
                               Keller, Gottfried

                      Der grne Heinrich [Zweite Fassung]

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                                Gottfried Keller

                               Der grne Heinrich

                                        

                                [Zweite Fassung]

                                  Erster Band

                                 Erstes Kapitel

                               Lob des Herkommens

Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe, welches seinen Namen von
dem Alemannen erhalten hat, der zur Zeit der Landteilung seinen Spie dort in
die Erde steckte und einen Hof baute. Nachdem im Verlauf der Jahrhunderte das
namengebende Geschlecht im Volke verschwunden, machte ein Lehenmann den
Dorfnamen zu seinem Titel und baute ein Schlo, von dem niemand mehr wei, wo es
gestanden hat; ebensowenig ist bekannt, wann der letzte Edle jenes Stammes
gestorben ist. Aber das Dorf steht noch da, seelenreich, und belebter als je,
whrend ein paar Dutzend Zunamen unverndert geblieben und fr die zahlreichen,
weitlufigen Geschlechter fort und fort ausreichen mssen. Der kleine
Gottesacker, welcher sich rings an die trotz ihres Alters immer wei geputzte
Kirche legt und niemals erweitert worden ist, besteht in seiner Erde
buchstblich aus den aufgelsten Gebeinen der vorbergegangenen Geschlechter; es
ist unmglich, da bis zur Tiefe von zehn Fu ein Krnlein sei, welches nicht
seine Wanderung durch den menschlichen Organismus gemacht und einst die brige
Erde mit umgraben geholfen hat. Doch ich bertreibe und vergesse die vier
Tannenbretter, welche jedesmal mit in die Erde kommen und den ebenso alten
Riesengeschlechtern auf den grnen Bergen rings entstammen; ich vergesse ferner
die derbe ehrliche Leinwand der Grabhemden, welche auf diesen Fluren wuchs,
gesponnen und gebleicht wurde und also so gut zur Familie gehrt wie jene
Tannenbretter und nicht hindert, da die Erde unseres Kirchhofes so schn khl
und schwarz sei als irgend eine. Es wchst auch das grnste Gras darauf, und die
Rosen nebst dem Jasmin wuchern in gttlicher Unordnung und berflle, so da
nicht einzelne Studlein auf ein frisches Grab gesetzt, sondern das Grab mu in
den Blumenwald hineingehauen werden, und nur der Totengrber kennt genau die
Grenze in diesem Wirrsal, wo das frisch umzugrabende Gebiet anfngt.
    Das Dorf zhlt kaum zweitausend Bewohner, von welchen je ein paar hundert
den gleichen Namen fhren; aber hchstens zwanzig bis dreiig von diesen pflegen
sich Vetter zu nennen, weil die Erinnerungen selten bis zum Urgrovater
hinaufsteigen. Aus der unergrndlichen Tiefe der Zeiten an das Tageslicht
gestiegen, sonnen sich diese Menschen darin, so gut es gehen will, rhren sich
und wehren sich ihrer Haut, um wohl oder wehe wieder in der Dunkelheit zu
verschwinden, wenn ihre Zeit gekommen ist. Wenn sie ihre Nasen in die Hand
nehmen, so sind sie sattsam berzeugt, da sie eine ununterbrochene Reihe von
zweiunddreiig Ahnen besitzen mssen, und anstatt dem natrlichen Zusammenhange
derselben nachzuspren, sind sie vielmehr bemht, die Kette ihrerseits nicht
ausgehen zu lassen. So kommt es, da sie alle mglichen Sagen und wunderlichen
Geschichten ihrer Gegend mit der grten Genauigkeit erzhlen knnen, ohne zu
wissen, wie es zugegangen ist, da der Grovater die Gromutter nahm. Alle
Tugenden glaubt jeder selbst zu besitzen, wenigstens diejenigen, welche nach
seiner Lebensweise fr ihn wirkliche Tugenden sind, und was die Missetaten
betrifft, so hat der Bauer so gut Ursache wie der Herr, die seiner Vter in
Vergessenheit begraben zu wnschen; denn er ist zuweilen trotz seines Hochmutes
auch nur ein Mensch.
    Ein groes rundes Gebiet von Feld und Wald bildet ein reiches,
unverwstliches Vermgen der Bewohner. Dieser Reichtum blieb sich von jeher so
ziemlich gleich; wenn auch hie und da eine Braut einen Teil verschleppt, so
unternehmen die jungen Bursche dafr hufige Raubzge bis auf acht Stunden weit
und sorgen fr hinlnglichen Ersatz sowie dafr, da die Gemtsanlagen und
krperlichen Physiognomien der Gemeinde die gehrige Mannigfaltigkeit bewahren,
und sie entwickeln hierin eine tiefere und gelehrtere Einsicht fr ein frisches
Fortgedeihen als manche reiche Patrizier- oder Handelsstadt und als die
europischen Frstengeschlechter.
    Die Einteilung des Besitzes aber verndert sich von Jahr zu Jahr ein wenig
und mit jedem halben Jahrhundert fast bis zur Unkenntlichkeit. Die Kinder der
gestrigen Bettler sind heute die Reichen im Dorfe, und die Nachkommen dieser
treiben sich morgen mhsam in der Mittelklasse umher, um entweder ganz zu
verarmen oder sich wieder aufzuschwingen.
    Mein Vater starb so frh, da ich ihn nicht mehr von seinem Vater konnte
erzhlen hren; ich wei daher so gut wie nichts von diesem Manne; nur so viel
ist gewi, da damals die Reihe einer ehrbaren Unvermglichkeit an seiner
engeren Familie war. Da ich nicht annehmen mag, da der ganz unbekannte
Urgrovater ein liederlicher Kauz gewesen sei, so halte ich es fr
wahrscheinlich, da sein Vermgen durch eine zahlreiche Nachkommenschaft
zersplittert wurde; wirklich habe ich auch eine Menge entfernter Vettern, welche
ich kaum noch zu unterscheiden wei, die, wie die Ameisen krabbelnd, bereits
wieder im Begriffe sind, ein gutes Teil der viel zerhackten und durchfurchten
Grundstcke an sich zu bringen. Ja, einige Alte unter denselben sind in der Zeit
schon wieder reich gewesen und ihre Kinder wieder arm geworden.
    Dazumal war es nicht ganz mehr jene Schweiz, welche dem Legationssekretr
Werther so erbrmlich vorgekommen ist, und wenn auch die junge Saat der
franzsischen Ideen durch einen ungeheuern Schneefall streichischer, russischer
und selbst franzsischer Quartierbilletts bedeckt worden war, so gestattete doch
die Mediationsverfassumg einen gelindert Nachsommer und verhinderte meinen Vater
nicht, die Khe, die er weidete, eines Morgens stehenzulassen und nach der Stadt
zu gehen, um ein gutes Handwerk zu erlernen. Von da an verscholl er so ziemlich
fr seine Mitbrger; denn nach harten, aber gut bestandenen Lehrjahren fhrte
ihn sein Trieb, einen immer khnern Schwung nehmend, in die Ferne, und er
durchschweifte als ein geschickter Steinmetz entlegene Reiche. Indessen aber
hatte der sanftknisternde Papierblumenfrhling, welcher nach der Schlacht bei
Waterloo aufging, wie berallhin, so auch in alle Winkel der Schweiz sein
bluliches Kerzenlicht verbreitet; auch in meines Vaters Geburtsdorf, dessen
Bewohner in den neunziger Jahren ebenfalls entdeckt hatten, da sie seit
undenklichen Zeiten mitten in einer Republik lebten, war die ehrwrdige Dame
Restauration mit allen ihren Schachteln und Kartons feierlich eingezogen und
richtete sich in dem Neste so gut ein, als sie konnte. Schattige Wlder, Hhen
und Tler mit den angenehmsten Freudenpltzen, ein fischreicher, klarer Flu und
die Wiederholung aller dieser guten Dinge in einer weiten, belebten
Nachbarschaft, welche sogar noch mit einigen bewohnten Schlssern geziert war,
zogen den einwohnenden Herrschaften eine Menge jagender, fischender, tanzender,
singender, essender und trinkender Gste aus der Stadt zu. Man bewegte sich um
so leichter, als man den Reifrock und die Percke weislich da liegenlie, wohin
sie die Revolution geworfen hatte, und das griechische Kostm der Kaiserzeit,
wenn auch in diesen Gegenden etwas nachtrglich, angetan hatte. Die Bauern sahen
mit Verwunderung die weiumflorten Gttergestalten ihrer vornehmen
Mitbrgerinnen, ihre sonderbaren Hte und noch merkwrdigeren Taillen, welche
dicht unter den Armen gegrtet waren. Die Herrlichkeit des aristokratischen
Regimentes entfaltete sich am hchsten im Pfarrhause. Die reformierten
Landgeistlichen der Schweiz waren keine armen, demtigen Schlucker wie ihre
Amtsbrder im protestantischen Norden. Da alle Pfrnden im Lande fast
ausschlielich den Brgern der herrschenden Stdte offenstanden, so bildeten sie
zu den weltlichen Ehrenstellen eine Ergnzung im Systeme der Herrschaft, und die
Pfarrer, deren Brder das Schwert und die Waage handhabten, nahmen teil an der
Glorie, wirkten und regierten auf ihre Weise im Sinne des Ganzen krftig mit
oder berlieen sich einem sorgenfreien, vergnglichen Dasein. Sehr oft waren
sie von Haus reich, und die lndlichen Pfarrhuser glichen eher den Landsitzen
groer Herren; auch gab es eine Menge adeliger Seelenhirten, welche die Bauern
Junker Pfarrer nennen muten. Ein solcher war nun zwar der Pfarrer meines
Heimatdorfes nicht, auch nichts weniger als ein reicher Mann; doch sonst einer
alten Stadtfamilie angehrend, vereinigte er in seiner Person und in seinem
Hauswesen allen Stolz, Kastengeist und Lustbarkeit eines warmgesessenen
Stdtetumes. Er tat sich etwas darauf zu gut, ein Aristokrat zu heien, und
vermischte seine geistliche Wrde ungezwungen mit einem derben,
militrisch-junkerhaften Anstriche; denn man wute dazumal noch nichts weder von
dem Namen noch von dem Wesen des modernen Trakttlein-Konservatismus. Es ging in
seinem Hause geruschvoll und lustig her; die Pfarrkinder steuerten reichlich,
was Feld und Stall abwarf, die Gste holten sich selbst aus dem Forste Hasen,
Schnepfen und Rebhhner, und da Treibjagden doch nicht landesblich waren, so
wurden die Bauern dafr zu groen Fischzgen freundschaftlich angehalten, was
jedesmal ein Fest gab, und so war das Pfarrhaus nie ohne Freude und Lrm. Man
durchzog das Land ringsumher, stattete Besuche ab in Masse und empfing solche,
schlug Zelte auf und tanzte darunter oder spannte sie ber die lauteren Bche,
und die Griechinnen badeten darunter; man berfiel in hellen Haufen eine einsame
khle Mhle oder fuhr in vollgepfropften Nachen auf Seen und Flssen, der
Pfarrer immer voran mit einer Entenflinte ber dem Rcken oder ein mchtiges
spanisches Rohr in der Hand.
    Geistige Bedrfnisse waren in diesen Kreisen nicht viele vorhanden; die
weltliche Bibliothek des Pfarrers bestand, wie ich sie noch gesehen habe, aus
einigen altfranzsischen Schferromanen, Geners Idyllen, Gellerts Lustspielen
und einem stark zerlesenen Exemplar des Mnchhausen. Zwei oder drei einzelne
Bnde von Wieland schienen aus der Stadt geblieben und nicht mehr
zurckgeschickt worden zu sein. Man sang Hltys Lieder, und nur die Jugend
fhrte etwa einen Matthisson mit sich. Der Pfarrer selbst, wenn einmal von
dergleichen Dingen die Rede war, pflegte seit dreiig Jahren regelmig zu
fragen: Haben Sie Klopstocks Messias gelesen? und wenn das, wie natrlich
bejaht wurde, schwieg er vorsichtig. Im brigen gehrten die Gste nicht zu
jenen feinsten Kreisen, welche die Kultur der herrschenden Interessen durch
erhhte Geistesttigkeit pflegen und durch eine edle Bildung zu befestigen
suchen, sondern zu der gemtlichen Klasse, welche sich darauf beschrnkt, die
Frchte jener Bemhungen zu genieen und sich ohne weiteres Kopfzerbrechen
lustig zu machen, solange es Kirchweih ist.
    Aber diese ganze Herrlichkeit barg bereits den Keim ihres Zerfalles in sich
selbst. Der Pfarrer hatte einen Sohn und eine Tochter, welche beide in ihren
Neigungen von denjenigen ihrer Umgebung abwichen. Whrend der Sohn, ebenfalls
ein Geistlicher und dazu bestimmt, seinem Vater im Amte zu folgen, vielfache
Verbindungen mit jungen Bauern anknpfte, mit ihnen ganze Tage auf dem Felde lag
oder auf Viehmrkte fuhr und mit Kennerblicke die jungen Khe betastete, hing
die Tochter, sooft sie nur immer konnte, die griechischen Gewnder an den Nagel
und zog sich in Kche und Garten zurck, dafr sorgend, da die unruhige
Gesellschaft etwas Ordentliches zu beien fand, wenn sie von ihren Fahrten
zurckkehrte. Auch war diese Kche nicht der schwchste Anziehungspunkt fr die
genschigen Stdtebewohner, und der groe gutbebaute Garten zeugte fr einen
ausdauernden Flei und treffliche Ordnungsliebe.
    Der Sohn endigte sein Treiben damit, da er eine begterte rstige
Bauerntochter heiratete, in ihr Haus zog und alle sechs Werktage hindurch ihre
cker und ihr Vieh bestellte. In Anwartschaft seines hheren Amtes bte er sich,
als Semann den gttlichen Samen in wohlberechneten Wrfen auszustreuen und das
Bse in Gestalt von wirklichem Unkraut auszujten. Der Schrecken und der Zorn
hierber waren gro im Pfarrhause, zumal wenn man bedachte, da die junge
Buerin einst als Hausfrau dort einziehen und herrschen sollte, sie, welche
weder mit der gehrigen Anmut im Grase zu liegen noch einen Hasen standesgem
zu braten und aufzutragen wute. Deshalb war es der allgemeine Wunsch, da die
Tochter, welche allmhlich schon ber ihre erste Jugend hinausgeblht hatte,
entweder einen standesgetreuen jungen Geistlichen ins Haus locken oder sonst
noch lange die zusammenhaltende Kraft desselben bleiben mchte. Aber auch diese
Hoffnungen schlugen fehl.

