
                               Franzos, Karl Emil

                                   Der Pojaz

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                               Karl Emil Franzos

                                   Der Pojaz

                                    Vorwort

Bilde, Knstler, rede nicht! Jedes Dichterwerk soll sich selbst erlutern.
Bedarf es erst einer Erklrung, so taugt es nichts. Zudem ntzt alles Erklren
nichts. Ist das Werk lebensfhig, so lebt es durch die eigene Kraft; ist es als
Krppel zur Welt gekommen, so ntzt ihm das Mntelchen eines Vorworts nichts. Im
Gegenteil, das Mntelchen schadet nur. Ungeduldig zerrt der Leser an dem
Gewande: La mich doch selbst sehen, wie das Kind gewachsen ist!
    Dies Vorwort also soll meinen Roman weder erlutern, noch verteidigen. Es
soll nur einige uere Umstnde anfhren und daneben einiges sagen, was ich
schon lange auf dem Herzen habe und am besten bei dieser Gelegenheit vorbringen
kann.
    Ich bin am 25. Oktober 1848 auf russischem Boden geboren, im Gouvernement
Podolien, in einem Forsthause dicht an der sterreichischen Grenze. Ich glaube
nicht, da man je die Absicht hegen wird, an diesem Hause eine Gedenktafel
anzubringen; sollte aber einst irgend ein Freund meiner Schriften auf diesen
Gedanken kommen, so wird er ihn nicht verwirklichen knnen. Das Haus steht nicht
mehr; ber die Stelle, wo ich zur Welt gekommen bin und die ersten Wochen meines
Lebens verbracht habe, geht heute der Pflug; der gerodete Wald ist Ackerland
geworden. Vor 45 Jahren wohnte dort ein wackerer deutscher Frster aus
Westfalen, der meinem Vater treu anhing, weil er ihn in schwerer Krankheit am
Leben erhalten hatte. Den Dank dafr trug der Mann nun ab, indem er die Familie
seines Lebensretters treulich aufnahm. Denn der Sptherbst 1848 war eine bse
Zeit in Ostgalizien; die Polen erhoben sich und gingen damit um, den
vereinzelten Deutschen im Lande dasselbe Los zu bereiten, wie es ihre Posener
Landsleute den Preuen ein halbes Jahr vorher zugefgt oder doch zuzufgen
versucht. Zu den Bedrohten gehrte auch mein Vater, denn erstlich stand er als
Bezirksarzt in kaiserlich kniglichen Diensten, und zweitens hatte er sich immer
als eifriger Deutscher bettigt. Jeden Tag regnete es Drohbriefe; auf dem
flachen Lande war bereits der Aufruhr offen erklrt; im Stdtchen erwartete man
stets den berfall. Man riet meinem Vater, zu flchten; er war nicht der Mann,
seinen Posten zu verlassen. So schickte er denn nur meine Mutter, die mich eben
unter dem Herzen trug, und meine lteren Geschwister ber die Grenze in jenes
Forsthaus. Dort also bin ich, wie gesagt, zur Welt gekommen, vorzeitig; meine
arme Mutter war ja in tdlicher Angst und Sorge um den Gatten. Die Gefahr ging
gndig an ihm vorbei; schon im November war der Aufstand der Polen zu Ende, und
sie konnte heimkehren. Man sieht, ich bin deshalb in Ruland zur Welt gekommen,
weil mein Vater sich als Deutscher fhlte und danach handelte.
    Auch bei meiner Erziehung. Das deutsche Nationalgefhl, das mich erfllt,
das auch ich mein Leben lang bettigt habe, ist mir von Kindheit auf eingeprgt
worden. Ich war noch nicht drei Kse hoch, als mir mein Vater bereits sagte: Du
bist deiner Nationalitt nach kein Pole, kein Ruthene, kein Jude - du bist ein
Deutscher. Aber ebenso oft hat er mir schon damals gesagt: Deinem Glauben nach
bist du ein Jude. Mein Vater erzog mich wie mein Grovater ihn erzogen, in
denselben Anschauungen, sogar zu demselben Endzweck, ich sollte meine Heimat
nicht in Galizien finden, sondern im Westen. Und auch die Grnde, die meinen
Vater dazu bewogen, waren dieselben.
    Ich besuchte die einzige Schule des Stdtchens, die im Kloster der
Dominikaner; dort lernte ich Polnisch und Latein. Im Deutschen unterrichtete
mich mein Vater selbst. Fr das Hebrische hatte ich einen besonderen Lehrer.
Dieser Mann war zugleich der einzige meiner Czortkower Glaubensgenossen, mit dem
ich bis in mein zehntes Jahr in nhere Berhrung kam. Meine Mitschler, meine
Spielgefhrten waren Christen. Ich betrat selten ein jdisches Haus, nie die
Synagoge. Religise Bruche sowie die Speisegesetze wurden im elterlichen Hause
nicht gehalten. Ich wuchs wie auf einer Insel auf. Von meinen Mitschlern
schieden mich Glaube und Sprache, und genau dasselbe schied mich von den
jdischen Knaben. Ich war ein Jude, aber von anderer Art als sie, und ihre
Sprache war mir nicht ganz verstndlich.
    In diesen Eindrcken meiner Kindheit wurzelt vielleicht das Beste, was ich
habe: die Fhigkeit des Beobachtens. Ich war von allen anderen geschieden, ein
anderer als sie. Aber was ich nun war, wute ich ganz genau, dafr hatte mein
Vater gesorgt. Ich war ein Deutscher und ein Jude zugleich. Von beiden hrte ich
nur das Beste und Edelste, was mich zur Treue, ja zur Begeisterung entflammen
konnte. Bewarf mich zuweilen ein Judenknabe mit Kot und schimpfte mich einen
Abtrnnigen, so wurde mir gesagt: Er ist deshalb doch dein Bruder, grolle ihm
nicht! Er wei nicht, was er tut. Freilich durfte ich den Bruder nicht nher
kennen lernen, aber dazu hatte ich auch geringe Lust, und bescheidene
Annherungsversuche, die ich machte, fielen bel aus: die kleinen Kaftantrger
prgelten und verhhnten mich. Begegnete ich aber nur einem von ihnen, so lief
er mir davon. Das mifiel mir beides, stimmte mir auch nicht zu der Geschichte
der Makkaber, die mir mein Vater so begeistert zu erzhlen pflegte.
    So standen die Dinge in meiner Knabenzeit in Czortkow. Ich hatte viel
Begeisterung fr das Judentum, aber einen sehr drftigen Einblick in das reale
Leben der Juden um mich her.
    Einen tieferen Einblick gewann ich erst in Czernowitz, wo ich das Gymnasium
besuchte, allmhlich und stckweise, von Jahr zu Jahr mehr. Nun, wo mein Vater
nicht mehr war - ich habe ihn bereits 1858 verloren -, begriff ich erst recht,
unter welchen Kmpfen sein Leben vergangen, in welchen Anschauungen er mich
erziehen gewollt. Wie es ohne jenen festen Grund, den er gelegt, ohne jene
Begeisterung, die er in mir entflammt, mit mir gekommen wre, knnte ich mit
Bestimmtheit nicht sagen, denn vielleicht htten mich zwei Grundzge meines
Wesens, die auch ich mir nachsagen darf, weil sie niemand bersehen kann, der
meine Schriften oder mich kennt - vielleicht htten, sage ich, mein
Pflichtgefhl und mein Gerechtigkeitssinn mich annhernd denselben Weg
einschlagen lassen, den ich gegangen bin. Aber gut war es doch, da mein Vater
jenen Grund legte. Denn je nher ich das nationalorthodoxe Judentum kennen
lernte, desto mehr fhlte ich mich durch seine Auswchse im tiefsten Herzen
verwundet und fremdartig berhrt. Auch entging mir zwar das Poetische an vielen
seiner Formen nicht, aber ihren Zauber knnen sie doch nur auf einen voll ben,
dem sie zugleich ein Stck Kindheitserinnerung bedeuten. Dies war bei mir nicht
der Fall.
    Es war ganz ausgeschlossen, da ich, meines Vaters Sohn und frhzeitig auch
durch das Leben zum vollen Pflichtgefhl erzogen, jemals daran denken konnte,
meinen Glauben zu wechseln. Aber ebensowenig dachte ich daran, da das Judentum
in meinem Leben eine bestimmende Rolle spielen, da ich jemals innerhalb der
engeren Genossenschaft meiner Glaubensbrder bestimmte Ideen zur Anschauung
bringen sollte. Ich wollte Jude bleiben, auch hier meine Pflicht tun, das war
alles. Und vollends fiel mir damals nicht bei, da in mir ein Erzhler, ein
Kulturschilderer des Ghettolebens stecken knnte. Mir schwebte ein anderes Ziel
vor Augen, ich wollte klassische Philologie studieren und Professor werden.
    Das Ziel schien gar nicht zu verfehlen; ich war fleiig, hatte Neigung fr
das Fach, hatte schon als Schler eine Arbeit geleistet, welche die
Aufmerksamkeit auf mich lenkte: eine bersetzung der lateinischen Eklogen des
Vergil ins Griechische, in die Sprache Theokrits (den dorischen Dialekt).
Freilich war ich sehr arm, aber die Regierung gab mir ja gewi ein Stipendium.
Auch der Landeschef der Bukowina, ein wohlwollender Mann, war dieser Ansicht und
untersttzte mein Gesuch auf das wrmste.
    Die Entscheidung lie lange auf sich warten. Endlich wurde ich eines Tages
zum Landeschef berufen. Der gute Mann war in sichtlicher Verlegenheit.
    Ihre Eignung steht auer Zweifel, aber -
    Der Gedankenstrich bedeutete das Taufbecken. Einem Juden wurde das
Stipendium nicht gegeben, es hatte auch keinen rechten Sinn, denn ich wollte ja
eine Universittsprofessur erreichen, und die war ja dem Juden unmglich. Es war
im Sommer 1867, vor der liberalen ra.
    Mit meiner religisen berzeugung Handel treiben, das ging natrlich nicht.
Auf das Stipendium mute ich also verzichten. Und damit auch auf die klassische
Philologie. Ein armer Junge wie ich, der Mutter und Schwestern zu versorgen
hatte, durfte keinen Beruf whlen, der keine Aussicht auf Versorgung bot.
    Ich beschlo also, Jura zu studieren, und tat's.
    Das schreibt sich leicht hin, aber wieviel Schmerz, wieviel schlaflose
Nchte zwischen jeder dieser Zeilen stehen, wei nur, wer selbst in hnlicher
Lage war. Indes - dies Selbstverstndliche wrde ich nicht erwhnen, wenn es
nicht zur Sache gehrte. Mein Judentum hatte mir bisher weder Vorteil, noch
Schaden gebracht. Nun brachte es mir Schaden, den schwersten, den ein Mensch
erleiden kann, legte mir ein furchtbares Opfer auf: den Verzicht auf den Beruf,
fr den ich mich selbst bestimmt, von dem damals ich und andere meinten, da er
am besten fr mich tauge.
    Derlei wirkt auf den Menschen verschieden, je nach seiner Anlage. Der eine
kann das Opfer nicht bringen, ihm scheint der Glaubenswechsel das leichtere
Opfer. Der andere verzichtet zwar, beginnt aber innerlich sein Judentum als ein
Unglck zu empfinden und zu - hassen. Den dritten aber beginnt sein Glaube eben
deshalb nher anzugehen, wrmer zu interessieren, weil er ihm ein solches Opfer
hat bringen mssen.
    Dies Letzte war bei mir der Fall. Ich wurde kein Frommer im Lande, aber mein
Interesse fr das Judentum, das Gefhl meiner Zusammengehrigkeit mit den armen
Kaftanjuden in der Czernowitzer Wassergasse wurde ungleich strker als bisher.
    Es ging mit der Juristerei besser, als ich gedacht; ich begann, mich mit dem
Studium zu befreunden. Da kam mir um meines Judentums willen ein neuer, groer
Schmerz.
    Eine Liebesgeschichte. Ich war kaum 21 Jahre alt. Aber es traf mich doch
recht hart, als mir das Mdchen sagte: Mir bricht das Herz, aber Sie sind ein
Jude ...
    Das Herz brach ihr brigens nicht. Aber auch mir nicht. Weh freilich tat es
mir, recht weh. Und in dieser Stimmung schrieb ich meine erste Novelle, Das
Christusbild, das die Liebe eines Juden und einer Christin schildert, und wie
das Vorurteil des Weibes strker ist als seine Liebe. Freilich bereut sie, aber
die Reue kommt zu spt.
    Ich schrieb die Geschichte binnen drei Tagen, im halben Fieber.
Unwillkrlich, ohne nachzusinnen, verlegte ich den Schauplatz in mein
heimatliches Czortkow und lie auch sonst Jugenderinnerungen hineinspielen.
    An den Druck dachte ich nicht. Ein Zufall bestimmte mich, das Manuskript ein
halbes Jahr spter an die damals verbreitetste deutsche Revue zu senden, die
Westermannschen Monatshefte. Die Redaktion nahm es sofort an und verlangte
eine neue Arbeit aus diesem interessanten Stoffkreise.
    Ich war darber ebenso erfreut wie erstaunt; da der Stoffkreis
interessant sei, daran hatte ich nicht gedacht. Aber ebensowenig daran, dieser
ersten Novelle eine weitere folgen zu lassen. Ich wollte ja Jurist werden.
    Nun fing ich aber doch an, ber den interessanten Stoffkreis zu grbeln.
Die Gestalten der Heimat wurden mir lebendig. Ich hatte sie einst, als sie
leibhaftig vor mir gestanden, sehr nchternen Blutes angesehen. Nun aber
verklrte sie ein Zauber, der Zauber der Ferne. Ich studierte an der Universitt
Graz, war der einzige Jude an der Hochschule, ja in der Stadt, sah das ganze
Jahr lang keinen Juden. Und whrend ich so grbelte, war eine zweite Novelle
fertig: Der Shylock von Barnow.
    Nun folgte eine lange Pause. Ich geriet, weil ich whrend des
deutsch-franzsischen Krieges in einer Kommersrede meiner Sympathie fr die
Deutschen krftigeren Ausdruck gab, als der neutralen sterreichischen Regierung
recht schien, in einen politischen Proze, dann nahm mich der Abschlu meiner
Studien in Anspruch. Als ich fertig war, da fhlte ich, da ich zum Advokaten
nicht taugte, nur der Richterberuf zog mich an.
    Aber ich war ein Jude -
    Man errt leicht, da auch dieser Gedankenstrich ein Taufbecken bedeutet.
Aber wenn ich schon als Jngling nicht geschwankt, so noch weniger als Mann.
    Aber leben mute ich ja, und so wurde ich Journalist, schrieb politische
Artikel und schnitt mit der Schere die schnsten Vermischten Notizen zusammen.
    In meinen Freistunden aber schrieb ich Novellen. Bald solche aus dem
jdischen Leben, bald solche aus dem deutschen Leben. Es war derselbe Drang, der
mich zu beiden fhrte: ein knstlerischer Drang. Ich wollte darstellen, was ich
empfand, dachte, erfand. Aber nicht ins Blaue hinein. Ich konnte nur ein Leben
schildern, das ich gesehen. Und so spielen meine ersten Novellen entweder in
Graz oder in Czortkow, dem Barnow meiner Novellen.
    Es ist nicht meines Amtes, darber zu sprechen, was meinen Bchern zu ihrem
Erfolg verholfen hat. Nur eins darf ich darber bemerken, ohne den guten
Geschmack zu verletzen: es waren Bcher, die nicht blo den Juden, sondern auch
den Christen aller Lnder gleich verstndlich waren.
    Nun aber glaubte ich, meiner eigenen knstlerischen Entwicklung etwas
anderes, etwas Neues schuldig zu sein: einen Roman aus dem stlichen Ghetto.
    Dieser Roman liegt hier vor. Der Plan dazu ist sehr alt, ber zwanzig Jahre.
Aber ich zgerte immer wieder, ihn auszufhren. Ich fhlte mich aus
verschiedenen Grnden noch nicht reif dazu. Endlich glaubte ich, nicht lnger
zgern zu sollen.
    Warum ich so lange zgerte?
    Erstlich deshalb, weil es sich eben um einen Roman handelt, whrend ich
bisher aus diesem Stoffkreis nur Novellen geschrieben. Das ist aber nicht blo
bezglich des ueren Umfanges, sondern auch bezglich des inneren Wesens der
Arbeit ein Unterschied. Die Novelle schildert einen eng begrenzten, und zwar
nicht blo durch den Raum, sondern auch durch das Problem begrenzten Ausschnitt
aus einem bestimmten Leben; der Roman aber soll, sofern er diesen Namen
verdient, ein Spiegelbild dieses gesamten bestimmten Lebens sein. Wer einen
Ausschnitt schildert, braucht nur diesen zu kennen, zu einem Gesamtbild gehrt
Beherrschung des gesamten zu schildernden Lebens in seinen smtlichen oder doch
wichtigsten Beziehungen. Ich zgerte, bis ich mir sagen konnte, da ich genug
vom ueren und inneren Leben des Judentums wte, um an dieses Werk schreiten
zu knnen. Oder mit einem Worte: ich wollte die jdische Volksseele tiefer als
bisher ergrnden lernen.
    Das also ist der erste Unterschied dieser Arbeit von meinen bisherigen. Ein
zweiter betrifft die Tonart dieses Werkes.
    Ich mchte mich als Knstler nicht selbst analysieren. Das ist Sache der
Kritiker, die ja auch ihre Arbeit eifrig genug verrichten und noch ferner tun
werden, einige vivisezieren mich sogar. Ich will daher nicht eingehend errtern,
da und warum die Tonart meiner frheren Schriften sich zwischen Tragik und
Komik bewegte. Dieser Roman schlgt eine andere Tonart an: die humoristische.
Warum erst dieses Werk? Nun, vielleicht mu man lter geworden sein, mehr
erfahren und mehr gelitten haben, um das Lcheln unter Trnen zu erlernen ...
Aber auch nach anderer Richtung, nicht blo der subjektiven meiner Darstellung,
sondern auch der objektiven des Inhaltes, darf ich diesen Roman einen
humoristischen nennen. Er sucht dem Leser die Flle jenes eigentmlichen Witzes
und Humors nahe zu bringen, der im Ghetto des Ostens zu finden ist, und darf
darum keine der Formen vermeiden, in denen sich dieser Witz bewegt, also auch in
Formen des Wortspiels nicht.
    Und nun ein dritter, vielleicht der grte Unterschied: die Tendenz.
    Ich glaube, auch in meinen ersten Schriften meine Pflicht gegen meine
Stammesgenossen erfllt, nicht gegen, sondern fr sie, nicht zu ihrem Schaden,
sondern zu ihrem Heil gewirkt zu haben. In dieser Zuversicht haben mich auch
meine chassidischen Schmher und Angreifer nicht wankend gemacht. Als ich zuerst
das Wort ergriff, da gab mir ein Jude dieser Richtung, ein Mann namens Dr. Lippe
in Jassy, den Rat, mich baldigst taufen zu lassen, denn das Judentum htte fr
einen Mann meiner Gesinnungen keinen Platz. In milderer Form ist dasselbe oft
genug von jdischer Seite ber mich geuert worden. Ich habe es lchelnd
ertragen, weil ich mir sagte: Dies ist der beste Beweis, da du deine Pflicht
getan hast. Wrest du so tricht, so ungerecht, so feig gewesen, deine Waffen
nur gegen die ueren Feinde des Judentums zu kehren und nicht gegen die inneren
Gegner einer gesunden Entwicklung, so wren diese Herren mit dir zufrieden
gewesen, aber sonst niemand anders und am wenigsten dein eigenes Gewissen. Und
auf diesem Standpunkt blieb ich stehen.
    Freilich, ein Gesamtbild lt sich dem Leser ungleich schwerer verstndlich
machen als ein Ausschnitt. Aber ich habe mich bemht, meinen Roman so zu
schreiben, da er von jedem Leser, gleichviel welchen Bekenntnisses, auch wenn
er nie einen Juden des Ostens selbst gesehen hat, verstanden werden kann.

    Berlin, 15. Juli 1893
                                                                Karl Emil Franzo

Karl Emil Franzos ist am 28. Januar 1904 aus dem Leben geschieden, ohne den
Pojaz verffentlicht zu haben. Was ihn bewogen hat, dieses Werk - wohl sein
bestes und reifstes - mit dem er sich durch Jahrzehnte beschftigt und das er im
Jahre 1893, im Alter von 45 Jahren, auf der Hhe seiner Schaffenskraft vollendet
hat, so lange zurckzuhalten, soll hier nicht errtert werden. Nur so viel sei
gesagt, zweierlei hatte kein Teil an dieser Zgerung: er hielt sein Werk keiner
nderung mehr bedrftig und hat auch tatschlich seit dem Jahre 1893 nichts mehr
hinzu und nichts hinweggetan, und er scheute nicht den Kampf mit den dunklen
Mchten, die dies Buch vielleicht wieder gegen ihn aufgewhlt htte. Denn bis zu
seinem letzten Atemzuge blieb er ein Streiter fr Recht und Licht.
    ber sein Leben und seine Vorfahren hat Franzos in der Geschichte des
Erstlingswerkes (1894), worin er autobiographische Aufstze von neunzehn
deutschen Schriftstellern ber ihre dichterischen Anfnge vereinigt, in seinem
Aufsatz: Die Juden von Barnow ausfhrliche, obiges Vorwort ergnzende
Mitteilungen gemacht.

Wien, im Juli 1905
                                                                 Ottilie Franzos


                                 Erstes Kapitel

Der Held dieser Geschichte - und zwar in Wahrheit ein Held, wenn man diese
Bezeichnung nicht einem Menschen, der mit Aufgebot aller Kraft leidvoll nach
einem hohen Ziele ringt, ungerecht weigern will - hatte auch einen heroischen
Vornamen. Er hie Sender, in welcher gedrckten, gleichsam ausgeknochten Form
der stolze Name Alexander, den die Juden in einer glorreichen Zeit ihrer
Geschichte von den Hellenen bernommen, unter ihren gequlten, geknechteten
Nachkommen im Osten Europas fortlebt. Minder heldenhaft klingt sein Zuname:
Glatteis, den irgend ein Zufall oder die Laune eines Beamten seinem Grovater
zugeteilt hatte.
    Aber wenige wuten, da er so hie, der Name stand eigentlich nur in seinem
Geburtsschein, in seinem Konskriptionszettel und in dem Totenschein. In Barnow
jedoch ward er nie anders genannt als Sender der Pojaz oder noch hufiger
Roseles Pojaz. Denn die Rosele Kurlnder drauen im Mauthhause, am Eingang des
Stdtchens, hatte ihn aufgezogen, und er benahm sich so sonderbar: wie ein
Pojaz meinten die Leute. Pojaz aber ist das korrumpierte Wort fr Bajazzo.
    Auch die Rosel war nur seine Pflegemutter. Sender war mit niemand im
Stdtchen verwandt, auch sonst mit keinem Menschen in der ganzen weiten Welt.
Freilich war er in Barnow geboren und stand im Buch der Gemeinde verzeichnet.
Die Leute htten ihn nicht fortjagen drfen, selbst wenn er ihnen zur Last
gefallen wre, wie die Scholle das Samenkorn, das ihr der Wind zugetragen,
dulden mu, auch wenn es zum Unkraut wird. Aber deshalb ist es doch nur ein
Zufall, da es hier gehaftet und nicht eine Meile weiter. Er freilich hatte die
Empfindung nicht, da er nur so ein Korn im Winde gewesen, und als sie ihn spt
genug berkam, bestimmte sie sein ganzes Leben. Den Leuten von Barnow aber war
er immer ein Fremder, und es wunderte sie, da er so lange unter ihnen blieb,
denn seine Herkunft war ihnen ja allen vertraut.
    Sein Vater, Mendele Glatteis, war ein Schnorrer gewesen, ein fahrender
Mann, der rastlos umherzog und nichts, gar nichts sein eigen nennen konnte.
    Es gibt sehr viele solche Nomaden unter den Juden des Ostens; tausend und
abertausend verurteilen sich in dieser Weise freiwillig zur bittersten Armut,
zum Verzicht auf all die Gter, die auch dem Drftigsten das Leben schmcken und
ertrglich machen: Heimat, Weib und Kind.
    Man sagt, der Hang zur Trgheit, die Arbeitsscheu erklre diese Erscheinung,
und hat dabei insoweit recht, als sicherlich kein Schnorrer zu einer
geordneten Ttigkeit zu bringen ist. Da fruchten nicht Gte, noch Strenge, er
wrde lieber verhungern, als arbeiten. Aber darum allein brauchte er noch nicht
durch aller Herren Lnder zu ziehen; so schwer auch die Sorge ums tgliche Brot
auf den Juden des Ostens lastet - die rmsten Menschen der Erde finden sich
gewi im polnischen und russischen Ghetto -, so ist doch dort noch keiner
verhungert, so lang die anderen leidlich satt wurden. Der Fleiige verwnscht
den Bettler, aber wehe dem, der gegen den Bruder hartherzig sein wollte, er wre
gechtet. So kann der Trge nirgendwo besser fortkommen als dort, wo ihm die
fromme Satzung unter allen Umstnden den Unterhalt sichert; in der Fremde hat er
nicht blo mit der Polizei zu kmpfen, sondern auch mit den einheimischen
Bettlern, die den Zugereisten grimmig verfolgen.
    Es hat also noch andere Grnde, als die Trgheit, da dennoch alljhrlich,
und zwar in unseren Tagen genau ebenso, wie vor hundert Jahren, Tausende von Ost
nach West, von West nach Ost wandern, und da vollends Hunderttausende innerhalb
Halbasiens von der Leitha bis zur Wolga, von der Newa bis zum Bosporus ihr
unstetes, armseliges Wesen treiben. Hier spielt die Wanderlust mit, die dies
Volk einst noch weiter gefhrt, noch mehr zerstreut hat, als ohnehin durch seine
furchtbaren Geschicke bedingt war, dann die Eitelkeit des Schnorrers, vor
allem aber das Bedrfnis der sehaften Leute nach dem Verkehr mit diesen
fahrenden Gesellen.
    Das klingt seltsam und dennoch ist es jener Grund, der das Schnorrertum
forterhlt. Auch der Jude Halbasiens wei sehr wohl, da es sich da um eine
rechte Landplage handelt; er empfindet dies umso deutlicher, als er selbst
nichts brig hat. Die fromme Satzung aber wrde hchstens hinreichen, dem
Fremden den Bissen Brot zu gewhren, nicht aber den freundlichen Empfang, der
ihm wird, namentlich in kleinen Gemeinden, die abseits der groen Heerstraen
liegen. Nur die wohlhabendsten Leute des Ortes wagen es, dem eintretenden
Vagabunden zunchst ein brbeiiges Gesicht zu zeigen, aber auch sie lenken
rechtzeitig ein, damit er ihnen nicht davongehe.
    Am Wochentag ist er nur eben willkommen, aber am Festtag unentbehrlich - was
wre ein Sabbat ohne Schnorrer?! Denn es ist ein beraus dumpfes, stilles,
eintniges Leben, das der Jude in diesen Kotstdtchen des Ostens fhrt; noch
gleichfrmiger verbringt hchstens der slawische Bauer seine Tage, und der
empfindet ihren Druck weit weniger, weil sein Geist ganz ungeweckt ist. Der Jude
aber hat hebrisch lesen und schreiben gelernt; die Thora, der Talmud haben
seinen Verstand bis zur Spitzfindigkeit geschrft, ihm einen heien Wissensdurst
erweckt, aber befriedigen kann er ihn nur immer aus derselben Quelle: dem
uralten Wissen der Vter. Von der modernen Bildung hlt ihn ja ebenso der Wille
der Machthaber, wie der eigene fromme Wahn fern!
    Nachdem er von Morgens bis zum Abend fr die Notdurft des Lebens gesorgt,
mchte er erfahren, was in der Welt vorgeht, ob sich der Deutsche und der
Franzose vertragen; vor achtzig Jahren hat er wissen wollen, ob Napoleon noch
nicht aus St. Helena zurckgekehrt ist, heute, ob Bismarck nicht wieder
Reichskanzler ist, denn Napoleon wie Bismarck sind fr ihn buchstblich
unsterbliche Menschen. Seine Zeitung will der Mann haben, und die gedruckte
christliche ntzt ihm nichts, weil er sie nicht lesen kann. Auch ist ihm nichts
lieber, als ein guter Witz, ein gleiches Wrtel, das irgend eine schwierige
Talmudstelle scharfsinnig erklrt oder doch so, da man ber die Auslegung
lachen kann; auch nach Liedern oder Gassenhausern, nach einem Spiel ist er
begierig. Und im Ghetto gibt es keinen gedruckten Anekdotenschatz, kein Konzert,
kein Theater.
    So hat es denn der Himmel gndig gefgt, da es dort wenigstens Schnorrer
gibt. Denn der richtige Schnorrer ist alles zugleich: Witzbold, Snger,
Schauspieler, vor allem aber die lebendige, zweibeinige Zeitung. Vor den
gedruckten hat diese Zeitung voraus, da sie immer in jenem Format erscheint,
das dem Abonnenten wnschenswert ist; will er in Krze bedient sein, in Duodez;
liebt er die Ausfhrlichkeit, in Folio. Auch kann man gleich fragen, wenn man
etwas nicht versteht, und findet immer, was man finden will: wer Schnurren
liebt, bekommt sie aufgetischt und die Staatsgeschichten nur als Anhang; der
Politiker des Ghetto aber kann die lngsten Leitartikel genieen, immer nur die
hohen diplomatischen Affren, mit einem Feuilleton wird er nicht belstigt.
Freilich lgt der Schnorrer oft, whrend in der gedruckten Zeitung immer nur die
Wahrheit steht; auch ist seine Auffassung der Tatsachen oft eine subjektive, ja
geradezu einseitige, whrend in jedem Leitartikel die einzige Meinung zu finden
ist, die man als vernnftiger Mensch ber ein Ereignis haben kann.
    Aber dafr leistet er daneben auch noch Besonderes, was sogar ein Weltblatt
nicht gewhren kann. Denn keine andere Zeitung singt und fhrt komische
Soloszenen auf, und so viel Anekdoten auf einmal, wie er mitbringt, knnte auch
keine bieten und erschiene sie dreimal tglich in der Gre eines Bettlakens.
    Darum braucht der Jude des Ostens seine Schnorrer, und es gibt viele unter
diesen Landstreichern, die sich die Kundschaft frmlich auswhlen knnen und
nicht fr jeden zu haben sind, der sie als Gste begren will. Aber auch bei
jenen, die er seines Besuches wrdigt, bleibt der Schnorrer kaum lnger als
einen Tag, und selbst in einer greren Stadt kaum lnger als eine Woche. Die
Unrast treibt ihn hinweg, aber auch die Klugheit, die Eitelkeit. Er will immer
neu, anziehend, willkommen bleiben.
    Man sieht, das Schnorrertum ist eine Erscheinung im Volksleben des Ostens,
die so sehr an die eigentmlichen Verhltnisse wie an den Volkscharakter
gebunden ist, da man in aller Welt und Geschichte nichts Gleiches finden
knnte.
    Es lge ja nahe, an den Schmieren-Knstler zu denken, wie er bei uns in
Deutschland von Dorf zu Dorf, von Flecken zu Flecken zieht, durch seine Talente
die Leute rhrt oder erfreut, und dadurch sein Brot erwirbt, wenigstens
zuweilen. In der Tat verdankt auch er, wie der Schnorrer, die Mglichkeit,
sein Dasein zu fristen, jenem dunklen Drang der Menschenbrust, der auch den
Rohesten nicht fehlt, dem Drang, zuweilen aus der Tretmhle seines Lebens ins
Freie, aus der platten Wirklichkeit in die Welt des schnen Scheins zu flchten.
Aber der Schnorrer ist unendlich vielseitiger und dann ist seine soziale
Stellung eine ganz andere, eine viel schlimmere, sollte man denken. Denn der
wandernde Komdiant bettelt nur, wenn er durch seine Kunst nicht genug
verdient, whrend es beim Schnorrer selbstverstndlich ist, da man ihn
beherbergt, bekstigt und zum Abschied eine kleine Wegzehrung reicht. In
Wahrheit ist diese Stellung eine weit bessere. Der Schnorrer blickt nicht blo
in heimlichem Selbstgefhl auf den Sehaften herab - das tut ja wohl auch der
Schmieren-Knstler -, sondern lt ihn auch oft genug seine berlegenheit
fhlen, und eine andere Behandlung, als die eines Ebenbrtigen, nimmt er
hchstens von den Reichsten hin, in der Regel aber berhaupt von keinem. In
seinen Augen ist eben Broterwerb keine menschenwrdige Beschftigung, er dnkt
sich nicht allein klger, witziger, gebildeter - das ist er zumeist wirklich -,
sondern auch vornehmer als seine Gnner; vollkommen gleich aber fhlt er sich
ihnen schon durch die Satzungen des Glaubens, der nur Brder kennt und keinen
anderen Adel, als den der Gelehrsamkeit. Was gbe der deutsche Dorfkomdiant
darum, wenn er sich so fhlen drfte, wie der Schnorrer!
    Aber auch an den Hofnarren des Mittelalters darf man nicht denken, obgleich
der Vergleich schon etwas zutreffender wre: auch er war in allen Bedrfnissen
von dem Herrn abhngig und durfte ihm dennoch die Wahrheit sagen. Aber der
Hofnarr war deshalb doch ein gemieteter Diener, der Schnorrer aber ist ein
freier Mann. Ihn drckt keine Sorge um Weib und Kind, um den kommenden Tag;
erlebt er ihn, so werden sich auch Speise und Nachtlager fr ihn finden, erlebt
er ihn nicht, ein Grab auf dem nchsten Judenfriedhof. Wenn nur seine Feinde
nicht wren, die Polizei und die einheimischen Bettler! Aber dann schiene ihm
sein Leben eben gar zu schn, und etwas Trbsal mu jeder Mensch haben, schon
der Abwechslung wegen ...
    Freilich, nicht jeder Schnorrer fhlt sich so glcklich. An manchem nagt
die Qual ungestillten Ehrgeizes, der Neid auf die begabteren Kollegen. So kann
nur ein Dichterling den wahren Poeten hassen, wie der unfhige Schnorrer den
echten, richtigen. Auch hier ntzt der Flei allein nichts, und sogar die
Streberei nicht auf die Dauer; das beste ist die Gabe von oben. Zum richtigen
Schnorrer mu man geboren sein, wie zum Dichter. Einer dieser Echten war der
Vater des Sender, Mendele Glatteis, den sie nach seiner litauischen Geburtsstadt
den Kowner nannten, denn von den christlichen Familiennamen, die ihnen durch
den Willen der Regierung aufgezwungen worden sind, machen die Juden im Osten
untereinander noch heute keinen Gebrauch, geschweige denn zu seinen Tagen; er
war am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts geboren.
    Der Wille der Eltern hatte ihn zum Talmudisten bestimmt, weil er frh
treffliche Anlagen zeigte und schon als Zehnjhriger mit den Gelehrten ber die
schwierigsten Fragen, die sie beschftigten, zu disputieren wute. Seltsame
Fragen! - Seit Jahrhunderten werden sie in jeder Klaus, wie die jdischen
Studierstuben des Ostens heien, erwogen, grndlich, mit Aufgebot aller
Geistesschrfe, aber noch sind sie nicht ganz gelst.
    Kein Wunder, die Fragen sind eben gar zu schwierig! Zum Beispiel, an welchem
Tage Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis gepflckt hat. Ein Sabbat war es
gewi nicht, denn da darf man keine Frchte pflcken, aber welcher Wochentag?!
Oder von welcher Art die Leiter gewesen ist, die Jakob im Traum gesehen hat?
Natrlich keine Hngeleiter, die an den Wolken befestigt war und bis auf die
Erde hinabreichte, denn es steht ja geschrieben, da sie auf der Erde stand und
mit der Spitze an den Himmel rhrte. Aber war es eine Schiebeleiter, die
zusammenzulegen war, oder bestand sie aus einem Stck? War sie aus Holz, aus
Eisen oder aus was sonst? Und vor allem: wieviel Sprossen hatte sie? Das aber
hngt mit der Frage zusammen, ob die Engel, die daran auf und nieder stiegen,
lange oder kurze Beine hatten. Wie also waren die Engel gebaut? Darauf allein
kommt es an, denn wohl wissen wir ja, da sie Flgel haben, aber in jener Nacht
machten sie keinen Gebrauch von ihnen, es steht ausdrcklich geschrieben: Sie
stiegen. Daraus aber ergibt sich die weitere Frage: Warum stiegen sie, warum
flogen sie nicht von Sprosse zu Sprosse? Und dann: Der Herr stand oben darauf
heit es in der Heiligen Schrift. Auf der obersten Sprosse also? Oder hatte die
Leiter oben eine Plattform? Und wenn diese, wie breit war sie? Aber das sind im
Grunde noch naheliegende Fragen im Vergleich mit jenen anderen, die fr scharfe
Augen zwischen den Zeilen der Heiligen Schrift stehen. Im Lobgesang Mosis wird
der Herr gerhmt, weil seine Rechte die gypter ins Rote Meer versenkt. Was aber
tat zu selbigen Zeit des Herrn Linke? Darber steht nur eines fest, sie hat
nicht etwa das Meer geteilt, denn das vollbrachte, wie geschrieben steht, der
Atem des Herrn. Was also verrichtete sie, oder ruhte sie etwa ganz? ...
    Die Jahre kommen und gehen und werden zu Jahrzehnten, zu Jahrhunderten,
immer neue Gebiete des Wissens tauchen auf und unzhlige Arbeiter des Geistes
mhen sich um sie und hufen sie hher und hher empor, im Osten aber grbeln
sie noch heut' wie im Mittelalter ber die Linke des Herrn, den Apfelbi und die
Himmelsleiter. Und das ist noch heute dort der einzige Weg, sich als feiner
Kopf hervorzutun.
    Das gelang auch unserem Mendele. Nachdem er den Krperbau der Engel auf den
Zoll festgestellt und nachgewiesen, da Gottes Linke in jenem Augenblick
wahrscheinlich nichts getan, beschlossen die Eltern, ihren Einzigen zu einer
Leuchte in Israel zu machen, und der groe Rabbi von Kowno nahm ihn als
Schler in sein Haus auf.
    Es ging zunchst alles gut. Mendele machte unerhrte Fortschritte, und darum
sah der Gelehrte mild darber hinweg, da sich der Knabe viel in den Straen
umhertrieb, seine Mitschler neckte und sogar ihn selbst nicht verschonte. Der
Weise hatte nmlich die Gewohnheit, sich oft zu kratzen - vielleicht auch war es
keine Gewohnheit, sondern er hatte jedesmal Grund dazu, und so oft er sich
kratzte, tat es auch sein Lieblingsschler und in ganz derselben Art. Aber
Mendele behauptete, es geschhe nur, wenn es eben sein mte, und erinnerte an
den Talmud, wo die Freundschaft zwischen David und Jonathan dadurch
veranschaulicht wird, da es beide stets im selben Augenblicke gehungert und
gedrstet habe. Die innige Sympathie, die ihn mit seinem Lehrer verbinde, uere
sich hier eben darin, da es beide zu gleicher Zeit jucke. Der Rabbi zweifelte;
indes, mglich war es doch, und so lie er die Sache hingehen, so unangenehm ihm
das Lcheln der anderen Schler war.
    Er nahm es sogar geduldig hin, als sich die Sympathie in immer deutlicheren
ueren Zeichen entlud. Nun mute Mendele in derselben Sekunde husten, sich
ruspern und schneuzen, wie der Gelehrte, ja, die Sympathie zwang ihn allmhlich
sogar, in demselben Tonfall, mit derselben heiseren Stimme zu sprechen. Ganz
Kowno lachte, aber zu ndern war das nicht.
    Da machte ein allerdings seltsames Ereignis dem Unterricht ein Ende.
    Zu den schwierigsten Fragen, die der Talmud abhandelt, gehrt auch die des
Blutflecks im Ei; es ist fr den Glubigen geniebar oder nicht, je nach der
Form des Flecks. Nun sind aber die Weisen des Talmuds trotz aller Mhe, die sie
auf die Sache gewendet haben, zu keiner vlligen Eintracht gelangt, und alle
Formen haben sie ja auch unmglich voraussehen knnen. So mu denn jeder
Gelehrte, so oft er befragt wird, sein Hirn gehrig anstrengen und er wird oft
befragt, weil eine sparsame Hausfrau lieber den Gang zum Rabbi macht, als das Ei
zu opfern.
    Nun begab es sich also, da Mendeles Mutter pltzlich von diesem Migeschick
so oft ereilt wurde, wie keine andere Hausfrau; fast jeden zweiten Tag brachte
Mendele in ihrem Auftrag ein Ei zum Rabbi. Und immer hatte der Blutfleck hchst
seltsame Formen, die dem Gelehrten die Entscheidung umso schwerer machten, als
er sehr kurzsichtig war. Die Sache wurde immer unheimlicher; bald hatte der
Fleck die Gestalt eines Kreuzes, bald eines Fragezeichens, bald eines
Buchstabens. Die Henne der Frau Chane Glatteis schien geradezu verhext!
    Eines Tages aber brachte Mendele nach lngerer Pause ein Ei zur Schule,
dessen Blutfleck wohl unerhrt gestaltet sein mute, denn der Knabe war selbst
in sichtlicher Erregung und verfolgte die Bewegungen des Rabbi mit Spannung.
Langsam beugte sich der groe Gelehrte auf das Ei nieder, blickte es an und fuhr
entsetzt zurck, brachte den Fleck noch einmal dicht vor die Augen und schnellte
dann bleich und erregt empor.
    Das war noch nie da, seit die Welt steht! schrie er. Diese Henne mu ich
sehen!
    Der Wunsch war begreiflich. Der Blutfleck hatte diesmal die Form einiger
hebrischer Buchstaben, die zusammen das Wort Esel bildeten. Ein so
merkwrdiges und verruchtes Tier hatte die Welt noch nicht gesehen.
    Ich will Euch die Henne bringen, Rabbi, sagte Mendele dienstfertig.
    Nein, da seh' ich selbst nach! rief der Rabbi und eilte zur Mutter seines
Schlers.
    Mendele begleitete ihn dicht vors Haus, dort drckte er sich und ging
spazieren.
    Als er heimkam, empfing ihn unter einem Hagel von Schlgen und Vorwrfen die
Kunde, da ihn der Rabbi aus seiner Schule ausgeschlossen, weil er sein Spiel
mit dem Heiligsten getrieben. Denn wohl hatte Frau Chane eine Henne, aber dies
brave Tier legte immer Eier ohne Blutflecken. Die hatte Mendele mit roter Farbe
auf den Dotter gemalt und schlielich auch, durch den Eifer und die
Kurzsichtigkeit des groen Gelehrten immer khner gemacht, die sonderbare
Huldigung.
    Noch einen Versuch machten die Eltern des damals zwlfjhrigen Knaben, ihn
jenem frommen Beruf zuzufhren, zu dem ihn seine seltenen Gaben zu bestimmen
schienen. Sie vertrauten ihn dem berhmten Talmudisten Rabbi Meyer in Wilna an,
der neben dem Ruf groer Gelehrsamkeit auch den einer besonders festen Hand
hatte.
    In der Tat schien der Rabbi mit Mendele leicht fertig zu werden, und als
sich die wachsende Sympathie des Schlers fr den Lehrer auch hier in hnlichen
Formen zu uern begann wie in Kowno, nahm dies bald ein Ende. Denn so oft diese
geheimnisvolle Kraft den Knaben trieb, den Rabbi Meyer durch Nachffung zu
verhhnen, erwachte sie auch in diesem und zwang ihn, dem geliebten Schler eine
ungeheure Maulschelle zu geben. Kein Wunder, da sich die Sympathie immer
seltener uerte, immer geringer wurde und schlielich in Ha umschlug.
    Das ging so bis zu Mendeles dreizehntem Geburtstag fort. An diesem Tage, der
im Leben eines jeden jdischen Knaben einen wichtigen Einschnitt bildet - er
wird da konfirmiert und fortab beim Gottesdienst als Erwachsener mitgezhlt -,
schien sich auch in Mendele eine groe Vernderung vollzogen zu haben: der Zorn
gegen den strengen Lehrer schlug in sanfte Ergebung, der Ha in Liebe um. Es ist
Sitte, da jeder Lehrer seinen Schler zu diesem Geburtstage so reich, als ihm
irgend mglich, beschenke; auch Rabbi Meyers Geschenk war sehr wertvoll, aber
nur in moralischem Sinne. Er hielt dem Knaben nmlich eine sehr lange
Mahnpredigt, worin er ihm mit Sicherheit prophezeite, da er einmal hoch ber
allen anderen Menschen enden werde, am Galgen. Einen anderen Knaben htte dies
vielleicht erbittert. Mendele aber schien wohl tief zerknirscht, sagte dann aber
mit vor Rhrung zitternder Stimme: Ihr habt recht, Rabbi, ich habe kein ander
Geschenk verdient. Aber weil ich nun heute dreizehn Jahre alt geworden bin und
da Geschenke blich sind, so schenk' ich Euch was! Verschmhet es nicht, obwohl
es wenig ist! Sprach's, wischte sich die Trnen aus den Augen und berreichte
dem Rabbi je eine Bchse jener beiden Salben, die auch der rmste Jude des
Ostens nicht entbehren kann.
    Der strengglubige Jude darf nmlich sein Haupt nicht dem Schermesser
beugen, Bart und Wangenlckchen wachsen, wie ihnen beliebt, und drfen sogar nie
gekrzt werden; im Gegenteil, ihre Lnge und Dichtigkeit ist der schnste
Schmuck des Frommen und er, der sonst wahrlich auf sein ueres nicht viel
Pflege, ja nicht einmal allzuviel Wasser wendet, gebraucht doch eine Salbe, die
den Bartwuchs befrdert. Die andere Salbe aber dient dem entgegengesetzten
Zweck: das Haupthaar vllig zu entfernen, denn auch dies gebietet die Mode.
Durch einen anderen, als einen vllig kahlen Scheitel wrde sich der Fromme
entstellt fhlen, und da er sich nicht rasieren lassen darf, so reibt er das
Haupt von Zeit zu Zeit mit dieser scharfen Mixtur ein, die zwar anfangs keine
Beschwerde macht, dann aber gehrig auf der Kopfhaut brennt. Beide Salben sind
wei und haben metallischen Glanz; um einer Verwechslung vorzubeugen, wird die
tzsalbe immer in runden, die Bartsalbe in eckigen Bchschen verkauft.
    Rabbi Meyer war ber das Geschenk betroffen, sogar ein wenig beschmt, dann
jedoch machte er, ehe er ins Lehrzimmer ging, von beiden Salben Gebrauch.
Mendele aber gnnte sich einen Ferialtag und trollte sich seiner Wege.
    Eine Stunde spter merkte der Rabbi ein seltsames Brennen auf den Wangen,
und als er in den Bart griff, blieb ihm ein Bschel Haare in den Hnden.
Entsetzt strzte er in sein Wohnzimmer, die tzsalbe abzuwaschen, aber mit ihr
ging auch der schne lange Bart ab und das Antlitz des Wrdigen glich nun der
litauischen Heide, auf der nur ein wenig Gestrpp und hie und da ein einzelner
Stamm verraten, welcher herrliche Wald da einst gestanden. Nach einiger Zeit
erwiesen sich auch die Haarwurzeln der Kopfhaut, die er bisher immer so schnde
mit tzsalbe behandelt, fr die unverhoffte Labung dankbar und sproten krftig
empor. Dies Unglck lie sich ja gut machen, aber der Bart! Die vielen Besuche
neugieriger und teilnehmender Verehrer, die den Rabbi zu besichtigen und zu
trsten kamen, freuten ihn gar nicht, und Monate whrte es, bis er wieder auf
die Gasse zu treten wagte. Der Bart aber kam in alter Flle nie wieder, niemals,
und bis an sein Lebensende gab es ihm einen Stich durchs Herz, wenn man ihn bat:
Erzhlet doch, was Euch Mendele Kowner zum Abschied verehrt hat!
    Denn Mendele hatte sich die Freude versagt, den Erfolg seiner freundlichen
Gabe mit eigenen Augen zu sehen, und war auf Nimmerwiedersehen gegangen, aus dem
Haus und aus der Stadt. Er wollte heimkehren und schlug den Weg nach Kowno ein,
aber je nher er der Heimat kam, desto krzer wurden die Tagereisen, desto
lnger der Aufenthalt bei gastlichen Glaubensgenossen, und in einer Schenke
dicht vor Kowno besann er sich eines anderen und schlug den Weg nach Westen ein.
Denn viel rascher als er war die Kunde jenes Streiches dieselbe Strae gezogen
und wohin immer er gelangte, und als er den Ort, aus dem er kam, Wilna nannte,
fragten ihn die Leute sofort nach Rabbi Meyers Bart, und obwohl einige dazu
lachten, waren doch die meisten ber den unerhrten Frevel an der heiligen Zier
eines heiligen Mannes so entrstet, da er es vorzog, inkognito zu bleiben. In
jener Schenke vor Kowno aber traf er einen Fuhrmann aus seiner Heimat, der ihm
erzhlte, seine Eltern htten anfangs viel geweint, nun aber seien sie damit
beschftigt, biegsame Haselstauden in Essig zu legen, auch zwei Bambusrohre
seien angeschafft und sonstige Vorbereitungen zu seinem wrdigen Empfang
getroffen. Da dachte Mendele, da es ja nicht gleich sein msse, machte kehrt
und zog langsam der preuischen Grenze zu.
    Was aus ihm werden sollte, war damals nach seinem Willen noch nicht
entschieden, und htte jemand dem bermtigen, aber klugen und gutherzigen
Knaben auf jener ersten Wanderung gesagt, welches Lebensziel seiner harre, ihm
wre die Warnung nicht nahe gegangen. Er war ja guter Leute Kind, hatte etwas
gelernt - warum sollte er ein Schnorrer werden?! Es fiel ihm gar nicht bei, er
war nur eben der Meinung, da den Haselstauden eine lngere Beize nicht schaden
wrde, und wollte den Zorn seiner Eltern ausrauchen lassen, ehe er heimkehrte.
Auch war es fr ihn - wie fr manchen vor und nach ihm, der die gleichen Pfade
geschritten - eine groe Verlockung, da er nicht um Brot und Obdach zu sorgen
brauchte.
    Wie der Scholar des Mittelalters von einer Universitt zur anderen, noch
fter ins Blaue hinein, sorgenlos durch ganz Deutschland ziehen konnte, weil ihm
sein Barett und sein bichen Latein die Tre jedes Pfarr- und Brgerhauses
ffneten, so gengt noch heute in Halbasien das Wort: Ich bin ein
Jeschiwa-Bocher (Zgling einer Talmudschule), und die spitzfindige Auslegung
irgend einer Bibelstelle, um dem Knaben, dem Jngling jedes jdische Haus, in
das er tritt, zur gastlichen Sttte zu machen. Das Gegenteil wre eine Snde,
denn wer in der Lehre forscht, dient dem Herrn, und wer ihn untersttzt, erwirbt
den Himmel. Nicht einmal mit allzuviel Fragen wurde Mendele behelligt; sagte er
den Leuten, er sei auf der Suche nach einer passenden Schule, so wunderten sie
sich auch darber nicht. Ein begabter Bocher whlt sich die Jeschiwa
sorglich aus und bindet sich nie, ehe er sie persnlich kennen gelernt, ehe er
wei, was ihm dort an weiterer Ausbildung oder an Stipendien geboten wird.
    Wenn Mendele so sprach, so log er freilich; er wollte zunchst keine neue
Schule beziehen, ehe er nicht den Zorn der Eltern beschwichtigt htte. Nur kam
ihm das Wandern, der Verkehr mit den vielen fremden Menschen so ergtzlich vor,
da er die Heimkehr immer wieder aufschob, und als er gar ins Posensche gelangt
war, gefiel es ihm dort so gut, da er seiner guten Vorstze ganz verga. Hier
waren die Stdtchen reinlicher, die Gemeinden wohlhabender, aber auch die
Gelehrsamkeit vernnftiger; ohne es selbst recht zu empfinden, standen die
dortigen Rabbinen ein wenig unter dem Einflu des deutschen Geistes und
beschftigten sich lieber mit den wissenschaftlichen Problemen des Talmuds, als
mit den Fragen ber die Himmelsleiter. Das gefiel dem begabten Knaben, schon
weil es ihm neu war, er blieb monatelang da und dort haften und lernte
ernsthaft. Aber zu seinem Unglck war auch die preuische Polizei regsamer als
die russische und schaffte ihn eines schnen Tages, da er keine Papiere hatte,
ber die Grenze.
    Das rttelte ihn auf; er schrieb an seine Eltern, ob er heimkehren drfe.
    Eine Antwort wurde ihm nicht.
    Sie zrnten also noch schwerer, als er gedacht, und so traute er sich nicht
heim, sondern wanderte ziellos im Groherzogtum Warschau umher, das die Laune
Napoleons kurz vorher geschaffen hatte. Auch nun hatte er nicht Hunger noch
Klte zu leiden, zugleich stumpfte ihn die Gewohnheit gegen die Mhsal dieses
unsteten Lebens ab. Dennoch regte sich ihm die Sehnsucht nach den Eltern immer
strker im Herzen und er beschlo, die Heimkehr zu wagen, auf die Gefahr, da
der Empfang noch so unfreundlich ausfalle.
    Diesmal aber trat der Zufall dazwischen oder, wenn man will, das Schicksal.
    Als Mendele im Frhling 1812 langsam aus dem Krakau'schen, wo er zuletzt
verweilt hatte, nach Norden pilgerte, begegnete er den Kolonnen der groen
Armee, die sich eben langsam nach Ruland wlzten. Es war spter das
Hauptstcklein des Kowners - und es hat ihn lange berlebt - zu berichten, wie
er bei dieser Gelegenheit zufllig die Bekanntschaft des grten Mannes seiner
Zeit gemacht und verstanden habe, sich ihm durch wichtige strategische
Ratschlge unentbehrlich zu machen.
    Seid Ihr schon in Warschau gewesen? pflegte er mit der Frage an seine
Hrer zu beginnen. Wer dort war, kennt gewi das groe gelbe Wirtshaus gleich
rechts neben der Maut; damals hat es der alte Reb Mosche gehalten, Mosche mit
der roten Nas'; ein braver Mensch, der sich nie darber beklagt hat, da er
nicht einmal zum Fenster hinausschauen darf. Nmlich die russische Polizei hat
es ihm verboten, weil sonst alle Fremden geglaubt htten, da Warschau brennt.
Auch sonst ein guter Mensch, er hat mich aufgenommen wie einen Sohn und mir
guten Rat gegeben, wenn er nchtern war, aber freilich war er nie nchtern. Nun,
auf einmal darf der arme alte Mann wieder frische Luft schpfen - die Russen
sind fort, die Franzosen kommen. Zwei Tage und zwei Nchte dauert der Durchzug,
Soldaten zu Fu und Reiter und Kanonen und Wagen, vor den Augen hat es einem
geflimmert und in der Luft war ein Gedrhn wie ein Gewitter - - zwei Millionen
Menschen, meint Mosche, aber das war nur, weil er alles doppelt gesehen hat -
eine Million war es wirklich! Das war aber nur der Vortrab, jetzt ist erst die
Armee gekommen. Zehn Millionen! Mein Mosche weint vor Freude: Gott, wie viel
Franzosen, das gnn' ich den Russen! - Da geht die Tr auf, zwei Offiziere
kommen herein, ein groer und ein kleiner, und bestellen Likr. Gott ber der
Welt! schreit der Groe erschreckt, wie er den Mosche erblickt, der Kleine aber
verzieht keine Miene. Das kann doch nur Napoleon sein, denk' ich, das ist der
einzige Mensch, den nicht einmal eine solche Nase aufregen kann, und wie ich ihn
anschau' - richtig ist er's. Aber ich tu' nichts dergleichen; will er nicht
erkannt sein, so wei Mendele Kowner, was sich schickt. Nur wie er sein Glschen
hebt, heb' ich das meine und sag': Ihr Herr Emprr soll bis zu hundert Jahr
leben! - Ich danke! sagt er freundlich. Ha, denk' ich, jetzt hab' ich dich, und
frag': Warum danken Sie? Er wird verlegen. Weil ich auch ein Franzose bin, sagt
er. Du aber bist wohl ein Jude?! - Kunststck, da Sie es erraten! sag' ich. Ein
Kaftan und Wangenlckchen, ein Spanier werd' ich sein! Und so kommen wir ins
Gesprch, und ich erzhl' dies und das, und er lacht. Mir scheint, sagt er, du
bist ein gescheiter Mensch. Was denkst du denn ber den Krieg? - Fragen Sie
Ihren Emprr, sag' ich, der ist noch gescheiter. - Lacht er: Schmeichler! Du
weit doch, da ich's bin! Also wie soll ich den Krieg fhren? - Schnell! sag'
ich. Besseres kann ich Ihnen nicht raten. So schnell wie mglich. Sonst kommt
der Winter, und das sind die Russen gewohnt, aber Sie nicht! - Mendele, sagt er,
du hast recht! Meine Generale denken anders, aber ich bin deiner Meinung. So
schnell wie mglich marschier' ich nach Petersburg! - Um Gottes willen! schrei'
ich, Herr Emprr, das wr' eine Dummheit! Erstens ist dort das Meer nahe - ein
bichen zu weit links und alle Ihre Soldaten fallen hinein! Und dann ist ja dort
sehr kalt! - Also nach Moskau! - Auch nicht! Auch zu kalt! Hinunter nach Kiew,
nach Odessa! Davon will er aber nichts hren, ich rede und rede, er bleibt bei
Moskau. Gut, sag' ich. Bin ich der Emprr?! Aber was dabei herauskommt, werden
Sie schon sehen! - Du auch! sagt er und packt mich an der Hand. - Wieso? sag'
ich. - Weil du mitgehst, Mendele! Ohne dich will ich nicht nach Ruland. So
einen eisernen Kopf wie du kann ich brauchen! Komm mit! Geht es gut aus, schenk'
ich dir einen Zentner Diamanten, geht es schlecht aus, so kann es fr Mendele
Kowner doch nur eine Ehre sein, mit mir, dem groen Napoleon, kapore (zu Grunde)
zu gehen. Und bittet und bittet, bis ich nachgeb'.
    So kam Mendele Kowner mit Napoleon nach Ruland. Leider trbte sich die
freundschaftliche Beziehung durch den Eigensinn des Kaisers, wohl auch durch
seine Eifersucht auf Mendeles militrisches Genie.
    Nahe vor Moskau nmlich riet Mendele, sofort zehntausend Feuerspritzen zu
bauen und in die Stadt mitzunehmen. Denn, meinte er sehr scharfsichtig, sonst
znden die Russen Moskau an und wir knnen nicht lschen, und was haben wir von
Moskau, wenn es verbrannt ist?! Gndiger Herr Kaiser, hren Sie auf den Kowner,
Sie wissen, er ist nicht dumm! - wo werden Sie sonst berwintern?! Aber man
wei ja, da die zehntausend Feuerspritzen nicht mitgenommen wurden und da
Moskau in Flammen aufging, und daraufhin sah der kluge Mendele auch alles andere
voraus und sagte dem Kaiser: An der Beresina wird es Ihnen schlecht gehen, ich
rate Ihnen, marschieren Sie lieber auf einer anderen Strae - aber was ntzt
mein Reden! Leider tun Sie ja doch, was Sie wollen! Ich aber will nicht mehr
dabei sein, denn so ein Unglck, wie Sie es an der Beresina erleben werden, hat
die Welt noch nie gesehen, und wenn es auch fr mich eine Ehre wre, mit Ihnen
kapore zu gehen, ein Vergngen wre es nicht! Also, adjes, Herr Emprr, und
nichts fr ungut!
    Dabei blieb es auch, obwohl ihn Napoleon durch Geschenke festzuhalten suchte
und dann, als alles fruchtlos war, ihm zwar den Rcken zuwandte, aber doch
hrbar schluchzte. Mendele ging und gelangte, wenn auch auf Umwegen, mit heilen
Gliedern in die Heimat zurck.
    Die Erzhlung entsprach im allgemeinen der Wahrheit, nur waren einige
unbedeutende Einzelheiten doch nicht ganz genau wiedergegeben. Die Begegnung in
der Schenke vor Warschau hatte wirklich stattgefunden, nur war es nicht Napoleon
selbst gewesen, der Gefallen an dem lustigen Burschen gefunden und ihn zum
Mitgehen bewogen, sondern ein jdischer Sergeant aus dem Elsa, Maurice
Ettelmann aus Colmar.
    Auch hatte Maurice wirklich bitten mssen, bis sich Mendele dazu entschlo,
denn so leichtfertig der Junge war, wollte er die Eltern doch nicht lnger
entbehren. Aber in Kowno erwarteten ihn nur Prgel, vielleicht sogar eine
verschlossene Tre, die sich trotz allen Flehens nie wieder ffnete - hier
lockte ein fremdes lustiges Leben; so neben dem Sergeanten in eine Stadt
einzuziehen, von allen Juden bewundert und gefrchtet als einer, der mit zur
groen Armee gehrte, das war doch etwas anderes, als wenn er als Bocher
bescheiden an die Tr der Reichen klopfte. Mendele ging mit, als Dolmetsch,
Schalksnarr und Marketender zugleich; er erlebte wirklich den Brand von Moskau,
entging auch tatschlich dem Unglck an der Beresina, aber nur, weil das
Regiment, dem er sich angeschlossen, schon frher zurckgesendet worden war.
Auch hatte er's in Wahrheit nicht bers Herz gebracht, seinen Protektor in der
Not zu verlassen; Maurice Ettelmann war verwundet worden; Mendele brachte ihn
bei barmherzigen Glaubensgenossen unter und pflegte ihn, bis er genesen war.
    Dann zogen beide in der blichen Judentracht bis Thorn, wo sie schieden; der
Sergeant schlug sich nach dem Westen durch und Mendele wandte sich nun endlich
nach Kowno.

                                Zweites Kapitel


Er kam zu spt.
    Frau Chane war nun schon zwei Jahre tot; im Hause waltete eine junge
Stiefmutter, ein halbjhriges Bbchen auf dem Arm.
    Mendeles Vater, der alte Sender Glatteis, hatte sein Weib herzlich lieb
gehabt und seine Trauer um ihren Verlust war eine aufrichtige und tiefe gewesen,
gleichwohl hatte er nicht einmal das Trauerjahr abgewartet, um ihr eine
Nachfolgerin zu geben. Denn so gebot es seine Anschauung von den Pflichten des
Frommen und wie er hienieden fr seine knftige Seligkeit vorzusorgen habe.
    Nichts ist dem Herrn wohlgeflliger, als die Vermehrung seines Volkes. Nur
einen Sohn und lauter Tchter zu haben ist ein Unglck, aber keinen Kadisch zu
hinterlassen, eine Snde. So heit das Gebet, welches der Sohn alljhrlich am
Sterbetag seinen Eltern zu widmen hat; wie hoch diese Pflicht steht, wie sehr
der Fromme ersehnt, da sie an ihm gebt werde, erweist eben der Sprachgebrauch,
der den Sohn kurzweg als Kadisch bezeichnet.
    Der alte Sender hatte keinen mehr; Mendele war nach einem gottlosen Streich
in die Welt gelaufen, hatte nie wieder von sich hren lassen; der Schmerz um ihn
hatte seiner Mutter die letzten Jahre vergllt, die Sorge um ihn die letzten
Stunden der Sterbenden verdstert - Sender war es der Toten und sich selbst
schuldig, einen anderen Kadisch zu zeugen.
    Der Himmel war ihm gndig gewesen; der Sechzigjhrige erlebte noch die
Geburt eines Sohnes. Nun mochte ihn der Herr rufen, wann ihm beliebte; seine
Pflicht auf Erden hatte er erfllt.
    Mendele aber war fr ihn tot. So tot, da er den Heimgekehrten nicht einmal
schmhte, geschweige denn schlug. Er legte ihm hundert Rubel hin, genge ihm
dieses Erbteil nicht, so mge er ihn bei der Gemeinde verklagen, und wies ihm
die Tr.
    Das Flehen des Reuigen blieb vergeblich; auch seine Beteuerung, da er
geschrieben und die Erlaubnis zur Heimkehr erbeten habe, verhallte ohne Wirkung.
    Vielleicht lgst du nicht, war die Antwort. Dann hat eben Gott nicht
gewollt, da deine Reue noch fruchte. Geh!
    Die junge Frau suchte zu vermitteln. Sie frchtete sich vor dem bsen
Leumund der Stiefmutter und da die Gemeinde ihrem Einflu die Verstoung des
Sohnes zuschreiben wrde.
    Da irrst du, war die Antwort. In unserem Kowno herrscht Gottesfurcht.
Kein Vater wrde anders handeln. Was wrde es auch ntzen, wenn ich schwach sein
wollte?! Nach einigen Wochen liefe er wieder davon. Ein Schnorrer ist er und ein
Schnorrer wird er bleiben; ihm ist vorbestimmt, hinter der Hecke zu sterben.
    Und dann wieder zu Mendele: Geh!
    Der Verstoene ging.
    Die Rubel lie er liegen, auch verklagte er den Vater nicht auf Herausgabe
eines greren Erbteils. Ihn erfllte nur ein Gedanke: Der alte Mann soll nicht
recht behalten! Er soll einst erkennen, wie hart und tricht seine Prophezeiung
war, und unter Freudentrnen soll er mich als seinen Kadisch segnen!
    In Kowno war freilich seines Bleibens nicht. Aber wie ernst seine guten
Vorstze waren, bewies der einzige Besuch, den er machte, ehe er die Heimatstadt
verlie. Er ging zu seinem einstigen Lehrer, bat ihn fr seine Knabenstreiche um
Vergebung und teilte ihm seinen Entschlu mit, auf der besten Jeschiwa in
Ruland binnen wenigen Jahren die Wrde eines Rabbi zu erwerben.
    Der gutmtige Mann verzieh ihm gern und riet ihm, die Schule zu Berditschew
aufzusuchen; ein Vater, dessen Sohn von dort die Wrde eines Rabbi heimbringe,
erfahre dadurch ein so groes Glck, eine so hohe Ehre, da sie jeden frheren
Fehler des Jnglings tilge.
    Gut, so komme ich denn als Berditschewer Rabbi wieder, sagte Mendele und
bat dann, ihm den Todestag seiner Mutter zu sagen. Sei berzeugt, schlo er,
und sagt es auch meinem Vater: solang' ich lebe, wird auch meine Mutter an
diesem Tag ihren Kadisch haben!
    Diese Zusage hat Mendele Glatteis getreulich eingehalten, aber als
Berditschewer Rabbi ist er nicht heimgekehrt. Es mag auch daran gelegen haben,
da Berditschew gar so weit von Kowno liegt - Hunderte von Meilen, tief im Sden
des Reiches - und da es nicht in der Natur dieses Jnglings lag, seine Zunge zu
hten. Er erzhlte auf dem Wege jedermann, wie sich sein Leben gefgt habe, und
warum er nun gerade die beste Schule aufsuchen msse.
    So erfuhr es auch sein alter Gnner, Rabbi Meyer von Wilna, und beeilte
sich, den Rabbi von Berditschew vor der Aufnahme dieses Snders zu warnen;
vielleicht beschwor er ihn darum bei seinem Barte.
    Gewi ist, da der Brief seine Wirkung tat. Als Mendele den groen
Berditschewer aufsuchte, empfing ihn dieser nur, um ihm eine donnernde
Strafpredigt zu halten und den Aufenthalt in seiner Stadt fr immer zu
verbieten.
    Vernichtet setzte Mendele seinen Stecken weiter; noch flackerte zuweilen
sein Ehrgeiz auf, und hufiger noch sein Trotz, aber einen ernsten Anlauf, seine
Studien fortzusetzen, nahm er doch nicht mehr. Vielleicht unterlag er da nur
eben seinem Temperament, vielleicht aber auch der ungeheuren Schtzung, die sein
Volk einem Worte aus des Vaters Munde beizulegen pflegt. Sender Glatteis hatte
prophezeit, da Mendele als Schnorrer hinter der Hecke sterben werde; alle
Welt wute es und zweifelte nicht daran, da sich das Furchtbare erfllen msse.
Mendele freilich trug sein Haupt noch immer hoch, aber wie schwer das Wort
innerlich in ihm wuchtete, wagte er sich wohl selbst nicht zu gestehen, bis ihn
das unstete, elende und doch fr Naturen seines Schlages reizvolle Leben vllig
in seinen Bann gezogen hatte. Da freilich sprach er es auch aus: Ein Schnorrer
bin ich und ein Schnorrer will ich bleiben ...
    Er sprach es mit lachendem Munde; zuweilen freilich mag ihm das Herz dabei
sehr wehe getan haben. Aber manchmal lag auch ein gewisser Stolz darin und
schlielich ein gewisses Selbstgefhl. hnlich mag es seiner berhmten
Schicksalsgenossin zu Mute gewesen sein, als sie den Leipziger Spiebrgern die
stolze Antwort gab: Nur eine Komdiantin, ja, aber die Neuberin!
    Mendele Kowner war der Knig der Schnorrer seiner Zeit; man sah ihn
berall herzlich gern, es war ein rechtes Fest fr jede Gemeinde, wenn er
wiederkam, und aus abgelegenen Ortschaften kamen oft Einladungsbriefe: sie seien
doch auch Menschen und ehrliche Juden und htten sich bisher nur mit ganz
gewhnlichen Schnorrern begngen mssen, - ob er sie nicht auch einmal beehren
wolle?!
    Er aber kam nur, wenn es ihm beliebte, wenn ihm das Stdtchen der
Auszeichnung wrdig erschien, einen so groen Schnorrer zu beherbergen; um Geld
war er nicht zu haben, verteilte auch in jenen Stdtchen, wo er oft einkehrte,
die Gunst seines Besuches nur nach der Wrdigkeit, nicht nach dem Besitz. Was er
forderte, konnte ihm selbst ein armer Mann gewhren: Nachtlager und Nahrung,
wenn es sein konnte, ein Glschen Wein und zum Abschied einige Kupfermnzen, so
viel als ntig war, in den nchsten Ort zu gelangen.
    Mehr aber nahm er auch vom Reichsten nicht. Der echte Schnorrer ist ja
auch sonst nicht habgierig; aber keiner verachtete das Geld so, wie der
Kowner. Schon dies mute ihm unter den Shnen seines Volkes, dem Erwerb so
hoch steht, weil das Geld seit zwei Jahrtausenden seine einzige Waffe im Kampf
mit seinen Bedrngern gewesen, eine unerhrte Stellung sichern. Und nun waren ja
zudem all die Gaben und Gnaden, die den Schnorrer machen, in ihm verkrpert.
    Ein Mann dieses Handwerks - oder nein, es ist ja eine Kunst - mu weit
umhergekommen sein, denn die Leute lassen sich zwar gern Lgen von ihm gefallen,
ja sie fordern sie zu ihrer Unterhaltung, aber nachdem er ihnen versichert, da
er in Italien immer nur Eier gegessen, die er in der Sonne gargekocht, nachdem
er ihnen das goldene Haus des Kaisers zu Wien und die diamantenen Fenster im
Zarenpalais an der Newa geschildert, verlangen sie, die an der Scholle haften
und doch von Wibegier und Sehnsucht nach der Fremde erfllt sind, wie wenig
andere Menschen, ernsthaften Bericht ber Land und Leute. Lgt er sie dann noch
an, so ist es mit seinem Ruhm vorbei.
    Der Kowner hatte das nicht ntig.
    Er war sehr weit herumgekommen, fast durch ganz Europa, soweit Juden
wohnten, bis Petersburg und Konstantinopel, bis Berlin, Straburg, Wien und
Venedig. So war er an Scherz und Ernst ein Krsus, der immer aus dem Vollen
spendete, ohne sich doch je zu erschpfen. Wo er wirksamer war, wuten sie kaum
zu entscheiden. Wenn er erzhlte, wie wenig Ruhe der arme, groe Rothschild in
Frankfurt am Main habe, weil er, um der Welt seinen Reichtum zu beweisen, alle
Viertelstunde ein frisches Hemd anziehen msse, oder das Glck der Italiener
pries, die so billiges Fleisch htten, weil sie keines Fleischhauers bedrften -
wolle man dort einen Ochsen schlagen, so schicke man ihn ohne Sonnenschirm auf
die Weide, und er komme als fertiger Braten heim -; oder die Petersburger
beklagte, weil dort zur Winterszeit die Straen auch bei hellstem Sonnenschein
knstlich erleuchtet werden mten, da der Atem der Menschen wie eine
undurchdringliche Wolke ber ihnen lagere; oder ber die Kaufleute klagte, die
alles verteuerten, sogar die Tinte, die doch nur aus dem Schwarzen Meer
geschpft zu werden brauche, dann lachten alle, da ihnen die Trnen ber die
Backen liefen. Aber dann lauschten sie angehaltenen Atems, wenn er das
mrchenhafte Venedig vor ihren Augen aus dem Meere emporsteigen lie, oder
schilderte, wie er von Padua nach Konstanz gewandert, auf der Strae, wo ewiger
Schnee liege, whrend drunten die blauen Seen lachten und das Anland im Schmuck
des Frhlings; wenn er ihnen eine Anschauung davon gab, wie gro Wien oder
Berlin sei, und wie die Leute dort lebten, namentlich die Juden.
    Niemand wute so viel Schnurren und von niemand konnte man so viel lernen,
denn der Kowner wute ja alles. Nachdem er ihnen seinen vertrauten Verkehr mit
Napoleon geschildert, da sie sich vor Heiterkeit nicht zu fassen wuten, machte
er ihnen begreiflich, wie der Mann in Wahrheit gewesen, was er angestrebt und
wie er geendet, und da sie in dem Kaiser der Franzosen den Mann verehrten, der
den Juden seines Landes vor allen anderen Frsten die vollen Menschenrechte
verliehen, so lauschten sie bewegt, wenn ihnen der Kowner von seinem Tode auf
St. Helena erzhlte, und wie nun sein armer Sohn in Wien dahinsieche.
    War aber ihrer Wibegier in weltlichen Dingen genug getan, so begann er
ihrer frommen Gelehrsamkeit auf den Zahn zu fhlen; er stellte Fragen, die der
Weiseste nicht beantworten konnte, und erledigte sie dann durch einen Witz, eine
Spitzfindigkeit, da die ganze Zuhrerschaft vor Bewunderung stumm blieb, oder
aufjubelte, oder gar, als hchstes Zeichen des Beifalls, mit der Zunge
schnalzte; er war nicht umsonst Jeschiwa-Bocher gewesen.
    Schon in all dem und der Art, wie er zu erzhlen wute, hatte er keinen
Nebenbuhler, und nun gar erst in seinen knstlerischen Gaben!
    Israel hat das Singen verlernt, klagt eine Wormser Aufzeichnung aus dem
dreizehnten Jahrhundert. Man hrt selten im Ghetto eine weltliche Melodie, und
die Volkslieder fehlen zwar nicht ganz, werden aber nicht oft gesungen. Wo der
Kowner geweilt hatte, nderte sich dies wenigstens auf Wochen; so lang er da
war, lauschten sie ihm und wagten kaum, im Chorus einzufallen, denn er hatte
eine Stimm' wie eine Flt'. Dann aber sang ihm Alt und Jung nach, bis die
Lieder verklangen und sich wieder das traurige Schweigen ber das Ghetto senkte.
Aber nicht blo singen konnte er, sondern auch Spiele machen, das heit
komische Szenen aus dem Stegreif vorfhren: das Examen eines unwissenden Bochers
vor einem gestrengen Rabbi, oder den Streit einer geizigen Schwiegermutter mit
ihrem leichtlebigen Schwiegersohn, oder wie ein furchtsamer Jngling vor die
Rekrutierungskommission tritt. Da konnte niemand ernst bleiben, nicht einmal
jene, die er aufs Korn nahm, indem er ihre Sprechweise nachffte und
Anspielungen auf ihre Verhltnisse einflocht.
    Lachen ist Gottesdienst, sagt ein Spruch dieses armen, verdsterten Volkes
und: Gesegnet sei, von dem Heiterkeit ausgeht! Dann war noch selten ein Mensch
so gesegnet, wie dieser arme landfahrende Bettelmann, und selten einer den
Herzen so teuer. Andere Schnorrer werden nur bewundert oder gefrchtet, vom
Kowner aber ging jener Zauber aus, der die Herzen zwingt, jene seltenste aller
Gaben, die fr unsere Sprache nur ein viel mibrauchtes und darum verbrauchtes
Wort hat: die Liebenswrdigkeit.
    Nur eines nahmen ihm selbst seine wrmsten Bewunderer bel, da er
unvermhlt bleibe. Das war unerhrt und nach ihrer Anschauung ein ruchloser
Frevel, den Gott unmglich verzeihen konnte. Freilich ziehen auch die anderen
Schnorrer einsam umher, aber der frommen Satzung haben sie vorher wenigstens
uerlich gengt. Die einen haben ein Weib genommen und ihm nach wenigen Tagen
dann den Scheidungsbrief geschickt, die anderen bleiben verehelicht, aber ihre
Familie fllt, whrend sie die halbe Erde durchwandern, daheim der Gemeinde zur
Last. Lndlich - sittlich - das scheint dem Juden des Ostens zwar nicht hbsch,
aber weit lblicher als das Junggesellentum.
    Dem Kowner aber konnten sie es umsoweniger verzeihen, als ihm mehr als
einmal die Gelegenheit winkte, durch eine Heirat sein Glck zu machen. Oder was
sie so nannten ... Einmal htte sich sogar eine wohlhabende Witwe, die freilich
doppelt so alt war als er, durch das Bewutsein, einen so gefeierten Gatten zu
haben, ber den Schmerz hinweggesetzt, ihn zuweilen entbehren zu mssen. Sie
hatte ihm vorschlagen lassen, ein halbes Jahr an ihrer Seite zu verleben, die
brige Zeit seine Bewunderer zu erfreuen.
    Davon habe ich nichts, war seine mehr deutliche als hfliche Antwort
gewesen, denn der Winter neben der Alten macht mich so traurig, da im Sommer
niemand mehr den lustigen Kowner wiedererkennt. Und hnlicher Bescheid war auch
anderen geworden, die ihm mit weit gnstigeren Anerbietungen gekommen.
    Den wahren Grund hatte er nur einem Menschen anvertraut, seinem wrmsten
Verehrer, einem Weinhndler in Oberungarn, der ihm seine hbsche und wohlhabende
Schwester zum Weibe geben wollte.
    La mich zufrieden! rief der Schnorrer lachend. Ich spre eine heftige
Liebe, die mich immer wieder herzieht, aber nur fr deinen Keller!
    Als jedoch der Freund nicht ablie, sagte er ernst: Ein Mensch, der hinter
der Hecke sterben wird, heiratet nicht! Nun weit du die Wahrheit!
    Mendele! rief der Mann. Fr andere bist du so klug und fr dich so dumm!
Glaubst du, da dein Vater Gottes Willen bestimmen kann?!
    Ich wei, was ich wei߫, war die Antwort. Und so ein Mensch hat allein zu
bleiben!
    Er blieb eine Weile stumm, dann stimmte er berlaut ein keckes Trinklied an.
    Dieses Vorgefhl sollte den armen Menschen nicht trgen: er starb hinter der
Hecke, - es war im Unglcksjahr 1831 und auf der Heerstrae zwischen Tarnopol
und Barnow - aber in den Armen seines Weibes.
    Er hatte die Gefhrtin, wie alles sonstige Glck und Unglck seines Lebens,
auf der Strae gefunden, nahe seinem Heimatort, hoch oben in Litauen. Als die
Cholera ausbrach, war er nach Kowno gewandert. Ich versuch's, in einer Stadt zu
sterben, sagte er lchelnd, jetzt, wo es so vielen Tausenden gelingt, bring'
ich's vielleicht auch zu stande!
    Der wahre Grund war, da er noch einmal eine Vershnung mit seinem Vater
versuchen wollte.
    Es sollte ihm nicht gelingen.
    Der uralte Mann war als eines der ersten Opfer der Seuche gefallen.
Erbarmungslose Nachbarn wuten Mendele mitzuteilen, da er noch vor dem Tode
jenen Fluch wiederholt habe.
    Da geb' ich's auf, sagte Mendele. Es bleibt also bei der Hecke!
    Und er wanderte wieder nach Sden.
    Als er eines Abends eine elende Dorfschenke betrat, ein Nachtlager zu
erbitten, bot sich ihm ein grauenvolles Bild. Der Wirt und sein Weib lagen tot.
Zwischen ihnen kauerte ihre junge Tochter, wie gelhmt vor Schmerz und
Entsetzen. Er hob sie sanft empor und wollte sie hinwegfhren. Sie litt es nicht
und stie ihn hinweg.
    Auf, sagte er und fate ihre Hand. Wir mssen ins nchste Stdtchen, wo
Juden wohnen, damit sie deine Eltern holen und auf ihrem Friedhof begraben.
    Er mute die Worte oft wiederholen, bis sie ihn verstand. Dann folgte sie
ihm willenlos.
    Er verlie sie auch am nchsten Tag nicht und begleitete sie auf den
Friedhof, zu dem armseligen Begrbnis. Es war bald vorber, die Leichentrger
entfernten sich, das Mdchen warf sich verzweiflungsvoll ber den frischen
Grabhgel. Er stand still daneben und lie sie ihren Schmerz ausweinen. Dann
aber trat er auf sie zu und mahnte: Nun ist's genug! Komm!
    Wohin? rief sie wild. Ich will hier bleiben, bis ich auch tot bin!
    Auf den Tod wartet man nicht, sagte er sanft. Du bist ein frommes Kind
und wirst dich nicht versndigen wollen!
    Er blickte um sich, und ihn schauderte vor den vielen frischen Grbern, auf
denen Schlamm und welkes Laub lag, vor der entsetzlichen de des kleinen
Friedhofs, auf den der kalte Herbstregen niederrieselte. Ihm war's, als mte er
sie retten, als wrde sie sonst im nchsten Augenblick hinsinken und sterben.
    Komm! wiederholte er angstvoll. Du wirst doch Verwandte haben?
    Sie schttelte sthnend den Kopf und sank wieder auf den schlammigen Hgel
zurck.
    Nicht Schwester, noch Bruder? Niemand?
    Niemand! chzte sie.
    Dann will ich dein Bruder sein, erwiderte er. Er fate ihre Hand, und der
Zauber, der ihm so Vieler Herzen zugewendet hatte, bewhrte sich auch an diesem
armen, geknickten Geschpf. Sie sah ihn an und folgte ihm.
    Er fhrte sie zur Stadt, zu den ltesten der Gemeinde und fragte sie, wo das
Mdchen bleiben knne.
    Sie ist eine Fremde, erwiderten sie, bringt sie zu ihren Verwandten!
    Sie hat keine! Alles tot!
    Dann wissen wir keinen Rat!
    Und ihr wollt Juden sein?! fuhr er sie an. Wit ihr nicht, was
geschrieben steht: Liebe deinen Nchsten wie dich selbst?! Seid Ihr Heiden?
    Aber in solcher Zeit ...
    Gerade in solcher Zeit! rief er. Wit ihr, wer ich bin? Mendele Kowner!
Nur ein Schnorrer! Aber Leuten, die so handeln, einen Ruf in ganz Israel zu
machen, da sie niemand mehr als Menschen ansehen wird, dazu bin ich der Mann!
    Sie kannten den Namen und erschraken; gewi, das war keine leere Drohung.
    Aber was sollen wir tun?! fragten sie.
    Zunchst fr ein Pltzchen sorgen, wo die Waise ihre Schiwa halten kann,
befahl er. So heit die achttgige Trauerfrist, die der Leidtragende in tiefster
Abgeschiedenheit verbringen mu, in einer verdunkelten Kammer, auf der Erde
hockend, den Blick nach dem Schein des Totenlichtes, gewendet, das Tag und Nacht
brennen mu.
    Das durften sie nicht weigern. Whrend die Waise bei den Leuten, wohin sie
die Gemeinde in Pflege gegeben, ihrer frommen Pflicht gengte, blieb Mendele im
Orte. Acht Tage - so lange hatte der unstete Mann seit Jahren nirgendwo
verweilt; die Leute wunderten sich sehr darber.
    Sie sollten bald noch mehr Grund zum Staunen haben.
    Am achten Tage trat er vor die junge Waise.
    Hre, sagte er, hier kannst du nicht bleiben. Und als meine Schwester
kann ich dich nicht mit mir nehmen. Ein lediger Mann und ein jung Mdele - es
wre unerhrt und wrde dir einen bsen Namen machen. Willst du - willst du -
mein Weib werden?!
    In ihr verhrmtes Antlitz schlugen die Flammen, und sie barg es in den
Hnden.
    Mein Gott! stammelte sie, warum wollt Ihr es tun? Wie verdien' ich das?
    Recht hast du! sagte er. Ein so gro Glck, einen alten Schnorrer zum
Mann zu bekommen, verdient keine Prinzessin! Aber du hast ja nichts Besseres!
Ich kann freilich nur das mit dir teilen, was ich selbst hab': die weite Welt,
so weit Juden wohnen. Aber wenigstens wirst du so weder verhungern noch in
Schande kommen. Also - wie heit du, Mdele?
    Miriam ...
    Also, Miriam, willst du mein Weib sein?
    Wie gut Ihr seid! rief sie und strzte zu seinen Fen nieder.
    Ein wahrer Engel! erwiderte er und hob sie auf. Armes Kind, du wirst es
schon merken! Komm zu den ltesten!
    Am selben Tage wurden sie getraut und traten vereint ihre Wanderung an.
Wohin immer sie kamen, waren die Leute fassungslos vor Staunen, den Kowner nun
doch vermhlt zu sehen, und begriffen nicht, warum er es getan. Denn seine Sinne
konnte das unhbsche, vergrmte Geschpf nicht gereizt haben, und wollte er
endlich der frommen Satzung gengen, so htte er sich dadurch zugleich ein
gemchliches Leben sichern knnen. Er aber hatte es vielleicht blo aus Erbarmen
getan, vielleicht auch dachte er daran, da nur eines mchtiger sei, als des
Vaters Fluch: die eigene Guttat als Frsprech vor dem Throne des Allgerechten.
Vielleicht wollte er sich eine andere, bessere Sterbestunde sichern ...
    Gewi ist, da er nun wieder tapfer und frhlich wurde wie zuvor. Er
betreute das junge Weib, das den Mhen eines solchen Lebens nicht gewachsen war,
mit rhrender Liebe, blieb berall lnger, als er gewohnt war, und obwohl er
auch nun nie bettelte, wies er doch jetzt um ihretwillen keine Gabe zurck, auch
wenn sie ihm mit hochmtigen Worten gereicht wurde.
    So zogen die Neuvermhlten langsam gegen Sden, eine traurige, traurige
Wanderung, da sie am Wege wenig anderes sahen als Tod und Todesangst, oder wste
Entfesselung aller Leidenschaft, diese Angst zu berwinden. Der Kowner aber
blickte der Seuche gefaten Muts ins frchterliche Antlitz, er kramte keine
tollen Schwnke mehr aus, aber wohin er kam, ward er den Leuten in seiner
tapferen, milden Art ein rechter Trster. Er mahnte zu Gottvertrauen und
Menschlichkeit, wie der Rabbi, aber in ganz anderen Worten, die den
angstgequlten, verzweifelten Menschen viel tiefer ins Herz griffen. So konnte
nur Einer sprechen, der selbst keine Furcht mehr kannte und von der Gnade des
Himmels felsenfest berzeugt war. Namentlich seit jener Stunde, wo er wute, da
Gott seines Weibes Scho gesegnet, schien er ein anderer, hherer, besserer
Mensch geworden.
    Gott ist gerecht, sagte er, auch mir schenkt er einen Kadisch - sein Name
sei gelobt!
    Nun nderte er auch sein Reiseziel. Er hatte vorgehabt, sich bis ans
Schwarze Meer durchzuschlagen, weil dort die Cholera ihr Wten bereits
eingestellt zu haben schien; nun wandte er sich nach Westen. Er wollte ber
Galizien nach Oberungarn zu jenem Freunde, dem Weinhndler, dort sollte sein
Weib ihrer schweren Stunde entgegenharren. Da er durch Landschaften kam, wo die
Seuche eben am strksten wtete, schreckte ihn nicht. Noch in Tluste, wo er
zuletzt mit seinem Weibe den Sabbat hielt, war er tapfer wie je, und da es an
Leuten fehlte, die Toten zu begraben, blieb er den Sonntag ber und half die
fromme Pflicht erfllen.
    Am nchsten Tage - einem kalten, aber sonnigen Dezembertage - zogen sie
weiter. Inmitten des Weges trat ihn die Entsetzliche an, der er getrotzt, und
warf ihn nieder.
    Er wute sofort, da er sterben werde. Das verzweifelte Weib warf sich vor
einem Fuhrmann, der vorbeikam, in die Kniee und flehte ihn an, den Kranken nach
dem nchsten Stdtchen zu bringen.
    Der Kowner aber schttelte das Haupt.
    Nein, sagte er, hier!
    Er schleppte sich an eine Pappel am Wege - es war zufllig dicht neben einer
Kapelle -, bettete sein Haupt auf dem Wurzelwerk der Pappel und wartete sein
Ende ab.
    Gott ist gerecht! trstete er sein Weib. Er ist es mir gewesen, aber du
bist schuldlos, er wird es auch dir sein! Weine nicht, verzweifle nicht - es
knnte dem Kind schaden! Meinem Kadisch! Denn ich wei, es wird ein Knabe sein -
Gott ist auch mir nicht blo gerecht, auch barmherzig. Nenn' ihn Sender nach
meinem Vater, erzieh ihn zu einem braven Menschen. Er soll werden, was er will
... nur kein Schnorrer ... hrst du?!
    Und dann noch einmal schon im Todeskampf: Nur kein Schnorrer - Gottes Segen
ber ihn!
    Sein Weib wre ihm wohl gern, sehr gern nachgestorben, aber sie durfte ja
nicht! Sie fhlte das Regen des jungen Lebens unter ihrem Herzen und schleppte
sich vorwrts, dem nchsten Judenstdtchen zu. Das war Barnow, und gleich im
ersten Hause an der Strae ward ihr, was sie bedurfte: ein Lager und eine
barmherzige Pflegerin.
    Aber sie fiel nicht allzulange zur Last. Sie starb im nchsten Mai, nachdem
sie vorzeitig ein schwchliches Knbchen geboren hatte.

                                Drittes Kapitel


Dies waren die Eltern des Pojaz gewesen, und auch seine Pflegemutter war kein
gewhnliches Weib. Jenes erste Haus von Barnow war das Mauthaus, wo die
Pchterin des Straenzolls wohnte, die Rosel Kurlnder, eine junge, starke, aber
beraus hliche Frau, der ein hartes Geschick zu gefallen war.
    Ein sehr hartes, das gaben die Leute von Barnow zu, aber ein warmes
Mitgefhl fr sie empfand niemand. Im Gegenteil, sie fanden dies Geschick
gerecht; so ging es eben, wenn man sich gegen Sitte und Ordnung versndigte.
    Die Sitte gebot, da die Braut den Brutigam bei der Verlobung kennenlerne,
nicht frher; ihr den Freier zu whlen, war das Recht der Eltern; ihr eigener
Wille hatte dabei nicht mitzusprechen. Schon da man das Mdchen vorher befrage,
galt als unschicklich und kam in Familien, die etwas auf sich hielten, nicht
vor; eine Weigerung vollends war unerhrt.
    Die Rosel war nun seit Menschengedenken die erste und einzige, die ihren
Eltern von vornherein erklrte, sie heirate nur jenen Mann, den sie sich selbst
erwhle, und dann diesen Frevel durchsetzte.
    Es gelang ihr, weil sie das einzige Kind ihrer Eltern war, weil ihr Wesen
von je herb und entschieden gewesen, vor allem aber, weil die Mutter den Wunsch
des Mdchens nicht so unvernnftig fand. Die Rosel war ja fast ebenso reich wie
hlich; das Mutterherz fhlte nach, wie sich ihr Kind dagegen strubte, blo um
des Geldes willen genommen zu werden. Aber auch sie war tief erschreckt, als ihr
das Mdchen sagte: Froim der Schreiber hat mir gesagt, da er mich will, und
ich nehm' ihn!, denn der Froim Kurlnder war ein hbscher, starker, lustiger,
aber sehr armer Bursche, der sich durch das Abschreiben von Thorarollen
notdrftig ernhrte, und dies umso schwerer, als er sein bichen Verdienst immer
rasch unter die Leute brachte. Eben darum nehm' ich ihn, meinte die Rosel. Er
verachtet das Geld. Wenn er mich will, so ist's um meinetwillen.
    Da irrte sie. Froim lie sich nur eben durch die reiche Mitgift ber das
Unglck trsten, die hlichste Frau im Kreise zu haben.
    Es ward eine jmmerliche Ehe. Der Mann war ein Sufer und Spieler und kam
nur dazu manchmal heim, um neues Geld zu holen oder sein Weib zu prgeln, wenn
sie ihm keines gab. Vergeblich rieten der Rosel die Verwandten, sich von dem
wsten Menschen scheiden zu lassen. Die dstere Frau schttelte den Kopf: ihr
geschehe nur, was sie verdient habe, und sie wolle die Suppe, welche sie sich
selbst eingebrockt, bis auf den letzten Lffel schlucken. Das erfllte sie denn
auch ganz und gar. Erst nachdem sie dem Trunkenbold nichts mehr zu geben hatte,
prgelte sie ihn einmal so unmenschlich durch, und schwor mit so entsetzlichen
Eiden, ihn zu morden, wenn er sich je wieder blicken lasse, da der Lump
verschwand, als htte ihn die Erde verschlungen.
    Nun pachtete die Rosel den Schranken und begann in dem einsamen Hause ein
neues, mhseliges Leben. Sie hielt keine Dienerin, keinen Knecht und verrichtete
selbst den harten Dienst, rastlos, Tag und Nacht, mit einziger Ausnahme des
Sabbats, und auch das nur, weil das Gesetz es gebot. Und wenn die Leute sie vor
den Gefahren solcher Einsamkeit warnten, erwiderte sie kurz: jedes Kind im
Kreise kenne ihre Geschichte und wisse, da sie jetzt bettelarm sei, und vor
sonstigen Anfechtungen wahre sie ihr Gesicht hinlnglich. brigens ward jeder
dieser Rater in einer Art empfangen, da er nicht wiederkam. So galt sie bald
den einen als verrckt, den anderen als menschenfeindlich und ward von allen
gemieden. Aber wie edel und klar sie war, bewies sie an der unglcklichen Witwe
des Mendele. Sie pflegte sie bis zur letzten Stunde wie eine Schwester, und zog
dann das Knblein durch knstliche Ernhrung mit unsglicher Mhe auf.
    Das Schicksal des Pojaz ist dadurch bestimmt worden, da er dieser Eltern
Sohn gewesen und von dieser Frau auferzogen worden ist; er selbst hat im Grunde
wenig dazu getan, wie denn berhaupt das Wort, da jeder seines eigenen Glckes
Schmied sei, wohl die grte Lge ist, welche so durch all die Zeiten von Mund
zu Mund geht.
    brigens erfuhr er seine Herkunft erst spt, er hielt sich fr der Rosel
Sohn, und die Leute taten ihr den Willen, ihn nicht aufzuklren; sie hatte so
flehentlich darum gebeten, da selbst der Roheste nicht entgegenhandeln wollte.
    Auch hielt ihn die Frau wie ihr eigenes Fleisch und Blut; alle Liebeskraft
des einsamen, verbitterten Herzens hatte sie dem Knaben zugewendet. Wer an der
Maut vorberfuhr und das schn geputzte Kind neben dem rmlichen Weibe auf dem
Steinbnkchen sitzen sah, mute glauben, da da eine Magd das Shnchen ihrer
Herrin bewache.
    Den Leuten von Barnow begegnete die Rosel so herb wie sonst, aber dem Knaben
fast tricht weich. Vielleicht auch deshalb, weil er trotz aller Pflege
schwchlich blieb; ein mageres, hastiges Bbchen mit dunklen, unruhigen Augen,
das fortwhrend umherscho und fragte und sich zu tun schaffte. Zutraulich lief
es den Vorberziehenden zu, begleitete sie lange Strecken Weges und hatte auch
bald unter den Fuhrknechten, welche da regelmig vorbeikamen, eine groe Anzahl
Freunde, von denen es eifrig lernte, was sie eben lehren konnten: mit den
Pferden umzugehen und allerlei russische und polnische Lieder und Sprche,
gerade nicht immer des saubersten Inhalts.
    Es war eigen, wie rasch sich das Brschchen mit den rohen Gesellen vertraut
zu machen wute. Und doch ermunterten sie es anfangs wahrlich nicht oder hielten
sich gar den jungen Judenhund mit der Peitsche vom Leibe. Aber er gewann sie
durch seine hastige, possierliche Art, und dann, weil er ihre Sprache so fertig
und ohne Akzent erlernte, wie sie es aus jdischem Munde kaum gehrt, noch fr
glaublich gehalten hatten. Besonders ein schweigsamer, ltlicher, ruthenischer
Knecht, namens Fedko Hayduck, der wchentlich zweimal mit dem Gemsewagen der
Dominikaner aus dem Meierhofe vorberkam, ward ganz bezaubert vom Senderko,
freute sich auf die Maut, wie sehr er sie sonst auch verwnschte, weil dann der
Bube eine halbe Stunde mit ihm fuhr, und meinte immer: Der Teufel mag alle
Heiligen loben, wenn das ein Judenblut ist. Den haben die Juden einmal zu Ostern
auf einen Braten gestohlen, aber es war ihnen zu wenig Fleisch und Blut daran!
Denn wann hat man gehrt, da ein Jud' so sprechen kann oder gar singen! Eher
glaub' ich wahrhaftig noch die Geschichte vom fleiigen Edelmann!
    Minder erbaut waren die Leute im Stdtchen von diesem Treiben, doch lieen
sie der seltsamen Erziehung ihren Lauf. Auch holte sich niemand gern ohne Grund
die wuchtigen Hflichkeiten ab, die Frau Rosel fr jeden Besucher bereit hielt.
Aber als der Knabe endlich neunjhrig geworden, ohne auch nur einen Buchstaben
zu kennen, trieb die Leute ihr frommes Gewissen, sich ins Mittel zu legen. Denn
Unterricht und Gottesdienst sind ja bei diesem Volke eins und Unwissenheit eine
Todsnde; wer nicht lesen kann, ist auf Erden ein Verruchter, im Jenseits ein
Verdammter.
    So ordneten sie eine Gesandtschaft ins Mauthaus ab, welche wohl bitter
empfangen wurde, aber doch ihren Zweck erreichte. Sie werde, erklrte die Frau,
ihr liebes Kind keinem Cheder (Judenschule) anvertrauen, aber einen
Knaben-Bocher, einen Hofmeister, wolle sie gern bezahlen. Nur die
Schwchlichkeit des Knaben habe sie bisher abgehalten, dies selbst zu
veranlassen. Doch msse sie bitten, ihr einen sanften und geduldigen Menschen zu
schicken.
    Der Beisatz war fast berflssig, denn ungeduldige Knaben-Bachorim gibt es
nicht, wenigstens nicht im podolischen Ghetto. Das sind Leute anderen Schlages,
als die Jeschiwa-Bachorim, die Hrer an den Rabbinerschulen. Es ist ein
Gegensatz wie etwa zwischen dem drftigen Schulmeister und dem bermtigen,
selbstbewuten Sohn der Alma mater. Es kommt ja auch vor, da aus einem
flotten Studenten, der nicht ans Ziel gelangt, ein zahmer Hofmeister oder gar
ein gedrckter Volksschullehrer wird, aber dann ndert er eben sein Wesen. Die
Knaben-Bachorim sind arme, scheue, demtige Menschen, die sich im Schweie des
Angesichts ihr kmmerliches Brot verdienen und alle Launen der Zglinge und
ihrer Eltern mit so unbewegtem Gesichte hinnehmen, als wre das im Gegenteil
gerade die Butter auf dies harte Brot.
    Da aber mit der Frau da drauen nicht zu spaen war, so schickte man ihr ein
wahres Lamm. Es war dies der Bocher Naphtali, der wohl mit seinem Familiennamen
Ritterstolz hie, aber ein halbverhungertes Mnnchen von kleiner, drftiger
Gestalt war, mit einem Gesicht wie aus schlechtem Fliepapier geschnitten.
    Der Unterricht begann und anfangs ging alles gut, der Knabe sa still und
lie sich in die Geheimnisse des Alphabets einfhren, weil ihn die Neuheit der
Sache interessierte und weil sich das brtige Mnnchen im Erklren so komisch
hin und her wiegte, wie ein Perpendikel, und jedes Wort schn durch die Nase
sang. Nur wenn der Fedko vorbeikam, lief Sender davon. Aber bald lief er auch
davon, wenn ein anderer Wagen vorbeikam, und schlielich ohne jede Veranlassung.
    Auch Mosche Rindsbraten, Schlome Rosenthal, Chaim Fragezeichen, Selig
Diamant und wie sonst die Pdagogen von Barnow hieen, hatten kein besseres
Ergebnis zu verzeichnen. Da sich jeder von ihnen sonderbar hin und her bewegte
und durch die Nase sang und jeder in anderer Art, so hielt der Knabe in den
ersten Stunden immer still, aber da keiner gelernt hatte, Variationen in seinen
Vortrag oder Vorsang anzubringen, so ward das Ende immer dasselbe.
    Die Frau nahm sich das nicht zu Herzen. Das Kind hat ja Zeit, meinte sie.
Und so hatte das blasse, hastige, vorwitzige Bblein wieder selige Tage, fast
ein Jahr lang. Aber sie sollten ein jhes Ende nehmen, auf immer. Zwei
Ereignisse fhrten dies herbei, ein Spaziergang und eine Kunstproduktion.
    Da fuhr nmlich einmal Sender auf dem Gemsewagen des Fedko davon und kam
nicht wieder; erst am dritten Tage brachte ihn ein Barnower Dorfgeher der
angstgequlten Pflegemutter zurck. Er habe nach Lemberg gewollt, erklrte
Sender unbefangen, weil man ihm erzhlt habe, da dies die schnste und grte
Stadt der Welt sei. Und als ihn die Frau fragte, ob er denn nicht Heimweh oder
Bangen versprt habe, schttelte der Zehnjhrige den Kopf; er kannte die
Empfindung offenbar gar nicht.
    Das machte die Mutter denn doch nachdenklich. Aber noch fand sie nicht den
Schlssel fr die sonderbare Natur des Kindes.
    Erst ein Fremder sollte es ihr mit drren Worten sagen, der alte, reiche
Moses Freudenthal, als er einmal whrend eines jhen Regens Schutz in ihrem
Huschen suchte.
    Der Greis fragte den Knaben, warum er nicht lernen wolle, und erhielt darauf
die keckste und possierlichste Antwort. Da setzte sich das Brschlein an den
Tisch und kopierte jeden seiner unglcklichen Erzieher so schrecklich getreu mit
allen Arten und Unarten, da der alte Mann vor ungemeinem Staunen gar nicht zum
Lachen kam. Es war kein bloes Nachffen, wie man es von ungezogenen Kindern
hufig genug sieht, sondern dem Manne war's, als she er da wirklich bald den
Chaim Fragezeichen, bald den Naphtali Ritterstolz, bald den Schlome Rosenthal
leibhaftig vor sich sitzen. Und als nun der Knabe, durch die Mutter
aufgemuntert, auch seine Freunde, die Fuhrknechte vorzufhren begann, alle mit
fast unheimlicher Naturtreue in Stimme und Ausdruck, da blieb der alte Mann wohl
eine Stunde ber den Regen sitzen und sagte der Frau, als er schied: Es ist ein
Pojaz, wie ich noch keinen gesehen habe. Er hat's von seinem Vater, aber er
trifft's schon jetzt besser als der Kowner! Denkt an mich: in drei Jahren luft
er davon und lt nie wieder von sich hren. Eines Schnorrers Sohn ist er und
ein Schnorrer wird er werden!
    Die Frau erschrak tdlich; wie Schuppen fiel es ihr von den Augen, nun
konnte sie sich auch diesen seltsamen Wandertrieb erklren. Eine qulende Angst
erfllte ihr Herz; nicht dazu hatte sie das fremde Kind mit so unsglicher Mhe
aufgezogen, da es, kaum flgge geworden, sie allein lasse und fortziehe ins
fremde Elend hinein! Und dann - was hatte sie der sterbenden Mutter gelobt?!
Seid ruhig, Miriam, und sagt es auch Eurem armen Mann, wenn Ihr ihn drben
wiederseht: aus Eurem Sender wird kein Schnorrer, solang die Rosel die Augen
offen hat. So wahr mir Gott barmherzig sein mge in meiner letzten Stunde - ich
will ihn davor hten! Die Miriam hatte ihr nur noch mit einem Blick danken
knnen, aber der sprach: Ich glaube dir - du bist auch die Frau, die ihren
Schwur halten kann! Und sie hatte ja auch dem Knaben aus dem doppelten Grund,
ihn an sich zu fesseln und ihn vor jedem Gedanken an jenes unselige Leben zu
bewahren, seine Herkunft so ngstlich verschwiegen, hatte es durchgesetzt, da
der Rabbi es jedem eingeschrft: Der Sender ist der Rosel Sohn - wer es ihm
anders sagt, begeht eine Snde!
    Und nun?!
    Aber neben dem Schmerz bumte sich auch ein wilder Groll in ihr auf. Sie
zrnte dem Knaben fr das, was wahrlich nicht seine Schuld war: sein Blut und
seine Erziehung. Denn wie sehr die Freiheit, die sie ihm in ihrer Zrtlichkeit
gegnnt hatte, den angeborenen Trieb habe mehren mssen, sah sie nicht ein; sie
hatte nur die Empfindung, da er diese Zrtlichkeit mibraucht habe. Frau Rosel
verbrachte eine schlaflose Nacht. Am nchsten Morgen raffte sie die
Habseligkeiten des Knaben zusammen und ging mit ihm ins Stdtchen. Sie wolle
ihren Sohn in ein Cheder tun, erklrte sie, und wnsche, da man ihr einen
recht strengen Rebbe bezeichne.
    Auch diesmal war der Beisatz fast berflssig, denn der Leiter eines
Cheders ist niemals sanft, wenigstens nicht im polodischen Ghetto. Wenn ein
Knaben-Bocher sich zum Rebbe aufschwingt, zum Besitzer einer eigenen
Lehrstube, in welcher er zwanzig, dreiig und mehr Kinder gleichzeitig
unterrichtet, so wird er auch innerlich ein anderer Mensch oder kehrt sein
Inneres ungescheut hervor, da er ja nun keine ngstlichen Rcksichten mehr zu
nehmen braucht. Gewhnlich wird aus dem sanftesten Bocher der grausamste
Rebbe, der nun auch unerbittlich alle jene Hiebe austeilt, welche er durch
manches Jahr seinen Herren Zglingen nur in der Phantasie widmen durfte. Auch
sitzen ja da meist die Kinder rmerer Leute, welche kaum ein Lehrgeld von zwei
Kreuzern tglich bezahlen. So ist der Rebbe vor Beschwerden ziemlich sicher;
ein armer Mann ist froh, wenn er sein Kind in der Schule wei, und brigens
bewahrt ja sein eigenes Hinterteil lebhafte Erinnerungen aus der Jugendzeit -
warum sollte es die junge Generation besser haben?!
    Totgeschlagen ist im Cheder noch niemand worden, trsten sich die Leute,
und das mag wahr sein, sofern man einen schlichten, klaren, durch den Galgen zu
bestrafenden Mord meint. Aber langsam ist da sicherlich manches junge Leben
erdrosselt worden: durch die abscheulichen Mihandlungen roher Fanatiker. Es ist
sicherlich ein schner und kluger Grundzug des jdischen Volkstums, das Lernen
zur religisen Pflicht, die Gelehrsamkeit zum Verdienst vor Gott, den Adel der
Gelehrsamkeit zum einzigen im Judentum gltigen Adel zu machen, und es wre nur
wnschenswert, da die altglubige Judenschaft dies auch von anderem Wissen
gelten liee, nicht blo vom Hebrisch-Lesen und dem Pentateuch, dem Talmud und
der Kaballa. Aber dieser schne und kluge Grundzug hat zur abscheulichen
Einrichtung der Cheder (zu deutsch Stuben) gefhrt, einem Schandfleck des
orthodoxen Judentums, an welchem die Edlen und Einsichtigen dieses Glaubens
eifrig aber vergebens herumscheuern. Denn sie bringen den Schandfleck trotz
aller Mhe nicht weg, vielleicht, weil ihnen nur das l vernnftiger berredung
zu Gebote steht und nicht das zuweilen sehr heilsame Vitriol der Gewalt. So
wuchern diese Marterhhlen fr Krper und Geist noch immer fort ...
    Auch in Barnow gab und gibt es deren viele, und das Weib aus dem Mauthause
hatte stattliche Auswahl. Sie entschied sich fr die Anstalt des Reb Elias
Wohlgeruch, weil man ihr sagte, da dieser Mann es verstehe, auch den wildesten
Trotz zu brechen.
    Elias Wohlgeruch hauste in einem der schmutzigsten, dumpfigsten Gchen von
Barnow. Weder das Haus, noch der Mann machten dem Familiennamen groe Ehre.
Modrig und baufllig war die Spelunke, die wackeligen Mauern halb in die Erde
gesunken, und das Innere bestand aus einem einzigen leidlich groen, wsten und
feuchten Raum, der alles in einem war: Kche, Empfangszimmer und Schlafsaal der
Familie, Lehrsaal der Anstalt und Studierzimmer des Hausherrn. Da hockten in
einem Knuel an die vierzig Kinder, die greren auf Schemeln, die kleineren auf
dem nackten, schlpfrigen Lehmboden, unter ihnen Reb Elias. Was sie trieben,
hrte man durch das ganze Gchen: ein eintniges Summen und Surren, in welches
sich zuweilen ein durchdringendes Jammergeheul mischte. Gerade als die Frau mit
dem Knaben vor dem Huschen hielt, ging drinnen eine solche Exekution vor sich.
Frau Rosel erbleichte, fate die Hand des Kindes fester und zauderte einen
Augenblick. Dann schttelte sie finster den Kopf und trat ber die Schwelle.
Freilich wich sie im selben Augenblicke unwillkrlich zurck; sie war drauen in
ihrem reinlichen Feldhuschen solcher Dfte nicht gewohnt, wie sie diesen
dsteren Raum erfllten. Denn zu der Ausdnstung der vielen Menschen kam der
Dunst des Herdes, an welchem Frau Chane Wohlgeruch das Mittagessen bereitete,
und berhaupt genau so waltete, wie Schiller singt, nur da sie nicht blo den
Knaben, sondern auch den Mdchen wehrte und bald dem, bald jenem ihrer Kinder
eine ungeheure Maulschelle gab. In hnlichen Bewegungen bestand auch die
Hauptttigkeit ihres Gatten; nur da er bei der groen Anzahl der Schler die
eigene Hand, so knochig und fest sie war, nicht fr ausreichend hielt und darum
immer ein scharfkantiges, messingbeschlagenes Lineal schwang, auf welchem
mancher dunkle Fleck sa, nicht Tinte, sondern Blut.
    Das war brigens nur das Werkzeug fr den ersten Torturgrad. Der zweite
wurde neben der Tr vollzogen, wo auf einem Schemel ein anscheinend harmloser,
aber in guten Essig getauchter Birkenzweig ruhte - er ruhte aber selten -. Der
dritte Grad endlich wurde in einem dunklen Winkel gebt; dort war ein Haufe
scharfkantiger Steine geschichtet, auf die man den armen kleinen Snder gebunden
hinwarf.
    Als die Rosel mit dem neuen Zgling eintrat, war gerade nur das Lineal in
Ttigkeit, aber auch dies wirkte, wenn man aus dem Geheul des eben bearbeiteten
Jungen schlieen durfte, sehr energisch. Auch der Lehrer war offenbar erregt,
und wenn der hagere, furchtbar verwahrloste Mann mit der ungeheuren Geiernase im
verkniffenen Gesichte auch sonst keinen gemtlichen Eindruck machte, so mute er
nun in seiner Raserei geradezu unheimlich erscheinen.
    Der kleine Pojaz schrie denn auch, als sollte er an den Spie gesteckt
werden. Frau Rosel zauderte abermals. Aber dann gab sie dem Bbchen einen festen
Ruck und brachte ihren Antrag vor.
    Reb Elias war natrlich einverstanden, hier doppelt, weil sich die Frau bei
der Feststellung des Kost-und Lehrgeldes nicht knickrig zeigte. Er hoffe den
besten Erfolg, versicherte er, seiner Erziehungsmethode habe auch der wildeste
Range nicht widerstanden. Und dann erklrte er dem Ankmmling in einladendster
Weise die Bedeutung des Lineals, des Schemels und der Steine.
    Der armen Frau gab es einen Stich durchs Herz, aber sie blieb fest, und als
der Rebbe, wahrlich nicht aus Menschenliebe, fragte, ob sie nicht den Knaben
mindestens jeden Sabbat ber bei sich zu haben wnsche, erwiderte sie: Nein!
nicht eher, als bis er mindestens gut lesen kann.
    Aber Sender kam schon viel frher heim: am Abend desselben Tages. Das
Bbchen hatte sich mhsam bis zum Mauthaus geschleppt und wenn es auch vor
blutigem Weinen nicht zum Reden kam, so erzhlte doch der arme, zarte Leib, da
der Erzieher neben der alten Betschul bereits im Laufe des einzigen Tages Zeit
gefunden, alle drei Mittel in Anwendung zu bringen.
    Die dstere Frau wusch und khlte schweigend den Krper ihres Lieblings und
bettete ihn an gewohnter Stelle. Dann verbrachte sie schlaflos die Nacht an
seinem Lager und weinte vor sich hin, weinte zum ersten Male seit langen Jahren.
Aber als Sender wieder wohl war, zerrte sie ihn doch zurck zum Cheder. In
dieser Frau war eine unheimlich starke Kraft des Willens, strker als in den
meisten Mnnern ihres Stammes.
    Man soll nicht berflssig Dsteres berichten, und nichts auf Erden ist
dsterer als grausames Leid, das sich ber hilfloser Kindheit entldt. Darum
kein Wort ber die Art, wie Reb Elias die Wiederkehr des Flchtlings feierte,
und ber die Methode, durch die er ihm schlielich doch das Lesen beibrachte.
    Das geschah freilich erst nach zwei Monaten. Aber dann sah sich Reb Elias
bentigt, einen Besuch im Mauthause zu machen.
    Ich habe ihn wirklich weit gebracht, erklrte er, wir knnten jetzt sogar
schon mit dem bersetzen anfangen, aber der Bub ist so trotzig. Aus Trotz hat er
sich jetzt in eine Ecke gelegt und will nichts mehr essen.
    Die Frau ging zu dem Kinde. Und als sie an seinem Lager niederkniete, da
wurde sie inne, da Sender in seinem Trotze noch viel weiter ging: das Bbchen
atmete kaum noch und sein linker Arm war gebrochen. Frau Rosel blickte den Rebbe
mit einem langen Blicke an, da er entsetzt in eine Ecke zurckwich. Dann hob
sie den Knaben in ihre Arme und trug ihn heim.
    Der Arzt machte anfangs ein bedenkliches Gesicht, weil der Bruch so lange
vernachlssigt geblieben. Aber in dem schwchlichen Knaben war doch etwas von
der eisernen Natur des Vaters.
    Nach vier Wochen war jede Gefahr vorber.
    An dem Tage, wo ihr der Arzt dies erklrte, wich Rosel zuerst vom Lager des
Kranken.
    Sie ging in ihr Grtchen und schnitt dort eine lange, starke und doch
biegsame Staude ab. Und so gerstet machte sie dem Rebbe Elias Wohlgeruch einen
Besuch. Von den Gesprchen, welche sie in stiller Kammer mit ihm gepflogen,
wurden auf die Strae hinaus freilich nur unartikulierte Laute hrbar, aber ihr
Inhalt blieb im allgemeinen doch nicht unbekannt.
    So endete dieser Abschnitt in den Lehr- und Lernjahren des Pojaz mit einer
stark dramatischen Szene.

                                Viertes Kapitel


Nun wechselt der Schauplatz dieser Geschichte; sie spielt nicht mehr in Barnow,
sondern in Buczacz. Aber da dies gleichfalls ein erbrmliches galizisches
Judennest ist und im selben Kreise, nur fnf Meilen von Barnow liegt, so ist
dies anscheinend kein groer Unterschied. Aber nur anscheinend, in Wahrheit
trennt die Bewohner beider Stdtchen die tiefste Kluft. Wohl sind sie gleich
ungebildet, gleich arm, gleich miachtet, wohl tragen sie die gleiche Tracht und
beugen sich demselben Gotte, aber sie dienen ihm in grundverschiedener Weise.
    Die Juden von Barnow sind Chassidim, Mucker und Schwrmer, wilde,
phantastische Fanatiker, die zwischen grausamer Aszese und ppiger Schwelgerei
seltsam hin und her schwanken. Sie halten sich - daher ihr Name - fr die
Begnadeten unter den Juden, weil ihnen andere tiefere Quellen der Offenbarung
flieen: jene der Kaballa, namentlich des Buches Sohar. In Buczacz hingegen
wohnen Misnagdim, harte, nchterne Leute, die vor allem die Bibel ehren, den
Talmud aber nur insoweit, als er die Bibel erlutert, wie denn berhaupt die
Geltung dieses Konversationslexikons bei keiner Sekte eine bindende ist, ja
nicht einmal sein kann, weil es nicht viele Fragen gibt, ber die der Talmud
nicht sehr verschiedene Ansichten enthielte. Praktische, khle Menschen, leben
die Misnagdim schlecht und recht den Gesetzen ihres Glaubens nach, halten aber
die zehn Gebote fr wichtiger als alles andere, erklren sich die Wunder in
mglichst natrlicher Art, sind jedoch im brigen jeder berflssigen Grbelei
abgeneigt. Jedes Gleichnis hinkt, vielleicht darf hier gleichwohl an den
Gegensatz zwischen den protestantischen Stillen im Lande und den Rationalisten
derselben Konfession erinnert werden - es ist aber eben nur ein entfernt
hnliches Verhltnis.
    Da der Glaube der Juden des Ostens in allen Stcken das belebende Moment
ist, der Urquell und Endzweck allen Strebens, so sind die Juden von Barnow und
die von Buczacz in der Tat grundverschieden. In Barnow wird viel gefastet, aber
auch viel gezecht, in Buczacz bewegt sich das Leben in gemessenem, einfrmigem
Geleise; in Barnow wird den lieben, langen Tag ber gelehrte Dinge disputiert
und nur in den Zwischenpausen gearbeitet oder gewuchert, die Buczaczer widmen
sich dem Handwerk und Handel; der Flei, die brgerliche Ehrenhaftigkeit sind
grer, die Achtung vor geistiger Ttigkeit und die Opferfreudigkeit fr Armut
und Gelehrsamkeit geringer. Die Barnower sind exzentrisch und leidenschaftlich,
die Buczaczer gelten als harte, berechnende Menschen. Die gleiche Frmmigkeit
und der gleiche Druck von auen machen freilich diese Verschiedenheit dem
flchtigen Blick unkenntlich; der Pole oder Ruthene merkt es kaum, da in
Buczacz eine andere geistige Atmosphre herrscht, als in den brigen Stdtchen
des Kreises, wie auch dem schlesischen Wasserpolaken der Unterschied zwischen
einem Herrnhuterorte und einer protestantischen Industriestadt nicht ganz klar
ist. Der Kundige kann ihn freilich nicht bersehen.
    Auf diese Eigenschaften der Misnagdim baute die Rosel Kurlnder ihre
Hoffnung. Wenn ein Gast irgendwo schlecht bewirtet worden ist, so sagen die
Leute in Podolien: Man hat ihn aufgenommen wie die Buczaczer einen Schnorrer.
Diese nchternen Leute haben einen Abscheu gegen alle unsteten Lumpen, auch wenn
diese sehr fromm sind und lustige Geschichten erzhlen. Hier konnte der Knabe,
rechnete die kluge Frau, am leichtesten Verachtung jenes Lebens lernen, zu
welchem ihn geheimnisvoll die Stimme des Blutes zog. Sie gab ihn in das beste
Cheder zu Buczacz, das ein gutmtiger, wohlbeleibter Mann leitete, Simon
Baumgrn.
    Simon prgelte nicht gern, weil er dabei in Hitze kam, auch begngte er sich
mit drei bis vier Stunden tglichen Unterrichts. Der gravittische,
unbehilfliche Mann ward von seinen Schlern aufrichtig geliebt, weil sie
herausfhlten, da er sie liebte. Auch unser Pojaz machte da wohl im Grunde
seines Herzens keine Ausnahme, aber er offenbarte diese Liebe in recht eigener
Weise ...
    In den ersten Wochen ging freilich alles gut. Der Schmerz der Trennung war
leicht verwunden; die fremde Umgebung beschftigte den Knaben. Zwar kamen ihm
die Leute von Buczacz langweiliger vor als jene der Heimat, dafr war's aber bei
Simon Baumgrn besser als bei Elias Wohlgeruch. Aber der gute Simon hatte ein
komisches uere und das nhrte den Dmon, der in dem hastigen Buben hauste.
Sender ffte dem Lehrer nach, erst heimlich, dann offen, er tat ihm tausend
Streiche an. Wenn Simon in seiner Dose statt seines gemischten Ungarischen
Sand fand, wenn er sich nicht wieder vom Sessel erheben konnte, weil dieser mit
Leim bestrichen war, wenn er statt des Taschentuchs einen Kinderstrumpf
hervorzog, wenn er statt des guten alten Moldauers, welcher zu seiner Labe
bereit stand, den sauersten Essig zu kosten bekam - der Pojaz hatte es
verschuldet, dies und noch viel mehr. Denn nur whrend des Unterrichts war der
Lehrer der Gegenstand seiner Vergngungen, fr den Rest des Tages die ganze
Gemeinde.
    Noch heute erzhlen die Leute von Buczacz, halb rgerlich, halb belustigt,
tausend Streiche von dem Kobold, der drei Jahre in ihrer Mitte gehaust.
    Da kamen einmal in der Frhe jene Mnner und Weiber, die regelmig in der
Lotterie zu spielen pflegten, unter groem Freudengejohle vor der Tre des
Kollektanten zusammen und jeder versicherte, Gerson, der Kollektant, sei gestern
abend bei ihm gewesen und habe ihn aufgefordert, morgen frh einen groen Gewinn
zu erheben.
    Als ihrer immer mehr zusammenkamen, alle mit gleich strahlenden Gesichtern,
da ward ihnen die Sache doch etwas bedenklich. Gerson hat sich vielleicht
geirrt, meinte wohl der und jener, aber jeder war berzeugt, der Irrtum beziehe
sich auf des Nachbars Gewinst.
    Endlich begannen sie unwillig an der verschlossenen Ladentr zu pochen.
Gerson, mach auf! Gerson, mein Geld! Und sie wurden immer ungestmer, bis
endlich das Weib des Kollektanten erstaunt ffnete.
    Es hat ja diese Woche niemand gewonnen, versicherte sie, und eben darum
ist mein Mann, weil ohnehin nichts zu tun war, gestern nachmittag nach Kolomea
gefahren!
    Aber er ist ja gestern abend an meiner Tr gewesen, schrie der eine.
    An meinem Fenster! schrie der andere.
    Meine Nummern sind herausgekommen 2, 5, 27.
    Meine, meine 17, 48, 80.
    Schweigt, ich hab' ein Terno, 46, 57, 89.
    Der Lrm wurde immer grer - die Frau wute sich der Anstrmenden nicht zu
erwehren und schrie um Hilfe.
    Schlielich stand die ganze Gemeinde um den Laden, die Betroffenen wtend,
die Zuschauer lachend. Der Knabe aber, der durch sein Nachahmungstalent den
ganzen Spuk angerichtet hatte, sa zur selben Zeit mit ungewohntem Ernst zu
Fen seines Lehrers und nur zuweilen zuckte es wie ein Blitz ber das blasse
Antlitz.
    Dieses Talent entwickelte sich berhaupt immer mehr und es ist schwer zu
sagen, ob die Juden von Buczacz mehr Freude oder mehr Verdru davon hatten. Auch
der harmloseste Mensch hrt es gern, wenn man seinen lieben Nchsten ein wenig
verspottet, und darum war Sender in den meisten Husern ein gern gesehener Gast.
    Da stellte sich der Knabe hin: Ratet, wer ist das? Und dann hrte man eine
sanfte Lispelstimme: Erbsen! immer Erbsen! Weib! warum gibst du mir niemals
Fleisch? Worauf eine polternde Frauenstimme erwiderte: Mit Braten bist du
aufgewachsen? Verdien dir das Fleisch! Der Mann fuhr fort zu flehen, das Weib
zu poltern - man brauchte blo die Augen zu schlieen und htte schwren mgen,
da zanke sich der kleine Chaim Roser wieder einmal mit seinem groen Weibe
Rifka.
    Ein Hauptstcklein des Knaben war's, sonderbare Kuze in verschiedenen
Gemtszustnden vorzufhren - zrtlich oder betrunken, zornig oder furchtsam.
Seinem Lehrer hatte er vollends jede Gebrde abgeguckt - es war den Zuschauern
fast unheimlich ob solcher Naturtreue.
    Aber er bedurfte dazu nicht erst langjhriger Beobachtung.
    Da war einmal ein berhmter Rabbi ins Stdtchen gekommen, verweilte ber den
Sabbat und hielt am Vormittag eine Gastpredigt. Am Nachmittag war bei Moses
Frnkel, einem reichen Manne, in dessen Hause der Rabbi abgestiegen war, zu
dessen Ehren ein Fest. Niemand wurde besonders geladen, es war nach der Sitte
dieser Kreise selbstverstndlich, da jeder kam, der Lust dazu hatte, Greise,
Mnner und Knaben. Darunter natrlich auch Sender.
    Whrend sich die Frauen des Hauses in einem Nebengemach um die Gattin des
Gastes scharten, suchten die Mnner den hochwrdigen Herrn nach Krften zu
vergngen. Zu diesem Zwecke ward ihm auch Sender vorgefhrt und machte seine
Stcklein.
    Knntest du auch nachahmen, wie ich rede? fragte der Rabbi.
    Warum nicht? erwiderte der Knabe und begann eine Kopie der Predigt, Zug um
Zug getreu, bis auf die Art des Atemholens.
    Die Leute sahen sich verlegen an, der Rabbi lchelte, aber immer
gezwungener. Da ward die Tr des Nebengemachs geffnet. Verzeiht, sagte die
Dienerin, aber die Rebbezin mchte hren, was ihr Mann predigt.
    Die eigene Gattin des Mannes hatte sich tuschen lassen!
    So ward Sender unter den nchternen Leuten von Buczacz nicht selber
nchtern, steckte sie vielmehr mit seinen Torheiten an.
    Aber es ging dabei nicht immer so harmlos zu. Der schlanke, blasse Junge
steckte voll Tcken und Ncken. Nur aus bermut und weil es nun einmal
Menschenart ist, seine Krallen zu brauchen, wenn man sie hat; wer sie nicht hat,
findet das freilich unverzeihlich. Aber gut war der Junge dabei doch, grundgut
und warmherzig. Er achtete nicht auf Besitz. Schenken war seine Leidenschaft,
und einmal kam er ohne Stiefel, ein andermal ohne Hut heim, weil er sie an Arme
verschenkt hatte.
    Solche Zge vershnten den guten, dicken Simon immer wieder mit seinem
ungezogenen Zgling. Eben ein Pojaz! sagte er achselzuckend.
    Minder gleichmtig nahm es die Rosel, als sie endlich nach zwei Jahren zum
dreizehnten Geburtstage Senders nach Buczacz hinberkam und die Ergebnisse der
Erziehung berblickte. Mit dem vollendeten dreizehnten Jahre tritt der jdische
Knabe, wie bereits erwhnt, in den Bund der Mnner, und dies ist auch in der
Regel die Zeit, wo er einen bestimmten Beruf whlen mu.
    Meine liebe Frau Rosel, sagte Simon bekmmert, fnfhundert Knaben habe
ich bis zum dreizehnten Geburtstag unterrichtet, fnfhundert Ratschlge habe ich
gegeben - Euch wei ich keinen. Zum Handelsmann taugt der Junge nicht - er
schenkt ja alles weg! Zum Gelehrten auch nicht - er hat einen guten Kopf, aber
keinen Flei!
    Die kluge Frau fate sich rasch und wute Rat.
    Dann mu er eben ein Handwerker werden, entschied sie und gab ihn zu einem
Uhrmacher in die Lehre.
    So begann der dritte Abschnitt im Leben dieses sonderbaren Menschen, aber er
endete jh und bald.
    Auch hier ging anfangs alles prchtig. Der Lehrherr, Hirsch Brandes, war
nicht blo der beste Uhrmacher des Kreises, sondern auch einer der
vernnftigsten Mnner von Buczacz. Er hielt den Knaben kurz, und dieser fgte
sich, solange ihn die vernderten Verhltnisse und das neue Handwerk
interessierten. Dann begann er sich zu langweilen und machte tausend tolle
Streiche. Und endlich auch einen, infolgedessen er die Stadt verlassen mute.
    Da schlug nmlich einmal in spter Abendstunde eines Herbsttages der
Holzklppel des Schuldieners von Buczacz, des kleinen, melancholischen Mendele,
dreimal im wohlbekannten Takte an alle Fenster des Stdtchens und mit seiner
nselnden, ewig umflorten Stimme forderte Mendele die Leute auf, morgen schon um
vier Uhr zum Gebete zusammenzukommen, der Rabbi befehle es und werde morgen
selbst den Grund offenbaren.
    Seufzend erhoben sich schon in der dunklen, kalten Frhe die Familienhupter
aus ihren warmen Betten und schlichen zur Schul'. Aber das Gotteshaus war
verschlossen und nun warteten sie zhneklappernd auf Mendele und den Rabbi.
    Inzwischen waren auch diese beiden geweckt worden.
    Der Rabbi hrte an seinem Fenster die wohlbekannten drei Schlge, und als er
sich aufrichtete und erschreckt rief: Mendele, was ist geschehen? erwiderte
dieser: Auf, Rabbi, in der Schul' steckt ein bser Geist und poltert. Es stehen
schon eine Menge Leut' drauen, aber ohne Euch trauen sie sich nicht hinein!
    Gott! Gott! rief der alte Mann entsetzt, es ist gewi Berisch, der
Schenker, der keine Ruh' im Grabe hat, weil er so viel Wasser in den Schnaps
gegossen hat!
    Und er fuhr hastig in seine Kleider.
    Gleich darauf klopfte es an Mendeles Fenster: Ich bin's, rief eine
kreischende Frauenstimme, Mirl, die Kchin des Rabbi! Ihr sollt sogleich mit
den Schlsseln zur Schul' kommen. Drinnen hrt man einen bsen Geist, die halbe
Gemeinde steht schon drauen!
    Gottes Schutz ber Israel, sthnte das Mnnchen erschreckt und strzte
halbbekleidet zur Schul'.
    Hrt ihr's schon lang? rief er den Mnnern entgegen.
    Was?
    Den bsen Geist, der drinnen ist?
    Bist du verrckt - man hrt ja nichts!
    Aber der Rabbi hat es mir sagen lassen.
    Im selben Augenblick kam auch dieser herangekeucht.
    Leut'! rief er, es ist Berisch, der Schenker!
    Der ist ja begraben!
    Eben darum! Ein Lebendiger kann nicht als Geist des Nachts in der Schul'
poltern.
    Aber es poltert ja nichts, Rabbi!
    Wie? Mendele hat mich doch geweckt!
    Rabbi! Ihr habt mich ja wecken lassen, durch Eure Kchin!
    Was? ... Was? ... Du warst ja bei mir!
    Aber Mendele, warum hast du uns gestern abend herbestellt?
    Ich euch? - Verrckt seid ihr!
    Verrckt bist du, du warst ja bei uns allen!
    Ich?
    Dem armen Mendele begann es im Hirn zu wirbeln und nicht minder dem Rabbi
und den Leuten. So schrieen, riefen, klagten, schimpften sie wirr durcheinander,
in dichtem Knuel schoben sie sich hin und her, die tiefe Dunkelheit mehrte den
Wirrwarr - es war eine unbeschreibliche Szene.
    Ein bser Geist, rief pltzlich einer mit durchdringender Stimme, das
kann nur ein Geist angestiftet haben.
    Ein Geist, wiederholten die anderen und schoben sich noch enger zusammen.
Horch! da klopft es ja wirklich in der Schul'.
    In der groen Aufregung hrten sie in der Tat, was nicht zu hren war.
    Da fate sich endlich einer und rief: Hrt mich, ihr Leute! Ein bser Geist
hat es angestiftet und aus vernnftigen Leuten Verrckte gemacht. Aber vor dem
braucht ihr euch nicht zu frchten.
    Es war Hirsch Brandes, der Uhrmacher. Umsonst ist mein Sender gestern abend
nicht so spt nach Hause gekommen! fgte er bei.
    Der Pojaz! riefen alle - es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen.
Erschlagen soll man ihn - kommt - kommt - lebendig kommt er uns nicht aus den
Hnden!
    Aber da rief Hirsch Brandes: Lat das mir, ihr Leut', er soll sein Teil
bekommen, und dann hinaus mit ihm - aus meinem Haus und aus der Stadt!
    So geschah's. Als Sender um die Mittagsstunde desselben Tages Buczacz
verlie, da nahm er nicht blo im Herzen, sondern auch in anderen Krperteilen
lebhafte Erinnerungen mit an die Stadt seiner Jugend.

