
                          Ebner-Eschenbach, Marie von

                             Lotti, die Uhrmacherin

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                           Marie von Ebner-Eschenbach

                             Lotti, die Uhrmacherin

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Frulein Lotti war soeben erwacht. Die Repetieruhr, die an einem zart
geschweiften Schnrkel am rechten Kopfende des altertmlichen, reich
geschnitzten Bettes hing, schlug mit zartem Klange sechsmal an. Gleich darauf
begann die deutsche Stockuhr, eine solide Arbeit Meister Anton Schreibelmeyers,
von der Kommode am Pfeiler aus, die Morgenstunde zu verknden. - Auf! auf!
befahl ihre gebieterische Stimme, an die Arbeit! der Tag beginnt! - Ihre Glocken
hatten kaum ausgezittert, als auch schon die franzsische Wanduhr, in aller
Bescheidenheit, eilig und leise zu melden begann: Sechs! sechs! gehorsamst zeig
ich's an.
    Eine kleine Pause - und am linken Kopfende des Bettes erhob das Seitenstck
der Repetier-, eine Spieluhr, ihre Silberstimme und gab ein Schferliedchen zum
besten, so lieblich, als htten kleine Engel es gesungen.
    Mit unendlichem Wohlgefallen lauschte das Frulein dem Konzerte, das ihre
Uhren abhielten, und htte in den Schlugesang beinahe mit eingestimmt, so
frhlich war ihr zumute. An dem Lichte, das durch die herabgelassenen Vorhnge
in das Zimmer drang, erkannte sie, da es heute einen schnen Tag gebe - war das
nicht genug, um den reichen Quell von Heiterkeit in ihrer Seele zum berstrmen
zu bringen?
    Sie stand auf und kleidete sich an; sehr sorgfltig zwar, aber ohne dabei
mehr, als durchaus ntig war, in den Spiegel zu sehen, denn - sie war sich kein
angenehmer Anblick. Die Zeit, in welcher sie ihren Mangel an Schnheit gar
schmerzlich und fast wie eine Schmach empfunden, war freilich vorbei. Jetzt, mit
fnfunddreiig Jahren als ehrenfeste alte Jungfer, hatte sie lngst aufgehrt,
ihr ueres gehssig anzufeinden, aber so ganz erloschen war das letzte Fnkchen
Eitelkeit in ihrem Frauenherzen doch nicht, wenn es sich auch nur in dem
Gedanken aussprach: Es ist ein Glck, da ich anderen anders vorkomme als mir
selbst, sonst knnte mich niemand leiden.
    Nach beendeter Toilette begab sie sich aus dem Schlaf- in das Wohnzimmer. Es
war ein trauliches Gemach, dessen Fenster auf einen kleinen Platz sah - einen
sehr kleinen, denn er wurde von nur vier Husern gebildet; doch war er luftig
und hell und gewhrte den Anblick eines betrchtlichen Stckes Himmel, was gewi
kein geringer Vorzug war. Es will etwas heien, im Herzen der Zivilisation zu
wohnen, im Mittelpunkt der Hauptstadt, tausend Schritte vom Dome, den zu sehen
viele Leute tausend Meilen weit hergezogen kommen, und dabei von seinem Fenster
aus Wetterbeobachtungen fast wie Knauer und das Studium des Sternenlaufes fast
wie ein Chalder betreiben zu knnen, Wolken und Vgel ziehen und der Sonne und
dem Mond ins Gesicht zu sehen.
    Dieses Stck Himmel, obwohl - nur aus einem Fenster sichtbar, erhellte dem
Frulein die ganze im brigen ziemlich finstere Wohnung und lie ihr das
Erklimmen der drei Stockwerke, die zu derselben hinauffhrten, als eine hchst
anmutige Promenade erscheinen, weniger beschwerlich als eine Bergbesteigung, und
beinahe ebenso lohnend.
    Aber nicht nur der Himmel ber dem Platze, auch die Huser auf dem Platze
und die Menschen, die in ihnen wohnten, nahmen das Interesse Frulein Lottis in
Anspruch. Die Fenster des gegenberliegenden Hauses, das den Platz gegen Osten
in einem stumpfen Winkel abschnitt, glnzten schon im Sonnenschein. Bei den
reichen Leuten in der Beletage sind die Gardinen noch nicht aufgezogen; dort
schlft man in den Tag hinein, sieht den Himmel nie in seinem ersten, sanft
umflorten Blau, in seiner duftigsten Schnheit. Im dritten und vierten Stock
hingegen gibt's freien Eintritt fr Licht und Luft des goldenen Maimorgens.
    Auf den Mauervorsprngen der beiden Huser nebenan trippeln dicke graue
Tauben in groer Aufregung. Sie warten voll Ungeduld auf das Frhstck, das
ihnen Lotti auf das Fenstergesimse zu servieren pflegt. Kaum weniger gespannt
als sie, sehen noch andere Geschpfe dem anziehenden Schauspiel der
Taubenftterung entgegen. Es sind die nchsten Nachbarn des Fruleins, und sie
gehren zu ihren Bekannten, wenn auch nicht zu ihrem Kreise. Der Nachbar zur
Linken erhlt ihren ersten Gru, dann kommen die Nachbarn zur Rechten. Jener,
ein gebrechliches Mnnchen, engbrstig und kahl, das Urbild eines alten
Damenschneiderleins, diese, drei frische Jungen, mit runden, dank der frhen
Morgenstunde sauber gewaschenen Gesichtern. Prchtige Bursche, noch zu jung fr
die Schule und doch beinahe schon der weiblichen Zucht entwachsen; mit Worten
wenigstens richtet die Mutter nichts mehr bei ihnen aus, obwohl sie dieselben
nicht spart, die brave Frau. Der Mann und Vater hat seine Werksttte nebenan in
den Hof hinaus und plagt sich an der Drehbank vom Morgen bis zum Abend. Er ist
Pfeifenschneider, aber im Rohre scheint er nicht zu sitzen und berflu hat er
nur an Kindersegen. Die drei Erstgeborenen haben angefangen, sich um den besten
Platz am Fenster zu balgen, die Mutter tritt unter sie, ein zweijhriges Mdchen
auf dem Arme, zieht den Pantoffel vom Fue und schlgt wacker auf die Buben los.
Der Pantoffel fllt, gleich der Hand des Schicksals, ohne Unterschied auf das
Haupt des Gerechten wie des Ungerechten, und bald herrschen Ruhe und Frieden.
Die neuen Horatier liegen still nebeneinander im Fenster und beobachten die
grauen Tauben, mit innigstem Verstndnis fr ihre Rauflust und ihren guten
Appetit.
    Die Aufmerksamkeit des Schneiderleins hingegen ist auf das Frulein
gerichtet. Das braune Mohairkleid, das seine Gnnerin heute zum erstenmal
angetan hat, ist seiner Hnde selbsteigenes Werk. Der Schnitt hat sich seit
wenigstens zehn Jahren als vortrefflich bewhrt, und genht und ausgefertigt ist
das Kleidungsstck mit einer Sorgfalt, die ihresgleichen sucht. Alles solid und
geschmackvoll. Der Rock so faltenreich, die Taille weder zu lang noch zu kurz,
sondern gerade dort angebracht, wo der liebe Gott sie hingesetzt hat. Sie wird
von einem breiten Grtelband umgeben, aus reiner Seide, fein, weich und
dauerhaft. Aus demselben Stoffe bestehen auch die Biais, die den Kragen und die
enganliegenden rmel schmcken. Von den letzteren heben sich die glatten
Manschetten, welche das Frulein zu tragen pflegt, gar schn ab, und diese
bilden die schneeweie Einfassung der zarten schlanken Hnde. Ach, diese Hnde!
das Schneiderlein vermag sie niemals ohne innere Rhrung zu betrachten. Sie
waren das erste, was er erblickte in jenem unvergelichen Momente, in dem er die
Augen aufschlug, die er fr immer geschlossen zu haben meinte, freiwillig
geschlossen, nach schwerem, entsetzlichem Kampfe. Der Alte besinnt sich nur noch
wie eines bsen Traums des hoffnungslosen Elends, das ihn zu einer Tat der
Verzweiflung getrieben; er hat die Ursache fast vergessen und begreift ihre
Wirkung nicht mehr. Ich mu wahnsinnig gewesen sein! sagt er jetzt, wenn er
der Stunde gedenkt, in welcher er sein kleines Tchterchen zu sich gerufen, Tr
und Fenster desselben Zimmers, das er heute noch bewohnt, verriegelt und das
Kohlenbecken entzndet hat.
    Damals hatte der Zufall Frulein Lotti zur Retterin des armen
Schneidermeisters gemacht, ihre Gte machte sie zu seiner Beschtzerin. Nachdem
er unter ihrer Pflege gesund und wieder erwerbsfhig geworden, sammelte sie
allmhlich fr ihn einen kleinen Kundenkreis. Der Schneider befand sich jetzt in
guten Verhltnissen, war sogar imstande, einen Sparpfennig zurckzulegen. Er
htte das ruhigste Leben gehabt, wenn nur die revolutionren Ideen seiner
Tochter nicht gewesen wren. Aber die Leopoldine, ein ehrgeiziges junges Ding,
ein Feuerkopf, hatte an den Arbeiten des Vaters immer etwas auszusetzen und
schwrmte, zu seinem Grauen und Entsetzen, fr die unsinnigsten, lcherlichsten,
abscheulichsten Moden, nmlich fr die neuesten.
    Soeben haben sie wieder einen scharfen Streit gehabt und sitzen jetzt
einander gegenber im Fenster und nhen an einer schwarzen Seidenmantille mit
einem Eifer, den ihr nicht ganz ausgebrauster Zorn beflgelt. Die Mantille
braucht erst morgen fertigzuwerden, wird es aber gewi heute noch, wenn die
Furie anhlt, mit der Vater und Tochter die Nadel fhren.
    Inzwischen hat sich das Dachfenster ber der Schneiderwerksttte geffnet;
eine Frau und eine Katze sind an demselben erschienen, beide wohlgenhrt und
weihaarig. Die Katze schleicht zur Morgenpromenade auf das Dach hinaus, bleibt
fters stehen und wirft begehrliche Raubtierblicke nach den Tauben, die von
Frulein Lotti gefttert werden. - Wer eine von euch erwischen knnte! denkt
sie. Saubere Weltordnung, in der wir leben! - Gb's eine Gerechtigkeit - ich
htte Flgel!
    Frau Katze schttelt den Kopf, schliet die Augen, leckt die fadendnnen
Lippen und ghnt wie ein Tiger.
    Ihre Gebieterin hakt den Fensterflgel ein, damit die Spaziergngerin bequem
eintreten knne, wenn es ihr genehm sein wrde heimzukehren. Die Rckkunft ihres
Lieblings kann die Bewohnerin der Dachstube nicht abwarten, sie mu an ihren
Posten, in den kleinen Laden im Durchhause nebenan, wo sie im Winter
altgebackenes Brot, im Sommer auch Obst feilbietet und zu allen Jahreszeiten
Nschereien, die ihre Katze verschmhen wrde, die aber an den Schulkindern
beharrliche Abnehmer finden.
    Frulein Lotti sandte bereits viele Gre zu der dicken Frau empor, die so
freundlich aussah wie des Teufels Gromutter und sich's lange berlegte, bevor
sie mit einem kaum merkbaren Nicken dankte. Aber auch damit ist Lotti zufrieden.
An Zuvorkommenheit von Seite der Frau Brotsitzerin wurde sie nie gewhnt und hat
auch kein besonderes Herzensbedrfnis danach. Sie wnscht nur, konservativ wie
sie einmal ist, da alles beim alten bleibe und da sie sich tglich sagen
knne, was die Potentaten jhrlich einmal in ihren Thronreden sagen: Unsere
Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind die freundschaftlichsten.

                                       2


Lotti schlo ihren unersttlichen Tauben das Fenster vor den Schnbeln zu und
zog sich in das Zimmer zurck. Auf einem Tischchen, in der Nhe des Kamins,
hatte Agnes, die goldene Sule des kleinen Haushalts, schon alle Vorbereitungen
zum Tee getroffen. Lotti begann nun, ihn zu bereiten. Dabei musterte sie ab und
zu ihr Stbchen mit wohlgeflligen Blicken.
    Je lnger sie es bewohnte, desto gemtlicher erschien es ihr, desto mehr
mute sie selbst die geschickte Bentzung des Raumes bewundern, die es mglich
gemacht, so viele Tische, Schrnke und Schrnkchen in dem schmalen Zimmer
unterzubringen. Sehr frei bewegen konnte man sich darin freilich nicht, am
wenigsten dann, wenn zufllig mehrere Schranktren zu gleicher Zeit
offenstanden. Doch - was lag daran? Lotti empfing ja keine Gste, hatte auch fr
solche nicht vorgesorgt. Auer dem Fauteuil, den sie bei ihren Mahlzeiten
bentzte, war nur noch ein Sitzmbel vorhanden, ein altdeutscher, geschnitzter
Holzsessel, ein wahrer Ausbund von Schwerflligkeit. Er berragte, kaum
beweglicher als ein Berg, einen Arbeitstisch, auf dem mehrere zerlegte Uhrwerke
unter Glasglocken und alle erdenklichen Uhrmacherwerkzeuge lagen. Auf der linken
Seite des Fensters, in der dunklen Ecke, welche das Zimmer dort bildete, befand
sich ein groer, bis an die Decke reichender Schrank. Der glich einer gotischen
Kapelle, war aber ein Schreibtisch, sehr schn, sehr merkwrdig und sehr
unbequem - der Schreibtisch einer Person, die nicht schreibt. Um so zweckmiger
war der niedrigere Bcherschrank, der den grten Teil der Lngenwand, dem
Eingange zu Agnesens Zimmer gegenber, einnahm. Schlanke Sulen mit
korinthischen Kapitlchen verzierten die Glastren des Aufsatzes, hinter dessen
blanken Scheiben eine sehr gemischte Gesellschaft friedlich beisammen wohnte.
    Da standen Schillers Werke in einem Bande, im allerdings ziemlich
abgentzten Prunkgewand aus rotem Saffian, neben zwei kleinen dicken Bchlein in
schweinsledernen Schlafrckchen, den Mmoires du Marchal de Bassompierre.
Goethes Benvenuto Cellini hatte zwei ganz unhnliche Nachbarn, Dom Jacques
Martins Histoire des Gaules und ein ehrwrdiges Inkunabel: Unser lieben frawen
psalter, gedruckt zu Augspurg. Von Luca Zeisselmair. Am mitwoch nach Jakobi. In
d iar als man zelet 1495. Gibbons Geschichte des Verfalles des rmischen
Reiches blickte gndig auf den Herrn Quintus Fixlein herab, Krummachers Parabeln
lehnten sich mit naiver Zutraulichkeit an die Annalen des Tacitus. Lessings
Laokoon war durch ein Versehen mitten hineingeraten zwischen den Barometermacher
auf der Zauberinsel und die Familie von Halden; Prinz von Gotland, der Bramarbas
und Himmelstrmer, hielt sich ruhig neben dem weisen Pascal. Viele Klassiker der
Weltliteratur, alte und neue, fanden sich durch irgendein Hauptwerk vertreten;
vollstndig vorhanden jedoch waren alle Lehrbcher der Uhrmacherkunst. Ihre
lange majesttische Reihe wurde durch Hieronymus Cardani (1557) erffnet und
schlo mit M.L. Moinets Trait gnral d'Horlogerie.
    Kein einziges von allen diesen Bchern war seiner Eigentmerin ganz fremd,
mit manchen stand sie auf dem vertrautesten Fue, und gerade in diese vertiefte
sie sich mit dem grten Vergngen immer von neuem. Denn, meinte sie, ein
schnes Buch nicht wiederlesen, weil man es schon gelesen hat, das ist, als ob
man einen teuren Freund nicht wieder besuchen wrde, weil man ihn schon kennt.
    brigens - ein gutes Buch, einen guten Freund, die lernt man nicht aus. Ein
weises Buch ist ebenso unergrndlich wie ein groes Menschenherz.
    Viele dieser Werke besaen auer ihrem eigenen auch noch einen besonderen,
fr Lotti unschtzbaren Wert. Sie waren mit Randbemerkungen von der Hand eines
Mannes versehen, der ihr unter allen Lebenden am Hchsten gestanden - ihres
Vaters.
    Sie meinte ihn sprechen zu hren, wenn sie die kurzen zierlich geschriebenen
Stze, Frchte reiflicher berlegung und solider Fachkenntnis, berlas.
    Meister Johannes Feler hatte nicht zu den Leuten gehrt, die einen Gedanken
deshalb schon fr gut halten, weil er in ihrem Kopf entstanden ist. Das
Handwerk, das er ein halbes Jahrhundert hindurch getrieben, hatte ihn gelehrt,
dreiig vielleicht und ich glaube leichter auszusprechen als ein so ist's,
oder ein das steht fest.
    Ein gewissenhafter Uhrmacher, wie er gewesen, ein Mann, der so oft erfahren
hatte, da am Ende einer Reihe scheinbar richtiger Schlsse ein Irrtum lauern
kann, der htet sich wohl, leichtsinnig Behauptungen aufzustellen. Dafr haben
die seinen aber auch bei allen Leuten, die es verstehen, einen Ausspruch auf
dessen Feingehalt an Wahrheit zu prfen, ihr gehriges Gewicht.
    Aus den Randglossen des Meisters lie sich erkennen, wie ernst es ihm war
mit seinem Beruf und welche Liebe er fr denselben gehegt. Man sah es wohl, was
er auch gelesen hatte, wie sehr ein Buch seine Aufmerksamkeit gefesselt haben
mochte, seines Handwerks hatte er dabei nie vergessen. Niemals war ein
bemerkenswertes Ereignis in der Geschichte der Menschen zu seiner Kenntnis
gekommen, ohne da er gesucht htte, es mit einem ebensolchen in der Geschichte
der Uhren in Verbindung zu bringen. So befand sich zum Beispiel in einem
historischen Werke, an einer Stelle, wo die Rede war vom Tode Kaiser Rudolfs von
Habsburg, von Felers Hand die Anmerkung: In demselben Jahre erhielt die Kirche
von Canterbury eine Schlaguhr, fr welche dreiig Pfund Sterling bezahlt wurden.
Weiter, als der Goldenen Bulle Erwhnung geschah, hatte der Meister seinerseits
erwhnt: Gleichzeitig ehrte die Stadt Bologna sich selbst, indem sie die erste
ffentliche Uhr aufstellen lie. - Noch weiter: Eduard III. entsagt seinen
Ansprchen auf den franzsischen Thron - und - fgte Feler hinzu - erteilt
dreien Uhrmachern aus den Niederlanden Schutzbriefe, damit sie nach England
kommen knnen. Anno 1368. In demselben Geschichtswerke war der Beiname Knig
Karls V., der Weise, nachdrcklich unterstrichen und daneben stand: Mu, wie der
gleichnamige groe deutsche Kaiser, eine besondere Freude an den Werken der
Uhrmacherkunst gehabt, ja vielleicht selbst dabei Hand angelegt haben. Der
berhmte Meister Jouvence htte sich sonst schwerlich erlaubt, eine seiner Uhren
mit der Inschrift zu versehen:

Charles le Quint, Roi de France
Me fit par Jean Jouvence.

Der nmliche weise Knig lie auch (1364) Herrn Heinrich von Wick nach Paris
kommen, wo dieser eine Uhr fr den Turm des kniglichen Schlosses verfertigte.
Er erhielt Wohnung in demselben Turm und eine Besoldung von sechs Sous tglich.
-
    Noch andere Randglossen machten darauf aufmerksam, da Luther seine
Bibelbersetzung zu derselben Zeit geschrieben hat, zu welcher Peter Hele,
Andreas Heinlein und Caspar Werner in Nrnberg die ersten Taschenuhren zustande
brachten, da im Jahre des Unterganges der spanischen Armada Andreas Landek,
Schler Abraham Habrechts und Verfertiger der ersten Kirchenuhr in Nancy, zu
Wertheim in Franken geboren wurde; da Anno 1690 - glorreichen Andenkens fr
Deutschland wegen der Grndung der Universitt Halle, und fr Frankreich wegen
der Siege Luxemburgs, Catinats und Tourvilles - in Paris, wo bisher nur kleine
Taschenuhren beliebt gewesen, pltzlich sehr groe in die Mode kamen ... Und so
weiter! noch viele wichtige und hchst seltsame Zusammenstellungen, die jedem,
der ein Herz hat fr die Uhrmacherei, gar viel zu denken geben.
    Was ihm selbst dabei eingefallen, hatte Meister Johannes niemals verraten,
sehr oft aber sein Bedauern darber ausgesprochen, da er nur ein ungelehrter
Mann war und nicht imstande, eine ausfhrliche und genaue Geschichte der
Entwickelung der Uhrmacherkunst zu schreiben. Das beste Material, das es geben
kann - wenigstens zu einem Hauptzweig eines solchen Werkes -, besa er selbst.
Er hatte im Laufe seines langen Lebens eine Sammlung von Taschenuhren
zusammengebracht, wie sie vor ihm so vollstndig und lckenlos schwerlich ein
Privatmann (Herrn Asthon Levers ausgenommen, das versteht sich!) besessen haben
drfte. Lauter seltene und auserlesene Exemplare, jedes der Vertreter einer
eigenen Gattung, jedes wertvoll an und fr sich und doppelt wertvoll als Teil
des Ganzen, zu dem es gehrt. Wre diese Sammlung bekannt, sie wre gewi auch
berhmt geworden, sie htte die Bewunderung aller Kenner erwecken mssen. Aber
dem Meister Johannes war um Berhmtheit gar nicht zu tun, und was die
Bewunderung betrifft, die ihm eigentlich ganz recht gewesen wre - wer hrt
nicht gern loben, was er liebt? -, so hat sie doch meistens Neid und Verlangen
in ihrem Gefolge, die Feler um keinen Preis zu erwecken wnschte. Er freute
sich im stillen an seinem Schatze, was nicht heien soll, da er sich allein
daran freute. Es gab zwei Getreue, die keine anderen Interessen kannten als die
seinen, fr die sein Wort das Evangelium war, sein Beifall das Ziel aller
Wnsche, seine Zufriedenheit das hchste Lebensgut. Die beiden waren seine
Tochter Lotti und sein Ziehsohn Gottfried. Meine Gesellen nannte er sie in
ihrer Kindheit, und spter mit Stolz meine Gehilfen. Endlich schien ihm auch
diese Bezeichnung nicht mehr ehrenvoll genug, und er sprach sie niemals aus,
ohne sich dabei in Gedanken zu verbessern: Ich sollte eigentlich sagen: Meine
Berufsgenossen ... solche noch dazu, die im besten Zuge sind, mich zu
berflgeln.
    Da sie es doch mchten, und recht bald, und recht weit - sein liebster
Traum wre erfllt. Aber nicht allein dieser, jeder Traum von Erfolg und Glck,
den er fr seine Kinder im treuen Vaterherzen hegte, schien in Erfllung gehen
zu wollen. Ihr Lebensweg lag so glatt geebnet vor ihnen, sie waren so ganz
geschaffen, die Bahn, die das Schicksal ihnen vorgezeichnet, eines auf das
andere gesttzt, ohne Abirrung, ohne Wanken und Straucheln zu verfolgen. Sie
waren beide brav und talentvoll, hatten ein und dasselbe geistige Interesse und
dienten ihm mit dem gleichen Eifer. Niemals war ihre Einigkeit getrbt worden.
Von dem Augenblick an, in welchem Feler den kleinen Gottfried, den Sohn eines
in der Fremde verstorbenen Verwandten, in sein Haus aufgenommen, hatte sich
dieser, so jung er selbst war, zum Beschtzer des noch jngeren Mhmchens
aufgeworfen. Gottfried war vllig verwaist, Lotti hatte vor kurzer Zeit ihre
Mutter verloren.
    Die beiden Kinder wuchsen munter heran. Er wurde ein krftiger, ernster
Jngling von nachdenklichem, etwas zurckhaltendem Wesen, sie ein
hochaufgeschossenes, schlankes Mdchen, verstndig, sanft, und dabei immer
lustig und guter Dinge. Sie bewunderte und verehrte ihren Vetter und frchtete
seinen Tadel mehr noch als den ihres Vaters. Ihren ersten groen Schmerz erfuhr
sie, als Gottfried nach London geschickt wurde, um dort seine Lehrjahre
durchzumachen. Er selbst hatte die Stunde der Abreise kaum erwarten knnen, aber
als sie herankam, war sie so dster und leidvoll, wie sie aus der Ferne licht
und freudig geschienen. Lotti schluchzte bitterlich. Der frohe Mut, mit dem sie
bisher der Trennung von ihrem Jugendgespielen entgegengesehen, war pltzlich
verschwunden, sie wollte nicht mehr begreifen, warum er denn fort msse und wie
es sich ohne ihn leben lassen solle.
    Feler jedoch bestand auf seinem Sinn. Er umschlo seine beiden Kinder in
einer Umarmung, dann trennte er sie sanft:
    Leb wohl, Gottfried, sagte er, in drei Jahren bist du wieder bei uns.
Geh, lieber Sohn. Im Vaterlande eines Harrison - in seinen feuchten Augen
leuchtete es begeistert auf-, eines Mudge, eines Arnold mssen unsere knftigen
Meister leben. Wenn du heimkommst, werde ich von dir lernen.
    Allein dieses Wort sollte nicht zur Wahrheit werden. Als Gottfrieds Lehrzeit
um war und er nach Hause zurckkehrte, behauptete er, bei seinen neuen Meistern
nichts so gut gelernt zu haben, als seinen alten Meister und dessen Kunst zu
schtzen. So berhmt jene auch seien, so teuer ihre Arbeiten bezahlt werden,
Feler drfe sich mit dem Grten von ihnen messen. Eines nur verstnde auch der
Geringste unter allen besser, nmlich seine Geschicklichkeit geltend zu machen
und zu verwerten. Diesen Vorwurf wies Feler lchelnd zurck. Beehrten ihn die
vorzglichsten Uhrmacher nicht mit ihren Bestellungen? zgerten sie, ihren Namen
in eine Uhr schreiben zu lassen, die aus seinen Hnden kam?
    Aber Gottfried schttelte den Kopf und meinte, das sei es eben, was ihn
krnke. - Ihr Name auf deinem Werk! wo steht denn der deine? Wer kennt dich?
wer wei etwas von dir!... Was hast du von deinen unvergleichlich schnen und
genauen Arbeiten?
    Die Freude, sie zu machen! war die Antwort Felers, und das Herz schwoll
ihm vor Wonne ber die Anerkennung, die sein weitgereister Sohn ihm zollte.
    Die kleine Familie verlebte damals eine herrliche Zeit. Eine Zeit voll
beseligenden Friedens und erfolgreicher Ttigkeit. Feler war mit der Vollendung
eines Chronometers beschftigt, den er selbst fr sein bestes Werk hielt.
Gottfried lieferte dazu eine Kompensationsunruhe von so einziger und zarter
Ausfhrung, da Meister Johannes bei ihrem Anblick laut ausrief:
    Unbertrefflich! - Dieses Lob hatte er noch nie einer Leistung gespendet,
die aus seiner Werkstatt hervorgegangen war. Lotti hingegen gelang es, eine
hchst merkwrdige und komplizierte Taschenuhr aus dem 16. Jahrhundert in Gang
zu bringen. Es bedurfte dazu auerordentlicher Geschicklichkeit, unsglicher
Geduld - aber welche Freude, als sie belohnt wurden und das seltsame kleine Ding
seine abenteuerlich geformten Rder in Bewegung zu setzen begann. Feler und
Gottfried lachten, staunten, bewunderten; das Herz des jungen Mdchens pochte
vor Entzcken ... Ja, es war eine herrliche Zeit! - warum mute sie so rasch
vergehen? Warum muten ihr, die so erfllt war von stillem und harmlosem Glck,
Tage folgen voll Pein und Qual? Bse Tage, in denen die fleiigen Hnde Lottis
ruhten, aus ihrer Seele jedoch die Ruhe gewichen war. Tage, in denen alles, was
sonst ihr Leben erhellte, ihr gleichgltig geworden, und das Leben selbst - eine
Last.

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Diese schreckliche Zeit war nun lngst vorber; doch hielt Lotti die Erinnerung
an sie in ihrer Seele wach. Sie wollte nicht vergessen, da auch ihr ein
gehriges Ma an Leid und Enttuschung zugeteilt worden, sie wre sich sonst im
Vergleich mit anderen Menschenkindern ungerecht bevorzugt erschienen. Wie vielen
wird es denn so gut, mit ihr sagen zu knnen: Ich habe das Leben, das ich
brauche!
    Ihrer alten Beschftigung, zu der sie zurckgekehrt war, verdankte sie
tglich neue Freude, verdankte ihr Frieden, Frohsinn und Unabhngigkeit. Wre
ihr Vater nur noch dagewesen, um dies alles mit ihr zu genieen! Aber leider,
Meister Johannes ruhte schon seit geraumer Zeit in der khlen Erde.
    Er hatte keine Mhseligkeit des Alters kennengelernt; niemals hatten ihm
Auge und Hand bei Ausfhrung der Gedanken seines erfinderischen Kopfes ihre
Dienste versagt. Wohl waren seine Haare wei geworden, hatten seine Wangen sich
entfrbt, aber aus seinen klaren Zgen leuchtete der Glanz einer unverwelklichen
Jugend. Die Jugend des mit Bewutsein Werdenden. Unermdlich strebend und
lernend, hatte er sich nicht Zeit genommen, recht zu berlegen, wieviel er schon
erstrebt und erlernt - da pltzlich, ohne auch nur einen seiner Vorboten
geschickt zu haben, trat der Tod an ihn heran.
    Und jetzt, im Angesicht der ewigen Trennung, fiel dem Meister der Gedanke
schwer aufs Herz, da er seine Tochter fast mittellos in der Welt zurcklassen
msse. Er htte ihr so leicht eine behagliche Wohlhabenheit sichern knnen! -
Vor einem Jahre noch fand sich die beste Gelegenheit dazu, da bot ein reicher
Kenner, der sich in die Uhrensammlung Felers vernarrt hatte, eine Summe dafr,
eine lcherlich hohe Summe, wahrhaftig ein Vermgen. Allein Johannes hatte nicht
einmal geschwankt, war ruhig dabei geblieben: Die Uhren sind mir nicht feil.
    ber diesen Leichtsinn, diese trichte Selbstsucht machte er sich in seiner
letzten Stunde bittere Vorwrfe und bat noch sterbend seinen Sohn Gottfried,
jenen abgewiesenen Kufer aufzusuchen und ihm zu melden, die Sammlung, nach
welcher er so heies Verlangen trage, stehe ihm nun zur Verfgung. Lotti jedoch
erklrte, da sie ebenso gern ihre Seele verkaufen liee wie diese Uhren.
    So blieben sie denn in ihrem Besitze, wenn auch nicht ohne manchen harten
Kampf. Die Sammlung Meister Felers war allmhlich doch in einem Kreise von
Kennern und Liebhabern zu dem ihr gebhrenden Rufe gelangt. Es fehlte nicht an
zudringlichen Leuten, die trotz der standhaften Zurckweisungen, die sie
erfuhren, immer wieder erschienen, immer neue Bewerbungen anstellten, immer
glnzendere Anerbietungen machten. Das war denn oft herzlich langweilig, trug
aber nur dazu bei, die Liebe, welche Lotti fr ihre Uhren empfand, noch zu
erhhen. Sie hrte niemals auf, ihnen ihre Sorgfalt angedeihen zu lassen, und
wenn es noch soviel zu tun gab und wenn die Zeit noch so sehr drngte, ging sie
nicht an ihr Tagewerk, ohne ihren Uhren einen Besuch abgestattet zu haben. Htte
sie das jemals unterlassen mssen, die rechte Begeisterung, die rechte Lust zur
Arbeit htte ihr gewi gefehlt.
    Auch heute war sie an das Schrnklein getreten, das in der Ecke stand neben
der Schlafzimmertr, dem groen Schreibtisch gegenber. Eben fiel ein
Sonnenstrahl schrg durch das Fenster auf das Kstchen, auf Lottis Hnde, und
als sie die erste Lade ffnete, schlupfte er sogleich hinein. Prchtig war's,
wie er die kleinen ehrwrdigen Meisterwerke beleuchtete, welche darin auf einem
Bettlein von purpurrotem Sammet lagen.
    Die glatten Gehuse aus Messing, Kristall, Silber und Gold und die reich
verzierten und die durchbrochenen, und in dieser die sorgfltig geputzten,
polierten und wieder zusammengesetzten Werke erglnzten und gaben dem
leuchtenden Strahl des Lichtes, der sie in ihrer Verborgenheit und Ruhe besuchen
kam, seinen Gru zurck, Das war Lade Nummer eins!
    Sie enthielt drei sogenannte lebendige Nrnberger Eier und drei
Halsvrln. Kein einziges Stck jnger als dreihundert Jahre, manches noch lter
und gerade die ltesten von der knstlichsten Beschaffenheit. Was wollten sie
nicht alles knnen, diese kleinen Maschinen, was trauten sie sich nicht zu? Sie
begngten sich keineswegs damit, die brgerlichen Stunden anzuzeigen und zu
schlagen und den Schlfer zu wecken, wann immer es ihm beliebte, auch den
Wochen-und Monatstag verzeichneten sie, kontrollierten die Aspekte und Phasen
des Mondes und behaupteten, den Stand der Sonne nachweisen zu knnen. Sie
wandten den Himmelszeichen ihre Aufmerksamkeit zu, wuten Auskunft zu geben ber
die Sternzeit und nahmen Notiz vom trkischen Kalender ...
    Wahrhaftig, die braven Mnner, denen sie ihre Entstehung verdankten, hatten
sich Schweres vorgesetzt - und mit wie geringen Mitteln gedachten sie es zu
erreichen! Mit Spindelechappements - mit Lffelunruhen, deren klglich
humpelnder Gang von einer Schweinsborste reguliert wurde! Sie verfertigten alle
Rder aus Eisen, und von einer Schnecke war ihnen nicht einmal die Ahnung
aufgekommen.
    Aber - so rmlich ihre Kunst, so reich war ihr Vertrauen. Sie wuten - das
heit, sie glaubten, und weil sie glaubten, wuten sie -, da Schwche zur
Strke erwachsen kann, wenn nur der rechte Segen auf ihr ruht. Khn und demtig
zugleich riefen sie die Hilfe desjenigen herbei, dem nichts unmglich ist, und
stellten die Werke ihres Fleies unter seinen allmchtigen Schutz, empfahlen sie
auch wohl der Frsprache der Mutter Gottes oder eines vornehmen Heiligen. Einer
der alten Meister hatte in den Boden des Federhauses, das die Kraft umschliet,
von welcher alle Bewegung ausgeht, die das ganze Getriebe gleichsam beseelt, den
Namen Jesu eingegraben. Von einem andern war aus dem feingeschnittenen, prchtig
ornamentierten Monogramm der heiligen Jungfrau Maria der Schutzdeckel des
Zifferblattes gebildet worden. Auf der Innenseite des Gehuses standen die Worte
eingraviert:

Kasper Werner hat mich gemacht
Vnd der heiligen Jvngfrav dargebracht
Da. man. zelt. 1541.

