
                                Fontane, Theodor

                                   L'Adultera

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                Theodor Fontane

                                   L'Adultera

                                    Novelle

                                 Erstes Kapitel

                         Kommerzienrat van der Straaten

Der Kommerzienrat van der Straaten, Groe Petristrae 4, war einer der
vollgiltigsten Finanziers der Hauptstadt, eine Tatsache, die dadurch wenig
alteriert wurde, da er mehr eines geschftlichen als eines persnlichen
Ansehens geno. An der Brse galt er bedingungslos, in der Gesellschaft nur
bedingungsweise. Es hatte dies, wenn man herumhorchte, seinen Grund zu sehr
wesentlichem Teile darin, da er zuwenig drauen gewesen war und die
Gelegenheit versumt hatte, sich einen allgemein giltigen Weltschliff oder auch
nur die seiner Lebensstellung entsprechenden Allren anzueignen. Einige
neuerdings erst unternommene Reisen nach Paris und Italien, die brigens niemals
ber ein paar Wochen hinaus ausgedehnt worden waren, hatten an diesem
Tatbestande nichts Erhebliches ndern knnen und ihm jedenfalls ebenso seinen
spezifisch lokalen Stempel wie seine Vorliebe fr drastische Sprchwrter und
heimische geflgelte Worte von der derberen Observanz gelassen. Er pflegte, um
ihn selber mit einer seiner Lieblingswendungen einzufhren, aus seinem Herzen
keine Mrdergrube zu machen und hatte sich, als reicher Leute Kind, von Jugend
auf daran gewhnt, alles zu tun und zu sagen, was zu tun und zu sagen er lustig
war. Er hate zweierlei: sich zu genieren und sich zu ndern. Nicht als ob er
sich in der Theorie fr besserungsunbedrftig gehalten htte, keineswegs, er
bestritt nur in der Praxis eine besondere Bentigung dazu. Die meisten Menschen,
so hie es dann wohl in seinen jederzeit gern gegebenen Auseinandersetzungen,
seien einfach erbrmlich und so grundschlecht, da er, verglichen mit ihnen, an
einer wahren Engelgrenze stehe. Er she mithin nicht ein, warum er an sich
arbeiten und sich Unbequemlichkeiten machen solle. Zudem knne man jeden Tag an
jedem beliebigen Konventikler oder Predigtamtskandidaten erkennen, da es doch
zu nichts fhre. Es sei eben immer die alte Geschichte, und um den Teufel
auszutreiben, werde Beelzebub zitiert. Er zg es deshalb vor, alles beim alten
zu belassen. Und wenn er so gesprochen, sah er sich selbstzufrieden um und
schlo behaglich und gebildet: O rhret, rhret nicht daran, denn er liebte
das Einstreuen lyrischer Stellen, ganz besonders solcher, die seinem
echtberlinischen Hange zum bequem Gefhlvollen einen Ausdruck gaben. Da er eben
diesen Hang auch wieder ironisierte, versteht sich von selbst.
    Van der Straaten, wie hiernach zu bemessen, war eine
sentimental-humoristische Natur, deren Berolinismen und Zynismen nichts weiter
waren als etwas wilde Schlinge seines Unabhngigkeitsgefhls und einer immer
ungetrbten Laune. Und in der Tat, es gab nichts in der Welt, zu dem er allezeit
so bestndig aufgelegt gewesen wre wie zu Bonmots und scherzhaften Repartis,
ein Zug seines Wesens, der sich schon bei Vorstellungen in der Gesellschaft zu
zeigen pflegte. Denn die bei diesen und hnlichen Gelegenheiten nie ausbleibende
Frage nach seinen nheren oder ferneren Beziehungen zu dem Gutzkowschen
Vanderstraaten ward er nicht mde prompt und beinahe paragraphenweise dahin zu
beantworten, da er jede Verwandtschaft mit dem von der Bhne her so bekannt
gewordenen Manasse Vanderstraaten ablehnen msse, 1. weil er seinen Namen nicht
einwortig, sondern dreiwortig schreibe, 2. weil er, trotz seines Vornamens
Ezechiel, nicht blo berhaupt getauft worden sei, sondern auch das nicht jedem
Preuen zuteil werdende Glck gehabt habe, durch einen evangelischen Bischof,
und zwar durch den alten Bischof Ro, in die christliche Gemeinschaft
aufgenommen zu sein, und 3. und letztens, weil er seit lngerer Zeit des Vorzugs
geniee, die Honneurs seines Hauses nicht durch eine Judith, sondern durch eine
Melanie machen lassen zu knnen, durch eine Melanie, die, zu weiterem
Unterschiede, nicht seine Tochter, sondern seine Gemahlin sei. Und dies Wort
sprach er dann mit einer gewissen Feierlichkeit, in der Scherz und Ernst
geschickt zusammenklangen.
    Aber der Ernst berwog, wenigstens in seinem Herzen. Und es konnte nicht
anders sein, denn die junge Frau war fast noch mehr sein Stolz als sein Glck.
lteste Tochter Jean de Caparoux', eines Adligen aus der franzsischen Schweiz,
der als Generalkonsul eine lange Reihe von Jahren in der norddeutschen
Hauptstadt gelebt hatte, war sie ganz und gar als das verwhnte Kind eines
reichen und vornehmen Hauses grogezogen und in all ihren Anlagen aufs
glcklichste herangebildet worden. Ihre heitere Grazie war fast noch grer als
ihr Esprit und ihre Liebenswrdigkeit noch grer als beides. Alle Vorzge
franzsischen Wesens erschienen in ihr vereinigt. Ob auch die Schwchen? Es
verlautete nichts darber. Ihr Vater starb frh, und statt eines gemutmaten
groen Vermgens fanden sich nur Debets ber Debets. Und um diese Zeit war es
denn auch, da der zweiundvierzigjhrige van der Straaten um die siebzehnjhrige
Melanie warb und ihre Hand erhielt. Einige Freunde beider Huser ermangelten
selbstverstndlich nicht, allerhand Trbes zu prophezeien. Aber sie schienen im
Unrecht bleiben zu sollen. Zehn glckliche Jahre, glcklich fr beide Teile,
waren seitdem vergangen, Melanie lebte wie die Prinze im Mrchen, und van der
Straaten seinerseits trug mit freudiger Ergebung seinen Necknamen Ezel, in den
die junge Frau den langatmigen und etwas suspekten Ezechiel umgewandelt hatte.
Nichts fehlte. Auch Kinder waren da: zwei Tchter, die jngere des Vaters, die
ltere der Mutter Ebenbild, gro und schlank und mit herabfallendem, dunklem
Haar. Aber whrend die Augen der Mutter immer lachten, waren die der Tochter
ernst und schwermtig, als shen sie in die Zukunft.

                                Zweites Kapitel



                                   L'Adultera

Die Wintermonate pflegten die van der Straatens in ihrer Stadtwohnung
zuzubringen, die, trotzdem sie altmodisch war, doch an Komfort nichts vermissen
lie. Jedenfalls aber bot sie fr das gesellschaftliche Treiben der Saison eine
grere Bequemlichkeit als die spreeabwrts am Nordwestrande des Tiergartens
gelegene Villa.
    Der erste Subskriptionsball war gewesen, vor zwei Tagen, und van der
Straaten und Frau nahmen wie gewhnlich in dem hochpaneelierten Wohn- und
Arbeitszimmer des ersteren ihr gemeinschaftliches Frhstck ein. Von dem beinah
unmittelbar vor ihrem Fenster aufragenden Petrikirchturme herab schlug es eben
neun, und die kleine franzsische Stutzuhr sekundierte pnktlich, lief aber in
ihrer Hast und Eile den dumpfen und langsamen Schlgen, die von drauen her laut
wurden, weit voraus. Alles atmete Behagen, am meisten der Hausherr selbst, der,
in einen Schaukelstuhl gelehnt und die Morgenzeitung in der Hand, abwechselnd
seinen Kaffee und den Subskriptions- Ball-Bericht einschlrfte. Nur dann und
wann lie er seine Hand mit der Zeitung sinken und lachte.
    Was lachst du wieder, Ezel, sagte Melanie, whrend sie mit ihrem linken
Morgenschuh kokettisch hin und her klappte.
    Was lachst du wieder? Ich wette die Robe, die du mir heute noch kaufen
wirst, gegen dein hliches, rotes und mir zum Tort wieder schief umgeknotetes
Halstuch, da du nichts gefunden hast als ein paar Zweideutigkeiten.
    Er schreibt zu gut, antwortete van der Straaten, ohne den hingeworfenen
Fehdehandschuh aufzunehmen. Und was mich am meisten freut, sie nimmt es alles
fr Ernst.
    Wer denn?
    Nun wer! Die Maywald, deine Rivalin. Und nun hre. Oder lies es selbst.
    Nein, ich mag nicht. Ich liebe nicht diese Berichte mit ausgeschnittenen
Kleidern und Anfangsbuchstaben.
    Und warum nicht? Weil du noch nicht an der Reihe warst. Ja, Lanni, er geht
stolz an dir vorber.
    Ich wrd es mir auch verbitten.
    Verbitten! Was heit verbitten? Ich verstehe dich nicht. Oder glaubst du
vielleicht, da gewesene Generalkonsulstchter in vestalisch-priesterlicher
Unnahbarkeit durchs Leben schreiten oder sakrosankt sind wie Botschafter und
Ambassaden! Ich will dir ein Sprchwort sagen, das ihr in Genf nicht haben
werdet...
    
    Und das wre?
    Sieht doch die Katz den Kaiser an. Und ich sage dir, Lanni, was man ansehen
darf, das darf man auch beschreiben. Oder verlangst du, da ich ihn fordern
sollte? Pistolen und zehn Schritt Barriere.
    Melanie lachte. Nein Ezel, ich strbe, wenn du mir totgeschossen wrdest.
    Hre, dies solltest du dir doch berlegen. Das Beste, was einer jungen Frau
wie dir passieren kann, ist doch immer die Witwenschaft, oder le veuvage, wie
meine Pariser Wirtin mir einmal ber das andere zu versichern pflegte.
Beilufig, meine beste Reise-Reminiszenz. Und dabei httest du sie sehen sollen,
die kleine, korpulente, schwarze Madame...
    Ich sehne mich nicht danach. Ich will lieber wissen, wie alt sie war.
    Fnfzig. Die Liebe fllt nicht immer auf ein Rosenblatt...
    Nun, da mag es dir und ihr verziehen sein.
    Und dabei stand Melanie von ihrem hochlehnigen Stuhl auf, legte den Kanevas
beiseite, an dem sie gestickt hatte, und trat an das groe Mittelfenster.
    Unten bewegte sich das bunte Treiben eines Markttages, dem die junge Frau
gern zuzusehen pflegte. Was sie daran am meisten fesselte, waren die Gegenstze.
Dicht an der Kirchentr, an einem kleinen, niedrigen Tische, sa ein Mtterchen,
das ausgelassenen Honig in groen und kleinen Glsern verkaufte, die mit
ausgezacktem Papier und einem roten Wollfaden zugebunden waren. Ihr zunchst
erhob sich eine Wildhndlerbude, deren sechs aufgehngte Hasen mit traurigen
Gesichtern zu Melanie hinbersahen, whrend in Front der Bude (das erfrorene
Gesicht in einer Kapuze) ein kleines Mdchen auf und ab lief und ihre Schfchen,
wie zur Weihnachtszeit, an die Vorbergehenden feilbot. ber dem Ganzen aber lag
ein grauer Himmel, und ein paar Flocken federten und tanzten, und wenn sie
niederfielen, wurden sie vom Luftzuge neu gefat und wieder in die Hhe
gewirbelt.
    Etwas wie Sehnsucht berkam Melanie beim Anblick dieses Flockentanzes, als
msse es schn sein, so zu steigen und zu fallen und dann wieder zu steigen, und
eben wollte sie sich vom Fenster her ins Zimmer zurckwenden, um in leichtem
Scherze, ganz wie sie's liebte, sich und ihre Sehnsuchtsanwandlung zu
persiflieren, als sie, von der Brderstrae her, eines jener langen und auf
niedrigen Rdern gehenden Gefhrte vorfahren sah, die die hauptstdtischen
Bewohner Rollwagen nennen. Es konnte das Exemplar, das eben hielt, als ein
Musterstck seiner Gattung gelten, denn nichts fehlte. Nach hinten zu war der
zum Abladen dienende Doppelbaum in vorschriftsmigem rechten Winkel
aufgerichtet, vorn stand der Kutscher mit Vollbart und Lederschurz, und in der
Mitte lief ein kleiner Bastard von Spitz und Rattenfnger hin und her und bellte
jeden an, der nur irgendwie Miene machte, sich auf fnf Schritte dem Wagen zu
nhern. Er hatte kaum noch ein Recht zu diesen uerungen bertriebener
Wachsamkeit, denn auf dem ganzen langen Wagenbrette lag nur noch ein einziges
Kolli, das der Rollkutscher jetzt zwischen seine zwei Riesenhnde nahm und in
den Hausflur hineintrug, als ob es eine Pappschachtel wre.
    Van der Straaten hatte mittlerweile seine Lektre beendet und war an ein
unmittelbar neben dem Eckfenster stehendes Pult getreten, an dem er zu schreiben
pflegte.
    Wie schn diese Leute sind, sagte Melanie. Und so stark. Und dieser
wundervolle Bart! So denk ich mir Simson.
    Ich nicht, entgegnete van der Straaten trocken.
    Oder Wieland den Schmied.
    Schon eher. Und ber kurz oder lang, denk ich, wird diese Sache spruchreif
sein. Denn ich wette zehn gegen eins, da ihn der Meister in irgend etwas
Zuknftigem bereits unterm Hammer hat. Oder sagen wir auf dem Ambo. Es klingt
etwas vornehmer.
    Ich mu dich bitten, Ezel... Du weit...
    Aber ehe sie schlieen konnte, wurde geklopft, und einer der jungen
Kontoristen erschien in der Tr, um seinem Chef, unter gleichzeitiger Verbeugung
gegen Melanie, einen Frachtbrief einzuhndigen, auf dem in groen Buchstaben und
in italienischer Sprache vermerkt war: Zu eigenen Hnden des Empfngers.
    Van der Straaten las und war sofort wie elektrisiert. Ah, von Salviati...!
Das ist hbsch, das ist schn... Gleich die Kiste heraufschaffen...! Und du
bleibst, Melanie... Hat er doch Wort gehalten... Freut mich, freut mich
wirklich. Und dich wird es auch freuen. Etwas Venezianisches, Lanni... Du warst
so gern in Venedig.
    Und whrend er in derartig kurzen Stzen immer weiter perorierte, hatte er
aus einem Kasten seines Arbeitstisches ein Stemmeisen herausgenommen und
hantierte damit, als die Kiste hereingebracht worden war, so vertraut und so
geschickt, als ob es ein Korkzieher oder irgendein anderes Werkzeug alltglicher
Benutzung gewesen wre. Mit Leichtigkeit hob er den Deckel ab und setzte das
daran angeschraubte Bild auf ein groes staffeleiartiges Gestell, das er schon
vorher aus einer der Zimmerecken ans Fenster geschoben hatte. Der junge Kommis
hatte sich inzwischen wieder entfernt, van der Straaten aber, whrend er Melanie
mit einer gewissen Feierlichkeit vor das Bild fhrte, sagte: Nun, Lanni, wie
findest du's...? Ich will dir brigens zu Hilfe kommen... Ein Tintoretto.
    Kopie?
    Freilich, stotterte van der Straaten etwas verlegen. Originale werden
nicht hergegeben. Und wrden auch meine Mittel bersteigen. Dennoch dcht
ich...
    Melanie hatte mittlerweile die Hauptfiguren des Bildes mit ihrem Lorgnon
gemustert und sagte jetzt: Ah, l'Adultera...! Jetzt erkenn ich's. Aber da du
gerade das whlen mutest! Es ist eigentlich ein gefhrliches Bild, fast so
gefhrlich wie der Spruch... Wie heit er doch?
    Wer unter euch ohne Snde ist...
    Richtig. Und ich kann mir nicht helfen, es liegt so was Ermutigendes darin.
Und dieser Schelm von Tintoretto hat es auch ganz in diesem Sinne genommen. Sieh
nur...! Geweint hat sie... Gewi... Aber warum? Weil man ihr immer wieder und
wieder gesagt hat, wie schlecht sie sei. Und nun glaubt sie's auch oder will es
wenigstens glauben. Aber ihr Herz wehrt sich dagegen und kann es nicht finden...
Und da ich dir's gestehe, sie wirkt eigentlich rhrend auf mich. Es ist soviel
Unschuld in ihrer Schuld... Und alles wie vorherbestimmt.
    Melanie, whrend sie so sprach, war ernster geworden und von dem Bilde
zurckgetreten. Nun aber fragte sie: Hast du schon einen Platz dafr?
    Ja, hier. Und er wies auf eine Wandstelle neben seinem Schreibpult.
    Ich dachte, fuhr Melanie fort, du wrdest es in die Galerie schicken. Und
offen gestanden, es wird sich an diesem Pfeiler etwas sonderbar ausnehmen. Es
wird...
    Unterbrich dich nicht.
    Es wird den Witz herausfordern und die Bosheit, und ich hre schon Reiff
und Duquede medisieren, vielleicht auf deine Kosten und gewi auf meine.
    Van der Straaten hatte seinen Arm auf das Pult gelehnt und lchelte.
    Du lchelst, und sonst lachst du doch, mehr, als gut ist, und namentlich
lauter, als gut ist. Es steckt etwas dahinter. Sage, was hast du gegen mich? Ich
wei recht gut, du bist nicht so harmlos, wie du dich stellst. Und ich wei
auch, da es wunderliche Gemtlichkeiten gibt. Ich habe mal von einem russischen
Frsten gelesen, ich glaube Suboff war sein Name. Eigentlich waren es zwei, zwei
Brder. Die spielten Karten, und dann ermordeten sie den Kaiser Paul, und dann
spielten sie wieder Karten. Ich glaube beinah, du knntest auch so was! Und
alles mit gutem Gewissen und gutem Schlaf.
    Also darum Knig Ezel! lachte van der Straaten.
    O nein. Nicht darum. Als ich dich so hie, war ich noch ein halbes Kind.
Und ich kannte dich damals noch nicht. Jetzt aber kenn ich dich und wei nur
nicht, ob es etwas sehr Gutes oder etwas sehr Schlimmes ist, was in dir
steckt... Aber nun komm. Unser Kaffee ist kalt geworden.
    Und sie gab ihren Platz am Fenster auf, setzte sich wieder auf ihren
hochlehnigen Stuhl und nahm Nadel und Kanevas und tat ein paar rasche Stiche.
Zugleich aber lie sie kein Auge von ihm, denn sie wollte wissen, was in seiner
Seele vorging.
    Und er wollt es auch nicht lnger verbergen. War er doch ohnehin, aller
Freundschaft unerachtet, ohne Freund und Vertrauten, und so trieb es ihn denn,
angesichts dieses Bildes einmal aus sich herauszugehn.
    Ich habe dich nie mit Eifersucht geqult, Lanni.
    Und ich habe dir nie Veranlassung dazu gegeben.
    Nein. Aber heute rot und morgen tot. Das heit, alles wechselt im Leben.
Und sieh, als wir letzten Sommer in Venedig waren und ich dies Bild sah, da
stand es auf einmal alles deutlich vor mir. Und da war es denn auch, da ich
Salviati bat, mir das Bild kopieren zu lassen. Ich will es vor Augen haben, so
als Memento mori, wie die Kapuziner, die sonst nicht mein Geschmack sind. Denn
sieh, Lanni, auch in ihrer Furcht unterscheiden sich die Menschen. Da sind
welche, die halten es mit dem Vogel Strau und stecken den Kopf in den Sand und
wollen nichts wissen. Aber andere haben eine Neigung, ihr Geschick immer vor
sich zu sehen und sich mit ihm einzuleben. Sie wissen genau, den und den Tag
sterb ich, und sie lassen sich einen Sarg machen und betrachten ihn fleiig. Und
die bestndige Vorstellung des Todes nimmt auch dem Tode schlielich seine
Schrecken. Und sieh, Lanni, so will ich es auch machen, und das Bild soll mir
dazu helfen... Denn es ist erblich in unserm Haus... und so gewi dieser
Zeiger...
    Aber Ezel, unterbrach ihn Melanie, was hast du nur? Ich bitte dich, wo
soll das hinaus? Wenn du die Dinge so siehst, so wei ich nicht, warum du mich
nicht heut oder morgen einmauern lt.
    An dergleichen hab ich auch schon gedacht. Und ich bekenne, Melanie die
Nonne klnge nicht bel, und es liee sich eine Ballade darauf machen. Aber es
hilft zu nichts. Denn du glaubst gar nicht, was Liebende bei gutem Willen alles
durchsetzen. Und sie haben immer guten Willen.
    Oh, ich glaub es schon.
    Nun siehst du, lachte van der Straaten, den diese scherzhafte Wendung
pltzlich wieder zu heiterer Laune stimmte. So hr ich dich gern. Und zur
Belohnung: das Bild soll nicht an den Eckpfeiler, sondern wirklich in die
Galerie. Verla dich darauf. Und um dir nichts zu verschweigen, ich hab auch
ber all das so meine wechselnden und widerstreitenden Gedanken, und mitunter
denk ich: ich sterbe vielleicht drber hin. Und das wre das beste. Zeit
gewonnen, alles gewonnen. Es ist nichts Neues. Aber die trivialsten Stze sind
immer die richtigsten.
    Dann vergi auch nicht den, da man den Teufel nicht an die Wand malen
soll!
    Er nickte. Da hast du recht. Und wir wollen's auch nicht und wollen diese
Stunde vergessen. Ganz und gar. Und wenn ich dich je wieder daran erinnere, so
sei's im Geiste des Friedens und zum Zeichen der Vershnung. Lache nicht. Es
kommt, was kommen soll. Und wie sagtest du doch? Es sei soviel Unschuld in ihrer
Schuld...
    ... Und vorherbestimmt, sagt ich. Prdestiniert...! Aber vorherbestimmt ist
heute, da wir ausfahren, und das ist die Hauptsache. Denn ich brauche die Robe
viel, viel ntiger, als du den Tintoretto brauchst. Und ich war eigentlich eine
Trin und ein Kindskopf, da ich alles so bitter ernsthaft genommen und dir
jedes Wort geglaubt habe! Du hast das Bild haben wollen, c'est tout. Und nun
gehab dich wohl, mein Dnenprinz, mein Trumer. Sein oder Nichtsein...
Variationen von Ezechiel van der Straaten!
    Und sie stand auf und lachte und stieg die kleine durchbrochene Treppe
hinauf, die, von van der Straatens Zimmer aus, in die Schlafzimmer des zweiten
Stockes fhrte.

                                Drittes Kapitel



                                  Logierbesuch

Van der Straaten, um es zu wiederholen, bewegte sich gern in dem Gegensatze von
derb und gefhlvoll, berhaupt in Gegenstzen, und so war es wenig
verwunderlich, da das vor dem Tintoretto gefhrte Gesprch in seinem Herzen
nicht allzu lange nachtnte. Freilich auch nicht in dem seiner Frau. Nur solang
es gefhrt worden war, war Melanie wirklich berrascht gewesen, nicht um des
sentimentalen Tones willen, den sie kannte, sondern weil alles eine viel
persnlichere Richtung nahm als bei frheren Gelegenheiten. Aber nun war es
vorber. Das Bild erhielt seinen Platz in der Galerie, man sah es nicht mehr,
und van der Straaten, wenn er ihm zufllig begegnete, lchelte nur in beinah
heiterer Resignation. Er besa eben ganz den fatalistischen Zug der Humoristen,
der sich verdoppelt, wenn sie nebenher auch noch Lebemnner sind.
    Es war eine belebte Saison gewesen; aber Ostern, trotzdem es spt fiel, lag
schon wieder zurck, und die Wochen waren wieder da, wo herkmmlich die Frage
verhandelt zu werden pflegte: Wann ziehen wir hinaus?
    Bald, sagte Melanie, die bereits die Tage zhlte.
    Aber die gestrengen Herren waren noch nicht da.
    Die regieren nicht lange.
    Zugestanden, lachte van der Straaten. Und um so lieber, als ich nur so
meine Hausherrschaft garantiert finde. Wenigstens mittelbar. Und immer noch
besser schwach regieren als gar nicht.
    Diese Worte waren an einem der letzten Apriltage beim Frhstck gewechselt
worden, und es mochte Mittag sein, als der Kommerzienrat von seinem Comptoir aus
die Frau Kommerzienrtin bitten lie, mit ihrer Ausfahrt eine Viertelstunde
warten zu wollen, weil er ihr zuvor eine Mitteilung zu machen habe. Melanie lie
zurcksagen, da sie sich freuen wrde, ihn zu sehen, und rechne danach auf
seine Begleitung.
    In Courtoisien dieser Art, denen brigens auch ein gelegentlicher Revers
nicht fehlte, hatten sich die van der Straatens seit Jahren eingelebt,
namentlich er, der nach seiner eignen Versicherung dem adligen Hause de
Caparoux einiges Ritterdienstliche schuldig zu sein glaubte und zu diesem
Ritterdienstlichen in erster Reihe Pnktlichkeit und Nichtwartenlassen zhlte.
    So erschien er denn auch heute, bald nach erfolgter Anmeldung, im Zimmer
seiner Frau.
    Dieses Zimmer entsprach in seinen rumlichen Verhltnissen ganz dem ihres
Gatten, war aber um vieles heller und heiterer, einmal, weil die hohe
Paneelierung, aber mehr noch, weil die vielen nachgedunkelten Bilder fehlten.
Statt dieser vielen war nur ein einziges da: das Portrt Melanies in ganzer
Figur, ein wogendes Kornfeld im Hintergrund und sie selber eben beschftigt, ein
paar Mohnblumen an ihren Hut zu stecken. Die Wnde, wo sie frei waren, zeigten
eine weie Seidentapete, tief in den Fensternischen erhoben sich
Hyazinthenestraden, und vor einer derselben, auf einem zierlichen Marmortische,
stand ein blitzblankes Bauer, drin ein grauer Kakadu, der eigentliche Tyrann des
Hauses, sein von der Dienerschaft gleichmig gehates und beneidetes Dasein
fhrte. Melanie sprach eben mit ihm, als Ezechiel in einer gewissen
humoristischen Aufgeregtheit eintrat und seine Frau, nach vorgngiger
respektvoller Verneigung gegen den Kakadu, bis an ihren Sofaplatz zurckfhrte.
Dann schob er einen Fauteuil heran und setzte sich neben sie.
    Die Feierlichkeit, mit der all dies geschah, machte Melanie lachen.
    Ist es doch, als ob du dich auf eine ganz besondere Beichte vorzubereiten
httest. Ich will es dir aber leicht machen. Ist es etwas Altes? Etwas aus
deiner dunklen Vergangenheit...?
    Nein, Lanni, es ist etwas Gegenwrtiges.
    Nun, da will ich doch abwarten und mich zu keinem Generalpardon hinreien
lassen. Und nun sage, was ist es?
    Eine Bagatelle.
    Was deine Verlegenheit bestreitet.
    Und doch eine Bagatelle. Wir werden einen Besuch empfangen oder vielmehr
einen Gast oder, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, einen Dauergast.
Also kurz und gut, denn was hilft es, es mu heraus: einen neuen Hausgenossen.
    Melanie, die bis dahin ein Schokoladenbiskuit, das noch auf dem Teller lag,
zerkrmelt hatte, legte jetzt ihren Zeigefinger auf van der Straatens Hand und
sagte: Und das nennst du eine Bagatelle? Du weit recht gut, da es etwas sehr
Ernsthaftes ist. Ich habe nicht den Vorzug, ein Kind dieser eurer Stadt zu sein,
bin aber doch lange genug in eurer exquisiten Mitte gewesen, um zu wissen, was
es mit einem Logierbesuch auf sich hat. Schon das Wort, das sich sonst nirgends
findet, kann einen ngstlich machen. Und was ist ein Logierbesuch gegen eine
neue Hausgenossenschaft... Ist es eine Dame?
    Nein, ein Herr.
    Ein Herr. Ich bitte dich, Ezel...
    Ein Volontr, ltester Sohn eines mir befreundeten Frankfurter Hauses. War
in Paris und London, selbstverstndlich, und kommt eben jetzt von New York, um
hier am Ort eine Filiale zu grnden. Vorher aber will er in unserem Hause die
Sitte dieses Landes kennenlernen, oder sag ich lieber wieder kennenlernen, weil
er sie drauen halb vergessen hat. Es ist ein besonderer Vertrauensakt. Ich bin
berdies dem Vater verpflichtet und bitte dich herzlich, mir eine Verlegenheit
ersparen zu wollen. Ich denke, wir geben ihm die zwei leerstehenden Zimmer auf
dem linken Korridor.
    Und zwingen ihn also, einen Sommer lang auf die Fliesen unseres Hofes und
auf Christels Geraniumtpfe hinunterzusehen.
    Es kann nicht die Rede davon sein, mehr zu geben, als man hat. Und er
selbst wird es am wenigsten erwarten. Alle Personen, die viel in der Welt umher
waren, pflegen am gleichgiltigsten gegen derlei Dinge zu sein. Unser Hof bietet
freilich nicht viel; aber was htt er Besseres in der Front? Ein Stck
Kirchengitter mit Fliederbusch und an Markttagen die Hasenbude.
    Eh bien, Ezel. Faisons le jeu. Ich hoffe, da nichts Schlimmes dahinter
lauert, keine Konspirationen, keine Plne, die du mir verschweigst. Denn du bist
eine versteckte Natur. Und wenn es deine Geheimnisse nicht strt, so mcht ich
schlielich wenigstens den Namen unseres neuen Hausgenossen hren.
    Ebenezer Rubehn...
    Ebenezer Rubehn, wiederholte Melanie langsam und jede Silbe betonend. Ich
bekenne dir offen, da mir etwas Christlich-Germanisches lieber gewesen wre.
Viel lieber. Als ob wir an deinem Ezechiel nicht schon gerade genug htten! Und
nun Ebenezer. Ebenezer Rubehn! Ich bitte dich, was soll dieser Accent grave,
dieser Ton auf der letzten Silbe? Suspekt, im hchsten Grade suspekt!
    Du mut wissen, er schreibt sich mit einem h.
    Mit einem h! Du wirst doch nicht verlangen, da ich dies h fr echt und
ursprnglich nehmen soll? Einschiebsel, versuchte Leugnung des Tatschlichen,
absichtliche Verschleierung, hinter der ich nichtsdestoweniger alle zwlf Shne
Jakobs stehen sehe. Und er selber als Flgelmann.
    Und doch irrst du, Lanni. Wie stand es denn mit Rubens? Ich meine mit dem
groen Peter Paul ? Nun, der hatte freilich ein s. Aber was dem s recht ist, ist
dem h billig. Und kurz und gut, er ist getauft. Ob durch einen Bischof, stehe
dahin; ich wei es nicht und wnsch es nicht, denn ich mcht etwas vor ihm
voraushaben. Aber allen Ernstes, du tust ihm unrecht. Er ist nicht blo
christlich, er ist auch protestantisch, so gut wie du und ich. Und wenn du noch
zweifelst, so lasse dich durch den Augenschein berzeugen.
    Und hierbei versuchte van der Straaten aus einem kleinen gelben Couvert, das
er schon bereithielt, eine Visitenkarten-Photographie herauszunehmen. Aber
Melanie litt es nicht und sagte nur in immer wachsender Heiterkeit: Sagtest du
nicht New York? Sagtest du nicht London? Ich war auf einen Gentleman gefat, auf
einen Mann von Welt, und nun schickt er sein Bildnis, als ob es sich um ein
Rendezvous handelte. Krugs Garten, mit einer Verlobung im Hintergrund.
    Und doch ist er unschuldig. Glaube mir. Ich wollte sichergehen, um
deinetwillen sichergehen, und deshalb schrieb ich an den alten Goeschen, Firma
Goeschen, Goldschmidt und Co.; diskreter alter Herr. Und daher stammt es. Ich
bin schuld, nicht er, wahr und wahrhaftig, und wenn du mir das Wort gestattest,
sogar auf Ehre.
    Melanie nahm das Couvert und warf einen flchtigen Blick auf das
eingeschlossene Bild. Ihre Zge vernderten sich pltzlich, und sie sagte: Ah,
der gefllt mir. Er hat etwas Distinguiertes: Offizier in Zivil oder
Gesandtschaftsattach! Das lieb ich. Und nun gar ein Bndchen. Ist es die
Ehrenlegion?
    Nein, du kannst es nher suchen. Er stand bei den fnften Dragonern und hat
fr Chartres und Poupry das Kreuz empfangen.
    Ist das eine Schlacht von deiner Erfindung?
    Nein. Dergleichen kommt vor, und als freie Schweizerin solltest du wissen,
da fremde Sprachen nicht immer gebhrende Rcksicht auf die verpnten
Klangformen einer anderen nehmen. Ja, Lanni, ich bin mitunter besser als mein
Ruf.
    Und wann drfen wir unseren neuen Hausfreund erwarten?
    Hausgenossen, verbesserte van der Straaten. Es ist nicht ntig, ihn, mit
Rcksicht auf seine militrische Charge, so Hals ber Kopf avancieren zu lassen.
brigens ist er verlobt, oder so gut wie verlobt.
    Schade.
    Schade? Warum?
    Weil Verlobte meistens langweilig sind. Sind sie beisammen, so sind sie
zrtlich, bedrckend zrtlich fr ihre Umgebung, und sind sie getrennt, so
schreiben sie sich Briefe oder bereiten sich in ihrem Gemte darauf vor. Und der
Brutigam ist immer der schlimmere von beiden. Und will man sich gar in ihn
verlieben, so heit das nicht mehr und nicht weniger als zwei Lebenskreise
stren.
    Zwei?
    Ja, Brutigam und Braut.
    Ich htte drei gezhlt, lachte van der Straaten. Aber so seid ihr. Ich
wette, du hast den dritten in Gnaden vergessen. Ehemnner zhlen berhaupt nicht
mit. Und wenn sie sich darber wundern, so machen sie sich ridikl. Ich werde
mich brigens davor hten, den Mohren der Weltgeschichte, das seid ihr,
weiwaschen zu wollen. Apropos, kennst du das Bild Die Mohrenwsche?
    Ach, Ezel, du weit ja, ich kenne keine Bilder. Und am wenigsten alte.
    Se Simplicitas aus dem Hause de Caparoux, jubelte van der Straaten, der
nie glcklicher war, wie wenn Melanie sich eine Ble gab oder auch klugerweise
nur so tat. Altes Bild! Es ist nicht lter als ich.
    Nun, dann ist es gerade alt genug.
    Bravissimo. Sieh, so hab ich dich gern. bermtig und boshaft. Und nun
sage, was beginnen wir, wohin gondeln wir?
    Ich bitte dich, Ezel, nur keine Berolinismen. Du hast mir doch gestern
erst...
    Und ich halt es auch. Aber wenn mir wohl ums Herze wird, da bricht es
wieder durch. Und jetzt komm, wir wollen zu Haas und uns einen Teppich ansehn...
Gerade alt genug... Vorzglich, vorzglich... Und nun sage, Papchen, wie heit
die schnste Frau im Land?
    Melanie.
    Und die liebste, die klgste, die beste Frau?
    Melanie, Melanie.
    Gut, gut... Und nun gehab dich wohl, du Menschenkenner!

                                Viertes Kapitel



                               Der engere Zirkel

Die drei gestrengen Herren waren ganz ausnahmsweise streng gewesen, aber nicht
zu Verdru beider van der Straatens, die vielmehr nun erst wuten, da der
Winter all seine Pfeile verschossen und unweigerlich und ohne weitere
Widerstandsmglichkeit seinen Rckzug angetreten habe. Nun erst konnte man
freien Herzens hinaus, hinaus ohne Sorge vor frostigen Vormittagen oder gar vor
Eingeschneitwerden ber Nacht. Alles freute sich auf den Umzug, auch die Kinder,
am meisten aber van der Straaten, der, um ihn selber sprechen zu lassen, unter
allen vorkommenden Geburtsszenen einzig und allein der des Frhlings beizuwohnen
liebte. Vorher aber sollte noch ein kleines Abschiedsdiner stattfinden, und
zwar unter ausschlielicher Heranziehung des dem Hause zunchststehenden
Kreises.
    Es war das, brigens von mehr verwandtschaftlicher als befreundeter Seite
her, in erster Reihe der in der Alsenstrae wohnende Major von Gryczinski, ein
noch junger Offizier mit abstehendem, englisch gekruseltem Backenbart und
klugen blauen Augen, der vor etwa drei Jahren die reizende Jacobine de Caparoux
heimgefhrt hatte, eine jngere Schwester Melanies und nicht voll so schn wie
diese, aber rotblond, was, in den Augen einiger, das Gleichgewicht zwischen
beiden wiederherstellte. Gryczinski war Generalstbler und hielt, wie jeder
dieses Standes, an dem Glauben fest, da es in der ganzen Welt nicht zwei so
grundverschiedene Farben gbe wie das allgemeine preuische Militr-Rot und das
Generalstabs-Rot. Da er den Strebern zugehrte, war eine selbstverstndliche
Sache, wohl aber verdient es, in Rcksicht gegen den Ernst der Historie, schon
an dieser Stelle hervorgehoben zu werden, da er, alles Strebertums unerachtet,
in allen nicht zu verlockenden Fllen ein bescheidenes Ma von Rcksichtsnahme
gelten lie und den Kampf ums Dasein nicht absolut als einen bergang ber die
Beresina betrachtete. Wie sein groer Chef war er ein Schweiger, unterschied
sich aber von ihm durch ein bestndiges, jeden Sprecher ermutigendes Lcheln,
das er, alle nutzlose Parteinahme klug vermeidend, ber Gerechte und Ungerechte
gleichmig scheinen lie.
    Gryczinski, wie schon angedeutet, war mehr Verwandter als Freund des Hauses.
Unter diesen letzteren konnte der Baron Duquede, Legationsrat a. D., als der
angesehenste gelten. Er war ber sechzig, hatte bereits unter van der Straatens
Vater dem damals ausgedehnteren Kreise des Hauses angehrt und durfte sich, wie
um anderer Qualitten so auch schon um seiner Jahre willen, seinem
hervorstechendsten Charakterzuge, dem des Absprechens, Verkleinerns und
Verneinens, ungehindert hingeben. Da er, in Folge davon, den Beinamen Herr
Negationsrat erhalten hatte, hatte selbstverstndlich seine milzschtige
Krakeelerei nicht zu bessern vermocht. Er emprte sich eigentlich ber alles, am
meisten ber Bismarck, von dem er seit 66, dem Jahre seiner eigenen
Dienstentlassung, unaufhrlich versicherte, da er berschtzt werde. Von
einer beinah gleichen Emprung war er gegen das zum Franzsieren geneigte
Berlinertum erfllt, das ihn, um seines qu willen, als einen Kolonie-Franzosen
ansah und seinen altmrkischen Adelsnamen nach der Analogie von Admiral Duquesne
auszusprechen pflegte. Was er sich gefallen lassen knne, hatte Melanie
hingeworfen, von welchem Tag an eine stille Gegnerschaft zwischen beiden
herrschte.
    Dem Legationsrat an Jahren und Ansehn am nchsten stand Polizeirat Reiff,
ein kleiner behbiger Herr mit roten und glnzenden Backenknochen, auch
Feinschmecker und Geschichtenerzhler, der, solange die Damen bei Tische waren,
kein Wasser trben zu knnen schien, im Moment ihres Verschwindens aber in
Anekdoten exzellierte, wie sie, nach Zahl und Inhalt, immer nur einem Polizeirat
zu Gebote stehn. Selbst van der Straaten, dessen Talente doch nach derselben
Seite hin lagen, erging sich dann in lautem und mitunter selbst strmischem
Beifall oder zwinkerte seinen Tischnachbarn seine neidlose Bewunderung zu.
    Diese Tischnachbarn waren in der Regel zwei Maler: der Landschafter Arnold
Gabler, ebenfalls, wie Reiff und der Legationsrat, ein Erbstck aus des Vaters
Tagen her, und Elimar Schulze, Portrt- und Genremaler, der sich erst in den
letzten Jahren angefunden hatte. Seine Zugehrigkeit zu der vorgeschilderten
Tafelrunde basierte zumeist auf dem Umstande, da er nur ein halber Maler, zur
andern Hlfte aber Musiker und enthusiastischer Wagnerianer war, auf welchen
Titul hin, wie van der Straaten sich ausdrckte, Melanie seine Aufnahme
betrieben und durchgesetzt hatte. Die bei dieser Gelegenheit abgegebene
Bemerkung ihres Eheherrn, da er gegen den Aufzunehmenden nichts einzuwenden
habe, wenn er einfach bertreten und seine Zugehrigkeit zu der
alleinseligmachenden Musik offen und ehrlich aussprechen wolle, war von dem
immer gutgelaunten Elimar mit der Bitte beantwortet worden, ihm diesen Schritt
erlassen zu wollen, und zwar einfach deshalb, weil doch schlielich nur das
Gegenteil von dem Gewnschten dabei herauskommen wrde. Denn whrend er jetzt
als Maler allgemein fr einen Musiker gehalten werde, werd er als Musiker
sicherlich fr einen Maler gehalten und dadurch, vom Standpunkte des Herrn
Kommerzienrats aus, in die relativ hhere Rangstufe wieder hinaufgehoben
werden.
    Diesem Verwandten- und Freundeskreise waren die zu heute sieben Uhr
Geladenen entnommen. Denn van der Straaten liebte die Spt-Diners und erging
sich mitunter in nicht blen Bemerkungen ber den gewaltigen Unterschied
zwischen einer um vier Uhr knstlich hergestellten und einer um sieben Uhr
natrlich erwachsenen Dunkelheit. Eine knstliche Vier-Uhr-Dunkelheit sei nicht
besser als ein junger Wein, den man in einen Rauchfang gehngt und mit Spinnweb
umwickelt habe, um ihn alt und ehrwrdig erscheinen zu lassen. Aber eine feine
Zunge schmecke den jungen Wein und ein feines Nervensystem schmecke die junge
Dunkelheit heraus. Bemerkungen, die, namentlich in ihrer das feine
Nervensystem betonenden Schluwendung, von Melanie regelmig mit einem
allerherzlichsten Lachen begleitet wurden.
    Das van der Straatensche Stadthaus - wodurch es sich, neben anderem, von der
mit allem Komfort ausgestatteten Tiergarten-Villa unterschied - hatte keinen
eigentlichen Speisesaal, und die zwei groen und vier kleinen Diners, die sich
ber den Winter hin verteilten, muten in dem ersten, als Entree dienenden
Zimmer der groen Gemldegalerie gegeben werden. Es griff dieser Teil der
Galerie noch aus dem rechten Seitenflgel in das Vorderhaus ber und lag
unmittelbar hinter Melanies Zimmer, aus dem denn auch, sobald die breiten
Flgeltren sich ffneten, der Eintritt stattfand.
    Und wie gewhnlich, so auch heute. Van der Straaten nahm den Arm seiner
blonden Schwgerin, Duquede den Melanies, whrend die vier anderen Herren
paarweise folgten, eine herkmmliche Form des Aufmarsches, bei der der Major
ebenso geschickt zwischen den beiden Malern zu wechseln als den Polizeirat zu
vermeiden wute. Denn so bereit und ergeben er war, die Geschichten Reiffs bei
Tag oder Nacht ber sich ergehen zu lassen, so konnt er sich doch nicht
entschlieen, ihm ebenbrtig den Arm zu bieten. Er stand vielmehr ganz in den
Anschauungen seines Standes und bekannte sich, mit einem durch persnliches
Fhlen untersttzten Nachdruck, zu dem alten Gegensatze von Militr und Polizei.
    Jeder der Eintretenden war an dieser Stelle zu Haus und hatte keine
Veranlassung mehr zum Staunen und Bewundern. Wer aber zum ersten Male hier
eintrat, der wurde sicherlich durch eine Schnheit berrascht, die gerade darin
ihren Grund hatte, da der als Speisesaal dienende Raum kein eigentlicher
Speisesaal war. Ein reichgegliederter Kronleuchter von franzsischer Bronze warf
seine Lichter auf eine von guter italienischer Hand herrhrende, prchtig
eingerahmte Kopie der Veronesischen Hochzeit zu Cana, die von Uneingeweihten
auch wohl ohne weiteres fr das Original genommen wurde, whrend daneben zwei
Stilleben in fast noch greren und reicheren Barockrahmen hingen. Es waren, von
einiger vegetabilischer Zutat abgesehen, Hummer, Lachs und blaue Makrelen, ber
deren absolute Naturwahrheit sich van der Straaten in der ein fr allemal
gemnzten Bewunderungsformel auslie, es werd ihm, als ob er taschentuchlos
ber den Cllnischen Fischmarkt gehe.
    Nach hinten zu stand das Buffet, und daneben war die Tr, die mit der im
Erdgescho gelegenen Kche bequeme Verbindung hielt.