                                Zweites Kapitel



                                Vater und Mutter

Denn eines Tages geschah es, da das ganze Dorf in groe Bewegung gesetzt wurde
durch die Ankunft eines schnen, schlanken Mannes, der einen feinen grnen Frack
trug nach dem neuesten Schnitte, enganliegende weie Beinkleider und glnzende
Suwarowstiefeln mit gelben Stulpen. Wenn es regnerisch aussah, so fhrte er
einen rotseidenen Schirm mit sich, und eine groe goldene Uhr von feiner Arbeit
gab ihm in den Augen der Bauern einen ungemein vornehmen Anstrich. Dieser Mann
bewegte sich mit einem edlen Anstande in den Gassen des Dorfes umher und trat
freundlich und leutselig in die niederen Tren, verschiedene alte Mtterchen und
Gevattern aufsuchend, und war niemand anders als der weitgereiste
Steinmetzgeselle Lee, welcher seine lange Wanderschaft ruhmvoll beendigt hatte.
Man kann wohl sagen ruhmvoll, wenn man bedenkt, da er vor zwlf Jahren, als ein
vierzehnjhriger Knabe, arm und blo aus dem Dorfe gewandert war, hierauf bei
seinem Meister die Lehrzeit durch lange Arbeit abverdienen mute, mit einem
drftigen Felleisen und wenig Geld in die Fremde zog und nun solchergestalt als
ein frmlicher Herr, wie ihn die Landleute nannten, zurckkehrte. Denn unter dem
niedern Dache seiner Verwandten standen zwei mchtige Kisten, von denen die eine
ganz mit Kleidern und feiner Wsche, die andere mit Modellen, Zeichnungen und
Bchern angefllt war. Es gab etwas Schwungvolles in dem ganzen Wesen des etwa
sechsundzwanzig Jahre alten Mannes; seine Augen glhten wie von einem
anhaltenden Glanze innerer Wrme und Begeisterung, er sprach immer hochdeutsch
und suchte das Unbedeutendste von seiner schnsten und besten Seite zu fassen.
Er hatte ganz Deutschland vom Sden bis zum Norden durchreist und in allen
groen Stdten gearbeitet; die Zeit der Befreiungskriege in ihrem ganzen Umfange
fiel mit seinen Wanderjahren zusammen, und er hatte die Bildung und den Ton
jener Tage in sich aufgenommen, insofern sie ihm verstndlich und zugnglich
waren; vorzglich teilte er das offene und treuherzige Hoffen der guten
Mittelklassen auf eine bessere, schnere Zeit der Wirklichkeit, ohne von den
geistigen berfeinerungen und Wunderseligkeiten etwas zu wissen, die in manchen
Elementen dazumal durch die hhere Gesellschaft wucherten.
    Es waren nur wenige gleichgesinnte Arbeitsgenossen, welche die ersten,
seltenen und verborgenen Keime bildeten zu der Selbstveredlung und Aufklrung,
so den wandernden Handwerkerstand zwanzig Jahre spter durchdrangen, und welche
einen Stolz darauf setzten, die besten und gesuchtesten Arbeiter zu sein, und
dadurch, verbunden mit Flei und Migkeit, die Mittel erlangten, auch ihren
Geist zu bilden und uerlich wie innerlich schon in ihren Wanderjahren als
achtungswerte, tchtige Mnner dazustehen. berdies war dem Steinhauer in den
groen Werken altdeutscher Baukunst ein Licht aufgegangen, welches seinen Pfad
noch mehr erleuchtete, indem es ihn mit heitern Knstlerahnungen erfllte und
den dunklen Trieb jetzt erst zu rechtfertigen schien, welcher ihm von der grnen
Weide hinweg dem gestaltenden Leben der Stdte zugefhrt hatte. Er lernte
zeichnen mit eisernem Fleie, brachte ganze Nchte und Feiertage damit zu, Werke
und Muster aller Art durchzupausen, und nachdem er den Meiel zu den
kunstreichsten Gebilden und Verzierungen fhren gelernt und ein vollkommener
Handarbeiter geworden war, ruhte er nicht, sondern studierte den Steinschnitt
und sogar solche Wissenschaften, welche andern Zweigen des Bauwesens angehren.
Er suchte berall an groen ffentlichen Bauten unterzukommen, wo es viel zu
sehen und zu lernen gab, und brachte es durch seine Aufmerksamkeit bald dahin,
da ihn die Baumeister ebensoviel auf ihren Arbeitszimmern am Zeichnen- oder
Schreibtische verwendeten als auf dem Bauplatze. Da er dort nicht feierte,
sondern manche Mittagsstunde damit zubrachte, alles mgliche durchzuzeichnen und
alle Berechnungen zu kopieren, welche er erhaschen konnte, versteht sich von
selbst. So wurde er zwar kein akademischer Knstler mit einer allseitigen
Durchbildung, aber doch ein Mann, welcher wohl den khnen Vorsatz fassen durfte,
in der Hauptstadt seiner Heimat ein wackerer Bau- und Maurermeister zu werden.
Mit dieser ausgesprochenen Absicht trat er nun auch im Dorfe zur groen
Bewunderung seiner Sippschaft auf, und das Erstaunen wurde noch grer, als er,
mit einem zierlichen Manschettenhemde bekleidet und sein reinstes Hochdeutsch
sprechend, sich mitten unter die franzsisch-griechischen Gestalten des
Pfarrhauses mischte und um die Pfarrerstochter warb. Der lndlich gesinnte
Bruder mochte hiezu eine Vermittlung, wenigstens ein aufmunterndes Beispiel
darbieten; die Jungfrau schenkte dem blhenden Freier bald ihr Herz, und die
Verwirrung, welche dadurch zu entstehen drohte, lste sich schnell, als die
Eltern der Braut kurz hintereinander starben.
    Also hielten sie eine stille Hochzeit und zogen in die Stadt, sich weiter
nicht nach der glanzvollen Vergangenheit des Pfarrhauses umsehend, in welches
alsobald der junge Pfarrer mit ganzen Wagen voll Sensen, Sicheln, Dreschflegeln,
Rechten, Heugabeln, mit gewaltigen Himmelbetten, Spinnrdern und Flachshecheln
und mit seiner kecken, frischen Frau einzog, welche mit ihrem gerucherten Speck
und mit ihren derben Mehlklen schnell smtliche Musselingewnder, Fcher und
Sonnenschirmchen aus Haus und Garten vertrieben hatte. Nur eine Wand voll
vortrefflicher Jagdgewehre, die auch der Nachfolger zu fahren wute, lockte im
Herbst einzelne Jger auf das Dorf und unterschied das Pfarrhaus einigermaen
von einem Bauernhause.
    In der Stadt fing jener junge Baumeister damit an, da er einige Arbeiter
anstellte und, selbst arbeitend vom Morgen bis zum Abend, kleinere Auftrge
aller Art annahm und darin so viel Geschick und Zuverlssigkeit zeigte, da noch
vor Ablauf eines Jahres sein Geschft sich erweiterte und sein Kredit sich
begrndete. Er war so erfinderisch und einsichtsvoll, gewandt und schnell
beraten, da bald viele Brger seinen Rat und seine Arbeit suchten, wenn sie im
Zweifel waren, wie sie etwas verndern oder neu bauen lassen sollten. Dabei war
er immer bestrebt, das Schne mit dem Ntzlichen zu verbinden, und war froh,
wenn ihn seine Kunden nur gewhren lieen, so da sie manche Zierde, manches
Fenster und Gesims von reineren Verhltnissen erhielten, ohne da sie deswegen
den Geschmack ihres Baumeisters teurer bezahlen muten. Seine Frau aber fhrte
mit wahrem Fanatismus das Hauswesen, welches durch verschiedene Arbeiter und
Dienstboten schnell erweitert wurde. Sie beherrschte mit Kraft und Meisterschaft
das Fllen und Leeren einer Anzahl groer Speisekrbe und war der Schrecken der
Marktweiber und die Verzweiflung der Schlchter, welche alle Gewalt ihrer alten
Rechte aufbieten muten, einen Knochensplitter mit auf die Waage zu bringen,
wenn das Fleisch fr die Frau Lee gewogen wurde. Obgleich Meister Lee fast keine
persnlichen Bedrfnisse hatte und unter seinen zahlreichen Grundstzen
derjenige der Sparsamkeit in der ersten Reihe stand, so war er doch so
gemeinntzig und groherzig, da das Geld fr ihn nur Wert hatte, wenn etwas
damit ausgerichtet oder geholfen wurde, sei es durch ihn oder durch andere;
daher verdankte er es nur seiner Frau, welche keinen Pfennig unntz ausgab und
den grten Ruhm darein setzte, jedermann weder um ein Haar zuwenig noch zuviel
zukommen zu lassen, da er nach Verflu von zwei oder drei Jahren schon
Ersparnisse vorfand, welche seinem unternehmenden Geiste nebst dem Kredite, den
er bereits geno, eine reichlichere Nahrung darboten. Er kaufte alte Huser an
fr eigene Rechnung, ri sie nieder und baute an der Stelle stattliche
Brgerhuser, in welchen er eine Menge Einrichtungen fremder oder eigener
Erfindung anbrachte. Diese verkaufte er mehr oder weniger vorteilhaft, sogleich
zu neuen Unternehmungen schreitend, und alle seine Gebude trugen das Geprge
eines bestndigen Strebens nach Formen- und Gedankenreichtum. Wein ein gelehrter
Architekt auch oft nicht wute, wohin er alle angebrachten Ideen zhlen sollte
und vieles der Unklarheit oder Unharmonie zeihen mute, so gestand er doch
immer, da es Gedanken seien, und belobte, wenn er unbefangen war, den schnen
Eifer dieses Mannes mitten in der geistesarmen und nchternen Zeit des
Bauwesens, wie sie wenigstens in den abgelegenen Provinzen des Kunstgebietes
bestand.
    Dies ttige Leben versetzte den unermdlichen Mann in den Mittelpunkt eines
weiten Kreises von Brgern, welche alle zu ihm in Wechselwirkung traten, und
unter diesen bildete sich ein engerer Ausschu gleichgesinnter und empfnglicher
Mnner, denen er sein rastloses Suchen nach dem Guten und Schnen mitteilte. Es
war nun um die Mitte der zwanziger Jahre, wo in der Schweiz eine groe Anzahl
gebildeter Mnner aus dem Schoe der herrschenden Klassen selbst, die
abgeklrten Ideen der groen Revolution wiederaufnehmend, einen frucht-und
dankbaren Boden fr die Julitage vorbereiteten und die edlen Gter der Bildung
und Menschenwrde sorgsam pflegten. Zu diesen bildete Lee mit seinen Genossen,
an seinem Orte, eine tchtige Fortsetzung im arbeitenden Mittelstande, welcher
von jeher aus der Tiefe des Volkes auf den Landschaften umher seine Wurzeln
trieb und sich erneuerte. Whrend jene Vornehmen und Gelehrten die knftige Form
des Staates, philosophische und Rechtswahrheiten besprachen und im allgemeinen
die Fragen schnerer Menschlichkeit zu ihrem Gebiete machten, wirkten die
rhrigen Handwerker mehr unter sich und nach unten hin, indem sie einstweilen
ganz praktisch so gut als mglich sich einzurichten suchten. Eine Menge Vereine,
fter die ersten in ihrer Art, wurden gestiftet, welche meistens irgendeine
Versicherung zum Wohle der Mitglieder und ihrer Angehrigen zum Zwecke hatten.
Schulen wurden gesellschaftsweise gegrndet, um den Kindern des gemeinen Mannes
eine bessere Erziehung zu sichern; kurz, eine Menge Unternehmungen dieser Art,
zu jener Zeit noch neu und verdienstlich, gab den braven Leuten zu schaffen und
Gelegenheit, sich daran emporzubilden. Denn in zahlreichen Zusammenknften
muten Statuten aller Art entworfen, beraten, durchgesehen und angenommen,
Vorsteher gewhlt und nach auen wie nach innen Rechte und Formen erklrt und
gewahrt werden.
    Zu diesen verschiedenen Elementen kam und berhrte sie gemeinschaftlich der
griechische Freiheitskampf, welcher auch hier, wie berall, zum ersten Mal in
der allgemeinen Ermattung die Geister wieder erweckte und erinnerte, da die
Sache der Freiheit diejenige der ganzen Menschheit sei. Die Teilnahme an den
hellenischen Bettigungen verlieh auch den nicht philologischen Genossen zu
