
                                 Spyri, Johanna

                          Heidis Lehr- und Wanderjahre

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                                 Johanna Spyri

                          Heidis Lehr- und Wanderjahre

                               Zum Alm-hi hinauf

Vom freundlichen Dorfe Maienfeld fhrt ein Fuweg durch grne, baumreiche Fluren
bis zum Fue der Hhen, die von dieser Seite gro und ernst auf das Tal
herniederschauen. Wo der Fuweg anfngt, beginnt bald Heideland mit dem kurzen
Gras und den krftigen Bergkrutern dem Kommenden entgegenzuduften, denn der
Fuweg geht steil und direkt zu den Alpen hinauf.
    Auf diesem schmalen Bergpfade stieg am hellen, sonnigen Junimorgen ein
groes, krftig aussehendes Mdchen dieses Berglandes hinan, ein Kind an der
Hand fhrend, dessen Wangen so glhend waren, da sie selbst die sonnverbrannte,
vllig braune Haut des Kindes flammendrot durchleuchteten. Es war auch kein
Wunder: das Kind war trotz der heien Junisonne so verpackt, als htte es sich
eines bitteren Frostes zu erwehren. Das kleine Mdchen mochte kaum fnf Jahre
zhlen; was aber seine natrliche Gestalt war, konnte man nicht ersehen, denn es
hatte sichtlich zwei, wenn nicht drei Kleider bereinander angezogen und
drberhin ein groes, rotes Baumwollentuch um und um gebunden, so da die kleine
Person eine vllig formlose Figur darstellte, die, in zwei schwere, mit Ngeln
beschlagene Bergschuhe gesteckt, sich hei und mhsam den Berg hinaufarbeitete.
Eine Stunde vom Tal aufwrts mochten die beiden gestiegen sein, als sie zu dem
Weiler kamen, der auf halber Hhe der Alm liegt und im Drfli heit. Hier
wurden die Wandernden fast von jedem Hause aus angerufen, einmal vom Fenster,
einmal von einer Haustr und einmal vom Wege her, denn das Mdchen war in seinem
Heimatsort angelangt. Es machte aber nirgends Halt, sondern erwiderte alle
zugerufenen Gre und Fragen im Vorbeigehen, ohne stillzustehen, bis es am Ende
des Weilers bei dem letzten der zerstreuten Huschen angelangt war. Hier rief es
aus einer Tr: Wart einen Augenblick, Dete, ich komme mit, wenn du weiter
hinaufgehst.
    Die Angeredete stand still; sofort machte sich das Kind von ihrer Hand los
und setzte sich auf den Boden.
    Bist du mde, Heidi? fragte die Begleiterin.
    Nein, es ist mir hei߫, entgegnete das Kind.
    Wir sind jetzt gleich oben, du mut dich nur noch ein wenig anstrengen und
groe Schritte nehmen, dann sind wir in einer Stunde oben, ermunterte die
Gefhrtin.
    Jetzt trat eine breite, gutmtig aussehende Frau aus der Tr und gesellte
sich zu den beiden. Das Kind war aufgestanden und wanderte nun hinter den zwei
alten Bekannten her, die sofort in ein lebhaftes Gesprch gerieten ber allerlei
Bewohner des Drfli und vieler umherliegender Behausungen.
    Aber wohin willst du eigentlich mit dem Kinde, Dete? fragte jetzt die neu
Hinzugekommene. Es wird wohl deiner Schwester Kind sein, das hinterlassene.
    Das ist es, erwiderte Dete, ich will mit ihm hinauf zum hi, es mu dort
bleiben.
    Was, beim Alm-hi soll das Kind bleiben? Du bist, denk' ich, nicht recht
bei Verstand, Dete! Wie kannst du so etwas tun! Der Alte wird dich aber schon
heimschicken mit deinem Vorhaben!
    Das kann er nicht, er ist der Grovater, er mu etwas tun, ich habe das
Kind bis jetzt gehabt, und das kann ich dir schon sagen, Barbel, da ich einen
Platz, wie ich ihn jetzt haben kann, nicht dahinten lasse um des Kindes willen;
jetzt soll der Grovater das Seinige tun.
    Ja, wenn der wre wie andere Leute, dann schon, besttigte die kleine
Barbel eifrig; aber du kennst ja den. Was wird der mit einem Kinde anfangen und
dann noch einem so kleinen! Das hlt's nicht aus bei ihm! Aber wo willst du denn
hin?
    Nach Frankfurt, erklrte Dete, da bekomm' ich einen extraguten Dienst.
Die Herrschaft war schon im vorigen Sommer unten im Bad, ich habe ihre Zimmer
auf meinem Gang gehabt und sie besorgt, und schon damals wollten sie mich
mitnehmen, aber ich konnte nicht fortkommen, und jetzt sind sie wieder da und
wollen mich mitnehmen, und ich will auch gehen, da kannst du sicher sein.
    Ich mchte nicht das Kind sein! rief die Barbel mit abwehrender Gebrde
aus. Es wei ja kein Mensch, was mit dem Alten da oben ist! Mit keinem Menschen
will er etwas zu tun haben, jahraus, jahrein setzt er keinen Fu in eine Kirche,
und wenn er mit seinem dicken Stock im Jahr einmal herunterkommt, so weicht ihm
alles aus und mu sich vor ihm frchten. Mit seinen dicken grauen Augenbrauen
und dem furchtbaren Bart sieht er auch aus wie ein alter Heide und Indianer, da
man froh ist, wenn man ihm nicht allein begegnet.
    Und wenn auch, sagte Dete trotzig, er ist der Grovater und mu fr das
Kind sorgen, er wird ihm wohl nichts tun, sonst hat er's zu verantworten, nicht
ich.
    Ich mchte nur wissen, sagte die Barbel forschend, was der Alte auf dem
Gewissen hat, da er solche Augen macht und so mutterseelenallein da droben auf
der Alm bleibt und sich fast nie blicken lt. Man sagt allerhand von ihm; du
weit doch gewi auch etwas davon, von deiner Schwester, nicht, Dete?
    Freilich, aber ich rede nicht; wenn er's hrte, so kme ich schn an!
    Aber die Barbel htte schon lange gern gewut, wie es sich mit dem Alm-hi
verhalte, da er so menschenfeindlich aussehe und da oben ganz allein wohne und
die Leute immer so mit halben Worten von ihm redeten, als frchteten sie sich,
gegen ihn zu sein, und wollten doch nicht fr ihn sein. Auch wute die Barbel
gar nicht, warum der Alte von allen Leuten im Drfli der Alm-hi genannt wurde,
er konnte doch nicht der wirkliche Oheim von den smtlichen Bewohnern sein; da
aber alle ihn so nannten, tat sie es auch und nannte den Alten nie anders als
hi, was die Aussprache der Gegend fr Oheim ist. Die Barbel hatte sich erst vor
kurzer Zeit nach dem Drfli hinauf verheiratet, vorher hatte sie unten im
Prttigau gewohnt, und so war sie noch nicht so ganz bekannt mit allen
Erlebnissen und besonderen Persnlichkeiten aller Zeiten vom Drfli und der
Umgegend. Die Dete, ihre gute Bekannte, war dagegen vom Drfli gebrtig und
hatte da gelebt mit ihrer Mutter bis vor einem Jahr; da war diese gestorben, und
die Dete war nach dem Bade Ragaz hinbergezogen, wo sie im groen Hotel als
Zimmermdchen einen guten Verdienst fand. Sie war auch an diesem Morgen mit dem
Kinde von Ragaz hergekommen; bis Maienfeld hatte sie auf einem Heuwagen fahren
knnen, auf dem ein Bekannter von ihr heimfuhr und sie und das Kind mitnahm. -
Die Barbel wollte also diesmal die gute Gelegenheit, etwas zu vernehmen, nicht
unbenutzt vorbeigehen lassen; sie fate vertraulich die Dete am Arm und sagte:
Von dir kann man doch vernehmen, was wahr ist und was die Leute darber hinaus
sagen; du weit, denk' ich, die ganze Geschichte. Sag mir jetzt ein wenig, was
mit dem Alten ist und ob der immer so gefrchtet und ein solcher Menschenhasser
war.
    Ob er immer so war, kann ich, denk' ich, nicht przis wissen, ich bin jetzt
sechsundzwanzig und er sicher siebzig Jahr' alt; so hab' ich ihn nicht gesehen,
wie er jung war, das wirst du nicht erwarten. Wenn ich aber wte, da es
nachher nicht im ganzen Prttigau herumkme, so knnte ich dir schon allerhand
erzhlen von ihm; meine Mutter war aus dem Domleschg und er auch.
    A bah, Dete, was meinst denn? gab die Barbel ein wenig beleidigt zurck;
es geht nicht so streng mit dem Schwatzen im Prttigau, und dann kann ich schon
etwas fr mich behalten, wenn es sein mu. Erzhl mir's jetzt, es mu dich nicht
gereuen.
    Ja nu, so will ich, aber halt Wort! mahnte die Dete. Erst sah sie sich
aber um, ob das Kind nicht zu nah sei und alles anhre, was sie sagen wollte;
aber das Kind war gar nicht zu sehen, es mute schon seit einiger Zeit den
beiden Begleiterinnen nicht mehr gefolgt sein, diese hatten es aber im Eifer der
Unterhaltung nicht bemerkt. Dete stand still und schaute sich berall um. Der
Fuweg machte einige Krmmungen, doch konnte man ihn fast bis zum Drfli
hinunter bersehen, es war aber niemand darauf sichtbar.
    Jetzt seh' ich's, erklrte die Barbel; siehst du dort? und sie wies mit
dem Zeigefinger weit ab vom Bergpfad. Es klettert die Abhnge hinauf mit dem
Geienpeter und seinen Geien. Warum der heut' so spt hinauffhrt mit seinen
Tieren? Es ist aber gerad' recht, er kann nun zu dem Kinde sehen, und du kannst
mir um so besser erzhlen.
    Mit dem Nach-ihm-sehen mu sich der Peter nicht anstrengen, bemerkte die
Dete; es ist nicht dumm fr seine fnf Jahre, es tut seine Augen auf und sieht,
was vorgeht, das hab' ich schon bemerkt an ihm, und es wird ihm einmal zugut'
kommen, denn der Alte hat gar nichts mehr als seine zwei Geien und die
Almhtte.
    Hat er denn einmal mehr gehabt? fragte die Barbel.
    Der? Ja, das denk' ich, da er einmal mehr gehabt hat, entgegnete eifrig
die Dete; eins der schnsten Bauerngter im Domleschg hat er gehabt. Er war der
ltere Sohn und hatte nur noch einen Bruder, der war still und ordentlich. Aber
der ltere wollte nichts tun, als den Herrn spielen und im Lande herumfahren und
mit bsem Volk zu tun haben, das niemand kannte. Den ganzen Hof hat er verspielt
und verzecht, und wie es herauskam, da sind sein Vater und seine Mutter
hintereinander gestorben vor lauter Gram, und der Bruder, der nun auch am
Bettelstab war, ist vor Verdru in die Welt hinaus, es wei kein Mensch wohin,
und der hi selber, als er nichts mehr hatte als einen bsen Namen, ist auch
verschwunden. Erst wute niemand wohin, dann vernahm man, er sei unter das
Militr gegangen nach Neapel, und dann hrte man nichts mehr von ihm zwlf oder
fnfzehn Jahre lang. Dann auf einmal erschien er wieder im Domleschg mit einem
halberwachsenen Buben und wollte diesen in der Verwandtschaft unterzubringen
suchen. Aber es schlossen sich alle Tren vor ihm, und keiner wollte mehr etwas
von ihm wissen. Das erbitterte ihn sehr; er sagte: ins Domleschg setze er keinen
Fu mehr, und dann kam er hierher ins Drfli und lebte da mit dem Buben. Die
Frau mu eine Bndnerin gewesen sein, die er dort unten getroffen und dann bald
wieder verloren hatte. Er mute noch etwas Geld haben, denn er lie den Buben,
den Tobias, ein Handwerk erlernen, Zimmermann, und der war ein ordentlicher
Mensch und wohlgelitten bei allen Leuten im Drfli. Aber dem Alten traute
keiner, man sagte auch, er sei von Neapel desertiert, es wre ihm sonst schlimm
gegangen, denn er habe einen erschlagen, natrlich nicht im Krieg, verstehst du,
sondern beim Raufhandel. Wir anerkannten aber die Verwandtschaft, da meiner
Mutter Gromutter mit seiner Gromutter Geschwisterkind gewesen war. So nannten
wir ihn hi, und da wir fast mit allen Leuten im Drfli wieder verwandt sind vom
Vater her, so nannten ihn diese alle auch hi, und seit er dann auf die Alm
hinaufgezogen war, hie er eben nur noch der Alm-hi.
    Aber wie ist es dann mit dem Tobias gegangen? fragte gespannt die Barbel.
    Wart nur, das kommt schon, ich kann nicht alles auf einmal sagen, erklrte
Dete. Also der Tobias war in der Lehre drauen in Mels, und sowie er fertig
war, kam er heim ins Drfli und nahm meine Schwester zur Frau, die Adelheid,
denn sie hatten sich schon immer gern gehabt, und auch wie sie nun verheiratet
waren, konnten sie's sehr gut zusammen. Aber es ging nicht lange. Schon zwei
Jahre nachher, wie er an einem Hausbau mithalf, fiel ein Balken auf ihn herunter
und schlug ihn tot. Und wie man den Mann so entstellt nachhause brachte, da fiel
die Adelheid vor Schrecken und Leid in ein heftiges Fieber und konnte sich nicht
mehr erholen, sie war sonst nicht sehr krftig und hatte manchmal so eigene
Zustnde gehabt, da man nicht recht wute, schlief sie, oder war sie wach. Nur
ein paar Wochen, nachdem der Tobias tot war, begrub man auch die Adelheid. Da
sprachen alle Leute weit und breit von dem traurigen Schicksal der beiden, und
leise und laut sagten sie, das sei die Strafe, die der hi verdient habe fr
sein gottloses Leben, und ihm selbst wurde es gesagt und auch der Herr Pfarrer
redete ihm ins Gewissen, er sollte doch jetzt Bue tun, aber er wurde nur immer
grimmiger und verstockter und redete mit niemandem mehr, es ging ihm auch jeder
aus dem Wege. Auf einmal hie es, der hi sei auf die Alm hinaufgezogen und
komme gar nicht mehr herunter, und seither ist er dort und lebt mit Gott und
Menschen im Unfrieden. Das kleine Kind der Adelheid nahmen wir zu uns, die
Mutter und ich; es war ein Jahr alt. Wie nun im letzten Sommer die Mutter starb
und ich im Bad drunten etwas verdienen wollte, nahm ich es mit und gab es der
alten Ursel oben im Pffferserdorf an die Kost. Ich konnte auch im Winter im Bad
bleiben, es gab allerhand Arbeit, weil ich zu nhen und flicken verstehe, und
frh im Frhling kam die Herrschaft aus Frankfurt wieder, die ich voriges Jahr
bedient hatte und die mich mitnehmen will; bermorgen reisen wir ab, und der
Dienst ist gut, das kann ich dir sagen.
    Und dem Alten da droben willst du nun das Kind bergeben? Es nimmt mich nur
wunder, was du denkst, Dete, sagte die Barbel vorwurfsvoll.
    Was meinst du denn? gab Dete zurck. Ich habe das Meinige an dem Kinde
getan, und was sollte ich denn mit ihm machen? Ich denke, ich kann eines, das
erst fnf Jahre alt wird, nicht mit nach Frankfurt nehmen. Aber wohin gehst du
eigentlich, Barbel, wir sind ja schon halbwegs auf der Alm?
    Ich bin auch gleich da, wo ich hin mu߫, entgegnete die Barbel; ich habe
mit der Geienpeterin zu reden, sie spinnt mir im Winter. So leb wohl, Dete; mit
Glck!
    Dete reichte der Begleiterin die Hand und blieb stehen, whrend diese der
kleinen, dunkelbraunen Almhtte zuging, die einige Schritte seitwrts vom Pfad
in einer Mulde stand, wo sie vor dem Bergwind ziemlich geschtzt war. Die Htte
stand auf der halben Hhe der Alm, vom Drfli aus gerechnet, und da sie in
einer kleinen Vertiefung des Berges stand, war gut, denn sie sah so baufllig
und verfallen aus, da es auch so noch ein gefhrliches Darinwohnen sein mute,
wenn der Fhnwind so mchtig ber die Berge strich, da alles an der Htte
klapperte, Tren und Fenster, und alle die morschen Balken zitterten und
krachten. Htte die Htte an solchen Tagen oben auf der Alm gestanden, sie wre
unverzglich ins Tal hinabgeweht worden.
    Hier wohnte der Geienpeter, der elfjhrige Bube, der jeden Morgen unten im
Drfli die Geien holte, um sie hoch auf die Alm hinaufzutreiben, um sie da die
kurzen krftigen Kruter fressen zu lassen bis zum Abend; dann sprang der Peter
mit den leichtfigen Tierchen wieder herunter, tat, im Drfli angekommen, einen
schrillen Pfiff durch die Finger, und jeder Besitzer holte seine Gei auf dem
Platz. Meistens kamen kleine Buben und Mdchen, denn die friedlichen Geien
waren nicht zu frchten, und das war denn den ganzen Sommer durch die einzige
Zeit am Tage, da der Peter mit seinesgleichen verkehrte; sonst lebte er nur mit
den Geien. Er hatte zwar daheim seine Mutter und die blinde Gromutter; aber da
er immer am Morgen sehr frh fort mute und am Abend vom Drfli spt heimkam,
weil er sich da noch so lange als mglich mit den Kindern unterhalten mute, so
verbrachte er daheim nur gerade so viel Zeit, um am Morgen seine Milch und Brot
und am Abend ebendasselbe hinunterzuschlucken und dann sich aufs Ohr zu legen
und zu schlafen. Sein Vater, der auch schon der Geienpeter genannt worden war,
weil er in frheren Jahren in demselben Berufe gestanden hatte, war vor einigen
Jahren beim Holzfllen verunglckt. Seine Mutter, die zwar Brigitte hie, wurde
von jedermann um des Zusammenhangs willen die Geienpeterin genannt, und die
blinde Gromutter kannten weit und breit alt und jung nur unter dem Namen
Gromutter.
    Die Dete hatte wohl zehn Minuten gewartet und sich nach allen Seiten
umgesehen, ob die Kinder mit den Geien noch nirgends zu sehen seien; als dies
aber nicht der Fall war, so stieg sie noch ein wenig hher, wo sie besser die
ganze Alm bis hinunter bersehen konnte, und guckte nun von hier aus bald dahin,
bald dorthin mit Zeichen groer Ungeduld auf dem Gesicht und in den Bewegungen.
Unterdessen rckten die Kinder auf einem groen Umwege heran, denn der Peter
wute viele Stellen, wo allerhand Gutes an Struchern und Gebschen fr seine
Geien zu nagen war; darum machte er mit seiner Herde vielerlei Wendungen auf
dem Wege. Erst war das Kind mhsam nachgeklettert, in seiner schweren Rstung
vor Hitze und Unbequemlichkeit keuchend und alle Krfte anstrengend. Es sagte
kein Wort, blickte aber unverwandt bald auf den Peter, der mit seinen nackten
Fen und leichten Hschen ohne alle Mhe hin- und hersprang, bald auf die
Geien, die mit den dnnen, schlanken Beinchen noch leichter ber Busch und
Stein und steile Abhnge hinaufkletterten. Auf einmal setzte das Kind sich auf
den Boden nieder, zog mit groer Schnelligkeit Schuhe und Strmpfe aus, stand
wieder auf, zog sein rotes, dickes Halstuch weg, machte sein Rckchen auf, zog
es schnell aus und hatte gleich noch eins auszuhkeln, denn die Base Dete hatte
ihm das Sonntagskleidchen ber das Alltagszeug angezogen, um der Krze willen,
damit niemand es tragen msse. Blitzschnell war auch das Alltagsrcklein weg,
und nun stand das Kind im leichten Unterrckchen, die bloen Arme aus den kurzen
Hemdrmelchen vergnglich in die Luft hinausstreckend. Dann legte es schn alles
auf ein Hufchen, und nun sprang und kletterte es hinter den Geien und neben
dem Peter her, so leicht als nur eines aus der ganzen Gesellschaft. Der Peter
hatte nicht achtgegeben, was das Kind mache, als es zurckgeblieben war. Wie es
nun in der neuen Bekleidung nachgesprungen kam, zog er lustig grinsend das ganze
Gesicht auseinander und schaute zurck, und wie er unten das Huflein Kleider
liegen sah, ging sein Gesicht noch ein wenig mehr auseinander, und sein Mund kam
fast von einem Ohr bis zum anderen; er sagte aber nichts. Wie nun das Kind sich
so frei und leicht fhlte, fing es ein Gesprch mit dem Peter an, und er fing
auch an zu reden und mute auf vielerlei Fragen antworten, denn das Kind wollte
wissen, wie viele Geien er habe und wohin er mit ihnen gehe und was er dort
tue, wo er hinkomme. So langten endlich die Kinder samt den Geien oben bei der
Htte an und kamen der Base Dete zu Gesicht. Kaum aber hatte diese die
herankletternde Gesellschaft erblickt, als sie laut aufschrie: Heidi, was
machst du? Wie siehst du aus? Wo hast du deinen Rock und den zweiten und das
Halstuch? Und ganz neue Schuhe habe ich dir gekauft auf den Berg und dir neue
Strmpfe gemacht, und alles fort! alles fort! Heidi, was machst du, wo hast du
alles?
    Das Kind zeigte ruhig den Berg hinunter und sagte: Dort! Die Base folgte
seinem Finger. Richtig, dort lag etwas und oben auf war ein roter Punkt, das
mute das Halstuch sein.
    Du Unglckstropf! rief die Base in groer Aufregung; was kommt dir denn
in den Sinn, warum hast du alles ausgezogen? Was soll das sein?
    Ich brauch' es nicht, sagte das Kind und sah gar nicht reuevoll aus ber
seine Tat.
    Ach du unglckseliges, vernunftloses Heidi, hast du denn auch noch gar
keine Begriffe? jammerte und schalt die Base weiter; wer sollte nun wieder da
hinunter, es ist ja eine halbe Stunde! Komm, Peter, lauf du mir schnell zurck
und hol das Zeug, komm schnell und steh nicht dort und glotze mich an, als wrst
du am Boden festgenagelt.
    Ich bin schon zu spt, sagte Peter langsam und blieb, ohne sich zu rhren,
auf demselben Fleck stehen, von dem aus er, beide Hnde in die Taschen gesteckt,
dem Schreckensausbruch der Base zugehrt hatte.
    Du stehst ja doch nur und reiest deine Augen auf und kommst, denk' ich,
nicht weit auf die Art! rief ihm die Base Dete zu; komm her, du mut etwas
Schnes haben, siehst du? Sie hielt ihm ein neues Fnferchen hin, das glnzte
ihm in die Augen. Pltzlich sprang er auf und davon auf dem geradesten Weg die
Alm hinunter und kam in ungeheuren Stzen in kurzer Zeit bei dem Huflein
Kleider an, packte sie auf und erschien damit so schnell, da ihn die Base
rhmen mute und ihm sogleich sein Fnfrappenstck berreichte. Peter steckte es
schnell tief in seine Tasche, und sein Gesicht glnzte und lachte in voller
Breite, denn ein solcher Schatz wurde ihm nicht oft zuteil.
    Du kannst mir das Zeug noch tragen bis zum hi hinauf, du gehst ja auch den
Weg, sagte die Base Dete jetzt, indem sie sich anschickte, den steilen Abhang
zu erklimmen, der gleich hinter der Htte des Geienpeter emporragte. Willig
bernahm dieser den Auftrag und folgte der Voranschreitenden auf dem Fue nach,
den linken Arm um sein Bndel geschlungen, in der Rechten die Geienrute
schwingend. Das Heidi und die Geien hpften und sprangen frhlich neben ihm
her. So gelangte der Zug nach drei Viertelstunden auf die Almhhe, wo frei auf
dem Vorsprung des Berges die Htte des alten hi stand, allen Winden ausgesetzt,
aber auch jedem Sonnenblick zugnglich und mit der vollen Aussicht weit ins Tal
hinab. Hinter der Htte standen drei alte Tannen mit dichten, langen,
unbeschnittenen sten. Weiter hinten ging es nochmals bergan bis hoch hinauf in
die alten, grauen Felsen, erst noch ber schne, kruterreiche Hhen, dann in
steiniges Gestrpp und endlich zu den kahlen, steilen Felsen hinan.
    An die Htte festgemacht, der Talseite zu, hatte sich der hi eine Bank
gezimmert. Hier sa er, eine Pfeife im Mund, beide Hnde auf seine Knie gelegt
und schaute ruhig zu, wie die Kinder, die Geien und die Base Dete
herankletterten, denn die letztere war nach und nach von den anderen berholt
worden. Heidi war zuerst oben; es ging geradeaus auf den Alten zu, streckte ihm
die Hand entgegen und sagte: Guten Abend, Grovater!
    So, so, wie ist das gemeint? fragte der Alte barsch, gab dem Kinde kurz
die Hand und schaute es mit einem langen, durchdringenden Blick an unter seinen
buschigen Augenbrauen hervor. Heidi gab den langen Blick ausdauernd zurck, ohne
nur einmal mit den Augen zu zwinkern, denn der Grovater mit dem langen Bart und
den dichten, grauen Augenbrauen, die in der Mitte zusammengewachsen waren und
aussahen wie eine Art Gestruch, war so verwunderlich anzusehen, da Heidi ihn
recht betrachten mute. Unterdessen war auch die Base herangekommen samt dem
Peter, der eine Weile stillestand und zusah, was sich da ereigne.
    Ich wnsche Euch guten Tag, hi, sagte die Dete, hinzutretend, und hier
bring' ich Euch das Kind vom Tobias und der Adelheid. Ihr werdet es wohl nicht
mehr kennen, denn seit es jhrig war, habt Ihr es nie mehr gesehen.
    So, was mu das Kind bei mir? fragte der Alte kurz; und du dort, rief er
dem Peter zu, du kannst gehen mit deinen Geien, du bist nicht zu frh; nimm
meine mit!
    Der Peter gehorchte sofort und verschwand, denn der hi hatte ihn
angeschaut, da er schon genug davon hatte.
    Es mu eben bei Euch bleiben, hi, gab die Dete auf seine Frage zurck.
Ich habe, denk' ich, das Meinige an ihm getan die vier Jahre durch, es wird
jetzt wohl an Euch sein, das Eurige auch einmal zu tun.
    So, sagte der Alte und warf einen blitzenden Blick auf die Dete. Und wenn
nun das Kind anfngt dir nachzuflennen und zu winseln, wie kleine Unvernnftige
tun, was mu ich dann mit ihm anfangen?
    Das ist dann Eure Sache, warf die Dete zurck; ich meine fast, es habe
mir auch kein Mensch gesagt, wie ich es mit dem Kleinen anzufangen habe, als es
mir auf den Hnden lag, ein einziges Jhrchen alt, und ich schon fr mich und
die Mutter genug zu tun hatte. Jetzt mu ich meinem Verdienst nach, und Ihr seid
der Nchste am Kind; wenn Ihr's nicht haben knnt, so macht mit ihm, was Ihr
wollt, dann habt Ihr's zu verantworten, wenn's verdirbt, und Ihr werdet wohl
nicht ntig haben, noch etwas aufzuladen.
    Die Dete hatte kein recht gutes Gewissen bei der Sache, darum war sie so
hitzig geworden und hatte mehr gesagt, als sie im Sinn gehabt hatte. Bei ihren
letzten Worten war der hi aufgestanden; er schaute sie so an, da sie einige
Schritte zurckwich; dann streckte er den Arm aus und sagte befehlend:Mach, da
du hinunterkommst, wo du heraufgekommen bist, und zeig dich nicht so bald
wieder! Das lie sich die Dete nicht zweimal sagen. So lebt wohl, und du auch,
Heidi, sagte sie schnell und lief den Berg hinunter in einem Trab bis ins
Drfli hinab, denn die innere Aufregung trieb sie vorwrts, wie eine wirksame
Dampfkraft. Im Drfli wurde sie diesmal noch viel mehr angerufen, denn es
wunderte die Leute, wo das Kind sei; sie kannten ja alle die Dete genau und
wuten, wem das Kind gehrte, und alles, was mit ihm vorgegangen war. Als es nun
aus allen Tren und Fenstern tnte: Wo ist das Kind? Dete, wo hast du das Kind
gelassen? rief sie immer unwilliger zurck: Droben beim Alm-hi! Nun, beim
Alm-hi, Ihr hrt's ja!
    Sie wurde aber so maleidig, weil die Frauen von allen Seiten ihr zuriefen:
Wie kannst du so etwas tun! und: Das arme Trpfli! und: So ein kleines
Hilfloses da droben lassen! und dann wieder und wieder: Das arme Trpfli! Die
Dete lief, so schnell sie konnte, weiter und war froh, als sie nichts mehr
hrte, denn es war ihr nicht wohl bei der Sache; ihre Mutter hatte ihr beim
Sterben das Kind noch bergeben. Aber sie sagte sich zur Beruhigung, sie knne
dann ja eher wieder etwas fr das Kind tun, wenn sie nun viel Geld verdiene, und
so war sie sehr froh, da sie bald weit von allen Leuten, die ihr dreinredeten,
weg- und zu einem schnen Verdienst kommen konnte.

                                 Beim Grovater


Nachdem die Dete verschwunden war, hatte der hi sich wieder auf die Bank
hingesetzt und blies nun groe Wolken aus seiner Pfeife; dabei starrte er auf
den Boden und sagte kein Wort. Derweilen schaute das Heidi vergnglich um sich,
entdeckte den Geienstall, der an die Htte angebaut war, und guckte hinein. Es
war nichts drin. Das Kind setzte seine Untersuchungen fort und kam hinter die
Htte zu den alten Tannen. Da blies der Wind durch die ste so stark, da es
sauste und brauste oben in den Wipfeln. Heidi blieb stehen und hrte zu. Als es
ein wenig stiller wurde, ging das Kind um die kommende Ecke der Htte herum und
kam vorn wieder zum Grovater zurck. Als es diesen noch in derselben Stellung
erblickte, wie es ihn verlassen hatte, stellte es sich vor ihn hin, legte die
Hnde auf den Rcken und betrachtete ihn. Der Grovater schaute auf. Was willst
du jetzt tun? fragte er, als das Kind immer noch unbeweglich vor ihm stand.
    Ich will sehen, was du drinnen hast, in der Htte, sagte Heidi. So komm!
und der Grovater stand auf und ging voran in die Htte hinein.
    Nimm dort dein Bndel Kleider noch mit, befahl er im Hereintreten.
    Das brauch' ich nicht mehr, erklrte Heidi.
    Der Alte kehrte sich um und schaute durchdringend auf das Kind, dessen
schwarze Augen glhten in Erwartung der Dinge, die da drinnen sein konnten. Es
kann ihm nicht an Verstand fehlen, sagte er halblaut. Warum brauchst du's
nicht mehr? setzte er laut hinzu.
    Ich will am liebsten gehen wie die Geien, die haben ganz leichte
Beinchen.
    So, das kannst du, aber hol das Zeug, befahl der Grovater, es kommt in
den Kasten. Heidi gehorchte. Jetzt machte der Alte die Tr auf und Heidi trat
hinter ihm her in einen ziemlich groen Raum ein, es war der Umfang der ganzen
Htte. Da stand ein Tisch und ein Stuhl daran; in einer Ecke war des Grovaters
Schlaflager, in einer anderen hing der groe Kessel ber dem Herd; auf der
anderen Seite war eine groe Tr in der Wand, die machte der Grovater auf, es
war der Schrank. Da hingen seine Kleider drin und auf einem Gestell lagen ein
paar Hemden, Strmpfe und Tcher und auf einem anderen einige Teller und Tassen
und Glser und auf dem obersten ein rundes Brot und geruchertes Fleisch und
Kse, denn in dem Kasten war alles enthalten, was der Alm-hi besa und zu
seinem Lebensunterhalt gebrauchte. Wie er nun den Schrank aufgemacht hatte, kam
das Heidi schnell heran und stie sein Zeug hinein, so weit hinter des
Grovaters Kleider als mglich, damit es nicht so leicht wiederzufinden sei. Nun
sah es sich aufmerksam um in dem Raum und sagte dann: Wo mu ich schlafen,
Grovater?
    Wo du willst, gab dieser zur Antwort.
    Das war dem Heidi eben recht. Nun fuhr es in alle Winkel hinein und schaute
jedes Pltzchen aus, wo am schnsten zu schlafen wre. In der Ecke vorber des
Grovaters Lagersttte war eine kleine Leiter aufgerichtet; Heidi kletterte
hinauf und langte auf dem Heuboden an. Da lag ein frischer, duftender Heuhaufen
oben, und durch eine runde Luke sah man weit ins Tal hinab.
    Hier will ich schlafen, rief Heidi hinunter, hier ist's schn! Komm und
sieh einmal, wie schn es hier ist, Grovater!
    Wei schon, tnte es von unten herauf.
    Ich mache jetzt das Bett! rief das Kind wieder, indem es oben geschftig
hin- und herfuhr; aber du mut heraufkommen und mir ein Leintuch mitbringen,
denn auf ein Bett kommt auch ein Leintuch, und darauf liegt man.
    So, so, sagte unten der Grovater, und nach einer Weile ging er an den
Schrank und kramte ein wenig darin herum; dann zog er unter seinen Hemden ein
langes, grobes Tuch hervor, das mute so etwas sein wie ein Leintuch. Er kam
damit die Leiter herauf. Da war auf dem Heuboden ein ganz artiges Bettlein
zugerichtet; oben, wo der Kopf liegen mute, war das Heu hoch aufgeschichtet,
und das Gesicht kam so zu liegen, da es gerade auf das offene, runde Loch traf.
    Das ist recht gemacht, sagte der Grovater, jetzt wird das Tuch kommen,
aber wart noch - damit nahm er einen guten Wisch Heu von dem Haufen und machte
das Lager doppelt so dick, damit der harte Boden nicht durchgefhlt werden
konnte -; so, jetzt komm her damit. Heidi hatte das Leintuch schnell zuhanden
genommen, konnte es aber fast nicht tragen, so schwer war's; aber das war sehr
gut, denn durch das feste Zeug konnten die spitzen Heuhalme nicht durchstechen.
Jetzt breiteten die beiden miteinander das Tuch ber das Heu, und wo es zu breit
und zu lang war, stopfte Heidi die Enden eilfertig unter das Lager. Nun sah es
recht gut und reinlich aus, und Heidi stellte sich davor und betrachtete es
nachdenklich.
    Wir haben noch etwas vergessen, Grovater, sagte es dann.
    Was denn? fragte er.
    Eine Decke; denn wenn man ins Bett geht, kriecht man zwischen das Leintuch
und die Decke hinein.
    So, meinst du? Wenn ich aber keine habe? sagte der Alte.
    O dann ist's gleich, Grovater, beruhigte Heidi; dann nimmt man wieder
Heu zur Decke, und eilfertig wollte es gleich wieder an den Heustock gehen,
aber der Grovater wehrte es ihm.
    Wart einen Augenblick, sagte er, stieg die Leiter hinab und ging an sein
Lager hin. Dann kam er wieder und legte einen groen, schweren, leinenen Sack
auf den Boden.
    Ist das nicht besser als Heu? fragte er. Heidi zog aus Leibeskrften an
dem Sacke hin und her, um ihn auseinanderzulegen, aber die kleinen Hnde konnten
das schwere Zeug nicht bewltigen. Der Grovater half, und wie es nun
ausgebreitet auf dem Bette lag, da sah alles sehr gut und haltbar aus, und Heidi
stand staunend vor seinem neuen Lager und sagte: Das ist eine prchtige Decke
und das ganze Bett! Jetzt wollt' ich, es wre schon Nacht, so knnte ich
hineinliegen.
    Ich meine, wir knnten erst einmal etwas essen, sagte der Grovater, oder
was meinst du? Heidi hatte ber dem Eifer des Bettens alles andere vergessen;
nun ihm aber der Gedanke ans Essen kam, stieg ein groer Hunger in ihm auf, denn
es hatte auch heute noch gar nichts bekommen, als frh am Morgen sein Stck Brot
und ein paar Schlucke dnnen Kaffees, und nachher hatte es die lange Reise
gemacht. So sagte Heidi ganz zustimmend: Ja, ich mein' es auch.
    So geh hinunter, wenn wir denn einig sind, sagte der Alte und folgte dem
Kind auf dem Fu nach. Dann ging er zum Kessel hin, schob den groen weg und
drehte den kleinen heran, der an der Kette hing, setzte sich auf den hlzernen
Dreifu mit dem runden Sitz davor hin und blies ein helles Feuer an. Im Kessel
fing es an zu sieden, und unten hielt der Alte an einer langen Eisengabel ein
groes Stck Kse ber das Feuer und drehte es hin und her, bis es auf allen
Seiten goldgelb war. Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugesehen; jetzt
mute ihm etwas Neues in den Sinn gekommen sein; auf einmal sprang es weg und an
den Schrank und von da hin und her. Jetzt kam der Grovater mit einem Topf und
dem Ksebraten an der Gabel zum Tisch heran; da lag schon das runde Brot darauf
und zwei Teller und zwei Messer, alles schn geordnet, denn das Heidi hatte
alles im Schrank gut wahrgenommen und wute, da man das alles nun gleich zum
Essen brauchen werde.
    So, das ist recht, da du selbst etwas ausdenkst, sagte der Grovater und
legte den Braten auf das Brot als Unterlage; aber es fehlt noch etwas auf dem
Tisch.
    Heidi sah, wie einladend es aus dem Topf hervordampfte, und sprang schnell
wieder an den Schrank. Da stand aber nur ein einziges Schsselchen. Heidi war
nicht lang in Verlegenheit, dort hinten standen zwei Glser; augenblicklich kam
das Kind zurck und stellte Schsselchen und Glas auf den Tisch.
    Recht so; du weit dir zu helfen; aber wo willst du sitzen? Auf dem
einzigen Stuhl sa der Grovater selbst. Heidi scho pfeilschnell zum Herd hin,
brachte den kleinen Dreifu zurck und setzte sich drauf.
    Einen Sitz hast du wenigstens, das ist wahr, nur ein wenig weit unten,
sagte der Grovater; aber von meinem Stuhl wrst auch zu kurz, auf den Tisch zu
langen; jetzt mut aber einmal etwas haben, so komm! Damit stand er auf, fllte
das Schsselchen mit Milch, stellte es auf den Stuhl und rckte den ganz nah an
den Dreifu hin, so da das Heidi nun einen Tisch vor sich hatte. Der Grovater
legte ein groes Stck Brot und ein Stck von dem goldenen Kse darauf und
sagte: Jetzt i! Er selbst setzte sich nun auf die Ecke des Tisches und begann
sein Mittagsmahl. Heidi ergriff sein Schsselchen und trank und trank ohne
Aufenthalt, denn der ganze Durst seiner langen Reise war ihm wieder
aufgestiegen. Jetzt tat es einen langen Atemzug - denn im Eifer des Trinkens
hatte es lange den Atem nicht holen knnen - und stellte sein Schsselchen hin.
    Gefllt dir die Milch? fragte der Grovater.
    Ich habe noch gar nie so gute Milch getrunken, antwortete Heidi.
    So mut du mehr haben, und der Grovater fllte das Schsselchen noch
einmal bis oben hin und stellte es vor das Kind, das vergnglich in sein Brot
bi, nachdem es von dem weichen Kse daraufgestrichen, denn der war, so
gebraten, weich wie Butter, und das schmeckte ganz krftig zusammen, und
zwischendurch trank es seine Milch und sah sehr vergnglich aus. Als nun das
Essen zu Ende war, ging der Grovater in den Geienstall hinaus und hatte da
allerhand in Ordnung zu bringen, und Heidi sah ihm aufmerksam zu, wie er erst
mit dem Besen suberte, dann frische Streu legte, da die Tierchen darauf
schlafen konnten; wie er dann nach dem Schpfchen ging nebenan und hier runde
Stcke zurechtschnitt und an einem Brett herumhackte und Lcher hineinbohrte und
dann die runden Stcke hineinsteckte und aufstellte; da war es auf einmal ein
Stuhl, wie der vom Grovater, nur viel hher, und Heidi staunte das Werk an,
sprachlos vor Verwunderung.
    Was ist das, Heidi? fragte der Grovater.
    Das ist mein Stuhl, weil er so hoch ist; auf einmal war er fertig, sagte
das Kind, noch in tiefem Erstaunen und Bewunderung.
    Es wei, was es sieht, es hat die Augen am rechten Ort, bemerkte der
Grovater vor sich hin, als er nun um die Htte herumging und hier einen Nagel
einschlug und dort einen und dann an der Tr etwas zu befestigen hatte und so
mit Hammer und Ngeln und Holzstcken von einem Ort zum anderen wanderte und
immer etwas ausbesserte oder wegschlug, je nach dem Bedrfnis. Heidi ging
Schritt fr Schritt hinter ihm her und schaute ihm unverwandt mit der grten
Aufmerksamkeit zu, und alles, was da vorging, war ihm sehr kurzweilig anzusehen.
    So kam der Abend heran. Es fing strker an zu rauschen in den alten Tannen,
ein mchtiger Wind fuhr daher und sauste und brauste durch die dichten Wipfel.
Das tnte dem Heidi so schn in die Ohren und ins Herz hinein, da es ganz
frhlich darber wurde und hpfte und sprang unter den Tannen umher, als htte
es eine unerhrte Freude erlebt. Der Grovater stand unter der Schopftr und
schaute dem Kind zu. Jetzt ertnte ein schriller Pfiff. Heidi hielt an in seinen
Sprngen, der Grovater trat heraus. Von oben herunter kam es gesprungen, Gei
um Gei, wie eine Jagd, und mitten drin der Peter. Mit einem Freudenruf scho
Heidi mitten in den Rudel hinein und begrte die alten Freunde von heute morgen
einen um den anderen. Bei der Htte angekommen, stand alles still, und aus der
Herde heraus kamen zwei schne, schlanke Geien, eine weie und eine braune, auf
den Grovater zu und leckten seine Hnde, denn er hielt ein wenig Salz darin,
wie er jeden Abend zum Empfang seiner zwei Tierlein tat. Der Peter verschwand
mit seiner Schar. Heidi streichelte zrtlich die eine und dann die andere von
den Geien und sprang um sie herum, um sie von der anderen Seite auch zu
streicheln, und war ganz Glck und Freude ber die Tierchen. Sind sie unser,
Grovater? Sind sie beide unser? Kommen sie in den Stall? Bleiben sie immer bei
uns? so fragte Heidi hintereinander in seinem Vergngen, und der Grovater
konnte kaum sein stetiges Ja, ja! zwischen die eine und die andere Frage
hineinbringen. Als die Geien ihr Salz aufgeleckt hatten, sagte der Alte: Geh
und hol dein Schsselchen heraus und das Brot.
    Heidi gehorchte und kam gleich wieder. Nun melkte der Grovater gleich von
der Weien das Schsselchen voll und schnitt ein Stck Brot ab und sagte: Nun
i und dann geh hinauf und schlaf! Die Base Dete hat noch ein Bndelchen
abgelegt fr dich, da seien Hemdlein und so etwas darin, das liegt unten im
Kasten, wenn du's brauchst; ich mu nun mit den Geien hinein, so schlaf wohl!
    Gut' Nacht, Grovater! Gut' Nacht - wie heien sie, Grovater, wie heien
sie? rief das Kind und lief dem verschwindenden Alten und den Geien nach.
    Die weie heit Schwnli und die braune Brli, gab der Grovater zurck.
    Gut' Nacht, Schwnli, gut' Nacht, Brli! rief nun Heidi noch mit Macht,
denn eben verschwanden beide in den Stall hinein. Nun setzte sich Heidi noch auf
die Bank und a sein Brot und trank seine Milch; aber der starke Wind wehte es
fast von seinem Sitz herunter; so machte es schnell fertig, ging dann hinein und
stieg zu seinem Bett hinauf, in dem es auch gleich nachher so fest und herrlich
schlief, als nur einer im schnsten Frstenbett schlafen konnte. Nicht lange
nachher, noch eh' es vllig dunkel war, legte auch der Grovater sich auf sein
Lager, denn am Morgen war er immer schon mit der Sonne wieder drauen, und die
kam sehr frh ber die Berge hereingestiegen in dieser Sommerszeit. In der Nacht
kam der Wind so gewaltig, da bei seinen Sten die ganze Htte erzitterte und
es in allen Balken krachte; durch den Schornstein heulte und chzte es wie
Jammerstimmen, und in den alten Tannen drauen tobte es mit solcher Wut, da
hier und da ein Ast niederkrachte. Mitten in der Nacht stand der Grovater auf
und sagte halblaut vor sich hin: Es wird sich wohl frchten. Er stieg die
Leiter hinauf und trat an Heidis Lager heran. Der Mond drauen stand einmal
helleuchtend am Himmel, dann fuhren wieder die jagenden Wolken darber hin und
alles wurde dunkel. Jetzt kam der Mondschein eben leuchtend durch die runde
ffnung herein und fiel gerade auf Heidis Lager. Es hatte sich feuerrote Backen
erschlafen unter seiner schweren Decke, und ruhig und friedlich lag es auf
seinem runden rmchen und trumte von etwas Erfreulichem, denn sein Gesichtchen
sah ganz wohlgemut aus. Der Grovater schaute so lange auf das friedlich
schlafende Kind, bis der Mond wieder hinter die Wolken trat und es dunkel wurde,
dann kehrte er auf sein Lager zurck.