                                Fnftes Kapitel



                                   Bei Tisch

Nehmen wir Platz, sagte van der Straaten. Meine Frau hat mich aller
Placierungsmhen berhoben und Karten gelegt.
    Und dabei nahm er eine derselben in die Hand und lie sein von Natur gutes
und durch vieles Sehen kunstgebtes Auge darber hingleiten. Ah, ah, sehr gut.
Das ist Tells Gescho. Gratuliere, Elimar. Allerliebst, allerliebst. Natrlich
Amor, der schiet. Da ihr Maler doch ber diesen ewigen Schtzen nicht
wegkommen knnt.
    Gegen dessen Abschaffung oder Dienstentlassung wir auch feierlich
protestieren wrden, sagte die rotblonde Schwester.
    Alle hatten sich inzwischen placiert, und es ergab sich, da Melanie, bei
der von ihr getroffenen Anordnung, vom Herkmmlichen abgewichen war. Van der
Straaten sa zwischen Schwgerin und Frau, ihm gegenber der Major, von Gabler
und Elimar flankiert, an den Schmalseiten aber Polizeirat Reiff und Legationsrat
Duquede.
    Die Suppe war eben genommen und der im kommerzienrtlichen Hause von alter
Zeit her berhmte Montefiascone gerade herumgereicht, als van der Straaten sich
ber den Tisch hin zu seinem Schwager wandte.
    Gryczinski, Major und Schwager, hob er leicht und mit berlegener
Vertraulichkeit an, binnen heut und drei Monaten haben wir Krieg. Ich bitte
dich, sage nicht nein, wolle mir nicht widersprechen. Ihr, die ihr's schlielich
machen mt, erfahrt es erfahrungsmig immer am sptesten. Im Juni haben wir
die Sache wieder fertig oder wenigstens eingerhrt. Es zhlt jetzt zu den
sogenannten berechtigten Eigentmlichkeiten preuischer Politik, allen
Geheimrten, wozu, in allem was Karlsbad und Teplitz angeht, auch die
Kommerzienrte gehren, ihre Brunnen- und Badekur zu verderben. Helgoland mit
eingeschlossen. Ich wiederhole dir, in zwei Monaten haben wir die Sache fertig,
und in drei haben wir den Krieg. Irgendwas Benedettihaftes wird sich doch am
Ende finden lassen, und Ems liegt unter Umstnden berall in der Welt.
    Gryczinski zwirbelte mit der Linken an der breitesten Stelle seines
Backenbartes und sagte: Schwager, du stehst zu sehr unter Brsengerchten, um
nicht zu sagen unter dem Einflu der Brsenspekulation. Ich versichere dich, es
ist kein Wlkchen am Horizont, und wenn wir zur Zeit wirklich einen Kriegsplan
ausarbeiten, so betrifft er hchstens die hypothetische Bestimmung der Stelle,
wo Ruland und England zusammenstoen und ihre groe Schlacht schlagen werden.
    Beide Damen, die von der entschiedensten Friedenspartei waren, die brnette,
weil sie nicht gern das Vermgen, die blonde, weil sie nicht gern den Mann
einben wollte, jubelten dem Sprecher zu, whrend der Polizeirat, immer kleiner
werdend, bemerkte: Bitte dem Herrn Major meine gehorsamste Zustimmung
aussprechen zu drfen, und zwar von ganzem Herzen und von ganzem Gemte. Wobei
gesagt werden mu, da er mit Vorliebe von seinem Gemte sprach. berhaupt,
fuhr er fort, nichts falscher und irriger, als sich Seine Durchlaucht den
Frsten, einen in Wahrheit friedliebenden Mann, als einen Kanonier mit ewig
brennender Lunte vorzustellen, jeden Augenblick bereit, das Kruppsche
Monstregeschtz eines europischen Krieges auf gut Glck hin abzufeuern. Ich
sage, nichts falscher und irriger als das. Hasardieren ist die Lust derer, die
nichts besitzen, weder Vermgen noch Ruhm. Und der Frst besitzt beides. Ich
wette, da er nicht Lust hat, seinen hochaufgespeicherten Doppelschatz immer
wieder auf die Kriegskarte zu setzen. Er gewann 64 (nur eine Kleinigkeit),
dublierte 66 und triplierte 70, aber er wird sich hten, sich auf ein six-le-va
einzulassen. Er ist ein sehr belesener Mann und kennt ohne Zweifel das Mrchen
vom Fischer un sine Fru...
    ... dessen pikante Schluwendung uns unser polizeirtlicher Freund
hoffentlich nicht vorenthalten will, bemerkte van der Straaten, in dem sich der
bermut der Tafelstimmung bereits zu regen begann.
    Aber der Polizeirat, whrend er sich wie zur Gewhrleistung jeder Sicherheit
gegen die Damen hin verneigte, lie das Mrchen und seine notorische Schluzeile
fallen und sagte nur: Wer alles gewinnen will, verliert alles. Und das Glck
ist noch launenhafter als die Damen. Ja, meine Damen, als die Damen. Denn die
Launenhaftigkeit, ich lebe selbst in einer glcklichen Ehe, ist das Vorrecht und
der Zauber ihres Geschlechts. Der Frst hat Glck gehabt, aber gerade weil er es
gehabt hat...
    ... wird er sich hten, es zu versuchen, schlo mit ironischer Emphase der
Legationsrat. Aber, wenn er es dennoch tte? He? Der Frst hat Glck gehabt,
versichert uns unser Freund Reiff mit polizeirtlich unschuldiger Miene. Glck
gehabt! Allerdings. Und zwar kein einfaches und gewhnliches, sondern ein
stupendes, ein nie dagewesenes Glck. Eines, das in seiner kolossalen Gre den
Mann selber wegfrit und verschlingt. Und sowenig ich geneigt bin, ihm dies
Glck zu mignnen, ich kenne keine Migunst, so reizt es mich doch, einen
Heroenkultus an dieses Glck geknpft zu sehen. Er wird berschtzt, sag ich.
Glauben Sie mir, er hat etwas Plagiatorisches. Es mgen sich Erklrungen finden
lassen, meinetwegen auch Entschuldigungen, eines aber bleibt: er wird
berschtzt. Ja, meine Freunde, den Heroenkultus haben wir, und den Gtterkultus
werden wir haben. Bildsulen und Denkmler sind bereits da, und die Tempel
werden kommen. Und in einem dieser Tempel wird sein Bildnis sein, und Gttin
Fortuna ihm zu Fen. Aber man wird es nicht den Fortunatempel nennen, sondern
den Glckstempel. Ja, den Glckstempel, denn es wird darin gespielt, und unser
vorsichtiger Freund Reiff hat es mit seinem six-le-va, das ber kurz oder lang
kommen wird, besser getroffen, als er wei. Alles Spiel und Glck, sag ich, und
daneben ein unendlicher Mangel an Erleuchtung, an Gedanken und vor allem an
groen schpferischen Ideen.
    Aber lieber Legationsrat, unterbrach hier van der Straaten, es liegen
doch einige Kleinigkeiten vor: Exmittierung sterreichs, Aufbau des Deutschen
Reichs...
    ... Ekrasierung Frankreichs und Dethronisierung des Papstes! Pah, van der
Straaten, ich kenne die ganze Litanei. Wem aber haben wir dafr zu danken, wenn
berhaupt dafr zu danken ist? Wem? Einer ihm feindlichen Partei, feindlich ihm
und mir, einer Partei, der er ihren Schlachtruf genommen hat. Er hat etwas
Plagiatorisches, sag ich, er hat sich die Gedanken anderer einfach angeeignet,
gute und schlechte, und sie mit Hilfe reichlich vorhandener Mittel in Taten
umgesetzt. Das konnte schlielich jeder, jeder von uns: Gabler, Elimar, du, ich,
Reiff...
    Ich mchte doch bitten...
    In Taten umgesetzt, wiederholte Duquede. Ein Umsatz und Wechselgeschft,
das ich hasse, solange nicht der selbsteigne Gedanke dahintersteht. Aber Taten
mit gar keiner oder mit erheuchelter oder mit erborgter Idee haben etwas Rohes
und Brutales, etwas Dschingiskhanartiges. Und ich wiederhole, ich hasse solche
Taten. Am meisten aber ha ich sie, wenn sie die Begriffe verwirren und die
Gegenstze mengen und wenn wir es erleben mssen, da sich hinter den
altehrwrdigen Formen unseres staatserhaltenden Prinzips, hinter der Maske des
Konservatismus, ein revolutionrer Radikalismus birgt. Ich sage dir, van der
Straaten, er segelt unter falscher Flagge. Und eines seiner einschlgigsten
Mittel ist der bestndige Flaggenwechsel. Aber ich hab ihn erkannt und wei, was
seine eigentliche Flagge ist...
    Nennen...
    Die schwarze.
    Die Piratenflagge?
    Ja. Und Sie werden dessen ber kurz oder lang alle gewahr werden. Ich sage
dir, van der Straaten, und Ihnen, Elimar, und Ihnen, Reiff, der Sie's morgen in
Ihr schwarzes Buch eintragen knnen, meinetwegen, denn ich bin ein altmrkischer
Edelmann und habe den Dienst dieses mir widerstrebenden Eigenntzlings lngst
quittiert, ich sag es jedem, alt oder jung: sehen Sie sich vor. Ich warne Sie
vor Tuschung, vor allem aber vor berschtzung dieses falschen Ritters, dieses
Glcks-Tempelherrn, an den die blde Menge glaubt, weil er die Jesuiten aus dem
Lande geschafft hat. Aber wie steht es damit? Die Bsen sind wir los, der Bse
ist geblieben.
    Gryczinski hatte mit vornehmem Lcheln zugehrt, van der Straaten indes,
der, trotzdem er eigentlich ein Bismarck-Schwrmer war, in seiner Eigenschaft
als kritikschtiger Berliner nichts Reizenderes kannte als
Gren-Niedermetzelung und Generalnivellierung, immer vorausgesetzt, da er
selber als einsam berragender Bergkegel brigblieb, grte zu Duquede hinber
und rief einem der Diener zu, dem Legationsrat, der sich geopfert habe, noch
einmal von der letzten Schssel zu prsentieren.
    Eine spanische Zwiebel, Duquede. Nimm. Das ist etwas fr dich. Scharf,
scharf. Ich mache mir nicht viel aus Spanien, aber um zweierlei beneid ich es:
um seine Zwiebeln und um seinen Murillo.
    berrascht mich, sagte Gabler. Und am meisten berrascht mich die dir
entschlpfte Murillo-, will also sagen Madonnen-Bewundrung.
    Nicht entschlpft, Arnold, nicht entschlpft. Ich unterscheide nmlich, wie
du wissen solltest, kalte und warme Madonnen. Die kalten sind mir allerdings
verhat, aber die warmen hab ich desto lieber. A la bonne heure, die berauschen
mich, und ich fhl es in allen Fingerspitzen, als ob es elfer Rheinwein wre.
Und zu diesen glhenden und sprhenden zahl ich all diese spanischen Immaculatas
und Concepciones, wo die Mutter Gottes auf einer Mondsichel steht, und um ihr
dunkles Gewand her leuchten goldene Wolken und Engelskpfe. Ja, Reiff,
dergleichen gibt es. Und so blickt sie brnstig, oder sagen wir lieber
inbrnstig, gen Himmel, als wolle die Seele flgge werden in einem Brtofen von
Heiligkeit.
    In einem Brtofen von Heiligkeit, wiederholte der Polizeirat, in dessen
Augen es heimlich und verstohlen zu zwinkern begann. In einem Brtofen! Oh, das
ist magnifique, das ist herrlich, und eine Andeutung, die jeder von uns, nach
dem Mae seiner Erkenntnis, interpretieren und weiterspinnen kann.
    Beide junge Frauen, einigermaen berrascht, ihren sonst so zurckhaltenden
Freund auf dieser Messerschneide balancieren zu sehen, trafen sich mit ihren
Blicken, und Melanie, rasch erkennend, da es sich jeden Moment um eine jener
Katastrophen handeln knne, wie sie bei den kommerzienrtlichen Diners eben
nicht allzu selten waren, suchte vor allem von dem heiklen Murillo-Thema
loszukommen, was, bei van der Straatens Eigensinn, allerdings nur durch eine
geschickte Diversion geschehen konnte. Und solche gelang denn auch momentan,
indem Melanie mit anscheinender Unbefangenheit bemerkte: Van der Straaten wird
mich auslachen, in Bild- und Malerfragen eine Meinung haben zu wollen. Aber ich
mu ihm offen bekennen, da ich mich, wenn seine gewagte Madonnen-Einteilung
berhaupt akzeptiert werden soll, ohne weiteres fr eine von ihm ignorierte
Mittelgruppe, nmlich fr die temperierten, entscheiden wrde. Die Tizianischen
scheinen mir diese wohltuend gemigte Temperatur zu haben. Ich lieb ihn
berhaupt.
    Ich auch, Melanie. Brav, brav. Ich hab es immer gesagt, da ich noch einen
Kunstprofessor in dir groziehe. Nicht wahr, Arnold, ich hab es gesagt? Beschwr
es. Eine Schwurbibel ist nicht da, aber wir haben Reiff, und ein Polizeirat ist
immer noch ebensogut wie ein Evangelium. Du lachst, Schwager; natrlich; ihr
merkt es nicht, aber wir. brigens hat Reiff ein leeres Glas. Und Elimar auch.
Friedrich, alter Pomuchelskopf, steh nicht in Liebesgedanken. Allons enfants. Wo
bleibt der Mouet? Flink, sag ich. Bei den Gebeinen des unsterblichen Roller, ich
lieb es nicht, meinen Champagner in den letzten fnf Minuten in kmmerlicher
Renommage schumen zu sehen.
    Und noch dazu in diesen vermaledeiten Spitzglsern, mit denen ich nchstens
kurzen Proze machen werde. Das sind Rechnungsrats-, aber nicht
Kommerzienratsglser. brigens mit dem Tizian hast du doch unrecht. Das heit
halb. Er versteht sich auf alles mgliche, nur nicht auf Madonnen. Auf Frau
Venus versteht er sich. Das ist seine Sache. Fleisch, Fleisch. Und immer lauert
irgendwo der kleine liebe Bogenschtze. Pardon, Elimar, ich bin nicht fr
Massen-Amors auf Tischkarten, aber fr den Einzel-Amor bin ich, und ganz
besonders fr den des Tizianischen roten Ruhebetts mit zurckgezogener grner
Damastgardine. Ja, meine Herrschaften, da gehrt er hin, und immer ist er wieder
reizend, ob er ihr zu Hupten oder zu Fen sitzt, ob er hinter dem Bett oder
der Gardine hervorkuckt, ob er seinen Bogen eben gespannt oder eben abgeschossen
hat. Und was ist vorzuziehen? Eine feine Frage, Reiff. Ich denke mir, wenn er
ihn spannt... Und diese ruhende linke Hand mit dem ewigen Spitzentaschentuch.
Oh, superbe. Ja, Melanie, den Tag will ich deine Bekehrung feiern, wo du mir
zugestehst: Suum cuique, dem Tizian die Venus und dem Murillo die Madonna.
    Ich frchte, van der Straaten, da wirst du lange zu warten haben, und am
lngsten auf meine Murillo-Bekehrung. Denn diese gelben Dunstwolken, aus denen
etwas inbrnstig Glubiges in seelisch-sinnlicher Verzckung aufsteigt, sind mir
unheimlich. Es hat die Grenze des Bezaubernden berschritten, und statt des
Bezaubernden find ich etwas Behexendes darin.
    Gryczinski nickte leise der Schwgerin zu, whrend jetzt Elimar das Glas
erhob und um Erlaubnis bat, nach dem eben gehrten Wort einer echt deutschen
Frau (Franzsin, schrie van der Straaten dazwischen), auf das Wohl der schnen
und liebenswrdigen Dame des Hauses anstoen zu drfen. Und die Glser klangen
zusammen. Aber in ihren Zusammenklang mischte sich fr die schrfer Hrenden
schon etwas wie Zittern und Miakkord, und ehe noch das allgemeine Lcheln
verflogen war (das des Polizeirats hielt sich am lngsten), brach van der
Straaten durch alle bis dahin mhsam eingehaltenen Gehege durch und debtierte
mal wieder ganz als er selbst. Er sei, so hob er an, leider nicht in der Lage,
der fr die Frau Kommerzienrtin gewi hchst wertvollen Zustimmung seines
Freundes Elimar Schulze (wobei er Vor- und Zunamen gleich ironisch betonte)
seinerseits zustimmen zu knnen. Es gbe freilich einen Gegensatz von
Bezauberung und Behexung, aber manches in der Welt gelte fr Behexung, was
Bezauberung, und noch mehr gelte fr Bezauberung, was Behexung sei. Und er bitte
sagen zu drfen, da er es seinerseits mit der Konsequenz halte und mit Farbe
bekennen, und nicht mit heute so und morgen so. Am verdrielichsten aber sei ihm
zweierlei Ma.
    Er hielt hier einen Augenblick inne und war vielleicht berhaupt gewillt, es
bei diesen Allgemeinstzen bewenden zu lassen. Aber die junge Gryczinska, die
sich, nach Art aller Schwgerinnen, etwas herausnehmen durfte, sah ihn jetzt, in
pltzlich wiedererwachtem Mute, keck und zuversichtlich an und bat ihn, aus
seinen Orakelsprchen heraus und zu bestimmteren Erklrungen bergehn zu wollen.
    O gewi, meine Gndigste, sagte der jetzt immer hitziger werdende van der
Straaten. O gewi, mein geliebtes Rotblond. Ich stehe zu Befehl und will aus
allem Orakulosen und Mirakulosen heraus und will in die Trompete blasen, da ihr
aus eurer Dmmerung und meinetwegen auch aus eurer Gtterdmmrung erwachen
sollt, als ob die Feuerwehr vorberfhre.
    Ah, sagte Melanie, die jetzt auch ihrerseits alle Ruhe zu verlieren
begann. Also da hinaus soll es.
    Ja, ser Engel, da hinaus. Da. Ihr stellt euch stolz und gemtlich auf die
Hhen aller Kunst und zieht als reine Casta diva am Himmel entlang, als ob ihr
von Ozon und Keuschheit leben wolltet. Und wer ist euer Abgott? Der Ritter von
Bayreuth, ein Behexer, wie es nur je einen gegeben hat. Und an diesen Tannhuser
und Venusberg-Mann setzt ihr, als ob ihr wenigstens die Voggenhuber wret, eurer
Seelen Seligkeit und singt und spielt ihn morgens, mittags und abends. Oder
dreimal tglich, wie auf euren Pillenschachteln steht. Und euer Elimar immer
mit. Und sein ewiger Samtrock wird ihn auch nicht retten. Nicht ihn und nicht
euch. Oder wollt ihr mir das alles als himmlischen Zauber kredenzen? Ich sag
euch, fauler Zauber. Und das ist es, was ich zweierlei Ma genannt habe. Den
Murillo-Zauber mchtet ihr zu Hexerei stempeln, und die Wagner-Hexerei mchtet
ihr in Zauber verwandeln. Ich aber sag euch, es liegt umgekehrt, und wenn es
nicht umgekehrt liegt, so sollt ihr mir wenigstens keinen Unterschied machen.
Denn es ist schlielich alles ganz egal und, mit Permission zu sagen, alles
Jacke...
    Der aus der vergleichendsten Kleidersprache genommene Berolinismus, mit dem
er seinen Satz abzuschlieen gedachte, wurd auch wirklich gesprochen, aber er
verklang in einem Getse, das der Major durch einen geschickt kombinierten
Angriff von Glserklopfen und Stuhlrcken in Szene zu setzen gewut hatte.
Zugleich begann er: Meine verehrten Freunde, das Wort Hexenmeister ist
gefallen. Ein vorzgliches Wort! So lassen wir sie denn leben, alle diese
Tannhuser, wobei sich jeder das Seine denken mag. Ich trinke auf das Wohl der
Hexenmeister. Denn alle Kunst ist Hexerei. Rechten wir nicht mit dem Wort. Was
sind Worte? Schall und Rauch. Stoen wir an. Hoch, hoch.
    Und mit einer wohlgemeinten Kraftanstrengung, in der jetzt jeder zitternde
Ton fehlte, wurde zugestimmt, namentlich auch von seiten der beiden Maler, und
kaum einer war da, der nicht an eine glcklich beseitigte Gefahr geglaubt htte.
Aber mit Unrecht. Van der Straaten, absolut unerzogen, konnte, vielleicht weil
er dies Manko fhlte, nichts so wenig ertragen, als auf Unerzogenheiten
aufmerksam gemacht zu werden: er verga sich dann ganz und gar, und der Dnkel
des reichen Mannes, der gewohnt war zu helfen, nach allen Seiten hin zu helfen,
stieg ihm dann zu Kopf und schlug in Wellen ber ihm zusammen. Und so auch
jetzt. Er erhob sich und sagte: Kupierungen sind etwas Wundervolles. Keine
Frage. Ich beispielsweise kupiere Kupons. Ein inferiores Geschft, das unter
Umstnden nichtsdestoweniger einen Anspruch darauf gibt, gegen Wort und
Redekupierungen gesichert zu sein, namentlich gegen solche, die reprimandieren
und erziehen wollen. Ich bin erzogen.
    Er hatte mit vor Erregung zitternder Stimme gesprochen, aber mit
zugekniffenem Auge fest zu dem Major hinbergesehen. Dieser, ein vollkommener
Weltmann, lchelte vor sich hin und blinkte nur leise den beiden Damen zu, da
sie sich beruhigen mchten. Dann ergriff er sein Glas ein zweites Mal, gab
seinen Zgen, ohne sich sonderlich anzustrengen, einen freundlichen Ausdruck und
sagte zu van der Straaten: Es ist soviel von Kupieren gesprochen worden;
kupieren wir auch das. Ich lebe der festen berzeugung...
    In eben diesem Augenblicke sprang der Pfropfen von einer der im Weinkhler
stehenden Flaschen, und Gryczinski, rasch den Vorteil ersphend, den er aus
diesem Zwischenfalle ziehen konnte, brach inmitten des Satzes ab und sagte nur,
whrend er, unter leiser Verbeugung, seines Schwagers Glas fllte: Friede sei
ihr erst Gelute!
    Solchem Appell zu widerstehen war van der Straaten der letzte. Mein lieber
Gryczinski, hob er in pltzlich erwachter Sentimentalitt an, wir verstehen
uns, wir haben uns immer verstanden. Gib mir deine Hand. Lacrimae Christi,
Friedrich! Rasch. Das Beste daran ist freilich der Name. Aber er hat ihn nun
mal. Jeder hat nun mal das Seine, der eine dies, der andre das.
    Allerdings, lachte Gabler.
    Ach Arnold, du berschtzt das. Glaube mir, der Selige hatte recht. Gold
ist nur Chimre. Und Elimar wrd es mir besttigen, wenn es nicht ein Satz aus
einer berwundenen Oper wre. Ich mu sagen, leider berwunden. Denn ich liebe
Nonnen, die tanzen. Aber da kommt die Flasche. La nur Staub und Spinnweb. Sie
mu in ihrer ganzen unabgeputzten Heiligkeit verbleiben. Lacrimae Christi. Wie
das klingt!
    Und die frhere Heiterkeit kehrte wieder oder schien wenigstens
wiederzukehren, und als van der Straaten fortfuhr, in wahren Ungeheuerlichkeiten
ber Christustrnen, Erlserblut und Vershnungswein zu sprechen, durfte Melanie
schlielich die Bemerkung wagen: Du vergit, Ezel, da der Polizeirat
katholisch ist.
    Ich bitte recht sehr, sagte Reiff, als ob er auf etwas Unerlaubtem ertappt
worden wre.
    Van der Straaten aber verschwor sich hoch und teuer, da ein vierzig Jahre
lang treu geleisteter Sicherheitsdienst ber alles konfessionelle Plus oder
Minus hinaus entscheidend sein und vor dem Richterstuhle der Ewigkeit
angerechnet werden msse. Und als bald darauf die Glser abermals gefllt und
geleert worden waren, rckte Melanie den Stuhl, und man erhob sich, um im
Nebenzimmer den Kaffee zu nehmen.

                                Sechstes Kapitel



                                Auf dem Heimwege

Die Kaffeestunde verlief ohne Zwischenfall, und es war bereits gegen zehn, als
der Diener meldete, da der Wagen vorgefahren sei. Diese Meldung galt dem
Gryczinskischen Paare, das, an den Diner-Tagen, seine Heimfahrt in der ihm bei
dieser Gelegenheit ein fr allemal zur Verfgung gestellten kommerzienrtlichen
Equipage zu machen pflegte. Mntel und Hte wurden gebracht, und die schne
Jacobine, Hals und Kopf in ein weies Filettuch gehllt, stand alsbald in der
Mitte des Kreises und wartete lachend und geduldig auf die beiden Maler, denen
Gryczinski noch im letzten Augenblicke die Mitfahrt angeboten hatte. Das
Parlamentieren darber wollte kein Ende nehmen, und erst als man unten am
Wagenschlage stand, entschied sich's, und Gabler placierte sich nun - mehr ohne
weiteres auf den Rcksitz, whrend Elimar mit einem krftigen Turnerschwunge
seinen Platz auf dem Bocke nahm, angeblich aus Rcksicht gegen die
Wageninsassen, in Wahrheit aus eigener Bequemlichkeit und Neugier. Er sehnte
sich nmlich nach einem Gesprche mit dem Kutscher.
    Dieser, auch noch ein Erbstck aus des alten van der Straaten Zeiten her,
fhrte den unkutscherlichen Namen Emil, der jedoch seit lange seinen
Verhltnissen angepat und in ein plattdeutsches Ehm abgekrzt worden war. Mit
um so grerem Recht, als er wirklich in Fritz Reuterschen Gegenden das Licht
der Welt erblickt und sich bis diesen Tag, neben seinem Berliner Jargon, einen
Rest heimatlicher Sprache konserviert hatte. Elimar, einer seiner Bevorzugten,
nahm gleich im ersten Momente des Zurechtrckens ein mehrklappiges Lederfutteral
heraus, steckte dem Alten eine der obenauf liegenden Zigarren zu und sagte
vertraulich: Fr 'n Rckweg, Ehm.
    Dieser fuhr mit der Rechten dankend an seinen Kutscherhut, und damit waren
die Prliminarien geschlossen.
    Als sie bald darauf bei der Normaluhr auf dem Spittelmarkte vorberkamen und
in eine der schlechtgepflasterten Seitenstraen einbogen, hielt Elimar den
ersehnten Zeitpunkt fr gekommen und sagte:
    Ist denn der neue Herr schon da?
    Der Frankfurtsche? Nee, noch nich, Herr Schulze.
    Na, dann mu er aber doch bald...
    I, woll. Bald mu er. Ich denke, so nchste Woche. Un de Stuben sind ooch
all tapziert. Jott, se duhn ja, wie wenn't en Prinz wr, erst der Herr un nu
ooch de Jndge. Un Christel meent, he sall man en Jdscher sinn.
    Aber reich. Und Offizier. Das heit bei der Landwehr oder so.
    Is et mglich?
    Und er soll auch singen.
    Ja, singen wird er woll.
    Elimar war eitel genug, an dieser letzteren uerung Ansto zu nehmen, und
da sich's gerade traf, da in eben diesem Augenblicke der Wagen aus dem
Wallstraen-Portal auf den abendlich-stillen Opernplatz einbog, so gab er das
Gesprch um so lieber auf, als er nicht wollte, da dasselbe von den Insassen
des Wagens verstanden wrde.
    Von seiten dieser war bis dahin kein Wort gewechselt worden, nicht aus
Verstimmung, sondern nur aus Rcksicht gegen die junge Frau, die, herzlich froh
ber den zur Hlfte frei gebliebenen Rcksitz, ihre kleinen Fe gegen das
Polsterkissen gestemmt und sich bequem in den Fond des Wagens zurckgelehnt
hatte. Sie war gleich beim Einsteigen ersichtlich mde gewesen, hatte, wie zur
Entschuldigung, etwas von Champagner und Kopfweh gesprochen, das Filettuch dabei
hher gezogen und ihre Augen geschlossen. Erst als sie zwischen dem Palais und
dem Friedrichsmonumente hinfuhren, richtete sie sich wieder auf, weil sie jenen
Allerloyalsten zugehrte, die sich schon beglckt fhlen, einen bloen
Schattenri an dem herabgelassenen Vorhange des Eckfensters gesehn zu haben. Und
wirklich, sie sah ihn und gab, in ihrer reizenden, halb kindlich, halb koketten
Weise, der Freude darber Ausdruck.
    Ihr Geplauder hatte noch nicht geendet, als der Wagen am Brandenburger Tore
hielt. Im Nu waren beide Maler, deren Weg hier abzweigte, von ihren Pltzen
herunter und empfahlen sich dankend dem liebenswrdigen Paare, das nun
seinerseits durch die breite Schrgallee auf das Siegesdenkmal und die dahinter
gelegene Alsenstrae zufuhr.
    Als sie mitten auf dem von bunten Lichtern berstrahlten Platze waren,
schmiegte sich die schne junge Frau zrtlich an ihren Gatten und sagte War das
ein Tag, Otto. Ich habe dich bewundert.
    Es wurde mir leichter, als du denkst. Ich spiele mit ihm. Er ist ein altes
Kind.
    Und Melanie... ! Glaube mir, sie fhlt es. Und sie tut mir leid. Du
lchelst so. Dir nicht?
    Ja und nein, ma chre. Man hat eben nichts umsonst in der Welt. Sie hat
eine Villa und eine Bildergalerie...
    Aus der sie sich nichts macht. Du weit ja, wie wenig sie daran hngt...
    Und hat zwei reizende Kinder...
    Um die ich sie fast beneide.
    Nun, siehst du, lachte der Major. Ein jeder hat die Kunst zu lernen, sich
zu bescheiden und einzuschrnken. Wr ich mein Schwager, so wrd ich sagen...
    Aber sie schlo ihm den Mund mit einem Ku, und im nchsten Augenblicke
hielt der Wagen.

Die beiden Rte, der Legations- und der Polizeirat, waren an der Ecke des
Petriplatzes in eine Droschke gestiegen, um bis an das Potsdamer Tor zu fahren.
Von hier aus wollten sie den Rest des Weges, um der frischen Abendluft willen,
zu Fu machen. In Wahrheit aber hielten sie blo zu dem Satze, da man im
kleinen sparen msse, um sich im groen legitimieren zu knnen, wobei leider
nur zu bedauern blieb, da ihnen die groen Gelegenheiten entweder nie
gekommen oder regelmig von ihnen versumt worden waren.
    Unterwegs, solange die Fahrt dauerte, war kein Wort gewechselt worden, und
erst beim Aussteigen hatte, bei der nun ntig werdenden Division von 2 in 6, ein
Gesprch begonnen, das alle Parteien zufriedengestellt zu haben schien. Nur
nicht den Kutscher. Beide Rte hteten sich deshalb auch, sich nach dem
letzteren umzusehen, vor allem Duquede, der, auerdem noch ein abgeschworener
Feind aller Platzbergnge mit Eisenbahnschienen und Pferdebahngeklingel,
berhaupt erst wieder in Ruhe kam, als er die schon frisch in Knospen stehende
Bellevuestrae glcklich erreicht hatte.
    Reiff folgte, schob sich artig und respektvoll an die linke Seite des
Legationsrates und sagte pltzlich und unvermittelt:
    Es war doch wieder eine recht peinliche Geschichte heute. Finden Sie nicht?
Und ehrlich gestanden, ich begreif ihn nicht. Er ist doch nun Fnfzig und drber
und sollte sich die Hrner abgelaufen haben. Aber er ist und bleibt ein
Durchgnger.
    Ja, sagte Duquede, der einen Augenblick stillstand, um Atem zu schpfen,
etwas Durchgngerisches hat er. Aber, lieber Freund, warum soll er es nicht
haben? Ich taxier ihn auf eine Million, seine Bilder ungerechnet, und ich sehe
nicht ein, warum einer in seinem eigenen Haus und an seinem eigenen Tisch nicht
sprechen soll, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Ich bekenn Ihnen offen,
Reiff, ich freue mich immer, wenn er mal so zwischenfhrt. Der Alte war auch so,
nur viel schlimmer, und es hie schon damals, vor vierzig Jahren: Es sei doch
ein sonderbares Haus und man knne eigentlich nicht hingehen. Aber uneigentlich
ging alles hin. Und so war es, und so ist es geblieben.
    Es fehlt ihm aber doch wirklich an Bildung und Erziehung.
    Ach, ich bitte Sie, Reiff, gehen Sie mir mit Bildung und Erziehung. Das
sind so zwei ganz moderne Wrter, die der Groe Mann aufgebracht haben knnte,
so sehr ha ich sie. Bildung und Erziehung. Erstlich ist es in der Regel nicht
viel damit, und wenn es mal was ist, dann ist es auch noch nichts. Glauben Sie
mir, es wird berschtzt. Und kommt auch nur bei uns vor. Und warum? Weil wir
nichts Besseres haben. Wer gar nichts hat, der ist gebildet. Wer aber soviel hat
wie van der Straaten, der braucht all die Dummheiten nicht. Er hat einen guten
Verstand und einen guten Witz und, was noch mehr sagen will, einen guten Kredit.
Bildung, Bildung. Es ist zum Lachen.
    Ich wei doch nicht, ob Sie recht haben, Duquede. Ja, wenn es geblieben
wre wie frher. Junggesellenwirtschaft. Aber nun hat er die junge Frau
geheiratet, jung und schn und klug...
    Nu, nu, Reiff. Nur nicht extravagant. Es ist damit nicht so weit her, wie
Sie glauben; sie ist 'ne Fremde, franzsische Schweiz, und an allem Fremden
verkucken sich die Berliner. Das ist wie Amen in der Kirche. Sie hat so ein
bichen Genfer Chic. Aber was will das am Ende sagen? Alles, was die Genfer
haben, ist doch auch blo aus zweiter Hand. Und nun gar klug. Ich bitte Sie, was
heit klug? Er ist viel klger. Oder glauben Sie, da es auf 'ne franzsische
Vokabel ankommt? oder auf den Erlknig? Ich gebe zu, sie hat ein paar niedliche
Manierchen und wei sich unter Umstnden ein Air zu geben. Aber es ist nicht
viel dahinter, alles Firlefanz, und wird kolossal berschtzt.
    Ich wei doch nicht, ob Sie recht haben, wiederholte der Polizeirat. Und
dann ist sie doch schlielich von Familie.
    Duquede lachte. Nein, Reiff, das ist sie nun schlielich nicht. Und ich sag
Ihnen, da haben wir den Punkt, auf den ich keinen Spa verstehe. Caparoux. Es
klingt nach was. Zugestanden. Aber was heit es denn am Ende? Rotkapp oder
Rotkppchen. Das ist ein Mrchenname, aber kein Adelsname. Ich habe mich darum
gekmmert und nachgeschlagen. Und im Vertrauen, Reiff, es gibt gar keine de
Caparoux.
    Aber bedenken Sie doch den Major! Er hat alle Sorten Stolz und wird sich
doch schwerlich eine Mesalliance nachsagen lassen wollen.
    Ich kenn ihn besser. Er ist ein Streber. Oder sagen wir einfach, er ist ein
Generalstbler. Ich hasse die ganze Gesellschaft, und glauben Sie mir, Reiff,
ich wei, warum. Unsre Generalstbler werden berschtzt, kolossal berschtzt.
    Ich wei doch nicht, ob Sie recht haben, lie sich der Polizeirat ein
drittes Mal vernehmen. Bedenken Sie blo, was Stoffel gesagt hat. Und nachher
kam es auch so. Aber ich will nur von Gryczinski sprechen. Wie liebenswrdig
benahm er sich heute wieder! Wie liebenswrdig und wie vornehm.
    Ah, bah, vornehm. Ich bilde mir auch ein, zu wissen, was vornehm ist. Und
ich sag Ihnen, Reiff, Vornehmheit ist anders. Vornehm! Ein Schlaukopf ist er und
weiter nichts. Oder glauben Sie, da er die kleine Rotblondine mit den ewigen
Schmachtaugen geheiratet hat, weil sie Caparoux hie oder meinetwegen auch de
Caparoux? Er hat sie geheiratet, weil sie die Schwester ihrer Schwester ist. Du
himmlischer Vater, da ich einem Polizeirat solche Lektion halten mu.
    Der Polizeirat, dessen Schwachheiten nach der erotischen Seite hin lagen,
las aus diesen andeutenden Worten ein Liebesverhltnis zwischen dem Major und
Melanie heraus und sah den langen hagren Duquede von der Seite her betroffen an.
    Dieser aber lachte und sagte: Nicht so, Reiff, nicht so! Carriremacher
sind immer nur Courmacher. Nichts weiter. Es gibt heutzutage Personen (und auch
das verdanken wir unsrem groen Reichsbaumeister, der die soliden Werkleute
fallen lt oder beiseite schiebt), es gibt, sag ich, heutzutage Personen, denen
alles blo Mittel zum Zweck ist. Auch die Liebe. Und zu diesen Personen gehrt
auch unser Freund, der Major.
    Ich htte nicht sagen sollen, er hat die Kleine geheiratet, weil sie die
Schwester ihrer Schwester ist, sondern weil sie die Schwgerin ihres Schwagers
ist. Er braucht diesen Schwager, und ich sag Ihnen, Reiff, denn ich kenne den
Ton und die Strmung oben, es gibt weniges, was nach oben hin so empfiehlt wie
das. Ein Schwager-Kommerzienrat ist nicht viel weniger wert als ein
Schwiegervater-Kommerzienrat und rangiert wenigstens gleich dahinter. Unter
allen Umstnden aber sind Kommerzienrte wie konsolidierte Fonds, auf die jeden
Augenblick gezogen werden kann. Es ist immer Deckung da.
    Sie wollen also sagen...
    Ich will gar nichts sagen, Reiff... Ich meine nur so.
    Und damit waren sie bis an die Bendlerstrae gekommen, wo beide sich
trennten. Reiff ging auf die Von-der-Heydt-Brcke zu, whrend Duquede seinen Weg
in gerader Richtung fortsetzte.
    Er wohnte dicht an der Hofjger-Allee, sehr hoch, aber in einem sehr
vornehmen Hause.