Immer reichere Schtze gelangten zum Vorschein, als Lotti ein Ldchen nach dem
andern ffnete und schlo. Taschenuhren in allen Formen und Gestalten,
achteckig, rund, oval, elliptisch, sternfrmig, in Gehusen aus Gold und Silber,
aus Smaragd, Rauchtopas, Bergkristall. Unter andern gab es eine Uhr in
Kreuzform, mit dem Augsburger Stadtphyr, Wardein- und Wichszeichen versehen.
Das Gehuse, das Zifferblatt und der innere Deckel waren mit Darstellungen des
Leidens Christi bedeckt, die dem besten Knstler zur Ehre gereicht htten.
Leider fehlte das Meisterzeichen. Aber mit Blindheit htte man geschlagen sein
mssen, um nicht sogleich zu erkennen, da die prchtige deutsche Arbeit aus der
Zeit Kaiser Rudolfs II. stammte und vermutlich von Hans Schlotheim hergestellt
worden war.
    ber den Ursprung ihrer nchsten Nachbarin, gleichfalls kreuzfrmig, mit
Gehuse aus einem Stck Rauchtopas, konnte kein Zweifel obwalten. Ihr Schpfer
hatte sie nicht namenlos in die Welt geschickt, sondern neben dem Stellungsgrade
brav und deutlich sein Conrad Kreizer eingeschrieben.
    Eine ganze Schar anmutiger Franzsinnen folgte. Kstliche hrchen,
geschmckt mit Emailmalereien von den Brdern Huaut, oder mit erhaben
geschnittenen Blumen, mit buntem Blattwerk, mit durchbrochenen Arabesken aus
vielfarbigem Golde. Die Sammlung enthielt nicht minder merkwrdige Arbeiten von
Tompion in England, Albrecht Erb in Wien, Gerard Mut in Frankfurt, Matthus
Degen, Christoff Strebell. Kurz, es fehlten wenig groe Namen, und wer die
vorhandenen mit recht scharfen Augen betrachtete, der sah mehr als nur Namen, in
eine Metallplatte eingeritzt, der sah das Wesen des Meisters sich deutlich in
seinem Werke spiegeln.
    Nach all den kstlich verzierten Stcken erschienen die einfachen
Taschenuhren von Pierre le Roy, Berthoud, Breguet, eine Emmery ... Ach, die
weckt traurige Erinnerungen, mahnt an die groe Enttuschung in Lottis Leben.
Mit einer solchen Uhr in der Hand trat dereinst ... Hinweg! - Schlafe du nur
ruhig weiter. Hinweg von dir zu dem unerhrtesten Kuriosum der Sammlung - zu der
Seetaschenuhr von Mudge dem Ersten.
    Die Geschichte will wissen, da dieser berhmte und unsterbliche Mann in
seinem Leben nur drei Seeuhren verfertigt hat, und zwar die erste im Jahre 1774,
und die beiden andern, der blaue und der grne Zeithalter genannt, im Jahre
1777. Nun, die Geschichte hat einmal wieder geirrt. Hier war sie auf die
grndlichste Art der Welt widerlegt, durch eine Tatsache - hier war eine vierte
Mudge. Zwillingsschwester der lteren, der von Maskelyn in Greenwich geprften,
und sicherlich in demselben Jahre mit dieser entstanden, wie denn auch die
beiden jngeren in einem Jahre gemacht worden waren.
    Die weltbekannten Beschreibungen, die wir von der ersten Seeuhr Mudges
besitzen, paten genau auf die, welche sich in Lottis Hnden befand.
    Die Uhr war echt, ihr edler Ursprung ber jeden Zweifel erhaben, es war eine
ganze Mudge - die Leistungsfhigkeit ausgenommen. Die durfte man freilich nicht
mehr von ihr verlangen, der ber hundert Jahre alten Greisin.
    Die letzte Lade, die von Lotti geffnet wurde, enthielt schne Arbeiten von
Arnold, Richard, Recorder, Robert, Courvoisier, Ruderas, von hlzernen Unruhen
Simon Henningers und Lorenz Freys und eine vollstndig erhaltene hlzerne
Taschenuhr von Andreas Dilger aus Gtenbach.
    Ein Familienerbe! - Als Brutigam hatte sie der Urgrovater Lottis ihrer
Urgromutter zugleich mit seinem Herzen dargebracht. Gottfried nannte sie die
Majoratsuhr. Sie war nie getragen worden, hatte als Schaustck im Glasschranke
der Urgromutter geruht. Nur an hohen Festtagen wurde sie hervorgeholt und zur
Freude des Enkelchen Lotti aufgezogen. Dann setzte sie sich aber auch stracks in
Bewegung und vollfhrte einen so akkuraten und energischen Gang und bimmelte so
fleiig fort, als ob sie noch in der Blte ihrer Jahre stnde und als ob sie all
die Zeit einholen wollte, die sie in unfreiwilliger Mue versumt.
    Wie war sie nett! Wie waren ihre hlzernen Rder, Platten, Kloben so
bewunderungswrdig ausgearbeitet. Wie sauber aus-gestochen der Unruhkloben und
die Stellungsflgel, und wie schn verziert die beiden und die Klobenplatte. Man
sah der kleinen Dilger gar deutlich die Liebe an, mit welcher sie ausgefhrt,
und auch die, mit welcher sie zeitlebens gehegt und gepflegt worden war. Ihr
gehrte Lottis letzter und zrtlicher Blick, bevor sie die Lade zuschob und
dabei dachte: Ja, meine Uhren - die machen mir noch das Sterben schwer!
    In diesem Augenblick wurde die Zimmertr geffnet.
    Guten Morgen, sprach eine tiefe und wohlklingende Stimme. Lotti wandte
sich rasch: Du, Gottfried? Ist es denn schon acht Uhr?
    Noch nicht, war die Antwort, ich bin heute unpnktlich. Zeichen und
Wunder, rief Lotti, was ist geschehen? Was gibts'?
    Gottfried war an den Arbeitstisch getreten. Er hob die kleinen Glasglocken
von den Uhren, welche darunterlagen, und nahm diese in den allergenauesten
Augenschein.
    Du bist ja fertig, sagte er nach einer Weile.
    Beinahe - aber antworte mir doch - was gibt's?
    Er richtete sich empor, sah Lotti mit geheimnisvoller Miene, halb freudig,
halb zweifelnd, an und sagte: Eine berraschung.

                                       4


Eine berraschung? wiederholte Lotti mit einem Anfluge von Sorge, wenn ich
berraschungen nur zu schtzen wte.
    Diese wird dir gefallen, entgegnete Gottfried. Ich habe einen Laden
gemietet und bereits eingerichtet.
    Lotti schlug die Hnde zusammen und konnte vor Staunen nur die Worte
herausbringen: Aber nein!... Aber wo?
    Nun, nirgends anders als gleich nebenan in der breiten belebten Strae, die
zum Domplatze fhrt. Ein allerliebster kleiner Laden, an dessen Ausschmckung
seit acht Tagen eifrigst gearbeitet wurde, der ein schnes Fenster bekommen
hatte aus einem Stck tauklaren Glases und eine geschmackvolle Vitrine mit
feiner Einfassung aus Ebenholz. In dieser lagen seit gestern eine Kalenderuhr
von Audemars und ein Chronometer von Dent inmitten anderer Uhren aus den
vornehmsten Husern.
    Lotti war bewundernd vor ihnen stehengeblieben, aber heute erfllte deren
Kostbarkeit sie mit Schrecken. Ein solcher Wert! meinte sie, ein so groes
Kapital! Es schien ihr fast zu khn, da Gottfried die Brgschaft dafr
bernommen hatte.
    Er jedoch war durchdrungen von Ruhe und Zuversicht.
    Seit langer Zeit hatte er seine Vorbereitungen getroffen. Der Meister, der
ihn beschftigte, die Freunde, die er sich noch whrend seiner Lehrzeit
erworben, untersttzten und frderten ihn dabei auf das krftigste. Als ob es
sich an ihm erproben sollte, da nicht blo diejenigen Vertrauen erringen, die
es nicht wert sind, sondern manchmal doch auch einer, der es verdient, fand er
allenthalben bereitwilliges Entgegenkommen. Es wurden ihm so billige und
gnstige Bedingungen gemacht, da er, um in seinem Geschfte zu bestehen,
keineswegs auf ein besonderes Glck zu rechnen, sondern nur auf das Ausbleiben
eines raffinierten Unglcks zu hoffen brauchte.
    Das setzte er Lotti auseinander, die ihm aufmerksam und immer freudiger
zuhrte und endlich meinte, in der ganzen Geschichte gbe es zwei verwunderliche
Dinge; erstens, da er sich zu dem jetzt gefaten Entschlu solange nicht
gebracht, und zweitens, da er sich doch dazu gebracht. Was sie von der Sache
halte, wisse er; hatte sie ihn nicht schon vor Jahren beschworen, sich auf
eigene Fe zu stellen?
    Gottfried erwiderte, seine Pedanterie sei schuld, da es nicht frher
geschehen. Er hatte sich's einmal vorgesetzt, sein Geschft nicht anzufangen,
wenn er dazu auch nur einen Heller fremden Geldes brauchen wrde. Um jedoch
alles aus Eigenem bestreiten zu knnen, dazu habe es eben viel Zeit gebraucht.
    Und gut angewandte, das wei Gott, meinte Lotti. Heil dir, da du gleich
so stattlich ausrcken kannst an der Spitze von Dents und Audemars'...
    Die beide schon halb und halb verkauft sind, fiel er ihr ins Wort.
    Gottfried, du machst mich bermtig! Einen Wunsch hast du mir erfllt, der
schon vor Altersschwche erloschen war - jetzt wird ein zweiter, dem es hnlich
ergangen, lebendig. Du mut heiraten, Gottfried.
    Er richtete seine kleinen, glnzenden braunen Augen fest auf sie und sprach
ganz unternehmend: Warum nicht?
    Das sag ich ja, rief Lotti, warum nicht? Warum solltest du die brave Frau
nicht finden, die du verdienst? Nur suchen heit es, nur sich ein wenig bemhen,
nur nicht, wie du es bisher getan hast, jeder Gelegenheit aus dem Wege gehen,
mit einem jungen Mdchen zusammenzukommen, das vielleicht denken knnte: Dieser
Gottfried Feler wre kein bler Mann fr mich.
    Er lachte. Ein junges Mdchen denkt das nicht.
    Ich meine auch kein sechzehnjhriges.
    Lotti hatte sich an den Arbeitstisch begeben und begann die reparierten
Uhrwerke in ihre Gehuse einzusetzen.
    
    Gottfried stand am Fenster und sah ihr zu. Wann wird die Bestellung
abgeliefert werden? fragte er nach einer kleinen Weile.
    Kann morgen geschehen.
    Tu es selbst, ich bitte dich, und nimm zugleich Abschied von dem Meister.
Du darfst fr ihn nicht mehr arbeiten.
    Lotti blickte ein wenig betroffen empor. Abschied nehmen - das wre schon
gut, aber - so pltzlich, so ohne weiteres? Ich bin ihm Dank schuldig, er hat
immer Rcksicht auf mich genommen, mich nie ohne Arbeit gelassen, immer gut und
rasch bezahlt.
    Rasch ja, gut - nein. Mache dir keine Sorgen. Ich habe den Herrn bereits
darauf vorbereitet, da er jetzt seine beste Arbeiterin verliert. Wie leid ihm
ist, mag Gott wissen, aber begreiflich mu er's finden, da du dich von nun an
fr niemanden mehr plagen wirst als fr mich, was soviel heit als fr dich
selbst, denn - nicht wahr?... Er war pltzlich in heie Verlegenheit geraten
und stockte. Oh, nahm er bald wieder das Wort, da htte ich beinahe
vergessen! Der Herr bittet dich nur noch um einen letzten Freundschaftsdienst.
Du mchtest so gut sein, diese Uhr anzusehen. Ist sehr fein, sagte er, hat dein
Lieblingsechappement.
    Duplex also.
    Jawohl. Er wei gerade keinen Arbeiter, dem er sich getraut, sie in die
Hand zu geben. berdies hat's Eile. Morgen abend mchte er sie wiederhaben.
    Gottfried stellte ein hlzernes, mit Messing eingelegtes Kstchen vor Lotti
hin. Die wandte demselben den Blick eines teilnehmenden Arztes fr einen
Patienten zu und fragte: Was fehlt denn?
    Wei nicht, erwiderte Gottfried, aber ich glaube, nicht viel. Der Herr
hat mir eine lange Geschichte erzhlt, er hat die Uhr von einem, der sie aus
Leichtsinn oder aus Not losschlug, um ein Spottgeld. Will sie jetzt sehr teuer
verkaufen, deshalb sollst du die Herstellung besorgen. Er schwatzte ein langes
und breites, ich habe nicht zugehrt. Es wre auch berflssig gewesen, nachdem
ich wute, was mich dabei anging.
    Lotti, die das Kstchen nicht mehr aus den Augen gelassen, hatte es geffnet
und dann auch - mit seltsamer Spannung und Hast - die Uhr, welche darin gelegen.
Unverwandt starrte sie den Namen F. Alexi &amp; Sandoz frres auf der Kvette
und die Zahl an, die darunterstand.
    Verkauft - wie sagtest du? - aus Leichtsinn oder aus Not, sprach sie
gepreten Tones.
    Freilich, freilich, versetzte er, lehnte sich tiefer in das Fenster
zurck, sah auf den Boden nieder und schien ernstlich und scharf nachzudenken.
Du wirst mich doch heute im Geschft besuchen! rief er pltzlich aus.
    Lotti nickte bejahend; sie hatte bereits begonnen, die Uhr zu zerlegen.
    Das Schild ist noch nicht aufgemacht, fuhr Gottfried langsam und zgernd
fort, aber fertig ist es schon. Es wird nicht aufgemacht, bevor du die
Erlaubnis dazu gibst. Er hielt inne, er wartete, aber vergeblich. Lotti
schwieg, und so hub er denn nach abermaliger Pause von neuem an: Denk nur,
welche Freiheit ich mir genommen - denk nur - ich habe auf das Schild schreiben
lassen ... wie gesagt, oder nicht gesagt, auf jeden Fall, wie selbstverstndlich
- es kann gendert werden, wenn du es wnschest ...
    Jetzt erst wagte er es wieder, sie anzusehen. Sie war ganz versunken in ihre
Arbeit - eine unbegreiflich schwere Arbeit fr sie, die Meisterin! Ihre sonst so
sichere Hand zitterte, ihr Gesicht war hochgertet, eine mhsam unterdrckte
Erregung gab sich in ihrem ganzen Wesen kund.
    Was ist ihr denn? dachte Gottfried. - Ahnt sie, was er ihr zu sagen hat, und
versetzt sie das in eine Befangenheit, die aussieht wie Bestrzung? Wr's doch
so! dann nimmt sie wenigstens die Sache ernst, und er braucht nicht zu frchten,
mit einem Scherze heimgeschickt zu werden, das rgste, was ihm geschehen knnte,
dem alten Menschen. Ihre sichtbare Unruhe befreit ihn von dieser Sorge und
zugleich von aller ngstlichkeit. Er atmet auf und spricht mit einem gewissen
unbeholfenen Humor, dabei aber hchst bedeutsam und nachdrcklich: Es wre
schade, wenn an dem Schilde etwas gendert werden mte; es ist sehr hbsch
ausgefallen ... Macht sich wirklich gut, auf glnzend schwarzem Grund, das G.
&amp; L. Feler ... G. und L .... Gottfried und Lotti ...
    Ihre Stirn glhte, ihre Wangen brannten, sie beugte sich tiefer ber ihre
Arbeit und wiederholte mechanisch und ausdruckslos: Gottfried und Lotti?
    Nein! Ihre Gedanken waren nicht bei ihm. In der Weise htte sie ebensogut
fremde Namen ausgesprochen. Die Worte, die sie vernommen, waren an ihr Ohr
gedrungen, die schchterne, instndig bittende Frage, die in ihnen lag, nicht an
ihr Herz ...
    Jetzt trat von allen Pausen, die whrend dieses Gesprches gemacht wurden,
die lngste ein. Still war's im Zimmer, nichts hrbar als das Ticken der vielen
Uhren und endlich ein tiefer, tiefer Seufzer aus Gottfrieds Brust.
    Lotti erhob den Blick und sah trotz des feuchten Schleiers, der sich vor
ihre Augen gelegt hatte, den Ausdruck leidvoller Enttuschung in seinen Zgen.
    Was ist dir, Gottfried? sprach sie.
    Du hrst mich nicht an, entgegnete er unmutig.
    Sie nahm sich mit Gewalt zusammen: Doch, ich habe alles gehrt.
    Hast du? Wirklich? und - hast nichts einzuwenden?... Es ist dir recht - du
weit ...
    Es ist mir recht, gewi. Aber wenn du, Lieber, auf dein Schild auch nur G.
Feler httest schreiben lassen, fr uns htte es dennoch und immer Geschwister
Feler bedeutet.
    Geschwister - so? - - ja, Geschwister, murmelte er und zgerte, die Hand
anzunehmen, die Lotti ihm reichte. Allein er ergriff sie doch und drckte sie
fest und treuherzig, als Lotti sagte: Es versteht sich ja von selbst, da wir
zwei nach wie vor treu zusammenhalten.
    Das Schild wird also aufgemacht, sprach er, mit einem herzhaften Versuch,
vergngt zu scheinen. Komm es bewundern, komm bald!
    Er nahm seinen Hut und verlie das Zimmer.
    Lotti war wieder allein und setzte ihre einen Augenblick unterbrochene
Beschftigung emsig fort. Sie hatte an der Uhr, die Gottfried mitgebracht, alle
Brcken abgeschraubt, alle Rder ausgehoben, bis auf das Minutenrad. Das haftete
noch, festgehalten vom Viertelrohr. Aber auch dieses mu nun weichen, das letzte
Rad liegt bei seinen Kameraden, und Lotti hat gefunden, was sie suchte, was sie
zu finden gewi war. Ihren eigenen Namenszug und das Datum des 12. Mai, mit fast
unsichtbar kleiner Schrift in die Bodenplatte eingeritzt und verborgen durch die
Zhne des Rohres.
    Am 12. Mai, an dem Tage, der sich heute zum fnfzehnten Male jhrte, hatte
sie diese Zeichen da hineingeschrieben und diese Uhr ihrem Verlobten geschenkt
und dabei gesagt: Sie kann uns gute, sie kann uns traurige Stunden anzeigen,
aber keine, in der unsere Treue gewankt.
    So vermessene Behauptungen wagt die Jugend aufzustellen, solche Schwre
schwrt die kindische Liebe, die, kaum erwacht, auch schon die Kraft in sich
fhlt, ewig zu leben. Torheit ohnegleichen! Ebensogut knnte die Rose schwren,
da sie niemals welken wird, denkt Lotti, und halb erloschene Erinnerungen
tauchen in ihrer Seele auf. Bleiche Schatten ringen sich los aus der Nacht der
Vergessenheit und gewinnen allmhlich Farbe und Gestalt. Sie ziehen langsam
vorber, mchtig genug, um noch eine leise Wehmut, nicht mehr mchtig, einen
Schmerz zu erwecken. Sie gleichen dem Gedanken an einen dunkeln, peinvollen
Traum, aus dem der Schlfer zum Licht und zum Frieden erwacht.

                                       5


Vor fnfzehn Jahren, an einem Winternachmittage, war ein junger Mann in der
Werksttte Felers erschienen und hatte ihm eine alte Uhr gebracht, mit der
Bitte, sie zu schtzen. Whrend Feler die Uhr betrachtete, betrachtete der
junge Mann ihn so aufmerksam, wie ein Maler tut, der sich das Bild eines
Menschen, den er aus dem Gedchtnis malen soll, einzuprgen sucht.
    Dies ist, sprach Feler, nachdem er seine lange und sorgfltige
Untersuchung beendet hatte, ein kostbares Stck. Er rief seine Tochter herbei,
um auch ihre Meinung zu hren.
    Wie? sprach der Fremde ein wenig spttisch und sehr erstaunt, sind Sie
Kennerin, mein Frulein?
    Lotti fhlte den Blick auf sich ruhen, mit dem fast alle jungen Mnner,
denen sie zum ersten Male begegnete, sie ansahen; den Blick, der deutlich fragt:
Was willst du in der Welt? und an den ein nicht hbsches Mdchen sich gewhnen
mu.
    Sie nahm die Uhr aus der Hand ihres Vaters und erkannte in derselben
sogleich einen Taschenchronometer von Emmery mit Mudgescher Hemmung.
    Der Fremde lachte herzlich auf, als sie das sagte.
    Ist's richtig, Herr Feler?
    Ganz richtig, erwiderte dieser, unangenehm berhrt von dem ber Gebhr
zutraulichen Wesen des jungen Mannes, der, an die Seite Lottis tretend, in
seinem frheren Tone fortfuhr: Sie knnen mir vielleicht auch sagen, was diese
Uhr wert ist?
    Lotti schttelte den Kopf. Was sie jetzt wert ist, kann ich nicht sagen;
als sie neu war, sind gewi nicht weniger als 150 Guineen fr sie bezahlt
worden.
    Als sie neu war? Und wann mag das gewesen sein?
    Vor siebzig Jahren etwa.
    Ich bewundere Sie! rief der junge Mann uerst belustigt; das alles
erkennen Sie so auf den ersten Blick?... Jetzt aber die letzte, wichtigste
Frage: Wieviel ist sie heute, wieviel ist sie Ihnen wert? fgte er zu Feler
gewendet hinzu.
    Sie wre mir sehr viel wert, wenn ich nicht schon eine ganz hnliche
bese, entgegnete dieser.
    Ah! in Ihrer Sammlung?... Wenn Sie doch wten, Herr Feler, wieviel Gutes
und Schnes ich schon von ihr gehrt habe ... von dieser Sammlung, und wie
glcklich ich wre, sie kennenzulernen ... Wenn Sie das wten - Sie wrden mir
den elenden Vorwand verzeihen, den ich gebraucht habe, um mich bei Ihnen
einzuschleichen.
    Er legte eine grndliche Beichte ab.
    Er hie Hermann von Halwig, war ein kleiner Beamter und nebenbei ein ganz
kleiner Poet und arbeitete eben an einer Novelle, in welcher eine alte Uhr eine
groe Rolle zu spielen hatte. Die mute geschildert werden, und um das zu
knnen, brauchte er ein Modell, brauchte er vor allem einige fachmnnische
Kenntnis.
    Nehmen Sie mich ein wenig in die Lehre, bester Meister, schlo er,
wrdigen Sie mich eines Einblicks in Ihre Sammlung - Ihr Heiligtum, wie ich
hre. - Da ich ein ausgezeichneter Schler sein werde, das verspreche ich
nicht, aber ein dankbarer bin ich gewi!
    Feler sah den hbschen blonden Gesellen ein Weilchen nachdenklich an. Ihm
gefielen seine frhlichen blauen Augen und die sorglose Sicherheit, das muntere
Selbstvertrauen, mit denen er sich auf die Reise durchs Leben zu begeben schien.
Schweigend holte der alte Mann einige schne Exemplare aus der Sammlung herbei
und begann die Eigentmlichkeiten und Vorzge derselben mit der Wrme eines
Liebhabers auseinanderzusetzen.
    Halwig unterbrach ihn anfangs sehr oft; er konnte die Scherze nicht
unterdrcken, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen traten. Allmhlich jedoch
wurde er still. Das herablassende und oberflchliche Interesse, das er fr
einige Favoritinnen aus dem Uhrenharem gezeigt, verwandelte sich in ein
gespanntes. Den Kopf in die Hand gesttzt, sah er bald die Uhren auf dem Tische,
bald den Meister, zuletzt nur noch diesen an, und dabei erhellte der Ausdruck
einer so innigen Freude und Verehrung seine Zge, da Feler dachte: Dem
Burschen knnt ich gut sein - trotz des Leichtsinns, mit dem er vorgab, eine
Emmery verkaufen zu wollen.
    Der Bursche aber richtete sich pltzlich auf. Was fr Augen haben Sie!
rief er, was Ihnen ein Rdchen, eine Spindel, ein Ornament, ein Stckchen Email
nicht alles erzhlen! Was fr Augen und was fr ein Herz ... Sie sind ein
Knstler!...
    Er deutete nach dem Schranke, dem Feler die Uhren entnommen. Das Kstchen
dort ist fr Sie, was fr einen Poeten ein Schrein voll der kstlichsten Werke
groer Dichter, die vor ihm gelebt. Eine schweigende, tote Welt, die ein Blick
zum Dasein erweckt, zu einem mchtigern, schnern Dasein als das sogenannte
wirkliche ... Ein Blick - ein sehender, der Blick des Verstndnisses mu es sein
... Nicht wahr, lieber Meister? - Verstndnis ist alles - Weisheit, Liebe,
Poesie ... Nach dem allein haben wir zu ringen, die wir uns einbilden, Dichter
zu sein ... An Stoffen fehlt's, hre ich die Leute sagen. - Begreife das
Begreifbare, und aus allem, was dich umgibt, dringt die Flle bildsamen Stoffes
auf dich ein, und wenn es dir an etwas fehlt, so ist's an Kraft, die wogenden
Quellen zu fassen und sie zu leiten an ein gewolltes Ziel!
    Er sprang auf, ergriff die Hand Felers, nannte ihn einen edlen, einen
seltenen, einen herrlichen Mann und verabschiedete sich mit der Bitte, recht
bald wiederkommen zu drfen. Und er kam wieder, kam tglich, ganze Wochen
hindurch, und wenn er ja einmal ausblieb, bedauerte dies niemand mehr als
Feler. Lotti sprach berhaupt nicht von ihm, vermied es sogar, seinen Namen zu
nennen, und was Gottfried betraf, der meinte, es sei nicht bel, zwlf Stunden
lang Ruhe zu haben in der Werkstatt. Er leugnete nicht, da Halwig eine groe
Unterhaltungsgabe besitze, allein fr seinen Geschmack machte der Poet einen
gar zu hufigen Gebrauch davon.
    Wenn ich am Sonntag Unterhaltung habe, ist mir's genug, tglich
Unterhaltung ist mir zuviel, sagte er und bewies es, indem er begann, das Haus
zu den Stunden zu verlassen, in denen Halwig es zu besuchen pflegte. Dieser
zeigte sich darber gekrnkt. Er war nicht gewhnt, gemieden zu werden; er tat
sich etwas zugute auf die Macht, die ihm ber die Gemter der Menschen gegeben
war. Keiner, um dessen Neigung er sich beworben, hatte ihm widerstanden, er
hatte immer gehrt und geglaubt, da man ihn liebhaben msse, wenn er es darauf
angelegt. Bitter beklagte er sich bei Lotti ber die Steifheit und Klte ihres
Vetters, versicherte, trotzig wie ein verwhntes Kind, er werfe seine
Freundschaft niemandem an den Kopf, und wenn Gottfried ihn hasse, so zahle er
ihn mit gleicher Mnze. Sobald sich jener aber blicken lie, kam er ihm wieder
mit der alten und - darber konnte kein Zweifel sein - aufrichtigen Wrme
entgegen. Er bemhte sich, sein Interesse zu erwecken, ihm Teilnahme
einzuflen, er warb frmlich um ihn. Alle liebenswrdigen Eigenschaften seines
beweglichen, frischen, herzgewinnenden Wesens kamen dabei zum Vorschein, rhrten
aber denjenigen nicht, dem zu Ehren sie sich in ihrem vollsten Glanze zeigten.
    Eines Tages war Gottfried, mit einer dringenden Arbeit beschftigt, von frh
bis abends daheim geblieben und hatte im Eifer seines Fleies die Stunde
versumt, zu welcher er jetzt regelmig seinen Rckzug vor dem Luxusartikel,
wie er Halwig nannte, anzutreten pflegte.
    Zum Bewutsein der Zeit wurde er durch Lotti gebracht, die eine Lampe auf
den Tisch stellte und ihn mahnte, Feierabend zu machen.
    Ist es denn so spt? fragte er.
    Spt und nicht mehr hell, du verdirbst dir die Augen.
    Was liegt daran? - Was liegt an mir? sprach er halblaut vor sich hin, wie
einer, der, pltzlich geweckt, aus dem Schlafe redet. Er sthnte schmerzlich auf
und prete beide Hnde gegen die Stirn.
    Lotti wurde feuerrot; schweigend, mit einer Gebrde der Mibilligung wandte
sie sich ab. Der Vater hatte seine allabendliche Zimmerpromenade unterbrochen,
war vor Gottfried stehengeblieben und fragte, was ihm fehle.
    Nichts, erhielt er zur Antwort, nur die Augen sind mir ein wenig mde
geworden.
    Gnn dir Ruhe, sagte Feler, mach es mir nach, ich spaziere schon lange
mig auf und ab und htte ganz gut noch eine Weile schaffen knnen - die Tage
wachsen, der Frhling kommt heran ... Ja, der kommt, man darf auf ihn zhlen,
der kommt. Wer aber ausbleibt, schlo der alte Mann seine Betrachtungen, das
ist unser Hofpoet ... In drei Tagen hat er sich nicht blicken lassen, und auch
heute - seine Stunde ist vorbei - er kommt nicht mehr.
    Um so besser! rief Gottfried, ich wollte, wir wren fr immer von ihm
befreit.
    Befreit! - Ist das dein Ernst?...
    Leider ja, versetzte Lotti, und ein tiefer Groll sprach aus ihrer erregten
Stimme.
    Gottfried erhob den Kopf: Was sagst du?
    Da du ungerecht bist, zum erstenmal in deinem Leben; ungerecht und grausam
gegen einen edlen und guten Menschen ... Es ist herzlos und tut ihm weh - gerade
von dir - denn du bist es j ... ihre Lippen zitterten, der Ausdruck des
bittersten Schmerzes zuckte ber ihr Gesicht, der ihm der Liebste ist von uns
allen ...
    Sie hielt tief atmend inne, Gottfried murmelte ein zorniges Wort, und der
Vater stand in stummer Betroffenheit vor seinen beiden Kindern. In einer bisher
ahnungslosen Seele dmmerte das Bewutsein zerstrter Hoffnungen, eines nahenden
Unglcks auf. Eh er sich's versah, bevor ihm zu einer Befrchtung Zeit
geblieben, war der Friede aus seinem stillen Hause entwichen und aus den Herzen
seiner Kinder ...
    In dem Augenblicke wurde an der Hausglocke gestrmt, bald darauf durcheilten
leichte Schritte das Vorgemach.
    Da ist er doch, sagte Feler.
    Halwig erschien auf der Schwelle, er schwenkte seinen Hut und sah so
glcklich aus, als ob er eben eine Welt erobert htte.