                                Fnftes Kapitel


Die Mutter empfing ihn schlecht, sehr schlecht. Wohl hrte sie ihn ruhig an,
ohne Schimpf und Schlag, aber Prgel wren dem Jungen lieber gewesen. Frau Rosel
tat, als wre er nicht zu Hause, sie wrdigte ihn keines Worts und Blicks, sie
klagte nicht, nur Nachts hrte er sie in ihrer Kammer sthnen. Und weil er ja
guten, weichen Herzens war, so wirkte gerade dieser stumme Schmerz tiefer auf
ihn als jede laute Zchtigung.
    Eines Morgens warf er sich ihr weinend zu Fen.
    Tritt mich, schlag' mich, schluchzte er, aber dann sag', was ich nach
deinem Willen tun soll!
    Die Frau schttelte finster den Kopf.
    Es kommt ja doch alles, wie es kommen mu!
    Was meinst du, Mutter?
    Spter - morgen - ich werde nachdenken!
    Das Geheimnis seiner Geburt war ihr fast auf die Lippen getreten, sie
drngte es zurck.
    Am nchsten Morgen hatten Mutter und Sohn eine lange Unterredung. Rosel
drang in den Zerknirschten, ihr zu sagen, welchen Beruf er selber wnsche.
    Was du willst, Mutter, war seine Antwort.
    Aber als sie nicht ablie, meinte er zgernd: Am liebsten schau ich mir so
die Leut' an und mach' ihnen dann nach, oder denk' mir, was sie tun wrden, wenn
ihnen ein Schmerz widerfahren mchte, oder eine Freude, oder ein Schreck, oder
wenn sie betrunken wren. Geschichten hr' ich gern und wei sie auch sehr gut
zu erzhlen - die Leut' lachen, da ihnen der Bauch wackelt. Und dann mcht' ich
herumreisen! Sobald ich jemand gut kenne, geht er mich nichts mehr an ...
    Die Frau nickte fortwhrend, whrend er so sprach.
    Ja, ja, flsterte sie dumpf, so, genau so habe ich es mir gedacht!
    Aber dann richtete sie sich hoch auf; noch einmal wollte sie den Kampf
aufnehmen mit dem ererbten Dmon.
    Davon kann man nicht leben, sagte sie mit harter, schneidender Stimme,
hast du nie daran gedacht, dir dein Brot zu erwerben?
    Nein, gestand er.
    Aber es mu ja sein!
    Dann mchte ich am liebsten Fuhrmann werden, sagte er zaghaft. Da kommt
man weit herum, sieht viele Menschen, und whrend man die Pferde lenkt, kann man
sich so Geschichten ausdenken.
    Frau Rosel stimmte weder dafr noch dagegen, sie stritt einen schweren
Kampf. Endlich entschlo sie sich, des Knaben Wunsch zu erfllen. Wer sich aus
einer reienden Strmung retten will, dachte sie, darf nicht gegen sie
schwimmen, sondern mit ihr und zugleich langsam dem Ufer zu. Das erwhlte
Gewerbe tat dem unsteten Sinn des Knaben Genge, und er blieb dabei doch in
geordneten Bahnen.
    Noch zwei Jahre, hoffte sie, dann suche ich ihm ein braves Weib und es
behagt ihm schlielich selbst nicht mehr, so ewig auf der Landstrae
umherzukollern.
    Und wieder schickte sich anfangs alles gut. Sender kam zum ersten
Lohnfuhrmann von Barnow, Simche Turteltaub, einem lustigen, kreuzbraven, ewig
durstigen Menschen. Herr und Knecht paten zusammen, vertrugen sich
vortrefflich, lachten an einem Tage mehr als alle brigen Juden von Barnow in
der ganzen Woche und gewannen sich tglich lieber.
    Nach zwei Monaten brachte es Sender so weit, da ihm der Herr sein eigenes
Fuhrwerk auf grere Reisen anvertraute; nicht umsonst war schon in seinen
frhen Knabenjahren der Fedko sein guter Freund gewesen.
    Im brigen blieb der Bursche, wie er gewesen; immer lustig, nicht immer
harmlos, voll von Possen und Tcken. Nur da ihm mit den Jahren die
Kunstfertigkeit zunahm und da er nun auch wirklich viel Zeit hatte, sich
Geschichten auszudenken, wenn er so von Barnow nach Tarnopol fuhr, oder durchs
Flachland gegen die Berge Pokutiens, so ward er bald im ganzen Lande im gleichen
Sinne bekannt, wie frher in Buczacz. Der Pojaz - sie nannten ihn nirgendwo
anders, und so gro war der Ruf seiner Streiche, da er noch heute nicht
erloschen ist. Tolle Streiche, in denen gleichwohl ein Fnklein Vernunft oder
Gerechtigkeitssinn nicht zu verkennen war.
    Er hatte dieselbe Empfindung darber, mehrere Jahre spter pflegte er selbst
zu sagen: Schndlich habe ich's getrieben, aber zu schmen brauch' ich mich
nicht.
    Das war die Einleitung, und dann begann er zu erzhlen: An der Grenze, in
Skalat, war ein kaiserlicher Finanzkommissr, Meyringer hat er geheien, der war
schlauer als alle armenischen und jdischen Schmuggler zusammengenommen. Die
Regierung schickt ihn hin, damit er dem Treiben ein Ende macht, und gibt ihm
viele Grenzwchter mit, sogar eine Kompagnie Militr. Er aber lt die Soldaten
ruhig in der Kaserne, geht zu den Leuten hin, die dieses Geschft in der Hand
haben, und sagt ihnen: Wenn ich euch abfasse, habt ihr nur Schaden und ich
keinen Nutzen! Verstndigen wir uns! Das ist den Schmugglern nicht neu, sein
Vorgnger hat es ebenso gemacht, sie bieten ihm dasselbe: ein Viertel vom
Nutzen. Gut, sagt er, aber ihr versprecht es mir schriftlich und was ich
beilufig jhrlich erwarten darf. Das fllt ihnen auf, dann aber denken sie: Er
ist doch ein Beamter! Wenn er sich nicht schmt und frchtet, einen solchen
Vertrag zu machen, warum wir? Und sie tun's.
    Zwei Tage darauf sitzen sie alle im Kreisgefngnis in Barnow. Der Meyringer
hat sie angezeigt, die Vertrge vorgelegt. Sie kommen ins Zuchthaus, mssen den
frheren Schaden ersetzen, und der Meyringer bekommt zur Belohnung ein Drittel
davon. Das Militr kann abrcken, der Schmuggel hat aufgehrt, denn die
Schmuggler sitzen ja alle, und der Meyringer wird Oberkommissr und kriegt einen
Orden.
    Ein anderer wre zufrieden, aber der Meyringer denkt: Was fang' ich nun an?
Kein Schmuggel, kein Verdienst fr mich! Das schne Geschft darf doch nicht
stille liegen! Zwei Monate spter wird wieder geschmuggelt, Vieh und Getreide
aus Ruland, Salz und Stoffe nach Ruland, und dreimal so viel als sonst. Der
Meyringer hat, weil sich kein anderer gefunden hat, die Sache selbst in die Hand
genommen - und wie! Er verdient ein Heidengeld dabei, und das Geschft ist
sicher: sollen seine Schmuggler durch die Furt gehen, so warten seine Aufseher
an der Brcke und umgekehrt!
    Natrlich dauert's nicht lang, und es kommt eine Anzeige an den
Kreishauptmann. Ein Oberkommissr wird abgeschickt und untersucht - umsonst! Man
schickt mehr Aufseher, auch Soldaten. Der Schmuggel dauert fort, und den
Meyringer abzusetzen ist nicht mglich, weil man ihm nichts beweisen kann. Nun
kommt ein Finanzrat aus Lemberg, der tchtigste Beamte im Lande, aber der findet
auch nichts.
    Zu dieser Zeit bin ich gerade in Skalat und hre diese Geschichte und wie
alle Leute den schlauen Schurken verfluchen. Dem kommt niemand bei! klagen sie.
    Da kommt ein anderer Fuhrmann, Krumm-Avrumele hat er geheien, und ein
groer Gauner war er, zu mir.
    Pojaz, sagt er, wann fhrst du nach Barnow zurck?
    Morgen frh, sag' ich.
    Und heut' nacht?
    Schlaf' ich und ruhen die Pferde!
    Httest du nicht Lust, heut' nacht etwas Besonderes zu verdienen? Dein
Fuhrherr mu es nicht erfahren. Deinen Wagen brauche ich nicht, aber dich und
die Pferde!
    Ich wei gleich, was dahinter steckt, denn alle Leute sagen ja, da
Krumm-Avrumele fr den Meyringer schmuggelt.
    Wohin soll ich kommen?
    Schlag zehn ins Wirtshaus in Rossow. Aber du schweigst darber!
    Natrlich! Abgemacht!
    Nun berleg' ich mir die Sach'. Also in Rossow sammeln sich die Schmuggler.
Dann fahren sie natrlich ins nchste russische Dorf, nach Klobowka, dort wird
aufgeladen. Vor Morgengrauen mssen sie zurck sein. Dann knnen sie also nur
den krzesten Weg zurcknehmen, ber die Rossower Brcke. Sind der Finanzrat und
seine Leute gegen zwei Uhr frh dort, so fangen sie den Transport ab. Dem
Schurken, dem Meyringer, gnn' ich's. Also mu ich's dem Rat sagen.
    Ich geh' ins Wirtshaus, wo der Rat wohnt, zum dicken Froim.
    Der Herr Rat ist in der Kasern, sagt mir der, heut' wird er wieder die ganze
Nacht mit dem Meyringer und den Aufsehern herumkutschieren und am Morgen mit
langer Nas' heimkommen. Der Schuft foppt ihn, wie er will, und der Herr Rat
glaubt ihm doch!
    Bse Sach, denk' ich, dann glaubt er auch mir nicht!
    Da kommt der Kutscher vom Rat in die Stub' und lt sich ein Glas Schnaps
einschenken.
    Severko, sagt der dicke Froim, du hast genug! Wie willst du heut' nacht
kutschieren?!
    Ich schau mir diesen Severko an, und richtig - er steht kaum noch auf den
Beinen.
    Froim, sag' ich zum Wirt, gebt ihm so viel Schnaps, wie er will. Es ist ein
gut' Werk!
    Bist du verrckt? fragt er.
    Tut's, sag' ich und bitt' so lang, bis der Kerl eine ganze Flasche bekommt.
Und eine halbe Stunde darauf eine zweite.
    Es wird Abend, der Regen giet in Strmen, der Rat kommt mit dem Meyringer,
um abzufahren, aber die Pferde stehen im Stall und der Severko liegt unter dem
Tisch. Der Rat wettert, da biet' ich mich an. Der Wirt steht fr mich gut. Er
nimmt's an. Eine Viertelstunde spter fahren wir ab.
    Vor die Stadt! wird mir befohlen.
    Bei der Kaserne schlieen sich uns sechs andere Wagen an mit Aufsehern und
Soldaten.
    Ihr fahrt uns nach, befiehlt der Rat, und mir: Nach Dolnice!
    Das Dorf liegt zwei Stunden vom Stdtchen und vier von Rossow - der Schurk'
fhrt uns wirklich in die entgegengesetzte Richtung. Aber da lt sich nichts
machen - ich fahr' auf Dolnice zu, wenn auch langsam. Die Nacht wird immer
finsterer, der Regen strker, bei der ersten Seitenstrae bieg' ich ab. Der
Meyringer merkt's.
    Wohin? ruft er.
    Der Weg ist krzer, lieber Herr!
    Aber du wirst dich verirren!
    Behte!
    Und fahr' und fahr' im groen Bogen ums Stdtchen gegen Rossow und die sechs
Wagen hinter mir her. Der Meyringer wird ungeduldig.
    Wo sind wir?
    Bei Dolnice!
    Aber dort ist ja kein Wald.
    Ich schweig' und fahr' zu. Vom Rossower Kirchturm schlgt's - ein Uhr, wir
sind dicht am Dorf.
    Du Judenhund, du hast dich verirrt.
    Ja, Herr!
    Und wo sind wir?!
    Ich wei nicht, aber dort schimmert Licht!
    Das Rossower Wirtshaus! Aber das Nest ist ja schon leer, ich fahr' weit
daran vorbei, der Grenze zu. Nach einer halben Stunde fngt der Meyringer
ordentlich zu toben an.
    Halt - halt!
    Auch der Rat schimpft und schreit, ich tu', als hr' ich's nicht. Sie
schlagen das Leder zurck und prgeln mit den Stcken auf mich ein, ich tu', als
spr' ich's nicht, sondern fahr' zu - immer nher der Rossower Brcke.
    Halt! halt!
    Es ntzt ihnen nichts. Da seh' ich uns endlich etwas Dunkles entgegenkommen:
einen Lastwagen. Gottlob, da sind die Schmuggler! Ich halte, die beiden strzen
hervor, die Aufseher sammeln sich um sie.
    Wo sind wir?
    An der Rossower Brcke, Herr Rat! sag' ich. Und dort kommt der Transport!
    Einige Minuten darauf waren die Schmuggler gefangen, und am nchsten Morgen
sind sie samt dem Meyringer in die Kreisstadt geschafft worden, nach
Zaleszczyki. Eine Belohnung habe ich nicht verlangt und nicht bekommen - mir
war's genug, da alle Leute gesagt haben: Ein Bursch' von achtzehn Jahren! -
einen Kerl wie den Pojaz hat's noch nie gegeben!
    Noch ungleich stolzer aber war er auf folgenden Streich.
    In Tarnopol war ein steinreicher Greis, Chaim Burgmann, ein geiziger,
hartherziger Mensch. Seiner verstorbenen Schwester Kinder waren bettelarm, aber
er hat ihnen nie einen Kreuzer zukommen lassen von seinem berflu.
    Einmal mietet er mich nach Zloczow, wir fahren die ganze Nacht durch. Und
wie ich ihn so hinter mir schnarchen hre, fllt mir seine Schwester Lea ein,
die ich sehr gut gekannt habe - von Buczacz her - und ich denke: dem Alten ist
etwas zu gnnen und - den armen Kindern auch!
    So schreie ich pltzlich laut und hohl, ganz mit der Stimme der Lea: Du
alter Lump, warum lt du meine Kinder verhungern?
    Mein Chaim fhrt auf.
    Gott mit uns! schreit er, was war dies fr eine Stimme?
    Ich schweige, er murmelt etwas und liegt wieder still da.
    Da wag' ich's noch einmal.
    Chaim! meine Kinder hungern!
    Nun hat er's deutlich gehrt, entsetzt fhrt er auf.
    Was war das? Kutscher, hast du nichts gehrt?
    Ja, erwidere ich mit zitternder Stimme, pltzlich hat ein kalter Wind durch
den Wagen geweht - und eine schreckliche Stimme ...
    Dem Alten strubt sich das Haar, zitternd setzt er sich neben mich auf den
Bock und fngt laut zu beten an. Aber am anderen Tage hat er zehn Gulden nach
Buczacz geschickt und von da ab jeden Monat ...
    Seine rhmlichste Tat freilich dnkte ihm die folgende.
    In Kopeczynce war ein reicher Verwalter, der Herr Tuskowski. Der hat eine
einzige Tochter gehabt, das Frulein Waleria. Das Mdchen war recht schn, aber
stolz, als wr' sie von Gold, und hart, als wr' ihr Herz von Stein. Sie war die
eigentliche Verwalterin, und wenn ein Mdchen auf dem Hofe ein Unglck gehabt
hat, ein kleines Unglck, so hat sie die Arme fortgejagt ohne Erbarmen!
    Was tut aber Gott?!
    Gott schickt die Husaren nach Kopeczynce und lt den Rittmeister einen
schnen Mann sein. Und nach einigen Monaten wird die stolze Panna (polnisch:
Frulein) selbst bla und krnklich und doch tglich runder. Natrlich verbirgt
sie es ngstlich und ist noch viel strenger gegen andere, so grausam streng, da
es kaum zu sagen ist!
    Wie ich einmal nach Kopeczynce komm', erzhlt mir Mortche der Schenker die
ganze Geschichte und sagt: Heute nachmittag gibt sie wieder eine groe
Unterhaltung im Gartenhaus, um die Herrschaften zu tuschen.
    Ich hr's an, spann' ein, fahr' nach Tluste und nehm' mir die beiden
Hebammen mit, die jdische und die christliche: Zum Frulein Tuskowska! Eine
schwere Sache, sie braucht euch beide!
    Vor dem Garten lad' ich die beiden alten Weibsbilder ab: Da hinein! Um
Gottes willen - eilt euch!
    Atemlos keuchen sie hinein und fragen vor der ganzen Gesellschaft, wo denn
die Panna Waleria ist, die sie so dringend braucht.
    Natrlich hat sie sie hinausgeworfen und ich selbst bin mit genauer Not den
Knechten des Herrn Tuskowski entgangen. Aber am nchsten Morgen ist die Panna
Waleria aus Kopeczynce abgereist und nie wiedergekommen ...
    Bis in sein zwanzigstes Jahr ging dies Treiben fort. Da wandelte ihn ein
jher, zuflliger Eindruck und warf ihn in neue Bahnen. Auch dies sei mit seinen
eigenen Worten berichtet.

                                Sechstes Kapitel


Es war so gegen Ende des Winters, pflegte er darber zu erzhlen, da lt
mich einmal Jossef Grn, der Vorsteher, rufen und mietet mich, mit seinem Sohn
Schmule nach Sadagra zu fahren, zum Wunderrabbi.
    Der Schmule ist so in meinem Alter, damals also war er im zwanzigsten, aber
dabei bla, schwach, krnklich wie ein zwlfjhriges Kind. Weil jedoch Jossef
gar so ein frommer Mensch war, so hat er ihn schon den Herbst vorher
verheiratet, noch dazu mit einem Mdchen, welches um zwei Jahre lter war und
dabei dick und rot wie ein Maschansker Apfel. Aber wie ein halbes Jahr vorbei
ist und sich noch immer keine Hoffnung auf ein Enkelchen zeigt, wird der Alte
ungeduldig und denkt: der groe Rabbi mu es richten.
    Wie er mir das erzhlt, und ich mir so den Schmule anschau', denk' ich mir
im stillen: da hat der Mann recht, ohne ein Wunder wird dieses schwchliche Kind
nicht Vater werden. Laut aber verspreche ich alles, um was der Alte mich bittet:
achtzugeben auf den Schmule und mit ihm vor den Rabbi zu gehen und ihn dort zum
Reden zu bewegen, weil der schchterne Junge sonst vielleicht gar nicht sein
Anliegen vorbringen mchte.
    So fahren wir also aus, kommen am Abend des zweiten Tages nach Sadagra und
kehren in einer Schenke ein. Dort sind einige Juden, die uns gleich vertraulich
nher rcken und fragen, wozu wir gekommen sind - aber nicht aus Neugier und
noch weniger aus Gutmtigkeit. Das ganze armselige Nest lebt ja nur vom Rabbi,
und darum sind alle seine freiwilligen oder bezahlten Helfer. Die Fremden werden
ausgeforscht, man berichtet dann ihren Namen, ihren Stand und ihr Anliegen dem
Rabbi, und am nchsten Tage, wo er den Besucher vorlt, kann der Mann mit
leichter Mhe den Allwissenden spielen!
    Bei uns sollt ihr euch einmal eine Beule anrennen, denk' ich und fange an zu
klagen, was fr ein unerhrtes Schicksal den Schmule hergefhrt hat. Seit wenig
mehr als drei Jahren ist er verheiratet, und alle zehn Monate gebiert sein Weib
Drillinge! Immer Drillinge, also zwlf Kinder in dreieinhalb Jahren - und gerade
jetzt scheinen wieder neue unterwegs - ein richtiges Unglck!
    Die Leute glauben's zuerst nicht, aber dann fang' ich an, es genau zu
erzhlen, als wr' ich selber die Mutter, und zhl' die Geburtstage und die
Namen der Kinder auf und mach' von jedem die Stimme nach. Da werden selbst die
Schlauesten von diesen frommen Gaunern glubig und nicken ernst und suchen
meinen Schmule zu trsten.
    Der rckt unruhig hin und her, schweigt aber noch. Aber wie sie ihm gar
sagen: Der Rabbi kann alles, er wird gewi den Scho deines Weibes fr immer
verschlieen! da fngt er laut zu weinen an.
    Gott beht' mich davor, schluchzt er, dann prgeln mich mein Vater und mein
Schwiegervater, da mir kein Knochen im Leibe ganz bleibt. Und dann heult er
ihnen sein wirkliches Unglck vor.
    Anfangs schimpfen die Leute auf mich, aber dann wundern sie sich ber meine
Art, zu erzhlen, und einer ruft: Auf Ehr', ich htt' geschworen, da ich selbst
die Kinder gesehen hab' -
    Nun, sag' ich, ich hei' nicht umsonst der Pojaz!
    Du bist der Barnower Fuhrmann? rufen sie, du bist Roseles Pojaz? Wieviel
haben wir schon von dir gehrt, du mut noch mehr erzhlen!
    Nun krame ich meine Geschichten aus, und alle lachen, da ihnen die Trnen
ber die Backen laufen. Und an jenem Abend hab' ich zum ersten Mal das Wort
gehrt, welches mir fr mein Leben das Wichtigste, das Einzige geworden ist.
    Was das fr ein Wort war?
    Theater!
    Da sagt nmlich einer von den Sadagrern, welchen sie immer den Meschumed
(Abtrnnigen) genannt haben, weil er viele deutsche Bcher gelesen haben soll -
Sinai Welt hat er geheien: Gott, sagt er, ewig schad', da dieser Mensch ein
Fuhrmann bleibt!
    Ich lach': Prinz oder Wunderrabbi wr' ich auch lieber! sag' ich.
    Ich kenn' etwas anderes, erwidert er, was dir vielleicht das Liebste wr' -
Komdiant!
    Was heit das? frag' ich.
    Das weit du nicht?! So nennt man die Menschen, die im Theater die
nrrischen Leut' spielen, ber die man lachen mu.
    Was ist ein Theater? frag' ich weiter.
    Man sollt's nicht glauben, ruft er erstaunt, wie sehr die Polnischen zurck
sind! Also hre! Da tut sich eine Gesellschaft zusammen, Mnner und Weiber, und
sie mieten einen Saal und beschmieren sich die Gesichter und ziehen sich
komische Kleider an, und stellen zusammen eine Geschichte vor, wie du sie uns
allein vorgemacht hast - alles erlogen, keine Silbe wahr, aber solang' man ihnen
zuhrt, glaubt man, da es wahr ist, und lacht oder weint. Die anderen Leut'
aber zahlen, damit sie in den Saal gehen knnen und zuhren und zuschauen.
    Und was tut der Komdiant bei Tag? frag' ich.
    Nichts, da raucht er Zigarren und ist ein groer Herr, weil er sich am Abend
genug verdient!
    Das glaub' ich nicht! sag' ich.
    Ha! ha! ha! lachen die Sadagrer, er glaubt's nicht! So fahr doch nach
Czernowitz - es ist ja kaum eine Meile - dort ist jetzt ein Theater.
    Das will ich, sag' ich drauf.
    Es ist mir aber in jenem Augenblick nicht einmal so ernst damit gewesen.
Erst als wir allein in unserer Schlafkammer sind, Schmule und ich, und ich kann
nicht sogleich einschlafen - da fllt mir's wieder ein, und nun freilich hat
mich der Gedanke geqult und zu rtteln begonnen. Denn das wr' ja ein Leben,
wie ich mir's schon selber getrumt habe! Herumfahren, die Leut' anschauen,
ihnen ihre Narrheiten abgucken und sie dann den anderen vormachen. Und nun erst
von einem solchen Vergngen auch reichlich leben knnen - hei und kalt ist es
mir geworden, ruhelos hab' ich mich herumgewlzt und erst gegen Morgen bin ich
so eingedmmert ...
    Dann machen wir die Geschichte beim Rabbi ab, ohne viel Reden, kurz und gut:
er bekommt dreiig Gulden und Schmule bekommt seinen Segen. Anfangs hat er
freilich fnfzig verlangt, aber ich sag' ihm: Dann fahren wir zum Nadwornaer
Rabbi, der verlangt nur zwanzig Gulden, obwohl er auf Zwillinge segnet! - und da
hat er schnell nachgegeben.
    Als wir aus Sadagra hinausfahren, lenke ich links ab, gegen Czernowitz.
    Schmule bemerkt es gar nicht, bis wir endlich ber der Pruthbrcke sind und
in der Vorstadt, der Wassergasse. Da fngt er freilich zu schreien an, da er
nichts zu suchen hat in der unheiligen Stadt, in welcher die Juden Hochdeutsch
reden und Schweinefleisch essen.
    Dann steig ab, sag' ich ruhig, und miete dir einen Anderen.
    Nun klammert er sich natrlich an mich, wir fahren den Berg hinauf, in die
Stadt.
    An der Strae, auf einem freien Platz ist ein Zelt aufgeschlagen, davor
steht ein Mann, nur in gelbliche Leinwand eingenht, da er von fern wie nackt
aussieht und trompetet.
    Nur immer herein! schreit er, und ein Haufe Gesindel steht vor ihm und
lacht.
    Ist das ein Komdiant? frag' ich ganz bekmmert, denn der Mensch hat sehr
verhungert ausgesehen.
    Ja, antwortet mir ein Knabe.
    Also ist hier das Theater?
    Nein! lacht er, das ist im Htel Moldavie. Hier tanzt man auf dem Seil, und
zwei Affen sind drin.
    Gottlob, denk' ich, und la mir den Weg zum Htel beschreiben. Gegenber dem
Htel, in einem kleinen jdischen Gasthaus, stell' ich den Wagen ein und lauf'
gleich hinber.
    Im ersten Stock ist das Theater, sagt man mir, aber es wird erst um sechs
geffnet.
    Knnt Ihr mir keinen Komdianten zeigen, bitt' ich den Kellner, der auch ein
Jude war, aber sehr komisch gekleidet - eine kurze, schwarze Tuchjacke hat er
getragen und hinten waren zwei Schwnze dran.
    Warum? fragt er.
    Ich will's aber nicht eingestehen und bitt' nur immer fort. Er aber fragt
mich immer wieder.
    Da fhrt mir's endlich so heraus.
    Weil ich selbst so ein Komdiant werden will.
    Der Mensch schttelt sich vor Lachen und greift mir an meine Wangenlckchen
und sagt: Die mut du dir noch schner drehen, wenn dich der Direktor aufnehmen
soll.
    Im selben Augenblick geht ein langer Deutsch (Herr in moderner Tracht) an
uns vorbei und will die Treppe hinauf.
    Herr Direktor, sagt ihm der Kellner, hier ist ein neues Mitglied - und
erzhlt ihm meinen Wunsch.
    Der Deutsch schaut mich an, er hat ein Gesicht zum Erschrecken, bla,
furchtbar mager, ganz glatt rasiert, so da er halb gelb, halb blau war - eine
ungeheure Nase und funkelnde, stechende Augen - und noch dazu hat es fortwhrend
in dem Gesichte gezuckt.
    Aber wie er mich fragt: Ist es wahr? da erschrecke ich nicht, sondern sage
ruhig Ja! und erzhle ihm alles.
    Der Kellner lacht fortwhrend wie besessen, aber der Herr bleibt ernst und
sagt mir: Komm mit!
    Er fhrt mich in ein Zimmer im ersten Stock, da ist eine dicke Frau gesessen
und hat sich eben das Gesicht wei angeschmiert.
    Eulalia, sagt er ihr, hr einmal zu.
    Und mir sagt er: Zeige uns, wie du dir deinen Namen als Pojaz verdient hast.
    Ich nehme mir ein Herz und fang' an, meine Stcklein loszulassen - eins nach
dem anderen. Der Herr schaut die Frau an, die Frau den Herrn, sie lachen nicht,
wie sonst meine Zuhrer, aber dennoch glaube ich, da es ihnen gefallen hat.
    Genug, sagt endlich der Herr und fngt mit der Frau zu reden an. Es war aber
Hochdeutsch, noch dazu ungemein schnell, ich habe sehr wenig davon verstanden.
    Endlich fragt mich der Herr: Was meinst du selbst, Bursche, hast du Talent?
    Das habe ich damals nicht verstanden, ich habe geglaubt, er fragt, ob ich
einen Talis (Betmantel) habe.
    Nein! sag' ich also. Aber wenn ich heirate, so mu mir meine Braut einen
schenken.
    Sie sind erstaunt, dann lachen sie und der Herr fragt wieder: Ich meine, ob
du glaubst, da du zum Komdianten taugst?
    Natrlich, sag' ich. Ich?! Glauben Sie mir, so hat noch nie ein Mensch dazu
getaugt.
    Das wird sich zeigen, schmunzelt er, hier hast du eine Karte, schau dir
heute die Vorstellung an und komm dann in den Speisesaal.
    Da bitt' ich noch um eine Karte fr meinen Schmule und dank' ihm schn und
renn' wie verrckt die Treppe hinunter - in mein Gasthaus.
    Den Schmule hab' ich in Trnen getroffen, das Kind hat sich allein
gefrchtet in der fremden Stadt. Und wie ich sag', da er abends ins Theater
gehen soll, weint er noch strker und meint: Das ist ein schlechtes Vergngen,
eine Snde, das tut er nicht. Und gleich will er fort.
    Gut! sag' ich, bleib zu Haus! Aber gleich einspannen? Wirklich nicht um die
Welt!
    Denn ich kann nicht beschreiben, wie mir zu Mut war, so, als htt' mir
jemand tausend Gulden geschenkt, oder als htt' ich zu viel Wein getrunken!
    So lauf' ich also allein vor dem Htel Moldavie auf und ab, bis es dunkel
wird, und mein Herz hat mir gepocht zum Zerspringen.
    Endlich lt man mich in den Saal - ich war der Erste und hab' mich vorn
hinsetzen wollen, aber mein Platz war auf einer Bank in der Mitte. Eben hat man
die Lichter angezndet, ich habe mir angesehen, wie der Saal eingerichtet war.
Aber das hat mich nicht sehr berrascht. Es war ja beinahe so, wie in unserer
Betschul': unten Bnke fr die Mnner, oben zwei Galerien fr die Weiber, und
vor mir ein groer Vorhang, wie er in Schul vor der Thoralade hngt. Nur da
dort nicht das Wort Osten eingestickt war, sondern es waren darauf nackte Kinder
hingemalt, die so bereinandergepurzelt sind.
    Spter, wie die Leut' kommen, merk' ich, da es doch ein groer Unterschied
ist. Erstens waren es lauter feine Deutschen, zweitens sind auch Mnner
hinaufgegangen auf die Weibersitze, und wieder haben sich Weiber auf die
Mnnersitze gesetzt.
    Dann hat pltzlich vor dem Vorhang eine Musik zu spielen begonnen. Es war
ganz lustig, wie ein Tanz. Aber mir war nicht tanzerig - gefreut hab' ich mich
freilich, aber dabei war mir furchtbar bang.
    Nun endlich schiebt sich der Vorhang hinauf, merkwrdig, als ob er von
selber ginge; man hat nicht gesehen, wer ihn zieht.
    Eine Gasse! ruf' ich, da sich die Leut' nach mir umschauen und zu lachen
anfangen. Es hat mir wirklich geschienen, da man da in eine Stadt hineinschauen
kann - Huser, ein Turm, eine Brcke. Und da kommen drei Leute heraus, alle
schwarz angezogen, bemalte Gesichter haben sie gehabt und groe falsche Brte
angeklebt.
    Sie fangen an zu reden - verstanden hab' ich nur so viel, da es gute
Freunde sind und von Geschften reden. Aber einer von ihnen war gewi der
Vornehmste, weil er einen Pelz getragen hat und weil die anderen so um ihn
herumgetnzelt sind. Anton hat er geheien, wie mein Freund, der Kutscher vom
Bezirksvorsteher. Dieser Anton hat fortwhrend mit der Zunge angestoen und
dabei mit dem Kopfe gewackelt, als ob er traurig wr'.
    Dann sind noch einige Freunde gekommen, darunter ein junger Mensch mit einem
blonden Bart, der will Geld von Anton borgen. Da hat sich aber gezeigt, warum
Anton traurig ist: er hat selbst kein Geld und mu sich's erst borgen gehen.
    Alle gehen hinaus, und da fngt auf einmal die Stadt zu wackeln an und
schiebt sich hinauf! Es war alles nur auf Leinwand aufgemalt. Und statt der
Stadt ist pltzlich ein ganz schnes Zimmer da, und da stehen zwei hbsche
Mdchen und sprechen miteinander.
    Natrlich - wovon reden Mdchen? - vom Heiraten reden sie! Aber der lteren
gefllt keiner, ber jeden schimpft sie. Der eine ist zu lustig und der andere
zu traurig und der dritte zu gescheit und der vierte zu dumm. Gerade wie die
Panna Waleria, die Tochter vom Verwalter in Kopecynce. Gib acht', denk' ich mir,
da du kein End' nimmst wie sie oder sitzen bleibst. Schn bist du freilich,
aber das dauert nicht ewig. Da - mitten im Reden laufen beide hinaus, das Zimmer
verschwindet - wieder die Stadt.
    Kommt der Blonde mit einem alten Juden. Ich denk' mir gleich: Jetzt will er
sich das Geld vom Juden leihen! Richtig ist es so - dreitausend Dukaten, weniger
nimmt er nicht. Und der Anton, sagt er, soll brgen.
    Faule Fisch, denk' ich mir, der hat ja selbst kein Geld. Der alte Jud', wenn
er kein Esel ist, wird sich doch vorher nach dem Anton erkundigen. Aber da kommt
der Anton selbst dazu, redet auch in den Juden hinein. Schajlock hat er ihn
genannt, weil ein Christ sich nie jdische Namen merken kann, der Alte hat
wahrscheinlich Schaje (Jesaias) geheien.
    Aber Schajlock will nicht. Wo ist die Brgschaft? fragt er. Auf was hinauf
dreitausend Dukaten?! Und dann macht er dem Anton Vorwrfe, da er ihn frher
angespieen hat und berhaupt schlecht behandelt.
    Gott, denk' ich mir, dieser Anton ist gewi ein Pole. Die machen es alle so.
Aber wenn sie Geld brauchen, kommen sie zu uns gekrochen und schmeicheln ...
    Also - die Leut' reden hin und her, alles kann ich nicht verstehen, denn
auch Schaje spricht nicht wie ein ehrlicher Jud`, sondern Hochdeutsch, nur da
er durch die Nase singt und mit dem Kopf wackelt.
    Ich hr' ihm zu und wei nicht, warum er mir sehr bekannt vorkommt. Auf
einmal erkenn' ich ihn, es ist derselbe Deutsch, der am Nachmittag mit mir
gesprochen hat, aber ganz beschmiert und verkleidet.
    Gott, schrei' ich in meiner berraschung, der Direktor.
    Alle Leute wenden sich zu mir um und lachen.
    Was ist da zu lachen? frag' ich. Es ist wirklich der Direktor.
    Pst, pst, machen die Leut'.
    Ich schweig' und hr' zu, was Schaje weiter redet. Die dreitausend Dukaten
will er richtig hergeben, aber wenn Anton nicht zahlt, so darf ihm der Jud' ein
Pfund Fleisch ausschneiden.
    Faule Fisch'! denk' ich wieder. Was hat Schaje von dem Pfund Fleisch?! Ich
bin gar nicht fr solche Sachen. Damit macht man nur Rischchus (Judenha). Und
dann - der Bezirksvorsteher wird es gewi nicht zulassen, denn der ist ja auch
ein Christ.
    Aber Schaje luft ums Geld, und wie er drauen war, da ist der Vorhang mit
den nackten Kindern wieder heruntergefallen und die Musik hat angefangen zu
spielen.
    Ich denk', es kann noch nicht aus sein und bleib' sitzen. Die Leut' schauen
mich an und flstern und lachen, es hat mich wenig gekmmert. Ein alter Herr ist
neben mir gesessen, der fragt mich: Sie sind wohl zum ersten Male im Theater?
    Wie nicht? sag' ich, kann man denn das in Barnow alle Tage sehen?
    Also aus Barnow?
    Ja, Sender hei' ich und bin im Dienst bei Simche, dem Kutscher, wenn Sie
ihn vielleicht kennen.
    Habe nicht die Ehre, sagt er.
    Die Ehre? frag' ich. Meinen Simche kennt wirklich jeder, es ist gar keine
Ehre dabei.
    Aber da hat sich der Vorhang schon wieder hinaufgeschoben.
    Wieder ein Stck Stadt. Kommt ein junger Bursch, wie ein Narr angezogen,
schneidet Gesichter, macht Witze mit jedem - sogar mit seinem alten blinden
Vater, was mir gar nicht gefallen hat. Er erzhlt, da er Bedienter bei Schaje
ist, und schimpft auf ihn - so ein Lump - jdisches Brot frit er und schimpft
dann drauf! Gewundert hat's mich freilich nicht. Zum Beispiel der Janko, der
Kutscher von unserem Doktor Schlesinger, der macht's grad' so!
    Dann kommt Schajes Tochter, ein ganz hbsches Mdchen, aber so verdorben,
wie gottlob in Barnow kein jdisch Kind ist. ber den eigenen Vater macht sie
sich mit dem Bedienten lustig, aber wie Schaje kommt, ist sie ihm ins Gesicht
hinein ganz gehorsam und demtig.
    Aber was tut sie, wie er fort ist? Da verkleidet sie sich als Knabe und
steckt seine Schtze zu sich, und wie ihr christlicher Liebhaber kommt, geht sie
mit ihm durch.
    Schimpf und Schande! Ich war so emprt - zerreien htte ich sie knnen. Wie
unserem reichen Moses Freudenthal seine Tochter Esther durchgegangen ist mit
einem Husaren, da hat sie wenigstens den alten Vater nicht beschimpft und sein
Geld liegen lassen. Die Leut' klatschen und schreien: Sehr gut! und Bravo!, ich
aber ruf': Schlecht ist sie! Prgeln sollt' man sie! Und da lachen sie wieder.
    Erst wie die Stadt fortwackelt und wieder das Zimmer kommt mit den zwei
lustigen Mdchen, hab' ich mich erinnert, da es ja nur so ein Spiel ist.
    Die Mdchen haben wieder gelacht, und es waren einige Herren bei ihnen,
darunter einer mit einem schwarz angestrichenen Gesicht, und etwas von Kstchen
haben sie gesprochen. Und immer wieder Kstchen! Ich hab' nicht recht hingehrt
- was gehen mich eure Kstchen an?! Ich hab' nur immer so nachdenken mssen, wie
die Geschichte mit Schaje und mit der Tochter ausgehen wird, und ob sie auch
reuig zurckkommen wird, wie Esther Freudenthal, um vor dem Hause des Vaters zu
sterben.
    Aber es ist ganz anders gekommen.
    Zuerst spazieren da zwei Herren herein und erzhlen mit Lachen, wie Schaje
halb verrckt in der Stadt herumluft. Und dann kommt er selbst, bla, verstrt,
aber die Galgans (Lumpe) haben sich noch lustig ber ihn gemacht!
    Sie erzhlen ihm, da Antons Geschfte schlecht stehen und da er wird nicht
zahlen knnen, und fragen, ob Schaje dann wirklich sein Fleisch nehmen wird?
    Ja, sagt der Alte und fngt an zu reden ber Juden und Christen, und da wir
so bitter von den Christen verfolgt werden - durch Mark und Bein ist es mir
gegangen und durch das tiefste Herz. Bis dahin hab' ich noch nicht so viel
nachgedacht ber uns und die Polen, und hab' geglaubt, es schickt sich so, aber
jetzt haben sich mir die Augen aufgetan ber das blutige Unrecht, das wir
erdulden. Ach! wie hat der Alte gesprochen, welche Worte, welche Stimme! Bald
hat er geweint, bald mit den Zhnen geknirscht. Totenstill ist es im ganzen Saal
gewesen, die Trnen sind den Leuten in die Augen getreten.
    Dann kommt noch ein Jud' und erzhlt bald von Anton, bald von der Tochter,
und Schaje hat vor Wut gebebt. Es hat ihm um die Dukaten grad' so leid getan,
wie um die Tochter!
    Anfangs hat mich das gewundert. Aber dann hab' ich mir gedacht: Geld ist
Geld, aber ein Mdel, das dem Vater fortluft und ihn noch dazu bestiehlt, ist
keine Tochter mehr!
    Kommt zum dritten Mal das Zimmer mit den Mdchen, diesmal war der Blonde bei
ihnen, er macht ein Kstchen auf - es wird Hochzeit gemacht.
    Maseltow (Glck auf)! sag' ich - aber was geht's mich an?
    Endlich schiebt sich der Vorhang wieder herauf: Schaje und Anton stehen vor
dem Richter!
    So hab' ich noch nie zugehrt wie damals, und ich hab's noch heute nicht
vergessen. Aber auch heute noch wei ich nicht, wer recht gehabt hat und wer
unrecht; ich glaube, die Christen und der Jude haben recht gehabt - und beide
haben unrecht gehabt.
    Eine merkwrdige Geschichte!
    Zuerst sagt Schaje: Anton hat mir diesen Wechsel unterschrieben, da ich ihm
ein Pfund Fleisch ausschneiden darf, wenn er nicht zahlt. Ich will mein Recht!
    Der Richter ist ein alter Mensch mit einem Schmerbauch, aber dabei ein
Dummkopf - nicht zu sagen!
    Er traut sich keinen Spruch zu tun und lt einen alten Advokaten rufen.
Kommt aber ein junger Advokat mit einer ganz dnnen Stimme und wie ich ihn nher
anschau' - ein Weib! - das grere von den zwei lustigen Mdchen!
    Sie fngt an, sagt: Schaje hat recht, aber er soll sich erbarmen.
    Schaje will nicht - sein Geld verlieren, gekrnkt und mihandelt zu werden
und noch Erbarmen dazu, das wr' wirklich zu viel! Recht hat er, denk' ich. Aber
da bietet ihm der Blonde, Antons Freund, die dreitausend Dukaten, das Doppelte,
das Dreifache - Schaje will noch immer nichts als das Pfund Fleisch!
    Das hat mir nicht gefallen! Sein Geld bekommt er, sogar dreifach, was hat er
davon, wenn Anton stirbt! Sie bitten ihn: der Mensch soll nicht unvershnlich
sein! Mir hat da gleich nichts Gutes geahnt, denn erstens ist's ganz hlich von
Schaje, und dann ein Jud' vor einem christlichen Gericht - leider, wir in Polen
wissen, was das heit!
    Richtig! Das Mdel sagt endlich: Ein Pfund Fleisch darf sich Schaje nehmen,
aber wenn er einen Tropfen Blut dabei vergiet, wird ihm sein ganzes Vermgen
weggenommen. Heit ein Kopf, ein eiserner Kopf!
    Jetzt war ich sehr neugierig, was Schaje tun wird. Ich hab' geglaubt, er
wird sagen: Gut, mein Vermgen soll hin sein, aber mein Recht will ich haben. So
pat es sich fr ihn, hat mir geschienen, wenn er schon so ein harter Mensch
ist. Aber er?! - Jetzt will er das Dreifache nehmen!
    Sie geben ihm aber nicht einmal das Einfache, und hier fngt das Unrecht der
Christen an und hrt gar nicht auf. Denn was sagt das Mdel weiter? Weil du
einem Christen nach dem Leben getrachtet hast, sollst du selbst sterben!
    Nach dem Leben getrachtet? Warum hat Anton so einen Wechsel unterschrieben?
Warum hat das Gericht erlaubt, da so ein Wechsel eingeklagt wird? Jetzt fllt
es ihnen ein!
    Schaje windet sich, es hilft ihm nichts. Sie schenken ihm nur dann das
Leben, wenn er sich taufen lt, und die Hlfte seines Vermgens mu er dem
Anton geben!
    Wirklich sehr bequem! Dreitausend Dukaten ausleihen, nicht zahlen, und fr
diese groe Mh' vielleicht das Zwanzigfache als Belohnung bekommen!
    Und Schaje?!
    Schaje gehorcht und wird ein Meschumed (Abtrnniger)!
    Meinen Augen hab' ich nicht getraut - aufgesprungen bin ich und hab' die
Fuste geballt!
    So ein Unrecht! schrei' ich. Das kann ich nicht lnger anschauen!
    Zum Glck sind schon alle Leut' aufgestanden, sonst wr' mir's vielleicht
schlecht gegangen.
    Ich aber lauf' allen voran die Treppe hinunter und dann auf und ab vor dem
Hotel.
    Bald war mir hei, bald haben mir die Zhne geklappert - so aufgeregt bin
ich noch nie gewesen.
    Gott! denk' ich mir, was mcht' ich drum geben, wenn ich in dem Spiel der
Schaje sein knnt'! Aber dann benehm' ich mich anders, entweder geb' ich gleich
nach oder gar nicht!
    berhaupt hat nur dieser Mensch mir gefallen, der Anton htt' ich nicht sein
wollen, noch weniger der Blonde. Freilich htt' ich die auch anders gemacht, als
diese Deutschen. Der Anton, zum Beispiel, hat nur immer dasselbe Gesicht
geschnitten, wie er in Todesangst und wie er gerettet war! Oder der Blonde -
immer frhlich, auch wie der Freund in Gefahr war!
    Schlechte Pojazen! denk' ich, das mu ich dem Direktor sagen!
    Und ich geh' in den Speisesaal.
    Es war ganz voll - endlich hab' ich ihn herausgefunden: an einem groen
Tisch ist er gesessen, mit vielen Herren und Frauen, die Dicke neben ihm. Er mu
ihnen schon von mir erzhlt haben, denn wie ich hinzukomm', sagt er: Seht - da
ist er! Der jngste Sohn der Musen!
    Ich bin sehr erstaunt.
    Verzeihen Sie, sag' ich, meine Mutter hat nur einen Sohn und heit Rosel -
sie hlt die Maut in Barnow ...
    Alle lachen, aber der Direktor fragt: Nun, wie hat es dir gefallen!
    Gut und schlecht, sag' ich. Aber eines mssen Sie mir jetzt gleich sagen:
sind Sie ein Judenfeind oder nicht?
    Er stutzt: Warum?
    Weil ich mich in Ihnen nicht auskenn. Sind Sie ein Judenfeind, warum haben
Sie so schn von dem Unrecht geredet, welches der Pole uns antut? Sind Sie kein
Judenfeind, warum benehmen Sie sich so zum Schlu, erst so hartherzig und dann
so feig? Wissen Sie, was man dann sagt? Da alle Juden so sind!
    Mein Lieber, sagt er, so hat es der Dichter vorgeschrieben!
    Wer? frag' ich.
    Der Mann, der alles ersonnen und die Worte aufgezeichnet hat!
    Machen Sie das nicht aus dem Kopf? frag' ich. Wie ich und wir alle unsere
Spiele am Purim (jdische Fastnacht)?
    Nein, sagt er und klrt mich auf.
    Gut! Aber Sie kennen gewi den Dichter! Ist er ein Judenfeind oder nicht?
    Alle brllen, nur der Direktor nicht.
    Er ist schon dreihundert Jahre tot, sagt er ernst, aber deine Frage kann ich
doch beantworten. Er war ein edler, groer Mensch, darum hat er das Unrecht
eingesehen, welches man den Juden antut. Aber zu seiner Zeit hat man die Juden
berall so gehat, wie jetzt nur bei euch, und darum hat er seinen Leuten den
Gefallen gemacht und lt das Spiel so ausgehen, da der Jud' verachtet und
ausgelacht wird.
    Und warum machen Sie den Schlu nicht besser?
    Da sei Gott vor! sagt er. Vielleicht siehst du einmal ein, was das fr eine
Snde wre. Aber wie hat dir das Spiel gefallen?
    Manches gut, manches schlecht, mein' ich, und fange an zu reden von ihm, von
dem Anton und von den anderen. Und mach' dem nach und jenem.
    Zuerst lachen sie mich aus, und alle Leut' im Saal stehen auf und stellen
sich um mich herum.
    Aber dann meinen sie: Er ist gar nicht dumm! und schauen sich manchmal
erstaunt an.
    Endlich sagt der Direktor: Komm zu mir morgen um neun!
    Ich geh' in mein Gasthaus, Schmule schlft schon. Ich leg' mich auch hin,
aber kein Auge hab' ich geschlossen.
    Endlich wird es Tag, ich besorge die Pferde, richte den Wagen und geh' dann
zum Direktor.
    Er ist grad' beim Kaffee gesessen, in einem groen roten Schlafrock, mit ihm
die Dicke, den ganzen Kopf voll mit Papierlocken.
    Hre, sagt er, du hast es nicht erkannt, aber ich bin selbst ein Jude.
Freilich aus einem anderen Land, aus Preuen. Aber nicht darum allein mchte ich
mich gern deiner annehmen, sondern weil du hchst wahrscheinlich ein groes
Talent bist. Ob du es bist, ob du wirklich fr das Theater taugst oder nicht,
wei ich nicht gewi. So, wie du jetzt bist, kann es dir niemand mit Gewiheit
sagen. Aber bei Gott und auf Ehre! - soweit ich es jetzt beurteilen kann, taugst
du vortrefflich dazu, mehr als ich, mehr als jemand von meinen Leuten. Wenn du
schon lter wrst oder in einem guten, angenehmen Leben, ich mchte dir das
vielleicht nicht sagen. Aber als Fuhrknecht hast du nichts zu verlieren. Und
darum will ich, wenn dein Entschlu feststeht, dein Rater und Helfer sein.
    Mir sind die Trnen in die Augen gekommen, wie er so gut zu mir geredet hat.
    Ich dank' Ihnen tausendmal! - ich hab's sagen wollen, aber es ist mir nicht
ber die Lippen getreten.
    Endlich fass' ich mich und sage: bermorgen komm' ich wieder und bleibe!
    Nein, ruft er, jetzt darfst du noch nicht in das lustige, unsichere Leben
hinein! - Um Gottes willen nicht! Bleibe zwei Jahre an einem Ort und lerne
Deutsch - das ist das Wichtigste - lesen, schreiben, sprechen. Ferner mut du so
das Notwendigste wissen, das brige findet sich. Hast du in Barnow Gelegenheit
dazu?
    Wenn es sein mu, mein' ich, so wird sich alles finden.
    Gut, sagt er, ich bin jeden Winter hier, vom Oktober bis zum Mrz. Aber vor
Ablauf von zwei Jahren will ich dich nicht sehen. Wenn du mir schreiben willst,
so wird's mich freuen. Ich heie Nadler, Adolf Nadler. Und nun - Gott mit dir!
    Und mit Ihnen, Sie guter Mensch, sag' ich unter Trnen, und: Sie werden von
mir hren!
    Und geh' fort und lade meinen Schmule auf und fahr' zurck nach Barnow ...

                               Siebentes Kapitel


Als ein vernderter Mensch kam Sender in sein armseliges Heimatstdtchen zurck.
Wohl trieb er noch zuweilen seine tollen Possen, aber wahrlich nur als
Deckmantel fr seine Plne. Es war eine wilde Energie in ihm wach geworden, die
er selbst einige Tage vorher nimmer in sich geahnt htte, noch minder ein
anderer. Alle Sehnen seiner Seele spannten sich, so jh, so stark, da er es
fast schmerzlich empfand, fast unheimlich, wie den Eingriff einer fremden,
bermchtigen Hand. Aber trotz dieser jhen Gluten im Herzen - und dies ist
vielleicht der beste Beweis, da sie echt gewesen - ward er nach auen schlau,
vorsichtig, bedchtig.
    Von seiner Unterredung mit dem Direktor erfuhr zunchst niemand. Vielleicht
sagte es ihm der Instinkt, noch mehr als die berlegung, da ihn dies nur hemmen
msse. Und dann - Vor der Thora in der Betschul' hngt ja auch ein Vorhang,
pflegte er spter darber zu sagen, mein Plan war meine Thora ...
    Er begriff, da er als Fuhrknecht die deutsche Weisheit nicht erlernen
knne, und trat vor die Mutter - das unstete Leben freue ihn nicht mehr.
    Frau Rosel vernahm es erfreut und stimmte eifrig zu. Aber als er nun bat,
nach Czernowitz gehen zu drfen, schlug sie dies rund ab. Was er in der
unheiligen Stadt wolle, fragte sie. Er erwiderte: er gedenke bei einem
geschickten Meister denn doch wieder die Uhrmacherei zu erlernen.
    Gut, werde Uhrmacher, entschied sie. Aber hier in Barnow.
    Sender widersprach nicht. Und als ihm die Mutter am nchsten Tage mitteilte,
da sie ihn bei Jossele Alpenroth, dem geschicktesten Uhrmacher des Stdtchens,
in die Lehre getan habe, strubte er sich auch dagegen nicht und trat in die
Werksttte ein. Aber sein Entschlu stand fest: fand er in Barnow keinen Lehrer
des Deutschen, so mute er auf eigene Faust hinaus - in die Fremde ...
    Da griff abermals ein seltsamer Zufall in sein Leben, oder doch etwas, was
wir armen, kurzsichtigen Menschen gemeiniglich so nennen ...
    Am Eingang des Stdtchens, abseits der Heerstrae, stand damals ein groes,
hlzernes Haus, von Stllen und Fruchtschobern umgeben. Die Tren der Baracke
waren schwarzgelb angestrichen, und ber dem Tore prangte ein kaiserlicher
Adler. Das war das k.k. Verpflegsmagazin von Barnow, welches man drei Jahre
vorher, im Sptherbst 1849, in grter Eile gezimmert hatte.
    Der Unternehmer dieser Bauten, Leib Rosenstengel aus Tluste, war so reich
daran geworden, da er sich im nchsten Jahr bereits Leo nannte, aber dies war
auch der einzige Segen, den die Baracke brachte. Denn das armselige Gebude bot
keinen Schutz vor Klte, Wind und Regen, und im April 1854, als man es am
ntigsten brauchte, strzte es nachts im Frhlingssturm zusammen. Zwei Soldaten
blieben tot, einige andere wurden zu Krppeln geschlagen und meilenweit trug der
Sturmwind die Vorrte ber die Heide, da die Bauern um Barnow noch lange
schmunzelnd von dem unverhofften Manna erzhlten. Zwei Monate darauf bekam Leo
Rosenstengel den Franz-Josephs-Orden. Ob aber nur um dieses oder auch noch
einiger hnlicher Verdienste willen, steht jedoch nicht fest.
    Zur Zeit, da Sender einen Mentor suchte, im Frhling 1852, stand dieses Haus
noch, und darin wohnten die Beamten der Verpflegskanzlei und ein Flgel
Fuhrwesen, was, aus der k.k. sterreichischen Militrsprache bersetzt, eine
Abteilung Trainsoldaten bedeutet.
    Es ist dies gerade kein Elitekorps. Der Fahrer, wie der Gemeine heit, ist
mehr Pferdeknecht als Soldat und wird schon darum von den Kameraden anderer
Waffen ber die Achsel angesehen. Er mu Dienstleistungen verrichten, gegen
welche sich der soldatische Stolz strubt, er ist gleichsam nur ein Anhngsel
der streitbaren Macht. Darum geht niemand freiwillig zum Fuhrwesen, sondern
diese Truppe setzt sich zum Teil aus jenen Rekruten zusammen, die fr eine
andere Waffengattung krperlicher oder geistiger Grnde wegen untauglich
scheinen, zum Teil aus Soldaten, welche sich durch unziemliche Auffhrung diese
Versetzung als Strafe zugezogen. Der Furbes ist der Prgelknabe der Armee, er
gilt, bis das Gegenteil erwiesen ist, als Dummkopf oder Spitzbube. Heute ist
dies brigens besser als in jenen Tagen, da die Fnfundzwanzig blhten,
insbesondere sind wohl derzeit die Offiziere des Korps Mnner anderer Artung,
als ihre Vorgnger in den Flitterjahren der Reaktion.
    Das waren stramme, rohe Graukpfe, welche vom Gemeinen aufwrts gedient,
zwanzig Jahre Feldwebel gewesen und schlielich das Leutnantspatent bei dieser
Truppe erhalten, weil sie bei der ihrigen nicht recht in die
Offiziersgesellschaft gepat htten. Oder auch sehr junge Herrchen, welche so
lange leichtfertige Schulden gemacht oder sonstige Streiche verbt, bis sie
endlich vor der Alternative standen: Fuhrwesen oder Quittierung des Dienstes!
Wie das Verhltnis solcher Vorgesetzten zu einer solchen Mannschaft sich
gestaltete, braucht kaum gesagt zu werden. Die Disziplin wurde leidlich aufrecht
erhalten, aber wahrlich nur durch jene Wunder, welche ein wahrhaft
sterreichischer Heiliger jener Tage verrichtete: Der heilige Haslinger
(Haselstock).
    Es war an einem Sabbatnachmittag im Frhjahr, da unser Sender gedankenvoll
aus dem Stdtchen wandelte und dann ber die Seredbrcke. Auf der Promenade,
unter den Linden, welche lngs des Flusses stehen, spazierten die geputzten
Leute aus der Gasse langsam und vergnglich auf und nieder, er aber eilte an
ihnen vorbei, er wollte allein sein.
    Seine Gedanken waren gerade nicht heiter, und trstlichere wollten ihm nicht
kommen, so sehr er sich auch sein Hirn zerqulte. Seit zwei Wochen war er nun
Lehrling bei Jossele, aber einen Meister der deutschen Weisheit hatte er
bisher nicht gefunden. In der Klosterschule freilich wurde sie gelehrt, er
selbst hatte bei dem Sohne des Doktor Schlesinger eine Fibel gesehen, und dieser
Knabe hatte ihn stolz versichert, das sei zwar nur der Anfang der Weisheit, doch
wer diesen Anfang erst erfat habe, verstehe eigentlich schon alles brige.
    Aber an diese Schule konnte er ja nicht ernstlich denken. Des Doktors Sohn
freilich durfte straflos zu den Dominikanern gehen; sein Vater war zwar auch ein
Jude, aber zugleich ein Deutsch, ein angesehener Mann. Ihn aber htte fr die
bloe Absicht sein Lehrherr entlassen, der Rabbi gezchtigt, die Mutter
verstoen und die Gemeinde halb tot geschlagen.
    So war es denn seine einzige und ach! sehr karge Hoffnung, einen Menschen zu
finden, der ihn heimlich lehren knne, wonach ihn drstete. Aber einen solchen
Weisen kannte er nicht, mindestens keinen, an den er sich htte heranwagen
mgen.
    Da war der reiche Grnstein, Schlome Grnstein, der Meschumed
(Abtrnnige), wie sie ihn nannten, weil er in seiner Jnglingszeit aus deutschen
Bchern sndiges Wissen gesogen. Der wute gewi viel, aber er war ein kranker,
gebrochener Mann, der sich heute ngstlich von hnlichen Snden fernhielt und
wohl kaum an die Bestrebungen seiner Jugend erinnert sein wollte.
    Da war ferner der einzige christliche Privatlehrer des Ortes, Herr Osner,
ein hageres, bewegliches Mnnchen, welches jahraus, jahrein denselben gelblichen
Rock trug und in der Rechten eine riesige Tabaksdose. Aber dieser Herr war
erstens sehr geschwtzig und konnte kaum ein Geheimnis bewahren, zweitens lebte
er ja vom Unterrichten und verlangte vielleicht zwanzig Kreuzer fr die Stunde -
wie sollte Sender das viele Geld aufbringen!
    Noch schlimmer lagen die Dinge bei Luiser Wonnenblum, dem Gemeindeschreiber,
und bei Dovidl Morgenstern, dem Privatagenten, das heit Winkelschreiber. Sie
konnten Deutsch, weil sie es frs Geschft erlernt, waren aber sehr habgierig.
    Kurz, je lnger der arme Junge darber nachdachte, desto trauriger ward er,
desto mehr festigte sich in ihm der Entschlu, nach Czernowitz zu fliehen - das
war sein Mekka, dort war ja jeder Jude ein Deutsch. Der Gedanke, die Mutter zu
verlassen, ihr Schmerz zu bereiten, war ihm wohl peinlich, aber er hinderte ihn
nicht.
    Sie hat viel fr mich getan, dachte er, aber das war ja ihre Pflicht, ich
bin ja ihr Fleisch und Blut! Es wird sie anfangs sehr schmerzen, aber bin ich
nur einmal erst ein groer Komdiant, so wird sie ja auch viel Freude und Ehre
davon haben und ein sorgenfreies Leben!
    Whrend er sich all dies wieder einmal in Gedanken zurechtlegte, wohl zum
tausendsten Male in den Tagen, seit er heimgekehrt, hatte er absichtslos einen
Pfad eingeschlagen, den er sonst sicherlich vermieden htte.
    Am linken Ufer des Sered, in der Vorstadt Wygnanka, die von Bauern und den
rmsten Juden bewohnt wird, erhebt sich ein Hgel, welchen sie im ganzen Kreise
den Barnower Berg nennen; der mige Hgel ist eben in dieser ungeheuren Ebene
auf Meilen sichtbar. Auf dem Gipfel stehen die Trmmer einer Burg, des
Stammhauses der Grafen Bortynski, der Besitzer von Barnow. Nur die mchtigen
Quadern der Ringmauer stehen noch aufrecht und im Schlohof die Strebepfeiler
der Kapelle und der Brunnenrand, sonst liegt alles in Schutt und Staub, und
manche unheimliche Sage knpft sich an die dstere Ruine.
    Da wandelt, nicht etwa um Mitternacht, sondern im hellen Sonnenschein, ein
Weib im Schlosse herum, ein hohes, schlankes Weib, in der Tracht verschollener
Tage und wiegt, leise singend, ein Kind, das sie in den Armen trgt. Das Kind
aber hat eine rote Blutspur um den Hals und schlgt nimmer die Augen auf, obwohl
die Mutter es innigst herzt und kt.
    Auch ein lustiges Gespenst ist dort zu sehen, gleichfalls am hellen Mittag,
ein junger Leibeigener, der aber seinen Kopf statt auf dem Halse unter dem Arm
trgt und die Begegnenden gern um etwas bittet. So hat er einmal den alten,
reichen Bauer Fedko Czunteliak aus Altbarnow um eine Pfeife Tabak ersucht - ganz
freundschaftlich, wie ein Bruder den anderen. Der alte Fedko war damals sehr
betrunken, aber als das Gespenst ihn antrat, da erschrak er so heftig, da er in
zehn Stzen den Berg hinabsprang und unten nchtern ankam.
    Auch kann man oft eine Glocke im Gemuer hren - bim, bam - es klingt hell
und klar, man kann es weithin hren. Aber wer es vernimmt, soll sich schnell die
Ohren zustopfen. Denn die Glocke hat einen merkwrdigen Klang; wer ihm lange
zuhrt, hat keine Freude mehr auf Erden und sehnt sich nach dem Tode. Einer hat
auch gesehen, wer die Glocke lutet: ein junger Mnch mit einem bleichen, mden
Gesichte ...
    Um all diesen Spuk zu bannen, haben die Bauern im Schlohofe ein groes,
rotes Kreuz aufgerichtet mit dem Bilde des Erlsers und einem Tfelchen, auf dem
in russinischer Sprache geschrieben steht: Herr, erbarme dich des Snders!
Aber trotz des Kreuzes meiden sie doch ngstlich die Ruine, und die Juden tun
eben wegen des Kreuzes dasselbe.
    Auch Sender zuckte zusammen, als er sich pltzlich am Eingang der Ruine
fand, und wandte sich eilig zur Flucht. Dann aber schmte er sich, auch trieb
ihn die Neugier, doch mindestens einen Blick in den Burghof zu tun. Der Pojaz
frchtet sich nicht! murmelte er, um sich Mut zu machen, halblaut vor sich hin.
    Er machte sich auf vieles gefat, aber beim besten Willen konnte er zuerst
nichts Unheimliches gewahren. ber dem verfallenen Gemuer war tiefste
Einsamkeit, und breit und voll legte sich die Sonne auf die Steine und das Gras,
das lustig dazwischen emporscho. Tausend Mcken schwirrten wie ein Goldregen
durch die Frhlingsluft, weie Falter kreisten langsam um das Gestruch im Hofe
und auf den Pfeilern der Kapelle zwitscherten die Sperlinge.
    Der Jngling trat weiter vor, aber als er nun den ganzen Burghof bersehen
konnte, unterdrckte er mit Mhe einen Schreckensruf und blieb wie erstarrt
stehen: Da sa ja im Winkel hinter der Kapelle das kopflose Gespenst, und neben
ihm blitzte ein breites Schwert im Grase! ...
    Gott der Heerscharen, la zerstieben, was nicht auf die Erde gehrt,
murmelte er mhsam.
    Es war der Stoseufzer, welcher dem Glubigen in so sonderbarer Lage
vorgeschrieben ist. Aber das Gespenst zerstob nicht, und als er genauer
hinblickte, mute er sich sagen, da es mindestens nicht gar zu unheimlich
gekleidet sei.
    Das Gespenst trug einen braungrauen Waffenrock mit blauen Aufschlgen, eine
k.k. Reithose und gespornte Stiefel. Auch lag neben dem Schwerte ein Tschako,
und das lie beruhigend den dazu gehrigen Kopf ahnen. Und als Sender nun
ermutigt schrfer hinblickte, entdeckte er, da dieser Kopf in der Tat an der
rechten Stelle sa, nur war er so tief gesenkt, da man ihn kaum gewahrte.
    Ein Furbes, murmelte Sender erleichtert, da ist gewi auch eine Kchin in
der Nhe.
    Aber von einem weiblichen Geschpf war nichts zu gewahren. Der Soldat war
allein und sa unbeweglich da, das Haupt tief hinabgeneigt.
    Neugierig schlich Sender nher und stie unwillkrlich einen leisen Schrei
der Verwunderung aus, der Mann hielt ein Bchlein im Schoe!
    Der Furbes liest!
    Sender konnte sich vor Erstaunen nicht fassen, bei einem Furbes htte er
solche Kunst und Beschftigung nimmer vermutet ...
    Der einsame Leser hatte in seiner Versunkenheit den leisen Ruf berhrt, er
fuhr fort, Blatt um Blatt hastig zu berfliegen. In dem schmalen, krnklichen
Gesicht glhten die Wangen, die Augen leuchteten, und nun erhob er die Stimme
und las in seltsamem, ergreifenden Ton, fast wie man ein Gebet spricht:

Ja, ja, die deutsche Fahne siegt,
Die halbe Aula ist ja dort -
Der Windischgrtz, trotz allem Mord,
Er hat sie doch nicht untergekriegt,
Die braven Wiener Studenten!

Will's Gott, so wird nun wieder bald
Die teure Fahne aufgerollt
Im Aulahofe: Schwarz-Rot-Gold,
Und lustig bald das Lied erschallt
Von den braven Wiener Studenten!

Er hatte immer lauter gelesen, immer voller und fester klang die Stimme und die
letzten Worte hatte er jubelnd gerufen. Aber nun entsank das Buch seinen Hnden,
er starrte vor sich hin, dann schlug er jhlings die Hnde vors Gesicht und
begann heftig zu weinen.
    Sender ward immer erstaunter - von den Worten des Gedichtes hatte er
natrlich nichts verstanden. Aber noch mehr als die Rhrung des Mannes
interessierte ihn die Tatsache, da dieser lesen konnte.
    Zgernd trat er auf den Schluchzenden zu.
    Verzeihen Sie zur Gte, sagte er schchtern, ich mchte Sie gerne etwas
fragen tun!
    Die Wirkung dieser Worte war eine ungeheure und solchen Effekt hatte Sender
jedenfalls nicht erwartet. In tdlichem Schreck zuckte der Soldat empor, sein
Antlitz ward leichenfahl und die starren Augen drngten fast aus den Hhlen.
    Was wollen Sie? rief er endlich und die zitternden Hnde krampften sich um
das Bchlein zusammen, als mte er es beschtzen.
    Gott! stammelte Sender nun selber erschreckt. Nur eine Frage mcht' ich
Sie fragen!
    Was? Wer sind Sie?
    Der Mann war noch immer schreckensfahl und schob das Buch mit zitternder
Hand in den Stiefelschaft.
    Das gab unserem Sender den Mut zurck.
    Warum erschrecken Sie? fragte er mit berlegenem Lcheln. Bin ich ein
Ruber? Will ich Sie erschlagen? Nur eine Frage -
    Was wollen Sie?
    Aber Sender zog es vor, zuerst beruhigend zu wirken.
    Gewi nichts Bses, Herr Furbes! Sie haben einen Sbel, ich nicht - ich bin
wirklich froh, wenn Sie mir nichts tun! Sehen Sie, ich bin so spazieren
gegangen, weil heute Sabbat ist, und auf einmal habe ich Sie gesehen, wie Sie
sitzen und lesen. Da war ich sehr verwundert. Denn was tut gewhnlich ein
Furbes, wenn er keinen Dienst hat? Geht zu Roth-Moschele, dem Lumpen, in die
Schenke, weil man ihn anderswo gar nicht hineinlt, und trinkt, bis er unter
den Tisch fllt. Denk' ich mir, der da ist ein merkwrdiger Furbes, den mu ich
in der Nhe anschauen.
    Nun - das haben Sie jetzt getan!
    Ja - und Sie haben wirklich kein Gesicht, wie die anderen. Ein feines
Gesicht haben Sie - ein gutes Gesicht - auf Ehre! Sie werden nicht bse werden,
wenn ein armer Jung' Sie etwas fragt! Sie werden mir in Gte antworten!
    Der Soldat hatte sich allmhlich beruhigt.
    Fragen Sie! sagte er milder.
    Gleich! ... Aber warum sagen Sie Sie zu mir? Sie sind wirklich der erste
Mensch, der das tut! Ich bin Fuhrknecht gewesen und jetzt bin ich Lehrling bei
einem Uhrmacher, und Sender hei' ich und ein jdischer Jung' bin ich - zu mir
sagt man du!
    Zu mir auch! erwiderte der Mann und lchelte bitter. Ich bin ein gemeiner
Soldat beim Fuhrwesen!
    Gott behte! wehrte Sender ab. Sie sind ja ein Mann, welcher lesen kann!
Lesen! Und eben deswegen mchte ich Sie ja etwas fragen - nmlich - also - ist
es schwer?
    Was?
    Nun - in deutschen Bchern zu lesen! Und in welcher Zeit knnte man es
erlernen, wenn man sich sehr viele Mhe gibt?
    Wieder lchelte der Mann, aber es war ein anderes, gutmtiges Lcheln.
    In wenigen Wochen, sagte er. Wollten Sie es lernen?
    Ich? Ob ich es will? rief Sender leidenschaftlich. Was gibt es auf der
Welt, was ich mehr wollte? Nichts! Nichts!
    Warum?
    Weil ich ja Komdiant werden mu -
    Wa-as? rief der Soldat erstaunt.
    Das Wort war dem armen Sender nur so entfahren. Aber nun blickte er dem Mann
ins Gesicht - trotz aller Dsterkeit und Trauer blickten die blauen Augen hell
und offen, wie die eines Kindes. Und darum fate sich nun Sender ein Herz.
    Ja, sagte er, Komdiant! Mit einem Menschen wenigstens mu ich davon
reden, es drckt mir ja sonst das Herz ab.
    Und er sagte dem wildfremden Menschen alles, alles.
    Der Soldat hrte ernst und ruhig zu, nur zuweilen glitt, rasch wie ein
Blitz, ein Lcheln ber sein bleiches, mdes Antlitz. Aber als Sender endlich
fertig war, seufzte er tief auf.
    Gut, mein Junge, sagte er, dir ist zum Glck leichter zu helfen als mir!
    Sender wollte fragen, aber er traute sich nicht - auf dem Antlitz des
Soldaten lag ein so tiefes Weh.
    Werden Sie mich nicht verraten? wagte er endlich zu bitten.
    Nein - aber du mich auch nicht?
    Ich? fragte Sender, was kann ich von Ihnen verraten?! Sie sind gesessen
und haben gelesen und geweint - Ihre Kameraden sitzen bei Roth-Moschele und
treiben es wie die Schweine - das ist ja nur eine Ehre fr Sie - wirklich!
    Und wenn du davon erzhlst und mein Rittmeister hrt es durch einen Zufall,
was meinst du, wie er mich dafr belohnt?
    Wei ich? - Er wird Sie dafr beloben ...
    Beloben?
    Der Soldat lachte bitter und sagte dann langsam, zhneknirschend: Er lt
mich auf die Bank legen und halb tot prgeln!
    Beschtz uns Gott! rief Sender erschreckt. Ich werde schweigen wie das
Grab! Aber, fuhr er zgernd fort, verzeihen Sie zur Gte - nmlich, ich
verstehe das nicht. Bei uns Juden darf man keine deutschen Bcher lesen, weil
die Chassidim sagen, da es eine Snde gegen Gott ist. Aber Sie sind ja kein
Jude - oder ist es auch den Soldaten verboten?
    Den Soldaten? Nein! Wenigstens den meisten nicht. Aber mir ist es
verboten!
    Ihnen allein?
    Mir und noch einigen hundert anderen, die derselbe Fluch getroffen hat, wie
mich!
    Ein Fluch? ... Wer hat Sie denn verflucht? Bei uns verflucht der Rabbi -
hat Sie auch ein Geistlicher verflucht?
    Nein!
    Wer sonst?
    Die Reaktion!
    Wer ist das? fragte Sender. Es scheint - ein Frauenzimmer - Aha! gewi
eine Liebschaft ...
    Der Soldat mute lcheln, trotz seiner tiefen Betrbnis.
    Er schttelte den Kopf.
    Nein?! Dann mssen Sie es zur Gte entschuldigen, bemerkte der Jngling
schchtern, aber ich hab's wirklich geglaubt.
    Es war keine Liebschaft, sagte der Soldat, und die Reaktion ist kein
Weib. Aber wollte man sie so abbilden, man mte eine hliche Hexe hinmalen,
Schlangen ums Haupt und Torturwerkzeuge in den Hnden ...
    Das versteh' ich nicht - verzeihen Sie zur Gte ...
    Und du wrdest es auch nicht verstehen, wenn ich es dir auch noch so genau
erklren wollte.
    Hm! meinte Sender selbstbewut, ich bin gar nicht dumm - auf Ehre! - ganz
gescheit bin ich. Probieren Sie's nur - ich werd's schon verstehen. Und dann -
vielleicht geht es Ihnen so wie mir, Sie mssen wenigstens einen Menschen haben,
mit dem Sie so reden knnen, wie Ihr Herz will ...
    Der Soldat nickte traurig.
    Das wre allerdings ein groes Glck, sagte er leise, ein Glck, nach dem
ich mich schon lange schmerzlich sehne ... Also hre! Hast du nie etwas von der
Aula gehrt?
    Es klingt wieder wie der Name von einem christlichen Frauenzimmer, sagte
Sender zgernd. Nein, ich habe nie etwas von ihr gehrt!
    Und von der Revolution?
    Natrlich! Das war ja erst vor vier Jahren. Der Kaiser hat die groe
Revolution gegeben, - alle Leute haben Lichter in die Fenster gestellt.
    Das war die Konstitution -
    Kann sein, da die auch dabei war, bei uns hat man gesagt: Die Revolution.
Ich bin damals als Kutscher im Lande herumgefahren und hab' mir die Sach'
berall angeschaut, ich erinnere mich, als wr's gestern geschehen. So gegen das
Frhjahr sind die Leute auf einmal verrckt geworden vor Freude. Warum? Die
Studenten in Wien haben dem Kaiser die Fenster eingeworfen, aber er hat ihnen
verziehen und ihnen noch obendrein dafr die groe Revolution geschenkt. Alle
Bauern sollen freie Menschen sein, die Juden sollen gleiche Rechte haben wie die
Christen, und jeder Mensch darf Schnaps verkaufen und Tabak bauen! Und die
Steuern, hat man erzhlt, werden kleiner und hren mit der Zeit ganz auf. Was
das fr ein Jubel war - nicht zu erzhlen! Haben Sie nichts davon gehrt?!
    O doch!
    Nu also! Auch die Polen sind herumgeritten mit groen Bndern um den Leib
und haben geschrieen: Jetzt wird Polen wieder einig! Da kommt ein Schreiber vom
Kreisamt und bringt den Befehl: Alle mssen sich bewaffnen, damit sie den Kaiser
beschtzen, und damit sie die Revolution beschtzen, denn die Polen wollen vom
Kaiser abfallen und der Revolution etwas antun! Was sie ihr antun wollen, hat
eigentlich niemand gewut, aber alle haben sich bewaffnet - mit Sbel, mit
Flinten oder mit Heugabeln, und obwohl die Sbel stumpf waren und die Flinten
nicht geladen, so hat sich doch jeder vor seiner eigenen Waffe gefrchtet. Aber
tglich hat die ganze Gemeinde in der Frhe ausrcken mssen zur bung, die
Nazenal hat das geheien -
    Die Nationalgarde?
    Ja - die Nazenal. Viel htten sie nicht gegen die Polen ausgerichtet, aber
zum Glck waren die Bauern da, und haben ihre Sensen gerade gehmmert und
gesagt: Wer sich gegen unseren Kaiser rhrt, den schlagen wir tot. Da sind die
Polen pltzlich sehr demtig geworden und haben gesagt: Es ist alles nur ein
Spa gewesen! Und im Herbste hat sich gezeigt, da leider auch alles andere ein
Spa gewesen ist - die ganze kaiserliche Revolution, ber die man sich so
gefreut hat. Der Jud' ist Jud' geblieben, so rechtlos wie frher; die Steuern
haben nicht aufgehrt, sondern sind im Gegenteil grer geworden als je zuvor;
wer Tabak gebaut hat, hat ihn an das kaiserliche Magazin abliefern mssen, und
das Recht, Schnaps zu verkaufen, hat den Gutsherren gehrt, so wie frher. Nur
die Bauern sind frei geblieben und haben die Robot nicht mehr leisten mssen.
Man hat erzhlt, der Kaiser hat die Revolution wieder zurckgenommen, weil die
Studenten noch einmal keck gegen ihn waren. Und dann hat man gehrt, die Ungarn
schlagen sich mit unseren Soldaten herum, und darauf sind die Russen gekommen,
und wie sie zurck sind, ist alles in Ordnung gewesen und ganz still und ganz
ruhig ...
    Ja, sagte der Soldat mit bitterem Lcheln. Ganz ruhig - die Ruhe eines
Friedhofs. Aber wenn ein Gott im Himmel lebt, so wird es einmal wieder laut
werden, sehr laut - und dann wirst du wieder von den Wiener Studenten hren ...
    Gut, meinetwegen, sagte Sender gleichmtig. Aber was geht das uns beide
an?
    Mich geht die Revolution an! denn sie war der Stolz und die Freude meines
Lebens, und sie ist mein Unglck geworden. Hre - ich selbst war unter jenen
Wiener Studenten, welche, wie du meinst, keck mit dem Kaiser waren. Und wegen
dieser Keckheit haben sie mich anfangs zum Tode verurteilt und dann aus Gnade
fr Lebenszeit als Gemeinen ins Fuhrwesen gesteckt ...
    Fr Lebenszeit?! rief Sender erschreckt. Das ist eine furchtbare Strafe!
Da sind Sie wahrscheinlich - verzeihen Sie - sehr keck gewesen. Haben Sie dem
Kaiser vielleicht - verzeihen Sie - noch einmal die Fenster eingeschlagen?!
    Bewahre! ... Niemals!
    Unserem Bezirksvorsteher ist das dreimal geschehen! Oder haben Sie ihm am
Ende gar - aber das wird sich ja niemand trauen - haben Sie ihm die Zunge
gezeigt?!
    Behte! Mit unserer Ehrfurcht vor dem Kaiser hat die Sache nichts zu tun
gehabt. Vielleicht wird sich einst noch zeigen, da wir die Kaisertreuen gewesen
sind, nicht unsere Verfolger! Aber das kannst du nicht verstehen!
    Nein, sagte Sender. Aber Ihre Strafe verstehe ich, - die ist sehr hart.
Und warum haben Sie gerade Furbes werden mssen? Da dienen ja nur die rohesten
Leute! ...
    Eben um die Strafe zu verschrfen!
    Und warum drfen Sie kein Buch lesen?
    Damit ich mit der Zeit ein Tier werde, dumm und stumpf, damit ich gehorche
wie eine Maschine!
    Der Mann schlug verzweiflungsvoll die Hnde vors Antlitz.
    Sie armer Mensch! sagte Sender, und die Trnen traten ihm in die Augen.
Sie sind wirklich weit mehr zu bedauern als ich. Denn ich wei noch nicht, was
in den deutschen Bchern steht und mchte es nur gerne wissen, Sie aber haben es
schon erlernt und mssen es vergessen. Ich kann mir denken - das mu ein groer
Schmerz sein! Und dann - jetzt sind Sie ein Furbes, und sonst wren Sie gewi
ein Doktor geworden - nicht wahr?
    Der Soldat nickte.
    Und htten Leute kuriert.
    Nein - Doktor der Philosophie - ich wollte Professor werden - Lehrer an
einer Hochschule -
    Lehrer, rief Sender, und seine Augen leuchteten. O wenn Sie -
    Er hielt inne, er wagte es doch nicht zu sagen.
    Der Soldat nickte freundlich.
    Ich will dich gerne das Lesen lehren, sagte er. Ob dein Zweck vernnftig
ist, wei ich freilich nicht und kann es nicht entscheiden, aber das bichen
Wissen wird dir keinesfalls schaden.
    Sender faltete die Hnde.
    Ich danke Ihnen, stammelte er, und die Trnen rannen ihm ber die Wangen.
    Der Andere schttelte den Kopf.
    Nein, mein armer Junge, sagte er, vielleicht habe ich dir zu danken. Nun
habe ich wieder einen Menschen, mit dem ich sprechen kann, der mich weder qult
noch verhhnt. Und dann - wie oft bin ich da unten auf der Brcke stehen
geblieben und habe in die Wellen hinabgesehen, lange - zu lange ... Es ist gut,
wenn man ein Ziel vor Augen hat und sich sagen kann: Es gibt einen Menschen, der
dich erwartet, dem du ntzen kannst.
    Sender nickte ernst. Er hatte kaum recht verstanden, was der Soldat meinte,
aber er wute: Das ist ein guter Mensch, und es ist ihm weh ums Herz ...
    Darum wagte er nicht zu sprechen, auch der Soldat schwieg.
    Endlich fate sich Sender ein Herz und fragte: Entschuldigen Sie zur Gte -
werden Sie mich hier unterrichten?
    Wo sonst? war die Antwort. Es liegt uns beiden daran, nicht gesehen zu
werden. Ich habe jeden dritten Tag keinen Dienst, da will ich hierherkommen!
    Gott lohn' es Ihnen, sagte Sender. Brauche ich eine Fibel, wie sie des
Doktors Sohn hat?
    Gut wr's!
    Im Laden bei Jossef Grn sind sie zu kaufen, dreiig Kreuzer kostet das
Buch. Aber ich trau' mich nicht hin. Man wird mich fragen, wozu ich sie
brauche.
    Nun, meinte der Soldat, dann mu es ohne Fibel gehen. Die Buchstaben kann
ich dich aus meinem Buche hier lehren, dem einzigen, welches ich besitze.
    Er zog es aus dem Stiefel hervor; ein kleines, abgegriffenes Bndchen mit
zerrissenem Deckel.
    Ist das ein Gebetbuch? fragte Sender.
    Nein, aber mir hat es mehr Trost gewhrt, als wenn es ein Gebetbuch wre.
    Der Jude nahm es mit ehrfurchtsvollem Staunen in die Hand und suchte nach
dem Titel. Er fand ihn natrlich da, wo bei hebrischen Bchern, in denen der
Druck von rechts nach links luft, das Ende zu stehen pflegt.
    Verkehrt gedruckt! murmelte er erstaunt.
    Aber noch verblffter ward er, als er im Bchlein bltterte.
    Das ist ja eine Verschwendung, sagte er, ein Leichtsinn. Warum sind die
Zeilen so kurz, und rechts und links ist doch so viel Raum.
    Es sind Verse, belehrte ihn der andere. Die hat ein edler Mann
geschrieben, der mit uns in Wien war. Ich habe das Bchlein auf dem Durchmarsch
in Mhren von einem braven Mann bekommen, der Mitleid mit mir hatte. Ein
greres Geschenk htte er mir nicht machen knnen! Ich trage das Bchlein
bestndig bei mir, obwohl das ein groes Wagnis ist. Weh' mir, wenn man dahinter
kommt!
    Warum?
    Warum? lchelte der Soldat. Weil der Mann, der es gedichtet hat, auch zu
jenen gehrt, welche keck mit dem Kaiser waren. Er ist auch nur durch einen
Zufall demselben Schicksal entronnen, das mich getroffen hat, dem selben oder
einem hnlichen. Und merke dir's: der Mann ist auch ein Jude!
    Ah! - wie heit er?
    Moritz Hartmann.
    Auch aus Polen?
    Nein, aus Bhmen. Auch ber deine Glaubensgenossen steht manches gute Wort
in dem Bchlein, und du sollst es verstehen lernen!
    Gut! nickte Sender. Aber auf andere Sachen freue ich mich mehr. Denn auf
Juden, wissen Sie, verstehe ich mich auch jetzt schon ganz gut! Also bermorgen,
Montag - nach dem Essen komm' ich her!
    Ich werde pnktlich sein! versprach der Soldat.
    Sie schieden und gingen auf verschiedenen Pfaden dem Stdtchen zu ...

                                 Achtes Kapitel


So ward Senders Wunsch erfllt, wenn auch in recht sonderbarer Weise: der
einstige Wiener Legionr Heinrich Wild wurde sein Lehrer und Moritz Hartmanns
Reimchronik des Pfaffen Mauritius sein Fibelbuch.
    Von solchem Lehrer und aus solcher Fibel lernt sich mehr, als das bloe
Lesen. Es ging in den nchsten Monaten etwas wirr zu im Kopfe des Pojaz. Wenn
die Morgensonne aufsteigt, mu sie einen harten Strau kmpfen mit den Schatten
der Nacht, den Dnsten der Dmmerung. Heinrich Wild hatte da ein schweres Stck
Arbeit bernommen.
    Aber er vollfhrte es gern, nach bester Kraft und mit wachsendem Eifer. Es
war nicht leicht zu entscheiden, ob sich Lehrer oder Schler mehr nach diesen
Stunden im einsamen Gemuer sehnten. Sie muten auf getrennten Wegen
emporschleichen und es hatten beide oft rechte Mhe, sich unbemerkt
davonzustehlen. Aber sie kamen dennoch pnktlich, weil sie einander lieb hatten,
weil sie einander boten, was jeder bedurfte: der Schler dem Lehrer ein
empfngliches, teilnehmendes Herz, der Soldat dem armen Judenjungen den Einblick
in die fremde Welt, nach der er sich sehnte, das Mittel zu jenem Ziel, das ihm
der Leitstern seiner Tage war und der Traum seiner Nchte ...
    Theater!- In der Reimchronik stand wahrlich nichts darber. Diese Reime,
in denen ein freiheitsdrstendes Herz wettert und sthnt, segnet und flucht,
spottet und weint, hofft und verzweifelt, diese holprigen, ungefgen und doch so
ergreifenden Reime schilderten wohl auch eine Tragikomdie, aber eine wirkliche
und wahrhaftige, welche die Menschen selbst kurz vorher erlitten und erlebt. Das
zuckende Leben der Gegenwart lag darin mit allen, allen seinen Strebungen. Darum
konnte Sender ohne den Lehrer auch nicht eine Zeile davon verstehen, und der
Exlegionr mute viel erklren, besonders da Sender, nach Art seiner Genossen,
unablssig neue Fragen tat. Aber mochten sie von welchem Thema immer sprechen,
von Goethe oder Frankfurter Wrsten, von Windischgrtz oder der Nordsee,
schlielich fand Sender doch den bergang zu dem Brennpunkt seiner Gedanken.
    Da lasen sie einmal in der Chronik das schne Gedicht: Der arme Jude. Ein
gebckter Hebrer schleicht zu Kossuth ins Zelt und bringt dem Diktator das
Letzte, was er besitzt:

Was mir geblieben an Geld und Gut
Und was ich gerettet: mein Leben und Blut,
Ich bring's frs Vaterland heran,
Das ich in Ungarn neu gewann!

Sender hatte seine Freude daran.
    Da sieht man, sagte er stolz, da wir Juden auch dankbar sind, wenn man
uns gut behandelt.
    Wild bestrkte ihn in diesem Stolze und wies darauf hin, wie die Reaktion
auch die Juden wieder in ihren Rechten gekrzt habe.
    Das ist wahr, meinte Sender. Aber, setzte er zgernd hinzu, gar so
schlecht ist es doch nicht und ich knnte mich nicht beklagen -
    Wie? rief der Andere erstaunt.
    Nun, Komdiant, darf der Jud' doch auch werden.
    Ein andermal lasen sie die ergreifende Klage:

Umsonst lag Deutschland in Gebeten
Vor'm Gott der Freiheit auf den Knien - -
Mein armes Wien, du bist zertreten,
Zertreten und gebrochen ganz,
Wie Saragossa und Numanz,
Und wie die Heimat der Karthager.

Und zu dem ergreifenden Texte wute der arme Student aus der eigenen Erinnerung
blutige, erschtternde Bilder zu malen.
    Der Jngling hrte mit glhenden Wagen zu, und seine Fuste ballten sich.
Dann versank er in tiefes Brten.
    Das wr' schn, murmelte er, alle Leute mchten weinen ...
    Was meinst du?
    Nmlich, wenn man das auf dem Theater nachmachen wrde. Ich mchte dann ein
Student sein, oder auch der alte Arbeiter, von dem Sie erzhlt haben.
    Und das ist alles, was du dabei fhlst?! rief Wild entrstet. So viel
Blut, so viel Trnen, und du denkst nur, wie man es nachffen knnte?!
    Sender fuhr zusammen und blickte ihn erschreckt an.
    Entschuldigen Sie ... stammelte er. Ich verstehe nicht ...
    Hast du denn kein Mitleid mit all dem Elend?!
    Natrlich! beteuerte Sender gekrnkt. Was denken Sie von mir? Aber eben
darum denk' ich mir: Das wr' der Mhe wert, da man's nachmacht ...
    Theater! Was sich nicht darauf bezog, interessierte Sender nicht, was ihm
nicht dafr ntzen konnte, das trieb er gar nicht, oder doch sehr ungern.
    So gab er sich zum Beispiel mit dem Schreiben anfangs unmenschliche Mhe. Er
hatte nur Nachts in verschlossener Kammer Gelegenheit, die Vorlage seines
Lehrers nachzumalen, bei Tage war er ja unter den Augen seines Meisters oder der
Mutter. Und so sa er beim Scheine seines drftigen llmpchens Stunde um Stunde
und schrieb unverdrossen wohl an die hundert Male dasselbe Zeichen oder dasselbe
Wort.
    Mutig kmpfte er gegen die Mdigkeit, aber einmal fielen ihm dabei doch die
Augen zu, und er erwachte erst, nachdem ihm ein Stck des brennenden Dochtes auf
die Hand gefallen war und eine Wunde hineingebrannt hatte. Das war ihm denn doch
zu unangenehm, und als er am nchsten Tage wieder im Burghofe vor dem Soldaten
stand, fragte er demtig: Entschuldigen Sie zur Gte - aber mu ein Komdiant
eine schne Schrift haben?
    Warum? fragte Wild.
    Darum!
    Und Sender wies auf seine Wunde.
    Nun, entschied der Lehrer, eine schne Schrift mu ein Komdiant nicht
unbedingt haben, aber leserlich mu er schreiben knnen, wie jeder gebildete
Mensch.
    Sender nickte frhlich. Von da ab bte er allnchtlich nur eine halbe
Stunde. Leserlich schreiben, meinte er, das knne er ja ohnehin ...
    Einer anderen Mhe hingegen unterzog er sich mit grter Ausdauer. Er wollte
und mute hochdeutsch sprechen, und es gelang ihm mit der Zeit auch berraschend
gut. Sein merkwrdiges Nachahmungstalent kam ihm da vortrefflich zu statten. Wie
er schon einst als Kind seinem alten Freund Fedko durch sein reines Ruthenisch
schwere Zweifel an seiner jdischen Abkunft erweckt, so setzte er nun den
Soldaten durch seine reine Aussprache in Verwunderung.
    Doch war die Sache nicht so glatt und hatte ihre sonderbare und komische
Seite.
    Wild war im Unterinntal geboren und aufgewachsen, und wenn er auch ein
Schriftdeutsch sprach, so schlug dabei doch der grobkrnige, tirolische Dialekt
sehr vernehmlich durch. Mit dem Richtigen horchte ihm Sender natrlich auch
diese eigentmlichen Mngel ab und sprach daher das Deutsche etwa so, als wre
er in Jenbach geboren oder in einer anderen Zwingburg der katholischen
Glaubenseinheit. Ferner hatte es der Jngling wohl in der Gewalt, alle Unarten
seines Jargons, soweit sie Tonfall und Aussprache betrafen, zu vermeiden, aber
sein deutscher Sprachschatz war kein allzu reicher, und so mute schlielich
doch sein gewohntes Jdischdeutsch herhalten. Kurz - Senders Rede hrte sich so
an, als wenn ein Tiroler den Dialekt der polnischen Juden sprechen wrde.
    Es ist unbeschreiblich, wie komisch das klang. Der unglckliche Soldat, den
sein Schicksal sonst nicht gerade zur Heiterkeit stimmte, bekam oft wahre
Lachkrmpfe, bis Sender gekrnkt rief: Oper ichch pitte Sie, pin ichch ein
geporener Deutsch?
    Da schwieg Wild, denn entmutigen wollte er den Schler nicht, und wie die
Aussprache etwa zu bessern wre, dafr wute er zunchst keinen Rat. Das
schleift sich vielleicht ab, dachte er, wenn er erst unter gebildete Leute
kommt. Hingegen erfllte ihn der tolle Wirrwarr, der in diesem Schdel
herrschte, mit bleibender Sorge, und oft genug berkam ihn der Gedanke, da er
Sender durch den seltsamen Unterricht mehr als Gutes zugefgt. Die historischen
Kenntnisse des Jnglings beschrnkten sich auf die biblische Geschichte und die
Ereignisse von 1848, aus dem Nebel, der dazwischen lag, tauchten nur die Namen
der Kaiser Titus und Napoleon auf, weil sie, der eine als Feind, der andere als
Freund der Juden auch im entlegensten Ghettowinkel ein unsterbliches Leben
fhren - daran reihten sich nun in tollem Wirbel die Gagern, Radowitz, Arndt und
Robert Blum. Von fremden Vlkern und Lndern wute Sender fast nichts, und da
die Erde eine Kugel sei und sich um die Sonne drehe, glaubte er seinem Lehrer
nur aus Hflichkeit. Aber was er so etwa gleichsam zufllig erfuhr, das haftete
dann auch, und hatte es zu seinem Idol irgend einen Zusammenhang, so blieb es
ihm vollends unvergelich. Da buchstabierte er einmal seinem Lehrer die Stelle
vor:

Die armen Magyarn haben's auch erfahren,
Sie ben heut, da vor hundert Jahren
Sie ihr: Moriamur pro rege riefen
Und froh in Tod und Verderben liefen,
Zu retten eine frstige Frau ...

Wild erklrte ihm, da darunter Maria Theresia gemeint sei, und wie sie auf dem
Preburger Landtag die Stnde zur Begeisterung entflammt habe.
    Sender hrte aufmerksam zu. Das wr' auch ein schnes Spiel, sagte er.
Hat das noch niemand aufgeschrieben?
    Wild verneinte. Und immer nur das Theater! tadelte er dann. Sonst magst
du dir nichts merken.
    Was brauch' ich denn das andere? entschuldigte sich Sender. brigens wei
ich schon was: Vier groe Kniginnen kenn' ich schon! Die Knigin von Saba, die
zum Salomo zu Besuch gekommen ist, und die Knigin Esther, die den Haman hat
aufhngen lassen, und die Maria Theresia und dann die Elisabeth.
    Welche Elisabeth?
    Die englische Knigin, die unter Schaksburr gelebt hat!
    Wild lachte. Woher weit du das?
    Wie ich Ihnen das Spiel vom Schaylock erzhlt hab', haben Sie gesagt: Das
hat ein Englnder gemacht zur Zeit der groen Elisabeth. Aber von ihm redet noch
jeder und von ihr? Also hat sie unter ihm gelebt!
    Derlei Aussprche hoben wieder die Zuversicht des Lehrers. Ein gutes
Gedchtnis, viel Verstand, ein rhrend guter Wille waren ja vorhanden,
vielleicht gelang es allmhlich, dieses Chaos zu klren. Und er nahm die Arbeit
mit neuem Mut auf.
    So setzte sich der Unterricht fort bis tief in den Herbst hinein. Die Tage
wurden krzer und khler, der Oktoberregen brach ein. Betrbt saen Lehrer und
Schler unter einem Mauervorsprung der Kapelle, der ihnen leidlichen Schutz
gewhrte, und grbelten darber nach, wo sie den Winter ber zusammenkommen
knnten. Doch war da guter Rat teuer, und so lange sie auch brteten - sie
fanden keinen Ausweg.
    Aber die Sorge war leider berflssig gewesen.
    Als Sender am letzten Sabbat des Oktober trotz Sturm und Regen zur
verabredeten Stunde zur Ruine kam, fand er den Soldaten nicht, obwohl er bis zum
Einbruch der Dmmerung harrte.
    Das schlechte Wetter hat ihn abgehalten, trstete er sich, aber es war ein
schwacher Trost - wute er doch, da es ihn sonst nie abgehalten hatte.
    In der Tat erwartete er auch am Dienstag, einem goldklaren, milden
Herbsttag, seinen Lehrer vergeblich.
    Er ist krank, dachte Sender betrbt. Und nun erst wurde er inne, wie lieb
ihm der sanfte, melancholische Mensch geworden.
    Er beschlo, Erkundigungen nach ihm einzuziehen.
    Vielleicht, dachte er, kann ich ihm doch heimlich ins Spital eine Labung
zukommen lassen oder etwas Geld.
    So schlich er denn um das Militrlazarett herum und sann auf ein Mittel, wie
er sich mit dem Freunde in Verbindung setzen knne. Da sah er einen Mann vom
Fuhrwesen herbeikommen, der den Arm in der Schlinge trug. An diesen trat er
heran.
    Weg - varfluchte Jud'! rief der Soldat grimmig. Es war ein Tscheche mit
rohem, stupidem Gesichte, der das Deutsche nur gebrochen sprach.
    Entschuldigen Sie zur Gte ... begann Sender demtig.
    Schweig, Hund!
    Aber Herr Feldwebel! - mchten Sie nicht fnf Kreuzer verdienen?
    Das wirkte. Jo - gib - Jud'!
    Dann mssen Sie mir aber zur Gte sagen, ob Ihr Kamerad Heinrich Wild da
drinnen ist?
    Is Hund! schrie der Soldat und wurde krebsrot vor Zorn, hot mich gehaut
mit Sabel - hot Martin gehaut - hot Vorreiter gehaut -
    Gott beschtz' uns, rief Sender erschreckt. Wie ist das zugegangen?
    Wozu frogst, Jud'?
    Weil er - Sender stockte und log dann rasch: Weil er mir Geld fr Schnaps
schuldig ist.
    Hoho! grhlte der Soldat, kriegst nie Geld, Jud'! Wild pritsch - kaput!
    Tot?! rief Sender, und sein Herz stand still vor jhem Weh.
    Heut' nicht. Ober morgen, bermorgen. Is zu Stab gefhrt - Stab in Kolomea
- wird erschossen!
    Erschossen! sthnte Sender.
    Is Rebell, is Hund varfluchte - verdient Strick, nicht ehrliche Kugel.
    Aber wie ist das zugegangen?
    Dem armen Burschen versagte die Stimme.
    Zuerst gib fnf Kreuzer, Jud'!
    Nachdem er die Kupferstcke erhalten, erzhlte der Soldat: Weit, Jud' -
Wild is Tckmuse gewesen, Student varfluchte. Nix lustig! nix Madel! nix
Schnaps! Mir hab'm ihn alle nit leiden knnen, Herr Hauptmann sogt immer:
Tckmuse hochverratige! Kummt Herr Hauptmann Freitag Nacht in Kasern', kummt in
Schlofsaal, sogt Trumpeter: Allarm blosen, will sehen, ob Ordnung is. Trumpeter
blost. Mir springsme alle auf, Wild auch. Ober da follt ihm Bchel heraus, wos
hot getrogen unter Hemd. Will schnell verstecken, ober Herr Hauptmann sieht und
schreit: Bchel her! Wild wird wie Leiche, sogt: Ich geb' nicht! Schreit Herr
Hauptmann: Soldaten, reit's ihm Bchel weg. Wir auf Wild. Ober Wild auf Bett,
reit Sabel heraus, fuchtelt herum, schreit: Wer mich anrhrt, wird kaput! Wir
doch auf ihn. Ober er haut mich mit Sabel und Kamerad Martin und Vorreiter.
Endlich hab'm ihn doch gepackt und gebunden. Wie Herr Hauptmann Bchel
aufschlagt, schttelt er Kopf: Is ja von Pfaffen, konn nit verboten sein! Ober
donn liest er im Bchel, zittert vor Wut, sogt: Hund wird erschossen. Und
Samstag hot Wild fnfzig Stockstreich gekriegt, bis is liegen geblieben wie tot.
Ober heut frh sogt Herr Doktor: Konn transportiert werden! Lat Herr Hauptmann
auf Wagen loden, zu Kriegsgericht fhren, zu Stab in Kolomea ...
    Und was wird mit ihm geschehen? jammerte Sender.
    Worum schreist, Jud'? Moch Kreuz ber dein Geld - kriegst nie mehr! Wird
erschossen, Hochverrate varfluchte!
    Der Soldat ging.
    Betubt blieb Sender stehen, als htte ihn der Blitz getroffen. Die Trnen
rannen ihm unablssig ber die Wangen, er empfand es kaum. Es war ihm dumpf im
Hirn und weh im Herzen, sehr weh.
    Er mochte nicht heimgehen, noch minder zum Meister. So schlich er denn zum
Stdtchen hinaus an eine einsame Stelle und warf sich da ins rote Heidekraut
nieder und weinte sein Weh aus.
    Er weinte nur um den armen Freund. Erst als er ruhiger geworden, kam ihm der
Gedanke an sich selbst und wie er nun ohne Fhrer und Lehrer dastehe. Aber da
weinte er nicht mehr, ruhig und gefat grbelte er darber nach, was er nun
beginnen msse.
    Erst am Abend kam er heim.
    Die Mutter erschrak, als sie ihn sah.
    Was fehlt dir? rief sie. Du bist totenbla?
    Es ist nichts, wehrte er ab, ein bichen Kopfweh. Morgen frh bin ich
wieder ganz gesund - ich verspreche es dir.
    Dieses Versprechen hielt er auch.
    Still und ruhig ging er am nchsten Morgen an die Arbeit. Er hatte seinen
Entschlu gefat. Ich kann Deutsch lesen, schreiben und sprechen, sagte er
sich. Was mir fehlt, sind Bcher. Kann ich mir die auftreiben, so bleib' ich.
Ich werd' mir schon selbst weiterhelfen.
    Und er grbelte darber nach, wie er sich Bcher verschaffen knne. Es hatte
dies groe Schwierigkeiten, denn nur wenige Leute in Barnow hatten deutsche
Bcher. Der Stadtarzt stand im Rufe groer Menschenliebe, und Schlome Grnstein
war ein sanfter, gtiger Mensch - aber, frchtete Sender, vielleicht halten
sie mein Streben fr tricht oder sndhaft und verraten mich doch.
    Ein anderer Weg dnkte ihm sicherer und klger. Die einzige groe Bibliothek
des Stdtchens, ja des Kreises, fand sich im Kloster der Dominikaner. Sie
stammte aus einstigen Tagen, da der Orden noch sehr reich gewesen und sich
diesen Luxus erlauben konnte. Auch deutsche Bcher gab es da, sogar auffallend
viele, und darunter solche, die man wahrlich in einer gottgeheiligten Bcherei
nicht vermutet htte.
    Es hatte dies seine eigene, sonderbare Bewandtnis. Als das Land unter
sterreichische Herrschaft gekommen, da war die kluge k.k. Militrverwaltung,
die im Namen und Geiste Kaiser Josephs das Land organisierte, mit Eifer und
Glck beflissen gewesen, in jedes Kloster, welches man nicht aufheben wollte
oder konnte, doch mindestens zwei Patres aus den deutschen Erblanden zu bringen.
Und wo es nur irgend anging, wurde einer von ihnen zum Prior gemacht. Es geschah
dies aus leichtbegreiflichen Grnden. Die Interessen des deutschen Priesters
waren von denen der Regierung in dem eben gewonnenen Lande nicht verschieden. So
war auch im letzten Jahrzehnt des achtzehnten Skulums ein kluges, behbiges
Mnchlein aus dem Breisgau, Pater Stephanus, Prior zu Barnow geworden und blieb
an die vierzig Jahre da. Aber so sanft und leicht er auch sich und den Brdern
das Joch des gottgeflligen Berufs auflud, er fhlte sich doch nie recht wohl im
fremden Lande und lie sich darum als Trster mindestens aus der Heimat so viele
deutsche Bcher kommen, als der Klostersckel nur immer bezahlen konnte. Der
gute Stephanus las gern ein gutes Buch und stapelte die Klassiker in langer
Reihe auf, aber fast noch lieber mag der dicke, fromme Herr schlechte Bcher
gelesen haben, sofern sie nur sehr amsant waren. Als die Patres nach seinem
Tode die Bibliothek inventierten, entsetzten sie sich nicht wenig und lasen im
frommen Schreck jedes solche Buch mehrere Male. Dann aber kam der sonderbare
Schatz allmhlich in Vergessenheit und im whrenden Zeitenlauf legte sich auch
ber die Bcher des Stephanus dieselbe Staubdecke, welche die schweren, frommen
Folianten bedeckte. Denn das Kloster verarmte immer mehr, die Brder
rekrutierten sich aus immer niedrigeren Stnden, und so fanden sich schlielich
nur noch mit Mhe die Lehrkrfte fr die Klosterschule, obwohl da wahrlich nur
sehr schlichte Weisheit vorgetragen wurde.
    Die Bibliothek stand verdet und auer den Spinnen und Musen waltete nur
noch ein einziger Mann in den beiden hohen, dsteren Slen. Das war der einstige
Meier und jetzige Hausverweser das Klosters, Fedko Hayduk, jener alte,
schweigsame Mann, dem einst der kleine Senderko so gut gefallen hatte. Er
sorgte seinem Auftrage gem dafr, da nichts wegkomme, aber er hielt sich
nicht fr verpflichtet, entgegenzuwirken, wenn sich das Vorhandene mehrte. Und
so ward die Staubdecke immer dichter, die Zahl der Muse immer stattlicher.
    Auf den Fedko nun setzte Sender seine Hoffnung oder vielmehr nur auf die
schne, kupferige Nase des Mannes. Er wute von dem vermodernden Bcherschatze
im Kloster, wie jedes Kind in Barnow, und wute auch, da es nur von Fedko
abhnge, ihm den Zugang zu verschaffen.
    Ein Mann, dachte er, der eine solche Nase im Gesichte trgt, wird wohl
nicht unbarmherzig sein, wenn man sich ihm mit freundlichen Worten und gutem
Schnapse nhert.
    Und diese Probe wagte er denn auch schon in den nchsten Tagen. Da suchte er
den Alten in seiner Stammkneipe auf.
    Fedko sa in derselben Ecke, wo er seit manchem Jahr zu sitzen pflegte, und
trank still und lchelte stumm vor sich hin. Er war ein einsamer Zecher und
berflssiger Rede fast so abhold wie dem Wasser, sofern es nicht gebrannt war.
    Ei guten Tag, lieber Fedko, begann Sender freundlich, indes ihm das Herz
vor banger Erregung wie ein Hammer schlug, tglich jnger, auf Ehre, tglich!
Wie lange ist's schon her, da wir nicht geplaudert haben? Vielleicht schon ein
Jahr! Da habe ich dich vom Meierhofe der Mnche nach Barnow mitgenommen. Du
mutest rasch zurck - es war dein Namenstag!
    Ja, ja, nickte der Alte freundlich und blickte dann wieder in sein Glas.
    Wir haben so lustig geplaudert, du hast mir von den vielen Musen in der
Bibliothek erzhlt.
    Hm! - wirklich!
    Und hast mich gefragt, ob ich kein Mittel dagegen wei. Ich wute keins.
Aber neulich habe ich ein sicheres Mittel erfahren.
    Ich glaube, du irrst dich, sagte Fedko bedchtig. Ich habe die Muse nie
tten wollen. Warum? Es sind ja auch Geschpfe Gottes -
    Aber sie zernagen die Bcher.
    Krnkt dich das?
    Nein - ja - stotterte Sender verlegen.
    Aber da kam ihm ein rettender Gedanke.
    Lassen wir die Muse, rief er. Eben fllt mir ein, es ist heute genau ein
Jahr, da wir beisammen waren. Heute ist ja dein Namenstag.
    Nein, lieber Senderko!
    Schade! rief dieser. O wie schade! Eben wollte ich zu Ehren des Tages
eine Flasche Slibowitz bestellen.
    So, so! Der Alte dachte nach, lange und gewissenhaft.
    Nein, sagte er dann, so leid es mir tut, heute ist nicht mein Namenstag!
    Dann wollen wir ihn im voraus feiern, rief Sender. He - eine Flasche!
    Der Slibowitz erschien. Fedko leerte langsam das eingeschenkte Glas und
schnalzte zufrieden mit der Zunge.
    Dann blickte er den Jngling freundlich an und sagte: Nun sprich nur gerade
heraus!
    Was?
    Was du von mir willst!
    Ich - hm! Wirklich nichts -
    Nur der alte Herrgott hat Wunder getan, sagte Fedko langsam und wuchtig,
und dann sein Sohn, der Herr Christus. Aber jetzt geschehen keine Wunder mehr.
Und darum zahlt kein Jude einen Slibowitz, wenn er nicht etwas will.
    Nun ja! Aber du verrtst mich nicht?
    Ich?
    Ich wei, du bist kein Schwtzer. Auch bist du ein guter Mensch und wirst
mich nicht unglcklich machen. Also - ich mchte die Bibliothek der Mnche
anschauen.
    Fedko dachte lange nach, wohl fnf Minuten. Endlich sagte er: Ich habe
fragen wollen: Wozu? Aber das geht mich nichts an. Gar nichts. Also: blo
anschauen? Ja!
    Und mir ein Buch nach Hause mitnehmen, und wenn ich's zurckbringe, ein
anderes!
    Nein! erwiderte der Alte sofort und entschieden. Nicht um die Welt! -
nicht um fnf Gulden! Der Prior hat gesagt: Fedko, du stehst dafr, da nichts
wegkommt! Ich stehe dafr.
    Aber ich bringe es wieder! Bin ich doch in deiner Hand - ein Wort von dir
macht mich unglcklich.
    Da nichts wegkommt! wiederholte Fedko nachdrcklich, und wenn ein Buch
bei dir ist, so ist es nicht in der Bibliothek.
    Gegen diese Logik war nichts einzuwenden. Sender seufzte tief auf.
    Aber vielleicht ist es dir wenigstens erlaubt, bat er, mich tglich auf
zwei Stunden bei den Bchern einzusperren? Ich verspreche dir - ich - ich feiere
dann wchentlich deinen Namenstag ...
    Wieder dachte der Alte nach, lange, sehr lange.
    Ja, sagte er dann.
    Sender atmete auf. Sie verabredeten, da er tglich von zwlf bis zwei Uhr
bei den Bchern bleiben drfe. Das waren seine einzigen Freistunden; um halb
zwlf begann in der Werksttte die Mittagspause. Freilich blieb ihm dann wenig
Zeit zum Essen, aber was konnte ihm daran liegen! ...
    Noch eins, sagte Fedko. Ich habe gehrt, da die Juden viele bse
Zaubereien knnen. Nicht aus Schlechtigkeit, sondern nur wegen des jdischen
Glaubens. Und da drinnen sind heilige Bcher - wirst du da keine Hexereien
verrichten? Und wie, wenn du den heiligen Geist daraus vertreibst - und dann
kommt der Herr Prior und sucht ihn, weil er ihn gerade braucht, und findet ihn
nicht mehr -
    Nachdem Sender ihn auch darber beruhigt und mit furchtbaren Eiden
geschworen, dem heiligen Geist nichts anzutun, gab der Alte endlich nach.
    Gut! Also morgen! Kurz nach dem Mittagsluten, bei der Tartarenpforte.

                                Neuntes Kapitel


Die Tartarenpforte war eine Hinterpforte des Klosters, die in ein einsames
Gartengchen mndete, in dem nur zuweilen, und dann auch nur in der Dmmerung,
ein Liebespaar zusammentraf. Ihren Namen hatte sie aus den alten, blutigen
Tagen, wo die Tartaren in einem der zahllosen Grenzkriege zwischen Polen und der
Trkei das Kloster belagert hatten und endlich hier eingedrungen waren, um die
Geschorenen des bleichen Gtzen zu tten.
    Am nchsten Tage, als es zu Mittag lutete, stand Sender hier harrend, und
trotz der warmen, fast sommerlichen Herbstsonne klapperten seine Zhne wie
Kastagnetten, und ein Fieberfrost durchzitterte seine Glieder. Man legt
altgewohnten Aberglauben nicht so leicht ab, wie ein abgetragenes Gewand. Er war
in der Anschauung aufgewachsen, da man die Augen niederschlagen msse, wenn man
an diesem Hause vorbeigehe, da es eine Todsnde sei, es zu betreten.
    Ich werde jetzt ein Abtrnniger, sagte er leise vor sich hin. Ist es das
Opfer wert?
    Aber er bezwang sich, bi die Zhne aufeinander und blieb. Und bald, nachdem
der letzte Schlag der Mittagsglocke verhallt war, trat auch Fedko heraus, einen
mchtigen Schlsselbund in der Hand.
    Mittag! sagte er. Komm!
    Sender folgte entschlossen, aber seine fieberhafte Erregung war so gro, da
er sich unwillkrlich an die Wand lehnte, um nicht umzusinken. Er atmete schwer,
seine Augen schlossen sich.
    Krank? fragte Fedko.
    Nein, nein! stammelte er mhsam.
    Und gewaltsam raffte er sich auf und folgte, wenn auch wankenden Schritts.
    Sie gingen einen langen Korridor hinab. Es ward immer dunkler um sie, feucht
und kalt schlug ihnen die Luft entgegen, grnlicher Schimmel berzog die Wnde.
    Der Korridor des Severin, erklrte Fedko.
    Vor einem mchtigen Kruzifix blieb er stehen.
    Hier haben die verdammten Heiden den Prior Severin erschlagen. Er war ein
neunzigjhriger Greis. Hier an der Wand unter der Glastafel ist sein Blut und
Hirn zu sehen.
    Sender wandte den Blick ab.
    Zieh den Hut! sagte Fedko.
    Der Jngling schttelte leise den Kopf.
    Komm, bat er dann.
    Du willst nicht? fragte der Alte. Warum? Wenn ich in eure Synagoge kme,
wrde ich auch den Hut ziehen. Man soll keinen Gott verachten, weder den alten,
noch den jungen. Der alte kann was, der junge kann was! Aber wie du willst ...
    Sie gingen weiter und eine Treppe empor. Staub und Moder bedeckte die
Stufen, eine Fledermaus erhob sich schwirrend.
    Kommen die Mnche nie hierher? fragte Sender.
    Nein, war die Antwort. Es ist ja nur der Aufgang zur Bibliothek. Jeder
Mnche hat ohnehin sein Gebetbuch.
    Und die Lehrer der Schule?
    Der Pater Marcellinus, meinst du, und der Frater Antonius? Die haben jeder
drei Bcher in ihrer Klause.
    Ist das genug?
    Mehr als genug!
    Sender blickte ihn prfend an - aber der Alte meinte es ernst.
    Im ersten Stockwerk tat sich wieder ein langer Gang vor ihnen auf. In einer
Nische stand unter einem Kruzifix eine Bank, daneben hingen Geieln von
verschiedener Form und Gre.
    Das ist der Winkel, wo die Pnitenz erteilt wird, erklrte Fedko. Aber
unter unserem jetzigen Prior kommt das selten vor. Er ist ein guter Mann, der
auch die Fnfe g'rad sein lt. Die eigenen Mnche lt er niemals prgeln und
selbst die fremden sehr ungern - nur wenn er Befehl hat ...
    Kommen auch fremde hierher?
    Ei freilich! Oft waren schon mehrere zugleich hier -
    Auf Besuch?
    Auf Besuch - hehe! - freilich - aber oft jahrelang und nicht freiwillig. Zu
seinem Vergngen kommt keiner her - das Kloster ist arm und der Wein so sauer,
da ich wirklich lieber Schnaps trinke, obwohl ich den bezahlen mu -
    Also als Gefangene?
    Natrlich! - wir sind ja das Strafkloster der Ordensprovinz. Wenn einer ein
Ketzer wird oder den Mdchen so arg nachluft, da es eine Schande ist, so kommt
er hierher, und wir setzen ihm schon den Kopf zurecht.
    Wodurch?
    Wir verstehen das!
    Der Alte ergriff mit grimmigem Lcheln eine der Geieln und hieb durch die
Luft, da es pfiff.
    Ist jetzt so ein Mnch hier?
    Nein - jetzt nicht - sonst htte ich dir nicht den Gefallen tun knnen.
Denn wir pflegen diese Gste an diesem Korridor hier einzuquartieren, in den
Nonnenzimmern. Nmlich - damit sie die Geieln gleich in der Nhe haben - falls
es sie etwa gelstet, sich freiwillig den Teufel aus dem Leib zu treiben ...
    In den Nonnenzimmern?
    Ja - hehe! - In diesen Zellen haben einst, vor hundert Jahren, Nonnen
gewohnt - hehe! Nonnen - du verstehst schon! Damals war das Kloster sehr reich
und der Prior ein lustiger Mann. Aber als er starb, kam an seine Stelle ein
strenger Greis. Der hat keinen Spa verstanden, der alte Ignatius. Jagt die
Weiber hinaus, richtet die Zimmer als Berzellen ein, stellt hier an der Ecke
die Geieln auf und der ganze Konvent mu sich vor diesen Zimmern die Waden wund
hauen ...
    Sender besah sich die Marterinstrumente. Die meisten waren mit dunklen
Flecken bedeckt.
    Das ist Blut, sagte der Alte gleichgltig. Komm -
    Sie schritten den Korridor hinab. Vor einer mchtigen Flgeltre blieb Fedko
stehen. Daneben war eine Marmortafel in die Wand eingelassen. Sie trug in
spitzen, steifen Majuskeln die Inschrift:


                                     BJBL.
                                   C. BARNOV.
                               S.O.S.D.D.G.S.F.P.
                                     MDCXI.