                                 Auf der Weide


Heidi erwachte am frhen Morgen an einem lauten Pfiff, und als es die Augen
aufschlug, kam ein goldener Schein durch das runde Loch hereingeflossen auf sein
Lager und auf das Heu daneben, da alles golden leuchtete ringsherum. Heidi
schaute erstaunt um sich und wute durchaus nicht, wo es war. Aber nun hrte es
drauen des Grovaters tiefe Stimme, und jetzt kam ihm alles in den Sinn: woher
es gekommen war, und da es nun auf der Alm beim Grovater sei, nicht mehr bei
der alten Ursel, die fast nichts mehr hrte und meistens fror, so da sie immer
am Kchenfenster oder am Stubenofen gesessen hatte, wo dann auch Heidi hatte
verweilen mssen oder doch ganz in der Nhe, damit die Alte sehen konnte, wo es
war, weil sie es nicht hren konnte. Da war es dem Heidi manchmal zu eng
drinnen, und es wre lieber hinausgelaufen. So war es sehr froh, als es in der
neuen Behausung erwachte und sich erinnerte, wie viel Neues es gestern gesehen
hatte und was es heute wieder alles sehen knnte, vor allem das Schwnli und das
Brli. Heidi sprang eilig aus seinem Bett und hatte in wenig Minuten alles
wieder angelegt, was es gestern getragen hatte, denn es war sehr wenig. Nun
stieg es die Leiter hinunter und sprang vor die Htte hinaus. Da stand schon der
Geienpeter mit seiner Schar, und der Grovater brachte eben Schwnli und Brli
aus dem Stall herbei, da sie sich der Gesellschaft anschlssen. Heidi lief ihm
entgegen, um ihm und den Geien guten Tag zu sagen.
    Willst mit auf die Weide? fragte der Grovater. Das war dem Heidi eben
recht, es hpfte hoch auf vor Freuden.
    Aber erst waschen und sauber sein, sonst lacht einen die Sonne aus, wenn
sie so schn glnzt da droben und sieht, da du schwarz bist; sieh, dort ist's
fr dich gerichtet. Der Grovater zeigte auf einen groen Zuber voll Wasser,
der vor der Tr in der Sonne stand. Heidi sprang hin und patschte und rieb, bis
es ganz glnzend war. Unterdessen ging der Grovater in die Htte hinein und
rief dem Peter zu: Komm hierher, Geiengeneral, und bring deinen Habersack
mit. Verwundert folgte Peter dem Ruf und streckte sein Scklein hin, in dem er
sein mageres Mittagessen bei sich trug.
    Mach auf, befahl der Alte und steckte nun ein groes Stck Brot und ein
ebenso groes Stck Kse hinein. Der Peter machte vor Erstaunen seine runden
Augen so weit auf als nur mglich, denn die beiden Stcke waren wohl die Hlfte
so gro wie die zwei, die er als eignes Mittagsmahl drinnen hatte.
    So, nun kommt noch das Schsselchen hinein, fuhr der hi fort, denn das
Kind kann nicht trinken wie du, nur so von der Gei weg, es kennt das nicht. Du
melkst ihm zwei Schsselchen voll zu Mittag, denn das Kind geht mit dir und
bleibt bei dir, bis du wieder herunterkommst; gib acht, da es nicht ber die
Felsen hinunterrllt, hrst du? -
    Nun kam Heidi hereingelaufen. Kann mich die Sonne jetzt nicht auslachen,
Grovater? fragte es angelegentlich. Es hatte sich mit dem groben Tuch, das der
Grovater neben dem Wasserzuber aufgehngt hatte, Gesicht, Hals und Arme in
seinem Schrecken vor der Sonne so erstaunlich gerieben, da es krebsrot vor dem
Grovater stand. Er lachte ein wenig.
    Nein, nun hat sie nichts zu lachen, besttigte er. Aber weit was? Am
Abend, wenn du heimkommst, da gehst du noch ganz hinein in den Zuber, wie ein
Fisch; denn wenn man geht wie die Geien, da bekommt man schwarze Fe. Jetzt
knnt ihr ausziehen.
    Nun ging es lustig die Alm hinan. Der Wind hatte in der Nacht das letzte
Wlkchen weggeblasen; dunkelblau schaute der Himmel von allen Seiten hernieder,
und mitten drauf stand die leuchtende Sonne und schimmerte auf die grne Alp,
und alle die blauen und gelben Blmchen darauf machten ihre Kelche auf und
schauten ihr frhlich entgegen. Heidi sprang hierhin und dorthin und jauchzte
vor Freude, denn da waren ganze Trppchen feiner, roter Himmelsschlsselchen bei
einander, und dort schimmerte es ganz blau von den schnen Enzianen, und berall
lachten und nickten die zartbltterigen, goldenen Cystusrschen in der Sonne.
Vor Entzcken ber all die flimmernden winkenden Blmchen verga Heidi sogar die
Geien und auch den Peter. Es sprang ganze Strecken voran und dann auf die
Seite, denn dort funkelte es rot und da gelb und lockte Heidi auf alle Seiten.
Und berall brach Heidi ganze Scharen von den Blumen und packte sie in sein
Schrzchen ein, denn es wollte sie alle mit heimnehmen und ins Heu stecken in
seiner Schlafkammer, da es dort werde wie hier drauen. - So hatte der Peter
heut' nach allen Seiten zu gucken, und seine kugelrunden Augen, die nicht
besonders schnell hin- und hergingen, hatten mehr Arbeit, als der Peter gut
bewltigen konnte, denn die Geien machten es wie das Heidi: sie liefen auch
dahin und dorthin, und er mute berallhin pfeifen und rufen und seine Rute
schwingen, um wieder alle die verlaufenen zusammenzutreiben.
    Wo bist du schon wieder, Heidi? rief er jetzt mit ziemlich grimmiger
Stimme.
    Da, tnte es von irgendwoher zurck. Sehen konnte Peter niemand, denn
Heidi sa am Boden hinter einem Hgelchen, das dicht mit duftenden Prnellen
best war; da war die ganze Luft umher so mit Wohlgeruch erfllt, da Heidi noch
nie so Liebliches eingeatmet hatte. Es setzte sich in die Blumen hinein und zog
den Duft in vollen Zgen ein.
    Komm nach! rief der Peter wieder. Du mut nicht ber die Felsen
hinunterfallen, der hi hat's verboten.
    Wo sind die Felsen? fragte Heidi zurck, bewegte sich aber nicht von der
Stelle, denn der se Duft strmte mit jedem Windhauch dem Kinde lieblicher
entgegen.
    Dort oben, ganz oben, wir haben noch weit, drum komm jetzt! Und oben am
hchsten sitzt der alte Raubvogel und krchzt.
    Das half. Augenblicklich sprang Heidi in die Hhe und rannte mit seiner
Schrze voller Blumen dem Peter zu.
    Jetzt hast genug, sagte dieser, als sie wieder zusammen weiter kletterten;
sonst bleibst du immer stecken, und wenn du alle nimmst, hat's morgen keine
mehr. Der letzte Grund leuchtete Heidi ein, und dann hatte es die Schrze schon
so angefllt, da da wenig Platz mehr gewesen wre, und morgen muten auch noch
da sein. So zog es nun mit dem Peter weiter, und die Geien gingen nun auch
geregelter, denn sie rochen die guten Kruter von dem hohen Weideplatz schon von
fern und strebten nun ohne Aufenthalt dahin. Der Weideplatz, wo Peter gewhnlich
Halt machte mit seinen Geien und sein Quartier fr den Tag aufschlug, lag am
Fue der hohen Felsen, die, erst noch von Gebsch und Tannen bedeckt, zuletzt
ganz kahl und schroff zum Himmel hinaufragen. An der einen Seite der Alp ziehen
sich Felsenklfte weit hinunter und der Grovater hatte recht, davor zu warnen.
Als nun dieser Punkt der Hhe erreicht war, nahm Peter seinen Sack ab und legte
ihn sorgfltig in eine kleine Vertiefung des Bodens hinein, denn der Wind kam
manchmal in starken Sten dahergefahren, und den kannte Peter und wollte seine
kostbare Habe nicht den Berg hinunterrollen sehen; dann streckte er sich lang
und breit auf den sonnigen Weideboden hin, denn er mute sich nun von der
Anstrengung des Steigens erholen.
    Heidi hatte unterdessen sein Schrzchen losgemacht und schn fest
zusammengerollt mit den Blumen darin zum Proviantsack in die Vertiefung
hineingelegt, und nun setzte es sich neben den ausgestreckten Peter hin und
schaute um sich. Das Tal lag weit unten im vollen Morgenglanz; vor sich sah
Heidi ein groes, weites Schneefeld sich erheben, hoch in den dunkelblauen
Himmel hinauf, und links davon stand eine ungeheure Felsenmasse, und zu jeder
Seite derselben ragte ein hoher Felsenturm kahl und zackig in die Blue hinauf
und schaute von dort oben ganz ernsthaft auf das Heidi nieder. Das Kind sa
muschenstill da und schaute ringsum, und weit umher war eine groe, tiefe
Stille; nur ganz sanft und leise ging der Wind ber die zarten, blauen
Glockenblmchen und die goldnen strahlenden Cystusrschen, die berall
herumstanden auf ihren dnnen Stengelchen und leise und frhlich hin- und
hernickten. Der Peter war entschlafen nach seiner Anstrengung, und die Geien
kletterten oben an den Bschen umher. Dem Heidi war es so schn zumute, wie in
seinem Leben noch nie. Es trank das goldene Sonnenlicht, die frischen Lfte, den
zarten Blumenduft in sich ein und begehrte gar nichts mehr, als so da zu bleiben
immerzu. So verging eine gute Zeit und Heidi hatte so oft und so lange zu den
hohen Bergstcken drben aufgeschaut, da es nun war, als htten sie alle auch
Gesichter bekommen und schauten ganz bekannt zu ihm hernieder, so wie gute
Freunde.
    Jetzt hrte Heidi ber sich ein lautes, scharfes Geschrei und Krchzen
ertnen, und wie es aufschaute, kreiste ber ihm ein so groer Vogel, wie es nie
in seinem Leben gesehen hatte, mit weit ausgebreiteten Schwingen in der Luft
umher, und in groen Bogen kehrte er immer wieder zurck und krchzte laut und
durchdringend ber Heidis Kopf.
    Peter! Peter! erwache! rief Heidi laut. Sieh, der Raubvogel ist da, sieh!
sieh!
    Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi dem Vogel nach, der sich
nun hher und hher hinaufschwang ins Himmelblau und endlich ber grauen Felsen
verschwand.
    Wo ist er jetzt hin? fragte Heidi, das mit gespannter Aufmerksamkeit den
Vogel verfolgt hatte.
    Heim ins Nest, war Peters Antwort.
    Ist er dort oben daheim? O wie schn so hoch oben! Warum schreit er so?
fragte Heidi weiter.
    Weil er mu߫, erklrte Peter.
    Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen, wo er daheim ist, schlug
Heidi vor.
    O! o! o! brach der Peter aus, jeden Ausruf mit verstrkter Mibilligung
hervorstoend; wenn keine Gei mehr dorthin kann und der hi gesagt hat, du
drfest nicht ber die Felsen hinunterfallen.
    Jetzt begann der Peter mit einemmal ein so gewaltiges Pfeifen und Rufen
anzustimmen, da Heidi gar nicht wute, was begegnen sollte; aber die Geien
muten die Tne verstehen, denn eine nach der anderen kam heruntergesprungen,
und nun war die ganze Schar auf der grnen Halde versammelt, die einen
fortnagend an den wrzigen Halmen, die anderen hin-und herrennend und die
dritten ein wenig gegeneinanderstoend mit ihren Hmem zum Zeirvertreib. Heidi
war aufgesprungen und rannte mitten unter den Geien umher, denn das war ihm ein
neuer, unbeschreiblich vergnglicher Anblick, wie die Tierlein
durcheinandersprangen und sich lustig machten, und Heidi sprang von einem zum
anderen und machte mit jedem ganz persnliche Bekanntschaft, denn jedes war eine
ganz besondere Erscheinung fr sich und hatte seine eigenen Manieren.
Unterdessen hatte Peter den Sack herbeigeholt und alle vier Stcke, die drin
waren, schn auf den Boden hingelegt in ein Viereck, die groen Stcke auf
Heidis Seite und die kleinen auf die seinige hin, denn er wute genau, wie er
sie erhalten hatte. Dann nahm er das Schsselchen und melkte schne, frische
Milch hinein vom Schwnli und stellte das Schsselchen mitten ins Viereck. Dann
rief er Heidi herbei, mute aber lnger rufen, als nach den Geien, denn das
Kind war so in Eifer und Freude ber die mannigfaltigen Sprnge und
Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden, da es nichts sah und nichts hrte
auer diesen. Aber Peter wute sich verstndlich zu machen, er rief, da es bis
in die Felsen hinaufdrhnte, und nun erschien Heidi und die gedeckte Tafel sah
so einladend aus, da es um sie herumhpfte vor Wohlgefallen.
    Hr auf zu hopsen, es ist Zeit zum Essen, sagte Peter, jetzt sitz und
fang an.
    Heidi setzte sich hin. Ist die Milch mein? fragte es, nochmals das schne
Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen betrachtend.
    Ja, erwiderte Peter, und die zwei groen Stcke zum Essen sind auch dein,
und wenn du ausgetrunken hast, bekommst du noch ein Schsselchen vom Schwnli
und dann komm' ich.
    Und von wem bekommst du die Milch? wollte Heidi wissen.
    Von meiner Gei, von der Schnecke. Fang einmal zu essen an, mahnte Peter
wieder. Heidi fing bei seiner Milch an, und so wie es sein leeres Schsselchen
hinstellte, stand Peter auf und holte ein zweites herbei. Dazu brach Heidi ein
Stck von seinem Brot ab, und das ganze brige Stck, das immer noch grer war,
als Peters eigenes Stck gewesen, das nun schon samt Zubehr fast zu Ende war,
reichte es diesem hinber mit dem ganzen groen Brocken Kse und sagte: Das
kannst du haben, ich habe nun genug.
    Peter schaute das Heidi mit sprachloser Verwunderung an, denn noch nie in
seinem Leben htte er so sagen und etwas weggeben knnen. Er zgerte noch ein
wenig, denn er konnte nicht recht glauben, da es dem Heidi Ernst sei; aber
dieses hielt erst fest seine Stcke hin, und da Peter nicht zugriff, legte sie
es ihm aufs Knie. Nun sah er, da es ernst gemeint sei; er erfate sein
Geschenk, nickte in Dank und Zustimmung und hielt nun ein so reichliches
Mittagsmahl, wie noch nie in seinem Leben als Geibub. Heidi schaute derweilen
nach den Geien aus. Wie heien sie alle, Peter? fragte es.
    Das wute dieser nun ganz genau und konnte es um so besser in seinem Kopf
behalten, da er daneben wenig darin aufzubewahren hatte. Er fing also an und
nannte ohne Ansto eine nach der anderen, immer je mit dem Finger die
betreffende bezeichnend. Heidi hrte mit gespannter Aufmerksamkeit der
Unterweisung zu, und es whrte gar nicht lange, so konnte es sie alle von
einander unterscheiden und jede bei ihrem Namen nennen, denn es hatte eine jede
ihre Besonderheiten, die einem gleich im Sinne bleiben muten; man mute nur
allem genau zusehen, und das tat Heidi. Da war der groe Trk mit den starken
Hrnern, der wollte mit diesen immer gegen alle anderen stoen, und die meisten
liefen davon, wenn er kam, und wollten nichts von dem groben Kameraden wissen.
Nur der kecke Distelfink, das schlanke, behende Geichen, wich ihm nicht aus,
sondern rannte von sich aus manchmal drei-, viermal hintereinander so rasch und
tchtig gegen ihn an, da der groe Trk fters ganz erstaunt da stand und nicht
mehr angriff, denn der Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm und hatte
scharfe Hrnchen. Da war das kleine, weie Schneehppli, das immer so
eindringlich und flehentlich meckerte, da Heidi schon mehrmals zu ihm
hingelaufen war und es trstend beim Kopf genommen hatte. Auch jetzt sprang das
Kind wieder hin, denn die junge, jammernde Stimme hatte eben wieder flehentlich
gerufen. Heidi legte seinen Arm um den Hals des Geileins und fragte ganz
teilnehmend: Was hast du, Schneehppli? Warum rufst du so um Hilfe? Das
Geilein schmiegte sich nahe und vertrauensvoll an Heidi an und war jetzt ganz
still. Peter rief von seinem Sitz aus, mit einigen Unterbrechungen, denn er
hatte immer noch zu beien und zu schlucken: Es tut so, weil die Alte nicht
mehr mitkommt, sie haben sie verkauft nach Maienfeld vorgestern, nun kommt sie
nicht mehr auf die Alm.
    Wer ist die Alte? fragte Heidi zurck.
    Pah, seine Mutter, war die Antwort.
    Wo ist die Gromutter? rief Heidi wieder.
    Hat keine.
    Und der Grovater?
    Hat keinen.
    Du armes Schneehppli du, sagte Heidi und drckte das Tierlein zrtlich an
sich. Aber jammere jetzt nur nicht mehr so; siehst du, ich komme nun jeden Tag
mit dir, dann bist du nicht mehr so verlassen, und wenn dir etwas fehlt, kannst
du nur zu mir kommen.
    Das Schneehppli rieb ganz vergngt seinen Kopf an Heidis Schulter und
meckerte nicht mehr klglich. Unterdessen hatte Peter sein Mittagsmahl beendet
und kam nun auch wieder zu seiner Herde und zu Heidi heran, das schon wieder
allerlei Betrachtungen angestellt hatte.
    Weitaus die zwei schnsten und saubersten Geien der ganzen Schar waren
Schwnli und Brli, die sich auch mit einer gewissen Vornehmheit betrugen,
meistens ihre eigenen Wege gingen und besonders dem zudringlichen Trk abweisend
und verchtlich begegneten. -
    Die Tierchen hatten nun wieder begonnen, nach den Bschen hinaufzuklettern,
und jedes hatte seine eigene Weise dabei, die einen leichtfertig ber alles
weghpfend, die anderen bedchtlich die guten Krutlein suchend unterwegs, der
Trk hier und da seine Angriffe probierend. Schwnli und Brli kletterten hbsch
und leicht hinan und fanden oben sogleich die schnsten Bsche, stellten sich
geschickt daran auf und nagten sie zierlich ab. Heidi stand mit den Hnden auf
dem Rcken und schaute dem allen mit der grten Aufmerksamkeit zu.
    Peter, bemerkte es jetzt dem wieder auf dem Boden Liegenden, die
schnsten von allen sind das Schwnli und das Brli.
    Wei schon, war die Antwort. Der Alm-hi putzt und wscht sie und gibt
ihnen Salz und hat den schnsten Stall.
    Aber auf einmal sprang Peter auf und setzte in groen Sprngen den Geien
nach, und das Heidi lief hinterdrein; da mute etwas begegnet sein, es konnte da
nicht zurckbleiben. Der Peter sprang durch den Geienrudel durch der Seite der
Alm zu, wo die Felsen schroff und kahl weit hinabstiegen und ein unbesonnenes
Geilein, wenn es dorthin ging, leicht hinunterstrzen und alle Beine brechen
konnte. Er hatte gesehen, wie der vorwitzige Distelfink nach jener Seite hin
gehpft war, und kam noch gerade recht, denn eben sprang das Geilein dem Rande
des Abgrundes zu. Peter wollte es eben packen, da strzte er auf den Boden und
konnte nur noch im Sturze ein Bein des Tierleins erwischen und es daran
festhalten. Der Distelfink meckerte voller Zorn und berraschung, da er so am
Bein festgehalten und am Fortsetzen seines frhlichen Streifzuges gehindert war,
und strebte eigensinnig vorwrts. Der Peter schrie nach Heidi, da es ihm
beistehe, denn er konnte nicht aufstehen und ri dem Distelfink fast das Bein
aus. Heidi war schon da und erkannte gleich die schlimme Lage der beiden. Es ri
schnell einige wohlduftende Kruter aus dem Boden und hielt sie dem Distelfink
unter die Nase und sagte begtigend: Komm, komm, Distelfink, du mut auch
vernnftig sein! Sieh, da kannst du hinabfallen und ein Bein brechen, das tut
dir furchtbar weh.
    Das Geilein hatte sich schnell umgewandt und dem Heidi vergnglich die
Kruter aus der Hand gefressen. Derweilen war der Peter auf seine Fe gekommen
und hatte den Distelfink an der Schnur erfat, an welcher sein Glckchen um den
Hals gebunden war, und Heidi erfate diese von der anderen Seite und so fhrten
die beiden den Ausreier zu der friedlich weidenden Herde zurck. Als ihn aber
Peter hier in Sicherheit hatte, erhob er seine Rute und wollte ihn zur Strafe
tchtig durchprgeln, und der Distelfink wich scheu zurck, denn er merkte, was
begegnen sollte. Aber Heidi schrie laut auf: Nein, Peter, nein, du mut ihn
nicht schlagen, sieh, wie er sich frchtet!
    Er verdient's, schnurrte Peter und wollte zuschlagen. Aber Heidi fiel ihm
in den Arm und rief ganz entrstet: Du darfst ihm nichts tun, es tut ihm weh,
la ihn los!
    Peter schaute erstaunt auf das gebietende Heidi, dessen schwarze Augen ihn
so anfunkelten, da er unwillkrlich seine Rute niederhielt. So kann er gehen,
wenn du mir morgen wieder von deinem Kse gibst, sagte dann der Peter
nachgebend, denn eine Entschdigung wollte er haben fr den Schrecken.
    Allen kannst du haben, das ganze Stck morgen und alle Tage, ich brauche
ihn gar nicht, sagte Heidi zustimmend, und Brot gebe ich dir auch ganz viel,
wie heute; aber dann darfst du den Distelfink nie, gar nie schlagen und auch das
Schneehppli nie und gar keine Gei.
    Es ist mir gleich, bemerkte Peter, und das war bei ihm so viel als eine
Zusage. Jetzt lie er den Schuldigen los, und der frhliche Distelfink sprang in
hohen Sprngen auf und davon in die Herde hinein. -
    So war unvermerkt der Tag vergangen, und schon war die Sonne im Begriff,
weit drben hinter den Bergen hinabzugehen. Heidi sa wieder am Boden und
schaute ganz still auf die Blauglckchen und die Cystusrschen, die im goldenen
Abendschein leuchteten, und alles Gras wurde wie golden angehaucht und die
Felsen droben fingen an zu schimmern und zu funkeln, und auf einmal sprang Heidi
auf und schrie: Peter! Peter! es brennt! es brennt! alle Berge brennen und der
groe Schnee drben brennt und der Himmel. O sieh! sieh! der hohe Felsenberg ist
ganz glhend! O der schne, feurige Schnee! Peter, sieh auf, sieh, das Feuer ist
auch beim Raubvogel! sieh doch die Felsen! sieh die Tannen! alles, alles ist im
Feuer!
    Es war immer so, sagte jetzt der Peter gemtlich und schlte an seiner
Rute fort, aber es ist kein Feuer.
    Was ist es denn? rief Heidi und sprang hierhin und dorthin, da es berall
hin sehe, denn es konnte gar nicht genug bekommen, so schn war's auf allen
Seiten. Was ist es, Peter, was ist es?  rief Heidi wieder.
    Es kommt von selbst so, erklrte Peter.
    O sieh, sieh, rief Heidi in groer Aufregung, auf einmal werden sie
rosenrot! Sieh den mit dem Schnee und den mit den hohen, spitzigen Felsen! Wie
heien sie, Peter?
    Berge heien nicht, erwiderte dieser.
    O wie schn, sieh den rosenroten Schnee! O, und an den Felsen oben sind
viele, viele Rosen! O, nun werden sie grau! O! O! Nun ist alles ausgelscht! Nun
ist alles aus, Peter! Und Heidi setzte sich auf den Boden und sah so verstrt
aus, als ginge wirklich alles zu Ende.
    Es ist morgen wieder so, erklrte Peter. Steh auf, nun mssen wir heim.
    Die Geien wurden herbeigepfiffen und -gerufen und die Heimfahrt angetreten.
    Ist's alle Tage wieder so, alle Tage, wenn wir auf der Weide sind? fragte
Heidi, begierig nach einer bejahenden Versicherung horchend, als es nun neben
dem Peter die Alm hinunterstieg.
    Meistens, gab dieser zur Antwort.
    Aber gewi morgen wieder? wollte es noch wissen.
    Ja, ja, morgen schon! versicherte Peter.
    Nun war Heidi wieder froh und es hatte so viele Eindrcke in sich
aufgenommen und so viele Dinge gingen ihm im Sinn herum, da es nun ganz
stillschwieg, bis es bei der Almhtte ankam und den Grovater unter den Tannen
sitzen sah, wo er auch eine Bank angebracht hatte und am Abend seine Geien
erwartete, die von dieser Seite herunterkamen. Heidi sprang gleich auf ihn zu
und Schwnli und Brli hinter ihm drein, denn die Geien kannten ihren Herrn und
ihren Stall. Der Peter rief dem Heidi nach: Komm dann morgen wieder! Gute
Nacht! Denn es war ihm sehr daran gelegen, da das Heidi wiederkomme.
    Da rannte das Heidi schnell wieder zurck und gab dem Peter die Hand und
versicherte ihm, da es wieder mitkomme, und dann sprang es mitten in die
davonziehende Herde hinein und fate noch einmal das Schneehppli um den Hals
und sagte vertraulich: Schlaf wohl, Schneehppli, und denk dran, da ich morgen
wiederkomme und da du nie mehr so jmmerlich meckern mut.
    Das Schneehppli schaute ganz freundlich und dankbar zu Heidi auf und sprang
dann frhlich der Herde nach.
    Heidi kam unter die Tannen zurck.
    O Grovater, das war so schn! rief es, noch bevor es bei ihm war. Das
Feuer und die Rosen am Felsen und die blauen und gelben Blumen, und sieh, was
ich hier bringe! Und damit schttete Heidi seinen ganzen Blumenreichtum aus dem
gefalteten Schrzchen vor den Grovater hin. Aber wie sahen die armen Blmchen
aus! Heidi erkannte sie nicht mehr. Es war alles wie Heu, und kein einziges
Kelchlein stand mehr offen.
    O Grovater, was haben sie? rief Heidi ganz erschrocken aus. So waren sie
nicht, warum sehen sie so aus?
    Die wollen drauen stehen in der Sonne und nicht ins Schrzchen hinein,
sagte der Grovater.
    Dann will ich gar keine mehr mitnehmen. Aber, Grovater, warum hat der
Raubvogel so gekrchzt? fragte Heidi nun angelegentlich.
    Jetzt gehst du ins Wasser und ich in den Stall und hole Milch, und nachher
kommen wir hinein zusammen in die Htte und essen zu Nacht, dann sag' ich
dir's.
    So wurde getan, und wie nun spter Heidi auf seinem hohen Stuhl sa vor
seinem Milchschsselchen und der Grovater neben ihm, da kam das Kind gleich
wieder mit seiner Frage: Warum krchzt der Raubvogel so und schreit immer so
herunter, Grovater?
    Der hhnt die Leute aus dort unten, da sie so viele zusammensitzen in den
Drfern und einander bs machen. Da hhnt er hinunter: Wrdet ihr
auseinandergehen und jedes seinen Weg und auf eine Hhe steigen, wie ich, so
wr's euch wohler! Der Grovater sagte diese Worte fast wild, so da dem Heidi
das Gekrchz des Raubvogels dadurch noch eindrcklicher wurde in der Erinnerung.
    Warum haben die Berge keinen Namen, Grovater? fragte Heidi wieder.
    Die haben Namen, erwiderte dieser, und wenn du mir einen so beschreiben
kannst, da ich ihn kenne, so sage ich dir, wie er heit.
    Nun beschrieb Heidi den Felsenberg mit den zwei hohen Trmen genau so, wie
es ihn gesehen hatte, und der Grovater sagte wohlgefllig: Recht so, den kenn'
ich, der heit Falknis. Hast du noch einen gesehen?
    Nun beschrieb Heidi den Berg mit dem groen Schneefeld, auf dem der ganze
Schnee im Feuer gestanden hatte und dann rosenrot geworden war und dann auf
einmal ganz bleich und erloschen dastand.
    Den erkenn' ich auch, sagte der Grovater, das ist die Schesaplana; so
hat es dir gefallen auf der Weide?
    Nun erzhlte Heidi alles vom ganzen Tage, wie schn es gewesen, und
besonders von dem Feuer am Abend, und nun sollte der Grovater auch sagen, woher
es gekommen war, denn der Peter htte nichts davon gewut.
    Siehst du, erklrte der Grovater, das macht die Sonne, wenn sie den
Bergen gute Nacht sagt, dann wirft sie ihnen noch ihre schnsten Strahlen zu,
da sie sie nicht vergessen, bis sie am Morgen wiederkommt.
    
    Das gefiel dem Heidi und es konnte fast nicht erwarten, da wieder ein Tag
komme, da es hinauf konnte auf die Weide und wieder sehen, wie die Sonne den
Bergen gute Nacht sagte. Aber erst mute es nun schlafen gehen, und es schlief
auch die ganze Nacht herrlich auf seinem Heulager und trumte von lauter
schimmernden Bergen und roten Rosen darauf und mitten drin das Schneehppli in
frhlichen Sprngen.