ihrer brigen Begeisterung einen edlen kosmopolitischen Schwung und benahm den
hellgesinnten Gewerbsleuten den letzten Anflug von Spie- und Pfahlbrgertum.
Lee war berall mit voran, ein zuverlssiger, hingebender Freund fr alle,
seines reinen Charakters und seiner gehobenen Gesinnung wegen allgemein
geachtet, ja geehrt. Er war um so glcklicher zu nennen, als er dabei nicht von
Eitelkeit befangen war; und erst jetzt fing er von neuem an zu lernen und
nachzuholen, was ihm erreichbar war. Er trieb auch seine Freunde dazu an, und es
gab bald keinen derselben mehr, der nicht eine kleine Sammlung geschichtlicher
und naturwissenschaftlicher Werke aufzuweisen hatte. Da fast allen in ihrer
Jugend die gleiche drftige Erziehung zuteil geworden, so ging ihnen nun
besonders bei ihrem Eindringen in die Geschichte ein reiches und ergiebiges Feld
auf, welches sie mit immer grerer Freude durchwandelten. Ganze Stuben voll
waren sie an Sonntagsmorgen beisammen, disputierten und teilten sich die immer
neuen Entdeckungen mit, wie allezeit die gleichen Ursachen die gleichen
Wirkungen hervorgebracht htten und dergleichen. Wenn sie auch Schiller auf die
Hhen seiner philosophischen Arbeiten nicht zu folgen vermochten, so erbauten
sie sich um so mehr an seinen geschichltlichen Werken, und von diesem
Standpunkte aus ergriffen sie auch seine Dichtungen, welche sie auf diese Weise
ganz praktisch nachfhlten und genossen, ohne auf die knstlerische
Rechenschaft, die jener Groe sich selber gab, weiter eingehen zu knnen. Sie
hatten die grte Freude an seinen Gestalten und wuten nichts hnliches
aufzufinden, das sie so befriedigt htte. Seine gleichmige Glut und Reinheit
des Gedankens und der Sprache war mehr der Ausdruck fr ihr schlichtes,
bescheidenes Treiben als fr das Wesen mancher Schillerverehrer der gelehrten
heutigen Welt. Aber einfach und durchaus praktisch, wie sie waren, fanden sie
nicht volles Gengen an der dramatischen Lektre im Schlafrock; sie wnschten
diese bedeutsamen Begebenheiten leibhaftig und farbig vor sich zu sehen, und
weil von einem stehenden Theater in den damaligen Schweizerstdten nicht die
Rede war, so entschlossen sie sich, wiederum angefeuert von Lee, kurz und
spielten selbst Komdie, so gut sie konnten. Die Bhne und die Maschinen waren
freilich schneller und grndlicher hergestellt, als die Rollen erlernt wurden,
und mancher suchte sich ber den Umfang seiner Aufgabe selbst zu tuschen, indem
er mit vergrerter Kraft Ngel einschlug und Latten entzweisgte; doch ist es
nicht zu leugnen, da ein groer Teil der Gewandtheit im Ausdruck und des uern
Anstandes, welche fast allen jenen Freunden eigen geblieben ist, auf Rechnung
solcher bungen gesetzt werden darf. Wie sie lter wurden, lieen sie
dergleichen Dinge wieder bleiben, aber sie behielten den Sinn fr das Erbauliche
in jeder Beziehung getreulich bei. Wrde man heutzutage fragen, wo sie denn die
Zeit zu alledem hergenommen haben, ohne ihre Arbeit und ihr Haus zu
vernachlssigen so wre zu antworten, da es erstens noch gesunde und naive
Mnner und keine Grbler waren, welche zu jeder Tat und jeder auerordentlichen
Arbeit einen Schatz von Zeit verschwenden muten, indem sie alles zerfaserten
und breitquetschten, ehe es geniebar war, und da zweitens die tglichen
Stunden von sieben bis zehn Uhr abends, gleichmig benutzt, eine viel
ansehnlichere Masse von Zeit ausmachen, als der Brger heute glaubt, welcher
dieselben hinter dem Weinglase im Tabaksqualm verbrtet. Man war damals noch
nicht einer Rotte von Schenkwirten tributpflichtig, sondern zog es vor, im
Herbste das edle Gewchs selbst einzukellern, und es war keiner dieser
Handwerker, vermglich oder arm, der sich nicht geschmt htte, am Schlusse der
abendlichen Zusammenknfte ein Glas derben Tischweines mangeln zu lassen oder
denselben aus der Schenke holen zu mssen. Whrend des Tages sah man keinen,
oder hchstens flchtig und heimlich, vor den Gesellen es verbergend, ein Buch
oder eine Papierrolle in die Werkstatt eines andern bringen, und sie sahen
alsdann aus wie Schulknaben, welche unter dem Tische den Plan zu einer
rhmlichen Kriegsunternehmung zirkulieren lassen.
    Doch sollte dies aufgeregte Leben auf andere Weise Unheil bringen. Lee hatte
sich, bei seinen gehuften Arbeiten in steter Anstrengung, eines Tages stark
erhitzt und achtlos nachher erkltet, was den Keim gefhrlicher Krankheit in ihn
legte. Anstatt sich nun zu schonen und auf jede Weise in acht zu nehmen, konnte
er es nicht lassen, sein Treiben fortzusetzen und berall mit Hand anzulegen, wo
etwas zu tun war. Schon seine vielfltigen Berufsgeschfte nahmen seine volle
Ttigkeit in Anspruch, welche er nicht pltzlich schwchen zu drfen glaubte. Er
rechnete, spekulierte, schlo Vertrge, ging weit ber Land, um Einkufe zu
besorgen, war im gleichen Augenblick zuoberst auf den Gersten und zuunterst in
den Gewlben, ri einem Arbeiter die Schaufel aus der Hand und tat einige
gewichtige Wrfe damit, ergriff ungeduldig den Hebebaum, um eine mchtige
Steinlast herumwlzen zu helfen, hob, wenn es ihm zu lange ging, bis Leute
herbeikamen, selbst einen Balken auf die Schultern und trug ihn keuchend an Ort
und Stelle, und statt dann zu ruhen, hielt er am Abend in irgendeinem Verein
einen lebhaften Vortrag oder war in spter Nacht ganz umgewandelt auf den
Brettern, leidenschaftlich erregt, mit hohen Idealen in einem mhsamen Ringen
begriffen, welches ihn noch weit mehr anstrengen mute als die Tagesarbeit. Das
Ende war, da er pltzlich dahinstarb als ein junger, blhender Mann, in einem
Alter, wo andere ihre Lebensarbeit erst beginnen, mitten in seinen Entwrfen und
Hoffnungen und ohne die neue Zeit aufgehen zu sehen, welcher er mit seinen
Freunden zuversichtlich entgegenblickte. Er lie seine Frau mit einem
fnfjhrigen Kinde allein zurck, und dies Kind bin ich.
    Der Mensch rechnet immer das, was ihm fehlt, dem Schicksale doppelt so hoch
an als das, was er wirklich besitzt; so haben mich auch die langen Erzhlungen
der Mutter immer mehr mit Sehnsucht nach meinem Vater erfllt, welchen ich nicht
mehr gekannt habe. Meine deutlichste Erinnerung an ihn fllt sonderbarerweise um
ein volles Jahr vor seinen Tod zurck, auf einen einzelnen schnen Augenblick,
wo er an einem Sonntagabend auf dem Felde mich auf den Armen trug, eine
Kartoffelstaude aus der Erde zog und mir die anschwellenden Knollen zeigte,
schon bestrebt, Erkenntnis und Dankbarkeit gegen den Schpfer in mir zu
erwecken. Ich sehe noch jetzt das grne Kleid und die schimmernden Metallknpfe
zunchst meinen Wangen und seine glnzenden Augen, in welche ich verwundert sah
von der grnen Staude weg, die er hoch in die Luft hielt. Meine Mutter rhmte
mir nachher oft, wie sehr sie und die begleitende Magd erbaut gewesen seien von
seinen schnen Reden. Aus noch frheren Tagen ist mir seine Erscheinung
ebenfalls geblieben durch die befremdliche berraschung der vollen
Waffenrstung, in welcher er eines Morgens Abschied nahm, um mehrtgigen bungen
beizuwohnen; da er ein Schtze war, so ist auch dies Bild mit der lieben grnen
Farbe und mit heiterm Metallglanze fr mich ein und dasselbe geworden. Aus
seiner letzten Zeit aber habe ich nur noch einen verworrenen Eindruck behalten,
und besonders seine Gesichtszge sind mir nicht mehr erinnerlich.
    Wenn ich bedenke, wie hei treue Eltern auch an ihren ungeratensten Kindern
hangen und dieselben nie aus ihrem Herzen verbannen knnen, so finde ich es
hchst unnatrlich, wenn sogenannte brave Leute ihre Erzeuger verlassen und
preisgeben, weil dieselben schlecht sind und in der Schande leben, und ich
preise die Liebe eines Kindes, welches einen zerlumpten und verachteten Vater
nicht verlt und verleugnet, und begreife das unendliche, aber erhabene Weh
einer Tochter, welche ihrer verbrecherischen Mutter noch auf dem Schafotte
beisteht. Ich wei daher nicht, ob es aristokratisch genannt werden kann, wenn
ich mich doppelt glcklich fhle, von ehrlichen und geachteten Eltern
abzustammen, und wenn ich vor Freude errtete, als ich, herangewachsen, zum
ersten Male meine brgerlichen Rechte ausbte in bewegter Zeit und in
Versammlungen mancher bejahrte Mann zu mir herantrat, mir die Hand schttelte
und sagte, er sei ein Freund meines Vaters gewesen und er freue sich, mich auch
auf dem Platze erscheinen zu sehen; als dann noch mehrere kamen und jeder den
Mann gekannt haben und hoffen wollte, ich werde ihm wrdig nachfolgen. Ich
kann mich nicht enthalten, sosehr ich die Torheit einsehe, oft Luftschlsser zu
bauen und zu berechnen, wie es mit mir gekommen wre, wenn mein Vater gelebt
htte, und wie mir die Welt in ihrer Kraftflle von frhester Jugend an
zugnglich gewesen wre; jeden Tag htte mich der treffliche Mann weitergefhrt
und wrde seine zweite Jugend in mir verlebt haben. Wie mir das Zusammenleben
zwischen Brdern ebenso fremd als beneidenswert ist und ich nicht begreife, wie
solche meistens auseinanderweichen und ihre Freundschaft auerwrts suchen, so
erscheint mir auch, ungeachtet ich es tglich sehe, das Verhltnis zwischen
einem Vater und einem erwachsenen Sohne um so neuer, unbegreiflicher und
glckseliger, als ich Mhe habe, mir dasselbe auszumalen und das nie Erlebte zu
vergegenwrtigen.
    So aber mu ich mich darauf beschrnken, je mehr ich zum Manne werde und
meinem Schicksal entgegenschreite, mich, zusammenzufassen und in der Tiefe
meiner Seele still zu bedenken: Wie wrde er nun an deiner Stelle handeln, oder
was wrde er von deinem Tun urteilen, wenn er lebte. Er ist vor der Mittagshhe
seines Lebens zurckgetreten in das unerforschliche All und hat die berkommene
goldene Lebensschnur, deren Anfang niemand kennt, in meinen schwachen Hnden
zurckgelassen, und es bleibt mir nur brig, sie mit Ehren an die dunkle Zukunft
zu knpfen oder vielleicht fr immer zu zerreien, wenn auch ich sterben werde.
- Nach vielen Jahren hat meine Mutter, nach langen Zwischenrumen, wiederholt
getrumt, der Vater sei pltzlich von einer langen Reise aus weiter Ferne, Glck
und Freude bringend, zurckgekehrt, und sie erzhlte es jedesmal am Morgen, um
darauf in tiefes Nachdenken und in Erinnerungen zu versinken, whrend ich, von
einem heiligen Schauer durchweht, mir vorzustellen suchte, mit welchen Blicken
mich der teure Mann ansehen und wie es unmittelbar werden wrde, wenn er
wirklich eines Tages so erschiene.
    Je dunkler die Ahnung ist, welche ich von seiner ueren Erscheinung in mir
trage, desto heller und klarer hat sich ein Bild seines innern Wesens vor mir
aufgebaut, und dies edle Bild ist fr mich ein Teil des groen Unendlichen
geworden, auf welches mich meine letzten Gedanken zurckfhren und unter dessen
Obhut ich zu wandeln glaube.

