich der Buerin an, diese machte zwar groe Augen und
schttelte bedenklich den Kopf, aber sie war sofort entschlossen, die Sache in
die Hand zu nehmen, um den Alten umzustimmen; seit der dahintergekommen, da sie
um den Streich, den man ihm mit der Wette gespielt, nicht vorher gewut habe,
war sie ihm als Schwiegertochter viel leidlicher geworden. Sali lief von der
Stelle zu ihm und sprach auf ihn ein, sie klagte die Verlegenheiten ihres
Mannes, und da msse sie nur frei gleich heraussagen, da der schrecklich
leichtfertig gehandelt htte, weil er sich zugedrngt, wo er doch zuvor wissen
konnte, da er nicht aufkme, aber der Vater mchte bedenken, da auch sie
mitbetroffen wrde und doch an allem Geschehenen nicht die geringste Schuld
trage, und wie schad es um das schne Anwesen wr, und da der Toni, wenngleich
recht unbesinnt, doch sein Einziger sei - und so bettelte und schmeichelte sie
dem Alten die ntigen Ratschlge und Ausknfte ab.
    Was dem alten Sternsteinhofer die Zunge lste, war aber nicht etwa
erwachender Gerechtigkeitssinn, der sich dagegen setzt, Unschuldige mit den
Schuldigen leiden zu lassen, wer das gedacht htte, der kannte den Alten
schlecht; dessen Inkonsequenz entflo keiner so lauteren Quelle, sondern - mit
Bedauern sei es gesagt - einem weiten, bervollen Becken menschlicher
Schwachheit. Wohl widersprach es ganz und gar seinem anfnglichen Vorsatze,
hbsch beiseite zu stehen und ruhig zuzusehen, wie die jungen Leute
abwirtschafteten, da er nun dem einen Teile ratend beisprang und dadurch die
Fehler des anderen ausglich, aber nach wie vor blieb er gegen Toni unfreundlich,
dessen Dank und Annherung er schroff zurckwies; das htte dem jungen Bauern
allerdings nicht schwer aufgelegen, doch als er sich's recht bequem zu machen
dachte und die Buerin zu direkten Anfragen an den Vater veranlate, da sagte
der: Ei, du irrst wohl, das und das wei der Toni sicher, er hat mir darber
nichts verlauten lassen. So mute denn jeder Angelegenheit halber vorab der
Bauer seine Not klagen und eingestehen, da er nicht auswisse, und dann die
Buerin ihres Mannes bernehmen bedauern und Abhilfe erbitten, das war es,
worauf der alte Sternsteinhofer bestand, dieses Demtigen und Betteln
schmeichelte seiner Eitelkeit!
    Allerdings waren die jungen Sternsteinhofleut keine gemeinen Rotfchse,
sondern von einer edleren Gattung, etwa blaue, und es kostete sie einige
berwindung, sich zu solchen gefgen und schmiegenden Schlichen zu verstehen,
als sie aber merkten, da der alte Rabe auf andere Weise nicht zu bewegen war,
den Schnabel aufzusperren und den Kse fallen zu lassen, ergaben sie sich darein
und taten ihm seinen Willen, um den ihren durchzusetzen.
    Unter solchen Umstnden, alles ihm zukommenden Respektes sicher, eilte es
dem Alten gar nicht, seine Ausnahm unter Dach zu bringen, doch als etwa nach
einem Jahre auf dem Sternsteinhofe ein Kleines zu erwarten stand, da lie er
sich die Beschleunigung des Baues sehr angelegen sein, brachte Stunden auf dem
Arbeitsplatze zu und schalt und eiferte mit den Werkleuten, denn sobald das Kind
oben einzog, wollte er herunterziehen; an Kindergeschrei fnd er in seinm Alter
mehr kein Gefallen, sagte er.

                                      XVII


Mit einbrechender Nacht war der Wagen ber die Brcke gedonnert und durch das
Dorf gerast, man konnte nicht schnell genug den Kopf nach dem Fenster wenden,
vorber war er.
    Vor dem Wirtshause hatte der Wirt gestanden, in dem Fuhrmanne einen Knecht
vom Sternsteinhof erkannt und, in mchtigen Stzen nebenherrennend, ihn
angerufen.
    Wohin, Wastl?
    In d' Stadt.
    Was eilt?
    Der Burin - 'n Doktor!
    Worauf die Wirtin die Hnde zusammengeschlagen. Unsre Liebe Frau steh der
armen Seel bei!
    Mit frhem Morgen kehrte der Wagen wieder, und als er oben im Gehfte
anhielt, strzte der junge Bauer stieren Blickes und wirren Haares herbei, den
kleinen, vierschrtigen Mann, der abstieg, beim Arme anfassend. Helfts, helfts,
Herr Doktor, ich kann den Jammer nimmer lnger anschaun!
    Der Arzt gelangte, mehr hinangedrngt und geschoben als selbst steigend, die
Treppe hinauf.
    Drei viertel Stunden spter lag oben in der dunkeln Stube, deren verhangene
Fenster Licht und Luft ausschlossen, ein gar schwaches, zartes, gelbschtiges
Kind und ein sieches Weib.
    Als der Doktor, sich fleiig mit dem buntseidenen Taschentuche die Stirne
trocknend, vom jungen Bauer geleitet die Stiege herabkam, wollte eine Magd die
folgenden Reden erlauscht haben.
    Herr, sagte der Bauer, das wr dann, als htt ich kein Weib.
    Euch davon zu verstndigen, sagte der Arzt, war meine Pflicht. Ob Ihr sie
berhaupt noch lange behalten werdet, wei ich nicht, wenn Ihr sie aber bald los
sein wollt, braucht Ihr blo meinen Rat zu berhren.
    Da erblickte der Bauer die Dirne, sie ward von ihm angerufen und mute eine
Flasche Wein, Schinken und Brot fr den Doktor nach der Laube schaffen. Die
Gefrigkeit, mit welcher das kleine, runde Mnnchen darber herfiel, und dessen
schmatzendes Behagen war fr die dermalige Gemtsstimmung Tonis ein so
widerspruchsvoller Anblick, da er sich hastig mit der Andeutung, oben
nachsehen zu mssen, hinweg begab, was sicher auch dem Doktor sehr gelegen kam,
der, allein gelassen, sofort jede beileidige Miene ablegte und unter dem Kauen
einem hohen Grade von Wohlbefinden in unartikulierten Lauten Luft machte.
    Drei Tage darnach war die Taufe. Sie sollte in aller Stille verlaufen, denn
die Sternsteinhofbuerin lag so kraftlos dahin, als ob sie sich Lebens oder
Sterbens besnne, und bei jedem aufdringlicheren Laut durchrieselte es sie vom
Kopfe bis zu den Fen.
    Als der junge Bauer, von nur wenigen Gsten geleitet, mit der Patin, einer
der reichsten Buerinnen in der Umgegend, und der Hebmutter, welche in einem
reichen Taufzeuge ein winziges, mifarbiges Wrmchen trug, die Stufen zur Kirche
hinanstieg, lehnte an der Mauerbrstung, dem Portale gegenber, das Weib des
Herrgottlmachers mit dem derben, pausbckigen Buben auf dem Arme.
    Er starrte Helenen ins Gesicht, sie sah mit leicht gerunzelten Brauen nach
ihm, auch das Kind blickte ihn so grougig und ernst an, da senkte er den Kopf,
und sein Blick glitt an der krftigen Gestalt des Weibes herunter.
    Die Taufzeugen traten in die Kirche, die heilige Handlung begann. Nachdem
die reiche Buerin namens des Tuflings versprochen, alles zu glauben, was die
Kirche zu glauben vorschreibt, und dem Teufel und seinen Werken zu entsagen,
erhielt das kleine Geschpf, es war ein Mdchen, zu Ehren der Patin deren Namen
Juliana.
    Als der Zug die Kirche verlie, ging der junge Sternsteinhofer vorgeneigt,
wie wenn er vor sich auf dem Boden nach etwas suchte, er wute, da Helene noch
da war, er fhlte es, da sie ihn beobachtete, er htte es auch gewut und
gefhlt, ohne die Schuhspitze ihres rechten Fues zu sehen, die spielend kleine
Kiesel wegschnellte.
    Vier Wochen mochten seit dieser Begegnung vergangen sein, der zweiten in den
anderthalb Jahren seit Tonis Heimkehr, da kam eines Abends, ziemlich spt, die
alte Zinshofer noch herbergelaufen und lud Helene mit wichtigtuenden Gesten und
heimlichem Augenwinken ein, in die alte Htte hinberzukommen.
    Der jungen Kleebinderin war solch verstecktes und verhehlendes Gebrden
zuwider, sie fuhr die Alte mrrisch an, doch gleich am Ort auszusagen, was es
gebe, aber da diese rasch hinaushuschte, so folgte sie ihr verdrossen nach.
    Als die beiden drben eintraten, sa der junge Sternstein-hofer auf der
Gewandtruhe, den Rcken an die Wand gelehnt, mit herabhngenden Armen und drehte
langsam, wie mde, den Kopf nach der Tre.
    Helene blieb an der Schwelle stehen, sie streckte den vollen, runden Arm
gegen ihn aus und schttelte mit der Hand.
    Schon hatte sie mit der Rechten die Klinke erfat, um wegeilend die Tre ins
Schlo zu drcken, da stemmte sie pltzlich die Linke gegen die Hfte und fragte
in scharfem, grollendem Tone: Was willst denn du eigentlich da?
    Nix, antwortete der junge Bauer, gar nix. Dein Hrberrufen hab ich nit
verlangt und htt's auch nit glitten, wenn ich drum gwut htt; das war ein
Einfall von deiner Mutter, zu der bin ich kommen, mein Jammer und Elend klagn
und mich auszureden drber, wie anders alls htt werden knnen. Ds wird mir
doch verlaubt sein? Und ihr verble nur nit ihr Mitleid fr mich.
    Dir kommt nur heim, was du an mir gesndigt, sagte Helene, damit trat sie
hinaus, man hrte das Getrappel einiger eilender Schritte und dann das Scharren
der Sohlen auf der Steinstufe vor der Tre des Nachbarhauses.

Es war den Leuten einleuchtend, da es dem jungen Sternsteinhofer hart aufliegen
msse, anstelle einer rhrigen, lebfrischen Buerin so mit einem Schlag eine
nichtsnutze, serbelnde auf dem Anwesen zu haben, und die Klgeren, die nicht
jeden nach sich selbst beurteilten, behaupteten auch, sie htten es vorhersagen
knnen, wie er sein Unglck aufnehmen wrde. Gram und Herzleid halten manchen an
kurzem Faden fest am Orte, und so einer arbeitet dann oft doppelt soviel wie
sonst, um des Leidwesens Herr zu werden, oder das wird der seine, dann sitzt er
unttig dahin und verstumpft im fortwhrenden Anblicke des Jammers; einen andern
jagen sie zum Haus hinaus, da er wie im Nebel herumluft, nur vom Heim
wegtrachtend, oder gar in allen Wirtsstuben zuspricht und im Trunke Vergessen
sucht. Da der Toni den Sternsteinhof mit dem Rcken ansehen werde, das wollten
eben die Klgeren vorausgesehen haben, jene aber, die immer anders tten, als
ein anderer getan hat oder tut, die ihm das berarbeiten und das Herumknotzen
in der Krankenstube - eins sein Schad und keins der Buerin Nutz - belgenommen
haben wrden, sie fanden es nun gar nicht schn, da er auslief und das arme
Weib vereinsamen lasse, es war in ihren Augen nicht zu entschuldigen, aber doch
begreiflich. Nur ber eines schttelten bald die Bedachtsamen wie die
belnehmerischen die Kpfe, ber den hufigen Zuspruch des jungen Bauern bei der
alten Zinshofer. Es vergingen wenige Abende, wo man ihn nicht nach der Htte der
Alten gehen oder des Weges von derselben kommen sah.
    Quacksalberte vielleicht die Alte, um der Sternsteinhoferin 'n lieben
Gsund wiederzugeben? Schon mglich. Vor Zeiten sagte man ihr nach, da sie sich
auf Kruter und Trnk verstehe.
    Aber doch wohl nicht. Denn der Bauer ging immer mit leeren Hnden von ihr,
und Sympathie wird doch das keine gewesen sein, da er dann, wenn er sich
unbelauscht glaubte, in das Vorgrtel des Herrgottlmachers schlpfte, geraume
Weil vor dem Huschen stehenblieb und an einer Fensterscheibe fast die Nase
platt drckte? Auch ging auf dem Sternsteinhofe die Rede, man wte recht gut,
welches Wegs der Bauer herkme, denn sei er bei der alten Hexe gewesen, dann
gebe er der Buerin kein gutes Wort.
    Zweimal kam es sogar zu lrmenden Auftritten. Der Bauer berhufte die
Buerin mit krnkenden Vorwrfen ber ihr ungesundes Wesen, von dem sie wohl
gewut haben werde, aber es ihm verheimlicht htte, und als sie mit trnenden
Augen auf die Wiege hinwies, kehrte er derselben, das Kind verschimpfierend, den
Rcken; beide Male war er unter Tages im Dorfe unten gewesen, Helene war eben
auswrts, und die alte Zinshofer hatte ihr Enkelkind, den kleinen, kraushaarigen
Nepomuk, in ihre Htte herbergeholt.
    Helene war es wohl in etlichen mondhellen Nchten, wo sie lnger wach lag,
vorgekommen, als ob etwas vor dem Fenster schattete, aber sie hatte es nicht arg
noch acht; erst als man im Dorfe von den nchtlichen Gngen des jungen
Sternsteinhofers zu sprechen begann und der kleine Muckerl von einem schnen,
freundlichen Bauern schwtzte, der ihm viele schne Sachen versprch, da reimte
sie sich das Gerede der Leute und das Geplauder des Kindes zusammen.
    Noch am selben Abende, nachdem sie sich darber klargeworden, sa sie
inmitten der Stube und machte einen langen Hals nach dem Fenster, und als auen
Toni der Strae entlang kam, erhob sie sich kurz darauf und lief nach der Htte
ihrer Mutter.
    Sie ri die Tre hastig auf und warf sie schmetternd hinter sich zu, dann
trat sie hart an den Bauern heran, die geballte Faust vor seinem Gesichte
rttelnd. Du bist ein elendiger Kerl! Is's dir nit gnug, einmal an meinm
Unglck schuld gwest z' sein? Willst mich hitzt auch noch als Weib in Verruf
bringen?
    Die Zinshofer drngte sich zwischen die beiden. Heb nur kein Streit an in
meiner Htten, sagte sie, Helenens drohende Rechte am Handgelenke anfassend.
    Meng du dich nit ein, schrie das junge Weib, sich heftig losreiend. Du
meng dich nit ein, weder so - ich rat dir gut - noch in andrer Weis, wozu d'
etwa Lust httst! Was ich mit dem da hab, das is allein zwischen uns zwein!
    Freilich wohl -, grinste die Alte; eine unmutige Bewegung und ein zorniger
Blick des Bauern machte sie verstummen.
    Toni schob sie zur Seite. La s' nur, sagte er, la s', Mutter Zinshofer.
Sie hat ja recht, wann s' mir 's Vergangene nachtragt, ich hab schlecht an ihr
ghandelt, und 's is mir bel gnug ausgangen.
    Sonst beschweret's dich nit viel, hhnte Helene.
    Aber Gott is mein Zeug, fuhr er fort, und auch du kannst mich nit Lugen
strafen, vom Anfang war mein Absehn a ehrlichs -
    Und ich jung und dumm gnug dazu, unterbrach sie ihn, afs alleine Absehen
was z' gebn. Aber du irrst, wann du denkst, ich trag dir deswegen was nach. So
ein Betrgen zwischen zwein, wobei allzeit 's Betrogene noch mithilft, weil
sich's selber betrgt, das witzigt ein'n nur fr ein andermal, und damit is's
aus und vorbei. Wann du mir aber hitzt ber die Weg schleichst, mich als Weib
fr so schlecht haltst, wie ich als Dirn unbesinnt war, hitzt, wo's af ein
Betrgn unter dreien ankm, 'n dritten dir z'lieb, und wo nur von einm
unehrlichen Absehn die Red sein knnt und fr dich gar nix afm Spiel stnd und
fr mich mehr wie alls, hitzt is das ein beleidigend Einbilden und ein schandbar
Zumuten!
    Toni schttelte den Kopf. Es is weder ein Einbilden noch ein Zumuten dabei.
Was die Leute erlauern knnen, wann ich dir gleichwohl ber die Weg schleich,
das is nur fr mich abtrglich; nur mir greicht's zur Unehr, und nur mich
macht's zun Gsptt, wann ich dir nachlauf und kein Ghr find.
    Ds is nit so! Bisher hab ich's gleich geacht, ob du am Zaun
vorberstreifst oder ob sich ein Hund dran reibt, und solang mer denken mut,
ich merk nix davon, konnt mer mir auch nix verbeln, aber hitzt kommt mir zu,
da ich dir verbiet, mir bern Weg und unter d' Augen z' gehn, und das wirst dir
auch gsagt sein lassen!
    Nein, sagte er leise, aber bestimmt.
    Was? schrie das junge Weib, vor Zorn erglhend. Mit aller Gwalt brchtst
mich in Verdacht? Du wolltst nit?
    Ich kann nit.
    Dann spuck ich dir auf offener Straen ins Gesicht, wie schon einmal, und
schrei es vor allen Leuten aus, da du pflichtvergessener Lump meiner Ehr
nachstellen willst, trotz ich dir dafr alln Schimpf und Schand angetan.
    Tu's.
    Pfui!
    Hast recht. Ich gspr ja selber, da ich kein Ehr im Leib hab, sonst stnd
ich nit da, wo mer mich nit mag, und bettelt um ein Futritt. 's einzig
Mnnische, was ich noch an mir hab, worauf ich acht, weil mir 's Nichtachten so
a schwer Lehrgeld kost, 's Worthalten, verbiet mir eben, da ich dir versprch,
ich tt nach deinm Willn. Ein Wochen etwa vermcht ich mich fernzhalten, in der
nchsten schon zwinget's mich wieder da her, in deiner Nh hrumziungern und z'
lauern. Jesses und Josef! ich wei mich nit aus!
    Die alte Zinshofer drckte die Schrze vors Gesicht und schlich durch die
Hintertre aus der Stube.
    Helene hatte die Augen gesenkt, nun blickte sie auf. Was bezweckst denn mit
deinm Raunzen?
    Bezwecken? Er lachte schmerzlich auf. Frag 'n gschlagenen Hund, warum er
heult. Weil ihm weh is. O du mein Gott, wann mer sich nur damal besser miteinand
verstanden htten. Ich stnd hitzt grojhrig und frei da; - httst nur du auf
mich gwart!
    Leicht gbst du gar noch mir a Schuld?! Narr du, sollt ich mich af Jahr
hnaus alln Anfeindungen von Gro- und Kleinbauern aussetzen und warten, die
gwisse Schand vor 'n Augen, afs Ungwisse? Bist denn du nit von mir grennt wie
der ertappte Dieb vom Rbnfeld, und wie der sein Sack, hast mich dahinter
lassen?
    Du brauchst mir's nit vorzurupfen! Htt ich damal getan, wie recht gwesen,
so blieb mir hitzt, nach drei Jahrn in der Fern und im zweiten daheim, 's
Einsehen erspart, da ich verspielt htt, was mir allein taugt.
    So la verspielt auch fr verloren gelten, trag, was auf dich zu liegen
kommt, und sinn nit, das Unglck, was dich mit deiner Burin betroffen, durch
anderer Leut Schaden auszgleichen. Mir mut wenigstens nit zu, weil dir d'
Weibernarrischkeit einschiet, da ich dir die Narrin dazu abgb. Und hitzt wr
gnug gredt ber so 'n Unsinn!
    Leni, ein Wort noch! Nit oft, noch auffllig, nur zeit- und randweis
verlaub mir 's Herkommen, ich will ja auch 'm Kind nachschaun -
    'm Kind? Das geht dich doch gar nichts an und mich nur soweit, da 's sein
Leben bhalt und sein Pfleg hat, 's is af eins andern Duldung angwiesen, einer
ledigen Dirn Kind und hat kein Vadern.
    Wer wei, was d' Zeit bringt! Es knnt 'n ja noch kriegn -
    Dir is wohl 's Geblt in Kopf gstiegen?
    Nein, Leni, nein, ich red nit unberlegt. Wie lang kann's denn mit meiner
Buerin whren? Vielleicht nimmt s' unser Herrgott bald zu ihm, wr ja auch 's
beste fr sie, denn heil und ntz wird s' doch nimmer.
    Schon deinm Reden nach wr der arme Hascher wohl besser im Himmel
aufghoben. Aber ob sie fortlebt oder wegstirbt, das hat kein Bezug; ich hab kein
Anla, meinm Mon 'n Tod z' wnschen, der is nit siech und steht in dein'n
Jahrn.
    Er lebt auch nit ewig.
    Toni! - Unser Herrgott verzeih dir die Snd und mir, da ich solchs anhr!
    Toni hielt sie an der Hand zurck. Er mu's, Leni, er kann gar nit anders;
sonst lie er mich meiner Gedanken Herr werdn, sonst lie er mich an deinm Trutz
vertrutzen, sonst lie er's nit zu, da ich dir nachtracht, als wrn wir die
zwei alleinigen Leut af der Welt und uns bstimmt! Und wr's a Snd, Leni, dir
knnt er nit an! Ich nimm alle af mich - fr dich nhm ich jede Snd af mich -
fr dich, was a himmelschreiende wr! - fr dich - Leni -
    Sie stie ihn krftig von sich und eilte hinaus.
    Als die alte Zinshofer den Kopf zur rckwrtigen Tre hereinsteckte, lehnte
der Bauer an einem Pfosten der vorderen, beide Handflchen an die Stirne
gepret.

