
                                 Spyri, Johanna

                    Heidi kann brauchen, was es gelernt hat

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                                 Johanna Spyri

                    Heidi kann brauchen, was es gelernt hat

                                Reisezurstungen

Der freundliche Herr Doktor, der den Entscheid gegeben hatte, da das Kind Heidi
wieder in seine Heimat zurckgebracht werden sollte, ging eben durch die breite
Strae dem Hause Sesemann zu. Es war ein sonniger Septembermorgen, so licht und
lieblich, da man htte denken knnen, alle Menschen mten sich darber freuen.
Aber der Herr Doktor schaute auf die weien Steine zu seinen Fen, so da er
den blauen Himmel ber sich nicht einmal bemerken konnte. Es lag eine
Traurigkeit auf seinem Gesichte, die man vorher nie da gesehen hatte, und seine
Haare waren viel grauer geworden seit dem Frhjahr. Der Doktor hatte eine
einzige Tochter gehabt, mit der er seit dem Tode seiner Frau sehr nahe zusammen
gelebt hatte und die seine ganze Freude gewesen war. Vor einigen Monaten war ihm
das blhende Mdchen durch den Tod entrissen worden. Seither sah man den Herrn
Doktor nie mehr so recht frhlich, wie er vorher fast immer gewesen war.
    Auf den Zug an der Hausglocke ffnete Sebastian mit groer Zuvorkommenheit
die Eingangstr und machte gleich alle Bewegungen eines ergebenen Dieners; denn
der Herr Doktor war nicht nur der erste Freund des Hausherrn und dessen
Tchterchens, durch seine Freundlichkeit hatte er sich, wie berall, die
smtlichen Hausbewohner zu guten Freunden gemacht.
    Alles beim alten, Sebastian? fragte der Herr Doktor wie gewohnt mit
freundlicher Stimme und ging die Treppe hinauf, gefolgt von Sebastian, der nicht
aufhrte, allerlei Zeichen der Ergebenheit zu machen, obschon der Herr Doktor
sie eigentlich nicht sehen konnte, denn er kehrte dem Nachfolgenden den Rcken.
    Gut, da du kommst, Doktor! rief Herr Sesemann dem Eintretenden entgegen.
Wir mssen durchaus noch einmal die Schweizerreise besprechen, ich mu von dir
hren, ob du unter allen Umstnden bei deinem Ausspruche bleibst, auch nachdem
nun bei Klrchen entschieden ein besserer Zustand eingetreten ist.
    Mein lieber Sesemann, wie kommst du mir denn vor? entgegnete der
Angekommene, indem er sich zu seinem Freunde hinsetzte. Ich mchte wirklich
wnschen, da deine Mutter hier wre; mit der wird alles gleich klar und einfach
und kommt ins rechte Geleise. Mit dir aber ist ja kein Fertigwerden. Du lssest
mich heute zum drittenmale zu dir kommen, damit ich dir immer noch einmal
dasselbe sage.
    Ja, du hast recht, die Sache mu dich ungeduldig machen; aber du mut doch
begreifen, lieber Freund - und Herr Sesemann legte seine Hand wie bittend auf
die Schulter seines Freundes -, es wird mir gar zu schwer, dem Kinde zu
versagen, was ich ihm so bestimmt versprochen hatte und worauf es sich nun
monatelang Tag und Nacht gefreut hat. Auch diese letzte schlimme Zeit hat das
Kind so geduldig ertragen immer in der Hoffnung, da die Schweizerreise nahe und
es seine Freundin Heidi auf der Alp besuchen knne; und nun soll ich dem guten
Kinde, das ja sonst schon so vieles entbehren mu, die langgenhrte Hoffnung mit
einemmal wieder durchstreichen - das ist mir fast nicht mglich.
    Sesemann, das mu sein, sagte sehr bestimmt der Herr Doktor, und als sein
Freund stillschweigend und niedergeschlagen da sa, fuhr er nach einer Weile
fort: Bedenke doch, wie die Sache steht: Klara hat seit Jahren keinen so
schlimmen Sommer gehabt, wie dieser letzte war; von einer so groen Reise kann
keine Rede sein, ohne da wir die schlimmsten Folgen zu befrchten htten. Dazu
sind wir nun in den September eingetreten, da kann es ja noch schn sein oben
auf der Alp, es kann aber auch schon sehr khl werden. Die Tage sind nicht mehr
lang, und oben bleiben und da die Nchte zubringen, kann Klara doch nun gar
nicht; so htte sie kaum ein paar Stunden oben zu verweilen. Der Weg von Bad
Ragaz dort hinauf mu ja schon mehrere Stunden dauern, denn zur Alp hinauf mu
sie entschieden im Sessel getragen werden. Kurz, Sesemann, es kann nicht sein!
Aber ich will mit dir hineingehen und mit Klara reden, sie ist ja ein
vernnftiges Mdchen, ich will ihr meinen Plan mitteilen. Im kommenden Mai soll
sie erst nach Ragaz hinkommen; dort soll eine lngere Badekur unternommen
werden, so lange, bis es hbsch warm wird oben auf der Alp. Dann kann sie dort
von Zeit zu Zeit hinaufgetragen werden, da wird sie diese Bergpartien, erfrischt
und gestrkt, wie sie dann sein wird, ganz anders genieen, als es jetzt
geschhe. Du begreifst auch, Sesemann, wenn wir noch eine leise Hoffnung fr den
Zustand deines Kindes aufrecht erhalten wollen, so haben wir die uerste
Schonung und die sorgfltigste Behandlung zu beobachten.
    Herr Sesemann, der bis dahin schweigend und mit dem Ausdrucke trauriger
Ergebung zugehrt hatte, fuhr jetzt auf einmal empor:
    Doktor! rief er aus, sag es mir ehrlich: Hast du wirklich noch Hoffnung
auf eine nderung dieses Zustandes?
    Der Herr Doktor zuckte die Achseln. Wenig, sagte er halblaut. Aber komm,
denk einmal einen Augenblick an mich, lieber Freund! Hast du nicht ein liebes
Kind, das nach dir verlangt und sich auf deine Heimkehr freut, wenn du weg bist?
Nie mut du in ein verdetes Haus zurckkehren und dich allein an deinen Tisch
hinsetzen. Und dein Kind hat's auch gut daheim. Mu es auch vieles entbehren,
das andere genieen knnen, so ist es in manch anderem auch vor vielen
bevorzugt. Nein, Sesemann, ihr seid nicht so sehr zu beklagen, ihr habt es doch
recht gut, so zusammen zu sein; denk an mein einsames Haus!
    Herr Sesemann war aufgestanden und ging nun mit groen Schritten im Zimmer
auf und ab, wie er immer zu tun pflegte, wenn ihn irgendeine Sache stark
beschftigte. Auf einmal stand er vor seinem Freunde still und klopfte ihm auf
die Schulter.
    Doktor, ich habe einen Gedanken: Ich kann dich nicht so sehen, du bist ja
gar nicht mehr der Alte. Du mut ein wenig aus dir heraus, und weit du, wie? Du
sollst die Reise unternehmen und das Kind Heidi auf seiner Alp besuchen in unser
aller Namen.
    Der Herr Doktor war sehr berrascht von dem Vorschlage und wollte sich
dagegen wehren, aber Herr Sesemann lie ihm keine Zeit. Er war so erfreut und
erfllt von seiner neuen Idee, da er den Freund unter den Arm fate und nach
dem Zimmer seines Tchterchens hinberzog. Der gute Herr Doktor war fr die
kranke Klara immer eine erfreuliche Erscheinung, denn er hatte sie von jeher mit
einer groen Freundlichkeit behandelt und ihr jedesmal, wenn er kam, etwas
Lustiges und Erheiterndes zu erzhlen gewut. Warum er das jetzt nicht mehr
konnte, wute sie wohl und htte so gern ihn wieder froh gemacht. Sie streckte
ihm gleich die Hand entgegen und er setzte sich zu ihr hin. Herr Sesemann rckte
seinen Stuhl auch heran, und indem er Klara bei der Hand fate, fing er an, von
der Schweizerreise zu reden und wie er sich selbst darauf gefreut hatte. ber
den Hauptpunkt aber, da sie nun unmglich mehr stattfinden knne, glitt er
eilig hinweg, denn er frchtete sich ein wenig vor den kommenden Trnen. Dann
ging er schnell auf den neuen Gedanken ber und machte Klara darauf aufmerksam,
wie wohlttig es fr ihren guten Freund wre, wenn er diese Erholungsreise
unternehmen wrde.
    Die Trnen waren wirklich aufgestiegen und schwammen in den blauen Augen,
wie sehr sich auch Klara Mhe gab, sie niederzudrcken, denn sie wute, wie
ungern der Papa sie weinen sah. Aber es war auch hart, da nun alles aus sein
sollte, und den ganzen Sommer durch war die Aussicht auf die Reise zum Heidi
ihre einzige Freude und ihr Trost gewesen in all den langen, einsamen Stunden,
die sie durchlebt hatte. Aber Klara war nicht gewohnt, zu markten, sie wute
recht gut, da der Papa ihr nur versagte, was zum Bsen fhren wrde und darum
nicht sein durfte. Sie schluckte ihre Trnen hinunter und wandte sich nun der
einzigen Hoffnung zu, die ihr blieb. Sie nahm die Hand ihres guten Freundes und
streichelte sie und bat flehentlich:
    O bitte, Herr Doktor, nicht wahr, Sie gehen zum Heidi und dann kommen Sie
mir alles zu erzhlen, wie es ist dort oben und was das Heidi macht und der
Grovater und der Peter und die Geien, ich kenne sie alle so gut! Und dann
nehmen Sie mit, was ich dem Heidi schicken will; ich habe schon alles ausgedacht
und auch etwas fr die Gromutter. Bitte, Herr Doktor, tun Sie's doch; ich will
auch gewi unterdessen Fischtran nehmen, so viel Sie nur wollen.
    Ob dieses Versprechen der Sache den Ausschlag gab, kann man nicht wissen,
aber es ist anzunehmen, denn der Herr Doktor lchelte und sagte:
    Dann mu ich ja wohl gehen, Klrchen, so wirst du uns einmal rund und fest,
wie wir dich haben wollen, Papa und ich. Und wann mu ich denn reisen, hast du
das schon bestimmt?
    Am liebsten gleich morgen frh, Herr Doktor, entgegnete Klara.
    Ja, sie hat recht, fiel hier der Vater ein; die Sonne scheint, der Himmel
ist blau, es ist keine Zeit zu verlieren, fr jeden solchen Tag ist es schade,
den du noch nicht auf der Alp genieen kannst.
    Der Herr Doktor mute ein wenig lachen: Nchstens wirst du mir vorwerfen,
da ich noch da bin, Sesemann; so mu ich wohl machen, da ich fort komme.
    Aber Klara hielt den Aufstehenden fest; erst mute sie ihm ja noch alle
Auftrge an das Heidi bergeben und ihm noch so vieles anempfehlen, das er recht
betrachten und ihr dann davon erzhlen sollte. Die Sendung an das Heidi konnte
ihm erst spter zugeschickt werden, denn Frulein Rottenmeier mute erst alles
verpacken helfen; sie war aber eben auf einer ihrer Wanderungen durch die Stadt
begriffen, von denen sie nicht so schnell zurckkehrte.
    Der Herr Doktor versprach, alles genau auszurichten, die Reise, wenn nicht
am Morgen frh, so doch wo mglich noch im Laufe des folgenden Tages anzutreten
und dann bei seiner Heimkehr getreulich Bericht zu erstatten ber alles, das er
gesehen und erlebt haben wrde.
    Die Diener eines Hauses haben oft eine merkwrdige Gabe, die Dinge zu
erfassen, die im Hause ihrer Herren vor sich gehen, lange bevor diese dazu
kommen, ihnen Mitteilung davon zu machen. Sebastian und Tinette muten diese
Gabe in hohem Grade besitzen, denn eben, als der Herr Doktor, von Sebastian
begleitet, die Treppe hinunterging, trat Tinette ins Zimmer der Klara ein, die
nach dem Mdchen geschellt hatte.
    Holen Sie diese Schachtel voll ganz frischer, weicher Kuchen, wie wir sie
zum Kaffee haben, Tinette, sagte Klara und deutete auf die Schachtel hin, die
schon lange bereit gestanden hatte. Tinette erfate das bezeichnete Ding an
einer Ecke und lie es verchtlich an ihrer Hand baumeln; unter der Tr sagte
sie schnippisch:
    Es ist wohl der Mhe wert.
    Als der Sebastian unten mit gewohnter Hflichkeit die Tr aufgemacht hatte,
sagte er mit einem Bckling:
    Wenn der Herr Doktor wollten so freundlich sein und dem Mamsellchen auch
einen Gru vom Sebastian bestellen.
    Ah, sieh da, Sebastian, sagte der Herr Doktor freundlich; so wissen Sie
denn auch schon, da ich reise?
    Sebastian mute ein wenig husten:
    Ich bin - ich habe - ich wei selbst nicht mehr recht - ach ja, jetzt
erinnere ich mich: Ich bin eben zufllig durch das Ezimmer gegangen, da habe
ich den Namen des Mamsellchens aussprechen gehrt und wie es so geht, man hngt
dann so einen Gedanken an den andern an und so - und in der Weise -
    Ja wohl, ja wohl, lchelte der Herr Doktor, und je mehr Gedanken einer
hat, je mehr wird er inne. Auf Wiedersehen, Sebastian, der Gru wird bestellt.
    Jetzt wollte der Herr Doktor rasch durch die offene Haustr enteilen, aber
er traf auf ein Hindernis: der starke Wind hatte Frulein Rottenmeier
verhindert, ihre Wanderung weiter fortzusetzen; eben war sie zurckgekehrt und
wollte ihrerseits durch die offene Tr eintreten. Der Wind hatte ihr weites
Tuch, in das sie sich gehllt hatte, aber dergestalt aufgeblht, da es gerade
so anzusehen war, als habe sie die Segel aufgespannt. Der Herr Doktor wich
augenblicklich zurck. Aber gegen diesen Mann hatte Frulein Rottenmeier von
jeher eine besondere Anerkennung und Zuvorkommenheit an den Tag gelegt. Auch sie
wich mit ausgesuchter Hflichkeit zurck und eine Weile standen die beiden mit
rcksichtsvoller Gebrde da und machten einander gegenseitig Platz. Jetzt aber
kam ein so starker Windsto, da Frulein Rottenmeier auf einmal mit vollen
Segeln gegen den Doktor heranflog. Er konnte eben noch ausweichen; die Dame aber
wurde noch ein gutes Stck ber ihn hinausgetrieben, so da sie wieder
zurckkehren mute, um nun den Freund des Hauses mit Anstand zu begren. Der
gewaltttige Vorgang hatte sie ein wenig verstimmt, aber der Herr Doktor hatte
eine Art und Weise, die ihr gekruseltes Gemt bald glttete und eine sanfte
Stimmung darber verbreitete. Er teilte ihr seinen Reiseplan mit und bat sie in
der einnehmendsten Weise, ihm die Sendung an das Heidi so zu verpacken, wie nur
sie zu packen verstehe. Dann empfahl sich der Herr Doktor.
    Klara erwartete, da sie erst einige Kmpfe mit Frulein Rottenmeier zu
bestehen haben wrde, bevor diese ihre Zustimmung zum Absenden all der
Gegenstnde geben werde, die Klara fr das Heidi bestimmt hatte. Aber diesmal
hatte sie sich getuscht: Frulein Rottenmeier war ausnehmend gut gelaunt.
Sogleich rumte sie alles weg, was auf dem groen Tische lag, um die Dinge alle,
die Klara zusammengebracht hatte, darauf auszubreiten und dann vor ihren Augen
die Sendung zu verpacken. Es war keine leichte Arbeit, denn die Gegenstnde, die
da zusammengerollt werden sollten, waren vielgestaltig. Erst kam der kleine
dicke Mantel mit der Kapuze, den Klara fr das Heidi ausgesonnen hatte, damit es
im kommenden Winter die Gromutter besuchen konnte, wann es wollte, und nicht
warten mute, bis der Grovater kommen konnte und es dann in den Sack
eingewickelt werden mute, damit es nicht erfriere. Dann kam ein dickes, warmes
Tuch fr die alte Gromutter, damit sie sich darin einhlle und nicht frieren
msse, wenn der Wind wieder so schaurig um die Htte klappern wrde. Dann kam
die groe Schachtel mit den Kuchen; die war auch fr die Gromutter bestimmt,
da sie zu ihrem Kaffee auch einmal etwas anderes als ein Brtchen zu essen
habe. Jetzt folgte eine ungeheure Wurst; die hatte Klara ursprnglich fr den
Peter bestimmt, weil er doch nie etwas anderes als Kse und Brot bekam. Aber sie
hatte sich jetzt anders besonnen, denn sie frchtete, der Peter knnte vor
Freuden die ganze Wurst auf einmal aufessen. Darum sollte die Mutter Brigitte
diese bekommen und erst fr sich und die Gromutter einen guten Teil davon
nehmen und dem Peter den seinigen in verschiedenen Lieferungen abgeben. Jetzt
kam noch ein Sckchen Tabak; der war fr den Grovater, der ja so gern ein
Pfeifchen rauchte, wenn er am Abend vor der Htte sa. Zuletzt kam noch eine
Anzahl geheimnisvoller Sckchen, Pckchen und Schchtelchen, welche Klara mit
besonderer Freude zusammengekramt hatte, denn da sollte das Heidi allerhand
berraschungen finden, die ihm groe Freude machen wrden. Endlich war das Werk
beendet und ein stattlicher Ballen lag reisefertig an der Erde. Frulein
Rottenmeier schaute darauf nieder, in tiefsinnige Betrachtungen ber die Kunst
zu packen versunken. Klara ihrerseits warf Blicke froher Erwartung darauf hin,
denn sie sah das Heidi vor sich, wie es vor berraschung in die Hhe springen
und aufjauchzen wrde, wenn das ungeheure Paket bei ihm anlangte.
    Jetzt trat Sebastian herein und hob mit einem starken Schwung den Ballen auf
seine Schulter, um ihn unverzglich nach dem Hause des Herrn Doktors zu
spedieren.

                              Ein Gast auf der Alm


Das Frhrot glhte ber den Bergen und ein frischer Morgenwind rauschte durch
die Tannen und wogte die alten ste mchtig hin und her. Das Heidi schlug seine
Augen auf, der Ton hatte es erweckt. Dieses Rauschen packte das Heidi immer im
Innersten seines Wesens und zog es mit Gewalt hinaus unter die Tannen. Es scho
von seinem Lager auf und hatte kaum Zeit, sich fertig zu machen; das mute aber
doch sein, denn Heidi wute nun recht gut, da man immer sauber und ordentlich
aussehen mu.
    Jetzt kam es von dem Leiterchen herunter; des Grovaters Lager war schon
leer; es sprang hinaus. Drauen vor der Tr stand der Grovater und schaute den
Himmel an nach allen Seiten hin, wie er jeden Morgen tat, um zu sehen, wie der
Tag werden wollte.
    Es zogen rosige Wlkchen oben hin und mehr und mehr blaute der Himmel und
drben flo es wie lauter Gold ber die Hhen und das Weideland, denn eben kam
droben die Sonne ber die hohen Felsen heraufgestiegen.
    O wie schn! O wie schn! Guten Tag, Grovater! rief das Heidi
heranspringend.
    So, sind deine Augen auch schon hell? gab der Grovater zurck, dem Heidi
die Hand zum Morgengru hinhaltend.
    Jetzt lief das Heidi unter die Tannen und hpfte vor Freuden ber das Tosen
und Sausen da droben unter den wogenden sten herum und bei jedem neuen Windsto
und lauten Wipfelbrausen jauchzte es auf vor Wonne und sprang noch ein wenig
hher.
    Unterdessen war der Grovater zum Stall hingegangen und hatte dem Schwnli
und Brli die Milch abgenommen; dann hatte er beide schn geputzt und gewaschen
zur Bergreise und brachte sie nun auf den Platz heraus. Als das Heidi seine
Freunde erblickte, kam es herangesprungen und fate sie beide um den Hals,
begrte sie zrtlich, und sie meckerten frhlich und zutraulich, und jede von
den Geien wollte dem Heidi mehr Zuneigung beweisen und drckte ihren Kopf noch
immer nher an seine Schultern heran, so da es zwischen den zweien fast
zerdrckt wurde. Aber das Heidi hatte keine Furcht, und wenn das lebhafte Brli
gar zu arg bohrte und drngte mit seinem Kopfe, dann sagte das Heidi: Nein,
Brli, du stoest ja wie der groe Trk, und augenblicklich zog Brli seinen
Kopf zurck und stellte sich ganz anstndig hin, und das Schwnli hatte auch
schon seinen Kopf in die Hhe gereckt und machte eine vornehme Gebrde, so da
man deutlich sehen konnte, es dachte bei sich: Das soll mir denn keiner
nachsagen, da ich mich benehme wie der Trk. Denn das schneeweie Schwnli war
noch ein wenig vornehmer als das braune Brli.
    Jetzt hrte man von unten herauf die Pfiffe des Peter ertnen, und bald
kamen sie heraufgesprungen, die lustigen Geien alle, voran der flinke
Distelfink in hohen Sprngen. Gleich war das Heidi wieder mitten in dem Rudel
drin und vor lauter strmischen Begrungen wurde es hin- und hergeschoben und
dann schob es wieder ein wenig; denn es wollte zu dem schchternen Schneehppli
vordringen, das ja von den greren immer wieder weggedrngt wurde, wenn es dem
Heidi entgegenstrebte.
    Nun kam der Peter heran und tat einen letzten, frchterlichen Pfiff, der
sollte die Geien aufscheuchen und der Weide zujagen, denn er wollte Platz
bekommen, um dem Heidi etwas zu sagen. Die Geien sprangen ein wenig auseinander
auf den Pfiff hin; so konnte der Peter vorrcken und sich nun vor das Heidi
hinstellen.
    Du kannst einmal wieder mitkommen heut', war seine etwas strrige Anrede.
    Nein, das kann ich nicht, Peter, entgegnete das Heidi. Jeden Augenblick
knnen sie jetzt von Frankfurt kommen und dann mu ich daheim sein.
    Das hast du schon manchmal gesagt, brummte der Peter.
    Es gilt aber immer noch und es gilt, bis sie kommen, gab das Heidi zurck.
Oder meinst du etwa, ich msse nicht daheim sein, wenn sie von Frankfurt zu mir
kommen? Meinst du etwa so etwas, Peter?
    Sie knnen zum hi kommen, versetzte der Peter knurrend.
    Jetzt ertnte von der Htte her die krftige Stimme des Grovaters:
    Warum geht's nicht vorwrts mit der Armee? Fehlt's am Feldmarschall, oder
an den Truppen?
    Augenblicklich machte der Peter Kehrum, schwang seine Rute in der Luft, da
sie sauste und alle Geien, die den Ton wohl kannten, auf und davon rannten, der
Peter hinter ihnen drein, alle miteinander in vollem Trab den Berg hinan. -
    Seit das Heidi wieder daheim beim Grovater war, kam ihm hier und da etwas
in den Sinn, woran es vorher nicht gedacht hatte. So machte es jetzt alle Morgen
mit groer Anstrengung sein Bett zurecht und strich so lange daran herum, bis es
ganz glatt aussah. Dann lief es in der Htte hin und her, stellte jeden Stuhl an
seinen Ort, und was etwa da und dort herumlag oder -hing, das kramte es alles in
einen Schrank hinein. Dann holte es einen Lappen herbei, kletterte auf einen
Stuhl hinauf und rieb so lange mit seinem Lappen auf dem Tische herum, bis
dieser ganz blank war. Wenn dann der Grovater wieder hereinkam, schaute er
wohlgefllig um sich und sagte etwa: Bei uns ist's jetzt immer wie Sonntag, das
Heidi ist nicht vergebens in der Fremde gewesen.
    Auch heute hatte das Heidi, nachdem der Peter fortgetrabt war und es mit dem
Grovater gefrhstckt hatte, sich gleich an seine Geschfte gemacht; aber es
wurde fast nicht fertig damit. Drauen war es heut' Morgen gar so schn und alle
Augenblicke geschah wieder etwas, was das Heidi in seiner Ttigkeit unterbrach.
Jetzt kam durch das offene Fenster ein Sonnenstrahl so lustig hereingeschossen
und es war geradezu, als rief er: Komm heraus, Heidi, komm heraus! Da konnte
es nicht mehr drinnen bleiben, es rannte hinaus. Da lag der funkelnde
Sonnenschein um die ganze Htte herum und auf allen Bergen glnzte er und weit,
weit das Tal hinunter, und der Boden dort am Abhang sah so goldig und trocken
aus, es mute ein wenig darauf niedersitzen und umherschauen. Dann kam ihm auf
einmal in den Sinn, da das Dreibeinsthlchen noch mitten in der Htte stand und
der Tisch noch nicht geputzt war vom Morgenessen. Nun sprang es schnell auf und
lief in die Htte zurck. Aber es whrte gar nicht lange, so sauste es drauen
so mchtig durch die Tannen, da es dem Heidi in alle Glieder fuhr, es mute
schon wieder hinaus und ein wenig mithpfen, wenn alle Zweige da droben hin und
her wogten und rollten. Der Grovater hatte einstweilen hinten im Schopf
allerlei Arbeit zu verrichten; er trat von Zeit zu Zeit unter die Tr hinaus und
schaute lchelnd Heidis Sprngen zu. Eben war er wieder zurckgetreten, als mit
einemmal das Heidi laut aufschrie:
    Grovater, Grovater! Komm, komm!
    Er trat rasch wieder heraus, fast erschrocken, was mit dem Kinde sei. Da sah
er, wie dieses dem Abhange zulief, laut schreiend: Sie kommen, sie kommen! Und
voran der Herr Doktor!
    Das Heidi strzte seinem alten Freund entgegen. Dieser streckte grend
seine Hand aus. Wie das Kind ihn erreicht hatte, umfate es zrtlich den
ausgestreckten Arm und rief in voller Herzensfreude:
    Guten Tag, Herr Doktor! Und ich danke auch noch viel tausendmal!
    Gr Gott, Heidi! Und wofr dankst du denn schon? fragte freundlich
lchelnd der Herr Doktor.
    Da ich wieder heim konnte zum Grovater, erklrte ihm das Kind.
    Dem Herrn Doktor ging's wie ein Sonnenschein ber das Gesicht. Diesen
Empfang auf der Alp hatte er nicht erwartet. Im Gefhl seiner Einsamkeit war er
unter tiefsinnigen Gedanken den Berg hinaufgestiegen und hatte noch nicht einmal
gesehen, wie schn es um ihn her war und da es immer schner wurde. Er hatte
angenommen, das Kind Heidi werde ihn kaum mehr kennen; es hatte ihn so wenig
gesehen und er kam sich vor wie einer, der kommt, den Leuten eine Enttuschung
zu bereiten, und den sie darum nicht ansehen mgen, weil er ja die erwarteten
Freunde nicht mitbrachte. Statt dessen leuchtete dem Heidi die helle Freude aus
den Augen, und voller Dank und Liebe hielt es immer noch den Arm seines guten
Freundes fest.
    Mit vterlicher Zrtlichkeit nahm der Herr Doktor das Kind bei der Hand.
Komm, Heidi, sagte er in freundlichster Weise, fhre mich nun zu deinem
Grovater und zeige mir, wo du daheim bist.
    Aber das Heidi blieb noch stehen und schaute verwundert den Berg hinunter.
    Wo sind denn Klara und die Gromama? fragte es jetzt.
    Ja, nun mu ich dir's sagen, was dir leid tun wird wie mir auch, erwiderte
der Herr Doktor. Sieh, Heidi, ich komme allein. Klara war recht krank und
konnte nicht mehr reisen, und so kam auch die Gromama nicht mit. Aber dann im
Frhjahr, wenn die Tage wieder warm und schn lang werden, dann kommen sie ganz
sicher.
    Das Heidi stand sehr betroffen da; es konnte gar nicht fassen, da es nun
alles, was es so sicher vor sich gesehen hatte, auf einmal gar nicht mehr sehen
sollte. Regungslos stand es eine Weile wie verwirrt von dem Unerwarteten.
Schweigend stand der Herr Doktor vor ihm und ringsum war alles still, nur hoch
oben hrte man den Wind durch die Tannen sausen. Da fiel es dem Heidi auf einmal
wieder ein, warum es heruntergelaufen sei, und da der Herr Doktor ja gekommen
sei. Es schaute zu ihm auf. Da lag etwas so Trauriges in den Augen, die zu ihm
niederschauten, wie es noch gar nicht gesehen hatte; so war es nie gewesen, wenn
der Herr Doktor in Frankfurt es angeblickt hatte. Das ging dem Heidi zu Herzen;
es konnte nicht sehen, da jemand traurig war, und nun gar der gute Herr Doktor.
Gewi war er so, weil Klara und die Gromama nicht hatten mitkommen knnen, es
suchte schnell nach einem Trost und fand ihn.
    O es whrt gewi nicht lange, bis es wieder Frhling wird, und dann kommen
sie ja bestimmt, trstete das Heidi; bei uns whrt es gar nie lang, und dann
knnen sie ja viel lnger da bleiben, das will die Klara gewi noch lieber; und
jetzt wollen wir zum Grovater hinauf. Hand in Hand mit dem guten Freunde stieg
es nun zu der Htte hinan. Es war dem Heidi so sehr daran gelegen, den Herrn
Doktor wieder froh zu machen, da es ihn noch einmal zu berzeugen anfing, es
whre so wenig lang auf der Alm, bis die langen, warmen Sommertage wiederkommen,
da man es kaum merke, und dabei wurde das Heidi selbst so berzeugt von seinem
Trost, da es oben dem Grovater ganz frhlich entgegenrief:
    Sie sind noch nicht da, aber es whrt gar nicht lang, so kommen sie auch.
    Fr den Grovater war der Herr Doktor kein Fremder, das Kind hatte ja so
viel von ihm gesprochen. Der Alte streckte seinem Gast die Hand entgegen und
bewillkommte ihn mit Herzlichkeit. Dann setzten sich die Mnner auf die Bank an
der Htte, auch fr das Heidi wurde da noch ein Pltzchen gemacht und der Herr
Doktor winkte ihm freundlich, da es neben ihm sitzen solle. Nun fing er an zu
erzhlen, wie Herr Sesemann ihn ermuntert habe, die Reise zu machen, und wie er
auch selbst gefunden, es mchte gut fr ihn sein, da er sich seit langem nicht
mehr recht frisch und rstig fhle. Dem Heidi sagte er dann ins Ohr, es werde
bald noch etwas den Berg heraufkommen, das aus Frankfurt mit hergereist sei und
ihm eine viel grere Freude machen werde, als der alte Doktor. Das Heidi war
sehr gespannt darauf, zu erfahren, was das sein knne. Der Grovater ermunterte
den Herrn Doktor sehr, die schnen Herbsttage noch auf der Alm zuzubringen, oder
wenigstens an jedem schnen Tage heraufzukommen, denn hier oben zu bleiben, dazu
konnte ihn der Alm-hi nicht einladen, da war ja keine Gelegenheit, den Herrn zu
logieren. Er riet aber seinem Gast, nicht bis nach Ragaz zurckzukehren, sondern
unten im Drfli ein Zimmer zu beziehen, das er im dortigen Wirtshaus in einer
einfachen, aber ganz ordentlichen Art finden werde. So knnte der Herr Doktor
jeden Morgen nach der Alm heraufkommen, was ihm wohltun mte, meinte der hi,
auch wrde er dann gern den Herrn noch auf allerlei Punkte fhren, weiter hinauf
in die Berge, wo es ihm gefallen sollte. Diesem gefiel der ganze Vorschlag sehr
wohl und es wurde festgesetzt, da er ausgefhrt werden sollte.
    Unterdessen war die Sonne in den Mittag gekommen; der Wind hatte sich schon
lange gelegt und die Tannen waren ganz still geworden. Die Luft war fr die Hhe
noch mild und lieblich und suselte erfrischende Khle um die sonnebeschienene
Bank.
    Jetzt stand der Alm-hi auf und ging in die Htte hinein, kam aber gleich
wieder und brachte den Tisch heraus, den er vor die Bank hinstellte.
    So, Heidi, nun hol herbei, was wir zum Essen brauchen, sagte er. Der Herr
mu nun vorlieb nehmen; ist unsere Kche auch einfach, so ist das Ezimmer doch
anstndig.
    Das meine ich auch, erwiderte der Herr Doktor, indem er auf das
sonnebeleuchtete Tal hinunterschaute, und die Einladung nehme ich an, hier oben
mu es schmecken.
    Das Heidi lief nun hin und her wie ein Wiesel und brachte herbei, was es nur
drinnen im Schranke finden konnte; denn da es den Herrn Doktor bewirten durfte,
war ihm eine ungeheure Freude. Der Grovater bereitete unterdessen das Mahl und
trat nun heraus mit dem dampfenden Milchkrug und dem goldig glnzenden
Ksebraten.
    Dann schnitt er schne, durchsichtige Schnitten von dem rosigen Fleisch
herunter, das er hier oben an der reinen Luft getrocknet hatte. Dem Herrn Doktor
schmeckte sein Mittagsmahl so gut, wie das ganze Jahr durch noch kein einziges
Mal.
    Ja, ja, hierhin mu unsere Klara kommen, sagte er jetzt; da wird sie zu
ganz neuen Krften gelangen, und wenn sie eine Zeit lang it wie ich heute, so
wird sie rund und fest werden, wie sie in ihrem Leben noch nie war.
    Jetzt kam von unten herauf einer angestiegen, der hatte einen groen Ballen
auf dem Rcken. Wie er oben bei der Htte ankam, warf er seine Last auf den
Boden hin und sog ein paar gute Zge von der frischen Almluft ein.
    Ah, da kommt, was mit mir von Frankfurt hergereist ist, sagte der Herr
Doktor aufstehend, und das Heidi mit sich ziehend, trat er an den Ballen hin und
fing an, ihn aufzulsen. Als die erste, schwere Hlle weg war, sagte er:
    So, Kind, nun fahr weiter fort und hol dir deine Schtze selbst heraus.
    Das Heidi tat so, und wie nun alles auseinanderrollte, schaute es mit
groen, verwunderten Augen auf die Dinge hin. Erst als der Herr Doktor wieder
herzutrat und von der groen Schachtel den Deckel weghob, dem Heidi bedeutend:
Sieh, was die Gromutter zum Kaffee bekommt, da schrie es auf vor Freuden: O!
O! Jetzt kann die Gromutter einmal schne Kuchen essen! und sprang rings um
die Schachtel herum und wollte gleich alles zusammenpacken und zur Gromutter
hinuntereilen. Aber der Grovater sagte, gegen Abend wollten sie dann
miteinander den Herrn Doktor begleiten und die Sachen mitnehmen. Jetzt fand das
Heidi auch das schne Sckchen Tabak und brachte es schnell dem Grovater
herber. Das gefiel ihm sehr wohl; er fllte gleich sein Pfeifchen damit, und
die beiden Mnner sprachen nun, auf der Bank sitzend und groe Rauchwolken von
sich blasend, ber allerhand Dinge, whrend das Heidi hin und her sprang von
einem seiner Schtze zum andern. Auf einmal kam es wieder zu der Bank zurck,
stellte sich vor den Gast hin, und sowie die erste Pause im Gesprch entstand,
sagte es sehr bestimmt:
    Nein, es hat mir nichts mehr Freude gemacht, als der alte Herr Doktor.
    Die beiden Mnner muten ein wenig lachen und der Herr Doktor sagte, das
htte er nicht gedacht.
    Als die Sonne bald hinter die Berge hinabsteigen wollte, stand der Gast auf,
um seine Rckreise nach dem Drfli anzutreten und dort Quartier zu nehmen. Der
Grovater packte die Kuchenschachtel, die groe Wurst und das Tuch unter seinen
Arm, der Herr Doktor nahm das Heidi an die Hand und so wanderten sie den Berg
hinunter bis zur Geienpeter-Htte. Hier mute das Heidi Abschied nehmen; es
sollte drinnen bei der Gromutter warten, bis es wieder abgeholt wrde vom
Grovater, welcher seinen Gast nach dem Drfli hinunter geleiten wollte. Als der
Herr Doktor dem Heidi die Hand zum Abschied bot, fragte es: Wollten Sie etwa
gern morgen mit den Geien auf die Weide hinaufgehen? denn das war das
Schnste, was es kannte.
    Es bleibt dabei, Heidi, erwiderte er, wir gehen zusammen.
    Nun gingen die Mnner weiter und das Heidi trat bei der Gromutter ein. Erst
schleppte es mit Anstrengung die Kuchenschachtel mit; dann mute es wieder
hinaus, um die Wurst zu holen - denn der Grovater hatte alles vor der Tr
niedergelegt -; nachher mute es erst noch einmal hinaus, das groe Tuch zu
holen. Es brachte alles so nahe an die Gromutter heran, als nur mglich, damit
sie recht alles berhren knne und wisse, was es sei. Das Tuch legte es ihr auf
die Knie.
    Es ist alles aus Frankfurt, von der Klara und der Gromama, berichtete es
der hocherstaunten Gromutter und der verwunderten Brigitte, der die
berraschung so in die Glieder gefahren war, da sie unbeweglich zugeschaut
hatte, wie das Heidi mit der grten Anstrengung die schweren Gegenstnde
hereingeschleppt und nun alles vor ihren Augen ausgebreitet hatte.
    Aber gelt, Gromutter, die Kuchen freuen dich furchtbar stark? Sieh nur,
wie weich sie sind! rief das Heidi immer wieder, und die Gromutter besttigte:
Ja, ja, gewi Heidi; was sind auch das fr gute Leute! Dann strich sie wieder
mit der Hand ber das warme, weiche Tuch und sagte: Aber das ist etwas
Herrliches fr den kalten Winter! Das ist etwas so Prchtiges, da ich nie
geglaubt htte, ich knnte in meinem Leben dazu kommen.
    Das Heidi aber mute sich sehr verwundern, da die Gromutter an dem grauen
Tuch noch mehr Freude haben konnte, als an den Kuchen. Die Brigitte stand immer
noch vor der Wurst, die auf dem Tische lag, und schaute sie fast mit Verehrung
an. In ihrem ganzen Leben hatte sie nie eine solche Riesenwurst gesehen, und
diese sollte sie nun selbst besitzen und einmal sogar anschneiden; das kam ihr
unglaublich vor. Sie schttelte den Kopf und sagte zaghaft: Man wird doch noch
den hi fragen mssen, wie das gemeint sei.
    Aber das Heidi sagte ganz ohne Zweifel: Das ist zum Essen gemeint und gar
nicht anders.
    Jetzt kam der Peter hereingestolpert: Der Alm-hi kommt hinter mir drein,
das Heidi soll -; er konnte nicht mehr weiter. Seine Blicke waren auf den Tisch
gefallen, wo die Wurst lag, und der Anblick hatte ihn so berwltigt, da er
kein Wort mehr fand. Aber das Heidi hatte schon gemerkt, was kommen sollte, und
gab schnell der Gromutter die Hand. Der Alm-hi ging zwar jetzt nie mehr an der
Htte vorbei, ohne schnell hereinzutreten und die Gromutter zu begren. Sie
freute sich auch immer, wenn sie seinen Schritt hrte, denn er hatte jedes Mal
ein ermunterndes Wort fr sie. Aber heute war es spt geworden fr das Heidi,
das alle Morgen mit der Sonne drauen war. Der Grovater aber sagte: Das Kind
mu seinen Schlaf haben, und dabei blieb er. So rief er durch die offene Tr
der Gromutter nur eine gute Nacht zu und nahm das heranspringende Heidi bei der
Hand, und unter dem flimmernden Sternenhimmel hin wanderten die beiden ihrer
friedlichen Htte zu.

