
                                 Raabe, Wilhelm

                                  Alte Nester

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                                 Wilhelm Raabe

                                  Alte Nester

                         Zwei Bcher Lebensgeschichten

Ein Freund von mir begleitete einmal Goethen auf einem Spaziergange. Unterwegs
stieen sie auf einen armen Knaben, der am Wege sa, den Kopf in den Hnden und
die Arme auf die Knie sttzend und so ins Blaue hineinstarrend. Junge, was
machst du da? Worauf wartest du? rief Goethes Begleiter. - Worauf sollte er
warten, mein Freund? nahm Goethe das Wort. Er wartet auf menschliche
Schicksale. -

                              O. L. B. Wolff[092]
                  Allgemeine Geschichte des Romans, von dessen
                         Ursprung bis zur neuesten Zeit


                                  Erstes Buch

                                 Erstes Kapitel

Eine Blume, die sich erschliet, macht keinen Lrm dabei; auch das, was man von
der Aloe in dieser Beziehung behauptet, halte ich fr eine Fabel. Auf leisen
Sohlen wandeln die Schnheit, das wahre Glck; und das echte Heldentum.
Unbemerkt kommt alles, was Dauer haben wird in dieser wechselnden lrmvollen
Welt voll falschen Heldentums, falschen Glckes und unechter Schnheit; und es
ist kein eitles, sich berhebendes Wort, was ich hier zu Anfang dieser Bltter
hinsetze; denn es sind die Lebensgeschichten anderer Leute, die ich beschreiben
will, nicht meine eigenen. Das Heldentum und die Schnheit der Rolle, die ich
dabei abspiele, lassen sich wohl halten in der hohlen Hand. Aber eines ist auch
wahr und darf gesagt werden Glck, viel Glck habe ich wohl nicht gehabt, aber
doch dann und wann mein Behagen, meine Belustigung und meine Ergtzlichkeiten;
und das alles ist gleichfalls ganz natrlich und ziemlich unbemerkt gekommen und
gegangen - so da es heute in den gegenwrtigen stillen, nachdenklichen,
berlegenden Stunden nichts Erstaunenswrdigeres fr mich gibt als mein
unleugbar vorhandenes Wohlgefallen nicht nur an der Welt, sondern auch immer
noch an mir.
    Mein erstes Aufblicken in dieser Welt fllt in die Zeit der Grndung des
Deutschen Zollvereins, also in den Anfang der vierziger Jahre dieses Skulums.
Wer eine Ahnung davon hatte, da aus dieser anfangs etwas unbequemen und
vielbestrittenen Institution einmal das einige Deutsche Reich aufwachsen knne,
behielt dieselbe ruhig fr sich, und eine kleine Ausnahme machte da vielleicht
nur ein kleiner Mann im Ministerium der auswrtigen Angelegenheiten in Paris, M.
Louis-Adolphe Thiers genannt. Das deutsche Volk lie sich murrend, wenn auch
nach seiner Art gutwillig die ersten Lebensbedrfnisse und vor allem das Salz
durch den segensreichen politischen Schachzug verteuern.
    Da war nun so ein Sttlein (auf die Landkarte bitte ich dabei nicht zu
sehen), das diesem preuischen Verein beigetreten war, aber seine
Planetenstelle nicht verndern konnte, sondern liegenbleiben mute, wo es lag,
nmlich ganz und gar umgehen von einem anderen Staat, der nicht beigetreten
war, und das junge Reichsvolk von heute hat gottlob keine Idee davon, was das
seinerzeit bedeutete, obgleich es eigentlich noch gar so lange nicht her ist.
Zog der eine deutsche Bruder seinen Grenzkordon, so zog ihn der andere
ebenfalls. Da wir im ganzen das Deutsche Volk und der erlauchte Deutsche Bund
dabei blieben, konnte den Zeitungsleser nur mig erquicken und ihn hchstens
ganz kosmopolitisch in seiner Selbstachtung ber dem Wasser erhalten.
    Die Hauptsache fr mich, auch heute noch, ist, da das, was damals von
zivilversorgungsberechtigten Militrpersonen vorhanden war, fest darauf rechnen
durfte, unter die Steuer gesteckt zu werden, und da mein braver, seliger
Vater mit dem Titel Herr Kontrolleur natrlich gleichfalls hineinfiel und meine
Mutter ebenso selbstverstndlich mit ihm. Meine erste deutliche Lebenserinnerung
aber ist, da ich von einem Wagen gehoben und in ein Haus getragen wurde, das
mir aus einem einzigen gromchtigen, kindlich-ungeheuerlichen schwarzen
Scheunenflur, einer Rauchwolke unter der Decke und zwei Reihen Kuhkrippen nebst
den dazugehrigen heraugigen, hauptschttelnden, kettenrasselnden gekrnten
Herrschaften zu bestehen schien.
    Dem war jedoch nicht ganz so. Es fanden sich in dem unteren Raume dieses
Hauses noch zwei oder drei Gemcher, die den zu dem Feuerherde und den
Haustieren gehrigen Menschen zu allerlei Gebrauche dienten; und eine
leiterartige, steile Stiege fhrte sogar in ein oberes Stockwerk, wenigstens in
der Front des Gebudes, empor - in unsere Wohnung, die einzige, die meinen
Eltern bei ihrer Versetzung in dieses Gebirgsstdtchen offengestanden hatte.
Dicht an unsere Wohnung stie der Heuboden, und wir hatten deshalb mit Feuer und
Licht sehr vorsichtig umzugehen, was wir denn auch taten, und vorzglich ich,
dem alles unntige Spiel damit mehrfach in schlagender Weise verleidet wurde.
    Mein Vater, der reitende Steuerkontrolleur Hermann Langreuter, trug einen
Sbel und eine Uniform, die mir heute in der Erinnerung den Eindruck von
Grnblau und Blau und vielen gelben Metallknpfen mit dem Landeswappen macht.
Was den Anzug meiner Mutter betrifft, so halte ich es hell in dem Gedchtnis
fest, da sie stets in hellen Kleidern ging - bis zu dem Ereignis, das sie fr
immer in Schwarz und Grau warf.
    Die Salzschmuggler haben mir nmlich meinen Vater erschossen. Um einen Sack
voll Salz mute er damals sein Leben im Walde auf der lcherlichen Grenze
lassen. Ich aber habe wahrlich spter keine Verlustliste, die um des deutschen
Volkes Einheit ausgegeben wurde, gelesen, ohne an den alten Griesgram auf seinem
Felde der Ehre wehmtig und kopfschttelnd zu denken. Der Donner der tausend
Kanonen in den groen Siegesschlachten der Gegenwart hat die Schsse, die
seinerzeit hinber und herber gewechselt wurden, nicht bertnen knnen.
Gottlob ist es heute nur hchstens ein Drittel der Nation, das sich jenes
brderliche Nachbargeplnkel zurckwnscht, was in Anbetracht des
Nationalcharakters merkwrdig wenig ist, zumal wenn man noch die sehr
verschiedenartigen Grnde, aus denen jener Wunsch aufwchst, in Betracht und in
Rechnung zieht.
    Auch aus diesem letzten politisch-historischen Exkurs wird meinem Leser
einleuchtend hervorgehen, da der schne Sommermorgen, an dem uns die schlimme
Nachricht ber den Vater gebracht wurde, ziemlich weit zurckliegt. So ist es;
es ist viel mehr als ein Menschenalter seit dem Tage hingegangen, und ich kann
dreist die objektivsten Bemerkungen an ihn anknpfen.
    Dessenungeachtet liegt jener Tag und alle seine Stimmungen heute schier
klarer vor meiner Seele als der gestrige, an dem es mir zuerst einfiel, mir
selbst einmal schriftlich von mir selber und dem, was dazu gehrt, Rechenschaft
zu geben.
    Da der Sommermorgen schn war, sage ich, weil ich heute noch sein Licht,
seine Wrme, seinen Landstraenstaub und seinen Waldduft in mir und um mich
spre. Wir aber, meine Mutter und ich, sind um Sonnenaufgang mit der
schrecklichen Nachricht geweckt worden, kurz vor dem lngsten Tage.
    Ich sa aufrecht in meinem kleinen Bette, und meine Mutter hielt mich und
hielt sich an mir. Da erscholl das ewige, jedenfalls Jahrhunderte alte
Leibstcklein des Kuhhirten in der Gasse des Ackerstdtchens. Die Sonne schien
mir auf die Bettdecke, unten im Hause brllten die Khe. Meine Mutter war in
einem Weinkrampf, und die Hausgenossenschaft und ein paar Nachbarinnen und ein
alter eisgrauer Kamerad und Steuerkollege meines Vaters waren auch in der
Kammer, und die Stube nebenan war voll von Menschen. Unter den Leuten in der
Stube aber befand sich ein Mann in einer fremden Uniform, wie es mir schien. Das
war aber die Livree derer von Everstein, die ich nachher sehr genau
kennengelernt habe.
    Der Herr Graf hatte den Diener mit dem Eberkopfe auf den Rockknpfen an
meine Mutter geschickt und seinen Wagen dazu. Mein toter Vater lag auf dem Hause
Werden, dem Wohnsitze des Herrn Grafen, und ich hrte, wie der alte Kamerad des
Vaters zu meiner Mutter sagte:
    Frau Steuerkontrolleurin, liebe Frau, Sie mssen es ja leider Gottes, also
fassen Sie sich! Sehen Sie doch mal an, gefat muten Sie ja immer im Grunde auf
so was sein. Wie wre es denn nun gewesen, wenn uns der liebe Herrgott whrend
unserer Militrdienstzeit einen guten, braven Krieg beschert htte? Eben
vielleicht nicht anders als jetzt; nur wre es vielleicht dann noch frher
eingetroffen, und das wre denn noch viel betrbter fr Sie gewesen. Nicht wahr?
Sie sind doch nun gottlob eine Soldatenfrau, und Ihren Jungen haben Sie ja da
auch noch, und er nimmt sich gewi in dieser ernsthaften Stunde ein Beispiel an
seinem lieben Vater und macht es ihm in allen Dingen nach. Nicht wahr, Fritz,
das versprichst du uns?
    Ja, ja! heulte ich, ohne im geringsten zu wissen, was alles ich hier
versprach; aber ich fhlte, wie meine Mutter mich fester fate und heftiger mich
an sich drckte, als werde sie mich nie mehr aus ihren lieben schtzenden Armen
loslassen:
    Fritz, du bleibst bei mir! Du gehst nie von mir!
    Ja, Mutter, ich fahre mit, ich darf mit ausfahren zum Vater! Nicht wahr,
und ich darf auf des Vaters Braunem nach Hause reiten?
    Der Wagen hlt schon seit einer Stunde vor der Tr, sagte der alte
Kamerad. Und es ist doch auch recht freundlich von der Herrschaft auf Schlo
Werden, da sie ihre eigene Equipage schickt. Von Amts wegen sind wir schon
lngst zu Pferde hinaus; da wird nicht das geringste verabsumt werden, was
Ihnen zum Trost gereichen kann, Frau. Und jetzt kommen Sie; - die Nachbarinnen
ziehen Ihnen den Jungen an, und dann fahren wir langsam nach. Es geht ja alles
im menschlichen Leben hin und eins in das andere. Erinnern Sie sich nur recht
genau an alles, was Sie mir so gut und brav zum Troste sagten, als ich so bei
meiner seligen Frau sa und sie dalag. Sie wissen ja also alles Beste, was Ihnen
einer jetzt sagen kann, schon von selber. Fritze, du kannst mitfahren.

                                Zweites Kapitel


Was fr eine Magie liegt selbst fr die Erwachsenen in dem sich drehenden Rad!
Fahren!... Ausfahren! Fahren durch einen frischen, sonnigen Sommermorgen in die
weite, weite Welt hinein! Gibt es ein glckseligeres Fieber als das, was bei
diesem Worte und dieser Vorstellung das Kind ergreift und ihm in
erwartungsvoller Wonne fast den Atem benimmt?
    Ich war an jenem schrecklichen Morgen ungefhr fnf oder sechs Jahre alt;
aber wie deutlich steht er mir noch vor der Seele! Mit allen seinen
Einzelheiten! Da war das hastige Ankleiden, bei dem ein Dutzend aufgeregte Hnde
helfen wollten. Da war das Geflster rundum und dazwischen das stille Weinen und
laute Schluchzen der Mutter, von Zeit zu Zeit ein neues Gesicht, das sich in die
Tr schob und in einem Winkel sich des genaueren berichten lie. Dazwischen
immer wieder von neuem die braven, guten Worte des alten Kameraden und Kollegen
und dann - das Peitschenknallen des Kutschers in der Gasse, das allmhlich immer
mehr von steigender Ungeduld zeugte.
    Und dann waren wir auf der Treppe und dann in der Gasse, und die Gasse rund
um die grfliche Kutsche war auch voll Menschen, die sich verhltnismig still
verhielten, aber desto mehr und dichter sich im Kreis herandrngten und, wie mir
schien, smtlich nur allzugern mitgefahren wren in die Weite hinaus und nach
Schlo Werden.
    Und die Mutter bekmmerte sich nun gar nicht mehr um mich. Ich hielt mich an
ihrem Rocke, sie aber lie sich starr, stumm und willenlos fhren, und ich
frchtete mich vor ihren Augen, mit denen sie gar nichts mehr sah, selbst mich
nicht. Ich aber sah auch nur beilufig auf sie; denn der hellblaue Kutscher sah
auf mich, und er hatte zwei Braune vor seinem Wagen.
    Das holperige Pflaster der einzigen Hauptstrae des Stdtchens - aus dem
Tor, an den Grten hin auf die Landstrae; - ich neben der Mutter im Rcksitz
des Wagens, und des Vaters Kamerad und Kollege uns gegenber! Da ist die Mhle,
wo sich das Wasser aus ziemlicher Hhe auf das Rad strzt und mir mit seinem
ewigen Brausen und weien Schumen und eiligen Weitertosen im Bach immer einen
so wonnigen Schauder einjagt. Da ist die Gnseweide, unser Hauptspielplatz;
Schulkinder mit ihren Schiefertafeln und Abc-Bchern stehen am Rande des Grabens
und starren uns an und sind im nchsten Augenblick zurckgeblieben, whrend ich
weiterfahre. Auf der weien Landstrae liegt die Sonne schon ziemlich hei; -
was wohl der Steinklopfer denkt, der uns auch nachsieht? Was er wohl denkt ber
unseren Kutscher in dem hellblauen Rock und mit dem Silberstreifen um den Hut?
Und ber den anderen Mann vor uns auf dem Bocke, auch in Hellblau und Silber?!
Ich sehe um die Schultern der beiden Leute von Schlo Werden auf die im Traben
sich hebenden und senkenden Pferdekpfe und die schwarzen Mhnen. Wer doch das
alles immer so vor sich haben knnte und vorbeifahren immerzu an den Menschen
und Bumen, Zunen und Hecken immer, auch wenn die Sonne noch heier scheinen
sollte!... Ich stehe auf, um in die zurckbleibenden weien Staubwolken
hineinzusehen. Meine Mutter zieht mich wieder auf den Sitz, und wir fahren in
das Freie, Klare, Frische hinein.
    Bald sind wir glcklicherweise im Schatten, sagte der Kamerad. Seine
Sbelscheide wird hei; ich habe den Finger darauf gelegt, weil die Sonne auch
auf ihr blitzt und blinkert - zu verlockend, um nicht auch da von ihrem Glanze
verlockt zu werden. Es ist acht Uhr am neuen Tage - auch das bemerkt der
Kamerad, seine Uhr hervorziehend.
    Nun sehen Sie einmal, liebe Frau, wie es doch immer viel spter wird, als
man denkt, wenn man es auch noch so eilig haben will. Da sind wir aber gottlob
wenigstens endlich im Walde und im Schatten.
    Ja, wir fuhren jetzt im Walde, und es gab nichts Schneres als ihn an diesem
Morgen. Die Buchen streckten ihre Zweige zu einem grnen Dache ber uns hin.
Wasserlufe rieselten hervor und begleiteten uns stellenweise. Dann und wann sah
man hinein in ein Tal, und dann wieder trat der rote Sandstein bis dicht an den
Weg hinan, und die Grillen schrillten in dem Spalte des heien Gesteines, und
nie in ihrem glcklichen Dasein und Weiterweilen gestrte Blumen - gelb und blau
- sahen uns vorberfahren.
    Doch uns drohte nun in all der Pracht, Lieblichkeit und Schnheit ein
Schreckliches.
    Ein leises Klirren kam heran an einer Wendung der Chaussee und dazu
Pferdehufschlag und eine andere Staubwolke. Zwei gefesselte Mnner wurden
inmitten dieser Staubwolke und zwischen den Pferden der begleitenden Landreiter
gefhrt. Der Kamerad des toten Vaters zog seinen Sbel an sich und trat mit dem
Fu auf und sprach einen Fluch. Die Mutter aber richtete sich empor und bog sich
vor und starrte auf die gebundenen zwei Mnner aus ihren verweinten Augen:
    Die...?!
    Da knnte man lernen, was es heien mu, im Ernst einhauen! sagte leise
der Kamerad, und er hatte die Hand auf den Wagenschlag gelegt und rttelte
daran. Die beiden Leute auf dem Bocke aber sahen auch zur Seite und dann auf
meine Mutter und mich, und dann schlug der Kutscher pltzlich auf die Pferde,
und vorber ging das auch in Staubwolken, Sonnenlicht und Waldschatten. Im
raschesten Trabe gingen die Gule weiter, obgleich der Weg sich eben bergan zog.
    Es ist ein sehr angenehmes Waldgebirge, durch welches damals die Grenze
gegen den Nachbarstaat, der das deutsche Salz in anderer Weise als wir
besteuerte, sich zog. Eine Grenze ist dort auch heute noch vorhanden, aber jener
Staat nicht mehr; doch davon ist jetzt nicht die Rede, sondern von der Gegend -
der Landschaft berhaupt. Forsten und Steinbrche berwiegen; das Ackerland lt
manches zu wnschen brig; doch es ist in den Hnden der Bauern und Kleinbrger,
und das ist immer viel wert. Nur einige groe Landesdomnen bilden
zusammenhngendere Komplexe, und zwei oder drei Rittergter mit alten
Geschlechtern darauf haben gleichfalls ihr grer Teil vom alten Erbe Adams
festgehalten. Schlo Werden hatte in dieser Hinsicht den weitesten Besitz
aufzuweisen, freilich aber auch, vom trefflichen Walde abgesehen, den
steinigsten und unfruchtbarsten. Der Zweig der alten Familie, die es bewohnte,
stammte von einem Bergschlosse, fnfzehn Meilen weiter nach Norden im Lande
gelegen und durch viele andere bunte Grenzpfhle von dem Absenker getrennt, dazu
auch nur als Ruine, zu der es schon, wenn wir nicht irren, im Jahre der
Entdeckung Amerikas mit Aufwendung aller damaligen kriegerischen Ingenieurknste
gemacht wurde.
    In Wien sitzen Frsten zu Everstein, in Mnchen Freiherren desselbigen
Namens, und hier in diesem Waldgebirge, verschollen wie Amerika nach der
Entdeckung durch die Chinesen oder die Norweger, oder wer es sonst zuerst
aufgefunden haben soll, Herr Friedrich Graf Everstein mit einer einzigen
Tochter, Komtesse Irene; und sonderbare Geschichten und Gerchte gingen ber den
Herrn und seinen Haushalt im Lande herum. Je genauer man aber darauf hinhrte,
desto weniger wirklich Genaues hat man darber erfahren, auer da von Anfang
an wenig dort zu suchen und noch weniger zu finden war. Ein Verbrechen ist das
gerade nicht, doch angenehm und behaglich ist's auch nicht. So sagten wenigstens
die Leute spter.
    Noch eine Stunde hatten wir durch den Buchenwald zu fahren, dann kamen wir
an einen sumpfigen Graben voll Riedgras und Binsen. Ein altersgrauer Grenzstein
stand, halb versunken, dicht an der Chaussee. Um ihn herum war das Gras
niedergetreten wie von vielen Fen. Unser grauschnauzbrtiger Begleiter schob
die Schultern pltzlich hin und her und sah grimmig verlegen auf den Platz hin
und legte dann meiner Mutter die Hand auf das Knie und sah dann meine Mutter an,
indem er sich mit den Kncheln der anderen Hand die Stirn rieb.
    Ich wei nicht, ob es recht von mir ist, Frau, aber ich - der Junge - mag
sich wohl einmal daran erinnern wollen. Da!
    Da hat man ihn gefunden!... Gemordet!... Mir und unserem armen Kinde in
seinem Blute! schrie meine Mutter, und -
    Ja! sagte der alte Kamerad. Zum Henker, Kutscher, fahr zu!
    Das kam wohl schroff und hart heraus, aber doch aus dem weichsten,
teilnehmendsten Gemte. Und es war auch in der Tat wohl sehr gut, da der
Kutscher wirklich rasch zufuhr. Es war wohl besser, die Frau sanft um den Leib
zu fassen und sie zurckzuhalten, als sie blind nach dem Griff des Wagenschlages
fate, um sich hinaus und auf die schreckliche Sttte zu strzen. Der Tau hing
im Schatten noch berall an Gras, Blumen und Blttern; aber da - unterm
Erlenbusch - da, wo der Boden am meisten zerstampft war, mochte wohl noch ein
anderer Tau an den Grsern und dem niedergetretenen Gezweige hngen.
    Beilufig, es erregt ganz eigentmliche Gefhle, wenn man sich heute nach so
langen Jahren erinnert, damals, wenn auch nicht auf der schweren Fahrt, ein Wort
aufgeschnappt zu haben, dahin lautend, da der Alte in der Tat merkwrdig viel
Blut verloren habe!
    Fnf Minuten weiter von der furchtbaren Stelle entfernt zweigte sich ein
Fahrweg von der Landstrae ab, quer ber Wiesen. Da bog auch unser Wagen ein.
Jenseits der Wiesen, ber dichte Lindenwipfel und andere parkhnliche Baum- und
Buschgruppen, erhoben sich die blauschwarzen Schieferdcher und die beiden
altersgrauen Ecktrme von Schlo Werden.
    Ein Pfahl am Wege verbot hier das Fahren und Reiten.
    Sonst fhrt hier nur die Herrschaft, erklrte der Kamerad und
Steuerkollege; und es war freilich fr uns eine bittere Ausnahmswegegelegenheit!
Ich hrte das Wort; aber nach dem Fahren htte ich in diesem Augenblick wenig
gefragt, wenn ich zu allem anderen freie Verfgung ber die sonnige grne Flche
gehabt htte.
    Die groe Wiese stand in der vollsten, buntesten Pracht ihrer sommerlichen
Schnheit. Es schrillte tausendstimmig ber ihr; die Schmetterlinge, Kfer und
Mcken flatterten und tanzten, es tanzte die heie Luft ber ihr. Wir aber, wir
fuhren weiter diesmal - die Kinderjagd nach den Farben und den Tnen des Sommers
sollte mir diesmal noch nicht erlaubt sein; - wir fuhren an einem Teil der hohen
Hecke des Parkes entlang und dann an einer noch hheren Mauer hin bis zu einem
alten, aber immer noch festen und stattlichen Eingangstor, ber dessen beiden
Pfeilern zwei greifenartige Wappentiere auf Steinschilden in ihren Tatzen das
Wappen mit dem Eberkopf der Morgensonne hinhielten.
    Der Wagen rasselte auf einen weiten, stillen Hof an ein langgedehntes graues
Gebude heran und dicht an eine breite Steintreppe, die hier zu einer groen
offenen Tr fhrte, sich aber an der ganzen Fronte dieses Hauptflgels des
Schlosses Werden hinzog.
    Der Diener sprang vom Bock und ffnete den Schlag, ein anderer lterer Mann
in derselben Livree kam heran und nannte meine Mutter seltsamerweise gndige
Frau und fgte ganz leise hinzu:
    Belieben auszusteigen.
    Auf den stummen Jammerblick und die hastige Frage der armen Frau aber hob er
nur die Achseln und sagte:
    Da sind der Herr Graf schon selber... Ach ja, es geht - den Umstnden
nach!
    Das letztere Wort bezog sich wohl auf meinen Vater und hie soviel als:
Noch lebt er wohl, Frau reitende Steuerkontrolleurin, aber - wie lange?!
    Es ist ein nicht mehr ganz junger Mann gewesen, der uns aus der Pforte und
an der Auffahrt entgegentrat und den Namen Graf Friedrich Everstein fhrte. Er
hat manches Auffllige in seiner Erscheinung an sich getragen, mir aber ist
nichts, aus jener Stunde wenigstens, davon bewut. Nur sprach er so leise wie
sonst niemand von allen anderen Menschen in meiner Umgebung.

                                Drittes Kapitel


Leise sagte er etwas zu meiner Mutter, und dann bot er ihr den Arm. Wir wurden
durch die weite, khle, mit Hirschkronen, alten Blumen-, Frucht- und Jagdstcken
gezierte Halle gefhrt bis zu einer dunkeln Tr. Der ltere Diener ffnete diese
Tr, und wir standen in dem Sterbezimmer meines Vaters. Mich hatten der
pltzliche bergang aus dem heien Sonnentage in diese Khle, die ganz
vernderte Umgebung, die fremden Gesichter vollstndig betubt. Ich ging, den
Rock meiner Mutter haltend, wie zu unserem Platz in der Kirche - es waren ganz
die nmlichen Gefhle in Bangen, Frsteln, Unbehagen und - Behagen.
    Ich erinnere mich auch hier noch der uerlichkeiten: der braunen Tfelung
dieses Gartensaales, des Grns, das aus dem sonnigen Garten in die beiden hohen
Bogenfenster hineinsah, der offenen Glastr, die zu den Gebschen und
Blumenbeeten fhrte, und des Pfaus, der wie neugierig in dieser Tr stand und
seinen schnen Schweif gravittisch langsam im Kreis ber den feinen Kies zog.
Wir haben nachher diesen Ort zu allen Jahreszeiten als Spielplatz gern gehabt,
und es hat mich wenig gekmmert, da man einst meinen sterbenden Vater dahin als
in das nchst und bequemst gelegene Gemach bettete.
    An jenem Morgen waren viele Leute darin, und wahrscheinlich darunter auch
ein Arzt. Meine Mutter warf sich jammernd ber das Lager, und ich stand einen
Augenblick wie allein unter den vielen Fremden.
    Es war der Herr Graf, der mich an der Hand nahm und mich gleichfalls zu dem
Bette hinfhrte. Die Mutter lag da bewutlos, und der Vater war tot.
    Das letztere Wort wurde im Kreise umhergeflstert; ich aber wei nunmehr von
jenem Tage nur noch, da ich in ein anderes Zimmer gefhrt wurde und daselbst
mit Irene, Komtesse Everstein, Milch trank und Weibrot a. Alles andere ist
dmmerig, unbestimmt, dunkel - ist nichts. Es war mein Recht, durstig, hungrig
und schlfrig zu sein von der Fahrt durch den heien Sommermorgen; nachher sehe
ich mich wieder um in meiner Umgebung und - sie ist eine andere geworden, als
sie war. Und hier ist die Stelle, ein weniges mehr von meiner Mutter zu reden,
und wie sie in eine hohe Verwandtschaft gehrte und das Recht dazu von Gottes
Gnaden besa und aufweisen konnte.
    Den gottlob kaum erwhnenswerten Ansatz von Buckel, den mir das Schicksal
zwischen die Schultern und, wie einige wissen wollen, in bedeutend hherem Grade
auch auf die Seele gelegt hat, habe ich gewilich nicht von ihr. Schlank, zart,
scheu-mutig steht sie mir vor der Erinnerung, und ein Licht geht von ihr aus,
das von keiner Dunkelheit und noch viel weniger von einem anderen Licht in der
Welt berwltigt werden kann. Sie trgt ihre Freuden wie ihre bittersten,
schwersten Schmerzen still und so, dem Schein nach, leicht. Ihr wurde alles zu
einem Kranze, und woher sie ihre Bildung hatte, das bleibt ein Rtsel, und sie
selber wute vielleicht am allerwenigsten Rechenschaft darber abzulegen. In der
Mdchenschule einer kleinen Provinzialstadt hatte sie im zweiten Jahrzehnt
dieses Jahrhunderts Lesen, Schreiben, Rechnen und - Singen gelernt, das war
alles; aber wenn wo die ersten neun Worte, mit denen ich diesen meinen
Lebensbericht erffnet habe, zur Geltung kommen, so war das bei ihr der Fall.
Sie ist dagewesen wie das groe Kunstwerk von Gottes Gnaden; sie ist
vorbergegangen. Sie sind alle bei ihr wie bei ihresgleichen gewesen; sie haben
keine Ahnung davon gehabt, da dem nicht so war; ihr ist es nie in den Sinn
gekommen, sie zu enttuschen; denn sie hatte ja eigentlich auch keine Ahnung
davon.
    Ich bin fest berzeugt, sie hat einen argen Schrecken bekommen, als der Herr
Graf sagte:
    Meine verehrte Frau, Sie sind die Dame, die mir fr die Erziehung meines
armen Kindes in seiner jetzigen Lebensepoche gefehlt hat und die ich seit langem
vergeblich gesucht habe. Bleiben Sie bei uns. Betrachten Sie sich als zu diesem
Hause gehrig. Sie erziehen meine Tochter, und ich nehme die Erziehung Ihres
Sohnes nach besten Krften ber mich. Wir haben einen recht gelehrten Pfarrer im
Dorfe, der wird das Seinige dazugeben. Ist der Junge fr das Gymnasium
herangewachsen, so wird sich ja wohl auch das Weitere finden. Lassen Sie uns
einander gegenseitig aushelfen, da uns das Schicksal in dieser Weise
zusammengefhrt hat. Sie wissen nicht, wie hlflos ich in hundert Beziehungen
bin.
    Nun war auch meine Mutter, wie sich das ja eigentlich von selber verstand,
fast nach allen Richtungen und in allen Beziehungen hlflos. Auerdem aber, wie
es sich baldigst herausstellte, fr ihren und meinen Unterhalt nach dem Tode des
Vaters auf eine Pension von sechzig Talern angewiesen, sonst aber auf ihrer
Hnde Arbeit.
    Was soll ich Ihrem Kinde geben knnen? fragte sie in heftiger Aufregung;
aber der Herr Graf hat gelchelt, wenn auch sehr melancholisch. Er hat es sehr
genau gewut, was die arme Frau aus ihrem Reichtum zu geben hatte.
    Wir, das heit meine Mutter und ich, siedelten im Laufe desselben Sommers
nach Schlo Werden ber. Der Herr Graf hatte sich aber nicht geirrt: wenn die
Leute, die man in der Ferne aufsucht, sich stets in die Leute verwandeln, die
man rundum in der nchsten Nachbarschaft wohnen hat, so ist das fr seine
Tochter und fr ihn selber in Hinsicht auf die Witwe des reitenden
Steuerkontrolleurs Langreuter nicht der Fall gewesen. Und ich - ich, wenn ich in
die Sonne sehen will, so hebe ich nicht das Auge zu dem den brennenden Stern
auf, sondern denke mich in jene Tage und Jahre zurck, die da folgten.

                                Viertes Kapitel


Ich bin im Verlaufe der Tage in des Lebens Ernchterungen wie andere tief genug
hineingeraten, aber meine in Blau, Silber, Grn, Gold und Purpur schimmernden
Mrchenjahre habe ich auch gehabt. Hier beginnen sie und verwandeln mir auch den
heutigen Tag in sein vollstndiges Gegenteil. Da ich ein poetisch Gemt sei,
das hat nachher wohl niemand von mir behauptet (ich habe wenigstens alles dahin
Einschlgige vorsichtig und fest fr mich selber behalten), aber damals war doch
manches Gedicht - echte Naturdichtung - in mir und um mich, und alles Heimweh -
die Quelle aller Poesie -, das ich in leereren Tagen gefhlt habe, stammt aus
dieser Zeit und geht dahin.
    Wir grbeln viel, wir gebildeten, klug, das heit dumm gewordenen Menschen,
ber den Schein in dieser Welt, der sich den Anschein des Wesens gibt; ach, wenn
er nur schn war, dieser Schein, wer mchte ihn missen wollen aus seinen Tagen?
Wer mchte nicht dumm, das heit klug gewesen sein, wenn auch nur in den Tagen,
da er noch jung war?!...
    Ich bin natrlich zuerst nur mit in den Kauf genommen worden auf Schlo
Werden. Ich kam als ein Appendix meiner Mutter dahin; und es war mir ganz recht
so, und es war gut so; es war alles ganz vortrefflich. Die Welt am siebenten
Schpfungstage konnte unserem Herrgott nicht um das mindeste besser gefallen;
das Behagen des einen wre hier freilich ohne die Seligkeit des anderen gar
nicht mglich gewesen!
    Gib mir deine Hand, Junge; ich will dir alles zeigen, was ich habe, sagte
Komtesse Irene Everstein. Du kommst aus der weiten Welt, und ich bin hier immer
bei Papa gewesen. Mach dich aber nicht mausig; Ewald wird dich sonst
durchprgeln, wenn Eva nicht dabei ist.
    Ich habe erst spter, als wir in das Griechische kamen erfahren, da der
Name Irene eigentlich Friede oder die Friedliche bedeutet; aber Namen und
Sachen, Worte und Begriffe passen nicht zu jeder Zeit aufeinander. Es ginge so
sonst ja wohl auch ein wenig zu glatt ab in dieser doch einmal auf das Rauhe
gestellten Welt.
    Weit du, Junge, sagte das Kind ich bin die Prinzessin aus dem
Bilderbuche, ich bin die Fee, ich zaubere. Wenn du nicht artig bist, so
verwandle ich dich in einen schnurrenden buckeligen Kater. Wenn du aber Ewald
was davon sagst, so prgele ich selber dich, denn ich will nicht, da Ewald ber
mich lacht. Mein Vater lacht niemals ber mich, oh, und ich will genau
aufpassen, was deine Mutter tut, wenn sie aufgehrt hat zu weinen. Aber deine
Mutter ist gut, und so kannst du auch gut sein. Du kannst ja auch mit Eva gehen,
wenn Ewald und ich dir nicht gefallen.
    Der trbe Tag vermag nichts dagegen; die Namen, die hier zum erstenmal
auftauchen, liegen doch im ewigen Sonnenschein, und andere werden dazukommen;
wartet es nur ab, da die Nebel sinken; man sieht auch von der besten
Aussichtsstelle nicht an jedwedem Tage, den Gott gibt, die Hhen ber den Tlern
leuchten vom Groglockner bis zum Monte Rosa.
    Es sind die beiden Kinder des Frsters Sixtus im Dorfe Werden, von denen die
Rede ist. Von dem Papst Sixtus dem Fnften stammte der alte Herr in Grn nicht
ab; aber der Zufall hatte ein altes Buch in seinen Besitz gebracht: Leben des
berhmten Papsts Sixti V., beschrieben durch Gregorio Leti. Aus dem
Italienischen bersetzt. Frankfurt, bei Thomas Fritschen, 1720; und darauf hat
oft seine brave schwere Hand, zur Faust geballt, gelegen, und heute klingt mir
noch der Brummseufzer in den Ohren:
    Das war ein Kerl, Fritze! Alle Hagel, der ist ja gerade so mit seiner
Satansbande umgesprungen wie der Doktor Luther hier bei uns mit uns, mit seiner,
und wie ich mit euch umgehen werde, ihr Raubzeug und Teufelskinder, wenn ihr es
mir zu bunt macht. Fritze, da sieht man's wieder, da der Herrgott mehr von
einer Sorte im Sacke hat und nur hereinzugreifen braucht, um einen rauszulangen
und hinzustellen, wo er zu brauchen ist. Aus dem Buch hat mir mein Junge
vorlesen mssen und nachher mein Mdchen, und bei Gelegenheit kannst du auch an
die Reihe kommen, aber die Hauptstellen lese ich doch lieber fr mich allein,
die passen fr euch naseweises Geziefer jetzt noch nicht. So 'nen Papst la ich
mir gefallen, und es ist mir eine Ehre, da er meinen Familiennamen sich
angenommen hat.
    Ich habe spter ber manchem anderen, in der Menschen Kunde abschmeckend
gewordenen Trster mit beiden Armen aufgesttzt gelegen, aber nie wieder ber
einem so wie ber diesem. Das langweilige Buch in dem edeln Deutsch von
siebenzehnhundertzwanzig ist gottlob in meinen Besitz bergegangen und nimmt
einen griffgerechten Ehrenplatz in meiner Bibliothek hier in Berlin ein. Ich
brauche es nur wie ein richtiges Zauberbuch aufzuschlagen, um ber seine
vergilbten Bltter hinweg alles vor mir lebendig zu haben, was damals mein Leben
nicht blo bedeutete, sondern war. Treffe ich auf eine Daumenspur des Alten am
Rande der Blattseite, so ist es noch besser und gibt die wrmere Farbe. Freilich
eine wrmere Farbe! Ich ergreife hier mit beiden Hnden die Gelegenheit, zu
versichern, da hier nichts, gar nichts allzu reinlich, zierlich und frisch
lackiert aus dem Putz und Schmuckkstchen der Romantik entnommen ist. Wir rochen
um uns her alle Gerche und sahen alle Dinge, wie sie die Menschen und die Natur
im ewigen Hervorbringen vergnglich hinstellen. Alles war seit lange im Gebrauch
gewesen und wurde weiter abgenutzt; und wenn ich vorhin von den Livreen des
Schlosses Werden gesprochen habe, so stelle der Leser sich dieselben ja nicht zu
farbenfrisch und tressenglitzernd, sondern ganz im Gegenteil vor. Wir trugen
smtlich unsere Kleider so lange als mglich und schmten uns eines Flickens an
der rechten Stelle wenig. Wir trugen den Frhjahrsregenschmutz, jegliche
Gewitterspur und alles, was Herbst und Winter da geben, berallhin, wo eine Tr
offen war. Wir hatten alle Wnsche, die nur durch mehr irdische Gter, als wir
besaen, befriedigt werden konnten, und der Herr Graf war da durchaus nicht
ausgenommen, sondern auch im Gegenteil. Das Schlo war kein pomphaft Epos und
die Frsterei keine geleckte Idylle. Sie trugen inwendig und auswendig
gleichfalls ihr Flickwerk und ihre Erdgerche an sich und um sich, und was die
letzteren anbetraf, so hatten der Wald mit seinen Buchen- und Tannendften und
die Wiesen mit ihrem Heugeruch recht hufig das Beste dazuzutun, um die
Atmosphre fr fremde heikle Nasen zu verbessern.
    Da ist so eine Daumenspur - hier auf Seite 595:
    Wer unter dem itzigen Papste dem galgen entgehen will, der mu kein
bedencken tragen, sich in ein kloster einzusperren, solte es auch das
allerunglckseligste seyn.
    Und ein ser Duft weht ber die Stelle, aber ein ganz eigentmlicher. Es
war ein braver Tabak, den der Alte bei seiner absonderlichen Lektre verqualmte,
und ich erkenne die Sorte heute noch mit innigstem Behagen wieder auf
Spaziergngen und im Eisenbahnwagen dritter Klasse. Rauchte ich selber, so wrde
ich nur diese rauchen! Und nun, um es kurz zu machen und es mit dem treffendsten
Idiotismus zu nennen: wir waren allesamt und auf Meilen in die Runde ein
schmuddeliges Volk, ausgenommen vielleicht der Herr Graf, meine Mutter und
Evchen Sixtus; Komtesse Irene Everstein dagegen nicht ausgenommen. - Wir waren
ein ganz unromantisches Vlklein; aber zu seinem Recht soll das hbsche Wort
romantisch doch auch hier gelangen, und wir hngen es wie gewhnlich an ein
Haar. Ach, es gibt sich leider nichts leichter, als in irgendein Handwerk
hineinzupfuschen!
    Irene war eine Goldblondine, die die Leute ansahen und fr sanft hielten;
Eva war dunkel und sanft, und Ewald hielt allen seinen Schulmeistern einen
braunen Lockenkopf zum Dreingreifen und Zerzausen hin. Von dem, was der Herrgott
auf meinem Schdel wachsen lie, rede ich lieber nicht; aber stimmungsvoll
war's! Es stimmte merkwrdig gut zu allem brigen, und die gtige Vorsehung
erhalte es mir so lange als mglich, wenn nicht der Schnheit, so doch der
Ntzlichkeit wegen.
    Es kam aber keinem von uns darauf an, wie er eigentlich aussah. Auch was die
Mdchen angeht, so macht es mir heute den Eindruck in der Erinnerung, als ob sie
sich wenig darum gekmmert htten; wenn ich dieses auch nicht als feste
Behauptung hinstellen darf.
    Die Sonne lag uns auf den Kpfen bei jeglicher Witterung, und so trieben wir
uns um in den Wldern, auf den Wiesen und Feldern, in der Schulstube und in den
Gngen und Slen von Schlo Werden. Was jenseits der Berge war, davon wuten wir
gar nichts; und wie das so hufig geht, haben wir alle spter viel davon
erfahren - mehr jedenfalls, als zu unserem Glcke ntig war. Andere freilich
haben das vielleicht dann und wann unser Glck genannt; da ist eben mit der
anderen Anschauungen und Einbildungen nicht zu rechnen.
    Das rechte Licht! War es das rechte Licht, das damals ber unsere Kpfe und
Tage fiel?
    Darber liee sich viel sagen; und am Ende ist es gar nicht der einzelne
Mensch mit seinen zwei Augen, der etwas darber zu sagen hat. Nur die
auserwhltesten Geister sind es, die hier und da in hchst seltenen Fllen ihre
Meinung ausdrcken drfen. Sie knnen dann wie der Maler der Heiligen Nacht den
Schein vom neugeborenen Erlser in der Krippe ausgehen lassen oder wie auf der
Rubensschen Heuernte, die der alte Goethe seinem Eckermann entzckt vorweist,
die Sonne von den Dingen zwei Schatten geradeweg einander entgegenwerfen lassen.
    Auch die allerniedrigsten oder einfachsten Geister reden da oft das
Richtige. Aber alle zwischen der Hhe und der Tiefe liegende Verstndigkeit der
Erde hlt einfach am besten den Mund und lt sich bescheinen - schwitzt und
rgert sich, wenn es ihr zu hei wird, und kriecht in die Sonne und lobt sie im
Vorfrhling und Sptherbst oder im Winter, wenn die Knochen drr werden, die
Zhne wackeln oder ganz mangeln und die romantischen Locken verwehen, gleich
den Blttern der Bume, wie Vater Homer davon sang, nicht in einem seiner
schlfrigen Augenblicke, sondern an einem der hellsten ionischen Sonnentage, wo
er nicht schlief.
    Bin ich von der Daumenspur in dem kurisen Geschichtsschreiber Gregorius
Leti zu weit abgekommen? Ich glaube nicht.
    Da sitzt der Alte noch vor mir in seiner Amtswohnung am Ende des Dorfes.
Alle Tren und Fenster des Hauses stehen offen, und alle Lichter, Tne und Dfte
haben freiesten Zutritt, Vieh und Mensch und also auch der Herr Graf. Da kommt
er, ein wenig schwerfllig auf seinen Stock sich sttzend und seinen Weg mit den
Fuspitzen vorsichtig vorausfhlend. Ein gewisser Lehnstuhl wird ihm hingerckt,
und da sitzt er, und eines von beiden wird sofort geschlossen, entweder die Tr
oder das Fenster, meistens aber beides.
    Wie steht das Befinden, alter Freund?
    Danke, Herr. Ohne die verflixten Holzwrogen knnte man es vielleicht wohl
zu einem hbschen Alter bringen; aber nun sehen Sie mal diese Schandliste von
Frevlern! Und alle aus dem Dorf! Und jeder Halunke mit einem Handbeil unter der
Weste, und jedwedes Subjektum vom schnen Geschlecht mit einer Sge unterm
Unterrock. Und die letzten sind die schlimmsten, denn sie ruinieren den Forst
von unten auf. Kein junger Trieb ist da vor der ltesten Wackelliese sicher, und
von den jungen Spitzbbinnen will ich gar nicht reden. Da mchte man doch lieber
Papst in Rom sein; und meinen Namensahnherrn wnsche ich mir auf vier Wochen
hierher an meine Stelle.
    Der Herr Graf lchelt matt und seufzt:
    Wre es mein Wald, so wrde ich sagen, sehen Sie durch die Finger, Sixtus.
Jetzt sehen Sie allein zu, wie Sie Ihr gutes Herz und die Feuerungsbedrfnisse
unserer braven Nachbarn mit Ihrer Amtspflicht in Harmonie bringen. Das Kind ist
auch wieder den ganzen Morgen durch aus unserem Gesichtskreise verschwunden und
hilft wahrscheinlich ebenfalls beim Holzstehlen. Frau Langreuter ist in
Verzweiflung und kndigt mir sicherlich demnchst ihr Gouvernantentum. Was haben
Sie von Ihren Sorgen zu Hause?
    Nichts! Sie haben gesagt, sie seien in den Sommerferien, und sind auf und
davon. Mein Evchen wollte eigentlich nicht; aber es mute. Der Junge mu mir zu
Michaelis sicher auf die Schule; der Pastor kommt nicht mehr mit ihm zu Rande.
Das Fritzchen da hab ich nur allein noch am Hoftor erwischt und gesagt: Hier;
halt mal! und ihn mit an meine Rechnungen gesetzt. Da sitzt er, Herr Graf, und
nun fragen Sie ihn selber einmal, wo die anderen stecken!...
    Das Fritzchen, das war ich - der Weltweisheit Doktor Friedrich Langreuter,
und der Herr Graf dreht seine silberne Dose zwischen den Fingern, nimmt
bedchtig eine Prise und wendet sich in der Tat an mich und fragt:
    Wo ist Irene, mein Sohn?
    Und bei dieser Frage ffnet es sich vor mir breit, weit, sonnig, grn,
Berghgel und Berghgel, Tal und Tal, und dann einmal zwischen zwei Bergen das
Glitzern einer Fluwindung, und dann auf der Ferne rund um ein blauer, lichter,
magischer Dunstschleier, den man - wie Ewald behauptet - sich am besten zwischen
seinen ausgespreizten Beinen durch besieht: da ist Eva Sixtus und ihr Bruder
Ewald und Irene Everstein und - ich auch, Friedrich Langreuter, der Weltweisheit
Beflissener! Den unsterblichen Gttern sei Dank, da dem so war, da wir einmal
so da waren! - - -
    Wir wissen noch nichts von den Vermgens- und Familienverhltnissen des
Herrn Grafen und von unseren eigenen noch weniger. Wir leben in den Tag hinein,
und wie kann man besser oder vielmehr angenehmer leben? - Wenn die Frage: Wo ist
Irene, wo sind Ewald und Eva, wo sind die anderen? von neuem gestellt werden
wird, dann hat sich alles gendert, und nicht zum Besseren. Wir leben dann nicht
mehr in den Tag, in das Licht hinein; wir wissen dann leider ganz genau, mit
welcher Regelmigkeit die Dmmerung und die Nacht kommen und wie es am hellsten
Mittage dunkel werden kann ber dem Menschen und seinem Zubehr.

                                Fnftes Kapitel


Von dem gelehrten Herrn Pastor, den der Herr Graf gleich zu Anfang unserer
Bekanntschaft meiner Mutter rhmte, habe ich wenig zu sagen. Der Herr Graf
verstand es wohl nicht besser, aber die Gelehrtheit des guten Mannes war nicht
weit her und sein Einflu auf uns unbedeutend.
    Hierber aber erhlt Ewald am besten das Wort. Er nahm mich seinerzeit
beiseite, das heit, indem er mich am Kragen fate und, mich auf offener
Dorfgasse abschttelnd, bemerkte:
    Tust du dumme Stadtpflanze noch ein einzig Mal da (dieses war von einer
Schulterbewegung dem Pfarrhause zu begleitet), als wtest du mehr als ich von
all den Dummheiten, so pa auf! Wie die Engel im Himmel singen, das weit du
wohl noch nicht? Hr mal, so!
    Nun ist es durchaus nicht angenehm, seiner Wissenschaften wegen an den Ohren
auf- und von den Fen gehoben zu werden.
    Hrst du sie?! Nicht wahr, sie singen wirklich wie die Engel? Und nun tu's
nicht wieder und heb den Finger in die Hhe, wenn ich feststecke! Frag nur
Irene, ob die alten Ritter das getan haben. In der Dorfschule beim Kantor tun
sie es alle, und da tue ich es auch, und du kannst es auch tun; aber bei dem
dummen Lateinischen und dem Herrn Pastor, da probiere es mir nur noch ein
einziges Mal, und du sollst scheu, was du erlebst, und wenn du mir auch
hundertmal deinen Robinson und deine Campes Eroberung von Mexiko geliehen hast.
    Was soll ich aber denn tun, wenn ich was wei? heulte ich, whrend Irene
lachte und Eva ihren Bruder am Hosenbund nach rckwrts zog.
    Die dumme Schnauze halten! Der Alte sagt es schon ganz von selber her. Ich
gehe doch schon lange genug bei ihm in die Privatstunde und mu es wissen, was
er alles wei! Oh, der wei fr uns beide noch lange genug!
    So war es; aber leider war das, was der gute geistliche Herr wute, auch
wenig genug, und was das schlimmste war, seine Begabung zum Lehrer stand noch
tief unter der Wasserhhe seiner Wissenschaft. In der Hinsicht war es jedenfalls
fr uns sehr von Nutzen, da die Jahre hingingen und wir ihm entwuchsen. Und der
Herr Graf, der meiner Mutter wegen in der Tat allen Grund hatte, Wort zu halten,
hielt es auch. Ich wurde mit Ewald auf das Gymnasium der greren
Provinzialstadt des anderen Staates jenseits des Flusses getan; und wir kamen
von da an nur in den Ferien nach Hause, das heit zurck nach Schlo Werden, in
das Frsterhaus, das Dorf und den Wald und zu den beiden Mdchen.
    Die beiden Mdchen! Als wir zum erstenmal abzogen, sagte Irene:
    Ihr habt es gut.
    Worauf Ewald mit einem bedenklichen Griff nach seinem Rcken erwiderte:
    Weit du das? Erst probieren und nachher weise Redensarten! Na, was mich
angeht, so ist die Hauptsache, da ich endlich einmal aus dem dummen Dachsbau
herauskomme. So 'n langweiliges Volk als euch findet man ja immer, und nachher
geht der Weg ja auch weiter, und deshalb haben wir zwei es sicher besser als ihr
beiden dummen Frauenzimmer.
    Und ich verbitte mir endlich diese ewigen dummen Dummheiten, rief Irene.
Das wird auch auf die Lnge dumm und langweilig, du - dummer Junge. La sie
stehen, Eva, und komm in die franzsische Stunde; so wie auf morgen, wo wir
endlich mal Ruhe vor ihnen haben, habe ich mich noch auf keinen anderen Tag
gefreut. Schafskopf!... Herrgott, Fritz, da ist deine Mama! Ach, nun hat sie
auch das wieder gehrt! Komm rasch, Evchen! Adieu, messieurs, mademoiselle
Martin nous attend. Ach Gott, ach Gott, ach Gott!
    Es war freilich meine Mutter, die um das Gartengebsch trat und in der Tat
das Wort Schafskopf noch vernommen hatte. Und obgleich sie die richtige
Adresse sicherlich ganz genau kannte, wendete sie sich dessenungeachtet an die
falsche, nmlich an mich, und sagte nichts weiter als:
    Aber Fritz?!
    Ich war es, mit dem sie sich gezankt haben, murmelte Ewald kleinlaut, aber
ehrlich.
    Von deiner Schwester ist gar nicht die Rede, Kind, sagte meine Mutter und
ging weiter den sonnigen Kiesweg entlang, um als Frau Aja mit dem Strickstrumpf
in einer Fensternische der franzsischen Stunde beizuwohnen und die Vokabeln
leise mit nachzusprechen. Mademoiselle Martin aus Nanzig in Lothringen, die
alte Kammerfrau der verstorbenen Frau Grfin, befleiigte sich der besten
Aussprache des Idioms.
    Es ist zwar schauderhaft, seufzte der Herr Graf, aber ich habe das
meinige doch auch nur in Wien gelernt, und sie hat es wenigstens aus Bchern und
ist mit der Grammatik in ihrem Geburtsort in die Schule gegangen. In Nizza hat
meine selige Frau sie gefunden, und sie hat treu bei uns ausgehalten durch Gut
und durch Bse. Durch das letztere meistens mehr als durch das erstere. Ihre
Eltern hatten sie zur soeur ignorantine bestimmt; aber sie fand in sich keinen
Beruf dazu, und mir ist es lieb, da wir sie gefunden haben. Sie hat sehr treu
bei mir ausgehalten, Madam Langreuter, und, wie gesagt, durch gute und durch
bse Zeiten, und durch die letzteren mehr als durch die ersteren.
    Auch mein Franzsisch stammt in seinen Elementen aus der Schule der Mamsell
Martin, und es ist danach geblieben. Irene und Ewald hatten Gelegenheit, das
ihrige sehr zu verbessern, und Ewald spricht und schreibt es heute fast ebenso
gut wie das Englische, das er mit einer spahaften Neigung ins Irische zu seiner
zweiten Muttersprache gemacht hat.
    Wir gingen ab nach dem Gymnasium und kamen von da an nur in den Ferien nach
Schlo Werden zurck. Wenn ich anfangen wollte, davon zu reden und zu schildern,
so wrde wohl nicht an ein Aufhren zu denken sein. So ist es aber hundert und
aber hundert Autobiographen und Biographen ergangen, und sie sollen fr mich mit
gesprochen und geschrieben haben. Es wiederholt sich und bleibt sich vieles
gleich in der Welt, was an und fr sich den Eindruck der individuellsten
Originalitt macht.
    Aber die groen italienischen Nubsche an der letzten Hecke des uersten
Gemsegartens derer von Everstein und den Vetter Just hat nicht jedermann
erlebt, und so machen wir die beiden zu unserer Spezialitt, und den letzteren
durch alle Bltter dieser Aufzeichnungen hindurch.
    Sie haben eigentlich nichts miteinander zu schaffen; der Vetter hat nie in
ihnen gesessen, in den Nubschen nmlich; aber doch kann ich nie an den einen
ohne die anderen denken. Sie gehren in der grnsten, lichtesten, lachendsten
und doch zugleich ernsthaftesten Weise zusammen in meiner Seele. Wie hundertmal
in der Wirklichkeit besuche ich heute in der Erinnerung den einen von dem
anderen aus, den Vetter Just auf seinem Hofe jenseits des Flusses von dem
Gezweige unseres alten Wunderbaums herunter.
    Es war eigentlich gar kein einzelner Baum, sondern ein Bndel dick- und
hochstmmigen Gebsches, das der liebe Gott aus einem halben Dutzend Kernen zu
unserem Vergngen auf einer Bodenerhhung an der Hecke zu auergewhnlicher Hhe
und Pracht hatte aufschieen und sich ineinander weitstig verwirren lassen. In
weit entlegene, uns ganz und gar vorgeschichtliche Zeit war das Aufsprieen
gefallen, aber der Gipfel der Verwirrung nur allein fr uns, wie wir glaubten,
in die unserige, und das war das Schne. Die Vorsehung hatte es auch in diesem
Falle gewut, was alles in dem Keime lag, den sie hier in seiner Hlse auf den
Boden fallen lie, den sie erst mit gelben Blttern, dann mit trefflicher
Gartenerde bedeckte und ungestrt Wurzeln nach unten in die Dunkelheit und zwei
zarte grne Blttchen nach oben in das Licht, in die Sonne treiben lie! Der
Mensch denkt nie daran, wenn er im groen Walde geht, was alles in zwei solchen
grnen Keimblttchen zu seinen Fen fr ihn und seine Art auseinanderklappt. Wo
bliebe aber auch das Spazierengehen, wenn dem so wre? Es wrden manche dafr
danken, und unter diesen ich zuerst. Zu Hause, innerhalb seiner vier Wnde,
unter alledem, was man sich selber allgemach zusammengetragen hat, wrde es bei
weitem behaglicher sein als drauen im Freien.
    Es war natrlich Ewald Sixtus gewesen, der zuerst herausgefunden hatte, wozu
dieses Baumgebsch gut sei. Er hatte die Leiterstufen gezimmert, die an dem
knorrigen Hauptstamm in die Hhe fhrten bis zu der ersten Gabelung, von wo dann
Irenes Ruhe, Evas Hhe, Friedrichs Lust und Ewalds Heim mit mehr oder weniger
Beschwerlichkeit und Gefahr des Hals-, Arm- und Beinbrechens zu erreichen waren.
Die Ruhe und das Heim hingen selbstverstndlich im schwanksten und
luftigsten Gezweig; Evas Hhe sa ebenso selbstverstndlich am tiefsten und
sichersten, und ich - ich wre mit und zu meiner Lust am liebsten unten am Baum
auf festem Erdhoden geblieben; aber hinauf mute ich wie die anderen, und wenn
ich einmal oben sa, so gab es freilich auch fr mich keinen besseren Platz im
Himmel und auf Erden als diesen zwischen Himmel und Erde.
    Da waren es einzig und allein die Vgel, die es noch besser hatten als wir
und die wir dann und wann immer noch beneiden durften.
    Wer es wie die knnte! seufzte Irene im uersten Gezweig, schon jenseits
der Hecke des Schlo-Kchengartens in ihrer gefahrvollen Ruhe, zwanzig Fu hoch
ber der Wiese hngend. Und das war wieder einmal an einem Sommermorgen, gerade
als die Sonne aufging und alle Frische und aller Tau und alle Erwartungen vom
Tage und smtliche Plne fr die angenehmste Verwendung desselben noch vorhanden
waren.
    Es ist kaum zu glauben, aber es war doch so: wir, Ewald und ich, wir
schmauchten frech hinein in die heilige Frhe, und noch dazu Zigarren, von denen
der Herr Pastor nie begreifen konnte (whrend unserer Ferien), wie sie ihm so
rasch zu Ende gingen.
    Der Herr Graf rauchte leider nicht; er wrde sich sonst gewi an eine
bessere Sorte gehalten haben. Den Knaster, den Vater Sixtus aus seiner kurzen
Jgerpfeife verdampfte, hatten sich die beiden Herrinnen von Evenshhe und
Irenensruhe in ihrem Baum und so frh in der Natur ganz ernsthaft verbeten.
Ich habe es schon gesagt, ich rauche heute auch nicht mehr; aber ich wei das
Blatt aus jener Zeit her noch zu wrdigen und zge es jetzt jedem anderen vor.
Ewald hatte gewhnlich alle Taschen voll davon und meinte: Das nenne ich gar
nicht einem was ausfhren, sondern nur gerechte Shne! Es ist einfach
scheulich, wie billig der Alte den himmlischen ther (nicht wahr, so heit's,
Fritz?) verstnkert. Es ist aber ganz sicher ganz dasselbe Kraut, was sich sein
lieber Papst Sixtus der Fnfte hier im Walde verstattet haben wrde; nicht wahr,
Fritzchen? Du mut es wissen.
    Weshalb mute ich das wissen?... Weil ich den Schlingel aus dem
Frsterhause um drei Eselsohrenlngen in der Gymnasialbildung hinter mir
zurckgelassen hatte? Es hat sich nachher ausgewiesen, da das ziemlich wenig zu
bedeuten hatte.
    Da sitzt Eva im Zweig und sagt vorwurfsvoll: Aber Ewald, sprich doch nicht
so vom Vater!
    Wozu hat man denn sein Taschengeld von ihm? klingt es zurck; und - es ist
immer noch der Sommer und der Sommermorgen, die Jugend und die Frage: Was fangen
wir heute mit dem unendlichen Tage bis Sonnenuntergang an? auf der Tagesordnung!
    Heute geben wir ihnen einmal recht ordentlich durch. Nachher kriegen wir
dann alles auf einmal ber die Kpfe und sind fr ein Vierteljahr hbsch reuig.
bermorgen geht ihr ja doch wieder ab, und wir haben Zeit fr alle guten
Ermahnungen und Weisheit und Tugend, nicht wahr, Evchen? ruft die Grfin von
Everstein von ihrem Aste und greift nach dem nchsten ber ihr und steht
aufrecht, in tollster Lust sich wiegend. Das ganze jetzt von der vollsten,
klarsten Morgensonne durchleuchtete grne Haus schwankt bis in seine
Grundfesten, das heit bis in die uersten Wurzelfasern.
    Nicht schtteln! O Irene! ruft Eva ngstlich; aber wohl rttelt und
schttelt sich alles rundum, der Nubaum und die weite wonnige Welt. Die
blitzenden Tautropfen sprhen im buntesten Glanze um uns hernieder, und jenseits
der Hecke von seinem Zweige hngt Ewald bereits wie ein Affe auf die freie,
weite Wiese herunter, mit den Fen in freier Luft, nach dem nchsten Aste unter
ihm tastend. Da er das Experiment nicht mit dem Kopfe nach unten hngend
ausfhrt, ist ein schner Zug seiner Nachgiebigkeit und Herzensgte; versucht
hat er's selbstverstndlich, aber Eva hat es sich fr unseren Baum verbeten,
wie Irene eben dafr den Knaster aus der Schweinsblase seines Vaters.
    Er kommt richtig auch diesmal wieder mit ungebrochenen Gliedmaen im hohen
Grase und unter den Sternblumen und Kuckucksblumen der Wiese an und schlgt zur
Erholung von der Anstrengung noch ein dutzendmal Rad im Kreise. Schon kriecht
die Komtesse durch die Hainbuchenhecke, und mehr als da sie springt, fliegt sie
ber die hohen Kletten- und Brennesselbsche im Graben. Aus dem Wunderbaum
erschallt noch ein flehend klgliches Stimmchen:
    Ach Gott, Fritz?!
    Ich reiche beide Arme an der Leiter empor, um das ngstliche Vglein aus dem
Baum im Notfall im Fall auffangen zu knnen.
    Da rennen sie schon ber die Wiese nach dem Walde! Mach rasch, Evchen!
    Ach Gott, ja! Sie hren ja nun wieder nicht! Und ich ginge doch so gern
erst hin und sagte es zu Hause, wo wir geblieben sind.
    Wir sind ja zu vier, Evchen! Und einer wird doch wohl brigbleiben und
Nachricht bringen, wenn drei von uns zu Schaden kommen.
    Ja, und ihr wollt dann, da ich das bin! Mein Vater ngstigt sich wohl
nicht; der kommt vielleicht auch erst zum Abendessen heim. Aber deine Mutter!...
Und Irenes Vater?!
    Das ist nun zu spt. Sie rufen schon vom Walde her; hrst du?
    Sie rufen wirklich, und wir kommen. Wir folgen der glcklichen, seligen Spur
durch den Tau der Wiese; und nun sind auch wir, Eva Sixtus und ich, in dem
khlen Schatten der Buchen, und - wunderte! - ein Gewissen hatten wir bis eben,
aber nun ist es uns gleichfalls abhanden gekommen. Sie haben alle kein Gewissen
in den Gebrdern Grimm, und wir stecken voll und ganz darin, in dem Mrchen, in
der Wonne des Abenteuers der Kinderwelt - ganz und gar darin wie die zwei
anderen, Ewald Sixtus und Irene Everstein!
    Was geht in der Menschheit Behagen ber diese ganze volle Gewissenslosigkeit
des Mrchens oder noch besser der Jugendzeit? - Die ewige Seligkeit; denn die
wird freilich in einem noch etwas hheren Grade gewissenslos sein.

                                Sechstes Kapitel


Sie hatten vom Walde, dem groen Walde her gerufen; und hinter dem Walde sa der
Vetter - der Vetter Just Everstein und wenn es fr Namen kein besser Sieb gibt
als ein Konversationslexikon in der Reihenfolge seiner Auflagen, so ist es sehr
schade, da der Vetter durch einen der gewhnlichen Zuflle nicht hineingekommen
ist. Er gehrte von Rechts wegen hinein und von Gottes Gnaden darin zum eisernen
Bestande irdischen guten Gerchtes.
    Jenseits unseres Waldes und jenseits des Flusses hatte sich da eine
Seiten-Seitenlinie des Geschlechtes derer von Everstein allgemach von Generation
zu Generation, von Glckswechsel zu Glckswechsel in den Bauernstand
zurckverloren. Schon vor hundertundfnfzig Jahren, gerade als eben dem
Bruchteil von Adams Geschlechte auf Schlo Werden das Grafentum als hhere
Betitelung von oben zufiel, hatten die Vettern drben den letzten Ring, der sie
an den Adel des deutschen Volkes knpfte, fallenlassen. Das Wrtlein von war
ihnen abhanden gekommen, wie ein Taler in die Stubenritze rollt. Sie wuten
selber nicht recht anzugeben, wie es eigentlich zugegangen war.
    Das einzige, was ich gewi darber wei, ist, da wir damals scheulich auf
dem Hunde waren, sagte der Vetter Just. Was will ein Kotsasse, dem der
Siebenjhrige Krieg die letzte Kuh aus dem Stalle holt, mit einem adeligen
Wappen ber seiner Stalltr? Sich bei den anderen Bauern und alle Abend im Kruge
lcherlich machen? Das kann er! Siehst du, Fritze, das ist eben die Sache beim
Kriege, da er den einen zum Kaiserlichen Feldmarschall-Leutnant macht, wenn's
beim anderen um die letzte Kuh gilt. Studiere du deine mittelalterlichen
Geschichtsquellen ruhig weiter; aber meine la mir lieber doch unaufgerhrt. Ich
meine, der alte Brunnen kommt immer doch noch klar genug aus der Tiefe in die
Hhe. Nur immer khl und klar, das ist die Hauptsache; am Ende bleibt alles, was
dem Menschen berhaupt auf dieser Erde passieren kann, in der Verwandtschaft,
und das ist ein Trost; - nicht etwa?
    Jawohl, jawohl! holte ich die Antwort tief aus der Seele herauf. Das war
aber alles nicht an dem Morgen, an dem wir wieder einmal von dem Nubaum zum
Vetter Everstein jenseits des Flusses durchgingen, sondern lange,
beschwerliche Jahre spter. - Der Nubaum oder die Nubume waren damals lngst
ebenso unmotiviert umgehauen worden wie die, welche den Legationssekretr
Werther in solche Wut gegen die neue Frau Pfarrern zu St. Brachten; - wie khn
und wie herrlich die ste waren!... Abgehauen! Ich mchte rasend werden, ich
knnte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat!... Siehst du, ich komme
nicht zu mir!... O wenn ich Frst wre! Ich wollt die Pfarrern, den Schulzen und
die Kammer - - -
    Eine neue Chaussee fhrt ber die Stelle weg, wo meine Nubume standen, und
wer wei, wie bald auch ber diesen Weg sich ein Eisenbahndamm hinlegt und wie
bald die Personen- und Gterzge vom und zum Rhein ber die Sttte brausen und
keuchen. Es ndern sich stets die uerlichen Umstnde, unter denen die Natur
und der Mensch ihren Adel gewinnen oder verlieren!...
    Passierte es nur einmal, so wre es freilich schlimm, sagte der Vetter
Just. Aber da es immerdar sich so ereignet hat und sich auch fernerhin nicht
anders machen lassen will, so stelle ich mich auch hier auf den Fu der
Philosophie, nachdem ich mich gergert habe. - Das sagte er aber von den
Nubumen.
    Selbst auf die Vetternschaft mit dem vornehmen Schlo Werden erhuben die
Mannen jenseits des Flusses ihrerseits nicht den geringsten Anspruch mehr. Der
Vetter war auch eigentlich nur dem gegenwrtigen letzten Spro der Familie
angehngt worden, und zwar von der Gegend. Es war so etwas von der Vetter
Michelschaft dabei, aber im besten und vergnglichsten Sinne.
    Gestern abend war Vetter Just da! war ein Wort, das einen ungemein
behaglichen Klang weit umher in jedem Hause hatte.
    Wenn ich nur wte, wie es mit dem Kerl zuletzt einmal zu Ende gehen wird!
war dann freilich ein Nachklang von etwas bedenklicherer Tonfarbe; allein es
waren immer nur die Unverstndigsten im Lande, die sich also achselzuckend
uerten, und was berall in der Welt auf deren Bedenken und
heimtckisch-wohlwollende Sorglichkeit fr den lieben Nchsten zu geben ist, das
wei man; - ich wenigstens wei es. Ist es nicht leider meistens der Verstand
der Verstndigen, bei dem sich am liebsten die Schadenfreude hinter dem
freundschaftlichen, sorgenvollen Nachdenken und teilnehmenden, bedauernden
Kopfschtteln versteckt?
    Welch ein Glck ist es da, da wir soeben erst aus unserem Nubaum in den
Sonnenschein auf der morgendlichen, glitzernden, grnenden, blhenden
Kindheitswiese hinuntergepurzelt, - geglitten und - gehpft sind und uns immer
noch, unverstndig und sorgenlos, mit dem allermglichst wenigsten Nachdenken
ber uns selbst und den Vetter Just Everstein auf dem Wege zu diesem Vetter
befinden!
    Auf dem Wege? O ja, wenn nur nicht die Umwege gewesen wren! Wann sind wir
damals unseren Angehrigen je anders als auf Umwegen zu dem Vetter
durchgegangen? Gab es aber berhaupt noch eine andere Gegend, die vier dumme
Krabben, wie der Vater Sixtus sich auszudrcken beliebte - in gleicher Weise zu
Dummheiten und auf Seiten- und Schleichpfade zu verlocken imstande war?
    Fr uns nicht, wenn mich gleich das Leben gelehrt hat, einem jeden das Recht
unverkmmert zu lassen, das theatrum mundi seiner Jugend in gleicher Weise allen
anderen Feldern und Wldern, hier den Fichten und dort den Palmen, wehmtig und
freudig vorzuziehen.
    Nach rechts und links, im Schatten und Licht, im Trocknen und Feuchten
lockte es, und natrlich da immer am verfhrerischsten, wo das Dickicht am
verworrensten war, wo Berg und Fels am steilsten sich erhoben und wo der Bach am
mutwilligsten durchs Tal schumte. Wann htte zur Zeit der Kibitzeier die
Komtesse jemals eine Gelegenheit, bis an die Knie im Sumpfe zu versinken,
verabsumt? Wann htte Ewald Sixtus je ein heiles Knie einem zerschundenen, eine
ganze Hose einer halben vorgezogen?
    Und dann die Jahreszeiten, die wir zhlten durch die Schneeglckchen, die
Maiblumen ber die Erdbeeren weg bis in die Brombeeren und den Dohnenstieg! Auch
ich habe damals mit den anderen gelacht, wenn die liebe Eva ein bitteres
Trnchen ber die armen erhngten Krammetsvgel vergo und den Sack nie tragen
wollte, der die gefiederte Jagdbeute enthielt.
    Wenn sie sie in der Schssel auch nicht riechen knnte, so wollte ich gar
nichts sagen, brummte Ewald. Dich meine ich nicht, Irene; aber so seid ihr
Frauenzimmer! Nicht wahr, Fritze, wir genieren uns nicht:

Was ich gebraten sehen kann,
Seh ich nie als 'ne Mordtat an!

Also ist die Reihe an dir, den Ranzen zu schleppen, Irene. Immer galant gegen
die Damen! sagt Mamsell Martin; wenn es wieder bergan geht, nimmt ihn Fritzchen
dir ab. Aber Riesenkreaturen haben wir diesmal, was?! Es ist wahrhaftig ein
Spa, was fr eine Menge unschuldig Blut so 'n paar rote Vogelbeeren an den
Galgen bringen! Nicht wahr, Eva?
    Famos! ruft die Komtesse hochrot, zerzaust und glhend vor Jagdlust; und
der Herbstwind fegt und rasselt durch den Niederwald und treibt ihr die blonden
Locken ber das Gesicht und treibt mich zurck in den Sommermorgen, den ich
immer von neuem unter der Federweg verliere, um mich immer wieder zu ihm
zurckzufinden.
    So? Haben sich die beiden Puppen noch herangefunden? fragt Ewald grinsend,
als seine Schwester und ich ihn und die Grfin unter den Bumen des Waldes
wieder einholen. Das ist schn! Nun haben wir auch die Tugend und die Vorsicht
in der Bande, und nun kann's losgehen! Was an mir in Fetzen heute davonfliegt,
das flickst du zusammen, Evchen. Fr die schndlichen Redensarten, die heute
abend ber Irene losgelassen werden, bist du vorhanden, Fritzchen. Und nun rasch
weiter; - deine Alte merkt wahrscheinlich jetzt schon Unrat, Fritz, und hngt
schon an der Sturmglocke -
    Und Papa kommt die Treppe herunter und schttelt in dem Gartensaale den
Kopf. Und deine Mama ringt die Hnde, Fritz, und Papa ist zu allerletzt noch am
wenigsten rgerlich und in Sorgen. Ach, es soll aber heute auch das allerletzte
Mal sein, da wir so bse sind! Ich gehe ganz gewi nicht wieder mit durch, ohne
vorher um Erlaubnis gebeten zu haben.
    Ich auch nicht, ruft Eva Sixtus mit Trnen in den Augen.
    Ich auch nicht! sage ich kleinlaut, und -
    Na, denn ich auch nicht; aber frs erste stecke ich mir jetzt 'ne Pfeife
an. Hier sind wir auf Staatsforstgrund, und die Grafen von Everstein knnen mir
meinetwegen kommen. brigens knnt ihr ja alle noch umkehren; im Notfall laufe
ich ganz gern allein, und dem Vetter Just ist es auch recht. Geh du dreist
wieder nach Hause, Fritzchen, und nimm alles ruhig mit, was sonst noch von
Teesimpeln da ist. Au!... Alle Donner!
    Eine gute Handvoll Haare aus der Lockenflle des hhnischen Hanswurstes
streut Irene Everstein in die Morgenlfte, und fnf Minuten spter sind wir
allesamt so weit von dem Schlosse Werden fern, da uns auch der lauteste Klage-
oder Warnungsruf von dorther nicht mehr zu erreichen vermchte. Wir sind
gerettet aus aller Kultur in die schnste Wildnis, in die sich der gebildete,
lter gewordene Mensch nur in seinen allerhchsten Feierstunden zurckdenken
kann - in den Stunden oder Augenblicken, die wie ein leichter schner Rausch
kommen und schwinden und leider nicht jeden Tag auf der Tagesordnung stehen, was
auch die Leute, die es so ausnehmend gut verstehen, zur Sache! zu rufen, davon
halten mgen.
    In an indian file, wie Ewald, der damals mit grestem Eifer seine
amerikanischen Abenteuerromane englisch las, sagte, schlpften wir durch die
Bsche; und wenn die beiden Mdchen alle Augenblicke aus der Bahn brachen und
ins Blumenpflcken gerieten, so fand sich fr uns zwei Jungens wieder mancherlei
anderes, was uns auf dem Wege aufhielt. Gut zehn Uhr wird es in Bodenwerder
geschlagen haben, wenn wir endlich eine halbe Stunde weiter stromaufwrts das
Fluufer, den Vater Klaus und den Kahn desselbigen bei seiner Fischerhtte
erreichen.
    Es fhrt eine Schiffbrcke bei Bodenwerder ber den Flu. Das wei ein
jeder, so gut als ein jeder den Freiherrn von Mnchhausen aus Bodenwerder kennt.
Was wre aber unsere Fahrt zu dem Vetter Just Everstein ohne den Vater Klaus und
seinen Kahn inmitten des Weges? Unbedingt nur das halbe Vergngen.
    Wenn wer mit in die Lust des wolkenlosen Tages hinein gehrte, so war's der
alte Fischer Klaus, obgleich Ewald jedesmal bemerkte:
    Wren die Mdchen nicht dabei, so sparte ich sicher meinen Groschen dem
Alten am Leibe ab. Wer schwimmen kann, braucht auf dem Lumpenwasser noch lange
keine Bretter unter sich.
    O du Renommist! ruft Irene, die, wenn sie sich ganz allein zwischen den
Buchen und Weiden hben und drben gewut htte, wahrscheinlich gleichfalls
keine Bretter und Balken zwischen sich und das sonnenbeglnzte, weich
hingleitende Element gelegt haben wrde.
    Schon zupft mich Eva Sixtus scheu und erschreckt am Rockrmel.
    Sei nur ruhig, Evchen. Sie renommieren beide furchtbar. Das Gromaul da mit
seinen Hnden in den Hosentaschen und Irene - innerlich! Komm nicht ins Rutschen
den Abhang herunter. Da liegt der Vater Klaus bei seinen Reusen, und da steigt
sein Rauch auf von seinem Herde. Irene kann ja gar nicht schwimmen!
    