Mit Mhe vormochte Sender die einzelnen Buchstaben zu entrtseln; ihr Sinn blieb
ihm natrlich verschlossen. Die Inschrift lautete: Bibliotheca Conventus
Barnoviensis Sancti Ordinis Sancti Dominici de Guzman sive Fratrum Praedicatorum
(Bibliothek des Klosters Barnow des Ordens des heiligen Dominicus von Guzman
oder der Predigermnche). Beigefgt war das Grndungsjahr der Bibliothek, 1611.
    Hier d'rin sind die Bcher, sagte der Alte.
    Er zog einen mchtigen, verrosteten Schlssel hervor und versuchte zu
ffnen. Das Schlo krachte, aber der Schlssel drehte sich nicht.
    Ich komme selten hierher, erklrte Fedko. Wozu auch? So lange der
Schlssel hier am Bund ist, kommt nichts weg.
    Endlich ging der Flgel auf.
    Ein eisiger Hauch schlug den Eintretenden entgegen, durchdringender
Modergeruch beengte die Brust. Es war fast dunkel in dem riesigen Raume, denn
das Glas der hohen, schmalen Fenster war erblindet, und die Spinnen hatten es
mit dichten Netzen berzogen. Als die beiden ber die vermodernden Dielen mhsam
vorwrts schritten, ward es urpltzlich um sie lebendig, es rauschte in den
Lften, es raschelte am Boden.
    Geschpfe Gottes, trstete Fedko, frchte dich nicht.
    Aber wo sind die Bcher?
    Nun - hier - berall ...
    In der Tat bedeckten sie in mchtigen Regalen alle Wnde vom Boden bis zur
Decke. In der Dunkelheit, und weil eine Staubdecke sie gleichmig berzog,
hatte Sender die endlos aufgetrmten Reihen fr die Wnde selbst gehalten ...
    Und wenn dir das noch nicht genug sind, fuhr Fedko fort, so sieh einmal
her - hier sind noch mehr -
    Sie traten in einen zweiten, noch greren Saal. Hier war es heller, weil
durch die Fenster die Mittagssonne drang. Auch hier war jedes Pltzchen mit
Bchern angefllt, es war in der Tat eine riesige Bibliothek.
    In der Mitte stand ein mchtiger Tisch und ein Sessel. Ein hlzernes
Schreibzeug stand auf dem Tische, die Tinte war lngst eingetrocknet.
    Hier pflegte der alte Pater milius zu sitzen, erzhlte Fedko, den ganzen
Tag, oft auch die Nacht hindurch. Hundert Bcher hat er um sich liegen gehabt,
und hat gelesen und geschrieben - fortwhrend - es war ein Mitleid mit dem
Greis. Warum plagst du dich so, Hochwrdigster? frag' ich ihn einmal. Ich
schreibe ein Buch, erwidert er lchelnd. Aber es sind wirklich genug Bcher da,
sag' ich mitleidig, so sieh dich doch nur um! Aber er lchelt nur so vor sich
hin und schttelt den grauen Kopf. Nun, nach seinem Tode habe ich seine
Schreibereien dem Prior gebracht. Er hat sie flchtig angesehen und gesagt:
Verbrenne sie, der Alte war ein Ketzer! Aber ich habe sie hierher in einen
Winkel gelegt, mir war's, als knnte der Pater milius keine Ruhe im Grabe
haben, wenn ich so seine mhsame Arbeit vernichten wrde.
    Darauf nickte der Alte freundlich: So, jetzt lies, was du willst. Um zwei
Uhr hole ich dich!
    Er ging der Tre zu.
    Sender blickte um sich in dem wsten, halbdunklen Raume, und eine jhe
Bangigkeit legte sich um sein Herz.
    Fedko! rief er unwillkrlich.
    Nun?
    Sender schwieg.
    Frchtest du dich etwa? rief der Alte an der Tre.
    Nein - geh!
    Der Schlssel klirrte, kreischend schlo sich der Riegel.
    Sender war allein.
    Er blieb lange regungslos, auf den Tisch des milius gesttzt, und sein Herz
schlug in dumpfen, schweren Schlgen. Dann richtete er sich auf.
    Es mu ja sein! sagte er laut, und der Klang der eigenen Stimme befreite
ihn von aller Bangigkeit.
    Ruhig schritt er an eines der Fcher heran, und begann die Bcher zu
mustern. Er fegte ein Buch nach dem anderen rein, eine Staubwolke umwirbelte
ihn.
    Aber als er einen der Bnde aufschlug, standen da in lateinischer Schrift
Worte, die er nicht verstand - es mute eine fremde Sprache sein. Sender war an
die rmischen Klassiker geraten.
    Kopfschttelnd wandte er sich zum nchsten Fache; wieder wirbelte er eine
Staubwolke auf, wieder war seine Mhe vergeblich. Denn das Bndchen, das er nun
hervorzog, trug den Titel: Myszeis J. Krasickiego - es war das erste
satirische Epos der Polen, der Musekrieg des Erzbischofs Krasicki.
    Sender schlug das Buch auf und begann zu lesen, er verstand die Worte; aber
nach einer Weile schlug er traurig das Buch wieder zu.
    Was geht's mich an, dachte er, was die Muse da auf Polnisch miteinander
reden?! Ich will die deutsche Weisheit!
    Er trat betrbt an ein drittes Fach heran und zog ein ganz dnnes Bchlein
heraus. Als er es aufschlug, glnzten seine Augen freudig auf - es war Deutsch.
Er las den Titel:
    Abenteuer des Mnchs Paphnutius und der Nonne Paphnutia. Zur Kurzweil fr
fromme Gemter. Gedruckt in diesem Jahre zu Karthago, in der Druckerei zum
irdischen Himmel.
    Voll heiligen Eifers begann er halblaut zu lesen, und ging dabei auf und
nieder. Aber schon auf der dritten Seite hielt er inne.
    Es ist ja nicht mglich, sagte er und wurde blutrot. So etwas beschreibt
man in keinem Buche.
    Aber noch einige Seiten, und nun war keine Tuschung mehr mglich.
    Er warf das Bchlein von sich und nahm es dann wieder in die Hand,
vorsichtig, wie man eine Schlange anfat, und starrte auf den Titel - erstaunt -
entsetzt ...
    Es war eines jener schmutzigen Pamphlete, wie sie das letzte Viertel des
achtzehnten Jahrhunderts in so ungeheurer Menge geboren. Sender war nicht rein
wie Telemach - wer in Jnglingsjahren als Fuhrknecht die podolische Landstrae
befhrt, kann es nicht bleiben. Aber von solcher schmunzelnden, halbverhllten,
raffinierten Gemeinheit hatte er keine Ahnung, und da sie ihm lustig aus den
Lettern eines Buches entgegentrat, das erdrckte ihn fast. Ihm war jedes Buch so
heilig, wie dem Wilden sein Fetisch; und insbesondere jedes deutsche Buch, stand
doch darin die Weisheit!
    Wozu werden solche Bcher gedruckt? fragte er sich, und versuchte an einer
anderen Stelle zu lesen, vielleicht konnte er wenigstens dies erraten. Aber
Paphnutius und Paphnutia blieben sich auf jeder Seite gleich in ihrem Reden und
Tun.
    Da schlug er endlich das Bchlein zu und schob es heftig an seine Stelle
zurck.
    Dann stand er lange regungslos und grbelte ber seine Entdeckung nach.
    Es gibt auch schlechte Bcher, flsterte er erstaunt vor sich hin, um
Gottes willen - wozu gibt es solche Bcher? Wie kann es schlechte Bcher geben?
Und dann: Man wei ja, wie die Mnche sind - der Fedko hat es ja eben selbst
erzhlt - wie, wenn hier lauter schlechte Bcher wren?
    Angstvoll stberte er in dem Fache weiter. Aber der zweite, dritte, vierte
Band, den er hervorzog, war gleichen oder hnlichen Inhalts. Er brauchte nicht
erst darin zu blttern, um dies zu erkennen, schon die sauberen Titelkupfer
lieen keine andere Deutung zu. Sender war zufllig gerade an jenes Fach
geraten, welches der alte Stephanus zur Erheiterung seiner Muestunden so
reichlich ausgestattet hatte.
    Umsonst! sthnte der Jngling. Hier sind keine Bcher, aus denen ich
lernen kann, ich habe die Snde umsonst auf mich genommen.
    Ratlos wendete er den Blick von einem Fache zum anderen. Da fiel ihm eine
Bcherreihe ins Auge, die etwas geringerer Staub bedeckte als die brigen.
Vielleicht hatte der alte milius zuletzt darin geblttert.
    Er trat nher und zog einen der Bnde hervor.
    Theater, las er. Theater von Gotthold Ephraim Lessing.
    Und darunter stand in groem Druck:

                              Nathan der Weise.

Kaum vermochte er das Buch zu halten, so sehr durchzitterte ihn die jhe Freude.
Wie hatte er sich bei den Erzhlungen seines Lehrers darnach gesehnt, endlich
auch so ein aufgeschriebenes Spiel zu lesen! Hier hatte er ein solches vor
sich und es handelte dazu noch von einem Juden. Und Lessing hatte es
geschrieben! Sender erinnerte sich, da Wild ihm erzhlt, das sei ein groer
Dichter gewesen.
    Er blickte zum Himmel empor.
    Gott Israels, Herr der Heerscharen, du starker und einziger Gott, ich danke
dir, da du gewhrt, wonach dein Knecht gedrstet!
    Laut und feierlich sprach er den hebrischen Dankspruch. Er hallte seltsam
von den Klosterwnden wider.
    Dann schlug er das Buch auf. Dem Titel folgten zunchst die Personen. Er
begriff sofort, was das bedeute: Da hat er aufgeschrieben, wieviel Spieler man
dazu braucht und wie jeder heit. Aber schon die erste Zeile im Verzeichnis
fate er sehr eigentmlich auf.
    Sultan Saladin, las er. O du Lump! - Ist das am End' auch ein schlechtes
Buch?! Denn Sultan wird im podolischen Ghetto vornehmlich in jenem Sinne
gebraucht, der auch unserem Sprachgebrauch nicht ganz fremd ist; es ist dort das
allgemein bliche Schimpfwort fr einen Mann, der seinen sinnlichen Lsten die
Zgel schieen lt und es zuchtlos mit mehreren Weibern zugleich hlt.
    Aber nein! berichtigte er sich, solche Sachen wird doch so ein groer
Dichter nicht aufschreiben! ... Also, Saladin heit er und ein elender Sultan
ist er - aha! Also steht bei jedem Namen aufgeschrieben, was das fr ein Mensch
ist, damit es der Spieler gleich wei!
    Aber schon bei der nchsten Zeile stimmte dies nicht.
    Sittah, seine Schwester - warum steht nicht auch da, wie sie ist?! Sie mu
ja darum nicht auch schon schlecht sein, weil sie die Schwester von so einem
Kerl ist! Oder ist das gar so gemeint, wie in dem ekelhaften Buch von
Paphnutius? - Da nennen sich der Mnch und die Nonne auch Bruder und Schwester!
... Aber weiter: Nathan, ein reicher Jude in Jerusalem ... Was?!
    Sender unterbrach sich erstaunt und las es nochmals. Reich?! rief er
hhnisch - und in Jerusalem?! Mein lieber Mensch - er meinte Lessing -, ich
glaub' gern, da du ein groer Dichter bist, und ob du trotzdem auch ein
Schweinemagen bist, wird sich erst zeigen, aber da du nichts von Juden
verstehst, seh' ich schon jetzt! Hast du schon heutzutag' von einem reichen
Juden in Jerusalem gehrt? Andere Leut' noch nicht!
    Auch diese Kritik war begreiflich. Das ungemeine Elend, in dem heute die
jdischen Bewohner der heiligen Stadt dahinleben, ist ein stndiger
Gesprchsstoff des stlichen Ghetto - wird doch fr diese armseligen frommen
Miggnger unablssig gesammelt, und es vergeht kaum ein Monat, wo nicht ein
Sendling von dorther auftaucht und durch grelle Schilderungen das Mitleid der
polnischen und russischen Juden fr ihre verkommenden Glaubensbrder wachruft.
    Reich! - haha! Sender zuckte die Achseln. Recha, dessen angenommene
Tochter - meinetwegen, aber von Juden weit du wirklich nichts, mein lieber
Mensch, der Name heit Rachel.
    Die nchste Zeile aber machte das Ma seiner Nichtachtung fr Lessings
jdische Kenntnisse vollends berflieen. Daja, eine Christin, aber im Hause
des Juden als Gesellschafterin der Recha. Sender lachte laut auf.
Gesellschafterin - ausgezeichnet! Weit du nicht, was fr Juden in Jerusalem
wohnen?! Die sind ja so fromm und so dumm, da unsere Barnower Chassidim im
Vergleich zu ihnen aufgeklrte Leut' sind! Und so ein koscheres Betmnnchen wird
eine Christin ins Haus nehmen?! Hchstens jede Woche einmal als Schabbesgoje
(christliche Magd, die am Sabbat im Hause des strengglubigen Juden bedient, die
Kerzen anzndet und lscht u.s.w.). Aber fr immer und als Gesellschafterin fr
seine Tochter? Verrckt wr' er, wenn er's tt', denn die anderen wrden ihn ja
steinigen!
    Auch die nchste Zeile mehrte ihm noch das Gefhl der berlegenheit ber den
lieben Menschen. Ein junger Tempelherr - das war so viel wie ein Deutsch,
das heit ein aufgeklrter, modern gekleideter Jude. Und warum? Sender hatte
seine Mitbrger oft genug jene Gottlosen und Abtrnnigen verwnschen hren,
die nicht in Synagogen hebrische, sondern in Tempeln unter Orgelbegleitung
deutsche Gebete verrichteten und gleichwohl so vermessen waren, sich noch als
Juden zu fhlen; so ein Mann war offenbar gemeint. Ich wei schon, dachte er,
er wird gewi der Rachel den Hof machen .... Und so einen Deutsch sollt' es in
Jerusalem geben - es ist zum Lachen!
    Was aber war ein Derwisch, was ein Patriarch und ein Emir mit
Memelucken?! An diesen Wrtern scheiterte all seine Findigkeit; nur der
Klosterbruder war ihm vertraut.
    Vielleicht erkenn' ich's aus dem Spiel, dachte er und begann zu lesen.
    Mit allen Sinnen versenkte er sich in die Dichtung und las langsam, jedes
Wort laut vor sich hinsprechend, jede Zeile wiederholend. Ob er wollte oder
nicht, er mute an die Vorstellung denken, der er in Czernowitz beigewohnt, er
konnte Daja und Nathan nicht mit derselben Stimme lesen und drckte auch die
wechselnden Empfindungen des Mannes durch den Tonfall aus, so gut er konnte. Es
geschah unwillkrlich, der angeborene dunkle Trieb regte sich in ihm. Bei den
Reden des Nathan nselte er und agierte dazu lebhaft mit den Hnden; die Worte
der Daja sprach er mglichst hochdeutsch, mit einer spitzen Altweiberstimme und
stemmte die Arme in die Hften, wie es die Mgde in Barnow zu tun pflegten.
    Es war ein saures Stck Arbeit, schon weil ihm manche Worte unverstndlich
waren; die Phantasie, die immer malet, die fromme Kreatur verwirrten ihn.
Vollends aber trieben ihm die vielen Stze, wo er zwar jedes Wort verstand, ohne
doch den Sinn des Ganzen erfassen zu knnen, den Angstschwei auf die Stirne.
Ganze Reden und Gegenreden mute er so durchirren.
    Er legte das Buch vor sich hin. Also, was geht da vor? begann er und
brachte seinen Krper dabei unwillkrlich in jene wiegende Bewegung, wie in der
Knabenzeit, wenn er ber einer schwierigen Thorastelle gebrtet. Nathan, reich,
Kaufmann. An den Reichtum glaub' ich nicht recht. Erstens: Jerusalem. Zweitens:
womit er handelt, ist nicht gesagt - mit Kamelen? - - mit Goldsachen? Drittens:
ein groer Kaufmann fhrt nicht viele Wochen herum, Schulden einzukassieren,
sondern schickt seinen Kommis. So macht es zum Beispiel unser Reb Mosche
Freudenthal, der freilich bare dreiigtausend Gulden im Vermgen hat - und wie
kann auch ein Kaufmann so lange vom Geschft wegbleiben? Aber meinetwegen! Sonst
ist Nathan ein guter Mensch, schenkt auch gern, nur etwas scheint er doch einmal
angestellt zu haben, und Daja wei es - er mu ihr mit Goldsachen den Mund
stopfen -, das kann bs werden! Das Haus ist verbrannt, whrend er weg war,
daran liegt nichts - natrlich, er war versichert! So was kann sogar, sagt man,
manchmal ein gutes Geschft sein. Recha ist gerettet durch einen Tempelherrn!
Das ist aber kein Deutsch, wie ich sehe, sondern ein Sellner (Soldat); er ist
gefangen, Saladin, der Sultan, hat ihm das Leben geschenkt, Nathan sagt, das ist
ein Wunder! Begreif' ich! So ein Sultan - mit Weibern ist er freundlich, Mnner
lt er totschlagen, der Bsewicht! Aber ein groer Herr mu dieser Saladin doch
sein, vielleicht ein Frst! ... Recha glaubt, da der Tempelherr ein Engel war,
Nathan will es ihr ausreden. Recht hat er! Erstens ist es die Wahrheit und dann
- einem Menschen kann man dankbar sein, einem Engel nicht! Gut, weiter! Jetzt
kommt Recha!
    Er erhob sich, versuchte Miene und Haltung eines jungen, zchtigen Mdchens
anzunehmen und las mit gespitztem Mund und mglichst zarter Stimme:

So seid Ihr es doch ganz und gar, mein Vater?
Ich glaubt', Ihr httet Eure Stimme nur
Vorausgeschickt -

Hier stutzte er wieder.
    Mein lieb Kind, sagte er wohlwollend, mir scheint der Schrecken hat dich
so benommen, da du noch nicht recht weit, was du redest! Hat man schon je
gehrt, da jemand seine Stimme vorausschickt - vielleicht in einem Briefele mit
der Post?!
    Das brige aber gefiel ihm gar wohl, auch mit Rechas Glauben an einen Engel
befreundete er sich nun, weil sie ihn in so feinen Wrtern ausdrckte. Eben
darum begann er sich nun ber Nathan, der es ihr ausredete, zu rgern,
hauptschlich aber deshalb, weil dieser dabei gar so unverstndlich sprach. So
sprang er denn auch geradezu entzckt auf, als er auf die Worte der Daja stie:

Wollt Ihr denn
Ihr ohnedem schon berspanntes Hirn
Durch solcherlei Subtilitten ganz
Zersprengen?

Recht hast du, rief er, Gottes Recht! Was Subtilitten heit, wei ich nicht,
wahrscheinlich so viel wie Dreh (talmudische Spitzfindigkeit). Ich versteh' mich
doch wahrhaftig auf Chassidim - aber groes Wunder - kleines Wunder - wahres
Wunder - allgemeines Wunder - dagegen ist noch unser Rabbi ein Mensch mit einem
graden Verstand. Und ich mu sagen, ich hab' ihm unrecht getan, dem Lessing - er
wei, wie Juden sind ...
    Aber jetzt bin ich ja der Nathan, unterbrach er sich und sprach die ihm
unverstndlichen Worte mglichst eindringlich, im Tonfall eines disputierenden
Talmudisten und mit den eigentmlichen Handbewegungen, die ihn einst an seinen
ersten Lehrern, den Bachorim, so belustigt hatten.
    So nselte er sich bis an den Auftritt mit dem Derwisch durch. Was dieser
rtselhafte Name bedeute, verstand er auch nun nicht recht, aber so viel schien
ihm gewi: ein hochmtiger Bursche war er. Und demgem las er die Rolle in
polterndem, prahlendem Ton, bis zu den Worten:

- gesteht, da Saladin
Mich besser kennt, Schatzmeister bin ich bei
Ihm worden -

da richtete er sich noch stolzer auf, kniff die Augen halb zu und mhte sich,
ein so hochmtiges Gesicht zu machen, als ihm irgend gelingen wollte.
    Bist du verrckt?
    Urpltzlich tnte es ihm ins Ohr. Sender fuhr zusammen, fast htte er das
Bchlein fallen lassen.
    Es war Fedko; der Jngling hatte im Eifer des Lesens seinen Schritt
berhrt.
    Zwei Uhr, sagte der Alte. Und dann wiederholte er seine Frage: Bist du
verrckt?
    Sender erwiderte nichts. Seufzend schob er das Bchlein an seinen Platz und
folgte dem Manne, der ihn fortwhrend, wie ngstlich, betrachtete.
    Als sie unten vor der Pforte standen, sagte Fedko: Hre, du mut mir sagen,
was du da oben treibst ...
    Ich lese.
    Der Alte schttelte unwirsch den grauen Kopf.
    Das ist nicht wahr! Sag' die Wahrheit! Nicht aus Neugierde will ich es
wissen, sondern meiner Pflicht gem.
    Aber das kann dir doch gleichgltig sein ...
    Oho! Als du mir gestern deine Bitte sagtest, habe ich mir gedacht: Der
Senderko war schon als Kind nicht so, wie die anderen Juden, er ist
wahrscheinlich ein gestohlenes Christenkind, und darum liegt es ihm im Blute,
da er sich nicht vor dem Kloster frchtet. Aber jetzt habe ich dich getroffen,
wie du mit den Hnden herumwirfst und schreist und ein verzcktes Gesicht
machst. Weit du, wer sich so benimmt? Entweder ein Verrckter -
    Ich bin bei Vernunft, beteuerte Sender.
    Dann noch schlimmer - ein Zauberer! sagte Fedko dumpf und bekreuzte sich.
Und bei einer Zauberei helfe ich nicht mit. Einmal ist keinmal - hoffentlich
ist diesmal kein groer Schade geschehen. Aber du kommst nie wieder hinauf!
    Sender seufzte tief auf. Dann begann er zu flehen, seine Unschuld zu
beteuern. Der Alte blieb hart. Sender versprach ihm, fortab nicht blo am
Sonntag, sondern auch am Mittwoch ein Flschchen Slibowitz zu zahlen. Fedko lie
sich nicht rhren.
    Du mut mir sagen, was du oben treibst? wiederholte er.
    Ich lerne!
    Ich bin nicht so dumm, sagte Fedko, so lernt man nicht!
    So rckte denn Sender endlich mit der vollen Wahrheit heraus, aber es
dauerte sehr lange, bis der Alte es annhernd verstand.
    Kommedia, murmelte er. Was ist das fr ein Einfall! Kommedia machen
unsere Bursche, wenn sie um Neujahr als die Drei Knige aus Morgenland von Haus
zu Haus ziehen, aber was ntzt das einem Juden?!
    Indes - so viel war ihm nun doch klar: der Bursche war wohl eher verrckt,
als ein Zauberer. Und daraufhin lie es sich doch wieder wagen.
    Das eine sage ich dir, schlo er, wenn ich im Kloster oder in der Stadt
die geringste Verzauberung bemerke, so werde ich wissen, wer sie angestellt hat,
und mich darnach benehmen!
    Ich bin's zufrieden, sagte Sender und eilte in die Werksttte.

                                Zehntes Kapitel


Jossele Alpenroth, sonst ein sanftes, stilles Mnnchen, empfing ihn heute sehr
mrrisch.
    Es ist drei Uhr, sagte er, du hltst die Arbeitsstunde nicht ein. Auch
sonst kann ich unmglich mit dir zufrieden sein, endlich mu ich es dir doch
sagen. Wenn das nicht besser wird, so kannst du gehen.
    Das htte sich Sender sonst wahrlich nicht zu Herzen genommen, das Handwerk
war ihm ja in der Tat sehr gleichgltig. Heute traf es ihn hart. Denn weil er
bei Jossele weder Kost noch Wohnung hatte, so hatte er sich eben vorgenommen,
den Meister um einen kleinen Lohn zu bitten. Nur so konnte es ihm ja mglich
werden, die Namenstage seines alten Freundes wrdig zu feiern. Nun fand er
natrlich nicht den Mut, die Bitte auszusprechen.
    Betrbt kam er des Abends heim. Es fiel ihm schwer, aber er mute nun, wohl
oder bel, die Mutter darum ersuchen.
    Frau Rosel hrte ihn nach ihrer Gewohnheit schweigend an, und fragte dann
kurz: Wozu?
    Nun, meinte Sender verlegen, ich bin ja kein Kind mehr. Ein erwachsener
Mensch fhlt sich ja wie ein Toter, wenn er so ohne Geld herumgeht.
    Warum verdienst du es nicht?
    Aber ich bin ja noch Lehrling.
    Warum heiratest du nicht?
    Hei-ra-ten!
    Sender war ebenso erstaunt wie erschreckt.
    Ja, heiraten! wiederholte die Frau nachdrcklich. Glckliche Eltern, die
das Geld dazu haben, knnen schon frh das gottgefllige Werk tun und ihre Shne
im fnfzehnten, sechzehnten Jahre verheiraten. Mir ist dies Glck, dies
Verdienst vor Gott nicht beschieden gewesen. Aber nun bist du ber zwanzig Jahr'
alt - es ist die hchste Zeit, daran zu denken!
    Nein! rief er heftig.
    Wie? schrie sie auf.
    Um Gotteswillen, Mutter, nein! fuhr er flehentlich fort und erhob
abwehrend die Hnde - an diese Gefahr fr seine Plne hatte er noch gar nicht
gedacht!
    Willst du gar nicht heiraten?
    Nein!
    Niemals?! schrie sie abermals gellend auf.
    Niemals! erwiderte er ebenso laut, fast sinnlos vor Erregung.
    Warum? stie sie heiser hervor. Aber was frage ich noch! fuhr sie
murmelnd fort. Ich wei es ja!
    Ihre Stimme brach sich, die Trnen strzten ihr pltzlich ber die Wangen
und sie begann krampfhaft zu schluchzen.
    Das war etwas so Ungewohntes, so Unerhrtes an dieser Frau, da es dem
Jngling ins tiefste Herz griff.
    Um Gotteswillen! rief er flehend. Beruhige dich doch! Niemals - ich habe
es ja nur so gesagt - warum sollt' ich niemals heiraten?! Ich meine nur - jetzt
- jetzt knnt' ich an alles andere eher denken! Ich hab' ja noch nichts, ich bin
ja noch nichts, wie sollt' ich ein Weib ernhren?!
    Er mute lange fortfahren, bis sie sich wieder gefat hatte.
    Ist es nur dies? fragte sie endlich und blickte ihn scharf an.
    Er nahm sich zusammen und hielt den Blick aus.
    Ja!
    Dafr kann Rat werden! entschied sie. Du wirst bald dein Brot verdienen.
Und bis dahin kannst du ja von dem leben, was die Mitgift deiner Frau trgt oder
auch von der Mitgift selbst, das ist auch noch durchaus kein Unglck, kein
Leichtsinn. Die meisten heiraten so und es geht gut aus! Also nchster Tage
werde ich mit Itzig Trkischgelb reden.
    Das war der geschickteste Heiratsvermittler von Barnow.
    Sender seufzte tief auf.
    Nchster Tage wiederholte Frau Rosel und strich mit der flachen Hand ber
die Tischdecke.
    Sender kannte die Bedeutung dieser Bewegung: die Sache war abgemacht.
    Es konnte ihn wenig trsten, da er nun auch das erbetene Geld erhielt mit
dem Versprechen, da es ihm wchentlich regelmig zukommen werde bis zur
Vermhlung.
    Hoffentlich noch in diesem Winter, schlo die Frau.
    Sender schlief in jener Nacht etwas spter ein als sonst, aber wer so jung
ist und so fest an sich selbst glaubt, bringt seine Sorgen leicht zur Ruhe. Bis
auf weiteres gengte ihm die Mglichkeit, in der Klosterbibliothek Weisheit zu
erwerben, und was die angedrohte Braut betraf, so konnte er sich wohl ber die
Entschlossenheit seiner Mutter keiner Tuschung hingeben, aber - dachte er -
ohne mich kann's doch eigentlich auch nicht geschehen und obendrein brauche ja
nicht blo ich mich zu entscheiden, sondern auch die Eltern der Braut knnen
Nein! sagen. Ich kann ja auch etwas dazu tun - umsonst heien sie mich nicht den
Pojaz!
    Seine Pflegemutter aber fand auch der grauende Morgen noch wach. Er hat
vielleicht zuletzt nicht gelogen, dachte sie, aber die Sache ist nicht leicht
zu nehmen. Denn jenes Niemals hat sein Blut aus ihm herausgerufen, das unselige
Blut, das vielleicht strker ist als seine Liebe zu mir!
    Sie wollte tatkrftig eingreifen, auch diesmal den Kampf mit dem Dmon
aufnehmen, aber das Herz war ihr schwer und kummervoll.
    Nachdem Sender nun das Geld hatte, die vielen Namenstage des Fedko wrdig zu
begehen, fand er sich wieder regelmig in der Bibliothek ein und las das Spiel
vom Juden Nathan weiter, eifrig, aber mhsam und ohne vollen Erfolg, weil ihm
das ntige Wissen zum rechten Verstndnis fehlte. ber die unzhligen dunklen
Stellen half ihm weder sein scharfer Verstand, noch sein starker dramatischer
Instinkt gengend hinweg.
    Was er verstand, packte ihn freilich mchtig, schon deshalb, weil es ihm so
neu war, eine unbekannte, fremde Welt, die Welt der reinen Menschlichkeit. Er
war in einem Winkel der Erde geboren und aufgewachsen, wo die Binde des
religisen Vorurteils den armen Menschen so dicht um die Augen liegt, wie selten
anderwrts. Als er nun mit ungemeiner Spannung aller Sehnen der Seele, so wie
man eine unerhrte Entdeckung vernimmt, das Mrchen von den drei Ringen las, da
sank ihm diese Binde freilich nicht von den Augen, aber er erkannte doch, da es
Leute gegeben, die sie nicht getragen. Die Stelle beschftigte ihn auf das
Lebhafteste, er las sie immer und immer wieder, obwohl er dabei die Neugierde
niederkmpfen mute, wie das Spiel ausgehen werde. Aber wie oft er auch
begeistert vor sich hinsprach: Eine schne Geschichte, eine wunderschne! Ich
wollt', ich knnt' sie gleich weitererzhlen! Und so sinnedig (sinnreich) ist
sie! - er selbst vermochte sie nicht recht zu beherzigen, und die Mahnung

Wohlan
So eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!

wre ihm unerfllbar gewesen, auch wenn ihm ihr Sinn vllig klar aufgegangen
wre. Wenn Nathan, dachte er, beweisen will, da auch ein Jud', ein Christ,
ein Trk' ein braver Mensch sein kann, da niemand glauben soll, nur er ist gut
- da hat er recht. Aber wenn er vielleicht sagen will: Jeder Glaube ist der
richtige - das ist, scheint mir, nicht wahr. Ich hab' doch gewi nichts gegen
die Polen und bin schon zufrieden, wenn sie mich in Ruh' lassen, aber da ihre
Religion so gut ist wie die meinige, kann ich nicht glauben. Denn warum bleib'
ich denn ein Jud', den alle schimpfen und bedrcken? Da kann ich mich ja gleich
taufen lassen! Aber da der Herr Lessing einen Juden so gerecht reden lt, war
doch schn von ihm. Die Leut' hren es und denken sich dann: Warum sollen wir
die Juden hassen? - sie hassen ja auch uns nicht ... Und das ist gut, sehr gut!
Schad' ist nur, da nicht alle Polen Deutsch verstehen! Denn da die Mahnung
auch anderwrts ntig sein knnte, fiel ihm nicht bei. Hatte doch auch Nadler
gesagt, da die Juden heutzutage nirgendwo mehr so bedrckt seien, wie in
Galizien!
    Als er endlich nach mehreren Wochen mit der Dichtung fertig war, legte er
sie mit sehr gemischten Empfindungen aus der Hand. Es krnkte sein Selbstgefhl,
da ihm so vieles unverstndlich geblieben; er rumte in Gedanken ein, da dies
nicht des Dichters Schuld sei, aber rgerlich war es doch und verdarb ihm die
Freude an dem Werke. Auch mifiel ihm, da die Leute seines Erachtens gar so
viel redeten und zu wenig handelten - es ging doch zu wenig vor - kein Kampf,
keine Schlacht, nicht einmal eine richtige Liebesgeschichte war darin. Eine
Ahnung der sittlichen Gre der Dichtung berkam freilich auch ihn - Er mu
doch wirklich ein feiner Mensch gewesen sein, urteilte er ber den Dichter,
und gegen alle gut, nicht blo gegen uns Juden. Aber da er es auch gegen uns
war, werd' ich ihm nie vergessen! Darum empfand er es auch peinlich, da ihm
von jenen beiden Spielen, die er kannte, der Nathan nicht ganz so gut
gefiel, als der Schajelock, obwohl doch in diesem die Juden nicht so gut
wegkommen. Und wenn er gar nachdachte, wen er lieber darstellen wollte, den
wilden, rachegierigen Schajelock oder den edlen, milden Nathan, so gab er
vollends mit aller Entschiedenheit der unedleren Gestalt den Vorzug.
    Nathan, sagte er sich, ist zwar der Bessere, aber er redet immer ruhige,
vernnftige Sachen und hat keine groen Leiden und keine groen Freuden, Schaje
aber - der kann immer schreien und herumlaufen und dies und jenes tun. Nathan
wre leichter zu machen, aber Schaje wre mir doch lieber! Natrlich aber den
Schlu, den mte ich machen, wie ich will!
    Das nchste, worber er nun geriet, war Emilia Galotti. Aber hier kam kein
Jude vor, und in diesem seinen Intriguennetze vermochte sich der arme Sender
vollends nicht mehr auszukennen, so peinliche Mhe er sich auch gab. Auch war
ihm natrlich die Sprache zu gebildet. Da las er zum Beispiel die Szene zwischen
dem Frsten und dem Maler, las sie wohl an die zehn Male, und begriff noch immer
nicht, worber die Herren sich eigentlich unterhielten. Je weiter er kam, desto
dunkler ward es um ihn, und schlielich wurden ihm die feingefgten Szenen zu
einem Irrgang, in welchem er nur noch aus Pflichtgefhl umherschlich. Brennend
empfand er die Sehnsucht nach einem Lehrer und Rater, und dabei dmmerte ihm
auch zuweilen die Erkenntnis auf, da dieses Lesen von Spielen vielleicht doch
nicht jenes Lernen sei, welches ihm der Direktor in Czernowitz so dringend ans
Herz gelegt. Tag fr Tag fand er sich ums Mittagsluten pnktlich an der
Tartarenpforte ein, aber von Tag zu Tag zaghafter und betrbter.
    Hiezu kam noch eine uere Bedrngnis. Der Winter war hereingebrochen, und
das ist ein grimmiger Gast in der groen Ebene, welche schutzlos dem Nord- und
Ostwind preisgegeben ist. Im Saale der Bibliothek herrschte die Temperatur eines
wohlgepflegten Eiskellers.
    So oft Sender die Treppe emporstieg, klapperten ihm schon beim bloen
Gedanken an diese Klte die Zhne, und whrend der beiden Stunden mute er wie
wahnsinnig auf und ab rennen, stampfen und um sich schlagen, um nicht zu
erstarren.
    Der alte Fedko, der bisher weder im Stdtchen noch im Kloster durch eine
besondere Zauberei bengstigt worden und daher immer mehr zu der berzeugung
kam, da sein armer Senderko nur eben ein stiller Wahnsinniger sei, Fedko also
fhlte Mitleid mit diesem merkwrdigen Juden, und brachte einmal eine
wohlgeftterte Kutte herbeigeschleppt.
    Da schlpf' hinein, riet er, die Kutte hat dem Pater milius gehrt, er
hat sie immer angezogen, wenn er hier in der Bibliothek ein Buch gesucht hat.
    Aber Sender strubte sich lange, das Mnchsgewand anzuziehen, und als er es
endlich an einem besonders kalten Tage dennoch tat, da war es ihm, als htte er
eine schwere fast unshnbare Snde auf sich genommen.
    Einige Tage spter hatte er eine Unterredung, welche das Ma seiner Sorgen
und Bekmmernisse voll machte.
    Als er nmlich eines Abends heimkam, fand er bei seiner Mutter im warmen
Stbchen einen Mann sitzen, den er sonst sehr gern gesehen hatte, seit einigen
Wochen aber so ngstlich mied, als wre es der leibhaftige Teufel. Das war Itzig
Trkischgelb, der frhliche Marschallik (Lustigmacher) und Heiratsstifter von
Barnow, in seiner Art auch ein Pojaz und wahrlich nicht der langweiligste,
klug und wohlwollend, immer frhlich, freilich auch immer durstig.
    Sender war damals vielleicht der einzige Mensch in Barnow, der die
Gesellschaft dieses feuchten Greises frchtete. Denn Itzig Trkischgelb war eine
beraus beliebte Persnlichkeit, und verdiente dies auch durch seine Bravheit
und ewig muntere Laune. In Husern, wo sich heiratfhige Kinder fanden, war er
besonders wohlgelitten, denn er stand im Rufe, da er selbst das hlichste
Mdchen, den ungeschicktesten Tlpel anzubringen wisse, sofern er sich nur recht
der Sache annehme. Nur die Mdchen liefen vor ihm davon, weil er seinem Witz und
seiner Phantasie gern freien, sehr freien Lauf lie. Aber Sender war kein
Mdchen, und darum hatte er bei Gastmhlern und Hochzeiten manche frhliche
Stunde mit dem Alten verbracht und so wacker in allerlei Schwnken mit ihm
gewetteifert, da die Leute oft kaum zu sagen wuten, wer sie besser unterhalten
habe, ob der gemietete Marschallik oder sein freiwilliger Nebenbuhler.
    Jetzt freilich wurde Sender bleich, als er den alten Kumpan da sitzen sah,
und blickte ihn finster an. Aber Itzig bemerkte es nicht, oder tat so, als ob er
es nicht bemerkte.
    Sender, rief er ihm frhlich entgegen, sei so gut und mach' den Mund auf
und sag' Ja!
    Aber Sender blieb finster.
    Was wollt Ihr? fragte er kurz.
    Da du Ja sagst, erwiderte der Alte freundlich. Wenn du aber vielleicht
mde bist, so brauchst du nur mit dem Kopfe zu nicken, und es ist uns auch genug
- nicht wahr, Frau Rosel?
    Die Frau richtete auf ihren Sohn einen Blick, dessen Macht Sender wohl
kannte, denn er schlug sofort die Augen nieder.
    Wir haben es dir zum Guten ausgedacht, sagte sie scharf. Reb Itzig wird
dir sagen, um was es sich handelt -
    Ich kann es mir denken, sagte Sender, und ich glaube ...
    Hre! befahl die Frau kurz. Redet, Reb Itzig!
    Es handelt sich, begann der Marschallik behaglich und wiegte sich hin
und her, um eine Blume! Eine schnere und duftigere Blume ist noch nie in einem
Garten gewachsen, seit uns das Paradies verschlossen ist. Es handelt sich um
einen Schatz! Kein Mensch in unserer Gemeinde oder im Barnower Kreis hat noch je
einen solchen Schatz besessen. Es handelt sich um einen Diamant! Ein so
kostbarer Diamant ist noch nie gefunden worden, seit die Welt steht, und sogar
der Kaiser in seinem goldenen Haus in Wien wnscht sich ihn umsonst! Es handelt
sich -
    Und wie heit dieser Diamant? fragte Sender spttisch.
    Wie soll ein Diamant heien?! war die Antwort. Diamant!
    Wie?
    Chaje Diamant, die Tochter von Reb Mortche Diamant, dem Uhrmacher von
Mielnica.
    Darauf folgte eine lange Stille. Sender schwieg und bi sich die Lippen
blutig.
    Der gute Jung'! rief Trkischgelb. Auf so ein Glck war er gar nicht
gefat! Aber ist das ein Wunder? Wirklich! Ein solches Glck kann einem die Red'
verschlagen! Erstens ist das Mdchen schn wie die Sonne, wei wie Schnee, rot
wie Blut, frisch wie ein Fisch, dick und schwer, da das ganze Haus zittert,
wenn sie auf den Fuspitzen herumschleicht, und gesund ist sie wie das ewige
Leben. Eher strzt der Himmel ein, als da die auch nur den Schnupfen bekommt.
Zweitens ist Reb Mortche der geschickteste Uhrmacher im ganzen Land und sein
Geschft ist das beste Geschft auf der ganzen Welt, und seinen Schwiegersohn
will er in dieses Geschft aufnehmen und fr das ganze Leben versorgen wie einen
Herrn, wie einen Baron, wie einen Grafen, wie einen Frsten, wie einen Kaiser.
Drittens ist das Mdchen klug wie der Tag, freundlich und still wie der Mond,
und versteht zu kochen, da alle Weiber von ganz Israel bei ihr lernen sollten.
Neulich, wie ich bei Reb Mortche war, hat sie Fische gekocht in der braunen
Brhe mit Rosinen - das waren Fische - Sender, Fische waren es - auf Ehre, ich
kann nicht weiterreden, wenn ich an diese Fische denke, das Wasser luft mir im
Munde zusammen - ich kann nicht weiterreden -
    Es ist auch nicht ntig, sagte Sender finster.
    Freilich ist es nicht ntig, erwiderte der Vermittler, du weit schon
jetzt genug, um gleich Ja! zu sagen, zu rufen, zu schreien. Aber das Glck, das
auf dich wartet, ist noch viel grer! Denn wer hat eine schnere Ausstattung
als deine Chaje? Auf Ehre - eine Prinzessin knnt' gleich sterben vor Neid, wenn
sie diese Hemden anschaut, diese Rcke, diese Polster, diese Leintcher, diese
Tischtcher, diese Handtcher, diese Kleider, diese Hauben, diese Mantillen! Und
dazu Ohrringe und Armbnder und Ketten und Broschen und eine Uhr, man kann blind
werden, wenn man es lange anschaut, so gro ist die Pracht. Und dann die
Mitgift! Gott! hab' ich zu Reb Mortche gesagt, da Ihr ein reicher Mann seid,
hab' ich gewut, wie jeder Mensch im Kreise - aber so ein Vermgen - so ein
Vermgen - ich hab' nicht ausreden knnen vor Staunen. Denn was meinst du, was
deine Braut mitbekommt? Halt dich an den Tisch oder setz dich hin, sonst fllst
du um vor Freud'! Sechshundert Gulden, bare sechshundert Gulden! Nun freilich,
es ist ja das einzige Kind -
    Das ist nicht wahr! unterbrach ihn Frau Rosel. Bleibet bei der Wahrheit,
Reb Mortche hat andere Tchter. Aber Sender kann dennoch glcklich sein, wenn er
ihn zum Schwiegersohn nimmt.
    Warum lasset Ihr mich nicht ausreden? fragte Itzig Trkischgelb ohne jede
Verlegenheit, freilich hat er noch eine Tochter, aber die ist doch schon
verheiratet, wozu soll ich unserem Sender von ihr erzhlen?! - Soll er denn die
auch nehmen?! Wenn ich aber schon von ihr rede, so sollst du auch gleich wissen,
wen du zum Schwager bekommst. Der Mann von der ltesten ist ein Ururenkel vom
Rabbi von Mielnica und auerdem der grte Fuhrherr von Czernowitz, Meyer heit
er und mit dem deutschen Namen Strisower ...
    Der! lachte Sender hhnisch. Rot-Meyerl! Einen Karren hat er und zwei
Schindmhren ...
    Soll ein Lohnkutscher vierspnnig fahren?! rief Trkischgelb fast
entrstet. Und was seine Pferde betrifft, der Kaiser hat keine solchen Rappen
-
    Da habt Ihr recht! Solche gewi nicht!
    Genug! befahl Frau Rosel. Die Rappen heiratest du nicht ... brigens sind
noch zwei jngere Tchter im Hause, aber ...
    Es ist doch das grte Glck, fiel Trkischgelb ein. Ich hab' von den
beiden gar nicht gesprochen, vielleicht sind es sogar drei - denn ist es mein
Geschft, mich um Kinder zu kmmern? Ich kmmere mich um Erwachsene! Und wie
sollen dir diese vier kleinen Kinder im Wege sein und wie sollen sie dir dein
Glck stren? Als guter Mensch, als guter Schwager wirst du sagen: Gott lasse
alle fnf gesund aufwachsen und gebe ihnen gute, tchtige Mnner, wie ich bin!
Ja, so wirst du sprechen, Sender, denn ich kenn' dein gutes Herz!
    Fnf? fragte Frau Rosel sichtlich unangenehm berrascht.
    Ich glaube, sagte Itzig Trkischgelb unbefangen. Reb Mortche ist auch in
dieser Beziehung ein gesegneter Mann. Am Ende sind es gar sechs. Mglich ist es,
verschwren will ich es nicht. Denn mich, wie gesagt, kmmert nur mein Geschft!
Und ob nun zwei kleine Tchterchen im Hause sind oder noch vier andere dazu, ist
deshalb diese schne, kluge, dicke Chaje ...
    Wie viele sind's nun aber wirklich? unterbrach ihn Frau Rosel mit scharfer
Stimme.
    Sieben! gestand er. Aber ist deshalb, frag' ich, diese schne, kluge,
dicke Chaje hlicher, magerer, dmmer?! Kann sie deshalb keine Fisch' kochen?
Fehlt deshalb etwas an der Aussteuer oder an den baren sechshundert Gulden? Oder
wird Sender deshalb nicht ins Geschft aufgenommen und ist darum auf Lebenszeit
ein versorgter Mann?! Und ist dies Geschft nicht ...
    Auch was das Geschft betrifft, mt Ihr ihm die volle Wahrheit sagen,
fiel ihm Frau Rosel ins Wort. Dein Schwiegervater nimmt dich nur fr fnf Jahre
ins Haus. Whrend der Zeit arbeitest du in seiner Werksttte und bekommst mit
deiner Familie freie Kost und Wohnung. Die sechshundert Gulden werden fr dich
auf Zinsen angelegt. Nach fnf Jahren kannst du dir damit eine andere Werksttte
ankaufen oder selbst einrichten!
    Nun, was sagst du?! rief Trkischgelb begeistert. Ist das nicht noch viel
schner, als wenn du etwa immer dort bleiben mtest und noch zehn Jahre oder
zwanzig oder gar vierzig Jahre deinen Schwiegervater als Herrn ber dir httest?
Ist das nicht viel schner, als wenn du dir dein Leben lang die Nachrede
gefallen lassen mtest: Er hat sein Geschft vom Schwiegervater geerbt, allein
hat er's nicht so weit gebracht?! Nu, hab' ich recht oder nicht?!
    Darber lt sich streiten, sagte Frau Rosel. Aber ber die Hauptsache
nicht: da diese Partie deshalb doch ein groes Glck fr einen Menschen ist,
der nichts hat, auch nichts erben wird, der schon vieles versucht hat, eh' er
Uhrmacher geworden ist, und es auch jetzt noch nicht weit in seinem Handwerk
gebracht hat. Darum hat mich auch alles andere nicht gestrt, was Sender noch
nicht wei! Aber saget es ihm, Reb Itzig! Er soll nicht klagen drfen, da wir
ihm etwas verschwiegen haben!
    Ich verstehe Euch nicht! versicherte der Marschallik treuherzig und
blickte sie fragend an, etwas, was dagegen spricht?! Davon habe ich Euch
gegenber nichts erwhnt und wte es auch unserem Sender nicht zu sagen. Es
spricht ja alles dafr!
    Nun, sagte Frau Rosel, zum Beispiel, da leider ein Verbrecher in der
Familie ist.
    Ein Verbrecher?! rief Trkischgelb entrstet. In dieser Familie?! Frau
Rosel, verzeiht, aber das mt Ihr getrumt haben. Die Familie von Reb Mortche
ist ja von einem Adel, einem Adel - Gott, wie soll ich den beschreiben?! Ist es
nicht schon genug, wenn ich sage, da Reb Mortches Grovater der berhmte Reb
Srulze war, der den ganzen Talmud auswendig gekonnt hat?! Auswendig, Sender! -
von vorn und von hinten hat er ihn hersagen knnen, und wenn man ihn mitten in
der Nacht aus dem Schlaf geweckt hat! Von hinten, mitten in der Nacht! - Wenn du
nicht darauf brennst, die Urenkelin von einem solchen Gelehrten zum Weibe zu
bekommen, so verdienst du nicht, ein Jude zu sein! Und wer ist denn der Bruder
deiner knftigen Schwiegermutter? Der erste Gabe (hherer Diener, etwa Sekretr)
beim Wunderrabbi von Nadworna. Und wen hat Reb Mortches Sohn, dein ltester
Schwager, geheiratet?! Die Tochter von Reb Meier Hirschler in Tluste - ja, von
Reb Meier so wahr ich lebe! Und Reb Meier ist doch gewi der grte Gelehrte im
Barnower Kreis, aber der hat nicht von einer Verbrecherfamilie gesprochen!
    Ich auch nicht, meinte Frau Rosel. Aber deshalb bleibt's doch wahr, da
Reb Mortches einziger Bruder -
    Still, Frau Rosel, still!
    Itzig Trkischgelb zuckte schmerzlich zusammen, dann erhob er sich
wrdevoll, ein Zug tiefer, milder Wehmut lag auf seinem Antlitz.
    Still, wiederholte er zum dritten Male. Mir tut das Herz weh, wenn ich
anhren mu, wie sich eine fromme Frau wie Ihr gegen Gott versndigt. Er, der
Allerbarmer, hat uns befohlen: Lasset die Toten ruhen und richtet sie nicht!
Warum -
    Das hab' ich nicht gewut, fiel sie ein. Ist also der Mensch inzwischen
gestorben?
    Schon vor drei Jahren, sagte Itzig Trkischgelb mit zitternder Stimme. Er
ruhe in Frieden!
    Also gleich nachdem er ins Zuchthaus gekommen ist? fragte sie. Denn vor
drei Jahren ist er ja erst verurteilt worden! Mir scheint aber, Ihr irrt Euch!
Denn wie ich mich nach der Sache erkundigt habe, hat mir Reb Jossele, der
Lehrherr von Sender, der den Lumpen, den Noah kennt und damals auch als Zeuge
vor Gericht erscheinen mute, gesagt, da er ihn erst vor einigen Monaten bei
der Durchfahrt in Zloczow gesehen hat. Dort ist ja das Zuchthaus. Und Noah ist
mit anderen Strflingen im Straengraben gesessen und hat Steine zum Straenbau
geklopft!
    Und das nennt Reb Jossele leben?! rief Trkischgelb. Ich htt' ihn fr
gescheiter gehalten! Wer ins Zuchthaus kommt, ist tot! Noah ist tot fr die
Welt, tot fr den Bruder! ... Du darfst aber nicht glauben, wandte er sich an
Sender, da er am Ende gar ein Ruber oder ein Mrder war! Unglck im Geschft
hat er gehabt - sonst nichts!
    Saget das nicht, verwies ihm Frau Rosel streng. Ihr seid ja selbst ein so
ehrlicher Mann. Auch Reb Mortche wird mir gerhmt, und da er nicht das
geringste mit den Gaunereien seines Bruders zu tun gehabt hat!
    Ich mcht's auch niemand raten, so was zu sagen! rief der Marschallik.
Dieser Noah - sieh, Sender, wie merkwrdig das Leben ist! Er war der Enkel von
Reb Srulze, der den ganzen Talmud von hinten hat hersagen knnen, und auch sein
Vater war ein Frommer und Gerechter, und erst sein lterer Bruder Mortche -
solche Vorbilder hat noch kein Mensch gehabt! Und was wird aus ihm? Ein Gauner!
Statt Uhrmacher zu bleiben wie Mortche, wird er Uhrenhndler, nimmt in der
Schweiz und in Frankreich und wei Gott wo Uhren auf Kredit und beschwindelt die
Leut' von hinten und vorn, flscht Wechsel, handelt mit gestohlenem Gut! Reb
Mortche mahnt und rettet ihn ein-, zweimal, endlich sagt er sich von ihm los.
Und wie hat er sich seinetwegen bei dem Proze gekrnkt und geschmt, obwohl es
doch eigentlich eine Ehre fr ihn war -
    Eine Ehre! rief Sender.
    Gewi! Denn alle Leut' haben gesagt: So ein Lump und so ein Ehrenmann sind
unter demselben Herzen gelegen - zwei so verschiedene Brder hat die Welt noch
nicht gesehen! brigens frag' ich - der Marschallik erhob sich - ich frag'
Euch, Frau Rosel, und dich, Sender, frag' ich: Ist diese schne, dicke Chaje mit
den sechshundert Gulden die Tochter von Noah oder von Mortche?! Gebt mir zur
Gte Antwort!
    Ich hab's schon gesagt, erwiderte Rosel, es ist fr Sender doch ein
Glck, nur soll er alles wissen. Darum soll ihm auch die Bedingung nicht
verschwiegen sein, da er sich nach fnf Jahren berall, wo er will,
niederlassen darf, nur in Mielnica nicht. Denn das verschlechtert die Partie!
    Nein, es verbessert sie! rief der Marschallik. Ein junger Ehemann soll
nicht immer unter den Augen seiner Schwiegereltern bleiben - es tut nicht gut,
Frau Rosel, glaubt meiner Erfahrung, es tut nicht gut. Wie gern wird Sender nach
fnf Jahren mit seiner Chaje und seinen Kinderchen, die ihm Gott schenken wird,
hierherziehen oder nach Tarnopol - wohin er will, und wo es gut fr ihn ist.
    Warum stellt Mortche diese Bedingung? fragte Sender.
    Weil er, erwiderte Frau Rosel, seinen ltesten auch zum Uhrmacher
ausbildet und nicht will, da du ihm einst vielleicht die Kunden wegfngst. Der
Sohn soll das Geschft erben. Nun, das ist im Grunde auch nur gerecht, und ich
kann mir ja auch fr dich nicht alles auswhlen, wie fr einen Prinzen. Ich mu
Gott danken, da sich die Sache mit dem Noah ereignet hat, sonst wrde Reb
Mortche gewi nichts von dir hren wollen. Aber was dies betrifft - das
besprechen wir noch, wenn es ntig sein sollte. Ich hoff' aber, es ist nicht
ntig.
    Sie blickte den Sohn fest an und strich die Tischdecke glatt.
    Ich dank' Euch, Reb Itzig, wandte sie sich dann an den Marschallik.
Sender wei jetzt, um was es sich handelt und da es wirklich ein Glck ist,
das wir ihm zuwenden wollen. Also - heut' ist Mittwoch, Sonntag frh fahrt Ihr
mit ihm auf Brautschau. Es bleibt dabei, wie wir es verabredet haben, Sonntag
frh bitte ich Euch hierherzukommen.
    Gut! erwiderte Reb Itzig. Aber ein Glck fr Sender sagt Ihr - nur ein
Glck?! Im siebenten Himmel kann er sich fhlen, im vierzehnten, im
vierundzwanzigsten Himmel. Also - Sonntag frh. Lebt gesund!

                                 Elftes Kapitel


Er ging. Mutter und Sohn blieben allein. Es war ein langes Schweigen zwischen
den beiden.
    Sonntag frh, begann die Frau, fhrst du also mit dem Marschallik nach
Mielnica und lt dich von den Eltern des Mdchens anschauen. Wenn du ihnen
gefllst, so fahre ich in den nchsten Tagen hinber und mache die Verlobung
fertig -
    Und wenn das Mdchen mir nicht gefllt?
    So fahre ich dennoch hinber und schaue sie mir an. Ich werde pltzlich
kommen, so da die Leut' sich nicht herausputzen knnen. Und wenn mir das Haus
und das Mdchen gefallen, so bringe ich die Sache ins reine.
    Wirst du sie heiraten?
    Auf die Schnheit kommt es nicht an! sagte Frau Rosel. Und die Eltern
wissen da berhaupt besser Bescheid als die Kinder.
    Jeder Nerv ihres Herzens zuckte schmerzhaft, whrend sie so sprach. Sie
erinnerte sich ihrer eigenen Jugend und wie ihr das ganze Leben entzweigebrochen
war, weil sie gegen den Willen der Eltern und nach ihrem Herzen gewhlt hatte.
Es war eine Snde, sagte sie sich, und sie hat sich gercht!
    Mutter, bat Sender, hast du es auch wohl berlegt?
    
    Ja! erwiderte sie fest. Das ist abgemacht und bleibt abgemacht, soweit
wir beide etwas dazu tun knnen ... Spare dir deine Worte, fuhr sie mit
lauterer Stimme fort, als er sprechen wollte. Es wrde nichts ntzen ... Gute
Nacht!
    Mutter, treib' mich nicht in mein ...
    Ja ... ich treib' dich in dein Glck ... Gute Nacht!
    Er lie die flehend erhobenen Arme sinken und ging in seine Kammer. Dort sa
er im Dunkeln auf den Stuhl neben seinem Bette nieder und berdachte seine Lage.
    Es geht nicht anders, murmelte er endlich, es mu sein!
    Er machte Licht, zog seine Schreibsachen hervor und malte langsam in so
deutlichen Buchstaben, wie er sie irgend fertig bringen konnte, den folgenden
Brief:
    An den Herrn Wohltter Adolf Nadler in Czernowitz.
    Weil Sie es mir erlaubt haben so werden Sie mir nicht bs sein. Aber auch
wenn Sie es mir nicht erlaubt htten, so mchten Sie mir gewi zur Gte
verzeihen, weil es meine einzige Hoffnung ist.
    Nmlich, in Barnow kann ich nicht bleiben.
    Erstens haben sie mir meinen Soldaten fortgeschleppt und erschossen,
vielleicht hat es auch der barmherzige Gott von dem armen Menschen abgewendet,
aber gehrt habe ich nichts mehr von ihm.
    Nmlich dies war mein Lehrer, sein Unglck war mit einem Bchel vom Pfaffen
Moritz Hartmann. Geheien hat er Wild.
    Zweitens habe ich jetzt im Saale bei den Mnchen Bcher, aber allein
verstehe ich nur sehr wenig, vom Erfrieren gar nicht zu reden. Und weil ein
Unglck nie allein kommt, soll ich jetzt auch noch eine Braut kriegen. Der Herr
Wohltter kann mir wirklich glauben, da ich jetzt schon der traurigste Pojaz
auf Gottes Erde bin.
    Lieber Herr Wohltter - wie ich in Czernowitz war, haben Sie mit mir
gemacht, was Gott mit Moses gemacht hat, Sie haben mich auf einen Berg
hinaufgefhrt und haben mir von fern das gelobte Land gezeigt. Moses hat sich
mit dem Anschauen begngen knnen, denn er war schon sehr alt, aber mir blutet
das Herz, da ich dieses Land nie soll erreichen knnen, weil ich noch so ein
junger Mensch bin und gottlob so gut zum Theater passe! Sie haben ja selbst
gesagt, da Sie einen solchen Spieler noch nie gesehen haben, und es ist auch
gewi wahr! Hier wird nichts aus mir, das kann ich Ihnen ganz sicher sagen. Also
flehe ich Sie an, da Sie es mir erlauben und da ich darf zu Ihnen nach
Czernowitz kommen. Mein Brot verdiene ich mir schon, vielleicht bei Ihnen, denn
es scheint ja nur, da der Vorhang von selbst in die Hhe geht, es mu ja doch
jemand ziehen, und Lampen mchte ich anznden und Stiefel putzen und alles
pnktlich verrichten, bis ich spielen kann. Oder vielleicht trifft sich mir ein
Uhrmacher in Czernowitz, oder sonst was, denn bin ich nicht gottlob ein
geschickter Mensch?
    So haben unsere Vter in der Wste nicht nach dem Manna gelechzt oder nach
dem Wasser, wie ich auf Ihre Antwort warte. Bitte ich also, mir zu schreiben,
aber nicht an mich, sondern an Fedko Hayduek im Kloster in Barnow, weil sonst
hier die Leut' was merken knnten. Fedko wird mir schon den Brief geben, zu
verzahlen brauchen Sie ihn nicht, denn meinetwegen sollen Sie nicht Geld
ausgeben.
    Ich gre den Herrn Wohltter und die Frau Wohltterin und schreibe darunter
als

                                                                             Ihr
                                                              Sender, der Pojaz.

Da ich schon schreiben kann, sehen Sie, lesen natrlich auch, und Deutsch kann
ich reden, als wenn ich nie einen Kaftan getragen htte. Alles auf Ehre! - Sie
knnen es mir glauben.

Als Sender am nchsten Tage diesen Brief im Schalter des Postamtes verschwinden
sah, kehrten ihm auch Mut und Entschlossenheit zurck.
    Nun galt es, die nchste Gefahr abzuwehren, die Verlobung. Er machte keinen
Versuch mehr, die Mutter umzustimmen; er wute, da es vergeblich sein wrde;
nun mute auf eigene Faust gehandelt sein, freilich nicht mit Gewalt.
    Als ihm Frau Rosel am Freitag morgen den Befehl gab, fr den Sonntag bei
seinem einstigen Lehrherrn, dem lustigen Simche Turteltaub, ein Wgelchen zu
mieten, verzog er keine Miene. Es soll geschehen, erwiderte er und entledigte
sich des Auftrags. Auch dem Marschallik, der ihn am Sonnabend morgen vor der
Schul' beglckwnschte und umarmte, sagte er kurz: An mir soll's nicht fehlen!
    Gottlob, er scheint vernnftig geworden, sagte der Alte einige Stunden
spter zu Frau Rosel, als er ihr seinen Besuch machte, um alles fr den nchsten
Tag genau festzustellen. Wenn ich ihm noch so auf der Fahrt einige Winke gebe,
so wird alles gut ablaufen.
    Was wollt Ihr ihm sagen? fragte sie.
    Nun, wie er sich zu benehmen hat, um Reb Mortche und seinem Weibe zu
gefallen. Sie sind auch Menschen und haben ihre Schwchen.
    Sie dachte nach.
    Davon redet ihm lieber nicht, entschied sie. Nicht etwa, als ob ich ihm
nicht trauen wrde. Ich habe ihn zum Gehorsam erzogen, er wei, da er sich
fgen mu. Aber vergesset nicht, Reb Itzig, da er ein Pojaz ist! Ich werde ihn
mahnen, sich anstndig zu benehmen - mehr wre von bel!
    Zur selben Stunde unterhielt sich Sender mit seinem frhlichen Freunde, dem
dicken Simche, ber dasselbe Thema, seine Brautfahrt. Aber auch dies geschah in
einer Art, mit welcher der Marschallik anscheinend nur htte zufrieden sein
knnen. Simche, der nie den Verdru verwunden, seinen liebsten Jungknecht an die
langweilige Uhrmacherei verloren zu haben, neckte den Pojaz soviel er konnte,
aber der lie sich nicht unterkriegen.
    Natrlich, rief er, Euer Mdele htt' ich nehmen sollen, an der kein
Quentchen Fleisch ist, damit ich immer an die sieben mageren Kh' denken mu. Da
lob' ich mir meine Dicke! Das ist doch ein Beweis, da Reb Mortches Kost gut
ist.
    Gut und krftig! hhnte Simche. Die Fliegen in der Supp' werden das
einzige Geflgel sein, das du zu sehen bekommst.
    Ihr wit es, Ihr wart bei Reb Mortche immer eingeladen!
    Das nicht - aber wenn man alle Monat' zweimal nach Mielnica kommt, wie ich,
so kennt man die Leut' und ihren Ruf. Dein Schwiegervater wgt seinem Weib die
Knochen zur Supp' zu - ein Knauser wie kein zweiter!
    Und stehlen tut er auch!
    Das besorgt sein Bruder, dein neuer Herr Onkel! Nein, im Ernst, Sender, Reb
Mortche ist sonst ein braver Mensch, aber wirklich ein Geizhals! Ich rat' dir,
beding' dir bei der Verlobung mindestens fr jeden Sabbat fnf Lot Fleisch aus,
sonst kriegst du es nie zu sehen, auch wenn du seiner Frau tglich sagst, da
sie das schnste Weib auf der Welt ist!
    So schn wie Eure Surke ist meine Schwiegermutter natrlich nicht! Eurem
Schwiegersohn knnt Ihr ruhig tglich drei Pfund Fleisch versprechen, wenn er
Eure Surke ansieht, vergeht ihm der Appetit!
    Dafr ist meine Surke nicht lcherlich und zum Gesptt frs ganze Stdtchen
wie Mortches Rifke! erwiderte der Kutscher vergngt. Nmlich weil sie einmal
hbsch war, hlt sie sich noch heute dafr und tut so, als wr' sie ein
geschmig Mdele von vierzehn Jahren.
    Wer's glaubt! rief Sender anscheinend sehr grimmig. Nun - nur zu! Was
wit Ihr sonst noch von ihnen?!
    Nichts! sagte Simche einlenkend. Auch will ich dich wahrhaftig nicht
abschrecken. Was ich gesagt hab', ist wahr, aber deshalb rat' ich dir doch zu
der Partie! Viel Glck auf den Weg!
    Schn Dank! erwiderte Sender, schlug herzlich in die dargebotene Hand ein
und drckte sie warm. Ihr habt mir einen groen Dienst erwiesen -
    Dann eilte er rasch hinweg.
    Der Kutscher blickte ihm erstaunt nach. Pojaz! murmelte er. Ein anderer
wr' bs, und der fhrt vor Freud' schier aus der Haut, wenn man auf seine
Schwiegereltern schimpft!
    Am Sonntag morgen war Sender schon so frh vom Hause fortgegangen, da ihn
die Mutter nicht mehr sprechen konnte. Sie sah ihn nur eine Stunde spter, als
er in Simches Wgelchen, den Marschallik neben sich, am Mauthause vorberfuhr.
Du benimmst dich vernnftig! rief sie ihm streng nach.
    Er sagte nichts. Der Marschallik aber erwiderte statt seiner: Keine Sorg',
Frau Rosel, er ist wie ausgetauscht!
    In der Tat war Trkischgelb vom Benehmen seines Begleiters aufs angenehmste
enttuscht; er konnte sich die ermunternden Trostreden sparen, die er in
Bereitschaft gehalten. Sender lachte und scherzte, als wre ihm mit dem
Leitseil, das er so oft gefhrt, auch die frhliche Laune seiner Fuhrmannsjahre
zurckgekehrt. So konnte der Marschallik statt aller Predigten jene saftigen
Scherze an Mann bringen, die sein eigentliches Element waren. Aber Sender blieb
nicht hinter ihm zurck, und die beiden kamen gar nicht aus dem Lachen heraus.
    Sender, rief der Marschallik frhlich, so lustig bin ich noch nie auf
Brautschau gefahren, aber so eine Braut hat auch noch niemand gekriegt. Schn
wie die Sonn' -
    Die Sonn' hat auch Flecken! meinte Sender.
    Dann ist sie noch schner wie die Sonn'! Das Mdchen hat keinen Fehler! -
Du wirst selbst sehen!
    Aber wenn sie gar so herrlich ist, meinte Sender, dann nimmt sie mich am
End' gar nicht!
    Reb Itzig lachte.
    So gefllst du mir! Hast sie noch gar nicht gesehen und sorgst dich schon
um den Ausgang! Aber da kannst du ganz ruhig sein! Ein Bursch' wie du! Und dann:
die Hauptsach' ist doch, da du den Eltern gefllst! Und daran wird's nicht
fehlen, wenn du dich anstndig benimmst!
    Seid unbesorgt! lachte Sender. So hat sich bisher noch nie ein Freier
benommen!
    Sie langten in Mielnica an, stellten das Wgelchen im Wirtshause ein und
machten sich sofort zum Hause Mortche Diamants auf. Mit jedem Schritt wurde
Sender ernster, und nahe dem Laden hielt er zgernd still.
    Reb Itzig, begann er unsicher.
    Nun?! rief Trkischgelb. Ich glaube gar, du hast Furcht! ... Vorwrts, es
mu sein!
    Sender war bleich geworden. Es mu sein, sagte er finster. Aber meine
Schuld ist's nicht!
    Dann lachte er laut auf.
    Sie traten in den Laden. Mortche Diamant, ein wohlbeleibter Mann mit
gutmtigem Gesichte, erhob sich von der Arbeit und begrte sie freundlich.
    Es freut mich, da Ihr mir die Ehre schenkt, sagte er zu Sender. Was
fhrt Euch nach Mielnica?
    Solche Diplomatie schreibt die Sitte dem Brautvater vor. Aber Sender war
nicht in der Laune, darauf einzugehen.
    Das wit Ihr ja! rief er lachend. Ich komme, um mir Eure Tochter
anzuschauen und ob Ihr wirklich was habt! - Na - Uhren scheinen ja genug da!
    Und ungeniert trat er an den groen Schaukasten und begann die Ware zu
mustern. Aber nichts Rechtes!
    Der dicke Mann rusperte sich befremdet. Auch Trkischgelb war einen
Augenblick verdutzt, aber er fate sich rasch.
    Gott! rief er, was fr ein Uhrmacher ist unser Sender! Mit Leib und Seel'
ist er dabei! - Wo er Uhren sieht, mu er sie anschaun!
    Ei, Reb Itzig! lachte Sender, was seid Ihr fr ein unverschmter Lgner!
Ihr wit ja ganz genau, wie verhat mir das Handwerk ist und da mich mein
Meister jeden Tag dreimal wegjagen will. Recht hat er, ich bin als Uhrmacher ein
Stmper und werd's bleiben! Aber mich krnkt das nicht und Euch hoffentlich auch
nicht, Reb Mortche! brigens - Ihr habt ja auer den Uhren wahrscheinlich noch
Geld im Beutel, he?
    Verzeiht ihm, sagte der Vermittler, er - er ist so wirtschaftlich, so
sparsam!
    Hm! Hm! Der Uhrmacher rusperte sich immer verlegener und blickte dabei
zur Erde nieder oder vielmehr nur - jeder, wie er kann! - auf seinen mchtigen
Leibesvorsprung.
    Na, nichts fr ungut, Alter, sagte Sender und klopfte ihm gemtlich auf
das Buchlein. Ihr scheint mir ein stilles, gutmtiges Fchen, - solche Leute
hab' ich gern. Der Alte spart's, der Junge gibt's aus - wir werden uns schon
vertragen! Aber wo ist das Mdel?
    Trkischgelb gab ihm einen Rippensto, da er drei Schritte weit flog.
    Verzeiht! sagte er zum Uhrmacher, er ist so aufgeregt, weil ich ihm viel
von dem Mdchen erzhlt habe, und jetzt brennt er schon darauf, sie zu sehen.
Nun - da kommt sie ja!
    In der Tat erschien jetzt in der Tre, welche in die Wohnung fhrte, die
Frau des Uhrmachers und hinter ihr ein sechzehnjhriges wohlbeleibtes Mdchen.
    Guten Tag! rief ihnen Sender entgegen. Ist das das Mdel? Na, fr den
Winter nicht bel - aber im Sommer mte man sie im Keller halten, sonst
zerschmilzt sie an der Sonne -
    Was?! rief Frau Rifke - sie traute ihren Ohren nicht -
    Nun, Reb Itzig, fuhr Sender gemtlich fort, ich hab' sie mir zwar nach
Eurer Beschreibung anders gedacht, aber - fgte er in gedmpftem Tone hinzu,
den man bis auf die Gasse hinaus hren konnte, wenigstens sieht sie gottlob
ihrer Mutter nicht hnlich!
    Was?! rief Frau Rifke noch gellender und stemmte die Arme in die Seiten.
    Ja, ja! rief Trkischgelb laut, freilich sieht sie der Mutter hnlich -
ich hab's dir ja gesagt - darum ist sie so schn, so -
    Frau Rifkes berbreites Antlitz verzog sich zu einem verlegenen Lcheln -
wem sollte sie nun glauben?!
    Gottlob gar nicht hnlich! wiederholte Sender laut. Dann wandte er sich an
den Uhrmacher.
    Nebenbei - sagte er halblaut - eine Frage im Vertrauen! Wie seid Ihr zu
den vielen Uhren gekommen?!
    Was meint Ihr damit? fragte der Uhrmacher entrstet. Gekauft hab' ich
sie!
    Ich hab' gemeint, weil auf so vielen Genve steht - das sind vielleicht
Andenken an Euren Bruder! (Ein unbersetzbares Wortspiel: Genve, die
Bezeichnung der Genfer Uhren, Geneve, hebrisch Diebstahl.)
    Reb Mortches breites Gesicht frbte sich dunkelrot. Ihr wagt es ...
pustete er. Ihr wagt es ...
    Wieder gab Trkischgelb dem Jngling einen Puff, da er gegen den Ladentisch
flog.
    So ist der Jung'! lachte er. Brennt frs Geschft! Sieht gleich nach,
welcher Stempel auf einer Uhr steht!
    Aber alle Geistesgegenwart ntzte da nichts mehr.
    Genug! unterbrach ihn der dicke Mann keuchend vor Erregung, aber
entschieden. Ich hab' Euch gleich gesagt, ich will mit dem Pojaz nichts zu tun
haben. Ihr habt mir vorgelogen, da er vernnftig geworden ist. Es ist nicht
wahr! - Geht mit Gott - kommt gesund heim!
    Bleibt gesund! rief Sender frhlich und war mit einem Satz zur Tre
hinaus.
    Er ging zur Schenke und harrte auf den Marschallik. Aber dieser kam nicht
wieder. Und je lnger er ausblieb, desto ernster wurde Sender, desto bnger
wurde ihm vor den Folgen seiner Handlungsweise. Und als er sich endlich nach
vierstndigem Warten entschlo, allein heimzufahren, da war ihm alle Lustigkeit
vergangen.
    Der Abend dmmerte schon, als er vor den Mautschranken hielt. Die Mutter
ffnete ihm.
    Ein Blick in ihr Antlitz zeigte ihm, da der Marschallik bereits vor ihm
dagewesen. Er hatte diese Zge noch nie so streng und finster gesehen.
    Ich will den Wagen abliefern, sagte er demtig.
    Sie nickte stumm.
    Als er heimkam, sagte sie mit jener dumpfen, klanglosen Stimme, die der Sohn
so sehr frchten gelernt: Du bist ein Lump! Aber ich spreche nicht gern ber
Dinge, welche sich nicht mehr ndern lassen. Nur ber die Zukunft ein Wort! Ich
habe den Marschallik bewogen, dir eine andere Partie zu suchen. Benimmst du dich
da hnlich, so jage ich dich aus dem Hause und kenne dich nicht mehr. So wahr
mir Gott gndig sei!
    Sie erhob die Hand zum Schwure.

                                Zwlftes Kapitel


In den nchsten Tagen war Sender sehr zerknirscht, die Reue, die Mutlosigkeit
lasteten schwer auf ihm. Es war Notwehr, sagte er sich zur Entschuldigung,
aber wenn er die Trauer der Mutter sah oder ihrem finsteren, vorwurfsvollen
Blick begegnete, kam er sich wie ein rechter Snder vor.
    Dann freilich regte sich jener leichte Sinn wieder, der ihm ebenso im Blute
lag wie der dunkle Drang nach seinem Ziel. Es gab nun freilich nur noch eine
Hilfe fr ihn: der Direktor in Czernowitz mute ihn aus seinen Barnower Ketten
befreien, aber dieser Mann tat es auch sicherlich! Und seltsam genug wuchs seine
Zuversicht desto mehr, je lnger die Antwort auf sich warten lie.
    Warum schweigt er? dachte er. Weil der gute Mensch eine Beschftigung fr
mich sucht. Einen anderen Grund kann er gar nicht haben. Wollte er Nein sagen,
er wrde mich darauf nicht warten lassen! Und bis er was findet, brauch' ich ja
nicht mig zu bleiben: ich hab' ja die Bcher im Kloster! Freilich schneidet
mein Fedko mrrische Gesichter, wenn ich ihm keinen Schnaps zahlen kann, aber er
lt mich doch immer hinein, und mit der Zeit wird mir der liebe Gott auch
wieder zu einem Flschchen Slibowitz fr ihn verhelfen! Und am Frieren kann doch
mir nichts liegen! Hab' ich als Kutscher bei Simche immer hinter dem Ofen sitzen
knnen?!
    Nur eines machte ihm ernste, ja bittere Sorge: was er nun lesen sollte.
    Mit der Emilia Galotti war es schlecht gegangen, er hatte fast nichts
davon verstanden, mit dem nchsten Bndchen des Theater von Lessing, wie der
vergilbte Wiener Nachdruck betitelt war, dem Philotas, ging es gar nicht mehr.
    An die zehn Male mute er den Eingangsmonolog lesen, bis ihm eine Ahnung
davon aufdmmerte, in welcher Lage und Stimmung Philotas war.
    Mir scheint, sagte er vor sich hin, dieser Philotas ist auch ein Soldat
wie der Tempelherr. Gut, da hab' ich nichts dagegen! Denn warum? Mit einem
Soldaten kann viel geschehen, ein Soldat lt sich in einem Spiel gut machen.
Das letzte Mal hab' ich zu Purim (jdische Fastnacht) auch einen Soldaten
gemacht, einen Oberleutnant, den ltesten Sohn von Haman, dem Judenfeind, der
sich aber bei den Juden gern Geld leiht - die Leut' haben sehr gelacht. Das hier
scheint ein ernster, ein trauriger Soldat - tut nichts - kann ich auch machen.
Aber was fr ein Mensch ist er? Da kann ich bis jetzt nur so viel sehen, da er
gewi kein Jud' ist. Denn erstens hat ein Jud' noch nie Philotas geheien, und
zweitens sagt er, da er schon als kleiner Knabe von Waffen getrumt hat und von
Schlachten - das hat auch seit Judas dem Makkaber kein jdisch Kind mehr getan
...
    Also, spannen sich seine Gedanken weiter, ein trauriger christlicher
Soldat. Aber was fr einer? Ist er ein sterreicher oder ein Russ', oder ein
Preu' oder ein Franzos', oder ein Englnder? Es ist gar nicht gesagt. Schon das
gefllt mir nicht! Denn wenn das Spiel gemacht wird, und ich bin dieser
Philotas, so mu ich doch eine Uniform anziehen. Soll ich einen weien Rock und
einen Tschako tragen wie unsere Soldaten, oder einen grauen Rock und eine Mtze
wie ein Russ'? Aus dem Namen kann man es auch nicht erkennen. Philotas! und da
stehen ja auch die anderen. Aridus, Strato, Parmenio - in meinem ganzen Leben
bin ich noch keinem Menschen begegnet, der so geheien hat. brigens - da fllt
mir eben ein - der Laborant in der Apotheke heit Philipp - vielleicht heit das
in einer anderen Sprache Philotas, vielleicht sind es Franzosen, denn Deutsche
oder Polen oder Russen sind es nicht ...
    Er nickte.
    Also wahrscheinlich ein Franzos'! ... Aber was ist dieser Philotas? Das ist
gar zum Lachen! Hier steht: Aridus - Knig - gut! Strato ist sein Feldhrr,
Parmenio ist Soldat - aber Philotas?! Philotas gefangen. Zum Lachen sag' ich.
Gefangen! ist das ein Stand, ist das eine Parnosse (Broterwerb)?! Gefangen! -
Kommt man so auf die Welt, und kann man davon leben? Gefangener Feldwebel sollte
es heien oder Hauptmann oder General, denn ein Gemeiner, wie mein armer Wild,
ist dieser Philotas nicht, sonst wrde ihn ja der Knig nicht so pflegen lassen.
Sein eigenes Zelt hat er und alle Bequemlichkeiten. Aber ist er damit zufrieden?
Nein! er rgert sich gar noch darber und schimpft und schimpft und mchte sich
sogar seine Wunden aufreien.
    Aber warum schimpft er?! Kann kein Mensch verstehen! Weil er gefangen ist?
Das ist doch keine Schande! Er hat sich doch gewehrt, sonst htt' er doch keine
Wunde! Wenn ich ein Soldat bin und mu - Gott verhte es gndig! - in eine
Schlacht und schlag' mich herum und werd' verwundet und gefangen, so ist das
gewi nicht angenehm, aber ich werde sagen: Das kann doch jedem Soldaten
passieren, und wenn es schon geschieht, so ist es doch besser, ich habe Pflege,
als da ich sterben mu! Also dieser Philotas ist ein Esel oder verrckt - und
solche Leut' gehren in kein Spiel, und von dem will ich nichts mehr hren!
    Er warf das Bndchen auf den Tisch und ging erregt auf und nieder.
    Vielleicht auch - murmelte er nach einer Weile und hielt den Schritt an
und dachte nach.
    Lessing! sprach er dann laut vor sich hin. Was hat Wild immer gesagt?!
Ein groer Dichter! Und er hat ja auch das Spiel vom Nathan aufgeschrieben.
Lessing schreibt gewi nur, was vernnftig ist! Vielleicht ist es gar nicht
ernst gemeint, ich mein', vielleicht sollen die Leut' ber diesen franzsischen
Philipp lachen ... Aber nein, es ist ja ein Trauerspiel, da weint man! Oder
vielleicht hat es doch einen Sinn, und ich versteh's nur nicht! Ja, so wird es
sein! Ich bin selbst der Esel und nicht der Philotas!
    Unschlssig begann er wieder seinen Rundgang um den Tisch. Seine Zhne
klapperten vor Frost, was ihm freilich nicht zum ersten Male begegnete, nur da
er diesmal diese eisige und zugleich moderschwere Luft gleichsam bis in sein
Herz hinein dringen fhlte, vielleicht weil ihn heute auch das Unbehagen des
Gemts so sehr peinigte. Darum kam ihm auch diesmal Fedko nicht zu frh, und als
sie an der Tartarenpforte schieden, schwebte es ihm auf den Lippen: Ich komme
nicht wieder!
    Er sprach es nicht aus, und schon nach wenigen Stunden schien ihm der bloe
Gedanke eine Snde. Freilich versprte er ein heftiges Kratzen in Hals und Nase.
Am Abend brach eine arge Grippe aus, und der Husten lie ihn auch des Nachts
nicht ruhig schlafen, aber das schien ihm wahrlich kein Grund, um am nchsten
Tage das Kloster zu meiden, und vollends gab es keinen inneren dazu. Wenn er das
Spiel vom franzsischen Philipp nicht verstand, so durfte er es freilich nicht
weiter lesen - aus der Erfahrung mit der Emilia Galotti wute er nun, wie
wenig Nutzen ihm derlei bot. Aber was folgerte daraus? Er mute eben ein anderes
Spiel suchen, das er fassen konnte.
    Vor allem etwas von Scheckspier, dem Verfasser des Schaje. Diesen
Dichter verstand er gewi, und das war ja obendrein, wie ihm Wild versichert,
der grte, der je fr die Bhne geschrieben. Freilich hatte er seine Werke
bisher in der Bibliothek nicht aufgefunden, aber sicherlich waren auch sie
vorhanden, und dann war ihm geholfen. Sein Herz klopfte vor Erregung, wenn er
daran dachte, da er nun vielleicht auch jenes Spiel, das ihn in Czernowitz so
mchtig ergriffen, wrde nachlesen knnen.
    Die beiden nchsten Male verbrachte er die Stunden in vergeblichem Suchen,
Regal an Regal sah er durch, ungeheure Staubwolken jagte er auf und zerstrte
Tausenden von Spinnen die emsige Arbeit ihres ganzen Lebens; Antlitz, Hnde und
Gewand berzogen sich mit einer Schmutzkruste, und der Husten wurde so arg, da
ihm der Brustkasten bei jedem Atemzug weh tat. Aber Scheckspier stand auf
keinem der Bcherrcken.
    Gerade der beste fehlte! Wie war dies zu erklren?! Vielleicht haben die
Mnche nichts von ihm wissen wollen, dachte er, weil er an einer Stelle auch
fr die Juden ein Herz gezeigt hat! - Aber das kann's doch nicht sein, fiel ihm
sofort bei, das hat Lessing noch mehr getan, und der ist da!
    Indes - sein Gutes hatte dies vergebliche Suchen doch. Zur Zeit, da noch
Wild sein Lehrer gewesen, hatte dieser einmal, als er ihn besonders hartnckig
mit Fragen geqult, lachend ausgerufen: Ich bin ja kein Konversationslexikon!
Natrlich hatte er durch diese Abwehr nichts erreicht als die erneute Frage
Senders: Was ist das? Wild hatte es ihm erklrt und beigefgt, das sei ein
sehr ntzliches Buch, man knne darin alles finden, was man wissen wolle.
    Ein solches Buch war Sender bei der Jagd nach dem groen Dichter in die
Hnde gefallen. Er hatte es beiseite gelegt und holte es nun hervor. Vielleicht
war es besser, wenn er statt der unverstndlichen Spiele dies ntzliche Werk
duchlas. Freilich war es gerade kein ermutigendes Anzeichen, da er auch hier
schon den Titel nicht verstand: Konversationslexikon oder enyklopdisches
Realwrterbuch. Leipzig 1846.
    Aber vielleicht ging es mit dem Text besser. Da man ein solches Buch nur
zum Nachschlagen bentze, wute er natrlich nicht; er schlug das erste Blatt
auf und las weiter, unter bestndigem Ruspern, Husten und Schnuzen. So erfuhr
er, da Aa ein Flu in Frankreich sei, Aachen eine Stadt in Preuen, Aal ein
schlangenfrmiger Fisch und Abbotsford das Landgut eines Herrn Walter Scott, den
er aber nicht kannte.
    Kurzweilig war auch dies nicht, und htten ihn die Klte im Bchersaal und
sein krperliches Mibehagen nicht wach erhalten, so wre er wohl ber dem Bande
eingenickt. Und natrlich verstand er auch in diesem Buche nicht alles. Trotzdem
hielt er tapfer aus und hatte bereits erfahren, da Akbar ein mongolischer
Kaiser von Hindostan gewesen und Akerside ein englischer Dichter, als sich ein
Hindernis ergab, das auch diesen bescheidenen Lesefreuden ein Ende zu machen
drohte.
    Dies Hindernis war die berzeugung des Fedko, da jede Arbeit ihren Lohn
verdiene. Wohl lie er Sender tglich ein, aber seine Miene ward immer dsterer,
und an dem Tage, da dem wibegierigen Jngling der Genu winkte, ber Akerside
hinaus zu den Akephalen zu gelangen, stie der Alte beim Empfang an der
Tartarenpforte einen so tiefen Seufzer aus, da Sender wohl oder bel um den
Grund fragen mute.
    Weil mein Herz schwer ist! erwiderte Fedko. Ein Jude im Kloster - es tut
doch nicht gut! Gestern klagt mir der Pater konom, da unsere Schweine gar
nicht mehr fett werden wollen! Am Ende ist das doch ein Zauber ...
    Aber Fedko, wandte Sender traurig ein, wie kannst du das glauben!
Schweine mager zu machen ist doch ein schwerer Zauber, und ich htt' nichts
davon! Wenn ich zaubern knnt', mcht' ich mir meinen Husten und Schnupfen
wegzaubern, und noch lieber mcht' ich dann meinem lieben Fedko ein Flschchen
Slibowitz in die Tasche zaubern! Denn Geld hab' ich leider nicht ...
    Das leuchtete dem Alten ein, aber frhlich machte es ihn nicht.
    Ich habe nur gemeint, entschuldigte er sich, weil ihr diese lieben
Tierchen nicht leiden knnt ... Ein dummes Volk seid ihr! Keinen Schweinebraten
essen, keinem Mdchen nachlaufen, keinen Schnaps trinken, keine Lieder singen -
ein ganz dummes und trauriges Volk ... Aber wenn es auch nicht dein Zauber ist,
so vielleicht Gottes Strafe: Ihr lat mir einen Juden ins Kloster, ich mache
eure Schweine mager! Das bedrckt mich sehr ...
    Aber ohne Grund, trstete Sender. Wenn wir nchstens wieder bei Srul
Schnker zusammensitzen, werde ich es dir beweisen.
    Nchstens?! fragte Fedko kummervoll. Mein Herz ist sehr schwer! - Knnte
es nicht heute sein?
    Ich sage dir ja: kein Heller! ... Aber nchstens, wenn unter deiner Adresse
ein Brief aus Czernowitz kommt - du weit ja!
    Ich wei, da du ihn erwartest! erwiderte Fedko schmerzlich. Aber sonst
wei ich leider nur, da unsere armen Schweinchen - - brigens wie Gott will!
Fr eine Woche will ich's noch tragen!
    Auch Sender seufzte tief auf, als er diesmal in die Kutte des milius
schlpfte und sich an dem groen Tische niederlie. Und seine Bekmmernis war
nicht erheuchelt. Noch eine Woche - er wute, da Fedko Wort halten wrde.
Dann war ihm das einzige, was er hier aus eigener Kraft zur Erreichung seines
Ziels tun konnte, abgeschnitten ...
    Betrbt beugte er sich auf das dicke Buch nieder.
    Akephalen, begann er zu lesen, das heit Hauptlose. - Was? unterbrach er
sich, Menschen ohne Kopf?!
    Aber da hie es nun: Zuerst die Monophysiten' - er buchstabierte es
nochmals, heit ein Name! seufzte er, und was er bedeutet, mag Gott wissen! -
also, Monophysiten, welche sich 483 - wie lang ist das her?! Vierzehnhundert
Jahr'! Gott meiner Vter, das ist doch schon gar nicht mehr wahr! Aber was haben
diese Leut' vor vierzehnhundert Jahren gemacht? ..., 483 von der
Kirchengemeinschaft mit dem Patriarchen Petrus Magnus von Alexandrien lossagen'
- das heit, scheint mir, sie haben mit dem Peter nichts zu tun haben wollen,
und da haben sie ja recht gehabt, weil er ein Patriarch war! Denn ein Patriarch
heit ein dicker, roter Geistlicher, der aber ganz schlecht ist und immer sagt,
da der Jude verbrannt werden mu, so steht es ja im Spiel vom Nathan. Also
alles in Ordnung - Aber wissen mcht' ich, ob es mich was angeht, da sie mit
dem Peter im Altertum nicht in dieselbe Kirche haben gehen wollen - weil - Gott
- was ist das fr ein Wort! -, weil er das Hretikon des Kaisers Zeno angenommen
hatte! ... Was kann das sein, was er vom Kaiser angenommen hat?! Gewi etwas
Unrechtes! Aber was? ...
    Er schttelte den Kopf und las dann weiter.
    Akiba' - was?! Er meint doch nicht den Rabbi Akiba?! Er wird doch mir nicht
vom Rabbi Akiba erzhlen wollen?! - der Sohn Josephs, Schler des Gamaliel -
also doch, es ist wirklich der Rabbi Akiba, mit dem mich schon mein alter Lehrer
Simon in Buczacz genug gelangweilt hat - war ein berhmter Rabbi - wirklich?!
Neuigkeiten wei du einem zu erzhlen! - der der Hauptgrnder der Mischna wurde
- Und das ist alles, und mehr wei er nicht!
    Erzrnt schlug Sender das Buch zu und sprang auf.
    Ich Narr! rief er, ich groer Narr! Eine Stund' frier' ich jetzt wieder
zum Erbarmen! Und wenn ich so bedenk', was ich berhaupt whrend der drei Wochen
aus dem Buch da gelernt hab' - lachen knnt' ich, wenn ich nicht weinen mt'!
Da Aal ein Fisch ist, aber ohne Schuppen und wie eine Schlange, und man it ihn
geruchert oder gekocht oder mariniert! Davon werd' ich ein guter Spieler und
kann zum Theater gehen! Obendrein wei ich noch gar nicht, was mariniert heit,
aber wenn ich's wt', htt' ich auch nichts davon, denn Fische, die auf dem
Land kriechen knnen, sind ja, trefe'(nach dem jdischen Speisegesetz verboten).
Und dann wei ich noch, da die Affen vier Hnde haben und einen Schwanz - aber
das hab' ich schon frher gewut - und alles andere, was ich noch gelesen hab',
hab' ich vergessen ... Nein, nein! - Wild hat sich einen Spa mit mir gemacht,
oder es gibt verschiedene Bcher von dieser Art, und das ist ein dummes
schlechtes Buch ... Und fr diese Sach' sich krank machen und auch noch Schnaps
zahlen und sorgen, wo man Geld dazu hernimmt?! Ich werd' dem Fedko sagen - wenn
er nur schon km' - ich werd' ihm sagen ...
    Er schlug mit den Hnden um sich, da Staubwolken aus der Kutte fuhren, und
murmelte vor sich hin, was er dem Alten sagen wollte. Aber es whrte noch eine
Stunde, bis Fedko erschien, und whrend dieser Zeit berlegte sich Sender die
Sache anders und grndlicher.
    Nein! Er gab das Lesen nicht auf, so lang es anging! Es schien keinen Nutzen
zu haben, aber war er gebildet, war er ein Deutsch, stand ihm darber ein Urteil
zu?! Und wenn es nutzlos war, so tat er doch, was er konnte! Hilf dir selbst,
dann wird dir Gott helfen - der fromme Spruch aus seiner Knabenzeit, an den er
lang nicht mehr gedacht, klang wieder in ihm auf ... Aushalten mu ich,
aushalten!
    Als Fedko endlich kam, sagte er ihm genau das Gegenteil dessen, was er
zuerst beabsichtigt: er sei ihm sehr dankbar und hoffe ihm diese Dankbarkeit
bald zu beweisen.
    Der Greis nickte.
    Binnen einer Woche, sagte er nachdrcklich und entlie ihn auf die Strae.

                              Dreizehntes Kapitel


Die Tage vergingen; die Antwort aus Czernowitz traf nicht ein;eine andere
Aussicht, etwas zu verdienen, ergab sich nicht. Von der Mutter ein Geschenk zu
erbitten, wre Torheit gewesen. Sie blieb in ihrem Benehmen gegen ihn stets
gleich kalt, gab ihm nie ein schlechtes, aber auch nie ein gutes Wort, und nur
zuweilen, wenn er unversehens den Blick erhob, fand er ihr Auge kummervoll und
prfend auf sich gerichtet; namentlich in den letzten Wochen, wo sein Gesicht
etwas spitzer geworden und er so viel hstelte. Auch fragte sie ihn einmal, wo
er sich so arg erkltet und ob er beim Husten ein Stechen in den Lungen
verspre. Aber es klang so gleichgltig, als htte sie ihn gefragt, ob ihm ein
Knopf am Kaftan fehle, und als er eifrig versicherte, er fhle sich ganz wohl,
drang sie nicht weiter in ihn und stellte nur des Abends schweigend eine Tasse
Eibischtee vor ihn hin. Ich danke dir, Mutter, sagte er und suchte ihre Hand
zu fassen, da zog sie sie sachte zurck.
    Dies Benehmen und noch mehr das heimliche Bewutsein seiner Schuld - er war
ja fest entschlossen, sie zu verlassen, sobald er konnte - lieen ihn keinen
Versuch wagen, sie zu begtigen. Stumm und gedrckt sa er ihr gegenber und
suchte, sobald er konnte, sein Kmmerchen auf.
    Auch sein Verhltnis zu Jossele Alpenroth hatte sich seit dem Abenteuer von
Mielnica noch verschlechtert. Heftig zu werden oder gar Schimpfworte zu
gebrauchen, lag nicht im Wesen des stillen, ruhigen Mnnchens. Auch seine
Mahnreden wiederholte er nicht mehr. Aber der Lehrling schien fr ihn kaum noch
auf der Welt zu sein, und er gab sich mit seinem Unterricht keine Mhe mehr.
    Dennoch fate sich Sender am Morgen des Tages, wo die Frist, die ihm Fedko
gesetzt hatte, ablief, ein Herz und brachte seine Bitte vor.
    Der Meister blickte kaum von der Arbeit auf.
    Nein! sagte er ruhig und leise wie immer. Keinen Heller! Es geschieht
nicht aus Geiz oder Hrte - frag' nur in der Gasse nach, wenn du das glaubst.
Aber du verdienst es nicht. Deine Arbeit taugt nichts! Auch will ich dir nichts
geben, denn dann bleibst du vielleicht noch lnger bei mir als sonst!
    Ihr wollt mich los sein? rief Sender.
    Der kleine Mann nickte.
    Wie gern wr' ich dich los! Sehr, sehr gern! versicherte er treuherzig.
An dem Tag schenk' ich den Armen fnf Gulden. Und fnf Gulden ist viel Geld,
und ich verdien' sie nicht leicht!
    Warum? Hab' ich Euch was Bses getan?
    Nein - was man so Bses nennt, nicht! Das ist es ja eben. Wenn du mir einen
Streich spielen wrdest - und wer knnte das besser als du?! - so wr's zu Ende.
Denn so habe ich es mit deiner Mutter abgemacht: An dem Tage, wo er gegen mich
den Pojaz herauskehrt, darf ich ihn hinauswerfen! Du tust es leider nicht, und
ich mu deiner Mutter mein Wort halten. Denn sie ist ein braves Weib, und Gott
hat sie ohnehin hart genug mit dir gestraft; durch mich soll sie keine traurige
Stund' haben. Aber schwer fllt's mir!
    Sender fhlte den Zorn in sich aufsteigen, umso heftiger, mit je sanfterer
Stimme das Mnnchen seine Reden vorbrachte. Aber er bezwang sich - ein Streit
mit dem Meister, das war's just noch, was ihm zu seinen Bedrngnissen fehlte!
    Aber nun den Grund, sagte er. Ihr werdet einsehen, Meister, da Ihr mir
das schuldig seid!
    Der Uhrmacher nickte wieder.
    Das ist wahr! sagte er. Aber der Grund? - ein Grund ... Komm' her,
Sender, hier an meinen Tisch ... Sieh dir das Werk von dem hrchen da an, das
ich eben reparieren tu' - gehrt dem Herrn Kreiskommissr. Ein feines hrchen,
ein schnes hrchen, fgte er mit fast zrtlicher Stimme bei und strich mit dem
kleinen Finger liebevoll ber den Rand, es ist auch gottlob nicht ernstlich
krank, sondern mu nur gereinigt werden ... Also, wie viel Rdchen siehst du
da?
    Vier!
    Vier! Richtig! Was jeder Bauer sehen knnt', siehst du auch! Aber mehr
nicht! Und viel mehr als ein Bauer verstehst du auch nicht und kannst du nicht
machen. Schon das ist schlecht fr mich! Freilich bezahl' ich dir nichts, aber
auch einem anderen Lehrling wrd' ich nichts geben, und an dem htt' ich doch
mit der Zeit eine Hilfe. Jeder Mensch darf doch auf seinen Vorteil sehen, nicht
wahr?! Aber da du mir Schaden bringst, weil alle meine Zeit und Mh' an dir
verloren ist, das ist nur ein Rdchen in der ganzen Sach', und zwar das
kleinste. Das Rdchen ist da!
    Er wies mit dem Finger auf das Uhrwerk. Aber daneben, fuhr er fort, ist
ein greres: warum lernst du nichts? Weil du ungeschickt bist? Nein! Oder dumm?
Einen gescheiteren Burschen hab' ich nie gehabt. Oder weil du zu kurze Zeit
dabei bist? Das ist ja gar schon deine zweite Lehrzeit! Du lernst nichts, weil
du kein Herz fr unser goldenes Handwerk hast! Ich aber - - Sender, du wirst
mich ja nicht verstehen oder gar verspotten, aber sagen will ich's dir doch!
Tglich im Morgengebet, wenn ich die Stelle sag': Ich danke dir, Herr, da du
mich als Mann geschaffen hast, fge ich bei: und als Uhrmacher! Ich sag' es nur
in Gedanken, denn man kann doch nicht ins Gebet deutsche Worte mischen, und fr
Uhrmacher haben unsere Vter kein Wort gehabt, aber Er hrt mich doch und wei,
da ich Ihm dankbar bin! Ich denk' mir oft: Du hast viel Sorgen, Jossele, und es
knnt' dir besser gehen, aber du tauschst doch mit niemand und kannst nie
unglcklich werden, denn du bist gottlob ein Uhrmacher! Mit wem sollt' ich
tauschen? Mit einem Wucherer? Pfui! Oder mit einem anderen Handwerker? Der
Schuster, der Tischler - mit welchen Sachen haben sie es denn zu tun? Mit toten,
groben Sachen! Meine sind fein und leben! Holz ist Holz und Leder ist Leder,
aber jede Uhr hat ihre eigene Natur, man mu sie erkennen und lieb haben; dann
vergilt sie einem die Mhe. Ich sag' dir, Sender, ich, Jossele, der arme Mann,
beneid' keinen, auer vielleicht deinen frheren Meister, Hirsch Brandeis in
Buczacz, weil ich leider nicht so geschickt bin wie er. Aber ein Herz dafr hab'
ich wie er! Und nun sitzt einer neben mir, der kein Herz dafr hat, der dies
schne Handwerk verachtet, und das krnkt mich, das rgert mich, das emprt
mich!
    Der kleine Mann erhob auch nun seine Stimme nicht, aber sie zitterte, und
seine Wangen brannten.
    Verachtet! sagte Sender abwehrend. Das nicht, Meister! O ja! Fr einen
Dieb hltst du einen Uhrmacher gerade nicht, aber du mchtest es nicht bleiben.
Nicht um die Welt! Und warum nicht? Das ist das dritte Rdchen und noch weit
grer als das zweite: weil du zu gut dafr bist, du, der Pojaz! Natrlich - -
du bist ja gescheit, und es fallen dir ja lustige Sachen ein, ber die man
lachen mu, und du kannst jedem nachffen und ihn so verhhnen, da kein Mensch
mehr Achtung fr ihn hat! Wer das kann, denkst du, ist zum Handwerker zu gut!
Ich aber sage dir - und nun erst schwoll die Stimme an - du bist zu schlecht
dazu! Es gibt zweierlei Arten von Menschen, die braven, fleiigen, die sich ihr
Brot im Schwei ihres Angesichts verdienen, das sind die Gelehrten und die
Handwerker. Und andere gibt es, die verachten die Arbeit und mibrauchen den
Verstand, den ihnen Gott gegeben hat, und leben von anderer Leut' gutem Ruf und
aus anderer Leut' Sack: die Schnorrer, die Marschalliks, die Pojazen! Ich bin
ein echter Uhrmacher, und du bist ein echter Pojaz - und darum ha' ich dich,
ha' ich dich!
    Die Erregung des Mnnchens gab Sender die Ruhe zurck. Das ist traurig fr
mich, sagte er. Aber fr Euch ist's nicht schn! Ja, Meister, es gibt
Uhrmacher und es gibt Pojazen, aber warum? Weil sie es so wollen? Nein, weil
Gott es so will. Glaubt Ihr, Ihr httet ein Marschallik werden knnen wie unser
alter Reb Itzig?
    Jossele machte eine Bewegung entrsteter Abwehr.
    Ich wei߫, fuhr Sender rasch fort. Ihr httet es auch nicht werden wollen!
Also auch nicht knnen, Meister! Ihr sagt, ich htt' kein solches Herz fr unser
Handwerk wie Ihr! Wenn das wahr ist, man gibt sich ja nicht selbst sein Herz,
sondern Gott tut es!
    La Gott dabei aus dem Spiel, rief Jossele. Gott meint's mit jedem
Menschen gut, Gott gibt jedem das Herz zu einer anstndigen Arbeit! Es kommt nur
auf unseren Willen an, auf die Bravheit, den Flei! Ein guter Handwerker kann
jeder werden, es ist nur sndige Hoffart, wenn einer sagt: Nein, das mag ich
nicht, lieber Pojaz, dazu bin ich geboren! Und mehr noch als die Hoffart spricht
der Hang zum Miggang solche Worte aus euch. Es gibt keine geborenen Pojazen -
so unbarmherzig ist Gott nicht! Und wenn du hundert Tage redest, ich glaub' es
nicht!
    Und ich Euch nicht!
    Natrlich! Wolltest du mir glauben, du mtest dich ja vor mir schmen!
brigens - wenn du recht hast, wenn du ein geborener Pojaz bist, was suchst du
hier? Willst du bei mir Knste lernen? Ich versteh' nichts, nur mein Handwerk
...
    Ihr wit, erwiderte Sender dster, es ist nicht meine Wahl. Und Ihr
behaltet mich auch nur meiner Mutter zuliebe. So bitt' ich Euch: habt Geduld mit
mir, vielleicht geht's doch!
    Ja, wenn das vierte Rdchen nicht war', rief Jossele. Und das vierte ist
grad' das grte! Du bist ein schlechter Bursch' und treibst wste Sachen!
    Ich?! rief Sender.
    Du! Du bist schlecht, sag' ich. Da du nicht heiraten willst, wundert mich
nicht - ein Pojaz will nicht gebunden sein, wenn er seine Spe heut' hier und
morgen dort auskramen will. Aber warum sagst du denn nicht deiner Mutter Nein!,
warum lt du, wenn du zu feig dazu bist, Schuldlose fr diese Feigheit ben?!
Du hast es auf dem Gewissen, wenn Reb Mortche Diamant vielleicht erst in Jahren,
vielleicht niemals einen Mann fr seine Chaje findet - die dummen Leut' lachen,
wenn man ihren Namen nennt, so hast du sie durch deine Possen blogestellt! Ich
wei, du bist gar noch stolz darauf! ...
    Bei Gott, nein! beteuerte der Gescholtene.
    Der Meister richtete sich auf; wieder berflammte der Zorn sein Antlitz.
    Wer hat's unter die Leut' gebracht?! rief er. Etwa Reb Mortche, weil er
so viel Freud' davon hat? Du warst es!
    Sender mute den Blick senken. In der Tat hatte er einigen davon erzhlt.
    Aber noch schlimmer ward ihm zu Mut, als Jossele fortfuhr:
    Das ist aber noch nicht das rgste! Das rgste ist, was du jetzt treibst.
Wo bist du immer whrend der Mittagszeit? Ich hab' geglaubt, bei deiner Mutter.
Aber du kommst nur nach Haus, das Essen in dich hineinzuschlingen, dann rennst
du wieder davon. Hierher aber kommst du immer zu spt, und wie schaust du dann
aus? Halb erfroren bist du und Augen hast du, als htt'st du zu viel getrunken.
Ich hab's deiner Mutter bisher verschwiegen, aus Mitleid, sie hrmt sich
deinetwegen ohnehin genug ab. Aber jetzt mu es sein, denn jetzt wei ich
endlich, was dahinter steckt!
    Sender wurde totenbleich. Hatte der Meister seine Besuche im Kloster
wirklich erkundet, so mute er sofort fliehen, gleichviel wohin, auf die Gefahr,
am Wege zu erfrieren oder Hungers zu sterben. Denn in Barnow qulten ihn die
Fanatiker unter den Chassidim langsam zu Tode.
    Du zitterst! Du kannst mir nicht ins Gesicht sehn! Httst du dich doch
lieber geschmt, eh' du diese Schande und Snde auf dich und ganz Israel geladen
hast! So was war ja noch nicht da, seit Barnow steht ...
    Kein Zweifel, der Mann wute alles! Aber hatte er trotzdem bisher
geschwiegen, so tat er es vielleicht auch ferner, sofern man ihn nur recht darum
anflehte.
    Meister! stammelte Sender, denkt an meine Mutter ...
    Hast du an sie gedacht, als du dich so an Gottes heiligem Namen versndigt
hast?!
    Sender beugte das Haupt noch tiefer.
    Ich sehe ja ein, flehte er, es ist eine Snde. Aber seht, anderswo, in
Czernowitz zum Beispiel, ist ja jeder Jud' ein Deutsch ...
    Eine schne Ausred'! brigens hab' ich das sogar von den Czernowitzern, die
doch gewi Abtrnnige sind, nie gehrt, da dort jeder eine Liebschaft mit einer
Christin hat wie du! ...
    Was?! Sender traute seinen Ohren nicht.
    Willst du dich aufs Lgen verlegen?! Du hast es ja eben gestanden! Du
treibst dich tglich irgendwo mit ihr herum! Neulich bist du sogar mit einem
ganz beschmutzten Kaftan hergekommen! Und mager und grn wirst du davon! Pfui!
pfui!
    Ich bin unschuldig! rief Sender und beteuerte es mit feierlichen Eiden. Es
ntzt ihm aber nichts, bis er auf Josseles Drngen auch bei dem Leben seiner
Mutter schwor, da er keine Christin liebe. Da erst gab sich der Meister
zufrieden; eines solchen Meineids wre auch der gewissenloseste Jude nicht
fhig.
    Whrend aber Sender schwor, dachte er angstvoll nach, welcher Snde er sich
statt dessen beschuldigen sollte. Endlich fiel ihm etwas bei, was nicht allzu
unwahrscheinlich klang. Jedes Judenstdtchen ist von einem an Husern, Bumen
oder Pflcken befestigten Draht, dem Eiruw umzogen. Bei den Mismagdim in
Galizien, den frommen Gemeinden in Posen und Westpreuen hat der Eiruw nur fr
den Sabbat Bedeutung. Da der Jude an diesem Tage keine Last aus seinem Hause
hinaustragen darf, also niemand mit einem Gebetsmantel oder einem Taschentuch
auf die Gasse treten drfte, so wird durch den Eiruw, der den Ort umschliet,
die Fiktion hergestellt, als wre das ganze Weichbild ein Haus. Der Sekte der
Chassidim aber, die ja in Barnow die herrschende war, gengt diese Bedeutung
des Drahtes nicht. Bei ihnen ist es berhaupt verboten, zu anderen Zwecken als
in Geschften oder um das Gotteshaus aufzusuchen, die Stube zu verlassen, denn
der Fromme soll daheim sitzen und ber Talmud und Thora grbeln. Da aber auch
sie dies nicht immer tun knnen, so bedeutet der Eiruw die Grenze, innerhalb
deren man spazieren gehen darf, denn da verlt man gleichsam das Haus nicht.
    Den Eiruw hab' ich berschritten, gestand also Sender zu. Aber seht,
Meister, als Kutscher hab' ich mich an frische Luft gewhnt. Ich mu tglich
gehrig laufen!
    Jossele schttelte den Kopf. Du lgst mich an, sagte er. Aber sein erster
Verdacht war ungerecht gewesen, und eine andere Erklrung fr die steifen Hnde
und die glnzenden Augen seines Lehrlings hatte er nicht - so mute er denn
diesen Anwurf wohl oder bel fallen lassen.
    Das aber wurmte ihn, und darum wurde er doppelt heftig.
    Deshalb bist du doch schlecht! rief er so laut, wie man es kaum je von ihm
gehrt. Und von mir kriegst du nie einen Heller! Geh in die Welt, werd' ein
Schnorrer! Da bekommst du fr deine Spe Essen und noch ein paar Kreuzer dazu
...
    Schweigt! brauste Sender auf und ballte die Fuste. Ein Schnorrer! ...
Nicht umsonst hatte ihn Rosel in der Anschauung erzogen, da dies das
erbrmlichste, jammervollste Gewerbe unter der Sonne sei.
    Warum?! sagte der kleine Mann hhnisch; der Zorn, der lang zurckgehaltene
Ha bermannte ihn. War nicht dein Vater Mendele ein Schnorrer? Und deine
Mutter ...
    Meine Mutter?! fiel ihm Sender heiser vor Wut ins Wort und trat dicht an
ihn heran. Wer was gegen meine Mutter sagt, den schlag' ich nieder! Und mein
Vater? Was geht's mich an, was aus Froim dem Schreiber geworden ist? ... Denn
Froim hat er geheien und nicht Mendele. Er hat mich in die Welt gesetzt - ja!
aber wer so schlecht gegen meine arme Mutter war, den brauch' ich nicht als
Vater zu achten. Und vorgeworfen hat mir bisher noch niemand das Unglck, fr
das doch ich nichts kann. Ihr seid der erste - schmt Euch! ...
    Aber es bedurfte dieser Rge nicht. Jossele Alpenroth schmte sich in diesem
Augenblick ohnehin so sehr, da er in die Erde htte versinken mgen, freilich
aus einem anderen Grunde, der aber noch viel triftiger war. Er war eben im
Begriffe gewesen, eine Roheit zu begehen, die ihm niemand in Barnow verziehen
htte, geschweige denn Frau Rosel, die er so aufrichtig verehrte. Jedem
einzelnen in der Gemeinde, auch ihm, hatte ja der Rabbi das Gelbde abgenommen,
Sender niemals das Geheimnis seiner Geburt zu entdecken. Es wr' so schlecht
und roh von euch, hatte der Priester gesagt, wie wenig anderes auf der Welt.
Und dieser Roheit, dieser Schlechtigkeit hatte er, Jossele Alpenroth, ein
feiner Mensch, ein frommer Mann, ein Uhrmacher, sich eben schuldig machen
wollen! Freilich nur, weil ihm der Zorn die Besinnung geraubt - aber war dies
eine Entschuldigung?!
    Er war fahl geworden und zusammengeknickt wie ein Taschenmesser.
    Verzeih, stammelte er, ich ...
    In derselben Haltung war vor fnf Minuten Sender vor ihm gestanden, als der
Meister gesagt, er wisse um seine Schliche. Die beiden hatten ihre Rollen
getauscht.
    Sender war noch zu erregt, um dessen inne zu werden. Schweratmend stand er
da. Schmt Euch! wiederholte er noch einmal.
    Ich schm' mich ja! sagte der kleine Mann weinerlich, und du darfst
deiner Mutter nichts davon sagen ...
    Da erst kam Sender der jhe Wechsel der Situation zum Bewutsein. Jhlings
schlug nun auch seine Stimmung um, er fhlte einen Lachreiz in der Kehle. Aber
er unterdrckte ihn und sagte finster: Ihr aber werdet Ihr natrlich vom Eiruw
erzhlen und da ich berhaupt nichts tauge ...
    Nein! beteuerte Jossele. Hab' ich ihr denn bisher was gesagt? Also - es
bleibt unter uns?
    Er streckte dem Lehrling die Hand hin. Aber dieser tat, als she er es
nicht. Es berraschte ihn, wie zerknirscht der Meister nun war, er wute es sich
nicht recht zu erklren, aber das war Josseles Sache, und die seine war, aus
dieser Wendung der Dinge Nutzen zu ziehen.
    Ihr habt mich schwer gekrnkt, sagte er. Ob ich als Uhrmacher was tauge
oder nicht - gleichviel - ich bin ein ehrlicher Mensch wie Ihr ... Der Mutter
will ich nichts davon sagen, es wrde sie auch zu sehr krnken, aber einen
Dritten wollen wir fragen, ob das recht war, mir vorzuwerfen, da ich eines
Schnorrers Sohn bin. Den Rabbi zum Beispiel, wenn es Euch recht ist ...
    Um Gottes willen! wehrte der Uhrmacher so entsetzt ab, da ihn Sender ganz
verblfft anstarrte.
    Nein, fuhr der Meister fast atemlos fort. Wir brauchen keinen
Schiedsrichter! Wir werden uns auch so vertragen. Du verzeihst mir und ich dir!
Er ergriff Senders Hand und drckte sie. Und was ich noch sagen wollt', fuhr
er fort, du hast mich um einen kleinen Lohn gebeten! Du verdienst ihn zwar
eigentlich nicht - das heit - hm! Also - da du den ganzen Tag da sitzest - in
Gottes Namen ... Womit wrest du denn zufrieden?
    Sender ri die Augen weit auf, ihm war's, als ob er trume! Das hatte er
nicht zu hoffen gewagt! Wenn er sich vorhin gekrnkter gestellt, als er war, so
geschah es nur, um dem Meister in Zukunft nicht gar so hilflos gegenberzustehen
wie heute. Und nun bot ihm dieser das Geld an!
    Ihr seid doch ein guter Mensch, sagte er gerhrt, und er meinte es
ehrlich. Ein Gulden Monatslohn war das geringste, was er fordern konnte, und um
diesen Betrag bat er auch.
    Ein Gulden?! rief Jossele erleichtert; er war auf das Doppelte gefat
gewesen. Nun - weil ich dich gekrnkt hab' und weil ich hoff', es wird ein
Sporn sein - du sollst ihn haben! Vom nchsten Monat ab!
    Nein-gleich! bat Sender, und Jossele gab nach. Aber nun an die Arbeit!
schlo er.
    So saen Meister und Lehrling wieder friedlich in der Werksttte
nebeneinander, jeder ber seine Arbeit gebckt, aber viel brachten beide an
diesem Vormittag nicht vor sich. Der Meister war zu rgerlich, der Lehrling zu
freudig gestimmt.
    Ich hab' doch in allem recht gehabt, dachte Jossele, und es war dem Pojaz
zu gnnen, da er's einmal grndlich zu hren bekommt. Da bringt mir ein bser
Geist den Mendele auf die Zunge! Das htt' eine schne Geschichte werden knnen;
in der ganzen Gemeinde wr' ich in Verruf gekommen! Aber das mit dem Gulden war
doch eine bereilung. Was hab' ich nun davon? Der Pojaz bleibt mir auf dem Hals,
nur da ich ihn noch bezahlen mu!
    Hingegen hegte Sender nun keinen Groll mehr. Ein guter Mensch ist dieser
Klein-Jossele, dachte er, freilich nur eben so ein Uhrmacher! Merkwrdig, er
hat mich, weil ich ein anderer Mensch bin als er - warum fllt mir nicht ein,
deshalb ihn zu hassen?! Er ist mir gleichgltig, eigentlich schau' ich ihm sogar
nicht ungern zu, wenn er so dasitzt und seine hrchen anlchelt - wenn ich
einmal in einem Spiel einen braven Handwerker zu machen hab', der auch so viel
Verstand hat, wie einem solchen Menschen ntig ist, aber nicht mehr, dann soll
er sich benehmen wie Jossele ... Hassen?! O wie lieb wollt' ich dich haben, wenn
ich nicht den ganzen Tag mehr dasitzen mt' und die verdammten Rdchen
reinigen! ... Nur in einem hat er recht gehabt, ich htt' die Mielnicer
Geschichte nicht erzhlen sollen, aber wenn ich geschwiegen htt', so htten die
Leut' am End' geglaubt, da Reb Mortche mich nicht gewollt hat ... Nein, rgte
er sich dann selbst, lg' nicht, Sender, deshalb hast du's nicht getan - was
wr' dir auch daran gelegen? - sondern weil's dir Freud' macht, wenn die Leut'
ber deine Geschichten lachen! Es kitzelt dir im Hals, wenn du so was weit, du
wrdest dran ersticken, wenn du's verschweigen mtest! ... Die dicke Chaje
bekommt schon noch einen Mann, Gott sorgt fr uns alle - er griff nach der
Westentasche, wo er den Papiergulden geborgen - er hat auch fr mich und meinen
Fedko gesorgt!
    Nicht minder fromm nahm der alte Klosterdiener die Flasche Slibowitz
entgegen, die ihm Sender diesmal mitbrachte. Das hat Gott nicht gewollt, sagte
er, da ich in meinem Schmerz ohne Trost bleibe. Denn unsere Schweinchen,
lieber Senderko, wollen noch immer nicht fetter werden!
    Woche um Woche verging, und Neujahr war lngst vorber, aber Fedko
beantwortete die tgliche Frage, ob der Brief aus Czernowitz gekommen, immer
wieder mit einem energischen Kopfschtteln und fgte zuweilen sogar ein
spttisches Wort hinzu. Aber Sender lie sich nicht irre machen. Dann kommt er
morgen, sagte er.
    Diese Zuversicht sollte sich glnzend erfllen. Als er eines Tages - es war
im Februar und bald ein Jahr herum, seit er in Czernowitz gewesen - wieder an
der Tartarenpforte erschien, stand Fedko harrend da, ein mchtiges Paket unter
dem Arm.
    Das hat mir heute der Brieftrger gebracht, sagte er. Er hat mich sehr
ausgelacht, denn es fhlt sich an wie Bcher, und ich kann ja nicht lesen!
    Mit zitternder Hand ergriff Sender das Paket und drckte es an sich. Im
Bibliotheksaal lste er die Siegel.
    Es waren wirklich Bcher, eine deutsche Sprachlehre zum Selbstunterricht,
eine kleine Weltgeschichte, ein Lehrbuch der Geographie, ein Rechenbuch, ein
Briefsteller, ein Lesebuch fr Gymnasien und ein Katechismus der
Schauspielkunst.
    Ein Brief lag bei. Der Direktor entschuldigte sich zunchst, da er erst
jetzt antworte; er sei erst vor einigen Wochen mit seiner Truppe nach Czernowitz
gekommen, weil sich in der Stadt kein gengendes Publikum fr die ganze
Wintersaison finde, und habe sich dann auch die Sache grndlich berlegen
wollen. Er halte es nach reiflicher Erwgung auch nun noch fr das beste, da
Sender in Barnow bleibe, bis er sich die ntigste Bildung angeeignet; sei er
erst einmal bei der Truppe, so werde er dafr keine Zeit, keine Ruhe, vielleicht
auch keine Lust mehr haben. Mit Hilfe der beiliegenden Bcher werde er sich auch
hoffentlich ohne Lehrer forthelfen. Du nimmst, heit es weiter, zuerst die
Sprachlehre durch, dann die anderen Bcher. Der Briefsteller soll Dir nur als
Muster dienen, den Katechismus liest Du zuletzt. Geht es trotz der Bcher gar
nicht oder wollen sie Dich um jeden Preis verheiraten und kannst Du Dich
unmglich anders dagegen schtzen, so komm in Gottes Namen sofort zu mir - ich
bleibe bis Ende April in Czernowitz. Aber es scheint mir, wie gesagt, fr Dich
vorteilhafter, wenn Du erst im Januar, also nach einem Jahr, zu mir kommst. Noch
eins! Bis Du meine Bcher ganz genau durchgelesen hast und verstehst, mut Du
das Lesen in der Bibliothek bleiben lassen - dann magst Du Schiller oder Lessing
lesen, aber nicht Goethe oder Shakespeare. Leb' wohl, bleib' frhlich, Gott
schtze Dich, und ich werde Dich nie verlassen. Brauchst Du Geld, sei es zur
Reise oder weil es Dir zu schlecht geht, so schreib' mir; ich hab' selbst nicht
viel, aber es wird schon fr uns beide reichen.
    Sender las den Brief wohl an die zehn Male, seine Augen feuchteten sich, so
oft er an den Schlu kam. Der gute Mensch, murmelte er, der gute Mensch! ...
Natrlich will ich ihm in allem gehorchen, es ist ja bitter, da ich noch hier
bleiben mu, aber er wei, warum!
    Als Fedko erschien, nahm Sender Abschied von ihm. Vielleicht komme ich in
den nchsten Monaten wieder, versprach er.
    Aber der freundliche Greis schttelte traurig den Kopf. Es ist aus, sagte
er, fr immer aus. Ich habe ja gewut, es wird so kommen. Da du tglich so
bitter frierst und ich dafr Slibowitz trinke - es war mir immer wie ein schner
Traum, und ein Traum kann nicht ewig dauern. Nun kommt wieder der gemeine
Schnaps, wo ich drei Flschchen trinken mu, bis mein Herz heiter wird - und den
mu ich mir obendrein selbst bezahlen. Aber das ist der Welt Lauf! Leb' wohl,
Senderko!

                              Vierzehntes Kapitel


Euer Hochwohlgeboren!
    In umgehender Erwiderung Ihres Werten vom 30. Januar beehre ich mich ganz
ergebenst mitzuteilen, da Ihnen Gott soll Glck geben und Segen und langes
Leben, und soll Ihnen vergelten, was Sie an mir armem Menschen tun!
    Es war mir sehr angenehm, aus Hochdero Zuschrift zu ersehen, da sich Euer
Hochwohlgeboren in erwnschtem Wohlsein befinden, und ich mcht wissen, ob Sie
gesund sind und ob die Czernowitzer wenigstens die paar Wochen viel ins Theater
gehen, denn der Herr Wohltter hat ja leider kein Wort ber sich geschrieben und
ber die Frau und die Geschfte. Auch war ich sehr erfreut, daraus zu entnehmen,
da Hochdero Unternehmungen guten Fortgang nehmen, und der Herr Nadler braucht
sich nichts daraus zu machen, denn fr die Czernowitzer ist es eine Schand', da
er dort nicht den ganzen Winter sein kann, aber nicht fr ihn.
    Euer Hochwohlgeboren gefllige Sendung habe gleichzeitig erhalten und beehre
mich fr die prompte Ausfhrung meiner Auftrge meinen Dank zu sagen;
aufgegebenen Gegenwert habe Ihnen bestens gebucht. Lieber Herr Wohltter, ich
hab ja lang auf den Brief warten mssen, aber ich hab gewut, der gute Mensch
verlt mich nicht, und wie ich alles gelesen hab und die Bcher durchgeschaut,
hab ich geweint vor Freude. Gott mu es lohnen; wie soll ich es je vergelten,
auer da ich als Schauspieler bei Ihnen bleiben werd, so lang Sie wollen und
fr jeden Lohn spielen, auch fr zehn Kreuzer tglich - auf Ehre!
    An geschftlichen Nachrichten vom hiesigen Platze, die Euer Hochwohlgeboren
interessieren drften, beeile ich mich zunchst zu Hochdero Kenntnis zu bringen,
da ich gottlob Reb Mortches Chaje nicht zu heiraten brauch, und eine andere,
scheint es, hat Reb Itzig noch nicht gefunden, aber wenn ja, so werd ich schon
machen, da sie mich auch nicht nimmt. Im Kloster hab ich viel gelesen, zuerst
von Lessing, dann von A bis Albigenser, aber der Herr Wohltter hat recht, wenig
hab ich verstanden, und ich wei gar nicht, was Philotas will. brigens ist das
Lexikon nicht so schlecht, wie ich geglaubt hab, denn jetzt seh ich aus Hochdero
Zuschrift den Namen von dem englischen Dichter und bisher hab ich geglaubt, da
er Scheckspier geheien hat, denn so hat es mir der arme Wild gesagt, er hat es
- der Arme - selbst nicht richtig gewut. Alles soll geschehen, wie der Herr
Wohltter mir schreibt, denn Sie sind mein Moses, aber ich werd Ihnen gehorsamer
sein, als unsere Vter in der Wste ihm waren, und erst im nchsten Winter komm
ich zu Ihnen und jede Zeile in jedem Buch werd ich dann auswendig wissen - Sie
knnen mich prfen!
    Was Euer Hochwohlgeboren gefllige Offerte betrifft, so hat es Ihr Engel im
Buch Ihres Lebens eingeschrieben, was Sie, trotz Ihrer eigenen Sorgen fr einen
fremden Menschen, den Sie einmal im Leben gesehen haben, tun wollen. Aber es ist
nicht ntig, lieber Herr Wohltter, weil mir Klein-Jossele, was mein Meister
ist, jetzt monatlich einen Gulden Lohn gibt, und was die Reise betrifft, das ist
meine letzte Sorge - wenn ich erst so weit wr! Denn es fhrt kein Fuhrmann
zwischen hier und Czernowitz, und es sitzt kein Schnker am Weg, der nicht den
Pojaz kennt. Nur in Czernowitz kennt mich niemand, aber das wird schon anders
werden, und Sie werden Ehre mit mir einlegen - Sie werden schon sehen! Ich wei
nicht, was ich besser machen werd, ob lustige Leut, ob traurige Leut, aber beide
werd ich sehr gut machen, da knnen sich der Herr Wohltter darauf verlassen.
Nur ob auch Verliebte, wei ich nicht, aber so den Nathan oder den Schajelock -
mir wssert schon der Mund, und Sie knnen mir glauben, mein Schajelock wird gut
sein, ausgezeichnet wird er sein - natrlich nach Ihnen!
    Indem ich mich Euer Hochwohlgeboren fernerer Geneigtheit empfehle, zeichne
ich

                         in ausgezeichneter Hochachtung
                           Hochdero ganz ergebenster
                               Sender Kurlnder,
                            knftiger Schauspieler.

Barnow, 8. Februar 1853.
    N.S. Die Frau Wohltterin la ich schn gren und alle Ihre Mitglieder.
    P.S. Wenn Sie mir schreiben wollen, immer an Fedko Hayduk im Kloster in
Barnow, denn es darf ja niemand wissen, da ich lesen kann.
    Nachschrift. Was ich da geschrieben habe vom Schajelock und Nathan,
natrlich mein ich das nicht fr den Anfang. Im Anfang spiel ich Bediente, und
wenn Sie wollen, kehr ich ein ganzes Jahr nur das Theater aus und werd doch
glcklich sein, da ich dabei bin.