                                Eine Vergeltung


Am andern Morgen in der Frhe stieg der Herr Doktor vom Drfli den Berg hinan in
der Gesellschaft des Peter und seiner Geien. Der freundliche Herr versuchte ein
paar Mal, mit dem Geibuben ein Gesprch anzuknpfen; aber es gelang ihm nicht,
kaum da er als Antwort auf einleitende Fragen unbestimmte, einsilbige Worte zu
hren bekam. Der Peter lie sich nicht so leicht in ein Gesprch ein. So
wanderte die ganze, schweigende Gesellschaft bis hinauf zur Almhtte, wo schon
erwartend das Heidi stand mit seinen beiden Geien, alle drei munter und
frhlich wie der frhe Sonnenschein auf allen Hhen.
    Kommst mit? fragte der Peter, denn als Frage oder als Aufforderung sprach
er jeden Morgen diesen Gedanken aus.
    Freilich, natrlich, wenn der Herr Doktor mitkommt, gab das Heidi zurck.
    Der Peter sah den Herrn ein wenig von der Seite an.
    Jetzt trat der Grovater hinzu, das Mittagsbrot-Sckchen an der Hand. Erst
grte er den Herrn mit aller Ehrerbietung; dann trat er zum Peter hin und hing
ihm das Sckchen um.
    Es war schwerer als sonst, denn der hi hatte ein schnes Stck von dem
rtlichen Fleisch hineingelegt; er hatte gedacht, vielleicht gefalle es dem
Herrn droben auf der Weide und er nehme dann gern sein Mittagsmahl gleich dort
mit den Kindern ein. Der Peter lchelte fast von einem Ohr bis zum andern, denn
er ahnte, da da drinnen etwas Ungewhnliches versteckt sei.
    Nun wurde die Bergfahrt angetreten. Das Heidi wurde ganz von seinen Geien
umringt, jede wollte zunchst bei ihm sein, und eine schob die andere immer ein
wenig seitwrts. So wurde es eine Zeit lang mitten in dem Rudel mit
fortgeschoben. Aber jetzt stand es still und sagte ermahnend: Nun mt ihr
artig vorauslaufen, aber dann nicht immer wieder kommen und mich drngen und
stoen; ich mu jetzt ein wenig mit dem Herrn Doktor gehen. Dann klopfte es dem
Schneehppli, das sich immer am nchsten zu ihm hielt, zrtlich auf den Rcken
und ermahnte es noch besonders, nun recht folgsam zu sein. Dann arbeitete es
sich aus dem Rudel heraus und ging nun neben dem Herrn Doktor her, der es gleich
bei der Hand fate und festhielt. Er mute jetzt nicht mit Mhe nach einem
Gesprch suchen wie vorher, denn das Heidi fing gleich an und hatte ihm so viel
zu erzhlen von den Geien und ihren merkwrdigen Einfllen und von den Blumen
oben und den Felsen und Vgeln, da die Zeit unvermerkt dahinging und sie ganz
unerwartet oben auf der Weide anlangten. Der Peter hatte im Hinaufgehen fters
seitwrts auf den Herrn Doktor Blicke geworfen, die diesem einen rechten
Schrecken htten beibringen knnen; er sah sie aber glcklicherweise nicht.
    Oben angelangt, fhrte das Heidi seinen guten Freund gleich auf die schne
Stelle, wohin es immer ging und sich auf den Boden setzte und umherschaute, denn
da gefiel es ihm am besten. Es tat, wie es gewohnt war, und der Herr Doktor lie
sich gleich auch neben das Heidi auf den sonnigen Weidboden nieder. Ringsum
leuchtete der goldene Herbsttag ber die Hhen und das weite, grne Tal. Von den
unteren Alpen tnten berall die Herdenglocken herauf, so lieblich und
wohltuend, als ob sie weit und breit den Frieden einluteten. Auf dem groen
Schneefeld drben blitzten funkelnd und flimmernd goldene Sonnenstrahlen hin und
her, und der graue Falknis hob seine Felsentrme in alter Majestt hoch in den
dunkelblauen Himmel hinauf. Der Morgenwind wehte leise und wonnig ber die Alp
und bewegte nur sachte die letzten blauen Glockenblmchen, die noch brig
geblieben waren von der groen Schar des Sommers und nun noch wohlig ihre
Kpfchen im warmen Sonnenscheine wiegten. Obenhin flog der groe Raubvogel in
weiten Bogen umher, aber er krchzte heute nicht; mit ausgebreiteten Flgeln
schwamm er ruhig durch die Blue und lie sich's wohl sein. Das Heidi guckte
dahin und dorthin. Die lustig nickenden Blumen, der blaue Himmel, der frhliche
Sonnenschein, der vergngte Vogel in den Lften, alles war so schn, so schn!
Heidis Augen funkelten vor Wonne. Nun schaute es nach seinem Freunde, ob er auch
alles recht sehe, was so schn war. Der Herr Doktor hatte bis jetzt still und
gedankenvoll um sich geblickt. Wie er nun den freudeglnzenden Augen des Kindes
begegnete, sagte er:
    Ja, Heidi, es knnte schn sein hier; aber was meinst du? Wenn einer ein
trauriges Herz hierher brchte, wie mte er es wohl machen, da er an all dem
Schnen sich freuen knnte?
    O, o! rief das Heidi ganz frhlich aus; hier hat man gar nie ein
trauriges Herz, nur in Frankfurt.
    Der Herr Doktor lchelte ein wenig; aber das ging schnell vorber. Dann
sagte er wieder: Und wenn einer kme und alles Traurige aus Frankfurt mit hier
herauf brchte, Heidi; weit du da auch noch etwas, das ihm helfen knnte?
    Man mu nur alles dem lieben Gott sagen, wenn man gar nicht mehr wei, was
machen, sagte das Heidi ganz zuversichtlich.
    Ja, das ist schon ein guter Gedanke, Kind, bemerkte der Herr Doktor. Wenn
es aber von ihm selbst kommt, was so ganz traurig und elend macht, was kann man
da dem lieben Gott sagen?
    Das Heidi mute nachdenken, was dann zu machen sei; es war aber ganz
zuversichtlich, da man fr alle Traurigkeit eine Hilfe vom lieben Gott erhalten
knne. Es suchte seine Antwort in seinen eigenen Erlebnissen.
    Dann mu man warten, sagte es nach einer Weile mit Sicherheit, und nur
immer denken: jetzt wei der liebe Gott schon etwas Freudiges, das dann nachher
aus dem anderen kommt, man mu nur noch ein wenig still sein und nicht
fortlaufen. Dann kommt auf einmal alles so, da man ganz gut sehen kann, der
liebe Gott hatte die ganze Zeit nur etwas Gutes im Sinn gehabt; aber weil man
das vorher noch nicht so sehen kann, sondern immer nur das furchtbar Traurige,
so denkt man, es bleibe dann immer so.
    Das ist ein schner Glaube, den mut du festhalten, Heidi, sagte der Herr
Doktor. Eine Weile schaute er schweigend auf die mchtigen Felsenberge hinber
und in das sonneleuchtende, grne Tal hinab, dann sagte er wieder:
    Siehst du, Heidi, es knnte einer hier sitzen, der einen groen Schatten
auf den Augen htte, so da er das Schne gar nicht aufnehmen knnte, das ihn
hier umgibt. Dann mchte doch wohl das Herz traurig werden hier, doppelt
traurig, wo es so schn sein knnte. Kannst du das verstehen?
    Jetzt scho dem Heidi etwas Schmerzliches in sein frohes Herz. Der groe
Schatten auf den Augen brachte ihm die Gromutter in Erinnerung, die ja nie mehr
die helle Sonne und all das Schne hier oben sehen konnte. Das war ein Leid in
Heidis Herzen, das immer neu erwachte, sobald die Sache ihm wieder ins
Bewutsein kam. Es schwieg eine Weile ganz still, denn das Weh hatte es so
mitten in die Freude hineingetroffen. Dann sagte es ernsthaft:
    Ja, das kann ich schon verstehen. Aber ich wei etwas: dann mu man die
Lieder der Gromutter sagen, die machen einem wieder ein wenig helle und
manchmal so hell, da man ganz frhlich wird. Das hat die Gromutter gesagt.
    Welche Lieder, Heidi? fragte der Herr Doktor.
    Ich kann nur das von der Sonne und dem schnen Garten und noch von dem
andern langen die Verse, die der Gromutter lieb sind, denn die mu ich immer
dreimal lesen, erwiderte das Heidi.
    So sag mir einmal diese Verse, die mchte ich auch hren, und der Herr
Doktor setzte sich zurecht, um aufmerksam zuzuhren.
    Das Heidi legte seine Hnde ineinander und besann sich noch ein Weilchen:
    Soll ich dort anfangen, wo die Gromutter sagt, da einem wieder eine
Zuversicht ins Herz kommt?
    Der Herr Doktor nickte bejahend.
    Jetzt begann das Heidi:

Ihn, ihn la tun und walten,
Er ist ein weiser Frst
Und wird es so gestalten,
Da du dich wundern wirst;
Wenn er, wie ihm gebhret,
Mit wunderbarem Rat
Das Werk hinausgefhret,
Das dich bekmmert hat.

Er wird zwar eine Weile
Mit seinem Trost verziehn
Und tun an seinem Teile,
Als htt' in seinem Sinn
Er deiner sich begeben,
Als sollt'st du fr und fr
In Angst und Nten schweben,
Als fragt' er nichts nach dir.

Wird's aber sich begeben,
Da du ihm treu verbleibst,
So wird er dich erheben,
Da du's am mind'sten glubst.
Er wird dein Herz erlsen
Von der so schweren Last,
Die du zu keinem Bsen
Bisher getragen hast.

Das Heidi hielt pltzlich inne, es war nicht sicher, da der Herr Doktor auch
noch zuhre. Er hatte die Hand ber seine Augen gebreitet und sa unbeweglich
da. Es dachte, er sei vielleicht ein wenig eingeschlafen; wenn er dann wieder
erwachte und noch mehr Verse hren wollte, wrde er es schon sagen. Jetzt war
alles still. Der Herr Doktor sagte nichts, aber er schlief doch nicht. Er war in
eine lang vergangene Zeit zurckversetzt. Da stand er als ein kleiner Junge
neben dem Sessel seiner lieben Mutter; die hatte ihren Arm um seinen Hals gelegt
und sagte ihm das Lied vor, das er eben von Heidi hrte und das er so lange
nicht mehr vernommen hatte. Jetzt hrte er die Stimme seiner Mutter wieder und
sah ihre guten Augen so liebevoll auf ihm ruhen, und als die Worte des Liedes
verklungen waren, hrte er die freundliche Stimme noch andere Worte zu ihm
sprechen; die mute er gerne hren und ihnen weit nachgehen in seinen Gedanken,
denn noch lange Zeit sa er so da, das Gesicht in seine Hand gelegt, schweigend
und regungslos. Als er sich endlich aufrichtete, sah er, wie das Heidi in
Verwunderung nach ihm blickte. Er nahm die Hand des Kindes in die seinige.
    Heidi, dein Lied war schn, sagte er und seine Stimme klang froher, als
sie bis jetzt geklungen hatte. Wir wollen wieder hierherkommen, dann sagst du
mir's noch einmal.
    Whrend dieser ganzen Zeit hatte der Peter genug zu tun gehabt, seinem rger
Luft zu machen. Da war das Heidi seit vielen Tagen nicht mit auf der Weide
gewesen, und nun, da es endlich einmal wieder mit war, sa der alte Herr die
ganze Zeit neben ihm und der Peter konnte gar nicht an das Heidi herankommen.
Das verdro ihn sehr stark. Er stellte sich in einiger Entfernung hinter dem
ahnungslosen Herrn auf, so, da dieser ihn nicht sehen konnte, und hier machte
er erst eine groe Faust und schwang sie drohend in der Luft herum, und nach
einiger Zeit machte er zwei Fuste, und je lnger das Heidi neben dem Herrn
sitzen blieb, je schrecklicher ballte der Peter seine Fuste und streckte sie
immer hher und drohender in die Luft hinauf hinter dem Rcken des Bedrohten.
    Unterdessen war die Sonne dahin gekommen, wo sie steht, wenn man zu Mittag
essen mu; das kannte der Peter genau. Auf einmal schrie er aus allen Krften zu
den zweien hinber:
    Man mu essen!
    Das Heidi stand auf und wollte den Sack herbeiholen, damit der Herr Doktor
auf dem Platze, wo er sa, sein Mittagsmahl abhalten knne. Aber er sagte, er
habe keinen Hunger, er wnsche nur ein Glas Milch zu trinken, dann wolle er gern
noch ein wenig auf der Alp umhergehen und etwas weiter hinaufsteigen. Da fand
das Heidi, dann habe es auch keinen Hunger und wolle auch nur Milch trinken, und
nachher wolle es den Herrn Doktor hinauffhren zu den groen, moosbedeckten
Steinen hoch oben, wo der Distelfink einmal fast hinuntergesprungen wre und wo
alle die wrzigen Krutlein wchsen. Es lief zum Peter hinber und erklrte ihm
alles und da er nun erst eine Schale Milch vom Schwnli nehmen msse fr den
Herrn Doktor und dann noch eine, die wolle es fr sich haben. Der Peter schaute
erst eine Weile sehr erstaunt das Heidi an, dann fragte er:
    Wer mu haben, was im Sack ist?
    Das kannst du haben, aber zuerst mut du die Milch geben und hurtig, war
Heidis Antwort.
    So rasch hatte der Peter in seinem Leben noch keine Tat vollendet, als er
nun diese fertig brachte, denn er sah immer den Sack vor sich und wute noch
nicht, wie das aussah, das drinnen war und nun ihm gehrte. Sobald drben die
beiden ruhig ihre Milch tranken, ffnete der Peter den Sack und tat einen Blick
hinein. Als er das wundervolle Stck Fleisch gewahr wurde, da schttelte es den
ganzen Peter vor Freude und er tat noch einen Blick hinein, um sich zu
versichern, da es auch wahr sei. Dann fuhr er mit der Hand in den Sack hinein,
um die erwnschte Gabe zum Genu herauszuholen. Aber auf einmal zog er die Hand
wieder zurck, als ob er nicht zugreifen drfe. Es war dem Peter in den Sinn
gekommen, wie er dort hinter dem Herrn gestanden und gegen ihn gefaustet hatte,
und nun schenkte ihm derselbe Herr sein ganzes, unvergleichliches Mittagsessen.
Jetzt reute den Peter seine Tat, denn es war ihm gerade so, wie wenn sie ihn
verhinderte, sein schnes Geschenk herauszunehmen und sich daran zu erlaben. Auf
einmal sprang er in die Hhe und lief zurck auf die Stelle hin, wo er gestanden
hatte. Da streckte er seine beiden Hnde ganz flach in die Luft hinauf, zum
Zeichen, da das Fausten nicht mehr gelte, und so blieb er eine gute Weile
stehen, bis er das Gefhl hatte, die Sache sei nun wieder ausgeglichen. Dann kam
er in groen Sprngen zu dem Sack zurck, und nun, da das gute Gewissen
hergestellt war, konnte er mit vollem Vergngen in sein ungewhnlich leckeres
Mittagsmahl beien.
    Der Herr Doktor und das Heidi waren lange miteinander herumgewandert und
hatten sich sehr gut unterhalten. Jetzt aber fand der Herr, es sei Zeit fr ihn
zurckzukehren, und meinte, das Kind wolle nun auch gern noch ein wenig bei
seinen Geien bleiben. Aber das kam dem Heidi nicht in den Sinn, denn dann mute
ja der Herr Doktor mutterseelenallein die ganze Alp hinuntergehen. Bis zur Htte
vom Grovater wollte es ihn durchaus begleiten und auch noch ein Stck darber
hinaus. Es ging immer Hand in Hand mit seinem guten Freunde und hatte auf dem
ganzen Wege ihm noch genug zu erzhlen und ihm alle Stellen zu zeigen, wo die
Geien am liebsten weideten und wo es im Sommer am meisten von den glnzenden,
gelben Weiderschen und vom roten Tausendgldenkraut und noch anderen Blumen
gebe. Die wute es nun alle zu benennen, denn der Grovater hatte ihm den Sommer
durch alle ihre Namen beigebracht, so wie er sie kannte. Aber zuletzt sagte der
Herr Doktor, nun msse er zurckkehren. Sie nahmen Abschied und der Herr ging
den Berg hinunter; doch kehrte er sich von Zeit zu Zeit noch einmal um. Dann sah
er, wie das Heidi immer noch auf derselben Stelle stand und ihm nachschaute und
mit der Hand ihm nachwinkte. So hatte sein eigenes, liebes Tchterchen getan,
wenn er vom Hause fortging. -
    Es war ein klarer, sonniger Herbstmonat. Jeden Morgen kam der Herr Doktor
zur Alp herauf und dann ging es gleich weiter auf eine schne Wanderung. fters
zog er mit dem Alm-hi aus, hoch in die Felsenberge hinauf, wo die alten
Wettertannen herunternickten und der groe Vogel in der Nhe hausen mute, denn
da schwirrte er manchmal sausend und krchzend ganz nahe an den Kpfen der
beiden Mnner vorbei. Der Herr Doktor hatte ein groes Wohlgefallen an der
Unterhaltung seines Begleiters und er mute sich immer mehr verwundern, wie gut
der hi alle Krutlein ringsherum auf seiner Alp kannte und wute, wozu sie gut
waren, und wie viel kostbare und gute Dinge er da droben berall herauszufinden
wute; so in den harzigen Tannen und in den dunkeln Fichtenbumen mit den
duftenden Nadeln, in dem gekruselten Moos, das zwischen den alten Baumwurzeln
emporspro, und in all den feinen Pflnzchen und unscheinbaren Blmchen, die
noch ganz hoch oben dem krftigen Alpenboden entsprangen.
    Ebenso genau kannte der Alte auch das Wesen und Treiben aller Tiere da oben,
der groen und der kleinen, und er wute dem Herrn Doktor ganz lustige Dinge von
der Lebensweise dieser Bewohner der Felsenlcher, der Erdhhlen und auch der
hohen Tannenwipfel zu erzhlen.
    Dem Herrn Doktor verging die Zeit auf diesen Wanderungen, er wute gar
nicht wie, und oftmals, wenn er am Abend dem hi herzlich die Hand zum Abschied
schttelte, mute er von neuem sagen:
    Guter Freund, von Ihnen geh' ich nie fort, ohne wieder etwas gelernt zu
haben.
    An vielen Tagen aber, und gewhnlich an den allerschnsten, wnschte der
Herr Doktor mit dem Heidi auszuziehen. Dann saen sie fter miteinander auf dem
schnen Vorsprung der Alp, wo sie am ersten Tag gesessen hatten, und das Heidi
mute wieder seine Liederverse sagen und dem Herrn Doktor erzhlen, was es nur
wute. Dann sa der Peter fter hinter ihnen an seinem Platze, aber er war jetzt
ganz zahm und faustete nie mehr.
    So ging der schne Septembermonat zu Ende. Da kam der Herr Doktor eines
Morgens und sah nicht so frhlich aus, wie er sonst immer ausgesehen hatte. Er
sagte, es sei sein letzter Tag, er msse nach Frankfurt zurckkehren; das mache
ihm groe Mhe, denn er habe die Alp lieb gewonnen. Dem Alm-hi tat die
Nachricht sehr leid, denn auch er hatte sich beraus gern mit dem Herrn Doktor
unterhalten, und das Heidi hatte sich so daran gewhnt, alle Tage seinen guten
und liebevollen Freund zu sehen, da es gar nicht begreifen konnte, wie das nun
mit einemmale ein Ende nehmen sollte. Es schaute fragend und ganz verwundert zu
ihm auf. Aber es war wirklich so. Der Herr Doktor nahm Abschied vom Grovater
und fragte dann, ob das Heidi ihn noch ein wenig begleiten werde. Es ging an
seiner Hand den Berg hinunter, aber es konnte immer noch nicht recht fassen, da
er ganz fortgehe.
    Nach einer Weile stand der Herr Doktor still und sagte, nun sei das Heidi
weit genug gekommen, es msse zurckkehren. Er fuhr ein paarmal zrtlich mit
seiner Hand ber das krause Haar des Kindes hin und sagte: Nun mu ich fort,
Heidi! Wenn ich dich nur mit mir nach Frankfurt nehmen und bei mir behalten
knnte!
    Dem Heidi stand auf einmal ganz Frankfurt vor den Augen, die vielen, vielen
Huser und steinernen Straen und auch Frulein Rottenmeier und die Tinette, und
es antwortete ein wenig zaghaft: Ich wollte doch lieber, da Sie wieder zu uns
kmen.
    Nun ja, so wird's besser sein. So leb wohl, Heidi, sagte freundlich der
Herr Doktor und hielt ihm die Hand hin. Das Kind legte die seinige hinein und
schaute zu dem Scheidenden auf. Die guten Augen, die zu ihm niederblickten,
fllten sich mit Wasser. Jetzt wandte sich der Herr Doktor rasch und eilte den
Berg hinunter.
    Das Heidi blieb stehen und rhrte sich nicht. Die liebevollen Augen und das
Wasser, das es darinnen gesehen hatte, arbeiteten stark in seinem Herzen. Auf
einmal brach es in ein lautes Weinen aus und mit aller Macht strzte es dem
Forteilenden nach und rief, von Schluchzen unterbrochen, aus allen Krften:
    Herr Doktor! Herr Doktor!
    Er kehrte um und stand still.
    Jetzt hatte ihn das Kind erreicht. Die Trnen strmten ihm die Wangen
herunter, whrend es herausschluchzte:
    Ich will gewi auf der Stelle mit nach Frankfurt kommen und will bei Ihnen
bleiben, so lang Sie wollen, ich mu es nur noch geschwind dem Grovater sagen.
    Der Herr Doktor streichelte beruhigend das erregte Kind.
    Nein, mein liebes Heidi, sagte er mit dem freundlichsten Tone, nicht
jetzt auf der Stelle; du mut noch unter den Tannen bleiben, du knntest mir
wieder krank werden. Aber komm, ich will dich etwas fragen: Wenn ich einmal
krank und allein bin, willst du dann zu mir kommen und bei mir bleiben? Kann ich
denken, da sich dann noch jemand um mich kmmern und mich lieb haben will?
    Ja, ja, dann will ich sicher kommen, noch am gleichen Tag, und Sie sind mir
auch fast so lieb wie der Grovater, versicherte das Heidi noch unter
fortwhrendem Schluchzen.
    Jetzt drckte ihm der Herr Doktor noch einmal die Hand, dann setzte er rasch
seinen Weg fort. Das Heidi aber blieb auf derselben Stelle stehen und winkte
fort und fort mit seiner Hand, so lange es nur noch ein Pnktchen von dem
forteilenden Herrn entdecken konnte. Als dieser zum letztenmal sich umwandte und
nach dem winkenden Heidi und der sonnigen Alp zurckschaute, sagte er leise vor
sich hin:
    Dort oben ist's gut sein, da knnen Leib und Seele gesunden und man wird
wieder seines Lebens froh.

