
                          Ebner-Eschenbach, Marie von

                               Ein kleiner Roman

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                           Marie von Ebner-Eschenbach

                               Ein kleiner Roman

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Es ist schon ziemlich lange her, seit ich die Entdeckung gemacht habe, da ich
anfange ungesellig zu werden. Ein gewisser Schrecken bemchtigt sich meiner,
sooft mir ein Billett ins Zimmer gebracht wird, das danach aussieht, als ob es
eine Einladung oder eine Ansage enthielte. Kein Tag vergeht mir so rasch,
hinterlt mir eine so angenehme Erinnerung wie einer, an dem ich weder einen
Besuch zu machen noch zu empfangen brauche. Kein Abend scheint mir besser
angewendet als der, den ich in meiner Kaminecke vertrume, allein mit meinen
Gedanken und mit meiner Strickerei.
    Indessen, es gibt eine Ausnahme. Es gibt eine Frau Hofrtin, die mich noch
niemals zu sich beschieden hat, ohne da ich ihrem Rufe mit Freude und
Eilfertigkeit Folge geleistet htte.
    Die Hofrtin ist eine liebenswrdige, schne, ja bildschne, mehr als
siebzigjhrige Frau. Edlere Zge lassen sich nicht denken als die ihres zarten,
blassen, mit unzhligen Fltchen bedeckten Gesichtes. Die groen hellbraunen
Augen haben ihr Feuer lngst verloren, aber es spiegelt sich in ihnen der
Widerschein eines inneren Lichtes, einer Seele voll Gte, Geist und Adel. Die
Lippen sind farblos und schmal geworden, doch umgibt sie im Schweigen wie im
Sprechen ein Ausdruck, den man geradezu hold nennen mu.
    Ihre Gestalt ist hager und etwas ber mittelgro. Wenn ich meiner alten
Freundin auf der Strae begegne, bewundere ich jedesmal die Leichtigkeit ihres
Ganges, ihre gerade Haltung, ihre eigentmliche Art, den Kopf zu tragen, so hoch
und frei, so ungebeugt von des Lebens Mhen.
    Ich liebe sie, das heit, wir lieben uns, denn sie ist nachsichtig, und ich
bin dankbar. Sie tadelt zwar meinen Hang zur Ein- oder hchstens Zweisiedelei,
aber sie verzeiht, ja sie untersttzt ihn noch. Ich lasse es Ihnen wieder
sagen, wenn ich nicht zu Hause bin, beschwichtigt sie regelmig meine Klagen
ber die allzu rasche Flucht eines mit ihr zugebrachten Abends.
    Leider jedoch ist sie meistens zu Hause fr einen groen Bekanntenkreis, der
sich in zwei roten Salons auf gleienden Atlasmbeln und unter Kronleuchtern fr
je achtundvierzig Kerzen um die gastfreie Greisin versammelt. Schne, mir aber
unheimliche Ungeheuer, diese beiden Sle! Es heit zwar, da man sich in ihnen
sehr gut unterhlt, da gefeierte Menschen darin umherwandeln, Tee trinken und
sich dabei so natrlich benehmen, da man sie von gewhnlichen Sterblichen kaum
unterscheiden kann. Trotzdem fhle ich keine Sehnsucht nach ihrem Anblick. Ein
gutgearteter, alter Vogel begleitet gewi alles, was noch fliegen kann, mit
seinen innigsten Segenswnschen; wenn er aber dabei den Kopf unter dem
erlahmenden Flgel versteckt, braucht ihm das niemand belzunehmen.
    Was mich betrifft, ich danke fr die roten Salons und bin es zufrieden, im
grauen Schlafgemach meiner Hofrtin empfangen zu werden.
    Das ist mir ein liebes Zimmer! Gerumig, einfach und nett. An den vier
Wnden stehen einander ehrlich und gerade gegenber ein Pfeilerkasten und ein
Etablissement, ein schmales Bett und ein breiter Schrank. In dem Pfeilerkasten
residieren sicherlich Hte und Hauben, und den mchtigen Schrank habe ich in
Verdacht, trotz seiner eingelegten Flgeltren und gewundenen Sulen doch nur
ein Kleider- und Wschebehltnis zu sein. Das Etablissement besteht aus einem
Kanapee, einem Tisch, zwei Fauteuils und vier Sthlen, alles dnnbeinig, und die
Sitzmbel mit einem Wollenstoff berzogen, auf dem seit unvordenklichen Zeiten
indische Schtzen ihre Pfeile auf phantastische Vgel anlegen, die, inmitten
zierlicher Arabesken thronend, das tdliche Gescho getrosten Mutes erwarten. -
Das Bett ist mit glattem, grnem, auf einen Rahmen gespanntem Zeuge berdeckt,
und ber dem Bett hngt das Portrt des Herrn Hofrates selig. Ein freundlicher
alter Herr im schwarzen Frack mit hoher, weier Krawatte, das Kommandeurkreuz
des Leopold-Ordens an rotem Bande um den Hals. Er trgt einen etwas zu reichen
Haarschmuck, der nicht auf seinem Kopfe gewachsen zu sein scheint. Die Augen
sind klein, die Nase ist gro, gebogen und messerrckendnn, der Mund
eingekniffen, das Kinn spitzig, und man kann nicht genug darber staunen, da so
scharfe Zge soviel Milde auszudrcken vermgen. Unwillkrlich denkt man: Der
hat seiner Umgebung das Leben leicht gemacht! Und diesen Gedanken uern heit,
der Hofrtin eine Freude bereiten. Sie hat mit ihrem Mann eine sehr glckliche
Ehe gefhrt, obwohl sie ihn dereinst lange schmachten lie, bevor sie die Seine
wurde.
    Er hatte sie in Paris kennengelernt, wo sie ihre Jugend als Erzieherin der
einzigen Tochter der Herzogin von P. zubrachte und er als Beamter an der
sterreichischen Botschaft angestellt war. Wie der Blitz schlug die Liebe in
sein Herz ein. Von ihrer gttlichen Zuversicht und dem Glauben an Erwiderung
erfllt, warb er um die Hand Frulein Helenens und erhielt ein wohlgeflochtenes
Krblein. Sie sprach ihren Dank fr den ehrenvollen Antrag aus und den
Entschlu, ihren teuern Zgling nicht zu verlassen, bevor dessen Erziehung
beendet sei.
    Aus Verzweiflung ber die erlittene Enttuschung strzte sich der
abgewiesene Freier - in die Arme einer hbschen Franzsin, deren Neigung bis
jetzt von ihm verschmht worden war. Ein paar Jahre hindurch qulte ihn das
verwhnte und krnkliche Geschpfchen mit eiferschtigen und andern Launen, dann
starb es und hinterlie ihm ein zartes Tchterlein, das sein Dasein erst nach
Monden zhlte. Bald nach dem Tode seiner Frau wurde der Beamte zu einem hheren
Posten befrdert und nach der Heimat zurckberufen. Dort setzte er seine
Laufbahn fort und erlaubte sich, alljhrlich an Frulein Helene ein
ehrfurchtsvolles, ein wenig steif gehaltenes Schreiben zu richten, in dem er
nach ihrem werten Befinden fragte und kurzen Bericht ber das seiner kleinen
Dora erstattete. Darauf wurde ihm regelmig eine freundliche Antwort zuteil.
    So ging es fort, bis ihm die Kunde zukam, da die Tochter der Herzogin im
Begriff stehe, sich zu verheiraten, und nun beeilte er sich, ihrer Erzieherin
seinen vor Jahren gemachten Antrag zu erneuern. Er tat es in warmen Worten und
nicht nur in Bercksichtigung des eigenen, sondern auch des Wohles seiner
Tochter. Diese setzte zum Zeichen, da sie den Schritt billige, ihren Namen
neben den seinen unter das inhaltreiche Schriftstck. Sie tat es mit Buchstaben,
die so gro waren wie Fingerhte und eine verhngnisvolle hnlichkeit mit Runen
hatten. Sie gaben Zeugnis von einem bedenklich niedrigen Bildungsgrade des
achtjhrigen Kindes. Vielleicht trug gerade dieser Umstand zu der Einwilligung
bei, mit der die Erzieherin ihren standhaften Bewerber jetzt beglckte. Bald
darauf verlie sie das Haus, das ihr in der Fremde ein heimisches geworden war,
um daheim ein fremdes zu beziehen. Die alte Herzogin klagte, da sie zwei
Tchter zugleich verliere; man machte fr die Zukunft allerlei
Wiedervereinigungsplne, allein sie gingen nicht in Erfllung. Man sah einander
nie wieder, blieb aber immer in schriftlichem Verkehr.
    Die Nachrichten, die Frau Helene von sich, von Mann und Kind zu geben hatte,
waren durchweg gute. Spter gesellten sich zu dem Stieftchterchen eigene
Kinder, die von ihrer Mutter sehr geliebt und gut erzogen wurden, nicht mehr und
nicht besser jedoch als Dora, fr die Helene eine wahrhaft mtterliche
Empfindung hatte und bewahrte. Die kleine Familie wurde nach und nach eine
groe, und als der Tod des Hofrats eine schmerzliche Lcke in dieselbe ri,
blieb seine Witwe der Mittelpunkt der Liebe und Verehrung ihrer Kinder und einer
zahlreichen, zum Teil auch schon herangewachsenen Enkelschar. Niemals aber
erstickte im Herzen dieser Frau das Interesse fr ihre Angehrigen jenes fr
fremdes Wohl und Weh. Sie darf wohl fragen: Wer ist meine Mutter? Wer sind
meine Brder? Sie macht das Wort lebendig: Kommet zu mir alle, die ihr
mhselig und beladen seid, und jeder, dem daran gelegen ist, sich bei ihr
einzuschmeicheln, der ergreift das sicherste Mittel dazu und hilft ihr - helfen.
    So tue auch ich nach meinen schwachen Krften und werde reich belohnt fr
die lobschtige Emsigkeit, die ich dabei entfalte. Vor kurzem erst bot sich eine
Gelegenheit, den besonderen Dank meiner Gnnerin zu verdienen. Sie hatte allen
ihren Bekannten aufgetragen, fr ein junges Mdchen, das ihrem Schutze empfohlen
war, eine Stelle als Erzieherin in einem achtungswerten Hause ausfindig zu
machen. Nun lie mein guter Freund, der Zufall, mich das Gesuchte an einem Tage
entdecken, an dem mich die Hofrtin, ein weiblicher Gleim, auf einen Ku und
einen Kaffee zu sich geladen hatte.
    O groe Wonne! Ich brauchte nicht meine herrliche Neuigkeit durch ein vllig
gleichgltiges Blatt Papier bermitteln zu lassen, ich konnte sie selbst bringen
und glckliche Zeugin der Freude sein, die hervorzurufen ich nicht verfehlen
konnte.
    Frohlockend trat ich vor die Hofrtin, schwang triumphierend meinen bereits
bis zur Hlfte gediehenen Bettlerstrumpf und sprach: Ich hab's! ich hab's!...
Eine Stelle, besser als gut ... ein Haus, mehr als achtungswert ... alle
Erwartungen bertroffen!
    Die alte Frau reichte mir beide Hnde: Ah - wirklich - nein - Sie sind ...
Nehmen Sie Platz!
    Sie setzte sich in die Ecke ihres Kanapees, ich mich ihr gegenber, auf
einen Fauteuil, den ich immer mit Vergngen einnehme, obwohl er Schuld an
manchem blauen Fleck an meinen Ellenbogen trgt.
    Das Haus also mehr als achtungswert? Jetzt bitte ich aber, es mir zu
nennen.
    Ich tat es, und sie wurde pltzlich ernst: Da ist ja krzlich die Frau
gestorben.
    Ganz recht. Zwei kleine Mdchen sind zurckgeblieben. Allerliebste Kinder,
an denen Mutterstelle zu vertreten ...
    Niemand vermag! fiel sie mir ins Wort. Niemand auf Erden. Mutterstelle
vertritt niemand.
    Sie sagen das?... Sie?... Ihre Stieftochter ist andrer Meinung.
    Sie beantwortete meinen Einwand nicht. Ich war im Zweifel, ob sie ihn gehrt
hatte, so vertieft schien sie in ihre eigenen Gedanken. Nach einer Pause des
Nachsinnens sprach sie: Der Vater dieser Kinder ist noch jung, soviel ich wei
... Er wird sich wohl wieder verheiraten?
    Das glaube ich nicht. Er hat seine verstorbene Frau zu sehr geliebt.
    Ich begann ihn herauszustreichen, soviel ich konnte und mit dem besten
Rechte auch durfte. Ich erzhlte, welch ein treuer, redlicher Mensch und
zrtlicher Vater er sei.
    Sie hrte mir aufmerksam zu, allein je mehr ich ihn lobte, desto
enttuschter schien sie zu werden.
    Er trauert um seine Frau, er beschftigt sich viel mit seinen Kindern. Das
ist schlimm, sagte sie endlich. Nein, nein - ich danke Ihnen, aber die Stelle
pat nicht fr meinen Schtzling.
    Ich mu gestehen, da diese uerung mich verdro und da ich augenblicklich
so unangenehm wurde, wie gutmtige Leute zu werden pflegen, wenn man ihnen eine
Gelegenheit verdirbt, sich ntzlich zu erweisen.
    Eine lange Kontroverse begann. Ich geriet in Eifer, mir scheint sogar, da
ich Bosheiten sagte.
    Die Hofrtin bemhte sich, mich zu beschwichtigen. rgern Sie sich nicht,
sprach sie. Was kommt dabei heraus? - Da Sie jedes Ihrer Worte bereuen werden
und da ich meine Weigerung doch nicht zurcknehme. Ich habe meine Grnde dafr.
Wenn Sie wten! - Gute Grnde, aus einer eigenen Erfahrung geschpft.
    Ich bat sie, mir dieselben mitzuteilen, und sie wollte im Anfang nichts
davon wissen. Sie hatte von dieser Geschichte nur einmal in ihrem Leben
gesprochen, und zwar mit ihrem seligen Mann, am Tage vor der Verlobung. Sie
konnte sich nur schwer entschlieen, die alten, schlummernden Erinnerungen
wiederzuerwecken. Endlich jedoch gab sie meinem Flehen und Drngen nach und
begann:

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Ich mu im Gegensatz zu so vielen meiner ehemaligen Standesgenossinnen sagen,
da mir die Gouvernante an der Wiege gesungen worden ist. Von Kindheit an hrte
ich: Lerne, damit du lehren kannst; gehe den rechten Weg, um ihn andern weisen
zu knnen. Der Wohlstand, den du jetzt genieest, erlischt, sobald sich die
Augen deines Vaters schlieen. Dann heit es, selbst fr dein Brot sorgen. Die
Erinnerung an die Ratschlge und an das Beispiel deiner Eltern ist der ganze
Reichtum, den du auf deinen Lebensweg mitbekommst.
    Ich war achtzehn Jahre alt, als meine Mutter starb; bald darauf folgte der
Vater ihr nach, und ich stand vereinsamt in der Welt. Ich bin eine uralte Frau,
mein Gedchtnis fngt an mir untreu zu werden, aber die Empfindung, mit der ich
nach dem Begrbnis meines Vaters unsere verlassene Wohnung wieder betrat, gehrt
zu den Dingen, die ich heute noch nicht vergessen habe.
    Ich blickte zu ihr hinber. Sie hatte nicht aufgehrt zu stricken, fleiig
und lautlos wie immer. Kerzengerade, die Arme fest an den Leib geschlossen, sa
sie da in ihrem eng anliegenden schwarzen Kleide, mit ihrer hohen, weien Haube
und den Locken an beiden Seiten der Stirn, die sich nur durch den
Silberschimmer, der auf ihnen lag, von ihrer schneeigen Umrahmung unterschieden.
    Man lie mir keine Zeit, meinem Schmerze nachzuhngen, fuhr sie fort.
Wenige Wochen nach dem Tode meines Vaters brachte mich der Vormund, der mir
bestellt worden war, als Erzieherin in eines unserer vornehmsten Huser. Die
Stellung war in jeder Hinsicht glnzend. Nur ein Zgling, ein siebenjhriges
Mdchen, unumschrnkte Herrschaft in meinem Gouvernantendepartement, uerst
vorteilhafte Bedingungen in der Gegenwart und - wenn ich meine Aufgabe zu Ende
gefhrt htte - eine gesicherte Zukunft.
    Die Eltern meiner kleinen Anka hatten auf mich, als ich ihnen vorgestellt
wurde, einen ungemein gnstigen Eindruck gemacht. Beide jung, schn,
liebenswrdig. Beide von der gewinnenden Hflichkeit, die sich von selbst
versteht, sich wenigstens damals in der feinen Welt von selbst verstand. Sie
erschienen mir einfachem Brgerkind inmitten ihres Luxus, der alles berstieg,
wovon ich je gehrt oder getrumt hatte, ein wenig halbgottmig. Ich fand es
ganz natrlich, da ein Wesen, das so vllig einem Engel glich wie meine Grfin,
nur im Fluge an uns vorberrauschen knne, da man einer so himmlischen
Erscheinung nicht zurufen drfe: Verweile, la dich ansehen, recht nach
Herzenslust. Es wre mir gar nicht eingefallen, ihr zuzumuten, da sie sich in
die Kinderstube setzen mge und Puppenkleider zuschneiden, einen Kreisel
peitschen oder nach der Schreiblektion ein tintig gewordenes Fingerchen
abwischen. Sie schien mir zu dergleichen viel zuwenig irdisch.
    Ich bitte Sie! erlaubte ich mir einzuwenden, das war jugendliche
Schwrmerei. Wenn man irdisch genug ist, um ein Kind in die Welt zu setzen, ist
man's auch, um das Kind zu betreuen ... Und was die Schnheit betrifft, ich
wette darauf, da Sie mindestens ebenso schn gewesen sind wie Ihre Grfin.
    Nein! entgegnete die Hofrtin. Es ist gewi so manches minder hbsche
Gesicht, als das meine damals war, bewundert worden, aber mit der Grfin lie
sich berhaupt niemand vergleichen - Mrchenprinzessinnen und Engel ausgenommen.
Dennoch war etwas, das mir die Freude an ihrem Anblick trbte: eine krnkliche
Blsse, ein Ausdruck von Mdigkeit, der sich tglich deutlicher in ihren Zgen
aussprach. Freilich war diese Mdigkeit eine natrliche Folge des Lebens, das
die Grfin fhrte. Eine angespannte, aufreibende Ttigkeit, wirkliche Arbeit
schwerster Art htten die junge Frau nicht mehr in Anspruch genommen als die
Vergngungen, denen sie sich hingab. Es war das Jahr der Vermhlung des Kaisers
Franz mit der Erzherzogin Luise von Este. Ein Taumel der Lust hatte das
leichtsinnige Wien ergriffen. Die gute Stadt entschdigte sich fr die Trauer,
in welche sie durch die Schicksalsschlge versetzt worden war, die kurz vorher
das Reich getroffen hatten. Meine Grfin durfte bei keinem Feste fehlen; sie war
im hchsten Grade, was man zu jener Zeit in der Gesellschaft rpandiert nannte,
und ich dachte oft mit stiller Erbitterung: Du wirst dich so lange rpandieren,
bis dein letzter Lebensatem im Dienste nichtiger Zerstreuungen verhaucht sein
wird.
    Niemals rollte der Wagen, der die Herrschaften nach Hause brachte, vor drei
oder vier Uhr morgens in die Einfahrt. Das Rasseln der Karosse, das Getrappel
der Pferde weckte jedesmal die kleine Anka aus dem Schlaf. Sie stellte sich auf
in ihrem Bette und sphte in den Hof hinab, in den unsere ganze Fensterreihe
sah. Bis herauf stoben die Funken, qualmte der Rauch der Fackeln, die von den
Lufern an den Ecksteinen ausgeschlagen wurden. Laut und lrmend ging es dort
unten zu, indessen drben im gegenberliegenden Trakte des Palais zwei hohe
Gestalten lautlos an den breiten Bogenfenstern des Ganges vorbeiglitten, in die
hellerleuchtete Halle traten und hinter den Flgeltren verschwanden, die
voraneilende Lakaien geffnet hatten.
    Regelmig begann Anka dann zu weinen und verlangte nach dem Vater, fr den
sie berhaupt mehr Zrtlichkeit uerte als fr die Mutter. Aber ich will ihm
gute Nacht sagen! Aber ich will ihm nur einmal - aber ich will ihm nur ein
bichen gute Nacht sagen! jammerte sie und war nicht zu beschwichtigen. Ich
sprach ihr zu, ich bat, befahl, schalt und drohte ... ja, das half! - mir zu dem
Gefhl meiner Ohnmacht der Kleinen gegenber, sonst zu nichts. Sie schwieg nicht
eher, als bis ihr die Stimme ausblieb, und schlief erst vor Erschpfung ein.
    Ratlos sa ich an ihrem Bette, ich fhlte: Dir bin ich nicht gewachsen. Sie
war verwhnt, herrisch und klug, sie htte Strenge gebraucht, zu der ich mich
aus dem einfachen Grunde nicht brachte, weil ich meinen Zgling nicht
liebzugewinnen vermochte. Durchaus nicht lieb, sosehr ich danach strebte. Meiner
Strenge wrde das Gegengewicht gefehlt haben; sie htte leicht in Hrte ausarten
knnen. Unter allen Umstnden jedoch wre es eine schwere Aufgabe mit dieser
Kleinen gewesen. Sie wurde merkwrdig gehalten. Sie durfte ber einen frmlichen
Hofstaat die Herrschaft fhren. Ich mu vorausschicken, da es einen
unglaublichen Luxus an Dienerschaft im Hause gab. Die geringste Mhewaltung, und
wenn sie auch noch so kurze Zeit in Anspruch nahm, war einer eigens dafr
bestellten Persnlichkeit bertragen. Da war zum Beispiel Ankas ehemalige Bonne,
die hatte in der Gotteswelt nichts zu tun, als des Abends in unserm Schlafzimmer
die Nachtlampe anzuznden. Da war die alte Wartefrau des Kindes, deren ganze
Obliegenheit darin bestand, die Puppengarderobe in Ordnung zu halten. Fr die
Garderobe des lebendigen Pppchens sorgte wieder eine Kammerkatze, der zwei
weibliche Adjutanten beigegeben waren. Wir hatten sechs Dienerinnen und einen
Diener zu unserer Verfgung - fr mich die bsen Sieben! Sie bildeten ein
Vlkchen, ber das meine Anka wie eine junge Sklavenhlterin die Peitsche
schwang oder mit dem sie, je nachdem ihr die Laune stand, viel zu vertraulich
verkehrte. Alle Leute im Hause waren Erbdiener, Urenkel, Enkel und Kinder von
Untertnigkeiten, die schon bei den Altvordern der jetzigen Gebieter die Pferde
gelenkt, die Tafel gedeckt, die Percken frisiert hatten. Sie feindeten mich an,
wenn ich sie in Schutz nahm gegen die Tyrannei der kleinen Komte. So ein Kind,
sagten Wartefrau und Bonne, hat ja noch keinen Verstand. Ja, wenn es von ihnen
abgehangen htte, wre das Kind nie zu Verstand gekommen, indessen sein
lnglicher Kopf mit der groen, hohen Stirn ein so vollgerttelt Ma davon
beherbergte, da ich oft darber erschrak. Wir fhrten einen stillen Krieg, sie
und ich. Eigentlich konnte sie mich nicht ausstehen, aber sie unterhielt sich
mit mir besser als mit irgend jemandem. Sie lernte gern und ausgezeichnet gut,
und ich war die einzige, die sie etwas lehren konnte. Sie hrte gern Geschichten
erzhlen, und ich wute so schne! Sie spielte ebenso gern, als sie lernte, und
ber welchen unerschpflichen Vorrat von Hilfsmitteln dazu hatte ich zu
verfgen! So warb sie denn um meine Gunst, so wenig ihr daran lag, mein Herz zu
gewinnen, und so erpicht sie eigentlich darauf war, mir einen Verdru, eine
Krnkung zuzufgen, fr die sie nicht verantwortlich gemacht werden konnte. Die
Schlauheit und Tcke, die sie bei solchen Gelegenheiten entwickelte, erweckten
in mir oft ein der Verzweiflung verwandtes Gefhl. Ich htte alles darum
gegeben, mich nur einmal bei ihrer Mutter Rats erholen, nur einmal mit der
Grfin ber das Kind sprechen zu drfen. Allein mein Vormund hatte mich gerade
davor dringend gewarnt. Strafen Sie, nachdrcklich, wenn es sein mu, ttlich,
wenn es nicht anders geht, tun Sie, was Sie fr gut halten, nur - klagen Sie
nie, das wird unverzeihlich gefunden; man will keine Klage ber seine Kinder
hren, waren die Worte gewesen, mit denen er mich verlie, nachdem er mich in
mein neues Amt eingefhrt hatte.
    Ich befolgte seine Warnung ziemlich lange Zeit; einmal jedoch lie ich sie
auer acht, einmal, als die Grfin unerwartet bei uns erschien, whrend ich Anka
soeben wegen eines ihrer Streiche zur Rede stellte. Ihre Mutter hrte mir
gelassen zu, blickte mich aber dabei mit so frostiger berraschung an, da es
mir wie eine physische Empfindung von Klte zum Herzen drang. Als ich zu Ende
war, lchelte die Grfin, nickte ein wenig mit dem Kopfe und wandte sich zu der
Kleinen, um ihr zu sagen, da sie nach Tisch in den Salon gerufen werden wrde,
um ihre Gromutter zu sehen, die heute da speise. Sie reichte dem Kinde die Hand
zum Ku und entschwebte.
    Vernichtet blieb ich zurck.
    Haben Sie nicht auch einmal in frhen Mdchenjahren einen Fanatismus der
Liebe und Bewunderung fr eine etwas ltere Frau in sich genhrt, die Ihnen der
Inbegriff aller Herrlichkeit schien? Er kommt oft vor in den Auslufern der
Backfischzeit. Einen solchen Gtzendienst trieb ich im stillen mit meiner
Grfin. Ich htte mich auf die Folter spannen lassen, um ein freundliches Wort
von ihr zu verdienen, und nun wollte mein Unstern, da ich mir ihre Ungnade
zuzog; denn Ungnade, uerste Ungnade, leuchtete mir mit grausamem Glanze aus
den Augen entgegen, mit denen sie mich, whrend ich sprach, unverwandt ansah und
zu fragen schien: Was tun Sie denn? Was fllt Ihnen ein?!...
    Meine Reue und meine Bestrzung waren bitter und gro. Einen Trost hatte ich
aber doch. Wenn ich in Ungnade bei der Gebieterin stand, im Lichte ihrer Gunst
durfte sich niemand sonnen. Sie war gleich unnahbar fr alle ihre Untergebenen.
Anschwrzungen hatte man nicht zu frchten, es wre ihnen kein Gehr geschenkt
worden.
    Der Sommer nahte heran, und wir reisten aufs Land. Drei Tage und zwei Nchte
waren wir unterwegs, in sechs Kaleschen, mit je vier Postpferden bespannt. Der
Graf und die Grfin voran, dann Anka und ich, in den vier folgenden Wagen die
Kammer, das heit die Leute, die einen unmittelbaren Dienst bei der Herrschaft
versahen. Das Kchenpersonal fuhr voraus und besorgte die jeweiligen Mahlzeiten
in den Wirtshusern, in denen haltgemacht wurde. Wir hatten das schnste Wetter,
und die Freudigkeit ist nicht zu schildern, die mich berkam, als wir so mit
sechzehn Fen in das freie, grne Land hineinliefen. Alle Poesie der
Eisenbahnen in Ehren, ich bin durchaus nicht abgeneigt, sie gelten zu lassen;
aber denken Sie, ob die Eindrcke, die ich auf spteren Reisen empfing, die
heitere Erinnerung an die erste verlschen konnten. Nun freilich, da es eben
die erste war, trug nicht wenig dazu bei, sie mir besonders entzckend
erscheinen zu lassen. Und dann - ich kannte nur die glatte Oberflche des
Lebens, ich hatte noch keinen Blick in die Tiefen seines Elends und seiner
Schlechtigkeit getan, ich konnte mich unbefangen an dem Genu ergtzen, der mir
zufiel bei dem Zuge - er glich einem Triumphzuge - eines groen Herrn nach
seinen Gtern.
    Vor jedem Posthause, an dem wir anlangten, standen schon die vierundzwanzig
Pferde bereit, die uns weiterbefrdern sollten. Die Postillone sprangen von den
Wagen, spannten ihre dampfenden, mdegejagten Gule aus, und sie wurden durch
frische, gut ausgeruhte ersetzt. Der Kurier ffnete die Geldkatze, die
Silbergulden blinkten, sechs vergngte Gesichter lachten uns an; der Postmeister
trat mit der Kappe in der Hand an den Wagen des Grafen heran; unsere Diener
liefen von einem Viergespann zum andern: Kein Koller dabei? - War nicht bel!
antworteten die Postillone, und vorwrts, was die Pferde laufen konnten, und
lustig dazu ins Horn geblasen, was die Brust nur hergab an Atem. Und so ging's
vorbei an Feldern und Wldern, an blhenden Wiesen, am blinkenden Strom.
Klein-Peterl, der Page auf dem Bock unseres Wagens, machte sich die
Reisefreiheit zunutze und erlaubte sich unaufgefordert hie und da ein Spchen.
    Da hatte Anka Stoff zum Lachen whrend der ganzen Fahrt, und wenn sie
lachte, war sie mir noch am liebsten; so befanden wir uns beide in bester
Stimmung und freuten uns der Freude, mit der wir allenthalben empfangen wurden.
    Mir fiel es nicht ein, da der Schlssel zu dem Glck, das wir durch unser
Kommen verbreiteten, an dem Riemchen der Ledertasche hing, die unser Kurier
umgeschnallt hatte.
    Am dritten Tage, demjenigen, an dem wir unser Reiseziel erreichen sollten
...
    Wo lag denn dieses? unterbrach ich die Hofrtin. Ich fahre da mit Ihnen,
Verehrteste, wie in einem Feenmrchen, ohne Ahnung, wo ich mich befinde und
wohin Sie mich fhren.
    Das sollen Sie, von mir wenigstens, auch nicht erfahren, war ihre Antwort.
Im Gegensatz zu allen guten Erzhlern, die ihren Geschichten einen deutlich
gezeichneten Hintergrund, eine prgnante Lokalfarbe zu geben suchen, tue ich
mein mglichstes, um Sie in Ungewiheit ber den Schauplatz zu erhalten, auf dem
mein kleiner Roman sich abspielte. Und noch etwas ganz Ungehriges und von allen
Kunstkennern Verurteiltes will ich mir zuschulden kommen lassen, ich will von
einem Fatum wie von einer ausgemachten Sache sprechen.
    ber meiner Jugend waltete offenbar ein Fatum. Seinen ersten
bedeutungsvollen Wink hat es mir im Angesicht eines abscheulichen, hchst
prosaischen Posthauses gegeben - und unter dem Dach desselben Posthauses hat es
sich erfllt.