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Vater Feler, rief er, da ist es, da haben Sie's, mein Bchlein, mein
erstgebornes!... Sieht es nicht nett aus in seinem purpurroten mit Gold
geputzten Kleidchen?... Lesen Sie, was hier steht, auf der ersten Seite:
Johannes Feler, meinem Lehrer, meinem Vorbild, meinem Freund ... Es ist Ihnen
gewidmet, Ihr Eigentum, ich bringe, was aus meinem Herzen flo und Ihnen gehrt,
und lege es Ihnen zu Fen.
    Er machte Miene, das Bchlein wirklich auf den Boden vor Feler hinzulegen;
der aber hinderte ihn daran. Geben Sie es mir in die Hand, das ist Ehre genug,
sprach er und lchelte seinem Liebling zu, bei dessen Erscheinen der trbe Ernst
verschwunden war, der eben noch die Stirn des alten Mannes umdstert hatte. Er
lie sich erzhlen, wie der Poet seit drei Tagen in verzehrender Erwartung
seines Werkes gelebt, wie er jede freie Minute auf dem Postbro zugebracht und
durch die Ausbrche seiner Ungeduld den rger eines Expeditors und das Mitleid
zweier Brieftrger erregt habe. Jetzt aber sei alles gut, meinte er und flehte,
die Familie mge ihm diesen Abend schenken und sich den Vortrag seiner Dichtung
gefallen lassen. Er stellte die Lampe auf den Tisch inmitten der Werksttte und
trug vier Sessel herbei. Lotti sollte ihm gegenbersitzen, Feler und Gottfried
neben ihm.
    Auf diese Stunde, sagte er, als alle Platz genommen hatten, habe ich mich
gefreut von dem Momente an, in welchem mir der erste Gedanke meines Gedichts
aufgegangen, bis zu dem, in welchem ich am letzten Verse gefeilt ... Wie jetzt
in der Wirklichkeit, umgaben Sie mich immerwhrend im Geist, Sie geliebten
drei!
    Seine Augen ruhten vor Innigkeit und Wrme leuchtend auf seinem kleinen
Auditorium, dann ffnete er das Buch und begann zu lesen.
    Was er las, war nur eine einfache Herzensgeschichte - hnliche sind wohl
tausendmal berichtet, millionenmal erlebt worden. Abgedroschen! wollte Gottfried
schon ausrufen, aber er unterdrckte das Wort. Offenbar hatte der Dichter nicht
durch das Interesse an seiner Fabel zu wirken gesucht; was da fesselte und
bezwang, das war der Schnheitszauber, der in dem schlichten Bilde webte, das
war die Wahrheit und die Leidenschaft, die es atmete, und wen man darin am
liebsten gewann, das war der Dichter selbst. Absichtslos, ja wider seinen Willen
hob seine Gestalt sich verklrt aus seinem Werke und erschien so liebenswrdig
wie die verkrperte Jugend. Er war von Begeisterung durchglht, von Talent
getragen; eine Unendlichkeit wogte in seiner Seele. Fr Ernst und Scherz, fr
Zorn und Wehmut, Ha und Liebe, fr jede Stimmung und Empfindung der
menschlichen Brust lag das Verstndnis in seinem Herzen und der Ausdruck auf
seinen Lippen. Kein Zweifel an sich selbst hemmte seinen Schwung, kein Mitrauen
in seine Kraft lhmte ihn, er hatte sie, er wute es, er war ihrer Wirkung gewi
und baute auf sie mit der unerschtterlichen Zuversicht, die dem Erfolg
vorangeht, die ihn oft erzwingt.
    Und so fragte er denn auch, als er geendet, voll freudiger Unbefangenheit:
Was sagen Sie ... Ist es mir nicht gelungen?
    Vollkommen, erwiderte Feler, es klopft ein Herz darin.
    Nicht wahr?... Und Sie, Gottfried - Ihre Meinung?
    Gottfried war die ganze Zeit hindurch dagesessen, den Ellbogen auf den Tisch
und die Stirn in die Hand gesttzt. Jetzt lehnte er sich in seinem Sessel zurck
und sprach, ohne Halwig anzusehen: Es ist schn, ganz schn.
    Ich danke, Freund! Ein solches Lob von Ihnen, das tut wohl ... Aber Sie -
Frulein Lotti ... Sie schweigen - Sie sagen mir nichts ...
    In glhender Verwirrung blickte Lotti zu ihm auf: Ich kann nicht - Sie
sehen ... stammelte sie, ein schmerzliches, vergeblich unterdrcktes Schluchzen
erstickte ihre Stimme.
    Lotti!... Ist es mir gelungen, Sie zu rhren, zu ergreifen?... Soll mein
schnster Traum mir heute ganz in Erfllung gehen? Er sprang auf und eilte
jubelnd auf sie zu.
    Lotti streckte abwehrend die Hnde aus; sie weinte, nicht sanft befreiende
Trnen - Trnen qualvoller Beschmung und Emprung ber sich selbst.
    Halwig trat bestrzt zurck. Einen Augenblick stand er zweifelnd vor ihr,
pltzlich aber leuchtete das Bewutsein des Sieges, den er ber diese Seele
errungen, mit sem Triumphe aus seinen Augen, und er rief in einem Tone, aus
dem Rhrung, Entzcken und ein letztes Zagen zugleich herausklangen: Sie zrnen
mir? soll ich dafr ben, da mein Gedicht Sie bewegte?
    Zrnen? Wie knnen Sie glauben?... Eine neue Welt hat sich vor mir aufgetan
... Ich wei nicht, ich kann nicht sagen, was ich am meisten bewundere - ich
sehe nur, wie gro, wie herrlich und wie fern ...
    Ihre Stimme brach, sie erhob einen raschen hilflosen Blick zu ihm, den er
einsog wie himmlischen Tau.
    Nicht fern, rief er, o nein! Ihnen ist sie es nicht, sie lebt von Ihrem
Leben, ist von Ihrem Atem durchhaucht ... Schpferin meiner Welt, haben Sie sich
in ihr nicht erkannt?
    Und schon lag er vor Lotti auf den Knien, bedeckte ihre Hnde mit seinen
Kssen, nannte sie seinen Engel, seine Geliebte, seine Braut. Er pries die
Stunde, in welcher sie ihm zum ersten Male begegnet war, und die noch schnere,
ewig gebenedeite, in welcher er's zum erstenmal empfunden, da sie ihn liebe.
Das war nicht heute, war nicht vor kurzem, das war sehr bald, nachdem sie
einander kennengelernt - er wollte gar nicht gestehen, wie bald ... um nicht
allzu vermessen zu erscheinen, so vermessen wie man eben wird, wenn man sich
geliebt wei von dem edelsten und reinsten Herzen.
    Jetzt aber sprich! bestrmte er sie, besttige mir mein Glck vor diesen
teuren Zeugen ... deinem Vater, deinem Bruder, den meinen von nun an - ein Wort,
Geliebteste!
    Was soll ich sagen - du weit alles, war ihre Antwort, und jauchzend fate
er sie in seine Arme. - -
    Es war keine stumme Seligkeit, die seine; unwiderstehlich brauste der
Feuerstrom der Worte, die er ihr lieh, dahin und vermochte die Einwendungen
Felers zu bertuben und vermochte Gottfried, sich ein Wort der Frsprache fr
denjenigen abzuringen, dem Lotti ihr Herz geschenkt. Freimtig erzhlte Halwig
die Geschichte seines Lebens, sprach von dem Leichtsinn, mit dem er das Erbe
seiner Eltern zersplittert, gestand, da er im Begriffe gewesen, auf schlechte
Wege zu geraten, als sein schtzender Stern ihn in das Haus Felers gefhrt. Von
dem Augenblicke an war er ein anderer Mensch geworden. Er beschwor Feler und
Gottfried, Erkundigungen ber ihn einzuholen. Seine Vorgesetzten im Amte, seine
Freunde und Bekannten sollten entscheiden, ob er verdiene, hoffnungslos
verworfen zu werden.
    Davon ist nicht die Rede, sagte Feler und Halwig rief: So lasset denn
die Geliebte das Erlsungswerk vollenden, das sie an mir begonnen hat.
    Sie wurde seine Braut; und der Mann, der ihr wie ein hheres Wesen erschien,
machte sie zur Herrin seines Schicksals. Er unterordnete sich ihr, er wollte ihr
alles danken, was er besa, er wollte alles, was er war, nur durch sie geworden
sein. Sein junges Haupt, das schon von der Morgenrte des Ruhmes umglnzt wurde,
beugte sich vor ihr, schmiegte sich demtig an ihre Knie.
    Das heit verwhnen, sagte Vater Feler, aber Gottfrieds Meinung war:
Bete sie nur an, sie verdient's.
    Einige Monate vergingen, da fiel der erste Schatten auf die bisher
ungetrbte Seligkeit der Verlobten. Halwig hatte pltzlich den Staatsdienst
aufgegeben, um sich ganz und gar seinem dichterischen Berufe widmen zu knnen,
der ihm tglich neue Erfolge brachte. Ein zweites Bchlein war dem ersten
gefolgt. Es erfllte reichlich die schnen Erwartungen, die jenes erregt hatte.
Die kleine Gemeinde von Bewunderern, die sich um den Dichter zu sammeln begann,
wute seines Lobes kein Ende und begrte auch sein drittes Werk mit
unbegrenztem Entzcken. Und gerade dieses, das er, um eine bernommene
Verpflichtung zu erfllen, in fieberhafter Hast begonnen und beendet, war ihm
vor allen andern ans Herz gewachsen. Er hatte daran erprobt, da er zu jeder
Zeit Herr seiner Stimmung, seiner Phantasie, aller seiner Gaben war, da sein
Talent ihm leiste und gewhre, was immer er von ihm verlangte. Er wute jetzt,
da sein Wollen unumschrnkt ber sein Knnen gebiete. Ganz erfllt von dem
Gefhl eines so vollkommenen Gelingens, erschien er bei seiner Braut, und Lotti
schwelgte im Anblick seiner stolzen Glckseligkeit. Als es jedoch hie, ihre
Meinung ber die Arbeit auszusprechen, welche Hermann seine beste und reifste
nannte, zagte sie und antwortete mit Befangenheit nach langem Zgern, da ihr
alles gefalle, was von ihm ersonnen sei.
    Dieses, rief er, mte dir auch gefallen, wenn ein anderer es ersonnen
htte.
    Vielleicht - gewi ... erwiderte Lotti, erschrocken ber den Ausdruck von
Enttuschung, der sich in seinen Zgen malte.
    Er fuhr erregt fort: Du mut lernen, ganz von mir abzusehen bei der
Beurteilung meiner Arbeiten. Da Schnes geschaffen werde, daran liegt alles; ob
ich es geschaffen, ob Hinz oder Kunz, daran liegt nichts ... Der Standpunkt ist
der einzig richtige - der soll der deine sein. - Deine Liebe zu mir darf sich
nicht durch blinde Bewunderung uern. Du mut wissen, warum du bewunderst -
mut Grnde haben, fr dein Lob. Aufrichtigkeit verlange ich von dir und will
hoffen, da du mich ihrer wrdig hltst.
    Hermann - wie knnt ich anders? fragte sie mit einem ngstlichen Lcheln.
Ich sage dir, was ich denke, aber das hat ja keinen Wert ... Mein Urteil zu
begrnden, mu ich erst lernen ... jetzt bin ich noch nicht imstande, dir zu
sagen, warum ich dir dieses Mal nicht so leicht - nicht mit so voller - wie soll
ich's nennen? - so voller Hingerissenheit folgen konnte wie frher, wie
besonders bei deinem ersten, allerschnsten Gedicht ...
    Nun brauste er auf. Er fragte, ob sie denn immer auf seine Anfnge
zurckkommen wollte, ob ihr das Unbedeutendste am nchsten lge.
    Wenn du bei dem Punkte stehenbleibst, von dem ich ausging, indes ich
vorwrts jage, werden wir bald auseinandergekommen sein! rief er, war nicht zu
beschwichtigen und verlie sie im Zorne.
    Freilich war er am nchsten Tage wieder da, demtigte sich vor ihr und
weinte vor Reue, als sie ihn, womglich noch liebreicher als sonst, empfing und
ihm versicherte, nicht zu wissen, was sie ihm verzeihen solle. Er war so
beschmt und in seiner Beschmung so ausbndig und unwiderstehlich
liebenswrdig, da Lotti ihn bat, sich nur recht bald wieder einzubilden, er
habe ihr weh getan.
    Diese Bitte wurde erfllt, aber in anderem Sinne, als sie gestellt war.
Hermann lie es an Gelegenheit nicht fehlen, ein gegen sie begangenes Unrecht
gutmachen zu mssen, aber dieselbe zu bentzen, verstand er bald nicht mehr.
    Ein leiser Zweifel, eine Frage vermochten alle Dmonen in seiner Brust zu
entfesseln, und Lotti erkannte mit Entsetzen, da es Augenblicke gab, in denen
er sie hate. Da legte er den Ausbrchen seines Zornes keinen Zgel an. Er litt
und fand es natrlich und gerecht, da diejenige, die ihn liebte, mit ihm leide.
Wenn er sich von ihr miverstanden oder im stillen getadelt glaubte, warf er ihr
ihre untergeordnete Ttigkeit, ihren beschrnkten Wirkungskreis vor.
    Von dem, was ich anstrebe, steht freilich nichts im Le Paute! rief er
eines Tages, und Gottfried, der bisher mnnlich an sich gehalten, fuhr empor:
Noch ein solches Wort, und ich schlage dir den Schdel ein!
    Dem heftigen Auftritt zwischen den beiden Mnnern, der darauf folgte, wurde
mhsam genug von Feler ein Ende gemacht; aber von nun an begann Gottfried sein
passives Benehmen dem Brautpaar gegenber aufzugeben.
    Du bist ein ungebrdiges Kind, sagte er zu Halwig, du wrst imstande, das
Liebste, das du hast, in einem Anfall bler Laune zu zerstren; ich will strenge
Wache ber dich halten.
    Halwig drckte ihm die Hand, er begab sich gern unter den Schutz seines
besten Freundes.
    Verschwren wir uns gegen alle meine Fehler! rief er, ganz beseelt von den
edelsten Vorstzen, wenn du mir treulich hilfst, will ich ihrer schon Herr
werden!
    Lotti war mit diesem Bndnisse nicht zufrieden, sie wute, da Hermann die
Selbstbeherrschung, die es ihm auferlegte, ebensowenig zu bewahren vermochte,
wie er die Aufrichtigkeit vertrug, nach welcher er immer verlangte. Seine ganze
Natur emprte sich gegen den Zwang, die leiseste Mibilligung fra ihm am
Herzen, erbitterte ihn, machte ihn unglcklich und berzeugte ihn nie. Was ihn
sthlte, was alle seine Krfte entfaltete, das war der Kampf gegen Ha und
Verfolgung und der Genu berschwenglichen Lobes und verhimmelnder Liebe.
    Ich kann nur im Lichte gedeihen, und ihr lebt im Halbdunkel, rief er
einmal nach einer langen Kontroverse mit Gottfried und verlie das Zimmer ohne
Abschiedsgru. Lotti erhob sich lautlos und ging ihm nach. Eine Weile darauf
hrte man aus dem Vorgemache sein zorniges Sprechen herbertnen, manchmal
unterbrochen durch ihr sanft beschwichtigendes Flehen. Dann wurde die Haustr
zugeschlagen, und eine lange Zeit verflo, bevor Lotti, noch bleich und
zitternd, in die Werkstatt zurckkehrte.
    Am Abend sprach Feler zu Gottfried: Was ich dir sagen wollte: Gib dein
Erziehungswerk auf. Den Halwig nderst du nicht. La ihn. Ihr ist er ja recht,
wie er ist.
    Aber Vater, er mihandelt sie.
    Feler seufzte und zog bedauernd die Achseln in die Hhe. Seine
Mihandlungen sind ihr lieber als die Liebkosungen eines andern. Das ist so
Weiberart.
    Gottfried schwieg und lie fortan die Dinge gehen, wie sie gingen.
    Die Besuche Halwigs wurden immer seltener, und wenn er kam, war er entweder
dster und verschlossen oder von einer aufgeregten und erzwungenen Lustigkeit,
die unter allen seinen wechselnden Stimmungen Lotti am peinlichsten berhrte. In
eine solche geriet er einmal, als Feler ber einige Vorbereitungen zur nahenden
Hochzeitsfeier sprach, und pltzlich erklrte Lotti ihrem Vater, die Vermhlung
msse hinausgeschoben werden.
    Hat er den Vorschlag gemacht? rief Gottfried.
    Ich wnsche es! entgegnete sie rasch.
    Warum ... Mitraust du ihm?
    Vielleicht nur mir, war ihre Antwort. Scheinbar vllig ruhig begab sie
sich an die Arbeit.
    Kurze Zeit, nachdem Lotti diesen Entschlu gefat, schien Hermann ganz zu
ihr zurckzukehren. Er hatte eine groe Tuschung erlitten, er fand Trost bei
ihr, die seinen Schmerz tiefer empfand als er selbst. Sein gesunkener Mut wurde
indessen bald wieder durch neue Erfolge gehoben, und die unausbleiblichen
Frchte derselben stellten sich ein. Die Huldigungen, die ihm dargebracht
wurden, wollten bezahlt werden, sie forderten ihren Lohn, machten Ansprche auf
die Persnlichkeit, auf die Zeit des Dichters. Verwandte, die sich vor Jahren
von ihm losgesagt hatten, erinnerten sich pltzlich, und erinnerten ihn, da er
zu ihnen gehre. Wenn er von seiner Verlobung mit der Tochter eines Uhrmachers
sprach, hrten sie ihn mit der berlegenen Nachsicht an, die gescheite Leute fr
Knstlerlaunen besitzen. Halwig begann sich einzubilden, da er seine Braut nur
um den Preis schwerer Opfer, harter Kmpfe werde heimfhren knnen. Er ersparte
und verschwieg ihr nichts; kein noch so herbes Urteil, das Menschen ber sie
fllten, die sie nie gesehen, kein Bedenken derjenigen, denen er frher aus dem
Wege gegangen und die er jetzt die Seinen nannte. Er schrieb diese grausame
Offenheit dem unbegrenzten Vertrauen zu, das er fr Lotti empfand, und die
bestrkte ihn darin. Sie wute, da sie seine Liebe verloren hatte, aber den
Schatten derselben, dieses Vertrauen, das ihr sein Herz ffnete, sie seine
geheimsten Gedanken kennen lie, an dem hielt sie fest, das htete sie wie das
heilige Feuer, wie ihr Lebenslicht. Als ob ihre Liebe in dem Mae wchse, in dem
die seine abnahm; als ob er sie durch Qual fester an sich ketten wrde, wachte
sie ber dem kleinen Reste seiner Neigung in bermenschlicher Treue und Geduld.
Ein Aufflackern seiner erlschenden Empfindung war ihr, was der Mutter ein
Lcheln ihres sterbenden Kindes ist.
    Endlich kam die Stunde, in welcher sie ihre Kraft erlahmen fhlte, in
welcher ihr glhender Entsagungsmut sie verlie. Nach jahrelangem Ringen
erwachte in ihr die unwiderstehliche Sehnsucht nach Frieden. Aber sie wollte
diesen nicht mit einem Selbstvorwurf in der Seele dessen erkaufen, den sie so
sehr geliebt hatte. Sie tat es an einem Tage, an dem er sich einmal wieder ihr
gegenber so herzlich, so warm, so voll Hingebung und Innigkeit gezeigt wie in
der Frhlingszeit ihrer Liebe.
    Er war lnger verweilt, als er beabsichtigte, und sprang erschrocken auf,
als einige Uhren zugleich die fnfte Nachmittagsstunde schlugen.
    Ich sollte lngst fort sein! rief er, aber gleichviel ... ... Bei dir
versume ich nichts, ich gehe immer reicher, besser, als ich gekommen bin ...
Ich bin ein Narr, so selten zu kommen.
    Sie traten beide an das geffnete Fenster, durch welches die sanft bewegte
Luft des lauen Herbstabends hereinflutete. Die Sonne hatte sich hinter einer
schweren Wolke verborgen, aber ihr Widerschein sumte den Horizont mit
Purpurstreifen. Breite, goldige Lichter lagen auf den Dchern der Huser und
behaupteten sich noch siegreich gegen die grauen Dnste, die von den Bergen
herzogen und den stlichen Teil der Stadt schon in ihre wallenden Schleier
gehllt hatten. Drben am Kai jagte Wagen an Wagen vorbei, drngte und tummelte
sich das Menschengewhl, indes der Strom lautlos und trge seine trben Wellen
rollte.
    Die Aussicht hab ich lieb, sprach Halwig, ich sehe gern das Treiben der
groen Stadt so tief unter mir ... Dein Vater hat recht, seine hohe, alte Warte
nicht zu verlassen, wenn es ihm auch manchmal schwerfallen mag, sie zu erklimmen
... Leb wohl - das heit auf Wiedersehen!
    Nein, nein, sagte Lotti hastig, es heit leb wohl ... Eine brennende
Rte bedeckte ihre Wangen, und sie umspannte mit beiden Hnden die Hand, die er
ihr gereicht. Wir wollen scheiden, wir mssen ... als gute Freunde, aber fr
immer. Gib mir mein Wort zurck, wie ich dir das deine zurckgebe, Hermann ...
    Was ficht dich an? fragte er.
    Sein Ton klang vorwurfsvoll, allein ein Blitz feuriger berraschung, kaum
sichtbar fr ein anderes Auge als das ihre, hatte whrend ihrer vorhergehenden
Rede in seinem Angesicht aufgeleuchtet.
    Ich kann deine Frau nicht werden, fuhr sie fort, rascher jetzt und mit
fliegendem Atem: Schon lange wollte ich dir das sagen ... Ich ringe schon lange
mit mir ... Ich kann mich von meinem Vater nicht trennen, kann auch die
Lebensweise nicht aufgeben, an die ich gewhnt bin von Kindheit an ... die mir
sehr lieb ist ...
    Ich meinte dir noch viel lieber zu sein! rief er und setzte in
unaussprechlicher Verwunderung hinzu: Du gibst mich auf?!...Du - mich?!
    Du wirst dich darein fgen - nicht wahr?... Sage nicht, da es dir
unmglich ist!
    Sie richtete die Augen fest auf ihn, und die seinen senkten sich.
    Es flog ihm durch den Sinn, da sie ihm untreu geworden, da sie einen
andern liebe, aber sogleich mute er lcheln ber diesen Verdacht. Er fragte
sich, ob sie ihn auf die Probe stellen wollte, fragte sich auch, ob sie nicht
vielleicht seinem Glck, seiner Zukunft ein ungeheures Opfer bringe? Die ruhige
Haltung, in der sie vor ihm stand, machte ihn aber auch an dieser Vermutung
irre.
    Er fuhr aus seinem Brten auf und sagte mit dem Ausdruck eines echten
Schmerzes: Und wir sollen uns niemals wiedersehen?
    Doch ... wenn wir ganz vernnftig geworden sind.
    Du bist es schon jetzt! entgegnete er voll Bitterkeit.
    Und du wirst es werden - wirst mir danken ... La mir deine Hand! wende
dich nicht ab ... Du hast keinen Grund, mir zu grollen. Ich befreie dich von
einer traurigen Braut, bei der keine Freude zu holen ist - sagte sie mit einem
schwachen Versuch zu lcheln.
    Er unterbrach sie, er wollte nicht weiter hren; er erklrte, da er ein
einmal gegebenes Wort nie wieder zurcknehme, und wenn es sein Unglck wre ...
    Wenn es aber auch das meine ist? fragte sie, und er rief halb zornig, halb
verlegen: Wie du mich miverstehst!... Wie du nur glauben, es nur fr mglich
halten kannst, da ich dich aufgeben werde, ohne Grund ... Weit du denn
einen?... Da ich mich von dir trennen werde - so pltzlich ...
    Sie erhob das Haupt. Wir sind lngst getrennt, sprach sie. Es ist aus.
Frage dich selbst, ob du recht httest, mich mitzuschleppen durchs ganze Leben,
weil du einmal geglaubt hast, mich zu lieben.
    Geglaubt?... Ich habe dich unaussprechlich geliebt - meine Liebe zu dir war
...
    Sie war! fiel ihm Lotti mit einem schneidenden Schmerzenston ins Wort, der
die Qual ihres Innern verriet. Tusche dich nicht ... Wir wollen die Kraft
haben einzugestehen, da eine Empfindung, die wir fr ewig hielten - erloschen
ist. Und wir wollen nicht unsere Zukunft auf die erloschene bauen, nicht
erwarten, da ein Glck aus ihr erblhen knne ...
    Er starrte sie an und schwieg. Sein Verstand gab ihr recht, sein Herz
stimmte ihr bei. Was sich in ihm noch regte und strubte, das war ein leiser
Gewissensvorwurf. Allein auch den vermochte Lotti zu beschwichtigen, indem sie
sagte: Nur die Geliebte scheidet sich von dir - die Freundin bleibt. Die wirst
du immer finden. Komm zu ihr, wenn du ein Leid zu klagen hast, wenn du
verdrossen bist und schlimmen Mutes. Bedrckte Seelen warten - das verstehe ich,
das ist die Kunst, die ich ausbe, das ist meine Virtuositt ...
    Lotti! rief er berwltigt und zog sie an seine Brust. Pltzlich jedoch
lie er sie aus seinen Armen, warf sich in einen Sessel nieder und brach in
heftiges Schluchzen aus. Sie trat zu ihm, beugte sich, ihre Lippen ruhten lange
auf seiner Stirn ... regungslos, mit geschlossenen Augen, empfing er ihren
schwesterlichen Ku, und ihm war, als senke sich aus seinem innigen Berhren
Frieden und Vershnung in seine kmpfende Seele. Als er aufblickte, fand er sich
allein; Lotti war in ihr Zimmer geeilt, und er hrte sie den Riegel vorschieben.
Er sprang auf, er rannte zur Tr und pochte und rttelte daran wie ein
Verzweifelter. Kein Laut antwortete seinem Drohen und Flehen.
    Endlich mute er sich ergeben - mute sich fassen.
    Ich komme wieder, hrst du mich? Ich komme wieder! sprach er und schritt
nach einem letzten Zgern, einem letzten vergeblichen Erwarten, langsam aus dem
Gemach.