    Dieser Rauch von dem Feldsteinherde des Alten am Wasser ist
wahrscheinlicherweise die Rettung meiner Nase vor zwei Fusten, die von rechts
und links her dicht unter sie gehalten werden.
    Hurra, der Vater Klaus! schreit Ewald und rutscht bereits auf seines
Vaters erst vor einem halben Jahre an den Dorfschneider abgegebenen
Hochzeitshosen ber das Steingerll in die Tiefe, als ob er den Stoff
gleichfalls fr absolut unverwstlich erachte.
    Die Komtesse wirft mir noch ein Ach, so 'n gutes Fritzchen! zu und folgt
dem Kameraden bergunter gleichfalls in sitzender Stellung und nur um ein weniges
mehr als er um den uerlichen Anstand besorgt.
    Na, na, wat kummt mi da? Ach, Herrje, i sehn Sie mal! meint der Vadder
Klaus, und wir sind alle bei ihm angelangt alle mit heiler Haut, bis auf den
Meister Ewald, der sich etwas nachdenklich die Posteriora reibt und mehrfach den
vergeblichen Versuch macht, sich dieselben ber die Schulter genauer zu
betrachten und seinen Schaden zu besehen.
    Nach dem Walde das Wasser! Es ist sehr hei an dem Ufer; aber keiner merkt
es. Der Flu ist breit genug, um alles, was in der jungen Brust noch gebunden
lag, frei zu machen. Eilig drngen sich und lautlos die Wirbel vorbei und nehmen
uns geheimnisvoll verfhrerisch in der Phantasie mit sich in das Hellste,
Khlste, Grenzenloseste - immer weiter und weiter durch alle geographischen
Schulstubenerinnerungen bis hin auf das groe Meer. Juan Fernandez und Salas y
Gomez liegen im magischen Blau als einzige feste Punkte, an denen die Erfahrung
mit wonnigem Herzpochen haften kann; darber hinaus in wiederum undenklicher
Ferne splt und sprht's nur in die Buchten und Palmenwlder von Traumland
hinein, selbst fr Ewald Sixtus, der schon ganz genau wei, da die Weser
einfach bei Bremerhaven in die Nordsee mndet, da vor Neuyork Long Island liegt
und da Staat und Stadt Neuyork zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika
gehren. Auch fr mich, der ich in der neueren Geographie ziemlich und in der
alten recht gut Bescheid wei, der ich den Weg des Knigs Alexander zum Indus
und nachher die unvereinigten Staaten von Asia minor ganz genau auf der Karte
zeigen kann.
    Whrend nun Vater Klaus seinen langgedienten Kahn zur berfahrt bereit
macht, durchstbern die zwei Mdchen zum wer wei wievielten Male sein
einsiedlerisch halbwildes Hauswesen.
    Eins steht fest, ruft Irene, den blonden Lockenkopf aus der Pforte der
Htte vorstreckend; das nchstemal bitten wir zu Hause um die Erlaubnis, und
dann bleiben wir eine Nacht hier. Da liegen wir hier am Feuerherde und braten
uns unsere Fische selber, und der Mond mu scheinen, und wir singen dazu und
rufen die Khne und Fler an -
    Und kriegen dumme Redensarten zurck, grinst Ewald.
    Und dumme Jungen werden drauen mit dem Kopf ins Nasse untergeduckt -
    Und ich bin dabei! schreit Ewald mit einem Sprunge und die Mtze
schwingend. Das ist eine ganz rasend heitere Idee! Das nchstemal gehen wir
ihnen sicherlich erst bei Sonnenuntergang durch!
    Und der Alte am Wasser, bedenklich seine Kappe von einem Ohr aufs andere
schiebend, meint:
    Ich wre wohl schon dabei, und zu Schaden sollten die jungen Herrschaften
bei mir auch wohl nicht kommen; aber schriftlich mu ich die Erlaubnis doch wohl
vor mir haben; denn nachher kenne ich sonst die Herren beim Amte gut genug, wenn
ich wieder von wegen meiner Berechtigung allhier vor sie mu. In alten Zeiten,
allwo man noch gar keine Papiere ntig hatte, soll das alles viel besser gewesen
sein, und da htte auch ich, nichts Schriftliches verlangt, sondern im
Gegenteil.
    Dies ist doch groartig! meint Irene Everstein, eine der gewohntesten
Redensarten ihres Freundes Ewald sich aneignend.
    Nun fahren wir ber.
    Nicht schaukeln! Bitte, bitte, nicht schaukeln, Irene! fleht Eva, wie sie
vorhin Nicht schtteln! ngstlich gerufen hat.
    Die Strmung ist ziemlich heftig und das Schaukeln in der Tat durchaus
nicht notwendig.
    Ja, lassen Sie es lieber, junge Herrschaft, meint der Vater Klaus. Erst
vor acht Tagen habe ich da ein bichen weiter unten eine herausgeholt. Die mute
ziemlich weit von oben her zugereist sein; hier herum, und so weit unsere
Gerichtsherren hinreichen, hat sie niemand gekannt. In Bodenwerder haben wir sie
denn auch unbekannterweise beerdigt, und ich bin auch der einzigste gewesen, der
mit ihr gegangen ist; und das ist nicht das erstemal in meinem Leben gewesen. So
'n alter Fischersmann will doch nicht so ganz als ein Vieh an seinem Wasser
sitzen, sondern sie geben sich, mit Respekt zu sagen, gegenseitig alle Ehren.
Ja, so 'nen Wasserlauf soll man nur recht kennen durch die Jahre und Tage und
Nchte und alle Witterungen - das ist wohl was Nachdenkliches, junge
Herrschaften!
    Wir sahen alle nach dem Weidenbusch hinber, wo die unbekannte Fremde
anlandete nach ihrer langen Reise. Irene schaukelt nicht mehr; aber nun sind wir
mitten im Strom, und wo ist der Sonnenschein heller als mitten auf den Wassern?
Die Wellen flimmern, silberne Flossen schnellen rundum auf, um blitzschnell
wieder in der Tiefe zu verschwinden. Wir lassen alle eine Hand in die laue Flut
herniederhngen und sie um die erhitzten Pulse splen.
    Na aber, Fritze, dein zarter Teint! grinst Ewald... Nun guckt nur, ob
seine liebe Nase bei der Temperatur nicht schon abblttert wie eine Zwiebel. Von
euch zwei Backfischen sage ich gar nichts; denn ihr seid ja ganz in eurem
Elemente, und brigens wird es euch auch Fritzchens Mama heute abend schon sagen
und morgen frh noch einmal.
    Die beiden Mdchen unter ihren breiten Sommerstrohhten glhen freilich wie
die Pfingstrosen; aber von der unbekannten Leiche, welcher neulich unser alter
Fhrmann in Bodenwerder allein das letzte Ehrengeleit zu Ehren seines Flusses
gab, ist nicht weiter die Rede. Wir landen auf dem anderen Ufer, der Vater Klaus
bekommt seinen Fhrlohn und ruft uns nach:
    Also auf das schriftliche Attestat verlasse ich mich. Nachher wnsche ich
mir nichts Besseres als die junge Herrschaft bei mir zu Gaste, wenn mal der Mond
voll im Kalender steht und der Fisch zutunlich gewesen ist. Und mitsingen tu ich
auch. In meinen jungen Jahren habe ich immer ber der Bratpfanne alle hbschen
jungen Mdchens hben und drben in den schnsten Liedern vom Jahrmarkt mit
besungen.
    Es schlgt eben in der Ferne, in Bodenwerder, elf Uhr, als wir lachend, die
Mtzen und die Taschentcher schwenkend, unseren Weg auf dem Schifferpfade durch
Weiden, Rhricht, ber die harten Kiesel und Flumuscheln fortsetzen
stromabwrts.
    Unser grauer Charon bleibt noch eine ziemliche Weile auf seine Ruderstange
gelehnt stehen und sieht uns nach - lchelnd, kopfschttelnd und eine Prise
nehmend. Er hat zu allen diesen drei uerungen seiner Meinung und Ansichten
ber uns vollkommen die Berechtigung und braucht sich nicht im geringsten auf
irgend etwas Schriftliches einzulassen.

                               Siebentes Kapitel


Es ist, als schwnde der Vetter in immer unbestimmtere, idealere Ferne Aber wir
erreichen ihn und das Seinige doch; und wenn wir ihn haben werden, so wird er
hoffentlich um so nher zu Sinn und Herzen wirken und also in der einzig wahren
Weise ganz realistisch dasein. Mein Wort darauf, wir wissen Bescheid und stehen
mit den echten Wirklichkeiten oder Realien in dieser Welt auf ganz gutem Fue
und verkehren miteinander nicht blo in Schlafrock und Pantoffeln - denn das
will nicht viel bedeuten! -, sondern auch dann und wann im Fest- und
Feiertagskleide, und das will viel sagen!
    Nun querlandein durch die Sommerglut! Wir haben jedoch glcklicherweise nur
noch eine kleine halbe Stunde zu marschieren, bis wir den Steinhof erreichen,
und wir legen den Weg nunmehr rasch genug zurck, denn jetzt hlt uns nichts
mehr auf demselbigen auf. Die Mdchen wollen zwar anfangen, ihre Fe
nachzuziehen; aber Ewald, im kurzen Trabe sich zu mir wendend, meint grinsend:
    Jetzt ist es ein wahres Glck, da sie ihren Magen geradesogut als wir
spren, sie drehten sonst richtig noch um und gingen nach Hause. - Alle Donner,
Rhrei und Schinken, Kinder, ich sage euch, so fressig wie jetzt ist's mir -
seit gestern mittag noch nicht im Leibe zumute gewesen! Ho, jetzt will ich nur
wnschen, da dem Vetter diese letzte Nacht recht lebendig von mir getrumt hat
und er sich wenigstens annhernd anstndig auf die Visite eingerichtet hat. Nun,
Leute, im Notfall steigen wir ihm selber in die Rauchkammer und brechen ihm wie
Schillers ganze Bande in seine Wrste ein. Die anderen Stcke von ihm, ich meine
Schillern - kann er ja dann derweilen mit euch herdeklamieren. Von mir wei ich
Bescheid und sage, erst essen, und zwar ordentlich, und dann meinetwegen soviel
Poesie und Geschichte und Philosophie und sthetik, als ihr wollt und leisten
knnt. Was sagst du, Frulein Grfin?
    Nach dem Essen! In dem Grasgarten im Grase und im Schatten. La aber jetzt
nur das lange Reden; die Sonne sticht zu arg. Evchen, ach Gott, am besten ist's,
man macht die Augen zu und luft zu und denkt sich lang hin in das Gras in dem
Grasgarten unter den groen Kirschbaum.
    Siehst du! Und heute abend mssen wir auch wieder nach Haus. Oh, ihr habt
ja nicht auf mich hren wollen!
    Mit einer Mamsell wie du drei Schritte ber die Gartenhecke hinaus
spazierenzugehen ist wirklich ein Plsier, brummt Ewald halb hhnisch, halb
verdrielich.
    Wre der Weg noch eine Viertelstunde lnger, so ist nicht abzusehen, wie
tief unsere Stimmung noch sinken knnte. Das ist die gewichtige Viertelstunde,
auf die es in so vielen Erdenlagen und Stimmungen ankommt zu unserem Behagen
oder Elend. Wir haben diesmal glcklicherweise nur noch fnf Minuten in einem
steinigen, holperichten, ausgefahrenen Feld-und Hohlwege zurckzulegen, um
wieder auf allen Hhen unseres jungen, taufeuchten Sommer- und Sonnenrausches
festen Fu zu fassen.
    Hurra, der Steinhof!... Vivat der Vetter Just Everstein!
    I, i, wat kmmt mi denn da? sagte der Vetter. Das ist aber schn! I,
siehst du wohl, hier sitze ich nun schon den halben geschlagenen Morgen und
warte auf Trost. Da kommt er mir vierspnnig, gerade als ich denke, Just, jetzt
gehst du zum Essen, ohne da sie dich suchen, sonst gibt es noch mehr Spektakel
und Unfrieden auf dem Hofe, und du hast eigentlich gerade genug fr heute
davon.
    Er sa wirklich auf einem Stein am Wege unter einem Dornbusch auerhalb
seines Erbsitzes, dieser kuriose Vetter; und als er damals aufsteht und ghnt
und grinst und sich reckt und dehnt, ist er ein lang aufgeschossener Junge von
nicht ganz zwanzig Jahren. Ein vollkommener, aber aus allem rund um ihn und an
ihm herausgewachsener Junge. Da also alles was aus ihm noch werden kann,
augenblicklich noch in ihm steckt, ist sicherlich etwas, was nur sehr wenige
meiner fraglichen Leser vermuteten. So einer, der etwas selber erlebt und
erfahren hat, ist immer klger als derjenige, welchem er nachher davon erzhlt.
    Holla, was schiebst du in die Tasche, Vetter? Richtig, da sitzt er in der
Sonne und verstudiert sich weiter! Zeig gutwillig, oder ich ziehe dir mit der
Jacke das Fell vom Leibe! ruft Ewald. Kinder, jetzt macht er auch Verse!...
Gedankenspiele beim Pflgen!... Als Hannchen in die Flachsrotte fiel!... Und da
hat er den alten Urlateiner, Vater Brder, auf dem Feldsteine warm gesessen. Ei,
guck mal, Fritze, gerade wie wir auf dem dummen Gymnasium! Was nicht von oben in
den Kopf will, dem kommt man viel bequemer mit einem anderen Krperteile bei.
Hat jemals jemand so einen verrckten Kerl erlebt? Es ist doch reinewegs nicht
zu glauben, was die Menschheit alles leisten kann. Und dann mchte man sich da
nicht die Haare darber ausraufen, da man nicht die Hute mit seinem
Nebenmenschen austauschen kann? O ihr gottverdammten Gtter von Rom und
Griechenland, was gbe ich dafr, wenn ich der Bauer auf dem Steinhofe wre und
dieses urverbohrte Monstrum mit seiner lateinischen Grammatik hier ich!
    Jetzt hre auf oder du wirst langweilig, Ewald, rief Irene Everstein.
Kommen Sie, Vetter Just, und hren Sie nicht auf den albernen Bengel -
    Und du bist doch nicht bse, da wir schon wieder da sind, lieber Just?
fragt Eva. Die beiden Jungen sind schuld daran; ich wollte eigentlich nicht mit
-
    Und wenn sie alle im Grasgarten im Grase liegen und schnarchen, dann sitzen
wir beide wach zusammen, Just! sage ich, und der Vetter, blde, freundlich,
seelenvergngt und nicht urverbohrt, sondern urverschmt sein glnzend Gebi
im Kreise herum zeigend, steht in unserer Mitte; und es hat gewi selten einen
anderen Menschen gegeben, der sich so wenig wie er um diese Lebenszeit gegen
Gte und Bosheit der Welt zu wehren wute.
    Gottlob kommt ihm auch jetzt ein Trost und eine Hlfe aus der Ferne her,
nmlich vom Zaun des Steinhofes.
    Da ruft sie zum Essen! Und wir haben gestern ein Rind ich will lieber nicht
sagen gegen meinen Willen, sondern wegen Futtermangel, wie sie sagt,
geschlachtet. Und jetzt kommt nur rasch; ihr kennt sie ja!
    In Bodenwerder wird es wahrscheinlich gerade zwlf Uhr schlagen. - -
    Es ist ein schlechter Boden, sagten die Leute, die sich darauf verstanden,
von dem Steinhofe und der dazugehrigen Lnderei, und sie konnten nichts dafr,
wenn sie es nicht ahnten, was fr Prachtgewchse dieser schlechte Boden
hervorzubringen vermochte. Es war Jule Grote, die ber den Zaun rief, und zwar
mit einer Stimme, in die der Himmel alles Gift, was er eben vorrtig hatte gegen
die irdischen Zustnde, hineingelegt zu haben schien.
    Ich kenne es heute viel besser als damals, das gute alte Mdchen nmlich,
und wei, was der Vetter an ihr hatte. Er wei es ebenfalls heute besser als
damals. Damals, das heit an jenem Tage, schob er uns sich voran auf dem
Feldwege durch den krglichen Haferacker und brummte:
    Ich komme mit; aber, Kinder, ich sage euch, gerne wre ich heute allein
nicht nach Hause gegangen! Es ist alles mal wieder vom frhen Morgen an kopfber
kopfunter gegangen, und ich bin an allem schuld gewesen. Ach Gott, ach Gott, wo
ich meine Hnde habe, soll ich meinen Kopf haben, und wo ich meinen Kopf habe,
da will sie meine Hnde sehen. Und dann soll ich meine fnf gesunden Sinne
zusammennehmen und bedenken, wozu mich der liebe Herrgott in die Welt und hier
auf den Steinhof hingesetzt hat. Und wenn sie nur wte, wer ihr all das Elend
mit mir eingebrockt hat, sagt sie. Es mu wohl von weit her kommen, meint sie,
und das ist das einzige, was sie darber wei; und ich, Fritz, ich wei auch
nicht mehr. Sie hat doch meinen Vater gekannt, und meinen Grovater dunkel; von
den zwei habe ich es wohl auch etwas, aber nicht ganz, sagt sie, wenn ihr die
Hnde anfangen vor rger zu zittern und sie mit der Schrze vor den Augen abgeht
und ich auch und ihr doch nichts in der Wirtschaft in den Weg lege, sondern sie
mit der Vormundschaft ruhig regieren lasse hier auf dem Steinhofe. Und dann
werde ich doch auch erst nchste Ostern bers Jahr mndig und mein eigener
Herr!
    Mit einer uns an ihr ganz fremden Grazie schiebt Irene Everstein ihren Arm
in den des armen Teufels und sagt:
    Bitte, Herr Just.
    Das war ganz und gar meine Mutter in ihrem Verkehr mit ihrer Umgebung; aber
bei meiner Mutter hatte ich noch nie darauf geachtet, wie vornehm sie mit den
Leuten umzugehen wute.
    In diesem Moment aber war es natrlich Herr Ewald Sixtus, Untersekundaner
usw., der's bewies, wie weit man mit einer guten Lunge und mit zrtlich tuender
Unverschmtheit in der Welt reicht. Mit der ersten erschtterte er durch ein
Jubelgeschrei die Lfte auf eine Viertelstunde im Umkreis, mit der zweiten
sprang er ber den Zaun des Steinhofes und hing sich der braven Jungfer Grote an
den Hals:
    Da sind wir wieder, Jule! Sehen Sie, so wird die Sehnsucht endlich doch
belohnt! Wie lange stehen Sie denn schon hier und gucken nach mir aus ber die
Planken, Mamsell Grote? Komm her, Fritz, und gib Pftchen. Gibt sie dir aber
auch einen Ku, so morde ich dich heute abend auf dem Rckwege. Lebendig kommst
du dann nicht wieder auf Schlo Werden an. Und nun rasch, Jule, Sie wissen es,
da Sie fr mich zum Fressen sind! Rasch - jeder holt sich Messer und Gabel und
seinen Teller selber aus der Kche.
    O herrje, herrje - und die jungen Damens auch wieder! rief die wackere
Haushlterin und Vormnderin auf dem Steinhofe, chzend sich aus den Armen ihres
strmischen Verehrers und zweiten Lieblings frei machend. Ich habe es seiner
Mutter im Kindbett und Totenbett versprochen, da ich so lange bei ihm aushalte,
als er mich bei sich behlt! sagte sie von ihrem ersten Liebling - dem Vetter
Just Everstein.
    Nun bekommt Eva Sixtus eine bewillkommnende Hand und dann Irene auch;
letztere aber erst, nachdem diese Hand vorher noch einmal in der blauen
Kattunschrze unntigerweise abgetrocknet und abgewischt worden ist.
    Aber das ist mal schn! Nehmen sie es nur nicht bel; aber es ist mein
Schicksal: jedesmal, wenn wir die Ehre haben, haben wir gemistet auf dem
Steinhofe und ist der Herr Just den ganzen Morgen durch nicht aufzufinden und
abzurufen gewesen. Ich brauche nur am Abend zu sagen: Just, jetzt pat du mir
aber auf die Gottesgabe morgen frh, so geht er durch mit seinen
Lateinerbchern, und ich sitze allein mitten drin in der Wirtschaft und den
Tagelhnern. Was daraus werden soll, wei ich nicht; na, aber Essenszeit ist's
freilich jetzo lngst, und nchste Ostern bers Jahr wird er einundzwanzig alt
und sein eigener Herr. Ach Gott, gndigstes Frulein Grfin, Ihr Herr Vater
sollte nur einmal einen einzigsten Tag lang an meiner Stelle sein! Und - Ihre
Mutter auch, Herr Langreuter, aber davon will ich weniger sagen, denn die ist ja
auch ein Frauenzimmer und hat das Ihrige durchgemacht in ihrem eigenen Haushalt
und bei anderen Leuten.

                                 Achtes Kapitel


Wie viele schne, geistreiche, vornehme Menschen habe ich auf meinem Lebenswege
kennengelernt!
    Auf die krperliche Schnheit am Menschen achte ich sehr genau und mit
grester Teilnahme und bin noch heute imstande, einen ziemlichen Umweg zu
machen, um ihr in den Gassen und Husern begegnen zu knnen. So bin ich zu der
festen berzeugung gelangt, da ihrer nicht weniger wird in der Welt.
    Geist ist im berflu vorhanden. Dies wei ja ein jeder selbst am besten.
Wer glaubt nicht, von seinem berflu an tausend und aber tausend reichlich
abgeben zu knnen?
    Von der Vornehmheit brauche ich eigentlich gar nicht zu reden. Ich habe da
nur sehr wenige kennengelernt, die sich in ihrem innersten Herzen nicht zum
allerhchsten Adel der Schpfung rechneten und jedwede Vernachlssigung, ein
jeglich bersehenwerden dieser schmeichelhaften, aber wahren Tatsache nicht mit
den grimmigsten Zugen in das goldene Buch ihrer Selbstschtzung eintrugen. Und
je klter sie dabei lchelten, desto schlimmer war's fr den schnden, mehr oder
weniger unbewuten Gleichmacher. Er sank jedenfalls sehr tief in ihren Augen und
sofort unbedingt aus allem Anrecht auf irgendwelche Bercksichtigung ihrerseits
vollstndig heraus. Und das war recht - ist recht und - wird recht bleiben; denn
es ist allzu angenehm und kitzelt zu s um das Zwerchfell herum, um jemals von
uns als Recht aufgegeben zu werden.
    Nun hinke ich hier durch den kmmerlichen Hafer seines Feldes hinter dem
Vetter Just her. Hbsch ist er nicht, schn noch weniger. Geistreich hat ihn
noch niemand genannt, und was seine Vornehmheit anbetrifft - nun, so hat er es
ja selber gesagt, da er mit dem etwas recht fraglich gewordenen Wappen seiner
Ahnen ber seiner Stalltr nicht das mindeste mehr anzufangen wute.
    Was ist es nun, das diesen lang aufgeschlodderten, wehleidigverblfft um
sich stierenden groen Jungen uns als ein Ideal alles dessen, was die Jugend
liebhat an der Sonne, der Erde, den Weibern, den Professoren und den Knigen,
hinstellte?
    Eine ganz einfache Sache, nmlich, da er von allen diesen schnen und
herrlichen und groartigen Dingen und Wesen etwas an sich hatte, und zwar das,
was die Jugend am ersten und mit der glcklichsten Bewunderung aus ihnen
herausfhlt. Die, welchen das zu hoch klingt, haben nie zwischen dem vierzehnten
und fnfzehnten Lebensjahre an einem Julitage auf der Erde lang ausgestreckt
gelegen und, die Hnde unter dem Hinterkopfe, sich - die Sonne ins Maul scheinen
lassen, wie die Redensart lautet. Sie haben nie die Gromutter am Winterofen
erzhlen hren und sie nachher auf dem Sterbebette gesehen; sie haben nie die
Wellen rauschen hren, die Aphrodite gebaren; und auf das Rauschen und Leuchten
der hellen Sommerkleider im Walde hinter ihnen haben sie auch wenig geachtet.
Ihnen hat es, was die Gelehrten anbetrifft, nie imponiert, was die verrckten
Kerle im Laufe der Jahrtausende alles mglich gemacht haben. Ganz umsonst fr
sie ist Alexander von Mazedonien bis zum Indus vorgedrungen und hat sich von dem
Knig Porus durch Heldenhaftigkeit gutwillig besiegen lassen. Heldenhaftigkeit
ist nicht in ihnen; sie haben nie die Lebensbeschreibungen des Plutarch unter
das Kopfkissen gelegt oder die Kirschblten im Garten auf sie niederfallen
lassen.
    Heldenhaftigkeit und somit die Sonne, das Geheimnis und Wunder der Erde, das
Weib und die Wissenschaft steckten in dem Vetter Just Everstein.
    Das ist ein ganz drolliger Patron! sagten diejenigen, welche es immerhin
noch ganz gut mit ihm meinten und ihre wahre Meinung ber ihn nicht zu schroff
uern wollten.
    Kennen Sie diesen schnurrigen Kauz, den sogenannten Vetter Just, noch
nicht? fragte sich die Gegend weit umher und fgte, ohne die Antwort
abzuwarten, hinzu: Oh, dann lernen Sie ihn doch ja recht bald knnen; es wird
Sie nicht gereuen.
    Dt is 'nen ganz verrckten Minschen, meinte der zum Steinhofe gehrige
Teil der in diesem Augenblicke in diesen Memorabilien um den Etisch auf dem
Steinhofe versammelten Tafelrunde. Die das sagten - die Knechte, Mgde und
Tagelhner des Steinhofes -, hatten recht, vollkommen, zweifellos recht: der
Vetter Just Everstein war ein ganz und gar verrckter, das heit ihnen und noch
vielen anderen gnzlich ins namenlose Weite entrckter Mensch.
    Es war eine Bauernstube der alten, rechten Art, in der wir uns jetzt mit zu
Tische setzen. Und es ist der richtige alte Tisch mit den richtigen Npfen und
Schsseln darauf. Es hat seit dem Jahre 1838, in welchem Jahre der Freiherr von
Mnchhausen seinen Gastfreund, den Baron Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher, in
der Bocage zum Warzentrost als Syndikus bei seiner
Luftverdichtungs-Aktienkompanie anstellte, manch liebes Mal mehr voll, ein
Viertel, halb und drei Viertel auf dem Kirchtrme von Bodenwerder geschlagen.
Der Fortschritt ist wieder ungeheuer gewesen; unsere Bauern sind die Herren
konomen geworden und grnden lngst selber Zuckerfabriken und
Luftverdichtungs-Aktiengesellschaften. Ihre Jungfern haben sich mamsellen
lassen und werden Fruleins genannt. Frulein Emerentia von Schnuck-Puckelig ist
eine Wahrheit geblieben; aber die Tochter vom Oberhofe ist zu einem schnen
Phantasiebild geworden: der treue Eckart - diesmal Karl Leberecht Immermann
genannt hat wieder einmal vergeblich am Wege gestanden und warnend die Hand
erhoben. Wir haben uns ein Unterhaltungsstcklein aus seinem weisen,
bitterernsten Buche zurechtgemacht; - kehren wir rasch auf den Steinhof zurck.
Was bleibt auch mir anderes brig, als mir heute aus den Zustnden der
Vergangenheit eine angenehme Gegenwartsunterhaltung knstlerisch-chemisch
abzuziehen und das Caput mortuum in den frischesten Wind zu streuen, der
augenblicklich vor dem Fenster weht?!
    Sie sa schon um den Tisch, die Hausgenossenschaft des Steinhofes, als wir
dran und drber hinfielen. Und da Jule Grote vollstndig recht hatte und der
Meister bis jetzt noch fehlte, so ging es um ein betrchtliches weniger lehrhaft
an der Tafelrunde zu als damals auf dem Oberhofe, als der Jger zum erstenmal
der Unterhaltung zwischen dem Hofschulzen und seinen Leuten zuhrte.
    Groe Bohnen und gekochten Schinken gab es heute auch hier wie damals auf
dem Oberhofe, als der Jger dort zum erstenmal seinen Platz am Tische einnahm.
    Auf des Meisters Stuhl, obgleich er kein Meister war, sa der Vetter. Ihm
zur Rechten Jule Grote, ihm zur Linken Irene Everstein. Der zur Seite sa Eva
Sixtus und ihr gegenber ich neben der grimmig-klugugigen Haushlterin und
unbestrittenen Herrin des Steinhofes. Dem Freund Ewald gegenber lag schwer auf
den Tisch hin der Oberknecht, ihm zur Seite sa die Gromagd, und die anderen
bis zum Hofjungen schlossen sich in bunter Reihe an. Millionen von Fliegen waren
gleichfalls vorhanden, auch Bienen und anderes Flgelgesindel kamen aus dem
Garten und der brigen freien Natur, gerade wie wir von Schlo Werden, ohne
vorher um Erlaubnis anzufragen. Die Temperatur in der niedrigen Stube war sehr
hochgradig; die Balken der geweiten Decke drckten schwer herab, und es half
gar nichts zur Khle, da die schmalen, niedrigen Fenster geffnet standen. ber
die Schwelle der offenen Stubentr traten Hahn und Hhner mit erhobenen Fen
ungeniert und lieen auch ihre Naturlaute nicht etwa blde auf dem Hofe zurck.
Hund und Katze konnten frei ein und aus gehen, hielten sich aber so dicht als
mglich an uns; und da sie nicht auf dem Tische geduldet wurden, so trieben sie
sich wenigstens unter ihm herum und warteten mit nervser Ungeduld auf alles,
was von ihm fr sie abfiel. Von der Wand hinter dem Vetter Just mahnten die Zehn
Gebote, sehr bunt unter Glas und Rahmen, zu ihrer Beobachtung. Hinter dem
kleinen Spiegel zwischen den Fenstern fehlten die Pfauenfedern und neben ihm der
Kalender des laufenden Jahres nicht. Seltsam berhrte (ich darf diese kitzelnd
zugespitzte moderne Redensart an dieser Stelle wohl anwenden) nur der Ofen
hinter mir, und nicht als solcher, sondern durch das, was auf ihm stand. Auf ihm
stand nicht etwa der alte Fritz in Gips mit seinem Krckstock oder der Kaiser
Napoleon mit untergeschlagenen Armen (beides htte durchaus nicht seltsam
berhrt!), sondern es stand da in einem hbschen Miniaturgipsabgu, wenngleich
ziemlich gelb angeschmaucht - die Mediceische Venus der gesamten Tafelrunde des
Steinhofes gegenber.
    Und da ich sie mir einmal von so 'nem wandernden Italiener mit seinem Brett
auf dem Kopfe angeschafft habe, so bleibt sie da auch stehen, Fritz! hatte mir
der Vetter gesagt. Es braucht ja keiner s' anzugucken, wenn er nicht mag; - ich
habe mein Geld dafr gegeben, Fritz. Sieh mal, ihr anderen und dann alle
berhmten Menschen in der Welt habt nur das vor uns voraus, da ihr euch vor
dergleichen nicht frchtet und schmt. Guck mal, mir geht es noch schwer ab, da
ich darber rede, und ich tte es auch ganz gewi nicht, wenn du nicht auch mit
den anderen deine schlechten Witze darber gemacht httest. La mir aber nur mal
einer einen mit dem Besenstiel dran rhren! Dafr hat die weie Gipsmadam doch
zuviel gekostet!
    Dieses letzte Wort bringt mich auf die wenigstens auf dem Papier noch
gegenwrtige Stunde zurck.
    Anderwrts als hier auf dem Steinhofe esse ich sie nicht, und wenn der Tod
darauf stnde, sagt Ewald, schmatzend wie eines jener unwhlerischen Tiere, fr
welche der Schpfer die wackere Hlsenfrucht Vicia Faba hauptschlich erschaffen
haben soll. Evchen mag sie nur ihres Geruches in der Blte wegen, und Irene it
sie nur, weil sie schauderhaft hungrig ist und meinetwegen, nmlich weil sie im
Heroismus nicht hinter mir bleiben will. Fritze frit natrlich alles herunter,
ohne darber nachzudenken; und Sie, Jungfer Grote, bitte, noch 'n Stck aus dem
Fetten. Schad't nichts, wenn auch ein bichen nah vom Knochen. Die Wrmer sind
ja mit im Kessel gewesen, Jungfer Jule -
    I, so hre einer! Ein ganz nichtsnutziger Junge bist du, stammelt die
Wirtschafterin des Steinhofes, und -
    Und beien einen Sekundaner, den seine Herren Lehrer lngst schon Sie
anreden mssen, nicht mehr.
    Ein breites, glnzendes, zhnefletschendes Grinsen geht um den ganzen Tisch.
Die Knechte stoen ihre Nachbarn mit dem Knie an, die Mgde kichern, und nur der
Hofjunge schlingt ungerhrt weiter.
    I, so soll mich doch!... Nun hre einer!... Ach, herrje, bist du auch schon
so lateinisch? Du?... Was kosten denn jetzt die Rohrstcke bei euch auf Schulen?
Sind wohl hllisch dies Jahr miraten in Hinterpommern oder wo sie wachsen, weil
du mir hier Glocke zwlf am Tage so kommst wie ein Maikfer, wenn's Abend wird?!
Herr Langreuter, Sie verdirbt er auch noch in Grund und Boden; und er ist es
auch allein, der alle Augenblicke mit Ihnen hierher nach dem Steinhofe
hervagabundiert, da Sie, Fritzchen, mir meinen Jungen da, meinen Just, noch
mehr aus seinem Menschenverstande heraus verfhren, was eine Snde ist, mehr als
ich sagen kann, und was seine Schwester auch wohl wei, und wenn ich nur nicht
die lieben Gesichterchen so gern auf dem Steinhof htte, so wollte ich schon
noch mehr sagen; aber die gndige Frlen Grfin darf's mir dreiste glauben, ich
nehme es keinem bel, wenn er es anders gewohnt ist bei Tische, und groe Bohnen
sind freilich nicht jedermanns Sache, da hat der Junge recht.
    Wenn Sie den hier meinen, Jungfer Grote, lacht Irene Everstein, mit ihrer
Gabel auf Freund Ewald deutend, so sollte ich nur mal 'nen Augenblick lang
Ihren groen Lffel da in der Hand haben! Ach, herrje, ich wrde ihm deutsch auf
sein Lateinisch geantwortet haben. Und brigens haben sie ihn auch nur deshalb
mit nach Sekunda genommen, weil er ihnen fr Tertia zu lang geworden ist.
Wachsen kann jeder, und wir auch; nicht wahr, Eva?
    Sie stand auf, und da alle sie darauf ansahen, sagte sie:
    Ich will mir nur ein Glas Wasser vom Brunnen holen.
    Bleib sitzen, das will ich dir besorgen, sagte der Vetter Just,
gleichfalls aufstellend. Du weit doch, Irene, da dir die Winde zu schwer ist.
Es springt hier nicht so bequem aus einem Lwenmaul wie bei euch auf Schlo
Werden.
    Er erhob sich tlpisch genug von seinem Stuhl; aber Ewald Sixtus und ich,
wir waren ruhig sitzen geblieben; und es ist auch heute erst, in der Erinnerung
der fernen Vergangenheit, da mir das bemerkenswert erscheint. Ich schtze es
brigens jetzt fr ein Glck, da die Feinfhligkeit nicht bei allen Menschen
mit den Jahren wchst. Wer wrde es aushalten knnen in einer Welt, in welcher
dieses die Regel wre und die Leute ohne das in keiner Achtung stehen und es
auch nicht zu Vermgen bringen knnten?
    Jule Grote sah ihrem vierschrtigen, langen, unmndigen Mndel mit einem
Ausdruck von verdrielichem Jammer nach, der sich gar nicht beschreiben lt.
Sie hob den Lffel zum Munde; aber sie lie ihn wieder auf den Teller sinken und
brummte:
    Da danke einmal einer dem lieben Herrgott fr die gute Gottesgabe! Und
dann grimmig sich zu Ewald Sixtus wendend, rief sie:
    Dich sollte dein Vater aus alter Freundschaft von Schulen abtun und hierher
auf ein halb Jahr zur Probe in die Wirtschaft geben. Vielleicht brchtest du ihn
noch aus der Unvernunft heraus und zu ordentlichem Sinn und Gedanken. Von euch
anderen aber ist es mir eine groe Ehre und Plsier; aber besser ist's doch, ihr
bleibt mir so weit als mglich weg vom Steinhofe. Was nutzt der Kuh Muskate? Und
was haltet ihr mir den Bauer auf dem Steinhofe noch mehr von der Arbeit ab?
Soweit meine Besinnung reicht, haben sie zwarst alle, vom Vater zum Sohn, hier
auf dem Hofe 'nen Vogel im Kopfe mit in die Welt gebracht, aber solch ein
nichtsnutzig ganzes Nest wie dieser doch keiner! Du lieber Himmel, was daraus
werden wird, wei ich; und doch liege ich Nacht fr Nacht wach und bitte, da
einer kommt und es mir sagt, gerade als ob ich es wie das hchste Glck nie
genug hren knnte! O ihr junges Volk sollt es nur auch erst einmal erfahren
haben, wie es dem Menschen zumute ist, wenn er sich so an seine Sorge anklammern
mu und um seinen Willen gar nicht gefragt wird dabei!
    Das war gerufen und doch nur ber den Tisch gechzt - der Leute wegen; -
als ob die nicht schon lngst Bescheid und den Vetter Just zu nehmen gewut
htten, wie sie ihn gebrauchen konnten. Ihnen war es ganz bequem so, wie er war;
und Jule Grote hatte recht, vollkommen recht in ihrem Jammer und Ingrimm: der
Steinhof mute zugrunde gehen unter einem Bauer wie der Vetter Just Everstein.
    Doch der Vetter Just ist eben mit dem Glase klaren Wassers aus seinem
Ziehbrunnen fr die Komtesse Irene zurckgekommen. Er hat fein ein Klettenblatt
darunter gelegt, und ein Br knnte es nicht zierlicher prsentieren. Endlich
sind wir alle satt - sogar der Junge vom Hofe ist satt und uert es durch einen
klagevollen Laut, der aber nicht allein Seufzer ist und auch nicht blo aus der
Tiefe seines Busens sich emporringt. Ein jeder geht, mehr oder weniger
gutwillig, wieder an seine Arbeit; nur der Vetter Just nicht, der doch am
gutwilligsten gehen sollte. Und wir nicht; denn dazu sind wir wahrhaftig nicht
vom Schlo Werden durchgebrannt!
    Wir liegen, wie wir es uns auf jeder schattenlosen Stelle unseres Weges
lockend ausgemalt haben, im hohen Grase, im Grasgarten des Steinhofes unter dem
groen Kirschbaum; der Vetter Just Everstein aber sitzt in unserer Mitte am
Stamm des Kirschbaumes und hlt die Knie mit den langen Armen umschlungen. In
der Kche hlt Jule Grote die Kaffeemhle im Schoe und schttelt die Haube und
wirft bedenkliche Blicke durch das kleine Fenster nach ihren Gsten und ihrem in
aller Welt nichts ntzen jungen Herrn und Meister. Dieses aber gehrt besser in
ein ander Kapitel, und ich beginne das sofort.

                                Neuntes Kapitel


Es war nicht der erste Everstein mit einem Nagel oder Vogel im Kopf, den der
Steinhof erzeugte. Es hatten schon mehrere des Namens die Umgegend in Erstaunen
gesetzt; und dieser Freund Just war auch nicht der erste, den die Gegend
Vetter nannte und von dem sie nach jedem Nachbarschaftsbesuche mit der Hand im
Haar oder mit dem Knchel des Zeigefingers vor der Stirn Abschied nahm und sich
auf dem Heimwege fragte:
    Ist denn das 'ne Mglichkeit?
    Der Vetter Just mute es aber doch wohl in der Absonderlichkeit allen seinen
Ahnen zuvortun; und was zuviel ist, das ist zuviel! Vieles hat er von seinem
Grovater und seinem Vater, aber nicht alles, sagte Jule Grote.
    Der verfluchte Junge. Totschlagen knnte ich ihn alle Tage ein paar Male!
pflegte sein seliger Vater zu seufzen. Und totgeschlagen htte ich ihn auch
schon lngst, wenn mir da nicht immer sein Grovater in das Gedchtnis kme,
Nachbar, und ich mir denken mte, was kann er denn eigentlich dafr, wenn's ihm
einmal im Blut steckt?! Mich hat's wohl gottlob bersprungen; aber seinen
Grovater httet Ihr kennen sollen, Nachbar. Na, richtig, Ihr habt ihn ja
gekannt, und so mt Ihr doch auch sagen, da so 'ne Weisheit, als der
prstierte, auch nicht allenthalben und immer fr Geld und gute Worte zu haben
ist. - So nehme ich ihn denn am Kragen und schttle ihn in der hellen Wut, und
er sieht mich dumm an und sagt nichts oder sagt: Ja, Vater!, und dann mu ich
ihn wieder laufen lassen; - denn, Herr Amtmann, Sie sagen wohl: Das mssen Sie
eben nicht tun, Everstein, sondern Sie mssen sich und dem Bengel einen Zwang
antun, aber nun ist denn dieses wieder nicht in meiner Natur. Ich kann leider
Gottes den Grimm und die Wut ber den Nichtsnutz nicht festhalten ber dem
Nachdenken ber ihn. Es ist eben unsere Natur! Was fr die anderen Bauern der
Mist ist, das sind fr uns hier auf dem Steinhofe die Hirngespinste und
Spintisierereien; und seit Olims Zeiten ist das so mit uns gewesen. - Ja, Sie
haben recht, Base, da das nicht so weitergehen kann, wenn der Steinhof nicht
zugrunde gehen soll, wenn ich mal die Augen zutue; aber Sie sind ein verstndig
Frauenzimmer, Base, und so will ich Ihnen denn meinen letzten Trost nicht
vorenthalten. Sehen Sie mal, was hat uns auf dem Steinhofe seit mehr denn
hundert Jahren immer wieder rausgerissen? Die gtige Vorsehung! So ist das bei
meinem Vater gewesen und bei dem seinen und so weiterfort rckwrts. Immer hat
sich noch, wenn die Not am grten war - ein vernnftig Weibsbild gefunden, dem
das Elend jammerte und das also ein gut Werk an uns tat und - uns nahm. Von
meiner will ich nicht reden; aber seit sie auf dem Kirchhofe liegt, vermisse ich
sie doch auch recht sehr! Aber meine Mutter, als was Justs Gromutter nun ist,
das war eine Frau! Wenn ich da an meinen seligen Vater denke, so kann ich nur
die Hnde zusammenlegen und sagen: Uh jemine!... Und sehen Sie, Base, auf so
eine hoffe ich denn auch zum Besten von meinem Strick von Jungen da und bei
allem, was nach uns kommt auf dem Steinhofe. Die Weibsleute haben uns noch immer
aus dem blauen Nebel und allen Dummheiten herausgeholt. Denn was Sie auch sagen
mgen, Base, angewiesen seid ihr ja doch allesamt mit eurem ganzen Interesse auf
uns, wenn ihr uns mal genommen habt, eure uneigenntzlichen Gefhle beim Jasagen
ganz unbesehen. Sie brauchen da nur an den Ihrigen und sich selber zu denken,
wenn Sie es mir erlauben, Frau Base.
    Fr die Richtige war es wohl noch ein wenig zu frh am Tage.
    Wenn die Zeit kommt, werde ich mich nach ihr schon auf die Lauer legen, wie
es mein Vater fr mich getan hat und den sein Vater fr ihn, pflegte der Alte
einer jeden solchen sorgenvollen Errterung als Schlu anzuhngen. Leider erging
es ihm wie den meisten Erdenbewohnern: er starb an einer Erkltung in der
Heuernte, ehe er sich nach der Rechten auf die Lauer gelegt hatte; und der Junge
hatte dann auch nicht weiter nach ihr gesucht, sondern die Tage und sein
Wachstum in ihnen hingenommen, wie's ihm kam, unter staatlicher
Obervormundschaft und unter der Pflege und Vormundschaft von Jule Grote.
    Die Sommersonne scheint auf den dichtbelaubten Kirschbaum, und Licht und
Schatten halten ihren flimmernden Tanz auf dem weichen Grase unter ihm. Irene
hat ihren blonden Kopf in Evas Scho gelegt und ist dem Schlafe nher als dem
Wachen. Ewald liegt lang ausgestreckt auf dem Bauche, hlt seinen Kopf auf beide
Fuste gesttzt und starrt blinzelnd auf den Vetter und zuckt mit den
Ellenbogen, als ob er die ganze Welt in die Seite stoen und sie gleichfalls auf
ihn aufmerksam machen mchte. Auch ich halte in der grnen Khle die Augen nur
mit Mhe offen; aber annhernd horche ich doch auf alles, was hin und wieder
gesagt wird, und gehe auch wohl mein Wort mit drein.
    Wenn du lange genug nachgedacht hast, so darfst du meinetwegen dreist
sagen, was du denkst, Just. Wenn ich satt bin und weich liege, kann ich allen
Unsinn ruhig anhren, Vetter Just, spricht Ewald mit einer Miene, als ob er
noch nie whrend seiner gelehrten Laufbahn vom Klassenlehrer einer unverschmten
Redensart wegen zur Tr hinausbefrdert worden sei.
    Ich denke ja an gar nichts! antwortet der Vetter Just. Was sollte ich
denn denken?
    Irene von Everstein, ihre Augen halb ffnend, murmelt:
    Solch einem dummen Jungen antwortete ich auch das nicht einmal, Just. Er
soll drei Bume weitergehen und uns hier unter unserem jetzt ungeschoren lassen.
Das ist meine Meinung.
    Und meine auch! ruft Evchen Sixtus mit ganz ungewhnlicher Energie.
    I, sieh einmal, Jungfer Naseweis! Bist du auch noch da? In deiner Stelle
wre ich lngst in der Kche, um Donna Julia Cichoria beim Kaffeekochen und in
ihrem Kummer um ihren dummen Jungen zu untersttzen. Was ist deine Ansicht von
der Sache, Fritzchen?
    Halt's Maul und la mich wenigstens in Ruhe, Ungeheuer.
    Und dies soll nun nicht grob sein?! brummt das belebende Prinzip in
unserer Gesellschaft, dreht sich auf die Seite und grinst: Bist du mir bse,
Just?
    Seit dem schnen Wetter zu Anfang voriger Woche habe ich euch hier schon
voraufgerochen. Jetzt ist es nett von euch, da ihr mal wieder da seid. Ne, bse
bin ich dir gerade nicht; denn Fritz und deine Schwester und Frulein Irene
wissen es, da man auf keinen gern wartet, auf den man nicht jeden Morgen nach
der Witterung ausguckt.
    Sehr schn gesagt! brummt Ewald, jetzt wirklich sich abseits und unter
einen etwas entfernten Stachelbeerbusch wlzend. Gute Nacht, alle miteinander!
Wenn wieder mal was Interessantes vorkommt, so weckt mich freundlichst. In
Gehrweite fr euren Unsinn bleibe ich euch zu liebe. Na, das Blech!
    Die Sonne liegt auf allen Bumen des Grasgartens des Steinhofes; aber die
Vgel in den Bumen haben bereits ihre Siesta beendigt und fangen von neuem an,
munter zu werden, um den trotz seiner Lnge so kurzen schnen Tag so vergngt
und glcklich als mglich auszunutzen - gerade wie wir. Die Komtesse sitzt
wieder aufrecht und sehr hellugig da. Ihre Augen glnzen vor mdchenhaft
lustiger Mutwilligkeit, als sie sagt:
    Hrt nur, er schnarcht schon, der Unmensch! Jetzt sind wir unter uns. Rckt
alle zusammen; - und nun sagen Sie, Vetter Just - es hrt keiner zu als ich und
Eva, Fritz und die Spatzen im Baum, und wir meinen es alle ganz ernst -, haben
Sie es hbsch weitergebracht, seit wir zum letztenmal hier auf Besuch waren?
    Mit seinem tlpischsten Lcheln sieht der Vetter in die Ferne:
    Wieso soll ich es denn weiterbringen, wenn ich nicht mal wei worin?
    Ach, verstellen Sie sich nur nicht, Vetter! Bitte, sehen Sie nicht so dumm
aus! Damit machen Sie anderen Leuten was weis, aber uns nicht. Sie studieren
sich immer weiter hinein bis zum Klgsten von uns allen, und das sind Sie auch
von Natur schon lange; und nun werden Sie nur nicht rot, denn das ntzt Ihnen
noch viel weniger als das Dummaussehen. Sie studieren ja alles rundum verrckt,
sagt Jule Grote; - sich selber - sie - den ganzen Steinhof. Und wo das enden
will, wei sie nicht, sagt sie.
    Es ist auch nur Ewalds Neid, weil er fr das, was einem anderen soviel
Vergngen macht, soviel Prgel von seinen Herren Lehrern gekriegt hat, meint
Evchen Sixtus schchtern, und: Unsinniges Volk! klingt es von dem
Stachelbeerbusch faul und schlaftrunken her.
    Ja, es ist ein Spa! sagt der lange, im nchsten Jahre mndige Vetter Just
Everstein und verzieht den Mund wie ein ausgelachtes Kind, und - heute wei ich
genauer als damals, was das Auslachen und Ausgelachtwerden unter den Menschen
bedeutet seit den Tagen des Urvaters Noah. Ich lache viel seltener als damals
aus eigenem Antrieb, und noch viel seltener lache ich mit.
    Damals lachte ich mit, und zwar in die grinsende Bemerkung von dem
Stachelbeerbusche her:
    Hu, der alte Brder! Schlag ihn doch mit unserem Zumpt auf den Kopf,
Fritze! Uh; na, mein Junge soll's besser haben als ich.
    Wir achten, was unsere Unterhaltung unter dem Kirschbaum anbetrifft, von
jetzt an nicht im mindesten mehr auf die Stimme vom Stachelbeerbusch her.
    Es ist die lateinische Grammatik gar nicht, stottert der Vetter.
    Sondern deines Grovaters ganzer Bcherschrank, den du mit dem Steinhofe
von deinem Vater geerbt hast, Just. Funkes Naturgeschichte, Blancs Geographie,
der ganze Schiller, Goethes Gtz von Berlichingen und Werthers Leiden, Engels
Philosoph fr die Welt, Nathan der Weise, Minna von Barnhelm, Emilia Galotti,
das Mildheimische Not- und Hlfsbuch, das Mildheimische Liederbuch, Beckers
Weltgeschichte und die Geschichte von dem Schweizer Schullehrer Pestalozzi -
    Hat der Kerl auch ein Buch geschrieben? fragt der Stachelbeerbusch. Bist
jetzt habe ich gemeint, da der nur den General Wallenstein nicht mit ermordet
hat.
    Ach, das war ja ein ganz anderer! ruft Eva Sixtus noch einmal gutmtig,
und:
    Halt endlich deinen Mund, Sixtus! rufe ich auch noch einmal, aber gutmtig
gerade nicht, und:
    Wer spricht denn eigentlich mit euch? klingt es unverschmt zurck. Nicht
einmal trumen darf man wohl mehr von euch verrcktem Volk? Natrlich, der Herr
Vetter darf ruhig am hellen, lichten Tage nachtwandeln gehen, ohne da es einem
anderen auffllt als hchstens der Jungfer Jule. Schn also - und noch einmal
gute Nacht!
    Er trifft mit seinen nichtsnutzigen Redensarten dann und wann
sonderbarerweise den Nagel auf den Kopf, der gute Freund unter dem
Stachelbeerbusch. Wir betrachten uns alle von neuem den Vetter Just Everstein
unter seinem Kirschbaum und sehen ihn uns auf das Wort von dem Nachtwandeln hin
an.
    Er lt die Knie fahren, reibt sich die langen Beine eine Weile sehr
nachdenklich, windet sich sozusagen an sich selber langsam und mhselig in die
Hhe, hat mich dabei, ohne da ich den geringsten Widerstand zu leisten imstande
bin, mit emporgezogen und sagt:
    Komm du mal mit, Fritz. Ihr anderen knnt uns rufen, wenn der Kaffee fertig
ist.
    Er hlt mich mit eisernem Griffe am Oberarm, tritt ber den Kameraden unter
dem Stachelbeerbusche weitbeinig hinweg und nimmt mich mit sich, und ich wei
schon wohin; denn es ist nicht das erstemal, da er mich in dieser oder doch
einer ganz hnlichen Weise abseits fhrt. Und ich wei auch schon wozu; denn es
ist nicht das erstemal, da er sich an mich hlt, wenn die anderen und die Welt
ihm und er selber sich zuviel werden. Damals lachte ich ebenfalls; heute sehe
ich sehr ernsthaft aus, wenn Leute Vertrauen in mich setzen, Rat von mir haben
wollen und sich auf mich mehr als auf andere verlassen zu drfen glauben. Ich
habe im Laufe der Zeiten allzuviel von meinem Grundvermgen an Selbstvertrauen
ausgegeben und eingebt, um das Ding jetzt noch bequem, leicht und vergnglich
nehmen zu knnen - ach, armer Vetter Just, und wie fest und angsthaft verlieest
du dich an jenem Sommertage auf meine Schlerweisheit und wolltest Licht daraus
fr deinen ganzen tapferen, guten, groen Lebensweg! Mein bester Trost ist da
heute, da dir damals noch viel weniger damit geholfen gewesen wre, wenn ich
dir mit der vollen Summe meiner jetzigen Weisheit htte aufwarten und zu Hlfe
springen knnen!
    Es befindet sich in einem Erker im Dache des Wohngebudes auf dem Steinhofe
ein einfenstriges Gemach, von dem aus man eine weite Aussicht hat ber Wlder
und Felder, ferne und nahe Hgel und Berge, eine Aussicht, so gut sie eben ein
Blick, dem Lande Westfalen zu, liefern mag. Die Wnde sind vor fnfzig Jahren
vielleicht zum letztenmal geweit worden. Der Gipsfuboden ist in den
kuriosesten Mustern nach allen Richtungen hin gesprungen und senkt sich ziemlich
schrg von dem Fenster der Tr zu. Urvterhausrat ist der Ofen, der Tisch und
die zwei Sthle. Urvterhausrat ist der Schrank, der des Grovaters Bcherei
enthlt. Ein gut Drittel alles Raumes nimmt des Vetter Justs Bettsponde ein, in
welcher der Vetter, ganz entgegen der landesblichen Gewohnheit, auf Stroh
schlft und auch nicht unter dem gewohnten Federgebirge und kugelartigen
Deckbett.
    Er ist ein Monster in allem, was er tut und lt! sthnt Jule Grote
jedesmal, wenn sie den Schlssel in der Tr steckend findet oder ihn sich mit
Gewalt erobert.
    Der Vetter, der meinen Arm auch auf der Treppe nicht losgelassen hat,
befrdert mich mit einem pltzlichen Schub und Sto in die Mitte seines
Heiligtums. Hastig verschliet und verriegelt er die Pforte von innen, dann
wendet er mir ein von verschmtem, aber glckseligstem Lcheln verklrtes
Gesicht zu und seufzt aus tiefster Brust:
    So! Nun la sie kommen!... Willst du eine Zigarre, Fritz?
    Ich wei, obgleich ich selber nichts weiter als ein dummer Junge bin,
womit ich dem alten wundervollen Jungen in diesem Raume zu Gefallen sein kann
wie niemand sonst in der Welt. Und die Luft in diesen engen vier Wnden mu von
sonderbaren Sporen und Keimen erfllt sein: Dschinnistan ist fr uns beide da;
die trge Verdauungsstunde unter den Bumen des Grasgartens, aus dem wir eben
die Treppe heraufgekommen sind, ist wie in ein fern vergangenes Jahrhundert
entrckt, ich sitze auf dem Bette des Vetters, und er hlt mir das brennende
Schwefelholz an den dargebotenen Glimmstengel und flstert glnzenden Auges:
    Langreuter, ich habe ihn heraus!
    Es ist ein ses Blatt, das ich da verqualme; aber ins Husten gerate ich
doch darber, und zwischen dem Husten frage ich:
    Wen hast du heraus, Just?
    Ein Schlag auf die Schulter wirft mich zurck auf den Strohsack und mit dem
Hinterkopf an die Wand.
    Den Magister matheseos!... Es ist, wei Gott, richtig! Das Quadrat der
Hypotenuse ist wahrhaftig so gro wie die Summe der Quadrate der beiden Katheten
am rechtwinkeligen Dreieck!
    Ich reibe mir wohl den Hinterkopf ein wenig; aber so betubt haben mich der
krperliche Puff und die geistige berraschung doch nicht, da ich nicht mit
Herz und Seele, mit Armen und Beinen und vor allem mit einem Hurra aus gesunder
Lunge an der wissenschaftlichen Errungenschaft des Vetters teilnehmen knnte.
    Das ist famos! Das ist brillant! Just, das ist groartig!... Und ganz
allein aus dir selber; - das ist riesig -
    Ich habe dich auch blo dazu mit hier heraufgenommen. Jetzt brauchst du nur
noch zu brllen: Das ist borstig! Das ist haarig! - und wir knnen wieder zu
Ewald und den Mdchen in den Garten hinuntergehen, Fritz!
    Es kommt einem gewhnlich erst, lange nachdem man alle seine Examina hinter
sich hat, wie schwer es ist, mit den wirklichen groen Herren aus Dschinnistan
umzugehen, und - den meisten kommt es gar nicht. Die lobwrdigsten Examina in
smtlichen Brotfchern tun da nicht das geringste zur Sache. Mit wahrer
Subtilitt will nur immer das behandelt sein, was hinter dem berhmten Kanzler
Oxenstjerna steckt, nicht der wenige Verstand in ihm - nach seinem eigenen Wort
-, der dazu gehrt, um die Welt militrisch und civiliter zu verwalten.
    Du hast recht, Vetter, sage ich kleinlaut zurck; vergib mir nur noch mal
das Dumme-Jungen-Betragen. Na, alter Kerl, gib mir die Hand. Da ich mich
riesenhaft freue, wenn es dir gut geht, weit du ja. Und da du ein nobler Kerl
bist und zwanzigmal mehr wert als wir anderen miteinander, das wei ich. Und
jetzt komm hierher an den Tisch und beweise mir das nichtsnutzige Untier Von
Lehrsatz gleichfalls. Was die verdammte Bestie mich an Schwei und Blut gekostet
hat, das wissen die Gtter. Und frage nur Ewald. Mathematik ist seine Force,
aber drei Glatzkpfe knnten sich Percken aus den Haaren machen lassen, die er
sich darber ausgerauft hat, und vom Oberlehrer Dr. Grimme wei ich es fest: er
trgt eine aus dem Busche, der auf Ewalds Kopf gewachsen ist, und hat sich das
Material selber mit den Wurzeln ausgezogen.
    Den Witz habe ich schon einmal anderswo in Bchern gelesen, Fritz, meint
der Vetter.
    Dann kannst du dich fest darauf verlassen, da es gar kein Witz ist,
sondern eine richtige, schreckliche Wahrheit, Just. Frage nur Ewald danach.
    Nun hngen wir ber dem Tische, und der Vetter Just Everstein beweist mir
den Magister. Es mte ein gut Stck vom einstrzenden Himmel dem Erben und
Meister des Steinhofes auf den Kopf fallen, um ihn zum Aufgucken zu Veranlassen.
Er verwickelt sich und gert auf falsche Fhrten und gert auch sich mit der
Faust in den blonden Haarwulst. Er findet sich wieder zurecht, und es wird licht
und immer lichter vor und in seinen Augen. Endlich ist er siegreich durch und
sein autodidaktischer Triumph vollstndig.
    Hurra!... Wei Gott, er hat den Pythagoras unter sich und kniet ihm auf der
Brust!... Vetter, du bist ein Riese! Und auch dies hast du alles aus dir
selber...?
    Und aus Bchern! sagt der Vetter Just Everstein viel verschmter als ein
junges Mdchen, dem man zum erstenmal sagt, da es hbsch sei. Die junge Dame
auf dem Ball erfhrt da natrlich nichts, als was sie sich schon lngst selber
mitgeteilt hat; der Vetter Just aber wei von nichts, was ihn selber angeht, und
glaubt am meisten noch der Mamsell Jule Grote, die ihm jeden Tag von neuem zu
hren gibt, da er der grte Nichtsnutz, Unverstand und Tagedieb sei, den der
liebe Herrgott in seinem Zorn zu ihrem Elend in die Welt und auf den Steinhof
habe hinsetzen knnen.
    Von den Bchern kommen wir natrlich auf des Grovaters Bcherschrank.
Dschinnistan - Genieland, Geisterland ffnet seine Pforten immer weiter. Wir
haben lngst alle Berechnung darber verloren, was es in Bodenwerder geschlagen
haben mag auf dem Kirchturme. Wir kmmern uns nicht im geringsten darum, da es
auch auf dem Steinhofe eine Uhr gibt, die ziemlich richtig die Zeit anzeigt und
von Jule Grote gewissenhaft immer von neuem aufgezogen wird.
    Wir sind zum Kaffee gerufen worden und haben nur geantwortet:
    Ja, gleich. Im Augenblick!
    Irene hatte Freund Ewald die Augen mit ihrem Taschentuch verbunden, und er
hat den Blinden im Blindekuhspiel recht gut zu spielen gewut. Wir haben das
helle Lachen und Kreischen wohl vernommen und dabei aufgeguckt und gefhlt, da
es in dieser engen Kammer unter dem Dache an diesem Julinachmittage ziemlich
schwl sei trotz dem offenen Fenster; aber wir haben auch diesen Lockungen nicht
Folge geleistet, sondern nur wiederholt:
    Ja, gleich! Wir kommen ja schon!
    Damals brummte mir der Kopf, als Ewald Sixtus zuletzt eine Leiter mit Hlfe
des Hofjungen vom Schafstall herberschleppte, sie am Hause emporrichtete und
pltzlich durch jaches Erscheinen in der Fensterbank und unbndig Geschrei uns
mit roten Kpfen und offenen Mulern aus Traumland und Literatur vom Ende des
achtzehnten und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in die Welt der Wirklichkeit
und in die Gegenwart zurckri. Heute wei ich ganz genau, wie das Schicksal,
wahrscheinlich mit dem Finger an der Nase, ber den Vetter Just Everstein
dachte, nmlich:
    Hre, lieber Sohn, dich kenne ich wie alles brige gut genug, um dich wie
alles brige auswendig zu wissen. Du wrdest mir ein netter Halm geworden sein,
wenn ich dich von deinen Eierschalen an auf den Mist gesetzt htte, der dir
heute dein Ideal ist. Dich htte ich wohl verbrauchen sollen als dyspeptischen
Professor der Philologie und dysoptischen Doktor der Philosophie nicht wahr?!
Ne, ne; nicht rhran! Hier wchst du mir mit deinen Spinnen im Kopfe auf deinem
angeerbten hchst realen vterlichen Dnger und in der Gesellschaft von Jule
Grotes Ferkeln und Kken auf. Nachher werden wir weitersehen und den Kerlen mit
ihren Systemen beweisen, da doch auch in unserem Durcheinander und
Kopfber-Kopfunter ein gewisses System vorhanden ist! Bitte, geniere dich ja
nicht, du Tropf! Rede mir nur drein und zappele dich ab, um dir und mir meine
Widersinnigkeit zu beweisen. Es haben mich schon ganz andere Vlkerschaften und
Herrschaften als du fr absolut ungereimt erklrt und das mir sogar auch
schriftlich gegeben; ich habe aber zuletzt immer doch noch einen ziemlich
passenden Reim auf sie zu finden gewut. Nur schade, da ich nicht wie ihr sagen
kann: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

                                Zehntes Kapitel


Wie s das Mondlicht auf dem Hgel schlft!
    Es schlft auf allen Hgeln in der Ferne der Erinnerung fr den rechten
Menschen: die Sonne mag ihm noch so hufig hell und scharf aufgegangen sein im
Leben.
    Und Porzia sagt:

Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal:
Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!

Und Porzia sagt:
    Horch, Musik!
    Es sind die Musikanten Eures Hauses, antwortet Nerissa; und -
    one touch of nature makes the whole world kin: wer mchte nicht immer so
nach Hause kommen, bei Mondenlicht und wenn der Schein der heimatlichen Lampe
durch die Bume flimmert und des Hauses Musik dem Heimkehrenden, der den heien
Tag mit seinen Freuden, Nichtigkeiten und Widerwrtigkeiten durchwanderte, leise
und wehmtig, aber ser und herzlsender als alles, was der Tag zu bieten
hatte, von fernher entgegenklingt?
    Das ist nicht blo in Belmont so gewesen, das war lange vorher so, ehe
Venedig existierte, und wird hoffentlich auch wohl noch so sein, wenn es lngst
wieder in dem Sumpfe, aus dem es emporstieg, versunken ist.
    Wie oft sind wir so heimgekommen, wir glcklichen Kinder damals?! Aus den
grnen Wldern und aus den bereiften Wldern. Aus der Maiblumenzeit und aus dem
Herbststurm. Von der Johanniswrmerjagd und vom Eislauf. Sie behaupteten dann
jedesmal, da sie sich recht sehr um uns gengstigt htten; aber dieses gehrte
ja ganz und gar zu der Musik, mit der uns die Heimat empfing, und wer mchte in
spteren Jahren einen Ton der besorgten Liebe, die frher auf ihn achtete, in
der Erinnerung vermissen?
    Sie haben es uns nicht merken lassen, oder aber wir haben auch wohl nicht
darauf geachtet, da viel grimmigere Sorgen als unser sptes Nachhausekommen das
Schlo Werden ngstigten. Der Herr Graf hat es seiner Tochter nicht mitgeteilt,
welch einem schlimmen Shylock mit Messer und Waagschale seine Existenz
verpfndet war. Er hat seine Lebensnot fr sich behalten, wie meine Mutter ihre
Ahnungen davon gleichfalls nicht laut werden lie. Selbstverstndlich haben doch
viele Leute darum gewut; wir aber nicht, denn zu den Leuten gehrten wir eben
damals noch nicht. Es gehrt erst das richtige Alter dazu, ehe man zu seinem
eigenen Schaden von der Welt unter jenes Sammelwort mit einbegriffen wird.
    Da es schlecht um den Steinhof stand, wuten wir; denn Jule Grote tat ihrer
Zunge keinen Zwang an in ihren Warnungen und Vorwrfen, mit denen sie ihn (den
Vetter Just einbegriffen) immer noch zu retten oder, wie sie sich ausdrckte,
herauszureien hoffte; - aber wie schlimm es um Schlo Werden stand, das haben
wir erst erfahren, als nichts mehr herauszureien war. Die Leute hatten eben
viel zuviel Respekt vor dem Herrn Grafen, um ihm mit ihren Warnungen,
Redensarten, gutem Rat und Vorwrfen zu kommen.
    Aber aus Kindern werden Leute. Die Zeit steht nicht still - weder in dem
grnen Walde noch im entbltterten, weder ber der Weizensaat noch ber dem
Stoppelfelde, nicht auf dem Flusse noch diesseits und jenseits desselben, weder
in Bodenwerder noch auf dem Steinhofe und auf Schlo Werden.
    Wir sind vier oder fnf Jahre lter geworden und, was uns Knaben anbetrifft,
eben dem Gymnasium entwachsen. Ich habe mich der Philologie gewidmet und treibe
die dahin einschlgigen Studien in der groen Stadt Berlin; was daraus werden
wird, ist mir augenblicklich noch recht dunkel; ich habe eigentlich nicht gerade
viel Lust, spter einmal den gelehrten Schulmeister zu spielen und
meinesgleichen wiederum heranzubilden und grozuziehen. Ewald Sixtus befindet
sich auf einem sddeutschen Polytechnikum. Er hat die Absicht, Baumeister,
Ingenieur oder dergleichen zu werden, und kostet vorderhand seinem Alten in
dem billigen Sden ein Erkleckliches.
    Unser rmischer Namensvetter wrde wohl andere Saiten gegen seinen Jungen
aufgezogen haben, wenn die Wechsel nie reichen wollten, brummt der Alte in dem
Frsterhause. Aber der Wildkater wei es einem immer so plausibel zu machen,
Herr Graf; - und dann ist da jedesmal, wenn die Ferien kommen, seine Schwester
fr ihn da, Frau Langreuter, und geht einem um den Bart; und so ein gutes Kind
wie das Mdchen, Frau Langreuter, das hat die Gegend hier herum noch nicht
weiter aufgezogen; die gndige Komtesse ist natrlich ganz anders ein nettes,
vornehmes Frauenzimmer. - Ei, sich mal, Fritze, bist du auch mal wieder da?
Jaja, der alte Kessel! Nicht wahr, es rudelt sich doch immer wieder ganz gut
daselbsten? Na, morgen kommt auch mein Junge; da werden ja denn wohl das stille
Leben und die Friedlichkeit fr anderthalb Monate ihr Ende haben.
    Ich sollte nun auch wie der Papa Sixtus von den zwei jungen Damen oder den
beiden Mdchen, Irene und Eva, in zwei Worten ein Charakterbild geben. Und dies
wunderbare Thema lt sich im Grunde auch wirklich so abmachen. Sie waren
Frulein, die eben zu Jungfrulein geworden waren; und sie bersahen uns weit.
    Sie knnen einen verrckt machen mit ihrer klassisch groartigen
Sffisance, sagte Meister Ewald und meinte hauptschlich die Komtesse Irene.
Ho, ich glaube wahrhaftig, man mu sie erst geheiratet haben, um ganz genau zu
erfahren, was eigentlich hinter ihnen steckt!
    Groartige Selbstgengsamkeit hatte ich Even in ihrem Verkehr mit mir nicht
vorzuwerfen; aber es kam ziemlich auf dasselbe hinaus, wenn ich dann und wann
ihr Betragen fr hchst sonderbar und sie fr ein merkwrdig unberechenbares
Frauenzimmer erklrte. Da man ein Frauenzimmer heiraten knne, war mir in dem
Kreise in einer Vorstellungen als etwas Mgliches und vielleicht auch zu
Erstrebendes noch nicht deutlich und falich. Die geniale uerung Ewalds in
dieser Beziehung berhrte ich zuerst ganz, dachte dann am nchsten Tage
zufllig wieder daran und schrieb sie mir erst in der folgenden Nacht als eine
kolossale Frechheit und als - etwas ungemein Interessantes fest ins Gedchtnis.
    Gewachsen sind unsere Nubsche an der Gartenhecke nicht mehr; sie sind aber
noch mehr ins Breite gegangen mit ihren Zweigen und berschatten einen weiteren
Kreis. Unsere alten Kindernester hngen noch in diesen Zweigen; aber es sind
ausgeflogene Nester. Die jungen Damen klimmen nicht mehr zu ihnen empor, und nur
Freund Ewald ruft noch dann und wann hoch in einem Wipfel das Gedchtnis
frherer, seliger fauler Stunden in seinem Busen wach und lt seine langen
Beine mit alter Grazie uns auf die Kpfe niederbaumeln; denn unser
Lieblingsplatz sind die Bnke in diesem lieblichen Schatten doch geblieben,
trotzdem da wir so sehr erwachsen und verstndig und anstndig geworden sind.
    Es ist aber einerlei; auf dem Grunde unserer Seele schlafen doch alle alten
frhlichen Neigungen. Wir gehen noch von dem groen Nubaum aus den Unserigen
durch; der einzige Unterschied ist, da die Mdchen (auch Irene) noch ein wenig
mehr Einwendungen zu machen haben und da wir es zu Hause mitteilen, da wir
ausgehen, und uns die Erlaubnis nicht ohne weiteres selbst nehmen. Frher
freilich lieen wir alle unsere Sorgen den lieben Angehrigen, heute nehmen wir
schon ein gut Teil unserer eigenen Sorgen auf alle unsere Wege, auch auf die
lustigsten, mit uns.
    Und da sind wir wieder auf dem Wege, von dem wir erst im Anfange dieses
Kapitels beim sen Licht des Mondes und beim Lampenschimmer der Heimat
zurckkehrten. Es ist wieder Sommer, und wieder steht Mondschein im Kalender.
Wir gehen wieder auf Besuch zu dem Vetter Just nach dem Steinhofe; aber nicht
nur, wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe: auch wenn man zweimal
dasselbe tut, ist es gleichfalls nicht mehr dasselbige. Die Namen, die Adam den
Dingen gab, bleiben wohl, und die Menschheit darf sie dreist dabei nennen; aber
flchtig sind des Menschen Auffassungen und Begriffe: was er heute so nennt wie
gestern, ist heute nicht mehr das, was er gestern darunter verstand. Wir gehen
tausendmal den nmlichen Weg, aber nimmer wieder denselben; -

Ach, und in demselben Flusse
Schwimmst du nicht zum zweitenmal.