                               Bei der Gromutter


Am andern Morgen kam wieder die helle Sonne, und dann kam der Peter und die
Geien, und wieder zogen sie alle miteinander nach der Weide hinauf, und so ging
es Tag fr Tag, und Heidi wurde bei diesem Weideleben ganz gebrunt und so
krftig und gesund, da ihm gar nie etwas fehlte, und so froh und glcklich
lebte Heidi von einem Tag zum anderen, wie nur die lustigen Vgelein leben auf
allen Bumen im grnen Wald. Wie es nun Herbst wurde und der Wind lauter zu
sausen anfing ber die Berge hin, dann sagte etwa der Grovater: Heut' bleibst
du da, Heidi; ein Kleines, wie du bist, kann der Wind mit einem Ruck ber alle
Felsen ins Tal hinabwehen.
    Wenn aber das am Morgen der Peter vernahm, sah er sehr unglcklich aus, denn
er sah lauter Migeschick vor sich: einmal wute er vor Langeweile nun gar nicht
mehr was anfangen, wenn Heidi nicht bei ihm war; dann kam er um sein reichliches
Mittagsmahl, und dann waren die Geien so strrig an diesen Tagen, da er die
doppelte Mhe mit ihnen hatte; denn die waren nun auch so an Heidis Gesellschaft
gewhnt, da sie nicht vorwrts wollten, wenn es nicht dabei war, und auf alle
Seiten rannten. Heidi wurde niemals unglcklich, denn es sah immer irgend etwas
Erfreuliches vor sich. Am liebsten ging es schon mit Hirt und Geien auf die
Weide zu den Blumen und zum Raubvogel hinauf, wo so mannigfaltige Dinge zu
erleben waren mit all den verschieden gearteten Geien; aber auch das Hmmern
und Sgen und Zimmern des Grovaters war sehr unterhaltend fr Heidi; und traf
es sich, da er gerade die schnen runden Geikschen zubereitete, wenn es
daheimbleiben mute, so war das ein ganz besonderes Vergngen, dieser
merkwrdigen Ttigkeit zuzuschauen, wobei der Grovater beide Arme blo machte
und damit in dem groen Kessel herumrhrte. Aber vor allem anziehend war fr das
Heidi an solchen Windtagen das Wogen und Rauschen in den drei alten Tannen
hinter der Htte. Da mute es immer von Zeit zu Zeit hinlaufen von allem anderen
weg, was es auch sein mochte, denn so schn und wunderbar war gar nichts, wie
dieses tiefe, geheimnisvolle Tosen in den Wipfeln da droben; da stand Heidi
unten und lauschte hinauf und konnte niemals genug bekommen, zu sehen und zu
hren, wie das wehte und wogte und rauschte in den Bumen mit groer Macht.
Jetzt gab die Sonne nicht mehr hei wie im Sommer, und Heidi suchte seine
Strmpfe und Schuhe hervor und auch den Rock, denn nun wurde es immer frischer,
und wenn das Heidi unter den Tannen stand, wurde es durchblasen wie ein dnnes
Blttlein, aber es lief doch immer wieder hin und konnte nicht in der Htte
bleiben, wenn es das Windeswehen vernahm.
    Dann wurde es kalt, und der Peter hauchte in die Hnde, wenn er frh am
Morgen heraufkam, aber nicht lange; denn auf einmal fiel ber Nacht ein tiefer
Schnee, und am Morgen war die ganze Alm schneewei und kein einziges grnes
Blttlein mehr zu sehen ringsum und um. Da kam der Geienpeter nicht mehr mit
seiner Herde, und Heidi schaute ganz verwundert durch das kleine Fenster, denn
nun fing es wieder zu schneien an, und die dicken Flocken fielen fort und fort,
bis der Schnee so hoch wurde, da er bis ans Fenster hinaufreichte, und dann
noch hher, da man das Fenster gar nicht mehr aufmachen konnte und man ganz
verpackt war in dem Huschen. Das kam dem Heidi so lustig vor, da es immer von
einem Fenster zum anderen rannte, um zu sehen, wie es denn noch werden wollte
und ob der Schnee noch die ganze Htte zudecken wollte, da man mte ein Licht
anznden am hellen Tag. Es kam aber nicht so weit, und am anderen Tag ging der
Grovater hinaus - denn nun schneite es nicht mehr- und schaufelte ums ganze
Haus herum und warf groe, groe Schneehaufen auf einander, da es war wie hier
ein Berg und dort ein Berg und dort ein Berg um die Htte herum; aber nun waren
die Fenster wieder frei und auch die Tr, und das war gut, denn als am
Nachmittag Heidi und der Grovater am Feuer saen, jedes auf seinem Dreifu -
denn der Grovater hatte lngst auch einen fr das Kind gezimmert -, da polterte
auf einmal etwas heran und schlug immerzu gegen die Holzschwelle und machte
endlich die Tr auf. Es war der Geienpeter; er hatte aber nicht aus Unart so
gegen die Tr gepoltert, sondern um seinen Schnee von den Schuhen abzuschlagen,
die hoch hinauf davon bedeckt waren; eigentlich der ganze Peter war von Schnee
bedeckt, denn er hatte sich durch die hohen Schichten so durchkmpfen mssen,
da ganze Massen an ihm hngen geblieben und auf ihm festgefroren waren, denn es
war sehr kalt. Aber er hatte nicht nachgegeben, denn er wollte zu Heidi hinauf,
er hatte es jetzt acht Tage lang nicht gesehen.
    Guten Abend, sagte er im Eintreten, stellte sich gleich so nah als mglich
ans Feuer heran und sagte weiter nichts mehr; aber sein ganzes Gesicht lachte
vor Vergngen, da er da war. Heidi schaute ihn sehr verwundert an, denn nun er
so nah am Feuer war, fing es berall an ihm zu tauen an, so da der ganze Peter
anzusehen war wie ein gelinder Wasserfall.
    Nun, General, wie steht's? sagte jetzt der Grovater. Nun bist du ohne
Armee und mut am Griffel nagen.
    Warum mu er am Griffel nagen, Grovater? fragte Heidi sogleich mit
Wibegierde.
    Im Winter mu er in die Schule gehen, erklrte der Grovater; da lernt
man lesen und schreiben, und das geht manchmal schwer, da hilft's ein wenig
nach, wenn man am Griffel nagt; ist's nicht wahr, General?
    Ja, 's ist wahr, besttigte Peter.
    Jetzt war Heidis Teilnahme an der Sache wach geworden und es hatte sehr
viele Fragen ber die Schule und alles, was da begegnete und zu hren und zu
sehen war, an den Peter zu richten, und da immer viel Zeit verflo ber einer
Unterhaltung, an der Peter teilnehmen mute, so konnte er derweilen schn
trocknen von oben bis unten. Es war immer eine groe Anstrengung fr ihn, seine
Vorstellungen in die Worte zu bringen, die bedeuteten, was er meinte; aber
diesmal hatte er's besonders streng, denn kaum hatte er eine Antwort zustande
gebracht, so hatte ihm Heidi schon wieder zwei oder drei unerwartete Fragen
zugeworfen und meistens solche, die einen ganzen Satz als Antwort erforderten.
    Der Grovater hatte sich ganz still verhalten whrend dieser Unterhaltung,
aber es hatte ihm fter ganz lustig um die Mundwinkel gezuckt, was ein Zeichen
war, da er zuhrte.
    So, General, nun warst du im Feuer und brauchst Strkung, komm, halt mit!
Damit stand der Grovater auf und holte das Abendessen aus dem Schrank hervor,
und Heidi rckte die Sthle zum Tisch. Unterdessen war auch eine Bank an die
Wand gezimmert worden vom Grovater; nun er nicht mehr allein war, hatte er da
und dort allerlei Sitze zu zweien eingerichtet, denn Heidi hatte die Art, da es
sich berall nah zum Grovater hielt, wo er ging und stand und sa. So hatten
sie alle drei gut Platz zum Sitzen und der Peter tat seine runden Augen ganz
weit auf, als er sah, welch ein mchtiges Stck von dem schnen getrockneten
Fleisch der Alm-hi ihm auf seine dicke Brotschnitte legte. So gut hatte es der
Peter lange nicht gehabt. Als nun das vergngte Mahl zu Ende war, fing es an zu
dunkeln, und Peter schickte sich zur Heimkehr an. Als er nun Gute Nacht und
Dank Euch Gott gesagt hatte und schon unter der Tr war, kehrte er sich noch
einmal um und sagte: Am Sonntag komm' ich wieder, heut' ber acht Tag', und du
solltest auch einmal zur Gromutter kommen, hat sie gesagt.
    Das war ein ganz neuer Gedanke fr Heidi, da es zu jemandem gehen sollte,
aber er fate auf der Stelle Boden bei ihm, und gleich am folgenden Morgen war
sein erstes, da es erklrte: Grovater, jetzt mu ich gewi zu der Gromutter
hinunter, sie erwartet mich.
    Es hat zu viel Schnee, erwiderte der Grovater abwehrend. Aber das
Vorhaben sa fest in Heidis Sinn, denn die Gromutter hatte es ja sagen lassen;
so mute es sein. So verging kein Tag mehr, an dem das Kind nicht fnf- und
sechsmal sagte: Grovater, jetzt mu ich gewi gehen, die Gromutter wartet ja
immer auf mich.
    Am vierten Tag, als es drauen knisterte und knarrte vor Klte bei jedem
Schritt und die ganze groe Schneedecke ringsum hart gefroren war, aber eine
schne Sonne ins Fenster guckte, gerade auf Heidis hohen Stuhl hin, wo es am
Mittagsmahl sa, da begann es wieder sein Sprchlein: Heut' mu ich aber gewi
zur Gromutter gehen, es whrt ihr sonst zu lange. Da stand der Grovater auf
vom Mittagstisch, stieg auf den Heuboden hinauf, brachte den dicken Sack
herunter, der Heidis Bettdecke war, und sagte: So komm! In groer Freude
hpfte das Kind ihm nach in die glitzernde Schneewelt hinaus. In den alten
Tannen war es nun ganz still und auf allen sten lag der weie Schnee und in dem
Sonnenschein schimmerte und funkelte es berall von den Bumen in solcher
Pracht, da Heidi hoch aufsprang vor Entzcken und ein Mal bers andere ausrief:
Komm heraus, Grovater, komm heraus! Es ist lauter Silber und Gold an den
Tannen! Denn der Grovater war in den Schopf hineingegangen und kam nun heraus
mit einem breiten Stoschlitten: da war vorn eine Stange angebracht, und von dem
flachen Sitz konnte man die Fe nach vorn hinunter halten und gegen den
Schneeboden stemmen und der Fahrt die Weisung geben. Hier setzte sich der
Grovater hin, nachdem er erst die Tannen ringsum mit Heidi hatte beschauen
mssen, nahm das Kind auf seinen Scho, wickelte es um und um in den Sack ein,
damit es hbsch warm bleibe, und drckte es fest mit dem linken Arm an sich,
denn das war ntig bei der kommenden Fahrt. Dann umfate er mit der rechten Hand
die Stange und gab einen Ruck mit beiden Fen. Da scho der Schlitten davon die
Alm hinab mit einer solchen Schnelligkeit, da das Heidi meinte, es fliege in
der Luft wie ein Vogel, und laut aufjauchzte. Auf einmal stand der Schlitten
still, gerade bei der Htte vom Geienpeter. Der Grovater stellte das Kind auf
den Boden, wickelte es aus seiner Decke heraus und sagte: So, nun geh hinein,
und wenn es anfngt dunkel zu werden, dann komm wieder heraus und mach dich auf
den Weg. Dann kehrte er um mit seinem Schlitten und zog ihn den Berg hinauf.
    Heidi machte die Tr auf und kam in einen kleinen Raum hinein, da sah es
schwarz aus, und ein Herd war da und einige Schsselchen auf einem Gestell, das
war die kleine Kche; dann kam gleich wieder eine Tr, die machte Heidi wieder
auf und kam in eine enge Stube hinein, denn das Ganze war nicht eine Sennhtte,
wie beim Grovater, wo ein einziger, groer Raum war und oben ein Heuboden,
sondern es war ein kleines, uraltes Huschen, wo alles eng war und schmal und
drftig. Als Heidi in das Stbchen trat, stand es gleich vor dem Tisch, daran
sa eine Frau und flickte an Peters Wams, denn dieses erkannte Heidi sogleich.
In der Ecke sa ein altes, gekrmmtes Mtterchen und spann. Heidi wute gleich,
woran es war; es ging geradaus auf das Spinnrad zu und sagte: Guten Tag,
Gromutter, jetzt komme ich zu dir; hast du gedacht, es whre lang, bis ich
komme?
    Die Gromutter erhob den Kopf und suchte die Hand, die gegen sie
ausgestreckt war, und als sie diese erfat hatte, befhlte sie dieselbe erst
eine Weile nachdenklich in der ihrigen, dann sagte sie: Bist du das Kind droben
beim Alm-hi, bist du das Heidi?
    Ja, ja, besttigte das Kind, jetzt gerade bin ich mit dem Grovater im
Schlitten heruntergefahren.
    Wie ist das mglich! Du hast ja eine so warme Hand! Sag, Brigitte, ist der
Alm-hi selber mit dem Kind heruntergekommen?
    Peters Mutter, die Brigitte, die am Tisch geflickt hatte, war aufgestanden
und betrachtete nun mit Neugierde das Kind von oben bis unten; dann sagte sie:
Ich wei nicht, Mutter, ob der hi selber heruntergekommen ist mit ihm; es ist
nicht glaublich, das Kind wird's nicht recht wissen.
    Aber das Heidi sah die Frau sehr bestimmt an und gar nicht, als sei es im
ungewissen, und sagte: Ich wei ganz gut, wer mich in die Bettdecke gewickelt
hat und mit mir heruntergeschlittelt ist; das ist der Grovater.
    Es mu doch etwas daran sein, was der Peter so gesagt hat den Sommer durch
vom Alm-hi, wenn wir dachten, er wisse es nicht recht, sagte die Gromutter;
wer htte freilich auch glauben knnen, da so etwas mglich sei; ich dachte,
das Kind lebte keine drei Wochen da oben. Wie sieht es auch aus, Brigitte!
Diese hatte das Kind unterdessen so von allen Seiten angesehen, da sie nun wohl
berichten konnte, wie es aussah.
    Es ist so fein gegliedert, wie die Adelheid war, gab sie zur Antwort;
aber es hat die schwarzen Augen und das krause Haar, wie es der Tobias hatte
und auch der Alte droben; ich glaube, es sieht den zweien gleich.
    Unterdessen war Heidi nicht mig geblieben; es hatte ringsum geguckt und
alles genau betrachtet, was da zu sehen war. Jetzt sagte es: Sieh, Gromutter,
dort schlgt es einen Laden immer hin und her, und der Grovater wrde auf der
Stelle einen Nagel einschlagen, da er wieder fest hlt, sonst schlgt er auch
einmal eine Scheibe ein; sieh, sieh, wie er tut!
    Ach, du gutes Kind, sagte die Gromutter, sehen kann ich es nicht, aber
hren kann ich es wohl und noch viel mehr, nicht nur den Laden; da kracht und
klappert es berall, wenn der Wind kommt, und er kann berall hereinblasen; es
hlt nichts mehr zusammen, und in der Nacht, wenn sie beide schlafen, ist es mir
manchmal so angst und bang, es falle alles ber uns zusammen und schlage uns
alle drei tot; ach, und da ist kein Mensch, der etwas ausbessern knnte an der
Htte, der Peter versteht's nicht.
    Aber warum kannst du denn nicht sehen, wie der Laden tut, Gromutter? Sieh
jetzt wieder, dort, gerade dort. Und Heidi zeigte die Stelle deutlich mit dem
Finger.
    Ach Kind, ich kann ja gar nichts sehen, gar nichts, nicht nur den Laden
nicht, klagte die Gromutter.
    Aber wenn ich hinausgehe und den Laden ganz aufmache, da es recht hell
wird, kannst du dann sehen, Gromutter?
    Nein, nein, auch dann nicht, es kann mir niemand mehr hell machen.
    Aber wenn du hinausgehst in den ganz weien Schnee, dann wird es dir gewi
hell; komm nur mit mir, Gromutter, ich will dir's zeigen. Heidi nahm die
Gromutter bei der Hand und wollte sie fortziehen, denn es fing an, ihm ganz
ngstlich zumute zu werden, da es ihr nirgends hell wurde.
    La mich nur sitzen, du gutes Kind; es bleibt doch dunkel bei mir, auch im
Schnee und in der Helle, sie dringt nicht mehr in meine Augen.
    Aber dann doch im Sommer, Gromutter, sagte Heidi, immer ngstlicher nach
einem guten Ausweg suchend; weit, wenn dann wieder die Sonne ganz hei
herunterbrennt und dann gute Nacht sagt und die Berge alle feuerrot schimmern
und alle gelben Blmlein glitzern, dann wird es dir wieder schn hell?
    Ach Kind, ich kann sie nie mehr sehen, die feurigen Berge und die goldenen
Blmlein droben, es wird mir nie mehr hell auf Erden, nie mehr.
    Jetzt brach Heidi in lautes Weinen aus. Voller Jammer schluchzte es
fortwhrend: Wer kann dir denn wieder hell machen? Kann es niemand? Kann es gar
niemand?
    Die Gromutter suchte nun das Kind zu trsten, aber es gelang ihr nicht so
bald. Heidi weinte fast nie; wenn es aber einmal anfing, dann konnte es auch
fast nicht mehr aus der Betrbnis herauskommen. Die Gromutter hatte schon
allerhand probiert, um das Kind zu beschwichtigen, denn es ging ihr zu Herzen,
da es so jmmerlich schluchzen mute. Jetzt sagte sie: Komm, du gutes Heidi,
komm hier heran, ich will dir etwas sagen. Siehst du, wenn man nichts sehen
kann, dann hrt man so gern ein freundliches Wort, und ich hre es gern, wenn du
redest; komm, setz dich da nahe zu mir und erzhl mir etwas, was du machst da
droben und was der Grovater macht, ich habe ihn frher gut gekannt; aber jetzt
hab' ich seit manchem Jahr nichts mehr gehrt von ihm, als durch den Peter, aber
der sagt nicht viel.
    Jetzt kam dem Heidi ein neuer Gedanke; es wischte rasch seine Trnen weg und
sagte trstlich: Wart nur, Gromutter, ich will alles dem Grovater sagen, er
macht dir schon wieder hell und macht, da die Htte nicht zusammenfllt, er
kann alles wieder in Ordnung machen.
    Die Gromutter schwieg stille, und nun fing Heidi an, ihr mit groer
Lebendigkeit zu erzhlen von seinem Leben mit dem Grovater und von den Tagen
auf der Weide und von dem jetzigen Winterleben mit dem Grovater, was er alles
aus Holz machen knne, Bnke und Sthle und schne Krippen, wo man fr das
Schwnli und Brli das Heu hineinlegen knnte, und einen neuen groen Wassertrog
zum Baden im Sommer, und ein neues Milchschsselchen und Lffel, und Heidi wurde
immer eifriger im Beschreiben all der schnen Sachen, die so auf einmal aus
einem Stck Holz herauskommen, und wie es dann neben dem Grovater stehe und ihm
zuschaue und wie es das alles auch einmal machen wolle. Die Gromutter hrte mit
groer Aufmerksamkeit zu, und von Zeit zu Zeit sagte sie dazwischen: Hrst du's
auch, Brigitte? Hrst du, was es vom hi sagt?
    Mit einem Mal wurde die Erzhlung unterbrochen durch ein groes Gepolter an
der Tr, und herein stampfte der Peter, blieb aber sogleich stille stehen und
sperrte seine runden Augen ganz erstaunlich weit auf, als er das Heidi
erblickte, und schnitt die allerfreundlichste Grimasse, als es ihm sogleich
zurief: Guten Abend, Peter!
    Ist denn das mglich, da der schon aus der Schule kommt, rief die
Gromutter ganz verwundert aus; so geschwind ist mir seit manchem Jahr kein
Nachmittag vergangen! Guten Abend, Peterli, wie geht es mit dem Lesen?
    Gleich, gab der Peter zur Antwort.
    So, so, sagte die Gromutter ein wenig seufzend, ich habe gedacht, es
gbe vielleicht eine nderung auf die Zeit, wenn du dann zwlf Jahre alt wirst
gegen den Hornung hin.
    Warum mu es eine nderung geben, Gromutter? fragte Heidi gleich mit
Interesse.
    Ich meine nur, da er es etwa noch htte lernen knnen, sagte die
Gromutter, das Lesen mein' ich. Ich habe dort oben auf dem Gestell ein altes
Gebetbuch, da sind schne Lieder drin, die habe ich so lange nicht mehr gehrt,
und im Gedchtnis habe ich sie auch nicht mehr; da habe ich gehofft, wenn der
Peterli nun lesen lerne, so knne er mir etwa ein gutes Lied lesen; aber er kann
es nicht lernen, es ist ihm zu schwer.
    Ich denke, ich mu Licht machen, es wird ja schon ganz dunkel, sagte jetzt
Peters Mutter, die immer emsig am Wams fortgeflickt hatte; der Nachmittag ist
mir auch vergangen, ohne da ich's merkte.
    Nun sprang Heidi von seinem Sthlchen auf, streckte eilig seine Hand aus und
sagte: Gut' Nacht, Gromutter, ich mu auf der Stelle heim, wenn es dunkel
wird, und hintereinander bot es dem Peter und seiner Mutter die Hand und ging
der Tr zu. Aber die Gromutter rief besorgt: Wart, wart, Heidi; so allein mut
du nicht fort, der Peter mu mit dir, hrst du? Und gib acht auf das Kind,
Peterli, da es nicht umfllt, und steh nicht still mit ihm, da es nicht
friert, hrst du? Hat es auch ein dickes Halstuch an?
    Ich habe gar kein Halstuch an, rief Heidi zurck, aber ich will schon
nicht frieren; damit war es zur Tr hinaus und huschte so behend weiter, da
der Peter kaum nachkam. Aber die Gromutter rief jammernd: Lauf ihm nach,
Brigitte, lauf, das Kind mu ja erfrieren, so bei der Nacht, nimm mein Halstuch
mit, lauf schnell! Die Brigitte gehorchte. Die Kinder hatten aber kaum ein paar
Schritte den Berg hinan getan, so sahen sie von oben herunter den Grovater
kommen, und mit wenigen rstigen Schritten stand er vor ihnen.
    Recht so, Heidi, Wort gehalten! sagte er, packte das Kind wieder fest in
seine Decke ein, nahm es auf seinen Arm und stieg den Berg hinauf. Eben hatte
die Brigitte noch gesehen, wie der Alte das Kind wohlverpackt auf seinen Arm
genommen und den Rckweg angetreten hatte. Sie trat mit dem Peter wieder in die
Htte ein und erzhlte der Gromutter mit Verwunderung, was sie gesehen hatte.
Auch diese mute sich sehr verwundern und ein Mal ber das andere sagen: Gott
Lob und Dank, da er so ist mit dem Kind, Gott Lob und Dank! Wenn er es nur auch
wieder zu mir lt, das Kind hat mir so wohl gemacht! Was hat es fr ein gutes
Herz und wie kann es so kurzweilig erzhlen! Und immer wieder freute sich die
Gromutter, und bis sie ins Bett ging, sagte sie immer wieder: Wenn es nur auch
wiederkommt! Jetzt habe ich doch noch etwas auf der Welt, auf das ich mich
freuen kann! Und die Brigitte stimmte jedesmal ein, wenn die Gromutter wieder
dasselbe sagte, und auch der Peter nickte jedesmal zustimmend mit dem Kopf und
zog seinen Mund weit auseinander vor Vergnglichkeit und sagte: Hab's schon
gewut.
    Unterdessen redete das Heidi in seinem Sack drinnen immerzu an den Grovater
heran; da die Stimme aber nicht durch den achtfachen Umschlag dringen konnte und
er daher kein Wort verstand, sagte er: Wart ein wenig, bis wir daheim sind,
dann sag's.
    Sobald er nun, oben angekommen, in seine Htte eingetreten war und Heidi aus
seiner Hlle herausgeschlt hatte, sagte es: Grovater, morgen mssen wir den
Hammer und die groen Ngel mitnehmen und den Laden festschlagen bei der
Gromutter und sonst noch viele Ngel einschlagen, denn es kracht und klappert
alles bei ihr.
    Mssen wir? So, das mssen wir? Wer hat dir das gesagt? fragte der
Grovater.
    Das hat mir kein Mensch gesagt, ich wei es sonst, entgegnete Heidi, denn
es hlt alles nicht mehr fest und es ist der Gromutter angst und bang, wenn sie
nicht schlafen kann und es so tut, und sie denkt: jetzt fllt alles ein und
gerade auf unsere Kpfe; und der Gromutter kann man gar nicht mehr hell machen,
sie wei gar nicht, wie man es knnte, aber du kannst es schon, Grovater; denk
nur, wie traurig es ist, wenn sie immer im Dunkeln ist und es ihr dann noch
angst und bang ist und es kann ihr kein Mensch helfen, als du! Morgen wollen wir
gehen und ihr helfen; gelt, Grovater, wir wollen?
    Heidi hatte sich an den Grovater angeklammert und schaute mit zweifellosem
Vertrauen zu ihm auf. Der Alte schaute eine kleine Weile auf das Kind nieder,
dann sagte er: Ja, Heidi, wir wollen machen, da es nicht mehr so klappert bei
der Gromutter, das knnen wir; morgen tun wir's.
    Nun hpfte das Kind vor Freude im ganzen Httenraum herum und rief ein Mal
ums andere: Morgen tun wir's! Morgen tun wir's!
    Der Grovater hielt Wort. Am folgenden Nachmittag wurde dieselbe
Schlittenfahrt ausgefhrt. Wie am vorhergehenden Tag stellte der Alte das Kind
vor der Tr der Geienpeter-Htte nieder und sagte: Nun geh hinein, und wenn's
Nacht wird, komm wieder. Dann legte er den Sack auf den Schlitten und ging um
das Huschen herum.
    Kaum hatte Heidi die Tr aufgemacht und war in die Stube hineingesprungen,
so rief schon die Gromutter aus der Ecke: Da kommt das Kind! Das ist das
Kind! und lie vor Freuden den Faden los und das Rdchen stehen und streckte
beide Hnde nach dem Kinde aus. Heidi lief zu ihr, rckte gleich das niedere
Sthlchen ganz nahe an sie heran, setzte sich darauf und hatte der Gromutter
schon wieder eine groe Menge von Dingen zu erzhlen und von ihr zu erfragen.
Aber auf einmal ertnten so gewaltige Schlge an das Haus, da die Gromutter
vor Schrecken so zusammenfuhr, da sie fast das Spinnrad umwarf, und zitternd
ausrief: Ach du mein Gott, jetzt kommt's, es fllt alles zusammen! Aber Heidi
hielt sie fest um den Arm und sagte trstend: Nein, nein, Gromutter, erschrick
du nur nicht, das ist der Grovater mit dem Hammer, jetzt macht er alles fest,
da es dir nicht mehr angst und bang wird.
    Ach, ist auch das mglich! Ist auch so etwas mglich! So hat uns doch der
liebe Gott nicht ganz vergessen! rief die Gromutter aus. Hast du's gehrt,
Brigitte, was es ist, hrst du's? Wahrhaftig, es ist ein Hammer! Geh hinaus,
Brigitte, und wenn es der Alm-hi ist, so sag ihm, er soll doch dann auch einen
Augenblick hereinkommen, da ich ihm auch danken kann.
    Die Brigitte ging hinaus. Eben schlug der Alm-hi mit groer Gewalt neue
Kloben in die Mauer; Brigitte trat an ihn heran und sagte: Ich wnsche Euch
guten Abend, hi, und die Mutter auch, und wir haben Euch zu danken, da Ihr uns
einen solchen Dienst tut, und die Mutter mchte Euch noch gern eigens danken
drinnen; sicher, es htte uns das nicht gerad' einer getan, wir wollen Euch auch
dran denken, denn sicher -
    Macht's kurz, unterbrach sie der Alte hier; was Ihr vom Almhi haltet,
wei ich schon. Geht nur wieder hinein; wo's fehlt, find' ich selber.
    Brigitte gehorchte sogleich, denn der hi hatte eine Art, der man sich nicht
leicht widersetzte. Er klopfte und hmmerte um das ganze Huschen herum, stieg
dann das schmale Treppchen hinauf bis unter das Dach, hmmerte weiter und
weiter, bis er auch den letzten Nagel eingeschlagen, den er mitgebracht hatte.
Unterdessen war auch schon die Dunkelheit hereingebrochen, und kaum war er
heruntergestiegen und hatte seinen Schlitten hinter dem Geienstall
hervorgezogen, als auch schon Heidi aus der Tr trat und vom Grovater wie
gestern verpackt auf den Arm genommen und der Schlitten nachgezogen wurde, denn
allein da drauf sitzend, wre die ganze Umhllung vom Heidi abgefallen, und es
wre fast oder ganz erfroren. Das wute der Grovater wohl und hielt das Kind
ganz warm in seinem Arm.
    So ging der Winter dahin. In das freudlose Leben der blinden Gromutter war
nach langen Jahren eine Freude gefallen und ihre Tage waren nicht mehr lang und
dunkel, einer wie der andere, denn nun hatte sie immer etwas in Aussicht, nach
dem sie verlangen konnte. Vom frhen Morgen an lauschte sie auch schon auf den
trippelnden Schritt, und ging dann die Tr auf und das Kind kam wirklich
dahergesprungen, dann rief sie jedesmal in lauter Freude: Gottlob! da kommt's
wieder! Und Heidi setzte sich zu ihr und plauderte und erzhlte so lustig von
allem, was es wute, da es der Gromutter ganz wohl machte und ihr die Stunden
dahingingen, sie merkte es nicht, und kein einziges Mal fragte sie mehr so wie
frher: Brigitte, ist der Tag noch nicht um?, sondern jedesmal, wenn Heidi die
Tr hinter sich schlo, sagte sie: Wie war doch der Nachmittag so kurz; ist es
nicht wahr, Brigitte? Und diese sagte: Doch sicher, es ist mir, wir haben erst
die Teller vom Essen weggestellt. Und die Gromutter sagte wieder: Wenn mir
nur der Herr Gott das Kind erhlt und dem Alm-hi den guten Willen! Sieht es
auch gesund aus, Brigitte? Und jedesmal erwiderte diese: Es sieht aus wie ein
Erdbeerapfel.
    Heidi hatte auch eine groe Anhnglichkeit an die alte Gromutter, und wenn
es ihm wieder in den Sinn kam, da ihr gar niemand, auch der Grovater nicht
mehr hell machen konnte, berkam es immer wieder eine groe Betrbnis; aber die
Gromutter sagte ihm immer wieder, da sie am wenigsten davon leide, wenn es bei
ihr sei, und Heidi kam auch an jedem schnen Wintertag heruntergefahren auf
seinem Schlitten. Der Grovater hatte, ohne weitere Worte, so fortgefahren,
hatte jedesmal den Hammer und allerlei andere Sachen mit aufgeladen und manchen
Nachmittag durch an dem Geienpeter-Huschen herumgeklopft. Das hatte aber auch
seine gute Wirkung; es krachte und klapperte nicht mehr die ganzen Nchte durch,
und die Gromutter sagte, so habe sie manchen Winter lang nicht mehr schlafen
knnen, das wolle sie auch dem hi nie vergessen.

          Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat


Schnell war der Winter und noch schneller der frhliche Sommer darauf vergangen,
und ein neuer Winter neigte sich schon wieder dem Ende zu. Heidi war glcklich
und froh wie die Vglein des Himmels und freute sich jeden Tag mehr auf die
herannahenden Frhlingstage, da der warme Fhn durch die Tannen brausen und den
Schnee wegfegen wrde und dann die helle Sonne die blauen und gelben Blmlein
hervorlocken und die Tage der Weide kommen wrden, die fr Heidi das Schnste
mit sich brachten, was es auf Erden geben konnte. Heidi stand nun in seinem
achten Jahre; es hatte vom Grovater allerlei Kunstgriffe erlernt: mit den
Geien wute es so gut umzugehen als nur einer, und Schwnli und Brli liefen
ihm nach wie treue Hndlein und meckerten gleich laut vor Freude, wenn sie nur
seine Stimme hrten. In diesem Winter hatte Peter schon zweimal vom Schullehrer
im Drfli den Bericht gebracht, der Alm-hi solle das Kind, das bei ihm sei, nun
in die Schule schicken, es habe schon mehr als das Alter und htte schon im
letzten Winter kommen sollen. Der hi hatte beide Male dem Schullehrer sagen
lassen, wenn er etwas mit ihm wolle, so sei er daheim, das Kind schicke er nicht
in die Schule. Diesen Bericht hatte der Peter richtig berbracht.
    Als die Mrzsonne den Schnee an den Abhngen geschmolzen hatte und berall
die weien Schneeglckchen hervorguckten im Tal und auf der Alm die Tannen ihre
Schneelast abgeschttelt hatten und die ste wieder lustig wehten, da rannte
Heidi vor Wonne immer hin und her von der Haustr zum Geienstall und von da
unter die Tannen und dann wieder hinein zum Grovater, um ihm zu berichten, wie
viel grer das Stck grner Boden unter den Bumen wieder geworden sei, und
gleich nachher kam es wieder, nachzusehen, denn es konnte nicht erwarten, da
alles wieder grn und der ganze schne Sommer mit Grn und Blumen wieder auf die
Alm gezogen kam.
    Als Heidi so am sonnigen Mrzmorgen hin- und herrannte und jetzt wohl zum
zehntenmal ber die Trschwelle sprang, wre es vor Schrecken fast rckwrts
wieder hineingefallen, denn auf einmal stand es vor einem schwarzen alten Herrn,
der es ganz ernsthaft anblickte. Als er aber seinen Schrecken sah, sagte er
freundlich: Du mut nicht erschrecken vor mir, die Kinder sind mir lieb. Gib
mir die Hand! du wirst das Heidi sein; wo ist der Grovater?
    Er sitzt am Tisch und schnitzt runde Lffel von Holz, erklrte Heidi und
machte nun die Tr wieder auf.
    Es war der alte Herr Pfarrer aus dem Drfli, der den hi vor Jahren gut
gekannt hatte, als er noch unten wohnte und sein Nachbar war. Er trat in die
Htte ein, ging auf den Alten zu, der sich ber sein Schnitzwerk hinbeugte, und
sagte: Guten Morgen, Nachbar.
    Verwundert schaute dieser in die Hhe, stand dann auf und entgegnete: Guten
Morgen dem Herrn Pfarrer. Dann stellte er seinen Stuhl vor den Herrn hin und
fuhr fort: Wenn der Herr Pfarrer einen Holzsitz nicht scheut, hier ist einer.
    Der Herr Pfarrer setzte sich. Ich habe Euch lange nicht gesehen, Nachbar,
sagte er dann.
    Ich den Herrn Pfarrer auch nicht, war die Antwort.
    Ich komme heut', um etwas mit Euch zu besprechen, fing der Herr Pfarrer
wieder an; ich denke, Ihr knnt schon wissen, was meine Angelegenheit ist,
worber ich mich mit Euch verstndigen und hren will, was Ihr im Sinne habt.
    Der Herr Pfarrer schwieg und schaute auf Heidi, das an der Tr stand und die
neue Erscheinung aufmerksam betrachtete.
    Heidi, geh zu den Geien, sagte der Grovater. Kannst ein wenig Salz
mitnehmen und bei ihnen bleiben, bis ich auch komme.
    Heidi verschwand sofort.
    Das Kind htte schon vor dem Jahr und noch sicherer diesen Winter die
Schule besuchen sollen, sagte nun der Herr Pfarrer; der Lehrer hat Euch mahnen
lassen, Ihr habt keine Antwort darauf gegeben; was habt Ihr mit dem Kind im
Sinn, Nachbar?
    Ich habe im Sinn, es nicht in die Schule zu schicken, war die Antwort.
    Verwundert schaute der Herr Pfarrer auf den Alten, der mit gekreuzten Armen
auf seiner Bank sa und gar nicht nachgiebig aussah.
    Was wollt Ihr aus dem Kinde machen? fragte jetzt der Herr Pfarrer.
    Nichts, es wchst und gedeiht mit den Geien und den Vgeln; bei denen ist
es ihm wohl und es lernt nichts Bses von ihnen.
    Aber das Kind ist keine Gei und kein Vogel, es ist ein Menschenkind. Wenn
es nichts Bses lernt von diesen seinen Kameraden, so lernt es auch sonst nichts
von ihnen; es soll aber etwas lernen, und die Zeit dazu ist da. Ich bin
gekommen, es Euch zeitig zu sagen, Nachbar, damit Ihr Euch besinnen und
einrichten knnt den Sommer durch. Dies war der letzte Winter, den das Kind so
ohne allen Unterricht zugebracht hat; nchsten Winter kommt es zur Schule, und
zwar jeden Tag.
    Ich tu's nicht, Herr Pfarrer, sagte der Alte unentwegt.
    Meint Ihr denn wirklich, es gebe kein Mittel, Euch zur Vernunft zu bringen,
wenn Ihr so eigensinnig bei Eurem unvernnftigen Tun beharren wollt? sagte der
Herr Pfarrer jetzt ein wenig eifrig. Ihr seid weit in der Welt herumgekommen
und habt viel gesehen und vieles lernen knnen, ich htte Euch mehr Einsicht
zugetraut, Nachbar.
    So, sagte jetzt der Alte und seine Stimme verriet, da es auch in seinem
Innern nicht mehr so ganz ruhig war; und meint denn der Herr Pfarrer, ich werde
wirklich im nchsten Winter am eisigen Morgen durch Sturm und Schnee ein
zartgliedriges Kind den Berg hinunterschicken, zwei Stunden weit, und zur Nacht
wieder heraufkommen lassen, wenn's manchmal tobt und tut, da unsereiner fast in
Wind und Schnee ersticken mte, und dann ein Kind wie dieses? Und vielleicht
kann sich der Herr Pfarrer auch noch der Mutter erinnern, der Adelheid; sie war
mondschtig und hatte Zuflle, soll das Kind auch so etwas holen mit der
Anstrengung? Es soll mir einer kommen und mich zwingen wollen! Ich gehe vor alle
Gerichte mit ihm, und dann wollen wir sehen, wer mich zwingt!
    Ihr habt ganz recht, Nachbar, sagte der Herr Pfarrer mit Freundlichkeit;
es wre nicht mglich, das Kind von hier aus zur Schule zu schicken. Aber ich
kann sehen, das Kind ist Euch lieb; tut um seinetwillen etwas, das Ihr schon
lange httet tun sollen, kommt wieder ins Drfli herunter und lebt wieder mit
den Menschen. Was ist das fr ein Leben hier oben, allein und verbittert gegen
Gott und Menschen! Wenn Euch einmal etwas zustoen wrde hier oben, wer wrde
Euch beistehen? Ich kann auch gar nicht begreifen, da Ihr den Winter durch
nicht halb erfriert in Eurer Htte, und wie das zarte Kind es nur aushalten
kann!
    Das Kind hat junges Blut und eine gute Decke, das mchte ich dem Herrn
Pfarrer sagen, und dann noch eins: ich wei, wo es Holz gibt, und auch, wann die
gute Zeit ist, es zu holen; der Herr Pfarrer darf in meinen Schopf hineinsehen,
es ist etwas drin, in meiner Htte geht das Feuer nie aus den Winter durch. Was
der Herr Pfarrer mit dem Herunterkommen meint, ist nicht fr mich; die Menschen
da unten verachten mich und ich sie auch, wir bleiben voneinander, so ist's
beiden wohl.
    Nein, nein, es ist Euch nicht wohl; ich wei, was Euch fehlt, sagte der
Herr Pfarrer mit herzlichem Ton. Mit der Verachtung der Menschen dort unten ist
es so schlimm nicht. Glaubt mir, Nachbar: sucht Frieden mit Eurem Gott zu
machen, bittet um seine Verzeihung, wo Ihr sie ntig habt, und dann kommt und
seht, wie anders Euch die Menschen ansehen und wie wohl es Euch noch werden
kann.
    Der Herr Pfarrer war aufgestanden, er hielt dem Alten die Hand hin und sagte
nochmals mit Herzlichkeit: Ich zhle darauf, Nachbar, im nchsten Winter seid
Ihr wieder unten bei uns und wir sind die alten, guten Nachbarn. Es wrde mir
groen Kummer machen, wenn ein Zwang gegen Euch mte angewandt werden; gebt mir
jetzt die Hand darauf, da Ihr herunterkommt und wieder unter uns leben wollt,
ausgeshnt mit Gott und den Menschen.
    Der Alm-hi gab dem Herrn Pfarrer die Hand und sagte fest und bestimmt: Der
Herr Pfarrer meint es recht mit mir; aber was er erwartet, das tu' ich nicht,
ich sag' es sicher und ohne Wandel: das Kind schick' ich nicht, und herunter
komm' ich nicht.
    So helf' Euch Gott! sagte der Herr Pfarrer und ging traurig zur Tr hinaus
und den Berg hinunter.
    Der Alm-hi war verstimmt. Als Heidi am Nachmittag sagte: Jetzt wollen wir
zur Gromutter, erwiderte er kurz: Heut' nicht. Den ganzen Tag sprach er
nicht mehr, und am folgenden Morgen, als Heidi fragte: Gehen wir heut' zur
Gromutter? war er noch gleich kurz von Worten wie im Ton und sagte nur:
Wollen sehen. Aber noch bevor die Schsselchen vom Mittagessen weggestellt
waren, trat schon wieder ein Besuch zur Tr herein, es war die Base Dete. Sie
hatte einen schnen Hut auf dem Kopf mit einer Feder darauf und ein Kleid, das
alles mitfegte, was am Boden lag, und in der Sennhtte lag da allerlei, das
nicht an ein Kleid gehrte. Der hi schaute sie an von oben bis unten und sagte
kein Wort. Aber die Base Dete hatte im Sinn, ein sehr freundliches Gesprch zu
fhren, denn sie fing an zu rhmen und sagte, das Heidi sehe so gut aus, sie
habe es fast nicht mehr gekannt und man knne schon sehen, da es ihm nicht
schlecht gegangen sei beim Grovater. Sie habe aber gewi auch immer darauf
gedacht, es ihm wieder abzunehmen, denn sie habe ja schon begreifen knnen, da
ihm das Kleine im Weg sein msse, aber in jenem Augenblick habe sie es ja
nirgends sonst hintun knnen; seitdem aber habe sie Tag und Nacht nachgesonnen,
wo sie das Kind etwa unterbringen knnte, und deswegen komme sie auch heute,
denn auf einmal habe sie etwas vernommen, da knne das Heidi zu einem solchen
Glck kommen, da sie es gar nicht habe glauben wollen. Dann sei sie aber auf
der Stelle der Sache nachgegangen, und nun knne sie sagen, es sei alles so gut
wie in Richtigkeit, das Heidi komme zu einem Glck, wie unter Hunderttausenden
nicht eines. Furchtbar reiche Verwandte von ihrer Herrschaft, die fast im
schnsten Haus in ganz Frankfurt wohnen, die haben ein einziges Tchterlein, das
msse immer im Rollstuhl sitzen, denn es sei auf einer Seite lahm und sonst
nicht gesund, und so sei es fast immer allein und msse auch allen Unterricht
allein nehmen bei einem Lehrer, und das sei ihm so langweilig, und auch sonst
htte es gern eine Gespielin im Haus, und da haben sie so davon geredet bei
ihrer Herrschaft, und wenn man nur so ein Kind finden knnte, wie die Dame
beschrieb, die in dem Haus die Wirtschaft fhrte, denn ihre Herrschaft habe viel
Mitgefhl und mchte dem kranken Tchterlein eine gute Gespielin gnnen. Die
Wirtschaftsdame hatte nun gesagt, sie wolle so ein recht unverdorbenes, so ein
eigenartiges, das nicht sei wie alle, die man so alle Tage sehe. Da habe sie
selbst denn auf der Stelle an das Heidi gedacht und sei gleich hingelaufen und
habe der Dame alles so beschrieben vom Heidi und so von seinem Charakter, und
die Dame habe sogleich zugesagt. Nun knne gar kein Mensch wissen, was dem Heidi
alles an Glck und Wohlfahrt bevorstehe, denn wenn es dann einmal dort sei und
die Leute es gern mgen und es etwa mit dem eigenen Tchterchen etwas geben
sollte - man knne ja nie wissen, es sei doch so schwchlich -, und wenn eben
die Leute doch nicht ohne ein Kind bleiben wollten, so knnte ja das
unerhrteste Glck -
    Bist du bald fertig? unterbrach hier der hi, der bis dahin kein Wort
dazwischengeredet hatte.
    Pah, gab die Dete zurck und warf den Kopf auf, Ihr tut gerade, wie wenn
ich Euch das ordinrste Zeug gesagt htte, und ist doch durchs ganze Prttigau
auf und ab nicht einer, der nicht Gott im Himmel dankte, wenn ich ihm die
Nachricht brchte, die ich Euch gebracht habe.
    Bring sie, wem du willst, ich will nichts davon, sagte der hi trocken.
    Aber jetzt fuhr die Dete auf wie eine Rakete und rief: Ja, wenn Ihr es so
meint, dann so will ich Euch denn schon auch sagen, wie ich es meine: das Kind
ist jetzt acht Jahre alt und kann nichts und wei nichts, und Ihr wollt es
nichts lernen lassen; Ihr wollt es in keine Schule und in keine Kirche schicken,
das haben sie mir gesagt unten im Drfli, und es ist meiner einzigen Schwester
Kind; ich hab' es zu verantworten, wie's mit ihm geht, und wenn ein Kind ein
Glck erlangen kann, wie jetzt das Heidi, so kann ihm nur einer davor sein, dem
es um alle Leute gleich ist und der keinem etwas Gutes wnscht. Aber ich gebe
nicht nach, das sag' ich Euch, und die Leute habe ich alle fr mich, es ist kein
einziger unten im Drfli, der nicht mir hilft und gegen Euch ist, und wenn Ihr's
etwa wollt vor Gericht kommen lassen, so besinnt Euch wohl, hi; es gibt noch
Sachen, die Euch dann knnten aufgewrmt werden, die Ihr nicht gern hrtet, denn
wenn man's einmal mit dem Gericht zu tun hat, so wird noch manches aufgesprt,
an das keiner mehr denkt.
    Schweig! donnerte der hi heraus, und seine Augen flammten wie Feuer.
Nimm's und verdirb's! Komm mir nie mehr vor Augen mit ihm, ich will's nie sehen
mit dem Federhut auf dem Kopf und Worten im Mund, wie dich heut'!
    Der hi ging mit groen Schritten zur Tr hinaus.
    Du hast den Grovater bs gemacht, sagte Heidi und blitzte mit seinen
schwarzen Augen die Base wenig freundlich an.
    Er wird schon wieder gut, komm jetzt, drngte die Base; wo sind deine
Kleider?
    Ich komme nicht, sagte Heidi.
    Was sagst du? fuhr die Base auf; dann nderte sie den Ton ein wenig und
fuhr halb freundlich, halb rgerlich weiter: Komm, komm, du verstehst's nicht
besser, du wirst es so gut haben, wie du gar nicht weit. Dann ging sie an den
Schrank, nahm Heidis Sachen hervor und packte sie zusammen: So, komm jetzt,
nimm dort dein Htchen, es sieht nicht schn aus, aber es ist gleich fr einmal,
setz es auf und mach, da wir fortkommen.
    Ich komme nicht, wiederholte Heidi.
    Sei doch nicht so dumm und strrig, wie eine Gei; denen hast du's
abgesehen. Begreif doch nur, jetzt ist der Grovater bs, du hast's ja gehrt,
da er gesagt hat, wir sollen ihm nicht mehr vor Augen kommen, er will es nun
haben, da du mit mir gehst, und jetzt mut du ihn nicht noch bser machen. Du
weit gar nicht, wie schn es ist in Frankfurt und was du alles sehen wirst, und
gefllt es dir dann nicht, so kannst du wieder heimgehen; bis dahin ist der
Grovater dann wieder gut.
    Kann ich gerad' wieder umkehren und heimkommen heut' Abend? fragte Heidi.
    Ach was, komm jetzt! Ich sag' dir's ja, du kannst wieder heim, wann du
willst. Heut' gehen wir bis nach Maienfeld hinunter und morgen frh sitzen wir
in der Eisenbahn, mit der bist du nachher im Augenblick wieder daheim, das geht
wie geflogen.
    Die Base Dete hatte das Bndelchen Kleider auf den Arm und Heidi an die Hand
genommen; so gingen sie den Berg hinunter.
    Da es noch nicht Weidezeit war, ging der Peter noch zur Schule ins Drfli
hinunter, oder sollte doch dahin gehen; aber er machte hier und da einen Tag
Ferien, denn er dachte, es ntze nichts, dahin zu gehen, das Lesen brauche man
auch nicht, und ein wenig herumfahren und groe Ruten suchen, ntze etwas, denn
diese knne man brauchen. So kam er eben in der Nhe seiner Htte von der Seite
her mit sichtlichem Erfolg seiner heutigen Bestrebungen, denn er trug ein
ungeheures Bndel langer, dicker Haselruten auf der Achsel. Er stand still und
starrte die zwei Entgegenkommenden an, bis sie bei ihm ankamen; dann sagte er:
Wo willst du hin?
    Ich mu nur geschwind nach Frankfurt mit der Base, antwortete Heidi, aber
ich will zuerst noch zur Gromutter hinein, sie wartet auf mich.
    Nein, nein, keine Rede, es ist schon viel zu spt, sagte die Base eilig
und hielt das fortstrebende Heidi fest bei der Hand; du kannst dann gehen, wenn
du wieder heimkommst, komm jetzt! Damit zog die Base das Heidi fest weiter und
lie es nicht mehr los, denn sie frchtete, es knne drinnen dem Kinde wieder in
den Sinn kommen, es wolle nicht fort, und die Gromutter knne ihm helfen
wollen. Der Peter sprang in die Htte hinein und schlug mit seinem ganzen Bndel
Ruten so furchtbar auf den Tisch los, da alles erzitterte und die Gromutter
vor Schrecken vom Spinnrad aufsprang und laut aufjammerte. Der Peter hatte sich
Luft machen mssen.
    Was ist's denn? was ist's denn? rief angstvoll die Gromutter, und die
Mutter, die am Tisch gesessen hatte und fast aufgeflogen war bei dem Knall,
sagte in angeborener Langmut: Was hast, Peterli; warum tust so wst?
    Weil sie das Heidi mitgenommen hat, erklrte Peter.
    Wer? Wer? Wohin, Peterli, wohin? fragte die Gromutter jetzt mit neuer
Angst; sie mute aber schnell erraten haben, was vorging, die Tochter hatte ihr
ja vor kurzem berichtet, sie habe die Dete gesehen zum Alm-hi hinaufgehen. Ganz
zitternd vor Eile, machte die Gromutter das Fenster auf und rief flehentlich
hinaus: Dete, Dete, nimm uns das Kind nicht weg! Nimm uns das Heidi nicht!
    Die beiden Laufenden hrten die Stimme, und die Dete mochte wohl ahnen, was
sie rief, denn sie fate das Kind noch fester und lief, was sie konnte. Heidi
widerstrebte und sagte: Die Gromutter hat gerufen, ich will zu ihr.
    Aber das wollte die Base gerade nicht und beschwichtigte das Kind, es solle
nur schnell kommen jetzt, da sie nicht noch zu spt kmen, sondern da sie
morgen weiter reisen knnten, es knnte ja dann sehen, wie es ihm gefallen werde
in Frankfurt, da es gar nie mehr fort wolle dort; und wenn es doch heim wolle,
so knne es ja gleich gehen und dann erst noch der Gromutter etwas mit
heimbringen, was sie freue. Das war eine Aussicht fr Heidi, die ihm gefiel. Es
fing an zu laufen ohne Widerstreben.
    Was kann ich der Gromutter heimbringen? fragte es nach einer Weile.
    Etwas Gutes, sagte die Base, so schne, weiche Weibrtchen, da wird sie
Freud' haben daran, sie kann ja doch das harte, schwarze Brot fast nicht mehr
essen.
    Ja, sie gibt es immer wieder dem Peter und sagt: Es ist mir zu hart; das
habe ich selbst gesehen, besttigte das Heidi. So wollen wir geschwind gehen,
Base Dete; dann kommen wir vielleicht heut' noch nach Frankfurt, da ich bald
wieder da bin mit den Brtchen.
    Heidi fing nun so zu rennen an, da die Base mit ihrem Bndel auf dem Arm
fast nicht mehr nachkam. Aber sie war sehr froh, da es so rasch ging, denn nun
kamen sie gleich zu den ersten Husern vom Drfli, und da konnte es wieder
allerhand Reden und Fragen geben, die das Heidi wieder auf andere Gedanken
bringen konnten. So lief sie stracks durch, und das Kind zog dabei noch so stark
an ihrer Hand, da alle Leute es sehen konnten, wie sie um des Kindes willen so
pressieren mute. So rief sie auf alle die Fragen und Anrufungen, die ihr aus
allen Fenstern und Tren entgegentnten, nur immer zurck: Ihr seht's ja, ich
kann jetzt nicht stillstehen, das Kind pressiert und wir haben noch weit.
    Nimmst's mit? Luft's dem Alm-hi fort? Es ist nur ein Wunder, da es
noch am Leben ist! Und dazu noch so rotbackig! So tnte es von allen Seiten,
und die Dete war froh, da sie ohne Verzug durchkam und keinen Bescheid geben
mute und auch Heidi kein Wort sagte, sondern nur immer vorwrts strebte in
groem Eifer. -
    Von dem Tage an machte der Alm-hi, wenn er herunterkam und durchs Drfli
ging, ein bseres Gesicht als je zuvor. Er grte keinen Menschen und sah mit
seinem Ksereff auf dem Rcken, mit dem ungeheuren Stock in der Hand und den
zusammengezogenen dicken Brauen so drohend aus, da die Frauen zu den kleinen
Kindern sagten: Gib acht! Geh dem Alm-hi aus dem Weg, er knnte dir noch etwas
tun!
    Der Alte verkehrte mit keinem Menschen im Drfli, er ging nur durch und weit
ins Tal hinab, wo er seine Kse verhandelte und seine Vorrte an Brot und
Fleisch einnahm. Wenn er so vorbeigegangen war im Drfli, dann standen hinter
ihm die Leute alle in Trppchen zusammen, und jeder wute etwas Besonderes, was
er am Alm-hi gesehen hatte, wie er immer wilder aussehe und da er jetzt keinem
Menschen mehr auch nur einen Gru abnehme, und alle kamen darin berein, da es
ein groes Glck sei, da das Kind habe entweichen knnen, und man habe auch
wohl gesehen, wie es fortgedrngt habe, so, als frchte es, der Alte sei schon
hinter ihm drein, um es zurckzuholen. Nur die blinde Gromutter hielt
unverrckt zum Alm-hi, und wer zu ihr heraufkam, um bei ihr spinnen zu lassen,
oder das Gesponnene zu holen, dem erzhlte sie es immer wieder, wie gut und
sorgfltig der Alm-hi mit dem Kind gewesen sei und was er an ihr und der
Tochter getan habe, wie manchen Nachmittag er an ihrem Huschen herumgeflickt,
das ohne seine Hilfe gewi schon zusammengefallen wre. So kamen denn auch diese
Berichte ins Drfli herunter; aber die meisten, die sie vernahmen, sagten dann,
die Gromutter sei vielleicht zu alt zum Begreifen, sie werde es wohl nicht
recht verstanden haben, sie werde wohl auch nicht mehr gut hren, weil sie
nichts mehr sehe.
    Der Alm-hi zeigte sich jetzt nicht mehr bei den Geienpeters; es war gut,
da er die Htte so fest zusammengenagelt hatte, denn sie blieb fr lange Zeit
ganz unberhrt. Jetzt begann die blinde Gromutter ihre Tage wieder mit Seufzen,
und nicht einer verstrich, an dem sie nicht klagend sagte: Ach, mit dem Kind
ist alles Gute und alle Freude von uns genommen, und die Tage sind so leer! Wenn
ich nur noch einmal das Heidi hren knnte, eh' ich sterben mu!