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Allein sooft er wiederkam, so ungestm er nach ihr fragte - Lotti lie sich
nicht sehen. Er schrieb an sie, er bat sie um eine Unterredung, und sie
entgegnete, sie wolle dieselbe gern gewhren, wenn er zuvor verspreche, ihres
frheren Verhltnisses mit keinem Worte zu erwhnen. Auf diese Bedingung konnte
er nicht eingehen, das erklrte er offen in einem zweiten Briefe, der
unbeantwortet blieb.
    Damit war zwischen ihnen alles zu Ende.
    Als sie einander nach langer Zeit zufllig auf der Strae trafen, senkte
Lotti die Augen, und Halwig wandte die seinen ab. Spter vermieden sie es nicht
mehr, einen raschen Blick zu wechseln. Hast du mir nichts zu sagen? fragte der
ihre und wurde durch ein kaltes Lcheln, eine Miene spttischer Gleichgltigkeit
erwidert. Nach solchen flchtigen Begegnungen kehrte Lotti heim mit fliegenden
Pulsen und brennender Stirn, und am nchsten Morgen erzhlten ihre mden und
gerteten Augen von einer durchweinten Nacht.
    Aber auch diese letzte, trichte Schwche ward berwunden. Lotti gewhnte
sich, an dem einst Geliebten vorbeizugehen wie an einem Fremden; sie errtete
nicht mehr, wenn sein Name in ihrer Gegenwart ausgesprochen wurde; sie las auch
seine Bcher nicht mehr. Sie wurde von ihnen allzu peinlich berhrt. Es gab sich
darin ein Haschen nach dem Absonderlichen und Unerhrten kund, ein Streben,
gemeine Neugier zu wecken, eine Vorliebe, das Krasse, oft sogar das Widerliche
zu schildern, die Lotti entsetzten und ihr wie Lsterungen an dem Gotte
erschienen, den Halwig selbst sie verehren gelehrt: am Gotte des Schnen.
    Jahre vergingen. Feler starb - kurze Zeit nachdem ihm angekndigt worden,
da er seine hohe Warte verlassen msse, weil das Haus zum Umbau bestimmt sei.
Lotti bezog ihre jetzige Wohnung. Gottfried mietete sich bei dem Uhrmacher ein,
fr den er seit dem Tode seines Pflegevaters arbeitete. Des erlittenen Verlustes
immer eingedenk, fhrten beide still ihr Leben fort; Lotti war von ihrer ersten
und einzigen Liebe so vollkommen geheilt, da sie die Nachricht von Halwigs
Verheiratung, die Gottfried eines Tages brachte, mit unbefangener Heiterkeit
aufnahm.
    Vor drei Jahren hatte sich's ereignet, und Lotti besann sich heute noch des
verstrten Gesichts, mit dem Gottfried damals bei ihr erschienen war, der
Verlegenheit, der unntigen Schonung, mit denen er, nach langem Hin- und
Herreden seine Neuigkeit pltzlich hervorgestoen und dabei so beschmt und
elend ausgesehen, als ob er eben eine schndliche Handlung begangen htte.
    Ich mu es dir sagen, entschuldigte er sich, du httest es vielleicht auf
eine unangenehme Art erfahren knnen ... unvorbereitet vielleicht ...
    Lotti sah ihn freundlich an und sagte: Nun - was htte das gemacht?
    Wenn du ihnen aber begegnet wrest wie ich - ganz unerwartet - beim Biegen
um eine Ecke ... Arm in Arm.
    So htte es mich gefreut, sagte Lotti.
    Htte es?... Sein Gesicht hatte sich verklrt, er geriet in Begeisterung,
und jetzt kam es heraus, da er schon seit einigen Tagen von der Verheiratung
Halwigs unterrichtet war, da er auch gehrt hatte, die junge Frau sei arm,
vornehm und schn.
    Das Letztere kann ich bezeugen, sprach Gottfried mit gedmpfter Stimme,
als ob er ein Geheimnis anzuvertrauen htte, du und ich, wir haben nie etwas
Schneres gesehen. Sie ist gro - um ein Haar vielleicht grer als du, und so
zart, so therisch, als wre sie aus Mondesstrahlen gewoben ... aber nein, das
Bild pat nicht; die Strahlen des Mondes sind kalt, und sie sieht aus wie das
junge, rosige Leben ... Ein Kind, sag ich dir, und hat doch schon etwas in den
Augen ... Ich war eilig und ging in Gedanken so hin, wre beinahe an sie
angerannt ... Er rief: Holla! und sie blickte mich mit diesen prchtigen,
sonderbaren Augen unaussprechlich verwundert an, als ob sie sagen wrde: Geben
Sie doch acht! Ich bin es ja!... so, da ich auerordentlich erschrocken
stehenblieb und den Hut rckte. Da bemerkte ich erst, da er den seinen
abgenommen hatte. Gesprochen wurde nichts, wir haben beide nur getrachtet, so
bald als mglich fortzukommen.
    Gottfried nahm seinen gewohnten Platz in der Fensterecke, dem Arbeitstisch
Lottis gegenber, ein, und sie begann von anderen Dingen zu sprechen. Sie
erzhlte mit einer Art Entrstung, da der Uhrenliebhaber, der einst fr ihre
Sammlung jenes hohe Angebot gemacht, das Feler bereute von der Hand gewiesen zu
haben, sich wieder melde. Von Amerika aus, wo er lebte - er war ein Deutscher,
der dort Glck gemacht -, erneuerte er seinen Antrag in einem Briefe, den sein
Agent Lotti berbrachte. Sie sann jetzt ber ihre Antwort nach, konnte nicht
Worte finden, scharf und bestimmt genug, um ihren unerschtterlichen Vorsatz,
sich nie von ihrer Sammlung zu trennen, auszudrcken. Sie hatte Lust, dem
Amerikaner mitzuteilen, was bisher niemand auer Gottfried wute, da der
Hausschatz nmlich im Testamente Lottis dem Museum ihrer Vaterstadt vererbt sei,
wo er unter dem Namen Felersche Sammlung auf die Nachwelt bergehen sollte
zum Nutzen und zur Freude knftiger Generationen.
    Gottfried gab ihr, etwas zerstreut, in allem recht, sprang aber pltzlich
von dem Gegenstand ihres Gesprches ab und sagte: Findest du es nicht verwegen
von ihm, ja sehr verwegen, in seinen doch schon reifen Jahren ein Mdchen zu
heiraten, wie gesagt, fast noch ein Kind und so wunderschn?
    Von - ihm?... du sprichst von Halwig - erwiderte sie mit einem
verweisenden Blick. - Die sanfte Lotti war gegen Gottfried ausnahmsweise immer
ein wenig streng. Das mu man wissen ... Reife Jahre? Ach was! Knstler bleiben
immer jung, nur wir altern, wir Arbeitsleute.
    So hatte sie vor drei Jahren die Kunde von Hermanns Verheiratung aufgenommen
und seitdem nichts mehr von ihm gehrt.
    Und jetzt, nachdem sie alles verschmerzt, vieles vergessen, kam ein Bote aus
der langentschwundenen Zeit und weckte sie aus ihrer tiefen Ruhe. Sie staunte
selbst ber die Gewalt des Eindrucks, den sie pltzlich empfangen hatte, ber
die Pein, welche er verursachte. Doch versuchte sie nicht, sich ihr zu
entziehen, dazu kannte sie sich zu gut. Ihre Leiden wollten vllig durchlebt
sein, bevor sie sterben konnten. Da half kein Wegschieben, keine
berredungskunst, sie forderten ihr ganzes Recht und wichen erst, nachdem es
ihnen geworden.
    Sie nahm ihre Arbeit vor. Gleichfrmig wie immer spann ihr Tagewerk sich ab.
Nachmittags besuchte sie Gottfried in seinem Gewlbe. Allein, was sie auch tat
und sprach, unablssig summten ihr die Worte: Aus Leichtsinn oder Not im Ohr,
und der Gedanke an Halwig verlie sie nicht eine Sekunde. Sie durchwachte eine
bse Nacht.
    Am nchsten Morgen kam Gottfried und mahnte sie noch einmal, die bei ihr
bestellten Arbeiten dem frheren Meister heute selbst zu berbringen.
    Sie versprach es, lehnte aber Gottfrieds Antrag, sie zu begleiten,
auffallend hastig ab.
    Wie du willst, sagte er und verabschiedete sich ohne eine Spur von
Empfindlichkeit.
    Sie blickte ihm eine Weile nach. Der beste Mensch! murmelte sie leise vor
sich hin und begann ganz gegen ihre Gewohnheit mig, mit gekreuzten Hnden, im
Zimmer auf und ab zu gehen.
    Ihre alte Dienerin trat ein und verwunderte sich ber die Maen, ihre Herrin
unbeschftigt zu finden. Aber sie freute sich noch mehr als sie sich
verwunderte. Der Himmel selbst, meinte sie, beschere ihr eine Gelegenheit, sich
so recht nach Herzenslust ber die interessanten Neuigkeiten auszulassen, die
sie vom Markte mitgebracht. Leider fand sie nur geringe Teilnahme und wurde
pltzlich durch die Worte unterbrochen: Agnes - ich gehe jetzt aus.
    Das war freilich leichter gesagt als getan. Ausgehen? Jetzt? - die Alte
entsetzte sich ber diese Idee. Vor dem Essen war das Frulein nie
ausgegangen, warum denn heut!
    Die Frage und die seltsam forschende Miene, mit der sie gestellt wurde,
machten Lotti errten; sie wandte das Gesicht verlegen ab und sagte: Warum? -
ja - - ich knnte eigentlich auch spter - wenn du dich beeilen wolltest ...
    Agnes entfernte sich, erschien jedoch bald wieder. Sie berbrachte die
Visitenkarte eines fremden Herrn, der das Frulein dringend zu sprechen
wnschte.
    Der Agent des Amerikaners kam einmal wieder, die Anerbietungen seines
Chefs in bezug auf die Uhrensammlung zu erneuern.
    Er wurde selbstverstndlich abgewiesen. Allein statt sich damit zu
bescheiden und sich - zufrieden oder nicht - zu empfehlen, nahm er auf das
breiteste Platz in dem Fauteuil und lie alle fnf Minuten einige wegwerfende
Worte ber alte Uhren fallen. Nach einer tdlich langen Stunde erhob er sich
endlich mit der Versicherung, er wolle vor seiner Abreise noch einmal
vorsprechen. Lotti erlaubte sich zu bemerken, das sei ganz berflssig, worauf
er verbindlich erwiderte, er danke und werde sich gewi einfinden.
    Dieser Besuch schien Lotti den Appetit verdorben zu haben, denn sie lie ihr
Mittagsmahl, das von Agnes endlich aufgetragen wurde, unberhrt.
    Sie kleidete sich rasch und hastig zum Ausgehen an und blieb dann zgernd an
der Tr stehen ... sie eilte die Treppe hinab und schritt langsam durch die
Straen ... immer langsamer, je nher sie ihrem Ziele kam.
    Sie wollte sich Gewiheit ber die Umstnde verschaffen, unter denen ihr
einstiges Geschenk verkauft worden war. Sie wollte es. Und doch erhoben sich
Einwendungen in ihr gegen den unwiderruflichen Entschlu. - Was soll die
Gewiheit, nach der du strebst, dir bringen? fragte sie. - Was hast du zu
erwarten? Du wirst von einem Leichtsinn hren, den du nicht heilen kannst, oder
von einer Not, der abzuhelfen du nicht vermagst. La ab! Was qulst du dich?...
Zu wessen Frommen? Du bist lngst vergessen - vergi auch du!
    Lotti horchte den leisen abratenden Stimmen und - mit Bewutsein handelte
sie ihnen entgegen.
    Jetzt stand sie an der Tr des Uhrmacherladens, jetzt drckte sie die
Klinke.
    Der Laden war leer, aber aus dem anstoenden offenen, mit Gaslicht hell
erleuchteten Raume schallte ihr ein lauter Wortwechsel entgegen.
    Ich wei ja, da ich eine Geflligkeit von Ihnen verlange! rief eine
Stimme, deren Ton Lotti seit fnfzehn Jahren nicht mehr gehrt hatte und die sie
dennoch augenblicklich erkannte.
    Ich aber bin nicht in der Lage, Geflligkeiten zu erweisen. - Entschuldigen
Sie, da ist jemand ... sagte der Uhrmacher, der den Eingang zum Gewlbe nicht
aus dem Auge gelassen hatte: Ah - Frulein! eben recht ... Er eilte auf Lotti
zu, indem er fortfuhr zu sprechen: Vierundzwanzig Stunden bin ich im Wort
gestanden; jetzt sind drei Tage vorber; und mit dem besten Willen - wenn ich
noch so gern mchte - ich knnte die Uhr nicht beschaffen, denn sie ist - er
warf Lotti einen Blick des Einverstndnisses zu, bereits in anderen Hnden.
Diese Dame kann es besttigen.
    Derjenige, dem diese Rede galt, hatte sie mit uerungen des Unglaubens
begleitet. Als Lottis Zeugnis angerufen wurde, richtete er pltzlich die Augen
auf sie, verstummte und starrte sie so vernichtet, so vllig berwunden und
ratlos an wie ein Kind, das auf einer schlimmen Tat ertappt wird.
    Mein Gott - Sie?... stammelte er, was werden Sie von mir denken?
    Lotti hatte sich rascher gefat als er; sie erwiderte: Nichts anderes, als
da es schn von Ihnen ist, sich so herzlich nach Ihrer alten Uhr
zurckzusehnen.
    Beide schwiegen und sahen einander an. Sie ihn mit leiser, etwas peinlicher
berraschung: er sie halb wehmtig, halb freudig. Seine Verlegenheit war wie
durch Zauber verschwunden, und ihm wurde leicht und wohl ums Herz. Ihm schien
es, als trte ihm die Erinnerung an die beste Zeit seines Lebens verkrpert
entgegen ... nicht die glnzendste, oh, bei weitem nicht! Aber die beste gewi.
    Frulein Lotti - Frulein Lotti, wiederholte er mehrmals, ohne den Blick
von ihr zu verwenden.
    Er fand in ihrem Gesicht den Ausdruck, den er einst geliebt hatte, wieder.
Hbsch war sie nie gewesen, doch konnte sie schn sein, wenn ihre Seele sich in
ihren Zgen spiegelte, wenn der Abglanz ihrer reinen Gedanken auf ihrer Stirn
sichtbar wurde, wenn eine Gemtsbewegung ihre Wangen rtete - so wie jetzt ...
Was lag daran, ob leichte Falten diese Stirn furchten, ob diese Wangen schmaler
geworden? Die Augen blickten so gtig, wie je; die rosige Farbe der Lippen
hatten die Jahre verwischt, den Zug von Sanftmut und stiller Heiterkeit, der sie
umspielte, jedoch nur tiefer eingeprgt ... Ja, sie war es, war dieselbe noch!
und - sie hat sich wenig verndert, dachte er.
    Lotti hingegen dachte: Er hat sich sehr verndert. Worin aber? fragte sie
sich. Die Zeit ist ja doch schonend an ihm vorbergezogen. Seine Gestalt hatte
sich jugendlich schlank erhalten. Die Farbe seiner Haare und seines Gesichtes
waren dunkler, sein Bart und seine Brauen waren lichter geworden. Die Augen
lagen tiefer, und schon bildeten sich Ringe um dieselben, doch funkelten sie
noch feurig wie sonst; er war noch immer ein Bild mnnlicher Schnheit, sein
Wesen noch immer anziehend und gewinnend. Allein der Charakter seiner
Erscheinung hatte eine gewaltige nderung erfahren. Keine Spur des Knstlers war
mehr an ihm. Er sah wie ein vollendeter Weltmann, sogar ein wenig stutzerhaft
aus. Das Haar war kurz gehalten, der Backenbart nach englischer Mode
zugeschnitten, und die nmliche und allerneueste Mode hatte auch die Form des
langen lichten Oberrocks, den er trug, bestimmt, hatte bei der Wahl des
glnzenden Zylinders, der sportsmigen Krawatte, der Handschuhe aus Hundsleder
den Ausschlag gegeben. Wenn Kleider Leute machen wrden, htte man ihn fr ein
Mitglied des Jockeyklubs halten mssen. Er hatte jedoch nur die uere Hlle
eines Englnders, nicht dessen Art und Weise angenommen - vielleicht nicht
anzunehmen vermocht. Es war nichts von steifer Gleichgltigkeit in dem Tone, in
welchem er sich an Lotti wendete und sie versicherte, er freue sich des
Wiedersehens, trotz der ihn beschmenden Umstnde, unter denen es stattfand. Er
bat sie, ihn anzuhren, bat, ihr seine trichte und leichtsinnige Handlung, die
allerdings unverzeihlich sei, wenigstens erklren zu drfen.
    Lotti unterbrach ihn und meinte, da sich wohl mehr werde tun lassen. Sie
wandte sich an den Kaufmann, und ihrer eindringlichen Frsprache gelang es nach
einiger Bemhung, den bereilten Handel rckgngig zu machen. Sodann
verabschiedete sie sich von dem alten Geschftsfreunde und verlie das Gewlbe
zu gleicher Zeit mit Halwig.
    Ihre Uhr ist bei mir, sagte sie zu ihm, in drei Tagen schicke ich sie
hierher, da kann sie abgeholt werden.
    Er wollte in Worte des Dankes ausbrechen, sie aber grte so deutlich
verabschiedend, da ihm nichts brigblieb, als diesem Winke zu gehorchen. Er
verneigte sich, trat zurck, und sie schlug den Weg nach ihrer Wohnung ein.
    Sie war schon eine ziemlich groe Strecke gewandert, als sie durch rasch
hinter ihr hereilende Schritte eingeholt wurde und Halwig an ihrer Seite
erschien.
    Verzeihen Sie mir, sagte er, verzeihen Sie, Frulein Lotti ... eine groe
Bitte ...
    Nun?
    Erlauben Sie mir, meine Uhr selbst bei Ihnen abholen zu drfen?
    Das steht Ihnen frei! antwortete sie.
    In drei Tagen also!... Um diese Zeit, nicht wahr? Ich komme, ich danke
Ihnen ... das ist eine Freude!
    Die htten Sie sich lngst machen knnen.
    Knnen?... wiederholte er fragend, haben Sie mir nicht dereinst gesagt,
nur wenn ich ein Leid zu klagen htte, mg ich kommen? Nun, Frulein Lotti, ich
hatte keines zu klagen auer demjenigen, das Sie selbst mir damals angetan haben
... und das ich allein tragen und berwinden mute ... In allem brigen bin ich
glcklich gewesen ...
    Und davon sollte ich nichts wissen? unterbrach sie ihn.
    Davon wollten Sie nichts wissen ...
    O wie kindisch! Ist es mglich, Halwig, so kindisch sind Sie geblieben?
    Er fiel sogleich in den heitern Ton ein, den Lotti angestimmt hatte. Erst
die Frage, die sie an ihn stellte, wie es denn komme, da sie ihm seit Jahren
nicht einmal mehr auf der Strae begegnet sei, stimmte ihn ernster.
    Ach, sagte er mit einem Seufzer, ich bin ja wie der Vogel der Minerva. In
der Dmmerung beginne ich meinen Flug. Tagsber schmiedet mich die Arbeit an
meine Stube fest ... freilich keine unntze Arbeit - eine lohnende und
erfolgreiche ... Er warf den Kopf stolz zurck. berdies, setzte er, als
Lotti schwieg, mit vernderter Stimme hinzu, habe ich diesen Winter und den
vorigen in England zugebracht, die Gesundheit meiner kleinen Frau machte einen
lngeren Aufenthalt in einer krftigeren Luft notwendig.
    Sie ist leidend?
    Nichts von Bedeutung. Gott sei Dank, nichts, das mir den geringsten Grund
zu Besorgnissen gbe.
    Sie mssen mir von Ihrer Frau erzhlen, Halwig.
    Ich will sie Ihnen bringen! rief er, hielt aber sogleich inne, wie jemand,
der ein bereiltes Wort gesprochen hat, und setzte zgernd hinzu: Das heit,
wenn meine Frau - ich wollte sagen, wenn Sie es mir erlauben.
    Erlauben - wie denn? - ich bitte Sie darum.
    Sie waren bei dem Hause Lottis angelangt, und diese blieb stehen. Hier
wohne ich, sprach sie, hoch oben im dritten Stock.
    Hier also - gut - hier suche ich Sie auf, in drei Tagen ... Wie glcklich
wre ich, unser kaum begonnenes Gesprch jetzt schon fortsetzen zu knnen - aber
ich bin ein Sklave ... ein freiwilliger natrlich - einer, der vernarrt ist in
seine Sklaverei ... Auf Wiedersehen denn! Er ergriff ihre Hand und drckte sie
mit Wrme: Frulein Lotti - so haben wir uns doch endlich wiedergefunden!
    Und wie mir scheint, antwortete sie, als ganz gute Freunde.

                                       8


Am dritten Tag, zur bestimmten Stunde, fand Halwig sich ein.
    Agnes, kennen Sie mich noch? sprach er, ins Vorgemach tretend, dessen Tr
die Alte ihm geffnet hatte.
    Agnes erwiderte ausweichend: Das Frulein hat mir schon gesagt, da Sie
kommen werden. Der harte Blick, mit dem sie ihn empfangen hatte, wurde
allmhlich milder. Aber ich htte Sie auch so erkannt; Sie sehen ja prchtig
aus.
    Sie noch besser, Agnes, Sie noch viel besser!
    Die Alte schmunzelte und dachte: Jetzt geht es mir wieder mit ihm, wie es
mir immer gegangen ist.
    Im Grunde ihres Herzens hatte sie von jeher eine tiefe Abneigung gegen ihn
gehegt. Sie war eiferschtig auf die Geltung, die er im Handumdrehen im Hause
erlangt, sie verabscheute seine Ttigkeit. Was tut er? meinte sie, er
schreibt? Er kritzelt? Saubere Arbeit fr einen Mann - nhen wre ebensogut. Ich
mchte einen Schreiber geradesowenig wie einen Schneider. Da sie niemals
Gelegenheit gehabt, diese Behauptung zu beweisen, war es ihr freigestellt, ihren
Ha malos zu berschtzen. Trotzdem blieben Halwigs Bewerbungen um ihr
Wohlwollen nie ohne Erfolg. Wenn er sie freundlich gegrt, wenn er fnf Minuten
lang mit ihr geplaudert hatte, gestand sie es regelmig zu: Er ist halt doch
ein lieber Mensch.
    Darf ich eintreten fragte er, oder wollen Sie so gtig sein, mich
anzumelden?
    Nicht notwendig, das Frulein erwartet Sie, und Herr Feler auch.
    Gottfried auch?
    Ja, ja, besttigte Lotti, die auf der Schwelle des Zimmers erschien, zwei
alte Freunde heien Sie willkommen.
    Gottfried stimmte nicht sehr laut in ihre Worte ein, zeigte sich anfangs ein
wenig abweisend, aber das dauerte nicht lange. Bald empfand auch er jenes
eigentmlich freudige, Herz und Zunge lsende Gefhl, das in reifen Jahren durch
das Wiedersehen mit einem Genossen der Jugendzeit erweckt wird.
    Und wie lebst du jetzt? fragte er, nachdem sie genugsam in Erinnerungen
geschwelgt hatten.
    Halwig lehnte sich in den altertmlichen Sessel zurck, der ihm eingerumt
worden war, und kreuzte die ausgestreckten Beine. Freund, lautete seine
langsam gesprochene Antwort, ich lebe nicht - ich schreibe.
    Lotti sah ihn befremdet an, und ein tiefes Mibehagen schien sich seiner
unter diesem Blicke zu bemchtigen; die Stimme erhebend fuhr er fort: Ich
schreibe vom Morgen bis zum Abend oder - zur Abwechslung - vom Abend bis zum
Morgen ... Es gibt einmal nichts so Unpoetisches wie das Dasein eines Poeten im
neunzehnten Jahrhundert ... Aber was ist zu tun, wenn man einen Haushalt mit der
Feder bestreiten mu?
    Das kann dir nicht schwer werden, meinte Gottfried, ein gefeierter
Dichter wie du ...
    Heuchle nicht, Gottfried! Was weit du davon, ob ich ein gefeierter Dichter
bin?
    Nun - man nimmt doch auch manchmal eine Zeitung zur Hand.
    Daher schpfst du deine Nachrichten? Gehst zum Fasse statt zum Quell ...
Und Sie, Frulein Lotti, verschmhen Sie es gleichfalls, sich selbst zu
berzeugen, ob ich den Ruf verdiene, den man mir macht?
    Verschmhen? wiederholte sie, nein. Aber, lieber Halwig, ich altmodische
Person lese schon seit langer Zeit nichts Neues mehr.
    Sie tun vielleicht sehr gut daran, sprach er nicht ohne leisen, etwas
ironischen Verdru.
    Er erhob sich, trat an den Bcherschrank und las halblaut die Titel einiger
darin aufgestellter Werke. Da sind noch alle, die alten Bekannten ... Ja, ja,
Ihre Umgebung hat sich ebensowenig verndert wie Sie selbst. Der Raum ist
kleiner geworden, sprach er und blickte sich in der Stube um, die Gegenstnde
sind dieselben geblieben. Aber - wo ist denn die Sammlung, der Schatz des
Hauses?
    Lotti deutete nach der Ecke des Zimmers. Dort steht sie. Unvermindert? In
ihrer ganzen Herrlichkeit?
    Jawohl, in ihrer ganzen unvergleichlichen Herrlichkeit.
    Wirklich?
    Wie knnen Sie daran zweifeln? Ein Geizhals wrde sich leichter von Hab und
Gut trennen als ich mich von einer meiner Uhren.
    Nicht einmal eine wre Ihnen feil? - Um gar keinen Preis? Nicht um
Wohlhabenheit, nicht um Reichtum?
    Welche Fragen! erwiderte Lotti beinahe verletzt.
    Halwig nahm seinen frheren Platz wieder ein; er sttzte die Arme auf seine
Knie und sah eine Welle nachdenklich vor sich hin. Da pltzlich erhob er die
Augen zu Lotti: Idealistin! Sie wohnen in einer Nuschale unter dem Dach,
plagen sich ums tgliche Brot, verzichten auf alle Annehmlichkeiten des Lebens,
um nichts zu schmlern von einem eingebildeten Wert ... Sie haben recht!...
Bewahren Sie sich, was Ihnen unschtzbar ist! schlo er wehmtig, schlug jedoch
gleich darauf mit einem der unvermittelten bergnge, die ihm immer eigen
gewesen waren, einen heitern Ton an. Er nannte sich einen glcklichen Menschen
und pries sein Schicksal, das ihn endlich wieder mit seinen alten Freunden
zusammengefhrt. Der Verkehr mit ihnen sei das einzige gewesen, wonach er eine
Sehnsucht empfunden, die sich oft bis zum Schmerze gesteigert. Jetzt war auch
diese erfllt. Ihm fehlte nichts mehr. Er begann von seiner Frau zu erzhlen,
und wie er sie im Sturm gewonnen, trotz des Widerstandes, den ihre Eltern, ihre
Geschwister, die ganze hochadelige Sippe gegen ihre Verbindung mit ihm
aufgeboten habe. Anfnglich wurde sein Haus von den Verwandten seiner Frau
gemieden - nur anfnglich ...
    Seitdem sie sich berzeugt haben, da meine Kunst keine brotlose ist,
sprach er lachend, bin ich merkwrdig in ihrer Achtung gestiegen, und das freut
mich, obwohl ich keinen Grund habe, viel Gewicht auf ihre Meinung zu legen. Es
sind sehr ehrenwerte Leute, aber durchaus keine berlegenen Geister. Ein
wirkliches Band besteht nicht zwischen uns ...
    Einflu nehmen sie aber doch auf dich, versetzte Gottfried. Dein ueres
hat sich vllig dem der Weltmenschen anbequemt. Der Tausend! was bist du nobel
geworden ... ich bewundere dich schon die ganze Zeit im stillen.
    Spotte nur, sagte Halwig. brigens, lieber Alter, die Zeiten sind vorbei,
in welchen man den Dichter am wallenden Lockenhaar und am abgeschabten Flausrock
erkannte. Den Wunsch, genial auszusehen, habe ich allerdings aufgegeben. Aber
nicht infolge uerer Einflsse, sondern dank meinem verbesserten Geschmack.
    Gottfried blinzelte ihn freundlich an. Sehr gescheit, sprach er; deine
Leute knnen mit deiner stattlichen Erscheinung zufrieden sein. Und deine
Bcher, sage mir, finden die bei ihnen gehrige Anerkennung? Gefallen sie ihnen,
wie du selbst ihnen gefallen mut?
    Meinen Leuten - Bcher?... meinen Leuten? - Freund, ich frage mich
manchmal, ob sie lesen knnen, entgegnete Halwig und fuhr nach einem Blick voll
Verwunderung, den Lotti auf ihn geworfen, rasch fort: Das gilt nur von den
Mnnern! Die Frauen lesen, die - ja. Und zwar die alten franzsische, und die
jungen englische Romane. Welche Frchte diese Lektre den ersten trgt, wei ich
nicht; die zweiten holen sich aus der ihrigen Begeisterung fr englische Sitten
und Gebruche und fr alle Arten von Sport. Sie verstehen sich auf Pferde trotz
eines Maquignons, reden wie die Jockeys und - sind reizend. - Ja, ich mu
gestehen, da ich sie reizend finde, obwohl ich mich nicht im geringsten tusche
ber ihre stupende Oberflchlichkeit ... Aber - was geht die mich an? Mich
unterhalten, mir gefallen diese Amazonen in Schleppkleidern; meinetwegen drfen
sie bleiben, wie sie sind ... Die Klagen ber die Fehler der Aristokraten, ber
ihre Frivolitt, Genusucht und Unwissenheit hrt man bis zum Ekel wiederholen;
allein, wer hat jemals freundschaftlich mit ihnen verkehrt und sich dabei nicht
wohlgefhlt? - Man hat berhaupt keinen Sinn fr das Anmutige und Schne, wenn
man keinen hat fr die Anmut und Schnheit ihrer Umgangsformen ... freilich,
eine Ahnung von Talent zu dergleichen Dingen mu man mitbringen, um sie als
Vorzge gelten lassen zu knnen ... diese Ahnung fehlt - nicht dem groen
Publikum, das unsere ist vortrefflich, keine Nation der Welt vermag ein besseres
zu bilden - es fehlt den Wortfhrern des Publikums, meinen Herren Kollegen und
lieben getreuen, immer dienstbeflissenen Feinden.
    Deine Kollegen und Feinde? fragte Gottfried ganz verwundert ber diesen
pltzlichen Ausfall.
    Nun ja! - Ich habe zuviel Glck und habe stets zuviel Glck gehabt, um ohne
Neider zu sein. Sie tun, was sie knnen, um mir meine Erfolge zu verkmmern,
allein die Mhe ist verloren. Noch befinde ich mich im Vollbesitze meiner Kraft
und hoffe, nicht so bald zu erlahmen - geschhe das - erwachte ich eines Tages
und wre kein Dichter mehr - wie man behauptet, da es geschehen knne, anderen
schon geschehen sei - versiegte pltzlich der Quell, aus dem ich gewhnt bin,
ohne Ma zu schpfen - ja dann ... er griff sich mit beiden Hnden an den Kopf,
dann wre ich verloren ... denn alles, was ich bin und habe, steht und fllt
mit meinem Talent. Mein Haus ist darauf gegrndet, die Zukunft meiner Frau ...
geistige Verarmung htte fr mich so viel zu bedeuten wie materielle Not - und
das hiee sie betrogen haben, die mir in unbegrenztem Vertrauen gefolgt ist ...
Nrrische Gedanken - unterbrach er sich mit einem gequlten Lachen, ich kenne
mich und frchte nichts. Aber die Phantasie, die uns beseligt, will auch
peinigen. Nur zu!... In der Einbildung mssen wir das Furchtbare durchmachen,
das uns die Wirklichkeit erspart - das ist der Tribut, den der Glckliche dem
allgemeinen Menschenelend bezahlt ... Und, da er reichlich bezahle, dafr
sorgen die eigenen, in dem Geschft, das ich betreibe, bis zum Zerreien
gespannten Nerven, und die Bemerkungen der sen Neider, oder die Ratschlge der
weisen Freunde. Auf dem Wege hierher bin ich dem weisesten von allen begegnet
... Was der nicht alles wute, nicht alles kommen sah! Wie der so eindringlich
bat, als hnge sein eigenes Heil davon ab: Gnne dir Ruhe! Sndige nicht auf
dein Talent - du brauchst Sammlung, Erholung ... Wohl brauch ich sie, aber sie
mir gnnen heit abtreten, anderen Platz machen ... O nein, ich weiche nicht,
ich bleibe und fhle Nerv und Strke genug in mir, der ganzen heranwachsenden
Epigonengeneration standzuhalten ... Ich traue mir's zu, sie alle zu berdauern,
diese altklugen Kinder mit ihrem riesigen Wollen und ihrem zwerghaften Knnen
... Aber ich ermde Sie mit diesen literarischen Miseren ... Lassen Sie uns von
angenehmeren Dingen reden ...
    Er gab dem Gesprch eine andere Wendung, er bemhte sich, die frhere
Heiterkeit wiederzugewinnen. Allein es war vergeblich. Endlich erhob er sich und
nahm Abschied. Sehr bald, so bald, als es ihm nur irgend mglich sei, wollte er
mit seiner Frau wiederkehren, die er im voraus der Freundschaft und Gte Lottis
empfahl.
    Wie kommt er dir vor? sprach Gottfried zu Lotti, als sie wieder allein
waren.
    Sie sah an ihm vorber durch das Fenster und antwortete zgernd: Wie dir.
    Schad um ihn.
    Ja, traurig.
    Wenige Tage darauf schrieb Frau von Halwig an Lotti einen zierlichen kleinen
Brief. Sie war im hchsten Grade ungeduldig, Frulein Feler kennenzulernen. Sie
forderte ihren Anteil an der Freude, die ihrem Manne durch das Wiederfinden
seiner Jugendfreundin beschert worden war. Es machte sie wirklich trostlos, dem
Zug ihres Herzens nicht folgen und statt dieser in Eile hingeworfener und
schlecht geschriebener Zeilen selbst bei Frulein Feler erscheinen zu knnen;
aber ein Unwohlsein und die Unerbittlichkeit des Arztes machten das unmglich.
Ja, wenn Frulein Feler gromtig sein und eine arme, an das Zimmer gefesselte
Kranke mit ihrem Besuche beehren wollte, wie glcklich wrde diese sein ... Auf
ein solches unverdientes Entgegenkommen wagte freilich diejenige nicht zu
hoffen, die sich mit herzlichster und wrmster Verehrung Lottis ergebenste
Agathe Halwig nannte.
    Die Empfngerin dieses Schreibens las und las es wieder, und ein Gefhl von
entzckter Beschmung bemchtigte sich ihrer. Es stieg ihr hei in die Wangen,
sie meinte pltzlich tief in der Schuld der jungen Frau zu stehen, deren sie
bisher entweder gar nicht, oder wenn - ohne das geringste Wohlwollen gedacht und
die ihr jetzt so liebenswrdig nahte, mit solcher Bescheidenheit, ja man konnte
sagen, mit kindlicher Ehrfurcht ... Sie wollte sofort schriftlich antworten,
besann sich aber eines andern. Nein, mit ihrer schwerflligen und altmodischen
Schrift drfte sie nicht ausrcken, der Besitzerin der schnsten grande
anglaise gegenber, die Lotti jemals gesehen hatte. So beschlo sie denn, eine
mndliche Antwort zu geben, und trat in das Vorzimmer, um dieselbe dem wartenden
Boten aufzutragen.
    An der offenen Tr der Kche lehnte nachlssig, mit gekreuzten Armen und
Beinen, ein Mittelding zwischen Groom und Lakai, ein untersetztes, glotzugiges
Brschchen im grnen Leibrock mit gelben Wappenknpfen, eine blanke,
goldbetrete Tellerkappe zwischen den Fingern. Von der Hhe seines herrlichen
Selbstbewutseins herab beobachtete er das Walten Agnesens in ihrem kleinen
Bereiche. Er vernderte seine lmmelhafte Haltung nur wenig, als Lotti rasch und
in groer, freudiger Aufregung auf ihn zukam und ihn bat, seiner Gebieterin zu
melden, sie gedenke heute noch bei derselben vorzusprechen.
    Heute nicht, versetzte das Brschchen und lchelte mit dem ganzen
impertinenten Gesicht. Morgen lassen die Frau Baronin bitten, morgen um ein
Uhr.
    Morgen? - Gut denn, morgen.
    Es schien Lotti ein wenig befremdlich, da die junge Frau, die nicht den Mut
gehabt, sie um ihren Besuch zu bitten, doch mit Sicherheit auf ihn gerechnet
haben sollte; aber sie machte sich nicht lange darber Gedanken. Sie kehrte
wieder zu ihrem lieben, Auge und Herz gewinnenden Brief zurck. Da lag er,
sorgfltig gefaltet in seinem schimmernden Kuvert, und duftete kstlich nach
Ylang-Ylang. Von neuem erquickte sich Lotti an seinem Anblick. Nein, es gab
nichts Gutes und Schnes, das man ihr nicht zutrauen mte, die ihn geschrieben.
Lotti drckte ihn an ihre Wange, hielt ihn zrtlich in ihren flachen Hnden und
legte ihn endlich in das Kstlein, in welchem sie ihre teuersten Erinnerungen
bewahrte: das Miniaturbild ihrer Mutter, Andenken an den Vater, Briefe, die
Gottfried aus der Fremde gesandt, die Eheringe ihrer Eltern, ihren eigenen
Verlobungsring.
    Aber aus diesem Reliquienschreine zog sie ihn am nchsten Morgen wieder
hervor, um ihn Gottfried mitzuteilen.
    Lies! rief sie, als er erschien, und hielt ihm das Blatt entgegen. Er
gehorchte, nachdem er zuerst nach der Unterschrift gesehen und ein verwundertes
Oho! ausgestoen hatte. Seine Miene blieb ganz gleichgltig.
    Hast geantwortet? fragte er, nachdem er zu Ende gekommen.
    Natrlich! Ich gehe zu ihr.
    Das ist beschlossen? Gottfrieds Ton klang mibilligend, und er warf das
Schreiben mit einer Gebrde voll Geringschtzung auf den Tisch.
    Es ist beschlossen, entgegnete Lotti rgerlich.
    Er murmelte einige unverstndliche Worte.
    Was sagst du?
    Nichts. - Wenn es schon beschlossen ist, nichts.
    Und der Brief gefllt dir nicht? Freut dich nicht?
    Mich freut nur die Freiherrnkrone auf dem Papier. Seit wann ist der Halwig
baronisiert worden?
    Gottfried! rief Lotti, es ist deiner ganz unwrdig, so kleinlich zu
sein.
    Ist das kleinlich? sagte er, nicht ohne einige Beschmung.
    Ungeheuer! So ungeheuer, als etwas Kleines nur irgend sein kann.
    Er lachte und war wieder der gute, liebe Gottfried, der beste Mensch. Er
konnte brigens nur einige Augenblicke verweilen, es gab sehr viel zu tun. Das
neuerrichtete Geschft lie sich vortrefflich an, und doch wollte er nicht so
ganz Kaufmann werden, da er am Ende seine Uhrmacherei darber vernachlssigte.
Fortschritte meinte er freilich unter den jetzigen Umstnden nicht mehr machen
zu knnen, aber verlernen wollte er nichts, und schon das forderte ein ganz
knappes Wirtschaften mit der Zeit.
    Lotti hatte seiner raschen Auseinandersetzung herzlich zugestimmt. Du bist
recht zufrieden? fragte sie pltzlich.
    Recht zufrieden, wiederholte er, vermied aber dabei, dem freundlich
forschenden Blick zu begegnen, den sie auf ihn heftete.
    Gottfried hatte das Zimmer kaum verlassen, als Agnes mit der Meldung
erschien, Herr von Halwig sei da und wnsche das Frulein zu sprechen.
    Es mu ihm etwas sein, flsterte die Alte, und ihr vertrocknetes Gesicht
geriet in das blitzende Zucken, das bis zum uersten gespannte Neugier auf
demselben hervorzurufen pflegte. Was ihm wohl sein mag?
    La ihn doch kommen! rief Lotti, und schon, nach einem leichten Pochen an
der Tr, trat Halwig so eilig ein, wie die alte Agnes sich langsam und zgernd
entfernte.
    Entschuldigen Sie die frhe Stunde, ich werde Sie nicht lange stren,
sprach er, ich bin nur da, um Ihnen fr Ihre Gte gegen meine Frau zu danken
und um Ihnen zu sagen, wie sehr leid es mir tut, bei Ihrer ersten Begegnung mit
Agathe nicht gegenwrtig sein zu knnen ... Nein, nein! fgte er ablehnend
hinzu, da ihm Lotti einen Sessel anwies, ich setze mich nicht, ich bleibe, mit
Ihrer Erlaubnis, hier an dem Platze Gottfrieds stehen, Ihnen gegenber, Frulein
Lotti ...
    Er sprach hastig und abgebrochen, mit sichtbarer Mhe, die raschen Atemzge
zu verbergen, die seine Brust ngstlich beklemmend hoben.
    Was fehlt Ihnen, Halwig? fragte Lotti und trat an seine Seite, Sie sehen
schrecklich aufgeregt und bermdet aus.
    Die natrliche und vllig unschdliche Folge einiger am Schreibtisch
durchwachten Nchte ... das geht vorber ... Sehen Sie mich nur recht an - nur
recht tief, nur recht lang, mit Ihren milden, frommen, friedlichen Augen - es
tut mir wohl und beruhigt mich, und ich brauche Ruhe zu dem schweren Gang, den
ich heute zu machen habe ... Er hielt inne, und Lotti sagte nach kurzem
Schweigen sanft und eindringlich: Fahren Sie fort, schenken Sie mir Ihr ganzes
Vertrauen ... Sie wissen, Sie mssen sich noch erinnern, wie groen Wert ich auf
Ihr Vertrauen lege. Darin, lieber Freund, habe ich mich nicht verndert.
    Ja, ja! fordern Sie Vertrauen von mir, lehren Sie mich wieder Vertrauen
haben, rief er, ich habe das inmitten der Migunst, die mich umgibt,
verlernt.
    Halwig, diese Migunst - besteht sie nicht vielleicht einzig und allein in
Ihren selbstqulerischen Einbildungen?... Ich frage nur - beeilte sie sich
entschuldigend einzuwerfen, als er im Begriffe schien, heftig aufzufahren.
Weisen Sie mich zurecht, wenn ich irre ... Halwig - Sie haben neulich von
jemand gesprochen, der Ihnen riet, sich Ruhe zu gnnen - dem stimm ich bei, sein
Rat war gut.
    Er wre gut, wenn sich ein Zeichen des berreizes, des Verfalls in meinen
letzten Arbeiten finden liee ... Das lt sich darin nicht finden!... Mit jedem
Werke, welches ich in die Welt sende, wchst meine Popularitt, es gibt keine
Zeitschrift, kein Journal, das nicht um meine Mitarbeiterschaft buhlt; wenig
Autoren drfen sich rhmen, soviel gelesen zu werden wie ich. - In faden
Harmlosigkeiten freilich darf ich mich dabei nicht ergehen, auf einige
Verblffung luft es immer hinaus - dem Geschmack der Zeit mu man Konzessionen
machen ... man mu ... Welcher Knstler ist gro geworden und hat das nicht
getan?... Lesen Sie, lesen Sie doch einmal eines meiner Bcher und sagen Sie
dann, ob ich mich, wie der schne Ausdruck lautet, ausgeschrieben habe? Ob ich
verwssere und verflache?
    Er stie ein kurzes Gelchter aus und versank in Gedanken, aus denen ihn
Lotti mit den Worten weckte: Sie sprachen von einem unangenehmen Gang, den Sie
zu machen haben ...
    Unangenehm ist ein milder Ausdruck. Abscheulich, grlich soll es heien
... Ich will Ihnen sagen, was ich zu tun habe: einem Menschen gute Worte geben,
dem ich am liebsten einen Futritt gbe ... aber ich stehe in seiner Schuld, und
mir bleibt nichts brig, als - die Augen funkelten ihm vor Zorn, und er warf
die Lippen verchtlich auf -, als mich vor ihm zu demtigen.
    Eine - eine Geldschuld? fragte Lotti zaghaft.
    Nein - ja - wie man will ... Ich habe mich herbeigelassen, eine
Vorauszahlung von ihm anzunehmen auf einen Roman, der im Feuilleton seiner
Zeitschrift erscheinen soll ... und kann dieser Verpflichtung nicht nachkommen
... es ist mir unmglich, trotz all meiner Arbeitskraft, all meines Fleies.
Heute sollte ich meinen ersten Band abliefern, und heute mu ich das Gestndnis
ablegen, da er noch nicht begonnen ist - mu um Zeit bitten, um Geduld - -
    Wr's nicht besser, den peinlichen Vertrag ganz zu lsen, Halwig? sprach
Lotti.
    Das kann ich nicht -
    Wenn Sie ihm die erhaltene Summe zurckerstatten wrden ...
    Das kann ich nicht! wiederholte er bereilt und verbesserte sich sogleich:
Darauf ginge er nicht ein - der Seelenverkufer lt mich gewi nicht los ...
Aber - darf ich's denn verantworten, da ich Sie zu langweilen komme mit dem
Berichte dieser Jmmerlichkeiten, die Ihrem Gesichtskreise so fern liegen, so
tief unter Ihnen stehen?
    Diese Frage, Halwig, die knnen Sie allerdings nicht verantworten, sprach
Lotti. Mir liegt nichts fern, was Ihnen Unruhe und Pein zu verschaffen vermag.
Vergessen Sie das nie und nimmermehr.
    Er fuhr mit der Hand ber seine Stirn. Ich habe es nicht vergessen ... Sie
sehen ja ... Von jeher waren Sie bestimmt, mir Trost und Segen zu sein ... von
jeher war ich bestimmt, Sie zu qulen ... Das Schicksal erfllt sich ... Leben
Sie wohl!... rief er, wandte sich pltzlich und schritt dem Ausgange zu. Mit
einem Male blieb er jedoch stehen. Seine Augen hatten sich fest und starr auf
ein kleines Bild gerichtet, das an der Wand ber dem Arbeitstische hing. Das
wohlgetroffene Bild Meister Felers.
    Ihr Vater ... Ihr Vater, das war ein Mann! Er hatte alles vom Knstler, nur
nicht die Selbstsucht, nur nicht den Ehrgeiz. Er kannte die Affenliebe fr seine
Produkte nicht, und nicht die blinde Freude an dem Geschaffenen, sondern nur die
groe Freude an seinem Schaffen ... Er trieb sein Handwerk wie eine Kunst. Wir -
treiben unsere Kunst wie ein Handwerk, sprach er dumpf und schmerzlich und
verlie das Zimmer.