                                Drittes Kapitel



                    Kindheit. Erste Theologie. Schulbnklein

Die erste Zeit nach dem Tode meines Vaters war fr seine Witwe eine schwere Zeit
der Trauer und Sorge. Seine ganze Verlassenschaft befand sich im Zustande des
vollen Umschwunges und erforderte weitlufige Verhandlungen, um sie ins reine zu
bringen. Eingegangene Vertrge waren mitten in ihrer Erfllung abgebrochen,
Unternehmungen gehemmt, groe laufende Rechnungen zu bezahlen und solche
einzuziehen an allen Ecken und Enden; Vorrte von Baustoffen muten mit Verlust
verkauft werden, und es war zweifelhaft, ob bei der augenblicklichen Lage der
Verhltnisse auch nur ein Pfennig brig bleiben wrde, wovon die bekmmerte Frau
leben sollte. Gerichtsmnner kamen, legten Siegel an und lsten sie wieder; die
Freunde des Verstorbenen und zahlreiche Geschftsleute gingen ab und zu, halfen
und ordneten; es wurde durchgesehen, gerechnet, abgesondert, gesteigert. Kufer
und neue Unternehmer meldeten sich, suchten die Summen herunterzudrcken oder
mehr in Beschlag zu nehmen, als ihnen gebhrte, es war ein Gerusch und eine
Spannung, da meine Mutter, welche immer mit wachsamen Augen dabeistand, zuletzt
nicht mehr wute, wie sie sich helfen sollte. Allmhlich klrte sich die
Verwirrung auf, ein Geschft um das andere war abgetan, alle Verbindlichkeiten
gelst und die Forderungen gesichert, und es zeigte sich nun, da das Haus, in
welchem wir zuletzt wohnten, als einziges Vermgen brigblieb. Es war ein altes
hohes Gebude, mit vielen Rumen und von unten bis oben bewohnt wie ein
Bienenkorb. Der Vater hatte es gekauft in der Absicht, ein neues an dessen
Stelle zu setzen; da es aber von altertmlicher Bauart war und an Tren und
Fenstern wertvolle berbleibsel knstlicher Arbeit trug, so konnte er sich
schwer entschlieen, es einzureien, und bewohnte es indessen nebst einer Anzahl
von Mietsleuten. Auf diesem Hause blieben zwar noch einige fremde Kapitalien
haften, jedoch hatte es der rhrige Mann in der Schnelligkeit so gut
eingerichtet und vermietet, da ein jhrlicher berschu an Mietgeldern den
Hinterlassenen ein bescheidenes Auskommen sicherte.
    Das erste, was meine Mutter begann, war eine gnzliche Einschrnkung und
Abschaffung alles berflssigen, wozu voraus jede Art von dienstbaren Hnden
gehrte. In der Stille dieses Witwentumes fand ich mein erstes deutliches
Bewutsein, welches seinen Inhaber zur bung treppauf und - ab im Innern des
Hauses umherfhrte. Die untern Stockwerke sind dunkel, sowohl in den Gemchern
wegen der Enge der Gassen als auf den Treppenrumen und Fluren, weil alle
Fenster fr die Zimmer benutzt wurden. Einige Vertiefungen und Seitengnge gaben
dem Raume ein dsteres und verworrenes Ansehen und blieben noch zu entdeckende
Geheimnisse fr mich; je hher man aber steigt, desto freundlicher und heller
wird es, indem der oberste Stock, den wir bewohnten, die Nachbarhuser berragt.
Ein hohes Fenster wirft reichliches Licht auf die mannigfaltig gebrochenen
Treppen und wunderlichen Holzgalerien des luftigen Estrichs, welcher einen
hellern Gegensatz zu den khlen Finsternissen der Tiefe bildet. Die Fenster
unserer Wohnstube gingen auf eine Menge kleiner Hfe hinaus, wie sie oft von
einem Huserviertel umschlossen werden und ein verborgenes behagliches Gesumme
enthalten, welches man auf der Strae nicht ahnt. Den Tag ber betrachtete ich
stundenlang das innere husliche Leben in diesen Hfen; die grnen Grtchen in
denselben schienen mir kleine Paradiese zu sein, wenn die Nachmittagssonne sie
beleuchtete und die weie Wsche darin sanft flatterte, und wunderfremd und doch
bekannt kamen mir die Leute vor, welche ich fern gesehen hatte, wenn sie
pltzlich einmal in unsrer Stube standen und mit der Mutter plauderten. Unser
eigenes Hfchen enthielt zwischen hohen Mauern ein ganz kleines Stckchen Rasen
mit zwei Vogelbeerbumchen; ein nimmermdes Brnnchen ergo sich in ein ganz
grn gewordenes Sandsteinbecken, und der enge Winkel ist khl und fast
schauerlich, ausgenommen im Sommer, wo die Sonne tglich einige Stunden lang
darin ruht. Alsdann schimmert das verborgene Grn durch den dunklen Hausflur so
kokett auf die Gasse, wenn die Haustr aufgeht, da den Vorbergehenden immer
eine Art Gartenheimweh befllt. Im Herbste werden diese Sonnenblicke krzer und
milder, und wenn dann die Bltter an den zwei Bumchen gelb und die Beeren
brennend rot werden, die alten Mauern so wehmtig vergoldet sind und das
Wsserchen einigen Silberglanz dazugibt, so hat dieser kleine abgeschiedene Raum
einen so wunderbar melancholischen Reiz, da er dem Gemte ein Genge tut wie
die weiteste Landschaft. Gegen Sonnenuntergang jedoch stieg meine Aufmerksamkeit
an den Husern in die Hhe und immer hher, je mehr sich die Welt von Dchern,
die ich von unserm Fenster aus bersah, rtete und vom schnsten Farbenglanze
belebt wurde. Hinter diesen Dchern war fr einmal meine Welt zu Ende; denn den
duftigen Kranz von Schneegebirgen, welcher hinter den letzten Dachfirsten halb
sichtbar ist, hielt ich, da ich ihn nicht mit der festen Erde verbunden sah,
lange Zeit fr eins mit den Wolken. Als ich spter zum ersten Male rittlings auf
dem obersten Grate unseres hohen, ungeheuerlichen Daches sa und die ganze
ausgebreitete Pracht des Sees bersah, aus welchem die Berge in festen
Gestalten, mit grnen Fen aufstiegen, da kannte ich freilich ihre Natur schon
von ausgedehnteren Streifzgen im Freien; fr jetzt aber konnte mir die Mutter
lange sagen, das seien groe Berge und mchtige Zeugen von Gottes Allmacht, ich
vermochte sie darum nicht besser von den Wolken zu unterscheiden, deren Ziehen
und Wechseln mich am Abend fast ausschlielich beschftigte, deren Name aber
ebenso ein leerer Schall fr mich war wie das Wort Berg. Da die fernen
Schneekuppen bald verhllt, bald heller oder dunkler, wei oder rot sichtbar
waren, so hielt ich sie wohl fr etwas Lebendiges, Wunderbares und Mchtiges wie
die Wolken und pflegte auch andere Dinge mit dem Namen Wolke oder Berg zu
belegen, wenn sie mir Achtung und Neugierde einflten. So nannte ich, ich hre
das Wort noch schwach in meinen Ohren klingen, und man hat es mir nachher oft
erzhlt, die erste weibliche Gestalt, welche mir wohlgefiel und ein Mdchen aus
der Nachbarschaft war, die weie Wolke, von dem ersten Eindrucke, den sie in
einem weien Kleide auf mich gemacht hatte. Mit mehr Richtigkeit nannte ich
vorzugsweise ein langes hohes Kirchendach, das mchtig ber alle Giebel
emporragte, den Berg. Seine gegen Westen gekehrte groe Flche war fr meine
Augen ein unermeliches Feld, auf welchem sie mit immer neuer Lust ruhten, wenn
die letzten Strahlen der Sonne es beschienen, und diese schiefe, rotglhende
Ebene ber der dunklen Stadt war fr mich recht eigentlich das, was die
Phantasie sonst unter seligen Auen oder Gefilden versteht. Auf diesem Dache
stand ein schlankes, nadelspitzes Trmchen, in welchem eine kleine Glocke hing
und auf dessen Spitze sich ein glnzender goldener Hahn drehte. Wenn in der
Dmmerung das Glckchen lutete, so sprach meine Mutter von Gott und lehrte mich
beten; ich fragte :Was ist Gott? ist es ein Mann? und sie antwortete: Nein,
Gott ist ein Geist! Das Kirchendach versank nach und nach in grauen Schatten,
das Licht klomm an dem Trmchen hinauf, bis es zuletzt nur noch auf dem goldenen
Wetterhahne funkelte, und eines Abends fand ich mich pltzlich des bestimmten
Glaubens, da dieser Hahn Gott sei. Er spielte auch eine unbestimmte Rolle der
Anwesenheit in den kleinen Kindergebeten, welche ich mit vielem Vergngen
herzusagen wute. Als ich aber einst ein Bilderbuch bekam, in dem ein prchtig
gefrbter Tiger ansehnlich dasitzend abgebildet war, ging meine Vorstellung von
Gott allmhlich auf diesen ber, ohne da ich jedoch, sowenig wie vom Hahne, je
eine Meinung darber uerte. Es waren ganz innerliche Anschauungen, und nur
wenn der Name Gottes genannt wurde, so schwebte mir erst der glnzende Vogel und
nachher der schne Tiger vor. Allmhlich mischte sich zwar nicht ein klareres
Bild, aber ein edlerer Begriff in meine Gedanken. Ich betete mein Unservater,
dessen Einteilung und Abrundung mir das Einprgen leicht und das Wiederholen zu
einer angenehmen bung gemacht hatte, mit groer Meisterschaft und vielen
Variationen, indem ich diesen oder jenen Teil doppelt und dreifach aussprach
oder nach raschem und leisem Hersagen eines Satzes den folgenden langsam und
laut betonte und dann rckwrts betete und mit den Anfangsworten Vater unser
schlo. Aus diesem Gebete hatte sich eine Ahnung in mir niedergeschlagen, da
Gott ein Wesen sein msse, mit welchem sich allenfalls ein vernnftiges Wort
sprechen liee, eher als mit jenen Tiergestalten.
    So lebte ich in einem unschuldig vergnglichen Verhltnisse mit dem hchsten
Wesen, ich kannte keine Bedrfnisse und keine Dankbarkeit, kein Recht und kein
Unrecht und lie Gott herzlich einen guten Mann sein, wenn meine Aufmerksamkeit
von ihm abgezogen wurde.
    Ich fand aber bald Veranlassung, in ein bewuteres Verhltnis zu ihm zu
treten und zum ersten Mal meine menschlichen Ansprche zu ihm zu erheben, als
ich, sechs Jahre alt, mich eines schnen Morgens in einen melancholischen Saal
versetzt sah, in welchem etwa fnfzig bis sechzig kleine Knaben und Mdchen
unterrichtet wurden. In einem Halbkreise mit sieben andern Kindern um eine Tafel
herum stehend, auf welcher groe Buchstaben prangten, lauschte ich sehr still
und gespannt auf die Dinge, die da kommen sollten. Da wir smtlich Neulinge
waren, so wollte der Oberschulmeister, ein ltlicher Mann mit einem groen
groben Kopfe, die erste Leitung selbst fr eine Stunde besorgen und forderte uns
auf, abwechselnd die sonderbaren Figuren zu benennen. Ich hatte schon seit
geraumer Zeit einmal das Wort Pumpernickel gehrt, und es gefiel mir ungemein,
nur wute ich durchaus keine leibliche Form dafr zu finden, und niemand konnte
mir eine Auskunft geben, weil die Sache, welche diesen Namen fhrt, einige
hundert Stunden weit zu Hause war. Nun sollte ich pltzlich das groe P
benennen, welches mir in seinem ganzen Wesen uerst wunderlich und humoristisch
vorkam, und es ward in meiner Seele klar, und ich sprach mit Entschiedenheit:
Dieses ist der Pumpernickel! Ich hegte keinen Zweifel, weder an der Welt noch
an mir, noch am Pumpernickel, und war froh in meinem Herzen; aber je ernsthafter
und selbstzufriedener mein Gesicht in diesem Augenblicke war, desto mehr hielt
mich der Schulmeister fr einen durchtriebenen und frechen Schalk, dessen
Bosheit sofort gebrochen werden mte, und er fiel ber mich her und schttelte
mich eine Minute lang so wild an den Haaren, da mir Hren und Sehen verging.
Dieser berfall kam mir seiner Fremdheit und Neuheit wegen wie ein bser Traum
vor, und ich machte augenblicklich nichts daraus, als da ich, stumm und
trnenlos, aber voll innerer Beklemmung den Mann ansah. Die Kinder haben mich
von jeher gergert, welche, wenn sie gefehlt haben oder sonst in Konflikt
geraten, bei der leisesten Berhrung oder schon bei deren Annherung in ein
abscheuliches Zetergeschrei ausbrechen, das einem die Ohren zerreit; und wenn
solche Kinder gerade dieses Geschreies wegen oft doppelte Schlge bekommen, so
litt ich am entgegengesetzten Extrem und verschlimmerte meine Hndel stets
dadurch, da ich nicht imstande war, eine einzige Trne zu vergieen vor meinen
Richtern. Als daher der Schulmeister sah, da ich nur erstaunt nach meinem Kopfe
langte, ohne zu weinen, fiel er noch einmal ber mich her, um mir den
vermeintlichen Trotz und die Verstocktheit grndlich auszutreiben. Ich litt nun
wirklich; anstatt aber in ein Geheul auszubrechen, rief ich flehentlich in
meiner Angst: Sondern erlse uns von dem Bsen! und hatte dabei Gott vor
Augen, von dem man mir so oft gesagt hatte, da er dem Bedrngten ein
hilfreicher Vater sei. Fr den guten Lehrer aber war dies zu stark; der Fall war
nun zum auerordentlichen Ereignisse gediehen, und er lie mich daher stracks
los, mit aufrichtiger Bekmmernis darber nachdenkend, welche Behandlungsart
hier angemessen sei. Wir wurden fr den Vormittag entlassen, der Mann fhrte
mich selbst nach Hause. Erst dort brach ich heimlich in Trnen aus, indem ich
abgewandt am Fenster stand und die ausgerissenen Haare aus der Stirn wischte,
whrend ich anhrte, wie der Mann, der mir im Heiligtum unserer Stube doppelt
fremd und feindlich erschien, eine ernsthafte Unterredung mit der Mutter fhrte
und versichern wollte, da ich schon durch irgendein bses Element verdorben
sein mte. Sie war nicht minder erstaunt als wir beiden andern, indem ich, wie
sie sagte, ein durchaus stilles Kind wre, welches bisher noch nie aus ihren
Augen gekommen sei und keine groben Unarten gezeigt htte. Allerlei seltsame
Einflle htte ich allerdings bisweilen, aber sie schienen nicht aus einem
schlimmen Gemte zu kommen, und ich mte mich wohl erst ein wenig an die Schule
und ihre Bedeutung gewhnen. Der Lehrer gab sich zufrieden, doch mit
Kopfschtteln, und war innerlich berzeugt, wie sich aus wiederholten Fllen
ergab, da ich gefhrliche Anlagen zeige. Er sagte auch sehr bedeutsam beim
Abschiede, da stille Wasser gewhnlich tief wren. Dieses Wort habe ich seither
in meinem Leben fter hren mssen, und es hat mich immer gekrnkt, weil es
keinen grern Plauderer gibt als mich, wenn ich zutraulich bin. Ich habe aber
bemerkt, da viele Menschen, welche immer das groe Wort fhren, aus denen nie
klug werden, welche ihretwegen nie zu Worte kommen; sie fassen dann ein
ungnstiges Vorurteil, sobald sie mit Schwatzen fertig sind und es still
geworden ist. Sprechen jene aber einmal unerwarteterweise, so kommt es ihnen
noch verdchtiger vor. Im Umgange mit stillen Kindern aber kann es ein wahres
Unglck werden, wenn die groen Schwtzer sich nicht anders zu helfen wissen als
mit dem Gemeinplatze Stille Wasser sind tief!
    Am Nachmittage wurde ich wieder in die Schule geschickt, und ich trat mit
groem Mitrauen in die gefhrlichen Hallen, welche die Verwirklichung seltsamer
und bengstigender Trume zu sein schienen. Ich bekam aber den bsen Schulmann
nicht zu Gesicht; er hielt sich in einem Verschlage auf, welcher eine Art
Geheimzimmer vorstellte und ihm zur Einnahme von kleinen Kollationen diente. An
der Tre dieses Verschlages befand sich ein rundes Fensterchen, durch welches
der Tyrann fters den Kopf zu stecken pflegte, wenn drauen ein Gerusch
entstand. Die Glasscheibe dieses Fensterchens fehlte seit geraumer Zeit, so da
er durch den leeren Rahmen sein Haupt weit in die Schulstube hineinstrecken
konnte zur sattsamen Umsicht. An diesem verhngnisvollen Tage nun hatte der
Hausmeister gerade whrend der Mittagszeit die fehlende Scheibe ersetzen lassen,
und ich schielte eben ngstlich nach derselben, als sie mit hellem Klirren
zersprang und der umfangreiche Kopf meines Widersachers hindurchfuhr. Die erste
Bewegung in mir war ein Aufjauchzen der herzlichsten Freude, und erst als ich
sah, da er bel zugerichtet war und blutete, da wurde ich betreten, und es ward
zum dritten Male klar in meiner Seele, und ich verstand die Worte Und vergib uns
unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern! So hatte ich an
diesem ersten Tage schon viel gelernt; zwar nicht, was der Pumpernickel sei,
wohl aber, da man in der Not einen Gott anrufen msse, da derselbe gerecht sei
und uns zu gleicher Zeit lehre, keinen Ha und keine Rache in uns zu tragen. Aus
dem Gebote, seinen Beleidigern zu vergeben, entsteht, wenn es befolgt wird, von
selbst die Kraft, auch seine Feinde zu lieben; denn fr die Mhe welche uns jene
berwindung kostet, fordern wir einen Lohn, und dieser liegt zunchst und am
natrlichsten in dem Wohlwollen, welches wir dem Feinde schenken da er uns
einmal nicht gleichgltig bleiben kann. Wohlwollen und Liebe knnen nicht gehegt
werden, ohne den Trger selbst zu veredeln, und sie tun dieses am glnzendsten,
wenn sie dem gelten, was man einen Feind oder Widersacher nennt. Diese
eigentmlichste Hauptlehre des Christentums fand eine groe Empfnglichkeit in
mir vor, da ich, leicht verletzt und aufgebracht, immer ebenso schnell bereit
war zu vergessen und zu vergeben, und es hat mich spter, als mein Sinn sich der
Offenbarungslehre zu verschlieen anfing, lebhaft beschftigt zu ermitteln,
inwiefern jenes Gesetz nur der Ausdruck eines schon in der Menschheit
vorhandenen und erkannten Bedrfnisses sei; denn ich sah, da es nur von einem
bestimmten Teile der Menschen rein und uneigenntzig befolgt wurde, von
denjenigen nmlich, welche ihre natrlichen Gemtsanlagen dazu trieben. Die
andern, welche ihr ursprngliches Rachegefhl berwanden und auf das
Vergeltungsrecht mit Mhe verzichteten, schienen mir oft dadurch mehr Vorteil
ber ihren Feind zu gewinnen, als sich mit dem Begriffe der reinen
Selbstentuerung vertrug; weil zufolge der tiefen Vernunft und Klugheit, die
zugleich im Verzeihen liegt, der Widersacher allein es ist, welcher sich in
seiner unfruchtbaren Wut aufreibt und vernichtet. Dies Verzeihen ist es auch,
was in groen geschichtlichen Kmpfen die berlegenheit des Siegers, nachdem er
einen Handel mnnlich ausgefochten hat, vermehrt und beurkundet, da dieselbe
auch moralisch eine reifgewordene ist. So ist das Schonen und Aufrichten des
gebeugten Gegners mehr Sache der allgemeinen Weltweisheit; das eigentliche
Lieben aber des Feindes, in voller Blte und solange er uns Schaden zufgt, habe
ich nirgends gesehen.