                              Der Winter im Drfli


Um die Almhtte lag der Schnee so hoch, da es anzusehen war, als stnden die
Fenster auf dem flachen Boden, denn weiter unten war von der ganzen Htte gar
nichts zu sehen, auch die Haustr war vllig verschwunden. Wre der Alm-hi noch
oben gewesen, so htte er dasselbe tun mssen, was der Peter tglich ausfhren
mute, weil es gewhnlich ber Nacht wieder geschneit hatte. Jeden Morgen mute
er jetzt aus dem Fenster der Stube hinausspringen, und war es nicht sehr kalt,
so da ber Nacht alles zusammengefroren war, so versank er dann so tief in dem
weichen Schnee, da er mit Hnden und Fen und mit dem Kopf auf alle Seiten
stoen und werfen und ausschlagen mute, bis er sich wieder herausgearbeitet
hatte. Dann bot ihm die Mutter den groen Besen aus dem Fenster und mit diesem
stie und scharrte der Peter nun den Schnee vor sich weg, bis er zur Tr kam.
Dort hatte er dann eine groe Arbeit, denn da mute aller Schnee abgegraben
werden, sonst fiel entweder, wenn er noch weich war und die Tr aufging, die
ganze, groe Masse in die Kche hinein, oder er fror zu, und nun war man ganz
vermauert drinnen, denn durch diesen Eisfelsen konnte man nicht dringen und
durch das kleine Fenster konnte nur der Peter hinausschlpfen. Fr diesen
brachte dann die Zeit des Gefrierens viele Bequemlichkeiten mit sich. Wenn er
ins Drfli hinunter mute, ffnete er nur das Fenster, kroch durch und kam
drauen zu ebener Erde auf dem festen Schneefeld an. Dann schob ihm die Mutter
den kleinen Schlitten durch das Fenster nach, und der Peter hatte sich nur
darauf zu setzen und abzufahren, wie und wo er wollte, er kam jedenfalls
hinunter, denn die ganze Alm um und um war dann nur ein groer, ununterbrochener
Schlittweg.
    Der hi war nicht auf der Alp den Winter; er hatte Wort gehalten. Sobald der
erste Schnee gefallen war, hatte er Htte und Stall abgeschlossen und war mit
dem Heidi und den Geien nach dem Drfli hinuntergezogen. Dort stand in der Nhe
der Kirche und des Pfarrhauses ein weitlufiges Gemuer, das war in alter Zeit
ein groes Herrenhaus gewesen, was man noch an vielen Stellen sehen konnte,
obschon jetzt das Gebude berall ganz oder halb zerfallen war. Da hatte einmal
ein tapferer Kriegsmann gewohnt; der war in spanische Dienste gegangen und hatte
da viele tapfere Taten verrichtet und viele Reichtmer erbeutet. Da war er
heimgekommen nach dem Drfli und hatte aus seiner Beute ein prchtiges Haus
erstellt; darinnen wollte er nun wohnen. Aber es ging gar nicht lange, so konnte
er es in dem stillen Drfli nicht mehr aushalten vor Langerweile, denn er hatte
zu lange drauen in der lrmvollen Welt gelebt. Er zog wieder hinaus und kam gar
niemals mehr zurck. Als man nach vielen, vielen Jahren sicher wute, da er tot
war, bernahm ein ferner Verwandter unten im Tal das Haus, aber es war schon am
Verfallen und der neue Besitzer wollte nicht mehr aufbauen. So zogen arme Leute
in das Haus, die wenig dafr bezahlen muten, und wenn ein Stck abfiel von dem
Gebude, so lie man es liegen. Seit jener Zeit waren nun wieder viele Jahre
darbergegangen. Schon als der hi mit seinem jungen Buben Tobias hergekommen
war, hatte er das verfallene Haus bezogen und darin gelebt. Seither hatte es
meistens leer gestanden, denn wer nicht verstand, vorweg dem Verfall ein wenig
zu begegnen und die Lcher und Lcken, wo sie entstanden, gleich irgendwie zu
stopfen und zu flicken, der konnte da nicht bleiben. Der Winter droben im Drfli
war lang und kalt. Dann blies und wehte es von allen Seiten durch die Rume, da
die Lichter auslschten und die armen Leute vom Frost geschttelt wurden. Aber
der hi wute sich zu helfen. Gleich nachdem er zu dem Entschlu gekommen war,
den Winter im Drfli zuzubringen, hatte er das alte Haus wieder bernommen und
war den Herbst durch fter heruntergekommen, um darin alles so herzurichten, wie
es ihm gefiel. Um die Mitte des Oktobermonats war er dann mit dem Heidi
heruntergezogen.
    Kam man von hinten an das Haus heran, so trat man gleich in einen offenen
Raum ein, da war auf einer Seite die ganze Wand und auf der andern die halbe
eingefallen. ber dieser war noch ein Bogenfenster zu sehen, aber das Glas war
lngst weg daraus und dicker Epheu rankte sich darum und hoch hinauf bis zur
Decke, die noch zur Hlfte fest war. Die war schn gewlbt und man konnte gut
sehen, das war die Kapelle gewesen. Ohne Tr kam man weiter in eine groe Halle
hinein, da waren hier und da noch schne Steinplatten auf dem Boden und
zwischendurch wuchs das Gras dicht empor. Da waren die Mauern auch alle halb weg
und groe Stcke der Decke dazu, und htten da nicht ein paar dicke Sulen noch
ein festes Stck der Decke getragen, so htte man denken mssen, diese knne
jeden Augenblick auf die Kpfe derer niederfallen, die darunter standen. Hier
hatte der hi einen Bretterverschlag ringsum gemacht und den Boden dick mit
Streu belegt, denn hier in der alten Halle sollten die Geien logieren. Dann
ging es durch allerlei Gnge, immer halb offen, da einmal der Himmel
hereinguckte und einmal wieder die Wiese und der Weg drauen. Aber zuvorderst,
wo die schwere, eichene Tr noch fest in den Angeln hing, kam man in eine groe,
weite Stube hinein, die war noch gut. Da waren noch die vier festen Wnde mit
dem dunkeln Holzgetfel ohne Lcken, und in der einen Ecke stand ein ungeheurer
Ofen, der ging fast bis an die Decke hinauf, und auf die weien Kacheln waren
groe, blaue Bilder hingemalt. Da waren alte Trme darauf, mit hohen Bumen
ringsum, und unter den Bumen ging ein Jger dahin mit seinen Hunden. Dann war
wieder ein stiller See unter weitschattigen Eichen, und ein Fischer stand daran
und hielt seine Rute weit in das Wasser hinaus. Um den ganzen Ofen herum ging
eine Bank, so da man da gleich hinsitzen und die Bilder studieren konnte. Hier
gefiel es dem Heidi sogleich. So wie es mit dem Grovater in die Stube
eingetreten war, lief es auf den Ofen zu, setzte sich auf die Bank und fing an,
die Bilder zu betrachten. Aber wie es, auf der Bank weiter gleitend, bis hinter
den Ofen gelangte, nahm eine neue Erscheinung seine ganze Aufmerksamkeit in
Beschlag: in dem ziemlich groen Raum zwischen dem Ofen und der Wand waren vier
Bretter erstellt, so wie zu einem pfelbehlter. Darinnen lagen aber nicht
pfel, da lag unverkennbar Heidis Bett, ganz so, wie es oben auf der Alm gewesen
war: ein hohes Heulager mit dem Leintuch und dem Sack als Decke darauf. Das
Heidi jauchzte auf:
    O, Grovater, da ist meine Kammer, o wie schn! Aber wo mut du schlafen?
    Deine Kammer mu nah beim Ofen sein, damit du nicht frierst, sagte der
Grovater; die meine kannst du auch sehen.
    Das Heidi hpfte durch die weite Stube dem Grovater nach, der auf der
andern Seite eine Tr aufmachte, die in einen kleinen Raum hineinfhrte, da
hatte der Grovater sein Lager errichtet. Dann kam aber wieder eine Tr. Das
Heidi machte sie geschwind auf und stand ganz verwundert still, denn da sah man
in eine Art von Kche hinein, die war so ungeheuer gro, wie es noch nie in
seinem Leben eine gesehen hatte. Da war viel Arbeit fr den Grovater gewesen
und es blieb auch noch immer viel zu tun brig, denn da waren Lcher und weite
Spalten in den Mauern auf allen Seiten, wo der Wind hereinpfiff, und doch waren
schon so viele mit Holzbrettern vernagelt worden, da es aussah, als wren
ringsum kleine Holzschrnke in der Mauer angebracht. Auch die groe, uralte Tr
hatte der Grovater wieder mit vielen Drhten und Ngeln fest zu machen
verstanden, so da man sie schlieen konnte, und das war gut, denn nachher ging
es in lauter verfallenes Gemuer hinaus, wo dickes Gestrpp emporwuchs und
Scharen von Kfern und Eidechsen ihre Wohnungen hatten.
    Dem Heidi gefiel es wohl in der neuen Behausung, und schon am andern Tag,
als der Peter kam, um zu sehen, wie es in der neuen Wohnung zugehe, hatte es
schon alle Winkel und Ecken so genau ausgeguckt, da es ganz daheim war und den
Peter berall herumfhren konnte. Es lie ihm auch durchaus keine Ruhe, bis er
ganz grndlich alle die merkwrdigen Dinge betrachtet hatte, die der neue
Wohnsitz enthielt.
    Das Heidi schlief vortrefflich in seinem Ofenwinkel; aber am Morgen meinte
es doch immer, es sollte auf der Alp erwachen und es msse gleich die Httentr
aufmachen, um zu sehen, ob die Tannen nicht rauschten, weil der hohe, schwere
Schnee darauf liege und die ste niederdrcke. So mute es jeden Morgen zuerst
lang hin und her schauen, bis es sich wieder besinnen konnte, wo es war, und
jedesmal fhlte es etwas auf seinem Herzen liegen, das es wrgte und drckte,
wenn es sah, da es nicht daheim sei auf der Alp. Aber wann es dann den
Grovater reden hrte, drauen mit dem Schwnli und dem Brli, und dann die
Geien so laut und lustig meckerten, als wollten sie ihm zurufen: Mach doch,
da du einmal kommst, Heidi - dann merkte es, da es doch daheim war, und
sprang frhlich aus seinem Bett und dann so schnell als mglich in den groen
Geienstall hinaus. Aber am vierten Tage sagte das Heidi sorglich: Heute mu
ich gewi zur Gromutter hinauf, sie kann nicht so lange allein sein.
    Aber der Grovater war nicht einverstanden. Heute nicht und morgen auch
noch nicht, sagte er. Die Alm hinauf liegt der Schnee klaftertief und immer
noch schneit es fort; kaum kann der feste Peter durchkommen. Ein Kleines, wie
du, Heidi, wre auf der Stelle eingeschneit und zugedeckt und nicht mehr zu
finden. Wart' noch ein wenig, bis es friert, dann kannst du schon ber die
Schneedecke hinaufspazieren.
    Das Warten machte zuerst dem Heidi ein wenig Kummer. Aber die Tage waren
jetzt so angefllt von Arbeit, da immer einer unversehens dahin war und ein
anderer kam.
    Jeden Morgen und jeden Nachmittag ging das Heidi jetzt in die Schule im
Drfli und lernte ganz eifrig, was da zu lernen war. Den Peter sah es aber fast
nie in der Schule, denn meistens kam er nicht. Der Lehrer war ein milder Mann,
der nur hier und da sagte: Es scheint mir, der Peter sei wieder nicht da; die
Schule tte ihm doch gut, aber es liegt auch gar viel Schnee dort hinauf, er
wird wohl nicht durchkommen. Aber gegen Abend, wenn die Schule aus war, kam der
Peter meistens durch und machte seinen Besuch beim Heidi.
    Nach einigen Tagen kam die Sonne wieder hervor und warf ihre Strahlen ber
den weien Boden hin; aber sie ging ganz frh wieder hinter die Berge hinab, so,
als gefalle es ihr lange nicht so gut herunterzuschauen, wie im Sommer, wenn
alles grnte und blhte. Aber am Abend kam der Mond ganz hell und gro herauf
und leuchtete die ganze Nacht ber die weiten Schneefelder hin und am andern
Morgen glitzerte und flimmerte die ganze Alp von oben bis unten wie ein
Kristall. Als der Peter, wie die Tage vorher, aus seinem Fenster in den tiefen
Schnee hinabspringen wollte, ging es ihm, wie er nicht erwartet hatte. Er nahm
einen Satz hinaus, aber anstatt ins Weiche hinab zu kommen, schlug es ihn auf
dem unerwartet harten Boden gleich um, und unversehens fuhr er ein gutes Stck
den Berg hinunter wie ein herrenloser Schlitten. Sehr verwundert kam er
schlielich wieder auf seine Fe, und nun stampfte er mit aller Macht auf den
Schneeboden, um sich zu versichern, da auch wirklich mglich sei, was ihm
soeben begegnet war. Es war richtig: wie er auch stampfte und einschlug mit den
Abstzen, kaum konnte er ein kleines Eissplitterchen herausschlagen; die ganze
Alm war steinhart zugefroren. Das war dem Peter eben recht: er wute, da dieser
Zustand der Dinge ntig war, damit das Heidi einmal wieder da heraufkommen
konnte. Schleunig kehrte er um, schluckte seine Milch hinunter, welche die
Mutter eben auf den Tisch gestellt hatte, steckte sein Stcklein Brot in die
Tasche und sagte eilig: Ich mu in die Schule.
    Ja, so geh und lern auch brav, sagte die Mutter beistimmend.
    Der Peter kroch zum Fenster hinaus - denn nun war man eingesperrt um des
Eisberges willen vor der Tr -, zog seinen kleinen Schlitten nach sich, setzte
sich darauf und scho den Berg hinunter.
    Es ging wie der Blitz, und als er beim Drfli da ankam, wo es gleich weiter
hinab gegen Maienfeld hin ging, fuhr der Peter weiter, denn es kam ihm so vor,
als mte er sich und dem Schlitten Gewalt antun, wenn er auf einmal den Lauf
einhalten wollte. So fuhr er zu, bis er ganz unten in der Ebene ankam und es von
selbst nicht mehr weiter ging. Dann stieg er ab und schaute sich um. Die Gewalt
der Niederfahrt hatte ihn noch ziemlich ber Maienfeld hinausgejagt. Jetzt
bedachte er, da er jedenfalls zu spt in die Schule kme, da sie schon lange
begonnen hatte, er aber zum Hinaufsteigen fast eine Stunde brauchte. So konnte
er sich alle Zeit lassen zur Rckkehr. Das tat er denn auch und kam gerade oben
im Drfli wieder an, als das Heidi aus der Schule zurckgekehrt war und sich mit
dem Grovater an den Mittagstisch setzte. Der Peter trat herein, und da er
diesmal einen besonderen Gedanken mitzuteilen hatte, so lag ihm dieser oben auf
und er mute ihn gleich beim Eintreten los werden.
    Es hat ihn, sagte der Peter, mitten in der Stube stillstehend.
    Wen? Wen? General! Das tnt ziemlich kriegerisch, sagte der hi.
    Den Schnee, berichtete Peter.
    O! o! Jetzt kann ich zur Gromutter hinauf! frohlockte das Heidi, das die
ganze Ausdrucksweise des Peter gleich verstanden hatte. Aber warum bist du denn
nicht in die Schule gekommen? Du konntest ja gut herunterschlitten, setzte es
auf einmal vorwurfsvoll hinzu, denn dem Heidi kam es vor, das sei nicht in der
Ordnung, so drauen zu bleiben, wenn man doch gut in die Schule gehen knnte.
    Bin zu weit gekommen mit dem Schlitten, war zu spt, gab der Peter zurck.
    Das nennt man desertieren, sagte der hi, und Leute, die das tun, nimmt
man bei den Ohren, hrst du?
    Der Peter ri erschrocken an seiner Kappe herum, denn vor keinem Menschen
auf der Welt hatte er einen so groen Respekt wie vor dem Alm-hi.
    Und dazu ein Anfhrer, wie du einer bist, der mu sich doppelt schmen, so
auszureien, fuhr der hi fort. Was meinst, wenn einmal deine Geien eine da
und die andere dort hinausliefen und sie wollten dir nicht mehr folgen und nicht
tun, was gut ist fr sie, was wrdest du dann machen?
    Sie hauen, entgegnete der Peter kundig.
    Und wenn einmal ein Bub so tte, wie eine ungebrdige Gei, und er wrde
ein wenig durchgehauen, was wrdest du dann sagen?
    Geschieht ihm recht, war die Antwort.
    So, jetzt weit was, Geienoberst: wenn du noch einmal auf deinem Schlitten
ber die Schule hinaus fhrst, wenn du hinein solltest, so komm dann nachher zu
mir und hol dir, was dir dafr gehrt.
    Jetzt verstand der Peter den Zusammenhang der Rede und da er mit dem Buben
gemeint sei, der fortlaufe wie eine ungebrdige Gei. Er war ganz getroffen von
dieser hnlichkeit und schaute ein wenig bnglich in die Winkel hinein, ob so
etwas zu entdecken sei, wie er es in solchen Fllen fr die Geien gebrauchte.
    Aber ermunternd sagte nun der hi: Komm an den Tisch jetzt und halt mit,
dann geht das Heidi mit dir. Am Abend bringst du's wieder heim, dann findest du
dein Nachtessen hier. Diese unerwartete Wendung der Dinge war dem Peter hchst
erfreulich; sein Gesicht verzog sich auf alle Seiten vor Vergngen. Er gehorchte
unverzglich und setzte sich neben das Heidi hin. Das Kind aber hatte schon
genug und konnte gar nicht mehr schlucken vor Freude, da es zur Gromutter
gehen sollte. Es schob die groe Kartoffel und den Ksebraten, die noch auf
seinem Teller lagen, dem Peter zu, der von der andern Seite vom hi den Teller
voll bekommen hatte, so da ein ganzer Wall vor ihm aufgerichtet stand; aber der
Mut zum Angriff fehlte ihm nicht. Das Heidi rannte an den Schrank und holte sein
Mntelchen von der Klara hervor; jetzt konnte es, ganz warm eingepackt, mit der
Kapuze ber dem Kopf, seine Reise machen. Es stellte sich nun neben den Peter
hin, und sobald dieser sein letztes Stck eingeschoben hatte, sagte es: Jetzt
komm! Dann machten sie sich auf den Weg. Das Heidi hatte dem Peter sehr viel zu
erzhlen vom Schwnli und Brli, da sie beide am ersten Tag in dem neuen Stall
gar nicht hatten fressen wollen und da sie die Kpfe hatten hngen lassen den
ganzen Tag und keinen Ton von sich gegeben hatten. Und es habe den Grovater
gefragt, warum sie so tun; dann habe er gesagt: sie tun so, wie es in Frankfurt,
denn sie seien noch nie von der Alm heruntergekommen ihr Leben lang. Und das
Heidi setzte hinzu: Du solltest nur einmal erfahren, wie das ist, Peter.
    Die beiden waren so fast oben angekommen, ohne da der Peter ein einziges
Wort gesagt htte, und es war auch, als ob ihn ein tiefer Gedanke beschftigte,
da er nicht einmal recht zuhren konnte, wie sonst. Als sie nun bei der Htte
angekommen waren, stand der Peter still und sagte ein wenig strrisch: Dann
will ich noch lieber in die Schule gehen, als beim hi holen, was er gesagt
hat.
    Das Heidi war derselben Meinung und bestrkte den Peter ganz eifrig in
seinem Vorsatz. Drinnen in der Stube sa die Mutter allein beim Flickwerk; sie
sagte, die Gromutter msse die Tage im Bett bleiben, es sei zu kalt fr sie,
und dann sei ihr auch sonst nicht recht. Das war dem Heidi etwas Neues; sonst
sa die Gromutter immer an ihrem Platz in der Ecke. Es rannte gleich zu ihr in
die Kammer hinein. Sie lag ganz von dem grauen Tuch umwickelt in ihrem schmalen
Bett mit der dnnen Decke.
    Gott Lob und Dank! sagte die Gromutter gleich, als sie das Heidi
hereinspringen hrte. Sie hatte schon den ganzen Herbst durch eine geheime Angst
im Herzen gehabt, die sie noch immer verfolgte, besonders wenn das Heidi eine
Zeit lang nicht kam. Der Peter hatte berichtet, wie ein fremder Herr aus
Frankfurt gekommen sei und immer mit auf die Weide komme und mit dem Heidi reden
wolle, und die Gromutter meinte nicht anders, als der Herr sei gekommen, das
Heidi wieder mit fortzunehmen. Wenn er auch nachher schon allein abreiste, so
stieg die Angst doch immer wieder in ihr auf, es knnte irgendein Abgesandter
von Frankfurt herkommen und das Kind wieder zurckholen. Das Heidi sprang zu dem
Bett der Kranken hin und fragte sorglich: Bist du stark krank, Gromutter?
    Nein, nein Kind, beruhigte die Alte, indem sie das Heidi liebevoll
streichelte; der Frost ist mir nur ein wenig in die Glieder gefahren.
    Wirst du dann auf der Stelle gesund, wenn es wieder warm ist? fragte
eindringlich das Heidi weiter.
    Ja, ja, will's Gott, noch vorher, da ich wieder an mein Spinnrad kann; ich
meinte schon heute, ich wolle es probieren, morgen wird's dann schon wieder
gehen, sagte die Gromutter in zuversichtlicher Weise, denn sie hatte schon
gemerkt, da das Kind erschrocken war.
    Ihre Worte beruhigten das Heidi, dem es sehr angst gewesen war, denn krank
im Bett hatte es die Gromutter noch nie getroffen. Es betrachtete sie jetzt ein
wenig verwundert, dann sagte es:
    In Frankfurt legen sie einen Shawl an zum Spazierengehen. Hast du etwa
gemeint, man msse ihn anlegen, wenn man ins Bett geht, Gromutter?
    Weit du, Heidi, entgegnete sie, ich nehme den Shawl so um im Bett, da
ich nicht friere. Ich bin so froh darber, die Decke ist ein wenig dnn.
    Aber Gromutter, fing das Heidi wieder an, bei deinem Kopf geht es
bergab, wo es ganz bergauf gehen sollte; so mu ein Bett nicht sein.
    Ich wei schon, Kind, ich spre es auch wohl, und die Gromutter suchte
auf dem Kissen, das wie ein dnnes Brett unter dem Kopfe lag, einen besseren
Platz zu gewinnen. Siehst du, das Kissen war nie besonders dick, und jetzt habe
ich so viele Jahre darauf geschlafen, da ich es ein wenig flach gelegen habe.
    O htt' ich nur in Frankfurt die Klara gefragt, ob ich nicht mein Bett
mitnehmen knne, sagte jetzt das Heidi; da hatte es drei groe, dicke Kissen
aufeinander, da ich gar nicht schlafen konnte und immer weiter
herunterrutschte, bis wo es flach war, und dann mute ich wieder hinauf, weil
man dort so schlafen mu. Knntest du so schlafen, Gromutter?
    Ja freilich, das gibt warm und man bekommt den Atem so gut, wenn man so
hoch liegen kann mit dem Kopf, sagte die Gromutter, ein wenig mhsam ihren
Kopf aufrichtend, so wie um eine hhere Stelle zu finden. Aber wir wollen jetzt
nicht von dem reden, ich habe ja dem lieben Gott fr so vieles zu danken, das
andere Alte und Kranke nicht haben: schon das gute Brtchen, das ich immer
bekomme, und das schne, warme Tuch hier, und da du so zu mir kommst, Heidi.
Willst du mir auch wieder etwas lesen heute?
    Das Heidi lief hinaus und holte das alte Liederbuch herbei. Nun suchte es
ein schnes Lied nach dem andern, denn es kannte sie jetzt wohl und es freute
sich selbst, das alles wieder zu hren, es hatte ja seit vielen Tagen die Verse
alle, die ihm lieb waren, nicht mehr gehrt.
    Die Gromutter lag mit gefalteten Hnden da, und auf ihrem Gesichte, das
erst so bekmmert ausgesehen hatte, lag jetzt ein so freudiges Lcheln, als wre
ihr eben ein groes Glck zuteil geworden.
    Das Heidi hielt auf einmal inne.
    Gromutter, bist du schon gesund geworden? fragte es.
    Es ist mir wohl, Heidi, es ist mir wohl geworden darber; lies es noch
fertig, willst du?
    Das Kind las sein Lied zu Ende, und als die letzten Worte kamen:

Wird mein Auge dunkler, trber,
Dann erleuchte meinen Geist,
Da ich frhlich zieh' hinber,
Wie man nach der Heimat reist -

da wiederholte sie die Gromutter und dann noch einmal, und noch einmal, und auf
ihrem Gesicht lag jetzt eine groe freudige Erwartung. Dem Heidi wurde so wohl
dabei. Der ganze, sonnige Tag seiner Heimkehr stieg vor ihm auf, und voller
Freude rief es aus: Gromutter, ich wei schon, wie es ist, wenn man nach der
Heimat reist. Sie antwortete nichts; aber sie hatte die Worte wohl vernommen
und der Ausdruck, der dem Heidi so wohl getan hatte, blieb auf ihrem Gesicht.
    Nach einer Weile sagte das Kind wieder: Jetzt wird's dunkel, Gromutter,
ich mu heim; aber ich bin so froh, da es dir jetzt wieder wohl ist.
    Die Gromutter nahm die Hand des Kindes in die ihrige und hielt sie fest;
dann sagte sie:
    Ja, ich bin auch wieder so froh; wenn ich auch noch liegen bleiben mu, so
ist es mir doch wohl. Siehst du, das wei niemand, der es nicht erfahren hat,
wie das ist, wenn man viele, viele Tage so ganz allein daliegt und hrt kein
Wort von einem andern Menschen und kann nichts sehen, nicht einen einzigen
Sonnenstrahl. Dann kommen so schwere Gedanken ber einen, da man manchmal
meint, es knne nie mehr Tag werden und man knne nicht mehr weiter. Aber wenn
man dann einmal wieder die Worte hrt, die du mir vorgelesen hast, so ist es,
wie wenn einem ein Licht davon aufgehen wrde im Herzen, an dem man sich wieder
freuen kann.
    Jetzt lie die Gromutter die Hand des Kindes los, und nachdem es ihr gute
Nacht gesagt, lief es in die Stube zurck und zog den Peter eilig hinaus, denn
es war unterdessen Nacht geworden. Aber drauen stand der Mond am Himmel und
schien hell auf den weien Schnee, da es war, als wollte der Tag schon wieder
angehen. Der Peter zog seinen Schlitten zurecht, setzte sich vorn darauf, das
Heidi hinter ihn, und fort schossen sie, die Alm hinunter, nicht anders, als
wren sie zwei Vgel, die durch die Lfte sausen.
    Als spter das Heidi auf seinem schnen, hohen Heubett hinter dem Ofen lag,
da kam ihm die Gromutter wieder in den Sinn, wie sie so schlecht lag mit dem
Kopfe, und dann mute es an alles denken, was sie gesagt hatte, und an das
Licht, das ihr die Worte im Herzen anznden. Und es dachte: wenn die Gromutter
nur alle Tage die Worte hren knnte, dann wrde es ihr jeden Tag einmal wohl.
Aber es wute, nun konnte eine ganze Woche, oder vielleicht zwei vergehen, ehe
es wieder zu ihr hinauf durfte. Das kam dem Heidi so traurig vor, da es immer
strker nachsinnen mute, was es nur machen knnte, da die Gromutter die Worte
jeden Tag zu hren bekme. Auf einmal fiel ihm eine Hilfe ein, und es war so
froh darber, da es meinte, es knne gar nicht warten, da der Morgen
wiederkomme und es seinen Plan ausfhren knne. Auf einmal setzte das Heidi sich
wieder ganz gerade auf in seinem Bett, denn vor lauter Nachdenken hatte es ja
sein Nachtgebet noch nicht zum lieben Gott hinaufgeschickt, und das wollte es
doch nie mehr vergessen.
    Als es nun so recht von Herzen fr sich und den Grovater und die Gromutter
gebetet hatte, fiel es auf einmal in sein weiches Heu zurck und schlief ganz
fest und friedlich bis zum hellen Morgen.

                          Der Winter dauert noch fort


Am andern Tage kam der Peter exakt zur rechten Zeit in die Schule
heruntergefahren. Sein Mittagessen hatte er in seinem Sack mitgebracht, denn da
ging es so zu: wenn um Mittag die Kinder im Drfli nachhause gingen, dann
setzten sich die einzelnen Schler, die weit weg wohnten, auf die Klassentische,
stemmten die Fe fest auf die Bnke und breiteten auf den Knien die
mitgebrachten Speisen aus, um so ihr Mittagsmahl zu halten. Bis um 1 Uhr konnten
sie sich daran vergngen, dann ging die Schule wieder an. Hatte der Peter einmal
einen solchen Schultag mitgemacht, dann ging er am Schlu zum hi hinber und
machte seinen Besuch beim Heidi.
    Als er heute nach Schulschlu in die groe Stube beim hi eintrat, scho das
Heidi gleich auf ihn zu, denn gerade auf ihn hatte es gewartet. Peter, ich wei
etwas! rief es ihm entgegen.
    Sag's, gab er zurck.
    Jetzt mut du lesen lernen, lautete die Nachricht.
    Hab's schon getan, war die Antwort.
    Ja, ja, Peter, so mein' ich nicht, eiferte jetzt das Heidi; ich meine so,
da du es nachher kannst.
    Kann nicht, bemerkte der Peter.
    Das glaubt dir jetzt kein Mensch mehr und ich auch nicht, sagte das Heidi
sehr entschieden. Die Gromama in Frankfurt hat schon gewut, da es nicht wahr
ist, und sie hat mir gesagt, ich soll es nicht glauben.
    Der Peter staunte ber diese Nachricht.
    Ich will dich schon lesen lehren, ich wei ganz gut wie, fuhr das Heidi
fort; du mut es jetzt einmal erlernen und dann mut du alle Tage der
Gromutter ein Lied lesen oder zwei.
    Das ist nichts, brummte der Peter.
    Dieser hartnckige Widerstand gegen etwas, das gut und recht war und dem
Heidi so sehr am Herzen lag, brachte es in Aufregung. Mit blitzenden Augen
stellte es sich jetzt vor den Buben hin und sagte bedrohlich:
    Dann will ich dir schon sagen, was kommt, wenn du nie etwas lernen willst:
Deine Mutter hat schon zweimal gesagt, du mssest auch nach Frankfurt, da du
allerhand lernest, und ich wei schon, wo dort die Buben in die Schule gehen;
beim Ausfahren hat mir die Klara das furchtbar groe Haus gezeigt. Aber dort
gehen sie nicht nur, wenn sie Buben sind, sondern immerfort, wenn sie schon ganz
groe Herren sind; das habe ich selber gesehen; und dann mut du nicht meinen,
da nur ein einziger Lehrer da ist, wie bei uns, und ein so guter. Da gehen
immer ganze Reihen, viele miteinander in das Haus hinein und alle sehen ganz
schwarz aus, wie wenn sie in die Kirche gingen, und haben so hohe schwarze Hte
auf den Kpfen - und das Heidi gab das Ma von den Hten an vom Boden auf.
    Dem Peter fuhr ein Schauder den Rcken hinauf.
    Und dann mut du dort hinein unter alle die Herren, fuhr das Heidi mit
Eifer fort, und wenn es dann an dich kommt, so kannst du gar nicht lesen und
machst noch Fehler beim Buchstabieren. Dann kannst du nur sehen, wie dich die
Herren ausspotten, das ist dann noch viel rger, als die Tinette, und du
solltest nur wissen, wie es ist, wenn diese spottet.
    So will ich, sagte der Peter halb klglich, halb rgerlich.
    Im Augenblick war das Heidi besnftigt. So, das ist recht, dann wollen wir
gleich anfangen, sagte es erfreut, und geschftig zog es den Peter an den Tisch
hin und holte das ntige Werkzeug herbei.
    In dem groen Paket der Klara hatte sich auch ein Bchlein befunden, das dem
Heidi wohlgefiel, und schon gestern Nacht war es ihm in den Sinn gekommen, das
knne es gut zu dem Unterricht fr den Peter gebrauchen, denn das war ein
Abc-Bchlein mit Sprchen.
    Jetzt saen die beiden am Tisch, die Kpfe ber das kleine Buch gebeugt, und
die Lehrstunde konnte beginnen.
    Der Peter mute den ersten Spruch buchstabieren und dann wieder und dann
noch einmal, denn das Heidi wollte die Sache sauber und gelufig haben.
    Endlich sagte es: Du kannst's immer noch nicht, aber ich will dir ihn jetzt
einmal hintereinander lesen; wenn du weit, wie's heien mu, kannst du's dann
besser zusammenbuchstabieren. Und das Heidi las:

Geht heut' das A B C noch nicht,
Kommst morgen du vors Schulgericht.