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Am dritten Tage also, begann die Hofrtin von neuem, gerieten wir, nachdem
eine sternenhelle Nacht durchfahren worden, in einen heftigen Regen hinein. Er
strmte mit eigensinniger Ausdauer ber einen breiten Talkessel nieder, auf
dessen Sohle eine freundliche kleine Stadt sich sehr planlos nach allen
Richtungen der Windrose ausgebreitet hatte. Die Wagen rasselten ber das
holprige Steinpflaster, rumpelten, wo es ein solches nicht gab, durch
hochaufspritzende Pftzen und lenkten in den Hof des Posthauses ein, in dem die
letzte Mittagsstation gehalten werden sollte. Der Hof war ziemlich gerumig, es
standen aber Dutzende von Vehikeln darin, und er selbst stand unter Wasser.
Postchaisen und unsere Fourgons fllten den Torweg, und in die Nhe des
Trottoirs vor dem Hause zu gelangen war unmglich. Eine frmliche Wagenburg
verhinderte die Zufahrt. Die Bedienten schrien, die Postillone fluchten, einige
Fuhrleute machten taube Ohren, andre zeigten sich willig, ihr Gefhrt aus dem
Wege zu rumen. Aber die Verwirrung war zu arg; der Versuch, sie zu lsen,
vergrerte sie nur. Da wurde der Graf ungeduldig, und pltzlich sahen wir ihn,
bis an die Knchel im Schlamme watend, die Grfin in seinen Armen ans Ufer, das
heit an die Torschwelle, tragen. Auf dieselbe Weise brachte sofort Klein-Peterl
die lachende und jubelnde Anka unter Dach. Ich schickte mich an, ihr zu folgen,
setzte schon den Fu auf die letzte Stufe des Wagentrittes und senkte dabei
einen Blick voll innigsten Bedauerns auf meinen Schuh und meinen Strumpf. Da
rief es laut und fast wie erschreckt vom Hause her: Halt! Halt! Warten Sie!...
Sie werden doch nicht?... Und derselbe Mann, mit dem ich bisher nicht zwanzig
Worte gewechselt, mein gestrenger Herr sprang herzu, erfate mich ohne Umstnde,
und als ob es gar nicht anders sein knne, trug er auch mich, wohlgeborgen unter
seinem Mantel, indes auf ihn der Regen des Himmels niederflutete, bis an die
Treppe, wo er mich mit einer hflichen Verbeugung wieder auf die Beine stellte.
    Hren Sie, liebe Freundin, das machte mir einen Eindruck. Zum erstenmal seit
meinem Eintritt in sein Haus erhielt ich ein Zeichen persnlicher Beachtung. Wie
mir das wohltat, knnen Sie sich nicht ... doch, Sie knnen es sich vorstellen,
wenn Sie die absolute moralische Einsamkeit erwgen, in der ich mich seit dem
Tode meines Vaters befunden, ich junges, liebebedrftiges und an Liebe gewhntes
Geschpf. Von diesem ganz unerwarteten und auch wirklich unberlegten spontanen
Beweis der Frsorge ging eine Empfindung des Beschtztseins aus, die mich mit
freudigem Mute durchdrang. Und von dem Augenblick an war ich meinem Grafen
anhnglich und dankbar.
    Ein paar Stunden spter setzten wir unsere Reise fort und langten gegen
Abend bei wieder gnstig gewordenem Wetter vor dem Schlosse an, einem
groartigen Gebude in italienischem Stil, das mitten im Garten lag. Da ich mich
auf eine genaue Beschreibung der rtlichkeit nicht einlasse, mgen Sie nur
wissen, da es ein Garten voll von berraschungen war. Sie wandelten zwischen
glatten, geschorenen Buchenwnden hin, Sie lenkten nach rechts, nach links in
andre Gnge ein, die von den frher durchschrittenen nicht zu unterscheiden
waren. Sie wurden des Spazierens zwischen grnen Paravents endlich satt, wollten
gern aus dem Labyrinth wieder heraus ins Freie - es war unmglich. Wie eine
verwunschene Prinzessin irrten Sie darin umher, bevor es Ihnen gelang, den
Ausweg zu finden. - Sie schritten ber breite Kiespfade, an Rosenhgeln, an
Bosketts vorbei und gelangten zu einem Tempel im Barockstil. Der stand offen;
ein Blick ins Innere lockte Sie einzutreten. Knstliche Tropfsteine hingen von
der Decke nieder, Felsenpartien, bunte Korallenriffe, kleine Berge aus Muscheln
erhoben sich auf dem mit glitzernden Kieseln eingelegten Boden. Im Hintergrunde
schwang ein fleischfarbiger Neptun den Dreizack mit unmotivierter Wildheit ber
eine Gruppe von Nereiden und Tritonen, die harmlos zu seinen Fen lagerten.
Trieb Ihr Vorwitz Sie weiter, in die Nhe dieser steinernen Gestalten, so wurden
Sie pltzlich von einem Regenschauer bersprht, den Ihnen Neptuns Dreizack, die
Muschelhrner der Tritonen und die ausgestreckten Finger der Wasserweiber
entgegensandten. Sie wollten entfliehen - betraten eine Steinplatte auf dem
Boden vor dem Ausgang - ein Schleier aus Wasser schob sich zwischen Sie und ihn,
und nun hatten Sie die Wahl: entweder Gefangenschaft oder ein unfreiwilliges
Duschbad.
    Am Ende des Gartens, da, wo er an die herrlichen Forste grenzte, befand sich
eine Einsiedelei mit einem Glockentrmchen. ffneten Sie die Tr, so begann die
Glocke zu luten und hrte nicht frher auf, als bis Sie den Strang aus der Hand
eines hlzernen Kapuziners gelst hatten, der ihn in Bewegung setzte. Diese
Einsiedelei hatte sich Anka zum Geschenk ausgebeten; sie war feierlich zur
Eigentmerin des kleinen Hauses eingesetzt worden, das zwei ganz allerliebste,
mit groem Luxus und Geschmack eingerichtete Zimmer enthielt. Dort brachten wir
unsere Vormittage mit Lernen, Lesen und Arbeiten zu. Um zwei Uhr servierte
Peterl unser Diner in der Einsiedelei, und nachmittags ffneten wir die Pforte
des Gitters, das den Garten von dem Walde trennte, und zogen zu weiten
Spaziergngen aus. Erst gegen Abend kehrten wir zurck. Der Graf lie fast
regelmig um diese Zeit, seitdem wir auf dem Lande wohnten, die Kleine rufen
und behielt sie bei sich, bis sie schlafen ging. Ich kann Ihnen versichern, da
es mir in Ankas Seele wohltat, sie nun tglich doch eine Stunde lang in
Gesellschaft eines Wesens zu wissen, das von ihr geliebt wurde und sie
wiederliebte. So wenig Sympathie sie mir einflte, des Mitleids mit ihr konnte
ich mich nicht erwehren. Es will etwas heien fr ein Kind, unzertrennlich von
einer Person zu sein, fr die es kein Herz fassen kann ... Nicht kann! rief die
Hofrtin mit erhobener Stimme und wies den Einwand zurck, den ich hier machen
wollte. Ebensowenig als ich mit dem besten Willen, mit dem Bewutsein, es wre
deine Pflicht! mir auch nur einen Funken Neigung fr sie entlocken konnte.
    Ein halbes Jahr war ich schon bei ihr - das zhlt im Leben eines Kindes -,
da gab sie mir ein Prbchen ihrer Gesinnung fr mich, das mir unvergelich
geblieben ist.
    Auf dem Heimweg von einem unsrer Waldgnge ruhten wir, beide etwas ermdet,
unter hohen Tannen aus. Anka hatte sich im Grase ausgestreckt, ich sa neben
ihr, hrte ihrem Geplauder zu und wunderte mich im stillen, wie gewhnlich, ber
die komischen und originellen Einflle, die ihr zustrmten, wenn sie sich ihren
Gedanken berlie.
    Auf einmal schwieg sie, erhob sich und begann im Kreise um mich
herumzuhpfen. Sie hpfte immer im Gehen und hielt sich dabei gerade wie ein
Ladestock. Frulein, Frulein, sagte sie, und ihre hellbraunen Augen blitzten
vor Schelmerei, Sie sitzen vor einem kleinen Hgel, legen Sie den Kopf zurck,
da her, Sie werden sehen, wie angenehm das ist.
    Der kleine Hgel, von dem sie sprach, war ein Ameisenbau, der nicht anders
aussah, als ob an dieser Stelle ein Haufen Fichtennadeln zusammengeharkt worden
wre. Anka hatte ihr Taschentchlein ausgebreitet und lud mich ein, mir's darauf
bequem zu machen.
    Ich will es tun, wenn Sie meinen, da es angenehm sein wird, erwiderte ich.
Wissen Sie was? Ich bin schlfrig, ich werde ein wenig schlafen, und Sie werden
mich beschtzen. Wenn ein Br kommt, so jagen Sie ihn davon, und wenn eine
Ameise mir ber das Gesicht kriechen will ...
    Jetzt verriet sie sich: Eine Ameise kommt gewi nicht! rief sie.
    ,Das soll mir lieb sein, meinte ich, und so begab ich mich denn unter ihren
Schutz. Ich setzte nur noch eine Frage hinzu: Ob sie wisse, da es schndlich
sei, Vertrauen zu tuschen?
    Da lachte sie, und diesmal ging mir ihr Lachen wirklich durch das Herz. Ich
wollte aber doch sehen, wie weit sie es treiben wrde, lehnte die Wange an das
Tuch - sehr leicht, wie Sie denken knnen - und tat, als ob ich mich anschickte
einzuschlafen. Anka blieb eine Weile regungslos, schlich dann heran, bckte
sich, schob leise und vorsichtig ein dnnes Reis dicht neben dem Tuch, so tief
sie konnte, in den Ameisenbau und begann es hin und her zu bewegen. In dem
Augenblick sprang ich in die Hhe, sprach kein Wort, schlug sie aber tchtig auf
die Hand. Sie blieb starr; es geschah zum erstenmal, da sich jemand an ihrem
geheiligten Persnchen vergriff. Sie weinte nicht, sie war auch nicht beschmt,
sie trachtete offenbar nur danach, wieder in Besitz ihrer sorglosen und
herausfordernden Gleichgltigkeit zu kommen, die sich dann auch erstaunlich bald
einstellte.
    Beim Nachhausegehen fragte ich sie, ob es denn irgendwen gbe - auer ihren
Eltern natrlich -, von dem sie sich nicht ohne groen Schmerz trennen wrde, um
den es ihr leid tte, wenn er sie verlassen mte. Sie dachte nach. Man sah
diese Kleine denken. Sie blickte dabei mit halbgesenkten Wimpern nach der Seite,
und ihr Gesichtchen nahm einen erstaunlich gesammelten und ernsten Ausdruck an.
    Ich will Ihnen sagen, antwortete sie langsam und bestimmt, wenn man mir den
Clovek wegnehmen wrde, das tte mir leid.
    Clovek heit auf bhmisch der Mensch; Anka hatte die hlichste unter ihren
Puppen, ein Wickelkind ohne Beine, mit groem hlzernem Kopf, so getauft. Die
Nase war dahin, ein Arm verloren, denn die Gunst, in der Clovek stand, hinderte
seine Herrin nicht, ihn gelegentlich an die Wand zu schleudern ...
    Die Antwort, die mir das Kind damals gab, hat sich mir so tief eingeprgt,
weil sie prophetisch war.
    Aber lassen wir das gut sein! Ich kehre zu meiner Wanderung mit Anka zurck.
Um jeden Preis, sehen Sie, wollte ich an jenem Tage eine Regung der Reue in ihr
erwecken. Ich legte es ihr so nahe, da sie es greifen mute, welches Wort ich
von ihr zu hren ersehnte. Sie verstand mich vllig! Es war aus der
Geschicklichkeit, mit der sie mir auswich, deutlich zu erkennen. Was wnschen
Sie also? rief ich. Sagen Sie mir aufrichtig, was Sie jetzt wnschen.
    Ich wnsche, entgegnete sie und blickte mit triumphierender Miene zu mir
empor, ich wnsche so stark zu sein, da jeder Wagen, der an mich anfhrt,
umwirft.
    Das war der Erfolg, den meine Beredsamkeit schlielich erreichte.
    Sehr oft dachte ich damals: Wenn dieses Kind zu erlsen ist, kann es nur
durch Liebe geschehen. Ich fhlte mich von meiner Aufgabe hauptschlich deshalb
so schwer bedrckt, weil ich mich des Zweifels nicht erwehren konnte: Du bist
vielleicht ungerecht, die Schuld liegt vielleicht mehr an dir als an dem Kinde.
    Meine Seelenqual wurde endlich so bitter, da ich sie einem Gnner
anvertraute, den ich mir nach und nach erworben hatte, dem alten Hausarzt. Er
war in dem ganzen Hofstaat der einzige unabhngige und aufrichtige Mensch.
Obwohl er nicht viele Worte machte, empfand ich, da ich Vertrauen zu ihm haben
drfe, und so hatt ich's denn und bat ihn, dem Grafen und der Grfin zu sagen -
da mir der Mut fehlte, es selbst zu tun -, da ich mein Amt, dem ich nicht
gewachsen sei, niederlege.
    Er zeigte kein Erstaunen ber meinen Entschlu, aber er suchte ihn zu
erschttern. Das drfen Sie nicht tun! wiederholte er mehrmals. Es kommt keine
Bessere nach ... Sie mssen ja doch Rcksicht nehmen auf das arme Ding - die
Anka. Bedenken Sie, was der bevorsteht ... Ich bitte Sie, wie lange soll denn
ihre Mutter, die Frau Grfin, noch leben?
    Er sagte das mit furchtbarer Bestimmtheit und - mit furchtbarer
Gleichgltigkeit. Sie knnen den Eindruck ermessen, den diese Worte auf mich
hervorbrachten. Da sie meine eigenen Besorgnisse besttigten, das erhhte noch
den Schrecken, den ich empfand. Ich hatte die Grfin einige Tage vorher
gesprochen, wie immer nur flchtig und bei einer zuflligen Begegnung, und war
erschrocken gewesen, nicht blo ber ihr krankhaftes Aussehn, sondern fast noch
mehr ber den starren, gleichsam versteinerten Ausdruck ihrer Zge.
    Aber um Gottes willen, was geschieht, um sie zu retten? Wei der Graf, wie
es mit ihr steht? fragte ich und erhielt lauter trostlos klingende Antworten.
Weder der Graf noch die Grfin hielten die ngstlichkeit des Arztes fr
gerechtfertigt, und namentlich die Kranke lehnte sich gegen deren Konsequenzen
auf. Der Doktor meinte, ich wre nun lange genug da, um zu wissen, ob es mglich
sei, mit der Grfin ber Dinge zu sprechen, von denen sie nicht hren wolle. -
Darauf mute ich antworten: Nein! es ist nicht mglich.
    Nur der, der in einem groen Hause gelebt hat, wei, wie unberbrckbar die
Kluft ist, die seine Gebieter von ihren Untergebenen scheidet. Man lebt unter
einem Dache, man sieht einander, man hat gemeinsame Interessen, und dennoch
findet nicht der Schatten eines Verkehrs statt. Das Wichtigste hngt von der
Beherzigung einer Warnung ab, die man pflichtgem ausgesprochen hat - einmal,
mehrmals: sie wird nicht beachtet, und man vermag ihr keinen Nachdruck zu geben.
Es scheint unglaublich, aber es ist so, und was die treueste, redlichste Absicht
abhlt, sich geltend zu machen, das sind Hindernisse, so durchsichtig, zart und
fein, da man sie aus einiger Entfernung nicht wahrnimmt. Erst beim Nhertreten
erkennt man, da die scheinbar ganz unbedeutenden, kaum nennenswerten
unbersteiglich und unberwindlich sind. Aus der Art, in der ich zurckgewiesen
wurde, als ich die Eiswand zu durchbrechen suchte, hinter der die Grfin sich
verschanzte, konnte ich auf die Erfahrungen schlieen, die der Arzt bei
hnlichen Gelegenheiten gemacht haben mochte. Sie waren gewi schuld an der
Teilnahmslosigkeit, mit der er sich jetzt ber den Zustand der Kranken uerte
und die mir trotz dieses Erklrungsgrundes grausam, ja entsetzlich erschien. Er
zuckte die Achseln zu der Bemerkung, die ich ihm darber machte, und antwortete
mit der erneuerten Bitte, bei Anka auszuharren. Wenn ich sie verliee, sagte er,
das erst wre ein schweres Unglck fr sie. Er lie den Einwand nicht gelten,
da ich unfhig sei, dem Kinde zu ntzen, und behauptete, es habe sich unter
meiner Leitung schon ein wenig zu seinem Vorteil verndert. Ich lie mich
endlich bestimmen, mein mhsames Erziehungswerk weiterzufhren. Die
Versicherungen des Doktors, da ich nicht ganz erfolglos daran arbeitete, hatten
meinen Mut gehoben; ich fhlte mich beruhigt, und so gut wie seit langem kein
andrer begann fr mich der Tag, an dem mir ein peinvolles Erlebnis bevorstand. -
Ein unbeschreiblich peinvolles Erlebnis, das mir die Augen ber Dinge ffnete,
die ich nie htte erfahren mgen. Sie ahnen wohl, da der unglckselige Graf
Stephan dabei im Spiele war ... Aber - unterbrach sich die Hofrtin und lie
voll Entmutigung die Strickerei in den Scho sinken - was bin ich doch fr eine
schlechte Erzhlerin! Von diesem Grafen htte ich lngst sprechen mssen ...
Freilich - freilich - der spielte damals schon eine Weile mit in meiner
Geschichte ... Verzeihen Sie - jetzt bleibt mir nichts brig, als allerlei
nachzuholen.