                                       9


Wohin geht denn unser Frulein in solchem Staat? sprach das Schneiderlein im
vierten Stock des Nachbarhauses.
    Macht gewi Visiten, meinte Leopoldine und beugte sich recht weit aus dem
Fenster, um Lotti nachzublicken, die soeben ber den Platz schritt.
    Der Alte folgte dem Beispiel seiner Tochter und rief in Begeisterung:
Schau, schau! Es gibt doch nichts Schneres als ein schwarzes Seidenkleid ...
Aber Falten mu es haben, mu sich so gewi ausbreiten - das ist anstndig, das
ist elegant!
    Nein, elegant ist es just nicht! erwiderte Leopoldine, ihr kleines,
breites Nschen rmpfend.
    Nicht? Kannst du dir das Frulein denken in so einer modernen Ofenrhre,
wie du da hast? rief der Schneider, indem er verchtlich auf das enge Kleid
deutete, das seine Tochter trug.
    Sie nicht - sie freilich nicht -
    Freilich nicht! spottete der Vater ihr nach, und htte doch eher als
tausend Jngere die Gestalt dazu, ist ja gewachsen wie eine Tanne.
    Nein, nein, sie soll nur bei ihren alten Moden bleiben, ihr steht's, ein
anderes drft's nicht tragen.
    Und warum nicht? Weil es praktisch ist? Weil es geschmackvoll ist?
polterte der Alte, und der Zank zwischen den beiden entbrannte.
    Sagt, was Ihr wollt! platzte das Mdchen pltzlich heraus, wenn Ihr
einmal tot seid, halte ich mir doch ein franzsisches Modejournal!
    Dann kannst du's tun, schrie der Vater gereizt, aber nicht gekrnkt durch
diese brutale uerung.
    Seine Tochter bi sich auf die Lippen, aus ihren dunkeln Augen scho ein
Strahl innigster Liebe: Deswegen braucht Ihr noch nicht zu sterben, sprach
sie.
    Fllt mir auch gar nicht ein.
    Und sie gingen an die Beendigung eines hchst unmodern gestreiften
Sommerkleides.
    Im gegenberstehenden Hause hatten die Horatier im Fenster gelegen und
Lotti, als sie vorberkam, mit lautem Jubelgeschrei begrt. Auch die weie
Katze hatte ihr vom Dache herunter nachgeschaut und dabei ein derart gescheites
Gesicht geschnitten, als ob sie allerlei interessante Dinge wte, von denen
andere sterbliche Wesen niemals etwas erfahren.
    Lotti aber schritt dahin, erfllt von den verschiedenartigsten und dennoch
so gleich mchtigen Empfindungen, da sie nicht vermocht htte zu sagen, welche
die vorherrschende sei. Vielleicht war es ein geheimer Tatendrang - der Wunsch,
Einflu auf die Frau Halwigs zu gewinnen, und die Hoffnung, wenn das gelang,
durch sie dem Selbstzerstrungswerk Einhalt zu tun, in dem der Dichter begriffen
war. Sollte jene aber nichts wissen von seinen schweren Seelenkmpfen? Sollte
sie, wenn er auch schweigt - nichts davon erraten haben? Ist es nicht offenbarer
Unverstand, sich einzubilden, da eine Fremde kommen msse, um der Gattin die
Augen zu ffnen? Und dennoch - dennoch - trotz aller Einwendungen ihres
Verstandes blieb Lotti von einer Ahnung durchdrungen, fr die ihr jeder Grund,
jeder Anhaltspunkt fehlte, der Ahnung: die Frau, die er liebt, wei nichts von
seinem inneren Leben.
    Lotti war im neuen Stadtteil vor dem neuen Hause angekommen, das Halwig
bewohnte. Nett wie ein Schchtelchen stand es da; alles darin frisch und blank
und fast blendend vor Glanz und Farbenpracht, alles geschmackvoll und schn: die
Malereien an den Wnden und am kuppelartigen Gewlbe des Stiegenhauses, die
vergoldete Rampe, die schneeweien Treppenstufen. Die einfache Lotti, die
Freundin des Alten, sah sich um in all der bunten, jungen Herrlichkeit und
meinte im stillen, das Neue knne einem doch auch gefallen.
    Sie bemhte sich, den Auendingen recht viel Aufmerksamkeit zu schenken, sie
hoffte sich dadurch von der seltsamen Beklemmung zu befreien, die sich ihrer
bemchtigt hatte. Doch half es wenig, und Lottis Herz pochte fast laut, als sie
das erste Gescho erreicht hatte und den Drcker neben einer hohen, hbsch
stilisierten Tr berhrte, die sich nach wenig Augenblicken vor ihr erschlo.
Derselbe Diener, der gestern das Billett Frau von Halwigs berbracht, starrte
Lotti mit derselben dummdreisten Miene an, forderte sie jedoch auf einzutreten.
    Er schritt ihr voran durch ein getfeltes Speisezimmer. Majoliken und
Zinnschsseln, Bierkrge, Becher und Kelche auf dem Bfett, geschnitzte Sthle,
schwerfllige Tische und Schrnke: altdeutsch. Durch einen kleinen Salon mit
hellgelben Figuren und blumenreichen Tapeten, Pagoden, Vasen, Lster,
Armleuchtern aus Porzellan, zahllosen Kstchen aus vieux laque: chinesisch. An
der dritten Tr blieb der Bediente stehen, ffnete sie und rief laut: Frulein
von Feler, und gab der von ihm unversehens Geadelten einen feierlichen Wink.
    Lotti trat in ein groes, freundliches Gemach, in dessen Mitte auf einer mit
lichtblauem Atlas berzogenen Chaiselongue eine junge Dame lag.
    Wie schn von Ihnen, sprach diese und richtete sich, wie es schien nicht
ohne Anstrengung, mit dem Oberkrper auf. Eine kleine hilflose Kinderhand
streckte sich aus der Flut von Spitzen, welche die rmel des weien Schlafrocks
umgaben, der Besucherin entgegen.
    Wie schn von Ihnen, da Sie kommen ... aber ich hab's gewut, ich habe
wirklich auf die Erfllung meiner Bitte gezhlt ...
    Sie sehen wie recht Sie gehabt ...
    Wenn sie so ist, wie ich glaube, dacht ich mir, als ich meinen Brief
fortschickte, kommt sie. sogleich - und Sie wollten ja auch sogleich kommen?
    Gewi.
    Gestern konnt ich Sie aber nicht sehen - ich war zu leidend -
    Das hrte ich mit Bedauern, erwiderte Lotti teilnehmend, aber auch
erstaunt. Leidend, dieses schne, blhende Geschpf mit den rosig angehauchten
Wangen, den frischen, schwellenden Lippen?
    Und - was fehlt Ihnen?
    Ich bin sehr, sehr nervenkrank. Hermann wei nichts davon, man darf es ihm
auch nicht sagen; aber mein Arzt ist um mich besorgt, versicherte Agathe mit
einschmeichelnder, klagender, um Mitleid bittender Stimme.
    Sie verschnerte sich noch im Sprechen, ihren Mund umspielte dabei ein so
lieblicher Zug, ein so kluger und unschuldiger Ausdruck, da Lotti dachte: Dich
mte ein Tauber beredsam finden!
    Die Gesichtsbildung der jungen Frau erinnerte an die der Ccilie von Albano,
deren Bild Kestner seinen rmischen Studien vorangestellt hat. Ihre reichen
dunklen Haare waren zurckgekmmt und in einem schweren Knoten am Hinterhaupte
zusammengehalten. Sie schien gro; die edlen Formen ihrer vollen und schlanken
Gestalt zeichneten sich deutlich unter dem weichen, anschmiegenden Stoff des
langen, weit ber die Fe reichenden Gewandes, in das sie sich, wie frierend,
hllte.
    Lotti stand vor ihr und staunte sie mit jener reinen, fast demtigen
Bewunderung an, die gute und warmherzige Menschen gerade den Vorzgen gegenber,
die ihnen selbst versagt geblieben sind, am lebhaftesten empfinden.
    Diese Frau, wie war sie schn! und wie malerisch, und wie eigentmlich war
ihre ganze Umgebung! Das Gemach glich einem Wintergarten, von Bltenduft und
Sonnenschein durchtrnkt.
    In den Vertiefungen der vier hohen, im rechten Winkel aufeinanderstehenden
Fenster prangten dichte, ppige Gruppen der seltensten Blumen. In einer Ecke
breitete eine riesige Fcherpalme ihre zackigen Bltter aus, in der anderen
wiegten sich in den Ringen ihrer vergoldeten Kfige ein Arras mit khnem Schopf
und ein blauer Papagei. Eine zierliche Voliere beherbergte ein Dutzend
brasilianischer Vgelchen mit schimmerndem Gefieder. In einem Aquarium schwammen
Gold- und Silberfische, hockten langweilige Schildkrten, und aus den Spalten
des kleinen knstlichen Felsens, der sich in der Mitte desselben erhob, guckten
grne Eidechsen und gelb gefleckte Salamander mit scheuer Neugier hervor. Zu
Fen der Herrin lag ein weies Hndchen, dessen Stirnhaare hchst kokett mit
einer blauen Schleife zusammengebunden waren. Einige Schritte von ihm befand
sich seine Villa, ein Zelt aus demselben blauen Seidenstoff, aus dem die Tr-
und Fenstervorhnge bestanden. Mit diesen stimmte nur das Rubebett berein. Alle
brigen Mbel schienen je ein Muster von ganz verschiedenen Gattungen.
Persische, indische, trkische Stoffe und Stickereien schmckten reich
geschnitzte oder eingelegte Gestelle, prangten auf den Kissen, waren ber die
Tische gebreitet. Das Zimmer war berfllt, drei Dinge jedoch htte man darin
vergeblich gesucht: ein Gemlde, ein Buch und - eine weibliche Handarbeit.
Dagegen waren mehrere Etageren vorhanden, ganz bedeckt mit Rauch- und
Reitrequisiten. Zigarettenvorrte hoch aufgespeichert, abenteuerlich geformte
Pfeifchen, kleine Tschibuks mit kostbaren, edelsteingeschmckten Mundstcken,
Reitpeitschen und Reitstcke, kstlich damaszierte Pistolen, mit Schaft aus
Elfenbein, daneben in einem Futteral ein goldener Sporn.
    Die Besitzerin all dieser Herrlichkeiten sah voll Vergngen das Interesse,
das Lotti denselben schenkte.
    Es gefllt dir bei mir! sagten ihre groen langbewimperten Augen,
dunkelbraun wie der Flgel des Trauermantels, und mit denselben schwimmenden
spielenden Lichtern ...
    Nehmen Sie doch einen Fauteuil - nicht den, der ist unbequem, den andern -
dort! So ist's recht. Und jetzt setzen Sie sich hierher - mir gegenber, und
lassen Sie uns schwatzen, liebes Frulein.
    Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah vor sich nieder.
    Ich mu Ihnen sagen - ich war gestern nicht nur ungewhnlich leidend - leg
dich, Gipsy, unterbrach sie sich, um zu ihrem Hndchen zu sprechen, das sich
auf den Hinterpfoten aufgerichtet hatte und die herabhngende Hand seiner Herrin
mit ungestmer Zrtlichkeit leckte. Gipsy gehorchte.
    Ich mu Ihnen sagen, begann Agathe wieder, ich war nicht nur leidend,
sondern auch ... sie zgerte ein Weilchen, sondern auch sehr bekmmert.
    Um Ihren Mann? fragte Lotti hastig.
    Ach - nein ... lautete die Antwort, in der eine unaussprechliche
Verwunderung lag, ach nein, der macht mir keinen Kummer, der macht mir nur
Freude und Ehre.
    Sie sind also stolz auf ihn - auf seinen Ruf, auf seinen Namen?
    Seinen Namen?... nun - die Halwigs sind gut, viel besser, als man in meiner
Familie zugeben will ... Aber gerade stolz brauche ich ...
    Ich meine seinen Namen als Schriftsteller, fiel Lotti ein. Sie lchelte
ber dieses seltsame Miverstehen und dachte: Ein Kind - das ist ja ein Kind.
    Freilich, natrlich, auf den bin ich stolz, entgegnete Agathe, man sagt,
fgte sie halb nachlssig, halb altklug hinzu, da ich Ursache dazu habe, und
ich glaube es ... Wenn Sie wten, wie seine Schriften honoriert werden, mit
welchen Summen, Sie wrden staunen!
    So? sprach Lotti; und nach einer Pause noch einmal: So? - und dann
stellte sie, mit viel weniger Zuversicht, eine zweite Frage. Sie erkundigte sich
nach dem Anteil, den die Frau des Poeten an seiner knstlerischen Ttigkeit
nehme, und war im voraus von der Wrme und Gre desselben berzeugt.
    Darin hatte sie auch vollkommen recht. Agathe wute alles, was in der
Schreibstube ihres Mannes vorging; sie kannte zum Beispiel den Namen des Buches,
das er eben unter der Feder hatte. Sie freute sich schon jetzt auf den
begeisterten Brief, den der Verleger darber schreiben werde. Sie wrde alle
die Sachen auch recht gern lesen, allein - der Doktor, dieser Tyrann - erlaubt
es durchaus nicht, untersagt ihr durchaus jede Anstrengung ihrer Augen. Und sie
fhlt leider, da er weise daran tut, denn ihre Augen werden mit jedem Tage
schwcher. Das kommt vom Aufenthalt in der staubigen Stadt. Agathe mte aufs
Land, und bald, sonst wird sie noch einmal blind wie ihre Gromutter, die auch
im zweiundzwanzigsten Jahre ...
    Perro! Perro! Perroquet! rief sie pltzlich dem Papagei zu, der sich von
Anfang an in das Gesprch gemischt hatte und dessen Geschrei immer gellender
wurde. Der Vogel ist unertrglich! Sie wand sich auf ihrem Ruhebett und prete
den Kopf in die Kissen. O Frulein, erbarmen Sie sich, haben Sie doch die Gte,
den Schal dort, sehen Sie - den dort - ber den Kfig dieses Untiers zu werfen.
    Danke, danke! sprach sie, nachdem Lotti ihrem Wunsche nachgekommen war und
Perroquet, pltzlich in Dunkelheit versetzt, still geworden. Und jetzt kommen
Sie, geben Sie mir Ihre Hand. Aber ohne Handschuh.
    Rasch und geschickt streifte sie selbst den Handschuh herab und hielt die
unwillkrlich widerstrebenden Finger Lottis mit einer Kraft fest, die man ihr
niemals zugetraut htte.
    Diese Hand hat mein Hermann oft gekt, sprach sie, ich wei es ... bin
aber nicht eiferschtig - da haben Sie den Beweis ...
    Sie hatte sich vorgebeugt und drckte nun ihre Lippen auf Lottis Hand. Sie
tat es mit einer gewissen trotzigen Innigkeit, mit einer Gewalt, der sich Lotti
nicht zu entziehen vermochte, so gern sie es getan htte. Diese Huldigung war
ihr qualvoll, sie meinte sich noch nie im Leben so beschmt gefhlt zu haben.
    Ich habe Sie lieb! sagte die junge Frau und warf mit der anmutigsten
Bewegung den Kopf in den Nacken, und wnsche, da auch Sie mich liebgewinnen
und da auch Sie es mir beweisen.
    Und wie knnte ich das?
    Wenn ich es Ihnen sage, wollen Sie es dann tun ... Wollen Sie es tun?
wiederholte sie und stie, nachdem sie eine bejahende Versicherung erhalten
hatte, einen leisen Schrei des Jubels aus. Wenn Lotti ihr half, dann war
geholfen.
    Und jetzt setzte sie dasjenige, um das es sich handelte, klar, deutlich,
ohne die geringsten Umschweife auseinander.
    Sie hatte einen liebenswrdigen, gromtigen, herrlichen Vater; allein - das
war sein Unglck - leichtsinnig wie ein Leutnant, dieser arme Papa! - Und die
Mama, die ein Engel ist, und die beiden jungen Brder, die Kadetten sind bei der
Kavallerie, die haben auch alles andere eher erfunden als die Sparsamkeit. Kein
Wunder, wenn es Verlegenheiten ohne Ende gibt. Aus den grten hat bisher
regelmig der ltere Bruder Papas geholfen, der vor fnfzehn Jahren eine
unermelich reiche Fabrikantentochter aus Liverpool geheiratet und England
seitdem nicht mehr verlassen hat. Die Ehe ist kinderlos geblieben, und seit
langer Zeit bestehen der Onkel und die englische Tante darauf, da Agathens
Eltern, womglich auch deren Shne, zu ihnen kommen, sich ganz bei ihnen
etablieren, nur eine Familie mit ihnen bilden mchten. Das soll auch geschehen,
der Entschlu ist gefat, der Tag der Abreise schon festgesetzt. Allein, der
sonst so vernnftige Onkel will nicht begreifen, da Papa nicht fort kann, ohne
einige Zahlungen beglichen zu haben, die wirklich dringend sind ...
Ehrenschulden an Leute, denen man nicht sagen mag: Warten Sie ... die hchstens
denken drften, man habe nur augenblicklich die Kleinigkeit vergessen ... Ein
Mann wie Papa! - Oh, wenn Lotti ihn kennen wrde!... Und, mit einem Wort, es
steht so: Papa besitzt ein kleines Gut, sechs Stunden von der Stadt, in der
reizendsten Gegend. Unvergleichlicher Reitboden! Es war immer Agathens
Lieblingsaufenthalt. Das mte verkauft werden - gleich, gleich - ohne Verzug
und nicht unter seinem Wert. Der Erls desselben deckt alle Differenzen, und
leichten Herzens verlassen Papa und Mama die Heimat, und erhobenen Hauptes
treten sie vor die fremde Schwgerin. Ihnen ist die Demtigung erspart, die
grliche, mit einer Bitte auf den Lippen in dem Hause zu erscheinen, das sich
ihnen gastfreundlich erschliet ... Genug, das Gtchen mu verkauft werden, und
der Kufer mu - Hermann sein, und Lotti, die er so unaussprechlich verehrt,
deren Meinung ihm von hchster Wichtigkeit ist, mu ihn dazu bewegen ... Will
sie es tun? sie will, sie hat es versprochen, sie darf jetzt nicht nein sagen.
Sie wird ihren Einflu geltend machen ...
    Sie wollen, Sie werden, Frulein - nicht wahr? und bald - und heute noch?
    Agathens Blicke hingen an den Lippen der Schweigenden: Antworten Sie mir -
reden Sie!
    Was soll ich sagen? sprach Lotti in peinlicher Verwirrung. Ich wei
nicht, ob man das von ihm verlangen darf - ob ihm die Mittel zu Gebote stehen
... Sie stockte, sie sah Halwig vor sich, wie er am nmlichen Morgen zu ihr
gekommen war, alle Zeichen verzweiflungsvoller Pein und tiefster Erschpfung in
seinen Zgen.
    Die Mittel? rief die junge Frau - er ist so reich, als er sein will. Die
Summe, die er braucht, um meinen allerhchsten und innigsten Wunsch zu erfllen
und um meine Eltern aus der unangenehmsten Lage zu befreien - die Summe bietet
sein Verleger ihm an ... Er braucht nur einen Kontrakt zu unterschreiben, in dem
er sich verpflichtet ... ich kann nicht sagen, wie viele Bnde zu liefern in
einer bestimmten Zeit ... und denken Sie! statt freudig auf den Vorschlag
einzugehen, zgert er - kann zu keinem Entschlu kommen, ich - eine pltzlich
aufsteigende Rte, wie eine beschmende Erinnerung sie erweckt, bedeckt ihr
Angesicht, ich habe ihn vergeblich darum gebeten.
    Wie knnen Sie glauben, sagte Lotti, da er mir etwas zugestehen wird,
das er Ihnen abschlug?
    Er wird! Er hlt soviel auf Sie! verehrt Sie so grenzenlos ... Er wird Sie
nicht der Parteilichkeit anklagen, wie er es mir tut in seiner Eifersucht auf
die Meinen ... erwiderte Agathe melancholisch und fgte mit einem tiefen
Seufzer hinzu: Ach, diese Eifersucht ist schrecklich bei ihm, ist schon eine
fixe Idee ... und so schwer ich mich von meinen armen Eltern trenne - ich
wnschte wahrlich, sie wren drben ber dem Meere, und ich she sie nicht mehr,
und er htte nie wieder Gelegenheit, mir vorzuwerfen, da sie mir lieber sind
als er ... als er - um den ich sie verlassen habe!
    Was war das fr eine kindische und gewi ungerechte Klage, und dennoch,
welches Mitleid erregte sie in derjenigen, der sie mit so weicher bezaubernder
Stimme, mit so groen Trnen in den feuchten, flehenden Augen vorgebracht wurde.
    Und jetzt falteten sich die Hnde der schnen Frau: O Frulein Lotti ...
    Da pochte es an der Tr, der Diener erschien und meldete: Herr von
Schweitzer.
    Agathe schnellte empor.
    Soll warten, ich lasse bitten. Er kommt zwar sehr ungelegen, der gute
Schweitzer, fuhr sie fort, nachdem der Diener sich entfernt hatte, aber
dennoch darf man ihn nicht wegschicken. Auch der knnte helfen!... Einen
Augenblick, liebstes Frulein! Sie stand schon auf ihren Fen. In so tiefem
Neglig will ich mich vor einem Herrenbesuche nicht sehen lassen. Empfangen Sie
ihn an meiner Stelle; der gute Schweitzer, unser Advokat, ein Jugendfreund
meines Mannes, bleibt nie lange. Sie aber mssen lange bleiben ... Gehen Sie,
ich komme Ihnen gleich nach. Ich bitte Sie! ich bitte!... Keine Einwendungen!...
Sie drfen nicht fort - wir behalten Sie zu Tische, das steht in den Sternen
geschrieben, dagegen vermgen Sie nichts.
    Sie sprach das alles rasch mit ihrer weichsten Stimme und dabei mit einer
Bestimmtheit, die nicht einmal den Versuch eines Widerstandes aufkommen lie.
    Sei es denn! sagte Lotti und fgte in Gedanken hinzu: So lat uns in einem
fremden Hause einen fremden Besuch im Namen einer fremden Frau empfangen.
    Mitten in dem chinesischen Boudoir, in das sie eintrat, stand ein Mann von
etwa vierzig Jahren. Eine gedrungene, untersetzte Gestalt, dunkel, etwas
nachlssig gekleidet. Ein mchtiger Kopf, mit dichtem, schon ins Graue
spielendem brstenartig zugestutztem Haar und ebensolchem, bis auf die Brust
reichendem Vollbart, sa auf kurzem Halse, von athletisch geformten Schultern
stolz getragen. An dem ganzen Menschen sprach alles, die Haltung, die Miene, die
breite wie in Erz gegossene Stirn, die krftige gerade Nase mit den scharf
gezeichneten Nasenflgeln, der streng geschlossene Mund, es sprachen die
energisch blickenden und tiefliegenden Augen von Festigkeit und unbeugsamem
Willen.
    Das Befremden, das ihn ergriff, als er statt der erwarteten Hausfrau eine
Unbekannte ins Zimmer kommen sah, gab sich in seinen Zgen deutlich und mit
einem Mifallen kund, das Lotti in Verlegenheit setzte. Sie fand nicht gleich
ein erklrendes Wort, um derselben ein Ende zu machen, und so standen sie ein
Weilchen in hchster Unbehaglichkeit voreinander.
    Da ffnete sich ein klein wenig die Tr von Agathens Gemach. Schlank, wei
und schmiegsam, prete sich die junge Frau, die sich in ihrem Morgenkleide vor
einem Herrenbesuche nicht sehen lassen konnte, in den schmalen Zwischenraum.
    Lieber Freund, sprach sie, das ist Frulein Feler! Mehr brauche ich
Ihnen nicht zu sagen.
    Sie war verschwunden.
    Derjenige aber, an den sich die Worte gerichtet hatten, starrte die wieder
geschlossene Tr mit einem so eigentmlich verlangenden und zugleich wtenden
Blicke an, er hatte, als Agathe sich unerwartet in derselben zeigte, auf ihre
Lichterscheinung einen so heien Blick geworfen, einen Blick, so sprhend von
Leidenschaft und Groll, da Lotti, die unerfahrene, weltunkundige Lotti, mit
pltzlichem und bangem Begreifen zusammenschrak. Sie dachte: Was ist das? Hilf
Himmel - der hat oder - der liebt sie.