                               Siebentes Kapitel



                                Ebenezer Rubehn

Wenige Tage spter hatte Melanie das Stadthaus verlassen und die
Tiergarten-Villa bezogen. Van der Straaten selbst machte diesen Umzug nicht mit
und war, sosehr er die Villa liebte, doch immer erst vom September ab andauernd
drauen. Und auch das nur, weil er ein noch leidenschaftlicherer Obstzchter als
Bildersammler war. Bis dahin erschien er nur jeden dritten Tag als Gast und
versicherte dabei jedem, der es hren wollte, da dies die stundenweis ihm
nachgezahlten Flitterwochen seiner Ehe seien. Melanie htete sich wohl zu
widersprechen, war vielmehr die Liebenswrdigkeit selbst und geno in den
zwischenliegenden Tagen das Glck ihrer Freiheit. Und dieses Glck war um vieles
grer, als man, ihrer Stellung nach, die so dominierend und so frei schien,
htte glauben sollen.
    Denn sie dominierte nur, weil sie sich zu zwingen verstand; aber dieses
Zwanges los und ledig zu sein blieb doch ihr Wunsch, ihr bestndiges, stilles
Verlangen. Und das erfllten ihr die Sommertage. Da hatte sie Ruhe vor seinen
Liebesbeweisen und seinen Ungeniertheiten, nicht immer, aber doch meist, und das
Bewutsein davon gab ihr ein unendliches Wohlgefhl.
    Und dieses Wohlgefhl steigerte sich noch in dem entzckenden und beinah
ungestrten Stilleben, dessen sie drauen geno. Wohl liebte sie Stadt und
Gesellschaft und den Ton der groen Welt, aber wenn die Schwalben wieder
zwitscherten und der Flieder wieder zu knospen begann, da zog sie's doch in die
Parkeinsamkeit hinaus, die wiederum kaum eine Einsamkeit war, denn neben der
Natur, deren Sprache sie wohl verstand, hatte sie Bcher und Musik und - die
Kinder. Die Kinder, die sie whrend der Saison oft tagelang nicht sah und an
deren Aufwachsen und Lernen sie drauen in der Villa den regsten Anteil nahm.
Ja, sie half selber nach, in den Sprachen, vor allem im Franzsischen, und
durchbltterte mit ihnen Atlas und historische Bilderbcher. Und an alles
knpfte sie Geschichten, die sie dem Gedchtnis der Kinder einzuprgen wute.
Denn sie war gescheit und hatte die Gabe, von allem, worber sie sprach, ein
klares und anschauliches Bild zu geben.
    Es waren glckliche stille Tage.
    Mglich dennoch, da es zu stille Tage gewesen wren, wenn das tiefste
Bedrfnis der Frauennatur: das Plauderbedrfnis, unbefriedigt geblieben wre.
Aber dafr war gesorgt. Wie fast alle reichen Huser hatten auch die van der
Straatens einen Anhang ganz- und halb-alter Damen, die zu Weihnachten beschenkt
und im Laufe des Jahres zu Kaffees und Landpartien eingeladen wurden. Es waren
ihrer sieben oder acht, unter denen jedoch zwei durch eine besonders intime
Stellung hervorragten, und zwar das kleine verwachsene Frulein Friederike von
Sawatzki und das stattlich hochaufgeschossene Klavier- und Singefrulein
Anastasia Schmidt. Ihrer apart bevorzugten Stellung entsprach es denn auch, da
sie jeden zweiten Osterfeiertag durch van der Straaten in Person befragt wurden,
ob sie sich entschlieen knnten, seiner Frau whrend der Sommermonate drauen
in der Villa Gesellschaft zu leisten, eine Frage, die jedesmal mit einer
Verbeugung und einem freundlichen Ja beantwortet wurde. Aber doch nicht zu
freundlich, denn man wollte nicht verraten, da die Frage erwartet war.
    Und beide Damen waren auch in diesem Jahre, wie herkmmlich, als Dames
d'honneur installiert worden, hatten den Umzug mitgemacht und erschienen jeden
Morgen auf der Veranda, um gegen neun Uhr mit den Kindern das erste und um zwlf
mit Melanie das zweite Frhstck zu nehmen.
    Auch heute wieder.
    Es mochte schon gegen eins sein, und das Frhstck war beendet. Aber der
Tisch noch nicht abgedeckt. Ein leiser Luftzug, der ging und sich verstrkte,
weil alle Tren und Fenster offenstanden, bewegte das rotgemusterte Tischtuch,
und von dem am andern Ende des Korridors gelegenen Musikzimmer her hrte man ein
Stck der Cramerschen Klavierschule, dessen mangelhaften Takt in Ordnung zu
bringen Frulein Anastasia Schmidt sich anstrengte. Eins, zwei; eins, zwei.
Aber niemand achtete dieser Anstrengungen, am wenigsten Melanie, die neben
Frulein Riekchen, wie man sie gewhnlich hie, in einem Gartenstuhle sa und
dann und wann von ihrer Handarbeit aufsah, um das reizende Parkbild unmittelbar
um sie her, trotzdem sie jeden kleinsten Zug darin kannte, auf sich wirken zu
lassen.
    Es war selbstverstndlich die schnste Stelle der ganzen Anlage. Denn von
hundert Gsten, die kamen, begngten sich neunundneunzig damit, den Park von
hier aus zu betrachten und zu beurteilen. Am Ende des Hauptganges, zwischen den
eben ergrnenden Bumen hin, sah man das Zittern und Flimmern des
vorberziehenden Stromes, aus der Mitte der berall eingestreuten Rasenflchen
aber erhoben sich Aloen und Bosquets und Glaskugeln und Bassins. Eines der
kleineren pltscherte, whrend auf der Einfassung des groen ein Pfauhahn sa
und die Mittagssonne mit seinem Gefieder einzusaugen schien. Tauben und
Perlhhner waren bis in unmittelbare Nhe der Veranda gekommen, von der aus
Riekchen ihnen eben Krumen streute.
    Du gewhnst sie zu sehr an diesen Platz, sagte Melanie. Und wir werden
einen Krieg mit van der Straaten haben.
    Ich fecht ihn schon aus, entgegnete die Kleine.
    Ja, du darfst es dir wenigstens zutrauen. Und wirklich, Riekchen, ich
knnte jaloux werden, so sehr bevorzugt er dich. Ich glaube, du bist der einzige
Mensch, der ihm alles sagen darf, und soviel ich wei, ist er noch nie heftig
gegen dich geworden. Ob ihm dein alter Adel imponiert? Sage mir deinen vollen
Namen und Titel. Ich hr es so gern und verge es immer wieder.
    Aloysia Friederike Sawat von Sawatzki, genannt Sattler von der Hlle,
Stiftsanwrterin auf Kloster Himmelpfort in der Uckermark.
    Wunderschn, sagte Melanie. Wenn ich doch so heien knnte! Und du kannst
es glauben, Riekchen, das ist es, was einen Eindruck auf ihn macht.
    Alles das war in herzlicher Heiterkeit gesagt und von Riekchen auch so
beantwortet worden. Jetzt aber rckte diese den Stuhl nher an Melanie heran,
nahm die Hand der jungen Frau und sagte: Eigentlich sollt ich bse sein, da du
deinen Spott mit mir hast. Aber wer knnte dir bse sein!
    Ich spotte nicht, entgegnete Melanie. Du mut doch selber finden, da er
dich artiger und rcksichtsvoller behandelt als jeden andren Menschen.
    Ja, sagte jetzt das arme Frulein, und ihre Stimme zitterte vor Bewegung.
Er behandelt mich gut, weil er ein gutes Herz hat, ein viel besseres, als
mancher denkt, und vielleicht auch, als du selber denkst. Und er ist auch gar
nicht so rcksichtslos. Er kann nur nicht leiden, da man ihn strt oder
herausfordert, ich meine solche, die's eigentlich nicht sollten oder drften.
Sieh, Kind, dann beherrscht er sich nicht lnger, aber nicht, weil er's nicht
knnte, nein, weil er nicht will. Und er braucht es auch nicht zu wollen. Und
wenn man gerecht sein will, er kann es auch nicht wollen. Denn er ist reich, und
alle reichen Leute lernen die Menschen von ihrer schlechtesten Seite kennen.
Alles berstrzt sich, erst in Dienstfertigkeit und hinterher in Undank. Und
Undank ernten ist eine schlechte Schule fr Zartheit und Liebe. Und deshalb
glauben die Reichen an nichts Edles und Aufrichtiges in der Welt. Aber das sag
ich dir und mu ich dir immer wieder sagen, dein van der Straaten ist besser,
als mancher denkt und als du selber denkst.
    Es entstand eine kleine Pause, nicht ganz ohne Verlegenheit, dann nickte
Melanie freundlich dem alten Frulein zu und sagte: Sprich nur weiter. Ich hre
dich gerne so.
    Und ich will auch, sagte diese. Sieh, ich habe dir schon gesagt, er
behandelt mich gut, weil er ein gutes Herz hat. Aber das ist es noch nicht
alles. Er ist auch so freundlich gegen mich, weil er mitleidig ist. Und
mitleidig sein ist noch viel mehr als blo gtig sein und ist eigentlich das
Beste, was die Menschen haben. Er lacht auch immer, wenn er meinen langen Namen
hrt, geradeso wie du, aber ich hab es gern, ihn so lachen zu hren, denn ich
hre wohl heraus, was er dabei denkt und fhlt.
    Und was fhlt er denn?
    Er fhlt den Gegensatz zwischen dem Anspruch meines Namens und dem, was ich
bin: arm und alt und einsam und ein bloes Figrchen. Und wenn ich sage
Figrchen, so beschnige ich noch und schmeichle noch mir selbst.
    Melanie hatte das Batisttuch ans Auge gedrckt und sagte: Du hast recht. Du
hast immer recht. Aber wo nur Anastasia bleibt, die Stunde nimmt ja gar kein
Ende. Sie qult mir die Liddi viel zu sehr, und das Ende vom Lied ist, da sie
dem Kind einen Widerwillen beibringt. Und dann ist es vorbei. Denn ohne Lieb und
ohne Lust ist nichts in der Welt. Auch nicht einmal in der Musik... Aber da
kommt ja Teichgrber und will uns einen Besuch anmelden. Ich bin auer mir.
Htte viel lieber noch mit dir weitergeplaudert.
    In eben diesem Augenblicke war der alte Parkhter, der sich vergeblich nach
einem von der Hausdienerschaft umgesehen hatte, bis an die Veranda herangetreten
und berreichte eine Karte.
    Melanie las: Ebenezer Rubehn (Firma Jakob Rubehn und Shne), Lieutenant in
der Reserve des 5. Dragonerregiments...
    Ah, sehr willkommen... Ich lasse bitten... Und whrend sich der Alte
wieder entfernte, fuhr Melanie gegen das kleine Frulein in bermtiger Laune
fort: Auch wieder einer. Und noch dazu aus der Reserve! Mir widerwrtig, dieser
ewige Lieutenant. Es gibt gar keine Menschen mehr.
    Und sehr wahrscheinlich, da sie diese Betrachtungen fortgesetzt htte, wenn
nicht auf dem Kiesweg ein Knirschen hrbar geworden wre, das ber das rasche
Nherkommen des Besuchs keinen Zweifel lie. Und wirklich, im nchsten
Augenblicke stand der Angemeldete vor der Veranda und verneigte sich gegen beide
Damen.
    Melanie hatte sich erhoben und war ihm einen Schritt entgegengegangen. Ich
freue mich, Sie zu sehen. Erlauben Sie mir, Sie zunchst mit meiner lieben
Freundin und Hausgenossin bekannt machen zu drfen... Herr Ebenezer Rubehn...
Frulein Friederike von Sawatzki!
    Ein flchtiges Erstaunen spiegelte sich ersichtlich in Rubehns Zgen, das,
wenn Melanie richtig interpretierte, mehr noch dem kleinen verwachsenen Frulein
als ihr selber galt. Ebenezer war indessen Weltmann genug, um seines Erstaunens
rasch wieder Herr zu werden, und sich ein zweites Mal gegen die Freundin hin
verneigend, bat er um Entschuldigung, seinen Besuch auf der Villa bis heute
hinausgeschoben zu haben.
    Melanie ging leicht darber hin, ihrerseits bittend, die Gemtlichkeit
dieses lndlichen Empfanges und vor allem eines unabgerumten Frhstckstisches
entschuldigen zu wollen. Mais  la guerre, comme  la guerre, eine kriegerische
Wendung, an die mir's im brigen ferneliegt ernsthafte Kriegsgesprche knpfen
zu wollen.
    Gegen die Sie sich vielmehr unter allen Umstnden gesichert haben mchten,
lachte Rubehn. Aber frchten Sie nichts.
    Ich wei, da sich Damen fr das Kapitel Krieg nur so lange begeistern, als
es Verwundete zu pflegen gibt. Von dem Augenblick an, wo der letzte Kranke das
Lazarett verlt, ist es mit dem Kriegseifer vorbei. Und wie die Frauen in allem
recht haben, so auch hierin. Es ist das Traurigste von der Welt, immer wieder
eine Durchschnittsheldengeschichte von zweifelhaftem Wert und noch
zweifelhafterer Wahrheit hren zu mssen, aber es ist das Schnste, was es gibt,
zu helfen und zu heilen.
    Melanie hatte, whrend er sprach, ihre Handarbeit in den Scho gelegt und
ihn fest und freundlich angesehen. Ei, das lob ich und hr ich gern. Aber wer
mit so warmer Empfindung von dem Hospitaldienst und dem Helfen und Heilen, das
uns so wohl kleidet, zu sprechen versteht, der hat diese Wohltat wohl an sich
selbst erfahren. Und so plaudern Sie mir denn wider Willen, nach fnf Minuten
schon, Ihre Geheimnisse aus. Versuchen Sie nicht, mich zu widerlegen, Sie wrden
scheitern damit, und da Sie die Frauenherzen so gut zu kennen scheinen, so
werden Sie natrlich auch unsere zwei strksten Seiten kennen: unseren Eigensinn
und unser Rtselraten. Wir erraten alles...
    Und immer richtig?
    Nicht immer, aber meist. Und nun erzhlen Sie mir, wie Sie Berlin finden,
unsere gute Stadt, und unser Haus und ob Sie das Zutrauen zu sich haben, in
Ihrem Hofkerker, dem eigentlich nur noch die Gitterstbe fehlen, nicht
melancholisch zu werden. Aber wir hatten nichts Besseres. Und wo nichts ist,
hat, wie das Sprichwort sagt...
    Oh, Sie beschmen mich, meine gndigste Frau. Jetzt erst, nach meinem
Eintreffen, wei ich, wie gro das Opfer ist, das Sie mir gebracht haben. Und
ich darf fglich sagen, da ich bei besserer Kenntnis...
    Aber er sprach nicht aus und horchte pltzlich nach dem Hause hin, aus dem
eben (die Musikstunde hatte schon vorher geschlossen) ein virtuoses und in jeder
feinsten Nuancierung erkennbares Spiel bis auf die Veranda herausklang. Es war
Wotans Abschied, und Rubehn erschien so hingerissen, da es ihm Anstrengung
kostete, sich loszumachen und das Gesprch wieder aufzunehmen. Endlich aber fand
er sich zurck und sagte, whrend er sich abermals gegen Riekchen verneigte:
Pardon, meine Gndigste. Hatt ich recht gehrt? Frulein von Sawatzki?
    Das Frulein nickte.
    Mit einem jungen Offizier dieses Namens war ich einen Sommer ber in
Wildbad-Gastein zusammen. Unmittelbar nach dem Kriege. Ein liebenswrdiger,
junger Kavalier. Vielleicht ein Anverwandter...?
    Ein Vetter, sagte Frulein Riekchen. Es gibt nur wenige meines Namens,
und wir sind alle verwandt. Ich freue mich, aus Ihrem Munde von ihm zu hren. Er
wurde noch in dem Nachspiel des Krieges verwundet, fast am letzten Tage. Bei
Pontarlier. Und sehr schwer. Ich habe lange nicht von ihm gehrt. Hat er sich
erholt?
    Ich glaube sagen zu drfen, vollkommen. Er tut wieder Dienst im Regiment,
wovon ich mich, ganz neuerdings erst, durch einen glcklichen Zufall berzeugen
konnte... Aber, mein gndigstes Frulein, wir werden unser Thema fallenlassen
mssen. Die gndige Frau lchelt bereits und bewundert die Geschicklichkeit, mit
der ich, unter Heranziehung Ihres Herrn Vetters, in das Kriegsabenteuer und all
seine Konsequenzen einzumnden trachte. Darf ich also vorschlagen, lieber dem
wundervollen Spiele zuzuhren, das... Oh, wie schade; jetzt bricht es ab...
    Er schwieg, und erst als es drinnen stillblieb, fuhr er in einer ihm sonst
fremden, aber in diesem Augenblicke vllig aufrichtigen Emphase fort: Oh, meine
gndigste Frau, welch ein Zaubergarten, in dem Sie leben. Ein Pfau, der sich
sonnt, und Tauben, so zahm und so zahllos, als wre diese Veranda der
Markusplatz oder die Insel Zypern in Person! Und dieser pltschernde Strahl, und
nun gar dieses Lied... In der Tat, wenn nicht auch der aufrichtigste Beifall
unstatthaft und zudringlich sein knnte...
    Er unterbrach sich, denn vom Korridore her waren eben Schritte hrbar
geworden, und Melanie sagte mit einer halben Wendung: Ah, Anastasia! Du kommst
gerade zu guter Zeit, um den Dank und die Bewunderung unseres lieben Gastes und
neuen Hausgenossen allerpersnlichst in Empfang zu nehmen. Erlauben Sie mir, da
ich Sie miteinander bekannt mache: Herr Ebenezer Rubehn, Frulein Anastasia
Schmidt... Und hier meine Tochter Lydia, setzte Melanie hinzu, nach dem schnen
Kinde hinzeigend, das, auf der Trschwelle, neben dem Musikfrulein
stehengeblieben war und den Fremden ernst und beinah feindselig musterte.
    Rubehn bemerkte den Blick. Aber es war ein Kind, und so wandt er sich ohne
weiteres gegen Anastasia, um ihr allerhand Schmeichelhaftes ber ihr Spiel und
die Richtung ihres Geschmackes zu sagen.
    Diese verbeugte sich, whrend Melanie, der kein Wort entgangen war, aufs
lebhafteste fortfuhr: Ei, da drfen wir Sie, wenn ich recht verstanden habe,
wohl gar zu den Unseren zhlen? Anastasia, das trfe sich gut! Sie mssen
nmlich wissen, Herr Rubehn, da wir hier in zwei Lagern stehen und da sich das
van der Straatensche Haus, das nun auch das Ihrige sein wird, in
bilderschwrmende Montecchi und musikschwrmende Capuletti teilt. Ich, tout 
fait Capulet und Julia. Doch mit untragischem Ausgang. Und ich fge zum berflu
hinzu, da wir, Anastasia und ich, jener kleinen Gemeinde zugehren, deren Namen
und Mittelpunkt ich Ihnen nicht zu nennen brauche. Nur eines will ich auf der
Stelle wissen. Und ich betrachte das als mein weibliches Neugiersrecht. Welcher
seiner Arbeiten erkennen Sie den hchsten Preis zu? Worin erscheint er Ihnen am
bedeutendsten oder doch am eigenartigsten?
    In den Meistersingern.
    Zugestanden. Und nun sind wir einig, und bei nchster Gelegenheit knnen
wir van der Straaten und Gabler, und vor allem den langen und langweiligen
Legationsrat, in die Luft sprengen. Den langen Duquede! Oh, der steigt wie ein
Raketenstock. Nicht wahr, Anastasia?
    Rubehn hatte seinen Hut genommen. Aber Melanie, die durch die ganze
Begegnung ungewhnlich erfreut und angeregt war, fuhr in wachsendem Eifer fort:
Alles das sind erst Namen. Eine Woche noch oder zwei, und Sie werden unsere
kleine Welt kennengelernt haben. Ich wnsche, da Sie die Gelegenheit dazu nicht
hinausschieben. Unsere Veranda hat fr heute die Reprsentation des Hauses
bernehmen mssen. Erinnern Sie sich, da wir auch einen Flgel haben, und
versuchen Sie bald und oft, ob er Ihnen pat. Au revoir.
    Er kte der schnen Frau die Hand, und unter gemessener Verbeugung gegen
Riekchen und Anastasia verlie er die Damen. ber Lydia sah er fort.
    Aber diese nicht ber ihn.
    Du siehst ihm nach, sagte Melanie. Hat er dir gefallen?
    Nein.
    Alle lachten. Aber Lydia ging in das Haus zurck, und in ihrem groen Auge
stand eine Trne.

                                 Achtes Kapitel



                            Auf der Stralauer Wiese

Nach dem ersten Besuche Rubehns waren Wochen vergangen, und der gnstige
Eindruck, den er auf die Damen gemacht hatte, war im Steigen geblieben wie das
Wetterglas. Jeden zweiten, dritten Tag erschien er in Gesellschaft van der
Straatens, der seinerseits an der allgemeinen Vorliebe fr den neuen
Hausgenossen teilnahm und nie verga, ihm einen Platz anzubieten, wenn er selber
in seinem hochrdrigen Cabriolet hinausfuhr. Ein wolkenloser Himmel stand in
jenen Wochen ber der Villa, drin es mehr Lachen und Plaudern, mehr Medisieren
und Musizieren gab als seit lange. Mit dem Musizieren vermochte sich van der
Straaten freilich auch jetzt nicht auszushnen, und es fehlte nicht an Wnschen
wie der, mit von der Schiffsmannschaft des Fliegenden Hollnders zu sein, aber
im Grunde genommen war er mit dem anspruchsvollen Lrm um vieles zufriedener,
als er einrumen wollte, weil der von nun an in eine neue, gesteigerte Phase
tretende Wagner-Kultus ihm einen unerschpflichen Stoff fr seine
Lieblingsformen der Unterhaltung bot. Siegfried und Brunhilde, Tristan und
Isolde, welche dankbaren Tummelfelder! Und es konnte, wenn er, in Veranlassung
dieser Themata, seinem Renner die Zgel schieen lie, mitunter zweifelhaft
erscheinen, ob die Musizierenden am Flgel oder er und sein bermut die
Glcklicheren waren.
    Und so war Hochsommer gekommen und fast schon vorber, als an einem
wundervollen Augustnachmittage van der Straaten den Vorschlag einer Land- und
Wasserpartie machte. Rubehn ist jetzt ein rundes Vierteljahr in unserer Stadt
und hat nichts gesehen, als was zwischen unserem Comptoir und dieser unserer
Villa liegt. Er mu aber endlich unsere landschaftlichen Schtze, will sagen
unsere Wasserflchen und Stromufer, kennenlernen, erhabene Wunder der Natur,
neben denen die ganze heraufgepuffte Main-und Rheinherrlichkeit verschwindet.
Also Treptow und Stralow, und zwar rasch, denn in acht Tagen haben wir den
Stralauer Fischzug, der an und fr sich zwar ein liebliches Fest der Maien, im
brigen aber etwas derb und nicht allzu gnstig fr Wiesewachs und frischen
Rasen ist. Und so proponier ich denn eine Fahrt auf morgen nachmittag.
Angenommen?
    Ein wahrer Jubel begleitete den Schlu der Ansprache, Melanie sprang auf, um
ihm einen Ku zu geben, und Frulein Riekchen erzhlte, da es nun gerade
dreiunddreiig Jahre sei, seit sie zum letzten Mal in Treptow gewesen, an einem
groen Dobremontschen Feuerwerkstage - derselbe Dobremont, der nachher mit
seinem ganzen Laboratorium in die Luft geflogen. Und in die Luft geflogen
warum? Weil die Leute, die mit dem Feuer spielen, immer zu sicher sind und immer
die Gefahr vergessen. Ja, Melanie, du lachst. Aber es ist so, immer die Gefahr
vergessen.
    Es wurde nun gleich zu den ntigen Verabredungen geschritten, und man kam
berein, am anderen Tage zu Mittag in die Stadt zu fahren, daselbst ein kleines
Gabelfrhstck einzunehmen und gleich danach die Partie beginnen zu lassen: die
drei Damen im Wagen, van der Straaten und Rubehn entweder zu Fu oder zu Schiff.
Alles regelte sich rasch, und nur die Frage, wer noch aufzufordern sei, schien
auf kleine Schwierigkeiten stoen zu sollen.
    Gryczinskis? fragte van der Straaten und war zufrieden, als alles schwieg.
Denn sosehr er an der rotblonden Schwgerin hing, in der er, um ihres
anschmiegenden Wesens willen, ein kleines Frauenideal verehrte, sowenig lag ihm
an dem Major, dessen superiore Haltung ihn bedrckte.
    Nun denn, Duquede? fuhr van der Straaten fort und hielt das Crayon an die
Lippe, mit dem er eventuell den Namen des Legationsrates notieren wollte.
    Nein, sagte Melanie. Duquede nicht. Und so verhat mir der ewige
Vergleich vom Mehltau ist, so gibt es doch fr Duquede keinen andern. Er wrde
von Stralow aus beweisen, da Treptow, und von Treptow aus beweisen, da Stralow
berschtzt werde, und zu Feststellung dieses Satzes brauchen wir weder einen
Legationsrat a. D. noch einen Altmrkischen von Adel.
    Gut, ich bin es zufrieden, erwiderte van der Straaten. Aber Reiff?
    Ja, Reiff, hie es erfreut. Alle drei Damen klatschten in die Hnde, und
Melanie setzte hinzu: Er ist artig und manierlich und kein Spielverderber und
trgt einem die Sachen. Und dann, weil ihn alle kennen, ist es immer, als fhre
man unter Eskorte, und alles grt so verbindlich, und mitunter ist es mir schon
gewesen, als ob die Brandenburger Torwache Heraus rufen msse.
    Ach, das ist ja nicht um des alten Reiff willen, sagte Anastasia, die
nicht gern eine Gelegenheit vorbergehen lie, sich durch eine kleine
Schmeichelei zu insinuieren. Das ist um deinetwillen. Sie haben dich fr eine
Prinzessin gehalten.
    Ich bitte nicht abzuschweifen, unterbrach van der Straaten, am wenigsten
im Dienst weiblicher Eitelkeiten, die sich, nach dem Prinzipe von Zug um Zug,
bis ins Ungeheuerliche steigern knnten. Ich habe Reiff notiert, und Arnold und
Elimar verstehen sich von selbst. Eine Wasserfahrt ohne Gesang ist ein Unding.
Dies wird selbst von mir zugestanden. Und nun frag ich, wer hat noch weitre
Vorschlge zu machen? Niemand? Gut. So bleibt es bei Reiff und Arnold und
Elimar, und ich werde sie per Rohrpost avertieren. Fnf Uhr. Und da wir sie
drauen bei Lbbekes erwarten.
    Am andern Tage war alles Erregung und Bewegung auf der Villa, viel, viel
mehr, als ob es sich um eine Reise nach Teplitz oder Karlsbad gehandelt htte.
Natrlich, eine Fahrt nach Stralow war ja das Ungewhnlichere. Die Kinder
sollten mit, es sei Platz genug auf dem Wagen, aber Lydia war nicht zu bewegen
und erklrte bestimmt, sie wolle nicht. Da mute denn, wenn man keine Szene
haben wollte, nachgegeben werden, und auch die jngere Schwester blieb, da sie
sich daran gewhnt hatte, dem Beispiele der ltern in all und jedem zu folgen.
    In der Stadt wurde, wie verabredet, ein Gabelfrhstck genommen, und zwar in
van der Straatens Zimmer. Er wollt es so jagd- und reisemig wie mglich haben
und war in bester Laune. Diese wurd auch nicht gestrt, als in demselben
Augenblicke, wo man sich gesetzt hatte, ein Absagebrief Reiffs eintraf. Der
Polizeirat schrieb: Chef eben konfidentiell mit mir gesprochen. Reise heute
noch. Elf Uhr funfzig. Eine Sache, die sich der Mitteilung entzieht. Dein Reiff.
Pstscr. Ich bitte der schnen Frau die Hand kssen und ihr sagen zu drfen, da
ich untrstlich bin...
    Van der Straaten fiel in einen heftigen Krampfhusten, weil er, unter dem
Lesen, unklugerweise von seinem Sherry genippt hatte. Nichtsdestoweniger sprach
er unter Husten und Lachen weiter und erging sich in Vorstellungen Reiffscher
Grotaten. In politischer Mission! Wundervoll. O lieb Vaterland, kannst ruhig
sein. Aber einen kenn ich, der noch ruhiger sein darf: er, der Unglckliche, den
er sucht. Oder sag ich gleich rundweg: der Attentter, dem er sich an die Fersen
heftet. Denn um etwas Staatsstreichlich-Hochverrterisches mu es sich doch am
Ende handeln, wenn man einen Mann wie Reiff allerpersnlichst in den Sattel
setzt. Nicht wahr, Sattlerchen von der Hlle? Und heut abend noch! Die reine
Ballade. Wir satteln nur um Mitternacht. Oh, Lenore! Reiff, Reiff. Und er
lachte konvulsivisch weiter.
    Auch Arnold und Elimar, die man nach Verabredung drauen treffen wollte,
wurden nicht geschont, bis endlich die Pendule vier schlug und zur Eile mahnte.
Der Wagen wartete schon, und die Damen stiegen ein und nahmen ihre Pltze:
Frulein Riekchen neben Melanie, Anastasia auf dem Rcksitz. Und mit ihren
Fchern und Sonnenschirmen grend, ging es ber Platz und Straen fort, erst
auf die Frankfurter Linden und zuletzt auf das Stralauer Tor zu.
    Van der Straaten und Rubehn folgten eine Viertelstunde spter in einer
Droschke zweiter Klasse, die man echtheits-halber gewhlt hatte, stiegen aber
unmittelbar vor der Stadt aus, um nunmehr an den Fluwiesen hin den Rest des
Weges zu Fu zu machen.

Es schlug fnf, als unsre Fugnger das Dorf erreichten und in Mitte desselben
Ehms ansichtig wurden, der mit seinem Wagen, etwas ausgebogen, zur Linken hielt
und den ohnehin wohl gepflegten Trakehnern einen vollen Futtersack eben auf die
Krippe gelegt hatte. Gegenber stand ein kleines Haus, wie das Pfefferkuchenhaus
im Mrchen, brunlich und appetitlich und so niedrig, da man bequem die Hand
auf die Dachrinne legen konnte. Dieser Niedrigkeit entsprach denn auch die kaum
mannshohe Tr, ber der, auf einem wasserblauen Schilde, Lbbekes Kaffeehaus
zu lesen war. In Front des Hauses aber standen drei, vier verschnittene
Lindenbume, die den Brgersteig von dem Straendamme trennten, auf welchem
letzteren Hunderte von Sperlingen hpften und zwitscherten und die verlorenen
Krner aufpickten.
    Dies ist das Ship-Hotel von Stralow, sagte van der Straaten im
Cicerone-Ton und war eben willens, in das Kaffeehaus einzutreten, als Ehm ber
den Damm kam und ihm halb dienstlich, halb vertraulich vermeldete, da die
Damens schon vorauf seien, nach der Wiese hin. Und die Herren Malers auch. Und
htten beide schon vorher gewartet und gleich den Tritt runtergemacht und alles.
Erst Herr Gabler und dann Herr Schulze. Und an der Wrfelbude htten sie
Strippenballons und Gummiblle gekauft. Und auch Reifen und eine kleine Trommel
und allerhand noch. Und einen Jungen htten sie mitgenommen, der htte die
Reifen und Stcke tragen mssen. Und Herr Elimar immer vorauf. Das heit mit
'ner Harmonika.
    Um Gottes willen, rief van der Straaten, Ziehharmonika?
    Nein, Herr Kommerzienrat. Wie 'ne Maultrommel.
    Gott sei Dank...! Und nun kommen Sie, Rubehn. Und du, Ehm, du wartest nicht
auf uns und lt dir geben... Hrst du?
    Ehm hatte dabei seinen Hut abgenommen. In seinen Zgen aber war deutlich zu
lesen: ich werde warten.
    Am Ausgange des Dorfes lag ein prchtiger Wiesenplan und dehnte sich bis an
die Kirchhofsmauer hin. In Nhe dieser hatten sich die drei Damen gelagert und
plauderten mit Gabler, whrend Elimar einen seiner groen Gummiblle
monsieurherkulesartig ber Arm und Schulter laufen lie.
    Van der Straaten und Rubehn hrten schon von ferne her das Bravoklatschen
und klatschten lebhaft mit. Und nun erst wurde man ihrer ansichtig, und Melanie
sprang auf und warf ihrem Gatten, wie zur Begrung, einen der groen Blle zu.
Aber sie hatte nicht richtig gezielt, der Ball ging seitwrts, und Rubehn fing
ihn auf. Im nchsten Augenblicke begrte man sich, und die junge Frau sagte:
Sie sind geschickt. Sie wissen den Ball im Fluge zu fassen.
    Ich wollt, es wre das Glck.
    Vielleicht ist es das Glck.
    Van der Straaten, der es hrte, verbat sich alle derartig intrikaten
Wortspielereien, widrigenfalls er an die Braut telegraphieren oder vielleicht
auch Reiff in konfidentieller Mission abschicken werde. Worauf Rubehn ihn zum
hundertsten Male beschwor, endlich von der ewigen Braut ablassen zu wollen,
die wenigstens vorlufig noch im Bereich der Trume sei. Van der Straaten aber
machte sein kluges Gesicht und versicherte, da er es besser wisse.
    Danach kehrte man an die Lagerstelle zurck, die sich nun rasch in einen
Spielplatz verwandelte. Die Reifen, die Blle flogen, und da die Damen ein
rasches Wechseln im Spiele liebten, so ging man, innerhalb anderthalb Stunden,
auch noch durch Blindekuh und Gnsedieb und Bumchen, Bumchen, verwechselt
euch. Das letztere fand am meisten Gnade, besonders bei van der Straaten, dem
es eine herzliche Freude war, das scharfgeschnittene Profil Riekchens mit ihren
freundlichen und doch zugleich etwas stechenden Augen um die Baumstmme
herumgucken zu sehen. Denn sie hatte, wie die meisten Verwachsenen, ein
Eulengesicht.
    Und so ging es weiter, bis die Sonne zum Rckzug mahnte. Harmonika-Schulze
fhrte wieder, und neben ihm marschierte Gabler, der das Trommelchen ganz nach
Art eines Tambourins behandelte. Er schlug es mit den Kncheln, warf es hoch und
fing es wieder. Danach folgte das van der Straatensche Paar, dann Rubehn und
Frulein Riekchen, whrend Anastasia trumerisch und Blumen pflckend den
Nachtrab bildete. Sie hing sen Fragen und Vorstellungen nach, denn Elimar
hatte beim Blindekuh, als er sie haschte, Worte fallenlassen, die nicht
mideutet werden konnten. Er htte denn ein schndlicher und zweizngiger Lgner
sein mssen. Und das war er nicht... Wer so rein und kindlich an der Tte dieses
Zuges gehen und die Harmonika blasen konnte, konnte kein Verrter sein.
    Und sie bckte sich wieder, um (zum wievielsten Male!) an einer
Wiesenranunkel die Bltter und die Chancen ihres Glcks zu zhlen.