Ich geh' nicht, sagte der Peter strrisch.
    Wohin? fragte das Heidi.
    Vor das Gericht, war die Antwort.
    So mach, da du einmal die drei Buchstaben kennst, dann mut du ja nicht
gehen, bewies ihm das Heidi.
    Jetzt setzte der Peter noch einmal an und repetierte beharrlich die drei
Buchstaben so lange fort, bis das Heidi sagte:
    Jetzt kannst du die drei.
    Da es aber nun bemerkt hatte, welch eine Wirkung der Spruch auf den Peter
ausgebt hatte, wollte es gleich noch ein wenig vorarbeiten fr die folgenden
Lehrstunden.
    Wart, ich will dir jetzt noch die anderen Sprche lesen, fuhr es fort,
dann wirst du sehen, was alles noch kommen kann.
    Und es begann sehr klar und verstndlich zu lesen:

D E F G mu flieend sein,
Sonst kommt ein Unglck hintendrein.

Vergessen H I K,
Das Unglck ist schon da.

Wer am L M noch stottern kann,
Zahlt eine Bu' und schmt sich dann.

Es gibt etwas und wtest's du,
Du lerntest schnell N O P Q.

Stehst du noch an bei R S T,
Kommt etwas nach, das tut dir weh.

Hier hielt das Heidi inne, denn der Peter war so muschenstill, da es einmal
sehen mute, was er mache. Alle die Drohungen und geheimen Schrecknisse hatten
ihm so zugesetzt, da er kein Glied mehr bewegte und schreckensvoll das Heidi
anstarrte.
    Das rhrte sogleich sein mitleidiges Herz und trstend sagte es:
    Du mut dich nicht frchten, Peter; komm du jetzt nur jeden Abend zu mir,
und wenn du dann lernst, wie heut', so kennst du allemal zuletzt die Buchstaben
und dann kommt ja das andere nicht. Aber nun mut du alle Tage kommen, nicht so
wie du in die Schule gehst; wenn es schon schneit, es tut dir ja nichts.
    Der Peter versprach, so zu tun, denn der erschreckende Eindruck hatte ihn
ganz zahm und willig gemacht. Jetzt trat er seinen Heimweg an. -
    Der Peter befolgte Heidis Vorschrift pnktlich, und jeden Abend wurden mit
Eifer die folgenden Buchstaben einstudiert und der Spruch beherzigt.
    Oft sa auch der Grovater in der Stube und hrte dem Exerzitium zu, indem
er vergnglich sein Pfeifchen rauchte, whrend es fter in seinen Mundwinkeln
zuckte, so, als ob ihn von Zeit zu Zeit eine groe Heiterkeit bernehmen wollte.
    Nach der groen Anstrengung wurde der Peter dann meistens aufgefordert, noch
dazubleiben und beim Abendessen mitzuhalten, was ihn alsbald fr die
ausgestandene Angst, die der heutige Spruch mit sich gebracht hatte, reichlich
entschdigte.
    So gingen die Wintertage dahin. Der Peter erschien regelmig und machte
wirklich Fortschritte mit seinen Buchstaben.
    Mit den Sprchen hatte er aber tglich zu fechten. Man war jetzt beim U
angelangt. Als das Heidi den Spruch las:

Wer noch das U in V verdreht,
Kommt dahin, wo er nicht gern geht -

da knurrte der Peter: Ja, wenn ich ginge! Aber er lernte doch tchtig zu, so,
als stehe er unter dem Eindrucke, es knnte ihn doch heimlich einer beim Kragen
nehmen und dorthin bringen, wohin er nicht gern ginge.
    Am folgenden Abend las das Heidi:

Ist dir das W noch nicht bekannt,
Schau nach dem Rtlein an der Wand.

Da guckte der Peter hin und sagte hhnisch:
    Hat keins.
    Ja, ja, aber weit du, was der Grovater im Kasten hat? fragte das Heidi.
Einen Stecken, fast so dick wie mein Arm, und wenn man ihn herausnimmt, so kann
man nur sagen: Schau nach dem Stecken an der Wand!
    Der Peter kannte den dicken Haselstock. Augenblicklich beugte er sich ber
sein W und suchte es zu erfassen.
    Am andern Tage hie es:

Willst du noch das X vergessen
Kriegst du heute nix zu essen.

Da schaute der Peter forschend zu dem Schrank hinber, wo das Brot und der Kse
drin lagen, und sagte rgerlich:
    Ich habe ja gar nicht gesagt, da ich das X vergessen wolle.
    Es ist recht, wenn du das nicht vergessen willst, dann knnen wir auch
gleich noch einen lernen, schlug das Heidi vor, dann hast du morgen nur noch
einen einzigen Buchstaben.
    Der Peter war nicht einverstanden. Aber schon las das Heidi:

Machst du noch Halt beim Y,
Kommst du mit Hohn und Spott davon.

Da stiegen vor Peters Augen alle die Herren in Frankfurt auf mit den hohen,
schwarzen Hten auf den Kpfen und Hohn und Spott in den Gesichtern.
Augenblicklich warf er sich auf das Ypsilon und lie es nicht wieder los, bis er
es so gut kannte, da er die Augen zutun konnte und doch wute, wie es aussah.
    Am Tag darauf kam der Peter schon ein wenig hoch beim Heidi an, denn da war
ja nur noch ein einziger Buchstabe zu verarbeiten, und als ihm das Heidi gleich
den Spruch las:

Wer zweifelnd noch beim Z bleibt stehn,
Mu zu den Hottentotten gehn!

da hhnte der Peter: Ja, wenn kein Mensch wei, wo die sind!
    Freilich, Peter, das wei der Grovater schon, versicherte das Heidi;
wart nur, ich will ihn geschwind fragen, wo sie sind, er ist nur beim Herrn
Pfarrer drben, und schon war das Heidi aufgesprungen und wollte zur Tr
hinaus.
    Wart! schrie jetzt der Peter in voller Angst, denn schon sah er in seiner
Einbildung den Alm-hi mitsamt dem Herrn Pfarrer daher kommen und wie ihn die
zwei nun gleich anpacken und den Hottentotten bersenden wrden, denn er hatte
ja wirklich nicht mehr gewut, wie das Z hie. Sein Angstschrei lie das Heidi
stillstehen.
    Was hast du denn? fragte es verwundert.
    Nichts! Komm zurck! Ich will lernen! stie der Peter mit Unterbrechungen
hervor. Aber das Heidi htte jetzt selbst gern gewut, wo die Hottentotten
seien, und es wollte durchaus den Grovater fragen. Der Peter schrie ihm aber so
verzweifelt nach, da es nachgab und zurckkam. Nun mute er aber auch etwas tun
dafr. Nicht nur wurde das Z so manchmal wiederholt, da der Buchstabe fr alle
Zeit in seinem Gedchtnis festsitzen mute, sondern das Heidi ging gleich noch
zum Syllabieren ber, und an dem Abend lernte der Peter so viel, da er um einen
ganzen Ruck vorwrts kam. - So ging es weiter Tag fr Tag.
    Der Schnee war wieder weich geworden, und darberhin schneite es neuerdings
einen Tag um den andern, so da das Heidi wohl drei Wochen lang gar nicht zur
Gromutter hinauf konnte. Um so eifriger war es in seiner Arbeit an dem Peter,
da er es ersetzen knne beim Liederlesen. So kam eines Abends der Peter heim
vom Heidi, trat in die Stube ein und sagte:
    Ich kann's!
    Was kannst du, Peterli? fragte erwartungsvoll die Mutter.
    Das Lesen, antwortete er.
    Ist auch das mglich! Hast du's gehrt, Gromutter? rief die Brigitte in
hoher Verwunderung aus.
    Die Gromutter hatte es gehrt und mute sich auch sehr verwundern, wie das
zugegangen sei.
    Ich mu jetzt ein Lied lesen, das Heidi hat's gesagt, berichtete der Peter
weiter. Die Mutter holte hurtig das Buch herunter und die Gromutter freute
sich, sie hatte so lange kein gutes Wort gehrt. Der Peter setzte sich an den
Tisch hin und begann zu lesen. Seine Mutter sa aufhorchend neben ihm; nach
jedem Vers mute sie mit Bewunderung sagen: Wer htte es auch denken knnen!
    Auch die Gromutter folgte mit Spannung einem Vers nach dem andern, sie
sagte aber nichts dazu.
    Am Tage nach diesem Ereignis traf es sich, da in der Schule in Peters
Klasse eine Lesebung stattfand. Als die Reihe an den Peter kommen sollte, sagte
der Lehrer:
    Peter, mu man dich wieder bergehen, wie immer, oder willst du einmal
wieder - ich will nicht sagen lesen, ich will sagen: versuchen, an einer Linie
herumzustottern?
    Der Peter fing an und las hintereinander drei Linien, ohne abzusetzen.
    Der Lehrer legte sein Buch weg. Mit stummem Erstaunen blickte er auf den
Peter, so, als habe er desgleichen noch nie gesehen. Endlich sprach er:
    Peter, an dir ist ein Wunder geschehen! So lange ich mit unbeschreiblicher
Geduld an dir gearbeitet habe, warst du nicht imstande, auch nur das
Buchstabieren richtig zu erfassen. Nun ich, obwohl ungern, die Arbeit an dir als
nutzlos aufgegeben habe, geschieht es, da du erscheinst und hast nicht nur das
Buchstabieren, sondern ein ordentliches, sogar deutliches Lesen erlernt. Woher
knnen zu unserer Zeit denn noch solche Wunder kommen, Peter?
    Vom Heidi, antwortete dieser.
    Hchst verwundert schaute der Lehrer nach dem Heidi hin, das ganz harmlos
auf seiner Bank sa, so da nichts Besonderes an ihm zu sehen war. Er fuhr fort:
    Ich habe berhaupt eine Vernderung an dir bemerkt, Peter. Whrend du
frher oftmals die ganze Woche, ja mehrere Wochen hintereinander in der Schule
gefehlt hast, so bist du in der letzten Zeit nicht einen Tag ausgeblieben. Woher
kann eine solche Umwandlung zum Guten in dich gekommen sein?
    Vom hi, war die Antwort.
    Mit immer grerem Erstaunen blickte der Lehrer vom Peter auf das Heidi und
von diesem wieder auf den Peter zurck.
    Wir wollen es noch einmal versuchen, sagte er dann behutsam; und noch
einmal mute der Peter an drei Linien seine Kenntnisse erproben. Es war richtig,
er hatte lesen gelernt.
    Sobald die Schule zu Ende war, eilte der Lehrer zum Herrn Pfarrer hinber,
um ihm mitzuteilen, was vorgefallen war und in welcher erfreulichen Weise der
hi und das Heidi in der Gemeinde wirkten.
    Jeden Abend las jetzt der Peter daheim ein Lied vor; so weit gehorchte er
dem Heidi, weiter aber nicht, ein zweites unternahm er nie; die Gromutter
forderte ihn aber auch nie dazu auf.
    Die Mutter Brigitte mute sich noch tglich verwundern, da der Peter dieses
Ziel erreicht hatte, und an manchen Abenden, wenn die Vorlesung vorbei war und
der Vorleser in seinem Bett lag, mute sie wieder zur Gromutter sagen:
    Man kann sich doch nicht genug freuen, da der Peterli das Lesen so schn
erlernt hat; jetzt kann man gar nicht wissen, was noch aus ihm werden kann.
    Da antwortete einmal die Gromutter:
    Ja, es ist so gut fr ihn, da er etwas gelernt hat; aber ich will doch
herzlich froh sein, wenn der liebe Gott nun bald den Frhling schickt, da das
Heidi auch wieder heraufkommen kann; es ist doch, wie wenn es ganz andere Lieder
lse. Es fehlt so manchmal etwas in den Versen, wenn sie der Peter liest, und
ich mu es dann suchen, und dann komm' ich nicht mehr nach mit den Gedanken und
der Eindruck kommt mir nicht ins Herz, wie wenn mir das Heidi die Worte liest.
    Das kam aber daher, weil der Peter sich beim Lesen ein wenig einrichtete,
da er's nicht zu unbequem hatte. Wenn ein Wort kam, das gar zu lang war, oder
sonst schlimm aussah, so lie er es lieber ganz aus, denn er dachte, um drei
oder vier Worte in einem Vers werde es der Gromutter wohl gleich sein, es
kommen ja dann noch viele. So kam es, da es fast keine Hauptwrter mehr hatte
in den Liedern, die der Peter vorlas.

                         Die fernen Freunde regen sich


Der Mai war gekommen. Von allen Hhen strmten die vollen Frhlingsbche ins Tal
herab. Ein warmer, lichter Sonnenschein lag auf der Alp. Sie war wieder grn
geworden; der letzte Schnee war weggeschmolzen, und von den lockenden
Sonnenstrahlen geweckt, guckten schon die ersten Blmchen mit ihren hellen Augen
aus dem frischen Gras heraus. Droben rauschte der frhliche Frhlingswind durch
die Tannen und schttelte ihnen die alten, dunkeln Nadeln fort, da die jungen,
hellgrnen herauskommen und die Bume herrlich schmcken konnten. Hoch oben
schwang wieder der alte Raubvogel seine Flgel in den blauen Lften und rings um
die Almhtte lag der goldene Sonnenschein warm am Boden und trocknete die
letzten feuchten Stellen auf, da man wieder hinsitzen konnte, wo man nur
wollte.
    Das Heidi war wieder auf der Alp. Es sprang dahin und dorthin und wute gar
nicht, wo es am schnsten war. Jetzt mute es dem Winde lauschen, wie er tief
und geheimnisvoll oben von den Felsen heruntersauste, immer nher und immer
mchtiger, und jetzt scho er in die Tannen und rttelte und schttelte sie, und
das war, als jauchze er vor Vergngen, und das Heidi mute auch aufjauchzen und
wurde dabei hin-und hergeblasen wie ein Blttlein. Dann lief es wieder auf das
sonnige Pltzchen vor der Htte und setzte sich auf den Boden und guckte in das
kurze Gras hinein, zu entdecken, wie viele kleine Blumenkelche sich ffnen
wollten und schon offen waren. Da hpften und krochen und tanzten auch so viele
lustige Mcken und Kferchen in der Sonne herum und freuten sich, und das Heidi
freute sich mit ihnen und sog den Frhlingsduft, der aus dem frisch
erschlossenen Boden emporstieg, in langen Zgen ein und meinte, so schn sei es
noch nie auf der Alp gewesen. Den tausend kleinen Tierlein mute es so wohl sein
wie ihm, denn es war gerade, als summten und sngen sie in heller Freude alle
durcheinander:
    Auf der Alp! Auf der Alp! Auf der Alp!
    Vom Schopf hinter der Htte hervor tnte es hie und da wie ein eifriges
Klopfen und Sgen, und das Heidi lauschte auch einmal dorthin, denn das waren
die alten, heimatlichen Tne, die es so gut kannte, die von Anfang an zum Leben
auf der Alp gehrt hatten. Jetzt mute es aufspringen und auch einmal dorthin
rennen, denn es mute doch wissen, was beim Grovater vorging. Vor der Schopftr
stand schon fix und fertig ein schner, neuer Stuhl, und am zweiten arbeitete
der Grovater mit geschickter Hand.
    O, ich wei schon, was das gibt! rief das Heidi in Freuden aus. Das ist
ntig, wenn sie von Frankfurt kommen. Der ist fr die Gromama und der, den du
jetzt machst, fr die Klara und dann - dann mu noch einer sein, fuhr das Heidi
zgernd fort, oder glaubst du nicht, Grovater, da Frulein Rottenmeier auch
mitkommt?
    Das kann ich nun nicht sagen, meinte der Grovater, aber es ist sicherer,
einen Stuhl bereit zu haben, da wir sie zum Sitzen einladen knnen, wenn sie
kommt.
    Das Heidi schaute nachdenklich auf die hlzernen Sthlchen ohne Lehne hin
und machte still seine Betrachtungen darber, wie Frulein Rottenmeier und ein
solches Sthlchen zusammenpassen wrden. Nach einer Weile sagte es, bedenklich
den Kopf schttelnd:
    Grovater, ich glaube nicht, da sie darauf sitzt.
    Dann laden wir sie auf das Kanapee mit dem schnen, grnen Rasenberzug
ein, entgegnete ruhig der Grovater.
    Als das Heidi noch nachsann, wo das schne Kanapee mit dem grnen
Rasenberzug sei, erscholl pltzlich von oben her ein Pfeifen und Rufen und
Rutenschwingen durch die Luft, da das Heidi sofort wute, woran es war. Es
scho hinaus und war augenblicklich von den herabspringenden Geien dicht
umringt. Denen mute es wohl sein, wie es dem Heidi war, wieder auf der Alp zu
sein, denn sie machten so hohe Sprnge und meckerten so lebenslustig wie noch
nie und das Heidi wurde dahin und dorthin gedrngt, denn jede wollte ihm
zunchst kommen und ihre Freude bei ihm auslassen. Aber der Peter stie sie alle
weg, eine rechts und die andere links, denn er hatte dem Heidi eine Botschaft zu
berbringen. Als er zu ihm vorgedrungen war, hielt er ihm einen Brief entgegen.
    Da! sagte er, die weitere Erklrung der Sache dem Heidi selbst
berlassend. Es war sehr erstaunt.
    Hast du denn auf der Weide einen Brief fr mich bekommen? fragte es voller
Verwunderung.
    Nein, war die Antwort.
    Ja, wo hast du ihn denn genommen, Peter?
    Aus dem Brotsack.
    Das war richtig. Gestern Abend hatte der Postbeamte im Drfli ihm den Brief
an das Heidi mitgegeben. Den hatte der Peter in den leeren Sack gelegt. Am
Morgen hatte er seinen Kse und sein Stck Brot darauf gepackt und war
ausgezogen. Den hi und das Heidi hatte er wohl gesehen, als er ihre Geien
abholte; aber erst als er um Mittag mit Brot und Kse zu Ende war und noch die
Krumen herausholen wollte, war der Brief wieder in seine Hand gekommen.
    Das Heidi las aufmerksam seine Adresse ab; dann sprang es zum Grovater in
den Schopf zurck und streckte ihm in hoher Freude den Brief entgegen: Von
Frankfurt! Von der Klara! Willst du ihn gleich hren, Grovater?
    Das wollte dieser schon gern, und auch der Peter, der dem Heidi gefolgt war,
schickte sich zum Zuhren an. Er stemmte sich mit dem Rcken gegen den
Trpfosten an, um einen festen Halt zu haben, denn so war es leichter, dem Heidi
nachzukommen, wie es nun seinen Brief herunterlas:

Liebes Heidi!
Wir haben schon alles verpackt und in zwei oder drei Tagen wollen wir abreisen,
sobald Papa auch abreist, aber nicht mit uns, er mu zuerst noch nach Paris
reisen. Alle Tage kommt der Herr Doktor und ruft schon unter der Tr: Fort!
fort! - Auf die Alp! Er kann es gar nicht erwarten, da wir gehen. Du solltest
nur wissen, wie gern er selbst auf der Alp war! Den ganzen Winter ist er fast
jeden Tag zu uns gekommen; dann sagte er immer, er komme zu mir, er msse mir
wieder erzhlen! Dann setzte er sich zu mir hin und erzhlte von allen Tagen,
die er mit Dir und dem Grovater auf der Alp zugebracht hat, und von den Bergen
und den Blumen und von der Stille so hoch oben ber allen Drfern und Straen,
und von der frischen, herrlichen Luft; und er sagte oft: Dort oben mssen alle
Menschen wieder gesund werden. Er ist auch selbst wieder so anders geworden, als
er eine Zeit lang war, ganz jung und frhlich sieht er wieder aus. O, wie freu'
ich mich, das alles zu sehen und bei Dir auf der Alp zu sein, und auch den Peter
und die Geien kennen zu lernen! Erst mu ich in Ragaz etwa sechs Wochen lang
eine Kur machen, das hat der Herr Doktor befohlen, und dann sollen wir im Drfli
wohnen nachher, und ich soll dann an schnen Tagen auf die Alp hinaufgefahren
werden in meinem Stuhl und den Tag ber bei Dir bleiben. Die Gromama kommt mit
und bleibt bei mir; sie freut sich auch, zu Dir hinaufzukommen. Aber denk,
Frulein Rottenmeier will nicht mit. Fast jeden Tag sagt die Gromama einmal:
Wie ist's mit der Schweizerreise, werte Rottenmeier? Genieren Sie sich nicht,
wenn Sie Lust haben, mitzukommen. Aber sie dankt immer furchtbar hflich und
sagt, sie wolle nicht unbescheiden sein. Aber ich wei schon, woran sie denkt:
Der Sebastian hat eine so erschreckliche Beschreibung von der Alp gemacht, als
er von Deinem Begleit nachhause kam, wie furchtbare Felsen dort herunterstarren
und man berall in Klfte und Abgrnde niederstrzen knne, und da es so steil
hinaufgehe, da man auf jedem Tritt befrchten msse, wieder rcklings
herunterzukommen, und da wohl Ziegen, aber keine Menschen ohne Lebensgefahr da
hinaufklettern knnen. Sie hat sehr geschaudert vor dieser Beschreibung und
seither schwrmt sie nicht mehr fr Schweizerreisen, wie frher. Der Schrecken
ist auch in die Tinette gefahren, sie will auch nicht mit. So kommen wir allein,
Gromama und ich; nur Sebastian mu uns bis nach Ragaz begleiten, dann kann er
wieder heimkehren.
    Ich kann es fast nicht erwarten, bis ich zu Dir kommen kann.
    Lebe wohl, liebes Heidi, die Gromama lt Dich tausendmal gren.
    Deine treue Freundin
                                                                          Klara.

Als der Peter diese Worte vernommen hatte, sprang er von dem Trpfosten weg und
hieb mit seiner Rute nach rechts und links so rcksichtslos und wtend drein,
da die Geien alle im hchsten Schrecken die Flucht ergriffen und den Berg
hinunterrannten in so malosen Sprngen, wie sie noch selten gemacht hatten.
Hinter ihnen her strmte der Peter und hieb mit seiner Rute in die Luft hinein,
als habe er an einem unsichtbaren Feind einen unerhrten Grimm auszulassen.
Dieser Feind war die Aussicht auf die Ankunft der Gste aus Frankfurt, welche
den Peter so sehr erbittert hatte.
    Das Heidi war so voller Glck und Freude, da es durchaus am andern Tag der
Gromutter einen Besuch machen und ihr alles erzhlen mute, wer nun von
Frankfurt kommen, und besonders auch, wer nicht kommen werde; das mute fr die
Gromutter ja von der grten Wichtigkeit sein, denn sie kannte die Personen
alle so genau und lebte mit dem Heidi alles, was zu seinem Leben gehrte,
immerfort mit der tiefsten Teilnahme durch. Es zog auch beizeiten aus am
folgenden Nachmittag, denn jetzt konnte es seine Besuche schon wieder allein
unternehmen: die Sonne schien ja wieder hell und blieb lange am Himmel stehen,
und ber den trockenen Boden hin war es ein herrliches Bergabrennen, whrend der
lustige Maiwind hinterhersauste und das Heidi noch ein wenig schneller
hinunterjagte. Die Gromutter lag nicht mehr zu Bett. Sie sa wieder in ihrer
Ecke und spann. Es lag aber ein Ausdruck auf ihrem Gesicht, als habe sie es mit
schweren Gedanken zu tun. Das war so seit gestern Abend, und die ganze Nacht
durch hatten diese Gedanken sie verfolgt und nicht schlafen lassen. Der Peter
war in seinem groen Grimm heimgekommen, und sie hatte seinen abgebrochenen
Ausrufungen entnehmen knnen, da eine Schar von Leuten aus Frankfurt nach der
Almhtte hinaufkommen werde. Was dann weiter geschehen sollte, wute er nicht;
aber die Gromutter mute weiter denken, und das waren gerade die Gedanken, die
sie ngstigten und ihr den Schlaf genommen hatten.
    Jetzt sprang das Heidi herein und gerade auf die Gromutter zu, setzte sich
auf sein Schemelchen, das immer da stand, und erzhlte ihr mit einem solchen
Eifer alles, was es wute, da es selbst immer noch mehr davon erfllt wurde.
Aber auf einmal hrte es mitten in seinem Satz auf und fragte besorgt:
    Was hast du, Gromutter, freut dich alles gar kein bichen?
    Doch, doch Heidi, es freut mich schon fr dich, weil du eine so groe
Freude daran haben kannst, antwortete sie und suchte ein wenig frhlich
auszusehen.
    Aber, Gromutter, ich kann ganz gut sehen, da es dir angst ist. Meinst du
etwa, Frulein Rottenmeier komme doch noch mit? fragte das Heidi, selber etwas
ngstlich.
    Nein, nein! Es ist nichts, es ist nichts! beruhigte die Gromutter. Gib
mir ein wenig deine Hand, Heidi, da ich recht spren kann, da du noch da bist.
Es wird ja doch zu deinem Besten sein, wenn ich es auch fast nicht berleben
kann.
    Ich will nichts von dem Besten, wenn du es fast nicht berleben kannst,
Gromutter, sagte das Heidi so bestimmt, da dieser mit einemmal eine neue
Befrchtung aufstieg; sie mute ja annehmen, da die Leute aus Frankfurt kommen,
das Heidi wieder zu holen, denn da es nun wieder so gesund war, konnte es ja
nicht anders sein, als da sie es wieder haben wollten. Das war die groe Angst
der Gromutter. Aber sie fhlte jetzt, da sie es vor dem Heidi nicht merken
lassen sollte; es war ja so mitleidig mit ihr, und da knnte es sich vielleicht
widersetzen und nicht gehen wollen, und das durfte nicht sein. Sie suchte nach
einer Hilfe, aber nicht lange, denn sie kannte nur eine.
    Ich wei etwas, Heidi, sagte sie nun, das macht mir wohl und bringt mir
die guten Gedanken wieder. Lies mir das Lied, wo es gleich im Anfang heit: Gott
will's machen.
    Das Heidi wute jetzt so gut Bescheid in dem alten Liederbuch, da es auf
der Stelle fand, was die Gromutter begehrte, und es las mit hellem Ton:

Gott will's machen,
Da die Sachen
Gehen, wie es heilsam ist.
La die Wellen
Immer schwellen,
Denk, wie du so sicher bist!