Der Mond schien in die Schlafstube des Holzschnitzers. Helene ruhte und trumte.
Es war ein verworrenes Trumen. - -
    Sie stand in der Stube ihrer Mutter vor der blanken Spiegelscherbe, die dort
im Fensterwinkel lehnte, sie hatte das stillvergngte Gefhl einer frohen
Erwartung, das kleine Gemach war gedrngt voll von Leuten, unter denen ihr
welche, die sie tglich sah, wie fremd vorkamen und andere, die sie sich nie
gesehen zu haben erinnerte, wie lngst bekannt; zu dem Fenster guckten der
Muckerl und die alte Kleebinderin herein und schlugen wundernd die Hnde
zusammen, und hinter ihr stand Toni und zupfte sie an den Zpfen und kitzelte
sie unter den Armen und fragte: Bist bald fertig? Und sie schrie ungehalten,
aber doch lachend: Gleich, gleich!
    Dann lief sie an den Leuten vorber - die eine Gasse bildeten - unmittelbar
in den Flur des Sternsteinhofes und die Treppe hinauf. In den schnen Stuben
standen alle Schrnke offen, nicht nur die mit Leinen- und Gewandzeug, auch der
Silberschrank, aus dem es funkelte und leuchtete, und der Geldschrank, aus dem
Papier- und Bargeld fast herausquoll. Von unten hrte man das Geblk der Rinder,
das Getreibe des Geflgelhofes, das Pfnauchen der Maschinen, dann
Raketenprasseln, Musik, jenen Hochzeitslrm, und pltzlich fand sie sich unter
Tanzenden und Singenden und tanzte mit und sang. - -
    Darber wachte sie auf.
    Es war alles ruhig. Doch nein, von der nchsten Ecke schallte es her, der
Mann dort im Bette mochte wohl auf der Nase liegen, denn er verbrachte ein
wundersames Geschnarche, und zu dieser Musik hatte sie im Schlafe zu singen
versucht.
    Tief aufseufzend erhob sich Helene mit halbem Leibe, da machte der Schlfer
eine Wendung, und das Gerusch verstummte. Sie lauschte, nach einer Weile erst
vernahm sie seine ruhigen, regelmigen Atemzge.
    Helles Mondlicht erfllte den Raum der Stube, tiefschwarz lagen die Schatten
der Fensterbalken wie gespenstige Grabkreuze breit ber der Diele.
    Zwei, just zwei, lagen da.
    Helene klammerte sich an den Bettrand und beugte sich ber denselben hinaus,
so war es ihr mglich, die letzten Fenster des Sternsteinhofes zu erblicken; ein
schwaches Licht blickte von dorther, es leuchtete in der Krankenstube der
Buerin.
    Wie lang wird's mit der whren?
    Wenn sie auch jetzt wieder auf die F kommt, so schlimmer fr sie, wenn
wahr ist, was die Leut sagn, da die Magd behauptet, es htt es der Doktor
gesagt.
    Der Bauer hat heies Blut.
    Liee sich eines darauf ein, ihn unsinnig zu machen und heimzu zu jagen, er
ertrotzte dort sein Recht und -
    Tu's, flsterte eine Stimme in ihrem Inneren.
    Davon liee sich nichts austragen noch erweisen -
    Tu's, flsterte es wieder, aber diesmal war es, als sprche es ganz nah von
auen auf sie ein.
    Herr du, mein Jesus, was sind das fr Gedanken?! Was will mir da an? -
Dummheiten! - So sndhaft wie dumm! - Blieb doch der andere -
    Der lebt auch nit ewig.
    Lebt auch nit ewig, murmelte sie, als wiederhole sie Worte, die ihr
vorgesagt worden.
    Da besann sie sich pltzlich, da sie gesprochen habe, nach niemand und
nirgendhin, sie sah mit scheuen Blicken um sich, dann streckte sie sich rasch
aus, zog die Decke ber sich und schlo die Augen. Aber whrend sie den Kopf in
das Kissen drckte, dachte sie trotzig: Unsinn! Ewig lebt keiner, doch berlang
mancher. Was gschh dann?
    Das findt sich! flsterte es in ihrem Inneren.
    Kalter Schwei troff ihr aus allen Poren, dann schauerte sie wieder wie im
Fieber zusammen.
    Das findt sich! klang es ihr, wie von auen, unmittelbar an dem Ohre.
    In diesem Augenblicke tat der Mann drben einen schweren Atemzug mit weit
offenem Munde, es klang wie Gerchel.
    Mit Anstrengung unterdrckte Helene einen lauten Aufschrei. Nun begannen
ihre Pulse zu hmmern, sie unterschied jeden einzelnen Schlag dem Gefhle nach,
sie empfand es auch, ohne zu zhlen, da in einer genau wiederkehrenden Frist
das regelmige Klopfen wie durch rasende Doppelschlge unterbrochen wurde, und
dann flsterte, wisperte und raunte es ihr zu: Tu's - tu's - tu's - es findt
sich - es findt sich! Und das kehrte wieder und wieder, sie wute es genau,
wann, und trotz sie sich die Ohren mit den Hnden zuhielt und den Kopf im Kissen
und unter der Decke vergrub, es klang immer verwirrender, drngender,
gebietender: Tu's - tu's - tu's - es findt sich - es findt sich!
    Da warf sie sich aus dem Bette zur Erde und kroch auf den Knien in den
Winkel hinter ihrer Liegerstatt; sie stie den Kopf hart gegen die kalte Mauer
und blieb mit der Stirne an derselben lehnen, ihre Hnde falteten sich
krampfhaft, sie krmmte sich zusammen aus Furcht vor sich selbst oder vor dem,
was aus ihr heraus wie leibhaft sie anzufassen und zu bewltigen drohte. Sie
begann zu beten, erst im stillen, dann mit halblauter Stimme; ohne auf den Sinn
zu achten, murmelte sie eifrig die Worte, um ihre Gedanken zu verscheuchen und
die unheimlichen Rufe zu bertuben. Manchmal erhob sie die Stimme, als wollte
sie etwas zurckschrecken, das nach ihr fasse; dann ward ihr Gemurmel mhlich
eintniger, und gegen Morgen brach sie kraftlos in der Ecke zusammen und
schlummerte ein.
    So fand sie der Herrgottlmacher. Unter seiner Berhrung schrak sie auf.
    Um Jesu willen, sagte er, was is's denn mit dir?
    Schlecht is mir gwest, antwortete sie, mein Lebn hab ich kein so
schlechte Nacht ghabt.
    No, wr nit aus, meinte er kopfschttelnd.

                                     XVIII


Etliche Tage nachher fand sich mit einmal der kleine, sbelbeinige Agent der
Handelsgesellschaft fr religisen Hausrat in Kleebinders Htte ein. Er hatte
sich die Jahre ber uerst selten blicken lassen und war dann immer mit einer
gewissen Zurckhaltung, aber auch mit aller gebhrenden Rcksicht empfangen
worden; der letzteren konnte fr diesmal allerdings der Umstand einigen Eintrag
tun, da seit lngerer Zeit die Bestellungen merklich abnahmen.
    No, auch einmal anschaun lassen? rief der Holzschnitzer nach der ersten
Begrung. Hoffentlich bringts mer doch Guts? Schon a schne Weil her lats
mich vllig feiern, brauchts auch gar nix!
    Recht haben Se, Herr Kleebinder, wenn Se sich aufhalten, sagte das
Mnnlein. Die Geschfte gehen flau. Mein, was wollen Se? Die Gesellschaft war
verfallen in  grausamen Irrtum, se hat gemeint, mit de Woor werd sich
verbreiten der relgise Sinn und mitm relgisen Sinn wieder de Woor, un es werd
kan End nehmen; nu verlangt aber nor der relgise Sinn nach der Woor, die Zahl
der Abnehmer is  beschrnkte, un die Zahl is erschpft. Gott, was haben dagegen
die Englnder for a reiches Absatzgebiet for indische Gtzen, was werden
gefabriziert in London! Se sein aber ach  groies Handelsvolk, un is mer immer
afgefallen, da se ihrn Sabbat esoi heiligen.
    Sein s' Juden?
    Wo denken Se hin, Herr Kleebinder? Christen - Christen, sag ich Ihnen, vom
reinsten Wasser. Aber hren Se af ein Rat, Herr Kleebinder, sehen Se sich um um
 Nebenverdienst, wie ich mer hab umgesehn um an'n.
    Ich wt mer kein.
    Lassen Se sich sagen, machen Se heidnische Figuren.
    Wenn auch kein Snd dabei wr, ich verstnd mich nit drauf.
    Sein Se nix ngstlich, ich an Ihrer Stell wrd mit de Gtter ach noch
fertig werden. Schnitzen Se ein' Mann, was gar kein Kleidungsstck tragt wie
anstatt 'n Hosenlatz  Weinbeerblatt, und setzen Se ihn af  Weinfa, haben Se
'n Bacchus, geben Se ihm in die Hand 'nen Tremmel, werd es sein der Herakeles,
lassen Se ihm tragen Flgel an de Fu un  Stangen, woran sich statt 'er Brezeln
ringeln  poor Schlangen, is der Merkur fertig. De Hauptsach in der Mythorlogie
ist de Natrlichkeit. De Farb kennen Se ach daran ersporen, machen Se de
Figrcher nor recht schmutzig, das is  Kunstwert, was Platina heit. Ich besorg
Se, wenn Se wollen,  ganzes Mythorlogienbuch, worein se alle stehen
afgeseichnet, de Gtter un de Gttinnen.
    Ds sein d Weibeln von d, was nix anhabn? Schaun d auch so aus?
    Einselweis tragen welche esoi alte Kleidungsstcke; aber wenn Se mer
folgen, Herr Kleebinder, so machen Se nor Venussen, se sein immer verkuflich.
brigens, was red ich Ihnen vor, als ob das wr for Se was ganz Neues? Sieht
doch de Venus af  Hoor gleich der heiligen Eva, af soi ane werdn Se doch schon
mol effektuiert haben  Bestellung?
    Da irrts Enk gro߫, sagte der Herrgottlmacher berlegen, z'erst, merkts
Enk, is d' Eva sowenig heilig wie der Adam, und nachher tragn d, vor s' der
Herr ausm Paradeis jagt, ein Schurz von Laubwerk und dann, in der Wildnus, ein
von Tierfell.
    Nu, was  groier Irrtum!? Lassen Se de Heiligkeit samt 'm Laub un 'm Fell
weg, so haben Se, was Se brauchen.
    Muckerl schttelte rgerlich den Kopf. Ds verstehts s nit. Nie noch is
Adam und Eva verlangt wordn, begreiflich, wer stellt denn auch so was in d'
Stubn, 'n Kindern unter d' Augen?
    Es gehrt ach nix for de Kinder. Schnitzen Se, wie ich gesagt hab,  Eva un
heien Se se Venus, was liegt daran? Sie werden mer danken, un um  Vorbild
brauchen Sie ach nix zu sein verlegen. Er deutete nach der Kche, wo Helene am
Herde beschftigt war. Was haben Se for  Prachtweib!
    Pfui Teufl!
    Wie heit 'Pfui Teufl', wenn andere sagen: 'Gott wie schn' un lassen Se
verdienen dabei  Geld? Nu, tun Se's, oder tun Se's nix? Ich hab's gemeint gut
mit Ihnen. Weil mer aber gerad reden von Geld verdienen; Herr Kleebinder, ich
hab Se verdienen lassen, lassen Se mer ach verdienen.
    Habts was z' verhausieren?
    Trag ich  Bnkl? fragte das Mnnlein beleidigt. Ich bin  Agent for 
Lebensversicherungsgesellschaft, un als solcher mcht ich gern machen mit Se 
Geschft; lassen Se sich versichern.
    Muckerl schttelte abwehrend die Rechte. Lebensversicherung? Ds kennen
mer, ich hab mer sagen lassen, 's selb wr eigentlich a Sterbensversicherung;
einer, was lang lebt, findt 'es Zahlens kein End, und 'n Vortel htt nur der,
was sich gleich nach 'n ersten Einzahlungen hinlegt und verstirbt.
    Hehe, recht habn Se, Herr Kleebinder, es is eigentlich  Versicherung forn
Todesfall, aber Se glauben gar nix, was ankommt af soi  Titel! Mer kenn's doch
nix heien: Todesversicherung? Was  Menge Leut mchten sich scheuen
beisutreten?
    Heit's, wie d'r wll, ich bin nit frs lange Zahlen noch frs gache
Sterben.
    Gott, de Lung kenn mer sich 'eraus reden bei de Bauersleut, um se
afsuklren ber das Wesen von de Assekuranz! Wenn ich afzeig de Vorteile von
aner Versicherung forn Todesfall, 'n Hagelschlag, Brand-un Wasserschaden,
Einrichtungsstcke un Reiseunflle, stehen se nix da un schtteln mit de Kpf un
ferchten un wnschen sugleich aus purn Geiz, da mcht kommen schon in de erste
Zeit 's Sterben un der Hagel un Feuer un Wasser un Gertschafts- und
Krperschaden?! Gott der Gerechte, wr  Geschft das, wobei knnt florieren 
Gesellschaft! Liegt es doch for jeden vernnftigen Menschen af der bloen Hand,
da mer kenn nor ausn Einsahlungen von Tausende 'erausbezahlen for de wenigen,
was  soi  Unglck betrifft,  Vergtung.
    No, d sein doch schn dumm, was fr andere zahlen.
    Des sein de Gescheiten, Herr Kleebinder. Weil keiner von de vielen kenn
wissen, ob er nit morgen werd sein unter de wenigen, was  Malr betrifft!
Manche tun ach erschrecklich fromm un kmmen su steigen mit de Redensort, ihr
Leben un Hab un Gut stnd in Gottes Hand, un wenn der se oder de Ihren will
treffen, werd er sie treffen.
    D habn doch gwi recht.
    Recht haben se als fromme Leute; aber es werd doch nix verstoen gegen die
Frommheit, es werd nix verstoen gegen die Ergebung in den Willen Gottes, wenn
einen trifft  Schlag von oben, da unterhlt de Assekuranz de Hand, damit es
nix ausfllt su grob?!
    Ds is mer z' fein. Ich wei, de Assekuranz halt schon frher d Hand
unter, und d soll mer ihr flln.
    Wie kommen Se mer vor? Aus nix werd nix! Glauben Se, mer werd Ihnen
unentgeltlich helfen aus einm Unglck 'eraus, su einer Zeit, wo mer m
besahlen, da andere kommen 'enein?! Sahlen Se nix forn Krieg, for de
Gefngnissen, for de Findelhuser, for de Irrenanstalten, for de Spitler?! N?!
Was wollen Se also haben umsonst  Versorgung fr Witwen un Waisen, 
Versicherung von Ernte un Grund,  Schutz vor Feuer un Wasser?! Sein Se
gescheit, lassen Se nix ungentzt vorbergehen de gnstige Gelegenheit;
unsereiner kommt selten in der Gegend.
    Von mir aus knnts schon wegbleiben. Was habts denn s davon?
    Das will ich Se sagen, Herr Kleebinder,  klane Profision, wie for jede
Kundschaft, was ich subring der Gesellschaft.
    D soll leicht ich Enk zahlen?
    Bewohr, de sahlt de Gesellschaft.
    Und woher nimmt s' d?
    Von de Kosten.
    Und wer tragt dselbn?
    Se sein sehr neugierig, Herr Kleebinder -
    Ahan, sehts, da steckt der Betrug! Brav einzahln solln mer, da andere a
gut Lebn fhrn knnen!
    Wei Gott, ich tt Ihnen wnschen  soi  Leben. Se mchten mehr schwitzen
dabei, als jemals Se hinter Ihrm Arbeitstisch geschwitzt haben! Meinen Se,  soi
 groiartige Unternehmung fhrt sich von selber? Da m es geben Agenten un
Unter- un Oberbeamte un Buchhalters un n Direkter - was wissen Se? -, de alle
mssen leben; un de Profision for de Agenten un de Gehalte for de Beamten un 'er
Profit for de Gesellschaft werd alles genmmen von de Intressen, von de Prosente
von den eingesahlten Kapital! Verstehn Se! Nix von 'nen Kapital selber! Zeigen
Se mer so  billige Verwaltung anerswo! Der Steuerbeamte nimmt sein Gehalt von
de Steuer, von Kapital, nix von de Intressen, der Herr Pfarrer, was verwaltet de
Armengelder, nimmt nix von 'em Kapital noch von de Intressen, er m obenein sei
Gehalt kriegn, un ins Steueramt un in de Armenkasse tragen Se nor Ihr Geld
'enein, von ns aber kriegen Se 'eraus bei Heller und Fennig, was is worden
ausbedingt un worauf Se haben  Geschrift in Hnden! Gott, was ich mer
eschoffier, drft sein  Angelegenheit, wobei su verdienen  Sack voll Geld!
Machen Se keine Geschichten, es is doch nor Ihr Vorteil. Was  Umstndlichkeit!
die Sach is gleich berichtigt. Ich bring Se in de Kreisstadt zun Arzten - es
soll Se nix kosten - Se werden lachen, es is wie bei aner Assenterung. Er werd
Se abklopfen, erst am Rcken, damit sich de Lung loslst vom Rippenfell un er se
besser hrt, und dann von vornen, weil er - doch was wissen Se? - aber Se werden
lachen, un da Se dabei erfahren, was Se for  gesunder Mensch sein, das haben
Se umsonst, un als 'm gesunden Menschen berechnet mer for Se auch die Einsahlung
billiger.
    Helene stand vorgeneigt an der Schwelle der Stubentre. Sei still,
beschwichtigte sie das Kind, das, einige Worte lallend, an ihren Rockfalten
zerrte.
    Muckerl war so mitrauisch wie nur irgendeiner vom Dorfe, aber auch durch
vieles Einreden leicht verlegen gemacht, er fhlte sich der Mundfertigkeit des
kleinen Mannes durchaus nicht gewachsen und versuchte daher, der ihm immer
unangenehmer werdenden Lage mit einmal ein Ende zu setzen, indem er entschieden
sagte: Sparts Enkre Wort, wendts weiter keins af, es is umasunst. Ich mag nit!
    Sein Se  Familljenvater? Seit es gibt  Lebensversicherung, kenn mer es
von jeden verlangen, da er for de Seinen sorgt. Denken Se af Weib und Kind!
    Helene trat mit dem Kleinen auf dem Arme zur Tre herein. Schau, Muckerl,
sagte sie lchelnd, so unebn wr's nit, wann d' uns zlieb was ttst, da wir
nit einsmals betteln gehn drften.
    Der Herrgottlmacher blickte erstaunt auf. Woher dieses pltzliche Einmengen?
Er zog die Mundwinkel herab und starrte Helene mit groen Augen an. Es
erbitterte ihn, da sie, anstatt zu ihm zu stehen, so unversehens einem Fremden
das Wort redete, und noch dazu in einer Sache, wo es sich um Auslagen auf Jahre
hinaus handelte und die Aussicht auf seinen Tod ihr einen Gewinn versprach.
Sollte er sagen, was ihm schon auf der Zunge lag: da, wenn sie mal betteln
gehen mte, sie es vollauf um seine selige Mutter verdient habe und da sie ihm
ja bisher jede Sorge fr das Kind frmlich verbelte, das brigens ...? Doch was
wrde der Jud denken, wenn er ihn gegen das Weib in der Weis aufbegehren hrte?
Nein. Er versprach, da er sich's berlegen und sich schon einmal versichern
lassen werde.
    Gott sei davor! schrie der kleine Agent und focht dazu mit den Hnden in
der Luft. Gott sei davor, da ich Se gb  Zeit, su bereuen soi  guten
Vorsatz. Nix da; Herr Kleebinder, Se werden sich jetzt setzen su Tisch, dann
gehn mer 'enauf sun Wirt und nehmen ns su leihen seinen Leiterwagen -
    'n Leiterwagen?!
    Wir werden nix bleiben allein, in de Drfer, wobei wir fahren vorber,
sitzen noch  fnfe, was sich haben gleichfalls entschlossen; Se machen grad 's
halbe Dutzend voll, Herr Kleebinder. Se sehn, es geht in einem! Wo km ich sonst
af de Kosten?
    Na, da mut wohl fahren, Muckerl, sagte Helene, wann sich schon fr
umsonst a Glegenheit schickt.
    Du kannst's wohl gar nit erwarten, da's zun Zahlen kimmt?
    Sei nit kindisch, ich mein nur, wann d' schon entschlossen bist, wozu's
hnausschieben?
    Muckerl war zwar nichts weniger als entschlossen, und da die Sache so ber
Hals und Kopf abgemacht werden sollte, machte sie ihm nur noch bedenklicher. Er
kraute sich in den Haaren.
    Aber der Agent drngte: Hren Se af Ihre Frau, Herr Kleebinder; af Frauen
hren is in viele Fll gut, wenn ach nit in jeden. Wir sein drben in der Stadt
in  poor Stund, un der Afenthalt dort is  geringer. Mit Abend sein Se wieder
daheim, Herr Kleebinder.
    No, siehst, da is ja alls schon ganz prchtig eingteilt. Hitz komm,
Muckerl, essen, da mer d' Zeit auch einhalt. Nimmt der Herr leicht auch ein
Lffel Suppen?
    Der Agent lehnte dankend ab. Er hielt sich strenge an die Speisegesetze,
welche noch aus den Zeiten naiver Gottesfurcht herstammen, wo die Menschen nicht
nur mit Hand und Mund den Gttern dienten, sondern auch mit eigenen und fremden
Eingeweiden.

Schwere, niederhangende Wolken trieben vor dem Winde einher, als gegen Abend der
Leiterwagen durch das Dorf polterte.
    An der Seite des kleinen Mannes auf dem Sitzbrette kauerte der
Herrgottlmacher, den Hut tief in die Stirne gedrckt, bleich, mit stieren
Blicken unter den blinzelnden Lidern, das Haar klebte ihm an den Schlfen.
    Jesses, Muckerl, was hast denn? fragte Helene, aus dem Vorgrtel
herzueilend.
    S nehm mich net, brachte er mit zitternder, angstvoller Stimme hervor.
    Da haben Se's, sagte der Agent, erst will er nix, un nu is er verzagt,
weil wir nix wolln. Sein Se kein Kind, Herr Kleebinder, machen Se sich nix
draus. Hundert Johr sein Leute alt geworden, was de rzte haben 's Leben
abgesprochen. Setzen Se sich nix in' Kopf wegen e dem, was sagt so aner.
Deswegen leben Se kan Tag weniger. 's kenn ja ach sein nor gewesen  Bosheit, um
mich su bringen um  Profision; de Herren erlauben sich manchmal soi unfeine
Sp mit nsereinm. Schlagen Se sich's aus 'm Sinn, Herr Kleebinder. Grbeln Se
nix drber. Hrn Se, was ich sag, gor nix geben Se drauf.
    Helene half ihrem Manne vom Sitze herab und fhrte ihn in das Haus, sie
verlie ihn unter der Tre, als er zur Stube hineinschwankte, und lief hurtig an
den Wagen zurck. Sagts mir nur, flsterte sie, was is denn eigentlich mit
dem Mon los? Knnts mer's schon anvertraun, ich fall nit gleich hinthnber.
    
    Der kleine Mann schnitt ein faunisches Gesicht und kruselte die wulstigen
Lippen, vermutlich kitzelte ihn  ausgeseichneter Witz, sicher ist, da er gut
daran tat, ihn fr sich zu behalten. Er beugte sich etwas vorneber. Se mssen
nix erschrecken, sagte er halblaut, was  Doktor redt, is lang nix soi
gefhrlich, als was er schreibt, de Resepten. Ihr Mann soll stecken in kaner
guten Haut. Bei ble Suflle kenn mer nix wissen, was es 's nchste Johr brcht.
Mein,  Wort macht kan Toten lebendig, werd's ach kan Lebendigen tot machen.
Lassen Se sich kan krauses Hoor drber wachsen, wr schod for soi  schne Frau.
Mei Emfehlung.
    Helene kehrte in die Stube zurck. La's gut sein, sagte sie, wollen s'
dich nit nehmen, solln sie's bleibenlassen! Tu du dir nur nix einbilden. So arg,
wie sie's machen, wird's lang nit sein.
    Sie setzte sich an den Tisch, ihm gegenber.
    Auen begann ein mchtiger Regen niederzurauschen, dessen Pltschern,
Prallen und Getrufe alsbald jeden anderen Laut berbrauste.
    So saen sie denn schweigend. Der Mann noch immer mit dem Hute auf dem
Kopfe, beide Ellbogen aufgesttzt, vor sich in das Leere starrend; das Weib, mit
dem Schrzensaume spielend und von Zeit zu Zeit scheu nach dem Bekmmerten
blickend.
    Mhlich lie der Regen nach; als es nur mehr nieselte, sprhende Trpfchen
wie fallender Nebel niederrieselten, erhob sich Helene. Mach dir nix draus,
sagte sie zu dem Manne und strich ihm mit der Rechten ber die nasse Stirne.
Einen Augenblick hielt sie die feuchte Hand vors Gesicht, dann rieb sie selbe
sorgfltig und wiederholt mit der Schrze ab. Sie schlich hinaus zur Stube und
ging durch das Vorgrtchen und mit langsamen Schritten der Htte ihrer Mutter
zu.
    Nahe derselben drckte sie beide Hnde gegen die Brust, die Knie begannen
ihr vor Aufregung zu zittern, und sie lie sich auf das Bnklein neben der Tre
nieder.
    Wie sie so sa und der Bach an ihr vorbergischte und die feuchte Luft sie
umfchelte, in der sich die Dfte von Erdbrodem und Pflanzenodem mischten, da
erwachte in ihr immer lebhafter die Erinnerung an eine Zeit und an einen Tag, wo
sie als kleine Dirne von derselben Stelle trumend zu dem Sternsteinhofe aufsah.
    Und nun lag er wieder - keinen Schritt entrckt - vor ihr, wie sie ihn als
Kind gesehen mchtig und breit dort oben ragen, als luge er in der Runde aus
nach seinesgleichen; nur die goldig schimmernden Fenster fehlten - die Sonne war
untergegangen.
    Ei, du stolzer Hof, du brauchst nit von der Sonn z' borgen!
    Die Tre der Htte ffnete sich, und die alte Zinshofer steckte den Kopf
heraus. Na, kommst hrein oder nit? Schon d' lngst Zeit seh ich durchs Fenster
dich da hocken.
    Ich war ganz in Gedanken, sagte Helene, dann fuhr sie in klagendem Tone
fort: Hrst, stell dir vor, mein Mon wollt sich verassekuriern lassen, fahrt
hnber zun Arzten in die Kreisstadt, und der nimmt 'n nit an; vllig 's Lebn
spricht er ihm ab, 'm armen Teufl, so viel krank soll der sein.
    Die Alte blinzte mit den Augen und grinste mit dem Maul. Geh zu!
    Helene schnellte von der Bank empor und kehrte der Mutter den Rcken. Wann
d' mir so kommst, dann auch gleich auf der Stell. Sie schritt hinweg, die Arme
an den Leib ziehend und die Schultern zusammenrckend, wie oft eigenwillige
Kinder im rger tun.