                    Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge


Im Hause des Herrn Sesemann in Frankfurt lag das kranke Tchterlein, Klara, in
dem bequemen Rollstuhl, in welchem es den ganzen Tag sich aufhielt und von einem
Zimmer ins andere gestoen wurde. Jetzt sa es im sogenannten Studierzimmer, das
neben der groen Estube lag und wo vielerlei Gertschaften herumstanden und
lagen, die das Zimmer wohnlich machten und zeigten, da man hier gewhnlich sich
aufhielt. An dem groen, schnen Bcherschrank mit den Glastren konnte man
sehen, woher das Zimmer seinen Namen hatte, und da es wohl der Raum war, wo dem
lahmen Tchterchen der tgliche Unterricht erteilt wurde.
    Klara hatte ein blasses, schmales Gesichtchen, aus dem zwei milde, blaue
Augen herausschauten, die in diesem Augenblick auf die groe Wanduhr gerichtet
waren, die heute besonders langsam zu gehen schien, denn Klara, die sonst kaum
ungeduldig wurde, sagte jetzt mit ziemlicher Ungeduld in der Stimme: Ist es
denn immer noch nicht Zeit, Frulein Rottenmeier?
    Die letztere sa sehr aufrecht an einem kleinen Arbeitstisch und stickte.
Sie hatte eine geheimnisvolle Hlle um sich, einen groen Kragen oder
Halbmantel, welcher der Persnlichkeit einen feierlichen Anstrich verlieh, der
noch erhht wurde durch eine Art von hochgebauter Kuppel, die sie auf dem Kopf
trug. Frulein Rottenmeier war schon seit mehreren Jahren, seitdem die Dame des
Hauses gestorben war, im Hause Sesemann, fhrte die Wirtschaft und hatte die
Oberaufsicht ber das ganze Dienstpersonal.
    Herr Sesemann war meistens auf Reisen, berlie daher dem Frulein
Rottenmeier das ganze Haus, nur mit der Bedingung, da sein Tchterlein in allem
eine Stimme haben solle und nichts gegen dessen Wunsch geschehen drfe.
    Whrend oben Klara zum zweitenmal mit Zeichen der Ungeduld Frulein
Rottenmeier befragte, ob die Zeit noch nicht da sei, da die Erwarteten
erscheinen konnten, stand unten vor der Haustr die Dete mit Heidi an der Hand
und fragte den Kutscher Johann, der eben vom Wagen gestiegen war, ob sie wohl
Frulein Rottenmeier so spt noch stren drfe.
    Das ist nicht meine Sache, brummte der Kutscher; klingeln Sie den
Sebastian herunter, drinnen im Korridor.
    Dete tat, wie ihr geheien war, und der Bediente des Hauses kam die Treppe
herunter mit groen, runden Knpfen auf seinem Aufwrterrock und fast ebenso
groen runden Augen im Kopfe.
    Ich wollte fragen, ob ich um diese Zeit Frulein Rottenmeier noch stren
drfe, brachte die Dete wieder an.
    Das ist nicht meine Sache, gab der Bediente zurck; klingeln Sie die
Jungfer Tinette herunter an der anderen Klingel, und ohne weitere Auskunft
verschwand der Sebastian.
    Dete klingelte wieder. Jetzt erschien auf der Treppe die Jungfer Tinette mit
einem blendend weien Deckelchen auf der Mitte des Kopfes und einer spttischen
Miene auf dem Gesicht.
    Was ist? fragte sie auf der Treppe, ohne herunterzukommen. Dete
wiederholte ihr Gesuch. Jungfer Tinette verschwand, kam aber bald wieder und
rief von der Treppe herunter: Sie sind erwartet!
    Jetzt stieg Dete mit Heidi die Treppe hinauf und trat, der Jungfer Tinette
folgend, in das Studierzimmer ein. Hier blieb Dete hflich an der Tr stehen,
Heidi immer fest an der Hand haltend, denn sie war gar nicht sicher, was dem
Kinde etwa begegnen konnte auf diesem so fremden Boden.
    Frulein Rottenmeier erhob sich langsam von ihrem Sitz und kam nher, um die
angekommene Gespielin der Tochter des Hauses zu betrachten. Der Anblick schien
sie nicht zu befriedigen. Heidi hatte sein einfaches Baumwollrckchen an und
sein altes, zerdrcktes Strohhtchen auf dem Kopf. Das Kind guckte sehr harmlos
darunter hervor und betrachtete mit unverhehlter Verwunderung den Turmbau auf
dem Kopf der Dame.
    Wie heiest du? fragte Frulein Rottenmeier, nachdem auch sie einige
Minuten lang forschend das Kind angesehen hatte, das kein Auge von ihr
verwandte.
    Heidi, antwortete es deutlich und mit klangvoller Stimme.
    Wie? wie? das soll doch wohl kein christlicher Name sein? So bist du doch
nicht getauft worden. Welchen Namen hast du in der Taufe erhalten? fragte
Frulein Rottenmeier weiter.
    Das wei ich jetzt nicht mehr, entgegnete Heidi.
    Ist das eine Antwort! bemerkte die Dame mit Kopfschtteln. Jungfer Dete,
ist das Kind einfltig oder schnippisch?
    Mit Erlaubnis und wenn es die Dame gestattet, so will ich gern reden fr
das Kind, denn es ist sehr unerfahren, sagte die Dete, nachdem sie dem Heidi
heimlich einen kleinen Sto gegeben hatte fr die unpassende Antwort. Es ist
aber nicht einfltig und auch nicht schnippisch, davon wei es gar nichts; es
meint alles so, wie es redet. Aber es ist heut' zum erstenmal in einem
Herrenhaus und kennt die gute Manier nicht; aber es ist willig und nicht
ungelehrig, wenn die Dame wollte gtige Nachsicht haben. Es ist Adelheid getauft
worden, wie seine Mutter, meine Schwester selig.
    Nun wohl, dies ist doch ein Name, den man sagen kann, bemerkte Frulein
Rottenmeier. Aber, Jungfer Dete, ich mu Ihnen doch sagen, da mir das Kind fr
sein Alter sonderbar vorkommt. Ich habe Ihnen mitgeteilt, die Gespielin fr
Frulein Klara mte in ihrem Alter sein, um denselben Unterricht mit ihr zu
verfolgen und berhaupt ihre Beschftigungen zu teilen. Frulein Klara hat das
zwlfte Jahr zurckgelegt; wie alt ist das Kind?
    Mit Erlaubnis der Dame, fing die Dete wieder beredt an, es war mir eben
selber nicht mehr so ganz gegenwrtig, wie alt es sei; es ist wirklich ein wenig
jnger, viel trifft es nicht an, ich kann's so ganz genau nicht sagen, es wird
so um das zehnte Jahr, oder so noch etwas dazu sein, nehm' ich an.
    Jetzt bin ich acht, der Grovater hat's gesagt, erklrte Heidi. Die Base
stie es wieder an, aber Heidi hatte keine Ahnung, warum, und wurde keineswegs
verlegen.
    Was, erst acht Jahre alt? rief Frulein Rottenmeier mit einiger Entrstung
aus. Vier Jahre zu wenig! Was soll das geben! Und was hast du denn gelernt? was
hast du fr Bcher gehabt bei deinem Unterricht?
    Keine, sagte Heidi.
    Wie? Was? Wie hast du denn lesen gelernt? fragte die Dame weiter.
    Das hab' ich nicht gelernt und der Peter auch nicht, berichtete Heidi.
    Barmherzigkeit! du kannst nicht lesen? du kannst wirklich nicht lesen!
rief Frulein Rottenmeier im hchsten Schrecken aus. Ist es die Mglichkeit,
nicht lesen! Was hast du denn aber gelernt?
    Nichts, sagte Heidi der Wahrheit gem.
    Jungfer Dete, sagte Frulein Rottenmeier nach einigen Minuten, in denen
sie nach Fassung rang, es ist alles nicht nach Abrede, wie konnten Sie mir
dieses Wesen zufhren? Aber die Dete lie sich nicht so bald einschchtern; sie
antwortete herzhaft: Mit Erlaubnis der Dame, das Kind ist gerade, was ich
dachte, da sie haben wolle; die Dame hat mir beschrieben, wie es sein msse, so
ganz apart und nicht wie die anderen, und so mute ich das kleine nehmen, denn
die greren sind bei uns dann nicht mehr so apart, und ich dachte, dieses passe
wie gemacht auf die Beschreibung. Jetzt mu ich aber gehen, denn meine
Herrschaft erwartet mich; ich will, wenn's meine Herrschaft erlaubt, bald wieder
kommen und nachsehen, wie es geht mit ihm. Mit einem Knix war die Dete zur Tr
hinaus und die Treppe hinunter mit schnellen Schritten. Frulein Rottenmeier
stand einen Augenblick noch da, dann lief sie der Dete nach; es war ihr wohl in
den Sinn gekommen, da sie noch eine Menge von Dingen mit der Base besprechen
wollte, wenn das Kind wirklich dableiben sollte, und da war es doch nun einmal
und, wie sie bemerkte, hatte die Base fest im Sinn, es da zu lassen.
    Heidi stand noch auf demselben Platz an der Tr, wo es von Anfang an
gestanden hatte. Bis dahin hatte Klara von ihrem Sessel aus schweigend allem
zugesehen. Jetzt winkte sie Heidi: Komm hierher!
    Heidi trat an den Rollstuhl heran.
    Willst du lieber Heidi heien oder Adelheid? fragte Klara.
    Ich heie nur Heidi und sonst nichts, war Heidis Antwort.
    So will ich dich immer so nennen, sagte Klara; der Name gefllt mir fr
dich, ich habe ihn aber nie gehrt, ich habe aber auch nie ein Kind gesehen, das
so aussieht wie du. Hast du immer nur so kurzes, krauses Haar gehabt?
    Ja, ich denk's, gab Heidi zur Antwort.
    Bist du gern nach Frankfurt gekommen? fragte Klara weiter.
    Nein, aber morgen geh' ich dann wieder heim und bringe der Gromutter weie
Brtchen! erklrte Heidi.
    Du bist aber ein kurioses Kind! fuhr jetzt Klara auf. Man hat dich ja
expre nach Frankfurt kommen lassen, da du bei mir bleibest und die Stunden mit
mir nehmest, und siehst du, es wird nun ganz lustig, weil du gar nicht lesen
kannst, nun kommt etwas ganz Neues in den Stunden vor. Sonst ist es manchmal so
schrecklich langweilig und der Morgen will gar nicht zu Ende kommen. Denn siehst
du, alle Morgen um zehn Uhr kommt der Herr Kandidat, und dann fangen die Stunden
an und dauern bis um zwei Uhr, das ist so lange. Der Herr Kandidat nimmt auch
manchmal das Buch ganz nahe ans Gesicht heran, so, als wre er auf einmal ganz
kurzsichtig geworden, aber er ghnt nur furchtbar hinter dem Buch, und Frulein
Rottenmeier nimmt auch von Zeit zu Zeit ihr groes Taschentuch hervor und hlt
es vor das ganze Gesicht hin, so, als sei sie ganz ergriffen von etwas, das wir
lesen; aber ich wei recht gut, da sie nur ganz schrecklich ghnt dahinter, und
dann sollte ich auch so stark ghnen und mu es immer hinunterschlucken, denn
wenn ich nur ein einziges Mal herausghne, so holt Frulein Rottenmeier gleich
den Fischtran und sagt, ich sei wieder schwach, und Fischtran nehmen ist das
Allerschrecklichste, da will ich noch lieber Ghnen schlucken. Aber nun wird's
viel kurzweiliger, da kann ich dann zuhren, wie du lesen lernst.
    Heidi schttelte ganz bedenklich mit dem Kopf, als es vom Lesenlernen hrte.
    Doch, doch, Heidi, natrlich mut du lesen lernen, alle Menschen mssen,
und der Herr Kandidat ist sehr gut, er wird niemals bse, und er erklrt dir
dann schon alles. Aber siehst du, wenn er etwas erklrt, dann verstehst du
nichts davon; dann mut du nur warten und gar nichts sagen, sonst erklrt er dir
noch viel mehr und du verstehst es noch weniger. Aber dann nachher, wenn du
etwas gelernt hast, und es weit, dann verstehst du schon, was er gemeint hat.
    Jetzt kam Frulein Rottenmeier wieder ins Zimmer zurck; sie hatte Dete
nicht mehr zurckrufen knnen und war sichtlich aufgeregt davon, denn sie hatte
dieser eigentlich gar nicht einllich sagen knnen, was alles nicht nach Abrede
sei bei dem Kinde, und da sie nicht wute, was nun zu tun sei, um ihren Schritt
rckgngig zu machen, war sie um so aufgeregter, denn sie selbst hatte die ganze
Sache angestiftet. Sie lief nun vom Studierzimmer ins Ezimmer hinber, und von
da wieder zurck, und kehrte dann unmittelbar wieder um und fuhr hier den
Sebastian an, der seine runden Augen eben nachdenklich ber den gedeckten Tisch
gleiten lie, um zu sehen, ob sein Werk keinen Mangel habe.
    Denk' Er morgen Seine groen Gedanken fertig und mach' Er, da man heut'
noch zutische komme.
    Mit diesen Worten fuhr Frulein Rottenmeier an Sebastian vorbei und rief
nach der Tinette mit so wenig einladendem Ton, da die Jungfer Tinette mit noch
viel kleineren Schritten herantrippelte als sonst gewhnlich - und sich mit so
spttischem Gesicht hinstellte, da selbst Frulein Rottenmeier nicht wagte, sie
anzufahren; um so mehr schlug ihr die Aufregung nach innen.
    Das Zimmer der Angekommenen ist in Ordnung zu bringen, Tinette, sagte die
Dame mit schwer errungener Ruhe; es liegt alles bereit, nehmen Sie noch den
Staub von den Mbeln weg.
    Es ist der Mhe wert, spttelte Tinette und ging.
    Unterdessen hatte Sebastian die Doppeltren zum Studierzimmer mit ziemlichem
Knall aufgeschlagen, denn er war sehr ergrimmt, aber sich in Antworten Luft zu
machen durfte er nicht wagen Frulein Rottenmeier gegenber; dann trat er ganz
gelassen ins Studierzimmer, um den Rollstuhl hinberzustoen. Whrend er den
Griff hinten am Stuhl, der sich verschoben hatte, zurechtdrehte, stellte sich
Heidi vor ihn hin und schaute ihn unverwandt an, was er bemerkte. Auf einmal
fuhr er auf. Na, was ist denn da Besonderes dran? schnurrte er Heidi an in
einer Weise, wie er es wohl nicht getan, htte er Frulein Rottenmeier gesehen,
die eben wieder auf der Schwelle stand und gerade hereintrat, als Heidi
entgegnete: Du siehst dem Geienpeter gleich.
    Entsetzt schlug die Dame ihre Hnde zusammen. Ist es die Mglichkeit!
sthnte sie halblaut. Nun duzt sie mir den Bedienten! Dem Wesen fehlen alle
Urbegriffe!
    Der Stuhl kam herangerollt und Klara wurde von Sebastian hinausgeschoben und
auf ihren Sessel an den Tisch gesetzt.
    Frulein Rottenmeier setzte sich neben sie und winkte Heidi, es sollte den
Platz ihr gegenber einnehmen. Sonst kam niemand zutische, und es war viel Platz
da; die drei saen auch weit auseinander, so da Sebastian mit seiner Schssel
zum Anbieten guten Raum fand. Neben Heidis Teller lag ein schnes, weies
Brtchen; das Kind schaute mit erfreuten Blicken darauf. Die hnlichkeit, die
Heidi entdeckt hatte, mute sein ganzes Vertrauen fr den Sebastian erweckt
haben, denn es sa muschenstill und rhrte sich nicht, bis er mit der groen
Schssel zu ihm herantrat und ihm die gebratenen Fischchen hinhielt, dann zeigte
es auf das Brtchen und fragte: Kann ich das haben? Sebastian nickte und warf
dabei einen Seitenblick auf Frulein Rottenmeier, denn es wunderte ihn, was die
Frage fr einen Eindruck auf sie mache. Augenblicklich ergriff Heidi sein
Brtchen und steckte es in die Tasche. Sebastian machte eine Grimasse, denn das
Lachen kam ihn an; er wute aber wohl, da ihm das nicht erlaubt war. Stumm und
unbeweglich blieb er immer noch vor Heidi stehen, denn reden durfte er nicht,
und weggehen durfte er wieder nicht, bis man sich bedient hatte. Heidi schaute
ihm eine Zeit lang verwundert zu, dann fragte es: Soll ich auch von dem essen?
Sebastian nickte wieder. So gib mir, sagte es und schaute ruhig auf seinen
Teller. Sebastians Grimasse wurde sehr bedenklich, und die Schssel in seinen
Hnden fing an gefhrlich zu zittern.
    Er kann die Schssel auf den Tisch setzen und nachher wiederkommen, sagte
jetzt Frulein Rottenmeier mit strengem Gesicht. Sebastian verschwand sogleich.
Dir, Adelheid, mu ich berall die ersten Begriffe beibringen, das sehe ich,
fuhr Frulein Rottenmeier mit tiefem Seufzer fort. Vor allem will ich dir
zeigen, wie man sich am Tische bedient, und nun machte die Dame deutlich und
eingehend alles vor, was Heidi zu tun hatte. Dann, fuhr sie weiter, mu ich
dir hauptschlich bemerken, da du am Tisch nicht mit Sebastian zu sprechen
hast, auch sonst nur dann, wenn du einen Auftrag oder eine notwendige Frage an
ihn zu richten hast; dann aber nennst du ihn nie mehr anders, als Sie oder Er,
hrst du? da ich dich niemals mehr ihn anders nennen hre. Auch Tinette nennst
du Sie, Jungfer Tinette. Mich nennst du so, wie du mich von allen nennen hrst;
wie du Klara nennen sollst, wird sie selbst bestimmen.
    Natrlich Klara, sagte diese. Nun folgte aber noch eine Menge von
Verhaltungsmaregeln, ber Aufstehen und Zubettegehen, ber Hereintreten und
Hinausgehen, ber Ordnunghalten, Trenschlieen, und ber alledem fielen dem
Heidi die Augen zu, denn es war heute vor fnf Uhr aufgestanden und hatte eine
lange Reise gemacht. Es lehnte sich an den Sesselrcken und schlief ein. Als
dann nach lngerer Zeit Frulein Rottenmeier zu Ende gekommen war mit ihrer
Unterweisung, sagte sie: Nun denke daran, Adelheid! Hast du alles recht
begriffen?
    Heidi schlft schon lange, sagte Klara mit ganz belustigtem Gesicht, denn
das Abendessen war fr sie seit langer Zeit nie so kurzweilig verflossen.
    Es ist doch vllig unerhrt, was man mit diesem Kind erlebt! rief Frulein
Rottenmeier in groem rger und klingelte so heftig, da Tinette und Sebastian
miteinander herbeigestrzt kamen; aber trotz allen Lrms erwachte Heidi nicht,
und man hatte die grte Mhe, es so weit zu erwecken, da es nach seinem
Schlafgemach gebracht werden konnte; erst durch das Studierzimmer, dann durch
Klaras Schlafstube, dann durch die Stube von Frulein Rottenmeier zu dem
Eckzimmer, das nun fr Heidi eingerichtet war.

                  Frulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag


Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt seine Augen aufschlug, konnte es
durchaus nicht begreifen, was es erblickte. Es rieb ganz gewaltig seine Augen,
guckte dann wieder auf und sah dasselbe. Es sa auf einem hohen, weien Bett und
vor sich sah es einen groen, weiten Raum, und wo die Helle herkam, hingen
lange, lange weie Vorhnge, und dabei standen zwei Sessel mit groen Blumen
darauf, und dann kam ein Sofa an der Wand mit denselben Blumen und ein runder
Tisch davor, und in der Ecke stand ein Waschtisch mit Sachen darauf, wie Heidi
sie noch gar nie gesehen hatte. Aber nun kam ihm auf einmal in den Sinn, da es
in Frankfurt sei, und der ganze gestrige Tag kam ihm in Erinnerung und zuletzt
noch ganz klar die Unterweisungen der Dame, so weit es sie gehrt hatte. Heidi
sprang nun von seinem Bett herunter und machte sich fertig. Dann ging es an ein
Fenster und dann an das andere; es mute den Himmel sehen und die Erde drauen,
es fhlte sich wie im Kfig hinter den groen Vorhngen. Es konnte diese nicht
wegschieben; so kroch es dahinter, um an ein Fenster zu kommen. Aber dieses war
so hoch, da Heidi nur gerade mit dem Kopf so weit hinaufreichte, da es
durchsehen konnte. Aber Heidi fand nicht, was es suchte. Es lief von einem
Fenster zum anderen und dann wieder zum ersten zurck; aber immer war dasselbe
vor seinen Augen, Mauern und Fenster und wieder Mauern und dann wieder Fenster.
Es wurde Heidi ganz bange. Noch war es frh am Morgen, denn Heidi war gewhnt,
frh aufzustehen auf der Alm und dann sogleich hinauszulaufen vor die Tr und zu
sehen, wie's drauen sei, ob der Himmel blau und die Sonne schon droben sei, ob
die Tannen rauschen und die kleinen Blumen schon die Augen offen haben. Wie das
Vgelein, das zum erstenmal in seinem schnglnzenden Gefngnis sitzt, hin- und
herschiet und bei allen Stben probiert, ob es nicht zwischen durchschlpfen
und in die Freiheit hinausfliegen knne, so lief Heidi immer von dem einen
Fenster zum anderen, um zu probieren, ob es nicht aufgemacht werden knne, denn
dann mute man doch etwas anderes sehen als Mauern und Fenster, da mute doch
unten der Erdboden, das grne Gras und der letzte, schmelzende Schnee an den
Abhngen zum Vorschein kommen, und Heidi sehnte sich, das zu sehen. Aber die
Fenster blieben fest verschlossen, wie sehr auch das Kind drehte und zog und von
unten suchte, die kleinen Finger unter die Rahmen einzutreiben, damit es Kraft
htte, sie aufzudrcken; es blieb alles eisenfest aufeinander sitzen. Nach
langer Zeit, als Heidi einsah, da alle Anstrengungen nichts halfen, gab es
seinen Plan auf und berdachte nun, wie es wre, wenn es vor das Haus
hinausginge und hintenherum, bis es auf den Grasboden kme, denn es erinnerte
sich, da es gestern Abend vorn am Haus nur ber Steine gekommen war. Jetzt
klopfte es an seiner Tr und unmittelbar darauf steckte Tinette den Kopf herein
und sagte kurz: Frhstck bereit!
    Heidi verstand keineswegs eine Einladung unter diesen Worten; auf dem
spttischen Gesicht der Tinette stand viel mehr eine Warnung, ihr nicht zu nah
zu kommen, als eine freundliche Einladung geschrieben, und das las Heidi
deutlich von dem Gesicht und richtete sich danach. Es nahm den kleinen Schemel
unter dem Tisch empor, stellte ihn in eine Ecke, setzte sich darauf und wartete
so ganz still ab, was nun kommen wrde. Nach einiger Zeit kam etwas mit
ziemlichem Gerusch, es war Frulein Rottenmeier, die schon wieder in Aufregung
geraten war und in Heidis Stube hineinrief: Was ist mit dir, Adelheid?
Begreifst du nicht, was ein Frhstck ist? Komm herber!
    Das verstand nun Heidi und folgte sogleich nach. Im Ezimmer sa Klara schon
lang an ihrem Platz und begrte Heidi freundlich, machte auch ein viel
vergngteres Gesicht, als sonst gewhnlich, denn sie sah voraus, da heute
wieder allerlei Neues geschehen wrde. Das Frhstck ging nun ohne Strung vor
sich; Heidi a ganz anstndig sein Butterbrot, und wie alles zu Ende war, wurde
Klara wieder ins Studierzimmer hinbergerollt und Heidi wurde von Frulein
Rottenmeier angewiesen, nachzufolgen und bei Klara zu bleiben, bis der Herr
Kandidat kommen wrde, um die Unterrichtsstunden zu beginnen. Als die beiden
Kinder allein waren, sagte Heidi sogleich: Wie kann man hinaussehen hier und
ganz hinunter auf den Boden?
    Man macht ein Fenster auf und guckt hinaus, antwortete Klara belustigt.
    Man kann diese Fenster nicht aufmachen, versetzte Heidi traurig.
    Doch, doch, versicherte Klara, nur du noch nicht, und ich kann dir auch
nicht helfen; aber wenn du einmal den Sebastian siehst, so macht er dir schon
eines auf.
    Das war eine groe Erleichterung fr Heidi, zu wissen, da man doch die
Fenster ffnen und hinausschauen knne, denn noch war es ganz unter dem Druck
des Gefangenseins von seinem Zimmer her. Klara fing nun an, Heidi zu fragen, wie
es bei ihm zuhause sei, und Heidi erzhlte mit Freuden von der Alm und den
Geien und der Weide und allem, was ihm lieb war.
    Unterdessen war der Herr Kandidat angekommen; aber Frulein Rottenmeier
fhrte ihn nicht, wie gewhnlich, ins Studierzimmer, denn sie mute sich erst
aussprechen und geleitete ihn zu diesem Zweck ins Ezimmer, wo sie sich vor ihn
hinsetzte und ihm in groer Aufregung ihre bedrngte Lage schilderte und wie sie
in diese hineingekommen war.
    Sie hatte nmlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann nach Paris geschrieben, wo
er eben verweilte, seine Tochter habe lngst gewnscht, es mchte eine Gespielin
fr sie ins Haus aufgenommen werden, und auch sie selbst glaube, da eine solche
in den Unterrichtsstunden ein Sporn, in der brigen Zeit eine anregende
Gesellschaft fr Klara sein wrde. Eigentlich war die Sache fr Frulein
Rottenmeier selbst sehr wnschbar, denn sie wollte gern, da jemand da sei, der
ihr die Unterhaltung der kranken Klara abnehme, wenn es ihr zu viel war, was
fters geschah. Herr Sesemann hatte geantwortet, er erflle gern den Wunsch
seiner Tochter, doch mit der Bedingung, da eine solche Gespielin in allem ganz
gehalten werde wie jene, er wolle keine Kinderqulerei in seinem Hause - was
freilich eine sehr unntze Bemerkung von dem Herrn war, setzte Frulein
Rottenmeier hinzu, denn wer wollte Kinder qulen! Nun aber erzhlte sie
weiter, wie ganz erschrecklich sie hineingefallen sei mit dem Kinde, und fhrte
alle Beispiele von seinem vllig begriffslosen Dasein an, die es bis jetzt
geliefert hatte, da nicht nur der Unterricht des Herrn Kandidaten buchstblich
beim Abc anfangen msse, sondern da auch sie auf jedem Punkte der menschlichen
Erziehung mit dem Uranfang zu beginnen htte. Aus dieser unheilvollen Lage sehe
sie nur ein Rettungsmittel: wenn der Herr Kandidat erklren werde, zwei so
verschiedene Wesen knnten nicht miteinander unterrichtet werden, ohne groen
Schaden des vorgerckteren Teiles; das wre fr Herrn Sesemann ein triftiger
Grund, die Sache rckgngig zu machen, und so wrde er zugeben, da das Kind
gleich wieder dahin zurckgeschickt wrde, woher es gekommen war; ohne seine
Zustimmung aber drfte sie das nicht unternehmen, nun der Hausherr wisse, da
das Kind angekommen sei. Aber der Herr Kandidat war behutsam und niemals
einseitig im Urteilen. Er trstete Frulein Rottenmeier mit vielen Worten und
der Ansicht, wenn die junge Tochter auf der einen Seite so zurck sei, so mchte
sie auf der anderen um so gefrderter sein, was bei einem geregelten Unterricht
bald ins Gleichgewicht kommen werde. Als Frulein Rottenmeier sah, da der Herr
Kandidat sie nicht untersttzen, sondern seinen Abc-Unterricht bernehmen
wollte, machte sie ihm die Tr zum Studierzimmer auf, und nachdem er
hereingetreten war, schlo sie schnell hinter ihm zu und blieb auf der anderen
Seite, denn vor dem Abc hatte sie einen Schrecken. Sie ging jetzt mit groen
Schritten im Zimmer auf und nieder, denn sie hatte zu berlegen, wie die
Dienstboten Adelheid zu benennen htten. Herr Sesemann hatte ja geschrieben, sie
mte wie seine Tochter gehalten werden, und dieses Wort mute sich
hauptschlich auf das Verhltnis zu den Dienstboten beziehen, dachte Frulein
Rottenmeier. Sie konnte aber nicht lange ungestrt berlegen, denn auf einmal
ertnte drinnen im Studierzimmer ein erschreckliches Gekrache fallender
Gegenstnde und dann ein Hilferuf nach Sebastian. Sie strzte hinein. Da lag auf
dem Boden alles bereinander, die smtlichen Studien-Hilfsmittel, Bcher, Hefte,
Tintenfa und obendarauf der Tischteppich, unter dem ein schwarzes
Tintenbchlein hervorflo, die ganze Stube entlang. Heidi war verschwunden.
    Da haben wir's! rief Frulein Rottenmeier hnderingend aus. Teppich,
Bcher, Arbeitskorb, alles in der Tinte! das ist noch nie geschehen! das ist das
Unglckswesen, da ist kein Zweifel!
    Der Herr Kandidat stand sehr erschrocken da und schaute auf die Verwstung,
die allerdings nur eine Seite hatte und eine recht bestrzende. Klara dagegen
verfolgte mit vergngtem Gesicht die ungewhnlichen Ereignisse und deren
Wirkungen und sagte nun erklrend: Ja, Heidi hat's gemacht, aber nicht mit
Absicht, es mu gewi nicht gestraft werden, es war nur so schrecklich eilig,
fortzukommen und ri den Teppich mit und so fiel alles hintereinander auf den
Boden. Es fuhren viele Wagen hintereinander vorbei, darum ist es so
fortgeschossen; es hat vielleicht noch nie eine Kutsche gesehen.
    Da, ist's nicht, wie ich sagte, Herr Kandidat? Nicht einen Urbegriff hat
das Wesen! Keine Ahnung davon, was eine Unterrichtsstunde ist, da man dabei
zuzuhren und stillzusitzen hat. Aber wo ist das unheilbringende Ding hin? Wenn
es fortgelaufen wre! Was wrde mir Herr Sesemann -
    Frulein Rottenmeier lief hinaus und die Treppe hinunter. Hier, unter der
geffneten Haustr, stand Heidi und guckte ganz verblfft die Strae auf und ab.
    Was ist denn? Was fllt dir denn ein? Wie kannst du so davonlaufen! fuhr
Frulein Rottenmeier das Kind an.
    Ich habe die Tannen rauschen gehrt, aber ich wei nicht, wo sie stehen,
und hre sie nicht mehr, antwortete Heidi und schaute enttuscht nach der Seite
hin, wo das Rollen der Wagen verhallt war, das in Heidis Ohren dem Tosen des
Fhns in den Tannen hnlich geklungen hatte, so da es in hchster Freude dem
Ton nachgerannt war.
    Tannen! Sind wir im Wald? Was sind das fr Einflle! Komm herauf und sieh,
was du angerichtet hast! Damit stieg Frulein Rottenmeier wieder die Treppe
hinan; Heidi folgte ihr und stand nun sehr verwundert vor der groen Verheerung,
denn es hatte nicht gemerkt, was es alles mitri, vor Freude und Eile, die
Tannen zu hren.
    Das hast du ein Mal getan, ein zweites Mal tust du's nicht wieder, sagte
Frulein Rottenmeier, auf den Boden zeigend; zum Lernen sitzt man still auf
seinem Sessel und gibt acht. Kannst du das nicht selbst fertig bringen, so mu
ich dich an deinen Stuhl festbinden. Kannst du das verstehen?
    Ja, entgegnete Heidi, aber ich will schon festsitzen. Denn jetzt hatte
es begriffen, da es eine Regel ist, in einer Unterrichtsstunde stillzusitzen.
    Jetzt muten Sebastian und Tinette hereinkommen, um die Ordnung
wiederherzustellen. Der Herr Kandidat entfernte sich, denn der weitere
Unterricht mute nun aufgegeben werden. Zum Ghnen war heute gar keine Zeit
gewesen.
    Am Nachmittag mute Klara immer eine Zeit lang ruhen und Heidi hatte alsdann
seine Beschftigung selbst zu whlen; so hatte Frulein Rottenmeier ihm am
Morgen erklrt. Als nun nach Tisch Klara sich in ihrem Sessel zur Ruhe gelegt
hatte, ging Frulein Rottenmeier nach ihrem Zimmer, und Heidi sah, da nun die
Zeit da war, da es seine Beschftigung selbst whlen konnte. Das war dem Heidi
sehr erwnscht, denn es hatte schon immer im Sinn, etwas zu unternehmen; es
mute aber Hilfe dazu haben und stellte sich darum vor das Ezimmer mitten auf
den Korridor, damit die Persnlichkeit, die es zu beraten gedachte, ihm nicht
entgehen knne. Richtig, nach kurzer Zeit kam Sebastian die Treppe herauf mit
dem groen Teebrett auf den Armen, denn er brachte das Silberzeug aus der Kche
herauf, um es im Schrank des Ezimmers zu verwahren. Als er auf der letzten
Stufe der Treppe angekommen war, trat Heidi vor ihn hin und sagte mit groer
Deutlichkeit: Sie oder Er!
    Sebastian ri die Augen so weit auf, als es nur mglich war, und sagte
ziemlich barsch: Was soll das heien, Mamsell?
    Ich mchte nur gern etwas fragen, aber es ist gewi nichts Bses wie heute
Morgen, fgte Heidi beschwichtigend hinzu, denn es merkte, da Sebastian ein
wenig erbittert war, und dachte, es komme noch von der Tinte am Boden her.
    So, und warum mu es denn heien Sie oder Er, das mcht' ich zuerst
wissen, gab Sebastian im gleichen barschen Ton zurck.
    Ja, so mu ich jetzt immer sagen, versicherte Heidi; Frulein Rottenmeier
hat es befohlen.
    Jetzt lachte Sebastian so laut auf, da Heidi ihn ganz verwundert ansehen
mute, denn es hatte nichts Lustiges bemerkt; aber Sebastian hatte auf einmal
begriffen, was Frulein Rottenmeier befohlen hatte, und sagte nun sehr
erlustigt: Schon recht, so fahre die Mamsell nur zu.
    Ich heie gar nicht Mamsell, sagte nun Heidi seinerseits ein wenig
gergert; ich heie Heidi.
    Ist schon recht; die gleiche Dame hat aber befohlen, da ich Mamsell sage,
erklrte Sebastian.
    Hat sie? Ja, dann mu ich schon so heien, sagte Heidi mit Ergebung, denn
es hatte wohl gemerkt, da alles so geschehen mute, wie Frulein Rottenmeier
befahl.
    Jetzt habe ich schon drei Namen, setzte es mit einem Seufzer hinzu. Was
wollte die kleine Mamsell denn fragen? fragte Sebastian jetzt, indem er, ins
Ezimmer eingetreten, sein Silberzeug im Schrank zurechtlegte.
    Wie kann man ein Fenster aufmachen, Sebastian?
    So, gerade so, und er machte den groen Fensterflgel auf.
    Heidi trat heran, aber es war zu klein, um etwas sehen zu knnen; es langte
nur bis zum Gesims hinauf.
    Da, so kann das Mamsellchen einmal hinausgucken und sehen, was unten ist,
sagte Sebastian, indem er einen hohen hlzernen Schemel herbeigeholt hatte und
hinstellte. Hoch erfreut stieg Heidi hinauf und konnte endlich den ersehnten
Blick durch das Fenster tun. Aber mit dem Ausdruck der grten Enttuschung zog
es sogleich den Kopf wieder zurck.
    Man sieht nur die steinerne Strae hier, sonst gar nichts, sagte das Kind
bedauerlich; aber wenn man um das ganze Haus herumgeht, was sieht man dann auf
der anderen Seite, Sebastian?
    Gerade dasselbe, gab dieser zur Antwort.
    Aber wohin kann man denn gehen, da man weit, weit hinuntersehen kann ber
das ganze Tal hinab?
    Da mu man auf einen hohen Turm hinaufsteigen, einen Kirchturm, so einen,
wie der dort ist mit der goldenen Kugel oben drauf. Da guckt man von oben
herunter und sieht weit ber alles weg.
    Jetzt stieg Heidi eilig von seinem Schemel herunter, rannte zur Tr hinaus,
die Treppe hinunter und trat auf die Strae hinaus. Aber die Sache ging nicht,
wie Heidi sich vorgestellt hatte. Als es aus dem Fenster den Turm gesehen hatte,
kam es ihm vor, es knne nur ber die Strae gehen, so mte er gleich vor ihm
stehen. Nun ging Heidi die ganze Strae hinunter, aber es kam nicht an den Turm,
konnte ihn auch nirgends mehr entdecken und kam nun in eine andere Strae hinein
und weiter und weiter, aber immer noch sah es den Turm nicht. Es gingen viele
Leute an ihm vorbei, aber die waren alle so eilig, da Heidi dachte, sie htten
nicht Zeit, ihm Bescheid zu geben. Jetzt sah es an der nchsten Straenecke
einen Jungen stehen, der eine kleine Drehorgel auf dem Rcken und ein ganz
kurioses Tier auf dem Arme trug. Heidi lief zu ihm hin und fragte: Wo ist der
Turm mit der goldenen Kugel zuoberst?
    Wei nicht, war die Antwort.
    Wen kann ich denn fragen, wo er sei? fragte Heidi weiter.
    Wei nicht.
    Weit du keine andere Kirche mit einem hohen Turm?
    Freilich wei ich eine.
    So komm und zeige mir sie.
    Zeig du zuerst, was du mir dafr gibst. Der Junge hielt seine Hand hin.
Heidi suchte in seiner Tasche herum. Jetzt zog es ein Bildchen hervor, darauf
ein schnes Krnzchen von roten Rosen gemalt war; erst sah es noch eine kleine
Weile darauf hin, denn es reute Heidi ein wenig. Erst heute Morgen hatte Klara
es ihm geschenkt; aber hinuntersehen ins Tal, ber die grnen Abhnge! Da,
sagte Heidi und hielt das Bildchen hin, willst du das?
    Der Junge zog die Hand zurck und schttelte den Kopf.
    Was willst du denn? fragte Heidi und steckte vergngt sein Bildchen wieder
ein.
    Geld.
    Ich habe keins, aber Klara hat, sie gibt mir dann schon; wie viel willst
du?
    Zwanzig Pfennige.
    So komm jetzt.
    Nun wanderten die beiden eine lange Strae hin, und auf dem Wege fragte
Heidi den Begleiter, was er auf dem Rcken trage, und er erklrte ihm, es sei
eine schne Orgel unter dem Tuch, die mache eine prachtvolle Musik, wenn er
daran drehe. Auf einmal standen sie vor einer alten Kirche mit hohem Turm; der
Junge stand still und sagte: Da.
    Aber wie komm' ich da hinein? fragte Heidi, als es die festverschlossenen
Tren sah.
    Wei nicht, war wieder die Antwort.
    Glaubst du, man knne hier klingeln, so wie man dem Sebastian tut?
    Wei nicht.
    Heidi hatte eine Klingel entdeckt an der Mauer und zog jetzt aus allen
Krften daran.
    Wenn ich dann hinaufgehe, so mut du warten hier unten, ich wei jetzt den
Weg nicht mehr zurck, du mut mir ihn dann zeigen.
    Was gibst du mir dann?
    Was mu ich dir dann wieder geben?
    Wieder zwanzig Pfennige.
    Jetzt wurde das alte Schlo inwendig umgedreht und die knarrende Tr
geffnet; ein alter Mann trat heraus und schaute erst verwundert, dann ziemlich
erzrnt auf die Kinder und fuhr sie an: Was untersteht ihr euch, mich da
herunterzuklingeln? Knnt ihr nicht lesen, was ber der Klingel steht: Fr
solche, die den Turm besteigen wollen?
    Der Junge wies mit dem Zeigefinger auf Heidi und sagte kein Wort.
    Heidi antwortete: Eben auf den Turm wollt' ich.
    Was hast du droben zu tun? fragte der Trmer; hat dich jemand geschickt?
    Nein, entgegnete Heidi, ich mchte nur hinaufgehen, da ich hinuntersehen
kann.
    Macht, da ihr heimkommt, und probiert den Spa nicht wieder, oder ihr
kommt nicht gut weg zum zweitenmal! Damit kehrte sich der Trmer um und wollte
die Tr zumachen.
    Aber Heidi hielt ihn ein wenig am Rockscho und sagte bittend: Nur ein
einziges Mal!
    Er sah sich um, und Heidis Augen schauten so flehentlich zu ihm auf, da es
ihn ganz umstimmte; er nahm das Kind bei der Hand und sagte freundlich: Wenn
dir so viel daran gelegen ist, so komm mit mir!
    Der Junge setzte sich auf die steinernen Stufen vor der Tr nieder und
zeigte, da er nicht mit wollte.
    Heidi stieg an der Hand des Trmers viele, viele Treppen hinauf; dann wurden
diese immer schmler, und endlich ging es noch ein ganz enges Treppchen hinauf,
und nun waren sie oben. Der Trmer hob Heidi vom Boden auf und hielt es an das
offene Fenster.
    Da, jetzt guck hinunter, sagte er.
    Heidi sah auf ein Meer von Dchern, Trmen und Schornsteinen nieder; es zog
bald seinen Kopf zurck und sagte niedergeschlagen: Es ist gar nicht, wie ich
gemeint habe.
    Siehst du wohl? Was versteht so ein Kleines von Aussicht! So, komm nun
wieder herunter und lute nie mehr an einem Turm!
    Der Trmer stellte Heidi wieder auf den Boden und stieg ihm voran die
schmalen Stufen hinab. Wo diese breiter wurden, kam links die Tr, die in des
Trmers Stbchen fhrte, und nebenan ging der Boden bis unter das schrge Dach
hin. Dort hinten stand ein groer Korb und davor sa eine dicke graue Katze und
knurrte, denn in dem Korb wohnte ihre Familie und sie wollte jeden
Vorbergehenden davor warnen, sich in ihre Familienangelegenheiten zu mischen.
Heidi stand still und schaute verwundert hinber, eine so mchtige Katze hatte
es noch nie gesehen; in dem alten Turm wohnten aber ganze Herden von Musen, so
holte sich die Katze ohne Mhe jeden Tag ein halbes Dutzend Musebraten. Der
Trmer sah Heidis Bewunderung und sagte: Komm, sie tut dir nichts, wenn ich
dabei bin; du kannst die Jungen ansehen.
    Heidi trat an den Korb heran und brach in ein groes Entzcken aus.
    O, die netten Tierlein! die schnen Ktzchen! rief es ein Mal ums andere
und sprang hin und her um den Korb herum, um auch recht alle komischen Gebrden
und Sprnge zu sehen, welche die sieben oder acht jungen Ktzchen vollfhrten,
die in dem Korb rastlos bereinanderhin krabbelten, sprangen, fielen.
    Willst du eins haben? fragte der Trmer, der Heidis Freudensprngen
vergngt zuschaute.
    Selbst fr mich? fr immer? fragte Heidi gespannt und konnte das groe
Glck fast nicht glauben.
    Ja, gewi, du kannst auch noch mehr haben, du kannst sie alle zusammen
haben, wenn du Platz hast, sagte der Mann, dem es gerade recht war, seine
kleinen Katzen los zu werden, ohne da er ihnen ein Leid antun mute.
    Heidi war im hchsten Glck. In dem groen Hause hatten ja die Ktzchen so
viel Platz, und wie mute Klara erstaunt und erfreut sein, wenn die niedlichen
Tierchen ankamen!
    Aber wie kann ich sie mitnehmen? fragte nun Heidi und wollte schnell
einige fangen mit seinen Hnden, aber die dicke Katze sprang ihm auf den Arm und
fauchte es so grimmig an, da es sehr erschrocken zurckfuhr.
    Ich will sie dir bringen, sag nur, wohin, sagte der Trmer, der die alte
Katze nun streichelte, um sie wieder gut zu machen, denn sie war seine Freundin
und hatte schon viele Jahre mit ihm auf dem Turm gelebt.
    Zum Herrn Sesemann in dem groen Haus, wo an der Haustr ein goldener
Hundskopf ist mit einem dicken Ring im Maul, erklrte Heidi.
    Es htte nicht einmal so viel gebraucht fr den Trmer, der schon seit
langen Jahren auf dem Turm sa und jedes Haus weithin kannte, und dazu war der
Sebastian noch ein alter Bekannter von ihm.
    Ich wei schon, bemerkte er; aber wem mu ich die Dinger bringen, wem mu
ich nachfragen, du gehrst doch nicht Herrn Sesemann? Nein, aber die Klara,
sie hat eine so groe Freude, wenn die Ktzchen kommen!
    Der Trmer wollte nun weitergehen, aber Heidi konnte sich von dem
unterhaltenden Schauspiel fast nicht trennen.
    Wenn ich nur schon eins oder zwei mitnehmen knnte! Eins fr mich und eins
fr Klara, kann ich nicht?
    So wart ein wenig, sagte der Trmer, trug dann die alte Katze behutsam in
sein Stbchen hinein und stellte sie an das Eschsselchen hin, schlo die Tr
vor ihr zu und kam zurck: So, nun nimm zwei!
    Heidis Augen leuchteten vor Wonne. Es las ein weies und dann ein gelb und
wei gestreiftes aus und steckte eins in die rechte und eins in die linke
Tasche. Nun ging's die Treppe hinunter.
    Der Junge sa noch auf den Stufen drauen, und als nun der Trmer hinter
Heidi die Tr zugeschlossen hatte, sagte das Kind: Welchen Weg mssen wir nun
zu Herrn Sesemanns Haus?
    Wei nicht, war die Antwort.
    Heidi fing nun an zu beschreiben, was es wute, die Haustr und die Fenster
und die Treppen, aber der Junge schttelte zu allem den Kopf, es war ihm alles
unbekannt.
    Siehst du, fuhr dann Heidi im Beschreiben fort, aus einem Fenster sieht
man ein groes, groes, graues Haus und das Dach geht so - Heidi zeichnete hier
mit dem Zeigefinger groe Zacken in die Luft hinaus.
    Jetzt sprang der Junge auf, er mochte hnliche Merkmale haben, seine Wege zu
finden. Er lief nun in einem Zug drauf los und Heidi hinter ihm drein, und in
kurzer Zeit standen sie richtig vor der Haustr mit dem groen Messing-Tierkopf.
Heidi zog die Glocke. Bald erschien Sebastian, und wie er Heidi erblickte, rief
er drngend: Schnell! Schnell!
    Heidi sprang eilig herein, und Sebastian schlug die Tr zu; den Jungen, der
verblfft drauen stand, hatte er gar nicht bemerkt.
    Schnell, Mamsellchen, drngte Sebastian weiter, gleich ins Ezimmer
hinein, sie sitzen schon am Tisch. Frulein Rottenmeier sieht aus wie eine
geladene Kanone; was stellt aber auch die kleine Mamsell an, so fortzulaufen?
    Heidi war ins Zimmer getreten. Frulein Rottenmeier blickte nicht auf; Klara
sagte auch nichts, es war eine etwas unheimliche Stille. Sebastian rckte Heidi
den Sessel zurecht. Jetzt, wie es auf seinem Stuhl sa, begann Frulein
Rottenmeier mit strengem Gesicht und einem ganz feierlich-ernsten Ton:
Adelheid, ich werde nachher mit dir sprechen, jetzt nur so viel: du hast dich
sehr ungezogen, wirklich strafbar benommen, da du das Haus verlssest, ohne zu
fragen, ohne da jemand ein Wort davon wute, und herumstreichst bis zum spten
Abend; es ist eine vllig beispiellose Auffhrung.
    Miau, tnte es wie als Antwort zurck.
    Aber jetzt stieg der Zorn der Dame: Wie, Adelheid, rief sie in immer
hheren Tnen, du unterstehst dich noch, nach aller Ungezogenheit einen
schlechten Spa zu machen? Hte dich wohl, sag' ich dir!
    Ich mache, fing Heidi an - Miau! Miau!
    Sebastian warf fast seine Schssel auf den Tisch und strzte hinaus.
    Es ist genug, wollte Frulein Rottenmeier rufen; aber vor Aufregung tnte
ihre Stimme gar nicht mehr. Steh auf und verla das Zimmer.
    Heidi stand erschrocken von seinem Sessel auf und wollte noch einmal
erklren: Ich mache gewi߫ - Miau! Miau! Miau!
    Aber Heidi, sagte jetzt Klara, wenn du doch siehst, da du Frulein
Rottenmeier so bse machst, warum machst du immer wieder miau?
    Ich mache nicht, die Ktzlein machen, konnte Heidi endlich ungestrt
hervorbringen.
    Wie? Was? Katzen? junge Katzen? schrie Frulein Rottenmeier auf.
Sebastian! Tinette! Sucht die greulichen Tiere! schafft sie fort! Damit
strzte die Dame ins Studierzimmer hinein und riegelte die Tren zu, um sicherer
zu sein, denn junge Katzen waren fr Frulein Rottenmeier das Schrecklichste in
der Schpfung. Sebastian stand drauen vor der Tr und mute erst fertig lachen,
eh' er wieder eintreten konnte. Er hatte, als er Heidi bediente, einen kleinen
Katzenkopf aus dessen Tasche herausgucken gesehen und sah dem Spektakel
entgegen, und wie er nun ausbrach, konnte er sich nicht mehr halten, kaum noch
seine Schssel auf den Tisch setzen. Endlich trat er denn wieder gefat ins
Zimmer herein, nachdem die Hilferufe der gengsteten Dame schon lngere Zeit
verklungen waren. Jetzt sah es ganz still und friedlich aus drinnen; Klara hielt
die Ktzchen auf ihrem Scho, Heidi kniete neben ihr und beide spielten mit
groer Wonne mit den zwei winzigen, grazisen Tierchen.
    Sebastian, sagte Klara zu dem Eintretenden, Sie mssen uns helfen; Sie
mssen ein Nest finden fr die Ktzchen, wo Frulein Rottenmeier sie nicht
sieht, denn sie frchtet sich vor ihnen und will sie fort haben; aber wir wollen
die niedlichen Tierchen behalten und sie immer hervorholen, sobald wir allein
sind. Wo kann man sie hintun?
    Das will ich schon besorgen, Frulein Klara, entgegnete Sebastian
bereitwillig; ich mache ein schnes Bettchen in einem Korb und stelle den an
einen Ort, wo mir die furchtsame Dame nicht dahinterkommt, verlassen Sie sich
auf mich. Sebastian ging gleich an die Arbeit und kicherte bestndig vor sich
hin, denn er dachte: Das wird noch was absetzen! und der Sebastian sah es
nicht ungern, wenn Frulein Rottenmeier ein wenig in Aufregung geriet.
    Nach lngerer Zeit erst, als der Augenblick des Schlafengehens nahte, machte
Frulein Rottenmeier ein ganz klein wenig die Tr auf und rief durch das
Spltchen heraus: Sind die abscheulichen Tiere fortgeschafft?
    Ja wohl! Ja wohl! gab Sebastian zurck, der sich im Zimmer zu schaffen
gemacht hatte in Erwartung dieser Frage. Schnell und leise fate er die beiden
Ktzchen auf Klaras Scho und verschwand damit.
    Die besondere Strafrede, die Frulein Rottenmeier Heidi noch zu halten
gedachte, verschob sie auf den folgenden Tag, denn heute fhlte sie sich zu
erschpft nach all' den vorhergegangenen Gemtsbewegungen von rger, Zorn und
Schrecken, die ihr Heidi ganz unwissentlich nacheinander verursacht hatte. Sie
zog sich schweigend zurck, und Klara und Heidi folgten vergngt nach, denn sie
wuten ihre Ktzchen in einem guten Bett.