                                       4


Graf Stephan fhrte denselben Familiennamen wie meine Grfin, war ihr Vetter und
der jngste von acht Brdern, die alle im kaiserlichen Heere dienten. Ihr Vater
lebte noch, sie bezogen von ihm eine sprliche Apanage und waren von klein auf
zum Waffenhandwerk bestimmt. Sie machten dem Beruf auch Ehre, hatten sich in den
letzten Feldzgen durch ihre Tapferkeit und ihr kaltes Blut glnzend
hervorgetan. Unser Graf Stephan stand seinen Brdern nicht nach; ebenso
tollkhn, aber weniger glcklich als sie war er als neunzehnjhriger Jngling in
der Schlacht von Caldiero durch einen Hieb ber die Schulter verwundet worden.
Eine Zeitlang blieb es zweifelhaft, ob er seine militrische Laufbahn je wieder
werde aufnehmen knnen. Indessen kam es besser, als man anfangs gemeint hatte;
er war jetzt hergestellt. Seine Verletzung hatte keine Folgen hinterlassen, eine
geringe Steifheit der Finger seiner rechten Hand ausgenommen, die ihm jedoch um
alle Schtze der Erde nicht feil gewesen wre. Die Steifheit mein ich. Er
paradierte damit, verga ihrer nie und sorgte dafr, sie den andern in
Erinnerung zu bringen.
    Einige Tage nach unsrer Ankunft erschien der Vetter der Grfin auf dem
Schlosse; er sollte nur eine Woche da verweilen und sich dann zu seinem Regiment
begeben. Nun waren aber schon zwei Monate vergangen, und der junge Herr traf
noch immer keine Anstalten zu seiner Abreise. Anka rgerte sich darber; sie
konnte ihn nicht leiden, und wenn ich sie fragte, warum, antwortete sie; Ich
wei nicht - halt so - er ist so dumm.
    Er war aber durchaus nicht dumm; er war ein liebenswrdiger, hbscher,
unbedeutender Mensch, moralisch so schwach und zaghaft, wie er physisch stark
und mutig war. Anka gegenber legte er eine Geduld und Nachsicht an den Tag, die
fr mich etwas Rtselhaftes hatte. Er lie sich von ihr necken, mihandeln,
verspotten, er kam immer wieder, er war von allen Gsten ihrer Eltern der
einzige, der sich um sie bekmmerte. Wir trafen ihn erstaunlich oft auf unsern
Spaziergngen im Walde, und immer schlo er sich uns an, beschftigte sich aber
nur mit Anka und schien sich so gut mit ihr zu unterhalten, da es mir nicht
einfiel zu denken, ein andres Interesse als das an seiner kleinen Nichte fhre
uns den jungen Herrn fast tglich in den Weg. Allmhlich jedoch mute ich trotz
aller Unbefangenheit innewerden, da er mit mir kokettierte, da die gute Laune,
das kindliche Wesen, deren er sich befli, die Geschicklichkeit und Khnheit,
mit der er fr die Kleine eine Blume von steiler Felswand, einen Mistelzweig aus
einer Baumkrone herabholte oder zu ihrem Ergtzen einen schumenden Waldbach
bersprang - doch nur von mir bewundert werden sollten. Einen Augenblick
vielleicht - ich sage vielleicht, denn ich wei es wirklich nicht mehr gewi -
schmeichelte mir diese Entdeckung; der bleibende Eindruck jedoch, den sie auf
mich hervorbrachte, war der des Widerwillens. Naive Gefallsucht ist nur albern,
man kann sie entschuldigen, sogar bei einem Manne; aber bewute, berechnete
Gefallsucht, die erschien mir immer verachtenswert, und ich fand nicht ntig,
das dem jungen Grafen zu verbergen. Statt darber in Zorn zu geraten, wurde er
sentimental, begann den Gekrnkten zu spielen und trieb groen Aufwand mit
Seufzern und verschleierten Blicken. Niemals aber tat er eine uerung, die er
nicht auch vor hundert Zeugen htte tun oder die ihn htte verhindern knnen,
mich fr verrckt zu erklren, wenn ich behauptet haben wrde, er mache mir den
Hof. Diese Vorsicht war berflssig. Seiner Freiheit drohte durch mich keine
Gefahr, und wie wenig mir daran lag, ihn in Bande zu schlagen, das erfuhr er
spter.
    Ich habe Ihnen gesagt, da der Graf seine Tochter fast regelmig in den
Abendstunden zu sich rufen lie und da ich die Weisung hatte, sie zur Zeit
ihres Schlafengehens abzuholen. Ich erwartete sie im groen Saale, wohin der
Graf sie brachte, um sie persnlich meiner Obhut zu bergeben. Dabei sagte er
mir immer ein paar freundliche Worte, wenn auch nur ganz eilig und kurz, denn
seine Gste folgten ihm gewhnlich schon auf dem Fue, da die Gesellschaft sich
vor dem Souper im Saale versammelte.
    Eines Abends hatte ich mich, berpnktlich in meinem Eifer, nicht auf mich
warten zu lassen, zu frh im Saale eingefunden. Er war noch unerleuchtet, und in
dem mit Gobelins und dunkelm Getfel versehenen Raum, den sogar das Tageslicht
nicht vllig zu erhellen vermochte, herrschte jetzt im Zwielicht beinahe vllige
Finsternis. Ich tappte mich zu meinem Platz in der Nhe der Tr, durch die der
Graf einzutreten pflegte. Sie fhrte aus seinen Zimmern in den Saal, und ihr
gegenber lag der Eingang zu den von der Grfin bewohnten Gemchern. Dann gab es
noch zwei Tren, einander gleichfalls gegenberliegend: die des Altans und eine,
durch die man aus der Halle hereingelangte, in welche das Treppenhaus mndete.
Nun denn, ich sitze eine Weile ganz ruhig und warte. Da ist mir pltzlich, als
ob ich am andern Ende des Saales ein Gerusch vernhme und dort etwas sich regen
she, das meine allmhlich an die Dunkelheit gewhnten Augen als eine hoch ber
das menschliche Ma hinausragende und doch menschliche Gestalt erkennen. Ich
rufe sie an und schreite geradeswegs auf sie zu. ngstlich und flsternd
antwortet sie mit einer Beschwrung, mich ruhig zu verhalten. Ich stehe jetzt
dicht vor ihr, fasse sie am Kleide und berzeuge mich, da ich es mit meiner
Feindin, der Bonne, zu tun habe, die auf einen Schemel gestiegen ist, um ihr Ohr
an das Schlsselloch der hohen Flgeltr legen zu knnen, an der sie lauscht,
die Abscheuliche!
    Herunter! sage ich, herunter - oder ich rufe ... Sie mute gehorchen, stieg
von ihrem Schemel, schob ihn weg und brummte: Ich kann ohnehin nichts mehr
hren, sie sind ins zweite Zimmer gegangen; er bekam schne Vorwrfe -
Ihretwegen!
    Wer? fragte ich bestrzt. Nun - wer?... Ihr Seladon! zischelt sie, und im
nchsten Augenblick: Still, er kommt! und zerrt mich in die Nhe der Wand ...
Die Tr, vor der wir eben gestanden hatten, ffnet sich, ein Mann durcheilt mit
leisen Schritten das Gemach, die Balkontr wird vorsichtig aufgetan und wieder
geschlossen ... Einige Sekunden vergehen, die energische Franzsin hat mich in
die Mitte des Zimmers gefhrt und tut, whrend eben eingetretene Diener sich
damit beschftigen, die Kerzen an den Kronleuchtern und Girandolen zu entznden,
als ob sie mit mir ein eifriges Gesprch ber Anka fortsetzte. Dann geht sie mit
der unschuldigsten und heitersten Miene ihrer Wege. Ich vermochte nur sie
anzustarren und zu schweigen. Was bedeutete der geheimnisvolle Vorgang? Wer
hatte sich soeben aus dem Zimmer der Grfin gestohlen wie ein Dieb und stand
jetzt auf dem Altan wie ein Ausgesetzter?... Er konnte nicht mehr in den Saal
zurck, die Diener hatten den Eingang schon verriegelt und waren noch mit dem
Herablassen der Vorhnge beschftigt, als der Graf eintrat. Er fhrte Anka an
der Hand und ersuchte mich, sie sogleich zu Bett bringen zu lassen, sie scheine
nicht ganz wohl zu sein. Indessen war sie nur verdrielich. Gewi hatte Papa,
ohne es zu ahnen - absichtlich tat er es ja leider nie -, ihr eine Laune
durchkreuzt, und jetzt schmollte sie mit ihm. Und ihr Schmollen war etwas
Widerwrtiges. Jeder Zug von Kindlichkeit verschwand dabei aus ihrem Gesicht,
sie wurde ganz bla, man konnte sie wirklich fr leidend halten. - Dieser
Zustand nderte sich wie auf einen Zauberschlag, sobald sie ihrem Vater aus den
Augen kam, und als wir unsere Gemcher betraten, begann sie wie eine Rasende
umherzutollen. Sie wollte noch spielen, wollte tanzen, wollte sich nicht
auskleiden lassen, entwischte kreischend dem Stubenmdchen, das ihr nachrannte,
und wurde in diesem Getreibe durch Francine untersttzt, die an der Tr stand
mit ihrer Nachtlampe in der Hand und sich krmmte vor Lachen.
    Ich machte zuletzt der Komdie ein Ende, indem ich meine wilde Hummel
einfing und selbst ihre Toilette besorgte. Die Bonne erschwerte mir die Aufgabe
und begann immer von neuem mit Anka zu scherzen. Zuletzt gelang es mir aber
doch, die Kleine zu beruhigen, und als ihr Kopf auf dem Kissen lag, da schlief
sie auch schon.
    Klug wre es nun gewesen, mit der Bonne, die sich noch immer in der Nhe
hielt und mich zu beobachten und auf etwas zu warten schien, nicht mehr zu
sprechen; doch war die Angst, von der ich gepeinigt wurde, zu unertrglich und
die Art und Weise der Franzsin zu herausfordernd. Voll Entrstung sagte ich,
da ihre Lustigkeit mich staunen mache. Warum, erwiderte sie, ich habe ja keinen
Grund, mich zu krnken. Ihr lederfarbenes Gesicht, das einst schn gewesen sein
mochte, und ihre schwarzen Augen drckten eitel Bosheit aus, sie erging sich in
Andeutungen und halben Worten, die ich nicht verstand. Pltzlich nahm sie eine
freche Protektormiene an und raunte mir zu: Seien Sie ruhig. Ihr Vogel hat zwar
keine Flgel, kann aber doch fliegen.
    Wer denn mein Vogel sei, fragte ich. Aber sie wollte mir nicht Rede stehen,
erhob ihr widerwrtiges Gekicher und lief davon.
    In dieser Nacht habe ich wenig geschlafen, das wei Gott! Sie erffnete den
Reigen der weien Nchte, wie die Franzosen sagen, die mir in nchster Zukunft
bevorstanden. Am folgenden Morgen, als ich mit Anka auf dem Wege zur Einsiedelei
an dem Balkon vorberkam, sah ich aufmerksam zu ihm hinauf und bemerkte, da er
von einem ziemlich breiten Mauervorsprung umgeben war, auf dem es sich
allenfalls wegschreiten lie. Aber von ihm aus wohin? Sich in die Blumen fallen
lassen, die in weiches Erdreich dicht um das Haus gepflanzt waren, htte
sichtbare Verheerungen angestellt. Auf den harten Kiesweg herunterspringen von
der Hhe des ersten Geschosses, wre kaum ohne Beinbruch abgegangen; und im
Sprung den Weg bersetzen und den Rasen erreichen - das schien unmglich. So
dachte ich und - stand im selben Augenblick vor zwei Fustapfen, die, wie mit
dem Prgstock eingeschlagen, am uersten Rande des Grases sichtbar waren.
Unheilvoll sichtbar, denn es hatte in der Nacht geregnet, und die beiden
Vertiefungen bildeten ein paar kleine Wasserreservoirs. Ich beeilte mich, diese
verrterischen Zeichen mit dem Stocke meines Sonnenschirmes zu verwischen. Erst
als es vollkommen gelungen war, folgte ich Anka nach, die vorausgelaufen war und
mir zurief, sie zu haschen.
    Als wir den Grafen Stephan das nchstemal auf unserer Waldpromenade von
weitem auf uns zukommen sahen, durchschauerte es mich, als ob ich ein giftiges
Gewrm erblickt htte, und ich sagte Anka, da wir versuchen wollten, dem Onkel
auszuweichen; es sollte ihm nicht gelingen, uns zu entdecken. Das war nun etwas
fr die Kleine! Da glnzten ihr die Augen vor Vergngen, und sie entfaltete an
dem und an folgenden Tagen die Pfiffigkeit und den Sprsinn eines Indianers. Wir
sahen den Grafen Stephan von einem Hgel aus in einer Lichtung zu unsern Fen
jeden Heger und Jger, dem er begegnete, anhalten, offenbar, um nach uns zu
fragen. Wir sahen ihn aus unserm Versteck hinter einem Felsstck oder einem
Gebsch ratlos vorbereilen, hrten ihn fluchen und rufen, rhrten uns nicht,
und whrend er tiefer in den Wald drang, schritten wir dem Hause zu. Dieses
Spiel konnte nicht lange fortgesetzt werden. Es war eine zu reiche Quelle der
Schadenfreude fr Anka. Ich dachte schon daran, ihm durch das Aufgeben unserer
Spaziergnge berhaupt ein Ende zu machen, als eben jenes Ereignis eintrat, bis
zu dem ich vorhin meine Geschichte gefhrt habe.
    An einem Vormittage war es. Wir hatten unsere Lektionen beendet. Anka machte
sich in dem Puppengrtchen zu tun, das wir unter einer Ulmengruppe in der Nhe
der Einsiedelei angelegt hatten; ich war mit dem Ordnen der Lehrsachen
beschftigt - da stand pltzlich Graf Stephan vor mir.
    Grausame! sagte er leise im weichsten Molltone und sah mich mit dem
allertraurigsten seiner Blicke an. Er hatte uns um diese Zeit und an diesem Orte
noch nie aufgesucht, mein Schrecken ber sein unerwartetes Erscheinen war im
Anfang nicht gering, wurde aber bald durch die Emprung berwogen, die in mir
aufstieg, als der junge Herr zu klagen begann, sein hchstes Glck sei ihm
geraubt, er fhle sich elend, seitdem es ihm nicht mehr vergnnt sei, mich zu
sehen, den Laut meiner Stimme zu hren und so weiter! Statt aller Antwort wandte
ich mich und rief nach Anka. Da schrie der Graf laut auf, da ich ihn mihandle,
da er nicht verdiene, so geqult zu werden. - In dem Augenblick, in dem er
begann die Stimme zu erheben, hrte ich die Glocke in der Einsiedelei anschlagen
und dachte, Anka sei eingetreten, um, wie sie pflegte, den Turm zu ersteigen und
in ungeduldiger Erwartung des Mittagessens nach Freund Peterl auszusphen. Ich
rief nochmals und nochmals - aber sie ... sah mich vermutlich, sah meine
Ungeduld, hatte ihre Freude daran und antwortete um keinen Preis. Mir war
abscheulich zumute in meinem rger ber diesen Kobold von einem Kind und in der
Angst, die mich allmhlich vor dem jungen Herrn erfate, der mehr und mehr den
Kopf verlor und im Begriff schien, sich aus einem girrenden in einen sehr kecken
Ritter zu verwandeln. Doch war ich viel zu hoffrtig, um etwas von meiner Unruhe
zu verraten, und schritt ganz langsam der Tr zu, die sich auf der andern Seite
des Hauses befand. Graf Stephan folgte mir Schritt fr Schritt. Er sprach nur
noch von Liebe und Seligkeit oder Verzweiflung und Tod.
    Endlich bogen wir um die Ecke, und der Anblick der offenstehenden Tr der
Einsiedelei, in der ich Anka vermutete, erfllte mich mit all der Unverzagtheit,
die ich bisher nur geheuchelt. Mein Verfolger hatte mich vergeblich um ein Wort,
ein einziges Wort beschworen, jetzt sprach ich deren mehrere, und ich glaube,
lieber als diese war ihm mein frheres Schweigen. Wenigstens stockte der Strom
seiner Beredsamkeit pltzlich, und als ich nun wagte, ihm ins Gesicht zu sehen,
erblickte ich darin den Ausdruck der peinlichsten berraschung und Beschmung.
Ich eilte vorwrts, ich war am Ziel, setzte den Fu auf die Schwelle und -
prallte erschrocken zurck ... Die Grfin trat mir entgegen ...
    Liebe Freundin, ich war damals neunzehn Jahre alt und heute bin ich siebzig,
aber ich brauche nur zu wollen und ... die Hofrtin streckte den Arm aus und
blickte mit weitgeffneten Augen vor sich hin - da steht sie! deutlich wie in
jener Stunde. Da steht sie, schrecklich und wunderschn in ihrem weien
Sommerkleide und der griechischen Frisur, die so gut zu ihrem klassischen Profil
pat und die edle Form des kleinen Kopfes und des schlanken Nackens so herrlich
zur Geltung bringt. Ja, wunderschn, aber nicht wie eine Lebendige, sondern wie
eine Tote, der man vergessen hat, die Augen zu schlieen. So starrt sie mit
unbeweglichem und glanzlosem Blick den an, der bei ihrem unerwarteten Erscheinen
in voller Fassungslosigkeit aufgeschrien hat, der sich aber jetzt mit aller
Gewalt zusammennimmt und sein Entsetzen hinter erzwungenem Lachen und klglichem
Gestotter zu verbergen sucht.
    Sie antwortete ihm nicht; sie fuhr fort, ihn mit diesem grauenhaften Blick
anzusehen, und schritt aufrecht und stolz an mir vorber aus der Htte. Stephan
faltete mit stummer Beschwrung die Hnde gegen mich und folgte der Grfin
gesenkten Hauptes langsam nach.
    Sie waren kaum fort, als ein vortrefflich nachgeahmter Wachtelschlag sich im
Gebsch hinter den Ulmen hren lie und Anka herbeisprang. Als ihr Onkel auf
mich zugekommen war, hatte sie sich versteckt, war Zeuge von allem gewesen, was
hier geschah, mute gehrt haben, was gesprochen wurde, und - verlor auch nicht
ein Wort darber. Machte sie sich keine Gedanken oder mehr, als sie gestehen
wollte? Ich wute es nicht und erfuhr es damals auch nicht. So verschlossen war
mir der Einblick in dieses Kindergemt, da ich von allem, was darin vorging,
nur das kannte - und das ist ja bei einem Kinde das wenigste -, wonach sich
fragen lt. Es war so gar kein Verstndnis zwischen uns, so gar keine Spur
davon! Und wenn es aufs Erraten ankam, da erriet Anka viel eher mich als ich
sie.
    Am Abend desselben Tages war Ball im Schlosse, und Anka hatte die Erlaubnis,
dem Tanze zuzusehen. Wir erhielten unsern Platz auf der Galerie des Saales; der
Doktor geleitete uns hinauf und leistete uns Gesellschaft. Die Grfin und ihr
Vetter erffneten das Fest. Ich bemerkte, wie die besorgten Blicke des Grafen
seiner Frau folgten. Sie war kaum imstande, sich zu schleppen, aber sie tanzte
leidenschaftlich, mit Raserei. Es war ein unbeschreiblich qualvoller Anblick,
der auch das Kind mit Schrecken erfllte. Es prete sich an mich und flsterte:
Sehen Sie doch Mama ... Ich werde gewi von ihr trumen!
    Der Graf suchte uns auf unter dem Vorwand, seiner Tochter gute Nacht zu
sagen; den wahren Grund seines Kommens aber verriet bald die Bitte, die er an
den Arzt stellte. Lieber Doktor, meine Frau scheint leidend, Sie sollten ihr
heute das Tanzen verbieten.
    Das Tanzen ist Ihrer Erlaucht schon vor zwei Jahren, seitdem fters und
niemals nachdrcklicher als am heutigen Morgen verboten worden, erwiderte der
Doktor in trockenem Ton, und der Graf schwieg. Er mochte wissen, wie lange, wie
hartnckig die Warnungen des Alten miachtet und als Schwarzseherei verspottet
worden waren.
    Sobald der Graf uns verlassen hatte, verlangte Anka hinweg. Sie hielt meine
Hand fest, whrend wir durch die hell erleuchteten Gnge nach unsern Zimmern
zurckkehrten. Bleiben Sie da, bleiben Sie neben mir, wiederholte sie bestndig,
als sie schon im Bett lag. Sie mssen die ganze Nacht neben mir sitzenbleiben.
Sie zitterte, ihre Zhne schlugen aneinander, ihre Stirn und ihre Lippen
glhten. Sie schien von einem pltzlichen Fieberanfall ergriffen. Mir war bang,
ich lutete, ich wollte um den Arzt schicken, aber niemand kam, keiner war da
von der ganzen zahlreichen Dienerschaft. Die einen hielt ihr Dienst, die andern
ihre Neugier und Schaulust in der Nhe des Festes.
    Fehlt Ihnen etwas, haben Sie Schmerzen, Anka? fragte ich.
    Nein, ihr fehlte nichts, und es tat ihr nichts weh als nur das Gellen der
Geigen, der Lrm der Musik. Nun herrschte aber tiefste Stille um uns, auch nicht
ein Laut drang von dem entfernten Teile des Schlosses herber, in dem getanzt
wurde, und ich sagte zu der Kleinen, sie trume schon. Da begann sie zu klagen
und zu wimmern, sie trume nicht und wolle nicht trumen, wolle lieber nie mehr
schlafen. Auf jede meiner Einwendungen hatte sie ein Dutzend Antworten. Endlich
wurde sie ruhiger und schlo sogar die Augen. Doch schreckte sie bei meiner
geringsten Bewegung auf und rief: Bleiben Sie bei mir!
    Mitternacht war lngst vorber, da traten unsre Frauen alle zugleich in das
Nebenzimmer. Durch die nur angelehnte Tr drang das Geflster ihrer Stimmen, ein
hastiges, verworrenes Durcheinander, aus dem kein deutliches Wort zu entnehmen
war. Anka legte den Finger an den Mund und lauschte mit gespanntester
Aufmerksamkeit; als jedoch der Kopf Francines an der Tr erschien, stellte das
Kind sich sogleich schlafend und erreichte auch seinen Zweck. Trotz meiner
abwinkenden Zeichen, die sie nur der Sorge zuschrieb, Anka knne geweckt werden,
raunte die Bonne mir zu: Der Ball ist aus. Die Grfin stirbt.
    Anka stie einen frchterlichen Schrei aus und warf sich mir um den Hals.
Ihr kleiner Krper zuckte und wand sich in einem Ausbruch wahnsinniger Angst.
Sie war schon tot, sie war schon den ganzen Abend tot und hat noch getanzt und
wird jetzt gleich hereintanzen! rief sie und drckte sich zitternd und bebend an
mich.
    Francines alberne Versuche, sie zu beruhigen, regten sie nur noch mehr auf.
Du lgst! schrie sie und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht, als die Bonne nun
pltzlich zu behaupten begann, Mama habe nur eine kleine Ohnmacht gehabt, eine
unbedeutende kleine Ohnmacht, und werde morgen gesund sein.
    Wir wachten die ganze Nacht hindurch.
    Jetzt ging es wirklich sehr lrmend um uns zu. Die Wagen der abfahrenden
Gste rollten unter unsern Fenstern vorber, auf den Treppen, den Gngen war es
laut von auf und ab eilenden Schritten, im Hofe wieherten die Pferde der
Estafetten und Kuriere, die nach dem nchsten Stdtchen und von dort aus auf
Postpferden weiterreiten sollten, um rzte aus der Residenz herbeizuholen.
    Am Morgen kam der Doktor und brachte Nachricht von der Grfin. Sie war auf
dem Balle pltzlich umgesunken, konnte lange nicht zu sich gebracht werden. Eine
Lungenentzndung stand zu befrchten. Anka hrte ihm halb unglubig, halb
befriedigt zu und wiederholte mehrmals leise, als ob sie sich selbst Trost
zusprechen wollte: Meine Mutter ist nur krank, nur krank ... Dann schlief sie
ein und schlief bis zum Abend. Mit der Dunkelheit kehrten all ihre Schrecken und
Bangigkeiten wieder; wir durchwachten diese wie die vorige Nacht, und bei Tag
wurde wieder geschlafen. So ging es fort, eine Woche lang, am Morgen des achten
Tages verschied die Grfin.
    Der Graf hatte whrend ihrer Krankheit nicht von ihrer Seite weichen drfen.
Sie klammert sich an ihn wie die Reue an die Barmherzigkeit, sagte Francine, die
sich mit ihrer zudringlichen Dienstfertigkeit den Eintritt ins Krankenzimmer
erzwang. Anka zu sehen hatte die Grfin nur einmal verlangt, und als man ihr
sagte, sie schliefe, sich damit zufrieden gegeben und nicht wieder nach ihr
gefragt. Graf Stephan irrte im Schlosse umher wie ein Verzweifelter. Er wute
nicht, wohin sich flchten. Wenn er schwer gesndigt hatte, in diesen Tagen hat
er schwer gebt. Auf Wunsch des Grafen mute er alle Berichte ber das Befinden
der Kranken an die Verwandten, namentlich an die Mutter der Grfin, schreiben.
Ratlos kam er, um meinen Beistand zu erbitten. Die Feder fhren war nicht seine
Sache, und er gestand es ohne Beschmung ein. Es versteht sich von selbst, da
ich ihm hilfreiche Hand bot, und er war so geqult, so zerknirscht und so
dankbar, da ich beinah Mitleid mit ihm htte haben knnen. Damals begegnete
ihm, was ihm wohl nie vorher begegnet war, er verga, an sich und an den
Eindruck zu denken, den er hervorbrachte, er wute nichts, als da er ein
geschlagener Mensch war. Das Leben, das er gedankenlos und leichtfertig als
Freudenjagd behandelt, hatte pltzlich mit stummer und gewaltiger Beredsamkeit
zu ihm gesprochen und sein Gewissen geweckt. Er sah um zehn Jahre gealtert aus,
als er am Todestage der Grfin Anka holte, um sie zu ihrem Vater zu fhren. Sie
strubte sich, man mute ihr beteuern, um sie fortzubringen, da sie gewi nicht
in die Nhe der Verstorbenen kommen wrde. Als sie eine halbe Stunde spter
zurckkehrte, sprach sie nicht ein Wort von ihrem Vater; sie fing gleich an, mit
ihren Puppen zu spielen, fhrte eine ganze Komdie auf und unterbrach sich auf
einmal, um zu sagen: Ich habe immer gehrt, da ein Kind traurig ist, wenn seine
Mutter stirbt. Warum bin denn ich nicht traurig, Frulein?... Ja, die war
merkwrdig, diese Kleine! Ich kam mir bei ihren Fragen, auf die ich gar oft
keine Antwort wute, ganz klglich vor.
    Den Herrn Grafen sah ich erst am dritten Tage nach dem Tode der Grfin bei
den Trauerfeierlichkeiten wieder. Er erschien ehrfurchtgebietend in seinem
groen, stolz getragenen Schmerz. Ich wagte kaum ihn anzusehen, und als er zu
mir trat und sagte: Ich empfehle Ihnen Anka, htte ich die Hand, die er mir
reichte, kssen mgen.
    Nach der Einsegnung, die am frhen Morgen stattgefunden hatte, wurde die
Leiche der Grfin zur Beisetzung in die Familiengruft nach dem Stammsitze des
Hauses gebracht. Einige Stunden spter begaben wir uns dahin. Den Grafen
begleiteten Graf Stephan und die beiden Brder der Grfin, die sich eingefunden
hatten, um ihrer Schwester die letzte Ehre zu erweisen. Anka und ich folgten.
Ein Teil der Dienerschaft war vorausgeschickt worden, um alle Vorbereitungen zum
Empfang der toten Herrin und ihres Geleites zu treffen.
    Das war eine andere als die erste Reise!
    Unser Zug richtete sich durch eine rauhe, unwirtliche Gegend nach dem Norden
des Landes. Langsam, trotz der hufig gewechselten Pferde, fuhren wir ber
schlechte Wald- und Gebirgswege in den trben Herbsttag hinein, im Gefolge einer
Leiche.