Diesen Brief schrieb Sender in der dritten Nacht nach Empfang der Bcher, und
schon brach der fahle Schein des Wintermorgens durch das Fenster seines
Kmmerchens, als er ihn beendete. Denn das war ein schwer Stck Arbeit fr ihn
gewesen, weil er ja nicht nach eigenem Gutdnken schreiben, sondern, wie Nadler
gewnscht, den Briefsteller als Muster benutzen mute. So nahm er denn in den
beiden ersten Nchten dies Buch durch, aber so eifrig er las, ein Entwurf, der
auch nur entfernt fr seine Lage gepat htte, fand sich nicht, und er mute
endlich ihrer zwei kombinieren, um halbwegs zustande zu kommen, einen Dankbrief
an einen Gnner und einen Geschftsbrief an eine groe Firma.
    Er arbeitete eifrig; auch wenn unten das Glckchen erklang, zum Zeichen, da
ein Wagen den Schlagbaum passieren wollte, blickte er kaum auf. Das war Frau
Rosels Sache, bei Tag und bei Nacht, so heut' wie vor zwanzig Jahren. Die
wenigen Haare, die ihr unter dem Scheitel (der enganliegenden Kopfkappe der
stlichen Jdinnen) hervorquollen, waren nun wei, das hagere, knochige Antlitz
wies tiefe Furchen, aber die Gestalt war noch so ungebrochen, das Auge so scharf
wie einst. Auch nun noch verrichtete sie den Dienst selbst. Und doch war die
Heerstrae auch vom Abend bis zum Morgen viel befahren; wohl zehnmal mute sich
die Mautnerin des Nachts vom Lager erheben. Aber die tatkrftige Frau wollte von
keiner Hilfe wissen, duldete auch nie, da Sender fr sie eintrat.
    Er war es so gewohnt und dachte nicht darber nach, ob es so recht sei -
auch in jenen Nchten nicht. Nur eines ging ihm zuweilen durch den Sinn, wenn er
das Glckchen vernahm: wie, wenn die Mutter den Lichtschein bemerkte, die Leiter
emporklomm und an seine Tr pochte? Aber seine Kammer lag ja im Dachgiebel des
ebenerdigen Huschens, und nach hinten hinaus; Frau Rosel konnte den Schein
nicht gewahren. Und so las und schrieb er eifrig drauf los, obwohl er sehr mde
war - aber er mute nun fertig werden, der Dank fr solche Wohltat lie sich
nicht lnger verzgern.
    Als der Brief endlich vorlag, gefiel er ihm wohl. Nadler hat recht, wie
immer, dachte er, mit dem Briefsteller ist es schwerer, aber dann kommt alles
auch viel feiner heraus.
    Er streckte sich auf sein Lager hin, noch etwas vom versumten Schlaf
nachzuholen, bis er den Gang zur Werksttte antreten mute. Sonst schlief er
ein, kaum da der Kopf den Polster berhrte; diesmal ging es nicht. In seinen
Schlfen pochte es schmerzhaft, die Augen brannten, und so oft er in
Halbschlummer verfiel, ri ihn ein angstvoller Traum wieder empor. Da stand sein
Meister Jossele vor ihm und holte hhnisch den eben geschriebenen Brief hervor,
den Sender unter dem Kopfpolster geborgen, oder die Mutter hatte die Lade
aufgemacht, wo er die Bcher versteckt, und warf sie unter Verwnschungen zum
Fenster hinaus ... Dazu der Husten, der nicht enden wollte. Wenn ich nur nicht
krank werde, dachte er angstvoll, als er sich erhob, mhsam ankleidete und
wankenden Schritts in die Wohnstube trat, die Frhstckssuppe einzunehmen, um
Gottes willen, jetzt gesund bleiben, gesund!
    Frau Rosel sa bereits auf ihrem gewohnten Platz am Fenster, wo sie jeden
Wagen, der sich nahte, gewahren konnte. Sie blickte nicht auf, erwiderte auch
seinen Gru nicht.
    Er setzte sich an den Tisch, griff nach dem Lffel, schob aber bald das
Tpfchen von sich. Auch mit dem Essen war es heute nichts. Als er sich erhob,
begegnete er dem Blick der Mutter; sie sah ihn so recht sorgenvoll an.
    Bist du krank? fragte sie; es klang ungewohnt weich.
    Er verneinte.
    Es ist doch so! sagte sie und trat auf ihn zu. Dein Husten wird immer
schlimmer, er lt dich jetzt auch nicht mehr schlafen ...
    O doch, Mutter ... Warum glaubst du? ...
    Weil du immer Licht brennst - gestern - heute -
    Er fhlte sich errten.
    Ja ... aber es hat nichts zu sagen. Er griff nach der Mtze. Du kannst
wirklich ruhig sein, Mutter!
    Sie fate ihn scharf ins Auge.
    Du fhlst keine Schmerzen? fragte sie. Spuckst kein Blut?
    Nein! beteuerte er.
    Sonst mte man den Doktor fragen, fuhr sie fort. Mit solchen Sachen darf
man in deinen Jahren nicht spaen! ... Aber wenn dir wirklich nichts Ernstliches
fehlt, so hat es vielleicht auch sein Gutes, da du gerade jetzt ein bichen
hustest und blsser aussiehst ...
    Warum? fragte er erstaunt.
    Weil ja - begann sie lebhaft, stockte dann aber. Wir sprechen spter
einmal darber! Geh jetzt, der Meister wartet!
    Was mag das sein? dachte Sender erstaunt, aber um ernstlich darber
nachzusinnen, fhlte er sich zu mde, nur mit Aufgebot aller Kraft konnte er die
Werksttte erreichen und sank da matt auf seinen Schemel. Und mit der Arbeit
ging's heute noch schlechter als sonst.
    Jossele Alpenroth tat, als ob er es nicht bemerkte; aber Sender selbst
fhlte, da es so nicht gehe. Er mute die Nchte nicht blo zum Lesen und
Schreiben, sondern auch zum Schlaf benutzen.
    Das tat er denn auch, aber es fiel ihm schwer. Nicht etwa, als ob das Buch,
das er nun zunchst durchnahm, gar so fesselnd gewesen wre. Aus Gehorsam und in
der aberglubischen Furcht, dadurch vom rechten Wege abzukommen, lie er alles
andere unberhrt liegen und widmete sich der Deutschen Sprachlehre. So oft er
heimkam und die Bcherlade aufschlo, seufzte er tief auf. Da lag die
Weltgeschichte, das Lesebuch, vor allem aber der Schlssel zu seinem
Paradies - der Katechismus der Schauspielkunst, der sogar mit Bildern
geschmckt war, die lachende, weinende, zornige und furchtsame Gesichter sowie
Spieler und Spielerinnen in den verschiedensten Haltungen und Kostmen
darstellten - und er mute lernen, was ein Hauptwort sei, und dann, wie viele
Zeiten es im Deutschen gebe! Es war hart, und nachdem er so stundenlang
konjugiert: Ich liebe - ich liebte - ich habe geliebt - htte ihm das Wachen
eigentlich schwerer fallen sollen als das Schlafen. Dennoch kmpfte er
allnchtlich den gleichen Strau mit sich selbst: Nur noch ein halb Stndele,
das schadet nicht, und dann: Noch zehn Minuten; das halt' ich leicht aus -
bis er sein Lager aufsuchte. Denn je rascher er mit dem langweiligen Buche
fertig war, desto eher winkten ihm die Freuden des Lesebuchs und endlich auch
die Wonnen des Katechismus.
    Er war in jenen Tagen wohl einer der glcklichsten Menschen in Barnow. Denn
er war ja auf dem Weg zu seinem Ziel und felsenfest seine Zuversicht, es zu
erreichen! Nur das ewige Verhehlen gegen seine Mutter war ihm zuweilen peinlich;
er trug nun den Schlssel zu seiner Kammer immer bei sich, obwohl Frau Rosel sie
ohnehin nie betrat, und verhngte des Abends das Fenster, da kein Lichtstrahl
hinausdringen konnte. Aber er mute sie ja hintergehen, und wenn ihr auch die
Verwirklichung seiner Plne gewi zunchst nur Schmerz brachte, wie reichlich
wollte er ihr einst, wenn er ein groer Spieler geworden, vergelten, was sie
um ihn gelitten! Sie verdiente es ehrlich, so tief er sie gekrnkt, nun wurde
sie aus Besorgnis um seine Gesundheit von Tag zu Tag freundlicher gegen ihn. Die
Wandlung mehrte das Glcksgefhl, das ihn in diesen Zeiten berkommen, fast
htte er den lstigen Husten gesegnet, der dies herbeigefhrt.
    Aber seltsam! - als sollte nun alles verschwinden, was ihm unangenehm
gewesen, so wurde nun auch, je weiter der Mrz vorschritt, je milder die Lfte
wehten, sein Meister gegen ihn immer freundlicher. Er lachte ihn ordentlich an,
wenn er morgens den Laden betrat, und als Sender einmal beim Zusammensetzen
eines Uhrwerks gedankenvoll deklinierte: Das Rdchen, des Rdchens, dem
Rdchen, das Rdchen und dabei mit der Kneifzange die Feder sprengte, war der
Meister nur einen Augenblick ungehalten, dann sagte er freundlich: Mach' dir
nichts daraus, ich leg's zum brigen!
    Sender blickte ihn verblfft an, aber der kleine Mann rgerte sich wirklich
nicht, lachte sogar ber das ganze Gesicht. Hatte er endlich die Geduld verloren
und wollte den ungeschickten Lehrling fortschicken? Das sah Jossele Alpenroth
nicht hnlich; er war nur eben so ein Uhrmacher, aber ein ehrlicher Mann. Hatte
er Bses vor, so schnitt er keine freundliche Miene.
    Mir kann's recht sein, dachte Sender vergngt. Ich tu's gewi nicht
absichtlich, aber ich frcht', die Freud' mach' ich ihm noch oft!
    Er wre minder ruhig gewesen, wenn er den Grund dieser rtselhaften
Frhlichkeit gekannt htte. Es war derselbe, der seine Mutter mit so zrtlichem
Bangen erfllte. ber Sender zog sich, ohne da er es ahnte, ein Gewitter
zusammen. Gegen Ende April fand, wie alljhrlich, die Rekrutierung in Barnow
statt, und Sender, der im vorigen Mai sein zwanzigstes Jahr vollendet, hatte
sich zu stellen.
    Das wute er nicht, konnte es nicht wissen. Er gehrte ja - glaubte er - zu
jenen wenigen Glcklichen, die gesetzlich vom Militrdienst befreit waren; er
war der einzige Sohn einer Witwe. Allerdings gengte dies allein nach dem
Gesetze nicht, der Sohn mute der Ernhrer der Mutter sein, und Frau Rosel
ernhrte ja ihn. Aber damit nahm man es in Barnow nicht so genau; fr eine
solche Bescheinigung sorgte schon Luiser Wonnenblum, der Schreiber der jdischen
Gemeinde, und man brauchte ihm nicht einmal gute Worte dafr zu geben, nur Geld,
viel oder wenig, je nach dem Vermgen der Mutter. Frau Rosel, die arm war, kam
vielleicht mit einer Taxe von zwanzig Gulden davon, was fr sie freilich ein
groer, aber nicht unerschwinglicher Betrag war. So hatte sie es Sender stets
gesagt, so oft die Rede darauf gekommen, und hinzugefgt: Gott hat ein Einsehen
gehabt! Die Sorg' wenigstens hab' ich mit dir nicht - es wr' sonst auch
wirklich zu viel!
    Es war keine Lge, keine Heuchelei, wenn sie so sprach, sie glaubte es
selbst so. Nur weil sie eine vorsorgliche Frau war, die alles gern rechtzeitig
ordnete, war sie schon mehrere Monate vor der Rekrutierung, im Januar, nach dem
Gemeindehause von Barnow gegangen und hatte Luiser Wonnenblum ihr Anliegen
vorgetragen.
    Aber da harrte ihrer eine bittere Enttuschung. Der kleine, hckerige,
pockennarbige Mann blinzelte sie aus seinen schlauen Augen halb mitleidig, halb
spttisch an. Liebe Frau Rosel, sagte er berlegen. Das geht ja nicht, Sender
ist ja nicht Euer Sohn!
    Was?! schrie sie auf, fate sich aber sofort wieder. Da irrt Ihr Euch,
sagte sie ruhig. Mein Sender ist nicht unter meinem Herzen gelegen, aber von
seiner Geburt bis heut' bin ich seine Mutter gewesen. Und auch mit dem Rabbi und
den ltesten hab' ich's ausgemacht, da er mein Kind ist, an dem sonst niemand
ein Recht hat, und sie alle haben mir zugeschworen, er soll nie erfahren, da er
des Schnorrers Sohn ist ... Also -
    Luiser hatte ihr ungeduldig zugehrt.
    Also ist er doch nicht fr den Kaiser Euer leiblicher Sohn! fiel er ihr
ins Wort, und was kmmert den Kaiser, was Ihr mit dem Rabbi geredet habt?! ...
Hier steht - er schlug die Matrikel auf - ich werd's Euch vorlesen, Frau Rosel
- Sender Glatteis, Sohn des verstorbenen Talmudisten und Bettelmannes Mendel
Glatteis aus Kowno und seiner gleich nach der Geburt des Knaben abgeschiedenen
Ehefrau Miriam, unbekannten Geburtsnamens - und das allein gilt!
    Noch immer blieb Frau Rosel gelassen.
    So schreibt hinzu, sagte sie, da ich, die Witwe Rosel Kurlnder, diesen
Sender schon vor zwanzig Jahren an Kindes Statt angenommen habe!
    Wie kann ich das? Es wr' ja eine Lge!
    Eine Lge? schrie sie emprt auf. Meine Opfer, meine Trnen, meine
schlaflosen Nchte eine Lge?!
    Fr den Kaiser! erwiderte er.
    Den Kaiser?! ... Er soll alle Barnower fragen, ob es nicht wahr ist! ...
Und er ist ja auch ein Mensch und hat ein Herz ...
    Luiser Wonnenblum lchelte. Ihr redet, wie Ihr's versteht! Ich sage: der
Kaiser, denn wenn ich sagen wrde: das Gesetz, so wrdet Ihr mich ja noch
weniger verstehen. Nmlich des Kaisers Wille ist aufgeschrieben, und danach
richtet man sich, und davon gibt es keine Ausnahme. Sagt selbst: hat der Kaiser
die Zeit, alle Barnower auszufragen und dann zu entscheiden, ob er der Rosel im
Mauthaus den Gefallen tun will?! ... Nach dem Gesetz ist Sender nicht Euer Sohn!
Und Ihr knnt ihn auch nicht nachtrglich an Kindes Statt annehmen. Adoptieren
heit das - versteht Ihr? - adoptieren -
    Meinetwegen! Aber warum nicht?!
    Weil Ihr keine Witwe seid!
    Frau Rosel legte die Hand an die Stirne. Seid Ihr verrckt oder ich? Keine
Witwe?
    Seid Ihr von Froim, dem Schreiber, geschieden? Nein! Ist er tot?! Ihr wit
es nicht! Folglich seid Ihr keine Witwe; sondern eine Frau, der der Mann
durchgegangen ist. Da mtet Ihr also zuerst eine Klage gegen Froim einreichen,
weil er Euch bswillig verlassen hat. Und da man ihn nicht finden knnt', mt'
man die Klage ffentlich ausschreiben und sagen: Meldest du dich ein Jahr nicht,
so bist du tot! Und dann wret Ihr erst eine Witwe und knntet adoptieren. Aber
das dauert mindestens zwei Jahre, und inzwischen kann Euer Sender schon Korporal
sein ...
    Frau Rosel richtete sich auf. Das ist ja alles Unsinn, sagte sie. Auf
welchem Friedhof Froim liegt, wei ich nicht - Gott geb' ihm die ewige Ruh!
Jetzt soll ich ihn klagen, weil ich ihn vor zweiundzwanzig Jahren weggejagt
hab'?! ... Reden wir deutsch, Reb Luiser! Was verlangt Ihr?!
    Luiser Wonnenblum erhob die Augen zum Himmel, als wollte er ihn zum Zeugen
machen, welchen Unverstand ein Mann wie er ber sich ergehen lassen msse.
    Aber, Frau Rosel! sagte er vorwurfsvoll und trat auf sie zu. Htt' ich's
denn dann nicht gleich gesagt?! Verdien' denn ich nicht gern? Aber da kann ich
nichts tun, und wenn Ihr mir tausend Gulden gebt ... Wahrhaftig - aber - um
Gotteswillen! unterbrach er sich erschreckt.
    Frau Rosel wankte, sie war einer Ohnmacht nahe. Hastig lie er sie auf einen
Stuhl gleiten.
    So beruhigt Euch doch, fuhr er fort. Es ist ja keine Schlechtigkeit von
mir! Wenn Ihr mir vor zwanzig Jahren gesagt httet: Ich will nicht, da dies
Kind ein Sellner (korrumpiert aus Sldner, Soldat) wird - schreibt es als Mdele
ein - ich htt's um hundert Gulden getan. Oder: Schreibt ihn gar nicht ein,
htt' nicht viel mehr gekostet ... Aber jetzt ... jetzt knnt' ich ihn hchstens
sterben lassen ...
    Sterben?!
    Ja - freilich mt' er dazu nach Tluste gehen, der hiesige Doktor macht
solche Sachen nicht. Dort wird ihm ein Totenschein ausgestellt ... erschreckt
nicht, solche Leut' leben am lngsten. Freilich mu er dann fr einige Jahre
nach Ruland gehen oder nach Rumnien, bis er unter anderem Namen zurckkommt
... Das ist das Sicherste, das einzige Sichere, aber es kostet fnfhundert
Gulden!
    So viel hab' ich nicht! murmelte sie mit bleichen Lippen. Wit Ihr keinen
anderen Weg?!
    Luiser Wonnenblum zuckte die Achseln. Er kannte deren genug, aber keinen, wo
er auch etwas verdienen konnte. Weil aber die Frau so gebrochen war, so meinte
er: Ich kenn' keinen ... Ein ehrlicher Mann hat mit solchen Sachen nicht gern
zu tun ... Aber - fragt doch andere!
    Frau Rosel wandte sich an den Mann, dessen Pflicht es war, den Witwen und
Waisen beizustehen, den Rabbi der Gemeinde. Das war ein Mensch anderen Schlages
als Luiser, fromm und gewissenhaft, beides freilich nur im Sinne des starren,
dsteren Glaubens seiner Sekte. Er galt - und das wollte wahrlich etwas heien -
als der schlimmste, hrteste Fanatiker unter den galizischen Chassidim, freilich
auch als ein Mann von untadeliger Ehrlichkeit. Aber auch er fand das Bestreben,
auf Schleichwegen der Militrpflicht zu entgehen, nicht sndhaft, im Gegenteil,
Gott wohlgefllig - wer Sellner geworden, konnte ja die Speisegesetze nicht
einhalten! Und vielleicht gab es damals - heute ist es anders und besser -
keinen Menschen im Kreise, der anders dachte. Dem Stdter und dem Bauer, dem
Polen, Ruthenen und Juden - ihnen allen war jedes Mittel recht, den Staat um die
Blutsteuer zu betrgen. Und vielleicht gereichte diese Anschauung nicht ihnen
allein zur Unehre, sondern auch dem Staate, der nun acht Jahrzehnte ber jene
Landschaft gebot, ohne ihre Bewohner zu einer sittlicheren Auffassung ihrer
Pflicht erzogen zu haben.
    Schlimm, sagte Rabbi Manasse Kirschenkuchen, sehr schlimm! Vielleicht ist
es eine Strafe Gottes! Ich will's nicht Euch zum Vorwurf sagen, ich bin ja
mitschuldig. Aber recht war's von uns beiden nicht! Das kommt von den
Heimlichkeiten - wir htten dem Knaben seine Abstammung nicht verhehlen sollen.
Wir haben's aus gutem Herzen getan, um ihn vor seines Vaters Schicksal zu
bewahren, aber das htte sich vielleicht auch richten lassen, ohne auf unser
Haupt Snde zu hufen. Dem armen Mendele lebt ein Sohn, aber der wei nichts von
seinem Vater und sagt ihm an seiner Jahrzeit (Sterbetag) keinen Kadisch nach. Um
das haben wir den Toten betrogen -
    Ich la die Jahrzeit seiner Eltern halten, beteuerte Frau Rosel, freilich
durch einen Fremden ...
    Gott hat aber geboten, sagte der Rabbi bekmmert, da es das eigene
Fleisch und Blut tut.
    Und dann betet er aus seines Vaters Gebetbuch, fuhr sie zu ihrer
Entschuldigung fort. Ich hab's ihm gegeben, es war ohnehin sein einziges Erbe!
... Und gibt es auf unserem guten Ort (Friedhof) zwei besser gepflegte Grber,
als die von Mendele und Miriam?!
    Der Rabbi seufzte. Das wird uns vor Gott nicht entlasten, sagte er. Und
dann noch eine Snd': Sender ist ber zwanzig Jahr' alt und hat noch kein Weib!
Ich wei, es ist nicht Eure, sondern seine Schuld - aber eine Snd' bleibt's
doch. Und fr die Rekrutierung ist es auch nicht gut. Freilich mu die
Kommission auch verheiratete Leut' nehmen - gottlob sind die meisten Juden schon
mit zwanzig Jahren verheiratet. Aber wenn so ein junger Mensch vor den Herren
weint: Mein Weib, meine vier Kinder! so nehmen sie doch lieber einen anderen,
der keine Kinder hat, und am liebsten einen Ledigen ... Ein Lediger, Frau Rosel,
ist schon gar verloren! Ihr solltet doch noch einmal mit Reb Itzig sprechen - es
sind ja noch drei Monate Zeit ...
    Ich werd' es tun, versprach sie. Aber das allein bringt ihn ja nicht
frei. An wen soll ich mich sonst wenden?!
    Da ist nicht leicht raten -  erwiderte der Rabbi, es ist ja ein
notwendiges Geschft, aber ehrliche Leute betreiben es nicht. Wollt Ihr die
Kommission bestechen, so sind der Herr v. Wolczynski und Dovidl Morgenstern die
anstndigsten Vermittler, wollt Ihr lieber einen Fehlermacher nehmen, so rat'
ich Euch zu Srul, dem Cyrulik (Bader), oder zum Wundarzt Grundmayer.
    Schon am nchsten Tage erffnete Frau Rosel die Verhandlungen. Itzig
Trkischgelb, den sie zunchst zu sich entbot, schttelte wehmtig den Kopf.
    Wer bin ich? sagte er gekrnkt. Antwortet mir zur Gte, Frau Rosel! Bin
ich Reb Itzig, der geschickteste Schadchen (Heiratsvermittler) im ganzen Land,
oder bin ich es nicht? Braucht man mich noch daran zu erinnern, wenn man mir
einen Auftrag gegeben hat?! Bin ich eine Uhr, die man immer von neuem aufziehen
mu?! Ich lauf' von selber und lauf' und lauf', bis die Sach' im reinen ist.
Auch fr Sender hab' ich mir die Seel' aus dem Leib gelaufen und geredet - es
ntzt nichts! Glaubt Ihr, ich bin mig, weil ich nicht zu Euch komm'? Aber ich
hab' Euch nichts Gutes zu erzhlen! Es war ja schon frher nicht leicht, aber
seit der Mielnicer Sach' will gar niemand mehr von ihm hren.
    Das habe ich gedacht, erwiderte Frau Rosel bekmmert. Jetzt wr' ich aber
auch mit einer geringeren Familie zufrieden ...
    Reb Itzig nickte.
    Natrlich! Aber war denn der Uhrmacher in Mielnica gar so was Feines? Ein
Prostak (gemeiner, ungebildeter Mensch), in der ganzen Familie niemand, der je
ein Blatt Talmud gelesen hat, und der Bruder im Zuchthaus! Viel tiefer knnen
wir nicht mehr greifen - das heit, soweit meine War' reicht! Reb Srulze in
Tluste, der die Knecht' mit den Mgden verheiratet, der knnt' Euch tglich drei
Partien vorschlagen; mein Geschft ist ein anderes. Aber seid ruhig! Was ich tun
kann, geschieht ja und wirklich nicht blo, um meinen Vermittlerlohn zu
verdienen, sondern weil ich Euch gern hab' und - verzeiht - Euren Sender noch
mehr! Ein Pojaz, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat! Aber glaubt Ihr, da
das die Leut' lockt? Wenn ich ihn feineren Leuten vorschlag', werfen sie mich
gleich hinaus, sobald ich seinen Namen genannt hab', mittlere Leut' lassen mich
noch eine halbe Stund' reden und werfen mich dann hinaus; gemeine Leut' hren
mich bis zu End' an und sagen dann: Geht, Reb Itzig, und kommt mir mit dem nie
wieder! Ihr seht, Frau Rosel, ich hab' nicht viel Freud' davon!
    Er hat sich aber in letzter Zeit gendert, erwiderte sie. Er macht keine
Streich' mehr, spricht mit keinem, sogar am Sabbat sitzt er in seiner Kammer,
statt wie sonst bei Simche ...
    So? fragte Trkischgelb. Ich hab' mir gedacht, nur mir weicht er aus,
weil er frchtet, ich trag' immer in der Kaftantasch' ein Mdele bei mir und
schwups, werf' ich's ihm an den Hals! ... Also still ist der Pojaz worden?
Frchtet er sich vor der Rekrutierung so sehr?!
    Davon wei er ja noch nichts! erwiderte sie. Ich wei gar nicht, wie
ich's ihm beibringen soll! ... Nein, er fhlt sich vielleicht - sie stockte -
ums Himmelswillen, von seinem Unwohlsein durfte sie nichts verraten, das machte
die Partie noch schlechter - vielleicht sieht er ein, da es Zeit ist,
vernnftig zu werden ... Ja, das knnt Ihr den Leuten ruhig sagen, fuhr sie
fort. Ich bitt' Euch, gebt Euch Mh'! Ihr habt ihn ja auch gern. Ihre Augen
fllten sich mit Trnen. Soll er deshalb Sellner werden?!
    Behte! trstete der gutmtige Marschallik. Einige wt' ich ja schon
heut' - aber ob der Pojaz ihnen passen wird?! Euch werden sie passen! fgte er
hinzu, weil sein Handwerk diese Diplomatie vorschlug, aber da er ein ehrlicher
Mann war, so klang seine Stimme dabei etwas unsicher.
    Redet! rief sie eifrig.
    Da wr' die Schwestertochter vom Tluster Rabbi! sagte er. Was das fr ein
Adel ist, brauch' ich Euch nicht zu sagen! Und die mcht' dem Pojaz schon den
Kopf zurechtsetzen, sie ist's von ihrem seligen Mann gewohnt.
    Also eine Witwe? Hat sie Kinder?
    Natrlich! rief der Marschallik eifrig. Ich werd' doch fr meinen Sender,
den ich so gern hab', keine Frau aussuchen, die vielleicht kinderlos bleibt.
Darber knnt Ihr bei der beruhigt sein!
    Wieviel Kinder hat sie?
    Fr Kindersegen, erwiderte der Marschallik, dankt man Gott, aber man
zhlt ihn nicht. Und vor der Kommission ist es ja gut, wenn Sender sagen kann:
Erbarmen - ich hab' neun Kinder! Das lteste ist neunzehn, das jngste zwei
Jahr' alt, und alle sind versorgt, der Rabbi versorgt sie. Und ebenso wird er
den zweiten Mann seiner Nichte und die Kinder, die Gott ihr noch schenkt,
ernhren!
    Ich hab' von ihm gehrt, sagte Frau Rosel. Er soll durch Wundermachen
viel Geld verdienen, aber nichts zurcklegen. Und wenn der Greis stirbt?
    Der Greis?! rief der Marschallik. Kaum achtzig ist er! Eine Leuchte in
Israel, wie ihn erhlt Gott bis zu hundert und zwanzig Jahr'.
    Die Frau schttelte den Kopf. Das ist mir doch etwas zu unsicher! Auch
knnt' sie ja Senders Mutter sein!
    Freilich knnt' sie das, aber wenn sie jnger wr' und keine neun Kinder
htt' und wenn der Alte nicht schon so schwach wr', da ihn ein Windsto
umblasen kann - wrde da sie den Pojaz nehmen? ... Seid gescheit, Frau Rosel,
seid gescheit! brigens, weil Ihr es seid, ich hab' auch ein jung Mdele fr
Euch - siebzehn Jahr', gesund, hbsch, hat bare siebenhundert Gulden! Alles die
Wahrheit - bei meinen Kindern schwr' ich's!
    Wo leben die Eltern?
    Der Grovater, Reb Mosche - mit dem deutschen Namen tut er sich
Pulverbestandteil schreiben - hlt eine Schnke bei Tarnopol, das Mdele ist in
seinem Haus aufgewachsen.
    Also sind die Eltern tot?
    Was fragt Ihr immer nach den Eltern?! Wenn von denen was zu erzhlen wr',
mcht' ich's gleich sagen. Es ist aber nichts von ihnen zu sagen. Die Mutter
lebt irgendwo, vielleicht in der Trkei, ich wei nicht wo ...
    In zweiter Ehe?
    Natrlich! Oder doch wahrscheinlich! Mglich wenigstens ist es, da sie in
den sechzehn Jahren, wo sie fort ist, zweimal geheiratet hat. Denn wie sie fort
ist, da war sie noch gar nicht verheiratet ...
    Und einer solchen Mutter Kind wagt Ihr mir anzutragen? rief Frau Rosel mit
flammenden Augen.
    Ja, erwiderte Trkischgelb, ich hab's gewagt, weil ich Euch fr edler
gehalten hab', als Ihr seid! Was kann das arme Mdele fr seine schlechte
Mutter?! Da werft Ihr ihm am End' auch vor, da der Grovater schon zweimal im
Kriminal gesessen hat? brigens, fuhr er einlenkend fort, daran liegt mir
nichts, ich hab' Reb Moschele schon gesagt: Um da meinen Vermittlerlohn zu
verdienen, werd' ich Euch einen vom Galgen herunterschneiden mssen! ... Aber
nun im Ernst gesprochen - ist Euch fr Euren Sender eine Tochter vom Reb Chaim
Goldgulden in Kolomea gut genug? Lea heit sie!
    Wie nicht?! rief sie erfreut. Er ist ein Ehrenmann und wohlhabend. Aber
hat denn der noch eine Tochter zu verheiraten? Der Enkel von unserem Reb Mosche
Freudenthal hat ja die jngste bekommen.
    Nein, Lea ist die Jngste ... Das heit - bei Euch mu man jedes Wort auf
die Waagschale legen - vielleicht ist sie es nicht, vielleicht ist sie sogar die
lteste von den Schwestern, was wei ich? - Nach ihrer Gre knnt' sie
jedenfalls die jngste sein!
    Ist sie so klein? fragte Rosel argwhnisch.
    Frau Rosel, rief der Marschallik, macht mich nicht ungeduldig! Saget mir:
Sieben Fu hoch mu sie sein, drei Zentner mu sie wiegen! Dann wei ich, wo ich
Euch Eure Schwiegertochter zu suchen hab': auf dem Markt, wo man die Riesendamen
zeigt ... Reb Chaim Goldguldens Tochter braucht nicht hher zu sein wie der
Tisch da und ist doch eine gute Partie!
    Nicht hher?! rief sie erschreckt. Um Gotteswillen, dann ist sie ja eine
Zwergin. Das ist ja unnatrlich ...
    Nein! donnerte Reb Itzig. Solche Reden verbitt' ich mir! Unnatrliches
ist nichts daran. Habt Ihr schon gesehen, da ein Mdele, dem von Kindheit auf
das Rckgrat gekrmmt ist, gro wird wie ein Dragoner?
    Aber Sender wird doch die bucklige Zwergin nicht wollen!
    Der Marschallik zuckte die Achseln ... Seine Sach' - Eure Sach', nicht
meine. Meine Pflicht hab' ich getan, aber mir ist das Herz sehr schwer ...
ltlich darf sie nicht sein, unehelich darf sie nicht sein, bucklig darf sie
nicht sein - eine Braut, die Euch passen knnt', ist noch nicht geboren worden!
Noch nicht geboren! wiederholte er schmerzvoll. Aber - weil Ihr es seid, ich
will weiter suchen. Soweit meine Kraft reicht, soll mein Sender kein Sellner
werden!
    Aber er kam schon nach zwei Tagen wieder, diesmal strahlend vor ehrlicher
Freude.
    Heut' brauch' ich Euch nichts vorzureden, sagte er. Die Rechte ist
gefunden! Gestern war ich in Chorostkow und hab' natrlich auch meine jngste
Tochter Jtta besucht. Ihr wit, sie ist dort bei Reb Hirsch Salmenfeld
aufgenommen wie ein eigen Kind, weil sie so gut kochen und nhen kann. Bei der
Gelegenheit hat Reb Hirsch mit mir gesprochen; er will einen Mann fr seine
Malke, eine Tochter aus erster Ehe. Das Mdchen bekommt achthundert Gulden, ist
schn, jung und gesund, umd meine Jtta, die bei aller Jugend ein kluges Kind
ist, sagt mir: Gesegnet der Mann, der unsere Malke bekommt! Also - an ihr ist
kein Fleckele und an dem Vater auch nicht, aber er hat Unglck mit seinen
Brdern gehabt. Der lteste, ein Militrarzt, ist Christ geworden, der jngere,
ein Advokat in Czernowitz, lebt natrlich wie ein Deutsch. Bei diesem Onkel war
Malke als Kind und hat dort leider Deutsch lesen und schreiben gelernt. Ihr
seht, ich verschweig' Euch nichts. Aber sie ist deshalb doch ein ehrlich jdisch
Kind und Reb Hirsch, grad' weil er sich der Snden seiner Brder schmt, ein
doppelt frommer Mann. Er wei, da trotzdem manchem die Verwandtschaft nicht
passen wird, und wr' darum mit Sender einverstanden.
    Er hatte in anderer Tonart gesprochen als sonst, schlicht und gerade. Es
ist ein Glck, schlo er, besinnt Euch nicht und sagt ja.
    Frau Rosel zgerte dennoch. Man sollt' doch den Rabbi fragen, meinte sie.
    Dann wird nichts draus, warnte er. Da sie aber erklrte, es sonst nicht
auf ihr Gewissen nehmen zu knnen, so fgte er sich darein und erklrte sich
sogar auf ihre Bitte bereit, selbst mit dem Rabbi zu sprechen.

                              Fnfzehntes Kapitel


Minder langwierig gestalteten sich die anderen Verhandlungen, die Frau Rosel in
ihrer Herzensangst um Senders Schicksal zu fhren hatte.
    Wer sich nicht rechtzeitig mit Luiser Wonnenblum abgefunden, - und dazu
waren die wenigsten vorsorglich genug, da ja die Flschung der Matrikeln schon
bei der Geburt des Knaben stattfinden mute, - hatte nur zwei Wege: er wandte
sich an einen Agenten, der die Mitglieder der Kommission bestach, oder an einen
Fehlermacher, gewhnlich einen Bader oder Wundarzt, der den jungen Menschen so
bel zurichtete, da er als untauglich befunden werden mute. Beide Gewerbe
wurden von Christen und Juden betrieben, ebenso waren unter den Klienten beide
Bekenntnisse gleichmig vertreten. Da das Fehlermachen billiger zu stehen
kam, so schlugen die minder bemittelten Leute in der Regel diesen Weg ein.
    Frau Rosel hatte kaum das tgliche Brot, dennoch graute ihr vor diesem
Mittel. Sie versuchte es zunchst bei Herrn v. Wolczynski, dem vornehmsten
Bestechungsagenten im Barnower Kreise, der einst zwei Gter besessen hatte, aber
langsam durch Verschwendung und Hazardspiel zu diesem Geschft hinabgesunken
war, das freilich seinen Mann trefflich nhrte, sofern er es nur recht verstand.
Ein richtiger Agent mute den Charakter und die Verhltnisse aller Mitglieder
der Kommission aufs genaueste kennen, um die Schwchen herauszufinden, durch
deren Ausntzung er jeden dieser Offiziere, rzte und Beamten zu seinem Werkzeug
oder doch zum unttigen Zuschauer seines Treibens herabwrdigen konnte. Und
ebenso mute er eine groe Personenkenntnis im Kreise haben, denn von dem
Aussehen des Jnglings, dem Vermgen seiner Eltern hing ja die Hhe des Preises
ab. Endlich aber hatte er die schwere Kunst zu ben, all seine Schuftigkeit
unter der Maske eines Ehrenmanns zu verbergen.
    Herr v. Wolczynski verstand sich auf all dies und auf eine vierte Kunst
dazu: niemals mit sich handeln zu lassen. Eine groe Kunst in einem Lande, wo um
alles gehandelt wird. Er lie Frau Rosel ruhig reden, so lang sie wollte, und
berlegte: Sie ist arm, hat aber eine Affenliebe fr den Schlingel, er ist
bla, mager, aber gesund - Laut jedoch sagte er nur: Dreihundert Gulden!
    Sie jammerte, das knne sie nicht erschwingen.
    Feste Preise! war seine Antwort. Adieu, liebe Frau!
    Lnger whrten die Verhandlungen mit Dovidl Morgenstern. Der Mann war seines
Zeichens Winkelschreiber. Er hatte in seiner Jugend einige Jahre in Lemberg
zugebracht, dort Deutsch lesen und schreiben gelernt und sich dann mit Hilfe des
Brgerlichen Gesetzbuchs und des Strafgesetzes zu einem feinen Kopf
ausgebildet. Fr die Juden von Barnow war er neben Luiser das Orakel in allen
Rechtsfragen. Da dieser Erwerb nicht hinreichte, so machte er Herrn v.
Wolczynski Konkurrenz. Sein Geschft war kleiner als das des Edelmanns, er
verdiente weniger dabei und war ein Jude. Darum galt er ebenso allgemein als
Schurke wie Wolczynski als Ehrenmann. Dovidl lie mit sich handeln, er
verlangte, als Frau Rosel zu ihm kam, fnfhundert Gulden, und kam dann zu ihr,
er wolle es um zweihundert richten. Aber auch diesen Betrag konnte sie nicht
aufbringen, selbst wenn sie ihren einzigen Schmuck opfern wollte, die
perlenbesetzte Stirnbinde.
    Am nchsten Tage sandte der Wundarzt Grundmayer zu ihr, sie mge ihn
besuchen. Er war ein alter Sufer, einst als Feldscher einer Husareneskadron
nach Barnow gekommen und nach seiner Entlassung aus dem Dienst hier sitzen
geblieben.
    Hoho! grhlte er sie an, als sie bei ihm eintrat, haben Sie's so dick,
da sie dem Dovidl lieber zweihundert Gulden geben wollen, als mir dreiig. Um
dreiig Gulden schneid' ich Ihrem Bengel eine Fusehne entzwei, da er
zeitlebens hinkt, oder hau' ihm zwei Finger ab, wenn Ihnen das lieber ist!
    Die Frau starrte ihn entsetzt an.
    Noch immer besser, als dienen! rief er. Und um dreiig Gulden knnen Sie
nicht mehr verlangen. Wollen Sie sich's aber mehr kosten lassen, so machen wir
was Feines, was sich wieder wegkurieren lt. Je nachdem der Bursch ist -
schicken Sie ihn mir! Vielleicht ein chronisches Magenleiden - sehr zu
empfehlen! Oder eine Lungenschwindsucht - ist noch feiner, von der echten nicht
zu unterscheiden. In sechs Monaten mach' ich ihn dann wieder gesund - auf Ehre,
so wahr ich Doktor Franz Xaver Grundmayer heie und ein katholischer Christ bin.
Kostet samt der Kur hundert Gulden!
    Mit Mhe vermochte sich Frau Rosel diesen lockenden Anerbietungen gegenber
so weit zu fassen, um ihren Dank und das Versprechen, sich die Sache zu
berlegen, stammeln zu knnen.
    Ist nichts zu berlegen, grollte der wrdige Mann. Wollen wahrscheinlich
lieber den Lumpen, den Srul in Nahrung setzen! Das verdammte Judenvolk hngt
doch zusammen wie die Kletten! Glauben vielleicht, er macht's billiger?! O ja -
der Kerl macht vielleicht schon um vierzig Gulden eine Schwindsucht! Ist aber
auch darnach! Entweder auf zehn Schritt zu erkennen, da der Lmmel doch
genommen wird, oder so dauerhaft, da sie kein Herrgott wieder fortbringt. Ich
warne Sie!
    Frau Rosel beteuerte, sie wolle mit dem Srul nichts zu schaffen haben. Aber
ebenso fest stand ihr Entschlu, auch auf die Hilfe des Doktor Grundmayer zu
verzichten. Wohl aber tauchte ein anderer Gedanke in ihr auf: wie, wenn sie
Sender auf ehrlichem Wege freibrchte! Der Stadtarzt von Barnow, der als
Physikus des Kreises allen Rekrutierungen in seinem Sprengel beizuwohnen hatte,
war freilich ein unbestechlicher, aber wohlwollender und einsichtiger Mann;
Sender hustete ja und war auch sonst nicht der Strkste; vielleicht ntzte es,
wenn sie diesen Mann um Schonung bat, er tat dann gewi, was ihm sein
Pflichtgefhl gestattete. Auch der Marschallik bestrkte sie in diesem Vorsatz,
schon wollte sie ihn ausfhren, da erfuhr sie, da der Physikus diesmal den
Rekrutierungen gar nicht beiwohnen werde; er sei gerade fr dieselbe Zeit nach
Lemberg berufen. So war es auch; um ihn und andere Mnner von derselben
Denkweise unschdlich zu machen, hatten die vielen Wolczynskis in Galizien durch
ihre hochmgenden Gnner durchgesetzt, da die Regierung gerade im April eine
Enqute nach Lemberg berief, um ber die im Rekrutierungswesen zu Tage
getretenen Mistnde zu beraten; damit waren die ehrlichen Mnner auf die
einfachste und unverfnglichste Weise beseitigt!
    Obgleich auch diese Hoffnung vereitelt war, blieb Frau Rosel doch fest. Ich
kann's nicht tun, erklrte sie ihrem Gewissensrat, dem Rabbi. Andere mgen den
Fehlermacher mieten - ich will sie nicht schelten. Und vielleicht tt' ich's
auch, wenn ich meinem Sender sein Fleisch und Blut gegeben htt'. Aber es ist
anvertrautes Gut! Was soll ich der armen Miriam antworten, wenn ich ihr droben
begegne?!
    Der Greis nickte ernsthaft.
    Recht habt Ihr! sagte er. Sie wird Euch ja ohnehin Vorwrfe machen - Euch
und mir - des Kadisch wegen ... Aber das ist nicht zu ndern! ... Nein, ber den
Verwaisten darf keines Fehlermachers Hand kommen. Aber wo nehmt Ihr die
zweihundert Gulden her?
    Das frag' ich Euch, rief sie unter strmenden Trnen. Ich bring's nicht
zusammen, und wenn ich den letzten Stuhl aus dem Zimmer verkauf.
    Dann steht's schlimm, sagte er gedrckt. Dovidl lt nichts mehr nach;
bei anderen eine Sammlung machen, wr' vergeblich - Sender ist ja nicht hiesig!
- mag Mendele Schnorrers Sohn ein Sellner werden!
    Er dachte nach. Da kann nur eines helfen: eine Heirat! Von der Mitgift
erlegen wir das Geld!
    Aber der Marschallik wei nichts rechtes fr ihn, wandte sie schchtern
ein.
    So nehmt, was er hat. Hier steht eine Seel' auf dem Spiel!
    Aber wenn er unglcklich wird?
    Lieber unglcklich werden, als kein frommer Jud' mehr sein knnen! ... Und
dann - eine unglckliche Ehe lt sich scheiden, aber wer rekrutiert wird, mu
sieben Jahr' Sellner bleiben! So lange whrte damals die Dienstpflicht in
sterreich.
    Und wenn Sender nicht will?
    Schickt ihn zu mir - und er wird wollen!
    Die Zuversicht des frommen Mannes erhhte auch ihren Mut, getrsteter kehrte
sie heim. Aber diese Stimmung hielt nicht lange vor. Die Tage verstrichen, Reb
Itzig lie sich nicht blicken, und doch war es nun hchste Zeit. In vierzehn
Tagen schon sollte die Losung stattfinden, die Versammlung aller
Stellungspflichtigen im Gemeindehause, bei der jeder aus einem Sckchen die
Nummer zog, welche die Reihenfolge seines Erscheinens vor der Kommission
regelte. Wie soll ich's ihm erklren, dachte sie, da er nicht befreit ist?!
    Aber auch ein anderer Grund lie sie zgern. Er war gerade in diesen Tagen
so stillfrhlich, wie sie ihn nie zuvor gesehen. Der laute, bermtige Vorwitz,
der sie oft gekrnkt und gergert, aber auch die verstockte Scheu, mit der er
ihr in diesem Winter gegenbergestanden, waren verschwunden. Jetzt, dachte
sie, zeigt sich an ihm jener Zauber, der seinem armen Vater so viele Freund'
gemacht hat, aber dabei ist er doch gottlob so ganz anders, als der, so
huslich, brav und gehorsam. Sie mochte das Glcksgefhl nicht stren, das ihm
aus den Augen leuchtete; woher es rhrte, ahnte sie nicht. Er hatte nun auch die
Sprachlehre berwunden, schwelgte in den farbigen Bildern einer bisher
unbekannten, ungeahnten Welt, die ihm das Lesebuch erschlo, und tat dabei in
Gedanken tglich einen Schritt vorwrts, dem groen Ziele seines Lebens zu.
    Der gute Junge, dachte sie. Die bittere Stund' kommt ihm frh genug, aber
wenigstens will ich's ihm dann auf gute Art beibringen.
    Das Schicksal wollte es anders. Diese Stunde sollte fr beide eine der
furchtbarsten ihres Lebens werden.
    Es war der erste Sonntag im April, zugleich der erste wolkenfreie Tag nach
den endlosen Regengssen, die fr diese arme Landschaft den Anbruch des
Frhlings bedeuten, denn wie alles andere Schne, was unter glcklicheren
Himmelsstrichen die Menschen labt, wird ihr auch der Lenz spt und krglich
zuteil. Noch waren die Straen grundlos, die cker von einer Schlammschicht
bedeckt und an den Bumen hingen die ersten grnen Blttchen triefend herab,
aber nun zum ersten Male seit lange, seit er zuletzt im Schnee geglitzert, lag
der Sonnenschein verklrend ber der traurigen, endlosen, verregneten Ebene und
die Luft war feucht, aber warm. Frhling, Frhling, murmelte Sender, als er in
der ersten Frhe das Fenster seines Kmmerchens ffnete, und beugte sich weit
vor, diese reine Luft einzufangen. Gottlob, Frhling!
    Er lchelte beglckt vor sich hin. Mein letzter Frhling in dieser Kammer!
Und dann folgte der letzte Sommer und wie rasch war der Herbst da und dann - zu
Neujahr ...
    Er schlo die Augen, als knnte er den Glanz des Glcks nicht ertragen, in
dem sein Leben vor ihm lag, soweit ihm der Blick reichte. Bisher hatte ihn eine
trotzige oder kecke Zuversicht erfllt, heute, an diesem ersten Frhlingsmorgen,
da ihm jedes Hindernis beseitigt schien, war ihm so weich und zugleich so selig
zu Mute wie nie zuvor. Mit anderer, hherer Empfindung als sonst langte er nun
die Gebetriemen aus dem Schrein und schlug sein Andachtsbuch auf, das
Morgengebet zu sprechen.
    Es war ein abgegriffenes Bchlein mit mrben Blttern, das wohl einst in
schwarzes Leder mit Goldschnitt gebunden gewesen; heute war der Einband grau und
zerfetzt, der Druck fast verwischt. Ein altes Bchlein, und er hatte es nie neu
gekannt; die Mutter hatte es ihm einst, als er beten gelernt, geschenkt; es habe
frher einem Verwandten gehrt. Aber so alt es war, ihm diente es gut, und gar
beim Morgengebet konnte ihn der undeutliche Druck nicht stren; dies Gebet
kannte er ja, wie jeder Jude, auswendig, und hielt beim Beten nur deshalb den
Blick auf das Buch geheftet, weil es die Sitte so gebot. Und vielleicht sprach
er auch das Gebet all diese Jahre oft genug aus keinem anderen Grunde - die
Unterlassung wre Snde gewesen, warum sollte er sndigen? Heute aber, im Glanz
dieses Frhlingstages, quollen ihm die Worte nicht blo von den Lippen, sondern
auch aus dem Herzen. Er war sich dessen wohl selbst kaum bewut, und noch
weniger htte er sich ber den Grund Rechenschaft geben knnen - verstanden
hatte er diese hebrisch-chaldischen Worte wohl auch sonst, heute schienen sie
ihm fr ihn selbst geschrieben: Dank dir, Gnadenreicher, der du erfllest,
wonach unser Herz schmachtet ... Erbarme dich ber uns und gib uns in das Herz,
zu verstehen und zu erkennen, zu hren und zu lernen ... Und als er an die
Stelle kam: Gepriesen seist du, der du die Siechen genesen machst und alle
Krankheit von uns nimmst - erhob er die Augen zum Himmel.
    Ja, auch diese Last war nun von ihm genommen, die einzige, die ihn noch
bedrckt. Er hatte das bichen Husten nicht schwer genommen, aber es war doch
recht lstig gewesen, und er hatte gelogen, wenn er der Mutter versichert, er
empfinde keinen Schmerz dabei. Aber er hatte immer gehofft, das werde besser
werden, wenn nur erst der Winter vorbei sei, und wirklich war schon whrend der
Frhlingsregen der Hustenreiz geringer geworden. Heute qulte er ihn kaum mehr,
und wenn er atmete, fhlte er kein Stechen in der Lunge. Wohl aber hatte er
dabei eine andere Empfindung, die ihm wohl ungewohnt, aber nicht peinigend war,
ein Gefhl der Schwere und Wrme in den Lungen, und es wuchs, je mehr er die
feuchte, schwle Luft dieses Frhlingsmorgens einsog. Es war, als htte der
Erdgeruch, der sie erfllte, etwas Berauschendes; seine Pulse klopften, der Atem
ging hastiger, das Blut drngte ihm zu Kopfe, und als er sich am Schlu des
Gebetes, wie es die Satzung vorschrieb, dreimal tief gegen Osten verneigte,
berkam ihn ein Schwindel, da er sich am Bettrand festhalten mute, um nicht
umzusinken.
    Aber das ging so rasch vorbei, da es ihn nicht weiter ngstigte. Als er in
die Wohnstube trat und der Mutter den Morgengru bot, blickte sie ihn mit
freudigem Staunen an und sagte: Heut' geht's dir gottlob wieder ganz gut, nicht
wahr? Du hast ja ordentlich rote Backen, wie ich sie eigentlich noch nie an dir
gesehen hab'!
    Ich fhl' mich auch ganz gesund! sagte er. Was hab' ich dir immer gesagt?
Der Husten ist nicht der Rede wert!
    Es war ja nur, weil du so mager bist! Sie berflog das scharfgeschnittene
Antlitz, die hochaufgeschossene, bewegliche, aber schmalbrstige Gestalt. Dir
schlgt ja kein Essen an, du bleibst wie ein Windhund!
    Jetzt soll's anders werden, erwiderte er lachend und machte sich ber die
Frhstckssuppe her. Gib acht - du wirst mich bald ums Geld zeigen knnen, so
fett werd' ich.
    Mit dem Essen ging es aber doch auch heute nicht recht, so wenig wie frher,
und jene seltsame Empfindung der Schwere in den Lungen wollte nicht weichen. Um
es der Mutter zu verbergen, fhrte er den Lffel fleiig, aber fast ungefllt
zum Munde. Es kam ihm sehr gelegen, da eben ein Wagen am Schranken hielt, nun
mute die Mutter das Zimmer verlassen. Aber Frau Rosel blieb auf ihrem Sitz am
Fenster, statt ihrer trat die alte Kasia, die sonst am Sabbat den Dienst fr sie
verrichtete, an den Kutscher heran und nahm das Mautgeld in Empfang.
    Ich hab' sie heut' hier behalten, sagte die Mutter zur Erklrung, weil
ich spter in die Stadt mu!
    So? fragte er. Wozu?
    Sie blickte vor sich nieder, setzte zum Reden an und schwieg dann wieder.
    Ich habe verschiedenes in Ordnung zu bringen, sagte sie endlich fast
verlegen. Wie lang bleibst du heut' in der Werksttte?
    Wie gewhnlich bis nach Elf. Warum?
    Wart' heut' auf mich, ich werd' dich abholen ...
    Das war so ungewhnlich, da er sie befremdet ansah. Aber sie wich seinem
Blick aus.
    Dahinter steckt was! dachte er unruhig, als er dem Stdtchen zuschritt.
Sie war so verlegen ...
    Aber der Gedanke verflog rasch, wie er gekommen. Der Morgen war so herrlich
und ihm so freudig zu Mut - er glaubte, nie einen schneren Frhlingstag erlebt
zu haben.
    Guten Morgen! rief ihm der Meister frhlich entgegen, als er in die
Werksttte trat. Er hatte dem Lehrling auch sonst in der letzten Zeit hufig
zuerst den Gru geboten, nun klang es gar wie ein Jubelruf.
    Auch er ist an einem solchen Tag ganz anderer Laune, dachte Sender, obwohl
er doch nur ein Uhrmacher ist ...
    Guten Morgen, Meister! Der Frhling ist da!
    Freilich ist er da, kicherte Klein-Jossele, und mit ihm alles, was dazu
gehrt ...
    Was dazu gehrt?! wiederholte Sender lchelnd. Natrlich - die Sonne, die
Blumen -
    Und noch was, lachte der Meister. Da aber kam ihm das fromme Gebot in den
Sinn: Du sollst deinem Nchsten nicht unangenehme Botschaft knden, es sei denn
zu seinem Heil. Er zwang sich zu einer ernsten Miene und wies Sender die Arbeit
fr heute an. Es drngt aber nicht, setzte er freundlich hinzu.
    Dann jedoch kitzelte ihn die Neuigkeit, die er unterdrckt, doch ordentlich
im Halse, er glaubte daran ersticken zu mssen.
    Meyerl Schulklopfer war eben da, begann er in mglichst harmlosem Tone.
    Meyerl Kaiseradler war ein armseliges, gebeugtes, gleichsam von der Not des
Lebens zerdrcktes Mnnchen, das sich kmmerlich als Diener der Schul, der
Synagoge, fortbrachte; als solcher hatte er die Mnner in den Wintermonaten zum
Schulgang zu wecken, daher der Name seines Amtes. Da er dabei samt seinen vielen
Kindern htte verhungern knnen, so gnnte man ihm den Nebenverdienst, alle
amtlichen Mitteilungen der Gemeinde auszutragen.
    So? fragte Sender. Mt Ihr wieder Steuer zahlen ...
    Nein! ... Diesmal hat er dich gesucht, lieber Sender!
    Mich? Was wollte er?
    Aber da hatte in dem kleinen Manne wieder die Ehrfurcht vor der frommen
Satzung ber die Schadenfreude gesiegt. Ich wei nicht ... Er kommt wohl
wieder. Und er zwang sich sogar, hinzuzufgen. Etwas Bses ist's wohl nicht!
    Ich wt' auch nicht was, erwiderte Sender gleichmtig.
    Leise pfeifend und gemchlich machte er sich an die Arbeit, die ihm
zugewiesen war. Aber der Meister hatte ja selbst gesagt, es eile nicht. Und so
blickte er immer wieder durch die offene Ladentr auf den Marktplatz, an dem des
Uhrmachers Haus lag.
    Es war da heute mehr Leben als sonst. Die Bauern aus den Vororten zogen im
Sonntagsstaat zur ruthenischen Kirche, die wenigen katholischen Brger von
Barnow eilten zur Messe in der Klosterkirche. Dazwischen standen viele Juden auf
dem Platze in greren Gruppen oder zu zweien. Einige schrien und
gestikulierten, andere hrten ihnen andchtig zu, wieder andere starrten mit
bleichem Antlitz und traurig vor sich hin.
    Was nur die Leut' heut' haben? fragte Sender den Meister. Aber noch ehe
dieser erwidern konnte, vermochte Sender sich selbst die Antwort zu geben. Da
erschien hastigen Schritts, das hagere Antlitz mit der Hakennase hoch erhoben,
Dovidl Morgenstern auf dem Markplatz und war im Nu von einem Haufen umringt, der
immer grer anwuchs.
    Ach so! lachte Sender. Die Rekrutierung! ... Wann ist sie denn?
    Die Losung ist in acht, die Stellung in vierzehn Tagen, erwiderte der
Meister und lchelte die Uhr, die vor ihm lag, ganz verzckt an.
    Freilich, erwiderte Sender. Wir sind ja schon im April. Gottlob, da es
mich nichts angeht. Im stillen aber wiederholte er diesen Gedanken noch viel
nachdrcklicher. Wie entsetzlich wr' das, wenn ich jetzt Sellner werden mte.
Sieben Jahr' mu man dienen! Aus wr's mit meinem Plan, mit meinem ganzen Leben!
Ich glaub', ich wrde den Schmerz nicht ertragen! Gottlob! ... Gottlob!
    Und wieder sah er gleichmtig zu, wie immer mehr Leute drauen
zusammenstrmten und sich die Gruppe um Dovidl Morgenstern vergrerte.
    Er lgt ihnen natrlich vor, sagte er dem Meister, da er sie alle
befreien wird - alle! Und die armen Teufel glauben ihm!
    Jossele Alpenroth wollte sich ausschtten vor Lachen.
    Recht hast du! rief er. Fr einen Hexenmeister halten ihn die Dummkpfe.
Und doch wird jhrlich die bestimmte Zahl genommen! Hahaha! Nicht einer
weniger!
    Aber hart ist's doch! sagte Sender. Sieben Jahre! Wen's gerade trifft -
ihm wr' besser, er wr' nie geboren!
    Darauf erwiderte der Meister nichts mehr und es wurde so still in der
Werksttte, da man die Fliegen summen hrte.
    Nach einer Weile pfiff Sender wieder leise vor sich hin. Aber er mute
dazwischen doch zuweilen die Hand auf die Brust legen. Er fhlte sich vllig
wohl, aber jener ungewohnte Druck wollte nicht weichen.
    Indes hatte auch Frau Rosel ihren Gang zur Stadt angetreten. Der Rabbi hatte
ihr am Tage zuvor durch Meyerl Schulklopfer sagen lassen, er erwarte sie morgen
zehn Uhr, er habe Wichtiges mit ihr zu besprechen. Ihr Herz pochte, je nher sie
seinem Hause kam. Es handelte sich um Senders Schicksal!
    Wenige Schritte vor dem Hause hrte sie sich angerufen; da kam Itzig
Trkischgelb hastig herbeigekeucht, da die dnnen, grauen Wangenlckchen nur so
um das rtliche Antlitz flogen. Er hat mich auch bestellt, sagte er, er will
mit uns die Sach' in Ordnung bringen!
    Wenn's nur von uns beiden abhinge, erwiderte Frau Rosel kummervoll.
    Im Vorzimmer des Rabbi trafen sie den armen, kleinen Kaiseradler, der
gleichsam Adjutantendienste bei dem Gelehrten versah. Ich hab' da einen Zettel
fr Euern Sohn, sagte er demtig, ich hab' ihn nicht getroffen - es ist die
Vorladung zur Losung, darf ich sie Euch geben?
    Die Frau nahm die Vorladung und lie den Blick traurig auf dem grauen Papier
haften. Oben war der kaiserliche Doppeladler zu sehen, unten der Stempel der
Gemeinde Barnow; die gedruckten und geschriebenen Zeilen, die dazwischen
standen, verstand sie nicht - es waren ja christliche Buchstaben. In deutscher
Sprache, die damals im ganzen Kaiserstaat die Amtssprache war, wurde der
Uhrmacherlehrling Sender Glatteis, bei der Rosel Kurlnder im Mauthaus wohnhaft,
aufgefordert, bei Vermeidung der gesetzlichen Strafen u.s.w. Zur Orientierung
fr den Boten hatte Luiser Wonnenblum in hebrischer Kurrentschrift an den Rand
geschrieben: Roseles Pojaz.
    Frau Rosel trat, vom Marschallik geleitet, in die Studierstube des Rabbi. Er
sa im Lehnstuhl hinter einem mchtigen Folianten und horchte einem seltsamen
Konzert. An einem Tische am Fenster saen drei Jnglinge, wiegten sich
gleichmig hin und her und lasen unisono in hohen Tnen nselnd einen
Talmudtext, da es wie der Singsang dreier verschnupfter Tenore klang. Bei dem
Eintritt der beiden hie sie der Rabbi hinausgehen, lud die Gste zum Sitzen ein
und begann dann: Es steht geschrieben: La die Kinder der Welt das Weltliche
besorgen. Aber geschrieben steht auch: Der Waisen Sache sei deine Sache. Ich
hab' mich nicht darum zu kmmern, welcher Jung' welches Mdele nimmt und ob er
Sellner wird oder nicht. Aber Sender ist ein Fremdling in unserer Gemeinde, und
hat sonst keinen Annehmer als mich, und sein Vater - er ruhe in Frieden - hat
mich vielleicht ohnehin schon vor Gott verklagt - wegen seines Kadisch. Er soll
mir nicht auch nachsagen drfen: Er hat meinen Sender dem Verderben berlassen!
Und darum mu ich jetzt ber seine Heiratssach' mit Euch reden und ber seine
Militrsach', so ungern ich es tu'!
    Er begann sich hin und her zu wiegen und fuhr fort: Sind es aber zwei
Sachen? Nein - es ist beides eine Sach'! Wenn Sender nicht heiratet, so mu er
Sellner werden! Folglich mu er heiraten! Wo aber ist da die Schwierigkeit? Ist
Sender vielleicht, Gott bewahre, auer stande, zu heiraten? Nein! Oder haftet,
Gott bewahre, ein Makel an ihm? Nein! Oder findet sich niemand, der ihm seine
Tochter geben wollt'? Nein, Reb Itzig hier hat mir gesagt, er kennt solche
Eltern! Oder ist an diesen Eltern oder an ihren Tchtern ein Makel, da Ihr,
Frau Rosel, oder Sender sie verschmhen mtet?! Nein, nicht an allen. Also wo
ist die Schwierigkeit, frag' ich nochmals? Darin liegt sie, da Euch, Frau
Rosel, leider kaum eine zur Schwiegertochter recht ist. Und ferner darin, da
Sender nicht heiraten will! Das erste ist nicht in der Ordnung, und das andere
ist gar eine Snde, und beides wegzutun und auszurotten, als ob es nie dagewesen
wr', ist meine Pflicht und mein Recht. Darum hab' ich euch beide hierher
berufen!
    Frau Rosel machte eine Bewegung, sie wollte sprechen.
    Spter! sagte der Rabbi streng. In der Klaus (Gelehrtenstube) sprechen
Weiber nur, wenn sie gefragt werden, und dann kurz! Ich, der ich doch wahrlich
genug zu sagen htte, rede auch kurz. Und ich bin doch der Rabbi! Denn warum?
Weil geschrieben steht: Das wohlriechendste Gewrz ist Schweigen. Und ferner
steht geschrieben: Der Weisheit Zaun ist die Schweigsamkeit! Und dann steht noch
geschrieben: Bevor du gesprochen, bist du deiner Worte Herr! Nachdem du
gesprochen, sind sie deine Herren! Darum besinne dich, ehe du sie deinem Munde
entweichen lt! Und ebenso steht geschrieben: Bewahre deine Zunge vor unntzen
Reden, damit deine Kehle keinen Durst bekomme!
    Ich verstehe, sagte der Marschallik mitleidig. Soll ich Meyerl
Schulklopfer sagen, da er Euch etwas Wein bringt? Und ehe sich der Rabbi ber
diese unerhrte Khnheit gefat, sprach er weiter: Wir haben nur zwischen
zweien die Wahl. Erstens Reb Hirsch Salmenfelds Malke ...
    Schweigt! unterbrach ihn der Rabbi. Eine Verbindung mit einem solchen
Menschen beredet man in einer Klaus nicht ...
    Es steht aber, wandte der Marschallik ein, geschrieben: Richte jeden nach
seiner eigenen Tat! Reb Hirsch ist der Frmmste der Frommen. Hab' ich nicht
recht, Frau Rosel?
    Die Frau blickte furchtsam nach dem Rabbi hin. Der Rabbi meint aber -
begann sie zgernd.
    Ich mein' nicht! rief der Greis. Ich wei, da es eine Tod-snd' wr'. In
eine Familie, wo solche Frevel geschehen, lt man keinen Waisen heiraten.
Vielleicht ist auch die Tochter gottlos, sie kann ja Deutsch lesen!
    Aber Rabbi - meine Jtte sagt -
    Eure Jtte! An Eurer Stelle lie' ich mein Kind nicht dort ... Deutsch
Lesen und Schreiben ist ein Makel frs ganze Leben, noch mehr - ein Gift ist es!
Wer darf mit Gift umgehen? Der Apotheker. Luiser mu es knnen, weil er die
Matrikel zu fhren hat, und Dovidl Morgenstern wegen der Prozesse. Aber fr
jedes andere jdische Kind, ob Mann, ob Weib, ist es Todsnde - Todsnde, hrt
Ihr! Und was immer gegen Sender vorgebracht wird, er ist fromm und hlt alle
Gebote und hat sich fern gehalten von den Wegen der Frevler und Abtrnnigen. Ihm
ein Weib, das christliche Bcher liest?! Ich bin sein Annehmer und duld' es
nicht! So ein Weib kommt berhaupt nie in meine Gemeinde - niemals!
    Der Marschallik zuckte die Achseln. Dann mu er die aus Kolomea nehmen,
sagte er, Reb Chaim Goldguldens Lea. Der Vater ist einverstanden, er wei, da
sich kein anderer findet!
    Um Himmelswillen, schrie Frau Rosel auf. Die Kleine, Bucklige?! Und
hlich ist sie wie die Nacht und fast dreiig Jahr' alt - man hat's mir
gesagt!
    Achtundzwanzig! sagte der Marschallik. brigens - ich htt' dem armen
Sender die hbsche Malke auch lieber gegnnt ...
    Der Rabbi strich nachdenklich den langen Bart.
    Reb Chaim Goldgulden ist ein Frommer und Gerechter, sagte er. Klein?
Bucklig? Was tut das? Es steht geschrieben: Achte auf die Schnheit des Herzens!
Die Tochter von Reb Chaim ist gewi tugendhaft und flieht vor dem Laster!
    Da knnt Ihr ganz ruhig sein! rief der Marschallik. Wenn Ihr sie kennen
wrdet! Lea braucht vor dem Laster nicht zu fliehen - das Laster flieht vor
ihr!
    Und die zweihundert Gulden fr Dovidl Morgenstern wrde Reb Chaim sofort
erlegen?!
    Ja! erwiderte der Marschallik. Ich glaub', der wrde sogar fnfhundert
zahlen! Wenn nur den alten Mann nicht vor Freud' der Schlag trifft! - Da er die
noch anbringt, hat er wirklich nicht mehr gehofft! brigens sind ihr achthundert
Gulden vor Gericht zugeschrieben!
    Gut! sagte der Rabbi. Meyerl! rief er laut. Wo ist Euer Sohn? wandte
er sich an die Frau.
    In der Werksttte. Aber um Himmelswillen -
    Der Schulklopfer erschien an der Tr.
    Du holst den Pojaz aus seiner Werksttte, befahl ihm der Rabbi, rasch!
    Der Bote strzte davon.
    Rabbi! rief Frau Rosel unter strmenden Trnen. Das ist ja eine Snd' vor
Gott. Einen Menschen mit gesunden Gliedern wollt Ihr an einen Krppel binden?
    Schweigt! rief der Greis in heftigem Zorn. Was Snde oder fromme Tat ist,
wei ich besser als Ihr! Snde wr's, wenn er Sellner wrde! Glaubt Ihr, ich
misch' mich zum Vergngen in Eure Sachen! Aus Ehrfurcht fr die Gebote Gottes!
Aber dann mu ich auch so entscheiden, wie es seinem Willen entspricht!
    Oh! schluchzte Frau Rosel. Das kann seinem Willen nicht entsprechen! ...
Die Ehe wird ja auch kinderlos bleiben! So ein Krppel kann nicht Mutter werden.
Nicht wahr, Reb Itzig?
    Der Marschallik zuckte die Achseln. Bei Gott ist alles mglich! ... Aber
ein Wunder wr's!
    Hrt Ihr? rief Frau Rosel. Ich bin ja ein unwissend Weib, aber ich hab'
immer gehrt: eine Ehe zu stiften, die kinderlos bleiben mu, ist Snde!
    Ein unwissend Weib! sagte der Rabbi. Ihr sagt es selbst! Es gibt nur eine
Todsnde fr Mann und Weib: unvermhlt zu bleiben! Bleibt die Ehe kinderlos, so
wird sie selbstverstndlich wieder getrennt. brigens - er wandte sich an den
Marschallik - wit Ihr noch eine dritte?
    Nein ... erwiderte dieser. Aber vielleicht in einigen Tagen ... fgte er
mitleidsvoll, zu Frau Rosel gewendet, hinzu.
    Haben wir dazu Zeit? fragte der Rabbi. Gebt mir die Vorladung, befahl er
der Frau.
    Sie reichte sie ihm hin.
    Er schttelte den Kopf. Das kann ich nicht lesen! sagte er und schob das
Blatt scheu von sich.
    In vierzehn Tagen ist die Rekrutierung, sagte Frau Rosel. Aber bis dahin
-
    Sollen wir warten? fuhr der Rabbi auf. Unmglich! Lea! Es bleibt dabei.
    Whrend so ber seine Zukunft entscheiden worden, sa Sender ahnungslos in
der Werksttte. Als Meyerl Kaiseradler hereinstrzte, ihn zum Rabbi zu
entbieten, schrak er heftig zusammen. Hatte Rabbi Manasse von seinen Besuchen im
Kloster erfahren? Dann war er verloren!
    Warum? stammelte er. Wozu -
    Es ist wegen der Rekrutierung, sagte Meyerl beruhigend.
    Der Rekrutierung? stammelte Sender mit bleichen Lippen. Ich bin ja frei!
    O nein! fltete Jossele Alpenroth mit sanfter Stimme, aber seine Augen
leuchteten vor Freude, das ist ein Irrtum von dir, lieber Sender! Du mut dich
stellen!
    Ja, das mut du! besttigte Meyerl. Ich hab' dir ja auch den Befehl zur
Losung zuzustellen gehabt. Deine Mutter hat ihn eben fr dich bernommen. Aber
komm' - sie warten!
    Einen Augenblick stand Sender starr vor Schrecken. Dann begann er zu
taumeln; er empfand pltzlich einen furchtbaren Schmerz in der Lunge, als wrde
ihm da ein Messer eingebohrt, und gleichzeitig berflutete das Blut sein Hirn -
ein Schwindelanfall wie am Morgen, nur ungleich strker.
    Erschreckt sprang der Meister auf den Schwankenden zu und lie ihn auf den
Schemel gleiten. Schwer atmend sa Sender da, sein Antlitz ward abwechselnd
tiefrot und totenfahl; instinktiv hielt er die Hand auf die Brust gepret.
    Sellner! stammelte er. Jetzt! ... Barmherziger Gott ... jetzt!
    Aber nein! trstete Meyerl. So hre doch nur! Sie beraten ja eben!
Komm'!
    Sender raffte sich auf und folgte dem Boten; anfangs zgernden Schritts,
dann lief er rascher als dieser. Die Wrme und Schwere in den Lungen wuchs zur
qulenden Hitze, der Atem ging pfeifend aus und ein, das fahle Antlitz war von
kaltem Schwei berdeckt. So strzte er, lange vor Meyerl, in die Stube des
Rabbi und auf seine Mutter zu, die ihm, fast ebenso bleich wie er, das Antlitz
von Trnen berstrmt, die Arme entgegenbreitete.
    Es ist ja nicht mglich! keuchte er mhsam hervor. Ich bin ja dein
einziger Sohn! ... Wo ist der Befehl?
    Er ri ihr das Schriftstck aus der Hand.
    Sender Glatteis! schrie er auf. Das bin ja nicht ich ... Und doch ... bei
der Rosel Kurlnder ...
    Das Blatt entfiel seiner Hand.
    Barmherziger Gott! sthnte die alte Frau auf und schlug die Hnde vors
Antlitz.
    Mutter ... was ist das ... was bedeutet das?! Zitternd tastete seine Hand
nach der ihrigen ...
    Da fhlte er sich pltzlich an der Schulter gefat und zurckgerissen. Der
alte Rabbi stand vor ihm, hoch aufgerichtet, mit verstrten Augen, fassungslos
vor Zorn.
    Elender! schrie er. Du kannst diese Buchstaben lesen? ... Meinen Fluch
ber dich ... Hinweg ...
    Sender suchte sich loszumachen - da fhlte er jenen schneidenden Schmerz
wiederkehren, hei und salzig quoll es in seiner Kehle empor und drohte ihn zu
ersticken; er sank zu Boden und ein Blutstrom brach aus seinem Munde.
    Er stirbt! schrie Frau Rosel auf und warf sich ber ihn. Ihr habt ihn mir
gettet!

                              Sechzehntes Kapitel


Als Sender wieder zum Bewutsein gelangte und um sich blickte, fand er sich in
seinem Bette, aber im Wohnzimmer des Mauthauses. Es war Nacht, auf dem Tisch
brannte ein llmpchen, die Fenster standen weit offen und lieen die laue
Frhlingsluft einstrmen. Von der Strae her klang lauter Gesang aus rauhen
Kehlen, der allmhlich in der Ferne verhallte. Dieses Lrmen mochte ihn aus dem
Schlaf geweckt haben, in dem er wohl lange gelegen, sehr lange; er empfand dies
sofort, als er die Augen aufschlug. Auf seinem Kopf lag etwas Kaltes, Nasses -
er tastete darnach, es war ein in Eiswasser getauchtes Tuch.
    Vom Fuende des Bettes erhob sich eine Gestalt und beugte sich ber ihn.
Reb Itzig? murmelte der Kranke erstaunt.
    Gottlob! rief der Marschallik frhlich. Aber nun schlfst du noch ein
bissele, wenn ich dich schn bitten tu'! Es ist kaum Zwei - was fngst du so
frh an?!
    Ich war wohl krank? stammelte Sender und nun kam ihm die dunkle
Erinnerung, als htte sich das letzte Mal, da er dies Antlitz gesehen, etwas
Peinvolles, ja Furchtbares zugetragen - aber was war es nur gewesen - und wann?
...
    War das gestern? murmelte er.
    Pst! machte der Marschallik. Geschichten erzhlen wir uns ein andermal.
Er streichelte ihm liebevoll das Antlitz. Nun schlaf', sag' ich!
    Und Sender schlo gehorsam die Augen - er fhlte sich so furchtbar mde. Der
Alte nickte zufrieden. Dann schlich er auf den Fuspitzen ans Fenster.
    Am Schranken drauen stand Frau Rosel; sie konnte heute nacht ihren Posten
kaum auf eine Minute verlassen. Denn es war die Nacht nach der Rekrutierung; von
Mitternacht ab strmten die Bauern des Bezirks aus Barnow wieder in ihre Drfer
zurck; die einen traurig, die anderen frhlich, aber alle betrunken. Wer der
Gefahr entronnen, mute dies ausgiebig feiern; die Rekruten aber und ihre
Angehrigen konnten ja nicht ungetrstet heimkehren. Unablssig scholl das
Heulen, Schluchzen und Johlen durch die Nacht, kaum da der Lrm des einen
Trupps verklungen war, verkndete schon der nchste sein Nahen. So eben jetzt -

Mdel, einen letzten Ku,
Weil ich jetzt marschieren mu -

heulte eine meckernde Stimme in den hchsten Tnen aus dem Leiterwagen, der
langsam herangehumpelt kam, und die anderen, die im Wagen saen, fielen johlend
im Chorus ein: Marschieren mu ...
    Dennoch teilte der Marschallik der Frau nur flsternd die Freudenbotschaft
mit.
    So wahr ich die Freud' haben soll, schwor er, meine Jtte unter dem
Trauhimmel zu sehen, er hat ganz deutlich Reb Itzig gesagt und vernnftig
gesprochen. Frau Rosel, er ist gerettet.
    Sie erhob die Augen zum Himmel.
    Aber nun schlieet die Fenster, bat sie, Das Gesindel schreit immer
lauter! Wenn nur die Nacht schon vorbei wr'!
    Der Marschallik tat, wie sie gewnscht, aber das ntzte auf die Dauer nicht.
Gegen die dritte Stunde kam ein Trupp vorbei, der sich fr den Heimweg ganz
besonders gestrkt, denn er brllte, da die Scheiben zitterten:

Nach Wien werd' ich gehen
Vor des Kaisers weies Haus
Und werde weinen und flehen:
Gib den Iwon heraus!

Der Teufel wird euch holen, ehe ihr hinkommt, murmelte der Marschallik grimmig
und beugte sich unwillkrlich ber den Kranken, als knnte er dadurch das Lrmen
von ihm abhalten.
    Aber schon war Sender emporgefahren.
    Rekruten - murmelte er verstrt. Ich mu auch mit ... Er suchte die
Decke abzuschtteln.
    So wie du bist in dieser Generalsuniform? lachte der Marschallik und
drckte den Kranken in die Kissen nieder. Du bist kein Rekrut, es geht dich
nichts an, sagte er nachdrcklich. Heut' bin ich dein Hauptmann und befehl'
dir: Augen zu! Aber er mute lange bitten, bis Sender sich beruhigte, und nun
fuhr der Kranke bei jedem Gerusch empor.
    So auch, als Frau Rosel zwei Stunden spter endlich abkommen konnte und an
sein Lager trat.
    Mutter! rief er freudig, als er sie erkannte. Dann aber wurde seine Miene
ngstlich. Bist du - bist du mir bs?
    Sie hatte bisher tapfer an sich gehalten, nun war ihre Kraft zu Ende. Mein
armes Kind! schluchzte sie auf, und die Trnen berstrmten das bleiche,
vergrmte Antlitz, das in diesen bsen Tagen um Jahrzehnte gealtert war, qul'
dich nicht. Wenn du nur gesund wirst, ist alles gut!
    Da lchelte der Kranke, und als ihm die Mutter die Hand auf die Stirne
legte, schlummerte er sanft wieder ein.
    Das wr' in Ordnung, sagte der Marschallik. Das Fieber ist weg, in vier
Wochen ist er gesund. Der versoffene Grundmayer hat ja kaum gewut, was er
verschreibt, aber Gott hat ihn gerettet!
    Gelobt sei Sein Name! stimmte sie unter heien Trnen bei. Aber morgen
wird er sich besinnen, was geschehen ist, und zu fragen anfangen ...
    Und dann ist Gott tot und Ihr verloren! fiel der Marschallik ein. Sprecht
nicht so tricht, Frau Rosel, es wird sich alles finden! Jetzt aber legt Ihr
Euch auf ein paar Stund' schlafen! ... Gleich werdet Ihr gehorchen! fuhr er
fort, als sie sich strubte. Wollt Ihr auch krank werden?
    Reb Itzig, sagte sie gerhrt, was seid Ihr fr ein Mensch!
    Ein kluger! erwiderte er. Der einzige Schlaukopf in ganz Barnow! Da ist
eine arme, verlassene Witwe mit ihrem todkranken Sohn - wo war mehr Gotteslohn
zu holen, als in den letzten vierzehn Tagen hier? Und alles haben die dummen
Leut' mir gelassen ... Im Ernst, Frau Rosel, fgte er bei, ich hab' Euch zu
danken.
    Nachdem sie in ihre Kammer gegangen war, setzte sich der Marschallik an das
Fuende des Lagers und verlie den Platz nur, wenn ein Wagen am Schranken hielt.
Er dachte nach - es waren keine frhlichen Gedanken, die den mitleidigen Mann
erfllten. Er war kein Fanatiker, der frhliche, kluge Lustigmacher von Barnow,
es entsetzte ihn nicht, da Sender heimlich die christlichen Zeichen erlernt,
aber unbehaglich war es ihm doch. Darum also, dachte er, hast du mir und dem
dicken Mortche in Mielnica so bel mitgespielt. Natrlich, ein Deutsch heiratet
spt oder gar nicht. Und ein Deutsch willst du ja werden. Wer das hinter dem
lustigen Pojaz gesucht htt'! Mein armer Jung', dazu wr's, frcht' ich zu spt
fr dich, und wie willst du's denn nun machen? Wer dir die Bcher geschenkt hat,
die wir oben in deiner Lade gefunden haben, mag der Teufel wissen; sie sind nun
verbrannt, aber das Schlimme fr dich ist geblieben! Der Rabbi in Wut, die
Gemeinde gegen dich - was machen wir nun aus dir? Und was sagen wir dir jetzt,
wo du deinen richtgen Namen kennst?
    Sorgenvoll griff er nach Senders Gebetriemen, die - wie es die fromme Sitte
bei schwer Erkrankten gebietet - samt dem Andachtsbchlein in einem Netz zu
Hupten des Lagers hingen, schlug sie um Stirn und Rechte und verrichtete sein
Morgengebet. Als er an die Stelle kam: Hilf uns, Vater, dann wird uns geholfen
sein! Denn von dir allein kommt das Heil, belebte sich sein Antlitz, und
nachdem er das Gebet beschlossen, wiederholte er die Worte noch einmal.
    O ich Narr! murmelte er. Gott ist doch auch sein Vater! Nein, du wirst
nicht zu Grunde gehen, du armer Mensch. Er wird mir schon was fr dich einfallen
lassen, auch wenn ich selbst keinen Rat mehr wei!
    Diese zuversichtliche Stimmung hielt in ihm vor, als Frau Rosel wieder
erschien, ihn abzulsen. Denket, wie es vor vierzehn Tagen war, mahnte er.
Als sollt' die Welt ber Euch und ihm zusammenstrzen. Und in abermals vierzehn
Tagen ist vielleicht alles gut.
    Das hoffte sie nicht, aber die Vergleichung war auch ihr trstlich. Wie hart
hatten sich die Leute in jener peinvollen Stunde gegen sie und ihren Sohn
betragen! - Mit Mhe nur hatte der Marschallik einige bewogen, den bewutlosen
Snder ins Mauthaus zu tragen. Allerdings wute niemand recht, was Sender
gefrevelt, es gengte ihnen, da ihn der Rabbi verflucht. Um ihr die qualvolle
Sorge um den Kranken zur Verzweiflung zu steigern, war nur der Doktor
Grundmayer zur Hilfe da, der Stadtarzt hatte ja nach Lemberg reisen mssen. Der
Marschallik hatte recht: Wenn Sender genas, so hatte ihn nur Gott gerettet! Dann
aber zrnte Er vielleicht gar nicht so sehr wie sein Diener, der Rabbi. Sie war
in strengster Glubigkeit alt geworden, und nie hatte sie irgend ein Zweifel
beschlichen, nicht einmal an einem Ausspruch des Rabbi, geschweige denn an der
Notwendigkeit eines einzigen der unzhligen Gebote und Verbote ihrer Sekte. Auch
nun zweifelte sie nicht, da Sender schwere Snde auf sich geladen, und nicht
allein aus Vorsicht, auch um Unseliges nicht in ihrem Hause zu dulden, hatte sie
die Bcher und Schriften verbrannt. Aber der Fluch eines Rabbi ist eine
furchtbare Strafe, sie macht den Bestraften elend und verlassen - war sie hier
nicht zu hart? Und da die Wucht dieser Strafe Sender verblutend zu Fen seines
Richters hingeworfen - htte er nicht dann Mitleid ben, die Herbeieilenden zur
Rettung des Jnglings anfeuern sollen? Er aber sagte nur: Schaffet ihn fort!
Das Blut des Snders befleckt diese Stube! War das auch im Namen und nach dem
Willen Gottes gesprochen? ...
    Sie richtete sich hoch auf.
    Nein, Rabbi, das war zu hart!  murmelte sie, als stnde sie ihm gegenber.
Und ihr anderen gar, was wollt ihr von ihm? Er hat gesndigt, ja, aber wer wei
warum und durch wessen Verfhrung? Aus den Wolken sind ihm ja jene Bcher nicht
in die Lade gefallen! Und was er gesndigt hat, hat er gebt, und wenn ihm Gott
verzeiht, indem er ihn genesen lt, so sollt ihr anderen ihn nicht verfolgen!
Er ist mein Kind - ich werde zu meinem Kinde stehen!
    Um die Mittagsstunde kam der Wundarzt Grundmayer, nach seinem Patienten zu
sehen. Das war ein Beweis seines groen Pflichtgefhls, denn er hielt sich kaum
auf den Beinen. Sein gewhnlicher Rausch war allerdings immer schon am nchsten
Vormittag ausgeschlafen, aber am Abend nach der Rekrutierung hatte er sich eben
einen besonderen angetrunken, schon aus Freude darber, weil sich diesmal die
Fehler aller seiner Klienten als wirksam bewhrt. Stolpernd und pustend kam er
auf das Mauthaus losgesteuert.
    Frau Rosel ersah ihn zufllig schon von fern und trat ihm vor der Tr
entgegen; Sender sei wieder bei Bewutsein, jetzt schlafe er tief und fest, es
sei wohl das beste, ihn nicht zu wecken.
    Hoho! grhlte der Trunkene, woher wissen Sie, was das beste ist? Aber
meinetwegen - er sank auf die Bank vor dem Hause - lassen wir ihn schlafen!
Wenn er aufkommt, zahlen Sie mir hundert Gulden, denn dann war das eine
Wunderkur. Blutsturz - Nervenfieber - was wei ich - alles zusammen. Er lachte
laut auf. Aber er kommt ja nicht auf. Unsinn! Deshalb mssen Sie mir doch einen
Gulden fr jeden Besuch zahlen! Auch fr den heutigen. Sonst-
    Er erhob sich und nahm eine drohende Haltung gegen sie an. Zum Glck kam in
diesem Augenblick ein Wagen vorbei; der dicke Simche Turteltaub, der einstige
Lohnherr Senders, lenkte ihn. Auch er hatte sich bisher nicht einmal nach dem
Befinden des Kranken zu erkundigen gewagt. Als er jedoch die Szene sah, hielt er
an und sprang vom Kutschbock.
    Steigt ein! befahl er dem Trunkenen. Ich bring' Euch heim. Dann wandte
er sich an Frau Rosel. Das geht nicht, da mein Sender in solchen Hnden
bleibt. Ich hab' eben den Herrn Regimentsarzt, der gestern die Rekrutierung in
Barnow geleitet hat, zu einigen Kranken in Biala gebracht; Nachmittag soll ich
ihn abholen, ich halt' auf dem Rckweg bei Euch an.
    Sie vermochte ihm vor Rhrung kaum zu danken. Recht habt Ihr, sagte sie
dem Marschallik, als er des Nachmittags wieder erschien, Gott verlt uns
nicht.
    Sender war nur auf wenige Minuten erwacht und hatte die Suppe, die sie ihm
gereicht, mit Heihunger gegessen. Nun schlief er wieder.
    So traf ihn der Regimentsarzt. Er lie sich die Krankengeschichte erzhlen
und untersuchte dann den Leidenden. Als Sender die Militruniform sah, schrak er
zusammen. Aber der Arzt beruhigte ihn: Nein, mein Sohn, aus dir wird dein
Lebtage kein Soldat!
    Dies sagte er auch der Mutter. Eine Gefahr fr sein Leben besteht jetzt
nicht mehr, und wenn er sich schont, gut nhrt, vor jeder Aufregung, aber
namentlich auch vor jeder Erkltung htet, so kann er recht alt werden. So
gesund, um rekrutiert zu werden, wird er freilich niemals wieder.
    Sie fragte, ob die Aufregungen jener Szene den Blutsturz herbeigefhrt.
    Der Arzt zuckte die Achseln.
    Vielleicht, sagte er. Wenigstens wre er sonst wahrscheinlich nicht so
heftig gewesen. Aber dann wr's eben ein Bluthusten geworden .... Fr die
Erkrankung Ihres Sohnes kann der Rabbi nichts, wohl aber hngt es von ihm wie
von jedem, der dem Kranken Freude oder Schmerz bereiten kann, ab, wie rasch und
grndlich er sich erholt. Die Suppen allein werden's nicht machen!
    Der Marschallik, der neben Simche, dem Kutscher, ehrfurchtsvoll lauschend an
der Tr stand, gab diesem einen krftigen Rippensto. Hrt Ihr? flsterte er.
Ihr sollt mir dafr Zeuge sein.
    Nachdem der Arzt gegangen, sagte er zu Frau Rosel: Also die Hauptsache:
keine Vorwrfe, keine Fragen! Und fragt er was, eine beruhigende Antwort. Wit
Ihr keine, so sagt es mir, ich werd' sie wissen.
    Immer? fragte sie zweifelnd.
    Ja, erwiderte er. Ich bin nicht dumm, und Gott ist allweise!
    Aber dazu kam es in den nchsten Tagen nicht. Sender schlief viel und lag
die brige Zeit still da. So oft die Mutter an sein Lager trat und ihm die
blassen Wangen streichelte, berflog ein Lcheln sein Antlitz, er schlo die
Augen, und dies Lcheln haftete dann noch auf den Zgen des Schlummernden. Ihm
war's, als sei er wieder ein Kind und es knne ihn kein Leid anrhren, so lang
ihn die Mutter behte und mit ihm zufrieden sei. Und als er endlich fragte, ob
er auer Gefahr sei und wie es um seine Militrpflicht stehe, so brauchte sie ja
nicht erst mit dem Marschallik zu beraten, um ihn zu beruhigen.
    Inzwischen war Itzig Trkischgelb bemht, auch fr all die anderen Fragen,
die wie drohende Klippen das fernere Leben seines armen Schtzlings umstarrten,
eine freundliche Lsung zu finden.
    Zunchst warb er den dicken Simche als Bundesgenossen. Ihr mt mir helfen,
den Ochsen bei den Hrnern zu fassen, sagte er ihm. Der Ochs ist unsere
Gemeinde. Mit dem Schweif, den kleinen Schreiern, wollen wir uns nicht abgeben.
Kommt zum Rabbi!
    Als sie vor dem Gelehrten standen, begann der Marschallik mit der Frage, ob
der Rabbi Sender in den Cherem (Bann) getan. Niemand wisse es genau.
    Nein! erwiderte Rabbi Manasse. Meinen Fluch habe ich ber ihn
ausgesprochen, den Bann nicht; das mu ja schriftlich geschehen. Ich warte noch.
Denn es steht geschrieben: Der Mensch richte nicht, wo Gott gerichtet. Er soll
ja im Sterben liegen ...
    Das sei zum Glck nicht wahr, erwiderte der Marschallik und erzhlte
ausfhrlich von Senders Zustand und der Mahnung des Arztes; auch seien die
Bcher bereits verbrannt. Und darum werdet Ihr Barmherzigkeit ben, schlo er
flehend.
    Der Rabbi schttelte finster den Kopf. Hat er denn mich beleidigt, da ich
ihm verzeihen knnte? Es war ein Frevel gegen Gott, und den mu ich strafen. Mit
den fremden Zeichen schleicht sich der Abfall in die Reihen Israels ein. Ihr
deutet seine Genesung als eine Gnade Gottes? Nein, er lt den Snder leben,
damit er auf Erden be, was er auf Erden gefrevelt!
    Aber der Bann ist ja eine furchtbare Strafe! klagte der Marschallik. Der
Unglckliche wre dann brotlos, friedlos, heimatlos. Und was ist seine Schuld?
Dasselbe tun alle Juden in Deutschland und in unseren groen Stdten.
    Traurig genug, war die Antwort. Ich habe leider nur ber meine Gemeinde
die Macht! Ich schtze sie vor dem Gift. Luiser und Dovidl - ich sagt's Euch
schon - sind Apotheker. Aber von Mutwilligen ist Sender der erste und soll der
letzte bleiben. So wollen's unsere Weisen!
    Unsere Weisen! rief der Marschallik. Unter den zehntausend Meinungen von
zehntausend Rabbinern, die der Talmud verzeichnet, ist vielleicht auch eine, die
Euch recht gibt, und die hundert, die Euch unrecht geben, beachtet Ihr nicht!
Der Talmud ist wie ein Wald; ruft Ihr Rache oder Gnade hinein - es wird daraus
schallen, wie Ihr gerufen!
    Ihr redet, wie Ihr's versteht. Ich folge unseren Weisen! brigens - es war
ihm vorbestimmt. Der Apfel fllt nicht weit vom Stamme. Seinen Vater hat der
eigene Vater verflucht!
    Der Marschallik wollte heftig erwidern. Da hielt er pltzlich inne. Von
seinem Antlitz wich die zornige Erregung und machte tiefer Betrbnis Platz.
    Kommt, Reb Simche, sagte er tief aufseufzend. Unsere Pflicht haben wir
getan - gegen Sender, aber auch gegen den Stolz unserer Gemeinde ... Der
frmmste Rabbi des Landes in den Hnden der Polizei. Aber wird's unsere Schuld
sein, Reb Simche?
    Nein, wehrte der Fuhrmann entsetzt ab. Er verstand nicht, was der
Marschallik meinte, aber er wollte keinesfalls daran schuldig sein.
    Der Rabbi horchte hoch auf. Was meint Ihr damit? fragte er.
    Ja, wenn ich's sagen drft'! seufzte der Marschallik. Aber kann ich's
sagen? Redet, Reb Simche, knnt Ihr's sagen? Knnt Ihr?
    Nein! beteuerte dieser, und da log er wahrlich nicht.
    Ich nehm's Euch nicht bel, Reb Simche. Ihr seid eben Familienvater! Und
ich auch ... Lebt wohl, Reb Manasse. Aber wenn der Bann erlassen ist, und es
kommt die Polizei und holt Euch - denkt dann an mich ...
    Die Polizei? fragte der Rabbi gengstigt. Er wute wohl, des Kaisers
Gericht hatte den Rabbinern streng verboten, den Bann zu schleudern, auch war
die angedrohte Strafe hoch. Aber zur Untersuchung kam es nur, wenn die Anzeige
eines einflureichen Mannes vorlag, sonst kmmerten sich die Bezirksmter nicht
darum. Hat dieser Sender so mchtige Freunde?
    Ja! sagte der Marschallik. Mgen diese Herren dann mit mir tun, was sie
wollen, ich warne meinen Rabbi! Nur von zweien dieser Freunde will ich reden.
Der eine ist so mchtig, da er neulich - ich war zufllig dabei - einen Herrn
in Uniform zu Sender gebracht hat, und der hat gleich versprochen: Sender wird
nie Sellner werden. Ist es wahr, Reb Simche?
    Ja, erwiderte dieser feierlich, obwohl er das Lachen mit Mhe
unterdrckte.
    Der Rabbi rckte unruhig hin und her. Knnt Ihr bezeugen, wandte er sich
an den Fuhrmann, da auch Ihr diesen mchtigen Freund von Sender kennt?
    Bei Weib und Kind kann ich's schwren, beteuerte der dicke Mann. Ich
kenn' ihn wie mich selbst!
    Wer mag das sein? murmelte der Gelehrte bengstigt. Dann aber erhellte
sich sein Antlitz.
    Warum hat denn Frau Rosel so vor der Rekrutierung gezittert? fragte er.
Warum ist der Mann in Uniform nicht frher gekommen?
    Trkischgelb lchelte berlegen. Ihr verget, da Sender geglaubt hat, er
ist befreit. Und der Mann in Uniform ist damals noch nicht in Barnow gewesen!
Er beteuerte auch dies mit schweren Eiden, und der Fuhrmann tat das gleiche.
    Der Rabbi seufzte. Aber wer war es? fragte er. Sagt es doch.
    Darf ich Euch nicht sagen, erwiderte Trkischgelb. Und ebenso kann ich
Euch nicht sagen, wer sein zweiter, noch viel mchtigerer Beschtzer ist. Ich
kann nicht. Aber ist Euch nicht aufgefallen, woher der Bursch pltzlich lesen
und schreiben kann? Woher er die Bcher hat? Welch einen Haufen haben Frau Rosel
und ich verbrannt! Welch einen Haufen! Alles von diesen reichen Herren ...
Glaubt Ihr, Rabbi, da solche Herren schweigen werden? Eine kleine Straf' fr
ihren Schtzling htten sie hingenommen, aber den Bann? Ihr kommt ins Kriminal,
Rabbi, ich seh' schon die Polizei, wie sie Euch holt! ... Aber das ist nicht zu
ndern, Ihr mt nach Eurem Gewissen handeln ... Kommt, Reb Simche ...
    Halt! sagte Rabbi Manasse und wischte sich den Schwei von der Stirne.
Sender ist reuig, sagt Ihr, und die Bcher sind verbrannt?
    Ja, aber das ntzt ja nichts! Kommt, Reb Simche! Und er zog den Fuhrmann
zur Tr hinaus.
    Als sie auf der Strae waren, brach der dicke Mann in ein Lachen aus, da es
wie ein Drhnen klang.
    Reb Itzig, rief er bewundernd, was seid Ihr fr ein Kopf! Aber warum seid
Ihr nicht dageblieben? Wir htten irgend eine Bue fr Sender vereinbart, und
die Sach' wr' im reinen!
    Weil die Bue morgen, wenn er mich holen lt, kleiner sein wird. Denn
zwischen heut' und morgen liegt eine Nacht, die er schlaflos verbringt.
    In der Tat erschien am nchsten Morgen Meyerl Kaiseradler beim Marschallik
und entbot ihn sofort zu dem Rabbi. Trkischgelb lie sich auch nicht lange
bitten. Vielleicht fragt er sonst einen anderen, dachte er.
    Aber damit hatte es keine Gefahr.
    Unser gestriges Gesprch bleibt unter uns, begann der Rabbi. Sonst
knnten die Leut' glauben, da ich mich vor der Polizei frchte, whrend ich nur
unseren Weisen folge. Nach unseren Weisen lt sich eine so schwere Strafe doch
nicht aussprechen - ich hab' mich davon berzeugt. Es mag gengen, wenn Sender
die folgenden Bedingungen erfllt. Erstens mu er zu mir kommen und mir Abbitte
tun fr die Krnkung, die er meinem frommen Herzen bereitet hat ...
    Der Marschallik nickte. Das sind Worte, dachte er, auf Worte wird es
meinem Sender nicht ankommen!
    Zweitens, er mu mit einem Schwur auf die Thora geloben, nie wieder ein
deutsches Buch anzurhren ...
    Hm! Trkischgelb rusperte sich. Seine eigene Empfindung darber war eine
unsichere, er verdammte Sender nicht, sondern bemitleidete ihn nur: die
Wissenschaft brachte ihm schwere Anfeindung und keinerlei Nutzen, aber gleich
abschwren wie eine Snde! Und Sender mute doch einen Zweck dabei verfolgt
haben, und gleichviel, wie tricht dieser gewesen, wrde er nun gewillt sein,
ihn aufzugeben?
    Hm? fragte der Rabbi.
    Hm! wiederholte der Marschallik. Aber er sah ein: da konnte der Rabbi
wirklich nicht nachgeben, ohne sein Ansehen einzuben.
    Und was noch? fragte er.
    Zum dritten soll Sender zwei Jahre lang jeden Montag und Donnerstag fasten
und zum vierten jeden Sabbat auf dem Snderplatz neben der Tr der Schul
stehen.
    Daraus wird nichts! erklrte Trkischgelb entschieden. Und in beweglichen
Worten stellte er dem Rabbi vor, da ein krnklicher Mensch doch nicht im Winter
an der Tr stehen und zweimal wchentlich fasten knne.
    Aber eine dauernde Bue mu er auf sich nehmen! wandte Rabbi Manasse ein.
    So lat ihn durch zwei Jahre tglich fnf Psalmen sagen.
    Das ist eine zu leichte Strafe, meinte der Gelehrte, gab sich aber
schlielich damit zufrieden. Auerdem aber, sagte er, will ich ihm das
Versprechen abnehmen, bald zu heiraten. Dann wird er ehrbar und vernnftig.
Warum soll er nicht zum Beispiel die Lea aus Kolomea nehmen?
    Rabbi! rief der Marschallik lachend. Das wre ja die vierte und hrteste
Bue. Und eine Straf' soll's doch nicht sein! Es steht ja geschrieben: Ehestand
ist Glcksstand. Aber da er Euch das Versprechen leisten soll, damit bin ich
einverstanden.
    Er meinte dies ernst. Denn er wollte ja nicht, da Sender ein Deutsch
werde und unvermhlt bleibe, wollte es, von dem Vorurteil abgesehen, das auch in
ihm nicht schwieg, vor allem deshalb nicht, weil es ihm fr den armen Jung'
kein Glck schien, nun in neue, fremde Bahnen einzulenken - fr den
Zwanzigjhrigen von schwankender Gesundheit war's zu spt.
    Als der Marschallik seinem Bundesgenossen Simche das Ergebnis dieser
Verhandlung mitteilte, brach der Fuhrmann in den ungestmen Ausruf der
Bewunderung aus: Reb Itzig, gegen Euch ist Gortschakow ein Esel, und
Schwarzenberg ein Ochs. Wenn Ihr Tippelmat (Diplomat) geworden wret, es gb'
keinen Krieg auf der Welt. Mehr htte niemand fr Sender erwirken knnen, auch
sein eigener Engel nicht.
    Minder bilderreich drckte Frau Rosel ihre Zustimmung aus. Gott wird's Euch
vergelten, sagte sie. An Eurer Jtte wird er's Euch vergelten - aber auch
dies wenige erriet er mehr, als er es hren konnte, weil die Trnen der Freude
die Stimme der armen Frau erstickten.
    Ihr sagt es ihm aber erst, wenn er auer Bett ist, mahnte er. Ihm machte
jener Schwur Sorge, und obwohl er sonst auch sein eigenes Verdienst sehr gern
und sehr lebhaft anerkannte, vermochte er doch diesmal nicht recht in das Lob
der anderen einzustimmen. Denn da Sender in der Gemeinde beliebt war, rgerten
sich nur die Frmmsten darber, da er so glimpflich davonkommen sollte, wenn es
auch die meisten geradezu wie ein Wunder berhrte, da der sonst so strenge
Rabbi nicht einmal auf einer ffentlichen Bue beharrte - von den beiden
Mchtigen, die dies bewirkt, erfuhr ja niemand ein Sterbenswrtchen.
    Nur ein Mann der Gemeinde, sonst der Stillste und Sanfteste, konnte sich
ber die Milde nicht beruhigen. Schimpf verdient Ihr, nicht Lob, rief Jossele
Alpenroth dem Marschallik zu, als sie am Sabbat nach Abschlu jenes Vergleichs
vor der Schul zusammentrafen. Ihr habt den Rabbi betrt.
    Itzig Trkischgelb war sonst nicht der Mann, auf einen groben Klotz einen
feinen Keil zu setzen, diesmal tat er es doch. Der Uhrmacher hatte bisher in
seinen Zukunftsplnen fr Sender eine groe Rolle gespielt; natrlich sollte der
Jngling nach seiner Genesung in die Werksttte zurckkehren.
    Reb Jossele, sagte er betroffen, Ihr seid doch sonst ein Milder und
Weiser. Ihr werdet doch den armen Jungen nicht verstoen?
    Der kleine Meister wurde krebsrot.
    Was? schrie er und warf die Arme in die Luft. Ihr glaubt, ich nehm' ihn
wieder auf? Diesen Pojaz, diesen Tagedieb, diesen Gotteslsterer! Wenn ich mein
Versprechen brechen wollt', was knnt' ich von ihm erzhlen! Und wie viel
Rdchen hat er mir zerbrochen!
    Die Umstehenden lachten laut.
    Lacht nicht! rief er auer sich vor Wut. Wenn Gott noch zu den Menschen
reden tt', er wrde Euch zurufen: Schickt ihn als Baal Taschuba (fahrenden
Ber) hinweg aus dieser frommen Gemeinde. Sonst -
    Zerbricht er noch ein Rdchen, fiel der Marschallik ein. Ihr irrt, so
wrdet Ihr reden, wenn Ihr Gott wret. Aber Gott ist kein kleiner, dummer,
heimtckischer Uhrmacher!
    Das Gelchter erhob sich noch lauter. Jossele Alpenroth flchtete
schmachbedeckt in den Vorhof der Schul, aber auch seinem Besieger war's schwer
ums Herz. Was nun? dachte er. Ein neues Handwerk kann er doch jetzt nicht
anfangen. Simche nhm' ihn gleich wieder, aber das ist doch kein Geschft fr
einen krnklichen Menschen.
    Indes, diese Frage konnte nur mit Senders Zutun erwogen werden. Eine andere
Sache aber hatte der Marschallik sofort zu ordnen. Der Name Glatteis im
Ladungsschein mute als Irrtum erscheinen. Auch die schonendste Enthllung
seiner Abkunft htte den Genesenden furchtbar erregt, aber noch aus einem
anderen Grunde schauderte Frau Rosel davor zurck: In der nmlichen Stund' geht
er in die weite Welt wie sein Vater! Er hlt's dann fr seine Bestimmung, und
dasselbe Blut hat er ja leider. Glaubt Ihr, er wr' auf die christlichen Bcher
gekommen, wenn er nicht Mendele Schnorrers Sohn wre? Ich bin nicht eher ruhig,
bis er ein Weib hat und auch vor dem Kaiser mein Kind ist. Sie wollte ihn nach
Luisers Weisung adoptieren und diesem, der neben seinem Amt auch
Winkelschreiberei betrieb, die Durchfhrung der Sache bergeben. Aber vorher
mute der Gemeindeschreiber jenen Irrtum bescheinigen.
    Der Marschallik bernahm es, Luiser dazu zu bestimmen. Ihr schreibt die
Vorladung zur Losung noch einmal, schlug er ihm vor, auf den Namen Kurlnder
und fget bei, bei, Glatteis' wr' Euch damals die Feder ausgeglitten.
    Aber Luiser war fr diesen bescheidenen Scherz unzugnglich. Die grere
Sach' bernehm' ich, sagte er. Warum nicht? Eine ehrliche Sach', kostet
hundert Gulden. Aber etwas Falsches bescheinigen? Um keinen Preis! Es geht ja um
meine Ehre. Nicht um mein Leben! Nicht um zehn Gulden!
    Aber um zwei, erwiderte Trkischgelb kaltbltig. Zehn Gulden kann die
arme Frau, die jetzt Arzt und Apotheker bezahlen mu, nicht erschwingen.
    Meine Ehre um zwei Gulden? rief Luiser entrstet.
    Also zwei und einen halben, sagte der Marschallik begtigend, aber mehr
keinen Heller. Sonst lg' ich mir meinen Sender ohne Schein an. Er fate nach
der Trklinke.
    Seufzend griff der Schreiber nach einem Formular und schrieb das Gewnschte,
fgte auch in seiner unbeholfenen Schrift in zollhohen lateinischen Lettern bei:
Friher durch Irtum mit anterer Ruprike Glatteis geheusen. - Aber nun krieg' ich
auch die grere Sach'!
    Der Marschallik zhlte das Geld auf den Tisch und steckte den Schein ein.
    Wahrscheinlich, erwiderte er. Aber vorher frag' ich Dovidl, ob er's nicht
billiger macht.
    Den? rief Luiser hhnisch. Dovidl Morgenstern wollt' Ihr eine so schwere
Sach' anvertrauen? Seid Ihr bei Vernunft? Natrlich wird er sie bernehmen, der
Stmper, der zapplige Mensch bernimmt ja alles, aber kann er sie denn fhren?
Von den Gesetzen versteht er so viel wie ich von - er suchte vergeblich nach
einer Sache, von der er, Luiser Wonnenblum, nichts verstand, und verbesserte
sich darum - wie der Rabbi von einem Walzer! Und Deutsch schreibt er, hahaha -
er lachte krampfhaft - in jedem Wort ist ein Fehler, auf Ehre! Die Herren vom
Bezirksgericht schtten sich aus vor Lachen, wenn jemand mit einer Eingab' von
ihm kommt. Das ist ja ein Unsinn, sagen sie, und nicht Deutsch, wir knnen's gar
nicht erraten tun, was er will, sagen sie, warum nehmen Sie zu Ihrem Schaden so
einen Esel? Und ein Mensch - wit Ihr, was er jetzt werden will? Alles, was
Koscielski bisher war. Ihr lacht, Reb Itzig? Recht habt Ihr!
    Fllt mir nicht ein, sagte der Marschallik. Warum sollt' ich lachen?
Wladimir Koscielski war der Lottokollektant und Versicherungsagent fr Barnow,
doch mute er nun auf diese mter verzichten, da er Anflle von Suferwahnsinn
hatte. Besser als der versoffene Schlingel wird's Dovidl machen.
    Schlechter, rief Luiser grimmig. Ich sag' ihm: Teilen wir zur ehrlichen
Hlfte, ich die Kollektur, du die Versicherungen. Aber er will alles! Der
Stmper! Und er soll gar eine Adoption durchfhren? Hahaha, der macht Euch den
Froim lebendig, statt ihn totzusagen. Und warum das alles? Weil er um zehn
Gulden billiger ist und nicht neunzig Gulden verlangt wie ich, sondern achtzig.
    Der Marschallik nickte ihm freundlich zu. Nur weiter, Reb Luiser. Ihr redet
gut, ich hr' Euch gern zu. Aber hundert - neunzig - in einer halben Stund' habt
Ihr erst zehn Gulden nachgelassen - knnt's von nun an nicht schneller gehen?
    Handeln la ich mit mir nicht, erwiderte der Gemeindeschreiber. Was ich
ausgesprochen hab', dabei bleibt's. Um achtzig will's Dovidl machen, sagt Ihr?
Gut, aus Freundschaft fr Euch tu' ich's um dasselbe Geld. Da kann Euch die Wahl
nicht schwer sein, denn dieser Dovidl - wit Ihr, wie weit es schon mit ihm
gekommen ist? Ich sollt' micht ja darber freuen, aber weil er Weib und Kind
hat, so tut er mir eigentlich leid. Nmlich weil das Bezirksamt keine Eingab'
mehr von ihm annimmt, sucht er jetzt einen Schreiber, der besser Deutsch kann
als er. Ein Erbarmen, sag' ich Euch. Aber ist's ein Wunder? Er benimmt sich ja
wie ein Narr - alles an ihm zappelt - soll man da Vertrauen zu ihm haben? Und so
einen Menschen wollt Ihr mir vorziehen, wenn's bei uns beiden gleich viel kostet
- siebzig Gulden.
    Nein, erwiderte der Marschallik. Wenn's bei euch beiden fnfzig kostet,
kriegt Ihr die Sach', lebt gesund.

                              Siebzehntes Kapitel


Der Marschallik berbrachte Frau Rosel das Schriftstck und suchte den
Konkurrenten Luisers auf. Auf dem Weg hielt er pltzlich an. Das wr' ja was!
murmelte er in hchster Freude. Gott im Himmel, das wr' ja was! Fast htte er
vor Jubel ber den glcklichen Einfall auf offener Strae einen Luftsprung
gemacht. Dann eilte er hastig zu Dovidl Morgensterns Haus. Aber auf dem Flur vor
der Tr mit der Tafel in deutschen und hebrischen Lettern: Prifat-Agentschaft.
Guter Rath in alle Sachen, verschnaufte er sich erst grndlich, ehe er eintrat.
Da hie es ruhig auftreten.
    Dovidl, ein hagerer Mann mit dnnem, rtlichem Bart, unsteten Augen und
fahrigen Gesten sa an seinem Pult und schrieb eifrig, das Haupt tief
hinabgeneigt, da die Hakennase das Papier berhrte. Bei Trkischgelbs Eintritt
zuckte er empor, zwang sich dann aber, weiter zu schreiben. Gut' Woch' - setzt
Euch, sagte er mglichst gleichmtig und setzte seine Arbeit fort.
    Der Marschallik blieb stehen und sah ihm eine Weile zu. Reb Dovidl, begann
er.
    Verzeiht - gleich! Ich bin beschftigt - noch fnf Minuten -
    Nicht eine halbe, sagte der Marschallik freundlich, aber entschieden.
Deshalb kriegt Ihr die groe Sach', die ich Euch bring', doch nur, wenn Ihr's
billiger macht als Luiser!
    Aber Reb Itzig, rief der Winkelschreiber, fuhr empor und erhob
vorwurfsvoll die Arme gen Himmel, glaubt Ihr, ich mach' Euch was vor? Hab' ich
das ntig? Ich hab' ja so viel zu tun! Wann hab' ich zuletzt die ganze Nacht
geschlafen? Ich erinnere mich gar nicht mehr daran. Und mit Luiser droht Ihr
mir? Mit diesem Stmper? Wit Ihr, was die Herren vom Bezirksamt sagen, wenn sie
eine Eingab' von ihm bekommen?
    Ja, erwiderte der Marschallik. Sie sagen: Das ist ein Unsinn, der kann
nicht Deutsch, sagen sie, in jedem Wort ein Fehler. Und schtten sich aus vor
Lachen.
    So ist es! rief Dovidl erfreut. Habt Ihr's auch gehrt?
    Ja, von Luiser, er hat's mir eben ber Euch gesagt!
    ber mich? Dovidl ri seinen Kaftan auf. Ich fahr' aus der Haut.
    Spter. Hrt zuerst, was ich Euch bringe. Er trug ihm kurz die Sache vor.
Sagt: Dreiig Gulden! und wir sind einig.
    Unmglich! rief der Winkelschreiber. Unmglich! wiederholte er
wehklagend und taumelte hnderingend in der Stube auf und ab. Da verbrauch' ich
ja auf Tinte und Papier mehr. Wenn Ihr wtet, wieviel da zu schreiben ist.
Zuerst mu ich ja bei allen Gemeinden in der ganzen Welt anfragen, ob sie was
von Froim Kurlnder wissen, denn vielleicht lebt er noch. Und wenn niemand von
ihm wei, erst die Scheidung, dann die Todeserklrung, dann die Annahme an
Kindesstatt. Einen Menschen totschlagen geht leicht, und ein Kind bekommen noch
leichter, aber auf gesetzlichem Wege ist das sehr schwer. Und das soll Luiser
durchfhren? Freilich, bernehmen wird er's. Er will ja jetzt sogar die
Kollektur und die Versicherungen bernehmen, obwohl ich ihm gesagt: Jedem -
    Die Hlfte! Ihr die Kollektur, er die Versicherungen. Merkwrdig! Die
Hlften sind gleich, und doch will jeder die Kollektur!
    Aber kann denn er die Kollektur fhren? ... Der Unverschmte! Ich wette,
da er Euch fr diese Sache zuerst achtzig Gulden abgefordert hat.
    Nein! erwiderte der Marschallik entschieden. Und in der Tat waren's ja
hundert gewesen.
    Also siebzig oder sechzig. Und ich will's um vierzig machen. Warum? Weil
mein Grundsatz ist: Leben und leben lassen. Luiser schindet die Leut', und
dennoch verdien' ich mehr. Er spricht mir Bses nach, sagt Ihr? Das ist nicht
schn von ihm, warum schimpf' ich nicht ber ihn? Weil er mich erbarmt, denn
seine Stube steht leer, und ich such' nach einem Schreiber - mit Lichtern such'
ich - und find' keinen.
    Deshalb bekommt Ihr doch nur dreiig Gulden. Das vom Schreiber glaub' ich
Euch nicht - wer sucht, der findet.
    Lcherlich! Ich schreib' die Eingaben zuerst in hebrischer Schrift, da
geht's rascher, zum Abschreiben mu ich also einen Juden haben! Gibt's denn hier
so viel Juden, die Deutsch knnen? Ich gut und Luiser schlecht. Einen von
auswrts kommen lassen? Das duldet Rabbi Manasse nicht. Wer sucht, der findet?
Schaffet mir einen Schreiber, und ich will Euch kniglich belohnen - zwei Gulden
sollt Ihr haben, oder einen, oder was Ihr verlangt!
    Ich nehm' Euch beim Wort. Drei Gulden verlang' ich. Dafr sollt Ihr einen
Schreiber haben wie noch nie einer war. Er kann besser Deutsch, als Ihr und
Luiser zusammen, schreibt wie gedruckt, ist klug wie der Tag und ein treuer
Mensch. Und der Rabbi wird nichts dagegen haben.
    Gut, drei Gulden. Wer ist's?
    Roseles Pojaz.
    Der? rief der Winkelschreiber. In der Tat, das war ja ein kluger Mensch,
und lesen konnte er auch. Aber fr Sender brauchte er doch nicht dem Marschallik
einen Vermittlerlohn zu zahlen. Den konnte er sich selbst schaffen.
    Das ist nichts fr mich, sagte er. Ein Sterbender! Und gottlos ist er
auch. Und ob er schreiben kann, wei ich nicht.
    Der Marschallik lchelte. Ich hab's ja nur fr Euch und Frau Rosel gut
gemeint. Sender selbst will lieber fort - er hat auch schon was ... Reden wir
nicht mehr darber. Also kein Geschft, Reb Dovidl, weder das groe noch das
kleine. Lebt gesund!
    Das groe ist ja in Ordnung, rief Dovidl und sprang auf ihn zu. Dreiig
Gulden. Abgemacht.
    Er hielt ihm die Hand hin, und Trkischgelb schlug ein.
    Als er die Tr hinter sich geschlossen hatte, blieb der Marschallik stehen
und lpfte den Hut. Reb Itzig, sagte er verehrungsvoll, das habt Ihr gut
gemacht! Will Sender hier bleiben, nun kann er's und braucht als Apotheker
keinen Schwur zu leisten. In acht Tagen lt Dovidl die Mutter zu sich bitten
und bietet ihr's an. Und alle knnen zufrieden sein, auch Dovidl, denn der ist
ja glcklich, da er mich um die drei Gulden betrogen hat.
    Er irrte nur insofern, als Morgenstern schon zwei Tage darauf um Frau Rosel
sandte. Seine Aussichten auf die Kollektur waren gewachsen; und nun wollte er
sich den Schreiber jedenfalls sichern. Aber Frau Rosel konnte nicht abkommen; es
war der erste Tag, den Sender auer Bette verbrachte, und sie mochte ihn nicht
verlassen.
    Regungslos sa der Genesende im Lehnstuhl am Fenster, lie den Blick ber
die Strae und das Stckchen Getreidefeld schweifen, das er berblicken konnte,
und atmete tief - der Sonnenschein, die warme Frhlingsluft taten ihm so wohl -
und da er lebte, lebte! Noch war die dumpfe Betubung im Hirn nicht ganz
gewichen; wie ein Spinnennetz lag es ber seinen Gedanken, und wenn er sich klar
machen wollte, was alles geschehen, und sich ausmalen, wie es nun werden sollte,
empfand er einen leisen Schmerz in den Schlfen. Aber wozu denken? Lieber atmen
und wieder atmen - tief und immer tiefer - und die Glieder im Sonnenschein
dehnen - die Hand nach einem Blttchen der Linde vor dem Fenster strecken, das
Blttchen abreien und fallen lassen, die Hand zur Faust ballen und sich freuen,
da er dies alles konnte. Die Hand zitterte, und wenn auch der Druck und die
Stiche in den Lungen aufgehrt, so mute er doch noch zuweilen husten, aber
daran lag ja nichts. Sie werden gesund, hatte ihm gestern der Regimentsarzt
zum Abschied gesagt, da er nun weiter mute, und brauchen keine sonstige
Medizin als Essen und Stillsitzen. Und noch eins: keine traurigen Gedanken! Der
Genesende nickte vor sich hin, immer und immer wieder, und atmete und lchelte:
Traurige Gedanken? Es gab nur ein Unglck auf der Welt: sterben mssen - und er
lebte ja und wurde gesund. Aber essen - der Arzt hatte recht - essen, wo nur die
Mutter so lange blieb? Aber da trat sie ja ein, den Teller in der Hand und
lchelte ihm zu. Er a gierig - welch kstliche Suppe das war, nur etwas wenig.
Aber die Mutter sagte: In zwei Stunden bekommst du wieder einen Teller, und so
lehnte er sich geduldig in den Stuhl zurck und blickte in das Grn der Linde
und sah zu, wie Sonne und Schatten im leisen Windhauch ber das Laub huschten,
bis er die Augen schlo und einschlief.
    Am nchsten Tage fhlte er sich schon viel krftiger. Da konnte er die Jacke
selbst knpfen und sttzte sich bei dem Gang ans Fenster auf den Arm der Mutter
nur, weil sie es so wollte, er htte den Lehnstuhl fast selbst erreichen knnen.
Und heute konnte er auch schon ein ganzes Zweiglein des Lindenbaums an sich
heranziehen und die winzigen Knspchen betrachten, aus denen einst die
weilich-grnen, duftigen Blten brechen sollten. Und jenes Haschespiel zwischen
Licht und Schatten konnte er lnger verfolgen als gestern, ohne mde zu werden.
Whrend er so hineinstarrte, flog ihm brummend ein Maikfer an die Nase.
Schwups! - da hatte er ihn. Aber nachdem er die glnzenden Flgeldecken und die
feinen Fhlfden betrachtet, legte er ihn sacht auf das Fensterbrett und freute
sich, wie rasch er davonflog. Auch der Kfer und alles, alles wollte leben und
sich der Sonne freuen, wie er selbst. Einmal schob sich eine Wolke vor die
Sonne, aber sie wich bald wieder. Es mute ja schn bleiben, immer, denn Licht
und Wrme taten ihm wohl, und er mute ja gesund werden ...
    Und darum war auch am dritten und vierten Tage der Himmel blau, und es wurde
immer schner auf der Erde. Denken? nein, denken mochte er auch heute nicht.
Aber in einem hielt er's nun doch anders. Er hatte bisher kaum darauf geachtet,
wer die Strae gezogen kam, oder sich gar, wenn er von weitem einen Bekannten zu
erkennen geglaubt, tiefer zurckgelehnt, um nicht erblickt zu werden - er wute
kaum selbst warum, es war eine ebenso instinktive Bewegung wie das Schlieen der
Lider, wenn ihn der Sonnenschein blendete. Nun aber sah er sich die Leute
unbefangen an; es waren freilich fast nur Bauern und ein nherer Bekannter lie
sich lange nicht blicken. Da endlich kam einer vorbei und es war sogar ein
uralter Bekannter, der kleine Naphtali Ritterstolz, der einst sein erster Lehrer
gewesen; er war nun nicht Hofmeister mehr, sondern hielt selbst eine Schule; das
Antlitz sah noch immer aus, wie aus grauem Fliepapier geschnitten, aber an dem
drftigen Leib sa vorne ein ganz unmotiviertes Spitzbuchlein und er trug die
Nase hoch, wie es einem so frommen, vom Rabbi bevorzugten Schulmeister zustand.
Napthali war ein eifervoller Mann; der Genesende fhlte eine Rte in seine
Wangen steigen und schlo die Augen. Aber wie ward ihm, als er die wohlbekannte
Stimme hrte: Gut Woch', Sender! Wie geht's dir? Wahrlich, du darfst das Gebet
der Genesenden aus ganzem Herzen sprechen. Und als Sender die Augen ffnete,
sah er, wie ihm der Wrdige noch freundlich zunickte: Schon' dich nur recht,
da du bald gesund wirst. Er vermochte nichts zu erwidern, aber die Glut auf
den Wangen brannte strker. Wenn Naphtali so freundlich war, dann zrnte auch
der Rabbi nicht zu sehr.
    Der Rabbi! Er legte die Hand an die Stirne und sann. Nun empfand er dabei
jenes Stechen in den Schlfen nicht mehr, aber er schttelte doch den Gedanken
ab. Spter! - Das hatte Zeit! Aber ein anderes, woran ihn Naphtali erinnert,
wollte er sofort verrichten - er hatte ja das Gebet der Genesenden noch nicht
gesprochen. Er erhob sich, holte aus dem Netz ber dem Bette sein Andachtsbuch
hervor und schlug das Gebet auf. Zunchst las er die wenigen Zeilen nur mit den
Augen und dann noch einmal flsternd und endlich halblaut, mit zitternder
Stimme, indes ihm die Trnen ber die Wangen rannen: Gelobt seist Du, der Du
sttzest die Wankenden und heilest die Siechen! Tod und Leben kommen von Dir, im
Tod ist Frieden, aber Gnade im Leben. Dank Dir, der mich in Gnaden erhalten.
    Die Mutter erschrak, als sie ihn in Trnen fand, aber ihm mute wohl zu Mute
sein - wie ein Leuchten lag es ber dem abgezehrten Antlitz. Sie tat keine Frage
und setzte sich still mit ihrer Nharbeit in eine Ecke. Er bltterte in dem
Bchlein, las da und dort, lie es in den Scho sinken und nahm es wieder auf.
Dabei gewahrte er, was er bisher nie bemerkt, da die beiden Bltter zwischen
Deckel und Titelblatt zusammengeklebt waren. Der Klebstoff haftete nur am Rande,
nachdem er diesen vorsichtig abgelst, lag das bisher verborgene Blatt frei. Es
wies drei Eintragungen in hebrischer Schrift und Sprache. Die Tinte war
vergilbt, aber er konnte sie noch deutlich lesen.
    Da stand zunchst in groen, etwas unbeholfenen Schriftzgen geschrieben:
Dieses fein gedruckte und schn gebundene Buch habe ich, Sender, Sohn des
Abraham, aus der Schar der Leviten, der ich ein Kaufmann bin in der Stadt der
Verbannung, Kowno geheien, am heutigen Tage gekauft fr meinen geliebten,
einzigen Sohn Mendele zu seinem sechsten Geburtstage. Gottes Gnade ist mit mir
gewesen, mge sie verdoppelt ber meinem Sohne walten. Am 5. des Monats Adar im
Jahre 5561 nach Erschaffung der Welt.1
    Darunter war in feinen, phantastisch verschnrkelten Zgen zu lesen: Ich,
Mendele, Sohn des Sender, aus der Schar der Leviten, der ich ein unsteter und
habeloser Mann bin, schenke dies Buch jenem, der es nach meinem Tode an meiner
Brust findet und mein sterblich Teil barmherzig der Erde zurckgibt nach der
Vter Weise. Wer immer es sei, er ist ein Glcklicherer als ich. Gottes Gnade
habe ich verwirkt, dir, Unbekannter, mge sie leuchten. Auf der Wanderschaft im
Lande der Verbannung, Ungarn geheien, am 8. des Monats Tischri, am Vortag des
Vershnungstages im Jahr 5590 nach der Erschaffung der Welt.2
    Darunter aber hatte dieselbe Hand gesetzt: Am 16. des Monats Ab im Jahre
5592.3 Den Verzweifelnden richtet Er auf und begnadigt den Verurteilten. Er hat
mir ein Weib gegeben und seinen Scho geffnet. Dieses Bchlein soll meinem
Kinde gehren - es ist das einzige, was ich ihm vermachen kann. Aber da ich nun
wei, wie gndig der Herr ist, so wei ich auch, da dies Bchlein meinem Kinde
zum Segen sein wird.
    Der Jngling las diese Zeilen einmal und dann wieder - es mochte in seiner
Stimmung liegen, da sie ihn tief ergriffen.
    Mutter, fragte er, wie hat der Verwandte, dem dies Bchlein frher gehrt
hat, geheien?
    Warum fragst du? erwiderte sie unbefangen, da sie seine Entdeckung nicht
ahnte, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken.
    Am Ende war's dieser Mendele selbst, sagte er. Du hast wohl auch das
zusammengeklebte Blatt nie beachtet. Sieh her, was da geschrieben steht.
    Ihr gerann das Blut zu Eis. Ihr Blick drohte sich zu verdunkeln. Sie hatte
das Blatt einst sorglich zugeklebt, die Inschrift herauszuschneiden, hatte sie
nicht bers Herz gebracht.
    Hrst du nicht? fragte er, als sie still blieb, und suchte den Kopf nach
ihr zu wenden.
    Doch! murmelte sie. Das Blatt ... Was - was steht denn da geschrieben?
    Er las es ihr vor.
    Der arme Mann! fgte er bei. Eine so schne Schrift - er mag nicht
ungelehrt gewesen sein ... Und das Bchlein war das einzige, was er seinem Kinde
vermachen konnte ... Hast du ihn gekannt?
    Noch immer war ihr die Kehle wie zugeschnrt. Nein! erwiderte sie endlich.
Ich hab' das Bchlein von einem verstorbenen Vetter, fgte sie dann hastig
hinzu. Ich habe es ehrlich erworben.
    Natrlich! erwiderte er. Ob aber jener Vetter? Vielleicht hat er das Kind
dieses Mendele um seinen einzigen Besitz gebracht! Und er war wertvoll, eines
Vaters Segen wiegt schwer.
    Frau Rosels Haupt war tief auf die Brust gesunken. Mein Herr und Gott,
betete sie, wenn es eine Snde ist, da er nichts von seinem Vater wei, so la
nur mich dafr ben.
    Sender aber fuhr nach einer Weile fort: Mutter, du hast ja ein frommes
Herz, du wirst gewi einverstanden sein. Wer im Zweifel ist, ob er nicht fremdes
Gut besitzt, mu etwas zu frommen Zwek-ken spenden. Ich hab' das Bchlein nun
schon so lang - und wo wr' auch das Kind jenes armen Mannes zu suchen? Aber wir
wollen in der Schul' eine Kerze fr seine Seele anznden lassen. Vor mehr als
zwanzig Jahren ist dies letzte geschrieben, da wird er wohl tot sein. Gott la
ihn in Frieden ruhen.
    Amen! rief Frau Rosel - ihr war's, als fiele eine Zentnerlast von ihrer
Brust - Amen! -
    Mir scheint, er ahnt noch immer nichts, sagte sie ihrem Vertrauten, dem
Marschallik, als er sich wieder bei ihr einfand. Aber mir ist's doch sehr bang
... Soll ich ihm nicht morgen Luisers neue Vorladung geben? Dann wren seine
Gedanken wenigstens vom ersten Anzeichen abgelenkt.
    Behte! rief Trkischgelb. Das brchte ihn erst recht zum Grbeln
darber. Die Sach' will so leicht wie mglich behandelt sein, wenn so ganz
zufllig die Red' darauf kommt und mit allem brigen zusammen. Das lat mich
machen, sobald ich's fr gut halte. Jetzt mssen sich seine armen Lungen noch
ausschnaufen und auch die Seel' des Menschen, Frau Rosel, auch die Seel' hat
Lungen, die das ntig haben ... Es ist nur deswegen, da ich warte, denn jetzt
hab' ich auch die Antwort auf jede Frage, die er stellen kann.
    Er stemmte die Arme in die Seiten und blickte sie triumphierend an.
    Ja! rief sie freudig. Und die Sach' mit Dovidl macht Euch keiner nach ...
Soll ich nun zu ihm hingehen?
    Nein. Er bekommt die Kollektur und mu Sender haben. Jeder Tag lnger macht
den Monatslohn grer.
    Schon war etwa eine Woche seit dieser Unterredung verstrichen und noch immer
hielt es der Marschallik nicht an der Zeit, eingehend mit Sender zu sprechen.
Ausschnaufen lassen, wiederholte er immer wieder, er wird schon selbst zu
reden anfangen, wenn ihn etwas drckt.
    Aber das tat Sender nicht, und wirklich empfand er kaum allzu groe Sorgen
und Kmmernisse, auch nachdem er wieder zu voller Klarheit ber das Geschehene
gekommen. Das unendlich wohlige Gefhl des Genesens, das Bewutwerden der
jugendlichen Kraft, die ihm gleichsam aus diesen Frhlingsdften in die Adern
zurckstrmte, lieen keine dsteren Gedanken in ihm aufkommen. Aber auch an
sich schien ihm nun seine Lage nicht gar so schlimm. Er war wieder gesund, die
Gefahr, Soldat zu werden, fr immer vorber; im nchsten Januar aber harrte
seiner sein Gnner, warum sollte er verzweifeln? Der Rabbi wute nun um seine
heimlichen Kenntnisse, gar so gro schien ja sein Zorn nicht, aber angenommen,
da er's war und die Gemeinde hnlich dachte, so mute das eben getragen sein,
bis die Erlsungsstunde schlug. Allzu schlimm konnte es ja nicht werden, so lang
die Mutter und der alte Freund in herzlicher Liebe zu ihm standen, und wenn er
sich auch keiner Tuschung darber hingab, da die rhrende Gte, mit der sie
ihm nun begegneten, vor allem dem Genesenden galt, etwas davon blieb ihm auch
fr die gesunden Zeiten gewi. Ob ihn Jossele wieder aufnehmen wrde, war ihm
freilich sehr zweifelhaft, aber wo nicht, dann fand ihm sein findiger Beschtzer
vielleicht ein anderes Stcklein Brot, und im schlimmsten Falle mute er sich
eben bis zum Januar von der Mutter ernhren lassen. Dieser Gedanke erschreckte
ihn auch nicht allzu sehr, er war ja der Sohn eines Stammes, dem die schwersten
Opfer der Eltern fr ihre Kinder etwas Selbstverstndliches sind. Aber ebenso
selbstverstndlich ist diesem Stamme die dankbare Treue der Kinder fr die
Eltern, das vierte Gebot wird nirgendwo auf Erden so heilig gehalten, wie im
Ghetto des Ostens - und wie konnte er davor bestehen?! Es mu ja sein, sagte
er sich und malte sich aus, welch behagliches und ehrenreiches Alter er der
Mutter bereiten wrde. Gleichwohl wollte sein Gewissen nicht schweigen, und
dieser Selbstvorwurf war die einzige, wahrhaft peinliche Empfindung, die ihn in
diesen Tagen erfllte. Hingegen dachte er an jenen fremden Mann im Ladungsschein
kaum mehr, geschweige denn, da ihn dieser Umstand mit Unruhe erfllt htte -
das war irgend ein Versehen, das sich sicherlich harmlos genug erklrte - was
konnte es auch anderes sein? Hchstens, da er sich, wenn es ihm beifiel, sagte:
Ich mu die Mutter bitten, da sie es richtig stellen lt. Aber das hatte ja
Zeit, ebenso Zeit wie zu erfahren, wie ihm Rabbi Manasse gesinnt war.
    Etwas anderes aber htte er allerdings gern gewut: ob die Mutter die Bcher
in seiner Lade entdeckt. Aber zu fragen wre ja Torheit gewesen; es brachte sie
vielleicht erst auf die Spur. Er mute warten, bis er krftig und schwindelfrei
genug war, um die steile, hohe Leiter zu seiner Kammer emporzuklimmen.
    Endlich - es war in den ersten Tagen des Mai - fhlte er sich dazu im
stande, schlich sich eines Morgens, whrend die Mutter am Schranken stand, in
den Flur und begann die Sprossen emporzusteigen. Aber sie hatte ihn gewahrt und
kam hastig nachgestrzt.
    Komm herab! rief sie angstvoll. Du fllst ja hinunter!
    Aber wie denn? beruhigte er sie. Ich bin's doch gewohnt.
    Ich fleh' dich an! rief sie. Hab' ich nicht genug Angst um dich
ausgestanden?
    Daraufhin gab er nach und stieg hinab. Aber morgen mut du's erlauben,
sagte er.
    Darber reden wir noch, erwiderte sie, klagte dann aber dem Marschallik,
als er zur gewohnten Stunde erschien, ihre Not.
    Dann mu ich mit ihm reden, sagte er.
    Aber es wird ihn aufregen, wandte sie angstvoll ein.
    Wenn ich mit ihm red'? rief er. Gebt acht, dann dankt er uns noch dafr.
Nun gebt mir auch noch Luisers Schein, sagte er.
    Sie holte das Schriftstck aus einer Truhe, wo sie es sorglich, in ein
Taschentuch eingeschlagen, aufbewahrt. Aber der Marschallik knllte es zusammen
und steckte es dann nachlssig gefaltet in die Brusttasche.
    Was tut Ihr? rief sie erschreckt.
    Vernnftiges, wie immer, sagte er.
    Lchelnd trat er in die Wohnstube und setzte sich zu seinem Schtzling.
    Lieber Sender, begann er, bin ich eine Katz'? Nein. Bist du ein heier
Brei? Nein. Haben wir einander lieb? Ja. Also will ich vernnftig und gradaus
mit dir reden.
    Sender war rot geworden. Ja, sagte er, es ist ntig, Reb Itzig. Redet!
    Das ist aber nicht so ntig, meinte der Marschallik, als da du
antwortest! Weil ich aber nicht dumm bin, so frag' ich lieber gar nicht nach
Sachen, ber die du mir wahrscheinlich doch nicht antworten wrdest. Also zum
Beispiel, von wem du Deutsch lesen und schreiben gelernt hast?
    Er machte eine Pause.
    Ihr seid wie immer der Klgste, sagte Sender mit verlegenem Lachen,
darauf wrd' ich Euch wirklich nicht antworten, wenn Ihr fragen wrdet.
    Und von wem du die Bcher hast, wirst du natrlich auch verschweigen
wollen.
    Aber trotzdem hielt er wieder inne und blickte Sender erwartungsvoll an.
    Natrlich! erwiderte dieser.
    Nun aber kammt eine Frag', fuhr der Marschallik vernderten Tones fort,
auf die du antworten wirst. Betreffen diese Bcher unseren Glauben? Willst du
Christ werden?
    Nein! beteuerte der Pojaz und fuhr erschreckt empor.
    Der Marschallik nickte.
    Also du hast dabei einen vernnftigen Zweck und hoffst Nutzen davon zu
haben?
    Ja! Aber was es ist, kann ich Euch heute nicht sagen!
    Sondern wann?
    Sptestens im Januar.
    Der Marschallik blickte ihn forschend an. Sender hielt den Blick aus.
    Gut, sagte der Alte, du warst bisher immer ein frommer, guter Jung' und
ganz klug - ich red' kein Wort mehr darber, bis du selbst davon anfngst. Was
du aber den anderen erzhlen willst, ist deine Sach'. Nun aber was anderes,
kannst du schon bis zum Januar davon leben?
    Sender verneinte kleinlaut. Sonst wr' ich ja nicht bei Jossele fr einen
Gulden monatlich geblieben.
    Dann ist's dir am End' ganz angenehm, da ich dir was anderes gefunden
hab'. Freilich nur um kleinen Lohn, und ob dir die Arbeit recht sein wird, wei
ich auch nicht.
    Mir ist alles recht, erwiderte Sender.
    Nun setzte ihm der Marschallik weit und breit auseinander, was er mit Dovidl
vereinbart. Sieben Gulden monatlich. Gestern hab' ich's mit ihm abgeschlossen.
    Reb Itzig, rief Sender jauchzend und fate seine Hand, wie soll ich Euch
danken?
    Narrele! wehrte der Marschallik ab. Hab' ich's denn deinetwegen allein
getan? Auch um den Maklerlohn. Denn da ich dir's nicht verschweig', auch drei
Gulden fr mich hab' ich ihm abgedrckt. Es reicht zu einer feinen Jacke fr
meine Jtte ... Und dann, vielleicht vertrgst du dich mit Dovidl gar nicht, er
fhrt ja tglich fnfzigmal aus der Haut und zappelt, da es einem beim Zusehen
schwindelt. Aber ich hab' mir gedacht, es ist doch ein Anfang, und immerhin fr
dich besser, als wenn ich's mit dem Luiser versucht htt'. Denn der ist gar
hoffrtig auf seine Schreiberei, und kann dabei noch weniger als Dovidl. Er kann
ja nicht einmal aus der Matrikel einen Ladungsschein schreiben. Ich wei nicht,
ob du's bemerkt hast - du hast in jenem Augenblick grere Sorgen gehabt, du
rmster - aber er hat dir ja im Ladungsschein einen fremden Namen beigelegt ...
Glatteis - glaub' ich - hahaha! - ein schnerer ist ihm fr dich nicht
eingefallen ...
    Auch Sender mute lcheln. Ich erinnere mich, sagte er.
    Er war ganz bestrzt, wie ich's ihm gesagt hab', fuhr der Marschallik
fort. Du kannst dir denken, ich hab' ihn auch gehrig damit aufgezogen.Gebt ihn
mir zurck, bittet er. Ich will einen anderen schreiben, es kann mich mein Amt
kosten. Da geb' ich ihm den Schein zurck. Hier - und ein richtiger ist nicht
ntig, sag' ich. Die Losung ist vorber. Aber er schreibt ihn doch und drngt
ihn mir auf. Mir scheint, ich hab' ihn noch bei mir.
    Er griff in die Schotasche seines Kaftans. Am End' gab' ich ihn verloren.
Na, deshalb erschlgst du mich nicht.
    Gewi nicht, lachte Sender.
    Der Marschallik griff nach der Brusttasche.
    Halt - da ist er! So - da hast du dein Dokument, kauf' dir eine feuerfeste
Kasse und leg's hinein.
    Sender berflog den Schein.
    Hahaha, lachte er. Friher - anterer - geheusen - in jedem Wort ist ein
Fehler.
    Trkischgelb blickte ihn ehrfurchtsvoll an.
    So gut Deutsch kannst du schon? fragte er. Dann brauchst du am End' keine
Bcher mehr?
    O doch! rief Sender.
    So? Wozu? Ich rat' dir, la das bleiben. Sonst bekommst du noch Hndel mit
dem Rabbi. Und ich hab' dich so schwer genug mit ihm ausgeshnt.
    Also ist's Euch gelungen? Ich dank' Euch herzlich. Sonst htt' ich ein
schweres Leben hier gehabt.
    Aber wie gesagt, leicht war's nicht, fuhr der Marschallik fort. Du wirst
staunen, wie weit ich ihn gebracht hab'. Du wirst ihm einen Besuch machen und
dann durch zwei Jahre tglich fnf Psalmen sagen. Ist das nicht frchterlich?
    Sender lachte laut auf. Ganz frchterlich! rief er.
    Dann hat er noch einen Schwur verlangt, da du nie mehr ein deutsches Buch
anrhrst. Aber er sieht ein, da jetzt keine Red' mehr davon sein kann. Bei
Dovidl mut du ja die deutschen Gesetze lesen lernen!
    