                      Im Hause Sesemann geht's unruhig zu


Als Sebastian am folgenden Morgen dem Herrn Kandidaten die Haustr geffnet und
ihn zum Studierzimmer gefhrt hatte, zog schon wieder jemand die Hausglocke an,
aber mit solcher Gewalt, da Sebastian die Treppe vllig hinunterscho, denn er
dachte: So schellt nur der Herr Sesemann selbst, er mu unerwartet nachhause
gekommen sein. Er ri die Tr auf - ein zerlumpter Junge mit einer Drehorgel
auf dem Rcken stand vor ihm.
    Was soll das heien? fuhr ihn Sebastian an. Ich will dich lehren, Glocken
herunterzureien! Was hast du hier zu tun?
    Ich mu zur Klara, war die Antwort.
    Du ungewaschener Straenkfer du; kannst du nicht sagen Frulein Klara, wie
unsereins tut? Was hast du bei Frulein Klara zu tun? fragte Sebastian barsch.
    Sie ist mir vierzig Pfennige schuldig, erklrte der Junge.
    Du bist, denk' ich, nicht recht im Kopf! Wie weit du berhaupt, da ein
Frulein Klara hier ist?
    Gestern habe ich ihr den Weg gezeigt, macht zwanzig, und dann wieder zurck
den Weg gezeigt, macht vierzig.
    Da siehst du, was fr Zeug du zusammenflunkerst; Frulein Klara geht
niemals aus, kann gar nicht gehen, mach, da du dahin kommst, wo du hin gehrst,
bevor ich dir dazu verhelfe!
    Aber der Junge lie sich nicht einschchtern; er blieb unbeweglich stehen
und sagte trocken: Ich habe sie doch gesehen auf der Strae, ich kann sie
beschreiben: sie hat kurzes, krauses Haar, das ist schwarz, und die Augen sind
schwarz und der Rock ist braun, und sie kann nicht reden wie wir.
    Oho, dachte jetzt Sebastian und kicherte in sich hinein, das ist die
kleine Mamsell, die hat wieder etwas angestellt. Dann sagte er, den Jungen
hereinziehend: 's ist schon recht, komm mir nur nach und warte vor der Tr, bis
ich wieder herauskomme. Wenn ich dich dann einlasse, kannst du gleich etwas
spielen; das Frulein hrt es gern.
    Oben klopfte er am Studierzimmer und wurde hereingerufen.
    Es ist ein Junge da, der durchaus an Frulein Klara selbst etwas zu
bestellen hat, berichtete Sebastian.
    Klara war sehr erfreut ber das auergewhnliche Ereignis.
    Er soll nur gleich hereinkommen, sagte sie, nicht wahr, Herr Kandidat,
wenn er doch mit mir selbst sprechen mu.
    Der Junge war schon eingetreten, und nach Anweisung fing er sofort seine
Orgel zu drehen an. Frulein Rottenmeier hatte, um dem Abc auszuweichen, sich im
Ezimmer allerlei zu schaffen gemacht. Auf einmal horchte sie auf. - Kamen die
Tne von der Strae her? Aber so nahe? Wie konnte vom Studierzimmer her eine
Drehorgel ertnen? Und dennoch - wahrhaftig - sie strzte durch das lange
Ezimmer und ri die Tr auf. Da - unglaublich - da stand mitten im
Studierzimmer ein zerlumpter Orgelspieler und drehte sein Instrument mit grter
Emsigkeit. Der Herr Kandidat schien immerfort etwas sagen zu wollen, aber es
wurde nichts vernommen. Klara und Heidi hrten mit ganz erfreuten Gesichtern der
Musik zu.
    Aufhren! Sofort aufhren! rief Frulein Rottenmeier ins Zimmer hinein.
Ihre Stimme wurde bertnt von der Musik. Jetzt lief sie auf den Jungen zu -
aber auf einmal hatte sie etwas zwischen den Fen, sie sah auf den Boden: ein
grausiges, schwarzes Tier kroch ihr zwischen den Fen durch - eine Schildkrte.
Jetzt tat Frulein Rottenmeier einen Sprung in die Hhe, wie sie seit vielen
Jahren keinen getan hatte, dann schrie sie aus Leibeskrften: Sebastian!
Sebastian!
    Pltzlich hielt der Orgelspieler inne, denn diesmal hatte die Stimme die
Musik bertnt. Sebastian stand drauen vor der halboffenen Tr und krmmte sich
vor Lachen, denn er hatte zugesehen, wie der Sprung vor sich ging. Endlich kam
er herein. Frulein Rottenmeier war auf einen Stuhl niedergesunken.
    Fort mit allem, Mensch und Tier! Schaffen Sie sie weg, Sebastian, sofort!
rief sie ihm entgegen. Sebastian gehorchte bereitwillig, zog den Jungen hinaus,
der schnell seine Schildkrte erfat hatte, drckte ihm drauen etwas in die
Hand und sagte: Vierzig fr Frulein Klara, und vierzig frs Spielen, das hast
du gut gemacht; damit schlo er hinter ihm die Haustr. Im Studierzimmer war es
wieder ruhig geworden; die Studien wurden wieder fortgesetzt, und Frulein
Rottenmeier hatte sich nun auch festgesetzt in dem Zimmer, um durch ihre
Gegenwart hnliche Greuel zu verhten. Den Vorfall wollte sie nach den
Unterrichtsstunden untersuchen und den Schuldigen so bestrafen, da er daran
denken wrde.
    Schon wieder klopfte es an die Tr, und herein trat abermals Sebastian mit
der Nachricht, es sei ein groer Korb gebracht worden, der sogleich an Frulein
Klara selbst abzugeben sei.
    An mich? fragte Klara erstaunt und uerst neugierig, was das sein mchte;
zeigen Sie doch gleich einmal her, wie er aussieht.
    Sebastian brachte einen bedeckten Korb herein und entfernte sich dann eilig
wieder.
    Ich denke, erst wird der Unterricht beendet, dann der Korb ausgepackt,
bemerkte Frulein Rottenmeier.
    Klara konnte sich nicht vorstellen, was man ihr gebracht hatte; sie schaute
sehr verlangend nach dem Korb.
    Herr Kandidat, sagte sie, sich selbst in ihrem Deklinieren unterbrechend,
knnte ich nicht nur einmal schnell hineinsehen, um zu wissen, was drin ist,
und dann gleich wieder fortfahren? In einer Hinsicht knnte man dafr, in
einer anderen dawider sein, entgegnete der Herr Kandidat; dafr sprche der
Grund, da, wenn nun Ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand gerichtet
ist -; die Rede konnte nicht beendigt werden. Der Deckel des Korbes sa nur
lose darauf, und nun sprangen mit einemmal ein, zwei drei und wieder zwei und
immer noch mehr junge Ktzchen darunter hervor und ins Zimmer hinaus, und mit
einer so unbegreiflichen Schnelligkeit fuhren sie berall herum, da es war, als
wre das ganze Zimmer voll solcher Tierchen. Sie sprangen ber die Stiefel des
Herrn Kandidaten, bissen an seinen Beinkleidern, kletterten am Kleid von
Frulein Rottenmeier empor, krabbelten um ihre Fe herum, sprangen an Klaras
Sessel hinauf, kratzten, krabbelten, miauten; es war ein arges Gewirre. Klara
rief immerfort voller Entzcken: O die niedlichen Tierchen! die lustigen
Sprnge! sieh! sieh! Heidi, hier, dort, sieh dieses! Heidi scho ihnen vor
Freude in alle Winkel nach. Der Herr Kandidat stand sehr verlegen am Tisch und
zog bald den einen, bald den andern Fu in die Hhe, um ihn dem unheimlichen
Gekrabbel zu entziehen. Frulein Rottenmeier sa erst sprachlos vor Entsetzen in
ihrem Sessel, dann fing sie an aus Leibeskrften zu schreien: Tinette! Tinette!
Sebastian! Sebastian! denn vom Sessel aufzustehen konnte sie unmglich wagen,
da konnten ja mit einemmal alle die kleinen Scheusale an ihr emporspringen.
    Endlich kamen Sebastian und Tinette auf die wiederholten Hilferufe herbei,
und jener packte gleich eins nach dem andern der kleinen Geschpfe in den Korb
hinein und trug sie auf den Estrich zu dem Katzenlager, das er fr die zweie von
gestern bereitet hatte.
    Auch am heutigen Tage hatte kein Ghnen whrend der Unterrichtsstunden
stattgefunden. Am spten Abend, als Frulein Rottenmeier sich von den
Aufregungen des Morgens wieder hinlnglich erholt hatte, berief sie Sebastian
und Tinette ins Studierzimmer herauf, um hier eine grndliche Untersuchung ber
die strafwrdigen Vorgnge anzustellen. Nun kam es denn heraus, da Heidi auf
seinem gestrigen Ausflug die smtlichen Ereignisse vorbereitet und herbeigefhrt
hatte. Frulein Rottenmeier sa wei vor Entrstung da und konnte erst keine
Worte fr ihre Empfindungen finden. Sie winkte mit der Hand, da Sebastian und
Tinette sich entfernen sollten. Jetzt wandte sie sich an Heidi, das neben Klaras
Sessel stand und nicht recht begriff, was es verbrochen hatte.
    Adelheid, begann sie mit strengem Ton, ich wei nur eine Strafe, die dir
empfindlich sein knnte, denn du bist eine Barbarin; aber wir wollen sehen, ob
du unten im dunkeln Keller bei Molchen und Ratten nicht zahm wirst, da du dir
keine solchen Dinge mehr einfallen lssest.
    Heidi hrte still und verwundert sein Urteil an, denn in einem schreckhaften
Keller war es noch nie gewesen; der anstoende Raum in der Almhtte, den der
Grovater Keller nannte, wo immer die fertigen Kse lagen und die frische Milch
stand, war eher ein anmutiger und einladender Ort, und Ratten und Molche hatte
es noch keine gesehen.
    Aber Klara erhob einen lauten Jammer: Nein, nein, Frulein Rottenmeier, man
mu warten, bis der Papa da ist; er hat ja geschrieben, er komme nun bald, und
dann will ich ihm alles erzhlen, und er sagt dann schon, was mit Heidi
geschehen soll.
    Gegen diesen Oberrichter durfte Frulein Rottenmeier nichts einwenden, um so
weniger, da er wirklich in Blde zu erwarten war. Sie stand auf und sagte etwas
grimmig: Gut, Klara, aber auch ich werde ein Wort mit Herrn Sesemann sprechen.
Damit verlie sie das Zimmer.
    Es verflossen nun ein paar ungestrte Tage, aber Frulein Rottenmeier kam
nicht mehr aus der Aufregung heraus, stndlich trat ihr die Tuschung vor Augen,
die sie in Heidis Persnlichkeit erlebt hatte, und es war ihr, als sei seit
seiner Erscheinung im Hause Sesemann alles aus den Fugen gekommen und komme
nicht wieder hinein. Klara war sehr vergngt; sie langweilte sich nie mehr, denn
in den Unterrichtsstunden machte Heidi die kurzweiligsten Sachen; die Buchstaben
machte es immer alle durcheinander und konnte sie nie kennen lernen, und wenn
der Herr Kandidat mitten im Erklren und Beschreiben ihrer Formen war, um sie
ihm anschaulicher zu machen und als Vergleichung etwa von einem Hrnchen oder
einem Schnabel sprach dabei, rief es auf einmal in aller Freude aus: Es ist
eine Gei! oder: Es ist ein Raubvogel! Denn die Beschreibungen weckten in
seinem Gehirn allerlei Vorstellungen, nur keine Buchstaben. In den spteren
Nachmittagsstunden sa Heidi wieder bei Klara und erzhlte ihr immer wieder von
der Alm und dem Leben dort, so viel und so lange, bis das Verlangen darnach in
ihm so brennend wurde, da es immer zum Schlu versicherte: Nun mu ich gewi
wieder heim! Morgen mu ich gewi gehen! Aber Klara beschwichtigte immer wieder
diese Anflle und bewies Heidi, da es doch sicher dableiben msse, bis der Papa
komme; dann werde man schon sehen, wie es weiter gehe. Wenn Heidi alsdann immer
wieder nachgab und gleich wieder zufrieden war, so half ihm eine frhliche
Aussicht dazu, die es im stillen hatte, da mit jedem Tage, den es noch da
blieb, sein Huflein Brtchen fr die Gromutter wieder um zwei grer wrde,
denn mittags und abends lag immer ein schnes Weibrtchen bei seinem Teller;
das steckte es gleich ein, denn es htte das Brtchen nicht essen knnen beim
Gedanken, da die Gromutter nie eines habe und das harte, schwarze Brot fast
nicht mehr essen konnte. Nach Tisch sa Heidi jeden Tag ein paar Stunden lang
ganz allein in seinem Zimmer und regte sich nicht, denn da es in Frankfurt
verboten war, nur so hinauszulaufen, wie es auf der Alm getan, das hatte es nun
begriffen und tat es nie mehr. Mit Sebastian drben im Ezimmer ein Gesprch
fhren durfte es auch nicht, das hatte Frulein Rottenmeier auch verboten, und
mit Tinette eine Unterhaltung zu probieren, daran kam ihm kein Sinn; es ging ihr
immer scheu aus dem Wege, denn sie redete nur in hhnischem Ton mit ihm und
spttelte es fortwhrend an, und Heidi verstand ihre Art ganz gut, und da sie
es nur immer ausspottete. So sa Heidi tglich da und hatte alle Zeit, sich
auszudenken, wie nun die Alm wieder grn war und wie die gelben Blmchen im
Sonnenschein glitzerten und wie alles leuchtete rings um die Sonne, der Schnee
und die Berge und das ganze, weite Tal, und Heidi konnte es manchmal fast nicht
mehr aushalten vor Verlangen, wieder dort zu sein. Die Base hatte ja auch
gesagt, es knne wieder heimgehen, wann es wolle. So kam es, da Heidi eines
Tages es nicht mehr aushielt; es packte in aller Eile seine Brtchen in das
groe rote Halstuch zusammen, setzte sein Strohhtchen auf und zog aus. Aber
schon unter der Haustr traf es auf ein groes Reisehindernis, auf Frulein
Rottenmeier selbst, die eben von einem Ausgang zurckkehrte. Sie stand still und
schaute in starrem Erstaunen Heidi von oben bis unten an, und ihr Blick blieb
vorzglich auf dem gefllten roten Halstuch haften. Jetzt brach sie los.
    Was ist das fr ein Aufzug? Was heit das berhaupt? Habe ich dir nicht
streng verboten, je wieder herumzustreichen? Nun probierst du's doch wieder und
dazu noch vllig aussehend wie eine Landstreicherin.
    Ich wollte nicht herumstreichen, ich wollte nur heimgehen, entgegnete
Heidi erschrocken.
    Wie? Was? Heimgehen? Heimgehen wolltest du? Frulein Rottenmeier schlug
die Hnde zusammen vor Aufregung. Fortlaufen! Wenn das Herr Sesemann wte!
Fortlaufen aus seinem Hause! Mach nicht, da er das je erfhrt! Und was ist dir
denn nicht recht in seinem Hause? Wirst du nicht viel besser behandelt, als du
verdienst? Fehlt es dir an irgendetwas? Hast du je in deinem ganzen Leben eine
Wohnung, oder einen Tisch, oder eine Bedienung gehabt, wie du hier hast? sag!
    Nein, entgegnete Heidi.
    Das wei ich wohl! fuhr die Dame eifrig fort. Nichts fehlt dir, gar
nichts, du bist ein ganz unglaublich undankbares Kind, und vor lauter Wohlsein
weit du nicht, was du noch alles anstellen willst!
    Aber jetzt kam dem Heidi alles oben auf, was in ihm war, und brach hervor:
Ich will ja nur heim, und wenn ich so lang nicht komme, so mu das Schneehppli
immer klagen und die Gromutter erwartet mich, und der Distelfink bekommt die
Rute, wenn der Geienpeter keinen Kse bekommt, und hier kann man gar nie sehen,
wie die Sonne gute Nacht sagt zu den Bergen; und wenn der Raubvogel in Frankfurt
obenber fliegen wrde, so wrde er noch viel lauter krchzen, da so viele
Menschen bei einander sitzen und einander bs machen und nicht auf den Felsen
gehen, wo es einem wohl ist.
    Barmherzigkeit, das Kind ist bergeschnappt! rief Frulein Rottenmeier aus
und strzte mit Schrecken die Treppe hinauf, wo sie sehr unsanft gegen den
Sebastian rannte, der eben hinunter wollte. Holen Sie auf der Stelle das
unglckliche Wesen herauf! rief sie ihm zu, indem sie sich den Kopf rieb, denn
sie war hart angestoen.
    Ja, ja, schon recht, danke schn, gab Sebastian zurck und rieb sich den
seinen, denn er war noch hrter angefahren.
    Heidi stand mit flammenden Augen noch auf derselben Stelle fest und zitterte
vor innerer Erregung am ganzen Krper.
    Na, schon wieder was angestellt? fragte Sebastian lustig; als er aber
Heidi, das sich nicht rhrte, recht ansah, klopfte er ihm freundlich auf die
Schulter und sagte trstend: Pah! pah! das mu sich das Mamsellchen nicht so zu
Herzen nehmen, nur lustig, das ist die Hauptsache! Sie hat mir eben jetzt auch
fast ein Loch in den Kopf gerannt; aber nur nicht einschchtern lassen! Na?
immer noch auf demselben Fleck? Wir mssen hinauf, sie hat's befohlen.
    Heidi ging nun die Treppe hinauf, aber langsam und leise und gar nicht wie
sonst seine Art war. Das tat dem Sebastian leid zu sehen; er ging hinter dem
Heidi her und sprach ermutigende Worte zu ihm: Nur nicht abgeben! Nur nicht
traurig werden! Nur immer tapfer darauf zu! Wir haben ja ein ganz vernnftiges
Mamsellchen, hat noch gar nie geweint, seit es bei uns ist; sonst weinen sie ja
zwlfmal im Tag in dem Alter, das kennt man. Die Ktzchen sind auch lustig
droben, die springen auf dem ganzen Estrich herum und tun wie nrrisch. Nachher
gehen wir mal zusammen hinauf und schauen ihnen zu, wenn die Dame drinnen weg
ist, ja?
    Heidi nickte ein wenig mit dem Kopf, aber so freudlos, da es dem Sebastian
recht zu Herzen ging und er ganz teilnehmend dem Heidi nachschaute, wie es nach
seinem Zimmer hinschlich.
    Am Abendessen heute sagte Frulein Rottenmeier kein Wort, aber fortwhrend
warf sie sonderbar wachsame Blicke zu Heidi hinber, so als erwartete sie, es
knnte pltzlich etwas Unerhrtes unternehmen; aber Heidi sa muschenstill am
Tisch und rhrte sich nicht, es a nicht und trank nicht; nur sein Brtchen
hatte es schnell in die Tasche gesteckt.
    Am folgenden Morgen, als der Herr Kandidat die Treppe heraufkam, winkte ihn
Frulein Rottenmeier geheimnisvoll ins Ezimmer herein, und hier teilte sie ihm
in groer Aufregung ihre Besorgnis mit, die Luftvernderung, die neue Lebensart
und die ungewohnten Eindrcke htten das Kind um den Verstand gebracht, und sie
erzhlte ihm von Heidis Fluchtversuch und wiederholte ihm von seinen sonderbaren
Reden, was sie noch wute. Aber der Herr Kandidat besnftigte und beruhigte
Frulein Rottenmeier, indem er sie versicherte, da er die Wahrnehmung gemacht
habe, die Adelheid sei zwar einerseits allerdings eher exzentrisch, aber
anderseits doch wieder bei richtigem Verstand, so da sich nach und nach bei
einer allseitig erwogenen Behandlung das ntige Gleichgewicht einstellen knne,
was er im Auge habe; er finde den Umstand wichtiger, da er durchaus nicht ber
das Abc hinauskomme mit ihr, indem sie die Buchstaben nicht zu fassen imstande
sei.
    Frulein Rottenmeier fhlte sich beruhigter und entlie den Herrn Kandidaten
zu seiner Arbeit. Am spteren Nachmittag stieg ihr die Erinnerung an Heidis
Aufzug bei seiner vorgehabten Abreise auf, und sie beschlo, die Gewandung des
Kindes durch verschiedene Kleidungsstcke der Klara in den ntigen Stand zu
setzen, bevor Herr Sesemann erscheinen wrde. Sie teilte ihre Gedanken darber
an Klara mit, und da diese mit allem einverstanden war und dem Heidi eine Menge
Kleider und Tcher und Hte schenken wollte, verfgte sich die Dame in Heidis
Zimmer, um seinen Kleiderschrank zu besehen und zu untersuchen, was da von dem
Vorhandenen bleiben und was entfernt werden solle. Aber in wenig Minuten kam sie
wieder zurck mit Gebrden des Abscheus. Was mu ich entdecken, Adelheid! rief
sie aus. Es ist nie dagewesen! In deinem Kleiderschrank, einem Schrank fr
Kleider, Adelheid, im Fu dieses Schrankes, was finde ich? Einen Haufen kleiner
Brote! Brot, sage ich, Klara, im Kleiderschrank! Und einen solchen Haufen
aufspeichern! - Tinette, rief sie jetzt ins Ezimmer hinaus, schaffen Sie
mir das alte Brot fort aus dem Schrank der Adelheid und den zerdrckten Strohhut
auf dem Tisch!
    Nein! Nein! schrie Heidi auf; ich mu den Hut haben, und die Brtchen
sind fr die Gromutter, und Heidi wollte der Tinette nachstrzen, aber es
wurde von Frulein Rottenmeier festgehalten.
    Du bleibst hier und der Kram wird hingebracht, wo er hingehrt, sagte sie
bestimmt und hielt das Kind zurck. Aber nun warf sich Heidi an Klaras Sessel
nieder und fing ganz verzweiflungsvoll zu weinen an, immer lauter und
schmerzlicher, und schluchzte ein Mal ums andere in seinem Jammer auf: Nun hat
die Gromutter keine Brtchen mehr. Sie waren fr die Gromutter, nun sind sie
alle fort und die Gromutter bekommt keine! und Heidi weinte auf, als wollte
ihm das Herz zerspringen. Frulein Rottenmeier lief hinaus. Klara wurde es angst
und bange bei dem Jammer. Heidi, Heidi, weine nur nicht so, sagte sie bittend,
hr mich nur! Jammere nur nicht so, sieh, ich verspreche dir, ich gebe dir
gerade so viel Brtchen fr die Gromutter, oder noch mehr, wenn du einmal
heimgehst, und dann sind diese frisch und weich, und die deinen wren ja ganz
hart geworden und waren es schon. Komm, Heidi, weine nur nicht mehr so!
    Heidi konnte noch lange nicht aus seinem Schluchzen herauskommen; aber es
verstand Klaras Trost und hielt sich daran, sonst htte es gar nicht mehr zu
weinen aufhren knnen. Es mute auch noch mehrere Male seiner Hoffnung gewi
werden und Klara, durch die letzten Anflle von Schluchzen unterbrochen, fragen:
Gibst du mir so viele, viele, wie ich hatte, fr die Gromutter?
    Und Klara versicherte immer wieder: Gewi, ganz gewi, noch mehr, sei nur
wieder froh!
    Noch zum Abendtisch kam Heidi mit den rot-verweinten Augen, und als es sein
Brtchen erblickte, mute es gleich noch einmal aufschluchzen. Aber es bezwang
sich jetzt mit Gewalt, denn es verstand, da es sich am Tisch ruhig verhalten
mute. Sebastian machte heute jedesmal die merkwrdigsten Gebrden, wenn er in
Heidis Nhe kam; er deutete bald auf seinen, bald auf Heidis Kopf, dann nickte
er wieder und kniff die Augen zu, so als wollte er sagen: Nur getrost! Ich
hab's schon gemerkt und besorgt.
    Als Heidi spter in sein Zimmer kam und in sein Bett steigen wollte, lag
sein zerdrcktes Strohhtchen unter der Decke versteckt. Mit Entzcken zog es
den alten Hut hervor, zerdrckte ihn vor lauter Freude noch ein wenig mehr und
versteckte ihn dann, in ein Taschentchlein eingewickelt, in die allerhinterste
Ecke seines Schrankes. Das Htchen hatte der Sebastian unter die Decke gesteckt;
er war zu gleicher Zeit mit Tinette im Ezimmer gewesen, als diese gerufen
wurde, und hatte Heidis Jammerruf vernommen. Dann war er Tinette nachgegangen,
und als sie aus Heidis Zimmer heraustrat mit ihrer Brotlast und dem Htchen oben
darauf, hatte er schnell dieses weggenommen und ihr zugerufen: Das will ich
schon forttun. Darauf hatte er es in aller Freude fr Heidi gerettet, was er
ihm beim Abendessen zur Erheiterung andeuten wollte.

    Der Hausherr hrt allerlei in seinem Hause, das er noch nicht gehrt hat


Einige Tage nach diesen Ereignissen war im Hause Sesemann groe Lebendigkeit und
ein eifriges Treppauf- und Treppabrennen, denn eben war der Hausherr von seiner
Reise zurckgekehrt und aus dem bepackten Wagen wurde von Sebastian und Tinette
eine Last nach der anderen hinaufgetragen, denn Herr Sesemann brachte immer eine
Menge schner Sachen mit nachhause.
    Er selbst war vor allem in das Zimmer seiner Tochter eingetreten, um sie zu
begren. Heidi sa bei ihr, denn es war die Zeit des spten Nachmittags, da die
beiden immer zusammen waren. Klara begrte ihren Vater mit groer Zrtlichkeit,
denn sie liebte ihn sehr, und der gute Papa grte sein Klrchen nicht weniger
liebevoll. Dann streckte er seine Hand dem Heidi entgegen, das sich leise in
eine Ecke zurckgezogen hatte, und sagte freundlich: Und das ist unsre kleine
Schweizerin; komm her, gib mir mal eine Hand! So ist's recht! Nun sag mir mal,
seid ihr auch gute Freunde zusammen, Klara und du? Nicht zanken und bse werden,
und dann weinen und dann vershnen, und dann wieder von vorn anfangen, nun?
    Nein, Klara ist immer gut mit mir, entgegnete Heidi.
    Und Heidi hat auch noch gar nie versucht, zu zanken, Papa, warf Klara
schnell ein.
    So ist's gut, das hr' ich gern, sagte der Papa, indem er aufstand. Nun
mut du aber erlauben, Klrchen, da ich etwas geniee; heute habe ich noch
nichts bekommen. Nachher komm' ich wieder zu dir und du sollst sehen, was ich
mitgebracht habe!
    Herr Sesemann trat ins Ezimmer ein, wo Frulein Rottenmeier den Tisch
berschaute, der fr sein Mittagsmahl gerstet war. Nachdem Herr Sesemann sich
niedergelassen und die Dame ihm gegenber Platz genommen hatte und aussah wie
ein lebendiges Migeschick, wandte sich der Hausherr zu ihr: Aber Frulein
Rottenmeier, was mu ich denken? Sie haben zu meinem Empfang ein wahrhaft
erschreckendes Gesicht aufgesetzt. Wo fehlt es denn? Klrchen ist ganz munter.
    Herr Sesemann, begann die Dame mit gewichtigem Ernst, Klara ist mit
betroffen, wir sind frchterlich getuscht worden.
    Wie so? fragte Herr Sesemann und trank in aller Ruhe einen Schluck Wein.
    Wir hatten ja beschlossen, wie Sie wissen, Herr Sesemann, eine Gespielin
fr Klara ins Haus zu nehmen, und da ich ja wei, wie sehr Sie darauf halten,
da nur Gutes und Edles Ihre Tochter umgebe, hatte ich meinen Sinn auf ein
junges Schweizermdchen gerichtet, indem ich hoffte, eines jener Wesen bei uns
eintreten zu sehen, von denen ich schon so oft gelesen, welche, der reinen
Bergluft entsprossen, so zu sagen, ohne die Erde zu berhren, durch das Leben
gehen.
    Ich glaube zwar, bemerkte hier Herr Sesemann, da auch die
Schweizerkinder den Erdboden berhren, wenn sie vorwrts kommen wollen; sonst
wren ihnen wohl Flgel gewachsen statt der Fe.
    Ach, Herr Sesemann, Sie verstehen mich wohl, fuhr das Frulein fort; ich
meinte eine jener so bekannten, in den hohen, reinen Bergregionen lebenden
Gestalten, die nur wie ein idealer Hauch an uns vorberziehen.
    Was sollte aber meine Klara mit einem idealen Hauch anfangen, Frulein
Rottenmeier?
    Nein, Herr Sesemann, ich scherze nicht, die Sache ist mir ernster, als Sie
denken; ich bin schrecklich, wirklich ganz schrecklich getuscht worden.
    Aber worin liegt denn das Schreckliche? So gar erschrecklich sieht mir das
Kind nicht aus, bemerkte ruhig Herr Sesemann.
    Sie sollten nur eines wissen, Herr Sesemann, nur das eine, mit was fr
Menschen und Tieren dieses Wesen Ihr Haus in Ihrer Abwesenheit bevlkert hat;
davon knnte der Herr Kandidat erzhlen.
    Mit Tieren? Wie mu ich das verstehen, Frulein Rottenmeier?
    Es ist eben nicht zu verstehen; die ganze Auffhrung dieses Wesens wre
nicht zu verstehen, wenn nicht aus dem einen Punkte, da es Anflle von vlliger
Verstandesgestrtheit hat.
    Bis hierher hatte Herr Sesemann die Sache nicht fr wichtig gehalten; aber
Gestrtheit des Verstandes? eine solche konnte ja fr seine Tochter die
bedenklichsten Folgen haben. Herr Sesemann schaute Frulein Rottenmeier sehr
genau an, so, als wollte er sich erst versichern, ob nicht etwa bei ihr eine
derartige Strung zu bemerken sei. In diesem Augenblick wurde die Tr aufgetan
und der Herr Kandidat angemeldet.
    Ah, da kommt unser Herr Kandidat, der wird uns Aufschlu geben! rief ihm
Herr Sesemann entgegen. Kommen Sie, kommen Sie, setzen Sie sich zu mir! Herr
Sesemann streckte dem Eintretenden die Hand entgegen. Der Herr Kandidat trinkt
eine Tasse schwarzen Kaffee mit mir, Frulein Rottenmeier! Setzen Sie sich,
setzen Sie sich, - keine Komplimente! Und nun sagen Sie mir, Herr Kandidat, was
ist mit dem Kinde, das als Gespielin meiner Tochter ins Haus gekommen ist und
das Sie unterrichten. Was hat es fr eine Bewandtnis mit den Tieren, die es ins
Haus gebracht, und wie steht es mit seinem Verstand?
    
    Der Herr Kandidat mute erst seine Freude ber Herrn Sesemanns glckliche
Rckkehr aussprechen und ihn willkommen heien, weswegen er ja gekommen war;
aber Herr Sesemann drngte ihn, da er ihm Aufschlu gebe ber die fraglichen
Punkte. So begann denn der Herr Kandidat: Wenn ich mich ber das Wesen dieses
jungen Mdchens aussprechen soll, Herr Sesemann, so mchte ich vor allem darauf
aufmerksam machen, da, wenn auch auf der einen Seite sich ein Mangel der
Entwicklung, welcher durch eine mehr oder weniger vernachlssigte Erziehung,
oder besser gesagt, etwas verspteten Unterricht verursacht und durch die mehr
oder weniger, jedoch durchaus nicht in jeder Beziehung zu verurteilende, im
Gegenteil ihre guten Seiten unstreitig dartuende Abgeschiedenheit eines lngeren
Alpenaufenthalts, welcher, wenn er nicht eine gewisse Dauer berschreitet, ja
ohne Zweifel seine gute Seite -
    Mein lieber Herr Kandidat, unterbrach hier Herr Sesemann, Sie geben sich
wirklich zu viel Mhe; sagen Sie mir, hat auch Ihnen das Kind einen Schrecken
beigebracht durch eingeschleppte Tiere, und was halten Sie berhaupt von diesem
Umgang fr mein Tchterchen?
    Ich mchte dem jungen Mdchen in keiner Art zu nahe treten, begann der
Herr Kandidat wieder, denn wenn es auch auf der einen Seite in einer Art von
gesellschaftlicher Unerfahrenheit, welche mit dem mehr oder weniger
unkultivierten Leben, in welchem das junge Mdchen bis zu dem Augenblick seiner
Versetzung nach Frankfurt sich bewegte, welche Versetzung allerdings in die
Entwicklung dieses, ich mchte sagen noch vllig, wenigstens teilweise
unentwickelten, aber anderseits mit nicht zu verachtenden Anlagen begabten und
wenn allseitig umsichtig geleitet -
    Entschuldigen Sie, Herr Kandidat, bitte, lassen Sie sich nicht stren, ich
werde - ich mu schnell einmal nach meiner Tochter sehen. Damit lief Herr
Sesemann zur Tr hinaus und kam nicht wieder. Drben im Studierzimmer setzte er
sich zu seinem Tchterchen hin; Heidi war aufgestanden. Herr Sesemann wandte
sich nach dem Kinde um: Hr mal, Kleine, hol mir doch schnell - wart einmal -
hol mir mal - (Herr Sesemann wute nicht recht, was er bedurfte, Heidi sollte
aber ein wenig ausgeschickt werden) - hol mir doch mal ein Glas Wasser.
    Frisches? fragte Heidi.
    Ja wohl! Ja wohl! Recht frisches! gab Herr Sesemann zurck. Heidi
verschwand.
    Nun, mein liebes Klrchen, sagte der Papa, indem er ganz nah an sein
Tchterchen heranrckte und dessen Hand in die seinige legte, sag du mir klar
und falich: was fr Tiere hat diese deine Gespielin ins Haus gebracht und warum
mu Frulein Rottenmeier denken, sie sei zeitweise nicht ganz recht im Kopf;
kannst du mir das sagen?
    Das konnte Klara, denn die erschrockene Dame hatte auch ihr von Heidis sich
verwirrenden Reden gesprochen, die aber fr Klara alle einen Sinn hatten. Sie
erzhlte erst dem Vater die Geschichten von der Schildkrte und den jungen
Katzen und erklrte ihm dann Heidis Reden, welche die Dame so erschreckt hatten.
Jetzt lachte Herr Sesemann herzlich. So willst du nicht, da ich das Kind
nachhaus' schicke, Klrchen, du bist seiner nicht mde? fragte der Vater.
    Nein, nein, Papa, tu nur das nicht! rief Klara abwehrend aus. Seit Heidi
da ist, begegnet immer etwas, jeden Tag und es ist so kurzweilig, ganz anders
als vorher, da begegnete nie etwas, und Heidi erzhlt mir auch so viel.
    Schon gut, schon gut, Klrchen, da kommt ja auch deine Freundin schon
wieder. Na, schnes, frisches Wasser geholt? fragte Herr Sesemann, da ihm Heidi
nun ein Glas Wasser hinstreckte.
    Ja, frisch vom Brunnen, antwortete Heidi.
    Du bist doch nicht selbst zum Brunnen gelaufen, Heidi? sagte Klara.
    Doch gewi, es ist ganz frisch, aber ich mute weit gehen, denn am ersten
Brunnen waren so viele Leute. Da ging ich die Strae ganz hinab, aber beim
zweiten waren wieder so viele Leute; da ging ich in die andere Strae hinein und
dort nahm ich Wasser, und der Herr mit den weien Haaren lt Herrn Sesemann
freundlich gren.
    Na, die Expedition ist gut, lachte Herr Sesemann, und wer ist denn der
Herr?
    Er kam beim Brunnen vorbei und dann stand er still und sagte: Weil du doch
ein Glas hast, so gib mir auch einmal zu trinken; wem bringst du dein Glas
Wasser? Und ich sagte: Herrn Sesemann. Da lachte er sehr stark, und dann sagte
er den Gru und auch noch, Herr Sesemann solle sich's schmecken lassen.
    So, und wer lt mir denn wohl den guten Wunsch sagen? Wie sah der Herr
denn weiter aus? fragte Herr Sesemann.
    Er lacht freundlich und hat eine dicke goldene Kette und ein goldenes Ding
hngt daran mit einem groen roten Stein und auf seinem Stock ist ein Rokopf.
    Das ist der Herr Doktor - Das ist mein alter Doktor, sagten Klara und
ihr Vater wie aus einem Munde, und Herr Sesemann lachte noch ein wenig in sich
hinein im Gedanken an seinen Freund und dessen Betrachtungen ber diese neue
Weise, seinen Wasserbedarf sich zufhren zu lassen.
    Noch an demselben Abend erklrte Herr Sesemann, als er allein mit Frulein
Rottenmeier im Ezimmer sa, um allerlei husliche Angelegenheiten mit ihr zu
besprechen, die Gespielin seiner Tochter werde im Hause bleiben; er finde, das
Kind sei in einem normalen Zustand und seine Gesellschaft sei seiner Tochter
sehr lieb und angenehmer, als jede andere. Ich wnsche daher, setzte Herr
Sesemann sehr bestimmt hinzu, da dieses Kind jederzeit durchaus freundlich
behandelt und seine Eigentmlichkeiten nicht als Vergehen betrachtet werden.
Sollten Sie brigens mit dem Kinde nicht allein fertig werden, Frulein
Rottenmeier, so ist ja eine gute Hilfe fr Sie in Aussicht, da in nchster Zeit
meine Mutter zu ihrem lngeren Aufenthalt in mein Haus kommt, und meine Mutter
wird mit jedem Menschen fertig, wie er sich auch anstelle, das wissen Sie ja
wohl, Frulein Rottenmeier?
    Ja wohl, das wei ich, Herr Sesemann, entgegnete die Dame, aber nicht mit
dem Ausdruck der Erleichterung im Hinblick auf die angezeigte Hilfe. -
    Herr Sesemann hatte diesmal nur eine kurze Zeit Ruhe zuhause, schon nach
vierzehn Tagen riefen ihn seine Geschfte wieder nach Paris, und er trstete
sein Tchterchen, das mit der nahen Abreise nicht einverstanden war, mit der
Aussicht auf die baldige Ankunft der Gromama, die schon nach einigen Tagen
erwartet werden konnte.
    Kaum war auch Herr Sesemann abgereist, als schon der Brief anlangte, der die
Abreise der Frau Sesemann aus Holstein, wo sie auf einem alten Gute wohnte,
anzeigte und die bestimmte Zeit ihrer Ankunft auf den folgenden Tag meldete,
damit der Wagen nach dem Bahnhof geschickt wrde, um sie abzuholen.
    Klara war voller Freude ber die Nachricht und erzhlte noch an demselben
Abend dem Heidi so viel und so lange von der Gromama, da Heidi auch anfing,
von der Gromama zu reden, worauf Frulein Rottenmeier Heidi mit Mibilligung
anblickte, was aber das Kind auf nichts Besonderes bezog, denn es fhlte sich
unter fortdauernder Mibilligung der Dame. Als es sich dann spter entfernte, um
in sein Schlafzimmer zu gehen, berief Frulein Rottenmeier es erst in das ihrige
herein und erklrte ihm hier, es habe niemals den Namen Gromama anzuwenden,
sondern wenn Frau Sesemann nun da sei, habe es sie stets gndige Frau
anzureden. Verstehst du das? fragte die Dame, als Heidi sie etwas zweifelhaft
ansah; sie gab ihm aber einen so abschlieenden Blick zurck, da Heidi sich
keine Erklrung mehr erbat, obschon es den Titel nicht verstanden hatte.