                                Viertes Kapitel



                      Lob Gottes und der Mutter. Vom Beten

Im Verlaufe der ersten Schuljahre fand ich nun hufige Gelegenheit, meinen
Verkehr mit Gott zu erweitern, da die kleinen Erlebnisse sich vermehrten. Ich
hatte mich bald in den Weltlauf ergeben und tat, wie die andern Kinder, was ich
nicht lassen konnte. Dadurch war ich abwechselnd zufrieden und geriet in
Bedrngnis, wie es das Wohlverhalten oder die Vernachlssigung meiner Pflichten
nebst allerhand kindischem Unfuge mit sich brachten. In jeder blen Lage aber
rief ich Gott an und betete in meinem Innern in wenigen wohlgesetzten Worten,
wenn die Krisis zu reifen begann, um eine gnstige Entscheidung und um Rettung
aus der Gefahr, und ich mu zu meiner Schande gestehen, da ich immer entweder
das Unmgliche oder das Ungerechte verlangte. Oft war es der Fall, da meine
Snden bersehen wurden; und alsdann lie ich es nicht an herzlichen Dankgebeten
aus dem Stegreife fehlen, welche um so vergnglicher waren, als mir der Sinn fr
die Verdientheit der Strafe so lange verschlossen blieb, bis ich bewute Fehler
beging. So bestand der Stoff meiner Anrufungen aus der wunderlichsten Mischung
das eine Mal bat ich um die gelungene Probe eines schwierigen Rechenexempels
oder da der Vor gesetzte fr einen Tintenklecks in meinem Hefte mit Blindheit
geschlagen werde; das andere Mal, ein zweiter Josua, um Still stand der Sonne,
wenn ich mich zu verspten drohte, oder auch um Erlangung eines fremden leckeren
Backwerkes. Als die Jungfrau, welche ich die weie Wolke nannte, einst fr lange
Zeit verreiste und eines Abends bei uns Abschied nahm, whrend ich schon in
meinem Bettchen lag, jedoch alles hrte, bat ich meinen himmlischen Vater in
sehnlichen Ausdrcken, er mchte bewirken, da sie mich hinter meinen Vorhngen
nicht vergesse und noch einmal tchtig ksse. Ich schlief ber der steten
Wiederholung des gleichen kurzen Satzes endlich ein und wei zur Stunde noch
nicht, ob meine Bitte in Erfllung gegangen ist.
    Eines Tages wurde ich zur Strafe ber die Mittagszeit in der Schule
zurckbehalten und eingeschlossen, so da ich erst auf den Abend zu essen bekam.
Das war das erste Mal, wo ich den Hunger kennen und zugleich die Ermahnungen
meiner Mutter verstehen lernte, welche mir Gott vorzglich als den Erhalter und
Ernhrer jeglicher Kreatur anpries und als den Schpfer unsres schmackhaften
Hausbrotes darstellte, der Bitte gem Gib uns heut unser tgliches Brot!
berhaupt gewann ich fr die Nahrungsdinge Interesse und manche Einsicht in die
Beschaffenheit derselben, indem ich fast ausschlielich den Verkehr von Frauen
mit ansah, dessen Hauptinhalt der Erwerb und die Besprechung von Lebensmitteln
war. Auf meinen Wanderungen durch das Haus drang ich allmhlich tiefer in den
Haushalt der Mitbewohner ein und lie mich oft aus ihren Schsseln bewirten, und
undankbarerweise schmeckten mir die Speisen berall besser als bei meiner
Mutter. Jede Hausfrau verleiht, auch wenn die Rezepte ganz die gleichen sind,
doch ihren Speisen durch die Zubereitung einen besondern Geschmack, welcher
ihrem Charakter entspricht. Durch eine kleine Bevorzugung eines Gewrzes oder
eines Krautes, durch grere Fettigkeit oder Trockenheit, Weichheit oder Hrte
bekommen alle ihre Speisen einen bestimmten Charakter, welcher das genschige
oder nchterne, weichliche oder sprde, hitzige oder kalte, das
verschwenderische oder geizige Wesen der Kchin ausspricht, und man erkennt
sicher die Hausfrau aus den wenigen Hauptspeisen des Brgerstandes; ich
meinerseits, als ein frhzeitiger Kenner, habe aus einer bloen Fleischbrhe den
Instinkt geschpft, wie ich mich zu der Meisterin derselben zu verhalten habe.
Die Speisen meiner Mutter hingegen ermangelten sozusagen aller und jeder
Besonderheit. Ihre Suppe war nicht fett und nicht mager, der Kaffee nicht stark
und nicht schwach, sie verwendete kein Salzkorn zuviel, und keines hat je
gefehlt; sie kochte schlecht und recht, ohne Manieriertheit, wie die Knstler
sagen, in den reinsten Verhltnissen; man konnte von ihren Speisen eine groe
Menge genieen, ohne sich den Magen zu verderben. Sie schien mit ihrer weisen
und mavollen Hand, am Herde stehend, tglich das Sprichwort zu verkrpern Der
Mensch it, um zu leben, und lebt nicht, um zu essen! Nie und in keiner Weise
war ein berflu zu bemerken und ebensowenig ein Mangel. Diese nchterne
Mittelstrae langweilte mich, der ich meinen Gaumen dann und wann anderswo
bedeutend reizte, und ich begann ber ihre Mahlzeiten eine scharfe Kritik zu
ben, sobald ich satt und die letzte Gabel voll vertilgt war. Da ich mit meiner
Mutter immer allein bei Tische sa und sie lieber auf Gesprch und Unterhaltung
dachte als auf ein genaues Erziehungssystem, so wies sie mich nicht kurz und
strafend zur Ruhe, sondern widerlegte mich mit Beredsamkeit und stellte mir
hauptschlich vor, auf Menschenschicksale und Lebenslufe bergehend, wie ich
vielleicht eines Tages froh sein wrde, an ihrem Tische zu sitzen und zu essen;
dann werde sie aber nicht mehr dasein. Obgleich ich dazumal nicht recht einsah,
wie das zugehen sollte, so wurde ich doch jedesmal gerhrt und von einem
geheimen Grauen ergriffen und so fr einmal geschlagen. Machte sie alsdann auch
noch auf die Undankbarkeit aufmerksam, welche ich gegen Gott beging, indem ich
seine guten Gaben tadelte, so htete ich mich mit einer heiligen Scheu, den
allmchtigen Geber ferner zu beleidigen, und versank in Nachdenken ber seine
trefflichen und wunderbaren Eigenschaften.
    Nun geschah es aber, da in dem Mae, als ich ihn deutlicher erfate und
sein Wesen mir unentbehrlicher und ersprielicher wurde, mein Umgang mit Gott
sich verschmt zu verschleiern begann und, als meine Gebete einen gewissen Sinn
erhielten, mich eine wachsende Scheu beschlich, sie laut herzusagen. Meine
Mutter war eines einfallen und nchternen Gemtes und nichts weniger als das,
was man eine warm andchtige Frau nennt, sondern schlechthin gottesfrchtig. Ihr
Gott war nicht der Befriediger und Erfller einer Menge dunkler und drangvoller
Herzensbedrfnisse, sondern klar und einfach der vorsorgende und erhaltende
Vater, die Vorsehung. Ihr gewhnliches Wort war Wer Gott vergit, den vergit er
auch; von der inbrnstigen Gottesliebe dagegen hrte ich sie nie reden. Desto
eifriger aber hielt sie darauf; es wurde ihr in unserer Verlassenheit fr die
lange und dunkle Zukunft eine Hauptsache, da Gott, der Ernhrer und Beschtzer,
mir immer vor Augen sei, und sie legte mit andauernder Sorge den Grund zu einem
lebendigen Gottvertrauen in mich.
    Infolge dieses rhrenden Bestrebens und auf das Zureden einer nichtsnutzigen
Heuchlerin wollte sie eines Sonntags, als wir uns eben zu Tische gesetzt hatten,
das Tischgebet einfhren, welches bis dahin nicht blich gewesen in unserm
Hause, und sagte mir zu diesem Zwecke ein kleines altes Volksgebet vor, mit der
Aufforderung, es jetzt und in Zukunft nachzubeten. Aber wie erstaunte sie, als
ich nur die ersten Worte trocken hervorbrachte und dann pltzlich verstummte und
nicht weiterkonnte!
    Das Essen dampfte auf dem Tische, es war ganz still in der Stube, die Mutter
wartete, aber ich brachte keinen Laut hervor. Sie wiederholte ihr Verlangen,
aber ohne Erfolg; ich blieb stumm und niedergeschlagen, und sie lie es fr
diesmal bewenden, da sie mein Benehmen fr eine gewhnliche Kinderlaune hielt.
Am folgenden Tage wiederholte sich der Auftritt, und sie wurde nun ernstlich
bekmmert und sagte: Warum willst du nicht beten? Schmst du dich? Das war nun
zwar der Fall, ich vermochte es aber nicht zu bejahen, weil, wenn ich es getan,
es doch nicht wahr gewesen wre in dem Sinne, wie sie es verstand. Der gedeckte
Tisch kam mir vor wie ein Opfermahl, und das Hndefalten nebst dem feierlichen
Beten vor den duftenden Schsseln wurde zu einer Zeremonie, welche mir alsobald
unbesieglich, widerstand. Es war nicht Scham vor der Welt, wie es der Priester
zu nennen pflegt; denn wie sollte ich mich vor der einzigen Mutter schmen, vor
welcher ich, bei ihrer Milde nichts zu verbergen gewohnt war? Es war Scham vor
mir selber; ich konnte mich selbst nicht sprechen hren und habe es auch nie
mehr dazu gebracht, in der tiefsten Einsamkeit und Verborgenheit laut zu beten.
    Nun sollst du nicht essen, bis du gebetet hast! sagte die Mutter, und ich
stand auf und ging vom Tische weg in eine Ecke, wo ich in grolle Traurigkeit
verfiel, die mit einigem Trotze vermischt war. Meine Mutter aber blieb sitzen
und tat so, als ob sie essen wrde, obgleich sie es nicht konnte, und es trat
eine Art dstrer Spannung zwischen uns ein, wie ich sie noch nie gefhlt hatte
und die mir das Herz beklemmte. Sie ging schweigend ab und zu und rumte den
Tisch ab; als jedoch die Stunde nahte, wo ich wieder zur Schule gehen sollte,
brachte sie mein Essen, indem sie sich die Augen wischte, als ob ein Stubchen
darin wre, wieder herein und sagte: Da kannst du essen, du eigensinniges
Kind! worauf ich meinerseits unter einem Ausbruche von Schluchzen und Trnen
mich hinsetzte und es mir tapfer schmecken lie, sobald die heftige Bewegung
nachlie. Auf dem Wege zur Schule lie ich es nicht an einem vergngten
Dankseufzer fehlen fr die glckliche Befreiung und Vershnung.
    Als ich in spteren Jahren im Heimatdorfe auf Besuch war, wurde ich an das
Ereignis lebhaft erinnert durch eine Geschichte, welche sich vor mehr als
hundert Jahren mit einem Kinde dort zugetragen hatte und einen tiefen Eindruck
auf mich machte. In einer Ecke der Kirchhofmauer war eine kleine steinerne Tafel
eingelassen, welche nichts als ein halbverwittertes Wappen und die Jahrzahl 1713
trug. Die Leute nannten diesen Platz das Grab des Hexenkindes und erzhlten
allerlei abenteuerliche und fabelhafte Geschichten von demselben, wie es ein
vornehmes Kind aus der Stadt, aber in das Pfarrhaus, in welchem dazumal ein
gottesfrchtiger und strenger Mann wohnte, verbannt gewesen sei, um von seiner
Gottlosigkeit und unbegreiflich frhzeitigen Hexerei geheilt zu werden. Dieses
sei aber nicht gelungen; vorzglich habe es nie dazu gebracht werden knnen, die
drei Namen der hchsten Dreieinigkeit auszusprechen, und sei in dieser gottlosen
Halsstarrigkeit verblieben und elendiglich verstorben. Es sei ein
auerordentlich feines und kluges Mdchen in dem zarten Alter von sieben Jahren
und dessenungeachtet die allerrgste Hexe gewesen. Besonders htte es erwachsene
Mannspersonen verfhrt und es ihnen angetan, wenn es sie nur angeblickt, da
selbe sich sterblich in das kleine Kind verliebt und seinetwegen bse Hndel
angefangen htten. Sodann htte es seinen Unfug mit dem Geflgel getrieben und
insbesondere alle Tauben des Dorfes auf den Pfarrhof gelockt und selbst den
frommen Herrn verhext, da er dieselben fters inbehalten, gebraten und zu
seinem Schaden gespeist habe. Selbst die Fische im Wasser habe es gebannt, indem
es tagelang am Ufer sa und die alten klugen Forellen verblendete, da sie bei
ihm verweilten und in groer Eitelkeit vor ihm herumschwnzelten, sich in der
Sonne spiegelnd. Die alten Frauen pflegten diese Sage als Schreckmnnchen fr
die Kinder zu gebrauchen, wenn sie nicht fromm waren, und fgten noch viele
seltsame und phantastische Zge hinzu. Im Pfarrhause hingegen hing wirklich ein
altes dunkles lgemlde, das Bildnis dieses merkwrdigen Kindes enthaltend. Es
war ein auerordentlich zart gebautes Mdchen in einem blaugrnen Damastkleide,
dessen Saum in einem weiten Kreise starrte und die Fchen nicht sehen lie. Um
den schlanken feinen Leib war eine goldene Kette geschlungen und hing vorn bis
auf den Boden herab. Auf dem Haupte trug es einen kronenartigen Kopfputz aus
flimmernden Gold- und Silberflittern, von seidenen Schnren und Perlen
durchflochten. In seinen Hnden hielt das Kind den Totenschdel eines andern
Kindes und eine weie Rose. Noch nie habe ich aber ein so schnes, liebliches
und geistreiches Kinderantlitz gesehen wie das blasse Gesicht dieses Mdchens;
es war eher schmal als rund, eine tiefe Trauer lag darin, die glnzenden dunklen
Augen sahen voll Schwermut und wie um Hilfe flehend auf den Beschauer, whrend
um den geschlossenen Mund eine leise Spur von Schalkheit oder lchelnder
Bitterkeit schwebte. Ein schweres Leiden schien dem ganzen Gesichte etwas
Frhreifes und Frauenhaftes zu verleihen und erregte in dem Beschauenden eine
unwillkrliche Sehnsucht, das lebendige Kind zu sehen, ihm schmeicheln und es
liebkosen zu drfen. Es war auch der Erinnerung des alten Dorfes unbewut lieb
und wert, und in den Erzhlungen und Sagen von ihm war ebensoviel unwillkrliche
Teilnahme als Abscheu zu bemerken.
    Die eigentliche Geschichte war nun die, da das kleine Mdchen, einer
adeligen, stolzen und hchst orthodoxen Familie angehrig, eine hartnckige
Abneigung gegen Gebet und Gottesdienst jeder Art zeigte, die Gebetbcher zerri,
welche man ihm gab, im Bette den Kopf in die Decke hllte, wenn man ihm
vorbetete, und klglich zu schreien anfing, wenn man es in die dstere, kalte
Kirche brachte, wo es sich vor dem schwarzen Manne auf der Kanzel zu frchten
vorgab. Es war ein Kind aus einer unglcklichen ersten Ehe und mochte sonst
schon ein Stein des Anstoes sein. So beschlo man, als es durch keine Mittel
von der unerklrlichen Unart abgebracht werden konnte, das Kind jenem wegen
seiner Strengglubigkeit berhmten Pfarrherrn versuchsweise in Pflege zu geben.
Wenn schon die Familie die Sache als ein befremdliches und ihrem Rufe Unehre
bringendes Unglck auffate, so betrachtete der dumpfe, harte Mann dieselbe
vollends als eine unheilvolle infernalische Erscheinung, welcher mit aller Kraft
entgegenzutreten sei. Demgem nahm er seine Maregeln, und ein altes vergilbtes
diarium, von ihm herrhrend und im Pfarrhause aufbewahrt, enthlt einige
Notizen, welche ber sein Verfahren sowie das weitere Schicksal des
unglcklichen Geschpfes hinreichenden Aufschlu geben. Folgende Stellen habe
ich mir ihres seltsamen Inhaltes wegen abgeschrieben und will sie diesen
Blttern einverleiben und so die Erinnerung an jenes Kind in meinen eigenen
Erinnerungen aufbewahren, da sie sonst verlorengehen wrde.