                                Neuntes Kapitel



                              Lbbekes Kaffeehaus

Vor Lbbekes Kaffeehaus hatte sich innerhalb der letzten zwei Stunden nichts
verndert, mit alleiniger Ausnahme der Sperlinge, die jetzt, statt auf dem
Straendamm, in den verschnittenen Linden saen und quirilierten. Aber niemand
achtete dieser Musik, am wenigsten van der Straaten, der eben Melanies Arm in
den Elimars gelegt und sich selbst an die Spitze des Zuges gesetzt hatte.
Attention! rief er und bckte sich, um sich ohne Fhrlichkeit durch das
niedrige Trjoch hindurchzuzwngen.
    Und alles folgte seinem Rat und Beispiel.
    Drinnen waren ein paar absteigende Stufen, weil der Flur um ein erhebliches
niedriger lag als die Strae drauen, weshalb denn auch den Eintretenden eine
dumpfe Kellerluft entgegenkam, von der es schwer zu sagen war, ob sie durch
ihren biersuerlichen Gehalt mehr gewann oder verlor. In der Mitte des Flurs sah
man nach rechts hin eine Nische mit Herd und Rauchfang, einer kleinen
Schiffskche nicht unhnlich, whrend von links her ein Schanktisch um mehrere
Fu vorsprang. Dahinter ein sogenanntes Schapp, in dem oben Teller und Tassen
und unten allerhand ausgebuchtete Likrflaschen standen. Zwischen Tisch und
Schapp aber thronte die Herrin dieser Dominien, eine groe, starke Blondine von
Mitte Dreiig, die man ohne weiteres als eine Schnheit htte hinnehmen mssen,
wenn nicht ihre Augen gewesen wren. Und doch waren es eigentlich schne Augen,
an denen in Wahrheit nichts auszusetzen war, als da sie sich daran gewhnt
hatten, alle Mnner in zwei Klassen zu teilen, in solche, denen sie
zuzwinkerten: Wir treffen uns noch, und in solche, denen sie spttisch
nachriefen: Wir kennen euch besser. Alles aber, was in diese zwei Klassen
nicht hineinpate, war nur Gegenstand fr Mitleid und Achselzucken.
    Es mu leider gesagt werden, da auch van der Straaten von diesem
Achselzucken betroffen wurde. Nicht seiner Jahre halber, im Gegenteil, sie wute
Jahre zu schtzen, nein, einzig und allein, weil er von alter Zeit her die
Schwche hatte, sich  tout prix populr machen zu wollen. Und das war der
Blondine das Verchtlichste von allem.
    Am Ausgange des Flurs zeigte sich eine noch niedrigere Hoftr, und dahinter
kam ein Garten, drin, um kmmerliche Bume herum, ein Dutzend grngestrichene
Tische mit schrgangelehnten Sthlen von derselben Farbe standen. Rechts lief
eine Kegelbahn, deren vorderstes unsichtbares Stck sehr wahrscheinlich bis an
die Strae reichte. Van der Straaten wies ironischen Tons auf all diese
Herrlichkeiten hin, verbreitete sich ber die Vorzge anspruchslos gebliebener
Nationalitten und stieg dann eine kleine Schrgung nieder, die, von dem
Sommergarten aus, auf einen groen, am Spreeufer sich hinziehenden und nach Art
eines Treibhauses angelegten Glasbalkon fhrte. An einer der offenen Stellen
desselben rckte die Gesellschaft zwei, drei Tische zusammen und hatte nun einen
schmalen, zerbrechlichen Wassersteg und links davon ein festgeankertes, aber
schon dem Nachbarhause zugehriges Flo vor sich, an das die kleinen
Spreedampfer anzulegen pflegten.
    Rubehn erhielt ohne weiteres den besten Platz angewiesen, um als Fremder den
Blick auf die Stadt frei zu haben, die, fluabwrts, im rot- und
golddurchglhten Dunst eines heien Sommertages dalag. Elimar und Gabler aber
waren auf den Wassersteg hinausgetreten. Alles freute sich des Bildes, und van
der Straaten sagte: Sieh, Melanie. Die Schlokuppel. Sieht sie nicht aus wie
Santa Maria Saluta?
    Salut, verbesserte Melanie, mit Akzentuierung der letzten Silbe.
    Gut, gut. Also Salut, wiederholte van der Straaten, indem er jetzt auch
seinerseits das e betonte. Meinetwegen. Ich prtendiere nicht, der alte
Sprachenkardinal zu sein, dessen Namen ich vergessen habe. Salus, salutis,
vierte Deklination, oder dritte, das gengt mir vollkommen. Und Salut oder
Salut macht mir keinen Unterschied. Freilich mu ich sagen, so wenig
zuverlssig die lieben Italiener in allem sind, so wenig sind sie's auch in
ihren Endsilben. Mal a, mal e. Aber lassen wir die Sprachstudien, und studieren
wir lieber die Speisekarte. Die Speisekarte, die hier natrlich von Mund zu Mund
vermittelt wird, eine Tatsache, bei der ich mich jeder blonden Erinnerung
entschlage. Nicht wahr, Anastasia? He?
    Der Herr Kommerzienrat belieben zu scherzen, antwortete Anastasia pikiert.
Ich glaube nicht, da sich eine Speisekarte von Mund zu Mund vermitteln lt.
    Es km auf einen Versuch an, und ich fr meinen Teil wollte mich zu Lsung
der Aufgabe verpflichten. Aber erst wenn Luna herauf ist und ihr Antlitz wieder
keusch hinter Wolkenschleiern birgt. Bis dahin mu es bleiben, und bis dahin sei
Friede zwischen uns. Und nun, Arnold, ernenn ich dich, in deiner Eigenschaft als
Gabler, zum Erbkchenmeister und lege vertrauensvoll unser leibliches Wohl in
deine Hnde.
    Was ich dankbarst akzeptiere, bemerkte dieser, immer vorausgesetzt, da
du mir, um mit unsrem leider abwesenden Freunde Gryczinski zu sprechen, einige
Direktiven erteilen willst.
    Gerne, gerne, sagte van der Straaten.
    Nun denn, so beginne.
    Gut. So proponier ich Aal und Gurkensalat... Zugestanden?
    Ja, stimmte der Chorus ein.
    Und danach Hhnchen und neue Kartoffeln... Zugestanden?
    Ja.
    Bliebe nur noch die Frage des Getrnks. Unter Umstnden wichtig genug. Ich
htte der Lsung derselben, mit Untersttzung Ehms und unsres Wagenkastens,
vorgreifen knnen, aber ich verabscheue Landpartien mit mitgeschlepptem
Weinkeller. Erstens krnkt man die Leute, bei denen man doch gewissermaen immer
noch zu Gaste geht, und zweitens bleibt man in dem Kreise des Althergebrachten,
aus dem man ja gerade heraus will. Wozu macht man Partien? Wozu? frag ich. Nicht
um es besser zu haben, sondern um es anders zu haben, um die Sitten und
Gewohnheiten anderer Menschen und nebenher auch die Lokalspenden ihrer Dorf- und
Gauschaften kennenzulernen. Und da wir hier nicht im Lande Kanaan weilen, wo
Kaleb die groe Traube trug, so stimm ich fr das landesbliche Produkt dieser
Gegenden, fr eine khle Blonde. Kein Geld, kein Schweizer; keine Weie, kein
Stralow. Ich wette, da selbst Gryczinski nie bessere Richtschnuren gegeben hat.
Und nun geh, Arnold. Und fr Anastasia einen Anisette... Khle Blonde! Ob wohl
unsere Blondine zwischen Tisch und Schapp in diese Kategorie fllt?
    Elimar hatte mittlerweile dem Schauspiele der untergehenden Sonne zugesehn
und auf dem gebrechlichen Wasserstege, nach Art eines Turners, der zum
Hocksprung ansetzt, seine Knie gebogen und wieder angestrafft. Alles mechanisch
und gedankenlos. Pltzlich aber, whrend er noch so hin und her wippte, knackte
das Brett und brach, und nur der Geistesgegenwart, mit der er nach einem der
Pfhle griff, mocht er es zuschreiben, da er nicht in das gerad an dieser
Dampfschiffanlegestelle sehr tiefe Wasser niederstrzte. Die Damen schrien laut
auf, und Anastasia zitterte noch, als der durch sich selbst Gerettete mit einem
gewissen Siegeslcheln erschien, das unter den sich jagenden Vorwrfen von
Tollkhnheit und Gleichgiltigkeit gegen die Gefhle seiner Mitmenschen eher
wuchs als schwand.
    Ein Zwischenfall wie dieser konnte sich natrlich nicht ereignen, ohne von
einer Flle von Kommentaren und Hypothesen begleitet zu werden, in denen die
Wrter wenn und was die Hauptrolle spielten und endlos wiederkehrten. Was
wrde geschehen sein, wenn Elimar den Pfahl nicht rechtzeitig ergriffen htte?
Was, wenn er trotzdem hineingefallen, endlich was, wenn er nicht zufllig ein
guter Schwimmer gewesen wre?
    Melanie, die lngst ihr Gleichgewicht wiedergewonnen hatte, behauptete, da
van der Straaten unter allen Umstnden htte nachspringen mssen, und zwar
erstens als Urheber der Partie, zweitens als resoluter Mann und drittens als
Kommerzienrat, von denen, allen historischen Aufzeichnungen nach, noch keiner
ertrunken wre. Selbst bei der Sndflut nicht.
    Van der Straaten liebte nichts mehr als solche Neckereien seiner Frau,
verwahrte sich aber, unter Dank fr das ihm zugetraute Heldentum, gegen alle
daraus zu ziehenden Konsequenzen. Er halte weder zu der alten Firma Leander noch
zu der neuen des Kapitn Boyton, bekenne sich vielmehr, in allem was Heroismus
angehe, ganz zu der Schule seines Freundes Heine, der, bei jeder Gelegenheit,
seiner uersten Abneigung gegen tragische Manieren einen ehrlichen und
unumwundenen Ausdruck gegeben habe.
    Aber, entgegnete Melanie, tragische Manieren sind doch nun mal gerade das
, was wir Frauen von euch verlangen.
    Ah, bah! Tragische Manieren! sagte van der Straaten. Lustige Manieren
verlangt ihr und einen jungen Fant, der euch beim Zwirnwickeln die Docke hlt
und auf ein Fukissen niederkniet, darauf sonderbarerweise jedesmal ein kleines
Hndchen gestickt ist. Mutmalich als Symbol der Treue. Und dann seufzt er, der
Adorante, der betende Knabe, und macht Augen und versichert euch seiner
innigsten Teilnahme. Denn ihr mtet unglcklich sein. Und nun wieder Seufzen
und Pause. Freilich, freilich, ihr httet einen guten Mann (alle Mnner seien
gut), aber enfin, ein Mann msse nicht blo gut sein, ein Mann msse seine Frau
verstehen. Darauf komm es an, sonst sei die Ehe niedrig, so niedrig, mehr als
niedrig. Und dann seufzt er zum dritten Mal. Und wenn der Zwirn endlich
abgewickelt ist, was natrlich so lange wie mglich dauert, so glaubt ihr es
auch. Denn jede von euch ist wenigstens fr einen indischen Prinzen oder fr
einen Schah von Persien geboren. Allein schon wegen der Teppiche.
    Melanie hatte whrend dieser echt van der Straatenschen Expektoration ihren
Kopf gewiegt und erwiderte schnippisch und mit einem Anfluge von Hochmut: Ich
wei nicht, Ezel, warum du bestndig von Zwirn sprichst. Ich wickle Seide.
    Sehr wahrscheinlich, da es dieser Bemerkung an einer spitzen Replik nicht
gefehlt htte, wenn nicht eben jetzt eine dralle, kurzrmelige Magd erschienen
und auf Augenblicke hin der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit geworden wre.
Schon um des virtuosen Puffs und Knalls willen, womit sie, wie zum Debt, ihr
Tischtuch auseinanderschlug. Und sehr bald nach ihr erschienen denn auch die
dampfenden Schsseln und die hohen Weibierstangen, und selbst der Anisette fr
Anastasia war nicht vergessen. Aber es waren ihrer mehrere, da sich der lebens-
und gesellschaftskluge Gabler der allgemeinen Damen Stellung zur Anisette-Frage
rechtzeitig erinnert hatte. Und in der Tat, er mute lcheln (und van der
Straaten mit ihm), als er gleich nach dem Erscheinen des Tabletts auch Riekchen
nippen und ihre Eulenaugen immer grer und freundlicher werden sah.
    Inzwischen war es dmmerig geworden, und mit der Dmmerung kam die Khle.
Gabler und Elimar erhoben sich, um aus dem Wagen eine Welt von Decken und
Tchern heranzuschleppen, und Melanie, nachdem sie den schwarz und wei
gestreiften Burnus umgenommen und die Kapuze kokett in die Hhe geschlagen
hatte, sah reizender aus als zuvor. Eine der Seidenpuscheln hing ihr in die
Stirn und bewegte sich hin und her, wenn sie sprach oder dem Gesprche der
andern lebhaft folgte. Und dieses Gesprch, das sich bis dahin medisierend um
die Gryczinskis und vor allem auch um den Polizeirat und die neue katilinarische
Verschwrung gedreht hatte, fing endlich an sich nherliegenden und zugleich
auch harmloseren Thematas zuzuwenden, beispielsweise, wie hell der Wagen am
Himmel stnde.
    Fast so hell wie der Groe Br, schaltete Riekchen ein, die nicht fest in
der Himmelskunde war. Und nun entsann man sich, da dies gerade die
Sternschnuppennchte wren, auf welche Mitteilung hin van der Straaten nicht nur
die fallenden Sterne zu zhlen anfing, sondern sich schlielich auch bis zu dem
Satze steigerte, da alles in der Welt eigentlich nur des Fallens wegen da sei:
die Sterne, die Engel, und nur die Frauen nicht.
    Melanie zuckte zusammen, aber niemand sah es, am wenigsten van der Straaten,
und nachdem noch eine ganze Weile gezhlt und gestritten und der Abend
inzwischen immer klter geworden war, einigte man sich dahin, da es zur
Bekmpfung dieser Polarzustnde nur ein einzig erdenkbares Mittel gbe: eine
Glhweinbowle. Van der Straaten selbst machte den Vorschlag und definierte:
Glhwein ist diejenige Form des Weines, in der der Wein nichts und das
Gewrzngelchen alles bedeutet, auf welche Definition hin es gewagt und die
Bestellung gemacht wurde. Und siehe da, nach verhltnismig kurzer Zeit schon
erschien auch die blonde Wirtin in Person, um die Bowle vorsorglich inmitten des
Tisches niederzusetzen.
    Und nun nahm sie den Deckel ab und freute sich unter Lachen all der
aufrichtig dankbaren Achs, womit ihre Gste den warmen und erquicklichen Dampf
einsogen. Ein reizender blonder Junge war mit ihr gekommen und hielt sich an der
Schrze der Mutter fest.
    Ihre? fragte van der Straaten mit verbindlicher Handbewegung.
    Na, wen sonst, antwortete die Blondine nchtern und suchte mit Rubehn ber
den Tisch hin ein paar Blicke zu wechseln. Als es aber milang, ergriff sie die
blonden Locken ihres Jungen, spielte damit und sagte: Komm, Pauleken. Die
Herrschaften sind lieber alleine.
    Elimar sah ihr betroffen nach und rieb sich die Stirn. Endlich rief er:
Gott sei Dank, nun hab ich's. Ich wute doch, ich hatte sie schon gesehn.
Irgendwo. Triumphzug des Germanicus; Thusnelda, wie sie leibt und lebt.
    Ich kann es nicht finden, erwiderte van der Straaten, der ein
Piloty-Schwrmer war. Und es stimmt auch nicht in Verhltnissen und
Leibesumfngen, immer vorausgesetzt, da man von solchen Dingen in Gegenwart
unserer Damen sprechen darf. Aber Anastasia wird es verzeihen, und um den
Hauptunterschied noch einmal zu betonen, bei Piloty gibt sich Thumelicus noch
als ein Werdender, whrend wir ihn hier bereits an der Schrze seiner Mutter
hatten. An der weiesten Schrze, die mir je vorgekommen ist. Aber sei wei wie
Schnee und weier noch. Ach, die Verleumdung trifft dich doch.
    Diese zwei Reimzeilen waren in einer absichtlich spttischen Singsangmanier
von ihm gesprochen worden, und Rubehn, dem es mifiel, wandte sich ab und
blickte nach links hin auf den von Lichtern berblitzten Strom. Melanie sah es,
und das Blut scho ihr zu Kopf wie nie zuvor. Ihres Gatten Art und Redeweise
hatte sie, durch all die Jahre hin, viel Hunderte von Malen in Verlegenheit
gebracht, auch wohl in bittere Verlegenheiten, aber dabei war es geblieben.
Heute zum ersten Male schmte sie sich seiner.
    Van der Straaten indes bemerkte nichts von dieser Verstimmung und klammerte
sich nur immer fester an seinen Thusnelda-Stoff, in der an und fr sich ganz
richtigen Erkenntnis, etwas Besseres fr seine Spezialansprche nicht finden zu
knnen.
    Ich frage jeden, ob dies eine Thusnelda ist. Hher hinauf, meine Freunde.
Gttin Aphrodite, die Venus dieser Gegenden, Venus Spreavensis, frisch aus
demselben Wasser gestiegen, das uns eben erst unsern teuren Elimar zu rauben
trachtete. Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll. Aus der Spree gestiegen, sag
ich. Aber so mich nicht alles tuscht, haben wir hier mehr, meine Freunde. Wir
haben hier, wenn ich richtig beobachtet, oder sagen wir, wenn ich richtig geahnt
habe, eine Vermhlung von Modernem und Antikem: Venus Spreavensis und Venus
Kallipygos. Ein gewagtes Wort, ich rum es ein. Aber in Griechisch und Musik
darf man alles sagen. Nicht wahr, Anastasia? Nicht wahr, Elimar? Auerdem
entsinn ich mich, zu meiner Rechtfertigung, eines wundervollen
Kallipygos-Epigramms... Nein, nicht Epigramms... Wie heit etwas Zweizeiliges,
was sich nicht reimt...
    Distichon.
    Richtig. Also ich entsinne mich eines Distichons... bah, da hab ich es
vergessen... Melanie, wie war es doch? Du sagtest es damals so gut und lachtest
so herzlich. Und nun hast du's auch vergessen. Oder willst du's blo vergessen
haben...?
    Ich bitte dich... Ich hasse das... Besinne dich. Es war etwas von
Pfirsichpflaum, und ich sagte noch, man fhl ihn ordentlich. Und du fandst es
auch und stimmtest mit ein... Aber die Glser sind ja leer...
    Und ich denke, wir lassen sie leer, sagte Melanie scharf und wechselte die
Farbe, whrend sie mechanisch ihren Sonnenschirm auf- und zumachte. Ich denke,
wir lassen sie leer. Es ist ohnehin Glhwein. Und wenn wir noch hinber wollen,
so wird es Zeit sein, hohe Zeit, und sie betonte das Wort.
    Ich bin es zufrieden, entgegnete van der Straaten, aber in einem Tone, der
nur allzu deutlich erkennen lie, da seine gute Stimmung in ihr Gegenteil
umzuschlagen begann. Ich bin es zufrieden und bedauere nur, allem Anscheine
nach, wieder einmal Ansto gegeben und das adlige Haus de Caparoux in seinen
hheren Aspirationen verschnupft zu haben. Es ist immer das alte Lied, das ich
nicht gerne hre. Wenn ich es aber hren will, so lad ich mir meinen
Schwager-Major zu Tische, der ist erster Kammerherr am Throne des Anstands und
der Langenweile. Heute fehlt er hier, und ich htte gern darauf verzichtet, ihn
durch seine Frau Schwgerin ersetzt zu sehen. Ich hasse Prderien und jene
Prtensionen hherer Sittlichkeit, hinter denen nichts steckt. Im gnstigsten
Falle nichts steckt. Ich darf das sagen, und jedenfalls will ich es sagen, und
was ich gesagt habe, das habe ich gesagt.
    Es antwortete niemand. Ein schwacher Versuch Gablers, wieder einzulenken,
milang, und in ziemlich geschftsmigem, wenn auch freilich wieder ruhiger
gewordenem Tone wurden alle noch ntigen Verabredungen zur berfahrt nach
Treptow in zwei kleinen Booten getroffen; Ehm aber sollte, mit Benutzung der
nchsten Brcke, die Herrschaften am andern Ufer erwarten. Alles stimmte zu, mit
Ausnahme von Frulein Riekchen, die verlegen erklrte, da Bootschaukeln, von
klein auf, ihr Tod gewesen sei. Worauf sich van der Straaten in einem Anfalle
von Ritterlichkeit erbot, mit ihr in der Glaslaube zurckbleiben und das Anlegen
des nchsten, vom Eierhuschen her erwarteten Dampfschiffes abpassen zu
wollen.

                                Zehntes Kapitel



                               Wohin treiben wir?

Es whrte nicht lange, so steuerten, von einer dunklen, etwas weiter
fluaufwrts gelegenen Uferstelle her, zwei Jollen auf das Flo zu, jede mit
einer Stocklaterne vorn an Bord. In der kleineren sa derselbe Junge, der schon
am Nachmittage die Reifen auf die Kirchhofswiese hinausgetragen hatte, whrend
die grere Jolle, leer und blo angekettet, im Fahrwasser der anderen
nachschwamm. Es gab einen hbschen Anblick, und kaum da die beiden Fahrzeuge
lagen, so stiegen auch, vom Flo aus, die schon ungeduldig Wartenden ein: Rubehn
und Melanie in das kleinere, die beiden Maler und Anastasia in das grere Boot,
eine Verteilung, die sich wie von selber machte, weil Elimar und Gabler gute
Kahnfahrer waren und jeder anderweitigen Fhrung entbehren konnten. Sie nahmen
denn auch die Tte, und der Junge mit der kleineren Jolle folgte.
    Van der Straaten sah ihnen eine Weile nach und sagte dann zu dem Frulein:
Es ist mir ganz lieb, Riekchen, da wir zurckgeblieben sind und auf das
Dampfschiff warten mssen. Ich habe Sie schon immer fragen wollen, wie gefllt
Ihnen unser neuer Hausgenosse? Sie sprechen nicht viel, und wer nicht viel
spricht, der beobachtet gut.
    Oh, er gefllt mir.
    Und mir gefllt es, Riekchen, da er Ihnen gefllt. Nur das oh beklag ich,
denn es hebt ein gut Teil Lob wieder auf, und oh, er gefllt mir ist eigentlich
nicht viel besser als oh, er gefllt mir nicht. Sie sehen, ich lasse Sie nicht
wieder los. Also nur immer tapfer mit der Sprache heraus. Warum nur oh? Woran
liegt es? Wo fehlt es? Mitrauen Sie seinen Dragonerreservelieutenants-Allren?
Ist er Ihnen zu kavaliermig oder zu wenig? Ist er Ihnen zu laut oder zu still,
zu bescheiden oder zu stolz, zu warm oder zu kalt? Damit mchten Sie's getroffen
haben.
    Womit?
    Mit dem zu kalt. Ja, er ist mir zu kalt. Als ich ihn das erste Mal sah,
hatt ich einen guten Eindruck, obgleich nicht voll so gut wie Anastasia.
Natrlich nicht. Anastasia singt und ist exzentrisch und will einen Mann haben.
    Will jede.
    Ich auch? lachte die Kleine.
    Wer wei, Riekchen.
    ... Also das erste war: er gefiel mir. Es war in der Veranda, gleich nach
dem zweiten Frhstck, wir hatten eben die blauen Milchsatten zurckgeschoben,
und es ist mir, als wr es gestern gewesen. Da kam der alte Teichgrber und
brachte seine Karte. Und dann kam er selbst. Nun er hat etwas Distinguiertes,
und man sieht auf den ersten Blick, da er die kleine Not des Lebens nicht
kennengelernt hat. Und das ist immer hbsch, und das Hbsche davon soll ihm
unbenommen sein. Er hat aber auch etwas Reserviertes. Und wenn ich sage, was
Reserviertes, so hab ich noch sehr wenig gesagt. Denn Reserviertsein ist gut und
schicklich. Er bertreibt es aber. Anfangs glaubt ich, es sei die kleine
gesellschaftliche Scheu, die jeden ziert, auch den Mann von Welt, und er werd es
ablegen. Aber bald konnt ich sehen, da es nicht Scheu war. Nein, ganz im
Gegenteil. Es ist Selbstbewutsein. Er hat etwas amerikanisch Sicheres. Und so
sicher er ist, so kalt ist er auch.
    Ja, Riekchen, er war zu lange drben, und drben ist nicht der Platz, um
Bescheidenheit und warme Gefhle zu lernen.
    Sie sind auch nicht zu lernen. Aber man kann sie leider verlernen.
    Verlernen? lachte van der Straaten. Ich bitte Sie, Riekchen, er ist ja
ein Frankfurter!

Whrend dieses Gesprch in dem Glasbalkon gefhrt wurde, steuerten die beiden
Boote der Mitte des Stromes zu. Auf dem greren war Scherz und Lachen, aber auf
dem kleineren, das folgte, schwieg alles, und Melanie beugte sich ber den Rand
und lie das Wasser durch ihre Finger pltschern.
    Ist es immer nur das Wasser, dem Sie die Hand reichen, Freundin?
    Es khlt. Und ich hab es so hei.
    So legen Sie den Burnus ab... Und er erhob sich, um ihr behilflich zu
sein.
    Nein, sagte sie heftig und abwehrend. Mich friert. Und er sah nun, da
sie wirklich frstelnd zusammenzuckte.
    Und wieder fuhren sie schweigend dem andern Boote nach und horchten auf die
Lieder, die von dorther herberklangen. Erst war es Long, long ago, und immer
wenn der Refrain kam, summte Melanie die Zeile mit. Und nun lachten sie drben,
und neue Lieder wurden intoniert und ebenso rasch wieder verworfen, bis man sich
endlich ber eines geeinigt zu haben schien. O sh ich auf der Heide dort. Und
wirklich, sie hielten aus und sangen alle Strophen durch. Aber Melanie sang
nicht leise mehr mit, um nicht durch ein Zittern ihrer Stimme ihre Bewegung zu
verraten.
    Und nun waren sie mitten auf dem Strom, auer Hrweite von den
Vorauffahrenden, und der Junge, der sie beide fuhr, zog mit einem Ruck die Ruder
ein und legte sich bequem ins Boot nieder und lie es treiben.
    Er sieht auch zu den Sternen auf, sagte Rubehn.
    Und zhlt, wie viele fallen, lachte Melanie bitter. Aber Sie drfen mich
nicht so verwundert ansehn, lieber Freund, als ob ich etwas Besonderes gesagt
htte. Das ist ja, wie Sie wissen, oder wenigstens seit heute wissen mssen, der
Ton unsres Hauses. Ein bichen spitz, ein bichen zweideutig und immer
unpassend. Ich befleiige mich der Ausdrucksweise meines Mannes. Aber freilich,
ich bleibe hinter ihm zurck. Er ist eben unerreichbar und wei so wundervoll
alles zu treffen, was krnkt und blostellt und beschmt.
    Sie drfen sich nicht verbittern.
    Ich verbittre mich nicht. Aber ich bin verbittert. Und weil ich es bin und
es los sein mchte, deshalb sprech ich so. Van der Straaten...
    Ist anders als andre. Aber er liebt Sie, glaub ich... Und er ist gut.
    Und er ist gut, wiederholte Melanie heftig und in beinahe krampfhafter
Heiterkeit. Alle Mnner sind gut...! Und nun fehlt nur noch der Zwirnwickel und
das Fukissen mit dem Symbol der Treue darauf, so haben wir alles wieder
beisammen. O Freund, wie konnten Sie nur das sagen und, um ihn zu rechtfertigen,
so ganz in seinen Ton verfallen!
    Ich wrde durch jeden Ton Ansto gegeben haben.
    Vielleicht... Oder sagen wir lieber gewi. Denn es war zu viel, dieser
ewige Hinweis auf Dinge, die nur unter vier Augen gehren, und das kaum. Aber er
kennt kein Geheimnis, weil ihm nichts des Geheimnisses wert dnkt. Weil ihm
nichts heilig ist. Und wer anders denkt, ist scheinheilig oder lcherlich. Und
das vor Ihnen...
    Er nahm ihre Hand und fhlte, da sie fieberte.
    Die Sterne aber funkelten und spiegelten sich und tanzten um sie her, und
das Boot schaukelte leis und trieb im Strom, und in Melanies Herzen erklang es
immer lauter: wohin treiben wir?
    Und sieh, es war, als ob der Bootsjunge von derselben Frage beunruhigt
worden wre, denn er sprang pltzlich auf und sah sich um, und wahrnehmend, da
sie weit ber die rechte Stelle hinaus waren, griff er jetzt mit beiden Rudern
ein und warf die Jolle nach links herum, um so schnell wie mglich aus der
Strmung heraus und dem andern Ufer wieder nher zu kommen. Und sieh, es gelang
ihm auch, und ehe fnf Minuten um waren, erkannte man die von zahllosen Lichtern
erhellten Baumgruppen des Treptower Parks, und Rubehn und Melanie hrten
Anastasias Lachen auf dem vorauffahrenden Boot. Und nun schwieg das Lachen, und
das Singen begann wieder. Aber es war ein andres Lied, und ber das Wasser hin
klang es Rohtraut, Schn-Rohtraut, erst laut und jubelnd, bis es schwermtig
in die Worte verklang: Schweig stille, mein Herze.
    Schweig stille, mein Herze, wiederholte Rubehn und sagte leise: soll es?
    Melanie antwortete nicht. Das Boot aber lief ans Ufer, an dem Elimar und
Arnold schon in aller Dienstbeflissenheit warteten. Und gleich darauf kam auch
das Dampfschiff, und Riekchen und van der Straaten stiegen aus. Er heiter und
gesprchig.
    Und er nahm Melanies Arm und schien die Szene, die den Abend gestrt hatte,
vollkommen vergessen zu haben.

                                 Elftes Kapitel



                                  Zum Minister

Wohin treiben wir? hatte es in Melanies Herzen gefragt, und die Frage war ihr
unvergessen geblieben. Aber der fieberhaften Erregung jener Stunde hatte sie
sich entschlagen, und in den Tagen, die folgten, war ihr die Herrschaft ber
sich selbst zurckgekehrt.
    Und diese Herrschaft blieb ihr auch, und sie zuckte nur einen Augenblick
zusammen, als sie, nach Ablauf einer Woche, Rubehn am Gitter drauen halten und
gleich darauf auf die Veranda zukommen sah. Sie ging ihm wie gewhnlich einen
Schritt entgegen und sagte: Wie ich mich freue, Sie wiederzusehen! Sonst sahen
wir Sie jeden dritten Tag, und Sie haben diesmal eine Woche vergehen lassen,
fast eine Woche. Aber die Strafe folgt Ihnen auf dem Fue. Sie treffen nur
Anastasia und mich. Unser Riekchen, das Sie ja zu schtzen wissen (wenn auch
freilich nicht genug), hat uns auf einen ganzen Monat verlassen und erzieht
sieben kleine Vettern auf dem Lande. Lauter Jungen und lauter Sawatzkis und in
ihren bermtigsten Stunden auch mutmalich lauter Sattler von der Hlle.
    Sagen wir lieber gewi. Und dazu Riekchen als Przeptor und Regente. Mu
das eine Zgelfhrung sein!
    Oh, Sie verkennen sie; sie wei sich in Respekt zu setzen.
    Und doch mcht ich die Verzweiflung des Grtners ber zertretene Rabatten
und die des Frsters ber angerichteten Wildschaden nicht mit Augen sehn. Denn
ein kleiner Junker schiet alles, was kreucht und fleucht. Und nun gar sieben.
Aber ich vergesse, mich meines Auftrags zu entledigen. Van der Straaten... Ihr
Herr Gemahl... bittet, ihn zu Tische nicht erwarten zu wollen. Er ist zum
Minister befohlen, und zwar in Sachen einer Enqute. Freilich erst morgen. Aber
heute hat er das Vorspiel: das Diner. Sie wissen, meine gndigste Frau, es gibt
jetzt nur noch Enquten.
    Es gibt nur noch Enquten, aber es gibt keine gndigste Frauen mehr.
Wenigstens nicht hier und am wenigsten zwischen uns. Eine Gndigste bin ich
berhaupt nur bei Gryczinskis. Ich bin Ihre gute Freundin und weiter nichts.
Nicht wahr? Und sie gab ihm ihre Hand, die er nahm und kte. Und ich will
nicht, fuhr sie fort, da wir diese sechs Tage nur gelebt haben, um unsre
Freundschaft um ebenso viele Wochen zurckzudatieren. Also nichts mehr von einer
gndigsten Frau. Und dabei zwang sie sich, ihn anzusehen. Aber ihr Herz schlug,
und ihre Stimme zitterte bei der Erinnerung an den Abend, der nur zu deutlich
vor ihrer Seele stand.
    Ja, lieber Freund, nahm sie nach einer kurzen Pause wieder das Wort, ich
mute das zwischen uns klarmachen. Und da wir einmal beim Klarmachen sind, so
mu auch noch ein andres heraus, auch etwas Persnliches und Diffiziles. Ich mu
Ihnen nmlich endlich einen Namen geben. Denn Sie haben eigentlich keinen Namen,
oder wenigstens keinen, der zu brauchen wre.
    Ich dchte doch..., sagte Rubehn mit einem leisen Anfluge von Verlegenheit
und Mistimmung.
    Ich dchte doch, wiederholte Melanie und lachte. Da doch auch die Klugen
und Klgsten auf diesen Punkt hin immer empfindlich sind! Aber ich bitte Sie,
sich aller Empfindlichkeiten entschlagen zu wollen. Sie sollen selbst
entscheiden. Beantworten Sie mir auf Pflicht und Gewissen die Frage: ob Ebenezer
ein Name ist. Ich meine ein Name frs Haus, frs Geplauder, fr die Causerie,
die doch nun mal unser Bestes ist! Ebenezer! O Sie drfen nicht so bs aussehen.
Ebenezer ist ein Name fr einen Hohenpriester oder fr einen, der's werden will,
und ich seh ihn ordentlich, wie er das Opfermesser schwingt. Und sehen Sie,
davor schaudert mir. Ebenezer ist au fond nicht besser als Aaron. Und es ist
auch nichts daraus zu machen. Aus Ezechiel hab ich mir einen Ezel glcklich
kondensiert. Aber Ebenezer!
    Anastasia weidete sich an Rubehns Verlegenheit und sagte dann: Ich wte
schon eine Hilfe.
    Oh, die wei ich auch. Und ich knnte sogar alles in einen allgemeinen und
fast nach Grammatik klingenden Satz bringen. Und dieser Satz wrde sein: Um- und
Rckformung des abstrusen Familiennamens Rubehn in den alten, mir immer lieb
gewesenen Vornamen Ruben.
    Und das wollt ich auch sagen, eiferte Anastasia.
    Aber ich hab es gesagt.
    Und in diesem Priorittsstreite scherzte sich Melanie mehr und mehr in den
Ton alter Unbefangenheit hinein und fuhr endlich, gegen Rubehn gewendet, fort:
Und wissen Sie, lieber Freund, da mir diese Namensgebung wirklich etwas
bedeutet? Ruben, um es zu wiederholen, war mir von jeher der Sympathischste von
den Zwlfen. Er hatte das Hochherzige, das sich immer bei dem ltesten findet,
einfach weil er der lteste ist. Denken Sie nach, ob ich nicht recht habe. Die
natrliche Herrscherstellung des Erstgeborenen sichert ihn vor Mesquinerie und
Intrige.
    Jeder Erstgeborene wird Ihnen fr diese Verherrlichung dankbar sein mssen,
und jeder Ruben erst recht. Und doch gesteh ich Ihnen offen, ich htt unter den
Zwlfen eine andere Wahl getroffen.
    Aber gewi keine bessere. Und ich hoff es Ihnen beweisen zu knnen. ber
die sechs Halblegitimen ist weiter kein Wort zu verlieren; Sie nicken, sind also
einverstanden. Und so nehmen wir denn, als erstes Betrachtungsobjekt, die
Nestkken der Familie, die Muttershnchen. Es wird so viel von ihnen gemacht,
aber Sie werden mir zustimmen, da die sptere gyptische Exzellenz nicht so
ganz ohne Not in die Zisterne gesteckt worden ist. Er war einfach ein enfant
terrible. Und nun gar der Jngste! Verwhnt und verzogen. Ich habe selbst ein
Jngstes und wei etwas davon zu sagen... Und so bleiben uns denn wirklich nur
die vier alten Grognards von der Lea her. Wohl, sie haben alle vier ihre
Meriten. Aber doch ist ein Unterschied. In dem Levi spukt schon der Levit und in
dem Juda das Knigtum - ein Stckchen Illoyalitt, das Sie mir als freier
Schweizerin zugute halten mssen. Und so sehen wir uns denn vor den Rest
gestellt, vor die beiden letzten, die natrlich die beiden ersten sind. Eh bien,
ich will nicht mkeln und feilschen und will dem Simeon lassen, was ihm zukommt.
Er war ein Charakter, und als solcher wollt er dem Jungen ans Leben. Charaktere
sind nie fr halbe Maregeln. Aber da trat Ruben dazwischen, mein Ruben, und
rettete den Jungen, weil er des alten Vaters gedachte. Denn er war gefhlvoll
und mitleidig und hochherzig. Und was Schwche war, darber sag ich nichts. Er
hatte die Fehler seiner Tugenden, wie wir alle. Das war es und weiter nichts.
Und deshalb Ruben und immer wieder Ruben. Und kein Appell und kein Refus.
Anastasia, brich einen Tauf- und Krnungszweig ab, da von der Esche drben. Wir
knnen sie dann die Ruben-Esche nennen.
    Und dieses scherzhafte Geplauder wrde sich mutmalich noch fortgesetzt
haben, wenn nicht in eben diesem Augenblicke der wohlbekannte, zweirdrige Gig
sichtbar geworden wre, von dessen turmhohem Sitze herab van der Straaten ber
das Gitter weg mit der Peitsche salutierte. Und nun hielt das Gefhrt, und der
Enquten-Kommerzienrat erschien in der Veranda, strahlend von Glck und
freudiger Erregung. Er kte Melanie die Stirn und versicherte einmal ber das
andere, da er sich's nicht habe versagen wollen, die freie halbe Stunde bis zum
ministeriellen Diner au sein de sa famille zu verbringen.
    Und nun nahm er Platz und rief in das Haus hinein: Liddi, Liddi. Rasch.
Antreten. Immer flink. Und Heth auch; das Stiefkind, die Kleine, die
vernachlssigt wird, weil sie mir hnlich sieht...
    Und von der ich eben erzhlt habe, da sie grenzenlos verwhnt wrde.
    Die Kinder waren inzwischen erschienen, und der glckliche Vater nahm ein
elegantes Ttchen mit papierenem Spitzenbesatz aus der Tasche und hielt es Lydia
hin. Diese nahm's und gab es an die Kleine weiter. Da, Heth.
    Magst du nicht? fragte van der Straaten. Sieh doch erst nach. Es sind ja
Pralines. Und noch dazu von Sarotti.
    Aber Lydia sah mit einem Streifblick zu Rubehn hinber und sagte: Tten
sind fr Kinder. Ich mag nicht.
    Alles lachte, selbst Rubehn, trotzdem er wohl fhlte, da er der Grund
dieser Ablehnung war. Van der Straaten indes nahm die kleine Heth auf den Scho
und sagte: Du bist deines Vaters Kind. Ohne Faxen und Haberei. Lydia spielt
schon die de Caparoux.
    La sie, sagte Melanie.
    Ich werde sie lassen mssen. Und sonderbar zu sagen, ich hasse die
Vornehmheitsallren eigentlich nur fr mich selbst. In meiner Familie sind sie
mir ganz recht, wenigstens gelegentlich, abgesehen davon, da sich auch fr
meine Person allerhand Wandlungen vorbereiten. Denn in meiner Eigenschaft als
Mitglied einer Enquten-Kommission hab ich die Verpflichtung hherer
gesellschaftlicher Formen bernommen, und geht das so weiter, Melanie, so hltst
du zwischen heut und sechs Wochen einen halben Oberzeremonienmeister in deinen
Hnden. In den Sechswochenschaften hat ja von Uranfang an etwas mysteris
Bedeutungsvolles geschlummert.
    Eine Wendung, lieber van der Straaten, die mir vorlufig nur wieder zeigt,
wie weitab du noch von deiner neuen Charge bist.
    Allerdings, allerdings, lachte van der Straaten. Gut Ding will Weile
haben, und Rom wurde nicht an einem Tage gebaut. Und nun sage mir, denn ich habe
nur noch zehn Minuten, wie du diesen Nachmittag zu verbringen und unsern Freund
Rubehn zu divertieren gedenkst. Verzeih die Frage. Aber ich kenne deine mitunter
ngstliche Gleichgiltigkeit gegen Tisch- und Tafelfreuden und berechne mir in
der Eile, da deine Bohnen und Hammelkotelettes, auch wenn die Bohnen ziepsig
und die Kotelettes zhe sind, nicht gut ber eine halbe Stunde hinaus ausgedehnt
werden knnen. Auch nicht unter Heranziehung eines Desserts von Erdbeeren und
Stiltonkse. Und so sorg ich mich denn um euch, und zwar um so mehr, als ihr
nicht die geringste Chance habt, mich vor neun Uhr wieder hier zu sehn.
    ngstige dich nicht, entgegnete Melanie. Es ist keine Frage, da wir dich
schmerzlich entbehren werden. Du wirst uns fehlen, du mut uns fehlen. Denn wer
knnt uns, um nur eines zu nennen, den Hochflug deiner bilderreichen
Einbildungskraft ersetzen. Kaum, da wir ihr zu folgen verstehn. Und doch
verbrg ich mich fr Unterbringung dieser armen, verlorenen Stunden, die dir
soviel Sorge machen. Und du sollst sogar das Programm wissen.
    Da wr ich neugierig.
    Erst singen wir.
    Tristan?
    Nein. Und Anastasia begleitet. Und dann haben wir unser Diner oder doch
das, was dafr aufkommen mu. Und es wird sich schon machen. Denn immer, wenn du
nicht da bist, suchen wir uns durch einen besseren Tisch und ein paar
eingeschobene se Speisen zu trsten.
    Glaub's, glaub's. Und dann?
    Dann hab ich vor, unsern lieben Freund, den ich dir brigens, nach einem
allerjngsten bereinkommen, als Rubehn mit dem gestrichenen h, also schlechtweg
als unsern Freund Ruben vorstelle, mit den Schtzen und Schnheiten unsrer Villa
bekannt zu machen. Er ist eine Legion von Malen, wenn auch immer noch nicht oft
genug, unser lieber Gast gewesen und kennt trotz alledem nichts von dieser
ganzen Herrlichkeit als unser E- und Musikzimmer und hier drauen die Veranda
mit dem kreischenden Pfau, der ihm natrlich ein Greuel ist. Aber er soll heute
noch in seinem halb freireichsstdtischen und halb berseeischen Hochmute
gedemtigt werden. Ich habe vor, mit deinem Obstgarten zu beginnen und dem
Obstgarten das Palmenhaus und dem Palmenhause das Aquarium folgen zu lassen.
    Ein gutes Programm, das mich nur hinsichtlich seiner letzten Nummer etwas
erschreckt oder wenigstens zur Vorsicht mahnen lt. Sie mssen nmlich wissen,
Rubehn, was wir letzten Sommer in dieser erbrmlichen Glaskastensammlung, die
den stolzen Namen Aquarium fhrt, schaudernd selbst erlebt haben. Nicht mehr und
nicht weniger als einen Ausbruch, Eruption, und ich hre noch Anastasias
Aufschrei und werd ihn hren bis ans Ende meiner Tage. Denken Sie sich, eine der
groen Glasscheiben platzt, Ursach unbekannt, wahrscheinlich aber, weil
Gryczinski seinem Fsiliersbel eine falsche Direktive gegeben, und siehe da,
ehe wir drei zhlen knnen, steht unser ganzer Aquariumflur nicht nur handhoch
unter Wasser, sondern auch alle Schrecken der Tiefe zappeln um uns her, und ein
groer Hecht umschnoppert Melanies Futaille mit allersichtlichster
Vernachlssigung Tante Riekchens. Offenbar also ein Kenner. Und in einem Anfalle
wahnsinniger Eifersucht hab ich ihn schlachten lassen und seine Leber
hchsteigenhndig verzehrt.
    Anastasia besttigte die Zutreffendheit der Schilderung, und selbst Melanie,
die seit lngerer Zeit hnlichen Exkursen ihres Gatten mit nur zu sichtlichem
Widerstreben folgte, nahm heute wieder an der allgemeinen Heiterkeit teil. Sie
hatte sich schon vorher in dem mit Rubehn gefhrten Gesprche derartig
heraufgeschraubt, da sie wie geistig trunken und beinahe gleichgiltig gegen
Erwgungen und Rcksichten war, die sie noch ganz vor kurzem geqult hatten. Sie
sah wieder alles von der lachenden Seite, selbst das Gewagteste, und fate, ohne
sich Rechenschaft davon zu geben, den Entschlu, mit der ganzen nervsen
Feinfhligkeit dieser letzten Wochen ein fr allemal brechen und wieder keck und
unbefangen in die Welt hinein leben zu wollen.
    Van der Straaten aber, berglcklich, mit seinem Aquariumshecht einen guten
Abgang gefunden zu haben, griff nach Hut und Handschuh und versprach, auf Eile
dringen zu wollen, soweit sich, einem Minister gegenber, berhaupt auf irgend
etwas dringen lasse.
    Das waren seine letzten Worte. Gleich darauf hrte man das Knirschen der
Rder und empfing von auen her, ber das Parkgitter hin, einen absichtlich
bertriebenen Feierlichkeitsgru, in dem sich die ganze Bedeutung eines Mannes
ausdrcken sollte, der zum Minister fhrt. Noch dazu zum Finanzminister, der
eigentlich immer ein Doppelminister ist.