                                 Eine Gromama


Am folgenden Abend waren groe Erwartungen und lebhafte Vorbereitungen im Hause
Sesemann sichtbar, man konnte deutlich bemerken, da die erwartete Dame ein
bedeutendes Wort im Hause mitzusprechen hatte und da jedermann groen Respekt
vor ihr empfand. Tinette hatte ein ganz neues, weies Deckelchen auf den Kopf
gesetzt, und Sebastian raffte eine Menge von Schemeln zusammen und stellte sie
an alle passenden Stellen hin, damit die Dame gleich einen Schemel unter den
Fen finde, wohin sie sich auch setzen mge. Frulein Rottenmeier ging zur
Musterung der Dinge sehr aufrecht durch die Zimmer, so wie um anzudeuten, da,
wenn auch eine zweite Herrschermacht herannahe, die ihrige dennoch nicht am
Erlschen sei.
    Jetzt rollte der Wagen vor das Haus, und Sebastian und Tinette strzten die
Treppe hinunter; langsam und wrdevoll folgte Frulein Rottenmeier nach, denn
sie wute, da auch sie zum Empfang der Frau Sesemann zu erscheinen hatte. Heidi
war beordert worden, sich in sein Zimmer zurckzuziehen und da zu warten, bis es
gerufen wrde, denn die Gromutter wrde zuerst bei Klara eintreten und diese
wohl allein sehen wollen. Heidi setzte sich in einen Winkel und repetierte seine
Anrede. Es whrte gar nicht lange, so steckte die Tinette den Kopf ein klein
wenig unter Heidis Zimmertr und sagte kurz angebunden wie immer: Hinbergehen
ins Studierzimmer!
    Heidi hatte Frulein Rottenmeier nicht fragen drfen, wie es mit der Anrede
sei, aber es dachte, die Dame habe sich nur versprochen, denn es hatte bis jetzt
immer erst den Titel nennen gehrt und nachher den Namen; so hatte es sich nun
die Sache zurechtgelegt. Wie es die Tr zum Studierzimmer aufmachte, rief ihm
die Gromutter mit freundlicher Stimme entgegen: Ah, da kommt ja das Kind! Komm
mal her zu mir und la dich recht ansehen.
    Heidi trat heran, und mit seiner klaren Stimme sagte es sehr deutlich:
Guten Tag, Frau Gndige.
    Warum nicht gar! lachte die Gromama. Sagt man so bei euch? Hast du das
daheim auf der Alp gehrt?
    Nein, bei uns heit niemand so, erklrte Heidi ernsthaft.
    So, bei uns auch nicht, lachte die Gromama wieder und klopfte Heidi
freundlich auf die Wange. Das ist nichts! In der Kinderstube bin ich die
Gromama; so sollst du mich nennen, das kannst du wohl behalten, wie?
    Ja, das kann ich gut, versicherte Heidi, vorher hab' ich schon immer so
gesagt.
    So, so, verstehe schon! sagte die Gromama und nickte ganz lustig mit dem
Kopfe. Dann schaute sie Heidi genau an und nickte von Zeit zu Zeit wieder mit
dem Kopf, und Heidi guckte ihr auch ganz ernsthaft in die Augen, denn da kam
etwas so Herzliches heraus, da es dem Heidi ganz wohl machte, und die ganze
Gromama gefiel dem Heidi so, da es sie unverwandt anschauen mute. Sie hatte
so schne weie Haare und um den Kopf ging eine schne Spitzenkrause, und zwei
breite Bnder flatterten von der Haube weg und bewegten sich immer irgendwie, so
als ob stets ein leichter Wind um die Gromama wehe, was das Heidi ganz
besonders anmutete.
    Und wie heit du, Kind? fragte jetzt die Gromama.
    Ich heie nur Heidi; aber weil ich soll Adelheid heien, so will ich schon
achtgeben -; Heidi stockte, denn es fhlte sich ein wenig schuldig, da es noch
immer keine Antwort gab, wenn Frulein Rottenmeier unversehens rief: Adelheid!
indem es ihm noch immer nicht recht gegenwrtig war, da dies sein Name sei, und
Frulein Rottenmeier war eben ins Zimmer getreten.
    Frau Sesemann wird unstreitig billigen, fiel hier die eben Eingetretene
ein, da ich einen Namen whlen mute, den man doch aussprechen kann, ohne sich
selbst genieren zu mssen, schon um der Dienstboten willen.
    Werteste Rottenmeier, entgegnete Frau Sesemann, wenn ein Mensch einmal
Heidi heit und an den Namen gewhnt ist, so nenn' ich ihn so, und dabei
bleibt's!
    Es war Frulein Rottenmeier sehr genierlich, da die alte Dame sie bestndig
nur bei ihrem Namen nannte, ohne weitere Titulatur; aber da war nichts zu
machen; die Gromama hatte einmal ihre eigenen Wege, und diese ging sie, da half
kein Mittel dagegen. Auch ihre fnf Sinne hatte die Gromama noch ganz scharf
und gesund, und sie bemerkte, was im Hause vorging, sobald sie es betreten
hatte.
    Als am Tage nach ihrer Ankunft Klara sich zur gewohnten Zeit nach Tisch
niederlegte, setzte die Gromama sich neben sie auf einen Lehnstuhl und schlo
ihre Augen fr einige Minuten; dann stand sie schon wieder auf- denn sie war
gleich wieder munter - und trat ins Ezimmer hinaus; da war niemand. Die
schlft, sagte sie vor sich hin, ging dann nach dem Zimmer der Dame Rottenmeier
und klopfte krftig an die Tr. Nach einiger Zeit erschien diese und fuhr
erschrocken ein wenig zurck bei dem unerwarteten Besuch.
    Wo hlt sich das Kind auf um diese Zeit, und was tut es? das wollte ich
wissen, sagte Frau Sesemann.
    In seinem Zimmer sitzt es, wo es sich ntzlich beschftigen knnte, wenn es
den leisesten Ttigkeitstrieb htte; aber Frau Sesemann sollte nur wissen, was
fr verkehrtes Zeug sich dieses Wesen oft ausdenkt und wirklich ausfhrt, Dinge,
die ich in gebildeter Gesellschaft kaum erzhlen knnte.
    Das wrde ich gerade auch tun, wenn ich so da drinnen se, wie dieses
Kind, das kann ich Ihnen sagen, und Sie knnten zusehen, wie Sie mein Zeug in
gebildeter Gesellschaft erzhlen wollten! Jetzt holen Sie mir das Kind heraus
und bringen Sie mir's in meine Stube, ich will ihm einige hbsche Bcher geben,
die ich mitgebracht habe.
    Das ist ja gerade das Unglck, das ist es ja eben! rief Frulein
Rottenmeier aus und schlug die Hnde zusammen. Was sollte das Kind mit Bchern
tun? In all dieser Zeit hat es noch nicht einmal das Abc erlernt; es ist vllig
unmglich, diesem Wesen auch nur einen Begriff beizubringen, davon kann der Herr
Kandidat reden! Wenn dieser treffliche Mensch nicht die Geduld eines himmlischen
Engels bese, er htte diesen Unterricht lngst aufgegeben.
    So, das ist merkwrdig, das Kind sieht nicht aus wie eines, das das Abc
nicht erlernen kann, sagte Frau Sesemann. Jetzt holen Sie mir's herber, es
kann vorlufig die Bilder in den Bchern ansehen.
    Frulein Rottenmeier wollte noch einiges bemerken, aber Frau Sesemann hatte
sich schon umgewandt und ging rasch ihrem Zimmer zu. Sie mute sich sehr
verwundern ber die Nachricht von Heidis Beschrnktheit und gedachte, die Sache
zu untersuchen, jedoch nicht mit dem Herrn Kandidaten, den sie zwar um seines
guten Charakters willen sehr schtzte; sie grte ihn auch immer, wenn sie mit
ihm zusammentraf, beraus freundlich, lief dann aber sehr schnell auf eine
andere Seite, um nicht in ein Gesprch mit ihm verwickelt zu werden, denn seine
Ausdrucksweise war ihr ein wenig beschwerlich.
    Heidi erschien im Zimmer der Gromama und machte die Augen weit auf, als es
die prchtigen bunten Bilder in den groen Bchern sah, welche die Gromama
mitgebracht hatte. Auf einmal schrie Heidi laut auf, als die Gromama wieder ein
Blatt umgewandt hatte; mit glhendem Blick schaute es auf die Figuren, dann
strzten ihm pltzlich die hellen Trnen aus den Augen, und es fing gewaltig zu
schluchzen an. Die Gromama schaute das Bild an. Es war eine schne, grne
Weide, wo allerlei Tierlein herumweideten und an den grnen Gebschen nagten. In
der Mitte stand der Hirt, auf einen langen Stab gesttzt, der schaute den
frhlichen Tierchen zu. Alles war wie in Goldschimmer gemalt, denn hinten am
Horizont war eben die Sonne im Untergehen.
    Die Gromama nahm Heidi bei der Hand. Komm, komm, Kind, sagte sie in
freundlichster Weise, nicht weinen, nicht weinen. Das hat dich wohl an etwas
erinnert; aber sieh, da ist auch eine schne Geschichte dazu, die erzhl' ich
heut' Abend. Und da sind noch so viele schne Geschichten in dem Buch, die kann
man alle lesen und wiedererzhlen. Komm, nun mssen wir etwas besprechen
zusammen, trockne schn deine Trnen, so, und nun stell dich hier vor mich hin,
da ich dich recht ansehen kann; so ist's recht, nun sind wir wieder frhlich.
    Aber noch verging einige Zeit, bevor Heidi zu schluchzen aufhren konnte.
Die Gromama lie ihm auch eine gute Weile zur Erholung, nur sagte sie von Zeit
zu Zeit ermunternd: So, nun ist's gut, nun sind wir wieder froh zusammen.
    Als sie endlich das Kind beruhigt sah, sagte sie: Nun mut du mir was
erzhlen, Kind! Wie geht es denn beim Herrn Kandidaten in den
Unterrichtsstunden, lernst du auch gut und kannst du was?
    O nein, antwortete Heidi seufzend; aber ich wute schon, da man es nicht
lernen kann.
    Was kann man denn nicht lernen, Heidi, was meinst du? Lesen kann man
nicht lernen, es ist zu schwer.
    Das wre! Und woher weit du denn diese Neuigkeit?
    Der Peter hat es mir gesagt und er wei es schon, der mu immer wieder
probieren, aber er kann es nie lernen, es ist zu schwer.
    So, das ist mir ein eigener Peter, der! Aber sieh, Heidi, man mu nicht
alles nur so hinnehmen, was einem ein Peter sagt, man mu selbst probieren.
Gewi hast du nicht recht mit all deinen Gedanken dem Herrn Kandidaten zugehrt
und seine Buchstaben angesehen.
    Es ntzt nichts, versicherte Heidi mit dem Ton der vollen Ergebung in das
Unabnderliche.
    Heidi, sagte nun die Gromama, jetzt will ich dir etwas sagen: du hast
noch nie lesen gelernt, weil du deinem Peter geglaubt hast; nun aber sollst du
mir glauben, und ich sage dir fest und sicher, da du in kurzer Zeit lesen
lernen kannst, wie eine groe Menge von Kindern, die geartet sind wie du und
nicht wie der Peter. Und nun mut du wissen, was nachher kommt, wenn du dann
lesen kannst - du hast den Hirten gesehen auf der schnen, grnen Weide -;
sobald du nun lesen kannst, bekommst du das Buch, da kannst du seine ganze
Geschichte vernehmen, ganz so, als ob sie dir jemand erzhlte, alles, was er
macht mit seinen Schafen und Ziegen und was ihm fr merkwrdige Dinge begegnen.
Das mchtest du schon wissen, Heidi, nicht?
    Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehrt, und mit leuchtenden
Augen sagte es jetzt, tief Atem holend: O, wenn ich nur schon lesen knnte!
    Jetzt wird's kommen, und gar nicht lange wird's whren, das kann ich schon
sehen, Heidi, und nun mssen wir mal nach der Klara sehen; komm, die schnen
Bcher nehmen wir mit. Damit nahm die Gromama Heidi bei der Hand und ging mit
ihm nach dem Studierzimmer. -
    Seit dem Tage, da Heidi hatte heimgehen wollen und Frulein Rottenmeier es
auf der Treppe ausgescholten und ihm gesagt hatte, wie schlecht und undankbar es
sich erweise durch sein Fortlaufenwollen und wie gut es sei, da Herr Sesemann
nichts davon wisse, war mit dem Kinde eine Vernderung vorgegangen. Es hatte
begriffen, da es nicht heimgehen knne, wenn es wolle, wie ihm die Base gesagt
hatte, sondern da es in Frankfurt zu bleiben habe, lange, lange, vielleicht fr
immer. Es hatte auch verstanden, da Herr Sesemann es sehr undankbar von ihm
finden wrde, wenn es heimgehen wollte, und es dachte sich aus, da die Gromama
und Klara auch so denken wrden. So durfte es keinem Menschen sagen, da es
heimgehen mchte, denn da die Gromama, die so freundlich mit ihm war, auch
bse wrde, wie Frulein Rottenmeier geworden war, das wollte Heidi nicht
verursachen. Aber in seinem Herzen wurde die Last, die darinnen lag, immer
schwerer; es konnte nicht mehr essen, und jeden Tag wurde es ein wenig bleicher.
Am Abend konnte es oft lange, lange nicht einschlafen, denn sobald es allein war
und alles still ringsumher, kam ihm alles so lebendig vor die Augen, die Alm und
der Sonnenschein darauf und die Blumen; und schlief es endlich doch ein, so sah
es im Traum die roten Felsenspitzen am Falknis und das feurige Schneefeld an der
Schesaplana, und erwachte dann Heidi am Morgen und wollte voller Freude
hinausspringen aus der Htte - da war es auf einmal in seinem groen Bett in
Frankfurt, so weit, weit weg, und konnte nicht mehr heim. Dann drckte Heidi oft
seinen Kopf in das Kissen und weinte lang, ganz leise, da niemand es hre.
    Heidis freudloser Zustand entging der Gromama nicht. Sie lie einige Tage
vorbergehen und sah zu, ob die Sache sich ndere und das Kind sein
niedergeschlagenes Wesen verlieren wrde. Als es aber gleich blieb und die
Gromama manchmal am frhen Morgen schon sehen konnte, da Heidi geweint hatte,
da nahm sie eines Tages das Kind wieder in ihre Stube, stellte es vor sich hin
und sagte mit groer Freundlichkeit: Jetzt sag mir, was dir fehlt, Heidi; hast
du einen Kummer?
    Aber gerade dieser freundlichen Gromama wollte Heidi nicht sich so
undankbar zeigen, da sie vielleicht nachher gar nicht mehr so freundlich wre;
so sagte Heidi traurig: Man kann es nicht sagen.
    Nicht? Kann man es etwa der Klara sagen? fragte die Gromama.
    O nein, keinem Menschen, versicherte Heidi und sah dabei so unglcklich
aus, da es die Gromama erbarmte.
    Komm, Kind, sagte sie, ich will dir was sagen: Wenn man einen Kummer hat,
den man keinem Menschen sagen kann, so klagt man ihn dem lieben Gott im Himmel
und bittet ihn, da er helfe, denn er kann allem Leid abhelfen, das uns drckt.
Das verstehst du, nicht wahr? Du betest doch jeden Abend zum lieben Gott im
Himmel und dankst ihm fr alles Gute und bittest ihn, da er dich vor allem
Bsen behte?
    O nein, das tu' ich nie, antwortete das Kind.
    Hast du denn gar nie gebetet, Heidi, weit du nicht, was das ist?
    Nur mit der ersten Gromutter habe ich gebetet, aber es ist schon lang, und
jetzt habe ich es vergessen.
    Siehst du, Heidi, darum mut du so traurig sein, weil du jetzt gar
niemanden kennst, der dir helfen kann. Denk einmal nach, wie wohl das tun mu,
wenn einen im Herzen etwas immerfort drckt und qult und man kann so jeden
Augenblick zum lieben Gott hingehen und ihm alles sagen und ihn bitten, da er
helfe, wo uns sonst gar niemand helfen kann! Und er kann berall helfen und uns
geben, was uns wieder froh macht.
    Durch Heidis Augen fuhr ein Freudenstrahl: Darf man ihm alles, alles
sagen?
    Alles, Heidi, alles.
    Das Kind zog seine Hand aus den Hnden der Gromama und sagte eilig: Kann
ich gehen?
    Gewi! gewi! gab diese zur Antwort, und Heidi lief davon und hinber in
sein Zimmer, und hier setzte es sich auf seinen Schemel nieder und faltete seine
Hnde und sagte dem lieben Gott alles, was in seinem Herzen war und es so
traurig machte, und bat ihn dringend und herzlich, da er ihm helfe und es
wieder heimkommen lasse zum Grovater. -
    Es mochte etwas mehr als eine Woche verflossen sein seit diesem Tage, als
der Herr Kandidat begehrte, der Frau Sesemann seine Aufwartung zu machen, indem
er eine Besprechung ber einen merkwrdigen Gegenstand mit der Dame abzuhalten
gedachte. Er wurde auf ihre Stube berufen, und hier, wie er eintrat, streckte
ihm Frau Sesemann sogleich freundlich die Hand entgegen: Mein lieber Herr
Kandidat, seien Sie mir willkommen! setzen Sie sich her zu mir, hier - sie
rckte ihm den Stuhl zurecht. So, nun sagen Sie mir, was bringt Sie zu mir;
doch nichts Schlimmes, keine Klagen?
    Im Gegenteil, gndige Frau, begann der Herr Kandidat; es ist etwas
vorgefallen, das ich nicht mehr erwarten konnte und keiner, der einen Blick in
alles Vorhergegangene htte werfen knnen, denn nach allen Voraussetzungen mute
angenommen werden, da es eine vllige Unmglichkeit sein msse, was dennoch
jetzt wirklich geschehen ist und in der wunderbarsten Weise stattgefunden hat,
gleichsam im Gegensatz zu allem folgerichtig zu Erwartenden -
    Sollte das Kind Heidi etwa lesen gelernt haben, Herr Kandidat? setzte hier
Frau Sesemann ein.
    In sprachlosem Erstaunen schaute der berraschte Herr die Dame an. Es ist
ja wirklich vllig wunderbar, sagte er endlich, nicht nur, da das junge
Mdchen nach all meinen grndlichen Erklrungen und ungewhnlichen Bemhungen
das Abc nicht erlernt hat, sondern auch und besonders, da es jetzt in krzester
Zeit, nachdem ich mich entschlossen hatte, das Unerreichbare aus den Augen zu
lassen und ohne alle weitergreifenden Erluterungen nur noch so zu sagen die
nackten Buchstaben vor die Augen des jungen Mdchens zu bringen, so zu sagen
ber Nacht das Lesen erfat hat, und dann sogleich mit einer Korrektheit die
Worte liest, wie mir bei Anfngern noch selten vorgekommen ist. Fast ebenso
wunderbar ist mir die Wahrnehmung, da die gndige Frau gerade diese
fernliegende Tatsache als Mglichkeit vermutete.
    Es geschehen viele wunderbare Dinge im Menschenleben, besttigte Frau
Sesemann und lchelte vergnglich; es knnen auch einmal zwei Dinge glcklich
zusammentreffen, wie ein neuer Lerneifer und eine neue Lehrmethode, und beide
knnen nichts schaden, Herr Kandidat. Jetzt wollen wir uns freuen, da das Kind
so weit ist, und auf guten Fortgang hoffen.
    Damit begleitete sie den Herrn Kandidaten zur Tr hinaus und ging rasch nach
dem Studierzimmer, um sich selbst der erfreulichen Nachricht zu versichern.
Richtig sa hier Heidi neben Klara und las dieser eine Geschichte vor, sichtlich
selbst mit dem grten Erstaunen und mit einem wachsenden Eifer in die neue Welt
eindringend, die ihm aufgegangen war, nun ihm mit einemmal aus den schwarzen
Buchstaben Menschen und Dinge entgegentraten und Leben gewannen und zu
herzbewegenden Geschichten wurden. Noch am selben Abend, als man sich zu Tische
setzte, fand Heidi auf seinem Teller das groe Buch liegen mit den schnen
Bildern, und als es fragend nach der Gromama blickte, sagte diese freundlich
nickend: Ja, ja, nun gehrt es dir.
    Fr immer? Auch wenn ich heimgehe? fragte Heidi ganz rot vor Freude.
    Gewi, fr immer! versicherte die Gromama; morgen fangen wir an zu
lesen.
    Aber du gehst nicht heim, noch viele Jahre nicht, Heidi, warf Klara hier
ein; wenn nun die Gromama wieder fortgeht, dann mut du erst recht bei mir
bleiben.
    Noch vor dem Schlafengehen mute Heidi in seinem Zimmer sein schnes Buch
ansehen, und von dem Tage an war es sein Liebstes, ber seinem Buch zu sitzen
und immer wieder die Geschichten zu lesen, zu denen die schnen bunten Bilder
gehrten. Sagte am Abend die Gromama: Nun liest uns Heidi vor, so war das
Kind sehr beglckt, denn das Lesen ging ihm nun ganz leicht, und wenn es die
Geschichten laut vorlas, so kamen sie ihm noch viel schner und verstndlicher
vor, und die Gromama erklrte dann noch so vieles und erzhlte immer noch mehr
dazu. Am liebsten beschaute Heidi immer wieder seine grne Weide und den Hirten
mitten unter der Herde, wie er so vergnglich, auf seinen langen Stab gelehnt,
dastand, denn da war er noch bei der schnen Herde des Vaters und ging nur den
lustigen Schfchen und Ziegen nach, weil es ihn freute. Aber dann kam das Bild,
wo er, vom Vaterhaus weggelaufen, nun in der Fremde war und die Schweinchen
hten mute und ganz mager geworden war bei den Trebern, die er allein noch zu
essen bekam. Und auf dem Bilde schien auch die Sonne nicht mehr so golden, da
war das Land grau und nebelig. Aber dann kam noch ein Bild zu der Geschichte: da
kam der alte Vater mit ausgebreiteten Armen aus dem Hause heraus und lief dem
heimkehrenden reuigen Sohn entgegen, um ihn zu empfangen, der ganz furchtsam und
abgemagert in einem zerrissenen Wams daherkam. Das war Heidis
Lieblingsgeschichte, die es immer wieder las, laut und leise, und es konnte nie
genug der Erklrungen bekommen, welche die Gromama den Kindern dazu machte. Da
waren aber noch so viele schne Geschichten in dem Buch, und bei dem Lesen
derselben und dem Bilderbesehen gingen die Tage sehr schnell dahin, und schon
nahte die Zeit heran, welche die Gromama zu ihrer Abreise bestimmt hatte.

             Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab


Die Gromama hatte whrend der ganzen Zeit ihres Aufenthalts jeden Nachmittag,
wenn Klara sich hinlegte und Frulein Rottenmeier, wahrscheinlich der Ruhe
bedrftig, geheimnisvoll verschwand, sich einen Augenblick neben Klara
hingesetzt; aber schon nach fnf Minuten war sie wieder auf den Fen und hatte
dann immer Heidi auf ihre Stube berufen, sich mit ihm besprochen und es auf
allerlei Weise beschftigt und unterhalten. Die Gromama hatte hbsche kleine
Puppen und zeigte dem Heidi, wie man ihnen Kleider und Schrzchen macht, und
ganz unvermerkt hatte Heidi das Nhen erlernt und machte den kleinen
Frauenzimmern die schnsten Rcke und Mntelchen, denn die Gromama hatte immer
Zeugstcke von den prchtigsten Farben. Nun Heidi lesen konnte, durfte es auch
immer wieder der Gromama seine Geschichten vorlesen; das machte ihm die grte
Freude, denn je mehr es seine Geschichten las, desto lieber wurden sie ihm, denn
Heidi lebte alles ganz mit durch, was die Leute alle zu erleben hatten, und so
hatte es zu ihnen allen ein sehr nahes Verhltnis und freute sich immer wieder,
bei ihnen zu sein. Aber so recht froh sah Heidi nie aus, und seine lustigen
Augen waren nie mehr zu sehen.
    Es war die letzte Woche, welche die Gromama in Frankfurt zubringen wollte.
Sie hatte eben nach Heidi gerufen, da es auf ihre Stube komme; es war die Zeit,
da Klara schlief. Als Heidi eintrat mit seinem groen Buch unter dem Arm, winkte
ihm die Gromama, da es ganz nahe zu ihr herankomme, legte das Buch weg und
sagte: Nun komm, Kind, und sag mir, warum bist du nicht frhlich? Hast du immer
noch denselben Kummer im Herzen?
    Ja, nickte Heidi.
    Hast du ihn dem lieben Gott geklagt?
    Ja.
    Und betest du nun alle Tage, da alles gut werde und er dich froh mache?
    O nein, ich bete jetzt gar nie mehr.
    Was sagst du mir, Heidi? Was mu ich hren? Warum betest du denn nicht
mehr?
    Es ntzt nichts, der liebe Gott hat nicht zugehrt, und ich glaube es auch
wohl, fuhr Heidi in einiger Aufregung weiter, wenn nun am Abend so viele,
viele Leute in Frankfurt alle miteinander beten, so kann der liebe Gott ja nicht
auf alle achtgeben, und mich hat er gewi gar nicht gehrt.
    So, wie weit du denn das so sicher, Heidi?
    Ich habe alle Tage das gleiche gebetet, manche Woche lang, und der liebe
Gott es nie getan.
    Ja, so geht's nicht zu, Heidi! das mut du nicht meinen! Siehst du, der
liebe Gott ist fr uns alle ein guter Vater, der immer wei, was gut fr uns
ist, wenn wir es gar nicht wissen. Wenn wir aber nun etwas von ihm haben wollen,
das nicht gut fr uns ist, so gibt er uns das nicht, sondern etwas viel
Besseres, wenn wir fortfahren, so recht herzlich zu ihm zu beten, aber nicht
gleich weglaufen und alles Vertrauen zu ihm verlieren. Siehst du, was du nun von
ihm erbitten wolltest, das war in diesem Augenblick nicht gut fr dich; der
liebe Gott hat dich schon gehrt, er kann alle Menschen auf einmal anhren und
bersehen, siehst du, dafr ist er der liebe Gott und nicht ein Mensch, wie du
und ich. Und weil er nun wohl wute, was fr dich gut ist, dachte er bei sich:
Ja, das Heidi soll schon einmal haben, wofr es bittet, aber erst dann, wenn es
ihm gut ist, und so wie es darber recht froh werden kann. Denn wenn ich jetzt
tue, was es will, und es merkt nachher, da es doch besser gewesen wre, ich
htte ihm seinen Willen nicht getan, dann weint es nachher und sagt: Htte mir
doch der liebe Gott nur nicht gegeben, wofr ich bat, es ist gar nicht so gut,
wie ich gemeint habe. Und whrend nun der liebe Gott auf dich niedersah, ob du
ihm auch recht vertrautest und tglich zu ihm kommest und betest und immer zu
ihm aufsehest, wenn dir etwas fehlt, da bist du weggelaufen ohne alles
Vertrauen, hast nie mehr gebetet und hast den lieben Gott ganz vergessen. Aber
siehst du, wenn einer es so macht und der liebe Gott hrt seine Stimme gar nie
mehr unter den Betenden, so vergit er ihn auch und lt ihn gehen, wohin er
will. Wenn es ihm dabei aber schlecht geht und er jammert: Mir hilft aber auch
gar niemand! dann hat keiner Mitleiden mit ihm, sondern jeder sagt zu ihm: Du
bist ja selbst vom lieben Gott weggelaufen, der dir helfen konnte! Willst du's
so haben, Heidi, oder willst du gleich wieder zum lieben Gott gehen und ihn um
Verzeihung bitten, da du so von ihm weggelaufen bist, und dann alle Tage zu ihm
beten und ihm vertrauen, da er alles gut fr dich machen werde, so da du auch
wieder ein frohes Herz bekommen kannst?
    Heidi hatte sehr aufmerksam zugehrt; jedes Wort der Gromama fiel in sein
Herz, denn zu ihr hatte das Kind ein unbedingtes Vertrauen.
    Ich will jetzt gleich auf der Stelle gehen und den lieben Gott um
Verzeihung bitten, und ich will ihn nie mehr vergessen, sagte Heidi reumtig.
    So ist's recht, Kind, er wird dir auch helfen zur rechten Zeit, sei nur
getrost! ermunterte die Gromama, und Heidi lief sofort in sein Zimmer hinber
und betete ernstlich und reuig zum lieben Gott und bat ihn, da er es doch nicht
vergessen und auch wieder zu ihm niederschauen mge. -
    Der Tag der Abreise war gekommen, es war fr Klara und Heidi ein trauriger
Tag; aber die Gromama wute es so einzurichten, da sie gar nicht zum
Bewutsein kamen, da es eigentlich ein trauriger Tag sei, sondern es war eher
wie ein Festtag, bis die gute Gromama im Wagen davonfuhr. Da trat eine Leere
und Stille im Hause ein, als wre alles vorber, und so lange noch der Tag
whrte, saen Klara und Heidi wie verloren da und wuten gar nicht, wie es nun
weiter kommen sollte.
    Am folgenden Tag, als die Unterrichtsstunden vorbei und die Zeit da war, da
die Kinder gewhnlich zusammensaen, trat Heidi mit seinem Buch unter dem Arm
herein und sagte: Ich will dir nun immer, immer vorlesen; willst du, Klara?
    Der Klara war der Vorschlag recht fr einmal, und Heidi machte sich mit
Eifer an seine Ttigkeit. Aber es ging nicht lange, so hrte schon wieder alles
auf, denn kaum hatte Heidi eine Geschichte zu lesen begonnen, die von einer
sterbenden Gromutter handelte, als es auf einmal laut aufschrie: O, nun ist
die Gromutter tot! und in ein jammervolles Weinen ausbrach, denn alles, was es
las, war dem Heidi volle Gegenwart und es glaubte nicht anders, als nun sei die
Gromutter auf der Alm gestorben, und es klagte in immer lauterem Weinen: Nun
ist die Gromutter tot, und ich kann nie mehr zu ihr gehen, und sie hat nicht
ein einziges Brtchen mehr bekommen!
    Klara suchte immerfort dem Heidi zu erklren, da es ja nicht die Gromutter
auf der Alm sei, sondern eine ganz andere, von der diese Geschichte handle; aber
auch, als sie endlich dazu gekommen war, dem aufgeregten Heidi diese
Verwechslung klar zu machen, konnte es sich doch nicht beruhigen und weinte
immer noch untrstlich weiter, denn der Gedanke war ihm nun im Herzen erwacht,
die Gromutter knne ja sterben, whrend es so weit weg sei, und der Grovater
auch noch, und wenn es dann nach langer Zeit wieder heimkomme, so sei alles
still und tot auf der Alm und es stehe ganz allein da und knne niemals mehr die
sehen, die ihm lieb waren. Whrenddessen war Frulein Rottenmeier ins Zimmer
getreten und hatte noch Klaras Bemhungen, Heidi ber seinen Irrtum aufzuklren,
mitangehrt. Als das Kind aber immer noch nicht aufhren konnte, zu schluchzen,
trat sie mit sichtlichen Zeichen der Ungeduld zu den Kindern heran und sagte mit
bestimmtem Ton: Adelheid, nun ist des grundlosen Geschreis genug! Ich will dir
eines sagen: wenn du noch ein einziges Mal beim Lesen deiner Geschichten solchen
Ausbrchen den Lauf lssest, so nehme ich das Buch aus deinen Hnden und fr
immer!
    Das machte Eindruck. Heidi wurde ganz wei vor Schrecken, das Buch war sein
hchster Schatz. Es trocknete in grter Eile seine Trnen und schluckte und
wrgte sein Schluchzen mit Gewalt hinunter, so da kein Tnchen mehr laut wurde.
Das Mittel hatte geholfen, Heidi weinte nie mehr, was es auch lesen mochte; aber
manchmal hatte es solche Anstrengungen zu machen, um sich zu berwinden und
nicht aufzuschreien, da Klara fter ganz erstaunt sagte: Heidi, du machst so
schreckliche Grimassen, wie ich noch nie gesehen habe. Aber die Grimassen
machten keinen Lrm und fielen der Dame Rottenmeier nicht auf, und wenn Heidi
seinen Anfall von verzweiflungsvoller Traurigkeit niedergerungen hatte, kam
alles wieder ins Geleise fr einige Zeit und war tonlos vorbergegangen. Aber
seinen Appetit verlor Heidi so sehr und sah so mager und bleich aus, da der
Sebastian fast nicht ertragen konnte, das so mit anzusehen und Zeuge sein zu
mssen, wie Heidi bei Tisch die schnsten Gerichte an sich vorbergehen lie und
nichts essen wollte. Er flsterte ihm auch fter ermunternd zu, wenn er ihm eine
Schssel hinhielt: Nehmen von dem, Mamsellchen, 's ist vortrefflich. Nicht so!
Einen rechten Lffel voll, noch einen! und dergleichen vterlicher Rte mehr;
aber es half nichts: Heidi a fast gar nicht mehr, und wenn es sich am Abend auf
sein Kissen legte, so hatte es augenblicklich alles vor Augen, was daheim war,
und nur ganz leise weinte es dann vor Sehnsucht in sein Kissen hinein, so da es
gar niemand hren konnte.
    So ging eine lange Zeit dahin. Heidi wute gar nie, ob es Sommer oder Winter
sei, denn die Mauern und Fenster, die es aus allen Fenstern des Hauses Sesemann
erblickte, sahen immer gleich aus, und hinaus kam es nur, wenn es Klara
besonders gut ging und eine Ausfahrt im Wagen mit ihr gemacht werden konnte, die
aber immer sehr kurz war, denn Klara konnte nicht vertragen, lang zu fahren. So
kam man kaum aus den Mauern und Steinstraen heraus, sondern kehrte gewhnlich
vorher wieder um und fuhr immerfort durch groe, schne Straen, wo Huser und
Menschen in Flle zu sehen waren, aber nicht Gras und Blumen, keine Tannen und
keine Berge, und Heidis Verlangen nach dem Anblick der schnen gewohnten Dinge
steigerte sich mit jedem Tage mehr, so da es jetzt nur den Namen eines dieser
Erinnerung weckenden Worte zu lesen brauchte, so war schon ein Ausbruch des
Schmerzes nahe, und Heidi hatte mit aller Gewalt dagegen zu ringen. So waren
Herbst und Winter vergangen, und schon blendete die Sonne wieder so stark auf
die weien Mauern am Hause gegenber, da Heidi ahnte, nun sei die Zeit nahe, da
der Peter wieder zur Alm fhre mit den Geien, da die goldenen Cystusrschen
glitzerten droben im Sonnenschein und allabendlich ringsum alle Berge im Feuer
stnden. Heidi setzte sich in seinem einsamen Zimmer in einen Winkel und hielt
sich mit beiden Hnden die Augen zu, da es den Sonnenschein drben an der Mauer
nicht sehe; und so sa es regungslos, sein brennendes Heimweh lautlos
niederkmpfend, bis Klara wieder nach ihm rief.