                                Fnftes Kapitel



                                 Das Meretlein

Heute habe ich von der hochgebornen und gottesfrchtigen Frau von M. das
schuldende Kostgeld fr das erste Quartal richtig erhalten, alsogleich quittiret
und Bericht erstattet. Ferner der kleinen Meret (Emerentia) ihre wchentlich
zukommende Correction ertheilt und verscherpft, indeme sie auf die Bank legte
und mit einer neuen Ruthen zchtigte, nicht ohne Lamentiren und Seufzen zum
Herren, da Er das traurige Werk zu einem guten Ende fhren mge. Hat die Kleine
zwaren jmmerlich geschrieen und de- und wehmthig um Pardon gebeten, aber
nichts desto weniger nachher in ihrer Verstocktheit verharret und das Liederbuch
verschmhet, so ich ihr zum Lernen vorgehalten. Habe sie derowegen krzlich
verschnauffen lassen und dann in Arrest gebracht in die dunkle Speckkammer,
allwo sie gewimmert und geklaget, dann aber still geworden ist, bis sie
urpltzlich zu singen und jubiliren angefangen, nicht anders wie die drey
seligen Mnner im Feuerofen, und habe ich zugehret und erkennt, da sie die
nmliche versificirten Psalmen gesungen, so sie sonsten zu lernen refusirete,
aber in so unntzlicher und weltlicher Weise, wie die thrichten und einfltigen
Ammen- und Kindslieder haben; so da ich solches Gebahren fr eine neue
Schalkheit und Mibrauch des Teufels zu nemen gezwungen ward.
    Ferner:
    Ist ein hchst lamentables Schreiben arriviret von Madame, welche in
Wahrheit eine frtreffliche und rechtglubige Person ist. Sie hat besagten Brief
mit ihren Thrnen benetzet und mir auch die groe Bekmmerni des Herren Gemahls
vermeldet, da es mit der kleinen Meret nicht besser gehen will. Und ist dieses
gewilich eine groe Calamitt, so diesem hochansehnlichen und berhmten
Geschlecht zugestoen und mchte man der Meinung seyn, mit Respect zu sagen, da
sich die Snden des Herren Gropapa vterlicher Seits, welches ein gottloser
Wtherich und schlimmer Cavalier ware, an diesem armseligen Geschpflein
vermerken lassen und rechen. Habe mein Tractament mit der Kleinen changiret und
will nunmehr die Hungerkur probiren. Auch hab ich ein Rcklein von grobem
Sacktuch durch meine Ehefrau selbsten anfertigen lassen und verbothen, der Meret
ein ander Habit anzulegen, sintemal diese Bukleidung ihr am besten conveniret.
Verstocktheit auf dem gleichen Puncto.
    Sahe mich heute gezwungen, die kleine Demoiselle von allem Verkehr und
Unterhalt mit denen Baurenkindern abzusperren, weill sie mit selbigen in das
Holz gelauffen, allda gebadet im Holzweiher, das Buhemdlein, so ich ihr
ordiniret, an ein Baumast gehenkt hat und nackent davor gesprungen und getanzt
und auch ihre Gespanen zu frechem Spott und Unfug aufgereizet. Betrchtliche
Correction.
    Heut ein groer Spectakel und Verdru. Kame ein groer, starker Schlingel,
der junge Mllerhans, und richtete mir Hndel an von wegen der Meret, welche er
alltglich schreien und heulen zu hren vorgegeben, und disputirte ich mit
demselben, als auch der junge Schulmeister, der Tropf, herankam und drohete,
mich zu verklagen, und fiel ber die schlimme Creatur her, herzete und kssete
sie etc. etc. Lie den Schulmeister alsochgleich arretiren und zum Landvogt
fhren. Dem Mllerhans mu ich auch noch beikommen, obgleich selbiger reich und
gewaltthtig ist. Mchte bald selber glauben, was die Bauersleute sagen, da das
Kind eine Hexe sey, wenn diese Opinion nicht der Vernunft widersprche. Jeden
Falls steckt der Teufel in ihr und habe ich ein schlimmes Stck Arbeit
bernommen.
    Diese ganze Woche habe ich einen Mahler im Hause tractiret, so mir Madame
bersendet, damit er das Portrait der kleinen Frulein anfertige. Die bedrngte
Familie will das Geschpfe nicht mehr zu sich nemen und allein zum traurigen
Angedenken und zur bufertigen Anschauung, auch von wegen der groen Schnheit
des Kindes, ein Conterfey behalten. Insbesundere will der Herr nicht von dieser
Idee lassen. Meine Ehefrau verabreicht dem Mahler alltglich zwei Schoppen Wein,
woran er nicht genug zu haben scheinet, da er allabendlich in den rothen Lwen
gehet und dort mit dem Chirurgo spielet. Ist ein hochfahrendes Subject und setze
ihm daher fter ein Schnepfen oder ein Hechtlein vor, welches in dem Quartal
Conto der Madame zu vermerken ist. Wollte anfenglich mit der Kleinen sein Wesen
und Freundlichkeit treiben und hat sie sich sogleich an ihn attachiret, daher
ich ihme bedeutet habe, mir in meinem Procedere nicht zu interveniren. Wie man
der Kleinen ihr verwahrte Habit und Sonntagsstaat herfrgehohlt und angelegt
benebst der Schapell und der Grtlen, so hat sie groen Plaisir gezeiget und zu
tanzen begonnen Diese ihre Freude ist aber bald verbittert worden, als ich nach
dem Befelch der Frau Mama 1 Todtenschedel hohlen liee und in die Hand zu tragen
gab, welchen sie partout nicht nemen wollen und hernachmalen weinend und
zitternd in der Hand gehalten, wie wenn es ein feurig Eisen wr. Zwaren hat der
Mahler behauptet, er knne den Schedel aufwendig mahlen, weill solcher zu denen
allerersten Elementen seiner Kunst gehre, habe es aber nicht zugegeben,
sintemal Madame geschrieben hat: Was das Kind leidet, das leiden auch wir, und
ist uns in seinem Leiden selbst Gelegenheit zur Bue gegeben, so wir fr ihn's
thun knnen; derohalb brechen Ew. Wohlehrwrden in Nichts ab, Euere Frsorge und
Education betreffend. Wenn das Tchterlein dereinst, wie ich zum allmchtigen
und barmherzigen Gott verhoffe, hier oder dort erleuchtet und gerettet seyn
wird, so wird es ohnzweifelhaft sich hchlich erfreuen, ein gutes Theil seiner
Bue schon mit seiner Verstocktheit abgethan zu haben, welche ber ihn's zu
verhngen der unerforschliche Meister beliebt hat! Diese tapferen Worte vor
Augen, habe ich auch diese Gelegenheit fr dienlich erachtet, der Kleinen mit
dem Schedel eine ernsthafte Bue anzuthun. Man hat brigens einen kleinen
leichten Kindsschedel gebrauchet, dieweill der Mahler sich beschwehret, da der
groe Mannsschedel zu unfrmlich seye fr die kleinen Hndlein, in Betracht
seiner Kunst-Regula, und hat sie denselben nachher lieber gehalten; auch hat ihr
der Mahler ein weies Rslein dazugesteckt, was ich wohl leiden mochte, weil es
als ein gutes Symbolum gelten kann.
    Habe heut pltzlich ein Contreordre erhalten in Betreff des Tableau und
soll nun selbiges nicht nach der Stadt spediren, sondern hier behalten. Es ist
Schad um die brave Arbeit, so der Mahler gemacht hat, weil er ganz charmiret war
von der Anmuth des Kinds. Htt ich es frher gewut, so htt der Mann fr diesen
Kostenaufwand mein eigen Conterfey auf das Tuch mahlen knnen, wenn die schnen
Victualien nebst Lohn einmal drauff gehen sollen.
    Es ist mir fernerer Befelch zu Handen gekommen, mit aller weltlichen
Instruction abzubrechen, besonders mit dem Franzsischen, da solches nicht mehr
nthig erachtet werde, so wie auch meine Gemahlin den Unterricht auf dem Spinett
sistiren solle, was der Kleinen leid zu thun scheinet. Vielmehr soll ich sie
fortan als ein einfaches Pflegekind tractiren und allein frsorgen, da sie kein
ffentlich rgernu gebe.
    Vorgestern ist uns die kleine Meret desertiret und haben wir groe Angst
empfunden, bis da sie heute Mittag um 12 Uhr zu obrist auf dem Buchenloo
ausgespret wurde, wo sie entkleidet auf ihrem Buhabit an der Sonne sa und
sich ba wrmete. Sie hatt' ihr Haar ganz aufgeflochten und ein Krnzlein von
Buchenlaub darauff gesetzet, so wie ein dito Scherpen um den Leib gehenkt, auch
ein Quantum schner Erdbeeren vor sich liegen gehabt, von denen sie ganz voll
und rundlich gegessen war. Als sie unser ansichtig ward, wollte sie wiederum
Reiaus nemen, schmete sich aber ihrer Ble und wollte ihr Habitlein
berziehen, dahero wir sie glcklich attrapiret. Sie ist nun krank und scheinet
confuse zu seyn, da sie keine vernnftige Antwort giebet.
    Mit dem Meretlein gehet es wiederum besser, jedoch ist sie mehr und mehr
verndert und wird des Gnzlichen dumm und stumm. Die Consultation des
herbeygeruffenen Medici verlautet dahin, da sie irr-oder bldsinnig werde und
nunmehr der medicinischen Behandlung anheim zu stellen sey; er offerirte sich
auch zu derselbigen und hat verheien, das Kind wieder auf die Beine zu bringen,
wenn es in seinem Hause placiret wrde. Ich merke aber schon, da es dem
Monsieur Chirurgo nur um die gute Pension benebst denen Prsenten von Madame zu
thun seye, und berichtete derohalb, was ich fr gut befunden, nemlich da der
Herr seinen Plan nunmehr an ein Ende zu fhren scheine mit seiner Creatur und
da Menschenhnde hieran Nichts changiren mchten und drften, wie es in
Wirklichkeit auch ist.
    Nach berschlagung von fnf bis sechs Monaten heit es weiter:
    Es scheinet dieses Kind in seinem blden Zustande einer trefflichen
Gesundheit zu genieen und hat ganz muntere rothe Backen bekommen. Hlt sich nun
den ganzen Tag in den Bohnen auf, wo man sie nicht siehet und weiter nicht um
sie bekmbert, zumalen sie weiter kein rgernu giebet.
    Das Meretlein hat sich in Mitten des Bohnenplatz ein kleinen Salon
arrangiret, so man entdecket, und hat dorten artliche Visites acceptiret von
denen Baurenkindern, welche ihme Obst und andere Victualia zugeschleppet, so sie
gar zierlich vergraben und in Vorrath gehalten hat. Daselbst hat man auch jenen
kleinen Kindsschedel begraben gefunden, welcher lngst abhanden gekommen und
dahero dem Kster nicht restituiret werden konnte. Dergleichen auch die Spatzen
und andere Vgel herbeygezogen und zahm gemacht, da die den Bohnen viel Abbruch
gethan und ich jedoch nicht mehr in die Bohnenstauden schieen knnen, von wegen
der kleinen Insa. Item hat sie mit einer giftigen Schlangen ihr Spiel gehabt,
welche durch den Hag gebrochen und sich bei ihr eingenistet; in summa, man hat
sie wieder ins Haus nemen und inne behalten mssen.
    Die rothen Backen sind wiederum von ihr gewichen und behauptet der
Chirurgus, sie werde es nicht mehr lang prstiren. Habe auch schon an die Eltern
geschrieben.
    Heut vor Tag schon mu das arme Meretlein aus seinem Bettlein entkommen, in
die Bohnen hinau geschlichen und dort verschieden seyn; denn wir haben sie
alldort fr todt gefunden in einem Grblein, so sie in den Erdboden
hineingewhlet, als ob sie hineinschlpfen wollen. Sie ist ganz gestabet gewesen
und ihr Haar so wie ihr Hemdlein feucht und schwer vom Thau, als welcher auch in
lauteren Tropfen auf ihren fast rthlichen Wnglein gelegen, nicht anders denn
auf einem Apfelblust. Und haben wir einen heftigen Schrecken bekommen und bin
ich in groe Verlegenheit und Confusion gerathen den heutigen Tag, dieweill die
Herrschaft aus der Stadt angelanget, just wie meine Ehefrau verreiset ist nach
K., um allda einiges Confect und Provision einzukaufen, damit die Herrschaften
hflichst zu tractiren. Wute derohalb nicht, wo mir der Kopf gestanden und war
ein groes Rennen und Laufen, und sollten die Mgde das Leichlein waschen und
ankleiden und zugleich fr ein guten Imbi sorgen. Endlich habe ich den grnen
Schinken braten lassen, so meine Frau vor acht Tagen in Essig geleget, und hat
der Jakob drei Stck von denen zahmen Forellen gefangen, welche noch hin und
wieder an den Garten kommen, obgleich man die selige (?!) Meret nicht mehr zum
Wasser hinau gelassen. Habe zum Glck mit diesen Speien noch ziemliche Ehre
eingeleget und haben dieselbigen der Madame wohl geschmecket. Ist eine groe
Traurigkeit gewesen und haben wir mehr denn zwei Stunden in Gebeth und
Todesbetrachtungen verbracht, desgleichen in melancolischen Reden von der
unglckseligen Krankhaftigkeit des verstorbenen Mgdleins, da wir nun annemen
mssen zu unserem vermehrten Trost, da selbe in einer fatalen Disposition des
Bluts und Gehirns ihren Ursprung gehabt. Daneben haben wir auch von den
sonstigen groen Gaben des Kinds geredet und von seinen oftmaligen klugen und
anmuthigen Einfllen und Impromptus und Alles nicht zusammenreimen knnen in
unserer irdischen Kurzsichtigkeit. Morgens am Vormittag wird man dem Kind ein
Christlich Begrbni geben und ist die Prsenz der frnehmen Eltern dazu
kommlich, ansonsten die Pauren sich widersatzen mgten.
    Dieses ist der allerwunderbarste und schreckhafteste Tag gewesen, nicht nur
allein seit wir mit dieser unseligen Creatur zu schaffen, sondern der mir
berhaupt in meiner ruhsamen Existenz aufgestoen ist. Denn als die Stunde
gekommen und es zehn Uhr geschlagen, haben wir uns hinter dem Leichlein her in
Bewegung gesetzet und nach dem Gottesacker begeben, indessen der Sigrist die
kleine Glocken gelutet, was er aber nicht mit sehrem Fleie gethan, dieweil es
fast erbrmlich geklungen und das Gelute zur Halbpart vom starken Winde
verschlungen worden, der unwirsch gewehet hat. Und war auch der Himmel ganz
dunkel und schwl, so wie der Kirchhof von Menschen entblet auer unserer
kleinen Compagnie, hergegen auerhalb denen Mauren die ganze Baursame vereiniget
und hat neugierig die Kpfe herber gerecket. Wie man aber so eben das
Todtenbumlein in das Grab hinunter senken wollen, hat man ein seltsamen Schrei
gehrt aus dem Todtenbumlein hervor, so da Wir auf das Heftigste erschrocken
sind und der Todtengrber auf und davon gesprungen ist. Der Chirurgus aber,
welcher auch herzugeloffen, hat schleunigst den Deckel losgemacht und abgehebt,
und hat sich das Tdlein als lebendig aufgerichtet und ist ganz behende aus dem
Grblein gekrochen und hat uns angeblicket. Und wie im selbigen Moment die
Strahlen Phbi seltsam und stechend durch die Wolken gedrungen, so hat es in
seinem gelblichen Brokat und mit dem glitzrigen Krnlein ausgesehen wie ein
Feyen- oder Koboltskind. Die Frau Mama ist alsobald in eine starke Ohnmacht
verfallen und der Herr v. M. weinend zur Erde gestrzet. Ich selbst habe mich
vor Verwunderung und Schrecken nicht gerhret und in diesem Moment steif an ein
Hexenthum geglaubt. Das Mgdlein aber hat sich bald ermannt und ist ber den
Kirchhof davon und zum Dorf hinau gezwirbelt, wie eine Katz, da alle Leute
voll Entsetzen heimgeflohen sind und ihre Thren verriegelt haben. Zu selbiger
Zeit ist just die Schulzeit aus gewesen und ist der Kinderhaufen auf die Ga
gekommen, und als das kleine Zeugs die Sache gesehen, hat man die Kinder nicht
halten knnen, sondern ist eine groe Schaar dem Leichlein nachgelauffen und hat
es verfolget und hintendrein ist noch der Schulmeister mit dem Bakel gesprungen.
Es hat aber immer ein zwanzig Schritt Vorsprung gehabt und nicht eher Halt
gemacht, als bis es auf dem Buchenloo angekommen und leblos umgefallen ist,
worauf die Kinder um dasselbige herumgekrabbelt und es vergeblich, gestreichelt
und caressiret haben. Dieses Alles haben wir nach der Hand erfahren, weill wir
mit groer Noth in das Pfarrhaus uns salviret und in tiefer Desolation verharret
sind, bis man das Leichlein wiederum gebracht hat. Man hat es auf ein Matraz
gelegt und ist die Herrschaft darauf verreiset mit Hinterlassung einer kleinen
Steintafell, worein Nichts als das Familienwappen und Jahrzahl gehauen ist.
Nunmehr liegt das Kind wieder fr todt und getrauen wir uns nicht, zu Bett zu
gehen aus Furcht. Der Medicus sitzet aber bey ihm und meint nun, es sey endlich
zur Ruh gekommen.
    Heute hat der Medicus nach unterschiedlichen Experimenten erklrt, da das
Kind wirklich todt seye, und ist es nun in der Stille beigesetzt worden und
nichts Weiteres arriviret usf.