                                      XIX


Die Schere war der jungen Kleebinderin unversehens entfallen und blieb mit der
Spitze in dem Boden stecken; sie bckte sich darnach. Glaubet ich drauf, sagte
sie, so bekmen wir bald ein seltsamen Besuch. Als sie sich wieder
aufrichtete, zeigte sie ein stark gertetes Gesicht und vermied es, ihren Mann,
dem die Rede galt, anzublicken.
    Der Herrgottlmacher, wenn anders er drauf glaubte, war nun vorbereitet,
aber gewi nicht auf den Besuch, der sich selben Abend noch einstellte.
    Der junge Sternsteinhofbauer trat in die Stube. Gutn Abend, Leuteln, sagte
er. Gr dich Gott, Kleebinder. Er bot ihm die Hand, drckte die zgernd
dargereichte Rechte und fuhr fort: La alls Vergangene vergangen und vergessen
sein, darum bitt ich dich. Hab's zeither rechtschaffen bereut, das kann ich dich
versichern; tu mir d' eine Freundschaft und la's ruhn. Was mich herfhrt, is a
Bestellung, a Arbeit fr dich. 's selbe mcht ich mit dir bereden.
    Helene wischte mit der Schrze ber einen Stuhl und rckte ihn dem Gaste
hin. Tu dich setzen - setzt euch allzwei. Werdts es doch nit alser stehender
ausmachen wolln?
    Sie ging aus der Stube, und die beiden Mnner saen einander gegenber. Das
Kind schlich sich an den ihm Fremden heran. Die Schwarzwlderuhr tickte eine
Weile ber ganz laut und vernehmlich, dann fragte der Holzschnitzer leise, wie
aus zugeschnrter Kehle: Was brauchst?
    La dir also sagen -
    Voda, schrie der kleine Muckerl und wies dem groen etliche Leckereien,
welche ihm der Bauer zugesteckt hatte.
    Kleebinder wandte jh den Kopf nach Toni und starrte ihn mit befremdeten
Augen an.
    Dieser senkte den Blick. Ich hab 'm nur was mitgebracht, 'm Kleinm - weil -
weil ich mir a Bildl bei dir einlegen wollt, damit d' dich der Arbeit auch recht
annehmen mchtst. Sonst wt ich mir weit und breit kein'n, der machen knnt,
was ich gern htt, es is nix Kleins, du kannst dabei a Ehr aufhebn und a schn
Stuck Geld verdienen.
    Das war gleichwohl a unntige Auslag, murrte Muckerl, nach dem Kinde
deutend. Sag, was d' gern httst.
    Wirst ja ghrt habn, wie bel 's mit meiner Burin bstellt is. Sie siecht
dahin, und 's will ihr kein Doktor helfen knnen. Da fallt mer d Tag bei, wendt
mer sich halt an Gott und d liebn Heiligen, wann schon kein Menschenhilf mehr
is. Er verzog dabei lchelnd den Mund, ohne da er selbst darum wute,
ebensowenig begriff der Holzschnitzer, was fr ein Anla dazu wre. Ein Bild
will ich schnitzen lassen, fuhr der Bauer fort, und 's drben in Schwenkdorf,
im Geburtsort der Mein'n, in der Kirchen, wo sie gtauft und kopuliert wordn is,
aufstelln. Verstehst mich?
    Muckerl nickte.
    Das Ganze soll gleichsam a Suln sein, oben mit der heilign Dreifaltigkeit
drauf und unt z' Fen links der heilige Antoni, rechts die heilig Rosalia,
unsere zwei himmlischen Namenspatronen, so gwisserweis, als mchten s' just fr
uns frbitten. Verstehst mich wohl schon?
    Ja, ja.
    Unterhalb km in einer schn verzierten, breiten Rahm a Taferl, wo mer
anschreiben knnt, wem und fr was d' Frsprach gelten soll. So - so hab ich
mir's halt ausdenkt. Ich wei nit, bin ich deutlich gnug gwest?
    Der Herrgottlmacher schttelte den Kopf. Er fhlte sich gedrckt, von dem
Manne gegenber kam ihm vor, als sei derselbe verlegen und tte sich beim Reden
Gewalt an, nur Helene ging so unbefangen ab und zu, als she sie den jungen
Bauer heute zum ersten Male in ihrem Leben. Das machte den Muckerl, er wute
nicht warum, so nachdenklich, da er die Bestellung berhrte und Toni sie
wiederholen mute.
    Frs erste erklrte der Herrgottlmacher, da er sich aufs Schnitzen von
Zierat nicht verstnde; der Bauer mge also zusehen, woher er den breiten Rahmen
nehme; dagegen brauche er sich um die Figuren nicht zu sorgen, die wrden schon
recht ausfallen, aber die Sule msse ganz wegbleiben, da km die heilige
Dreifaltigkeit 'n Leuten vllig aus den Augen, und derwegen schnitze man doch
keine Bilder, da sie keiner zu sehen vermge.
    Der Bauer befrchtete, es knne wider 'n Respekt verstoen, wenn man die
Heiligen so auf gleichem Fue mit der Dreifaltigkeit verkehren liee, auch
mchte es sich nicht schn machen, wenn letztere den ersteren fast auf die Kpfe
treten wrde.
    Muckerl schalt das ein einfltig Reden. Im ganzen lieben, weiten Himmel oben
gebe es keine Sule, des sei er gewi, die wre ja schon lngst durch die Wolken
auf die Erde herabgefallen, und die Heiligen genssen doch ihre Seligkeit in der
Anschauung der Dreifaltigkeit und verkehrten als Nothelfer der Menschen mit ihr;
werden sie doch nit beim Anschauen sich die Hlse verrenken und beim Frbitten
die Lunge herausschreien sollen? Ein ganz unschicksams, lcherlichs Vorstellen,
das! Die drei gttlichen Personen wrden auf einen Wolkenthron zu sitzen kommen
und die beiden Heiligen davor, etwas darunter, knien, und das werde sich ganz
gut machen und rechtschaffen schn aussehen, darauf knne sich der Bauer
verlassen!
    Je, ja - je, ja! Der Bauer erklrte, er sehe das schier schon selber ein und
merke wohl, da er zum rechten Manne gekommen sei; nur mge der nun auch machen
und trachten, das Ganze in Blde fertigzubringen.
    Muckerl kraute sich hinter dem Ohr. Ich kann's nit gleich angehn, es fehlt
mer an einm tauglichn Holz dazu, mu mir erst eins beschaffen, wann ich wieder
nach der Stadt fahr.
    Ich hab morgen dort z' tun, sagte der Bauer, wr mir lieb, du fahretst
mit mir, so htt's dann weiter kein Anstehn.
    Ich bin dabei.
    Abgmacht. Ich hol dich morgen. D' Stund wei ich noch nit. Hitzt will ich
nit lnger afhalten. Gute Nacht, Leuteln!
    Neben dem Sessel an der Stubentre, auf welchem das Kind sa, kniete Helene.
Na, sag: Dank schn und bht Gott! Babah! sprach sie ihm vor und ergriff, ohne
aufzusehen, das runde rmchen des Kleinen und bewegte es wie grend.
    Der Holzschnitzer gab seiner neuen Kundschaft bis zur Haustrschwelle das
Geleit, dort nickte er mit dem Kopfe, und der Bauer griff an den Hut.

Am andern Vormittag kam der junge Sternsteinhofer angefahren. Er sprang vom
Wgelchen und trat grend in die Htte. No, sein wir's? fragte er.
    Gleich, antwortete der Herrgottlmacher und lief in die Stube, um sich
sonntglich anzukleiden.
    Die Kleebinderin lehnte an dem Herde, zu ihren Fen spielte der kleine
Muckerl.
    Toni rckte die Kchentre, die nach der Strae offenstand, halb zu, dann
fate er Helene an der Hand. Vergelt dir's Gott, flsterte er, da d' doch 'm
Kind lernst freundlich gegn mich sein.
    'm Kind kann's Freundlichkeitbezeign nur nutzen und kein Schaden bringen.
    Dir auch nit, Leni, dir auch nit. Wie ich mir hab sagen lassen, so is ja
gwi - Er deutete hinter sich nach der Stube, aus welcher man Schranktren und
Schubladen kreischen hrte.
    Helene zuckte mit den Schultern.
    Es is a Schickung, sag ich dir, fuhr er, mit halblauter Stimme eifrig auf
sie einredend, fort, vom Anfang war mein Denken, es mt a solche dabeisein.
Da's selb Zeit um allzwei andere gleicherweis bstellt is, was wr das sonst,
wenn kein Schickung?
    Und wann - so wr Vorgreifen nur sndhaft und ruhig Zuwarten am Platz. Was
sich schicken soll, das schickt sich dann schon.
    Ja, weit, Leni, stotterte er, mitm Zuwarten is's so a eigene Sach!
    Das junge Weib stie ein paar helle Lachlaute heraus, dann hielt es sich
erschreckt den Mund zu und sah pltzlich ernst. Das la dir vergehn. Verlang
dir zlieb weiter kein Dummheit mehr, es war an der ersten bergnug.
    Leni, ich wr gwi nit af dich verfallen, und 's Ganze htt nimmer kein
Sinn, wenn wir uns nit schon gern ghabt htten -
    Helene runzelte die Brauen; mit einer kurzen Wendung des Kopfes und einem
Winke der Augen nach der Tre lispelte sie: Pst! Es ist alls still drin, und
auf das Kind weisend: Auch der hrt und wei schon z' schwtzen.
    Geh, sag ihm, er soll mir a Bul gebn.
    Bewahr! Er mcht schrein! Er is's nit gwohnt. Er kt neamd. Sie schob den
Bauer, der sich niederbeugte, zurck und trat selbst einen Schritt zur Seite.
Bleib uns vom Leib.
    Leni, 'n Bubn bedenk, der wird noch mal -
    Da trat der Herrgottlmacher aus der Stube, und der Sternsteinhofer rief ihm
entgegen: Grad wollt ich sagn, noch mal so lang wie ich brauchst du zun
Angwanden! Ich bin viel flinker. Na, komm!
    Die beiden Mnner fuhren hinweg.
    Bald wuten die Zwischenbheler den Grund der pltzlichen Eintracht zwischen
dem jungen Sternsteinhofer und dem Herrgottlmacher. Sie fanden es ganz
verstndlich und verstndig, da der arme Handwerker dem reichen Bauern nichts
nachtrage; was denn auch, jetzt, Jahre hinterher? Sie legten sich zurecht und
reimten zusammen, was sie eben davon wuten und nicht wuten. Wohl hat der Bauer
einmal d' Helen 'm Kleebinder abwendig gemacht, aber nun ist sie dem sein Weib,
und es wr nicht klug von ihm, sich den Kopf schwer zu machen ber so ein
Geschehnes, das lang vorbei sei und wovon sich viel bereden, aber nichts
erweisen lasse! Oder sollte er einen Groll aufbehalten, weil sich der
Sternsteinhofer damal an ihm vergriffen? Je, du mein, was wr das fr eine
unfruchtbare Feindschaft! Was knnte der arme Hascher tun? Finster schauen, den
Rcken kehren, die Faust im Sack machen und in einer Ecke maulen; da ist es doch
klger, er spielt den Vergeber und Vergesser, sonderlich wenn sich noch
obendrein die christliche Gesinnung durch einen handgreiflichen, baren Nutzen
vergalt. Er wird nicht dumm sein und wohl zur Verrechnung mit dem Bauern
doppelte und dreifache Kreide nehmen!
    Man fand es ganz rechtschaffen und brav von dem jungen Sternsteinhofer, da
er fr seines Weibes Genesung so ein Heiligs in die Kirche opfert; um so mehr,
da das Gesinde aussagte, wie er neuzeit gar nimmer wild tue gegen die Buerin
und recht freundschaftlich mit ihr verkehre. Nun vermochte man sich auch zu
erklren, was ihn zu der Zinshofer gefhrt. Gewi war er um die Kleebinderische
Htte wie die Katze um den heien Brei herumgeschlichen und suchte durch die
Alte zu erfahren, in welcher Weis wohl dort seine Bestellung anzubringen, und
nachdem ihm dies gelungen und ihm die Sache einmal im Kopf und am Herzen lag,
nahm es nicht wunder, da die Alte sich das zu Nutzen machte und ihm bis auf den
Hof nachlief und Posten zutrug, fr die er sie jedesmal entlohnte, und es war
ganz natrlich, da er nun selbst fter bei den Kleebinderleuten einsprach, um
nachzusehen, wie die Arbeit frdere, und wenn er dort nur kurz verweilte und
lieber bei der Alten abrastete, so war das nach dem, was einst zwischen ihm und
der Jungen vorgefallen, nur ehrbar und klug und wich jedem argen Schein und
jedem Anla zu unbeschaffenem Gered aus.
    Woche um Woche, Monat um Monat verstrich, da hrten pltzlich die
Zwischentrgereien der alten Zinshofer auf, sie lie sich auf dem Hofe nicht
mehr blicken, desto hufiger wurden die Besuche des jungen Sternsteinhofers in
den beiden letzten Htten am unteren Ende des Dorfes.
    Nun wird's wohl Ernst, sagten die Leute, nun lat's ihm keine Ruh mehr,
der Herrgottlmacher legt wohl die letzte Hand an das Votivbild.
    Niemand ahnte, da es da wieder einmal ein schwacher Charakter ber einen
strkeren davontrug, indem er, haltlos in sich zusammenbrechend, durch
Erbrmlichkeit Erbarmen erweckte.
    Niemand wute um den Tag, keiner sah es mit an, wie die Frau mit dem Buben
auf dem Arme an dem Zaune des Vorgrtchens lehnte und, als der Bauer hart an ihr
vorberschritt, die andere sttzende Hand von dem Kinde wegzog, da dieses,
vorneber sinkend, sich an die Joppenklappe des Mannes klammerte und ihn daran
zurckhielt.
    Er schmunzelte, und whrend sie den lchelnden Mund zusammenzog und die
Lippen spitzte, als wolle sie spucken, sah sie ihn mit einem Blicke an, wie er
nur dem Auge des Weibes eigen, der Unsagbares aussagt und zugleich belchelt.
    Keiner sah es, auch der Holzschnitzer nicht, da er hinter ihrem Rcken unter
die Haustre trat. Sie erschrak, als die beiden Mnner sich unversehens grend
anriefen, dann schkerte und tollte sie erst noch eine Weile mit dem Kinde, ehe
sie ihr flammend rotes Gesicht der Htte zukehrte.

Fr die Sternsteinhofbuerin kamen nach den bsen Tagen keine guten; wohl war
sie wieder auf die Fe gekommen, aber diese erwiesen sich als gar schwach, und
bei recht blem Wetter versagten sie fast ganz den Dienst und erlaubten ihr nur,
sich morgens vom Lager zum Sorgenstuhle zu schleppen; fr sie, die dann den
langen Tag ber, in denselben gebannt, sa und grbelte und sich trben Gedanken
hingab, benamte er sich mit Recht so und nicht in dem freundlichen Sinne, der
auf das mde Alter anspielt, das in ihm, die Sorge anderen berlassend, ausruht.
    Sie hatte vollauf Zeit, ihren Gedanken nachzuhngen, und diese fhrten immer
hartnckiger zu qulenden Vermutungen. - Ob ihr nicht lieber gewesen sein
sollte, der Bauer htte in seiner Ungeduld und Ungebhr gegen sie beharrt? Es
war das doch erklrlich; worin aber hatte seine pltzliche Freundlichkeit ihren
Grund? - Der Mann sah und fragte ihr nach, aber er sah sie dabei kaum an und
wartete auf manche Frage die Antwort gar nicht ab. Er sprach mit ihr wie mit
jemandem, mit dem man sich fter zwischen denselben Wnden zusammenfindet,
Vertrglichkeit halber, gleichgltig. - War denn dann das Stiften des
Votivbildes ein Liebeswerk? Und wem zuliebe wohl? - Bringt er nun nicht seine
meiste Zeit bei den Leuten da unten zu. Oh, und die soll schn sein, die da
unten! Was fhrte die alte Hexe - man hatte ihr wohl gesagt, wer die wre - so
hufig herauf, was lt sie mit einmal wegbleiben? - Erreicht war's! Eingedrngt
hatte sich eins an ihre Stelle.
    Sie erwehrte sich aus aller Macht dieses Denkens, sie klagte es vor sich
selbst als eine leere Einbildung an, die nur durch die von ihrer Krankheit
herbeigefhrte Verlassenheit und Verdrossenheit entschuldigt werden knne; aber
es kam eine Nacht, wo die argen Vermutungen zur Gewiheit wurden und diese den
Glauben, den das arme Weib bisher aufrechtzuerhalten versuchte und sich mit ihm,
den Glauben an die Neigung des Mannes, erbarmungslos hinwegtilgte.
    Sie hatte stundenlange schlaflos gelegen, da begann pltzlich der Bauer
drben in seinem Bette zu murmeln und halblaut im Traume zu reden. Sie reckte
erst den Hals und horchte, hierauf erhob sie sich leise und schlich mit
schwanken Schritten ganz nahe hinzu; sie beugte sich zu dem Schlfer herab, um
kein Wort zu verlieren. Eine Weile stand sie lauschend, dann rang sie die Hnde
krampfhaft ineinander und brach in die Knie.
    So lag sie noch, als es schon lange in der Stube wieder stille geworden. Mit
einmal kam Leben in sie, sie erhob sich rasch von der Diele, begann sich hastig
vom Kopf bis zum Fu anzukleiden und verlie die Stube. Erst als sie an der
Treppe anlangte, stie sie den bis jetzt mit bermenschlicher Anstrengung
zurckgepreten Schrei aus. Es klang gar eigentmlich heiser und schrill durch
das nchtlich ruhende Haus.
    Dann tastete sie sich Stufe fr Stufe die Stiege hinunter. Im Hofraume
angelangt, stand sie einen Augenblick und sog tief Atem in sich, dann bog sie
hurtig um die Ecke und strebte, beinahe laufend, dem Ausgedingehuschen des
Alten zu.
    Es war unverschlossen; sie stieg nach dem Stockwerk empor und pochte dort an
der Tre.
    Der alte Sternsteinhofer schlief einen gesunden Schlaf, eine geraume Frist
verstrich, bis sie ihn innen murren hrte: Eh, was gibt's? Auf erneuertes
Pochen erst fragte er vllig ermuntert: Wer is denn da?
    Ich bin's, die Sali.
    Die Sali, ei, du mein. Ein Schttern der Bettstelle, dann ein hastiges
Umherfegen, und der Alte, der Beinkleider und Joppe bergetan, erschien unter
der sich ffnenden Tre. Herr du mein Gott! 's wird doch kein Unglck auskommen
sein?! Sali, was is's? Was hast denn?
    Das Weib war in lauthalses Schluchzen ausgebrochen.
    Komm hrein, komm hrein! Er fate sie an der Hand und zog sie in die Kammer
und ntigte sie auf einen Stuhl. Fein gscheit, Sali, fein gscheit! So verstehn
wir sich nit. Nimm dich zsamm. Soll ich was erfahren, mut auch reden. Nimm dich
zsamm. Ich mach derweil Licht.
    Wenige Augenblicke hernach saen beim Scheine der flackernden llampe der
alte Mann und das bleiche Weib sich gegenber. Der Bauer starrte die Klagende
mit emporgezogenen Brauen an, sie sprach in abgerissenen Stzen und mit
schttelnden Gebrden, und sooft sie die Rede unterbrach, mit der Rechten die
Schrze aufgreifend und darunter schluchzend, whrend die Linke ber dem Tische
zuckte, fate der Alte mit seinen breiten Tatzen nach dieser kurzfingerigen Hand
und drckte und streichelte sie. - -
    Es war gegen Morgen, als der alte Sternsteinhofer die Buerin nach dem Hause
zurckgeleitete. Er blieb unten an der Treppe lauschend stehen, als sie dieselbe
hinangestiegen war. Oben rhrte und regte sich nichts. Er lugte scharf um sich;
auch vom Gesinde lie sich keines verspren. Er kehrte nach seinem Ausgeding,
kopfnickend und die geballten Fuste vor sich schttelnd.