                           Im Hause Sesemann spukt's


Seit einigen Tagen wanderte Frulein Rottenmeier meistens schweigend und in sich
gekehrt im Haus herum. Wenn sie um die Zeit der Dmmerung von einem Zimmer ins
andere, oder ber den langen Korridor ging, schaute sie fters um sich, gegen
die Ecken hin und auch schnell einmal hinter sich, so, als denke sie, es knnte
jemand leise hinter ihr herkommen und sie unversehens am Rock zupfen. So allein
ging sie aber nur noch in den bewohnten Rumen herum. Hatte sie auf dem oberen
Boden, wo die feierlich aufgersteten Gastzimmer lagen, oder gar in den unteren
Rumen etwas zu besorgen, wo der groe geheimnisvolle Saal war, in dem jeder
Tritt einen weithin schallenden Widerhall gab und die alten Ratsherren mit den
groen, weien Kragen so ernsthaft und unverwandt auf einen niederschauten, da
rief sie nun regelmig die Tinette herbei und sagte ihr, sie habe mitzukommen,
im Fall etwas von dort herauf- oder von oben herunterzutragen wre. Tinette
ihrerseits machte es pnktlich ebenso; hatte sie oben oder unten irgendein
Geschft abzutun, so rief sie den Sebastian herbei und sagte ihm, er habe sie zu
begleiten, es mchte etwas herbeizubringen sein, das sie nicht allein tragen
knnte. Wunderbarerweise tat auch Sebastian accurat dasselbe; wurde er in die
abgelegenen Rume geschickt, so holte er den Johann herauf und wies ihn an, ihn
zu begleiten, im Fall er nicht herbeischaffen knnte, was erforderlich sei. Und
jedes folgte immer ganz willig dem Ruf, obschon eigentlich nie etwas
herbeizutragen war, so da jedes gut htte allein gehen knnen; aber es war so,
als denke der Herbeigerufene immer bei sich, er knne den anderen auch bald fr
denselben Dienst ntig haben. Whrend sich solches oben zutrug, stand unten die
langjhrige Kchin tiefsinnig bei ihren Tpfen und schttelte den Kopf und
seufzte: Da ich das noch erleben mute!
    Es ging im Hause Sesemann seit einiger Zeit etwas ganz Seltsames und
Unheimliches vor. Jeden Morgen, wenn die Dienerschaft herunterkam, stand die
Haustr weit offen; aber weit und breit war niemand zu sehen, der mit dieser
Erscheinung im Zusammenhang stehen konnte. In den ersten Tagen, da dies
geschehen war, wurden gleich mit Schrecken alle Zimmer und Rume des Hauses
durchsucht, um zu sehen, was alles gestohlen sei, denn man dachte, ein Dieb habe
sich im Hause verstecken knnen und sei in der Nacht mit dem Gestohlenen
entflohen; aber da war gar nichts fortgekommen, es fehlte im ganzen Hause nicht
ein einziges Ding. Abends wurde nicht nur die Tr doppelt zugeriegelt, sondern
es wurde noch der hlzerne Balken vorgeschoben - es half nichts: am Morgen stand
die Tr weit offen; und so frh nun auch die ganze Dienerschaft in ihrer
Aufregung am Morgen herunterkommen mochte: die Tr stand offen, wenn auch
ringsum alles noch im tiefen Schlaf lag und Fenster und Tren an allen anderen
Husern noch fest verrammelt waren. Endlich faten sich der Johann und der
Sebastian ein Herz und machten sich auf die dringenden Zureden der Dame
Rottenmeier bereit, die Nacht unten in dem Zimmer, das an den groen Saal stie,
zuzubringen und zu erwarten, was geschehe. Frulein Rottenmeier suchte mehrere
Waffen des Herrn Sesemann hervor und bergab dem Sebastian eine groe
Liqueurflasche, damit Strkung vorausgehen und gute Wehr nachfolgen knne, wo
sie ntig sei.
    Die beiden setzten sich an dem festgesetzten Abend hin und fingen gleich an,
sich Strkung zuzutrinken, was sie erst sehr gesprchig und dann ziemlich
schlfrig machte, worauf sie beide sich an die Sesselrcken lehnten und
verstummten. Als die alte Turmuhr drben zwlf schlug, ermannte sich Sebastian
und rief seinen Kameraden an; der war aber nicht leicht zu erwecken; so oft ihn
Sebastian anrief, legte er seinen Kopf von einer Seite der Sessellehne auf die
andere und schlief weiter. Sebastian lauschte nunmehr gespannt, er war nun
wieder ganz munter geworden. Es war alles muschenstill, auch von der Strae war
kein Laut mehr zu hren. Sebastian entschlief nicht wieder, denn jetzt wurde es
ihm sehr unheimlich in der groen Stille und er rief den Johann nur noch mit
gedmpfter Stimme an und rttelte ihn von Zeit zu Zeit ein wenig. Endlich, als
es droben schon ein Uhr geschlagen hatte, war der Johann wach geworden und
wieder zum klaren Bewutsein gekommen, warum er auf dem Stuhl sitze und nicht in
seinem Bett liege. Jetzt fuhr er auf einmal sehr tapfer empor und rief: Nun,
Sebastian, wir mssen doch einmal hinaus und sehen, wie's steht; du wirst dich
ja nicht frchten. Nur mir nach.
    Johann machte die leicht angelehnte Zimmertr weit auf und trat hinaus. Im
gleichen Augenblick blies aus der offenen Haustr ein scharfer Luftzug her und
lschte das Licht aus, das der Johann in der Hand hielt. Dieser strzte zurck,
warf den hinter ihm stehenden Sebastian beinah' rcklings ins Zimmer hinein, ri
ihn dann mit, schlug die Tr zu und drehte in fieberhafter Eile den Schlssel
um, so lang er nur umging. Dann ri er seine Streichhlzer hervor und zndete
sein Licht wieder an. Sebastian wute gar nicht recht, was vorgefallen war, denn
hinter dem breiten Johann stehend, hatte er den Luftzug nicht so deutlich
empfunden. Wie er aber jenen nun bei Licht besah, tat er einen Schreckensruf,
denn der Johann war kreidewei und zitterte wie Espenlaub. Was ist's denn? Was
war denn drauen? fragte der Sebastian teilnehmend.
    Sperrangelweit offen die Tr, keuchte Johann, und auf der Treppe eine
weie Gestalt, siehst du, Sebastian, nur so die Treppe hinauf - husch und
verschwunden.
    Dem Sebastian gruselte es den ganzen Rcken hinauf. Jetzt setzten sich die
beiden ganz nah zusammen und regten sich nicht mehr, bis da der helle Morgen da
war und es auf der Strae anfing, lebendig zu werden. Dann traten sie zusammen
hinaus, machten die weit offenstehende Haustr zu und stiegen dann hinauf, um
Frulein Rottenmeier Bericht zu erstatten ber das Erlebte. Die Dame war auch
schon zu sprechen, denn die Erwartung der zu vernehmenden Dinge hatte sie nicht
mehr schlafen lassen. Sobald sie nun vernommen hatte, was vorgefallen war,
setzte sie sich hin und schrieb einen Brief an Herrn Sesemann, wie er noch
keinen erhalten hatte; er mge sich nur sogleich, ohne Verzug, aufmachen und
nachhause zurckkehren, denn da geschhen unerhrte Dinge. Dann wurde ihm das
Vorgefallene mitgeteilt, sowie auch die Nachricht, da fortgesetzt die Tr jeden
Morgen offen stehe; da also keiner im Hause seines Lebens mehr sicher sei bei
dergestalt allnchtlich offenstehender Hauspforte, und da man berhaupt nicht
absehen knne, was fr dunkle Folgen dieser unheimliche Vorgang noch nach sich
ziehen knne. Herr Sesemann antwortete umgehend, es sei ihm unmglich, so
pltzlich alles liegen zu lassen und nachhause zu kommen. Die
Gespenstergeschichte sei ihm sehr befremdend, er hoffe auch, sie sei
vorbergehend; sollte es indessen keine Ruhe geben, so mge Frulein Rottenmeier
an Frau Sesemann schreiben und sie fragen, ob sie nicht nach Frankfurt zuhilfe
kommen wollte; gewi wrde seine Mutter in krzester Zeit mit den Gespenstern
fertig, und diese trauten sich nachher sicher so bald nicht wieder, sein Haus zu
beunruhigen. Frulein Rottenmeier war nicht zufrieden mit dem Ton dieses
Briefes; die Sache war ihr zu wenig ernst aufgefat. Sie schrieb unverzglich an
Frau Sesemann, aber von dieser Seite her tnte es nicht eben befriedigender, und
die Antwort enthielt einige ganz anzgliche Bemerkungen. Frau Sesemann schrieb,
sie gedenke nicht extra von Holstein nach Frankfurt hinunterzureisen, weil die
Rottenmeier Gespenster sehe. brigens sei niemals ein Gespenst gesehen worden im
Hause Sesemann, und wenn jetzt eines darin herumfahre, so knne es nur ein
lebendiges sein, mit dem die Rottenmeier sich sollte verstndigen knnen; wo
nicht, so solle sie die Nachtwchter zuhilfe rufen.
    Aber Frulein Rottenmeier war entschlossen, ihre Tage nicht mehr in
Schrecken zuzubringen, und sie wute sich zu helfen. Bis dahin hatte sie den
beiden Kindern nichts von der Geistererscheinung gesagt, denn sie befrchtete,
die Kinder wrden vor Furcht Tag und Nacht keinen Augenblick mehr allein bleiben
wollen, und das konnte sehr unbequeme Folgen fr sie haben. Jetzt ging sie
stracks ins Studierzimmer hinber, wo die beiden zusammensaen, und erzhlte mit
gedmpfter Stimme von den nchtlichen Erscheinungen eines Unbekannten. Sofort
schrie Klara auf, sie bleibe keinen Augenblick mehr allein, der Papa msse
nachhause kommen und Frulein Rottenmeier msse zum Schlafen in ihr Zimmer
hinberziehen, und Heidi drfe auch nicht mehr allein sein, sonst knne das
Gespenst einmal zu ihm kommen und ihm etwas tun; sie wollten alle in einem
Zimmer schlafen und die ganze Nacht das Licht brennen lassen, und Tinette mte
nebenan schlafen und der Sebastian und der Johann mten auch herunterkommen und
auf dem Korridor schlafen, da sie gleich schreien und das Gespenst erschrecken
knnten, wenn es etwa die Treppe heraufkommen wollte. Klara war sehr aufgeregt
und Frulein Rottenmeier hatte nun die grte Mhe, sie etwas zu beschwichtigen.
Sie versprach ihr, sogleich an den Papa zu schreiben und auch ihr Bett in Klaras
Zimmer stellen und sie nie mehr allein lassen zu wollen. Alle konnten sie nicht
in demselben Raume schlafen, aber wenn Adelheid sich auch frchten sollte, so
mte Tinette ihr Nachtlager bei ihr aufschlagen. Aber Heidi frchtete sich mehr
vor der Tinette, als vor Gespenstern, von denen das Kind noch gar nie etwas
gehrt hatte, und es erklrte gleich, es frchte das Gespenst nicht und wolle
schon allein in seinem Zimmer bleiben. Hierauf eilte Frulein Rottenmeier an
ihren Schreibtisch und schrieb an Herrn Sesemann, die unheimlichen Vorgnge im
Hause, die allnchtlich sich wiederholten, htten die zarte Konstitution seiner
Tochter dergestalt erschttert, da die schlimmsten Folgen zu besorgen seien;
man habe Beispiele von pltzlich eintretenden epileptischen Zufllen, oder
Veitstanz in solchen Verhltnissen, und seine Tochter sei allem ausgesetzt, wenn
dieser Zustand des Schreckens im Hause nicht gehoben werde.
    Das half. Zwei Tage darauf stand Herr Sesemann vor seiner Tr und schellte
dergestalt an seiner Hausglocke, da alles zusammenlief und einer den anderen
anstarrte, denn man glaubte nicht anders, als nun lasse der Geist frecherweise
noch vor Nacht seine boshaften Stcke aus. Sebastian guckte ganz behutsam durch
einen halbgeffneten Laden von oben herunter; in dem Augenblick schellte es noch
einmal so nachdrcklich, da jeder unwillkrlich eine Menschenhand hinter dem
tchtigen Ruck vermutete. Sebastian hatte die Hand erkannt, strzte durchs
Zimmer, kopfber die Treppe hinunter, kam aber unten wieder auf die Fe und ri
die Haustr auf. Herr Sesemann grte kurz und stieg ohne weiteres nach dem
Zimmer seiner Tochter hinauf. Klara empfing den Papa mit einem lauten
Freudenruf, und als er sie so munter und vllig unverndert sah, glttete sich
seine Stirn, die er vorher sehr zusammengezogen hatte, und immer mehr, als er
nun von ihr selbst hrte, sie sei so wohl wie immer und sie sei so froh, da er
gekommen sei, da es ihr jetzt ganz recht sei, da ein Geist im Haus herumfahre,
weil er doch daran schuld sei, da der Papa heimkommen mute.
    Und wie fhrt sich das Gespenst weiter auf, Frulein Rottenmeier? fragte
nun Herr Sesemann mit einem lustigen Ausdruck in den Mundwinkeln.
    Nein, Herr Sesemann, entgegnete die Dame ernst, es ist kein Scherz. Ich
zweifle nicht daran, da morgen Herr Sesemann nicht mehr lachen wird; denn was
in dem Hause vorgeht, deutet auf Frchterliches, das hier in vergangener Zeit
mu vorgegangen und verheimlicht worden sein.
    So, davon wei ich nichts, bemerkte Herr Sesemann, mu aber bitten, meine
vllig ehrenwerten Ahnen nicht verdchtigen zu wollen. Und nun rufen Sie mir den
Sebastian ins Ezimmer, ich will allein mit ihm reden.
    Herr Sesemann ging hinber und Sebastian erschien. Es war Herrn Sesemann
nicht entgangen, da Sebastian und Frulein Rottenmeier sich nicht eben mit
Zuneigung betrachteten; so hatte er seine Gedanken.
    Komm Er her, Bursche, winkte er dem Eintretenden entgegen, und sag Er mir
nun ganz ehrlich: hat Er nicht etwa selbst ein wenig Gespenst gespielt, so um
Frulein Rottenmeier etwas Kurzweil zu machen, he?
    Nein, meiner Treu, das mu der gndige Herr nicht glauben; es ist mir
selbst nicht ganz gemtlich bei der Sache, entgegnete Sebastian mit
unverkennbarer Ehrlichkeit.
    Nun, wenn es so steht, so will ich morgen Ihm und dem tapferen Johann
zeigen, wie Gespenster beim Licht aussehen. Schme Er sich, Sebastian, ein
junger, krftiger Bursch, wie Er ist, vor Gespenstern davonzulaufen! Nun geh Er
unverzglich zu meinem alten Freund, Doktor Classen: meine Empfehlung und er
mchte unfehlbar heut' Abend neun Uhr bei mir erscheinen; ich sei extra von
Paris hergereist, um ihn zu konsultieren. Er msse die Nacht bei mir wachen, so
schlimm sei's; er solle sich richten! Verstanden, Sebastian?
    Ja wohl, ja wohl! der gndige Herr kann sicher sein, da ich's gut mache.
Damit entfernte sich Sebastian, und Herr Sesemann kehrte zu seinem Tchterchen
zurck, um ihr alle Furcht vor einer Erscheinung zu benehmen, die er noch heute
ins ntige Licht stellen wollte.
    Punkt neun Uhr, als die Kinder zur Ruhe gegangen und auch Frulein
Rottenmeier sich zurckgezogen hatte, erschien der Doktor, der unter seinen
grauen Haaren noch ein recht frisches Gesicht und zwei lebhaft und freundlich
blickende Augen zeigte. Er sah etwas ngstlich aus, brach aber gleich nach
seiner Begrung in ein helles Lachen aus und sagte, seinem Freunde auf die
Schulter klopfend: Nun, nun, fr einen, bei dem man wachen soll, siehst du noch
leidlich aus, Alter.
    Nur Geduld, Alter, gab Herr Sesemann zurck; derjenige, fr den du wachen
mut, wird schon schlimmer aussehen, wenn wir ihn erst abgefangen haben.
    Also doch ein Kranker im Haus und dazu einer, der eingefangen werden mu?
    Weit schlimmer, Doktor, weit schlimmer. Ein Gespenst im Hause, bei mir
spukt's!
    Der Doktor lachte laut auf.
    Schne Teilnahme das, Doktor! fuhr Herr Sesemann fort; schade, da meine
Freundin Rottenmeier sie nicht genieen kann. Sie ist fest berzeugt, da ein
alter Sesemann hier herumrumort und Schauertaten abbt.
    Wie hat sie ihn aber nur kennen gelernt? fragte der Doktor noch immer sehr
erheitert.
    Herr Sesemann erzhlte nun seinem Freunde den ganzen Vorgang und wie noch
jetzt allnchtlich die Haustr geffnet werde, nach der Angabe der smtlichen
Hausbewohner, und fgte hinzu, um fr alle Flle vorbereitet zu sein, habe er
zwei gutgeladene Revolver in das Wachtlokal legen lassen; denn entweder sei die
Sache ein sehr unerwnschter Scherz, den sich vielleicht irgendein Bekannter der
Dienerschaft mache, um die Leute des Hauses in Abwesenheit des Hausherrn zu
erschrecken - dann knnte ein kleiner Schrecken, wie ein guter Schu ins Leere,
ihm nicht unheilsam sein -; oder auch es handle sich um Diebe, die auf diese
Weise erst den Gedanken an Gespenster aufkommen lassen wollten, um nachher um so
sicherer zu sein, da niemand sich herauswage - in diesem Falle knnte eine gute
Waffe auch nicht schaden.
    Whrend dieser Erklrungen waren die Herren die Treppe hinuntergestiegen und
traten in dasselbe Zimmer ein, wo Johann und Sebastian auch gewacht hatten. Auf
dem Tische standen einige Flaschen schnen Weines, denn eine kleine Strkung von
Zeit zu Zeit konnte nicht unerwnscht sein, wenn die Nacht da zugebracht werden
mute. Daneben lagen die beiden Revolver, und zwei, ein helles Licht
verbreitende Armleuchter standen mitten auf dem Tisch, denn so im Halbdunkel
wollte Herr Sesemann das Gespenst denn doch nicht erwarten.
    Nun wurde die Tr ans Schlo gelehnt, denn zu viel Licht durfte nicht in den
Korridor hinausflieen, es konnte das Gespenst verscheuchen. Jetzt setzten sich
die Herren gemtlich in ihre Lehnsthle und fingen an, sich allerlei zu
erzhlen, nahmen auch hier und da dazwischen einen guten Schluck, und so schlug
es zwlf Uhr, eh' sie sich's versahen.
    Das Gespenst hat uns gewittert und kommt wohl heut' gar nicht, sagte der
Doktor jetzt.
    Nur Geduld, es soll erst um ein Uhr kommen, entgegnete der Freund.
    Das Gesprch wurde wieder aufgenommen. Es schlug ein Uhr. Ringsum war es
vllig still, auch auf den Straen war aller Lrm verklungen. Auf einmal hob der
Doktor den Finger empor.
    Bst, Sesemann, hrst du nichts?
    Sie lauschten beide. Leise, aber ganz deutlich hrten sie, wie der Balken
zurckgeschoben, dann der Schlssel zweimal im Schlo umgedreht, jetzt die Tr
geffnet wurde. Herr Sesemann fuhr mit der Hand nach seinem Revolver.
    Du frchtest dich doch nicht? sagte der Doktor und stand auf.
    Behutsam ist besser, flsterte Herr Sesemann, erfate mit der Linken den
Armleuchter mit drei Kerzen, mit der Rechten den Revolver und folgte dem Doktor,
der, gleichermaen mit Leuchter und Schiegewehr bewaffnet, voranging. Sie
traten auf den Korridor hinaus.
    Durch die weitgeffnete Tr flo ein bleicher Mondschein herein und
beleuchtete eine weie Gestalt, die regungslos auf der Schwelle stand.
    Wer da? donnerte jetzt der Doktor heraus, da es durch den ganzen Korridor
hallte, und beide Herren traten nun mit Lichtern und Waffen auf die Gestalt
heran. Sie kehrte sich um und tat einen leisen Schrei. Mit bloen Fen im
weien Nachtkleidchen stand Heidi da, schaute mit verwirrten Blicken in die
hellen Flammen und auf die Waffen und zitterte und bebte wie ein Blttlein im
Winde von oben bis unten. Die Herren schauten einander in groem Erstaunen an.
    Ich glaube wahrhaftig, Sesemann, es ist deine kleine Wassertrgerin, sagte
der Doktor.
    Kind, was soll das heien? fragte nun Herr Sesemann. Was wolltest du tun?
Warum bist du hier herunter gekommen?
    Schneewei vor Schrecken stand Heidi vor ihm und sagte fast tonlos: Ich
wei nicht.
    Jetzt trat der Doktor vor: Sesemann, der Fall gehrt in mein Gebiet; geh,
setz dich einstweilen in deinen Lehnstuhl drinnen, ich will vor allem das Kind
hinbringen, wo es hingehrt.
    Damit legte er seinen Revolver auf den Boden, nahm das zitternde Kind ganz
vterlich bei der Hand und ging mit ihm der Treppe zu.
    Nicht frchten, nicht frchten, sagte er freundlich im Hinaufsteigen, nur
ganz ruhig sein, da ist gar nichts Schlimmes dabei, nur getrost sein.
    In Heidis Zimmer eingetreten, stellte der Doktor seinen Leuchter auf den
Tisch, nahm Heidi auf den Arm, legte es in sein Bett hinein und deckte es
sorgfltig zu. Dann setzte er sich auf den Sessel am Bett und wartete, bis Heidi
ein wenig beruhigt war und nicht mehr an allen Gliedern bebte. Dann nahm er das
Kind bei der Hand und sagte begtigend: So, nun ist alles in Ordnung, nun sag
mir auch noch, wo wolltest du denn hin?
    Ich wollte gewi nirgends hin, versicherte Heidi; ich bin auch gar nicht
selbst hinuntergegangen, ich war nur auf einmal da.
    So, so, und hast du etwa getrumt in der Nacht, weit du, so, da du
deutlich etwas sahst und hrtest?
    Ja, jede Nacht trumt es mir und immer gleich. Dann mein' ich, ich sei beim
Grovater, und drauen hr' ich's in den Tannen sausen und denke: jetzt glitzern
so schn die Sterne am Himmel, und ich laufe geschwind und mache die Tr auf an
der Htte und da ist's so schn! Aber wenn ich erwache, bin ich immer noch in
Frankfurt. Heidi fing schon an zu kmpfen und zu schlucken an dem Gewicht, das
den Hals hinaufstieg.
    Hm, und tut dir denn auch nichts weh, nirgends? Nicht im Kopf oder im
Rcken?
    O nein, nur hier drckt es so wie ein groer Stein immerfort.
    Hm, etwa so, wie wenn man etwas gegessen hat und wollte es nachher lieber
wieder zurckgeben?
    Nein, so nicht, aber so schwer, wie wenn man stark weinen sollte.
    So, so, und weinst du denn so recht heraus?
    O nein, das darf man nicht, Frulein Rottenmeier hat es verboten.
    Dann schluckst du's herunter zum andern, nicht wahr, so? Richtig! Nun, du
bist doch recht gern in Frankfurt, nicht?
    O ja, war die leise Antwort; sie klang aber so, als bedeute sie eher das
Gegenteil.
    Hm, und wo hast du mit deinem Grovater gelebt?
    Immer auf der Alm.
    So, da ist's doch nicht so besonders kurzweilig, eher ein wenig langweilig,
nicht?
    O nein, da ist's so schn, so schn! Heidi konnte nicht weiter; die
Erinnerung, die eben durchgemachte Aufregung, das langverhaltene Weinen
berwltigten die Krfte des Kindes; gewaltsam strzten ihm die Trnen aus den
Augen und es brach in ein lautes, heftiges Schluchzen aus.
    Der Doktor stand auf; er legte freundlich Heidis Kopf auf das Kissen nieder
und sagte: So, noch ein klein wenig weinen, das kann nichts schaden, und dann
schlafen, ganz frhlich einschlafen; morgen wird alles gut. Dann verlie er das
Zimmer.
    Wieder unten in die Wachtstube eingetreten, lie er sich dem harrenden
Freunde gegenber in den Lehnstuhl nieder und erklrte dem mit gespannter
Erwartung Lauschenden: Sesemann, dein kleiner Schtzling ist erstens
mondschtig; vllig unbewut hat er dir allnchtlich als Gespenst die Haustr
aufgemacht und deiner ganzen Mannschaft die Fieber des Schreckens ins Gebein
gejagt. Zweitens wird das Kind vom Heimweh verzehrt, so da es schon jetzt fast
zum Geripplein abgemagert ist und es noch vllig werden wrde; also schnelle
Hilfe! Fr das erste bel und die in hohem Grade stattfindende Nervenaufregung
gibt es nur ein Heilmittel, nmlich, da du sofort das Kind in die heimatliche
Bergluft zurckversetzest; fr das zweite gibt's ebenfalls nur eine Medizin,
nmlich ganz dieselbe. Demnach reist das Kind morgen ab, das ist mein Rezept.
    Herr Sesemann war aufgestanden. In grter Aufregung lief er das Zimmer auf
und ab; jetzt brach er aus: Mondschtig! Krank! Heimweh! abgemagert in meinem
Hause! das alles in meinem Hause! und niemand sieht zu und wei etwas davon! Und
du, Doktor, du meinst, das Kind, das frisch und gesund in mein Haus gekommen
ist, schicke ich elend und abgemagert seinem Grovater zurck? Nein, Doktor, das
kannst du nicht verlangen, das tu' ich nicht, das werde ich nie tun. Jetzt nimm
das Kind in die Hand, mach Kuren mit ihm, mach, was du willst, aber mach es mir
heil und gesund, dann will ich es heimschicken, wenn es will; aber erst hilf
du!
    Sesemann, entgegnete der Doktor ernsthaft, bedenke, was du tust! Dieser
Zustand ist keine Krankheit, die man mit Pulvern und Pillen heilt. Das Kind hat
keine zhe Natur, indessen, wenn du es jetzt gleich wieder in die krftige
Bergluft hinaufschickst, an die es gewhnt ist, so kann es wieder vllig
gesunden; wenn nicht - du willst nicht, da das Kind dem Grovater unheilbar,
oder gar nicht mehr zurckkomme?
    Herr Sesemann war erschrocken stehen geblieben: Ja, wenn du so redest,
Doktor, dann ist nur ein Weg, dann mu sofort gehandelt werden. Mit diesen
Worten nahm Herr Sesemann den Arm seines Freundes und wanderte mit ihm hin und
her, um die Sache noch weiter zu besprechen. Dann brach der Doktor auf, um
nachhause zu gehen, denn es war unterdessen viel Zeit vergangen, und durch die
Haustr, die diesmal vom Herrn des Hauses aufgeschlossen wurde, drang schon der
helle Morgenschimmer herein.

                          Am Sommerabend die Alm hinan


Herr Sesemann stieg in groer Erregtheit die Treppe hinauf und wanderte mit
festem Schritt zum Schlafgemach der Dame Rottenmeier. Hier klopfte er so
ungewhnlich krftig an die Tr, da die Bewohnerin mit einem Schreckensruf aus
dem Schlaf auffuhr. Sie hrte die Stimme des Hausherrn drauen: Bitte sich zu
beeilen und im Ezimmer zu erscheinen, es mu sofort eine Abreise vorbereitet
werden.
    Frulein Rottenmeier schaute auf ihre Uhr, es war halb fnf des Morgens; zu
solcher Stunde war sie in ihrem Leben noch nie aufgestanden. Was konnte nur
vorgefallen sein? Vor Neugierde und angstvoller Erwartung nahm sie alles
verkehrt in die Hand und kam durchaus nicht vorwrts, denn was sie einmal auf
den Leib gebracht hatte, suchte sie nachher rastlos im Zimmer herum.
    Unterdessen ging Herr Sesemann den Korridor entlang und zog mit aller Kraft
an jedem Glockenzug, der je fr die verschiedenen Glieder der Dienerschaft
angebracht war, so da in jedem der betreffenden Zimmer eine Schreckensgestalt
aus dem Bett sprang und verkehrt in die Kleider fuhr, denn einer wie der andere
dachte sogleich, das Gespenst habe irgendwie den Hausherrn gepackt und dies sei
sein Hilferuf. So kamen sie nach und nach, einer schauerlicher aussehend als der
andere, herunter und stellten sich mit Erstaunen vor den Hausherrn hin, denn
dieser ging frisch und munter im Ezimmer auf und ab und sah keineswegs aus, als
habe ihn ein Gespenst erschreckt. Johann wurde sofort hingeschickt, Pferde und
Wagen in Ordnung zu bringen und sie nachher vorzufhren. Tinette erhielt den
Auftrag, sogleich Heidi aufzuwecken und es in den Stand zu stellen, eine Reise
anzutreten. Sebastian erhielt den Auftrag, nach dem Hause zu eilen, wo Heidis
Base im Dienst stand, und diese herbeizuholen. Frulein Rottenmeier war
unterdessen zurechtgekommen mit ihrem Anzug, und alles sa, wie es mute, nur
die Haube sa verkehrt auf dem Kopf, so da es von weitem aussah, als sitze ihr
das Gesicht auf dem Rcken. Herr Sesemann schrieb den rtselhaften Anblick dem
frhen Schlafbrechen zu und ging unverweilt an die Geschftsverhandlungen. Er
erklrte der Dame, sie habe ohne Zgern einen Koffer zur Stelle zu schaffen, die
smtliche Habe des Schweizerkindes hineinzupacken - so nannte Herr Sesemann
gewhnlich das Heidi, dessen Name ihm etwas ungewohnt war -, dazu noch einen
guten Teil von Klaras Zeug, damit das Kind was Rechtes mitbringe; es msse aber
alles schnell und ohne langes Besinnen vor sich gehen.
    Frulein Rottenmeier blieb vor berraschung wie in den Boden eingewurzelt
stehen und starrte Herrn Sesemann an. Sie hatte erwartet, er wolle ihr im
Vertrauen die Mitteilung einer schauerlichen Geistergeschichte machen, die er in
der Nacht erlebt und die sie eben jetzt bei dem hellen Morgenlicht nicht ungern
gehrt htte; statt dessen diese vllig prosaischen und dazu noch sehr
unbequemen Auftrge. So schnell konnte sie das Unerwartete nicht bewltigen.
Sprachlos stand sie immer noch da und erwartete ein Weiteres.
    Aber Herr Sesemann hatte keine Erklrungen im Sinn; er lie die Dame stehen,
wo sie stand, und ging nach dem Zimmer seiner Tochter.
    Wie er vermutet hatte, war diese durch die ungewhnliche Bewegung im Hause
wach geworden und lauschte nach allen Seiten hin, was wohl vorgehe. Der Vater
setzte sich nun an ihr Bett und erzhlte ihr den ganzen Verlauf der
Geistererscheinung und da Heidi nach des Doktors Ausspruch sehr angegriffen sei
und wohl nach und nach seine nchtlichen Wanderungen ausdehnen, vielleicht gar
das Dach besteigen wrde, was dann mit den hchsten Gefahren verbunden wre. Er
habe also beschlossen, das Kind sofort heimzuschicken, denn solche Verantwortung
knne er nicht auf sich nehmen, und Klara msse sich dareinfinden, sie sehe ja
ein, da es nicht anders sein knne.
    Klara war sehr schmerzlich berrascht von der Mitteilung und wollte erst
allerlei Auswege finden, aber es half nichts, der Vater blieb fest bei seinem
Entschlu, versprach aber, im nchsten Jahre mit Klara nach der Schweiz zu
reisen, wenn sie nun recht vernnftig sei und keinen Jammer erhebe. So ergab
sich Klara in das Unvermeidliche, begehrte aber zum Ersatz, da der Koffer fr
Heidi in ihr Zimmer gebracht und da gepackt werde, damit sie hineinstecken
knne, was ihr Freude mache, was der Papa sehr gern bewilligte, ja er ermunterte
Klara noch, dem Kinde eine schne Aussteuer zurechtzumachen. Unterdessen war die
Base Dete angelangt und stand in groer Erwartung im Vorzimmer, denn da sie um
diese ungewhnliche Zeit einberufen worden war, mute etwas Auerordentliches
bedeuten. Herr Sesemann trat zu ihr heraus und erklrte ihr, wie es mit Heidi
stehe, und da er wnsche, sie mchte das Kind sofort, gleich heute noch,
nachhause bringen. Die Base sah sehr enttuscht aus; diese Nachricht hatte sie
nicht erwartet. Sie erinnerte sich auch noch recht wohl der Worte, die ihr der
hi mit auf den Weg gegeben hatte, da sie ihm nie mehr vor die Augen kommen
solle, und so das Kind dem Alten einmal bringen und dann nehmen und dann
wiederbringen, das schien ihr nicht ganz geraten zu sein. Sie besann sich also
nicht lange, sondern sagte mit groer Beredsamkeit, heute wre es ihr leider
vllig unmglich, die Reise anzutreten, und morgen knnte sie noch weniger daran
denken, und die Tage darauf wre es am allerunmglichsten, um der
darauffallenden Geschfte willen, und nachher knnte sie dann gar nicht mehr.
Herr Sesemann verstand die Sprache und entlie die Base ohne weiteres. Nun lie
er den Sebastian vortreten und erklrte ihm, er habe sich unverzglich zur Reise
zu rsten; heute habe er mit dem Kinde bis nach Basel zu fahren, morgen bringe
er es heim. Dann knne er sogleich wieder umkehren, zu berichten habe er nichts,
ein Brief an den Grovater werde diesem alles erklren.
    Nun aber noch eine Hauptsache, Sebastian, schlo Herr Sesemann, und da
Er mir das pnktlich besorgt! Den Gasthof in Basel, den ich Ihm hier auf meine
Karte geschrieben, kenne ich. Er weist meine Karte vor, dann wird Ihm ein gutes
Zimmer angewiesen werden fr das Kind; fr sich selbst wird Er schon sorgen.
Dann geht Er erst in des Kindes Zimmer hinein und verrammelt alle Fenster so
vollstndig, da nur groe Gewalt sie aufzubringen vermchte. Ist das Kind zu
Bett, so geht Er und schliet von auen die Tr ab, denn das Kind wandert herum
in der Nacht und knnte Gefahr laufen in dem fremden Haus, wenn es etwa
hinausginge und die Haustr aufmachen wollte; versteht Er das?
    Ah! ah! ah! das war's? so war's? stie Sebastian jetzt in grter
Verwunderung aus, denn es war ihm eben ein groes Licht aufgegangen ber die
Geistererscheinung.
    Ja, so war's! das war's! und Er ist ein Hasenfu, und dem Johann kann Er
sagen, er sei desgleichen und alle miteinander eine lcherliche Mannschaft.
Damit ging Herr Sesemann nach seiner Stube, setzte sich hin und schrieb einen
Brief an den Alm-hi.
    Sebastian war verdutzt mitten im Zimmer stehen geblieben und wiederholte
jetzt zu fteren Malen in seinem Innern: Htt' ich mich doch von dem Feigling
von einem Johann nicht in die Wachtstube hineinreien lassen, sondern wre dem
weien Figrchen nachgegangen, was ich doch jetzt unzweifelhaft tun wrde! denn
jetzt beleuchtete die helle Sonne jeden Winkel der hellgrauen Stube mit voller
Klarheit.
    Unterdessen stand Heidi vllig ahnungslos in seinem Sonntagsrckchen und
wartete ab, was geschehen sollte, denn die Tinette hatte es nur aus dem Schlafe
aufgerttelt, die Kleider aus dem Schrank genommen und das Anziehen gefrdert,
ohne ein Wort zu sagen. Sie sprach niemals mit dem ungebildeten Heidi, denn das
war ihr zu gering.
    Herr Sesemann trat mit seinem Brief ins Ezimmer ein, wo das Frhstck
bereit stand, und rief: Wo ist das Kind?
    Heidi wurde gerufen. Als es zu Herrn Sesemann herantrat, um ihm guten
Morgen zu sagen, schaute er ihm fragend ins Gesicht: Nun, was sagst du denn
dazu, Kleine?
    Heidi blickte verwundert zu ihm auf.
    Du weit am Ende noch gar nichts, lachte Herr Sesemann. Nun, heut' gehst
du heim, jetzt gleich.
    Heim? wiederholte Heidi tonlos und wurde schneewei, und eine kleine Weile
konnte es gar keinen Atem mehr holen, so stark wurde sein Herz von dem Eindruck
gepackt.
    Nun, willst du etwa nichts wissen davon? fragte Herr Sesemann lchelnd.
    O ja, ich will schon, kam jetzt heraus, und nun war Heidi dunkelrot
geworden.
    Gut, gut, sagte Herr Sesemann ermunternd, indem er sich setzte und Heidi
winkte, dasselbe zu tun. Und nun tchtig frhstcken und hernach in den Wagen
und fort.
    Aber Heidi konnte keinen Bissen herunterbringen, wie es sich auch zwingen
wollte aus Gehorsam; es war in einem Zustand von Aufregung, da es gar nicht
wute, ob es wache oder trume, und ob es vielleicht wieder auf einmal erwachen
und im Nachthemdchen an der Haustr stehen werde.
    Sebastian soll reichlich Proviant mitnehmen, rief Herr Sesemann Frulein
Rottenmeier zu, die eben eintrat; das Kind kann nicht essen,
begreiflicherweise. - Geh hinber zu Klara, bis der Wagen vorfhrt, setzte er
freundlich, zu Heidi gewandt, hinzu.
    Das war Heidis Wunsch: es sprang hinber. Mitten in Klaras Zimmer war ein
ungeheurer Koffer zu sehen, noch stand dessen Deckel weit offen.
    Komm, Heidi, komm, rief ihm Klara entgegen; sieh, was ich dir habe
einpacken lassen, komm, freut's dich?
    Und sie nannte ihm eine ganze Menge von Dingen, Kleider und Schrzen, Tcher
und Nhgert, und sieh hier, Heidi, und Klara hob triumphierend einen Korb in
die Hhe. Heidi guckte hinein und sprang hoch auf vor Freude, denn drinnen lagen
wohl zwlf schne, weie, runde Brtchen, alle fr die Gromutter. Die Kinder
vergaen in ihrem Jubel ganz, da nun der Augenblick komme, da sie sich trennen
muten, und als mit einemmal der Ruf erschallte: Der Wagen ist bereit! - da
war keine Zeit mehr zum Traurigwerden. Heidi lief in sein Zimmer, da mute noch
ein schnes Buch von der Gromama liegen, niemand konnte es eingepackt haben,
denn es lag unter dem Kopfkissen, weil Heidi Tag und Nacht sich nicht davon
trennen konnte. Das wurde in den Korb auf die Brtchen gelegt. Dann machte es
seinen Schrank auf; noch suchte es nach einem Gute, das man vielleicht auch
nicht eingepackt hatte. Richtig - auch das alte rote Tuch lag noch da, Frulein
Rottenmeier hatte es zu gering erachtet, um mit eingepackt zu werden. Heidi
wickelte es um einen anderen Gegenstand und legte es zuoberst auf den Korb, so
da das rote Paket sehr sichtbar zur Erscheinung kam. Dann setzte es sein
schnes Htchen auf und verlie sein Zimmer.
    Die beiden Kinder muten sich schnell Lebewohl sagen, denn Herr Sesemann
stand schon da, um Heidi nach dem Wagen zu bringen. Frulein Rottenmeier stand
oben an der Treppe, um hier Heidi zu verabschieden. Als sie das seltsame rote
Bndelchen erblickte, nahm sie es schnell aus dem Korb heraus und warf es auf
den Boden.
    Nein, Adelheid, sagte sie tadelnd, so kannst du nicht reisen von diesem
Hause aus; solches Zeug brauchst du berhaupt nicht mitzuschleppen. Nun lebe
wohl.
    Auf dieses Verbot hin durfte Heidi sein Bndelchen nicht wieder aufnehmen,
aber es schaute mit einem flehentlichen Blick zu dem Hausherrn auf, so, als
wollte man ihm seinen grten Schatz nehmen.
    Nein, nein, sagte Herr Sesemann in sehr bestimmtem Tone, das Kind soll
mit heimtragen, was ihm Freude macht, und sollte es auch junge Katzen oder
Schildkrten mit fortschleppen, so wollen wir uns darber nicht aufregen,
Frulein Rottenmeier.
    Heidi hob eilig sein Bndelchen wieder vom Boden auf, und Dank und Freude
leuchteten ihm aus den Augen. Unten am Wagen reichte Herr Sesemann dem Kinde die
Hand und sagte ihm mit freundlichen Worten, sie wrden seiner gedenken, er und
seine Tochter Klara; er wnschte ihm alles Gute auf den Weg, und Heidi dankte
recht schn fr alle Guttaten, die ihm zuteil geworden waren, und zum Schlu
sagte es: Und den Herrn Doktor lasse ich tausendmal gren und ihm auch
vielmals danken. Denn es hatte sich wohl gemerkt, wie er gestern Abend gesagt
hatte: Und morgen wird alles gut. Nun war es so gekommen, und Heidi dachte, er
habe dazu geholfen.
    Jetzt wurde das Kind in den Wagen gehoben und der Korb und die
Provianttasche und der Sebastian kamen nach. Herr Sesemann rief noch einmal
freundlich: Glckliche Reise! und der Wagen rollte davon.
    Bald nachher sa Heidi in der Eisenbahn und hielt unbeweglich seinen Korb
auf dem Schoe fest, denn es wollte ihn nicht einen Augenblick aus den Hnden
lassen, seine kostbaren Brtchen fr die Gromutter waren ja darin, die mute es
sorglich hten und von Zeit zu Zeit einmal wieder ansehen und sich freuen
darber. Heidi sa muschenstille whrend mehrerer Stunden, denn erst jetzt kam
es recht zum Bewutsein, da es auf dem Wege sei heim zum Grovater, auf die
Alm, zur Gromutter, zum Geienpeter, und nun kam ihm alles vor Augen, eins nach
dem anderen, was es wiedersehen werde, und wie alles aussehen werde daheim, und
dabei stiegen ihm wieder neue Gedanken auf, und auf einmal sagte es ngstlich:
Sebastian, ist auch sicher die Gromutter auf der Alm nicht gestorben?
    Nein, nein, beruhigte dieser, wollen's nicht hoffen, wird schon noch am
Leben sein.
    Dann fiel Heidi wieder in sein Sinnen zurck; nur hier und da guckte es
einmal in seinen Korb hinein, denn alle die Brtchen der Gromutter auf den
Tisch legen, war sein Hauptgedanke. Nach lngerer Zeit sagte es wieder:
Sebastian, wenn man nur auch ganz sicher wissen knnte, da die Gromutter noch
am Leben ist.
    Ja wohl! Ja wohl! entgegnete der Begleiter halb schlafend; wird schon
noch leben, wte auch gar nicht, warum nicht.
    Nach einiger Zeit drckte der Schlaf auch Heidis Augen zu, und nach der
vergangenen unruhigen Nacht und dem frhen Aufstehen war es so schlafbedrftig,
da es erst wieder erwachte, als Sebastian es tchtig am Arm schttelte und ihm
zurief: Erwachen! Erwachen! Gleich aussteigen, in Basel angekommen!
    Am folgenden Morgen ging's weiter, viele Stunden lang. Heidi sa wieder mit
seinem Korb auf dem Scho, den es um keinen Preis dem Sebastian bergeben
wollte; aber heute sagte es gar nichts mehr, denn nun wurde mit jeder Stunde die
Erwartung gespannter. Dann auf einmal, als Heidi gar nicht daran dachte, ertnte
laut der Ruf: Maienfeld! Es sprang von seinem Sitz auf, und dasselbe tat
Sebastian, der auch berrascht worden war. Jetzt standen sie drauen, der Koffer
mit ihnen, und der Bahnzug pfiff weiter ins Tal hinein. Sebastian sah ihm
wehmtig nach, denn er wre viel lieber so sicher und ohne Mhe weitergereist,
als da er nun eine Fupartie unternehmen sollte, die dazu noch mit einer
Bergbesteigung enden mute, die sehr beschwerlich und dazu gefahrvoll sein
konnte in diesem Lande, wo doch alles noch halb wild war, wie Sebastian annahm.
Er schaute daher sehr vorsichtig um sich, wen er etwa beraten knnte ber den
sichersten Weg nach dem Drfli. Unweit des kleinen Stationsgebudes stand ein
kleiner Leiterwagen mit einem mageren Rlein davor; auf diesen wurden von einem
breitschultrigen Manne ein paar groe Scke aufgeladen, die mit der Bahn
hergebracht worden waren. Sebastian trat zu ihm heran und brachte seine Frage
nach dem sichersten Weg zum Drfli vor.
    Hier sind alle Wege sicher, war die kurze Antwort.
    Jetzt fragte Sebastian nach dem besten Wege, auf dem man gehen knne, ohne
in die Abgrnde zu strzen, und auch wie man einen Koffer nach dem betreffenden
Drfli befrdern knnte. Der Mann schaute nach dem Koffer hin und ma ihn ein
wenig mit den Augen; dann erklrte er, wenn das Ding nicht zu schwer sei, so
wolle er es auf seinen Wagen nehmen, da er selbst nach dem Drfli fahre, und so
gab noch ein Wort das andere, und endlich kamen die beiden berein, der Mann
solle Kind und Koffer mit auf seinen Wagen nehmen, und nachher vom Drfli aus
knne das Kind am Abend mit irgendjemand auf die Alm geschickt werden.
    Ich kann allein gehen, ich wei schon den Weg vom Drfli auf die Alm,
sagte hier Heidi, das mit Aufmerksamkeit der Verhandlung zugehrt hatte. Dem
Sebastian fiel eine schwere Last vom Herzen, als er sich so auf einmal seiner
Aussicht auf das Bergklettern entledigt sah. Er winkte nun Heidi geheimnisvoll
auf die Seite und berreichte ihm hier eine schwere Rolle und einen Brief an den
Grovater, und erklrte ihm, die Rolle sei ein Geschenk von Herrn Sesemann, die
msse aber zuunterst in den Korb gesteckt werden, noch unter die Brtchen, und
darauf msse genau achtgegeben werden, da sie nicht verloren gehe, denn darber
wrde Herr Sesemann ganz frchterlich bse und sein Leben lang nie mehr gut
werden; das sollte das Mamsellchen nur ja bedenken.
    Ich verliere sie schon nicht, sagte Heidi zuversichtlich und steckte die
Rolle samt dem Brief zu allerunterst in den Korb hinein. Nun wurde der Koffer
aufgeladen, und nachher hob Sebastian Heidi samt seinem Korb auf den hohen Sitz
empor, reichte ihm seine Hand hinauf zum Abschied und ermahnte es noch einmal
mit allerlei Zeichen, auf den Inhalt des Korbes ein Auge zu haben; denn der
Fhrer war noch in der Nhe, und Sebastian war vorsichtig, besonders jetzt, da
er wute, er htte eigentlich selbst das Kind an Ort und Stelle bringen sollen.
Der Fhrer schwang sich jetzt neben Heidi auf den Sitz hinauf, und der Wagen
rollte den Bergen zu, whrend Sebastian, froh ber seine Befreiung von der
gefrchteten Bergreise, sich am Stationshuschen niedersetzte, um den
zurckgehenden Bahnzug abzuwarten.
    Der Mann auf dem Wagen war der Bcker vom Drfli, welcher seine Mehlscke
nachhause fuhr. Er hatte Heidi nie gesehen, aber wie jedermann im Drfli wute
er von dem Kinde, das man dem Alm-hi gebracht hatte; auch hatte er Heidis
Eltern gekannt und sich gleich vorgestellt, er werde es mit dem vielbesprochenen
Kinde hier zu tun haben. Es wunderte ihn nun ein wenig, warum das Kind schon
wieder heimkomme, und whrend der Fahrt fing er nun mit Heidi ein Gesprch an:
Du wirst das Kind sein, das oben beim Alm-hi war, beim Grovater?
    Ja.
    So ist es dir schlecht gegangen, da du schon wieder von so weit her
heimkommst?
    Nein, das ist es mir nicht; kein Mensch kann es so gut haben, wie man es in
Frankfurt hat.
    Warum lufst du denn heim?
    Nur weil es mir der Herr Sesemann erlaubt hat, sonst wr' ich nicht
heimgelaufen.
    Pah, warum bist du denn aber nicht lieber dort geblieben, wenn man dir's
schon erlaubt hat, heimzugehen?
    Weil ich tausendmal lieber heim will zum Grovater auf die Alm, als sonst
alles auf der Welt.
    Denkst vielleicht anders, wenn du hinaufkommst, brummte der Bcker; nimmt
mich aber doch wunder, sagte er dann zu sich selbst, es kann wissen, wie's
ist.
    Nun fing er an zu pfeifen und sagte nichts mehr, und Heidi schaute um sich
und fing an innerlich zu zittern vor Erregung, denn es erkannte die Bume am
Wege, und drben standen die hohen Zacken des Falknis-Berges und schauten zu ihm
herber, so als grten sie es wie gute, alte Freunde; und Heidi grte wieder,
und mit jedem Schritt vorwrts wurde Heidis Erwartung gespannter und es meinte,
es msse vom Wagen herunterspringen und aus allen Krften laufen, bis es ganz
oben wre. Aber es blieb doch still sitzen und rhrte sich nicht, aber alles
zitterte an ihm. Jetzt fuhren sie im Drfli ein, eben schlug die Glocke fnf
Uhr. Augenblicklich sammelte sich eine Gesellschaft von Kindern und Frauen um
den Wagen herum, und ein paar Nachbarn traten auch noch herzu, denn der Koffer
und das Kind auf des Bckers Wagen hatten die Aufmerksamkeit aller Umwohnenden
auf sich gezogen, und jeder wollte wissen, woher und wohin und wem beide
zugehrten. Als der Bcker Heidi heruntergehoben hatte, sagte es eilig: Danke,
der Grovater holt dann schon den Koffer, und wollte davonrennen. Aber von
allen Seiten wurde es festgehalten, und eine Menge von Stimmen fragten alle auf
einmal, jede etwas Eigenes. Heidi drngte sich mit einer solchen Angst auf dem
Gesichte durch die Leute, da man ihm unwillkrlich Platz machte und es laufen
lie, und einer sagte zum anderen: Du siehst ja, wie es sich frchtet, es hat
auch alle Ursache. Und dann fingen sie noch an, sich zu erzhlen, wie der
Alm-hi seit einem Jahr noch viel rger geworden sei, als vorher, und mit keinem
Menschen mehr ein Wort rede und ein Gesicht mache, als wolle er am liebsten
jeden umbringen, der ihm in den Weg komme, und wenn das Kind auf der ganzen Welt
noch wte wohin, so liefe es nicht in das alte Drachennest hinauf. Aber hier
fiel der Bcker in das Gesprch ein und sagte, er werde wohl mehr wissen, als
sie alle, und erzhlte dann sehr geheimnisvoll, wie ein Herr das Kind bis nach
Maienfeld gebracht und es ganz freundlich entlassen habe, und auch gleich ohne
Markten ihm den geforderten Fahrpreis und dazu noch ein Trinkgeld gegeben habe,
und berhaupt knne er sicher sagen, da es dem Kind wohl genug gewesen sei, wo
es war, und es selbst begehrt habe, zum Grovater zurckzugehen. Diese Nachricht
brachte eine groe Verwunderung hervor und wurde nun gleich im ganzen Drfli so
verbreitet, da noch am gleichen Abend kein Haus daselbst war, in dem man nicht
davon redete, da das Heidi aus allem Wohlleben zum Grovater zurckbegehrt
habe.
    Heidi lief vom Drfli bergan, so schnell es nur konnte; von Zeit zu Zeit
mute es aber pltzlich stillestehen, denn es hatte ganz den Atem verloren; sein
Korb am Arm war doch ziemlich schwer, und dazu ging es nun immer steiler, je
hher hinauf es ging. Heidi hatte nur noch einen Gedanken: Wird auch die
Gromutter noch auf ihrem Pltzchen sitzen am Spinnrad in der Ecke, ist sie auch
nicht gestorben unterdessen? Jetzt erblickte Heidi die Htte oben in der
Vertiefung an der Alm, sein Herz fing an zu klopfen, Heidi rannte noch mehr,
immer mehr und immer lauter schlug ihm das Herz. - Jetzt war es oben - vor
Zittern konnte es fast die Tr nicht aufmachen - doch jetzt - es sprang hinein
bis mitten in die kleine Stube und stand da, vllig auer Atem, und brachte
keinen Ton hervor.
    Ach du mein Gott, tnte es aus der Ecke hervor, so sprang unser Heidi
herein, ach, wenn ich es noch ein Mal im Leben bei mir haben knnte! Wer ist
hereingekommen?
    Da bin ich ja, Gromutter, da bin ich ja, rief Heidi jetzt und strzte
nach der Ecke und gleich auf seine Knie zu der Gromutter heran, fate ihren Arm
und ihre Hnde, und legte sich an sie und konnte vor Freude gar nichts mehr
sagen. Erst war die Gromutter so berrascht, da auch sie kein Wort
hervorbringen konnte; dann fuhr sie mit der Hand streichelnd ber Heidis
Kraushaare hin, und nun sagte sie ein Mal ber das andere: Ja, ja, das sind
seine Haare und es ist ja seine Stimme, ach du lieber Gott, da du mich das noch
erleben lssest! Und aus den blinden Augen fielen ein paar groe Freudentrnen
auf Heidis Hand nieder. Bist du's auch. Heidi, bist du auch sicher wieder da?
    Ja, ja, sicher, Gromutter, rief Heidi nun mit aller Zuversicht, weine
nur nicht, ich bin ganz gewi wieder da und komme alle Tage zu dir und gehe nie
wieder fort, und du mut auch manchen Tag kein hartes Brot mehr essen, siehst
du, Gromutter, siehst du?
    Und Heidi packte nun aus seinem Korb ein Brtchen nach dem andern aus, bis
es alle zwlf auf dem Scho der Gromutter aufgehuft hatte.
    Ach Kind! Ach Kind! was bringst du denn fr einen Segen mit! rief die
Gromutter aus, als es nicht enden wollte mit den Brtchen und immer noch eines
folgte. Aber der grte Segen bist du mir doch selber, Kind! Dann griff sie
wieder in Heidis krause Haare und strich ber seine heien Wangen, und sagte
wieder: Sag noch ein Wort, Kind, sag noch etwas, da ich dich hren kann.
    Heidi erzhlte nun der Gromutter, welche groe Angst es habe ausstehen
mssen, sie sei vielleicht gestorben unterdessen und habe nun gar nie die weien
Brtchen bekommen, und es knne nie, nie mehr zu ihr gehen.
    Jetzt trat Peters Mutter herein und blieb einen Augenblick unbeweglich
stehen vor Erstaunen. Dann rief sie: Sicher, es ist das Heidi, wie kann auch
das sein!
    Heidi stand auf und gab ihr die Hand, und die Brigitte konnte sich gar nicht
genug verwundern darber, wie Heidi aussehe, und ging um das Kind herum und
sagte: Gromutter, wenn du doch nur sehen knntest, was fr ein schnes
Rcklein das Heidi hat, und wie es aussieht; man kennt es fast nicht mehr. Und
das Federnhtlein auf dem Tisch gehrt dir auch noch? Setz es doch einmal auf,
so kann ich sehen, wie du drin aussiehst.
    Nein, ich will nicht, erklrte Heidi, du kannst es haben, ich brauche es
nicht mehr, ich habe schon noch mein eigenes. Damit machte Heidi sein rotes
Bndelchen auf und nahm sein altes Htchen daraus hervor, das auf der Reise zu
den Knicken, die es schon vorher gehabt, noch einige bekommen hatte. Aber das
kmmerte das Heidi wenig; es hatte ja nicht vergessen, wie der Grovater beim
Abschied nachgerufen hatte, in einem Federnhut wolle er es niemals sehen; darum
hatte Heidi sein Htchen so sorgfltig aufgehoben, denn es dachte ja immer ans
Heimgehen zum Grovater. Aber die Brigitte sagte, so einfltig msse es nicht
sein, es sei ja ein prchtiges Htchen, das nehme sie nicht; man knnte es ja
etwa dem Tchterlein vom Lehrer im Drfli verkaufen und noch viel Geld bekommen,
wenn es das Htlein nicht tragen wolle. Aber Heidi blieb bei seinem Vorhaben und
legte das Htchen leise hinter die Gromutter in den Winkel, wo es ganz
verborgen war. Dann zog Heidi auf einmal sein schnes Rcklein aus, und ber das
Unterrckchen, in dem es nun mit bloen Armen dastand, band es das rote
Halstuch, und nun fate es die Hand der Gromutter und sagte: Jetzt mu ich
heim zum Grovater, aber morgen komm' ich wieder zu dir; gute Nacht,
Gromutter.
    Ja, komm auch wieder, Heidi, komm auch morgen wieder, bat die Gromutter
und drckte seine Hand zwischen den ihrigen und konnte das Kind fast nicht
loslassen.
    Warum hast du denn dein schnes Rcklein ausgezogen? fragte die Brigitte.
    Weil ich lieber so zum Grovater will, sonst kennt er mich vielleicht nicht
mehr, du hast mich ja auch fast nicht gekannt darin.
    Die Brigitte ging noch mit Heidi vor die Tr hinaus, und hier sagte sie ein
wenig geheimnisvoll zu ihm: Den Rock httest du schon anbehalten knnen, er
htte dich doch gekannt; aber sonst mut du dich inacht nehmen; der Peterli
sagt, der Alm-hi sei jetzt immer bs und rede kein Wort mehr.
    Heidi sagte gute Nacht und stieg die Alm hinan mit seinem Korb am Arm. Die
Abendsonne leuchtete ringsum auf die grne Alm, und jetzte war auch drben das
groe Schneefeld an der Schesaplana sichtbar geworden und strahlte herber.
Heidi mute alle paar Schritte wieder stillestehen und sich umkehren, denn die
hohen Berge hatte es im Rcken beim Hinaufsteigen. Jetzt fiel ein roter Schimmer
vor seinen Fen auf das Gras, es kehrte sich um, da - so hatte es die
Herrlichkeit nicht mehr im Sinn gehabt und auch nie so im Traum gesehen - die
Felshrner am Falknis flammten zum Himmel auf, das weite Schneefeld glhte und
rosenrote Wolken zogen darber hin; das Gras rings auf der Alm war golden, von
allen Felsen flimmerte und leuchtete es nieder und unten schwamm weithin das
ganze Tal in Duft und Gold. Heidi stand mitten in der Herrlichkeit, und vor
Freude und Wonne liefen ihm die hellen Trnen die Wangen herunter, und es mute
die Hnde falten und in den Himmel hinaufschauen und ganz laut dem lieben Gott
danken, da er es wieder heimgebracht hatte, und da alles, alles noch so schn
sei und noch viel schner, als es gewut hatte, und da alles wieder ihm gehre;
und Heidi war so glcklich und so reich in all der groen Herrlichkeit, da es
gar nicht Worte fand, dem lieben Gott genug zu danken. Erst als das Licht
ringsum verglhte, konnte Heidi wieder von der Stelle weg; nun rannte es aber so
den Berg hinan, da es gar nicht lange dauerte, so erblickte es oben die
Tannenwipfel ber dem Dache und jetzt das Dach und die ganze Htte, und auf der
Bank an der Htte sa der Grovater und rauchte sein Pfeifchen, und ber die
Htte her wogten die alten Tannenwipfel und rauschten im Abendwind. Jetzt rannte
das Heidi noch mehr, und bevor der Alm-hi nur recht sehen konnte, was da
herankam, strzte das Kind schon auf ihn hin, warf seinen Korb auf den Boden und
umklammerte den Alten, und vor Aufregung des Wiedersehens konnte es nichts
sagen, als nur immer ausrufen: Grovater! Grovater! Grovater!
    Der Grovater sagte auch nichts. Seit vielen Jahren waren ihm zum erstenmal
wieder die Augen na geworden, und er mute mit der Hand darberfahren. Dann
lste er Heidis Arme von seinem Hals, setzte das Kind auf seine Knie und
betrachtete es einen Augenblick. So bist du wieder heimgekommen, Heidi, sagte
er dann; wie ist das? Besonders hoffrtig siehst du nicht aus, haben sie dich
fortgeschickt?
    O nein, Grovater, fing Heidi nun mit Eifer an, das mut du nicht
glauben, sie waren alle so gut, die Klara und die Gromama und der Herr
Sesemann; aber siehst du, Grovater, ich konnte es fast gar nicht mehr
aushalten, bis ich wieder bei dir daheim sein knnte, und ich habe manchmal
gemeint, ich msse ganz ersticken, so hat es mich gewrgt; aber ich habe gewi
nichts gesagt, weil es undankbar war. Aber dann auf einmal an einem Morgen rief
mich der Herr Sesemann ganz frh - aber ich glaube, der Herr Doktor war schuld
daran - aber es steht vielleicht alles in dem Brief - damit sprang Heidi auf
den Boden und holte seinen Brief und seine Rolle aus dem Korb herbei und legte
beide in die Hand des Grovaters.
    Das gehrt dir, sagte dieser und legte die Rolle neben sich auf die Bank.
Dann nahm er den Brief und las ihn durch: ohne ein Wort zu sagen, steckte er
dann das Blatt in die Tasche.
    Meinst, du knntest auch noch Milch trinken mit mir, Heidi? fragte er nun,
indem er das Kind bei der Hand nahm, um in die Htte einzutreten. Aber nimm
dort dein Geld mit dir, da kannst du ein ganzes Bett daraus kaufen und Kleider
fr ein paar Jahre.
    Ich brauch' es gewi nicht, Grovater, versicherte Heidi; ein Bett hab'
ich schon, und Kleider hat mir Klara so viele eingepackt, da ich gewi nie mehr
andere brauche.
    Nimm's, nimm's, und leg's in den Schrank, du wirst's schon einmal brauchen
knnen.
    Heidi gehorchte und hpfte nun dem Grovater nach in die Htte hinein, wo es
vor Freude ber das Wiedersehen in alle Winkel sprang und die Leiter hinauf -
aber da stand es pltzlich still und rief in Betroffenheit von oben herunter:
O, Grovater, ich habe kein Bett mehr!
    Kommt schon wieder, tnte es von unten herauf, wute ja nicht, da du
wieder heimkommst; jetzt komm zur Milch!
    Heidi kam herunter und setzte sich auf seinen hohen Stuhl am alten Platze,
und nun erfate es sein Schsselchen und trank mit einer Begierde, als wre
etwas so Kstliches noch nie in seinen Bereich gekommen, und als es mit einem
tiefen Atemzug das Schsselchen hinstellte, sagte es: So gut wie unsere Milch
ist doch gar nichts auf der Welt, Grovater.
    Jetzt ertnte drauen ein schriller Pfiff; wie der Blitz scho Heidi zur Tr
hinaus. Da kam die ganze Schar der Geien hpfend, springend, Stze machend von
der Hhe herunter, mitten drin der Peter. Als er Heidi ansichtig wurde, blieb er
auf der Stelle vllig wie angewurzelt stehen und starrte es sprachlos an. Heidi
rief: Guten Abend, Peter! und strzte mitten in die Geien hinein: Schwnli!
Brli! kennt ihr mich noch? und die Geilein muten seine Stimme gleich erkannt
haben, denn sie rieben ihre Kpfe an Heidi und fingen an leidenschaftlich zu
meckern vor Freude, und Heidi rief alle nacheinander beim Namen und alle rannten
wie wild durcheinander und drngten sich zu ihm heran; der ungeduldige
Distelfink sprang hoch auf und ber zwei Geien weg, um gleich in die Nhe zu
kommen, und sogar das schchterne Schneehppli drngte mit einem ziemlich
eigensinnigen Bohren den groen Trk auf die Seite, der nun ganz verwundert ber
die Frechheit dastand und seinen Bart in die Luft hob, um zu zeigen, da er es
sei.
    Heidi war auer sich vor Freude, alle die alten Gefhrten wieder zu haben;
es umarmte das kleine, zrtliche Schneehppli wieder und wieder und streichelte
den strmischen Distelfink und wurde vor groer Liebe und Zutraulichkeit der
Geien hin- und hergedrngt und geschoben, bis es nun ganz in Peters Nhe kam,
der noch immer auf demselben Platze stand.
    Komm herunter, Peter, und sag mir einmal guten Abend! rief ihm Heidi jetzt
zu.
    Bist denn wieder da? brachte er nun endlich in seinem Erstaunen heraus,
und nun kam er herzu und nahm Heidis Hand, die dieses ihm schon lange
hingehalten hatte, und nun fragte er, so wie er immer getan hatte bei der
Heimkehr am Abend: Kommst morgen wieder mit?
    Nein, morgen nicht, aber bermorgen vielleicht, denn morgen mu ich zur
Gromutter.
    Es ist recht, da du wieder da bist, sagte der Peter und verzog sein
Gesicht auf alle Seiten vor ungeheurem Vergngen, dann schickte er sich zur
Heimfahrt an; aber heute wurde es ihm so schwer wie noch nie mit seinen Geien,
denn als er sie endlich mit Locken und Drohen so weit gebracht hatte, da sie
sich um ihn sammelten, und Heidi, den einen Arm um Schwnlis und den andern um
Brlis Kopf gelegt, davonspazierte, da kehrten mit einemmale alle wieder um und
liefen den dreien nach. Heidi mute mit seinen zwei Geien in den Stall
eintreten und die Tr zumachen, sonst wre der Peter niemals mit seiner Herde
fortgekommen. Als das Kind dann in die Htte zurckkam, da sah es sein Bett
schon wieder aufgerichtet, prchtig hoch und duftend, denn das Heu war noch
nicht lange hereingeholt, und darber hatte der Grovater ganz sorgfltig die
sauberen Leintcher gebreitet. Heidi legte sich mit groer Lust hinein und
schlief so herrlich, wie es ein ganzes Jahr lang nicht geschlafen hatte. Whrend
der Nacht verlie der Grovater wohl zehnmal sein Lager und stieg die Leiter
hinauf und lauschte sorgsam, ob Heidi auch schlafe und nicht unruhig werde, und
suchte am Loch nach, wo sonst der Mond hereinkam auf Heidis Lager, ob auch das
Heu noch fest drinnen sitze, das er hineingestopft hatte, denn von nun an durfte
der Mondschein nicht mehr hereinkommen. Aber Heidi schlief in einem Zuge fort
und wanderte keinen Schritt herum, denn sein groes, brennendes Verlangen war
gestillt worden: es hatte alle Berge und Felsen wieder im Abendglhen gesehen,
es hatte die Tannen rauschen gehrt, es war wieder daheim auf der Alm.