                                Sechstes Kapitel



             Weiteres vom lieben Gott. Frau Margret und ihre Leute

Ich kann nicht sagen, da, nachdem Gott einmal die bestimmte und nchterne
Gestalt eines Ernhrers und Aushelfers fr mich gewonnen hatte, er mein Herz in
jenem Alter mit zarteren Empfindungen oder tiefgehenden Gemtsfreuden erfllte,
zumal er aus dem glnzenden Gewande des Abendrotes sich verloren, um in viel
spterer Zeit es wieder umzunehmen. Wenn meine Mutter von Gott und den heiligen
Dingen sprach, so fuhr sie fort, vorzglich im Alten Testamente zu verweilen,
bei der Geschichte der Kinder Israel in der Wste oder bei den Kornhndeln
Josephs und seiner Brder, bei der Witwe lkrug und dergleichen oder
ausnahmsweise bei der Speisung der fnftausend Mnner im Neuen Testamente. Alle
diese Ereignisse gefielen ihr ausnehmend wohl, und sie trug mir dieselben mit
warmer Beredsamkeit vor, whrend letztere mehr einem pflichtgem frommen
Erzhlen Raum gab, wenn das bewegte und blutige Drama von Christi
Leidensgeschichte entwickelt wurde. Sosehr ich daher den lieben Gott
respektierte und in allen Fllen bedachte, so blieben mir doch die Phantasie und
das Gemt leer, solange ich keine neue Nahrung schpfte auer den bisherigen
Erfahrungen; und wenn ich keine Veranlassung hatte, irgendeinen angelegentlichen
Gebetvortrag abzufassen, so war mir Gott nachgerade eine farblose und
langweilige Person, die mich zu allerlei Grbeleien und Sonderbarkeiten reizte,
zumal ich sie bei meinem vielen Alleinsein doch nicht aus dem Sinne verlor. So
gereichte es mir eine Zeitlang zu nicht geringer Qual, da ich eine krankhafte
Versuchung empfand, Gott derbe Spottnamen, selbst Schimpfworte anzuhngen, wie
ich sie etwa auf der Strae gehrt hatte. Mit einer Art behaglicher und
mutwillig zutraulicher Stimmung begann immer diese Versuchung bis ich nach
langem Kampfe nicht mehr widerstehen konnte und im vollen Bewutsein der
Blasphemie eines jener Worte hastig ausstie, mit der unmittelbaren
Versicherung, da es nicht gelten solle, und mit der Bitte um Verzeihung; dann
konnte ich nicht umhin, es noch einmal zu wiederholen, wie auch die reuevolle
Genugtuung, und so fort, bis die seltsame Aufregung vorber war. Vorzglich vor
dem Einschlafen pflegte mich diese Erscheinung zu qulen, obgleich sie nachher
keine Unruhe oder Uneinigkeit in mir zurcklie. Ich habe spter gedacht, da es
wohl ein unbewutes Experiment mit der Allgegenwart Gottes gewesen sei, welche
ebenfalls anfing, mich zu beschftigen, und da damals das dunkle Gefhl in mir
lebendig geworden sei vor Gott knne keine Minute unseres inneren Lebens
verborgen und wirklich strafbar sein, sofern er das lebendige Wesen fr uns sei,
fr das wir ihn halten.
    Indessen hatte ich eine Freundschaft geschlossen, welche meiner suchenden
Phantasie zu Hilfe kam und mich von diesen unfruchtbaren Qulereien erlste,
indem sie, bei der Einfachheit und Nchternheit meiner Mutter, fr mich das
wurde, was sonst sagenreiche Gromtter und Ammen fr die stoffbedrftigen
Kinder sind.
    In dem Hause gegenber befand sich eine offene dunkle Halle, ganz mit
Trdelkram angefllt. Die Wnde waren mit alten Seidengewndern, gewirkten
Stoffen und Teppichen aller Art behangen. Rostige Waffen und Gertschaften,
schwarze zerrissene lgemlde bekleideten die Eingangspfosten und verbreiteten
sich zu beiden Seiten an der Auenseite des Hauses; auf einer Anzahl altmodiger
Tische und Gerte stand wunderliches Glasgeschirr und Porzellan aufgetrmt, mit
allerhand hlzernen und irdenen Figuren vermischt. In den tieferen Rumen waren
Berge von Betten und Hausgerten bereinandergeschichtet, und auf den Hochebenen
und Abstzen derselben, manchmal auf einem gefhrlichen einsamen Grate, stand
berall noch eine schnrkelhafte Uhr, ein Kruzifix oder ein wchserner Engel und
dergleichen. Im tiefsten Hintergrunde aber sa jederzeit eine bejahrte, dicke
Frau in altertmlicher Tracht, in einem trben Helldunkel, whrend ein noch
lteres, spitziges, eisgraues Mnnchen mit Hilfe einiger Untergebenen in der
Halle herumhantierte und eine zahlreiche Menge Leute abfertigte, welche
fortwhrend ab und zu ging. Die Seele des Geschftes war aber die Frau, und von
ihr aus gingen alle Befehle und Anordnungen, ungeachtet sie sich nie von ihrem
Platze bewegte und man sie noch weniger je auf einer Strae gesehen hatte. Sie
trug immer bloe Arme und hatte schneeweie Hemdsrmel, auf eine knstliche
Weise gefltelt, wie man es sonst nirgends mehr sah und es vielleicht vor
hundert Jahren schon so getragen wurde. Es war die originellste Frau von der
Welt, welche vor vier Jahrzehnten mit ihrem Manne blutarm und unwissend in die
Stadt gezogen, um da ihr Brot zu suchen. Nachdem sie mit Tagelohn und saurer
Arbeit eine Reihe von mhseligen Jahren durchgekmpft hatte, gelang es ihr,
einen Trdelkram zu errichten, und erwarb sich mit der Zeit durch Glck und
Gewandtheit in ihren Unternehmungen einen behaglichen Wohlstand, welchen sie auf
die eigentmlichste Weise beherrschte. Sie konnte nur schwierig Gedrucktes
lesen, hingegen weder schreiben noch in arabischen Zahlen rechnen, welche
letzteren zu kennen ihr nie gelang; sondern ihre ganze Rechenkunst bestand in
einer rmischen Eins, einer Fnf, einer Zehn und einer Hundert. Wie sie diese
vier Ziffern in ihrer frhen Jugend, in einer entlegenen und vergessenen
Landesgegend, berkommen hatte, berliefert durch einen jahrtausendalten
Gebrauch, so handhabte sie dieselben mit einer merkwrdigen Gewandtheit. Sie
fhrte kein Buch und besa nichts Geschriebenes, war aber jeden Augenblick
imstande, ihren ganzen Verkehr, der sich oft auf mehrere Tausende in lauter
kleinen Posten belief, zu bersehen, indem sie mit groer Schnelligkeit das
Tischblatt mittelst einer Kreide, deren sie immer einige Endchen in der Tasche
fhrte, mit mchtigen Sulen jener vier Ziffern bedeckte. Hatte sie aus ihrem
Gedchtnisse alle Summen solchergestalt aufgesetzt, so erreichte sie ihren Zweck
einfach dadurch, da sie mit dem nassen Finger eine Reihe um die andere ebenso
flink wieder auslschte, als sie dieselben aufgesetzt hatte, und dabei zhlend
die Resultate zur Seite aufzeichnete. So entstanden neue kleinere Zahlengruppen,
deren Bedeutung und Benennung niemand kannte als sie, da es immer nur die
gleichen vier nackten Ziffern waren und fr andere aussahen wie eine
altheidnische Zauberschrift. Dazu kam noch, da es ihr nie gelingen wollte, mit
Bleistift oder Feder oder auch nur mit einem Griffel auf einer Schiefertafel das
gleiche Verfahren vorzunehmen, indem sie nicht nur rumlich einer ganzen
Tischplatte bedurfte, sondern auch nur mittelst der weichen Kreide ihre markigen
Zeichen zu bilden imstande war. Sie beklagte oft, da sie sich gar nichts
Fixiertes aufbewahren knne, war aber gerade dadurch zu ihrem auerordentlichen
Gedchtnisse gelangt, aus welchem jene wimmelnden Zahlenmassen pltzlich
gestalt-und lebenvoll erschienen, um ebenso rasch wieder zu verschwinden. Das
Verhltnis zwischen Einnahme und Ausgabe machte ihr nicht viel zu schaffen; sie
bestritt alle huslichen Bedrfnisse und sonstigen Ausgaben vorweg aus dem
gleichen Seckel, welcher auch den Geschftsverkehr begrndete, und wenn eine
berflssige Summe Geldes beieinander war, so wechselte sie dieses sogleich in
Gold um und verwahrte dasselbe in ihrer Schatztruhe, wo es fr immer
liegenblieb, wenn nicht ein Teil davon fr eine besondere Unternehmung oder fr
ein ausnahmsweises Darlehen herausgenommen wurde, da sie sonst auf Zinsen kein
Geld auslieh. Sie hatte besonders mit Landleuten von allen Seiten her Verkehr,
welche sich ihre gertschaftlichen Bedrfnisse bei ihr holten, und gab ihre
Waren jedermann auf Borg, gewann oft viel dabei und verlor auch oft. So kam es,
da eine Menge von Leuten von ihr abhngig waren oder in einem verbindlichen
oder feindlichen Verhltnisse zu ihr standen und da sie bestndig von
Nachsichtsuchenden oder Bezahlenden umlagert war, welche ihr, zur Beherzigung
oder als Dank, die mannigfaltigsten Gaben darbrachten, nicht anders als einem
Landpfleger oder einer btissin. Feld- und Baumfrchte jeder Art, Milch, Honig,
Trauben, Schinken und Wrste wurden ihr in gewichtigen Krben zugetragen, und
diese Vorrte bildeten die Grundlage zu einem stattlichen Wohlleben, welches
alsobald begann, wenn das geruschvolle Gewlbe geschlossen war und in der noch
seltsameren Wohnstube das husliche Abendleben zur Geltung kam.
    Dort hatte Frau Margret diejenigen Gegenstnde zusammen gehuft und als
Zierat angebracht, welche ihr in ihrem Handel und Wandel am besten gefallen, und
sie nahm keinen Anstand, etwas fr sich aufzubewahren, wenn es ihr Interesse
erweckte. An den Wnden hingen alte Heiligenbilder auf Goldgrund und in den
Fenstern gemalte Scheiben, und allen diesen Dingen schrieb sie irgendeine
merkwrdige Geschichte oder sogar geheime Krfte zu, was ihr dieselben heilig
und unveruerlich machte, sosehr auch Kenner sich manchmal bemhten, die
wirklich wertvollen Denkmler ihrer Unwissenheit zu entreien. In einer Truhe
von Ebenholz bewahrte sie goldene Schaumnzen, seltene Talerstcke,
Filigranarbeiten und andere kstliche Spielereien, fr welche sie eine groe
Vorliebe trug und die sie nur wieder veruerte, wenn ein besonderer Gewinn sich
damit verband. Endlich war auf einem Wandgestelle eine betrchtliche Zahl
unfrmlicher alter Bcher aufgespeichert, welche sie mit groem Eifer
zusammenzusuchen pflegte. Es waren verschiedene Bibeln, alte Kosmographien mit
zahllosen Holzschnitten, fabelgespickte Reisebeschreibungen, vorzglich kuriose
Mythologien aus dem vorigen Jahrhundert mit groen zusammengefalteten
Kupferstichen, welche vielfach zerknittert und zerrissen waren; sie nannte diese
naiv geschriebenen Werke schlechtweg Heiden- oder auch Gtzenbcher. Ferner
hielt sie eine reiche Sammlung solcher Volksschriften, welche Nachricht gaben
von einem fnften Evangelisten, von den Jugendjahren Jesu, noch unbekannten
Abenteuern desselben in der Wste, von einer Auffindung seines wohlerhaltenen
Leichnams nebst Dokumenten von der Erscheinung und den Bekenntnissen eines in
der Hlle leidenden Freigeistes; einige Chroniken, Kruterbcher und
Prophezeiungen vervollstndigten diese Sammlung. Fr Frau Margret hatte ohne
Unterschied alles, was gedruckt war, wie die mndlichen berlieferungen des
Volkes, eine gewisse Wahrheit, und die ganze Welt in allen ihren Spiegelungen,
das fernste sowohl wie ihr eigenes Leben waren ihr gleich wunderbar und
bedeutungsvoll; sie trug noch den ungebrochenen Aberglauben vergangener Zeiten
an sich ohne Verfeinerung und Schliff Mit neugieriger Liebe erfate sie alles
und nahm es als bare Mnze, was ihrer wogenden Phantasie dargeboten wurde, und
sie bekleidete es alsbald mit den sinnlich greifbaren Formen der
Volkstmlichkeit, welche massiven metallenen Gefen gleichen, die trotz ihres
hohen Alters durch den steten Gebrauch immer glnzend geblieben sind. Alle die
Gtter und Gtzen der alten und jetzigen heidnischen Vlker beschftigten sie
durch ihre Geschichte und ihr ueres Aussehen in den Abbildungen, hauptschlich
auch daher, da sie dieselben fr wirkliche lebendige Wesen hielt, welche durch
den wahren Gott bekmpft und ausgerottet wrden; das Spuken und Umgehen solcher
halb berwundenen schlimmen Kuze war ihr ebenso schauerlich anziehend wie das
grauenvolle Treiben eines Atheisten, unter welchem sie nichts anderes verstand
und verstehen konnte als einen Menschen, welcher seiner berzeugung von dem
Dasein Gottes zum Trotz dasselbe hartnckig und mutwillig leugne. Die groen
Affen und Waldteufel der sdlichen Zonen, von denen sie in ihren alten
Reisebchern las, die fabelhaften Meermnner und Meerweibchen waren nichts
anderes als ganze gottlose, nun vertierte Vlker oder solche einzelne
Gottesleugner, welche in diesem jammervollen Zustande, halb reuevoll, halb
trotzig, Zeugnis gaben von dem Zorne Gottes und sich zugleich allerlei
mutwillige Neckereien mit den Menschen erlaubten.
    Wenn nun am Abend das Feuer prasselte, die Tpfe dampften, der Tisch mit den
soliden volkstmlichen Leckereien bedeckt wurde und Frau Margret behaglich und
ansehnlich auf ihrem zierlich eingelegten Stuhle sa, so begann sich nach und
nach eine ganz andere Anhngerschaft und Gesellschaft einzufinden, als die den
Tag ber in dem Gewlbe zu sehen gewesen. Es waren dies arme Frauen und Mnner,
welche, teils durch den Duft des gastlichen Tisches, teils durch die belebte
Unterhaltung von hheren Dingen angezogen, hier mannigfache Erholung von den
Mhen des Tages suchten und fanden. Mit Ausnahme einiger weniger heuchlerischer
Schmarotzer hatten sonst alle ein aufrichtiges Bedrfnis, sich durch Gesprche
und Belehrungen ber das, was ihnen nicht alltglich war, zu erwrmen und
besonders in betreff des Religisen und Wunderbaren eine gewrztere Nahrung zu
suchen, als die ffentlichen Kulturzustnde ihnen darboten. Nichtbefriedigung
des Gemtes, ungelschter Durst nach Wahrheit und Erkenntnis, erlebte
Schicksale, hervorgerufen durch die versuchte Befriedigung solcher unruhigen
Triebe in der sinnlichen Welt, fhrten diese Leute hier zusammen und berdies
noch in mancherlei seltsame Sekten hinein, von deren innerm Leben und Treiben
sich Frau Margret fleiig Bericht erstatten lie; denn sie selbst war zu
weltlich und bequem, als da sie soweit gegangen wre, dergleichen mitzumachen.
Vielmehr tadelte sie mit scharfen Worten die Kopfhnger und wurde sarkastisch
und bitter, wenn sie allzu mystischen Unrat merkte. Sie bedurfte das Wunderbare
und Geheimnisvolle, aber in der Sinnenwelt, in Leben und Schicksal, in der
uern wechselvollen Erscheinung; von innern Seelenwundern, bevorzugten
Stimmungen, Auserwhlten und dergleichen mochte sie nichts hren und kanzelte
ihre Gste tchtig herunter, wenn sie mit solchen Dingen auftreten wollten.
Auer da Gott als der kunst- und sinnreiche Schpfer all der wunderbaren Dinge
und Vorkommnisse fr sie existierte, war er ihr vorzglich in einer Richtung
noch merk- und preiswrdig: nmlich als der treue Beistnder der klugen und
rhrigen Leute, welche, mit nichts und weniger als nichts anfangend, ihr Glck
in der Welt selbst machen und es zu etwas Ordentlichem bringen. Deshalb fand sie
ihre grte Freude an jungen Leuten, welche sich aus einer dunklen drftigen
Abkunft heraus durch Talent, Flei, Sparsamkeit und Klugheit in eine gute
Stellung gearbeitet hatten und wohl gar hohe Protektion genossen. Das
Heranwachsen des Wohlstandes solcher Schtzlinge war ihr wie eine eigene Sache
angelegen, und wenn dieselben endlich dahin gediehen waren, einen bescheidenen
Aufwand mit gutem Gewissen geltend zu machen, so fhlte sie selbst die grte
Genugtuung, ihrerseits reichlich beizusteuern und sich des Glanzes mitzufreuen.
Sie war von Grund aus wohlttig und gab immer mit offenen Hnden, den Armen und
arm Bleibenden im gewhnlichen abgeteilten Mae, denjenigen aber, bei welchen
Hab, und Gut anschlug, mit wahrer Verschwendung fr ihre Verhltnisse. Es lag
meistens ganz in der Natur solcher Emporkmmlinge, neben ihren anderweitigen
grern Beziehungen auch die Gunst dieser seltsamen Frau sorglich zu pflegen,
bis sie durch einen jngern Nachwuchs endlich verdrngt wurden, und so fand man
nicht selten diesen oder jenen feingekleideten und vornehm aussehenden Mann
unter den armen Glubigen, der durch sein gemessenes Betragen dieselben
verschchterte und unbehaglich machte. Auch nahmen sie wohl, wenn er abwesend
war, Veranlassung, der Frau Weltsinn und Lust an irdischer Herrlichkeit
vorzuwerfen, was dann jedesmal lebhafte Errterungen und Streitreden hervorrief.
    Von ihrer Freude an gedeihlichem Erwerb und emsiger Ttigkeit mochte es auch
kommen, da mehrere Schacherjuden in den Kreis ihrer Wohlgelittenen aufgenommen
waren. Die Unermdlichkeit und stetige Aufmerksamkeit dieser Menschen, welche
fter bei ihr verkehrten und ihre schweren Lasten abstellten, volle Geldbeutel
aus unscheinbarer Hlle hervorzogen und ihr zum Aufbewahren anvertrauten, ohne
irgend ein Wort oder eine Schrift zu wechseln, ihre billige Gutmtigkeit und
neugierige Bescheidenheit neben der unberckbaren Pfiffigkeit im Handeln, ihre
strengen Religionsgebruche und biblische Abstammung, sogar ihre feindliche
Stellung zum Christentum und die groben Vergehungen ihrer Voreltern machten
diese vielgeplagten und verachteten Leute der guten Frau hchst interessant und
gern gesehen, wenn sie sich bei den abendlichen Zusammenknften vorfanden, am
Herde der Frau Margret Kaffee kochten oder sich einen Fisch buken. Wenn die
fromm christlichen Frauen ihnen schonend vorhielten, wie es noch nicht gar zu
lange her sei, da die Juden doch schlimme Kuze gewesen, Christenkinder geraubt
und gettet und Brunnen vergiftet htten, oder wenn Margret behauptete, der
Ewige Jude Ahasverus htte vor zwlf Jahren einmal im Schwarzen Bren
bernachtet und sie htte selbst zwei Stunden vor dem Hause gepat, um ihn
abreisen zu sehen, jedoch vergeblich, da er schon vor Tagesanbruch
weitergewandert sei, dann lchelten die Juden gar gutmtig und fein und lieen
sich nicht aus ihrer guten Laune bringen.
    Da sie jedoch ebenfalls Gott frchteten und eine scharf ausgeprgte Religion
hatten, so gehrten sie noch eher in diesen Kreis, als man zwei weitere Personen
darin vermutet htte, welche allerdings irgend anderswo zu suchen waren als
gerade hier; und doch schienen sie eine Art unentbehrlichen Salzes fr die
wunderliche Mischung zu sein.