    Natrlich! - Dann ist ja alles in schnster Ordnung.
    Gndig von dir, da du das anerkennst. Wirklich, recht gndig! Aber wie
schwer die Sach' war, bedenkst du nicht. Anfangs haben er und die ganze Gemeinde
getobt wie die Wahnsinnigen. Er lt deine Mutter und mich rufen: Schwrt mir,
da keine unheiligen Bcher im Hause sind. Sonst such' ich und verbrenne, was
ich finde, und von Schonung ist dann nie mehr die Rede. - Da mssen wir doch
erst nachsehen, sag' ich. Wir suchen und finden - nun, du weit ja!
    Er stie ihn schelmisch in die Rippen. Deine Mutter war sehr erschrocken,
ich aber behalt' ruhig Blut. Was ist da Schlimmes? Schlimm wr's nur, wenn der
Rabbi selbst die Bcher fnd'. Dann kann Sender nicht mehr in Barnow bleiben.
Denn, na, Sender - wieder ein freundschaftlicher Rippensto - dir brauch' ich
ja nicht zu sagen, was fr Bilder in dem einen Buch waren ... Aber, wenn wir sie
verbrennen, so erfhrt niemand was davon, und fr Sender ist's kein Schade, sag'
ich.
    O doch! rief dieser erblassend. Sind sie verbrannt?
    O du Weiser! rief der Marschallik spttisch. Entweder waren die Bcher
gottlos. Dann war's fr dich ein Nutzen. Oder sie waren nicht gottlos. Dann -
er zwinkerte ihn mit den Augen an - dann gilt doch auch von deutschen Bchern
dasselbe wie von hebrischen - sie werden nicht blo in einem Stck gedruckt,
und wer sieben Gulden Monatslohn hat und sich, weil es zu seinem Geschft
gehrt, so viel deutsche Bcher, wie er will, kommen lassen kann, kann sie sich
nochmals kaufen - oder gar, hehe! schenken lassen. Aber htten wir sie nicht
verbrannt - dann htt's keine solche Stellung fr Sender Kurlnder gegeben, und
keine sieben Gulden, sondern er wr' zur Stadt hinausgejagt worden. Also -
verdienen wir deinen Dank oder nicht?
    Gewi߫, meinte der Jngling mit etwas sauerser Miene, aber doch
aufrichtig. In der Tat - der Verlust lie sich ersetzen.
    So bedank' dich auch bei deiner Mutter dafr! sagte der Marschallik. Als
es Sender tat, wurden die Augen der alten Frau starr vor Erstaunen und
Bewunderung.
    Reb Itzig, rief sie, warum hat Euch Gott nicht Minister werden lassen?
    Weil er wei߫, erwiderte er, da dazu weniger Verstand gehrt, als zu
einem richtigen Marschallik. Also - morgen bringen wir die Sach' mit dem Rabbi
ins reine und nchsten Sonntag trittst du bei Dovidl ein. Frau Rosel, wenn Ihr
glaubt, da ich's verdient hab', so tt' ich um ein Glsele Met bitten!

                              Achtzehntes Kapitel


Es war mehrere Wochen nach dieser Unterredung, ein Junimorgen, aber schon um die
zehnte Stunde brannte die Sonne versengend nieder. Die Gassen von Barnow lagen
verdet; auch jene lieblichen Vierfler, die sie sonst mit frhlichem Gegrunz
erfllten, die Schweine, deren Mstung der Haupterwerbszweig der wenigen
christlichen Brger war, hatten sich in die Hfe zurckgezogen, wo es noch
Pftzen gab; die Schlammlachen auf den Straen waren eingetrocknet. Vierzehn
Tage hatte es kein Trpfchen geregnet, jeder leichte Windhauch wirbelte
Staubwolken auf. Aber er regte sich selten; dumpf und schwer lag die heie Luft
ber den schmutzigen Gchen, den verwahrlosten Husern, und Dfte erfllten
sie, Dfte - kein Mensch konnte sie auf die Dauer ertragen, wenn er nicht ein
geborener Barnower war.
    Das focht unseren Sender nicht an, er war's ja. Und ertrglicher als in den
meisten anderen Stuben von Barnow lie sich noch in seinem
kaiserlich-kniglichen Lacal verweilen. Denn so lautete die Inschrift der
Tafel ber Dovidl Morgensterns neuem Gassenladen: K.K. Lacal der Loto-Colectur
fr Barnow und der ganzen Umkegend! Den grten Raum dieser Tafel aber nahm ein
groer, wenn auch etwas seltsam gemalter Doppeladler ein, und so war es nicht
ganz berflssig gewesen, da Dovidl darunter in hebrischen Lettern hatte
setzen lassen: Kaiserlicher Adler! Hier wird gewonnen! Ein Terno macht jeder!
Denn Adler hatte nun auch sein Konkurrent Luiser Wonnenblum an die Tr heften
knnen, sogar deren drei, aber das waren nur die Wappen der
Versicherungsgesellschaften, deren Vertretung ihm nach dem Hintritt des wrdigen
Koscielski zugefallen war. Luisers Hhnerstall, wie sie Dovidl nannte; es lag
eine Welt von Verachtung in diesem einen Wort.
    Unter den Fittichen des kaiserlichen Tiers also, an einem mchtigen
Schreibtisch, der durch eine Barriere vom Raum fr das Publikum getrennt war,
sa Sender jenes Vormittags und blickte aus der Khle auf die Strae hinaus. Er
sah nun wohler aus als vor der Krankheit, seine Augen waren glnzender, die
Bewegungen ruhiger. Auch die Kleidung bewies, da aus dem geduldeten
Uhrmacherlehrling nun ein wohlbestallter Lotterieschreiber geworden, noch mehr,
eine Art von Deutsch. Der neue Kaftan hatte den blichen Schnitt, aber er war
doch etwas krzer als frher, und ebenso schienen die Wangenlckchen gestutzt.
Kurz - alles hatte sich mit ihm zum Besseren gewandelt. Trotzdem nagte er in
diesem Augenblick mimutig an der Unterlippe und blickte ungeduldig nach der
Tr. Er kommt nicht, murmelte er, und wenn er kommt, so bringt er's nicht.
    Sender, klang die Stimme seines Herrn und Meisters aus dem anstoenden
Gemach; es war die Prifat-Agentschaft, wo Dovidl Morgenstern nach wie vor,
Rath in alle Sachen erteilte. Ich bin fertig; schreib's ab.
    Aber noch ehe sich der Schreiber erheben konnte, ffnete sich die Tr und
Dovidl kam hereingestrzt. Es eilt! rief er und legte zwei vollgeschriebene
Foliobogen vor Sender hin. Die Rubra ist: Chaim Fragezeichen und Naphtalie
Ritterstolz contra Schlome Rosenthal wegen Verleumdung ... Eilt! wiederholte
er.
    Rubrum heit es, erwiderte Sender gleichmtig. Aber warum eilt es?
Vielleicht wchst inzwischen Reb Schlomes Bart nach. Das kann doch fr unsere
Mandanten nur gut sein.
    Mandanten! rief Dovidl heftig. Gebrauch keine Ausdrcke, die du nicht
verstehst. brigens heit es wirklich Mandanten. Aber warum wr' das gut fr
sie? Was kmmert das sie, ob dieser Schlome einen Bart hat oder nicht?
    Freilich kmmert sie das eigentlich nichts! Aber eben darum htten sie ihn
ihm nicht ausreien sollen!
    Ausreien? rief Dovidl. Wer hat ausgerissen? Unsere Mandanten? Und das
sagst du, mein Schreiber? Ich fahr' aus der Haut.
    Aber sie sagen's doch selbst, wendete Sender ein. Es war ein
Pdagogenstreit gewesen, der die Gemter der Barnower in groen Aufruhr
versetzt. Sender freilich war unparteiisch geblieben; sie waren ja alle
nacheinander meine Lehrer, meinte er, und ich hab' sie alle gleich lieb.
Schlome Rosenthal war mit Naphtali Ritterstolz, dem Liebling des Rabbi, ber die
Auslegung einer schwierigen Talmudstelle in Streit geraten. Chaim Fragezeichen
hatte Naphtali untersttzt, zunchst durch die Schrfe seiner gelehrten Grnde,
dann, nachdem der Streit in Ttlichkeiten ausgeartet, durch die seiner
Fingerngel; Schlome hatte schlielich die Flucht ergriffen, aber sein halber
Bart war auf der Wahlstatt - Naphtalis Studierstube - geblieben. Schlome hatte
zunchst den Rabbi als Schiedsrichter angerufen, dann aber, als dieser fr
seinen Liebling entschieden, durch Morgenstern die Klage beim k.k. Bezirksamt
angestrengt.
    Sie sagen's selbst! rief Dovidl, warf die Arme von sich und drehte sich
zweimal wie ein Kreisel um die eigene Achse. Wem haben sie's gesagt? Mir, ihrem
Vertreter! Aber vor Gericht? Da lgt Schlome, da ist er ein Verleumder, weil er
fromme Talmudisten beschuldigt - wegen schwerer krperlicher Verletzung
beschuldigt - verstehst du?
    Nein, erwiderte Sender. Der Bart ist ja wirklich weg.
    Unsere Sorge! Er hat sich ihn selbst ausgerissen. Dovidl ergriff die Bogen
und schwang sie wie eine Triumphfahne durch die Luft. Das hab' ich hier
geschrieben - um verleumden zu knnen, selbst ausgerissen!
    Aber wenn das Gericht unsere Mandanten beeidet?
    Beeidet? Hahaha! Dovidl lachte krampfhaft. Ich platz'. Sie sind ja
Angeklagte. Die kann man doch nicht in Eid nehmen. Ich platz'.
    O doch! erwiderte Sender gelassen. Ihr erhebt ja die Gegenklage wegen
Verleumdung. Und da sind Naphtali und Chaim die Zeugen und knnen beeidet
werden.
    Dovidl blickte ihn wie erstarrt an. Ich fahr' -
    Aus der Haut, ergnzte Sender. Aber deshalb hab' ich doch recht.
    Der Winkelschreiber hrte ihn nicht mehr. Blitzschnell hatte er die Bogen
ergriffen und war in sein Sanktuarium zurckgestrzt.
    Sender setzte sich wieder hin. Und das erleb' ich nun dreimal tglich mit
ihm, dachte er. Anfangs hat's mir Spa gemacht, aber jetzt mcht' ich eine
Abwechslung haben! Wenn er doch wenigstens einmal wirklich platzen oder zum
mindesten aus der Haut fahren wollte ... Fr mein Ziel ntzt er mir gar nichts -
so einen Narren werd' ich nie zu machen haben, den hat noch kein Dichter in ein
Stck hineingesetzt ... Und Nadler schweigt noch immer!
    Das war der Grund seines Mimuts. Es ging ihm ja nun gut, er konnte
zufrieden sein. Die Arbeit bedingte wohl viel Zeit, aber geringe Mhe. Htte er
sich auf jene Verrichtungen beschrnken drfen, fr die er die sieben Gulden
Monatslohn bezog, so wre sein Tag fast nur aus Muestunden zusammengesetzt
gewesen, denn von Rechts wegen hatte er nur die Listen der Kollektur zu fhren
und die mit hebrischen Lettern, aber in deutscher Sprache geschriebenen
Entwrfe seines Chefs in deutscher Schrift wiederzugeben. In Wahrheit war's
anders, an beidem hingen mancherlei Verrichtungen, die nicht im Vertrage standen
und doch getan sein wollten, jedoch auch dies nahm er willig in Kauf. Aber er
konnte nichts zur Erreichung seines Ziels tun, in dieser Hinsicht verbrachte er
seine Tage mig, und dies ertrug er immer schwerer. Er hatte sofort nach seinem
Eintritt in die Kollektur an seinen Gnner in Czernowitz geschrieben, die
Wandlung seines Geschicks mitgeteilt und dringend gebeten, ihm die Bcher
nochmals zu senden, namentlich den Katechismus, aber nicht etwa wieder als
Geschenk, beileibe nein, sondern unter Nachnahme und diesmal an seine eigene
Adresse. Da der Direktor noch in Czernowitz war, wagte er freilich nicht zu
hoffen, aber, dachte er, so einen groen Knstler wird die Post schon
finden. Darum hatte er keine baldige Antwort erwartet - nun aber waren's schon
sechs Wochen und er harrte noch immer vergebens.
    Auch heute hatte der Briefbote nichts fr ihn, fast hhnisch winkte er ihm
im Vorbeigehen mit der Hand ab. Es war dem Enttuschten nur ein geringer Trost,
da in demselben Augenblicke die geistige Elite von Barnow zum Zwecke einer
lngeren Konferenz den Laden betrat.
    Hier wird gewonnen, stand auf jener Tafel, noch mehr, Dovidl verhie sogar
jedermann ein Terno. Er versprach nicht zu viel, nur gehrte freilich eines
dazu: da man jene Nummern zwischen 1 und 90 setzte, die dann in der nchsten
Lemberger Ziehung herauskamen. Da dies vom Glck, vom Zufall abhnge, glaubte
eigentlich niemand in Barnow und der ganzen Umkegend: man mute eben das Glck
zwingen, indem man sich nach verllichen Anzeichen richtete. Die einen folgten
dabei mehr dem Verstande, die anderen mehr dem Gemt, aber die Hilfe des
Kollekturschreibers nahmen alle in Anspruch, und wenn es ihm auch die
Gemtsmenschen nicht leicht machten, so erwiesen sich doch die Anhnger der
reinen Vernunft als die Zeitraubendsten.
    Die aber beehrten ihn eben: der Apotheker Ludwig No, der
Steueramtskontrollor Viktor Huszkiewicz und der Wundarzt Franz Xaver Grundmayer;
der vierte im Bunde, der Bestechungsagent Herr v. Wolczynski - es war dies fast
ein ebenso offizieller Beruf wie der der anderen - fehlte heute.
    Diese Herren folgten der Mathematik. Damit wenigstens erffnete der kleine,
kugelrunde Apotheker die Konferenz.
    Also, Senderko, begann er gewichtig, wir kommen, um zu setzen. Groe
Einstze! - bis zu fnfzig Kreuzer! Er hob den Zeigefinger. Aber ohne
Mathematik tun das hchstens die Bauern! Also - lies uns einmal langsam die
Listen der Nummern vor, die vor sieben Jahren herausgekommen sind. Langsam und
deutlich!
    Und laut! fgte Grundmayer hinzu. Er hrte nicht ganz gut, wenn er etwas
betrunken war, und etwas betrunken war er immer. Die Lungen dazu hab' ich dir
ja wieder kuriert! Nmlich, Sie mssen wissen, meine Herren, ich bin sein
Lebensretter. Im April nmlich -
    Aber Herr Doktor, das wissen wir ja, Herr Doktor! fiel Huszkiewicz ein.
An die Arbeit, Herr Doktor! Denn wenn man Grundmayer unterbrach, so wurde er
grob, es sei denn, da man ihn zur Begtigung Herr Doktor nannte. Nimm also
den Band von 1845, Sender, und lies. Ich werde auch heute notieren.
    Er holte ein dickes Heft aus der Tasche, das schon fast ganz mit
Zifferntabellen vollgeschrieben war, und nahm Platz. Sender aber langte seufzend
den gewnschten Band aus dem Wandschrank und begann zu lesen. Er mute es tun,
sein Chef hatte ihm strengstens eingeschrft, jeden Wunsch der Kunden zu
erfllen, der sie in ihrer Spiellust bestrken konnte, aber es war ihm so
langweilig, so schrecklich langweilig.
    Sender, klang die Stimme Dovidls aus dem Nebenzimmer, und wieder kam er im
nchsten Atemzuge hereingestrzt, auch diesmal ein Folioblatt in der Hand. Ich
hab' mir's berlegt - keine Gegenklage. Ich sag' einfach - Guten Tag, meine
Herren, welche Ehre, meine Herren! Sie lassen sich vorlesen? Gut, sehr gut,
vortrefflich, ausgezeichnet! Lies, Sender. Er liest doch deutlich, hoff' ich?
Sind Sie zufrieden, meine Herren? Wenn Sie nicht zufrieden sind, so sagen Sie
es! Aber warum liest du noch immer nicht?
    19. 44. 57. 3 ...
    Aber, meine Herren, entschuldigen Sie zur Gte, das ist nicht auszuhalt -
Sehr interessant, sehr! Und Ihre Methode, Pani Controllor, groartig! Was mssen
Sie damit schon gewonnen haben! Noch nichts? Merkwrdig! Aber dann kommt es
noch! Sie werden den Staat arm machen, Pani Controllor, bettelarm, zum Bankrott
werden Sie sterreich bringen, meine Herren. So eine Methode! Aber warum liest
du schon wieder nicht?!
    17. 31. 6 ...
    Zum Verrcktwerden! Nmlich, ja! Groartig ist diese Methode, groartig ist
sie, nicht zu sagen! Aber entschuldigen Sie, ist das wirklich ntig? Nmlich -
worin besteht denn eigentlich diese Methode?
    Ganz einfach, sagte der Apotheker. Nmlich wir meinen -
    Ich meine! fiel der Controllor etwas pikiert ein. Oder vielmehr, ich
meine nicht, sondern ich wei, da sich die Nummern nach einem bestimmten Gesetz
wiederholen. Aber eins bis neunzig - Sie verstehen, Pani Morgenstern, wie viel
verschiedene Variationen sind da mglich! Da mu man also ein mglichst groes
Material haben, um dahinter zu kommen. Aber fast hab' ich's schon heraus, und
gerade die heutigen Ziffern passen merkwrdig in mein System. Merkwrdig!
Weiter, Sender ...
    51. 12. 1 ... fuhr Sender monoton fort. Wenn du erst wtest, dachte er,
wie merkwrdig das ist! Denn ich sag' dir ja schon eine Viertelstunde her, was
mir grad' einfllt! ... 4. 73. 97 ...
    Was? rief der Controllor und schnellte entsetzt empor. 97? Das gibt's ja
im Lotto gar nicht!
    Und auch die beiden anderen Herren standen starr vor Staunen.
    Verzeihen Sie! rief Sender hastig. Ich hab' den Punkt bersehen. 9. 7
soll es heien.
    Ach! rief der Controllor befriedigt. 9. 7, das pat wieder merkwrdig.
Und jetzt, geben Sie acht - kommt 39 oder 58!
    Wirklich 58, rief Sender im Tone fassungslosen Staunens und klappte vor
lauter Bewunderung das Buch zu.
    58! Der Controllor fuhr sich in die Haare. Wirklich 58? Aber das ist ja
auch so wahrscheinlich! ... Nun hab' ich's, meine Herren, ich hab's. Bei der
nchsten Ziehung kommen die Nummern - er begann murmelnd zu rechnen - kommen
6. 17. 83. - Ich setze einen Gulden!
    Ich auch.
    Ich auch!
    Sender stellte ihnen die Scheine aus, erregt gingen die Herren ab.
    Drei Gulden! rief Dovidl. Wenn die Nummern herauskommen, so macht der
Gewinn ein Vermgen. Rechne schnell aus, Sender, wie viel.
    Ich wart', bis sie gewinnen, erwiderte dieser und griff nach dem Hut, die
Uhr wies eben auf zwlf.
    Aber die Eingab'! Ich hab's ganz einfach gemacht, alles ist nicht wahr! Es
war nie ein Streit, nie eine Prgelei -
    Und Reb Schlome hat nie einen Bart gehabt! ... Auf Wiedersehen, Meister! -
    Heut' war's doch wenigstens nicht ganz so langweilig wie sonst, dachte
Sender, als er dem Mauthause zuschritt. Aber ist das ein Leben fr einen
knftigen Knstler? Freilich mahnte er sich sofort. Pojaz, du hast schon auf
schlechterem Papier geschrieben! Aber der Schlu seines Selbstgesprchs lautete
doch: Wer wei, wo Nadler ist! Ich mu an den Buchhndler in Lemberg schreiben!
Dovidl kann mir gewi seinen Namen sagen. Ich Narr, der nicht frher daran
gedacht hat. Und wenn ich die Bcher doppelt bekomm', ist's auch kein Unglck.
Ein Unglck ist's nur, lnger mig zu bleiben ...
    Er schritt unwillkrlich rascher aus, als knnte ihn dies dem ersehnten Ziel
nher bringen. Als Kranker hab' ich einen anderen fr mich sorgen lassen, aber
jetzt - Senders Tatkraft war wieder in ihm wach geworden.
    Als er daheim die Wohnstube betrat, fand er just diesen anderen vor. Der
Marschallik war auch sonst kein Kopfhnger, heut' lachte ihm vollends die
helle Freude aus den Augen.
    Gottswillkomm'! begrte ihn Sender herzlich. Ist das recht? Seid Ihr nur
ein Freund fr die schlechten Tage? Seit vier Wochen hab' ich kein Zipfele Eures
Kaftans gesehen. Aber ich seh', heut' ist Euch was Gutes begegnet!
    Wird erst! mein Jung', lachte der Marschallik, wird erst! Das Beste, was
ich auf der Welt hab'. Simche ist gestern nach Chorostkow gefahren und bringt
mir heut' meine Jtte mit. Das Kind war jetzt vier Jahr' nicht zu Haus, und seit
ihrem zehnten ist sie drben - sieben Jahr'! So gut sie's in der Fremde hat, mir
tut doch das Herz weh, da sie dort bleiben mu. Aber was lt sich da machen!
Kein Mensch will heiraten, nicht einmal ein gewisser Mensch, der's dem Rabbi
versprochen hat!
    Findet doch erst eine, die mich mag, erwiderte Sender, suchte jedoch dann
hastig das Gesprch auf andere Dinge zu bringen.
    Es fiel ihm nicht schwer, der Marschallik erzhlte von seinen Kindern; die
beiden Shne verdienten sich nun als Handwerker selbst ihr Brot, von den vier
Tchtern waren nun drei verheiratet. Und die Jtte bring' ich auch noch an!
schlo er. Um die ist mir schon gar nicht bang. Freilich hier nicht, so wenig
wie die Schwestern.
    Warum nicht hier? fragte Frau Rosel. Weil Ihr arm seid? Das ist doch kein
Grund.
    Nein, erwiderte er, sondern weil ich der Marschallik bin. Die Leut' haben
mich gern, ich wei, und gegen meine Ehrlichkeit ist auch nichts zu sagen, aber
mit einem Menschen, der um Geld Spsse macht, verschwgert sich niemand gern.
    Er nickte traurig vor sich hin, aber gleich darauf lachte er wieder. Glaubt
Ihr, ich mach' mir was draus? Nicht so viel ... Aber nun geh' ich weiter!
    In der Hitze? rief Frau Rosel. Erwartet doch Eure Tochter hier und et
mit uns, so viel da ist.
    Er lie sich nicht lange bitten, a aber nur wenige Bissen. Ich kann's
nicht - vor lauter Freud', sagte er. Ach wtet Ihr, was das fr ein golden
Kind ist. Reb Hirsch Salmenfeld sagt mir immer: Ich gnn' Euch gewi den
Richtigen fr Euer Kind wie mir fr meine Malke, aber was ich ohne sie anfang',
wei ich nicht, sie hlt mir das ganze Haus zusammen. Und Ihr wit, fuhr er
stolz fort, es ist die grte Wirtschaft in Chorostkow, das feinste Einkehrhaus
weit und breit. Mit Mh' und Not hat er sie jetzt auf acht Tag' freigegeben,
weil grad' das Geschft still ist. Ja, meine Jtte!
    Nach dem Essen ging Frau Rosel auf ein Schlfchen in ihre Kammer, auch der
alte Mann nickte in der Hitze ein. So war es Sender allein, der das Herannahen
des schweren Leiterwagens gewahrte, den sein Freund Simche lenkte. Wohl ein
Dutzend Passagiere saen unter der Leinwandplache, halb erstickt von Staub und
Hitze, darunter einige junge Mdchen.
    Sender musterte sie neugierig. Du bist die Jtte! sprach er eins von ihnen
an, dem lachende braune Augen in einem frischen, runden Gesicht standen. An
deines Vaters Augen erkenn' ich dich. Komm', steig' ab, er ist drinnen
eingeschlafen - vor lauter Erwartung!
    Sie sprang ab. Und du mut der Pojaz sein, sagte sie munter. Ich erkenn'
dich an der Hflichkeit. Einem erwachsenen Mdchen du zu sagen - so eine
Feinheit lernt man nur aus den deutschen Bchern.
    Die Mitreisenden lachten. Du, gib acht, warnte ihn Simche. Die ist dir
ber! Was, Nssele (Nchen)? Der Vergleich war nicht bel, sie war rund, braun
und blank wie eine Haselnu. Dein Kofferchen geb' ich zu Haus ab.
    Er fuhr weiter. Sender ffnete ihr die Tr. Ich bitte, nher zu treten,
verehrtes Frulein, sagte er neckend in seinem besten Hochdeutsch. Wenn das
Frulein es so belieben ...
    Sie blickte ihn scheinbar erstaunt an. Was ist das fr eine Sprach'?
fragte sie. Glaubt Ihr, es wr' Deutsch?
    Der Stich gibt kein Blut! lachte er, war aber doch rot geworden. Und da
sagt man: Dicke sind gut. Jetzt wei ich, wie viel's bei Euch geschlagen hat.
    Kein Wunder, erwiderte sie. So ein Uhrmacher wie Ihr!
    Frau Rosel kam herbeigeeilt, als sie die fremde Stimme hrte, und geleitete
das Mdchen zu ihrem Vater. Es war rhrend, wie er die Augen aufri und sie
wieder schlo und dann aufjubelte: Kein Traum! Kein Traum!
    Die Hausfrau brachte der Halbverschmachteten eine Labung; die vier blieben
noch eine Weile in lustigem Geplauder beisammen. Am schweigsamsten war Sender,
es rgerte ihn, da ihn das Mdchen vorhin so grndlich geschlagen. Um ihr eine
bessere Meinung von sich beizubringen, lenkte er das Gesprch auf die Kollektur
und spielte seinen Zuhrern die Szene vor, die er dort erlebt. Er gab sich alle
Mhe, und sie lohnte sich, die beiden Alten lachten laut, und auch Jtte rief
bewundernd, indem sie sich die Trnen aus den Augen wischte: Auf dem Theater
sieht man's nicht besser!
    Sender horchte hoch auf.
    Theater? fragte er. Habt Ihr je eins gesehen?
    Natrlich. Im vorigen Monat war ja erst eine Gesellschaft in Chorostkow,
vier Spieler und drei Spielerinnen. In unserem Haus, im Saal, den Reb Hirsch
sonst zu Hochzeiten vermietet, war die Bhne. Ganz gute Geschfte haben sie
gemacht - alle Offiziere waren jeden Abend da. Es ist gar nicht zu erzhlen, was
die fr Sachen gemacht haben, lustige und traurige! Ganz gute Spieler, fgte
sie hinzu. Sie waren frher in Czernowitz.
    In Czernowitz? rief Sender atemlos vor Erregung. War der Herr Nadler
dabei?
    Nein, erwiderte das Mdchen.
    Die Mutter aber blickte ihn erstaunt an und fragte dann scharfen Tones: Du
bist ja auer dir! Was gehen dich die Spieler an? Und woher kennst du den Herrn
Nadler?
    Sender hatte sich wieder gefat. Die Wahrheit ist das beste, dachte er.
Und so erzhlte er mglichst gleichgltig, da er diesen berhmten Schauspieler
einmal auf der Bhne gesehen. Du erinnerst dich - wie ich mit Schmule Grn beim
Wunderrabbi in Sadagra war.
    Ich erinnere mich nicht, sagte sie etwas scharf - jede Art von fahrenden
Leuten war ihr gleich verhat.
    Das Mdchen aber meinte: Gar so berhmt kann dieser Nadler nicht sein.
Wenigstens haben ihm die Spieler, die in Chorostkow waren, alles Schlechte
nachgesagt. Sie haben ihm Schuld gegeben, da sich die Gesellschaft aufgelst
hat. Er war ihr Direktor, hat sie aber nicht bezahlt und ist ihnen bei Nacht und
Nebel durchgegangen - wegen fnfzig Gulden. brigens, vielleicht haben sie
gelogen. Solche Lumpe! Und erst die Weiber!
    Sender wurde totenbleich, sein Herz pochte zum Zerspringen, und er fhlte
jhlings wieder ein Stechen in der Lunge. Die Gesellschaft aufgelst, Nadler auf
der Flucht! ... all sein Hoffen lag im Staube! Instinktiv wandte er sein Antlitz
ab, da die Mutter seine Erregung nicht sehe, griff dann rasch zum Hut und
strzte hinaus.
    Fast wankend schritt er im Sonnenbrand dem Stdtchen zu und blieb immer
wieder stehen und murmelte mit bleichen Lippen: Was nun? Whrend er auf
Nadlers Hilfe baute, irrte der Unglckliche flchtig umher. Und er kehrte wohl
auch nie nach der Stadt zurck, die er mit Schimpf und Schande hatte verlassen
mssen - und wenn der Winter kam ... Sender schlo die Augen. Barmherziger
Gott, sthnte er, httest du mich lieber sterben lassen, als das zu erleben!
... Aber nein, murmelte er im nchsten Atemzuge, das ist ja Snde. Und doch,
was wird nun aus mir?
    Er hrte seinen Namen rufen. Es war der Marschallik, der sich nun auch mit
der Tochter auf den Weg gemacht. Sender winkte ihm mit der Hand zu und suchte
rasch weiter zu gehen. Aber er konnte nicht so eilen, wie er wollte; der Schmerz
beim Atmen hinderte ihn. Die Erregung! dachte er. Der Arzt hat mich davor
gewarnt! Bei dem nchsten Seitenweg bog er ab und wieder zum Stdtchen hinaus.
In das nchste hrenfeld, das er erreichte, warf er sich nieder und barg sein
Haupt in den Hnden. Nur nichts sehen, nichts hren, nur allein bleiben ...
    So lag er in dumpfer, fassungsloser Verzweiflung. Wild rauschte ihm das Blut
in den Ohren, und die Lungen rangen nach Luft. Es kommt wieder wie vor dem
Rabbi, dachte er. Aber was liegt daran?
    Dann richtete er sich doch auf, lftete die Kleider, um leichter atmen zu
knnen. Nein, murmelte er vor sich hin und bi die Zhne aufeinander, ich mu
stark bleiben, ich hab' nun niemand, als mich allein ... Aber, sthnte er dann,
was kann ich anfangen, wie mir raten, wie mir helfen?
    Das Bewutsein seiner Hilflosigkeit bermannte ihn; er kam sich so
unglcklich, so verlassen, so bemitleidenswert vor! Jhlings schossen ihm die
Trnen in die Augen, er begann heftig zu weinen. Fassungslos schluchzte er vor
sich hin und prete das glhende Antlitz gegen die khle, feuchte Erde des
Ackers.
    So verging eine geraume Weile. Allmhlich wurde sein Atem ruhiger, die
Trnen flossen reichlich, aber gelind. Nun, da sich sein Schmerz entladen,
konnte er wieder ruhiger denken. Die Lumpe! hatte das Mdchen gesagt,
vielleicht haben sie gelogen! Aber nein - darauf war kaum zu hoffen. Sie
mochten Nadler verleumdet haben, da er heimlich geflohen, aber was nderte das
an der Sache? Die Gesellschaft war aufgelst, Nadler brotlos - es klang ja nicht
unwahrscheinlich, er hatte ihm ja selbst geschrieben, in Czernowitz finde sich
nicht genug Publikum fr den ganzen Winter - nun war es auch fr die wenigen
Wochen ausgeblieben ... Und wenn es nicht fnfzig Gulden waren, sondern mehr,
auch dies war nicht trstlich.
    Er sttzte das Haupt auf die Hand. Aber ist es nicht auch mglich, dachte
er, da Nadler sie davongejagt hat? Vielleicht sind es gerade die schlechtesten
unter seinen Leuten, und sie sagen ihm nun aus Rache Bses nach. Wenn ich
wenigstens mit einem von ihnen reden knnt' - ich brcht' schon die Wahrheit
heraus. Vielleicht treiben sie sich noch irgendwo in der Nhe herum, vielleicht
kommen sie gar her ... Nein, das nicht, wer ging' hier ins Theater? In
Chorostkow steht viel Militr, aber hier - die drei Offiziere vom Furbes ...
Vielleicht wei das Mdchen etwas darber, und es ist mglich, da ich selbst zu
ihnen fahr' und sie ausfrag' ...
    Drinnen im Stdtchen schlug die Glocke des Klosters. Vier Uhr! erschreckt
raffte er sich auf und rannte ins Stdtchen zurck. Zum Glck ist heut'
Montag, dachte er, da kommen noch nicht viel Leut'.
    In der Tat waren des Nachmittags nur zwei Einstze gemacht worden, er konnte
es im Buche sehen. Dennoch empfing ihn sein Chef mit heftigem Poltern und
Sthnen.
    Fnfundvierzig Zettel hab' ich ausschreiben mssen, jammerte er. und die
Eingab' ist noch nicht geschrieben, obwohl sie eilt. Ich fahr' aus der Haut!
Zahl' ich dir darum sieben Gulden?

                              Neunzehntes Kapitel


Es war spt am Abend, als Sender die Eingabe mit Mh' und Not und sicherlich
nicht ohne zahllose Fehler zu Ende geschrieben, dennoch ging er nicht heim,
sondern zu seinem einstigen Lehrherrn, dem Kutscher. Nach heiterer Gesellschaft
stand ihm der Sinn freilich nicht, aber Simche war ein Freund und Nachbar des
Marschallik, vielleicht fand er Jtte dort. Und er mute das Mdchen sprechen,
Nheres von ihr zu erkunden suchen.
    Dem heien Tag war, wie so oft in der groen Ebene, jh und unvermittelt ein
khler Abend gefolgt; ganz Barnow hatte die dumpfen Huser verlassen und erging
sich im Mondlicht auf der Strae. Wo immer sonst Menschen wohnen, vernimmt man
an solchen Abenden Liederklang, lautes Lrmen und Lachen. Die schwere Last des
Tages ist zu Ende getragen; nicht allein die Brust, auch die Seele atmet in der
Khle leichter und tiefer. Anders bei diesem Volke, das auf seinem Leidensweg
ber die Erde das erquickendste Gut, die harmlos heitere Hingabe an den
Augenblick, fr immer verloren. Das Behagen am Leben fehlt, andere bedrfen zur
Trauer einer Ursache, der Jude des Ostens zur Freude. Wie still sich die vielen
Menschen hielten! Nur zuweilen summte ein Mann halblaut eine Melodie der
Synagoge vor sich hin, sonst war nur gemessenes Reden hrbar, zuweilen aus einem
Kreise gedmpftes Lachen der Mnner, aus einem anderen unterdrcktes Kichern der
Mdchen. Denn nicht blo im Gotteshaus, auch auf der Strae und bei jeglicher
Lustbarkeit sind die Geschlechter streng geschieden. Hier standen Frauen, dort
Mnner in dichtem Knuel beisammen, zumeist eng um jemand geschart, der
Witzworte oder eine Klatschgeschichte zum besten gab, hingegen ging das junge
Volk Arm in Arm in langen Reihen auf und nieder, aber kein Jngling wagte sich
an die Kette der Mdchen, und wo die Reihen einander begegneten und ausweichen
muten, drckten sie sich stumm und verlegen aneinander vorbei. Nur vor den
Haustoren ging es zwangloser zu; dieser Raum gehrte ja gewissermaen noch zum
Hause.
    Raschen Schritts und gesenkten Hauptes ging Sender dahin; rief ihn jemand
an, so murmelte er einen Gru und drckte sich hastig vorbei. Aber als er
endlich das Haus des Fuhrmanns erreichte, harrte seiner nur eine Enttuschung;
da saen neben den Hausleuten auch der Marschallik und sein Weib, eine dicke,
muntere alte Frau, aber Jtte war nicht zu sehen.
    Wenn man den Wolf nennt, so kommt er gerennt, rief ihm der Marschallik
entgegen. Eben war Luiser hier, wir haben von dir gesprochen. Haben dir nicht
die Ohren geklungen? Lauter Schimpf!
    So? fragte Sender leichthin, um nur etwas zu sagen.
    So? ffte ihm der Marschallik nach. Tu nicht, als ob es dir gleichtgltig
wr'. Wenigstens knntest du dich schmen, wenn das wirklich so wr' ... Luiser
sagt, du kannst schon heut' besser schreiben als Dovidl; wenn du, sagt er, die
deutschen Gesetze fleiig lernst, so kannst du in zwei Jahren dein eigenes
Geschft begrnden. Die Gesetze - hrst du?
    Sender erwiderte nichts. Das wr' grad' das rechte fr mich, dachte er
grimmig.
    Nun? rief Trkischgelb ungeduldig, warum antwortest du nicht? Mir
scheint, du bist heut' nicht richtig im Kopf. Warum bist du Nachmittags
davongelaufen wie ein Verrckter?
    Mir war nicht wohl, murmelte Sender. Von der Hitze.
    So? Weit du, was meine Jtte gemeint hat: Er ist erschrocken, wie ich von
den Spielern erzhlt hab', dahinter steckt was! Und meine Jtte -
    Sieht ein Brett durch! ergnzte Sender rgerlich. Was sollt' dahinter
stecken? Mimutig setzte er sich hin; nun konnte er sie auch bei einer
knftigen Gelegenheit nicht mehr unbefangen ausfragen.
    Aber er sollte noch am selben Abend alles erfahren, was sie darber wute.
Nach einer kurzen Weile gesellte sich Jtte und die Tochter des Fuhrmanns zu der
Gruppe. Das Gesprch kam natrlich auf das Leben in Chorostkow und Jtte meinte
stolz, obwohl Barnow einige Einwohner mehr zhle, fhle sie sich doch wie in ein
Dorf versetzt. Unter den Genssen aber, die das Chorostkower Leben schmckten,
nannte sie auch die Konzerte der Husarenkapelle im Schlogarten und das Theater.
    Die Frauen wuten nicht, was das Wort bedeute, der Marschallik aber
erzhlte, da vor dreiig oder mehr Jahren auch in Barnow eine Truppe gewesen.
Aber die hat uns dann auch einen Ruf im Land gemacht, da sich keine mehr
hertraut; die armen Leut' sind fast verhungert. Unser Rabbi Manasse nmlich, der
damals noch ganz jung war, aber womglich noch strenger wie heut', hat verboten,
hineinzugehen.
    Ich begreif' nicht, wie man so was verbieten kann, meinte Jtte. Geht es
denn gegen Gott, da man sich unterhlt und lacht und weint? Und was fr schne
Spiele haben sie gemacht!
    Erzhl' doch was davon, munterte sie ihre Mutter auf, die nicht wenig
stolz darauf war, da die Tochter so gut zu reden wute.
    Zum Beispiel das Spiel von den Rubern, sagte Jtte. Also - zwei Brder,
der eine ist schlecht und ein Gutsbesitzer, der andere ist gut und ein Ruber -
    Umgekehrt, Kind, verbesserte die Mutter.
    Nein, so ist es. Nmlich der Gute ist nur Ruber geworden, damit er den
Menschen hilft! Das Spiel hat ein gewisser Schiller aufgeschrieben, sagt meine
Malke.
    Ein feines Mittel, den Menschen zu helfen. lachte Simche. War denn dieser
Schiller auch bei der Gesellschaft?
    Nein, der Arme soll schon tot sein, sagt meine Malke. Und sie wei ja
alles. Aber noch besser hat mir das Spiel vom verliebten Schneider gefallen.
Fips tut er sich mit deutschem Namen schreiben. Nmlich durch ein Loch in der
Mauer wird ihm seine Braut entfhrt. Wenn ich dran denk', wie der Herr Stickler
da gemeckert hat, lach' ich noch heut'. So heit nmlich der Spamacher.
brigens ein Lump, nicht zu sagen. Den ganzen Tag war er betrunken und ist
schlielich Reb Hirsch mit der Zeche durchgegangen. Und erst die Weiber! Es war
gut, da sie selber fort sind, sonst htt' sie Reb Hirsch hinausgeworfen.
    Sie wurde rot und verstummte.
    Man kann sich denken, was das fr ein Gesindel ist, sagte Simche. Die
Leut', die mit den Lwen und Schlangen herumziehen, sind doch, scheint's,
ordentlicher. Die haben doch was!
    Sein Weib aber meinte: Einmal mcht' ich so ein Spiel doch sehn. Vielleicht
kommen sie her.
    Ich glaub' nicht, sagte Jtte. Von Chorostkow sind sie nach Kolomea
gezogen und von da wollten sie nach Siebenbrgen.
    Das Gesprch nahm eine andere Wendung; bald darauf ging die Gesellschaft
auseinander. In bitterem Herzeleid schritt Sender seiner Wohnung zu. Auch diese
Hoffnung war also zerronnen, er konnte doch den Leuten nicht aufs Geratewohl
nach Siebenbrgen folgen. In dieser Nacht kam kein Schlaf ber seine Augen.
    Das Tageslicht gab ihm seinen Mut wieder; mit frommer Inbrunst verrichtete
er das Morgengebet. Ich hab' nur noch zwei, auf die ich bauen kann, dachte er,
Ihn und mich. Aber wenn ich mich nicht verlasse, so tut auch Er es nicht. Die
Hauptsache ist: ich mu weiterarbeiten und mir die Bcher schaffen. Es mag
vielleicht kein gutes Brot sein, sonst htte nicht ein Spieler wie Nadler wegen
fnfzig Gulden durchgehen mssen, aber ich will lieber dabei zu Grunde gehen,
als anderswie reich werden!
    Heute waren keine Eingaben zu schreiben. Es war der Dienstag, der Tag des
Wochenmarkts, zugleich der Schlutag der wchentlichen Kollekte, wo die meisten
Einstze gemacht wurden, da hatte er keine Zeit dazu. Kaum da er den Laden
geffnet, kamen die Bauern angerckt und wollten ihre sauer erworbenen Groschen
los sein.
    Aber das ging nicht so rasch. Die meisten wollten vorher Rat und Hilfe in
der richtigen Auswahl der Nummern. Gleich der erste, der sich vor Senders Tisch
schob, war ein ihm wohlbekannter Kunde, der ihn in der Regel eine halbe Stunde
kostete. Ein stattlicher Bauer, der Dorfrichter von Miaskowka, der in seiner
Umgebung den Ruf groer Klugheit geno.
    Nun, Senderko, begann er wie immer mit vertraulichem Flstern, machen wir
heute das Geschft?
    Nein, erwiderte Sender kurz, es geht nicht.
    Aber warum denn nicht? Ich werde dich doch nicht verraten! Und wir reden ja
auch nichts miteinander ab. Ich lege meine dreiig Kreuzer hin - so! - und du
schreibst drei Nummern auf, die dir - er zwinkerte schlau - eben einfallen,
und vom Gewinn bekommst du die Hlfte.
    Der Richter war nmlich der Meinung, es hnge nur von Sender ab, welche
Nummern er am Mittwoch Vormittag als gezogen an die Ladentr stecke. Der
Schreiber hatte ihn bisher ruhig bei diesem Glauben gelassen, und nur immer
versichert, das Geschft gehe gegen sein Gewissen. Es hatte ihm Spa gemacht,
durch welche Mittel dann der Richter seine Zweifel zu zerstreuen suchte. Heute
aber sagte er kurz: Seid nicht dumm, Richter! Wte ich, welche Nummern
herauskommen, ich wre lngst ein reicher Mann und se nicht mehr hier.
    Der Bauer sah ihn verdutzt an.
    Das heit, sagte er zgernd, da du es mir nie sagen wirst? Sein Gesicht
frbte sich hochrot vor Zorn, er hieb auf die Barriere los. Dann treibt ihr ja
Betrug hier, ihr elenden Juden! Betrug! Fr gute dreiig Kreuzer so ein elendes
Zettelchen!
    Auf den Lrm kam Morgenstern herbeigestrzt.
    Du Narr! fuhr er Sender heftig an, nachdem er den Sachverhalt erfahren,
so sorgst du frs Geschft?
    Dann wandte er sich an den Bauer.
    Herr Richter, flsterte er ihm flehend zu, ich sag' Euch die Nummern, die
wir morgen ausstecken. Hchstens wenn mir der Herr Bezirksvorsteher andere
befiehlt - aber sonst gewinnt Ihr gewi! Und ich bin schon mit einem Viertel des
Gewinns zufrieden!
    Das ist was anderes, sagte der Bauer begtigt und machte seinen Einsatz.
Aber betrgen lasse ich mich nicht, am wenigsten von so einem jungen Tlpel!
    Der Anfang war gut! dachte Sender seufzend und beschlo, nun umso
vorsichtiger zu sein. Zum Glck war unter den anderen Kunden keiner, der dem
Richter von Miaskowka an Schlauheit gleichkam. Diese Bauern und Kleinbrger
wollten nur wissen, ob jetzt der Wind mehr nach Grad oder mehr nach Ungrad
wehe, ob sie also vorteilhafter 15 und 43 oder 16 und 44 setzen sollten, oder
noch hufiger, ob der Wind unten, in der Mitte oder oben wehe, das heit, ob
sie die Ziffern zwischen 1 und 30, oder 31 und 60, oder 61 und 90 whlen
sollten. Der Wind - was sie darunter verstanden, mochte der Himmel wissen, es
war ihnen wahrscheinlich ebenso klar wie Sender, der diesen Wind abwechselnd
durch alle drei Regionen streichen lie. Wieder andere erzhlten ihre Trume und
verlangten die Nummern angegeben, die diesen entsprachen; zu dem Zwecke lag auch
hier, wie in jeder Lottokollektur des Ostens, ein Traumbuch auf dem
Schreibtisch. Sender glaubte den Leuten keinen Schaden zuzufgen, wenn er es
nicht erst aufschlug.
    Also, sagte er der Pfarrerskchin von Barnow, Ihr habt von einem Bottich
voll Geld getrumt - 7, von einem Korporal - 23, und ein Hund hat Euch in die
Wade gebissen - 50. Und Ihr? wandte er sich an eine alte Buerin.
    Von einem schwarzen Huhn habe ich getrumt, erwiderte sie, und da mir
ein junger Mann schn getan hat -
    3 und 32. Was noch?
    Und da ich in der Kirche eingeschlafen bin.
    50 ... Und Sie, gndige Frau?
    Die Frage galt der Gattin des stdtischen Frsters, Frau Theodora Putkowska,
ihrer boshaften Zunge wegen auch die Viper von Barnow genannt.
    Ein Rosaseidenkleid, flsterte sie ihm zu. Das ist das einzige, was mir
getrumt hat, aber wiederholt ...
    50! erwiderte Sender.
    Was? rief sie und warf den Zettel, den er ihr reichte, zurck. Emprend!
Ist ein Rosaseidenkleid dasselbe, als wenn ein Hund in die Wade beit oder wenn
man in der Kirche einschlft? Immer 50! Das ist ja ein Betrug ...
    Entsetzt erkannte Sender, da er die Zahl, die ihn seit gestern
begreiflicherweise, da er unablssig an Nadlers Los denken mute, am meisten
beschftigt, etwas zu oft bentzt. Lassen Sie mich nachsehen, bat er
erschreckt und griff nach dem Traumbuch.
    Es war zu spt; schon war Morgenstern wieder erschienen, nach dem Rechten zu
sehen. Ein Strom von Klagen und Schimpfreden ergo sich ber das Haupt des
Schuldigen. Du willst mich zum Bettler machen, schrie er, aber eher jage ich
dich davon!
    Wie begtige ich ihn nur wieder? dachte Sender, nachdem sich der Laden
geleert. Er soll mir ja die Adresse des Buchhndlers sagen. Er trat vor den
Meister. Wenn Ihr eine Arbeit fr mich habt - ich hab' gerade Zeit.
    Dovidl blickte ihn mitrauisch an. Was bist du pltzlich so eifrig? fragte
er.
    Es ist auch die Langeweile, sagte Sender. Ich hab' ja nichts zu lesen.
Und da wollt' ich Euch bitten -
    Da ich dir etwas von den Gesetzen da gebe? fragte der Winkelschreiber
lauernd und wies auf die Bcher, die vor ihm lagen.
    Nein, erwiderte der Schreiber. Eine Sprachlehre will ich mir aus Lemberg
kommen lassen, vielleicht auch ein Lesebuch, sagt mir, wie mach' ich das?
    Zornrot sprang Morgenstern vom Sessel empor.
    Schm' dich! rief er. So jung und schon so falsch! Glaubst du, ich wei
nicht, wer dahinter steckt? Mein lieber Luiser! Er redet dir immer zu: Lern' die
Gesetze - dann kannst du Dovidl das Brot wegnehmen. Und nun soll ich dir raten,
wie du dir die Bcher schaffst!
    Nein! rief Sender. Ich schwre Euch ...
    Kein Wort mehr ... So ein Undank ...
    Aber so nehmt doch Vernunft an, rief Sender heftig. Wenn Luiser dahinter
stecken wrde, so knnt' er's mir doch gleich selbst sagen -
    Er wei es ja nicht! War er denn je in Lemberg? Nein, nein, mich betrgt
man nicht so leicht!
    Mimutig setzte sich Sender wieder an den Schreibtisch. Dann frag' ich
Luiser wirklich, dachte er. Er kommt ja gewi auch heute.
    In der Tat trat der Gemeindeschreiber kurz vor Mittag ein, wie jeden Freitag
und Dienstag. So sehr ihn Dovidl sonst hate, die Besuche lie er sich gern
gefallen. Luisers Einsatz war sehr ansehnlich, da er das Haupt einer
Spielgesellschaft war. Ihre Mitglieder wollten die Regierung nicht betrgen,
aber auch von ihr nicht betrogen sein. Das lassen wir uns nicht einreden,
meinten sie, da die Nummern in Lemberg von einem Waisenknaben gezogen werden.
Der Waisenknabe trgt Brillen und einen langen Bart und sieht vorher alle Listen
durch. Jene Nummern, die am wenigsten besetzt sind, werden natrlich gezogen,
damit auch mglichst wenig Gewinne ausbezahlt werden mssen. Nun standen ihnen
freilich nicht alle Listen des Landes zu Gebote, aber sie spannen ihre Netze so
weit sie konnten; jeden Freitag wurden die Listen eingesehen, die Ergebnisse
brieflich ausgetauscht und dann am Dienstag verwertet. Keine Enttuschung
vermochte die berzeugung dieser seltsamen Kartellbrder zu erschttern, da sie
allein auf richtiger Fhrte seien. Auch Luiser Wonnenblum zhlte das Huflein
Papiergulden so frhlich vor Sender hin, als htte ihm Gott selbst den Gewinn
zugesichert. Aber womglich noch heiterer wurde seine Miene, als Sender ihn nach
dem Buchhndler fragte.
    Recht so! flsterte er. Du brauchst nicht einmal dem Buchhndler
schreiben. Ich schaff' dir schon die Gesetze durch meinen Vetter in Lemberg.
    Sender lehnte dankend ab. Bemht Euch nicht, sagt mir nur, wie der
Buchhndler heit.
    Das wei ich nicht. Aber wie gesagt, mein Vetter ...
    Als Sender es endgltig ablehnte, verlie Luiser sehr erstaunt den Laden.
Glaubt er vielleicht, dachte er, ich will am Preis verdienen? Nicht einmal -
ich hab' schon so Vorteil genug davon, wenn sich Dovidl und Sender entzweien.
    Sender aber schrieb ungesumt an den deutschen Buchhndler in Lemberg und
bestellte die Bcher gegen Nachnahme. Die genauen Titel wute er ja nicht, aber
das war wohl auch bei einem, der damit Handel trieb, nicht ntig.
    Als er den Brief in den Schalter des Postamts warf, streifte sein Blick die
Briefe, die ber dem Schalter ausgestellt waren. An den Herrn Theaterdirektor
Nadler - Himmel, das war ja sein Brief, auf den er so schmerzlich Antwort
ersehnt; er war als unbestellbar zurckgelangt!
    Der Postmeister musterte Sender lchelnd, als dieser den Brief zurckerbat:
Mensch, was hast du fr Bekanntschaften?! brigens liegt der Brief schon einen
Monat da. Auf der Rckseite stand: Retour. Adressat unbekannt wohin verzogen.
    Senders Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Nun brauchte er niemand mehr zu
fragen. Dieser Herr Stickler und die anderen hatten nicht gelogen ...
    Er war nun wirklich ganz verlassen, sein Gnner geflohen, warum htte er
sonst seine Adresse nicht zurckgelasen? ... Der rmste, murmelte er, wegen
fnfzig Gulden! Und neben dem Mitleid mit Nadler regte sich auch abermals das
mit sich selber.
    Aber nun weinte er nicht wieder. Als ihn die Mutter beim Mittagessen besorgt
fragte, warum er so bleich und traurig sei, zwang er sich sogar zu einer
frhlichen Miene.

                              Zwanzigstes Kapitel


Ebenso tapfer suchte er des Nachmittags seinen Dienst in der Kollektur zu
verrichten. Es war der schwerste der Woche. Die Tr des Ladens stand nie still,
zwischendurch mute die ganze Liste kopiert werden, um mit Postschlu, sieben
Uhr, nach Lemberg abzugehen. Denn am Mittwoch Morgens erfolgte schon die Ziehung
in Lemberg, die Nummern wurden allen Kollekteuren sofort telegraphisch
mitgeteilt; in dem rechtzeitigen Abgang der Liste lag also die einzige
Sicherheit des Staates gegen einen Mibrauch.
    Nach sechs Uhr, Sender hatte schon das Kuvert geschrieben und wollte eben
die Liste unterzeichnen - trat Herr v. Wolczynski in den Laden.
    Ich bin gestern nicht dagewesen, sagte er, mit dem Huszkiewicz will ich
nichts mehr zu tun haben. Seine Methode - haha! - die pure Narrheit. Du bist ja
klug, Senderko, hab' ich nicht recht?
    Der Schreiber blickte etwas befremdet auf; so leutselig war sonst Herr v.
Wolczynski nicht. Dann zuckte er mit diplomatischem Lcheln die Achseln.
    Wir verstehen uns, rief der Edelmann und klopfte ihm vertraulich auf die
Schulter. Also - ich setze auf eigene Faust, Nummern, die ich mir selbst
ausgerechnet habe. Hier - hundert Gulden! Er legte die Note hin. Es ist doch
noch Zeit?
    Gewi߫, sagte Sender dienstfertig und legte die Note in die Kasse. Es war
der hchste Einsatz, den er je eingetragen. Bitte, welche Nummern?
    Wolcynski griff in die Westentasche. Da hab' ich das Zettelchen. Aber es
fand sich nicht vor. Er suchte im Rock, im Beinkleid, das Zettelchen fand sich
nicht. Verflucht! rief er, was machen wir da? Habe ich noch Zeit, nach Hause
zu gehen und es zu holen?
    Nein, erwiderte Sender. In zehn Minuten mu die Liste auf der Post sein.
    Aber ich kann doch nicht mein Glck versumen, rief der Edelmann bestrzt.
Im nchsten Augenblick jedoch erhellte sich seine Miene. Halt! rief er. Das
Einfachste fllt einem doch immer zuletzt ein. Du schreibst sowohl in die Liste
wie in meinen Zettel nur den Einsatz und gibst mir beide; ich gehe rasch heim,
flle sie aus und bringe die Liste noch rechtzeitig zur Post. Du weit, der
Postmeister ist mein guter Freund - ich brge dafr. Ist das nicht das Bequemste
fr uns beide?
    Sender erbleichte. O du Schurke! dachte er. Laut aber sagte er nur:
Bequem wr's freilich, aber gefhrlich! Er langte die hundert Gulden hervor
und schob sie dem Edelmann zu.
    Gefhrlich? lachte Wolczynski. So sei doch vernnftig! Hier sind zehn
Gulden Trinkgeld, und wenn ich gewinne, bekommst du zwanzig Prozent von meinem
Gewinn.
    Auch dies Geld schob Sender zurck. Zwanzig Prozent von Ihrem Gewinn?
fragte er. Das ist zu viel fr mich, das sind zwei Jahre Zuchthaus!
    Wie?
    Ganz einfach. Sie finden Ihr Zettelchen erst morgen, nachdem das Telegramm
eingetroffen ist. Die Liste geht morgen mittag ab. Wird in Lemberg die
versptete Absendung bemerkt, so betrgt Ihr Gewinn zehn Jahre Zuchthaus.
    Kerl! brauste der Bestechungsagent auf, wie kannst du -
    Da stockte er. Die Tr wurde hastig aufgerissen; es war Jossele Alpenroth.
Ist's - noch - Zeit? keuchte er mhsam hervor und hielt Sender zwei Gulden
entgegen.
    Wolczynski hatte sein Geld zu sich gesteckt.
    Adieu, Senderko! sagte er, wieder ganz freundlich. Wir sprechen uns noch!
Natrlich ein Miverstndnis!
    Natrlich! rief ihm Sender nach und griff dann eilig zur Feder. Rasch,
Meister. Also zwei Gulden. Terno. Welche Nummern?
    5, 63, 88. Sie haben mir heut' nacht getrumt. Den ganzen Tag hab' ich mit
meinem Weib beraten, ob ich setzen soll oder nicht. Endlich hat sie's erlaubt.
    
    Sender hrte ihn nicht an. In groer Hast schrieb er die Nummern in Zettel
und Liste ein, unterschrieb sie, schlo das Kuvert und rannte zur Post, wo er
die Sendung mit Mhe noch anbrachte.
    Er fhlte sich sehr mde, die durchwachte Nacht lag ihm in den Gliedern, so
ging er denn heute sofort heim und lag kurz darauf in tiefem Schlaf in seiner
Kammer.
    Unsanft genug sollte er daraus geweckt werden. Es pochte an seiner Tr.
Steh' auf! hrte er die Mutter ngstlich rufen. Reb Dovidl ist da; es soll
etwas im Geschft nicht stimmen.
    Wolczynski! dachte er entsetzt und machte Licht. Es war kaum zehn Uhr.
Hastig fuhr er in die Kleider. Aber was konnte ihm der Edelmann anhaben? Und nun
hrte er auch unten eine wohlbekannte Stimme rufen: Wenn er mir das Geld nicht
zurckgibt, dann sollt ihr mich kennen lernen! Das war Jossele Alpenroth.
    Was mag der wollen? fragte sich Sender erstaunt. Aber als er die Wohnstube
betrat, erfuhr er es nur allzu bald. Reb Dovidl strzte ihm entgegen und hielt
ihm einen Lotteriezettel unter die Nase. Lies! schrie er.
    Sender las: 50, 63, 88. Terno. Zwei Gulden fr die morgige Ziehung. - Was
soll's damit? Der Zettel ist in Ordnung!
    In Ordnung? krhte Dovidl und drehte sich dreimal um seine Achse.
    In Ordnung? rief Jossele und fate Sender an der Brust. 5 habe ich
gesagt, nicht 50, so wahr mit Gott helfe!
    Das ist mglich, murmelte Sender bestrzt. Die Nummer war ihm im Lauf
desselben Tages zum zweiten Mal verhngnisvoll geworden.
    Mglich? schrie Dovidl. Gewi! Heut' bist du ja verrckt mit den fnfzig!
O, knnt' ich sie dir aufmessen lassen! Also willst du die zwei Gulden in Gte
ersetzen oder nicht? Wenn nicht, so brauchst du nicht mehr in den Laden zu
kommen, und ich reiche fr Reb Jossele die Klage gegen dich ein.
    Ich ersetze sie, sagte Sender und schttelte das Mnnchen von sich ab.
Ihr braucht nicht zu drohen. Es ist meine Pflicht. Ich hole das Geld.
    Vom sauer erworbenen Lohn, schluchzte die Mutter hinter ihm her. Was sind
fr uns zwei Gulden! O, er wird nie vernnftig werden.
    Sender reichte seinem einstigen Lehrherrn das Geld hin und nahm den Zettel
an sich. So, der gehrt nun mir!
    Ja! sagte der Uhrmacher Der Zettel gehrt dir! Aber wenn morgen 5, 63, 88
herauskommt, so verklag' ich dich auf die dreihundert Gulden Gewinn. Reb Luiser
sagt, er will den Proze umsonst fr mich fhren, weil er gar nicht zu verlieren
ist.
    Was? rief Morgenstern. Was? wiederholte er im Tone hchster Entrstung.
Mich reit Ihr aus dem Bett heraus, und ich mu bei Nacht und Nebel mit Euch
herlaufen und diesem armen Teufel da die zwei Gulden herauspressen, obwohl Ihr
doch gar nicht beweisen knnt, da Ihr nicht 50, sondern 5 gesagt habt - und
Eure Prozesse lat Ihr den Luiser fhren? Hahaha! Da seid Ihr beim Rechten!
Klagt nur - wir haben keine Furcht. Denn ich vertrete meinen Sender, versteht
Ihr, den vertrete ich!
    Aber Reb Dovidl, suchte ihn der Uhrmacher zu begtigen. Wenn mir Reb
Luiser sagt -
    Hinaus! rief der Winkelschreiber. Erlaubet mir, Frau Rosel, und du,
lieber Sender, erlaubet mir, da ich diesen Menschen aus eurem Hause
hinauswerfe. Wit ihr, was er mir gesagt hat, als wir hergegangen sind? Ich
werd' ber den Irrtum sehr froh sein, sagt er, wenn ich dadurch mein Geld
zurckbekom'. Es war eine bereilung von mir, sagt er, so viel zu setzen, und
mein Weib schimpft gehrig. Und jetzt, wo er sein Geld hat, will er durch Luiser
Prozesse fhren lassen! Geht und schmt Euch!
    Der Uhrmacher tat, wie ihm geheien: gesenkten Hauptes schlich er hinaus,
und hinter ihm schritt der zrnende Dovidl, stolz und finster wie ein Engel der
Rache ...
    Als Mutter und Sohn am nchsten Morgen bei der Frhstckssuppe
zusammensaen, begann Frau Rosel: Was doch dir alles begegnet, du Pojaz! Jetzt
spielst du gar in der Lotterie mit, ohne gesetzt zu haben!
    Und am End' gewinn' ich noch die dreihundert Gulden! Was wrdest du dann
sagen, Mutter?
    Traurig wr' ich gerade nicht, erwiderte sie. Aber mach' dir nur keine
Hoffnungen. Das wr' ja ein Wunder.
    Ein Wunder nicht, erwiderte er, sondern nur derselbe Zufall, den ich
jetzt so oft mit ansehe. Fnfhundert Menschen und mehr setzen jede Woche und
drei oder fnf davon gewinnen. Und die kommen auch zu ihren Nummern auf keine
vernnftigere Weise, als ich zu den meinen. Warum sollt' der Zufall nicht mich
treffen? Aber sei ruhig, Mutter, ein Haus kauf' ich mir auf die Hoffnung nicht.
    In der Tat dachte er kaum mehr daran und arbeitete des Vormittags fleiig an
einer neuen Eingabe, bis der Telegraphenbote eintrat. Gleichzeitig kam
Morgenstern hereingestrzt.
    Nun? fragte er, als Sender das Telegramm berflog. Hast du gewonnen?
    Ja, murmelte Sender mit schwacher Stimme und sank halb ohnmchtig auf
seinen Sitz zurck, ja - ich hab' gewonnen!
    Mach' keine Witze! rief Dovidl und ri ihm das Blatt aus der Hand. Aber da
stand: 8. 36. 50. 63. 88.
    Die Kunde von dem Glck des Pojaz verbreitete sich pfeilschnell durch das
Stdtchen und erweckte geringeren Neid und rger als sonstige Flle dieser Art,
nicht allein, weil Sender beliebt und ein so armer Mensch war, sondern weil die
Leute gleichzeitig Grund zu einer anderen, fr sie angenehmen Empfindung hatten:
    zur Schadenfreude ber Jossele Alpenroth. Der kleine Uhrmacher schumte vor
Wut und lief zu Luiser, damit dieser die Klage sofort einreiche. Der war auch
ohne Zgern dazu bereit, aber nur, wenn Jossele die Kosten trage. Denn 50 ist
ja herausgekommen, sagte er, da ist der Erfolg unsicher. Aber als Jossele
erklrte, sein gutes Geld wende er nicht daran, war auch der Gemeindeschreiber
ehrlich genug, zu sagen: Ihr httet auch nichts ausgerichtet.
    Zur selben Zeit saen im Mauthause Mutter und Sohn beisammen, Hand in Hand,
aber schweigend. Sender empfand die Freude fast hnlich wie zwei Tage zuvor den
Schmerz; seine Kehle war wie zugeschnrt, er konnte kaum atmen, nicht klar
denken.
    Das hat Gott getan, sagte die Mutter. O, es ist so, wie geschrieben
steht: Er hrt, was nchtens unser Herz erfleht! Wie oft habe ich zu Ihm
emporgerufen: Sender ist krnklich, sein Sinn nicht aufs Erwerben gerichtet -
versorge Du ihn, wenn ich nicht mehr bin. Nun bist du versorgt. Aber wir wollen
Ihn auch nicht vergessen. Er hat uns befohlen: Den Zehnten den Armen. Dreiig
Gulden sind ja sehr viel Geld; ich hab' sie seit fnfundzwanzig Jahren nie auf
einem Fleck beisammen gesehen, aber wir wollen sie doch opfern, nicht wahr?
    Gewi, Mutter, stimmte er bei. Ob sie recht hatte, ob Gott wirklich auch
die Gewinne im Lotto bestimmte - er wute es nicht. Wie oft hatte er schon in
diesen Wochen wohlhabende Leute gewinnen sehen, whrend Arme, die ihr Letztes
geopfert, leer ausgegangen. Aber als ein Zeichen, da der Himmel mit ihm und
seinen Plnen sei, nahm er es doch auf. Wie sehr war ihm dadurch die Erreichung
seines Zieles erleichtert! Er brauchte nun nicht lnger in Barnow zu bleiben,
als ihm beliebte, im Herbst, wo die Theater in den groen Stdten wieder
erffnet wurden, wollte er fortgehen, nicht mehr nach Czernowitz, sondern nach
Lemberg, wo es eine noch grere Bhne gab. Nun brauchte er ja keinen Gnner
mehr, der ihm sofort den Unterhalt schaffte, er konnte leben und sogar seine
Lehrer bezahlen, bis er selbst als Schauspieler Lohn erhielt. Er hatte ja nun so
viel, so schrecklich viel Geld - auch der Mutter konnte er etwas davon
zurcklassen. Ja, nach Lemberg - das heit natrlich nur, wenn nicht etwa Nadler
inzwischen von sich hren lie und ihn anderswohin berief. Denn ihm wollte er
treu bleiben und auch redlich mit ihm teilen, wenn der edle Mann noch immer in
Not war.
    Wo nur der Marschallik bleibt? meinte die Mutter. Jetzt, fuhr sie
lachend fort, wird er mir wohl auch andere Partien fr dich wissen, als
ltliche Witwen und bucklige Mdchen. Und nicht wahr, wenn sich was Rechtes
findet, du wirst nicht Nein sagen?
    Sender drckte stumm ihre Hand. Bejahen konnte er die Frage nicht und
verneinen mochte er sie nicht. Sollte er ihr diese Stunde der Freude trben, die
erste seit langer, langer Zeit, die ihr wieder gegnnt war?
    Und was denkst du nun zu ergreifen? fragte sie. Ich mein', du bleibst
vorlufig bei Dovidl, bis sich was Passendes fr dich findet. Aber ich will dir
nicht zureden; ein wohlhabender junger Mann kann auch eine Weile so zusehen ...
    Ich bleibe bei ihm, sagte Sender. Es war ihm gleichgltig, wo er die
wenigen Monate bis zum Oktober verbrachte, wenn ihm dabei nur Zeit fr seine
Studien blieb.
    Am Abend kamen der Marschallik und der Kutscher Simche mit ihren Familien
zum Glckwunsch, und Frau Rosel bewirtete sie festlich. Sie hatte eine halbe
Gans besorgt und sogar die ganze Leber dazu, eine Riesenschssel geschmalzter
Kartoffeln, dazu als Dessert die hchste Delikatesse: Grieben, im eigenen Fett
gerstete, klein gehackte Gnsehaut. Dann Weibrot, und als Getrnk Met. Aber
nur die Gste waren laut und frhlich, Frau Rosel sa still da; die Freude war
ihr so ungewohnt! Auch auf ihre gesellschaftlichen Pflichten als Wirtin verstand
sie sich schlecht. Sie bat wohl zuweilen: Langet doch zu, es reicht ja fr
alle! oder fragte: Nicht noch ein Glsele? Aber sie unterlie das Ntigen,
wie es die Sitte gebot. Die Wirtin darf sich weder um das Nein, noch um eine
abwehrende Bewegung des Gastes kmmern, sondern hat ihm mit sanftem Zwang, oder
wo es nicht anders geht, mit Gewalt noch einen Brocken auf den Teller zu bringen
und selbst sein Glas zu fllen, auch wenn sie es ihm zu diesem Zwecke in
lngerem Ringen mhsam entwinden mu. Aber das verbelten ihr die Gste nicht,
es war ja das erste Fest, seit sie dies Haus bewohnte, und so erfllten ihre
Freundinnen, Frau Chane Trkischgelb und Frau Surke Turteltaub, abwechselnd
statt ihrer diese Pflichten der Hausfrau, und zwar ganz grndlich. Sogar Frau
Rosel wurde von ihnen gentigt, und das war gut, sie htte sonst keinen Bissen
gegessen, und berflssig war es auch bei Sender nicht. Er, der bei Festen
anderer so laut war, sa stumm da, und selbst die besten Witze seines alten
Freundes entlockten ihm kaum ein Lcheln.
    Natrlich lie es der Marschallik auch an Trinksprchen nicht fehlen, und
zwar selbstverstndlich in Knttelversen, wie es die Sitte seines Handwerks
gebot. Der erste auf Frau Rosel weckte Rhrung und Heiterkeit, der andere wahre
Lachstrme, denn er galt dem eigentlichen Schpfer dieses Glcks, Jossele
Alpenroth. Nun war es an Sender, auf die Gste zu trinken. Aber er schwieg. Er,
der sonst noch khnere Reime fand, als der Marschallik! Da geschah ihm nur
recht, wenn nun Frau Chane das Wort ergriff und die Grnde aufzhlte, aus denen
Sender keinen Trinkspruch verdiene. Und da nun einmal heute die verkehrte Welt
war, so hielt auch Frau Surke einen Spruch aus gleicher Tonart ... Ihr, Mdele,
beschmt ihr ihn! rief sie ihrer Tochter Lea und Jtte zu. Lea kicherte
verlegen, aber Jtte blitzte den Geneckten aus ihren braunen Augen munter an und
rief, das Messer ans Glas legend und ber das ganze runde Gesicht erglhend, zu
ihm hinber: Ihr oder ich - entscheidet Euch!
    Da erhob er sich und sprach: Ihr lieben Leut', wr' mir das Herz minder
voll und ihr nicht unsere besten Freund', wie viel wollt' ich reden. So aber
sag' ich nur: Ich dank' euch! Und wie es auch kommen mag, erhaltet mir eure
Freundschaft.
    Das war alles. Wie es auch kommen mag? rief der Marschallik. Und wenn du
noch tausend Gulden gewinnst, ich bleib' dein Freund! Auch das Necken der
anderen ging jetzt erst recht los.
    Nur Jtte schwieg. Es war ihr selbst rtselhaft, woher sie es wute -
vielleicht hatte sie es in seinen feuchten Augen gelesen - aber sie wute es:
Dieser Mensch hat etwas vor, woran sein ganzes Herz hngt, etwas Groes,
Schweres! Und weil er ein guter Mensch ist, so wird es wohl etwas Gutes sein.
Mge es ihm gelingen!
    Aber auch ihm wurde eigen zu Mut, als er ihrem warmen, teilnahmsvollen Blick
begegnete. Er streckte ihr sein Glas entgegen und lie es an das ihre anklingen.
Ich dank' euch, sagte er leise. Wofr? - er htte es selbst nicht zu sagen
gewut.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


In den nchsten Tagen lernte Sender auch die Lasten eines solchen Glcksfalls
kennen. Kaum konnte er sich der Bettler erwehren, die ihn im Laden und daheim
bestrmten; auch allerlei Plnemacher rannten ihm die Tr ein, der eine wollte
mit seinem Gelde einen Kramladen, der andere ein Viehgeschft, der dritte eine
Brauerei erffnen. Vor allem machten ihm die Geldmakler zu schaffen; dreihundert
Gulden waren - und sind noch heute - in einer galizischen Kleinstadt ein groes
Kapital. Der eine bot ihm zwanzig, der andere gar dreiig und mehr Prozent
Zinsen, und es waren Leute darunter, die fr den Betrag gut waren. Aber Sender
trug sein Geld zur Sparkasse, obwohl sie nur fnf vom Hundert bezahlte. Selbst
die Mutter lie dies nicht ohne heftigen Widerspruch geschehen, den anderen
vollends war seine Handlungsweise unfalich. Nur die Mildesten meinten: Eben
ein Pojaz, wie sollt' der mit Geld umzugehen wissen? wogegen Dovidl rief: Ein
Verrckter - ich fahr' aus der Haut!
    Zu dieser ohnehin schwer erfllbaren Drohung lie sich brigens der
Winkelschreiber jetzt seinem Schreiber gegenber seltener hinreien als sonst,
der Kapitalist hatte ihn nun ja nicht mehr ntig. Sogar Senders Verlangen, nun
tglich zwei Freistunden mehr zu erhalten, fhrte zu einer gtlichen Einigung,
nachdem er auch vom Lohn einen Gulden geopfert. Nur ein Zwischenfall htte der
Beziehung fast ein Ende gemacht, denn in Dingen der Rechtglubigkeit verstand
Morgenstern keinen Spa, schon aus Geschftsgrnden.
    Da brachte nmlich eines Tages, als Sender abwesend war, der Postbote ein
Paket fr ihn, fr das neun Gulden Nachnahme zu bezahlen waren. Da ein Lemberger
Buchhndler als Absender darauf stand, legte Dovidl den Betrag aus; er wollte
wissen, welche Gesetze da der knftige Konkurrent heimlich bezogen, und ihm
scharf ins Gewissen reden. Er war angenehm enttuscht, als er, eine Sprachlehre
und einen Briefsteller abgerechnet, deren Nutzen auch ihm einleuchtete, im
Paket lauter dummes Zeug fand; wozu brauchte ein Winkelschreiber eine
Weltgeschichte, ein Lesebuch und hnliches? Daneben lag aber noch ein dnnes
Bchlein, und als Morgenstern dieses aufschlug, und nur zwei Zeilen las, lie er
es entsetzt fallen. Denn diese Zeilen lauteten: Frage. An wen glaubst du?
Antwort: An meinen Herrn und Heiland Jesum Christum ...
    Es war entsetzlich, es war grauenvoll, aber nicht zu bezweifeln: Sender war
entweder bereits heimlich getauft oder bereitete sich dazu vor. Einen solchen
Menschen aber durfte er nicht lnger unter seinem Dache dulden, sonst traf ihn
selbst der Bannstrahl des Rabbi. Und darum harrte er dem Eintreten Senders in
wildester Erregung entgegen und rief ihm dann kreischend zu: Gib mir neun
Gulden, nimm deine Bcher und geh' ... Abtrnniger, weh' dir!
    Sender blickte ihn verblfft an, zog, nachdem er den Zusammenhang begriffen,
sein Beutelchen, zhlte die neun Gulden auf den Tisch, griff nach den Bchern
und fragte dann ruhig: Seid Ihr wirklich so beschrnkt wie Rabbi Manasse, oder
stellt Ihr euch nur so?
    Ich platz' ... Schlag' das Bchlein auf ... Ich rhr's nicht an - das dnne
da ... Nun?
    Sender las: Katechismus fr katholische Volksschulen ... Das hab' ich nicht
bestellt.
    Nicht bestellt? Ich fahr' aus der Haut ... Und was steht in dem Brief da?
    Er hielt ihm den Begleitbrief der Buchhandlung unter die Nase. Die Firma
schrieb, sie habe, da die Post ihr den Brief versptet bergeben, den Auftrag
erst jetzt ausfhren knnen und die verbreitetsten unter den gewnschten Bchern
gewhlt, gern sei sie eventuell zum Umtausch bereit. Doch knnen wir Ihnen,
schlo der Brief, keinen anderen Katechismus als den beiliegenden senden, da
wir nur diese offizielle, vom erzbischflichen Ordinariat approbierte Ausgabe
fhren, und es unseres Wissens Katechismen fr einzelne Stnde nicht gibt.
    Nun war Sender die Sache klar. Esel, murmelte er, obgleich die Schuld an
ihm lag. Er hatte einen Katechismus fr einen knftigen Schauspieler bestellt.
    Laut aber sagte er: Ein Miverstndnis. Ich schicke das Bchlein vor euren
Augen zurck. Gengt euch das?
    Nein! rief der Winkelschreiber. Ich mu doch wissen, was vorgeht. So
gesteh's doch, du willst Christ werden.
    Erst nachdem ihn Sender darber mit den feierlichsten Eiden beruhigt, gab
sich Dovidl zufrieden, sofern er noch den Brief an den Buchhndler zu lesen
bekomme. Aber dies konnte ihm Sender nicht versprechen, er gedachte seine
Bestellung deutlicher zu wiederholen und fr die Sendung Fedkos Adresse
anzugeben. Dovidl war der letzte, den er in seine Plne htte einweihen mgen.
    Entscheidet euch, sagte er. Gengt euch mein Schwur nicht, so sind wir
geschiedene Leute. Und ebenso gehe ich, wenn Ihr jemand eine Silbe von dem
Katechismus erzhlt.
    Dovidl fluchte und jammerte, dann gab er nach.
    Die nchsten Wochen vergingen Sender in stiller, fleiiger Arbeit. Er konnte
sich ihr ungestrt widmen, im Freien, im Laden, in seinem Hause; die deutschen
Bcher mehrten ihm nun sogar den Respekt bei den Leuten, sie gehrten ja zu
seinem Geschft. Nicht ohne Rhrung trat er zuweilen in jenen Schlohof, wo ihn
vor Jahresfrist der unglckliche Furbes das Lesen gelehrt; das Schicksal hatte
ihn doch wohl geleitet, wie ungleich nher fhlte er sich nun seinem Ziele!
    Aber nicht allein um dieses Zieles willen schuf ihm die Arbeit Behagen, er
freute sich des unbekannten, nie geahnten Lebens, in das er nun zu blicken
begann. Die Erde, ihre Bewohner, ihre Geschichte, begannen sich ihm sacht zu
enthllen, er erkannte, da er wie ein Blinder dahingelebt, oder richtiger wie
ein Kind, das sich fr den Mittelpunkt allen Treibens hlt und sein Stcklein
Welt fr die einzige, die es gibt. Weil seine Erkenntnis wuchs, erkannte er
deutlich, welche ungeheuren Lcken sie hatte, und da er erst ein winziges
Teilchen von dem wute, was es zu wissen gab, ja noch mehr, erst ein Atom von
dem, was ihm zu wissen ntig war. Aber weder diese Erkenntnis, noch die
instinktive Empfindung, da er von dem Wenigen, was ihn seine Bcher lehrten,
vieles falsch und verkehrt auffasse, vermochte seine Zuversicht zu trben; er
mute Lehrer haben, gewi - der rechte Fortschritt begann erst in Lemberg, aber
der war ihm ja auch gewi.
    Der Herbst, - wenn er nur erst da war! Er wnschte der Zeit Flgel, jeder
einzelne dieser langen, heien Julitage wollte gar nicht enden. Aber neben der
Arbeit half ihm auch der Gedanke ber diese Pein des Harrens hinweg, da dies
die letzte Zeit war, wo er der Mutter Liebe mit Liebe vergelten konnte. Sein
Verhltnis zu ihr war nun inniger und zrtlicher geworden als je vorher,
vielleicht, weil sich beider Wesen seit seiner Krankheit gewandelt. Sein bermut
hatte sich gelindert, kopfschttelnd gedachte er nun selbst zuweilen der
unzhligen tollen Streiche, in denen sich einst der dunkle Drang, der nun das
rechte Ziel gefunden, ausgetobt. Die harte, verbitterte Frau aber war vollends
immer weicher, und nun im Sonnenschein des Glcks fast frhlich geworden.
Freilich schien es ihm, als ob diese hellere Stimmung sich ihr wieder ein wenig
getrbt htte; sie seufzte zuweilen oder starrte stundenlang sinnend in das
Licht der Lampe. Aber er glaubte den Grund zu wissen, der Marschallik fand sich
ja wieder oft ein, und sie flsterten dann immer lange miteinander; offenbar
wurde abermals ber eine neue Partie verhandelt, und diesmal war wohl auch
Morgenstern irgendwie dabei beteiligt, denn auch er erschien ab und zu im
Mauthause oder Frau Rosel in der Prifat-Agentschaft. Es wurde dann drinnen so
leise gesprochen, da er kein Wort verstand, aber er war nicht neugierig;
gleichviel wie die Braut hie, sie mhten sich vergeblich.
    Mehr Unbehagen machte es ihm, da er jenen Katechismus noch immer nicht
erhalten hatte; endlich schrieb ihm der Buchhndler, er knne das Buch ohne
genaue Angabe des Titels nicht auftreiben. Aber auch dies war nicht gar so
schlimm, da mute er den August und September eben anderswie ntzen. Nun war er
ja so weit, um nach Nadlers Rat die Werke Lessings und Schillers lesen zu
knnen, und die standen ihm in der Bibliothek des Klosters zu Gebote.
    Sein Freund Fedko war unschwer zu finden; er sa noch immer jeden Abend in
seiner Stammkneipe. Der Alte war aufrichtig gerhrt, als ihm Sender sein
Anliegen vortrug.
    O, ich habe es geahnt, sagte er. Neulich habe ich einen merkwrdigen
Traum gehabt; ich bin auf dem Marktplatz gelegen und war so schwer besoffen, da
ich mich nicht rhren konnte. Dann hat es zu regnen begonnen - lauter Slibowitz
- in den Mund hat es mir hineingeregnet. Wie ich aufstehe, sage ich gleich:
Fedko, sage ich, das bedeutet etwas Angenehmes - vielleicht stirbt der Prior -
ein Totenmahl, und es mu ein neuer gewhlt werden - ein Festmahl. Oder
vielleicht kommt der verrckte Jude wieder! Also - der Prior lebt - aber du bist
wieder da! Nun - wann willst du zu den Bchern?
    Morgen, erwiderte Sender.
    Gut! Morgen! Aber den Slibowitz knntest du schon heute zahlen.
    Sender war dazu bereit. Mit strahlendem Gesicht setzte sich der Alte hinter
den Schnktisch. Als er jedoch das Glschen zum Munde fhren wollte,
verfinsterte sich pltzlich seine Miene.
    Teufel! murmelte er bestrzt, daran habe ich ja noch gar nicht gedacht!
    Woran? fragte Sender.
    Hm! Da haben sie nmlich - Er stockte und sann nach! Dann griff er nach
dem Glschen und leerte es.
    Ach was! murmelte er, alle Menschen sind doch nicht verrckt wie dieser
Jude da! Und wenn man nur vorsichtig ist ... Also morgen, lieber Senderko,
morgen mittag!
    Am nchsten Tage geleitete er ihn um die erste Nachmittagsstunde, kurz nach
dem Mittagsluten in die Bcherei.
    Es ist freilich eine Gefahr dabei, murmelte er wir mssen leise
auftreten.
    Warum? fragte Sender.
    Hm - nein - nichts! stotterte der Alte und wurde dunkelrot, er war das
Lgen nicht gewohnt. Aber da standen sie schon vor der Tr der Bibliothek.
    Auch ich bin seitdem nicht dagewesen, sagte Fedko treuherzig, indem er
ffnete, das Herz hat mir zu weh getan. So ohne dich - ohne einen Zweck ... Du
findest alles wie frher.
    Sender trat ein, die Riegel schlossen sich hinter ihm.
    Es war in der Tat alles genau so, wie er es verlassen. Nur war ein
Fensterflgel geffnet, da drang die Sommerluft herein.
    Vielleicht hat der Sturm den Flgel eingedrckt, dachte Sender Aber als er
nher zusah, gewahrte er noch eine Vernderung. Auf dem Tische des milius lagen
einige vergilbte Hefte. Er schlug sie auf und begann zu lesen. Ho-mo homi-ni
lu-pus. Er konnte kein Wort verstehen, es war lateinisch.
    War einer der Mnche inzwischen hier gewesen? Mglich, aber was strte das
ihn! Er begann nach Schillers Werken zu suchen, fand sie jedoch nicht. Hingegen
fiel ihm ein anderes Buch in die Hnde, das er gleichfalls schon dem Titel nach
kannte, es war im Lesebuch oft erwhnt: Faust von Goethe. Er bltterte hin und
her. Es befremdete ihn, da er kein Personenverzeichnis fand, keine Einteilung
in Akte. Dann aber begann er wohlgemut zu lesen:

Habe nun, ach, Philosophie,
Juristerei und Medizin

und so weiter bis zum Vers: Heie Magister, heie Doktor gar - Da stutzte er
zuerst: Magister? Das war der Titel des Provisors in der Apotheke, der
Magister der Pharmazie war - Ist dieser Faust Apotheker und Arzt zugleich?
dachte er. Aber warum nicht, da er so vielerlei studiert hat? Und weiter las
er bis zum Vers:

Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,

da hielt er abermals inne und fragte laut: Was plagt ihn nicht? Was heit
Skrupel?
    Ist das das einzige, was du nicht verstehst?
    Es war eine sanfte, leise Stimme, die diese Worte hinter ihm sprach, aber
Sender erschrak tdlich und das Buch kollerte auf den Boden. Gott ber Israel!
stie er entsetzt hervor und wandte sich um.
    Vor ihm stand ein gebckter, klein gewachsener Greis im weien Ordensgewande
der Dominikaner.
    Erschrick nicht so, sagte er lchelnd. Wie kommst du her?
    Ver-zei-hen Sie - stammelte Sender und starrte ihn aus weit aufgerissenen
Augen an.
    Hat dich der Fedko eingelassen?
    Ja.
    Und was suchst du hier?
    Bcher - deutsche Bcher!
    Er brachte es nur mit Mhe hervor, und bebend fgte er hinzu: Ich habe
nichts genommen - alles stelle ich wieder an seinen Platz.
    Der Greis trat nher - Sender wich zurck.
    Frchte dich nicht, sagte der Mnch milde. Von mir kommt dir nichts
Schlimmes!
    Er lie sich auf den Sessel des milius nieder.
    Warum suchst du die Bcher hier? fragte er.
    Wo knnt' ich sie sonst finden? erwiderte Sender. Aber ich will nichts,
als sie lesen - bei Gott im Himmel!
    Wieder lchelte der Greis - es war ein gtiges, mildes Lcheln in dem
feinen, bleichen, durchfurchten Antlitz. Das glaub' ich dir! Diebe lassen sich
nicht vom Pfrtner einschlieen, um den Monolog des Faust lesen zu knnen. Aber
ich meine, du knntest dies Buch und hnliche auch anderswo finden. Beim
Stadtarzt zum Beispiel, der ebenfalls ein Jude ist.
    Gewi߫, erwiderte Sender. Der hat viele Bcher und ist ein guter Mann, er
wrde sie mir vielleicht leihen und es auch niemand sagen. Aber ein Zufall kann
es doch enthllen, ich hab' gedacht: ich bin nirgendwo so sicher wie hier.
    Aber warum diese Heimlichkeit?
    Unser Rabbi ist streng und die anderen auch. Man darf hchstens die
notwendigsten deutschen Bcher lesen, aber keine solchen. Das ist Snde, glauben
sie.
    Das glauben auch manche andere Leute, sagte der Mnch. Und wie im
Selbstgesprch fgte er leiser hinzu, indem er die Hand auf die Schriften des
milius legte: Der da hat recht gehabt, es ist berall dieselbe Geschichte, nur
die Tracht ist verschieden ...
    Dann fragte er: Warum tust du, was der Rabbi verbietet?
    Weil ich nicht anders kann!
    Der Greis nickte, als htte er diese Antwort erwartet.
    Wieder einer, den der groe Durst qult, nicht wahr?
    Sender schwieg; er verstand nicht, was der Mnch meinte.
    Die groen Rtsel haben dich angefat und du mchtest die Antwort finden,
dich den Klauen der Sphinx entreien?
    Sender schttelte langsam und zaghaft den Kopf.
    Der Greis blickte ihn schrfer an. Du verstehst mich nicht? fragte er.
    Wegen Rtseln bin ich nicht gekommen, sagte Sender schchtern.
    Was suchst du in den Bchern?
    Wissen, sagte Sender. Die Bildung.
    Der Greis nickte. Warum suchst du sie?
    Herr - Herr- Sender suchte nach der richtigen Titulatur. Herr Prior, das
ist eine lange Geschichte -
    Sag' nur: Pater Marian oder auch Pater Poczobut, dies ist mein Name, ich
bin nicht Prior. Und wie heit du?
    Sender - Alexander Kurlnder ...
    Also, Alexander, erzhle mir die Geschichte. Und als er den jungen Juden
zaudern sah, setzte er hinzu: Du kannst mir vertrauen, gewi!
    Ja, sagte Sender, das wei ich. Der Mann vor ihm trug eine Tracht, die
ihm seit seiner Kindheit Furcht, ja Grauen eingeflt, aber das war das Antlitz,
die Stimme, der Blick eines guten Menschen. Und dann - ertappt bin ich nun
einmal, dachte er, vielleicht berzeugt er sich wenigstens, da auch ich kein
schlechter Mensch bin. Und er erzhlte alles, seine Schicksale, seinen
Lebenszweck - und viel ausfhrlicher, als er vorhatte, weil Pater Marian durch
Zwischenfragen, durch den Ausdruck seiner Zge bewies, da ihn die Erzhlung
lebhaft interessierte.
    Merkwrdig, sagte er, nachdem Sender geschlossen. Sehr merkwrdig. Ich
htte derlei kaum fr mglich gehalten. Und doch, fuhr er in jenem
langgezogenen, halblauten Tone fort, in dem er laut zu denken pflegte, was ist
da zu verwundern?! ... Wo immer so ein Funke entglimmt, oft mitten im tiefsten
Dunkel, und zur Leuchte wird, ist auch etwas Rtselhaftes dabei - den letzten
Grund kennen wir nicht. Wir glauben, da diese Funken sehr selten sind auf
dieser dunklen Erde - das mag nicht richtig sein, sie sind hufig genug, nur da
wir von den meisten nie erfahren, weil sie das Dunkel wieder verschlingt ... Und
wie wird es diesem da ergehen?
    Er heftete seine Augen gedankenvoll auf das kluge, bleiche,
scharfgeschnittene Antlitz des jungen Mannes, mit den feurigen, rasch blickenden
Augen.
    An Ausdauer wenigstens scheint es dir nicht zu fehlen, sagte er. Ich wei
nicht, wie viel dir deine Studien im Winter gentzt haben, aber jedenfalls hast
du einen hohen Preis dafr gezahlt. Denn deine Erkltung hast du dir offenbar
hier geholt.
    Vielleicht, erwiderte Sender. Ich hab' nicht darber nachgedacht. Aber
was liegt daran? Jetzt bin ich gesund.
    Was liegt daran? wiederholte der Greis. Der Funke scheint echt. Und warum
sollte sich nicht hnliches zum zweiten Mal begeben? Du hast doch zweifellos,
wandte er sich wieder an Sender, von deinem berhmten Schicksalsgenossen
gehrt? Er war auch nur ein armer, unwissender Judenknabe, ein Pojaz wie du, und
ist ein groer deutscher Schauspieler geworden.
    Natrlich hab' ich von ihm gehrt! rief Sender freudig. Er ist sogar mein
Beschtzer, Adolf Nadler. Wissen Sie vielleicht, wo er jetzt ist?
    Nadler? Den kenn' ich nicht. Ich habe Bogumil Dawison gemeint. Ich habe ihn
vor zwei Jahren einmal in Breslau gesehen, als Shylock, und werde den Eindruck
nie vergessen.
    Den spielt auch der Herr Nadler sehr gut, sagte Sender. Und auch ich
werde ihn gut spielen - das wei ich.
    Der Greis mute lcheln. Wie alt bist du?
    Bald einundzwanzig.
    Wenn es nur nicht schon - begann er, zu spt ist, hatte er sagen wollen.
Aber wozu den armen Menschen entmutigen? - Im September wollte er ohnehin nach
Lemberg.
    Du gefllst mir, sagte er. Kann ich dir in den zwei Monaten noch etwas
ntzen, soll es gern geschehen.
    Ich dank' Ihnen! rief Sender freudig und tat einen Schritt vorwrts. Er
wollte die Hand des Greises fassen, aber er traute sich nicht. Als sie ihm der
Pater jedoch reichte, beugte er sich ehrfurchtsvoll auf diese zitternde,
runzlige Hand nieder und htte sie gekt, wenn sie sich ihm nicht rasch
entzogen htte.
    Wenn das dein Rabbi gesehen htte! sagte Poczobut. brigens - wer wei,
ob ich dir ntzen kann. Du willst Stcke lesen, sagst du? Aber dann doch nicht
als erstes den Faust - den kannst du ja jetzt unmglich verstehen. Lieber ein
Stck von Schiller -
    Ich hab' keins finden knnen, entschuldigte sich Sender. brigens, mein
erstes wr's nicht. Von Lessing hab' ich schon vieles gelesen. Den Nathan und -
    So? Nathan den Weisen? Aber hast du ihn auch richtig verstanden? Hltst du
nun alle drei Ringe fr gleich echt?
    Sender zuckte verlegen die Achseln. Ich wei nicht. Aber mein Ring ist
jedenfalls echt. Denn er ist ja der lteste, kann also gar nicht einem anderen
nachgemacht sein!
    Der Mnch mute lachen, so pfiffig war dabei das Gesicht des Pojaz.
    Nach dieser Probe zu schlieen, sagte er dann ernst, wrde es dir
vielleicht nicht schaden, den Nathan noch einmal zu lesen ... Aber nicht mit
mir, fuhr er fort. Wir wollen alles vermeiden, was dich verwirren oder gar
dein Mitrauen gegen mich wecken knnte. Ich will dich nicht zur Taufe bereden,
Alexander, wahrhaftig nicht!
    Ich glaub's Ihnen, erwiderte der Jude. Aber sagen Sie Sender - Alexander,
damit fang' ich erst in Lemberg an. Also Sie wollen so gut sein und ein Stck
von Schiller mit mir lesen? Aber sind die Bcher hier?
    Der Mnch wies nach der Stelle; freudig brachte Sender die Bnde herbei.
Aber wenn Fedko erfhrt, da ein Mnch darum wei -
    Ich werde schweigen! Und es soll mir lieb sein, wenn du es auch tust. Denn
auch ich habe einen Gestrengen ber mir, wie du den Rabbi ... brigens knnen
wir ruhig sein, die anderen kommen nie hierher ...
    Sie sind wohl oft hier? Aber wie kommt's, da Fedko nichts davon wei?
    Weil ich durch das Pfrtchen da hereinkomme. Er wies auf eine Seitenwand.
Ich wohne in der anstoenden Zelle.
    In einer Nonnenzelle? rief Sender.
    Ja, so nennen sie's. Seit zwei Monaten.
    Und was - Sender stockte. Und was haben Sie angestellt? hatte er fragen
wollen.
    Der Greis erriet es. Ja, ich bin zur Strafe hier, sagte er ruhig, ohne
eine Spur von Bitterkeit. Ich habe ein Buch geschrieben, das meinen Oberen in
Schlesien nicht gefiel. Und darum bin ich hierher geschickt worden, bis - nun,
bis ich mich bessere.
    Sie haben es hier gewi recht schlecht? fragte Sender teilnahmsvoll. Er
dachte an die Geieln, aber davon wagte er doch nicht zu sprechen.
    Nicht gut! erwiderte der Mnch. Aber was liegt daran? Ich bin an siebzig
Jahre alt, krank und gebrochen. Ich habe keine Hoffnungen, keine Plne mehr.
Mein Buch aber ist in der Welt und lebt, und keine Gewalttat kann es vernichten,
es wird leben, bis ein Grerer und Besserer kommt und es berflssig macht.
Mge er bald kommen!
    Sender blickte ihn bewegt, voll innigsten Mitleids an. Aber gleichzeitig
dachte er: In meiner Weltgeschichte steht, wie sie den Mnch in Rom verbrannt
haben. Mir scheint gar, auch ein Dominikaner. Ich hab' mir immer gedacht: Das
wr' ein feines Trauerspiel. Nun wei ich auch, wie ich den Mnch machen
mcht'.
    Pater Marian fuhr sich ber die Stirne. Und nun wollen wir ein Stck fr
dich aussuchen. Aber whrend er noch in den Bnden bltterte, schlug es Zwei
und gleichzeitig wurde der schwere Schritt Fedkos auf dem Korridor hrbar. Auf
Wiedersehen, flsterte der Greis, und verschwand in seiner Zelle.
    Freudigen Herzens ging Sender heim. Gott ist mit mir, dachte er. Gott
will, da ich mein Ziel erreiche. Was htte ich mir fr die Zeit, wo ich noch
hier bleibe, besseres wnschen knnen?