Ja, ja, das ist's grad, was ich hren mute, sagte die Gromutter erleichtert,
und der Ausdruck der Bekmmernis verschwand aus ihrem Gesichte. Das Heidi
schaute sie nachdenklich an, dann sagte es:
    Gelt, Gromutter, heilsam heit, wenn alles heilt, da es einem wieder ganz
wohl wird?
    Ja, ja, so wird's sein, nickte bejahend die Gromutter, und weil der
liebe Gott es so machen will, so kann man ja sicher sein, wie's auch kommt. Lies
es noch einmal, Heidi, da wir's so recht behalten knnen und nicht wieder
vergessen.
    Das Heidi las seinen Vers gleich noch einmal und dann noch ein paarmal, denn
die Sicherheit gefiel ihm auch so gut.
    Als so der Abend herangekommen war und das Heidi wieder den Berg
hinaufwanderte, da kam ber ihm ein Sternlein nach dem andern heraus und
funkelte und leuchtete zu ihm herunter und es war gerade, als wollte jedes
wieder neu ihm eine groe Freude ins Herz hineinstrahlen, und alle Augenblicke
mute das Heidi wieder stille stehen und hinaufschauen, und wie sie alle ringsum
am Himmel in immer hellerer Freude herunterblickten, da mute es ganz laut
hinaufrufen: Ja, ich wei schon, weil der liebe Gott alles so gut wei, wie es
heilsam ist, kann man eine solche Freude haben und ganz sicher sein! Und die
Sternlein alle schimmerten und glnzten und winkten dem Heidi zu mit ihren Augen
fort und fort, bis es oben bei der Htte angekommen war, wo der Grovater stand
und auch zu den Sternen hinaufschaute, denn so schn hatten sie lange nicht mehr
heruntergestrahlt.
    Nicht nur die Nchte, auch die Tage dieses Maimonats waren so hell und klar,
wie seit vielen Jahren nicht mehr, und fters schaute der Grovater am Morgen
mit Erstaunen zu, wie die Sonne mit derselben Pracht am wolkenlosen Himmel
wieder aufstieg, wie sie niedergegangen war, und er mute wiederholt sagen: Das
ist ein apartes Sonnenjahr; das gibt besondere Kraft in die Kruter. Pa auf,
Anfhrer, da deine Springer nicht zu bermtig werden vom guten Futter!
    Dann schwang der Peter ganz khn seine Rute in der Luft und auf seinem
Gesicht stand deutlich die Antwort geschrieben: Mit denen will ich's schon
aufnehmen.
    So verflo der grnende Mai und es kam der Juni mit seiner noch wrmeren
Sonne und den langen, langen, lichten Tagen, die alle Blmlein auf der ganzen
Alp herauslockten, da sie glnzten und glhten ringsum und die ganze Luft weit
umher mit ihrem sen Duft erfllten. Schon ging auch dieser Monat seinem Ende
entgegen, als das Heidi eines Morgens aus der Htte herausgesprungen kam, wo es
seine Morgengeschfte schon vollendet hatte. Es wollte schnell einmal unter die
Tannen hinaus, und dann ein wenig weiter hinauf, um zu sehen, ob der ganze groe
Busch von dem Tausendgldenkraut offen stehe, denn die Blmchen waren so
entzckend schn in der durchscheinenden Sonne. Aber als das Heidi um die Htte
herumrennen wollte, schrie es auf einmal aus allen Krften so gewaltig auf, da
der hi aus dem Schopf heraustrat, denn das war etwas Ungewhnliches.
    Grovater! Grovater! rief das Kind wie auer sich: Komm hierher! Komm
hierher! Sieh! Sieh
    Der Grovater erschien auf den Ruf und sein Blick folgte dem ausgestreckten
Arm des aufgeregten Kindes.
    Die Alm herauf schlngelte sich ein seltsamer Zug, wie noch nie einer hier
gesehen worden war. Zuerst kamen zwei Mnner mit einem offenen Tragsessel,
darauf sa ein junges Mdchen, in viele Tcher eingehllt. Dann kam ein Pferd,
darauf sa eine stattliche Dame, die sehr lebhaft nach allen Seiten blickte und
sich eifrig mit dem jungen Fhrer unterhielt, der ihr zur Seite ging. Dann kam
ein leerer Rollstuhl, von einem andern jungen Burschen gestoen, denn die
Kranke, die hineingehrte, wurde den steilen Berg hinan auf dem Tragsessel
sicherer transportiert. Zuletzt kam ein Trger, der hatte auf sein Reff so viele
Decken, Tcher und Pelze bereinandergehuft, da sie oben noch hoch ber seinen
Kopf hinausragten.
    Sie sind's! Sie sind's! schrie das Heidi und hpfte hochauf vor Freude.
Sie waren es wirklich. Nun kamen sie nher und nher, und nun waren sie da. Die
Trger setzten ihren Sessel auf die Erde, das Heidi sprang herzu und die beiden
Kinder begrten sich mit ungeheurer Freude. Jetzt war auch die Gromama oben
und stieg von ihrem Pferd herunter. Das Heidi rannte zu ihr hin und wurde mit
groer Zrtlichkeit begrt. Dann wandte sich die Gromama zum Alm-hi um, der
sich genaht hatte, um sie zu bewillkommnen. Da war gar keine Steifheit in der
Begrung, denn sie kannte ihn und er sie so gut, als htten sie schon lange
Zeit miteinander verkehrt.
    Gleich nach den ersten Worten der Begrung sagte auch die Gromama mit
groer Lebhaftigkeit: Mein lieber hi, was haben Sie fr einen Herrensitz! Wer
htte das gedacht! Mancher Knig knnte Sie darum beneiden! Wie sieht auch mein
Heidi aus! - Wie ein Monatsrschen, fuhr sie fort, indem sie das Kind an sich
zog und ihm die frischen Backen streichelte. Was ist das fr eine Herrlichkeit
um und um! Was sagst du, Klrchen, mein Kind, was sagst du?
    Klara schaute in vlligem Entzcken um sich; so etwas hatte sie ja in ihrem
ganzen Leben nicht gekannt, nicht geahnt.
    O, wie schn ist's da! O, wie schn ist's da! rief sie ein Mal ums andere
aus; so hab' ich mir's nicht gedacht. O Gromama, hier mcht' ich bleiben!
    Der hi hatte derweilen den Rollstuhl herbeigerckt und einige der Tcher
vom Reff heruntergenommen und hineingebettet. Jetzt trat er an den Tragsessel
heran.
    Wenn wir das Tchterchen nun in den gewohnten Stuhl setzten, so wre es
besser daran, der Reisesessel ist ein wenig hart, sagte er, wartete aber nicht
darauf, ob da jemand Hand anlegen werde, sondern hob sofort die kranke Klara mit
seinen starken Armen sachte aus dem Strohsessel und setzte sie mit der grten
Sorgfalt auf den weichen Sitz hin. Dann legte er ihr die Tcher ber die Knie
zurecht und bettete ihr die Fe so bequem auf die Polster, als htte der hi
sein Leben lang nichts getan, als Menschen mit kranken Gliedern gepflegt. Die
Gromama hatte im hchsten Erstaunen zugeschaut.
    Mein lieber hi, brach sie jetzt aus, wenn ich wte, wo Sie die
Krankenpflege erlernt haben, noch heute schickte ich alle Wrterinnen, die ich
kenne, dahin, da sie dasselbe tun. Wie ist denn so etwas mglich?
    Der hi lchelte ein wenig. Es kommt mehr vom Probieren, als vom
Studieren, entgegnete er, aber auf seinem Gesichte lag trotz des Lchelns ein
Zug der Traurigkeit. Vor seinen Augen war aus lngstvergangener Zeit das
leidende Antlitz eines Mannes aufgestiegen, der so in einen Stuhl gebettet da
sa und so verstmmelt war, da er kaum ein Glied mehr gebrauchen konnte. Das
war sein Hauptmann, den er in Sizilien nach dem heien Gefecht so an der Erde
gefunden und weggetragen hatte und der ihn nachher als einzigen Pfleger um sich
litt und nicht mehr von sich gelassen hatte, bis seine schweren Leiden zu Ende
waren. Der hi sah seinen Kranken wieder vor sich; es war ihm nicht anders, als
ob es jetzt seine Sache sei, die kranke Klara zu pflegen und ihr alle die
erleichternden Dienstleistungen zu erweisen, die er so wohl kannte.
    Der Himmel lag dunkelblau und wolkenlos ber der Htte und ber den Tannen
und weit ber die hohen Felsen weg, die grau schimmernd hineinragten. Klara
konnte sich gar nicht genug umschauen, sie war ganz voller Entzcken ber alles,
was sie sah.
    O Heidi, wenn ich nur mit dir herumgehen knnte, hier rund um die Htte und
unter die Tannen! rief sie sehnschtig aus. Wenn ich doch alles mit dir
ansehen knnte, was ich schon so lange kenne und doch noch nie gesehen habe!
    Jetzt machte das Heidi eine groe Anstrengung, und richtig, es gelang, der
Stuhl rollte ganz schn ber den trockenen Grasboden hin bis unter die Tannen.
Hier wurde Halt gemacht. So etwas hatte ja Klara wieder in ihrem Leben nie
gesehen, wie die hohen, alten Tannen waren, deren lange, breite ste bis auf den
Boden herabwuchsen und da immer grer und dicker wurden. Auch die Gromama, die
den Kindern gefolgt war, stand in hoher Bewunderung da. Sie wute nicht, was das
Schnste an den uralten Bumen war, ob die vielen, rauschenden Wipfel hoch oben
im Blau, oder die graden, festen Sulenstmme, die mit ihren gewaltigen sten
von so vielen, vielen Jahren erzhlten, die sie schon da oben gestanden und auf
das Tal niedergeschaut hatten, wo die Menschen kamen und gingen und immer wieder
alles anders wurde, und sie waren immer dieselben geblieben.
    Unterdessen hatte das Heidi den Rollstuhl vor den Geienstall hingeschoben
und hatte da die kleine Tr weit aufgerissen, damit Klara auch alles recht sehen
knne. Da war nun freilich fr diesmal nicht sehr viel zu sehen, da die Bewohner
nicht daheim waren. Ganz bedauerlich rief Klara zurck:
    O Gromama, wenn ich doch nur Schwnli und Brli noch erwarten knnte und
alle die anderen Geien und den Peter! Die kann ich ja alle gar nicht sehen,
wenn wir dann immer so frh fort mssen, wie du gesagt hast; das ist so schade!
    Liebes Kind, jetzt erfreuen wir uns an all dem Schnen, das da ist, und
denken nicht daran, was noch fehlen knnte, berichtigte die Gromama, dem
Stuhle folgend, der nun wieder weitergeschoben wurde.
    O die Blumen! schrie Klara wieder auf, ganze Bsche so feine, rote
Blmchen und alle die nickenden Blauglckchen! O wenn ich doch heraus knnte und
sie holen!
    Das Heidi rannte augenblicklich hin und brachte einen groen Strau zurck.
    Aber das ist noch gar nichts, Klara, sagte es, die Blumen auf ihren Scho
legend. Wenn du einmal mit uns auf die Weide hinaufkommst, dann wirst du erst
etwas sehen! Auf einem Platz zusammen so viele, viele Bsche von dem roten
Tausendgldenkraut und noch viel, viel mehr blaue Glockenblmchen, als hier, und
so viele Tausend von den hellen, gelben, da es ist, wie lauter Gold, das am
Boden glnzt. Der Grovater sagt, sie heien Sonnenaugen und dann sind noch die
braunen, weit, mit den runden Kpfchen, die riechen so gut, und da ist es so
schn! Wenn man da sitzt, dann kann man gar nicht mehr aufstehen, so schn ist
es!
    Heidis Augen funkelten vor Verlangen, wieder zu sehen, was es beschrieb, und
Klara war wie angezndet davon, und aus ihren sanften, blauen Augen leuchtete
ein vlliger Widerschein von Heidis feurigem Verlangen auf.
    O Gromama, kann ich wohl dahin kommen? Glaubst du, ich kann so hoch
hinauf? fragte sie sehnschtig. O wenn ich nur gehen knnte, Heidi, und so mit
dir auf der Alp herumsteigen, berall hin!
    Ich will dich schon stoen, beruhigte sie das Heidi und nahm nun zum
Zeichen, wie leicht das gehe, einen solchen Anlauf um die Ecke herum, da der
Stuhl fast den Berg hinuntergeflogen wre. Da stand aber der Grovater in der
Nhe und hielt ihn eben noch rechtzeitig auf in seinem Lauf.
    Whrend der Besuch unter den Tannen stattgefunden hatte, war der Grovater
nicht mig gewesen. Bei der Bank vor der Htte stand jetzt der Tisch und die
ntigen Sthle, und alles lag schon bereit, damit hier das schne Mittagsmahl
eingenommen werden konnte, das noch in der Htte drinnen im Kessel dampfte und
an der groen Gabel ber den Gluten schmorte. Es whrte aber gar nicht lange, so
hatte der Grovater alles auf den Tisch gesetzt, und frhlich sa nun die ganze
Gesellschaft beim Mahle.
    Die Gromama war in hellem Entzcken ber diesen Speisesaal, von dem aus man
weit, weit hinab ins Tal und ber alle Berge weg in den blauen Himmel hinein
schauen konnte. Ein milder Wind fchelte den Tischgenossen liebliche Khlung zu
und suselte drben in den Tannen so anmutig, als wre er eine eigens zum Feste
bestellte Tafelmusik.
    So etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Es ist eine wahre Herrlichkeit!
rief die Gromama wieder und wieder aus. Aber was seh' ich, setzte sie jetzt
in hchster Bewunderung hinzu, ich glaube gar, du bist an einem zweiten Stck
Ksebraten angekommen, Klrchen?
    Wirklich lag das zweite, golden glnzende Stck auf Klaras Brotschnitte.
    O, das schmeckt so gut, Gromama, besser als die ganze Tafel in Ragaz,
versicherte Klara und bi mit groem Appetit in die gewrzige Speise hinein.
    Nur zu! Nur zu! sagte der Alm-hi wohlgefllig. Das ist unser Bergwind,
der hilft nach, wo die Kche zurckbleibt.
    So nahm das frhliche Mahl seinen Verlauf. Die Gromama und der Alm-hi
verstanden sich ausnehmend wohl und ihr Gesprch war immer belebter geworden.
Sie stimmten in allerhand Meinungen ber Menschen und Dinge und den Verlauf der
Welt so gut berein, da es war, als htten die beiden schon jahrelang in einem
freundschaftlichen Verkehr gestanden. So ging eine gute Zeit dahin und auf
einmal schaute die Gromama gegen Abend hin und sagte:
    Wir mssen uns bald rsten, Klrchen, die Sonne ist schon weit vorgerckt;
die Leute mssen bald wiederkommen mit Pferd und Sessel.
    Aber auf das eben noch so frhliche Gesicht der Klara kam ein ganz trauriger
Ausdruck und sie bat eindringlich:
    O, nur noch eine Stunde, Gromama, oder zwei! Wir haben ja die Htte noch
gar nicht gesehen und Heidis Bett und die ganze Einrichtung. O wenn der Tag nur
noch zehn Stunden htte!
    Das ist nun nicht gut mglich, meinte die Gromama, aber die Htte wollte
sie auch gern noch ansehen. Man brach also gleich vom Tisch auf, und der hi
lenkte den Stuhl mit fester Hand der Tr zu. Aber hier ging es nicht weiter, der
Stuhl war viel zu breit, um durch die ffnung eingehen zu knnen. Der hi besann
sich nicht lange. Er hob Klara heraus und trug sie auf seinem sicheren Arm in
die Htte hinein.
    Hier lief die Gromama hin und her und besah sich genau die ganze
Einrichtung und hatte ihren groen Spa an der ganzen Huslichkeit, die so
hbsch aufgerumt und wohlgeordnet aussah. Das ist ja wohl dein Bett dort auf
der Hhe, Heidi, nicht wahr? fragte sie jetzt und stieg gleich unerschrocken
das Leiterchen hinauf zum Heuboden. O wie das hbsch duftet, das mu ein
gesundes Schlafgemach sein! Und die Gromama ging zu dem Loch hin und guckte
durch, und schon stieg auch der Grovater mit der Klara auf dem Arm nach, und
hintendrein hpfte das Heidi herauf.
    Jetzt standen sie alle um Heidis schn ausgerstetes Heubett herum, und ganz
nachdenklich schaute die Gromama darauf hin und zog von Zeit zu Zeit in langen
Atemzgen den wrzigen Duft des frischen Heues mit Behagen ein. Klara war von
Heidis Schlafsttte vllig hingerissen.
    O, Heidi, wie lustig hast du's doch! Vom Bett aus siehst du gerade in den
Himmel hinein und hast einen so schnen Geruch um dich und hrst die Tannen
rauschen drauen. O so lustig und kurzweilig hab' ich noch gar kein Schlafzimmer
gesehen!
    Der hi schaute jetzt zu der Gromama hinber.
    Ich htte so meine Gedanken, sagte er, wenn die Frau Gromama mir glauben
wollte und ihr die Sache nicht widerstrebte. Ich meine, wenn wir das Tchterchen
ein wenig hier oben behielten, so knnte es zu neuen Krften kommen. Es sind da
so allerhand Tcher und Decken mitgekommen, aus denen bereiten wir hier ein ganz
apart weiches Bett, und um die Pflege des Tchterchens mte die Frau Gromama
keine Sorge haben, die bernehme ich.
    Klara und Heidi jauchzten miteinander auf wie zwei freigelassene Vgel, und
ber das Gesicht der Gromama kam ein ganzer Sonnenschein.
    Mein lieber hi, Sie sind ein prchtiger Mann! brach sie aus. Was meinen
Sie, was ich eben jetzt dachte? Ich sagte im stillen: Mte nicht ein Aufenthalt
hier oben das Kind ganz besonders strken? Aber die Pflege! die Sorge! die
Unbequemlichkeit fr den Wirt! Und Sie kommen und sprechen es aus, als wre da
gar nichts dabei. Ich mu Ihnen danken, mein lieber hi, ich mu Ihnen von
ganzem Herzen danken! Und die Gromama schttelte dem hi die Hand ein Mal ums
andere und immer wieder, und der hi schttelte auch die ihrige mit einem ganz
erfreuten Gesicht.
    Sofort ging der hi zur Tat ber. Er trug Klara in ihren Sessel vor die
Htte zurck, vom Heidi gefolgt, das nicht wute, wie hoch es vor Freude
springen wollte. Dann lud er gleich die smtlichen Tcher und Pelzdecken auf
seine Arme und sagte wohlgefllig lchelnd: Es ist gut, da die Frau Gromama
so wie zu einem Winterfeldzug gerstet hatte; das knnen wir brauchen.
    Mein lieber hi, antwortete die Herzutretende lebhaft, Vorsicht ist eine
schne Tugend und schtzt vor manchem Ungemach. Wenn man auf den Reisen ber
Ihre Gebirge ohne Sturm und Wind und Wolkenbrche davonkommt, so kann man nur
danken und das wollen wir tun, und meine Schutzmittelchen sind auch so noch gut
zu gebrauchen; darin sind wir einig.
    Whrend dieses kleinen Gesprches waren die beiden nach dem Heuboden
hinaufgestiegen und begannen nun die Tcher ber das Bett hinzubreiten, eins
nach dem andern. Da waren ihrer so viele, da das Bett zuletzt aussah wie eine
kleine Festung.
    Jetzt soll mir noch ein einziger Heuhalm durchstechen, wenn er kann, sagte
die Gromama, indem sie noch einmal mit der Hand auf allen Seiten eindrckte;
aber die weiche Mauer war so undurchdringlich, da wirklich keiner mehr
durchstach. Nun stieg sie befriedigt die Leiter hinunter und trat zu den Kindern
heraus, die mit strahlenden Angesichtern nah zusammensaen und ausmachten, was
sie nun tun wollten vom Morgen bis zum Abend, so lange Klara auf der Alp bleiben
durfte. Aber wie lange wrde das sein? Das war nun die groe Frage, welche
augenblicklich der Gromama vorgelegt wurde. Die sagte, das wisse der Grovater
am besten, ihn mten sie fragen, und als dieser eben herzutrat und nun die
Frage an ihn gerichtet wurde, meinte er, vier Wochen seien gerade recht, um
beurteilen zu knnen, ob die Alpluft ihre Schuldigkeit an dem Tchterchen tue,
oder nicht. Jetzt jubelten die Kinder erst recht auf, denn die Aussicht auf
solches Zusammenbleiben bertraf alle ihre Erwartungen.
    Nun sah man von unten herauf wieder die Sesseltrger und den Pferdefhrer
mit seinem Tier heranrcken. Die ersteren konnten gleich wieder umkehren.
    Als die Gromama sich anschickte, ihr Pferd zu besteigen, rief Klara
frhlich aus: O Gromama, das ist nun gar kein Abschied, wenn du schon
fortreitest, denn nun kommst du von Zeit zu Zeit zu uns zu Besuch auf die Alp,
um zu sehen, was wir machen, und das ist dann so lustig, nicht, Heidi?
    Heidi, das heute von einem Vergngen ins andere fiel, konnte seine
zustimmende Antwort nur durch einen hohen Freudensprung ausdrcken.
    Nun bestieg die Gromama das feste Saumtier, und der hi ergriff den Zgel
und fhrte das Pferd mit sicherer Hand den steilen Berg hinunter. Wie auch die
Gromama eiferte, er mchte doch nicht so weit mitgehen, es half nichts; der hi
erklrte, er werde ihr sein Geleit bis zum Drfli hinunter geben, da die Alp so
steil und der Ritt nicht ohne Gefahr sei.
    In dem einsamen Drfli gedachte die Gromama, nun sie allein war, nicht zu
bleiben. Sie wollte nach Ragaz zurckkehren und von dort aus dann von Zeit zu
Zeit ihre Alpenreise wiederholen.
    Noch bevor der hi wieder zurckgekehrt war, kam der Peter mit seinen Geien
dahergerannt. Als diese merkten, wo das Heidi war, strzten sie alle der Stelle
zu; im Augenblick war die Klara in ihrem Stuhl samt dem Heidi mitten in dem
Rudel drinnen, und drngend und stoend guckte immer eine der Geien ber die
andere her und jede wurde gleich vom Heidi der Klara genannt und vorgestellt.
    So kam es, da diese in der krzesten Zeit die langerwnschte Bekanntschaft
mit dem kleinen Schneehppli, dem lustigen Distelfink, den sauberen Geien des
Grovaters, mit allen, allen, bis hinauf zum groen Trk, gemacht hatte. Der
Peter aber stand derweilen abseits und warf seltsam drohende Blicke auf die
vergngte Klara hin.
    Als nun die Kinder beide freundlich zu ihm hinberriefen: Gute Nacht,
Peter! gab er durchaus keine Antwort, sondern hieb mit seiner Rute so grimmig
in die Luft hinein, als wollte er diese vllig entzweischlagen. Dann lief er
davon und sein Gefolge hinter ihm her.
    Zu allem Schnen, das Klara heute auf der Alp schon gesehen hatte, kam nun
noch der Schlu.
    Als sie oben auf dem Heuboden auf dem groen, weichen Bette lag, zu dem nun
auch das Heidi emporkletterte, da schaute sie durch das offene, runde Loch
gerade mitten in die schimmernden Sterne hinein, und voller Entzcken rief sie
aus:
    O Heidi, sieh, es ist gerade, wie wenn wir auf einem hohen Wagen in den
Himmel hineinfahren wrden!
    Ja, und weit du, warum die Sterne so voller Freude sind und uns so mit den
Augen winken? fragte das Heidi.
    Nein, das wei ich nicht; was meinst du denn? fragte Klara zurck.
    Weil sie droben im Himmel sehen, wie der liebe Gott alles so gut einrichtet
fr die Menschen, da sie gar keine Angst haben mssen und ganz sicher sein
knnen, weil alles so kommt, wie es heilsam ist. Das freut sie so; sieh, wie sie
winken, da wir auch so frhlich sein sollen! Aber weit, Klara, wir mssen auch
nicht vergessen, zu beten, wir mssen recht den lieben Gott bitten, da er auch
an uns denke, wenn er alles so schn einrichtet, da wir auch immer so sicher
sein knnen und uns vor gar nichts frchten mssen.
    Jetzt saen die Kinder noch einmal auf und sagten jedes sein Nachtgebet.
Dann legte sich das Heidi auf seinen runden Arm und schlief augenblicklich ein.
Aber Klara blieb noch lange wach, denn etwas so Wunderbares, wie diese
Schlafsttte im Sternenschein, hatte sie noch in ihrem Leben nicht gesehen.
    Sie hatte ja berhaupt kaum je die Sterne gesehen, denn auer dem Hause war
sie des Nachts nie gewesen und drinnen wurden die dichten Vorhnge lngst
niedergelassen, bevor die Sterne kamen. So wenn sie jetzt die Augen zumachen
wollte, mute sie sie gleich noch einmal aufschlagen, um zu sehen, ob denn die
beiden groen, hellen Sterne immer noch hereinfunkelten und so merkwrdig
winkten, wie das Heidi gesagt hatte. Und immer noch war es so, und Klara konnte
es nicht genug bekommen, in das Flimmern und Leuchten hineinzuschauen, bis
endlich ihre Augen von selbst zufielen und sie nur im Traum noch die zwei
groen, schimmernden Sterne sah.

                         Wie es auf der Alp weiter geht


Eben war die Sonne hinter den Felsen heraufgestiegen und warf nun ihre goldenen
Strahlen ber die Htte und ber das Tal hinab. Der Alm-hi hatte, wie er jeden
Morgen tat, still und andchtig zugeschaut, wie ringsum auf den Hhen und im Tal
die leichten Nebel sich lichteten und das Land aus dem Dmmerschatten
herausschaute und zum neuen Tag erwachte.
    Heller und heller wurden oben die lichten Morgenwolken, bis jetzt die Sonne
vllig heraustrat und Fels und Wald und Hgel mit goldenem Lichte bergo.
    Jetzt trat der hi in seine Htte zurck und ging leise die kleine Leiter
hinauf. Klara hatte eben die Augen aufgeschlagen und schaute in der hchsten
Verwunderung auf die hellen Sonnenstrahlen, die durch das runde Loch
hereindrangen und auf ihrem Bett tanzten und blitzten. Sie wute gar nicht, was
sie sah und wo sie war. Doch jetzt erblickte sie das schlafende Heidi an ihrer
Seite und nun ertnte auch die freundliche Stimme des Grovaters: Gut
geschlafen? Nicht mde? Klara versicherte, sie sei nicht mde, und, einmal
eingeschlafen, sei sie auch die ganze Nacht nicht mehr erwacht. Das gefiel dem
Grovater, und nun fing er gleich an und besorgte die Klara so gut und so
verstndnisvoll, als wre es geradezu sein Beruf, kranke Kinder zu besorgen und
es ihnen bequem zu machen.
    Das Heidi hatte jetzt seine Augen auch aufgemacht und sah auf einmal mit
Erstaunen, wie der Grovater die schon fertig gerstete Klara auf den Arm nahm
und forttrug. Da mute es doch dabei sein. Blitzschnell ging seine Ausrstung
vor sich; dann ging's die Leiter hinunter, und nun war auch das Heidi aus der
Tr und stand drauen, mit groer Verwunderung betrachtend, was der Grovater
jetzt wieder ausfhrte. Er hatte am Abend vorher, als die Kinder schon oben auf
ihrem Lager angekommen waren, berlegt, wo der breite Rollstuhl unter Dach
gebracht werden knnte. Die Tr der Htte war ja viel zu schmal, hier konnte er
nie eingefahren werden. Da war ihm ein Gedanke gekommen. Er machte hinten am
Schopf zwei groe Laden los, so da da eine groe Einfahrt entstand. Der Stuhl
wurde hineingestoen und die hohen Bretter wieder an ihre Stelle gebracht, wenn
auch nicht fest gemacht. Das Heidi kam eben an, nachdem der Grovater Klara
drinnen in ihren Stuhl gesetzt, dann die Bretter weggenommen hatte und nun mit
ihr aus dem Schopf in den Morgensonnenschein herausgefahren kam. Mitten auf dem
Platz lie er den Stuhl stehen und ging dem Geienstall zu. Das Heidi sprang an
Klaras Seite.
    Der frische Morgenwind wehte um die Gesichter der Kinder, und ein wrziger
Tannenduft kam mit jedem neuen Windeswehen herber und durchstrmte die sonnige
Morgenluft. Klara zog tiefe Zge und lehnte sich in ihren Stuhl zurck, in einem
Gefhl des Wohlseins, wie sie es nie empfunden hatte.
    Noch nie in ihrem Leben hatte sie ja auch frische Morgenluft drauen in der
freien Natur eingeatmet, und nun wehte die reine Alpenluft um sie so khl und
erfrischend, da jeder Atemzug ein Genu war. Dazu der helle, se Sonnenschein,
der gar nicht hei war hier oben und so lieblich warm auf ihren Hnden lag und
an dem trockenen Grasboden zu ihren Fen. Da es so auf der Alp sein knnte,
das htte sich Klara gar nicht vorstellen knnen.
    O Heidi, wenn ich nur immer, immer hier oben bei dir bleiben knnte! sagte
sie jetzt, sich ganz wohlig hin und her wendend in ihrem Stuhl, um so recht von
allen Seiten Luft und Sonne einzutrinken.
    Jetzt siehst du, da es so ist, wie ich dir gesagt habe, entgegnete das
Heidi erfreut, da es am schnsten auf der ganzen Welt beim Grovater auf der
Alm ist. Eben trat dieser aus dem Stall heraus zu den Kindern heran. Er brachte
zwei Schsselchen voll schumender, schneeweier Milch und reichte eins der
Klara, das andere dem Heidi.
    Das wird dem Tchterchen wohltun, sagte er, Klara zunickend; sie ist vom
Schwnli, die gibt Kraft. Zum Wohlsein! Nur zu! Klara hatte noch nie Milch von
einer Gei getrunken, sie hatte erst zur Sicherheit ein wenig daran riechen
mssen. Als sie nun aber sah, mit welcher Begier das Heidi seine Milch
heruntertrank, ohne ein einziges Mal abzusetzen - so erstaunlich gut schmeckte
sie ihm -, da setzte Klara auch an und trank und trank, und wahrhaftig, sie war
so s und krftig, als wre Zucker und Zimmet darin, und Klara trank zu, bis
nichts mehr im Schsselchen war.
    Morgen nehmen wir zwei, sagte der Grovater, der mit Befriedigung
zugesehen hatte, wie Klara Heidis Beispiel gefolgt war.
    Jetzt erschien der Peter mit seiner Schar, und whrend das Heidi durch die
allseitigen Morgenbegrungen gleich mitten in die Herde hineingedrngt wurde,
nahm der hi den Peter ein wenig auf die Seite, damit dieser verstehen knne,
was er ihm zu sagen hatte, denn die Geien meckerten immer, eine strker als die
andere, vor lauter Freude und Freundschaftsbezeugungen, sobald sie das Heidi in
ihrer Mitte hatten.
    Jetzt hr zu und pa auf, sagte der hi. Von heut' an lssest du dem
Schwnli seinen Willen. Es hat die Fhlung, wo die krftigsten Krutlein sind;
also wenn es hinauf will, so gehst du nach, den anderen tut's ja auch gut, und
wenn es hher will, als du sonst mit ihnen gehst, so gehst du wieder und hltst
es nicht zurck, hrst du! Wenn du auch ein wenig klettern mut, schad' nichts,
du gehst, wo es will, denn in der Sache ist es vernnftiger als du und es mu
nur noch vom Besten bekommen, da es eine Prachtmilch gibt. Warum guckst du dort
hinber, wie wenn du einen verschlucken wolltest? Es wird dir niemand im Wege
sein. So, jetzt vorwrts und denk dran!
    Der Peter war gewohnt, dem hi aufs Wort zu folgen. Er trat gleich seinen
Marsch an; man konnte aber sehen, da er noch etwas im Hinterhalt hatte, denn er
drehte immer den Kopf um und rollte mit den Augen. Die Geien folgten und
drngten das Heidi noch eine Strecke mit vorwrts. Das war dem Peter eben recht.
Du mut mit, rief er jetzt drohend in das Geienrudel hinein, du mut mit,
wenn man dem Schwnli nach mu!
    Nein, ich kann nicht, rief das Heidi zurck, und ich kann jetzt lang,
lang nicht mitkommen, so lange die Klara bei mir ist! Aber einmal kommen wir
dann miteinander hinauf, der Grovater hat es uns versprochen.
    Unter diesen Worten hatte das Heidi sich aus den Geien herausgewunden und
sprang nun zu Klara zurck. Jetzt machte der Peter mit beiden Fusten eine so
drohende Gebrde gegen den Rollstuhl hinunter, da die Geien auf die Seite
sprangen; er sprang aber auf der Stelle nach, und ohne Aufenthalt eine ganze
Strecke weit hinauf, bis er auer Sicht war, denn er dachte, der hi knnte ihn
etwa gesehen haben, und er wollte lieber nicht wissen, was fr einen Eindruck
das Fausten dem hi gemacht habe.
    Klara und Heidi hatten fr heute so viel im Sinn, da sie gar nicht wuten,
wo anfangen. Das Heidi schlug vor, zuerst den Brief an die Gromama zu
schreiben, den hatten sie ja bestimmt versprochen und so fr jeden Tag einen
neuen. Die Gromama war doch ihrer Sache nicht so ganz sicher, wie es in die
Lnge da droben der Klara behagen und auch, wie es mit ihrer Gesundheit gehen
wrde, und so hatte sie den Kindern das Versprechen abgenommen, ihr jeden Tag
einen Brief zu schreiben und alles zu erzhlen, was sie erlebten. So konnte die
Gromama auch sogleich wissen, wenn sie oben ntig werden sollte, und bis dahin
ruhig unten bleiben.
    Mssen wir in die Htte hinein zum Schreiben? fragte Klara, die wohl dafr
war, der Gromama Bericht zu geben; aber da drauen war es ihr so wohl, da sie
gar nicht weg mochte.
    Aber das Heidi wute sich einzurichten. Augenblicklich rannte es in die
Htte hinein und kam mit seinen smtlichen Schulsachen und dem niedrigen
Dreibeinsthlchen beladen wieder zurck. Nun legte es sein Lesebuch und
Schreibheft der Klara auf den Scho, da sie darauf schreiben konnte, und es
selbst setzte sich an die Bank hin auf sein Sthlchen und nun begannen sie beide
der Gromama zu erzhlen. Aber nach jedem Satz, den Klara geschrieben hatte,
legte sie ihren Bleistift wieder hin und schaute um sich. Es war gar zu schn.
Der Wind war nicht mehr so khl; nur lieblich fchelnd wehte er um ihr Gesicht,
und drben in den Tannen flsterte er leise. In der klaren Luft tanzten und
summten die kleinen, frhlichen Mcken, und weit umher lag eine groe Stille auf
dem ganzen sonnigen Gefilde. Gro und still schauten die hohen Felsenberge
herber und das ganze, weite Tal hinab lag alles wie im stillen Frieden. Nur
hier und da schallte das frohe Jauchzen eines Hirtenbuben durch die Luft und
leise gab das Echo die Tne oben in den Felsen wieder.
    Der Morgen war dahin, die Kinder wuten nicht, wie, und schon kam der
Grovater mit der dampfenden Schssel daher, denn er sagte, mit dem Tchterchen
bleibe man nun drauen, so lang ein Lichtstrahl am Himmel sei. So wurde das
Mittagsmahl, wie gestern, vor der Htte aufgestellt und mit Vergngen
eingenommen. Dann rollte das Heidi den Stuhl samt der Klara unter die Tannen
hinber, denn die Kinder hatten ausgemacht, den Nachmittag wollten sie dort in
dem schnen Schatten sitzen und einander alles erzhlen, was sich zugetragen,
seit das Heidi Frankfurt verlassen hatte. Wenn auch das alles im gewohnten
Geleise weiter gegangen war, so hatte Klara doch allerlei Besonderes zu
berichten von den Menschen, die im Hause Sesemann lebten und die dem Heidi ja so
gut bekannt waren.
    So saen die Kinder nebeneinander unter den alten Tannen, und je eifriger
sie im Erzhlen wurden, desto lauter pfiffen die Vgel oben in den Zweigen, denn
das Geplauder da unten freute sie und sie wollten auch mithalten. So flog die
Zeit dahin und unversehens war es Abend geworden, und schon kam das Geienheer
heruntergestrmt, der Anfhrer hinterdrein mit Stirnrunzeln und grimmiger Miene.
    Gute Nacht, Peter! rief ihm das Heidi zu, als es sah, da er nicht im
Sinne hatte, still zu stehen.
    Gute Nacht, Peter! rief auch Klara freundlich hinber.
    Er gab keinen Gru zurck und jagte schnaubend die Geien weiter.
    Als Klara jetzt sah, wie der Grovater das saubere Schwnli zum Melken nach
dem Stalle fhrte, da ergriff sie auf einmal ein solches Verlangen nach der
gewrzigen Milch, da sie es fast nicht erwarten konnte, bis der Grovater damit
kommen wrde. Sie mute selbst erstaunen darber.
    Das ist aber einmal kurios, Heidi, sagte sie; so lang ich wei, habe ich
nur gegessen, weil ich mute, und alles, was ich bekam, schmeckte nach
Fischtran, und tausendmal habe ich gedacht: Wenn man nur nie essen mte! Und
jetzt kann ich es fast nicht erwarten, bis der Grovater kommt mit der Milch.
    Ja, ich wei schon, was das ist, entgegnete das Heidi ganz
verstndnisvoll, denn es gedachte der Tage in Frankfurt, da ihm alles im Halse
stecken blieb und nicht hinunter wollte. Klara aber begriff die Sache doch
nicht. Sie hatte aber, so lange sie lebte, noch nie einen Tag lang in der freien
Luft gesessen, wie heute, und nun gar in dieser hohen, belebenden Bergluft.
    Als der Grovater mit seinen Schsselchen herankam, erfate Klara schnell
dankend das ihrige, und in durstigen Zgen trank sie hintereinander und war
diesmal noch vor dem Heidi zu Ende.
    Darf ich noch ein wenig haben? fragte sie, dem Grovater das Schsselchen
hinhaltend.
    Er nickte wohlgefllig, nahm auch Heidis Gef wieder in Empfang und ging
zur Htte zurck. Als er wieder kam, brachte er auf jedem Schsselchen einen
hohen Deckel mit, der war aber von anderem Stoff, als die Deckel gewhnlich
sind.
    Der Grovater hatte am Nachmittag einen Gang nach dem grnen Maiens
hinber gemacht, zu der Sennhtte, wo die se, gelbe Butter gemacht wird. Von
dort hatte er einen schnen, runden Ballen mitgebracht. Jetzt hatte er zwei
feste Schnitten Brot genommen und die se Butter schn dick darauf gestrichen.
Diese sollten nun die Kinder zu ihrem Nachtessen haben. Gleich bissen auch alle
beide so tief in die appetitlichen Schnitten hinein, da der Grovater stehen
blieb und zuschaute, wie das weiter gehen wrde, denn das gefiel ihm.
    Als Klara nachher auf ihrem Lager wieder nach den schimmernden Sternen
schauen wollte, ging es ihr wie dem Heidi an ihrer Seite: die Augen fielen ihr
auf der Stelle zu und es kam ein so fester, gesunder Schlaf ber sie, wie sie
ihn niemals gekannt hatte.
    In dieser erfreulichen Weise verging auch der folgende Tag und dann noch
einer, und dann folgte eine groe berraschung fr die Kinder. Es kamen zwei
krftige Trger den Berg heraufgestiegen; jeder trug auf seinem Reff ein hohes
Bett, fertig aufgerstet in der Bettschaft, beide ganz gleich bedeckt mit einer
weien Decke, sauber und nagelneu. Auch hatten die Mnner einen Brief von der
Gromama abzugeben. Da stand darin, da diese Betten fr Klara und Heidi seien,
da das Heu- und Deckenlager nun aufgehoben werden solle, und da von nun an das
Heidi immer in einem richtigen Bett schlafen msse, denn im Winter solle das
eine der beiden ins Drfli hinuntergeschafft werden, das andere aber oben
bleiben, damit Klara es immer vorfinde, wenn sie wiederkomme. Dann lobte die
Gromama die Kinder um ihrer langen Briefe willen und ermunterte sie, tglich so
fortzufahren, damit sie immer alles mitleben knne, als ob sie bei ihnen wre.
    Der Grovater war hineingegangen, hatte den Inhalt von Heidis Lager auf den
groen Heuhaufen geworfen und die Decken weggelegt. Nun kam er wieder, um mit
Hilfe der Mnner die beiden Betten dorthinauf zu transportieren. Dann rckte er
sie hart aneinander, damit von beiden Kopfkissen aus die Aussicht durch das Loch
dieselbe bliebe, denn er kannte die Freude der Kinder an dem Morgen- und
Abendschein, der da hereinglnzte. -
    Unterdessen sa die Gromama unten im Bade Ragaz und war hoch erfreut ber
die vortrefflichen Nachrichten, die tglich von der Alp zu ihr
heruntergelangten.
    Das Entzcken ber ihr neues Leben steigerte sich bei Klara noch von Tag zu
Tag und sie wute nicht genug zu sagen von der Gte und sorglichen Pflege des
Grovaters und wie lustig und kurzweilig das Heidi sei, noch viel mehr als in
Frankfurt, und wie sie jeden Morgen beim Erwachen immer zuerst denke: O
gottlob; ich bin noch auf der Alp!
    ber diese ausnehmend erfreulichen Berichte war die Gromama jeden Tag aufs
neue froh. Sie fand auch, da alles so stand, so knne sie ihren Besuch auf der
Alp gar wohl noch ein wenig verschieben, was ihr nicht unlieb war, denn der Ritt
den steilen Berg hinauf und wieder herunter war ihr doch etwas beschwerlich
vorgekommen.
    Der Grovater mute eine ganz besondere Teilnahme fr seinen Pflegling
gefat haben, denn es verging kein Tag, an welchem er nicht irgendetwas Neues zu
seiner Krftigung ausdachte. Er machte jetzt jeden Nachmittag weitere Gnge in
die Felsen hinauf, immer hher, und jedesmal brachte er ein Bndelchen mit
zurck, das duftete schon von weitem durch die Luft wie gewrzige Nelken und
Thymian, und kehrten die Geien am Abend heim, so fingen sie alle zu meckern und
zu springen an und wollten alle miteinander in den Stall eindringen, wo das
Bndelchen lag, denn sie kannten den Geruch. Aber der hi hatte die Tr gut
zugemacht, denn er kletterte den seltenen Krutchen nicht nach, hoch an die
Felsen hinauf, damit die Geienschar ohne Mhe zu einer guten Mahlzeit komme.
Die Krutlein waren alle fr das Schwnli bestimmt, damit es immer noch
krftigere Milch hergebe. Man konnte auch gut sehen, wie die auerordentliche
Pflege bei ihm anschlug, denn es warf den Kopf immer lebendiger in die Hhe und
machte ganz feurige Augen dazu.
    So war nun schon die dritte Woche gekommen, seit Klara auf der Alp war. Seit
einigen Tagen hatte der Grovater des Morgens, wenn er sie heruntertrug, um sie
in ihren Stuhl zu setzen, jedesmal gesagt: Will das Tchterchen nicht einmal
probieren, ein wenig auf dem Boden zu stehen? Klara hatte dann wohl versucht,
ihm den Gefallen zu tun, aber sie hatte immer gleich gesagt: O es tut zu weh!
und hatte sich an ihn festgeklammert; er lie sie aber jeden Tag ein wenig
lnger probieren.
    Ein so schner Sommer war seit Jahren nicht auf der Alp gewesen. Jeden Tag
zog die strahlende Sonne durch den wolkenlosen Himmel hin, und alle kleinen
Blumen machten ihre Kelche weit auf und glhten und dufteten zu ihr empor und am
Abend warf sie ihr Purpur- und Rosenlicht auf die Felsenhrner und das
Schneefeld hinber und tauchte dann in ein golden flammendes Meer hinab.
    Davon erzhlte das Heidi seiner Freundin Klara immer wieder, denn nur oben
auf der Weide konnte man das alles so recht sehen, und von der Stelle oben am
Abhange erzhlte es mit besonderem Feuer, wie dort jetzt die groen Scharen der
glitzernden, goldenen Weiderschen stehen und Blauglckchen so viele, da man
meine, dort sei das Gras blau geworden, und daneben ganze Bsche von den braunen
Kolbenblmchen, die so schn riechen, da man nur auf den Boden sitzen msse zu
ihnen und gar nicht mehr fort wolle.
    Eben jetzt, unter den Tannen sitzend, hatte das Heidi aufs neue von den
Blumen dort oben und der Abendsonne und den leuchtenden Felsen erzhlt, und
dabei war ein solches Verlangen in ihm aufgestiegen, wieder einmal dorthin zu
kommen, da es mit einemmal aufsprang und davonrannte, dem Grovater zu, der im
Schopf auf seinem Schnitzstuhl sa.
    O Grovater, rief es schon von weitem hinber, kommst du morgen mit uns
auf die Weide? O jetzt ist es so schn dort oben!
    Es bleibt dabei, sagte der Grovater zustimmend; aber dann mu mir das
Tchterchen auch einen Gefallen tun: es mu mir heut' Abend das Stehen noch
einmal recht probieren.
    Frohlockend kam das Heidi mit seiner Nachricht zu Klara zurck, und diese
versprach gleich, sovielmal versuchen zu wollen, auf ihren Fen zu stehen, als
der Grovater nur wolle, denn sie freute sich ganz ungeheuer, diese Reise nach
der schnen Geienweide hinauf zu machen. Das Heidi war so voller Jubel, da es
gleich dem Peter entgegenrief, sobald es ihn am Abend beim Herunterkommen
erblickte:
    Peter! Peter! morgen kommen wir auch mit und bleiben den ganzen Tag dort
oben!
    Als Antwort brummte der Peter wie ein gereizter Br und schlug mit Wut nach
dem unschuldigen Distelfink, der neben ihm trabte. Aber der flinke Distelfink
hatte die Bewegung zur rechten Zeit wahrgenommen. Er machte einen hohen Satz
ber das Schneehppli weg und der Hieb sauste in die Luft hinaus.
    Klara und Heidi bestiegen heut' voll herrlicher Erwartungen ihre zwei
schnen Betten, und so erfllt waren sie von ihren Plnen fr morgen, da sie
beschlossen, die ganze Nacht wach zu bleiben und immerfort davon zu sprechen,
bis sie wieder aufstehen durften. Kaum lagen sie aber auf ihren guten Kissen, so
hrten die Gesprche pltzlich auf, und Klara sah im Traum ein groes, groes
Feld vor sich, das war ganz himmelblau anzusehen, so dicht beset war es von
lauter Glockenblumen; und das Heidi hrte den Raubvogel oben in den Hhen, wie
er herunterschrie: Kommt! kommt! kommt!