                                Zwlftes Kapitel



                                  Unter Palmen

Die Nachmittagsstunden vergingen, wie's Melanie geplant und van der Straaten
gebilligt hatte. Dem anderthalbstndigen Musizieren folgte das kleine Diner,
opulenter als gedacht, und die Sonne stand eben noch ber den Bosquets, als man
sich erhob, um drauen im Orchard ein zweites Dessert von den Bumen zu
pflcken.
    Dieser fr allerhand Obstkulturen bestimmte Teil des Parkes lief, an
sonnigster Stelle, neben dem Flu entlang und bestand aus einem anscheinend
endlosen Kieswege, der nach der Spree hin offen, nach der Parkseite hin aber von
Spalierwnden eingefat war. An diesen Spalieren, in kunstvollster Weise
behandelt und jeder einzelne Zweig gehegt und gepflegt, reiften die feinsten
Obstarten, whrend kaum minder feine Sorten an nebenherlaufenden niederen
Brettergestellen, etwa nach Art groer Ananaserdbeeren, gezogen wurden.
    Melanie hatte Rubehns Arm genommen, Anastasia folgte langsam und in
wachsenden Abstnden; Heth aber auf ihrem Vlocipde begleitete die Mama, bald
weit vorauf, bald dicht neben ihr, und wandte sich dann wieder, ohne die
geringste Ahnung davon, da ihre rckseitige Drapierung in ein immer komischeres
und ungenierteres Fliegen und Flattern kam. Melanie, wenn Heth die Wendung
machte, suchte jedesmal durch ein lebhafteres Sprechen ber die kleine
Verlegenheit hinwegzukommen, bis Rubehn endlich ihre Hand nahm und sagte:
Lassen wir doch das Kind. Es ist ja glcklich, beneidenswert glcklich. Und Sie
sehen, Freundin, ich lache nicht einmal.
    Sie haben recht, entgegnete Melanie. Torheit und nichts weiter. Unsere
Scham ist unsere Schuld. Und eigentlich ist es rhrend und entzckend zugleich.
Und als der kleine Wildfang in eben diesem Augenblicke wieder heranrollte,
kommandierte sie selbst: Rechtsum. Und nicht zu nah an die Spree! Sehen Sie
nur, wie sie hinfliegt. Solange die Welt steht, hat keine Reiterei mit so
fliegenden Fahnen angegriffen.
    Unter solchem Gesprch waren sie bis an die Stelle gekommen, wo, von der
Parkseite her, ein breiter, avenueartiger Weg in den langen und schmalen
Spaliergang einmndete. Hier, im Zentrum der ganzen Anlage, erhoben sich denn
auch, nach dem Vorbilde der berhmten englischen Grten in Kew, ein paar hohe,
glasgekuppelte Palmenhuser, an deren eines sich ein altmodisches Treibhaus
anlehnte, das, frher der Herrschaft zugehrig, inzwischen mit all seinen
Blattpflanzen und Topfgewchsen in die Hnde des alten Grtners bergegangen und
die Grundlage zum Betrieb eines sehr eintrglichen Privatgeschftes geworden
war. Unmittelbar neben dem Treibhause hatte der Grtner seine Wohnung, ein nur
zweifenstriges und ganz von Efeu berwachsenes Huschen, ber das ein alter,
schrgstehender Akazienbaum seine Zweige breitete. Zwei, drei Steinstufen
fhrten bis in den Flur, und neben diesen Stufen stand eine Bank, deren
Rcklehne von dem Efeu mit berwachsen war.
    Setzen wir uns, sagte Melanie. Immer vorausgesetzt, da wir drfen. Denn
unser alter Freund hier ist nicht immer guter Laune. Nicht wahr, Kagelmann?
    Diese Worte hatten sich an einen kleinen und ziemlich hlichen Mann
gerichtet, der, wiewohl kahlkpfig (was brigens die Sommermtze verdeckte),
nichtsdestoweniger an beiden Schlfen ein paar lange glatte Haarstrhnen hatte,
die bis tief auf die Schulter niederhingen. Alles an ihm war auer Verhltnis,
und so kam es, da, seiner Kleinheit unerachtet oder vielleicht auch um dieser
willen, alles zu gro an ihm erschien: die Nase, die Ohren, die Hnde. Und
eigentlich auch die Augen. Aber diese sah man nur, wenn er, was fters geschah,
die ganz verblakte Hornbrille abnahm. Er war eine typische Grtnerfigur:
unfreundlich, grob und habschtig, vor allem auch seinem Wohltter, dem
Kommerzienrat, gegenber, und nur wenn er die Frau Rtin sah, erwies er sich
auffallend verbindlich und guter Laune.
    So nahm er denn auch heute das scherzhaft hingeworfene wenn wir drfen in
bester Stimmung auf und sagte, whrend er mit der Rechten (in der er einen
kleinen Aurikeltopf hielt) seine groschirmige Mtze nach hinten schob: Jott,
Frau Rtin, ob Sie drfen! Solche Frau! Solche Frau wie Sie darf allens. Un
warum? Weil Ihnen allens kleidt. Un wen alles kleidt, der darf ooch alles. Uff
's Kleiden kommt's an. 's gibt welche, die sagen, die Blumen machen dumm und
simplig. Aber da es uff 's Kleiden ankommt, soviel lernt man bei de Blumens.
    Immer mein galanter Kagelmann, lachte Melanie. Man merkt doch den
Unverheirateten, den Junggesellen. Und doch ist es unrecht, Kagelmann, da Sie
so geblieben sind. Ich meine, so ledig. Ein Mann wie Sie, so frisch und so
gesund, und ein so gutes Geschft. Und reich dazu. Die Leute sagen ja, Sie
htten ein Rittergut. Aber ich will es nicht wissen, Kagelmann. Ich respektiere
Geheimnisse. Nur das ist wahr, Ihr Efeuhaus ist zu klein, immer vorausgesetzt,
da Sie sich noch mal anders besinnen.
    Ja, kleen is es man. Aber for mir is es jro genug, das heit for mir
alleine. Sonst... Aber ich bin ja nu all sechzig.
    Sechzig. Mein Gott, sechzig. Sechzig ist ja gar kein Alter.
    Nee, sagte Kagelmann. En Alter is es eijentlich noch nich. Un es jeht
ooch allens noch. Un janz jut. Un es schmeckt ooch noch, un die Gebrder
Benekens dragen einen ooch noch. Aber viel mehr is es ooch nich. Un wen soll man
denn am Ende nehmen? Sehen Se, Frau Rtin, die so for mir passen, die gefallen
mir nich, un die mir gefallen, die passen wieder nich. - Ich wre so for dreiig
oder so drum rum. Dreiig is jut, un dreiig zu dreiig, das stimmt ooch. Aber
sechzig in dreiig jeht nich. Und da sagt denn die Frau: borg ich mir einen.
    Melanie lachte.
    Kagelmann aber fuhr fort: Ach, Frau Kommerzienrtin, Sie hren so was nich
un glauben jar nich, wie die Welt is un was allens passiert. Da war hier einer
drben bei Flatows, Cohn und Flatow, groes Ledergeschft (un sie sollen's ja
von Amerika kriegen, na, mir is es jleich), und war ooch en Grtner, un war woll
so sechsunfufzig. Oder vielleicht ooch erst fnfunfufzig. Un der nahm sich ja nu
so 'n Madamchen, so von 'n Jahrer dreiig, un war ne Witib, un immer janz
schwarz, un ne hbsche Person, un sa immer ins mittelste Zelt, Nummer 4, wo
Kaiser Wilhelm steht un wo immer die Musik is mit Klavier un Flte. Ja, du mein
Jott, was hat er gehabt? Jar nichts hat er gehabt. Un da sitzt er nu mit seine
drei Wrmer, un Madamchen is weg. Un mit wen is se weg? Mit 'n Gelbschnabel, un
hatte noch keene zwanzig uff 'n Rcken, un Teichgrber sagt, er wr erst
achtzehn gewesen. Unmglich is es. Aber ein fixer, kleiner Kerl war es, so was
Italiensches, un war doch blo aus Rathnow. Aber en Paar Oogen! Ich sag Ihnen,
Frau Kommerzienrtin, wie 'n Feuerwerk, un es war orntlich, als ob's man so
prasselte.
    Ja, das ist traurig fr den Mann, lachte Melanie. Aber doch am
traurigsten fr die Frau. Denn wenn einer solche Augen hat...
    Un so was is jetzt alle Tage, schlo der Alte, der auf die
Zwischenbemerkung nicht geachtet hatte und wieder bei seinen Tpfen zu stellen
und zu kramen anfing.
    Aber Melanie lie ihm keine Ruh. Alle Tage, sagte sie.
    Natrlich, alle Tage. Natrlich, alles kommt vor. Aber das darf einen doch
nicht abhalten. Sonst knnte ja keiner mehr heiraten, und es gbe gar kein Leben
und keine Menschen mehr. Denn ein kleiner fixer Grtnerbursche, nu, mein Gott,
der findt sich zuletzt berall.
    Ja, Frau Kommerzienrtin, das is schon richtig. Aber mitunter findt er sich
immer, und mitunter findt er sich blo manchmal. Heiraten! Nu ja, hbsch mu es
ja sind, sonst dhten es nich so viele. Aber besser is besser. Un ich denke,
lieber bewahrt als beklagt.
    In diesem Augenblicke wurde, von der Hauptallee her, ein Einspnner sichtbar
und hielt, indem er eine Biegung machte, vor der Bank, auf der Rubehn und
Melanie Platz genommen hatten. Es war ein auf niedrigen Rdern gehendes
Fuhrwerk, das den Geschftsverkehr des kleinen Privattreibhauses mit der Stadt
vermittelte.
    Kagelmann tat ein paar Fragen an den vorn auf dem Deichselbrette sitzenden
Kutscher, und nachdem er noch einen andern Arbeiter herbeigerufen hatte, fingen
alle drei an, die Palmenkbel abzuladen, die, trotzdem sie nur von miger Gre
waren, den Rand des Wagenkastens weit berragten und mit ihren dunklen Kronen,
schon von fernher, den Eindruck prchtig wehender Federbsche gemacht hatten.
    Alle drei waren ein paar Minuten lang emsig bei der Arbeit, als aber
schlielich alles abgeladen war, wandte sich Kagelmann wieder an seine gndige
Frau und sagte, whrend er die zwei grten und schnsten Palmen mit seinen
Hnden patschelte: Ja, Frau Rtin, das sind nu so meine Stammhalter, so meine
zwei Sulen von 's Geschft. Un immer unterwegs, wie 'n Landbrieftrger. Man
blo noch unterwegser. Denn der hat doch 'n Sonntag oder Kirchenzeit. Aber meine
Palmen nich. Un ich freue mir immer orntlich, wenn mal 'n Stillstand is und ich
allens mal wieder so zu sehen kriege. So wie heute. Denn mitunter seh ich meine
Palmen die janze Woche nich.
    Aber warum nicht?
    Jott, Frau Rtin, Palme pat immer. Un is kein Unterschied, ob Trauung oder
Begrbnis. Und manche taufen auch schon mit Palme. Und wenn ich sage Palme, na,
so kann ich auch sagen Lorbeer oder Lebensbaum oder was wir Thuja nennen. Aber
Palme, versteht sich, is immer das Feinste. Un is blo man ein Metier, das is
jrade so, janz akkurat ebenso bei Leben und Sterben. Und is ooch immer
dasselbe.
    Ah, ich versteh, sagte Melanie. Der Tischler.
    Nein, Frau Rtin, der Tischler nich. Er is woll auch immer mit dabei, das
is schon richtig, aber's is doch nich immer dasselbe. Denn ein Sarg is keine
Wiege nich, und eine Wiege is kein Sarg nich. Un was en richtiges Himmelbett is,
nu davon will ich jar nich erst reden...
    Aber Kagelmann, wenn es nicht der Tischler ist, wer denn?
    Der Domchor, Frau Rtin. Der is auch immer mit dabei un is immer dasselbe.
Jrade so wie bei mir. Un er hat auch so seine zwei Stammhalter, seine zwei
Sulen von 's Geschft: 's ist bestimmt in Gottes Rat oder Wie sie so sanft
ruhn. Un es pat immer un macht keinen Unterschied, ob einer abreist oder ob
einer begraben wird. Un grn is grn, un is jrade so wie Lebensbaum und Palme.
    Und doch, Kagelmann, wenn Sie nun mal heiraten und selber Hochzeit machen
(aber nicht hier in Ihrem Efeuhause; das ist zu klein), dann sollen Sie doch
beides haben: Gesang und Palme. Und was fr Palmen! Das versprech ich Ihnen.
Denn ohne Palmen und Gesang ist es nicht feierlich genug. Und aufs Feierliche
kommt es an. Und dann gehen wir in das groe Treibhaus, bis dicht an die Kuppel,
und machen einen wundervollen Altar unter der allerschnsten Palme. Und da
sollen Sie getraut werden. Und oben in der Kuppel wollen wir stehn und ein
schnes Lied singen, einen Choral, ich und Frulein Anastasia und Herr Rubehn
hier und Herr Elimar Schulze, den Sie ja auch kennen. Und dabei soll Ihnen
zumute sein, als ob Sie schon im Himmel wren und hrten die Engel singen.
    Glaub ich, Frau Rtin. Glaub ich.
    Und zu vorlufigem Dank, fr all diese kommenden Herrlichkeiten, sollen
Sie, liebster Kagelmann, uns jetzt in das Palmenhaus fhren. Denn ich wei nicht
Bescheid und kenne die Namen nicht, und der fremde Herr hier, der ein paarmal um
die Welt herumgefahren ist und die Palmen sozusagen an der Quelle studiert hat,
will einmal sehen, was wir haben und nicht haben.
    Eigentlich kam alles dieses dem Alten sowenig gelegen wie mglich, weil er
seine Kbel und Blumentpfe noch vor Dunkelwerden in das kleine Treibhaus
hineinschaffen wollte. Er bezwang sich aber, schob seine Mtze, wie zum Zeichen
der Zustimmung, wieder nach hinten und sagte: Frau Rtin haben blo zu
befehlen.
    Und nun gingen sie, zwischen langen und niedrigen Backsteinfen hin, den
blo mannsbreiten Mittelgang hinauf, bis an die Stelle, wo dieser Mittelgang in
das groe Palmenhaus einmndete. Wenige Schritte noch, und sie befanden sich wie
am Eingang eines Tropenwaldes, und der mchtige Glasbau wlbte sich ber ihnen.
Hier standen die Prachtexemplare der van der Straatenschen Sammlung: Palmen,
Draken, Riesenfarren, und eine Wendeltreppe schlngelte sich hinauf, erst bis
in die Kuppel und dann um diese selbst herum und in einer der hohen Emporen des
Langschiffes weiter.
    Unterwegs war nicht gesprochen worden.
    Als sie jetzt unter der hohen Wlbung hielten, entsann sich Kagelmann, etwas
Wichtiges vergessen zu haben. Eigentlich aber wollt er nur zurck und sagte:
Frau Rtin wissen ja nu Bescheid un kennen die Galerie. Da wo der kleine Tisch
is un die kleinen Sthle, das is der beste Platz, un is wie 'ne Laube, un janz
dicht. Un da sitzt ooch immer der Herr Kommerzienrat. Un keiner sieht ihn. Un
das hat er am liebsten. Und danach verabschiedete sich der Alte, wandte sich
aber noch einmal um, um zu fragen, ob er das Frulein schicken solle.
    Gewi, Kagelmann. Wir warten.
    Und als sie nun allein waren, nahm Rubehn den Vortritt und stieg hinauf und
eilte sich, als er oben war, der noch auf der Wendeltreppe stehenden Melanie die
Hand zu reichen. Und nun gingen sie weiter ber die kleinen, klirrenden
Eisenbrettchen hin, die hier als Dielen lagen, bis sie zu der von Kagelmann
beschriebenen Stelle kamen, besser beschrieben, als er selber wissen mochte.
Wirklich, es war eine phantastisch aus Blattkronen gebildete Laube, fest
geschlossen, und berall an den Gurten und Ribben der Wlbung hin rankten sich
Orchideen, die die ganze Kuppel mit ihrem Duft erfllten. Es atmete sich wonnig,
aber schwer in dieser dichten Laube; dabei war es, als ob hundert Geheimnisse
sprchen, und Melanie fhlte, wie dieser berauschende Duft ihre Nerven
hinschwinden machte.
    Sie zhlte jenen von ueren Eindrcken, von Luft und Licht abhngigen
Naturen zu, die der Frische bedrfen, um selber frisch zu sein. ber ein
Schneefeld hin, bei rascher Fahrt und scharfem Ost - da wr ihr der heitere
Sinn, der tapfere Mut ihrer Seele wiedergekommen, aber diese weiche, schlaffe
Luft machte sie selber weich und schlaff, und die Rstung ihres Geistes lockerte
sich und lste sich und fiel.
    Anastasia wird uns nicht finden.
    Ich vermisse sie nicht.
    Und doch will ich nach ihr rufen.
    Ich vermisse sie nicht, wiederholte Rubehn, und seine Stimme zitterte.
Ich vermisse nur das Lied, das sie damals sang, als wir im Boot ber den Strom
fuhren. Und nun rate.
    Long, long ago...
    Er schttelte den Kopf.
    O sh ich auf der Heide dort...
    Auch das nicht, Melanie.
    Rohtraut, sagte sie leis.
    Und nun wollte sie sich erheben. Aber er litt es nicht und kniete nieder und
hielt sie fest, und sie flsterten Worte, so hei und so s wie die Luft, die
sie atmeten.
    Endlich aber war die Dmmerung gekommen, und breite Schatten fielen in die
Kuppel. Und als alles immer noch stillblieb, stiegen sie die Treppe hinab und
tappten sich durch ein Gewirr von Palmen, erst bis in den Mittelgang und dann
ins Freie zurck.
    Drauen fanden sie Anastasia.
    Wo du nur bliebst! fragte Melanie befangen. Ich habe mich gengstigt um
dich und mich. Ja, es ist so. Frage nur Ruben. Und nun hab ich Kopfweh.
    Anastasia nahm unter Lachen den Arm der Freundin und sagte nur: Und du
wunderst dich ber Kopfweh! Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen.
    Melanie wurde rot bis an die Schlfe. Aber die Dunkelheit half es ihr
verbergen. Und so schritten sie der Villa zu, darin schon die Lichter brannten.
    Alle Tren und Fenster standen auf, und von den frisch gemhten Wiesen her
kam eine balsamische Luft. Anastasia setzte sich an den Flgel und sang und
neckte sich mit Rubehn, der bemht war, auf ihren Ton einzugehen. Aber Melanie
sah vor sich hin und schwieg und war weit fort. Auf hoher See. Und in ihrem
Herzen klang es wieder: Wohin treiben wir?!
    Eine Stunde spter erschien van der Straaten und rief ihnen schon vom
Korridor her in Spott und guter Laune zu: Ah, die Gemeinde der Heiligen! Ich
wrde frchten zu stren. Aber ich bringe gute Zeitung!
    Und als alles sich erhob und entweder wirklich neugierig war oder sich
wenigstens das Ansehen davon gab, fuhr er in seinem Berichte fort: Exzellenz
sehr gndig. Alles sondiert und abgemacht. Was noch aussteht, ist Form und
Bagatelle. Oder Sitzung und Schreiberei. Melanie, wir haben heut einen guten
Schritt vorwrts getan. Ich verrate weiter nichts. Aber das glaub ich sagen zu
drfen: von diesem Tag an datiert sich eine neue ra des Hauses van der
Straaten.

                              Dreizehntes Kapitel



                                  Weihnachten

Die nchsten Tage, die viel Besuch brachten, stellten den unbefangenen Ton
frherer Wochen anscheinend wieder her, und was von Befangenheit blieb, wurde,
die Freundin abgerechnet, von niemandem bemerkt, am wenigsten von van der
Straaten, der mehr denn je seinen kleinen und groen Eitelkeiten nachhing.
    Und so nherte sich der Herbst, und der Park wurde schner, je mehr sich
seine Bltter frbten, bis gegen Ende September der Zeitpunkt wieder da war,
der, nach altem Herkommen, dem Aufenthalt in der Villa drauen ein Ende machte.
    Schon in den unmittelbar voraufgehenden Tagen war Rubehn nicht mehr
erschienen, weil allernchstliegende Pflichten ihn an die Stadt gefesselt
hatten. Ein jngerer Bruder von ihm, von einem alten Prokuristen des Hauses
begleitet, war zu rascher Etablierung des Zweiggeschfts herbergekommen, und
ihren gemeinschaftlichen Anstrengungen gelang es denn auch wirklich, in den
ersten Oktobertagen eine Filiale des groen Frankfurter Bankhauses ins Leben zu
rufen.
    Van der Straaten nahm an all diesen Hergngen den grten Anteil und sah es
als ein gutes Zeichen und eine Gewhr geschftskundiger Leitung an, da Rubehns
Besuche seltener wurden und in den Novemberwochen beinahe ganz aufhrten. In der
Tat erschien unser neuer Filialchef, wie der Kommerzienrat ihn zu nennen
beliebte, nur noch an den kleinen und kleinsten Gesellschaftstagen und htte
wohl auch an diesen am liebsten gefehlt. Denn es konnt ihm nicht entgehen und
entging ihm auch wirklich nicht, da ihm von Reiff und Duquede, ganz besonders
aber von Gryczinski, mit einer vornehm ablehnenden Khle begegnet wurde. Die
schne Jacobine suchte freilich durch halb verstohlene Freundlichkeiten alles
wieder ins gleiche zu bringen und beschwor ihn, ihres Schwagers Haus doch nicht
ganz zu vernachlssigen, um ihretwillen nicht und um Melanies willen nicht, aber
jedesmal, wenn sie den Namen nannte, schlug sie doch verlegen die Augen nieder
und brach rasch und ngstlich ab, weil ihr Gryczinski sehr bestimmte Weisungen
gegeben hatte, jedwedes Gesprch mit Rubehn entweder ganz zu vermeiden oder doch
auf wenige Worte zu beschrnken.
    Um vieles heiterer gestalteten sich die kleinen Reunions, wenn die
Gryczinskis fehlten und statt ihrer blo die beiden Maler und Frulein Anastasia
zugegen waren. Dann wurde wieder gescherzt und gelacht, wie damals in dem
Stralauer Kaffeehaus, und van der Straaten, der mittlerweile von Besuchen, sogar
von hufigen Besuchen gehrt hatte, die Rubehn in Anastasias Wohnung gemacht
haben solle, hing in Ausnutzung dieser ihm hinterbrachten Tatsache seiner alten
Neigung nach, alle dabei Beteiligten ins Komische zu ziehen und zum Gegenstande
seiner Schraubereien zu machen. Er she nicht ein, wenigstens fr seine Person
nicht, warum er sich eines reinen und auf musikalischer Glaubenseinigkeit
aufgebauten Verhltnisses nicht aufrichtig freuen solle, ja die Freude darber
wrd ihm einfach als Pflicht erscheinen, wenn er nicht andererseits den alten
Satz wieder bewahrheitet fnde, da jedes neue Recht immer nur unter Krnkung
alter Rechte geboren werden knne. Das neue Recht (wie der Fall hier lge) sei
durch seinen Freund Rubehn, das alte Recht durch seinen Freund Elimar vertreten,
und wenn er diesem letzteren auch gerne zugestehe, da er in vielen Stcken er
selbst geblieben, ja bei Tische sogar als eine Potenzierung seiner selbst zu
erachten sei, so lge doch gerade hierin die nicht wegzuleugnende Gefahr. Denn
er wisse wohl, da dieses Plus an Verzehrung einen furchtbaren Gleichschritt mit
Elimars innerem verzehrenden Feuer halte. Wes Namens aber dieses Feuer sei, ob
Liebe, Ha oder Eifersucht, das wisse nur der, der in den Abgrund sieht.
    In dieser Weise zischten und platzten die reichlich umhergeworfenen van der
Straatenschen Schwrmer, von deren Sprhfunken sonderbarerweise diejenigen am
wenigsten berhrt wurden, auf die sie berechnet waren. Es lag eben alles anders,
als der kommerzienrtliche Feuerwerker annahm. Elimar, der sich auf der
Stralauer Partie, weit ber Wunsch und Willen hinaus, engagiert hatte, hatte
durch Rubehns anscheinende Rivalitt eine Freiheit wiedergewonnen, an der ihm
viel, viel mehr als an Anastasias Liebe gelegen war, und diese selbst wiederum
verga ihr eigenes, offenbar im Niedergange begriffenes Glck in dem
Wonnegefhl, ein anderes hochinteressantes Verhltnis unter ihren Augen und
ihrem Schutze heranwachsen zu sehen. Sie schwelgte mit jedem Tage mehr in der
Rolle der Konfidenten, und weit ber das gewhnliche Ma hinaus mit dem alten
Evahange nach dem Heimlichen und Verbotenen ausgerstet, zhlte sie diese
Winterwochen nicht nur zu den angeregtesten ihres an Anregungen so reichen
Lebens, sondern erfreute sich nebenher auch noch des unbeschreiblichen
Vergngens, den ihr au fond unbequemen und widerstrebenden van der Straaten
gerade dann am herzlichsten belachen zu knnen, wenn dieser sich in seiner
Sultanslaune gemigt fhlte, sie zum Gegenstand allgemeiner und natrlich auch
seiner eigenen Lachlust zu machen.
    In der Tat, unser kommerzienrtlicher Freund htte bei mehr Aufmerksamkeit
und weniger Eigenliebe stutzig werden und ber das Lcheln und den Gleichmut
Anastasias den eigenen Gleichmut verlieren mssen; er gab sich aber umgekehrt
einer Vertrauensseligkeit hin, fr die, bei seinem sonst souponnsen und
pessimistischen Charakter, jeder Schlssel gefehlt haben wrde, wenn er nicht
unter Umstnden, und auch jetzt wieder, der Mann vllig entgegengesetzter
Voreingenommenheiten gewesen wre. In seiner Scharfsicht oft bersichtig und
Dinge sehend, die gar nicht da waren, bersah er ebensooft andere, die klar
zutage lagen. Er stand in der aberglubischen Furcht, in seinem Glcke von einem
vernichtenden Schlage bedroht zu sein, aber nicht heut und nicht morgen, und je
bestimmter und unausbleiblicher er diesen Schlag von der Zukunft erwartete,
desto sicherer und sorgloser erschien ihm die Gegenwart. Und am wenigsten sah er
sie von der Seite her gefhrdet, von der aus die Gefahr so nahe lag und von
jedem andern erkannt worden wre. Doch auch hier wiederum stand er im Bann einer
vorgefaten Meinung, und zwar eines knstlich konstruierten Rubehn, der mit dem
wirklichen eine ganz oberflchliche Verwandtschaft, aber in der Tat auch nur
diese hatte. Was sah er in ihm? Nichts als ein Frankfurter Patrizierkind, eine
ganz und gar auf Anstand und Hausehre gestellte Natur, die zwar in jugendliche
Torheiten verfallen, aber einen Vertrauens- und Hausfriedensbruch nie und nimmer
begehen knne. Zum berflusse war er verlobt und um so verlobter, je mehr er es
bestritt. Und abends beim Tee, wenn Anastasia zugegen und das Verlobungsthema
mal wieder an der Reihe war, hie es vertraulich und gutgelaunt: Ihr Weiber
hrt ja das Gras wachsen und nun gar erst das Gras! Ich wre doch neugierig, zu
hren, an wen er sich vertan hat. Eine Vermutung hab ich und wette zehn gegen
eins, an eine Freiin vom deutschen Uradel, etwa wie Schreck von Schreckenstein
oder Sattler von der Hlle. Und dann widersprachen beide Damen, aber doch so
klug und so vorsichtig, da ihr Widerspruch, anstatt irgend etwas zu beweisen,
eben nur dazu diente, van der Straaten in seiner vorgefaten Meinung immer
fester zu machen.
    Und so kam Heiligabend, und im ersten Saale der Bildergalerie waren all
unsre Freunde, mit Ausnahme Rubehns, um den brennenden Baum her versammelt.
Elimar und Gabler hatten es sich nicht nehmen lassen, auch ihrerseits zu der
reichen Bescherung beizusteuern: ein riesiges Puppenhaus, drei Stock hoch, und
im Souterrain eine Waschkche mit Herd und Kessel und Rolle. Und zwar eine
altmodische Rolle mit Steinkasten und Mangelholz. Und sie rollte wirklich. Und
es unterlag alsbald keinem Zweifel, da das Puppenhaus den Triumph des Abends
bildete, und beide Kinder waren selig. Sogar Lydia tat ihre Vornehmheitsallren
beiseit und lie sich von Elimar in die Luft werfen und wieder fangen. Denn er
war auch Turner und Akrobat. Und selbst Melanie lachte mit und schien sich des
Glcks der andern zu freuen oder es gar zu teilen. Wer aber schrfer zugesehen
htte, der htte wohl wahrgenommen, da sie sich bezwang, und mitunter war es,
als habe sie geweint. Etwas unendlich Weiches und Wehmtiges lag in dem Ausdruck
ihrer Augen, und der Polizeirat sagte zu Duquede: Sehen Sie, Freund, ist sie
nicht schner denn je?
    Bla und angegriffen, sagte dieser. Es gibt Leute, die bla und
angegriffen immer schn finden. Ich nicht. Sie wird berhaupt berschtzt, in
allem, und am meisten in ihrer Schnheit.
    An den Aufbau schlo sich wie gewhnlich ein Souper, und man endete mit
einem schwedischen Punsch. Alles war heiter und guter Dinge. Melanie belebte
sich wieder, gewann auch wieder frischere Farben, und als sie Riekchen und
Anastasia, die bis zuletzt geblieben waren, bis an die Treppe geleitete, rief
sie dem kleinen Frulein mit ihrer freundlichen und herzgewinnenden Stimme nach:
Und sieh dich vor, Riekchen. Christel sagt mir eben, es glatteist. Und dabei
bckte sie sich ber das Gelnder und grte mit der Hand.
    Oh, ich falle nicht, rief die Kleine zurck. Kleine Leute fallen
berhaupt nicht. Und am wenigsten, wenn sie vorn und hinten gut balancieren.
    Aber Melanie hrte nichts mehr von dem, was Riekchen sagte. Der Blick ber
das Gelnder hatte sie schwindlig gemacht, und sie wre gefallen, wenn sie nicht
van der Straaten aufgefangen und in ihr Zimmer zurckgetragen htte. Er wollte
klingeln und nach dem Arzte schicken. Aber sie bat ihn, es zu lassen. Es sei
nichts, oder doch nichts Ernstes, oder doch nichts, wobei der Arzt ihr helfen
knne.
    Und dann sagte sie, was es sei.

                              Vierzehntes Kapitel



                                   Entschlu

Erst den dritten Tag danach hatte sich Melanie hinreichend erholt, um in der
Alsenstrae, wo sie seit Wochen nicht gewesen war, einen Besuch machen zu
knnen. Vorher aber wollte sie bei der Madame Guichard, einer vor kurzem erst
etablierten Franzsin, vorsprechen, deren Confections und knstliche Blumen ihr
durch Anastasia gerhmt worden waren. Van der Straaten riet ihr, weil sie noch
angegriffen sei, lieber den Wagen zu nehmen, aber Melanie bestand darauf, alles
zu Fu abmachen zu wollen. Und so kleidete sie sich in ihr diesjhriges
Weihnachtsgeschenk, einen Nerzpelz und ein Kastorhtchen mit Strauenfeder, und
war eben auf dem letzten Treppenabsatz, als ihr Rubehn begegnete, der inzwischen
von ihrem Unwohlsein gehrt hatte und nun kam, um nach ihrem Befinden zu fragen.
    Ah, wie gut, da Sie kommen, sagte Melanie. Nun hab ich Begleitung auf
meinem Gange. Van der Straaten wollte mir seinen Wagen aufzwingen, aber ich
sehne mich nach Luft und Bewegung. Ach, unbeschreiblich... Mir ist so bang und
schwer...
    Und dann unterbrach sie sich und setzte rasch hinzu: Geben Sie mir Ihren
Arm. Ich will zu meiner Schwester. Aber vorher will ich Ballblumen kaufen, und
dahin sollen Sie mich begleiten. Eine halbe Stunde nur. Und dann geb ich Sie
frei, ganz frei.
    Das drfen Sie nicht, Melanie. Das werden Sie nicht.
    Doch.
    Ich will aber nicht freigegeben sein.
    Melanie lachte. So seid ihr. Tyrannisch und eigenmchtig auch noch in eurer
Huld, auch dann noch, wenn ihr uns dienen wollt. Aber kommen Sie. Sie sollen mir
die Blumen aussuchen helfen. Ich vertraue ganz Ihrem Geschmack. Granatblten;
nicht wahr?
    Und so gingen sie die Groe Petristrae hinunter und vom Platz aus durch ein
Gewirr kleiner Gassen, bis sie, hart an der Jgerstrae, das Geschft der Madame
Guichard entdeckten, einen kleinen Laden, in dessen Schaufenster ein Teil ihrer
franzsischen Blumen ausgebreitet lag.
    Und nun traten sie ein. Einige Kartons wurden ihnen gezeigt, und ehe noch
viele Worte gewechselt waren, war auch schon die Wahl getroffen. In der Tat,
Rubehn hatte sich fr eine Granatbltengarnitur entschieden, und eine
Direktrice, die mit zugegen war, versprach, alles zu schicken. Melanie selbst
aber gab der Franzsin ihre Karte. Diese versuchte den langen Titel und Namen zu
bewltigen, und ein Lcheln flog erst ber ihr Gesicht, als sie das ne de
Caparoux las. Ihre nicht hbschen Zge verklrten sich pltzlich, und es war
mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Glck und Wehmut, da sie sagte:
Madame est Franaise...! Ah, notre belle France.
    Dieser kleine Zwischenfall war an Melanie nicht gleichgiltig
vorbergegangen, und als sie drauen ihres Freundes Arm nahm, sagte sie: Hrten
Sie's wohl? Ah, notre belle France! Wie das so sehnschtig klang. Ja, sie hat
ein Heimweh. Und alle haben wir's. Aber wohin? wonach...? Nach unsrem Glck...
Nach unsrem Glck! Das niemand kennt und niemand sieht. Wie heit es doch in dem
Schubertschen Liede?
    Da, wo du nicht bist, ist das Glck.
    Da, wo du nicht bist, wiederholte Melanie.
    Rubehn war bewegt und sah ihr unwillkrlich nach den Augen. Aber er wandte
sich wieder, weil er die Trne nicht sehen wollte, die darin glnzte.
    Vor dem groen Platz, in den die Strae mndet, trennten sie sich. Er, fr
sein Teil, htte sie gern weiter begleitet, aber sie wollt es nicht und sagte
leise: Nein, Ruben, es war der Begleitung schon zuviel. Wir wollen die bsen
Zungen nicht vor der Zeit herausfordern. Die bsen Zungen, von denen ich
eigentlich kein Recht habe zu sprechen. Adieu. Und sie wandte sich noch einmal
und grte mit leichter Bewegung ihrer Hand.
    Er sah ihr nach, und ein Gefhl von Schreck und ungeheurer
Verantwortlichkeit ber ein durch ihn gestrtes Glck berkam ihn und erfllte
pltzlich sein ganzes Herz. Was soll werden? fragte er sich. Aber dann wurde der
Ausdruck seiner Zge wieder milder und heitrer, und er sagte vor sich hin: Ich
bin nicht der Narr, der von Engeln spricht. Sie war keiner und ist keiner. Gewi
nicht. Aber ein freundlich Menschenbild ist sie, so freundlich, wie nur je eines
ber diese arme Erde gegangen ist... Und ich liebe sie, viel, viel mehr, als ich
geglaubt habe, viel, viel mehr, als ich je geglaubt htte, da ich lieben
knnte. Mut, Melanie, nur Mut. Es werden schwere Tage kommen, und ich sehe sie
schon zu deinen Hupten stehen. Aber mir ist auch, als klr es sich dahinter.
Oh, nur Mut, Mut!