                                       10


Frulein Feler? sprach er, sah sie durchdringend an und verbeugte sich rasch.
Meine Verehrung. Erlauben Sie, da ich mich Ihnen vorstelle. Ich heie
Schweitzer und bin ein Tiroler. Er lachte, und dabei kamen zwei Reihen Zhne
zum Vorschein, so wei und dicht, da es eine Freude war.
    Lotti und er wechselten einige hergebrachte Redensarten.
    Ja, ich habe viel von Ihnen gehrt, sagte Schweitzer pltzlich mit
verndertem Tone, am meisten vor acht Tagen. Da traf ich Halwig auf dem Wege zu
Ihnen. Ein erster Besuch - nach vielen Jahren ...
    Das waren Sie? versetzte Lotti. Sie haben ihm damals einen sehr guten Rat
gegeben.
    Hat er mich verklagt?... Ja, Ja; mein Rat war gut, zu gut, um befolgt zu
werden.
    Lotti schwieg, und er fragte: Haben Sie sein letztes Buch gelesen?
    Nein!
    Lesen Sie es nie!... oder doch - lesen Sie es, und sagen Sie mir dann, ob
ich recht habe, ihm zuzurufen: Halt ein!
    Sie haben recht; ich brauche, um davon berzeugt zu sein, das Buch nicht zu
lesen.
    Ihnen graut! Sie wissen, was Sie zu erwarten htten. Gut denn, lesen Sie
nicht, aber helfen Sie mir. Wirken Sie in meinem Sinne auf ihn ein. Ihr Einflu
ist gro. Ich bin dessen innegeworden, als er neulich nach jener Unterredung mit
Ihnen heimkehrte, so ruhig und vernnftig wie er seit langem nicht mehr gewesen
ist.
    Was soll ich tun?
    Ihn vermgen, der Schriftstellerei fr eine Zeitlang Valet zu sagen und
eine andere, freilich minder eintrgliche Beschftigung, die ich fr ihn im Auge
habe, zu ergreifen. Er unterbrach sich: Aber darber sprechen wir noch ...
Jetzt sagen Sie mir, warum sehen Sie mich so an?
    Ich wundere mich - erwiderte Lotti, ein wenig auer Fassung gebracht durch
diese Frage.
    Er lie sie nicht weitersprechen.
    Warum? fiel er ihr ins Wort. Weil Sie mir glauben? Nun, das geschieht,
weil zwischen zwei absolut redlichen Menschen eine Freimaurerei besteht.
    Vielleicht - aber seltsam scheint es mir, da auch Sie meinen Einflu ...
    Abermals unterbrach er sie: Auch ich?... Ganz recht. Ihr Einflu ist hier
bereits angerufen worden - freilich im entgegengesetzten Sinne ... von einem
schnen Vampyr ...
    Er hielt inne. Die Tr hatte sich geffnet, und Agathe erschien auf der
Schwelle.
    Sie mute die letzten Worte gehrt haben, es war nicht anders mglich; doch
suchte sie offenbar kein Arg in ihnen, denn sie begrte den Sprecher derselben
mit liebenswrdiger, sogar etwas koketter Freundlichkeit.
    Sie hatte sich Zeit zur Toilette gelassen; diese war aber trotzdem nicht
ganz beendet. Die Ohrringe fehlten noch und auch das Medaillon, und die
Bandschleife am Halse, an welche es befestigt werden sollte. Sie hielt das alles
in ihren Hnden.
    Nun, lieber Rechtsfreund? fragte sie, trat an den Pfeilerspiegel und
begann eines ihrer zarten rosigen Ohrlppchen zu qulen, um ihm den Schmuck
einer erbsengroen Perle vom schnsten Orient aufzuntigen. Wie steht unsere
Angelegenheit? - Sie bringen eine gute Nachricht, das sehe ich Ihnen an.
    Sie sehen schlecht, gndige Frau, sagte Schweitzer trocken und blickte
streng in den Spiegel, aus dem ihr zur Seite geneigtes Gesicht ihn anlchelte.
    Ist der Brief, den wir erwarten, angekommen?
    Er ist nicht angekommen!
    Und der Zweck Ihres Besuches, wenn man fragen darf? Sie wandte sich um und
sah spttisch fragend zu ihm nieder, der sich bei ihrem Eintreten erhoben, jetzt
aber seinen frheren Platz auf einem Fauteuil, Lotti gegenber, wieder
eingenommen hatte. Sie werden mir doch nicht weismachen wollen, da nichts
anderes Sie hierherfhrt als die Sehnsucht nach meinem Anblick?
    Oder der Wunsch, Ihnen Langeweile ins Haus zu tragen? - Nein, ich komme aus
einem andern Grunde.
    Bitte ihn auseinanderzusetzen. In Gegenwart dieser teuren Zeugin da ...
Ach, Frulein Feler, seien Sie doch so gtig ...
    Sie reichte Lotti die beiden Enden des Bandes, das sie durch den Ring des
Medaillons gezogen hatte, und kniete pltzlich nieder. Lotti beeilte sich, die
Schleife ber dem schlanken Rcken festzuknpfen, der sich ihr entgegenbeugte,
whrend Schweitzer dieser ganzen Prozedur mit stillem Grimm zuzusehen schien.
    Agathe erhob sich von ihren Knien, um auf ein kleines Kanapee zu gleiten, in
dessen Kissen sie sich zurcklehnte.
    Ihren Grund, mein Freund. Reden Sie doch. Sie spannen meine Neugier auf die
Folter, sagte sie, und ein maskiertes Ghnen hob ihre Nasenflgel.
    Ich hre von einem Kontrakt mit einem Buchhndler, den Halwig
unterschreiben soll, begann Schweitzer in ruhigem, nachdrcklichem Tone.
    Da Sie auch alles hren mssen! warf Agathe dazwischen.
    Und will ihn daran hindern, fuhr Schweitzer fort. Ich habe den Kontrakt
nicht gesehen, aber ich wei, wer ihn ausgestellt hat, und das ist mir genug. Es
kann auch Ihnen genug sein. Glauben Sie mir, gndige Frau, Sie sind eine so
zrtliche Gattin, raten Sie Ihrem Mann, sich doch lieber an einen Sklavenhndler
zu verkaufen, er kommt dabei weniger zu Schaden.
    Sie sind einzig, lieber Freund! Also, nicht gelesen - den Kontrakt? Da
komme ich doch einmal im Leben in die Gelegenheit, Sie zu belehren. Der
Verleger, den Sie verabscheuen - der Arme! - fordert zehn Jahre hindurch
alljhrlich drei Bnde ... Ich erinnere mich jetzt, schaltete sie ein, zu Lotti
gewendet. Ist das zuviel?... Fr Hermann, sage ich Ihnen, ist das nichts ...
    Drei Bnde! rief Schweitzer, und sie brauchen nicht einmal sehr dick zu
sein, wenn sie nur recht viel Skandal enthalten, nur einige Seiten, auf denen
das Unsagbare gesagt wird - nur ein einziges Kapitel, das von Dingen handelt ...
Dingen - die man in Gegenwart verehrter Frauen - er sah Lotti fest an und
neigte den Kopf, nicht nennt.
    Da haben Sie den ganzen Schweitzer! versetzte Agathe mit ihrem hellsten
Lachen und mit der siegreichen berlegenheit des Gleichmuts ber den
aufbrausenden Zorn. Sehen Sie, Frulein Feler, wie er mich mihandelt, mein
Freund, mein strenger, grausamer, aber alleraufrichtigster Freund.
    Und dabei neigte sie sich vor und blickte ihm von unten hinauf ins Gesicht,
lockend, herausfordernd, als wollte sie ihn ganz einhllen in Bezauberung, sie,
die junge, schne, glnzende Frau, den alternden, schlichten Mann, dessen Zge
etwas Steinernes annahmen und der in hartem Tone sprach: An wem ist Ihnen mehr
gelegen? An diesem aufrichtigen Freund oder an Ihrem blauen Papagei?
    Keine Gewissensfragen! Kommen Sie mir jetzt nicht mit Gewissensfragen!
Bleiben wir bei der Stange. Aufrichtig! wenn ich bitten darf. Sie wurde ernst
und sprach in kaltem und geschftsmigem Tone: Sie sind gegen die
Unterschrift, weil Sie nicht zweifeln, da uns bald auf andere Art aus der
Verlegenheit geholfen wird ... Leugnen Sie doch nicht! - Unser Proze steht gut
- er kann nur gut stehen, sagt Hermann, der gewi kein Sanguiniker ist ...
    Sagt Hermann, da es mit dem Proze gut steht? - Das sagt er Ihnen? Warum
nicht lieber mir, den es trsten wrde? denn ich sehe schwarz in der Sache, ich
halte sie fr verloren, und Hermann wre meiner Meinung, wenn er den Gang der
Angelegenheiten verfolgt htte. Aber dazu hat er keine Zeit. Er hrt mich gar
nicht an, wenn ich relationieren komme.
    Sie mssen wissen, fuhr Schweitzer, zu Lotti gewendet, fort, da Halwig
eine sehr gerechte Forderung an die Enkel eines Gutsbesitzers in Mecklenburg
stellt, dem sein Grovater dereinst ein ansehnliches Darlehn gemacht. Die Summe
war auf dem Gute intabuliert, es scheinen Interessen davon gezahlt worden zu
sein, allein im Testamente des alten Herrn von Halwig blieb sie unerwhnt. Sein
Sohn machte wohl sein Recht geltend, jedoch mit wenig Nachdruck, schlfrig und
halb, wie er alles zu tun pflegte. Der Mecklenburger war inzwischen in
zerrtteten Vermgensverhltnissen gestorben. Seine Kinder legten nicht
besonderen Eifer an den Tag, sich der Schulden zu entledigen, die ihr Vater
ihnen hinterlassen ... und so vererbten sich Verpflichtung und Forderung auf die
Kinder dieser Kinder, und auf den Sohn jenes Sohnes. Ich erspare Ihnen eine
juridische Auseinandersetzung, ich sage nur, da Halwigs Recht so klar ist wie
der Tag und da ich berzeugt war, es zur Geltung bringen zu knnen, als ich
selbst ihn bestimmte, die schon aufgegebene Sache wiederaufzunehmen und mir ihre
Fhrung getrost zu berlassen ... Nun - ich habe vergeblich gerungen. Ich werde
dem Rechte nicht zum Sieg verhelfen. Ich erklre das meinem Klienten, sooft ich
ihn sehe. Aber machen Sie einem Menschen etwas begreiflich, was er nicht
begreifen will - entwurzeln Sie eine Hoffnung, welche durch die Furcht vor
Verzweiflung eingepflanzt worden ist ...
    Agathe horchte seinen Worten mit verhaltenem Atem.
    Sie selbst, sagte sie jetzt, haben die Hoffnung, die Sie ihm nehmen
wollen, noch nicht verloren. Jener Brief von Ihrem Abgesandten, den Sie
erwarten, kann gnstige Nachrichten bringen ... Jenen Brief, sie blickte ihn
forschend an, erwarteten Sie, wenn ich nicht irre, schon gestern ...
    Lieber Freund, wenn der Brief fortfhrt, auszubleiben - oder wenn er
eintrifft, mit schlechten Nachrichten beladen - dann, lieber Freund, dann liebes
Frulein Feler - sie ergriff Lottis Hand und hielt sie angstvoll mit ihren
Fingern umklammert -, dann mu Hermann den Kontrakt unterschreiben. - Meinen
Eltern mu geholfen werden. Sehen Sie das nicht ein, Sie beide!... Haben Sie
nicht auch Eltern gehabt, die Sie liebten?... Denken Sie an Ihren Vater,
Frulein Feler, Hermann hat mir so viel von ihm erzhlt, da ich meine, ihn
gekannt zu haben. - Denken Sie an Ihre Mutter, Schweitzer, der Sie so viele
Opfer gebracht ... Fragen Sie sich, htten Sie nicht Ihre Seele fr Vater und
Mutter verkauft?
    Lotti wollte sprechen, aber Schweitzer schnitt ihr das Wort ab: Meine Seele
vielleicht - die eines andern? - Nein!
    So spricht ein Junggesell. Mann und Weib sind eins, und ich erklre denn
... aber wie lcherlich, wie lcherlich sind wir mit unserem Seelenverkauf! Als
ob sich's darum handelte!... Hren Sie meinen unwiderruflichen Entschlu: Wenn
der Proze gnstig fr uns entschieden wird, dann zerreie ich den Kontrakt mit
meinen eigenen Hnden - die Sie dann kssen werden, Schweitzer! - Wir kaufen
sofort das Gut meiner Eltern, ziehen uns dahin zurck und sind glcklich, wie
wir es schon einmal waren - in England auf dem Lande ... Mein Herr Gemahl wird
mir zu Ehren noch ein Sportsmann. Man sieht ihn niemals anders als im roten
Frack oder im Jagdrock mit grnen Aufschlgen ... und nirgends anders als bei
mir ... und immer zu Pferd, zu Wagen oder auf der Pirsch - immer nur bemht,
mich zu bezaubern ... Das gelingt ihm - hingerissen falle ich meinem Helden,
meinem Ritter in die Arme. Unter einem Holunder-busch und vielen Wonnetrnen
schwren wir uns tglich ewige Liebe!
    Sie sagte das schalkhaft, bermtig, und dabei lag doch in ihren Augen eine
geheimnisvolle Wehmut, eine sehnschtige Zrtlichkeit, die zu all den Scherzen
nicht paten.
    Schweitzer sa aufrecht und steif vor ihr wie die Statue eines Pharaonen und
starrte sie selbstvergessen an.
    Sie fuhr fort: Wir knnten selig sein. Selig, einander endlich anzugehren,
endlich freinander zu leben. Das geschieht hier nicht, in der widerwrtigen
Stadt. Auf dem Lande, und wenn Hermann noch soviel zu tun htte, bliebe ihm mehr
Zeit fr mich. Hier vergehen Tage, an denen ich ihn nicht sehe, das halbe
Stndchen ausgenommen, das wir bei Tische zubringen. Und wovon spricht er da?
Von Bchern, Zeitungen, Rezensionen ... Ich frage mich oft: Habe ich einen Mann
geheiratet oder eine Schreibmaschine?
    Das fhlen Sie? rief Schweitzer, und knnten sich doch entschlieen,
dieser ohnehin berbrdeten Maschine, deren Motor ein Menschengeist ist, neue
Lasten aufzudrngen?
    Ich tu es nicht, Freund! ich nicht! - Die Notwendigkeit tut es. Was mich
betrifft, ich hasse die Schreiberei. Hinge es von mir ab - Hermann brauchte nie
wieder eine Feder anzurhren ... Da kommen Leute zu ihm - Literaten, die sagen,
schriftstellern sei unweiblich. Ich mchte immer erwidern: Nein, meine Herren -
unmnnlich ist's! Mnnlich ist Lwen und Tiger jagen, auf einem Seil ber den
Niagara wegschreiten, Schlachten gewinnen, Stdte bauen ... aber weies Papier
schwarz machen ... bah!... O lieber, lieber Freund! wenn Sie nur recht wollten,
Sie knnten uns aus aller Not und Drangsal erretten - man sagt, Sie htten noch
nie einen Proze verloren ...
    Wieder beugte sie sich zu ihm, sah ihm schmeichelnd ins Gesicht und legte
ihre Fingerspitzen auf seinen Arm.
    Er erhob sich rasch: Da doch alle Weiber ... verzeihen Sie, alle - Frauen
gleich sind! da doch jede meint, den Advokaten gewinnen, hiee den Proze
gewinnen ... Ich blieb so lange - kann Hermann leider nicht erwarten - so gern
ich auch ...
    Er hatte seine Taschenuhr hervorgezogen, und Lotti sah, obwohl sie wahrlich
in dem Augenblick nicht an Uhren dachte, da es nur eine silberne Remontoir von
einfachster Arbeit war.
    Agathe holte seinen breitkrempigen Hut herbei und reichte ihm denselben mit
einer feierlichen Gebrde.
    Leben Sie wohl, Gebieter ber unsere Schicksale! sagte sie, und nochmals!
wenn Sie wiederkehren, bringen Sie uns das Glck in Gestalt eines Briefes aus
Mecklenburg in der Tasche Ihres wunderschnen berziehers mit.
    Er verbeugte sich, trat vor Lotti hin und sprach: Vergessen Sie nicht, da
wir Bundesgenossen sind.
    Damit verlie er das Gemach.

                                       11


Seine Bundesgenossin wren Sie? fragte Agathe, indes ich mein Vertrauen in
Sie setze?... Nein, nein, das wre Verrat, dessen Sie nicht fhig sind ... Sie
halten mir Wort, und wenn Hermann kommt ... Aber, unterbrach sie sich mit
einemmal uerst beunruhigt, warum ist er nicht da - nicht lngst da - -er
pflegt sonst nie des Morgens auszugehen, und heute, als ich erwachte, und nach
ihm fragte, hie es, er sei fort ... in aller Frhe fortgegangen ...
unbegreiflich ... unbegreiflich - wiederholte sie, eilte an das Fenster,
ffnete es und blickte in gespannter Erwartung auf die Strae hinunter.
    Pltzlich berdeckte sich ihr Antlitz mit Purpurglut. Er kommt! rief sie
jubelnd und schwang ihr Taschentuch in der Luft.
    Sie entschuldigen mich doch, Frulein, wenn ich ihm entgegengehe?... Ich
mu die Freude haben, ihm anzukndigen, da er Sie hier findet.
    Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie verschwunden.
    Mit seltsam gemischten Empfindungen blickte Lotti ihr nach und dachte: Sie
liebt ihn - das ist ja viel ... fr ihn wohl alles ...
    Eine Weile danach erschien Halwig - ein anderer als derjenige, den Lotti am
selben Morgen bei sich gesehen. Freudig und sorgenlos begrte er sie, sprach
viel, war der liebenswrdigste und aufmerksamste Wirt. Beim Dessert gab er eine
lustige Geschichte zum besten, die ihm Papa, dem er unterwegs begegnet, erzhlt
hatte.
    Seine Heiterkeit schien natrlich und ungezwungen, und dennoch, ohne sich
erklren zu knnen, warum, vermochte Lotti nicht recht froh zu werden.
    Das Mittagessen war vorber, und man begab sich zum schwarzen Kaffee nach
dem Zimmer des Hausherrn. Es hatte einen eigenen Eingang durch das Vorgemach.
    Als Lotti dieses an Hermanns Arme betrat, erhob sich pltzlich ein kleines
Mnnchen von einer der Bnke an der Wand und nahte mit hflicher Begrung.
    Bei seinem Anblick fuhr Halwig leicht zusammen: Sie selbst ... Sie
warten?...
    Oh, nicht lange. Die Herrschaften hatten schon beinahe abgespeist, als ich
kam, und ich beschwor den Diener, Sie nicht zu stren.
    Treten Sie doch jetzt ein!... Kommen Sie - sprach Halwig, und Lotti fhlte
seinen Arm zucken unter ihrer Hand.
    Wenn Sie erlauben, Herr Baron, allein ich habe Eile ... und nur weil der
Zufall mich eben hier vorbeigefhrt, und um Ihnen die Mhe des Schickens zu
ersparen - bin ich da, um ... um das Versprochene abzuholen.
    Kommen Sie denn! - Kommen Sie!...
    Oh, ich bitte!... Erst die Damen -
    Er stellte sich mit einem langen Schleifschritt seiner schiefen Beine neben
die Tr, die Halwig aufgestoen hatte, und machte ein einladendes Zeichen. Seine
vorquellenden Augen leuchteten vor zynischer Bewunderung, als Agathe an ihm
vorberschritt.
    Die Frau Gemahlin? flsterte er Halwig vertraulich zu - ganz superb - ich
gratuliere!
    Einen Augenblick, Frulein Feler! - Einen Augenblick, Agathe, sprach
Hermann gepret und scharf, und winkte den beiden, an dem Tische Platz zu
nehmen, auf welchem der Kaffee serviert war.
    Er selbst trat an den Schreibtisch, zog die unterste Lade heraus, nahm ein
versiegeltes Paket und reichte es seinem Besucher.
    Der ergriff oder vielmehr ri es mit einer hastigen Bewegung an sich.
    Es ist doch das rechte? - Sie verzeihen - ich breche die Siegel ... Eine
Irrung ist so leicht geschehen.
    berzeugen Sie sich, sagte Halwig in einem Tone, den mhsam bezwungener
Ingrimm beben machte.
    Der Kleine hatte sich an die Fenstervertiefung begeben und begann dort den
Inhalt des Pakets zu untersuchen.
    Alles in Ordnung. Hingegen da - auch alles in Ordnung. Er berreichte
Halwig einen zusammengefalteten Bogen, den dieser auf den Schreibtisch warf.
Nicht so, Herr Baron, bitte sich gleichfalls zu berzeugen. Bitte um
pedantische Genauigkeit in Geschften. Bitte um Vorsicht, bitte sogar um
Mitrauen.
    Er stie ein leises, widerwrtiges Gekicher aus und blinzelte Halwig halb
hhnisch, halb mitleidig an, whrend der das Schriftstck durchflog.
    Sie sind mit mir zufrieden, hoffe ich. Haben auch alle Ursache. Fr Sie ist
gesorgt. Wie ich dabei wegkomme, das ist eine andere Frage. Allein fr Sie ...
was tte ich nicht fr Sie, Herr Baron?
    Er empfahl sich, von Hermann bis an die Tr begleitet.
    Agathe lachte ihm herzlich nach: Was war denn das fr ein Ungeheuer? Oh,
Frulein Feler, haben Sie seine Fe gesehen und seinen Gang bemerkt?... Mir
scheint nein. Warten Sie, ich will das herrliche Schauspiel vor Ihnen erneuern.
Sie mssen sich noch einmal daran erquicken. Einwrts! noch einwrtser! so -
nicht wahr?
    Sie begann im Zimmer umherzuhumpeln, ihrem Manne entgegen und lie sich, mit
Absicht ausgleitend, in seine Arme fallen. Er umschlang sie und drckte einen
langen leidenschaftlichen Ku auf ihre Lippen.
    Meine Agathe! mein Herz, mein Glck, mein Leben!
    Mit schwerer Selbstberwindung entzog er sich ihrer Umarmung und trat an
ihrer Seite vor Lotti hin.
    Diese fragte: Halwig, war das der Mann, der Ihnen einen Vertrag anbietet,
in welchem ...
    Er fiel ihr ins Wort: In welchem ich zehn Jahre meines Lebens verschreibe?
Nein. Dem nicht einen Tag. Aber wer hat Ihnen gesagt - du? wandte er sich an
seine Frau, die bejahend nickte und dann sprach: War's nicht recht?
    Ganz recht. Wir haben kein Geheimnis vor Frulein Lotti.
    Das meinte ich auch und setzte ihr die ganze Angelegenheit auseinander. Sie
wird dir ihre Gedanken darber sagen.
    Halwig hatte ihr zerstreut zugehrt: Ich vergesse, ich habe eine Botschaft
von Papa an dich.
    Der arme Papa, du vergissest ihn immer.
    Die Stirn Hermanns verfinsterte sich einen Augenblick, aber er fuhr fort,
ohne etwas auf den Vorwurf zu erwidern: Deine Eltern sehen heute einige
Bekannte beim Tee. Sie zhlen auf dich. Sie werden den Wagen schicken, um dich
abzuholen. Ich habe in deinem Namen zugesagt. Du wirst meinem Wort doch Ehre
machen?
    Ungern, du weit, wie lstig mir diese Soireen sind, entgegnete sie und
lehnte die Wange an seine Schulter. La mich bei dir bleiben, Hermann.
    Was fllt dir ein? Du darfst nicht bleiben. Nicht einmal stren darfst du
mich, um mir Lebewohl zu sagen.
    Nicht einmal Lebewohl?... Frulein Feler, ist das nicht hart, nicht
unertrglich?... Und diesen Zustand zu verewigen, soll ich noch beitragen, oh,
wenn ich das bedenke ...
    Agathe, rief er heftig und geqult, du weit doch ... mein Gott, was
willst du denn? Geh, liebes Kind, setzte er bittend hinzu, du mut ruhen, ein
wenig schlummern, wenn du abends in Gesellschaft sollst. Geh.
    Sie sah ihn traurig und gekrnkt an und sprach nach kurzem Schweigen zu
Lotti: Er ist ein Tyrann, und ich gehorche. Liebstes Frulein, schenken Sie ihm
eine Tasse Kaffee ein und ein Glschen Chartreuse und bleiben Sie noch ein wenig
bei ihm.
    Sie drckte Lottis Hnde, bat sie, recht bald, unendlich bald, sptestens
morgen wiederzukommen, und schritt dem Ausgang zu. Aber an der Tr blieb sie
stehen, wandte sich, prete die Finger an ihren Mund und warf mit einer Gebrde
voll Innigkeit Hermann einen Ku zu.
    Er erwiderte ihren liebevollen Gru, und als sie das Zimmer verlassen hatte,
starrte er ihr nach, schien wie unwiderstehlich angezogen, ihr folgen zu wollen
... aber nach kurzem Kampfe trat er zurck, warf sich in einen Sessel und
versank in dumpfes Hinbrten.
    Sie haben mir noch nichts von dem Erfolg Ihrer heutigen Unterredung
gesagt, begann Lotti zgernd, und ich wnschte doch sehr ...
    Was Sie soeben gesehen haben - das war der Erfolg, rief Halwig aus. Der
Ehrenmann, ber den Agathe so herzlich gelacht hat, ist derselbe, zu dem ich
sagen mute: Ich kann Ihnen nicht Wort halten, Herr ...
    Und was hat er ...
    Gleichviel ... ich habe mich losgekauft. Ich bin frei ... frei,
wiederholte er mit einer Beklommenheit, die zu jedem anderen Worte besser gepat
htte.
    Halwig - Halwig - womit haben Sie sich losgekauft?
    Beruhigen Sie sich, beste Freundin! - Auf die einfachste Art. Ich habe ihm
ein Manuskript ausgeliefert, das schon vor Jahren in seinen Hnden war und das
ihm damals abgerungen wurde - durch den tugendhaften Schweitzer, dem ich
nebenbei ganz gern ein Zeichen von Unabhngigkeit gebe.
    Warum hat der es ihm abgerungen?... Antworten Sie nicht! Ich tu's fr Sie -
und mit mehr Wahrhaftigkeit, als Sie es tten: weil es Ihrer unwrdig ist,
unwrdig eines Dichters, eines Priesters, wie der Dichter sein soll, dem ein
heiliges Amt hier auf Erden anvertraut ist ...
    Eine ungewohnte Strenge sprach aus ihrer Stimme und aus ihren flammenden
Zgen. Oh, glauben Sie nicht, eine verschmte alte Jungfer zu hren, die sich
einbildet, ein Mann, ein Schriftsteller, der seine Zeit schildern will, werde
die Feder immer nur in Bltenduft und Morgentau tauchen. Ihr habt Furchtbares zu
zeichnen, zeichnet es denn mit furchtbarer Kraft und Deutlichkeit, aber auch mit
dem tiefinnerlichen Schauder, den euer Schler, euer Leser bebend mitempfindet.
Nur nicht mit dem eklen, im Hlichen whlenden Behagen, das sich auf jenen
bertrgt ... Mit dem Behagen, Halwig, das mich - verzeihen Sie mir, es mu
ausgesprochen werden -, das mich anwiderte aus dem ersten Buch, das Sie nach
unserer Trennung geschrieben haben.
    Aus dem - rief er, kmpfend zwischen Bestrzung und Hohn.
    Sie begreifen das nicht, fuhr Lotti unerbittlich fort, jenes Buch ist von
Ihnen seither so vielfach berboten worden, es ist ein Buch fr Kinder im
Vergleich zu denen, die ihm folgten. Ich wei das! beantwortete sie den
Einwurf, den er machen wollte, aus Anzeigen Ihrer Buchhndler, aus
lobpreisenden Kritiken, die ich hie und da, so wenig ich danach suchte, in
Zeitungen las ... Ich wei es, knnen Sie es leugnen?
    Er schwieg und starrte sie mit einem schwachen Lcheln an. Pltzlich warf er
sich in seinen Sessel zurck und sagte: Wissen Sie, was Sie tun? Sie sprechen
zu mir wie mein eigenes knstlerisches Gewissen. Aber ich darf die Stimmen nicht
hren, nicht die Ihre, nicht die seine. Ich habe einmal den Pegasus vor den
Pflug gespannt, und er mu pflgen, mu erwerben. Kann ich dafr, da die
Menschen von jeher die Giftmischer besser zahlten als die rzte?... Wr's
umgekehrt, ich reichte ihnen Arzenei.
    Halwig! schrie Lotti in schmerzlichem Entsetzen auf.
    Er richtete sich empor, ein unterdrcktes Schluchzen hob seine Brust. Lotti
sah sein Herz pochen gegen sein Gewand. Beste Freundin, ich bin verloren,
machen Sie das Kreuz ber mich ... Sie schtteln den Kopf, Sie verstehen mich
nicht. Der Luxus, der uns umgibt, tuscht Sie, der Luxus lgt, wir leben
eigentlich von der Hand in den Mund, ich verdiene viel, aber wir brauchen noch
mehr, und ich stehe manchmal ratlos vor kleinen Verlegenheiten. - Ist's ntig,
Ihnen das zu beichten?... Sie haben ja den sichtbaren Beweis davon erhalten. Das
mu anders werden, setzte er nach einer Pause peinlichen Nachsinnens hinzu.
Morgen verschreib ich mich dem Teufel. Ich tu es nur deshalb heute noch nicht,
weil eine kindische Hoffnung auf ein Wunder sich in mir festgenistet hat ...
    Vielleicht braucht's kein Wunder, unterbrach ihn Lotti und erhob sich mit
einer seltsamen Hast. Leben Sie wohl.
    Wie gern mchte ich Sie zurckhalten, aber da, er deutete auf die
Schriften, die seinen Schreibtisch bedeckten, da ist Gesellschaft, die jede
andere verdrngt.
    Sie hrte ihn kaum, sie war mit einem Gedanken beschftigt ... Der Gedanke,
der war das Wunder - ein anderes gab es nicht.
    Eine Mglichkeit war ihr erschienen - eine Mglichkeit ... Alles, was man
unfabar und widersinnig nennt, wre Lotti noch vor einer Stunde als
selbstverstndlich erschienen im Vergleich zu dieser Mglichkeit.