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Am Schranken waltete die christliche Magd. Die Mutter war, wie in letzter Zeit
so oft, nach dem Stdtchen gegangen. In der Wohnstube sah Sender ihren
Strickbeutel liegen; als er mit der Hand darber hinfuhr, fhlte er ein eckiges
Tfelchen. Neugierig zog er es hervor. Wer ist das? murmelte er verblfft.
Ist die hbsch!
    Es war eine kolorierte Daguerrotypie, wie sie vor vierzig Jahren blich
waren, und stellte ein junges, auffallend schnes Mdchen dar. Goldbraunes Haar
umwogte in leichten Wellen ein lngliches, schmales, edel geschnittenes Antlitz,
in dem groe blaue Augen standen. Die feinen Lippen waren etwas abwrts gezogen,
dies und der ernste, sinnende Blick gab den Zgen den Ausdruck des Strengen,
fast Leidenden. Sich portrtieren zu lassen, ist noch heute in der Sekte der
Chassidim nicht Brauch, geschweige denn damals, und der Marschallik machte sich
oft genug ber seine Kollegen, die Heiratsvermittler in den groen Stdten,
lustig, die mit einem ganzen Paket solcher Bilder hausieren gingen. Hatte er
sich nun dennoch zu der neuen Mode bequemt? Es war unwahrscheinlich. Auch Frau
Rosel war solchen gottlosen Neuerungen schwerlich geneigt - und dennoch, was
konnte das Bild anderes zu bedeuten haben? Mir kann's jedenfalls gleichgltig
sein, murmelte Sender, und lie das Bild ins Beutelchen zurckgleiten.
    Aber dann holte er es doch wieder hervor. Er hatte sich bisher nicht viel um
Frauenschnheit gekmmert, ein hbsches Gesicht war ihm lieber als ein hliches
und wie jedem Juden des Ostens ein wohlgenhrtes lieber als ein mageres, aber
was er bisher von der Macht und dem Zauber der Schnheit gelesen, war ihm nie
recht verstndlich gewesen. Nun kam ihm eine Ahnung davon. So ein Gesicht hab'
ich noch nicht gesehen, dachte er. Sie ist mager, die Arme, und doch sieht man
sie gern an, auch klug mu sie sein. Aber warum ist sie so traurig? Ein so
junges Kind!
    Er hatte sein Lesebuch herbeigeholt und den Aufsatz Schillers Leben
aufgeschlagen, um sich fr morgen vorzubereiten. Sonst war in dem Augenblick, wo
er zu lesen begann, alles andere fr ihn versunken. Diesmal aber mute er immer
wieder nach dem Strickbeutel hinschielen und widerstand der Versuchung nicht
lnger, das Bild zum dritten Male hervorzuziehen.
    Wer war das Mdchen? Wie kam seine Mutter zu dem Bilde? Es konnte ja gar
nicht anders sein, der Marschallik hatte es ihr gebracht. Aber war das berhaupt
ein jdisches Mdchen? Er konnte nicht recht daran glauben. Wenigstens vermochte
er nichts von dem Typus in den Zgen zu entdecken. Wenn sie aber eine Jdin
ist, dachte er, dann eine ganz feine, und fr die werden ihre Eltern einen
anderen suchen, als Sender, den Pojaz. Sie hat etwas im Gesicht - etwas
Besonderes - ich wei nicht recht was.  Es war der geistige Ausdruck
    Erst als er drauen die Stimme der Mutter hrte, steckte er das Bild hastig
ins Beutelchen. Er wollte sie keinesfalls danach fragen; sollte ihn das Mdchen
etwas angehen, so mute ja sie davon zu reden beginnen.
    Frau Rosel trat ein, ihre Lider waren gertet, sie war offenbar in
schmerzlicher Erregung. Als sein Auge dem ihren begegnete, blickte sie unsicher
zu Boden.
    Mutter, fragte er besorgt, was ist geschehen? Du hast geweint? Sie
wandte sich ab. Es ist nichts, murmelte sie. Und als er in sie drang,
wiederholte sie: Wirklich nichts. Eine Kleinigkeit, nicht der Rede wert. Sie
strich die Tischdecke glatt, er wute, nun fruchtete kein Wort mehr.
    So schwieg er denn, war aber auch nicht sonderlich beunruhigt. Sie selbst
konnte kaum etwas erlebt haben, was ihr um ihretwillen schmerzlich war.
Wahrscheinlich war die neue Partie, die sie mit Dovidl und dem Marschallik fr
ihn geschmiedet, gescheitert. Daraus wre ja ohnehin nichts geworden, selbst
wenn es sich um die Schne, Traurige gehandelt htte ...
    Am nchsten Tage begann er unter Pater Marians Leitung die Lektre der
Ruber. Nach reiflicher berlegung hatte der Greis dieses Drama als erstes
gewhlt. Das verstehst du am leichtesten, sagte er ihm, und da kann ich auch
am raschesten erkennen, ob wirklich, wie du glaubst, ein Schauspieler in dir
steckt. Und was fr einen unreifen Menschen Gefhrliches darin ist, fgte er
in Gedanken hinzu, lt sich durch vernnftige Erluterung unschdlich machen.
Dann lie er ihn ohne jede weitere Einleitung beginnen, sogar das Verzeichnis
der Spieler, auf das Sender neugierig hinschielte, sollte er zunchst
berschlagen.
    Senders Herz klopfte freudig, als er zu lesen begann; ihm war zu Mut wie
einem, der bisher taumelnd auf glatter Bahn dahingegangen und nun pltzlich
einen krftigen Arm fhlt, auf den er sich sttzen kann. Freilich, etwas langsam
ging es nun, gleich bei dem ersten Wort Franken verweilten sie eine Stunde.
Sender war der Meinung, da dies Frankreich bedeute, der Pater belehrte ihn
eines Besseren, erzhlte ihm eingehend von dem alten und neuen Franken und holte
dann einen Atlas herbei, in welchem er ihm die deutschen Landschaften zeigte.
Auch Leipzig wurde auf der Karte gezeigt und des breiteren geschildert,
wahrscheinlich ist's notwendig, dachte Sender, aber so erfahr' ich in den
zwei Monaten nicht, was eigentlich in dem Brief aus Leipzig steht. Eine
freudige Genugtuung jedoch brachte ihm schon dieser erste Tag. Als er die Worte
Franzens las: - wir alle wrden noch heute die Haare ausraufen ber Eurem
Sarge, fgte er bei: O du schlechter Kerl!
    Woraus schliet du das? fragte Poczobut.
    Er regt ja den armen Alten nur immer mehr auf, war die Antwort. Worauf der
Pater meinte: Du hast Verstand, Bursche.
    hnliche Freuden, freilich auch hnliche Leiden brachten ihm die nchsten
Tage. Die Erluterungen wollten gar kein Ende nehmen, und so notwendig sie sein
mochten, kurzweilig waren sie nicht. Darber freilich kam Sender leicht hinweg,
- drckender empfand er eine andere Gefahr, die er im Selbstgesprch in die
Worte kleidete: Jetzt wei ich, wer Alexander Magnus war, aber warum rgert es
diesen schlechten Kerl, da sein Bruder so gern von diesem Helden gelesen hat?
- er befrchtete, vor lauter Bumen den Wald nicht zu sehen. Aber wenngleich der
greise Dominikaner nun zum ersten Mal dramatischer Lehrer war, so wute er doch,
worauf es auch hier ankam: er verga die Hauptsache nicht, und als sie nun die
erste Szene nochmals durchnahmen, glnzten Senders Augen vor Freude. Nun
versteh' ich alles, rief er, als ob das eine Geschichte wr', wie ich sie
sonst am Sabbat nachmittag zwischen Minche und Marew (Nachmittags- und
Abendgebet) meinen Freunden vor der Schul' erzhlt hab'. Auf Ehre, so versteh'
ich's.
    Pater Marian lchelte, diese Ausdrucksweise hatte fr ihn allmhlich nichts
Befremdendes mehr. Warum sagst du, fragte er, nicht lieber gleich: als ob du
selbst die Szene geschrieben httest und nicht Schiller?
    Knnt' ich auch sagen, erwiderte Sender eifrig. Aber wenn ich's
geschrieben htt' - Er stockte. Verzeihen Sie - es ist ja lcherlich, so was
zu sagen -
    Nun?
    Dann lie' ich den Franz ein bissele weniger reden und nicht gar so giftig.
Denn wenn der Alte jetzt nicht merkt, da das ein Hund ist, so ist er schon ganz
schwach im Kopf ... Und dann noch etwas: mir scheint, der Franz ist ein gar zu
schlechter Mensch. Hat denn schon je so einer gelebt?
    Der Pater lachte laut auf. Du bist ein scharfer Kritiker! Dann suchte er
Sender klar zu machen, unter welchen Bedingungen das Werk entstanden sei und wie
das jugendliche Genie immer starke Farben whle.
    Ich sag' auch nicht, da es schlecht ist, entschuldigte sich Sender; ich
sag' nur, ich htt's anders gemacht. Er war ein wenig gekrnkt, da auch dies
die Heiterkeit des Mnchs weckte. Dann aber dachte er: Wenn es ihm Spa macht -
er darf mich sogar auslachen. So den ganzen Tag allein sein, der arme Mann!
    Frhlich, wie in dieser Zeit immer, ging er heim. Wieder einmal wie vor acht
Tagen war die Mutter zur Stadt gegangen; auch ihr Strickbeutel lag da. Aber
jenes Mdchenbild war nicht mehr darin. Das enttuschte ihn nicht mehr, es war
schon am nchsten Tag daraus verschwunden gewesen. Schade, dachte er, ich
htt' mir das Gesicht gern noch einmal angesehen. So was trifft man nicht alle
Tage.
    Diesmal whrte es lange, bis die Mutter heimkam, und als sie eintrat, sah
er, da sie abermals Krnkung erfahren und schlimmere als vor einer Woche. Aber
ehe er fragen konnte, begann sie: Hast du einmal mit dem bsen Menschen, dem
Wolczynski, einen Streit gehabt?
    Einen Streit kann man's eigentlich nicht nennen, erwiderte er betroffen.
Auch htte ich nicht gedacht, da er's jemand erzhlen wrde. Ich habe
geschwiegen, freilich nicht aus Schonung, sondern weil ich's vergessen habe.
Und er erzhlte ihr von jener Zumutung des Edelmanns. Jetzt erst fllt's mir
auf, schlo er, da er sich seither in der Kollektur nicht mehr hat blicken
lassen.
    Der Schurke, sagte sie. Natrlich hast du recht gehabt, es abzulehnen.
Aber den Witz mit deinem Anteil an seinem Gewinn httest du nicht machen sollen.
Nun will er sich rchen.
    Wie kann er das? fragte er. Der Regimentsarzt hat ja gesagt, da ich vor
keiner Rekrutierung mehr zu frchten habe. Und wer wei߫, fgte er in Gedanken
hinzu, wo ich bei der nchsten Rekrutierung bin.
    Er hat auch in anderen Dingen seine Hand, erwiderte sie, du weit doch,
wie ich vor acht Tagen so bestrzt heimgekommen bin. Damals hab' ich's zuerst
erfahren. Sie war nun seit nahezu einem Vierteljahrhundert Pchterin der
Straenmaut, die Pacht war ihr, da sie den Zins pnktlich entrichtete, auch
sonst nie Grund zur Unzufriedenheit gegeben, stets nach Ablauf auf weitere fnf
Jahre verliehen worden. Darum hatte sie, da ihr Vertrag im Mrz des nchsten
Jahres ablief, auch diesmal im Juni das Gesuch um Verlngerung beim Bezirksamt
eingereicht. Ein Bescheid war ihr nicht geworden, wohl aber hatte Jossef Grn,
der Vorsteher der Gemeinde, sie vor acht Tagen holen lassen und ihr gesagt: Der
Wolczynski hat mich gefragt, ob ich niemand fr Eure Pachtung wei. Euer
Vertrag, sagt er, wird nicht erneuert werden. Er hat das Bezirksamt im Sack,
redet mit ihm. Sie war diesem Rate gefolgt, hatte Wolczynski zweimal zu
sprechen versucht, war aber erst heute von ihm empfangen worden. Es ist
richtig, hatte er ihr gesagt, ich habe die Herren vom Bezirksamt darauf
aufmerksam gemacht, da der Staat die doppelte Pacht davon haben kann. Warum
ich's getan habe? Erstens als guter Staatsbrger und zweitens, weil Ihr Sohn ein
frecher Tlpel ist. Die Pachtung wird am 1. November ausgeschrieben.
    Weit du, was das bedeutet? schlo sie hnderingend. Da wir ihn entweder
irgendwie begtigen mssen oder im Mrz unser Brot verlieren. Du kannst dir
denken, wie viel diesen Schurken der Staat kmmert; auch wei er, da bei einer
Ausschreibung niemand eine hhere Pacht bieten wird, als ich zahle,
wahrscheinlich weniger. Denn jeder wei ja, da der Adjunkt Strus, ein Pole, ein
Freund des Wolczynski, die Sache zu entscheiden hat, da kommt es nicht darauf
an, was einer dem Staate, sondern was er diesen beiden bietet, denn dann drehen
sie es schon so: Der Mann hat zwar am wenigsten geboten, ist aber am
verllichsten. Das war einst, wo lauter deutsche Beamte waren, anders - grobe
Kltze, aber ehrliche Leute. Ich habe den Zuschlag bekommen, weil ich das meiste
geboten habe ... Aber jetzt!
    Er will Geld, trstete Sender. In Gottes Namen. Ich will ihm was geben.
    Sie schttelte den Kopf. Ich frchte, nein! Ich wei ja, wie man mit ihm
spricht, und habe ihm gesagt: Was ist Ihr Preis? Aber er: Mit der Mutter dieses
Sender mache ich keine Geschfte. Darauf ich: Wenn mein Sohn Sie beleidigt hat,
so soll er Sie um Verzeihung bitten. - Nein, ich liee ihn mit Hunden von meiner
Schwelle hetzen, wenn er kme! ... Es ist zum Verzweifeln. Auch Dovidl wei
keinen Rat und sagt, so was ist ihm beim Wolczynski noch nicht vorgekommen. Und
mit dem Strus, sagt er, lt sich direkt auch nichts machen. Er ist ein
Heuchler, ein Betbruder, sagt er, und nimmt nur durch den Wolczynski.
    Darauf wute auch Sender nichts mehr zu sagen. Kommt Zeit, kommt Rat!
sagte er endlich zaghaft. Bis zum November sind's fast noch drei Monate.
    Sie schttelte finster den Kopf. So sprichst du in deinem Leichtsinn,
erwiderte sie. Mir pret die Sorge das Herz zusammen. Und wenn das wenigstens
meine grte wre!
    Du hast noch eine grere? fragte er bestrzt. Was ist es denn?
    Sie prete die Lippen zusammen und wandte sich ab.
    So sag' es mir doch! drngte er. Bin ich nicht dein Sohn? Hab' ich nicht
ein Recht darauf, mitzutragen?
    Die selbstverstndlichen Worte preten ihr die Trnen aus den Augen. Das
war's ja eben, da er nicht ihr Sohn war! Was Luiser Wonnenblum einst dem
Marschallik in Aussicht gestellt: Gebt Ihr's dem Dovidl, so macht er den Froim
nicht tot, sondern lebendig! schien sich zu erfllen, freilich war's nicht
Dovidls, sondern Luisers Schuld. Um den Konkurrenten zu rgern und sich fr den
entgangenen Auftrag zu rchen, hauptschlich aber, weil ja bei Frau Rosel nun,
da Sender den Gewinn gemacht, etwas zu holen war, hatte sich Luiser, als
Kurator Froims, nicht mit den Edikten in den Amtsblttern begngt, sondern die
Hilfe der Rabbiner angerufen: es handelte sich ja um ein frommes Werk, dem
Abwesenden durfte nicht unrecht geschehen. Was Dovidl in der Verhandlung,
lediglich um den Preis zu steigern, vorgeschtzt, da an alle Gemeinden
geschrieben werden msse, hatte Luiser nun bei einigen tatschlich durchgefhrt.
Einen Erfolg hatte er nun erreicht: der Rabbi von Wadowice in Westgalizien hatte
ihm mitgeteilt, da Froim Kurlnder dort lngere Zeit von den Wohltaten der
Leute gelebt und vor drei Jahren nach Oberungarn gegangen. Lebte er noch, so
fand ihn Luiser sicherlich.
    Whrend Sender noch vergeblich in sie drang, trat der Marschallik ein. Er
war offenbar besonders gut gelaunt und wurde nun sehr bestrzt, als er die Frau
weinend fand.
    Er trat an sie heran. Frau Rosel, flsterte er vorwurfsvoll, habt Ihr
gegen meinen Rat - Er deutete mit den Augen auf Sender.
    Nein, erwiderte sie hastig. Es ist etwas anderes. Und sie folgte ihm auf
den Flur, wo die beiden lange berieten. Als sie wiederkam, schien sie etwas
ruhiger.
    Am nchsten Tage erzhlte Sender dem Pater von dem neuen Kummer, der ihn
drckte. Ich wei߫, sagte er, Sie knnen mir nicht helfen, aber ist das nicht
schlimm? Wie kann ich fort, eh' das geordnet ist? O, ich hab' dem Schiller
unrecht getan, der Wolczynski ist noch schlechter als der Franz.
    Der Greis hrte ihn teilnahmsvoll an.
    Das wre was fr den da gewesen, sagte er und wies auf die Hefte des
milius. Er hat ein Buch darber geschrieben, da der Mensch gegen den Menschen
wie ein Wolf ist. Aber er hat doch unrecht gehabt, sein edles Herz so zu
verbittern. Denke, es gibt auch gute Menschen, und von Natur ist keiner
schlecht. Wie viel Mhe gibt sich Schiller, um zu begrnden, warum Franz ein
Ungeheuer geworden ist.
    Natrlich! rief Sender. Wie hlich ist er! Wenn ich ihn einmal mache,
werden die Leut' erschrecken. So! Er schnitt eine entsetzliche Grimasse. Aber
ich freu' mich schon, wie es weiter geht.
    Damit war es jedoch fr heute nichts. Nun mu ich dir auch an jenem
Abschnitt, den du beinahe auswendig kannst, eine bessere Aussprache beibringen,
sagte der Pater. Er selbst sprach das Deutsche freilich auch mit deutlichem
oberschlesischen Akzent, aber doch ungleich reiner als Wild, dessen Tirolisch so
seltsam in Senders Aussprache nachklang. Lies!
    Sender begann seufzend. Es war hart, aber es mute sein. Die beiden bten,
da sich ihre Gesichter rot und rter frbten und die Stimme des alten Mannes
ganz heiser klang. Er stand vor Sender und schrie ihm die Worte vor, so laut er
konnte. Der aber wiederholte sie in seinem Eifer mit brllender Stimme.
    Darber hrten sie den Schlag der zweiten Stunde nicht und vergaen, da
Fedko nun eintreten mute.
    Noch einmal, rief der Pater. Nicht, O, Karl! Karl! wschtest tu', sondern
O, Karl! Karl! wtest du.
    O, Karl, wschtest - brllte Sender, da blieb ihm der Ton in der Kehle
haften, seine Augen wurden starr.
    In der Tr stand Fedko, aber auch er stierte die beiden mit offenem Munde
entsetzt, keiner Bewegung fhig, an.
    Pater Poczobut war gleichfalls bleich geworden, doch fate er sich zuerst.
    Komm' doch nher, sagte er zu dem Pfrtner. Beruhige dich, hier geschieht
nichts Bses.
    Der Alte schlug ein Kreuz ums andere, seine Lippen bewegten sich, aber er
rhrte sich nicht vom Platze.
    Hast du mich nicht verstanden? fragte der Pater und trat auf ihn zu. Er
sprach das Wasserpolakisch des Oberschlesiers, und Fedko war ein Ruthene, aber
sie hatten sich doch bisher verstndigen knnen.
    Der Pfrtner wich zurck. Wohl habe ich verstanden, murmelte er endlich
und schlug abermals ein Kreuz. Nur zu gut habe ich verstanden, was hier
getrieben wird! ... Saget die Wahrheit, fuhr er fort und trat einen Schritt
vor, wer ist dieser Karl, den ihr verflucht habt?
    Die beiden muten trotz ihrer Angst laut lachen. Wir haben niemand
verflucht, beteuerten sie einstimmig.
    Mir macht man nichts vor, sagte Fedko finster. Der Herr Prior ist krank,
habt ihr vielleicht den gemeint? Aber er heit ja nicht Karl, sondern
Chrysostomus!
    Nun legte sich Sender ins Mittel.
    So sei doch vernnftig, bat er, da vom Prior keine Rede war, hast du
selbst gehrt. Und was ich hier treibe, hab' ich dir schon einmal gesagt: ich
lerne eine Kommedia und der Herr Pater hilft mir dabei.
    Aber Fedko schttelte den struppigen Kopf. Gesagt hast du es mir, aber
jetzt sehe ich, da du gelogen hast. Denn warum? Die christliche Kommedia ist
vor und nach Weihnachten, wo die Burschen mit der Krippe umherziehen, die geht
dich nichts an, denn du bist ein Jude. Die jdische Kommedia ist an eurem
Fastnachtstag, da kann dir der Hochwrdige nicht helfen, denn er versteht nichts
davon. Also ...
    Aber so la es dir doch erklren, rief der Pater eifrig, es gibt noch
eine andere Kommedia, die fr alle ist, Christen und Juden. Nmlich -
    Aber Sender wute eine probatere Erklrung. Ich sehe dir an, da du Durst
hast, sagte er und griff in die Tasche.
    Diesmal jedoch verfing auch dies Mittel nicht.
    Durst habe ich, sagte Fedko. Ich bin ja gottlob nicht krank. Ein gesunder
Mensch hat immer Durst. Aber ich bin ein Christ, ein Klosterdiener. Ich will
nicht von einer Sache, die vielleicht gegen das Christentum geht, Vorteil haben,
selbst wenn es Slibowitz ist.
    Aber ich schwre dir - rief Sender.
    Deinen Schwren glaub' ich nicht. Denn warum? Du weit, da du als Jude
ohnehin in die Hlle mut, ob ein bichen tiefer oder nicht, kann dir schon
keinen Unterschied machen. Aber wenn der Hochwrdige schwren wollte. Er
schielte zaghaft nach dem Greise hin. Zwar ein Snder, aber er hat doch die
heiligen Weihen.
    Gut, ich schwre, sagte Pater Marian. Aber Fedko war nicht eher beruhigt,
bis der Greis die Schwurfinger emporreckte.
    Da erst atmete er erleichtert auf, blieb aber auch nun noch stehen, blickte
vom einen zum anderen, dann auf die Bcher und schttelte den Kopf.
    Merkwrdig, sagte er, sehr merkwrdig .... Diese Bcher - wer liest sie?
Snder, wie der selige milian und dieser Hochwrdige da und ein Jude. Den
frommen Patres fllt es gar nicht ein. Also knnen sie doch weder gut noch
heilig sein. Aber warum duldet man sie dann im Kloster? Und wenn sie gut sind,
warum lesen sie die frommen Patres nicht? ... Merkwrdig! Aber wie Gott will
.... Komm', Senderko.
    Von da ab konnten die beiden ungestrt arbeiten. Nur hielt Fedko streng
darauf, da kein Wort mehr gesprochen wurde, wenn er eintrat.
    Anhren will ich es nicht, sagte er. Auch machte es ihn ngstlich, da der
Prior von Tag zu Tag krnker wurde. Ich wei ja, sagte er, da der
hochwrdige Chrysostomus nun sterben mu - Altersschwche, dagegen ist kein
Kraut gewachsen. Aber vielleicht schaden ihm diese Sachen doch.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Einige Tage spter - der August neigte dem Ende zu - luteten die Glocken des
Klosters dem alten Prior zu Grabe. Der Unterricht mute unterbrochen werden;
Pater Marian war zwar nur zur Besserung im Kloster, aber der Konvent durfte
ihn doch nicht von der Teilnahme am Begrbnis und den Totenmessen ausschlieen.
    Alle Geschfte ruhten, ganz Barnow war in diesen Tagen auf den Beinen.
Erstlich gab es, da der Adel und die Geistlichkeit des ganzen Kreises
zusammengestrmt waren, viel zu sehen, und ferner war die bevorstehende Neuwahl
ein Ereignis, das alle Bewohner der Stadt lebhaft interessieren mute; fr die
Juden war es sogar eine rechte Lebensfrage. Der meiste Baugrund gehrte dem
Kloster, der alte Prior hatte den Juden um keinen Preis auch nur eine Elle
Bodens verkauft; das Ghetto war berfllt; handelte der neue Prior ebenso, so
mute ein Teil der Bewohner die Stadt verlassen. Man wute, da sich zwei
Kandidaten gegenberstanden, der duldsame Valerian und der finstere Marcellin;
selbst Rabbi Manasse gestattete, da in der Schul' ein Bittgottesdienst fr die
Wahl des Valerian abgehalten werde. Der Raum war berfllt, auch Sender fehlte
nicht und betete sogar sehr eifrig. Ein Haus brauch' ich hier nicht, dachte
er, aber vielleicht hat es dann der arme Marian besser.
    Als er aus der Schul' heimging, am Hause des Vorstehers Jossef Grn vorber,
sah er vor der Tr zwei Frauen stehen, deren eine er wohl kannte. Das
rotbckige, blhende junge Weib war Taube Grn, die Schwiegertochter des
Vorstehers, der Sender in der Sadagrer Schnke einst so reichen Kindersegen
angedichtet, ein Knblein hatte sie seither wirklich geboren. Die andere war
noch ein Mdchen, sie trug ihr Haar, prchtiges, leichtgewelltes, hellbraunes
Haar; als sie ihm nun ihr Gesicht zuwandte, fuhr er zusammen und wurde rot - das
war die Schne, Traurige! Mit Mhe fate er sich so weit, um Taube unbefangen
zu begren; sie gab ihm den Gru lchelnd, und wie er zu bemerken glaubte,
sogar etwas spttisch zurck. Das war wohl nur ein Irrtum gewesen, und so wagte
er nach einer Weile zurckzublicken. Aber er hatte sich nicht getuscht; nun
deutete Taube lchelnd nach ihm, das Mdchen hrte mit fast finsterer Miene zu
und wandte sich dann, als sein Blick sie traf, wie zrnend ab.
    Betreten ging er weiter. Ich kann mir denken, was Taube gesagt hat, dachte
er. Das ist der Pojaz, der die vielen tollen Streiche gemacht hat. Aber wer
war die Fremde und wie war ihr Bild in Frau Rosels Strickbeutel gekommen? Kein
gutes Bild, dachte er. Sie ist ja in Wirklichkeit noch viel schner, auch
nicht so mager, wie ich geglaubt hab'. Und dieser Wuchs - wie eine Knigin ...
Aber was geht's mich an!
    Dies Letzte wiederholte er sogar laut, aber es wurde dadurch nicht wahrer.
Der Gedanke an das Mdchen verlie ihn nicht, weder im Laden, noch daheim. Und
der beste Beweis dafr war, da er niemand nach ihr zu fragen wagte, weder den
Winkelschreiber, der als Verwandter Grns sicherlich um den Besuch wute, noch
Frau Rosel.
    Bei Einbruch der Dmmerung - Sender sa eben mit der Mutter beim Abendessen
- trat der Marschallik ein. Wit ihr schon, erzhlte er unter anderem, heut'
abend ist die Wahl. Man sagt, da der gute Mensch, der Valerian, mehr Aussichten
hat. Das wr' gut fr die ganze Stadt, und besonders fr mich. Wenn die Leut'
erst bauen knnen, geht mein Geschft doppelt so gut. Jossef Grn allein baut
dann zwei neue Huser - eins fr seinen Schmule und eins fr Mosche, den
Jngeren.
    Der ist ja noch ledig, sagte Sender.
    Wird's aber nicht lang mehr bleiben. Es ist zwar noch ein strenges
Geheimnis, und wenn ihr jemand ein Wort davon sagt, zerstrt ihr mir vielleicht
das Geschft, aber die Braut ist schon im Haus. Gestern abend ist sie gekommen.
Ein schnes Mdchen, wunderschn, gute Familie, feine Mitgift, aber weil sie
leider zufllig Deutsch lesen kann, will sie Jossef erst einige Zeit unter
seinen Augen haben, ob sie fromm genug geblieben ist.
    Natrlich! sagte Sender grimmig. So ein Glck, wie den dummen Jungen, den
Mosche, der kaum sechzehn ist und wie dreizehn aussieht, ist nicht bald eine
wert.
    Was geht das dich an? fragte der Marschallik. Du bist ja ordentlich
zornig geworden. brigens hast du recht: ein ungleiches Paar. Ich hab' sie
ursprnglich fr einen anderen bestimmt, der besser fr sie gepat htte, aber
das hab' ich mir aus dem Kopf schlagen mssen; der will, scheint es, berhaupt
nicht heiraten oder wartet auf die Prinzessin aus dem Mond. Du kennst ihn auch!
    Sender zwang sich zu einem Lachen, aber es klang nicht ganz unbefangen.
    Da habt Ihr recht getan, sagte er. Der heiratet schwerlich - das heit,
nicht so bald, verbesserte er sich hastig, als er die Mutter schmerzlich
zusammenzucken sah. Aber wer ist es denn?
    Reb Hirsch Salmenfelds Malke, sagte der Marschallik, die Freundin meiner
Jtte, aus Chorostkow.
    So - die? sagte Sender langgedehnt. Jtte hat ja Wunder von ihr erzhlt.
Dann aber blitzte der Gedanke in ihm auf: Wenn er gar nicht ernstlich an mich
gedacht hat, wie kommt Malkes Bild in den Strickbeutel meiner Mutter? Laut aber
sagte er: Also die Verlobung mit Mosche ist beschlossene Sache?
    Ich hoffe, sagte Trkischgelb. Jossef sagt: Wenn sie mir gefllt. Aber
wem wrde die nicht gefallen? Eben hat er mir gesagt: Ihr habt sie noch zu wenig
gerhmt, Reb Itzig. Und jetzt ist sie kaum einen Tag hier.
    Und wie gefllt sie dir? wandte sich Sender an die Mutter.
    Ich kenn' sie ja nicht, erwiderte Frau Rosel.
    Aber ihr Bild kennst du doch.
    Ihr Bild? Frau Rosels hageres Antlitz berzog sich mit dunkler Rte.
Woher weit du, da ich ihr Bild gehabt habe? Ich hab' nicht gewollt, da du es
siehst, wahrhaftig nein.
    Sender kannte den Ton, das war die Wahrheit. Aber warum war sie dann gar so
verlegen und blickte hilfeflehend nach dem Marschallik hin? Dahinter steckte
doch was.
    Er sollte es sogleich erfahren. Wir wollen ihm die volle Wahrheit gestehen,
Frau Rosel, sagte Trkischgelb. Wie ich ihn kenne, wird's ihn nicht krnken.
Vor der Rekrutierung hab' ich dich Reb Hirsch angetragen, er war einverstanden.
Deine Krankheit ist dazwischen gekommen. Dann hab' ich vor einigen Wochen die
Sach' wieder anspinnen wollen und deiner Mutter das Bild gebracht. Sie war ganz
entzckt, das wird dich nicht wundern, du hast es ja gesehen. Nun sagt aber Reb
Hirsch nein. Ich wei, sagt er, er hat einen Gewinn gemacht, auch Jtte hat gut
von ihm gesprochen, aber seit ich erfahren hab', da er Deutsch kann, will ich
nichts mehr von ihm wissen. Das ist alles. Es rgert dich doch nicht?
    Nein, sagte Sender. Dann erhob er sich und trat ans Fenster. So konnte er
nicht sehen, wie listig der Marschallik Frau Rosel zulchelte und dabei den
Finger auf den Mund legte.
    In dem Augenblick erklangen alle Glocken der Stadt und des Klosters; die
Messe, die den Wahlakt einleitete, hatte begonnen.
    Der Marschallik verabschiedete sich. Ich mu doch hren, was drinnen
vorgeht, sagte er. Kommst du mit, Sender?
    Spter, erwiderte dieser.
    Mir scheint, sagte der Marschallik, du bist doch gekrnkt. Bedenk', jeder
Mensch mu seinem Gewissen folgen, auch Reb Hirsch. Und da du niemand sagst,
wozu Malke hier ist, darauf hab' ich dein Wort - nicht wahr? Denn Jossef ist ja
auch sehr fromm, und wenn er etwa doch nein sagt - aber ich will dir keine
Hoffnungen machen.
    Hoffnungen! rief Sender rgerlich. Redet keinen Unsinn. Ich denk' gar
nicht an Eure Malke.
    Das glaub' ich gern, erwiderte treuherzig der Marschallik und ging beraus
vergngt von dannen.
    Eine halbe Stunde spter kam Sender desselben Weges. Was so ein Chassid
kann, dachte er zornig. So lang ich nichts kann und nichts habe, bin ich ihm
recht - jetzt nicht mehr. Vernnftig geht's bei uns zu - das mu man sagen! Ein
so schnes, gebildetes Mdchen und dieser dumme, grne Junge! brigens - fr
mich ist's jedenfalls so besser, denn wenn mich der Vater gewollt htt', ich
htt' doch nein sagen mssen, und hier wr's mir schwer gefallen, glaub' ich.
    Vor dem Gittertor des Klosterhofs stand die halbe Gemeinde und harrte in
angstvoller Spannung der Entscheidung. Man vernahm nur zuweilen ein Flstern, zu
lachen wagte niemand. Umso geruschvoller ging es drinnen im Hofe zu. Da
standen, saen und lagen die katholischen Brger der Stadt, tranken und aen bei
Fackelschein von den guten Gaben, die ihnen die Diener des Klosters auf
mchtigen Holztischen hingestellt, und johlten dazu, da die Fenster klirrten.
Wurde der Lrm zu arg, dann erhob sich Fedko, der wrdige Pfrtner, von dem
Bnkchen neben der Tr, murmelte etwas gegen die Trunkenen hin und rief dann mit
Stentorstimme gegen den Haufen drauen: Ruhe, ihr verruchten Juden! Vor einem
solchen Lrm wrde der Teufel Reiaus nehmen und nun gar der heilige Geist! Und
der heilige Geist, ihr Lumpenhunde, ist doch bei der Wahl notwendig. Denn wie
sollen die hochwrdigen Herren sonst auf den Rechten kommen?
    Da drngte hastig ein halbwchsiger Bursche durch die Reihen der Juden.
Platz! schrie er. Mich schickt mein Vater.
    Es war Mosche Grn. Fedko, rief er den Pfrtner an. Ihr sollt sagen, wer
gewhlt ist. Aber gleich!
    O du freche, kleine Krte, zeterte der Alte. Willst du es frher wissen
als der heilige Geist? Zurck - oder!
    Er hob die Hand. Mosche flchtete kreischend. Die anderen verhhnten ihn,
und am lautesten Sender.
    Dann ging er weiter auf den Marktplatz. Auch hier wimmelte es von Menschen,
und wer nicht auf die Strae getreten, stand doch am offenen Fenster. So Jossef
Grn; er sprach mit einigen Mnnern auf der Strae. Im Fenster daneben stand die
Fremde neben Taube und blickte ernst auf das laute Treiben nieder.
    Sender trat so weit zurck, da sie ihn nicht gewahren konnte, und starrte
zu ihr empor. Warum sollt' ich's nicht tun? dachte er. Ein schnes Gesicht
darf man doch ansehen! Und merkwrdig, jetzt so von der Seite, ist sie schner
als bei Tage. Wie diese dicke Taube, die doch sonst ein hbsches Weib ist, neben
ihr aussieht! Wie eine Stopfgans neben einem Schwan! Wahrhaftig die passende
Braut fr den Jungen, der sich eben so ausgezeichnet hat.
    Da kam dieser eben herbeigestrzt. Vater, klagte er, sie sagen mir's
nicht. Und der Fedko hat mich schlagen wollen, und die anderen haben mich
ausgelacht.
    Ein geschickter Bote bist du, zrnte Jossef und lie den Blick ber den
Platz schweifen. Ist denn kein verstndiger Mensch da, der es mir so bald wie
mglich meldet?
    Da trat Sender hervor. Ich will's versuchen, Reb Jossef, sagte er und
schielte dabei zum Nebenfenster empor. Er sah, wie Taube auflachte und dabei
Malke neckend anstie; die aber wurde rot und trat rasch ins Zimmer zurck.
    Brav, Sender, sagte der Vorsteher erfreut. Du bringst es gewi heraus.
    Sender eilte zum Kloster zurck. Was bedeutet das? dachte er. Sie haben's
beide wieder so gemacht wie heute vormittag.
    Fedko hatte eben abermals eine Mahnrede gehalten, diesmal mit merklich
unsicherer Stimme.
    Sender trat auf ihn zu. Wie steht's drinnen? fragte er.
    Senderko - du? rief Fedko zrtlich und klammerte sich ans Gitter. Es war
keine berflssige Bewegung, denn die groe Flasche, die auf dem Bnkchen stand,
war bereits nahezu leer. Noch nichts entschieden! Aber sobald ich was wei,
sag' ich's dir - dir allein - denn du bist zwar verrckt, ganz verrckt -
Kommedia, hebe! - und ein Jude, aber ich hab' dich gern, Senderko, sehr gern
...
    Sender blieb neben dem Gitter stehen. Er brauchte nur wenige Minuten zu
harren. Ein dienender Bruder erschien im Hofe und rief laut: Geht heim, die
Entscheidung wird erst morgen verkndet. Unter den Juden erhoben sich Rufe der
Enttuschung; von den Zechern drinnen horchten nur wenige auf. Frag' ihn, was
es gibt, bat Sender den Pfrtner, und der steuerte denn auch gehorsam im Bogen
auf den Frater zu und kam dann ebenso zurck.
    O die Schlauen, kicherte er. Sie wollen nur das betrunkene Pack los sein.
Sie frchten, die Kerls lassen den Valerian sonst bis morgen frh hochleben und
fordern immer mehr Met und Schnaps. Schande - er taumelte - Schande, sich bei
solcher Gelegenheit zu betrinken. Aber wer gewhlt ist, darf ich dir nicht
sagen, der Bruder hat's verboten.
    Dann will ich nicht in dich dringen, lachte Sender und trat zurck. Im
nchsten Augenblick umgab ihn ein Knuel Fragender, und zwanzig Hnde zugleich
faten ihn am Kaftan, Knpfen und rmeln. Was hat er gesagt? Was hat er
gesagt? Aber er schttelte sie ab. Ich wei es nun, rief er. Aber der
Vorsteher mu es zuerst erfahren.
    Wie ein Triumphator, rings von einem Gefolge umgeben, trat Sender den Weg
zum Marktplatz an, anfangs rasch, dann immer langsamer. Denn das Gefolge wuchs
von Schritt zu Schritt lawinenartig an, weil einer dem anderen zurief: Sender
hat's herausgebracht und bringt's nun dem Vorsteher. Aber auch Sender beeilte
sich nicht, es war ihm nicht unbehaglich, so dahinzuschreiten, von allen Seiten
bei den Knpfen gefat, aber auch bewundert, denn auch sein Lob erklang von
aller Lippen. Sie wollen's nicht sagen, aber der Pojaz wei es.
    Als der Zug endlich vor Jossef Grns Haus anlangte, war er, aber auch
Senders Verdienst ins Ungemessene angewachsen: So ein Kopf! Das war noch nicht
da.
    Jossef, der eben mit den Seinen beim Abendessen gesessen, eilte ihm auf die
Gasse entgegen und fhrte ihn in die Stube. Nun, rief er in atemloser
Erregung, rede! Marcellin oder Valerian?
    Aber mit einem Worte Antwort zu geben, war Sender nicht gewillt. Er lie
seinen Blick durchs Zimmer schweifen. Da stand die ganze Familie und die anderen
angesehenen Leute der Stadt und hingen an seinem Munde. Malke hatte sich in
einer Ecke verborgen, hinter dem breiten Rcken der Freundin, aber auch ihre
Augen sah er erwartungsvoll auf sich gerichtet. So groe blaue Augen, dachte
er, wie heit die griechische Gttin im Lesebuch, die solche Augen hat? Laut
aber sagte er endlich: Furchtbar ist es bei der Wahl zugegangen, Reb Jossef,
ganz furchtbar. Und Sachen haben sich die beiden Parteien gesagt, Sachen, schn
war's nicht. Wenn ihr den Valerian whlt, riefen die einen, so ist's mit der
Klosterzucht vorbei und er verkauft ganz Barnow an die Juden. - Und wenn ihr den
Marcellin whlt, riefen die anderen, so ist unser Leben hier nicht lnger zu
ertragen und das Kloster verarmt. Warum sollen wir den Juden nicht gegen gutes
Geld Baugrund verkaufen? Es bricht ja vielleicht eine Pest aus, wenn wir sie
noch lnger zusammenpferchen. Es ist aber noch schlimmer gekommen -
    Schlimmer? rief Jossef erblassend. Schlimmer? wiederholten die anderen
atemlos.
    Bei den Verhandlungen nmlich, sagte Sender. Bse Worte - aber wozu die
wiederholen? Endlich sagt der Subprior: Wir werden uns nicht berzeugen. Whlen
wir. Er verteilt die Stimmzettel und -
    Und?
    Athene heit die Gttin, dachte Sender, aber diese Augen sollen mich noch
lnger so ansehen! - Und jeder schreibt einen Namen auf, fuhr er fort. Auch
dabei ist es nicht ganz glatt zugegangen, hr' ich. Endlich sammelt der Pater
Sekretr die Stimmen und der Subprior beginnt zu lesen: Marcellin - Valerian -
Marcellin - Valerian -
    Stimmengleichheit? stie der Vorsteher hervor.
    Sender schttelte den Kopf. Zapple nur, dachte er, so ein Mdchen fr deinen
Mosche! - Dann Marcellin, Marcellin, Marcellin -
    Gott Israels! sthnte Jossef Grn angstvoll.
    Und Marcellin, fuhr Sender fort. Halt, dachte er, dreizehn Whler sind's
ja nur. - Dann aber Valerian und Valerian bis zu Ende.
    Und wer ist gewhlt?
    Valerian! Aber es wird erst morgen verkndet!
    Valerian, jauchzte der Vorsteher und umarmte Sender. Valerian, fielen
die anderen ein. Und es klang auf die Strae hinaus und einige Minuten spter
bis in die entlegenste Ecke des Ghetto: Gott sei gelobt, Valerian! Auch der
rmste, der nie hoffen durfte, ein Fubreit Erde sein Eigen zu nennen, jubelte
auf, als wre ihm ein Haus geschenkt; ein schwerer Druck war von den Gemtern
genommen, unter jenen Mnnern, von denen das Schicksal dieser Mhseligen und
Belasteten abhing, war ein menschlich Gesinnter mehr.
    Wein her! rief Jossef. Setzt euch alle. Du, Sender, neben mich. Du weit,
ich hab' immer was von dir gehalten. Und nun erzhle: wie hast du alles so genau
erfahren?
    Mein Geheimnis, erwiderte Sender lchelnd. Wieder schweifte sein Blick zu
Malke hin. Sie vermied es, ihn anzusehen, aber hren sollte sie ihn. Es ist
doch auch vielleicht manchmal fr die Gemeinde gut, wenn einer Deutsch lesen
kann und auch andere Leut' kennt, als Juden.
    Gewi߫, gab Jossef zu. Das heit, fgte er zgernd bei, fr alle wr's
nicht gut. Aber wenn's ein Mann zugleich zu seinem Geschft macht, wie du, und
so einen feinen Kopf hat, so kann niemand was dagegen haben ... Also, fuhr er
hastig fort, um von dem heiklen Thema abzukommen, wie du es erfahren hast, ist
ein Geheimnis. Aber warum wird die Wahl erst morgen verkndet?
    Fragt nicht, Reb Jossef, sagte Sender mit vielsagendem Lcheln. Lat Euch
an der Nachricht gengen. Denn wenn ich Eure Neugierde befriedige, so wird mir
dadurch vielleicht ein Weg verrammelt, auf dem ich der Gemeinde auch in Zukunft
ntzen kann. Ein Weg ins Kloster - Ihr seht, ich bin ein gefhrlicher Mensch.
    Nein, rief Jossef eifrig, da du ein guter Jude bist, wei ich.
    Ich widerspreche nicht, sagte Sender lchelnd, aber mit Wrde. Auch
leidlich vernnftig bin ich geworden, Zeit wr's. Er blickte Taube scharf an.
Wer mich jetzt noch als Pojaz ausschreit, tut mir unrecht. Und das alles trotz
der deutschen Bcher, Reb Jossef; sie knnen also nicht gar so schlecht sein.
Ihr sagt: Du bist ein Geschftsmann, dir verzeihen wir sie. Freilich mu ich sie
auch zu meinem Geschft machen, ich bin ja arm. Aber wenn ich reich wr', tt'
ich's erst recht. Und wenn Ihr so denkt, so mu Euch ja ein Mdchen, das
deutsche Bcher liest, gar als Snderin erscheinen?
    Der Vorsteher stie ihn heftig mit dem Fu an. Der neue Prior - begann er
laut.
    Aber Sender war nicht der Mann, sich einschchtern zu lassen. Warum tretet
Ihr mir auf den Fu? fragte er noch lauter. Ich wt' gern, wie Ihr ber so
ein Mdchen denkt? Ich meine, man mu ihr deshalb nur noch mehr Achtung -
    Er verstummte bestrzt. Malke, die bisher mit glhenden Wangen und gesenktem
Blick dagesessen, hatte sich geruschvoll erhoben. Komm', Taube, sagte sie und
schritt zur Tr hinaus. Frau Taube lachte laut auf und folgte ihr.
    Hast du denn nicht gewut, wer das ist? fragte der Vorsteher. Das Mdchen
kann ja selbst Deutsch lesen. Nun hat sie's fr Spott genommen.
    Aber das war's nicht, beteuerte Sender. Ich bitt' Euch, sagt ihr das.
    Eine Schar neuer Gste trat lrmend ein, auch sie berhuften Sender mit
Lobsprchen. Aber seine Stimmung war fr heute abend verdorben. Er trat ans
Fenster; drauen gingen Malke und Taube Arm in Arm auf und nieder. Sollte er sie
ansprechen, sich entschuldigen? Vielleicht machte er's dadurch noch schlechter.
Ach was, dachte er, den Hals kann's nicht kosten! Und er trat hinaus und auf
Malke zu.
    Verzeiht, sagte er. Eine Fremde soll nicht glauben, da ich sie krnken
wollte. Ich hab's gut gemeint -
    Die blauen Augen blickten ihn abweisend, fast feindselig an. Es hat mich
nicht gekrnkt, sagte sie kalt. Nur unangenehm war's mir. Es war gar so
deutlich ...
    Das war's, gab er kleinlaut zu. Jetzt versteh' ich. Wenn man die Absicht
merkt, wird man verstimmt, heit ein deutsches Sprichwort, das in meinem
Lesebuch steht.
    Sie lchelte spttisch. So beilufig heit es, sagte sie. Aber es ist
kein Sprichwort, sondern ein Vers aus Goethes Tasso und lautet: So fhlt man
Absicht, und man ist verstimmt.
    Ich will's mir merken, sagte er demtig. Ist dieser Tasso auch ein
Spiel?
    Was versteht Ihr darunter? Ein Drama? Ja! Es klang messerscharf. Komm',
Taube.
    Aber das behbige junge Weib empfand Mitleid mit dem Mihandelten. Ihr habt
Euch ja heut' ausgezeichnet, Sender. Wie hast du ihn genannt, Malke? Der Held
des Abends. Sie wollte dadurch ein Pflaster auf seine Wunde legen. Aber warum
habt Ihr mich vorhin so scharf angesehen? Ich red' Euch nichts Bses nach. Nicht
wahr, Malke?
    Das Mdchen zuckte die Achseln. Ich erinnere mich berhaupt nicht, sagte
sie, da wir ber diesen - Herrn gesprochen htten. Komm'!
    Das war Taube denn doch zu arg. Aber Malke! sagte sie und bot Sender
herzlich die Hand zum Abschied. Ihr knnt heut' wohl schlafen, Ihr habt uns
allen eine groe Freude bereitet. Hoffentlich Euch selber die grte, fgte sie
neckend bei. Und als er sie fragend anblickte. Wann baut Ihr Euer Haus,
Sender?
    Ich? Er lachte auf. Mit Gottes Hilfe in hundert Jahren. Denn nach meinem
Tod mt's sein. Lebend tu' ich's nicht. Wozu brauch' ich ein Haus?
    Um darin mit Weib und Kind zu wohnen, lachte sie. Freilich, Euch sagt man
nach, da Ihr nie heiraten werdet. Ist das wahr?
    Nie? erwiderte er. Derlei soll man nicht verschwren. Aber nicht so
bald. Da durchzuckte ihn pltzlich ein Gedanke: Dieses hochmtige Mdchen
behandelte ihn deshalb so schlecht, weil sie wute, da ihr Vater ihn abgelehnt
hatte, und nun befrchtete, er knnte die Werbung nochmals bei ihr selber
versuchen. O, dachte er, diesen Irrtum wollen wir dir nehmen.
    So in zehn oder fnfzehn Jahren, fuhr er fort, frher nicht, und wenn mir
die Schnste, Klgste und Bescheidenste begegnete. Denn Bescheidenheit, Frau
Taube, ist in meinen Augen mehr wert, als alles andere zusammen, mehr, als wenn
man den ganzen Goethe auswendig kann und Lessing und Schiller und Moritz
Hartmann und Shakespeare und was wei ich! Er wurde immer heftiger. Ein Mann
soll heiraten, wenn er was ist, und dann jene, die er sich aussucht, nicht der
Vermittler. Warum mich dann, werdet Ihr fragen, der Marschallik dennoch
ausbietet, wie der Metzger das Kalb? Weil er hofft, er bringt mich doch herum.
Aber er irrt sich. Seit der Mielnicer Sach' hab' ich von nichts mehr gehrt und
darum auch nicht nein sagen knnen. Aber ohne mich geht's doch nicht. Und werd'
ich gefragt, so sag' ich nein! nein! nein!
    So, dachte er, nun weit du's, du Hochmtige! Aber wie ward ihm, als nun
das Mdchen auf ihn zutrat und ihm die Hand bot.
    Ihr habt recht, sagte sie fast bewegt. Es freut mich, da Ihr so denkt!
Die Vermittler stiften viel Unheil an ... Und erst die frhen Ehen! ... Meine
Jtte hat mir gesagt: Dieser Sender hat seine eigenen Gedanken! Es freut mich,
da sie recht hat und da es vernnftige Gedanken sind.
    Frau Taube starrte die beiden betroffen an.
    Unsinn! sagte sie dann mit verlegenem Lachen. Wenn jeder so dchte, dann
knnt' die Welt aussterben. Sie errtete. Ich hab' meinen Schmule erst unter
dem Trauhimmel gesehen, auch ist er zwei Jahr' jnger als ich, und seit ich
meine Bbele hab', bin ich doch ganz glcklich. Sollen sich etwa jdische Kinder
gar noch aus Liebe heiraten?
    Bewahre, sagte Malke. Es wr' zu entsetzlich. Sie wollte es spttisch
sagen, aber es klang wie der Aufschrei eines wunden Herzens.
    Dann wandte sie sich an Sender, der noch immer ganz betroffen dastand.
    Ich hre, sagte sie freundlich, da Ihr nie einen Lehrer gehabt habt. Wie
seid Ihr eigentlich zum Deutschen gekommen?
    Durch Zufall, sagte er zgernd. Aber ich wei darum auch wenig genug. Ihr
habt mich vorhin zweimal auf Fehlern ertappt - aber wenn Ihr wtet -
    Verzeiht mir, sagte sie herzlich. Es war nicht recht von mir. Wenn Ihr
meine Lehrer gehabt httet, wo wret Ihr!
    Kaum ebenso weit, erwiderte er und wunderte sich im selben Atemzuge, da
ihm das galante Wort eingefallen. Denn sein Hirn wirbelte wie ein Kreisel,
namentlich wenn er sie ansah - und wie schn sie nun war, da ein freundliches,
gtiges Lcheln die ernsten Zge verklrte! Freilich hab' ich's nicht leicht
gehabt. Wit Ihr, wie mir mein bichen Bildung vorkommt? Da hab' ich da einen
bunten Flicken auf meinen Kaftan geheftet und dort einen - wie ich sie eben
bekommen konnte, aber ein deutscher Rock ist's nicht geworden.
    Wer wei߫, trstete sie, vielleicht schneidert Ihr Euch den auch noch
einmal zusammen ... Aber es ist spt! Sie bot ihm die Hand. Gute Nacht - und
auf Wiedersehen, nicht wahr?
    Auf Wiedersehen, erwiderte er, drckte ihre Hand herzhaft und lie sie
dann errtend fahren.
    Langsam ging er heim. Alle fnf Schritte blieb er stehen und legte die Hand
auf die heie Stirne, aber davon wollte es drinnen nicht klarer werden.
    Da erklr' mir einer das Mdchen, murmelte er. Bin ich hflich, wird sie
grob, werd' ich grob, ist sie hflich! Und da erklr' mir einer mich selber!
Mcht' ich sie heiraten? Behte! Warum hab' ich mich dann so gergert, da sie
mir beigestimmt hat?

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


Ich fahr' aus der Haut ... Was hast du da geschrieben? ... Ich platz'.
    So fat Euch doch, Reb Dovidl!
    Fassen? Nicht mich, sondern dich werd' ich fassen und vor die Tr setzen.
Oder ins Irrenhaus stecken. Wenn diese Eingab' abgegangen wr', htten sie mich
gefat. Das war noch nicht da!
    Aber was ist es denn?
    Er fragt noch, was es ist! Was schreibst du in der Sach' kontra Schlome
Rosental? Wenn es aber schon vom hochlblichen kaiserlich-kniglichen Bezirksamt
leider angenommen worden ist, da wir den Bart ausgerissen haben, so erheben wir
Gegenklage und zwar ich, Naphtali Ritterstolz wegen eines verletzten Ohrs, und
ich, Chaim Fragezeichen, wegen eines blauen Augs. Dann steht ein groer
Tintenfleck da. Dann Blaue Augen und hundertunddreizehn Ausrufungszeichen. Dann:
Allerliebste Trumerin! wie sehr bewundere ich dein sanftes, liebevolles Herz.
Dann: Wir Endesgefertigten bitten daher um Gerechtigkeit. Das nchste Irrenhaus
ist in Lemberg. Es ist die hchste Zeit!
    Ich hab' mich verschrieben .... Das kann jedem begegnen. Ich will's noch
einmal machen.
    Sehr gndig! Verschrieben - haha! Seit zwei Wochen tust du nichts als dich
verschreiben. Allerliebste Trumerin! und dreihundertzweiundvierzig
Ausrufungszeichen. Ich sag' dir, das kann nur einem begegnen, der ... Aber ich
sprech's nicht aus, ich schm' mich! - Du bist doch auch ein Jude. Das kommt von
den deutschen Bchern!
    Davon kommt es wirklich. Es ist ein Zitat aus einem Stck, das ich eben
lese, aus Schillers Rubern.
    Hahaha! Das soll eine Entschuldigung sein. Wie kommt eins zum anderen? Sind
Chaim Fragezeichen und Naphtali Ritterstolz Ruber? Arme Melamdim (Lehrer) sind
sie, denen durch die Verdrehungen dieses Luiser blutiges Unrecht geschieht. Ich
aber sag' dir, du allerliebster Trumer, die Sach' ist anders, und ich kenn'
diese Trumerin. Werd' nicht rot - oder nein! werd' rot, dunkelrot und schm'
dich und mach' der Sach' ein End' ...
    Ich schwr' Euch, wir haben bisher immer nur von deutschen Bchern
gesprochen.
    Schlimm genug, da ihr berhaupt so viel gesprochen habt, dafr spricht man
ber euch zehnmal mehr! Ich wunder' mich nur, da mein Vetter, Reb Jossef, es
duldet. Er ist doch sonst ein frommer, braver Mann. Mach' ein End', sag' ich,
oder ich mach's. Es ist die hchste Zeit. Entweder das Mdel gefllt dir und du
pat ihrem Vater, dann bitt' deine Mutter, da sie durch den Marschallik bei ihm
anfragen lt. Oder du hast nichts Ernstes vor, dann schreib' mir nicht in meine
Eingaben siebenhundertzweiundachtzig Ausrufungszeichen und unsinnige Sachen
hinein! Die hchste Zeit, sag' ich, die hchste Zeit!
    Und Herr Morgenstern erhob beide Hnde zum Himmel und verschwand in der
Prifat-Agentschaft.
    Sender aber blieb wie vom Donner betubt auf seinem Platze und starrte
regungslos vor sich hin. Allzu klar waren seine Gedanken und Empfindungen in den
beiden letzten Wochen ohnehin nicht gewesen; jetzt vollends fhlte er sie toll
durcheinander wirbeln, als htte jedes von ihnen seinen eigenen Willen und nur
er selbst keinen mehr. So sa er wohl eine halbe Stunde mit weitgeffneten Augen
und sah und hrte nichts, kaum da er ab und zu auf das Korpus delikti blickte,
das Dovidl erzrnt vor ihn hingeworfen. Es stand alles wirklich da: der
Tintenfleck, die Worte, die Ausrufungszeichen. Nur ihre Zahl hatte der
Winkelschreiber ein wenig bertrieben, es waren nur ihrer drei. Aber Sender
seufzte doch jedesmal tief, tief auf, so oft sie ihm in die Augen fielen.
    Endlich raffte er sich auf. Aber das ist ja alles Unsinn, murmelte er und
prete die Hand auf die Stirne. Unsinn, wiederholte er halblaut. Ich hab'
manchmal mit ihr gesprochen - ja, aber solche Sachen! Die Leut' reden? Was
knnen wir dafr? Und: Unsinn, Unsinn! rief er nun fast schreiend, als mte
er sich selbst berzeugen, und suchte in rechter Herzensangst alles zusammen,
was fr diese harmlose Auffassung sprach.
    Niemals hatten sie von der Liebe gesprochen, nicht einmal in demselben Sinn
wie am ersten Abend. Sie unterhielten sich von dem Leben um sie her, von den
Bchern, die er kannte, von anderen, die sie ihm empfahl - und immer war sie die
berlegene, aber freundlich herablassende Lehrerin gewesen, er der ehrerbietige,
wenn auch nicht immer zustimmende Schler geblieben.
    Alles wute sie, alles! Da neckte ihn Taube einmal mit seinen schchternen
Versuchen, Kaftan und Wangenlckchen krzer zu tragen. Aber damit kam sie bei
Malke bel an. Glaubst du, da das jdische Tracht ist? Wir haben sie von den
Polen angenommen, als wir hier eingewandert sind. Nun tragen sie eine andere,
und uns soll ihre alte heilig sein? Man sprach von dem Neujahrsfest, das eben
gefeiert wurde. Alles haben wir anders als die Christen, meinte er. - Die
Zeitrechnung freilich, erwiderte sie, aber die meisten Feste nicht. Ostern und
Pfingsten zum Beispiel haben sie von uns bernommen. Es klang unerhrt, fast
sndhaft, aber sie wute es zu begrnden.
    Zuweilen wollte ihm ob solcher Gelehrsamkeit fast bange werden; er begann
Scherze auszukramen, wie sie die Leute sonst gern von ihm hrten, aber da
blickte sie ihn gro an, und er verstummte. Oder er fragte nach ihrem Leben
daheim und nach ihren Jahren in Czernowitz. Darauf gab sie Bescheid, aber nur
ganz kurz. Er verbelte es ihr nicht, es mochte traurig sein, nun wieder in dem
den Nest zu leben - unter Larven die einzig fhlende Brust - wie sie einmal
zitiert hatte, aus Schillers Taucher, den mssen Sie lesen! - und zudem war ja
eine Stiefmutter im Hause.
    Er selbst enthllte ihr auch nicht alles. Zwar von Wild erzhlte er und von
den Bchern, die er gelesen, aber nicht von seinen Plnen. Taube verrt mich am
Ende sonst, dachte er. Gleichwohl schien es ihm einmal, als ob sie ihn
durchschaut htte. Es ist merkwrdig, sagte sie, da Sie bisher nur Dramen
gelesen haben und mich auch nur nach Dramen fragen. Auch Romane sind schn, und
gar Gedichte. Ihre Augen leuchteten. Laura am Klavier oder Das Lied an die
Freude. Goethes Gedichte sind ja auch hbsch, aber nicht wie diese! Aber Sie
kmmern sich nur um Spiele. Warum? Sie blickte ihn lchelnd an. Er errtete.
Dann begann sie vom Czernowitzer Theater zu sprechen und welch groer Knstler
Nadler sei.
    Den kenn' ich ja, rief er, und ein guter Mensch ist er auch!
    Wieder lchelte sie ganz eigentmlich. Also Sie kennen ihn? sagte sie.
Das erklrt mir vieles. Er war sehr verlegen, sie aber fuhr rasch fort: Es
ist brigens ein gefhrlicher Beruf! Wie leicht gleitet man da in die Tiefe, wie
schwer ist's, nach oben zu klimmen! Es kommt nicht auf das Talent allein an,
auch auf den Charakter. Da war im Frhling eine Truppe bei uns, erbrmliche
Schmierenkomdianten, aber ein Mdchen war wirklich begabt. Ich habe mich fr
sie interessiert, schon ihres Talents wegen und dann weil die Leute fanden, sie
she mir hnlich. Aber sie war nicht mehr zu retten!
    All der Gesprche erinnerte er sich nun. Nein, Dovidl, du tust mir
unrecht! Aber es war ja auch aus anderen Grnden Unsinn. Htte es sonst der
Vorsteher geduldet? Es geschah ja unter seinen Augen. Und du, Langnasiger,
murmelte er, weit nicht, was ich wei: da er sie seinem Mosche bestimmt hat.
Der Alte wrde schn dreingefahren sein, wenn so was zu wittern wre.
    Er streckte den Kopf aus der Ladentr und atmete tief auf. Aber da fuhr er
erschreckt zusammen und wurde bleich. Und warum? Ein Tropfen war ihm auf die
Nase gefallen, und als er emporblickte, sah er, da der Himmel umwlkt war. Um
Gotteswillen, es wird regnen bis zum Abend, wie vorgestern, und ich seh' sie
nicht! Und da scho ihm auch wieder das Blut in die Wangen. Warum war ich
vorgestern so unglcklich, warum bin ich jetzt so erschrocken? Weil sie mich
belehrt? Das mag ich Dovidl erzhlen, aber nicht mir selber. Lg' nicht, Sender!
Wenn's dir nur um die Belehrung ist, warum klopft dir das Herz zum Zerspringen,
sobald es dmmert? Warum zieht's dich wie mit Ketten zu Jossefs Haus? Warum
starrst du ihr immer so ins Gesicht! Du horchst kaum auf das, was sie spricht,
und siehst sie nur immer an und denkst: O wie schn sie ist! Deine Lehrerin!
Hast du je von dem Furbes getrumt oder jetzt vom Pater Marian! Und von ihr
allnchtlich! Und du arbeitest ja auch in all der Zeit nichts mehr, und was du
machst, ist verkehrt. Du trumst am hellen Tag und denkst ja an nichts, gar
nichts mehr als an sie. Du bist verliebt, Sender. Ja, das ist das, was in den
Bchern die Liebe heit, und nichts anderes!
    Er sank auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch und schlug die Hnde vors
Gesicht. Um Himmelswillen, das war ja ein Unglck, er konnte sie ja nicht
heiraten, er mute doch nach Lemberg gehen, sobald die Sache mit dem Mautvertrag
der Mutter in Ordnung war. Aber wie sollte er fort? Er war vorgestern wie ein
Narr im Regen auf dem Marktplatz auf und ab gelaufen, ob sie sich nicht doch
blicken lasse, und war dann endlich ebenso durchnt wie verzweifelt
heimgeschlichen, und heute hatte ihn der eine Tropfen entsetzt - er blickte
hinaus, nun regnete es wirklich, o Jammer - wie sollte er sie nun gar fr immer
entbehren! Sie lassen? Unmglich! Sein Ziel lassen? Unmglich! Aber eins von
beiden mute doch sein. Das war ja ein Unglck, ein wirkliches, wahrhaftiges,
groes Unglck!
    Erregt sprang er auf und begann im Laden auf und nieder zu gehen. Noch
einmal suchte er sich zu verteidigen. Aber von solchen Sachen war doch wirklich
nie -
    Nein! aber weshalb nicht, lieber Sender? Nur weil du dich nicht getraut
hast, davon zu beginnen. Sie ist ja schon bei der geringsten Schmeichelei
unwillig geworden! Da war das mit den Namen, murmelte er, und dann mit dem
Haar. Sie hatte der Annahme christlicher Vornamen das Wort geredet, auch Taube,
Jtte, Hirsch, Wolf seien ja deutsche Namen.
    Und Sie heien dann Regina, meinte er, Knigin bleibt Knigin!
    Da wandte sie den Kopf ab und ging bald ins Haus.
    Sie sprachen von der grausamen chassidischen Sitte, den Mdchen vor der
Trauung das Haupthaar abzuschneiden. Wenn ich daran denke, rief er grimmig,
da Ihr herrliches Haar geopfert werden soll! - sie lohnte es in gleicher
Weise.
    Er war natrlich nie darber erfreut gewesen, hatte sich aber getrstet:
Sie fhlt sich eben schon als Mosches Verlobte und hat sich in ihr Schicksal
gefunden. Erst jetzt fiel's ihm ein, da diese Ergebung sie nicht hinderte, im
Beisein ihrer knftigen Schwgerin so scharf ber derlei ungleiche Ehen
herzuziehen und von Mosche als von einem verzogenen Knaben zu sprechen. Hatte es
einen anderen Grund? Etwa dieser Bernhard, den sie so oft zitierte ...?
Unmglich, er mute ja weit, weit lter sein als sie, sie hatten sich seit
Jahren nicht mehr gesehen. Es war doch wohl nur der Gedanke: Wenn ich Jossef
Grn gefalle, bin ich die Braut seines Sohnes. Aber es war fast unmglich, da
er, einer der Frmmsten im Ghetto, eine solche Schwiegertochter whlte. Darum
gestattete er wohl auch den Verkehr mit Sender: von Jossef also war kein
Einspruch zu befrchten. Und ebensowenig von ihrem Vater, er gab wohl nach, wenn
er sah, da es auch mit Mosche nichts war. Sie selbst aber? Wenn sie Mosche
gewollt hat, dachte er, so wird sie doch auch mich nehmen. Nur an ihm selbst
lag das Hindernis! - er mute ja Schauspieler werden. -
    Ich mu߫, murmelte er. Ich mu߫, wiederholte er lauter. Schon heut' abend
geh' ich nicht mehr hin. Das Herz wird mir weh tun, ich kann ihm nicht helfen
... Und jetzt wird wieder gearbeitet. Er schritt an seinen Platz zurck. Mit
aller Kraft! rief er laut und streckte die Arme.
    Jesus Maria! ... O du armer Senderko!
    Er sah sich erschreckt um. An der Tr des Ladens stand Fedko und blickte ihn
scheu, aber mitleidsvoll an.
    Du, Fedko? Komm' nher.
    Aber der Alte blieb an der Tr stehen, und als Sender auf ihn zutrat, wich
er einen Schritt zurck.
    Also du sprichst jetzt schon immer mit dir selbst? sagte er bang und
musterte ihn scharf. Ich hab' dir immer gesagt, Senderko, das nimmt kein gutes
Ende .... Lt du dich deshalb nicht mehr blicken?
    Nein, Fedko, ich bin noch bei Vernunft. Ich bin seit der Wahl ausgeblieben,
weil ich nicht gewut habe, ob Pater Marian wieder Zeit fr mich hat.
    So, so? Der Pfrtner schttelte den Kopf. Und Augen macht er heute auch,
murmelte er, wie ich sie noch nicht an ihm gesehen habe. Aber was geht das mich
an? Also, fuhr er laut fort, der Hochwrdige lt dir sagen, da du von heut'
mittag ab wieder in die Bibliothek kommen kannst, obwohl er seit vorgestern
nicht mehr daneben wohnt.
    So? Warum?
    Weil er kein ganzer Snder mehr ist, sondern nur noch zur Hlfte, oder zu
einem Viertel oder vielleicht gar nicht. Nmlich ein neuer Prior, eine neue
Frmmigkeit. Dieser hochwrdige Valerian - er seufzte tief auf - stellt alles
auf den Kopf. Ein bichen Trinken ist eine Snde, aber den Juden Baugrnde
verkaufen, das darf ein Christ. Die Mnche brauchen zu viel, sagt er, aber bei
einer Malerin in Lemberg ein neues Altarbild fr die Klosterkirche bestellen,
dazu hat er das Geld. Den Pater konom hat er in eine Nonnenzelle gesetzt, weil
er ihm nicht glaubt, da die Frsterin, die Frau Putkowska, seine Nichte ist,
und sie ist es doch schon seit acht Jahren. Aber der Pater Marian, der einem
Juden eine, Kommedia' lehrt, bekommt ein schnes Zimmer im ersten Stock. Das
heit, das wei der Prior freilich nicht und soll's auch nicht erfahren. Also
kommst du heute an die Tartarenpforte?
    Ja, und ich lasse dem Pater schn danken. Da fiel sein Blick auf die
Eingabe; die mute ja sofort geschrieben sein. Erst morgen, lieber Fedko, da
aber gewi.
    Gewi? fragte der Alte und schttelte traurig den Kopf. Was ist in
solchen Zeiten gewi? Am Ende verlier' ich auch diesen Slibowitz. Aber wie Gott
will.
    Sender machte sich an die Arbeit. Vorerst besah er sich noch die
verhngnisvolle Stelle. Nun fiel ihm bei, wie der Schaden entstanden. Der
mchtige Tintenfleck war zuerst auf den Bogen gekommen. Er hatte gewartet, bis
er etwas getrocknet sei, um ihn wegradieren zu knnen. Dabei waren ihm die
Gedanken von Chaim Fragezeichens blauem Auge zum Marktplatz gewandert. Dann
hatte er den Bogen umschreiben wollen, aber am nchsten Morgen das Blatt
gewendet und den Schlu beigefgt.
    Heute soll mir so was nicht passieren, dachte er. Er faltete einen neuen
Foliobogen und begann das Rubrum zu schreiben. Replik in Sachen ... Dovidl
sollte diesmal zufrieden sein, das Wort Replik ein Muster kalligraphischer
Kunst werden, wie er es liebte. An dem R malte er allein einige Minuten.
    Arbeiten, dachte er dabei. Und die Sach' mu ein End' nehmen. Aber heut'
schon soll ich nicht mehr hingehen? Er blickte hinaus, der Regen hatte
aufgehrt. Was soll sie denn davon denken? Sie wird gekrnkt sein. Und einmal
mehr oder weniger macht doch keinen Unterschied. Und heut' hat sie mir ja
versprochen, das Trauerspiel von Schiller zu erzhlen, wo eine Knigin die
andere kpft. Das liest sie am liebsten, sagt sie, ich glaub's. Malke heit sie,
eine Knigin ist sie, eine Regina, wie die Christen sagen .... O, wie schn sie
ist, o, wie schn!
    Die Tr wurde aufgerissen, Dovidl strzte herein.
    Die Eingab' - bist du fertig? Noch nicht? Ich fahr' aus der Haut. Was hast
du in den zwei Stunden getan? Er ri das gefaltete Blatt vom Tische. Was! ...
Was? Seine Augen wurden immer grer. Regina - hahaha! Nach Lemberg - morgen,
heute, in diesem Augenblick. Eine Zwangsjacke und nach Lemberg!
    Schreckensbleich starrte Sender auf seine neue Missetat. Wahrhaftig, da
stand der Name in so schnen lateinischen Buchstaben, wie er sie irgend leisten
konnte.
    Verzeiht ... stammelte er, ich - ich hab' nur die Feder probieren
wollen.
    Probieren! lachte Dovidl krampfhaft. Seit zwei Stunden hat er die Feder
probieren wollen und nichts ist ihm dabei eingefallen, als wie Malke auf
christlich heit .... Hahaha! Aber was lach' ich noch .... Blutige Trnen sollt'
ich weinen. Das ist die Arbeit fr sechs Gulden monatlich! Du machst mich arm,
du reit mir den Kaftan vom Leibe, die Hosen reit du mir von den Beinen, die
Unterhosen ...
    Der erregte Mann htte sein Elend wohl bis auf die Haut enthllt, wenn nicht
seine Frau in diesem Moment die Tr der Prifat-Agentschaft geffnet und ihm
mit den Augen gewinkt htte. Wer ist denn da? rief er, strzte aber, als sie
ihn bedeutungsvoll anblickte, eilig hinaus.
    Sender machte sich wieder an die Arbeit. Er nahm seine ganze Kraft zusammen
und der Teil, den er bis zur Mittagsstunde fertig brachte, enthielt keine
Fehler. Dann lief er eilig zum Essen heim, er wollte raschestens zurck sein,
sein Gewissen drckte ihn.
    Er mute allein essen. Frau Rosel war nicht daheim. Sie war es gewesen, um
derentwillen Dovidl abberufen worden.
    Rabbi Manasse hatte sie zu sich entbieten lassen und ihr ein gestern an ihn
gelangtes Schreiben des Rabbi von Marmaros-Szigeth in Oberungarn vorgelesen.
Sein Amtsbruder teilte ihm mit, Froim Kurlnder lebe seit einigen Monaten dort.
Da er als morscher und verlotterter Mensch der Gemeinde zur Last falle, habe
diese mit groem Vergngen zur Kenntnis genommen, da jemand nach ihm suche, und
dies dem Bettler mitgeteilt. Froim sei auch gern bereit, nach Barnow zu kommen,
jedoch nur gegen Erhalt der Reisekosten. Ob die Barnower Gemeinde sie senden
wolle? Wo nicht, so wollte die Szigether den alten Lumpen jedenfalls los sein
und ihn gleich nach den Feiertagen entfernen, aber ob er dann nach Barnow komme,
knnte sie nicht verbrgen. Er lebt also wirklich, schlo Frau Rosel ihren
Bericht an den Winkelschreiber verzweiflungsvoll, und kommt her, obwohl unsere
Gemeinde ihm natrlich kein Geld schickt. Aber wenn die Szigether ihn fortjagen,
bettelt er sich doch wohl nach Barnow durch, da er ja hier gesucht wird. Rabbi
Manasse sagt, er mu Luiser den Brief geben.
    Dem Schurken! rief Dovidl wtend. Seht Ihr nun ein, welcher Stmper er
ist?
    Sie blickte ihn befremdet an. Ich denke, erwiderte sie, diesmal hat er
seine Sache nur allzu gut gemacht.
    Ein Stmper, wiederholte Dovidl nur umso heftiger. Er wird den Brief beim
Bezirksamt einreichen und den Antrag stellen, dem Froim Eure Klage durch das
Szigether Amt zuzustellen. Natrlich ist es nun mit der Todeserklrung nichts,
und wir haben einen Proze, der jahrelang dauert und wei Gott wie endet. Aber
deshalb ist er doch nur ein elender Stmper. Warum? Weil er sich auf den Zufall
verlt! Wenn dieser Froim nicht zufllig noch leben wrde, wie stnde Luiser
jetzt da? Ein Prifat-Advokat, der sich auf den Zufall verlt - hahaha! Ich tu'
das nie.
    Aber das war kein gengender Trost fr Frau Rosel, und auch ihre grte
Sorge vermochte er nicht zu beseitigen.
    Er wird nicht herkommen! rief er. Ganz gewi nicht! Oder doch
wahrscheinlich nicht! Oder es ist doch wenigstens mglich, da er nicht kommt.
brigens, wenn er kommt, - ich hab's Euch ja immer gesagt, da er kommen wird!
Nicht? Da irrt Ihr Euch! Ich hab's gesagt, oder ich hab's doch wenigstens immer
geglaubt - also, wenn er kommt, so ist's fr uns umso besser. Dann will er
entweder nicht zu Euch ziehen, und Ihr werdet geschieden, oder er will, dann ist
alles in Ordnung, in schnster Ordnung. Und ich hoff', Frau Rosel, da wir das
erreichen. Er ist ja ein alter Bettler, warum sollt' er sich nicht von Euch
versorgen lassen?
    Aber das wr' ja mein grtes Unglck, schrie sie entsetzt auf. Und was
soll ich dann meinem Sender sagen?
    Verzeiht, sagte Dovidl, das gehrt nicht mehr zu der Sach' Kurlnder
kontra Kurlnder, in Familiengeschichten misch' ich mich nicht. Und da bald
Jom-Kippur (Vershnungstag) ist, und ich bis dahin sehr viel zu erledigen hab'
-
    Sie ging Nun mu er heiraten, dachte sie. Binnen zwei Wochen mu es sein.
Denn wenn Froim frher da ist, so geht er mir auf und davon. Und sie eilte zum
Marschallik.
    Itzig Trkischgelb nickte. Binnen vierzehn Tagen, sagte er. Und als sie
ihn zweifelnd anblickte: Frau Rosel, hab' ich je mehr versprochen, als ich
halten kann? Heut' ist Montag. Sptestens am Donnerstag sind die beiden verlobt,
wenn nicht geradezu ein Sched (bser Geist) dazwischen kommt. Am Sonntag, wo wir
Jom-Kippur haben, knnt Ihr unserem Herrgott nicht blo Eure Snden sagen, denn
damit werdet Ihr arme, gute Frau, bald fertig sein, sondern auch Eure Freuden.
Und die werden gro sein. So ein Mdchen!
    Aber wird er wollen?
    Der Marschallik lchelte. Er? Er glht, er brennt, er flammt! Gegen sein
Herz ist ein Kalkofen eine Eisgrube .... Da macht mir anderes mehr Sorge, aber
das wird sich auch finden. Freilich mssen wir es vernnftig anstellen. Wit
Ihr, wie es unser Kaiser vor drei Jahren gemacht hat, als er mit den Ungarn
nicht hat fertig werden knnen?
    Sie blickte ihn verblfft an.
    Er hat die Russen gerufen. Kommt zum Telegraphenamt.
    Dort lie er den Beamten eine Depesche schreiben. Sie erfuhr nicht, was drin
stand, obwohl sie einen Gulden Gebhr bezahlen mute. Aber der Marschallik
trstete sie: Das Geld ist vernnftig angelegt, verlat Euch drauf. Und nun
will ich mit Sender reden.
    Vergngt lchelnd schritt er neben ihr dem Mauthause zu. Da wurde sein
Gesicht pltzlich gramvoll und finster. Schneidet ein bestrztes Gesicht,
flsterte er ihr hastig zu. Es gelang ihr nur zu gut, als sie in seine jhlings
verwandelten Zge blickte. Da ist er ja, fuhr er leise fort. In der Tat kam
Sender rasch des Weges, er wollte in den Laden zurck.
    Frau Rosel, begann der Marschallik, als der junge Mann in Hrweite war,
mit lauter Stimme, ich hab' Euch gleich gesagt und wiederhol's nun: Euch geb'
ich keine Schuld, aber mit Sender bin ich fertig! Fertig! wiederholte er,
obwohl mir das Herz dabei sehr weh tut. Seine Stimme brach sich vor Wehmut.
Denn ich hab' ihn lieb gehabt wie einen Sohn und war gegen ihn wie gegen einen
Sohn! Und er, er tut mir dafr das an, das, Frau Rosel!
    Was? wollte sie fragen.
    Schweigt! murmelte er hastig und fuhr laut fort: Ihr schweigt! Recht habt
Ihr! Da ist nichts mehr zu sagen. So einen Undank, wie ich von diesem Pojaz -
    Von mir? rief Sender bestrzt und trat heran. Was redet Ihr da, Reb
Itzig? Was hab' ich Euch getan?
    Der Marschallik lachte krampfhaft auf. Was er mir getan hat? Das arme,
unschuldige Kind! Soll ich ihm berhaupt noch antworten, Frau Rosel? Verdient
er, da ich ihm antworte? Aber weil Ihr mich drum bittet - meinetwegen ....
Komm'! und er schritt finster dem Mauthaus zu.
    Was ist geschehen? wandte sich Sender kleinlaut an die Mutter.
    Sie zuckte die Achseln. Geh' nur, erwiderte sie. Du wirst ja hren. Sie
selbst trat in die Kche; sie wute nicht, welches Gesicht sie bei dieser
Unterredung machen sollte.
    Als sie in der Wohnstube waren, begann der Marschallik: In mir kocht's,
aber ich will ruhig bleiben. Ich will dich nur etwas fragen: Weit du, da das
Vermitteln von Heiraten mein Erwerb ist: Ja oder nein?
    Natrlich, Ihr lebt davon. Aber -
    Gut oder schlecht? Bin ich ein reicher Mann?
    Nein. Aber -
    Hast du gewut, da es mein Geschft ist, wenn Reb Hirschs Malke heiratet?
Und hast du gewut, wozu Malke in das Haus des Vorstehers gekommen ist? Nun?
Werd' nicht rot wie ein Krebs, nicht grn wie eine Gurke, schnapp' nicht nach
Luft wie ein Karpfen im Sand, sondern antworte: Ja oder nein!
    Nun - ja!
    Und woher hast du es gewut? donnerte Trkischgelb. Weil ich es dir
anvertraut hab'. Als Geheimnis meinem besten Freund anvertraut! Und wie hast du
das Vertrauen bentzt? Du hast mein Geschft zerstrt, hast die Partie
zerstrt!
    Sender konnte nichts erwidern. Schuldbewut stand er mit bleichen Mienen vor
seinem Anklger.
    Zerstrt, zerbrochen, fuhr der Marschallik fort, wie ich das zerbreche.
Er ri ein Zweiglein des Lindenbaums ab und zerstckelte es. Heut' komm' ich
ahnungslos zu Reb Jossef und freu' mich schon auf den guten Lohn, den mir Reb
Hirsch versprochen hat, da donnert er mich an: Ich will nichts mehr von Euch
wissen und nichts mehr von dem Mdchen. Eine, die sich jeden Abend von einem
Burschen unterhalten lt und den Hof machen, als ob sie beide Christen wren,
ist mir fr meinen Mosche zu schlecht. Mit ihr red' ich nicht darber, aber
ihrem Vater hab' ich geschrieben, da er sie morgen abholen soll ... Sender,
rief er ausbrechend, warum hast du mir das getan?
    Ohne meine Absicht, stammelte dieser. Und Taube war ja dabei. Sie kann
bezeugen, da ich ihr nie was Unrechtes gesagt hab'.
    Lg' nicht! rief Trkischgelb heftig. Denn entweder lgst du oder du bist
ein schlechter Mensch. Nur ein solcher Mensch kann es in der Ordnung finden,
wenn ein junger Mann der Braut eines anderen sagt, da sie die Knigin ber alle
Weiber ist, und da er vor Schmerz vergeht, wenn er daran denkt, da ihr
herrliches Haar abgeschnitten werden soll. Du siehst, ich wei alles. Die arme
Taube, die auch nur Verdru davon hat, hat es heut' ihrem Schwiegervater
gestehen mssen. Und bedenk', Malke war die Braut eines dummen, grnen Jungen,
und du bist ein hbscher, kluger Mann, der Deutsch reden kann, da htte dein
Gewissen doppelt auf der Hut sein sollen.
    Sender war zerknirscht, aber dieser Vorwurf schmeichelte ihm doch.
    Ich will mich nicht verteidigen, sagte er, Ihr wrdet mich doch nicht
verstehen, weil Ihr alles nach den hiesigen Sitten beurteilt. Nur eines will ich
Euch sagen: wenn Ihr recht httet, wenn ich diese Partie zerstrt htte, so tte
es mir wohl um Euretwillen leid, aber sonst wr's mir eine Freude. Denn ein
Mdchen wie Malke ist fr einen Mosche zu gut! Aber Ihr gebt mir grundlos die
Schuld, sie htte ihn ohnehin nicht genommen.
    Da irrst du! erwiderte der Marschallik nachdrcklich. Sie htt's getan,
so lang sie an keinen anderen dachte. Jetzt freilich nicht mehr. Schon vor
einigen Tagen hat sie Taube gesagt: Und wenn mich mein Vater verstt, ich
heirate nur den Mann, den ich mir selbst ausgesucht habe, fr den ich passe, der
fr mich pat ... Warum wirst du so rot?
    Sender wandte sich ab.
    Und das, rief der Marschallik mit donnernder Stimme, das ist dein
schlimmstes Verbrechen. Da du die Partie zerstrt hast, knnt' ich dir
verzeihen - ich hab' dir damals selbst gesagt, ich htt' sie lieber einem
anderen gegnnt. Und meinen Verdienst - Gott wird mich auch so nicht verhungern
lassen. Aber da du, sonst ein guter, braver Mensch, so schlecht, so gewissenlos
an einem armen Mdchen gehandelt hast, an diesem Mdchen, fr das selbst der
Beste kaum gut genug wr' - das verzeih' ich dir nicht! ... Du willst nicht
heiraten, sagst du? - Gut, deine Sache. Aber dann dennoch so tun, als ob's dir
Ernst wre, und dem armen Mdchen den Kopf verdrehen, das Herz brechen - pfui,
Sender, ich hab' kein anderes Wort ... du heiratest sie nicht, einen anderen
nimmt sie nicht - was soll aus ihr werden?
    Schwer atmend, das Haupt auf den Arm gesttzt, sa Sender da. Wie bei jeder
heftigen Aufregung empfand er auch diesmal ein leichtes Stechen in der Lunge,
aber er achtete nicht darauf; in ihm strmte es wie nie zuvor.
    Ich hab's nicht gewollt, murmelte er. Bei Gott im Himmel, ich hab's nicht
gewollt.
    Das glaub' ich dir, sagte der Marschallik milder. Ein solches Mdchen
absichtlich ins Gerede und fr sein ganzes Leben um sein Glck bringen - ich
glaub', dazu wr' der Schlechteste nicht schlecht genug .... Aber jetzt ist es
einmal so .... Und nun? Was nun? Es geht mir ja nicht blo um sie, sondern auch
um dich, es wird dein Lebenlang auf dein Gewissen drcken.
    Da habt Ihr recht, murmelte Sender dster und prete dann wieder die
Lippen zusammen. Auch der Marschallik sagte nichts mehr. Es war ein banges,
schwles Schweigen.
    Ich gehe, sagte Trkischgelb endlich und griff nach dem Hut. Bleib' du
ruhig hier - bei Dovidl entschuldige ich dich schon - und berleg' dir die
Sach'. Ein Mensch wie du tut nichts ohne vernnftigen Grund. Es mu einen Grund
haben, da du nicht heiraten willst. Das also spricht dagegen, aber vielleicht
doch nicht so, wie du glaubst. Was du aus dir machen willst, mag Gott wissen,
aber doch gewi keinen Mnch. Bedenke, vielleicht kannst du es auch als
verheirateter Mann erreichen.
    Sender machte eine heftige Bewegung, nicht der Abwehr, sondern der
berraschung.
    Trkischgelb schien es nicht zu bemerken. Und ferner, fuhr er fort, mut
du dir berlegen, ob es viele solche Mdchen gibt wie Malke, und was dir die
Ruhe deines Gewissens und das Glck deiner Mutter wert sind. Ich mach' dir einen
Vorschlag: morgen mittag ist Reb Hirsch hier und holt sie ab. Willst du, da ich
mit ihm rede, so sag' es mir bis dahin. Da er auch jetzt nein sagen wird,
glaub' ich nicht - der arme Vater, dessen Kind du ins Gered' gebracht hast!
Willst du also, so kann morgen abend die Verlobung gefeiert werden. Willst du
aber nicht, so versprich mir, dem armen Kind wenigstens das Herz nicht noch
schwerer zu machen und heut' abend nicht mehr auf den Marktplatz zu kommen.
    Das tu' ich keinesfalls, murmelte Sender.
    Wenn du dich so entschliet, wie ich von Herzen wnsche, so kannst du
kommen. Warum nicht? Malke wei noch nichts davon, da Jossef Grn sich
entschlossen hat, nein zu sagen, nicht einmal, da ihr Vater morgen kommt. Ich
wei nicht, warum es ihr Jossef nicht sagen will. Sie ist also ganz unbefangen
und wird dich erwarten und sich krnken, wenn du nicht kommst. Freilich, bleibst
du bei deinem Nein, so ist es gleichgltig, ob sie sich von heut' abend an frs
ganze Leben zu grmen beginnt oder erst von morgen mittag!
    Er reichte ihm die Hand. Mge dich Gott zum Rechten fhren, sagte er warm
und verlie die Stube. Drauen sagte er zu Frau Rosel: Lat ihn allein! Fragt
ihn nicht ... Der arme Junge!
    Warum bedauert Ihr ihn? rief sie erschreckt.
    Weil es ihm so hart fllt, glcklich zu werden, erwiderte der Marschallik,
nun wieder lchelnd. Aber er wird glcklich, verlat Euch drauf.
    Je nher er der Stadt kam, desto frhlicher wurde er. Er hatte eine Komdie
gespielt und sich in vielem an der Wahrheit versndigt, aber es war ja notwendig
gewesen. Fr ihn ist's das Beste, dachte er, und fr sie wohl auch. Meine
Jtte sieht da zu schwarz. Ein Bursch wie Sender - warum sollte nicht auch Malke
mit der Zeit glcklich werden? Sie ist ja sehr verstndig und ein jdisch Kind -
das findet sich in alles.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


Die Mutter folgte dem Rat des Marschallik. Sie lie Sender allein. Wohl eine
Stunde vernahm sie aus der Stube keinen Laut. Endlich trat er heraus, nickte ihr
stumm zu und schlug den Weg in die Felder ein.
    Traurig blickte sie ihm nach. Es gab ihr einen Stich durchs Herz, wie bleich
er war. Er ist nicht mein Fleisch und Blut, dachte sie, aber doch ein Mensch
wie ich. Wie hart ihm alles fllt, sogar sein Glck.
    Und da tuschte sie sich nicht. Bitterhart wurde es dem armen Jungen. Zwar
hatte er nun, whrend er ziellos ber die Stoppelfelder dahinschritt und immer
weiter in die Heide hinaus, bereits seine Wahl getroffen, eigentlich schon
frher, whrend der Unterredung mit dem Marschallik, aber in seiner Brust war's
darum nicht friedlicher geworden. Natrlich mute er um Malke werben, nicht
allein, weil es das Gewissen gebot und weil ihn die Gewiheit ihrer Gegenliebe
berauschte, sondern weil es ihm glattweg unmglich schien, knftig ohne sie zu
leben.
    Aber sein Ziel! Sein heiersehntes, so recht um den Preis seines Herzbluts
angestrebtes Ziel rckte ihm nun in die Ferne. Freilich brauchte er nicht ganz
darauf zu verzichten - der Marschallik hatte ihn erst auf diesen trostreichen
Gedanken gebracht, aber der lag ja auch sonst nahe genug - gab es nicht auch
verheiratete Schauspieler, war nicht auch Nadler verheiratet? Htte er um Malkes
willen seinem Beruf entsagen mssen - ihm schauderte; wer wei߫, dachte er,
wie ich mich dann entschieden und ob ich es berlebt htte! Drckte ihn doch
nun schon der Gedanke zu Boden, da er vielleicht ein Jahr lnger harren mute,
denn gleich nach der Hochzeit konnte er ja doch nicht fort.
    Aber je weiter er in die herbstliche, rotschimmernde Heide hinausschritt,
desto heller wurden seine Gedanken. Vielleicht brauchte er nicht einmal ein Jahr
zu warten - Malke war ja kein gewhnliches Weib, sie mute sein Ziel verstehen
und frderte ihn gewi, statt ihn zu hindern. Vielleicht hatte auch sie Talent
zur Kunst - doch nein, den Gedanken verbannte er, kaum da er ihm aufgestiegen;
sein Weib, sein schnes, geliebtes Weib sollte nicht vor die Menge treten. Er
allein - aber sie sein Leitstern, ihre Zustimmung sein schnster Lohn, seine
Triumphe das Glck ihres Lebens. Er warf sich ins Heidekraut und schlo die
Augen, um besser trumen, sich die Bilder der Zukunft ausmalen zu knnen;ein
seliges Lcheln lag auf seinen Zgen. Er hatte die Liebe, so lang er sie nicht
kannte, an anderen komisch gefunden, eine Narrheit, die er nie mitmachen
wollte - und so fremdartig war ihm diese Empfindung erschienen, da er
zweifelte, ob er je Verliebte werde spielen knnen. Dann, als sie unerwartet
ber ihn gekommen, hatte sie ihm Schmerz, Wirrnis und Aufregung genug gebracht,
aber keinen Augenblick des Glcks. Nun aber flutete es auf ihn nieder, mit jedem
Atemzug voller und reicher, da er all die Seligkeit kaum zu ertragen vermochte.
O wie schn das ist, murmelte er, wie schn ... wie schn ... und dann leise
ihren Namen. Ihm wurde die Brust zu eng, er richtete sich auf, um leichter atmen
zu knnen. Wie schn ... und pltzlich brachen ihm die Trnen aus den Augen
und berfluteten sein Antlitz.
    Ich Narr, sagte er endlich lchelnd und wischte sich die Trnen fort. Da
liege ich einsam auf der Heide und weine, statt bei meiner Braut zu sein und
mich mit ihr zu freuen. Er blickte um sich. Noch schimmerte die Heide in
satter, roter Farbenglut, aber die Sonne war im Sinken, im Osten glitt eben die
weie Mondsichel empor.
    Er sprang auf und schritt der Stadt zu, anfangs rasch, dann immer langsamer.
Halt, dachte er, meine Braut wird sie erst morgen. Ich will sie auch heute
gleichsam zufllig treffen. Anders freilich werden wir schon jetzt miteinander
sprechen als sonst - jetzt, wo ich wei -
    Er lchelte. Wie sie sich verstellt hat! Was so ein Mdchen kann! ber
jedes freundliche Wort war sie ordentlich bse. Er fhlte eine Empfindung des
Unbehagens, der Unsicherheit in sich aufsteigen. Aber er schttelte sie ab,
Unsinn - jetzt, wo sie es Taube gestanden hat -
    Dennoch ging er immer langsamer, und als er von fern ein Licht aufschimmern
sah, die Laterne am Mautschranken, welche die Mutter eben angezndet, hielt er
den Fu an und blickte hinber. Soll ich's der alten Frau schon heute sagen?
murmelte er.
    Er entschlo sich, es nicht zu tun. Zuerst mu Reb Hirsch seine
Einwilligung geben. Der Marschallik meint zwar, da sie sicher ist, und wollte
er etwa nein sagen, so bringen Malke und ich ihn gewi herum, aber die Mutter
soll nicht drum zittern. Morgen, wenn alles in Ordnung ist, freut sie sich
doppelt.
    Er ging weiter, dem Marktplatz zu, aber immer zgernder. Die Dmmerung war
hereingebrochen, die Mondsichel warf ihr blasses Licht ber die Gartenstrae,
die er noch zu durchschreiten hatte; nun war sie wohl schon mit Taube vor dem
Hause. Wie red' ich sie an? dachte er.
    Nun - mit dem Guten Abend, lachte er dann auf, das weitere findet sich.
Dennoch schlich er nun frmlich und das Herz pochte ihm immer ungestmer, je
nher er dem Marktplatz kam.
    Da war er endlich auf dem Platz und wieder nach einigen Minuten vor dem
Hause des Vorstehers. Himmel, sie war nicht da. Aber da erschien sie eben mit
Taube vor der Tr.
    Er trat auf sie zu und bot ihr den Gru. Sie erwiderte freundlich wie immer,
wenngleich nicht so laut wie Taube, die ihm auch die Hand bot. Er drckte sie
herzhaft und hielt dann Malke die Rechte hin. Er tat es heute bei der Begrung
zum ersten Mal, und sie blickte befremdet auf. Dann rhrte sie einen Augenblick
mit ihren schlanken, weien Fingern an die seinen.
    Es verblffte ihn mehr, als es ihn betrbte. Gut! dachte er, ich will dir
den Gefallen tun! Also heut' noch wie sonst! Und darum trat er auch wie immer
an Taubes Seite und schritt neben dieser her.
    Nun? fragte die dicke, lustige Frau, was bringt die Barnower Zeitung
heut'? So pflegte sie ihn zu nennen.
    Er dachte nach. Da Dovidl Morgenstern aus der Haut fhrt, begann er,
wissen Sie schon. Aber halt! - eine Neuigkeit gibt's wirklich: der Prior hat
bei einer Lemberger Malerin ein neues Altarbild bestellt. Ein Weib, das malt und
gar Heilige frs Kloster - das ist sehr komisch!
    Warum? fragte Malke. Meine Cousine Viktorine Salmenfeld, die lteste
Tochter meines Onkels Franz, malt auch solche Bilder und sehr gute. Sie hat sich
in Wien als Knstlerin einen Namen gemacht und soll ebenso liebenswrdig wie
begabt sein. Leider kenne ich sie nicht persnlich.
    Leider? rief Taube. Du mut gottlob sagen!
    Warum? Weil sie Christin ist? Deshalb bleibt sie doch meine Blutsverwandte,
und ich wei, da sie auch meiner freundlich denkt.
    Aber Malke, rief Frau Taube erschreckt, und Sender war es kaum minder.
Nach seiner Anschauung zerschnitt die Taufe jedes Band. Da sehen Sie das am
Ende gern? rief er angstvoll.
    Die Taufe? Nein, gern niemals. Und unter zehntausend Fllen ist kaum einer,
wo sich nicht das geringste dagegen sagen lt, denn hufiger, glaub' ich,
trifft sich's nicht, da es jemand aus innerster berzeugung tut. Aber daneben
gibt es Flle, die man beklagen, aber nicht verurteilen darf, und der liegt bei
meinem Onkel Franz vor. Aber wenige fassen sie gerecht auf. Mein Grovater,
Nathan Salmenfeld, war ein lebenskluger, aber beraus strengglubiger Mann, der
seinen drei Shnen ihr Lebensziel von Anbeginn vorgeschrieben hatte, der
lteste, Froim, sollte Arzt, der zweite, Manasse, Advokat werden, der dritte,
Hirsch, mein Vater, sein Wirtsgeschft erben, aber alle sollten nicht minder
fanatisch bleiben wie er selbst. So mute Froim auch im Gymnasium den Kaftan
tragen, auf der Universitt, in Pest, bei Chassidim wohnen. Es war ein
Hllenleben. Die Christen verhhnten ihn und diesen Juden galt er auch nicht
mehr fr rein. Ist's ein Wunder, da er da seinen Glauben mit all dem
furchtbaren Zwang hassen lernte und ihn endlich abschttelte? Ihn haben die
Chassidim zum Christen gemacht! Mein Onkel Max aber, der jetzt Advokat in
Czernowitz ist, hat dasselbe Martyrium durchgelitten und dann doch nur den Zwang
abgeschttelt, nicht den Glauben. Und sie erzhlte begeistert, welch herrlicher
Mann dies sei, ein Vorkmpfer fr die Rechte seiner Glaubensgenossen, aber auch
fr ihre sittliche Veredlung und Befreiung.
    Nchstens tauft der sich auch, sagte Taube in ihrer gewohnten Weise,
whrend Sender fragte: Wie lange waren Sie in seinem Hause?
    Sechs Jahre. In meinem achten Jahr' verlor ich die Mutter. Das ist ja gewi
das schwerste Unglck, das ein Kind treffen kann. Aber fr mich hatte es doch
noch ein Glck im Gefolge: ich kam in das Haus meines Onkels. Er und seine Frau
haben mir die Eltern ersetzt, seine Kinder die Geschwister. Und einen besseren
Lehrer als meinen Cousin Bernhard htte ich nie haben knnen.
    Schon wieder dieser Bernhard! Aber Sender beruhigte sich wieder, als sie
fortfuhr: Freilich konnte er mich nur in den Ferien unterrichten; er war damals
Student in Wien.
    Dann ist er wohl schon in den dreiigen? fragte er mit einem gewissen
Behagen.
    Ja. Zweiunddreiig. Er ist jetzt noch Konzipient in der Kanzlei seines
Vaters, hofft aber bald zum Advokaten ernannt zu werden. Wie seine Aussichten
jetzt stehen, wei ich freilich nicht. Denn ich erfahre immer weniger von der
Familie, fuhr sie mit einem leichten Seufzer fort, mein Vater wird immer
frommer, er ist nun seit Jahren auch mit seinem Bruder Max entzweit.
    Aber du warst doch noch vor zwei Jahren in Czernowitz? fragte Taube.
    Nur fr einige Wochen, das hat er ausnahmsweise erlaubt.
    Es mu Ihnen hart gefallen sein, nun wieder alles zu entbehren, sagte
Sender warm und blickte sie voll liebevoller Teilnahme an.
    Sehr hart, erwiderte sie. Sie verstehen mich!
    Das ermutigte ihn. Nun wird's ja bald wieder besser werden, sagte er mit
leuchtenden Augen.
    Sie blickte ihn befremdet an. Wie meinen Sie das?
    Er errtete. Das - das werden Sie ja erfahren, stotterte er und versuchte
zu lcheln. Es war ihm sehr willkommen, als im selben Augenblick die Frau des
Vorstehers auf sie zutrat und die Geschichte vom Pater konom und der Frau
Putkowska, der Viper von Barnow, zu erzhlen begann.
    Dann trat auch Jossef Grn zur Gruppe. Nun, Sender, fragte er, ich hoffe,
deine Mutter war nicht allzu unglcklich ber den Bescheid vom Bezirksamt?
    Welchen Bescheid?
    Hat sie ihn noch nicht? Wolczynski hat mir gesagt, er ist ihr bereits
zugestellt: die Ablehnung ihres Gesuchs, da ihr der Pachtvertrag verlngert
wird. Der Lump hat's durchgesetzt und sie hat sich leider trotz meines Rats
nicht mit ihm verstndigt.
    Es war ja nicht mglich, erwiderte Sender, aber ich glaube nicht, da sie
darber sehr unglcklich sein wird. In der Tat, dazu lag nun kaum Grund vor.
Mit seinem Gewinn und einem Teil von Malkes Mitgift konnte er wohl auch so ihre
Zukunft sichern.
    Der Vorsteher und seine Frau gingen wieder, aber andere Bekannte traten
heran. Wie lange bleibt Ihr noch hier? wurde Malke gefragt.
    Ich wei nicht, erwiderte sie. Wie es mein Vater bestimmt.
    Es ist doch ein Unrecht, dachte er, da man ihr noch immer nichts von
seinem morgigen Kommen gesagt hat.
    Er teilte es ihr halblaut mit.
    Die Wirkung war eine ganz unerwartete. Sie erbleichte und starrte ihn aus
weitgeffneten Augen erschreckt an.
    Um Gotteswillen, murmelte er, was haben Sie?
    Sie hatte sich gefat.
    Was ich habe? fragte sie bitter, ja verachtungsvoll. Ich soll mich wohl
noch freuen, da Sie es wissen und ich nicht? Ihnen hat es natrlich der
Marschallik gesagt!
    Ja! gestand er. Aber - Da durchfuhr ihn ein Gedanke: sie glaubte
offenbar, der Vater komme, um ihre Verlobung mit Mosche Grn zu feiern.
    Jetzt verstehe ich! sagte er lchelnd. Freilich konnte er vor Taube nicht
offen sprechen, aber es gelang ihm doch wohl, sich ihr verstndlich zu machen.
Sie glauben, er kommt, um das - sagen wir das Geschft, das der Marschallik
vermitteln wollte, abzuschlieen? Davon ist keine Rede mehr! Der Mann, der das
Geschft schlieen sollte, hat eingesehen, da es fr ihn nicht passend ist, und
ist zurckgetreten.
    Wie? rief sie fassungslos vor Freude. Verstehe ich Sie recht? Sie
schluchzte auf, griff nach seiner Hand und drckte sie.
    Ihn durchrieselte es hei. Liebe Malke, murmelte er. Beruhigen Sie sich!
Niemand wird Sie zwingen! Sie - Sie werden jenen Mann heiraten, den Sie selbst
gewhlt haben.
    Das ungestme Glcksgefhl, das ihn durchflutete, machte seine Worte
undeutlich, aber sie hatte ihn doch verstanden.
    Sender, lieber Sender! stie sie mit glhenden Wangen hervor und prete
seine Hand in ihren beiden. Sie sind ein edler Mensch, Gott wird es Ihnen
lohnen - durch Glck und Ruhm auf Ihrer Laufbahn, die Sie sich erwhlt haben.
Sie lchelte ihn durch Trnen an. Sie kennen mein Geheimnis - aber ich auch das
Ihre! Wir haben es wohl beide nur erraten? ... Aber ich kann jetzt nicht so ...
Ihre Stimme brach sich. Ich danke Ihnen noch morgen. Bis in den Tod vergess'
ich's Ihnen nicht.
    Und sie strzte ins Haus.
    Was war das? fragte Frau Taube erstaunt.
    Er konnte nichts erwidern. Gute Nacht, murmelte er endlich und strzte
davon, ohne auf die Richtung zu achten. Erst als das Rauschen des Sered an sein
Ohr schlug, hielt er an. Er war in die Anlagen zum Flusse gelangt. Auf die
nchste Bank sa er nieder.
    Was war das? sagte er endlich laut vor sich hin. Ich glaube - eine
Verlobung.
    Er schlo die Augen, wie nachmittags auf der Heide, und auch dasselbe selige
Lcheln lag auf seinen Zgen.
    Khl strich der Herbstwind durchs entlaubte Gest, der Flu rauschte durch
die stille, tiefdunkle Nacht, sonst war nichts hrbar, als das Schlagen der
Glocken. Er aber vernahm auch diese nicht, nur die holde, weiche Stimme: Sender
- lieber Sender!
    Lange, lange sa er so. Er hat diese Stunden nie vergessen, trotz alledem,
was ihnen gefolgt, niemals, und noch in der Sterbestunde hat ihn die Erinnerung
daran gelabt, wie glcklich er in jener Nacht gewesen ...
    Als der Morgen nahte, erhob sich der Ostwind strker und berdeckte ihn mit
welken Blttern. Da endlich erhob er sich, heimzugehen.
    Jenseits des Flusses sah er im ersten grauen Morgenschimmer die Ruinen des
Schlosses ragen. Da fhr' ich sie einmal hin, dachte er, an dieser Stelle hat
mein Glck begonnen. Wenn das der arme Wild noch erlebt htte.
    Er ahnte nicht, wie bald er den Raum wieder betreten sollte und was dort
seiner harrte.
    Es war bereits lichter Tag, als er sein Lager aufsuchte. Schon nach zwei
Stunden erhob er sich wieder, das Morgengebet zu sprechen. Dank Dir,
Gnadenreicher, der Du erfllest, wonach unser Herz schmachtet! Seit jenem
Aprilmorgen, an dem ihn dann sein Blutsturz ereilt, hatte er diese Worte nicht
mehr mit so heier Inbrunst gesprochen.
    Als er die Wohnstube betrat, kam ihm die Mutter besorgt entgegen.
    Du mut heut' nacht spt heimgekommen sein, sagte sie. Ich war bis
Mitternacht auf und habe dich erwartet. Gestern nachmittag hat mir der Bote
diesen Brief vom Bezirksamt gebracht. Sie reichte ihm den geschlossenen Brief
hin.
    Wir wollen den hlichen Brief nicht erst aufmachen, Mutter, sagte er mit
feuchten Augen. Was sagst du immer: Gott nimmt nicht blo, er gibt auch und
gibt mehr, als er nimmt. In dem Brief steht, da du die Maut nicht mehr
bekommst. Aber deshalb wollen wir doch frhlich sein - heut' verlob' ich mich
mit Malke.
    Mit einem Freudenschrei sank ihm die alte Frau in die Arme. Sie hielten sich
lange und wortlos umschlugen.
    Gottlob, rief sie dann und pries das schne Mdchen. Aber da du damals
das Bild gesehen hast, war doch nur ein Zufall, nicht meine Absicht.
    Aber ein glcklicher Zufall, sagte er frhlich, sonst htte ich mich
nicht so rasch in sie verliebt.
    Erst nach einer Weile griff Frau Rosel wieder nach dem Brief. So lies
doch, bat sie.
    Er tat's. Es ist so, Mutter.
    Aber was wird nun aus mir? klagte sie.
    Eine zrtliche Gromutter, erwiderte er und kte ihre Stirne; da gibt's
noch mehr zu tun, als dem Kaiser die Maut einzuheben. Und angenehmer ist's
obendrein, nicht wahr?
    Er fand den Laden bereits geffnet, Dovidl am Schreibtisch einige Kunden
bedienend. Aber unerhrt genug! Er drohte nicht aus der Haut zu fahren und
schwieg auch ber den gestrigen Nachmittag. Und als Sender davon begann,
erwiderte er freundlich: Ich wei ja, was vorgeht ... Wenn du auch heut'
nachmittag frei haben willst, so sag's nur.
    Nur zgernd rumte er dann den Platz am Schreibtisch. Er befrchtete
offenbar, da Sender heute noch mehr Unheil anrichten werde, als gestern. Aber
der junge Mann war trotz der durchwachten Nacht und des Ereignisses, das seiner
harrte, so klar im Kopf, so voll ruhigen, sicheren Glcksgefhls im Herzen, da
er die Arbeiten in der Lotterie, trotz des groen Andrangs - es war ja heute
Dienstag - pnktlich erledigte und daneben noch Zeit fand, die Eingabe
Fragezeichen-Ritterstolz fertig ins reine zu schreiben. Dennoch lehnte er den
angebotenen Urlaub ab.
    Als er zur Mittagsstunde heimging, begegneten ihm einige Lohnwagen. Komisch
genug wr's, dachte er, wenn da so mein knftiger Schwiegervater an mir
vorbeifhre. Ich kenn' ihn ja nicht! Und als er von fern einen Chorostkower
Kutscher, seinen einstigen Kumpan von der Landstrae, in einem leichten
Wgelchen daherkutschieren sah, blickte er neugierig hin. Da knnt' Reb Hirsch
wirklich kommen. Aber drin sa nur ein Frauenzimmer, er wollte vorbei, ohne
aufzublicken.
    
    Da hrte er sich pltzlich angerufen, und gleichzeitig hielt das Wgelchen.
Er sah auf und in das runde, wohlgenhrte Antlitz Jttes.
    Gottswillkomm! rief er frhlich und trat an den Schlag. Welcher gute Wind
bringt Euch her? ... Aber bringt Ihr Euren Reb Hirsch nicht mit?
    Der kommt morgen, sagte sie unsicher und sah ihn aus den braunen Augen,
die sonst so munter und durchdringend blickten, fast zaghaft an. Wie - wie
geht's Euch, Sender?
    Dank' der Nachfrag', rief er lustig. So gut wie noch nie! Euer Vater sagt
Euch den Grund!
    So? fragte sie befangen und seufzte tief auf. Und wie geht es - Sie
stockte. Aber ich will Euch nicht aufhalten.
    Habt Ihr in der Zwischenzeit das Seufzen gelernt? fragte er lachend. Reb
Hirsch kommt doch gewi morgen?
    Gewi߫, erwiderte sie gedrckt, wenn es ntig ist!
    Dann kommt er, lachte Sender. Denn es ist dringend ntig. Auf
Wiedersehen! Und grt Malke. Ich komm' Abends, wenn nicht schon frher!
    Auf Wiedersehen! murmelte sie betrbt und lie den Kutscher weiterfahren.
    Er machte sich nicht viel Gedanken ber das vernderte Wesen des Mdchens;
daheim erzhlte er der Mutter doch davon lachenden Mundes. Auch sie lchelte.
    Merk' dir's, Sender! Jedes arme Mdchen, das noch keinen Brutigam hat,
seufzt bei der Verlobung ihrer reichen Freundin. Jtte wnscht deshalb doch dir
und Malke gewi das Beste.
    Er nickte frhlich. Leise pfeifend ging er in den Laden zurck und an die
Arbeit. Whrend er aber der Frau Putkowska einen Traum auslegte - diesmal hatte
ihr nicht von einem rosa Seidenkleid getrumt, sondern von einer Geiel, -
strzte Mosche Grn herein, legte ein Briefchen vor ihn hin und lief davon.
    Pochenden Herzens besah er die Adresse: An Herrn Sender Kurlnder,
Wohlgeboren hier. Durch Gte. Wie fein und zierlich sie schrieb. Drinnen stand:

                                Lieber Freund!

Ich habe Sie dringend zu sprechen. Kommen Sie heute nachmittag vier Uhr zur
Ruine. Ich werde Sie dort mit meiner Freundin Jtte erwarten.
Mit herzlichem Gru
Ihre treue Freundin
Regina Salmenfeld.

Selig, verzckt starrte er auf das Blttchen. Die Liebe, Gute wute, wie sehr er
sich nach ihr sehnte, und gewhrte ihm freiwillig ein Stelldichein, nur um ihm
fr seine Werbung zu danken. Du lieber Himmel, sie ihm danken. Das htte
eine Barnowerin nicht getan, aber er hatte eben das Glck, eine aufgeklrte
Braut zu haben. Jtte wrde dabei sein, schrieb sie, natrlich, aber der alte
Schlohof war gro ....
    Es war halb vier. Ich mu nun doch fort, sagte er Dovidl, der ihn denn
auch sofort entlie.
    Ich mu doch als der Erste da sein, dachte er und eilte ber die
Seredbrcke den Hgel empor, in den Schlohof. Aber als er den wsten Raum
betrat, sah er schon ein Frauengewand durch das kahle Gest schimmern.
    Es war Jtte. Sie sa auf der Bank neben dem verschtteten Brunnen und
starrte gesenkten Hauptes vor sich hin. Als er nher trat, fuhr sie empor.
    Ihr - Ihr allein? rief er und als er sah, wie bleich sie aussah und da
ihre Augen gertet waren, stie er zitternd hervor: Was - was ist geschehen?
    In ihr Antlitz schlugen die Flammen. Nichts, murmelte sie. Malke ist
wohl, aber sie kommt nicht. Sie wollte es, aber es wre ... es wre doch wohl
ber ihre Kraft gegangen .... Die rmste, welche furchtbaren Aufregungen hat sie
in letzter Zeit erlebt! Aber auch um Euretwillen, Sender, habe ich sie davon
abgebracht .... Derlei hrt man aus fremdem Munde leichter.
    Um meinetwillen? ... Er schwankte und griff nach dem steinernen Rand des
Brunnens, sich zu halten .... Was redet Ihr da?
    Hrt mich an, bat sie und faltete die Hnde, hrt mich ruhig an. Es wird
Euch hart treffen, ich wei, sehr hart. Wieder schossen ihr die Trnen in die
Augen. Aber es ist niemand daran schuldig .... Vielleicht mein Vater, aber auch
er hat es gut gemeint. Die Trnen erstickten ihre Stimme.
    Sprecht! murmelte er.
    Sie nickte. Ich will es kurz machen. Aus Eurer Verlobung mit Malke kann
nichts werden. Sie liebt seit ihrer Kinderzeit einen anderen, ihren Vetter
Bernhard. Vor zwei Jahren hat sie sich mit ihm verlobt. Reb Hirsch wollte nichts
davon wissen; ein Deutsch, der Schweinefleisch it - Ihr versteht. Es waren
furchtbare Auftritte im Hause, auch die Stiefmutter war dagegen. Und die Frau
ist sehr bs. Sie haben beschlossen, Malke mit einem Frommen zu verheiraten,
auch gegen ihren Willen ... Mein Vater hat sie vielen angetragen, aber - es ist
ja ein Getaufter in der Familie - es ist nicht gegangen. Darum war Reb Hirsch
schlielich auch mit Euch zufrieden, obwohl Ihr auch Deutsch gelernt habt. Aber
da war ja ein anderes Hindernis, Ihr wolltet ja nicht heiraten wegen Eurer
Plne. Ihr wollt ja Schauspieler werden .... ....
    Er hatte ihr wie betubt zugehrt, bleich bis in die Lippen, aber ohne
Regung. Bei diesem Wort ging ein Zucken durch sein Antlitz.
    Erschreckt nicht! sagte sie hastig. Ich bin zuerst auf den Gedanken
gekommen, Malke hat es dann aus Euren Gesprchen ganz erkannt. Aber von uns
beiden erfhrt es niemand.
    Weiter, sagte er tonlos.
    Da hat also mein Vater seinen Plan geschmiedet. Ein halber Deutsch ist er,
da soll er sich auch so verloben. Ich sollte mit Malke herkommen, Eure
Bekanntschaft vermitteln, Euch und ihr zureden. Aber ich hab' nein gesagt. Mein
Vater hat gejammert, Reb Hirsch hat gedroht, mich aus dem Haus zu geben. Ich bin
fest geblieben. Ihre Augen blitzten. Zu einem solchen Spiel zwischen zwei
guten Menschen hab' ich nicht mithelfen wollen ....
    Und da haben sich die anderen gefunden, sagte er. Der Vorsteher und Taube
und die ganze Stadt. Und jetzt, fgte er knirschend hinzu, bin ich zum Gesptt
fr sie alle geworden ....
    Nur die beiden haben es gewut, sagte sie schchtern. Und zum Gesptte,
sagt Ihr - wer drft' Euch verspotten? Ihr habt ehrlich ...
    Dann war, unterbrach er sie finster, natrlich auch das mit Mosche eine
Lge.
    Ja, sagte sie.
    Er nickte. Nun war ihm alles klar. Er schlug die Hnde vors Gesicht, ihm war
so weh, so furchtbar weh zu Mute, wie nie zuvor im Leben. Als htten ihm die
Leute das Herz aus der Brust gerissen und in den Schlamm geworfen .... Er
sthnte leise auf, auch aus krperlichem Schmerz, nun empfand er wieder ein
Stechen bei jedem Atemzuge. Was liegt daran, dachte er, wenn ich jetzt sterbe
...
    Dann aber raffte er sich empor. Es ist gut, sagte er und lie die Hnde
sinken. Geht Jtte!
    Sie blickte ihm ins Gesicht und schlug erschreckt die Hnde zusammen. Wie
entstellt er war, wie jhlings gealtert. Sender, rief sie schluchzend, habt
Ihr sie denn so lieb? Ich kann mir's ja denken, sie ist so schn, so gebildet.
Aber bedenkt, wr' das ein Glck geworden? Sie will ja einen anderen und denkt
nur an ihn ...
    Darum hat sie sich auch hierher schicken lassen, fiel er bitter ein. Was
liegt an einem Pojaz? Der mu die Komdien frh gewohnt werden!
    Das glaubt Ihr selbst nicht! rief sie. Sie hat freilich ihre Fehler wie
jeder Mensch, und so lieb ich sie hab', ich kenne diese Fehler. Sie ist ein
anderer Mensch als Ihr, vielleicht auch - vielleicht auch als ich - bei Euch
kommt alles aus dem Herzen und bei ihr alles aus dem Verstand. Und darum - sie
errtete bis ans Stirnhaar - ich sag's nicht, um Euch zu trsten, ich mein's
wirklich so, bei Gott - vielleicht wr's doch zwischen Euch beiden nicht gut
geworden, auch wenn sie nicht mit ihrem Doktor versprochen wr'. Sie ist sehr
gebildet, aber sie wei auch, da sie es ist, und wer nur ein Tpfele weniger
wei als sie, ist nichts in ihren Augen, auch wenn er das beste, treueste Herz
htt'. Sie sprach immer hastiger. Sie hat vielleicht hundert Bcher gelesen,
ja, oder gar noch mehr, aber glaubt Ihr, da sie nur ein bissele Supp' fr einen
Kranken kochen kann? Oder nhen und stricken? Nur immer lesen und an den
Bernhard denken. Er war ihr Lehrer und wei mehr als sie, und wenn sie ihn
bekommt, ist sie eine Frau Doktorin und kann in einer groen Stadt leben --
    Aber was red' ich da? unterbrach sie sich, wieder flammte das rundliche
Antlitz purpurn .... Ich wollt' nur sagen, Ihr drft's ihr nicht verargen, da
sie hergekommen ist. Sie hat die Hll' im Haus und frchtet den Vater, und so
denkt sie: Du hast die Gewalt - und ich den Verstand. Sie hat sich zum Schein
gefgt, und vielleicht hab' auch ich etwas Schuld. Ich hab' ihr gesagt: Dieser
Sender hat etwas ganz anderes vor, als heiraten. So ist sie gekommen mit dem
Vorsatz, Euch so schlecht zu behandeln, da es zu nichts kommt. Aber da habt Ihr
ja zum Unglck gleich am ersten Abend gesagt, da auch Ihr nicht wollt -
    Ein Miverstndnis, sagte er. Und auch das gestern abend. Ich hab' Mosche
gemeint und sie mich. Seine gequlten Nerven berkam pltzlich ein Lachreiz.
Hahaha!
    Sender, rief sie ngstlich, ich bitt' Euch, weint, wenn es Euch so ums
Herz ist, aber lacht nicht. Mir ist so bang um Euch. Ihr tut mir so leid. Und
ich kann Euch doch nicht helfen. Sie hob schluchzend die gefalteten Hnde zu
ihm empor. Beruhigt Euch!
    Er verstummte, dies Lachen hatte ihm selbst zu wehe getan. Und wie er sie so
weinend vor sich stehen sah, rhrte ihn ihre Teilnahme.
    Ich dank' Euch, Jtte, sagte er. Aber nun verzeiht - Seine bleichen
Lippen versuchten ein Lcheln .... Es ist doch etwas pltzlich gekommen ...
    Ihr wollt allein sein! Aber wir mssen doch erst verabreden, wie die Sach'
zu beenden ist ...
    Sie ist zu Ende. Sie will mich nicht, ich werd' sie nicht zwingen.
    Aber was fangen wir mit ihrem und meinem Vater an? fragte sie angstvoll.
Beide ahnen natrlich nicht, da ich mich da eingemengt hab'. Was mich
erwartet, wenn sie es erfahren, knnt Ihr Euch denken. Aber das braucht Euch
nicht zu bekmmern. Die kleine untersetzte Gestalt reckte sich energisch auf,
die braunen Augen blitzten .... Immer gradaus, und wenn ein Mensch das Rechte
tut, mu er auch die Folgen auf sich nehmen. Meinetwegen also braucht Ihr meine
Bitte nicht zu erfllen. Nmlich als gestern das Telegramm meines Vaters kam,
Reb Hirsch mchte gleich kommen, sagte er mir: Ich hab' morgen ein groes
Geschft, fahr' du hinber, red' ihr zu, sag' ihr, was ich ihr antue, wenn sie
nein sagt, vielleicht geht es auch ohne mich; denn bei der Verlobung kann mich
ja Reb Jossef vertreten. Geht's nicht, so mag mir dein Vater morgen
telegraphieren, und ich komm' bermorgen. Ich mu meinem Vater bis zum Abend
Bescheid sagen, natrlich Nein. Dann kommt Reb Hirsch morgen - und das wird
furchtbar sein. Also -
    Soll ich Eurem Vater sagen, da ich's mir anders berlegt habe?
    Ja - darum lt Euch Malke anflehen. Ich soll, sagt sie, auch fr mich
bitten, das kann ich nicht. Und Euch vorstellen, da es fr Euch das beste ist,
auch dies wr' nicht ehrlich. Denn wohl steht Ihr dann vor der Welt stolz da,
aber Eure Mutter httet Ihr schwer gekrnkt. Um Malkes willen aber - ja, da kann
ich bitten, und ich tu's aus ganzem Herzen. Wieder hielt sie ihm die gefalteten
Hnde entgegen. Ihr bewahrt sie vor Bsem, vor dem Schlimmsten. Ihr kennt Reb
Hirsch und seine Frau nicht, ich aber kenne sie ... Und Malke ist Euch ja lieb
- sie errtete - Ihr habt die Liebe zu ihr bekommen. Ich wei nicht, was das
ist, aber es mu etwas Groes sein. - Sender, wenn Ihr sie sehen knntet, wie
eben ich, als ich von meinem Vater kam und ihr alles aufklrte - so verzweifelt,
die schnen, blauen Augen starr vor Furcht und Entsetzen .... Sender, sie ist
ein armes Geschpf, und weil sie Euch so teuer war und weil Ihr ein guter Mensch
seid ...
    Ich will's tun, murmelte er. Verlat Euch drauf .... Noch heute sag'
ich's Eurem Vater ...
    Sender, rief sie, das tt' kein anderer! ... Wo Ihr Eure Mutter so lieb
habt! Was habt Ihr fr ein Herz! Gott wird's Euch lohnen! Mit einem treuen Weib,
das Euch liebt, wie Ihr's verdient, und mit Glck und Gedeihen bei dem, was Ihr
vorhabt ...
    Dabei vielleicht, wenn Er barmherzig ist, erwiderte er mit zuckenden
Lippen. Aber ein Weib ... ich werd' allein bleiben ...
    Er wandte sich ab und schritt dann rasch tiefer ins Gemuer hinein.
    Sie schlug den Blick zu Boden. Ich will nicht sehen, wie er weint,
murmelte sie. Ihr selbst aber rannen unablssig die Trnen ber die runden
Wangen, whrend sie ins Stdtchen hinabschritt ....

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


Der dstere Vershnungstag, das heitere Fest der Laubhtten war vorber; noch
schien die Sonne Tag fr Tag fast sommerlich warm vom unbewlkten Himmel nieder,
aber die Juden von Barnow hatten ihr winterliches Leben begonnen; sie richten
sich ja in allem nicht nach der Natur, sondern nach den Satzungen ihres
Glaubens. Jeder spann sich in seinen vier Wnden ein, legte seine Sorgen und
Hoffnungen fr den Winter zurecht und begann die Arbeit, wie er sie nun bis zum
Osterfeste zu ben gedachte. Das abendliche Treiben auf der Strae war zu Ende,
dafr besuchten die Nachbarn einander hufig, und jeden Sonnabend nachmittag
stand das Haus jedes Reichen gastlich offen.
    Sender lie sich dabei nirgendwo blicken, man lud ihn auch nicht ein; zwar
stimmte nicht jeder bei, wenn ihn sein Feind Jossele Alpenroth eine Schande
Israels nannte, aber die Meinung des Ghetto hatte sich doch wieder gegen ihn
gekehrt und kaum minder heftig als im Frhling. Denn fast ebenso schlimm wie
heimlich deutsche Bcher zu lesen, erschien es ihnen, ein unbescholtenes
Mdchen, das man ins Gerede gebracht, sitzen zu lassen. Sie stritten darber, ob
nicht auch Jossef Grn mitschuldig sei, weil er dies unerhrte Hofmachen, fast
wie bei Christen, geduldet, aber in Senders Verurteilung waren alle einig. Er
verteidigte sich auch gar nicht, wenn ihm einer im Laden oder in der Schul'
Vorwrfe machte, sondern erwiderte nur: Ihr habt recht, ich htt's mir frher
berlegen sollen, aber nun ist's geschehen. Da verdiente er's redlich, da ihm
Naphtali Ritterstolz einmal vor aller Welt sagte: Und wenn du noch zehnmal in
deiner Lotterie gewinnst, dir gibt nie ein ehrlicher Jud' sein Kind.
    Nur zwei Menschen schwiegen, und gerade die zunchst Beteiligten. Der
Marschallik hatte geflucht und gejammert, als ihm Sender an jenem Abend seinen
Entschlu mitgeteilt, er hatte alles aufgeboten, um ihn umzustimmen, aber nun
machte er ihm keine Vorwrfe. Noch mehr, er schlich sich still davon, wenn
andere ber Sender loszogen, und fuhr fort, die beiden Bewohner des Mauthauses,
die nun wieder einsam wie auf einer Insel dahinlebten, freundschaftlich zu
besuchen. Alle seine Schwnke kramte er aus, um sie zu erfreuen - sie hatten ja
beide ein bichen Lachen ntig. Aber da versagte seine Kunst, Frau Rosel hrte
ihn kaum an, und auch Sender verzog sein Gesicht nur zuweilen aus Hflichkeit zu
einem Lcheln. Seid nicht hart gegen ihn, mahnte einmal Trkischgelb die
Mutter. Ich sag' ihm kein Wort, erwiderte sie. Es war so, auch sie schwieg.
Sie wissen eben beide die Wahrheit, dachte Sender, dafr kann ich nichts. Er
irrte. Nur der Marschallik dachte grimmig: Die Schamlose hat ihm vielleicht von
ihrem Bernhard erzhlt. Die Mutter hatte einen anderen Verdacht: Er hat ja was
vor, was es ist, mag Gott wissen, aber ich fhl's, er will was Unerhrtes
beginnen. Anfangs hat sie ihm zugestimmt, im letzten Augenblick nicht. Da hat er
lieber sie gelassen, als seinen Vorsatz. Ihr Herz krampfte sich in Zorn und
Sorge zusammen. Dennoch hatte sie Mitleid mit ihm, sie sah ja, wie es um ihn
stand. Er ist ja verzweifelt, dachte sie, da jage ich ihn durch Vorwrfe gar
aus dem Hause.
    Und in der Tat, schlimm genug stand es in dieser ersten Zeit um ihn. Da
hatte er nur eine Empfindung. Wr' ich doch tot, wie soll ich ohne sie leben?
Zuweilen zrnte er ihr und klagte sie der Hinterlist an, - wie hatte doch Jtte
gesagt: Bei ihr kommt alles aus dem Verstand! - oder er empfand eiferschtigen
Groll gegen diesen Doktor, aber zumeist seufzte er nur: Sie hat recht gehabt,
aber was fang' ich nun an? Unablssig schwebten ihm die blauen Augen vor, und
den Klang ihrer Stimme verlor er vollends nie aus dem Ohr; selbst durch die
Schimpfreden Dovidls tnte er hindurch, ja sogar durch die Worte des Pater
Marian, und denen horchte er doch gewi mit voller Hingabe.
    Denn die Lehrstunden in der Bibliothek hatten wieder begonnen. Der edle
Greis hatte ihn gtig aufgenommen und widmete sich ihm nun mit vermehrtem Eifer.
Er wute nicht, warum der junge Jude so bleich und verwandelt zu ihm
zurckgekehrt, er fragte nicht danach; ihm gengte es, da er seiner Hilfe nun
noch mehr zu bedrfen schien als vordem, um sie ihm verdoppelt zu widmen. Es
ist nur Egoismus, wehrte er lchelnd ab, wenn ihm Sender dankte, sonst habe
ich ja nichts zu tun, nicht einmal meine Snden habe ich mehr zu bereuen. Der
neue Prior war weder ein Gelehrter, noch ein freier Geist, aber ein
verstndiger, duldsamer Mann. Er hatte das Los des berhmten Ordensbruders,
dessen Buch ber die Sittenlehre des Urchristentums so viel Lrm machte, nach
Krften gelindert, so weit er es ohne Zustimmung der Oberen vermochte; ihm eine
Ttigkeit in der Schule oder Seelsorge einzurumen, lag nicht in seiner Macht.
Egoismus! das ist meine einzige Arbeit, und ohne zu arbeiten, kann man nicht
leben. Die Arbeit allein hilft uns ber alles hinweg.
    Als Sender dies Wort zum ersten Male hrte, glaubte er nicht recht daran.
Freilich, er wollte arbeiten, sein Ziel war ja das einzige, um dessentwillen er
noch lebte, fr seinen Schmerz jedoch schien es ihm kein Trost. Aber allmhlich
kam es doch so, je mehr Zeit verstrich, je grer die Freude an der Arbeit
wurde. Sie hatten Die Ruber zu Ende gelesen und nahmen nun den Fiesko
durch. Es ging jetzt rascher, weil die Einsicht des Schlers wuchs, sein
Instinkt sich immer mehr schrfte. Oft genug mute der Pater ber die Raschheit
staunen, mit der sich Sender in so wildfremde Dinge wie die genuesischen
Verhltnisse des sechzehnten Jahrhunderts hineinfand - jedes erluternde Wort,
jedes Gleichnis wurde ihm zur sicheren Sttze - noch mehr ber seine
Treffsicherheit in der Beurteilung von Charakteren und Situationen. An komischen
Miverstndnissen fehlte es nicht, aber im wesentlichen begriff er doch fast
immer, wie sich der Dichter eine Gestalt gedacht und worauf es ihm ankam.
Brav! sagte der Greis immer wieder. Ich glaube, aus dir wird was, und
steigerte seine Bemhungen immer mehr. Er ahnte nicht, welche Wohltat er dadurch
seinem Schtzling gerade in diesen Zeiten erwies. Nun war Sender nicht mehr ganz
verzweifelt, mit leiser Wehmut konnte er der Verlorenen gedenken, und zuweilen
ging es ihm trstlich durchs Herz: Wr' ich nicht unglcklicher, wenn ich sie
gewonnen und mein Ziel verloren htte? Die gute Jtte hat mich getrstet, da
Malke ohnehin nicht fr mich getaugt htte, nun - vielleicht doch! Aber
beherrscht htte sie mich gewi mein Leben lang, - wie, wenn ihr, die so
vernnftig ist, die Schauspielerei als zu unsicheres Brot erschienen wre, wenn
sie es mir verboten htte? Ich htte mich nicht gefgt, aber was dann?
    Da kam ein Tag, der ihm den Trost noch mehrte. Sie hatten den Fiesko
beendet; nun sollte Sender versuchen, die Rolle des Mohren zu lesen, die ihn
besonders angezogen hatte. Er machte es so gut, da der Pater freudig ausrief:
Wahrhaftig! Ich htt's kaum fr mglich gehalten! Du bist wirklich zum
Schauspieler geboren!
    Senders Augen leuchteten. Ich dank' Ihnen, rief er. Und Sie verstehen was
davon.
    Nicht allzuviel, aber darin glaube ich mich doch nicht zu irren. Nur um die
Aussprache steht's noch schlimm, aber auch die bessert sich etwas, dank deiner
Ausdauer. Mit Recht htte der gute Priester sagen drfen, dank unserer
Ausdauer. Er schrie sich tglich die Kehle heiser, da man es bis auf den
Korridor der Pnitenz hrte, und Sender vollends brllte die a und o, da
die Fenster klirrten. Wenn dein Flei nicht ermattet, schlo Marian, freilich
nur dann, wird was Rechtes aus dir.
    An mir soll's nicht fehlen, beteuerte Sender. Ich seh' ja ein, ein
Schauspieler mu sehr fleiig sein, fleiiger als jeder andere Mensch. Es ist da
so schrecklich viel zu lernen. Da darf man an gar nichts anderes denken. Fr
mich wr's vielleicht sogar nicht gut gewesen, wenn ich geheiratet htt', eh'
ich was geworden bin. Es war ihm unwillkrlich entfahren; er fhlte nun, wie
sein Gesicht zu flammen begann.
    Der Geistliche lachte laut auf. Heiraten! rief er. Das ist das letzte,
wozu ich dir jetzt raten mchte. In zehn Jahren, wenn du als Knstler
durchgedrungen bist. Aber warum wirst du so rot? ... Du, ich glaube gar ...
    Er hob drohend den Finger, aber Sender beteuerte so nachdrcklich, damit
wre es nichts, da ihm der Pater endlich glauben mute. Das freut mich, sagte
er, denn es wre ein rechtes Unglck fr dich. Sogar eine Liebschaft kannst du
jetzt nicht brauchen.
    Leichteren Herzens als seit Wochen ging Sender heim. Mein Pater, dachte
er, ist ja sonst ein kluger Mann, wahrscheinlich hat er auch darin recht.
Unsere Weisen sagen: Es ist alles auch zum Guten. Vielleicht ist der Schmerz,
den ich um Malke gelitten hab' und noch leide, nur die gerechte Strafe dafr,
da ich an etwas anderes gedacht hab', als an mein Ziel. Er seufzte tief auf.
Aber freilich, dann mu die Schuld gro gewesen sein.
    Aber als er am nchsten Tage in die Bibliothek trat, begann Poczobut wieder:
Du, Sender, mir kommt die Sache doch verdchtig vor, trotz deiner Schwre.
Warum gehst du nicht nach Lemberg? Du wolltest Mitte September fort, nach euren
Feiertagen. In vier Tagen haben wir den 1. November, und du denkst noch nicht
daran.
    Das hat einen anderen Grund, erwiderte Sender seufzend. Haben Sie den
Wolczynski vergessen?
    Sein Liebesschmerz hatte diese Sorge in den Hintergrund gerckt, nun wuchs
sie ihm ber den Kopf. Der erste November war ja der Termin, wo die Maut zur
Bewerbung ausgeschrieben werden sollte. Sender bereitete auch die Eingabe der
Mutter vor; da sie, gleichviel, was Frau Rosel bot, erfolglos bleiben wrde,
sofern Wolczynski nicht wollte, wuten beide. Und der wackere Edelmann schien ja
unvershnlich. Die Mutter klagte nicht, aber die zehrende Sorge stand ihr auf
dem Antlitz geschrieben - er wute nicht, da daneben auch die Angst vor Froims
Wiederkehr ihre Nchte schlaflos machte.
    Was soll ich beginnen? klagte Sender dem Pater. Abwarten - aber ich kenn'
ja die Entscheidung schon heute, was dann? Die Hoffnung auf Nadlers Hilfe habe
ich aufgegeben, und der Mutter mein Geld lassen und ohne Mittel in die Welt
gehen, ist auch schwer mglich. Freilich wird mir nichts anderes brig bleiben.
    Und dieser Wolczynski glaubt auch ein Christ zu sein, rief Marian
schmerzvoll. Und erst dieser Strus, ich kenn' ihn ja aus der Kirche, der fromme
Heuchler beichtet sogar wchentlich. Als ob sich Gott so betrgen liee wie die
Menschen. Aber er konnte nur an Senders Sorgen teilnehmen, helfen nicht.
    Am nchsten Tage jedoch schien sich auch diese Wolke zu lichten. Als Sender
da - es war der 29. Oktober - zum Essen heimging, begegnete ihm Herr v.
Wolczynski. Sender wollte rasch an ihm vorbei, er aber blieb stehen und winkte
ihm freundlich zu: Nun, lieber Senderko, wie geht's? Warum besuchst du mich
nicht? Ich habe ja deiner Mutter gesagt, da ich dich erwarte.
    So? sagte Sender. Da hat sie nicht gut gehrt. Sie hat verstanden, da
nicht Sie, sondern Ihre Hunde mich erwarten ...
    Der Edelmann lachte. Behte! Einen klugen Burschen wie dich? Mit dem
verstndigt man sich. Aber bald mte es sein, fgte er bedeutungsvoll hinzu.
    Ich verstehe, sagte Sender. Vor dem Ersten. Morgen vormittag bin ich bei
Ihnen.
    Die Mutter blickte erstaunt auf, als er bei ihr eintrat. Heut' lchelte er
wieder. Ich hab's dir ja damals gleich gesagt, meinte er, der Lump will Geld.
Wenn ich zh bin, so kostet's nicht einmal viel. Denn nun ist er mrb, sonst
htt' er nicht begonnen.
    Aber er hatte Wolczynski unterschtzt. Zwar empfing ihn der Edelmann am
nchsten Tage freundlich und bot ihm sogar einen Stuhl zum Sitzen an, aber von
Geld wollte er nichts hren.
    Was fllt dir ein, Senderko? Mein Freund Strus tut mir ja gern einen
Gefallen, und die vielen Offerten lesen, ist auch lstig; knnte euer
Pachtvertrag einfach zu den alten Bedingungen erneuert werden, so wre es fr
alle das bequemste. Aber die Pflicht gegen den Staat! Und zu so einer
Pflichtverletzung soll ich ihn durch Geld bringen? Da km' ich schn an. Und ich
tt's auch selber nicht. Beamtenbestechung - wie kannst du einem Ehrenmann,
einem Edelmann, so was zumuten?
    Sender blieb kaltbltig. Dann behalten Sie die zwanzig Gulden, die ich
Ihnen geben will, fr sich selber und lassen Sie sich von Strus den Gefallen
umsonst erweisen.
    Elender Jude! brauste Wolczynski auf. Ich soll Geld behalten, das einem
anderen gehrt? Das mag eure Moral gestatten, unsere nicht! Dann aber
besnftigte er sich wieder. Aber eben darum, was wit ihr alle von Anstand und
Ehrlichkeit?! - eben darum, weil du ein Jude bist, will ich dir verzeihen. Aber
lern' mich besser kennen. Ich erweise dir eine Geflligkeit, die mich nichts
kostet, du sollst sie mir durch eine lohnen, die dich nichts kostet und dir noch
was trgt. Hundert Gulden Trinkgeld. Nmlich ich mache noch immer meine
Lottoberechnungen, verstehst du, aber immer erst am Dienstag nachmittag, und da
kann es ja vorkommen, da ich mein Zettelchen zu Hause liegen lasse - verstehst
du - und -
    Ich verstehe, sagte Sender. Es ist dieselbe Gaunerei, zu der Sie mich
schon einmal haben verleiten wollen. Ob sie mglich ist, ohne entdeckt zu
werden, wei ich nicht -
    O doch! Ich kenne einen Mann, der dadurch sein Glck gemacht hat.
    Aber da ich es nicht tue, wei ich.
    Der Edelmann pfiff vor sich hin. Dein letztes Wort?
    Mein letztes .... Aber zehn Gulden will ich noch drauflegen. Also dreiig.
    Jdisches Hundsblut! brach Wolczynski los. Hinaus mit dir und danke Gott,
da ich dich nicht anzeige, weil du mich zu einem Verbrechen hast anstiften
wollen.
    ... Weine nicht! trstete Sender die Mutter, als sie auf seinen Bericht in
Trnen ausbrach, deshalb gehen wir noch lange nicht zu Grunde. Ich reiche die
Offerte ein, ntzt es nichts, so wird uns doch Gott nicht verlassen.
    Er machte sich strker, als er war. Am letzten Januar, wo das Ergebnis der
Ausschreibung verffentlicht werden mute, wollte er jedenfalls gehen, aber wie
ein Bettler das neue Leben beginnen, war hart.
    Er begann jeden Heller zu sparen. Es traf sich gut, da Dovidl nun immer
mehr zu tun bekam und daher seinen Lohn erhhen mute. Auch konnte er sich durch
das Schreiben von Briefen fr andere Leute etwas verdienen. Wieder mute er die
Nchte zu Hilfe nehmen, was ihm nicht leicht fiel, denn der nakalte Sptherbst
hatte ihm seinen Husten wieder gebracht. Aber es ging nicht anders, seine
Studien durften durch den Broterwerb nicht leiden. Im Gegenteil, nun widmete er
ihnen womglich noch mehr Zeit und Kraft, und Pater Poczobut feuerte seinen
Eifer durch sein Lob immer mehr an.
    Nun lasen sie Kabale und Liebe, dann den Don Carlos. Da es im groen
Saal zu kalt geworden, siedelten sie in eine heizbare Zelle ber. Freilich
muten sie nun ihre Stimmen dmpfen, da sie damit dem benden Pater konom, der
in einer benachbarten Nonnenzelle wohnte, nher gerckt waren. Aber die
Furcht, von ihm gehrt zu werden, war wohl berflssig. Er verbrachte seine Tage
in einer Art von Beschaulichkeit, die Fedkos stillen Neid weckte, er lie sich
des Morgens von diesem eine Flasche Slibowitz holen und trank sich einen Rausch
an, der bis zum Abend vorhielt.
    So war der November verstrichen. Die ersten Dezembertage brachten strenge
Klte, blinkenden Schnee und wolkenlosen Himmel. Nun konnte Sender wieder
leichter atmen, als in der trben Nebelluft. Aber auch eine groe berraschung
sollten ihm diese Tage bringen.
    Eines Abends im Dezember - der Marschallik war eben auf Besuch - erklang das
Mautglckchen am Hause, und als Sender in die bittere Klte hinaustrat, den
Schranken zu ffnen, hielt da ein kleiner, von einem Knaben gelenkter Schlitten,
in dem eine Reisende sa. Guten Abend, Sender, grte sie zaghaft.
    Er trat nher.
    Ihr, Jtte! rief er berrascht. Im offenen Schlitten! Ohne Pelz, bei der
Klte? Und mit Eurem Koffer? Was ist geschehen?!
    Gutes! erwiderte sie, aber es klang nicht eben frhlich. Ist mein Vater
daheim?
    Sogar bei uns! Kommt herein! Ihr mt ja halb erstarrt sein!
    Sie zgerte. Dann kletterte sie so rasch, wie es die steifen Glieder
gestatteten, aus dem Schlitten. Ach was, sagte sie tapfer, erfahren mu er's
doch. Und ebenso tapfer lie sie in der Stube die Flut von Fragen und Klagen,
mit denen der Marschallik sie empfing, ber sich ergehen.
    Ja, Vater, erwiderte sie endlich und wischte sich den Schnee aus dem
braunen Haar, fortgejagt hat mich Reb Hirsch Knall und Fall, das ist nicht zu
ndern. Noch vorgestern war ich sein lieb' Kind, sein Nssele, und heut' eine
Verbrecherin. Aber meine Schuld ist's nicht! Oder doch - ja, aber ich bereu's
nicht!
    Wegen Malke? klagte Reb Itzig. Du hast dich fr sie geopfert?
    Geopfert? Die Kleine reckte sich empor, wie es ihre Gewohnheit war. Seh'
ich aus wie eine Geopferte? Freilich wr' ich lieber in Frieden aus dem Haus
gegangen, wo ich so lang wie ein Kind gehalten war. Aber wozu klagen? Natrlich,
Malkes wegen war's. Vor vierzehn Tagen kommt unter meiner Adresse ein Brief vom
Bernhard, er hofft, bald als Advokat angestellt zu werden, ob er kommen und um
sie anhalten soll? Sie antwortet: ihn allein wird Reb Hirsch hinauswerfen, er
soll mit seinem Vater kommen. Richtig kommen gestern die beiden - eine
furchtbare Szene, Reb Hirsch wirft auch seinen Bruder hinaus. Sie reisen zum
Schein ab. Aber wie ich gestern abend zum Bcker geh', tritt mir jemand in den
Weg, der Bernhard: Mein Vater und ich halten morgen frh um fnf am Marktplatz
und nehmen Malke mit. So hab' ich denn die Nacht mit ihr durchwacht und sie an
den Wagen gebracht. Wie Reb Hirsch aufsteht und das Nest leer findet, ich hab'
geglaubt, er verliert vor Wut den Verstand. Aber das ntzt alles nichts, fort
ist sie, ich aber - der Hausknecht hat uns gesehen, wie wir zum Wagen
geschlichen sind, aber ich htt's auch sonst nicht geleugnet - ich hab's
ausbaden mssen -
    Und nun? jammerte Trkischgelb.
    Mu ich verhungern, erwiderte sie lachend, denn es gibt auf der ganzen
Welt keine Wirtschaft mehr, die mich brauchen knnt'. Sie streckte die runden
Arme. Und so schwach bin ich nebbich (Ausdruck des Mitleids) auch! ... Schmt
Euch, Vater, fr mich ist's wohl nicht schlecht, und fr Malke ist's gut, und
fr den da auch. Sie wies auf Sender. Ich hr', die dummen Leut' haben Euch
ordentlich in Verruf getan. Nun sollen's alle erfahren, wie es damals zugegangen
ist!
    Und sie erzhlte es. So verdirbt die Tochter dem Vater das Geschft! rief
Trkischgelb zwischen Zorn und Lachen; Frau Rosel aber war innigst erfreut: ihre
Vermutung, da er sie eines geheimen Vorhabens wegen abgelehnt, war irrig
gewesen, und wenn die Leute erst erfuhren, wie Malke war, so mute jeder Sender
beistimmen. Nach ihrer Auffassung konnte nur eine Entartete bei Nacht und Nebel
mit dem Geliebten fliehen. Dann aber fand auch der Marschallik kein Hindernis
mehr, wenn er fr Sender eine neue Partie suchte, und sie htte den Alten noch
heute darum gebeten, wenn er minder betrbt gewesen wre.
    Aber schon zwei Tage spter war er die Sorge um Jtte los: Schlome
Freudenthal, der Besitzer des Barnower Gasthofs, hatte sie als Wirtschafterin
aufgenommen. Fr mich ist's gut, sagte Trkischgelb der Freundin, fr sie
schlecht. Am Ort, wo ihr Vater lebt, hat noch keines Marschalliks Tochter
geheiratet. Fr Sender aber versprach er sich umzutun: es wird gehen, nun
loben ihn ja alle! In der Tat wute sich dieser der Glckwnsche kaum zu
erwehren. Da du's auf dich genommen hast, hie es, war eine Narrheit, aber
da du sie nicht genommen hast, dein Glck. Sonst wr' die Elende dir
davongelaufen.
    Er aber verteidigte sie warm und ehrlich. Wohl tat ihm noch immer leise das
Herz weh, wenn er ihrer gedachte, aber redlich gnnte er ihr alles Gute. Mag
sie der Doktor so glcklich machen, dachte er, wie es mein Vorsatz war! Und
mit feuchten Augen las er das Blatt, das um Neujahr an ihn gelangte. Auf die
lithographierte Anzeige: Wir beehren uns, Ihnen ergebenst unsere Vermhlung
anzuzeigen. Doktor Bernhard Salmenfeld und Frau Regine, geb. Salmenfeld, hatte
Malke geschrieben: Mit tausend Gren innigster Dankbarkeit ihrem teuren
Freunde Alexander Kurlnder. Darunter stand von der Hand des jungen Gatten:
Wie wollen wir applaudieren, wenn einst Dawison II. in unserem Wohnort Triumphe
feiert. Aber in so ein Nest kommt er wohl gar nicht. Ich werde froh sein, wenn
ich fr Barnow ernannt werde. Stolz zeigte er das Blatt seiner Freundin Jtte,
und auch Pater Marian bekam es zu lesen.
    Also doch! sagte der Greis lchelnd. Darum warst du so traurig. Aber
Dawison II. - damit hat's seine Wege. Aber er selbst fhlte sich in diesen
Tagen immer wieder an Senders berhmten Landsmann und Glaubensgenossen erinnert.
Auf sein Drngen las er mit ihm den Kaufmann von Venedig. Hatte ihn Senders
Begabung schon frher oft genug mit freudigem Staunen erfllt, so fhlte er sich
vollends durch die Art, wie er den Shylock las, tief ergriffen; sie mutete ihn
an wie ein Wunder der geheimnisvoll waltenden Natur, und als Sender die Worte
sprach: Wenn Ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn Ihr uns kitzelt, lachen wir
nicht? Wenn Ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? wandte er sich ab, damit
Sender nicht sehe, wie ihm die Augen feucht geworden. Es ist ja alles noch
roh, dachte er, und wrde auf der Bhne wahrscheinlich ausgelacht werden, -
die eckigen Gesten, die unreine Aussprache! - aber welches Talent steckt in
diesem Burschen, welches Gemt! Das kann ihm Gott der Herr doch nicht ohne
Absicht geschenkt haben, er will, da er ein Knstler wird zur Freude, zur
Erbauung der Menschen. Und was ich dazu tun kann, soll geschehen. Mit wahrer
Inbrunst widmete er sich dem Unterricht, ihm war's, als wre auch dies
Gottesdienst.
    Aber dies Studium des Shylock sollte auch eine unerwnschte Folge haben. In
ihrem Eifer hatten die beiden ganz ihren Nachbar, den Pater konom vergessen.
Und so hrte dieser, als er eines Tages - es war um die Mitte des Januar - in
der ihm gewohnten Art beschaulichen Gedanken nachhing, deutlich eine
frchterliche Stimme: Ich will ihn peinigen, ich will ihn martern! Und gleich
darauf: Ich will sein Herz haben! ... Geh, und triff mich bei unserer Synagoge!
- Entsetzt fuhr der Trunkene empor und lauschte. Juden, murmelte er, Juden
sind im Kloster und wollen mich tten. Und als dieselbe Stimme noch gellender
und mit geradezu blutdrstigem Ausdruck wiederholte: Ich will sein Herz haben!
brach er das Hausgesetz, das ihn an die Zelle fesselte, und strzte zum Prior.
    Der hochwrdige Valerian schalt heftig auf ihn ein; da der verkommene
Mnch, der einen starken Fuselduft verbreitete, im Rausch eine Halluzination
gehabt, kam ihm viel wahrscheinlicher vor, als da sich die Juden von Barnow am
hellen Tage im Kloster zusammengerottet htten, um die Mnche zu ermorden. Da
jedoch der Pater mit den heiligsten Eiden beteuerte, er habe es deutlich gehrt
und wolle die schwerste Strafe erdulden, wenn er der Lge berfhrt wrde, so
folgte ihm der Prior kopfschttelnd auf den Korridor der Pnitenz. Der Bitte des
Paters, einige handfeste Fratres mitzunehmen, willfahrte er nicht; mit diesen
frchterlichen Juden werd' ich schon selbst fertig, sagte er und betrat
lchelnd den Korridor. Aber wie ward ihm, als er nun wirklich aus einer der
Zellen eine kreischende Stimme vernahm - und offenbar die eines Juden - die in
wilder Freude rief: Ja! das ist wahr! Geh, Tubal, miete mir einen Amtsdiener!
und dies wiederholte, bis eine andere einfiel: Keine solchen Grimassen, Sender.
Und leiser! Aber der andere brllte: Ich will sein Herz haben! Da ri der
Prior die Tr auf.
    Es wre schwer zu entscheiden gewesen, wer starrer vor Staunen war, die
beiden, als sie den Prior erblickten, oder Valerian, als er in einer Zelle
seines Klosters einen jungen Juden entdeckte, der mit erregten Mienen und
blitzenden Augen dem Pater Marian zurief, da er jemandes Herz wolle.
Unwillkrlich schlug er ein Kreuz, und es whrte lange, bis er sich so weit
gefat hatte, um fragen zu knnen: Was suchst du hier? Was geht da vor?
    Aber noch lnger whrte es, bis ihm Marian antworten konnte, und wohl gar
eine Viertelstunde, bis der Prior begriff, nicht um was es sich handelte - das
war ihm noch lange nicht klar - sondern da Pater Marian mindestens bei Vernunft
war. Was er von dem Juden halten sollte, der da totenbleich, wie vernichtet mit
halbgeschlossenen Augen in einer Ecke lehnte, wute er freilich nicht, wohl
aber, da er keinesfalls ins Kloster der Dominikaner gehre. Geh', sagte er
ihm, und zu Pater Marian: Sie kommen heut' nachmittag zu mir.
    Aber Sender konnte dem Befehl nicht sofort folgen: Hochwrdiger Herr,
stammelte er entsetzt, erst mu der Fedko da sein, um mich bei der
Tartarenpforte hinauszulassen. Denn wenn mich die anderen aus der groen Tr
treten sehen, schlagen sie mich tot ...
    Zum Glck kam eben Fedko mit seinem Schlsselbund daher. So sah der Korridor
der Pnitenz nun den fnften erschreckten Mann, und vielleicht den entsetztesten
von allen. Und als ihm der Prior zurief: Also du besorgst den Bern Schnaps
und lt Juden ein? sank er fast ohnmchtig in die Kniee.
    Mit Mhe brachte ihn Sender wieder auf die Beine und bis an die Pforte. Es
ist alles aus, murmelte der Alte, mit meinem Dienst, mit dem Slibowitz des
konomen, mit deinem Slibowitz. Die Welt geht unter ...
    Es sollte glimpflicher kommen. Kopfschttelnd hrte der Prior die lange
Erzhlung Marians an, was Sender anstrebte, warum er ihn gefrdert, was den
jungen Mann noch in Barnow festhalte; dann aber, nach lngerem Nachsinnen, sagte
er: Lieber Bruder, Sie wissen, ich bin kein Gelehrter wie Sie, sondern ein
dummer Mnch. Ob dieser Sender zum Schauspieler taugt, kmmert mich nichts, ob
es ein lbliches Werk ist, ihn zu frdern, will ich nicht entscheiden. Da aber
die Zellen unseres Ordens nach dem Statut unseres erhabenen Begrnders, des
heiligen Dominikus de Guzman, nicht dazu bestimmt sind, da wir darin junge
Juden zu Schauspielern ausbilden, dies wei ich ganz genau. Aber andererseits
kenne ich Sie und wei, Sie knnen nichts Unedles gewollt haben. Durch das
Vergangene also ziehen wir einen dicken Strich, aber die Fortdauer des
Unterrichts mu ich verbieten. Das braucht ja Sie und ihn nicht gar so sehr zu
krnken, da er ohnehin in vierzehn Tagen fort will. Damit ich ihn aber unter
allen Umstnden los werde, so will ich mir in den nchsten Tagen den Wolczynski
und den Strus ins Gebet nehmen. Sie sind ja beide meine Beichtkinder, und
namentlich der Strus, der Heuchler, schmilzt, wenn man ihm die Hlle hei macht.
Ich hoffe, die alte Jdin behlt die Pachtung.
    Er kratzte sich an der Tonsur. Ach ja, um was alles sich ein Prior kmmern
mu .... Und noch eins! Sie haben ja diesen Sender so lange unterrichtet, da
werden Sie auch Abschied von ihm nehmen wollen? Nun, zum Abschiednehmen darf er
noch zu Ihnen kommen, meinetwegen jeden Tag, wo er noch hier bleibt .... So -
dies ist meine Entscheidung. Verzeihen Sie, ich bin ein dummer Mnch ...
    Der Greis fate seine Hand und drckte sie. O, rief er. Sie sind der
Weiseste der Menschen!
    Schmeicheln Sie mir nicht! brauste der Prior auf. Sonst glaube ich,
unrecht getan zu haben, und ich habe mich doch streng ans Statut gehalten -
nicht wahr?