                           Am Sonntag, wenn's lutet


Heidi stand unter den wogenden Tannen und wartete auf den Grovater, der
mitgehen und den Koffer vom Drfli heraufholen wollte, whrend es bei der
Gromutter wre. Das Kind konnte es fast nicht erwarten, die Gromutter
wiederzusehen und zu hren, wie ihr die Brtchen geschmeckt hatten, und doch
wurde ihm wieder die Zeit nicht lang, denn es konnte ja nicht genug die
heimatlichen Tne von dem Tannenrauschen ber ihm und das Duften und Leuchten
der grnen Weiden und der goldenen Blumen darauf eintrinken.
    Jetzt trat der Grovater aus der Htte, schaute noch einmal rings um sich
und sagte dann mit zufriedenem Ton: So, nun knnen wir gehen.
    Denn es war Sonnabend heut', und an dem Tage machte der Alm-hi alles sauber
und in Ordnung in der Htte, im Stall und ringsherum, das war seine Gewohnheit,
und heut' hatte er den Morgen dazu genommen, um gleich nachmittags mit Heidi
ausziehen zu knnen, und so sah nun alles ringsherum gut und zu seiner
Zufriedenheit aus. Bei der Geienpeter-Htte trennten sie sich, und Heidi sprang
hinein. Schon hatte die Gromutter seinen Schritt gehrt und rief ihm liebevoll
entgegen: Kommst du, Kind? Kommst du wieder?
    Dann erfate sie Heidis Hand und hielt sie ganz fest, denn immer noch
frchtete sie, das Kind knnte ihr wieder entrissen werden. Und nun mute die
Gromutter erzhlen, wie die Brtchen geschmeckt htten, und sie sagte, sie habe
sich so daran erlabt, da sie meine, sie sei heute viel krftiger als lang nicht
mehr, und Peters Mutter fgte hinzu, die Gromutter habe vor lauter Sorge, sie
werde zu bald fertig damit, nur ein einziges Brtchen essen wollen, gestern und
heut' zusammen, und sie kme gewi noch ziemlich zu Krften, wenn sie so acht
Tage lang hintereinander jeden Tage eines essen wollte. Heidi hrte der Brigitte
mit Aufmerksamkeit zu und blieb jetzt noch eine Zeit lang nachdenklich. Nun
hatte es seinen Weg gefunden. Ich wei schon, was ich mache, Gromutter, sagte
es in freudigem Eifer; ich schreibe der Klara einen Brief und dann schickt sie
mir gewi noch einmal so viel Brtchen, wie da sind, oder zweimal, denn ich
hatte schon einen groen Haufen ganz gleiche im Kasten, und als man mir sie
weggenommen hatte, sagte Klara, sie gebe mir gerade so viele wieder, und das tut
sie schon.
    Ach Gott, sagte die Brigitte, das ist eine gute Meinung; aber denk, sie
werden auch hart. Wenn man nur hier und da einen brigen Batzen htte, der
Bcker unten im Drfli macht auch solche, aber ich vermag kaum das schwarze Brot
zu bezahlen.
    Jetzt scho ein heller Freudenstrahl ber Heidis Gesicht: O, ich habe
furchtbar viel Geld, Gromutter, rief es jubelnd aus und hpfte vor Freuden in
die Hhe, jetzt wei ich, was ich damit mache! Alle, alle Tage mut du ein
neues Brtchen haben und am Sonntage zwei, und der Peter kann sie heraufbringen
vom Drfli.
    Nein, nein, Kind! wehrte die Gromutter; das kann nicht sein, das Geld
hast du nicht dazu bekommen, du mut es dem Grovater geben, er sagt dir dann
schon, was du damit machen mut.
    Aber Heidi lie sich nicht stren in seiner Freude, es jauchzte und hpfte
in der Stube herum und rief ein Mal bers andere: Jetzt kann die Gromutter
jeden Tag ein Brtchen essen und wird wieder ganz krftig, und - o, Gromutter,
rief es mit neuem Jubel, wenn du dann so gesund wirst, so wird es dir gewi
auch wieder hell, es ist vielleicht nur, weil du so schwach bist.
    Die Gromutter schwieg still, sie wollte des Kindes Freude nicht trben. Bei
seinem Herumhpfen fiel dem Heidi auf einmal das alte Liederbuch der Gromutter
in die Augen, und es kam ihm ein neuer freudiger Gedanke: Gromutter, jetzt
kann ich auch ganz gut lesen; soll ich dir einmal ein Lied lesen aus deinem
alten Buch?
    O ja, bat die Gromutter freudig berrascht; kannst du das auch wirklich,
Kind, kannst du das?
    Heidi war auf einen Stuhl geklettert und hatte das Buch mit einer dicken
Staubwolke heruntergezogen, denn es hatte lange unberhrt gelegen da oben; nun
wischte es Heidi sauber ab, setzte sich damit auf seinen Schemel zur Gromutter
hin und fragte, was es nun lesen solle.
    Was du willst, Kind, was du willst, und mit gespannter Erwartung sa die
Gromutter da und hatte ihr Spinnrad ein wenig von sich geschoben.
    Heidi bltterte und las leise hier und da eine Linie: Jetzt kommt etwas von
der Sonne, das will ich dir lesen, Gromutter. Und Heidi begann und wurde
selbst immer eifriger und immer wrmer, whrend es las:

Die gldne Sonne
Voll Freud' und Wonne
Bringt unsern Grenzen
Mit ihrem Glnzen
Ein herzerquickendes, liebliches Licht.

Mein Haupt und Glieder
Die lagen darnieder;
Aber nun steh' ich,
Bin munter und frhlich,
Schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

Mein Auge schauet,
Was Gott gebauet
Zu seinen Ehren,
Und uns zu lehren,
Wie sein Vermgen sei mchtig und gro.

Und wo die Frommen
Dann sollen hinkommen,
Wenn sie mit Frieden
Von hinnen geschieden
Aus dieser Erde vergnglichem Scho.

Alles vergehet,
Gott aber stehet
Ohn' alles Wanken,
Seine Gedanken,
Sein Wort und Wille hat ewigen Grund

Sein Heil und Gnaden
Die nehmen nicht Schaden,
Heilen im Herzen,
Die tdlichen Schmerzen,
Halten uns zeitlich und ewig gesund.

Kreuz und Elende -
Das nimmt ein Ende,
Nach Meeresbrausen
Und Windessausen
Leuchtet der Sonne erwnschtes Gesicht.

Freude die Flle
Und selige Stille
Darf ich erwarten
Im himmlischen Garten,
Dahin sind meine Gedanken gericht'.

Die Gromutter sa still da mit gefalteten Hnden, und ein Ausdruck
unbeschreiblicher Freude, so wie ihn Heidi nie an ihr gesehen hatte, lag auf
ihrem Gesicht, obschon ihr die Trnen die Wangen herabliefen. Als Heidi schwieg,
bat sie mit Verlangen: O, noch einmal, Heidi, la es mich noch einmal hren:

Kreuz und Elende
Das nimmt ein Ende -

Und das Kind fing noch einmal an und las in eigener Freude und Verlangen:

Kreuz und Elende -
Das nimmt ein Ende,
Nach Meeresbrausen
Und Windessausen
Leuchtet der Sonne erwnschtes Gesicht.

Freude die Flle
Und selige Stille
Darf ich erwarten
Im himmlischen Garten,
Dahin sind meine Gedanken gericht'.

O Heidi, das macht hell! das macht so hell im Herzen! O wie hast du mir wohl
gemacht, Heidi!
    Ein Mal ums andere sagte die Gromutter die Worte der Freude, und Heidi
strahlte vor Glck und mute sie nur immer ansehen, denn so hatte es die
Gromutter nie gesehen. Sie hatte gar nicht mehr das alte trbselige Gesicht,
sondern schaute so freudig und dankend auf, als she sie schon mit neuen, hellen
Augen in den schnen himmlischen Garten hinein.
    Jetzt klopfte es am Fenster, und Heidi sah den Grovater drauen, der ihm
winkte, mit heimzukommen. Es folgte schnell, aber nicht ohne die Gromutter zu
versichern, morgen komme es wieder, und auch wenn es mit Peter auf die Weide
gehe, so komme es doch im halben Tag zurck; denn da es der Gromutter wieder
hell machen konnte und sie wieder frhlich wurde, das war nun fr Heidi das
allergrte Glck, das es kannte, noch viel grer, als auf der sonnigen Weide
und bei den Blumen und Geien zu sein. Die Brigitte lief dem Heidi unter die Tr
nach mit Rock und Hut, da es seine Habe mitnehme. Den Rock nahm es auf den Arm,
denn der Grovater kenne es jetzt schon, dachte es bei sich; aber den Hut wies
es hartnckig zurck, die Brigitte sollte ihn nur behalten, es setze ihn nie,
nie mehr auf den Kopf. Heidi war so erfllt von seinen Erlebnissen, da es
gleich dem Grovater alles erzhlen mute, was ihm das Herz erfreute, da man
die weien Brtchen auch unten im Drfli fr die Gromutter holen knne, wenn
man nur Geld habe, und da es der Gromutter auf einmal so hell und wohl
geworden war, und wie Heidi das alles zu Ende geschildert hatte, kehrte es
wieder zum ersten zurck und sagte ganz zuversichtlich: Gelt, Grovater, wenn
die Gromutter schon nicht will, so gibst du mir doch alles Geld in der Rolle,
da ich dem Peter jeden Tag ein Stck geben kann zu einem Brtchen und am
Sonntag zwei?
    Aber das Bett, Heidi? sagte der Grovater; ein rechtes Bett fr dich wre
gut, und nachher bleibt schon noch fr manches Brtchen. Aber Heidi lie dem
Grovater keine Ruhe und bewies ihm, da es auf seinem Heubett viel besser
schlafe, als es jemals in seinem Kissenbett in Frankfurt geschlafen habe, und
bat so eindringlich und unablssig, da der Grovater zuletzt sagte: Das Geld
ist dein, mach, was dich freut; du kannst der Gromutter manches Jahr lang Brot
holen dafr.
    Heidi jauchzte auf: O juhe! Nun mu die Gromutter gar nie mehr hartes,
schwarzes Brot essen, und o Grovater! nun ist doch alles so schn, wie noch gar
nie, seit wir leben! und Heidi hpfte hoch auf an der Hand des Grovaters und
jauchzte in die Luft hinauf, wie die frhlichen Vgel des Himmels. Aber auf
einmal wurde es ganz ernsthaft und sagte: O wenn nun der liebe Gott gleich auf
der Stelle getan htte, was ich so stark erbetete, dann wre doch alles nicht so
geworden, ich wre nur gleich wieder heimgekommen und htte der Gromutter nur
wenige Brtchen gebracht, und htte ihr nicht lesen knnen, was ihr wohl macht;
aber der liebe Gott hatte schon alles ausgedacht, so viel schner, als ich es
wute; die Gromama hat es mir gesagt, und nun ist alles so gekommen. O wie bin
ich froh, da der liebe Gott nicht nachgab, wie ich so bat und jammerte! Aber
jetzt will ich immer so beten, wie die Gromama sagte, und dem lieben Gott immer
danken, und wenn er etwas nicht tut, das ich erbeten will, dann will ich gleich
denken: es geht gewi wieder wie in Frankfurt, der liebe Gott denkt gewi etwas
viel Besseres aus. Aber wir wollen auch alle Tage beten, gelt Grovater, und wir
wollen es nie mehr vergessen, damit der liebe Gott uns auch nicht vergit.
    Und wenn's einer doch tte? murmelte der Grovater.
    O dem geht's nicht gut, denn der liebe Gott vergit ihn dann auch und lt
ihn ganz laufen, und wenn es ihm einmal schlecht geht, und er jammert, so hat
kein Mensch Mitleid mit ihm, sondern alle sagen nur: er ist ja zuerst vom lieben
Gott weggelaufen, nun lt ihn der liebe Gott auch gehen, der ihm helfen
knnte.
    Das ist wahr, Heidi, woher weit du das?
    Von der Gromama, sie hat mir alles erklrt.
    Der Grovater ging eine Weile schweigend weiter. Dann sagte er, seine
Gedanken verfolgend, vor sich hin: Und wenn's einmal so ist, dann ist's so;
zurck kann keiner, und wen der Herrgott vergessen hat, den hat er vergessen.
    O nein, Grovater, zurck kann einer, das wei ich auch von der Gromama,
und dann geht es so wie in der schnen Geschichte in meinem Buch, aber die weit
du nicht; jetzt sind wir aber gleich daheim, und dann wirst du schon erfahren,
wie schn die Geschichte ist.
    Heidi strebte in seinem Eifer rascher und rascher die letzte Steigung hinan
- und kaum waren sie oben angelangt, als es des Grovaters Hand loslie und in
die Htte hineinrannte. Der Grovater nahm den Korb von seinem Rcken, in den er
die Hlfte der Sachen aus dem Koffer hineingestoen hatte, denn den ganzen
Koffer heraufzubringen wre ihm zu schwer gewesen. Dann setzte er sich
nachdenklich auf die Bank nieder. Heidi kam wieder herbeigerannt, sein groes
Buch unter dem Arm: O das ist recht, Grovater, da du schon dasitzest, und
mit einem Satz war Heidi an seiner Seite und hatte schon seine Geschichte
aufgeschlagen, denn die hatte es schon so oft und immer wieder gelesen, da das
Buch von selbst aufging an dieser Stelle. Jetzt las Heidi mit groer Teilnahme
von dem Sohne, der es gut hatte daheim, wo drauen auf des Vaters Feldern die
schnen Khe und Schflein weideten und er in einem schnen Mntelchen, auf
seinen Hirtenstab gesttzt, bei ihnen auf der Weide stehen und dem
Sonnenuntergang zusehen konnte, wie es alles auf dem Bilde zu sehen war. Aber
auf einmal wollte er sein Hab und Gut fr sich haben und sein eigener Meister
sein und forderte es dem Vater ab und lief fort damit und verprate alles. Und
als er gar nichts mehr hatte, mute er hingehen und Knecht sein bei einem Bauer,
der hatte aber nicht so schne Tiere, wie auf seines Vaters Feldern waren,
sondern nur Schweinlein; diese mute er hten, und er hatte nur noch Fetzen auf
sich und bekam nur von den Trebern, welche die Schweinchen aen, ein klein
wenig. Da dachte er daran, wie er es daheim beim Vater gehabt und wie gut der
Vater mit ihm gewesen war und wie undankbar er gegen den Vater gehandelt hatte,
und er mute weinen vor Reue und Heimweh. Und er dachte: Ich will zu meinem
Vater gehen und ihn um Verzeihung bitten und ihm sagen, ich bin nicht mehr wert,
dein Sohn zu heien, aber la mich nur dein Tagelhner bei dir sein. Und wie er
von ferne gegen das Haus seines Vaters kam, da sah ihn der Vater und kam
herausgelaufen - was meinst du jetzt, Grovater? unterbrach sich Heidi in
seinem Vorlesen; jetzt meinst du, der Vater sei noch bse und sage zu ihm: Ich
habe dir's ja gesagt!? Jetzt hr nur, was kommt: Und sein Vater sah ihn und es
jammerte ihn und lief und fiel ihm um den Hals und kte ihn, und der Sohn
sprach zu ihm: Vater, ich habe gesndigt gegen den Himmel und vor dir und bin
nicht mehr wert dein Sohn zu heien. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten:
Bringt das beste Kleid her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine
Hand und Schuhe an die Fe, und bringt das gemstete Kalb her und schlachtet es
und lat uns essen und frhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist
wieder lebendig geworden und er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und
sie fingen an frhlich zu sein.
    Ist denn das nicht eine schne Geschichte, Grovater? fragte Heidi, als
dieser immer noch schweigend dasa und es doch erwartet hatte, er werde sich
freuen und verwundern.
    Doch, Heidi, die Geschichte ist schn, sagte der Grovater; aber sein
Gesicht war so ernsthaft, da Heidi ganz stille wurde und seine Bilder ansah.
Leise schob es noch einmal sein Buch vor den Grovater hin und sagte: Sieh, wie
es ihm wohl ist, und zeigte mit seinem Finger auf das Bild des Heimgekehrten,
wie er im frischen Kleid neben dem Vater steht und wieder zu ihm gehrt als sein
Sohn.
    Ein paar Stunden spter, als Heidi lngst im tiefen Schlafe lag, stieg der
Grovater die kleine Leiter hinauf; er stellte sein Lmpchen neben Heidis Lager
hin, so da das Licht auf das schlafende Kind fiel. Es lag da mit gefalteten
Hnden, denn zu beten hatte Heidi nicht vergessen. Auf seinem rosigen
Gesichtchen lag ein Ausdruck des Friedens und seligen Vertrauens, der zu dem
Grovater reden mute, denn lange, lange stand er da und rhrte sich nicht und
wandte kein Auge von dem schlafenden Kinde ab. Jetzt faltete auch er die Hnde,
und halblaut sagte er mit gesenktem Haupte: Vater, ich habe gesndigt gegen den
Himmel und vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heien! Und ein paar
groe Trnen rollten dem Alten die Wangen herab. -
    Wenige Stunden nachher in der ersten Frhe des Tages stand der Alm-hi vor
seiner Htte und schaute mit hellen Augen um sich. Der Sonntagmorgen flimmerte
und leuchtete ber Berg und Tal. Einzelne Frhglocken tnten aus den Tlern
herauf, und oben in den Tannen sangen die Vgel ihre Morgenlieder.
    Jetzt trat der Grovater in die Htte zurck: Komm, Heidi! rief er auf den
Boden hinauf. Die Sonne ist da! Zieh ein gutes Rcklein an, wir wollen in die
Kirche miteinander!
    Heidi machte nicht lange; das war ein ganz neuer Ruf vom Grovater, dem
mute es schnell folgen. In kurzer Zeit kam es heruntergesprungen in seinem
schmucken Frankfurter Rckchen. Aber voller Erstaunen blieb Heidi vor seinem
Grovater stehen und schaute ihn an. O Grovater, so hab' ich dich nie
gesehen, brach es endlich aus, und den Rock mit den silbernen Knpfen hast du
noch gar nicht getragen, o du bist so schn in deinem schnen Sonntagsrock.
    Der Alte blickte vergnglich lchelnd auf das Kind und sagte: Und du in dem
deinen; jetzt komm! Er nahm Heidis Hand in die seine, und so wanderten sie
miteinander den Berg hinunter. Von allen Seiten tnten jetzt die hellen Glocken
ihnen entgegen, immer voller und reicher, je weiter sie kamen, und Heidi
lauschte mit Entzcken und sagte: Hrst du's, Grovater? Es ist wie ein groes,
groes Fest.
    Unten im Drfli waren schon alle Leute in der Kirche und fingen eben zu
singen an, als der Grovater mit Heidi eintrat und ganz hinten auf der letzten
Bank sich niedersetzte. Aber mitten im Singen stie der zunchst Sitzende seinen
Nachbar mit dem Ellenbogen an und sagte: Hast du das gesehen? der Alm-hi ist
in der Kirche!
    Und der Angestoene stie den zweiten an und so fort, und in krzester Zeit
flsterte es an allen Ecken: Der Alm-hi! Der Alm-hi! und die Frauen muten
fast alle einen Augenblick den Kopf umdrehen, und die meisten fielen ein wenig
aus der Melodie, so da der Vorsnger die grte Mhe hatte, den Gesang schn
aufrecht zu erhalten. Aber als dann der Herr Pfarrer anfing zu predigen, ging
die Zerstreutheit ganz vorber, denn es war ein so warmes Loben und Danken in
seinen Worten, da alle Zuhrer davon ergriffen wurden, und es war, als sei
ihnen allen eine groe Freude widerfahren. Als der Gottesdienst zu Ende war,
trat der Alm-hi mit dem Kinde an der Hand heraus und schritt dem Pfarrhaus zu,
und alle, die mit ihm heraustraten und die schon drauen standen, schauten ihm
nach, und die meisten gingen hinter ihm her, um zu sehen, ob er wirklich ins
Pfarrhaus eintrete, was er tat. Dann sammelten sie sich in Gruppen zusammen und
besprachen in groer Aufregung das Unerhrte, da der Alm-hi in der Kirche
erschienen war, und alle schauten mit Spannung nach der Pfarrhaustr, wie der
hi wohl wieder herauskommen werde, ob in Zorn und Hader, oder im Frieden mit
dem Herrn Pfarrer, denn man wute ja gar nicht, was den Alten heruntergebracht
hatte und wie es eigentlich gemeint sei. Aber doch war schon bei vielen eine
neue Stimmung eingetreten, und einer sagte zum andern: Es wird wohl mit dem
Alm-hi nicht so bs sein, wie man tut; man kann ja nur sehen, wie sorglich er
das Kleine an der Hand hlt. Und der andere sagte: Das hab' ich ja immer
gesagt, und zum Pfarrer hinein ginge er auch nicht, wenn er so bodenschlecht
wre, sonst mte er sich ja frchten; man bertreibt auch viel. Und der Bcker
sagte: Hab' ich das nicht zu allererst gesagt? Seit wann luft denn ein kleines
Kind, das zu essen und zu trinken hat, was es will, und sonst alles Gute, aus
alle dem weg und heim zu einem Grovater, wenn der bs und wild ist und es sich
zu frchten hat vor ihm? Und es kam eine ganz liebevolle Stimmung gegen den
Alm-hi auf und nahm berhand, denn jetzt nahten sich auch die Frauen herzu, und
diese hatten so manches von der Geienpeterin und der Gromutter gehrt, das den
Alm-hi ganz anders darstellte, als die allgemeine Meinung war, und das ihnen
jetzt auf einmal glaublich schien, da es mehr und mehr so wurde, als warteten
sie alle da, um einen alten Freund zu bewillkommnen, der ihnen lange gemangelt
hatte.
    Der Alm-hi war unterdessen an die Tr der Studierstube getreten und hatte
angeklopft. Der Herr Pfarrer machte auf und trat dem Eintretenden entgegen,
nicht berrascht, wie er wohl htte sein knnen, sondern so, als habe er ihn
erwartet; die ungewohnte Erscheinung in der Kirche mute ihm nicht entgangen
sein. Er ergriff die Hand des Alten und schttelte sie wiederholt mit der
grten Herzlichkeit, und der Alm-hi stand schweigend da und konnte erst kein
Wort herausbringen, denn auf solchen herzlichen Empfang war er nicht
vorbereitet. Jetzt fate er sich und sagte: Ich komme, um den Herrn Pfarrer zu
bitten, da er mir die Worte vergessen mchte, die ich zu ihm auf der Alm
geredet habe, und da er mir nicht nachtragen wolle, wenn ich widerspenstig war
gegen seinen wohlmeinenden Rat. Der Herr Pfarrer hat ja in allem Recht gehabt
und ich war im Unrecht, aber ich will jetzt seinem Rate folgen und auf den
Winter wieder ein Quartier im Drfli beziehen, denn die harte Jahreszeit ist
nichts fr das Kind dort oben, es ist zu zart, und wenn auch dann die Leute hier
unten mich von der Seite ansehen, so wie einen, dem nicht zu trauen ist, so habe
ich es nicht besser verdient, und der Herr Pfarrer wird es ja nicht tun.
    Die freundlichen Augen des Pfarrers glnzten vor Freude. Er nahm noch einmal
des Alten Hand und drckte sie in der seinen und sagte mit Rhrung: Nachbar,
Ihr seid in der rechten Kirche gewesen, noch eh' Ihr in die meinige
herunterkamt; des freu' ich mich, und da Ihr wieder zu uns kommen und mit uns
leben wollt, soll Euch nicht gereuen, bei mir sollt Ihr als ein lieber Freund
und Nachbar alle Zeit willkommen sein, und ich gedenke manches
Winterabendstndchen frhlich mit Euch zu verbringen, denn Eure Gesellschaft ist
mir lieb und wert, und fr das Kleine wollen wir auch gute Freunde finden. Und
der Herr Pfarrer legte sehr freundlich seine Hand auf Heidis Krauskopf und nahm
es bei der Hand und fhrte es hinaus, indem er den Grovater fortbegleitete, und
erst drauen vor der Haustr nahm er Abschied, und nun konnten alle die
herumstehenden Leute sehen, wie der Herr Pfarrer dem Alm-hi die Hand immer noch
einmal schttelte, gerade als wre das sein bester Freund, von dem er sich fast
nicht trennen knnte. Kaum hatte dann auch die Tr sich hinter dem Herrn Pfarrer
geschlossen, so drngte die ganze Versammlung dem Alm-hi entgegen, und jeder
wollte der erste sein, und so viele Hnde wurden miteinander dem Herankommenden
entgegengestreckt, da er gar nicht wute, welche zuerst ergreifen, und einer
rief ihm zu: Das freut mich! das freut mich, hi, da Ihr auch wieder einmal zu
uns kommt! und ein anderer: Ich htte auch schon lang gern wieder einmal ein
Wort mit Euch geredet, hi! Und so tnte und drngte es von allen Seiten, und
wie nun der hi auf alle die freundlichen Begrungen erwiderte, er gedenke,
sein altes Quartier im Drfli wieder zu beziehen und den Winter mit den alten
Bekannten zu verleben, da gab es erst einen rechten Lrm, und es war gerade so,
wie wenn der Alm-hi die beliebteste Persnlichkeit im ganzen Drfli wre, die
jeder mit Nachteil entbehrt hatte. Noch weit an die Alm hinauf wurden Grovater
und Kind von den meisten begleitet, und beim Abschied wollte jeder die
Versicherung haben, da der Alm-hi bald einmal bei ihm vorspreche, wenn er
wieder herunterkomme; und wie nun die Leute den Berg hinab zurckkehrten, blieb
der Alte stehen und schaute ihnen lange nach, und auf seinem Gesichte lag ein so
warmes Licht, als schiene bei ihm die Sonne von innen heraus. Heidi schaute
unverwandt zu ihm auf und sagte ganz erfreut: Grovater, heut' wirst du immer
schner, so warst du noch gar nie.
    Meinst du? lchelte der Grovater. Ja, und siehst du, Heidi, mir geht's
auch heut' ber Verstehen und Verdienen gut, und mit Gott und Menschen im
Frieden stehen, das macht einem so wohl! Der liebe Gott hat's gut mit mir
gemeint, da er dich auf die Alm schickte.
    Bei der Geienpeter-Htte angekommen, machte der Grovater gleich die Tr
auf und trat ein. Gr Gott, Gromutter, rief er hinein; ich denke, wir
mssen einmal wieder ans Flicken gehen, bevor der Herbstwind kommt.
    Du mein Gott, das ist der hi! rief die Gromutter voll freudiger
berraschung aus. Da ich das noch erlebe! da ich Euch noch einmal danken kann
fr alles, das Ihr fr uns getan habt, hi! Vergelt's Gott! Vergelt's Gott!
    Und mit zitternder Freude streckte die alte Gromutter ihre Hand aus, und
als der Angeredete sie herzlich schttelte, fuhr sie fort, indem sie die seinige
festhielt: Und eine Bitte hab' ich auch noch auf dem Herzen, hi: wenn ich Euch
je etwas zuleid getan habe, so straft mich nicht damit, da Ihr noch einmal das
Heidi fortlat, bevor ich unten bei der Kirche liege. O Ihr wit nicht, was mir
das Kind ist! und sie hielt es fest an sich, denn Heidi hatte sich schon an sie
geschmiegt.
    Keine Sorge, Gromutter, beruhigte der hi; damit will ich weder Euch
noch mich strafen. Jetzt bleiben wir alle beieinander und, will's Gott, noch
lange so.
    Jetzt zog die Brigitte den hi ein wenig geheimnisvoll in eine Ecke hinein
und zeigte ihm das schne Federnhtchen, und erzhlte ihm, wie es sich damit
verhalte, und da sie ja natrlich so etwas einem Kinde nicht abnehme.
    Aber der Grovater sah ganz wohlgefllig auf sein Heidi hin und sagte: Der
Hut ist sein, und wenn es ihn nicht mehr auf den Kopf tun will, so hat es recht,
und hat es ihn dir gegeben, so nimm ihn nur.
    Die Brigitte war hchlich erfreut ber das unerwartete Urteil. Er ist gewi
mehr als zehn Franken wert, seht nur! und in ihrer Freude streckte sie das
Htchen hoch auf. Was aber auch dieses Heidi fr einen Segen von Frankfurt mit
heimgebracht hat! Ich habe schon manchmal denken mssen, ob ich nicht den
Peterli auch ein wenig nach Frankfurt schicken solle; was meint Ihr, hi?
    Dem hi scho es ganz lustig aus den Augen. Er meinte, es knnte dem Peterli
nichts schaden; aber er wrde doch eine gute Gelegenheit dazu abwarten.
    Jetzt fuhr der Besprochene eben zur Tr herein, nachdem er zuerst mit dem
Kopf so fest dagegen gerannt war, da alles erklirrte davon; er mute pressiert
sein. Atemlos und keuchend stand er nun mitten in der Stube still und streckte
einen Brief aus. Das war auch ein Ereignis, das noch nie vorgekommen war, ein
Brief mit einer Aufschrift an das Heidi, den man ihm auf der Post im Drfli
bergeben hatte. Jetzt setzten sich alle voller Erwartung um den Tisch herum,
und Heidi machte seinen Brief auf und las ihn laut und ohne Ansto vor. Der
Brief war von der Klara Sesemann geschrieben. Sie erzhlte Heidi, da es seit
seiner Abreise so langweilig geworden sei in ihrem Hause, da sie es nicht lang
hintereinander so aushalten knne und so lange den Vater gebeten habe, bis er
die Reise ins Bad Ragaz schon auf den kommenden Herbst festgestellt habe, und
die Gromama wolle auch mitkommen, denn sie wolle auch das Heidi und den
Grovater besuchen auf der Alm. Und weiter lie die Gromama noch dem Heidi
sagen, es habe recht getan, da es der alten Gromutter die Brtchen habe
mitbringen wollen, und damit sie diese nicht trocken essen msse, komme gleich
der Kaffee noch dazu, er sei schon auf der Reise, und wenn sie selbst nach der
Alm komme, so msse das Heidi sie auch zur Gromutter fhren.
    Da gab es nun eine solche Freude und Verwunderung ber diese Nachrichten,
und so viel zu reden und zu fragen, da die groe Erwartung alle gleich betraf,
da selbst der Grovater nicht bemerkte, wie spt es schon war, und so vergngt
und frhlich waren sie alle in der Aussicht auf die kommenden Tage und fast noch
mehr in der Freude ber das Zusammensein an dem heutigen, da die Gromutter
zuletzt sagte: Das Schnste ist doch, wenn so ein alter Freund kommt und uns
wieder die Hand gibt, so wie vor langer Zeit; das gibt so ein trstliches Gefhl
ins Herz, da wir einmal alles wiederfinden, was uns lieb ist. Ihr kommt doch
bald wieder, hi, und das Kind morgen schon?
    Das wurde der Gromutter in die Hand hinein versprochen; nun aber war es
Zeit zum Aufbruch, und der Grovater wanderte mit Heidi die Alm hinan, und wie
am Morgen die hellen Glocken von nah und fern sie heruntergerufen hatten, so
begleitete nun aus dem Tale herauf das friedliche Gelut der Abendglocken sie
bis hinauf zur sonnigen Almhtte, die ganz sonntglich im Abendschimmer ihnen
entgegenglnzte.
    Wenn aber die Gromama kommt im Herbst, dann gibt es gewi noch manche neue
Freude und berraschung fr das Heidi wie fr die Gromutter, und sicher kommt
auch gleich ein richtiges Bett auf den Heuboden hinauf, denn wo die Gromama
hintritt, da kommen alle Dinge bald in die erwnschte Ordnung und Richtigkeit,
nach auen wie nach innen.