                     Es geschieht, was keiner erwartet hat


In aller Frhe trat der hi am andern Morgen aus der Htte und schaute ringsum,
wie der Tag sich gestalten wolle.
    Auf den hohen Bergspitzen lag ein rtlich-goldener Schein; ein frischer Wind
fing an die ste der Tannen hin und her zu wiegen; die Sonne wollte kommen.
    Eine Weile noch stand der Alte und schaute andchtig zu, wie nach den hohen
Berggipfeln die grnen Hgel golden zu schimmern begannen und dann aus dem Tale
leise die dunkeln Schatten wichen und ein rosiges Licht hineinflo und nun Hhen
und Tiefen im Morgengold erglnzten; die Sonne war gekommen.
    Jetzt holte der hi den Rollstuhl aus dem Schopf heraus, stellte ihn, zur
Reise gerstet, vor die Htte hin, und trat dann hinein, um den Kindern zu
sagen, wie schn der Morgen erwacht sei, und sie herauszuholen.
    Eben jetzt kam der Peter herangestiegen. Seine Geien kamen nicht
zutraulich, wie gewohnt, an seiner Seite und nahe vor und hinter ihm den Berg
herauf; sie schossen scheu umher, dahin und dorthin, denn der Peter hieb alle
Augenblicke ohne jede Veranlassung um sich wie ein Wtender, und wo er traf, tat
es nicht wohl. Der Peter war auf dem hchsten Punkt des Zornes und der
Erbitterung angelangt. Seit Wochen hatte er nie mehr das Heidi fr sich gehabt,
so wie er's gewohnt war. Kam er am Morgen von unten herauf, so wurde schon immer
das fremde Kind in seinem Stuhl herausgetragen und das Heidi gab sich mit ihm
ab. Kam er am Abend von oben herunter, so stand noch der Rollstuhl mit seiner
Inhaberin unter den Tannen und das Heidi machte sich mit ihr zu schaffen. Nie
war es noch zur Weide hinaufgekommen den ganzen Sommer, und nun heute wollte es
kommen, aber mitsamt dem Stuhle und der Fremden darin, und wollte die ganze Zeit
nur mit dieser sich abgeben. Das sah der Peter voraus und das hatte seinen
inneren Grimm auf den hchsten Punkt gebracht. Jetzt erblickte er den Stuhl, der
so stolz da auf seinen Rollen stand, und schaute ihn an wie einen Feind, der ihm
alles zuleide getan hatte und heut' noch viel mehr tun wollte. Der Peter schaute
um sich - alles war still, kein Mensch zu sehen. Wie ein Wilder strzte er jetzt
auf den Stuhl, packte ihn an und stie ihn mit so erbitterter Gewalt dem
Bergabhang zu, da der Stuhl frmlich davonflog und augenblicklich verschwunden
war.
    Jetzt strzte der Peter die Alm hinan, als htte er selber Flgel bekommen,
und er setzte kein einziges Mal ab, bis er oben zu einem groen Brombeerstrauch
gelangte, hinter dem er verschwinden konnte, denn er begehrte nicht, da der hi
ihn erblicke. Er wollte aber doch gern sehen, was der Stuhl mache, und der
Strauch auf dem Bergvorsprung war gut gelegen. Der Peter konnte halb verborgen
die Alm hinabschauen und, kam der hi zum Vorschein, hurtig sich ganz
verstecken. So tat er, und was erschauten seine Blicke! Weit unten schon strzte
sein Feind dahin, von immer grerer Gewalt getrieben. Jetzt berschlug er sich,
wieder und wieder; dann machte er einen hohen Satz, dann schlug es ihn wieder
auf die Erde nieder, und berschlagend rollte er seinem Verderben entgegen.
    Schon flogen da und dort die Stcke von ihm weg, Fe, Lehnen,
Polsterfetzen, alles hoch in die Luft geworfen. Der Peter empfand eine so
unbndige Freude an dem Anblick, da er mit beiden Fen zugleich in die Luft
springen mute; er lachte laut auf, er stampfte vor Wonne, er sprang in Stzen
im Kreis herum, er kam wieder an denselben Platz und guckte den Berg hinab. Ein
neues Gelchter erscholl, neue Luftsprnge; der Peter war vllig auer sich vor
Vergngen ber diesen Untergang seines Feindes, denn er sah lauter gute Dinge
vor sich, die nun kommen wrden. Jetzt mute die Fremde abreisen, denn sie hatte
kein Mittel mehr, sich zu bewegen. Das Heidi war wieder allein und kam mit ihm
auf die Weide, und am Abend und Morgen war es fr ihn da, wenn er kam, und alles
war wieder in der alten Ordnung. Aber der Peter bedachte nicht, wie es geht,
wenn man eine bse Tat begangen hat und was dann nachher kommt.
    Jetzt kam das Heidi aus der Htte gesprungen und rannte dem Schopf zu.
Hinter ihm her kam der Grovater mit Klara auf dem Arm.
    Die Schopftr stand weit offen, die beiden Bretter daneben waren
weggestellt, bis in den hintersten Winkel war es taghell. Das Heidi guckte hin
und her, lief um die Ecke, kam wieder zurck, die ungeheuerste Verwunderung lag
auf seinem Gesicht. Nun trat der Grovater heran.
    Was ist das? Hast du den Stuhl weggerollt, Heidi? fragte er.
    Ich suche ihn ja allenthalben, Grovater, und du hast gesagt, er stehe
neben der Schopftr, sagte das Kind, immer noch nach allen Seiten mit den Augen
herumsuchend.
    Der Wind war unterdessen strker geworden; eben klapperte er an der
Schopftr herum und warf sie auf einmal krachend gegen die Wand zurck.
    Grovater, der Wind hat's gemacht! rief das Heidi und seine Augen blitzten
auf bei der Entdeckung. O, wenn er den Stuhl bis ins Drfli hinabgejagt htte,
dann bekme man ihn erst viel zu spt wieder und wir knnten gar nicht gehen.
    Wenn er dorthinunter gerollt ist, so kommt er gar nicht mehr zurck, dann
ist er in hundert Stcken, sagte der Grovater, um die Ecke tretend und den
Berg hinabschauend. Aber kurios ist's doch zugegangen, setzte er hinzu, indem
er auf das Stck zurcksah, das der Stuhl erst um die Ecke der Htte herum zu
machen hatte.
    O, wie schade, jetzt knnen wir gar nicht gehen und vielleicht gar nie,
jammerte Klara; nun mu ich gewi heimgehen, wenn ich keinen Stuhl mehr habe.
O, wie schade! Wie schade!
    Aber das Heidi schaute ganz vertrauensvoll zu seinem Grovater auf und
sagte:
    Gelt, Grovater, du kannst schon etwas erfinden, da es nicht so geht, wie
die Klara meint, und da sie nicht auf einmal heim mu?
    Jetzt gehen wir fr einmal auf die Weide, wie wir uns vorgenommen haben;
dann wollen wir sehen, was weiter kommt, sagte der Grovater. Die Kinder
jubelten.
    Er trat nun wieder in die Htte zurck, holte einen guten Teil der Tcher
heraus, legte sie auf den sonnigsten Platz an die Htte hin und setzte Klara
darauf. Dann holte er den Kindern ihre Morgenmilch und fhrte Schwnli und Brli
vor den Stall hinaus.
    Warum der nur so lang nicht von da unten heraufkommt, sagte der hi vor
sich hin, denn Peters Morgenpfiff war ja noch gar nicht ertnt.
    Jetzt nahm der Grovater Klara wieder auf den einen Arm, die Tcher auf den
andern.
    So, nun vorwrts! sagte er vorangehend; die Geien kommen mit uns.
    Das war dem Heidi eben recht. Einen Arm um Schwnlis und einen um Brlis
Hals gelegt, wanderte das Heidi hinter dem Grovater her, und die Geien hatten
solche Freude, einmal wieder mit dem Heidi auszuziehen, da sie es fast
zusammendrckten zwischen sich vor lauter Zrtlichkeit.
    Oben auf dem Weidplatz angelangt, sahen die Kommenden mit einemmal da und
dort an den Abhngen die friedlich grasenden Geien in Gruppen stehen, und
mitten drin den Peter, der Lnge nach auf dem Boden liegend.
    Ein ander Mal will ich dir das Vorbeigehen vertreiben, Schlafpelz; was
heit das? rief ihm der hi zu.
    Der Peter war bei dem Ton der bekannten Stimme aufgeschossen.
    War noch niemand auf! gab er zurck.
    Hast du etwas von dem Stuhl gesehen? frug der hi wieder.
    Von welchem? rief der Peter strrisch zurck.
    Der hi sagte nichts mehr. Er breitete seine Tcher an dem sonnigen Abhang
hin, setzte Klara darauf und fragte, ob's ihr so bequem sei.
    So bequem wie im Stuhl, sagte sie dankend, und am schnsten Platz bin ich
da. Da ist's so schn, Heidi, so schn! rief sie, rings um sich blickend, aus.
    Der Grovater schickte sich zur Rckkehr an. Er sagte, sie sollten sich's
nun wohl sein lassen miteinander, und wenn die Zeit da sei, sollte Heidi das
Mittagsmahl herbeiholen, das er, in den Sack verpackt, drben in den Schatten
gelegt hatte. Dann sollte der Peter ihnen Milch dazu geben, so viel sie trinken
wollten, aber das Heidi sollte gut aufpassen, da er sie vom Schwnli nehme.
Gegen Abend wollte der Grovater wiederkommen; jetzt wollte er vor allem dem
Stuhle nachgehen und sehen, was aus ihm geworden sei.
    Der Himmel war dunkelblau und um und um war nicht ein einziges Wlkchen zu
sehen. Auf dem groen Schneefeld drben blitzte es wie von tausend und tausend
Gold- und Silbersternen. Die grauen Felsenhrner standen hoch und fest an ihrem
Platz, wie vor alter Zeit, und schauten ernsthaft ins Tal hinab. Der groe Vogel
wiegte sich oben im Blau und ber die Hhen strich der Bergwind hin und wehte
khl rings um die sonnige Alp. Den Kindern war es unbeschreiblich wohl. Hier und
da kam ein Geilein heran und lie sich ein wenig nieder bei ihnen; am ftersten
kam das zrtliche Schneehppli und legte sein Kpfchen an das Heidi heran und
wre da wohl gar nicht mehr weggegangen, htte es nicht ein anderes von der
Herde wieder vertrieben. So lernte Klara jetzt eine um die andere von den Geien
so nahe kennen, da sie niemals mehr eine mit der andern verwechselte, denn jede
hatte ja auch ein ganz besonderes Gesicht und ihre eigene Art.
    Sie wurden jetzt auch so zutraulich zu Klara, da sie ihr ganz nahe kamen
und ihre Kpfe an ihren Schultern rieben; das war immer das Zeichen ihrer nahen
Bekanntschaft und Zuneigung.
    So waren schon einige Stunden vergangen; da kam es dem Heidi in den Sinn,
wenn es doch einmal hinbergehen knnte an den Platz, wo die vielen Blumen waren
und sehen, ob sie auch alle offen stehen und so schn seien, wie vor dem Jahr.
Erst am Abend, wenn der Grovater wieder kam, konnte man auch mit Klara
hinbergehen, und dann machten die Blumen vielleicht schon wieder die Augen zu.
Das Verlangen stieg immer hher im Heidi, es konnte nicht mehr widerstehen.
    Ein wenig zaghaft fragte es: Wirst du nicht bs, Klara, wenn ich geschwind
von dir fortlaufe und du allein sein mut? Ich mchte so gern sehen, wie die
Blumen sind; aber wart - dem Heidi war ein Gedanke gekommen. Es sprang auf die
Seite und ri ein paar schne Bschel von den grnen Krutern aus; dann nahm es
das Schneehppli um den Hals, das ihm gleich zugelaufen war, und fhrte es der
Klara zu.
    So, jetzt mut du doch nicht allein sein, sagte das Heidi, indem es auf
seinen Platz neben Klara das Schneehppli ein wenig hindrckte, was das Geilein
gleich gut verstand und sich niederlegte. Dann warf Heidi seine Bltter der
Klara in den Scho, und diese sagte erfreut, das Heidi solle jetzt nur gehen und
die Blumen recht ansehen, sie wolle gern allein mit dem Geilein bleiben; das
hatte sie ja noch gar nie erlebt. Das Heidi rannte fort und Klara fing nun an,
Blttchen fr Blttchen dem Schneehppli hinzuhalten, und dieses wurde so
zutraulich, da es sich ganz an seine neue Freundin anschmiegte und die
Blttchen ihr langsam aus den Fingern fra. Man konnte auch gut sehen, wie wohl
es ihm war, da es da so ruhig und friedlich in gutem Schutz liegen durfte, denn
drauen bei der Herde hatte es immer viele Verfolgungen auszustehen von den
groen und starken Geien. Der Klara kam es so kstlich vor, so ganz allein auf
einem Berge zu sitzen, nur mit einem zutraulichen Geilein, das ganz
hilfsbedrftig zu ihr aufsah; ein groer Wunsch stieg auf in ihr, auch einmal
ihr eigener Herr zu sein und einem andern helfen zu knnen und nicht nur immer
sich von allen anderen helfen lassen zu mssen. Und es kamen der Klara jetzt so
viele Gedanken, die sie gar nie gehabt hatte, und eine unbekannte Lust,
fortzuleben in dem schnen Sonnenschein und etwas zu tun, mit dem sie jemand
erfreuen konnte, wie sie jetzt das Schneehppli erfreute. Eine ganz neue Freude
kam ihr ins Herz, so, als ob alles, was sie wute und kannte, auf einmal viel
schner und anders sein knnte, als sie es bis jetzt gesehen hatte, und es wurde
ihr so schn und wohl zumute, da sie das Geilein um den Hals nehmen und
ausrufen mute: O Schneehppli, wie schn ist es hier oben; wenn ich nur immer
da bei euch bleiben knnte!
    Das Heidi war unterdessen an dem Blumenplatz angekommen. Es stie einen
Freudenschrei aus. Von leuchtendem Gold bedeckt lag die ganze Halde da. Das
waren die schimmernden Cystusrschen. Dichte, dunkelblaue Bsche von
Glockenblumen wiegten sich darber, und ein so starker gewrziger Duft wogte um
die sonnige Halde, als wren die kstlichsten Balsamschalen da oben
ausgeschttet worden. Der ganze Wohlgeruch kam aber von den kleinen, braunen
Kolbenblmchen her, die ihre runden Kpfchen hier und da bescheiden zwischen den
Goldkelchen emporstreckten. Das Heidi stand und schaute und zog den sen Duft
in langen Zgen ein. Auf einmal kehrte es um und kam auer Atem vor Erregung zu
Klara zurck.
    O du mut gewi kommen! rief es ihr schon von weitem zu; sie sind so
schn und alles ist so schn, und am Abend ist es vielleicht nicht mehr so. Ich
kann dich vielleicht tragen, meinst du nicht?
    Klara schaute das erregte Heidi mit Verwunderung an; sie schttelte aber den
Kopf.
    Nein, nein, was denkst du, Heidi; du bist ja viel kleiner als ich. O, wenn
ich nur gehen knnte!
    Jetzt schaute das Heidi suchend um sich, es mute etwas Neues im Sinne
haben. Dort oben, wo der Peter vorher auf dem Boden gelegen hatte, sa er jetzt
und starrte auf die Kinder herunter. So hatte er schon seit Stunden gesessen und
immerzu herabgestarrt, so, als knne er nicht fassen, was er vor sich sah. Er
hatte den feindlichen Stuhl zerstrt, damit alles aufhren und die Fremde sich
gar nicht mehr bewegen knne, und eine ganze Weile nachher erschien sie da oben
und sa vor ihm auf dem Boden neben dem Heidi. Das konnte ja nicht sein, und
doch war es immer noch so, er konnte hinsehen, wann er wollte.
    Jetzt schaute das Heidi zu ihm auf.
    Komm hier herunter, Peter! rief es sehr bestimmt.
    Komme nicht! rief er zurck.
    Doch, du mut; komm, ich kann es nicht allein machen, du mut mir helfen;
komm schnell! drngte das Heidi.
    Komme nicht! ertnte es wieder.
    Jetzt sprang das Heidi eine kleine Strecke den Berg hinan, dem Angeredeten
entgegen.
    Da stand es mit flammenden Augen und rief hinauf:
    Peter, wenn du nicht auf der Stelle kommst, so will ich dir auch etwas
machen, das du dann gewi nicht gern hast; das kannst du glauben!
    Diese Worte gaben dem Peter einen Stich, und eine groe Angst packte ihn an.
Er hatte etwas Bses getan, das kein Mensch wissen sollte. Bis jetzt hatte es
ihn gefreut; aber nun redete das Heidi, wie wenn es alles wte, und was es
wute, sagte es alles seinem Grovater, und vor dem frchtete der Peter sich ja,
wie vor keinem andern. Wenn der nun vernhme, was mit dem Stuhl vorgegangen war!
Den Peter wrgte die Angst immer rger. Er stand auf und kam dem wartenden Heidi
entgegen.
    Ich komme, aber dann mut du das nicht machen, sagte er, so zahm vor
Furcht, da das Heidi ganz mitleidig wurde.
    Nein, nein, das tu' ich nun schon nicht, versicherte es; komm jetzt nur
mit mir, es ist nichts zum Frchten, was du tun mut.
    Bei Klara angelangt, ordnete nun das Heidi an, auf der einen Seite sollte
der Peter, auf der andern wollte es selbst Klara fest unter dem Arm fassen und
aufheben. Das ging nun ziemlich gut, aber jetzt kam das Schwierigere. Klara
konnte ja nicht stehen, wie sollte man sie nun festhalten und vorwrts bringen?
Das Heidi war zu klein, um ihr mit seinem Arm eine Sttze zu bieten.
    Du mut mich jetzt um den Hals nehmen, ganz fest - so. Und den Peter mut
du am Arm nehmen und ganz fest darauf drcken, dann knnen wir dich tragen.
    Aber der Peter hatte noch nie jemandem den Arm gegeben. Klara umfate diesen
wohl; der Peter aber hielt ihn ganz steif am Leib herunter, wie einen langen
Stecken.
    So macht man es nicht, Peter, sagte das Heidi sehr bestimmt. Du mut mit
dem Arm einen Ring machen, und dann mu die Klara mit dem ihrigen durchfahren,
und dann mu sie ganz fest aufdrcken und du mut um keinen Preis nachgeben,
dann kommen wir schon vorwrts.
    Das wurde nun so ausgefhrt. Man kam aber nicht gut vorwrts. Klara war
nicht so leicht und das Gespann zu ungleich in der Gre; auf der einen Seite
ging es herab und auf der andern hinauf, das gab eine ziemliche Unsicherheit in
den Sttzen.
    Klara probierte es hier und da ein wenig mit den eigenen Fen, zog aber
einen nach dem andern immer bald wieder zurck.
    Stampf einmal recht herunter, schlug das Heidi vor, dann tut es dir gewi
nachher weniger weh.
    Meinst du? sagte Klara zaghaft.
    Sie gehorchte aber und wagte einen festen Tritt auf den Boden und dann mit
dem zweiten Fu; sie schrie aber ein wenig auf dabei. Dann hob sie den einen
wieder und setzte ihn leiser hin.
    O, das hat schon viel weniger weh getan, sagte sie voller Freude.
    Mach's noch einmal, drngte eifrig das Heidi. Klara tat es und dann noch
einmal und noch einmal, und auf einmal schrie sie auf:
    Ich kann, Heidi! O ich kann! Sieh! sieh! Ich kann Schritte machen, einen
nach dem andern.
    Jetzt jauchzte das Heidi noch viel mehr auf.
    O! o! Kannst du gewi selbst Schritte machen? Kannst du jetzt gehen? Kannst
du gewi selbst gehen? O wenn nur der Grovater kme! Jetzt kannst du selbst
gehen, Klara, jetzt kannst du gehen! rief es ein Mal ums andere in jubelnder
Freude aus.
    Klara hielt sich wohl fest an auf beiden Seiten; aber mit jedem Schritt
wurde sie ein wenig sicherer, das konnten alle drei empfinden. Das Heidi kam
ganz auer sich vor Freude.
    O, nun knnen wir alle Tage miteinander auf die Weide gehen und auf der Alp
herum, wo wir wollen, rief es wieder aus, und du kannst dein Lebtag gehen, wie
ich, und mut nie mehr im Stuhl gestoen werden und wirst gesund. O, das ist die
grte Freude, die wir haben knnen!
    Klara stimmte mit dem ganzen Herzen ein. Gewi kannte sie gar kein greres
Glck auf der Welt, als auch einmal gesund zu sein und herumgehen zu knnen, wie
die anderen Menschen, und nicht mehr elend die ganzen Tage lang in den
Krankensessel gebannt zu sein.
    Es war nicht weit zu der Blumenhalde hinber. Dort sah man schon das
Glitzern der Goldrschen in der Sonne. Jetzt waren sie bei den Bschen der
blauen Glockenblumen angekommen, wo zwischendurch der sonnige Boden so einladend
aussah.
    Knnen wir nicht hier niedersitzen? fragte Klara.
    Das war ganz nach Heidis Wunsch, und mitten in die Blumen hinein setzten
sich die Kinder; Klara zum erstenmal auf den trockenen, warmen Alpenboden hin;
das gefiel ihr unbeschreiblich wohl. Und nun rings um sie die wiegenden blauen
Glockenblumen, die schimmernden Goldrschen, das rote Tausendgldenkraut und um
und um der se Duft der braunen Kolbenblmchen, der wrzigen Prnellen. Alles
war so schn! so schn!
    Auch das Heidi neben ihr meinte, so schn sei es noch nie gewesen da oben,
und es wute gar nicht, warum es eine solche Freude im Herzen hatte, da es nur
immer htte laut jauchzen mgen. Aber auf einmal kam es ihm dann wieder in den
Sinn, da Klara gesund geworden war; das war zu allem Schnen ringsumher noch
die allergrte Freude. Klara wurde ganz still vor Wonne und Entzcken ber
alles, was sie sah, und ber alle die Aussichten, die ihr aufgegangen waren
durch das eben Erlebte. Das groe Glck hatte fast nicht Platz in ihrem Herzen,
und der Sonnenglanz und Blumenduft dazu berwltigten sie mit einem Wonnegefhl,
das sie vllig verstummen machte.
    Auch der Peter lag still und regungslos mitten in dem Blumenfeld, denn er
war fest eingeschlafen.
    Leise und lieblich wehte hier der Wind hinter den schtzenden Felsen hervor
und suselte oben in den Bschen. Von Zeit zu Zeit mute das Heidi wieder
aufstehen und dahin laufen und dorthin, denn es war immer irgendwo noch schner,
die Blumen noch dichter, der Wohlgeruch noch strker, weil ihn da der Wind hin-
und herwehte; berall mute es wieder hinsitzen.
    So vergingen die Stunden.
    Die Sonne war lngst ber den Mittag hinaus, als ein Trppchen der Geien
ganz ernsthaft auf die Blumenhalde zu geschritten kam.
    Es war nicht ihr Weideplatz, sie wurden nie dahin gefhrt, denn es gefiel
ihnen nicht, in den Blumen zu grasen. Sie sahen aus wie eine Gesandtschaft, der
Distelfink voran. Die Geien waren sichtlich ausgegangen, ihre Gesellschafter zu
suchen, die sie so lange im Stich gelassen hatten und ber alle Ordnung hinaus
fortgeblieben waren, denn die Geien kannten ihre Zeit wohl. Als der Distelfink
die drei Vermiten in dem Blumenfeld entdeckte, stie er ein berlautes Meckern
aus, und auf der Stelle stimmte der ganze Chor ein, und fortmeckernd kamen sie
alle dahergetrabt. Jetzt erwachte der Peter. Er mute sich aber stark die Augen
reiben, denn es hatte ihm getrumt, der Rollstuhl stehe wieder schn rot
gepolstert und unversehrt vor der Htte und noch im Erwachen hatte er die
goldenen Ngel um das Polster herum in der Sonne blitzen gesehen; aber jetzt
entdeckte er, da es nur die gelben Glitzerblmchen auf dem Boden gewesen waren.
Jetzt kam dem Peter die Angst zurck, die er beim Anblick des unbeschdigten
Stuhles ganz verloren hatte. Denn wenn auch das Heidi versprochen hatte, nichts
zu machen, so war doch nun die Furcht im Peter lebendig geworden, die Sache
knnte auch sonst noch auskommen. Er lie sich jetzt ganz zahm und willig zum
Fhrer machen und tat alles perfekt so, wie das Heidi es haben wollte.
    Als sie nun auf dem Weideplatz angekommen waren, holte das Heidi hurtig
seinen vollen Speisesack herbei und schickte sich an, sein Versprechen zu lsen,
denn auf den Inhalt des Sackes hatte seine Drohung sich bezogen. Es hatte wohl
bemerkt am Morgen, wie viel gute Sachen der Grovater da hineinpackte, und mit
Freuden hatte es vorausgesehen, da dem Peter davon ein gutes Teil zufallen
werde. Als er dann aber so strrig war, wollte es ihm zu verstehen geben, da er
nichts bekomme, was der Peter aber anders gedeutet hatte. Nun holte das Heidi
Stck fr Stck aus seinem Sack heraus und machte drei Hufchen davon, die
wurden so hoch, da es voller Befriedigung vor sich hin sagte: Dann bekommt er
noch alles, was wir zu viel haben.
    Jetzt trug es jedem sein Hufchen zu, und mit dem seinigen setzte es sich
neben Klara hin, und die Kinder lieen sich's wohlschmecken nach der groen
Anstrengung.
    Es ging aber, wie das Heidi vorausgesehen hatte: als sie beide vllig satt
waren, blieb noch so viel brig, da dem Peter noch einmal ein Hufchen, so gro
wie das erste, zugeschoben werden konnte. Er a still und beharrlich alles auf
und dann noch die Krumen, aber er vollzog sein Werk nicht mit der gewohnten
Befriedigung. Dem Peter lag etwas auf dem Magen, das nagte und wrgte ihn und
klemmte ihm jeden Bissen zusammen.
    Die Kinder waren so spt zu ihrer Mahlzeit gekommen, da schon gleich
nachher der Grovater zu sehen war, der die Alm hinanstieg, um sie abzuholen.
Das Heidi strzte ihm entgegen; es mute ihm zuerst sagen, was sich ereignet
hatte. Es war indes so erregt von seiner beglckenden Nachricht, da es die
Worte fast nicht fand, sie dem Grovater mitzuteilen; er verstand aber sogleich,
was das Kind berichtete, und eine helle Freude kam auf sein Gesicht. Er
beschleunigte seinen Schritt und bei Klara angekommen, sagte er frhlich
lchelnd:
    So, haben wir's gewagt? Nun haben wir's auch gewonnen!
    Dann hob er Klara vom Boden auf, umfate sie mit dem linken Arm und hielt
ihr seine Rechte als starke Sttze fr ihre Hand hin, und Klara marschierte, mit
der festen Wand im Rcken, noch viel sicherer und unerschrockener dahin, als sie
vorher getan hatte.
    Das Heidi hpfte und jauchzte nebenher, und der Grovater sah aus, als sei
ihm ein groes Glck widerfahren. Jetzt nahm er aber Klara mit einemmal auf
seinen Arm und sagte: Wir wollen's nicht bertreiben, es ist auch Zeit zur
Heimkehr, und er machte sich gleich auf den Weg, denn er wute, da nun der
Anstrengungen fr heute genug waren und Klara der Ruhe bedurfte. -
    Als der Peter spter am Abend mit seinen Geien nach dem Drfli herunter
kam, stand eine Menge von Leuten an einem Knuel zusammen, und eins stie das
andere ein wenig weg, um besser sehen zu knnen, was mitten drin am Boden lag.
Das mute der Peter auch sehen; er drckte und drngte rechts und links und
bohrte sich hinein.
    Da, jetzt sah er's.
    Auf dem Grase lag das Mittelstck vom Rollstuhl, und noch ein Teil des
Rckens hing daran. Das rote Polster und die glnzenden Ngel zeugten noch
davon, wie prchtig der Stuhl in seiner Vollkommenheit ausgesehen hatte.
    Ich war dabei, als sie ihn hinauftrugen, sagte der Bcker, der neben dem
Peter stand; wenigstens 500 Franken war er wert, das wett' ich mit jedem. Es
nimmt mich nur wunder, wie es zugegangen ist.
    Der Wind kann ihn heruntergejagt haben, das hat der hi selbst gesagt,
bemerkte die Barbel, die nicht genug das schne rote Zeug bewundern konnte.
    Es ist gut, da es kein anderer ist, der's getan hat, sagte der Bcker
wieder; dem ging's schn! Wenn es der Herr in Frankfurt vernimmt, wird er schon
untersuchen lassen, wie's zugegangen ist. Ich fr mich bin froh, da ich seit
zwei Jahren nie mehr auf der Alm war; der Verdacht kann auf jeden fallen, der um
die Zeit dort oben gesehen wurde.
    Es wurden noch viele Meinungen ausgesprochen, aber der Peter hatte genug
gehrt. Er kroch ganz zahm und sachte aus dem Knuel heraus und lief aus allen
Krften den Berg hinauf, so, als wre einer hinter ihm drein, der ihn packen
wollte. Die Worte des Bckers hatten ihm eine furchtbare Angst eingejagt. Er
wute ja jetzt, da jeden Augenblick ein Polizeidiener aus Frankfurt ankommen
konnte, der die Sache untersuchen mute, und dann konnte es doch auskommen, da
er es getan hatte, und dann wrden sie ihn packen und nach Frankfurt ins
Zuchthaus schleppen. Das sah der Peter vor sich, und seine Haare strubten sich
vor Schrecken.
    Ganz verstrt kam er daheim an. Er gab keine Antwort, auf gar nichts, er
wollte seine Kartoffeln nicht essen; eilends kroch er in sein Bett hinein und
sthnte.
    Der Peterli hat wieder Sauerampfer gegessen, er hat's im Magen, da er so
chzen mu߫, meinte die Mutter Brigitte.
    Du mut ihm ein wenig mehr Brot mitgeben, gib ihm morgen noch ein Stcklein
von dem meinen, sagte die Gromutter mitleidig. - Als die Kinder heut' von
ihren Betten in den Sternenschein hinausschauten, sagte das Heidi:
    Hast du nicht heut' den ganzen Tag denken mssen, wie gut es doch ist, da
der liebe Gott nicht nachgibt, wenn wir noch so furchtbar stark beten um etwas,
wenn er etwas viel Besseres wei?
    Warum sagst du das jetzt auf einmal, Heidi? fragte Klara.
    Weit, weil ich in Frankfurt so stark gebetet habe, da ich doch auf der
Stelle heimgehen knne, und weil ich das immer nicht konnte, habe ich gedacht,
der liebe Gott habe nicht zugehrt. Aber weit du, wenn ich so bald fortgelaufen
wre, so wrest du nie gekommen und du wrest nicht gesund geworden auf der
Alp.
    Klara war ganz nachdenklich geworden. Aber, Heidi, fing sie nun wieder an,
dann mten wir ja um gar nichts beten, weil der liebe Gott ja schon immer
etwas viel Besseres im Sinn hat, als wir wissen und wir von ihm erbitten
wollen.
    Ja, ja, Klara, meinst du, es gehe dann nur so? eiferte jetzt das Heidi.
Alle Tage mu man zum lieben Gott beten und um alles, alles; denn er mu doch
hren, da wir es nicht vergessen, da wir alles von ihm bekommen. Und wenn wir
den lieben Gott vergessen wollen, so vergit er uns auch; das hat die Gromama
gesagt. Aber weit du, wenn wir dann nicht bekommen, was wir gern htten, dann
mssen wir nicht denken: der liebe Gott hat nicht zugehrt, und ganz aufhren,
zu beten, sondern dann mssen wir so beten: Jetzt wei ich schon, lieber Gott,
da du etwas Besseres im Sinn hast, und jetzt will ich nur froh sein, da du es
so gut machen willst.
    Wie ist dir das alles so in den Sinn gekommen, Heidi? fragte Klara.
    Die Gromama hat mir's zuerst erklrt und dann ist es auch so gekommen und
dann hab' ich's gewut. Aber ich meine auch, Klara, fuhr das Heidi fort, indem
es sich aufsetzte, heute mssen wir gewi dem lieben Gott noch recht danken,
da er das groe Glck geschickt hat, da du jetzt gehen kannst.
    Ja gewi, Heidi, du hast recht, und ich bin froh, da du mich noch
erinnerst; vor lauter Freude htte ich es fast vergessen.
    Jetzt beteten die Kinder noch und dankten dem lieben Gott jedes in seiner
Weise fr das herrliche Gut, das er der so lange krank gewesenen Klara geschenkt
hatte.
    Am andern Morgen meinte der Grovater, nun knnte man einmal an die Frau
Gromama schreiben, ob sie nicht jetzt nach der Alp kommen wolle, es wre da
etwas Neues zu sehen. Aber die Kinder hatten einen andern Plan gemacht. Sie
wollten der Gromama eine groe berraschung bereiten. Erst sollte Klara das
Gehen noch besser lernen, so da sie, allein auf das Heidi gesttzt, einen
kleinen Gang machen knnte; von allem aber mte die Gromama keine Ahnung
haben. Nun wurde der Grovater beraten, wie lang das noch whren knnte, und da
er meinte, kaum acht Tage, so wurde im nchsten Brief die Gromama dringend
eingeladen, um diese Zeit auf die Alp zu kommen; von etwas Neuem wurde ihr aber
kein Wort berichtet.
    Die Tage, die nun folgten, waren noch von den allerschnsten, welche Klara
auf der Alp verlebt hatte. Jeden Morgen erwachte sie mit der lauten
Freudenstimme in ihrem Herzen: Ich bin gesund! Ich bin gesund! Ich mu nicht
mehr im Rollstuhl sitzen, ich kann selbst umhergehen wie die anderen Menschen!
    Dann folgte das Umhergehen, und jeden Tag ging es leichter und besser, und
immer lngere Gnge konnten gemacht werden. Die Bewegung brachte dann einen
solchen Appetit mit sich, da der Grovater seine dicken Butterschnitten tglich
ein wenig grer machte und mit Wohlgefallen sah, wie sie verschwanden. Er
brachte jetzt auch immer gleich einen groen Topf voll von der schumenden Milch
herbei und fllte Schsselchen um Schsselchen. So kam das Ende der Woche heran
und damit der Tag, der die Gromama bringen sollte!