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel


So trat von all den Schrecknissen, die Fedko vorausgesehen, nur eines ein: mit
dem Slibowitz des konomen war es wirklich zu Ende. Im brigen verzieh ihm der
Prior, und Sender entschdigte ihn reichlich. Dem jungen Manne war's, seit er
die Entscheidung des Priors erfahren, als wren ihm Flgel gewachsen, und die
Welt erschien ihm von ewigem Sonnenglanz berflutet. Nun war er endlich frei,
frei - am einunddreiigsten Januar bekam die Mutter die Pacht wieder
zugesprochen, am folgenden Tage wollte er nach Lemberg aufbrechen. Freilich
bangte es ihm ein wenig vor der groen Stadt, den wildfremden Menschen, indes -
das mute eben berwunden werden.
    Aber ein gtiges Schicksal schien ihn auch dieser Sorge berheben zu wollen.
Wenige Tage nach jener berraschung durch den Prior berreichte ihm Fedko einen
Brief. Er trug den Poststempel Hermannstadt in Siebenbrgen und Nadlers
Handschrift auf der Adresse. Vor Aufregung zitternd las Sender die Zeilen.
    Der Direktor schrieb, er habe zwar seit jenem Dankbrief, der ihn sehr
erfreut, obwohl da noch der Briefsteller etwas zu ausgiebig bentzt gewesen,
nichts von Sender gehrt, hoffe aber, da ihn dies Schreiben gesund und seinem
Vorsatz getreu finde. Auch habe er hoffentlich die Bcher fleiig studiert. Da
ich im vorigen Jahr in Czernowitz gute Geschfte gemacht habe - nur hatte ich da
viel Verdru, weil mir einige, gottlob untergeordnete Mitglieder, unter Fhrung
meines zweiten Komikers Stickler, durchbrannten, um sich, wie ich hre, in
Galizien herumzutreiben -, so gedenke ich auch dieses Jahr am 1. Mrz dort
einzutreffen. Willst Du kommen, so erwarte ich Dich also zu diesem Termin und
mchte Dir raten, Dich, falls Du berhaupt noch Schauspieler werden willst, nun
durch keine ueren Hindernisse abhalten zu lassen. Denn da Du nun bald
zweiundzwanzig Jahre alt bist, so ist's die hchste Zeit. Unumwunden - schrieb
er ferner und auf die Gefahr hin, in Senders Augen an Autoritt einzuben -
wolle er gestehen, da ihm Zweifel gekommen, ob sein erster Rat, noch zwei Jahre
in Barnow zu verbringen, ein guter gewesen. Es sprach ja vieles dafr, aber ich
bereue es doch, Du wrest, wenn ich Dich damals gleich mitgenommen htte,
wahrscheinlich viel weiter. Denn fast alle Kollegen, denen ich von Dir erzhlt
habe, waren dieser Meinung, darunter namentlich Dein groer Landsmann Bogumil
Dawison, den ich in diesem Sommer in Dresden gesprochen habe. Meine Erzhlung
Deiner Schicksale hat ihn auf das lebhafteste interessiert und an seine eigene
Jugendzeit erinnert. Hoffentlich triffst Du einmal, wenn auch Du ein tchtiger
Schauspieler geworden bist, mit ihm zusammen und Ihr knnt dann beide von Euch
sagen, da Euch die frhen Kmpfe und Entbehrungen nicht gebrochen, sondern
gesthlt haben. Dawison also war es vornehmlich, der mir sagte: Sie kennen das
polnische Ghetto nicht, wohl aber ich. Sie htten den armen Jungen sofort
befreien mssen. Auch wird man nur durch Spielen ein Schauspieler, nur auf der
Bhne und nicht aus Bchern. Htte Ihr Schtzling, wenn er ein Talent ist - und
das bist Du, Sender - auf der letzten Schmiere zwei Jahre lang Bediente
gespielt, so wrde ihm das mehr gentzt haben, als wenn er inzwischen eine ganze
Bibliothek durchstudiert hat. Wie gesagt, lieber Sender, ich wollte Dir dies
nicht verschwiegen haben, obwohl es gegen mich spricht, weil ich Dich nun
wenigstens vor lngerem Zgern bewahren mchte. Der Brief schlo mit dem Rat,
Wsche, aber so wenig Kleider wie mglich mitzunehmen. Denn Deinen Kaftan wirst
Du bei mir nicht tragen. Was Geld betrifft, hast Du keins, so mach' Dir nichts
draus. Also auf Wiedersehen am 1. Mrz.
    Sender las und las immer wieder. Der gute Mensch, murmelte er gerhrt.
Wie er sich nun gar selbst anklagt, und er hat mir doch gewi geraten, so gut
er's verstanden hat. Zum Glck irrt er sich obendrein, er wei ja nicht, was fr
einen Lehrer ich inzwischen gehabt habe und was ich schon kann ... Freilich, nun
reise ich erst gegen Ende Februar, aber an den drei Wochen kann doch mir nichts
liegen und dem Herrn Prior hoffentlich auch nicht .... Aber dieser Stickler -
prgeln sollt' man ihn, solche Lgen auszusprengen: wegen fnfzig Gulden -
hahaha!
    Er lachte vergngt auf. Auch Pater Marian wnschte ihm aufrichtig Glck.
Das scheint ein redlicher und verstndiger Mann, sagte er. Du bist in guten
Hnden .... Und da sich Dawison fr dich interessiert, kann dir einmal sehr
ntzen ....
    Gewi߫, sagte Sender. Aber wenn er, fgte er zgernd bei, nur dabei
bleibt, auch wenn ich berhmt geworden bin. Knstler sind oft sehr auf einander
neidisch. In meinem Lesebuch steht eine Geschichte von Talma -
    Nun, lachte der Pater, fr einige Jahre hat ja wohl Dawison noch keinen
Grund dazu ...
    Sender errtete. Natrlich ... Aber ich werd' nie neidisch sein ...
    Sie lasen heute die Gerichtsszene. Sender hustete so oft, da ihn der Pater
besorgt anblickte.
    Das kommt von dem Brief, entschuldigte sich Sender. Sobald mich etwas
aufregt, ob es nun traurig oder lustig ist, spr' ich's hier. Er deutete auf
die Brust.
    Der Pater schttelte den Kopf. Kein Wunder, sagte er, du hast ja diesen
Winter wieder unvernnftig gelebt, die Nchte gearbeitet, kaum vier Stunden
geschlafen.
    Aber habe ich, wendete Sender ein, wissen knnen, da der Prior meiner
Mutter hilft und Nadler mir? Jetzt freilich bedaure ich es. brigens bin ich ja
gesund genug.
    Dieser Meinung war der Pater nicht, aber er schwieg. Wozu ihm bange
machen, dachte er, halten lt er sich ja doch nicht. Laut aber sagte er: Du
mut dich recht schonen, auf der Reise, aber auch in Czernowitz. Mit deinen
dreihundert Gulden reichst du freilich nicht allzuweit!
    Mit dreihundert Gulden? rief Sender erstaunt. Damit wrd' ich zehn Jahre
auskommen. Aber ich hab' ja nicht einmal so viel und nehm' gar nur einen Teil
mit. Von den dreihundert Gulden ist der Zehnte fr die Armen abgegangen, macht
zweihundertsiebzig, meine Zinsen und Ersparnisse dazu macht zwanzig, zusammen
zweihundertneunzig. Davon nehm' ich vierzig mit und zweihundertfnfzig la' ich
der Mutter.
    Das ist zu viel! rief der Pater heftig.
    Ich meine nur, erwiderte Sender zaghaft, weil er schreibt, ich brauche
deutsche Kleider.
    Zu viel, was du der Mutter hinterlt. Sie behlt ja ihren Erwerb.
    Sender schttelte den Kopf. Bedenken Sie, ich mu ja gehen, aber gegen sie
ist es schlecht und herzlos. Auf andere Art kann ich ihr nicht beweisen, da ich
doch ein guter Sohn bin.
    Der Kummer, den er der Mutter bereiten wrde, war nun wieder wie im Vorjahr
die einzige Last, die er empfand. Denn im brigen gestaltete sich alles gut; die
Pacht wurde der Mutter zu den alten Bedingungen zugesprochen, von Nadler kam auf
seinen Dankbrief ein zweites Schreiben, das ihn herzlich willkommen hie.
    Mit aller Sorgfalt bereitete er nun seine Reise vor. Am Mittwoch, den 24.
Februar, wollte er sie antreten, dann war er Freitag abend in Czernowitz und
konnte sich Sonntag bei Nadler melden. Da die Mutter sein Reiseziel nicht ahnen
durfte, so wollte er vor Tagesanbruch das Haus verlassen, bis zum Dorfe
Miaskowka zu Fue wandern und dort einen Bauernschlitten mieten, der ihn bis zum
Stdtchen Tluste brachte. Unter den Leuten des Ghetto wollte er von niemand
Abschied nehmen, als von Jtte; sie verriet ihn gewi nicht, und wenn er sie
recht bat, stand sie der Mutter gewi in den ersten schweren Tagen bei. Die
anderen aber, die ihm nahe gestanden, wollte er zum mindesten vor der Reise noch
besuchen.
    Am letzten Sonnabend, den er im Ghetto verbrachte, lud er sich bei seinem
einstigen Lehrherrn, Simche Turteltaub, zu Tische. Auer ihm war noch ein
anderer Gast anwesend, ein Schnorrer, Meyer mit dem langen Bart genannt, der
damals seiner Schnurren wegen einen guten Ruf in der Bukowina und Sdruland
besa; Galizien bereiste er zum ersten Male. Simche ehrte ihn durch die besten
Bissen, wie es die Sitte gebot, ganz besonders freundlich aber war Sender gegen
ihn. Er liebte das abenteuerliche, sorglose Wesen dieser fahrenden Leute und
hatte sich immer gut mit ihnen verstanden. Und Meyer sah nicht blo stattlich
und ehrwrdig aus - der Bart flo ihm silbern ber die Brust nieder -, sondern
war auch ein berhmter Vertreter seiner Zunft.
    Dieses Rufes war er sich auch stolz bewut. Ich bin ja zum ersten Mal in
diesem Land, sagte er, aber ich hab' keinen getroffen, der nicht schon meinen
Namen gehrt htt'. Kein Wunder! So viel wie unser Knig, mein armer Freund,
Mendele Kowner, mit dem Friede sei, kann ich ja nicht, aber etwas doch! Und so
einer wie Mendele kommt ja nie wieder.
    Ihr habt ihn noch gekannt? fragte Sender. Mendeles Name war ihm natrlich
bekannt wie jedem Juden des Ostens, er hatte auf seinen Fahrten von ihm
wiederholt berichten hren, und die berhmteste Geschichte des Knigs der
Schnorrer: wie er mit Napoleon, nach Moskau gezogen, hatte ihn so erlustigt,
da er sie sich genau eingeprgt und oft anderen erzhlt. Aber einem, der den
merkwrdigen Mann noch persnlich gekannt, war er nie begegnet. Erzhlet doch,
bat er.
    Der Wirt wurde unruhig, doch mute er Meyer gewhren lassen. Und so erzhlte
dieser mit Begeisterung von dem unbertrefflichen Witz, der stolzen
Selbstlosigkeit, der Gte und Liebenswrdigkeit seines Vorbilds. Auch einige
seiner Streiche kramte er aus, die Geschichte von der verhexten Henne, vom Bart
des Wilnaer Rabbi und welche Schnippchen er den Heiratsvermittlern geschlagen.
Aber schlielich hat er ja doch geheiratet, schlo er. Und - jetzt erst fllt
mir's ein, hier in der Gegend soll ja auch sein Sohn leben.
    Davon hab'ich nie gehrt, versicherte Sender, und auch Simche, dem es ganz
schwl ums Herz geworden, beeilte sich, dasselbe zu beteuern.
    Damit schien das Gesprch denn auch glcklich von dem heiklen Thema
abgelenkt. Meyer erzhlte nun Schnurren aus dem eigenen Leben, und Sender war
nicht zu stolz, mit ihm zu wetteifern. Namentlich die Geschichte, wie er dem
geizigen Chaim Burgmann als Geist seiner Schwester erschienen, und dann, wie er
der strengen Verwalterstochter die beiden Hebammen ins Haus geschafft, rissen
Meyer zu neidloser Bewunderung hin.
    Ein Glck, da Ihr ein Schreiber seid, rief er, denn wret Ihr ein,
Schnorrer' geworden, wir knnten alle einpacken. Seit Mendele Kowner, mit dem
Friede sei, hab' ich so was nicht gehrt! Pltzlich aber - Sender strich sich
eben mit stillem Lcheln ums Kinn - wurden seine Augen weit und er beugte sich
fast erschreckt vor.
    Was ist das? murmelte er. Wer seid Ihr?
    Was habt Ihr? fragte Sender befremdet. Da Simche totenbla geworden, sah
er zum Glck nicht.
    Es ist nichts, murmelte der Schnorrer. Jetzt ist's fast weg. Eine
hnlichkeit ist freilich noch da, aber frher war sie gar zum Erschrecken. Wenn
ich nicht Euren Namen wt' ... Nmlich, wie Ihr Euch da vorhin bers Kinn
gestrichen habt - geschworen htt' ich, da sitzt Mendele Kowner. Grad' so hat
er's gemacht, grad' so gelchelt, nachdem er ein feines Wrtel erzhlt hat ...
    Also seh' ich ihm etwas hnlich? fragte Sender halb befremdet, halb
geschmeichelt. Wie hat er denn eigentlich -
    Aber weiter kam er nicht. Simche erhob sich und begann das Tischgebet zu
sprechen, obwohl sich der fremde Gast eben noch seinen Teller mit kstlicher
Kugel vollgehuft.
    Verzeiht, flsterte er dann Meyer zu und zog ihn in eine Ecke. Aber da
httet Ihr fast ein Unglck angerichtet. Er teilte ihm das Geheimnis mit und
schrfte ihm strengste Verschwiegenheit ein.
    Aber das ist ja eine Snd, rief der Schnorrer. Dem armen Mendele raubt
Ihr den Kadisch und ihm den Ruhm, einen solchen Vater zu haben.
    Wenn's eine Snd' wr', entgegnete der Fuhrmann, so htt's uns der Rabbi
nicht so aufs Gewissen gebunden.
    Freilich, wenn's Rabbi Manasse sagt, lenkte der Schnorrer ein, aber wie
fromm mu eure Gemeinde sein! Und dieser Ausruf war wohl begrndet; unter
Leuten, die minder sklavisch jedem Gebot ihres Geistlichen gehorchten, wre die
Wahrung des Geheimnisses durch all die Jahre schwerlich denkbar gewesen.
    Nach dem Essen wollte Sender das Gesprch wieder auf Mendele Kowner lenken.
Aber der Hausherr fuhr dazwischen. Jetzt la auch mich was erzhlen! rief er.
Diese Woch' war ich in Sadagra und hab' auf dem Rckweg in Zalefzczyki
bernachtet. Da ist Theater! Dieselben Spieler, die im Frhjahr in Chrostkow
waren. Die Sach' vom verliebten Schneider, von der Jtte erzhlt hat, hab' ich
jetzt selbst gesehen - zum Totlachen! Sehr gute Spieler!
    Was Euch nicht einfllt! erwiderte Sender, schlechte Komdianten!
    Woher weit du das? Du hast sie ja nicht gesehen?
    Sender wurde verlegen. Er wute es ja nur aus Nadlers Brief. Das lt sich
ja denken. Gute Knstler wrden auf der Czernowitzer oder Lemberger Bhne
auftreten, statt sich bei einer Schmiere in Chorostkow oder Zalefzczyki
herumzutreiben.
    Immer deutscher redet er, lachte Frau Surke. Man versteht ihn kaum mehr.
    Der nchste Dienstag war der letzte Tag, den er in Barnow verbringen sollte.
Dennoch erledigte er in der Kollektur alles pnktlich und stellte jeden Kunden
zufrieden, sogar den Richter von Miaskowka, indem er ihm hoch und teuer schwor,
das nchste Mal, wenn er ihn hier treffe, wolle er ihm alle fnf Nummern
verraten. Dovidl sollte ihm nichts nachsagen drfen. Und da ich ihn sitzen
lass', dachte er, dafr hat er einen Trost, mein Monatgeld fr Februar.
    Des Mittags behob er sein Geld in der Sparkasse und nahm dann Abschied von
Pater Marian. Schluchzend beugte er sich auf die welke Hand seines Wohltters
nieder. Auch der Pater war sehr bewegt. Gott mit dir, murmelte er, legte ihm
die Hand aufs Haupt und sprach den Segen seiner Kirche ber ihn.
    Sender litt es, aber er zuckte unwillkrlich zusammen.
    Der Segen eines alten Mannes wird dir nicht schaden, sagte der Greis und
lchelte mit feuchten Augen. Auch wenn es die Worte sind, die ich gewohnt bin.
    Auch Fedko war in seiner Art gerhrt.
    Nun ist's auch mit diesem Slibowitz zu Ende, sagte er. Und einer wie du
kommt nicht wieder. Denn wenn ich noch hundert Jahre lebe, einen so verrckten
Juden wird es in Barnow nicht mehr geben. Ach ja, die Verrckten gehen, die
Vernnftigen bleiben. Leb' wohl, Senderko!
    In der Dmmerung ging er nach dem Gasthof des Freudenthal und lie Jtte
hinters Haus rufen. Erschreckt kam sie herausgestrzt.
    Was ist geschehen? fragte sie, fuhr aber gleich fort: Ich wei es ja -
Ihr geht morgen!
    Woher wit Ihr!
    Ich hab' ja lngst davor - ich hab's ja lngst geahnt, verbesserte sie
sich hastig. Und Eure Mutter?
    Er seufzte. Ihr werdet Euch ihrer annehmen! sagte er gepret. Auch darum
wollt' ich Euch bitten. Lebt wohl!
    Sie schluchzte auf. O, es ist hart - fr die alte Frau - wollt Ihr nicht
noch einige Tage ... Ich meine, bis es schn wird, sollt Ihr hier bleiben. Es
ist so furchtbar kalt, das ist nichts fr Eure Lungen ...
    Es geht nicht, Jtte. Ich werde erwartet. In Czernowitz. Es war ihm nur so
entfahren. Aber Ihr verratet mich nicht.
    Ich! Aber mu es denn sein? Sie rang die Hnde.
    Jtte, sagte er, was habt Ihr damals im Schlohof gesagt? Ihr wit, es
ist mein Lebensziel, was macht Ihr mir das Herz schwer?
    Ihr habt recht, stie sie hervor. Dann rhrte sie an seine Hand, murmelte
etwas Unverstndliches und strzte ins Haus.
    Das gute Mdchen! dachte er. Welches Mitleid sie mit meiner Mutter hat.
Ach, auch mir fllt's hart.
    Er ging heim. Der Ostwind pfiff ber die Ebene und wirbelte den Schnee auf;
sein eisiger Hauch ging durch Mark und Bein. Er achtete kaum darauf, seine
Gedanken weilten bei der Mutter.
    Daheim nahm er alle seine Kraft zusammen, um unbefangen zu scheinen. Es
gelang ihm doch nicht ganz. Was hast du heut'? fragte Frau Rosel. Bist du
nicht wohl?
    Nur md', erwiderte er und erhob sich. Gut' Nacht, sagte er mit
abgewandtem Antlitz und stieg zu seiner Kammer empor.
    Dort erst lie er seine Trnen flieen. Mutter, schluchzte er immer
wieder, Mutter!
    So sa er im Dunkeln, bis unten das Glckchen klang. Das ri ihn empor. Er
machte Licht, holte sein Geld hervor, legte zweihundertfnfzig Gulden in einen
Umschlag und schrieb den Brief dazu, in hebrischen Lettern, die sie lesen
konnte: Verzeih' mir, Mutter, verzeih', ich kann nicht anders. Alle sagen, da
ich zum Schauspieler tauge, und mein Herz sagt mir, da ich dazu geboren bin.
Darum geh' ich in die weite Welt, es zu werden. Ich bin nicht schutzlos, gute
Menschen nehmen sich meiner an. Es braucht dir nicht bang um mich zu sein, auch
nicht meiner Gesundheit wegen; ich fhl' mich ganz gesund.
    Gott ist mein Zeuge, ich geh' nicht leicht. Und Dich, Mutter, trifft's gar
ins Herz. Aber es mu sein, glaub' mir, und mein Trost ist, da wir einst beide
diese Stunde segnen werden. Auch Du, wenn Du mich glcklich siehst, denn Du hast
ja immer fr mich gelebt. Die Leute sagen, es ist Pflicht der Mutter, fr ihr
Kind zu sorgen, aber Du hast all die Jahre tausendmal mehr getan als Deine
Pflicht. Und wie wenig Freuden hab' ich dir gemacht - und nun diesen Schmerz.
Aber ich kann nicht anders, ich kann nicht!
    Das Geld da gehrt Dir, als Sparpfennig fr Deine alten Tage. Ich rat' Dir,
leg es in die Sparkasse, das bringt wenig Zinsen, ist aber sicher. Du darfst
nicht glauben, da ich Dir damit Deine Liebe bezahlen oder mich gar von Dir
loskaufen will. Ich will Dir oft schreiben und Dich besuchen, so oft es mglich
ist, und treu fr Dich sorgen.
    Mutter, liebe Mutter, verzeih' mir und leb' wohl.
    Die Schrift war etwas undeutlich, weil seine Hand zitterte. Auch war an
einer Stelle ein Tropfen aufs Papier gefallen.
    Nun packte er seine Wsche in ein Rnzelchen, das er aus seiner
Fuhrmannszeit hatte, und legte die Bcher dazu. Dann griff er zu einer Schere
und trat, die Kerze in der Hand, vor sein Spiegelchen. Es war ein bleiches, aber
entschlossenes Antlitz, das ihm daraus entgegenblickte. Er legte die Schere an
die Schlfen und schnitt sich die Wangenlckchen ab.
    Dann griff er zum Kaftan, den er mitnehmen wollte, um auch ihn deutsch zu
machen. Er schnitt zwei Spannen ab und nhte den Rand zu, so gut er konnte.
    Whrend dieser Arbeit hielt er oft inne und lauschte bang. Das Glckchen
klang in dieser Nacht nicht wieder, das Wetter war gar zu schlimm geworden. Der
Ostwind war zum Sturm angewachsen, umheulte das Haus und wirbelte den Schnee
hoch empor. Es war eine bse Nacht.
    Gegen die vierte Morgenstunde war er fertig. Nun hatte er nur noch eins zu
verrichten: sein Morgengebet. Er schlang den Gebetriemen um Haupt und Arm,
schlug sein altes Bchlein auf und betete inbrnstig. Seine Seele lag vor Gott
im Staube und flehte um Trost fr die Mutter, um Gedeihen auf seinen Wegen. Du
hilfst denen, die reinen Herzens sind und das Gute wollen - ja, er durfte auf
Gottes Hilfe vertrauen ....
    Als er das Bchlein zuklappen wollte, fielen ihm wieder einmal jene
seltsamen Widmungen ins Auge, die er seither so oft gelesen. Dies Bchlein soll
meinem Kinde gehren, es ist das einzige, was ich ihm vermachen kann. Aber da
ich nun wei, wie gndig der Herr ist, so wei ich auch, da dies Bchlein
meinem Kind zum Segen sein wird.
    Armer Mann, dachte er, dein Segen gehrt nicht mir, aber von deinem
Bchlein will ich mich doch nie trennen. Er steckte es in die Tasche seines
Mantels, hob das Rnzel auf die Schultern, griff nach Hut und Stock und
kletterte die Treppe hinab.
    Im Flur vor der Schlafkammer der Mutter hielt er an und lauschte. Aber er
konnte die Atemzge der alten Frau nicht vernehmen, der Wind heulte zu laut.
    Geruschlos suchte er die Tr zu ffnen. Der eisige Sturm fuhr herein, er
mute alle Kraft aufbieten, sie wieder zu schlieen. Wie betubt stand er einen
Augenblick still, so schneidend umschnob ihn der Wind, und die Schneesplitter
stachen ihm in die Augen.
    Dann aber richtete er sich entschlossen auf und schritt in die Nacht hinaus,
einem neuen Leben entgegen.

                           Achtundzwanzigstes Kapitel


Hunderte von Meilen erstreckt sich die Ebene gegen Osten, darum hat der Wind,
der von dieser Seite weht, eine furchtbare Gewalt, und wchst er zum Sturm an,
so bergen sich Mensch und Tier vor seinem ttenden Odem und trauen sich nicht
eher hervor, bis er ausgetobt. Gott, dem Teufel und dem Oststurm kann niemand
widerstehen, geht das Sprichwort in Podolien. Er lt das Blut erstarren, wirft
den Strksten wie einen Halm nieder und begrbt ihn unter dem Schnee, den er
haushoch emporwirbelt! Wtet er mit voller Wucht, so ist kein Entrinnen vor ihm,
und alles Leben, das ihm in die grausamen Fnge gert, erstickt und verkommt.
    Noch hatte der Verderber, wie sie ihn in der Ebene nennen, in dieser Nacht
nicht seine volle Kraft gewonnen. Aber furchtbar genug trieb er es schon, und
nach hundert Schritten mute sich Sender sagen, da er ein trichtes Wagnis
begonnen - nicht mehr. An eine ernste Gefahr glaubte er nicht, obwohl er immer
wieder mit abgewandtem Antlitz, den Rcken gebeugt, die Fe breit
auseinandergestemmt stehen bleiben mute, bis ein Windsto vorber war, und auch
dann nur langsam, Schritt fr Schritt vorwrts kam, weil der Fu im Schnee
versank und die eisige Luft das Atmen erschwerte. Aber er hatte nicht umsonst
Jahre seines Lebens auf der Landstrae zugebracht. Zum Schlimmsten kommt's
heut' schwerlich, dachte er, gegen Morgen wird's besser. - Freilich war's
eine volle Meile bis Miaskowka, aber wenn er erst den Fuweg erreichte, der etwa
halben Weges von der Heerstrae abzweigt, dann ging's leichter. Der Fuweg
krzte die Strae ab und ging durch eine Schlucht, wo der Sturm gelinder war.
Und er arbeitete sich weiter, von einer Pappel zur anderen, die an der Strae
standen, schwer atmend, in Schwei gebadet, so lang er vorwrts stapfte, dann
erstarrend, wenn er innehalten mute, aber trotzigen Mutes.
    Da urpltzlich mit einem Schlage, als htte eine Riesenfaust dem Verderber
die Kehle zugeschnrt, verstummte er. Die Luft ward still, der aufgewirbelte
Schnee fiel zur Erde, das Dunkel lichtete sich, da die verschneite Strae
weithin sichtbar wurde. Barmherziger, erbarme Dich! sthnte Sender auf und
blieb von Entsetzen gelhmt stehen. Er wute, was diese jhe Stille bedeutete.
Der Sturm sammelte neue Kraft, noch eine Minute, und er kam als Orkan wieder,
der alles ttete und dann begrub.
    Zurck, dachte er, das Haus erreiche ich vielleicht wieder, den Hohlweg
nicht mehr. Er wandte den Fu. Da durchfuhr's ihn, da er sich den Rckweg
abgeschnitten, buchstblich, mit der Schere; ohne Wangenlckchen, im kurzen
Kaftan konnte er der Mutter, den Leuten nicht mehr vor die Augen treten. Und
dann war enthllt, da er ein Deutsch werden wollte .... Vorwrts! Und wie
ein Verzweifelter eilte er weiter, als gbe es ein Entfliehen vor dem Verderber.
    Aber da war er pltzlich wieder, der Ungeheure. Ein langgezogenes, heulendes
Brausen flog ihm voraus, dazwischen dumpfes Drhnen und Knattern, das Gerusch
der splitternden ste und Bume; es wurde dunkel, und nun kam er mit
entsetzlicher Wucht dahergejagt. Blitzschnell hatte sich Sender auf den Boden
geworfen, so allein entging er dem Lose, von dem Rasenden erfat und einige
Schritte weiter hingeschmettert zu werden. Plattgedrckt lag er auf dem Schnee,
das Gesicht nach der sturmfreien Seite gewendet, um atmen zu knnen.
    Aber der Schnee berdeckte ihn immer dichter, er drohte ihn zu ersticken
.... Er wollte sich erheben; der Orkan drckte ihn nieder. Da raffte er alle
Kraft zusammen und kroch auf Hnden und Fen vorwrts, bis er die nchste
Pappel erreicht. Hier konnte er wieder atmen, aber nun fhlte er, wie ihm die
Klte langsam die Glieder umschnrte. Noch konnte er sich regen, sie abwehren -
aber wie lange ....
    Da wurde es abermals pltzlich still, grabesstill, nur der aufgerhrte
Schneestaub fiel mit leisem Klirren nieder, und fern, fern chzte etwas auf.
Vielleicht ein Ast, der sich vom froststarren Stamm lste, vielleicht ein
verendendes Tier. Sender suchte sich emporzurichten und blickte um sich. Auf dem
Acker zur Rechten sah er im matten Schein des Schnees ein Kreuz ragen; er kannte
es, es stand etwa halben Wegs zwischen dem Stdtchen und dem Hohlweg; eine
Viertelmeile hatte er nun doch zurckgelegt, freilich war die Stille ein bses
Zeichen. Noch hatte der Orkan nicht seine volle Hhe erreicht, nun galt es jeden
Atemzug ntzen, bis er wiederkam ....
    Und wieder watete er durch den Schnee weiter, so rasch ihn die zitternden
Kniee tragen wollten, mit keuchender Brust, schweibedeckt weiter ... weiter
.... Bald mute zur Rechten eine kleine Kapelle auftauchen, am Feldweg gegen
Biala, vielleicht konnte er sie erreichen, ehe der Orkan losbrach .... Er
spannte alle Sehnen an, da, nicht zehn Schritte weit, schimmerte die Kapelle ...
Aber im selben Augenblick kam der Orkan herangebraust ber die ungeheure Ebene,
Erde und Himmel chzten auf und wurden zu einem weien, brllenden, sthnenden
Chaos, blitzschnell - ehe sich Sender niederwerfen konnte, fhlte er sich von
der Riesenfaust gefat und durch die Luft getragen und niedergeschmettert, da
ihm die Sinne vergingen.
    Nur einen Augenblick, dann ri ihn die Todesangst empor. Wie eine schwere,
eiskalte Hand legte es sich auf sein Antlitz und hielt ihm den Mund zu, da er
sich ersticken fhlte. Der Sturm hatte ihn in den Straengraben geworfen und mit
Schnee bedeckt. Er schlug um sich. Hilfe, Hilfe! rchelte er, nun konnte er
wieder atmen. Langsam arbeitete er sich aus dem Graben hervor und kroch zur
Kapelle, whrend ber ihm das ungeheure Wten der Lfte forttobte.
    In der Kapelle brach er halb ohnmchtig zusammen. Wach bleiben, bei
Vernunft bleiben! murmelte er und griff nach Schnee, die brennende Stirne zu
khlen. Da fuhr er zusammen, aus einer Ecke der Kapelle kam ein wimmernder Laut,
dann ein leises Heulen. Es mute ein Tier sein, das sich da geborgen. Und nun
kam es langsam auf ihn zu - ein Wolf? ein Hund? Mit wirbelnden Sinnen fate er
seinen Stock und hob ihn. Das Tier kauerte sich nieder und wimmerte und wedelte
mit dem Schweif. Nun sah er, es war ein Hund. Moskal! rief er, es ist der
verbreitetste Hundename in jener Landschaft. Zufllig mochte er es getroffen
haben, der Hund kam heran, leckte ihm die Hnde und schmiegte sich dicht an ihn.
Sender lie es geschehen und kraute ihm das Fell. So trsteten und wrmten sie
sich gegenseitig, der Mensch und das Tier. Und beide hatten wohl in diesem
Augenblick tiefster Angst vor dem Toben der Natur dieselbe und keines eine
hhere Empfindung.
    Dann begann Sender seine Gedanken zu sammeln. Die schlimmste Gefahr war nun
wohl vorbei. Noch tobte der Orkan in ungeschwchter Kraft fort, aber lange, das
wute er, konnte dies nicht mehr whren. Entweder linderte sich allmhlich seine
Gewalt oder es trat jhlings eine neue Stille ein, wo der Verderber gleichsam
Atem schpfte. In beiden Fllen konnte er die Schlucht erreichen, dort war
sicherlich leichter vorwrts zu kommen. Denn hier sitzend den Morgen
heranwachen, war unmglich; es wre der sichere Tod gewesen. Die Klte war
entsetzlich. Wieder fhlte er, wie sie sich um seine Glieder legte, die Fe
wurden starr und die Hnde. Er strubte sich dagegen, suchte sich aufzurichten,
prete den Hund fester an sich. Aber seine Bewegungen wurden immer langsamer,
seine Kraft verlie ihn .... Schlafen! murmelte er und schlo die Augen. Aber
Schlafen ist Tod! fuhr es ihm durchs Hirn, und er richtete sich angstvoll auf.
Aber sich zu erheben, vermochte er nun nicht mehr. Wieder sanken ihm die Lider
zu.
    Anders der Hund, vielleicht weil sein Instinkt der schrfere war. Er
schttelte sich und bellte, leckte dem Menschen bers Gesicht und zerrte an
seinem Rock. Das brachte Sender wieder zu sich. Er taumelte empor, begann auf
und nieder zu stampfen, sich zu schtteln. Dabei kollerte etwas aus seinem Rock
zur Erde nieder. Es war sein Gebetbuch. Er hob es auf und umklammerte es mit
beiden Hnden. Ihm war's, als strmte ihm daraus neue Kraft zu, als htte er
damit Gottes Gewand gefat und brauchte es nur festzuhalten, um nicht zu
vergehen. Das Gebet, das man in Lebensgefahr zu sprechen hat, fiel ihm wieder
bei, er sprach die Worte vor sich hin. Herr ber Leben und Tod, begnade mich
zum Leben! Der Klang der eigenen Stimme gab ihm neue Kraft, er kauerte sich
wieder hin, das Bchlein legte er neben sich und die Rechte drauf, und der Hund
kam wieder herangekrochen.
    Da wurde es wieder einmal jhlings still. Nun auf - zur Schlucht! Sender
erhob sich, erst als er ins Freie trat, wurde er gewahr, da ihm der Orkan den
Hut entfhrt - wer wei, wie viele Meilen weit. Er band ein Tuch um den Kopf und
schritt aus - der Hund folgte. Da erhob sich jenes chzen, das er vorhin gehrt.
Es war ein heiserer, krchzender, langgezogener Laut. Sender erstarrte das Blut:
das waren Wlfe! Auch der Hund hatte wohl den Ton erkannt, er blieb, den Schweif
eingeklemmt, stehen, und stie ein ngstliches Heulen aus.
    Das hilft nichts, murmelte Sender. Vorwrts! der Ton scheint von der
Strae zu kommen, ich will in die Schlucht. Mit Gott! Und er tastete nach dem
Bchlein.
    Er fand es nicht. Er durchwhlte die Taschen, er hatte es nicht mehr. Da
fiel ihm bei, da es wohl in der Kapelle liegen geblieben. Er blickte zurck,
kaum zweihundert Schritte war's bis dahin, aber nicht viel mehr zur Schlucht,
und auch diese Stille whrte wohl nur kurz. Aber gleichviel, der Hut lie sich
ersetzen, das Bchlein nicht. Und er eilte zurck, der Hund folgte mit freudigen
Sprngen.
    Da lag das Buch wirklich zu Fen des Kreuzes. Er hob es auf - da brach der
Orkan wieder los. Abermals war er in der Kapelle festgebannt, von neuem begann
der Kampf gegen die Klte. So geschwcht seine Kraft war, Sender fhlte sich
mutiger als frher. Er hielt das Bchlein, das Gewand Gottes, der Sturm mute
sich ja endlich legen. Und nun rtete sich's im Osten, das Licht kam wieder,
grau und hlich, aber doch der Tag, der Tag!
    Gegen die siebente Stunde schwieg der Orkan. Sender erhob sich und taumelte
zurck; er war zu schwach, die Kniee trugen ihn nicht mehr. Er versuchte es
nochmals - nein, es ging nicht. Er mute ausharren, bis ein Gefhrt vorbeikam.
Zum Glck hatte sich mit dem Orkan auch die Klte gebrochen. Wie fast nach jedem
Oststurm in der groen Ebene, begann nun der Wind aus Westen zu wehen, sanft,
warm und weich.
    Etwa eine Stunde, nachdem es Tag geworden, kam endlich von Barnow her ein
Schlitten. Ein Bauer lenkte ihn, sein Weib lag drin. Der Hund schlug an. Sender
trat vor die Kapelle und winkte dem Manne. Es war der Richter von Miaskowka.
    Alle Heiligen! rief er und hielt den Schlitten an. Senderko, wie kommst
du her? Hast du die Nacht im Freien verbracht, diese Nacht?
    Sender nickte. Nehmt mich in Euer Dorf mit, bat er. Der Richter war dazu
bereit. Nur mit dem Platz ging es nicht so leicht. Du siehst, mein Weib ist
besoffen. Aber wir wollen sie auf die Seite legen. Nachdem dies geschehen,
konnte Sender sich setzen. Der Hund sprang mit auf.
    Gehrt der Kter dir? fragte der Richter. Ein schnes Tier hast du dir da
ausgesucht.
    Liebevoll strich der todmatte Mann ber das struppige Fell. Ja, der gehrt
zu mir, erwiderte er, fr immer. Fahrt zu, Richter.
    Die Pferde zogen an. Du hast mir noch nicht gesagt, wie du herkommst,
sagte der Bauer. Und wie du aussiehst! Zum Erschrecken! Und ohne Hut!
    Sender erwiderte, er habe in aller Frhe nach Miaskowka wollen, da habe ihn
der Sturm knapp vor der Schlucht eingeholt.
    Der Bauer ri die Augen auf. Durch die Schlucht wolltest du? Da kannst du
dem Sturm dankbar sein. Sie ist ja tief verschneit, und es haben sich dort Wlfe
festgesetzt. Du wrest nicht lebend davongekommen. Aber was schneidest du fr
ein sonderbares Gesicht, Jude?
    In der Tat, bewegt genug mochte Senders Antlitz sein. Das Bchlein hat mich
gerettet, dachte er. Gott durch das Bchlein. Wre ich nicht in die Kapelle
zurckgekehrt, es zu holen - er schlo die Augen, und ein Schauer berlief ihn.
Dann bewegten sich leise seine Lippen zum Dankgebet.
    Nach einer Weile begann der Richter wieder: Verrcktheit, in solcher Nacht
nach Miaskowka zu laufen. Und was willst du dort?
    Ein Geschft besorgen, erwiderte Sender, mit dem Schnkwirt. Er fhlte
sich todmde und mute nun gleichfalls ruhen. Dann will ich nach Tluste weiter.
Wollt Ihr mich fahren? Ich zahle gut.
    Der Richter schttelte stolz den Kopf. Das ist nicht mein Geschft, sagte
er wrdevoll. Dann aber kratzte er sich nachdenklich hinter dem Ohr. brigens,
sagte er, ausnahmsweise mag es sein. Wir haben gestern am Wochenmarkt unser
ganzes Geld versoffen. Was das fr ein Rausch war, kannst du an meinem Weib
sehen. Was wit ihr verdammten Juden, die ihr uns aussaugt, davon, was der Bauer
fr ein schweres Leben hat! Ohne Lotterie geht es wirklich nicht mehr! Aber du
hast mir ja versprochen ...
    Gewi! murmelte Sender mhsam. Die Nachwehen der Nacht machten sich nun
erst voll fhlbar; jeder Atemzug schmerzte ihn.
    Taumelnd ging er in die Kammer, die ihm der Schnkwirt im Dorfe anwies, lie
sich einen Tee bereiten und versank, noch ehe er das Glas ganz geleert, in
bleiernen Schlaf.
    Als er erwachte, empfand er starkes Kopfweh, auch ein Brennen in Rachen und
Nase, aber das Stechen in der Lunge war etwas linder geworden. Da er zugleich
heftigen Hunger fhlte, schlo er daraus, da er noch gndig weggekommen. In der
Kammer war Dmmerung, er schob es auf das verhangene Fenster, aber whrend er
sich ankleidete, wurde es immer dunkler; er hatte den ganzen Tag verschlafen.
    Der Schnkwirt trug ihm auf, was das arme Haus bieten konnte; der Gast
langte tapfer zu. Da stie etwas Nasses, Kaltes an seine Hand, es war Moskals
Schnauze. Armer Kerl, rief er mitleidig, hast du auch den Tag ber nichts
gegessen? Dann teilte er redlich mit ihm.
    Der Wirt setzte sich zu ihm. Verzeiht, Sender, aber ich halt's vor
Neugierde nicht mehr aus! Was wollt Ihr hier? Wo sind Eure Lckchen? Wo die
Kaftansche?
    Sender dachte nach. Gut, Euch will ich's sagen, wenn Ihr Schweigen gelobt,
flsterte er ihm zu. Ich habe in Rabbi Manasses Auftrag etwas in Tluste
auszufhren, wobei man mich fr einen Christen halten mu. Es ist fr die ganze
Gemeinde. Erfhrt es jemand vor Ablauf eines Monats, so ist der Rabbi verloren.
Ihr seht, wir sind in Eurer Hand. - Hoffentlich hlt er jetzt seinen Mund,
dachte er. Den Richter, der sich am Abend einfand, bestellte er fr den nchsten
Morgen.
    Wieder schlief er zehn Stunden fest und traumlos. Am Morgen erwachte er mit
einem Schnupfen, da ihm die Augen trnten, fhlte sich aber sonst fast wohl.
Gottlob, dachte er, es wre ja aber auch zu entsetzlich gewesen, jetzt zu
erkranken. Und als er nun doch Schmerzen in der Brust empfand, zwang er sich
frmlich, nicht darauf zu achten. Ich mu ja gesund sein, dachte er. Frhlich
fuhr er davon, nachdem er von einem Bauer eine Pelzmtze eingehandelt und dem
Wirt noch einmal Rabbi Manasses Schicksal auf die Seele gebunden.
    Es war ein grauer, aber fast warmer Tag. Der Westwind wehte unablssig.
Verrcktes Wetter, meinte der Richter, so schlimm hat's schon lange weder der
Verderber, noch die Trnenmagd getrieben. Seit gestern freilich ist sie
unablssig an der Arbeit. Die Trnenmagd, so nennen sie den Westwind, weil er
Regen bringt oder den Schnee schmelzen macht. Am Dniester kann's bse werden,
ber Nacht kommt pltzlich der Eissto, und es gibt eine berraschung. Und was
ist das fr ein Weg!
    In der Tat arbeiteten sich die Pferde schwer durch den weichen Schnee, und
es war bereits spter Nachmittag, als sie in Tluste einfuhren. Bei dem ersten
Hause des Fleckens begegnete ihnen ein groer Schlitten, in dem wohl zehn Juden
dichtgepret saen. Sender wandte sich hastig ab, in einem von ihnen hatte er
seinen einstigen Lehrer, Schlome Rosenthal erkannt. Hoffentlich hat er mich
nicht erkannt, dachte er, sonst wissen die Barnower morgen Mittags, welchen
Weg ich eingeschlagen habe.
    Er kehrte in einem Wirtshaus ein, dessen Besitzer ihm nicht bekannt war,
aber kaum, da ihm der Mann die Suppe vorgesetzt hatte, begann er auch: Ihr
seid doch Sender, der Pojaz? Ich bitt' Euch, sagt mir, warum Ihr wie ein Deutsch
reiset, ohne Lckchen, im kurzen Rock und mit einem Hunde? Und dazu eine
Bauernmtze?
    Sender dachte nach. Der Wirt machte nicht den Eindruck eines Frommen, in
seine Hnde konnte er also das Schicksal Rabbi Manasses nicht legen. Spter,
sagte er, Ihr werdet mein Vertrauen lohnen und den Spa nicht verderben ...
    Behte! beteuerte der Wirt. Dazu sind Eure Spe zu gut. ber Eure
Brautschau bei der Uhrmacherstochter in Mielnica hab' ich mich krank gelacht.
    Vortrefflich, dachte Sender, der Mann hilft mir. Nachdem er ihm das
Gelbnis strengster Verschwiegenheit abgenommen, sagte er: Es ist was
hnliches, aber, glaub' ich, noch besser. Meine Mutter will, da ich eines
Chassids Tochter in Sadagra bei Czernowitz heirate. In dem Zustand stell' ich
mich ihr vor.
    Der Wirt wollte sich ausschtten vor Lachen und behandelte den Gast fortab
mit noch grerer Aufmerksamkeit. Auch schaffte er ihm eine billige
Fahrgelegenheit, einen Kutscher, der mit leerem Schlitten nach Czernowitz
zurckmute. Freilich konnten sie nicht vor Sonntag dort sein, da sie ber
Sabbat in Zalefzczyki rasten muten. Sender war leicht darber getrstet. Da
schau' ich mir dort die berhmte Gesellschaft Stickler an, dachte er, und die
Ruh' wird mir wohltun. Denn obgleich sich auch nun seine Erfahrung besttigte,
wie sehr sein Befinden von seinem Gemtszustand abhing, so konnte ihn doch all
die frhliche Tatkraft, die ihn erfllte, die Schmerzen in der Brust nicht ganz
vergessen machen. Die bse Nacht hatte doch tiefere Spuren hinterlassen, als er
anfangs gehofft. Sein Trost war nur das warme Wetter.
    Es hielt auch am Freitag an, wo sie aus Tluste weiter nach Sden fuhren, dem
Flutal des Dniester zu, noch mehr, nun wurde der West zum Schirokko, es war so
schwl, da Sender den Mantel ablegen mute. Der Wind leckte den Schnee weg und
weichte das Eis auf. Auf der Strae war nun ein Gemisch von Kot und Schnee,
durch das sich der Schlitten mhsam durcharbeitete, von allen Feldern rieselte
das graue Schneewasser, fllte die Straengrben und lie die Bche zu Flssen
anschwellen. berall, so weit der Blick reichte, quirlte und schumte es, das
eintnige Rauschen der Wasser erfllte unablssig das Ohr.
    So jh' hab' ich's noch selten erlebt, sagte der Kutscher. Heut' nacht
oder morgen frh macht sich der Eissto im Dniester auf den Weg. Mit der
Sabbatruhe in Zalefzczyki ist's nun nichts. Wir mssen noch heute ber die
Schiffbrcke, sonst nimmt sie der Eissto mit.
    Und wo bleiben wir dann ber Sabbat? fragte Sender.
    In einem Feldwirtshaus jenseits des Flusses. Freilich ist's ein elendes
Haus, aber weiter kommen wir heute nicht.
    Damit war Sender schlecht zufrieden, er hatte sich auf die Vorstellung und
das gute Bett in Zalefzczyki so gefreut. Wir wollen doch erst sehen, ob's ntig
ist, erwiderte er.
    Die Fuhrleute, die ihnen begegneten, waren verschiedener Ansicht. Die
Eisdecke hat Sprnge, erwiderte der eine, am Montag geht's wohl los. - Schon
heute nacht, meinte ein Zweiter. Der Dritte wieder sagte: Vor dem Mittwoch ist
nichts zu befrchten. Und wenn auch der Eissto abgeht, der Brcke tut er
nichts.
    Am heftigsten aber beteuerte die Wirtin des Gasthofs in Zaiefzczyki, vor dem
Sender halten lie, da nicht das geringste zu befrchten sei.
    Das Eis steht wie eine Mauer, schwor sie, vor einer Woche rhrt sich's
nicht. Und wenn auch, was verschlgt's Euch. Vor fnf Jahren hat der Eissto die
Schiffbrcke zerstrt, aber seither nie. Und jetzt ist die Brcke neu und ruht
auf Ketten, so dick wie ich.
    Dann muten es allerdings verlliche Ketten sein, die Frau war wie eine
Tonne, aber der Kutscher schttelte den Kopf. Euch ist's um die Sabbatgste zu
tun, erwiderte er, und mir ums Heimkommen. So einen furchtbaren Eissto, wie
er diesmal wird, hat's lange nicht gegeben. Der nimmt die Brcke mit.
    Schon wollte Sender in die Weiterreise willigen, da fiel sein Blick auf
einen riesigen roten Zettel am Tor: Theater in Zalefzczyki, und gleichzeitig
trat ein blonder, schlanker Mensch im schbigen Mantel, einen riesigen Filzhut
schief auf den Kopf gedrckt, vors Tor und blickte ghnend um sich. Das verlebte
Gesicht war glatt rasiert. Ein Schauspieler!
    Senders Herz begann zu pochen. Ist das Theater hier in Eurem Haus? fragte
er die Wirtin.
    Ja, erwiderte sie eifrig. In meinem Saale. Solche Spieler habt Ihr noch
nicht gesehen. Und nach der Vorstellung sind alle in meiner Wirtsstube. Schne
Mdchen darunter, setzte sie mit einem unangenehmen Lcheln hinzu. So eine
Unterhaltung werdet Ihr noch nie erlebt haben.
    Sender schwankte. Die schnen Mdchen lockten ihn nicht, aber die
Vorstellung. Und er sollte den Sabbat in einem elenden, langweiligen
Feldwirtshaus verbringen? Aber anderseits - Montag war ja der 1. Mrz, da mute
er in Czernowitz sein .... Wir wollen's uns ansehen, wie's da unten aussieht,
sagte Sender zum Kutscher und deutete nach dem Flusse. Kommt mit.
    Sie schritten die Strae hinab bis zu einem kleinen, knstlich erhhten
Platz am Fluufer, einer Art Bastion dicht an der Brcke. Da konnten sie den
Dniester weithin bersehen, eine schmutzige, graue, breite Riesenschlange, die
sich durch das Wei der cker wand. Unter ihnen lag die Schiffbrcke, eine Reihe
flacher, mit Bohlen berdeckter Khne, die zwischen zwei mchtigen, um steinerne
Pfeiler gewundene Eisenketten befestigt waren. Fugnger und Wagen zogen darber
hin, weit und breit war nichts Bedrohliches zu sehen.
    Ich bleib' nicht, sagte der Kutscher dennoch. Seht Euch die Farbe des
Dniester an. Das Eis steht noch, aber das Wasser ber der Decke ist schon wohl
einen Fu hoch, sonst wrde es nicht so schmutzig aussehen. Die Farbe des Eises
schlgt kaum noch durch. Ich kenn' das.
    Das Wasser steht drber, gab Sender zu, aber man hrt ja noch nicht das
leiseste Krachen im Eis, und das fngt tagelang vorher an.
    So bleibt Ihr, erwiderte der Kutscher. Ich fahre.
    Ungeduldig sphte Sender um sich; vielleicht war ein Eingeborener da, der
diesen hartnckigen Menschen bekehren konnte. Und da war wirklich einer, und gar
eine Amtsperson.
    In einer Ecke der Bastion schaufelte ein junger Mann in grauem
Soldatenmantel eine Grube aus. Der Mantel war zerfetzt und das Gesicht des
Menschen ganz ungewhnlich dumm, aber auf seinem Strohhut blinkte ein
Blechschild: Stdtische Polizei.
    Glaubt Ihr, sprach ihn Sender ruthenisch an, da die Brcke bedroht ist?
    Zu mir sagt man Sie, erwiderte der Zerlumpte wrdevoll, weil ich die
Polizei bin. Aber die Brcke? fragt Ihr. Wer sollte ihr denn was antun?
    Nun, der Eissto.
    Der tut ihr nichts! Er darf nicht. Der Herr Brgermeister hat's verboten.
Ich war selbst dabei, wie er gesagt hat: Diesmal darf der Eissto die Brcke
nicht zerstren, es macht zu viel Kosten.
    Nun seid Ihr beruhigt? lachte der Kutscher hhnisch auf.
    Sender aber fragte: Und hat der Herr Brgermeister nicht gesagt, wann der
Eissto kommt?
    Nein. Aber er sagt: Nicht so bald, denn ich habe noch kein Telegramm.
    Telegraphiert ihm der Eissto? fragte der Kutscher.
    Ich wei nicht, wer, erwiderte der Polizist. Aber vorher mssen wir vom
Amt die Telegramme bekommen, aus Mikolajow, aus Halicz, aus Jezupol, aus allen
Stdten da oben. Er deutete fluaufwrts. Dann erst kann er kommen. Und er
darf auch gar nicht frher kommen, als Mittwoch.
    Warum?
    Wegen dieser Sache da. Er deutete auf die Grube. Heute, Hritzko, hat mir
der Herr Brgermeister gesagt, schaufelst du die Grube fr den Mrser aus,
Montag schaffen wir ihn hin, Dienstag laden wir ihn. Also, schlo er gewichtig,
vor Mittwoch ist es nichts, denn durch diese Mrserschsse wird's der Stadt
angezeigt.
    Nun knnen wir ruhig schlafen, lachte der Kutscher. Sender aber dachte:
Wenn's nicht gerade Theater wre, ich wollt' in Gottes Namen nachgeben. So
aber?! Da jedoch auch der Fuhrmann fest blieb, so machten sie im Gasthof ihre
Rechnung glatt und schieden.

                           Neunundzwanzigstes Kapitel


Sender lie sich eine Schlafkammer anweisen und in der Wirtsstube ein
Mittagessen auftragen. Gottlob, der Kellner kannte ihn nicht und fragte daher
nicht auch nach seinen Lckchen, wohl aber, ob er abends das Theater besuchen
wolle, und als Sender bejahte, griff er in die Tasche und legte eine Karte vor
ihn hin. Sperrsitz ersten Ranges, vierzig Kreuzer. Nummer sechs. Erste Bank.
Von dem Platz sieht man am besten!
    Habt Ihr keinen billigeren? fragte Sender.
    Ein Herr wie Ihr! rief der Kellner, ein Deutsch, der keine Lckchen mehr
trgt und einen kurzen Rock. Der zweite Rang kostet dreiig Kreuzer - oder
zwanzig - ich wei wirklich nicht genau, denn mit Leuten, die dorthin gehen,
hab' ich nichts zu tun. Aber auf diesem Platz ist vorgestern der Herr
Kreishauptmann gesessen und gestern der Herr Oberst. Auch sieht man vom zweiten
Rang nichts.
    Das gab den Ausschlag. Sender zhlte ihm die vierzig Kreuzer zu. Habt Ihr
keinen Zettel? fragte er.
    Nein. Aber am Tor klebt einer. Es werden tglich nur sechs gemalt, weil wir
ja hier noch sehr zurck sind. Gibt es denn in Zalefzczyki eine Druckerei? Aber
halt - an der Kasse hngt ein Zettel, den bring' ich Euch.
    Er strzte ab und brachte dienstfertig den Zettel herbeigeschleppt. Es war
ein Riesenblatt, aus mehreren Bogen roten Papiers zusammengeklebt und mit einem
Pinsel bemalt. Ein dicker Strich schied ihn in zwei Hlften. Die linke wies
hebrische, die rechte lateinische Lettern. Beide Texte waren hochdeutsch und
besagten ungefhr dasselbe, aber nur eben ungefhr.
    Der Zettel lautete:

   B
Bis Sender den Riesenzettel in seinen beiden Hlften zu Ende gelesen, war ihm
der Braten kalt geworden, und dann konnte er vor rger kaum essen; Moskal konnte
sich ber seinen Anteil nicht beklagen. Diese Gauner, murmelte er in sich
hinein, allen wollen sie es recht machen und lgen das Blaue vom Himmel
herunter. Und das sind auch Knstler. Habt ihr solche Zettel beim Herrn Nadler
gelernt, ihr Halunken? Fast am meisten rgerte es ihn, da sie dessen Namen zu
mibrauchen wagten. Na, wartet, das wird er euch legen!
    Vieles an dem Zettel war ihm rtselhaft und reizte seine Neugierde, aber er
mochte gar nicht wieder hinsehen. Gesindel, eure Vorstellung will ich mir
ansehen - wird auch was Schnes sein! Aber sonst seid ihr keinen Gedanken von
mir wert! Er zahlte und ging, sich die Stadt zu besehen, die er noch nie bei
Tage gesehen; er hatte als Fuhrknecht da immer nur bernachtet.
    Als er aus dem Tore trat, hrte er pltzlich rufen: Pojaz - du hier? Es
war der Wirt, bei dem er damals zu bernachten pflegte. Und bist nicht zu mir
gekommen? Aber wo sind deine -?
    Meine Lckchen geblieben? rief Sender wtend. Der Teufel hat sie zuerst
geholt, nun kommt er ber die Eurigen! und er lie den verblfften Mann stehen
und rannte davon.
    Recht war's nicht, dachte er dann. Aber dies viele Fragen macht einen
ganz wild. Das mu aufhren. Ob ich mich hier ganz zum Deutsch mache oder erst
in Czernowitz, ist ja gleichgltig. Dann erkennt mich keiner mehr!
    Er trat in eine Barbierstube und lie sich das Haar stutzen, den Schnurr-
und Backenbart abrasieren. Der Barbier, ein Jude tat es unter Kopfschtteln.
Wie ein Schauspieler, sagte er, das hat noch kein jdisch Kind von mir
verlangt. Zuerst die Lckchen -
    Sender warf sein Geld hin und scho zur Tr hinaus. Unweit davon war ein
Kleiderladen. Der Besitzer, gleichfalls ein Jude, sah ihn gro an, als er ihn
fragte, ob er ihm fr seinen Mantel und Kaftan sowie eine Draufgabe in Barem
einen deutschen Anzug und einen modern geschnittenen Mantel eintauschen wolle.
Es kommt auf die Draufgabe an, sagte er endlich langgedehnt und brachte seine
Ware herbei. Sender mute lange probieren, bis sich etwas Passendes fand, und
dann noch lnger feilschen, der Hndler forderte einen unverschmten Preis. Der
Kaftan ist ja nichts ntz, sagte er, den hat kein Schneider abgeschnitten.
Erst als Sender davonging, lief er ihm nach und gab sich mit zwanzig Gulden
zufrieden. Nachdem der junge Mann im Hintergrund des Ladens die Kleider
angezogen, trat er vor den Spiegel. Er kam sich in der ungewohnten Tracht recht
seltsam vor, auch der Hund bellte pltzlich auf, als ob er ihn nicht erkenne,
oder doch um seine Verwunderung auszudrcken.
    Seufzend zahlte Sender die zwanzig Gulden auf den Tisch, nun blieben ihm
noch dreizehn. Ihr seid ein rechter Ruber, sagte er, es sind ja keine neuen
Kleider.
    Aber von einem Grafen abgelegt, erwiderte der Hndler. brigens - ich
will nicht lgen. Da Ihr's nur wit, jeder Christ htt's billiger bekommen.
Aber einem zum Abfall verhelfen, ist eine Snde, dafr will ich bezahlt sein.
Wie lang mag's her sein, da Ihr Eure Lckchen -
    Schweigt! donnerte Sender und lief davon. Aber nun wenigstens hat's ein
Ende! dachte er.
    In der Tat, im nchsten Laden, beim Hutmacher, wurde er bereits mit Herr
angesprochen, also wohl gar nicht mehr als Jude erkannt. Noch mehr,
unaufgefordert reichte ihm der Handwerker einen riesigen, weichen Filzhut hin.
So einen hat mir auch der Herr v. Hoheneichen abgekauft, sagte er. Sender sah
also sogar schon wie ein Schauspieler aus. Aber sein Stolz darber minderte
sich, als der Hutmacher, whrend er vor den Spiegel neben der Tr trat, sich vor
dieselbe hinstellte und sogar ngstlich die Hand auf die Klinke legte. Moskal
lie wieder sein Bellen hren, aber Sender fand, da ihm der Hut ausgezeichnet
stehe, und kaufte ihn nach lngerem Feilschen um drei Gulden, die Bauernmtze
gab er drauf. Beim Anblick des Geldes erhellte sich das Antlitz des Meisters.
Wenn Sie vielleicht, bat er, Ihren Herrn Kollegen, den Herrn v. Hoheneichen,
auch erinnern wollten ...
    Ich kenn' ihn nicht, erwiderte Sender stolz. Ich bin freilich auch
Schauspieler, aber nicht bei der hiesigen Schmiere, sondern Mitglied des
Stadttheaters in Czernowitz. Unter der echten Direktion Nadler ...
    Das htt' ich mir denken knnen, sagte der Hutmacher ebenso devot wie
traurig. Die Hiesigen zahlen nie ... Er ri respektvoll die Tr auf, und
Sender schritt erhobenen Hauptes auf die Strae.
    Die Dmmerung war eingebrochen, aber die Wrme gegen den Vormittag nur noch
gestiegen, von allen Dchern triefte es nieder, durch die durchgeweichten
Straen flossen Bche; aller Schnee schien auf einmal wegzuschmelzen. Der
Westwind war strker, aber auch noch schwler geworden; fast erschlaffend legte
sich sein Hauch um die Glieder, da Sender kaum den Mantel ertrug, obwohl er
viel leichter war als der alte, solide, der ihn so lange treu vor Wind und
Wetter geschtzt. Es war unbehaglich auf der kotigen Strae, er wollte eben in
seinen Gasthof zurckkehren, als pltzlich die Worte an sein Ohr schlugen: Das
Wasser steigt! Nun kracht's auch schon im Eis!
    Ein Herr hatte es dem anderen zugerufen, beide eilten nun zum Dniester
hinab. Das wre eine schne Bescherung, dachte Sender erschreckt und folgte
ihnen. Zehn Gulden hab' ich noch, das reicht knapp zur Zehrung und Reise bis
Sonntag abend. Ich werd' ohnehin fast ohne Heller in Czernowitz ankommen. Geht
mir nun die Schiffbrcke vor der Nase weg -
    Aber so bedrohlich sah es am Dniester noch nicht aus. Die Brcke unten war
nun mit Fackeln beleuchtet, die Bastion voll von Menschen, die sich neugierig
das ungewohnte Schauspiel besahen, Angst schien niemand zu empfinden. Das Wasser
war gestiegen, aber man hatte auch die Ketten hher gewunden, so da die Bohlen
wieder ber der Flut lagen; der Verkehr ber die Brcke whrte fort und wurde
nur zeitweilig unterbrochen, wenn es die Arbeit der Pioniere erforderte; hatten
sich Baumstmme und sonstiges Trmmerwerk an der Brcke angesammelt, so hoben
sie es mit Spieen und Stangen aus der Flut, schleiften es ber die Brcke und
warfen es auf der anderen Seite wieder in die Strmung. Unheimlich war nur das
Krachen im Eis, ein seltsamer Ton, dumpf einsetzend, dann immer heller und
durchdringender anschwellend, als schnitte eine Riesenfaust eine ungeheure
Glastafel entzwei, dann in einer Art Glucksen verhallend, dem Gerusch des
Wassers, das in den Ri eindrang und ihn erweiterte.
    Inmitten einer andchtigen Schar von Zuhrern stand ein dicker, alter Herr
und perorierte heftig. Nur keine Angst, rief er, vom Oberlauf ist noch kein
Telegramm da. Ihr seht, ich habe noch nicht einmal den Mrser aufstellen lassen.
Vor dem Montag kommt der Eissto nicht. Geht heim - ich wache!
    Ein jdischer Greis in seidenem Kaftan - es mute ein Vornehmer sein -
drngte sich durch die Reihen. Herr Brgermeister, rief er atemlos, da hab'
ich ein Telegramm bekommen -
    Woher?
    Aus Barnow!
    Haha! rief der Brgermeister. Seit wann liegt Barnow am Dniester? Auch
die Umstehenden lachten.
    Aber es ist wichtig! erwiderte der Jude und sprach flsternd auf den
Brgermeister ein. Aber der hrte ihn kaum an. Ein andermal, Herr Silberstein.
Jetzt hab' ich keine Zeit fr Eure jdischen Sachen.
    Was mag das sein? dachte Sender mehr neugierig als besorgt. Ihn konnte es
doch unmglich betreffen, er war ja kein Dieb, den man telegraphisch verfolgen
konnte. Und fr sein Fortkommen am Sonntag brauchte ihm nun auch nicht bange zu
sein.
    Er ging in den Gasthof zurck. Im Torweg stand die dicke Wirtin und hielt
ihn an, als er vorbei wollte. Wohin wnschen der Herr?
    Nummer neun, erwiderte er kurz.
    Da ri sie die Augen weit auf und schlug die Hnde zusammen. Ihr seid es!
Also ein Spieler wollt Ihr - wollen Sie werden?
    hnlich empfing ihn der Kellner in der Wirtsstube, Sender fhlte sich sehr
gehoben - kein Zweifel, wie ein Schauspieler sah er nun wirklich aus. Aber auch
hier bekam er sofort die Kehrseite der Medaille zu sehen. Als ihm der Kellner
das bestellte Flschchen Moldauer brachte, blieb er am Tische stehen und sagte:
Verzeihen der Herr - hier wird gleich bezahlt.
    Lchelnd zog Sender seine Brieftasche und holte, ohne hinzusehen, die
Zehnguldennote hervor. Das machte sich groartig und war doch kein Kunststck,
sonst war nichts mehr drin.
    Der Kellner wechselte. Entschuldigen der Herr, stotterte er, die hiesigen
Schauspieler ...
    Glaub ich gern, sagte Sender herablassend. Wir vom Czernowitzer
Stadttheater kennen diese Leute auch.

                              Dreiigstes Kapitel


Der Kellner schlich hinaus. Offenbar gab er drauen seine Erfahrung zum besten:
die Wirtin erschien und fragte, ob er nicht ein besseres Zimmer befehle. Sender
lehnte dankend ab. Und kaum da sie gegangen, trat der schlanke Blonde ein, den
Sender bei der Ankunft gesehen, und eilte mit erhobenen Armen auf Sender zu, als
ob er ihn umhalsen wollte. Aber Moskal richtete sich drohend auf und knurrte ihn
grimmig an. So konnte er nur aus einiger Entfernung rufen: Ein Kollege! ... Auf
Durchreise? ... Welche Freude!
    Kusch dich, Moskal, befahl Sender dem Hund. Ja, erwiderte er sehr khl,
Schauspieler bin ich allerdings - Aber nicht dein Kollege, fgte er in
Gedanken hinzu.
    Der Blonde kam heran, nun mit gesenkten Armen. Hermann Dagobert v.
Hoheneichen, sagte er mit leichter Verbeugung. Erster Liebhaber, Held,
Charakterspieler, Bonvivant.
    Sender erhob sich halb vom Stuhl. Alexander Kurlnder. Was soll ich noch
sagen, dachte er. Mir scheint, ich werd' Charakterspieler, aber das mu ja
erst Nadler bestimmen. So sagte er denn gar nichts.
    Kurlnder?! rief Hermann Dagobert v. Hoheneichen. Wirklich? - Alexander?
- der berhmte Kurlnder? O welche Freude! Er ergriff Senders Hand. Wie oft
hab' ich schon von Ihnen gehrt! Sie sind ja ein Pfeiler, ein Stolz der
deutschen Kunst. Kurlnder in Zaleszcyki! Er fuhr sich an die Stirne, als mache
ihn die Freude fast verrckt. Welch glcklicher Zufall!
    Sender war einen Augenblick verblfft. Sollte es wirklich einen berhmten
Kurlnder geben? dachte er. Als aber der andere ungestm rief: Die Freude mu
ich begieen! Heda, Wirtshaus - da wute er Bescheid.
    Sie irren, sagte er. Ich bin durchaus nicht berhmt. Ich -
    Welche Bescheidenheit! rief Hoheneichen und nahm am Tische Platz. Ja, so
ist die echte Gre! Ich - ich kann mich ja mit Ihnen nicht messen, aber
bescheiden bin ich auch. Nur mu alles seine Grenzen haben! Sie nicht berhmt?
Wer wre es dann? Man hat Sie ja wiederholt den zweiten Dawison genannt! Wer
war's nur? Saphir - richtig - Saphir! Er, der sonst jeden verreit - das heit,
mich hat er auch gelobt, wiederholt und sehr, Kollege - Sie also hat er in den
Himmel gehoben. Das strmte wie ein Sturzbach, er sprach einen hohen, heiseren
Tenor und stie etwas mit der Zunge an. Und war ich denn nicht selbst dabei,
als Sie das ganze Haus zu Beifallsstrmen hinrissen? Auch ich applaudierte wie
besessen. Wo war es nur? In Wien? In Berlin? Aber das ist ja gleichgltig.
Wirtshaus - wo steckt der Kerl!
    Der Kellner strzte herbei. Auch mir so eine Flasche., befahl Hoheneichen.
    Der Kellner blickte Sender fragend an. Dieser schttelte den Kopf.
    Sie irren, wiederholte er nachdrcklich. Ich bin ja noch niemals
aufgetreten. Gesehen haben wir uns freilich schon, aber daran werden Sie sich
nicht erinnern. Der Sprachfehler des Knstlers hatte ihn auf die richtige Spur
gebracht. Vor zwei Jahren in Czernowitz, nach der Vorstellung des Kaufmann von
Venedig. Sie waren der Antonio. Sie sind damals mit am Tische des Herrn Nadler
gesessen und haben sich vor Lachen ber mich ausschtten wollen. Ich hab' dem
Herrn Direktor erzhlt, wie mir die Vorstellung gefallen hat.
    Das waren Sie! rief Hoheneichen, ergriff Senders Hand und schwang sie wie
einen Pumpenschwengel hin und her. Der junge, blasse Student waren Sie? Und nun
haben Sie es schon so weit gebracht? Es ist erstaunlich! Aber nein, es ist nicht
erstaunlich. Es besttigt nur, was ich immer sage. Kinder, sag' ich, pat auf
die akademische Bildung! Ja, das ist kein leerer Wahn! Wir alten Studenten
kommen auch beim Theater am raschesten vorwrts und nicht die Schneider und
Barbiere! Prosit! - Vivat academia! ... Kellner, wo bleibt mein Wein?
    Der Kellner rhrte sich nicht. Auch Sender blieb hart. Schon wieder ein
Irrtum, sagte er, ich war ja damals nicht Student, sondern Fuhrknecht ...
    Was waren Sie? Einen Augenblick stockte der Sturzbach, aber auch nur
einen. Oh, auch ein schner Beruf. Wenn die Peitsche knallt ... Und umso
ehrenvoller, da Sie sich so rasch emporgearbeitet haben!
    Nun, das mu sich ja erst zeigen. Aber ich vertraue auf den Herrn Nadler.
Er ist ein braver Mann und versteht seine Sache.
    Das ist er, rief Hoheneichen. Bei Gott ja! Ein Ehrenmann vom Scheitel bis
zur Sohle! Das heit, Fehler hat er auch, wie jeder Mensch. Kollege, Sie sind
jung, unerfahren, gestatten Sie mir ein offenes Wort. Nadler ist gegen den
Anfnger wohlwollend, gegen den fertigen Knstler hart, da regt sich sein Neid.
Je talentvoller ein Mitglied ist, umso seltener beschftigt er es. Ich wei ein
Lied davon zu singen. Was bekam ich, der in Wien, in Mnchen, in Berlin ein
Liebling des Publikums war, zuletzt zu spielen? Darum bin ich von ihm gegangen,
das heit darum allein nicht. Er ist ja auch ein Schwindler, der Gagen
verspricht und keinen Heller zahlt. Er ist uns ja im vorigen Jahr durchgebrannt
und hat uns sitzen lassen. Lassen Sie sich das erzhlen, Kollege, es wird Ihnen
sehr interessant, sehr ntzlich sein. Sehr! Er hob den Finger. Es ist meine
Pflicht, Sie vor diesem Schurken zu warnen. Aber mit trockener Kehle kann ich es
nicht, lassen Sie uns eine Flasche trinken - es ist ja unter Kollegen
gleichgltig, wer sie bezahlt!
    Unter Kollegen - mag sein! erwiderte Sender. Aber wer auf Nadler schimpft
und so lgt, ist nicht mein Kollege. Sie sind ihm durchgebrannt, weil Sie der
Stickler aufgestachelt hat, und haben sich dadurch, wie es scheint, nicht gerade
gut gebettet. Und statt sich selbst anzuklagen, verleumden Sie Nadler?
    Der Schauspieler fuhr empor, ebenso Sender. Das wird eine Szene geben,
dachte er. Gleichviel, ich war es Nadler schuldig. Wohl streckte der Knstler
die Hand gegen Sender, aber nur, um sie gerhrt auf seine Schulter zu legen.
    Sie haben recht, Kollege, sagte er, in allem! Ich wei es zu schtzen,
wie mannhaft Sie da fr Ihren Direktor eingetreten sind. Auch ich bin ja ein
Charakter, nicht blo ein Talent. Zum Glck ist zwischen unseren Ansichten kein
gar so groer Unterschied; wir knnen einander entgegenkommen, ohne uns selbst
etwas zu vergeben. Ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle - so war mein Urteil
ber Nadler; ich bitte Sie, dem zuzustimmen! Dafr bin ich bereit, Ihnen
zuzugeben, da es tricht von mir war, den Einflsterungen dieses elenden
Sticklers zu folgen und das Engagement einseitig zu lsen. Und recht haben Sie
auch, da ich es zu bereuen habe. Er fiel schlaff auf den Stuhl nieder. Das
ist ja ein Hundeleben! Ein Mann von uraltem Adel, ein Hoheneichen! Wissen Sie,
was das heit? Gegen uns sind die Habsburger Parvens. Ein Hoheneichen war im
dritten Jahrhundert deutscher Kaiser!
    Entschuldigen Sie zur Gte, unterbrach ihn Sender. Das ist schon wieder
ein Irrtum. Ich hab' die ganze Weltgeschichte durchgelesen. Aber da Sie es hier
nicht gut haben, glaub' ich gern.
    So stimmen wir also in allen Hauptsachen berein, rief Hoheneichen
begeistert und reichte ihm ber den Tisch die Hand hin. Wir mssen Freunde
werden, lieber Kurlnder, die Natur selbst hat uns zu Freunden bestimmt. Wie Sie
in meiner Seele lesen! Ja, ein Hundeleben! Wenn nicht die Begeisterung fr die
Kunst wre, man mte zusammenbrechen. Welche Umgebung fr einen Knstler, den
Seidelmann ausgebildet, Laroche gefrdert, Devrient anerkannt, Dring beneidet,
Dawison verfolgt hat! Der versoffene Stickler, der verkommene Birk, der elende
Knnen, dazu die drei Weibsen. Hahaha! Ich knnte ber mich lachen, wenn ich
nicht weinen mte. Man jauchzt mir zu, aber was ist fr einen, den der Beifall
aller Weltstdte umtobt hat, das Jauchzen der Chorostkower und Zaleszczyker?!
Wissen Sie, weshalb ich auf dem rechten Ohr nicht ganz gut hre? Weil mir der
tosende Jubel der Wiener ber meinen Franz Moor das Trommelfell gesprengt hat.
    Da haben Sie wohl zum Glck, fragte Sender, im linken Ohr zufllig Watte
gehabt?
    So war es, erwiderte Hoheneichen. Es ging ja durch alle Zeitungen ...
Aber nun gar der Abstand in der Gage! Nicht die Hauptsache fr einen Knstler,
aber doch nennenswert. Damals hundert Gulden tglich und heute?
    Er machte eine Pause. Ich kann's Ihnen nicht sagen, lieber Kurlnder, fuhr
er mit zitternder Stimme fort, denn Sie haben ein Herz fr mich. Ihr Herz wird
bluten.
    Wieder hielt er inne und blickte Sender erwartungsvoll an. Da aber dieser
keine Miene verzog, winkte er den Kellner herbei.
    Ruben, hauchte er, sagen Sie diesem berhmten Knstler, in welcher Lage
sein Kollege ist.
    Es geht Ihnen wirklich schlecht, sagte der Kellner. Zwanzig Kreuzer
tglich und freie Station. Allen Leuten sind sie was schuldig. Jetzt - er
blickte auf die Uhr, sie wies auf halb sieben - sind Sie wahrscheinlich sehr
hungrig, denn um zwlf bekommen Sie Ihr Mittagessen. Das Nachtmahl ist erst nach
der Vorstellung.
    Halten Sie ein, murmelte Hoheneichen, nachdem er geschlossen, mich ttet
die Scham ...
    Geben Sie dem Herrn ein Butterbrot und ein Flschchen Moldauer, sagte
Sender. Denn dem Kellner glaubte er, und dieser Abkmmling eines deutschen
Kaisers war zwar nicht sein Kollege, aber doch immerhin ein Mann der Zunft, zu
der nun auch er fr immer gehrte.
    Bruder, jauchzte Hoheneichen, das vergess' ich dir nie! Denn wir wollen
uns duzen - nicht wahr?
    Spter, sagte Sender. Warum bleiben Sie hier? fragte er dann. Sie waren
doch schon an einer besseren Bhne.
    Der Stolz des Wiener Burgtheaters. Aber so ohne Heller kann ich doch nicht
fort, da verhungere ich ja! Und dann - dir will ich's vertrauen, Bruderherz -
mich fesselt die Liebe! Die Schnau ist meine Braut. Und das elende Leben hat ja
auch Lichtblicke, fuhr er fort und bi gierig in das Butterbrot. Ich bleibe,
meinem elenden Todfeind zum Trotz! O dieser Knnen! Alles will mir der Verruchte
rauben, die Braut, die Rollen. Um ein Haar htte er es neulich durchgesetzt, da
er den Franz Moor spielt. In der Regel spiele natrlich ich den Karl und Franz -
und wie! Amadeus Knnen als Franz Moor - hahaha! Aber er heit gar nicht so,
sondern Aaron Kohn und war Schreiber in einer Tarnower Advokatur.
    Und ich gar in einer Barnower Kollektur, erwiderte Sender. Deshalb knnt'
er doch ein anstndiger Mensch sein.
    Du! rief Hoheneichen, du httest Mist schaufeln knnen, dich hat der
Schenius auf die Stirne gekt! Aber dieser Knnen -
    Pst! warnte Ruben.
    Zur Tr herein schob sich ein kleiner, hagerer Mensch in drftiger Kleidung,
so recht der Typus eines armseligen gedrckten Juden. Den Kopf gesenkt, schlich
er trbselig auf seinen kurzen Beinen dem Tisch in der Ecke zu, einen
Kleistertopf in der Rechten, eine Riesenrolle roten Papiers in der Linken.
    Mimutig hob Ruben auf seine leise Bitte das Tuch vom Tisch. Der Mann
breitete die Rolle darauf aus und begann die Bogen aneinander zu kleben.
    Die Zettel fr morgen sind schon fertig, sagte der Kellner. Wozu kleben
Sie mir wieder den Tisch voll.
    Es sind die Zettel fr den Montag, die erste Vorstellung in Borszczow,
erwiderte der Mann demtig. Der Herr Dirketor hat's mir befohlen, sie fertig
mitzunehmen, weil wir am Sonntag unterwegs sind, und Montag mu ich die Bhne
aufschlagen helfen.
    Wird morgen noch hier gespielt? fragte Sender erstaunt sein Gegenber.
    Freilich, erwiderte Hoheneichen. Ausverkauftes Haus. Kein Platz mehr zu
haben. Benefiz meiner Braut. Du nimmst ihr doch ein Billett ab?
    Aber auf den heutigen Zetteln steht ja, da es ganz gewi das letzte Mal
ist.
    Hoheneichen lachte auf.
    Das mut du den Schwindler dort fragen, sagte er mit gedmpfter Stimme.
Der schmiert all die Lgen zusammen ... Aber verzeih', Bruderherz, die Krte
vergiftet mir die Luft. Auch mu ich meine Rolle nochmals lesen.
    Er erhob sich, Auf Wiedersehen, Bruderherz. Hier, nach der Vorstellung,
nicht wahr?
    Er ging. Auch der Kellner verlie das Zimmer. Sender war nun mit dem
Mnnchen allein, das emsig in seiner Hantierung fortfuhr, aber zuweilen
verstohlen zu ihm herberblickte. Auch Sender mute dasselbe tun: es war doch
ein ganz merkwrdig hliches Gesicht. Unter der niedrigen, zurckfliegenden
Stirne, in die sich krauses, pechschwarzes Haar drngte, saen zwei kleine,
melancholische uglein, zwischen ihnen sprang eine Riesennase khn hervor, als
wollte sie einen Fu lang werden, zog sich dann aber, wie ber ihr eigenes,
tolles Vorhaben entsetzt, in jher Krmmung zu den dnnen Lippen nieder; dafr
sprang aber das Kinn wieder krftig hervor. Wenn Franz Moor ein Jud' wr,
dachte Sender, diese Maske wrd' ich mir fr ihn nehmen.
    Das Mnnchen blickte immer hufiger herber. Nun wird er mich ansprechen,
dachte Sender mit Unbehagen. Hoheneichen hatte ihm grndlich mifallen, mit dem
Verfasser dieser Zettel wollte er vollends nichts zu tun haben. Aber als nun der
Kleine wirklich, nachdem er sichtlich mit dem Entschlu gekmpft, auf ihn
zugeschlichen kam, konnte er doch nicht gut Reiaus nehmen. Er begngte sich,
eine mglichst abwehrende Miene zu machen.
    Der andere merkte es und blieb auf halbem Wege stehen.
    Entschuldigen Sie zur Gte, sagte er dann demtig, und schob sich noch
langsamer vorwrts, ich wollt' Sie nur was fragen. Ich heie Knnen, bin hier
bei der Truppe. Sie sind doch der Barnower, von dem Nadler so viel hlt? Ich
hab' in seinem Auftrag die Bcher gekauft, die er Ihnen im vorigen Januar
geschickt hat.
    Ja, ich bin derselbe.
    Und, entschuldigen Sie, hat Sie Nadler jetzt ausdrcklich zu sich berufen
oder tun Sie es auf eigene Faust?
    Das geht Sie zwar gar nichts an, erwiderte Sender, aber er hat mich
berufen.
    Dann ist es gut, sagte Knnen und nickte. Sehr gut! ... Verzeihen Sie!
    Und er ging an seine Arbeit zurck.
    Sender sah ihm verblfft nach. Warum haben Sie gefragt? rief er nach einer
Weile hinber.
    Der Kleine kam wieder heran. Warum? Sie haben recht, es geht mich nichts
an. Aber wenn Sie zusehen, wie ein Mensch, der nicht schwimmen kann, ins
reiende Wasser springen will, so werden Sie ihn auch fragen: Hast du ein Seil,
woran du dich halten kannst? Und wenn er nein sagt, so werden Sie ihn warnen.
Sie haben gottlob ein Seil, da ist nichts mehr zu sagen. Was Adolf Nadler ihm
rt, soll ein Mensch tun.
    Hat er Ihnen geraten, ihm durchzubrennen? fragte Sender.
    Ich? rief der Kleine erschreckt. Die anderen sind ihm durchgebrannt, mich
hat er selbst fortgeschickt. Im April - drei Jahre hat er mich damals schon mit
sich geschleppt, nur so aus Mitleid und weil ich als Sekretr zu brauchen war -
da also sagt er mir: Kohn, sagt er, denn das ist mein wirklicher Name und er hat
mich immer so genannt, Sie schreiben eine schne Hand, Sie sind ein geschickter
Mensch, ein anstndiger Mensch - der Kleine richtete den gebeugten Nacken empor
- ja, so hat der Herr Nadler zu mir gesagt, aber zum Schauspieler haben Sie
weder das Talent, noch die Gestalt. Gehen Sie wieder zu einem Advokaten oder
werden Sie Kaufmann, Sie werden berall besser fortkommen als beim Theater. Aber
noch aus einem anderen Grund hat der Herr Nadler so zu mir gesprochen ...
    Das Mnnchen errtete. Nun ich hab's eingesehen, bin beim Herrn Doktor Max
Salmenfeld als Sollizitator eingetreten, und er und sein Sohn, der junge Herr
Doktor Bernhard waren sehr gut mit mir zufrieden. Auch ich hab' nicht zu klagen
gehabt und doch war ich sehr unglcklich, denn das Theater - wen es einmal hat
- Er seufzte tief auf. Und da kommt also Anfang Mai der Stickler zu mir. Komm'
mit, Knnen, als erster Charakterspieler und Theatersekretr. Den Franz Moor
wirst du machen, sagte er, und den Wurm und den Martinelli und den Shylock und
den Mephisto - und noch ein Lockmittel hat er fr mich gehabt - wieder errtete
er -und das war das strkste, und so bin ich mitgegangen ... Entschuldigen Sie,
da ich Sie damit belstigt habe, aber weil Sie vom Durchbrennen gesprochen
haben - ich wre bei meinem Herrn Nadler gern geblieben bis zu meiner letzten
Stunde.
    Und er machte wieder kehrt.
    Sender fhlte sich seltsam angemutet, weniger durch die Worte, als durch
ihren traurigen Ton. Das war doch ein ganz anderer Mann, als er gedacht.
    Wenn Ihre Arbeit nicht drngt, sagte er, so nehmen Sie einen Augenblick
bei mir Platz.
    Leider drngt sie, war die Antwort. Ich mu die Bltter bis zur
Vorstellung geklebt haben, damit sie trocknen knnen und ich sie heut'nacht und
morgen frh bemalen kann. Aber wenn Sie sich zu mir setzen wollen, wird es mir
die grte Ehre sein.
    Sender tat es, obwohl ihn der Hinweis auf die Zettel wieder khler stimmte.
    Wie lang sind Sie beim Theater? fragte er.
    Sechs Jahre, war die Antwort. Ich bin spt dazu gekommen, mit
fnfundzwanzig.
    Sender machte unwillkrlich eine Bewegung des Erstaunens.
    Weil ich so viel lter ausseh'? frage das Mnnchen mit traurigem Lcheln.
Hoch in den Vierzigen htten Sie mich gewi geschtzt. Aber, lieber Herr, was
ist das fr ein Leben!
    Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen?
    Nur durch den eigenen Willen, war die Antwort, mein Herz hat darnach
getrachtet von Kindheit auf. Ich bin, man sieht mir's freilich nicht an, aus
einer feinen, reichen Familie, mein Vater Schlome Kohn, war der grte
Weinhndler in Tarnow und dabei der frmmste Chassid. Mein lterer Bruder sollte
das Geschft erben und ich Rabbiner werden. Seit meinem fnften Jahr hat man
Talmud und Thora in mich hineingestopft, soviel Platz war. Aber ich wei nicht
- er deutete auf die Stirne- da war berhaupt nicht viel Platz, oder wenigstens
nicht fr solche Sachen, es ist nicht recht gegangen. Nur eines habe ich gern
getan und darum leicht: Gedichte lernen, natrlich hebrische. Mit acht Jahren
habe ich den halben Jehuda-ha-Levy auswendig gekonnt. Meine grte Freude waren
aber die Spiele zu Purim (Fastnacht) und Chanuka (Makkaberfest); monatelang im
voraus habe ich von nichts anderem getrumt, aber mitgetan habe ich nicht; ich
war zu schchtern. Und wie ich's versuchen wollte, haben mich die anderen Knaben
nicht zugelassen, weil ich zu hlich war und zu klein, und wie ich mir's
endlich durchgesetzt habe, bin ich stecken geblieben. Mit dreizehn Jahren aber,
lieber Herr, ist mein Unglck fertig gewesen. Da war ich bei Verwandten auf
Besuch in Krakau, und sie haben mich einigemal ins Theater mitgenommen, und
davon bin ich verrckt geworden. Nichts anderes habe ich gedacht bei Tage und
nichts anderes getrumt bei Nacht, auch wie ich wieder in Tarnow war. Und eines
Tages, wie ich wieder frh in meine Jeschiva (Lehranstalt fr Talmudunterricht)
gehe, kommt's mir:
    Du mut nach Krakau ins Theater. Und wie ich geh' und steh', dreizehn Jahre
alt und mit zwei Kreuzern in der Tasche, bin ich fortgelaufen und hab' mich bis
Krakau durchgebettelt und Nachmittags ins Theater hineingeschlichen, wie es
gerade gelftet worden ist, und mich auf der Galerie versteckt. Die Vorstellung
habe ich gesehen, aber dann haben sie mich hinausgeworfen und in der Nacht bin
ich vor Hunger auf der Strae ohnmchtig geworden. Da hat mich die Polizei
aufgefunden und nach Tarnow zurckgebracht. Und da bin ich furchtbar geprgelt
worden, aber da es nichts gentzt hat, knnen Sie sich denken.
    Sender nickte.
    Ich hab' dran festgehalten, fuhr das Mnnchen fort, Jahre und Jahre. Nur
vernnfig hab' ich's nun anfangen wollen. Man mu Deutsch knnen - das habe ich,
weil mein Bruder als knftiger Geschftsmann einen deutschen Lehrer gehabt hat,
heimlich mitgelernt. Und Geld mu man haben, und da habe ich - er atmete schwer
-meinem Vater hundert Gulden gestohlen und bin nach Lemberg gefahren. Siebzehn
Jahre war ich alt. In Lemberg gehe ich zum Direktor und frage ihn, ob er mich
als Schauspieler annehmen will. Er lacht sich halb tot und wirft mich hinaus.
Ich laufe zu den Schauspielern. Die einen verhhnen mich und die anderen suchen
mir's auszureden. Und wie ich so verzweifelt herumgeh', begegnet mir ein
glattrasierter Mensch. Sie sind auch Schauspieler? frage ich. - Direktor
Thalheim, antwortet er. Er hat eben eine Schmiere zusammengestellt, fr meine
neunzig Gulden hat er mich bis Stryj mitgenommen und dort einen Bedienten
spielen lassen, der zu sagen hat: Die Frau Grfin lt bitten. Wie ich auf die
Bhne komme, lachen die Leute wie besessen, geredet habe ich nichts. Da jagt
mich der Lump gleich weg und gibt mir aus Erbarmen einen Gulden zurck. In
dieser Nacht - seine Stimme zitterte -habe ich mich in den Stryj gestrzt,
aber Fler haben mich gerettet. Ich bin ins Spital gekommen, dann hat mich mein
Vater abholen lassen.
    Schrecklich! murmelte Sender.
    Der Kleine nickte.
    Aber das Schrecklichste ist, da mich mein Wahnsinn trotzdem nicht
losgelassen hat. Unser Hausarzt war ein verstndiger Mann. Der Bursch ist ein
Phantast, sagte er, ein Schauspieler kann nicht aus ihm werden, aber vielleicht
ein Schriftsteller. Auf seinen Rat hat mich mein Vater, so schwer es ihm seiner
Frmmigkeit wegen gefallen ist, ins Gymnasium gegeben. Ich habe leicht gelernt,
aber ungern - wozu braucht ein Schauspieler Latein und Griechisch? Da hat mich
mein Vater nach drei Jahren aus der Schule genommen, zu einem Advokaten gegeben,
damit ich mit der Zeit die Winkelschreiberei erlerne, und gleichzeitig
zwangsweise verheiratet. Es war eine schreckliche Ehe, ich habe meine Frau vom
ersten Tag an gehat als Hindernis meiner Plne und sie mich allmhlich noch
mehr; zum Unglck kam auch noch ein Kind, ein armseliger Wurm wie ich. Da stirbt
nach vier Jahren mein Vater, kurz darauf mein Knabe. Ich lasse mich von meiner
Frau scheiden und gebe ihr dafr mein halbes Erbe. Mit der anderen Hlfte gehe
ich nach Wien und nehme dramatischen Unterricht. Alle raten ab, ich bleibe
dabei, nur da ich jetzt durch die Praxis lernen will. Ich stelle eine Schmiere
zusammen und ziehe mit ihr durch Mhren und Schlesien nach Galizien, und bringe
in zwei Jahren meine achttausend Gulden an. Warum? Weil ich berall die
Hauptrolle spielen will, und da laufen die Leute davon. Wie ich am Bettelstab
bin, nimmt sich Nadler meiner an und - das andere wissen Sie.
    Er seufzte tief und strich gesenkten Hauptes mit dem Kleisterpinsel bers
Papier.
    Aber wenn Sie dies alles so klar erkennen - begann Sender.
    Warum ich nicht gehe? Weil ich wahnsinnig bin! rief der Kleine
verzweiflungsvoll. Weil der Teufel in mir steckt. Jetzt habe ich nur die eine
fixe Idee: ich mu wieder den Franz Moor ...
    Die Uhr schlug acht.
    Um Gotteswillen, rief er bestrzt und breitete die Bltter hastig zum
Trocknen aus. Und ich komme schon im ersten Akt ... Und ich hab' mir fr heut'
eine Maske ausgedacht, eine feine Maske - aber sie braucht Zeit ...
    Und er strzte ab.

                           Einunddreiigstes Kapitel


Auch Sender beeilte sich, seinen Sperrsitz einzunehmen. Es befremdete ihn, da
er auf der Treppe nur einige Knaben traf, die da umher lungerten, auch im
Korridor war kein Erwachsener zu sehen, die Kassierin abgerechnet. Es war ein
dickes, altes, grellgeschminktes Weib in seltsamem Kostm: einer grauen Jacke,
einem roten Unterrock und einem gelben Kopftuch.
    Wahrscheinlich sind die anderen schon drinnen, dachte Sender und trat in
den Saal. Aber da traf er nur Ruben, der eben die Talglichter an den Wnden
anzndete.
    Sie sind zu frh gekommen, sagte er, vor neun fngt's kaum an. Die Juden
sind nicht frher mit dem Essen fertig, und auch von den Herrschaften sind viele
am Dniester unten. Das Wasser steigt sehr, sagt man.
    Aber die Brcke ist doch nicht in Gefahr?
    Nein, gewi nicht, beteuerte Ruben. Trotzdem berlegte Sender, ob er sich
nicht selbst berzeugen sollte. Aber seine Lungen machten ihm heute besonders
viel zu schaffen, und das Atmen in der schwlen schweren Luft war ihm vorhin
sehr hart geworden, so blieb er denn und vertrieb sich die Zeit mit der
Betrachtung des Theaters.
    Aber daran war nicht viel zu sehen. Es war ein Saal, wie ihn jeder erste
Gasthof einer galizischen Kleinstadt aufzuweisen hat, mittelgro, mit niedriger
Decke, die Wnde grell bemalt, hier mit Palmen und Zitronenbumen, unter denen
nackte, seltsam gestaltete Wesen, vielleicht Menschen, vielleicht Affen,
wandelten und nach den krbisgroen Frchten langten. Doch sah man vor lauter
Schmutz wenig von all der Herrlichkeit. In halber Hhe war eine Holzgalerie
angebracht, zu der wacklige Treppen emporfhrten. Der Raum diente fr alle
Lustbarkeiten der Stadt, in den hohen jdischen Festtagen, wo die Synagoge die
Scharen nicht zu fassen vermochte, auch als Betraum. Dann wurde die Galerie den
Frauen eingerumt, heute diente sie als billigster Platz, als Eintritt. Wie
berall in der weiten Welt fllte er sich auch in Zaleszczki zuerst, mit Bauern,
Kleinbrgern und ihren Weibern, und Soldaten.
    Fast alles Freibillets, flsterte der Kellner Sender zu. Wir brauchen
heut' viel Statisten.
    Das war auch deutlich zu hren. Hinter dem wahrscheinlich einst
himmelblauen, nun schmutzig grauen Vorhang, auf dem ein wenig bekleideter Lmmel
mit der Lyra im Arm von einigen sehr leicht geschrzten Vetteln umgeben,
einhertanzte, klangen vielerlei Stimmen halblaut durcheinander. Ihr jdischen
Schurken, brllte pltzlich jemand ruthenisch los, wo bleibt der Schnaps? Wir
wollen ihn vorher haben!
    Vorher! fielen einige ein.
    Knnen, rief eine fettige Stimme, fhren Sie den Kerl unter die Pumpe im
Hof, er ist ja schon besoffen!
    Ich kann nicht, Herr Direktor, meine Maske ist noch nicht fertig.
    Hol' der Teufel Ihre Maske! Ausgepfiffen werden Sie ja doch!
    Darauf hrte Sender die Stimme des Kleinen in ruthenischer Sprache flehen
und beschwren.
    Allmhlich begannen sich auch die Sitzreihen unten zu fllen, mit
Unteroffizieren, christlichen Brgern in langen Kaputrcken und ihren Frauen in
grogeblmten Umschlagtchern, Juden mit ihren Frauen in Seidenkleidern, auf dem
Haupt die perlenbesetzte Stirnbinde. Das war das Publikum des zweiten Ranges. Um
Sender war es noch leer. Er begann auf und nieder zu gehen, sein Herz pochte
erwartungvoll; es war eine elende Schmiere - aber doch erst die zweite
Theatervorstellung in seinem Leben. Der Vorhang bewegte sich; an das Guckloch,
das gerade in den Nabel des Apollo geschnitten war, legte sich zuweilen ein
Auge. Pst, pst, hrte Sender, als er gerade vorbeikam, und sah sich um.
    Gr Gott, Kollege, klang eine helle Mdchenstimme. Ich wollte Ihnen nur
sagen, da Sie ein hbscher Junge sind. Ich bin die Schnau.
    Errtend schlug er den Blick zu Boden und ging weiter. Freches Volk,
murmelte er.
    Es ging auf neun, als sich endlich auch die Reihen des ersten Ranges
fllten, mit Offizieren, Beamten und polnischen Herren, die Damen nach der
Pariser Mode vor fnf Jahren gekleidet. Da jedoch die Sthle der Musikanten an
den Pulten vor dem Vorhang noch leer waren, blieb Sender neben dem Vorhang
stehen und musterte die Versammlung, bis er gewahrte, da auch er nicht minder
eifrig gemustert wurde. Er errtete, er schob es auf die neue Tracht, die ihm
wohl seltsam stehen mochte, dann fiel ihm zu seinem Schrecken ein, da ihn
vielleicht unter den Juden jemand kenne. Mit flammenden Wangen setzte er sich
auf seinen Platz in der ersten Reihe.
    Rings um ihn wurde nur vom Eissto gesprochen.
    Morgen geht's los, hie es von allen Seiten. -Diesmal wird's sehr bs,
erwiderte der Herr rechts neben Sender auf dessen Frage.
    Sender seufzte tief auf, aber da klang ein Glckchen, und der Vorhang rollte
empor, wenn auch schwer. Er zgert mitleidvoll, sagte der Herr halblaut zu
seiner Frau.
    Der Kirchplatz des steirischen Dorfes wies ein mchtiges von Bumen
umgebenes gotisches Schlo auf. Der Park von Fotheringhay, flsterte Senders
Nachbar. Hanna und der Pfarrer traten auf. Die Linden war eine ltliche hagere,
hliche Blondine, die schrecklich kreischte, aber von Birk sagte sich Sender
nach den ersten Stzen respektvoll: Der kann was! Oder hat doch was gekonnt,
fgte er bei, als er sah, wie Kniee, Hnde und Kinnlade des hochgewachsenen
Mannes zitterten und er angstvoll nach dem Souffleur schielte. Aber da kamen
Stickler und Knnen als Lorenz und Schulmeister, und die Zuschauer lachten los.
    Es galt der Maske Knnens; in dem Bestreben, die Nase zu mildern, hatte er
sich dicke Wangen aus Pappendeckel und einen Riesenschnurrbart mit
emporgerichteten Spitzen angeklebt, es war ein frchterlicher Anblick. Der
Kleine zuckte zusammen, als er sich so begrt sah. Wel-Weltenlauf! stotterte
er das erste Wort seiner Rolle. Da lachten sie wieder. Backen weg! rief ein
Offizier, Nase heraus! Das Johlen ward zum Brllen. Erst bei Hannas
Deklamation von der Judenfamilie, die sie im Wald gelabt, beruhigte sich das
Publikum wieder, aber als nun Knnen sagte: Die Jdin? Ist die Jungfer
verrckt? rief jemand: Pfui, Kohn, gnn's deinen Leuten, und der Spektakel
ging wieder an.
    Die Bhne fllte sich, der Krmer, der Schneider, der Bcker traten auf.
Offenbar Soldaten in den seltsamsten Kostmen. Nun war Sender das lange
Personenverzeichnis verstndlich, wenn er auch nicht begriff, warum die
Statisten auf der linken Seite jdische, auf der rechten christliche Namen
trugen. Die Reden, die ihnen der Dichter zugeteilt, sprach smtlich die
Kassierin als alte Liese.
    Da erhob sich neues Lachen, aber auch Beifallsklatschen, zwei offenbar
angetrunkene ruthenische Bauern, die man ruhig in ihrer Tracht gelassen, zerrten
Deborah auf die Bhne.
    Sender zuckte zusammen. Um Gotteswillen, das ist ja Malke!
    Das waren ihre blauen Augen, ihr gewelltes braunes Haar. Aber die Gestalt,
die das Hemde und der Unterrock kaum verhllten, war viel ppiger, und als die
Schnau zu sprechen begann, atmete er auf. Das war nicht Malkes Stimme, nicht
ihr Ausdruck. Hbsch sieht das Mdel heut'wieder aus, murmelte der Offizier
hinter Sender, er mute ihm in Gedanken zustimmen und lie kein Auge von ihr.
Der Schrecken war verschwunden, aber sein Herz pochte in schweren Schlgen, und
die Wangen flammten; es rgerte ihn, da dies schamlos entblte Geschpf, das
so beraus deutliche Blicke ins Parterre warf, Malke hnlich sah, aber schn war
das Mdchen wirklich, und gerade diese hnlichkeit hatte einen unheimlichen
Reiz. Als ihr Blick ihn traf und dann immer hufiger auf ihm haftete, schlug er
den seinen zu Boden und nestelte an der ihm ohnehin ungewohnten Krawatte; das
Atmen wurde ihm schwer. Erst als der Vorhang zur Verwandlung gefallen war, wich
diese qulende Empfindung.
    Schade um sie, sagte der Herr nebenan zu seiner Frau. Sie soll ein ganz
verworfenes Geschpf sein, aber ein Talent ist die doch! Darauf hatte Sender
noch nicht geachtet. Als sich der Vorhang zur Waldszene zwischen Deborah und
Joseph hob, gab er sich Mhe, auch ihrem Spiel zu folgen. Das gelang ihm
freilich nur, wenn sie ihren Partner, Hoheneichen, anblickte, nicht das
Parterre, aber sein Instinkt lie ihn sofort den ungeheuren Abstand zwischen den
beiden erkennen. Sie sprach fast natrlich, ihr Wehruf wie ihr Jubel gingen ihm
ans Herz - Die htte sogar mein Pater gelten lassen, dachte er, der immer so
frs Einfache war. Nun fiel's ihm auch bei - das war ja die Portia seines
ersten Theaterabends. Hoheneichen hingegen heulte entsetzlich - er hatte sich in
den beiden letzten Jahren offenbar sehr verschlimmert.
    Gott segne dich! Geliebter! Gute Nacht! Deborah streckte sehnend die Hnde
aus, der Vorhang fiel, die Leute riefen: Schnau, Bravo! Und sie erschien
dreimal und verbeugte sich, die runden Arme ber dem ppigen Busen gekreuzt, auf
den Lippen das Lcheln einer Hetre. Schade um sie, dachte nun auch Sender.
    Bisher ist aber das Judenvolk gut weggekommen, sagte Senders Nachbar zur
Linken halblaut zu seinem Begleiter.
    Natrlich haben sie auf dem Zettel wieder geschwindelt, erwiderte dieser
verchtlich.
    Sender schnitt ein grimmiges Gesicht. Das will ich dem Kleinen sagen,
dachte er. Im brigen sprach man aber nirgendwo vom Stck, sondern nur von der
Schnau und spottete daneben ber Knnen. Das Publikum war nur auf seine eigene
Unterhaltung angewiesen, die Sthle der Musiker blieben leer. Sender erkundigte
sich bei seinem Nachbar zur Rechten nach der Ursache.
    Der Herr blickte ihn lchelnd an.
    Mir scheint, sagte er, das knnten Sie ebenso gut wissen wie ich. Es ist
ja Sabbat Vorabend, da drfen die Musikanten nicht spielen.
    Sender errtete. Er htte in dem feinen Herrn den Glaubensgenossen nicht
herausgefunden.
    Gewi, ich bin auch ein Jude, erwiderte er eifrig, worauf der Herr
Doktor - so nannten ihn andere - abermals lchelte; die ausdrckliche
Beteuerung mochte ihm wohl berflssig erscheinen.
    Die Eingangsszene des zweiten Akts brachte Sender eine weitere Erklrung fr
die Lnge des Zettels. Der Dorfbader, der den vom Schlag gerhrten und darum
zunchst unsichtbaren Lorenz behandelte, obwohl er fr die Christen Herr
Mohrenheim, fr die Juden Herr Kohn hie, war derselbe Stickler, der im
ersten Akt den Lorenz gespielt. Fr die Heiterkeit sorgte auch diesmal der
unglckliche Knnen schon durch seinen Anblick, noch mehr durch die Hetzrede
gegen die Juden. Nach einer Weile kam Stickler wieder als Lorenz, dann nach der
Verwandlung die Kassierin als Judenweib, und Birk als Abraham; er hatte sich nur
einen weien Bart umgebunden, der Talar war derselbe, den er als Pfarrer trug.
    Die Leute schwatzten, erst als Deborah wieder erschien und ihren Monolog
ber die Liebe sprach, wurde es still. Stark wie der Tod ist Liebe - Sender
errtete bis ins Stirnhaar, wieder blickte sie ihn voll an.
    Auch diesmal folgte groer Beifall, aber den Vogel scho doch der dumme
Hritzko ab, der nun an Knnens Seite als Gerichtsdiener erschien. Er trug seine
gewhnliche Uniform, sogar der zerfetzte Strohhut mit dem Blechschild
Stdtische Polizei fehlte nicht. Alle klatschten wie besessen, und als sich
Hritzko nun aber vernehmen lie - er erwiderte auf Knnens Satz: Gehen die
Juden nicht gutwillig, so jagen wir sie fort!, in ruthenischer Sprache:
    Ja, die Juden mssen fort! - wollte der Jubel kein Ende nehmen. Aber die
nchste Szene, wo Birk-Abraham Knnen als Juden entlarvte, entfesselte fast
gleiche Heiterkeit, Kohn jubelte es von allen Seiten, da hast du's nun! Der
Verhhnte tat Sender leid; aber da er fast ebenso entsetzlich spielte, wie er
aussah, mute auch er sich sagen. Hingegen gefiel ihm Birk in dieser Szene, der
ergreifendsten des sonst so hohlen Tendenzstcks, sehr. Auch um den ist's
schade, dachte er.
    Dann wieder eine Verwandlung - das heit, der Vorhang fiel, - das englische
Knigsschlo hing noch immer da - die Verweisung Deborahs durch Lorenz, ihre
Szene mit Joseph. Abermals klatschte das Publikum, sie erschien diesmal,
Hoheneichen an der Hand; ihr Blick flammte Sender an, da er seinen
niederschlug.
    So blieb er auch sitzen, nachdem der Vorhang gefallen war. Die Schamlose,
dachte er, die Leute merken es gewi. Was will sie von mir? Aber innerlich
schmeichelte es ihm doch.
    Da hrte er hinter sich einen Offizier seinem Kameraden zuflstern: Du,
Rder, hast dich mit der Schnau eingelassen? Sie schaut dich immer so an.
    Der andere lachte verlegen. Was soll man in dem den Nest anfangen!
    Sender wurde abwechselnd bleich und rot. Er wute sich vor Scham nicht zu
fassen. Und er hatte geglaubt, es gelte ihm!
    Der erste Teil des dritten Akts, die Hochzeit Josephs mit Hanna, whrte nur
kurz, da die meisten Rollen durch Statisten dargestellte waren, hingegen wurde
der Schlu, die Fluchtszene, vollinhaltlich gegeben. So entrstet Sender ber
die Schnau war, er mute sich sagen, da sie ihre Sache gut mache, und als nach
den kuriosen Schluworten, die der Dichter seiner Heldin in den Mund legt: Leb'
- elend! Denke mein! Auf Wiedersehn! der Beifall losbrach, stimmte er mit ein.
    Aber in diesen Beifall mischten sich nun auch Zischen und Widerspruch, die
freilich nicht der Schauspielerin galten. Das ist ja fr die Juden! riefen
einige, Juden hinaus! worauf die Juden noch strker applaudierten. Die
Offiziere hrten erheitert zu, ohne sich in den Streit zu mischen, und als einer
von ihnen rief:
    Hoch Mosenthal, der jdische Schiller! stimmten alle lachend ein.
    Nur Senders Nachbar zur Linken schien sich nicht zu beruhigen. Juden
hinaus! rief er immer wieder. Sender wandte sich heftig zu ihm, da legte ihm
der Herr zur Rechten die Hand auf den Arm.
    Ruhe! sagte er lchelnd. Er geht ja gegen mich. Der Mann ist mein Kollege
... Advokat Doktor Tittinger, stellte er sich dann vor.
    Kurlnder, vom Czernowitzer Stadttheater, erwiderte Sender und fgte dann
alter Gewohnheit gem bei: Ein Barnower bin ich!
    Der Advokat war etwas erstaunt. So, aus Barnow? sagte er dann hflich. Da
kommt ja jetzt endlich auch ein Advokat hin, der Doktor Bernhard Salmenfeld aus
Czernowitz. Die Ernennung steht heute im Amtsblatt ... Kennen Sie ihn? fragte
er, als er sah, wie durch Senders Antlitz ein Zucken ging.
    Nein, erwiderte dieser hastig. Die Nachricht kam ihm sehr berraschend, er
hatte die Bemerkung in Bernhards Brief, da dieser auch mit der Ernennung fr
Barnow zufrieden sein wrde, fr einen Scherz genommen. Also wird Malke doch
ihr Leben in Barnow verbringen, dachte er. Alles Gute mit ihr - aber es ist
doch auch deswegen gut, da ich fort bin. Ihr Bild trat wieder klar vor ihn
hin, es wurde ihm wehmtig ums Herz. Die Schnau sieht ihr etwas hnlich,
dachte er, ja - aber wie eine Dirne einer Knigin!
    Die erste Szene des vierten Akts - Ruben fhrte eine Schar Juden nach
Amerika - brachte eine andere Dekoration, einen griechischen Tempel, und, da der
Herr Silberstein des Zettels ein Pseudonym fr Knnen war, strmische
Heiterkeit. Die Backen waren nun weg, hingegen hatte er das halbe Gesicht mit
einem schwarzen Bart zu verdecken versucht, aber die Nase leuchtete nun wieder
glorreich hervor und wurde strmisch begrt. Dieser Szene folgte brigens
gleichfalls ein Streit, der das Stck betraf, nur spielte er sich diesmal unter
den Juden ab. Namentlich auf der Galerie sah man sie heftig gegeneinander
gestikulieren.
    Sender begriff nicht, was sie wollten.
    Auch diesen Streit hat der Zettelschreiber auf dem Gewissen, belehrte ihn
der Advokat. Auf der jdischen Seite lt er Ruben die Juden nach Palstina
fhren, darum sind heute auch viele Chassidim gekommen. Im Stck aber lt ihn
der Dichter sagen: Jerusalem ist unsre Heimat nicht, und fr Amerika schwrmen,
und nun schimpfen sie ber Mosenthal und den armen Kerl, den Knnen, whrend die
Aufgeklrten beide verteidigen. Aber ihr Eintrittsgeld bekommen sie doch nicht
wieder, schlo er lachend. Sie sehen, der Zettelmann versteht sein Geschft.
    Mag sein, erwiderte Sender, aber bei uns am Czernowitzer Stadttheater
kommt das gottlob doch nicht vor.
    Die Schluszene befriedigte wieder alle Parteien, Christen und Juden. Die
beiden Kinder des Frulein Linden weckten allgemeine Rhrung; die Christen waren
befriedigt, da sich der Titel Der Juden Fluch ist der Christen Segen insoweit
bewahrheitet, als Joseph und Hanna miteinander glcklich waren und blieben, die
Juden aber, da die Feinde schlielich die Israeliten segnen mssen - sogar
mit Rosenkrnzen in den Hnden! Der Beifall klang strmisch, alle Mitspielenden,
sogar Knnen, erschienen und verbeugten sich, ein zweites Mal trat Frulein
Schnau allein hervor und hielt eine Ansprache.
    Hochverehrte Gnner! begann sie. Im Namen der Direktion danke ich Ihnen
fr die berreiche Huld und Gnade, die Sie uns bisher erwiesen haben, und
erlaube mir zugleich, Sie zu meiner Benefizvorstellung fr morgen ergebenst und
dringendst einzuladen. Es wird gewi niemand das Theater unbefriedigt verlassen,
denn wir werden geben: auf allgemeines Verlangen, Schneider Fips', dann zum
ersten Male Maria Stuart von dem bekannten Dichter Friedrich Schiller, darauf
das herrliche, hier noch nie gegebene Lustspiel: Das Landhaus an der Heerstrae
von dem unsterblichen Kotzebue, der auch den Schneider Fips geschrieben hat.
Ferner werde ich das Gedicht: Der Handschuh von Schiller deklamieren, die
Soloszene: Lieschen im Hemde von einem unbekannten, aber noch berhmteren
Dichter vorfhren und zum Schlu, meine liab'n Herrn, da sing' i a paar fesche
Weana Liadar, teils im Kostm, teils ohne, Sie verstengen schon!
    Sie blinzelte cynisch und schlo: Und so darf ich wohl auf geneigten
Zuspruch rechnen, da ich keine Mhe gescheut habe und scheuen werde, meine
teuren Gnner, die verehrten Damen und Herren zufrieden zu stellen.
    Lachen und Hndeklatschen, und alles drngte dem Ausgang zu.