Als nach des nchsten Tages Arbeit Toni wieder seinen gewohnten Weg gegangen
war, berief die Buerin die alte Kathel zu sich, da diese ihr beim Ankleiden
behilflich wre, es gelte einen Besuch.
    Je, wo willst denn gar hin? fragte die Schaffnerin neugierig.
    Nit weit, antwortete kurz die Buerin. Schau mal, ob der Schwieher schon
hat einspannen lassen.
    Die Alte guckte zum Fenster hinaus und erklrte, weder einen Schwieher noch
einen Wagen zu sehen, die besten Augen von der Welt wrden ihr nicht dazu
verholfen haben, es mte denn der Schupfen, in welchem der Wagen untergebracht
war, von Glas gewesen sein, dann htte sie an dessen Rckwand auch den alten
Sternsteinhofer wahrgenommen, der dort lehnte, seine Pfeife schmauchte und die
Zwischenbheler Strae im Auge behielt.
    Oben in der Stube sa die Buerin in vollem Staat, lange vor der Zelt
fertig; sie wollte sich nicht rhren, aber doch spielte sie unablssig das
Taschentuch von der einen in die andere Hand, und dann hatten immer die Finger
derjenigen, die gerade frei war, an einem Kleiderfltchen, an Krause oder
Bndern der Haube zu zupfen oder an dem Scheitel zu gltten.
    ber eine geraume Weil kam der alte Sternsteinhofer um die Ecke in den Hof
geschritten und betrieb die Instandsetzung des Wgelchens; er schob selbst von
rckwrts nach, als dasselbe aus dem Schupfen gerollt wurde, er klopfte dem
Braunen auf den Rcken und gab ihm paar gute, aufmunternde Worte, dann ging er
hinauf nach der Stube und sagte zur Buerin: Mo, fertig wrn wir, la uns
gehn! Er leitete sie ein paar Schritte. Je, du mein, dir zittern ja d' Knie,
kaum vermagst dich afn Fen z' halten. Komm her, wird gscheiter sein. Nimm mich
um 'n Hals. Er hob sie wie ein Kind auf seine Arme und schritt mit ihr
grtschbeinig ber den Gang, die Stiege hinunter, durch den Flur und hob sie auf
den Wagen. Er nahm an ihrer Seite Platz, ergriff den Leitriemen, und sachte und
bedchtig setzte sich das Gefhrt in Bewegung.
    Das Gesinde blieb nur so lange in Ungewiheit, wohin die Fahrt ginge, bis
man den Wagen jenseits der Brcke dem unteren Ende des Dorfes zulenken sah, dann
galt es fr ausgemacht, da die Buerin zum Kleebinder fhre, um sich auch mal
das Votivbild anzusehen.
    Schon von weitem nahm der alte Bauer die Zinshofer wahr, welche mit dem
Kinde auf dem Arme die Strecke zwischen der vorletzten und der letzten Htte,
gleich einem Wachposten, auf und nieder schritt. Als die Alte den Wagen
herankommen hrte, blieb sie stehen, einen Augenblick lugte sie unter der
vorgehaltenen, flachen Hand scharf nach den Herankommenden aus, dann lie sie
das Kind zu Boden gleiten, schob es in das Vorgrtel des Holzschnitzers und lief
eilig ihrer Behausung zu.
    Der Bauer lchelte hmisch.
    Vor dem Huschen des Herrgottlmachers zog er die Zgel an, noch einen
Schritt lie er das Pferd tun, damit er vom Kutschbocke in die Stube zu blicken
vermochte, und als er dort den Mann am Arbeitstische stehen sah, rief er ihn an:
He, Kleebinder, kimm a weng hraus! D' Buerin htt mit dir z' reden. Sie
erweiset dir wohl gern selbn d' Ehr, aber sie is so schwach afn Fen. Sei also
so gut. Damit stieg er ab, warf der jungen Frau das Leitseil zu und ging nach
der letzten Htte; als er dort eintrat, stand inmitten der Stube der junge
Bauer, die Hnde in den Hosentaschen, und murrte: No, was soll's?
    Nix nit, sagte mit hhnischer Freundlichkeit der Alte. Gar nix nit,
Tonerl. Nur a End machn mer dein unsaubern Gngen. Dein Weib redt just drent
mitm Herrgottlmacher. Ein Griff, schmerzend und unabschttelbar wie der Druck
einer eisernen Klammer, hielt Toni, der aus der Tre strzen wollte, zurck.
Kein Aufsehn! Aufsehn wolln wir keins dabei. Is ja auch fr dich 's
gscheiteste, Lump!
    Welcher Schuft, knirschte der Vergewaltigte, hat mich verraten?
    Nit allmal is einer, was d' Leut vor Unheil warnt, damit's ihnen nit gar
bern Kopf wachst, a Schuft! Dsmal aber trifft's zu; du selber hast, mehr als
dir und andern lieb, im Schlaf ausgsagt.
    Der junge Bauer sah den alten erschreckt an, dann schlug er ein kurzes,
verbittertes Gelchter auf und murmelte: Wahr is's, ich htt mich auch solln
ein Stubn weiter ziehen.
    Indes war der Kleebinder vor das Haus und an den Wagen getreten.
    Bist du a Mon, empfing ihn die Buerin, so ht auch, wie sich ghrt, dein
Weib. Weit du, wo die hitzt is?
    Der Holzschnitzer starrte sie an.
    Sie neigte sich von ihrem Sitze gegen ihn und begann ihm zuzuflstern, und
je lnger sie sprach, je bleicher wurde der Mann, je krampfhafter umschlossen
seine Finger den Eisenstab, der am Kutschbocke angebracht war, bis das Weib,
immer hufiger vom Schluchzen unterbrochen, nichts mehr zu sagen wute und, das
Gesicht mit dem Tuche verhllend, zurcksank; da zog der Mann die bebenden Hnde
von der Sttze, kehrte sich ab und taumelte in das Haus.
    Der alte Sternsteinhofer fhrte den jungen am Arme aus der Zinshoferschen
Htte. Hitzt komm, sagte er, und beim Wagen angelangt: Setz dich ins Grt.
    Wer is der Herr? knurrte Toni. Setz du dich hnein.
    Ich wei߫, hhnte der Alte, dir is nit unlieb, mich drein z' sehn, dsmal
aber schickt sich's wohl besser fr dich da rckwrts.
    Toni erwiderte nichts, er schwang sich hinten auf den Wagen und sa mit
herabbaumelnden Beinen, den Rcken dem Vater und dem Weibe zugekehrt, und fort
ging es.
    Helene war, als der alte Sternsteinhofer der Htte ihrer Mutter zuschritt,
herausgeflchtet nach ihrem Garten und hatte lauschend in der Laube gestanden,
ohne da sie aus den einzelnen Lauten, die von dem kurzen Wortwechsel
herberdrangen, oder aus den zeitweise vor dem Hause hrbaren Schluchztnen klug
zu werden vermochte; die Deutung des Vorganges blieb somit ganz ihrem bsen
Gewissen berlassen, und ein solches schliet meist berraschend schnell und
richtig. Sie hrte den Wagen fortrasseln; noch blieb sie, wie gebannt, gleich
reglos an der nmlichen Stelle, pltzlich machte ein klgliches Kindergeschrei
im Hause sie zusammenschrecken, sie huschte nach der Kche und lugte scheu um
den Trpfosten in die Stube, da sah sie den kleinen Hans Nepomuk heulend neben
dem groen stehen, der wie tot am Boden lag.
    Sie strzte hinzu, hob den Mann auf, brachte ihn zu Bette und begann ihm
Stirne und Schlfen mit Essig zu waschen; whrend sie noch um ihn beschftigt
war, lieen sich leise Tritte und ein chzendes Atemholen in der Kche
vernehmen, nach einer Weile zeigte sich hinter dem Trspalt das verstrte
Gesicht der alten Zinshofer. Jesus, Maria, sthnte sie, was fr ein Unglck!
    Sei still, flsterte Helene. Geh fort, geh in Gottsnam tort! Ich will
allein mit ihm sein, wann er wieder zu sich kommt.
    Drft nit graten sein.
    Helene zuckte ungeduldig mit dem Fue, besann sich aber, damit
aufzustampfen. Wann ich dir aber sag, geh, rief sie weinerlich, so geh.
    Ich geh dir schon. Du weit, bei der Hand bin ich, wenn d' mich brauchst.
    Helene rief nach der Tre: 's Kind nimm zu dir! Sie schob den kleinen
Muckerl der Alten zu, und als sie an das Bett zurckkehrte, da erwachte der
Mann, und als er ihrer ansichtig wurde, da streckte er abwehrend die Arme aus.
Weg, weg, keuchte er, weg du von mir.
    Es kostete dem Weibe einige Anstrengung, mit beiden Hnden seine strubende
Rechte zu erfassen und festzuhalten. Muckerl, sei kein Narr, weil andere
nrrisch tun! Der alte Sternsteinhofer is mir zeither feind, und die Buerin
eifert wohl und bildt sich, Gott wei was, ein -
    Der Holzschnitzer kehrte sich der Wand zu.
    Muckerl, kreischte Helene, das leid ich nit. Anhrn mut mich! Sie
rttelte heftig an seinem Arme. Schau mich an!
    Da wandte er langsam sein fahles Gesicht nach ihr. Jeder Tropfe Blutes war
aus selbem gewichen, durch die Starre und Schlaffheit der Zge erschien es
eingesunken, verzerrt, entstellt, nur die Mundwinkel zuckten kaum merklich, aber
aus den im feuchten Glanze schimmernden Augen scho ein stechender,
durchdringender Blick: Was gilt noch die Red?
    Und in diese Augen starrten nun mit leerem, nichtssagendem Blicke die des
Weibes, dem es nur galt, die Lider nicht sinken zu lassen, wenn sie auch in
leisem Krampte zuckten, und mit einer Stimme, so seelenlos im Ausdrucke und so
rauh im Tone, als lse sich die klebende Zunge vom Gaumen, sagte es: Weit, ich
war dir treu!
    Schmerz und Zorn, in einer Grimasse, verzogen dem Manne das Gesicht; sein
zornmtiges Lcheln nahm sich wie blde aus, und er lallte, als er sprach: Wann
d' dein Weiberehr auch gwahrt httst - frag ich nit darnach! Derweis treu is
bald eine, auch was kein Herz hat, wie du keins fr mich; wei nit, ob fr ein
andern! - Gdacht hast, ich wrd nimmer lang im Weg sein - wie's der von der Sein
denkt! - und da d' dadrauf wartst, darein liegt d' Untreu, ob du's etwa nit
mehr hast erwarten knnen - das vermag nit rger weh z' tun - wei mer mal, da
unter einm Dach 's eigene Weib ein 'n baldigen Tod wnscht!
    Helene brach in Trnen aus.
    Was weinst? fragte er, sich emporrichtend. Dazu, denk ich, wr wohl an
mir die Reih; aber den Gefallen erweis ich dir nit und die Freud mach ich dir
nit! Er warf sich hinber, den Kopf in die Plster vergrabend, und schluchzte
auf.
    Das junge Weib fate mit beiden Hnden ihn an den Schultern an.
    Rhr mich nit an! schrie er emporschnellend. Ausweinen will ich mich!
Fort! Hinaus! Schlie die Tren, drauen afm Torstaffel is dein Platz. Hab acht,
da niemand nah kommt und merkt, was da herum und herin vorgeht. Ich will kein
Gefrag und kein Gesptt. Er winkte ihr heftig zu gehen.
    Sie kehrte sich ab und schritt hinaus, sie schlo die Tren hinter sich und
setzte sich auf die Steinstufe vor dem Hause.
    Unbeweglich, die Ellbogen auf den Knien, den Kopf zwischen den Hnden,
kauerte sie dort. Immer vortretender ward ihr Mund, immer breiter warfen sich
ihre Lippen auf, hinter denen ihr das Wasser zusammenflo.
    Pfui! Sie spuckte aus.
    Grausliche Narrischkeit! -
    Wie bel es bekommt, ein Weib zu sein - und da sie ein Mann wre, mochte
sie sich auch nimmer wnschen.

                                       XX


Sonntags wollte Helene allein, wie sie gekommen war, die Kirche auch wieder
verlassen; als sie die breiten Steinstufen hinunterstieg, gesellte sich die
Matzner Sepherl zu ihr und sprach sie an: Gr Gott, Kleebinderin, ich hr ja,
dein Mon soll recht schlecht sein?
    Helene nickte.
    Mein, fuhr die Dirne fort, mit ihm kannst noch a wahrs Kreuz habn; mir
scheint, er is gern krank.
    Ich wt nit, da er's frher gwest wr!
    O doch, hab ich nit schon einmal seiner Mutter krankenwarten gholfen?
    Die Kleebinderin blickte sie finster an.
    Aber Sepherl achtete es nicht und sprach weiter und wunderte dazu immer mehr
mit den Augen, als berrasche sie das ruhige Zuhren der anderen oder ihre
eigene Rede. Und wann d' nix dagegen httst, ich shet 'n wohl gern amal wieder
und tt 'n auch fter bsuchen, und wann dir recht wr, so ging ich dir auch an
die Hand, und bels denkst wohl nit von so einm Beisammsein?
    Bist gscheit? fragte Helene. Wann d' 'n heimsuchen willst, werd ich dir's
doch nit verwehren? Und wann d' mer beistehn willst in der Pfleg, so wnsch ich
dir dafr Gotts Lohn, und bels denken wr grad sndhaft, wo der Mann siech
dahinliegt, keine argn Gedanken hat und auf keine bringt.
    So ging ich gleich mit dir.
    Is recht. Komm nur.
    Als die beiden in die Htte traten, erhob sich die alte Zinshofer von der
Waschbank, worauf sie gesessen. Er hat sich die ganze Zeit ber nit grhrt, nit
grufen, nix verlangt, raunte sie ihrer Tochter zu, dabei blinkte sie mit den
Augen verwundert nach Sepherl und schttelte kaum merklich mit dem Kopfe.
    Helene machte eine kurze, rgerliche Bewegung, mit dem Kinne den Weg nach
der Tre weisend, und nachdem die Alte duchsig davongeschlichen, drckte das
junge Weib sachte an der Klinke und rief halblaut in die Krankenstube hinein:
Muckerl, schlafst? D' Matzner Sepherl wr da, dich heimsuchen.
    Der Kranke lchelte und sagte mit matter Stimme: Schn, is ja rechtschaffen
lieb von ihr. S' soll nur hreinkommen. Gr Gott, Sepherl!
    Gr dich Gott, Muckerl! No, was is's denn mit dir?
    Was soll sein? Aus wird's!
    Geh sei nit dumm und bild dir so was ein.
    Werdn mer ja sehn, wer recht bhalt.
    Schau nur so was, rief die Dirne Helenen zu, die an der Schwelle
stehengeblieben war. Redt er nit, als mcht er frei aus Trutz und reiner
Rechthaberei halber versterbn?!
    Mein liebe Sepherl, jeder wei, wie ihm is. Doch tu dich setzen, da d' mir
das bissel Schlaf, was ich hab, nit auch noch austragst.
    Whrend Sepherl einen Stuhl an das Bett trug, zog Helene die Tre ins Schlo
und lie die beiden allein.
    Sie hielt es auch frderhin damit so und gesellte sich nie zu ihnen.
Obgleich sie den Kranken mit aller Sorgfalt und Geduld betreute und Nchte durch
wach an seinem Bette sa, so litt er sie doch nur ungerne um sich, schickte sie
unter manchen Vorwnden hinweg, verlangte nie eine Handreichung von ihr und lie
sich nur die allernotwendigsten widerwillig gefallen, aber Helene kam ihm zuvor,
sie wute zu erraten, was ihm fehle oder wonach er verlange, worauf die etwas
beschrnkte Dirne nie verfiel, und setzte, was not tat, flinker und geschickter
ins Werk, als es jene bei ihrer Tppischkeit imstande war; trotzdem behagte sich
Muckerl im Umgange mit der Sepherl, und diese brauchte sich dabei auch gar nicht
den Kopf zu zerbrechen, denn ihr sagte er geradezu, was er wolle und sie zu tun
habe, ja, er tyrannisierte sie frmlich.
    Als er merkte, da er jeden Abend auf ihren Besuch rechnen konnte,
untersagte er Helene, da sie in seiner Stube Ordnung mache, das werde die
Sepherl besorgen, und wenn diese dann kam, so trug er ihr das Zsammrumen auf
und lchelte ber die ngstlichkeit und Ungeschicklichkeit der Dirne, zankte
auch oft ganz rechtschaffen mit ihr.
    Du mut nit meinen, sagte, als es damit anhob, Helene zu Sepherl, ich
lie ein liederlich Wirtschaft einreien im Haus oder mibrauchet dein Gutheit,
aber der Muckerl will dich amal zu seiner Stubendirn, und ich soll mer da drin
nix mehr z' schaffen machen.
    Aber liebe Kleebinderin, beteuerte Sepherl, wie knnt ich nur so was von
dir denken?! Kranke sein oft wunderlich, und ihnen mu mer halt nachgeben.
    Mit einmal ward es dem Herrgottlmacher ganz unleidlich, da er so mig 'n
lieben langen Tag ber daliegen solle, er verlangte, etwas zu schnitzen, nur ein
ganz Kleins, und die Sepherl sollte ihm das Werkzeug samt dem Holzblckl, es
war ein bestimmtes, an das er dabei dachte, herbeischaffen; selbstverstndlich
griff sie vorerst fter nach dem unrechten und schleppte es herzu, ehe ihr das
rechte in die Hnde fiel, und so jagte er sie denn wohl ein dutzendmal Stube aus
und Stube ein, und sie scho mit hochgertetem Gesicht durch das Haus.
    Jesses, rein verzagt knnt eins werdn! Kleebinderin, weit du's nit, wo mag
das krumm Messer liegn, was er will? Und hast kein Ahndung, wo 's verflixt
Blcki wohl auch stecken knnt?
    Helene lchelte. Du schaltst ja wie 's Weib da im Haus. No, Tschapperl,
werd nit verlegen - sie ttschelte ihr die Wange - und werd auch nit bs, ich
mein dir's ja auch nit so und sag's nur im Spa. Komm, suchn wir allzwei, werdn
wir's wohl finden.
    Mit zwei Griffen fand sie das Gewnschte heraus und hndigte es der Sepherl
ein, und nachdem diese hinter der Tre der Krankenstube verschwunden war, sagte
die alte Zinshofer, die bisher kopfschttelnd dem Treiben zugesehen hatte:
Daraus machst du ein Gspa? Du wirst ja da bald der Niemand im Haus sein.
    Unsinn! zrnte Helene. Wann d' meinst, so dummerweis lie ich mich
aufhetzen, gegn ein Kranks noch dazu, da gehst fehl. In dem Ganzen steckt doch
kein Ernst drein, und 's kann auch zu keinm mehr fhrn; das is wie's Mon- und
Weibspieln unter Kindern, und frei hraus, d bedauern mich allzwei, was soll ich
ihnen das bissel Freud noch verderbn?
    Gar langsam ging diesmal dem Holzschnitzer die Arbeit vonstatten, whrend
der Plauderstunden mit Sepherl ruhte sie ganz und lag sorgfltig versteckt unter
der Bettdecke.
    Von der Kinderzeit und besonders von jener, wo sie sich vor und nach der
Schule miteinander herumgetrieben, sprachen die beiden am hufigsten und
eingehendsten, und wie das gekommen, da sie sich nachher fast ganz aus den
Augen verloren. Ei wohl, auch Dorfkinder, wovon jedes an einem anderen Ende
wohnt, kommen sich leicht aus dem Gesicht; nur Nachbarskinder htten's gut, die
shen sich alle Tage und knnten immer beisammenstecken. Vorzeit wnschte die
Sepherl gar oft und vielmal, da sie Haus an Haus wohnen mchten, entweder
Muckerl mit seiner Mutter auch im obern Ort oder sie mit der ihren im untern.
Wer wei ... aber es hat nicht sein sollen.
    Eines Abends nahm Sepherl ihren gewohnten Sitz am Krankenlager ein. Sie
hatte keine Zeit zu fragen, warum hart am Bettrande die Decke so merkwrdig
aufgebauscht sei, Muckerl schlug die Umhllung zurck und zeigte das
Schnitzwerk, mit dem er endlich zustande gekommen. Es war eine spannehohe,
schmerzhafte Muttergottes mit dem Leichnam Jesu quer ber dem Schoe; wohl ein
recht zusammengerackert Frauenbild und eine zaunmarterdrre Mannesgestalt,
der Holzschnitzer hatte seine eigenen abgezehrten Glieder zum Modell genommen.
    Sepherl betrachtete es lange nachdenklich, dann sagte sie: Das is a rechts,
heiligs Bild.
    Muckerl reichte es ihr mit vor Kraftlosigkeit zitternden Hnden hin. Da
nimm, es is fr dich. Es is mein Brautgschenk.
    Vergelt dir's Gott, Muckerl, aber als ein solchs drft ich's wohl nit
annehmen, weil ich keins bedarf, ich heirat mein Lebtag nie.
    So mein ich ja, ich schenk dir's als Brutigam.
    Geh, du hast's not, da d' noch Eulenspiegelein treibst! Doch is mer recht
lieb, da d' so gut aufglegt bist.
    Gar nit, Sepherl, gar nit, mir is heut schlecht wie niemal; aber mir geht
durch 'n Sinn, wann du dich rechtschaffen und ehrbar durch dselbe Welt
brchtst, wer wei, ob mer sich nit anderswo wieder zsammfinden knnten?
    Ein langes Schweigen lag dann ber der Stube, bis der Holzschnitzer der
Dirne seine Hand reichte und sagte: Geh lieber heim, Sepherl, heut bin ich fr
nix.
    Das Mdchen erhob sich zgernd; vor Bangheit und Verwirrung keines Wortes
mchtig, verabschiedete es sich mit wiederholten Hndedrcken.
    He, du Sepherl, rief Helene, als die Dirne mit traurigem Kopfnicken an ihr
vorber wollte, was tragst mir da ausm Haus? Sie wies nach der bauschigen
Schrze.
    Sepherl stand erschreckt, sie schlug das Vortuch zurck und zeigte das
Bildnis. Er hat mir's gschenkt, flsterte sie.
    Die Kleebinderin besah es eine Weile. Das schaut so unschn her.
    's soll auch nit anders, besser, er wr gleich vom Anfang dadrauf verfalln,
eh 's Schn ihm selber kein gut getan hat.
    Des Herrgottlmachers Weib sah der Dirne scharf in die Augen, dann wandte es
den Blick. Kannst vielleicht recht habn.
    Bht euch Gott!
    Gute Nacht!
    Als Sepherl an der Brcke vorberschritt, glaubte sie, fern, hinter sich, in
einem lauten Schrei ihren Namen rufen zu hren. Sie blieb stehen, lauschte, es
lie sich nichts vernehmen; so setzte sie denn ihren Weg fort. Sie war bange,
und da macht man sich eben leicht Einbildungen.
    Sie hatte es nicht gesehen, da die Kleebinderin eine Weile nach ihr paar
Schritte vor das Haus gelaufen und gleich eilig dahin zurckgekehrt war.
    Durch die khle, klare Luft des darauffolgenden Morgens gellten die Klnge
des Zgenglckchens, und als am Abende Sepherl mit langsamen Schritten und
gesenkten Kopfes der vorletzten Htte am unteren Ende des Dorfes zuschritt, galt
ihr Besuch einem toten Manne.
    Wieder ber einen Tag, da begruben sie ihn.
    Als die Leidtragenden und die Geleitgebenden sich entfernt hatten, machte
sich der alte Veit, der Totengrber, sofort daran, das Grab zuzuschaufeln; seine
blinzelnden uglein und die breit zusammengekniffenen Lippen gaben ihm das
Aussehen, als empfnde er dabei ein stilles Behagen, und das war auch der Fall;
sooft er so 'n Sakra oder a Sakrin in der Grube hatte, erfreute ihn der
Gedanke, da nicht er es sei, der da drunten lge.
    Erst polterte Scholle um Scholle auf den Sarg, bald aber fiel die Erde
geruschlos und umhllte locker und weich den Menschen, der da, aller Lust und
Leiden wett, in ihr gebettet lag. Mit der Qual eines anderen Wesens beginnt
eines jeden Dasein, und dann geht es so weiter mit dem Qulen oder
Gequltwerden, wie sich's eben trifft. Wer mehr Qualen bereitet als erleidet,
den nennt man glcklich, und wem es seine Mittel erlauben, das erstere in groem
Mastabe zu tun, der heit wohl auch gro.
    Der ehrliche Herrgottlmacher hatte sich all sein leblang nur auf einem ganz
winzigen Fleckchen Erde herumgetummelt - frohe Kindertage verlebt, jene Zeit,
von der es heit, der Mensch gehre noch nicht sich selbst an, sondern anderen,
und wo er doch so ganz er selbst und frei ist, wie nie hernach mehr im Leben -
trumerische Bubenjahr, wo einer die Welt in den Sack steckt und sie hchstens
unter seinen besten Freunden aufteilt, freilich nur jeder seine Welt, und die
manches ist gar klein geraten - auch die Mannjahr htten sich nicht bel
angelassen, die schon mehr auf andere Bedacht nehmen und wo seiner Mutter Freud
ein gro Teil der seinen war - da mit einmal war es aus.
    Das Kferchen, das im warmen Sonnenschein ber den rieselnden Sand
dahingelaufen, vor dem sprhenden Regen sich unter duftigem Laubwerk verkrochen,
mit seinesgleichen sich geneckt und gezerrt hatte, krampfte pltzlich die Fe
zusammen und fiel vom halb erkletterten Halme zur Erde.
    Nun liegt er taub, hohl, ein Gehuse, eine leere Hlse; und nichts verrt
von all dem Sonnenschein, der ihn erwrmte, von den Regenschauern, die ihn
erfrischten, von all dem, wie ihn im weiten oder engen die Welt ansprach.
    In der Schlupflcherzeile, die da lngs des Wasserstreifens hinlief, in
Zwischenbhel nmlich, war die Anteilnahme nicht gar gro. Wieder einer
weniger oder wieder einer mehr, hie es, je nachdem sich die Sprecher selbst
dem Grabe ferner whnten oder nher glaubten.
    Als Helene mit dem kleinen Muckerl und der alten Zinshofer von dem
Leichenbegngnisse heimkehrte, schritt sie mit einem scheuen Blicke an der
Kleebinderschen Htte vorber und folgte der Mutter nach deren Behausung.
    Sie sa dort auf der Gewandtruhe, wortkarg und in sich gekehrt, nur von Zeit
zu Zeit dem Kinde, das sie an ihrer Seite hielt, leise zusprechend. Wie der
Abend zu dmmern begann, griff sie einen Schlssel aus der Tasche und sagte:
Mutter, ich tt dich bitten, sei so gut und hol uns a bissel Bettgwand von
drben, wir wolln sich da afm Fuboden a Lager zrechtmachen. Ich mag nit drenten
schlafen.
    Frchtst dich? fragte die Alte.
    Nein. Es is aber so entrisch allein in einm Haus, wo mer just ein Totes
hinausgetragen hat. Der Kleine schlafet mir allzbald ein, und ich fhlet mich
dann ganz wie verlassen.
    Die Alte tat, wie ihr geheien. Spter, als alle schon eine Weile lagen,
setzte sich Helene pltzlich auf dem Strohsacke auf und sagte: No, wr ich halt
doch wieder da - afm Stroh - und, wie mich ziemt, auch nit viel besser dran wie
a Bettlerin, und htt's mich gtroffen, da ich noch a Reih von Jahrn mit dem
armen Teufel hausen mut, stnd ich hitzt gar als alts Bettelweib.
    Gwi߫, ghnte die Alte, du darfst dich nit beklagen ber, wie's gkommen
is, und der is ja auch im Himmel gut aufghobn. - -

Von da ab fand sich Sepherl an dem Allerseelentage jeden Jahres in der Kirche
ein und kniete an einem Seitenaltare inmitten der Kinder, die dort mehr zum
geselligen Vergngen als aus brnstiger Andacht den armen Seelen Wachslichtlein
brannten; sie opferte ein Kerzchen fr den Muckerl und betete fr dessen
Seelenheil, bis das Dochtendchen in das geschmolzene Fett sank und knisternd
erlosch. An seinem Grabe zu beten, das kam seinem Weib zu, sie wollte sich dort
nicht blicken lassen, nicht ihrer selbst willen, was lg an ihr? Aber es htte -
wie die Leut schon schlecht denken - dem Toten eine ble Nachred erwecken
knnen, und die hat doch wahrlich er nicht verdient!