                                       12


Lotti ging heim, und als der Friede ihres stillen Hauses sie wieder umfing,
atmete sie befreit auf. Sie trat rasch in ihr khles, von einer Hngelampe
freundlich erleuchtetes Stbchen und geradenweges auf die Uhrensammlung zu. Eine
Weile stand sie sinnend davor und wiederholte mehrmals im leisen Selbstgesprch:
Nein, nein, das knnt ich doch nicht, das nicht.
    Agnes trug das Abendessen auf und erzhlte, da Gottfried dagewesen sei und
sich ber das lange Ausbleiben des Fruleins sehr gewundert habe. Er hatte etwas
mitgebracht, ein Buch, ein neues, noch unaufgeschnittenes Buch - Halwigs letztes
Werk.
    Mit einer Empfindung des Mimuts nahm es Lotti in Empfang.
    Sie htte sich jetzt gar zu gern des Gedankens an Halwig und alles, was sich
auf ihn bezog, entschlagen. Warum mute sie von neuem an ihn gemahnt werden?
Warum mute sogar die liebevollste Hand sie in ein Bereich der Sorge und
Peinlichkeit zurckgeleiten, aus dem sie sich eben erst, mhsam genug,
losgemacht?
    Sie legte das Buch auf einen Schrank am Ende des Zimmers, doch holte sie es
von dort wieder, aus Rcksicht auf Gottfried. Sie wollte ihm wenigstens sagen
knnen, da sie versucht, darin zu lesen. Sie tat es mit widerstrebendem Gefhl,
aber mit stets wachsender Spannung. Sie war gefesselt, umstrickt, aber mit
beengenden, mit unlauteren Banden. Ihr Blut erstarrte bei manchen Schilderungen.
    Da war dem Tier im Menschen jede Regung abgelauscht und mit schamloser
Genauigkeit auseinandergesetzt. Da war eine erzwungene, erlogene Sinnlichkeit,
aus der die offenbare Ohnmacht mit bleicher Fratze hervorgrinste. Da war die
Flle niederer Wirklichkeit aus dem seichten Strom des gemeinen Lebens
geschpft, da fehlte alle hchste Wahrheit, die der Poesie. Da war endlich der
Notbehelf, der armselige, einer lahmen Phantasie: das mit photographischer Treue
und Verzerrung gezeichnete Portrt; Persnlichkeiten, aus dem Schutz des Hauses
gerissen und an den Pranger gestellt, zur Augenweide eines Publikums, demjenigen
verwandt, das sich zu den Hinrichtungen drngt.
    Im groen ganzen - die klgliche Migeburt des schreiblustigen Jahrhunderts:
der Sensationsroman.
    Und dennoch! durch diese unreine Atmosphre, diese matte, erschlaffende
Luft, durch dieses fahle Farbenspiel der Fulnis, brach es manchmal herein wie
ein zitternder Strahl sonnigen Lichtes. Das mibrauchte, zugrunde gerichtete
Talent besann sich einen Augenblick auf sich selbst ... Du armes Talent! dachte
Lotti, wie hat sich an dir versndigt, der zu deinem Hter bestellt worden!
    Der Morgen begann zu grauen, und sie wachte noch ber ihrem Buche. Ihre
Stirn, ihre Augen brannten, und ihre Hnde bebten vor Frost.
    Die Lampe knisterte und flackerte; vom verkohlten Docht stiegen Funken im
angerauchten Zylinder empor. Lotti lschte das sterbende Licht und suchte ihr
Lager auf. Wie wohlttig wre ein wenig Schlaf gewesen. Sie schlo die Augen und
bemhte sich, regungslos zu liegen; da begannen alle ihre Pulse zu pochen, eine
frchterliche Bengstigung beklemmte ihr den Atem. Ihr war, als riefe eine
flehende Stimme um Rettung zu ihr, die klagte, die sprach: Du hast mich gekannt
in meiner Reinheit, rette eine verlorene Seele!... Verloren, weil du dich von
ihr gewandt. Du warst die Starke, und ich war schwach, du httest mich nicht
verlassen sollen. Aber du suchtest Ruhe, du rangst nach Frieden und gabst mich
auf, und ich sank und sinke immer tiefer ohne dich ... Beweine mich nicht nur -
rette mich!
    Eine lange Zeit verflo - eine wie lange?... Die Uhren schwiegen alle,
standen alle still ... Lotti hatte vergessen, sie aufzuziehen - zum ersten Male,
seitdem es ihr berhaupt oblag, fr Uhren Sorge zu tragen, ihrer vergessen ...
Wie spt war es denn? Wollte der Tag heute gar nicht kommen? Wollte eben heute
die sonst so rhrige Agnes nicht erwachen? Ja, wenn man die Zeit an Pulsschlgen
abzhlen knnte, wie die Alten getan ... oder wenn Lotti die Sanduhr bese,
welche sich dereinst das Frulein in Schlesien verfertigt hatte, das Frulein,
das seine Lebenszeit abma an der verrinnenden Asche des verstorbenen Verlobten
... an diese Sanduhr erinnerte Lotti sich jetzt, und wie pate der Einfall in
das Gewirre von ganz anders wichtigen Gedanken in ihrem fiebernden Hirn?...
    Endlich wird die bange Stille im Hause unterbrochen. Agnes ist auf den
Beinen und schaltet mit gewohnter Energie in ihrem Kchenbereiche.
    Lotti erhebt sich, zieht die Vorhnge hinauf, ruft die Alte ins Zimmer und
fragt nach der Zeit. Es ist noch sehr frh am Morgen, noch unmglich, die
Dienerin auszusenden, um die Wohnung des Advokaten Schweitzer zu erfragen - des
Advokaten Schweitzer, den Lotti besuchen will.
    Eines Advokaten!? - Agnes fllt fast um vor Schrecken - das ist ja einer
vom Gericht, was hat ihr Frulein mit dem Gericht zu tun?
    Und zwei Stunden spter, nachdem Agnes die gewnschte Adresse richtig
zustande gebracht und Lotti schweigend und eilends das Haus verlassen hatte,
wurde die Magd von solchen Qualen der Neugier erfat, da sie - sie konnte sich
nicht anders helfen - in Trnen ausbrach.
    Der Weg Lottis war nicht weit, bald schellte sie an Schweitzers Tr. Eine
ltliche Dame ffnete und erklrte mit hflichem Bedauern, da ihr Bruder jetzt
nicht zu sprechen sei.
    Allein nachdem Lotti sich genannt, und auf ihre dringende Bitte, entschlo
die Dame sich dennoch nachzufragen, und wenige Sekunden spter erschien
Schweitzer selbst.
    Frulein Feler! rief er, Sie kommen wie ein Schutzgeist.
    Er fhrte sie durch ein einfach eingerichtetes Wohnzimmer in eine groe
Stube mit tiefem, dunklem Alkoven. In der Mitte des weitlufigen Gemaches stand
ein riesiger Schreibtisch und neben demselben ein ebensolcher geffneter
Geldschrank. In hohen Sten waren darin Wertpapiere aufgehuft, hinter eisernen
Gittern Geldscke und Rollen geschichtet. Er schien gewaltige Reichtmer zu
bergen und glich mit seinen schweren Angeln und seinen kunstvollen Schlssern
einem Ungeheuer, das Schtze htet und sie, trotz seines lockend aufgesperrten
Rachens, zu verteidigen sehr gesonnen ist.
    Schweitzer bot Lotti seinen eigenen Lehnstuhl an, und sie nahm am
Schreibtische Platz, whrend der Advokat, dessen ganzes Wesen die uerste
Aufregung verriet, vor ihr stehenblieb.
    Ich htte mir Ihren Besuch nicht trumen lassen, sprach er, aber weil Sie
nun da sind, wei ich auch, was Sie hierhergefhrt ... Es ist die Sorge um
Halwig.
    Er beantwortete ihr besttigendes Ja mit dem Ausrufe: Und sie hat guten
Grund!
    Der erwartete Brief war eingetroffen, Halwigs gerechter Anspruch abgewiesen.
    Es ist die schmhlichste Niederlage meines Lebens! rief Schweitzer. Ich
habe diesen Ausgang fr unmglich gehalten und deshalb gestern noch - Sie waren
Zeuge - nicht jede Hoffnung auf eine gnstige Lsung der Sache vernichtet, der
Sache, fr die ich mich aus eigenem Antrieb begeistert ... Ich, der vorsichtige,
peinliche Geschftsmann ... Halwig htte an die alte, vergessene Geschichte nie
gedacht.
    Er stie unzusammenhngende Worte hervor, er verwnschte sich als den
Urheber der Enttuschung, die seinem Freunde bevorstand.
    Wissen Sie denn, was diese Enttuschung bedeutet? rief er. Ich will es
Ihnen sagen ...
    Ich wei es, unterbrach ihn Lotti beschwichtigend. Halwig ist nur noch
auf sein Talent angewiesen, und dieses ist erschpft ... Sprechen wir ruhig, ich
bitte ... Nehmen wir an, Herr Doktor, der Proze wre gnstig fr ihn
entschieden worden. Die Summe, deren er bedarf, um das Gut seiner
Schwiegereltern zu erwerben, lge da in diesem Schranke, was dann?
    Was dann?
    Wrden Sie sagen: Schliee den Kauf, ziehe dich auf das Land zurck mit
deiner jungen verwhnten Frau? - Ich kenne sie nicht, aber ich glaube, sie wird
die Freuden der Geselligkeit, der Stadt, nicht missen knnen.
    Schweitzer lachte auf.
    Nein, Sie kennen sie nicht. Die Stadt hat ihr nichts zu bieten; sie tanzt
nicht ... Theater, Konzerte, Kunstsammlungen, was bedeuten ihr die? Sie ist ja
blind, sie ist ja taub, sie hat vor allem andern keine Seele und kein Herz,
auer fr ihren Mann, fr Papa und Mama, und fr die sauberen Brder, den Kiki
und den Koko, oder wie man sie nennt ... Sie hat ja nichts als die ganz
tierische, ganz unmndige und gedankenlose Zrtlichkeit fr das Nest, aus dem
sie hervorgegangen ist ... fr eine Familie - welche Familie! mehr noch als jede
andere eine Brutsttte des Vorurteils, das Grab der Nchstenliebe, denn was
nicht zu ihr zhlt, zhlt berhaupt nicht ... Oh, was gbe ich, um Halwig aus
dieser Familie zu lsen!... Ein Opfer wre seinen Peinigern entrissen, das ihnen
berantwortet ist fr die Dauer des ganzen Lebens. - Fort nach England mit Papa
und Mama, und auf das Land mit der Tochter und mit den seidenen Vorhngen, und
mit der Menagerie, und mit den Reitpferden, und mit den Zigaretten ... Fort,
brach er pltzlich aus, wenn ich wieder frei atmen soll, fort - aus meiner
Nhe!
    Er beugte sich zurck und drckte die geballten Fuste an seine Augen.
    Eine Pause tiefen Schweigens trat ein.
    Was wird geschehen? sprach Lotti endlich.
    Er wird den Kontrakt unterschreiben, ihn nicht einhalten knnen, das Gut
wird unter den Hammer kommen, und Halwig und die schne Frau ... nun, er kann
immerhin noch taglhnern gehen bei irgendeinem publizistischen Unternehmen, und
sie wird sich an das Nadelgeld einer Taglhnersfrau gewhnen oder zu Papa und
Mama nach England reisen mssen, wenn sie es nicht vorzieht, das Nchstliegende
zu ergreifen und die teuflische Macht, die ihr innewohnt, auszuben. - Oh! Fhre
uns nicht in Versuchung! das heit, bringe uns nie in Gelegenheit, all das
Schlechte, dessen wir im Fall der Not fhig wren - zu tun ... Eine
nichtswrdige Empfindung in der Brust eines braven Menschen - Sie ahnen nicht,
was die gebiert - Sie ahnen nicht einmal, da es die geben kann. Grlich!
sthnte er, nahm sich zusammen und fgte in scharfem Tone hinzu: Sehen Sie,
Frulein, in diesem Schranke liegen Schtze. Wirklich, respekteinflende
Schtze. Und doch sind sie nur Bruchteile des Besitzes ihrer Eigentmer. Diese
Eigentmer haben unbedingtes Vertrauen zu mir, sie haben mir noch niemals
nachgerechnet ... Wenn ich einmal irrte, in einem Ausweis, beim Addieren, und
das Unwahrscheinlichste geschhe, gerade der fehlerhafte Ausweis wrde
eingesehen, je nun! der gute Schweitzer htte eben einmal seinen Kopf nicht
beisammen gehabt. Sind die Papiere nicht bei ihm? berhaupt nicht
aufzutreiben?... Je nun, der gute Schweitzer hat sie aus Versehen in den Ofen
oder in das Kehricht geworfen, aber gestohlen, da er sie gestohlen hat, wrden
seine Klienten nicht glauben. Und wenn er selbst es ihnen erzhlte, wrden sie
denken, da er ein Narr, aber nicht, da er ein Dieb geworden ist. Wenn ich mich
denn irrte ... wenn ich mich genau um die Summe irrte, um die es sich handelt,
was htte ich dann getan?... Etwas, das mich vielleicht zum Wahnsinn oder zum
Selbstmord treiben wrde, ein Verbrechen, das grte, das ich begehen kann, denn
es wre ein Verbrechen gegen meine eigenste, angeborne Natur, und doch nichts im
Vergleiche zu dem Elend, das ber den unglckseligen Halwig hereinbricht, wenn
ich ihn seinem Schicksale berlasse.
    Was denken Sie? fragte Lotti, sagen Sie es mir offenherzig, Herr Doktor
...
    Offenherzig? rief er. Ich knnte das Geld stehlen, das er braucht, und
als Sie an meiner Tr schellten, seine Stimme sank zu einem fast unhrbaren
Flstern herab, war ich halb und halb entschlossen, es zu tun.
    Lieber Doktor, sprach Lotti, merkwrdig wenig erschttert durch diese
furchtbare Selbstanklage, machen Sie sich nichts weis. Den Vorsatz htten Sie
nicht ausgefhrt. Es mu auf andere Art geholfen werden ...
    Sie seufzte tief auf: Und jetzt sagen Sie mir, wieviel kostet das Gut?
    Schweitzer nannte den Preis, fgte aber hinzu: Der Wert ist mindestens das
Doppelte ... Wollen Sie es kaufen? rief er pltzlich aus, ich hre, da Sie im
Besitz eines Nibelungenhortes sind, einer Uhrensammlung, er lchelte gutmtig,
aber doch auch sehr spttisch, ein totes Kapital, das ist heutzutage fast eine
Snde. Frulein Feler, verkaufen Sie Ihre Uhren und kaufen Sie das Gut! Es wre
nicht vllige Hilfe, aber es wre viel, die Eltern wrden wir dadurch los ...
und dann liee sich weiterdenken. Kaufen Sie das Gut! Fr die Administration
will ich sorgen. Kaufen Sie das Gut! Vom alleinigen Standpunkte des Nutzens aus,
ohne jeden Nebengedanken, kann ich Ihnen nicht genug dazu raten.
    Der praktische Geschftsmann in ihm kam mit einem Male zum Vorschein und
fhrte eine Zeitlang ausschlielich das Wort. Die offenbaren, auf der Hand
liegenden Vorteile jedoch, fr die er sich bereit erklrte gutzustehen, schienen
Lotti kein Interesse abzugewinnen. Sie wollte etwas ganz anderes wissen. Sie
fragte: Wenn Sie jetzt zu Halwig gingen und ihm ankndigten, da sein Proze
gewonnen ist, wrde er nicht erfahren wollen, wie das zugegangen, den Brief
nicht sehen wollen, der die Nachricht brachte?
    Schweitzer starrte sie mit aufgerissenen Augen an: Was soll das?
    Antworten Sie mir! Ist er ein solches Kind in Geschftssachen, da man ihn
glauben machen knnte ...
    Den? unterbrach sie Schweitzer, alles kann man dem aufbinden.
Geschftssachen! noch ganz andere Leute sind Kinder in Geschftssachen ... aber
um Gottes willen ... Sie haben einen Rettungsplan, ich seh's. Sie werden helfen,
Sie!... Er faltete die Hnde, er vermochte nicht weiterzusprechen.
    Ich schaffe Ihnen in einigen Tagen das ntige Geld, sagte Lotti, Ihre
Sache ist es dann, Halwig damit zu betrgen. Aber - nicht einmal der Tod hebt
das Versprechen auf, das ich von Ihnen fordere: Sie schweigen, Sie bewahren mir
fr immer das Geheimnis.
    Sie erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen, die er feierlich ergriff.
    Ich frage Sie nicht, sprach er, welches Opfer bringen Sie? Auf welche
Lebensfreude leisten Sie Verzicht, um das mglich zu machen? Ich frage: Vermgen
Sie die Wohltat zu ermessen, die Sie erweisen?
    Lotti schttelte den Kopf: Vielleicht nicht. Ich tue nur, was ich nicht
lassen kann: ich gebe ein im Grunde doch entbehrliches Gut hin, um die Seele
eines Menschen zu retten, der mir einst teuer war.
    Damit nahm sie Abschied.
    Sie begab sich nach dem Laden Gottfrieds, fragte dort vergeblich nach ihm -
er war nicht zugegen, war schon vor geraumer Zeit fortgegangen. Als sie nach
Hause kam, fand sie ihn, ihrer in sehnschtiger Ungeduld wartend.
    Was geht vor? fragte er und stellte sich eilends in seine Fensterecke.
Ein merkwrdiges Leben fhrst du seit einigen Tagen.
    Er verfolgte mit den Augen jede ihrer Bewegungen.
    Sie hatte den Hut abgenommen und beschftigte sich mit dem Zusammenlegen
ihres Tuches. Jetzt kam sie langsam auf den Tisch zugeschritten und lie einen
zerstreuten Blick ber die ihrer harrende Arbeit gleiten. Gottfried hatte diese
so appetitlich hergerichtet, da ein echtes Uhrmacherherz dabei aufgehen mute;
allein dasjenige Lottis verleugnete sich in dem Momente gnzlich.
    Sie nahm Platz, schob die kleinen Glasglocken samt ihrem zarten Inhalt
beiseite und sttzte die Ellbogen auf den Tisch. Mit trben, etwas gerteten
Augen betrachtete sie lange, wehmtig und wie fragend, das Bild ihres Vaters.
Endlich wandte sie sich zu Gottfried. Aber nicht wie um gewhnlich Auskunft zu
erhalten ber den Gang einer Pendeluhr, ber die Leistung eines Echappements und
hnliche angenehme Dinge, sondern mit einer Erkundigung nach dem ihr
unangenehmsten Menschen - dem Agenten des Amerikaners.
    Der war noch da und behelligte Gottfried nur zu oft mit seinen Besuchen. Er
kam unter allerlei Vorwnden, hatte jedoch nur einen Zweck, den
unerreichbarsten. Gottfried lchelte mitleidig.
    Die Uhrensammlung mcht er an sich bringen.
    Er soll sie haben. Ich verkaufe die Uhren.
    Gottfried stie einen Schrei des Erstaunens aus. Das war nicht im Scherz,
war auch nicht obenhin wie die Andeutung einer Mglichkeit gesagt, das war ein
ernster, wohlberlegter Entschlu, den Gottfried mit innerster Emprung vernahm.
    Das tust du fr Halwig! brach er pltzlich los, und Lotti senkte bejahend
das Haupt.
    Ich kann nicht anders. Ich werde dir alles erklren, aber nicht jetzt.
Jetzt mchte ich nur den Abschied von meinen armen Uhren schon berstanden
haben. Du wirst - ich bitte dich - mit dem Agenten sprechen. Es bleibt bei dem
Preis, den der Amerikaner damals dem Vater angeboten. Weit du, ob er den noch
bezahlen will?
    Das will er gewi.
    Bestelle ihn also ... und gleich, wenn du mir eine Wohltat erweisen
willst.
    Er blickte in ihr schmerzlich verzogenes Gesicht. Ich werde dir die Wohltat
erweisen, ihn nicht zu bestellen.
    Gottfried!...
    Lotti, Lotti!... Wie kannst du - und fr den?... Warum denn alles fr den?
    Sein ganzes Innere war im Aufruhr, und Lotti verlor fast das Gefhl ihres
eigenen Leids ber der Teilnahme mit der bitteren Qual, mit welcher er rang und
die auszusprechen ihm nicht gegeben war.
    Ich mu, siehst du! sagte sie, ich darf nicht anders.
    berleg's. Mir zuliebe ... versuch einmal, etwas mir zuliebe zu tun,
berleg's!... Es wird dich gereuen.
    Es ist nicht mehr Zeit zu berlegen, ich habe mein Wort verpfndet - und
gereuen? Ich glaube, da es mich nie gereuen wird.
    Auch dann nicht, wenn du erfahren wirst, da du es umsonst getan hast? -
Und das wirst du erfahren!
    Lotti widersprach ihm nicht, und Gottfried fuhr eifrig fort: Ein solches
Opfer ... o wahrhaftig, der ein solches Opfer annimmt, der ist's nicht wert!
    Er wrde es nicht annehmen, wenn er davon wte. Geh jetzt und komm bald
wieder, mit dem - Kufer.
    Sie wollte sich erheben, aber die Knie versagten ihr den Dienst, und sie
lehnte sich erschpft in den Sessel zurck.
    Gottfried trat nher. Du kannst nicht helfen, glaube mir, es ist hier nicht
zu helfen.
    Aber eine Frist zu gewinnen, und in dieser Frist die Gelegenheit ...
    Zu einem Wunder? fiel Gottfried ein.
    Vielleicht.
    Er wandte sich unwillig ab, und Lotti sagte entschlossenen Tons: Darf der
Arzt, der einen Kranken aufgegeben hat, ein Mittel, ihn zu retten, unversucht
lassen? Er darf es nicht - wegen seines eigenen Seelenfriedens, wegen dieses
furchtbaren vielleicht, das dich bse gemacht hat.
    Mich bse?! rief Gottfried. Mit unbeholfener Zrtlichkeit erfate er ihre
Hand, und wie ein Erstickender flsterte er: Was wrde der Vater sagen?...
Lotti, denk an ihn.
    Ich habe zuerst an ihn gedacht und sage dir: er htte es auch getan.
    Sie suchte ihm ihre Hand zu entziehen, er hielt sie fest und rief: Mag sein
... aber der Vater htte dabei auch ein Wort fr mich gehabt ... Miverstehe
mich nicht!... ich hab ja gar kein Recht - ich meine nur, er htte zu mir
gesprochen: Das geschieht fr einen andern - deshalb brauchst du nicht zu
denken, da mir der andere lieber ist als du.
    Er stockte, wie erschrocken ber seine eigene Khnheit, und gab die Hand
Lottis pltzlich frei. Sie sah ihn an, bestrzt und angstvoll, mit Schamrte
bergossen. Der Schmerzensschrei des schweigsamen Mannes erweckte in ihrer Brust
einen Sturm von Selbstanklagen. Ihre Verwirrung vergrerte noch die seine.
    Verzeih, stotterte er, ich gehe, und wandte sich zur Flucht mit einer so
ratlosen und hastigen Eile, da Lotti - es schien ihr selbst unglaublich - ber
ihn lachen mute. Er blieb stehen, halb emprt, halb erfreut: Du lachst?
    Ich lache - sie brach in Trnen aus: Wir sind zwei alte, erbrmliche
Weichlinge.
    Weichlinge ... wiederholte er und nherte sich ihr schchtern - Lotti -
    Gottfried -
    Und die Geschwister Feler umarmten sich.

                                       13


Am Nachmittage fand in der Wohnung des Fruleins Charlotte Feler eine
feierliche Handlung statt. Das Frulein bergab Herrn C.B. Fischer, Agenten des
Hauses F.O. Wagner-Schmid in New York, in Gegenwart der Herren G. Feler,
Uhrenmachermeister, und W. Schweitzer, Advokat, eine Sammlung, bestehend aus
dreihundert altertmlichen Taschenuhren. Durchschnittspreis per Stck
fnfhundert Gulden. Summe des Kaufpreises: Einmalhundertundfnfzigtausend
Gulden.
    Herr C.B. Fischer, ungewhnlich lang, ungewhnlich breit, ungewhnlich
wohlgenhrt, mit dem rundesten Bulldoggesicht und dem feuerfarbigsten Backenbart
in ganz Amerika gesegnet, und dieser Vorzge sich sehr bewut, hielt den Katalog
in seiner Rechten. Eine gewaltige Rechte, die mit Leichtigkeit einen
Suppenteller umspannt htte. Er verifizierte jedes Stck, das Lotti aus dem
Schrnkchen nahm, sorgsam verpackte und in eine Kassette legte, die Herr Fischer
mitgebracht.
    Fnfhundert?... auch die?... auch die fnfhundert?... Mir wre das Ding
nicht dreiig wert, sagte der Agent von Zeit zu Zeit; unter andern gerade bei
der Mudge und bei der Majoratsuhr. Oder er rief: Dieser Kauf! - Eine
Millionrsmarotte. Finden Sie nicht, Herr Doktor? - Was?
    Schweitzer verzog keine Miene. Gottfried war ruhig wie einer, der standhaft
den ersten Grad der Folter aushlt, und sprach alle zehn Minuten einmal:
Vorwrts, wenn ich bitten darf.
    Lotti wrdigte Herrn Fischer kaum eines Wortes, kaum eines Blickes. Der Mann
erweckte ihr soviel Sympathie, wie eine Sabinermutter fr einen tchterraubenden
Rmer empfunden haben mochte.
    Nach fnf tdlich langen Stunden empfahlen sich die drei Herren. Der Agent
trug die Kassette mit solcher Leichtigkeit unter dem Arm, als ob es ein
Claquehut gewesen wre, und bald hrte Lotti den Wagen, der ihre Uhren
entfhrte, ber den Platz rollen. Sie sah ihm nicht nach. Sie sa neben ihrem
leeren Schrnkchen, hatte seine Laden geschlossen und die kleinen Flgeltren
gesperrt.
    Jetzt knnt ich mir einbilden, dachte sie, da alles noch beim alten ist.
Was braucht man denn, um Liebes, das man einst besa, immer zu behalten? - ein
gutes Gedchtnis und einige Phantasie. Das wollte sie Gottfried zum Trost sagen,
dem Getreuen, fr den es von jeher keinen Schmerz, keine Enttuschung, keinen
Verlust zu geben schien als diejenigen, die sie erfahren hatte. Zum ersten Male,
seitdem sie ihn kannte, das heit solange sie lebte, hatte sie heut eine
eigenschtige Regung bei ihm wahrgenommen. Allein wie rasch war auch diese
erloschen, wie war er bestrzt gewesen ber den unwillkrlichen Ausdruck eines
Gefhls, das ihm bisher fremd gewesen wie die Snde. Sie kannte ihn und wute -
jetzt qult er sich und kann sich's nicht verzeihen, da er ihr eine schwere
Stunde noch schwerer gemacht und in dem Augenblick, in dem sie ihr Teuerstes
hingab, unedel ausgerufen: Und ich?...
    Und er!... war's nicht ganz recht, da er sie einmal gemahnt, er zhle mit
in der Reihe der Wesen, die einen Anspruch an sie stellen durften? - Bisher
hatte er keinen geltend gemacht. Er war gut und treu; da er sich so zeigte,
verstand sich von selbst, und wer denkt erst lang ber selbstverstndliche Dinge
nach? - Manchmal wohl hatte es in der Seele Lottis aufgedmmert: Da ist einer,
dem verdankst du mehr, als du vergiltst. Da ist einer, dem hast du fter weh als
wohl getan. Aber die Fragen: Warum? Womit? scheute sie sich zu beantworten.
    Es geht gar seltsam zu in der Wunderwelt der Seele. Empfindungen schlummern
in ihr, die nie erwachen, wenn man sie nicht nennt, einmal genannt jedoch, nie
wieder schlafen knnen. Lotti frchtete sie und ihre unbekannte und
unberechenbare Macht. - Wozu auch grbeln? - ber ein Verhltnis zwischen Bruder
und Schwester, zwei braven Leuten, die in Frieden miteinander alt geworden sind
und also sterben wollen. Zugleich - geb's der Himmel! Denn ein Leben, in dem
Gottfried fehlen wrde und seine nie ermdende treue Sorgfalt, das wre keine
Freude mehr.
    Allmhlich war die Dunkelheit hereingebrochen. Lotti lehnte sich zurck und
schlo die Augen. In leisen Halbschlaf versunken, hrte sie Agnes nach Hause
kommen und drauen Zurstungen zur Abendmahlzeit treffen. Die Alte kehrte von
einem Besuch bei ihrer Schwester zurck, zu dem Lotti sie veranlat hatte.
Mitten in der Woche und ohne jeden vernnftigen Grund war sie aufgefordert
worden, die Vergngungsreise in die Vorstadt zu unternehmen. Gewhnlich kam sie
von derselben in bester Laune heim; heute war sie gestimmt wie ein hungriger
Wolf.
    Schweigend zndete sie die Lampe an und beantwortete die Frage Lottis nach
dem Befinden der Schwester mit einem undeutlichen Gemurmel. Die ganze Agnes war
eitel Zurckhaltung, jede ihrer Mienen und Bewegungen sprach: Hast du deine
Geheimnisse, hab ich die meinen.
    Ihre mit groer Ausdauer zur Schau getragene Gekrnktheit begann ihre
Wirkung auf die Herrin auszuben. Diese war hellmunter geworden. Es konnte auch
nicht anders sein, denn schweigend verhielt sich Agnes, aber nicht still. Sie
vollfhrte vielmehr mit einigen Tellern und einem Bestecke ein Gerassel, das in
Anbetracht der geringen Mittel, mit denen es verursacht wurde, ganz merkwrdig
zu nennen war.
    Liebe Agnes, begann Lotti sehr sanft und noch keineswegs im reinen ber
die Fortsetzung, welche diese Anrede erhalten sollte. Da erschallte die
Hausglocke, und Agnes strzte, abermals Unverstndliches murmelnd, aus dem
Zimmer.
    Das Frulein zu Hause? lie eine laute Stimme sich im Vorgemache
vernehmen, und im nchsten Augenblick trat Halwig ein.
    Er war bleich und erregt: Erlst! stie er, kaum fhig zu sprechen,
hervor. Nehmen Sie teil an meinem Glck. Er prete beide Hnde gegen seine
Brust. - Ich bin erlst - ich bin ein freier Mann!
    Lotti wagte nicht ihn anzusehen ... absichtlich tuschen - es bleibt doch
immer etwas Furchtbares. In uerster Verlegenheit sprach sie: Sie haben Ihren
Proze ...
    Gewonnen! ja, ja, meine Hoffnung, die khne, die ich nie aufgegeben, ist
erfllt ... Frulein Lotti - freuen Sie sich doch mit mir.
    Ich freue mich von ganzem Herzen, lieber Freund.
    Sehen Sie hierher! Erkennen Sie das? Er zog ein Heft aus seiner Tasche. -
Es ist dem Edlen, dem ich es gestern vor Ihren Augen bergab, zum zweiten Male
abgerungen worden und soll vor Ihren Augen in Rauch aufgehen.
    Er hielt einige Bltter des Manuskriptes ber die Lampe, sie entzndeten
sich; er schwang die Schrift hoch in der Luft, um sie in hellen Brand zu setzen,
und warf, nachdem dies geschehen, die lodernde in den Kamin. Mit wildem Behagen
schrte er die Flamme, die sein Geisteskind verzehrte, und rief: Was nie htte
geboren werden sollen, sterbe! Knnt ich alles so vernichten, was geschrieben zu
haben mich reut! Ein Trost bleibt mir brigens, fgte er mit bitterem Lachen
hinzu, indem er sich am Arbeitstische Lottis niederlie: Lange werden meine
Werke den Unwillen der Freunde des Schnen nicht erregen. Mit dem Tage geht
unter, was dem Tage gedient. O Frulein Lotti! ich hatte anderes von mir
erwartet. Erinnern Sie sich noch? Wissen Sie noch, was ich getrumt und
angestrebt? Wissen Sie noch, wie fest entschlossen ich war, diese Erde, die mich
getragen, nicht zu verlassen, ohne ihr die Spur meines Schrittes eingeprgt zu
haben?
    Lotti senkte den Blick vor seinen fragend auf sie gerichteten Augen: Jawohl
- was haben Sie, was habe ich Ihnen nicht zugetraut?
    Vorbei! er erhob von neuem sein gequltes Lachen. Sie haben noch nie
einen Menschen gesehen, mit dem es so vllig vorbei gewesen ist wie mit mir ...
    Es wird schon wieder anfangen, sagte Lotti.
    Sie wissen nicht, wie es in mir aussieht.
    Kommen Sie nur erst zur Ruhe.
    Die ist's ja, die ich frchte!... Mit ihr kommt die Besinnung. In der
rastlosen Ttigkeit, in der ich lebte, hatte ich wenigstens nicht Zeit zur
Besinnung. Glauben Sie nicht, da mir die Wohltat der Selbsttuschung zuteil
geworden ... Immer wieder, trotz allem, was ich tat, um ihn zu verscheuchen,
immer wieder tauchte der Gedanke in mir auf: Was du treibst, ist Seelenmord ...
Ich habe Stunden des Rausches, des Triumphes gehabt, aber glcklich, liebe
Freundin, war ich nicht mehr, seitdem ich mein Talent im Dienste irdischer
Zwecke zu fronen zwang.
    Lotti suchte nach Worten der Beschwichtigung, allein diejenigen, die sie
fand, erschienen ihr schwach und khl und nicht besser als Gemeinpltze. Ihre
Ohnmacht, zu trsten, uerte sich durch Ablenkung von der Klage. Sie verwies
ihn auf den segensreichen Einflu, den das Landleben auf ihn ausben werde, und
da rief er pltzlich beistimmend; O ja, darauf zhl auch ich. Wonne und Wohltat
wird mir die Stille des Landlebens sein. Vor allem andern wird es mich
erquicken, meine kindische Frau am Ziel ihrer Wnsche zu sehen. Sie hat die
Stadt, diese kindische Frau ... Sie mssen sie drauen im Freien sehen ... Im
Jagdgewand, den Stutzen in ihren kleinen Hnden - ich sage Ihnen, sie schiet
wie Wilhelm Tell. Oder man mu sie sehen, ein wildes Pferd bndigend, mit
Weisheit und Geduld - oder den Wald durchstreifend, khn wie ein Jger und hold
wie eine Fee. Das war mein Gram von Anfang an, da ich sie aus ihrer grnen
Heimsttte, in der sie aufgewachsen ist und aufgeblht, wo sie sich gesund
fhlt, hierherbringen mute, in dieses steinerne Grab, in dem sie das Dasein
einer Lerche im Kfig fhrt.
    Sein Gesicht hatte sich verklrt, whrend er von seiner Frau sprach.
    Ich liebe sie, fgte er hinzu und wiederholte: Ich liebe sie. Wie kann
das sein? denken Sie vielleicht, sie teilt ja deine geistigen Interessen nicht.
Ein Kind, Teuerste, tut das auch nicht, und man liebt es doch. Sie ist das
meine. Ein anderes wnsch ich nie zu haben, denn dieses wrde gewi lesen lernen
wollen, und das - Sie begreifen - drfte ich ihm nicht gestatten ... Er
unterbrach sich: Immer mahnt es wieder! rief er heftig aus und versank in
Schweigen.
    Haben Sie Schweitzer gesprochen? fragte Lotti nach einiger Zeit.
    Nein. Er schrieb nur einen Zettel mit der groen Nachricht, bedeutete mich
aber, ihn heute weder zu erwarten noch zu besuchen. Einer seiner Klienten
schiet einen Teil der Summe vor, die ich erhalten werde - wann? ist wohl noch
nicht bestimmt. Morgen soll der Kaufkontrakt unterschrieben werden, in acht
Tagen reisen meine Schwiegereltern ab ... ein Schmerz fr Agathe - ich mchte
die Trnen nicht sehen mssen, die sie bei dem Abschied vergieen wird. Ist der
aber einmal vorber, dann habe ich sie erst ganz gewonnen, dann wird sie erst
mein alleiniges Eigentum. Lachen Sie mich nicht aus, Frulein Lotti - wenn auch
noch soviel Grund dazu vorhanden ist. Die Liebe ist einmal partieller Wahnsinn,
und der meine scheint mir unheilbar, denn er verschlimmert sich von Tag zu Tag.
    Um so besser, lieber Freund; Sie haben mir da eine Menge Dinge gesagt, die
mir wunderbare Beruhigung verschaffen. Bisher konnt ich eine leise Sorge nicht
unterdrcken, da Ihre Frau, noch so jung, so auerordentlich schn und
gefeiert, wo immer sie erscheint, sich vielleicht doch auf die Dauer mit einem
ganz stillen und einfrmigen Leben nicht begngen wrde.
    Die Sorge war unbegrndet! rief er zuversichtlich aus. Besuchen Sie uns,
kommen Sie und bleiben Sie lange bei uns. berzeugen Sie sich, ob ich recht habe
zu sagen: auf dem Lande ist Agathe in ihrem wahren Element. Etwas viel Sport
werden Sie finden - sich vielleicht wundern, da eine junge Dame so
leidenschaftliches Interesse an Dingen nimmt, die freilich nicht eben von
idealer Natur ... allein, Beste, das werden Sie zugestehen, die Freuden, die ihr
die hchsten sind, sind sehr unschuldige. Man spielt dabei manchmal um sein
Leben, aber nie um mehr. Ich wollt, ich htte keine andere Begabung jemals in
mir versprt als diejenige, die man braucht, um ein tchtiger Reiter oder Jger
zu werden. Bei Gott, das wollt ich ...
    Er bi die Zhne zusammen und starrte vor sich hin in die Luft. So ist es,
murmelte er, erhob sich und trat auf Lotti zu.
    Leben Sie wohl. Kommen Sie bald zu uns.
    Sie ergriff die Hand, die er ihr reichte: Leben Sie wohl, Halwig, und
werden Sie gesund.
    Gesund?
    Jawohl. Jetzt sind Sie's nicht.
    Sie blickte mit der besorgten Teilnahme einer Mutter in sein Gesicht. Eines
sagen Sie mir noch: Wie gedenken Sie Ihr Leben einzurichten?
    Sehr einfach. Ich will bei meinem Pchter Landwirtschaft studieren. Ich
will mit Aufmerksamkeit die Fortschritte der Dorfjugend in der Schule verfolgen.
Ich will mit einem Worte allerlei ntzliche Dinge betreiben. Da ich nie mehr
etwas Schnes hervorbringen werde, will ich wenigstens versuchen, etwas
Vernnftiges zu tun.
    Und warum sollten Sie nichts Schnes mehr hervorbringen?
    