                                       5


Mitternacht war vorber, als wir uns dem Ziel unsrer Wanderung nherten. Anka
schlief lngst, den Kopf auf meinem Scho. Zuletzt ging es noch eine Stunde lang
steil aufwrts durch den Wald unter der Eskorte einer Schar von Leuten, die man
mit Windlichtern versehen und uns entgegengeschickt hatte. Wir erreichten
endlich die Platte eines stumpfen Bergkegels und rollten im raschen Trabe einer
dunklen Masse zu, deren Umrisse in den wallenden Nebeln verschwammen. Nur ein
schlanker Turm lste sich scharf und deutlich vom Hintergrund des Horizontes ab,
den der verschleierte Mond mit fahlem Schimmer erhellte. Pltzlich ging ein Ri
durch die Nebel, in dem Dster vor uns flammte es auf, und wie riesige rote
Feuerzungen erglnzten die Fenster der Kapelle, in der die letzte Nachtwache am
Sarge der Grfin gehalten wurde.
    Nun rasselten unsre Wagen ber eine hlzerne Brcke und durch eine Einfahrt,
des wildesten Raubschlosses wrdig: hoch, dster und ganz mittelalterlich, von
Fackeln erleuchtet, die in eisernen Ringen an den schwarzen Mauern staken.
    Die Herren wurden von der mnnlichen Dienerschaft ber die Treppe geleitet,
Anka und mich nahmen die Frauen in Empfang. Francine half mir, das Kind, das
nicht zu erwecken war, nach den fr uns vorbereiteten Zimmern tragen. Sie lagen
im Hochparterre, und wir gelangten zu ihnen nach einer Wanderung durch de
Gnge, die mir endlos schienen. An der Schwelle begrte uns Peterl taumelnd,
mit Augen, die vor Schlfrigkeit ganz schief standen, und lallte die Meldung,
das Abendessen sei aufgetragen. Wir traten ein. Nicht ein paar Zimmer, eine
lange Reihe von Zimmern hatte man fr uns zurechtgemacht, alle gerumig,
unregelmig und, soviel sich bei dem schwachen Scheine der Wachskerzen, die auf
den Tischen flackerten, erkennen lie, mit groem, wenn auch lngst berlebtem
Luxus eingerichtet. Es herrschte darin der seltsame Duft, der gutgehaltenen,
aber unbewohnten Gemchern alter Schlsser eigentmlich ist, eine Mischung von
Kampfer-, Moschus-und Staubgeruch - parfmierter Moder dnkt mich die beste
Bezeichnung dafr. Anka wurde zu Bett gebracht, Francine und die Stubenmdchen
empfahlen sich, und meine Wenigkeit stand vor dem Lager, das man ihr angewiesen
hatte, und betrachtete es mit frstelnder Scheu. Lange konnte ich mich nicht
entschlieen, die Stufen zu ersteigen, die, mit verschossenem rotem Sammet
berzogen, zu der feierlichen Schlafstelle emporfhrten.
    Mit ihrem reichen, zum Teil vergoldeten Schnitzwerk, ihren schweren Sulen
und dem Himmel aus Damast, der all die Herrlichkeiten berwlbte, war sie ebenso
prachtvoll wie unheimlich. Wenn sich von den hochaufgespeicherten Kissen die
Ahnfrau des Hauses erhoben und mich mit erloschenen Augen angestarrt htte - ich
wrde mich gefrchtet, aber nicht gewundert haben. Mehr als einmal wanderte ich
zu Anka zurck, um mir Ermutigung zu holen aus dem Anblick ihres friedlichen
Schlummers, bevor ich mich endlich entschlo, meinerseits Ruhe zu suchen. Ich
fand keine, ich wagte nicht das Licht zu lschen, erwartete jeden Augenblick die
Kleine aus ihren Trumen aufschrecken und nach mir rufen zu hren. Erst als die
aufgehende Sonne ihre ersten Strahlen durch die Fenster warf, bermannte mich
die Mdigkeit, und ich sank in tiefen Schlaf. Anka weckte mich mit gewohntem
Ungestm schon nach ein paar Stunden. Sie wollte sich in ihrem schwarzen Staat
bewundern lassen und mir auch sagen, sie fhle schon einige Traurigkeit kommen,
seitdem man ihr Trauerkleider angezogen htte.
    Am Nachmittag fand die Beerdigung der Grfin statt. Man hatte vergeblich auf
das Eintreffen ihrer Mutter gewartet, sie erschien nicht und sandte auch keine
Kunde; erst am folgenden Morgen brachte ein reitender Bote, der sich unterwegs
versptet hatte, die Absage. Die Grfin fhlte sich zu angegriffen, um die Fahrt
von ihrem zwei Tagereisen entfernten Gute wagen zu drfen. Sie hatte bis zum
letzten Augenblick an den Ernst der Krankheit ihrer Tochter nicht glauben
wollen, sie mute von der Todeskunde wie von einem Blitzstrahl getroffen worden
sein. Ich fand ihr Ausbleiben sehr begreiflich und tadelte Francine, die ihre
Glossen darber machte. Die Bonne hatte mehrere Jahre hindurch das, wie ich
glaube, nicht besonders anstrengende Amt einer Vorleserin bei der Grfin
versehen und behauptete, sie zu kennen wie niemand. Wegen dieser Vertrautheit
mit den Lebensgewohnheiten ihrer einstigen Gebieterin hatte Francine den Auftrag
erhalten, die Vorbereitungen zum Empfang der alten Dame zu berwachen. Allein
sie war mit gekreuzten Armen mig dabeigestanden, immer nur wiederholend: Oh,
Madame la Douairire kommt nicht dahin, wo man weint.
    Als ihre Vorhersagung besttigt wurde, triumphierte sie. Sie hatte es
gewut, sie war wie von ihrem Dasein berzeugt, die Grfin denke vorderhand nur
daran, sich zu zerstreuen. Ihre lebendige Tochter war von ihr geliebt worden, o
gewi! die tote mchte sie aus dem Gedchtnis streichen knnen.
    Francine schwatzte so viel, da ich mir fast abgewhnt hatte, ihr zuzuhren.
Diese Worte jedoch fielen mir unwillkrlich wieder ein, als ich die Grfin
kennenlernte ... aber halt! Das kommt erst spter, ich mag nicht wieder
nachzuholen haben. Was jetzt kam, war eine Reihe von gleichfrmig stillen und
trben Tagen. Unendlicher Regen fiel vom Himmel, wir konnten nicht ins Freie.
Anka, die mit einer groen Dosis Rastlosigkeit gesegnet war, machte sich
Bewegung auf den Gngen. Ihr grtes Vergngen fand sie darin, die unbewohnten
Rume des Schlosses zu durchwandern. Oh, Frulein! Erlauben Sie, da ich die
antiken Zimmer aufsperren lasse, die antiken! die antiken! rief sie mit ihrer
dnnen Fistelstimme und stie das i so gellend heraus, da es mir wie eine Nadel
ins Ohr drang. Ach, was hatte ich oft zu tun, um die Ungeduld zu bemeistern, in
die mich dieses Kind zu versetzen wute!
    Die Frau des Kastellans wurde geholt, erschien mit ihrer taubstummen Tochter
und mit ihrem Schlsselbunde und ffnete vor uns lange Galerien und weite Sle
und kleine, winklige Stbchen, alles eingerichtet, alles angefllt mit Mbeln,
Gerten und Kunstwerken aus entschwundenen Jahrhunderten. Dieses Schlo, von
auen so hlich und kahl, ein viereckiger Kasten auf hohem Unterbau von
zyklopischem Mauerwerk, mit plumpen Trmen, mit kleinen, unregelmigen
Fenstern, barg in seinem Innern einen Reichtum an kstlichen Altertmern, der
heutzutage den Stolz jedes Museums ausmachen wrde. Damals legte man auf die
Reliquien der Vorfahren geringen Wert; man lie sie an ihrer Stelle stehen, weil
sie seit undenklichen Zeiten dastanden und niemand genierten. Liebe fr diese
Sachen besa nur die Kastellansfamilie, in der sich die mit ihnen verknpften
Traditionen von Kind auf Kindeskind vererbt hatten. Unsere Fhrerin offenbarte
jedoch hchst widerwillig ihre Kenntnis der Geschichte des grflichen Hauses.
Jede Auskunft, nach der man verlangte, mute ihr abgerungen werden. Es hie, sie
habe zwischen ihrem verstorbenen Mann, der ein Schwtzer gewesen, und ihrer
stummen Tochter das Sprechen verlernt. Auf meine Fragen antwortete sie
gewhnlich nur mit einem Nicken, auf die Ankas mit Ja oder Nein. Und dabei
neigte ihre groe, schattenhafte Gestalt sich ehrfurchtsvoll und feierlich, ihre
blassen Lippen zitterten leise, und sie schien in Demut zu erstreben vor ihrer
jungen Gebieterin, dem Sprling so vieler Generationen, deren tote Schtze zu
hten ihre Lebensaufgabe war. Diese Huldigungen hatten etwas Unheimliches, wie
das Weib, das sie spendete, und wie die Umgebung, in der wir uns befanden; ich
freute mich immer, wenn Anka sich endlich mde gegangen und geschaut hatte und
wir in unsere doch auch nichts weniger als heitere Wohnung zurckkehrten. Am
liebsten htte ich aber wieder einmal frische Waldluft geatmet, und ich empfand
es wie ein Gnadengeschenk des Himmels, als wir eines Morgens bei hellem
Sonnenschein erwachten. Es war gerade der fr die Abreise der Schlogste
bestimmte Tag. Den jungen Herren brannte schon, wie ich durch Anka hrte, der
Boden unter den Fen. Sie wissen ja, in welcher Zeit wir damals lebten.
sterreich bereitete sich zu neuem Kriege gegen Napoleon vor. Man hat ihn spter
den Koalitionskrieg genannt; warum wei ich nicht, da wir ihn doch ganz allein
ausfechten muten. Eine Kampfbegeisterung ohnegleichen war im ganzen Lande
entbrannt, alle Provinzen rsteten. Was jung war oder sich so fhlte, arm und
reich, niedrig- und hochgeboren lief zu den Fahnen, die jngsten Knaben
wnschten Mnner zu sein, um zu den Waffen greifen zu knnen gegen den
Zwingherrn der Welt. Am wtendsten gehat in unserm Hause wurde dieser von der
legitimistisch gesinnten Francine. Sie blies ihre Gefhle auch der kleinen Anka
ein, die nur noch von der Vernichtung des Emporkmmlings trumte, zu der ihre
drei jungen Oheime das meiste beitragen sollten. Die Brder der seligen Grfin
waren im Begriff, sich in Wien fr die Dauer des Feldzugs anwerben zu lassen,
Graf Stephan begab sich zu seinem Regiment.
    Die Stunde der Abreise kam, die Wagen fuhren vor, und Anka wurde zum Grafen
gerufen, um Abschied von ihren Verwandten zu nehmen. Sie hatte unser Zimmer kaum
verlassen, als ich im Vorgemach die Stimme des Grafen Stephan hrte, der eine
Frage an die Kammerfrau richtete, ohne die Antwort abzuwarten vorwrts eilte und
pltzlich vor mir stand. Wo ist Anka? Ich mchte ihr Lebewohl sagen, sprach er,
und als ich erwidert hatte, sie sei bei ihrem Vater, stie er mhsam das
Bekenntnis hervor, das habe er gewut und eben deshalb sei er gekommen. Er wolle
nicht mehr lgen, er sei fertig mit der Lge fr alle Zeit. Er wisse, wie
schlecht meine Meinung von ihm sei, und wrde sie gern verbessert haben, nicht
durch Worte, sondern durch seine Lebensfhrung. Dazu brauche es aber Zeit, und
so wolle er jetzt dennoch sprechen. Ich bin nicht so verworfen, wie Sie denken.
Mein ganzes Unrecht war, da ich nicht den Mut hatte, einer - glauben Sie mir! -
unschuldigen Jugendschwrmerei ein Ende zu machen, zu sagen: Es ist aus!... Die
Ehre eines andern habe ich nie verletzt. Glauben Sie mir!... Ich stehe
vielleicht bald vor Gott. Glauben Sie mir auch, da ich einen Ekel an meinem
Treiben empfand von der Stunde an, in der ich Sie kennengelernt habe. Leben Sie
wohl, Frulein Helene. Wenn ich wiederkomme, werde ich ein Besserer geworden
sein. Erlauben Sie mir, Ihnen dann in Ehrfurcht zu nahen. Wenn ich nicht
wiederkomme, wenn Sie hren, da ich tot bin, beten Sie ein Vaterunser fr mich.
Er schwieg und bot mir die Hand. Unwillkrlich zog ich die meine zurck ... Ich
sah ihn erbleichen, und bevor ich mich besann, bevor ich ein Wort des Abschieds
sprechen konnte, hatte er das Zimmer verlassen.
    Das wird Ihnen doch leid gewesen sein, fiel ich der Hofrtin ins Wort,
denn der bleibt, der arme, junge Mensch, das sieht man voraus, der bleibt bei
Eckmhl oder Regensburg.
    Leid? wiederholte die Hofrtin und strickte emsig fort. Ich will Ihnen
aufrichtig gestehen - nein. Im ersten Augenblick empfand ich nichts als die
Wohltat, von einem Menschen, dessen Nhe mich bengstigte, befreit zu sein. Es
gibt nichts so Hartherziges wie ein junges Mdchen dem Manne gegenber, den es
gerichtet hat; und gerichtet hatte ich ihn. Was wute ich damals von einem
Verrat, der dem Nchsten an die Ehre geht oder nicht geht. Verrat ist's einmal,
und ich litt fr den, an dem er verbt, dem das Herz seiner Frau entwendet
worden war. So wenig ich diese Frau begreifen konnte, so unverzeihlich ihr
Vergehen in meinen Augen war, bedauerte ich sie doch. Sie hatte gewi viel
gelitten und wenige Tage vor ihrem Ende noch die demtigende Eifersucht auf ein
untergeordnetes Wesen kennenlernen mssen, vielleicht sogar geahnt, da Stephan
mit ihr nur gespielt hatte. All dies war nicht geeignet, Mitleid fr den
Scheidenden in mir aufkommen zu lassen, und ich befand mich, nachdem er
gegangen, keineswegs in weicher Stimmung. Dennoch berhrte es mich peinlich, als
Anka bald darauf hereinlief und mit bermtiger Lustigkeit auf die Melodie des
Pulverstofferl die selbsterfundenen Worte sang: Sie fahren fort, sie fahren
fort, sie fahren in den Krieg.
    Was machte sie denn gar so lustig? warf ich ein.
    Ich glaube, nur der Ernst, den sie auf allen Gesichtern sah. Ja, sie war
ein merkwrdiges Kind und ist doch eine so wenig merkwrdige Frau geworden ...
Ich sagte Ihnen, da die Antwort, die sie mir einst in bezug auf ihre Puppe gab,
prophetisch gewesen ist. In der Tat hat meine Anka auch spter nie etwas anderes
geliebt als ihren Vater und einen Popanz. Der zweite freilich war lebendig, war
ihr Gemahl; er wurde von ihr unter einer Schar von Bewerbern, die der
Majoratskomtesse nicht fehlten, auserkoren. Ihr Vater widersetzte sich ihrer
Verbindung mit dem schnen, aber ganz hohlen, fischbltigen Menschen. Anka
bestand auf ihrem Willen, und er geschah. Ob sie unglcklich geworden ist, wei
ich nicht, aber da sie unglcklich gemacht hat, davon hatte ich Gelegenheit
mich zu berzeugen. Ihr Tod war eine Erlsung fr ihre Kinder und ist als solche
von ihnen empfunden worden, obwohl diese Kinder brave und warmherzige Menschen
sind. Ja, warmherzig! die Kinder Ankas und ihres frstlichen Clovek des Zweiten.
Die Gelehrten erklren uns, wieso in gewissen Fllen Licht zu Licht gefgt
Dunkelheit erzeugt; vielleicht vermgen sie auch Auskunft darber zu geben,
wieso aus der Verbindung von Klte und Klte - Wrme entspringen kann. Jetzt
aber den Kaffee, sagte die Hofrtin und zog den Glockenstrang: Fortsetzung
folgt.