Eine halbe Woche danach war Silvester, und auf dem kleinen Balle, den
Gryczinskis gaben, war Melanie die Schnste. Jacobine trat zurck und gnnte der
lteren Schwester ihre Triumphe. Superbes Weib. gyptische Knigstochter,
schnarrte Rittmeister von Schnabel, der wegen seiner eminenten Ulanenfigur aus
der Provinz in die Residenz versetzt worden war und von dem Gryczinski zu sagen
pflegte: Der geborene Prinzessinnentnzer. Nur schade, da es keine
Prinzessinnen mehr gibt.
    Aber Schnabel war nicht der einzige Melanie-Bewunderer. In der letzten
Fensternische stand eine ganze Gruppe von jungen Offizieren: Wensky von den
Ohlauer kaffeebraunen Husaren, enragierter Sportsman und Steeple-Chase-Reiter
(Oberschenkel dreimal an derselben Stelle gebrochen), neben ihm
Ingenieur-Hauptmann Stiffelius, berhmter Rechner, mager und trocken wie seine
Gleichungen, und zwischen beiden Lieutenant Tigris, kleiner, krpscher
Fsilieroffizier vom Regiment Zauche-Belzig, der aus Grnden, die niemand
kannte, mehrere Jahre lang der Pariser Gesandtschaft attachiert gewesen war und
sich seitdem fr einen Halbfranzosen, Libertin und Frauenmarder hielt. Junge
Mdchen waren ihm ridikl. Er schob eben, trotzdem er wahre Luchsaugen hatte,
sein an einem kurzen Seidenbande hngendes Pincenez zurecht und sagte: Wensky,
Sie sind ja so gut wie zu Haus hier und eigentlich Hahn im Korbe. Wer ist denn
dieser Prachtkopf mit den Granatblten? Ich knnte schwren, sie schon gesehen
zu haben. Aber wo? Halb die Herzogin von Mouchy und halb die Beauffremont. Un
teint de lis et de rose, et tout  fait distingue.
    Sie treffen es gut genug, mon cher Tigris, lachte Wensky, 's ist die
Schwester unsrer Gryczinska, eine geborne de Caparoux.
    Drum, drum auch. Jeder Zoll eine Franzsin. Ich konnte mich nicht irren.
Und wie sie lacht.
    Ja, Melanie lachte wirklich. Aber wer sie die folgenden Tage gesehen htte,
der htte die Beaut jenes Ballabends in ihr nicht wiedererkannt, am wenigsten
wr er ihrem Lachen begegnet. Sie lag leidend und abgehrmt, uneins mit sich und
der Welt, auf dem Sofa und las ein Buch, und wenn sie's gelesen hatte, so
durchbltterte sie's wieder, um sich einigermaen zurckzurufen, was sie
gelesen. Ihre Gedanken schweiften ab. Rubehn kam, um nach ihr zu fragen, aber
sie nahm ihn nicht an und grollte mit ihm wie mit jedem. Und ihr wurde nur
leichter ums Herz, wenn sie weinen konnte.
    So vergingen ein paar Wochen, und als sie wieder aufstand und sprach und
wieder nach den Kindern und dem Haushalte sah, schrfer und eindringlicher als
sonst, war ihr der energische Mut ihrer frheren Tage zurckgekehrt, aber nicht
die Stimmung. Sie war reizbar, heftig, bitter. Und was schlimmer, auch
kaprizis. Van der Straaten unternahm einen Feldzug gegen diesen vielkpfigen
Feind und im einzelnen nicht ohne Glck, aber in der Hauptsache griff er fehl,
und whrend er ihrer Reizbarkeit klugerweise mit Nachgiebigkeit begegnete, war
er, ihrer Caprice gegenber, unklugerweise darauf aus, sie durch Zrtlichkeit
besiegen zu wollen. Und das entschied ber ihn und sie. Jeder Tag wurd ihr
qualvoller, und die sonst so stolze und siegessichere Frau, die mit dem Manne,
dessen Spielzeug sie zu sein schien und zu sein vorgab, durch viele Jahre hin
immer nur ihrerseits gespielt hatte, sie schrak jetzt zusammen und geriet in ein
nervses Zittern, wenn sie von fern her seinen Schritt auf dem Korridore hrte.
Was wollt er? Um was kam er? Und dann war es ihr, als msse sie fliehen und aus
dem Fenster springen. Und kam er dann wirklich und nahm ihre Hand, um sie zu
kssen, so sagte sie: Geh. Ich bitte dich. Ich bin am liebsten allein.
    Und wenn sie dann allein war, so strzte sie fort, oft ohne Ziel, fter noch
in Anastasiens stille, zurckgelegene Wohnung, und wenn dann der Erwartete kam,
dann brach alle Not ihres Herzens in bittre Trnen aus, und sie schluchzte und
jammerte, da sie dieses Lgenspiel nicht mehr ertragen knne.
    Steh mir bei, hilf mir, Ruben, oder du siehst mich nicht lange mehr. Ich
mu fort, fort, wenn ich nicht sterben soll vor Scham und Gram.
    Und er war mit erschttert und sagte: Sprich nicht so, Melanie. Sprich
nicht, als ob ich nicht alles wollte, was du willst. Ich habe dein Glck gestrt
(wenn es ein Glck war), und ich will es wieder aufbauen. berall in der Welt,
wie du willst und wo du willst. Jede Stunde, jeden Tag.
    Und dann bauten sie Luftschlsser und trumten und hatten eine lachende
Zukunft um sich her. Aber auch wirkliche Plne wurden laut, und sie trennten
sich unter glcklichen Trnen.

                              Fnfzehntes Kapitel



                                Die Vernezobres

Und was geplant worden war, das war Flucht. Den letzten Tag im Januar wollten
sie sich an einem der Bahnhfe treffen, in frher Morgenstunde, und dann fahren,
weit, weit in die Welt hinein, nach Sden zu, ber die Alpen. Ja, ber die
Alpen, hatte Melanie gesagt und aufgeatmet, und es war ihr dabei gewesen, als
wr erst ein neues Leben fr sie gewonnen, wenn der groe Wall der Berge
trennend und schtzend hinter ihr lge. Und auch darber war gesprochen worden,
was zu geschehen habe, wenn van der Straaten ihr Vorhaben etwa hindern wolle.
Das wird er nicht, hatte Melanie gesagt. - Und warum nicht? Er ist nicht
immer der Mann der zarten Rcksichtsnahmen und liebt es mitunter, die Welt und
ihr Gerede zu brskieren. - Und doch wird er sich's ersparen, sich und uns.
Und wenn du wieder fragst, warum? Weil er mich liebt. Ich hab es ihm freilich
schlecht gedankt. Ach, Ruben, Freund, was sind wir in unserem Tun und Wollen!
Undank, Untreue... mir so verhat! Und doch... ich tt es wieder, alles, alles.
Und ich will es nicht anders, als es ist.
    So vergingen die Januarwochen. Und nun war es die Nacht vor dem
festgesetzten Tage. Melanie hatte sich zu frher Stunde niedergelegt und ihrer
alten Dienerin befohlen, sie Punkt drei zu wecken. Auf diese konnte sie sich
unbedingt verlassen, trotzdem Christel ihren Dienstjahren, aber freilich auch
nur diesen nach, zu jenen Erbstcken des Hauses gehrte, die sich, unter
Duquedes Fhrung, in einer stillen Opposition gegen Melanie gefielen.
    Und kaum, da es drei geschlagen, so war Christel da, fand aber ihre Herrin
schon auf und konnte derselben nur noch beim Ankleiden behilflich sein. Und auch
das war nicht viel, denn es zitterten ihr die Hnde, und sie hatte, wie sie sich
ausdrckte, einen Flimmer vor den Augen. Endlich aber war doch alles fertig,
der feste Lederstiefel sa, und Melanie sagte: So ist's gut, Christel. Und nun
gib die Handtasche her, da wir packen knnen.
    Christel holte die Tasche, die dicht am Fenster auf einer Spiegelkonsole
stand, und ffnete das Schlo. Hier, das tu hinein. Ich hab alles
aufgeschrieben. Und Melanie ri, als sie dies sagte, ein Blatt aus ihrem
Notizbuch und gab es der Alten. Diese hielt den Zettel neben das Licht und las
und schttelte den Kopf.
    Ach, meine gute, liebe Frau, das ist ja gar nichts... Ach, meine liebe,
gute Frau, Sie sind ja...
    So verwhnt, willst du sagen. Ja, Christel, das bin ich. Aber Verwhnung
ist kein Glck. Ihr habt hier ein Sprichwort: Wenig mit Liebe. Und die Leute
lachen darber. Aber ber das Wahrste wird immer gelacht. Und dann, wir gehen ja
nicht aus der Welt. Wir reisen blo. Und auf Reisen heit es: Leicht Gepck. Und
sage selbst, Christel, ich kann doch nicht mit einem Riesenkoffer aus dem Hause
gehn. Da fehlte blo noch der Schmuck und die Kassette.
    Melanie hatte, whrend sie so sprach, ihre Hnde dicht ber das halb
niedergebrannte Feuer gehalten. Denn es war kalt, und sie frstelte. Jetzt
setzte sie sich in einen nebenstehenden Fauteuil und sah abwechselnd in die
glhenden Kohlen und dann wieder auf Christel, die das wenige, was
aufgeschrieben war, in die Tasche tat und immer leise vor sich hin sprach und
weinte. Und nun war alles hinein, und sie drckte den Bgel ins Schlo und
stellte die Tasche vor Melanie nieder.
    So verging eine Weile. Keiner sprach. Endlich aber trat Christel von hinten
her an ihre junge Herrin heran und sagte: Jott, liebe, jndige Frau, mu es
denn... Bleiben Sie doch. Ich bin ja blo solche alte, dumme Person. Aber die
Dummen sind oft gar nicht so dumm. Und ich sag Ihnen, meine liebe Jndigste, Sie
jlauben jar nich, woran sich der Mensch alles jewhnen kann. Jott, der Mensch
jewhnt sich an alles. Und wenn man reich ist und hat so viel, da kann man auch
viel aushalten. Un vor mir wollt ich woll einstehn. Un wie jeht es denn? Un wie
leben denn die Menschen? In jedes Haus is 'n Gespenst, sagen sie jetzt, un das
is so 'ne neumodsche Redensart! Aber wahr is es. Und in manches Haus sind zweie,
un rumoren, da man's bei hellen, lichten Dage hren kann. Un so war es auch bei
Vernezobres. Ich bin ja nu fufzig, und dreiundzwanzig hier. Und sieben vorher
bei Vernezobres. Un war auch Kommerzienrat un alles ebenso. Das heit beinah.
    Und wie war es denn? lchelte Melanie.
    Jott, wie war es? Wie's immer is. Sie war dreiig un er war fufzig. Un sie
war sehr hbsch. Drall und blond, sagten die Leute. Na, un er? Ich will jar nich
sagen, was die Leute von ihm alles gesagt haben. Aber viel Jutes war es nich...
Un natrlich, da war ja denn auch ein Baumeister, das heit eigentlich kein
richtiger Baumeister, blo einer, der immer Brcken baut for Eisenbahnen un so,
un immer mit 'n Gitter un schrge Lcher, wo man durchkucken kann. Un der war ja
nu da un wie 'n Wiesel, un immer mit ins Konzert un nach Saatwinkel oder
Pichelsberg, un immer 's Jaquette bern Arm, un Fcher un Sonnenschirm, un immer
Erdbeeren gesucht un immer verirrt un nie da, wenn die Herrschaften wieder nach
Hause wollten. Un unser Herr, der ngstigte sich un dacht immer, es wre was
passiert. Un was die andern waren, na, die tuschelten.
    
    Und trennten sie sich? Oder blieben sie zusammen? Ich meine die
Vernezobres, fragte Melanie, die mit halber Aufmerksamkeit zugehrt hatte.
    Natrlich blieben sie. Mal hrt ich, weil ich nebenan war, da er sagte:
Hulda, das geht nicht. Denn sie hie wirklich Hulda. Und er wollt ihr Vorwrfe
machen. Aber da kam er ihr jrade recht. Un sie drehte den Spie um un sagte: was
er nur wolle? Sie wolle fort. Un sie liebe ihn, das heit den andern, un ihn
liebe sie nicht. Un sie dchte gar nicht dran, ihn zu lieben. Und es wr
eijentlich blo zum Lachen. Und so ging es weiter, und sie lachte wirklich. Un
ich sag Ihnen, da wurd er wie 'n Ohrwurm und sagte blo: sie sollte sich's doch
berlegen. Un so kam es denn auch, un als Ende Mai war, da kam ja der
Vernezobresche Doktor, so 'n richtiger, der alles janz genau wute, der sagte,
sie mte nach 's Bad, wovon ich aber den Namen immer vergesse, weil da der
Wellenschlag am strksten ist. Un das war ja nu damals, als sie jrade die groe
Hngebrcke bauten, un die Leute sagten, er knnt es alles am besten ausrechnen.
Un was unser Kommerzienrat war, der kam immer blo sonnabends. Un die Woche
hatten sie frei. Un als Ende August war oder so, da kam sie wieder und war ganz
frisch un munter un hatte orntlich rote Backen un kajolierte ihn. Und von ihm
war gar keine Rede mehr.
    Melanie hatte, whrend Christel sprach, ein paar Holzscheite auf die Kohlen
geworfen, so da es wieder prasselte, und sagte: Du meinst es gut. Aber so geht
es nicht. Ich bin doch anders. Und wenn ich's nicht bin, so bild ich es mir
wenigstens ein.
    Jott, sagte Christel, en bichen anders is es immer. Un sie war auch blo
von Neu-Clln ans Wasser, un die Singuhr immer jrade gegenber. Aber die war
nich schuld mit b immer Treu und Redlichkeit.
    Ach, meine gute Christel, Treu und Redlichkeit! Danach drngt es jeden,
jeden, der nicht ganz schlecht ist. Aber weit du, man kann auch treu sein, wenn
man untreu ist. Treuer als in der Treue.
    Jott, liebe Jndigste, sagen Se doch so was nich. Ich versteh es eigentlich
nich. Un das mu ich Ihnen sagen, wenn einer so was sagt un ich versteh es
nicht, denn is es immer schlimm. Un Sie sagen, Sie sind anders. Ja, das is schon
richtig, un wenn es auch nich janz richtig is, so is es doch halb richtig. Un
was die Hauptsache is, das is, meine liebe Jndigste, die hat eijentlich das
liebe kleine Herz auf 'n rechten Fleck, un is immer fr helfen und geben, un
immer fr die armen Leute. Un was die Vernezobern war, na, die putzte sich blo,
un war immer vor 'n Stehspiegel, der alles noch hbscher machte, und sah aus wie
's Modejournal und war eijentlich dumm. Wie 'n Haubenstock, sagten die Leute. Un
war auch nich so was Vornehmes wie meine liebe Jndigste, un blo aus 'ne
Frberei, trkischrot. Aber, das mu ich Ihnen sagen, Ihrer is doch auch anders
als der Vernezobern ihrer war un hat sich gar nich un redt immer frei weg un
kann keinen was abschlagen. Un zu Weihnachten immer alles doppelt.
    Melanie nickte.
    Nu, sehen Sie, meine liebe Jndigste, das is hbsch, da Sie mir zunicken,
un wenn Sie mir immer wieder zunicken, dann kann es auch alles noch wieder
werden, un wir packen alles wieder aus, un Sie legen sich ins Bett un schlafen
bis an 'n hellen lichten Tag. Un Klocker zwlfe bring ich Ihnen Ihren Kaffee un
Ihre Schokolade, alles gleich auf ein Brett, un wenn ich Ihnen dann erzhle, da
wir hier gesessen und was wir alles gesprochen haben, dann is es Ihnen wie 'n
Traum. Denn dabei bleib ich, er is eijentlich auch ein juter Mann, ein sehr
juter, un blo ein bichen sonderbar. Und sonderbar is nichts Schlimmes. Und ein
reicher Mann wird es doch wohl am Ende drfen! Un wenn ich reich wre, ich wre
noch viel sonderbarer. Un da er immer so spricht un solche Redensarten macht,
als htt er keine Bildung nich un wre von 'n Wedding oder so, ja, du himmlische
Gte, warum soll er nich? warum soll er nich so reden, wenn es ihm Spa macht?
er is nu mal frs Berlinsche. Aber is er denn nich einer? Und am Ende...

                              Sechzehntes Kapitel



                                    Abschied

Christel unterbrach sich und zog sich erschrocken in die Nebenstube zurck, denn
van der Straaten war eingetreten. Er war noch in demselben Gesellschaftsanzug,
in dem er, eine Stunde nach Mitternacht, nach Hause gekommen war, und seine
berwachten Zge zeigten Aufregung und Ermattung. Von welcher Seite her er
Mitteilung ber Melanies Vorhaben erhalten hatte, blieb unaufgeklrt. Aus allem
war nur ersichtlich, da er sich gelobt hatte, die Dinge ruhig gehenzulassen.
Und wenn er dennoch kam, so geschah es nicht, um gewaltsam zu hindern, sondern
nur, um Vorstellungen zu machen, um zu bitten. Es kam nicht der emprte Mann,
sondern der liebende.
    Er schob einen Fauteuil an das Feuer, lie sich nieder, so da er jetzt
Melanie gegenbersa, und sagte leicht und geschftsmig: Du willst fort,
Melanie?
    Ja, Ezel.
    Warum?
    Weil ich einen andern liebe.
    Das ist kein Grund.
    Doch.
    Und ich sage dir, es geht vorber, Lanni. Glaube mir, ich kenne die Frauen.
Ihr knnt das Einerlei nicht ertragen, auch nicht das Einerlei des Glcks. Und
am verhatesten ist euch das eigentliche, das hchste Glck, das Ruhe bedeutet.
Ihr seid auf die Unruhe gestellt. Ein bichen schlechtes Gewissen habt ihr
lieber als ein gutes, das nicht prickelt, und unter allen Sprchwrtern ist euch
das vom besten Ruhekissen am langweiligsten und am lcherlichsten. Ihr wollt gar
nicht ruhen. Es soll euch immer was kribbeln und zwicken, und ihr habt den
berspannt sinnlichen oder meinetwegen auch den heroischen Zug, da ihr dem
Schmerz die se Seite abzugewinnen wit.
    Es ist mglich, da du recht hast, Ezel. Aber je mehr du recht hast, je
mehr rechtfertigst du mich und mein Vorhaben. Ist es wirklich, wie du sagst, so
wren wir geborene Hazardeurs, und va banque spielen so recht eigentlich unsere
Natur. Und natrlich auch die meinige.
    Er hrte sie gern in dieser Weise sprechen, es klang ihm wie aus guter,
alter Zeit her, und er sagte, whrend er den Fauteuil vertraulich nher rckte:
La uns nicht spiebrgerlich sein, Lanni. Sie sagen, ich wr ein Bourgeois,
und es mag sein. Aber ein Spiebrger bin ich nicht. Und wenn ich die Dinge des
Lebens nicht sehr gro und nicht sehr ideal nehme, so nehm ich sie doch auch
nicht klein und eng. Ich bitte dich, bereile nichts. Meine Kurse stehen jetzt
niedrig, aber sie werden wieder steigen. Ich bin nicht Geck genug, mir
einzubilden, da du schnes und liebenswrdiges Geschpf, verwhnt und
ausgezeichnet von den Klgsten und Besten, da du mich aus purer Neigung oder
gar aus Liebesschwrmerei genommen httest. Du hast mich genommen, weil du noch
jung warst und noch keinen liebtest und in deinem witzigen und gesunden Sinn
einsehen mochtest, da die jungen Attachs auch keine Helden und Halbgtter
wren. Und weil die Firma van der Straaten einen guten Klang hatte. Also nichts
von Liebe. Aber du hast auch nichts gegen mich gehabt und hast mich nicht ganz
alltglich gefunden und hast mit mir geplaudert und gelacht und gescherzt. Und
dann hatten wir die Kinder, die doch schlielich reizende Kinder sind,
zugestanden, dein Verdienst, und du hast enfin an die zehn Jahr in der
Vorstellung und Erfahrung gelebt, da es nicht zu den schlimmsten Dingen zhlt,
eine junge, bequem gebettete Frau zu sein und der Augapfel ihres Mannes, eine
junge, verwhnte Frau, die tun und lassen kann, was sie will, und als
Gegenleistung nichts andres einzusetzen braucht als ein freundliches Gesicht,
wenn es ihr grade pat. Und sieh, Melanie, weiter will ich auch jetzt nichts,
oder sag ich lieber, will ich auch in Zukunft nichts. Denn in diesem Augenblick
erscheint dir auch das wenige, was ich fordere, noch als zuviel. Aber es wird
wieder anders, mu wieder anders werden. Und ich wiederhole dir, ein Minimum ist
mir genug. Ich will keine Leidenschaft. Ich will nicht, da du mich ansehen
sollst, als ob ich Leone Leoni wr oder irgendein anderer groer Romanheld, dem
zuliebe die Weiber Giftbecher trinken wie Mandelmilch und lchelnd sterben, blo
um ihn noch einmal lcheln zu sehen. Ich bin nicht Leone Leoni, bin blo deutsch
und von hollndischer Abstraktion, wodurch das Deutsche nicht besser wird, und
habe die mir abstammlich zukommenden hohen Backenknochen. Ich bewege mich nicht
in Illusionen, am wenigsten ber meinen ueren Menschen, und ich verlange keine
Liebesgrotaten von dir. Auch nicht einmal Entsagungen. Entsagungen machen sich
zuletzt von selbst, und das sind die besten. Die besten, weil es die
freiwilligen und eben deshalb auch die dauerhaften und zuverlssigen sind.
bereile nichts. Es wird sich alles wieder zurechtrcken.
    Er war aufgestanden und hatte die Lehne des Fauteuils genommen, auf der er
sich jetzt hin und her wiegte. Und nun noch eins, Lanni, fuhr er fort, ich
bin nicht der Mann der Rcksichtsnahmen und hasse diese langweiligen Regards auf
nichts und wieder nichts. Aber dennoch sag ich dir, nimm Rcksicht auf dich
selbst. Es ist nicht gut, immer nur an das zu denken, was die Leute sagen, aber
es ist noch weniger gut, gar nicht daran zu denken. Ich hab es an mir selbst
erfahren. Und nun berlege. Wenn du jetzt gehst... Du weit, was ich meine. Du
kannst jetzt nicht gehen; nicht jetzt.
    Eben deshalb geh ich, Ezel, antwortete sie leise. Es soll klar zwischen
uns werden. Ich habe diese schnde Lge satt.
    Er hatte jedes Wort begierig eingesogen, wie man in entscheidenden Momenten
auch das hren will, was einem den Tod gibt. Und nun war es gesprochen. Er lie
den Stuhl wieder nieder und warf sich hinein, und einen Augenblick war es ihm,
als schwnden ihm die Sinne. Aber er erholte sich rasch wieder, rieb sich Stirn
und Schlfe und sagte: Gut. Auch das. Ich will es verwinden. La uns
miteinander reden. Auch darber reden. Du siehst, ich leide; mehr als all mein
Lebtag. Aber ich wei auch, es ist so Lauf der Welt, und ich habe kein Recht,
dir Moral zu predigen. Was liegt nicht alles hinter mir...! Es mute so kommen,
mute nach dem van der Straatenschen Hausgesetz (warum sollen wir nicht auch ein
Hausgesetz haben), und ich glaube fast, ich wut es von Jugend auf. Und nach
einer Weile fuhr er fort: Es gibt ein Sprichwort Gottes Mhlen mahlen langsam,
und sieh, als ich noch ein kleiner Junge war, hrt ich's oft von unserer alten
Kindermuhme, und mir wurd immer so bange dabei. Es war wohl eine Vorahnung. Nun
bin ich zwischen den zwei Steinen, und mir ist, als wrd ich zermahlen und
zermalmt...
    Zermahlen? Er schlug mit der rechten in die linke Hand und wiederholte
noch einmal und in pltzlich verndertem Tone: Zermahlen! Es hat eigentlich
etwas Komisches. Und wahrhaftig, hol die Pest alle feigen Memmen. Ich will mich
nicht lnger damit qulen. Und ich rgere mich ber mich selbst und meine
Haberei und Tuerei. Bah, die Nachmittagsprediger der Weltgeschichte machen
zuviel davon, und wir sind dumm genug und plappern es ihnen nach. Und immer mit
Vergessen allereigenster Herrlichkeit, und immer mit Vergessen, wie's war und
ist und sein wird. Oder war es besser in den Tagen meines Paten Ezechiel? Oder
als Adam grub und Eva spann? Ist nicht das ganze Alte Testament ein
Sensationsroman? Dreidoppelte Geheimnisse von Paris! Und ich sage dir, Lanni,
gemessen an dem, sind wir die reinen Lmmchen, wei wie Schnee. Waisenkinder.
Und so hre mich denn. Es soll niemand davon wissen, und ich will es halten, als
ob es mein eigen wre. Deine ist es ja, und das ist die Hauptsache. Denn so du's
nicht belnimmst, ich liebe dich und will dich behalten. Bleib. Es soll nichts
sein. Soll nicht. Aber bleibe.
    Melanie war, als er zu sprechen begann, tief erschttert gewesen, aber er
selbst hatte, je weiter er kam, dieses Gefhl wieder weggesprochen. Es war eben
immer dasselbe Lied. Alles, was er sagte, kam aus einem Herzen voll Gtigkeit
und Nachsicht, aber die Form, in die sich diese Nachsicht kleidete, verletzte
wieder. Er behandelte das, was vorgefallen, aller Erschtterung unerachtet, doch
bagatellmig obenhin und mit einem starken Anfluge von zynischem Humor. Es war
wohlgemeint, und die von ihm geliebte Frau sollte, seinem Wunsche nach, den
Vorteil davon ziehn. Aber ihre vornehmere Natur strubte sich innerlichst gegen
eine solche Behandlungsweise. Das Geschehene, das wute sie, war ihre
Verurteilung vor der Welt, war ihre Demtigung, aber es war doch auch zugleich
ihr Stolz, dies Einsetzen ihrer Existenz, dies rckhaltlose Bekenntnis ihrer
Neigung. Und nun pltzlich sollt es nichts sein oder doch nicht viel mehr als
nichts, etwas ganz Alltgliches, ber das sich hinwegsehn und hinweggehen lasse.
Das widerstand ihr. Und sie fhlte deutlich, da das Geschehene verzeihlicher
war als seine Stellung zu dem Geschehenen. Er hatte keinen Gott und keinen
Glauben, und es blieb nur das eine zu seiner Entschuldigung brig: da sein
Wunsch, ihr goldne Brcken zu bauen, sein Verlangen nach Ausgleich um jeden
Preis, ihn anders hatte sprechen lassen, als er in seinem Herzen dachte. Ja, so
war es. Aber wenn es so war, so konnte sie dies Gnadengeschenk nicht annehmen.
Jedenfalls wollte sie's nicht.
    Du meinst es gut, Ezel, sagte sie. Aber es kann nicht sein. Es hat eben
alles seine natrliche Konsequenz, und die, die hier spricht, die scheidet uns.
Ich wei wohl, da auch anderes geschieht, jeden Tag, und es ist noch keine
halbe Stunde, da mir Christel davon vorgeplaudert hat. Aber einem jeden ist das
Gesetz ins Herz geschrieben, und danach fhl ich, ich mu fort. Du liebst mich,
und deshalb willst du darber hinsehen. Aber du darfst es nicht, und du kannst
es auch nicht. Denn du bist nicht jede Stunde derselbe, keiner von uns. Und
keiner kann vergessen. Erinnerungen aber sind mchtig, und Fleck ist Fleck, und
Schuld ist Schuld.
    Sie schwieg einen Augenblick und bog sich rechts nach dem Kamin hin, um ein
paar Kohlenstckchen in die jetzt hell brennende Flamme zu werfen. Aber
pltzlich, als ob ihr ein ganz neuer Gedanke gekommen, sagte sie mit der ganzen
Lebhaftigkeit ihres frheren Wesens: Ach, Ezel, ich spreche von Schuld und
wieder Schuld, und es mu beinah klingen, als sehnt ich mich danach, eine
bende Magdalena zu sein. Ich schme mich ordentlich der groen Worte. Aber
freilich, es gibt keine Lebenslagen, in denen man aus der Selbsttuschung und
dem Komdienspiele herauskme. Wie steht es denn eigentlich? Ich will fort,
nicht aus Schuld, sondern aus Stolz, und will fort, um mich vor mir selber
wieder herzustellen. Ich kann das kleine Gefhl nicht lnger ertragen, das an
aller Lge haftet; ich will wieder klare Verhltnisse sehen und will wieder die
Augen aufschlagen knnen. Und das kann ich nur, wenn ich gehe, wenn ich mich von
dir trenne und mich offen und vor aller Welt zu meinem Tun bekenne. Das wird ein
gro Gerede geben, und die Tugendhaften und Selbstgerechten werden es mir nicht
verzeihn. Aber die Welt besteht nicht aus lauter Tugendhaften und
Selbstgerechten, sie besteht auch aus Menschen, die Menschliches menschlich
ansehen. Und auf die hoff ich, die brauch ich. Und vor allem brauch ich mich
selbst. Ich will wieder in Frieden mit mir selber leben, und wenn nicht in
Frieden, so doch wenigstens ohne Zwiespalt und zweierlei Gesicht.
    Es schien, da van der Straaten antworten wollte, aber sie litt es nicht und
sagte: Sage nicht nein. Es ist so und nicht anders. Ich will den Kopf wieder
hochhalten und mich wieder fhlen lernen. Alles ist eitle Selbstgerechtigkeit.
Und ich wei auch, es wre besser und selbstsuchtsloser, ich bezwnge mich und
bliebe, freilich immer vorausgesetzt, ich knnte mit einer Einkehr bei mir
selbst beginnen. Mit Einkehr und mit Reue. Aber das kann ich nicht. Ich habe nur
ein ganz uerliches Schuldbewutsein, und wo mein Kopf sich unterwirft, da
protestiert mein Herz. Ich nenn es selber ein strrisches Herz, und ich versuche
keine Rechtfertigung. Aber es wird nicht anders durch mein Schelten und
Schmhen. Und sieh, so hilft mir denn eines nur und reit mich eines nur aus mir
heraus: ein ganz neues Leben und in ihm das, was das erste vermissen lie:
Treue. La mich gehen. Ich will nichts beschnigen, aber das la mich sagen: es
trifft sich gut, da das Gesetz, das uns scheidet, und mein eignes selbstisches
Verlangen zusammenfallen.
    Er hatte sich erhoben, um ihre Hand zu nehmen, und sie lie es geschehen.
Als er sich aber niederbeugen und ihr die Stirn kssen wollte, wehrte sie's und
schttelte den Kopf. Nein, Ezel, nicht so. Nichts mehr zwischen uns, was strt
und verwirrt und qult und ngstigt und immer nur erschweren und nichts mehr
ndern kann... Ich werd erwartet. Und ich will mein neues Leben nicht mit einer
Unpnktlichkeit beginnen. Unpnktlich sein ist unordentlich sein. Und davor hab
ich mich zu hten. Es soll Ordnung in mein Leben kommen, Ordnung und Einheit.
Und nun leb wohl und vergi.
    Er hatte sie gewhren lassen, und sie nahm die kleine Reisetasche, die neben
ihr stand, und ging. Als sie bis an die Tapetentr gekommen war, die zu der
Kinderschlafstube fhrte, blieb sie stehen und sah sich noch einmal um. Er nahm
es als ein gutes Zeichen und sagte: Du willst die Kinder sehen!
    Es war das Wort, das sie gefrchtet hatte, das Wort, das in ihr selber
sprach. Und ihre Augen wurden gro, und es flog um ihren Mund, und sie hatte
nicht die Kraft, ein Nein zu sagen. Aber sie bezwang sich und schttelte nur
den Kopf und ging auf Tr und Flur zu.
    Drauen stand Christel, ein Licht in der Hand, um ihrer Herrin das Tschchen
abzunehmen und sie die beiden Treppen hinabzubegleiten. Aber Melanie wies es
zurck und sagte: La, Christel, ich mu nun meinen Weg allein finden. Und auf
der zweiten Treppe, die dunkel war, begann sie wirklich zu suchen und zu tappen.
    Es beginnt frh, sagte sie.
    Das Haus war schon auf, und drauen blies ein kalter Wind von der
Brderstrae her, ber den Platz weg, und der Schnee federte leicht in der Luft.
Sie mute dabei des Tages denken, nun beinah jhrig, wo der Rollwagen vor ihrem
Hause hielt und wo die Flocken auch wirbelten wie heut und die kindische
Sehnsucht ber sie kam, zu steigen und zu fallen wie sie.
    Und nun hielt sie sich auf die Brcke zu, die nach dem Spittelmarkte fhrt,
und sah nichts als den Laternenanstecker ihres Reviers, der mit seiner langen
schmalen Leiter immer vor ihr her lief und, wenn er oben stand, halb neugierig
und halb pfiffig auf sie niedersah und nicht recht wute, was er aus ihr machen
sollte.
    Jenseits der Brcke kam eine Droschke langsam auf sie zu. Der Kutscher
schlief und das Pferd eigentlich auch, und da nichts Besseres in Sicht war, so
zupfte sie den immer noch Verschlafenen an seinem Mantel und stieg endlich ein
und nannt ihm den Bahnhof. Und es war auch, als ob er sie verstanden und
zugestimmt habe. Kaum aber, da sie sa, so wandt er sich auf dem Bock um und
brummelte durch das kleine Guckloch: Er sei Nachtdroschke un janz klamm un von
Klock elwe nichts in 'n Leib. Un er wolle jetzt nach Hause. Da mute sie sich
aufs Bitten legen, bis er endlich nachgab. Und nun schlug er auf das arme Tier
los, und holprig ging es die lange Strae hinunter.
    Sie warf sich zurck und stemmte die Fe gegen den Rcksitz, aber die
Kissen waren feucht und kalt, und das eben erlschende Lmpchen fllte die
Droschke mit einem trben Qualm. Ihre Schlfen fhlten mehr und mehr einen
Druck, und ihr wurde weh und widrig in der elenden Armeleuteluft. Endlich lie
sie die Fenster nieder und freute sich des frischen Windes, der durchzog. Und
freute sich auch des erwachenden Lebens der Stadt, und jeden Bckerjungen, der
trllernd und pfeifend und seinen Korb mit Backwaren hoch auf dem Kopf an ihr
vorberzog, htte sie gren mgen. Es war doch ein heiterer Ton, an dem sich
ihre Niedergedrcktheit aufrichten konnte.
    Sie waren jetzt bis an die letzte Querstrae gekommen, und in fortgesetztem
und immer nervser werdendem Hinaussehen erschien es ihr, als ob alle Fuhrwerke,
die denselben Weg hatten, ihr eignes elendes Gefhrt in wachsender Eil
berholten. Erst einige, dann viele. Sie klopfte, rief. Aber alles umsonst. Und
zuletzt war es ihr, als lg es an ihr und als versagten ihr die Krfte und als
sollte sie die letzte sein und kme nicht mehr mit, heute nicht und morgen nicht
und nie mehr. Und ein Gefhl unendlichen Elends berkam sie. Mut, Mut, rief
sie sich zu und raffte sich zusammen und zog ihre Fe von dem Rcksitzkissen
und richtete sich auf. Und sieh, ihr wurde besser. Mit ihrer ueren Haltung kam
ihr auch die innere zurck.
    Und nun endlich hielt die Droschke, und weil weder oben noch auch vorne bei
dem Kutscher etwas von Gepckstcken sichtbar war, war auch niemand da, der sich
dienstbar gezeigt und den Droschkenschlag geffnet htte. Sie mut es von innen
her selber tun und sah sich um und suchte. Wenn er nicht da wre! Doch sie
hatte nicht Zeit, es auszudenken. Im nchsten Augenblicke schon trat von einem
der Auffahrtspfeiler her Rubehn an sie heran und bot ihr die Hand, um ihr beim
Aussteigen behilflich zu sein. Ihr Fu stand eben auf dem mit Stroh umwickelten
Tritt, und sie lehnte den Kopf an seine Schulter und flsterte: Gott sei Dank!
Ach, war das eine Stunde! Sei gut, einzig Geliebter, und lehre sie mich
vergessen.
    Und er hob die geliebte Last und setzte sie nieder und nahm ihren Arm und
das Tschchen, und so schritten sie die Treppe hinauf, die zu dem Perron und dem
schon haltenden Zuge fhrte.

                              Siebzehntes Kapitel



                                  Della Salute

Nach Sden! Und in kurzen, oft mehrtgig unterbrochenen Fahrten, wie sie
Melanies erschtterte Gesundheit unerllich machte, ging es ber den Brenner,
bis sie gegen Ende Februar in Rom eintrafen, um daselbst das Osterfest
abzuwarten und Nachrichten aus der Heimat. Es war ein absichtlich
indifferentes Wort, das sie whlten, whrend es sich doch in Wahrheit um
Mitteilungen handelte, die fr ihr Leben entscheidend waren und die lnger
ausblieben als erwnscht. Aber endlich waren sie da, diese Nachrichten aus der
Heimat, und der nchste Morgen bereits sah beide vor dem Eingang einer kleinen
englischen Kapelle, deren alten Reverend sie schon vorher kennengelernt und,
durch seine Milde dazu bestimmt, ins Vertrauen gezogen hatten. Auch ein paar
Freunde waren zugegen, und unmittelbar nach der kirchlichen Handlung brach man
auf, um, nach monatelangem Eingeschlossensein in der Stadt, einmal auerhalb
ihrer Mauern aufatmen und sich der Krokus- und Veilchenpracht in Villa d'Este
freuen zu knnen. Und alles freute sich wirklich, am meisten aber Melanie. Sie
war glcklich, unendlich glcklich. Alles, was ihr das Herz bedrckt hatte, war
wie mit einem Schlage von ihr genommen, und sie lachte wieder, wie sie seit
lange nicht mehr gelacht hatte, kindlich und harmlos. Ach, wem dies Lachen
wurde, dem bleibt es, und wenn es schwand, so kehrt es wieder. Und es berdauert
alle Schuld und baut uns die Brcken vorwrts und rckwrts in eine bessere
Zeit.
    Wohl, es war ihr so frei geworden an diesem Tag, aber sie wollt es noch
freier haben, und als sie, bei Dunkelwerden, in ihre Wohnung zurckkehrte, drin
die treffliche rmische Wirtin auer dem hohen Kaminfeuer auch schon die
dreidochtige Lampe angezndet hatte, beschlo sie, denselben Abend noch an ihre
Schwester Jacobine zu schreiben, allerlei Fragen zu tun und nebenher von ihrem
Glck und ihrer Reise zu plaudern.
    Und sie tat es und schrieb.
    Meine liebe Jacobine. Heute war ein rechter Festestag und, was mehr ist,
auch ein glcklicher Tag, und ich mchte meinem Danke so gern einen Ausdruck
geben. Und da schreib ich denn. Und an wen lieber als an Dich, Du mein geliebtes
Schwesterherz. Oder willst Du das Wort nicht mehr hren? Oder darfst Du nicht?
    Ich schreibe Dir diese Zeilen in der Via Catena, einer kleinen Querstrae,
die nach dem Tiber hinfhrt, und wenn ich die Strae hinuntersehe, so blinken
mir, vom andern Ufer her, ein paar Lichter entgegen. Und diese Lichter kommen
von der Farnesina, der berhmten Villa, drin Amor und Psyche sozusagen aus allen
Fensterkappen sehen. Aber ich sollte nicht so scherzhaft ber derlei Dinge
sprechen, und ich knnt es auch nicht, wenn wir heute nicht in der Kapelle
gewesen wren. Endlich, endlich! Und weit Du, wer mit unter den Zeugen war?
Unser Hauptmann von Brausewetter, Dein alter Tnzer von Dachrdens her. Und lieb
und gut und ohne Hoffart. Und wenn man in der Acht ist, die noch schlimmer ist
als das Unglck, so hat man ein Auge dafr, und das Bild, Du weit schon, ber
das ich damals so viel gespottet und gescherzt habe, es will mir nicht aus dem
Sinn. Immer dasselbe Steinige, steinige. Und die Stimme schweigt, die vor den
Pharisern das himmlische Wort sprach.
    Aber nichts mehr davon, ich plaudre lieber.
    Wir reisten in kleinen Tagereisen, und ich war anfnglich abgespannt und
freudlos, und wenn ich eine Freude zeigte, so war es nur um Rubens willen. Denn
er tat mir so leid. Eine weinerliche Frau! Ach, das ist das Schlimmste, was es
gibt. Und gar erst auf Reisen. Und so ging es eine ganze Woche lang, bis wir in
die Berge kamen. Da wurd es besser, und als wir neben dem schaumenden Inn
hinfuhren und an demselben Nachmittage noch in Innsbruck ein wundervolles
Quartier fanden, da fiel es von mir ab, und ich konnte wieder aufatmen. Und als
Ruben sah, da mir alles so wohltat und mich erquickte, da blieb er noch den
folgenden Tag und besuchte mit mir alle Kirchen und Schlsser und zuletzt auch
die Kirche, wo Kaiser Max begraben liegt. Es ist derselbe von der Martinswand
her und derselbe auch, der zu Luthers Zeiten lebte. Freilich schon als ein sehr
alter Herr. Und es ist auch der, den Anastasius Grn als Letzten Ritter gefeiert
hat, worin er vielleicht etwas zu weit gegangen ist. Ich glaube nmlich nicht,
da er der letzte Ritter war. Er war berhaupt zu stark und zu korpulent fr
einen Ritter, und ohne Dir schmeicheln zu wollen, find ich, da Gryczinski
ritterlicher ist. Sonderbarerweise fhl ich mich berhaupt eingepreuter, als
ich dachte, so da mir auch das Bildnis Andreas Hofers wenig gefallen hat. Er
trgt einen Tiroler Spruchgrtel um den Leib und wurde zu Mantua, wie Du
vielleicht gehrt haben wirst, erschossen. Manche tadeln es, da er sich
gengstigt haben soll. Ich fr mein Teil habe nie begreifen knnen, wie man es
tadeln will, nicht gern erschossen zu werden.
    Und dann gingen wir ber den Brenner, der ganz in Schnee lag, und es sah
wundervoll aus, wie wir an derselben Bergwand, an der unser Zug emporkletterte,
zwei, drei andre Zge tief unter uns sahen, so winzig und unscheinbar wie die
Futterkstchen an einem Zeisigbauer. Und denselben Abend noch waren wir in
Verona. Das vorige Mal, als ich dort war, hatt ich es nur passiert, jetzt aber
blieben wir einen Tag, weil mir Ruben das altrmische Theater zeigen wollte, das
sich hier befindet. Es war ein kalter Tag, und mich fror in dem eisigen Winde,
der ging, aber ich freue mich doch, es gesehen zu haben. Wie beschreib ich es
Dir nur? Du mut Dir das Opernhaus denken, aber nicht an einem gewhnlichen
Tage, sondern an einem Subskriptionsballabend, und an der Stelle, wo die Musik
ist, rundet es sich auch noch. Es ist nmlich ganz eifrmig und
amphitheatralisch, und der Himmel als Dach darber, und ich wrd es alles sehr
viel mehr noch genossen haben, wenn ich mich nicht htte verleiten lassen, in
einem benachbarten Restaurant ein Salamifrhstck zu nehmen, das mir um ein
erhebliches zu national war.
    Die Woche darauf kamen wir nach Florenz, und wenn ich Duquede wre, so wrd
ich sagen: es wird berschtzt. Es ist voller Englnder und Bilder, und mit den
Bildern wird man nicht fertig. Und dann haben sie die Cascinen, etwas wie unsre
Tiergarten-oder Hofjger-Allee, worauf sie sehr stolz sind, und man sieht auch
wirklich Fuhrwerke mit sechs und zwlf und sogar mit vierundzwanzig Pferden.
Aber ich habe sie nicht gesehen und will Dich durch Zahlenangaben nicht beirren.
ber den Arno fhrt eine Budenbrcke, nach Art des Rialto, und wenn Du von den
vielen Kirchen und Klstern absehen willst, so gilt der alte Herzogspalast als
die Hauptsehenswrdigkeit der Stadt. Und am schnsten finden sie den kleinen
Turm, der aus der Mitte des Palastes aufwchst, nicht viel anders als ein
Schornstein mit einem Kranz und einer Galerie darum. Es soll aber sehr originell
gedacht sein. Und zuletzt findet man es auch. Und in der Nhe befindet sich eine
lange schmale Gasse, die neben der Hauptstrae herluft und in der bestndig
Wachteln am Spie gebraten werden. Und alles riecht nach Fett, und dazwischen
Lrm und Blumen und aufgetrmter Kse, so da man nicht wei, wo man bleiben und
ob man sich mehr entsetzen oder freuen soll. Aber zuletzt freut man sich, und es
ist eigentlich das Hbscheste, was ich auf meiner ganzen Reise gesehen habe.
Natrlich Rom ausgenommen. Und nun bin ich in Rom.
    Aber Herzens-Jacobine, davon kann ich Dir heute nicht schreiben, denn ich
bin schon auf dem vierten Blatt, und Ruben wird ungeduldig und wirft aus seiner
dunklen Ecke Konfetti nach mir, trotzdem wir den Karneval lngst hinter uns
haben. Und so brech ich denn ab und tue nur noch ein paar Fragen.
    Freilich, jetzt, wo ich die Fragen stellen will, wollen sie mir nicht recht
aus der Feder, und Du mut sie erraten. Rtsel sind es nicht. In Deiner Antwort
sei schonend, aber verschweige nichts. Ich mu das Unangenehme, das Schmerzliche
tragen lernen. Es ist nicht anders. ber all das geb ich mich keinen Illusionen
hin. Wer in die Mhle geht, wird wei. Und die Welt wird schlimmere Vergleiche
whlen. Ich mchte nur, da, bei meiner Verurteilung, ber die mildernden
Umstnde nicht ganz hinweggegangen wrde. Denn sieh, ich konnte nicht anders.
Und ich habe nur noch den einen Wunsch, da es mir vergnnt sein mchte, dies zu
beweisen. Aber dieser Wunsch wird mir versagt bleiben, und ich werd allen Trost
in meinem Glck und alles Glck in meiner Zurckgezogenheit suchen und finden
mssen. Und das werd ich. Ich habe genug von dem Gerusch des Lebens gehabt, und
ich sehne mich nach Einkehr und Stille. Die hab ich hier. Ach, wie schn ist
diese Stadt, und mitunter ist es mir, als wr es wahr und als km uns jedes Heil
und jeder Trost aus Rom und nur aus Rom. Es ist ein seliges Wandeln an diesem
Ort, ein Sehen und Hren als wie im Traum.
    Und nun, meine se Jacobine, lebe wohl und schreibe recht, recht viel und
recht ausfhrlich. Es interessiert mich alles, und ich sehne mich nach
Nachricht, vor allem nach Nachricht... Aber Du weit es ja. Nichts mehr davon.
Immer die Deine.
                                                                     Melanie R.