Die Sternsteinhofbuerin hatte mit gefalteten Hnden am Fenster gestanden, als
der Leichenzug unten auf der Strae langsam sich fortbewegte.
    Der Tod des Kleebinders bestrzte sie, es fiel ihr auf das Gewissen, da die
Enthllungen, die sie ihm machte, volkstmlich gesprochen, der Nagel zu seinem
Sarge gewesen; aber sie konnte dies nicht voraussehen, ebensowenig als sie
vorhersah, wie sie es ergreifen wrde, denn seit jener Fahrt ins Ort lag es ihr
wie Blei in den Gliedern, und sie hatte mehr keinen Fu auer die Stube zu
setzen vermocht.
    Nun war der einzige tot, von dem sie sich eine wahrhafte Abhilfe versprechen
durfte, dessen selbsteigene Sache die ihre war, der den Willen haben mute, dem
Unfuge zu steuern, und auch das Recht und die Macht dazu besa. Die eine Hlfte
des argen Wunsches war den andern beiden in Erfllung gegangen, und wie eine
bange Ahnung befiel sie der Gedanke, wie bald vielleicht auch an sie die Reihe
kme, gleichen Weges zu gehen!
    Dieses Bangen vor dem Sterben, das sie zeitweilig durchschauerte, trat aber
zurck gegen die unmittelbar sich aufdrngende Furcht vor dem, was sie nun wohl
zu erleben haben werde!
    Dieser Furcht gaben nur allzubald die Ereignisse recht.
    Da die Buerin, nachdem sie dem Herrgottlmacher die Augen geffnet, mit
jener Heimholung Tonis alles abgetan glaubte, so war bisher des Geschehenen
halber kein Vorwurf ber ihre Lippen gekommen, und der Bauer nahm keinen Anla,
weder etwas abzuleugnen noch zu beschnigen; beide schwiegen beharrlich und
lebten, sich gegenseitig entfremdet fhlend, nebeneinander fort. Als aber kaum
eine Woche nach der Beerdigung Kleebinders der junge Sternsteinhofer fr dessen
Witwe eine warme Anteilnahme bekundete und sich verlauten lie, er habe vor, ein
gutes Werk zu tun und Helene samt dem Kinde herauf auf den Hof zu nehmen, da
fuhr die kranke Buerin, fast wild, empor. Was? Die? Die wolltst du
dahersetzen? Hast du schon so weit kein Ehr mehr im Leib, da d' auch nimmer
kein Schand frchtst? Aber, Gott sei Dank, da hab doch wohl ich noch ein Wrtl
dreinzreden! Niemal, sag ich dir, kommt die mir ins Haus!
    bernimm dich nit so bei deiner Schwchen, sagte mit verletzender
Gleichmtigkeit der Bauer.
    Das arme Weib lachte schrill auf und sagte, ihn mit einem giftigen Blicke
messend: Sorgst leicht um mich, du -? Und als was, wenn mer fragen darf, als
was nhmst denn d Kreatur hrauf? Zu was und wem soll die dienen?
    Gleich erfahrst's, erwiderte ruhig der Bauer. Die alte Kathel kann mitm
Hauswesen und 'm Krankenwarten zgleich nit aufkommen; die Kleebinderin aber is
die beste Wrterin, die ich mir z' finden wut, die soll dich pflegen.
    Die? Mich? Die! schrie die Buerin auer sich, dann verstummte sie und sah
den Mann mit groen, angstvollen Augen an, sie rang die Hnde ineinander und
stammelte:
    Das, das knntst du mir wirklich antun?
    Sei nit dumm, sagte er roh. Ich will's, und so gschicht's! Dich mit ihr
zu vertragen, das steht dir zu, denn du hast eh a Unrecht gegn die arme Seel
gutzmachen, dein unghrigs Einbilden -
    Einbilden?! kreischte die Buerin, die geballten Fuste gegen ihn
emporreckend. Leugnst du? Laugnest du dein eigen Reden?!
    Er zog den Mund breit und zuckte mit den Schultern. Eigen Reden! Freilich,
gar ein eigen Reden, was eins im Schlaf angibt! Wann d' drauf was gibst,
verruckts Weibsstuck, so mtst ja auch am Morgen 'n Mond in meiner Taschen
suchen, wann ich im Traum ausraun, ich htt 'n eingsteckt!
    Ob d' hitzt hintnach Unsinn oder Gscheitheit redst, was ich ghrt hab, das
hab ich ghrt, und aus dem, was du dir planst, wird nix!
    Das werdn wir ja sehn, sagte der Bauer. Er ging, die Tre hinter sich
zuschlagend.
    Und nun ereignete es sich fter, da er oben aus der Stube strzte, die
Treppe hcrabgepoltert kam, was vom Gesinde in der Nhe sich aufhielt, unntze
Horcher schalt und an die Arbeit gehen hie, und wenn er dann nach dem
Krankengemache zurckgekehrt war und die Tre geschlossen hatte, so spielte sich
hinter derselben eine jener Szenen voll qulender Bitterkeit und rcksichtsloser
Gehssigkeit ab, welche unter sich ferne Stehenden unmglich sind und womit sich
nur Menschen, die das Leben einander ganz nahe gebracht, letzteres verleiden und
vergiften knnen und wo es - fr einen Teil wenigstens - besser gewesen, beide
wren sich all ihre Tage fremd geblieben.
    Keines Menschen Seele verkehrt ganz ohne Hlle, ohne Schutzdecke mit der
Welt, und es ist wohl gut so, denn wie makellose Schnheit des Krpers ist auch
die seelische auf Erden selten; dem Umgange mit der nackten Seele eines andern
sich auszusetzen, ihn zu ertragen, wagt und vermag nur die Liebe und die
Freundschaft, und wo diese fehlen, wirkt die seelische Nacktheit, wie rohe
krperliche Entblung, abstoend, schamlos, entwrdigend und verderblich.
    Es bedurfte keiner langen Zeit, so trieb die Aufregung ber den
fortwhrenden Hader die Kranke von dem Sorgenstuhle in das Bett. Ihr Widerstand
war gebrochen und wurde immer schwcher. Welchem Ansinnen fgt sich der Mensch
nicht, wenn es gilt, sich die Ruhe des Pltzchens zu sichern, auf dem er zu
sterben gedenkt, und fr seine letzten Tage ein bichen Nachsicht und Teilnahme
zu erkaufen?!
    Helene kam mit dem Kinde auf den Sternsteinhof und schien es mit der
Krankenpflege sehr ernst nehmen zu wollen, aber die Buerin schreckte vor jeder
Berhrung des jungen Weibes zurck und wollte es weder am Kopf- noch am Fuende
des Bettes sitzen haben; anfangs boten ihr die hufigen, halbe Tage langen
Besuche des alten Sternsteinhofers willkommenen Anla, ihre Wrterin gar aus der
Stube zu schaffen, dann lag sie und hielt oft durch Stunden mit ihren
abgezehrten Fingern die rauhe, hrnerne Rechte des Alten ber der Bettdecke
fest, es war die einzige Hand, die sie zu halten hatte und dabei ein Vertrauen
empfand, da diese auch sie gerne halten mchte, whrend bei allen
Handreichungen Tonis und Helenens sie das ngstliche Gefhl ankam, die beiden
lieen sie zwischen den Armen hinabgleiten - oh, wie tief!
    Wenn nach einem solchen Krankenbesuche der alte Bauer ber den Hof seiner
Ausnahm zuschritt, so fluchte und wetterte er laut, da jeder, der um die Wege
war, es hren konnte, und belegte dabei des Herrgottlmachers Wittib mit einem
Titel, der in aller Krze das strikte Gegenteil einer Vestalin besagt; aber es
geschah das lediglich zu seiner eigenen Erleichterung, ohne der Geschmhten
irgendwelchen rger zu bereiten, denn der Schimpf war so gro, da es niemand
wagte, denselben ihr ins Gesicht zu wiederholen.
    Es war, wie gesagt, zu Anfang, da der alte Sternsteinhofer seine meiste
Zeit bei der kranken Buerin zubrachte, mhlich kam er seltener, schlielich
blieb er gar lange von dem einen auf das andere Mal weg; dazu bestimmten ihn
zwei Grnde. Er hatte geglaubt, die Schwiegertochter wrde ihres Siechtums
Meister werden, bald wieder auf die Beine kommen, und darum suchte er sie zu
zerstreuen, keine Gedanken an Vernachlssigung und Vereinsamung in ihr aufkommen
zu lassen und sie bei gutem Mute zu erhalten; der Gesunden wollte er dann
beistehen, ihre Rechte zu wahren und mit den ungebetenen Gsten den Kehraus zu
tanzen. Als er aber merkte, da die Buerin immer mehr verfiel und von Krften
kam, da suchte er sie selten heim und blieb nur fr kurz; zusehen, wie es mit
solch einem Aufgegebenen Schritt fr Schritt zu Ende ging, und sich so
unmittelbar an sein eigenes mahnen zu lassen, das war nicht seine Sache.
Andernteils machte ihm gerade dieser Stand der Dinge den Anblick Helenens nur um
so verhater. So flchtig auch alle bisherigen Begegnungen mit ihr gewesen, die
zuflligen, wo beide ohne Gru aneinander vorberhuschten, und die
unausweichlichen in der Krankenstube, wo sie ihm schweigend den Stuhl an das
Bett rckte, mit der Schrze darberwischte und dann zur Tre hinausging, von
nun ab vermied er geflissentlich all und jedes Zusammentreffen, da er mit groem
Unbehagen fhlte, wie ihm in der Nhe dieses Weibes die Fuste zuckten, aber
gleichzeit das Wort versagte. Was ihn diese Bettlerin, wenn nicht frchten, so
doch scheuen machte, er wute es selbst nicht. Ja, die wute, was sie wollte,
hat unverrckt ihr Ziel im Aug behalten, gleich bereit, wenn es dasselbe zu
erreichen galt, darnach zu laufen oder langsam Fu vor Fu zu setzen, und obwohl
sie schon einmal nach einer Seite abgekugelt war, kommt sie jetzt von der
anderen heran und erreicht's! Sie wird's erreichen. Ein harter Kopf und ein
fester Will! Nicht, wie es sonst damit bei den Weibern bestellt ist. Schlg ihr
der Teufel ein Bein unter, jetzt, wo sie den Fu zum letzten Schritt hebt,
glaublich, sie wt doch auf den Fleck zu fallen, wo sie hinrechnet! - -
    Nur rger war dort oben in der Krankenstube mehr zu holen, Gift und Galle
einzuschlucken und der armen Seel damit nicht geholfen, berhaupt nimmer zu
helfen. Der Alte hielt sich davon, und die Kranke mute sich nun den langen,
bangen Tag ber die Gesellschaft Helenens gefallen lassen. Wenn dann manchmal
der kleine Muckerl zur Tre hereinpolterte, die Mutter aufsuchen, wofr er
jedesmal einen scharfen Verweis erhielt, so sah die Buerin in der ersten Zeit
von dem gesunden, rotbckigen Jungen weg nach der Wiege, in der ihr eigenes,
halblebiges Wrmchen lag, ihre Augen wurden feucht, und langsam perlten schwere
Tropfen ber ihre Wangen; spter aber lie sie auch das gleichgltig, nur wenn
ihr Mann in der Stube war und mit begehrlichen Blicken an dem schnen Weibe hing
und dieses es ihm mit unwilligem Zublinken verwies, dann blitzte es in den
tiefdunklen Sternen auf, rege und glhend folgten sie jedem Mienenspiel, jeder
Gebrde der beiden und lieen nicht nach, ihnen zu folgen, bis zu dem Tage, wo
diese Augen - voll lautloser, herber Anklage, voll stummer, weher Herzenspein -
brachen und der alte Sternsteinhofer sie zudrckte, da die Scheidende diesen
Liebesdienst von ihm erbeten.
    Hast nit viel Guts ghabt, sagte er. Warst wohl a reiche Burin, aber
dabei a arms Weib. Der Herr la s' ruhn in Frieden, und 's ewige Licht leuchte
ihr. Amen.

                                      XXI


Welchen Wandlungen die Volksstimmung unterliege, das zeigte sich auch in
Zwischenbhel gegenber den Geschehnissen auf dem Sternsteinhofe.
    Ein grober Versto gegen landlufige sittliche Grundstze und Anschauungen
erweckt vorerst laute Entrstung gegen beide Schuldige, aber bald fhrt das
Zusammenlebenmssen zu Bedachtnahmen und Nachgiebigkeiten gegen den einen
wehrhafteren Teil und zum Unrechte gegen den wehrlosen, auf dem allein die ble
Nachrede haftenbleibt, bis die Leute, Schimpfens und Anteilnehmens mde,
gleichgltiger werden und mhlich zu vergessen anfangen; einmal noch - mag nun
neue Unbill hinzukommen oder nicht - lodert wohl das Zornfeuer wieder empor,
dann aber schickt man sich darein, von dem allgemein Gltigen abzusehen, den
Fall an sich als Ausnahme zu betrachten, was man ja ohne Gefahr tun kann, da er
nur die Regel zu besttigen vermag, und um so nachsichtiger fllt das Endurteil
aus, als schroffer und unverrckbarer die anfnglich allen Unwillen erregende
Tatsache bestehenbleibt. Da aber weder das eingewohnte Denken noch das
ursprngliche, widerwillige Gefhl ber die Konflikte hinweghelfen, so
formuliert sich die Anklage, wenn der Fall ein erschtternder, an die letzte
Adresse, an das Schicksal, streben aber die Dinge wieder mit dem Alltglichen
sich ins Gleichgewicht zu setzen, so sucht die Menge mit aller Spitzfindigkeit
nach dem, dessen Ansto den rgerlichen Verlauf verursachte, und findet diesen
neuen, endgltig Schuldigen oft in einer Person, die anfnglich, wie gefeit,
ganz beiseite gestanden hatte.
    Als man im Orte merkte, da der junge Sternsteinhofer just nicht des
Votivbildes halber so hufig nach des Holzschnitzers Htte gelaufen war, da
schlug die Stimmung gegen den frommen, sorghaften Bauern gewaltig um, und auch
an Helenen lie man kein gutes Haar, und ganz aus der Weis unschambar fand man
es, wie er die Wittib zu sich auf den Hof nehmen und die dahin gehen mochte! Die
Sternsteinhofbuerin wurde fr eine helle Marterin erklrt. Aber der Bauer
konnte doch einen und den andern, die sich zu vorlaut gaben, sakrisch klemmen
- und im Grunde, er hatte ein krankes Weib - wohl - wohl - doch die
Kleebinderin, als recht und schlecht verheirat, htt ihn gleich beim ersten
Anwurf ausjagen sollen, und htt sie dazu auch 's lngste Scheit unterm Herd
hervorlangen mssen! Freilich, viel geht in der Welt vor, und allerwrts hrt
man, wie oft ein Weib rechtschaffen ausholt und Dreinschlagen vergit. Anders
wieder, als man die Buerin zu Grabe trug, da legten sich die Leute gar keinen
Zwang auf, und dem weithinwallenden Zuge entlang summte es wie ein Immenschwarm,
und zwar nicht ins Gesicht, aber zu Gehr sprach man den zweien, die zwei
andere so gut wie umgebracht htten. Doch die Sternsteinhoferin war nun einmal
tot und lag in der khlen Erde, und das war fr sie schier das beste, wie fr
die andern; vermochten die nicht voneinander zu lassen, so war es gleich einer
Schickung und Gnad Gottes, da sie nun in Ehren zusammen und zu einem End kommen
konnten, und htt man sie seinzeit gewhren lassen, wr das ganz rgernis und
andern zwei beiden alles gebrannte Herzleid erspart geblieben. Ja, ja, an dem,
wie's kommen und gangen, war eigentlich doch nur schuld - der alte
Sternsteinhofer!
    Auf solche Weise fand sich der meisten Denken und Meinen mit dem, was
geschehen war und nun geschehen wrde, zurecht, nur wenige hielten an ihrer
anfnglichen, strengen Verurteilung fest, darunter auch der Kaplan Sederl, und
nur einer erklrte von allem Anfange an, er lffle nichts so hei aus, als es
aufgetragen werde, der alte Pfarrer. Freilich, auch der, wenn er an die
unsaubere Geschichte dachte - da die auch just in seinem Sprengel spielen
mute! -, rckte sein Samtkppchen bedenklich schief, indem er sich rgerlich im
Haar kraute, und ber seine Stirn legten sich unmutsvolle Falten; aber den
Schuldigen den Proze zu machen, berlie er den Leuten, und das Urteil stellte
er dem anheim, des Augen, die nie ein Schlaf schlo, mehr sehen, als aller Leute
Augen zu sehen vermochten! Er hatte ein feines Gefhl fr des Volkes Art und
Weise, ein feines Gehr fr dessen Rede, und das schlieliche Abfinden und
Zurechtlegen einer Sache, die sich nicht geben, nicht unterducken lassen
wollte, kam ihm nicht unerwartet.
    Nie, niemal, Sederl, eiferte er gegen den jungen Kleriker, werden Sie
sich auf Welt und Leut verstehen lernen! Sie habn 'n praktischen Blick noch heut
nit. Lie ich Sie hitzt an meiner Statt machen, Sie gben gwi was an, 'n
Lebendigen zun Schaden und 'n Toten von keinm Nutz! ...
Himmelheiligkreuzdonnerwetter! Dieser verluderte Ausdruck galt keineswegs dem
Kaplan; der alte Herr hatte gegen diesen mit vermahnender Geste den Zeigefinger
erhoben und dann, um den Tabak zusammenzudrcken, in den Pfeifenkopf gesenkt,
jetzt schnellte er ihn mit gelb gesengtem Nagel heraus, schlenkerte damit, und
indem er auf die schmerzende Stelle blies, fuhr er fort: Pf - h! Sie wissen
nit, wie 'n Leuten vllig ein Stein vom Herzen fallt, wann was Unordentlichs
sich wieder in d' Ordnung schicken will, und wie gern da alle mit antauchen
helfen, nach einm Abschlu hin, wo sich's 'm Gwohnten und Gleichen einpat und
's rgern und Deuteln ein End findt. Da mitten hnein 'n Leuten in Arm fallen,
das wr Gott und der Welt a schlechter Dienst!
    Sih rlauhbeen, sagte der Kaplan, indem er sich erhob, das alte Pfarrbuch,
dessen Lektre ihn gerade zerstreute, an sich nahm und sich zum Weggehen
anschickte, iich wihl nichtt straiten, ahber tas ahles wihterstrbt mihr inn
tiehfster Slle.
    Dann schamen Sie sich auch in d' Seel hnein, wie tief s' is, sagte der
Pfarrer. Er hielt ihn mit der Rechten zurck und reckte den linken Arm gegen das
Kruzifix an der Wand aus. Der dort hat auch Zllner und Snder nit von sich
gwiesen, und wunderbar sein oft die Weg, auf die er Verirrte leit, da s' nit zu
Verlorenen werden! Grad dsmal ziemt mich, ich shet seiner Gnad und weisen
Voraussicht aufn Grund. Sederl - nit da ich 's Siegel von einm Beichtgeheimnis
nhm -, aber das lat Euch bedeuten: den zwein hat er wohl in seiner Erbarmnis a
Verbrechen erspart!
    Ein Verbrechen? stotterte der Kaplan.
    Der alte Seelsorger drckte den Arm des jungen Mannes. Zwei vielleicht. Er
nickte ihm ernst zu und schritt hinweg.

Am belsten kam die alte Zinshofer weg, sie klagten die Leute nicht erst an,
sondern trugen ihr offen ihre Vorschubleistung nach, man wich ihr aus und war
kurz und abweisend im Verkehre, selbst auf dem Sternsteinhofe, wo sie doch allen
Dankes gewrtig war, lie man sie unfreundlich an.
    Eines Abends, als wieder ihre Zutulichkeiten und Klagen kein Gehr fanden
und sie erbittert vom Hofe hinweglief, fate sie den alten Sternsteinhofer, der
ihr gerade in den Weg kam, am Arme an. Bauer, rief sie, hitzt erfahr ich, was
auch du schon seit langem, und in dem Stuck wrn wir vllig gleich!
    Der Alte machte sich frei und wischte ber den Joppenrmel, als wre der
durch die Berhrung befleckt worden. Fa ein nit an, sagte er rauh. Dir
gleich wut ich mich in keinm Stuck.
    So kennst leicht Kindsundank nit?! kreischte das Weib.
    Kein Dank - mag sein! Gegn 'n Undank hab ich mich sichergstellt. Mut dir
schon dein Gspann woanders suchen. Damit kehrte er ihr den Rcken zu.
    Alles, was der protzige, knftige Schwiegersohn fr die Alte tat, war, da
er ihr bei beginnendem Winter erlaubte, aus ihrer verfallenen Keusche in das
Kleebinderhusel zu bersiedeln. Da sa sie nun zwischen reinlicheren und
festgefgteren Mauern als sonst und fror wie frher, denn die Fuhre Holz, auf
die sie gehofft und gerechnet, war ausgeblieben; sie ertrug es so lange, bis es
ihr - wie sie sich uerte - zu dumm wurde.
    Solln s' mir nur a Wrtl sagn, dann werd aber auch ich mein Maul gro
auftun, murrte sie, griff zur Hacke, hieb des seligen Herrgottlmachers
Holzvorrat kurz und klein und verfeuerte ihn, und als davon kein Span mehr im
Hause war, brachte sie die Figuren des halbfertigen Votivbildes auf den Sge-
und Hackblock. Mit boshaft zwinkernden Augen sah sie in die flackernden Flammen
und meinte: die Heiligen brennten so gut wie Holz.
    Sie half sich ganz leidlich ber den Winter hinweg; kurz nach demselben war
das Trauerjahr des jungen Sternsteinhofers um, dann mute ja doch etwas
geschehen und ndert sich wohl auch ihre Lage. Den Kopf mit beiden Hnden
pressend, eilte sie heim, als sie erfuhr - von Fremden sich's mute sagen lassen
-, der Notarius wr schon auf den und den Tag bestellt, um auf dem
Sternsteinhofe die Ehpakten aufzusetzen und alles sonst Ntige zu
verklausulieren und zu verbriefen.
    An dem Tage aber, an welchem der Notar - Toni hatte sich den nmlichen
Findigen wie sein Vater verschrieben - dort oben auf dem Gehfte alles
richtigmachte, ward die Alte von qulender Neugierde und peinigender Unruhe im
Hause herumgejagt, sie hastete Stuben aus, Stuben ein, vom Boden- in den
Kellerraum und von dem feuchten Grundmauerwerk wieder hinauf unter die
Dachsparren. Doch sie mute sich gedulden, und erst gegen Abend sah sie jemand
eilig auf das Huschen herzukommen und erkannte, als er nahe war, den
Zwischenbheler Brgermeister.
    Der Ortsoberste trug auf langen Beinen einen merkwrdig kurzen Oberleib und
auf dessen breiten Schultern wieder ein auffallend kleines Kpfchen, ber den
beidseitigen, kurzen Backenbrtchen strebten zwei mchtige Ohrmuscheln, fast
kopfflchtig, ins Freie; obwohl seine groen Augpfel etwas vortraten, so
waren sie doch mit ausreichenden Deckeln versehen, welche er denn auch zum
Schutze der ersteren gewhnlich bis auf einen kleinen Spalt geschlossen hielt,
was ihm ein ebenso nachdenkliches wie sanftmtiges Aussehen verlieh; der untere
Teil des Gesichtes aber, der zwischen den faltigen Wangen wie eingeschrumpft
liegende Mund und das kurze Kinn, wurden von der vorragenden Nase berschattet,
welche aus leicht zu erratenden Grnden von den Zwischenbhelern d' Latern
genannt wurde; bei deren Gre und der Kleinheit seines Mundes konnte er es
nicht verhindern, da im Sprechen einzelne Laute den bequemeren Weg durch
dieselbe nahmen.
    Du bist die Zinshoferin? nselte er.
    Ich mein, du wirst mich wohl kennen? sagte sie giftig.
    Blind wann ich wr, leget ich ein Eid drauf ab, da du's bist, denn ich
kenn dich an deinm Gekeif, aber was konschtadiert werdn mu, das mu
konschtadiert werdn, weil ich von Amts wegn mit dir z' reden hab.
    No, so komm hrein, komm doch hrein.
    Die Alte lief flink voran, und der Brgermeister stolperte hintennach. Sie
wischte einen Stuhl ab und setzte ihn in die Mitte der Stube.
    Der Brgermeister winkte abweisend mit der Hand. Wir werdn gleich fertig
sein.
    Ah, nein! da schau eins her! eiferte die Alte, whrend ihr die Zornrte
aufstieg. Fand's schon keins von denen da drobn der Mh wert, mich hnaufzrufen
oder hrunterzkmma, und lieen s' mir durch a Fremds Post zutragn, so will ich
doch auch soviel wissen, wie dsselbe wei, und eh d' mir nit alls sagst, wonach
mich neugiert, la ich dich nit aus der Stubn, mag's hitzt kurz oder lang
dauern!
    Was willst denn wissen?
    Was gschieht?
    Was soll gschehn? Dein Tochter wird Sternsteinhofbuerin. Das kannst dir
wohl denken.
    Was weiter?
    No, ich mein, 's wr das gnug! aber obndrein nimmt noch der Bauer ihrn
Bubn, 'n Muckerl vom seligen Kleebinder, als eigen Kind an.
    Gar dazu zwingt er sich? Die Alte bleckte die Zhne, als aber der Mann vor
ihr ernst blieb und verwundert die Augendeckel aufzog, besann sie sich und
sagte: No, 's is wohl schn von ihm.
    Wohl, wohl, Gotts Lohn dafr! Als bstelltem Vormund war mir's kein gringe
Freud. Kannst dir wohl denken, da ich mich nit dagegen gsperrt hab, da mein
Mndel mal als Herr und Eigner af eins von d' grten Anwesen im Land z' sitzen
km!? Jo. Aber obwohl 's Glck bei dem Bubn schon vllig ein Gupf gmacht hat,
mut ich doch noch af eins bstehn, damit ich aller Verantwortlichkeit nachkimm
und frein Gwissens d' Vormundschaft niederlegen kann. Das Husel da is nach 's
Vaters Tod 'm Kind -
    Was, kreischte die Zinshofer, mit der Faust in den Tisch schlagend, gar
austreiben lieen mich d von da, und du, alter Krippenreiter, halfst ihnen
dazu?! No, schauts enk aber a an, s zwei dort drobn, denen ich zu allm
Schlechten recht war und hitzt zu allm Rechten z' schlecht wr, und du,
sorghaftiger Vormund, ob ich enk nit alln miteinander ein dickmchtigen Strich
durch d' Rechnung mach! 's Maul tu ich auf und weis nach, da dem verhllten
Fratzen 's Husel da nit zukommt, ein Jurament leg ich drauf ab, da er an 'm
Verstorbnen kein Recht hat und der andere ihn nit an Kinds Statt ...
    Der Brgermeister hatte eine Art Rundtanz um die scheltende Alte ausgefhrt
- eine choreographische Leistung, weit davon entfernt, Sinnlichkeit zu erregen
-, wobei er ein ber das andere Mal die Arme beschwichtigend auflpfte und
unablssig raunte: Halt 's Maul! - dein verwettert Maul halt, sag ich. Als sie
aber dazu weder gewillt noch je willens zu werden schien, sah er selbst zu dem
Rechten und schlo ihr mit eigener Hand den Mund. Du
himmelherrgottssakkermentische Kreuzader, eh dein Gift und Gall ausspeibst, la
eins doch ausreden, ich war ja noch nit z' End. Dann - dann such ein Anla zun
Schelten - mtst grad du ein finden!
    No, so red, murrte die Alte, red halt.
    Weil 's selb Husel doch von gar kein Belang is, so war ich dafr, mer
sollt's verkaufen und 'n Erls 'm Bubn anlegn; der Bauer war einverstanden, hat
aber gleich selber a Anbot gmacht, was's berzahlt, no ja, 's kommt doch 'm Kind
z' gutem; so warn d'Sternsteinhoferleut Eigner von da, und d'
Sternsteinhoferleut schenken's wieder dir, und 's Veranstalten is gtroffen, da
d' in nchstn Tgn grundbcherlich drauf angschrieben wirst. Hitzt weit's.
Hast's auch verstanden?
    Ei, du mein, je ja, freilich, ds wird doch leicht zu verstehn sein. 's
Husel is hitzt mein!
    Is dein - und no kannst dich schon dein ausartigs Reden von vorhin reun
lassen.
    Wohl, wohl, war ja nix wie dumm Gschnatter. Du hast als gscheiter Mon
gleich nit drauf ghrt. Ich schreiet's so frei aus nit, wut ich, was
nachzweisen, und knnt ich a Jurament ablegn?! Wr doch sndhaft gegn d' braven
Leut und mein leiblich Tochterkind! Nit? Jo! Burgermaster, tatst mer leicht d'
Ehr an fr dein gute Botschaft und nahmst a Glasel Wein? Z' Haus htt ich wohl
kein -
    Dank schn. Ich nimm mitm guten Willn vorlieb, bei dir auch mit weniger.
Gute Nacht!
    Gute Nacht, Burgermaster!
    Was nun die Alte im Hause herumtrieb, Stuben aus und Stuben ein und vom
Grundgemuer bis hinauf unters Sparrenwerk, das war nicht Neugierde noch Unruhe,
sondern Lust an dem neuen Eigen. Vieles, worauf sie frher nicht geachtet, besah
sie sich erst jetzt genauer; nun galt jeder Nagel an seiner Stelle und zhlte
mit. Sie lief auch hinaus in den Garten und schlug angesichts der Bume und
Struche freudig in die Hnde; bei alledem aber verlie sie keinen Augenblick
der sittlich erhebende Gedanke, da sie nichts einem blinden Glcksfalle schulde
und, was ihr geworden - redlich verdient habe.