                           Zweiunddreiigstes Kapitel


Sender trat in die Wirtsstube. Fast an allen Tischen saen schon Gste, ihre
Zahl wuchs immer mehr. Verlegen sah er sich um einen Platz um, nur der Tisch,
auf dem Knnen die Bltter ausgebreitet, war noch leer. Sender ging auf ihn zu.
Ganz richtig, rief Ruben, der eben mit einem Tablett voll Speisen vorbeischo,
dort ist der Knstlertisch.
    Da zgerte Sender wieder und sah sich um. Aber hier sa offenbar jeder Stand
gesondert, an dem einen Tische die christlichen Honoratioren, an dem anderen
Tittinger und seine Freunde in deutscher Tracht, an einem dritten die Beamten,
einem vierten die jdischen, einem fnften die christlichen Kleinbrger, sogar
die Offiziere hielten sich je nach der Waffe getrennt, an einem Tisch die
Infanteristen und Pioniere, am anderen die Ulanen.
    In Gottes Namen, dachte Sender und setzte sich an den Knstlertisch. Also
neben die Kollegen. Aber zahlen tu' ich keinem mehr was!
    Ruben kam herbeigestrzt, rumte die Bltter fort, und deckte den Tisch.
Die Schauspieler kommen gleich, sagte er. Mit ihrem Nachtessen werden Sie
nicht zufrieden sein, auch wenn man Sie einladet. Ich bring' Ihnen was Gutes.
Und ohne Senders Auftrag abzuwarten, strzte er wieder ab.
    Bald kamen auch Stickler und Birk. Freue mich ungeheuer, rief ihm Stickler
entgegen und grinste ber das ganze breite, flache, aufgedunsene Trinkergesicht.
Habe schon gehrt! Keine Umstnde, lieber Kurlnder, wehrte er ab, als dieser
sich erheben wollte, und fate seine Rechte mit beiden Hnden. Tausendmal
willkommen! Hier Ferdinand Birk, der berhmte Held und Vater, frher am Wiener
Burgtheater, jetzt mein Stolz, der Pfeiler meiner Bhne.
    Wenn dem so war, dann stand diese Bhne noch unsicherer als Sender geglaubt.
Mhsam, stolpernd lie sich der Mann auf einen Stuhl fallen und fuhr mit
zitternden Hnden ber die Stirne. Sender hielt ihn anfangs fr betrunken, aber
dazu stimmten die erloschenen Augen, der todmde Ausdruck der Zge nicht. Es war
einst sicherlich ein schnes, stolzes, khn geschnittenes Antlitz gewesen, man
konnte es deutlich erkennen, trotz aller Verwstungen und so unheimlich das
immer wackelnde Kinn anzusehen war. Der Mann mute sehr krank sein. Von Sender
nahm er keinerlei Notiz.
    Ein Schnpschen, Birk? fragte der Direktor.
    Nein, erwiderte dieser matt. Du weit, ich vertrage es nicht. Aber Hunger
hab' ich! Ruben stellte eben einen Braten und ein Flschchen Wein vor Sender
hin. Die Augen Birks hefteten sich gierig auf die Speise.
    Ist's gefllig? fragte Sender und reichte ihm die Hlfte hinber. Auch
etwas Wein?
    Danke, murmelte Birk und machte sich ber den Teller her. Nein, Wein
nicht.
    Aber das sollt' ich eigentlich nicht dulden! rief Stickler. Sie sind
natrlich mein Gast, lieber Kollege. Nun, spter trinken Sie einen Schluck mit
mir ... Ruben, meine Mischung, wie gewhnlich. Und einen Kalbsbraten.
    Frulein Linden mit ihren beiden Kindern trat ein, dann die Kassierin und
Hoheneichen. Endlich kam auch Knnen geschlichen, nicht durch die Haupttr,
sondern aus der Kche; er scheute sich offenbar, durch den gefllten Saal zu
gehen. Stumm sa die armselige Gesellschaft um den Tisch, selbst Hoheneichen
rief Sender nur ein kurzes: Servus, Bruderherz! zu und schielte dann trbselig
nach dem Braten des Direktors. Umso unablssiger schwtzte Stickler, obwohl er
gleichzeitig aus Leibeskrften kaute.
    Hier Hermine Linden, lieber Kurlnder. Die Zeit der Lindenblte ist
vorber, hehe! - Aber haben Sie schon je eine solche Sentimentale bewundert? ...
Erinn'rung schn'rer Tage blieb zurck, wie Sie sehen, sogar doppelt, hehe! ...
Pepi Meyer, genannt die Perle von Temesvar, kann bei ihrem Benefiz auch jetzt
noch volle Huser machen, wenn sie die Billette verschenkt, brigens als
Kassierin gro, als komische Alte unerreichbar ... Mein Hoheneichen - keine
Vorstellung mehr notwendig, hat Sie schon angepumpt. ber Knnen brauch' ich
Ihnen auch nichts zu sagen. Sinniges Pseudonym, kommt von Nichtknnen, hehe! ...
Aber Kinder, unterbrach er sich, als niemand lachte und nur jene, auf die er
gerade stichelte, die Mienen verzogen wie Gefolterte, wenn sie gekitzelt werden,
was sitzt ihr so still da, nach solchen Triumphen? Ha! ich verstehe, die Atzung
... Ruben, mein Rabe, wo bleibt die Atzung? Ich hab' euch einen kstlichen
Schmaus besorgt. Ein Glschen von meiner Mischung, Kurlnder?
    Sender lehnte hastig ab, die Mischung bestand aus einem Viertel Met, drei
Viertel Schnaps, der kstliche Schmaus aus einer Riesenschssel Kartoffeln,
einem Tellerchen Schmalz und einem Krug Wasser. Heihungrig machte sich die
Tafelrunde darber her, nur Birk konnte mit seinen zitternden Hnden nicht so
rasch zugreifen. Stickler hufte ihm den Teller voll und gab ihm auch alles
Schmalz, das noch brig war.
    Da, mein Ferdinand, sagte er wohlwollend. Gelt, es schmeckt besser, als
die Trffelpasteten, die du einst hattest? ... Die Schnau hat wohl wieder fr
sich selbst gesorgt? fragte er den Kellner.
    Sie soupiert im Extrazimmer, erwiderte Ruben. Der Herr von Czapka und
drei polnische Herren haben sie eingeladen. Sie trinken Champagner ...
    Braves Kind, murmelte Stickler gerhrt. Sorgt immer fr sich selbst. Und
was sagen Sie zu dem Talent? wandte er sich an Sender. Groartig! Aber weil
wir gerade von Talenten sprechen, was spielen Sie fr ein Fach?
    Sender zhlte die Rollen auf, die er mit dem Pater durchgenommen. Als er den
Shylock nannte, fuhr Stickler wie elektrisiert empor.
    Das wr' was gewesen! rief er. Jammerschade, da Sie nicht frher
gekommen sind! Ich htte Sie zu einem Gastspiel gepret - und wenn's drei Gulden
gekostet htte! Denn, sehen Sie, das ist ein Stck fr Galizien. Das
interessiert Jud' und Christ und beide knnen sich nach Herzenslust freuen und
rgern. Der Shylock macht berall ausverkaufte Huser; hat der Ort ber
dreitausend Einwohner, so kann man ihn ruhig zweimal geben. Und das Stck fehlt
mir! Ich habe keinen Shylock. Der Hoheneichen knnt' ihn ja zur Not spielen,
aber dann fehlt mir der Antonio. Ich hab's mir neulich extra daraufhin
angesehen, aber der Antonio lt sich wirklich nicht streichen. Jammerschade!
    Ich hab' ihn ja auch noch nie gespielt, sagte Sender. Wer wei, ob ich -
    Aber ja! Ganz bestimmt! Der Nadler ist ein - na, ich sage nichts, Sie
schwrmen fr ihn, hre ich -, aber wen er frdert und als Anfnger blindweg
engagiert, der hat Talent. Eine feine Nase hat der - Herr, das mu man ihm
lassen. Und dann, ich bitte Sie, in Zaleszczyki! Das heit, fgte er rasch
hinzu, Sie knnten ihn gewi auch in Tarnopol spielen, in Wien, in Pardubitz -
berall! Aber nun ist's zu spt. Vier Wochen sind wir hier, haben sechzehnmal
gespielt, das letzte Mal Lumpazi Vagabundus und ein Stck aus den Rubern - und
zwei Gulden Einnahme! Heut' war's passabel, aber es ist auch der beste
Theatertag, der Freitag, und Deborah und dieser Zettel! Und nach dem Benefiz der
Schnau zieht berhaupt gar nichts mehr, rein gar nichts! Er seufzte auf. Also
hier geht's nicht! Aber kommen Sie doch nach Borszczow mit! Ich habe dort fr
Montag den Schneider Fips und Kabale und Liebe angesetzt, aber der Shylock wrde
weit mehr ziehen! Also besinnen Sie sich kurz - schlagen Sie ein!
    Er bot Sender die Hand hin. Aber dieser schttelte den Kopf. Montag mu ich
in Czernowitz sein, sagte er fest.
    So sind Sie eben am Mittwoch dort ... Helft mir doch, Kinder! ... Nicht
wahr, Birk, er mu mit?
    Aber Birk regte sich nicht. Er starrte, nachdem er sein Essen verschlungen,
wieder teilnahmlos vor sich hin.
    Birk, hrst du nicht? An was denkst du eigentlich ... An deine Grfinnen
und Zofen von anno dazumal ... die Sarolta-he, was?
    In den erloschenen Zgen glomm ein Lcheln auf, ein hliches, gemeines
Lcheln, und die zitternden Hnde griffen wie tastend in die Luft. Die Sarolta
... kicherte er. Sender sah ihn entsetzt an; der Mann, der bisher sein Mitleid
erweckt, sah in diesem Augenblick beraus widrig aus. Dann wurde das Gesicht
wieder stumpf wie zuvor.
    Stickler zuckte die Achseln. Nun und ihr, Kinder? wandte er sich an die
anderen.
    Natrlich mu er mit, riefen die Kassierin und die Linden wie aus einem
Munde.
    Auch Hoheneichen, der bisher verdrossen dagesessen, stimmte ein. Ja,
Bruderherz, du mut! Lassen Sie ihn nicht locker, Direktor, ich sage Ihnen, den
hat der Schenius auf die Stirne gekt! Du wirst einen Shylock hinlegen, da
ganz Borszczow wackelt. Ich wrde dich schon herumkriegen, wenn mir die Kehle
nicht so trocken wre ...
    Der Direktor verstand den Wink. Ruben, ein Glas Bier fr Hoheneichen!
    Alle machten groe Augen, eine solche Freigebigkeit war wohl unerhrt. An
diesem Engagement mute ihm sehr viel liegen.
    Bravo! rief er. Natrlich wird Borszczow wackeln. Was sagen Sie, Knnen?
    Der Kleine fuhr zusammen, blickte Stickler ngstlich an, schwieg aber. Einen
Augenblick war's still am Tische, und in diese Stille hinein tnte Birks Stimme.
    Nein, sagte er dumpf. Er soll nicht! ... Soll nicht mit ins Elend hinein!
... Ist noch so jung!
    Birk! rief Stickler rgerlich. Du wirst bald ganz bldsinnig!
    Ja! murmelte der Unglckliche und fuhr sich ber die Stirne.
    Ich fhl's ... Aber darin hab' ich recht!
    Er erhob sich und schlich auf zitternden Knien hinaus.
    Darauf war es wieder still. Endlich hatte sich Stickler gefat. So was!
rief er und versuchte zu lachen. Weil er sich in Wien und Mnchen mit seinen
Weibern um Kraft und Verstand gelumpt hat, darum soll unser junger Freund nicht
auf zwei Tage nach Borszczow ... Tildchen! unterbrach er sich. Da kommt sie
ja! Tildchen, Stab meines Alters, du kommst zu rechter Zeit!
    Es galt der Schnau. In weit ausgeschnittenem, hellgrnem, schmutzigem
Seidenkleid, knstliche Rosen im Haar, kam sie eben zwischen den Tischen auf die
Schauspieler zu, von allen Seiten neugierig oder begehrlich angestarrt und die
Blicke ebenso erwidernd. Die Wangen waren geschminkt, aber sie flammten offenbar
auch in natrlicher Rte und die Augen blitzten.
    Guten Abend, Kinder! ... Gr Gott, schner Fremdling! Da du mir gefllst,
hab' ich dir schon gesagt! Sie strich Sender ums Kinn. O die liebe Unschuld,
wie rot er wird! Auch im Theater, so oft ich ihn angesehen habe. Das reine Kind.
O, du Fratzerl du!
    Tildchen! Das Fratzerl mu nach Borszczow mit. Sei du seine Amme!
    Wird gemacht! Aber zuerst das Geschft, dann das Vergngen! Sie blickte
sich im Saal um. Gottlob, die Leuteln san no da. Das macht der Eissto. Drinnen
haben mich die verrckten Polen nicht weglassen wollen, - aber, Kinder, sag'
ich, morgen ist mein Benefiz, ich mu den Leuten noch Karten anhngen! Von euren
zwanzig Gulden, sag' ich, werd' ich nicht fett! Die haben s' mir fr vier
Sperrsitz' 'zahlt! Sie holte die Scheine aus der Tasche und warf sie auf einen
Teller. Als gutes Beispiel! ... Pepi, die Karten.
    Und sie ging an den Offizierstisch.
    Ein Teufelsmdel! lachte Stickler. Auch Hoheneichen, der glckliche
Brutigam, schien sehr vergngt, nur Knnen sa finster da, seine Wangen
flammten fast ebenso wie die Senders.
    Den litt es nicht mehr auf seinem Stuhl, ihm war's, als mte er in dieser
Luft ersticken. Gute Nacht, murmelte er.
    Aber was fllt Ihnen bei? rief Stickler. Jetzt wird's ja erst lustig!
Und als der junge Mann sich nicht halten lie: Wir sprechen morgen weiter!
    Morgen, sagte Sender, um nur loszukommen, und ging in seine Kammer. Wir
gehen nicht nach Borszczow, sagte er, indem er sich zu entkleiden begann.
Nicht wahr, Moskal? Das fllt uns gar nicht ein. Und der Hund bellte und
wedelte, als wre er derselben Meinung.
    Als Sender am nchsten Morgen erwachte, wies seine Uhr auf neun. Fast
beschmt erhob er sich, so lang war er noch nie in den Federn gelegen. Auch die
Lungen schmerzten ihn. Heut' geh' ich mit den Hhnern zu Bett, dachte er.
Denn morgen mu ich ja in aller Frhe fort! Das Benefiz kann ohne mich
stattfinden ... Fratzerl - Du freches Ding!
    Als er die Treppe hinabging, hrte er pltzlich die nahe Kirchenglocke
anschlagen. Ihr Ton klang heute anders als gestern, kurz, gellend. Die Schlge
folgten sich rasch, unregelmig, immer schriller. Eine andere ferne Glocke fiel
ebenso ein. Feuer! rief Sender und strmte in den Torweg.
    Dort kam ihm die dicke Wirtin entgegen. Erschrecken der Herr nicht, es ist
nur eine berschwemmung. Was geht den Herrn die berschwemmung an!
    Ohne zu erwidern eilte er an ihr vorbei, die Strae hinab, dem Flusse zu.
Noch immer gellte die Sturmglocke. Aus allen Husern strzten die Leute hervor,
jammerten und schrien. Es regnete in Strmen, ein warmer Regen. In der Strae,
die abwrts fhrte, war schwer vorwrts zu kommen, sie glich dem Rinnsal eines
Wildbachs.
    Es whrte lange, bis er die Bastion erreicht, noch lnger, bis er sich durch
die triefende, stoende, jammernde Menge so weit durchgedrngt, um das Flutal
bersehen zu knnen. Es war ein trostloser Anblick. So weit das Auge das dichte
Regennetz durchdringen konnte, nichts als Grau, hliches, schmutziges Grau,
oben die Wolken, unten der Flu. Die Riesenschlange war seit gestern ins
Ungeheure angeschwollen, ins Endlose schien sich ihr Leib zu dehnen, denn nun
hatte der Flu die cker berflutet und von jenen, die hher lagen, war der
Schnee geschmolzen. Wasser, Wasser, nichts als graue, unheimliche Flut, vom
Himmel strzte sie nieder, aus der Erde schien sie emporzuquellen, als wollte
sie alles Leben ersticken. Man sah frmlich das Steigen des Wasserspiegels. Noch
hatten eben die Gartenzune unten ber ihn hinausgeragt, nun sah man nur noch
die Spitzen - jetzt verschwanden auch diese.
    Von den Husern dicht am Flu ragten nur noch die Strohdcher hervor. Aus
einzelnen Dachluken sah man die Bedrohten mit Tchern winken, ihr Rufen vernahm
man nicht. Aus den anderen, hher gelegenen Husern flchteten eben die
Bewohner; mit entsetzten Gesichtern wild durcheinander drngend, man sah
frmlich ihr Angstgeschrei, aber man hrte es nicht. Auch das Klatschen des
Regens, das Pltschern der Flut, das Poltern des Trmmerwerks, das unten
dahintrieb und aneinanderstie, drang nicht ans Ohr. Denn ein ungeheures,
betubendes Gerusch schwamm unablssig in den Lften, kaum auf Sekunden
ersterbend, dann immer strker anschwellend: das Krachen im Eis. Wie wenn ein
Orkan in eine Riesenharfe greifen wrde, klang es: jetzt beraus gellend, da es
durch Mark und Bein schnitt, dann dumpf drhnend wie Kanonendonner, bald wieder
ein minutenlanges Knattern, als zersplitterten jhlings alle ste eines Waldes,
dazwischen als unheimlichstes Getn jenes Gurgeln und Glucksen der eindringenden
Flut, als htte sich ein Schlund aufgetan, alles Lebende hinabzuziehen. Selbst
der Ton der Notglocke war vor diesem ungeheuren, die Sinne betubenden Klingen
und Drhnen kaum hrbar.
    Das Eis barst, aber es stand noch. Immer hufiger sah man einen Block
emportauchen, sich aufrichten, als wollte er ber den Spiegel hinwegsehen und
dann reglos liegen bleiben. Noch war die Flut nicht mchtig genug, sie vor sich
herzurollen, sie blieben liegen und versperrten nur den Wassern den Weg. Daher
das jhe Steigen des Spiegels, die wachsende berschwemmung. Haus um Haus, Gasse
um Gasse der Unterstadt wurden berflutet.
    Die Notglocke heulte unablssig; ihr Hauptzweck, Helfer herbeizurufen, die
Leute aufzustacheln, blieb unerreicht. Der Slave ist schwer zur Selbsthilfe zu
bringen, das liegt in seiner stumpfen, entsagungsvollen Natur, noch schwerer der
Jude, er ist ungewohnt, der Gefahr die Stirne zu bieten, und verliert leicht den
Kopf. Fast nur die Soldaten sah man in Khnen am Rettungswerk, selten mengte
sich unter die weien Uniformen der Pelz des Bauers, der Kaftan des Juden. Die
Pioniere aber waren mit der Rettung der Brcke beschftigt, indem sie die Ketten
so hoch wie mglich zu winden suchten. Aber es ging schwer, weil sich das Eis an
die Khne gesetzt und sie festhielt oder niederzog. Noch immer standen die
Bohlen ber Wasser, aber der Verkehr war nun eingestellt.
    Angstvoll starrte Sender auf die Brcke nieder. Die Umstehenden zu fragen,
hatte er aufgegeben, es gab jeder eine andere Antwort. Da sah er seinen
Sitznachbar von gestern abend, den Doktor Tittinger, in der Menge auftauchen,
und drngte sich zu ihm durch. Ob er morgen frh nach Czernowitz knne, fragte
er.
    Nein, erwiderte der Advokat. Dies selbst im besten Falle nicht. Gelingt
es, die Brcke so weit zu heben, da der Eissto unten hinweggehen kann, und
kommt dieser schon heute, so knnen Sie Montag hinber. Aber ich glaube nicht,
da es gelingt, und beschdigt das Eis die Brcke, so sind wir wohl fr eine
Woche von der Bukowina abgeschnitten.
    Eine Woche! rief Sender angstvoll. Aber es mu doch irgendwo oben eine
Brcke geben!
    Auf zwei Tagereisen nur Fhren, war die Antwort. Wre der Dniester so
leicht berbrckbar, wir htten lngst eine steinerne gebaut. Nur oberhalb
Halicz ist eine, dort ist der Flu noch zahm und klein. Aber das ist, wenn Sie
nach Czernowitz wollen, ein Umweg von etwa fnf Tagereisen, da warten Sie lieber
hier!

                           Dreiunddreiigstes Kapitel


In rechter Angst ging Sender ins Hotel zurck. Vom Torweg blickte ihm der
hellrote Zettel entgegen - der war an allem schuldig! Aber im Vorbeigehen hielt
er doch an und las. Das heutige Kunstwerk glich dem gestrigen, nur fehlte das
Doppelspiel von Judenfeindschaft und -Freundschaft, dafr war eine Ansprache
beigefgt, ungefhr dieselbe, welche die Schnau gestern gehalten, nur noch
zweideutiger. Dieser Mensch gibt sich doch zu allem her, dachte Sender, halb
mitleidvoll, halb verchtlich. brigens fand sich auf diesem Zettel auch eine
Bemerkung, die nur den Christen galt: Karten sind auch bei der Benefiziantin,
im Hotel Gurkensalat, Zimmer Nr. 3, persnlich zu haben. Freundlicher Empfang!
    Als er in die Wirtsstube trat, das versumte Frhstck nachzuholen, fand er
Knnen am Tisch neben dem Fenster; er malte eben mit Pinsel und Schablone die
Borszczower Zettel fertig. Mit demtiger Freundlichkeit begrte er Sender: Die
Notglocke hat ja aufgehrt, ich hoffe, Sie knnen morgen reisen.
    Sender zuckte die Achseln. Aber nach Borszczow gehe ich keinesfalls!
    Der kleine Mann atmete auf. Da haben Sie recht, sagte er fast freudig.
Ich war schon in rechter Sorge. Glauben Sie mir, Birk hat wahr gesprochen. Es
wre nur ein Schritt ins Elend hinein, aber auch der soll Ihnen erspart bleiben.
Und dann, wer wei, vielleicht kme ein zweiter und dritter nach.
    Er sprach so eifrig, da Sender befremdet war. Ich danke Ihnen, sagte er
und setzte sich an sein Frhstck.
    Nichts zu danken, erwiderte Knnen eifrig. Nichts, wiederholte er nach
einer Pause. Ich mu es Ihnen sagen, es freut mich nicht blo Ihretwegen. Er
war rot vor Verlegenheit. Auch meinetwegen. Und da ich es Ihnen gestehe, das
soll die Strafe fr meinen Wahnsinn sein. Also mich freut's auch deshalb, da
Sie nicht den Shylock bei dieser Truppe spielen, weil Stickler die Rolle mir
immer versprochen hat. Und wenn nicht ich, dann auch kein anderer.
    Sender schwieg; was war auch darauf zu sagen?
    Knnen erriet seine Gedanken. Wahnsinn, sagen Sie. Sie haben mich ja
gestern gesehen. Freilich spiel' ich nicht immer so erbrmlich, auch war ja das
Unglck mit der Maske dabei. Ich habe sie mir sehr fein ausgedacht, aber sie ist
mir milungen. Das kann auch dem grten Schauspieler passieren, nicht wahr? ...
Aber was lge ich da? unterbrach er sich heftig. Immer spiele ich so schlecht,
immer! Und dennoch dieser Wahnsinn, sagen Sie. Ja, dennoch, lieber Herr,
dennoch! Er seufzte tief auf.
    Wenn Sie es nur erkennen, trstete Sender. Und mit der Maske haben Sie ja
recht!
    Auch darin nicht, erwiderte das Mnnchen. Wenn ich was knnte, wrden mir
die Leute sogar meine Nase verzeihen. Und dann, ich knnte doch vernnftig
werden und einsehen, da sich eine solche Nase nicht wegschminken lt. Er
sthnte fast. Das ist ja nicht eine, das sind mehrere Nasen. Aber wissen Sie,
was mich am meisten gekrnkt hat? Da mich die Leute Kohn gerufen haben. Das
wird Ihnen unbegreiflich sein. Wer eine solche Nase hat, dem kann's doch
gleichgltig sein. Wieder ein Sthnen. Der trgt ja gewissermaen den Namen im
Gesicht ...
    Auch ist es doch wahrhaftig keine Schande, fiel Sender ein.
    Gewi nicht. Und dennoch! Als Knstler halt' ich was auf meinen
Knstlernamen ... Als Knstler? unterbrach er sich wieder. Als Stmper ... Und
doch, und doch! Aber ich wei, wer's mir eingetrnkt hat. Der Hoheneichen. Hat
er's Ihnen nicht auch gesagt, da ich eigentlich Kohn heie?
    Ich erinnere mich nicht! erwiderte Sender. Wozu den Zwischentrger
machen! dachte er. Aber da Sie selbst es mir gesagt haben, wei ich ganz
genau.
    Ihnen! Sie sind ein Kollege und obendrein auch Jude. Aber das Publikum
braucht es nicht zu wissen, da bin ich Amadeus Knnen und will es bleiben! - Sie
lcheln. Recht haben Sie. Und Hoheneichen hat recht, da er mein Todfeind ist.
Ich hab's Ihnen ja schon gestern gesagt: es ist meine fixe Idee, wieder den
Franz Moor zu spielen. Diesmal wird's gehen, denke ich, und ich wei doch, es
wird nicht gehen. Die Leute werden lachen oder mir gar alles Mgliche an den
Kopf werfen, wie mir auch schon oft geschehen ist. Aber ich lasse nicht nach,
und wie ich vor mehreren Monaten wieder Geld von meinem Bruder bekomme - er
schickt mir manchmal aus Erbarmen einige Gulden - bestech' ich den Direktor, da
er dem Hoheneichen die Rolle abnimmt. Der Stickler hat das Geld genommen und ihm
die Rolle gelassen, es war beides vernnftig. Aber hat nun Hoheneichen nicht
recht, mich zu hassen?
    Was ist das fr ein Mensch? fragte Sender. Er hat mir sehr mifallen.
    Der Kleine nickte. Jetzt ist er ein erbrmlicher Lump - in jeder Beziehung.
Aber er ist es doch erst in diesem Jahr geworden. Frher, bei Nadler, hat er
sich zwar auch nicht gern daran erinnern lassen, da er Max Wuttke heit und
Barbiergehilfe aus Leipzig ist, aber das war menschlich. Auch streitschtig war
er immer, aber sonst kein bler Mensch, ganz geschickt - er wei doch fr einen
Barbier gut genug zu reden -, als Schauspieler nicht unbegabt. Die Lumperei hat
eigentlich erst hier begonnen - hier ist alles Lug und Trug.
    Das hab' ich schon an den Zetteln gemerkt, sagte Sender offenherzig. Wie
knnen Sie, ein ehrlicher Mann, solche Zettel schreiben?
    Er erwartete irgend eine Erklrung oder Entschuldigung. Aber er irrte sich.
    Die Zettel? fragte Knnen befremdet. Was finden Sie daran? Die Zettel
sind ausgezeichnet! Ich kann sagen: solche Zettel hat sonst keine Schmiere in
Galizien. Ohne sie wren wir schon alle verhungert.
    Mag sein, erwiderte Sender gereizt. Aber es war doch hlich, da Sie zum
Beispiel gestern auf einer Seite den Juden geschmeichelt und auf der anderen
gegen sie gehetzt haben. Und er berichtete die uerungen seiner Nachbarn zur
Linken.
    Nun also! Und da reden Sie von hetzen? Knnen lchelte schmerzlich. Ist
es erst ntig, die Christen herzuladen, gegen uns zu hetzen? Das tue ich
brigens auch nicht, ich mache ihnen blo vor, da das Stck gegen die Juden
geht. Das mu sein, sonst gingen sie nicht hinein.
    Und warum hat das Stck fr Christen vier, fr Juden neun Akte, warum hat
Mosenthal fr Christen siebzehn, fr Juden hundertsiebzig Orden, warum liegt fr
die Christen das Dorf in Steiermark, und den Juden wird vorgemacht, da sie es
vielleicht kennen?
    Und das fragen Sie?! rief Knnen. Weil der Jude neugieriger ist, mehr fr
sein Geld haben will und strkere Farben liebt.
    Sender zuckte die Achseln.
    brigens ist da noch manches, was ich trotzdem nicht verstehe. Warum geben
Sie den mnnlichen Statisten und Doppelrollen fr die Juden jdische, fr die
Christen christliche Namen, whrend die Frauen auf beiden Seiten christliche
Namen tragen?
    Das ist eine sehr feine Sache, die ich erfunden habe, sagte Knnen stolz.
Der Jude ist neugierig, wiederhole ich, da whle ich also Namen, die in dem
Stdtchen stark vertreten sind. Kohn, Levy, Hirsch, Silberstein. Nun sagen sich
freilich alle, da der hiesige Vorsteher Silberstein nicht pltzlich bei uns als
Ruben auftreten wird, aber - sie wollen doch sehen, was dahinter steckt.
Hingegen wrde niemand glauben, da eine ehrbare jdische Frau auf der Bhne
mittut ... Eine feine Sache, lieber Herr, und sie zieht sehr!
    Sender erwiderte nicht mehr.
    Dieses Doppelspiel von Verstellung und Selbsterkenntnis, von ungestmer
Ehrlichkeit und berspitzter Schlauheit berhrte ihn sonderbar. Schweigend las
er den Borszczower Zettel. Der Vermerk ber die Direktion war derselbe wie hier.
Und es rgerte ihn dermaen, da er nicht schweigen konnte.
    Herr Knnen, sagte er, Sie sprachen von Nadler gut und dankbar, warum
stehlen Sie ihm dennoch den Namen. Und auf der jdischen Seite steht sogar:
Direktor Nadler, jetzt heit er Stickler. Die Leute sollen glauben, da Nadler
seinen Namen gewechselt hat!
    Daran bin ich unschuldig, beteuerte der Kleine, das schreibt Stickler
vor, und fr die Juden ganz besonders, weil Nadler unter ihnen einen groen
Namen hat. Und ich esse ja Sticklers Brot.
    Es hat aber alles seine Grenzen. Auch die Unanstndigkeiten der heutigen
Ansprache htten Sie nicht schreiben sollen und wenn er's Ihnen zehnmal
befiehlt.
    Das hat sie verlangt, murmelte Knnen.
    Die Schnau?
    Der Kleine nickte, sein Antlitz flammte, er beugte sich tief auf das Blatt
nieder. Und was sie verlangt, mu ich tun ... Wenn sie sagen wrde: Knnen,
spring' in den Dniester - ich tt's auch ... Und das - er atmete mhsam - das
tte mir lange nicht so weh, wie solche Ansprachen in ihrem Namen zu schreiben
...
    Mensch, rief Sender erschttert, was reden Sie da? Nun verstand er,
womit Stickler den Kleinen gekdert. Sie lieben dieses Geschpf?
    Knnen erwiderte nichts. Sein Atem ging immer rascher, ein Schluchzen brach
aus seiner Brust, und nun fiel ein groer Tropfen auf das Blatt nieder und
verwischte die Tusche.
    Verzeihen Sie, murmelte er. Es hat mich so bermannt ... Ich habe schon
lange mit niemandem darber gesprochen, der es gut mit mir meint ... Hier wissen
es ja alle, aber sie hhnen mich nur ... Und sie haben ja recht ...
    Er wandte sich ab und trat in eine Ecke. An den Bewegungen der Gestalt
erkannte Sender, da der Unglckliche noch immer mit Trnen kmpfte. Er htte
ihm gern ein Wort des Mitleids gesagt, aber das war doch eine gar zu hliche
und unbegreifliche Sache.
    Endlich hatte sich der Kleine gefat.
    Ich wei, was Sie denken, sagte er. Seine Schauspielerei ist ein
Wahnsinn, aber eine solche Person zu lieben, mit dem Herzen zu lieben, ist eine
Gemeinheit. Und doch - auch davon komme ich nie los. Einst hat mir der gute Herr
Nadler gesagt: Mein Trost ist nur, ein Fieber dauert nicht lange. Aber das war
vor drei Jahren ...
    So lange schon?
    Ja. Damals hat's angefangen. Im Frhjahr 1850 - wir waren in Laibach - da
ist sie mit Birk zu uns gekommen, der war damals ihr Geliebter, aber auch nicht
ihr erster. berhaupt glaube ich nicht, da der unglckliche Mensch viele auf
dem Gewissen hat. Dazu war er immer zu nobel und zu gutmtig; er hat sich von
den Weibern ruinieren und ausbeuten lassen, nicht umgekehrt. Sie sehen es ihm
wohl nicht an, da er einer der gefeiertsten deutschen Schauspieler war und
einer der schnsten Mnner dazu - und es ist doch nicht gar zu lange her. Vor
fnfzehn Jahren war er noch erster Liebhaber am Wiener Burgtheater, er ist ja
noch gar nicht alt, kaum fnfundvierzig. Aber die Weiber, lieber Herr, die
Weiber! Er hat ihnen alles geopfert, seine Stellung, seine Gesundheit, sein
Talent. Ein Wstling, sagen Sie, es geschieht ihm recht. Natrlich, aber
jammerschade ist's doch! Wenn ich so denke, was er selbst noch vor drei Jahren
gekonnt hat in Laibach! Seinetwegen hat Nadler damals auch die Schnau
engagiert, sie war eine blutige Anfngerin. Elise Schtz heit sie und ist die
Tochter eines Troppauer Beamten; in ihrem siebzehnten Jahre ist sie von einem
Offizier verfhrt worden, dann immer tiefer gesunken. Endlich hat sie Birk bei
einem Gastspiel dort kennen gelernt und mitgenommen. Wie schn sie damals war,
ist gar nicht zu sagen. Die Weiber waren mir bis dahin gleichgltig, in sie habe
ich mich auf den ersten Blick bis zur Tollheit verliebt. Natrlich hat sie mich
ausgelacht; trotzdem und obwohl ich bald bemerkt habe, da sie auch ihren
Geliebten betrgt, hat meine Liebe nur zugenommen. Das hat so zwei Jahre
gedauert - ihr Talent hat sich entwickelt, aber auch ihre Verderbtheit immer
mehr - Herr, was ich gelitten habe, ist nicht zu sagen. Endlich sagt mir Nadler:
Sie werden nicht vernnftig, so lang Sie beim Theater sind - und alles andere
dazu. Aber da hat mich der Stickler berredet: Komm' mit - das war das einzige
Mal, wo er du zu mir gesagt hat, der Lump - da bist du tglich mit ihr zusammen,
da hast du keine Rivalen. Und die Folge? Noch ein Jahr Folter ... O Herr, lieber
Herr, so viel kann noch kein Mensch gelitten haben!
    Sender war tief erschttert; ein so wildes Weh, wie aus diesen Worten
sprach, war ihm im Leben noch nie begegnet.
    Das mu anders werden, sagte er. Ich will mit Nadler sprechen, vielleicht
engagiert er Sie wieder. Dann htten Sie wenigstens den Trost, beim Theater zu
bleiben.
    Knnen fate seine Hand. Ich danke Ihnen, sagte er. Sie sind ein guter
Mensch. Und Nadler tte es vielleicht aus Barmherzigkeit wirklich ... Aber jetzt
ist's zu spt ...
    Jetzt?
    Knnen wankte. Sein Gesicht war totenbleich geworden, er ballte die Fuste,
da die Ngel schmerzhaft ins Fleisch drangen. Und so, mit gesenkten Augen,
stie er fast unverstndlich hervor: All die Jahre hab' ich gedacht: Wenn du
sie einmal - nur einmal - in deinen Armen hltst - dann weicht dein Wahnsinn von
dir - Und vor einigen Wochen - wir waren in Kolomea - mein Bruder hat mir -
gerade Geld geschickt -
    Er brach zusammen und schlug die Hnde vors Gesicht.
    Jetzt nicht mehr! sthnte er. Jetzt knnte ich - einen Mord begehen, um
wieder Geld zu bekommen ...
    Entsetzlich! murmelte Sender und wandte sich ab. Er fand kein Wort mehr,
auch Knnen schwieg.
    Da ging die Tr.
    Es war Hoheneichen. Mit ausgebreiteten Armen kam er auf Sender zu. Servus,
Bruderherz, der Eissto kommt uns zu Hilfe. Nun mut du nach Borszczow. Ich sage
dir ...
    Aber Sender war nicht in der Stimmung, sein Geschwtz zu ertragen. Er eilte
auf seine Kammer. Als er an Nummer drei vorbeiging, trat eben die Schnau
hervor, in demselben hellen Seidenkleid wie gestern abend.
    Guten Morgen, Junge! Sie ttschelte ihm die Wange. Hast du schon eine
Karte? Wart', dir schenk' ich eine.
    Sie ging in ihr Zimmer zurck. Er aber, als mte er einer Gefahr
entfliehen, lief nach seiner Kammer und riegelte sich dort ein.
    Zur Mittagsstunde mute er doch wieder hinunter. Doch lie er sich das Essen
ins Extrazimmer bringen und schrfte Ruben ein, den Schauspielern nichts davon
zu sagen.
    Sie wuten ihn dennoch zu finden. Kaum, da er den letzten Bissen
hinuntergewrgt, trat der Direktor ein, hinter ihm die Schnau.
    Da haben wir den Ausreier, rief Stickler. Aber Sie entrinnen uns nicht!
    Und sie schmollte: Grobian! Mir so davonlaufen! Das bin ich sonst nicht
gewhnt! Schein' ich dir so hlich?
    Sender stammelte verlegen, er habe nicht stren wollen. Und nach Borszczow
kann ich keinesfalls mit, fgte er fest hinzu.
    Larifari, rief die Schnau. Was ich will, setz' ich durch.
    Stickler aber bat: Ums Himmelswillen, warum nicht? Sie knnen ohnehin
frhestens am Mittwoch ber den Dniester. Ob Sie die drei Tage hier oder in
Borszczow zubringen, kann Ihnen und Ihrem Direktor doch gleichgltig sein. Und
bei uns knnen Sie spielen, Geld verdienen, den Beifall eines dankbaren
Publikums ernten.
    Es geht doch nicht, erwiderte Sender. Und ich habe es Ihnen schon gestern
gesagt, fgte er bei, wer wei, ob ich's kann.
    Schn, sagte Stickler. Dann sprechen Sie uns die Rolle vor. Tildchen,
schick' die anderen nach oben und Knnen mag das Buch holen.
    Er fate Sender unter den Arm und zerrte ihn auf den Flur. Sender schwankte,
ob er sich mit Gewalt losreien oder nachgeben sollte. Er hatte sich eben fr
das erstere entschieden, als Birk hinzutrat. Er sah noch immer gebrechlich genug
aus, aber doch frischer als am Abend.
    Tun Sie's, sagte er. Die Probe schadet Ihnen nicht. Ich habe die grten
Darsteller dieser Rolle gesehen, einst Ludwig Devrient, zuletzt Dawison.
Vielleicht kann Ihnen ein Hinweis von mir ntzen ... Nadler hat mir wiederholt
von Ihnen gesprochen, Sie interessieren mich.
    Darauf gab Sender nach. Sie traten in den Saal. Unten nahmen die
Schauspieler Platz, auf der Bhne stellte sich Stickler, das Buch in der Hand,
neben Sender hin, die anderen Rollen zu markieren. Das Herz des jungen Mannes
klopfte, da er kaum zu atmen vermochte; er konnte ja die Rolle auswendig, wie
sein Morgengebet, auch hatte ihn Pater Marian hier seiner Auffassung wegen
besonders belobt, dennoch war ihm zu Mute, als knnte er kein Wort ber die
Lippen bringen.
    Aber es ging. Dreitausend Dukaten - gut - Diese ersten Worte murmelte er
noch fast unverstndlich. Dann aber festigte sich seine Stimme. Er nahm die
Sprechweise an, wie er sie in der Klosterzelle einstudiert, dann auch die
Haltung. Es ging immer besser und er fhlte es, er machte seine Sache gut. Die
unten steckten die Kpfe zusammen und flsterten; er wute, es konnte kein Hohn
sein. Stickler schien freudig berrascht, und als Sender die groe Rede sprach:

Signor Antonio, viel und oftermals
Habt Ihr auf dem Rialto mich geschmht -

machte er immer grere Augen. Alle Wetter! rief er, nachdem Sender
geschlossen, und gab fast erregt das nchste Stichwort.
    Als die Szene zu Ende war, fate er Senders Hand: Mensch, wo haben Sie das
her?
    Die anderen applaudierten, nur Knnen und Birk nicht. Der Kleine sa mit
gesenktem Haupte da, Birk fast aufrecht, seine Augen glnzten, aber er sagte
nichts.
    Noch grer war der Eindruck der folgenden Szenen. Immer strker fhlte
Sender seine Kraft erwachen, immer leichter flossen ihm die Worte von den
Lippen. Und als er jene Rede begann, die ihm Marians hchstes Lob eingetragen:
Fisch mit zu kdern: sttigt es sonst niemanden, so sttigt es doch meine Rache
... - da verga er, wer und wo er war, er fhlte sich als der Jude Shylock auf
dem Rialto zu Venedig.
    Aber gerade beim Schlu dieser Rede: Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die
will ich ausben - wre er fast gescheitert. Das Wort stockte ihm in der Kehle,
das Blut drngte zum Herzen - mit bleichem Gesicht und erschreckten Augen
starrte er ins Parterre. Sein Blick war zufllig dahin geglitten - und da sa
Malke. Nicht die Schnau, sondern das Mdchen, das er so schmerzlich geliebt.
Wie die junge Schauspielerin nun dasa, das Antlitz ernst, voll gespannter
Teilnahme, die Augen sinnend auf ihn gerichtet - das war keine hnlichkeit, das
war Malke selbst ... Mit Mhe ri er den Blick los und htete sich wohl, wieder
nach ihr zu blicken ... Erst in der Gerichtsszene fand er die frhere Sicherheit
wieder.
    Mensch! rief Stickler, nachdem er geschlossen. Sie sind ja ein Hauptkerl
... Und Sie trauen sich nicht, den Shylock in Borszczow zu spielen? ... Unter
tausend Anfngern findet man einen wie Sie.
    Auch die anderen umringten und beglckwnschten ihn. Am lautesten und
wortreichsten Hoheneichen; er wollte Sender umarmen, da trat die Schnau
dazwischen.
    Halt's Maul, befahl sie ihrem Brutigam. Schieb' ab! Der braucht dein
Lob nicht. Ihr Gesicht wies einen ungewohnten, ernsten, ja herben Zug. Und
mein's auch nicht.
    Sie wandte sich ab und ging. Verdutzt schaute ihr Sender nach und sah sich
dann nach Knnen um. Das Mnnchen sa noch immer unbeweglich auf seinem Platze,
das Haupt tief geneigt.
    Ich lasse Sie nicht! rief Stickler. Einmal will ich auf meiner Bhne
einen solchen Kerl haben. Sie haben ja fast nichts mehr zu lernen.
    Da trat Birk heran.
    Im Gegenteil, sagte er scharf. Technisch hat er noch sehr viel zu lernen,
fast alles. Aber was liegt daran? ... Sie knnen's! Wenn aus Ihnen kein Ganzer
und Groer wird, die Natur kann nichts dafr. - Merken Sie sich das, ich hoffe,
da Sie einst Ihren Kollegen im Burgtheater erzhlen knnen: Das hat mir der
Birk gesagt, einige Wochen, eh' ihn der Tod erlst ...
    Er nickte und schlich wankend hinweg.
    Fnf Gulden, Kurlnder, drngte Stickler. Freie Reise, freie Station fr
den einen Abend.
    Aber Sender ri sich los und eilte in seine Kammer. Dort sa er wohl zwei
Stunden auf dem Bette, mit klopfendem Herzen, glhenden Wangen, das Hirn voll
stolzer Trume und Gedanken. Er hat dieser Stunde nie vergessen.

                           Vierunddreiigstes Kapitel


Die Notglocke ri ihn aus seinem Sinnen empor. Heulend setzte sie wieder ein,
dazwischen tnte dumpfes, unablssiges Drhnen wie der Donner eines riesigen
Wasserfalls. Sender strzte auf die Strae, dem Flusse zu. Der Eissto! Der
Eissto! jammerte es aus hundert Kehlen. Und da war er wirklich.
    Betubt schaute Sender auf das gewaltige, unheimliche Schauspiel nieder. Die
Bastion glich nun einer Halbinsel, die weit in die See hinausragt. Aber nur wenn
es ein Orkan aufwhlt, tobt das Meer so laut wie hier der wilde Bergflu, der
endlich die Last gesprengt, die auf ihm gewuchtet, und sie nun in tausend
Trmmer zerschlagen, auf seiner Flut daherwlzte, hob und senkte und zerrieb.
Der Regen strmte unablssig fort und hemmte die Aussicht, aber so weit das Auge
blickte: die graue Flut und auf ihr tanzend, schwingend, sich bumend ein
unendliches Gewirr weilicher, grnlicher, schwrzlicher Massen - Eisblcke.
Welche Formen, welche Farben! Hier eine schlanke, ja zierliche Sule von
hellgrnem Kristall, die nur leise schwankend dahinzog, bis sie an ein plumpes,
graues Ungeheuer geriet, ber das sie strzte und zerschellte. Dort eine riesige
weie Tafel, die sacht und ruhig dahinzog, alles vor sich herstoend, bis sie an
ein kleines schwrzliches Riff, vielleicht ein Felsstck, vielleicht schmutziges
Eis, das mitten im Flusse lag, stie und feststand. Eine zweite Tafel, die
hinter ihr gezogen kam, schob sich ber sie, eine dritte, eine vierte, bis das
Riff nachgab und nun der ganze Bau zusammenstrzte. Dazwischen schmale,
lngliche Eisstcke, die wie Fische dahinschossen, rundliche Schollen, die
langsam, tnzelnd, in langer Reihe dahergezogen kamen, dazwischen spitze Kuppen,
unfrmliche Berge. Aber was alles hatten die emprten Wogen fortgerissen und
trieben es nun mit und zwischen dem Eise dahin! Baumstmme, Khne, ein
Strohdach, unzhliges Hausgert, Trmmerwerk von Husern, die Pfhle einer
Brcke, ein Bett, auf dem noch Polster und Decken lagen, eine leere Wiege -
vielleicht hatte die Mutter das Kind rechtzeitig herausgerissen, vielleicht
trieb es nun starr und tot in der Flut mit ...
    Aber so furchtbar der Eindruck frs Auge war, unendlich schreckvoller und
gewaltiger war der frs Ohr. Ein Krachen, Knirschen, Gellen, Knattern und
Drhnen, unablssig, ungeheuer laut; es war, als wollte die Welt untergehen, als
mte alles Menschenwerk davon zusammenstrzen ... Sender folgte dem Beispiel
der Umstehenden, er stopfte die Finger in die Ohren, aber seltsam - nun hrte er
das Gedrhne gleichsam mit dem Leibe, noch strker als vorher, es durchzitterte
ihn bis ins Innerste, da er die Hnde wieder sinken lie.
    Mitten in all dem Toben verteidigte ein Huflein Menschen das Werk seiner
Hnde tapfer gegen das Rasen der Natur. Die Huser waren nun gerumt, und was
noch an Gut oder Menschen drin sein mochte, verloren und ersuft - die Kraft der
Pioniere vereinigte sich auf die Erhaltung der Brcke. Noch stand sie, und war
hoch genug gewunden worden, um der Flut, den kleineren Eisschollen Durchgang zu
gewhren, die hheren sammelten sich immer dichter vor ihr an. Es war
schreckhaft und doch erhaben anzusehen, wie die wackeren Blaurcke mit den
schwarzen Helmen auf den berfluteten Bohlen Stand hielten, bis an die Kniee,
die Hften im Wasser, und mit ihren xten und Stangen das Eis zu zertrmmern,
die Blcke hinabzudrcken suchten. Aber das gelang nur bei den kleinen Stcken,
jener Berg wuchs immer hher an, die Flut trieb ihn immer gewaltiger an die
Brcke ... Da streckten sich pltzlich oben auf der Bastion fnfzig Arme
zugleich in die Luft und wiesen hinunter - was wollten die Pioniere? Was
bedeutete das? Ein niedriges Holzgerst wurde auf die Brcke gesetzt, daran
waagrecht eine lange Schiebeleiter befestigt. Sie reichte nun bis an den
Eisberg. Einige kletterten hinber, legten sich flach auf die Eistafel, krochen
weiter und weiter - was sie da taten, konnte man durch das Regennetz nicht
deutlich sehen. Dann krochen sie zurck, nun standen sie wieder auf der Brcke.
Die Mannschaft wich rechts und links auf den Brckenkopf zurck. Da - ein
ungeheurer Knall - der Eisberg wankte, einige Blcke flogen fuhoch empor, in
Trmmer zerschlagen, der Berg senkte sich und brach zusammen. Sie hatten in
wasserdichtem Schlauch eine Mine versenkt, das Eis gesprengt, nun standen sie
wieder auf der Brcke und setzten ihr Werk fort.
    Diesmal war's gelungen, aber das nchste Mal? Schon schwammen von oben neue
Massen herab, noch gewaltiger als die frheren. Man konnte sie nur undeutlich
sehen, die Dmmerung brach herein, auch die Gestalten auf der Brcke waren kaum
noch zu unterscheiden. Nun kam auch die Bundesgenossin alles Unglcks, die
Nacht, und lieh dem Verderben ihre dunklen Fittiche.
    Angstvoll starrte Sender hinab. So nahe ihn das Schicksal der Brcke anging,
er dachte kaum noch an sich selbst. Da fhlte er sich weggedrngt, in nchster
Nhe erklang ein Trompetensignal; eine Abteilung Infanterie rumte die Bastion
und schob die Menge langsam gegen die Stadt zurck. Als Sender wieder in der
engen Gasse stand, sprach ihn pltzlich jemand beim Namen an. Es war der
Advokat. Schlimm steht's, Herr Kurlnder. Die Bastion sei nicht in Gefahr,
fgte er bei; man habe sie nur gerumt, um darauf einen Raketenapparat zur
Erleuchtung der Brcke anzubringen. Aber es sei fraglich, wie lange man sie noch
halten knne. Sie selbst abzubrechen, sei nun zu spt.
    Auf dem Heimweg berdachte Sender seine Lage. War die Brcke zerstrt, so
mute er eine Woche hier ausharren - so weit reichten seine Mittel nicht. Eine
andere Hilfe, als die Nadlers, hatte er nicht zu erwarten. Die mute er in
Anspruch nehmen. Er wollte sie sofort, wenn die Katastrophe eintrat, erbitten.
Nadler lie ihn gewi nicht im Stich. Es war gerade kein Unglck, aber doch
recht peinlich.
    Er ging auf seine Kammer und trocknete am Ofen seine triefenden Kleider. Es
erhhte seinen Mimut, da ihm seine Lungen so viel zu schaffen machten. Ein
Wunder war's nicht, da er den halben Tag im Unwetter auf der Strae gewesen.
    Die Vorstellung wollte er nicht besuchen. Aber je nher die Uhr auf Sieben
rckte, wo sie heute begann, desto wankender wurde sein Entschlu. Was sollte er
mit den Stunden anfangen? Und dann - eine Vorstellung versumen, die man sehen
konnte, das ging fast gegen das Gewissen. Schlag Sieben lste er sein Billett.
Die Perle von Temesvar, diesmal im Kostm der Madame Zephir im Schneider
Fips, wollte die vierzig Kreuzer durchaus nicht von ihm annehmen. Ein Kollege
- und das Haus ist ohnehin fast ausverkauft - freilich werden heut' viele ihr
Billett nicht bentzen. Er legte ihr das Geld hin und trat ein.
    In der Tat waren die Reihen wenig besetzt, sie fllten sich auch spter
nicht. Als er vor dem Vorhang sa und die Musik begann - eine Geige, eine Flte,
ein Brummba und eine trkische Trommel - schweiften Senders Gedanken in immer
weitere Fernen ... Aber als der Vorhang aufging, war er doch ganz Ohr. Freilich
konnte er Sticklers Meckern als Fips nicht ganz so komisch finden, wie einst
Jtte, hingegen fesselte ihn der dritte Akt aus Maria Stuart sehr, Elisabeth -
Linden und Mortimer - Hoheneichen waren allerdings abscheulich, aber von der
Schnau mute er sich wieder sagen: Wie schade um sie! Wie schade! Der arme
Knnen als Paulet hatte wieder einen Lacherfolg. Nachdem sich der andere
Schwank des unsterblichen Kotzebue mit Stickler, der Schnau und Hoheneichen
abgespielt, sollten die Deklamationen und Lieder folgen. Aber kaum da die
Schnau die ersten Strophen des Handschuh gesprochen, gellte pltzlich wieder
die Notglocke - nur einige wenige Schlge - dann verstummte sie wieder.
    Das Publikum erhob sich und strzte dem Ausgang zu. Jeder, auch Sender,
wute sofort, welche Hiobspost das kurze Signal verkndete: die Brcke war in
Trmmern. Und drei Pioniere verunglckt, hrte Sender im Torweg. Auf der
Strae waren es schon zehn geworden. Die Nacht war rabenschwarz, der Regen go
in Strmen nieder - Sender kehrte um.
    In der Wirtsstube war noch niemand von den Schauspielern, hastig schlang er
einige Bissen hinab, lie sich von Ruben Schreibzeug und Papier geben und ging
auf seine Stube, den Brief an Nadler zu schreiben. Ja, ja, Moskal, nickte er
seinem Gefhrten zu, jetzt mssen wir um Geld bitten, Schulden machen.
    Er hatte erst wenige Zeilen geschrieben, als es an seine Tr klopfte. Noch
ehe er herein! rufen konnte, trat die Schnau ein; errtend fuhr er empor.
    Werden Sie nicht rot, sagte sie. Werfen Sie mich auch nicht hinaus. Ich
beie Ihnen nichts ab, nicht einmal kssen will ich Sie. Das sagte sie zwischen
Ernst und Lachen, dann aber, nachdem sie die Tr hinter sich zugezogen, fuhr sie
ernsthaft fort: Ich komme, weil es Stickler will. Was er Ihnen bietet, wissen
Sie. Er ist ein Schmutzian, aber was er verspricht, wird er halten, brigens
htt' er's auch sonst mit mir zu tun. Die Brcke ist nun fort, hier verzehren
Sie nur Ihre paar Groschen - wenn Sie sie haben; Ihr Nein htte keinen
vernnftigen Grund mehr. Wovor frchten Sie sich eigentlich? Vor der Schmiere?
Die besudelt Sie das eine Mal nicht. Vor mir? Sie lachte kurz auf und blickte
ihn dann wieder ernst an. Ich tue Ihnen nichts. Wenn ich wollte, fuhr sie
drohend fort, lgen Sie binnen zwei Minuten da - sie deutete auf den Boden vor
sich - und wrden um mich betteln. Aber ich will nicht. Wie ich bin, bin ich,
aber vor einem hab' ich Respekt, vor dem Talent. Da irrst du, habe ich dem
Stickler gesagt, den nehme ich nicht auf mein Gewissen. Also, was soll ich ihm
jetzt sagen?
    Da ich nicht mitkomme, sagte Sender fest, aber er vermied es, sie dabei
anzublicken. Ihr Lachen war ihm nicht gefhrlich, wohl aber ihr Ernst. Sie hatte
nun wieder dieselbe Miene wie bei der Probe. Verzeihen Sie, aber ich kann nicht
...
    Warum nicht? Die Schmiere schreckt Sie? Sie sollen ja nicht dabei bleiben.
Die Grten haben so begonnen -
    - und aufgehrt, fiel er ein. Und wie viele sind da erstickt, aus denen
was htte werden knnen. Mein Lehrer hat mir aus einem Buch, das er gelesen hat,
viele Beispiele erzhlt.
    Dazu brauchen wir die Bcher nicht. Sie lachte kurz auf. Ein solches
Beispiel steht vor Ihnen. Aber was beweist das fr Sie?
    Er blickte zu Boden. Ich wei nicht, sagte er leise. Mir graut davor ...
Aber Sie, Frulein, wenn Sie einsehen, da Sie - Sie sind ja ein groes Talent,
fuhr er fort und seine Stimme klang immer sicherer und wrmer. Und Ihr Leben
hier kann Ihnen doch keine Freude machen ... Sie knnten ja an einer groen
Bhne spielen ... Warum sind Sie von Nadler fort? ... Es ist schade um Sie ...
Und es wre ja jetzt noch Zeit ...
    Da irren Sie, erwiderte sie. Jetzt nicht mehr ... Ich bin schon zu tief
im Schmutz, bis an den Hals, auch mit allen meinen Gedanken. Ich kann keine neue
Rolle mehr lernen, diese hlichen Gedanken drngen sich dazwischen, und wenn
ich auf der Bhne stehe - manchmal reit's mich fort, aber dann mu ich wieder
ins Parterre schielen ... Ein Wunder ist's nicht, ich habe schon so vielen
Schmutz mitgebracht ...
    Sprechen Sie nicht so, bat er. Es ist ja traurig ... Aber wenn Sie an
eine bessere Bhne kmen ... Vielleicht wieder zu Nadler.
    Der nimmt mich nicht mehr! erwiderte sie. Und er hat recht, da er's
nicht tut. Ich habe schon im vorigen Mai aus Chorostkow an ihn geschrieben. Da
hatte mir nmlich auch jemand ins Gewissen gesprochen, wie heute Sie, ein
Mdchen, die Tochter des dortigen Gastwirts ...
    Sender machte unwillkrlich eine Bewegung.
    Sie kennen Sie vielleicht? fragte sie. Salmenfeld, glaub' ich, war der
Name.
    Ja, erwiderte Sender. Ich kenne sie zufllig, ein gutes, kluges Mdchen.
    Gewi, nur etwas zu berbildet. Sie hat ganz unleidlich gesprochen, immer
wie ein Buch. Aber gut gemeint hat sie's doch. Nun, auf ihr Drngen schrieb ich
an Nadler. Keine Antwort. Darauf versuchte ich's vor einigen Wochen noch einmal.
Diesmal antwortete er: er lehnte kurz ab.
    Wenn ich's ihm vielleicht vorstelle, sagte Sender schchtern. Talente
sollen ja so selten sein ...
    Ich danke Ihnen. Aber es wre nutzlos ... Also - was soll ich dem Direktor
sagen? Ich mu nun fort - auch heute ein Souper im Extrazimmer. Sie lie wieder
ihr kurzes, gellendes Lachen hren. Sie sehen, wie recht Nadler hat!
    Er fhlte seinen Widerwillen erwachen. Ich geh' nicht mit, sagte er.
    Sie schttelte den Kopf. Es hat aber wirklich keinen Sinn. berlegen Sie
sich's bis morgen frh. Freilich sollen wir schon um Sechs fort, aber es wird
wohl Acht, bis wir abreisen. Auf Wiedersehen!
    Sie reichte ihm die Hand. Er rhrte zaghaft an ihre Finger. Aber sie hielt
seine Hand mit warmem Druck fest.
    Leben Sie wohl! Wir sehen uns wohl nie wieder! Ihre Stimme zitterte.
Vielleicht kann ich einmal erzhlen ... Unsinn! unterbrach sie sich. In einem
Jahr bin ich tot ... Adieu!
    Sie ging. Tief bewegt starrte er ihr nach, und es whrte lange, bis er
seinen Brief fertig schreiben konnte. Er war sehr mde, aber der Schlaf wollte
nicht kommen, und dann hrte er noch bis in den Traum hinein ihr kurzes,
gellendes Lachen.
    Am nchsten Morgen weckte ihn ein Klopfen an der Tr aus dem Schlaf. Die Uhr
wies auf Sieben. Stickler, dachte er und verhielt sich still.
    Der war es wirklich. Kollege! Hren Sie mich nicht? Stellen Sie sich doch
nicht taub! Lieber Kurlnder, sechs Gulden, wenn's sein mu! Aber kommen Sie
...
    Er schwieg.
    Sieben Gulden! Endlich hrte er den Mann fluchend abziehen.
    Eilig erhob sich Sender und nahm hastig das Frhstck. Die Schauspieler
waren alle sehr unglcklich, da Sie nicht mitkommen wollten, meldete Ruben.
Nur der Knnen hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, da Sie recht getan haben.
    Sender eilte zur Post und lie den Brief einschreiben. Als er auch die
Expregebhr erlegen wollte, sagte der Beamte lchelnd: Die knnen Sie sparen.
Wir knnen den Brief nur ber Halicz und Kolomea schicken. Vor vier Tagen ist er
ohnehin nicht in Czernowitz.
    Sender erschrak, daran hatte er nicht gedacht. Dann will ich
telegraphieren, sagte er und erbat sich ein Formular. Aber er fand in seiner
Verwirrung die rechten Worte nicht und mute immer wieder ein neues erbitten. Da
meinte der Beamte endlich: Setzen Sie doch das Telegramm zu Hause in Ruhe auf.
Sie verlieren nichts dabei. Der Eissto hat ja auch die Telegraphenleitung
zerstrt. Wir mssen's nun auf einem ungeheuren Umweg durch Ungarn und
Siebenbrgen versuchen, mit Czernowitz in Verbindung zu kommen. Vorlufig geht's
nicht - da liegt auch ein Haufe amtlicher Depeschen. Ob Sie mir das Telegramm
jetzt oder morgen frh geben, ist ganz gleich.
    Tief betrbt schlich Sender davon.
    Unwillkrlich schlug er den wohlbekannten Weg zur Bastion ein. Von fernher
schon schlug ihm das Drhnen und Krachen der Schollen ans Ohr. Noch war der
Eissto im vollen Gange so weit das Auge blickte - die graue Flut mit Blcken
und Trmmerwerk bedeckt. Von der Brcke war nur noch einer der Pfeiler zu sehen,
um welche die Kette gewunden gewesen, der andere lag im Flu. Der Regen hatte
aufgehrt, der Blick konnte weithin schweifen, berall die Wste der Wasser ...
    Langsam ging er nach dem Hotel zurck und blieb im Torweg stehen. Da kam
Hritzko herbei, zog den Hut vor ihm, blieb stehen, kratzte sich hinter dem Ohr
und sagte endlich: Verzeihung, gndiger Herr, aber ich mchte Sie etwas fragen.
Sind Sie vielleicht - verzeihen Sie - der jdische Lump aus Barnow, der sich als
Schauspieler verkleidet hat? Ich soll ihn verhaften.
    Sender wurde aschfahl, aber die Gre der Gefahr gab ihm die
Geistesgegenwart zurck. Nein, erwiderte er, der ist schon gestern abend nach
Lemberg fort.
    Gottlob, sagte Hritzko freudig. Auch der Herr Brgermeister wird sich
sehr freuen. Es ist kein Grund, nmlich nach dem Gesetz, sagt er dem
Silberstein. Ich werde Scherereien davon haben, sagt er, da die Juden in Barnow
es wollen, gengt nicht. Aber weil der Silberstein so gebeten hat, schon
vorgestern und heute wieder, so hat er endlich nachgegeben. Meinetwegen, sagt
er, fassen wir den Kerl und schicken wir ihn mit dem Schub zurck. Hritzko, sagt
er, jetzt hast du ohnehin nichts zu tun, die Brcke ist ja fort. Also nach
Lemberg ist er?
    Ja, erwiderte Sender, mit der Post. Telegraphisch fat Ihr ihn noch ab.
    Das knnen ja die Juden, sagte Hritzko, uns vom Amt geht's nichts mehr
an. Aber wie sie sich rgern werden! Ich hab's schlau angefangen, sagt der
Silberstein. Nur die Wirtin hab' ich ins Vertrauen gezogen. Der Lump ist ganz
ahnungslos! sagt er. Nun hat er's doch gerochen - hehe! Schnsten Dank, gndiger
Herr. Er zog den Strohhut und ging.
    Tief aufatmend sah ihm Sender nach. Dann strzte er in seine Kammer, einige
Minuten spter stand er reisefertig da. Einen Gulden legte er auf den Tisch,
mehr konnte das Zimmer keinesfalls kosten. Nun galt es noch unbemerkt zu
entwischen. Er schlich die Hintertreppe hinab, der Hund, als wte er, was
vorgehe, lautlos, mit eingekniffenem Schwanz hinter ihm her. Gottlob, niemand
begegnete ihnen.
    Durch das Hoftor trat er auf die Strae und schritt weiter, ohne auf die
Richtung zu achten - nur zur Stadt hinaus wollte er - gleichviel wohin. Endlich
stand er an einem Mauthaus. Wohin geht die Strae? fragte er den Zllner.
    Nach Borszczow, war die Antwort.
    Einen Augenblick zgerte er, dann schritt er vorwrts. Vielleicht ist dies
das beste, dachte er. Fnf Gulden habe ich noch, sieben will mir ja Stickler
zahlen. Dann brauche ich wohl gar nicht an Nadler zu telegraphieren; ich reiche
damit bis Czernowitz, wenn ich sparsam bin. Und da sie im Wirtshaus wissen, da
ich nicht habe mitkommen wollen, so suchen sie mich vielleicht in Borszczow
zuletzt.

                           Fnfunddreiigstes Kapitel


Er schritt aus so rasch er konnte.
    Aber da sie ihn auch suchten! Da seine Mutter ihn verfolgen lie wie einen
Verbrecher trotz seines Briefs, trotz seines Vermchtnisses! Jetzt, wo die
Gefahr fr den Augenblick vorbei war, bermannte ihn die Emprung. O solche
Hrte, solche Beschrnktheit hatte er ihr nicht zugemutet! Aber es sollte ihr
nichts ntzen, nicht berall befand sich ein Brgermeister, der ungesetzliche
Befehle ausfhrte, um den Chassidim gefllig zu sein. Sie sollten ihn nicht
fangen - nein! Ich werde, wozu mich Gott bestimmt hat ...
    Und er schritt immer schneller aus. Aber so konnte er's nicht lange, er
mute langsamer gehen, dann ganz innehalten, das Stechen in der Brust war allzu
schmerzhaft geworden. Nun mute er heftig husten - da erschrak er tdlich. Das
war derselbe widrige, slich-salzige Geschmack im Munde, den er nur einmal
versprt und doch nie vergessen: bei jener entsetzlichen Szene vor dem Rabbi.
Bebend ri er das Taschentuch hervor und prete es vor den Mund - ja, Blut.
Verzweiflungsvoll blickte er um sich - rings der Morast der cker, die
durchweichte Strae, nirgends ein Mensch, bei ihm nur der Hund, der ihn wedelnd
umsprang. Mein Herr und Gott, flehte er, und seine Hand umkrampfte das
Gebetbchlein im Mantel, lass' mich nicht so vergehen!
    Es schien, als wollte der Himmel sein Gebet erhren. Wohl mute er immer
wieder husten, und zuweilen kam noch ein roter Tropfen ber die Lippen
gequollen, aber zu einem Blutsturz schien es diesmal nicht zu kommen. Mit
zitternden Knien setzte er seinen Weg fort und blickte immer wieder zurck, ob
nicht ein Wgelchen ihn berhole, das ihn mitnehmen konnte. Endlich sah er einen
Karren herankommen, aber er fuhr auf ihn zu. Ein jdischer Knabe lenkte ihn.
Sender hielt ihn an. Ob er nicht einigen groen Wagen begegnet?
    Den Pojazen? Ja. Vor der Rosatyner Schnke. Eine halbe Meile von hier.
    Sie wurden bald handelseins, der Knabe wandte das Wgelchen und trieb das
Pferd unablssig an. Das ist brav von dir, sagte Sender.
    Der Knabe sah ihn gro an. Es ist ja mein Vorteil, sagte er. Umso
schneller erreichen wir sie. Und dann sind Sie so bla, Herr, grad' als wollten
Sie sterben. Meinem Vater ist einmal ein Herr im Wagen gestorben, da hat er viel
Verdru davon gehabt.
    Endlich war das Dorf erreicht. Vor der Schnke hielten noch die Wagen, ein
einstiger Mbelwagen mit den Dekorationen und Kostmen, und ein lebensmder
Omnibus frs Personal. Als Sender abstieg, trat die Gesellschaft eben heraus,
die Fahrt fortzusetzen.
    Hurra! rief Stickler. Jubelt Kinder! Hoch Kurlnder! Auch die anderen
umringten ihn freudig, nur Birk nicht, der mit kurzem Kopfnicken in den Wagen
kletterte.
    Aber wie bla Sie sind! rief die Schnau. Und Ihre Lippen sind blutig.
Was ist Ihnen?
    Nichts, wehrte er hastig ab. Etwas Husten, ich habe mich erkltet ...
Fahren wir? fragte er den Direktor.
    Wie er brennt! rief Stickler, der Sttte seiner Triumphe entgegen! Ja,
mein Sohn, du sollst die Borszczower als Shylock hinreien und deine drei Gulden
bekommst du obendrein.
    Fnf! sagte die Schnau und zog den Fu vom Trittbrett, sonst fahr' ich
nicht mit.
    Stickler sah sie an. Diese Miene mochte ihm bekannt sein. Hab' ich ihm fnf
versprochen? fragte er. Dann natrlich fnf. Der Stickler hlt sein Wort! ...
'rein! ... Vorwrts! ...
    Sie kletterten in den Omnibus, nur Knnen nicht, der seinen Platz neben dem
Kutscher des Mbelwagens hatte; dort waren auch irgendwo die Kinder der Linden
verpackt. Die Schnau wies Sender seinen Platz zwischen der Linden und der Mayer
an, auf dem Mittelsitz, wo das Stoen des Wagens am wenigsten fhlbar wurde; sie
war frher darauf gesessen, nun nahm sie ihm gegenber Platz. Der Direktor mute
in die Ecke, Hoheneichen zum Kutscher.
    Stinkadores weg! befahl sie Stickler, als dieser eine Zigarre anznden
wollte. Und Kurlnder wird nicht angesprochen, er soll nicht reden.
    Wegen des bichen Husten, lachte Stickler. Sender aber blickte sie dankbar
an. Es fieberte ihn, und er fhlte sich furchtbar schwach. Mit geschlossenen
Augen sa er schweratmend da, und nur wenn wieder ein Tropfen kam, fhrte er das
Tuch zum Munde.
    Das passiert den gesndesten Leuten, sagte Stickler. Und die Mayer
erzhlte eine lange Geschichte von einem schwindschtigen Grafen, der sie
unglcklich geliebt und schlielich an Altersschwche gestorben. Aber die
Schnau unterbrach sie: Schweigt! Man kann auch einmal still sitzen.
    Langsam humpelte der Omnibus durch den tiefen Morast der Heerstrae, die vom
Dniester gegen Nordosten fhrt, - Borszczow liegt nahe der russischen Grenze -
zur Rechten und Linken, so weit der Blick reichte, berschwemmtes Heideland und
schlammige cker. Allmhlich nickten die Reisenden ein, Stickler und die Perle
von Temesvar schnarchten vernehmlich. Nur die Augen der Schnau sah Sender auf
sich gerichtet, so oft er den Blick erhob. Wie geht's? fragte sie leise.
    Besser, erwiderte er. Er log, aber als nun die Sonne durchbrach, fhlte er
sich wirklich besser, und nachdem er im Wirtshaus, wo sie Mittagsrast hielten,
eine Suppe gegessen und etwas Wein getrunken, begann die Mattigkeit in den
Gliedern zu weichen. Des Nachmittags kam auch der Husten seltener. Es wird
vorbeigehen, dachte er, es wre ja auch entsetzlich, wenn es nicht
vorbeiginge! Jetzt krank werden, sterben! So hart kann der Allgtige nicht
sein!
    Es war schon tiefe Dunkelheit, als sie endlich das Stdtchen erreichten und
vor dem Gasthaus hielten. Der Wirt trat ihnen entgegen. Sender fuhr zusammen -
wo hatte er dies hliche Geiergesicht schon gesehen? Erst der Name, Salomon
Wohlgeruch, fhrte ihn auf die richtige Spur; es war der Bruder jenes Rebbe
Elias, der ihm einst als Kind den Arm gebrochen. Den Mann kannte er nicht; er
war seines Wissens nie in Barnow gewesen.
    Sender ging sofort auf die Kammer, die ihm angewiesen war. Er wolle allein
sein, bat er, aber er konnte nicht hindern, da ihm die Schnau selbst den Tee
brachte; dann kam Birk mhsam hereingehumpelt und setzte sich an seinem Bette
nieder.
    Schonen Sie sich, sagte er. Mut, denken Sie an die Zukunft! Er blieb,
bis er an Senders Atemzgen erkannte, da der Kranke eingeschlummert war. Die
Natur kann nicht so grausam sein, murmelte er. So ihr eigenes Werk zu
zerstren ... Aber sie ist oft so grausam ... o wie oft! Er schlich hinaus, so
leise es sein wankender Schritt gestattete.
    Als Sender in der Nacht erwachte, sah er beim Schein des Nachtlichts in der
Ecke der Stube sich etwas regen. Moskal! rief er. Da schlug der Hund aus einer
anderen Ecke an. Das Geschpf drben war Knnen. Auf den Zehen kam er
geschlichen.
    Sie wachen bei mir? murmelte Sender gerhrt. Nach einer solchen Reise!
    Reden Sie nicht! bat der Kleine. Schlafen Sie. Mir tut's ja nichts. Ich
bin ja von Eisen ... Leider! fgte er fast unhrbar hinzu.
    Sender vernahm es nicht. Und darauf schlief er wieder ein. Auch diesmal, wie
nach der entsetzlichen Wanderung vom Mittwoch, schien sich die Natur selbst
helfen zu wollen. Er schlief bis zur Mittagsstunde, und als er sich erhob, war
das Fieber gewichen. Freilich mute er hufiger als sonst husten, aber nun kam
fast kein Blut mehr.
    In der Wirtsstube unten begrten ihn seine Kollegen - nun waren sie es doch
geworden - als wre er vom Tode erstanden.
    Wir geben den Kaufmann erst Mittwoch, berichtete ihm Stickler ... Die
Schnau will's - morgen pausieren wir. Besetzung eines Knstlers wie du wrdig
... Antonio, Marocco, Arragon - Hoheneichen, Bassanio und Alter Gobbo - Birk,
Porzia und Lanzelot - die Schnau Tubal und Lorenzo - Knnen Jessica und
Graziano - die Linden, Doge und Salarino - ich, Nerissa und Solanio die Mayer
... Alle anderen Rollen gestrichen.
    In Senders Zgen prgte sich das helle Entsetzen aus.
    Eine Mustervorstellung wird's, rief Stickler. Guter Souffleur hier
gewonnen. Schon auf der Probe, Mittwoch zehn Uhr, wirst du Augen machen. Bis
dahin bist du Freiherr, kannst spazieren gehen.
    Das tat Sender nicht. Er hielt sich den Rest des Tages auf seiner Stube und
sah sich auch nur einen Akt vom Kabale und Liebe an. Der Saal war noch
schmutziger und kleiner, als der in Zaleszczyki, aber er war nahezu gefllt, und
die Leute applaudierten aus Leibeskrften. Das beruhigte ihn und er schlief,
trotz des leisen Bangens vor seinem ersten Debt, bald ein und es war auch am
Dienstag nahezu Mittagszeit, als er in der Wirtsstube erschien.
    Dort malte Knnen eben die morgigen Zettel fertig. Damit Sie sich bei Ihrem
ersten Auftreten nicht rgern, sagte das Mnnchen, habe ich diesmal die
christlich-jdischen Sachen nicht gemacht, obwohl das Stck noch besser dazu
taugt als Deborah. In der Tat war der Zettel von solchem Doppelspiel frei,
sogar die Titel hben und drben dieselben, und es waren nicht weniger als fnf:
Der Kaufmann von Venedig oder Christen und Juden in Handel und Wandel oder
Was in einem Kstchen stecken kann oder Wie schneidet man einem lebendigen
Menschen ein Pfund Fleisch heraus, ohne einen Tropfen Blut zu vergieen oder
Liebe, Rachgier und Verzweiflung. Sender war angekndigt als: Herr Alexander
Kurlnder, genannt der zweite Dawison, eines der grten Talente der
Vergangenheit und Gegenwart, Mitglied mehrerer Weltbhnen, auf der Durchreise
von Berlin nach Wien unwiderruflich nur dies eine Mal als Gast.
    Er erschrak. Was werden sich die Leute versprechen! rief er.
    Weniger als sie finden werden, sagte Knnen. Ich habe Ihnen - bisher
nichts ber die Probe gesagt, fuhr er stammelnd fort. Sie glauben - aus Neid -
und da haben Sie nicht ganz unrecht - es ist auch Neid dabei gewesen. Aber die
Hauptsache war der Gedanke: Du bist ja nicht wert, ihn zu loben. Er fate
Senders Hand und drckte sie. Hier, zur Erinnerung habe ich einen eigenen
Zettel fr Sie gemalt. Geben Sie acht, er kommt einmal in ein Museum, so wahr
ich ein elender Stmper bin. Aber wie fhlen Sie sich? Besser, hoff' ich. Denn
die Nacht war gut - nur zweimal haben Sie gehustet, sind aber nicht erwacht.
    Sie haben wieder bei mir gewacht? rief Sender gerhrt.
    Ja, nach der Vorstellung habe ich mich hineingeschlichen und in aller Frhe
wieder hinaus. Der Moskal ist ein kluges Tier, er hat gewut, ich tu' seinem
Herrn nichts ... Danken Sie mir nicht, wehrte er hastig ab, als Sender es tun
wollte.
    Den Abend verbrachte Sender mit Birk auf dessen Stube. Der unglckliche Mann
war frischer, als er ihn je zuvor gesehen, und erzhlte viel aus den Glanzzeiten
seines Lebens, namentlich vom Burgtheater, dann vom Elend der Schmieren. Sender
verstand die Absicht. Um neun Uhr schickte ihn Birk fort. Ins Bett. Morgen
mssen Sie gesund sein.
    Ich werde es sein, erwiderte Sender mit leuchtenden Augen. Es war ja alles
gndig vorbeigegangen. Und welche Zukunft harrte sein!
    Diesmal verriegelte er die Tr. Ihm war der Gedanke peinlich, da der arme
Mensch, der den Tag ber sich so schwer mhte, nun auch vielleicht diese Nacht
auf der Diele verbringen sollte, als wre auch er sein Hund. Dann trumte er
lange seligen Herzens mit offenen Augen, aber noch schnere Trume brachte ihm
der Schlaf. Da war alles, was er von der Zukunft erwartete, Wirklichkeit - er
stand auf einer Bhne und blickte in ein groes, vollerleuchtetes,
dichtbesetztes Haus hinein, es war noch viel, viel grer, als der Theatersaal
in Czernowitz, alle Sitze mit rotem Samt ausgeschlagen und auf ihnen schne
Frauen und Herren mit Orden und Offiziere, und da - da war der junge Kaiser ...
Er hatte eben die Szene mit Tubal beendet, und alle applaudierten, sogar der
Kaiser, und riefen: Kurlnder! Einige klopften auch auf den Boden und dies
Klopfen ward immer strker und eine Stimme rief: Sender! die Stimme seiner
Mutter. Aber wie kam sie ins Burgtheater? Nun jedoch schwiegen alle anderen
Stimmen und nur sie rief: Sender!
    Er fuhr empor und rieb sich die Augen. Barmherziger Gott, das war ja kein
Traum mehr. Es war heller Tag, und das die Kammer im Gasthof zu Borszczow, und
drauen klang das Klopfen und Rufen seiner Mutter: Sender! Mach' auf! Es ntzt
dir nichts!
    Fast ohnmchtig sank er in die Kissen zurck; in tollem Wirbel kreisten
seine Gedanken. Aber nur wenige Sekunden, er sprang aus dem Bette ans Fenster.
Die Kammer lag ebenerdig; eh' sie etwa die Tr sprengen lie, war er lngst
angekleidet und im Freien. Aber das zuckte ihm nur so durch den Sinn. Fliehen?
Warum? Und als es drauen wieder klang: Es ntzt dir nichts, warf er trotzig
den Kopf zurck. 0 doch, dachte er, mein gutes Recht ber mich selbst wird
mir ntzen.
    Ich ffne, sagte er. Warte, bis ich mich angekleidet habe.
    Als er fertig war, legte er die Hand auf das Bchlein, das auf dem
Nachttisch lag. Gott, la mich nicht vergessen, da es meine Mutter ist. Um
Strke brauchte er nicht zu flehen.
    Er ffnete. Die Mutter trat ein, hinter ihr schob sich der Marschallik in
die Stube. Moskal fuhr die Eintretenden bellend an. Sender lie ihn kuschen. Das
war das einzige Wort, das er hervorbringen konnte, so tief erschtterte ihn der
Anblick der Mutter; eine alte, aber rstige Frau hatte er daheim gelassen, eine
gebrochene Greisin stand vor ihm. Auch sie sah ihn starr aus entsetzten Augen
an; vielleicht ebenso seiner Tracht wie seines leidenden Gesichts wegen.
    Mutter, begann er endlich. Du bist umsonst gekommen ... Es tut mir leid,
da du meinen Brief nicht verstehen wolltest ...
    O, wohl habe ich ihn verstanden, rief sie. Und was ich noch nicht gewut
habe, das habe ich von der Wirtin in Zaleszczyki und dem Wirt hier lernen
knnen. Ein Abtrnniger, der mit anderen Verworfenen durch Possen sein Leben
fristet. Das ist das Groe, was dir dein Herz gebietet und wozu dich Gott
bestimmt hat!
    Da mut du auch andere fragen, erwiderte er. Er suchte ihr klar zu machen,
welches Ziel er sich gesteckt, verwies auf Nadlers Briefe, sein Engagement in
Czernowitz.
    Sie hrte ihn ungeduldig an. Wahnsinn, murmelte sie immer wieder
dazwischen. Wahnsinn und Snde!
    Der Marschallik aber fragte: Sender, du warst im vorigen Jahr so krank -
und jetzt hast du wieder Blut gehustet, bis du fr ein solches Leben gesund
genug?
    Mit Gottes Hilfe - ja!
    Ruf' dabei Gott nicht an! rief sie wild. Du bist krank, mut bei diesem
Leben bald zu Grunde gehen. Aber auch wenn du gesund vor mir stndest, ich wrde
dich beschwren: Kehr' um, so lange es Zeit ist! Komm' heim! Und als er den
Kopf schttelte, knirschte sie: Dann zwing' ich dich. Die Gerichte wissen, da
ein Minderjhriger unter dem Willen seiner Mutter steht.
    Probier's! erwiderte er finster.
    Sie wollte noch heftiger werden, da trat der Marschallik dazwischen.
    Nicht so! bat er. Ob du gezwungen werden kannst, wei ich nicht, die
Leut' reden verschieden. Aber du sollst nicht gezwungen werden. Nein, bei Gott!
Denk' an deine Gesundheit und an deine alte Mutter. Du bringst sie vorzeitig ins
Grab. So sieh doch nur!
    Sender vermochte nichts zu erwidern, er sthnte nur auf und wandte sich ab.
Und so blieb er auch, als sie auf ihn zutrat.
    Sender! rief sie mit gefalteten Hnden. Du hast geschrieben, da ich mehr
fr dich getan habe, als sonst eine Mutter - ist dies dein Dank? Mit Geld willst
du es bezahlen? Hier ist dein Geld! Sie ri eine Brieftasche hervor und warf
sie auf den Tisch. Zhl' nach, es fehlt nichts!
    Ihr Zorn gab ihm die Fassung wieder. Ich nehm's nicht! stie er hervor.
Es gehrt dir! Und alles, was ich verdienen werde. Aber mit meinem Leben kann
ich nicht zahlen!
    Und so soll ich es tun! schrie sie auf. Im nchsten Augenblick sank sie zu
seinen Fen nieder. Sender, schluchzte sie, deine Mutter liegt vor dir auf
den Knien und bettelt um ihr Leben! Aber nein - nicht darum - nur um eine ruhige
Sterbestunde.
    Er hob sie auf und umfate sie. Zerrei' mir nicht das Herz! murmelte er
mit bleichen Lippen ... Eine ruhige Sterbestunde! - Glaubst du, da Gott so
richtet wie Rabbi Manasse? Du kannst in Freuden leben, in Freuden sterben, auch
wenn dein Sohn Schauspieler wird!
    Nein! schrie sie auf. Der Rabbi? Das braucht mir kein Rabbi zu sagen!
    Wieder mischte sich der Marschallik ein. Komm' mit uns, Sender, sprich mit
unserem Stadtarzt! Vielleicht beruhigt er die Mutter. Auf einige Wochen kann es
dir ja nicht mehr ankommen.
    Nein! rief sie. Auch wenn es der Arzt erlauben wrde. Ich darf's nicht
zulassen. Entscheide dich!
    Ich habe mich entschieden, erwiderte er. Sehr viel darf eine Mutter von
ihrem Kinde verlangen - so viel nicht!
    Wieder wollte sie sich zu seinen Fen strzen. Der Marschallik hielt sie
zurck. Frau Rosel, sagte er. Er ist krank. Ihr werdet es werden. Schont ihn
und Euch und scheidet in Frieden! Wie Gott will - was zu sagen war, ist gesagt.
    Nein, ich geh' nicht! schrie sie gellend. Nein! Nein! Nein! Sie war
unheimlich anzusehen. Die Augen glhten wie im Wahnsinn, sie hatte alle
Herrschaft ber sich verloren. Mein Leben auf Erden hab' ich dem fremden Kind
geopfert, mein Leben im Jenseits nicht! Ich will ruhig sterben, ich will seinen
Eltern sagen knnen-
    Mutter, stammelte Sender entsetzt. Barmherziger Gott, dachte er, sie
ist wahnsinnig geworden ...
    Auch der Marschallik war bis in die Lippen erbleicht. Frau Rosel, murmelte
er, um Gotteswillen, was redet Ihr da?
    Nun ist mir alles gleich! rief sie wild. Hier war ich in Jammer und Elend
um seinetwillen - meine Seligkeit geb' ich nicht fr ihn. Ehe sein armer Vater,
Mendele Kowner, im Straengraben gestorben ist, war sein letztes Wort: Alles
soll mein Sohn werden, nur kein Schnorrer! Und deiner Mutter, mit der Friede
sei, hab' ich's gelobt, du wirst es nicht ... Sie prete die Linke wie in
Todesangst aufs Herz, die Rechte reckte sie empor. Was soll ich ihnen nun
sagen? Was? Was?!
    Sender stand regungslos, nur die bleichen Lippen zitterten. Starr blickte er
sie an, dann den Marschallik. Als er die Augen des Alten voll tiefsten Mitleids
auf sich gerichtet sah, schlo er die seinen und sank wie vernichtet auf den
Stuhl, neben dem er stand.
    Darauf war es sehr lange still, man vernahm nur die erregten Atemzge der
drei Menschen.
    Dann erhob sich Sender wankend, tastete nach dem Bchlein und fhrte es an
die Lippen. Hierauf barg er sein Gesicht und brach in heftiges Schluchzen aus.
    Auch Frau Rosel begann heftig zu weinen. Sie wollte auf ihn zutreten, aber
der Marschallik hielt sie zurck.
    Kommt, flsterte er, und als sie ihm nicht folgte, wiederholte er
befehlend: Kommt. Nun ist er nicht Euer Sohn mehr, lat ihn mit seinen Eltern
allein! Und zu Sender gewendet: Du triffst uns unten.
    Zwei Stunden mochten vergangen sein, Sender lie sich noch nicht blicken. Da
schlichen die beiden an seine Tr und wagten endlich einzutreten.
    Sie trafen ihn in derselben Haltung, wie sie ihn verlassen, die eine Hand
hielt das Bchlein fest, die andere deckte die Augen. Als sie vor ihn traten,
richtete er sich auf. So schmerzvoll hatte der alte Mann in seinem langen Leben
noch keines Menschen Antlitz gesehen, jedoch Senders Stimme klang zwar tonlos,
aber fest: Ich komme mit!
    Sender! jubelte sie auf und wollte auf ihn zustrzen. Der Marschallik
hielt sie zurck.
    Ihr mt es ihm versprechen, sagte er, da Ihr nichts dagegen habt, wenn
es unser Arzt erlaubt ... Er berlebt sonst den Schmerz nicht, flsterte er ihr
zu. Dann wieder laut: Es ist nicht fr immer. Die Toten drfen nicht verlangen,
da sich die Lebenden fr sie opfern.
    Wie Gott will! erwiderte Sender. Meine Eltern - das wrde ich auf mein
Gewissen nehmen. Aber hat mir eine Fremde ihr Leben geopfert, so darf sie mein
Leben dafr verlangen.

                          Sechsunddreiigstes Kapitel


Es whrte eine volle Woche, bis die drei wieder das Mauthaus zu Barnow erreicht.
Sie muten im Schritt fahren und tglich nur wenige Stunden, in Zaleszczyki und
Tluste je zwei Tage rasten. Denn wohl brachte Frau Rosel ihren Pflegesohn
zurck, aber als einen Schwerkranken. Immer schlimmer wurde das Fieber, immer
qulender der Husten. Es htte nicht erst der Mahnung der rzte bedurft, da er
nicht sprechen solle, mit geschlossenen Augen, stumpfe Trauer in den Zgen lag
er im Wagen. Er litt es, da sich die Mutter um ihn mhte, und wenn sie ihm
zrtlich Mut zusprach und auf den Sommer verwies, der ihm, wie im vorigen Jahre,
die volle Genesung zurckbringen werde, so gewann er es sogar zuweilen ber
sich, zu lcheln. Aber unruhig wurde er, wenn ihn der Marschallik zu trsten
suchte, vielleicht werde der Stadtarzt im Sommer doch gestatten, da er gehe,
wohin ihn sein Herz ziehe, und die Mutter werde sich dann wohl auch darein
finden. Daran wollte er nicht erinnert sein, damit war's aus und vorbei fr
immer, und wie furchtbar sein Schmerz darber war, er zuckte zusammen, wenn die
fremde Hand mitleidig an die Wunde rhrte, die nur der Tod heilen konnte.
    So stumpf, so todtraurig blieb er auch in den ersten Wochen nach seiner
Heimkunft. Still lag er, die Hand auf dem Kopf seines treuen Hundes, den Blick
ins Leere gerichtet, auf dem Sofa der Wohnstube oder im Lehnstuhl am Ofen, den
am Fenster vermied er ngstlich. Niemand hatte ihm erzhlt, welches Aufsehen
seine Flucht im Stdtchen erregt, welche Flche und Verwnschungen sich ber
seinem Haupte entladen, weil er in deutscher Tracht heimgekehrt; wahrscheinlich
ahnte er es, aber nicht deshalb mied er den Sitz am Fenster. Nur niemand sehen
und von niemand gesehen werden, in Ruhe sterben - das war alles, was er noch
wollte. Selbst die Besuche des Marschallik und seiner Tochter rissen ihn nicht
aus diesem dumpfen Hinbrten, so lieb ihm die beiden Menschen waren, so sehr ihn
ihr Mitgefhl rhrte. Kamen sie, so gingen sie auch bald wieder, denn er selbst
tat nie eine Frage; was sie ihm erzhlten, hrte er kaum an, wohl aber schien
ihn ihre bloe Anwesenheit zu beunruhigen. Nur einmal, als er erfuhr, da der
neue Advokat und seine Gattin in den nchsten Wochen erwartet wrden, belebte
sich sein Gesicht. Da kann ich wohl noch Abschied von ihr nehmen, dachte er,
aber gleich darauf wurden seine Zge wieder stumpf, wozu - ich war ihr ja immer
gleichgltig! Auch seine deutschen Bcher rhrte er nicht mehr an, whrend er
das Gebetbuch kaum noch aus den Hnden lie; aber auch nach seinen Eltern tat er
keine Frage, er fhlte sich ja schon auf dem Heimweg zu ihnen!
    Die drei Menschen, die an ihm hingen, waren tiefbekmmert, aber nur dem
Marschallik und Jtte war es klar, da ihn nicht der Husten allein gebrochen.
Frau Rosel gab wohl zu, da er traurigen Herzens sei, aber, meinte sie, das
gibt sich mit der Krankheit.
    Da sie recht gehandelt, stand ihr unerschtterlich fest, aber sie vermochte
auch nicht einzusehen, da sie ein Opfer gefordert und empfangen. Im Gegenteil,
schenkte ihm der Himmel die Gesundheit wieder, so hatte sie ihr Teil Verdienst
daran, bei jenem elenden Leben unter Dirnen und Vagabunden wre er verloren
gewesen.
    Sie war sehr bestrzt, als ihr der Arzt eines Tages das Gegenteil sagte. Es
war dies nach seinem zweiten Besuche zu Anfang April. Als ihn Frau Rosel, das
erste Mal holte, wute er von Sender nur, was alle Welt in Barnow erzhlte: da
der unstete Mensch unter wandernde Gaukler geraten und von der Mutter
zwangsweise zurckgebracht worden - das vermochte ihm kein tieferes Interesse
einzuflen. Er untersuchte den Kranken und meinte: es liege Grund zur Sorge
vor, aber nicht zur Verzweiflung, bei guter Ernhrung, Gemtsruhe und einer
Molkenkur im Sommer knne er noch recht glimpflich davonkommen. Aber seither
hatte ihm - er war ja auch der Arzt des Klosters - Pater Marian von Sender
erzhlt und das weckte seine Teilnahme. Obwohl ihn Frau Rosel nicht wieder holen
lie - Sender hatte so dringend gebeten, dies zu unterlassen, da sie ihm den
Willen getan - trat er eines Tages wieder in die Wohnstube.
    Er untersuchte den Kranken und schttelte den Kopf. Dann ersuchte er die
Frau, ihn mit Sender allein zu lassen, und sagte: Ich glaube nun Ihre
Geschichte zu kennen, eine echte, rechte Mrtyrergeschichte. Aber zum Teil
mindestens liegt es in Ihrer Hand, welchen Ausgang sie nimmt. So, wie Sie vor
mir liegen, sind Sie das Musterbild eines Kranken, wie er nicht sein soll:
apathisch, ja verzweifelt. So knnen Sie nie gesund werden.
    Sender erhob abwehrend die Hand: Das werd' ich ohnehin nie mehr.
    Da wissen Sie mehr als ich, erwiderte der Arzt. Wie es um Sie steht, habe
ich Ihnen schon vor Wochen gesagt. Sie werden sich auch bestenfalls Ihr Leben
lang etwas mehr schonen mssen als andere, im schlimmeren viel mehr, an das
schlimmste glaube ich nicht. Sie haben etwas von der Natur Ihres Vaters geerbt,
dessen Kraft und Ausdauer in meiner Jugendzeit fast sprichwrtlich waren. Wer
nach einem Blutsturz, wie Sie ihn vor einem Jahr hatten, und nach den
furchtbaren Strapazen und Aufregungen Ihrer letzten Wanderung nur eben mit einem
schweren Husten davongekommen ist, braucht nicht zu verzweifeln.
    Sender lag schweratmend da, er erwiderte nichts. Auch der Arzt sprach nicht
weiter, es war ja jedes Wort nutzlos. Wohl aber sagte er drauen Frau Rosel
seine Meinung: Nichts htte fr seine Krankheit schlimmer sein knnen, als
diese Rckkehr. Dort wollte er leben, und hier will er sterben.
    Das traf sie hart, aber sie glaubte es doch nicht recht.
    Umso besser verstand Pater Marian den Bericht des Arztes. Wenn ich ihn nur
besuchen knnte! rief er und schickte Fedko mit einem Schreiben an Sender,
worin er ihm seinen Besuch oder doch Bcher anbot.
    Der Pfrtner kam betrbt zurck. Mit unserem armen Verrckten geht's zu
Ende, meldete er. Er dankt fr beides.
    Auch den Besuch Malkes und ihres Gatten, die sich gleich nach ihrer Ankunft
durch Jtte bei ihm anmelden lieen, lehnte er ab. Als sie vom Arzt erfuhren,
wie es um ihn stehe, baten sie ihn in einem herzlichen Brief, kommen zu drfen.
Er blieb bei seinem Entschlu.
    Aber Jtte gab nicht nach. Ihr mt hingehen! rief sie ihrer Freundin zu,
die sie nun als Wirtschafterin ins Haus genommen. Ihr mt. Sie rang die
Hnde. Sonst stirbt er, rief sie verstrt und brach in ein heftiges Schluchzen
aus.
    Malke blickte sie befremdet an; Trnen war sie an dem tapferen Mdchen nicht
gewohnt. Jutta, sagte sie sehr ernst. Du hast einmal die Liebe eine
christliche Mode genannt ...
    Ich liebe ihn nicht! rief Jtte heftig. Aber mein Leben gb' ich drum,
wenn ich das seine erhalten knnte.
    Ihren Willen setzte sie durch. Eines Tages traten Doktor Salmenfeld und
seine Gattin bei dem Kranken ein. Sender war sehr erregt, und als sie ihm
herzlich zusprachen, feuchteten sich seine Augen. Aber er erwiderte doch nur:
Wnschen Sie mir keine Genesung. Wozu? Um bei Dovidl Nummern zu schreiben?
    Um ein groer Knstler zu werden, rief Malke.
    Damit ist's vorbei. Ein todkranker Mann! Und wenn auch das nicht - meine
Pflegemutter verlangt das Opfer, mu es verlangen, und ich mu es bringen.
    Lieber Herr Glatteis, sagte der Advokat, nur das erste ist richtig. Nach
ihren Anschauungen mu sich Ihre Pflegemutter durch die letzten Worte Ihrer
Eltern gebunden halten. Aber Sie?! Ihr armer Vater war ja ein in seiner Art
berhmter Mann; wir alle haben genug ber ihn erfahren, um zu wissen: wenn er
lebte, er wrde Sie deshalb nicht verdammen, ihm wre der Unterschied zwischen
einem Schnorrer und einem Knstler klar. Und Frau Rosel spricht ja nur gleichsam
in seinem Namen ...
    Sender schttelte den Kopf. Das mag ja alles richtig sein, aber ihr wre es
doch das Furchtbarste. Und darauf allein kommt es an. Sie hat mir ihr ganzes
Leben auf Erden geopfert - soll ich ihr dafr die knftige Seligkeit rauben?
    Aber ein Interesse weckten diese Unterredungen doch in ihm: er begann dem
Leben und Wesen seines Vaters nachzuforschen. Der Marschallik konnte ihm viel
von Mendele berichten, die Bedeutung der Inschriften im Gebetbuch ward ihm nun
verstndlich. Frau Rosel aber erzhlte ihm von der armen Miriam, wie sanft und
fromm sie gewesen, wie gut und dankbar. Auch lebte noch einer der Mnner, die
einst an Mendele Kowner die letzte Pflicht erfllt und seinen Leichnam von der
einsamen Todessttte nach dem guten Ort zu Barnow gebracht. Es war Meyerl
Kaiseradler, der Gemeindediener. Aber seine Erzhlung brachte Sender eine tiefe
Erschtterung des Gemts, denn auf die Frage, wo jene Sttte gewesen, erwiderte
Meyerl: Dicht an der kleinen Kapelle, wo der Fuweg nach Biala von der Strae
abzweigt. Es war dieselbe Stelle, wo der Orkan Sender in den Straengraben
geschleudert, die Kapelle, wo er zu seiner Rettung das Bchlein liegen gelassen.
Ihm war es kein seltsamer Zufall; nun wute er, wessen Geist ihn in jener Stunde
umschwebt und gerettet. Aber freilich? - wozu? - zu solchem Ende?!
    Gegen Ende April kam ein Brief Nadlers aus Czernowitz, er habe durch einen
Zufall erst jetzt erfahren, warum Sender nicht gekommen. In herzlichster
Teilnahme bat ihn der Direktor, nicht mutlos zu werden, das Siechtum zu
berwinden; sein Schutz sei ihm immer sicher. Da der Zufall in einem Brief
Salmenfelds bestanden, wute Sender nicht, wohl aber, was er zu erwidern habe.
Er dankte dem Direktor in rhrenden Worten und nahm von ihm Abschied.
    Da sollte ein furchtbares Ereignis wieder in sein Leben eingreifen, zugleich
zum Segen und zum Verderben.
    Es war an einem der ersten Maitage, Sender besprach eben mit Frau Rosel, da
sich nchstens sein Geburtstag jhre, wo er zugleich zum ersten Male den
Todestag seiner Mutter begehen knne, als der Marschallik eintrat. Sender sah
ihm sofort an, da er schlimme Botschaft bringe, doch erfuhr er nicht, um was es
sich handle; der Alte teilte es Frau Rosel auf dem Flur mit. Es mute etwas sehr
Schlimmes sein, denn als sie wiederkam, war ihr Gesicht bleich und angstvoll,
doch erwiderte sie auf Senders Frage Nichts, nichts von Bedeutung.
    Es mute aber von Wichtigkeit sein, denn nach einer Stunde hrte Sender auf
dem Flur neben der Stimme Trkischgelbs auch jene Dovidls. Aber auch von seinen
hastigen Reden konnte er nur einige Worte verstehen: Und alles das hat der
Schurk', der Stmper, der Luiser auf dem Gewissen. Und dann das letzte:
Beruhigt Euch, ich kenne ja die Gesetze. Nach den Gesetzen darf er Euch nichts
antun.
    Beruhigend schien diese Versicherung nicht auf sie gewirkt zu haben; als sie
in die Stube zurckkehrte, war sie noch erregter. Vergeblich bat Sender
nochmals, ihm den Grund zu sagen. Sie stand fast immer am Fenster und sphte auf
die Strae hinaus. Da - es dmmerte schon - schrie sie pltzlich entsetzt auf:
Da ist er! und strzte auf den Flur. Gleich darauf hrte er eine rauhe, ihm
fremde Stimme, offenbar die Stimme eines Trunkenen, brllen: Selbst sollst du
mir sagen, da du mich nicht aufnimmst! Warum lt du mich dann suchen?
    Und dann ihren gellenden Ruf: Geh', Froim, oder ich schrei' um Hilfe!
    So weit hatte Sender starr vor Schrecken zugehrt. Nun raffte er alle Kraft
zusammen und strzte auf den Flur. Er kam genau zur rechten Sekunde. Da stand
ein alter, entsetzlich verwahrloster Bettelmann vor Rosel, hatte eben den
schweren, eisernen Haken ergriffen, durch den der Schranken des Nachts versperrt
zu werden pflegte, und schwang ihn ber dem Haupt der Greisin.
    So schrei' zu, brllte er. Aber zuerst schlag' ich dich tot.
    Blitzschnell warf sich Sender zwischen Froim und sie. Das schwere Eisen traf
sein Haupt statt des ihren. Er schlug zur Erde hin, in seinen Ohren drhnte es,
seine letzte Empfindung war, da ihm ein heier Strom die Stirne berrieselte.
Dann vergingen ihm die Sinne.
    Drei Wochen lag er betubt zwischen Leben und Sterben, der Arzt befrchtete
tglich das Ende; eine so schwere Verletzung, ein so heftiges Wundfieber konnte
der geschwchte Krper kaum berwinden. Er bot seine ganze Kraft und Kunst auf,
auch sonst fehlte es dem Kranken nicht an liebevoller Pflege und Teilnahme.
Jtte wohnte nun im Mauthaus, um Tag und Nacht bei der Hand zu sein, der
Marschallik kam tglich, ebenso Salmenfeld und seine Gattin; noch mehr, eines
Tages trat Pater Marian ein und beugte sich voll schmerzvoller Rhrung ber
seinen armen Schler, der ihn nicht erkannte. Der Besuch blieb im Ghetto nicht
unbekannt und machte als nahezu unerhrtes Ereignis das grte Aufsehen;den
jhen Wandel der Stimmung vermochte es nicht zu beeinflussen. Nun schwrmten die
Juden von Barnow wieder einmal fr denselben Mann, auf dessen Haupt sie kurz
vorher die schwersten Flche gehuft. Er hatte sein Leben eingesetzt, das der
Mutter zu erhalten - nun war er trotz seiner deutschen Tracht wieder kein
Mensch, sondern ein Engel. Tglich kamen Scharen, sich nach seinem Befinden zu
erkundigen; wer irgend einen seltenen Leckerbissen hatte, sandte ihn fr den
Kranken. Da eine Gewalttat wie die Froims im podolischen Ghetto beraus selten
ist, mehrte die Begeisterung; der dicke Simche, der zufllig vorbeigefahren und
den Frevler entwaffnet, wurde wie ein Held gefeiert. Die Leute htten Froim am
liebsten gelyncht, es war gut, da ihn der Bezirksvorsteher hinter Schlo und
Riegel gesetzt.
    So sind sie, sagte der Arzt dem Advokaten, malos in ihrer Liebe wie in
ihrem Ha! Aber all dies Segnen ntzt dem Armen nichts.
    Dies nicht, vielleicht nicht einmal die aufopfernde Pflege, aber seine zhe
Natur schien den Kranken retten zu wollen. Die Wunde begann zu heilen, die
Betubung schwand. Die Sorge des Arztes wollte dennoch nicht weichen.
    Seine Genesung ist so etwas wie ein halbes Wunder, sagte er dem Pater,
aber ganze Wunder gibt's in der Natur nicht. Ohne dieses Unglck wre er wohl
wieder leidlich gesund geworden, sofern er nur ernstlich gewollt htte. Jetzt
frcht' ich, zhlt sein Leben nur noch nach Monaten. Wenn ich sie ihm wenigstens
heiter gestalten knnte! Aber mit der Besinnung kommt ja auch die Apathie
wieder, hinter der sich in Wahrheit eine so tiefe Verzweiflung birgt.
    Sprechen Sie doch mit seiner Mutter, bat Marian, jetzt wenigstens sollte
sie doch ihren Widerstand aufgeben. Schauspieler wird er ja ohnehin nicht mehr.
    Der Arzt zog den Marschallik ins Vertrauen. Der Alte war fassungslos vor
Schmerz.
    Das kann Gott nicht zulassen! rief er dann. Vielleicht irren Sie sich
doch. Die Frau aber - die bring' ich herum.
    Er hatte zu viel versprochen, vielleicht weil er der Greisin nicht alles
sagen mochte. Nur so viel erreichte er, da sie ihm zuschwor, kein Wort mehr
dagegen zu sagen, auer wenn Sender etwa Ernst machen wollte. Dann freilich
werde sie wissen, was sie den Toten schuldig sei.
    Aber es kam weniger auf sie an, als die Freunde glaubten. Mit Staunen sah
der Arzt, wie heiter die Miene des Kranken war, als er ihn zuerst bei voller
Klarheit des Geistes wiederfand. Vor ihm war Jossef Grn dagewesen und hatte die
Gre und Wnsche der Gemeinde berbracht - aber konnte dies auf Sender so tief
gewirkt haben? Er war so schwach, da er kaum die bleichen Zge zu einem Lcheln
verziehen konnte, aber seine Augen leuchteten, und als sich der Arzt zu ihm
beugte, hauchte er: Nicht wahr, Herr Doktor, ich werde gesund?
    Der Arzt bejahte eifrig.
    Ich hab's ja gewut, flsterte er mit seligem Lcheln. Mein Herz hat's
mir gesagt. So gesund, da ich Schauspieler werden kann?
    Der Arzt nickte.
    Aber da mssen Sie dazu helfen, fgte er fast barsch hinzu, seine Rhrung
zu bewltigen. Nun keine trben Gedanken mehr.
    Es ist ja kein Grund mehr, hauchte Sender. Alle sagen es, und ich fhle
es auch: die Schuld ist bezahlt! Nun wei ich, warum ich in jener Nacht in der
Kapelle nicht gestorben bin ...

                                Letztes Kapitel


Die Schuld war bezahlt, er konnte Schauspieler werden - nur die Krankheit stand
noch zwischen ihm und seinem Ziele. Selten hatte der Arzt einen so tapferen,
heiteren, fgsamen Patienten gehabt, wie es Sender jetzt war, aber selten auch
einen, der den gtigen Mann so oft zu seinem barschen Ton gezwungen. Dieser
Gegensatz zwischen dem rhrenden Glauben des Kranken und der herben Wirklichkeit
ergriff ihn immer wieder tief.
    Die anderen aber freuten sich nur ber die Wandlung und schpften neue
Hoffnung, auch der Pater und der Marschallik. Sollten sie dem Arzte mehr
glauben, als ihren eigenen Augen? Sender wurde ja zusehends wieder krftiger,
das Gesicht war leicht gertet, die Augen glnzten, auch der Husten hatte fast
ganz aufgehrt; freilich wurde der Atem krzer, aber auch das gab sich wohl. Vor
allem aber tuschten sie sein Mut, sein Selbstvertrauen ber seinen Zustand
hinweg.
    Nun war alles anders als frher; jeder Besuch freute ihn, mit den Freunden
sprach er auch von seinen Plnen; nur kurz freilich, schon weil ihm der Arzt
vieles Reden untersagt, aber aus jedem Wort klang felsenfeste Zuversicht. Frau
Rosel empfand dies jedesmal als einen rechten Stich ins Herz, aber sie schwieg,
ihre Zusage wollte sie halten. Auch las er nun wieder eifrig, und als er zum
ersten Male das Bett verlassen konnte, schrieb er einen langen Brief an Nadler,
worin er erzhlte, wie es sich mit ihm gefgt, da er nun auf dem Wege zur
Genesung sei und bitte, ihn nicht zurckzuweisen, wenn er sich - hoffentlich
bald - zum Antritt seines Engagements melde. Der Direktor erwiderte umgehend aus
Lemberg: Sender werde ihm immer willkommen sein, und nun knne er ihm auch
bessere Vorbilder bieten als in Czernowitz, er sei zum Direktor des Lemberger
deutschen Theaters ernannt worden und bernehme im Herbst die Leitung.
    Sender war selig; jeder der Freunde mute den Brief lesen. Bis zum Herbst
bin ich ja lngst gesund, sagte er. Der Herr Doktor hat es mir ja
versprochen.
    In der Tat hatte der Arzt zum mindesten nicht widersprochen, als Sender um
Antwort gedrngt und sie sich dann selbst gegeben. Im Herbst wollen wir dann
weiter lgen, dachte er mitleidsvoll, wenn es noch ntig sein sollte - - Laut
aber sagte er: Natrlich mssen Sie vorher nach Delatyn zur Molkenkur! Heilung
konnte Sie Sender nicht mehr bringen, aber Erleichterung der Atemnot.
    Der Kranke war es zufrieden; auf Mitte Juni war die Abreise festgesetzt.
Aber nun erhob sich die Schwierigkeit, wer ihn begleiten sollte, denn der Arzt
bestand darauf, da er nicht allein gehe. Frau Rosel konnte von ihrem Posten
nicht abkommen, auch hatte sie die Todesangst whrend Senders Flucht nicht recht
verwunden und war in den letzten Monaten sehr gebrechlich geworden. Jtte? Sie
selbst wre freilich auch dazu bereit gewesen, aber das verbot die Sitte. Auch
Sender sah dies seufzend ein, sonst htte er sich keine bessere Gesellschaft zu
wnschen gewut. Das Mdchen war ihm durch seine selbstlose Gte sehr teuer
geworden, er liebte sie so recht wie eine Schwester.
    Nssele, sagte er ihr einmal, was hast du fr ein golden Herz! Seit den
Tagen seiner Krankheit duzten sie sich. Darum verstehst und begreifst du auch
alles - nur durchs Herz. Ich denk' mir nur immer: wo nehmen wir einen Mann fr
dich her, der dich wert ist!
    Ihr war sehr weh, als er so sprach, aber sie bezwang sich.
    So ein Mensch ist eben noch gar nicht geboren, erwiderte sie, und darum
mu ich ledig bleiben.
    Behte! erwiderte er lchelnd. Er ist schon unterwegs. Wenn er kommt und
ich bin nicht mehr da, dann will ich bei der Hochzeit nicht fehlen, und wenn ich
aus Berlin oder Hamburg herreisen mte. Mit einer groen Kiste voll Geschenken
komm' ich dann gefahren, Nssele, und schau' mir den glcklichen Menschen an,
der das beste Weib auf der Erde bekommt.
    Da wandte sie sich ab und ging rasch hinaus; ihre Krfte drohten sie zu
verlassen. Auer dem Arzte wute wohl sie am besten, wie es um Sender stand;
auch dies hatte ihr das Herz gesagt, das Herz, das ihn liebte.
    Schon war beschlossen, da ein gemieteter Wrter Sender begleiten sollte,
als das Schicksal fr einen besseren Pfleger sorgte.
    Als Sender eines Nachmittags mit dem Marschallik auf dem Bnkchen vor dem
Hause sa, unter dem Lindenbaum, fuhr der Alte pltzlich auf und rief, auf die
Strae deutend: Da ist ja der kleine, jdische Spieler aus Borszczow.
    Sender blickte auf, auch er erkannte Knnen sofort. Langsamen Schrittes, das
Haupt gebeugt, kam der Kleine, ein Rnzelchen auf dem Rcken, dahergegangen. Als
er Sender gewahrte, blieb er wie starr vor freudigem Schrecken stehen und eilte
dann auf ihn zu.
    Also Sie leben! rief er und fate nach seiner Hand. Sie leben!
    Natrlich, erwiderte Sender. Nicht mein Geist. Fhlen Sie nur, Fleisch
und Blut, wenn auch noch etwas wenig. Hat man mich tot gesagt?
    Gottlob! rief der Kleine, ohne auf die Frage zu antworten, dann begrte
er auch den Marschallik, der ihm freundlich die Hand drckte. Ohne seine Hilfe
htte er Sender in Borszczow kaum von Stickler losgebracht; der Direktor hatte
fnfzig Gulden Entschdigung verlangt und sich schlielich nur auf Knnens
Vorstellung mit fnfzehn begngt.
    Kommen Sie als Quartiermacher? fragte er. Ich frcht', in Barnow werden
Sie keine guten Geschfte machen.
    Der Kleine schttelte den Kopf. Ich bin kein Schauspieler mehr, sagte er
dster. Und nun erst sah Sender, da ihm ein Wald schwarzer Stoppeln im Gesicht
wucherte.
    Und die Gesellschaft?
    Aufgelst, erwiderte Knnen und um seinen Mund zuckte es schmerzlich. Dann
setzte er zum Reden an, blickte auf den Marschallik und verstummte wieder.
    Der Alte verstand den Blick und lie die beiden allein.
    Es freut mich, da Sie sich endlich losgemacht haben, sagte Sender. Es
war hohe Zeit ...
    Das war's, erwiderte Knnen, aber ich habe mich nicht losgemacht ... Er
blickte zu Boden, seine Lippen bebten. Ich htte es nie gekonnt ... Sie ist
...
    Tot?! rief Sender bewegt. Wie immer sie sonst gewesen, ihm hatte sie
Teilnahme erwiesen. Wie schade! Ein solches Talent! Aber sie war ja noch so
jung und ein blhendes Geschpf. Da erinnerte er sich ihres gellenden Lachens,
ihrer verzweifelten Reden. Hat sie sich etwa selbst ...?
    Knnen nickte, sprechen konnte er nicht. Sie hat sich vergiftet, stie er
endlich hervor. Aber es whrte lange, bis er erzhlen konnte: Sie wissen wohl
noch, Birk hat einst viel fr sie getan und sie es ihm bel gelohnt. Sie hat ihn
zuerst betrogen, dann sich ganz von ihm losgesagt. Er hat nie ein Wort darber
gesprochen, vielleicht habe nur ich gewut, da dies das schmerzlichste war, was
den Unglcklichen in seinen letzten Jahren getroffen hat; seit dem Bruch mit der
Schnau ist es immer rascher mit ihm abwrts gegangen. Und er war dazu verdammt,
sie tglich zu sehen, er hat auch dies ertragen mssen, nur da er auer der
Bhne nie ein Wort mit ihr gesprochen hat. Um Mitte Mai - wir waren eben in
Kolomea - sagt er mir einmal vor der Vorstellung der Ruber: Ich frchte, heut'
bring' ich's nicht zu Ende! Und richtig, gleich in der ersten Szene - er hat den
alten Moor gespielt und Hoheneichen erzhlt eben von Karls Verworfenheit, sthnt
er bei den Worten:
    Mein, mein ist die Schuld! auf und greift sich an die Stime und sinkt zurck
und rchelt leise. Und das war so schauerlich, da eine Bewegung durchs Publikum
gegangen ist und alle gesagt haben: Groartig! Und Hoheneichen merkt auch nichts
und spricht weiter, aber auf das nchste Stichwort ist Birk nicht mehr
eingefallen. Es war ein Nervenschlag ...
    Entsetzlich, murmelte Sender.
    Fr ihn war's eine Erlsung, fuhr Knnen fort, nur da er nicht gleich
tot war. Drei Tage ist er dagelegen und hat gerchelt und Worte gelallt, die ich
nicht verstanden habe. Denn ich habe ihn gepflegt und war sehr betrbt, denn er
hat mich nie gehhnt. Aber das war in jenen Tagen nicht mein grter Schmerz,
sondern - er stockte - aber warum sollt' ich's Ihnen nicht sagen, da es
gottlob nicht wahr war? - Der Souffleur von Nadlers Gesellschaft, der mein
Freund ist, hat mir geschrieben, Sie liegen im Sterben ... Also, am dritten
Tage, wie ich eben bei ihm bin und sehe, es geht zu Ende, klopfte es an die Tr,
ich blicke hinaus: die Schnau. Sie hat entsetzlich ausgesehen. Mein Gewissen
lt mir keine Ruhe, sagt sie, vielleicht verzeiht er mir vor dem Tode! Und
obwohl ich abmahne, tritt sie ein. Da zuckt es in seinem Gesicht, er sucht die
Hand zu heben. Weg! ruft er. - Ferdinand! schluchzt sie und wirft sich vor
seinem Bett nieder. Da richtet er sich pltzlich auf und lallt: Weg! Dirne!
Mrderin! Und sinkt zurck und stirbt, und noch im Tod war auf seinem Gesicht
der Abscheu und der Zorn ...
    Er atmete tief auf und fuhr fort: Drei Tage ist sie still herumgegangen,
aber mit einem Gesicht - uns allen hat nichts Gutes geahnt. Da bekommt der
Stickler Furcht und bittet einige Edelleute, da sie sie zu einem Souper
einladen. Und sie sagt zu. Genug gejammert, lacht sie, es holt uns doch alle der
Teufel! Aber wie das Souper beginnen soll, kommt sie nicht. Und wie einer auf
ihr Zimmer geht, sie zu holen - - -
    Sie war sogleich tot? fragte Sender.
    Knnen nickte. Blausure, sie kann nicht gelitten haben. Wieder schpfte
er tief Atem. Von mir will ich nicht reden ... Nach dem Begrbnis habe ich dem
Stickler gesagt: Nun geh' auch ich. Und obwohl er mich nun pltzlich wieder du
genannt hat, der Lump, bin ich fest geblieben. Mit den drei anderen hat er nicht
fortspielen knnen - und ohne solche Zettel! - so hat sich die Gesellschaft
aufgelst. Sie suchen nun einzeln ein anderes Engagement, nur die Linden nicht,
die wird Putzmacherin in Czernowitz.
    Und was haben Sie vor? fragte Sender.
    Ich hoffe, der Herr Doktor Bernhard Salmenfeld hier nimmt mich in seine
Kanzlei. Ist bei ihm keine Stelle frei, so versuch' ich's anderswo. Um mich ist
mir nicht bange.
    Mir auch nicht, sagte Sender. Und ich wnsche Ihnen Glck, da -
verzeihen Sie, Sie haben's selbst so genannt - der Wahnsinn zu Ende ist.
    Knnen schttelte den Kopf.
    Der Schauspielerwahnsinn, da haben Sie recht. Aber das andere ...
    Er wandte sich ab, dann griff er nach Stock und Rnzel und ging mit stummem
Gru der Stadt zu.
    Salmenfeld wollte den Mann, den er als verllich kannte, gern behalten,
mute aber erst seinem Sollizitator kndigen. So war Knnen fr die nchste Zeit
frei und gern bereit, Sender nach Delatyn zu begleiten. Frau Rosel war freilich
etwas besorgt: ein Fremder und ein einstiger Spieler dazu! Aber ihr Mitrauen
war unbegrndet, treuer als er hing selbst Moskal nicht an seinem Herrn.
    Ehe sie die Reise antraten, suchte Sender zum ersten Mal die Grber seiner
Eltern auf. Rabbi Manasse hatte einst den Fremden die Ruhesttte an der
Friedhofmauer angewiesen, wo die rmsten gebettet werden, aber die Grber fand
Sender wohlgepflegt; auch fr zwei stattliche Grabsteine hatte Frau Rosel
gesorgt. Lange sa er auf dem Grabhgel seines Vaters, der von dem der Mutter
nur durch einen schmalen Raum getrennt war, der eben noch knapp fr eine
Grabsttte reichte. Ich war im Leben nicht bei ihnen, dachte er, im Tode will
ich es sein, wohin immer mich mein Weg fhrt. Hier wird sich's einst nach
langer, hoffentlich segensreicher Arbeit am besten ruhen. Und er bat noch
selben Abends den Marschallik, ihm bei der Gemeinde das Grab zu sichern. Ich
fhl's, sagte er, ich werde lange leben. Wer wei, wie berfllt dann der
Friedhof ist. Es soll sich nichts Fremdes zwischen uns drngen. Der Alte konnte
ihm schon am nchsten Tage die Besttigung der Gemeinde bringen.
    Der Flecken Delatyn liegt in den Karpathen, etwa zwlf Meilen von Barnow; er
wird seiner wrzigen Tannenluft sowie der krftigen Molke wegen viel von
Lungenkranken aufgesucht. Dort verbrachte Sender mit seinem treuen Knnen sechs
stille, schne Wochen. Sie suchten niemandes Bekanntschaft; die Gesellschaft des
Kleinen gengte Sender vollstndig; er konnte ja mit ihm vom Theater sprechen!
Dazu die Bcher, die schne Natur, die Hoffnung, schon in zwei Monaten nach
Lemberg zu gehen - er fhlte sich glcklich, fast wunschlos.
    Auch mit seiner Gesundheit ging es immer besser. Zwar die Schwche wollte
nicht weichen, aber aus dem Spiegel blickte ihm ein volleres Gesicht entgegen
und das Atmen ging leichter. Selbst der Arzt war einen Augenblick freudig
berrascht, als Sender sich nach seiner Rckkunft bei ihm meldete. Aber die
Freude verflog, als er das Hrrohr an die Brust des Kranken legte. Dennoch
widersprach er nicht, als dieser fragte: Nicht war, im September darf ich nach
Lemberg? Wohl aber beriet er mit Samenfeld. Da mu wieder einmal Ihre
Bekanntschaft mit Nadler aushelfen, sagte er ihm. Er mu ihn durch irgend
einen Vorwand auf den Frhling vertrsten. Sptestens im November ist der arme
Junge erlst.
    Der Direktor beeilte sich, dem Wunsche Salmenfelds zu entsprechen, nur
machte er diesmal seine Sache trotz besten Willens nicht eben geschickt. Er bat
Sender, sich bis zum April zu gedulden, weil in den ersten Wochen der
Wintersaison eine ganze Reihe von Gastspielen stattfinde, zuerst komme Dawison,
dann die Rettich, La Rche und Fichtner. Nun bedrfe ein Anfnger der steten
Anleitung, gerade die ersten Wochen seien oft geradezu entscheidend fr die
ganze Knstlerlaufbahn, und da werde er sich ihm ja der Gastspiele wegen nicht
widmen knnen.
    Dieser Grund leuchtete Sender nicht ganz ein; da er jedoch gewohnt war, jede
Weisung Nadlers wie einen Orakelspruch hinzunehmen, so lie er ihn gelten und
machte sich sogar keine Gedanken darber. Es ist mir also vorbestimmt, dachte
er, mein Engagement im Frhling anzutreten, allerdings ein Jahr spter. Aber
Nadler hat sicherlich wohl berlegt, da die Verzgerung der geringere Schade
ist. Hingegen erregte der Name Dawison strmische Sehnsucht in seinem Herzen.
Der berhmteste deutsche Schauspieler seiner Zeit, desselben Stammes wie er, der
einst freundliche Teilnahme fr sein Schicksal gezeigt, in Lemberg - und er
sollte ihn nicht sehen! Dawison hatte im Dezember vorigen Jahres - das wute er
- sein Engagement am Burgtheater gelst und gastierte nun, es hie, er wolle
nach Amerika gehen - wie, wenn sich die Gelegenheit nie wieder fand! Und als er
in dem Wiener Blatte, das ihn Salmenfeld lesen lie, die Nachricht fand, da der
Knstler auer dem Mephisto und Richard III. auch den Shylock spielen werde,
erklrte er der Pflegemutter den Entschlu, nach Lemberg zu gehen. Sie
widersprach heftig, noch immer tuschte sie sich ja ber seinen Zustand, nun
wollte er ernstlich zur Bhne, sie durfte es nicht dulden. Der Widerstand ntzte
ihr nichts, umsomehr da auch der Arzt keine Einwendung hatte. Warum sollte ich
dem rmsten nicht noch diese Freude gnnen? sagte er zu Salmenfeld. Nur mu
freilich Knnen mit. Und so geschah's.
    In den letzten Septembertagen sollte das Gastspiel stattfinden, schon acht
Tage frher brachen die beiden auf, um die vier Tagereisen bequem zurckzulegen.
Sender war selig - welcher Genu harrte seiner! Und das Wetter war warm und
sonnig, das Wgelchen bequem, Nadler war verstndigt und hatte seine Freude
ausgedrckt, ihn wiederzusehen - die Freunde hatten eben fr alles gesorgt; im
Kofferchen lag sogar ein feiner, schwarzer Anzug, damit er sich dem Knstler
wrdig vorstellen knne. Wenn ihn Knnen in diesen ersten Stunden ansah, htte
er kaum glauben mgen, da es ein Todkranker war, neben dem er sa. Aber bald
machten sich die Folgen der Anstrengung fhlbar, der rmste rang nach Luft, und
die rttelnde Bewegung bereitete ihm so groe Schmerzen, da er trotz aller
Selbstbeherrschung leise sthnen mute. Erschreckt lie Knnen schon im nchsten
Flecken halten; statt desselben Tages gelangten sie erst am nchsten nach
Buczacz, der Stadt seiner Knabenstreiche, die er einst so pltzlich hatte
verlassen mssen, und muten hier einen vollen Tag rasten. In der Folge ging es
hnlich, ja schlimmer. Die beiden ersten Gastvorstellungen waren nun versumt,
sie langten erst am Vorabend der letzten Vorstellung in Lemberg an.
    Sender war betrbt, aber nicht verzweifelt. Der Shylock soll ja seine
bedeutendste Rolle sein, sagte er, das Beste entgeht mir also doch nicht.
Noch mehr, er gewann seinem Ungemach sogar eine gute Seite ab. Ich bin doch
noch nicht so ganz hergestellt, wie ich geglaubt habe; vielleicht htte mich das
Spielen jetzt noch zu sehr angegriffen; im April, nach einem ruhigen Winter,
wird's mir weit besser gehen.
    Am nchsten Tage suchten sie Nadler in der Direktionskanzlei auf. Der
weichherzige Mann hatte Mhe, seine tiefe Erschtterung ber Senders Aussehen zu
verbergen. Doch fate er sich rasch, hie ihn herzlich willkommen und gewann es
sogar ber sich, ihm von Rollen zu sprechen, die er ihm im nchsten Frhling
zuteilen wolle. Fr den Abend lud er die beiden in seine Loge, am nchsten
Nachmittag versprach er, Sender Dawison vorzustellen. Mhsam atmend, aber mit
stolzen, leuchtenden Augen kehrte Sender, auf Knnens Arm gesttzt, ins Hotel
zurck.
    Am Nachmittag machte der Direktor den beiden einen Gegenbesuch. Sender
ruhte, nur Knnen empfing ihn. Nadler lie sich von ihm eingehend berichten,
auch von jener Probe in Zaleszczyki. Als er ihm Birks Urteil erzhlte, rief
Nadler schmerzvoll:
    Und Birk hatte einen untrglichen Instinkt wie jedes groes Talent. Ich
werde nie aufhren, mir Vorwrfe zu machen, da ich ihn nicht damals sofort
mitgenommen habe!
    Knnen wollte ihn unterbrechen.
    Ich wei, was sich zu meiner Entschuldigung vorbringen lt, sagte er,
aber mich drckt's doch. Es ist ja traurig genug, wenn ein Talent durch eigene
Schuld zugrunde geht wie Birk. Und nun erst dieser Sender! Warum mu er sterben?
Sein Verbrechen ist, da er deutsche Bcher nirgendwo anders fand als in der
ungeheizten Bibliothek des Barnower Klosters.
    Schon lange vor Beginn der Vorstellung waren die beiden in der Loge.
Klopfenden Herzens musterte Sender das stattliche Haus, das sich eben fllte.
Die Sttte seines einstigen Wirkens! Dann dachte er an nichts als die Freude,
die heute seiner harrte. So andachtsvoll mag selten jemand einer Vorstellung
gelauscht haben wie der arme, blasse Mensch, der die Nebensitzenden zuweilen
durch sein Husten strte. Als sich der Vorhang zur ersten Shylockszene hob,
ergriff er unwillkrlich Knnens Hand, ihn schwindelte, er ertrug die Spannung
kaum.
    Da - ein strmisches Klatschen, da das Haus drhnte - da war Dawison.
    Vorgebeugt, schwer atmend sa Sender da, die Maske zwar verwunderte ihn nur:
er htte nie gedacht, da Shylock so alt und hlich aussehen msse, aber die
Sprechweise, das Spiel lieen ihn sofort erkennen, da diese Auffassung eine
ganz einheitliche sei. Welche Bewegungen, welche Stimme - ihr umflorter,
nervser Klang, in welchem der unterdrckte Ha zitterte, ging ihm durch Mark
und Bein. Bei der Rede: Signor Antonio, viel und oftermals und so weiter
feuchteten sich seine Augen. Und ich war auf mein Deklamieren stolz! dachte er.
Die Erkenntnis der eigenen Unzulnglichkeit und die Freude, einen solchen
Knstler zu hren, ergriffen ihn gleichermaen. hnliches empfand er bei den
folgenden Szenen, aber die tiefste Bewegung berkam ihn whrend der
Eingangsszene des dritten Aktes. Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn
ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? - Das war kein Schauspieler mehr, sondern
ein armer, unseliger Mensch, der lange seine und der Brder Jammer verschlossen
in sich getragen, der klaglos geduldet und nun pltzlich Worte fand fr sein
furchtbares Weh. ber Senders Antlitz rannen die Trnen nieder; als am Schlusse
der Szene donnernder Beifall losbrach, sa er regungslos, aber seine Lippen
murmelten: Mein Gott und Herr, ich danke dir!
    Gleich mchtig vermochte nichts mehr auf ihn zu wirken, und in der
Gerichtszene, wo Dawison den Blutdurst durch die grellsten Mittel verbildlichte
- er wetzte sogar das Messer an der Sohle - ertappte er sich sogar auf dem
Gedanken: Ist das ntig? Gleichwohl war er auch hier voll der wrmsten
Bewunderung, und als der Vorhang des vierten Akts gefallen war, erhob er sich.
    Kommen Sie, flsterte er Knnen zu.
    Sind Sie nicht wohl? fragte dieser besorgt.
    Sender schttelte den Kopf. Nein, erwiderte er. Aber aus diesem Knstler
hat mich Gottes Odem angeweht, die anderen sind nur Menschen.
    In dieser Nacht schlo Sender kein Auge. Neben dem Jubel, da ihm solches zu
sehen vergnnt gewesen, erfllte ihn auch kleinmtiges Verzagen an der eigenen
Begabung. Aber dann kam ihm der Trost: An Talent mag er mich hundertfach
bertreffen, an Begeisterung nicht. Wenn auch kein groer Knstler aus mir wird,
so doch gewi ein ehrlicher. Und dieser Gedanke beruhigte ihn so, da er im
Morgengrauen endlich den Schlaf fand.
    Am Nachmittag holte ihn Nadler zu Dawison ab; er wohnte in einem Hotel dicht
neben dem Senders. Der Direktor hatte ihn wohl vorbereitet; der Knstler wute,
da er einem Todgeweihten die letzte groe Freude seines Lebens bereiten konnte,
und empfing ihn darum mit grter Herzlichkeit.
    Unsere Schicksale sind einander so hnlich, sagte er. Kampf mit der Armut
und dem Vorurteil! Freilich habe ich das Polnische in einer Schule erlernen
knnen, aber mein Sequestrator, fr den ich Akten rein schrieb, wird nicht viel
anders gewesen sein, als Ihr Winkelschreiber. Und das Deutsche habe ich auch als
Schreiber in der Redaktion der, Gazeta' aus eigener Kraft erlernen mssen. Und
es ist doch gegangen! Ich hoffe, das wird Ihnen trostreich sein, lieber
Kollege.
    Sender vermochte nichts zu erwidern, er sah nur immer in das
scharfgeschnittene, bewegliche Antlitz. Er, Sender, der Pojaz, war bei Bogumil
Dawison und der nannte ihn seinen Kollegen. Es dnkte ihm wie ein Traum.
    Dawison sprach dann von seiner Lemberger Zeit, wie er durch Laubes
Frsprache ans Burgtheater gekommen und schlielich auch durch diesen verdrngt
worden. Aber das kann Sie nicht irre machen, fuhr er dann hastig fort.
Natrlich hat das Knstlerleben auch seine Schattenseiten. Und dennoch: wer
dazu berufen und auserwhlt ist, sollte mit keinem Knig tauschen wollen!
    Sender nickte, seine Augen glnzten, Worte fand er nicht, kaum da er zum
Schlu seinen Dank stammeln konnte. Auch von Nadler nahm er zur selben Stunde
Abschied.
    Ich wei߫, sagte er. Sie wrden mir noch fr einige Vorstellungen den
Besuch erlauben, aber mir ist's, als htte ich in die Sonne gesehen; darauf kann
man lange nichts anderes unterscheiden. Auch mu ich mich ja nun recht schonen,
um im nchsten Frhling zur Stelle zu sein. Kann ich vielleicht - aber Sie
drfen nicht bse sein - erst Ende April kommen, weil dann schon das Wetter
verllicher ist?
    Nadler nickte nur, sprechen konnte er nicht.
    Erst am zweitnchsten Morgen reisten die beiden ab. Knnen hatte auf dieser
Rast nach den Aufregungen bestanden. Gleichwohl fate ihn auf der Rckreise oft
die Angst, da sein Pflegling am Wege sterben werde. Aber es ging doch, und noch
mehr: ahnungslos, wie er abgereist, kam Sender wieder. Ich bin schwach, sagte
er dem Arzt, das ist doch nach einer solchen Reise nur natrlich!
    Darum blieb er auch am nchsten Morgen geduldig im Bette. Er war
schmerzloser, als seit lange, und griff nach den Bchern, die ihm Salmenfeld
geliehen. Und da traf er auf das Zitat: Jung stirbt, wen die Gtter lieben.
    Kurz darauf kam Pater Marian zu ihm. Sender erzhlte von den Freuden, die
ihm die Reise nach Lemberg gebracht, dann sagte er: Sie haben mich so oft
belehrt, tun Sie es auch heute! Diesen Satz hier kann ich nicht verstehen. Er
deutete auf die Stelle.
    Er hat einen guten Sinn, sagte der Pater mit zitternder Stimme. Und er
sprach von den Enttuschungen, der Gebrechlichkeit des Alters. Wer jung stirbt,
hat das Hchste doch schon genossen, was das Leben bietet, das Streben nach
hohen Zielen.
    Sender nickte. Gewi! Wenn man mir sagen wrde: Streiche das Streben aus
deinem Leben, und du wirst hundert Jahre alt, ich wrde antworten: Dann will ich
lieber heute sterben. Mein Leben war ja bisher so schn, so schn! Sogar meine
Liebe danke ich meinem Streben. Sie hat mir viel Schmerz gebracht, denken Sie
vielleicht. O diese Nacht, wo ich geglaubt habe, da sie mich liebt, wiegt alles
auf ... Und meine Kunst - nun beginnt ja erst mein Leben. Gott lt mich
genesen, ich kann heute so leicht atmen, wie seit lange, sehr lange nicht.
    Pater Marian ahnte, was das bedeutete, und der Arzt, der eintrat, besttigte
seine Vermutung. Nach einer Stunde waren alle, die ihn liebten, in der Stube
versammelt. Sie mhten sich, ihr Schluchzen zurckzuhalten, aber er hrte sie
nicht mehr. Das Bewutsein war geschwunden, er phantasierte.
    Aus den leisen Worten, die zuweilen von seinen Lippen fielen, konnten sie
entnehmen, da ihn heitere Bilder umgaukelten.
    O, er ist ein groer Knstler ... Ich danke Ihnen, Herr Dawison ... Danke
... Danke ... Dann spielte er selbst den Shylock. Wenn Ihr uns stecht, bluten
wir nicht? Wenn Ihr ... Er suchte das Haupt aus den Kissen zu heben, seinen
Mund umspielte ein seliges Lcheln. Nun verneigte er sich wohl vor dem Publikum
...
    Nur einmal noch ffnete er die Augen, und diesmal schien es Jtte, die
seinem Bette zunchst stand, als glimme ein Strahl des Bewutseins in ihnen.
Aber das Lcheln schwand deshalb nicht von seinen Lippen.
    Mein Leben, hauchte er. So schn ... so schn ...
    Das waren seine letzten Worte.

                                    Funoten


1 1801.

2 1829.

3 1831.