                                       6


Es war spter geworden, als wir beide gedacht hatten, und die Hofrtin mute die
Erfllung ihres Versprechens auf einen andern freien Abend verschieben. Zu
meiner Freude fand sich ein solcher bald.
    Nach der Abreise der jungen Herren, fuhr sie in ihrer Erzhlung fort, kam
der Graf auf unser Zimmer und teilte mir seine Absicht mit, den ganzen Winter in
... - den Namen drfen Sie nicht wissen - zuzubringen. Der Doktor sei zwar
dagegen, finde den Aufenthalt zu einsam, die Entfernung von der nchsten Stadt
zu gro, allein der Graf wnschte dennoch zu bleiben, vorausgesetzt, da es
seiner Umgebung, namentlich mir, nicht allzu schrecklich sei. Natrlich
erwiderte ich, meine Meinung kme hier nicht in Betracht, da er sie aber zu
hren verlange, knne ich nur sagen, ich sei berall gern, wohin die Pflicht
mich stelle. Ja, meine liebe Freundin, wir waren damals ganz anders erzogen als
die Damen, die heutzutage erziehen. So gern ich auch fort wollte aus dem alten
Eulenneste und nach unserm frheren schnen Aufenthalt zurck, als mein Herr und
Gebieter so gndig war, Notiz von meinem Willen zu nehmen, da hatte ich keinen
mehr. Er dankte mir mit einigen gtigen Worten, beugte sich zu Anka nieder, nahm
sie in seine Arme, kte sie zrtlich und sprach: Wir werden hierbleiben bei der
armen Mama, wir werden sie oft besuchen in ihrer Gruft und ihr Blumen bringen.
Und whrend er das sagte, hatte sein mnnliches Gesicht den Ausdruck eines so
tief brennenden und dabei so kraftvoll und edel getragenen Schmerzes, da ich
mich abwenden mute, denn mir traten Trnen in die Augen.
    Wir winterten uns ein auf dem Schlosse. Der Graf verlie die gegen Norden
gelegenen Prunkgemcher und bezog im ersten Stock dieselben Zimmer, die wir im
Erdgescho innehatten. Es waren die freundlichsten des ganzen Hauses. Sie
empfingen die Strahlen der Morgensonne und sahen auf einen mit efeuumrankten
Mauern eingefaten Vorhof, den ein paar magere Rasenpltze und einige Gruppen
Monatsrosen zierten. Durch ein steinernes Tor gelangte man ins Freie, auf den
Bergrcken; die Glatze wurde er im Volksmunde genannt. Basaltblcke bedeckten
den Boden, zwischen zerbrckeltem Gestein spro niederes Gestruch und eine
sprliche Vegetation von wrzigen Krutern und wunderbar mannigfaltig gebildeten
Moosen. Von dieser Seite glitt die Gebirgslehne in sanften Wellenlinien ins Tal
herunter. Nach kurzer Wanderung gelangte man in den Wald und durch diesen auf
einem gut gehaltenen Wege, am Forsthause vorbei, zu einem ansehnlichen
Marktflecken.
    Wir fhrten ein sehr einfrmiges Leben. Den Vormittag verbrachten Anka und
ich bei unsern Lektionen; zum Gabelfrhstck fanden sich der Graf und der Doktor
ein. Der Speisesaal und der Salon, den wir bentzten, lagen im Erdgescho, von
unsern Gemchern nur durch die der Frauen getrennt. Nach dem Frhstck wurde
spazieren gegangen oder gefahren, wir kehrten erst mit einbrechender Dunkelheit
nach Hause zurck. Der Mensch ist ein Lufttier, sagte der Doktor und litt uns
vor Sonnenuntergang, sogar bei recht schlechtem Wetter, nicht im Zimmer. Das
Diner wurde erst am Abend aufgetragen. Von sieben bis acht Uhr spielte der Graf
mit seiner Tochter Domino, ich mit dem Doktor eine Partie Schach, oder wir
beteiligten uns alle an irgendeinem Gesellschaftsspiel. Dann ging Anka schlafen,
und wenn ich meine khle Nixe zu Bett gebracht hatte, blieben mir einige Stunden
fr mich. Aufrichtig gestanden, wurden sie mir manchmal lang, und die Augen
fielen mir zu ber einem Buche, das ich las, oder einem Brief, den ich schrieb.
    Ich war jung, schlafbedrftig und dennoch des Nachts zu hchst
unfreiwilligem Wachen verurteilt. Sie wissen, da der Graf die Zimmer bezogen
hatte, die ber den unsern lagen; je weiter die Nacht vorschritt, desto lauter
hrte ich ihn mit langsamen, drhnenden Tritten in seinem Gemach auf und ab
gehen. Mir verriet dieses rastlose Wandeln in der Nacht das Geheimnis der
Sehnsucht, die ihn qulte. Ich sah ihn im Geiste vor mir, dem Schmerz ganz
hingegeben, den er mit starkmtiger Selbstverleugnung vor uns verbarg; ich
bildete mir ein, ihn aufschluchzen, ich meinte ihn klagen zu hren um die Frau,
die er geliebt und verloren hatte. Endlich trat eine Pause ein, ich vernahm eine
Zeitlang nichts mehr und gab mich der Hoffnung hin, da er endlich Ruhe gefunden
habe. Nach kurzem jedoch erschallten seine Schritte von neuem ber meinem
Haupte, weckten mich aus dem Schlummer, in den ich kaum gesunken war, und
hielten mich wach bis zum Tagesgrauen. Am Morgen aber, sobald Anka die Augen
aufgeschlagen hatte, rief sie nach mir und bat mich, die Laden zu ffnen, und
wenn ich nun ans Fenster trat, sah ich schon den Grafen sich aufs Pferd
schwingen, oder ich erkannte an dem erschlossenen Hoftor, da er ausgeritten war
auf einem seiner wilden Hengste, die nur er allein zu bndigen verstand. Einige
Stunden spter erschien er beim Frhstck so ruhig und in so gleichmiger
Laune, als ob er sich im tiefsten Frieden mit seinem Schicksal befnde. Was auch
in ihm vorging, wie geqult er war, wir litten nicht unter seiner Trauer, er war
gegen seine Umgebung gtig und rcksichtsvoll, wie es sogar die nur uerst
selten sind, die am meisten dazu verpflichtet wren - die Glcklichen. Es
verflossen Wochen, Monate, ein neues Jahr war angebrochen, da ereignete es sich
eines Tages, da die Schlouhr die erste Nachmittagsstunde schlug, Anka vor
Hunger bereits weinte - das Kind hatte einen Appetit wie Ludwig XVI. -, vom
Gabelfrhstck aber noch immer nicht die Rede war. Sie schellte, sie fragte nach
der Ursache dieser Versptung, und da hie es, der Graf sei vom Spazierritte
noch nicht heimgekehrt, der Doktor aber, der Anka sonst zrnen half, wenn die
Mahlzeiten nicht pnktlich aufgetragen wurden, hatte Urlaub genommen, um
Verwandte zu besuchen, die im benachbarten Stdtchen lebten; wir erwarteten ihn
nicht vor dem nchsten Morgen.
    Der Tag war eisig kalt, der Schnee zwischen den Steinen und Blcken zu
festen Eismassen zusammengefroren. Blank wie ein Spiegel schimmerte der Teil des
Waldweges, den wir vom Fenster aus berblickten. Pltzlich kam mir der Gedanke,
es knne ein Unglck geschehen, der Graf mit dem Pferde auf dem Glatteis
gestrzt sein, und im selben Moment rief Anka: Da kommt Papa zu Fu und fhrt
den Fuchs! Der Graf nherte sich langsam dem Tore, die Zgel des Pferdes in der
linken Hand, die rechte im Rock eingeknpft und - der Atem verging mir vor
Schrecken - das Gesicht von Blut berrieselt. Die Diener rannten ihm ber den
Hof entgegen, Anka begann zu schreien und scho wie ein Pfeil aus dem Zimmer.
Ich folgte ihr. Der Graf war schon ins Treppenhaus getreten, als wir dort
anlangten. Er ging hoch aufgerichtet, wischte das Blut vom Gesicht und wehrte
ungeduldig, wie ich ihn nie gesehen, die Hilfeleistungen seiner Diener ab. Als
er die Stimme Ankas vernahm, wandte er sich und lachte. Sie strzte auf ihn los
und stie, da er sich beugte, um ihr die Stirn zu kssen, an seinen im Rock
eingeknpften Arm. Der Graf zuckte zusammen, erbleichte bis an die Lippen und
prete mit zorniger Willenskraft einen Ausruf des Schmerzes zurck. Ich trat
rasch vor und zog Anka an mich ... ohne besondere Zrtlichkeit scheint mir,
vielleicht nicht sehr sanft, jedenfalls in einer Weise, die ihrem Vater mifiel.
Er warf mir einen strafenden Blick zu und sprach in aggressivem Tone, und recht
wie jemand, der die Gelegenheit, einen Tadel zu uern, vom Zaune bricht: Ich
hoffe, da Anka gefrhstckt hat.
    Noch nicht, erwiderte ich und fgte hinzu, wir htten auf ihn gewartet. Er
rgte das, uerte sehr trocken den Wunsch, ich mge in Zukunft, ohne Rcksicht
auf ihn, die Tagesordnung einhalten, grte und stieg mhsam, von seinem alten
Haushofmeister gefolgt, die Treppe empor.
    Kleinlaut wandte ich mich mit Anka zur Rckkehr in unsere Gemcher.
Francine, die im Gange stehengeblieben war und alles mit angesehen hatte,
begleitete uns. Ja, so ist er ... Oh, Sie kennen ihn noch nicht, flsterte sie
mir zu, er hat sich gergert, nicht ber das versptete Frhstck, sondern ber
Ihre Bestrzung und ber das Mitleid, mit dem Sie ihn ansahen. Das war aber auch
gewaltig ... Sie kicherte und warf mir einen spttischen Blick zu. Sie hatte so
hliche Augen! Tiefschwarze, kugelrunde Augen, fast ohne Lider, dafr aber mit
dichten, halbkreisfrmigen Brauen. Oh, Mitleid vertrgt er nicht, der Graf, Sie
sollten das wissen; bemerken Sie nicht, wieviel Mhe er sich gibt, seinen
Schmerz um seine Frau zu verbergen? Wie er sich stellt, als ob er ihren Verlust
mannhaft ertrge, whrend er des larmes de sang um sie weint. Jetzt darf niemand
wissen, wie bel er sich beim Sturz mit dem Pferde, den er ohne Zweifel getan,
zugerichtet hat, damit er nur ja nicht bedauert werde. Aber, das knnen Sie mir
glauben, sein Kopf tut ihm nicht wohl in diesem Moment, und der rechte Arm ist
verrenkt oder gebrochen.
    Instinktmig, ich wute damals wirklich nicht, warum ich es tat, suchte ich
ihr den Schrecken zu verbergen, in den ihre Worte mich versetzten, und fragte
mit anscheinender Ruhe, ob man nicht einen Boten nach dem Doktor schicken
sollte. Sie meinte nein, der Doktor komme morgen frh, msse demnach schon
unterwegs sein; es bliebe nichts brig, als zu warten.
    Warten - ja, wenn es nur mit dem Gedanken htte geschehen knnen, der Kranke
sei bis zum Eintreffen des Arztes leidlich versorgt. Diesem Trste durften wir
uns jedoch nicht hingeben. Der Haushofmeister, den der Graf, gelangweilt durch
dessen Klagen, aus seiner Nhe gewiesen, kam am Nachmittag, Francine zu
beschwren, sie mge sich der Pflege des Patienten ein wenig annehmen. Der Alte
hatte an der Tr gelauscht und behauptete, der Graf sei bewutlos, der
Kammerdiener allein bei ihm, und der sitze in einem Winkel, die Hnde im Scho.
Er wage nicht sich zu rhren und dem Fiebernden auch nur ein feuchtes Tuch auf
die Stirn zu legen. Anka und ich stimmten in die Bitten des alten Dieners ein,
aber Francine blieb unbeweglich und erklrte ein Mal ums andere, sie drnge sich
nicht auf; wenn der Graf ihrer bedrfe, mge er sie rufen lassen. Und sooft wir
wiederholten: er sei ja bewutlos, er knne sie nicht rufen lassen, so oft
wiederholte sie, wie eine gedankenlose Maschine, ihren albernen Satz. Endlich
ri mir die Geduld. Bleiben Sie denn hier, ich gehe zu ihm! rief ich und schritt
resolut aus dem Zimmer und ber die Treppe und pochte an der Tr des Grafen. Der
Kammerdiener ffnete mir. Er hie Raimund, war ein ltlicher, dicker Mensch, der
immer schlfrig aussah, und obwohl anfangs erschrocken ber mein khnes
Eindringen, dankte er bald dem Himmel und jedem einzelnen Heiligen darin, da
ich da war. Kein Wunder, denn ich wute bei Kranken Bescheid. Hatte doch mein
jngerer Bruder, dessen Wartung zumeist mir obgelegen, von den dreizehn Jahren
seines Lebens neun auf dem Siechbette zugebracht. berdies, meine Teuerste,
bleiben das Kinder- und das Krankenzimmer ewig die Domne, in der der Frau recht
gern die Herrschaft eingerumt wird.
    So hatte ich bald Ordnung geschafft, Verbandszeug herbeibringen und einen
Kbel mit Eis vor das Bett stellen lassen, an das ich nun trat und dessen
Vorhnge ich zurckschlug. Der Graf lag gerade ausgestreckt auf dem Rcken,
wachsbleich und regungslos, aber nicht in Ohnmacht, sondern in jenem dumpfen,
schweren Schlaf, in den krftige Leute nach berstandenen krperlichen Schmerzen
versinken. Um die Stirnwunde war das Blut geronnen; sie schien klein und tief,
durch den Sturz auf einen spitzen Stein hervorgebracht. Der beschdigte Arm lag
hoch angeschwollen auf der Decke, ich schnitt den rmel des Hemdes entzwei und
begann meinen Krankenpflegerdienst. Raimund ging mir treulich an die Hand,
solange er sich des Schlafes erwehren konnte. Als er aber nur noch wie ein
Trumender meinen Weisungen nachkam, eine halbe Stunde brauchte, um das
erlschende Feuer im Kamin anzufachen, als er begann, die Umschlge statt auf
die Stirn und den Arm des Grafen auf das Kissen und die Decke zu legen, da
dankte ich ihm fr seine Beihilfe und lie ihn ungestrt schlafen auf einem
Brenfell, auf das er hingesunken war wie ein Klotz.
    Mein Kranker begann indes zu fiebern und zu phantasieren, sein Atem wurde
krzer; die Tcher, die ich eiskalt auf seine Stirn gelegt hatte, nahm ich
wenige Minuten spter dampfend vor Hitze wieder hinweg. So kam die Mitternacht
heran.
    Da ich mde oder schlfrig werden knnte, frchtete ich nicht, davor
schtzten mich meine Aufregung und meine Besorgnis; doch waren infolge des
bestndigen Hantierens mit dem Eise meine Finger ganz erstarrt, ich mute ihnen
Zeit gnnen, sich zu erwrmen, und Raimund wecken, um mich von ihm ablsen zu
lassen. Im Begriff, auf ihn zuzugehen, wandte ich mich und - fhlte mich
pltzlich zurckgehalten. Der Graf hatte meine Hand erfat. Sitta! rief er - der
Name seiner Frau - Sitta! Sitta! und den Kopf etwas erhoben, blickte er mich mit
weitgeffneten Augen an ... Augen freilich, die nur sahen, was das Fieber ihnen
vorspiegelte; aber ich war doch sehr erschrocken, regte mich nicht mehr, als
wenn ich von Stein gewesen wre, und verwnschte mein albernes Herz, das zu
pochen anfing - laut, bildete ich mir ein, so laut, da man es hren konnte ...
Der Kranke lchelte, seine Lippen bewegten sich und flsterten Worte der Liebe
und Zrtlichkeit. Er sank auf das Kissen zurck, die Wange an meine Handflche
geschmiegt, schlo die Augen und schlief ein. Noch einige rasche Atemzge, dann
hob und senkte sich seine Brust gleichmig, und er lag in sem, erquickendem
Schlaf.
    Ich aber stand da und hatte nicht den Mut, meine Hand zurckzuziehen. Ein
Wunsch nur beseelte mich und stieg als inbrnstiges Gebet zum Himmel. Herrgott,
la ihn nicht erwachen! la ihn jetzt nicht erwachen, barmherziger Gott, sonst
mu ich sterben vor Scham ... Meine Knie wankten, ich war erschpft und mute
mich endlich, um nicht umzusinken, auf den Rand des Bettes setzen und dachte
immer nur an das eine: La ihn nicht erwachen! Damals lernte ich eine von jenen
Stunden kennen, in denen jede Sekunde zur Ewigkeit wird. Das sind die Stunden,
die uns alt machen; die Leute, die solche nicht erlebt haben, bleiben jung bis
zum Tode. Endlich gelang mir doch, was ich wohl hundertmal vergeblich versucht
hatte: meine Hand zu befreien, ohne den Grafen zu wecken. Wie erlst atmete ich
auf, trat ans Fenster, und da fuhr auch schon der Wagen, der den Doktor brachte,
in den Hof. Ich lief dem sehnlich Erwarteten entgegen, erzhlte ihm in kurzen
Worten, was sich ereignet hatte, und begab mich auf mein Zimmer, als ich den
Arzt bei dem Kranken wute. Die Spttereien, mit denen Francine mich im Laufe
des Tages neckte, lieen mich gleichgltig. Ich war von Natur aus gegen
dergleichen kleinliches Zeug gefeit, besonders war ich es jedoch in jenen
Augenblicken. Mir war ein heies Gebet erfllt worden, und nachmittags kam der
Doktor zu uns und sagte: Der Arm ist eingerichtet, und Ihnen verdankt es der
Graf, da es ohne bermigen Schmerz geschehen konnte.

                                       7


Der Graf erholte sich nicht ganz so rasch, als der Arzt erwartet hatte. Erst
nach drei Wochen erschien er wieder bei Tisch, einen Verband um die Stirn, den
Arm, der an zwei Stellen gebrochen war, in der Schiene. Seine Unbehilflichkeit
machte ihn rgerlich, und die Ruhe, die ihm seiner Kopfwunde wegen
vorgeschrieben war, verursachte ihm Langeweile. Bis zur Speisestunde hielt er es
in seinen Zimmern aus, nach dem Essen blieb er nun im Salon, auch nach beendeter
Spielpartie mit Anka, und wir erlaubten uns, das Kind eine Stunde lnger als
sonst aufbleiben zu lassen, ohne da dieser Frevel an der unverbrchlichen
Tagesordnung von ihm gergt worden wre.
    Erzhle mir etwas, sagte er eines Abends zu der Kleinen, und sie erwiderte,
zu erzhlen wisse sie nichts, aber vorlesen wolle sie ihm. Er staunte, er wollte
es nicht glauben, da sie schon lesen knne - sie ging damals ins achte Jahr -,
und als sie begann, geriet er in stilles Entzcken; aus seinen tiefliegenden
Augen brachen Blitze der Bewunderung, whrend sie auf dem klugen und kalten
Gesicht des lesenden Kindes ruhten.
    Das war fr den Grafen! Jetzt etwas fr mich! rief der Doktor, als Anka mit
ihrem Mrchen zu Ende gekommen. Er trug einige Bcher herbei, unter denen die
Herren - ziemlich aufs Geratewohl - den Cid von Herder whlten. Der Zgling
wurde schlafen geschickt, und die Erzieherin begann vorzulesen. Ein dankbares
Publikum wie frher war der Graf jetzt nicht, aber er hrte mir doch zu, und von
nun an verstanden die Leseabende sich von selbst, Anka las regelmig eine halbe
Stunde, ich regelmig eine ganze Stunde, und die Befriedigung hatte ich, meinen
guten Grafen nach einem Weilchen mannhaft mit dem ersten Ghnen kmpfen zu
sehen. Seine Zge nahmen einen friedlichen, etwas mden Ausdruck an, und wenn
ich beim Glockenschlag der zehnten Stunde das Buch schlo, dankte er mir,
versicherte, es sei sehr interessant gewesen, und wnschte mir gute Nacht. Und
ich hatte sie, denn um mich und in mir herrschte Ruhe.
    Einmal, nachdem Anka uns verlassen hatte, brach der Graf in Lobpreisungen
seiner Tochter aus. Er fand, da sie erstaunliche Fortschritte im Lernen gemacht
htte, ihr Verstand entwickle sich von Tag zu Tag mehr, das Herz sei von jeher
vortrefflich gewesen. Sie ist ein gutes, liebevolles Kind, schlo er mit einer
Innigkeit in seinem Tone, einer beglckenden berzeugung, die mir weh taten. Ich
schwieg, der Doktor warf mir einen vielsagenden Blick zu. Die Worte des Grafen
waren Wasser auf seine Mhle, sie besttigten eine Behauptung, die er gern
wiederholte: Eltern haben nie ein richtiges Urteil ber ihre Kinder. Er htte
seinen Satz gewi aufgestellt und dem Grafen ins Gesicht verteidigt, wenn ihm in
diesem Augenblick berhaupt an etwas anderm gelegen gewesen wre als an der
Fortsetzung unsrer Lektre. Er brannte zu hei darauf, zu erfahren, ob der Cid,
matt von Jahren, matt von Kriegen, im Kampf mit Bucar erlegen und ob das gute
Pferd Babieka wirklich ohne den Helden vom Schlachtfeld zurckgekehrt war, um
nicht alles zu vermeiden, was die Befriedigung seiner Neugier htte verzgern
knnen. So begngte er sich damit, ausweichend zu sagen: Gut? gut? alle Kinder
sind gut, und alle Kinder sind bse, wie man's nimmt ... Lesen Sie, Frulein,
lesen Sie, verlieren wir keine Zeit.
    Mir gaben die Worte des Grafen viel zu denken. Fr so verblendet hatte ich
ihn doch nicht gehalten, da er gerade das Gegenteil dessen, was seine Tochter
war, in ihr sah: ein gutes, liebevolles Kind. Es schnrte mir das Herz zusammen,
wenn ich mir vorstellte, wie herb die Enttuschung sein werde, die er frher
oder spter an dem Wesen erleiden msse, das ihm ber alles in der Welt teuer
war.
    Du lieber Gott, was machte den ganzen Reichtum dieses Mannes aus? Was hielt
ihn aufrecht und spendete ihm Trost in dem groen Unglck, das er erfahren
hatte? Wahn und wieder Wahn! Der Glaube an die Liebe und Treue seines Weibes
verklrte ihm seine Erinnerungen, der Glaube an die Gte seines Kindes
schimmerte wie ein mildes Licht ber seinem Leben.
    Ein tiefes Erbarmen erfllte mich und zugleich eine Verehrung ohne Grenzen.
Dieser Mann hatte gewi nicht viel ber sich nachgedacht, die edlen
Eigenschaften, die ihn erfllten, kamen ihm nur in andern zum Bewutsein ... Oh,
Freundin! die Welt verlacht die Betrogenen - ich liege vor ihnen auf den Knien
... Ich konnte meinen Grafen nicht ansehen, konnte nicht an ihn denken, ohne mir
zu sagen: Du braves Herz! Aus deiner Ehrlichkeit entspringt dein Glaube, aus
deiner eigenen, lauteren Seele dein Vertrauen, dein gnstiges Vorurteil ... Du
armer Mann, wie reich bist du!
    Ich bedauerte und bewunderte ihn und meinte nun doch zu knnen, was mir
bisher unmglich geschienen hatte: sein Kind zu lieben und es lieben zu lehren.
Er sollte nicht nur eingebildete Gter besitzen, das eine unter ihnen, das
meiner Obhut anvertraut war, mute durch mich ein wirklich wertvolles werden,
und ich wollte mir sagen knnen, wenn ich es einst in seine Hand zurckgbe:
Jetzt gleicht dein Kind dem Bilde, das du dir von ihm gemacht hast.
    Damals habe ich meinen ersten groen Kampf gekmpft mit einem kleinen
Mdchen. Ach Gott, mir erging es schlimmer als Moses in der Wste Zin. Zweimal
pochte der an einen Felsen - wie oft ich es getan, ist nicht zu zhlen, und wie
vergeblich, nicht auszudrcken. Ich hatte mich dahin gebracht, Anka gegenber
eine eherne Stirn anzunehmen, und sie stellte ihre Feindseligkeiten ein, als sie
zu bemerken glaubte, da sie mir keinen Eindruck machten. Jetzt, ganz beseelt
von meinen neuen Vorstzen, begann ich freundlicher mit ihr zu werden, und
augenblicklich, so rasch wie ein Messer einschnappt, der Hahn eines Gewehrs
knackt, sprang sie aus ihrer Gleichgltigkeit in ein herausforderndes,
verletzendes Wesen ber. Ich wei recht gut, Sie wollen sich bei mir
einschmeicheln, warf sie mir einmal hin, aber es ntzt Ihnen nichts. Je
nachsichtiger ich sie behandelte, desto gereizter schien sie. Ich sah wohl, da
Francine sich's angelegen sein lie, sie wider mich zu hetzen, konnte aber nicht
erraten, durch welches Mittel. Ebenso rtselhaft war mir manches im Benehmen der
Dienerschaft. Jeder einzelne zeigte sich kriechend und unterwrfig, wenn er mir
allein begegnete, steif und verlegen in Gegenwart seiner Genossen. Es schien
jedem um meine Gunst zu tun und jedem auch darum, es nicht einzugestehen. Nur
der Doktor blieb immer derselbe. Er war weder ein Mann von vielen Worten noch
von feiner Erziehung. Ich bitte oder ich danke hat er selten gesagt. Seine
rztlichen Ratschlge erteilte er kurz und verachtete jene, die sie nicht
befolgten. Armen und Dienern gegenber besa er nicht die ntige Duldsamkeit,
war immer gleich bereit, die Hand von ihnen abzuziehen, wenn sie sich einen
Zweifel an der Wirksamkeit seiner Mittel und der Weisheit seiner Anordnungen
erlaubten. Blinden Glauben und Gehorsam jedoch belohnte er durch unermdliche,
aufopfernde Frsorge, und seine Patienten fuhren wohl dabei. Mir ist er von dem
Tage, an welchem ich das Haus betrat, bis zu dem, an welchem ich es verlie, ein
treuer Freund gewesen, und er zeigte sich auch damals mir gegenber unverndert.
    Wir lebten allerdings samt und sonders in schrecklicher Spannung, und nur
sprlich drangen Nachrichten in unsern vergessenen Erdenwinkel. Aufs hchste
verstimmt war der Graf. Er litt noch heftige Schmerzen, die zu verbeien ihm
nicht immer gelang, und grollte darber mit sich selbst. Krank sein erschien ihm
wie eine Art Schande fr einen Mann. Und nun gar jetzt in diesen Tagen, in denen
er sich am liebsten aufs Pferd geworfen htte, um dem Erzherzog nachzureiten,
der an der Spitze der Hauptarmee ber Bhmen zog, gegen Regensburg. Wie
begreiflich war diese Sehnsucht, wie gut konnte ich sie verstehen! Er hatte als
Jngling unter Erzherzog Karl gedient, den Feldzug vom Jahre neunundneunzig
mitgemacht; an Stocksach, Zrich, Mannheim knpften sich seine glorreichen
Erinnerungen, er betete den Helden an, dem er sie verdankte. Wir erfuhren oder
errieten vielmehr aus einzelnen seiner uerungen, da es schon im Sptherbst
beschlossene Sache bei ihm gewesen war, an dem neuen Feldzuge teilzunehmen, und
da er alle vorbereitenden Schritte zu seinem Wiedereintritt ins Heer durch
Stephan hatte machen lassen. Nun schrieb dieser: Komm! und gab den Ort an, nach
dem die Kriegsequipage zu senden sei, und der Graf sa da in seinem einsamen
Schlo, unfhig, einen Sbelgriff zu halten, ein Pferd zu besteigen, und fhrte
statt des ersehnten Kampfes gegen tapfere Feinde einen erniedrigenden und
nutzlosen Kampf mit elenden Gebresten.
    Von Zeit zu Zeit fuhr der Doktor nach dem Stdtchen, um dort Neuigkeiten
einzusammeln. Dies war denn einmal wieder geschehen; Anka und ich befanden uns
allein bei dem Grafen. Er hielt die Kleine auf seinem Scho; sie plauderten von
der schnen Sommerzeit, von dem Schlosse, das wir frher bewohnt hatten, von dem
Garten und seinen Wundern. Endlich kam die Rede auf die Einsiedelei. Ach, wie
gut hatte sich Anka in der Einsiedelei unterhalten ... aber welchen Schrecken
hatte sie einmal dort ausgestanden! Wenn der Papa das wte, und - ich sage
Ihnen, das Blut erstarrte in meinen Adern ... Soll ich's erzhlen, Frulein?
wandte sie sich pltzlich zu mir. Der Graf sah meine Bestrzung, sie schien ihn
zu ergtzen; lachend munterte der Unglckliche sein Kind zum Schwatzen auf. Anka
lie sich nicht bitten, berichtete alles genau - wie Stephan uns im Walde
gesucht und wir ihm ausgewichen. Da kommt er in die Einsiedelei, sprach sie
lebhaft, ich seh ihn von weitem und lauf davon; dann seh ich auch Mama, die im
Garten spazierengeht und rufe: Komm uns zu Hilfe, Stephan ist da! - und da wird
Mama ganz wei - ich frchte mich, verstecke mich und rhr mich nicht ... Mama
versteckt sich auch vor Stephan und dem Frulein. Will sie berraschen,
verstehst du? Stephan ist zornig und schreit - nun ja, es rgert ihn, da wir
nicht mehr mit ihm sprechen wollen. Er wird immer zorniger. Da tritt Mama aus
dem Hause und schaut ihn an - das Kind erzitterte bei dieser Erinnerung und
wiederholte flsternd: Schaut ihn an - - und ich, ganz erschrocken, rhr mich
wieder nicht, und dem Stephan ist himmelangst geworden! Umgedreht hat er sich,
weg vom Frulein, und ist der Mama gefolgt, wie dir die Lady folgt, wenn du sie
geprgelt hast. Der Graf hob die Kleine von seinem Scho und sprang auf. Ein
dumpfer Laut der Qual entstieg seiner Brust. Hatte das Kind an eine verborgene
Wunde gerhrt? leise glimmende Zweifel entfacht?... Ich wagte nicht, in sein
Gesicht zu sehen, dachte nur: Jetzt gilt's! und sprach so munter und so ruhig,
als ich vermochte: Ich werde der Frau Grfin ewig danken, da sie mich durch
ihre Dazwischenkunft aus einer peinlichen Verlegenheit gerettet hat. Graf
Stephan scherzte nur, aber sehr keck. Das Erscheinen der Frau Grfin war fr
mich eine wahre Wohltat ... Ich schwieg, ich hrte ihn tief aufatmen, und jetzt
erhob ich die Augen zu ihm ... Nie bin ich imstande, Ihnen den Ausdruck seines
Gesichtes zu beschreiben, die Befrchtung, die Hoffnung, die Freudigkeit, den
Schmerz, die sich abwechselnd in seinen Zgen aussprachen. Seine Augen hingen an
meinen Lippen, als spendeten meine Worte ihm das Leben. Nachdem ich geendet
hatte, gelang es ihm, mit ziemlicher Gelassenheit zu sagen: Stephans Scherze
waren vielleicht sehr ernst gemeint. brigens habe ich Sie, Frulein, stets fr
entschlossen gehalten und fr vollkommen fhig, Zudringlichkeit ohne fremden
Beistand in Schranken zu halten.
    Dennoch habe ich den der Frau Grfin gesegnet ...
    Er richtete sich empor. Genug! unterbrach er mich und setzte leise, aber mit
einer Gebrde unwiderruflicher Entschlossenheit hinzu: Ich will es glauben. Er
fate Anka in seine Arme, sie umklammerte seinen Hals und schmiegte ihr
Gesichtchen an seine Wange; so nahm er mit ihr seinen frheren Platz wieder ein,
verweilte lange unbeweglich und stumm in Gedanken versunken und fragte endlich
zerstreut: Was lesen wir heute? Nichts mehr, meinte ich, da es sehr spt
geworden sei. So geht denn, gute Nacht! gute Nacht! und pltzlich reichte er mir
die Hand, hielt die meine fest in der seinen und sprach dabei kein Wort; aber
welchen innigen, warmen Dank sagte mir der Hndedruck!
    Anka und ich traten aus dem Salon, und in dem Augenblick, in dem ich die Tr
aufstie, huschte Francine von ihr hinweg. Sie hatte wieder gelauscht.
    Schmen Sie sich nicht? fragte ich emprt. Aber sie lachte: Nein, sie
schmte sich nicht im geringsten. Wie echauffiert Sie sind! sagte sie, und das
Kind hat wohl schon geschlafen?
    Es lag ein so frecher Verdacht in ihrem Blick, ihr Mund verzog sich so
hhnisch, da ich alle Herrschaft ber mich verlor und ihr, die uns inzwischen
auf unser Zimmer gefolgt war, befahl, sich augenblicklich zu entfernen.
    Da warf sie sich mit einem Ausbruch leidenschaftlicher Klagen Anka zu Fen
und kroch mit zigeunerhafter Geschmeidigkeit vor ihr auf dem Boden. Mein
Herzchen hrt, wie man die arme Francine behandelt - mein Herzchen sieht es!
Nun, ich gehe schon! Sie drckte ihr Tuch vors Gesicht und eilte hinweg. Das
Kind jedoch trat vor mich hin wie eine kleine wtende Megre und sagte: Warten
Sie nur, Gromama wei alles, Francine schreibt alles der Gromama!
    Was wollen Sie damit sagen? fragte ich, was bedeutet Ihre Drohung? Gromama
darf alles wissen, was hier vorgeht, und Francine mag es ihr nur schreiben. Die
Kleine blickte betroffen zu mir empor und begann mich anzuflehen, niemand etwas
von dem zu verraten, was sie mir eben gesagt, niemand - am wenigsten Francine.
Ich suchte sie zu beruhigen. Sie forderte ungestm ein frmliches Versprechen,
und nachdem ich es gegeben, kte sie mich ein paarmal, kalt, mit
augenscheinlicher Selbstberwindung, als ob sie hchst ungern eine zu hohe
Rechnung bezahle. Das war ich dir schuldig, da hast du's!... Sie gab so schwer
etwas weg von ihrer Armut, diese karge Seele.
    Ich aber, meine liebe Freundin, hatte nun erfahren, zu welchem Zweck mich
Francine mit stndlicher berwachung umgab, warum sie mir nachschlich auf
Schritt und Tritt, unversehens neben mir auftauchte, wenn ich sie am wenigsten
in der Nhe vermutete. Sie war eben nichts andres als ein elender Spion und
berichtete ber mich in Briefen an die Schwiegermutter des Grafen. Ich hatte sie
oft schreibend gefunden, wenn ich durch ihr Zimmer kam, und gelacht ber die
Hast, mit welcher sie bei meinem Nahen ihr Gekritzel mit der Hand bedeckte oder
in die Schublade schob. Angeekelt hat mich das alles, aber nicht besorgt
gemacht. Ich war in mancher Hinsicht jnger als meine Jahre und dachte: bles
kann von mir nicht gesagt werden, wenn auch, wie Anka sich ausgedrckt hatte,
alles gesagt wurde; es fiel mir nicht ein, da sich mehr sagen lassen knne als
alles Wahre, nmlich etwas Falsches.