    Weil ich das Gefhl dafr verloren habe, dnkt mich ... das lt sich nicht
wiedergewinnen.
    Er ri sich gewaltsam aus den trben Gedanken, die ihn von neuem zu umweben
begannen: Auf Wiedersehen!
    Auf Wiedersehen, lieber Halwig. Noch etwas mu ich Ihnen sagen ... Denken
Sie sich, es wren Monate vergangen - Sie haben ausgeruht, haben einmal wieder
tief und gewaltig empfunden, da die Welt schn und das Leben etwas wert ist -
und pltzlich beginnt es in Ihrer Seele zu tnen wie einst. Sie lauschen den
Klngen, Sie wollen nichts, als sich umspinnen lassen von den lieblichen
Harmonien und festhalten, was die Ihnen vorgesungen. Und ohne Ihr Zutun, fast
ohne Ihr Bewutsein, strmt ein harmloses Lied von Ihren Lippen, eines von
denen, wie die Nachtigallen und die Dichter sie singen, und die Welt heute nicht
mehr anhren mag, und die Verleger nicht mehr verffentlichen. Ein solches, ein
so ganz unpraktisches, mu es sein. Die Stunde, Freund, in welcher dieses Lied
Ihnen gelingt, ist die Stunde Ihrer Wiedergeburt. Sie wird kommen. Ich will
einmal Kassandra sein und prophezeien, aber lauter Gutes. Und jetzt gehen Sie.
Auch ich bin erstaunlich mde und ruhebedrftig.
    Er beugte sich ber ihre Hnde und kte sie. -
    Sie haben doch nicht ganz vergessen, sagte er leise und innig, da Sie
einst die Braut eines Poeten waren - aber ich bin keiner mehr.
    Er ging, und Lotti rief bald darauf die alte Agnes herein und wnschte ihr
mit besonderer Freundlichkeit eine gute Nacht. Der Wunsch blieb von der
zrnenden Dienerin unerwidert, und dennoch schlief Lotti bis zum Morgen in einem
Zuge. Sie hatte von ihren Uhren getrumt, sich wieder im Besitz derselben
gesehen, und ihr wurde nichts weniger als froh zumute, als sie am folgenden Tage
beim Frhstck sa, dem leeren Schranke gegenber.
    Gottfried kam, sah verlegen aus, machte im Gesprch noch lngere Pausen als
gewhnlich, hatte eine Welt auf dem Herzen und war nicht imstande, ein
befreiendes Wort zu sprechen.
    Was fehlt dir? fragte Lotti.
    Brave Gesellen, antwortete er mit verstrten Blicken. Es ist nichts an
den Leuten. Kein Ernst, kein Geschick, keine Liebe zum Handwerk. Sie knnen
nichts und wollen nichts lernen. Wenn das der Nachwuchs ist, wohin gelangen wir?
In fnfzehn Jahren gibt es in der ganzen Stadt keinen tchtigen Uhrmacher mehr.
    Das war nun freilich sehr traurig, aber da ihm die Sache so vllig seine
Seelenruhe raubte, wie es nach und nach immer mehr den Anschein gewann, nahm
Lotti doch wunder. Sie hatte noch sehr oft Gelegenheit zu fragen: Was fehlt
dir? erhielt aber nie einen ordentlichen Bescheid. Seit dem Tage, an dem sie
ihre Uhren verkauft hatte, war Gottfrieds gleichmig heitere Laune dahin. Wie
von jeher widmete er Lotti seine ganze Sorgfalt, suchte ihr alles Unangenehme
fernzuhalten, blieb immer der getreueste und aufmerksamste Freund, aber bei
alledem uerte sich doch manchmal, und gewi ganz gegen seinen Willen, etwas
wie ein stiller Vorwurf in seinem Wesen. Lotti hatte ihn wohl schon in frheren
Zeiten so gesehen und bei solcher Gelegenheit eine gewisse Ungeduld niemals
unterdrcken knnen. Jetzt empfand sie nur Rhrung und Bedauern und staunte im
stillen ber die Vernderung, die mit ihr vorgegangen war.

                                       14


Die Tage vergingen einfrmig. Lotti fhrte ihr stilles Leben fort. Die einzige
Vernderung darin brachten die Besuche des Advokaten Schweitzer hervor. Er kam
sehr oft, zu Gottfrieds groer Befriedigung. Dieser hatte fr ihn eine Liebe
gefat, kaum minder pltzlich wie die Romeos zu Julien, und uerte dieselbe in
seiner beredten Weise: Der ja! - ja der - das ist einer!
    Der Doktor brachte Nachrichten von Halwigs. Das junge Paar befand sich auf
dem Gute; die Schwiegereltern waren nach England abgesegelt. Schweitzer
beschftigte sich mit dem Ordnen ihrer Angelegenheiten. Sobald er damit
fertiggeworden, wollte er eine Reise nach dem Norden unternehmen, die heien
Sommermonate in Norwegen oder gar in Island zubringen. Er sagte, seine Nerven
bedrften der Strkung.
    Ich bin nervenkrank wie alle Leute: Sie allein ausgenommen und Gottfried,
und vielleicht Ihre alte Agnes.
    Nun, ich wei nicht, meinte Lotti und lie ihre Augen von ihm auf
Gottfried hinbergleiten.
    Mit dessen Nerven, dachte sie, stnde es auch nicht zum besten. Er war so
eigen, schien oft selbst nicht zu wissen, was er wollte. Mehrmals schon hatte
ihm Lotti Briefe von Halwig und Agathe vorgelegt, in welchen Frulein Feler
beschworen wurde, zu ihnen zu kommen und einige Tage bei ihnen zuzubringen.
    Gottfried hatte nie etwas anderes dazu gesagt als: Ja, sie sind sehr
hflich, und: Wann gehst du? Aber dies geschah, in so gepretem Tone, da
Lotti immer wieder statt: Morgen, wie sie gewollt: Ich wei es noch nicht,
antwortete.
    Endlich kam ein so herzliches und warmes Einladungsschreiben, von den beiden
Gatten unterzeichnet, da Lotti, entschlossen, sich nicht lnger bitten zu
lassen, noch am selben Abend zu ihrer Dienerin sprach: Agnes, morgen fahre ich
um 8 Uhr mit dem Frhzuge fort. Wenn Gottfried vormittags nach mir fragt, sagst
du ihm, ich sei bei Halwigs und kme um sechs Uhr abends zurck. Wenn er mich
auf dem Bahnhof erwarten will, so wird mich das sehr freuen.
    Agnes war beraus zufrieden mit diesem Auftrage. In ihrer Einbildung
schwelgte sie schon im Genusse des Erstaunens, mit dem Gottfried ihre Botschaft
vernehmen, und der Fragen, die er an sie stellen werde. Sie bereitete sich
sogleich auf die Knste vor, mit denen sie dasselbe noch erhhen wollte, und
schlief mit dem heien Wunsche ein, da ihr nur das Wetter keinen Strich durch
die Rechnung machen mge.
    Dieser Wunsch erfllte sich vollstndig. Der schnste Tag, welchen der junge
Sommer dieses Jahres noch gespendet, brach am nchsten, einem Sonntagmorgen, an.
Die herrlichste Junisonne glnzte, der reinste Himmel blaute ber dem
schnaubenden, dampfenden Eisenbahnzuge, der Lotti aus der Stadt entfhrte.
    Nach zweistndiger Fahrt war sie an der kleinen Station angelangt, in deren
Nhe das Gut Halwigs sich befand. Dahin, wie Lotti durch Schweitzer wute,
fhrte ein bequemer Feldweg, und sie hatte sich vorgenommen, die kurze Strecke
zu Fue zurckzulegen. Irrezugehen war unmglich. Die Villa lag in dem grnen
Wiesenland weithin sichtbar, wie eine Perle im offenen Schreine.
    Munter begab sich Lotti auf die Wanderung. Sie fhlte sich erquickt durch
die rasche Bewegung und auch ein wenig berauscht durch die ungewohnte krftige
Luft. Sie war allmhlich in die gehobene Stimmung geraten, die beinahe jedes
Stadtkind erfat, wenn es pltzlich aus seiner ummauerten in die unbegrenzte
Welt versetzt wird. Die atmet Frische und Freudigkeit und teilt einem
empfnglichen Gemt schon etwas davon mit. Alles so freundlich und ppig
bewachsen oder bewaldet, die Weiden, die Auen und der Grtel von wellenfrmigen
Hgeln, der die liebliche Gegend umschlo. Das Schnste aber, das war die
gewaltige Bergkette im fernen Hintergrund. Kaum zu unterscheiden von den
Wolkengebilden am Horizont lag sie in silberner Dmmerung wie ein Wunder da, und
wie ein Wunder schien von ihr ein sehnsuchtweckender Zauber auszugehen. Lotti
nherte sich der Villa. Zwei Fahnen wehten von ihren schlanken Trmchen und
verkndeten, da Herr und Frau vom Hause anwesend seien. Der Weg fhrte an der
Umzunung des Gartens, einem feinen Drahtgitter auf niederem Mauersockel,
vorbei. Lotti schritt denselben entlang und kam bei dem geffneten Tor zugleich
mit einem Reiter an, der sich vom Hause her genhert hatte. Dieser, ein kleines,
drres Mnnchen, hielt seinen langhalsigen Braunen, welcher schnob, als ob er
Feuer geschluckt htte, ein wenig an, um Lotti eintreten zu lassen. Ohne die
Kappe zu rcken, aber mit gutmtiger Herablassung beantwortete er die Fragen der
Fremden. Die Herrschaften waren ins nchste Dorf zur Kirche gegangen und
drften in einer Stunde zurckkehren. Lnger bleiben sie schwerlich fort, denn
um zwlf Uhr wird gefrhstckt.
    Eine Stunde warten also! - das ist im Grunde so schlimm nicht. Man kann die
Zeit bentzen, um den Garten anzusehen, und nebenbei um ein wenig auszuruhen.
    Von dem breiten Kieswege der Avenue lenkte Lotti in einen schmaleren ein.
Kein Mensch war sichtbar, soweit sie blickte, ringsumher herrschte die echte,
lndliche Sonntagseinsamkeit. Lotti kam an einem herrlichen Tulpenbaum vorber
und betrat einen Fichtenhain, dessen khler Schatten sie lockte. Unter den
Bumen stand eine eiserne Bank, auf diese lie sie sich nieder.
    Es ist doch ein gutes Ding, das Land! dachte sie und atmete tief und sah
sich mit Entzcken in ihrer stillen Raststtte um. Die Fichten waren der unteren
ste schon beraubt, aber junger Nachwuchs bildete von auen einen Halbkreis um
den Hain, exotische Topfpflanzen fllten die kahlen Stellen zwischen den Stmmen
der alten Bume. Zarte, sdlndische Palmen, Ficus, Daphnen, Begonien lieen
sich's wohl sein im Schutze der nordischen Riesen. Die Knigin der Araucarien,
die Excelsia, breitete ihre farrenkrauthnlichen Zweige in majesttischer Anmut
aus. Harzgeruch erfllte die Luft, die Vgel sangen, im Grase schwirrte und
summte es. Mit reichgeflltem Gurt kehrten emsige Bienen vom Besuche der
blhenden Sommerlinden heim. Alles eifrig, alles beschftigt, alles, was da
schwebte, flog und kroch, sich selber so wichtig und so khn in seiner Schwche,
so unverdrossen in der Ausbung seiner kleinen Krfte.
    Lotti schaute und lauschte und gab sich vllig dem Gefhl der sesten Ruhe
hin. Still geno sie die kstliche Stunde, dieses bewegte, rastlose und doch so
friedvolle Leben und Weben um sie her ... halb unbewut, gedankenlos ... da
pltzlich erklang aus der Ferne das Gelute eines Glckleins.
    Zwlf Uhr. - In zwei Stunden mu sie fort, Gottfried erwartet sie, und das
darf nicht umsonst geschehen. Er hat eine herbe Enttuschung gehabt, als er kam
und sie nicht zu Hause traf. Er wird die Zeit sehr lang finden und sich gewi
mit der Vorstellung qulen, da sie nicht kommt. Aber sie wird kommen! und wenn
sie scheiden mte, ohne diejenigen gesehen zu haben, denen zuliebe sie eine Art
von Flucht unternommen hat. Diese sind brigens vielleicht schon lngst von
ihrem Kirchgang zurck, warum bildet Lotti sich denn ein, da sie gerade hier
vorberkommen mssen? Sie erhob sich, um den Hain zu verlassen, und im selben
Augenblick vernahm sie das Gleiten langsamer Schritte ber den Kies und sah ein
weies Kleid durch die Zweige der kleinen Bume schimmern.
    Halwig und Agathe nherten sich, schon waren ihre Stimmen deutlich zu
unterscheiden. Lotti eilte ihnen entgegen, war aber noch nicht auf dem Wege
angelangt, als sie zgernd stehenblieb.
    Die beiden Menschen, die da einherwandelten, boten den seltensten Anblick,
der auf Erden zu finden ist: den des vollkommenen Glckes. Sie hielten einander
umschlungen. Sein Kopf war leicht geneigt, der ihre leicht erhoben, sie sahen
einander in die Augen und flsterten sich lchelnd und leise einzelne Worte zu.
Sie schienen sich in Ausdrcken der Zrtlichkeit berbieten zu wollen, allein
ihr Wetteifer hatte nichts Unruhiges, nichts Strmisches. In diesem Kampf zu
siegen oder zu unterliegen mute gleich s sein. Da war kein Ringen, kein
Sehnen, kein banger Zweifel, da war Erfllung mit ihrem himmlischen Frieden.
    Sie kamen nher, ganz nah. Lotti meinte, von ihnen bemerkt worden zu sein
... doch irrte sie. Hermann und Agathe gingen vorbei, jedes blind fr alles, was
nicht das andere war, jedes dem andern eine ganze Welt. Nun waren sie am Ende
des Weges angelangt, schritten ber den Vorplan - verschwanden im Hause.
    Lotti folgte ihnen nicht.
    Was soll ich bei euch, dachte sie, ihr braucht keinen Dritten.
    Einige Zeit verweilte sie noch, sinnend und trumend, in dem Haine, der ihr
zuerst eine traute Gastfreundschaft und spter, ohne da sie es gewollt und
gesucht, ein sicheres Versteck geboten hatte, dann trat sie ruhig den Rckweg
an.
    Die Hitze war drckend geworden. Lotti schlich mehr, als sie ging, sie hatte
ja keine Eile; kam immer noch zu dem ausbndigen Vergngen zurecht, ein paar
Stunden lang vor dem Stationshuschen auf und ab zu wandeln. Weit und breit kein
Schatten, nur Wiesen und Felder. Nichts als schon in ziemlicher Nhe der
Station, neben dem Grenzpfahl des Halwigschen Besitzes, ein steinernes Kreuz,
von vier jungen Pappeln umgeben. Dort lie sich ebenfalls ein wenig rasten, aber
nicht im Schatten: davon war nicht die Rede, die Sonne stand ja noch im
Scheitel. Gleichviel. Eine Landstreicherin, wie Lotti nachgerade geworden, dankt
Gott auch fr die Wohltat, auf steinerne Stufen gelagert, die Zeit, deren sie
zuviel hat, an sich vorberziehen zu lassen.
    Sie trat an das Kreuz heran und bemerkte bald, da sie keinen besseren Punkt
htte finden knnen, um Villa Halwig noch einmal recht nach Herzenslust zu
betrachten. Das tat sie lange, und das innigste Gebet fr die Erhaltung fremden
Glckes, das einer Menschenbrust entsteigen kann, wurde zu Fen des steinernen
Kreuzes gesprochen.
    Sodann setzte Lotti ihren Weg fort.
    Sie begann ihre ganze Ausfahrt hchst drollig zu finden. Die Einladungen
Halwigs und Agathens hatten sie mit dem Gefhl einer Verpflichtung belastet, dem
sie gemeint durchaus genugtun zu mssen. So hatte sie sich denn aufgemacht, war
gekommen und hatte, statt der sehnschtig ihrer wartenden Freunde, ein
Liebesprchen gefunden, das versptete Honigwochen beging und dem man keinen
greren Gefallen erzeigen konnte, als es allein zu lassen.
    Sie kam sich ein wenig lcherlich vor, die gute Lotti, aber was schadet das
einer so anspruchslosen Persnlichkeit wie ihr? - Nicht das geringste; und sie
lachte im stillen und fhlte sich seelenvergngt, obwohl von einem gewissen
Unbehagen ergriffen, das - ein klgliches Ende ihrer poetischen Pilgerfahrt -
durch ganz prosaischen Hunger hervorgerufen wurde.
    Sie beschleunigte ihre Schritte. Ihre Absicht war, an der Tr des
Stationshuschens zu pochen und von seinen Einwohnern fr Geld und gute Worte
eine kleine Strkung zu erlangen.
    Das Pochen blieb ihr erspart. Die Frau des Bahnwchters, ein stmmiges,
dunkelugiges Weib, stand am Zaun ihres kleinen Gartens und nahm hier das
Ersuchen der Fremden entgegen. Ihr Benehmen war anfangs nicht sehr ermutigend
fr den hergelaufenen Gast, wurde aber bald so zutraulich, da Lotti sich
fragte, ob dieses leutselige Wesen etwa der Freimaurerei, die nach Schweitzers
Meinung zwischen ehrlichen Leuten besteht, zuzuschreiben sei.
    Eine Stunde spter sa sie so gemtlich, als ob sie zur Familie gehrte, in
der Bahnwchterstube. Der Mann rauchte ihr gegenber seinen schlechten Tabak aus
einer hlzernen Pfeife, das Weib, an einer groben Jacke flickend, hatte neben
ihr Platz genommen auf der Bank und der pausbckige Sprling des Ehepaares
sich's auf Lottis Sche bequem gemacht. Sie fand, er habe hnlichkeit mit einem
ihrer Horatier, und das hatte sie sofort fr ihn gewonnen.
    Die Frau war bereits mit der Erzhlung ihrer ganzen Lebensgeschichte
fertiggeworden und schien nicht bel Lust zu haben, wieder von vorn anzufangen.
Einleitende Betrachtungen wurden schon vorausgeschickt.
    Ja, sie stand in ihrem zweiundvierzigsten Jahre, und ihr Bub hatte krzlich
erst sein drittes erreicht.
    Arme Leut kommen halt spt zum Heiraten. Auch darin, auch in so einer Sach
haben's die Reichen besser.
    Da erhob sich der Mann, der Schnellzug mute bald auf die Strecke kommen, in
einigen Minuten wurde es Zeit, den Signalflgel aufzuziehen.
    Nachdem er die Stube verlassen hatte - er war ein alter Mensch und sah recht
mrrisch aus - begann seine Gattin, ihn zu loben. Er war brav. Er war
allgemein geachtet. Wunder wie viele Unglcksflle hatte er durch seine
Wachsamkeit verhtet. Sein Bub gert ihm nach, ist wirklich schon jetzt der
ganze Vater. Sie zog den Jungen an sich, gab ihm einen schallenden Ku und fuhr
mit allen fnf Fingern durch seinen zerzausten Schpf. Ein rhrender Ausdruck
von Zrtlichkeit milderte und verschnerte die harten Zge ihres sonnverbrannten
Gesichts, whrend sie ihrem Kinde diese derben Liebkosungen erteilte.
    Heute ist ein rechter Sonntag, sagte Lotti zu ihr, heute habe ich zwei
glckliche Ehepaare gesehen.
    Die Frau blickte sie befremdet an.
    Und Sie?... Sind doch auch glcklich?
    Ich bin auch glcklich.
    So? und - sie neigte den Kopf mit neugieriger Vertraulichkeit, und was
ist denn Ihr Herr?
    Ich habe keinen; ich bin eine alte Jungfer.
    So?... eine alte Jungfer, wiederholte die Frau, sichtlich erkaltet und
enttuscht. Und als der Mann nun ans Fenster klopfte, um der Reisenden zu
bedeuten, da es Zeit war aufzubrechen, stach der gleichgltige Abschied, den
die Wirtin von ihrem Gaste nahm, von deren frherer Freundlichkeit merklich ab.
Sie htte sich nicht anders benehmen knnen, wenn sie mit einem Male von Reue
ergriffen worden wre ber ein bel angebrachtes Vertrauen.
    Lchelnd ber den Mikredit, in welchen sie pltzlich bei ihrer neuen
Freundin geraten, stieg Lotti in den Waggon.
    Nur noch ein Platz war in demselben frei, und sie nahm ihn ein, zum
offenbaren Verdru einer geschlossenen Gesellschaft, die das Coup besetzt
hatte. Diese, ein bermtiges Vlkchen, lie sich, nachdem ihr erster Unwillen
ber den Eindringling verraucht war, in ihrer Unterhaltung nicht stren. Lotti
verbrachte zwei unangenehme Stunden in dem lauten und lustigen Kreise. Ein
Gefhl der Vereinsamung ergriff sie, das wegzuspotten sie sich vergeblich
bemhte.
    Endlich brauste die Lokomotive in den Bahnhof, und das erste, was Lotti
erblickte, war Gottfrieds lange Gestalt. Er stand an die Mauer gelehnt - ein
Bild der Hoffnungslosigkeit - starrte die Leute an, die dem Zuge entstiegen,
und: Sie kommt nicht! Sie kommt nicht! klagte es in seinem Herzen.
    Aber nun fuhr er zusammen ... Sie war da - ihre Hand lag auf seinem Arme.
    Das htt ich nicht gedacht ... da sie dich fortlassen ... da du ihnen
widerstehen kannst.
    Wie ein Verzckter blickte er sie an. Ich hab einen Wagen.
    Nein, fr den dankte sie; sie war froh, dem Waggon entronnen zu sein, wollte
zu Fu mit Gottfried nach Hause gehen und ihm unterwegs ihre Erlebnisse
erzhlen.
    Also geschah es. Er hrte ihr mit uerster Spannung zu und ging schweigend
neben ihr her. Erst als sie von der Empfindung der berflssigkeit sprach, von
der sie beim Anblick Halwigs und seiner Frau berkommen worden, bot er ihr
pltzlich seinen Arm und drckte den ihren fest an sich.
    Hier bedarf man deiner, sagte er. Du warst dir dort zuviel, ich - war mir
hier zuwenig.
    Die letzten Worte sollten in scherzhaftem Tone gesprochen sein, kamen aber
sehr wehmtig heraus.
    Und was hast du getan den ganzen langen Tag? fragte Lotti.
    Gottfried rusperte sich: Hm - gewartet.
    Sonst nichts?
    Oh, es war genug! Ich wei keine schwerere Arbeit.
    Er ergriff ihre Hand, und sie wurde ihm nicht entzogen; darber geriet er in
eine Begeisterung, die zu schildern keine noch so hinreiende Beredsamkeit
imstande gewesen wre. Die seine beschrnkte sich auf den leisen Ausruf: Liebe
Lotti!
    Der Druck seiner Hand wurde erwidert, und Guter Gottfried! sprach sie, die
er im Herzen trug von seiner Jugend und von ihrer Kindheit an.
    Ein Schauer der Wonne durchrieselte ihn. Wr's denkbar? Wr's mglich?...
Sollte er am Ende doch noch das Ziel und den Inbegriff aller seiner Wnsche
erreichen?...
    Ja, ja, antworteten die milden Augen, in die er fragend blickte, und der
Mund, den er liebte, sprach: Guter Gottfried, nicht erst seit heute wei ich,
da du mir das Liebste auf der Welt bist.
    Da htte er beinahe laut aufgejauchzt. Es war ein Glck, da sie vor Lottis
Hause angelangt waren. Getreulich und jahrelang hatte er das Geheimnis seiner
tiefsten Sehnsucht in sich verschlossen, der Jubel wollte ihm die Brust
zersprengen. Ein seliger Mann, fate er seine Braut in seine Arme, und sie mute
abwehren, sonst htte er sie wahrhaftig die Treppe hinaufgetragen. Oben
angelangt, strmte er derart an der Glocke, da Agnes in voller Emprung
herbeieilte: Wie kann man so anreien? rief die Alte.
    Ihretwegen, Agnes! antwortete er, ich kann es nicht erwarten, Ihnen zu
sagen - Sie sind die erste, die's erfhrt ... Sehen Sie uns an! Wir sind
Brautleute!

In aller Stille wurde einige Wochen spter der Bund geschlossen, der Gottfried
und Lotti fr immer vereinigte. Mitten im lrmenden Treiben der Stadt spann sich
ihr Dasein im seligen Frieden ab. Eine kaum noch erhoffte Erhhung ihres Glckes
wurde ihnen zuteil, als nach zwei Jahren, an einem Sptsommerabend, ein kleiner
Johannes Feler gerade in dem Augenblick das Licht der Welt begrte, in welchem
drauen die Sonne wunderbar schn unterging und im Zimmer die goldene Spieluhr,
zum siebenzehnten Male an dem Tage, ihr Schferliedchen anstimmte.
    Seltsam ergriff es die Eheleute, als sie spter erfuhren, da es auch
derselbe Tag gewesen, an dem Villa Halwig neuerdings ihren Besitzer gewechselt.
Das Reich Hermanns hatte kurze Dauer gehabt. Er und Agathe waren bald aus dem
sen Hindmmern erwacht, in das die Befreiung von ihren Sorgen sie versetzt
hatte. Sie, gewhnt an das rege Treiben ihres groen Familienkreises auf dem
Lande, begann sich zu langweilen allein mit ihrem Manne. Und auch ihm verlangte,
und vielleicht noch heier, nach Zerstreuung. Er wollte die Sehnsucht betuben,
die ihn in seiner Ruhe, seinem Behagen strte, die ihn bis in die Arme des
geliebten Weibes verfolgte, die Sehnsucht nach den Qualen und Wonnen seiner
Lohnschreibernchte, nach dem Fieber, das ihn durchraste, wenn er seine
Romanfiguren schuf, sie leiden, sndigen, in Blut und in Schlamm waten lie, und
den Zauber erfuhr, mit dem sie ihn umstrickten. Dazu die hastende Eile, in
welcher ihr Schicksal gewoben und ihr Verhngnis erfllt werden mute; die Angst
vor dem Milingen, und dann wieder die Glckseligkeit, wenn das Unerwartete
geschah, wenn die Gestalten, die ihm unter der Hand lebendig geworden, zuletzt
durch eigene Kraft einen Abschlu herbeifhrten, khner als er ihn geahnt hatte.
Halwig erfuhr, da wer solche Aufregungen kennengelernt, sie nicht mehr missen
kann und nach ihnen zurckverlangt, und wr's aus dem Himmel. So sandte er dem
schwindenden, mit Hilfe Agathens und ihrer Brder rasch aufgezehrten Wohlstand
kaum einen Gedanken des Bedauerns nach. Zur Zeit, in welcher das Gut verkauft
werden mute, machte die Gesundheit Agathens einen Aufenthalt an der See
notwendig. Hermann lie sie allein zu ihren Eltern ziehen und kehrte zu den
seligen Bitternissen seiner Schriftstellerei zurck. Die Frchte, die sie
lieferte, wurden noch immer in gewissen Leserkreisen verschlungen, dem Advokaten
Schweitzer jedoch sagten sie nicht zu, und er sprach einmal zu Lotti: Ich mache
mir Vorwrfe. Das Opfer, zu dem ich Sie verleitet habe, war umsonst gebracht.
    Aber Lotti erwiderte: Nicht umsonst.
    Ihr Mann blickte sie lchelnd an: Ohne meine Entrstung ber dieses Opfer,
sagte er, wte sie vielleicht heute noch nicht, da der Gottfried auch einmal
etwas fr sich wollen konnte.