Gottlob, das Echo in unseren Bergen und Wldern wachzurufen, haben wir noch
nicht verlernt - Ewald und ich nmlich.
    Holla, der Steinhof: Heda, he, Vetter! Vetter Just Everstein!
    Holla, holla, hier! klingt es zurck, und der Vetter, nunmehr
fnfundzwanzig Jahre alt, kommt langsam und langbeinig, unbeholfen, fett und
uerlich unsagbar vertiert, die kurze Pfeife im Munde, ber seinen Hof uns
entgegen, nach dem Hause zurckrufend:
    Jule, da sind sie.
    Und wieder erscheint Jule Grote auf der Haustrtreppe, um fnf Jahre
hexenhafter von auen und weichmtiger von innen geworden.
    O mein Je, die jungen Herrschaften! Die Ehre und das Vergngen werden ja
jedesmal grer; denn so wie die jungen Leute, mit Erlaubnis zu sagen,
heranwachsen, das glaubt gar keiner, der es nicht immer von neuem mit ansieht.
    Und du hast uns wieder voraufgeahnt, Vetter Just? lacht Ewald.
    Natrlich! Und sowohl von wegen der Seelenkunde als der Witterungskunde.
Nach wem habt ihr euch denn wohl am meisten wahrend des vierzehntgigen
Landregens hingesehnt als nach mir? Meteorologie nennt man dieses, wenn man
seine Freunde genau kennt und zu gleicher Zeit mit der Landwirtschaft zu
schaffen hat.
    Wahrlich, so ist es, Herr Vetter! lacht auch Irene, die Hnde
zusammenschlagend, und Eva lacht auch, und der Vetter gibt der letzteren zuerst
die Hand; denn sie macht sich immer noch von allen am wenigsten ber ihn lustig,
das heit gar nicht; und er wei das um so mehr zu schtzen, je gelehrter er
geworden ist und weiter wird, Der Ernst und die ernsthafte Teilnahme seiner
Umgebung und guten Bekannten hlt selbstverstndlich nicht Schritt mit seinen
Fortschritten in Bildung und Wissenschaften. Im Gegenteil, sie bleibt sehr
zurck dahinter, und die gute Bekanntschaft nimmt ihn immer vergngter, was man
ihr schon htte hingehen lassen knnen, wenn nicht leider bereits Leute darunter
gewesen wren, die auf seine Verrcktheit spekuliert htten und eigene
Bestrebungen darauf bauten. Die lachen nur hinter seinem Rcken, und er hat
keine Ahnung von ihnen, trotzdem da Jule Grote ihn tagtglich auch auf das auf
macht und mit der Nase darauf hinstt.
    Die Lacher nimmt er in gewohnter Weise leicht.
    Das ist mir ganz einerlei, meint er. Ich denke sie mir allesamt
rckwrts, wie sie alle an ihrer Mutter Brust gesogen oder eine Amme gehabt
haben oder mit Brei aufgefttert sind und wie keiner was fr seine Natur kann
und ich auch nicht. Wenn ich da muffig werden wollte, so htte ich wohl manche
andere bessere Gelegenheit zur Wut. Ich habe doch alles versucht. Ich habe mir
eine Kanarienvgelhecke angelegt, und ich habe mich auf die Bienenzucht geworfen
- oben stehen die Bcher ber beides, und es ist eine ganze Reihe geworden. Ich
habe es mit der wissenschaftlichen Verbesserung der hiesigen Ackerstelle in
konomischer Hinsicht probiert und - oben stehen die Bcher auch, und da habe
ich nicht den tausendsten Teil von dem, was darber erschienen ist, aber eine
schne Reihe ist es doch. So wahr ich hier stehe, es ist mir bitterer Ernst um
meiner Vter Erbe, obgleich ich noch nicht einmal wie sie verheiratet bin und
Nachkommenschaft habe. Der liebe Gott wei es, wie oft ich mich schon dem Teufel
vor Angst und Verdru htte bergeben mgen!
    Dieses pflegte er zu sagen; augenblicklich aber brummt er im hchsten
Behagen:
    Wir sind eben beim Frhstck. Kommt nur rasch herein. Jule!
    Ich wei ja schon, Just, ruft die Alte, die harte treue Hand im Kreise
herumreichend. Alles, wie es sich schickt. Vorliebnehmen ist auch was, was der
liebe Gott gern hat.
    Da ist nun die alte gute Bauernstube des Steinhofes zum zweitenmal. Wieder
voll Augustfliegen und mit all dem brigen Zubehr - auch den Hhnern.
    Alles immer noch so wie sonst, grinst der Vetter. Tretet mir nur die
Kken nicht tot. Aber ein Skandal ist es eigentlich und schickt sich gar nicht,
Frulein Eva. Wenn ich mir die Mastviehzucht - ich will mal sagen, die Schweine
- aus dem Salon entfernt halte, so komme ich damit an die Grenzen des
Menschenmglichen, Frulein Irene. Das Gedicht von Goethe Grenzen der Menschheit
ist da ganz auf meinen Fall und meine Umstnde gemacht.
    Weil wir alle wissen, da wir hier jederzeit so, wie wir erschaffen wurden,
willkommen sind, deshalb sind wir alle Augenblicke bei Ihnen, Vetter, lacht die
Komtesse. Oh, kmmern Sie sich Evas und meinetwegen gar nicht um die Grenzen
der Menschheit. Lassen Sie dreist alles herein, was von Rechts wegen zum
Steinhofe gehrt.
    Und dies ist wieder Schinken! stottert der Vetter blde glckselig. Und
zu empfehlen, Frulein. Sehen Sie, ein Barbar bin ich auch gegen diese lieben
Borstentiere nicht. Ein jeder mu doch nach seinem Nutzen in der Welt taxiert
werden - auch das Porcus! Nicht wahr, Ewald? Nicht wahr, Fritz? Jule, mehr Milch
fr die Damen!
    Wir tun ihm den Gefallen und lachen ber seinen Witz herzlich; nur Ewald
bemerkt dazu:
    Drehe mal den Schlssel dort im Schrank und rcke mit einem Nordhuser auf
den Schrecken heraus!
    Wir sind diesmal mehr unter uns. Die Leute sind drauen im Felde oder sonst
in Adams Berufe ttig. Die alte Jule geht ab und zu.
    Wenn der Vetter eben noch behauptete, bereits gefrhstckt zu haben, so
knnte ihm ein magenkranker Millionr dreist zwei Drittel von seiner Million fr
den Appetit bieten, mit dem er in unserer liebenswrdigen Gesellschaft frisch
von neuem ans Werk geht. Sein Hang in das Geistige hinein und sein Sehnen nach
den weniger materiellen Interessen der Menschheit haben ihm da gottlob bis jetzt
noch keinen Abbruch getan.
    Wir holen ihn natrlich mehr oder weniger harmlos aus ber seine
gegenwrtigen Studien. Vierschrtig sitzt er heute vor mir da, mit beiden
Ellenbogen auf dem Tische das mecklenburgische Wappen zur Darstellung bringend,
und - verschmt wie irgendeine Jungfer im durchlauchtigsten Deutschen Bunde. Und
doch ziert er sich nicht. In seinem Kauen, Schlingen und Schlucken gibt er ganz
naiv und auch etwas geschmeichelt Nachricht von sich. Eva findet ihn im geheimen
rhrend, Irene von Everstein rhrend-komisch, Herr Ewald Sixtus einfach zum
Wlzen!, und ich - ich finde, da sie alle recht haben in ihren Meinungen von
ihm; denn ich bin leider am festesten davon berzeugt, ihn lngst herausgefunden
zu haben, und zwar als einer von den ersten. Gtiger Himmel!
    Gtiger Himmel! O du lieber Gott!... Das ist auch so ein Ausruf, durch den
sich der Mensch Luft mancht, ohne dabei viel an das zweite Gebot zu denken.
    Ich sttze den Kopf auf die Hand, und die Rechte, die ihre Federzge
weiterfhrt, ist nicht mehr imstande, auf jedes Komma und jeden Punkt zu achten.
Ist es mglich, da die Sonne so hell und der Mensch so sorgenlos sein kann? Wir
haben es an unserem eigenen Leibe und in unserer eigenen Seele erlebt; also
mglich mu es doch wohl sein! Ich habe bis jetzt meistens im Prsens
geschrieben; in den Zeitformen der Vergangenheit fahre ich von jetzt an fort zu
schreiben.
    Unser Behagen an dem guten Tage, an der guten Stunde war wieder einmal auf
das hchste gestiegen, als Jule Grote den Kopf in die Tr steckte und uns
benachrichtigte:
    Es steht ein Mann drauen, der will die jungen Herrschaften sprechen; und
hier ist ein Brief fr dich, Just. Der Landbrieftrger von Bodenwerder hat ihn
auch eben gebracht; aber er hatte es eilig, und was darin steht, wute er
nicht.
    Hurra! riefen Just, Ewald und ich, die Mdchen sahen lchelnd auf und nach
der Tr. Da uns da etwas Unangenehmes oder gar noch etwas viel Schlimmeres
kommen knne, fiel uns nicht in den Sinn. Die ganze Welt: die Erde, dieser
treffliche Bau, dieser herrliche Baldachin, die Luft, dies wackere umwlbende
Firmament, dies majesttische Dach, mit goldenem Feuer ausgelegt - war alles in
zu guter Ordnung, als da wir uns auch nur den allergeringsten Ri durch es
htten vorstellen knnen.
    Man hat doch keinen Augenblick vor ihnen Ruhe! hatte Ewald gerufen und war
aufgesprungen, um den Boten von Schlo Werden hereinzuholen oder drauen
auszufragen nach dem, was man von uns wnsche. Der Vetter hatte seinen Brief
ruhig neben seinen Teller gelegt und nur gesagt:
    Er ist von Stakemann in Bodenwerder. Weshalb kommt der alte Junge nicht
selber, wenn er mir was zu sagen hat? Na ja, es ist eben keine Jagdzeit.
    Er wischte langsam und behaglich die fettglnzenden Finger an seiner
Lederhose ab, ehe er das Schreiben von neuem aufnahm und es erbrach. Als
Gelehrter wute er natrlich, da man jedwedes Schriftstck mit dem gehrigen
Respekt (selbst wenn es nur vom Freund Stakemann in Bodenwerder war) und vor
allen Dingen mit Reinlichkeit zu handhaben habe.
    Komm doch mal heraus, Fritz, sagte Ewald Sixtus dann von der Schwelle, und
auf seinem Gesicht war keine Spur mehr von der Lust der Minute vorhanden.
    Was ist denn? fragten die beiden Mdchen immer noch lachend; doch schon im
nchsten Augenblick hatten sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Vetter Just
Everstein zu richten, der mit seinem jetzt geffneten Briefe in der Hand wortlos
und mit offenem Munde dasa, dann sich ber die Stirn strich wie einer, dem der
kalte Angstschwei ausbricht, wieder das Geschreibsel ansah, aber doch nur, als
ob er den Inhalt desselben trume, dann die Hand schwer auf den Tisch und auf
seinen Teller fallen lie, da die Scherben davon nach allen Richtungen hin
auseinanderflogen, und zuletzt aufstand und starr dastand und in jenen Ri
blickte, der einem jeden zu irgendeiner Stunde mehr oder weniger durch sein
Universum gegangen ist. Die Wand und die Stubendecke fllt wohl nicht so leicht
ein, wohl aber das mit goldenem Feuer ausgelegte Firmament - die ganze Welt, wie
wir sie uns dachten in unserer Unerfahrenheit von ihr.
    Den Boten hatte uns meine Mutter eine Stunde nach unserem Weggange von
Schlo Werden nachgejagt. Der Herr Graf war in einem Gartenwege vom Schlage
gerhrt, gelhmt und bewutlos aufgefunden worden. Als der Bote sich aufs Pferd
warf, lebte der arme Herr zwar noch; aber es stand schlimm mit ihm, und - die
Frau Langreuter wre am liebsten selber gekommen, um die gndige Komtesse nach
Haus zu holen, sagte der Bote. Was ich sonst vernommen habe, ist, da kurz vor
dem Unglck ein Brief von dem Herrn Doktor Schleimer in Bodenwerder angekommen
war.
    Das war ein jher Schrecken, der an dieser Stelle kurz abgemacht werden mu.
    Den Brief hatte der gute Freund des Vetters aus Bodenwerder geschrieben, und
er lautete:
    Pa auf, Vetter Just! Seit vorgestern fehlt der Doktor Schleimer, und seit
heute morgen ist es sicher, da er, wenn er es irgend mglich machen kann, frs
erste nicht nach Hause kommen wird. Du solltest das Aufsehen hier sehen, aber
natrlich hat's jetzt jeder lngst vorausgewut. Ob ihn die Gerichte durch ihre
Steckbriefe und Signalements wieder einholen werden, ist die Frage. Aber eine
andere Frage ist s, wie Du eigentlich mit ihm stehst. Du weit, er hatte einen
sicheren Schu, das mu man ihm lassen; aber da er auch zu anderen Dingen als
blo zur Jagd nach dem Steinhof hinaufgekommen ist, glaubt mehr als einer, der
manchmal nach Euch hingehorcht und seine Augen offen gehabt hat, z.B. ich.
Kannst Du ihm ruhig nachsehen, so ist's mir sehr lieb, und ich bitte Dich, gib
baldigst Nachricht, da ich aus der Sorge komme. Hast Du da Dreck am Stecken, so
bin ich Dein Freund und habe Dich hiermit verwarnet. Du bist dann aber zu Deinem
Trost der einzigste nicht, der sich vor Gift die Haare auszuraufen hat. Hier
sind Dutzende, die dem Notar den Kalk von den Wnden herunter nachfluchen, und
darunter am meisten die, welche mit dem urfidelen Kerl (und das war er!) auf der
Kegelbahn und an unserem runden Tisch beim Posthalter Brderschaft gemacht oder
ihn zum Gevatter gebeten haben. Aber das will noch gar nichts sagen; meine feste
berzeugung ist, da der Gegend das richtige Licht erst dann aufgesteckt wird,
wenn es jeder von Euch biederen Landleuten zu den Akten gegeben hat, wie er
unter Euch gewirtschaftet hat. Wahrhaftig, mir sollte es recht leid tun, Vetter,
wenn Du auch in diesem Falle mit zu seinen besten Bekannten gehrst, und ich
kann nur wnschen, da Dir Dein verrcktes Latein und sonstige unsinnige
Liebhabereien zum erstenmal was gentzt und zu dem richtigen Mitrauen in
Geldsachen und Unterschriften gegen die Menschheit verholfen haben. Dieses alles
habe ich Dir als Freund geschrieben; denn da es mir recht kme, wenn dem
Steinhofe durch solchen abgefeimten, nichtswrdigen Spitzbuben und Durchgnger
ein Malheur passierte, wirst Du wohl aus alter Bekanntschaft und von wegen der
vielen vergngten Stunden daselbst nicht meinen, usw.
    Der Vetter Just stand auf, setzte sich wieder, lie die Hnde matt und flach
auf die Knie fallen und sthnte:
    Kinder, das ist freilich wohl fr uns alle die letzte vergngte Stunde auf
dem Steinhofe gewesen. O Frulein Irene - sehen Sie nicht so stier hin!
Vielleicht und hoffentlich steht es wohl noch nicht so schlimm mit dem Herrn
Papa. Medizinisch kann der Mensch mehr als einen Schlag aushalten, ehe er fr
immer zu Boden liegt. O Jule, liebe alte, arme, alte liebe Jule, ich wollte
gleich fr alle Ewigkeit nicht wieder von der Erde aufstehen, wenn ich dir
dieses erspart htte. Ja, ich habe dem Doktor Schleimer den Steinhof auf
lateinisch in die Tasche gesteckt, und er nimmt ihn mit hinber nach Amerika!
    Die alte Jule Grote fiel aus dem Weinkrampf in den Lachkrampf -
    O Just, Just, Just, sprich doch nicht von mir!
    Was wir anderen sagten, lt sich nicht genau durch Wort und Schrift
ausdrcken; es war auch nicht von Bedeutung. Auch von unserem Heimwege durch den
heien, glhenden Tag ist wenig zu reden. Weie schwere Wolken wlzten sich, als
wir in dem morschen Kahne des Vaters Klaus wieder auf dem Flusse schwammen, ber
die Berge empor und in das lichte Blaue hinein! Irene lag auf der Bank, mit dem
Kopfe an Evas Brust. Ewald hatte eine Ruderstange ergriffen, blickte von Zeit zu
Zeit auf die beiden Mdchen und nahm ingrimmig unserem Charon den schwersten
Teil seiner Arbeit ab. Ich lie mir wieder die Flut des Stromes ber die heie
Hand splen; aber Khle war nicht in dem Wasser.
    Ich wei es wohl, da es da nicht gut steht, flsterte mir der weihaarige
Schiffs- und Fischersmann beim Aussteigen zu, indem er verstohlen mit dem Daumen
nach den heimatlichen Bergwldern deutete. Jaja, junger Herr, es fliet alles
hin wie das da!, und er deutete auf seinen Flu.
    Das war kein neues Bild; ich aber sah doch auf die eiligen Wasser zurck und
fand den Vergleich von neuem tiefsinnig und einzig zutreffend. Wie kommt es, da
wir den Eindruck der hchsten Weltweisheit nie aus dem Verkehr mit den Herren
vom Metier, wohl aber gar nicht selten aus der Bekanntschaft und dem Umgange mit
dem Vater Klaus in seiner Fischerhtte, mit der alten Tante in ihrem
Erkerstbchen und mit dem Unbekannten, dem wir seit vier Wochen tglich in der
Gasse begegnen und mit dem wir noch nie ein Wort gesprochen haben - ziehen?!
Weil es die Gemeinpltze, d.h. die hchsten Wahrheiten sind, auf denen unser
Leben spriet, wchst und wuchert, und nicht die hohen Offenbarungen des
Menschen im einzelnen. In ruhiger Stimmung bereiten wir uns durch die letzteren
wohl auf die entgegengesetzte vor, aber doch mehr, um die gute Stunde noch
behaglicher zu machen; die bse Stunde hat noch keiner behaglicher dadurch
gemacht.
    Es donnerte hinter den Bergen - ein langgezogenes feierliches Rollen dann
und wann den ganzen Nachmittag ber. Wir kamen nach Hause, und der Herr Graf
konnte mit seiner Tochter nichts mehr sprechen. Er starb in der Nacht. Wir
anderen von Schlo Werden durchwachten sie, und wir hrten den heftigen
Sommerregen in den Blttern rauschen.

                                 Elftes Kapitel


Ich war dreiig Jahre alt geworden und, wie es in den Sternen geschrieben stand,
ein Schulmeister. Ich war Doktor der Philosophie und hatte die venia docendi an
der Universitt Berlin. Wenn sie nur gekommen wren, um das von mir abzuholen,
was ich selber gelernt hatte! Aber sie blieben aus; sie schienen der Sache nicht
im mindesten zu trauen.
    Zuerst versuchte ich es, mein philologisches Wissen auf einem
rheinlndischen Gymnasium an die Jugend zu bringen; jedoch bekam ich bald von
magebender Stelle herunter den Rat, diesen Versuch aufzugeben. Man verwies mich
zwar nicht offiziell dabei auf meine wirklich etwas hohe Schulter; aber man
zuckte doch nur die Achseln, wenn die Jungen lachten und meine Autoritt gleich
Null blieb.
    Die Kirche, die immer den Nagel auf den Kopf trifft, hat auch darin recht,
da sie keinen mit irgendeiner aufflligen Gebrechlichkeit Behafteten unter
ihren ffentlichen Dienern leiden will. Sie hat selbstverstndlich ihre Wrde zu
bewahren, selbst auf Kosten ihrer besseren berzeugung. Hat sie der
Schadenfreude und der Lust am Lachen unter ihren Lmmern ein testimonium
divitiarum auszustellen, so tut sie es und fhlt nachher nicht das geringste
Bedrfnis, sich die Hnde zu waschen, wie weiland der rmische Prokurator
Pontius Pilatus.
    Ich ging und berlie es besser gewachsenen Oberlehrern und Kollaboratoren,
die blonde und blauugige Jugend der Germanen zum Einjhrig-Freiwilligen-Dienst
und auf das Abiturientenexamen vorzubereiten.
    Was ich dann trieb? Ich war stark im Griechischen und Lateinischen. Einer
Lieblingsneigung wegen hatte ich mich auf das Auffinden und Nutzbarmachen
mittelalterlicher Geschichtsquellen geworfen, und man hat mich drauen eine
Zeitlang schndlicherweise im Verdacht gehabt, Doktordissertationen aus
vielerlei Fchern im Vorrat anzufertigen, auf Lager zu halten und sie bei sich
bietender Gelegenheit gegen jedes Honorar unter dem Siegel der Verschwiegenheit
(Diskretion selbstverstndlich) zu verschleien.
    Dies ist eine schnde Verleumdung! Ich habe nur einem Menschen zum Doktor
verholfen, und der bin ich selber; und, um eine Redensart der polis anzuwenden
was ich mir dafr kaufen konnte, war unbedeutend.
    Aber es nennen sich, manche Leute Geschichtsforscher und edieren
Monographien, Volks- und Vlkerhistorien und haben seltsamerweise vor den
Quellen gerade eine so groe Scheu wie vielleicht in ihrer Jugend vor dem
Quellwasser, wenn es am Sonnabendabend zu einer grndlichen Reinigung ihrer
Person verwendet werden sollte. Fr diese und hnliche Herren war ich und bin
ich der rechte Mann. Als wirklich geheimer Mitarbeiter bin ich denn auch fr
mehr als einen Parlamentarier schtzbar, und manches Hrt, hrt! und manches
allgemeine Beifallsgemurmel wre eigentlich auf meine Rechnung und nicht die
des verehrten Vorredners und weit und tief blickenden Realpolitikers auf der
Tribne der gegenwrtig tagenden hohen politischen Krperschaft zu setzen.
    Was ich mir hierfr kaufen konnte, war etwas, wenngleich nicht viel mehr als
das, was mir die Sprachen der Griechen und Rmer zu Utilitts- und Luxuszwecken
und Ausgaben abwarfen.
    So ging es mir denn ertrglich nach Wunsch, und sogar was den Luxus
anbetrifft; das jedoch erst seit dem schlimmen schwarzen Tage, an dem ich meine
gute Mutter verlor und leider nicht mehr fr ihr Behagen in ihren Greisenjahren
zu sorgen hatte. Ich sa im Winter warm zu Hause, ich speiste in einer der
Restaurationen mittleren Ranges der Stadt, und ich konnte mir dann und wann ein
Buch, wenn auch nur antiquarisch, anschaffen; auf dem hohen Standpunkte
wohlangewendeter Lehrjahre, der sich in dem franzsischen Wort Je ne lis plus,
je relis seulement! darlegt, bin ich auch bis heute noch nicht angelangt, hoffe
ihn aber dermaleinst zu erklimmen.
    Mein Zuhause bestand in einer bescheidenen Junggesellenwohnung im vierten
Stockwerk eines Hauses in der Mittelstrae. Ich besa wohl eine eigene
Bibliothek, aber keine eigenen Mbel.
    Ich hatte harte, steinige Pfade gehen und meine Wege hufig recht heftigem
Winde, argen Staubwirbeln und unbehaglichem Regenschauer abkmpfen mssen.
Selbst in den uerst seltenen Momenten, wo ich mich fr einen uerst
gescheuten Menschen dabei hielt, zog ich wenig Genu und Befriedigung daraus,
nmlich aus dem, was die Nebenmenschen gewhnlich etwas spitzig eine uerst
glckliche Selbstberzeugtheit zu nennen pflegen. Und nun genug hiervon. Wie
kurz und abbrchig ich dieses alles hingeschrieben habe, so habe ich es doch nur
wie jeder andere gemacht und zuerst und einzig und allein von mir selber als der
wichtigsten Angelegenheit dieser und jeder zuknftigen Welt gesprochen. Es soll
dafr aber auch bei mir nicht mehr als bei jedem anderen zu bedeuten haben -
eine harmlose, eben der Menschheit anklebende Schwche und das gleichfalls ganz
allgemeine Bedrfnis, wenigstens etwas in der eigenen Persnlichkeit im Laufe
der Zeiten aufrecht und unberhrt zu erhalten.
    Die anderen!... Wo waren die anderen im Strom der Zeit geblieben? Was war
aus den anderen geworden, die vor ein paar Seiten noch mit mir jung, gesund,
dumm und glcklich waren?
    Wenn ich es nun mit schnen Redensarten zudecken wrde, wie wenig ich mich
im Grunde um diese anderen bekmmert hatte, so wrde mir das leicht genug
werden. Ich knnte aber auch den nchsten guten Bekannten oder den ersten besten
Unbekannten in der Gasse anrufen, um es mir von ihnen besttigen zu lassen,
wieviel der Mensch mit sich selber zu tun hat und wie wenig Zeit und Nachdenken
ihm fr den liebsten Freund brigbleibt, wenn sich eine Wand eine Stunde, einen
Tag oder gar ein Jahr zwischen ihn und uns gelegt hat.
    Ich habe jahrelang nur gewut, da Eva Sixtus in der alten Heimat dem alten
Vater immer noch haushalte, da Ewald in seinem Beruf als Ingenieur in Irland
ttig sei und da Irene von Everstein verheiratet in Wien lebe. Von dem Vetter
Just habe ich gar nichts gewut. Ich erlebte es noch als Student, da der
Steinhof subhastiert wurde und weit unter seinem Wert an einen Landsmann fiel,
der schon lngst ein freundlich-begehrliches Auge darauf geworfen hatte und
einst ebenfalls zu den frhlichsten und behaglichsten Gastfreunden und
Jagdgenossen des Vetters gehrte.
    Da Schlo Werden gleichfalls unter den Hammer kam und unter dem Werte einen
Liebhaber fand, erfuhr ich brieflich durch meine Mutter, die dann zu mir ins
Rheinland zog und daselbst, wie gesagt, in meiner Kollaboratorwohnung nach
lngerem schweren Leiden sanft gestorben ist.
    Jule Grote sollte immer noch in Bodenwerder wohnen, doch das war ein
Gercht, von dem ich nicht einmal angehen kann, wie es zu mir gelangte. Ich
hatte viel zuviel mit meinem Griechischen und Lateinischen, meinen
mittelalterlichen Geschichtsquellen, modernen Geschichtsschreibern und
parlamentarischen Tagesgren zu schaffen, um mich viel um Jule Grote kmmern,
mich bei ihr aufhalten zu knnen. Es ist ja eben kein Aufenthalt in dieser Welt
bei den besten Dingen - und bei den besten Freunden auch nicht; und wenn alle
Lebenskunst am Ende nur darauf hinausluft, sich unabhngig von den mitlebenden
Menschen und Dingen zu machen, so ist das eigentlich gar keine Kunst, sondern
uns allen hchst natrlich.
    Nun nahm ich seit verhltnismig langer Zeit alles als etwas, was sein
konnte, jedoch nicht zu sein brauchte. Es gewhrte mir hufig das bekannte
egoistisch-kitzelnde Behagen, da die Tage, an denen auch ich dann und wann
grimmig und selbstberzeugt rief: Nun soll es sein!, hinter mir lagen.
    Die se und sonnige, wlderrauschende, ewige Frhlings und Erntefeste
feiernde Zeit von Schlo Werden lag auch hinter mir, und man hat es mir im
Lesezimmer der Kniglichen Bibliothek nie angemerkt, da mir bei meiner
nrrischen Kompilationsarbeit die Erinnerung daran irgendwie hinderlich in den
Weg trat und mich vielleicht geduldig stimmte, wenn ein mir augenblicklich
ntiges Werk ausgeblieben war und bei einem, wie Freund Ewald seinerzeit sich
ausgedrckt haben wrde, dummen und langweiligen Kerl lag, der doch nichts
damit anzufangen wute.
    Mir wird bedenklich flau zumute, wie ich alles dieses hier niederschreibe,
und ich denke, offen gestanden, mit einigem Grauen an die mglicherweise doch
eintretende Stunde, in der ich diese Seiten mit ihren liebenswrdigen
Selbstbekenntnissen wieder berlesen werde. Es ist immer eine sonderbare, heikle
Sache um das Wiederlesen im eigenen Lebensbuche! An welche Leser ich mich aber
mit dem eben Niedergeschriebenen wende, wei ich, Gott sei Dank, nicht. Mndlich
htten mich wohl nicht sehr viele aussprechen lassen, sondern das meiste von
sich aus anders und besser zu berichten gewut. Und es ist gut so, denn es ist
die gute Meinung, die die Welt von sich hat und lebhaft geltend macht, die diese
sonderbare Universitas aufrecht und im Gange erhlt. Was sollte aus ihr, der
Welt, werden, wenn jeder es vermchte, den anderen ruhig aussprechen zu lassen?
Eine recht objektive Welt, aber eine vielleicht doch etwas zu ruhige - - so
etwas wie ein Universalkirchhof vielleicht, voll sehr weise im Lapidarstil
redender Leichensteine. Der Herr erhalte uns also im recht frhlichen Kriege
gegeneinander, solange es ihm gefllt, uns berhaupt zu erhalten!

                                Zwlftes Kapitel


Ob er wirklich so existiert, wie wir ihn aus tausendfachem Zusammentreffen mit
ihm kennenlernen, lassen wir eine offene Frage bleiben. Wie wir ihn in unsere
philosophischen Systeme einzureihen belieben: im praktischen Dasein bleibt er
verteufelt mehr als ein bloes Wort oder ein Begriff. Er ist und bleibt der Herr
und Gebieter. Und im Gegensatz zu den brigen Erdenherren und Erdengebietern
lt er sein Kommen vorher durchaus nicht ankndigen, weder durch die drei Ste
mit dem Marschallstabe auf den Parkettfuboden noch durch Posaunenste, durch
das hervorrufen der Wachen, den obligaten Trommelwirbel, das Prsentieren der
Gewehre und das Senken der Fahnen. Die Erdenherren vor allen brigen Sterblichen
wissen es am genauesten, da er auch dazu - viel zu vornehm ist: er, der Zufall
nmlich.
    Von der Suppe aufsehend bei meinem altgewohnten, tagtglichen Speisewirt,
fand ich ihn mir pltzlich wieder einmal gegenber, und der Lffel entfiel
meiner Hand. Der Lffel ist der Hand viel grerer Philosophen, Geschichtskenner
und dergleichen Leute bei derartigen Gelegenheiten entsunken, und sie haben es
hoffentlich stets fr eine Gnade gehalten, wenn ihnen der Appetit nicht fr
lngere Zeit oder gar fr immer verdorben wurde.
    Gottlob war das letztere bei dieser Gelegenheit bei mir nicht der Fall; aber
die Erstarrung blieb dessenungeachtet fr lngere Zeit die nmliche, bis sich
das sie in ihr Gegenteil, die hchste Bewegung, auflsende Wort fand:
    Vetter!... Der Vetter Just!
    Je unmglicher es erschien, desto bedingungsloser drngte sich die Gewiheit
auf, da er es war. Ja, er war es! Er war es unbedingt!... Ausgeweitet nach
allen Dimensionen; mit einem Ansatz zwar zu einer hohen Stirn, sonst jedoch in
keiner Weise infolge seines landwirtschaftlichen Bankerottes verfallen und zu
einer selbstgelehrten Ruine geworden, sondern auch - ganz im Gegenteil!...
    Er war es ganz gewi, und zwar mit einem gewissen, vllig undefinierbaren
Anstrich vom Exotischen, einem ihm ganz sonderbar gut passenden Anflug von
Amerikanertum. Wre einer von den Gttinger Sieben seinerzeit nach Amerika
ausgewandert, so htte er so zurckkommen knnen; Professor Gervinus vielleicht
ausgenommen. Es war wundervoll!
    Just Everstein! stammelte ich noch einmal, mehr gegen mich selber als
gegen diese unvermutete Erscheinung am Berliner Wirtstische gewendet; und nun
legte auch sie, die Erscheinung oder er, der Vetter Just, Messer und Gabel
nieder, legte dann gleichfalls erstaunt einen Augenblick lang beide Hnde auf
den Tisch, erhob sich dann langsam, bog sich ber, warf das Salzfa um, was
beilufig diesmal ausnahmsweise kein bel Omen war, und rief ganz mit der alten
unvernderten Stimme vom Zaun oder der Haustrtreppe des Steinhofes her:
    Now?... Jetzt aber erst mal alle stille! Fritzchen!! Nun nur nicht alles
auf einmal!... Fritz? Der kleine Fritze Langreuter!... Also zuletzt doch
wieder!... Ich bin es; aber - jetzt la auch du dich einmal anfhlen! Mensch, so
reiche doch endlich deine Hand (your fist, sagte er) her. O mein lieber Junge,
das ist doch zu gut!...
    Es war ein sehr geflltes Restaurationslokal, in dem unser Wiedersehen
stattfand, und die verschmauchten Rume fllten sich eben immer noch mehr mit
hungrigen Menschen. Smtliche Professoren der vier Fakultten, die Bauakademie
und verschiedene andere Akademien schtteten ihre Zuhrer ber diese
behaglicheren Tische und Subsellien aus. Privatdozenten von allen Sorten schoben
sich ein; dazwischen grostdtisches Volk von jeglicher Art. Mir schwindelte,
ich glaubte zu trumen, wenn ich an den Steinhof und unser trostloses
Abschiedsfrhstck daselbst dachte. Und ich dachte in dieser aufgeregten Minute
wirklich daran, so sonderbar das erscheinen mag, vorzglich dem mit mehr Muskeln
als Nerven von der wohlmeinenden Natur ausgestatteten Erdenbrger.
    Ich ergriff die Hand, die mir ber den Tisch zugereicht wurde; breit war sie
immer noch, aber ich hatte auch den harten biederen Griff vom Steinhofe in der
Erinnerung und nahm die weichen Finger jetzt ebenfalls als etwas ganz sonderbar
Unstatthaftes.
    O Vetter Just!
    Jawohl! Und ich freue mich merkwrdig, lieber Junge. Viel ins Gerade
gewachsen ist er nicht mehr in den Jahren! Aber das ist auch schn; da findet
man doch auch hier etwas wieder, was so ist, wie es war -
    Und wie lange bist du in der Stadt, Just?
    Davon nachher! Ich glaube wahrhaftig, der Kerl ist imstande und meint, da
ich schon seit acht Wochen Wand an Wand mit ihm wohne, ohne ihn aufgefunden zu
haben! Ist es denn mglich, da ein alter Freund so schlecht von dem anderen
denken kann?
    Wie kannst du verlangen, Vetter, da ich in diesem Moment genau berlege,
was ich sage und frage? Wo kommst du her?
    Auch das noch!... Well, aus Amerika natrlich, wo die Leute in jedem
Momente ganz genau wissen, was sie sagen und was sie fragen. Und nun, weit du
was, Fritz? Nun tun wir frs erste, als ob keinem von uns beiden etwas besonders
Merkwrdiges passiert sei. Jetzt essen wir mit mglichster Ruhe zu Mittag und
besehen uns stillschweigend whrenddem. Keiner nimmt es dem anderen bel, wenn
er bei dem Studium auch einmal den Kopf schttelt. What will you drink? Alter
Kerl, wenn ich weiter nichts mit ber das Wasser zu euch zurckgebracht htte
als den alten guten Magen vom Steinhofe (Fritze, nachher stoen wir drauf an!),
so wre auch das schon gar nicht zu verachten. Wie sagt Cicero in diesem
Falle?... Na?!... Kellner, die Weinkarte! Ach ja, die schne Zeit, wo man alles
Gute, was kam, als etwas sich ganz von selbst Verstehendes nahm!
    Das war nun alles so hingesagt, als ob der Mann erwarte, da man mit dem
sonnigsten Lachen darauf Antwort gebe; und ich lachte auch, wie man hie und da
ber etwas ganz Neues lacht, dem man eben noch auf keine andere Weise beikommen
kann. Es war mir nie im Leben etwas so neu erschienen als der Vetter Just
Everstein, dieser alte gute Bekannte. Ratlos, wie und wo er am richtigsten
anzufassen sei, fing ich mechanisch an, meine Suppe herunterzulffeln, aber ohne
ihn fr den krzesten Augenblick aus den Augen zu lassen. Ihm aber schien das
groen Spa zu machen, ihm, der so viele Jahre hindurch so oft unser Ergtzen
auf dem Steinhofe gewesen war.
    Dir ist es gottlob gut gegangen, stammelte ich, und:
    Besser, als ich's verdiente, erwiderte der Vetter Just. Cicero hat sich
jedesmal nach einer lngeren Reise fr das heimatliche Gewchs erklrt, und wenn
es noch so verflscht war; und sie haben den Falerner damals sicherlich schon
gerade so vermanscht wie heute hier diesen Rdesheimer. Dessenungeachtet also
Auf dein Wohl, Fritz!
    Auf dein Wohl, Vetter Just! stotterte ich und sah wieder stumm hin nach
dem alten wackeren Freunde.
    Das berraschende Wiedersehen hinderte ihn in der Tat nicht, sich geradeso
durch die Speisekarte des Berliner Restaurants durchzuarbeiten wie vordem durch
alles Gute, was unsere Jule Grote auf den Tisch setzte, und nachher verstohlen
und vermittelst eines zweiten Schlssels durch seine Schinken-, Speck-und
Wurstkammer.
    Noch einmal auf dein Wohl, Fritz Langreuter!
    Und auf deines, sooft du willst, Just, und - die alte Jule soll leben!
    Da war das lsende Wort, das ich bis jetzt so vergeblich zu finden gesucht
hatte.
    Hurra, das soll sie! rief der Vetter, auf den Tisch schlagend, da alles
Tafelzeug emporhpfte und man von smtlichen brigen Tischen sich nach uns
umdrehte.
    Sie lebt doch hoffentlich noch und befindet sich wohl? Sie mu freilich
jetzt wohl -
    Der Vetter hatte seine Serviette neben dem Teller niedergelegt, den Teller
von sich abgeschoben und die Hnde auf die Knie fallen lassen.
    Old boy, wenn du in die Fremde hinausgemut httest und ich zu Hause
geblieben wre, so wre ich dir, wie ich mich kenne, hoffentlich mit dieser
Frage vom Leibe geblieben. Nimm es mir nicht bel, Fritze, aber von Rechts wegen
mtest du doch eigentlich wissen, da sie noch lebt. Nimm es nur nicht bel,
da sie auch die ganzen Jahre, in welchen wir uns nicht gesehen haben, noch
gelebt hat. brigens danke ich fr gtige Nachfrage, Fritzchen! Sie sitzt wieder
ganz gut und, ihr Alter und Temperament abgerechnet, recht vergngt auf dem
Steinhofe.
    Auf dem Steinhofe?... Sie hat - du hast - den Steinhof wieder, Just?
    Natrlich! sagte der Vetter Just Everstein, als ob das das Natrlichste
von der Welt gewesen wre. Kein rmischer Kaiser, der je eine verlorengegangene
Provinz zum Deutschen Reiche zurckbrachte, htte das selbstverstndlicher
finden knnen: das wenigstens mute ich aus meinen Geschichtsforschungen und
meinem mittelalterlichen Quellenstudium wissen; und der Vetter Just hatte
vollkommen recht: es war erbrmlich wenig, was ich von der Welt durch mein
Quellenstudium in Erfahrung gebracht und darin behalten hatte.
    Nun htte ich dreist auch mein stummes Studium der jetzigen ueren
Erscheinung des Jugendfreundes von neuem ber den Wirtstisch weg beginnen
knnen. Aber je ntiger es war, desto unmglicher war es gleichfalls. Nie war
mir das Getse, das Geklapper und Geklirr, das Kommen und Gehen rundumher so
widerwrtig und unbehaglich gewesen als jetzt. Ich sah nur wie hlflos in das
gute Gesicht mir gegenber, und der Vetter Just nickte nur lchelnd und brummte:
    Jaja, es ist wohl nicht der richtige Ort hier zu dem, was wir einander
vielleicht doch etwas weitlufiger zu erzhlen haben. Das Getrnk pat auch
nicht recht zu der Feierlichkeit der Stunde; es macht seinem Schuft von
Verfertiger wohl alle Ehre, aber melancholisch stimmt es doch. Weit du was,
Alter? Jetzt nimmst du mich mit nach Hause. Da hocken wir einmal wieder zusammen
wie in meinem Erker auf dem Steinhofe - weit du noch? Ach Gott, wie habe ich
mir da drben so oft nach dem Erker und des Grovaters Wissenschaftsschranke das
Herz abgesehnt!... Alter Kerl, und ich wohne jetzt wieder darin - den Schrank
hat freilich damals der Auktionator geholt. Da Irene Everstein augenblicklich
hier auch in der Stadt wohnt, wirst du ja wohl wissen, obgleich du nicht gewut
hast, da meine alte Jule noch lebt. Und - Menschenkind, in Bodenwerder halten
sie mich immer noch fr einen geradeso groen Narren wie vor Jahren. Zum Exempel
dieses Schrankes wegen, fr den ich fnfzig Dollars geboten habe, wenn ihn mir
einer noch irgendwo auftreibt. Aber imponieren tue ich ihnen jetzt doch riesig;
denn dazu braucht man nur einen hbschen Sack voll Taler, und es ist also leicht
genug. Sobald du hier von deinen Geschften abkommen kannst, mut du mich auf
dem Steinhofe besuchen, um das Gaudium mitzuerleben. Und nun komm, deinen Kaffee
braust du dir hoffentlich selber.
    Ich kam, das heit ich ging einfach mit, und ich sagte es auf dem Wege nach
meiner Wohnung nicht, da ich auch nicht gewut hatte, wo Irene von Everstein
augenblicklich lebte. Es war ein Wunder, da ich meinen Weg nach Hause in meiner
jetzigen Stimmung zu finden wute.

                              Dreizehntes Kapitel


Und dann kam wieder eine Stunde, in der ich wieder auf meiner Stube allein sa,
und zwar tief in der Nacht oder vielmehr frh am Morgen. Drauen tobte das
schlechteste Wetter der Jahreszeit, und von den Wnden sahen mich durch den
Tabaksqualm des Vetters meine Bcher an, und zwar ebenfalls wie etwas, das mich
nur zu oft abgehalten hatte, die besten Lebensstunden, wie es sich gehrte,
auszunutzen und mein Teil von der Sonne, der frischen Luft und der freien Welt
mit allen fnf Sinnen und vor allem mit Hnden, Fen und Lungen einzuholen.
    Der Vetter Just hatte mir ein Privatissimum vorgetragen, wie ich es nie
gelesen habe und leider auch nie lesen werde. Er hatte mir ber seinen
Lebensgang Bericht gegeben von jenem Morgen an, wo der Bodenwerdersche
Landpostbote auf dem Steinhofe unseren jungen guten Kreis sprengte, bis auf die
eben abgelaufene wunderliche Stunde.
    Nun konnte ich wohl sitzen, mir den Kopf mit beiden Hnden halten und
Gewissensbisse der schlimmsten Art haben, nmlich die der vielbeschftigten,
selbstgengsamen Indolenz, die pltzlich zu dem Bewutsein kommt, wie wenig auf
Erden durch sie zum Guten, Wirklichen und Wahren ausgerichtet wird! Ich hatte
selten klglicher geseufzt und jmmerlicher nach Luft geschnappt als in jener
Nacht; und des Vetters Knastergewlk war wahrlich nicht schuld an der
erbrmlichen Atemnot.
    Mittelalterliches Quellenstudium hatte ich zur Genge fr mich und andere
getrieben und konnte genaue Auskunft geben, zum Exempel ber die Annalen von
Brauweiler, die sich so sehr darber beklagten, da die Ketzer so viele Wunder
tten, und die natrlich das Nahen des Antichrists, des allgemeinen
Durcheinanders, daraus vordeuteten (o dieser Ketzer von Vetter!), aber die
Quellen des lebendigen Daseins, die neben mir aus dem Boden aufsprudelten, jede
nach ihrer Art trbe oder klar, mit ihren Kristallblasen und berhngendem Grn,
mit ihrem Treiben von Kindermhlwerken und Fabrikrdern, mit ihrem Rauschen ber
Stock und Stein, die waren mir nur zu sehr aus dem Gesicht und Gehr
ferngeblieben! In meinem Kopfe war in jener Nacht, nachdem der Vetter Just
Everstein Farewell oder Good night gesagt hatte, das groe Durcheinander
unbedingt momentan vorhanden, und es kostete keine geringe Mhe, nur die
allerntigste Ordnung wieder in das Chaos zu bringen.
    Ach, Vetter Just, was hatte ich dir auf deine Erzhlung als Gegengabe
meinerseits zu bieten? Wie wenig fhlte ich mich persnlich in den Enthusiasmus
einbegriffen, mit dem du die Titel auf den Bcherbrettern an diesen
nichtsnutzigen vier Wnden herlasest und buchstabiertest!... Aber das rgste war
doch, Vetter, als du so ganz beilufig und gutmtig bemerktest:
    Das ist der ganze Steinhof und meine Erkerstube und meine Gefhle - wie's
leibt und lebt! O Fritz, du hast es gut gehabt und bist immer mitten in allen
deinen Anlagen und Wnschen geblieben, und keiner hat dich gestrt; glaub nur ja
nicht, da ich dir nochmals einen Vorwurf daraus mache, da du heute mittag bei
Tische so gar nichts von uns anderen gewut hast. Ich htte sicherlich
ebensowenig davon gewut, wenn ich du gewesen wre! Du bist ja freilich ein ganz
famoser Kerl! Ein Riese bist du!...
    So fhlte ich mich freilich in jener Nacht - ach, du liebster Himmel! Und
jetzt lasse ich die Arme sinken und lasse den Vetter Just Everstein erzhlen.
    Da man die grten Wunder zu Hause erlebt, sagte er, das lernt man erst
in der Fremde erkennen. Man braucht sich berall nur fest hinzustellen mit dem,
was man von seinem eigenen Grund und Boden mitgebracht hat, um dem Auslande
verdammt merkwrdig vorzukommen. Das ist meine Erfahrung, und so habe ich selbst
als Deutscher den lieben Leuten da drben ganz devilish imponiert. Mit den
lieben Leuten aber meine ich smtliche Brger der Vereinigten Staaten von
Nordamerika, von den groen Seen bis an den uersten Zipfel der Halbinsel
Florida und von einem Ozean bis zum anderen. Ich freute mich auch da schon auf
das Wiedersehen mit unserem guten Ewald, blo um ihn fragen zu knnen, wie es
ihm in dieser Hinsicht auerhalb der deutschen Nation ergangen sei. Nun, ihm
natrlich, wenigstens in dieser Beziehung, noch um manches Prozent besser als
mir; das steht fest, ich glaube nicht, da es mir blo so scheint! Du weit,
unter welchen schauderhaften und unangenehmen Umstnden ich von euch und dem
Steinhofe und dem Vaterlande berhaupt Abschied zu nehmen hatte. Ein blderer
Hanstoffel als ich ist wohl selten aus seinem Traumwinkel und von der Ofenbank
an die freie Luft hinausbefrdert worden. Alles, was ihr nachher erlebt haben
knnt (Frulein Irene nehme ich aus!), ist gar nichts gegen das, was ich an
jenem schnen Sommertage und dann bei der Auktion ausgestanden habe. Und wie die
Welt ist, nimm mir das nicht bel, Fritze, so lie sich keiner von euch auf dem
Hofe mir zum Troste und der alten Jule zur Aufrichtung blicken; und so waren wir
denn einzig und allein auf uns selber angewiesen in dem Verdru und Elend, ich
und Jule Grote. Ich mache dir brigens durchaus keinen Vorwurf, Fritzchen, denn
ich wei es wohl, da ihr euch damals gleichfalls durch schlimme Tage
durchzufressen hattet. Aber uh, die alte Jule! Da habe ich das Meinige zu hren
gekriegt vom Morgen bis zum Abend. Und, was das schlimmste war, durchaus nicht
mehr mit Gift und Galle und spitzen Reden, sondern alles in Wehmut und
Herzeleid, und - mein armer, lieber Just hier - mein armer, armer Junge da! -
Zum Heulen war's! Die Haare stehen mir heute noch darber zu Berge. Ganz
unertrglich! - - Dich htte ich gar nicht aus deinen Windeln herauswickeln
sollen, Just - winselte die Alte fort und fort, als ob ich an dem tagtglichen
Exekutor nicht schon genug zu tragen gehabt htte. Gottlob, da das alles damals
war und nicht heute noch mal ganz von vorn an durchgemacht werden mu! - Und ein
Glck war es in allem Unglck, da ich fr die gute alte Seele am wenigsten zu
sorgen hatte. Ich kam ihr einmal mit dem Wort und der schweren Herzensangst;
aber da httest du Jule Grote in ihrer Glorie sehen und hren knnen, Fritz
Langreuter! Keine Katze konnte giftiger aufpusten. Da ging es los wie die
Kastanien in der Asche, und die Asche flog mir arg genug in das Gesicht. - O du
dummer Bengel, willst du dich auch da noch zum Narren machen? Mich willst du
unglckselig, geschoren Schaflamm bemuttern? Du hlflose, bergeschnappte
Kreatur, du? Du hast doch sonst immer mit deinem dummen Maul warten knnen, bis
du gefragt wurdest! Ach, Gott, nun auch das noch!... Um mich macht sich das Kind
zu guter Letzt auch noch seine Gedanken. Da ist es denn freilich wohl mit uns
zum Schlimmsten gekommen! Zu glauben steht es freilich nicht, du - Tffel!
    Das war das richtige Wort, Fritz. Fr sie bin ich mein Lebtage der kleine
Tffel gewesen, und ich kann dir gar nicht sagen, Fritze, wie wohl es mir
jedesmal ums Herz wird, wenn ich daran denke, da ich es auch heute noch fr sie
sein kann und bin.
    Sie hatte vollstndig recht. Die Gedanken, die ich mir in meinem Leben
gemacht habe, sind nie viel wert gewesen, und die ber sie am wenigsten. Da
knnte ich mich noch eher mit meinen Gefhlen sehen lassen! Ich sage dir, Fritz,
wenn ich noch lebe und jetzt, in dieser Nacht, hier dir so fett und rund
gegenber sitze, so ist das einzig und allein ihr Verdienst. Sie nahm es mir
denn auch ganz unchristlich schriftlich bel, als ich ihr die ersten hundert
Dollars ber die See nach Bodenwerder schickte. So 'n dummes Zeug verbat sie
sich ausdrcklich frs knftige; ich mu dich aber da mal unsere gegenseitige
Korrespondenz lesen lassen: so kurzweg erzhlen lt sich dies nicht; das ist
wie mit allem Schnsten, Liebsten und Groartigsten in der Welt. Zum
allerwenigsten mu ich die Dokumente dabei auf dem Tisch haben.
    Sieh mal, Fritz, du bist nur eine vaterlose Waise gewesen, ich dagegen eine
mutterlose von Kindesbeinen an; also kalkuliere dir mal unser gegenseitiges
Verhltnis, ich meine zwischen mir und meiner Alten, selber zurechte. Ach, Gott,
was hat sie von meinen Gedanken ausstehen mssen! Und was das rgste war, das
Allerrgste war noch zurck und ging ihr ber alles brige hinaus, bis sie sich
auch in es, wie in alle meine anderen Usinnigkeiten, mir zuliebe, gefunden
hatte. Auf den Gedanken, nach Amerika auszuwandern, verfiel ich auf dem Wege
nach Bodenwerder am letzten Auktionstage, und es war ein richtiger Kreuzweg.
Nach ihr, meiner Jule, hatten sich die Hnde, die sie gebrauchen konnten,
dutzendweise ausgestreckt; aber nach mir nicht ein einziges Paar. Wer konnte
mich gebrauchen? Sie war auf jedem Bauernhofe, auf jedem Gutshofe hoch
willkommen denn sie wuten alle weit ins Land hinein, was fr eine Perle von
konomie und Molkenwesen, Schweinezucht, Viehzucht und Menschenzucht berhaupt
der Steinhof an ihr gehabt hatte. Mir verhalf weder der groe noch der kleine
Brder zu einer Unterkunft - im Gegenteil, sie waren schuld daran, da ich
berall, wo ich anklopfte, mit einem manchmal gar nicht hflichen Kompliment
weitergeschickt wurde. Niemand wollte von dem gelehrten Bauer etwas wissen, und
am allerwenigsten seine besten Freunde. So bitter ist wohl selten einem
Menschenkinde der Geschmack vom Lateinischen auf der Zunge geworden wie mir
damals...
    Armer Teufel! sagte ich, Friedrich Langreuter, Doktor der Philosophie,
Privatdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universitt in Berlin usw. usw., und
fgte hinzu: Was weit du denn von dem Geschmack auf den Zungen anderer Leute,
Vetter Just? Ach, Vetter, du bist der grte Doktor, der mir je bekannt geworden
ist - wie gern zeige ich dir die meinige krperlich und geistig und lasse mir
ein Rezept gegen die Bitterkeit darauf verschreiben!
    Zweihundertfnfzig Taler hatte sich die Alte bergespart, fuhr der Vetter
fort, das brige hatte sie alles immer wieder so bei kleinem in den Steinhof
hineingesteckt, und noch dazu meistens wohl in mich, und ohne da ich es in
meinem faulen Behagen leider Gottes im geringsten gemerkt habe und ihr dankbar
dafr gewesen bin, wie es sich von Gottes und Rechts wegen gehrte. Nun kam sie
mit ihren Sparkassenbchern und ihrem Strumpfe voll blanker Achtgroschenstcke
zum Vorschein und mit einem Gesichte dazu, was mir bis an mein Lebensende im
Gedchtnis bleiben wird. Denke dir nur um ihr Gesicht einen Heiligenschein, wie
ihn die Maler um ihre himmlischen Jungfrauen malen - beschreiben lt sich aber
der Kontrast nicht, sondern nur mit trnenvollem Herzbeben nachfhlen. Nicht
einmal fr ihr standesgemes Begrbnis, wovon sie immer gern sprach wie die
Alte in dem Gedichte, wollte sie wenigstens die fnfzig Taler zurckbehalten,
und - gottlob - bis heute hat sie sie auch noch nicht ntig gehabt; aber ich
habe sie ihr damals doch zurckgelassen, und dabei erlebte ich denn of course
ihren letzten Wutanfall ber mich vor meiner Abreise. Die zweihundert Taler habe
ich genommen, und ich will keinem anderen von meiner Natur wnschen, da ihm
auch einmal so schweres Geld in die Tasche gesteckt wird! Glaub nur ja nicht,
da sich das so an einem Tage machte; ebensowenig wie der Abschied! Aber eines
Morgens waren wir doch so weit, nmlich bis zu dem: Ja, Just, denn adjes, und
ich htte nimmer gedacht, da ich auch das noch an dir erleben sollte! -
gekommen. Fahre du einmal so wie ich damals von Bodenwerder nach Bremen und
probier's, wie dir dabei zumute ist. Was wir Gelehrten die Logik nennen, das ist
wie Philosophie auf dem Wege zum Zahndoktor; beides kommt einem erst wieder,
wenn alles - Herz, Hirn und auch die Kinnbacken wieder in verhltnismiger
Ordnung sind. Du siehst es mir heute, Gott sei Dank, nicht mehr an, wie ich
damals aussah inwendig und auswendig. Wenn wir Gelehrten aber wissen, da der
Mensch in seiner Natur immer derselbe bleibt, so ist es doch ebenso wahr, da
sich manches auf den Charakter hngt und dazugerechnet wird wie die Mistel zum
Apfelbaum. Kannst du das Schmarotzergewchs nicht zu Vogelleim gebrauchen oder
ist dir das Geniste sonst widerlich und hinderlich, so sei nur dreist ein guter
Grtner und richtiger Mensch - reute es aus, rei es ab und mach ein Feldfeuer
aus dem Gestrnk und Gestrpp. Fr mich, den Vetter Just vom Steinhofe, ist da
diese glorreiche Republik der Vereinigten Staaten von Nordamerika eine
unbezahlbare Schulmeisterin gewesen. Hier bin ich wieder, und - ein Schulmeister
bin ich drben gewesen: ich habe mich doch nicht ganz umsonst von euch
hierzulande auslachen lassen wollen, alter Junge, und ein Buch knnte ich wohl
auch jetzo zustande bringen, wenn auch nur eines - meine Lebensgeschichte, Ich
gebe dir mein Wort darauf, eine ganz sonderbare Historia ist das; und so in
manchem stillen Augenblicke komme ich mir wirklich merkwrdig kurios und
interessant vor und als etwas, was ganz auer mir steht und sich von den
verschiedensten Seiten her betrachten lt. Nicht wahr, Objektivitt nennen wir
dieses? Glaube nur aber ja nicht, da ich dir das Gesicht, welches du mir hier
eben zuschneidest, bel anrechne.
    O Vetter, habe ich damals, mit beiden Hnden nach der Hand des teuern
Mannes greifend, gerufen, Vetter, lieber Vetter, was ich fr ein Gesicht dir
mache, wei ich nicht; aber wie ich jetzt, in dieser Nacht, mit diesem Winde vor
dem Fenster in deiner Schule sitze, das wei ich ganz genau. Und nun tue mir die
Liebe an und verfhre mich nicht wieder, dich zu unterbrechen! Erzhle weiter -
weiter; oh, erzhle weiter -
    Herr Urian! Jawohl; - wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzhlen,
singt der Wandsbecker Bote. Und freilich, eine Reise habe ich getan, und sie war
noch lange nicht zu Ende, als ich drben am anderen Ufer angekommen war,
daselbst auf der Werft im Kreise meiner Zwischendecksgenossen stand (einige
saen auch noch ratloser als ich auf ihren Kisten und Kasten) und diesen
Neuyorkischen Nordamerikanern meine ersten frisch importierten Maulaffen
feilbot. Groer Gott, damit mochte man dort so frisch als mglich ankommen, eine
neue Ware war es da am Platz wahrhaftig nicht! Es ist nicht in einer Sitzung,
wie wir sie jetzt abhalten, zu berichten, was ich im Handel damit ausgestanden
habe! Und dann nimm nur auch mal die Konkurrenz an, ganz abgesehen von den
Weibern, Kindern und den Alten, die dazu ihre Trnen, Seufzer, Jammergesichter
und Gebresten auf den fremden Markt bringen. Daran darf ich gar nicht denken,
ohne meine eigene Historie auf der Stelle abzubrechen und anzufangen, die eines
anderen, und zwar eines anderen von Hunderten und Tausenden, zu erzhlen. Der
Mensch ist aber und bleibt ein Egoist, und so bleibe auch ich in der Furche und
pflge mein eigen Feld nach der allgemeinen Regel dir vor wie bei dem ersten
besten Preispflgen. Das mit der groen Konkurrenz war denn sicherlich fr mich
kein eitler Wahn. Es geht auer den ordentlichen Bauern auch eine Menge
wirklicher Schulmeister Ober das Wasser, weil ihnen der vaterlndische Grund und
Boden nicht genug Balken mehr unter sich hat - gelehrte Leute, Professoren,
Doktoren, Oberlehrer und Seminaristen - Philologen und Philosophen von jeder
Sorte, und kommen smtlich beim Steinklopfen, Ziegeltragen und im deutschen
Auswandererspital an. Mit mir ist es glcklicherweise umgekehrt gegangen. Ich
habe da freilich nur meine eigene persnliche Erfahrung und kann nur sagen, was
ich persnlich wei. Und nun, Fritz Langreuter, lasse ich mich darauf
totschlagen, da von allem, was man drben am besten gebrauchen kann, ein
lateinischer Bauer das allererste ist. Von ihren groen Stdten und dergleichen
rede ich natrlich nicht, sondern von ihren Wildnissen und Einsamkeiten. Und
merken lassen darf man es ihnen, auch im Hinterwalde oder auf der Prrie, auch
nicht, was man auer seinen zwei groben Fusten mitgebracht hat, sondern sie
mssen es nach und nach ganz von selber merken. Nun stelle dir den Vetter Just
vor in einem Lande, wo jedes Kind, sowie es das Licht der Welt erblickt hat,
sofort sich auf das Praktische legt und mit seinen Eltern ber seine ersten
natrlichen Geschfte an zu handeln fngt! Nicht wahr, da brauchte der
bankerotte Bauer vom Steinhofe nicht erst eine Glatze zu kriegen, um zum
Kinderspott zu werden? Es war der erste Vorteil, den ich aus meiner heimischen
Dummheit zog, da ich dieses einsehen und mich darauf einrichten konnte. - Ach
Fritz, es ist manchmal dem Menschen nichts dienlicher, als da er mal so recht
vollstndig umgekehrt wird! Wenn das Allerinnerste nach auen kommt, dann
erfhrt er erst, was eigentlich alles in ihm gesteckt hat und was ihm nur
angeflogen war. Jetzt kehrst du zuerst den Bauer heraus, Just! denke ich mir,
mit der Faust vor der Stirn - den Urbauer, den deutschen Bauer aus der Zeit, wo
er sich noch nicht einen konomen schimpfen lie. Dreidrhtig, Just! Schon um
der alten Jule willen. Ebenso dick als lang, und wre es auch nur der Ehre des
deutschen Vaterlandes wegen. Mist bleibt berall Mist und hat berall dieselbe
Wirkung in der schnen Natur, einerlei ob in dem alten Europa oder in dem jungen
Amerika. Und dann - mu man denn immer in seinem eigenen Bette schlafen und den
Schlssel zu seiner eigenen Rauchkammer in der Tasche herumtragen? Uh, das
Fleisch ist mir da wirklich von den Knochen gefallen; aber gereckt habe ich mich
auch. Du glaubst es wahrscheinlich nicht; aber einen guten Zoll bin ich ganz
gegen die Natur in Amerika noch gewachsen. Das Land hat das wirklich
naturgeschichtlich so an sich, da es seine Leute wie zhes Leder
auseinanderzieht. Ist dir mein Hals nicht aufgefallen? Na ja, auf dem Steinhofe
steckte er mir ganz anders zwischen den Schultern! Nimm es mir nicht bel, das
sollte kein Stich auf dich sein; denn bei dir ist das ganz was anderes, du bist
ein glorreicher deutscher Gelehrter und passest mit deiner dnnen Nase ganz nach
der Regel zu deiner brigen Figur. Aber wir - das deutsche Volk im groen und
ganzen, wie lange mssen wir noch selbst dem Unteroffizier dankbar sein, der uns
zum Geradestehen animiert und uns das Kinn mit der Faust in die Hhe stt, um
uns auf das stolze Blau ber uns aufmerksam zu machen?! Das war eine
Abschweifung, rechne ich; und da bin ich also auf einer Farm mitten im Staate
Wisconsin - auf einer Farm -, zahle mein Lehrgeld als Ackersmann auf Erden
nachtrglich und hole vieles nach, was ich auf dem Steinhofe aus Faulheit und
Dummheit versumt habe; - mein einziger Verla die Muskeln, die mir Jule Grote
angefttert hatte. Ein bichen klimatisches Fieber abgerechnet, ging es auch so
ziemlich. Aber das Gerte! Damit habe ich jahrelang meine liebe Not gehabt, bis
ich es mir handgerecht einstudiert hatte. Nimm nur mal solch eine Yankee-Axt an.
Und dann ihre Verbesserungen an ihren Pflgen zwischen ihren Baumstumpfen.
Selbst das lteste, was Adam schon kannte, kommt einem da neu vor. Bis auf den
Griff am Spaten mut du dort als deutscher Ackerknecht von frischem in die Lehre
gehen. Aber in der Not frit der Teufel Fliegen, und by degrees machte sich die
Sache ganz gut. Wir Gelehrten nennen das ja wohl eine felix culpa, wenn sich
einer zu seinem Glck und besseren Verstndnis blamiert und sich elend und
lcherlich macht? Wir hatten einmal einen thringischen verunglckten Pfarrer in
Liedlohn genommen, der sprach viel hiervon. Einerlei; ich sage dir, Fritze, man
mu so einen wackeren Erbsitz und Urvtereigentum wie den Steinhof wie im Traum
von der Hand weggeblasen haben, um es im vollen einzusehen, was fr ein
glorreiches Handwerk Adams Handwerk ist! So ist es aber mit allen guten Dingen,
die uns in die Hand wachsen, in die Windel eingebunden oder auf dem
Prsentierteller gebracht werden. Erst verdudele du sie, dann lernst du sie nach
ihrem ganzen Wert und Behagen abschtzen! Wenn ich es heute nicht noch zu allem
brigen hier bei euch zum Titel konomierat bringe, so - na, ich will lieber
nicht sagen, was Karl Heinzen drben dann in diesem Falle sagen wrde! -
Herzensjunge, es ist jammerschade, da du in jener Zeit nicht bei mir warst, um
dein Plsier geradeso an mir zu haben wie im grnen Grase unter meines Vaters
alten Kirschenbumen oder in meiner ganz verrckten Erkerstube. Oh, htte ich
nur manchmal die alte Jule, dich, Ewald und die beiden Mdchen nach Neu-Minden
hexen knnen! Wenn man absolut einmal zu renommieren wnscht, so renommiert man
am liebsten vor seinen nchsten Bekannten, Verwandten und besten Freunden,
wahrscheinlich eben, weil die doch nie an einen glauben. Neu-Minden hie unsere
Ansiedelung, und alles in allem gerechnet, jung und alt zueinander, waren wir so
zirka fnfzig bis sechzig Kpfe stark. Immer ein hbscher Kern! Der General
Varus auf seinem Marsche durch Deutschland hat wahrscheinlich erst bei Detmold
einen bunteren Haufen von uns, und zwar zu seinem Schaden, auf einer Stelle
zusammen erblickt. Neu-Minden! Ein netter Name und ein absonderlich Sammelsurium
deutschen Volkes - von jeder Sorte a G'schmckle, wie die drei oder vier
Schwaben unter uns sagten. Drei bis vier Dutzend Kinderflachskpfe wuchsen uns
zwischen den Beinen, Schweinen, Baumstumpfen und Fenzen auf, und das war die
Hauptsache, und wer auch Prsident sein mochte - dieses machte ihm keine grauen
Haare; einen Kultusminister schickte er uns nicht, um Ordnung zu stiften, nach
Neu-Minden. Ihm war es in seinem Weien Hause in Washington vollstndig
einerlei, auf welche Weise sich seine Brger die Fhigkeit, seine Nachfolger in
diesem Weien Hause zu werden, erwarben. Nun, da freue ich mich, da ich dreist
beschwren kann, da es immer noch etwas auf sich hat mit dem deutschen
Gewissen, nmlich soweit es sich um Vaterpflichten und Muttersorgen handelt,
einerlei, ob es ihm absolut gleichgltig ist, wer Prsident wird und wer nicht.
- Sie wachsen auf wie die Schweine! brummten kopfschttelnd die Graukpfe von
beiden Geschlechtern in der neuen Gemeinde. Ein Vergngen ist es, es mit
anzusehen, aber eine Schande ist es auch, wie das Zeug ins Kraut schiet. Es
geht nicht lnger so; fr den nchsten Winter mssen wir fr einen Schulmeister
zusammenlegen, koste er, was er wolle. Aber mit Rat, Gevattern! Es verluft sich
mancher von der Sorte hierher, dem man kein Ferkel zum Waschen anvertrauen
mchte, wenn man ihn selber und seine Vorgeschichte im alten Lande genau kannte.
- Na, Fritze, du kennst mich und meine Vorgeschichte im alten Lande! Was meinst
du zu mir und diesen Reden und Beratungen in der Waldwirtschaft rund um mich
her? Nicht wahr, du siehst es jetzt schon ziemlich klar vor dir liegen, wie es
sich nachher alles gemacht und passend ineinandergefunden hat? Schwerenot,
wollte ich dir jetzo eine Pfeife vom schwersten Lobtabak vorrauchen, so knnte
ich es, da du Fenster und Tren des Wohlduftes halber aufsperren mtest.
Neu-Minden aber existiert glcklicherweise noch; also reise du nur lieber selber
hinber und hre dir, wenn dir daran liegt, an, wie die anderen von mir reden.
Ich, der ich auf dem Steinhofe nicht der Herr und Bauer sein mochte, ich bin
hoffentlich ein guter Bauer und Knecht in dem amerikanischen Walde gewesen. Aber
ich bin auch durch des Grovaters Schrank - weit du noch? - im Laufe der Zeit
wieder mein eigener Meister geworden, wie wir Deutschen das Wort nehmen; ich
habe eine Farm in die Wildnis hineingesetzt, die sich sehen lassen konnte und
bald ihren Wert und Preis hatte. Wei der liebe Gott, den Vetter nannten sie
mich auch drben bald auf zwanzig Meilen in die Runde, ohne da ich dir sagen
kann, wie es zuging. Von den Kindern ging es nicht aus. Die habe ich schon der
Autoritt wegen bei ihrem Mister Everstein erhalten. Bitte, reise wirklich
morgen schon ab - blo um zu hren, wie sie hundert und mehr Meilen nordwestlich
von Milwaukee von dem Mister Everstein sprechen, wenn sie zu ihren
Buchstabierspielen aus allen Himmelsrichtungen her auf eine halbe Tagereise weit
zu Pferde und zu Wagen zusammenkommen! Und ich habe es nicht bei dem bloen
Buchstabieren gelassen nach getaner Tagesarbeit mit Axt, Pflug und Spaten. Ein
Exemplar vom alten Brder war freilich nicht aufzutreiben, weder in Neu-Minden
noch in Neuyork; aber da liegt schon in Minnesota am Mississippi ein Ding, das
heit Sankt Paul, und da hat mir wirklich und wahrhaftig einer einen Ellendt
aufgetrieben, und wenn heute eineingeborener Neu-Mindener einen Begriff oder
eine Ahnung von mensa und amare hat, das heit in der Rmersprache, so bin ich
der Mann, der schuld daran ist. Oh, und der pythagoreische Lehrsatz! Erinnerst
du dich wohl noch an den Magister matheseos, Fritze Langreuter? Und an meine
Seelenseligkeit, als ich ihn heraushatte und ihn dir als etwas, was unumstlich
seine Richtigkeit hatte, beweisen konnte? Du httest die Tafelrunde von alten
und jungen Neu-Mindenern sehen sollen, denen ich ihn gleichfalls bewies, mit
Kreide auf der Tischplatte, am Winterabend mitten in der amerikanischen Wildnis
und viel nher dem Lake superior als der Weser und dem Flecken Bodenwerder und
dem Dorfe Kemnade! Siehst du, liebster Freund, so habe ich wenigstens einmal in
der Fremde fr voll gegolten in dem, was ich zu Hause fr das hchste Ideal
hielt. Jetzt bin ich mit Ruhe ein Bauer auf meinem alten braven Hofe. Alle
Nachbarn sind mir wiederum willkommen wie vor Jahren in meiner Narrenzeit. Ich
bin auch mit Vergngen fr jedermann wieder der Vetter Just, und manchmal denke
ich wie mit einigem geheimen Vergngen: Hast du auch weiter nichts Vor dich
gebracht, Just, als da sie nicht mehr hinter deinem Rcken ber dich lachen, so
ist auch das schon bei deiner angeborenen Dummheit und Faulheit etwas ganz
Hbsches.
    O Vetter Just, rief ich im hellen Enthusiasmus und wahrhaftig mit Trnen
in den Augen und einem heien Kitzel in der Gurgel, der Vetter Just bist du und
bleibst du, und - bei den unsterblichen Gttern - hher als das kann es kein
sterblicher Mensch auf dieser Erde bringen! O Vetter, wie freue ich mich, da
ich dich wieder im Lande wei und von neuem dich auf dem Steinhofe besuchen und
bei dir in die Schule gehen kann!