                Es wird Abschied genommen, aber auf Wiedersehen


Die Gromama hatte einen Tag vor ihrer Ankunft noch einen Brief nach der Alp
hinauf geschrieben, damit sie oben bestimmt wten, da sie komme. Diesen Brief
brachte am andern Tag der Peter in der Frhe mit sich, als er auf die Weide zog.
Schon war der Grovater mit den Kindern aus der Htte getreten und auch Schwnli
und Brli standen beide drauen und schttelten lustig ihre Kpfe in der
frischen Morgenluft, whrend die Kinder sie streichelten und ihnen glckliche
Reise wnschten zu ihrer Bergfahrt. Behaglich stand der hi dabei und schaute
bald auf die frischen Gesichter der Kinder, bald auf seine sauber glnzenden
Geien nieder. Beides mute ihm gefallen, denn er lchelte vergnglich.
    Jetzt kam der Peter heran. Als er die Gruppe gewahr wurde, nherte er sich
langsam, streckte den Brief dem hi entgegen, und sobald dieser ihn erfat
hatte, sprang er scheu zurck, so, als ob ihn etwas erschreckt habe, und dann
guckte er schnell hinter sich, gerade als ob von hinten ihn auch noch etwas
htte erschrecken wollen; dann machte er einen Sprung und lief davon, den Berg
hinauf.
    Grovater, sagte das Heidi, das dem Vorgang verwundert zugeschaut hatte,
warum tut der Peter jetzt immer wie der groe Trk, wenn der eine Rute hinter
sich merkt; dann scheut er mit dem Kopf und schttelt ihn auf alle Seiten und
macht auf einmal Sprnge in die Luft hinauf.
    Vielleicht merkt der Peter auch eine Rute hinter sich, die er verdient,
antwortete der Grovater.
    Nur die erste Halde hinauf lief der Peter so in einem Zuge davon; sobald man
ihn von unten nicht mehr sehen konnte, kam es anders. Da stand er still und
drehte scheu den Kopf nach allen Seiten; pltzlich tat er einen Sprung und
schaute hinter sich, so erschreckt, als habe ihn eben einer im Genick gepackt.
Hinter jedem Busch hervor, aus jeder Hecke heraus meinte jetzt der Peter den
Polizeidiener aus Frankfurt auf sich losstrzen zu sehen. Je lnger aber diese
gespannte Erwartung dauerte, je schreckhafter wurde es dem Peter zumute, er
hatte keinen ruhigen Augenblick mehr. -
    Nun mute das Heidi seine Htte aufrumen, denn die Gromama sollte doch
alles in guter Ordnung finden, wenn sie kam.
    Klara fand dieses geschftige Treiben Heidis in allen Ecken der Htte herum
immer so kurzweilig, da sie mit Vorliebe dieser Ttigkeit zuschaute.
    So vergingen die frhen Morgenstunden den Kindern unversehens, und schon
konnte man der Ankunft der Gromama entgegensehen.
    Jetzt kamen die Kinder bereit und zum Empfang gerstet wieder heraus und
setzten sich nebeneinander auf die Bank vor der Htte, in voller Erwartung auf
die kommenden Ereignisse.
    Auch der Grovater trat jetzt wieder zu ihnen; er hatte einen Gang gemacht
und hatte einen groen Strau dunkelblauer Enziane mitgebracht, die leuchteten
so schn in der hellen Morgensonne, da die Kinder aufjauchzten bei dem Anblick.
Der Grovater trug sie in die Htte hinein. Von Zeit zu Zeit sprang das Heidi
von der Bank, um auszusphen, ob von dem Zug der Gromama noch nichts zu
entdecken sei.
    Aber jetzt: da kam es von unten herauf, gerade so, wie das Heidi es erwartet
hatte. Voran stieg der Fhrer, dann kam das weie Ro und die Gromama darauf
und zuletzt kam der Trger mit dem hohen Reff, denn ohne reichliche Schutzmittel
zog die Gromama nun einmal nicht auf die Alp.
    Nher und nher kam der Zug. Jetzt war die Hhe erreicht; die Gromama
erblickte die Kinder von ihrem Pferd herunter.
    Was ist denn das? Was seh' ich, Klrchen? Du sitzest nicht in deinem
Sessel? Wie ist das mglich? rief sie erschrocken aus und stieg nun eilig
herunter. Bevor sie aber noch bei den Kindern angekommen war, schlug sie die
Hnde zusammen und rief in der hchsten Aufregung:
    Klrchen, bist du's oder bist du's nicht? Du hast ja rote Wangen,
kugelrunde! Kind! Ich kenne dich nicht mehr! Jetzt wollte die Gromama auf
Klara losstrzen. Aber unversehens war das Heidi von der Bank geglitten, Klara
hatte sich schnell auf seine Schultern gesttzt, und fort wanderten die Kinder,
ganz gelassen einen kleinen Spaziergang machend. Die Gromama war pltzlich
still gestanden, erst vor Schrecken, sie meinte nicht anders, als das Heidi
stelle eben etwas Unerhrtes an.
    Aber was sah sie vor sich!
    Aufrecht und sicher ging Klara neben dem Heidi her; jetzt kamen sie wieder
zurck, beide mit strahlenden Gesichtern, beide mit rosenroten Backen.
    Jetzt strzte die Gromama ihnen entgegen. Lachend und weinend umarmte sie
ihr Klrchen, dann das Heidi, dann wieder Klara. Vor Freude fand die Gromama
gar keine Worte.
    Auf einmal fiel ihr Blick auf den hi, der bei der Bank stand und mit
behaglichem Lcheln nach den dreien herberschaute. Jetzt fate die Gromama
Klaras Arm in den ihrigen und wanderte mit ihr unter immerwhrenden Ausrufungen
des Entzckens, da es ja wirklich so sei, da sie umherwandern knne mit dem
Kinde, der Bank zu. Hier lie sie Klara los und ergriff den Alten bei beiden
Hnden.
    Mein lieber hi! Mein lieber hi! Was haben wir Ihnen zu danken! Es ist Ihr
Werk! Es ist Ihre Sorge und Pflege -
    Und unseres Herrgotts Sonnenschein und Almluft, fiel der hi lchelnd ein.
    Ja, und Schwnlis gute, schne Milch gewi auch! rief nun Klara
ihrerseits; Gromama, du solltest nur wissen, wie ich die Geienmilch trinken
kann, und wie gut sie ist!
    Ja, das kann ich an deinen Backen sehen, Klrchen, sagte jetzt die
Gromama lachend. Nein, dich kennt man nicht mehr; rund, breit bist du ja
geworden, wie ich nie geahnt, da du je werden knntest, und gro bist du,
Klrchen! Nein, ist es denn auch wahr? Ich kann dich ja nicht genug ansehen!
Aber nun mu auf der Stelle telegraphiert werden an meinen Sohn in Paris, er mu
sogleich kommen. Ich sag' ihm nicht: warum; das ist die grte Freude seines
Lebens. Mein lieber hi, wie machen wir das? Sie haben wohl die Mnner schon
entlassen?
    Die sind fort, antwortete er; aber wenn's der Frau Gromama pressiert, so
lt man den Geienhter herunterkommen, der hat Zeit.
    Die Gromama bestand darauf, sofort ihrem Sohne eine Depesche zu schicken,
denn dieses Glck sollte ihm keinen Tag vorenthalten bleiben.
    Nun ging der hi ein wenig auf die Seite, und hier tat er einen so
durchdringenden Pfiff durch seine Finger, da es hoch oben von den Felsen
zurckpfiff, so weit weg hatte er das Echo geweckt. Es whrte gar nicht lange,
so kam der Peter heruntergerannt, er kannte den Pfiff wohl. Der Peter war
kreidewei, denn er dachte, der Alm-hi rufe ihn zum Gericht. Es wurde ihm aber
nur ein Papier bergeben, das die Gromama unterdessen berschrieben hatte, und
der hi erklrte ihm, er habe das Papier sofort ins Drfli hinunterzutragen und
auf dem Postamt abzugeben, die Bezahlung werde der hi spter selbst in Ordnung
bringen, denn so viele Dinge auf einmal konnte man dem Peter nicht bertragen.
    Dieser ging nun mit seinem Papier in der Hand, fr diesmal wieder
erleichtert, davon, denn der hi hatte ja nicht zum Gericht gepfiffen, es war
kein Polizeidiener angekommen. -
    Endlich konnte man sich denn fest und ruhig zusammen um den Tisch vor der
Htte herumsetzen, und nun mute der Gromama erzhlt werden, wie von Anfang an
alles sich zugetragen hatte. Wie zuerst der Grovater jeden Tag ein wenig das
Stehen und dann ein Schrittchen mit Klara probiert hatte, wie dann die Reise auf
die Weide gekommen war, und der Wind den Rollstuhl fortgejagt hatte. Wie Klara
vor Begierde nach den Blumen den ersten Gang machen konnte, und so eins aus dem
andern gekommen war. Aber es whrte lange, bis diese Erzhlung von den Kindern
zu Ende gebracht wurde, denn zwischendurch mute die Gromama immer wieder in
Verwunderung und in Lob und Dank ausbrechen, und immer wieder rief sie aus:
    Aber ist es denn auch mglich! Ist es denn auch wirklich kein Traum? Sind
wir denn auch alle wach und sitzen wir hier vor der Almhtte, und das Mdchen
vor mir mit dem runden, frischen Gesicht ist mein altes, bleiches, kraftloses
Klrchen?
    Und Klara und Heidi hatten immer neue Freude, da ihre schn ausgedachte
berraschung so gut gelungen war bei der Gromama und immer noch fortwirkte.
Herr Sesemann hatte unterdessen seine Geschfte in Paris beendet, und auch er
hatte vor, eine berraschung zu bereiten. Ohne ein Wort an seine Mutter zu
schreiben, setzte er sich an einem der sonnigen Sommermorgen auf die Eisenbahn
und fuhr in einem Zuge bis nach Basel, von wo er in aller Frhe des folgenden
Tages gleich wieder aufbrach, denn es hatte ihn ein groes Verlangen ergriffen,
einmal wieder sein Tchterchen zu sehen, von dem er nun den ganzen Sommer durch
getrennt gewesen war. Im Bade Ragaz kam er einige Stunden nach der Abfahrt
seiner Mutter an.
    Die Nachricht, da sie eben heute die Reise nach der Alp unternommen habe,
kam ihm gerade recht. Sofort setzte er sich in einen Wagen und fuhr nach
Maienfeld hinber. Als er da hrte, da er auch noch bis zum Drfli hinauffahren
knne, tat er dies, denn er dachte, die Fupartie den Berg hinauf werde ihm
immer noch lang genug werden.
    Herr Sesemann hatte sich nicht getuscht; die unausgesetzte Steigung die Alp
hinan kam ihm sehr lang und beschwerlich vor. Noch immer war keine Htte in
Sicht, und er wute doch, da auf dem halben Wege er auf die Wohnung des
Geienpeter stoen sollte, denn oftmals hatte er die Beschreibung dieses Weges
vernommen.
    Es waren berall Spuren von Fugngern zu sehen, manchmal gingen die
schmalen Wege nach allen Richtungen hin. Herr Sesemann wurde unsicher, ob er
auch auf dem richtigen Pfade sei, oder ob vielleicht die Htte auf einer andern
Seite der Alp liege. Er sah sich um, ob kein menschliches Wesen zu entdecken
sei, das er um den Weg befragen knnte. Aber es war still ringsum, weit und
breit war nichts zu sehen, noch zu hren. Nur der Bergwind sauste dann und wann
durch die Luft, und im sonnigen Blau summten die kleinen Mcken, und ein
lustiges Vgelein pfiff da und dort auf einem einsamen Lrchenbumchen. Herr
Sesemann stand eine Weile still und lie sich die heie Stirne vom Alpenwind
khlen.
    Jetzt kam jemand von oben heruntergelaufen; es war der Peter mit seiner
Depesche in der Hand. Er lief gradaus, steil herunter, nicht auf dem Fuweg, auf
dem Herr Sesemann stand. Sobald der Lufer aber nahe genug war, winkte ihm Herr
Sesemann, da er herberkommen sollte. Zgernd und scheu kam der Peter heran,
seitwrts, nicht gradaus, und so, als knne er nur mit dem einen Fu richtig
vorankommen und msse den andern nachschleppen.
    Na, Junge, frisch heran! ermunterte Herr Sesemann.
    Jetzt sag mir mal, komme ich auf diesem Weg zu der Htte hinauf, wo der
alte Mann mit dem Kind Heidi wohnt, bei dem die Leute aus Frankfurt sind?
    Ein dumpfer Ton furchtbarsten Schreckens war die Antwort, und so malos
scho der Peter davon, da er kopfber und ber die steile Halde hinabstrzte
und fortrollte in unwillkrlichen Purzelbumen, immer weiter und weiter, ganz
hnlich wie der Rollstuhl getan hatte, nur da glcklicherweise der Peter nicht
in Stcke ging, wie es bei dem Sessel der Fall gewesen war.
    Nur die Depesche wurde arg zugerichtet und flog in Fetzen davon.
    Merkwrdig schchterner Bergbewohner, sagte Herr Sesemann vor sich hin,
denn er dachte nicht anders, als da die Erscheinung eines Fremden diesen
starken Eindruck auf den einfachen Alpensohn hervorgebracht habe.
    Nachdem er Peters gewaltttige Talfahrt noch ein wenig betrachtet hatte,
setzte Herr Sesemann seinen Weg weiter fort.
    Der Peter konnte trotz aller Anstrengung keinen festen Standpunkt gewinnen,
er rollte immer zu, und von Zeit zu Zeit berschlug er sich noch in besonderer
Weise.
    Aber das war nicht die schrecklichste Seite seines Schicksals in diesem
Augenblick, viel erschrecklicher waren die Angst und das Entsetzen, die ihn
erfllten, nun er wute, da der Polizeidiener aus Frankfurt wirklich angekommen
war. Denn er konnte nicht daran zweifeln, da der Fremde es sei, der den
Frankfurtern beim Alm-hi nachgefragt hatte. Jetzt, am letzten hohen Abhang
oberhalb des Drfli, warf es den Peter an einen Busch hin, da konnte er sich
endlich festklammern. Einen Augenblick blieb er noch liegen, er mute sich erst
wieder ein wenig besinnen, was mit ihm sei.
    Gut so, wieder einer! sagte eine Stimme hart neben dem Peter. Und wer
kriegt morgen den Puff da droben, da er herunterkommt wie ein schlechtvernhter
Kartoffelsack?
    Es war der Bcker, der so spottete. Da er da droben aus seinem heien
Tagewerk weg sich ein wenig erluften wollte, hatte er ruhig zugesehen, wie eben
der Peter, dem Heranrollen des Stuhles nicht unhnlich, von oben
heruntergekommen war.
    Der Peter schnellte auf seine Fe. Er hatte seinen neuen Schrecken. Jetzt
wute der Bcker auch schon, da der Stuhl einen Puff bekommen hatte. Ohne ein
einziges Mal zurckzusehen, lief der Peter wieder den Berg hinauf. Am liebsten
wre er jetzt heimgegangen und in sein Bett gekrochen, da ihn keiner mehr
finden konnte, denn da fhlte er sich am sichersten. Aber er hatte ja die Geien
noch oben und der hi hatte ihm noch eingeschrft, bald wiederzukommen, da die
Herde nicht zu lang allein sei. Den hi aber frchtete er vor allen und hatte
einen solchen Respekt vor ihm, da er niemals gewagt htte, ihm ungehorsam zu
sein. Der Peter chzte laut und hinkte weiter, es mute ja sein, er mute wieder
hinauf. Aber rennen konnte er jetzt nicht mehr, die Angst und die mannigfaltigen
Ste, die er soeben erduldet hatte, konnten nicht ohne Wirkung bleiben. So ging
es denn mit Hinken und Sthnen weiter die Alm hinauf.
    Herr Sesemann hatte kurz nach der Begegnung mit Peter die erste Htte
erreicht und wute nun, da er auf dem richtigen Wege war. Er stieg mit erneutem
Mute weiter, und endlich, nach langer, mhevoller Wanderung, sah er sein Ziel
vor sich. Dort oben stand die Almhtte und oben drber wogten die dunkeln Wipfel
der alten Tannen.
    Herr Sesemann ging mit Freuden an die letzte Steigung, gleich konnte er sein
Kind berraschen. Aber schon war er von der Gesellschaft vor der Htte entdeckt
und erkannt worden, und fr den Vater wurde vorbereitet, was er nicht ahnte.
    Als er den letzten Schritt zur Hhe getan hatte, kamen ihm von der Htte her
zwei Gestalten entgegen. Es war ein groes Mdchen mit hellblonden Haaren und
einem rosigen Gesichtchen, das sttzte sich auf das kleinere Heidi, dem ganze
Freudenblitze aus den dunkeln Augen funkelten. Herr Sesemann stutzte, er stand
still und starrte die Herankommenden an. Auf einmal strzten ihm die groen
Trnen aus den Augen. Was stiegen auch fr Erinnerungen in seinem Herzen auf!
Ganz so hatte Klaras Mutter ausgesehen, das blonde Mdchen mit den angehauchten
Rosenwangen. Herr Sesemann wute nicht, war er wachend oder trumte er.
    Papa, kennst du mich denn gar nicht mehr? rief ihm jetzt Klara mit
freudestrahlendem Gesicht entgegen, bin ich denn so verndert?
    Nun strzte Herr Sesemann auf sein Tchterchen zu und schlo es in seine
Arme.
    Ja, du bist verndert! Ist es mglich? Ist es Wirklichkeit?
    Und der berglckliche Vater trat wieder einen Schritt zurck, um noch
einmal hinzusehen, ob denn das Bild nicht verschwinde vor seinen Augen.
    Bist du's, Klrchen, bist du's denn wirklich? mute er ein Mal ums andere
ausrufen. Dann schlo er sein Kind wieder in die Arme, und gleich nachher mute
er noch einmal sehen, ob es wirklich sein Klrchen sei, das aufrecht vor ihm
stand.
    Jetzt war auch die Gromama herbeigekommen, sie konnte nicht so lange
warten, bis sie das glckliche Gesicht ihres Sohnes erblicken sollte.
    Na, mein lieber Sohn, was sagst du jetzt? rief sie ihm zu. Die
berraschung, die du uns machst, ist recht schn; aber diejenige, die man dir
bereitet hat, ist noch viel schner, nicht? Und die erfreute Mutter begrte
nun mit groer Herzlichkeit ihren lieben Sohn. Aber jetzt, mein Lieber, sagte
sie dann, kommst du mit mir dort hinber, unsern hi zu begren, der ist unser
allergrter Wohltter.
    Gewi, und auch unsere Hausgenossin, unser kleines Heidi mu ich noch
begren, sagte Herr Sesemann, indem er Heidis Hand schttelte. Nun? Immer
frisch und gesund auf der Alp? Aber man mu nicht fragen, kein Alpenrschen kann
blhender aussehen. Das ist mir eine Freude, Kind, das ist mir eine groe
Freude!
    Auch das Heidi schaute mit leuchtender Freude zu dem freundlichen Herrn
Sesemann auf. Wie gut war er immer zu ihm gewesen! Und da er nun hier auf der
Alp ein solches Glck finden sollte, das machte Heidis Herz laut schlagen vor
groer Freude.
    Jetzt fhrte die Gromama ihren Sohn zum Alm-hi hinber, und whrend nun
die beiden Mnner sich sehr herzlich die Hnde schttelten und Herr Sesemann
begann, seinen tiefgefhlten Dank auszusprechen und sein unermeliches Erstaunen
darber, wie nur dieses Wunder hatte geschehen knnen, da wandte sich die
Gromama und ging ein wenig nach der andern Seite hinber, denn das hatte sie
nun schon durchgesprochen. Sie wollte einmal nach den alten Tannen sehen.
    Da harrte ihrer schon wieder etwas Unerwartetes: mitten unter den Bumen,
da, wo die langen ste noch einen freien Platz gelassen hatten, stand ein groer
Busch der wundervollsten, dunkelblauen Enziane, so frisch und glnzend, als
wren sie eben da herausgewachsen. Die Gromama schlug die Hnde zusammen vor
Entzcken.
    Wie kstlich! Wie prchtig! Welch ein Anblick! rief sie ein Mal ums andere
aus. Heidi, mein liebes Kind, komm hierher! Hast du mir das zur Freude
bereitet? Es ist vollkommen wundervoll!
    Die Kinder waren schon da.
    Nein, nein, ich gewi nicht, sagte das Heidi; aber ich wei schon, wer's
gemacht hat.
    So ist's droben auf der Weide, Gromama, und noch viel schner, fiel hier
Klara ein. Aber rat einmal, wer dir heut' frh schon die Blumen von der Weide
heruntergeholt hat! Und Klara lchelte so vergnglich zu ihrer Rede, da der
Gromama einen Augenblick der Gedanke kam, das Kind sei am Ende heut' selbst
schon dort oben gewesen. Das war aber doch fast nicht mglich.
    Jetzt hrte man ein leises Gerusch hinter den Tannenbumen; es kam vom
Peter her, der unterdessen hier oben angelangt war. Da er aber gesehen hatte,
wer beim hi vor der Htte stand, hatte er einen groen Bogen gemacht und wollte
nun ganz heimlich hinter den Tannen hinaufschleichen. Aber die Gromama hatte
ihn erkannt, und pltzlich stieg ein neuer Gedanke in ihr auf. Sollte der Peter
die Blumen mit heruntergebracht haben und nun aus lauter Scheu und
Bescheidenheit so heimlich vorbeischleichen wollen? Nein, das durfte nicht sein,
er sollte doch eine kleine Belohnung haben.
    Komm, mein Junge, komm hier heraus, frisch, ohne Scheu! rief die Gromama
laut und steckte ein wenig den Kopf zwischen die Bume hinein.
    Starr vor Schrecken stand der Peter still. Er hatte keine Widerstandskraft
mehr nach allem Erlebten. Er fhlte nur noch das eine: Jetzt ist's aus! Alle
Haare standen ihm aufrecht auf dem Kopf, und farblos und entstellt von hchster
Angst trat der Peter hinter den Tannen hervor.
    Nur frisch heran, ohne Umwege, ermunterte die Gromama. So, nun sag mir
mal, Junge, hast du das gemacht?
    Der Peter hob seine Augen nicht auf und sah nicht, wohin der Zeigefinger der
Gromama wies. Er hatte gesehen, da der hi an der Ecke der Htte stand und da
dessen graue Augen durchdringend auf ihn gerichtet waren, und neben dem hi
stand das Schrecklichste, das der Peter kannte, der Polizeidiener aus Frankfurt.
An allen Gliedern zitternd und bebend, stie der Peter einen Laut hervor, es war
ein Ja.
    Na nu, sagte die Gromama, was ist denn das Erschreckliche dabei?
    Da er - da er - da er auseinander ist und man ihn nicht mehr machen
kann, brachte mhsam der Peter heraus, und nun schlotterten seine Knie so, da
er fast nicht mehr stehen konnte. Die Gromama ging nach der Httenecke hinber.
    Mein lieber hi, rappelt es denn wirklich ernstlich bei dem armen Buben?
fragte sie teilnehmend.
    Gar nicht, gar nicht, versicherte der hi; der Bube ist nur der Wind, der
den Rollstuhl fortgejagt hat, und nun erwartet er seine wohlverdiente Strafe.
    Das konnte nun die Gromama gar nicht glauben, denn sie meinte, boshaft sehe
der Peter doch ganz und gar nicht aus, und sonst htte er doch keinen Grund
gehabt, den so notwendigen Rollstuhl zu zerstren. Aber dem hi war das
Gestndnis nur die Besttigung eines Verdachtes gewesen, der gleich nach der Tat
in ihm aufgestiegen war. Die grimmigen Blicke, die der Peter vom Anfang an der
Klara zugeworfen hatte, und andere Merkmale seiner Erbitterung gegen die neuen
Erscheinungen auf der Alp waren dem hi nicht entgangen. Er hatte einen Gedanken
an den andern gehngt, und so hatte er genau den ganzen Gang der Dinge erkannt
und teilte ihn jetzt der Gromama in aller Klarheit mit. Als er zu Ende war,
brach die Dame in groe Lebhaftigkeit aus.
    Nein, mein lieber hi, nein nein, den armen Buben wollen wir nicht weiter
strafen. Man mu billig sein. Da kommen die fremden Leute aus Frankfurt
hereingebrochen und nehmen ihm ganze Wochen lang das Heidi weg, sein einziges
Gut, und wirklich ein groes Gut, und da sitzt er allein Tag fr Tag und hat das
Nachsehen. Nein, nein, da mu man billig sein; der Zorn hat ihn berwltigt und
hat ihn zu der Rache getrieben, die ein wenig dumm war, aber im Zorn werden wir
alle dumm.
    Damit ging die Gromama zum Peter zurck, der noch immerfort bebte und
schlotterte.
    Sie setzte sich auf die Bank unter die Tanne und sagte freundlich:
    So, nun komm, mein Junge, da vor mich hin, ich habe dir etwas zu sagen. Hr
auf zu zittern und zu beben und hr mir zu; das will ich haben. Du hast den
Rollstuhl den Berg hinuntergejagt, damit er zerschmettere. Das war etwas Bses,
das hast du recht wohl gewut, und da du eine Strafe verdientest, das wutest
du auch, und damit du diese nicht erhaltest, hast du dich recht anstrengen
mssen, da keiner es merke, was du getan hattest. Aber siehst du: wer etwas
Bses tut und denkt, es wei es keiner, der verrechnet sich immer. Der liebe
Gott sieht und hrt ja doch alles, und sobald er bemerkt, da ein Mensch seine
bse Tat verheimlichen will, so weckt er schnell in dem Menschen das Wchterchen
auf, das er schon bei seiner Geburt in ihn hineingesetzt hat und das da drinnen
schlafen darf, bis der Mensch ein Unrecht tut. Und das Wchterchen hat einen
kleinen Stachel in der Hand, mit dem sticht es nun in einem fort den Menschen,
da er gar keinen ruhigen Augenblick mehr hat. Und auch mit seiner Stimme
bengstigt es den Gequlten noch, denn es ruft ihm immer qulend zu: Jetzt kommt
alles aus! Jetzt holen sie dich zur Strafe! So mu er immer in Angst und
Schrecken leben und hat keine Freude mehr, gar keine. Hast du nicht auch so