Es war eine stille Hochzeitsfeier, die bald darnach auf dem Sternsteinhofe
stattfand, ganz wie es sich fr Brautleute schickte und ziemte, die nach kurzem
Witwerstande eine zweite Ehe schlossen.
    Schier verwundert und verblfft standen die wackern Zwischenbheler, als das
junge Weib vom Altare wegging. Da Helene schn war, das wute man, so schn
aber wie an dem Tage ihrer zweiten Trauung hatte sie noch keiner gesehen. Das
erste Mal war sie gedrckt in die Kirche gekommen und ebenso aus derselben
gegangen, diesmal schritt sie stolz und selbstbewut einher, nicht anders, wie
wenn das, was ihr nun geworden, ihr Rechtens zukme, doch hielt sie die Lider
bescheiden gesenkt, als meide sie, mignstigen Blicken zu begegnen, und scheue
sich, solche herauszufordern, und wenngleich manchmal ber den blhenden Wangen,
deren Grbchen ein stilles Lcheln vertiefte, die leuchtenden Augen flchtig
aufblitzten, so sah sich das so unschuldsvoll an wie der Blick eines Kindes, den
die greifbaren Herrlichkeiten eines Augenblickes fesseln; kein Schatten der
Vergangenheit, keine Wolke, einem bangen Ausblicke in die Zukunft entsteigend,
trbte dieses glcksfrohe, heitere Gesicht, und der einzig lesbare Gedanke in
demselben: Erreicht, zuckte auch nicht durch die Muskeln als unterdrckter
Jubelschrei, sondern barg sich hinter einer stillfreudigen, selbstbegngten
Miene.
    Die Leute hatten ber die Sternsteinhofbuerin, die, so selbstverstndlich
sich als solche gebend, an ihnen vorbergeschritten war, die
Herrgottlmacherswitwe und die Zinshoferdirn ganz vergessen, und als sich die
Boshaftesten auf die lngst fr diese Gelegenheit ausgetipfelten Trutzliedeln
besannen, waren die Wgen mit den Hochzeitern und den Gsten schon aus aller
Gehr-weite.
    Unter den Geladenen befand sich auch der Ksbiermartel, und da er gekommen,
konnte nur den befremden, der den Alten nicht genauer kannte und somit nicht
wute, da sich dieser keine Gelegenheit entgehen lie, seinem Spitznamen alle
Unehre zu machen, Bier ganz zurckzuweisen und Wein - je besseren, um so lieber
- zu trinken und Kse, wenn er welchen a, nur als Magenschlu zu nehmen, wenn
nichts mehr voranzuschicken da war. In der Kirche hatte er sich aber doch nicht
blicken lassen und, whrend der Trauakt unten im Dorfe stattfand, oben auf dem
Gehfte dem alten Sternsteinhofer, der sich gleichfalls fernhielt, Gesellschaft
geleistet.
    Als nun die neue Buerin an der Seite ihres Mannes die Feststube betrat,
fand sie sich den beiden Alten gegenber. Sie trat auf ihren nunmehrigen
Schwiegervater zu. Mit leuchtenden Augen, in denen etwas schalkhafte Bosheit
lauerte, und mit einem freundlichen Lcheln, von dem er wohl fhlte, es gelte
nicht ihm, sondern poche auf das Unbestreitbare ihrer Schnheit, bot sie ihm die
Hand. Da er sie nicht ergriff, sagte sie nach einer Weile leise: No, bin ich
halt doch da. Sei gscheit. Willst mir feind bleiben?
    Der Alte schob die Rechte, gleich der Linken, in die Hosentasche und wandte
sich an den Ksbiermartel. Wieder eine. Bin neugierig, wieviel Buerinnen ich
da noch erleb.
    Rot bis unter die Augenrnder, ging Helene von ihm hinweg.
    Als whrend des Tafelns der alte Bauer die Stube verlie, folgte bald darauf
die junge Buerin ihm nach, sie wartete im Flur, bis er vom Garten zurckkam.
Ich hab dir vorhin d' Hand gboten, sagte sie.
    So?
    Blind stell dich nit! Bemerkt habn mut es.
    Mag sein.
     Du hast mir die deine verweigert.
    Bist auch nit blind.
    Vor 'n Leuten, allen!
    No?
    Das is a Grobheit.
    Ich bin halt nit fein.
    Er wollte an ihr vorber, sie aber verstellte ihm den Weg. Kein Schritt!
rief sie. Du hrst an, was ich dir z' sagen hab! Meinst, weil du's bist, ich
lie mich da im Haus wie der Niemand behandeln? Da irrst dich gwaltig. Mich lern
erst kennen. Weil mir heut in der Kirchen vorm Altar der Gedanken kommen is, da
sich ja endlich doch alls wie recht und ghrig gschickt htt, wr a Unsinn, wegn
'm Frhern einander was nachztragen, so hab ich dir mein Hand dargreicht, nit um
dein Freundschaft zu erbetteln, sondern im guten Glauben, auch dir wrd dasselbe
so christlich wie vernnftige Absehn einleuchten.
    Stell du zwei Falln auf und leg in jede ein extraichen Speck, ich geh dir
in keine.
    Da ich dich fangen wollt, das bild dir nit ein. Mir war nur ums gegnseitig
gute Drauskommen. Gbst du mir mein Respekt, gb ich dir auch 'n dein. Httst du
mit mir a Einsehn, wurd ich auch eins mit dir habn. Du aber willst's anders, und
so kann dir's auch werdn! Du sollst nit umsonst die Gedanken in mir aufgriegelt
habn, wie mir Snd und Schand, jeds Unterkriechen und Verstelln, alls, was mich
d' siebnthalb Jahr her gpeinigt hat, erspart gblieben wr, httst du dich
seinzeit nit in gleich herzloser wie unntger Weis dawidergsetzt und damal schon
zugebn, was d' heut nit verhindern konntst! Du sollst mich nit umsonst erinnert
haben an die Stund, wo ich, mehr tot wie lebendig, die Stiegn da
heruntergschlichen bin und zu unserm Herrgott gebet't hab, er mcht mich 'n Tag
erlebn lassen, wo ich dir dein erbarmlose Hochfahrt heimzahlen knnt. Derselb
Tag is hitzt da, und ich will dir weisen, da er da is!
    Der Alte sah sie mit zusammengekniffenen Augen und breitgezogenem Munde an.
Was willst mer denn weisen? Du?
    Was ich dir weis? Dein Ausnahms-Ausnahm afm Hof da, d werd ich dir
vertun.
    Du unterstndst dich -?!
    Jedes weitere Wort spar! Vergi nit, wen d' vor dir hast. Ich brauch mir
von dir nix sagen z' lassen! Damit kehrte ihm Helene den Rcken zu und schritt
voran nach der Stube zurck, whrend der alte Sternsteinhofer mit geballten
Fusten, die eingezogenen Arme vor Wut schttelnd, hinter-dreinstapfte.
    Der groe rger tat aber weder seiner Elust noch seiner Trunkliebe Abbruch,
sondern schien beide nur zu vermehren, denn ihm schmeckte kein kleiner Bissen
und mundete kein miger Schluck, so da er, als die Gste aufbrachen, mit
klglicher Stimme erklrte, da ihn nun schon d' F verlieen und d' Augen nix
mehr taugen wllten; die Schilderung seines Zustandes lie man, als der
Wahrheit gem, unangefochten, aber die Rechtfertigung desselben durch sein
Alter wies man spttisch zurck, und einige Minderbejahrte meinten: heut wren
sie just so alt wie er oder er so jung wie sie.
    Er erbat sich das Geleite Ksbiermartels, und der Lange mhte sich denn auch
getreulich, seinem Schtzlinge geweisten Weges ber den Hof zu helfen; es gelang
ihm, allen kleinen Fhrlichkeiten auszuweichen, und wenn es bei greren
merkwrdigerweise fehlschlug, so bestand er sie eintrchtig mit dem Freunde. Er
rannte mit ihm gegen ein halb offenstehendes Scheunentor, und als dieses durch
den Anprall ganz aufflog, so strzten beide in taumelnder Hast dahinter her, so
weit es sich in den Angeln drehte, ein paar Schritte weiter fielen sie Arm in
Arm ber einen umgestrzten, ausgemusterten Brunnentrog; von diesem einen
Verlauf und andern Fall abgesehen, erreichten sie glcklich das Ziel, und da
lallte an der Schwelle des Huschens der Ksbiermartel: Was bist du - du aber
in dein altn Tgn - fr - fr a leichtsinniger Mon - glt's - knnt mer dich
heut wieder - hint - hint im Wagngflechtel habn ...
    Der alte Sternsteinhofer ri sich von seinem Begleiter los und versetzte ihm
eins in die Rippen, da der laut aufschrie. Aber trotz seiner Erbitterung verga
der Ksbiermartel nicht, da ihm doch noch obliege, den Alten unter Dach zu
bringen, und so fate er ihn denn neuerdings an, freilich etwas krftiger als
just not tat, und unter Gefluche und Gepolter ging es die Treppe hinan, unter
Gekrache und Geberste zur Kammertre hinein, und da fand sich pltzlich der
Ksbiermartel allein im Finstern. Sternsteinhofer - rief er halblaut -
Sternsteinhofer! Wo bist denn? No, so meld dich, dummer Kerl, ob d' da bist?
    Erst nach einer Weile antwortete aus einer Ecke her ein lautes Schnarchen.
Ah so, sagte befriedigt der Lange, dann sah er nach dem leeren Bette, meinte:
Es wr doch a Snd, und legte sich in dasselbe. - -
    Frh am Morgen ffnete sich oben auf dem Sternsteinhofe ein Fenster der
groen Stube, Helene beugte sich heraus und sah auf das Dorf hinab.
    Ein leichter Flor lag noch da unten.
    Langsam kam die Sonne im Rcken des Hgels herauf, und unten am Bache ward
es licht.
    Das Turmkreuz der kleinen Kirche brannte, die Huschen und Htten hauchten
sich rot an, und einzelne Fenster erglhten.
    Frisch wehte die Morgenluft.
    Die Buerin strich einzelne Haarstrhnen, die ihr vor dem Auge fchelten,
zurck.
    Als sie nach der letzten Htte sah, wo sie eine freudlose Kindheit verlebt,
und nach dem Huschen daneben, wo sie sich und andern zu Leid und Last gehaust
hatte, da erfate es sie gleich der bedrckenden Empfindung verworrenen
Trumens; doch von hier oben verschmolzen die einzelnen Behausungen der Strae
nach in eine helle Zeile und mit den grnen Hgeln dahinter und dem blauen
Himmel darber in ein freundliches Bild; das eigene Erlebte verblate vor dem
Gedenken an das gemeinsame Drangsal und Elend, dem sie entronnen und das von
zutiefst da unten, am Fue des Hgels, nicht hinanreichte zum Gipfel, von dem es
ihr nun doch vergnnt war herabzuschauen, wie sie es einst in kindischer Seele
gewnscht und ersehnt.
    So hatte es sich doch gefgt!
    Ein dankbares, fast andchtiges Gefhl berkam sie;
    dankbar, sie wute es selbst nicht gegen wen oder was: gegen die Sonne, die
alles so warm und freundlich beschien, gegen die Luft, die ber allem webte und
sich regte, gegen das Drfchen, die Halde, den blauen Himmel, gegen die ganze,
schne, prangende Welt -? -
    Sie faltete die Hnde vor der Brust. Lange blieb sie so, pltzlich fuhr sie
mit einem lachenden Schrei zurck. Der junge Bauer stand hinter ihr, er hatte
sie mit beiden Hnden unter den Achseln angefat.

                                      XXII


Monate verstrichen, der alte Sternsteinhofer und die junge Sternsteinhoferin
liefen einander, sich nicht suchend noch meidend, ungezhlte Male ber den Weg;
wohl bemerkte er den mignstigen Blick, der ihn bei jeder Begegnung seitwrts
streifte, ohne da es ihn zum Nachdenken brachte, wie derselbe stets gleich und
unverndert blieb, selbst als er offen ein immer hhnischeres Gesicht dagegen
kehrte. Hat sich halt ein bissel im Reden bernommen, die Neue, und dafr, da
es bei leeren Worten bleibt, ist er der - alte!
    Es war an einem heiteren Abende, als er auf dem ihm eigenen Wgelchen von
Schwenkdorf, wo er den Ksbiermartel besucht hatte, heimfuhr; er lie das
Rlein nach Gefallen des Weges trotten, schmauchte sein Pfeifchen und sah
behaglich auf die langsam vorbeistreichenden Htten und Bume und Hgel. Als er
in Zwischenbhel ber die Brcke lenkte, rappelte sich unter einem Busche etwas
empor, und obwohl er gar nicht aberglubisch war, so erschrak er doch, als er im
Dmmer die Gestalt eines alten Weibes, die hagern Arme mit ausdeutenden Gebrden
gegen ihn reckend, auf sein Gefhrt zueilen sah; laut auf lachte er aber, als er
in der Herzukommenden die alte Kathel erkannte.
    Halt auf! rief sie halblaut. Halt auf, Bauer!
    h, Braun! No, was is denn los? Gebrdst dich ja vllig wie a
Luftzauberin!
    Sagn mu ich dir was. Heilige Maria und Josef!
    No, ruf nit erst alle Heiligen an. Was gibt's?
    O Bauer, dcht ich nit, da ich a Unglck verht, wann d' so unvorbereit
dahinterkmst -
    Hinter was, alte Hex? Schneid nit hrum lang.
    'n Geduldengel ruf an, 'n Geduldengel, da dich der Zornteufl nit
unterkriegt.
    Bei dir braucht mer schon a Legion Geduldengel. Na, ich sieh, dich hat was
ganz ausm Husel gbracht, also nimm dich zsamm, fang amal an z' reden.
    's wird dir was abgehn, wann d' heimkommst.
    So?
    Aber gstohln is's dir nit.
    Was denn, in drei Teufelsnam?!
    Jesses, fluch nit, nit jetzt schon, eh d' noch was weit.
    Red du, so erspar ich 's Schelten.
    Dein eiserne Geldtruhn - sie is dir nit gstohln -
    Mein's, d steckt keiner in Sack.
    Aber weggfhrt is s' wordn.
    Bist berhirnt? Wer sollt mer an die grhrt habn?
    Die Buerin -.
    Himmelherrgottssakkerment, brllte der Alte, die Einschleicherin, die
Diebin, an 'n Meinm vergreift sie sich, die -
    Kathel faltete die Hnde. Um Gottes willen, Bauer, schrei nit so hrum,
sonst rennen d' Leut ausm Ort herzu, oder mer hrt's obn afm Hof, und 's kommen
welche nachschauen; zutragn is mein Sach nit, und wann mer mich da findt, werd
ich af meine alten Tg noch davongjagt. La dir lieber sagn, wie's zugangen is.
    Red, keuchte er.
    Du warst kaum fort, so ruft die Buerin 'n Michl, 'n Wastl, 'n Heiner und
'n Seff und tragt ihnen auf, die eisern Geldtruhn aus dein Ausgedinghusel z'
schaffen.
    Wohin? Wohin?
    In d' schne Stubn, wo 's ehnder gwest is und wo s' hinghrt, wie d'
Buerin sich hat verlauten lassen.
    Hat sie sich? lachte der alte Sternsteinhofer grimmig. Und hitzt steht s'
dort?
    Kathel nickte.
    Soll a kurze Freud gwest sein. Wie ich hnaufkomm, werd ich der saubern
Buerin mein Meinung sagn, und heut noch, hitzt, gleich an der Stell, mu mer
alls wieder in alten Stand! Und d vier Deppen, was blindlings an fremds Eigen
d' Hand anlegn, d will ich orndlich schuhriegeln, da s' an mich denken solln,
wie knnen sie sich unterstehn -?! -
    Mein, was wollten s' machen? Denselben war's gschafft. Hat eh a Gschlepp
und Rackern dabei abgsetzt, da ihnen der helle Schwiz bern Krper gloffen is.
    Hehehe! Glaub's schon. Gschieht ihnen recht, und dasselb nmliche knnen s'
gleich wieder zun verkosten anhebn, denn ehnder ruh ich nit - und sollten s' d'
halbe Nacht dazu brauchn -, bis d' Kassa an ihrm alten Ort steht.
    Schau, hab a Einsehn, 'm Wastl, dem armen Hascher, is s' mit der ganz
Eisenschwern afm Fu gfalln, brllt hat er wie a Ochs, und einbeinlet habn s' 'n
vom Fleck gfhrt.
    Hehehe! Hat einer dabei was abkriegt? Das is mer lieb, und leid, da's nur
der eine war! Hehehe, der wird sich's dermerken! Mein schon auch, wann einer
mitm Lufel unter paar Zentner grat, da er alle Engeln singen hrt und
nachplrrt, wann's auch nit so schn ausfallt. Hehehe! Schadt nix, so a
Denkzettel! Geh krump, Lump. Hehehe!
    Mitten in dem lauten Jubel ber den Unfall des Knechtes besann sich aber der
Alte, wie ganz kindisch und aus seiner eigenen Weis das sei, er legte das
Gesicht in ernste Falten. Teufl, murmelte er, so weit wird's doch nit schon
sein mit dir - du, Sternsteinhofer -, da d' deppisch wurdst?! Kam 'n andern
recht, dir Herr z' werdn. Ah, nein, fein gscheit! Er rckte ein wenig auf dem
Kutschbocke zur Seite und sagte zur alten Schaffnerin: Steig auf! Wolln mer
gleich der Buerin unter d' Augen!
    Wo denkst hin? fragte erschreckt Kathel. Der hab ich ja gsagt, ich wollt
af a paar Stndeln zur alten Matznerin, 's selb hab ich mir ausgebeten und schon
a schne Weil mitm Warten af dich verpat! Zeugschaft leist ich dir keine und
brauchst doch auch keine. Hitzt mu ich mich nur schleunen, da ich zu der ins
Ort triff, damit ich sagn kann, ich wr dort gwest, wann d' Red drauf km. Gut
Nacht, Bauer, sieh dich fr und tu nit unberlegt. Sie eilte an dem Wagen
vorbei, ber die Brcke, dem Dorfe zu.
    Der alte Sternsteinhofer schwang die Peitsche und hieb auf das Pferd ein,
dieses jagte in Sprngen den Hang hinan und ri das Wgelchen hinter sich her.
Im Gehft angelangt, fuhr er geradzu auf das Haus los und fast in die Gruppe
dreier Bursche hinein, die vor der Tre plaudernd standen. Zwei nahmen lachend
Reiaus, der dritte, der, die Hnde in den Hosenscken, einen Sprung hinter sich
getan, um den Rdern auszuweichen, blieb lssig und gleichmtig stehen.
    Was laufen denn d? hhnte der Alte, mit der Peitsche nach den Wegeilenden
deutend.
    Weil s' Letfeign sein, sagte der Bursche.
    Und du, Lump, bhaltst vielleicht a gut Gwissen, wann d' an einer Dieberei
teilnimmst, und traust dich noch, mir ins Gsicht z' trutzen!?
    Der Knecht zuckte die Achseln.
    Kein Red bin ich dir wert? Na, wart, dafr lehr ich dich Sprng machen!
    Schon hatte der Alte mit der Peitsche zum Schlage ausgeholt und der Knecht
die Arme abwehrend vorgestreckt, da trat die Buerin aus dem Flur. Wie er dich
schlagt, Heiner, rief sie, schlag du nur zruck! Das brauchst dir nit gfallen
z' lassen. Du hast nur getan, was dir is aufgtragn gwest.
    Da lie der alte Bauer die Geiel hinter sich ins Grt fallen und kletterte
mit vor Wut bebenden Gliedern mhsam vom Wagensitze herab. Du - du -, sthnte
er mit versagender Stimme, hetztest 's Gsind auf, sich an deins Manns
leiblichem Vadern zu vergreifen?! - Wo is der Toni?!
    Obn af seiner Stubn, durchs offene Fenster hrt er jeds Wort, was wir da
reden, und wann er mir was wehren oder verweisen will, braucht er nur 'n Kopf
hrauszstecken. Den Respekt, der dir als meins Manns leiblichem Vater zukm,
gbet ich dir gern, wollst nur du da afm Ghft nit mehr wie ein solcher
bedeuten, aber ein Nebnherrn kenn ich nit, und da du von unserm Gsind zchtigen
willst, wer ghorsamt, das leid ich nit!
    Kenn ich nit - leid ich nit -, spottete der Alte nach. O du -! Hast aber
recht, was brauch ich dem Kerl da erst bern Grind z' fahren? Ledig an dich hab
ich mich z halten. Und nit als Nebnherr, als mein eigner und als Herr auf und
von meinm Eignem frag ich, was hast du dadrauf zu suchen, was hast du mir davon
z' verschleppen?!
    Schau, schau, du weit das schon, bevor d' noch d' Augen in deiner Stubn
hast hrumgehen lassen? No, das Ratsel is nit schwer z' raten; den Weg, den d'
kommst, is keins gangen wie d' alt Kathel, d Zutragerin.
    Ds is a Ehrnweib und da afm Hof alt wordn!
    Und wann ich will, wird s' auch kein Tag lter drauf!
    Du jagest s' fort?! knirschte der Alte.
    Wann s' dir gsagt htt, was du nit erfahren durftst, bsinnet ich mich kein
Augenblick, weil s' dir aber nur gsagt hat, was ganz unverborgen bleibt, is mer
d' Sach nit soviel Aufhebens wert. Ghrig rffeln werd ich mir s' wegn ihrer
Hinterhaltigkeit, weiter nix.
    Ja, hab d' Gnad, und dann sei auch so gut und la mer nur gleich morgn
wieder mein eisern Schrein dorthin schaffen, von wo d', 'n heut hast
wegschleppen lassen.
    Ds weniger. Der bleibt, wo er is.
    Vorenthalten ttst mir's, Diebin?! brllte der alte Bauer, die Faust gegen
das Weib erhebend, das einen Schritt zurckwich, nicht vor der Bedrohung,
sondern vor dem Schimpf. Er lie den Arm sinken und knurrte hhnisch: Meinst,
hast was davon, dumme Mirl? Fehlt dir nit der Schlssel? Den folg ich dir nit
aus!
    Den bhalt nur, sagte trotzig Helene. Ich will a Ordnung, nit das Deine!
Der Schrein is bei uns gut aufghobn und der Schlssel bei dir. Du bist a alter
Mann, wie leicht versperrest amal nit, verstreuest selbn was, oder a fremde Hand
greifet zu, dann mt 's Oberste z' unterst kehrt werdn, mer htt d' Standari
afm Hof und 's ganz Gsind im unbschaffenen Verdacht. Besser bewahrt wie beklagt!
Wir langen dir nit hnein, aber 's is nit mehr als billig, da wir wissen, wozu
du hneinlangst; du knntst auch aus Vergessen ohne Gschrift Kuf und Gschften
abschlieen, dich betrgen lassen, und am End wt mer nit, wo 's Geld hinkmma
is, ob d' Glubiger, die sich melden, auch rechte sein und wo mer d' Schuldner
z' suchen hat, drum ghrt der Schrein hin, dort wo er hitzt steht, und er is nit
's letzte, was mer in Obhut nehmen mu, wann d' es so weiter fort treibst.
Schau's an, 's arme Ro, da steht's noch und kommt kaum zu ihm von dem Hetzen,
wie d' d' Steiln hraufteufelt bist; wenn d' Ro und Rind verabsumst, so kann
mer das unschuldig Vieh nit drunter leiden lassen und mt's halt auch in unsere
Stll einstellen.
    Du nahmst mer auch noch mein Vieh?!
    Die Buerin kehrte den Rcken und schritt in den Flur, einen Blick tat sie
noch ber die Achsel nach dem Alten, und obwohl dieser in der Dunkelheit den
Ausdruck, der in demselben lag, nicht zu unterscheiden vermochte, so empfand er
ihn doch als eine ebenso entschiedene wie verhhnende Bejahung seiner Frage.
    Oh, du!!
    Er schrie auf, und dann, beide aneinandergeprete Fuste in einem gegen die
Wegschreitende schttelnd, keuchte er: Alls - alls - nahmst mer?! - Dafr nimm
ich 'n Segn - von Haus und Hof und Grund! - Von Haus - und Hof - und Grund!
    Taumelnd schritt er seinem Ausgeding zu. Nachdem die braune Stute einen
Augenblick nachdenklich gestanden, hierauf, wie von Fliegen beunruhigt,
nachdrcklich den Kopf geschttelt hatte, folgte sie bedchtig mit dem Wgelchen
nach.