                              Vierzehntes Kapitel


So weit waren wir vor Mitternacht gekommen. Nach Mitternacht erzhlte der Vetter
weiter, wie er durch harte Arbeit, klugen Sinn und treuherziges Beharren in
jeglichem wackeren Vornehmen durch gute und bse, durch harte und linde Zeiten,
durch schlimme Tage und schlimmere Nchte seinen Weg als ein fester, wirklicher
und wahrhaftiger Mann sich in das Vaterland und zu dem alten Erbsitz
zurckgebahnt hatte. Wenn nichts in der Welt fest stehenbleibt als ein
wirkliches und wahrhaftiges Kunstwerk, wenn alles andere vorbeigehend ist, so
hatte dieser Mensch in seinem Leben ein echtes und gerechtes Kunstwerk fest
hingestellt, zum Trost und zur Nachahmung fr alle, die das Glck hatten, ihn
kennenzulernen. Das war old Germantext-writing in der vollsten Bedeutung des
Wortes, eine leserliche, dauerhafte Schrift mit allen ihren kuriosen Schnrkeln
und Verzierungen! Wer darin seine Autobiographie niedersetzte, der konnte gewi
sein, da sie manchem kommenden Geschlecht von Kindern und Enkeln merkwrdig,
rhrend und ermutigend sich in das Gedchtnis prgte. Und das deutsche Volk hat
wahrlich dergleichen monumenta Germanica recht sehr ntig; denn wenn unsere
groen Leute dann und wann vielleicht weitherziger als die irgendeines anderen
Volkes sind, so sind dagegen unsere kleinen hufig in ebendem Grade krglicher,
kleinlicher, engherziger, mrrischer und unzufriedener als irgendeine Menge, die
eine andere Planetenstelle bewohnt; und - ach, wie oft hatte ich mich in den
letzten Stunden im ganz geheimen an die Brust geschlagen und geseufzt Gott sei
mir Snder gndig! Ich seufzte es aber auf Griechisch: 'O teos ilasthti moi to
amartolo - wahrscheinlich, wie es mir jetzt vorkommt, um in der Befhigung dazu
einen Trost zu finden, denn Griechisch konnte der Vetter wenigstens doch nicht!
    Aber er erzhlte nun davon, wie er seine alte Jule aus Bodenwerder abgeholt
und im Triumph nach dem Steinhofe zurckgebracht habe, und das war wiederum mehr
als Griechisch und Sanskrit.
    Ich hatte ihr natrlich, berichtete er, auch von Amerika aus von allem
Guten, was mir zuteil wurde, das ihr Gehrige zukommen lassen; aber der Tag, an
dem ich selber heimkam, war doch das Beste sowohl fr sie wie auch fr mich,
Schade, da ich euch - dich, Irene und Ewald - nicht von Schlo Werden dazu
herberholen konnte! Gottlob, Eva Sixtus und ihr Vater sind wenigstens
dabeigewesen und mit von neuem auf dem Steinhofe eingezogen. Da die ganze
Umgegend auf den Beinen war, kannst du dir wohl vorstellen. Freilich bei mehr
als einem guten Freunde, mit dein ich von meinem jammerhaften Abschiede her
einen Schinken im Salze hatte, habe ich wohl ein Auge zudrcken mssen, wenn er
mir am liebsten als mein allerbester Freund um den Hals gefallen wre; aber ich
habe es gern getan. Je mehr man sich den Wind drauen in der wilden Welt um die
Nase hat wehen lassen, desto bescheidener wird man in seinen Ansprchen an den
Charakter der Menschheit und nimmt am guten Tage still mit in den Kauf, worber
man am schlimmen vor Wut und rger aus der Haut fahren mchte. Zwischen der
alten Jule und manchem frheren guten Haus- und Hof- und Jagdfreunde ging es
freilich nicht so glatt ab, und manch einer bleibt heute noch ihretwegen weg vom
Hofe, der meinetwegen wieder ganz behaglich seine Beine unter unserem Tische
ausstrecken knnte. Die Weiber sind in diesen Dingen nmlich von einem viel
besseren Gedchtnis als wir Mnner, Fritze; und gnade Gott manchem armen Snder,
wenn sie es durchsetzen und am Jngsten Gerichte Sitz und Stimme kriegen. Gnade
fr Recht ergeht da gewilich nicht; - selbst bei unseren deutschen
Frauenzimmern nicht, welche immer noch die besten sind und die harmlosesten, was
gleichfalls eine von meinen amerikanischen Erfahrungen ist und die ich auch dir
jungem Menschen, Fritzchen, mitgebracht haben will. Und es soll mich recht
freuen, wenn du noch Gebrauch davon machen willst. Aber das ist ja alles nur
beilufig, nimm's nicht bel; ich sage dir, Doktor, den Weg von Bodenwerder nach
dem Steinhofe httest du an dem Tage sehen sollen! Und dann unsere Ankunft auf
dem alten ausgemergelten, nichtsnutzigen Haferacker - weit du, an der Fenz -
nein, Gott sei Dank, an der echten, richtigen Weidornhecke und dem Plankenzaun,
ber den ihr mich so oft angecheert habt. Wenn es in meiner Erzhlung hiervon
etwas kraus durcheinandergeht, so gehrt auch das zu dem Spa, denn es kommt
einzig und allein daraus her. Sonst kann ich jetzt unter Umstnden recht gut bei
der Stange bleiben. Ich hatte selbstverstndlich mich schon ein paar Wochen vor
unserem Haupteinzuge auf dem Hofe installiert. Junge, und ich habe die ersten
Nchte in meinem Erker auf Stroh geschlafen; und - oh! - so hat lange keiner in
dieser Welt der Plagen und schweren Sorgen und Arbeiten die Beine von sich
gestreckt und die Arme unter dem Hinterkopfe zusammengelegt, mit dem Blicke an
den alten kahlen Wnden herum und durch das Fenster in die Nacht hinein und dann
in den dmmernden Morgen! Ich habe da wie ein Knig geschlafen, denn ich habe
den grten Teil der Nchte verwacht; aber dagegen waren es sehr angenehme
schlaflose Nchte. Ihr waret alle darin eingeschlossen wie ich selber von meinem
frhesten Aufmerken an. So liegend, mte der Mensch eigentlich alle zehn Jahre
sein Dasein sich zurckdenken knnen; dann knnte man sich auch alles Schlimme,
Traurige und Wehmtige viel leichter mit Ruhe gefallen lassen und es erleben!
Well, auf jede solche vergngte Nacht kam dann der frische Morgen mit seinem
hemdrmeligen Wirtschaften in dem verlorenen und wiedergewonnenen Vterreich.
Was mir mein Vorgnger an lebendigem und totem Inventar mit in den Kauf gab,
wollte nicht viel bedeuten, und fr mich, der ich noch meine alte Inventur im
Kopfe hatte, gar nichts. Da muten mir neue Gule, Khe, Schweine und Ziegen in
die Stlle; - ihren Hhnerbestand mute Jule Grote wiederfinden, wie sie ihn
aufgegeben hatte, und die Gips-Venus mute auch auf den Ofen wieder hin, sonst
war die ganze Geschichte nicht das halbe Plsier. Und Tisch und Bnke hatten sie
mir in meiner Abwesenheit gleichfalls derartig verrckt, da ich mit vier
Fusten und acht Beinen htte greifen und laufen mgen, um nur die allerntigste
Ordnung wieder hereinzubringen. An Karl Ebeling erinnerst du dich wohl nicht
mehr? Das war ja unser Junge zu unserer Zeit auf dem Hofe! Na, siehst du, es
freut mich, da dir der Lmmel doch wieder frisch in der Erinnerung aufgeht! Er
hat damals manchen Wurf mit dem Pantoffel und manchen Schlag mit dem
Kchenbesen, der moralisch mir gehrte, aushalten mssen; und nun male dir meine
Genugtuung, da ich das Ungetier (einen anderen Namen hatte Jule Grote ja nicht
dafr!) voll ausgewachsen, mannbar und mit einem Schatz versehen, und dazu als
Reserve-Unteroffizier, wiederhabe, und zwar als unseren Oberknecht! Er sitzt
jetzt mit Anstand zu meiner Linken an unserem Tische in der alten Stube, weit
du; aber ein anderes Exemplar von ihm in seiner lieben Jugend und Gefrigkeit
und Flegelhaftigkeit habe ich, Gott sei Dank, dazu wieder mir gegenber am
anderen Ende des Tisches. Karl Eggeling heit der Schlingel heute; na, und ich
mu mir doch manchmal in den rmel lachen, wenn ich wieder einmal zu erfahren
habe, da die alte Jule immer noch nicht milder und sanfter gegen diese Spezies
von der menschlichen Gesellschaft gestimmt ist. - Die alte Jule! Da sind wir
wieder bei ihr und ihrem Einzuge auf dem Steinhofe. So in Trnen gebadet habe
ich noch kein Frauenzimmer bei keinem irdischen Zufall und weder in Amerika noch
in Europa erblickt! Du httest ihr das greste Unrecht antun knnen, und es
htte diese Flut nicht aus dem Schtt gelassen. So weich wie das Glck hatte das
Unglck sie lngst nicht gemacht. Freund Stakemann, der auch noch lebt, Fritz -
du weit, Stakemann, der mich damals so treu brieflich warnte, als es lngst zu
spt war! -, Stakemann, der immer der alte vergngte Kerl geblieben ist, kam
leider auch hier mit seinem Witz post festum. Die spahafte Bemerkung, da der
Weg von Bodenwerder her wohl nchstens unter Wasser stehen und da man sich
demnchst in Bremen ber das groe Wasser wundern wrde, hatte ich bereits
gemacht, geradeso wie damals, das heit die Jahre vorher, meine Geschfte mit
dem Doktor Schleimer, dem ich, wieder beilufig, leider nicht in den Vereinigten
Staaten begegnet bin, um ihm offenherzig meine Meinung sagen zu knnen. - Sonst
war mir brigens selber eigentlich auch nicht spahaft zumute, sondern sehr im
Gegenteil. Ich sa da auf dem Leiterwagen und hielt den Arm um die Alte und
trstete sie und mich nach besten Krften in unserem Glck. Es ist keine
Kleinigkeit, selbst im glcklichsten Fall, sich um soviel lter - alt - und in
diesem auch als Greisin zu scheu und zu fhlen, da man noch einmal eine
glckliche Minute herausgefischt hat! Ich wei nicht, Langreuter, ob ich dir das
nach der Syntax vortrage, aber eine Wahrheit ist es, verla dich drauf. Nicht
wahr, alter Freund, wenn einer den anderen so recht verstehen soll, dann braucht
der nur recht unverstndlich zu sprechen, wenn er seine Meinung nur recht tief
aus dem Grunde heraufholt?! Daher, wo man gar nicht mehr wei, ob man aus seiner
eigenen Seele spricht oder der des anderen!... Nun spricht man hufig davon, da
es sehr s ist, eine junge Geliebte vom Wagen zu heben, um sie in die
neugegrndete Heimat einzufhren. Ich glaube dieses herzlich gern, obgleich ich
es leider noch nicht selber an mir und an einem guten Mdchen probiert habe;
aber sozusagen etwas Brutliches hatte auch Jule Grote an sich, als sie mit
ihrem Anverlobten, dem Steinhofe, wieder zusammenkam nach so langer Trennung und
hoffentlich jetzt auf immer. Whrend des Zwischenreichs und der Fremdherrschaft
hatte sie natrlich keinen Fu in die Gegend gesetzt: Zehn Pferde htten mich
nicht in das Hoftor gezogen, Just! rief sie einmal ber das andere, whrend sie
jetzt durch alle Stuben und Kammern, treppauf und treppab, durch Stall und
Garten humpelte und mich mit seligen Trnen in den Augen auf alles aufmerksam
machte, was das fremde Volk whrend seiner Herrschaft nach seinem Gusto
verndert oder gar ganz schandbar verrungeniert hatte. Wir gingen alle mit ihr,
und weit du, Fritz, was nach meinem Vergngen an der Alten mir das Lieblichste
war? Das war unsere liebe Eva Sixtus, die ihren alten Papa fhrte und, immer
verstohlen mit ihrem weien Taschentuche an den Augen, wie ein weinender
Frhlingsmorgen aussah. Es war ein wahres Glck, das Stakemann fortwhrend seine
schlechten Witze und altbekannten nichtsnutzigen Bodenwerderschen Redensarten
und Anekdoten uns dabei zum besten gab; die Sache htte sich sonst wirklich fr
einen Brger der Vereinigten Staaten von Nordamerika zu sehr ins Gerhrte
verlaufen. Du hast unsere liebe Eva wohl lange nicht gesehen, Fritz? Das ist
sehr schade. So jung wie vor zehn oder zwlf Jahren ist sie heute nicht mehr;
aber das mu ein heikler Patron sein, fr den sie nicht in die Lnge und in die
Breite in die allerseste Frauenfreundlichkeit sich ausgewachsen hat! Und dann
solltest du den Frster ber sie hren! Hast du selber einen Speech auf der
Seele, so la ihn um Gottes willen nicht zum Worte ber sie kommen. Da redet er
kopfwackelnd das allervolkreichste Meeting vom Stump zu Tode. Freilich, was mich
betrifft, so bringe ich ihn immer mit dem gresten Vergngen auf seine Tochter,
sein liebes Mdchen, und dir, Fritze Langreuter, wrde es wohl ebenso gehen,
wenn du dir unter deinen jetzigen groartigen und weltgelehrten Verhltnissen
noch das alte bescheidene Herz und Vergngen an allen diesen unseren alten
Dingen und Leuten von Schlo Werden, dem Steinhofe und der Umgebung httest
bewahren knnen. Da das freilich nicht gut mglich ist, sehe ich aber recht gut
ein, mein Junge!...
    Ich hatte mir geschworen, den Menschen nicht zu unterbrechen, und ich
unterbrach ihn auch jetzt nicht; aber ich sprang auf vom Stuhl, knpfte mir die
Weste auf und trat auf lngere Minuten an das Fenster, um die brennende Stirn an
die Scheiben zu drcken und auf das dem Morgen hastig zutreibende Gewlk zu
sehen und auf den Wind zu horchen. Als ich an den Tisch zurckkam, hatte sich
der Vetter Just eine frische Pfeife gestopft und hielt eben das brennende
Zndholz darauf. So gleichmtig und phlegmatisch, als ob er mir nicht das
geringste gesagt habe, was einen Privatdozenten ohne Zuhrer und einen Doktor
der Philosophie ohne Philosophie aufregen knnte. Und jetzt sagte er noch dazu:
    Wahrhaftig, wenn man so ins Schwatzen kommt!... Zwei Uhr am Morgen! Bei uns
auf dem Steinhofe fangen da schon die Hhne an zu krhen. Und ich sitze hier und
rede und rede und bedenke gar nicht, wie ich dich von der nchtlichen Ruhe
abhalte und wie kostbar gerade deine frischen Morgenstunden fr die gelehrte
Welt und die Wissenschaften sind. Aber guck, Fritz, so bleibt ein Deutscher
immer ein Deutscher! Ein echt eingeborener Nordamerikaner htte dir einfach
gesagt: Ich habe den Steinhof wieder; wenn du Lust hast, male dir alles brige
dazu oder la es bleiben. - Ich dagegen sitze hier und mchte dir auf jeder
Faser und Fiber in mir meine Gefhle und Erlebnisse in der alten Heimat nach der
Heimkunft vorspielen und frage den Teufel danach, ob das dir noch interessant
ist oder nicht. Aber jetzt auch kein Wort mehr! Wo ist mein berrock? Hier. Und
hier ist mein Hut. Jetzo setze deiner Gte und Geduld die Krone auf und leuchte
mir die Treppe hinunter. Den Weg nach meinem Wirtshause finde ich schon;
hoffentlich aber kehren mehr Leute von meiner Art da ein, die sich leicht
festschwatzen nmlich, wenn sie nach jahrhundertelanger Abwesenheit und Trennung
einen guten alten Freund und Bekannten zufllig wieder getroffen haben und ihn
in ihrer Zufriedenheit mit der Welt in den Schlaf oder ber den Schlaf weg, aber
sicher halbtot reden. Allein mchte ich auch in diesem Falle nicht in der Welt
stehen.

                              Fnfzehntes Kapitel


Nach jahrhundertelanger Trennung und Abwesenheit! Das letzte Wort war das
richtige; ich aber war Pedant genug, da ich mir auch in diesem Augenblicke, das
heit, nachdem ich dem Vetter die Treppe hinunter mit dem Lichte vorangegangen
war, durch jenes Worts sprachliche und begriffliche Zergliederung meine
Stimmungen und Gefhle klarer machte. Wer diese langen Jahre hindurch abwesend
gewesen war, das war nicht der Vetter Just Everstein, sondern ich - ich, der ich
so hbsch ordentlich zu Hause geblieben war!
    Ich schlief in dieser Nacht nicht mehr, obgleich ich ziemlich rasch zu Bette
ging. Da lag ich und versuchte es, hundert zerrissene Fden wieder anzuknpfen,
was stets ein bedenklich Geschft ist und nicht immer gelingt, jedenfalls aber
ungemein selten das Gewebe des Lebens haltbarer und glatter macht. Nun war es
sonderbar, wie gerade die letzten Exkurse des wackeren Freundes mir die
heftigste Unruhe in das Geblt geworfen hatten. Was erzhlte mir auch der Mann
von dem weinenden Frhlingsmorgen Eva Sixtus? Wir waren doch alle - ohne
Ausnahme - in den Sommer des Daseins hineingeraten. Was sollten mir die
hbschesten Bilder aus Tagen, die, wie der Vetter ganz richtig sich ausdrckte,
ein Jahrhundert weit hinter uns lagen?
    Ich wendete mein Kopfkissen darob fortwhrend um, ohne Ruhe darauf zu
finden. Ba ergrimmt (nein, das war nicht das richtige Wort!) entstieg ich, als
der trbe Morgen gekommen war, dem ruhelosen Lager mit den Gefhlen eines
Mannes, der eine weite Reise unternommen hat, um alte Schulden einzukassieren,
berall aber leere Taschen gefunden hat und nun selber mit leerer Tasche in
einem den Gasthofszimmer sitzt. Mit einer wahren Wut blickte ich von einem
meiner Bchergestelle auf das andere. Die weisesten Autoren, denen ich in diesen
schnen Momenten mit meiner Lebensrechnung unter die Nase zu rcken versuchte,
waren nur imstande, mir die Gegenforderung und Frage zu stellen:
    Wer soll uns denn mit Noten versehen, wenn nicht ihr Lebenden? Dummes Zeug:
Trost und Beruhigung! - Besttigung unserer Lebensangst, Unruhe und Not wollen
wir von euch Atemholenden! Weiter im Texte!
    Von den Schuldnern zu den Glubigern - den Gespenstern, die mich in der
Nacht geplagt hatten! Der Mensch hat eigentlich gar keine Ahnung davon, wie er
die Wrter seiner Sprache mibraucht. Die Abgeschiedenen lassen einen wohl schon
in Ruhe: es sind die lebendigen Wesen in Fleisch und Blut, die mit atmenden,
leidenden, sich freuenden Genossen der Erdenlaufbahn, die da gewhnlich durch
unsere Trume spuken gehen! Sind sie gar noch gute alte Freunde und Bekannte und
haben sie dazu muntere Fe, wackere Hnde, helle Augen und rote Backen und
wissen sie mit krftiger, sanfter oder gar freundlicher und liebevoller Stimme
ihre Fragen zu stellen in der Geisterstunde, so ist das sehr hufig am
allerbedenklichsten fr unsere nchtliche Ruhe.
    Wie mit einem Zauberstabe hatte dieser Mensch und Vetter Just, dazu Brger
der nchternen Vereinigten Staaten von Nordamerika, an die drre Wand geschlagen
und das klarugige Spukgesindel ber mich herbeschworen. Als ich gegen elf Uhr
meinen Weg durch die belebten Gassen zu seinem Hotel suchte, um ihm, dem Vetter
Just, meinen Gegenbesuch zu machen, sah ich unwillkrlich gespannter als seit
langer Zeit den Begegnenden in die Gesichter und mit einem gewissen ngstlichen
Suchen und Erwarten in das Getmmel berhaupt. Was ich seit langem teilnahmlos
hatte an mir vorbeistreifen lassen, das gewann nach dieser Nacht pltzlich ein
sozusagen angsthaftes Interesse fr mich. Andere Leute mochten es vielleicht
anders nennen; ich nannte es Gedanken, was mich auf meinen Wegen bis heute
durchgngig gehindert hatte, auf die Bewegung um mich her viel zu achten.
Hchstens rgerlich hatte ich dann und wann auf- und mich umgesehen, wenn ein
unvermuteter Puff und Knuff von Menschenkindern, die es stets eiliger als ich
hatten, mich in meiner Neigung, mit gesenkter Nase hinzuschlendern und, offen
gestanden, an sehr wenig zu denken, strte. Nun hatte sich dieses mit einem Male
gendert, wenigstens fr diesen Morgen. Ich ging mit geradeaus gerichteter Nase
und mit Augen, die nach rechts und links und manchmal sogar einem aufflligeren
Individuum nachguckten.
    Weit du, wer da mit dir geht oder dir entgegenkommt? Hast du es
schriftlich, da niemand darunter ist, dessen Erkennung im Haufen dir wichtiger
sein kann als das trumerische Gespinste, in welches du deine fnf Sinne
eingewickelt umhertrgst? Wrdest du dich ber kein zweites unvermutetes
Begegnen an der Straenecke wundern oder freuen? Bist du wirklich so ganz allein
und - auf dich allein angewiesen unter den Hunderttausenden? Und - da stand ich
schon und starrte und brachte im jhen Anhalten meinerseits diesmal eine Hemmung
in den Strom der Bevlkerung und auf dem Gesichte des Nchsten hinter mir, auf
dessen Zehen ich mich mit meinem Hacken niederlie, einigen Verdru hervor. - -
-
    Mademoiselle Martin!
    Das war nicht das Gesicht, auf welches ich in dem groen Strome gepat hatte
- Eva Sixtus sah anders aus! - Aber das Wunder und die Verwunderung blieben die
nmlichen. Ich mute doch noch Mademoiselle Martin, unsere alte franzsische
Sprachmeisterin von Schlo Werden, kennen! Sie war es! Sie war es unbedingt, und
wenn auch nur, um das alte Wort zu bewahrheiten: Wenn es kommt, so kommt es in
Haufen!
    Ein greisenhaft, verschrumpfelt und verrunzelt, etwas phantastisch
aufgeputztes Mtterchen, wackelte sie daher, und ich stand mit dem Hute in der
Hand:
    O Mademoiselle!... O Mademoiselle Martin, welches ungemein erfreuliche -
    Monsieur?!
    Es lag eine Welt von Fragen in dem einen Wort; und ich war imstande zu
stottern:
    Oh, ich bitte - Doktor Langreuter ist mein Name.
    Da ging es gottlob wie ein Lcheln ber das sorgenvolle Altfrauengesichtchen
der ci-devant soeur ignorantine.
    Je, Fritz?! Monsieur Frdric Langreuter! Ei, der Herr Doktor Langreuter!!
Aber, en vrit, das nenne ich freilich ein recht erfreuliches Zusammentreffen.
Haben Sie mich wiedererkannt, Fritz - Herr Doktor? O dieses unvermutete
Wiederfinden freut mich ebenfalls sehr.
    Und Sie kennen mich auch noch, Mademoiselle? Und gestern mittag - o
Mademoiselle, welche Wunder knnen doch noch in dieser Welt geschehen!...
Gestern der Vetter Just und nun Sie, Frulein Martin! Und Sie haben sich so
wenig verndert, da auch das ein neues Wunder ist, Mademoiselle.
    Geben Sie mir Ihren Arm, monsieur. Durch ein paar Straen mssen wir sans
condition miteinander gehen. Schmeicheln will ich Ihnen nicht: Sie haben sich
sehr verndert, M. Langreuter, und htten Sie mich nicht angerufen, so wrde ich
Sie wahrscheinlich nicht wiedererkannt haben.
    Wir paten ganz zueinander: ich, der mittelalterliche Quellenforscher, und
das melancholische, geputzte Mtterchen an meiner Seite. Durch ein heiteres
Wesen hatte sich Mamsell Martin wohl nie hervorgetan; aber nun hatten die Jahre
und die Erlebnisse wie immer dichter sich bereinanderschiebendes Gewlk das
letzte Licht in ihren Altjungfernzgen ausgelscht. Ich hatte sie vorsichtig zu
fhren, denn ihr Schritt gehrte nicht mehr zu den festesten. Wir gingen
langsam, und auch das war sehr ntig.
    Ich habe es gestern von einem guten, alten Freunde vernommen, da Grfin
Irene jetzt hier ihren Aufenthaltsort genommen hat, Mademoiselle. Ich habe viel
erfahren seit gestern, Mademoiselle, und vieles, was ich eigentlich ebensogut,
wo nicht besser als jener treue, wackere Freund wissen mte. Nun gehe ich
pltzlich auch mit Ihnen hier -
    Ja, wir wohnen seit einigen Wochen in Berlin, Herr Fritz Herr Doktor. Durch
wen aber wissen Sie das auch - seit gestern?
    Durch den Vetter Just.
    Nun sah man wieder einmal recht deutlich, da sowohl der Dichter des Textes
zum Freischtz sowie der Komponist und alle weisen und melodischen und
poetischen Mnner, die das nmliche vor ihnen in Versen oder Prosa oder Noten
angemerkt, das Richtige getroffen hatten.
    Ob auch die Wolke sie verhlle, die Sonne bleibt am Himmelszelt! Wie ein
Sonnenstrahl ging es ber die gelbe, faltenreiche Stirn, wie freudiges Leuchten
zuckte es aus den schwarzen Augen der alten soeur ignorantine.
    Oh, monsieur, monsieur! Der Vetter Just! O wohl, monsieur Just Everstein!
Ja, der hat uns gefunden und hat uns eine Visite gemacht, und wir waren so
glcklich, ihn zu sehen! Und er hat bei uns gesessen stundenlang und von der
alten Zeit gesprochen! Und er hat unser Kind in seinen guten Armen in den Schlaf
getragen! Die Komtesse hat geweint, als er weggegangen ist, aber diesmal vor
Freuden. Nicht weil er gegangen ist, sondern weil er versprochen hat, immer
wieder zu uns zu kommen, zu uns und unserem armen Kinde. Und er ist
wiedergekommen und hat wieder mit uns von der alten Zeit und dem Herrn Grafen
und dem lieben, armen chteau de Werden geredet. Oh - er hat uns gesucht in dem
ple-mle, der Vetter Herr Just, und er hat uns gefunden und nicht blo durch
einen Zufall. Le bon Dieu hat ihm das in sein Herz gegeben, da er es nicht
anders konnte, sondern suchen und finden und kommen und dasitzen mute, um uns
zum Troste zu sein in dieser argen, schlimmen, schlimmen Welt! Wie ein Gesandter
von dem guten Gott ist er uns gewesen, der Vetter Herr Just, der mir so viel
aversion und rpugnance hat bereitet in der glcklichen alten Zeit, wenn ich
euch rief zu der Lektion - savezvous? - hoch oben aus den Bumen und ihr nicht
antwortetet, weil ihr alle waret echappiert und - eh, eh, hattet euch
durchgeschlpft - glisss par la haie - wie die Vagabonden in die weite Welt und
nach dem Steinhof. Oh, mon Dieu, damals habe ich geweint, weil das war, nun
weine ich, weil das nicht mehr sein kann. Aber madame la baronne, meine
Komtesse, kann noch lcheln, wenn sie spricht mit dem Vetter Just davon und von
euch anderen bsen Kindern; und so bin ich auch glcklich, da ich einst mich so
sehr habe gergert.
    Vergebens war es, meinerseits ein Wort in diesen Redeflu der alten Dame zu
werfen. Und sie redete das alles zu mir in einer der belebtesten Straen der
groen Stadt Berlin, gnzlich unbekmmert darum, da wir nicht allein darin
gingen wie vordem wohl in der groen Lindenallee im Garten von Schlo Werden.
Wir gingen ihnen allen zu langsam und nahmen ihnen allen zuviel Platz auf dem
Wege in Anspruch; aber alle hatten sie es auch nicht darum so eilig, um rascher
zu einem Vergngen zu gelangen, und so war nichts gegen dies Geschobenwerden und
Gedrngtwerden einzuwenden.
    Da sich Irene von Everstein in Wien mit einem Freiherrn Gaston von Rehlen
verheiratet hatte, wute ich, ebenso, da diese Ehe nicht glcklich ausgefallen
war. Nun wohnte die Frau Baronin seit einigen Wochen als Witwe in Berlin mit
einem kranken Kinde und mit ihrer alten franzsischen Sprachmeisterin. Ich hatte
hundert Fragen zu stellen und brachte doch keine einzige ber die Lippen. Jeder
Blick in das melancholische graue Gesichtchen mir zur Seite wurde mir hier zu
einem Hindernis und trieb mir das Wort von der Zunge zurck; die soeur
ignorantine aber schwatzte trbselig weiter von der guten alten Zeit, als der
Herr Graf noch lebte und niemand eine Ahnung, ein pressentiment, davon hatte,
wie die Verhltnisse fr uns alle sich nach seinem Tode gestalten wrden. Des
Ausdrucks changer de face bediente sich Mademoiselle Martin, und es war der ganz
richtige Ausdruck: ein ganz anderes Gesicht als damals, wo nur der Herr Graf
genau wute, wie schwankend unsere Stellung im Leben sei, machte uns heute die
Welt!
    Monsieur Ewald ist immer noch in England oder Irland; doch er will
nchstens nach Deutschland zurckkehren, hat uns neulich mademoiselle Eva
geschrieben, sagte Mademoiselle. Der Herr Vetter Just hat ihn in der Stadt
Belfast par hasard getroffen. Ich htte mir gern von ihm erzhlen lassen, aber
der Herr Vetter hat nicht viel von ihm erzhlt. Das Kind war sehr unruhig, und
da nahm er es auf den Arm. Hlas, es ist ein sehr schwchliches Kind, monsieur
Frdric, und auch ein wenig verwachsen - ah, pardon.
    Die Gute hatte nicht ntig gehabt, um Verzeihung zu bitten. Erst durch ihren
letzten, halb erschrockenen Ausruf wurde ich auf die unwillkrliche Bezugnahme
auf meine eigene gleichgltige Person lchelnd aufmerksam. Ich hatte nur an
Ewald Sixtus in Belfast gedacht und an die Grnde, die den Vetter Just abhalten
konnten, von ihm der Grfin Irene ausfhrlich zu erzhlen. Mir mute der Vetter
hierber Rede stehen, das stand mir unumstlich fest.
    Wir hatten nun die grere Verkehrspulsader der Stadt verlassen und
schritten durch stillere Straen.
    Nun ich Sie wiedergefunden habe - auch par hasard, Herr Fritz Langreuter!
-, so mssen Sie uns doch nun auch wohl eine Visite machen, meinte
Mademoiselle. Ich werde Ihnen zeigen unsere Wohnung; doch knnen Sie nicht
gleich mit mir gehen, denn madame la baronne - meine Irene - ist nicht wohl
heute. Sie mssen kommen mit dem Vetter; ich aber werde sagen, da ich Sie jetzt
getroffen habe und da Sie aus alter Freundschaft zu uns kommen werden. Darf ich
das, monsieur Fritz? Dort wohnen wir, im dritten Stockwerk; - der Herr Vetter
Just kennt aber den Weg, und Irene wird sich sehr freuen.
    Ich sah an dem Hause empor und hielt beide Hnde der alten, so bittersen
Dame, konnte aber nichts weiter hervorbringen als:
    O Mademoiselle!
    Adieu, monsieur, rief sie. Und - au revoir! Nicht wahr, monsieur?
    Die Haustr hatte sich hinter ihr geschlossen, und ich lief eiligst meinen
Weg zurck und nach dem Hotel, in dem der Vetter Just Everstein abgestiegen war
und hoffentlich noch auf mich wartete mit dem Frhstck, zu dem er mich
eingeladen hatte.

                              Sechzehntes Kapitel


Gewartet hatte er in seinem Htel garni nicht mit dem Frhstck; auch dazu war
er zu sehr der Vetter Just vom Steinhofe geblieben. Aber er hatte doch noch
viele schne Reste auf dem Tische bergelassen; und mit mir von neuem herzlich
und herzhaft daran zu Werke zu gehen und sich zu erbauen, dazu war der Vetter
immer noch der Mann. Aber ich hatte durchaus keinen Appetit mehr; selbst der
sehr mige, den ich vom Hause mitgenommen hatte, war mir auf dem Wege unter der
Begegnung mit der weiland soeur ignorantine, Mademoiselle Martin, vollstndig
vergangen.
    Nun war es aber trotz dieser Begegnung immer noch ein Mirakel, den Vetter
Just vom Steinhofe in einer solchen modernen Karawanserei aufsuchen zu mssen
und ihn daselbst sogar auf dem bekannten trostlosen Sofa hinter dem bekannten,
schbig rotbehngten Tische hemdrmelig zu finden. Welch ein Segen und Glck ist
es, da ein richtiger Haspel immer ein Haspel bleibt, selbst wenn er einem in
einer glsernen Flasche als eine Kuriositt vorgewiesen wird!
    Du bist lange ausgeblieben, Fritz! Aber so seid ihr einmal hier, und man
mu euch nehmen, wie ihr seid! rief er mir entgegen. Jetzt komm her und setz
dich und greif zu. Einen Klingelzug habe ich schon verruiniert; aber brauchst du
noch etwas, so sag's nur dreist, ich gehe dann lieber selber danach. Alter
Junge, ich freue mich unbndig. ffnete sich jetzt dort die Schranktr und Jule
Crote trte hervor, um, mit der Faust auf den Tisch gestemmt, dir und mir die
Wahrheit zu sagen, so wre meine Behaglichkeit vollkommen. Aber wie siehst du
denn eigentlich aus? Ist dir etwas Unangenehmes auf dem Wege hierher begegnet,
oder haben wir fr deine Krfte etwas zu lange in die Nacht hinein gesessen und
von den alten Tagen gesprochen?
    Ich fuhr so rasch als mglich damit heraus, was mir eben begegnet war, und
der Vetter fuhr mit der Hand ber den Hinterkopf und sprach sehr gedehnt:
    Ach so!... Ja freilich!...
    O Just, rief ich, du bist natrlich sofort da wieder der liebste Gast und
beste Freund und Berater! Ich soll womglich nur in deiner Begleitung dort einen
Besuch machen; - ich bitte dich um des Himmels willen, was ist das? Sind die
Zustnde dort wirklich so trostlos, da -
    Hast du wirklich gefrhstckt? Auf Ehre, Fritz, bist du satt und magst du
wahrhaftig nichts mehr von dem den Zeug hier auf dem Tische? fragte der Vetter
klglich. Ich frage dich dieses aus Grnden. Nmlich mir ist der Appetit auf
lngere Zeit vergangen, nachdem ich dort aus alter Freundschaft an die Tr
geklopft hatte und von Mamsell Martin hereingelassen worden war. Ach, Fritz, was
will das alles sagen, was die Mnner erleben knnen, gegen das, was die Weiber
dann und wann erleben mssen. Ich bringe dich natrlich hin, damit du selber
siehst, was der Schuft, dem sie in die Hnde gefallen ist, aus unserer lieben
Irene gemacht hat. Oh, wre sie tausendmal lieber mit mir ber das Wasser und
dann, hie und da ohne einen Cent in der Tasche, durch die Straen von Neuyork
und durch alles Sauere und Bittere bis in die Wildnis von Neu-Minden gezogen,
als da sie so dumm war und als bankerottes hochadeliges und reichsgrfliches
Frulein und junges Mdchen unter ihren Leuten blieb.
    Davon habe ich eigentlich zu erzhlen, nicht du, Vetter Just, seufzte ich.
Das waren trostlose Zeiten auf Schlo Werden, die nach dem Tode des Herrn
Grafen kamen. Wir erfuhren es beide damals, Vetter, wie dem Menschen zumute
wird, wenn pltzlich hundert fremde Hnde und Fuste das Recht gewinnen, in
unser Dasein hineinzugreifen, und alles, was wir fr unser ewig Eigentum
hielten, als das ihrige in Anspruch nehmen. Da wird das Gerte des Lebens
verschoben, das uns fr alle Zeit an seinem Platze fest zu stehen schien. Da
klingt fremdes Gelchter in Rumen, in denen wir nur zu flstern wagten. Du hast
nicht die Macht, dich gegen die roheste Rede, gegen den erbrmlichsten Witz zu
wehren. Und wenn die grnen vertrauten Bume von drauen in gewohnter Weise dazu
in die Fenster sehen und rauschen, so ist das kein Trost, sondern ganz das
Gegenteil. Wir auf Schlo Werden hatten geradeso wie du auf deinem Steinhofe von
allem Abschied zu nehmen. Und wir erfuhren jetzt erst in herzzerbrechender
Deutlichkeit, wie uns alles ans Herz gewachsen war. Ach, du httest meine Mutter
und ihr armes Kind, ihre Irene, in jenem Sommer und Herbst sehen sollen, wie sie
in den immer leerer werdenden Rumen in den Winkel gedrckt saen und alles ber
sich ergehen lieen, die stolze Irene am stillsten und geduldigsten! Wohl htte
die Komtesse auf dem Frsterhofe ein anderes heimatliches Dach finden knnen,
wohl htte sie mit uns - meiner Mutter und mir - gehen knnen und unser
Schicksal teilen, wenn nur nicht jeder Mensch sein eigen Schicksal htte, das
durch keine Liebe und Aufopferung, keinen Ha und Zorn eines anderen gendert
werden kann -
    Jawohl, da hast du recht, seufzte der Vetter Just. Man macht sich hier
immer entweder zuviel oder zuwenig Illusionen von der Macht, dem guten oder
bsen Willen seiner nchsten Umgebung und liebsten Freundschaft. Gegen das
Schicksal, was einem angeboren ist, knnen sie nichts ausrichten, das steht fest
- that is a fact, sagen wir drben.
    So kam denn die Vormundschaft und sprach uns drein und dann der Brief aus
Graz und dann die Tante aus Graz persnlich. Da war es denn mit uns anderen
allen aus, und wie von dem Steinhofe, so ging von Schlo Werden ein jeder seinen
eigenen Weg in die Fremde hinein. Wenn dem nicht so wre, wo bliebe dann nachher
wohl die Verwunderung, wenn man sich wieder trifft, wie zum Beispiel wir jetzt,
und seine Erfahrungen gegenseitig austauscht?
    Da hast du wieder recht, sagte der Vetter Just Everstein, als ob ich ihm
wirklich eben die hchste Weisheit, und zwar als etwas ganz neu Entdecktes,
mitgeteilt htte. Und jetzt sei nur still, fuhr er dann um so berraschender
fort, du erzhlst mir da gar nichts Neues; und so melancholisch, wie du das da
herleierst, so trbselig habe ich es alles selber mit durchgemacht von
Bodenwerder aus. Groer Gott, wie bald vergessen doch die Leute, wie nahe sie
vor ein paar Jahren beieinander gewohnt haben! Von Irenes Ehestand spreche ich
dir meinerseits nicht. Da mut du dich lieber an Mamsell Martin wenden; die war,
Gott sei Dank, von Anfang an bis zum Ende dabei und hat dazu heieres Blut in
den Adern als ich und kann dir also die jmmerliche Geschichte mit allem
dazugehrigen Nachdruck und Gestus erzhlen. Nur tu mir die Liebe, Fritz, und
frage nicht die Komtesse danach aus. Freilich, du wirst das wahrscheinlich wohl
schon von selber unterwegs lassen, wenn du die alte wilde Hummel und
Spielkameradin nach den ihr von der gtigen Vorsehung zudiktierten
Lebensschicksalen wieder zu Gesicht gekriegt hast. Kurios aber bleibt es einem
immer doch, wie diese nichtswrdigen Schicksale so durcheinanderspielen, da
selbst der Gleichgltigste nie genau wei, wie sehr ihn die Sache angeht. Da
ich von neuem hier drinstecke, und zwar tief, das wei ich; nun soll es mich nur
wundern, was dir, mein guter Freund Fritze Langreuter, hierbei zu deiner
Behaglichkeit und Unbequemlichkeit aufgehoben ist! Well, noch steht es aber bei
dir, ob du die arme Frau durch mich nur gren lassen willst.
    Wenn es mir bis jetzt noch irgendwie unklar gewesen wre, wie es mglich
war, da der Vetter Just den Amerikanern imponierte und den Steinhof
wiedererlangte, so htten mir seine letzten Worte unbedingt darber Aufklrung
geben mssen.
    Und diesem Vetter hatte ich vordem die Brosamen, die vom Tische meiner
Schlerweisheit abfielen, mit dem bekannten Dummen-Jungen-Humor grinsend
zukommen lassen?! Und dieser Vetter Just Everstein hatte es einst fr eine
Glorie gehalten, mir den pythagoreischen Lehrsatz vordemonstrieren zu knnen!
Die alten Kirschbume im Grasgarten auf dem Steinhofe, die jetzt wieder samt dem
Grasgarten sein Eigentum waren, schnitten mir aus der Ferne der Erinnerung sehr
ironische Gesichter. Der ganze Steinhof lachte; mir aber war durchaus nicht
lcherlich zumute: wenn ich ein alberner Schulbube gewesen wre, so htte ich
dreist meine Stimmung weinerlich nennen drfen. Um mich daraus zu retten,
brachte ich nach althergebrachter Menschenweise die Rede auf etwas anderes, das
heit auf den nchsten besten Bekannten oder Freund. Ich erkundigte mich nach
Ewald Sixtus und wnschte etwas Genaueres ber das Zusammentreffen des Vetters
mit ihm in Belfast zu erfahren.
    Der Mann gefiel mir eigentlich nicht, sagte der Vetter Just kurz und
deutlich. Ein tchtiger Ingenieur scheint er geworden zu sein; aber sonst hat
die Fremde gerade nicht nach meinem Geschmack auf ihn eingewirkt. Von uns zu
Hause mit ihm zu reden, habe ich bald aufgegeben, da er selber stets gleich
wieder abbrach. Aber ber Wasserbauten und Brckenanlagen haben wir viel
miteinander gehandelt. Wie dieser Mensch in dem Frsterhause hat flgge werden
knnen, ist auch eines von den vielen unbegreiflichen Wundern dieser Erde. Was
mich anbetraf, so schien er sich brigens auch ein wenig zu wundern, da ich
nicht ganz der alte geblieben war. Gewissermaen habe ich ihm sogar, wie es
scheint, gefallen, aber er hielt mich jedenfalls fr einen greren
Kapitalisten, als ich bin; und da ich auf dem Wege nach der Heimat war, um mir
den Steinhof zurckzukaufen, hielt er fr eine von meinen alten Dummheiten, und
dabei kam auch sein altes lustiges Lachen (weit du noch, Fritz?) zum erstenmal
annhernd wieder zum Vorschein. Ich lachte aber nicht mehr mit wie vor Jahren
auf dem Steinhofe, wenn ihr euren Spa an mir hattet und ich das euch gern
gnnte. Um Irene Everstein hatte er sich sowenig - wie du - nimm's mir nicht
bel, Doktor! - bekmmert. Das htte ich meinerseits ihm nun nicht allzu bel
genommen, wenn es mir gleich etwas sonderbar nach ihrer so netten
Jugendfreundschaft und - liebschaft erschien. Aber auch von seinem alten Vater
und von seiner Schwester wute er wenig. Sie schrieben an ihn wohl, er aber
schrieb nur dann zurck, wenn er Zeit hatte, und die hatte er wenig. Ein bichen
Heimweh dann und wann in der Fremde schadet keinem Menschen. Man kann auch
trotzdem Geld machen und ein tchtiger Arbeits- und Geschftsmann sein. Ich habe
es furchtbar gehabt, das Heimweh nmlich, und fr eine Million nicht wre ich
auf seinen, unseres Ewalds, Vorschlag eingegangen und wre noch ein halb Jahr
lang bei ihm in England geblieben und htte Bodenwerder Bodenwerder sein lassen.
brigens lt er dich doch gren, der alte Junge. Und als ich ihm sagte, da
ich dich jedenfalls aufzufinden suchen wrde, fand er das uncommon obliging fr
dich.
    Ich danke dir und - ihm, sagte ich, ziemlich gedehnt das letzte Wort
betonend. Von dir, Vetter Just, war das freilich ungewhnlich zuvorkommend und
freundlich!
    rgere dich nur nicht zu sehr, Fritzchen, lchelte gutmtig der gelehrte
Bauer vom Steinhofe. In frheren Zeiten ist lange genug ununterbrochen an mir
die Reihe gewesen, mich ber die Leute und Dinge zu verwundern. Jetzt bin ich
gottlob wenigstens ein wenig dahintergekommen, da man mit seinem Erstaunen
haushalten mu und da es schade ist, es an das unrichtige Individuum oder den
unrechten Gegenstand wegzuwerfen. Morgen frh aber gehen wir beide zu Irene
Everstein oder Frau von Rehlen. Weit du, ich nenne sie am liebsten immer noch
bei ihrem Vaternamen, noch dazu, da es auch der meinige ist. Wenn es dir pat,
so werde ich dich gegen elf Uhr abholen. Du kannst es mir aber aufrichtig sagen,
wenn du andere wichtige Abhaltungen hast.
    Ich hatte dergleichen nicht.

                             Siebenzehntes Kapitel


Wenn der Vetter Just sein Wort gegeben hatte, so konnte man sich darauf
verlassen, da er es pnktlich hielt. Dieses war selbst in seinen Traumjahren
auf dem Steinhofe der Fall, und sein Aufenthalt in Amerika hatte nichts daran
gendert. Fnf Minuten vor elf Uhr am folgenden Tage vernahm ich seinen
langsamen, soliden Schritt auf der Treppe.
    So, da bin ich, und wir knnen gehen, sagte er. Irene wird sich gewi
recht freuen; aber ein Vergngungsweg ist es nicht, das versichere ich dich.
    Dieses brauchte er nun mir gerade nicht immer zu wiederholen, ich wute es
bereits. Die Zeiten, wo wir uns in dem Blttergrn und Sonnengold unserer
Nubaumnester an der Hecke von Schlo Werden schaukelten und uns daraus wild,
frei und frhlich in alle grenzenlose Jugendlust der Erde niedergleiten lieen -
auf die Vergngungswege nach dem Steinhofe, wie der Vetter sich ausdrckte -,
die Zeiten waren nicht mehr vorhanden. Aber aus dem Sonnengold und Blttergrn
stieg ich an diesem Morgen doch hernieder in den Straenschmutz der Stadt
Berlin. Wie du die Jugendfreundin auch finden magst, hiervon werdet ihr auch
reden, Fritz Langreuter! sagte ich mir wehmtig-bnglich; und dazu war es schon
sehr viel und ein groer Segen, am Arme des Vetters Just Everstein diese Straen
durchwandern zu drfen, vorber an den Anschlagsulen mit den hundert bunten, zu
den heutigen Lustbarkeiten einladenden Zetteln, ganz abgesehen von den anderen
ffentlichen, privaten oder amtlichen Ankndigungen und Aufforderungen.
    Guck, da steht die Gesellschaft und der Staatsanwalt wieder einmal einem
durchgeschnittenen Halse gegenber perplex! Diese dreihundert Taler, die dem
Denunzianten des Tters angeboten werden, sind fr mich das kurioseste
Preisgeld, was der Menschheit, das heit dir, mir und den brigen, hingehalten
werden kann, brummte der Vetter. Was will es dagegen heien, die beste Komdie
zu schreiben oder das beste Bild zu malen und einen Preis dafr zu kriegen?
Beilufig, ich habe es damals in der Neuyorker Staatszeitung gelesen, da du
auch einen Preis fr eine wissenschaftliche Abhandlung bekommen hast. Das mu
dich doch sehr gefreut haben, Fritz; - als ich es las, war ich natrlich aus
Rand und Band. Hast du noch ein Exemplar von der Abhandlung fr mich, und kann
ich sie verstehen?
    Makulatur, alter Freund! sagte ich, besa jedoch in einem staubigen Winkel
ein hbsch Bndel von mir und der Welt hchst berflssigen Abdrcken. Wir
gingen weiter und sprachen auf dem ferneren Wege wenig mehr miteinander und
nichts von irgendwelcher Bedeutung; aber unter der Tr des Hauses, in dem Irene
von Everstein jetzt wohnte, hatten wir eine Begegnung, von der kurz erzhlt
werden mu, und zwar mit einer kleinen Abschweifung.
    Es ist eine der volkslufigen Vorstellungen, da die hheren Klassen unserer
heutigen Gesellschaft den ideelleren Bestrebungen des Menschen immer noch
vollkommen fremd gegenberstnden und teils mit Verachtung darauf herabshen,
teils drolligerweise Furcht davor htten. Dem ist nach meiner Erfahrung nicht
so, nicht einmal im groen ganzen. Da man hier wie auch in anderen Kreisen ein
tchtig Quantum von Dilettantismus oder von beschftigungsloser Neugier oder von
leerem Vorwitz im Verkehr der Welt zu verdauen hat, ist freilich nicht zu
leugnen; doch wo hat man das denn nicht?
    Ich meinesteils habe mich in meinem engen Reiche nie ber eine
aristokratische Miachtung zu beklagen gehabt, wohl aber ziemlich hufig ber
des edeln deutschen Philistertums verzogene Schnauze ein vergngtes Lcheln mit
einiger Mhe unterdrckt. Wir deutschen Gelehrten usw. haben wahrlich keinen
Grund, das Krieg den Palsten! durch unseren Tabaksdampf nachzubrummen.
Wahrlich, wenn es uns Spa macht, so drfen wir unsere Fehdebriefe da dreist an
ganz andere Tren als die unserer frheren Reichsunmittelbaren usw. anheften.
    Einer von den letzteren, und zwar ein sehr guter Bekannter aus den Hrslen
der Universitt und von manchem wissenschaftlichen Abend her, war es, der uns
ber die Schwelle, die wir eben berschreiten wollten, entgegentrat.
    Sieh da, Doktor! Was fr ein guter, nrrischer oder gar bswilliger Geist
fhrt denn Sie in dieses Haus, wenn ich fragen darf?
    Ich komme jedenfalls unter dem Geleit eines guten, treumeinenden Fhrers,
mon prince, erwiderte ich. Ich wnsche eine Jugendbekanntschaft zu erneuern,
Durchlaucht.
    Die Durchlaucht oder Erlaucht hatte den Vetter hflichst gegrt und dieser
den Gru ebenso zurckgegeben.
    Eine Jugendbekanntschaft? Darf ich fragen, mit wem, lieber Freund und
gelehrter Gnner?
    Ich stellte zuerst die beiden Herren einander vor, und sie begrten sich
noch einmal. Dann beantwortete ich die an mich gestellte Frage, indem ich Irenes
jetzigen Namen nannte, aber auch ihren Mdchennamen hinzufgte. Der Frst ** sah
mich einen Augenblick betroffen an, dann ergriff er meine Hand und rief:
    Die?! Die Herren sind Bekannte - Freunde der armen Frau? Ach, es ist ja
richtig, Doktor, Sie stammen mit ihr aus einer Gegend her. Oh, meine Herren, ich
habe in Wien diese Ehestandstragdie mit durchgemacht und auch eine Rolle darin
gespielt. Ich war ein Zeuge bei dem Duell, in dem endlich zu allgemeiner
Befriedigung in unserem gesellschaftlichen Verkehr ein schwarzer Strich ber den
Namen Gaston von Rehlen gezogen wurde. Die Rehlen sind von fernher mit uns
verwandt, und nach meinen schwachen Krften habe ich das Meinige getan, die
unglckselige Frau da oben in ihrem trostlosen Leben aufrechtzuerhalten. Mein
Vater ist ein Jugendfreund des alten Herrn auf Schlo Werden gewesen; - so
laufen die Bezge zwischen uns durcheinander. Ach, meine Herren, ich wollte, Sie
wren etwas frher gekommen. Vielleicht htten Sie einen frischen Hauch in die
schwle Stunde mitgebracht, in der ich eben dort oben auf Kohlen gesessen habe.
Sie treffen brigens auch den Arzt dort an. Das Kind ist seit der vergangenen
Nacht wieder recht krank; der Medizinalrat macht mit der Uhr in der Hand am
Bette der Kleinen das bekannte Gesicht und ist mir auch bis vor die Tr
nachgegangen und hat mir als einem Familienfreunde seine Meinung nicht
vorenthalten. Das kleine Mdchen liegt bereits im Sterben, und als wirklicher
Familienfreund halte ich das bei dem geistigen und krperlichen Zustande des
armen Geschpfes fr ein Glck!
    Der Vetter Just stie einen Laut hervor, der ein Seufzer war, aber auch eine
grimmige Verwnschung bedeuten konnte.
    Meine Herren, fuhr der Frst fort, ist es nicht recht bizarr, da wir uns
von all diesen Angelegenheiten hier so zwischen Tr und Angel unterhalten?
Bester Doktor, demnchst mu ich mich unbedingt einmal wieder zu einer Tasse Tee
bei Ihnen einladen, und dann mssen wir mehr ber die Frau da oben reden. Sie
interessiert uns alle in dem weitesten und in dem engsten Kreise; ich spreche
aber hier nur von dem letzteren als dem meinigen.
    Sie wissen, da Sie mir immer willkommen sind, Durchlaucht, erwiderte ich.
    Also, adieu, mein Bester, und auf Wiedersehen!
    Wir schttelten uns noch einmal die Hnde, whrend der Vetter Just bereits
die Treppe hinaufstieg.
    Das war im ersten Stockwerk eine breite, vornehme, mit Teppichen belegte
Treppe, die zu einer auf dem Eckstnder der Brstung eine Glaskugel haltenden
Bronzefigur emporfhrte. Aber die Teppiche waren auf dem nchsten Absatze
verschwunden, und auch die Stufen waren steiler geworden. Der Kommissionsrat,
der die Beletage des Hauses innehatte, wohnte bedeutend eleganter als die
Freifrau Irene von Rehlen, die wir in dem glckseligen Nubaum, auf den Wiesen,
in den Parkalleen und in den Wldern von Schlo Werden einst in ihrer frhlichen
Wildheit, blondlockig und blauugig, als unseren besten Kameraden und nur, wenn
sie uns zu sehr durch einen ganz unvermuteten Schabernack aus der Fassung
gebracht hatte, als dies Frulein Grfin oder (nach Ewalds Ausdruck) als
diese ganz abgefeimte Haupthexe, diese Irene gekannt hatten.
    Ich stieg hastig dem Vetter nach, der vor der Glastr mit dem jetzigen Namen
unserer Jugendfreundin einen Augenblick lang sich schwer auf das Gelnder
sttzte und, unverstndlich mit sich selber sprechend, sich mit dem Taschentuch
ber die Stirn fuhr.
    Das sollte nun wohl ein Trost sein, da uns dieser Mann da eben an der Tr
begegnete! brummte er mir zu. Oh, diese Hand wrde ich darum hergeben, wenn
ich dadurch jetzt meine Eva Sixtus hierher schaffen knnte, Fritz Langreuter!
    Weshalb gab mir nun dieser Name Eva Sixtus auch in dieser Stunde, in dieser
Umgebung und unter diesen Umstnden, von ihm ausgesprochen und gleichsam zur
Hlfe herbeigerufen, in tiefster Seele einen Moment bittersten Unbehagens - wie
das Volk sagt: einen Stich durch das Herz?! Ich hatte wiederum keine Zeit,
darber nachzudenken; die Glastr war nicht verschlossen, und der Vetter hatte
sich besonnen, wie er sagte, und die ntige Selbstbeherrschung
wiedergewonnen.
    Als wir auf den etwas dunkeln Vorplatz traten, ffnete sich gegenber eine
Tr, und der Doktor kam heraus, geleitet von Mademoiselle Martin, deren
runzeliges Gesichtchen verkniffener denn je erschien.
    Ah, messieurs!
    Ich kannte auch den Arzt persnlich und wute, da er als einer der besten
Kinderrzte der Stadt galt. Er gab mir etwas verwundert die Hand; aber dem
Vetter Just schttelte er sie ganz vertraulich.
    Ich freue mich, da ich Ihnen augenblicklich den Platz rume, Herr
Everstein, sagte er leise. Sprechen Sie in Ihrer gewohnten Weise zu der
Gndigen; es wird ihr wohltun -
    Und das Kind? flsterte der Vetter; und der glckliche Kinderarzt, der sie
zu Tausenden hatte sterben sehen, nickte unmerklich und schttelte sodann sehr
merklich den Kopf:
    Ich habe leider dem Frulein hier die Wahrheit nicht verhehlen drfen. Ich
denke - so - gegen Abend!... Werde jedenfalls im Laufe des Nachmittags noch
einmal vorsehen. Mein Frulein, ich bitte Sie, ferner so ruhig zu bleiben wie
bisher. Meine Herren, ich empfehle mich Ihnen.
    Er ging, und Mademoiselle, die so ruhig bleiben konnte, erfate mit
zitterndster Erregung unsere Hnde, und die Trnen brachen ihr unaufhaltsam
hervor.
    Oh, es ist gut! - Nur einen Moment, messieurs! Ich bin auch gleich wieder
still. Herr Fritz, madame wird sich sehr freuen - freuen. Ich habe ihr gleich
erzhlt von Ihnen, und da ich Sie habe gesehen in der Strae. Herr Just, Sie
verlassen uns nicht heute abend! Sie bleiben bei meinem Kind und bei unserem
Kinde, wenn kommt die schlimme - terrible - Stunde. Wir brauchen einen guten
Mann dann bei uns, Herr Vetter Everstein! Und nun warten Sie, da ich es
ankndige, da Sie da sind.
    Sie fhrte uns in ein Nebengemach, und wir hatten nicht lange zu warten, bis
man uns winkte. O ber die goldengrnen Zweige, in denen wir uns wiegten, unsere
Nester bauten und von der Welt trumten und auch als Kinder, nicht als
ausgewachsene Leute und groe Philosophen, die Welt fr ein Spiel nahmen, in
welchem wir mitspielen durften!...
    Am Sterbebette ihres Kindes! Sie sa in dem verdsterten Raume und hatte den
Arm auf das Gitter des kleinen Lagers gesttzt, und sie stand auch nicht auf,
als wir leise in die Tr traten, sondern reichte uns nur die Hand und hob ihre
gleichfalls fieberhaft glnzenden Augen zu uns empor.
    O Just, sagte sie, und dann zu mir gewendet, mit einem ganz anderen
Ausdruck: Schau, auch du, Fritz! Ich sollte dich eigentlich jetzt wohl Sie
nennen, denn wir haben uns so lange nicht gesellen und haben soviel erlebt in
der Zeit, da wir uns nicht gesehen haben. Aber ich htte dich doch gleich
wiedererkannt, Fritz, und ich habe auch keine Zeit, jetzt ber das Schickliche
nachzudenken. Lassen wir es also beim alten, wenn es dir recht ist, Fritz.
    Es war noch die alte Stimme und doch auch eine ganz andere. Mit eisernem
Griff drckte mir die Stunde die Kehle zusammen.
    O liebe Irene-
    Der Vetter Just hatte sich ber das kranke Kind gebeugt.
    Deine gute Mutter ist auch gestorben, sagte die Jugendfreundin. Ich habe
mich sehr betrbt, als du mir das schriebest. Sie hat auch viel erlebt. Weit du
wohl noch, wie ihr zuerst nach Schlo Werden kamt? Aber wir haben nachher doch
noch eine glckliche Zeit fr uns gehabt. Setze dich doch, Fritz - du mut nicht
gleich wieder fortgehen; - aus alter Freundschaft, lieber Fritz! Mein Vater ist
gestorben - mein - Mann ist tot - nun stirbt mein Kind, mein armes, kleines,
krankes Mdchen! O Vetter Just, Vetter Just!
    Sie hatte sich mit einem Male rasch erhoben und dem Vetter laut weinend die
Arme um den Hals gelegt. Sie schluchzte an seiner breiten, braven Schulter, als
knne sie sich nimmer wieder beruhigen.
    Das ist gut; lassen Sie sie so! murmelte Mademoiselle Martin, ihr
Taschentuch zwischen den Hnden zerringend. Da fing das Kind leise an zu
wimmern, und der Vetter, die Mutter aufrecht haltend, legte eine Hand auf die
kleine Stirn auf dem weien Kopfkissen.
    Vetter Ju! - Wehweh! winselte das Kind.
    Herz, mein Herz, rief Irene. Wir sind ja alle bei dir! Mama ist da, und
wir bleiben alle bei dir - o groer Gott!
    So wehweh!... Auf Arm, Vetter Ju! klagte das Kind von neuem und bat mit
herzzerreienden Schmerzenslauten. Der Vetter Just warf einen fragenden Blick
auf Mademoiselle Martin, und sie nickte. Da nahm der Bauer vom Steinhofe sanft
die Kleine aus ihrem Bettchen und setzte sich und hielt sie auf einem Kissen und
in ihren Decken in seinen guten Armen, und sie wurde allgemach wieder ruhig und
schlummerte schmerzloser der letzten, ernsten Stunde zu. O ber den Sonnenschein
und die goldengrnen Zweige, in denen wir uns wiegten, als wir Kinder waren!
    Der Medizinalrat sah seinem Versprechen gem gegen Abend noch einmal vor.
Er blieb sehr ernsthaft wieder mit seiner Uhr in der Hand eine Viertelstunde und
sprach gemessen schickliche und beruhigende Worte zu der Mutter. Aber er war ein
glcklicher Arzt, ein vielbeschftigter, und hatte keine Zeit, hier das Ende
abzuwarten, denn er hatte noch an verschiedenen anderen Orten dieselben
geziemlichen und beruhigenden Worte zu sprechen. Wir aber hatten Zeit dazu: der
Vetter Just Everstein und - gottlob! - ich auch!

                              Achtzehntes Kapitel


Ich habe es wohl vergessen, zu sagen, da wir damals im Mrz des laufenden
Jahres waren. Der Tag war hell und trocken, wenn auch noch immer windig. Auf den
verhngten Fenstern lag ein gut Teil des Tages hindurch die Vorfrhlingssonne,
und in das Nebenzimmer schien sie voll hinein, bis sie hinter die
gegenberliegenden hohen Huser hinabglitt.
    Wir verlebten diesen Tag vom Mittag an in diesen zwei Zimmern, dem
verdunkelten und dem hellen, der Vetter Just und ich. Mademoiselle Martin deckte
uns sogar in dem hellen Raume ein Tischchen und legte vier Couverts auf und
stellte vier Sthle daran. Wir aen daran zu Mittage, Mademoiselle, der Vetter
und ich; und auch Irene kam und setzte sich einmal zu uns. Da aber hatte der
Vetter ihren Platz an dem kleinen Bette eingenommen. Wir gingen ruhelos ab und
zu, aus der hellen Stube in die dunkle. Es wurde auch eine Zeitung gebracht, und
Mademoiselle Martin reichte mir dieselbe. Ich nahm sie und habe sie bis in die
Dmmerung hinein wohl hundertmal hingelegt und von neuem aufgenommen. Wer diese
Weise, eine Zeitung, ein Buch oder sonst einen beliebigen Gegenstand in Angst,
Herzensweh und - Langerweile, ja Langerweile, hin und her zu wenden durch die
kriechenden Stunden, nicht kennt, der preise das Geschick, das ihm solchen
Zeitvertreib ersparte, und bitte, da es ihn auch fernerhin davor bewahre, sich
daran halten, im vollsten Sinne des Wortes sich daran halten zu mssen, bis das
schlimme, de, tdliche Warten sein Ende gefunden hat, einerlei welches.
    So warteten wir an jenem Nachmittage.
    Das kranke Kind wimmerte und schlief und wimmerte wieder und schlief wieder.
    Die Mutter sang ihm mit leisester Stimme und kam zu uns und weinte und
erzhlte auch abgebrochen aus ihrem Leben und fragte nach dem meinigen. Wenn der
Vetter Just irgend etwas sagte, so horchten wir alle mit momentan leichterem
Atemholen; aber auch er schwieg oft viel zu lange und wute nichts zu sagen.
Mademoiselle ging ab und zu; - die war noch am besten dran, denn sie hatte den
Haushalt fr den kommenden Tag zu besorgen und von uns allen also das meiste um
die Hand. Manchmal aber stand auch sie beschftigungslos am Fenster, und ich bin
fest berzeugt, dann haben sich Leute an den Fenstern drben auf der anderen
Seite der Gasse einander heiter auf sie aufmerksam gemacht:
    Guck nur die Alte! Wie in einem Bilde!... Die mchte ich mir freilich nicht
am frhen Morgen ber den Weg laufen lassen!
    Die knnte Geschichten aus ihrer Seele erzhlen, gegen die wir beide,
Fritz, alle unsere Erlebnisse still zusammenpacken knnten, flsterte mir
einmal der Vetter zu, mit dem Daumen ber die Schulter auf die soeur ignorantine
an dem Fenster hindeutend. Was meinst du, wenn die am Jngsten Gericht ihre auf
Erden verschluckten Trnen auf einmal flieen lt?!
    Ja, Just, sagte ich aber es luft alles in einen Strom. Ich kann es dir
nicht sagen, was fr einen Damm das letzte Tribunal dagegen aufbauen wird, um
nicht mit Sessel, Bank und grnem Tisch weggeschwemmt zu werden.
    Darf ich Ihnen noch eine Tasse Kaffee einschenken? fragte im Augenblick
darauf Mademoiselle Martin. Sie trinken ihn noch immer recht s?
    Und ich sah in demselben Augenblick wieder vollstndig genau die
grnlackierte Zuckerdose von Schlo Werden vor mir und fhlte auf meinen
Kncheln den Schlag, mit welchem Mademoiselle meinen verstohlenen Griff in
dieselbe zu verhindern gewohnt war, und hrte dazu das vorwurfsvolle Wort meiner
Mutter: Aber Fritz?! und dabei das mutwillig glckselige Kichern der Komtesse
Irene, der whrenddem der Griff unbeachtet gelungen war.
    Die schwersten Tage, Stunden und Minuten erzeugen ihre geschwindesten,
wunderlichsten und buntesten Phantasmagorien.
    Wenn wir zusammen sprachen, so sprachen wir sehr hufig von Eva Sixtus. Das
Wort des Vetters: Ach, wenn wir sie doch hier htten! kam zur vollsten
Geltung. Jede heller auftauchende Erinnerung an sie, jedes Geschichtchen von ihr
aus der Kinderzeit war uns wie ein Trunk aus einer khlen klaren Quelle an einem
schwlen Tage und unter schwerer Mhe. Wir konnten sie uns auch heute noch nicht
anders vorstellen als immer noch umgehen von dem alten Zauberreich der Erde,
weiterlebend still und freundlich in dem sen Licht, den Tnen und Dften des
von uns verlorenen oder aufgegebenen Paradieses.
    Der Vetter Just, der natrlich am genauesten ber sie Bescheid wute und sie
vor vierzehn Tagen noch gesprochen hatte, sagte:
    Das ist auch so mit dem guten Mdchen, und sie verdient es wirklich. Schon
die Art anzusehen, wie sie mit ihrem alten Papa und seinen Hunden und seinem
kuriosen Papstbuche umgeht, ist ein wahres Vergngen. Beilufig, wenn ich an das
Papstbuch denke, so fllt mir dabei jetzt immer Freund Ewald in England ein.
Seit ich den braven Jungen dort besucht habe, meine ich in plain terms, da ein
gut Stck mehr als genug aus dem Schmker an ihm hngengeblieben ist. Das hat
sich der Papst Sixtus der Fnfte wohl auch nicht trumen lassen, da man einmal
im Knigreich Grobritannien und Irland Ingenieurkunst und dergleichen nach
seinen Maximen treiben wrde. Ich wollte nur, er schriebe hufiger an unser
Evchen und den Alten - den Mr. Ewald und nicht Seine Heiligkeit meine ich
selbstverstndlich. - Ja, das liebe, alte Frsterhaus von Werden! Da die
Regierung was daran gewendet habe, kann keiner behaupten; aber ungemtlicher ist
es darum doch nicht geworden. Im Gegenteil, nur noch gemtlicher hat es sich
zwischen seine Lindenbume, Bsche und Gartenkultur eingenistet - ihr wit,
angenuselt nennen wir das bei uns zu Hause. ber Bodenwerder hinaus ist, whrend
wir anderen smtliche Mnchhausens Abenteuer in der Welt erlebten, weder Eva
noch der Frster gekommen. O Irene, wie werden sie demnchst einmal Ohren, Nase
und Mund aufsperren, wenn wir ihnen unsere Allerweltshistorien heimbringen! Das
steht fest, diesen Sommer treffen wir uns alle auf dem Steinhofe bei dem Vetter
Just! Wozu bin ich denn der Vetter Just, wenn ich das nicht ganz genau wte und
dazu, da es immer wieder Sommer wird, wenn es Winter gewesen ist? Das steht
fest wie der Magister matheseos, Fritze Langreuter; jaja, Miss Martin, man kann
es zu einer ungeheuren Gelehrtheit und Weisheit in der Welt bringen, wenn man
nur seinerzeit an nichts denkt und die Leute reden und lachen lt. Ein
Verdienst war das damals aber bei mir nicht, sondern nur Bldigkeit und
Schchternheit und dazu Angst und Verwunderung, weil ich nur der dumme Junge auf
dem Steinhofe war und die Welt und der Himmel umher so weit und voll und
allmchtig - liebe Irene, bleib sitzen ich sehe schon nach dem Kinde!
    Sie wute es, da er ihren Platz an dem kleinen Schmerzenslager ebensogut
ausfllte als sie selber; sie lief ihm doch vorauf in das verdunkelte Zimmer. Er
ging aber dennoch mit ihr; und Mademoiselle Martin und ich blieben uns an dem
Kaffeetische allein gegenber.
    Haben Sie nicht vorhin gesagt, da Sie an unserer Haustr mit M. le prince
de ** zusammengetroffen seien, M. Fritz? fragte Mademoiselle.
    Ich besttigte das noch einmal.
    Sie wissen gar nichts von uns, Frdric, und wenn Sie etwas sehr
verwundert, so behalten Sie auch das fr sich. Dies war immer Ihre manire so,
schon als Sie noch so gro waren.
    Sie zeigte es durch eine Handerhebung, wie hoch ich war, als ich bereits
alle meine Verwunderungen fr mich selber behielt.
    Es tut mir leid, Mademoiselle Martin -
    Oh, es tut Ihnen gar nichts leid, monsieur le docteur, denn sonst htten
Sie sich schon nach vielen Dingen erkundigt. Par exemple: Wie kommen Sie nach
Berlin, Mademoiselle?.... Mais c'est navrant - ces gmissements de la petite!
Bleiben Sie sitzen. Fritz, wir knnen doch nichts helfen dort, und der Vetter
hilft der Komtesse. - Es ist der Frst und seine Familie, die uns haben
weggeholt von Wien und uns haben leben lassen hier. Das sind sehr gute Leute,
und die Vter und Grovter haben sich auch schon geholfen gegenseitig depuis
les sicles, und vorzglich, als der Kaiser Napoleon war in Deutschland der
Herr. Damals ist es monsieur le comte d'Everstein-Werden gewesen, der helfen
konnte; aber das Glcksrad geht herum toujours, toujours, toujours! Und Seine
Durchlaucht ist gekommen und hat gesagt: Sie knnen nicht bleiben in Wien,
madame la baronne. Je suis garon, sonst sollten Sie wohnen in meinem Hotel in
Berlin; aber ich mu sein Ihr Vormund, das ist mir eine Pflicht. Sie sollen
still leben in Berlin und die Vergangenheit vergessen; ich werde alles besorgen.
- Bien, was wre aus uns geworden ohne ihn? La grande mer htte uns
bergeschlungen. Voyez par exemple madame de ** und madame de ** und so viele
andere arme Frauen dans la rafale de la vie! So haben wir gelebt hier durch
seine Herzensgte und auf seine Kosten, bis neulich gekommen ist monsieur Just,
der Herr Vetter von dem Steinhofe - oh, der Vetter Just, oh, und es ist sehr
gut, da Sie an unserer Tr haben einander vorgestellt den Herrn Frsten und den
Herrn Vetter. Wir hatten noch keine Gelegenheit dazu gehabt, denn Seine
Durchlaucht waren verreist bis gestern.
    In dem Nebengemache war das leise, klagende Gewimmer wieder still geworden,
und der Vetter Just setzte sich wieder zu uns. Es war gegen sechs Uhr am
Nachmittage und die Sonne eben dem Untergange nahe. Der Vetter seufzte schwer
und gab wortlos der alten soeur ignorantine die Hand. Mademoiselle lie die
Schuhe von den Fen fallen und ging auf den Strmpfen zu der Tr des
Nebenzimmers, kam zurck und fragte:
    Schlft sie auch? Sie hat den Kopf mit auf das Kissen gelegt.
    Wei nicht, sagte der Vetter kaum hrbar. Ich wollte es wohl, aber ich
glaube es nicht. Sie horcht nur.
    Wir horchten alle; dann ging Mademoiselle mit ihren Pantoffeln in der Hand
von neuem ihren Haushaltungsgeschften nach, und in der immer mehr ber uns
hinsinkenden Dmmerung waren jetzt Just Everstein und ich wieder fr eine Zeit
allein einander gegenber gelassen.
    Es kann noch Stunden dauern. Ich kenne das leider nur zu genau aus mancher
Ansiedlerhtte drben, jenseits des Atlantic. Wir hatten dort immer nur Kalomel
und wieder Kalomel; aber es ist egal, denn es bleibt immer dasselbe, hier und im
Hinterwalde. Die Mtter legen dann immer ihren Kopf mit auf das Kissen, sagte
der gelehrte Bauer vom Steinhofe. Sie machen auch die Augen zu, und wer sonst
dabeisitzt, kann nichts tun als stille sein. Wolltest du etwas sagen, Fritz?
    Ich hatte nur einen etwas tieferen Atemzug getan, und so fuhr gottlob der
Vetter fort.
    Man sitzt da still, wenn das Kind sterben will und die Mutter weiterlebt,
und hat doch Zeit, an allerlei anderes zu denken. Von den grten und
wirklichsten Wundern spricht, schreibt und druckt kein Mensch und kein
Evangelium! Dies ist nun so eine Stunde, in der man mancher Angelegenheit,
welche man sonst nicht so leicht anrhren wrde, freimtiger auf den Grund geht,
weil alles rundum ernst genug dazu aussieht und selbst der Mitrauischste nicht
an pure Neugier oder albernen, berflssigen Vorwitz denkt. Fritz Langreuter,
unsere Eva Sixtus hatte dich einmal sehr gern. Weshalb hast du das nicht merken
wollen?
    Es schwamm mir vor den Augen, die heiesten Blutwellen drngten sich nach
dem Herzen und Hirn, es hmmerte sinnbetubend; der Boden schwankte unter mir.
    Mich?... Ich?! stammelte ich, und der Vetter Just ergriff meine Hand und
hielt sie whrend des Folgenden in der seinigen fest.
    Natrlich! murmelte er. Er fragt! Er wei gar nichts! Oh, wenn ich nur
wte, wo ihr Menschenkinder in der besten Zeit eures Lebens eure Augen und
Ohren hattet!... Dich hatte sie lieb!...
    Mich? wiederholte ich durch eine See von Wonne und Angst, nach einem
unbekannten, noch unsichtbaren Ufer mich durchringend.
    Wen denn anders? fragte der gelehrte Bauer vom Steinhofe, und ich fhlte,
wie seine Hand dabei erzitterte; und meine Angst, die tdliche Angst in mir,
hatte darin ihren Grund, da ich wute, was dieses Zittern bedeutete.
    O Vetter Just! Vetter Just!
    Als ob er mit einem anderen sprche, den Blick in die Weite gerichtet, fuhr
Just Everstein fort:
    Da sa ich, der dumme, bergeschnappte Bauernjunge, um so manches Jahr
lter als ihr, unter der Obhut und Vormundschaft von Jule Grote, zwischen meinen
Dngerhaufen und Ackerfeldern, Wiese und Wald, und sah alles wie im Traume und
doch ganz klar. Ich will nicht behaupten, da ich der Gescheiteste von der
Gesellschaft war, denn der ist und bleibt Freund Ewald, der ohne allen Traum und
Duselei ebenfalls ganz klarsah und ganz genau wute, wie er zu der Komtesse
Irene stand und sie zu ihm. Er ist nicht ohne seine stichhaltenden Grnde in die
Welt und nach Irland gegangen und schreibt wenig nach Hause. Wie vieles mchten
wir anders haben in der Welt, was doch nicht sein kann! Da sitzt sie; - horch,
und ihr Kind ist wieder wach, und sie spricht zu ihm, zu ihrem sterbenden Kinde;
und niemand darf sie fragen, ob es nicht doch mglich gewesen wre, da dies
alles htte anders sein knnen!... Von ihr und Ewald rede ich auch gar nicht; da
wird noch lange Zeit hingehen, ehe die Menschen es fr etwas
Selbstverstndliches halten werden, auf der Erde zu ihrem Behagen unter dem
rechten Dache zu Schauer zu kriechen. Nach deinen Versumnissen mchte ich dich
fragen, Fritz! Nimm es mir nicht bel - es findet sich aber vielleicht keine
bessere Stunde dazu in unserem Leben als diese gegenwrtige sehr melancholische
und sehr - ich wei nicht, wie ich mich darber ausdrcken soll!
    Er sagte es wirklich, da er nicht wisse, wie er sich ber diese Stunde
ausdrcken solle. Htte er ein Wort dafr gefunden, so wrde er freilich die
deutsche Sprache fr all ihre Zeit dadurch bereichert haben. Was mich anbetraf,
so war es nicht ntig, da er noch ein Wort fand oder erfand fr sich. Ich wute
bis in die tiefste Tiefe seiner und meiner Seele hinein, was er mir deutlich zu
machen gewnscht hatte.
    Aber ich?!...
    In diesem Augenblick rief Irene aus dem Nebenzimmer angstvoll und laut
unsere Namen. Der Vetter Just und ich kamen an diesem Abend nicht mehr dazu,
unsere Privatangelegenheiten weiterzuerrtern. Gegen Mitternacht starb das Kind.