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Wir befinden uns, wie Sie sich erinnern, im Jahre neun, hub die Hofrtin von
neuem an, es ist im Beginn des Monats Mai. Da unsre schnen Trume von einem
siegreichen Vordringen unsrer Armee unter ihrem groen Fhrer sich nicht
erfllten, wissen wir bereits. Etwas ganz Bestimmtes, Unwiderrufliches haben wir
aber noch nicht erfahren.
    Ein Mainachmittag also, ein gar lieblicher noch dazu; der Doktor, Anka und
ich kehren vom Spaziergang zurck, und wie wir uns dem Tore des Hofes nhern,
sehen wir es offen und vor dem Schlosse einen groen Reisewagen stehen, schwer
bepackt, mit vier Schimmeln bespannt. Anka! ruft der Doktor, wessen Equipage ist
das? Wer ist angekommen? Die Kleine schreit auf: Gromama! Es ist Gromama! und
luft, so schnell sie kann, in den Hof. Ich ging dem Kinde nach, ohne meine
Schritte zu beschleunigen, und hatte alle Zeit, die Dame zu betrachten, die
unbeweglich neben dem Grafen stand und ihre Enkelin heraneilen lie. Sie blickte
ber Anka hinweg und hielt mich ins Auge gefat, aufmerksam, neugierig, ohne
Migunst und ohne Wohlwollen. Erst nachdem Anka bei ihr angelangt war, beugte
sie sich zu dem Kinde nieder, drckte es an ihre Brust und begann mit ihm zu
plaudern. Ich sah die Grfin zum erstenmal; in der Stadt war ich ihres Anblicks
nie teilhaftig geworden, und berrascht und unwillkrlich zweifelnd fragte ich:
Die Gromutter? Ist das mglich? Die Dame eine Gromutter? Der Doktor murmelte
etwas von wunderbar erhalten, unglaublich konserviert, aber die Grfin machte
nicht den Eindruck einer gut konservierten, sondern wirklich den einer jungen
Frau. Ihre hohe, junonische Gestalt bewegte sich mit der Leichtigkeit und Anmut
jener Jahre, die fr klassische Frauenschnheit die der hchsten Blte und
Entfaltung sind. Trotz des hellen Sonnenlichtes, von dem sie umwoben wurde, war
nicht die Spur einer knstlichen Nachhilfe im rosigen Inkarnat ihres schnen
Gesichtes zu bemerken. Ihre niedere Stirn, von glatt gescheiteltem,
dunkelblondem Haar umrahmt, die klaren blauen Augen, die feine Nase, der
liebliche, etwas schwellende Mund erinnerten an die verstorbene Grfin. Dieser
freilich sah man ihr Leiden schon an, als ich sie kennenlernte, whrend ihre
Mutter sich der vollen Frische blhender Gesundheit erfreute. So heiter und
sorglos sie dreinsah, so finster und verstrt erschien der Graf: Schlechte
Nachrichten! rief er uns schmerzlich entgegen. Geschlagen! Unsere Armee auf dem
Rckzug, Bonaparte auf dem Wege nach Wien!...
    Ich bin auf der Flucht, Herr Doktor, sagte die Grfin, auf der Flucht vor
unsern heimkehrenden Truppen. Das sind jetzt traurige und beschmte Leute.
Kolowrat bernachtet heut in meinem Hause. Der Arme! Vor kurzem sprach ich ihn,
da war er trunken von Siegeshoffnung. Ich konnte mich nicht entschlieen, ihn
jetzt wiederzusehen ... Er hat so groe Enttuschungen durchgemacht, er, und
alle, alle ... Mademoiselle Helene, nicht wahr? wandte sie sich an ihren
Schwiegersohn, nachdem sie von neuem ihren glnzenden und teilnahmslosen Blick
auf mir hatte ruhen lassen.
    Der Graf erwiderte, sie msse mich von Wien aus kennen. Alles in ihm kochte
vor Zorn ber den Gleichmut dieser Frau. Sie nahm davon keine Notiz. Mais pas du
tout, sagte sie. Ich hatte noch nicht das Vergngen, und es ist eines, Sie zu
sehen, mein liebes Kind. Nun, wenn es ihr eines war, sie gnnte sich's. So
hartnckig, so gleichsam zergliedernd, wie die Grfin tat, hatte mich noch
niemand betrachtet, und ich fhlte es: Sie wei dich jetzt auswendig, sie knnte
dich malen, sie knnte Rechenschaft geben von jedem Faden an dir, vom Band an
deinem Hut bis zu dem an deinem Schuh. Und dabei beantwortete sie die Fragen,
mit denen der Doktor sie bestrmte. Ja, ja, wir hatten furchtbare Verluste
erlitten; ber das Schicksal ihrer Shne jedoch konnte die Grfin, Gott sei
Dank, ruhig sein. Sie hatten sich wacker gehalten und waren in mrderischen
Gefechten unversehrt geblieben. Aber der arme Stephan - ja der ... Was ist's mit
ihm? rief der Graf, der bisher geschwiegen, die Zhne zusammengebissen hatte und
offenbar mit Widerstreben den Erzhlungen seiner Schwiegermutter zuhrte. Er
wollte wissen, was sie sagte; die Art, in der sie es sagte, war ihm ein Greuel.
Er wiederholte seine Frage, und die Grfin antwortete, indem sie bedauernd die
Achseln zuckte: Verwundet, vielleicht schwer ... - Vielleicht tot! warf der Graf
heftig ein, und ich erbebte bis ins Innerste. Andchtig - dafr stehe ich Ihnen
gut - habe ich an dem Abend das Vaterunser gebetet, das Graf Stephan sich
ausbedungen.
    Die Grfin berichtete alles, was sie wute. Es war nicht viel, sie hatte es
durch einen ihrer Shne erfahren, der Mittel gefunden, ihr Nachricht zukommen zu
lassen. In der Nhe von Regensburg, bei dem heldenmtigen Angriff der
Stipsiczhusaren auf die Kavalleriedivisionen St. Sulpice und Nansouty, hatte man
den jungen Rittmeister an der Spitze seiner Schwadron, von mehreren
Karabinerkugeln zugleich getroffen, vom Pferde strzen sehen.
    Tot also oder gefangen, sprach der Graf und stampfte ingrimmig mit dem Fue;
Doktor, Doktor, wann machen Sie mich endlich gesund?!
    Die Grfin meinte, man wrde auch ohne ihn mit den Franzosen fertigwerden,
und lie sich in das Schlo fhren, um vor der Tafel ein wenig auszuruhen. Beim
Diner erschien sie umgekleidet, parfmiert, in einer hellgrauen Toilette von
entzckender und sehr kostbarer Einfachheit. Sobald sie am Tische Platz genommen
hatte, war sie die Herrin des Hauses, der Graf schien nur noch ihr Gast zu sein;
sie fhrte ein sehr lebhaftes Gesprch und unterhielt uns, und zugleich auch
sich selbst, auf das beste. Nach dem Speisen spielte sie mit Anka Domino, lie
die Kleine gewinnen und bezahlte den Verlust der Partie mit einem blanken
Dukaten, den sie durch ihren Kammerdiener herbeibringen lie. Dann schickte sie
ihr Enkelchen schlafen, erklrte zu wissen, da die Abende bei uns mit Lesen
zugebracht wrden, und rief: Zur Lektre denn!
    Hocherfreut rieb der Doktor sich die Hnde: Schn! schn! und zu welcher
befehlen Eure Erlaucht?
    Zu welcher? Ja, dafr wute Ihre Erlaucht Rat. Sie besa ein nicht mehr ganz
neues, gewi jedoch sehr schnes Buch und hatte es hierher mitgenommen.
    Oh, Liebe, wandte die Grfin sich zu mir, es liegt irgendwo in meinem Zimmer
... auf dem Tisch oder auf der Toilette ... gehen Sie es holen, Liebe ...
    Ich war rasch aufgestanden, zugleich mit mir aber auch der Graf: Bleiben
Sie, Frulein! befahl er, ich will das Buch holen ... - Oder - ich, fand der
Doktor fr gut zu sagen und machte Miene, sich zu erheben. Zu spt; der Graf
hatte das Zimmer schon verlassen.
    Die Grfin stie ein leises, langgedehntes Ah! hervor und sah mich heiter
lchelnd und diesmal nicht ohne Wohlwollen an. Doch war es ein sonderbares
Wohlwollen, eines, das nichts mit Herzlichkeit zu tun hat, sondern aus
bermtiger Laune, aus munterem Belustigtsein entspringt; ein Wohlwollen war's,
das nicht wohltut. Ich errtete und wute eigentlich nicht warum.
    Der Graf kam zurck. Er legte vier kleine Bnde vor seine Schwiegermutter
hin. Sind das die rechten? Ich kann es nicht glauben - franzsische Bcher, wir
werden doch nicht franzsische Bcher lesen, Mama?
    Franzsische? wiederholte der Doktor entrstet, und die Grfin lachte.
Geniert Sie das? Haben Sie am Ende gar Ihr Franzsisch vergessen? sprach sie,
worauf der Alte mit unbeschreiblicher Geringschtzung entgegnete: Wr unmglich,
Erlaucht, sintemal ich nie ein Wort davon gewut habe. Er erhielt den Rat, nur
recht gut zuzuhren; mit Hilfe des Lateinischen, das er als Arzt doch kennen
msse, werde er heute etwas, morgen mehr und bermorgen alles verstehen.
    Da rief der Graf, der inzwischen in einem der Bcher geblttert hatte: Ich
finde nichts als Betrachtungen und Predigten. Die Geschichte scheint mir
langweilig. Erlassen Sie uns diese Prfung, Mama.
    Langweilig! - Das eine Wort khlte den Leseeifer der Grfin pltzlich ab.
Sie war auf einmal zu nichts mehr so gut aufgelegt wie zu einer Partie Pikett
mit ihrem Schwiegersohne. Ich aber kam bei dieser Gelegenheit zu dem ersten
franzsischen Roman, den ich je mit Augen geschaut. Die Grfin bergab mir ihn
zur Durchsicht, und noch am selben Abend machte ich die Bekanntschaft der
Delphine von Madame de Stal.
    Lesen Sie das Buch heute, und vieles darin wird Ihnen sentimental und
veraltet erscheinen. Das immerwhrende Niedertauchen in die eigene Seele, das
Belauschen der eigenen Empfindungen, in dem besonders die Heldin sich gefllt,
wird Sie ermden, und dennoch, ich wette! aus der Hand legen Sie den Roman nicht
gern. Die Menschen, mit denen er Sie vertraut macht, sind doch gar zu
interessant. Diese Delphine ist gar zu herrlich in dem Glnze ihres
weltumfassenden Geistes, gar zu rhrend in der Naivitt ihrer groartigen
Wahrhaftigkeit. So wirkt das Buch heute noch; ermessen Sie, wie es auf ein
neunzehnjhriges Mdchen wirken mute, das zu einer Zeit damit bekannt wurde, in
der die Sitten, die es schildert, noch nicht antiquiert waren und das Wort
romantisch bei weitem nicht fr einen Tadel galt. Delphine ist die schne junge
Witwe eines Greises, der sie nur geheiratet hat, um ihr sein Vermgen
hinterlassen zu knnen. Sie hat durch ihre Gromut die Verbindung ihrer Kusine
mit einem Manne ermglicht, den weder die ihm bestimmte Braut noch Delphine
bisher gesehen haben. Die letztere hrt viel von ihm, sieht sein Portrt, ihre
Phantasie ist von ihm erfllt, sein bester Freund sagt ihr: Sie sind fr ihn
geschaffen, Sie allein wrden es verstehen, ihn dauernd zu beglcken ... Er wird
infolge eines Abenteuers auf der Reise verwundet, man bringt ihn nach Paris, er
ruft seine zuknftige Schwiegermutter an sein Krankenlager und hofft, seine
Braut werde sie begleiten. Statt dieser, die es aus bertriebenen
Schicklichkeitsrcksichten verweigert, lt Delphine sich dazu herbei. Unterwegs
bereut sie ihre Nachgiebigkeit. Sie frchtet, Leonce - der Held - knne den
Schritt, den sie tut, mibilligen. Ein Zagen ergreift sie, als sie vor ihn
treten soll, aber sobald sie ihn gesehen, weicht jede andre Empfindung der des
Mitleids. Sie steht an seinem Ruhebett; er vermag kaum den Kopf zu erheben, um
sie zu begren, und bietet in seiner Hilflosigkeit den Anblick des edelsten und
rhrendsten Leidens. Eine tiefe Gemtsbewegung bemchtigt sich ihrer ...
    Bis dahin kam ich, nicht weiter - an diesem Tage nicht um ein Wort
weiter!... Ich sah nicht mehr, was auf den Blttern stand vor meinen leiblichen
Augen, ich sah ein andres Bild als das dort geschilderte, ein andres und doch so
hnliches Bild, und gewaltiger, als es mich in der Wirklichkeit ergriffen hatte,
ergriff es mich in der Erinnerung. Was ich damals ahnungslos empfunden, jetzt
wute ich's! Dieses Buch hatte es mich gelehrt!
    Am nchsten Vormittag wurden Anka und ich zur Grfin gerufen. Es roch
kstlich in ihrem Zimmer, sie sah frisch aus wie eine Rose, war eben aus dem
Bade gestiegen, lag auf der Chaiselongue und trank Schokolade. Jetzt wollte sie
eine kleine Konversation mit uns haben. Unterhalte mich, Anka! Sie begannen zu
schwatzen, und die Gromama war die Lustigere von beiden, zog auch mich ins
Gesprch, machte mir Komplimente ber meine Augen, meine Zhne, meinen Teint,
ber was wei ich. Die groe Dame zeigt gegen unsereinen ebensowenig Stolz wie
gegen ein Hndchen oder einen Kanarienvogel. Man spielt mit solchen Wesen, wenn
sie niedlich sind, schmeichelt ihnen und verwhnt sie. Der Vogel lscht seinen
Durst aus dem Glase der Gebieterin, das Hndchen schlft auf ihrem Scho, aber
die Vertraulichkeit, in der man mit ihnen lebt, ndert nichts an der
Rangordnung, die sie in der Stufenleiter der Geschpfe einnehmen. So wenig
Menschen- und Weltkenntnis ich damals besa, ber den Wert der Freundlichkeiten,
die mir die Grfin erwies, gab ich mich keiner Tuschung hin.
    Mitten in ihrem Geplauder fiel es Anka pltzlich ein zu fragen, ob ihre
Gromutter in die Gruft gehen werde, den schnen Sarkophag zu sehen, in dem Mama
liege.
    Da vereiste gleichsam das Gesicht der Grfin, ein Ausdruck des Widerwillens
umzuckte ihren Mund, wie zurckgestoen drckte sie sich in die Kissen. Nein,
nein, was denkst du?... Man darf die Ruhe der Toten nicht stren, sagte sie, und
sogleich entlie sie uns mit dem Auftrag, ihr Francine zu schicken.
    Wissen Sie was? begann Anka, nachdem sie ein Weilchen schweigend neben mir
einhergegangen war, und mit der wichtigsten Miene und in belehrendem Tone fgte
sie hinzu: Wir mssen, wenn wir uns bei Gromama langweilen, nur anfangen von
der Gruft zu sprechen, da schickt sie uns gleich fort.
    Wir sahen die Grfin erst bei Tische wieder. Abends beteiligten wir uns alle
an einem Lottospiel mit Anka. Ich sa dem Grafen gegenber, dessen Blick mit
einer Aufmerksamkeit auf mir ruhte, die abzulenken seine Schwiegermutter
mehrmals umsonst versuchte. Ob mir dabei wohl oder weh zumute war, drfen Sie
mich heute nicht fragen; vielleicht habe ich es sogar damals nicht deutlich
gewut. Klar empfand ich nur eines: ein nicht ganz trostloses, sondern mit einer
geheimnisvollen, schmerzlich sen Befriedigung gemischtes Gefhl: Du mut fort
... Und immer mehr befestigte sich die berzeugung in mir: Du mut fort!