Es war in der darauf folgenden dritten Nacht, der Mond schien in die
Schlafstube, der junge Sternsteinhofer ghnte im Bette, und die Buerin fragte
aus dem ihren nach dem seinen hinber: Du, Tonl?
    Was? murmelte er.
    Hast du die letzten Ncht her gschlafen?
    Wie a Ratz.
    Hast nix ghrt?
    Kein Laut. Was sollt ich denn?
    War vielleicht nur a Einbildung von mir.
    Wird schon sein.
    Oder alleinig mir z' hren bstimmt.
    Ds is nur wieder a andere. Schlaf, los nit auf, hrst nix. Gute Nacht!
    Gute Nacht, Tonl.
    Beide kehrten sich der Wand zu, es dauerte aber nicht lange, so drehte sich
die Buerin wieder herber, sie hob den Kopf und sttzte ihn mit dem Arme und
sah sich in der Stube um; milchwei glnzte es von der Ecke her, wo das
Gitterbettchen stand, in welchem der sechsjhrige Muckerl und die anderthalb
Jahre alte Juliane schliefen, die volle Mondscheibe beschien den Kindern das
Gesicht. Helene erhob sich rasch, sie eilte hin und verhing das Gitter mit
Tchern, damit die Kleinen nicht schwere Trume bekmen oder gar mondschtig
wrden.
    Die Kinder hatten die Decke hinuntergestrampelt und lagen nackt. Helene
betrachtete den krftig entwickelten, gesunden Knaben, tippte ihm sachte auf die
Wange. Bist mein sauberes Brschel, du, sagte sie, und als zufllig in dem
Augenblicke das kleine Mdchen eine greinende Miene zog und das Ptschchen gegen
das Auge fhrte, fuhr sie begtigend fort: Nein, nein, du auch, bist mein
schns Dirndl. Sie breitete die Decke ber beide und schritt nach ihrem Lager
zurck. Nahe demselben schwang sie sich pltzlich mit einem Sprunge hinauf und
sa aufrecht und lauschte.
    Da war es wieder, was sie schon zwei Nchte beunruhigt hatte, was sicher nur
ihr zu hren bestimmt war, weil doch sonst niemand etwas darber verlauten lie.
- Wie aus weiter Ferne, leise, doch deutlich, als liefe es innerhalb der Mauern
hinan, fr kurz aussetzend, dann hastiger wiederkehrend, scharrte und pochte es;
heute aber war das Poltern rger wie in den beiden Nchten zuvor.
    Ein leiser Frost schttelte die Buerin.
    Welcher Spuk wollte sich da einnisten und ihr das Heim verleiden? Rumorte
die alte Kleebinderin, der sie den Tod gewnscht, oder der Muckerl, der ihr die
Untreu nachtrug, oder die Sali, an deren Stelle sie sich gesetzt?
    Wohl war sie nach ihrem Ziele ber diese drei hinweggeschritten, aber sie
hatte dabei keines mit dem Fue gesucht und, da die im Wege gestanden, wie ein
ihr von ihnen zugefgtes Leid empfunden; sie achtete diese Rechnung, Posten
durch Posten, aufgehoben, wer oder was wollte nun mit einem Male, gleichsam
eines unbeglichenen Restes halber, an sie heran?
    Nein, nein, weder die Kleebinderin noch der Muckerl vermochten da auf dem
Sternsteinhofe umzugehen, wo sie nie heimgesessen waren, die muten, wenn es
sie nicht in der Erde litt, auf dem Kirchhofe geistern oder in dem Huschen,
wo sie hausten und starben, hier oben nicht. Es konnte nur die selige Buerin
sein! Warum aber, wenn die ihr, Helenen, etwas wollte, kam sie nicht in diese
Stube, wo sie die lngste Zeit vor ihrem Ende zugebracht, an dieses Bett, in dem
sie die Augen schlo?
    Ein jhes Grauen rttelte Helenen zusammen, sie setzte die Fe auf die
Diele und trat von der Liegerstatt hinweg.
    Der Spuk will sie allein an einen einsamen Ort laden und wird nicht eher
sich zur Ruhe geben und immer drngender und ungestmer werden, bis sie gehorcht
und Folge leistet und dahin geht, wohin er sie verlangt!
    Nichts blieb ber, um wieder Fried ins Haus zu bekommen, als, gern oder
ungern, ihm nachzuschauen, was es auch sein mag und kann! Doch vor dem
rgsten, da sich das Gespenst an einem vergreife, konnte man sich ja schtzen,
und nicht alle Tage kriegt man Geister zu sehen und erfhrt dabei sicher Dinge,
wovon nicht jeder wei. - Ist's die vorherige Buerin, so soll sie sagen, ob sie
eine Sorge auf Erden zurckgelassen, darber sie nicht zur Ruhe kommt, ob fr
ihr Seelenheil etwas zu tun oder ob sie aus Bosheit und Abgunst so rumore; der
Sorg soll sie entledigt und erlst werden, was fr eine arme Seele geschehen
kann, soll geschehen, aber den Polter- und Plagegeist wrde man auch
auszutreiben und hinwegzubannen wissen! Nicht das geringste will sich die
derzeitige Buerin gegen die vormalige vergeben, und stiege die gleich unter
Kettengerassel als leibhafter Hllenbrand aus dem Boden auf! Oh, sie soll es nur
kundgeben, was sie will, und auf Ansprache mu sie ja Rede stehen, und das
lieber gleich, ehe einem der Graus ber den Kopf wchst und man noch der Sinne
und der Zunge Meister ist.
    Alle guten Geister loben Gott, den Herrn, sag an, was is dein Begehrn?
    Noch einmal wiederholte Helene flsternd den Spruch, dann begann sie, schwer
aufseufzend, ihre Kleider berzuwerfen. Als sie die Strmpfe angelegt hatte,
schlich sie zu dem Wschschrein, zog behutsam eine Schublade auf, aus der sie
eine geweihte Wachskerze nahm; im Vorberhuschen ergriff sie ihre Schuhe, und
mit einem scheuen Blick nach den Schlafstellen des Mannes und der Kinder ffnete
sie die Tre. Deutlicher schlug das unheimliche Gerusch an ihr Ohr. Zgernd
stand sie einen Augenblick, dann strich sie mit einem Zndholz ber die Mauer,
entflammte die Kerze, nahm einen der geweihten Zweige, die ber dem
Weihwasserbehlter hingen, an sich, und nachdem sie die Finger in das Na
getaucht und sich dreimal bekreuzt und besprengt, verlie sie die Stube.
    Die Kerze und den Zweig zwischen den Fingern der Linken, unter demselben
Arme die Beschuhung und mit der freien Rechten das Licht schtzend, eilte sie
ber den Gang bis zur Treppe, dort schlpfte sie in die Schuhe und stieg dann
bedchtig Stufe um Stufe hinab.
    Im Flur hrte sie das Gepolter wie aus der Erde heraufschallen; um ihm
nachzugehen, mute sie also hinunter in das Kellergescho.
    Hundegeheul tnte vom Hofe her.
    Sie prete die Hand ganz oben gegen das Brustblatt, denn bis zum Halse
hinauf schien ihr das Herz zu schlagen. Sie ging ein paar Schritte vor und
lehnte sich an einen Haustrpfosten und starrte hinaus in die schweigende,
mondhelle Nacht.
    Unweit stand ein groer Hund, in braunem, schwarz geflecktem Felle, der
seine mchtige Schnauze gegen den Himmel gerichtet hielt und zeitweilig
langgezogene Tne ausstie, die sich klglich genug anhrten.
    Tiger! rief die Buerin halblaut.
    Das Tier wandte den Kopf und kam sofort in ungelenken Sprngen,
schweifwedelnd, heran.
    Helene fate den Hund am Halsbande, um ihn in den Flur hereinzuziehen, er
kam ihr zuvor und hpfte ungeschlacht um sie her und augte dabei so dumm
gutmtig wie immer, und kein Haar seines Felles war gestrubt; Orte aber, wo es
nicht geheuer, machen Hunde frchten und Pferde scheuen.
    Tiger schnffelte gleichmtig an der Kellertreppe, doch als die Buerin sich
anschickte hinabzusteigen, scho er eilig voran.
    Helene warf den geweihten Palmktzchenzweig hinter sich, Gespenster waren
keine um die Wege, lebige Leute trieben da irgendeinen Unfug, und zwar welche,
die zum Hause gehrten, das war deutlich dem Gehaben und Gebrden des Hundes zu
entnehmen.
    Sie hatte die Hlfte der Treppe zurckgelegt, da ward es unten lebendig; sie
hrte in rascher Aufeinanderfolge einen Aufschrei, ein dumpfes Schelten, einen
Prall gegen die Mauer, wie von einem Steinwurfe, und das Angstgeheul des Hundes,
dann kam Tiger die Stufen heraufgejagt, fuhr an ihr vorber, unaufhaltsam ber
den Flur und hinaus in den Hof.
    Helene stieg rasch vollends hinab und trat in das Kellergewlbe.
    Fast wre ihr wieder aller Mut gesunken. Sie fand sich allein in dem weiten
Raume. Die Wnde, die Umrisse der Fsser und wenigen Gertschaften, die da
untergebracht waren, schwankten in dem unsicheren Scheine der Kerze, die sie in
zitternder Hand hielt, und vom anderen Ende her, nahe der Mauer, blinkte ein
Licht aus einer Laterne, die stand an der Erde, und aus dieser wuchsen zwei
Hlzer, mit einem Querbalken verbunden, wie man den Galgen aufgemalt sieht.
    Nun sthnte es von dorther, eine Haue erhob sich aus dem Boden und ein Kopf
mit ergrauendem Haar, auf einem Stiernacken sitzend ...
    Da war es vorbei mit all und jedem Spuk, der Galgen war das Ende einer
Leiter, die ber eine Grube herausragte, an deren Rande stand die Laterne, und
nahe auf einem Hgel ausgehobener Erde lag ein Grabscheit, und bis zu den
Schultern stak der alte Sternsteinhofer da in der Tiefe und schlug mit dem Eisen
gegen die blogelegten Steine des Grundmauerwerkes,
    Was fr ein Absehen hatte er damit?
    Knapp hinzutretend, fragte die Buerin: Was machst denn da?
    Jesus, Maria, chzte der Alte, zugleich sanken ihm die Arme und entglitt
ihm das Werkzeug, er taumelte rcklings gegen die Wand und starrte, wie irr und
verloren, nach Helenen.
    Ich frag, was du da machst? wiederholte diese.
    Indessen hatte er den jhen Schreck verwunden. Er lchelte sie boshaft an.
Was ich da mach, mchtst wissen?
    Ja.
    Hm! Hehe! Was ich da mach - was ich da tu? Jo, hehe - er sagte das unter
einem verlegenen Lachen, gleich dem eines Knaben, der ber einem Streiche
ertappt wird, auf dessen berlegenheit er sich etwas zugute tut - no, 's Glck
grab ich euch da aus.
    Helene sah ihn mit groen, verstndnislosen Augen an.
    In welcher Weis, meinst wohl? fuhr er fort und sah mit zwinkernden Lidern
zu ihr auf, den offenen Mund verziehend, da die blanken Zhne zum Vorschein
kamen. Mein Sternstein hol ich mir ausm Grundgmuer.
    Du Dieb, du pflichtvergessener Dieb! schrie das Weib. Das wirst du
bleibenlassen! Das Haus ist unser, wie's liegt und steht, und daran zu rhren,
hast du kein Recht nimmer. Es is nit umn Sternstein, da du's nur weit, gar
nit, aber 's ganz Gebu knnt einm berm Kopf zsammstrzen, wann du's
untergrabst. Gleich steigst hrauf!
    Wie ich mich schon eil, weil du's sagst!
    Vor d' Gricht kann dich das bringen, verstehst?
    Vor d' Gricht, meinst? hhnte er und hob die Haue und fhrte einen Schlag,
der im Gewlbe widerhallte.
    Halt ein weng noch ein, rief die Buerin, nur paar Wort hr an! Du
denkst, vor 'n Richter brchten wir's wohl nit, um uns selber kein Schand z'
machen, und darein kannst recht habn, aber ich wei da viel krzern Proze z'
machen.
    Holst leicht 'n Toni, lachte der Alte, schaun dann halt zwei zu.
    Ich bin keine, die sich nit selbn z' helfen wei. Damit nahm sie rasch die
Laterne vom Boden auf, lschte das Licht, nahm dann die Kerze heraus und warf
sie weit im Bogen hinter sich nach einer Ecke. So! No, sei gscheit und steig
hrauf und komm mit; fr heut in der Finstern wirst wohl 's Suchen einstellen
mssen, und da d' weder morgen noch sonst 'n Tag wieder damit anhebst, werd ich
'n Keller fortan versperrt halten und d' Schlssel zu mir nehmen.
    Der alte Mann erwiderte nichts, er lehnte reglos und sprachlos an der Mauer,
als ihm aber vor ohnmchtiger Wut Trnen in das Auge traten, da barg er
pltzlich das Gesicht zwischen den Hnden und begann bitterlich zu weinen.
    Erstaunt trat die Buerin einen Schritt nher. Bist du ein Kind? Sei doch
nit einfltig wie ein solchs, das man sein Bosheit nit ausbn lat. War dein
Frnehmen was anderscht? Denk du dran, wie der Sternsteinhof noch nit so benamt
war und du, noch jung, ihn von deinm Vadern berkommen hast, wenig grer und
reicher als hundert andere, da er derzeit eins von d grten Anwesen im Land
vorstellt, verdankt er deiner Arbeit und deinm Wirtschaften, und hitzt wlltst
du mit selbeigenen Hnden, was die aufgbaut, niederreien? Das vermchtst du,
whrend ich kein andre Sorg kenn, als da der Toni sich eher z' zehren wie z'
mehren anschickt, und kein andern Gedanken hab, als wenigst alls so
zsammzhalten, da amal der knftig Eigner kein Furchen Grund, kein Stck Vieh,
kein Ziegel afm Dach minder vorfindt, wie du deinm Sohn, seinm Vadern, bergeben
hast! Du solltst dich wohl vor mir - einm Weib - schmen, wann d' schon d' Snd
nit frchtst, vom Haus z' nehmen, was ihm Glck gbracht hat und, wie d' selber
glaubst, noch bringt!
    Die Buerin schien denn doch, trotz ihrer leichtfertigen Red von vorhin,
etwas von den guten Eigenschaften des Sternsteins zu halten.
    Der Alte stand noch immer, gesenkten Hauptes, in der Grube, jetzt sthnte er
auf und murmelte: Weder, da ich mich scham, noch a Snd frcht, aber - er
prete es zwischen den Zhnen hervor - geh voran!
    Die Sprossen der kurzen Leiter standen weit voneinander ab, und mit seinen
wankenden Beinen half er sich mhselig genug daran empor. Rhr mich nit an,
schrie er, als Helene den Arm nach ihm ausstreckte.
    Sei nit tricht, sagte sie, la dir helfen. Es gschieht dir nit z' Lieb
noch z' Schimpf. Dir steckt noch von vorhin der Schreck in 'n Gliedern, und d
wolln nit vorwrts, ich aber hab da mehr kein Zeit zu verpassen, und auch du
wirst froh sein, wann d' vom Ort kommst.
    Nachdem sie ihm aus der Grube geholfen, nahm sie Haue, Grabscheit und
Laterne an sich und schritt voran; auf der Kellerstiege hielt sie die Kerze
etwas hinter sich und machte den Alten auf schadhafte Stufen aufmerksam.
    Im Flur blies sie das Wachslicht aus. Soll ich dir das hnbertragn? fragte
sie, den mit den Gerten beschwerten Arm hebend.
    Er schttelte den Kopf, nahm ihr das Grabzeug und die Laterne ab und schritt
langsam von ihr hinweg.
    Sie versperrte die Kellertre.
    Nach wenigen Schritten blieb der Alte stehen, er sah nach der Buerin zurck
und murrte: Hum?
    Was denn?
    Wer schtt d' Grubn zu?
    Ich verricht's schon.
    Du?
    Kannst dich verlassen.
    Sagst auch neamd was?
    Neamad.
    Auch 'm Toni nit?
    Auch 'm Toni nit. 's braucht keins drum z' wissen.
    Noch einmal hob der Alte den Kopf, sie grougig anblickend, dann kehrte er
sich ab und ging.
    Grabscheit und Haue unter seinem zitternden Arme schlugen klirrend
gegeneinander, als er ber den Hof schritt, und eilig flchteten vor ihm die
Hofhunde Tiger und dessen Kamerade Trkl an das andere Ende des Gehftes. -
-
    Da die Buerin dem alten Sternsteinhofer ihre berlegenheit hatte fhlen
lassen und dieser eine zu tiefe Demtigung empfand, die nichts Geplantes,
sondern nur ein gnstiger Zufall wettmachen konnte, so legten die beiden
einander vorlufig nichts weiter in den Weg, und es trat eine Waffenruhe
zwischen ihnen ein; da sie aber - und wie bald - vollen Frieden schlieen
wrden, das hatten sie nicht gedacht.

                                     XXIII


Bisher hatte es dem jungen Sternsteinhofer Spa gemacht, zu den jhrlichen
Waffenbungen einzurcken, es war das doch fr paar Wochen ein anderes, man
kam aus allem Gewohnten heraus; es gaudierte ihn, mit dem Gelde herumzuwerfen
und sich von den armen Teufeln anstaunen zu lassen, die mit ihm in Reih und
Glied standen, und sie auer demselben trunken zu machen und zu allerlei Unfug
aufzustiften, den sie hinterher oft schwer genug zu verben hatten, whrend man
bei ihm, wo es irgend anging, ein Auge zudrckte oder ihn wenigstens so
glimpflich als mglich durchwischen lie. Es konnte ihm gar nicht fehlen, da er
nchstens zu den Unteroffizieren aufrckte, denn diese gnnten schon lange den
Gemeinen seine Kameradschaft nimmer, die fr lustige Brder und durstige Kehlen
so vielverheiend war, und sie rapportierten ber ihn als den besten Mann, der
je unter ihnen im Zuge gestanden. Freilich konnte ihm diese bevorstehende
Kameradschaft ein gutes Stck Geld mehr kosten wie die bescheidene frhere, aber
er hatte es ja. Toll und liederlich trieb er es jedes Jahr diese Zeit ber, die
er seinen Fasching nannte, und hegte nicht den leisesten Wunsch nach einer
nderung in dieser Hinsicht, und es waren wohl wenige im Lande, welche mit
gleicher Befriedigung wie er die Einberufungsbollette empfingen, vielleicht nur
einige Allerrmste, die sich im bungslager besser verpflegt wuten wie daheim.
Nun kam ihm aber, ausnahmsweiser Zeit, eine Ordre ins Haus, die ihn zu seinem
Regimente abberief, und da geschah es doch, da er sie mit allen
Himmelherrgottssakkermenten und Heiligkreuzdonnerwettern empfing, denn es
verlautete allerwrts und die Zeitungsbltter erzhlten davon, da irgendwo da
unten im Reich halbwilde Leut sich gegen den Kaiser aufgelehnt htten und nun
die Soldaten dorthin mten, sich mit denen herumzuschlagen.
    Himmelherrgottssakkerment! Kmen Feind von fremd her ber d' Grenz, so wollt
er ihnen wohl 'n Weg weisen und heimleuchten helfen, der Sternsteinhofer Toni;
aber kriegshalber extra ausm Land laufen, wo auerhalb mer nix z' suchen hat und
nix z' finden is, das hatte fr ihn keinen Sinn. Solln hraufkommen, die notigen
Kerle, wenn sie was wollen, mcht mer bald mit ihnen fertig sein! Aber ihnen 'n
Karst hnauf nachjagen, den Schuften, die d' Wehrlosen verstmmeln und
verschnden sollen ... Heiligkreuzdonnerwetter!
    Doch es war nichts zu tun als zu gehorsamen, und so fuhr denn der Toni, als
es an der Zeit war, vom Sternsteinhofe weg. Helene, welche ihn bis nach der
Kreisstadt begleiten wollte, sa mit den beiden Kindern im Wagen, und er hatte
auf dem Kutschbocke neben dem Knechte Platz genommen und lenkte, um sich unntze
Gedanken fernzuhalten, die Pferde.
    Es war ein trber Tag, unter grauen Regenwolken trieben wallende Nebel an
den Bergeshhen dahin. Als der Wagen ber das Pflaster der Stadt rasselte,
fleckte dieses schon von den ersten fallenden Tropfen, und als er das
Bahnhofgebude erreichte, strmte es in stoweisen Gssen vom Himmel nieder.
    Der Bauer warf dem Knechte Peitsche und Leitriemen zu. Bht dich Gott,
Heiner, sagte er.
    Bht Gott, Bauer! Schau dazu, da d' uns fein wiederkimmst!
    Sorg nit, rief Toni noch zurck, als er mit Weib und Kindern, denen er aus
dem Wagen geholfen, unter dem Tore verschwand.
    In der Halle reichte ihm die Buerin erst den Knaben, dann das Dirnlein zum
Kusse hinauf, nun hing sie selbst an seinem Halse.
    Er hatte die Kleinen rasch wieder weg und auf ihre Fchen gestellt, jetzt
machte er sich aus der Umarmung Helenens frei. Lat's gut sein, mach dir nit
unntig 's Herz schwer, du weit, ich mag solche Gschichten nit leiden.
    Er drckte ihr die Hand und ging, um in den Wagen zu steigen.
    Als sich der Zug in Bewegung setzte, winkte er noch einmal flchtig mit der
Hand aus dem Fenster, dann trat er von selbem zurck - und war fort!
    Die Buerin erinnerte sich spter oft an diesen Augenblick. Alles Fauchen
der Maschine, alles Kettengeklirre und Rdergerassel erstarb in dem Gebrause der
strzenden Wasser, die wie ein wehender Vorhang ber die nchste Umgebung
fielen, so da unweit der Halle die Schienen sich im fahlen Grau verloren, und
dahinein glitt, wie lautlos und richtlos, der Zug und verschwand ohne Spur.