                                  Zweites Buch

                                 Erstes Kapitel

Es ist nichts leichter, aber auch nichts schwerer, als eine gute Grabrede zu
halten. Ich fr mein Teil aber bleibe unter allen Umstnden gern davon und lasse
jedem beliebigen anderen das Wort. In dem vorliegenden Fall sprach der Vetter
Just am Grabe, und er hielt seine Rede mit dem Regenschirm als Kanzeldach ber
sich, und der Regen fiel, whrend er so vor sich hin brummte, fein und leise
nieder auf den kleinen, frischen Hgel zu unseren Fen.
    Wir beide, der Vetter Just Everstein und ich, standen noch allein neben
diesem Hgel. Die brigen Trauergste hatten bereits wieder ihre Kutschen
bestiegen und waren abgefahren Durchlaucht, der Herr Vetter**, unter ihnen. Der
gutmtige Mann hatte es sich nicht nehmen lassen, gleichfalls, wenn auch etwas
inkognito, seiner kleinen Verwandten das letzte Geleit zu geben. Er und der
Vetter Just hatten in dem ersten Wagen den winzigen Sarg auf dem Rcksitz vor
sich gehabt, und der Vetter Just konnte spterhin die Bemerkungen, die der
andere Vetter whrend der Fahrt gemacht hatte, nur loben. Das leichte
aristokratische Unbehagen darber, da die Leiche nicht in dem Erbbegrbnisse zu
Dorf Werden beigesetzt werde, hatte der Bauer vom Steinhof ebenso leicht dem
illustren Herrn hingehen lassen und das feste Versprechen desselben, auch
fernerhin der armen Mutter nach seinen beschrnkten Verhltnissen ein treuer
Freund bleiben zu wollen, durch die Bemerkung, da man der guten Freunde nie
genug haben knne, entschieden gewrdigt. Aber ebenso entschieden hatte er dann
seine Meinung dahin ausgesprochen, das beste werde sein, er, der Vetter Just,
nehme frs erste die Frau Baronin mal mit sich nach dem Steinhofe:
    Und wenn auch nur, um den Nerven in der Nhe der alten Heimat Zeit zu
gnnen, sich zu beruhigen. - - -
    Doch nun zu der Grabpredigt, die der Vetter Just der Kleinen hielt.
    Mde zu Bette gebracht, murmelte er. Keine Mama kann doch die Decke
wrmer berlegen als Mutter Erde. Von dir gesagt, Fritz, klnge das gar nicht
neu; aber fr mich als Landwirt ist hier das Allerlteste immerdar das Neueste
und klingt auch so. Meinst du nicht? - Nun sagt die Mama: Schlaf wohl und trume
einen hbschen Traum, mein Herze; oder noch besser, trume gar nicht, denn das
letztere soll das Gesundeste sein. - Hast du etwas Weiteres bei dieser traurigen
Gelegenheit zu bemerken, Doktor? Wenn die Kinder zu Bette gegangen sind, pflegen
doch gewhnlich die Erwachsenen von ihren wichtigen Geschften und
Angelegenheiten zu reden oder holen die besten Ratschlge fr den nchsten
Morgen hervor.
    Sage du nur, was du zu sagen hast, Just - sowohl ber die Schlafenden wie
ber die Wachenden.
    Zu sagen habe ich eigentlich nichts, meinte der Vetter, mehr zu sich
selber als zu mir gewendet. Ich habe nur immer gefunden, da solch ein
Kinderbegrbnis ein eigen Ding ist. Du hast wohl weniger Gelegenheit als ich
gehabt, dabei anwesend zu sein; auf den Zwischenstationen zwischen der Alten und
der Neuen Welt, in den jungen Ansiedelungen im Walde und dann und wann auch ein
bichen im Sumpfe hat man freilich mehr dergleichen. Der Mensch mu berall wie
jedes andere Gewchs aus dem Boden herauswachsen, um ihn mit der dazu passenden
Luft und dem Witterungswechsel von Anfang an gleich vertragen zu knnen und
behaglich drauf zu leben und alt darauf zu werden. Ich habe den Steinhof auch
nur deshalb zurckgekauft, und ich nehme unsere Irene einzig und allein aus
demselben Grunde mit mir dahin zurck, und - du bist auch auf dem alten
Stammgrund willkommen, alter Eingeborener - natrlich, wenn es dir deine Zeit
erlaubt und du dich noch nicht bis zum Ekel an unseren frheren Verhltnissen
hier akklimatisiert hast.
    Da htten wir denn wohl hiermit eine Grabrede fr die Mehrzahl der
Erdenbewohner; denn fr wie lange ist es dem Menschen gestattet, in dem Boden zu
wurzeln, aus dem er aufwuchs, dachte ich. Ach, nicht nur um die
Kinderbegrbnisse ist es ein eigen Ding, sondern um die Begrbnisse und
Grabsttten der Menschheit berhaupt! Und inmitten der Gesprche, die gefhrt
werden von den Erwachsenen, wenn die Kinder zu Bette gegangen sind, sind wir
hiermit auch bereits, Vetter Just.
    So ein armes, geplagtes kleines Wesen! brummte Just Everstein
kopfschttelnd. Es sieht uns in seinen Schmerzen fragend an und sagt: bitte,
bitte! - Ist das nicht wunderbar und schrecklich? Da stehen wir denn nachher,
wie wir beide hier jetzt, und holen aus tiefer Brust Atem, und niemand kann uns
das verdenken! Ich habe solche schlimmen, tiefen Atemzge wohl hundertmal in
Neu-Minden getan, und es war auf dem Nachhausewege doch nur ein leidiger Trost,
da immer noch so viele von ihnen da waren und brigblieben, da wir uns sogar
wegen eines Schulmeisters fr sie Sorgen machen muten. Und dabei die Mtter,
die briggeblieben sind und bei der leeren Wiege sitzen oder das verlassene
Spielzeug und die Schreibbcher in ihrer Schrze zusammentragen! Sieh, da habe
ich es uns denn so zurechtgelegt, da Frau Irene ihren hiesigen Hausstand ganz
aufgibt. Ich habe, wie du weit, die Kleine in ihren Schmerzen, wenn es niemand
anders, und auch die Mutter nicht, vermochte, zur Ruhe gebracht, und ich meine,
wenn mir nur Zeit gelassen wird, bringe ich das auch mit der Mutter fertig. Ob
ich einmal zu der Familie gehrt habe, wei ich nicht und kmmere mich auch
nicht darum; aber fr den letzten mnnlichen Stammhalter der Eversteins halte
ich mich in dieser Zeit doch! Ein bichen enge zusammenschachteln werden wir uns
auf dem Steinhofe wohl mssen; aber viel Gepck nehmen wir ja nicht mit, und
jedenfalls halten wir vorher Auktion, und im Notfall baue ich an. Ich bin
gottlob drben oft genug mein eigener Baumeister gewesen, um einen
Kostenanschlag aufstellen zu knnen und mit wenigem einen hinreichenden
Unterschlupf herzustellen. Es sind ja auch nur zwei Kpfe mehr, wenngleich
freilich zwei Frauenzimmerkpfe. Aber da wollen wir uns dem anderen Geschlechte
gegenber doch auch nicht zuviel auf unsere Praktik zugute tun. Du hast keinen
Begriff davon, Fritz, wie es gerade die Weiber sind, die sich in der Not
zusammenzudrcken wissen, wenn sie auch sonst noch so viele berflssige Kisten,
Kasten und Hutschachteln mit sich herumschleppen und die Rumlichkeit auf dem
Schiff, im Postwagen und auf der Eisenhahn beengen. Mit uns Mannsvolk ist's
genau das Umgekehrte. Geht es uns gut, so haben wir in einem Winkel mit einer
Zigarre genug; aber geht es uns schlimm, so brauchen wir in unserer Phantasie
zum mindesten das halbe Weltall, um Ellbogenraum fr neue Dummheiten zu
gewinnen. Im Grunde aber ist's fr alle ein und dasselbige, einerlei, ob wir als
Mann oder Weib durch die Welt laufen. Und, Gott sei Dank, die Phantasie ist auch
in Irene Everstein noch hellauf - nicht ganz und gar nach der dunkeln Seite hin!
Du, liebster Fritz, kennst die Frau noch nicht lange genug wieder, um dieses
beurteilen zu knnen, denn dazu gehrt mehr als ein erster Blick und zwei und
drei Besuche im Hause. Und dann - unsere liebe Eva! Wie wird die mir helfen und
beistehen! Und htte ich wohl ohne das Zutrauen zu ihr den Mut gehabt, blo so
auf meine eigene Verantwortung in solch ein betrbtes Menschenschicksal mit Rat
und mit Tat einzugreifen? Sie und da wir den Winter so ziemlich hinter uns
haben, das sind die Kerne, aus denen mein Trost aufwchst. Se das gute Mdchen
nicht im Dorfe Werden und wrden nicht demnchst die Wlder wieder grn, so
htte die Sache freilich eine ganz andere Farbe. Aber nun geht die Sonne jeden
Morgen frher wieder auf und am Abend spter unter; und - ich sehe es kommen!
Fritz, es ist mir eine wahre Beruhigung, da ich es kommen sehe, und zwar im
ganz natrlichen Verlaufe der Tage, von den Wochen und Monaten bis zum Eintritt
des nchsten krzesten Tages gar nicht zu reden! Die Stunde kitzelt mich schon
im voraus, wo Mamsell Martin die erste vergngte Katzbalgerei mit Jule Grote
anfngt - natrlich unter der gehrigen Oberaufsicht, auf da die feinen und
bissigen Anspielungen der beiden lieben alten Damen nicht in die regulre
Beierei ausarten. So ein bichen kribbelndes Gewrz in die Suppe ist den langen
lieben Tag ber gar nicht zu verachten. Meinst du nicht, Doktor? - Der
Grasgarten bleibt selbstverstndlich so, wie er ist; aber fr meinen
Bauern-Kohlgarten nehme ich aus einer eurer Buchhandlungen hier ein Exemplar von
Wredows Gartenfreund mit. Wir treiben Adams Gewerbe im Ernst und zum Spa, denn
nichts anderes in der Welt zieht die abgeplagte Seele so ins Gleichmtige hin
als das stille Aufmerken auf das Keimen, Blhen und Vergehen des
Vegetabilischen, und wr's auch nur am Unkraut unter der Hecke. Zeit mu man
freilich dazu haben, und die soll sie haben, Irene meine ich; - frs erste soll
niemand vom Steinhofe zu sehr auf die Suche nach ihr gehen, wenn sie mal nicht
gleich auf den ersten Ruf zum Essen kommt. Solange ich das hindern kann, wird
sie nicht zu Tische gerufen, wenn sie keinen Appetit hat; - den Verdru kenne
ich aus eigener Erfahrung! Die Menschen fordern nur zu gern gerade die zum Tanze
auf, welche der Schuh drckt. Der Teufel mag es wissen, was fr ein Vergngen
das ihnen macht! Davon wei ich, der bergeschnappte dumme Junge vom Steinhofe,
gleichfalls das meinige zu Protokoll zu geben, wenn's verlangt wird; aber auch
hierin will ich nicht ganz umsonst zwischen meinen Misthaufen gesessen und auf
der Leiter in der Rauchkammer mit dem Messer zwischen Jules Wrsten und
Speckseiten gewirtschaftet haben - wtend vor berdru! Hoffentlich verstehst du
mich recht, Fritze, und weit auch hierin, was ich sagen will.
    Er bediente sich mit Vorliebe alle Augenblicke dieser sehr unntigen Anfrage
bei meiner Begriffsfhigkeit. Alte Gewohnheiten legt man eben nicht so leicht
ab.
    Doch nun beugte er sich nieder zu dem winzigen Grabhgel der kleinen Leonie
von Rehlen und hob eine Handvoll des feuchten Sandes auf, lie sie wieder, wie
verstohlen, fallen und sah mich einen Moment lang, wie verlegen, von der Seite
an.
    Nun guck einmal, brummte er, der liebe Gott wei es, wie fest einem seine
Gewohnheiten ankleben, und er wird auch wohl hierauf bei der letzten Abrechnung
ein wenig Rcksicht nehmen. Selbst auf dem Kirchhofe kann's unsereiner nicht
lassen den Boden nach seiner Frucht, Gte oder Nichtsnutzigkeit zu studieren.
Dies hier ist eigentlich purer Sand; aber - nicht nur fr den sachverstndigen
Landwirt, sondern auch fr den Pastor, einerlei ob er konomie treibt oder
nicht, bleibt es doch immer, wie Schiller sagt, der dunkle Scho der heiligen
Erde! Und nun - schlafe sanft darin, mein liebes, kleines Mdchen!... Mit deinen
armen krummen Fchen htten dich wohl wenige zum Tanze aufgezogen, und du
verlierst auch wenig dabei. Es kommt fr alle Menschen eine Zeit, wo sie sich
vor nichts mehr frchten als vor dem, was man in der Welt Vergngen zu nennen
pflegt. - Man hat viel um dich geweint, mein kleines Kind; aber gelacht hat
keiner ber dich. Auch du hast viel geweint; - nun liege im Frieden; - gelacht
hast du ber niemand. - Ich schwatze wohl in die Kreuz und Quer, Doktor Fritz?
Nimm es nur nicht bel, alter Freund. Wer wei, was uns nachgeredet wird in
puncto des Weinens und Lachens, wenn auch wir zu Bette gegangen sind und wir
gleichfalls als stille Leute liegen und jeglicher Wind frei ber uns hinblasen
darf. Komm, wir wollen den anderen nach, Doktor; das ntzlichste und
fruchtbarste Wetter ist ziemlich hufig das unangenehmste, macht einen trotz
Regenschirm und berrock na bis auf die Knochen und bringt einen bis auf das
Knochenmark hinein zum Frsteln.

                                Zweites Kapitel


Nun waren sie fort. Zur Zeit der Holunderblte waren sie abgereist, und der
Vetter Just Everstein hatte sich, wie das nicht anders zu erwarten stand, auch
hierbei als einer der praktischsten Menschen erwiesen, die jemals aus der
deutschen Erde hervorgewachsen und von ihren guten Freunden und Bekannten
zuerst, das heit eine erkleckliche Reihe von Jahren hindurch, fr gnzlich
unzurechnungsfhig taxiert worden waren. Wahrlich, mancherlei gab es auf- und
abzuwickeln, ehe der Brave sein wohlttiges, barmherziges Werk zu einem
vorlufigen Schlu und Ruhepunkt fhren konnte.
    Sachen und Menschen aller Art waren mehr oder weniger geschftsmig aus dem
Wege nach dem Steinhofe hin zu rumen, ehe er mit einem erleichternden Seufzer
sagen konnte:
    Gott sei Dank, morgen fahren wir! Was jetzt noch in den Winkeln umherliegt,
steckt oder vergessen ist, kann nicht viel zu bedeuten haben. Und nun, alter
Kerl, jetzt gib uns die Hand darauf und versprich uns feierlich, da du dich im
Laufe des Sommers in der alten Heimat bei uns sehen lt.
    Ich hatte ihm wenig bei seinem Liebeswerke behlflich sein knnen; - im
Grunde hatte ich nur ihn, Irene und Mademoiselle Martin nach dem Bahnhofe
begleitet. Wie hlflos die Mehrheit der Menschen eigentlich den Lebensgeschften
gegenbersteht, erfhrt sie dann und wann auch, wenn sie's mal versucht, anderen
zu helfen. Das ist die ungemtliche Wahrheit, die einem jeden, der von sich
selber schreibt, ganz von selber aus der Feder luft, wenn er sich nicht recht
zusammennimmt, das heit mit gehaltenem Nachdruck lgt. Dachstuben-Philosophen
und Wsten-Anachoreten sollen aber nichtsdestoweniger auch in Zukunft berechtigt
sein, ber die tgliche Witterung und deren Einflu auf ihre Konstitution zum
allgemeinen Besten so genau als mglich Buch zu fhren, um heikeln persnlichen
Kriminationen dadurch schlau aus dem Wege zu schleichen.
    So kam ich denn vom Bahnhofe zurck in meine vier Pfhle, um den neuen
Frhling wenig genossen mir unter den Hnden weggleiten zu lassen. Davon, da
nach der Bauernregel im Mai der gesundeste Tau fllt, versprte ich auch nichts;
aber dagegen tat ich etwas, was ich eigentlich nur mit einer gewissen komischen
Verlegenheit berichte. Ich nahm fr das Vierteljahr, in welchem die Bume blhen
und der Vollmondschein nach einer anderen Regel der Baumblte schdlich sein
soll, nicht etwa eine Brunnenkur vor, sondern - ein Abonnement in einer
Leihbibliothek. Ich nahm an jedem Abend nach meiner Rckkehr vom Spaziergange
einen Roman mit nach Hause, und zwar stets einen der vergessensten - am liebsten
einen aus den zwanziger Jahren dieses Skulums. Ich der ich hier keinen Roman
schreibe, wrde es gern sehen, wenn mir die besten der gegenwrtig vorhandenen
Psychologen mein damaliges Bedrfnis gelten lieen.
    Es war mir nmlich whrend dieser Epoche meines Lebens meine bisherige
Ttigkeit sehr zum berdru geworden, und ich hatte niemals in meinem Dasein
ber so viele leere, beschftigungslose Stunden bei Tage und bei Nacht zu
verfgen als wie jetzt. Und merkwrdig! Was in den Klassikern smtlicher
Nationen, sowohl der alten wie der neuen, ber das Schlo Werden, den Steinhof,
den Vetter Just und - Eva Sixtus stand, konnte ich durchaus nicht gebrauchen! Es
stand wohl manches darber drin; aber dann bezog sich dieses doch wieder so
deutlich auf andere ganz bestimmte Leute und Verhltnisse, da mir nicht im
geringsten dadurch ber eine melancholische Stunde hinweggeholfen wurde.
    Sie sprachen wohl wahr, diese groen Poeten, in gebundener und ungebundener
Rede; aber sie redeten doch allesamt nur in ihren Tag hinein und nicht in den
meinigen. Dicht neben meinen mittelalterlichen Geschichtsquellen waren sie's -
die Quellen reinster Erdenschnheit und Wahrheit, denen ich am vorsichtigsten
aus dem Wege zu gehen hatte, weil - - ich finde eigentlich keinen richtigen
Ausdruck fr das, was sie mir antaten. Jedenfalls sprachen sie mich nicht zur
Ruhe, wenn sie mich nicht langweilten. Eine Bilderfibel aus meinen Kinderjahren
htte sie mir doppelt und dreifach aufgewogen. Fr das fabulose Haupt- und
Lieblingsbuch des Vaters Sixtus, fr des Signors Gregorio Leti Leben des Papstes
Sixtus des Fnften, htte ich in jenen Tagen ganze Schatzkammern voll wirklicher
literarischer Schtze unbesehen hingegeben. Es mute freilich aber das Exemplar
aus dem Frsterhause im Dorfe Werden sein.
    Da half ich mir denn auf eine andere Art. Der hat noch nie gelesen, der nie
in solchen Stimmungen das wieder las, was ihm in seiner seligen Jugend, wenn es
in seinen Hnden ertappt wurde, als das dmmste Zeug auf Gottes Erdboden um
die Ohren geschlagen wurde!
    Gottes Segen ber das Lesefutter der groen Menge und der Jugend! Heil und
Segen denen Lieferanten, die heute in dieser Hinsicht fr jene sorgen, welche
nach einem Menschenalter alt, enttuscht, krank und verdrossen sein werden!
    Verdrossen in sehr hohem Mae griff ich jetzt von neuem nach dem, was ich
mit so unendlichem Vergngen verschlungen hatte, als ich noch jung war und noch
nichts wute von aller Welt Verstndigkeit und Kritik. Die gewhnlichsten
Produkte jener Art, die das Bekannteste, aber auch ewig Gltige in der
abgeschmacktesten Verzerrung bringt - die alten, drolligen,
pathetischlcherlichen Geschichten von Eduard und Kunigunde in all ihren
kuriosen Variationen, das war jetzt etwas fr den Doktor Friedrich Langreuter!
Diese schlecht gedruckte und noch schlechter stilisierte Abenteuerlichkeit in
Original und bersetzung, der se, haarstrubende, heitere trnenreiche Unsinn,
in den die Fliederlaube hineingerauscht und - geduftet hatte, ber den voreinst
der Baum seine roten und weien Blten schttelte, den die Vgel mit ihren
Stimmchen akkompagnierten, ber den die weien Sommerwolken im Himmelblau
hinsegelten, von dem einen der Schulmeister aufscheuchte und in die lateinische
Stunde trieb: das lie sich jetzt wieder in den halbvermoderten, abgegriffenen,
belduftenden, durch tausend und aber tausend Hnde gelaufenen Bnden nach
seinem unvernderlichen Verdienst wrdigen von dem obengenannten Doktor der
Philosophie Friedrich Langreuter!
    Da sa der alte Bursche und las wieder, wenn man das berhaupt lesen nennen
konnte. Es gengte eigentlich schon, die guten alten Bekannten in Pappband mit
Lederrcken und - ecken in der Tasche nach Hause getragen und das Titelblatt
aufgeschlagen zu haben. Was war alle klassische Plastik und sthetische Wahrheit
gegen die Lebendigkeit, mit der sich hier die Karikatur bei der bloen Berhrung
in der Erinnerung fllte? Ach, es waren ja eben nicht blo Kunigunde und Eduard
mit all ihrer Verwandtschaft in auf- und absteigender Linie, was hier wieder zu
etwas wurde, was lachen, jauchzen, weinen, sich hinter dem Ohre kratzen, vor Wut
auer sich geraten und vor Bekmmernis und Reue sich in den Winkel verkriechen
konnte!
    Was hatten Schlo Werden und der Steinhof und die Grten, Wiesen, Felder und
Wlder ringsum mit den unmglichen Schlssern, Bauersitzen, Frsterhusern,
Wldern, Feldern, Wiesen und Grten dieser nrrischen Bcher gemein? Was der
gelbe ehrliche Flu, der durch unsere Jugendwelt rauschte, mit den so
absonderlich prachtvoll blitzenden Wassern, in denen sich dann und wann die
lustig-tragischen und trbselig-komischen Gestalten und Bilder dieser
wundervollen Autoren spiegelten?
    Alles!
    Es ist immer eines und dasselbe, dieses unergrndliche Meer der Phantasie,
auf das der bedrckte Mensch stets von neuem von dem nchternen, grmlichen Ufer
der Wirklichkeit hinaussteuert! Es ist immer derselbe Wind in den Segeln!
    Wehe dem, der niemals die grauen vier Wnde um sich her mit diesem
flimmernden, ber die Stunde wegtuschenden, segensreichen Lichtglanz
berkleiden konnte!
    Was ist die nichtige dumme Phrase: Mein Haus ist meine Burg! gegen die so
sehr unpolitische, so selten ausgesprochene und doch so tief und fest, ja
manchmal mit der Angst der Verzweiflung im Herzen festgehaltene berzeugung:
    Mein Luftschlo ist mein Haus!
    So sa ich damals, nachdem wir das kleine Mdchen der Frau Irene begraben
hatten und der Vetter Just ganz beilufig mir den Namen und die Gestalt und die
Stimme der lieben Eva Sixtus in die Erinnerung zurckgerufen hatte; und da ich
nicht mehr neue Luftschlsser in die ziehenden weien und rosigen Wolken, in das
Himmelblau, in den Regenhimmel zu bauen vermochte, so - kramte ich unter den
Trmmern der versunkenen und pate aneinander, was auseinandergefallen war, und
richtete wieder auf - geradeso in der Einbildung wie vor Jahren, doch leider
nicht mehr so fest wie damals. Es war schon lange die Zeit fr mich da, wo der
Mensch einzig und allein auf den Riegel an seiner Tr als den besten Wchter vor
seinen guten Augenblicken, Stunden und Tagen angewiesen ist. Tagen?!... Wer
kann, wenn er diese Epoche seines Daseins erreicht hat, den Riegel einen Tag
lang vorgeschoben halten, um versunkene Luftschlsser wieder aufzubauen?
    Die Juniuswinde hatten bereits das Korn in das Land hineingeweht, als
Thomas Thyrnau oder vielleicht auch St. Roche oder Jakob van der Nees das
Buch hie, das auf meinem Tische unaufgeschlagen lag. Jedenfalls aber war es ein
Produkt der Verfasserin von Godwie Castle, und die Mdchen, Irene von
Everstein und Eva Sixtus, hatten einst in dem Gartensaale von Schlo Werden die
heien Kpfe darber zusammengesteckt und die trnenvollen Augen verstohlen
darber getrocknet. Und ich hatte das Ding dann auch in meiner Kammer
verschlungen, und Freund Ewald hatte sich in gewohnter Unverschmtheit nicht nur
ber das Buch, sondern auch ber uns drei ins alte romantische Land Entrckte
lustig gemacht. Es war nicht der Band, vor welchem die wirklich fein, vornehm
und gut aussehende Verfasserin und Lieblingsschriftstellerin Friedrich Wilhelms
des Vierten in Stahlstich abgebildet ist; aber das war auch die einzige
Enttuschung fr mich, als ich ihn zu Hause nach so langen Jahren wieder auf-
und sogleich wieder zuschlug. Sonst hielt er alles, was ich mir davon
versprochen hatte, als mir der Zufall den Titel in dem Leihbibliothekskatalog in
die Augen spielte.
    Gottlob!
    Dieser Ausruf bezog sich auf den Riegel an der Tr, den ich vorgeschoben
hatte, nachdem ich den Schlssel im Schlosse umgedreht hatte gegen einen wieder
einmal fr mich nicht ganz geheuren Tag, der nunmehr in die sommerliche
Abenddmmerung berging. Und es war durchaus kein in rgerlicher oder
geistigbeschwerlicher und berhasteter Arbeit hingebrachter Tag, sondern einer
von den faulen, trgen, apathischen, die, wenn sie einer hinter dem anderen
hinschleichen, auf die Lnge noch unertrglicher werden als die erste Art. O
ber diese langen, schleppenden Stunden, die bei dem Regsten, Lebendigsten nach
zurckgelegtem dreiigsten Lebensjahre sich einzuschleichen beginnen und sogar
durch den Kampf mit ihnen dann und wann nur vervielfltigt werden! Das sind die
Tage, in denen man sich selber wie ein Charakter in einem schlechten Romane
vorkommen kann, ein unmgliches Geschpf, mit dem der Autor eben auch nichts
anzufangen wute. de Makulaturstimmung! Das ist das richtige Wort; und - ein
Lachen oder Weinen ber und um einen scheint es nie in der Welt gegeben zu haben
in dieser Stimmung!
    Und nun, wie kam es, da ich mich pltzlich ber die Verfasserin von Godwie
Castle weg auf einer stillen Berglehne, unter der fuhohen Tannenanpflanzung
und im Thymiansduft und der brtenden Abendsonne der Jugendzeit wiederfand?
    Es ist schwierig zu sagen, wie gerade in diesen Fllen seelischer
Bedrcktheit aus Dunkelheit Licht wird; und ich hte mich auch wohl, die Lsung
mit zu groer Anstrengung zu suchen. Der vorgeschobene Riegel aber tut unbedingt
viel dazu, und um so mehr, je hastiger und verworrener das Leben jenseits der
Tr sich bewegt und vor dem Fenster rauscht...
    Ich bin's, Herr Doktor!
    Wer? In aller Plagegeister Namen!
    Ich, Herr Doktor. Die Witwe Maier. Und dann der fremde Herr wieder, der
heute morgen schon einmal da war und seinen Namen nur Ihnen selber sagen
wollte.
    Ich hatte die Stimme meiner Frau Hauswirtin bereits erkannt.
    I, so wollt ich doch! Und der sonnige Bergrcken mit seiner
Tannenanpflanzung und seinem Thymiansduft, die Hgel mit ihren Wldern, Wiesen
und Ackerstreifen nah und fern, der ferne Flu und die Kirchtrme der
Heimatsdrfer waren versunken; der fremde Herr, der am Morgen whrend meiner
Abwesenheit bereits einmal dagewesen war und seinen Namen nicht hatte kundgeben
wollen, stand vor mir - stattlich, braunbrtig, breitschulterig und in einem
wohlsitzenden kleidsamen Sommerkostm. Und anstatt jetzt zuerst mir seinen Namen
zu nennen, reichte er mir die Hand entgegen und sagte mit dem Ausdruck
verzwicktest gelassener Bonhomie:
    Guten Abend, Langreuter.
    Ich aber stand dem langen, festen Menschen gegenber auf ziemlich unsicheren
Fen:
    Das ist - ich bin - aber ist denn das?... Ewald?!... Mein Gott, Ewald
Sixtus!... Ist es denn mglich?. Ewald Sixtus! Bei allem, was lebt, das bist
du?
    Und du bist das auch! sprach der Freund. Ich habe dich sofort
wiedererkannt, und jetzt sei so gut und nimm meine Hand; ihr braven
bersinnlichen Zweifler habt gewhnlich am innigsten das Bedrfnis, euch durch
Befhlen von der Wirklichkeit der Dinge zu berzeugen. Alter Freund Thomas, ich
freue mich unendlich, dich endlich mal wiederzusehen!
    Ich setzte mich, rede aber von den Lauten und Gesten der berraschung nicht
weiter, sie wiederholen sich wie alles brige auf Erden. Aber alles, was mir der
Vetter Just neulich von seinem Besuche in Belfast und von diesem Manne erzhlt
hatte, glitt jetzt blitzschnell durch mein Gehirn. Der irische Ingenieur aus
Belfast, Herr Ewald Sixtus aus Werden, nahm auch einen Stuhl und setzte sich
gleichfalls und - sah mich von der Seite an.
    Eines hatte ich in meiner Einsamkeit zu einer gewissen Vollkommenheit
gebracht: die groe Kunst, auf Blicke zu achten, und dieser hob mir nur den
Vorhang von einer uralten Lehre weg:
    Nun, dies ist aber groartig! Er ist ganz der alte geblieben, und er hat den
Vetter Just und uns alle jetzt nur geradeso zum Narren gehalten wie vor zehn,
fnfzehn oder zwanzig Jahren!...
    Wie ein Schleier sank es abermals nieder vor der Zeit, die vor zehn, zwanzig
und noch mehr Jahren war. Schlo und Dorf Werden, die Weser und der Steinhof
lagen abermals im Sonnenlichte; aber durch das Sonnenlicht lief's wie ein
sonniges, mutwilliges Grinsen, und - Ewald Sixtus hie einer der Hauptzge der
schnen Gegend!
    O Ewald!... Willkommen! Sei mir herzlich willkommen zu Hause!... Der Vetter
Just - unser Just Everstein hat mich neulich schon von dir gegrt!
    Unmglich! sprach dieser vollkommen irlndische Land und Wasserbauknstler
trocken. Och honey, ich erinnere mich nicht, irgend jemand einen Gru an Euch
mitgegeben zu haben.
    Eine solche Mischung von grnem Erin und den grnsten Wald- und
Wiesengehegen rund um Schlo und Dorf Werden war seit Anfang der Dinge noch
nicht dagewesen und kam vielleicht auch bis zum Ende derselbigen nicht wieder!
Bei allem, was je die Schule schwnzte, den biedersten Nachbar zum besten hatte
und je in die weite Welt auf Abenteuer durchging, was war denn dies?
    Und der Vetter Just war doch ein Mann, der auch allmhlich allerlei Menschen
gesehen hatte und auf dessen Beobachtungsgabe und Urteilskraft man sich jetzt
doch so ziemlich verlassen konnte! Sollte der Vetter Just, der sich so lange
unter den schlauen Amerikanern aufgehalten hatte, dieser Vetter, der es durch
mehr als eine Tat bewiesen hatte, da man seinen Erfahrungen so ziemlich trauen
durfte - sich so sehr geirrt haben? Sollte er wirklich von dem lustigen Werdener
Vogel aus den alten Nestern im Baum an der Gartenhecke so ganz in der alten
Weise an der Nase herumgezogen worden sein?
    Der?! fragte der deutsch-irlndische Engineer, jetzt um so verschmitzter
grinsend, als er im Moment vorher trocken getan hatte. Alter Junge, dich htte
ich doch wenigstens fr um ein Atom klger gehalten. Menschen, ihr seid doch zu
gttlich!... Oh, oh, ah, der Vetter Just! Der Vetter Just vom Steinhofe! Da
lasse ich ihn, als ich, aus der sen Heimat halb weggejagt, durchgehe, mir
vorangehen, um in der den Fremde wenigstens einen fidelen Trost an etwas aus
dem alten Neste zu haben und was passiert? Habe ich ihn darum auf seinem
Steinhofe in seiner ganzen absonderlichen Glorie gelten lassen und mich meine
ganzen heimatlichen Flegeljahre hindurch himmlisch ber ihn amsiert, da er auf
einmal in Belfast wie ein Pastor, der die Tischglocke berhrt hat, vor mir
steht und mir Moral, Tugend, heimatliche Gefhle und wer wei was sonst noch
predigt - durch sein Beispiel? - Kommt man Paddy so?... Ganz gewi nicht! Der
Vagabondenknig von Ithaka - wie heit er doch, Langreuter? - - ist gar nichts
gegen ihn, den Vetter Just, sowohl was seine Abenteuer wie seine unmenschliche
Weisheit, Klugheit und Philosophie anbetrifft! Oh, und so herzensgut ist der
Kerl - geblieben! Und den Steinhof hat er auch wieder! By Jingo, lassen mu man
es ihm, ein Prachtbursche ist er, und seinen Ruhm fr alle seine famosen
Leistungen soll er bedingungslos behalten, wenn er nur - fr mich immer der
Vetter - der Vetter Just bleibt. Fr mich, der der einzige war, welcher von
Kindesbeinen an euch brige alle nach allen euren Verdiensten unparteiisch zu
wrdigen wute. Im Ernst, Fritze, es hat mir Mhe genug gekostet, ihm nicht um
den Hals zu fallen und eine spahafte Trne ihm auf die Schulter hinzuweinen.
Aber ich sagte dreimal leise: Komtesse Irene von Everstein! und blieb khl wie
eine saure Gurke. Cool as a cucumber sagt drben auf der Smaragdinsel Blarney
O'Shaughnessy, wenn er Tim O'Connor mit dem Knppel zu Leibe gehen will, weil
der ihn an Groartigkeit und Heroentum bertroffen hat. Och, faix, it's a long
story, und es wre viel davon zu sagen, weshalb ich diesen dummen Mdchennamen
dreimal hersagte, um mir meinen Gleichmut wenigstens uerlich gegen diesen
heillos gemtlichen Neu-Mindener aufrechtzuerhalten; - nicht wahr, Fritzchen
Langreuter?
    Das wre es wohl! murmelte ich unwillkrlich, und in demselben Augenblick
packte mein Gast meinen Arm mit einem Griff wie aus Stahl und Eisen und rief:
    Und was ist es denn, was er mehr ausgerichtet hat als ich? Er sitzt von
neuem auf seinem Steinhofe; ich aber - habe Schlo Werden wieder!...
    Ich sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen. Die Wunder, die mich der
Herr sehen lie, ohne da ich ber das Wasser gefahren war, betubten mich zu
sehr.
    Und hier sitze ich, fuhr Ewald Sixtus fort, um dich aufzufordern,
bermorgen mit mir hinberzufahren, um that old sheebeen, die alte Herberge, von
neuem fr - uns in Besitz zu nehmen. Dringende Abhaltung hast du ja wohl nicht?
    Es war mir zwischen meinem mhseligen Sich-wieder-auf-sich-Besinnen durch
dunkel so, als ob auch der Vetter Just neulich einige Male eine ganz hnliche
Aufforderung zur Reise mit ganz den nmlichen Worten beschlossen habe wie der
irische Ingenieur.
    Mr. Sixtus legte mir zutraulich schmeichelnd die Hand auf die Schulter:
    Es bleibt dabei, du begleitest mich nach Schlo Werden?!
    Ich aber kam in diesem Augenblick nicht einmal dazu, ihn zu fragen, weshalb
er denn, wenn sich alles brige so verhalte, die Korrespondenz auch mit seinen
nchsten Angehrigen so schmhlich vernachlssigt habe.

                                Drittes Kapitel


Davon sprachen wir auf der Reise; denn wir reisten wirklich. Wie ein Kind im
Sack wurde ich von diesem wilden Irlnder aus dem Frsterhause zu Dorf Werden
mitgenommen. Er kam und half mir beim Packen, er packte fr mich, und er packte
mich selber und lie nicht los. Hals ber Kopf wurde auch ich wie in einen
Reisesack hineingestopft und in eine Droschke geworfen; wie ich es dann und wann
bereute, da ich mich nicht schon von dem Vetter Just Everstein hatte mitnehmen
lassen, kann ich gar nicht sagen.
    Nach dem Potsdamer Bahnhofe, Kutscher, und rasch! Viele Zeit haben wir
nicht brig.
    Mit dem Gefhle, meine Tren, meine smtlichen Schubladen, Kisten und Kasten
unverschlossen und jeglicher Durchstberung offen hinter mir zurckgelassen zu
haben, kam ich auf dem Bahnhofe an. Wir hatten in der Tat nur noch fnf Minuten
vor dem Abgang des Zuges brig, und das Schicksal benutzte dieselben, um mir
einen rettenden Finger in den Wirbeln des aufregungsvollen Tages hinzuhalten.
    Siehe da! Reisen wir in der Tat zusammen, Herr Doktor? fragte eine Stimme
mir gegenber in dem Kupee, in das ich von dem raschen Freunde mehr gehoben als
geschoben worden war, und ein einige fnfzig Jahre alter korpulenter Herr hob
mit wohlwollendem Lcheln den Strohhut von einer ungemein glnzenden Stirn,
grte auch meinen Irlnder und meinte mit etwas asthmatischem Keuchen, das auf
eine vielleicht etwas zu gute Ernhrung und zuwenig krperliche Bewegung
hindeutete:
    Ja? Dies freut mich wirklich. So bleiben wir so ziemlich bis zum Ende der
Fahrt beisammen und hoffentlich mglichst unter uns. Bitte, mein Herr, lassen
Sie mich bis zum Abgang des Zuges aus dem Fenster blicken. Ich bin der Dickste
und schrecke am meisten ab.
    Mr. Sixtus sah sich den Fremden an, aber - bereits von hinten. Breit,
schwitzend und blasend lag derselbige schon im Wagenfenster, sich ganz und gar
fr jetzt - dem Publikum unter der Bahnhofshalle widmend, und Ewald lie von den
weit auseinanderklaffenden Rockschen des Reisegenossen den Blick fragend zu
mir hinbergleiten.
    Kennst du ihn nicht mehr?... Bsenberg! - Stadtrat Bsenberg aus
Finkenrode, flsterte ich.
    Ich werde mich sofort selber Ihnen wieder vorstellen, Sixtus, sprach der
Stadtrat, halb ber die Schulter zurck sich wendend, ins Kupee hinein. Da
gehen wir ab und bleiben frs erste wenigstens als Provinzgenossen unter uns.
So!
    Er setzte sich, nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte, breit und
behaglich, wischte nochmals die Stirn mit dem ziemlich provinzhaft aussehenden
Sacktuch und sagte:
    Lieber Herr, ich bin in der Tat der Stadtrat Bsenberg aus Finkenrode. Habe
hier in dem ungemtlichen Gronest die letzten Wochen hindurch meine
alljhrliche, von verschiedenen Leuten so genannte Auffrischungskur glcklich
abgemacht - Sie kennen das ja, Langreuter -, sehne mich unendlich nach meinem
Schlafrock und meinen Pantoffeln und - Sie habe ich auf der Stelle
wiedererkannt, Sixtus, obgleich ich seit einer erklecklichen Reihe von Jahren
nicht das Vergngen hatte, Sie zu sehen. Wo haben Sie denn eigentlich gesteckt,
junger Mann?
    Der junge Mann gab willig in der Krze die gewnschte Auskunft, und der
Finkenrodener Stadtrat sagte:
    Sieh, sieh.
    Mir, der ich ihn, abgesehen von allem brigen, auch aus der
Literaturgeschichte kannte, war das Zusammentreffen mit ihm und seine
Reisegenossenschaft keineswegs zuwider. Und da wir von dem gewhnlichen
Reisetumult und Gedrnge in unserem Wagen ziemlich ungestrt blieben, hinderte
uns nichts oder doch, nur wenig, so vertrauensvoll und mitteilsam gegeneinander
zu sein, als das unter verstndigen oder verstndig gewordenen Leuten nur irgend
der Fall sein kann. Was den Freund Ewald anbetraf, den der Vetter Just als einen
vollstndig ausgewechselten Werdener, als einen stocktauben und stockstummen
Englnder in Belfast wiedergefunden zu haben glaubte, so war der auch jetzt
derjenige, welcher das kleinste oder vielmehr gar kein Blatt in irgendeiner
Beziehung vor den Mund nahm, so da dies mir, wenigstens im Anfang, dem uns doch
ziemlich fremden Stadtrat gegenber ein wenig peinlich war. Alle seine und
unsere Geschichten kramte er mit einer Unbefangenheit aus, die ganz und gar
Schlo und Dorf Werden, Bodenwerder und der Steinhof war. Wie der Poet aus dem
Sumpfe der Alltglichkeit die Perle des Interesses fr seine Zuhrer
herausfischt, so ging dieser irlndische Ingenieur, wenigstens zu Anfang unserer
Reise, auf den Fang aus im Bereiche der grten Trivialitt unserer
Jugenderlebnisse, und die Fragen: Weit du noch, Fritz? Erinnerst du dich noch,
Langreuter? Alter Kerl, das kannst du doch unmglich vergessen haben? - schienen
nimmer ein Ende nehmen zu wollen. Poetisch aber gebrdete er sich durchaus nicht
bei dieser Fischerei und wurde, wie ich nicht umhinkann zu bemerken, von dem
Finkenrodener stdtischen Wrdentrger und frheren lyrischen Subredakteur des
freilich auch schon ziemlich lange selig in allen seinen Snden entschlafenen
Chamleons nach dieser Richtung hin nicht im mindesten entmutigt, sondern im
Gegenteil: der Verfasser der Heiratsgedanken, der Dichter der frommen
Liebeslieder gab nur da zum erstenmal seine abweichende Ansicht durch ein
asthmatisch Gegrunze zu erkennen, wo mein Jugendfreund zwischen zwei
abgeschmackten Schnurren mit einem Seufzer sagte:
    Meine Herren, achten Sie dann und wann nicht auf mich! Ich sitze hier immer
doch mit einem merkwrdigen Gemisch von Gefhlen; und Rhrung und Bengstigung
sind die vorherrschenden. Sie, Herr Bsenberg, haben ja aber auch einmal
hnliches auf dieser selben Bahnstrecke durchgemacht, darber geschrieben und
das Geschriebene sogar drucken lassen.
    Der Stadtrat gab einen Ton von sich, der ungefhr wie Whu! klang. Dann
brummte er:
    Jawohl. Das Vergngen habe ich mir und einigen anderen gemacht. Ich danke
Ihnen fr die gtige Erinnerung, lieber Sixtus. Es ist mir freilich so, als ob
ich das alles in Ihnen und dem anderen Herrn da in der anderen Ecke jetzt zum
zweitenmal erlebe; aber Gott sei gelobt und gepriesen - zu schreiben brauche ich
heute nicht mehr darber! Also - erzhlen Sie nur ruhig weiter von sich und dem
Herrn Vetter Everstein und dem Herrn Doktor da - von Schlo Werden, dem
Frsterhause und dem Steinhofe. Die Hauptsache denke ich mir selber dann wohl
schon dazu. Ja, ich habe es mit vielem Interesse schon auf dem letzten
Ostermarkt gehrt, da Frau von Rehlen, die frhere Komtesse Everstein, nunmehr
ihren Aufenthalt bei dem Vetter Just auf dem Steinhofe genommen hat. Frulein
Schwester befindet sich, unberufen, immer noch recht wohl, pflegt den alten
guten Papa und verkehrt dann und wann recht freundschaftlich mit meiner alten
Freundin, Frau Sidonie Mietze in Bodenwerder. Sie wissen doch, da der
Spiritusfabrikant schon vor fnfzehn Jahren nach der Heimat des Freiherrn von
Mnchhausen bersiedelte?
    Ich wute das letztere nicht, da es mich im Grunde auch wenig interessierte;
aber seltsamerweise wute es der Ingenieur und interessierte sich auch sehr
dafr. Seine Kenntnis der heimischen Zustnde war in der Tat berraschend, und,
was mir als das Auffallendste erschien, nichts von allem hatte sich ihm
irgendwie ins Phantastische gezogen, wie das leider bei mir heute der Fall war
und im Jahre achtzehnhundertachtundfnfzig bei dem heutigen alten, fett und
Stadtrat gewordenen Junggesellen Dr. Max Bsenberg.
    Es waren dieselben Geleise, auf denen wir mit dem Eilzuge dahinglitten: ich,
der Biograph der Leute von Schlo Werden, heute, und der Doktor Bsenberg, der
Biograph der Kinder von Finkenrode, damals. Ganz wunderlich sprach der
irisch-deutsche Bauknstler aus seiner Wagenecke darein, nmlich so hell,
unbefangen und vernnftig, da ich kaum ein Wort dazwischenzureden wagte und dem
Stadtrat dankbar war, wenn er das mit schwitzender Gemtlichkeit tat.
    Weshalb ich nicht hufiger an die lieben Angehrigen - das gute Evchen und
den alten Papa schrieb? Weshalb ich ihnen nicht von Tag zu Tag ber mich
Nachricht und Rechenschaft gab? fragte der Ingenieur und jetzige Besitzer von
Schlo Werden. Einfach aus dem nmlichen Grunde, aus welchem die zrtlichsten
Leute es verabsumen, die gewhnlichsten Pflichten der Hflichkeit zu erfllen,
gentlemen. Heute haben sie keine Zeit, und morgen haben sie keine Lust.
Gewissensbisse lassen sich in dieser Hinsicht weit leichter verdauen als die
rgernisse, die an allem hngen, was in der Ferne vordem unsere Behaglichkeit,
unser Plsier und - unsere Hoffnung war. Es qult einen in der Fremde nichts
mehr als das Schnste und Liebste, was man in der Heimat gehabt hat und hat
aufgeben mssen! Habe ich nicht recht, Herr Bsenberg?
    Natrlich! Von Ihrem Standpunkte aus! brummte der Stadtrat und summte
dabei aus Zampa: Wenn ein Mdchen mir gefllt!... Bitte um etwas Feuer,
wenn Ihre Zigarre noch brennt. Ich habe so ein Liedchen von den Zustnden und
Verhltnissen zu Werden singen hren. Bis in unsere Magistratssitzungen drang es
herber nach dem Tode des Alten - ich meine des alten Biedermanns und
bankerotten Dynasten von Schlo Werden. Man wchst dann und wann nicht
ungestraft zusammen auf als Jngling und Jungfrau, wenn man nicht zufllig
Bruder und Schwester ist. Kenne das! Also deshalb haben Sie nicht hufiger nach
Hause geschrieben? Aber fahren Sie nur fort! Das andere interessiert einen nach
den eigensten persnlichen Erlebnissen immer noch, selbst wenn man mehr oder
weniger durch Gunst der Gtter zu den Hchstbesteuerten in seiner Kommune gehrt
und es - zu einer Stellung gebracht hat wie ich.
    Wir waren diesmal mit dem Abendzuge von Berlin abgefahren und fuhren also
auch in die beginnende Nacht hinein wie der Feuilleton-Redakteur des
Chamleons im Jahre achtundfnfzig. Der einzige Unterschied bestand darin, da
es Sommer war und nicht der dreiigste November wie damals. Jenes Buch von den
Kindern von Finkenrode hatte aber seinerzeit, wenigstens in unserer Gegend, und
dieses selbstverstndlich, ein gewisses drolliges, mit Erstaunen vermischtes
Aufsehen gemacht, und die Figuren und Situationen hafteten mir auch heute noch
deutlich genug im Gedchtnisse, um mich ihnen, sowie dem gegenwrtigen Stadtrat
Dr. Max Bsenberg mit vollstem Verstndnis hingeben zu knnen. Was ich dann und
wann aus dem Buche zitiere, schreibe ich freilich, wie das nicht anders sein
kann, nachtrglich ab. Auswendig wute ich es nicht.
    Zu Hause! Jeder aufblitzende Lichtstrahl aus einem Httenfenster auf der
nebeligen Heide erfllte mich mit einem Gefhl der Verdung, der Vereinsamung.
Zu Hause! Wo ist mein Haus? Wo ist meine Heimat?... Mein Blick verlor sich in
dem dichter gewordenen Nebel drauen. Der Zug flog in diesem Augenblick ber ein
altes Schlachtfeld, wo vor langen Jahren um Langvergessenes Tausende und aber
Tausende geblutet hatten. Es schien mir, als ob die wogenden, wallenden
Dunstmassen sich in kmpfende Mnner und Rosse verwandelten zum Kampfe um ein
zerflieendes Nichts. Im wilden, geisterhaften Getmmel drngte sich ein Chaos
phantastischer Gestalten auf beiden Seiten des dahinschieenden Dampfrosses,
zerschellte an den Rdern, ballte sich von neuem, wirbelte von neuem
gespensterhaft durcheinander. Auch ich kam ja aus einer Schlacht, wilder, als je
eine mit Waffen von Stahl und Eisen gekmpft wurde. Wie manchen hatte ich an
meiner Seite fallen sehen, wie manchen hatte ich auf dem Schild mit heraustragen
helfen aus dem Getmmel:

-at socii multo gemitu lacrimisque
Impositum scuto referunt -

Sie schnupfen wirklich nicht, Doktor? fragte der Stadtrat, mir von neuem die
silberne Dose, die jedenfalls auch aus der von ihm beschriebenen Erbschaft des
weiland Onkels Bsenberg zu Finkenrode stammte, anbietend. Sie sollten sich
allgemach das doch auch angewhnen. Ein jeglicher befindet sich auf einmal, ganz
ohne es vorher bemerkt zu haben, in den Jahren, wo er dieses beinahe zu seinen
sthetischen Genssen zhlt. Sie sollten sich wirklich bald gleichfalls eine
Dose zulegen, Doktor Langreuter.
    Nachher holte er, whrend ich - sehr gestrt durch ihn! - immer noch den
Wegen, Geschicken, Erleuchtungen und Verdunkelungen des Lebens nachzusinnen
versuchte, aus einem eleganten und sehr praktischen Reisefutteral verschiedenes
Trinkbare und Ebare hervor, von dem er uns hflich anbot, an welchem jedoch nur
der Ingenieur mit unverhohlenem Wohlbehagen und unverkennbarem Durste sich
beteiligte.
    Nachher sprach er, der Stadtrat:
    Wei der Teufel, ich werde immer sofort schlfrig im Eisenbahnwagen! Und
als der Schaffner die Lampe in unserem Kupee anzndete, tnte bereits sein sehr
gesundes und regelmiges Schnarchen in meine Erinnerungen an sein
liebenswrdiges Buch hinein. Ich gab es auf, mich mit ihm und seinen
jugendlichen schriftstellerischen Leistungen (als noch nicht er, sondern
hchstens Weitenweber schnupfte!) fr jetzt weiterzubeschftigen, und wendete
mich wieder dem Jugendfreunde zu.
    Dieser sa wach in seiner Ecke, hatte das Gesicht gegen das offene Fenster
geneigt, und nur von Zeit zu Zeit fiel der Schein der trben Laterne unter der
Decke darauf hin. Dann gefiel es mir jedesmal sehr und immer besser. Ich hatte
mich nun schon nach und nach in das Wesen des Mannes mit mehr Verstndnis
hineingefunden. An die Trme der versunkenen Julin, wie der schnarchende
Stadtrat voreinst in seinem Buche, dachte er unbedingt nicht; er lchelte zu
heiter und hell dazu in die vorbeifliegende Sommernachtslandschaft hinein; aber
es war doch auch ein lebendiger Ernst in diesem Werdener Irlnder. Er glaubte
sich unbeachtet genug in der Dmmerung, um lngere Zeit auch einmal ein sehr
ernstes Gesicht machen zu drfen, und nimmer hatte ich ein vertrackt unleserlich
Pergament-Manuskript mit grerem Interesse zu entrtseln gesucht wie jetzt im
rtlichen Schein der Wagenlaterne die mnnlich schnen Zge meines
Jugendfreundes.
    Eine Erbschaft, wie die des Onkels Bsenberg dem Redakteur des Chamleons,
war ihm nicht in den Scho gefallen: Ewald Sixtus kam nicht heim wie der Bauer
vom Steinhofe, der Vetter Just Everstein; aber was wir auch an ihm noch in der
nchsten Zeit auf Schlo Werden, im Dorfe, in Bodenwerder, auf dem Steinhofe und
in der Umgegend erleben mochten, ich hatte fr ihn keine Sorge mehr.
    Wissen kann man es ja nicht, was die nchste Stunde bringen wird, und nur
die Narren pflegen das ganz genau vorauszusagen; aber fr diesen gefesteten,
hellen, heiteren Menschen brachte sie nichts, was er nicht im Guten wie im
Schlimmen mit in seine Rechnung gezogen hatte, und das ist immer viel und
bedeutet im Bsen wie im Guten die Hauptsache und Hauptwaffe im bitteren Kampfe
der Verwirrungen dieses verzwickten Daseins auf der Erde.
    Da war die berhmte Festungsstadt, die wir auch diesmal, wie einst der
Doktor Bsenberg, ruhig seitwrts liegenlieen. Keine Jungfrau lie den
gehobenen Schleier wieder sinken in unserem Kupee und schlpfte zierlich aus dem
Wagen. Kein alter, zu einem Taugenichts von Sohne reisender Herr sagte grimmig:
der wird sich wundern! Wir hatten keine Kinder zrtlich harrenden Vtern aus dem
Wagen zuzureichen.
    Wahrhaftig, wieder mal das verdammte Nest! schnurrte der Finkenrodener
Stadtrat, aus dem Schlummer aufgerttelt und verdrielich sich dehnend und die
Augen reibend. Jedesmal, wenn ich hier halte, schwre ich mir zu, da es das
letztemal gewesen sein soll, und - wei der Henker, da sind wir doch wieder! Und
natrlich nicht eine Idee von einem Kellner am ganzen Zuge!...
    Wir fuhren weiter, und es war kurz vor Sonnenaufgang, als der Schaffner, von
neuem die Tr aufreiend, Station Sauingen! schrie. Statt einer an einer
langen Stange schwankenden Laterne glimmte eine ganze Reihe dergleichen den
breiten Bahnsteig und die stattlichen Bahnhofsgebude entlang und in die
rosige Eos hinein. Der Ort hatte sich in den letzten zwanzig Jahren fast nicht
weniger als der Dr. Max Bsenberg verndert. Wenn dieser Stadtrat, so war jener
ein lebendigster Eisenbahnknotenpunkt geworden; und die Bahn nach Finkenrode war
seit mehr denn zehn Jahren ebenfalls weitergebaut worden. Wir erlebten diesmal
nicht die geringsten tragischen und heiteren Abenteuer zum Besten eines
erstaunten Leserkreises in Sauingen als vielleicht das Wort des Biographen der
Kinder von Finkenrode:
    Sollten Sie es fr mglich halten, meine Herren, da ich mich noch immer
nicht anders als mit aufgeklapptem Rockkragen und dem Taschentuche vor der
Physiognomie durch den Ort schleichen darf? Vor einem Jahre hatte man hier eine
Provinzial-Viehausstellung mit Preisverteilung arrangiert, und ich war als
Vertreter unseres Gemeinwesens hergeschickt worden. Ich sage Ihnen, das nchste
Mal lasse ich sicherlich einem anderen die Ehre und das Vergngen. Sie hatten
nichts vergessen! Wohl verkorkt hatten sie ihre ganz Rankne, wie auf Flaschen
gezogen, zur Hand, ein jeglicher von ihnen die seinige bei seinem Teller; und
was das Vergessen meinerseits anbetrifft, so ist es durchaus keine Kunst, den
vergngten Tag, welchen ich damals unter ihnen hinzubringen hatte, in alle
Ewigkeit nicht zu vergessen. Gott sei Dank, diesmal fahren wir mit einem
Aufenthalt von fnf Minuten durch. In einer Stunde sind wir in Finkenrode; ein
wenig bernchtig fhlen wir uns doch alle; ich lade Sie hiermit
freundschaftlichst zum Frhstck. Nachher schlafe ich aus, und nichts hindert
Sie, dasselbe zu tun oder das Dampfschiff stromabwrts nach Mnchhausenburg zu
benutzen. Von Bodenwerder aus werden Sie ja dann wohl schon ohne Fhrer die alte
liebe Heimat erreichen, und wnsche ich viel Plsier dazu. Sollte Ihnen zufllig
daselbst mein guter alter Freund Alexander begegnen, so bitte ich, ihn recht
schn von mir zu gren.
    Die Sonne ging auf. Wir erreichten Finkenrode und frhstckten wirklich
daselbst in dem Hause des weiland Onkels Bsenberg. Mir roch es recht moderig
und unbehaglich drin. Mit welchen modernen Gefhlen, Stimmungen und
Meliorationsintentionen der heutige Inhaber vor zwanzig Jahren hineingezogen
sein mochte und, seinem Buche nach, hineingezogen war: er hatte sich allgemach
geradeso darin verpuppt wie der alte Herr, und er war noch dazu ein recht alter
Junggesell darin geworden. Das Bild der Frau mit dem Kinde auf dem Arme sah
jedoch auf einen ungemein verstndnisreich besetzten Tisch herab. Der Stadtrat
war fett geworden in dem alten Hause und wurde noch immer fetter drin; dies
schien mir so ziemlich der einzige Unterschied gegen die Tage der Vergangenheit
zu sein.
    Da aber ein wohlgemeintes Wort hufig viel mehr Verdru anrichtet als die
berlegteste Bosheit in Wort und Tat, das sollte ich auch jetzt einmal wieder
erfahren.
    Ganz harmlos erkundigte ich mich des nheren nach Weitenweber, und sofort
legte unser gastfreundlicher Wirt Messer und Gabel nieder, blies eine Menge
berflssigen Atems ber die breit vorgesteckte Serviette fort und keuchte:
    Uh, der alte Snder! Auerdem da er behauptete, lngst vor der Entdeckung
des Doktors Schopenhauer durch das deutsche Publikum den Schopenhauerianismus
grndlich weggehabt zu haben, hat er noch viel grndlicher meinen gesamten
Vorrat von Lebensidealismus mit sich hinber nach Berlin in das alte Leben
genommen. Jawohl, das sind die Kerle, die in ihrer Sure und Knochentrockenheit
hundert Jahre lang sich konservieren und dann sich ins Jenseits hinbergrinsen,
whrend unsereiner in seiner - Liebenswrdigkeit - Weichheit - Lyrik - kurz, wie
Sie das nennen wollen - - - na, verderben wir uns den Appetit nicht; und Sie,
lieber Sixtus, sehen Sie nur nicht nach der Uhr - Sie kommen noch frh genug
aufs Schiff. Der Kapitn wartet mit Vergngen auf jeden, der mitwill, und
Hannchen trgt Ihnen die Reisetaschen an den Flu hinunter.
    Hannchen war ein sehr hbsches und ungemein freundliches Hausmdchen des
alten Hauses Bsenberg und nicht ungerechtfertigterweise, wie es schien, ein
groer Liebling des einstigen Feuilleton-Redakteurs des einstigen regnante
Manteuffelio berhmten, oft konfiszierten und weitverbreiteten Blattes:

                                 Das Chamleon

                                Viertes Kapitel


Wir fuhren in einen recht heien Tag hinein, und mir war es wunderlich, gar
wunderlich, so auf einmal wieder auf diesen Wassern zu schwimmen, die ich so
lange nicht zu Gesicht bekommen hatte.
    Der Mann - dieser Herr Stadtrat Bsenberg, hat mir recht gut gefallen,
meinte mein Begleiter oder vielmehr Fhrer. Er besitzt recht gesunde Ansichten
nicht nur ber Nationalkonomie, sondern auch die des Privatmannes. Da er wie
manche andere ein wenig in den Tag hineinschwatzt, mu man ihm hingehen lassen.
brigens kennt er die Gegend aus dem Grunde, und ich werde unbedingt diese
Bekanntschaft nicht kaltwerden lassen; sobald ich daheim nur einigermaen in
Ruhe bin, werde ich ihm nochmals meinen Besuch machen. Und sein Buch mu ich
doch auch mal wieder lesen.
    Hoffentlich findest du noch ein Exemplar in einer Leihbibliothek, lieber
Ewald; und wahrscheinlich werden seine Provinzgenossen dasselbe seit dem Jahre
achtzehnhundertneunundfnfzig durch ihre Randglossen und Fubemerkungen noch um
ein bedeutendes lesenswerter gemacht haben.
    Man trifft doch berall in diesem nrrischen Deutschland - auch wo man es
nicht vermutet - auf recht verstndige, achtungswerte und spahafte Menschen,
schlo der jetzige Besitzer von Schlo Werden diesen Abschnitt unserer
Reiseunterhaltung. Der Doppelkirchturm von Finkenrode verschwand bei einer
Biegung des Flusses hinter einem bewaldeten Hhenzuge; ich aber steckte nun
einmal in den Kindern von Finkenrode, und ich blieb darin stecken, und es
erschien mir doch fast unbegreiflich, da der Verfasser heute sowenig
Verstndnis mehr fr die Wahrheit und Wirklichkeit dessen hatte, was er vordem
niederschrieb. Im Halbtraum mute er geschrieben haben, wie wach und munter er
dann auch spterhin das Ding in den Druck geben mochte!...
    Es ist kein ander Nherkommen, wenn es sich um die langentbehrte,
halbvergessene Heimaterde handelt, dem zu Schiffe zu vergleichen. Nicht die
Fuwanderung und noch viel weniger der Wagen bieten dies freie, leichte
Getragenwerden. Wir wollen uns keine Illusionen machen ber unsere Strke in der
Welt: es ist bei allen Dingen die Mhelosigkeit, die wir zuerst wollen und die
im groen wie im kleinen bei jeglicher Erhebung ber den dahinschleichenden Tag
und die dahingeschlichenen Tage das willkommenste ist. An einen Schiffsrand
gelehnt stehend, einst so vertraute und seit Jahren wie versunkene Bergesgipfel
von neuem auftauchen, wachsen und sie immer deutlicher und immer bekannter sich
in den Gesichtskreis schieben zu sehen: was geht darber?! Und wenn ich vorhin
gesagt habe, da wir erst auf der Reise von unseren Verhltnissen zu der Heimat
und vor allem von denen des Freundes Ewald Sixtus gesprochen htten, so war das
im vollen Sinne des Wortes erst auf diesem Schiffe und nachher auf dem Fuwege
nach Schlo Werden der Fall.
    Lache mich nicht aus, Fritz, murmelte der Irlnder, ich wollte, wir wren
erst acht Tage lter! Du kannst da gleichmtig genug sitzen und die liebe Gegend
nher kommen sehen; aber ich - och faix, woran es eigentlich liegt, kann ich
nicht sagen, aber ich versichere dich, ich fange allmhlich an, Angst zu kriegen
wie ein Schuljunge, der erst die Schule geschwnzt hat und dann noch zu spt zum
Essen kommt. Ich wollte, by Jove, wir htten noch den Stadtrat bei uns, ich
fange an einzusehen, da er noch etwas mehr war als eine bloe Reisezerstreuung.
An diese Stimmung habe ich, wei Gott, in der Fremde nicht gedacht, und ich
glaube, es wre besser gewesen, wenn ich sie mir vom Leibe und aus der Seele
ferngehalten htte! Fritz, ich wei nicht, wie's zugeht, aber ich gbe jetzt
viel fr einen tchtigen Landregen mit obligatem Verkriechen in der Kajte. Das
Wetter ist mir heute zu schn und die alten Berge dort in der Ferne viel zu
blau!... Da ist der Pastor von Dlme, und da der Kirchturm von Pegestorf! - Der
Werder hier im Flu war vor fnfzehn Jahren auch schon vorhanden. O Langreuter,
Langreuter, der Pastor von Dlme! Er schneidet noch dieselbe Sandsteinfratze wie
- zu unserer weit; was ich aber jetzt fr ein Gesicht ziehe, das wei ich nicht
und verlange auch nach keinem Spiegel. Langreuter, ich wollte, die Gegend wre
nicht ganz so sehr dieselbige geblieben! Wie alt mag wohl der Alte geworden
sein?... Und die Eva? Und - - - na ja, und ich habe es auch nicht gewut bis
jetzt, um wieviel ich selber lter geworden bin!... Da sollte man sich doch
wirklich in den grauesten Sumpf vom grnen Erin hineinwnschen bis an den Hals.
O Fritz, Fritze, oh - Fritz Langreuter, der Tag ist mir heute zu schn, und die
Nachtfahrt und die angenehme Unterhaltung, das Frhstck des Stadtrats Bsenberg
sind wahrhaftig nicht allein schuld daran. Oh, der Vetter Just vom Steinhofe! Du
brauchst es ihm weiter nicht auf die Nase zu binden, Fritz; aber ich wollte -
    Er brach ab, schttelte den Kopf und sagte es nicht, was er in betreff des
Vetters Just und seiner selbst jetzt lieber anders gewnscht htte. Nur mit Mhe
gewann er das alte drollige Zucken um die Mundwinkel noch einmal wieder, als ich
ihn fragte: Sie wissen es doch wenigstens, da du in diesen Tagen nach Hause
zurckkehrst? und er mir die Antwort schuldig bleiben zu wollen schien.
    Sie wissen es nicht, Ewald? Und sie wissen auch nicht, da du heute der
Herr von Schlo Werden bist?!...
    Alle alte Knabenkomik und Verschmitztheit verschwand aus den wirklich
hbschen und doch zugleich mannhaften Zgen des Ingenieurs:
    ..Wei Gott, da ist Rhle und sieht auch noch geradeso aus als damals, wo
wir hier die Welt allein zu haben glaubten! Ja, es ist ein dummer Jugendstreich!
Meine Flegeljahre haben sich aber nur ein paar Lustren weiter erstreckt als die
anderer Leute, und ich habe das nur bis in diese Stunde hinein nicht gewut. Bis
heute bin ich wie diese nette Gegend der nmliche geblieben, und nun kommt es
mir auf einmal vor, als ob von heute an meine Bue darber recht nachdrcklich
ihren Anfang nehmen knne. O Fritz, ich glaube, da ich, trotzdem da ich Schlo
Werden fr - euch alle wiedergewonnen habe, doch nur wenig Dank dafr zu
erwarten habe und - ganz mit Recht!... Ob sie zu Hause - ob - ob Irene - ob sie
alle ber alles genau Bescheid wissen, ist wohl gleichgltig. Ganz mit Recht
werden sie verschnupft sein, und ich wollte jetzt, ich htte etwas Besseres und
anderes getan, als die alten Jugendwitze noch einmal und im vergrerten
Mastabe zu wiederholen! Ja, und du hast es selbstverstndlich sofort
herausgerochen, alter Verstandesmensch! Es gehrte meiner Meinung nach in
Belfast dazu, da ich nur mit meinem Advokaten in Bodenwerder und niemand sonst
ber das Geschft korrespondierte. Wieviel von der Affre dessenungeachtet unter
die Leute durchgesickert ist, kann ich natrlich nicht wissen, aber ich ahne
jetzt, es ist genug gewesen, um mir den Empfang nach allen Seiten hin zu
gesegnen. Och honey, wie sieht sich das alles von der Fremde aus so ganz anders
an! Da hatten wir mal in Dublin einen verrckten jungen Kerl aus einer
wohlhabenden Kaufmannsfamilie, der fhrte seinen Papa, um ihm eine
Geburtstagsfreude zu machen, eines Morgens ans Fenster und sagte: Sieh mal,
lieber Vater, da habe ich dir einen Elefanten gekauft! Och, Freddy, Freddy, das
Gesicht des alten Baumwollenimporteurs Mr. Maloney senior pat ganz und gar in
meine dermalige gemtliche Stimmung. Ich bin auch in diesem Moment durchaus
nicht mehr darber im klaren, was ich eigentlich gekauft habe, um meinen
Angehrigen und - Irene - Everstein - eine - Freude zu machen! Was sollen sie
auf dem Frsterhofe mit meinem Elefanten anfangen, und wie - wie wird - Irene
Everstein darber denken?
    Da war es freilich schwer, das rechte Wort der Lsung fr diese nur dem
alleruersten Anschein nach sehr einfachen Lebenswirren zu finden und
dreinzugeben. Was ich erwidern konnte, war alles nichts weiter als guter Rat,
der vorher htte gegeben werden mssen und dann sicherlich nicht angenommen
worden wre. So berlie ich es denn den khlen Wassern, die uns trugen, und den
kochenden, welche die Rder, Hebel und Schaufeln in Bewegung erhielten, uns der
Lsung, das heit der Heimat und den Gesichtern, die die Leute dort ber uns
machten nher zu fhren. An das Mheloseste wendet sich der Mensch auch in allen
groen und kleinen Krisen des Daseins am liebsten, also nicht blo im Glck und
auf der Fahrt durch die Sommertage des Lebens.
    Und jeder Augenblick brachte uns tiefer in die uns so bekannte und so sehr
aus dem Gedchtnis geratene Jugendwelt hinein. Bei jeder Biegung des Flusses
verflchtigte sich der Schleier, den die Jahre uns ber die Augen gelegt hatten,
mehr und mehr. Gewinn und Verlust des Lebens wurden von Minute zu Minute
deutlicher, aber stiller und friedlicher wurde es leider nicht darum in uns.
    Ich wollte, ich hiee von Mnchhausen oder liefe schon gedruckt in der Welt
herum wie der Stadtrat Bsenberg aus Finkenrode! brummte der jetzige Herr von
Schlo Werden. Aber bis nach Bodenwerder bleiben wir nicht auf diesem
verdammten Teekesselkahn, Fritz Langreuter. Das wre die Hhe, wenn ich daselbst
zuerst auf meinen Rechtsmandatar stiee und an seiner Hand in das alte, brave
Vaterhaus zurckzuwandeln htte. Bei der nchsten Haltestelle steigen wir aus
und schlagen uns zu Fue ber die Berge und durch den Wald. Uh, htte ich mir
doch dies heutige Einschleichen hinter den Bschen weg vor drei Jahren schon so
deutlich ausgemalt wie jetzt, so wre es mir sicherlich besser zumute. Se das
Mdchen - ich meine die gndige Frau - o Gott, se die Irene nicht bei dem
Vetter Just - - bei den unsterblichen Gttern, ich schliche mich zuerst zu dem
Vetter Just Everstein und liee ihn einen Boten mit der Meldung nach Werden
schicken, da - ich - wieder da - sei! Der Peter in der Fremde mit seinen
Dachkammer und Taubenschlaggefhlen ist in diesem Moment ein wahrer Weltumsegler
gegen mich! Deine Gefhle sind aber natrlich ja ganz andere, also geniere dich
nur nicht meinetwegen, Bruder. Fahre du dreist weiter nach Bodenwerder, gre
daselbst, nimm einen Wagen und komm ruhig und behaglich nach Werden. Ich aber
gehe.
    Ich ging auch.
    Es war ein eigentmliches Gefhl, wieder den Kies des Fluufers unter den
Fen zu spren. Das Dampfschiff drehte sich ab, und wir nahmen unseren Weg
rechts in die Berge hinein. Zwei gute Stunden hatten wir vor uns, ehe wir Schlo
Werden erreichen konnten; aber niemals sind mir zwei ziemlich beschwerliche
Wegestunden so kurz vorgekommen wie diese. Und wir redeten wenig miteinander auf
dieser Wanderung.
    Das ist eine kuriose Melodie, welche du da pfeifst, Ewald.
    Rocky Road to Dublin! Jeder illegante blinde Fiedler greift sie im Schlaf
bei uns, und sie pat mir ganz fr diesen Marsch, Fritz. Melancholisch und
spahaft! Was? Wer zuerst von uns die alten Trme aus dem Busch aufragen sieht,
hlt das Maul, aber stt dem Gevatter den Ellenbogen in die Rippen... Und sie
sitzt also heute bei dem Vetter Just auf dem Steinhofe. Hoffentlich im khlen
Schatten! Und wir - wir schwitzen hier!... O Fritz, ich will es nur gestehen,
ich habe an mehr als einem heien Tage in der Fremde an das bse liebe Mdchen
gedacht und mir dies Nach-Hause-Kommen zur Khlung ausgemalt. Der Teufel hole
alle solche Malereien! Der ist selber ein Pinsel, der da meint, nur guter Wille
gehre dazu, den rechten Ton zu treffen.
    Die arme Frau! murmelte ich, und der Herr von Schlo Werden sagte grimmig
vor sich hin:
    Jawohl, die arme Frau! Und ich wollte noch mal, da es erst heute bers
Jahr wre und wir alle mglichst in Ruhe!
    Ich will von dem Wege nichts weiter sagen. Wir erlebten alle Abenteuer
darauf in unserer Seele. Gegen Abend, als jedoch die Sonne immer noch ziemlich
hoch ber den Hgeln im Westen, dem Steinhofe zu, stand, sahen wir die grauen
Ecktrme unseres verzauberten, das heit uns angezauberten Schlosses ber die
Linden und Kastanien aufragen. Und zehn Minuten oder eine Viertelstunde spter
standen wir - vor einer Mauer, die wir nicht kannten; vor einer hohen,
nchternen Mauer, die zu unserer Zeit noch nicht vorhanden gewesen war.
    Bin ich im Traum, oder haben wir uns verlaufen, und sind das dort gar nicht
unser Dach und unsere Giebel? murmelte der Ingenieur, mich ansehend.
    Schlo Werden ist es wohl noch, seufzte ich, aber, Ewald, andere Leute
sind doch recht lange Herren hier gewesen und haben sich nach ihrem Gefallen
eingerichtet. Wer htte es berhaupt vorausgesehen, da wir noch einmal
wiederkommen wrden?
    Alle Wetter, und die verdammte Landstrae! rief der Irlnder erbost. O
die Schufte! Hier lief ja der Graben an der grnen Hecke! Und dort hingen unsere
Nester in der blauen Luft und in den grnen Zweigen! Alles ruiniert! Alles
glattgestampft!... Und wie wird es erst jenseits dieser Mauer aussehen? O Fritz,
Fritz, wre es nicht wiederum zu dumm, so tte ich noch mal, als ginge mich die
ganze Geschichte nicht das geringste an. O meine - arme Irene! Das ist mehr als
ein Symbol, diese gottverfluchte, nichtswrdige Mauer! Das ist die Wirklichkeit!
Das ist, wie es ist, und ich habe es mir in meiner Albernheit und in der Fremde
nur etwas anders zurechtphantasiert. So ist es, wie es ist, und ich wollte - ich
se in diesem angenehmen Moment auf Bloody Foreland Point und spuckte in den
Atlantischen Ozean, statt hier an dieser Mauer mit dir zu stehen und Maulaffen
feilzuhaben!
    Das war so herausgestoen und fr jeden anderen Menschen als fr mich und
vielleicht Irene von Everstein vllig unverstndlich; ich aber verstand diesen,
in diesem Augenblick des vollkommensten Gelingens seiner hartnckigen
Lebensarbeit ber sich so zornigen Mann und die energische Falte zwischen seinen
Brauen vollkommen. Zu sagen wute ich jedoch jetzt auch weiter nichts als mit
einem Stoseufzer:
    O Sixtus, weshalb sind wir nicht in Korrespondenz miteinander geblieben?
    Ich habe mein Leben auf die Lust am Leben gestellt - auf den Spa -, du
weit es ja, Fritz. Htte ich mich auch schriftlich oder gar durch den Druck als
ein Esel manifestieren knnen, so gebe ich dir hiermit mein Wort darauf, da ich
es sicherlich getan htte. Wieviel Ernst hinter dem Narrentum im Versteck lag,
das magst du dir nunmehr selber zusammenkalkulieren. Und - Irene ist auch schuld
daran gewesen. Fritz Langreuter, wir, das heit sie und ich, haben vielleicht
nur zu gut zueinander gepat! Ein wenig weniger gut wre wahrscheinlich besser
gewesen, und ich stnde dann nicht so da vor - dieser gottverdammten Mauer und -
htte so groe Angst vor ihr, nmlich vor ihr - der Frau auf dem Steinhofe unter
der Obhut des Vetters Just Everstein! Alle Wetter, wenn es dem Burschen so
ausgezeichnet gut drben in Amerika erging, so htte er meinetwegen ruhig dort
bleiben knnen. Du meinst, da ihm dazu zuviel an seinem Steinhofe gelegen
gewesen sei? O Fritz, ich wei es - mir ist an diesem vertrackten Schlo Werden
hinter dieser heillosen Mauer doch noch mehr gelegen gewesen, und ich habe auch
darum gearbeitet und - der Kerl imponiert mir gar nicht, und ich wollte, Irene
die Frau Baronin se im Pfefferlande, aber nicht bei ihm! Und jetzt, alter
Freund, la uns versuchen, um diese Mauer herum ein Loch zum Durchschlpfen nach
Schlo Werden zu gewinnen. Ich ziehe nicht ein in das alte Nest wie der liebe
Vetter Just auf dem Steinhofe. Das ist eine Tatsache, da das, was man erreicht
hat, es nie tut! - - -
    Wahrlich, ich hatte meine Vaterstadt Finkenrode erreicht, nicht mit den
Gefhlen eines Olympiasiegers, nicht mit den Gefhlen eines Heimwehkranken, aber
doch mit recht anstndigen, stichhaltigen, naturgemen Gefhlen, welche von
einem nicht allzu verhrteten und gleichgltig gewordenen Gemte zeugten,
lautet eine Stelle in dem Buche des Finkenrodener Stadtrats Dr. Max Bsenberg,
und es ist mir nicht unlieb, da ich mich ihrer erinnere, um sie an dieser
Stelle zitieren zu knnen.