Der Brief wurde noch denselben Abend zur Post gegeben, in dem dunklen Gefhl,
da eine rasche Befrderung auch eine rasche Antwort erzwingen knne. Aber diese
Antwort blieb aus, und die darin liegende Krnkung wrde sehr schmerzlich
empfunden worden sein, wenn nicht Melanie, wenige Tage nach Absendung des
Briefes, in ihre frhere Melancholie zurckverfallen wre. Sie glaubte bestimmt,
da sie sterben werde, versuchte zu lcheln und brach doch pltzlich in einen
Strom von Trnen aus. Denn sie hing am Leben und geno inmitten ihres Schmerzes
ein unendliches Glck: die Nhe des geliebten Mannes.
    Und sie hatte wohl recht, sich dieses Glckes zu freuen. Denn alle Tugenden
Rubehns zeigten sich um so heller, je trber die Tage waren. Er kannte nur
Rcksicht; keine Mistimmung, keine Klage wurde laut, und ber das Vornehme
seiner Natur wurde die Zurckhaltung darin vergessen.
    Und so vergingen trbe Wochen.
    Ein deutscher Arzt endlich, den man zu Rate zog, erklrte, da vor allem das
Stillsitzen vermieden, dagegen umgekehrt fr bestndig neue Eindrcke gesorgt
werden msse. Mit anderen Worten, das, was er vorschlug, war ein bestndiger
Orts- und Luftwechsel. Ein solch tagtgliches Hin und Her sei freilich selber
ein bel, aber ein kleineres, und jedenfalls das einzige Mittel, der inneren
Ruhelosigkeit abzuhelfen.
    Und so wurden denn neue Reiseplne geschmiedet und von der Kranken apathisch
angenommen.
    In kurzen Etappen, unter geflissentlicher Vermeidung von Eisenbahn und
groen Straen, ging es, durch Umbrien, immer hher hinauf an der Ostkste hin,
bis sich pltzlich herausstellte, da man nur noch zehn Meilen von Venedig
entfernt sei. Und siehe, da kam ihr ein tiefes und sehnschtiges Verlangen,
ihrer Stunde dort warten zu wollen. Und sie war pltzlich wie verndert und
lachte wieder und sagte: Della Salute! Weit du noch...? Es heimelt mich an, es
erquickt mich: das Wohl, das Heil! Oh, komm. Dahin wollen wir. Und sie gingen,
und dort war es, wo die bange Stunde kam. Und einen Tag lang wute der Zeiger
nicht, wohin er sich zu stellen habe, ob auf Leben oder Tod. Als aber am Abend,
von ber dem Wasser her, ein wunderbares Luten begann und die todmatte Frau auf
ihre Frage von wo die Antwort empfing von Della Salute, da richtete sie sich
auf und sagte: Nun wei ich, da ich leben werde.

                              Achtzehntes Kapitel



                                 Wieder daheim

Und ihre Hoffnung hatte sie nicht getrogen. Sie genas, und erst als die
Herbsttage kamen und das Gedeihen des Kindes und vor allem auch ihr eigenes
Wohlbefinden einen Aufbruch gestattete, verlieen sie die Stadt, an die sie sich
durch ernste und heitere Stunden aufs innigste gekettet fhlten, und gingen in
die Schweiz, um in dem lieblichsten der Tler, in dem Tale zwischen den Seen,
eine neue vorlufige Rast zu suchen.
    Und sie lebten hier glcklich-stille Wochen, und erst als ein scharfer
Nordwest vom Thuner See nach dem Brienzer hinberfuhr und den Tag darauf der
Schnee so dicht fiel, da nicht nur die Jungfrau, sondern auch jede kleinste
Kuppe verschneit und vereist ins Tal herniedersah, sagte Melanie: Nun ist es
Zeit. Es kleidet nicht jeden Menschen das Alter und nicht jede Landschaft der
Schnee. Der Winter ist in diesem Tale nicht zu Haus oder pat wenigstens nicht
recht hierher. Und ich mchte nun wieder dahin, wo man sich mit ihm eingelebt
hat und ihn versteht.
    Ich glaube gar, lachte Rubehn, du sehnst dich nach der Rousseau-Insel!
    Ja, sagte sie. Und nach viel anderem noch. Sieh, in drei Stunden knnt
ich von hier aus in Genf sein und das Haus wiedersehen, darin ich geboren wurde.
Aber ich habe keine Sehnsucht danach. Es zieht mich nach dem Norden hin, und ich
empfind ihn mehr und mehr als meine Herzensheimat. Und was auch dazwischenliegt,
er mu es bleiben.

Und an einem milden Dezembertage waren Rubehn und Melanie wieder in der
Hauptstadt eingetroffen und mit ihnen die Vreni oder das Vrenel, eine derbe
schweizerische Magd, die sie, whrend ihres Aufenthalts in Interlaken, zur
Abwartung des Kindes angenommen hatten. Eine vorzgliche Wahl. Am Bahnhof aber
waren sie von Rubehns jngerem Bruder empfangen und in ihre Wohnung eingefhrt
worden: eine reizende Mansarde dicht am Westende des Tiergartens, ebenso reich
wie geschmackvoll eingerichtet und beinah Wand an Wand mit Duquede. Sollen wir
gute Nachbarschaft mit ihm halten? hatten sie sich im Augenblick ihres
Eintretens unter gegenseitiger Heiterkeit gefragt.
    Melanie war sehr glcklich ber Wohnung und Einrichtung, berhaupt ber
alles, und gleich am anderen Vormittage setzte sie sich, als sie allein war, in
eine der tiefen Fensternischen und sah auf die bereiften Bume des Parks und auf
ein paar Eichktzchen, die sich haschten und von Ast zu Ast sprangen. Wie oft
hatte sie dem zugesehen, wenn sie mit Liddi und Heth durch den Tiergarten
gefahren war! Es stand pltzlich alles wieder vor ihr, und sie fhlte, da ein
Schatten auf die heiteren Bilder ihrer Seele fiel.
    Endlich aber zog es auch sie hinaus, und sie wollte die Stadt wiedersehen,
die Stadt und bekannte Menschen. Aber wen? Sie konnte nur bei der Freundin, bei
dem Musikfrulein, vorsprechen. Und sie tat es auch, ohne da sie schlielich
eine Freude davon gehabt htte. Anastasia kam ihr vertraulich und beinah
berheblich entgegen, und in begreiflicher Verstimmung darber kehrte Melanie
nach Hause zurck. Auch hier war nicht alles, wie es sein sollte, das Vrenel in
schlechter Laune, die Zimmer berheizt, und ihre Heiterkeit kam erst wieder, als
sie Rubehns Stimme drauen auf dem Vorflur hrte.
    Und nun trat er ein.
    Es war um die Teestunde, das Wasser brodelte schon, und sie nahm des
geliebten Mannes Arm und schritt plaudernd mit ihm ber den dicken, trkischen
Teppich hin. Aber er litt von der Hitze, die sie mit ihrem Taschentuche
vergeblich fortzufcheln bemht war. Und nun sind wir im Norden! lachte er.
Und nun sage, haben wir im Sden je so was von Glut und Samum auszuhalten
gehabt?
    O doch, Ruben. Entsinnst du dich noch, als wir das erste Mal nach dem Lido
hinausfuhren? Ich wenigstens verge es nicht. All mein Lebtag hab ich mich nicht
so gengstigt wie damals auf dem Schiff: erst die Schwle und dann der Sturm.
Und dazwischen das Blitzen. Und wenn es noch ein Blitzen gewesen wre! Aber wie
feurige Laken fiel es vom Himmel. Und du warst so ruhig.
    Das bin ich immer, Herz, oder such es wenigstens zu sein. Mit unsrer Unruhe
wird nichts gendert und noch weniger gebessert.
    Ich wei doch nicht, ob du recht hast. In unsrer Angst und Sorge beten wir,
auch wir, die wir's in unseren guten Tagen an uns kommen lassen. Und das
vershnt die Gtter. Denn sie wollen, da wir uns in unserer Kleinheit und
Hilfsbedrftigkeit fhlen lernen. Und haben sie nicht recht?
    Ich wei nur, da du recht hast. Immer. Und dir zuliebe sollen auch die
Gtter recht haben. Bist du zufrieden damit?
    Ja und nein. Was Liebe darin ist, ist gut, oder ich hr es wenigstens gern.
Aber...
    Lassen wir das aber, und nehmen wir lieber unseren Tee, der uns ohnehin
schon erwartet. Und er hilft auch immer und gegen alles und wird uns auch aus
dieser afrikanischen Hitze helfen. Um aber sicherzugehen, will ich doch lieber
noch das Fenster ffnen. Und er tat's, und unter dem halb aufgezogenen Rouleau
hin zog eine milde Nachtluft ein.
    Wie mild und weich, sagte Melanie.
    Zu weich, entgegnete Rubehn. Und wir werden uns auf kltere Luftstrme
gefat machen mssen.

                              Neunzehntes Kapitel



                                   Inkognito

Melanie war froh, wieder daheim zu sein.
    Was sich ihr notwendig entgegenstellen mute, das bersah sie nicht, und die
Furcht, der Rubehn Ausdruck gegeben hatte, war auch ihre Furcht. Aber sie war
doch andrerseits sanguinischen Gemts genug, um der Hoffnung zu leben, sie werd
es berwinden. Und warum sollte sie's nicht? Was geschehen, erschien ihr, der
Gesellschaft gegenber, so gut wie ausgeglichen; allem Schicklichen war gengt,
alle Formen waren erfllt, und so gewrtigte sie nicht, einer Strenge zu
begegnen, zu der die Welt in der Regel nur greift, wenn sie's zu mssen glaubt,
vielleicht einfach in dem Bewutsein davon, da, wer in einem Glashause wohnt,
nicht mit Steinen werfen soll.
    Melanie gewrtigte keines Rigorismus. Nichtsdestoweniger stimmte sie dem
Vorschlage bei, wenigstens whrend der nchsten Wochen noch ein Inkognito
bewahren und erst von Neujahr an die ntigsten Besuche machen zu wollen.
    So war es denn natrlich, da man den Weihnachtsabend im engsten Zirkel
verbrachte. Nur Anastasia, Rubehns Bruder und der alte Frankfurter Prokurist,
ein versteifter und schweigsamer Junggeselle, dem sich erst beim dritten
Schoppen die Zunge zu lsen pflegte, waren erschienen, um die Lichter am
Christbaum brennen zu sehen. Und als sie brannten, wurd auch das Aninettchen
herbeigeholt, und Melanie nahm das Kind auf den Arm und spielte mit ihm und
hielt es hoch. Und das Kind schien glcklich und lachte und griff nach den
Lichtern.
    Und glcklich waren alle, besonders auch Rubehn, und wer ihn an diesem
Abende gesehen htte, der htte nichts von Behagen und Gemtlichkeit an ihm
vermit. Alles Amerikanische war abgestreift.
    In dem Nebenzimmer war inzwischen ein kleines Mahl serviert worden, und als
einleitend erst durch Anastasia und danach auch durch den jngeren Rubehn ein
paar scherzhafte Gesundheiten ausgebracht worden waren, erhob sich zuletzt auch
der alte Prokurist, um aus vollem Glas und vollem Herzen einen Schlutoast zu
proponieren. Das Beste des Lebens, das wiss' er aus eigner Erfahrung, sei das
Inkognito. Alles, was sich auf den Markt oder auf die Strae stelle, das tauge
nichts oder habe doch nur Alltagswert; das, was wirklich Wert habe, das ziehe
sich zurck, das berge sich in Stille, das verstecke sich. Die lieblichste
Blume, darber knne kein Zweifel sein, sei das Veilchen, und die poetischste
Frucht, darber knne wiederum kein Zweifel sein, sei die Walderdbeere. Beide
versteckten sich aber, beide lieen sich suchen, beide lebten sozusagen
inkognito. Und somit lasse er das Inkognito leben, oder die Inkognitos, denn
Singular oder Plural sei ihm durchaus gleichgiltig;

Das oder die,
Ein volles Glas fr Melanie;
Die oder das,
Fr Ebenezer ein volles Glas.

Und danach fing er an zu singen.
    Erst zu spter Stunde trennte man sich, und Anastasia versprach, am andern
Tage zu Tisch wiederzukommen; abermals einen Tag spter aber (Rubehn war eben in
die Stadt gegangen) erschien das Vrenel, um in ihrem Schweizer Deutsch und
zugleich in sichtlicher Erregung den Polizeirat Reiff zu melden. Und sie
beruhigte sich erst wieder, als ihre junge Herrin antwortete: Ah, sehr
willkommen. Ich lasse bitten einzutreten.
    Melanie ging dem Angemeldeten entgegen. Er war ganz unverndert: derselbe
Glanz im Gesicht, derselbe schwarze Frack, dieselbe weie Weste.
    Welche Freude, Sie wiederzusehen, lieber Reiff, sagte Melanie und wies mit
der Rechten auf einen neben ihr stehenden Fauteuil. Sie waren immer mein guter
Freund, und ich denke, Sie bleiben es.
    Reiff versicherte etwas von unvernderter Devotion und tat Fragen ber
Fragen. Endlich aber lie er durch Zufall oder Absicht auch den Namen van der
Straatens fallen.
    Melanie blieb unbefangen und sagte nur: Den Namen drfen Sie nicht nennen,
lieber Reiff, wenigstens jetzt nicht. Nicht, als ob er mir unfreundliche Bilder
weckte. Nein, o nein. Wre das, so drften Sie's. Aber gerade weil mir der Name
nichts Unfreundliches zurckruft, weil ich nur wei, ihm, der ihn trgt, wehe
getan zu haben, so qult und peinigt er mich. Er mahnt mich an ein Unrecht, das
dadurch nicht kleiner wird, da ich es in meinem Herzen nicht recht als Unrecht
empfinde. Also nichts von ihm. Und auch nichts... Und sie schwieg und fuhr erst
nach einer Weile fort: Ich habe nun mein Glck, ein wirkliches Glck; mais il
faut payer pour tout et deux fois pour notre bonheur.
    Der Polizeirat stotterte eine verlegene Zustimmung, weil er nicht recht
verstanden hatte.
    Wir aber, lieber Reiff, nahm Melanie wieder das Wort, wir mssen einen
neutralen Boden finden. Und das werden wir. Das zhlt ja zu den Vorzgen der
groen Stadt. Es gibt immer hundert Dinge, worber sich plaudern lt. Und nicht
blo um Worte zu machen, nein, auch mit dem Herzen. Nicht wahr? Und ich rechne
darauf, Sie wiederzusehen.
    Und bald danach empfahl sich Reiff, um die Droschke, darin er gekommen war,
nicht allzu lange warten zu lassen. Melanie aber sah ihm nach und freute sich,
als er wenige Huser entfernt dem aus der Stadt zurckkommenden Rubehn
begegnete. Beide grten einander.
    Reiff war hier, sagte Rubehn, als er einen Augenblick spter eintrat. Wie
fandest du ihn?
    Unverndert. Aber verlegner, als ein Polizeirat sein sollte.
    Schlechtes Gewissen. Er hat dich aushorchen wollen.
    Glaubst du?
    Zweifellos. Einer ist wie der andre. Nur ihre Manieren sind verschieden.
Und Reiff hat die Harmlosigkeitsallren. Aber vor dieser Spezies mu man doppelt
auf der Hut sein. Und so lcherlich es ist, ich kann den Gedanken nicht
unterdrcken, da wir morgen ins schwarze Buch kommen.
    Du tust ihm unrecht. Er hat ein Attachement fr mich. Oder ist es
meinerseits blo Eitelkeit und Einbildung?
    Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber diese guten Herren... ihr bester
Freund, ihr leiblicher Bruder ist nie sicher vor ihnen. Und wenn man sich
darber erstaunt oder beklagt, so heit es ironisch und achselzuckend: C'est mon
metier.

Eine Woche spter hatte das neue Jahr begonnen, und der Zeitpunkt war da, wo das
junge Paar aus seinem Inkognito heraustreten wollte. Wenigstens Melanie. Sie war
noch immer nicht bei Jacobine gewesen, und wiewohl sie sich, in Erinnerung an
den unbeantwortet gebliebenen Brief, nicht viel Gutes von diesem Besuche
versprechen konnte, so mut er doch auf jede Gefahr hin gemacht werden. Sie
mute Gewiheit haben, wie sich die Gryczinskis stellen wollten.
    Und so fuhr sie denn nach der Alsenstrae.
    Schwereren Herzens als sonst stieg sie die mit Teppich belegte Treppe hinauf
und klingelte. Und bald konnte sie hinter der Korridor-Glaswand ein
Hinundherhuschen erkennen. Endlich aber wurde geffnet.
    Ah, Emmy. Ist meine Schwester zu Haus?
    Nein, Frau Kommerzien... Ach, wie die gndige Frau bedauern wird! Aber Frau
von Heysing waren hier und haben die gndige Frau zu dem groen Bilde abgeholt.
Ich glaube Die Fackeln des Nero.
    Und der Herr Major?
    Ich wei es nicht, sagte das Mdchen verlegen. Er wollte fort. Aber ich
will doch lieber erst...
    O nein, Emmy, lassen Sie's. Es ist gut so. Sagen Sie meiner Schwester, oder
der gndigen Frau, da ich da war. Oder besser, nehmen Sie meine Karte...
    Danach grte Melanie kurz und ging.
    Auf der Treppe sagte sie leise vor sich hin: Das ist er. Sie ist ein gutes
Kind und liebt mich. Und dann legte sie die Hand aufs Herz und lchelte:
Schweig stille, mein Herze.
    Rubehn, als er von dem Ausfall des Besuches hrte, war wenig berrascht, und
noch weniger, als am andern Morgen ein Brief eintraf, dessen zierlich
verschlungenes J. v. G. ber die Absenderin keinen Zweifel lassen konnte.
Wirklich, es waren Zeilen von Jacobine. Sie schrieb:
    Meine liebe Melanie. Wie hab ich es bedauert, da wir uns verfehlen muten.
Und nach so langer Zeit! Und nachdem ich Deinen lieben, langen Brief
unbeantwortet gelassen habe! Er war so reizend, und selbst Gryczinski, der doch
so kritisch ist und alles immer auf Disposition hin ansieht, war eigentlich
entzckt. Und nur an der einen Stelle nahm er Ansto, da alles Heil und aller
Trost nach wie vor aus Rom kommen solle. Das verdro ihn, und er meinte, da man
dergleichen auch nicht im Scherze sagen drfe. Und meine Verteidigung lie er
nicht gelten. Die meisten Gryczinskis sind nmlich noch katholisch, und ich
denke mir, da er so streng und empfindlich ist, weil er es persnlich los sein
und von sich abwlzen mchte. Denn sie sind immer noch sehr diffizil oben, und
Gryczinski, wie Du weit, ist zu klug, als da er etwas wollen sollte, was man
oben nicht will. Aber es ndert sich vielleicht wieder. Und ich bekenne Dir
offen, mir wr es recht, und ich fr mein Teil htte nichts dagegen, sie
sprchen erst wieder von etwas andrem. Ist es denn am Ende wirklich so wichtig
und eine so brennende Frage? Und wr es nicht wegen der vielen Toten und
Verwundeten, so wnscht ich mir einen neuen Krieg. (Es heit brigens, sie
rechneten schon wieder an einem.) Und htten wir den Krieg, so wren wir die
ganze Frage los, und Gryczinski wre Oberstlieutenant. Denn er ist der dritte.
Und ein paar von den alten Generlen, oder wenigstens von den ganz alten, werden
doch wohl endlich abgehen mssen.
    Aber ich schwatze von Krieg und Frieden und von Gryczinski und von mir und
vergesse ganz, nach Dir und nach Deinem Befinden zu fragen. Ich bin berzeugt,
da es Dir gut geht und da Du mit dem Wechsel in allen wesentlichen Stcken
zufrieden bist. Er ist reich und jung, und bei Deinen Lebensanschauungen, mein
ich, kann es Dich nicht unglcklich machen, da er unbetitelt ist. Und am Ende,
wer jung ist, hofft auch noch. Und Frankfurt ist ja jetzt preuisch. Und da
findet es sich wohl noch.
    Ach, meine liebe Melanie, wie gerne wr ich selbst gekommen und htte nach
allem Groen und Kleinen gesehen, ja, auch nach allem Kleinen, und wem es
eigentlich hnlich ist. Aber er hat es mir verboten und hat auch dem Diener
gesagt, da wir nie zu Hause sind. Und Du weit, da ich nicht den Mut habe, ihm
zu widersprechen. Ich meine, wirklich zu widersprechen. Denn etwas widersprochen
hab ich ihm. Aber da fuhr er mich an und sagte: Das unterbleibt. Ich habe nicht
Lust, um solcher Allotria willen beiseite geschoben zu werden. Und sieh dich
vor, Jacobine, Du bist ein entzckendes kleines Weib (er sagte wirklich so),
aber ihr seid wie die Zwillinge, wie die Druvpfel, und es spukt dir auch so was
im Blut. Ich bin aber nicht van der Straaten und fhre keine
Generosittskomdien auf. Am wenigsten auf meine Kosten. Und dabei warf er mir
de haut en bas eine Kuhand zu und ging aus dem Zimmer.
    Und was tat ich? Ach, meine liebe Melanie, nichts. Ich habe nicht einmal
geweint. Und nur erschrocken war ich. Denn ich fhle, da er recht hat und da
eine sonderbare Neugier in mir steckt. Und darin treffen es die Bibelleute, wenn
sie so vieles auf unsere Neugier schieben... Elimar, der freilich nicht mit zu
den Bibelleuten gehrt, sagte mal zu mir: Das Hbscheste sei doch das
Vergleichenknnen. Er meinte, glaub ich, in der Kunst. Aber die Frage
beschftigt mich seitdem, und ich glaube kaum, da es sich auf die Kunst
beschrnkt. brigens hat Gryczinski noch in diesem Winter oder doch im Frhjahr
eine kleine Generalstabsreise vor. Und dann seh ich Dich. Und wenn er
wiederkommt, so beicht ich ihm alles. Ich kann es dann. Er ist dann immer so
zrtlich. Und ein Blaubart ist er berhaupt nicht. Und bis dahin Deine
                                                                      Jacobine.

    Melanie lie das Blatt fallen, und Rubehn nahm es auf. Er las nun auch und
sagte: Ja, Herz, das sind die Tage, von denen es heit, sie gefallen uns nicht.
Ach, und sie beginnen erst. Aber la, la. Es rennt sich alles tot und am
ehesten das.
    Und er ging an den Flgel und spielte laut und mit einem Anfluge heiterer
bertreibung: Mit meinem Mantel vor dem Sturm beschtzt ich dich, beschtzt ich
dich.
    Und dann erhob er sich wieder und kte sie und sagte: Cheer up, dear!

                              Zwanzigstes Kapitel



                                     Liddi

Cheer up, dear, hatte Rubehn Melanie zugerufen, und sie wollte dem Zurufe
folgen. Aber es glckte nicht, konnte nicht glcken, denn jeder neue Tag brachte
neue Krnkungen. Niemand war fr sie zu Haus, ihr Gru wurde nicht erwidert, und
ehe der Winter um war, wute sie, da man sie, nach einem stillschweigenden
bereinkommen, in den Bann getan habe. Sie war tot fr die Gesellschaft, und die
tiefe Niedergedrcktheit ihres Gemts htte sie zur Verzweiflung gefhrt, wenn
ihr nicht Rubehn in dieser Bedrngnis zur Seite gestanden htte. Nicht nur in
herzlicher Liebe, nein, vor allem auch in jener heitren Ruhe, die sich der
Umgebung entweder mitzuteilen oder wenigstens nicht ohne stillen Einflu auf sie
zu bleiben pflegt. Ich kenne das, Melanie. Wenn es in London etwas ganz Apartes
gibt, so heit es, it is a nine-days-wonder, und mit diesen neun Tagen ist das
hchste Ma von Erregungsandauer ausgedrckt. Das ist in London. Hier dauert es
etwas lnger, weil wir etwas kleiner sind. Aber das Gesetz bleibt dasselbe.
Jedes Wetter tobt sich aus. Eines Tages haben wir wieder den Regenbogen und das
Fest der Vershnung.

    Die Gesellschaft ist unvershnlich.
    Im Gegenteil. Zu Gerichte sitzen ist ihr eigentlich unbequem. Sie wei
schon, warum. Und so wartet sie nur auf das Zeichen, um das groe
Hinrichtungsschwert wieder in die Scheide zu stecken.
    Aber dazu mu etwas geschehen.
    Und das wird. Es bleibt selten aus und in den milderen Fllen eigentlich
nie. Wir haben einen Eindruck gemacht und mssen ehrlich bemht sein, einen
andern zu machen. Einen entgegengesetzten. Aber auf demselben Gebiete... Du
verstehst?
    Sie nickte, nahm seine Hand und sagte: Und ich schwre dir's, ich will. Und
wo die Schuld lag, soll auch die Shne liegen. Oder sag ich lieber, der
Ausgleich. Auch das ist ein Gesetz, so hoff ich. Und das schnste von allen. Es
braucht nicht alles Tragdie zu sein.
    In diesem Augenblicke wurde durch den Diener eine Karte hereingegeben:
Friederike Sawat v. Sawatzki, genannt Sattler v.d. Hlle, Stiftsanwrterin auf
Kloster Himmelpfort in der Uckermark.
    Oh, la uns allein, Ruben, bat Melanie, whrend sie sich erhob und der
alten Dame bis auf den Vorflur entgegenging. Ach, mein liebes Riekchen! Wie
mich das freut, da du kommst, da du da bist. Und wie schwer es dir geworden
sein mu... Ich meine nicht blo die drei Treppen... Ein halbes Stiftsfrulein
und jeden Sonntag in Sankt Matthi! Aber die Frommen, wenn sie's wirklich sind,
sind immer noch die Besten. Und sind gar nicht so schlimm. Und nun setze dich,
mein einziges, liebes Riekchen, meine liebe, alte Freundin!
    Und whrend sie so sprach, war sie bemht, ihr beim Ablegen behilflich zu
sein und das Seidenmntelchen an einen Haken zu hngen, an den die Kleine nicht
heranreichen konnte.
    Meine liebe, alte Freundin, wiederholte Melanie. Ja, das warst du,
Riekchen, das bist du gewesen. Eine rechte Freundin, die mir immer zum Guten
geraten und nie zum Munde gesprochen hat. Aber es hat nicht geholfen, und ich
habe nie begriffen, wie man Grundstze haben kann oder Prinzipien, was
eigentlich dasselbe meint, aber mir immer noch schwerer und unntiger
vorgekommen ist. Ich hab immer nur getan, was ich wollte, was mir gefiel, wie
mir gerade zumute war. Und ich kann es auch so schrecklich nicht finden. Auch
jetzt noch nicht. Aber gefhrlich ist es, soviel rum ich ein, und ich will es
anders zu machen suchen. Will es lernen. Ganz bestimmt. Und nun erzhle. Mir
brennen hundert Fragen auf der Seele.
    Riekchen war verlegen eingetreten und auch verlegen geblieben, jetzt aber
sagte sie, whrend sie die Augen niederschlug und dann wieder freundlich und
fest auf Melanie richtete: Habe doch mal sehen wollen... Und ich bin auch nicht
hinter seinem Rcken hier. Er wei es und hat mir zugeredet.
    Melanie flogen die Lippen. Ist er erbittert? Sag, ich will es hren. Aus
deinem Munde kann ich alles hren. In den Weihnachtstagen war Reiff hier. Da
mocht ich es nicht. Es ist doch ein Unterschied, wer spricht. Ob die Neugier
oder das Herz. Sag, ist er erbittert?
    Die Kleine bewegte den Kopf hin und her und sagte: Wie denn! Erbittert! Wr
er erbittert, so wr ich nicht hier. Er war unglcklich und ist es noch. Und es
zehrt und nagt an ihm. Aber seine Ruhe hat er wieder. Das heit, so vor den
Menschen. Und dabei bleibt es, denn er war dir sehr gut, Melanie, so gut er nur
einem Menschen sein konnte. Und du warst sein Stolz, und er freute sich, wenn er
dich sah.
    Melanie nickte.
    Sieh, Herzenskind, du hast nicht anders gekonnt, weil du das andre nicht
gelernt hattest, das andre, worauf es ankommt, und weil du nicht wutest, was
der Ernst des Lebens ist. Und Anastasia sang wohl immer: Wer nie sein Brot mit
Trnen a, und Elimar drehte dann das Blatt um. Aber singen und erleben ist ein
Unterschied. Und du hast das Trnenbrot nicht gegessen, und Anastasia hat es
nicht gegessen und Elimar auch nicht. Und so kam es, da du nur getan hast, was
dir gefiel oder wie dir zumute war. Und dann bist du von den Kindern
fortgegangen, von den lieben Kindern, die so hbsch und so fein sind, und hast
sie nicht einmal sehen wollen. Hast dein eigen Fleisch und Blut verleugnet. Ach,
mein armes, liebes Herz, das kannst du vor Gott und Menschen nicht
verantworten.
    Es war, als ob die Kleine noch weitersprechen wollte. Aber Melanie war
aufgesprungen und sagte: Nein, Riekchen, an dieser Stelle hrt es auf. Hier
tust du mir unrecht. Sieh, du kennst mich so gut und so lange schon, und fast
war ich selber noch ein Kind, als ich ins Haus kam. Aber das eine mut du mir
lassen: ich habe nie gelogen und geheuchelt und hab umgekehrt einen wahren Ha
gehabt, mich besser zu machen, als ich bin. Und diesen Ha hab ich noch. Und so
sag ich dir denn, das mit den Kindern, mit meiner sen kleinen Heth, die wie
der Vater aussieht und doch gerade so lacht und so fahrig ist wie die Frau Mama,
nein, Riekchen, das mit den Kindern, das trifft mich nicht.
    Und bist doch ohne Blick und Abschied gegangen.
    Ja, das bin ich, und ich wei es wohl, manch andre htt es nicht getan.
Aber wenn man auf etwas an und fr sich Trauriges stolz sein darf, so bin ich
stolz darauf. Ich wollte gehn, das stand fest. Und wenn ich die Kinder sah, so
konnt ich nicht gehn. Und so hatt ich denn meine Wahl zu treffen. Ich mag eine
falsche Wahl getroffen haben, in den Augen der Welt hab ich es gewi, aber es
war wenigstens ein klares Spiel und offen und ehrlich. Wer aus der Ehe fortluft
und aus keinem andern Grund als aus Liebe zu einem andern Manne, der begibt sich
des Rechts, nebenher auch noch die zrtliche Mutter zu spielen. Und das ist die
Wahrheit. Ich bin ohne Blick und ohne Abschied gegangen, weil es mir widerstand,
Unheiliges und Heiliges durcheinanderzuwerfen. Ich wollte keine sentimentale
Verwirrung. Es steht mir nicht zu, mich meiner Tugend zu berhmen. Aber eines
hab ich wenigstens, Riekchen: ich habe feine Nerven fr das, was pat und nicht
pat.
    Und mchtest du jetzt sie sehen?
    Heute lieber als morgen. Jeden Augenblick. Bringst du sie?
    Nein, nein, Melanie, du bist zu rasch. Aber ich habe mir einen Plan
ausgedacht. Und wenn er glckt, so la ich wieder von mir hren. Und ich komm
entweder, oder ich schreibe, oder Jacobine schreibt. Denn Jacobine mu uns dabei
helfen. Und nun Gott befohlen, meine liebe, liebe Melanie. La nur die Leute. Du
bist doch ein liebes Kind. Leicht, leicht, aber das Herz sitzt an der richtigen
Stelle. Und nun Gott befohlen, mein Schatz.
    Und sie ging und weigerte sich, das Mntelchen anzuziehn, weil sie gerne
rasch abbrechen wollte. Aber eine Treppe tiefer blieb sie stehn und half sich
mit einiger Mhe selbst in die kleinen rmel hinein.

Melanie war beraus glcklich ber diesen Besuch, zugleich sehnschtig
erwartungsvoll, und mitunter war es ihr, als trte das Kleine, das nebenan in
der Wiege lag, neben dieser Sehnsucht zurck. Gehrte sie doch ganz zu jenen
Naturen, in deren Herzen eines immer den Vorrang behauptet.
    Und so vergingen Wochen, und Ostern war schon nahe heran, als endlich ein
Billet abgegeben wurde, dem sie's ansah, da es ihr gute Botschaft bringe. Es
war von der Schwester, und Jacobine schrieb:
    Meine liebe Melanie! Wir sind allein, und gesegnet seien die
Landesvermessungen! Es sind das, wie Du vielleicht weit, die hohen,
dreibeinigen Gestelle, die man, wenn man mit der Eisenbahn fhrt, berall
deutlich erkennen kann und wo die Mitfahrenden im Coupe jedesmal fragen: Mein
Gott, was ist das? Und es ist auch nicht zu verwundern, denn es sieht eigentlich
aus wie ein Malerstuhl, nur da der Maler sehr gro sein mte. Noch grer und
langbeiniger als Gabler. Und erst in vierzehn Tagen kommt er zurck, worauf ich
mich sehr, sehr freue und eigentlich schon Sehnsucht habe. Denn er hat doch
entschieden das, was uns Frauen gefllt. Und frher hat er Dir auch gefallen, ja
Herz, das kannst Du nicht leugnen, und ich war mitunter eiferschtig, weil Du
klger bist als ich, und das haben sie gern. Aber weshalb ich eigentlich
schreibe! Riekchen war hier und hat es mir ans Herz gelegt, und so denk ich, wir
sumen keinen Augenblick lnger, und Du kommst morgen um die Mittagsstunde. Da
werden sie hier sein und Riekchen auch. Aber wir haben nichts gesagt, und sie
sollen berrascht werden. Und ich bin glcklich, meine Hand zu so was Rhrendem
bieten zu knnen. Denn ich denke mir, Mutterliebe bleibt doch das Schnste...
Ach, meine liebe Melanie...! Aber ich schweige, Gryczinskis drittes Wort ist ja,
da es im Leben darauf ankomme, seine Gefhle zu beherrschen... Ich wei doch
nicht, ob er recht hat. Und nun lebe wohl. Immer Deine
                                                                       J. v. G.