So hauste nun die Sternsteinhofbuerin allein auf dem groen Anwesen. Sie kam
damit schlecht und recht zustande, die Nachbarn waren freundlich und das Gesinde
willig, denn Helenens Lage erachtete man als ein hartes Mssen und in keinem
Vergleich zu der Tonis, der mutwilligerweis den Alten verdrngt und sich
unberaten als Herrn aufgespielt hatte, den man mit rckhltiger Genugtuung gerne
in Verlegenheiten steckenlie, wenn nicht gar aus Bosheit in solche setzte. Der
Buerin gegenber lie man es an keiner Wohlmeinung fehlen.
    Der Reif begann sich auf den Wiesen zu zeigen und das Laub auf den Bumen zu
vergilben, und unter der langen Zeit war nur ein Schreiben von fremder Hand auf
dem Sternsteinhofe eingetroffen, das von Toni Nachricht brachte; der junge Bauer
hatte dasselbe, in offenbar milauniger Stimmung, einem schreibfertigen
Kameraden in die Feder diktiert, er berichtete kurzweg, da er - Gott sei Dank -
guter Gesundheit sei, aber die Rackerei bis an den Hals satt habe und kaum
glaube, das Ende davon erwarten zu knnen. Selbst zu schreiben, fnde er keine
Zeit und kme ihm ungelegen.
    Weitere Botschaft blieb aus, aber diese in ihrer Krze und Schneidigkeit
lie seine Leute sowie das Gesinde erwarten, er werde mit einmal ins Haus
fallen, eh wer einen Gedanken daran htte!
    An einem sonnigen Nachmittage, als die Zwischenbheler vom Segen
heimgingen, verlie die Sternsteinhofbuerin unter den letzten die Kirche;
nachdenklich stieg sie die breiten Stufen vor derselben hinab, vor ihr hastete
nur mehr ein altes Mtterchen in zappeliger Unbeholfenheit hinunter, sie
erkannte in demselben die Matznerin, holte sie ein, leitete sie und brachte sie
ungefhrdet auf ebenen Boden.
    Je, je, lchelte die Alte, wie du gut bist, Buerin. Vergelt dir's Gott!
    Nix z' danken, gern geschehn. Aber sag mir nur, eilt's dir so?
    Ei, freilich, ich mu ja zu meiner Sepherl hoam.
    Was is denn mit der? Ich hab s' d' lngste Zeit nimmer gsehn.
    So is's dir nit z' Ohren kmma? Beim Grummetschneiden im albern Necken hat
ds dumme Mensch - der arme Hascher - einer andern in d' Sichel griffen und sich
d' Hand arg zerschnitten, und hitzt hab ich s' daheim sitzen; sie kann nix
verdienen, und was richt ich, was mehr kaum kraln kann?
    Die Alte sah Helenen mit feuchten Augen an.
    Warum seids auch nit gleich zu mir kommen, wie das gschehn is? fragte
diese.
    Htt mer drfen?
    Ich denk, 's wr nix Bsonders, wanns mir vertrauets und ich euch aus alter
Freundschaft hilf.
    Die Matzner hustete verlegen. Ich hab wohl gleich an dich denkt, aber sie
wollt's nit leiden.
    Dalket gnug von ihr.
    Die Alte nickte, dann sagte sie mit zutraulicher Geschwtzigkeit: Du
stellst dir's nit vor, Buerin, was fr a Kreuz ich mit derer Dirn hab! Sie hat
amal kein Glck af der Welt, und no verscherzet s' gar darbotene Hilf! Warum s'
dir nit kommen wollt, denkst dir wohl, wirst's ja gmerkt habn, wie ihr dein
Seliger ins Herz gwachsen gwest is? Aber ihm war an ihr nix glegen. No, mach
einer ein Knopf, wo der Schnur 's andere End fehlt!
    Die Buerin senkte nachdenklich den Kopf. Ich will mit der Sepherl nit
drber streiten, ob er's mit ihr nit besser gtroffen htt, 's war sein Sach und
- wann ja - sein Schaden; aber das sein alte Gschichten, Matznerin, die mehr
nimmer herghren. Sag ihr, ich lie sie gren, und wann s' wieder heil is, soll
sie sich anschaun lassen bei mir. Ich gbet sie gern als Aushelferin der alten
Kathel bei, und wann s' anstellig is, wer wei, was sich noch schickt. Bis dahin
komm du, wann's euch an was fehlt, ich helf dir aus, das geht sie nix an. Du
bist doch nit z' stolz?
    Das alte Weib schied mit tausend Dankesbezeugungen von der Buerin.
    Als Sepherl von dem groen Glck, das ihr bevorstnde, und von der
Untersttzung, die ihrer Mutter zuteil werden sollte, erfuhr, sagte sie: Du
magst von der Sternsteinhoferin nehmen, was du kriegst und was sie dir vermeint;
dir mcht ich nit zumuten, du solltst dir ein Abbruch tun noch ihr ein
christlich Werk verleiden; aber ich nehm nit 's gringste von ihr, und unter einm
Dach mit ihr z' hausen, das brcht ich nit zuweg. Versteh mich auch recht,
meinerwegen trag ich ihr nix nach, obwohl vielleicht allein mein Unglck war,
da sie gleichzeit mit mir und an einm Ort af der Welt gwesen is, aber wie s' an
ihm ghandelt hat, der mir der Liebere war als ich mir selber, das mag ich ihr
verzeihn, wozu mich mei Christentum verpflicht, doch vergessen - vergessen kann
ich ihr's nit! - -
    Nie, whrend ihres noch langen Lebens, betrat Sepherl den Sternsteinhof,
Jahre durch half sie sich allein in der Welt fort, und als altes Mtterchen gab
sie ihr kleines Anwesen an ein armes, junges Brautpaar, nur drftigen Unterhalt
fr ihre wenigen Tage und die rckwrtige Kammer als Wohnraum ausbedingend. In
ihrer letzten Stunde legte sie die schmerzhafte Gottesmutter in die Hand des
Priesters, der an ihrem Sterbebette sa. Ein rechtes, heiliges Bild und ein gar
teuer Angedenken, und sie bat: da man dasselbe gut halten mge, ihr zum
Trost und einem anderen Verstorbenen zur Ehr, mit dem sie nun
zusammenzutreffen hoffe, falls ihr von Gott diese Freude bestimmt sei. - -
    Als die Sternsteinhofbuerin vom Kirchgange heimkehrte, empfing die alte
Kathel sie an der Haustre: A Brief is kmma, Buerin, ich hab dir 'n hnauf in
d' Stuben afn Tisch glegt. Papier und Siegelwachs is nit dran gspart; wird wohl
was Obrigkeitlichs sein.
    Hm, ein neu Steuerauflag vielleicht. Damit stieg die Buerin hastig die
Treppe empor. Wenige Augenblicke spter hielt sie das Schreiben in Hnden, es
kam vom Notar in der Kreisstadt, dessen Adresse stand vorne daraufgedruckt;
Helene zerri den Umschlag, ein beschriebenes Blatt und eine Nummer der
Provinzialzeitung, welche die amtlichen Verlautbarungen brachte, fielen ihr
daraus entgegen.
    Sie begann zu lesen, pltzlich erblate sie und sank auf den
danebenstehenden Stuhl, wie tot lag der Arm, welcher die Bltter gefat hielt,
ber dem Tische. Nach einer Weile raffte sie sich auf und schlich an das
Fenster, die Papiere raschelten in ihren zitternden Hnden, noch einmal las sie
aufmerksam Zeile fr Zeile; als sie geendet, sank ihr die Hand mit dem Schreiben
schwer herab, whrend sie mit der andern hastig das Taschentuch herausgriff und
vor die trnenden Augen drckte.
    Darnach stand sie lange, selbstvergessen und verloren, das feuchte Tuch an
die Stirne pressend, und starrte hinaus in die Gegend, ohne zu sehen. Ein laut
aufchzender Seufzer, den es ihr unversehens herausstie, machte sie
zusammenschrecken, sie wandte sich und verlie die Stube und das Haus. Als sie
in den Hof trat, kam um eine Scheunenecke der kleine Muckerl, die Juliane auf
dem Rcken, dahergaloppiert.
    Mutter, rief er lustig, da schau, wie sich ds Mehlsackl schleppen lat!
Wie s' md wird, weint s', und dabei will s' brall sein!
    Die Buerin winkte abwehrend mit der Hand und sagte ernst: Sei still. Sie
nahm die Kleine vom Rcken des Knaben herab und stellte sie an dessen Seite. Is
brav, wann du dich schon jung um d' Weibsleut annimmst. Gar um dein Schwesterl
wirst's wohl mssen, armer Bub. Sie fgte die Hnde der Kinder ineinander und
schritt mit den Kleinen gegen das Ausgedinghusel des alten Sternsteinhofers.
    Dieser sa auf der Bank davor und neben ihm der Ksbiermartel; als letzterer
der Buerin ansichtig wurde, sagte er: Guck mal, geht dort nit der Drach? Wie
kommst denn aus mit ihm?
    A Drach is s' wohl, murrte der alte Bauer, aber was ein Schatz ht; lie
mer so einm sein Fleckl aussuchen und 'n drauf in Ruh, htt mer 's beste
Auskommen; doch wer sieht denn so 'n Untier gern afm Seinm? brigens, was wahr
is, is wahr, breit gnug sitzt s' afm Ganzen, vor Schaden wei sie sich z'
wahren, mu sich nur noch weisen, ob sie sich auch aufn Nutzen verstehn lernt,
dann is sie da der Bauer; mein Bub taugt amal nie dafr. Und was recht is, du
hast kein Grund, ihr aufsssig z' sein, dein Tochterkind halt s' wie ihr eignes.
Ich aber - der s' von allm Anfang da wegwehren wollt und dem s' hitzt z' Trutz
da sitzt -, ich will nix mit ihr.
    Ich aber auch nit, schon dir zlieb nit. Und no will s' gar daher, da geh
ich. Bht Gott! Ksbiermartel erhob sich und ging, doch nicht ohne der Buerin
mit slichem Lcheln gute Tagzeit zu bieten und etwas von immer schner
werden verlauten zu lassen.
    Helene nickte ihm einen kurzen Gru zu und schritt vorber, und der alte
Sternsteinhofer nahm die Pfeife aus dem Mund und spuckte hinter dem Kerl aus,
der gute Worte ins Gesicht und ble hinterm Rcken gebe.
    Als die Buerin ganz nahe herzutrat, blickte der Alte an ihr hinauf, und da
er ihr bleiches Gesicht und ihre gerteten Augen wahrnahm, fragte er: Was
hast?
    Nachricht vom Toni.
    Was schreibt er?
    Andre tun's.
    Der Bauer starrte sie an. Doch nit -?
    Sie schttelte den Kopf.
    Blessiert?
    Nein.
    Auch nit? Was denn nachher?
    Sie reichte das Schreiben hin.
    Zgernd fate er darnach und las es stille fr sich.
    Der Notar, als langjhriger Geschftsfreund und aufrichtiger Anteilnehmer an
den Geschicken seiner verehrlichen Klienten, bedauerte unendlich, sich zu einer
schweren, traurigen Pflicht gedrngt zu fhlen. Indem er voraussetzen msse, da
direkte Mitteilungen vom Kriegsschauplatze bei den in solchen unruhigen
Zeitluften hufigen Strungen des Postverkehrs oftmals durch die amtlichen
Verlautbarungen berholt wrden und da diese wieder den werten Angehrigen
nicht sofort zugnglich wren, so erlaube er sich mit dem Ausdrucke wahrsten
Beileids, aber auch mit dem beherzigenswerten Hinweis auf die Hoffnung, da eine
gtige Fgung des Himmels doch immerhin noch das rgste abgewendet haben knne,
ein Zeitungsblatt mit der amtlichen Verlustliste aus den letzten Gefechten zur
Einsichtnahme anzuschlieen. - -
    Das Papier knitterte unter dem Finger, der von Zeile zu Zeile, von Namen zu
Namen rckte, pltzlich hielt er, zusammenzuckend, inne.
    Vermit. Der alte Mann sah langsam auf, doch hastig gab er Raum an seiner
Seite, Helene sank neben ihm auf die Bank.
    No, gscheit sein. Mer wei halt hitzt nit, wo der Toni steckt, doch der
Notarjus hat recht, mer braucht nit gleich 's rgste z' glauben, er kann sich
allmal wieder finden. Ich bin berzeugt, er findt sich wieder. Unkraut verdirbt
nit.
    Er machte den Versuch, ein verschmitztes Gesicht zu ziehen, und Helene
versuchte zu lcheln, aber das war nur ein flchtiges Zucken um Augen- und
Mundwinkeln, sie fhlten gegenseitig sich wie ber einer Lge ertappt und
blickten wieder ernst.
    Mit Trnen kmpfend, begann die Buerin: Wir wollen 's Beste hoffen, aber
wir mssen uns doch aufs Schlimmste einrichten. Ich mcht dich wohl bitten, da
d' hnaufziehest zu mir, damit ich nit so verlassen in dem weiten Gemuer haus,
auch, da d' mir in der Wirtschaft an d' Hand gingest; aber wann d' nit mit mir
unter ein Dach willst und mir kein Rat gnnst, so magst es ja lassen, ich tracht
mich dann schon einzgwhnen und alles allein z' richten, wie gut ich's vermag.
Aber die Gnad hab - sie drckte die gefalteten Hnde gegen seine Brust -, umn
Bubn nimm dich an, du bist sein Ehnl, er is dein Fleisch und Blut, du solltst's,
und von dir kann er was lernen, und ohne Mannanleitung wird aus einm Bubn nix!
Anfangs wird wohl 's kleine Menscherl da hufig mitrennen, denk nit, ich wr so
albern, dich zu einm Kindshter machen z' wolln, in den Jahren halten Kinder
halt gern zsamm, aber wie unser Dirndl grer wird, nehm ich's schon zu mir, und
's soll mein Sorg sein, sie rechtschaffen z' leiten und z' lehren, wie mir
zukommt, aber 'n Bubn weis und lehr du, la ihm's nit entgelten, was d' etwa
noch von frher her gegen mich hast. Sie erhob sich, schwer die Hand auf seine
Schultern aufsttzend, und schob ihm den Knaben zwischen die Knie. Schau, wenn
halt hitzt nit wr, was sich geschickt hat und geworden ist, nit nur ich stnd
verlassen af der Welt, auch du wrst nun vereinsamt af deinm weiten, reichen
Anwesen.
    Der Alte runzelte die Brauen, sah finster vor sich hin, dann nickte er
paarmal mit dem Kopfe und legte die breite Hand auf den Scheitel des kleinen
Muckerl.
    ber eine Weile hob er sich sachte vom Sitze, ohne die Rechte wegzuziehen,
mit dem Rcken der Linken aber strich er sich dicht unter dem Hutrande ber die
Stirn und keuchte: Hei ist's, Buerin, hei - htt's nit denkt, um die Zeit
noch ... Pltzlich warf er die Hand vor sich und sthnte laut auf: Ah, 's is
arg.
    Gar arg, weinte sie leise.

                                      XXIV


Jahre schwanden dahin, der Toni kehrte nicht wieder. Die beiden Kinder wuchsen
auf dem Sternsteinhofe unter der Aufsicht der Mutter und des Grovaters heran.
Muckerl hatte groen Respekt vor der ersteren und eine wahre Anhnglichkeit an
den Ehnl; der ging ihm ber alles, der war fr ihn das Muster aller mnnlichen
und buerlichen Vollkommenheit, dem er nachstrebte, und der Alte, dem diese
Neigung wohltat, diese Schtzung mit Stolz erfllte und die Gelehrigkeit des
Knaben vergngte, war in diesen vernarrt und erklrte in seiner rcksichtslos
offenen Weise, da ihm sein Enkelkind lieber sei als ihm sein eigener Sohn je
gewesen, der nicht biegbar noch brauchbar war.
    Juliane hatte wieder gewaltigen Respekt vor dem Ehnl - mehr beanspruchte der
von ihr nicht - und hing der Buerin an, auf deren Schnheit und Klugheit sie
sich was zugute tat; wer die Mutter herausstrich, der redete ihr zu Gefallen,
und wer gar zu verstehen gab, da sie derselben nacharte, der hatte ihr das
Liebste gesagt. Dieses strmische Anschmiegen, diese kindlich trotzige
Parteinahme gewannen denn auch das Herz der Buerin, und da es trotz dieser
Vorliebe der beiden Erzieher fr einen ihrer Zglinge weder zur Verhtschelung
und Verziehung des einen noch des anderen kam, das rhrte nur daher, weil der
alte Bauer und die junge Buerin einander gegenseitig auf den Dienst lauerten;
die Mutter litt keine unzukmmliche Bevorzugung des Knaben und der Grovater
keine des Mdchens, eine Rivalitt, die zum Nutzen der Kinder ausschlug.
    Oft legte man der Buerin nahe, die Todeserklrung ihres Mannes bei Gerichte
zu betreiben, um bei schicklicher Zeit und Gelegenheit wieder heiraten zu
knnen, aber sie erklrte, vorab wolle sie erleben, da ihr Bub als Bauer auf 'm
Sternsteinhof se und die Dirn unter die Haube km, bis dahin beschftigten die
beiden vollkommen ihr Sorgen und Sinnen, im brigen sei sie darber hinaus, von
einem abzuhngen und ihm zu Gefallen zu leben; den Kindern lebe sie zuliebe,
weil die von ihr abhingen, und werde ihnen keinen Stiefvater aufhalsen, der
gerne aller Herrn spielen mchte - und wenn man sie darauf aufmerksam machte,
da sie doch selbst zu Julianen Stiefmutter sei, fragte sie lchelnd: Bin ich a
solche? Versprst du was davon? Worauf das Mdchen ungehalten den Kopf
schttelte.
    Wohl sah man zweifelnd nach dem lebensfrischen, seiner Schnheit bewuten
Weibe, aber niemand in Zwischenbhel noch sonst irgendwo wute zu sagen, da die
Sternsteinhofbuerin je ein rgernis gegeben. Ist sie eine Heimliche - so
sagten jene, die es am meisten verdro, nichts ausspren zu knnen -, so ist
sie's aber auch schon recht.
    Dieser ihr Unabhngigkeitssinn, der schlielich dem Anwesen und dessen Erben
zugute kam, ihr allerdings nicht von Eitelkeit freies Bemhen, den eigenen
Jungen und die Stieftochter rechtschaffen zu erziehen, um als achtbare Mutter
wohlgearteter Kinder vor den Augen der Welt dazustehen, ihre Bereitwilligkeit,
Bedrftigen beizuspringen, da ihr der Anblick der Not, die sie aus eigener
Erfahrung kannte, peinlich war und sie sich gerne von selbem loskaufte, ihre
freilich mit etwas Prahlerei auftretende Freigebigkeit fr gemeinntzige Zwecke
- Straen- und Brckenanlagen, Schulbauten und dergleichen -, aber auch nur fr
solche, nie fr fragwrdige, das alles waren ebenso viele Steine, die sie bei
den Leuten im Brette hatte, und in Zwischenbhel sowie in der Umgegend galt sie
fr ein Kernweib in allen Stcken. ber dieses Kernweib verga man die
Zinshoferdirn und des Herrgottlmachers Weib, man fragte nicht darnach, was die
Sternsteinhoferin gewesen, noch, was sie wrde, man nahm sie, wie sie war.
    Sie wute das.
    Wenn sonntags mit dem dritten Luten der Wagen vom Sternsteinhofe unten an
der Kirchentreppe hlt, dann steigen Muckerl und Juliane die Stufen vorauf hinan
- wohl ein prchtiges Paar junger Leute -, ihnen folgen Grovater und Mutter.
Die Buerin schiebt ihren Arm leicht unter den des Bauern, es sieht nicht aus,
als wolle sie den Alten sttzen, sondern mehr, als ob es geschhe, gleichen
Schritt mit ihm zu halten, denn er scheint Ernst machen zu wollen mit den
hundert Jahren, die er zu leben sich vorgenommen.
    Die ltern blicken vergngt und stolz auf die voranschreitenden Jungen und
nicken den grenden Leuten mit herablassender Freundlichkeit zu, und dann
blinkt es in den noch immer jugendfrischen Augen der Buerin so selbstbewut und
berlegen: Wie ich bin - weil ich bin!
    Sie war sich bewut, da sie etwas gelte und da man etwas an ihr verlieren
werde, und pure Eitelkeit war es, die sie vom ersten Augenblicke an, wo sich
dies Bewutsein in ihr regte, darnach trachten lie, auch etwas Rechtes zu
gelten und nichts zu unterlassen, was ihren Verlust zu einem augenflligen
machen konnte, und so gewann sie, die immer und allzeit nur sich allein lebte,
einen greren und wohlttigeren Einflu auf viele als manche andere, die
hingebungsvoll nur einem einzigen Wesen oder wenigen ihnen zunchst leben, oft
allein durch diese Ausschlieung sich gegen alle Fernstehenden bis zur
Ungerechtigkeit verhrten und, nachdem sie das Beispiel einer fast selbstschtig
erscheinenden, eng umgrenzten Pflichterfllung der Welt gegeben, bedeutungslos
fr diese, vom Schauplatze abtreten.
    Wer hat die wackre Kleebinderin, ihren braven Sohn, den Holzschnitzer,
bedauert? Wer wird die rechtschaffene Sepherl beklagen? Niemand. Sie taten das
immer unter sich, der berlebende den Vorangegangenen; ein anderes aber, wenn
Helene stirbt. Nicht nur ihrem eigenen Kinde wird das Herz schwer werden, auch
das fremde wird ihr heie Trnen nachweinen, die Armen in der Umgegend und alle
jene, die gewohnt waren, freundnachbarlich sich Rat und Tat zu erbitten, wird
der Tag bedrcken, an welchem der Tod die Buerin hinwegholt vom Sternsteinhofe.

Der Leser hat eine Frage frei. Warum erzhlt man solche Geschichten, die nur
aufweisen, wie es im Leben zugeht?
    Allerdings gibt das ein unfruchtbares Wissen, da es nichts an den Vorgngen
ndern lehrt und, was es lehrt, doch nie, selbst von den Wissenden nicht, mit
dem Handeln in Einklang zu bringen versucht wird; so bleibt es denn
voraussichtlich noch lange mit allem menschlichen Treiben und Trachten beim
alten, und eine neue Geschichte kann nur dartun: da, was vorging, noch vorgeht.
brigens ist es nicht neu, von den Gefahren der Schnheit fr den, der sie
besitzt, wie fr andere, zu erzhlen, es ist nicht neu, zu erzhlen, wie in
manches Menschen Leben die Treue gegen das eigene Selbst mit dem Verrate an
anderen verknpft zu sein scheint, und solche alte Geschichten von erprobter
Wirkung in ein neues Gewand zu stecken ist nur ein knstlerischer Behelf, und
ein anderer ist es, das letztere fr die handelnden Personen aus Loden
zuzuschneiden; es geschieht dies nicht in dem einfltigen Glauben, da dadurch
Bauern als Leser zu gewinnen wren, noch in der spekulativen Absicht, einer mehr
und mehr in die Mode kommenden Richtung zu huldigen, sondern lediglich aus dem
Grunde, weil der eingeschrnkte Wirkungskreis des lndlichen Lebens die
Charaktere weniger in ihrer Natrlichkeit und Ursprnglichkeit beeinflut, die
Leidenschaften, rckhaltlos sich uernd oder in nur linkischer Verstellung,
verstndlicher bleiben und der Aufweis: wie Charaktere unter dem Einflusse der
Geschicke werden oder verderben oder sich gegen diesen und sich und andern das
Fatum setzen - klarer zu erbringen ist an einem Mechanismus, der gleichsam am
Tage liegt, als an einem, den ein doppeltes Gehuse umschliet und
Verschnrkelungen und ein krauses Zifferblatt umgeben; wie denn auch in den
ltesten, einfachen, wirksamsten Geschichten die Helden und Frsten
Herdenzchter und Grogrundbesitzer waren und Sauhirten ihre Hausminister und
Kanzler.