                                Fnftes Kapitel


Wie wir diese heie Mauer entlanggingen, die sich jetzt da hinzog, wo frher
unsere grne Hecke unser Mrchenreich umschlo, ohne die unermeliche brige
Welt auszuschlieen, kam mir ein Gedanke. Nmlich, da es Leute, die in allen
Dingen, groen und kleinen, auf der Stelle Partei nehmen, die Hlle und Flle
gibt, da aber der Leute, die im wahren Sinne des Wortes neutral zu bleiben
vermgen, sehr wenige sind und da drittens die Namen und Adressen der letzteren
berall, mit goldenen Lettern in ein besonderes Buch eingetragen, zum eiligsten
ffentlichen Nachschlagen aufzulegen seien. Ich, der ich im Grunde heute so sehr
Partei war, gewann aus dieser Mauer melancholisch die nicht mehr umzustoende
berzeugung, da mir sowohl in Schlo und Dorf Werden wie auch vor allen Dingen
auf dem Steinhofe nichts mehr briggeblieben sei, als mich vollkommen neutral zu
verhalten.
    Das hatte ich gewonnen! Ich, dem die Mhe, etwas Verlorenes
wiederzugewinnen, erspart worden war, oder besser, der selber sie sich erspart
hatte.
    Am sichersten wre es vielleicht doch gewesen, wenn wir unseren Advokaten
von Bodenwerder abgeholt htten, um mit seiner Hlfe den Eingang in Schlo
Werden zu finden, brummte Ewald. Nun, gottlob, hier haben sie wenigstens ein
Loch gelassen, und sind wir somit drin und - zu Hause angekommen. Begorra, eine
schne Wirtschaft scheint das gewesen zu sein! Meiner Treu, als ich von der
Fremde aus die Katze im Sacke kaufte, habe ich doch keine Ahnung davon gehabt,
wie ruppig das Vieh sich bei der Okularinspektion ausweisen wrde. Sieh nur hin,
Langreuter, wie die Halunken gehaust haben! Und ich gebe dir mein Wort darauf,
Fritz, da ich lngere Zeit hindurch in der festen berzeugung gelebt habe, ich
htte das alte Haus und seinen Zubehr zu billig erstanden! Oh, oh, oh!
    Ich konnte auch nichts weiter tun, als in die Seufzer des Freundes betrbt
einzustimmen. Kahl und verwildert lag der frher so stattlich schne Park
innerhalb der neuen Mauer vor uns da. Die Alleen waren niedergeschlagen worden,
die Gebsche ausgereutet. Nur um das Schlo selbst standen noch einige der
ltesten Bume aufrecht und hatten uns von ferne die Tuschung gegeben, da das
alte adelige Haus Werden noch aus dem alten vollen Grn aufrage. Es war nichts
als eine Fata Morgana gewesen, die aus der fernen Jugendzeit in die schwle
Gegenwart herberfiel. Die jngsten Besitzer hatten auf Schlo Werden nur einen
Raubhau in jeglicher Hinsicht betrieben und waren zugrunde darauf gegangen in
der Sonne wie - der Herr Graf in dem vornehmen Schatten seiner hundertjhrigen
Linden und Kastanien.
    Da stehen wir! sagte der irlndische Ingenieur grimmig. Wenn es dir
beliebt, so knnen wir auch weitergehen oder umkehren. Das letztere wre mir
vielleicht in diesem Augenblick das liebste.
    Du willst doch wohl nicht jetzt den Mut verlieren?
    Den Mut wohl nicht, lieber Freund, wohl aber die Lust, meine Rolle
weiterzuspielen. Momentan ist mir meine Devilmay-care-Stimmung grndlich
ausgetrieben, und ich sehe nach keiner Weltgegend mehr hin die Gelegenheit, mir
durch einen mehr oder weniger fragwrdigen Witz aus der Patsche zu helfen. Ich
sage dir, ich fhle mich in dieser Minute mindestens um ein Jahrhundert lter
als der alte Kasten dort hinter den Kartoffelfeldern, das Haus Werden mit seinen
sicherlich zersprungenen und eingeschlagenen Fensterscheiben, seinem Schwamm im
Parterre und seinem Wurmfra im oberen Stock. Ach, Fritz, es ist doch wohl gut,
da Irene Everstein auf dem Steinhofe wohl aufgehoben ist; und ich - ich htte
besser getan, wenn ich frs erste Schlo Werden htte links oder rechts liegen
lassen und den alten Mann in dem Dorfe und dem Frsterhause um seine Ansicht von
der Sache gefragt htte! Was dich anbetrifft, liebster Langreuter, so wird es
mir immer klarer, da du mir kaum von Nutzen bei dieser milichen Geschichte
sein wirst. Nimm mir das nicht bel.
    Ich hatte wahrlich keine Ursache, hier irgend etwas belzunehmen. Der Freund
hatte nur zu sehr recht. Mehr sogar, als er selber zu ahnen imstande war.
    Ein altes Weib, das mit einer Sichel in der Hand einige Schritte weiter
vorwrts sich aus dem Kraut und Unkraut aufrichtete und dem wir, wie es schien,
einen gelinden Schrecken einjagten, gab unseren trbsinnigen Gedankenlufen,
wenigstens fr einen Augenblick, eine gelegene Ablenkung. Es war sicherlich eine
gute Bekannte unserer Jugendjahre; aber wir waren allesamt lter geworden und
kannten uns nicht mehr.
    Das kmmerliche Mtterchen zog rasch und ngstlich eine hoch mit Grnfutter
vollgestopfte Kiepe zu sich heran und hatte unbedingt die grte Lust, ohne sich
weiter auf Gru, Gegengru und freundschaftliche Unterhaltung einzulassen,
Reiaus zu nehmen; aber -
    Halt, Mutter! Hiergeblieben, Mrs. Ragtail! Nur auf ein Wort, Mtterchen!
rief der Herr von Schlo Werden. Gehren Wir zu dem Dorfe oder dort in das
graue Haus - Schlo Wackelburg, oder wie es heit!?
    Schlo Werden, liebster Herr! Das ist das Schlo. Ach, Jeses, liebste,
beste Herren, nur ein bichen Grnes fr die Ziege und fnf lebendige
Enkelkinder; es wchst ja alles hier rundum doch nur dem armen Volke und lieben
Herrgott in die Hand -
    Richtig, Mutter! Mich aber soll der Teufel holen, wenn ich Ihr nicht alles
gnne, brummte Ewald Sixtus und fgte gegen mich gerichtet hinzu: Htte ich
doch nur dasselbe Recht an den Nachla und die Erbschaft hier! Und wieder der
alten Frau sich zuwendend: Es kommen wohl manche aus dem Dorfe, um da herum
das, was dem lieben Herrgott in und aus der Hand wchst und was auch in Hof und
Stall nicht zu niet- und nagelfest ist, abzuholen, he?
    O du guter Himmel, liebster Herr, ich habe ja gar nichts gesagt, winselte
die Alte. Fnf lebendige Enkelkinder, und mein Junge, der Vater dazu, ist zu
Schaden und Tode gekommen in Koldeweys Steinbruche, und die Mutter hat die
Lungensucht mitgenommen, und ich bin mit den fnf Wrmern allein brig. Nur ein
bichen Kraut fr die Ziege; denn das Jngste ist erst dreiviertel Jahre alt,
und ich bin an die Sechzig nahe heran. Und sie kommen alle, denn es ist ja kein
Herr und Meister da seit Jahren, und der Herr Notar in Bodenwerder, der die
Verwaltung hat, kann doch nicht immer dasein und nach dem Rechten sehen, Und
wenn Sie auch zu dem Herrn Advokaten aus Bodenwerder gehren und mich vor
Gericht ziehen wollen, so habe ich doch nichts gesagt, und den hochseligen Herrn
Grafen habe ich auch noch gekannt, und das war ein guter Mensch, so vornehm er
war; und ich habe auch zu seinen Zeiten schon das Gras an den Hecken schneiden
drfen, und aus dem vornehmen Schlo hab ich mir keinen Nagel aus der Wand
geholt. Und die gndige Grfin, die jetzt bei dem - dem Herrn Vetter Just - dem
Herrn Everstein auf dem Steinhofe wohnt und der es auch so schlimm in der bsen
Welt ergangen ist, wie man sagt, ja, die habe ich als ich noch eine junge Frau
war, aus dem Dorfbache aufgehoben und na wie eine Katze auf meinem Arme nach
Hause getragen, und da war damals die Madam - die gute Frau - die Frau
Steuerkontrolleurin auf dem Schlo, die hat das Kind mir abgenommen und mir zehn
Groschen gegeben. Der Junge aus dem Frsterhause - unserm Frster Sixtus sein
Junge - hatte die gndigste junge Komtesse in den Bach gestoen. Sie sagen, dem
soll jetzt das ganze Schlo und alles gehren; aber es will keiner im Dorfe so
recht daran glauben. Wenn er aber heute wiederkme und alles htte sich
ungelogen so geschickt, wie die Leute lgen, und er wre der Herr, so brauchte
auch er mit der Witwe Warneke nicht um eine Kiepe voll Ziegenfutter aus der
Wstenei hier herum ins Gerichte zu gehen; denn dazu ist er viel zu gut Freund
mit meinem alten Seligen gewesen, und der htte oft klger sein sollen als der
dumme tolle Junge aus der Frsterei. Da ist der lieben Frau Langreuter ihrer
ganz anders gewesen und sittsamer; aber sie sagen, der hat es auch dicke hinter
den Ohren gehabt und ist ein Professor geworden und wohnt jetzt, was man nennt,
in Berlin. Ja, so werden aus Kindern Leute, und ich habe es als junge Frau auch
nicht gedacht, da ich als alte Frau mal fnf Enkelkinder mit Tagelhnerarbeit
und Hunger und Kummer groziehen mte. Aber die Herren lassen mich da
schwatzen, und ich stehe da auch und schwatze, als wre ich wie von oben her und
vom Pfnder drangekriegt, und - - o du meine Gte - O liebster Himmel - jetzt
falle ich um! Das sind Sie!... Das sind Sie ja selber, der kleine Fritz und der
- Herr Ewald! Und so gewachsen! Solche Herren! Und wirklich noch im lebendigen
Leben! Und wie wird sich der alte Herr Vater und die Schwester freuen, Herr
Sixtus. Und die Schwester - ich meine Frulein Eva, hat noch immer nicht
gefreit. Jedermann im Dorfe wundert sich darber -
    Der Ingenieur hielt die Alte am Oberarm und fing an, sie zu schtteln, um
dem berma der Gefhlsuerungen ein Ende zu machen. Das Hereinsprechen in den
Schrecken, die Verwunderung und die zitternde Hast, sich angenehm zu machen,
half zu gar nichts weiter, als da sich gar noch das helle Schluchzen und
Schlucken in den Redeschwall mischte -
    Herr, mach ein Ende! sthnte fast ebenso erregt wie das graue Weiblein der
Werdener Irlnder. Alle Hagel, da ist ja ganz das Ende weg! Witwe Warneke,
honey, liebstes, bestes altes Mdchen, ja, wir sind wieder da, und es ist mir im
hchsten Grade erfreulich, da Sie die erste ist, die mir hier auf meinem Grund
und Boden - wei Sie was? Sie kriegt einen Taler von mir, wenn Sie jetzt auch
mich und den Herrn Doktor Langreuter hier auf eine halbe Minute zu Worte kommen
lt!
    Die Alte duckte sich. Sie sa nieder neben ihrer Tragkiepe im Kraut und
Unkraut des Parkes von Schlo Werden. Sie starrte zu uns empor von einem zum
anderen:
    Ach Gott, ach Gott, ist das eine Freude! Und wie werden sich der Herr Vater
und Frulein Eva und die gndigste Grfin auf dem Steinhofe freuen! Das Futter
aber haben sie sich alle im Dorfe hier im Schlogarten geholt, seit keine
Herrschaft dagewesen ist. Und der Herr Graf soll sich nur des Nachts ums Schlo
herum und da in dem Gange, wo zu seiner Zeit die dicken Lindenbume standen,
haben sehen lassen!
    Wohnt denn niemand mehr in dem Hause da? fragte ich zgernd und beklommen.
    Wer sollte denn da wohnen? Seit fnf Jahren hat es ja keinen richtigen
Herrn mehr gehabt, sondern ist nur immer auf dem Papier weitergegeben. Aber vor
vierzehn Tagen ist die alte franzsische Mamsell - von des Herrn Grafen Seligen
Zeiten her -, die Mamsell Martin mal vom Steinhofe rbergekommen und ist
drumherumgegangen und hat in die Fenster gesehen - bei Tage, nicht zur Nacht-
und zur Spukezeit - und hat geweint.
    Und meine Schwester? fragte Ewald Sixtus, und die Witwe Warneke sah sehr
verwundert von neuem scheu ihn an.
    Jawohl, Frulein Eva ist mit ihr gewesen und hat mit ihr nachher lange auf
einer der Steinbnke gesessen. Das halbe Dorf aber hat nur von ferne zugesehen;
wir haben das franzsische Parlieren der alten franzsischen Mamsell ja doch
niemalen recht verstanden.
    In meinem ganzen Leben ist mir die rote Abendsonne, wie sie jetzt hier
rundum auf allem und vor allem dort auf den Mauern und Fenstern liegt, nicht so
spukhaft und gespensterhaft de und schwl vorgekommen wie jetzt, Fritz, sagte
der neue Herr von Schlo Werden, jetzt meinen Arm fassend und mich schttelnd.
Es ist mir wie ein Traum, da ich den Besitztitel vermittelst der Mathematik
und der Arithmetik bei hellem, nchternem Mittage und klar und khl
nchtlicherweile ber dem Reibrett und dazu vermittelst des Londoner
Patentamtes erworben habe. Witwe Warneke, wer hat den Schlssel von Schlo
Werden?
    Genau kann ich das wohl nicht sagen; aber der Vorsteher wird es ja wissen,
Herr E - ach, ich wei ja auch gar nicht einmal, wie ich Sie jetzt anreden und
betitulieren soll, und bitte, es nicht belzunehmen. Aber im Gartensaale ist ein
Fensterflgel herausgefallen und mit Latten vernagelt. Aber die haben die
Jungens und der Wind bald wieder lose gemacht, und -
    So ist eigentlich eine Tr und ein Schlssel dazu die letzten Jahre
hindurch fr das Dorf Werden ziemlich berflssig gewesen, brummte der
Ingenieur. Viel besser als hier herum im Garten sieht es drinnen im Hause wohl
nicht aus, old girl?
    Die Alte hob nur sthnend und ngstlich die Hnde:
    Herre, Herr, fr mein Teil will ich es vor jedem Gerichte beschwren -
    Was meinst du, Fritz, sollen wir gleichfalls durch das Saalfenster Besitz
von dem nehmen, was noch brauchbar von Schlo Werden ist? Zu dem Dorfe gehre
ich doch auch und taxiere mich um kein Haarbreit besser als das brige saubere
Gesindel! O Irene, Irene, meine schne, stolze, wilde Irene!... Und der Herr
Graf hat sich um Mitternacht dort auf der Vortreppe blicken lassen! Mademoiselle
Martin hatte es verhltnismig noch gut. Sie konnte sich dreist hinsetzen und
ihre Trnen flieen lassen, ohne sich lcherlich zu machen. Das ist ja rein zum
Verrcktwerden! Sage es dreist heraus, Langreuter, wenn dir zur Stunde mein
Eigentumsrecht hier beneidenswert, wnschenswert und solcher bitterschweren
Lebensarbeit wert erscheint. Ich berlasse dir mit Vergngen Kaufbrief, Gefhle,
Stimmungen und - wollte - wollte - ja, was wollte ich denn?! Witwe Warneke, sehe
Sie mich mal ganz genau an, wenn Sie einen richtigen Spuk sehen will. Ich komme
als verhexter Mann aus der Fremde und gehe am hellen Tage um Schlo Werden und
durch Dorf Werden als Gespenst um. Frage Sie nur die Leute im Frsterhause und
die - Frau auf dem Steinhofe und - den Vetter Just.
    Ach Jeses, Herr Ewald, ich kann Sie ja wirklich nicht so sprechen hren;
und die anderen werden es auch nicht knnen! sagte das alte Weibchen mit
zitternd gefalteten Hnden und sprach damit ein braves, aber wenig trstliches
Wort.

                                Sechstes Kapitel


Ohne den Schlssel vom Vorsteher zu holen, gingen wir jetzt im letzten Scheine
der Abendsonne um das Schlo Werden herum: Ewald Sixtus, ich und die Witwe
Warneke, letztere mit ihrer hochbepackten Kiepe auf dem vom Alter gekrmmten
Buckel. Wir zwei anderen aber trugen freilich die schwerere Last.
    Das schne, rote Sonnenuntergangslicht spiegelte sich doch noch auf der
westlichen Seite des alten, einst so stattlichen Herrensitzes in den
erblindeten, zersprungenen Scheiben des Oberstockes. Und wir sahen ebenso scheu
zu den Fenstern von Schlo Werden empor wie das Volk aus dem Dorfe, wenn es
seine verstohlenen Wege hierher fhrten und ehe es in die mit losen Latten
verschlagene ffnung stieg und Furcht hatte - vor dem seligen Herrn Grafen.
    Wie hie doch der sonderbare alte Herr in dem sonderbaren Buche des
Stadtrats Bsenberg in Finkenrode - der verrckte Musikant, der in ebendem
Finkenrode, wo der Doktor Max Stadtrat geworden war, das Ideal, seine
verzauberte Prinzessin, suchte? Mir fehlt die Lust und die Zeit, in dem Buche
nachzuschlagen, der Name tut auch wohl nichts zur Sache; aber die Sache selber
wirft mir jetzt einen melancholischen, in seiner Wahrheit wehmtigen Schimmer
ber meine Geschichtserzhlung: wir tuschen uns nur, wenn wir glauben, andere
Pfade zu gehen und zu anderen Zielen zu gelangen als andere Menschenkinder.
    Der starke Mann mit dem schnen mnnlichen Gesicht und den klugen Augen,
aber auch mit den Zhnen auf der Unterlippe und der Falte zwischen den
Augenbrauen, mein armer Jugendfreund, stand in diesem Moment vor seinem schwer
errungenen Besitz und wute seine verzauberte Prinzessin ebensowenig zu finden
wie der nrrische Geiger die seinige unter den Spiebrgern, wohlmeinenden guten
Bekannten und den Zigeunern der wackeren Stadt Finkenrode. Die erblindeten
Scheiben des Schlosses Werden konnten ihm nur seine eigenen grimmig-ratlosen
Mienen widerspiegeln, und er wendete sich, zuckte die Achseln und sagte:
    Dieses ntzt zu nichts, lieber Freund. Da hat Sie einen Taler, Witwe
Warneke, alte Freundin, damit doch ein Mensch aus der gegenwrtigen Minute sein
Vergngen zieht. Und nun schere Sie sich nach Hause und breite es mit
mglichster Raschheit im Dorfe aus: der tolle dumme Junge, der Monsieur Ewald
aus der Frsterei, sei aus der Fremde heute heimgekommen, sei der Herr von
Schlo Werden und habe sich soeben sein Besitztum - von auen besehen. Was uns
beide anbetrifft, Fritz, so gehen wir auch wohl weiter, aber etwas langsamer.
Was wrde ich darum geben, wenn ich jetzt eine bekannte haarige, braune, brave
Faust am Kragen fhlte und dazu das alte bekannte Wort vernhme: Auf der Stelle
scherst du dich jetzo nach Hause, du Lmmel; dir werde ich sofort wieder mal
zeigen, wie der Papst Sixtus der Fnfte an dir gehandelt htte, wenn du sein
Junge gewesen wrest, du heilloser Herumtreiber und Taugenichts, du!
    War auf der einen Seite eine neue Mauer um den frheren Park des Schlosses
gezogen, so fanden sich an anderen Stellen niedergetretene und durchbrochene
Hecken genug, durch welche man den Ausgang nehmen mochte.
    Noch zog sich ziemlich in der alten Weise der Weg gegen das Dorf und die am
Eingang desselben gelegene Frsterei hin.
    Die Witwe hatte sich das Wort Ewalds nicht zum zweitenmal sagen lassen. Sie
bog auf einem Seitenpfade zur Linken ab und war trotz ihres Alters in einem
kurzen, keuchenden Trabe uns bald entschwunden, um die Nachricht von einem ihrer
hauptschlichsten Lebenserlebnisse im Dorfe zu verbreiten und ihren Taler als
Wahrzeichen im Kreise herumzuweisen. Wir beide standen vor den Hoftorpfosten des
Frsterhauses, und der Besitzer von Schlo Werden nahm den Hut ab, fuhr mit dem
Taschentuche ber die Stirn und sagte:
    Es ist doch ein merkwrdig schwler Sommer.
    Da lag in der Abenddmmerung und der Dmmerung der weitstigen Rstern das
gute Heimathaus. Nur die Bume wachsen, nicht aber das, was der Mensch erbaut.
Letzteres scheint stets niedriger, enger geworden zu sein, wenn man es nach
lngerer Abwesenheit wiedererblickt. Und man braucht dazu es gar nicht als Kind
verlassen zu haben. Auch der Erwachsene geht fort und lt genau bekannte
Sttten hinter sich, und wenn er wiederkehrt, so wundert er sich. Er berhrt
noch wie frher mit ausgestreckter Hand die Decke ber seinem Kopfe; aber die
Balken haben sich doch gesenkt, die Wnde haben sich doch zusammengezogen. Aber
der Wert der Dinge steigt und dehnt sich fr den wahren Menschen gerade dann im
umgekehrten Verhltnis. Welcher melodische Lrm geht ber das klimpernde Getn,
welches das alte Klavier in seiner Ecke aus seinem eschenen Gehuse von sich
gibt? Wir dachten auf dem Heimwege ber Land und See daran und hatten Lust, uns
in alter Weise lustig darber zu machen, und wir haben in keinem Konzertsaale
der Welt Laute vernommen, die uns so an das Herz griffen wie das schrille
Klingen dieser Saiten, ber die wir endlich, endlich wieder einmal mit den
zitternden Fingern greifen drfen.
    Von Verfall, Moder und Ruin soll hier aber nicht die Rede sein. Wie ein
behaglicher Greis im Grovaterstuhl rutscht so ein Haus in sich zusammen und
lt allem jungen Pfosten-, Sparren und Balkenwerk, allem neumodischen Zement
und Asphalt rundum gern sein Wesen. Es kndigt keinem Heimchen unter der
Schwelle, hinter dem Kachelofen und am Kchenherde oder setzt ihm die Miete in
die Hhe. Die Heimchen wohnen sicher bei ihm und warm und wissen's auch und
singen sein Lob, und - ihr Gesang verndert sich uns nie, wir mgen nach Hause
kommen, wann wir wollen, frh oder spt, nach einem Tage oder nach einem halben
Jahrhundert. Der wchst nicht wie die Bume, er rttelt sich nicht in sich
zusammen wie die Dcher und die Mauern: er ist derselbe immerdar - Gott sei
Dank!
    Wir standen und hrten durch die Abendstille die Heimchen von dem braunen,
im Schatten versunkenen Hause her. Sonst war alles still; ein krhender Hahn im
Dorfe, ein bellender Hund in der Ferne und ein erster Froschlaut vom nahen
Mhlenteiche her strten den Frieden durchaus nicht. Wie immer standen alle
Fenster und die Tr der Frsterei weit offen, und in der einen Fensterbank
zwischen den Blumentpfen die Hauskatze im Halbschlaf und die Hunde auf der
Schwelle der Haustr! Aber ein weies, wrdiges Haupt neben, hinter den
Rosenstcken und dem Kater - ein leichtes blaues Rauchwlkchen zwischen dem
Weinlaub durch ins Freie hinausziehend! Ich hatte den Geruch jahrelang
vergessen, aber ich erkannte ihn beim ersten Blick wieder, wahrlich nicht blo
mit der Nase! Da hebt der braune Hhnerhund den Kopf und der Teckel schlgt an -
eine weibliche Gestalt tritt in die Tr des Werdener Frsterhauses - die liebe,
gute Eva des Vetters Just Everstein! Eva Sixtus in ihrem achtundzwanzigsten
Lebensjahre - herzig, voll und reif; und ich - ich ziehe mechanisch ebenfalls
den Hut und gre; eine Bemerkung ber die Temperatur mache ich dabei nicht,
aber es wird mir ganz seltsam vor den Augen, und ich wundere mich, wie ich
eigentlich auf einmal hierher komme; ach, zu der Frage, was ich eigentlich auf
einmal hier will, gehren viele klarere Sinne und bedeutend mehr ruhige
berlegungskraft, als ich augenblicklich beisammen habe! Klar ist mir nichts,
als da ich eine weite, weite Reise getan habe, da hundert Rder unter mir
rasselten, da unheimlich rastlose Schaufeln in rgerliche Wellen schlugen, da
die Gegend und die Welt und das Leben vorbeigeflogen waren, da die Plage und
die Unlust an Krper und Seele gro waren und der Gewinn und die Befriedigung
gering und - da es keine grere und erstaunlichere Offenbarung gibt als die
der Stille im Lrm, des Schweigens im Geschrei und der Ruhe in der Unruhe.
Stadtrat in Finkenrode braucht man darum gerade nicht zu werden.
    Sie habe ich auf den ersten Blick wiedererkannt, ist mir sehr hufig im
Leben gesagt worden, und so hatte es eigentlich nichts berraschendes, da die
Gute, die Liebe auf der Schwelle der Frsterei in Werden zuerst mich erkannte
und, wie es schien, mit einem leisen Erschrecken zuerst: Fritz! rief.
    Und ich blieb stehen, wo ich stand; aber der Bruder lief vorwrts, und mit
einem ebenso leisen Schrei erhob die Schwester die Hnde:
    Ewald!... O Ewald, Ewald!
    Sie trat wohl auch einen Schritt vor, als wolle sie sich auf uns zu strzen;
aber dann blieb sie doch stehen und lie uns zu sich herankommen. Wie von einem
Schwindel ergriffen, hielt sie sich an den treuen, schtzenden Pfosten der Tr
ihres Vaterhauses, und einen Augenblick hindurch hielt sie auch die Augen fest
geschlossen; dann aber sah sie wieder auf, und wie im hellen, schluchzenden,
wortlosen Jubel hing sie an der Schulter des so landfremd durch eigene Schuld
und Grille gewordenen Bruders, und zitternd legte der Mann, der so selbstbewut,
stolz und sozusagen mutwillig hatte wiederkommen wollen, seinen Arm um sie:
    Oh, das ist gut! Mdchen, Mdchen, altes liebes Mdchen, du willst es mich
nicht entgelten lassen? Wirklich nicht? Ich habe es ja gewut, aber sagen mut
du es mir dennoch und - dem da auch! Wir haben uns so sehr gefrchtet, und ich
fr mein Teil, ich will noch vierzig Jahre lter werden, von dieser Stunde an
gerechnet, blo um vierzig Jahre lang von dir zu hren, was fr ein Esel von
Kindesbeinen an in mir gesteckt hat und da meine einzige Entschuldigung ist,
da - ich es nur zu gern getan habe und also nichts dafr kann!
    Der Vater...! stammelte sie. Ist es denn wahr, Bruder?... Es war wohl ein
Gercht seit einiger Zeit, doch - - Oh, der Vater, der Vater; er sitzt da am
Fenster - er ist so alt geworden und immer noch so sehr gut; - o Ewald, lieber
Ewald, aber er hat es mir nicht glauben wollen, da du wieder zu uns kommen
wrdest, und es hat ihm keiner mehr von dem Gercht reden drfen.
    Eva, klang es jetzt von dem Fenster her, wen hast du denn da, Kind?
    Der alte Mann schob neugierig den Kopf hervor; aber die einst so scharfen
Weidmannsaugen reichten nicht mehr so weit in die Abenddmmerung hinein, um die
Fremden zu erkennen, die mit seiner Tochter sprachen. Der Irlnder hielt meinen
Arm so fest, da es mich schmerzte. Eva Sixtus trat nher an das Fenster heran;
sie trocknete ihre Augen und versuchte ruhig und frhlich zu sprechen, es gelang
ihr jedoch schlecht.
    O Vater, schluchzte sie, wir haben Besuch bekommen -
    Das freut mich, Kind - wenn er mit einem alten Mann vorliebnehmen will.
Aber wie sprichst du denn? Was hast du mit dem Tuch?
    Vater, Besuch aus - Vom - Schlo Werden - aus Berlin - aus - England.
Lieber Vater, ich freue mich so, und du wirst dich auch freuen. Denke dir, Fritz
- der Herr Doktor Langreuter aus Berlin - Herr - Fritz Langreuter -
    Alle Wetter! rief der Alte, und der Kater neben ihm tat vor Schrecken
einen Satz durch das Fenster und fuhr uns dicht an den Kpfen vorbei ber den
Hof, um sich, eine Stalleiter aufwrts, mit mglichster Eile in Sicherheit zu
bringen. Mr. Ewald und ich hatten zu bleiben und das Weitere abzuwarten.
    Was ist das? fragte glcklicherweise noch eine Stimme aus der Tiefe der
Stube. Wir hrten den Alten sich aufrappeln, und - da stand er auf der Schwelle
seiner Amtswohnung, weihaarig, die einst so scharfen Augen suchend auf uns
richtend, auf seinen Stock gesttzt, und - ber die Schulter sah ihm zu unserem,
das heit zu Ewald Sixtus' Glck der Vetter Just Everstein, der, wie sich
auswies, sehr hufig vom Steinhofe zu seiner Unterhaltung herberritt und dessen
Gaul auch an diesem merkwrdigen Abend wieder einmal im Stall eintrchtiglich
neben den zwei Khen des Frsterhauses stand.
    Er war wieder der einzige, der Vetter Just nmlich, der ganz richtig und zur
richtigen Zeit an Ort und Stelle war. Er allein war schuld daran, da eine
Viertelstunde spter - eine schlimme Viertelstunde! - der alte Mann mit dem
guten Gesicht und der immer noch bitterbsen Falte zwischen den
zusammengezogenen weien, buschigen Brauen die Faust auf einen abgegriffenen
Schweinslederband auf dem alten braunen, so teuern Klapptische zwischen den
beiden Fenstern fallen lie und murrte:
    Dieser hier htte dich kurzab hngen lassen, Ewald, wenn du sein Junge
gewesen wrest. Und wre ich jnger und noch besser bei Krften und Gedanken, so
kmest du mir heute abend nicht so leicht weg, mein Sohn, das sage ich dir. Da
wollte ich das Leben dieses Papstes doch nicht so lange studiert haben, um nicht
zu wissen, was ich zu tun htte!
    Oh, lieber Vater, rief aber Ewald Sixtus, ist denn nicht das verdammte
Buch an der ganzen Geschichte schuld? Kann ich denn dafr, da du mich alle
Augenblicke mit der Nase darauf geduckt hast? Da frage nur den Just und den
Doktor da, was sonst leichter im Menschen hngenbleibt als solche guten Lehren
und Beispiele! Um auch meinen Willen durchzusetzen, habe ich gleichfalls
jahrelang das Maul gehalten. Viel Reden hilft nicht und viel Schreiben macht
dumm - frage dreist nur den Doktor hier danach, der kennt aus seiner Praxis
genug Leute, die sich in beiderlei nie genugtun konnten und auch nach Hause
kamen wie ich und doch noch weniger das Rechte getroffen hatten. Und ich bin
doch auch nur darum wieder da, um mich von jetzt an von euch allen - ja allen! -
lenken zu lassen wie an einem seidenen Faden, und das ist noch mehr, als du von
deinem Papst und unserem allerheiligsten Herrn Namensvetter, Sixtus dem Fnften,
behaupten kannst, lieber Papa!
    Der Greis schttelte den Kopf.
    Ich bin eben zu alt, um mich noch in allen euren Finessen zurechtfinden zu
knnen, habe es auch nie recht gekonnt. Wenn dich dein Gewissen freispricht, so
will ich es dir gnnen, mein Sohn, helfen tte es mir ja doch nichts, wenn ich
mich auch nochmal abmhte, ber die Verschiedenheit der Menschen auf Erden
nachzusimulieren und mich ber ihr Wesen gegeneinander zu rgern. Also - lassen
wir es gut sein; du bist wieder da und sagst, du habest es zu was gebracht, und
das kann mir ja nur lieb sein. Was du unterwegs verloren hast, kann ich nicht
taxieren; aber ein reicher Mann bist du geworden, sagen sie im Dorfe und sagt
der Vetter Just; und Schlo Werden ist nun auch dein Eigentum; meine Sache ist
das nicht, also sieh selber zu, was du mit deinen Ausrichtungen zu deinem Glcke
weiter anfngst. Unter diesem meinem Dache will ich dich als einen Gast ansehen,
wenn es deine Zeit und Umstnde zulassen und du deiner Schwester und mir die
Ehre schenken willst. Auch der Fritz - der Herr Doktor Langreuter ist mir
willkommen, und das Kind soll auch ihm seinen Stuhl am Tische wieder zurcken.
Wie ist es, Just Everstein, kann ich und soll ich noch mehr sagen und tun?
    Der Vetter Just fate nur die Hand des Greises; Eva trocknete sich die Augen
mit dem Schrzenzipfel; wir zwei anderen standen mit den Hten in den Hnden in
Wahrheit klglich genug da - wirklich zwei dumme Buben, die zu spt zum Essen
nach Hause gekommen waren, und zwar vom Fischfang in den Bchen dieser Welt, mit
der Angelrute ber der Schulter und ein paar Grndlingen in einem zerborstenen
Henkeltopfe.

                               Siebentes Kapitel


Dies Gefhl verstrkte sich noch um ein bedeutendes, als wir nunmehr endlich
einmal wieder in der niedrigen Stube standen, deren Decke der Frster Sixtus, so
gebeugt ihn das Alter haben mochte, immer noch mit ausgestreckter Hand
abreichte. Aber Eva hielt den Bruder von neuem fest in den Armen und schluchzte
an seiner Brust; und dann reichte sie dem Vetter Just die Hand und sagte leise:
    Oh, wir danken dir!
    Und dann gab sie auch mir die Hand und versuchte es, durch ihre Trnen zu
lcheln, und sie sagte:
    Und Ihnen danke ich auch recht schn und aus vollem Herzen. Es ist so sehr
freundlich von Ihnen, da Sie mit meinem Bruder heim- und hergekommen sind.
Nicht wahr, es hat sich wenig bei uns verndert? Wenn Sie es nur noch so
behaglich wie in frheren guten Jahren finden!
    Ich griff mit der Hand nach der Kehle, weil eine andere - eine sehr heie
Geisterhand sie mir bedenklich zusammendrckte.
    Ach, Eva - Frulein Eva -
    Glcklicherweise sprach der alte Herr, der seinen Platz in dem Lehnstuhl am
Fenster wiederum eingenommen hatte, dazwischen.
    Weshalb nennst du denn den alten Jungen auf einmal Sie, Mdchen? fragte
er. Komm doch mal heran, Fritz. Wenn du auch zu uns gehrtest, so bist du doch
nicht mein Fleisch und Blut gewesen, und so konntest du fr dein Teil tun und
lassen, was du wolltest, ohne dich viel um uns zu kmmern. Httest dich aber
doch wohl einmal wieder bei uns sehen lassen knnen, und wenn es auch nur
schriftlich gewesen wre. Schon unserer Freundschaft mit deiner seligen Mutter
wegen!... So eine wie die ist mir nachher auch nicht wieder begegnet, und wenn
ich manchmal hier in meinem Winkel vermeine, es sei nur, weil meine Augen
stumpfer geworden seien und meine Sinne und Gedanken dazu, so kommt es mir bei
besserer berlegung als das Wahre, da die wahren Menschen und Weibsleute doch
immer das Seltenste in der Welt sind und bleiben. Was zur hohen Jagd gehrt, das
luft nicht wie die Hasen im Felde. brigens hat mir der Vetter Just da nur
Gutes von dir erzhlt, Fritzchen Langreuter, und das hat mich wirklich recht
gefreut, und wir sprechen wohl noch weiter darber. Als du hier auf dem Boden
mir zwischen den Beinen herumkrochest, deinem Ball und sonstigem Spielwerk nach,
da htte dir keiner an der Nase angesehen, da wahrhaftig ein Doktor, und noch
dazu nicht ein bloer medizinischer, die ich mir doch gottlob niemalen habe an
den Leib kommen lassen, in dir steckte. Und nun sage mal, Fritz, ich hoffe doch,
du nimmst hier mit uns vorlieb und Quartier; - auf eines da bei dem vornehmen
Herrn von Schlo Werden wrde ich in dieser Nacht lieber doch nicht allzu feste
rechnen. He, oder er will wohl gar auch noch einmal sich in dem alten Bau
verklften, Musjeh Ewald Sixtus? Von Rechts wegen gehrt er freilich nicht mehr
hinein; aber da fhrt das dumme Mdchen schon wieder mit dem Schrzenzipfel nach
den Augen, und so will ich denn lieber weiter nichts gesagt haben als: na,
Evchen, denn schtte den beiden dummen Jungen eine Streu auf, und vor allen
Dingen sorge fr 'n anstndig Abendbrot. Der Vetter Just kann bei Mondschein
reiten, den Narren von Englnder da mag ich immer noch nicht recht ansehen, aber
der gelehrte Doktor kommt mir selbst bei dieser zunehmenden Dmmerung sozusagen
recht abgehungert vor, woran denn wohl hoffentlich nur allein seine
Gelehrsamkeit und seine lange Abwesenheit in Berlin schuld ist.
    In diesem Augenblick schttelte sich der Narr von Englnder, das richtige
Werdener Kind, der irlndische Brckenbauer und Tunnelwhler Ewald Sixtus wie
ein - unbotmig gewesener Pudel, der seine Prgel weg hat und sich wieder in
alter Behaglichkeit und im frheren gemtlich-drolligen Verhltnis zu seiner
Umgebung fhlt. Aber es kam noch besser. Wie es zuging, konnte nachher wohl
keiner uns genau angeben; aber das Faktum stand fest: mit einem Male hielt der
Sohn den Vater im Arme wie eine Braut - ja besser, herzerfreulicher, zrtlicher
und weicher und fester als wie solch ein weichliches, hbsches, zrtliches Ding
von Mdchen!
    Und was das allerbeste war, der alte Waldmensch lie es sich gefallen und
wurde nicht grob oder zierte sich.
    Ewald, mein Junge! stotterte er leise. O du Allerweltsschlingel, bist du
es denn wirklich und wahrhaftig?... Na, na, schon gut, schon gut! Willst du mich
nun auch noch zu einem alten Weibe machen?... Zu allem brigen?!... So sprich
doch du ein Wort dazu, Just Everstein. So sagt ihm doch, ihr anderen alle, da
es mir recht sein soll, wenn er gehandelt hat, wie er es verstand!... Mein
Junge, mein lieber Junge - so bring doch Licht herein, Eva, Mdchen, auf da man
- wir - ich ihn endlich mal wieder voll zu Gesichte kriege!... Von dem alten
Kasten, dem Schlo Werden, und von der lieben Grfin mssen wir ja auch noch bei
Lichte reden!... Also ein Sixtus bist du gewesen und geblieben, weil du nichts
dafr gekonnt hast?... Mein Junge, mein nichtsnutziger Galgenstrick bist du
immer geblieben?... Und Schlo Werden hast du wirklich, und es ist kein dummes
Zeug, sondern die reine, volle Wahrheit? Was wrde der Herr Graf sagen, wenn er
in diesem Augenblick dort wieder auf seinem Platze sitzen wrde? Und die Grfin
- Frulein - Frau Irene? Ewald, sie sitzt ja auf dem Steinhofe bei dem Vetter
Just Everstein, was wird sie dazu sagen, da der Spielkamerad aus der Werdener
Frsterei die vier leeren Mauern ihres Vaterhauses der letzten Ruinierung
abgewonnen hat?
    Der Freund hatte, wie der spteste Leser merken wird, immerfort in die Worte
des Greises hineingesprochen; doch Papierverschwendung wrde es gewesen sein,
wenn ich auch seine bruchstckhaften Eruerungen hier htte wiedergeben wollen.
    Nun brachte Eva die Lampe, und der Klapptisch wurde nach ewiger Gewohnheit
vom Fenster in die Mitte der Stube geschoben, und ein jeder von uns beiden, das
heit Meister Ewald Sixtus und ich, Friedrich Langreuter, sa wieder einmal vor
seinem Namen, den er vor zwanzig Jahren in die Platte eingeschnitten hatte. Wir
waren allesamt betrchtlich in die Jahre hineingeraten, seit wir zuletzt an
diesem Tische so zusammengesessen; aber ein schneres, frischeres Bild als
diesen weihaarigen Vater Sixtus zwischen seinen beiden Kindern gab es nicht.
Neun Uhr schlug die Wanduhr, und bei ihrem Schlag sahen sowohl der irlndische
Ingenieur wie auch der Berliner Doktor der Weltweisheit auf und atemlos sich um.
Wir hatten wahrlich nicht ntig, einander anzustoen und zum Stillsein
aufzufordern, bis die neun schrillen Schlge verhallt waren und das Ding sein
Ticktack weiter in die Zeit hinein fortsetzte.
    Es ist reinewegs wunderbar! seufzte Ewald.
    In diesem Frhjahr hat sie einmal geradeso wie ich auf ihre Pensionierung
angetragen, sagte der Vater Sixtus. Es ist der Tausendknstler da, der Vetter
Just, der sich ihrer Altersschwche erbarmt und sie in die Kur genommen hat.
Nicht wahr, Just, es hat dich mehr als einen sauren Schwei- und Angsttropfen
gekostet, sie noch einmal auf die Beine zu bringen? Ach, tagelang ist er jeden
Tag herbergeritten und hat den Uhrendoktor gespielt, und da er wiederum ein
Meisterstck gemacht hat, das habt ihr beiden anderen soeben mit eigenen Ohren
vernommen.
    Ich habe nichts lieber getan, meinte der Vetter leise und mit einem
scheuen, zrtlichen Seitenblick auf Eva. Es war ja meine eigene bittere
Erfahrung, als ich von der Vagabondage nach Hause, nach dem Steinhofe heimkam
und sie mir alles vertragen und verschleppt hatten. Und wenn alles brige doch
nur was Totes ist, dem wir selber unsere Stimme geben mssen, wenn es sprechen
soll, so ist es mit so einer Uhr ganz und gar ein anderes, was in alles, was dir
passiert von der Wiege an, mit hereinredet. Ich will mit keinem Menschen etwas
zu tun haben, der die Stubenuhr aus seines Vaters Hause aus Not verkauft, wenn
er vorher noch etwas anderes zu verschleudern hatte. Und wre ich nicht der
Bauer vom Steinhofe, so mchte ich nur ein Uhrmacher sein, aber ein wandernder,
der von Dorf zu Dorfe seiner Kunst nachgeht. Mein seliger Vater war ein
verschwiegener Mann Sie wissen das, Herr Oberfrster -, aber wenn er den
Uhrmacher auf dem Hofe hatte, kam er immer ins Erzhlen, und es war immer ein
Wunder, wieviel die Familie erlebt hatte, ohne da weder meine Mutter noch sonst
irgendein Mensch auf dem Steinhofe eine Ahnung davon gehabt hatte.
    Der alte Frster kratzte sich lchelnd hinter dem Ohre:
    Und was haben wir getan, Just, whrend der Tage, wo du neulich den
wandernden Uhrmacher hier bei uns gespielt hast? Hier, Evchen, Mdchen, wie
haben wir beide hier auf der Frsterei uns bei ebenso bewandten Umstnden, will
sagen, als wir den Uhrmacher im Hause hatten, verhalten?
    Es schien mir, als ob der Vetter Just jetzt verstohlen zu mir herberschaue;
ber Evas liebes Gesicht flog es wie ein Errten, doch verlegen wurde sie nicht.
Sie reichte dem Vetter vom Steinhofe unbefangen die Hand ber den Tisch und
sagte:
    Ei, wir haben wohl auch von allerlei Familiengeschichten geschwatzt.
Gehrte Just nicht so ganz und gar dazu, so mchte es ihm wohl manchmal recht
langweilig geworden sein. Nun aber lasse ich euch Mnner und Herren fr eine
halbe Stunde allein - da kommt der Bruder aus der weiten Welt nach Hause und
sein - der Freund Fritz aus der Stadt Berlin, und wir schwatzen, als ob wir erst
gestern abend uns hier gute Nacht gesagt htten. Jetzt sorge ich frs Abendbrot;
aber ich lasse die Tr offen und horche auf alles - ich meine, ein Jahr wird
nicht ausreichen, um uns gegenseitig mit unserem Leben wieder aufs laufende zu
bringen, einerlei, ob wir den Uhrmacher im Hause haben oder nicht.
    Frs erste gehe ich einmal mit in die Kche! rief der Besitzer von Schlo
Werden aufspringend. Endlich will ich doch mal wieder da die Funken im Schlot
aufwirbeln sehen.
    Nach fnf weiteren Minuten schlich auch ich mich den beiden nach; aber ich
blickte nur durch die Trspalte. Sie standen Arm in Arm an dem alten vterlichen
Herde, und die Schwester hatte dem Bruder wieder den Kopf auf die Schulter
gelehnt, und sie sahen stumm in die hpfenden Funken des Heimatherdes. Als ich
in die Stube zurckkam, sagte der Vater Sixtus:
    Recht hat das Kind, Fritze. Wir werden wohl eine ziemliche Zeit brauchen,
um mit allen unseren Erlebnissen ins klare zu kommen. Da frage nur den Vetter
Just, der ist jetzt doch schon ber ein Jahr aus seinem Amerika zurck; aber wir
sind immer noch nicht mit ihm fertig. Manchmal ist es mein Wunder, wieviel das
Mdchen aufs Tapet zu bringen hat, sobald er die Nase in die Tr steckt. Die
zwei kann man schon einen ganzen Sommertag beieinandersitzen lassen, ohne da
ihnen der Unterhaltungsfaden abbricht. Na, ihr seid recht gute Freunde geworden,
nicht wahr, Just Everstein?
    Ich aber, der ich hier sitze und schreibe, dachte wunders, wieviel ich von
jenem inhaltreichen Abend zu Papier zu bringen haben wrde, und wundere mich
doch nun gar nicht, da ein so kurzes Kapitel daraus geworden ist.

                                 Achtes Kapitel


Wie s das Mondlicht auf den Hgeln schlft!
    Gegen elf Uhr abends ging er auf, der Mond, und in der lngst aufgegangenen
Sommersonne am Morgen unter. Um elf Uhr hatte uns der Alte gute Nacht gewnscht
und sich von seinem heimgekehrten Sohne in seine Kammer fhren lassen. Erst nach
einer geraumen Weile hrten wir Ewalds- Schritt wieder auf der Treppe. Sehr
schweigsam und nachdenklich nahm der Herr von Schlo Werden wieder an unserem
Tische Platz und sprach wenig mehr. Auch Eva wurde schweigsamer, rckte aber
nher zu dem Bruder und hielt von neuem fortwhrend seine Hand zwischen den
ihrigen. Es war, als ob fr diesen Abend nunmehr jedes Wort zwischen uns vier
ausgesprochen worden sei. Nur die Uhr im Winkel redete weiter; als sie aber
Mitternacht schlug und der weie Schein des Mondes pltzlich voll in die Fenster
fiel, da erschraken wir alle, und der Vetter Just stand auf und sagte:
    Nun wird's doch wohl Zeit, da ich reite! Was werden sie auf dem Hofe
sagen, wenn ich ihnen fast das Morgenrot heimbringe?
    Sie liegen wohl alle in einem guten Schlafe und kmmern sich wenig darum,
wieweit es an der Zeit ist, meinte Eva.
    Frau Irene nicht, sagte der Vetter; Ewald Sixtus aber sah rasch aus seinem
trben Sinnen empor, tat jedoch keine Frage.
    Ich habe alles versucht, sie darin zur Vernunft zu bringen, fuhr der Bauer
vom Steinhofe fort, aber was hat es mir geholfen? Nichts!... Und wenn ich es um
sie verdient htte, so wre dies zu gut, zu lieb, zu sorglich und zu dankbar.
Was habe ich ihr denn viel helfen knnen in ihrer schlimmen Lebensnot und Angst?
Du, Fritz, bist ja auch dabeigewesen und kannst bezeugen, da ich nichts als den
guten Willen gehabt habe. Und das Kind haben wir ihr ja doch auch begraben
mssen, und htte ich auch mein Herzblut hergegeben - sage selbst, Fritze, da
keine Hlfe dafr war! Jetzt aber sitzt sie gottlob auf dem Steinhofe in Ruhe
und Sicherheit, soweit beides hienieden mglich ist; aber nun ist es fast, als
sei ich ein krankes Kind und msse gepflegt werden und s behandelt werden wie
ein solches. Die alte Jule war darin schon arg genug, nachdem wir von neuem auf
dem Hofe beisammen waren; aber Frau Irene gibt ihr nicht das geringste nach.
Geraten sich die beiden Guten einmal in die Haare, so knnt ihr sicher sein, da
es ber mich geschieht. Sie sehen aus nach mir, sie erwarten mich bei dem
schlechtesten Wetter drauen vor der Tr, Sie rcken mir den Stuhl zurecht, und
ihr einziger Jammer ist, da ich keinen Schlafrock trage und sie mir also mit
dem nicht entgegenkommen knnen. Die Alte ist wohl zu alt, um bis nach
Mitternacht auf mich warten zu knnen; aber die beiden anderen lieben Augen
wachen, und in Irenes Stube brennt in dieser Nacht die Lampe bis in den Morgen
hinein. Ich habe es natrlich versucht, bse darber zu werden, aber geholfen
hat es gar nichts! Oh, und es geht doch auch nichts ber solch ein liebes Licht
aus dem Fenster des alten Heimatnestes. Wie wird sich die Frau Irene wundern und
von ihrem Buche aufsehen, wenn ich diesmal heimkomme und ihr zur Entschuldigung
die Nachricht mitbringe, wer heute hier in der Frsterei das alte Nest
wiedererreicht hat. Jetzt aber im Galopp und im Mondschein gen Bodenwerder! Nur
selten hat mir der Mond so ganz zur rechten Zeit am Himmel gestanden wie in
dieser Nacht.
    Ewald Sixtus sttzte den Kopf mit der Hand und beschattete die Augen mit der
Hand.
    Durch das Dorf fhrst du doch noch deinen Gaul am Zaum, Just, sagte ich.
Durch das Dorf Werden begleite ich dich bis auf die Strae nach Bodenwerder. Es
ist freilich eine helle Nacht, und ein segensreicher Zauber liegt hoffentlich
ber uns allen. Ich begleite dich noch ein Stck Weges, Vetter Just. Es ist
lange her, seit ich zum letztenmal die Heimat im Mondenschein liegen sah.
    Im Mondenschein sattelte der Vetter auf dem Hofe der Frsterei seinen Fuchs.
An den hohen Ulmen des Hofes, denen es soviel besser geworden war als den
stolzen Bumen um Schlo Werden, regte sich kein Blatt. Schatten und Licht lagen
still auf dem Boden. An dem Hoftor gaben Ewald und Eva noch einmal dem Bauer vom
Steinhofe die Hand - die des lieben Mdchens hielt er eine geraume Weile fest
und sagte dann nur zgernd:
    Nun, so komm, Fritz Langreuter. Nach einer Reise wie die deinige solltest
du freilich schon lngst im Bette liegen -
    Und recht angenehm von euch hier und euren Zustnden trumen! Oh, du
Egoist, und du willst wachend hoch zu Ro whrenddem durch die Mondnacht jagen
und mit kitzelndem Behagen deinen Spa ber den Berliner Doktor haben?
    Ganz gewi nicht, Fritze, meinte der Vetter ehrlichst. Solange du willst,
fhre ich den Gaul am Zgel hier an deiner Seite. Vielleicht wre es sogar recht
gut, du gingest den ganzen Weg mit mir und erzhltest an meiner Statt der Frau
Irene, wen du heute nach Schlo Werden begleitet hast. Ach, Fritz, du weit zu
sprechen und deine Worte zu stellen, ich aber nicht! Mir mu alles abgefragt
werden, und mir ist dann stets, als wre alles, was dann herauskommt, als sei es
durch Zufall gekommen. Sieh, alter Kerl, das Gegenteil hiervon ist's eben, was
ihr Gelehrten allezeit vor uns voraushabt, die wir zum Nachdenken kommen so wie
ich, heute bei Regen, morgen bei Sonnenschein, heute hinter dem Pfluge und
morgen auf dem Stoppelfelde bei den letzten Erntegarben. Es ist gar keine Logik
darin, und dann am wenigsten, wenn man sie am ntigsten braucht. Und da man
fast zehn Jahre lang in den Vereinigten Staaten den Schulmeister gespielt hat,
hilft gar nichts dazu. Und Fritz, Fritz, lieber Fritz, da wir jetzt wieder
zwischen uns beiden allein sind ich habe das Schwabenalter lngst hinter mir und
- und Eva Sixtus will meine Frau werden! Du hast es wohl schon lange gemerkt,
aber - gottlob - jetzt habe auch ich es dir gesagt!...
    Und ich wnsche dir von ganzem Herzen Glck dazu, sagte ich, des Mannes
brave, starke Hand nehmend und drckend. Er aber sah mich im Mondlicht noch
einmal einen krzesten Augenblick so an, als ob er ganz und gar das Gegenteil
von diesem meinem Wunsche zu hren erwartet habe, und dann tat er einen Seufzer
wie aus befreiter Brust und rief:
    Und das ist mir das Liebste, was mir nach ihrem Jawort begegnen konnte, da
auch du mir Glck wnschest. Ich bin nun leider schon so ein zerzauster alter
Kerl, und sie ist immer noch jung, und du bist auch noch jung, Fritzchen -
wenigstens wenigstens recht viel jnger als ich; und wenn ich in meiner jetzigen
Ruhe und meinem Glck und Behagen an die alten Tage denke, wo ihr junges Volk
zum Besuch nach dem Steinhofe kamt, so - - ach, Fritz, Fritz Langreuter, du mut
es doch wohl dir selber sagen, was ich in diesem Moment dir sagen mchte! Aber
die Frau Irene wei es auch und hat Eva gekt und mich auch, wirklich und
wahrhaftig! Wenn du sie gleichfalls fragen willst: sie billigt auch unser
Vorhaben, unsere alten Tage in Friede und Glck und in der alten Freundschaft
mit der ganzen alten Heimat zu verleben. Sie hat nicht gemeint, da es zu spt
sei - sie, die soviel mehr als wir alle brigen zusammen in der boshaften,
strmischen Welt erlebt hat und es also auch wohl am besten verstehen mu.
    Sie hat vollstndig recht, Just! Aber von uns allen bist auch du nur der
einzige, der nie etwas zur unrichtigen Zeit erleben kann, dem alles recht und
richtig gekommen ist im Leben, Segen wie Ungemach. Ja, so gndig waren dir, und
dir von uns allen allein, die Gtter, als sie dir deine Wiege auf den Steinhof
stellten und dich nachher an den Weg setzten -
    Mit offenem Munde und um Maulaffen feilzuhalten! Ei ja, es wundert mich
freilich heute noch, wieviel Abenteuer der Mensch erleben kann, ohne da er
etwas dazu tut. Manchmal ist das gar mein Kummer und Gewissensbi sozusagen;
dann fhle ich es, wie als ob ich eine Stelle in mir htte, wo ich im grten
Tumult wie ein Stck Holz werde, whrend die anderen sich weiter abngstigen.
    Das stille Licht des Mondes lag ber uns und um uns, und der Vetter Just
sprach, ohne es zu wissen, von dem Unterschied zwischen den vornehmen Naturen
innerhalb der Menschheit und den gewhnlichen. Er drckte sich eben nur schlecht
aus, wenn er da von einem ton- und klanglosen Stck Holz sprach, wo er von der
Stelle in seiner Seele htte erzhlen sollen, wohin keine Welle des
vorbeiflieenden Tages schlagen konnte.
    Ihr werdet ein schnes Leben haben, und mich lat ihr - alle dann und wann
an eurem Herde als euren Historiographen niedersitzen, sagte ich leise und tief
gerhrt. Fr Kinder, wie wir waren, als wir zu dir auf den Steinhof zu Besuche
kamen, werdet ihr freilich nicht erzhlen und werde ich nicht wiedererzhlen.
    In und an dem Dorfe Werden hatte sich in den Jahren, whrend ich es nicht
sah, nichts verndert. Es dehnte sich gengend weit in die Lnge aus, da wir
vollkommen Zeit hatten, whrend wir es durchwanderten, uns alles das
mitzuteilen, was ich eben hier niedergeschrieben habe. Von den Bewohnern strte
uns auch niemand dabei; sie lagen smtlich im tiefen Schlafe. Es sa keiner bei
der Lampe wach - selbst der Pastor und der Kantor nicht. Der Mondenschein hatte
das Reich fr sich allein, und das war gut; fr mich sowohl wie auch fr den
Vetter Just Everstein. Wren wir bei hellem Tage und unter dem Zudrngen alter
Bekanntschaft durch das alte Nest im Grnen gewandelt, so wrden wir sicherlich
mehr Mhe und Plage gehabt haben, mit unseren Gefhlen und Stimmungen ins reine
gegeneinander zu kommen. Sonderbarerweise aber dachte ich in dieser hellen,
schnen Nacht, auf dieser Wanderung durch das friedliche vergessene Heimatdorf,
nicht ohne ein Gefhl stiller Sicherheit an die groe Stadt Berlin, meine kleine
Stube und meine Ttigkeit, kurz an das Dasein, das mir dort zuteil geworden war.
Es lag ein Gefhl von Wehmut darin, aber doch zugleich eine innerlichste
Beruhigung: sie, die anderen alle konnten und durften heimkehren in das alte
Leben, wann sie wollten, sie waren da zu Hause, ich aber nicht oder doch nie
mehr so, wie sie noch zu jeder Zeit sein konnten. Resignation nennt man das mit
einem Fremdwort, das wir wohl nicht so leicht aus dem deutschen Sprachgebrauch
loswerden. Die deutsche Welt darf manchmal noch so s in Mondenlicht und in
weiche Redensarten gebettet liegen: wir wollen das scharfe, aber gesunde Wort,
festhalten und es uns durch kein anderes zu ersetzen suchen.
    Am Ausgange des Dorfes nahmen der Vetter und ich fr diesmal von neuem
Abschied voneinander und trennten uns gottlob im besten Einvernehmen. Er schwang
sich ein wenig schwerfllig auf seinen Fuchs und ritt gen Bodenwerder; ich
wandelte langsamen Schrittes und unter einigem Selbstgesprch nach der Frsterei
zurck.
    Hier saen Ewald und Eva wieder bei der Lampe am Tische und hatten wohl das
Ihrige gesprochen whrend meiner Abwesenheit. Das gute Mdchen mochte auch wohl
wieder einige Trnen vergossen haben, doch schmerzhafte waren es nicht gewesen.
Ein wenig befangen lchelnd sah sie aus ihren lieben Augen zu mir auf; doch ich
reichte ihr schnell die Hand und sagte:
    Ich habe dem Vetter Just schon Glck gewnscht, Eva, nun la du es auch dir
von mir wnschen. Du weit es auch schon, Freund Ewald, was fr eine neue Freude
dem Steinhofe von unserem Geschick zugedacht ist?
    Ja, sie hat es mir so ruhig gesagt, wie sie uns immer alles ruhig sagte.
Darin hat sich an ihr nicht das mindeste gendert. Aber sie passen nur desto
besser zueinander, und die Jahre, die sie gebraucht haben, sich zu finden, sind
ihnen ja ebenfalls nur etwas ganz Selbstverstndliches gewesen. Nicht wahr, mein
Herz, mein Herzensmdchen, um ein Glck, das aus den Wolken fiele, wrdet ihr
eine geraume Zeit herumgehen, ehe ihr es vom Boden aufhbet. Doch ob ihr nicht
darum gerade die Glcklichen seid, gewesen seid und sein werdet, das ist an dem
heutigen Abend fr mich eine Frage, die einen sein wstes, wirres Lebenswerk
noch einmal wie im Fluge von neuem tun lt. Och, arrah, arrah, komme ich noch
einmal auf die Welt, so tue ich Vielleicht auch meine Arbeit, ohne auf das Glck
zu zhlen, das aus den Wolken fllt! Selbst auf die Gefahr hin, da man in
Bodenwerder und Dorf Werden samt Umgegend selbstverstndlich sagen wird: Auf das
Glck, das aus den Wolken fllt, hat der Schlingel immer einzig und allein
gerechnet - ja, da sieht man's nun!
    Mir ist das Herz so voll, da ich gar nichts zu sagen wei߫, flsterte Eva.
Lieber Friedrich - lieber Bruder Ewald, wir mssen alle, alle glcklich und
zufrieden sein. Das Schicksal kann es ja nicht bse mit uns meinen, es htte uns
sonst wohl nicht diesen Abend geschenkt. Wir sind wieder alle zu Hause, und das
ist doch die Hauptsache! Morgen wollen wir von dem Schlo Werden und von Irene
sprechen - wir haben ja eigentlich noch von nichts vernnftig geredet. Nimm es
nur nicht bel, Fritz: im Grunde bist du doch der einzige von uns gewesen, der
alle seine fnf Sinne ordentlich beieinanderhalten konnte!
    Und da krht wirklich und wahrhaftig der erste Werdener Hahn den Morgen
an, sagte ich, um doch etwas zu erwidern. Glckauf in der Heimat, Freund
Ewald!
    Ich hatte ihn durch einen Schlag auf die Schulter von neuem aus seinem
nachdenklichen Hinbrten zu wecken.
    Was hast du gesagt? fragte er zerstreut.
    Wir wollen doch noch den Versuch machen, vor Sonnenaufgang unter dem alten
Heimatsdache einen glcklichen Traum zu trumen.
    Ich habe alles oben in Ordnung fr euch gebracht; aber geht leise auf der
Treppe, da ihr den Vater nicht strt, bat Eva Sixtus.

                                Neuntes Kapitel


Als ich am anderen Morgen erwachte, fand es sich, da ich lnger in den Tag
hinein geschlafen hatte als irgendein anderer im Hause; und sie hatten mich
ruhig schlafen lassen, und zwar mit vollem Recht, denn auf meine ttige
Teilnahme an dem, was jetzt die Zeit in der alten Heimat brachte, kam leider am
wenigsten an. Ich durfte ausschlafen und brachte dadurch hchstens die
Hausordnung ein wenig in Unordnung; aber dafr war ich ja jetzt der
Historiograph von Schlo und Dorf Werden sowie vom Steinhofe und hatte, wie der
Vater Sixtus sich ausdrckte, von allen immer am meisten Dinte an den Fingern
gehabt.
    Und seltsam und - wie schon gesagt, es ging darob eine gewisse Umwandlung
meiner Stimmungen ins Heitere und Zufriedene in mir vor. Ich merkte es, da
meine einsamen Lehrjahre doch ihre Frucht getragen hatten: es verstand keiner
von ihnen es so gut wie ich, sich seine Stimmungen zurechtzumachen.
Zurechtmachen! Ich finde kein besseres Wort dafr, und smtliche philosophische
Systeme sind gleichfalls darauf erbaut.
    So sah ich, hrte und schreibe ich jetzt nieder, und allesamt meinten sie
ganz verwundert:
    Nein, dieser Fritz! Nein, dieser Langreuter! Nein, dieser Herr Doktor!
Dieser Herr Doktor Langreuter! Wacht er jetzt erst so auf, oder ist er immer so
gewesen? Im Grunde ist das ja der Gemtlichste, Heiterste und Gleichmtigste von
uns allen! Wie sich doch der Mensch verndern kann!
    Lassen wir auch dieses und vorzglich das letztere mit Gelassenheit auf sich
beruhen. Es hat noch kein Mensch wirklich ausfindig gemacht, wie weit und wie
sehr sein Nachbar im Raum und in der Zeit sich verndert habe, whrend man
selbst glaubte, ganz derselbe geblieben zu sein.
    Wo steckt Ewald? fragte ich, als ich endlich zum Kaffee herniederstieg und
nur die Sonne, die Hunde, den Frster und seine Tochter in der Wohnstube fand.
    Er ist zum Vorsteher und holt sich die Schlssel zu seinem Schlo߫, sagte
Eva.
    Sage nur dreist: zu seinem bezauberten Schlo, Kind, meinte der alte Herr,
ein wenig schadenfroh lachend. Nun la ihn die Nu knacken, die er sich vom
Busch heruntergeholt hat! Mein Junge Herr von Schlo Werden? 's ist die
Mglichkeit! Kein Mensch begreift, was das heien soll, und ich am
allerwenigsten. Sind Sie ganz fest berzeugt, da er nicht verrckt ist, Herr
Frster? hat mich der Doktor Spindler, der Advokat aus Bodenwerder, erst vor
acht Tagen noch gefragt.
    Und was haben Sie dem Doktor geantwortet, Herr Oberfrster?
    Du, was habe ich ihm denn eigentlich geantwortet? wendete sich der Alte an
seine Tochter.
    Darf ich dir noch eine Tasse Kaffee einschenken, lieber Fritz? fragte Eva.
Ach, es war ja noch vor eurer Heimkehr, da der Herr Notar Spindler neulich bei
uns vorsprach.
    Wie die Grfin sich zu der Geschichte stellen wird, soll mich am meisten
wundern, brummte der Alte, eine gewaltige Rauchwolke in die wundervolle
Sommermorgenluft hineinblasend und einen Kohlweiling, der sich eben in das
Fenster verirrte halb dadurch erstickend. In demselben Augenblick trat der Sohn
des Hauses, hochrot vom raschen Gange und sonstiger Aufregung und sich bereits
so frh bei seinem Tagewerk den Schwei von der Stirn trocknend, wieder ein.
    Sieh, da bist du ja auch, Langreuter! Guten Morgen, old boy. Hoffentlich
hast du gut geschlafen und angenehm getrumt in der ersten Nacht zu Hause.
    Ich habe erst ziemlich gegen Morgen zu den Versuch gemacht, lieber Freund,
erwiderte ich lchelnd. Zum wenigsten freue ich mich gegenwrtig unendlich,
endlich einmal wieder hier zu sein und solche Versuche, wie du sagst, zu Hause
anstellen zu knnen.
    Der Freund setzte sich zu uns; er versuchte es, gleichmtig auszusehen und
heiter in das Gesprch mit dreinzureden, doch es gelang ihm schlecht. Man sah
wohl, da der erste schne Morgen in der Heimat nicht leicht auf ihm lag. Von
Zeit zu Zeit schttelte er leise den Kopf, kaute an dem Schnurrbart und summte
eine seiner lustig-melancholischen irischen Weisen vor sich hin. Es arbeitete
etwas in ihm, dem er noch auf keine Weise eine rechte Handhabe abzugewinnen
vermochte Jetzt sprang er, von innerlicher Unruhe getrieben, von neuem auf,
schritt einige Male durch das Gemach, kam zu uns zurck, sttzte beide Hnde auf
den Tisch, sah uns der Reihe nach an, als wolle er fr ein schwer abgehendes
Gestndnis vor allen Dingen sich unserer gutmtigen Teilnahme versichern,
klopfte sodann mit dem Zeigefinger der Rechten scharf auf, um unsere ganze
Aufmerksamkeit noch mehr wachzurufen, und chzte:
    So dumm - so verloren, verraten und verkauft wie in diesem Moment bin ich
mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Htte ich in meiner Jugend
mehr Prgel bekommen, so wr's mir jetzt vielleicht wohler, Herr Vater. Ob der
Katzenjammer vorbergehend oder von Dauer ist, beste Schwester, kann ich
gegenwrtig natrlich noch nicht wissen; aber fr den Augenblick bin ich fest
berzeugt, da ich mich - grndlich verspekuliert und all meine Trmpfe
vergeblich ausgespielt habe. Herrgott, da kommt das Dorf, um uns zu begren zu
unserer Heimkehr, Fritze! Evchen, ich bitte dich um alles in der Welt, geh hin
und sag ihnen, wir wren schon wieder abgereist und lieen smtliche gute
Nachbarn und liebe Freunde herzlichst gren.
    Was sich wohl schwer tun lassen mchte, meinte der Vater Sixtus aufstehend
und seinem Sohne jetzt ganz zrtlich auf die Schulter klopfend. Jaja, mein
Shnchen, es ist mancher Papst geworden, dem der heilige Stuhl nachher ziemlich
hei geworden ist. Kommt nur rein, Gevatter Timme! Ja, 's ist richtig, hier sind
die jungen Leute aus der Fremde zurck, und mein Junge da ist Herr von Schlo
Werden... soviel noch davon brig ist. Und da ist ja auch der Vorsteher! Alle
herein, herein! Wir haben eben noch nach allen vier Winden hin nach gutem Rat
gewittert. Rume die Kaffeekanne ab und die Tassen, Mdchen; der Doktor ist item
fertig. Jetzt nehmen wir einen Jgerschluck auf die vergngte Gelegenheit, nicht
wahr, Kantor Drneberg. Dem Pastor warten die Insel Irland und die allmchtige
gelehrte Stadt Berlin nachher freundlich und persnlich auf. Kannst auch auf die
Rauchkammer steigen, Evchen, wenn du aus dem Keller glcklich wieder herauf
bist. Wir haben eben allesamt doch eine kleine Strkung der Seele und des Leibes
notwendig; nicht wahr, Ewald, nicht wahr, Fritze Langreuter? Vivat Dorf Werden
und das Schlo dazu! Nur schade, da wir den Vetter Just aus Neu-Minden jetzo
nicht bei uns in unserer angenehmen Mitte haben. Setzt euch, Nachbarn und liebe
Freunde, wenn ihr mit dem Hndeschtteln endlich zu Rande seid und euch die zwei
- Herren da genug und andchtig genug beguckt habt. Ei ja freilich, liebe
Freunde, so was kommt wahrhaftig nicht alle Tage nach Hause, und es verlohnt
sich wohl, da man darum ausnahmsweise mal seine eigene Arbeit hinlegt, um das
bei einem guten Stck Schinken und einem echten alten Korn sich genauer zu
betrachten. Verwechselt sie nur nicht! Dies hier ist der Berliner Doktor, und
das da - na, das ist denn wirklich mein Junge, der Ewald Sixtus, der sich als
auslndischer Baumeister kurioserweise wirklich ein Vermgen gemacht hat und
sich nachher doch noch kuriosererweise an seinen alten Vater erinnert hat und
gestern abend angekommen ist, um hier bei uns, wie er eben sagt, seinen hchsten
Trumpf auszuspielen. So dumm von wegen dessen, was die nchste Zeit hier bei uns
passieren wird, bin ich auch noch niemals in meinem Leben gewesen. Da sitzt der
Junge, und ich denke immer, ich sehe noch unseren seligen Herrn Grafen da sitzen
und nach seiner Gewohnheit seine Schnupftabaksdose auf dem Tische hin und her
drehen.
    No, so 'n alter Spuk! meinte der Vorsteher, der auch noch ein Junge
gewesen war, als den Herrn Grafen der Schlag rhrte und mit ihm das alte adelige
Haus Everstein so tief zu Falle kam. Da vermeine ich doch, da wir jetzo einen
neuen Hahn auf den alten Mist gekriegt haben. Zeit ist Zeit, und was pat, pat,
und was nicht pat, pat nicht; wenn das Dorf den alten Kasten htte brauchen
knnen, so htte ihn einer von uns lngst um ein Butterbrot; aber wir haben dem
Herrn - Ewald, dem Herrn Ingenieur Sixtus, am Ende gern die Vorhand gelassen.
Was er herausschlgt, soll gerne ihm gehren; es wird keiner in der Gemeinde
sein, der es ihm mignnt. Als er heute morgen die Schlssel bei mir abholte,
habe ich sie ruhig hergegeben; denn ich wei ja, da das Schriftliche darber
ebenso ruhig in Bodenwerder beim Notar Spindler liegt. Da brauchte ich keine
weitere Sicherheit. Herrje, nun guck aber einer, jetzt haben wir bald das halbe
Dorf, als ob es der Hirte zusammengetutet htte, hier auf dem Frsterhofe zur
Gratulation versammelt.
    Dem war in der Tat so. Was in der Stube keinen Platz mehr fand, das drngte
sich wenigstens vor der Haustr und versuchte in die Fenster zu sehen. Alte und
ltere erneuerten frhere gute Bekanntschaft. Was wir als hbsche junge Werdener
Schulmdchen gekannt hatten, das wurde uns als mehr oder weniger wohlgediehene
Hausfrauen zugeschoben.
    Na, ziere dich nur nicht, Hanne; bist ja frher ganz vertraulich mit den
Herren gewesen!
    Kinder, die whrend unserer Abwesenheit das Licht der Welt erblickt hatten,
wurden uns zu Dutzenden vorgefhrt oder auf den Armen hingehalten. Wir vernahmen
von ortseingeborenen Taugenichtsen beiderlei Geschlechts, die gleich wie wir in
die Fremde gegangen waren, aber sich Gott sei Dank bis anjetzt noch nicht
wieder im Dorfe hatten blicken lassen. Zutunlich - verschmt-zutraulich waren
sie allesamt; das Reichlichste aber, was wir von ihnen bekamen, das war guter
Rat; - freilich, wenn ich hier sage wir, so ist das wohl nicht ganz richtig. Da
lief ich nur so beilufig mit, und die Hauptperson war selbstverstndlich Freund
Ewald Sixtus, und der hatte bald alle seine Geduld und Liebenswrdigkeit
zusammenzusuchen, um nicht mit den Ellenbogen sich Raum zu machen durch die
Freundschaft und Bekanntschaft der Mannen von Dorf Werden.
    Ich mu ihn aber loben, den Herrn von Schlo Werden. Er hielt all dieser
Weisheit, Klugheit und Schlauheit gegenber so sanft und sanftmtig still, da
er jedweder anderen kochenden Ungeduld als ein wahres Muster von
Selbstbeherrschung und Ergebung hingestellt werden durfte. Jedwedem einzelnen,
der ihn mehr oder weniger vertraut am Knopf nahm und ihm verblmt
auseinandersetzte, wie dumm er gewesen sei und was er eigentlich an Schlo
Werden erhandelt habe, versprach er aufs glaubwrdigste, ihn so bald als mglich
auf seinem Kothofe in der Abenddmmerung zu besuchen, um das Genauere ber die
Sache zu vernehmen. Der Vater Sixtus schenkte mit immer unverhohlenerem
Wohlbehagen fortwhrend im Kreise am Tische ein und sah immer mehr aus, als
kitzele ihn jemand. Der Tabaksqualm wurde ungeachtet der offenen Fenster und Tr
immer dichter, und Eva Sixtus - zog mich auf einmal in den Winkel dicht an die
alte Wanduhr, die der Vetter Just so vortrefflich wieder in Gang gebracht hatte,
und flsterte:
    Fritz, es ist auch aus meinem Bruder - aus Ewald ein guter und vornehmer
Mann geworden. Oh, wie es auch kommen wird lieber Fritz, wir kommen alle noch
zurecht im Dorfe und auf dem Steinhofe und mit dem verzauberten Schlo da
drben. Ich mu gleich wieder die Treppe hinauf, um noch ein paar Wrste aus dem
Rauche zu holen; aber es ist doch wie ein Mrchen, und ich sehe klar wie in
einem Spiegel mich und uns alle! Oh, es ist schn, da ihr nach Hause gekommen
seid, und vor allem, da mein Bruder seinen Herzenswillen durchgesetzt hat (wenn
er sich derweile auch nicht um uns kmmern konnte!) und da Irenes Heimathaus
keinem Fremden mehr gehrt. Sie kann nun darber entscheiden, und ich knnte
wohl sagen, wie ich es mir denke, wie es kommen wird; aber du siehst selber, ich
habe wirklich in diesem Tumult keine Zeit dazu, und was ich dir da eben gesagt
habe, wei ich selber kaum; aber du kannst dir wohl denken, da ich den Bruder
seit gestern abend keinen Augenblick aus den Gedanken freigegeben habe, und ich
bin so sehr glcklich ber ihn, und ich bin fest berzeugt, der Vater freut sich
auch!
    Nach und nach verlief sich der freundschaftliche Schwarm der Drfler wieder,
und nur ein paar gnzlich beschftigungslose Leibzchter blieben fest sitzen, da
sie einmal saen; aber die Unterhaltung zwischen ihnen und dem Frster geriet
doch wieder in das gewohnte Geleise. Der Tabaksqualm verzog sich ein wenig, Eva
rumte den Tisch ab, und Ewald seufzte, reckte und dehnte sich, packte mich
pltzlich stumm am Arme, fhrte mich vor die Haustr, wo ich auch seufzte und
mehr als einen befreienden Atemzug tat und wo er sagte:
    Komm mit, honey! Was haben wir denn heute eigentlich fr ein Wetter?
    Ich sah den wunderlichen Freund ziemlich erstaunt ob dieser Frage an; er
aber meinte:
    Mir tanzen alle Farben vor den Augen. Rot, grn und gelb schwimmt es mir
vor dem Gesichte; und ich habe eine bittere Ahnung, da ein recht trbseliges
Grau aus alle dem bunten Wirrwarr werden wird. O Doktor, wie einfach blau sah
ich einmal das alles - nmlich dieses alles hier um uns herum! Ach, Fritz, ich
frchte, ich frchte, es war eine Tuschung, es war eine Dummheit von mir! Sie
wird sich nicht hinsetzen wollen an dem Herde, den ich ihr in ihres Vaters Hause
wieder aufbauen wollte! Dammy, Langreuter, wie ganz anders sieht sich so was aus
der Ferne an als in nchster Nhe! Komm mit nach dem alten Neste! Den Schlssel
habe ich im Schlosse steckenlassen.