etwas erfahren, Peter, eben jetzt?
    Der Peter nickte ganz zerknirscht, aber wie ein Kenner, denn perfekt so war
es ihm ergangen.
    Und noch in einer Weise hast du dich verrechnet, fuhr die Gromama fort.
Sieh, wie das Bse, das du tatest, zum Besten ausfiel fr die, der du es
zufgen wolltest! Weil Klara keinen Sessel mehr hatte, auf dem man sie
hinbringen konnte, und doch die schnen Blumen sehen wollte, so strengte sie
sich ganz besonders an, zu gehen, und so lernte sie's und geht nun immer besser,
und bleibt sie hier, so kann sie am Ende jeden Tag hinauf zur Weide gehen, viel
fter, als sie in ihrem Stuhl hinaufgekommen wre. Siehst du wohl, Peter? So
kann der liebe Gott, was einer bse machen wollte, nur schnell in seine Hand
nehmen und fr den andern, der geschdigt werden sollte, etwas Gutes daraus
machen, und der Bsewicht hat das Nachsehen und den Schaden davon. Hast du nun
auch alles gut verstanden, Peter, ja? So denk daran, und jedesmal, wenn es dich
wieder gelsten sollte, etwas Bses zu tun, denk an das Wchterchen da drinnen
mit dem Stachel und der unangenehmen Stimme. Willst du das tun?
    Ja, so will ich, antwortete der Peter, noch sehr gedrckt, denn noch wute
er ja nicht, wie alles enden wrde, da der Polizeidiener immer noch drben stand
neben dem hi.
    So, nun ist's gut, die Sache ist abgetan, schlo die Gromama. Nun sollst
du aber auch noch ein Andenken an die Frankfurter haben, das dich freut. So sag
mir nun, mein Junge, hast du auch schon mal was gewnscht, das du haben
mchtest? Was war's denn? Was mchtest du am liebsten haben?
    Jetzt hob der Peter seinen Kopf auf und starrte die Gromama mit ganz
kugelrunden, erstaunten Augen an. Noch immer hatte er etwas Erschreckliches
erwartet, und nun sollte er auf einmal bekommen, was er gern htte. Dem Peter
kam alles durcheinander in seinen Gedanken.
    Ja, ja, es ist mir Ernst, sagte die Gromama; du sollst etwas haben, das
dich freut, zur Erinnerung an die Leute von Frankfurt und zum Zeichen, da sie
nicht mehr daran denken, da du etwas Unrechtes getan hast. Verstehst du's nun,
Junge?
    In dem Peter fing die Einsicht aufzudmmern an, da er keine Strafe mehr zu
befrchten habe und da die gute Frau, die vor ihm sa, ihn aus der Gewalt des
Polizeidieners errettet hatte. Jetzt empfand er eine Erleichterung, als fiele
ein Berg von ihm ab, der ihn fast zusammengedrckt hatte. Aber nun hatte er auch
begriffen, da es besser geht, wenn man gleich eingesteht, was gefehlt ist, und
auf einmal sagte er:
    Und das Papier hab' ich auch verloren.
    Die Gromama mute sich ein wenig besinnen, aber der Zusammenhang kam ihr
bald in den Sinn und sie sagte freundlich:
    So, so, es ist recht, da du's sagst! Immer gleich bekennen, was nicht
recht ist; dann kommt's wieder in Ordnung. Und jetzt, was httest du gern?
    Nun konnte der Peter auf der Welt wnschen, was er nur wollte. Es wurde ihm
fast schwindelig. Der ganze Jahrmarkt von Maienfeld flimmerte vor seinen Augen
mit all den schnen Sachen, die er oft stundenlang angestaunt und fr immer
unerreichbar gehalten hatte, denn Peters Besitztum hatte nie einen Fnfer
berstiegen und alle die lockenden Gegenstnde kosteten immer das Doppelte. Da
waren die schnen, roten Pfeifchen, die er so gut fr seine Geien brauchen
konnte. Da waren die lockenden Messer mit runden Heften, Krtenstecher genannt,
mit denen man in allen Haselrutenhecken die besten Geschfte machen konnte.
    Tiefsinnig stand der Peter da; denn er berdachte, welches von den zweien
das Wnschbarste wre, und er fand den Entscheid nicht. Aber jetzt kam ihm ein
lichtvoller Gedanke, so konnte er sich noch bis zum nchsten Jahrmarkt besinnen.
    Einen Zehner, antwortete Peter jetzt entschlossen.
    Die Gromama lachte ein wenig.
    Das ist nicht bertrieben. So komm her! Sie zog jetzt ihren Beutel heraus
und nahm einen groen, runden Taler heraus; darauf legte sie noch zwei
Zehnerstckchen.
    So, wir wollen gerade Rechnung machen, fuhr sie fort; das will ich dir
erklren. Hier hast du nun gerade so viele Zehner, als Wochen im Jahre sind! So
kannst du jeden Sonntag einen Zehner hervornehmen und verbrauchen, das ganze
Jahr durch.
    Meiner Lebtag? fragte der Peter in harmloser Weise.
    Jetzt mute die Gromama so ungeheuer lachen, da die Herren drben ihr
Gesprch unterbrechen muten, um zu hren, was da vorgehe.
    Die Gromama lachte immer noch.
    Das sollst du haben, Junge; - das gibt einen Passus in mein Testament -
hrst du, mein Sohn? -, und nachher geht er in das deinige ber; also: Dem
Geienpeter einen Zehner wchentlich, so lang er am Leben ist.
    Herr Sesemann nickte zustimmend und lachte auch herber.
    Der Peter schaute noch einmal auf das Geschenk in seiner Hand, ob es auch
wirklich wahr sei. Dann sagte er: Danke Gott!
    Und nun rannte er davon in ganz ungewhnlichen Sprngen; aber diesmal blieb
er doch auf den Fen, denn jetzt trieb ihn nicht der Schrecken davon, sondern
eine Freude, wie der Peter noch gar keine gekannt hatte sein Leben lang. Alle
Angst und Schrecken waren vergangen, und jede Woche hatte er einen Zehner zu
erwarten sein Leben lang. -
    Als spter die Gesellschaft vor der Almhtte das frhliche Mittagsmahl
beendet hatte und nun noch in allerlei Gesprchen zusammensa, da nahm Klara
ihren Vater, der ganz strahlte vor Freude und jedesmal, wenn er sie wieder
anschaute, noch ein wenig glcklicher aussah, bei der Hand und sagte mit einer
Lebhaftigkeit, die man nie an der matten Klara gekannt hatte: O Papa, wenn du
nur wtest, was der Grovater alles fr mich getan hat! So viel alle Tage, da
man es gar nicht nacherzhlen kann; aber ich vergesse es in meinem ganzen Leben
nicht. Und immer denke ich, wenn ich nur dem lieben Grovater auch etwas tun
knnte, oder etwas schenken, das ihm so recht Freude machen wrde, nur auch halb
so viel, wie er mir Freude gemacht hat.
    Das ist ja auch mein grter Wunsch, liebes Kind, sagte der Vater; ich
sinne schon immer darber nach, wie wir unserem Wohltter unseren Dank nur auch
einigermaen dartun knnten.
    Herr Sesemann stand jetzt auf und ging zum hi hinber, der neben der
Gromama sa und sich ausnehmend gut mit ihr unterhalten hatte. Er stand aber
jetzt auch auf. Herr Sesemann ergriff seine Hand und sagte in der
freundschaftlichsten Weise:
    Mein lieber Freund, lassen Sie uns ein Wort zusammen sprechen! Sie werden
es verstehen, wenn ich Ihnen sage, da seit langen Jahren ich keine rechte
Freude mehr kannte. Was war mir all mein Geld und Gut, wenn ich mein armes Kind
anblickte, das ich mit keinem Reichtum gesund und glcklich machen konnte?
Nchst unserm Gott im Himmel haben Sie mir das Kind gesund gemacht und mir, wie
ihm, damit ein neues Leben geschenkt. Nun sprechen Sie, womit kann ich Ihnen
meine Dankbarkeit zeigen? Vergelten kann ich nie, was Sie uns getan haben; aber
was ich vermag, das stelle ich zu Ihrer Verfgung. Sprechen Sie, mein Freund,
was darf ich tun?
    Der hi hatte still zugehrt und den glcklichen Vater mit vergnglichem
Lcheln angeblickt.
    Herr Sesemann glaubt mir wohl, da ich meinen Teil an der groen Freude
ber diese Genesung auf unserer Alm auch habe; meine Mhe ist mir wohl dadurch
vergolten, sagte jetzt der hi in seiner festen Weise. Fr die gtigen
Anerbietungen danke ich Herrn Sesemann, ich habe nichts ntig; so lang ich lebe,
habe ich fr das Kind und mich genug. Aber einen Wunsch htte ich; wenn mir der
erfllt werden knnte, so htte ich fr dieses Leben keine Sorge mehr.
    Sprechen Sie, sprechen Sie, mein lieber Freund! drngte Herr Sesemann.
    Ich bin alt, fuhr der hi fort, und kann nicht mehr lange hier bleiben.
Wenn ich gehe, kann ich dem Kinde nichts hinterlassen, und Verwandte hat es
keine mehr; nur eine einzige Person, die wrde noch ihren Vorteil aus ihm ziehen
wollen. Wenn mir der Herr Sesemann die Zusicherung geben wollte, da das Heidi
nie in seinem Leben hinaus mu, um sein Brot unter den Fremden zu suchen, dann
htte er mir reichlich zurckgegeben, was ich fr ihn und sein Kind tun konnte.
    Aber, mein lieber Freund, von dem kann ja niemals eine Rede sein, brach
Herr Sesemann nun aus; das Kind gehrt ja zu uns. Fragen Sie meine Mutter,
meine Tochter; das Kind Heidi werden sie ja in ihrem Leben nicht anderen Leuten
berlassen! Aber da, wenn es Ihnen eine Beruhigung ist, mein Freund, hier meine
Hand darauf. Ich verspreche Ihnen: nie in seinem Leben soll dieses Kind hinaus,
um unter fremden Menschen sein Brot zu verdienen; dafr will ich sorgen, auch
ber meine Lebenszeit hinaus. Nun aber will ich noch etwas sagen: Dieses Kind
ist nicht fr ein Leben in der Fremde gemacht, wie auch die Verhltnisse wren;
das haben wir erfahren. Aber es hat sich Freunde gemacht. Einen solchen kenn'
ich, der ist noch in Frankfurt; da tut er seine letzten Geschfte ab, um dann
nachher dahin zu gehen, wo es ihm gefllt, und sich da zur Ruhe zu setzen. Das
ist mein Freund, der Doktor, der noch diesen Herbst hier ankommen wird und,
Ihren Rat dazu in Anspruch nehmend, sich in dieser Gegend niederlassen will,
denn in Ihrer und des Kindes Gesellschaft hat er sich so wohl befunden, wie
sonst nirgends mehr. So sehen Sie, das Kind Heidi wird fortan zwei Beschtzer in
seiner Nhe haben. Mgen ihm beide miteinander noch recht lange erhalten
bleiben!
    Das gebe der liebe Gott! fiel hier die Gromama ein, und den Wunsch ihres
Sohnes besttigend, schttelte sie dem hi eine gute Weile mit groer
Herzlichkeit die Hand. Dann fate sie auf einmal das Heidi um den Hals, das
neben ihr stand, und zog es zu sich heran.
    Und du, mein liebes Heidi, dich mu man doch auch noch fragen. Komm, sag
mir mal: Hast du denn nicht auch einen Wunsch, den du gern erfllt httest?
    Ja freilich, das hab' ich schon, antwortete das Heidi und blickte sehr
erfreut zu der Gromama auf.
    So, das ist recht, so komm heraus damit, ermunterte diese; was httest du
denn gern, Kind?
    Ich htte gern mein Bett aus Frankfurt mit den drei hohen Kissen und der
dicken Decke, dann mu die Gromutter nicht mehr mit dem Kopf bergab liegen und
kann fast nicht atmen, und sie hat warm genug unter der Decke und mu nicht
immer mit dem Shawl ins Bett gehen, weil sie sonst furchtbar friert.
    Das Heidi hatte alles in einem Atemzuge gesagt vor Eifer, zu seinem
gewnschten Ziel zu kommen.
    Ach, mein liebes Heidi, was sagst du mir da! rief die Gromama erregt aus.
Das ist gut, da du mich erinnerst. In der Freude vergit man leicht, woran man
zu allererst htte denken sollen. Wenn uns der liebe Gott was Gutes schickt,
mten wir doch gleich an diejenigen denken, die so vieles entbehren! Jetzt wird
auf der Stelle nach Frankfurt telegraphiert! Noch heute soll die Rottenmeier das
Bett zusammenpacken, in zwei Tagen kann es da sein. Will's Gott, soll die
Gromutter gut schlafen darin!
    Das Heidi hpfte frohlockend rings um die Gromama herum. Aber auf einmal
stand es still und sagte eilig:
    Nun mu ich gewi geschwind zur Gromutter hinunter, es wird ihr auch
wieder angst, wenn ich so lang nicht mehr komme.
    Denn nun konnte das Heidi es nicht mehr erwarten, der Gromutter die
Freudenbotschaft zu bringen, und es war ihm auch wieder in den Sinn gekommen,
wie es der Gromutter angst gewesen, als sie zuletzt bei ihr war.
    Nein, nein, Heidi, was meinst du? ermahnte der Grovater. Wenn man Besuch
hat, luft man nicht mit einemmal auf und davon.
    Aber die Gromama untersttzte das Heidi.
    Mein lieber hi, das Kind hat so unrecht nicht, sagte sie; die arme
Gromutter ist auch seit langem viel zu kurz gekommen um unsertwillen. Nun
wollen wir gleich alle miteinander zu ihr gehen, und ich denke, dort warte ich
mein Pferd ab und wir setzen dann unseren Weg weiter fort, und unten im Drfli
wird sogleich das Telegramm nach Frankfurt aufgegeben. Mein Sohn, was meinst du
dazu?
    Herr Sesemann hatte bis jetzt noch gar nicht Zeit gehabt, ber seine
Reiseplne zu sprechen. Er mute also seine Mutter bitten, nicht sogleich ihr
Unternehmen auszufhren, sondern noch einen Augenblick sitzen zu bleiben, bis er
seine Absicht ausgesprochen habe.
    Herr Sesemann hatte sich vorgenommen, mit seiner Mutter eine kleine Reise
durch die Schweiz zu machen und erst zu sehen, ob sein Klrchen imstande sei,
eine kurze Strecke mit zu reisen. Nun war es so gekommen, da er die
genureichste Reise in Gesellschaft seiner Tochter vor sich sah, und nun wollte
er auch gleich diese schnen Sptsommertage dazu benutzen. Er hatte im Sinne,
die Nacht im Drfli zuzubringen und am folgenden Morgen Klara auf der Alm
abzuholen, um mit ihr zur Gromama nach dem Bade Ragaz und von da weiter zu
ziehen.
    Klara war ein wenig betroffen ber die Anzeige der pltzlichen Abreise von
der Alp; aber es war ja so viel Freude daneben, und berdies war da gar keine
Zeit, sich dem Bedauern hinzugeben.
    Schon war die Gromama aufgestanden und hatte Heidis Hand erfat, um den Zug
anzufhren. Jetzt kehrte sie sich pltzlich um.
    Aber was in aller Welt macht man nun mit Klrchen? rief sie erschrocken
aus, denn es war ihr in den Sinn gekommen, da der Gang doch fr sie viel zu
lang sein wrde.
    Aber schon hatte in gewohnter Weise der hi sein Pflegetchterchen auf den
Arm genommen und folgte mit festem Schritte der Gromama nach, die jetzt mit
vielem Wohlgefallen zurcknickte. Zuletzt kam Herr Sesemann und so ging der Zug
weiter den Berg hinunter.
    Das Heidi mute immerfort aufhpfen vor Freude an der Seite der Gromama,
und diese wollte nun alles wissen von der Gromutter, wie sie lebe und wie alles
bei ihr zugehe, besonders im Winter, bei der groen Klte da droben.
    Das Heidi berichtete ber alles ganz genau, denn es wute schon, wie das
alles zuging und wie dann die Gromutter zusammengeduckt in ihrem Winkelchen sa
und zitterte vor Klte. Es wute auch gut, was sie dann zu essen hatte, und
auch, was sie nicht hatte.
    Bis zur Htte hinunter hrte die Gromama mit der lebhaftesten Teilnahme
Heidis Berichten zu. -
    Die Brigitte war eben daran, Peters zweites Hemd an die Sonne zu hngen,
damit, wenn das eine wieder genug getragen war, das andere angezogen werden
konnte. Sie erblickte die Gesellschaft und strzte in die Stube hinein.
    Jetzt grad' geht alles fort, Mutter, berichtete sie; es ist ein ganzer
Zug; der hi begleitet sie, er trgt das Kranke.
    Ach, mu es denn wirklich sein? seufzte die Gromutter. So nehmen sie das
Heidi mit, das hast du gesehen? Ach wenn es mir nur auch noch die Hand geben
drfte! Wenn ich es nur auch noch einmal hrte!
    Jetzt wurde strmisch die Tr aufgemacht, und das Heidi war in wenigen
Sprngen in der Ecke bei der Gromutter und umklammerte sie.
    Gromutter! Gromutter! Mein Bett kommt aus Frankfurt und alle drei Kissen
und auch die dicke Decke; in zwei Tagen ist es da, das hat die Gromama gesagt.
    Das Heidi hatte gar nicht schnell genug seinen Bericht herausbringen knnen,
denn es konnte die ungeheure Freude der Gromutter fast nicht abwarten. Sie
lchelte, aber ein wenig traurig sagte sie:
    Ach, was mu das fr eine gute Frau sein! Ich sollte mich nur freuen, da
sie dich mitnimmt, Heidi; aber ich kann es nicht lang berleben.
    Was? was? Wer sagt denn der guten, alten Gromutter so etwas? fragte hier
eine freundliche Stimme, und die Hand der Alten wurde dabei erfat und herzlich
gedrckt, denn die Gromama war hinzugetreten und hatte alles gehrt. Nein,
nein, davon ist keine Rede! Das Heidi bleibt bei der Gromutter und macht ihre
Freude aus. Wir wollen das Kind auch wieder sehen, aber wir kommen zu ihm. Jedes
Jahr werden wir nach der Alm hinaufkommen, denn wir haben Ursache, an dieser
Stelle dem lieben Gott alljhrlich unseren besonderen Dank zu sagen, wo er ein
solches Wunder an unserem Kinde getan hat.
    Jetzt kam der echte Freudenschein auf das Gesicht der Gromutter, und mit
wortlosem Dank drckte sie fort und fort die Hand der guten Frau Sesemann,
whrend ihr vor lauter Freude zwei groe Trnen die alten Wangen herabglitten.
Das Heidi hatte den Freudenschein auf dem Gesichte der Gromutter gleich gesehen
und war jetzt ganz beglckt.
    Gelt, Gromutter, sagte es, sich an sie schmiegend, jetzt ist es so
gekommen, wie ich dir zuletzt gelesen habe? Gelt, das Bett aus Frankfurt ist
gewi heilsam?
    Ach ja, Heidi, und noch so vieles, so viel Gutes, das der liebe Gott an mir
tut! sagte die Gromutter mit tiefer Rhrung. Wie ist es nur mglich, da es
so gute Menschen gibt, die sich um eine arme Alte bekmmern und so viel an ihr
tun! Es ist nichts, das einem den Glauben so strken kann an einen guten Vater
im Himmel, der auch sein Geringstes nicht vergessen will, wie so etwas zu
erfahren, da es solche Menschen gibt voll Gte und Barmherzigkeit fr ein
armes, unntzes Weiblein, wie ich eins bin.
    Meine gute Gromutter, fiel hier Frau Sesemann ein, vor unserem Herrn im
Himmel sind wir alle gleich armselig, und alle haben wir es gleich ntig, da er
uns nicht vergesse. Und nun nehmen wir Abschied, aber auf Wiedersehen, denn
sobald wir nchstes Jahr wieder nach der Alm kommen, suchen wir auch die
Gromutter wieder auf; die wird nie mehr vergessen! Damit erfate Frau Sesemann
noch einmal die Hand der Alten und schttelte sie.
    Aber sie kam nicht so schnell fort, wie sie meinte, denn die Gromutter
konnte nicht aufhren zu danken, und alles Gute, das der liebe Gott in seiner
Hand habe, wnschte sie auf ihre Wohltterin und deren ganzes Haus herab.
    Jetzt zog Herr Sesemann mit seiner Mutter talabwrts, whrend der hi Klara
noch einmal mit nachhause trug und das Heidi, ohne auszusetzen, hochauf hpfte
neben ihnen her, denn es war so froh ber die Aussicht der Gromutter, da es
mit jedem Schritt einen Sprung machen mute.
    Am Morgen darauf aber gab es heie Trnen bei der scheidenden Klara, nun sie
fort mute von der schnen Alm, wo es ihr so wohl gewesen war, wie noch nie in
ihrem Leben. Aber das Heidi trstete sie und sagte:
    Es ist im Augenblick wieder Sommer und dann kommst du wieder und dann ist's
noch viel schner. Dann kannst du von Anfang an gehen und wir knnen alle Tage
mit den Geien auf die Weide gehen und zu den Blumen hinauf, und alles Lustige
geht von vorn an.
    Herr Sesemann war nach Abrede gekommen, sein Tchterchen abzuholen. Er stand
jetzt drben beim Grovater, die Mnner hatten noch allerlei zu besprechen.
Klara wischte nun ihre Trnen weg, Heidis Worte hatten sie ein wenig getrstet.
    Ich lasse auch den Peter noch gren, sagte sie wieder, und alle Geien,
besonders das Schwnli. O wenn ich nur dem Schwnli ein Geschenk machen knnte;
es hat so viel dazu geholfen, da ich gesund geworden bin.
    Das kannst du schon ganz gut, versicherte das Heidi. Schick ihm nur ein
wenig Salz, weit, wie gern schleckt es am Abend das Salz aus des Grovaters
Hand.
    Der Rat gefiel der Klara wohl.
    O, dann will ich ihm gewi hundert Pfund Salz aus Frankfurt schicken, rief
sie erfreut aus, es mu auch ein Andenken an mich haben!
    Jetzt winkte Herr Sesemann den Kindern, denn er wollte abreisen. Diesmal war
das weie Pferd der Gromama fr Klara gekommen, und jetzt konnte sie
herunterreiten, sie brauchte keinen Tragsessel mehr.
    Das Heidi stellte sich auf den uersten Rand des Abhanges hinaus und winkte
mit seiner Hand der Klara zu, bis kein Pnktchen mehr von Ro und Reiterin zu
sehen war. - -
    Das Bett ist angekommen und die Gromutter schlft jetzt so gut jede Nacht,
da sie gewi dadurch zu ganz neuen Krften kommt.
    Den harten Winter auf der Alp hat die gute Gromama auch nicht vergessen.
Sie hat einen groen Warenballen nach der Geienpeter-Htte gesandt; darin war
so viel warmes Zeug verpackt, da die Gromutter sich um und um damit einhllen
kann und gewi nie mehr zitternd vor Klte in ihrer Ecke sitzen mu.
    Im Drfli ist ein groer Bau im Gang. Der Herr Doktor ist angekommen und hat
vorderhand sein altes Quartier bezogen. Auf den Rat seines Freundes hin hat der
Herr Doktor das alte Gebude angekauft, das der hi im Winter mit dem Heidi
bewohnt hatte und das ja schon einmal ein groer Herrensitz gewesen war, was man
immer noch an der hohen Stube mit dem schnen Ofen und dem kunstreichen Getfel
sehen konnte. Diesen Teil des Hauses lt der Herr Doktor als seine eigene
Wohnung aufbauen. Die andere Seite wird als Winterquartier fr den hi und das
Heidi erstellt, denn der Herr Doktor kennt den Alten als einen unabhngigen
Mann, der seine eigene Behausung haben mu. Zuhinterst wird ein festgemauerter,
warmer Geienstall eingerichtet, da werden Schwnli und Brli in sehr
behaglicher Weise ihre Wintertage zubringen.
    Der Herr Doktor und der Alm-hi werden tglich bessere Freunde, und wenn sie
zusammen auf dem Gemuer herumsteigen, um den Fortgang des Baues zu besichtigen,
kommen ihre Gedanken meistens auf das Heidi, denn beiden ist die Hauptfreude an
dem Hause, da sie mit ihrem frhlichen Kinde hier einziehen werden.
    Mein lieber Freund, sagte krzlich der Herr Doktor, mit dem hi oben auf
der Mauer stehend, Sie mssen die Sache ansehen wie ich.
    Ich teile alle Freude an dem Kinde mit Ihnen, als wre ich der nchste nach
Ihnen, zu dem das Kind gehrt; ich will aber auch alle Verpflichtungen teilen
und nach bester Einsicht fr das Kind sorgen. So habe ich auch meine Rechte an
unserem Heidi und kann hoffen, da es mich in meinen alten Tagen pflegt und um
mich bleibt, was mein grter Wunsch ist. Das Heidi soll in alle Kindesrechte
bei mir eintreten; so knnen wir es ohne Sorge zurcklassen, wenn wir einmal von
ihm gehen mssen, Sie und ich.
    Der hi drckte dem Herrn Doktor lange die Hand; er sagte kein Wort, aber
sein guter Freund konnte in den Augen des Alten die Rhrung und hohe Freude
lesen, die seine Worte erweckt hatten. -
    Derweilen saen das Heidi und der Peter bei der Gromutter, und das erstere
hatte so viel zu tun mit Erzhlen und der letztere mit Zuhren, da sie alle
beide kaum zu Atem kommen konnten und vor Eifer immer nher auf die glckliche
Gromutter eindrangen.
    Wie viel war ihr auch zu berichten von alledem, das den ganzen Sommer durch
sich ereignet hatte, denn man war ja so wenig zusammengekommen whrend dieser
Zeit.
    Und von den dreien sah immer eins glcklicher aus als das andere ber das
neue Zusammensein und ber alle die wunderbaren Ereignisse. Jetzt aber war das
Gesicht der Mutter Brigitte noch fast am glcklichsten anzusehen, da mit Heidis
Hilfe nun zum erstenmal klar und verstndlich die Geschichte des unaufhrlichen
Zehners herauskam. Zuletzt aber sagte die Gromutter:
    Heidi, lies mir ein Lob- und Danklied! Es ist mir, als knne ich nur noch
loben und preisen und unserem Gott im Himmel Dank sagen fr alles, was er an uns
getan hat.