Melanie war nach Empfang dieser Zeilen in einer Aufregung, die sie weder
verbergen konnte noch wollte. So fand sie Rubehn und geriet in wirkliche Sorge,
weil er aus Erfahrung wute, da solchen berreizungen immer ein Rckschlag und
solchen hochgespannten Erwartungen immer eine Enttuschung zu folgen pflegt. Er
suchte sie zu zerstreuen und abzuziehen und war endlich froh, als der andere
Morgen da war.
    Es war ein klarer Tag und eine milde Luft, und nur ein paar weie Wlkchen
schwammen oben im Blau. Melanie verlie das Haus noch vor der verabredeten
Stunde, um ihren Weg nach der Alsenstrae hin anzutreten. Ach, wie wohl ihr
diese Luft tat! Und sie blieb fters stehen, um sie begierig einzusaugen und
sich an den stillen Bildern erwachenden Lebens und einer hier und da schon
knospenden Natur zu freuen. Alle Hecken zeigten einen grnen Saum, und an den
geharkten Stellen, wo man das abgefallene Laub an die Seite gekehrt hatte,
keimten bereits die grnen Blttchen des Gundermann, und einmal war es ihr, als
sch eine Schwalbe mit schrillem, aber heiterem Ton an ihr vorber. Und so
passierte sie den Tiergarten in seiner ganzen Breite, bis sie zuletzt den
kleinen, der Alsenstrae unmittelbar vorgelegenen Platz erreicht hatte, den sie
den Kleinen Knigsplatz nennen. Hier setzte sie sich auf eine Bank und
fchelte sich mit ihrem Tuch und hrte deutlich, wie ihr das Herz schlug.
    In welche Wirrnis geraten wir, sowie wir die Strae des Hergebrachten
verlassen und abweichen von Regel und Gesetz. Es nutzt uns nichts, da wir uns
selber freisprechen. Die Welt ist doch strker als wir und besiegt uns
schlielich in unserem eigenen Herzen. Ich glaubte recht zu tun, als ich ohne
Blick und Abschied von meinen Kindern ging, ich wollte kein Rhrspiel; entweder
- oder, dacht ich. Und ich glaub auch noch, da ich recht gedacht habe. Aber was
hilft es mir? Was ist das Ende? Eine Mutter, die sich vor ihren Kindern
frchtet.
    Dies Wort richtete sie wieder auf. Ein trotziger Stolz, der neben aller
Weichheit in ihrer Natur lag, regte sich wieder, und sie ging rasch auf das
Gryczinskische Haus zu.
    Die Portiersleute, Mann und Frau und zwei halberwachsene Tchter, muten
schon auf dem Hintertreppenwege von dem bevorstehenden Ereignisse gehrt haben,
denn sie hatten sich in die halbgeffnete Souterraintr postiert und guckten
einander ber die Kpfe fort. Melanie sah es und sagte vor sich hin: A
nine-days-wonder! Ich bin eine Sehenswrdigkeit geworden. Es war mir immer das
Schrecklichste.
    Und nun stieg sie hinauf und klingelte. Riekchen war schon da, die
Schwestern kten sich und sagten sich Freundlichkeiten ber ihr gegenseitiges
Aussehen. Und alles verriet Aufregung und Freude.
    Das Wohn- und Empfangzimmer, in das man jetzt eintrat, war ein groer und
luftiger, aber im Verhltnis zu seiner Tiefe nur schmaler Raum, dessen zwei
groe Fenster (ohne Pfeiler dazwischen) einen nischenartigen Ausbau bildeten.
Etwas Feierliches herrschte vor, und die roten, von beiden Seiten her halb
zugezogenen Gardinen gaben ein gedmpftes, wundervolles Licht, das auf den
weien Tapeten reflektierte. Nach hinten zu, der Fensternische gegenber,
bemerkte man eine hohe Tr, die nach dem dahintergelegenen Ezimmer fhrte.
    Melanie nahm auf einem kleinen Sofa neben dem Fenster Platz, die beiden
anderen Damen mit ihr, und Jacobine versuchte nach ihrer Art eine Plauderei.
Denn sie war ohne jede tiefere Bewegung und betrachtete das Ganze vom Standpunkt
einer dramatischen Matinee. Riekchen aber, die wohl wahrnahm, da die Blicke
Melanies immer nur nach der einen Stelle hin gerichtet waren, unterbrach endlich
das Gesprch und sagte: La, Binchen. Ich werde sie nun holen.
    Eine peinliche Stille trat ein, Jacobine wute nichts mehr zu sagen und war
herzlich froh, als eben jetzt vom Platze her die Musik eines vorberziehenden
Garderegiments hrbar wurde. Sie stand auf, stellte sich zwischen die Gardinen
und sah nach rechts hinaus... Es sind die Ulanen, sagte sie. Willst du nicht
auch... Aber ehe sie noch ihren Satz beenden konnte, ging die groe Flgeltr
auf, und Riekchen, mit den beiden Kindern an der Hand, trat ein.
    Die Musik drauen verklang.
    Melanie hatte sich rasch erhoben und war den verwundert und beinah
erschrocken dastehenden Kindern entgegengegangen. Als sie aber sah, da Lydia
einen Schritt zurcktrat, blieb auch sie stehen, und ein Gefhl ungeheurer Angst
berkam sie. Nur mit Mhe brachte sie die Worte heraus: Heth, mein ser,
kleiner Liebling... Komm... Kennst du deine Mutter nicht mehr?
    Und ihre ganze Kraft zusammennehmend, hatte sie sich bis dicht an die Tre
vorbewegt und bckte sich, um Heth mit beiden Hnden in die Hhe zu heben. Aber
Lydia warf ihr einen Blick bitteren Hasses zu, ri das Kind am Achselbande
zurck und sagte: Wir haben keine Mutter mehr.
    Und dabei zog und zwang sie die halb widerstrebende Kleine mit sich fort und
zu der halb offengebliebenen Tr hinaus.
    Melanie war ohnmchtig zusammengesunken.
    Eine halbe Stunde spter hatte sie sich so weit wieder erholt, da sie
zurckfahren konnte. Jede Begleitung war von ihr abgelehnt worden. Riekchens
Weisheiten und Jacobinens Albernheiten muten ihr in ihrer Stimmung gleich
unertrglich erscheinen.
    Als sie fort war, sagte Jacobine zu Riekchen: Es hat doch einen rechten
Eindruck auf mich gemacht. Und Gryczinski darf gar nichts davon erfahren. Er ist
ohnehin gegen Kinder. Und er wrde mir doch nur sagen: Da siehst du, was dabei
herauskommt. Undank und Unnatur.

                           Einundzwanzigstes Kapitel



                              In der Nikolaikirche

Es schlug zwei von dem kleinen Hoftrmchen des Nachbarhauses, als Melanie wieder
in ihre Wohnung eintrat. Das Herz war ihr zum Zerspringen, und sie sehnte sich
nach Aussprache. Dann, das wute sie, kamen ihr die Trnen und in den Trnen
Trost.
    Aber Rubehn blieb heute lnger aus als gewhnlich, und zu den anderen
ngsten ihres Herzens gesellte sich auch noch das Bangen und Sorgen um den
geliebten Mann. Endlich kam er; es war schon Sptnachmittag, und die drben
hinter dem kahlen Gezweig niedersteigende Sonne warf eine Flle greller Lichter
durch die kleinen Mansardenfenster. Aber es war kalt und unheimlich, und Melanie
sagte, whrend sie dem Eintretenden entgegenging: Du bringst soviel Klte mit,
Ruben. Ach, und ich sehne mich nach Licht und Wrme.
    Wie du nur bist, entgegnete Rubehn in sichtlicher Zerstreutheit, whrend
er doch seine gewhnliche Heiterkeit zu zeigen trachtete. Wie du nur bist! Ich
sehe nichts als Licht, ein wahrer embarras de richesse, auf jedem Sofakissen und
jeder Stuhllehne, und das Ofenblech flimmert und schimmert, als ob es Goldblech
wre. Und du sehnst dich nach Licht! Ich bitte dich, mich blendet's, und ich
wollt, es wre weniger oder wre fort.
    Du wirst nicht lange darauf zu warten haben.
    Er war im Zimmer auf und ab gegangen. Jetzt blieb er stehen und sagte
teilnehmend: Ich vergesse, nach der Hauptsache zu fragen. Verzeihe. Du warst
bei Jacobine. Wie lief es ab? Ich frchte, nicht gut. Ich lese so was aus deinen
Augen. Und ich hatt auch eine Ahnung davon, gleich heute frh, als ich in die
Stadt fuhr. Es war kein glcklicher Tag.
    Auch fr dich nicht?
    Nicht der Rede wert. A shadow of a shadow.
    Er hatte sich in den zunchststehenden Fauteuil niedergelassen und griff
mechanisch nach einem Album, das auf dem Sofatische lag. Seiner oft
ausgesprochenen Ansicht nach war dies die niedrigste Form aller geistigen
Beschftigung, und so durft es nicht berraschen, da er whrend des Bltterns
ber das Buch fortsah und wiederholentlich fragte: Wie war es? Ich bin
begierig, zu hren.
    Aber sie konnte nur zu gut erkennen, da er nicht begierig war, zu hren,
und sosehr es sie nach Aussprache verlangt hatte, so schwer wurd es ihr jetzt,
ein Wort zu sagen, und sie verwirrte sich mehr als einmal, als sie, um ihm zu
willfahren, von der tiefen Demtigung erzhlte, die sie von ihrem eigenen Kinde
hatte hinnehmen mssen.
    Rubehn war aufgestanden und versuchte sie durch ein paar hingeworfene Worte
zu beruhigen, aber es war nicht anders, wie wenn einer einen Spruch herbetet.
    Und das ist alles, was du mir zu sagen hast? fragte sie. Ruben, mein
Einziger, soll ich auch dich verlieren?! Und sie stellte sich vor ihn hin und
sah ihn starr an.
    Oh, sprich nicht so. Verlieren! Wir knnen uns nicht verlieren. Nicht wahr,
Melanie, wir knnen uns nicht verlieren? Und hierbei wurde seine Stimme
momentan inniger und weicher. Und was die Kinder angeht, fuhr er nach einer
Weile fort, nun, die Kinder sind eben Kinder. Und eh sie gro sind, ist viel
Wasser den Rhein hinuntergelaufen. Und dann darfst du nicht vergessen, es waren
nicht gerade die glnzendsten metteurs en scne, die es in die Hand nahmen.
Unser Riekchen ist lieb und gut, und du hast sie gern, zu gern vielleicht; aber
auch du wirst nicht behaupten wollen, da die Stiftsanwrterin auf Kloster
Himmelpfort an die Pforten ewiger Weisheit geklopft habe. Jedenfalls ist ihr
nicht aufgemacht worden. Und Jacobine! Pardon, sie hat etwas von einer
Prinzessin, aber von einer, die die Lmmer htet.
    Ach, Ruben, sagte Melanie, du sagst so vieles durcheinander. Aber das
rechte Wort sagst du nicht. Du sagst nichts, was mich aufrichten, mich vor mir
selbst wiederherstellen knnte. Mein eigen Kind hat mir den Rcken gekehrt. Und
da es noch ein Kind ist, das gerade ist das Vernichtende. Das richtet mich.
    Er schttelte den Kopf und sagte: Du nimmst es zu schwer. Und glaubst du
denn, da Mtter und Vter auerhalb aller Kritik stehen?
    Wenigstens auerhalb der ihrer Kinder.
    Auch der nicht. Im Gegenteil, die Kinder sitzen berall zu Gericht, still
und unerbittlich. Und Lydia war immer ein kleiner Groinquisitor, wenigstens
genferischen Schlages, und an ihr lt sich die Rckschlagstheorie studieren.
Ihr Urahne mu mitgestimmt haben, als man Servet verbrannte. Mich htte sie gern
mit auf dem Holzsto gesehen, soviel steht fest. Und nun la uns schweigen
davon. Ich mu noch in die Stadt.
    Ich bitte dich, was ist? Was gibt's?
    Eine Konferenz. Und es wird sich nicht vermeiden lassen, da wir nach ihrem
Abschlu zusammenbleiben. ngstige dich nicht, und vor allem, erwarte mich
nicht. Ich hasse junge Frauen, die bestndig am Fenster passen, ob er noch nicht
kommt, und mit dem Wchter unten auf du und du stehen, nur, um immer eine
Heil-Ablieferungs-Garantie zu haben. Ich perhorresziere das. Und das beste wird
sein, du gehst frh zu Bett und schlfst es aus. Und wenn wir uns morgen frh
wiedersehen, wirst du mir vielleicht zustimmen, da Lydia Bescheidenheit lernen
mu und da zehnjhrige dumme Dinger, Frulein Liddi mit eingeschlossen, nicht
dazu da sind, sich zu Sittenrichterinnen ihrer eigenen Frau Mama aufzuwerfen.
    Ach, Ruben, das sagst du nur so. Du fhlst es anders und bist zu klug und
zu gerecht, als da du nicht wissen solltest, das Kind hat recht.
    Es mag recht haben. Aber ich auch. Und jedenfalls gibt es Ernsteres als
das. Und nun Gott befohlen.
    Und er nahm seinen Hut und ging.
    Melanie wachte noch, als Rubehn wieder nach Hause kam. Aber erst am andern
Morgen fragte sie nach der Konferenz und bemhte sich, darber zu scherzen. Er
seinerseits antwortete in gleichem Ton und war wie gestern ersichtlich bemht,
mit Hilfe lebhaften Sprechens einen Schirm aufzurichten, hinter dem er, was
eigentlich in ihm vorging, verbergen konnte.
    So vergingen Tage. Seine Lebhaftigkeit wuchs, aber mit ihr auch seine
Zerstreutheit, und es kam vor, da er mehrere Male dasselbe fragte. Melanie
schttelte den Kopf und sagte: Ich bitte dich, Ruben, wo bist du? sprich. Aber
er versicherte nur, es sei nichts, und sie forsche, wo nichts zu forschen sei.
Zerstreutheit wre ein Erbstck in der Familie, kein gutes, aber es sei einmal
da, und sie msse sich damit einleben und daran gewhnen. Und dann ging er, und
sie fhlte sich freier, wenn er ging. Denn das rechte Wort wurde nicht
gesprochen, und er, der die Last ihrer Einsamkeit verringern sollte, verdoppelte
sie nur durch seine Gegenwart.
    Und nun war Ostern. Anastasia sprach am Ostersonntag auf eine halbe Stunde
vor, aber Melanie war froh, als das Gesprch ein Ende nahm und die mehr und mehr
unbequem werdende Freundin wieder ging. Und so kam auch der zweite Festtag,
unfestlich und unfreundlich wie der erste, und als Rubehn ber Mittag erklrte,
da er abermals eine Verabredung habe, konnte sie's in ihrer Herzensangst
nicht lnger ertragen, und sie beschlo, in die Kirche zu gehn und eine Predigt
zu hren. Aber wohin? Sie kannte Prediger nur von Taufen und Hochzeiten her, wo
sie, neben frommen und nichtfrommen, manch liebes Mal bei Tisch gesessen und
beim Nachhausekommen immer versichert hatte: Geht mir doch mit eurem
Pfaffenha. Ich habe mich mein Lebtag nicht so gut unterhalten wie heute mit
Pastor Kpsel. Ist das ein reizender alter Herr! Und so humoristisch und beinahe
witzig. Und schenkt einem immer ein und stt an und trinkt selber mit und sagt
einem verbindliche Sachen. Ich begreif euch nicht. Er ist doch interessanter als
Reiff oder gar Duquede.
    Aber nun eine Predigt! Es war seit ihrem Einsegnungstage, da sie keine mehr
gehrt hatte.
    Endlich entsann sie sich, da ihr Christel von Abendgottesdiensten erzhlt
hatte. Wo doch? In der Nikolaikirche. Richtig. Es war weit, aber desto besser.
Sie hatte soviel Zeit brig, und die Bewegung in der frischen Luft war seit
Wochen ihr einziges Labsal. So machte sie sich auf den Weg, und als sie die
Groe Petristrae passierte, sah sie zu den erleuchteten Fenstern des ersten
Stockes auf. Aber ihre Fenster waren dunkel und auch keine Blumen davor. Und sie
ging rascher und sah sich um, als verfolge sie wer, und bog endlich in den
Nikolaikirchhof ein.
    Und nun in die Kirche selbst.
    Ein paar Lichter brannten im Mittelschiff, aber Melanie ging an der
Schattenseite der Pfeiler hin, bis sie der alten, reichgeschmckten Kanzel gerad
gegenber war. Hier waren Bnke gestellt, nur drei oder vier, und auf den Bnken
saen Waisenhauskinder, lauter Mdchen in blauen Kleidern und weien
Brusttchern, und dazwischen alte Frauen, das graue Haar unter einer schwarzen
Kopfbinde versteckt, und die meisten einen Stock in Hnden oder eine Krcke
neben sich.
    Melanie setzte sich auf die letzte Bank und sah, wie die kleinen Mdchen
kicherten und sich anstieen und immer nach ihr hinsahen und nicht begreifen
konnten, da eine so feine Dame zu solchem Gottesdienste kme. Denn es war ein
Armengottesdienst, und deshalb brannten auch die Lichter so sprlich. Und nun
schwieg Lied und Orgel, und ein kleiner Mann erschien auf der Kanzel, dessen sie
sich, von ein paar groen und berschwenglichen Bourgeoisbegrbnissen her, sehr
wohl entsann und von dem sie mehr als einmal in ihrer bermtigen Laune
versichert hatte, er sprche schon vorweg im Grabstein-Stil. Nur nicht so
kurz. Aber heute sprach er kurz und pries auch keinen, am wenigsten
berschwenglich, und war nur md und angegriffen, denn es war der zweite
Feiertagabend. Und so kam es, da sie nichts Rechtes fr ihr Herz finden konnte,
bis es zuletzt hie: Und nun, andchtige Gemeinde, wollen wir den vorletzten
Vers unsres Osterliedes singen. Und in demselben Augenblicke summte wieder die
Orgel und zitterte, wie wenn sie sich erst ein Herz fassen oder einen Anlauf
nehmen msse, und als es endlich voll und mchtig an dem hohen Gewlbe hinklang
und die Spittelfrauen mit ihren zittrigen Stimmen einfielen, rckten zwei von
den kleinen Mdchen halb schchtern an Melanie heran und gaben ihr ihr
Gesangbuch und zeigten auf die Stelle. Und sie sang mit:

Du lebst, du bist in Nacht mein Licht,
Mein Trost in Not und Plagen,
Du weit, was alles mir gebricht,
Du wirst mir's nicht versagen.

Und bei der letzten Zeile reichte sie den Kindern das Buch zurck und dankte
freundlich und wandte sich ab, um ihre Bewegung zu verbergen. Dann aber murmelte
sie Worte, die ein Gebet vorstellen sollten und es vor dem Ohre dessen, der die
Regungen unseres Herzens hrt, auch wohl waren, und verlie die Kirche so still
und seitab, wie sie gekommen war.
    In ihre Wohnung zurckgekehrt, fand sie Rubehn an seinem Arbeitstische vor.
Er las einen Brief, den er, als sie eintrat, beiseite schob. Und er ging ihr
entgegen und nahm ihre Hand und fhrte sie nach ihrem Sofaplatz.
    Du warst fort? sagte er, whrend er sich wieder setzte.
    Ja, Freund. In der Stadt... In der Kirche.
    In der Kirche! Was hast du da gesucht?
    Trost.
    Er schwieg und seufzte schwer. Und sie sah nun, da der Augenblick da war,
wo sich's entscheiden msse. Und sie sprang auf und lief auf ihn zu und warf
sich vor ihm nieder und legte beide Arme auf seine Knie: Sage mir, was es ist!
Habe Mitleid mit mir, mit meinem armen Herzen. Sieh, die Menschen haben mich
aufgegeben, und meine Kinder haben sich von mir abgewandt. Ach, so schwer es
war, ich htt es tragen knnen. Aber da du dich abwendest von mir, das trag ich
nicht.
    Ich wende mich nicht ab von dir.
    Nicht mit deinem Auge, wiewohl es mich nicht mehr sieht, aber mit deinem
Herzen. Sprich, mein Einziger, was ist es? Es ist nicht Eifersucht, was mich
qult. Ich knnte keine Stunde leben mehr, wr es das. Aber ein anderes ist es,
was mich ngstigt, ein anderes, nicht viel Besseres: ich habe deine Liebe nicht
mehr. Das ist mir klar, und unklar ist mir nur das eine, wodurch ich sie
verscherzt. Ist es der Bann, unter dem ich lebe und den du mit zu tragen hast?
Oder ist es, da ich sowenig Licht und Sonnenschein in dein Leben gebracht und
unsre Einsamkeit auch noch in Betrbsamkeit verwandelt habe? Oder ist es, da du
mir mitraust? Ist es der Gedanke an das alte Heute dir und morgen mir. O
sprich. Ich will dich nicht leiden sehen. Ich werde weniger unglcklich sein,
wenn ich dich glcklich wei. Auch getrennt von dir. Ich will gehen, jede
Stunde. Verlang es, und ich tu es. Aber reie mich aus dieser Ungewiheit. Sage
mir, was es ist, was dich drckt, was dir das Leben vergllt und verbittert.
Sage mir's. Sprich.
    Er fuhr sich ber Stirn und Auge, dann nahm er den beiseite geschobenen
Brief und sagte: Lies.
    Melanie faltete das Blatt auseinander. Es waren Zeilen vom alten Rubehn,
dessen Handschrift sie sehr wohl kannte. Und nun las sie: Frankfurt,
Ostersonntag. Ausgleich gescheitert. Arrangiere, was sich arrangieren lt. In
sptestens acht Tagen mu ich unsere Zahlungseinstellung aussprechen. M. R...
    In Rubehns Mienen lie sich, als sie las, erkennen, da er einer neuen
Erschtterung gewrtig war. Aber wie sehr hatte er sie verkannt, sie, die viel,
viel mehr war als ein blo verwhnter Liebling der Gesellschaft, und eh ihm noch
Zeit blieb, ber seinen Irrtum nachzudenken, hatte sie sich schon in einem
wahren Freudenjubel erhoben und ihn umarmt und gekt und wieder umarmt.
    Oh, nur das...! Oh, nun wird alles wieder gut... Und was eurem Hause
Unglck bedeutet, mir bedeutet es Glck, und nun wei ich es, es kommt alles
wieder in Schick und Richtung, weit ber all mein Hoffen und Erwarten hinaus...
Als ich damals ging und das letzte Gesprch mit ihm hatte, sieh, da sprach ich
von den Menschlichen unter den Menschen. Und es ist mir, als wr es gestern
gewesen. Und auf diese Menschlichen baut ich meine Zukunft und rechnete darauf,
da sie's vershnen wrde: ich liebte dich! Aber es war ein Fehler, und auch die
Menschlichen haben mich im Stich gelassen. Und jetzt mu ich sagen, sie hatten
recht. Denn die Liebe tut es nicht, und die Treue tut es auch nicht. Ich meine
die Werkeltagstreue, die nichts Besseres kann, als sich vor Untreue bewahren. Es
ist eben nicht viel, treu zu sein, wo man liebt und wo die Sonne scheint und das
Leben bequem geht und kein Opfer fordert. Nein, nein, die bloe Treue tut es
nicht. Aber die bewhrte Treue, die tut es. Und nun kann ich mich bewhren und
will es und werd es, und nun kommt meine Zeit. Ich will nun zeigen, was ich
kann, und will zeigen, da alles Geschehene nur geschah, weil es geschehen
mute, weil ich dich liebte, nicht aber, weil ich leicht und bermtig in den
Tag hinein lebte und nur darauf aus war, ein bequemes Leben in einem noch
bequemeren fortzusetzen.
    Er sah sie glcklich an, und der Ausdruck des Selbstsuchtslosen in Wort und
Miene ri ihn aus der tiefen Niedergedrcktheit seiner Seele heraus. Er hoffte
nun selber wieder, aber Bangen und Zweifel liefen nebenher, und er sagte bewegt:
Ach, meine liebe Melanie, du warst immer ein Kind, und du bist es auch in
diesem Augenblicke noch. Ein verwhntes und ein gutes, aber doch ein Kind. Sieh,
von deinem ersten Atemzuge an hast du keine Not gekannt, ach, was sprech ich von
Not, nie, solange du lebst, ist dir ein Wunsch unerfllt geblieben. Und du hast
gelebt wie im Mrchen von Tischlein, decke dich, und das Tischlein hat sich dir
gedeckt, mit allem, was du wolltest, mit allem, was das Leben hat, auch mit
Schmeicheleien und Liebkosungen. Und du bist geliebkost worden wie ein
King-Charles-Hndchen mit einem blauen Band und einem Glckchen daran. Und
alles, was du getan hast, das hast du spielend getan. Ja, Melanie, spielend. Und
nun willst du auch spielend entbehren lernen und denkst: es findet sich. Oder
denkst auch wohl, es sei hbsch und apart, und schwrmst fr die Poetenhtte,
die Raum hat fr ein glcklich liebend Paar, oder wenigstens haben soll. Ach, es
liest sich erbaulich von dem blankgescheuerten Etisch und dem Maienbusch in
jeder Ecke und von dem Zeisig, der sich das Futternpfchen selber heranzieht.
Und es ist schon richtig: die gemalte Drftigkeit sieht geradesogut aus wie der
gemalte Reichtum. Aber wenn es aufhrt Bild und Vorstellung zu sein und wenn es
Wirklichkeit und Regel wird, dann ist Armut ein bitteres Brot und Mu eine harte
Nu.
    Es war umsonst. Sie schttelte nur den Kopf, immer wieder, und sagte dann in
jener einschmeichelnden Weise, der so schwer zu widerstehen war: Nein, nein, du
hast unrecht. Und es liegt alles anders, ganz anders. Ich hab einmal in einem
Buche gelesen, und nicht in einem schlechten Buche, die Kinder, die Narren und
die Poeten, die htten immer recht. Vielleicht berhaupt, aber von ihrem
Standpunkt aus ganz gewi. Und ich bin eigentlich alles drei's, und daraus magst
du schlieen, wie sehr ich recht habe. Dreifach recht. Ich will spielend
entbehren lernen, sagst du. Ja, Lieber, das will ich, das ist es, um was es sich
handelt. Und du glaubst einfach, ich knn es nicht. Ich kann es aber, ich kann
es ganz gewi, so gewi ich diesen Finger aufhebe, und ich will dir auch sagen,
warum ich es kann. Den einen Grund hast du schon erraten: weil ich es mir so
romantisch denke, so hbsch und apart. Gut, gut. Aber du httest auch sagen
knnen, weil ich andere Vorstellungen von Glck habe. Mir ist das Glck etwas
anderes als ein Titel oder eine Kleiderpuppe. Hier ist es, oder nirgends. Und so
dacht ich und fhlt ich immer, und so war ich immer, und so bin ich noch. Aber
wenn es auch anders mit mir stnde, wenn ich auch an dem Flitter des Daseins
hinge, so wrd ich doch die Kraft haben, ihm zu entsagen. Ein Gefhl ist immer
das herrschende, und seiner Liebe zuliebe kann man alles, alles. Wir Frauen
wenigstens. Und ich gewi. Ich habe so vieles freudig hingeopfert, und ich
sollte nicht einen Teppich opfern knnen! Oder einen Vertiko! Ach, einen
Vertiko! und sie lachte herzlich. Entsinnst du dich noch, als du sagtest:
Alles sei jetzt Enqute. Das war damals. Aber die Welt ist inzwischen
fortgeschritten, und jetzt ist alles Vertiko!
    Er war nicht berzeugt, seine praktisch-patrizische Natur glaubte nicht an
die Dauer solcher Erregungen, aber er sagte doch: Es sei. Versuchen wir's. Also
ein neues Leben, Melanie!
    Ein neues Leben! Und das erste ist, wir geben diese Wohnung auf und suchen
uns eine bescheidenere Stelle. Mansarde klingt freilich anspruchslos genug, aber
dieser Trumeau und diese Bronzen sind um so anspruchsvoller. Ich habe nichts
gelernt, und das ist gut, denn wie die meisten, die nichts gelernt haben, wei
ich allerlei. Und mit Toussaint L'Ouverture fangen wir an, nein, nein, mit
Toussaint-Langenscheidt, und in acht Tagen oder doch sptestens in vier Wochen
geb ich meine erste Stunde. Wozu bin ich eine Genferin! Und nun sage: Willst du?
Glaubst du?
    Ja.
    Topp.
    Und sie schlug in seine Hand und zog ihn unter Lachen und Scherzen in das
Nebenzimmer, wo das Vrenel in Abwesenheit des Dieners eben den Teetisch
arrangiert hatte.
    Und sie hatten an diesem Unglckstage wieder einen ersten glcklichen Tag.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel



                                    Vershnt

Und Melanie nahm es ernst mit jedem Worte, das sie gesagt hatte. Sie hatte dabei
ganz ihre Frische wieder, und eh ein Monat um war, war die modern und elegant
eingerichtete Wohnung gegen eine schlichtere vertauscht, und das Stundengeben
hatte begonnen. Ihre Kenntnis des Franzsischen und beinahe mehr noch ihr
glnzendes musikalisches, auch nach der technischen Seite hin vollkommen
ausgebildetes Talent hatten es ihr leicht gemacht, eine Stellung zu gewinnen,
und zwar in ein paar groen schlesischen Husern, die gerade vornehm genug
waren, den Tagesklatsch ignorieren zu knnen.
    Und bald sollte es sich herausstellen, wie ntig diese raschen und resoluten
Schritte gewesen waren, denn der Zusammensturz erfolgte jher als erwartet, und
jede Form der Einschrnkung erwies sich als geboten, wenn nicht mit der
finanziellen Reputation des groen Hauses auch die brgerliche verlorengehen
sollte. Jede neue Nachricht, von Frankfurt her, besttigte dies, und Rubehn, der
anfangs nur allzu geneigt gewesen war, den Eifer Melanies fr eine bloe
Opfer-Caprice zu nehmen, sah sich alsbald gezwungen, ihrem Beispiele zu folgen.
Er trat als amerikanischer Korrespondent in ein Bankhaus ein, zunchst mit nur
geringem Gehalt, und war berrascht und glcklich zugleich, die berhmte
Poetenweisheit von der kleinsten Htte schlielich an sich selber in Erfllung
gehn zu sehn.
    Und nun folgten idyllische Wochen, und jeden neuen Morgen, wenn sie von der
Wilmersdorfer Feldmark her am Rande des Tiergartens hin ihren Weg nahmen und an
ihrer alten Wohnung vorberkamen, sahen sie zu der eleganten Mansarde hinauf und
atmeten freier, wenn sie der zurckliegenden schweren und sorgenreichen Tage
gedachten. Und dann bogen sie plaudernd in die schmalen, schattigen Gnge des
Parkes ein, bis sie zuletzt unter der schrgliegenden Hngeweide fort, die
zwischen dem Knigsdenkmal und der Louiseninsel steht und hier beinahe den Weg
sperrt, in die breite Tiergartenstrae wieder einmndeten. Den schrgliegenden
Baum aber nannten sie scherzhaft ihren Zoll- und Schlagbaum, weil sich dicht
hinter demselben ein Leiermann postiert hatte, dem sie Tag um Tag ihren Wegezoll
entrichten muten. Er kannte sie schon, und whrend er die groe Mehrheit, als
wren es Steuerdefraudanten, mit einem zornig-verchtlichen Blicke verfolgte,
zog er vor unsrem jungen Paare regelmig seine Militrmtze. Ganz aber konnt er
sich auch ihnen gegenber nicht zwingen und verleugnen, und als sie den schon
Pflicht gewordenen Zoll eines Tages vergessen oder vielleicht auch absichtlich
nicht entrichtet hatten, hrten sie, da er die Kurbel in Wut und Heftigkeit
noch dreimal drehte und dann so jh und pltzlich abbrach, da ihnen ein paar
unfertige Tne wie Knurr- und Scheltworte nachklangen. Melanie sagte: Wir
drfen es mit niemand verderben, Ruben; Freundschaft ist heuer rar. Und sie
wandte sich wieder um und ging auf den Alten zu und gab ihm. Aber er dankte
nicht, weil er noch immer in halber Emprung war.
    Und so verging der Sommer, und der Herbst kam, und als das Laub sich zu
frben und an den Ahorn-und Platanenbumen auch schon abzufallen begann, da
hatte sich bei denen, die Tag um Tag unter diesen Bumen hinschritten, manches
gendert, und zwar zum Guten gendert. Wohl hie es auch jetzt noch, wenn sie
den alten Invaliden unter ihrerseits devotem Grue passierten, da sie der
neuen Freundschaften noch nicht sicher genug seien, um die bewhrten alten
aufgeben zu knnen, aber diese neuen Freundschaften waren doch wenigstens in
ihren Anfngen da. Man kmmerte sich wieder um sie, lie sie gesellschaftlich
wieder aufleben, und selbst solche, die bei dem Zusammenbrechen der Rubehnschen
Finanzherrlichkeit nur Schadenfreude gehabt und je nach ihrer klassischen oder
christlichen Bildung und Beanlagung von Nemesis oder Finger Gottes
gesprochen hatten, bequemten sich jetzt, sich mit dem hbschen Paare zu
vershnen, das so glcklich und so gescheit sei und nie klage und sich so
liebe. Ja, sich so liebe. Das war es, was doch schlielich den Ausschlag gab,
und wenn vorher ihre Neigung nur Neid und Zweifel geweckt hatte, so schlug jetzt
die Stimmung in ihr Gegenteil um. Und nicht zu verwundern! War es doch ein und
dasselbe Gefhl, was bei Verurteilung und Begnadigung zu Gerichte sa, und wenn
es anfangs eine sensationelle Befriedigung gewhrt hatte, sich in Indignation zu
strzen, so war es jetzt eine kaum geringere Freude, von den Insparables
sprechen und ber ihre treue Liebe sentimentalisieren zu knnen. Eine kleine
Zahl Esoterischer aber fhrte den ganzen Fall auf die Wahlverwandtschaften
zurck und stellte wissenschaftlich fest, da einfach seitens des strkeren und
deshalb berechtigteren Elements das schwchere verdrngt worden sei. Das
Naturgesetzliche habe wieder mal gesiegt. Und hiermit sah sich denn auch der
einen Winter lang auf den Schild gehobene van der Straaten abgefunden und teilte
das Schicksal aller Saisonlieblinge, noch schneller vergessen als erhoben zu
werden. Ja, der Spott und die Bosheit begannen jetzt ihre Pfeile gegen ihn zu
richten, und wenn des Falles ausnahmsweise noch gedacht wurde, so hie es: Er
hat es nicht anders gewollt. Wie kam er nur dazu? Sie war siebzehn! Allerdings,
er soll einmal ein Lion gewesen sein. Nun gut. Aber wenn dem Lwen zu wohl
wird... Und dann lachten sie und freuten sich, da es so gekommen, wie es
gekommen.
    Ob van der Straaten von diesen und hnlichen uerungen hrte? Vielleicht.
Aber es bedeutete ihm nichts. Er hatte sich selbst zu skeptisch und unerbittlich
durchforscht, als da er ber die Wandlungen in dem Geschmacke der Gesellschaft,
ber ihr Gtzen-Schaffen und Gtzen-Strzen auch nur einen Augenblick erstaunt
gewesen wre. Und so durfte denn von ihm gesagt werden, er hrte, was man
sprach, auch wenn er es nicht hrte. Weg ber das Urteil der Menschen, galt ihm
nur eines ebensowenig oder noch weniger: ihr Mitleid. Er war immer eine
selbstndige Natur gewesen, frei und fest, und so war er geblieben. Und auch
derselbe geblieben in seiner Nachsicht und Milde.
    Und der Tag kam, wo sich's zeigen und auch Melanie davon erfahren sollte.
    Es war schon ausgangs Oktober, und nur wenig gelbes und rotes Laub hing noch
an den halb kahl gewordenen Bumen. Das meiste lag abgeweht in den Gngen und
wurde, wo's trocken war, zusammengeharkt, denn seit gestern hatte sich das
Wetter wieder gendert, und nach langen Sturm- und Regentagen schien eine
wundervolle Herbstessonne. Vielleicht die letzte dieses Jahres.
    Und auch Aninettchen wurde hinausgeschickt und blieb heute lnger fort als
erwartet, bis endlich um die vierte Stunde die Magd in groer Aufregung heimkam
und in ihrem schweren Schweizerdeutsch ber ein eben gehabtes Erlebnis
berichtete: Sie hab auf der Bank g'sesse, wo die vier Lwe das Brckle halte,
und htt ebe g'sagt: Sieh, Aninettle, des isch der alt Weibersommer, der will di
einspinne, aber der hat di no lang nit, und das Aninettl hab grad g'juchzt un
lacht un na'm Ohrring g'langt, do wre zwei Herre ber die Brck komme, so gute
funfzig, aber schon auf der Wipp, und einer htt g'sagt, e langer Spindelbein:
Schau des Silberkettle; des isch e Schweizerin; un i wett, des isch e Kind vom
Schweizer G'sandte. Aber do hat der andre g'sagt: Nei, des kann nit sein; den
Schweizer G'sandte, den kenn i, un der hat kein Kind un kein Kegel... Un do hat
er z'mir g'sagt: Ah nu, wem g'hrt das Kind? Un da hab i g'sagt: Dem Herr
Rubehn, un's isch e Mdle un heit Aninettl. Un do hab i g'sehn, da er sich
verfrbt hat und hat wegg'schaut. Aber nit lang, da hat er sich wieder umg'wandt
und hat g'sagt: 's isch d' Mutter, und lacht auch so, un hat dieselbe schwarze
Haar. Es isch e schn's Kindle. Findscht nit au? Aber er hat's nit finde wolle
und hat nur g'sagt: bertax' es nit. Es gibt mehr so. Un's ischt e Kind aus 'm
Dutzend. Jo, so hat er g'sagt, der garstige Spindelbein: 's gibt mehr so, un's
ischt e Kind aus 'm Dutzend. Aber der gute Herre, der hat's Ptschle g'nomme un
hat's g'streichelt. Un hat mi g'lobt, de i so brav un g'scheidt sei. Jo, so hat
er g'sagt. Und dann sind sie gange.
    All das hatte seines Eindrucks nicht verfehlt, und Melanie war whrend der
Tage, die folgten, immer wieder auf diese Begegnung zurckgekommen. Immer wieder
und wieder hatte die Vreni jedes Kleinste nennen und beschreiben mssen, und so
war es durch Wochen hin geblieben, bis endlich in den groen und kleinen
Vorbereitungen zum Feste der ganze Vorfall vergessen worden war.
    Und nun war das Fest selber da, der Heilige Abend, zu dem auch diesmal
Rubehns jngerer Bruder und der alte Prokurist, die sich zur Rckkehr nach
Frankfurt nicht hatten entschlieen knnen, geladen waren. Auch Anastasia.
    Melanie, die noch, vor Eintreffen ihres Besuchs, allerlei Wirtschaftliches
anzuordnen hatte, war ganz Aufregung und erschrak ordentlich, als sie gleich
nach Dunkelwerden und lange vor der festgesetzten Stunde die Klingel gehen
hrte. Wenn das schon die Gste wren! Oder auch nur einer von ihnen. Aber ihre
Besorgnis whrte nicht lange, denn sie hrte drauen ein Fragen und
Parlamentieren, und gleich darauf erschien das Vrenel und trug eine mittelgroe
Kiste herein, auf der, ohne weitere Adresse, blo das eine Wort Julklapp zu
lesen war.
    Ist es denn fr uns, Vreni? fragte Melanie.
    I denk schon. I hab ihm g'sagt: 's isch der Herr Rubehn, der hier wohnt. Un
die Frau Rubehn. Un do hat er g'sagt: 's isch schon recht; des isch der Nam'. Un
do hab i's g'nomme.
    Melanie schttelte den Kopf und ging in Rubehns Stube, wo man sich nun
gemeinschaftlich an das ffnen der Kiste machte. Nichts fehlte von den
gewhnlichen Julklappszutaten, und erst als man, unten am Boden, eines groen
Gravensteiner Apfels gewahr wurde, sagte Melanie: Gib acht. Hierin steckt es.
Aber es lie sich nichts erkennen, und schon wollte sie den Gravensteiner, wie
alles andere, beiseite legen, als sich durch eine zufllige Bewegung ihrer Hand
die geschickt zusammengepaten Hlften des Apfels auseinanderschoben. Ah,
voil. Und wirklich, an Stelle des Kernhauses, das herausgeschnitten war, lag
ein in Seidenpapier gewickeltes Pckchen. Sie nahm es, entfernte langsam und
erwartungsvoll eine Hlle nach der andern und hielt zuletzt ein kleines
Medaillon in Hnden, einfach, ohne Prunk und Zierat. Und nun drckte sie's an
der Feder auf und sah ein Bildchen und erkannt es, und es entfiel ihrer Hand. Es
war, en miniature, der Tintoretto, den sie damals so lachend und bermtig
betrachtet und fr dessen Hauptfigur sie nur die Worte gehabt hatte: Sieh,
Ezel, sie hat geweint. Aber ist es nicht, als begriffe sie kaum ihre Schuld?
    Ach, sie fhlte jetzt, da das alles auch fr sie selbst gesprochen war, und
sie nahm das ihrer Hand entfallene Bildchen wieder auf und gab es an Rubehn und
errtete.
    Dieser spielte damit hin und her und sagte dann, whrend er die Feder wieder
zuknipste: King Ezel in all his glories! Immer derselbe. Wohlwollend und
ungeschickt. Ich werd es tragen. Als Uhrgehng, als Berloque.
    Nein, ich. Ach, du weit nicht, wieviel es mir bedeutet. Und es soll mich
erinnern und mahnen... jede Stunde...
    Meinetwegen. Aber nimm es nicht tragischer als ntig und grble nicht
zuviel ber das alte leidige Thema von Schuld und Shne.
    Du bist hochmtig, Ruben.
    Nein.
    Nun gut. Dann bist du stolz.
    Ja, das bin ich, meine se Melanie. Das bin ich. Aber auf was? Auf wen?
    Und sie umarmten sich und kten sich, und eine Stunde spter brannten ihnen
die Weihnachtslichter in einem ungetrbten Glanz.