                                       9


Die Erzhlerin machte eine kleine Pause. Vergangene Freuden, vergangene Leiden
sind wie getrumte Freuden und Leiden, sagte sie. Vermutlich schlage ich als
Siebzigjhrige zu gering an, was ich als neunzehnjhriges Mdchen im stillen und
ganz allein mit mir selbst durchzumachen hatte. Mag sein und hat weiter nichts
zu bedeuten. Wovon aber Notiz genommen werden mu, das ist die Vernderung, die
sichtlich im Benehmen des Grafen gegen mich eingetreten war. Er kam jetzt fters
am Vormittag auf unser Zimmer, wohnte einer oder der andern Unterrichtsstunde
bei und verlie uns nicht, ohne seine Freude ber Ankas Fortschritte
ausgedrckt, ohne gesagt zu haben: Anka und ich knnen Ihnen nie genug danken.
Er begann mir eine Rcksicht, ja eine Ehrerbietung zu erweisen, die mich in
Verlegenheit setzte, die Grfin zum Spott reizte und das Kind entrstete. Die
Kleine wies jeden, auch den geringsten Tadel, den ich ihr erteilte, zurck, sie
tat es sogar mit den Worten: Sie sind bse, weil ich nicht soviel Wesens mit
Ihnen mache wie Papa. Indes ihr Vater meinte, sie unter meiner Leitung zu einer
kleinen Vollkommenheit heranwachsen zu sehen, wurde sie immer herber und
eigenwilliger und ich ihr gegenber immer machtloser. Ich htte das eingestehen,
dem Grafen die Wahrheit sagen sollen, aber er tat mir zu leid, er war ohnehin
geqult genug. Die verhngnisvolle Wendung, die der Krieg genommen hatte, das
peinliche Bangen vor den Entscheidungen der nchsten Zukunft, die Unttigkeit,
zu der er dabei verdammt war - ich konnte es nicht ber mich gewinnen, den
Seelenzustand noch zu verschlimmern, in den alles das ihn versetzte. Ich wute,
was in dem Manne vorging, was er litt und schweigend leiden mute. Ihm war nicht
einmal der karge Trost vergnnt, seine Befrchtungen oder Erwartungen mit einem
gleichfhlenden Wesen zu besprechen. Den Doktor hatte das neuerliche Unglck
unsrer Waffen auer Rand und Band gebracht. Im Anfang tobte er, dann erklrte er
sich fr schwer krank, legte sich zu Bett und stand nur einmal im Tage auf, um
den Arm des Grafen nachzusehen. Was die Grfin betrifft, so entfaltete sie in
ihren Bemhungen, jede ernste Errterung zu vermeiden, eine unnachahmliche
Meisterschaft. Ja, mein Gott, c'est la guerre!' war ihre stehende Antwort auf
jede Besorgnis, jede Klage, die in ihrer Gegenwart laut wurde. Und sogleich
brachte sie eine angenehme Nichtigkeit, eine erfreuliche Lappalie aufs Tapet.
Sie kam mir vor wie eine hchst alberne Fee, die, in der Absicht, alles Elend
auf Erden zu verdecken, mit einem Vorrat rosenfarbiger Schleier einhergeschwebt
kme. Diese Frau - ich fing an, sie zu hassen. Ihre beiden Shne standen vor dem
Feind, jeder Tag konnte ihr die Nachricht bringen: Du hast keine Kinder, uns
allen aber die: Ihr habt kein Vaterland mehr! - und sie glitt dahin voll Anmut,
in spiegelheller Heiterkeit und erzhlte charmante Anekdoten von charmanten
Dingen und charmanten Leuten.
    Eine Woche ungefhr befand sie sich auf dem Schlosse, da kamen eines Abends
durch die Post Nachrichten fr den Grafen und fr die Grfin.
    Trostlos lauteten die Mitteilungen an den Grafen.
    Die Franzosen waren in Wien. - Gescheitert waren alle Hoffnungen des
Erzherzogs, vor dem Feinde die Kaiserstadt zu erreichen, gescheitert alle auf
ihren Entsatz gerichteten Entwrfe. Wien hatte kapituliert, die Franzosen waren
in Wien!... Zum zweitenmal im Verlauf von vier Jahren schrieb Napoleon der Welt
Gesetze vor aus dem Hauptquartier Schnbrunn.
    Dies also das letzte Ergebnis!... Und der Preis, um den es errungen worden?
Der Tod von Tausenden, von denen jeder einzelne ein Held gewesen war, Regimenter
aufgerieben, Bataillone gefangen ...
    Knirschend warf der Graf die unheilverkndenden Bltter auf den Tisch:
Welchen Trost wissen Sie dafr? rief er seiner Schwiegermutter zu. Sie atmete
etwas rascher als gewhnlich und fuhr leicht mit den Fingern ber ihre Stirn,
auf der sich ein paar Fltchen gebildet hatten. Nur nicht verzweifeln, nur nicht
den Kopf verlieren. Ich habe einen Brief, der einen weniger dstern Ton
anschlgt. Hre den an, es wird dir wohltun. Lesen Sie, Liebe.
    Das Schreiben, das mir die Grfin mit diesen Worten reichte, war von ihrem
lteren Sohne verfat und von dem jngeren mitunterzeichnet. Kraus die Zge,
khne Wendungen, ein komischer Stil, im ganzen - der frischeste Soldatenbrief,
den je ein wackerer Bursch in seines Herzens ungelschtem Durst nach Siegesglck
geschrieben. Oben am Rande stand: 19. Mai, irgendwo am Ufer vom Rubach, und die
ersten Worte des Textes lauteten: Mama, es geht uns gut! Graf Albert gab zu, da
es ein Elend gewesen sei bei Thann und Landshut, bei Abensberg und Regensburg
und ein verfluchtes Reiten heimwrts ber Bhmen, erst zu schnell und dann viel
zu langsam. Indessen - das ist vorber und wird wiedergutgemacht werden, so
denkt die Armee ... Wenn die Mama sich nur einen Begriff davon machen knnte,
wie ihren Shnen jetzt zumute ist! Sie brchte ebensowenig wie die beiden heute
Nacht ein Auge zu. Morgen in aller Frh geht's in die Lobau! - der Satz lste
sich frmlich aus dem Briefe wie ein Jubelschrei -, die Franzosen machen sich
breit auf der Insel, scheinen sogar ber den groen Donauarm eine Brcke zu
schlagen. Man mu schauen, was sie denn wollen, und ein Teil der Avantgarde
unter Klenau und ein paar von unsern Regimentern brechen morgen dahin auf. Da
wollen wir uns andre Sporen verdienen als die, die wir in dem verwnschten
Bayern unsern Pferden in die Flanken setzten. Hoch lebe sterreich!
    Die Grfin nickte beistimmend, bemhte sich zu lcheln, und ihr Gesicht
erhielt etwas Verzerrtes, Maskenhaftes, ein grnlicher Schatten bildete sich um
ihren Mund. Nein! Sie war nicht angetan, Schmerz und Sorge zu ertragen, und wenn
sie immer und um jeden Preis nach Gelassenheit rang, so geschah's aus Notwehr,
und sie rang dabei um ihr Leben.
    Sie griff nach dem Briefe in meiner Hand. Frau Grfin! rief ich, da ist noch
eine Nachschrift ... Sie erzitterte: Nun - lesen Sie ...
    Ich las: Was sagst Du zur Rettung Stephans? Sind das brave Kerle, seine drei
Husaren, die ihn zurckgetragen haben!
    Diese gute Nachricht am Schlu, so unbestimmt sie war, verlieh der Grfin
wunderbare Erquickung. Eine gute Nachricht, ein gnstiges Omen! Jetzt befand sie
sich wieder in ihrem Element, und der Name Stephans, den sie, seitdem das
Gercht von seinem Tode zu uns gedrungen, nicht mehr ausgesprochen hatte, kam an
dem Abend immer von neuem ber ihre Lippen.
    Am nchsten Tage, es war der 24. Mai, hatte Ankas Unterrichtsstunde eben
begonnen, da hrten wir pltzlich Pferdegetrappel im Hofe und sahen einen Reiter
hereintraben, vor dem Schlosse absteigen, die Zgel eines mdegejagten,
schweitriefenden Postgaules dem ersten Diener, der herbeilief, zuwerfen und
mhsam, mit ganz steifen Beinen, ins Tor treten. Anka hatte in dem Angekommenen
sogleich den Reitknecht ihres Onkels Albert erkannt. Der brachte groe
Neuigkeiten. Sie lieen nicht lange auf sich warten ... So sag ich jetzt; damals
kam es mir anders vor, und ich war in meiner Ungeduld schon im Begriff, ein
Verbrechen am geheiligten Hausbrauch zu begehen und Anka mit einer Bitte um
Nachricht an ihren Vater abzusenden, als die Tr aufgerissen wurde und er selbst
hereinstrmte. Er selbst, der Graf, totenbleich, mit leuchtenden Augen.
    Frulein! rief er, teures Frulein!...
    Betroffen ber diese vertrauliche Ansprache steh ich da - er tritt auf mich
zu, ergreift meine Hand und zieht sie an seine Brust: Frulein! wiederholt er,
Sie mssen es durch mich erfahren. sterreich ist gerettet, Napoleon ist
geschlagen, Napoleon ist in zweitgiger Schlacht vom Erzherzog Karl geschlagen
...
    Geschlagen? fragte Anka, und jetzt erst schien er ihrer Gegenwart
innezuwerden, das Blut scho ihm ins Antlitz, er wandte sich zu ihr.
    Merke dir, Anka: Aspern und Elingen - den 21. und 22. Mai ... da haben die
sterreicher die groe, unberwindliche Armee glorreich besiegt ... Die Stimme
versagte ihm. Ich sah ihn zum erstenmal berwltigt und nicht mehr Herr seiner
selbst, ich sah die ersten Trnen in seinen Augen. Und ich!... schrie er
pltzlich auf, erhob den rechten Arm, streckte ihn gewaltsam aus und lie ihn
mit einer Gebrde der Verzweiflung niedersinken.
    Ich war sprachlos und hatte nicht weniger Mhe, meine Fassung zu bewahren,
als er, die seine wiederzugewinnen.
    Albert hat einen Boten geschickt, er ist bei der Grfin - gehen Sie hinauf
mit Anka, hren Sie, was er erzhlt, sagte der Graf. Gehen Sie! wiederholte er,
als ich einen Augenblick zgerte, ich folge.
    Wir trafen die Grfin auf ihrem Kanapee ruhend, der Doktor, Francine und
August, der Reitknecht, standen vor ihr. Francine triumphierend ber die
Niederlage des usurpateur, der Doktor, die Stirnader hochgeschwollen, die Brille
verkehrt aufgesetzt, die Schleife der Krawatte am Ohr, rief die Franzsin zur
Ordnung, sooft sie den Erzhler mit Freuden- und Beifallsuerungen unterbrach.
Der aber hielt sich so steil aufrecht, als sein runder Rcken und seine
zitternden Beine es erlaubten, und berichtete von den Heldentaten seiner jungen
Herren. Von dem Generalissimus, von Wimpffen und Smola, von Liechtenstein,
Hohenzollern und andern Leuten zu sprechen, berlie er der Geschichte. Er
sprach von Albert und Viktor, seinen Helden, war unerschpflich in ihrem Preise,
in der Beschreibung ihres Aussehens und dessen, was sie getan und gesagt hatten
und wie es nach der Schlacht ihr erster Gedanke gewesen sei, Botschaft zu
schicken an die erlauchte Mama. Und wie dann er, August, gemeint: Ich reit halt
hinber, ich kenn mich schon aus, und wie er Pferde requiriert hatte, wo er sie
fand, und in achtundvierzig Stunden kaum aus dem Sattel gekommen war. Schreiben
wrden die Herren Grafen spter. Jetzt sei er da und vermelde unterdessen, was
er zu vermelden habe: einen Handku.
    Damit beugte er sich, um denselben gehorsamst zu bermitteln. Sein altes,
gelbes, mit Schwei und Staub bedecktes Gesicht nherte sich der Hand der
Grfin, und fast wre sein langer Schnurrbart, dessen Enden wie die Zweige einer
Trauerweide niederhingen, mit dieser schnen, duftenden Hand in Berhrung
gekommen. Aber ihre Eigentmerin zog sie rasch zurck und sprach, den allzu
gewissenhaften Boten fortwinkend: La Er's gut sein!
    Der Graf war vor einer Weile eingetreten, hatte, von niemand auer mir
bemerkt, ganz still in einer Ecke Platz genommen und bis jetzt schweigend, mit
gesenktem Haupte, zugehrt.
    Geh, lieber Alter, sprach er nun, sich erhebend, i, trinke, schlafe, la
dir's wohlgeschehen.
    Der Doktor machte sich anheischig, fr August auf das beste zu sorgen, und
fhrte ihn hinweg.
    Ein braver Mensch! sagte die Grfin, wirklich exzellent. Aber welche
Atmosphre! - Francine, ffnen Sie das Fenster!
    An dem Tage war natrlich nur noch von den Nachrichten die Rede, die August
gebracht hatte.
    Eine Trauerbotschaft befand sich darunter.
    Der lteste Bruder des Grafen Stephan war bei Aspern geblieben. Seinem
unglcklichen Vater stand der Jammer bevor, die Todesnachricht des Erstgeborenen
am Kranken-, vielleicht am Sterbebett des jngsten Sohnes zu erfahren. Leider
hatte der Wachtmeister, der den Grafen Stephan nach Hause geleitet, bei der
Rckkehr zum Regiment nicht viel Trstliches ber den Verwundeten zu berichten
gewut. Man hoffte ihn am Leben zu erhalten, man hoffte! aber sicherlich war es
noch lange hin bis zu seiner Genesung, und ob diese jemals ganz vollstndig sein
werde - das konnte nur Gott wissen.
    So meinte August, weil er es so gehrt hatte. Die Grfin hingegen meinte,
die rzte wten wohl auch, da alles gut enden wrde, gben es nur noch nicht
zu; das ist schon ihre Art, man kennt das, Klappern gehrt zum Handwerk. Ein
paar Kugeln in der Brust bringen einen jungen krftigen Menschen nicht um; man
nimmt sie heraus, und er ist wieder gesund.
    Wunderbarerweise gewann es wirklich den Anschein, als ob die verwegenen
Voraussetzungen der eingefleischten Optimistin eintreffen sollten. Die nchste
Kunde von dem Grafen Stephan, die bald darauf zu uns drang, sprach von einer
kleinen Besserung.
    Inzwischen hatten wir erfahren, da der Sieg bei Aspern nicht zu einem
offensiven Vorgehen von seiten des Erzherzogs benutzt worden war. Die beiden
Heerfhrer standen einander gegenber, ohne Anstalten zu einer neuen groen
Schlacht zu treffen, jeder nur auf die Verstrkung seiner Streitkrfte bedacht.
Da hoffte nun der Graf, wenn die Waffenruhe ein paar Wochen dauere, wenigstens
an dem Schlusse des Feldzuges teilnehmen zu knnen. Er werde den Arm wohl bald
notdrftig gebrauchen knnen, gab ihm der Doktor zu und fragte: Sind Sie jetzt
getrstet? Aber der Graf antwortete: Ach, Doktor! Im Jahre neun ein Mann gewesen
sein, ein sterreicher und ehemaliger Soldat, und von Aspern und Elingen nur
gehrt haben - darber trstet nichts!
    Die Grfin beschlo nun, in den nchsten Tagen heimzureisen; der Graf
gedachte in ungefhr einer Woche zur Armee zu gehen und wollte vorher Anka bei
ihrer Gromutter installieren, wo wir die Zeit seiner Abwesenheit zubringen
sollten. Da geschah es, da die Kleine, von der Grfin kommend, zu mir sagte:
Frulein, die Gromama hat Sie gar nicht gern, aber gar nicht! Bei Tisch fand
ich den Grafen dster und unfreundlich, die Grfin aber war uerst angeregt,
sonnig und eisig wie ein schner Wintertag. Am Abend, gleich nachdem wir den
Salon betreten, empfahl sich der Doktor; er warf mir beim Fortgehen einen
mitleidigen Blick zu und sagte leise: Seien Sie wacker! - Anka wurde frher als
gewhnlich zu Bett geschickt, sie weinte, und der Graf, dem sonst die
geringfgigste Verstimmung seiner Tochter eine wahre Seelenpein verursachte,
blieb diesmal gleichgltig bei den Trnen, die sie vergo.
    Sobald wir allein waren, erffnete die Grfin das Gesprch ...
    Die Hofrtin zog die Achseln ein wenig in die Hhe, berlegte ein Weilchen
und sprach: Ich will Sie nicht auf die Folter der Neugier spannen, liebe
Freundin, sondern gleich sagen: was die Grfin mir mitzuteilen hatte, war etwas
berraschendes, etwas ganz Auerordentliches. Der Vater des Grafen Stephan
ersuchte die Grfin, meine Gesinnungen gegen seinen Sohn zu erforschen. Im Falle
diese gnstig seien, solle in aller Form um meine Hand geworben werden.
    Ich entledige mich meines Auftrages, sprach die Grfin nachlssig, halte es
aber fr meine Pflicht, Ihnen meine Meinung von der Sache zu sagen.
    O weh! wenn die Grfin den Ton anschlug, da mochte man sich vorsehen! Da
durfte die Eitelkeit oder das Zartgefhl oder irgend etwas leicht Verwundbares
in der Seele des andern - ich hatte es schon erfahren - einer schmerzlichen
Berhrung gewrtig sein. Ich wollte eine solche berhaupt nicht erleiden, am
wenigsten jedoch in Gegenwart des Grafen, und beeilte mich, der Grfin ins Wort
zu fallen und ihr sehr lebhaft zu erklren, da ich keine Neigung fr ihren
Neffen habe und mich niemals entschlieen knnte, seine Frau zu werden.
    Was sagte ich Ihnen, Mama? fragte der Graf; und so leise es geschah, eine
mchtige Freude klang aus diesen Worten. Der sie gesprochen, erhob sich und
verlie das Zimmer.
    Der Grfin mute ungefhr zumute sein wie jemandem, der sich zu einem
Pistolenduell vorbereitet und im Augenblick, in dem er auf den Gegner anlegen
will, pltzlich bemerkt, da er keinen hat. Sie rckte sich in ihrem Sessel
zurecht, betrachtete mit flchtiger Aufmerksamkeit die Stickerei ihres
Taschentuches, sagte mir einige Schmeicheleien und forderte mich auf, Vertrauen
zu ihr zu haben. Sie gab mir zugleich einen Beweis des ihren, indem sie gestand,
von allem unterrichtet zu sein, was zwischen dem Grafen Stephan und mir
vorgegangen war. Sie wute nicht nur, da ihr Neffe mir den Hof gemacht, sondern
auch, da er es ohne Glck getan hatte. Sie fand das erste unrecht, aber
begreiflich, das zweite anerkennenswert und gleichfalls begreiflich. Jetzt aber
msse sie ber einiges staunen.
    Die Grfin rusperte sich und suchte nach Worten; zu ihrer Ehre sei es
gesagt: es wurde ihr nicht leicht fortzufahren.
    Was mich in Verwunderung setzt, ist nicht der Antrag Stephans ... Mein Gott,
Stephan ist eben verliebt, jung und tricht. Auch das ist es nicht, da sein
Vater sich dahin bringen lie, diesen Antrag zu billigen und zu protegieren ...
Mein Gott, ein Greis, der seinen Kindern gegenber schwach geworden und es mehr
ist denn je in diesem Augenblick. Wenn man soeben einen Sohn verloren hat,
schlgt man dem zweiten, kaum wiedergewonnenen einen Wunsch nicht ab, an dem
sein Herz hngt. Ein Strkerer als mein armer Vetter wre vielleicht unfhig.
Wie gesagt, ber die andern staune ich nicht, ich staune ber Sie und ber die
Raschheit und Bestimmtheit, mit der Sie Stephans Bewerbung ablehnen.
    Sie heftete die Augen auf mich, und ich fhlte mein Gesicht hoch aufflammen
und dann erbleichen im Strahle dieses kalten und durchdringenden Blickes.
    Sie haben keine Neigung fr Stephan, fuhr die Grfin fort, haben Sie auch
keinen Ehrgeiz?
    Fragend und verwundert wiederholte ich dieses letzte Wort, und sie mute
sehen, da ich seinen Sinn in Wahrheit nicht erfate, denn sie lie sich zu
einer Erklrung herbei.
    Ich meine, Stephan ist arm, er wird siech bleiben, heit es. Seine Frau,
wenn sie pflichttreu sein will, wrde das Leben einer Krankenwrterin fhren.
Aber sie wre doch seine Frau und nach seinem Tode die verwitwete Grfin Stephan
... Haben Sie keinen Ehrgeiz ... Ihre Stimme vernderte sich; ohne lauter zu
werden, wurde sie schrfer und eindringlicher. Keinen Ehrgeiz oder einen viel
hherfliegenden? - Sie haben keine Neigung fr Stephan, fr ihn nicht. Seine
Liebe hat Sie nicht gerhrt - hoffen Sie vielleicht, da die Ihre rhren werde -
einen Mann rhren, der Ihnen wnschenswerter erscheint?
    Dieser furchtbare Angriff kam so unversehens, da ich nicht einmal daran
dachte, mich zu verteidigen. Halb sinnlos vor Beschmung und Schmerz empfand ich
nur den brennenden Wunsch, sogleich und unwiderleglich zu beweisen, da mir
Unrecht geschah.
    Die Grfin sah den Eindruck, den sie hervorgebracht hatte. Sie lehnte sich
behaglich zurck, sie war wieder lauter Freundlichkeit. Es ist ja so angenehm,
aus dem Frieden der eigenen unzerstrbaren Ruhe dem Kampfe einer armen Seele
zuzusehen, die bebt und flattert wie ein verwundeter Vogel und vergeblich nach
Befreiung von ihren Qualen ringt.
    Nun, Liebe, was antworten Sie mir? fragte die Grfin, und ich erwiderte mit
soviel Festigkeit, als ich aufzubringen vermochte - ach, sie war hchst gering!
-, da ich lngst den Entschlu gefat, das Haus zu verlassen, und nur noch
gezgert habe, ihn dem Herrn Grafen mitzuteilen. Der Herr Graf wrde fragen,
warum ich fort wolle, und ihm darauf der Wahrheit gem zu antworten sei mir
schwer. Doch msse es endlich gesagt werden. Ich gehe, weil ich die Hoffnung
aufgegeben habe, irgendeinen Einflu auf meinen Zgling zu gewinnen. Wir htten
durchaus kein Verstndnis freinander, denn ich fle Anka ebensowenig Sympathie
ein, als ich fr sie empfinde.
    Die Grfin nickte mir mit etwas ironischem Beifall zu. Nicht bel, schien
sie sagen zu wollen, das hast du nicht bel gemacht. Die Worte, die sie indessen
aussprach, waren: A-h?... ja so!... das ist schlimm. Das knnen Sie meinem
Schwiegersohn allerdings nicht sagen. Es klnge doch gar zu sonderbar in dem
Munde einer Erzieherin. Sie bot mir an, dem Grafen mein Gesuch um Entlassung
vorzubringen, und ich hatte noch Selbstbeherrschung genug, ihre Vermittlung
anzunehmen und ihr dafr zu danken.
    Wie ich dann in mein Zimmer gekommen bin, wei ich nicht. Ich erinnere mich
nur, da ich den Doktor noch am selben Abend sprach und da es mich befremdete,
ihn von dem Schritt unterrichtet zu finden, den der Vater des Grafen Stephan bei
mir unternommen hatte - ohne Vorwissen seines Sohnes, behauptete der Doktor, und
ich glaubte es gern. Es war ein Opfer, das der schwache und gtige Greis der
Neigung seines ihm wiedergeschenkten Kindes bringen wollte.
    Sie haben abgelehnt, sprach der Doktor, das versteht sich von selbst. Was
geschieht aber jetzt?
    Er stand vor mir mit gesenktem Kopfe; sein Gesicht drckte die tiefste
Verstimmung aus, und seine dichten weien Brauen waren finster zusammengezogen.
Als ich ihm sagte, da ich das Haus verlassen werde, erklrte er sich damit
einverstanden: Je eher, desto besser. Am besten gleich morgen mit der Grfin.
    Er wurde am nchsten Tage sehr zornig, als es hie, die Grfin reise allein.
Welcher Unsinn! rief er. Weil eine Reise mit einem Kinde ihr lstig wre, werden
Sie zurckgelassen. Sie ist klug, diese Frau, sie ist klug - bis an die Grenze
der Bequemlichkeit. Wo aber die Unbequemlichkeit anfngt, da hrt ihre Klugheit
auf ... Na, unterbrach er sich, gehen Sie ihr Lebewohl sagen, sie ist mit Anka
und dem Grafen im Speisezimmer.
    Ich ging dahin, und die Grfin empfing mich mit den Worten: Kommen Sie
endlich, meine Schnste? Ich bin im Begriff, in den Wagen zu steigen.
    Sie scherzte mit Anka, und der Graf trat an mich heran, auch er in
vorzglich guter Laune.
    Was hre ich? fragte er, Sie wollen uns verlassen? Das ist ja treulos und
grausam. Darauf war meine arme Anka nicht gefat. Indessen, wenn Sie durchaus
nicht bei uns bleiben wollen ... durchaus nicht, wiederholte er nachdrcklich
und forschend, drfen wir Sie nicht zurckhalten.
    Die Grfin klopfte mich auf die Wange: Wir meinen es gut mit Ihnen, sagte
sie, wir werden Ihrer nicht vergessen. Adieu!
    Sie ging, und wenige Minuten spter rollte der Wagen, der sie entfhrte, aus
dem Hofe.