                                Zehntes Kapitel


Das Wetter, nach dem sich der irlndische Freund soeben zu meiner zweifelnden
berraschung erkundigt hatte, lie wirklich nichts zu wnschen brig auf unserem
Wege nach dem verzauberten Schlo und whrend unseres Aufenthalts daselbst an
diesem bewegten Morgen. Still, blau und wolkenlos spannte sich der ther, soweit
er zu erblicken war, ber die unruhige Welt. Es war eben schon ziemlich hei;
mir aber kam es wunderbar treu von neuem in die Seele auf dem Wege, wie und
unter welchen Umstnden und bei welcher Temperatur ich zum erstenmal das einst
so stattliche feste Haus des alten Geschlechtes derer von Everstein erblickt
hatte.
    Jetzt betraten wir den Hof wieder durch das Haupttor, durch welches am
Todestage des Vaters der Wagen, der den guten Kameraden, die Mutter und mich
trug, eingefahren war. Zu dieser Tr hatte der jetzige Besitzer und Herr keinen
Schlssel ntig; sie stand weit genug offen. Die eisernen Gitter waren
ausgehoben, die Wappen mit dem Eberkopfe abgemeielt, und was die letzteren
anbetraf, so hatte der vorletzte Eigentmer sicherlich nicht gewut, warum er
sich auf seinem Grundstcke durch die fremde Firma rgern lassen sollte. - ber
wohlerhaltene Pflasterung war vordem unsere Kutsche gerasselt, die Steine waren
nunmehr meistens verschwunden und machten wahrscheinlich im Dorfe jetzt allerlei
bedenkliche Pfade den Bauern bei Regen und Tauwetter gangbarer. Aber schne
Brennesseln wuchsen berall, auch Kletten und Disteln hatten nicht eingesehen,
weshalb gerade sie drauen bleiben sollten, da doch alles brige, was Lust
hatte, frei kommen durfte.
    Noch fhrte die breite Treppe zu der Rampe empor, die sich, wie ich zu
Eingange dieser Geschichten von den alten Nestern beschrieben habe, an dem
Gebude entlangzog. Wir traten da auch heute noch in den khlen Schatten, den
das graue Steinhaus auf den sonst so sonnigen Hof warf.
    Da war die hohe, gewlbte Tr, die in das Schlo fhrte, und Ewald Sixtus
hatte nicht blo seinen Schlssel darin steckenlassen, sondern die beiden Flgel
weit aufgeworfen; und da sie gleichfalls nicht mehr ganz fest in den Angeln
hingen, so hatten sie ihrerseits jetzt die gnstige Gelegenheit benutzt, die
Verbindung mit denselben so ziemlich zu lsen.
    Haus Werden stand weit offen, und sein jetziger Herr lud mich mit einem
Achselzucken, einer hflichen Handbewegung, einem neuen tiefen Seufzer und mit
etwas gezwungenem Lcheln zum Eintritt ein, indem er brummte:
    Du bist gelehrt, sprich du mit ihm, Horatio.
    Um doch etwas zu sprechen, meinte ich:
    Wie mir scheint, mein Bester, wird es wohl weniger auf die Gelehrtheit als
auf das Kapital ankommen, um hier von neuem Ordnung zu stiften, die Eulen,
Fledermuse und sonstigen Nachtgespenster zu verjagen und gebildet menschlich
Behagen wieder mglich zu machen.
    Fr deutsche Verhltnisse bin ich ein reicher Mann, sagte der Freund
klglich. Meine Meinung aber ist, da Maurer, Zimmerleute, Maler und Tapezierer
es nicht in diesem Falle tun werden. In der Hinsicht wei ich freilich schon
selber, was ich zu tun habe, und brauche deinen Rat nicht, um den Bann und
Zauber vermittelst eines vernnftigen Kostenberschlags und mit Hammer, Sge und
Mauerkelle zurechtzurcken. Wir hatten aber voreinst unsere Nester in das grne
Gezweig und den Sonnenschein gehngt, und du hast, als wir gestern nach Hause
kamen, gesehen, wie die Racker ihren nichtswrdigen Kommunalweg ber die Sttte
hingelegt haben; - Fritz, Fritz, wir sind eben als alte Leute nach Hause
gekommen, und die Landstrae geht auch ber Schlo Werden weg. Fritz, ich richte
es nicht wieder auf fr uns und - Irene Everstein. Ich kann nur etwas anderes an
die Stelle setzen, und sie wird hchstens kommen und sagen: Ich danke, es war
wohlgemeint, aber das Rechte ist es leider nicht! - Und wenn sie wirklich sagt
leider, so mu ich das Wort schon fr etwas nehmen, worauf ich kaum einen
Anspruch habe. Nun, der Glcklichste hat am Ende nichts weiter als die
Illusionen, die er sich bei seiner Arbeit und auf dem Wege macht. Sieh dich um,
Langreuter! Du bist aus Bequemlichkeit zu Hause nicht mein Schwager geworden,
und ich war ein Tor, als ich mir einbildete, durch Hartnckigkeit, grimmiges
Zugreifen und Maulhalten in der Fremde meinen Willen durchzusetzen. Faix - och
arrah, in die Klnische Zeitung werde ich demnchst Schlo Werden setzen, und es
wird sich hoffentlich ja wohl wieder ein Liebhaber dazu finden. An der gehrigen
Reklame soll's nicht fehlen.
    Ich sah mich um. Es war nicht ntig, da der Freund mich noch dazu einlud;
wir hatten die groe Halle durchschritten und standen in dem Gartensaale, in
welchem mein Vater gestorben war und wo ich so kindlich-betroffen,
verwirrt-verwundert, so mde, durstig und betubt von der langen Fahrt durch den
heien Sommermorgen meine Mutter sich ber die Leiche hinwerfen sah. Mit voller
Deutlichkeit stand alles, wie es damals war, von neuem vor meiner Seele; aber es
war khl, kellerartig khl in dem lange verschlossen gewesenen Raume, und die
Bilder der Vergangenheit konnten mir das Frsteln nicht verjagen. Das
Sonnenlicht fiel nur durch die Spalten der Lden in den Saal; Haufen Germpel
aller Art fllten die Winkel. Die Tr, die in den Park fhrte, war gleichfalls
mit Brettern vernagelt; ich aber hatte selbst den Vogel Pfau nicht vergessen,
der damals so vornehm auf die Schwelle trat und mir seine Schnheit zeigte. Es
war der Herr Graf, der meine heie Hand mit seiner kalten ergriff und mich nher
an das Sterbelager meines Vaters heranfhrte. Er berhrte leise die Schulter
meiner Mutter, sie aber zuckte nur zusammen, aber richtete sich nicht empor, sah
sich nicht um. Der Spuk, der den Stadtrat Bsenberg beim Antritt seiner
Erbschaft in dem Hause seines Herrn Onkels in Finkenrode bewillkommnete, war nur
- anerkennenswert literarisch verwendet und nichts weiter!...
    Meine Tochter, Komtesse Irene!... Die Stimme kam herber wie aus einem
fernen Jahrhundert, und dann fhlte ich eine andere Hand in der meinigen, doch
diesmal eine Kinderhand. Auf der sonnigen Gartenschwelle stand Irene Everstein -
es flimmerte mir vor den Augen wie von einem hellen Mdchenkleide und einer
Flle blonder Locken. Der Wundervogel stie einen gellenden, krchzenden Schrei
aus und schlug sein Rad herrlicher. Sie aber verscheuchte ihn mit einer
Handbewegung und stand pltzlich neben mir; - wir waren zum erstenmal zusammen
unter den vielen Erwachsenen um uns her.
    Vielleicht hatte der Freund doch nicht so ganz unrecht mit seinem seltsamen
Zitat: ich war gelehrt und ich konnte vielleicht auch sprechen mit dem Schlo
Werden! Jedenfalls verstand ich recht wohl, was es selber von sich erzhlte. Wir
hatten lange genug dazu auf einem vertrauten Fue gelebt, und Grnde, uns
gegenseitig die Wahrheit vorzuenthalten, waren auch nicht vorhanden; und
gelassener als der Freund, der irlndische Ingenieur, konnte ich von Rechts
wegen die Gestalten und Bilder der Vergangenheit an den Wnden hinhuschen sehen.
Ich hatte mir in der Fremde nicht vorgenommen, diese ruinierten Wnde mit neuen
Tapeten zu bekleben und neue Bilder daran aufzuhngen. Er, der Freund, der so
weit von Hause und so lange Jahre hindurch still und hartnckig seinen Schwei
und sein Herzblut darangesetzt hatte, den Bann, der auf dieser Sttte lag, zu
lsen, hatte jetzt freilich groe Angst und viel Unruhe, und zwar mit vollem
Rechte: ich sa nur in melancholischem Nachdenken auf der Stelle nieder, wo wir
vordem unsere jugendlichen Spiele getrieben hatten, und sah die Schatten an den
Wnden bald heiter, bald traurig vorbeigleiten.
    Kopfschttelnd sagte Ewald:
    Es ist ein gar nicht angenehmes Gefhl, und einen rechten Ausdruck wei ich
eigentlich nicht dafr. Ich komme mir mit einem Male alt - alt - merkwrdig alt
vor. Ich habe keine Zeit gehabt, darber nachzudenken, wie die Jahre hingehen;
aber in diesem Augenblicke ist es mir zum ersten Male klar, da sie hingegangen
sind und uns mitgenommen haben. Oh, den ganzen Kauf fr einen Spiegel in Schlo
Werden!... Es ist unbehaglich kalt hier nach dem Gange durch die heie Sonne.
Was meinst du, Fritz: sollen wir weitersteigen, da wir einmal drin sind, und die
Spinnen, Fledermuse und Ratten in Erstaunen setzen? Grau, grau! Och honey, es
ist manch ein schwarzer Schatten in meinem Leben auf mich gefallen, aber dieser
hier, den Schlo Werden wirft, ist grau und macht grau. Weit du noch - der
groe Spiegel im Zimmer der seligen Grfin -, es ist doch ein wahrer Segen, da
wir den nicht mehr an seinem Platze finden werden! Das knnte freilich dem
Gespenstertum die Krone aufsetzen. Und wie glcklich waren die beiden Mdchen
vor ihm! Und wie glcklich waren wir, wenn wir sie dabei in ihrem Spa an sich
stren konnten. Und dann - Mademoiselle Martin, und - deine Mutter! Fritz,
sollen wir umkehren? Wenn wir weitergehen, mssen wir durch alle Rume, und es
sieht berall aus wie hier! Du gehst unbedingt voran, du hast studiert, und ich
fasse deinen Rockscho. Das htte mir aber vor acht Tagen noch jemand sagen
sollen, da ich je einen anderen auf einem Wege mir voranschieben wrde! O
Fritz, hinter einer Tr sitzt sie noch in ihrer ganzen jungen Lieblichkeit, und
- ich - ich stre die Fledermuse und die Spinnen um sie auf. Verdammt! So komm
endlich! Hier haben wir doch wohl jetzt den Moder und Wurmfra lange genug
angegafft! So grimmig feige und schwachmtig habe ich mich noch nie gefhlt.
Wahrhaftig, die Schlacht, die durch pure Heldenhaftigkeit gewonnen ist, sollt
ihr Historiker noch ausfindig machen.
    Aber es ist doch manche Schlacht gewonnen worden! meinte ich, und dann -
durchwanderten wir Haus Werden, und ich hatte studiert und war ungemein gelehrt
geworden im Laufe der Jahre; da ich aber das Leblose sprechen hrte, das hatte
doch seine anderen Grnde. Die lagen tiefer als die Bcher; und die
allergresten und bekanntesten Geschichtsschreiber haben dahin zurckfhlen und
- tasten mssen, um sich selber und den Leuten ertrglich wahr vorzukommen.
    Ich bin vorhin nur bis hierher in den Gartensaal gekommen, sagte Ewald.
Wie ein Kind hatte ich nicht die geringste Lust, mich in die de und Dunkelheit
allein weiter hineinzuwagen. Nun vorwrts zu zweien, ich habe die Schlssel zu
jeder Tr, und hier - sind wir in - den Gemchern des alten Herrn! Puh, was fr
eine Luft!
    Wir standen in dem Zimmer des Herrn Grafen und warfen einen Blick in sein
Schlafgemach. Das waren voreinst ziemlich unnahbare, unbetretbare Rume fr uns
gewesen, aber wir hatten doch als Knaben dann und wann hineingeguckt; heute
guckte mir der jetzige Herr des Schlosses scheu ber die Schulter, und wir
fhlten uns beide nicht sicherer in unserem Frwitz als vor Jahren.
    Wir htten jedenfalls besser getan, zuerst in den oberen Stock
hinaufzusteigen, Ewald. Dort haben wir wenigstens die Sonne der Gegenwart fr
uns und nicht diese unheimlichen Laden vor den Fenstern! flsterte ich.
    Nicht wahr, es spukt? Es geht um?
    Ja, es geht um! Die Witwe Warneke hatte recht.
    Die kahlen Rume, die Dmmerung, der Staub und der Schimmel sprachen zu
deutlich, als da ein trstlicheres Wort mir mglich gewesen wre. Es war kein
Wunder, wenn die Leute aus dem Dorfe dann und wann den letzten Grafen Everstein
im Zwielicht oder in der Mitternacht um sein verlorenes, verwildertes Schlo
wandern sahen. Da seine Tochter auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just eine
Unterkunft in ihrer Not gefunden hatte, machte den Spuk nur noch glaubwrdiger;
aber - es war in der Tat so: das war auch mir in diesem Augenblicke das
Gespenstischste, da der lebendige, starke, tapfere Freund diese Mauern wieder
zu beleben, diese Rume wieder zu einem Sitz der Ruhe und des Glckes fr das
letzte Kind des Hauses zu machen sich vorgenommen hatte.
    Wo war das Gerte, das dazu gehrte? Das hatte er nicht mitbringen knnen
aus Irland. Verstoben in alle vier Winde war's whrend seiner Abwesenheit im
Lebenskampfe. Neu konnte er das Schlo Werden bauen; aber das alte wieder
aufzurichten, das war unmglich, und der Vetter Just auf seinem Steinhofe war
kein Beispiel dafr, da es doch wohl anginge. Der hatte etwas Lebendiges
wiedergefunden, als er von seinen Weltfahrten nach Hause und auf den Steinhof
zurckkehrte; aber Schlo Werden war tot! Die Fliesen und das Getfel unter den
Fen, die zerbrckelnden Plafonds ber unseren Kpfen, alle Mauern rundum
erzhlten davon, wie man von und in einem Mrchen erzhlt: Es war einmal!
    Ohne noch weiter miteinander zu reden, stiegen wir jetzt die breite
steinerne Treppe mit dem stattlichen Gelnder aus knstlich geschnitztem
Eichenholz empor zu dem oberen Stockwerk des Hauses. Die Dmmerung, die
Dunkelheit, den feuchten Moder lieen wir zwar hinter uns, das Licht, die Sonne
fanden wir hier in den Gemchern; aber geirrt hatten wir uns doch, wenn wir
geglaubt hatten, da das uns zu einem leichteren Atemholen verhelfen knne.
    Sie kann sehr grausam sein, die Sonne, viel grausamer als die Nacht! Und da
sie lacht, ist nur allzu hufig nicht das Liebenswrdigste an ihr. Da
Hoffnungen getuscht, Tuschungen zunichte gemacht werden, da die
Vergnglichkeit alles Irdischen dem Menschen klargemacht werden mu, ist zwar
eine recht lbliche und vernunftgeme Aufgabe; aber ist es denn unbedingt
notwendig, da dabei gelacht wird?
    Die Dmmerung, die Nacht tun das auch nicht; aber die Sonne tut es, und dem
armen, hlflosen Erdbewohner kommt es vielleicht nicht ohne Grund dann und wann
in den Sinn, da sie sich doch wohl auch einmal zu sehr in ihrem Rechte seinen
Schmerzen, Hoffnungen und Tuschungen gegenber fhlen knne.
    Wenn die Sonne, der helle Tag sagt: Es war einmal!, so ist das ein ganz
ander Ding, als wenn die Nacht, die gute alte Mutter, mit tonloser, aber doch
mitleidiger Stimme das melancholische Wort ausspricht. Sie, die Nacht, stemmt
nie die Arme in die Seite und kreischt und krht und will's nie von allen Ecken
und Enden her hren, da sie recht hat; aber der Tag tut das und will das nur zu
gern. Ach, und der Mensch knnte recht hufig etwas Besseres tun, als sich
darauf zu berufen und von einem Rechte zu sprechen, das so klar sei wie der
helle Tag!
    In dem Erdgescho von Schlo Werden hatten die unberufenen Gste und
Besucher aus der Umgegend hier und da auch wohl eine Fensterscheibe und einige
Male hinter den Lden auch einen ganzen Fensterflgel des Mitnehmens wert
gehalten, und so vermochte doch noch immer ein frischerer Hauch von auen in die
verriegelten, verschlossenen Rume zu dringen: in dem Oberstock fanden wir nicht
nur alle Tren verschlossen und unerbrochen, sondern auch alle Scheiben ganz.
Das Licht teilte sich da mit dem Staube allein in die Herrschaft. Der Staub
wirbelte uns unter den Fen auf; die Luft wurde durch unser Eindringen seit
Jahren zum erstenmal wieder bewegt, und die Sonne, die durch die schmutzigen,
trben, mit Spinnweb verhngten hohen Bogenfenster drang, kreischte auch hier
und lachte gell: Macht euch keine Illusionen! - Und hier - hier war das Reich
der Frauen des Hauses Werden gewesen, und hier war das Kind aufgewachsen, das
jetzt als kummervolle Frau, fr welche der tapfere Mann an meiner Seite das Alte
neu machen wollte, auf dem Steinhofe sa!... Ach, fr wie ehrlich hielten wir
die Sonne, als wir selber in unserer Kindheit und Jugend in diesen Rumen
lachten oder unser junges Leben zuweilen so drollig ernsthaft nahmen!
    Ich htte schon im vorigen Winter den Handel abschlieen und nach Hause
kommen knnen, seufzte der Freund. Fritz, ich wollte, ich htte es getan. Wie
ein Maikfer habe ich aber in meiner Dummheit gezhlt, eh ich aufflog. Uh, wenn
der Mensch nur nicht immerfort ebenso schlau sein wollte, als er dumm ist!
Langreuter, ich habe mich noch nie nach Landregen, Schneegestber und dem
erbrmlichsten Hundewetter so sehr gesehnt als an diesem verruchten,
nichtswrdigen Sonnentage. brigens wollen wir wenigstens doch die Fenster
aufmachen oder einstoen - schon deinetwegen, armer Kerl. Was mich anbetrifft,
so kommt es ja wohl auf ein bichen mehr oder weniger Erstickungsgefhl weiter
nicht an! Ich habe mein frei Atmen schon drben jenseits des Kanals diskontiert;
- geh du wieder voran, Fritz dies hier war ihr Mdchenstbchen, und ich habe mir
- drben in Irland eingebildet - da sie und es und ich und wir alle geblieben
wren, was wir waren!

                                 Elftes Kapitel


Einst hatte sich die Tr lautlos in ihren Angeln gedreht, jetzt gab sie nur mit
Widerstreben und mit einem schrillen, rgerlichen Ton nach. Mit angestemmtem
Knie hatte ich nachzuhelfen und dachte dabei daran, wie es gewesen war, wenn
sich die Mdchen hier in ihrem geheimsten Neste verriegelt hatten und wir gegen
ihren Mutwillen, ihr Lachen und Kichern momentan nichts weiter aufzubieten
vermochten als durch das Schlsselloch das alte trstliche Wort:
    Na, wartet nur! Morgen ist auch noch ein Tag, ihr Mamsellen, und ihr sollt
euch ganz gehrig wundern, wenn das Lachen wieder an uns ist! Wer zuletzt lacht,
lacht am besten.
    Nun blickten wir aus dem Vorgemach in die geffnete Tr -
    Da kommt deine Mutter, Fritz! rief der jetzige Herr von Schlo Werden
nicht mehr, und ich fhlte nicht mehr Mademoiselle Martins kncherne
Soeur-ignorantine-Finger am Ohrlppchen oder am Rockkragen: die heie, helle
Sonne des gegenwrtigen Tages hatte mehr als von irgendeinem anderen Raume des
Hauses in dieser Stunde von diesem kleinen Eckzimmer Besitz ergriffen; - fern im
Dorfe schlug es zwlf Uhr am Mittage, und Ewald Sixtus sagte:
    Es ist einerlei - ich habe meinen Kauf in Besitz genommen und wei
wenigstens, was ich erhandelt habe. Auch das ist etwas wert!... Hat es wirklich
eben zwlf geschlagen? Da kommen wir ja richtig wieder einmal wie sonst zu spt
zu Tische - weit du noch, Doktor?!... Es ist einerlei - die Fenster wollen wir
auch hier wenigstens aufsperren und die frische Luft hereinlassen. Wer war es
denn, der neulich in Belfast mir vorrenommierte, da er in einem jungfrulichen
Urwalde Ordnung gestiftet und fr sthetica gesorgt habe? Ich habe ihn damals
schon ziemlich khl ablaufen lassen, den Vetter Just; aber - jetzt soll er mir
nur noch mal kommen mit seinem Neu-Minden!
    Wir traten nun doch auch hier einen Augenblick ber die Schwelle und sahen
uns um und auch von hier aus noch einmal hinunter in den verwsteten, ins
Unkraut geschossenen Park. Ich war auch hier der Unbeteiligtere, der nur als
guter Freund und allenfalls als Ratgeber mitgenommene Privatgelehrte aus Berlin;
aber, ich kann's nicht leugnen, es kam in dieser Stunde doch auch mir sehr
seltsam vor, da das Grn drauen noch immer die Oberhand behielt, da die Vgel
lustig nach alter Sommerweise weiterzwitscherten, da um das wuchernde Gebsch
und die Baumstumpfen dieselben Schmetterlinge wie zu unserer Zeit flatterten,
kurz, da sich alle Hauptlieblichkeiten der Erde weder um Schlo Werden noch um
unsere gegenwrtigen Privatgefhle und Stimmungen im mindesten kmmerten. Und in
diesem Augenblick trat es mir zum erstenmal ganz klar und ohne einen Schatten
auf der lichten Vorstellung vor die Seele, zu was fr einem Segen der Vetter
Just auf seinem Steinhofe auch fr diesen Ewald Sixtus und jene Irene Everstein
wieder angekommen war, um daselbst von neuem auf menschliche Schicksale zu
warten.
    Man hatte aus dem einen Fenster dieses Eckstbchens einen Blick nach jener
Gegend. Der Freund stand mit untergeschlagenen Armen und zusammengepreten
Lippen und sah dorthin. Der einzige khlende Hauch in dieser schwlen
Mittagsstunde kam ber Berge und Wlder, ber den Flu, wieder ber die Wlder
und Wiesen und ber den verwilderten Garten, der zu dem Handel und Kauf des
irlndischen Ingenieurs gehrte, aus jener Richtung.
    Es wird wohl eine ziemliche Weile dauern, ehe du alle deine Arbeitsleute
hier am Werke hast, meinte ich leise. Da haben wir dann Zeit, alle mglichen
Besuche in der Umgegend zu machen. Meinst du nicht?
    Der irische Glcksbaumeister drehte sich rasch von dem Fenster und der im
Mittagssonnenschein flimmernden Ferne weg - und mir zu:
    Wir kommen unbedingt zu spt zu Tisch. Das wenigstens ist uns aus der alten
vergngten Zeit geblieben. Deinen Rat habe ich nun auch. Schlo Werden haben wir
gesehen; wenn du nicht noch eine
    Privatgespensterkammer in dem alten Kasten weit, die ich dir aufschlieen
kann, so wird es wohl das beste sein, wir gehen so leise, wie wir gekommen sind.
Ach, lieber Alter, mein Geschft hat mich freilich hauptschlich auf
Erdarbeiter, Maurer und Zimmerleute angewiesen. Ich habe mancherlei durch das
Volk ausgerichtet, und so ist es nicht ganz meine Schuld, wenn ich in der Ferne
mir einbildete, meine Luftschlsser zu Hause mit ihrer Beihlfe wieder aufbauen
zu knnen.
    Es ist nicht das erstemal, da du mir dieses sagst, seit du mich aus meiner
Dachstube abgeholt hast. Ein jeder bleibt unwillkrlich in seinen
Handwerksausdrcken, und was sonst zu den Knsten gehrt, durch welche er durchs
Leben kommt. Sonst aber gibt es eine Redensart: Du sprichst ber dein Herz weg;
und so ist es auer dem guten Rat, den ich dir gegeben haben soll, meine
Meinung, da wir gegenwrtig Schlo Werden auf sich beruhen lassen, wie es ist,
und deinen Vater und - deine Schwester nicht gleich am ersten Tage von neuem
ber die Zeit mit der Suppe warten lassen. Schlo Werden haben wir gesehen,
sehen wir uns also morgen den Steinhof an. Der Mensch, in seinem Gemuer
gefangen, besinnt sich lange nicht oft genug darauf, da er lebt, Leben ist und
es mit dem Lebendigen zu tun hat, solange er lebt.
    Das solltest du drucken lassen, Fritze; das klingt ja ganz famos! sagte
der Irlnder, und dann gingen wir in der Tat endlich nach Hause und kamen wieder
einmal nicht ganz zur rechten Zeit. Es lie sich aber nicht ndern, und was wir
diesmal zur Entschuldigung vorzubringen hatten, konnte leider nur zu sehr als
rechtsgltig angenommen werden. Wir logen diesmal nicht, wenn wir zu unserer
Entschuldigung anfhrten, da es uns unmglich gewesen sei, frher zu kommen. -
-
    Den langen Sommernachmittag durch sa ich an einer anderen Sttte der
Erinnerung, neben dem Stein nmlich, welchen die Kameraden meinem Vater auf der
Stelle, wo er von den Schmugglern zu Tode verwundet worden war, errichtet
hatten. Wenn die Bume um das Schlo zum grten Teil verschwunden waren und dem
Gestrpp und Unkraut Platz gemacht hatten, so war hier der Wald betrchtlich
emporgeschossen, und ein schner khler Schatten lag auf dem bsen Ort. Da der
Boden, wie ich geschrieben habe, ein wenig sumpfig war, so war der Stein auch
bereits so ziemlich darin versunken und die Inschrift und Widmung darauf des
Mooses und der Flechten wegen kaum noch zu entziffern: er predigte mir wirklich
auch noch die Vergnglichkeit aller Dinge, die Nichtigkeit aller Sorgen, Wnsche
und Hoffnungen, das Vorbeigleiten der Erscheinung, gerade - als ob das noch
unbedingt notwendig gewesen wre. Ich aber hielt ihm im Halbtraum nach der
schwlen Wanderung durch Schlo Werden und nach dem Mittagessen eine Gegenrede,
und die Waldfrische tat wohl das meiste dazu, da wir ruhig voneinander
schieden. Es spukt immer viel mehr in altem Gemuer als im jungen Laubwalde. Als
ich nach dem Frsterhofe zurckkam, war der Vetter natrlich lngst daselbst vom
Gaul gestiegen, und ich sah ihm sofort an, da er im Vorbeigleiten der
Erscheinung etwas zu bemerken hatte, was er lieber mir zu sagen wnschte als dem
Freunde. Ich sah es jedoch auch der Freundin - ich sah es Eva Sixtus an, da er
mit der bereits darber gesprochen hatte. Also begleitete ich ihn zum zweiten
Male durch die Mondscheinnacht und das Dorf Werden auf den Weg nach Hause; er
aber sagte:
    Es ist auch Evas Meinung, da du zuerst allein zu uns kommst und nachher
erst unseren Freund mitbringst. Ich meinesteils habe doch den Schulmeister nicht
lange genug gespielt, um ganz genau und deutlich in Worten ausdrcken zu knnen,
wie ich die Sachlage ansehe. Wie ich dir es voraussagte, so war's; ich fand
Irene noch wach, als ich gestern oder vielmehr heute morgen nach Hause kam; -
gefragt hat sie nicht, aber gewut hat sie gleich, da ich ihr eine Neuigkeit
mitbrachte; - Fritz und Ewald sind da, Irene! habe ich gesagt, weil ich immer
gefunden habe, da das Einfachste stets das Beste ist; - erwidert hat sie
eigentlich nichts, aber sie ist wach geblieben und nicht mehr zu Bette gegangen.
Die Magd hat mich gefragt, weshalb die gndige Frau in dieser Nacht gar nicht zu
Bette gegangen sei. - Du sagst, Doktor da ihr auf Schlo Werden es heute mittag
mit allerhand Gespensterspuk zu tun gehabt habt; aber meine Meinung ist, auf dem
Steinhofe sind auch allerlei Geister, und zwar nicht von der besten Sorte,
umgegangen! Wieviel ruhiger lebten wir in der Welt, wenn wir uns nicht immer aus
unserem Schicksal unsere Reue und unsere Gewissensbisse zurechtschnitten - stets
in dem Gefhl, uns selber nie das geringste vergeben zu drfen. Fritz, du weit,
ich habe von frhesten Jahren an immer zu dir aufgesehen, du bist der einzige
von uns, der es zu etwas gebracht hat - du wrdest mir nicht blo einen
Gefallen, sondern eine groe Liebe antun, wenn du zuerst mit ihr sprechen
wolltest!
    Das hatte ich denn aus meinem Leben in das alte Nest glcklich mitgebracht:
sie durften mir alle in der wohlmeinendsten Weise ungestraft Sottisen meiner
Brauchbarkeit wegen sagen. Fremden gegenber wrde ich mit Grund die bloe
Ironie hinter der sehr ernsthaften Miene vermutet und gesucht haben; die Freunde
durfte ich wenigstens fr ehrlich und wirklich vertrauensvoll in ihrem Glauben
an mein Studium in Wittenberg halten. Jedenfalls hatte ich genug studiert, um
mir die Sache zurechtlegen zu knnen. Es gibt nmlich in gewissen Krisen des
Lebens eine Feigheit, die nur ein anderer Name oder besser die Folge einer kurz
zuvor bewiesenen Herzhaftigkeit ist. Wofr tapfere Mnner alles gewagt und
gelitten haben, wagen sie dann zuletzt nicht einen Gang ber die Strae, nicht
ein Anklopfen an eine Tr, sondern sie schicken einen anderen oder mchten ihn
doch am liebsten schicken, und deshalb - hatte ich fr Ewald Sixtus mit Schlo
Werden sprechen sollen, und darum - erschien es wnschenswert, da zuerst ich
mit Irene Everstein rede. Von meiner Gelehrtheit sprachen sie; aber, ihnen
selber unbewut, meinten sie: das, was uns bewegt, kmmert ihn am wenigsten,
also was kmmert's ihn? Wenn einer uns sagen kann, was wir hren wollen oder
hren mssen, so ist er's. Er ist objektiv in dieser Sache; Steine und Menschen
werden also ihm gegenber unbefangen sich gehen lassen, und - ihm werden sie
nichts tun. Wir aber, die wir Tag fr Tag mit ihnen zu tun gehabt haben, wir
frchten uns!
    Ich hatte mich aus der Mitte der Gevattern und Vettern-Besuche in der
Frsterei von dem Freunde wegholen lassen, um mit ihm Schlo Werden zu
besichtigen; ich ging am anderen Morgen dem Freunde vorauf nach dem Steinhofe,
um die letzte Herrin von Schlo Werden, um Irene Everstein darber sprechen zu
hren. Es ist in solchen Fllen stets viel leichter, ja als nein zu sagen. Man
will eben doch nicht umsonst an seiner Ehre gefat und fr einen erfahrenen Mann
gehalten worden sein.

                                Zwlftes Kapitel


Der Flu hatte es eilig wie immer; aber er, der mir in meiner Kindheit den
einzigen klaren Eindruck von dem Vorbeigleiten der Erscheinung gegeben hatte,
dessen schnelle Wasser mich in der Phantasie stets unwiderstehlich mit sich in
die Ferne gerissen hatten, er war von allen Dingen in der Heimatgegend allein
derselbe geblieben. Unsere Nester in den groen Nubschen waren verschwunden,
die Wiese, ber die sonst der Weg nach dem Walde fhrte, zerstckelt und zum
Teil zu Ackerfeldern gemacht. Auch die Wlder selbst waren nicht mehr die
nmlichen wie sonst. Den Hochwald hatte man teilweise gelichtet, teilweise ganz
niedergeschlagen; das Unterholz war aufgeschossen, und Heidestrecken hatten sich
mit dichtem Gebsch bedeckt. Wo man sonst von einem Berggipfel die freieste
Aussicht in die Ferne gehabt hatte, suchte man nun nach einem Blick auf den
Sommerhimmel zwischen dem dicht verschlungenen Gezweig. Nicht alle Pfade liefen
noch wie in unserer Jugendzeit durch den Forst, aber der Flu - der Flu ging
noch seinen alten Weg; ich aber ging diesmal ber die Brcke bei Bodenwerder und
verlie mich nicht mehr auf den Kahn, welchen vordem der Vater Klaus stets so
mrrisch-wohlgefllig zu unserem Dienst aus dem Uferschilf und Rhricht
hervorzog. Auch das war sehr fraglich, ob ich den guten Alten, seine
Fischerhtte, sein lustig romantisch Herdfeuerchen und sein morsches Fahrzeug
noch am Rande der Weser finden wrde. ber sechzig Jahre war er schon zu unserer
Zeit alt gewesen, aber unterwegs tat es mir doch leid, da ich mich nicht nach
ihm erkundigt hatte, und fast wre ich noch umgekehrt.
    Wie andere gelassene Leute gelangte ich ber die Brcke bei Bodenwerder von
einem Ufer auf das andere und auf den Weg nach dem Steinhofe.
    Der zog sich noch durch die Felder wie sonst. Mir war es, als msse ich
jeden Dornbusch an seinem Rande wiedererkennen und drfe ruhig auf seine
Identitt schwren; doch dies war wohl ein Irrtum. Ich habe es beschrieben, wie
wir als Kinder auf diesem Pfade an heien Sommertagen mde wurden und uns nach
dem Baumschatten, dem khlen Grase im Grasgarten und nach der guten Verpflegung
des Hofes sehnten; ich habe es geschildert, wie wir den Vetter auf einem Steine
am Wege auf Menschenschicksale wartend fanden, und - auf den Stein durfte ich
dreist schwren: es sa wiederum jemand darauf, in seine Trume verloren, auf
Menschenschicksale wartend und die Schritte, die sich auf dem heien, sonnigen,
steinigen Wege nherten, berhrend.
    Auf dem Feldquarz, unter den Disteln und Nesseln, zwischen die einst der
Vetter Just Everstein verlegen greinend seine lateinische Grammatik versteckt
hatte, als wir ihn nach unserer Art jubelnd anschrien, sa unter dem wolkenlosen
blauen Sommerhimmel, ihr schnes mdes Haupt mit der Hand sttzend, der Gast des
Vetters Just, Irene von Everstein.
    Ich sah sie niedergleiten am frhen, frischen Morgen aus unseren
schwankenden Mrchennestern im Grn, hinauf auf die tauige, blitzende Wiese; ich
sah sie elfenhaft uns vorangleiten durch das Walddunkel; ich hrte sie lachen
auf dem Flu und sah sie ihre Hand in die rinnenden Wellen tauchen: erzhlte uns
nicht einmal vor langen Jahren der Vater Klaus auf der berfahrt von einer, die
wohl weit von oben her zugereist sein mute, weil sie, nachdem er sie aus dem
Schilfe ans Land geholt hatte, niemand kannte im Lande?
    Lassen Sie das Schaukeln lieber auf dem Wasser, junge Herrschaft! Die alten
Bretter unter uns sind doch wohl allgemach 'n bichen brchig geworden, und das
dreht sich gerade hier in Wirbeln, und der Untiefe ist nicht gut zu trauen. Ich
mchte um alles nicht, da die Herrschaft zu Hause es mir zuschieben knnte,
wenn ich die jungen Herrschaften nicht heil ans Land brchte.
    Ich sprach sie leise an:
    Guten Tag, liebe Irene.
    Sie fuhr zusammen und empor; doch als sie mich erkannt hatte, stand sie
nicht auf, sondern blieb sitzen auf dem Stein am Wege und reichte mir mit einem
traurigen Lcheln die Hand in die Hhe.
    Du bist es, Fritz? Wie kann man die Leute so erschrecken!... Aber es ist
wohl nicht deine Schuld, sondern meine und meine Torheit. Wie kann man sich so
ins freie Feld setzen und sich die blendende Sommersonne auf den Scheitel und in
die Augen scheinen lassen, ohne fr seine besten Freunde blind und taub zu
werden? Das ist aber gut von dir, da du gekommen bist, der Vetter wird sich
sehr freuen; - er kam gleich in der Nacht mit glnzenden Augen, um es zu
verknden, da - du wieder im Lande seist.
    Sie sprach die letzten Worte nur zgernd; ich hielt ihre Hand noch fest und
sagte:
    Ich bin aber nicht allein in die alte Heimat zurckgekommen, Irene.
    Da zog sie mir die Hand weg, erhob sich nun und erwiderte erst nach einer
geraumen Weile:
    Ich wei durch den Vetter Just Bescheid ber alles.
    ber alles?... ber alles doch wohl nicht!
    Doch! sagte sie, und das Wort kam kurz und hart heraus. Wir stehen hier
jetzt in der hellen, heien Sonne des Mittags, und es ist mir lieb so und ganz
recht. Wir wollen nicht den Schatten und das freundliche Dach des Freundes
suchen, um uns behaglicher und langatmiger ber Schicksal und Schuld auszulassen
-
    Irene?!
    Ich hre gern einmal wieder meinen Namen mit so freundlicher besorgter
Stimme auch von dir rufen, Friedrich; - oh, ich wei es wohl, ihr alle meint es
sehr gut mit mir und habt soviel Geduld; ich aber habe nichts fr euch, als da
ich euch sage, wie es mir zumute ist; und - um das Herz ist's mir, als htte ich
weiter nichts in der Welt, als da ich mich gegen euch wehre... gegen euch
alle!...
    Wie verstohlen hatte der Vetter Just den alten Brder, die Grammatik, in der
er alle Weisheit der Welt vermutete, einst unter dem Stein da und zwischen den
Disteln und dem Wegelattich versteckt; - wie hatten Ewald und Irene gelacht, als
sie das zerlesene Buch doch hervorzogen: nun hielt mir heute Irene Everstein das
Blatt fr Blatt mit Trnen getrnkte Buch, ber welchem ich sie jetzt berrascht
hatte, offen hin.
    Ganz nahe beugte sie sich zu mir und flsterte mehr, als da sie sprach:
    Sage ihm, da ich alles wei, was er fr mich getan hat, um mich getan hat!
Er hat sein Leben darangesetzt, und er hat nicht nach rechts und nach links
gesehen, sondern nur rckwrts nach der Stunde, in der wir, ich und er, Abschied
voneinander nahmen. Ich bin das Weib eines anderen Mannes geworden, und er hat
seinen Willen durchgesetzt, um mich zu demtigen und zu dem Gestndnis meiner
Schuld gegen ihn zu bringen...
    Nein, nein! Das ist nicht so! Irene Everstein, das ist wahrhaftig nicht
so! rief ich.
    Das ist doch so! antwortete sie kopfschttelnd, aber ganz sanft. Sieh,
Freund, er und ich haben uns immer zu gut gekannt, um nicht besser als all ihr
brigen zu wissen, wie es um uns steht. Es ist auch ganz das Richtige, was er
getan hat, und ich gnne ihm seinen Sieg und seinen Triumph; - ich freue mich,
da er so stark und so tapfer gewesen ist und im Stillschweigen! Wre ich seine
Schwester, wie unsere liebe Eva, so wre mein Glck vollkommen! Aber ich bin
nicht seine Schwester - ich bin nicht sein Weib geworden - sieh, Fritz
Langreuter, die Sonne steht uns klar und hell ber den Kpfen, und in ihrem
Scheine spreche ich zu dir klar und hell, und eine alberne frauenzimmerliche
Nrrin bin ich nie gewesen: ich gehrte ihm zu, und er gehrte zu mir von Gottes
und Rechts wegen, seit wir unseren Kinderhaushalt im Spiel in den grnen Bschen
von Schlo Werden aufschlugen! Er aber wei das, und jetzt, da meine Jugend
dahin ist und da ich als Bettlerin bei dem guten, barmherzigen, weisen Mann, dem
Vetter Just, hier auf dem Steinhofe sitze, da ich bin, was ich bin, kommt er -
der Unbarmherzige, und ich fhle seine tapfere treue Hand wie mit einem bsen
zornigen Griff und Schtteln an meiner Schulter! Mir gehrt heute deines Vaters
Haus, deinetwegen gehrt es mir; ich habe in der Fremde, im Stillschweigen in
der Arbeit, die lange, lange Zeit durch, dich keinen Augenblick aus meinen
Sinnen und Gedanken freigelassen, nun nimm deine Kraft zusammen und vergi und
sei glcklich; wir wollen uns von neuem einrichten in den Ruinen, mit keinem
Wort und keinem Blick will ich dich je daran erinnern, da wir in Ruinen wohnen!
Und nun - rede du mir dagegen, Fritz, und sage: Es hat keinen Sinn, was du
sprichst, Irene, du sprichst nur aus deinem kranken, verwirrten Gemte in den
hellen, gesunden, lichten, stillen Tag hinein, weil du in deiner Unruhe und
Angst eine Stimme - deine Stimme hren mchtest.
    Sie hatte recht; es war recht schwer, ihr etwas zu erwidern. Whrend ich
nach Formeln, Phrasen suchte und fr hundertfltiges Ja und Nein ein erlsendes
Wort suchte, schritt ich wieder mit Ewald Sixtus durch die Gnge, Stuben und
Kammern von Schlo Werden, rttelte an verrosteten Trgriffen, drckte mit dem
Knie die verquollenen, widerspenstigen Tren auf und sah scheu auf die
Futapfen, die wir hinter uns zurcklieen in dem Staube, der den Boden
bedeckte.
    Er hatte recht, der Freund: es war nicht dasselbe, wenn er Schlo Werden
gewann und Just Everstein den Steinhof wiedergewann! Schlafendes Leben lt sich
wieder aufwecken, aber Totes lt sich nicht lebendig machen; und Schlo Werden
war tot, war tot auch fr das Kind des Hauses und fr den, der sein Herzblut
darum gegeben htte und seinen ganzen Willen gegeben hatte, das Rad
zurckzudrehen und der Frau auf dem Steinhofe zu sagen:
    Komm und sieh, was ich fr dich und mich habe tun knnen...
    Das war nichts; aber in dieser heien, blendenden Mittagsstunde, nach dem
letzten Worte Irenes zuckte es mir eben durch Hirn und Herz: Aber das ist ja
auch nichts, und die Hauptsache ist es ja einzig und allein, da sie es wissen
und es deutlich sagen knnen, wie es ihnen zumute ist. Alles andere bedeutet
nichts, und die Nester, die sie in die Zweige der Nubsche an der Hecke bauten,
gelten ebensoviel wie die Mauern von Schlo Werden. Auf schwankendem Gezweige,
zwischen Himmel und Erde schaukeln wir alle; aber am meisten dann, wenn wir am
tiefsten in die Erde graben, um einen festen Grundstein fr die Burg zu legen,
in der wir mit unserem Glck zu wohnen wnschen.
    Irene kmpfte mhsam mit ihren Trnen; mich aber berkam allgemach immer
mehr die Gewiheit, da hier doch noch nicht alles aus und zu Ende sei; wie es
aber sich zuletzt schicken mochte zwischen diesen zwei stolzen, widerspenstigen
Seelen, wer konnte das sagen?!
    Wie aber schickte es sich, da die Jugendfreundin gerade in diesem
Augenblick meine Hand fester nahm und mir zuflsterte:
    Nicht wahr, Fritz, es ist doch auch gut so, wie sich das Verhltnis
zwischen dem Vetter Just und unserer Eva gestaltet hat?
    Ja! sagte ich, und ich sprach keine Unwahrheit, wenn ich hinzufgte, da
ich meinesteils vollkommen damit einverstanden sei. Habe ich es nicht schon
gesagt, da ich der grte Egoist von allen diesen Menschenkindern geworden war
und mir am meisten die Fhigkeit gewonnen hatte, allein zu bleiben und - dann
und wann auf Verlangen ruhig den anderen ihre Ansicht zu besttigen oder gar
sogenannten guten Rat zu geben?...
    Vielleicht htte ich aber doch nicht so klar und gelassen bejahend auf diese
zwischen Trnen hervorspringende Frage geantwortet, wenn es nicht die
Hauptperson in diesen Lebensgeschichten gewesen wre, welcher gegenber ich mein
Recht, nein zu sagen, aufgegeben hatte.
    Ihre Augen hastig trocknend, rief Irene:
    Da kommt der Vetter! Und wir wendeten beide uns ihm rasch zu, beide froh,
da er dieser kurzen, bitteren, schmerzensreichen Unterhaltung auf dem
schattenlosen Feldwege ein Ende machte.
    Er kam von seinem Gehft, von seinem in so ganz anderer Weise als Schlo
Werden wiedergewonnenen Erbsitz auf dieser Erde. Auch ihn sah ich jetzt zum
erstenmal in der hellen Mittagssonne der Heimat, und sie nderte nichts daran,
sie stellte es nur in ein helleres, freudigeres und sozusagen verstndigeres
Licht: in seinen gemtsruhigen, gesunden Jahren pate und gehrte er ganz und
gar zu Eva Sixtus, und ich nderte nichts an dem Faktum!
    Es lag in jedem seiner Schritte etwas wie eine Brgschaft fr den ferneren
guten, stillen, hlfswilligen Lebensweg der beiden Leute. Mit den buntfarbigen
Phantasmagorien, mit den Schmerzen und Trnen der Jugend hatte die lchelnde
Sonne, die auf seiner Stirn und seinem Hausdache lag, freilich schon lngst
nichts mehr zu schaffen; aber nichtsdestoweniger ist und bleibt sie etwas sehr
Gutes und Wnschenswertes in dieser Welt der Verwirrung, des Nebels und des
Landregens.
    Das ist gut, da du wenigstens da bist, sagte der Vetter Just Everstein.

                              Dreizehntes Kapitel


Und das Quadrat der Hypotenuse ist immer noch so gro wie die Summe der
Quadrate der beiden Katheten, rief ich; es ging nicht anders. Wie einer der
grnen Zweige, auf denen sich unsere Kindheitsnester wiegten, hing der Magister
matheseos aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein; ich mute danach
greifen und nicht blo nach ihm, sondern nach allem, was an Blten und Frchten
sonst dran hing.
    Und es war wohlgetan. Zum erstenmal glitt etwas gleich einem Lcheln ber
Irenes Gesicht.
    Wie wunderlich, sagte sie, da wir einst kamen, um dich auszulachen,
Just, und uns heute noch daran als an unsere glcklichsten Minuten erinnern.
Auch an Eva haben wir mit unserer Kinderlustigkeit wohl arg gesndigt; aber das
war wohl vor hundert Jahren -
    Nicht ganz so lange ist es her! meinte der Vetter Just; doch Irene
Everstein, seinen Arm nehmend, rief:
    Fr dich und - deine Braut wahrhaftig nicht, aber fr uns andere. Sieh nur
den Fritz Langreuter an, wie er mir recht gibt und was fr ein verrunzelt,
ernsthaft, urvterlich Gesicht er zu seinem Seufzer macht. Gewi und wahrhaftig,
ihr allein seid jung geblieben, Just und Eva; - kreischend lachen und jauchzen
wie wir konntet ihr nie; nun drft ihr heute lcheln, und wir drfen das jetzt
sowenig fr eine Beleidigung nehmen als ihr damals unser Lachen. Nun komm aber,
Just, wir wollen dem Berliner Doktor hier endlich einmal wieder den Steinhof
zeigen; es ist doch hundert Jahre her - mehr als hundert Jahre, seit er durch
sein gastfreundlich-freudiges Tor einging. Wie oft er das freilich im Schlafen
und Wachen im Traum tat, kann ich nicht wissen.
    Ja, da lag der alte Hof, der echte, rechte Bauernsitz, die deutsche
Heimsttte des gelehrten Bauern Just Everstein vom Steinhofe im vollsten Glanze
der Sommersonne, das heit soviel augenblicklich, nachdem wir den altbekannten
Weg bis zu dem altbekannten Zaune zurckgelegt hatten, von ihm zu sehen war. Es
war die Zeit der Heuernte, und bis ans Dach, schier bis hinauf an das Fenster
der Giebelstube des Vetters lagen die duftenden Haufen aufgetrmt, und der
Zufuhr von allen Seiten schien kein Ende zu sein.
    Auf unserem steinigen Ackerlande bauen wir wie sonst, was darauf passen
will, seufzte der gelehrte Bauer, um sodann behaglich hinzuzufgen: Ja, da ist
der Steinhof wieder, Fritz Langreuter, und ich glaube, ich habe nunmehr wirklich
daraus gemacht, was zu machen war. Man will sich eben immer von seinen liebsten
Freunden am liebsten loben lassen, sei es wegen seines Lateins, seiner
Mathematik oder seiner Landwirtschaft. Also lobe mich nur dreist heraus. Mit
meiner Vorfahren Ackerboden habe ich auch mit allen meinen amerikanischen
Erfahrungen wenig anzufangen gewut; aber an eine rationelle Ausnutzung unseres
Wiesenlandes hatte vor mir keiner gedacht; ich aber habe manchen guten Morgen
zugekauft, und es trgt sich aus.
    Lchelnd stie er mich in die Seite:
    Du weit es ja wohl, da ich immer eine Vorliebe fr das grne Gras und das
weiche Heu gehabt habe, nmlich fr das Langhin-drein-sich-Legen. So kommt man
denn stets zu seinen Lieblingsneigungen zurck; - lache nur, Horaz hat's:
Naturam expellas furca und so weiter, soviel Latein wei ich noch! Das war ein
Satz bei Rmern und Griechen und ist es auch bei uns Neuen geblieben. Klettre
ber, whle dich durch; - die Haustr findest du hinter dem Haufen an der alten
Stelle, und hr nur - da sind sie in gewohnter Weise scharf in der Unterhaltung
- gegeneinander. Taub sind sie alle beide ein bichen, und zu sagen haben sie
sich natrlich immer was - Jule Grote und Mamsell Martin meine ich! Na, auf das
Gesicht freue ich mich, was meine Alte ber dich machen wird. Weit du noch, fr
das liebe Fritzchen drben von Werden hielt sie immer eine Extrapartie von
Pfeffer, Salz und Essig in ihrer Natur bereit; denn darauf lie sie sich jeden
Tag totschlagen: wenn ein Mensch und nichtsnutziger studierter Taugenichts von
Jungen den dummen Jungen, ihren Just, auf dem Gewissen hatte, so warst - du
das.
    Ist das wahr, Irene? fragte ich, mich zurckwendend, doch die Freundin war
uns im Rcken abhanden gekommen, ohne da ich es gemerkt hatte.
    Das ist jetzt ihre Art so, sagte der Vetter Just, sie wird sich schon
wiederfinden lassen. Httest du es wohl fr mglich gehalten, da die Gute,
Wilde so lrm- und menschenscheu htte werden knnen? Aber sie hatte verweinte
Augen! Ihr habt wohl schon die paar Augenblicke der Unterhaltung am Wege nach
Mglichkeit ausgenutzt? Das ist recht, denn im Grunde habe ich dich dazu
hergerufen; aber nun komm frs erste ins Haus und sieh zu, ob du die alte
Herberge am Wege noch wiedererkennst. Glaube nicht, da mir das etwas
Natrliches und Selbstverstndliches ist. Einen um den anderen Morgen wache ich
auf und wundere mich, mich so wieder zu Hause zu finden. Naturgeschichtlich
besteht es ganz und gar nicht zu Recht, da jeder Vogel wieder in dasselbe Nest
fllt, in welchem er flgge geworden ist, sondern ganz im Gegenteil.
    O Vetter, da sprichst du ein trostreiches Wort aus! rief ich. Und das
beste fr uns andere ist, da du, du das sagst! Was kmmert uns denn da noch
Schlo Werden? Wie sehr es da spukt, das glaubte ich gestern erfahren zu haben,
als man mich bat, als Gelehrter mit dem Gespenst zu reden; aber in Wahrheit
erfahre ich es erst jetzt. Mit Geistern soll sich der Mensch herumschlagen, aber
die Gespenster mag er sich selber berlassen. Was geht uns Schlo Werden an;
denn wie wrden wir an jeglichem Morgen erwachen und uns wundern, uns daselbst
wieder zu Hause zu finden?!
    Irene auch, und das ist das allerbeste! sprach der Vetter Just, und wir
stiegen durch das Heu, die durch die Sommersonne in Wohlduft und Nutzen
verwandelte Wiesenschnheit des Jahres. Noch einmal dachte ich an den gestrigen
Weg ber den verwilderten, verwsteten Schlohof zu der Tr von Schlo Werden,
dann aber nicht mehr; der Steinhof nahm mich ganz gefangen.
    Mit Frulein Martin bist du ja erst neulich zusammengetroffen, und ihr
kennt euch also noch; aber mit dir ist es etwas anderes, Jule. Komm her, Alte,
und betrachte dir den Gast genauer. Wer ist das? Wer kann es sein?
    Die Greisin hielt die Hand ber die blden Augen; doch schon platzte der
Vetter heraus:
    Das Fritzchen ist's! Der kleine Fritz Langreuter von Werden! Wer knnte es
denn sonst anders sein?
    I du meine Gte! schrillte der verrunzelte, graugelbe, weihaarige
Schutzgeist des Steinhofes, und mit dem Ton wachte auch der Rest von dem auf,
was an Jugenderinnerungen auf dieser Erdstelle bis jetzt fr mich noch im
Schlafe gelegen hatte. Was waren alle Heimchen an dem sonnigen Feldwege von
Bodenwerder herauf gegen diese aus der Vergangenheit hervorzirpende
Altweiberstimme? Aus allen Winkeln und Ecken nicht nur des Hausflurs, sondern
des ganzen Hauses hallte es gesprochen, und da ich jetzo wiederum darauf komme,
das Sixtus in Empfang nahm, wenn er mit dem gesamten Eiersegen aus den
Hhnerstllen des Steinhofes in den Taschen sich harmlos, aber dreist auf den
Heimweg machte und noch unter der Pforte von der Hterin des umfriedeten
Bezirkes ertappt wurde. Wer je einen erhitzten Gemtes abgezogenen Holzpantoffel
gegen eine verriegelte Tr pochen hrte, dem lebt der Hall auch wieder auf, wenn
er die Klopferin nach Jahren wiedererblickt und die nmliche Fubekleidung
griffgerecht an ihren Fen. Es hilft uns nichts, Fritze, sie trommelt uns
heraus, pflegte der Vetter Just in der Giebelstube zu sagen. - Ja, da stand
sie, Gott sei Dank, noch in ihren Schuhen, und nun schlug sie die Hnde vor dem
Leibe zusammen, da es gleichfalls den alten trockenen, knchernen Hall gab, und
seufzte herzzerbrechend, aber doch, wie es mir schien, mit einem gewissen
Behagen:
    Ach, du liebster Gott, also das ist er wirklich? Ach, und ist wirklich aus
einem so berstudierten Jungen ein so gelehrter Herr und Herr Doktor geworden?
Ach, und du liebste Barmherzigkeit, Herr Fritz, und - so dnn! - Nehmen Sie es
nur nicht bel, Herr Doktor Fritz; je ja - je ja, es ist mir ja wirklich eine
rechte Herzensfreude, aber recht schlecht und kmmerlich mu es Ihnen doch wohl
da drauen in der Welt ergangen sein? Je ja, das ist so, wenn der Mensche dem
lieben Herrgott zu genau in die Karten gucken will; da vernachlssigt er denn
seine Leibesnahrung, zumal wenn ihn auch keiner daran erinnert, da es Klocke
zwlfe am Mittage ist, wie ich meinen Just da, der sonst auch wohl als Faden
sich durch 'n Stopfnadelhr ziehen lassen knnte. Das habe ich ja immer gesagt,
wenn Sie sonst hier auf den Steinhof kamen und mein Just jedesmal das Fieber
nach Ihnen kriegte. Just, habe ich gesagt, wie kann so 'nem Jungen was
anschlagen? Den setze du in 'n Fettpott, und er bleibt, was er ist; an den kommt
nie in seinem ganzen Leben was Rechtes. Wenn ich dem seine Mutter wre, so
schliefe ich keine Nacht aus Angst um ihn. Also, wenn du denn gar nicht von ihm
lassen kannst, Just, so nimm dir zum wenigsten ein Exempel an ihm! Ja, je ja, so
habe ich dunnemalen in den Wind gesprochen, und da ich jetzo wiederum darauf
komme, das tue ich nur, weil dem Menschen in seinem Vergngen manches hingeht,
was man sonst wohl krumm nimmt, wenn einer kein Blatt vor den Mund nimmt. Und
das ist meine Rede, Herr Fritze, Herr Doktor Fritze, ich freue mich gewi und
sehr, da ich Sie endlich doch noch mal erblicke; und wie es Ihnen auch drauen
in der Fremde ergangen sein mag, auf dem Steinhofe sind Sie immer willkommen,
und nun kommen Sie nur wie sonst recht oft nach dem Steinhofe; meinen Jungen,
den Just da, verfhren Sie mir jetzt nicht mehr; wir aber wollen es mit Plsier
versuchen, ob sich denn gar nichts an Sie heranfuttern lt! Ihre Frau Mutter
habe ich doch auch gut genug gekannt und gern gehabt, nach Ehren strebe ich
nicht, aber das wre mir doch was wert, wenn sie mir dermaleinst da oben die
Hand gbe und sagte: Jule Grote, Sie hat an allem, was mit Ihrem Just gut Freund
gewesen ist, getan, was Sie konnte, selbst wenn sie es nicht verdient haben wie
viele aus Bodenwerder und sonst hier aus der Umgegend, die ich jetzt hier nicht
in den Mund nehmen mag; aber an meinem Jungen, dem Fritz, da hat Sie Ihr
allermglichstes getan, und jetzt komme Sie nur her, dafr will ich Sie jetzt
hier bekannt machen; denn die Besten, die von unten heraufkommen, sind zuerst
immer ein bichen fremd - das ist berall so.
    Nicht das kleinste Wrtchen, kaum ein zustimmender Gestus war in diese
Begrungsrede einzuschieben gewesen. Wie der gelbe Heimatsflu beim Eisgange
rollte her, was Jule Grote zu meiner Bewillkommnung auf dem Steinhofe
vorzutragen hatte.
    Der Vetter Just stie mir nur bei jedem Komma und Atemholen den Ellenbogen
in die Seite, was nichts weiter hie als: Siehst du wohl? Ganz die Alte! Was
wre das alte Nest, der Steinhof, ohne die Alte! - Ich aber htte die Alte bei
jeder neuen Wendung und vorzglich da, wo sich die Schollen
aufeinanderzuschieben drohten, beim Kopf und Kragen nehmen mgen, um sie
abzukssen wie keine Jngere im Lande.
    Und dazu brotzelte es vom Kchenherde her, und alles war voll Heuduft; und
Frau Irene und ich waren die einzigen, die nicht in Hemdrmeln auf dem Steinhofe
herumwirtschafteten. Es war ein heier Sonnentag mitten im Sommer und in unserem
Leben; aber die Sonne war doch das Beste in der Welt, und wer sie nicht ertragen
mag, der mag sich einfach vor der Zeit begraben lassen. Es sind aber auch nur
diejenigen, welche auch hier unten fremd bleiben, wie Jule Grote sich
ausdrckt, die die Sonne nicht vertragen knnen.
    Aber ein drittes Wesen, das gleichfalls nicht in Hemdrmeln einherging,
hatte ich eben doch vergessen aufzuzhlen. Zugeknpft bis an den Hals, sowohl
was das Kostm als was die Gemtsstimmung anbetraf, setzte mir jetzt
Mademoiselle Martin aus Nanzig einen Knicks hin - vor der Welt, um mich sodann
mit zupackendstem, nicht den geringsten Aufschub zulassendem Interesse in den
Winkel zwischen Stubentr und Wand zu ziehen und zu flstern:
    Et l'autre?! Der andere?! Wo ist der andere? Was denkt sich der andere? Was
tut der andere?
    Der andere? Ewald?... Ewald Sixtus?
    Die alte Dame hielt meinen Arm und schttelte mich, wie sie mich nie in
meiner Jugend auf Schlo Werden geschttelt hatte:
    Ah - oui - ich werde wie gebraten hier auf heien Kohlen, und da kommt
dieser, und ich halte ihn, und er sieht mich dans mon angoisse, und ich
schttele ihn, und er - fragt!...
    Ach Mademoiselle, seufzte ich, der andere fragt ebenfalls. Vor allen
brigen fragt er auch Sie, was er mit Schlo Werden anfangen soll. Wir haben
gestern um diese Tagesstunde alle Tren dort aufgeschlossen; aber einen Eingang
haben wir darum doch nicht gefunden. Am hellen Mittage haben wir groe Furcht
gehabt -
    Und ich wei schon, was ich ihm sagen werde; aber der vaurien, der
Taugenichts, mu selber zu mir kommen. Was schickt er einen anderen hierher,
wenn der gute Gott ihm auch zwei Beine hat anwachsen lassen! Aber es war immer
so! Nur wo er einen Unsinn konnte ausben, kam er selber; - wo es galt, nach der
raison zu handeln, mute man ihn immer suchen.
    Selten war mir zwischen Tr und Angel ein nur annhernd gleich trostreiches
Wort gesprochen worden wie dieses letzte der atemlosen, vor Hast und Erregung
zuckenden soeur ignorantine, die gottlob so genau Bescheid wute. Aber unsere
Privatunterhaltung war jetzt zu Ende fr den Augenblick; - es war wieder einmal
Essenszeit auf dem Steinhofe, und alles Hofvolk stieg durch das Heu und kam,
seinen Platz an dem Tische einzunehmen, den der Vetter Just Everstein durch die
alte Stube auf feste Eichenfe von neuem hingestellt hatte: zwei Bnke von
Tannenholz die Langseiten entlang, ein Schemel fr den Hofjungen und ein
Holzstuhl mit einer Lehne fr den Herrn. Es konnte in ganz Germanien keine
vornehmere Hoftafel abgehalten werden!

                              Vierzehntes Kapitel


Die Nacht war still, und ich berdachte den ersten Tag, den ich wieder auf dem
Steinhofe zugebracht hatte. Die Nacht war ungemein still, und, Gott sei Dank,
auch in mir ging's nicht auergewhnlich lebhaft und lrmhaft zu. Was brigens
in dem gewohnten Laufe der Dinge und Stimmungen in der Welt durchaus nicht so
htte sein drfen, denn ich befand mich in dem Hause meines auerordentlich
glcklichen Freundes, und der Vetter Just hatte mir wiederum viel von der
Vortrefflichkeit des Preises, der mir entgangen ist, gesprochen. Ich aber kann
darber nur sagen, was ich schon gesagt habe, und da es eine Nacht der
Wiederholungen war, so will ich es auch an dieser Stelle noch einmal zu Papiere
bringen: ich gnnte dem Vetter aus vollstem Herzen alles Gute, Liebe und Schne,
das er, weil er's verdient hatte, sich gewonnen hatte - so kurz noch vor
Torschlu! Von alten Nestern handeln diese Lebenshistorien: die Zeiten, wo wir
sie jung ins Grne bauten, die waren fr uns alle lange, lange vorber; aber
Just Everstein und Eva Sixtus wurden ein stilles, solides Paar, auch ein
stattlich Paar und eine Krone der Gegend. Eine Herrin gehrte noch an die
frstliche Tafel, die der Bauer vom Steinhofe Punkt zwlf Uhr mittags
ffentlich, das heit bei offenen Tren hielt, und wer htte den Platz
whrschafter und freundlicher auszufllen vermocht als die jetzt so stattliche
Jungfrau vom Frsterhofe zu Werden - meine rehhafte, leichtfige, liebliche
Jugendliebe?!...
    Ich war aber auch dem Stadtrat Bsenberg aus Finkenrode nicht umsonst
unterwegs begegnet; ich hatte nicht umsonst mit ihm gefrhstckt in Finkenrode:
Stadtrat zu Bodenwerder wurde ich mein Lebtage nicht und noch viel weniger
Brgermeister daselbst. Die den Ort sonst betreffenden historischen Studien
hatten mir der Justizamtmann Brger zu Gttingen und der Obergerichtsrat
Immermann in Dsseldorf schon lngst vor der Nase weggefischt. Um es mit ein
paar kurzen Worten auszudrcken: mein Name war Dr. Langreuter, der irische
Bauknstler Ewald Sixtus hatte mich nur fr einige Wochen aus einem mir vllig
angemessenen Lebensberuf weggeholt, und ich gehrte einfach nach Berlin und
nicht nach Dorf Werden; letzteres ebensowenig wie der internationale Ingenieur
Ewald Sixtus nach dem dort noch befindlichen, aber sehr zur Ruine gewordenen
Herrensitz der Grafen von Everstein.
    Ich lag lange in dieser Nacht im offenen Fenster auf dem Steinhofe, und die
Khle war sehr erfrischend und die Monddmmerung sehr wohlttig nach dem heien,
blendenden Heumondstage. Sie hatten ihr Heu wohl meistens glcklich unter Dach
gebracht, aber der Duft davon durchzog noch immer angenehm, wenngleich etwas
betubend die Nacht; ich aber konnte zu keiner besseren und gnstigeren Zeit als
zur Zeit der Heuernte auf dem Steinhofe wieder zu Gaste sein. Es ist immer ein
anderes, wenn die Wiesen in voller Pracht und Blte stehen, mit seinen
Illusionen und Herzensneigungen abzuschlieen, und ein anderes ist's, zur Zeit
des Heumachens anderer seine Lebensruhe sicher und trocken unter Dach zu
bringen. Was dabei meine Gemtsstimmung nicht verschlechterte, war die im
Verlauf des Tages gewonnene feste berzeugung, da auch zwei anderen Leuten und
lieben Freunden sich der Pfad sanft abwrts fhrend viel leichter gltten werde,
als sie augenblicklich noch, beide fr mglich hielten.
    Ich hatte dem jetzigen Herrn von Schlo Werden mein Wort gegeben, ihm in
dieser Nacht sofort zu schreiben: ich wute, da der Mann und wilde Irlnder in
der Frsterei zu Werden ebenfalls wenig schlief in dieser Nacht, hatte mir auch
gewissenhaft einen Briefbogen zurechtgelegt und dem Vetter Just sein Dintenfa
mir aus seiner Giebelstube geholt; aber - wozu eigentlich immer selber stets
Wort halten in einer Welt, in der es einem selber so hufig nicht gehalten wird,
sowohl vom Wetter wie vom Schicksal?... Ihrem Schicksal entgingen sie - Ewald
und Irene - darum doch nicht; was ich aber brieflich mitteilen konnte an den
Freund, war wenig und hatte in der Tat vollkommen Zeit bis morgen. Wie sich das
stolze Herz der Frau noch sperrte und flatterte und mit den Flgeln schlug, das
lie sich doch nur schwer mit des Vetters schlechter Dinte und noch schlechterer
Feder hinschreiben, und dazu hatte der Vetter selbst mich vom Schreiben
abgehalten. Er war ganz meiner Meinung gewesen; aber bis ber die Mitternacht
hinaus hatte er bei mir gesessen und die Sache immer wieder von einer anderen
Seite her beleuchtet und geredet wie der auerordentlichste Professor der
Psychologie.
    Der irlndische Baumeister Ewald Sixtus hatte manche Nacht durchwacht, um
Schlo Werden sich zu gewinnen; weshalb sollte er nicht die eine und die andere
Nacht durchwachen, um zu dem Entschlu zu kommen, es wieder aufzugeben?
    Gute Nacht, Just. Dein Schreibzeug lt du mir wohl bis morgen frh?
    Ist denn noch Dinte drin? Wohl mehr tote Fliegen und dergleichen? fragte
der Vetter, lchelnd sich hinter dem Ohre kratzend. Lieber Bruder, die Zeiten
haben sich ganz besonders in dieser Hinsicht sehr gendert. Ich habe schon
mehrmals einen reitenden Boten nach Bodenwerder schicken mssen, um mir den
notwendigen Tropfen zu einer Namensunterschrift holen zu lassen.
    Ich stie den Federstumpf durch den Schimmelberzug und fand noch gengendes
schwarzes Na, um aller Welt Glck und Leid dreintauchen zu knnen und meine
Ansicht, Meinung, Weisheit und guten Ratschlgen dazu; der Vetter war gegangen,
und ich hatte - die Feder neben den Briefbogen gelegt und mich in das Fenster.
    Was konnte ich eigentlich dem Freunde in Werden schreiben?
    Da ich sie in der heien Sonne am Wege sitzend fand, da sie in der
Abenddmmerung an meinem Arm durch die Felder wandelte, da sie viel und hastig,
aufgeregt und verworren sprach, und ganz und gar nicht wie ein Professor der
Psychologie? Da wir bis spt in die Nacht hinein in der Gesellschaft des
Vetters Just im Baumgarten saen, und zwar sehr still? Da ich noch eine
Viertelstunde zwischen Jule Grote und Mamsell Martin auf der Bank vor dem Hause
hockte und da ich die beiden guten Alten reden lie, ohne sie nur ein einziges
Mal zu unterbrechen? Da alles in der Welt von den verschiedensten Seiten
angesehen werden kann? Da aber, gerade weil dem so ist, alles auf Erden viel
offener und sozusagen wehrloser daliegt, als der Mensch in seiner tglichen
Verwirrung sich einzubilden pflegt? Da der Mensch viel zu hufig Furcht hat?
Da es im Grunde keine Gespenster gibt - auch in und um Schlo Werden nicht? Da
die Nacht wundervoll klar und lieblich war und da die Nachtkhle
auerordentlich beruhigend auf den Menschen wirkte und da es trotz alle-,
alledem sehr leicht sei, ber mittelalterliche Geschichte, und sehr schwer, ber
das lebendige Leben der Gegenwart zu schreiben?
    Mit der letzteren Bemerkung begann ich selbstverstndlich am folgenden
Morgen meinen Brief und schlo ihn mit einer ganz hnlichen.
    Ich reite wie gewhnlich erst diesen Abend hinber, sagte der Vetter Just,
dem ich die Lektre gern gestattet hatte. Offen gestanden, Fritz, ich glaube,
einen expressen Boten brauchen wir nicht damit hinzuschicken. Recht hbsch,
Fritze!... Und da euch euer Abendspaziergang, ganz ohne da ihr es merktet, dem
Flusse zufhrte und da ihr erst auf den letzten Hgeln umdrehtet, nachdem ihr
lngere Zeit nach den Bergen gegenber ausgeguckt hattet - ist auch - recht
hbsch, Doktor. Wenn du meinst, da die Sendung Zeit hat bis zum Abend, so
kannst du dich darauf verlassen, da ich deine Schilderungen dem armen Teufel
drben getreulich berliefern werde. brigens - wenn ein Mensch auf eine prompte
Korrespondenz gar keinen Anspruch hat, so ist das unser braver Freund Ewald auf
Schlo Werden. Jetzt entschuldige mich freundlichst bis Mittag, Wir haben gerade
heute einen ziemlich scharfen Arbeitstag vor uns. Bekmmere du dich um nichts
als die Frau Irene und la dir soviel als mglich von ihr Gesellschaft leisten.
ber mittelalterliche Geschichten lt sich wohl besser und leichter schreiben;
aber in dem lebendigen Leben der Gegenwart stecken wir eben drin und haben uns
durchzufhlen. Ich drcke mich wohl schlecht aus?... Aber - nimm es mir nicht
bel, ich spreche nur nach, was du geschrieben hast, und in deinem Briefe an
Ewald steht wirklich wenig von dem, was wir augenblicklich an uns und in uns und
in der allmchtigen Schicksalswelt um uns erfahren. Dein Brief ist sehr nett und
sehr freundschaftlich und sehr ausfhrlich - du hast den gestrigen Tag gut
geschildert, und da er zwischen den Zeilen wird lesen knnen, das ist noch
besser; aber das beste und einfachste wre meiner Meinung nach - sie ginge
einfach zu ihm.
    Das Wort kam wie etwas so Selbstverstndliches heraus, so ruhig und
sozusagen gemtlich, da ich im Anfange glaubte, mich verhrt zu haben:
    Was sagtest du, Vetter?
    Ich bin bei eurer ersten Unterhaltung gestern auf dem Feldwege nicht
gegenwrtig gewesen; aber das war auch gar nicht notwendig. Wenn einer wei, wie
dem anderen in seiner Verwirrung zumute ist, dann wei er auch, welche Worte er
gebraucht, um sich Luft zu machen; vorzglich wenn er ihm ein jedes an den
rotgeweinten Augen absieht. Bei einem lachenden Gesicht ist es freilich schon
schwieriger, und da ein Menschenelend wahr ist, erkennst du viel leichter, als
wie ob ein Glck und Jubel dir nur als Komdie aufgefhrt werde. Lache nicht
ber den Bauer vom Steinhofe, der ein Gelehrter werden wollte und es wirklich
einmal fr eine Zeit zum Schulmeister gebracht hat. An sich selber mu der
Mensch in Erfahrung bringen, wie es dem anderen zumute ist, und in dieser
Hinsicht glaube ich das Meinige gelernt zu haben.
    Es war nicht das erstemal, da der Mann es sich ausbat, da man nicht ber
ihn lache. Es lohnte sich also nicht der Mhe, ihm noch einmal hierauf die
gehrige Antwort zu geben. Wir saen in seiner Giebelstube am Tisch; die Wnde
und die schrge Decke waren dieselben geblieben. Ich war wieder ein Knabe, ein
Kind; im Grasgarten unter den Kirschbumen trieben die anderen als Kinder ihr
Spiel, und ihr helles Lachen und Jauchzen drang zu uns her; und - es war
geblieben, wie es schon damals war: nur der Vetter Just achtete darauf in sich
selber nach der richtigen Weise, wie ihm und der Welt ums Herz war.
    Verla dich drauf, Fritz, sie will zu ihm, und weil sie Angst hat, da es
zu spt sei, schiebt sie die Schuld auf die Ruinen, die zwischen ihm und ihr
liegen. Auf das alte brave Nest, Schlo Werden, gebe ich dabei gar nichts; aber
ihr kommt es zupa. Sie mchte es in ihrer heutigen Ratlosigkeit um alles in der
Welt nicht anders haben, als wie es jetzt daliegt. Das kommt ihr gerade recht!
Das ist der Nagel, an dem sie ihren Weiberstolz am bequemsten aufhngen kann, um
ihn zu schonen! Und Kinder sind sie alle beide, so weit sie in den Jahren
vorangekommen sein mgen. Wie sie heute in sich hineingraben, ist ihnen keines
der goldenen Schlsser, die sie (und du auch, Fritz Langreuter!) in die
berhmten italienischen Nubsche in Werden hingen, so lieb wie der Zorn und die
verhaltene Reue von heute. Du willst wissen, was sie dir gestern gesagt hat?...
Hat sie dir nicht in einem Atem von ihrem Alter, ihrer Armut und ihrem Stolze
gesprochen? Sie, welche die Jngste von uns allen ist und soviel zu verschenken
hat und alles so gern hergbe, wenn nur das Schicksal sie wie ein verweintes
Kind an der Hand nehmen und fhren wollte. - Hat sie nicht gesagt, da sie alles
begreift und wrdigt, was ihr Freund nur in dem Gedanken an sie erarbeitet und
getan hat? Da sie mit klopfendem Herzen ihm dafr dankbar ist, hat sie wohl
nicht gestanden - das umschreiben die Weiber immer am liebsten oder drcken es
anders aus, zum Exempel durchs Gegenteil, und das letztere hat auch sie getan.
Nmlich, da sie um keinen Preis der Welt sich durch ihn demtigen lassen knne,
hat sie gesagt. - Wenn es nicht schade wre um jeden Tag, den sie unntzerweise
dadurch verlieren, so knnte man wirklich einfach darber lachen... und sich
rgern! Sag mal, Fritz, glaubst du nicht auch, da der rger die einzige
wirklich konservierende Zutat in unserem irdischen Zustand ist? Ich habe darber
nachgedacht; im hchsten Schmerz, im edelsten Zorn und Kummer schmeckt man ihn
durch. Er ist, wie das Salz, das Gemeine oder Allgemeine, aber doch das, was
unter allen Umstnden dazu gehrt. Schicksal kann man nicht spielen; ohne rger
kommt man nicht aus - in seinen Einbildungen lebt man warten, warten mu man -
heute wie morgen - auf das, was mit einem geschieht: in das Glck kann sich kein
Mensch unterwegs retten, so fallen die Besten und Edelsten in die Entsagung, um
nicht dem Verdru zu verfallen, und das ist der Fall heute mit Ewald und Irene.
Wenn aber einer von uns zweien hier am Tisch sagt: Es schmerzt mich!, so knnte
er dreist ebensogut sagen: rgert mich nicht! - Und jetzt siegele ruhig deinen
Brief zu, du hast es wirklich sehr hbsch ausgedrckt, wie dir zumute war, als
du nach lngerer Abwesenheit zum erstenmal wieder den Steinhof besuchtest.
    Just! klang es vom Hofe her in unser offenes Fenster.
    Hier sitzt er, Jule! Was soll er?
    Neben dem Brunnen stand die Alte in der Sonne, blinzte unter bergehaltener
Hand vor zu uns empor und brummte:
    Jawohl sitzt er da! Als ob ich das nicht wte! Sowie der andere wieder im
Lande ist, geht richtig das alte Elend augenblicks wieder von frischem an; na,
ich wei schon, Herr Langreuter, und will auch nichts Despektierliches gesagt
haben. Aber, Just, im Lmmerkampe wei kein Mensch mehr, wo er mit sich hin
soll, und so haben sie sich lieber allesamt unter die Bume gelegt und warten,
da der Meister kommt und nach ihnen sieht. Und mit der Steinfuhre fr den neuen
Schweinekoben sind sie am Tillenbrinke vermalhrt. Da liegt die ganze
Prostemahlzeit, Schiff und Geschirr im Graben, wie der Junge sagt, und bis jetzt
haben sie nur die Pferde ausgespannt und sitzen und besehen sich die
Angelegenheit, sagt der Junge. Nach dem Herrn Doktor aus Berlin aber sucht sich
Mamsell Martin schon stundenlang die Augen aus dem Kopfe; mir flackert das Feuer
in der Kche unter den Hnden weg und brennt mir auf den Ngeln; und so geht
denn alles wie gewhnlich ja recht hbsch kopfunter, kopfber.
    Da hast du es, Fritz! meinte der Vetter, ein wenig klglich lchelnd. Der
Mensch mag sich noch so sehr abarbeiten, um ein anderer zu werden, das
Durcheinander um ihn her bleibt immer dasselbe, und alle Erfahrung und der beste
Wille richtet wenig dabei aus. Wieviel Zeit von seinem eigenen Tage behlt man
brig fr die Bedrngnisse der anderen? Jetzt geh du nur hin und erhalte der
treuen Seele, der Mamsell Martin, ihre guten ngstlichen Augen, mich ruft das
Schicksal zuerst nach dem Tillenbrink und dann nach dem Lmmerkamp. Das ist ganz
richtig, weg luft mir niemand dort. Sie liegen allesamt ganz behaglich und
warten, bis ich komme.
    Und durch die Abendkhle reitest du nach Werden. Das ist dein Trost, und
zwar ein recht behaglicher.
    Ja! sagte der Vetter Just leise und innig und fate meine Hand. Es ist
so. Und wenn mir manchmal in allem Behagen etwas melancholisch zumute wird, da
ich in meinem und meiner Eva Glck doch eigentlich nur auf die beginnende
Dmmerung und Khle des Abends angewiesen worden bin, so trste ich mich: Wir
bleiben eben lnger jnger als die anderen!... Und nun, alter Freund, hnge noch
ein Postskript und guten Rat ber das Jungbleiben an deinen Brief. Ich trage ihn
dann noch einmal so gern hinber heute am Abend. Wenn nachher wieder die Rede
auf Schlo Werden kommt, wei man dann doch etwas genauer, was man sagen kann.
Da es mir immer lieb gewesen ist, wenn ein Wort das andere gab, das weit du
ja.
    Ich sah ihm von dem Fenster der Giebelstube aus nach, wie er ber den Hof
stieg. Vom Tor aus winkte er mir noch einmal zu, und ich sah ihm nach auf dem
Wege nach dem Tillenbrink und seufzte:
    Der hat wohl gut reden von seiner Jugend! Sind es blo die groen Knstler
mit Stift, Feder und Meiel, die die Welt festhalten, whrend sie allen brigen
entgleitet? Ich meine, solch ein Lebensknstler, solch ein Mann des Lebens wie
der da, hat auch einen guten Griff. Was er fat, lt er so leicht nicht los,
und was er weitergibt, das reicht er weit in die Zeiten hinein. Welch ein
Kunstwerk hat dieser Mann aus seinem Leben gemacht - treuherzig! Und ist nicht
Treuherzigkeit das erste und letzte Zeichen eines wahren Kunstwerks? Was haben
wir ihm alles aufgebunden, wenn wir aus unseren Nestern im Grn zu ihm kamen.
Und er glaubte alles! Oh, welch ein weiser Mensch steckte in jenem Jungen, der
da am Wege ber dem alten Brder sa und Glauben hatte und sich wie von Schlo
Werden so von Bodenwerder zum besten halten lie und gelassen auf menschliche
Schicksale wartete. Aber Glck hat er auch gehabt, und - das ist und bleibt
gleichfalls in alle Zeit hinein der Trost und die Entschuldigung derer, die wie
die Fliegen und der gegenwrtige Doktor der Philosophie Friedrich Langreuter aus
Berlin an der geschlossenen Fensterscheibe kriechen.
    Es fand sich in dem mit Fliegen, Staub und Schimmel mehr als gebhrlich
gefllten Dintenfasse des Vetters Just auch der schwarze Tropfen noch, mit dem
ich das angeratene Postskriptum an meinen Brief an den Freund in Werden hngen
konnte. Ich tat's, faltete das Blatt und lie es ungesiegelt; - Geheimnisse
meinerseits standen nicht drin, und der gute Rat, den der Vetter gab, lag wie
alles Echte und Rechte auf der Hand.
    Im Gemsegarten fand ich dann Mamsell Martin, Raupen vom Kohl suchend. Sie
stellte diese Beschftigung natrlich sofort ein, um sich einer ganz hnlichen
an mir zu widmen:
    Oh, monsieur, wenn ich es nicht tagtglich mir vorsagte, da auch ihr
Mnner durch die sehr bse Welt kommen mt und da ihr es dann und wann  peu
prs drin ebenso schlimm habt als wir anderen armen Frauen, so wre es wohl
manchmal nicht auszuhalten mit euch. Sind Sie nur deshalb nach diesem Steinhof
gekommen, um meinem armen Kinde das Herz noch schwerer zu machen, monsieur
Frdric?
    Oh, bestes Frulein -
    Ich bin keines Menschen bestes Frulein! Wir leben hier nicht auf diesem
Steinhofe aux bains. Wir sind hier nicht in Baden-Baden, Homburg oder
Aix-la-Chapelle! Wir wohnen hier nicht, um uns zu erholen de nos tudes und um
hineinzuschlafen in den Tag und um konomie zu treiben mit dem Cousin Just. Wir
sind hier in groer Angst des Lebens, mein armes Kind mit mir, wie auf einem
Steinfelsen im Meer, und um uns her ist nur, wie M. Victor Hugo sagt in den
Orientales: das Meer und stets das Meer, die Welle, stets die Welle! Und wo
Lnderei - nein, Land ist, da sind fr uns nur Ruinen, und es kann kein Mensch
und auch nicht Mademoiselle Julie verlangen, da ich soll haben ein Interesse
fr die konomie auf diesem Steinhof. Eh!
    Sie hatte sich noch mal gebckt und aus einem ganzen Nest ein fett, grn
sich ringelnd Geziefer von einem westflischen Kohlblatt abgenommen.
    V'l une du paquet! rief sie mit ihrem unnachahmlichsten Nanziger
Klosterakzent, nmlich wenn die jungen Schulschwestern sich vollkommen unter
sich allein wuten. Mit spitzigen, drren Fingern hielt sie das unselige Insekt,
und wenn sie einen Basilisken gefangen htte, so htte sie mir denselbigen nicht
mit strkerem Grimm, Ekel und Widerwillen, aber auch nicht mit grerer Energie
unter die Nase halten knnen.
    Nur der ganz gewhnliche, sehr gemeine Kohlweiling, Pieris brassicae,
Mademoiselle.
    Ja, monsieur, nichts weiter als das!
    Das Gewrm flog zu Boden und wurde, fast ehe es daselbst anlangte,
vermittelst der Schuhsohle aus der Reihe der Lebendigen weggewischt. Die soeur
ignorantine trat mit bse aufgerafften Rcken ber die nchsten Kohlkpfe hinweg
und hinein in den Gartenweg. Wie eben die Raupe hielt sie jetzt mich, doch
glcklicherweise nur am Arm.
    Da war auch die Altesse - die Durchlaucht - o diese Durchlaucht, die auch
unser Cousin war und uns besuchte und sehr gut zu uns sprach und auch mit fr
uns sorgen wollte und - sous cape - unser armes, liebes Kind mit in sein armes,
kleines, kleines Grab brachte, welches sehr leicht war und sehr wenig kostete,
weil schon der gute Vetter Just, monsieur Just Everstein, das kleine Kind in
seinen kleinen Sarg gelegt hatte. Was hat monsieur le prince weiter von sich
hren lassen? Nichts hat er von sich hren lassen. Was hat er fr uns getan?
Nichts hat er fr uns getan!
    Was sollte er auch fr uns tun? fragte eine ruhig traurige Stimme hinter
uns. Irene hatte sich uns unbemerkt genhert; es kam nichts weiter von dem, was
Mademoiselle Martin auf der guten, gequlten Seele hatte, zum Vorschein, sie
lie auch meinen Arm frei und seufzte nur noch:
    Oh, mon Dieu! Nun hab ich mir wieder einmal die Zunge angebrannt!
    Aber Irene hielt nur meine Hand fest; sie stand mit gesenktem Haupt, ohne
weiter etwas zu bemerken. Sie hatte keine Heimat, aber sie wute, wo sie zu
Hause war; und (der Vetter Just hatte vollstndig recht!) das einfachste war,
da sie hinging, wohin sie gehrte oder - gefhrt wurde. Sonderbar ist es und
bleibt es, da wir Menschen immer nur im hchsten Notfall auf unser Schicksal
zurckgreifen, das heit davon reden. Wir schmen uns unseres Schicksals, und in
das groe Geheimnis hinein hngen alle Wurzeln unseres Daseins.

                              Fnfzehntes Kapitel


Ich sitze da am Fenster in meiner Stube in der groen Stadt Berlin. ber meine
Gasse hinweg habe ich die Aussicht in eine andere. Hunderten, ja Tausenden von
Menschen, welche die letztere passieren, kann ich ins Gesicht sehen, wenn ihr
Weg so fhrt und wenn es mir Vergngen macht. Ein Vergngen macht es mir jedoch
selten. Aber eine gewisse Regelmigkeit des Verkehrs macht sich auch hier
geltend. Es kommt immer zur gegebenen Stunde alles wieder, wie es von seinem
Geschick geleitet wird, einerlei ob es sich der Abhngigkeit von demselben
schmt oder nicht. So sind mir denn allgemach viele Gestalten und Gesichter
vertraut und sozusagen zu unbekannten guten Bekannten geworden; aber nur ein
einziges immer heiteres, lachendes, glckliches Gesicht kenne ich darunter, und
das ist das eines blinden Knaben, der am Arme seiner Mutter tglich gegen zehn
Uhr morgens die Strae hinunter kommt oder gefhrt wird, um bei einem
Musiklehrer in meiner Nachbarschaft eine Unterrichtsstunde im Geigenspiel zu
nehmen. An diesen Knaben mute ich an diesem sehr unruhevollen Tage auf dem
Steinhofe fortwhrend denken, und ich sprach auch zu Irene von ihm im Schatten
der Obstbume des Grasgartens.
    Das Kind ist allmhlich ein alter Bekannter von mir geworden. Ich sehe es
wachsen und allgemach zum Mann werden. Es wchst jedes Jahr einmal aus seinem
Rock und seinen Hosen heraus, aber es schmt sich keines Zustandes. Es lt sich
wachsen -
    Und bleibt auch als Mann und Greis ein blindes Kind. Das einzige glckliche
Gesicht unter Hunderttausenden! Armer Freund, weshalb redest du mir davon? Zum
guten Exempel ist solche Heiterkeit doch wohl nicht in die Welt gesetzt! Willst
du mir gar zu allen anderen beln Eigenschaften auch noch den Neid rege machen?
Worber lachst du nun?
    Nie ber dich, arme Freundin; hchstens ber dich und meinen braven
tapferen Freund und Gespensterseher, den Herrn Ingenieur Sixtus auf Schlo
Werden. brigens kommt ihr beiden Helden schon einmal vor, und zwar in der
Geschichte vom Hrnernen Siegfried in den deutschen Volksbchern. Man kennt auch
eure Namen und gibt sie seit tausend Jahren von Jahrmarkt zu Jahrmarkt weiter.
Jorkus und Zivilles heit ihr da. Mich nennt man einen Gelehrten, und hier nehme
ich den Titel an, denn dies ist etwas, was ich in der Tat allgemach aus den
Quellen studiert haben mu und (es ist keine Tautologie, liebe Irene!) was ich
wirklich wei. Willst du wissen, wie der Vetter Just, der kein Gelehrter, aber
dafr ein weiser Mann ist, sich ausdrckt?
    Was sagt der?
    Hasen sind sie alle beide; aber der feigste von beiden ist doch unser guter
Freund Ewald Sixtus - auf Schlo Werden.
    Das ist nicht wahr! rief die Frau Irene, und aus ihren Augen funkelten
alle die alten Blitze, die uns in den Mauern und Grten zu Werden so oft
heimgeleuchtet hatten, wenn wir zwei Jungen es den beiden Mdchen wieder einmal
zu toll gemacht hatten. Da sprangen die Neigung, die Liebe, ja die Zrtlichkeit
wie gewappnet hervor, und zornig flsterte Irene Everstein: Es wei kein
anderer als ich, wie stark Ewald Sixtus ist und welch eine Tapferkeit dazu
gehrt und welch ein Edelmut, da er nicht kommt und sein Recht verlangt und
sagt: Du mut, armes Weib! Du bist in meiner Schuld, Irene, und du gehrst mir,
wie - Schlo Werden mir gehrt. - Ich habe dir das aber schon gestern auf dem
Stein am Wege gesagt, und du - du handelst wahrlich nicht edelmtig an mir,
Fritz Langreuter!
    Die Frau weinte und lie mich stehen. Als sie rasch von mir fortlief, war
auch das ganz wie in unserer Kinderzeit, als unsere Nester noch im Grn, im
Sonnenschein und Himmelsblau hingen; aber damals weinte sie nie, sie drohte
lieber ber die Schulter zurck, und es war immer Ewald Sixtus, dem die erhobene
Kinderfaust galt. Ich aber wute jetzt, da es nicht nur das beste war, da sie
zu dem Freunde ging, sondern da sie sich schon auf dem Wege zu ihm befand. Aber
es war mir dazu auch von neuem besttigt worden, da der irlndische Ingenieur
nicht nur ein sehr tapferer und starker Mann, sondern auch ein sehr schlauer
Mensch war, und alles dies in der rechten Weise, nmlich ohne da er selber von
seinen Vorzgen im gegebenen Moment irgendwie genau Rechenschaft ablegen konnte.
Er war klug, ohne es zu wissen, und so ging er um Schlo Werden herum; er war
fest berzeugt, sich zu frchten, und auf dem Steinhofe wurde man sofort sehr
bse und fing an zu weinen, wenn irgend jemand nur im mindesten an seine
Herzhaftigkeit rhrte und den leisesten Zweifel darob kundgab.
    Lose hngen alle Krnze und Gewinste in dieser Welt ber den Huptern der
Menschen; auf wohlbedchtig gezimmerten Leitern aber steigt man nicht zu ihnen
empor, und die, welche die schnsten Krnze tragen, rhmen nie ihre eigene
Kunstfertigkeit und Ausdauer deswegen. Im Gewinn erkennen sie erst recht,
welcher linde Hauch, welche aura coelestis ihnen das Glck oder die Erfllung
ihres Wunsches oder das groe wirkliche Kunstwerk zuwarf.
    Etwas spt fielen die goldenen pfel in diesem Falle, aber sie fielen doch
noch; und abermals erwies es sich, da wir in einer Welt unser Dasein fhren, in
der es ebensowohl der Hauch des Todes wie der des Lebens sein kann, der die
Zweige bewegt und schttelt.
    Erst am Mittage, nachdem der Vetter seine Steinfuhre am Tillenbrink wieder
aufgerichtet und im Lmmerkampe unter seinem Arbeitsvolk Ordnung gestiftet
hatte, bekam ich Irene von neuem zu Gesichte. Dies wird noch einmal ein Kapitel
der Wiederholung; ich aber kann wahrhaftig auch diesmal nichts dafr.
    Wieder die alte gute Bauernstube des Steinhofes! Wieder der lange nahrhafte
Tisch von dem einen Ende derselben bis zum anderen; und wir allesamt daran vor
den Tellern und Schsseln: der Meister, die Knechte, die Mgde und die Gste!
    Und wieder wurde der Vetter herausgerufen, ging mit dem guten behaglichen
Lcheln auf dem schweiglnzenden Gesicht und kam nach einer ziemlichen Weile
sehr erregt wieder herein. Still setzte er sich von neuem hin, nahm auch den
Lffel wieder zur Hand, aber legte ihn doch abermals nieder.
    Da jedermann ihn darauf ansah, sagte er zu den Leuten:
    Et weiter, Kinder.
    Was ist das denn, Just? fragte Jungfer Jule Grote angsthaft. Es war ein
Bote von drben. Um Gott und Jesu willen: es gebt doch wohl nicht wiederum den
Steinhof an?
    Nachher, liebe Alte!... Den Steinhof geht es freilich wohl an; aber es lt
ihn diesmal doch aufrecht stehen.
    Da dem Vetter Just der Hunger gnzlich vergangen zu sein schien, so verging
er auch seinen Gsten so ziemlich. Doch erst nachdem das Hofgesinde in Ruhe
abgegessen und die Stube verlassen hatte, teilte uns Just Everstein mit, was ihm
und uns das Schicksal durch den eiligen Boten von drben hatte wissen lassen.
    Hattest recht, Jule; es war ein Bote aus Werden, und er hatte es sehr
eilig. Die Leute ging es aber nichts an, sondern nur mich und - euch. Sie haben
heute noch einen heien Arbeitstag vor sich, und so schickte es sich nicht,
sogleich damit herauszufahren. Fr mich - fr uns ist es wieder einmal ein
schwerer Tag geworden. Oh, es ist schade, schade! Ich hatte noch fr so lange,
lange auf ihn mitgerechnet zu meinem - zu unserem Glck!
    Bleich und bebend hatte Irene sich erhoben.
    Welch Unglck ist wieder geschehen?... Ewald! Ewald! rief sie; und der
Vetter nahm sanft ihre Hand von seiner Schulter:
    Nein, Liebe!... Es denkt jeder nur immer an das Seinige!... Ewald und Eva
haben geschickt - es ist nur der alte Herr, der Abschied nehmen will. Ach, ich
denke auch nur an mich! Es ist schade, schade - zu seinem und Evas und zu meinem
Glck und Behagen hatte ich noch so lange, lange auf ihn mitgezhlt! Da ist der
Zettel, welchen der Bote gebracht hat.
    Das von Ewald flchtig gekritzelte, von dem Vetter im ersten Schreck und der
zusammengehaltenen Aufregung arg zusammengeknitterte Blatt ging von Hand zu
Hand. Es lautete:
    Den Vater hat heute morgen, whrend er seine Holzfller beaufsichtigte, ein
Unfall betroffen. Ein Ast eines strzenden Baumes hat ihn im Rcken beschdigt
und von den Hften abwrts gelhmt. Er ist bei voller Besinnung und nur zornig
auf sich selber. Von mir kann leider nicht die Rede sein. Der Alte sagt nur: Da
ich so dumm auch gerade whrend deines Besuchs sein mute, das rgert mich noch
am meisten! - Jetzt erst wei ich es, wie fremd ich zu Hause geworden bin. Eva
hat dich ntig, Just; also komm zu ihr. Dem alten Herrn wirst du gleichfalls zum
besten Trost gereichen.
    Irene hielt jetzt den zerknitterten Zettel; Jule Grote wiegte den Oberkrper
hin und her und sthnte: O Je! O du mein Je; nun geht auch der weg!
Mademoiselle sah, ber den Tisch vorgebeugt, mit angehaltenem Atem auf ihre
Herrin, Schlerin und Schutzbefohlene; der Vetter blickte zu mir herber,
seufzte nochmals tief und schwer, strich sich mit der Hand ber Stirn und Augen
und fragte:
    Was ist deine Meinung, Fritz? So rasch als mglich mssen wir hinber; aber
du weit, die Pferde sind augenblicklich alle vom Hofe. Das eine Paar wird erst
gegen Abend heimkommen, das andere kann ich zwar vom Tillenbrink holen lassen,
aber es gehen doch gut anderthalb Stunden drber hin. Mein Rat ist, wir gehen
nach Bodenwerder und nehmen dort eine Extrapost.
    Fremd zu Hause! murmelte Irene, aus ihrer Betubung erwachend. Wir wollen
gleich gehen und den alten Weg nehmen - wie damals, als mein Vater gestorben
war.
    Wie in diesem Worte so vieles zu einem Abschlu kam, entging uns in diesem
Augenblick vollstndig. Wir haben aber alle nachher daran gedacht.
    Ja, sagte der Vetter Just, das ist immer noch der Richteweg nach Werden.
Der Vater Klaus wrde sich auch nicht wundern, wenn du ihm noch einmal in seinen
Kahn stiegest.
    Finden wir denn den noch? rief ich.
    Es zog ein schlimmes Gewitter damals ber den Steinhof, als ihr ihn zuletzt
Ober den Flu anriefet, sagte der Vetter. Ihr bekamet nur die letzten Tropfen
auf dem Wege nach Schlo Werden. Es ist wunderlich; aber auch das kann heute
wieder geradeso geschehen. Nun, der alte Charon wird uns wohl sicher bers
Wasser schaffen. Es hat sich vieles hier bei uns verndert, Doktor; aber diesen
Schiffer findest du auch heute noch an seiner Stelle.
    Eine halbe Stunde spter befanden wir uns bereits auf dem Richtewege nach
Werden, Irene, der Vetter Just Everstein und ich - ganz wie damals klares,
tiefblaues Himmelsgewlbe ber uns, doch weies Sommergewittergewlk hinter uns
im Westen. Nun war es, wie der Vetter am Morgen es als das Beste und
Wnschenswerteste und dazu als das Einfachste hingestellt hatte, nmlich, da
sie zu ihm gehe. Und einfach und ganz selbstverstndlich erschien es auch jedem;
es verlor niemand noch ein Wort darber. Der Tod ist ein mchtiger Rufer und
ebnet Wege und macht Pfade glatt, die eben noch durch berghohe Trmmer der
Vergangenheit und unberwindlich heil Gemuer der gegenwrtigen Stunde versperrt
schienen. Aber so hatte der Vetter Just sich den Weg der Frau Irene zu dem
Freunde doch wohl nicht vorgestellt, als er sein ruhiges Wort aussprach!
    Rasch und schweigend gingen wir drei unter dem heien Tage; der erste
Schatten auf dem Wege wartete erst jenseits des Flusses in den Wldern der
Heimat, und der Tod hielt dazu seine schwarzen Flgel ber alle sonnigen Hgel,
Tler und Halden ausgebreitet. Wie damals sahen wir uns nicht einmal nach dem
Dunkel um, das in unserem Rcken emporstieg; - noch einmal ein Gewitter auf
diesem Pfade! Wo aber fhren die Wege der Menschen auf dieser Erde, wo das
dumpfe Grollen und Murren von fern her nicht ins Ohr klingt und uns nicht
zwingt, rckwrts, zur Seite oder nach dem Ziel vor uns hinzuhorchen?...
    Hol ber!
    An dieser Stelle noch alles so wie sonst! Dieselben Wasser, dasselbe
Ufergebsch, dieselben heien, knirschenden Kiesel unter den Fen. Und drben
aus dem Buschwerk das leichte Rauchwlkchen aus der Htte des alten Freundes und
sein Kahn an dem nmlichen Weidenstrunk. Und nur die Wellen rauschten, sonst
kein Ton, kein Laut ringsumher. Wir hatten unseren Ruf mehrmals zu wiederholen.
    Ein wenig taub ist der Alte allmhlich wohl geworden, meinte der Vetter,
aber seine Augen sind fr seine Jahre noch merkwrdig scharf. Er ist sicherlich
nahe an die achtzig. Guck, Irenes Tuch bringt ihn uns her.
    Wir sahen den Vater Klaus in der Tat jetzt drben den Uferhang herabkommen.
Einen Augenblick stand er zweifelnd und sah zu uns herber.
    Hol ber!
    Wir sahen ihn seinen Nachen ablsen -
    Achtzig Jahre!
    Und er zwingt die Strmung immer noch, sagte der Vetter. Manch ein
starker, jngerer Mann wrde bei dieser Arbeit bald mde werden.
    Da war der Kahn und schob sich scharrend mit dem Vorderteil auf den Kies,
und -
    Wat kmmt mi denn da? fragte der Vater Klaus, und auch an dem Wort und
heiseren Laut hatte sich im Laufe der Jahre gar nichts verndert. I, da seh
einer, der ganze Steinhof! Ach ja, ich wei ja schon! Ach ja, der Herr Frster.
Der Bote heute morgen hatte es wieder mal recht eilig - es tut mir recht leid um
den Herrn Oberfrster. Jaja, da hilft es weiter nichts: steigt ein, gndige
Herrschaft, Frau Grfin, und der Herr Vetter auch. Ja, aber, aber, wie ist mir
denn? Den anderen Herrn da sollte ich doch auch schon kennen?
    Ein alter und hoffentlich auch heute noch guter Bekannter, Vater, rief
ich, beide harte Hnde des greisen Fhrmanns ergreifend. Fritz Langreuter!
    Richtig! rief der Alte. I, das wute ich doch auch wohl! Da zu habe ich
Sie doch wohl oft genug mit dem anderen kleinen Frulein ber die Weser
befrdert. I, sehen Sie mal! Und nun mssen Sie, mit Erlaubnis, gerade heute zu
dieser traurigen Gelegenheit zum erstenmal wieder in mein Schiff kommen! Ja, wo
haben Sie denn die ganzen lieben, langen Jahre gesteckt, wenn ich so frei sein
darf?! Da Sie ein grausamer Gelehrter bei der Weile geworden sind, das habe ich
wohl gehrt, und ansehen tue ich es Ihnen jetzo auch. Na, das freut mich aber
bei allem Leidwesen. Ja, dann steigen Sie auch mal wieder ein, Herr - Fritze,
mit Erlaubnis zu sagen. Es wundert Sie wohl ein bichen, da Sie mich und die
Weser immer noch zwischen Werden und dem Steinhofe an Ort und Stelle finden? Ja,
so hat jedes seinen Lauf und sein Bestehen!
    Nun schwammen wir wieder auf dem Wasser, und ich lie mir noch einmal die
warme Sommerflut des Stromes ber die Hand flieen. Und ganz wie damals
flsterte mir der alte Schiffs- und Fischersmann zu:
    Jaja, ich wei es wohl, da es in Werden nicht gut steht, Herr Langreuter.
Aber der Herr Frster hat ja, Gott sei Dank, ein reinliches Blut und ein gutes
Gewissen, und wenn er, gegen mich gehalten, auch noch ein ziemlich junger
Mensche ist, so ist er doch auch ziemlich bei Jahren und da ist es immer das
beste fr die Angehrigen, Vernunft anzunehmen und sich und dem anderen den
Abschied nicht schwerer zu machen, als notwendig ist. Wisset ihr, Herr Vetter
Everstein und die gndige junge Frau dazu, wte ich nur ganz gewi, da mir
whrend meiner Abwesenheit allhier an dieser Stelle kein Schaden und
Spitzbubenstreich passierte, so ginge ich wahrhaftig gern mit euch, um mir fr
demnchst ein gutes Exempel an dem Frster zu nehmen.
    Da kommt nur dreist mit, Vater Klaus, meinte Just; ich stehe fr allen
Schaden. Wer wei, welch ein gut Beispiel Ihr uns auf dem Stuhl am Bette geben
knnt.
    Aber der Greis schttelte den Kopf:
    Es geht nicht, und es schickt sich nicht. Seit ich denken kann, ist dies
mein Ort, wo ich die Weser, die Schiffe, die Jahreszeit, die Menschen und das
Gewlke passieren und bleiben sehe. Es ist nur eine Kabache da im Rhricht, aber
doch mein altes festes Nest, und jeder Schritt davon weg ist mir aus der
Gewohnheit. Ein alter Kerl bin ich hier geworden, aber als ein ganz anderer Kerl
kme ich heute nacht von Werden nach Hause; aber holla - seht einmal das Gewlk!
Das kommt diesmal doch schneller herauf, als ich gedacht habe! Und hr einer, da
probiert der Herr Kantor auch schon seine groe Orgel. Na, na, nun rate ich
lieber den Herrschaften, da sie wieder mal ein Stndchen bei mir unterkriechen
und das Schlimmste vorberlassen.
    Es hatte keiner von uns anderen sich umgesehen, doch jetzt taten wir's, wie
angerufen von dem ersten dumpfen Donnerton von Westen her. Was wir fr ein
langsam zgernd Schleichen genommen hatten, das war raschester, rasendster Flug
gewesen. Das Gewitter war da wie das Schicksal, welches uns auf diesen Weg
gefhrt hatte, und wir standen unter dem Druck des einen nicht anders als unter
dem des anderen.
    Ihr Mannsvolk kommt mit der Frau nicht weit in den Wald hinein, und dann
mt ihr doch unter der ersten dicken Eiche zu Schauer gehen, rief der Vater
Klaus. Die gndigste Grfin oder Frau Baronin mu mir nicht belnehmen, sie ist
mir, je lnger ich sie ansehe, immer noch wie das Kind und junge Frulein
Komtesse von Schlo Werden, und das alte Kesselchen singt noch auf dem alten
Herde, Frulein Grfin, und ein frisch Paket Zichorien hab ich auch von
Bodenwerder. Sie haben doch sonst schon vorlieb bei mir genommen - ach ja, ein
bichen mehr Kinder waren wir dazumalen wohl noch, und die beiden jungen Leute
aus dem Frsterhause waren dann auch immer dabei. Ich habe es wohl gehrt, da
sie alle whrenddem mancherlei erlebt haben in der Welt, aber denken kann ich
mir's eigentlich nicht; denn ich selber habe ja nichts erlebt, von welchem ich
viel wte, auer da ich ein bichen lter geworden bin. Der Regen ist schon
da; - nun kommen Sie nur noch mal herein zum Vater Klaus - lange anhalten wird's
ja wohl nicht.
    Ich ginge am liebsten weiter, sagte Irene. Ich mchte gern so schnell als
mglich zu Eva.
    Das ging nun wohl nicht an. Das Unwetter war da, und schon fegte der Regen
in Sten vom jenseitigen Ufer her ber den Flu. Alle lichten Farben wurden zu
einem trben Grau ausgewischt, das Ufergebsch und Schilf wie von tausend
rgerlichen Fusten geschttelt und nach Osten hin zu Boden gedrckt. Auf das
Dach der Fischerhtte rauschte und rasselte es nieder, und wir saen an dem Tage
eine gute Stunde an dem Feuerherde des Vater Klaus, horchten auf den Donner ber
unseren Kpfen, warteten das Gewitter ab und lieen unserem grauen Fhrmann
und Gastfreund das Wort. Wie er es fhrte, htte wohl keiner von uns etwas
Besseres, Unterhaltenderes und Zweckdienlicheres zutage frdern knnen.
    Ich wei eigentlich gar nicht, wie ich Sie jetzt nennen mu߫, wendete er
sich an unsere Begleiterin. Am liebsten hiee ich Sie wie sonst: liebes
Frulein Grfin oder Komtesse; aber das ist es ja wohl nicht mehr?
    Liebe Frau Irene, Vater Klaus! Und ganz leise fgte sie hinzu: Arme
Irene! - Ich habe von dem Mancherlei, was ich in der Welt erlebte, nichts weiter
nach Hause - nach dem Steinhofe gebracht als meinen spottenden Taufnamen. Wer es
noch gut mit mir meint, der nennt mich blo bei diesem. Ich bin eine arme Frau
Irene geworden, Vater Klaus!
    Der Alte schttelte das Haupt:
    Hm, hm, es ist doch sonderbar! Da, wo Sie jetzo sitzen, Frulein Grfin, da
sa gestern gegen Abend mein bester Freund, seit ich denken kann, auch mal
wieder! Nmlich der ganze Nichtsnutz von dem Frsterhofe in Werden; und ich
dachte wirklich zuerst, er sei meinetwegen da; aber er nahm gar kein Blatt vor
den Mund, sondern wollte einfach nur von hier aus ber die Weser gucken, und als
ich ihn dann fragte, wie ich ihn jetzo betitulieren mte, meinte er geradeso,
sein Taufname wre ihm das Liebste, und weiter htte er fr die hiesige Gegend
hoffentlich auch nichts mit aus der Fremde gebracht. Und als ich darauf nicht
einging, sondern ihn darauf anredete, da er ja kurioserweise Schlo Werden
kuflich an sich gebracht habe, wurde er auf einmal aus aller Wehmut heraus ganz
der alte und sagte: Klaus, Vater Klaus, zwei Esel haben eigentlich nicht Platz
hier im Fischkasten! - Na, das freute mich denn recht, obgleich er eigentlich
gleich wieder in seine Trbseligkeit hineinfiel; aber auf dem richtigen Fu
waren wir wieder, und ich habe ihn kurzweg wieder bei seinem Taufnamen geheien,
und dann haben wir, weil eben nicht so 'n Unwetter wie jetzo war, unter unserem
alten Strunk gesessen und zusammen ber mein Wasser geguckt und wirklich recht
vielerlei von - der lieben Frau Irene zusammen gesprochen.
    Wann war denn dies wohl, Meister Klaus? fragte ich mit einem verstohlenen
Blick auf die von uns weg in die Tr tretende und die Hand in den jetzt schon
leiser rauschenden Regen streckende Frau.
    Nun, ich meine so zwischen sechs und sieben Uhr. Herr Ewald wird wohl erst
ziemlich spt in der Nacht nach Hause gekommen sein. Er hatte vor, auf dem
Heimwege noch mehr als einen Umweg zu machen. Es sind da eine Menge Orter, die
ich noch einmal wiedersehen mu, ehe ich mich wieder auf die Wanderschaft mache,
Vater Klaus! sagte er. - Ja, er sprach ein langes und breites darber, wie
schlecht es ihm zu Hause gefiele. Und ich denke doch, mein lieber Gott, da es
doch nicht jedermann alle Tage passiert, da er mit soviel Glck in der Tasche
aus der Fremde in das alte Nest fllt wie der. Aber ein aparter Mensch war der
immer und schon von Jungensbeinen an. Den Herrn
    Ewald Sixtus meine ich. Uh, wer so manche Nacht wie der hier bei mir in der
Kte gelegen hat und in das Feuer da von all seinen unsinnigen Gedanken und
kuriosen Hirngespinsten hineingesprochen hat, den soll der Vater Klaus doch wohl
kennen, wenn er als ausgewachsener Mann ebenso wieder daliegt und mit den Funken
und Flammen auf meinem Herde mehr spricht als mit mir altem dummem Kerl. Nicht
wahr, Herr Vetter Just?
    Das meine ich auch, alter Freund! rief der Vetter mit auergewhnlicher
Energie. Nun, wie sieht es drauen aus - liebe Frau Irene? Gestern abend, als
du mit dem Berliner Doktor da durch die Felder zogest, seid ihr ja wohl auch
ziemlich bis hier in die Gegend gekommen? Erzhltest du mir nicht davon, Fritz,
als wir heute morgen deinen Schreibebrief nach Werden beredeten? Und von
allerhand unsinnigen Gedanken und kuriosen Hirngespinsten hast du mir auch
geschwatzt. Und da war doch blo die Weser zwischen euch und dem alten guten
Freunde, dem Vater Klaus. Wenn ich je in der Welt einem so guten Freunde wieder
so nahe gekommen bin, dann habe ich ihm immer auch einen Besuch abgestattet!...
    Die Frau Irene stand noch immer, den Ellenbogen an den Trpfosten der Htte
lehnend. ber den Herd des Vater Klaus sich beugend, flsterte mir der Vetter
Just zu:
    Tausend Schritte weiter und - Hol ber!... Deinen Brief behalte ich zum
Andenken an diese Tage! - - Laut, fast frhlich rief er dann:
    Du hast noch nicht geantwortet, Irene. Was macht das Wetter auf Erden, und
wie guckt der Himmel drein? Ich meine, der Regen lt doch immer merklicher
nach.
    Die Frau wendete sich, und ein Fremder htte ihr nicht angemerkt, wie schwer
jedes Wort, das in dieser Fischerhtte gesprochen worden war, auf ihrer Seele
wog und da ihr mit Ausnahme dessen, was der Vetter Just leise mir ins Ohr
gerufen hatte, keines entgangen war.
    Der Vater Klaus ist ein guter Wetterprophet und hat sich auch diesmal
wieder so bewhrt, sagte sie. Es war ein rascher bergang. Vom Steinhof her
scheint wirklich schon die Sonne in die Tropfen, und es ist alles gegen Schlo
Werden gezogen.
    Und auch dort wird's ein bergang sein, meinte der Greis. Die Berge da
machen keine Wetterscheide aus. Was ber die Weser rber ist, hat freie Bahn vor
sich und mag gehen oder sich verlaufen, wie und wo es will. Da ist weiter kein
Aufenthalt mehr. Geschickt wird ja jedes Gewlke, aber dorthinzu ist das denn
doch wieder, als ob alles Wetter frei seinem Schicksal berlassen worden wre,
und so wei nie einer genau, was er davon halten und sagen soll. Es ist eben
alles Witterung.
    Und wir haben unser Teil davon auf uns zu nehmen, sagte Irene, dem Fischer
die Hand reichend. So nehmt denn auch heute unseren schnsten Dank fr
freundlichen Schutz, gute Bewirtung und jedes gute Wort, was Ihr uns gesagt
hat, Vater Klaus. Fast ist es doch, als htten wir ganz vergessen, was uns
eigentlich auf diesen Weg getrieben hat. Nun wollen wir aber nur noch an dieses
denken und rasch weiter; nicht wahr, meine Herren?! Ich mu zu meiner armen Eva,
und es soll mich keine Erdenwitterung mehr aufhalten. Ade, Vater Klaus. Wenn ich
zurckkomme, gehe ich nicht ber Bodenwerder - Ihr nehmt mich wieder auf in
Euren Kahn.
    Allein oder in Gesellschaft - wie es sich schickt, brummte der greise
treue Schiffsmann, die kleine zarte Hand zwischen seinen uralten, knochigen
Tatzen haltend. Herrschaften, findet ihr den Frster noch, so grt ihn von
mir; - auf einen Hasen legte da dem lieben Gott sein Jgersmann nicht an; also
sprecht's ihm nur dreiste heraus, da ich fest auf ihn rechne, was das
Quartiermachen anbetrifft. Finden Sie ihn nicht mehr, Herr Vetter Just, und Sie,
Berliner, na so brauchen Sie auch nichts an ihn zu bestellen, sondern nur gut
mit den zwei jungen Leuten umzugehen. Ich finde meinen Weg schon. Adjes alle! Es
ist mir, abgesehen von dem schlimmen Malr, eine groe Freude gewesen.
    Wir traten heraus aus der Htte in das letzte, jetzt auch schon auf diesem
Ufer der Weser von der Sonne durchflimmerte Gesprhe des Sommergewitters und
atmeten aus tiefster Brust wohlig auf; ich aber vernahm noch, wie der Meister
Klaus, den sehr schlimmen Tabak in seiner kurzen Holzpfeife niederdrckend,
brummte:
    Jawohl, am Ende lt sich doch niemand recht Zeit als solch ein alter
Fischersmann, der da wei, da die Fische nicht zu jeder Stunde beien, und der
mit den Reusen umzugehen wei und wei, da alles erst zu seiner Zeit kommt,
aber denn auch ganz richtig und auf den Punkt. Jaja, lauft nur zu; - ich hab
euch ja schon gefahren, als ihr noch in euren Kinderschuhen liefet.
    Ich winkte ihm darob noch einmal lchelnd zu:
    Und es ist Eure feste Meinung, da wir noch immer darin laufen, Vater
Klaus?
    Das werde ich mir doch wohl nicht herausnehmen, rief der Alte grinsend mir
nach. Aber eine hbsche Luft wird es immer nach solch einem Gewitter, Herr
Langreuter; und die paar Tropfen, die Sie jetzo unterwegens noch auf den Pelz
kriegen, die knnen Sie sich darum schon gefallen lassen; und, lieber Herr
Fritz, bei Gelegenheit fragen Sie nur ganz dreist den Herrn Ewald danach, was
gestern meine Meinung gewesen ist.
    Nun glnzte und rauschte auf Stunden Weges um uns und ber uns der
erfrischte Hochwald. Die groen gelben und schwarzen Schnecken krochen auf allen
Pfaden; Menschen begegneten uns nicht. Wir gingen stumm zu, und nur wenn wir an
einer auergewhnlich schlpfrigen und steilen Stelle unserer Begleiterin die
Hand boten, sprach sie ein leises Dankeswort. Und wieder einmal lag, als wir
endlich aus dem Walde hervortraten, Schlo Werden zu unserer Rechten im
Sonnenuntergangsglanze da, und das scheidende Licht blitzte rot aus den hohen
Fenstern des Oberstocks uns entgegen. Ich sah mit einigem Bangen auf die bleiche
Frau mir zur Seite und fing einen ganz hnlichen Blick des Vetters Just auf.
Doch Irene Everstein sah nur einmal ganz fest und kurz nach den Giebeln des
vterlichen Hauses und schritt dann gesenkten Hauptes rascher zu auf dem Wege
gegen das Dorf. An dem ersten Hofe schon erfhren wir von einem Kinde, da der
Herr Oberfrster tot sei; und ein junges Mdchen, das am Gartentore strickte,
besttigte die Nachricht und fgte hinzu: Gerade, als das Unwetter anging.
    Wir gingen nun durchs Dorf. Alle Leute vor den Tren grten uns herzlich,
aber still. Auf Irene sahen sie scheu und steckten nachher die Kpfe zusammen
und flsterten miteinander. An den Vetter Just trat hier und da einer heran und
gab ihm die Hand: Also Sie haben es auch schon vernommen? - Jeder aber sprach
viel leiser, als es sonst dort die Gewohnheit des Ortes ist.
    Und der junge Herr Sixtus? Und Frulein Eva, Gevatter Reitemeyer?
    Die sitzen ganz still auf der Bank vor der Frsterei. Sie haben sich ja
wohl gottlob ganz gut in das Geschick gefunden. Sein Alter hatte der alte Herr,
vor Krankheit hat er immer sein Grauen gehabt und seinen Spa darber gemacht.
Hier im Dorfe bei uns ist niemand, der ihm nicht das Beste wnscht, und solange
man denken kann, kann man Werden nicht ohne ihn sich denken. Auf dem Wege zu
seinem Unfall ist er mir heute morgen noch begegnet. Das mute ja wohl so sein,
denn er hatte es kurios eilig und war doch sonst ein recht ruhiger, langsamer
und sedater Herr. Gehen Sie nur ruhig hin. Das Unwetter hat Sie wohl ein bichen
unterwegs aufgehalten? Es ist aber wirklich recht angenehm danach geworden. Sie
haben Ihr Heu wohl auch schon trocken herein auf dem Steinhofe, Herr Just?
    Wir blieben dieser Unterhaltung wegen nicht stehen, und so kamen wir zu dem
Frsterhofe und fanden, wie die Leute es uns berichtet hatten, Bruder und
Schwester auf der Bank vor der Haustr im dmmerigen Ulmenschatten
beieinandersitzend. Hinter ihnen standen die Stubenfenster wie immer weit offen
und lieen den Regenduft und die Frische des nahenden Abends frei ein; der alte
Herr aber sa nicht mehr am Fenster, sondern lag ausgestreckt, ruhig und
sedate, auf seinem Lager. Auch alle Tren standen in gewohnter Weise geffnet;
die Hunde des alten Herrn lagen zu den Fen des Geschwisterpaares, und nur von
Zeit zu Zeit stand einer von ihnen auf, ging hinein und legte den Kopf auf das
so schnell dort bereitete Bett und kam wieder heraus und legte den Kopf auf Evas
Knie und sah wie fragend sie an.
    Das schreibe ich aber hier, weil es den ganzen Abend so blieb, nachdem wir
uns zu den Geschwistern gesetzt hatten.
    Als wir in das Hoftor traten, schlug einer der Hunde leise an. Ewald und Eva
standen auf, und der Ingenieur aus Irland legte die Hand auf die Fensterbrstung
hinter sich, wie um sich zu halten. Doch Irene verlie den Arm des Vetters Just,
ging rasch hin und hielt die Jugendfreundin im Arm und kte sie und sagte:
    Da bin ich... Nun sei nur still... Du sollst mir alles erzhlen!
    Eva Sixtus weinte heftig, und Ewald gab uns Mnnern stumm die Hand.
    Er sieht aus, als ob er schliefe!... Oh, er sieht zu gut und schn aus fr
den Tod! schluchzte Eva; und dann gingen wir alle, von den Hunden begleitet, in
die Stube, und er sah freilich schn und gut aus in seinem weien Haar, und
gottlob nicht anders, als ob er schliefe!...
    O Just, o lieber Just! schluchzte Eva Sixtus, und nun war sie mit ihm und
war bei ihm gut aufgehoben in diesen trnenreichen Stunden und Tagen. Sie konnte
auch das Haus verlassen, in welchem sie geboren worden war.

                              Sechzehntes Kapitel


Und Ewald und Irene? Was sagten und taten die denn?
    Das ward nun eine Nacht, in der viele Geister umgingen in Werden - Schlo
und Dorf; doch ber miracula et portenta, von groen Wundern und Wunderzeychen
am Himmel und auf Erden und auch in den Herzen der Menschen habe ich nicht das
geringste zu berichten.
    Jene beiden Leute begrten sich zuerst, wie es sich nach der langen
Trennung und bei der ersten Gelegenheit schickte, ernst und freundlich. Zu dem,
was die Welt eine Auseinandersetzung nennt, kam es frs erste noch nicht; denn
teilnehmende Nachbarn sprachen immer noch ab und zu vor, und auch der jetzige
Pastor des Ortes kam noch einmal und sa eine geraume Weile. Er beging
vielleicht die einzigen Indiskretionen an diesem Abend, indem er den irischen
Ingenieur recht lobte und seine Heimkehr so gerade zur rechten Zeit leider!
mit allen ihren Umstnden als etwas sehr Lbliches und Verdienstliches pries und
sich dabei stets mit seiner Rede an die Frau Irene wendete.
    Doch lauter als der beste Redner in der Welt gab der stille alte Herr hinter
uns in der Stube mit den offenen Fenstern sein stummes Wort darein und half uns
auch hierber hinweg.
    Auf den Spielpltzen des Dorfes verklang allgemach der Lrm der Dorfkinder.
Es wurde Nacht, und auch der gutmtige, wohlmeinende geistliche Herr ging nach
Hause, hflich von dem Vetter Just bis zum Hoftor begleitet.
    Wir haben uns lange nicht gesehen, liebe Irene, sagte jetzt der Irlnder
leise; doch die Frau antwortete mit merkwrdig fester und klarer Stimme:
    Ja, lieber Ewald; es ist sehr lange her, und nun fhrt uns eine so traurige
Gelegenheit wieder zusammen! Dir ist es aber gottlob gut ergangen auf deinem
Lebenswege, du hast vieles ausgerichtet; ich habe den Vetter Just und hier den
Doktor Fritz gern davon erzhlen hren -
    Hier rusperte sich der Vetter Just ziemlich vernehmlich und brummte:
    Hm, hm, hm.
    Mein Bruder -, wollte Eva einfallen, doch ich fate rasch nach ihrer Hand,
die Frau Irene fuhr fort, und der energische Wille, sich nichts zu vergeben zu
haben, kmpfte bedenklich mit noch unterdrckten Trnen:
    Du hattest es aber auch viel leichter in der Welt als ich.
    Ja, liebe Irene! sagte der Freund. Ich wei das nur zu genau. Ja, ich
habe es leicht gehabt und viel Glck! - Seine Stimme aber wurde rauh und hart,
als er hinzufgte: Ich habe jahrelang keine Zeit gehabt, an meines Vaters Haus
zu denken, um dir das deinige wiederzugewinnen!
    Aus Zorn und Mitleid, Ewald Sixtus!... O Eva, Eva, liebe, liebe Schwester,
behalte mich bei dir unter deines Vaters Dache diese Nacht!... Nein, nein!...
Just, o lieber Just, wie bin ich nur hierhergekommen? Wo soll ich bleiben?
    Zum erstenmal in dieser treuen, wahren Lebensgeschichte klang die Stimme des
Vetters rgerlich, ja fast bse, als er sich erhob und sagte:
    Bei mir - Just Everstein! Eine Nacht geht bald vorber. Auf Schlo Werden,
Grfin Irene Everstein! Ich schaffe dir in dem alten Spuknest als alter
amerikanischer Hinterwldler und Baumfller ein Strohlager und ein Bund Heu
unter den wilden Kopf. Kommt herein zu dem Vater; Eva hat zwei Lichter neben
sein Bett gestellt, wir wollen dabei den Kauf richtigmachen, Ewald! Ich, Just
Everstein vom Steinhofe, bin hiermit Eigentmer und Herr von Schlo Werden!...
    Es ist nicht die Kraft, es ist die Angst des gefangenen Edelfalken, die das
Schreckliche ist und das Publikum vor den Gittern des Kfichts am meisten
interessiert; ich aber verspre an dieser Stelle am allerwenigsten das
Bedrfnis, die Frau Baronin Rehlen interessant zu machen durch ihr Flattern und
Flgelschlagen. Habe auch kein Recht dazu.
    Wir gingen wohl zu dem toten Vater hinein, aber nicht um einen
Handelskontrakt neben den zwei Lichtern, die sein stilles, friedliches,
freundliches Greisengesicht beleuchteten, abzuschlieen. Irene stand an Ewalds
Schulter gelehnt, von seinem Arm umschlungen, und weinte leise und flsterte:
    Kannst du mich denn noch liebhaben?
    Er war unverbesserlich, der brave Freund Ewald Sixtus! Er htte wirklich
schon von Geburt aus als Irlnder in diese nchtern-tragische Welt hineingesetzt
werden sollen.
    Dem Weinen war er gleichfalls nher als dem Lachen, und seine Stimme
zitterte gleichfalls, als er an dem Sterbelager seines Vaters seine Liebe fester
an sein Herz zog; aber doch mute es heraus und kam ganz in der alten
Dummen-Jungen-Weise:
    Ich kriege dich ja nur in den Handel, altes Mdchen! Aber bei den ewigen
Gttern, die mir wahrhaftig den Weg bis zu dir schwer genug gemacht haben - den
Vetter Just halte ich bei seinem Worte! Wir beide, mein Herz, mein liebes,
liebes Herz, wir sehen uns nicht mehr um nach Schlo Werden; aber der Vetter da
- der Vetter Just Everstein, der war von Gottes Gnaden allewege der Gescheiteste
von uns und hat mit unserer Schwester da allein die Gabe, alles ruhig abzumachen
. Du und ich, mein Herz, wir haben nur einmal den Versuch gemacht. Die beiden
mssen fr uns mitwissen, was mit Schlo Werden anzufangen ist!
    Von Schlo Werden wurde nun nicht mehr gesprochen bis zum anderen Morgen,
und dann zwischen dem Vetter Just und mir. Wir verbrachten alle diese Nacht
unter dem nmlichen Dache; doch wohl keiner von uns in einem sehr festen Schlaf.
Auch ich nicht, der ich in jedem Augenblick vorgeben konnte, da wichtigste,
unaufschiebbare Geschfte mich augenblicklich nach Berlin zurckriefen und meine
Gegenwart bei dem Begrbnis - bei dem Schmerz und dem Trost der alten Heimat
unmglich machten.
    Zwei Stunden nach Sonnenaufgang schon trieb es mich heraus.
    Wahrscheinlich weil irgend etwas - was, kann ich nicht sagen meinte: so mag
er doch wenigstens den Historiographen festhalten! - Im Unterstock des Hauses
traf ich nur die bleiche, traurige Eva an der Tr der Wohnstube. Sie hatte jetzt
ein weies Laken ber den toten Vater gelegt, und ich erhob das Tuch nicht mehr.
Ich wollte mir die Erinnerung an das schne, ruhige Greisengesicht von gestern
abend unversehrt erhalten, und ich wute es, wie der alte Maulwurf, das Leben,
in dem an der Arbeit bleibt, was der Mensch einen Leichnam nennt.
    Als ich mich nach den anderen erkundigte, erfuhr ich, da Ewald zum Meister
Drge, dem Dorftischler, gegangen sei und da Irene ihn begleitet habe.
    Und Vetter Just?
    Just wirst du wohl im Garten finden. Ich habe den Kaffeetisch dort
hergerichtet. O Gott, es ist ein so schner Morgen o Fritz, ich kann es mir noch
immer nicht denken!... Er war so vergngt und gut, als er gestern in diese
nmliche Morgensonne hinein wegging! Er holte sich noch bei mir in der Kche
Feuer fr seine liebe alte Pfeife, und ich sah ihm nicht einmal nach und gab ihm
das Geleit wie sonst bis ans Hoftor, und nun mu ich ihn in alle Ewigkeit mit
seinem weien Haar und seinem guten freundlichen Gesicht bei mir am Herde stehen
sehen!... Ein paar Stunden spter, in denen ich nicht einmal an ihn dachte,
brachten sie ihn zurck!...
    Ich fand den Vetter Just nicht an dem Kaffeetische im Garten, und ich hielt
es auch nicht lange allein daran aus in dem schnen Licht und Schatten, unter
den Sommerblumen ringsum, dem Bienensummen, Kfer- und Schmetterlingsflug.
    Der Herr Vetter Just spaziert auf der Chaussee, sagte ein Dorfkind, das in
die kleine Pforte in der grnen Hecke guckte; und auch ich trat aus diesem
Gartentrchen auf die Landstrae.
    Er ist nach dem Schlosse zu, meinte die kleine barfige, flachshaarige
Ostfalin, und ich kannte den Weg, der auch von hier aus quer ber die Landstrae
nach Schlo Werden fhrte, und so ging ich dem Vetter Just Everstein nach - wohl
tief in Gedanken wie er und in hnlichen, wenn auch nicht ganz in den gleichen.
    In dem letzten Hause des Dorfes nach dieser Seite hin wohnte der Meister
Drge, der Tischler. Die helle, staubige Landstrae fhrte an seinem Eigentum
und dem Wiesenfleck, auf dem er seinen Vorrat von glatten Brettern und Balken
aufgeschichtet hatte, vorber und lie es zur Linken. Rechts aber fhrte ohne
Steg durch den mit Gras, Sternblumen und Kletten, Brennesseln und Thymian
ausgefllten Chausseegraben der Schlupfweg durch jetzt noch im Tau funkelndes,
wirres Gestrpp und Gebsch, untermischt mit einzelnen hheren Bumen, nach dem
verwnschten Schlo, dem alten, teuren Nest, in dem auch ich flgge geworden
war.
    In seiner Werkstatt war der Meister Tischler an der Arbeit; ich hrte seinen
Hammer laut und deutlich genug. Eines seiner Kinder war's gewesen, das mir den
Weg angedeutet hatte, auf dem ich den Vetter Just finden konnte.
    Aber ich zgerte, ehe ich ihm folgte. Auf dem sonnigen Wiesenflecke, auf
einer Lage jener glatten, weien Tannenbretter, von denen der Meister Schreiner
eines oder zwei zu seiner Arbeit die halbe Nacht hindurch verwendet hatte und an
denen jetzt sein Hammer zur Vollendung des Werkes klang, saen Ewald und Irene,
dem Dorfe Werden und mir den Rcken zuwendend.
    Sie saen Hand in Hand, doch nicht dicht beisammen. Tief niedergebeugt, das
Haupt in der Hand, sa der Freund; und ob sie auch miteinander gesprochen
hatten, jetzt redeten sie nicht miteinander. Sie saen still und horchten auf
den Hammer, der die Ngel scharf und hell und doch auch wieder melodisch in das
weiche Holz trieb. Kein Glockengelut konnte feierlicher in einen Brautmorgen
hineinklingen, und ich wagte es wahrlich nicht, diese zwei Verlobten anzureden.
- - -
    Der Pfad durch das taufunkelnde Gebsch nahm mich auf, und hinter mir
verhallte dieser ernste, bedeutungsvolle Hammerschlag. Durch hohes, gelbes
Kornfeld zog sich der enge Weg, die Lerchen hingen unsichtbar - frhlich
darber; und - seltsam, gerade in diesem Augenblick drngten sich die Bilder und
Gewohnheiten meines so lange gewohnten Daseins - die bekannte Umgebung meines
ruhigen Einsiedlerlebens durch mein Gedchtnis: meine vier Wnde in Berlin, die
Bcher an den Wnden und der Blick durchs Fenster in die bunte lrmende Gasse. -
Du trumst, Friedrich Langreuter? Was aber ist nun ein Traum?... Besinne dich! -
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    Wo bist du eigentlich, Fritz? fragte der Vetter Just. Du stiegest ber
den Hof weg wie ein Nachtwandler. Wie siehst du denn aus. Doktor? Wie stolperst
du her?... Freilich, Steine des Anstoes liegen hier genug im Wege!
    Da stand ich wieder in dem verwahrlosten Schlohofe von Werden, und der
Vetter nickte mir von der mehrfach beschriebenen Steintreppe und Rampe zu.
    Es ist mir brigens lieb, da du kommst, brummte er. Komm nur dreist
herauf, ich werde dich nicht mehr auslachen, wenn du behauptest, da es hier
umgehe. Jedenfalls gehe ich nun seit einer Viertelstunde um dies alte Gemuer
herum, und immer ist's mir, als schleiche etwas hinter mir drein oder sehe gar
aus dem Fenster auf mich herunter. Die Sache ist mir nun doch auer allem
Spa!... Der Vetter Just Everstein vom Steinhofe Herr von Schlo Werden!... Den
Irlnder kenne ich. Der Strick hlt mich am Wort, wenn ich es selber nicht
zurcknehme. Und er hat auch recht! Was will er mit seinem Weibe hier?... In die
Frsterei setzt die Regierang einen neuen Mann in Grn; alles fr uns
ausgeflogene Nester!... Mein Weib nehme ich mit nach dem Steinhofe; das wre mir
wirklich eine Burgfrau hier, die Buerin vom Steinhofe mit Jule Grote als
stewardess!... Sahst du auch die beiden - ich meine Ewald und Irene - auf der
Wiese des Meisters Drge? Das ist mir nun ganz klar und deutlich, als flsse
schon das Weltmeer zwischen ihnen und Schlo Werden. Es wei keiner etwas
anzufangen mit Schlo Werden und - ich auch nicht! Doktor, was meinst du, wenn
du es von mir in Pacht nhmest?
    Ich glaube fest, da ich damals den Vetter ziemlich starr und mit etwas weit
geffnetem Munde angesehen habe; es war aber nur eine Schulmeister-Reminiszenz
aus Neu-Minden von ihm, wie sich gleich auswies.
    Lndereien nicht vorhanden, sagte er, aber gengend Gartenland zu
Spielpltzen und Turnanstalten und was sonst dazu gehrt. Ausgezeichnetes
Trinkwasser - gesunde Lage, frische Luft. Wald ringsum. Fritz, so 'ne
Erziehungsanstalt fr unverbesserliche Jungen aus den besten Familien!... Mit
der Miete wrde ich dich nicht drngen, zum Inventar wrde ich zuschieen; wir
behielten dich hier in der Nhe, gut zahlende junge Englnder schickte Ewald,
deine Berliner brchtest du dir selber mit. Gekommen ist mir diese Idee freilich
eben erst, seit du hier bei mir stehst; aber - berlege dir mal die Sache!
    Von diesem Vorschlage hatte ich mir wahrlich nichts trumen lassen, als ich
mich eben auf dem Wege nach der alten Jugendheimat aus den bewegten,
wunderlichen, traurigen und doch so von der Sonne berglnzten und vom Grn
umrauschten gegenwrtigen Tagen pltzlich, und ohne da ich es wute, wie es
zuging, in mein einsames grostdtisches Gelehrtendasein zurckverloren hatte.
Es war seltsam, aber wegleugnen lie es sich nicht; ein gewisses leises,
unbestimmtes Heimwehgefhl hatte sich bemerkbar gemacht: Wohin gehst du,
Friedrich Langreuter, wenn sich nun in der allernchsten Zeit dieser Kreis, der
sich hier so schicksalsvoll geschlossen hat, wieder auflst? Sie sind nun am
Ende doch alle geborgen. Aber du, Fritz Langreuter, wenn du nun morgen
mitgegangen bist zu der letzten friedlichen Ruhesttte des guten, alten, treuen
Freundes? Wohin gehst du, wenn ihr morgen vom Kirchhofe zurckgekommen seid und
fr die brigen das Lebensrad mit erneutem Schwunge sich wieder aufwrtsdrehen
wird? Was bleibt dir in den Hnden als Gewinn von dieser melancholisch-sen
Reise nach Schlo und Dorf Werden - der Fahrt in die Jugend zurck?
    Fast drollig klang nun in alle diese Fragen an das eigene Geschick der
treffliche Rat des Freundes, aus Schlo Werden ein Erziehungsinstitut zu machen,
hinein. Ich mute auch lachen, aber heiter kam das gerade nicht heraus; und
dabei stand der Vetter Just mit seinem heitersten Lcheln auf dem ehrlichen,
breiten Gesicht weitbeinig, die Hnde auf dem Rcken, vor mir:
    Na?! Was sagst du zu meinem Vorschlag?
    Da dies ganz der richtige Just Everstein ist. Neu-Minden, wie es leibt und
lebt. Ja, wenn nur ein jeder am Wege gesessen htte wie dieser Mensch hier und
Weisheit aus dem Wind und den Wolken wie aus dem alten Brder gezogen htte! Ich
danke dir herzlich, Vetter Just; aber - fr mich wre das wirklich das letzte.
    Dann ist mir Schlo Werden nur auf den Abbruch hin auf den Hals geladen
worden, seufzte Just Everstein vom Steinhofe und legte die Hand auf eines der
Bretter, mit denen die hohen Fenster des Unterstocks des Gebudes teilweise
vernagelt waren. Es wird wieder mal allerlei von einer festen Brcke bei
Bodenwerder geschwatzt und geschrieben. Da knnte ich vielleicht einen Teil der
Steine loswerden. Schade, da unser Landsmann, der Freiherr von Mnchhausen,
sein Wort bei den magebenden Behrden nicht mehr dazugeben kann! ber das
Gartenland wollte ich mich schon mit den Bauern von Werden verstndigen,
Gewissensbisse mache ich mir nicht darber, wenn du auch nicht gerade jetzt mit
Irene Everstein darber zu sprechen brauchst. Everstein? Everstein? Was wrde
der Herr Graf dazu sagen? Und was mein seliger Vater - von einem Grovater gar
nicht zu reden?!
    Es geht alles in der Welt mit rechten Dingen zu, Vetter Just, erwiderte
ich. Freilich die groe, trostvolle Wahrheit, da hinter jedem Ding als solches
eben die Welt als solche steht, wird einem meistens nur bei einer solchen
Gelegenheit wie diese klar. Das ist ein Gedanke: aus Schlo Werden eine Brcke
zu bauen! Ein trefflicher Gedanke, der einen selbst in der Vorstellung schon mit
Kindern und Kindeskindern sicher und fest in die Zukunft hineinfhrt!
    Ein kurioses Ende vom Liede, wrden die Werdenschen Bauern sagen, brummte
der Vetter kopfschttelnd.
    Aber die Quadern wrden sie dir doch, herzlich gern abfahren zu dem Werk.
    Das wrden sie! Und das Fell wrden sie mir dabei ber die Ohren ziehen,
wie es kein Everstein auf seinem alten Raubnest dort weiter ins Land hinein
seinerzeit besser verstand. Ja, auch das Lied hat kein Ende! Na ja, und wenn ein
Stern zerspringt, so werden die Planetoiden draus - verwerten kann ich das
Material schon. Der Herr Graf, der Herr Graf! Was wrde der Herr Graf dazu
sagen, wenn er den Bauer vom Steinhofe sagen hrte: das hat ja aber Zeit, ich
aber habe heute keine mehr, mich um das alte leere Nest zu kmmern! - ? - ber
Jahr und Tag kannst du mir immer noch deinen guten Rat schriftlich geben, Fritz;
oder du bringst mir ihn mndlich, oder ich hole mir ihn und zeige meiner Eva
dabei zu gleicher Zeit die Stadt Berlin. Dann werden Ewald und Irene jenseits
des Kanals sitzen, und wir knnen doch noch ein wenig unbefangener ber Schlo
Werden und sein letztes Schicksal zu Rate sitzen. Jetzt habe ich schon allzu
lange um das de Gemuer mein armes, betrbtes Mdchen bei dem toten Vater
allein gelassen. Komm nach Hause, Doktor.
    Wir gingen, und - nun sind wir im letzten Akt, und da ich noch ganz und gar
zur alten Komdie gehre, so htte ich nunmehr das vollkommenste Recht, meinen
Oberrock aufzuknpfen, meinen Stern und - mich als Serenissimus zu zeigen. Als
der Serenste, der Heiterste?... Wenn ich sagen wollte, als derjenige, welchem
doch von allen das bequemlichste Los zuteil geworden sei, so wrde ich damit
wohl das Richtigere treffen. Ich habe Zeit, wie ich es hier tue, den
Geschichtsschreiber von Dorf und Schlo Werden, den Biographen des Steinhofes zu
spielen. Habe ich meine Sache ertrglich gemacht, so ist's gut; ist das Ding
unter aller Kritik ausgefallen, so habe ich im Grunde ja doch nur fr den alten
Vetter Just Everstein vom Steinhofe geschrieben, und der wird gottlob nur
lchelnd sagen:
    Ja, unser Berliner Doktor! Lesen mut du's, Evchen; mir ist mehr als einmal
die Pfeife drber ausgegangen, und auf dein Gesicht dazu bin ich auch nicht
wenig gespannt. Mittelalterliche Geschichtsquellen hat der alte Junge auch in
unserem Falle gut studiert - na, la ihn; whrend der Universittsferien rckt
er wieder ein auf dem Hofe, und dann hoffe ich mndlich von ihm zu erfahren, ob
er mir in seiner Chronik mehr Schmeicheleien oder mehr Grobheiten gesagt haben
will. Nach England mu jedenfalls eine Kopie hinber; denn das sehe ich doch gar
nicht ein, weshalb Ewald und Irene nicht geradesogut wie wir ber diesen
wunderbaren Historien den Kopf zwischen beide Hnde nehmen sollen! Es ist
wirklich die Mglichkeit, was ein Mensch in der Einbildung des anderen an Glck
und Geschick und dem Gegenteil davon befahren kann! Jaja, mein Herz, von Rechts
wegen mten wir nun, ich und du und Freund Ewald und Frau Irene, uns hinsetzen
und zu Papiere bringen, wie wir dies alles angesehen haben, als wir es erlebten.
Sollen wir, Herz?
    Mir bleib damit vom Leibe, wird dann Frau Eva Everstein sagen. Irene wird
auch keine Zeit dazu haben. Die ist froh, wenn sie meines Bruders Korrespondenz
besorgt hat. Also fllt es einzig und allein auf dich, Just, wenn wirklich in
dem dicken Bndel Schriften (und was fr eine Hand schreibt das Menschenkind
dazu!) was drin steht, was von einem von uns beantwortet werden mu.
    Ja, wenn man nur nicht zu behaglich in dem alten Neste se und wenn einem
nur der Tag Ruhe liee! wird der Vetter Just die Unterredung mit seinem Weibe
ber das Manuskriptum des Doktors in Berlin frs erste zu einem behaglichen
Ende bringen. - - -
    Nun wird es natrlich wieder Leute geben, die nie zufrieden sind, wo es sich
um den Schlu einer Geschichte, die man ihnen erzhlt, handelt; die alles immer
noch genauer und ausfhrlicher zu wissen wnschen, als der Erzhler es vortragen
kann oder will. Wo es sich um eine Hochzeit handelt, wollen sie die Zahl der
Musikanten kennen, wo eine Taufe das Ende ist, soll ihnen nicht ein einziger
Gevatter unterschlagen werden, und im vorliegenden Falle (oh, ich kenne sie!)
mchten sie mit zur Leiche gehen, das heit den guten alten Vater Sixtus mit
begraben, und dann ganz genau in Erfahrung bringen, ob Schlo Werden wirklich
ebenso vom Erdhoden verschwunden sei wie die Nester, die wir aus dem Schlosse
einst in die Luft und das grne Gezweig hingen, oder was eigentlich zuallerletzt
der Vetter Just Everstein damit angefangen habe. Ich fr mein Teil htte nun
wohl noch mancherlei von Ewald und Irene zu berichten; aber sonderbarerweise
wrde ich dafr die wenigsten aufmerksamen Ohren finden, denn das kann sich ja
ein jeder leicht denken. -
    Und so sage ich nur, da Irene mir die Instandhaltung eines Kindergrabes auf
einem Berliner Kirchhofe anvertraut hat und da es mir, unberufen, sonst nach
Wunsch geht. Was das brige anbelangt, zum Beispiel auch Jule Grote und
Mademoiselle Martin (Schlo Werden nie zu vergessen!), so wei nur der Vetter
Just Everstein das Allergenaueste. Wer also noch eine Frage auf dem Herzen hat,
der wende sich an ihn, von Bodenwerder, wo der Freiherr von Mnchhausen geboren
wurde, fhrt der Feldweg nach dem Steinhofe an jenem Steine vorbei, auf welchem
er - der Vetter Just - den Kopf in den Hnden und die Arme auf die Knie sttzend
und so in das Blaue hineinstarrend - einst sa und wartete auf menschliche
Schicksale.