                                       10


Acht Tage noch, dann sollten auch wir das Schlo verlassen. Unser Weg war
gemeinsam bis zu dem Stdtchen, in dessen Posthause wir auf der Reise nach
unserm frheren Wohnort Mittagsrast gehalten hatten. Dort teilte er sich. Der
Graf gedachte mit Anka nach dem Gute seiner Schwiegermutter zu fahren, der
Doktor mit mir nach einem kleinen Badeorte unweit von Wien, wo mein Vormund mit
seiner Familie vor den Kriegsereignissen Zuflucht gesucht hatte.
    Acht Tage noch! - Eine lange und - eine kurze Zeit. Lang, weil ich sie in
Erwartung eines schrecklichen Augenblicks zubrachte, kurz, weil mir schien, da
es die letzte sei, die ich zu leben habe, und als knne nach ihr nur der Tod
noch kommen.
    Anka bemhte sich, mir den Abschied leicht zu machen. Sie verbarg ihre
Freude darber nicht, da sie eine Zeitlang ohne Gouvernante sein sollte. Sie
brauchte keine. Francine blieb vorlufig allein bei ihr, Gromama liebte die
neuen Gesichter nicht.
    Am Abend nach der Abreise der Grfin, als Anka ihrem Vater gute Nacht sagte,
empfahl ich mich zugleich mit ihr. Sie kommen doch wieder? rief der Graf. Er war
unzufrieden, als ich es verneinte, und erwiderte kaum meinen Gru. Am nchsten
Vormittag erschien er bei unserer Unterrichtsstunde und hrte seiner Anka, die
ihm alle Reiche Deutschlands an den Fingern herzhlte und auf der Karte
nachwies, mit stiller Bewunderung zu. Sie nahm eine kluge Miene an und fragte
ihn: Weit du das auch? Er behauptete, gar nichts zu wissen als das, was sie ihn
soeben gelehrt hatte; da jubelte die Kleine und wiegte sich in der Wonne ihrer
befriedigten Eitelkeit. Sie lachte ihn aus und war dann wieder ein wenig
zrtlich mit ihm, um ihn zu trsten. Man mochte ihr gut sein oder nicht, man
mochte die Veranlassung zu ihrer Freude billigen oder nicht, das stand fest: sie
sprhte von Geist und Lebendigkeit, sie war herzig, sie war fast hbsch in
diesen Augenblicken. Und der Graf kte ihre mageren Hndchen - und sie
verstanden einander, und sie liebten einander und gehrten zusammen wie der
Schatten zum Licht. Er selbstlos und sie selbstschtig, er die anbetende
Unterwrfigkeit und sie die verkrperte Tyrannei. Wehe dem Dritten, der sich
htte eindrngen wollen in ihren festgefgten Bund. Wehe dem Billigen und
Gerechten, der gesucht htte, ihre schreienden Gegenstze auszugleichen, der dem
starren Geiz zugerufen htte: Gib auch du einmal! und dem berquellenden
Reichtum: Halte Ma!
    Ich sa neben ihnen und fhlte mich ihnen so fern, als schwebten sie durch
den Weltraum auf einem andern Gestirn. Ich blickte in das schne, offene Gesicht
des Vaters und dachte: Nie wirst du ein Weib lieben wie dieses Kind. Ich sah das
Kind an und dachte: Dir den Vater entwenden, hiee die einzige lebendige
Empfindung in deiner Seele ertten.
    Die Zeit verging. Der Abend des letzten Tages kam heran. Als ich mich mit
Anka entfernen wollte, ersuchte mich der Graf zu bleiben.
    Ich habe mit Ihnen zu sprechen, sagte er und gab dem Doktor ein
verabschiedendes Zeichen, das dieser bersah. Allein zu sprechen! fgte der Graf
streng und herrisch hinzu, und dem Alten blieb nichts brig, als sich, langsam
freilich und mit offenbarem Widerstreben, zurckzuziehen.
    Die berwachung, der er sich unterworfen sah, hatte den Grafen verstimmt;
wenigstens war der Ton durchaus nicht freundlich, in dem er zu mir sprach: Sie
sind meiner Schwiegermutter zu Dank verpflichtet, Frulein, sie bemht sich sehr
um Sie. Da hat sie Ihnen schon einen vortrefflichen Platz als Erzieherin
ausfindig gemacht, im Hause der Herzogin v.P., einer sterreicherin von Geburt,
aber an einen Franzosen verheiratet. Sie lebt in Paris ... Reflektieren Sie auf
einen solchen Platz, Frulein? Wnschen Sie auszuwandern?
    Ich antwortete, da ich dazu bereit sei, und er rief ungeduldig: Machen Sie
ein Ende. Wie lange soll denn die Komdie noch dauern?
    Komdie? wiederholte ich, und der Graf fuhr gereizt fort: Jawohl, Komdie!
Meine Schwiegermutter knnen Sie ber die Grnde tuschen, die Ihnen eine
Trennung von Anka wnschenswert machen, aber nicht mich. Ich kenne Sie besser,
kenne Sie so gut, da Sie wohltten, wahr gegen mich zu sein. Ich bitte also um
Aufrichtigkeit: Warum wollen Sie fort?
    Weil ich mir bewut bin, meiner Aufgabe nicht gerecht werden zu knnen.
    Es ist zum Lachen! rief er, erhob sich, trat an das Fenster, und nachdem er
eine Weile dort gestanden und in die Nacht hinausgeblickt hatte, kam er zurck,
setzte sich mir gegenber und begann ruhig und ernst: Ich begreife, da Sie sich
dagegen struben, einige Zeit in der Nhe meiner Schwiegermutter zuzubringen.
Die Grfin ist Ihnen nicht angenehm, kann es nicht sein. Auch sind Sie der
Gefahr ausgesetzt, Stephan bei ihr zu begegnen. Sie tun klug, ein Haus zu
meiden, von dem man ihn nicht fernhalten kann. Ich sehe das ein, ich freue mich
dessen sogar, ja - da ich es nur gestehe! - ich htte Sie selbst gebeten, fr
die Dauer meiner Abwesenheit Urlaub zu nehmen, wenn Sie mir nicht zuvorgekommen
wren.
    Ich nahm alle meine Selbstberwindung und Kraft zusammen, um dem Grafen
jetzt zu sagen, da ich nicht um einen Urlaub, sondern um eine Entlassung
ersucht habe.
    Die bekommen Sie nicht!... Ich habe eine wahre Freude gehabt, als ich
erfuhr, da Sie meine Schwiegermutter nicht begleiten wollen, aber Sie verstehen
es, mir diese Freude zu vergllen. Sie sind edel und charaktervoll, ich ehre
Sie, man mu jedoch nichts bertreiben, nicht einmal die Tugend. Was ist das fr
ein Opfermut und fr eine Lust, sich selbst und andere zu qulen, wenn Sie, nur
damit ich Ihren Fluchtversuch nicht vereitle, Ihren Wert in meinen Augen
verringern?
    Das war nicht meine Absicht, entgegnete ich.
    Dann hatten Sie unrecht, einen Vorwand zu ersinnen, der diese Folge haben
und der mich nebenbei tief verletzen mute.
    Ich gab keine Antwort. Ich kmpfte mit meinen Trnen, aber wacker; denn mir
blieb der Sieg!
    Kein Verstndnis fr Anka? nahm der Graf wieder das Wort. Keine Neigung fr
Anka? Sie haben soviel fr das Kind getan und behaupten, da Sie es nicht
lieben?
    Fragen Sie doch, Herr Graf, ob das Kind mich liebt, sprach ich, mir mit
unsagbarer Mhe soviel Atem abringend, als ich brauchte, um meine Stimme
vernehmbar zu machen. Ich whlte den mildesten Ausdruck, den ich fand: Wir sind
einander gleichgltig. Sie wollen Wahrhaftigkeit von mir - ich gebe sie ...
    Helene! rief der Graf.
    Zum erstenmal nannte er mich Helene ... und so genannt, mit diesem Ausdruck,
mit dieser Leidenschaft, dieser Liebe - klang mein eigener Name mir fremd.
    Helene, ich bat Sie um Wahrhaftigkeit, jetzt mchte ich Sie beinah um eine
barmherzige Lge bitten. Indessen - nein! besser hoffnungslos als getuscht. Der
geirrt hat - leide!... Ich habe geirrt, als ich glaubte, in Ihnen die einzige
gefunden zu haben, die meinem armen verwaisten Kinde die Mutter ersetzen knnte!
    Damit wandte er sich und verlie nach kurzem Grue das Zimmer.
    Am frhen Morgen brachen wir auf, die beiden Herren im ersten Wagen,
Francine, Anka und ich im zweiten. Anka war wieder von ihrem Reisetaumel erfat.
Bis an ihr Ende soll ihr die Lust am Reisen geblieben sein, die so viele
Menschen haben, in deren Seele nichts vorgeht. Unbewut fhlen sie sich
getrieben, den Mangel an innerer Bewegung durch uere zu ersetzen.
    Bei den Haltestationen kam der Graf zu uns, schritt auch wohl, wenn es
langsam bergan ging, neben unserm Wagen, sprach mit Anka und bedauerte Francine,
die an einer heftigen Migrne litt. An mich richtete er nicht ein einziges Mal
das Wort.
    Am letzten Tage vor einem Abschied fr das Leben demtigte er mich
vorstzlich durch die Hartnckigkeit, mit der er mich bersah.
    Und Anka wurde immer toller. - Du bist ja sehr lustig, sagte er zu ihr. -
Ja, sehr lustig und froh. - Worber denn? Sie warf einen vielsagenden Blick auf
mich, beugte sich aus dem Wagen, drckte den Mund an das Ohr ihres Vaters und
flsterte ihm etwas zu; dann warf sie sich zurck, um den Eindruck zu
beobachten, den ihre Worte gemacht hatten.
    Es war ein tiefer und peinlicher. Der Graf wurde feuerrot, seine Lippen
zuckten. Anka! sagte er in drohendem Tone und verlie uns.
    Wir sahen ihn erst im Speisezimmer des Posthauses wieder, vor dem wir mit
einbrechender Nacht anlangten. Das Abendessen erwartete uns. Francine nahm daran
nicht teil; sie hatte sich, aus dem Wagen steigend, sogleich ein Zimmer anweisen
lassen, nachdem sie einen raschen Abschied von mir genommen. Beim Souper wurde
wenig gesprochen und noch weniger gegessen. Wre Anka nicht gewesen, man htte
die Speisen unberhrt abgetragen.
    Pltzlich erhob sich der Graf: Geh schlafen, Anka! Frulein, ich sage Ihnen
Lebewohl. Sie reisen frher als wir, Sie haben einen weiteren Weg, ich sehe Sie
morgen nicht mehr, sprach er rauh und bestimmt; seine Worte klangen wie eine
Kriegserklrung. Ich danke Ihnen im Namen Ankas fr die Sorgfalt, die Sie ihr
angedeihen lieen. Ihr Verdienst ist um so grer, als alles, was Sie taten, fr
Menschen geschah, die Ihre Freundschaft nicht zu gewinnen vermochten.
    Er verneigte sich, und ich wollte sprechen, wollte stark bleiben bis ans
Ende. Aber der Abschied zerri mir das Herz. Ich war erschpft von den Qualen
dieses Tages, ich vermochte nicht lnger die Trnen zu unterdrcken, die mich
erstickten ...
    Sie weinen? rief der Graf voll Bestrzung und gleich darauf mit seltsamer
Freudigkeit: Nun, Gott sei Dank, da Sie doch weinen knnen!
    Der Doktor nherte sich mir und wollte meinen Arm ergreifen. Sie bleibt!
befahl der Graf. Fhren Sie Anka indessen auf ihr Zimmer. Geht!
    Der Alte und das Kind gehorchten nach einigem Zgern, und wir waren allein.
    Finster und schweigend stand der Graf eine Weile vor mir, dann begann er mit
erregter Stimme: Ich bitte Sie, Frulein, zeigen Sie sich einmal, wie Sie sind!
Wrdigen Sie mich eines Einblicks in Ihre Seele. Seien Sie ehrlich gegen mich.
Sie waren es bisher nicht. Sich schlimmer machen, als man ist, sich hart und
gefhllos zeigen - gleichviel aus welchem edelmtigen Grunde -, ist das ehrlich?
    Eine groe Verwirrung und Angst erfate mich. Was verlangte er?...
    Ehrlich sein ihm gegenber, das hie mein schmerzlich bewahrtes Geheimnis
verraten und meinen Stolz aufgeben, der allein mir geholfen hatte, die schwerste
Prfung zu bestehen, die einem jungen Menschenherzen auferlegt werden kann: den
stillen Kampf mit seiner ersten Liebe.
    Er schien zu erraten, was in mir vorging; pltzlich erhellte sich sein
Gesicht, er machte einen raschen Schritt auf mich zu - unwillkrlich trat ich
zurck.
    Was frchten Sie? fragte er. Sie stehen unter meinem Schutz - vertrauen Sie
mir, Helene ... Wenn ich Ihnen wert bin, so fassen Sie den Mut ... was sag ich -
den Entschlu, es auszusprechen. Er faltete die Hnde. Lassen Sie sich bewegen,
lassen Sie sich herab, es auszusprechen: Sind Sie mir gut? Wollen Sie mein Weib
werden - mit einem Worte: Lieben Sie mich?
    Bangende Hoffnung, bittende Erwartung sprachen aus seiner Stimme - und ohne
mich lnger zu besinnen, ohne zu denken, was ich tat, gab ich in einem
Augenblick die Frucht meines langen Kampfes preis und antwortete: Ja! Da fate
er mich in seine Arme. Endlich! jauchzte er. Trin, Selbstqulerin!
    Er legte seine Hand auf meinen Scheitel und blickte mir lange schweigend in
die Augen.
    Und ich, Helene, habe fr Sie die tiefste und innigste Liebe. Der Quell
dieser Liebe - ich will Sie nicht tuschen - war Dankbarkeit fr die Sorgfalt,
mit der Sie Anka umgaben. Und Anka mu auch in Zukunft das Erste und Letzte fr
uns sein. Er unterbrach sich, ein Schatten flog ber seine Stirn. - Meine Liebe
zu Ihnen, die - ich fhle es - wachsen wird von Tag zu Tag, darf den Rechten
Ankas keinen Eintrag tun. Anka darf nicht verarmen, weil ich reicher geworden
bin, reicher, als ich glaubte jemals wieder werden zu knnen. Ich hatte auf
alles Glck verzichtet, und nun erblht es mir von neuem. Ich blickte in die
Zukunft wie in trbes, einfrmiges Dunkel, und nun steht sie in lichter
Schnheit vor mir.
    Er begann diese Zukunft auszumalen. Nicht alles war sonnig darin. Wir werden
uns vereinsamen oder kmpfen mssen um unser Glck, sagte er. Vershnung mit
unserm Bunde ist von den Meinen nicht zu hoffen - ich ertrage ihren Tadel, ich
wei, was ich gewinne und was ich verliere, ich kenne die Welt und habe ihre
Freuden genossen und deren Wert gewogen. Aber du -
    Er wollte mich nicht betrgen, er sprach offen mit mir, er schilderte mir
getreulich alle Bitternisse, die mir bevorstanden. Ich gedachte der Gromutter
Ankas, und wie ihr niedriger Verdacht gegen mich nun gerechtfertigt sei in ihren
Augen und in denen der vielen, die durch diese Augen sahen. Sie war ja die
grte Egoistin und darum die Herrin in der Familie. Frei von diesem
tyrannischen Einflu fhlte sich nicht einmal der Mann, der um mich warb, den
Vorurteilen seines Standes zum Trotz.
    Ist dir bange? fragte er. Du wirst manches erleiden, gegen das ich dich
nicht zu schtzen vermag; es ist ja nicht zu greifen, nicht zu erweisen, es hat
keinen Namen und verwundet doch bis in die innerste Seele. Willst du es um mich
erleiden?
    Erleiden!... O Gott, alles um ihn - und mit himmlischer Wonne!
    Die Greisin erhob das Haupt, ihr Gesicht erschien mit einem Mal verjngt und
verklrt.
    Noch sehe ich das Leuchten seiner Augen, ich fhle seinen reinen glhenden
Ku noch auf meinen Lippen. Ich habe lange Jahre in einer zufriedenen Ehe
gelebt, ich habe Kinder geboren und Freude an ihnen gehabt - jenen einzigen
Augenblick hat nie ein andrer berboten, kein dauerndes Glck hat die Erinnerung
an dieses flchtige verlscht ...
    Und du wolltest uns verlassen? Das Kind und mich? Und mit welchem Miklang,
begann er pltzlich, mit welcher Tuschung, mit welcher Verleumdung deiner
selbst!... Du konntest sagen, da du mein Kind nicht liebst?!
    Er hielt inne - er sah mich zagend und staunend an. Ich hatte mich
erbleichen gefhlt, die Arme waren mir gesunken, und wie ein Hauch des Todes
berlief es mich.
    Helene, fuhr er fort, es war eine Ausflucht, ich bin davon berzeugt, ich
schwre dir: ich zweifle nicht - aber schwr auch du, da ich nicht zu zweifeln
brauche! Es ist nur eine Laune, eine Grille - aber aus Liebe zu mir, aus
Erbarmen gib ihr nach!
    Nun - - ich konnte nicht. Ich konnte nur weinen und flehen: Erla es mir!
    Er fuhr heftig auf: Die Stunde trennt uns oder vereinigt uns fr immer ...
Die mein Kind nicht liebt, liebt mich nicht ... Helene, so war es keine Lge?...
Nun, dann war alles, was mich rhrte, was Ihnen meinen Dank gewann, Heuchelei!
Lieblosigkeit im Gewande der Liebe, dem kalten Herzen mhsam abgerungene
Pflichterfllung?... Sagen Sie mir, wie kann man bei Ihnen unterscheiden
zwischen Liebe und ihrem Gegenteil - der Pflicht?... Sie sind furchtbar ... Der
Mann, der am Altar Ihren Schwur empfngt, wird sich ewig fragen mssen: Folgt
sie dem eigenen Herzenszug, oder hlt sie nur gewissenhaft ein gegebenes Wort?
    Was jetzt folgte, was er sprach, was ich erwiderte - nicht einmal in
Gedanken vermag ich dabei zu verweilen.
    Meine schwer erkmpfte Ruhe, Selbstberwindung und Selbstverleugnung - zu
meinem Unheil hatte ich sie ausgebt. Was ich fr das Beste an mir gehalten,
erhob sich gegen mich und klagte mich an. Wie htte ich mich gegen diese Zeugen
verteidigen sollen?
    Er sah, was ich litt, und in der letzten Sekunde noch hatte er eine Regung
des Mitleids. Wir trennen uns, aber wir gehen nicht aus der Welt. Prfen Sie
sich ... Wenn Ihre Gesinnungen sich ndern sollten, wenn Ihnen die Abneigung
gegen Anka vielleicht doch in einiger Zeit nicht mehr so unbesiegbar scheinen
sollte wie jetzt, wenn Sie noch einen Versuch wagen wollten - dann geben Sie mir
ein Zeichen! Ich werde es begren wie einen Boten des Lichts. Helene! werden
Sie mir das Zeichen geben knnen? Glauben Sie es? Darf ich darauf hoffen?
    Noch einmal zog er mich an seine Brust, aber ich empfand nur Qual,
Beschmung und Reue. Wie ein Raub erschien mir jedes Wort der Zrtlichkeit, das
er an mich verlor, und Schrecken flte die strmische Heftigkeit mir ein, mit
der er mich pltzlich umfate.
    Angstvoll entzog ich mich seiner Umarmung ... Auf seine letzte Frage hat er
keine Antwort erhalten - mein letzter Blick hat den seinen vergeblich gesucht.
Stumm, unbeweglich stand er da und starrte mit dsterer Entschlossenheit vor
sich nieder.
    Auf halbem Wege nach meinem Zimmer kam mir der Doktor entgegen. Es bleibt
doch dabei? Wir reisen? sprach er hastig. Sie haben Abschied genommen fr immer?
Nun, Gott sei Dank! Ein Freund sagt Ihnen das, ein Vater!
    Er geleitete mich durch sein eigenes Gemach, das von dem Anka und mir
bestimmten nur durch ein leerstehendes getrennt war. Einen andern Eingang schien
unsere Stube nicht zu haben. Auf der Schwelle blieb der Alte stehen, empfahl
uns, sogleich zur Ruhe zu gehen, und schlo die Tr.
    Anka war noch hellmunter und spielte Fangball mit ihrem Clovek. Als ich
eintrat, nherte sie sich mir, betrachtete mich von unten hinauf, das
Gesichtchen gesenkt, die Augen erhoben.
    Sie haben geweint, Frulein? fragte sie, und wie innerlich abgestoen, zog
sie sich vor mir zurck und begann von einer Ecke in die andre zu hpfen. Auf
einmal blieb sie in der Nhe des geffneten Fensters stehen und rief ganz
erschreckt: Hren Sie, Frulein, hren Sie! - Es wohnt jemand neben uns.
    Was liegt daran, Anka?
    Ich hre jemand auf und ab gehen.
    So mag er doch.
    Wenn er aber hereinkme?
    Wie denn? - Durch die Wand?
    Da herein! Da ist eine Tr ... Sehen Sie den Schlssel?
    Sie hatte recht. Am Ende des Zimmers, in der dunkeln Ecke, welche die Wand
gegen das Fenster bildete, befand sich eine Tapetentr. Anka glitt auf den
Fuspitzen an sie heran, legte das Ohr an den Spalt und schrie laut auf: Es ist
Papa! Der neben uns wohnt, ist Papa! und bevor ich's verhindern konnte, hatte
sie die Tr geffnet und war in das Nebenzimmer eingedrungen.
    Ich hrte den Ausruf der berraschung, mit dem der Graf sie empfing. Sie
wechselten einige Reden, die Kleine erschien wieder, ich schlo hinter ihr die
Tr und legte den Schlssel auf den Tisch.
    Anka lie sich auskleiden. Sie half dabei, so gut sie konnte, wich meiner
Berhrung soviel als mglich aus, vermied, mich anzusehen, und kniete endlich
unaufgefordert in ihrem Bett zum Abendgebet nieder. Dann legte sie sich hin,
drckte den Kopf in das Kissen und sagte vergngt: Wenn ich morgen erwache, sind
Sie nicht mehr da.
    Wird Sie das sehr freuen, Anka?
    Sie lachte ein wenig verlegen. Warum fragen Sie? - Sie wissen schon, Sie
wissen recht gut.
    Jawohl, ich wute!... Was ich von ihr zu erwarten hatte, wute ich.
    Eine Weile verging, das Kind schlief. Ich sa an seinem Bett und sann - und
sann - und in mir nagte der Schmerz!... Was ich empfand, war einzig darum nicht
Verzweiflung, weil ich noch nicht wute, wieviel man berlebt, und mich wie
jedes junge Geschpf, das unter einem schweren Schicksalsschlag zusammenbricht,
tdlich getroffen whnte.
    Ich sah mich als eine Sterbende an, und als solche gab ich mir Rechenschaft
von den verhlltesten Vorgngen in meiner Seele. Im Begriff zu scheiden,
brauchte ich vor der vollen Erkenntnis meiner Liebe nicht mehr zu zagen, durfte
sie gelten lassen in ihrer Unermelichkeit. Hatte sie nicht, bewut und
unbewut, all mein Denken und Empfinden gelenkt? Nicht mit eiferschtiger Qual
jede uerung der Zrtlichkeit des Vaters gegen sein Kind bewacht? Hatte sie ihn
nicht beherrschen wollen, wie sie mich beherrschte? Im stolzen Gefhl ihrer
Echtheit und Gre sich an die Stelle von allem setzen wollen, was ihm bisher
teuer gewesen?... Und war das nicht ihr heiliges Recht? War sie nicht ohne
Falsch und bot ihm echte Treue und wirklichen Wert fr eingebildeten? Aber sie
gab nicht nur, sie forderte auch. Forderte gebieterisch, was der geliebte Mann
nicht mehr geben durfte: ein ganzes Herz.
    Prfen Sie sich! hatte er zu mir gesagt. Es war geschehen und der letzte
Zweifel getilgt, die letzte Hoffnung erloschen. Ich wollte nichts mehr als
hingehen und sterben und ihn dem Kinde lassen - ich dachte nicht mehr: er wird
enttuscht werden. An Gttern kann man zweifeln, aber an Gtzen nicht. Die
schafft man und schmckt man tglich neu, die liebt man wie der Knstler sein
Werk; sie bleiben gut und schn, solange das Auge offen ist, das in ihnen das
Gute und Schne sieht.
    Anka bewegte sich, murmelte einige Worte; ich blickte in ihr kleines,
unerbittliches Gesicht ... herausfordernd schien der halbgeffnete Mund noch im
Schlafe zu sagen: Was fragen Sie? Sie wissen schon.
    Eine Regung des Hasses zuckte in mir auf. Ich erhob, ich wandte mich und
trat an das geffnete Fenster.
    Es war eine gewitterschwle Julinacht. ber dem Stdtchen lag Dunkel und
Stille, eine bleierne Schwere in der Luft. Kein Licht schimmerte auf Erden und
kein Stern am Himmel. Ich beugte mich hinaus, nach Erquickung lechzend ...
    Da pochte es ... leise pochte es an der Tr, und eine bange, gedmpfte,
sehnschtige Stimme flsterte: Helene ... Helene ... Hren Sie mich!
    Und es lag ein Ton in dieser Stimme, der an jenen mahnte, vor dem ich einmal
schon zurckgebebt ... Ich hielt den Atem an, umklammerte das Fensterkreuz mit
aller Gewalt meiner Arme ... Da stehst du und regst dich nicht! Schweige, Herz -
schweig oder brich ... Herrgott im Himmel, beschtze mich, beschtze mich vor
mir selbst. So betete ich, und dennoch - unwillkrlich, unwiderstehlich streckte
meine Hand sich aus, und ich hielt den Schlssel in meiner Hand - eine Bewegung
nur noch, und alles war vorbei, und das Flehen dessen war erhrt, der immer
heier beschwor: Helene - ffnen Sie!
    Nein, nein! - Um seinetwillen nicht. Was du fr dich nicht knntest, tu's
fr ihn, erspare ihm Zwiespalt und Reue, rief es in mir, und ich schleuderte den
Versucher, den Schlssel, hinaus in die Nacht.
    Er flog, er klirrte und schlug im Auffallen einen kleinen Funken aus dem
Stein. Nun war's geschehen, und was ich nachher empfand - am besten ist es,
darber zu schweigen. Es gibt seltsame Dinge in der Menschenseele, die klarste
hat ihre dunklen Stunden ...
    Am Bett des Kindes sank ich zusammen und vergrub mein Gesicht in die Decken
und wnschte taub zu sein oder bewutlos oder am liebsten tot! Beim ersten
Morgengrauen verlie ich das Haus, begleitet von meinem alten Freunde.
    Und der Graf machte keinen Versuch, Sie zurckzuhalten, Sie wenigstens noch
einmal zu sprechen?
    Keinen, Gott sei Dank!
    Und Sie haben ihn nie wiedergesehen?
    Nie wiedergesehen, aber noch oft durch die Herzogin von ihm gehrt. Er hat
sich nicht wieder verheiratet und seine Tochter auch dann nicht verlassen, als
sie einen eigenen Hausstand gegrndet hatte. Laut wurde es auf seinen Schlssern
nur noch, wenn sie mit ihrem Gefolge dort verweilte. Manche haben gefunden, sie
sei gegen ihn nicht rcksichtsvoll genug gewesen, indessen - die beiden gehrten
wahrlich zueinander. Anka war in ihren Gemahl verliebt, hat ihn aber um viele
Jahre berlebt. Ihrem Vater ist sie bald nachgestorben. Sie war erst im
vierzigsten Jahre, schlo die alte Frau und lehnte sich erschpft zurck; ihr
durchgeistigter Blick schien in weite Ferne zu schauen.
    Ich war ergriffen von dem Ausdruck stiller Hoheit in ihren edlen Zgen,
stand auf und nahm ihre Hand. Da fhlte ich sie leise in der meinen zittern.