                               Siebentes Kapitel



                          Fortsetzung der Frau Margret

Es waren dies zwei erklrte Atheisten. Der eine, ein schlichter, einsilbiger
Schreinersmann, welcher schon manches Hundert Srge gefertigt und zugenagelt
hatte, war ein braver Mann und versicherte dann und wann einmal mit drren
Worten, er glaube ebensowenig an ein ewiges Leben, als man von Gott etwas wissen
knne. Im brigen hrte man nie eine freche Rede oder ein Spottwort von ihm; er
rauchte gemtlich sein Pfeifchen und lie es ber sich ergehen, wenn die Weiber
mit flieenden Bekehrungsreden ber ihn herfuhren. Der andere war ein bejahrter
Schneidersmann mit grauen Haaren und mutwilligem, unntzem Herzen, der schon
mehr als einen schlimmen Streich verbt haben mochte. Whrend jener sich still
und leidend verhielt und nur selten mit seinem drren Glaubensbekenntnisse
hervortrat, verfuhr dieser angriffsweise und machte sich ein Vergngen daraus,
die glubigen Seelen durch derbe Zweifel und Verleugnungen, rohe Spe und
Profanationen zu verletzen und zu erschrecken, als ein rechter Eulenspiegel das
einfltige Wort zu verdrehen und mit dick aufgetragenem Humor in den armen
Leuten eine sndhafte Lachlust zu reizen. Er besa weder groen Verstand noch
Piett fr irgend etwas, selbst fr die Natur nicht, und schien einzig ein
persnliches Bedrfnis zu haben, das Dasein Gottes zu leugnen oder
wegzuwnschen, indessen der Schreiner sich blo nicht viel daraus machte,
hingegen auf seinen Wanderjahren die Welt aufmerksam betrachtet hatte, sich
fortwhrend noch unterrichtete und von allerlei merkwrdigen Dingen mit Liebe zu
sprechen wute, wenn er auftaute. Der Schneider fand nur Gefallen an Rnken und
Schwnken und lrmenden Znkereien mit den begeisterten Weibern; auch sein
Verhalten zu den Juden, gegenber demjenigen des Sargmachers, war bezeichnend.
Whrend dieser wohlwollend und freundlich mit ihnen verfuhr als mit
seinesgleichen, neckte und qulte sie der Schneider, wo er nur konnte, und
verfolgte sie mit echt christlichem bermute mit allen trivialen Judenspen,
die ihm zu Gebote standen, so da die armen Teufel manchmal wirklich bse wurden
und die Gesellschaft verlieen. Frau Margret pflegte alsdann auch ungeduldig zu
werden und verwies den Dmon aus dem Hause; aber er fand sich bald wieder ein
und wurde immer wieder gelitten, wenn er sein altes Wesen mit etwas Vorsicht und
glatten Worten wieder begann. Es war, als wenn die viel redenden und
disputierenden Genossen seiner als eines lebendigen Exempels des Atheismus
bedurften, wie sie ihn verstanden; denn dies war er am Ende auch, indem es sich
nicht undeutlich erwies, da er den Gedanken Gottes und der Unsterblichkeit mehr
zu unterdrcken suchte, weil er ihn in einem kleinlichen und nutzlosen Treiben
beschrnkte und belstigte, und als er spterhin starb, tat er dies so verzagt
und zerknirscht, heulend und zhneklappend und nach Gebet verlangend, da die
guten Leute einen glnzenden Triumph feierten, indessen der Schreiner ebenso
ruhig und unangefochten seinen letzten Sarg hobelte, welchen er sich selbst
bestimmte, wie einst seinen ersten.
    Dieser Art war die Versammlung, welche an vielen Abenden, zumal im Winter,
bei Frau Margret zu treffen war, und ich wei nicht, wie es kam, da ich mich
pltzlich am Tage oft in dem kurzweiligen Gewlbe mitten unter den Geschftigen
und am Abend zu den Fen der Frau sitzen fand, welche mich in groe Gunst
genommen hatte. Ich zeichnete mich durch meine groe Aufmerksamkeit aus, wenn
die wunderbarsten Dinge von der Welt zur Sprache kamen. Die theologischen und
moralischen Untersuchungen verstand ich freilich in den ersten Jahren noch
nicht, obschon sie oft kindlich genug waren; jedoch nahmen sie auch schon damals
nicht zu viele Zeit in Anspruch, da sich die Gesellschaft immer bald genug auf
das Gebiet der Begebenheiten und sinnlichen Erfahrungen und damit auf eine Art
von naturphilosophischem Feld hinberverfgte, wo ich ebenfalls zu Hause war.
Man suchte vorzglich die Erscheinungen der Geisterwelt sowie die Ahnungen,
Trume usw. in lebendigen Zusammenhang zu bringen und drang mit neugierigem
Sinne in die geheimnisvollen Lokalitten des gestirnten Himmels, in die Tiefe
des Meers und der feuerspeienden Berge, von denen man hrte, und alles wurde
zuletzt auf die religisen Meinungen zurckgefhrt. Es wurden Bcher von
Hellsehenden, Berichte ber merkwrdige Reisen durch verschiedene Himmelskrper
und andere hnliche Aufschlsse gelesen, nachdem sie der Frau Margret zur
Anschaffung empfohlen worden, und alsdann darber gesprochen und die Phantasie
mit den khnsten Gedanken angefllt. Der eine oder andere fgte dann noch
aufgeschnappte Berichte aus der Wissenschaft hinzu, wie er von dem Bedienten
eines Sternguckers gehrt hatte, da man durch dessen Fernrohr lebendige Wesen
im Monde und feurige Schiffe in der Sonne sehen knne. Frau Margret hatte immer
die lebendigste Einbildungskraft, und bei ihr ging alles in Fleisch und Blut
ber. Sie pflegte mehrmals in der Nacht aufzustehen und aus dem Fenster zu
schauen, um nachzusehen, was in der stillen dunklen Welt vorging, und immer
entdeckte sie einen verdchtigen Stern, der nicht wie gewhnlich aussah, ein
Meteor oder einen roten Schein, welch allem sie gleich einen Namen zu geben
wute. Alles war ihr von Bedeutung und belebt; wenn die Sonne in ein Glas Wasser
schien und durch dasselbe auf den hellpolierten Tisch, so waren die sieben
spielenden Farben fr sie ein unmittelbarer Abglanz der Herrlichkeiten, welche
im Himmel selbst sein sollten. Sie sagte: Seht ihr denn nicht die schnen
Blumen und Krnze, die grnen Gelnder und die roten Seidentcher? diese
goldenen Glcklein und diese silbernen Brunnen? und sooft die Sonne in die
Stube schien, machte sie das Experiment, um ein wenig in den Himmel zu sehen,
wie sie meinte. Ihr Mann und der Schneider lachten sie dann aus, und der erste
nannte sie eine phantastische Kuh. Jedoch auf einem festern Boden stand sie,
wenn von Geistererscheinungen die Rede war, denn hier besa sie unleugbare
Erfahrungen die Menge, welche sie schon Schwei genug gekostet hatten; und fast
alle andern wuten auch davon zu erzhlen. Seit sie nicht mehr aus dem Hause
kam, waren freilich ihre Erlebnisse auf ein hufiges Pochen und Rumoren in alten
Wandschrnken und etwa auf das Umherschleichen eines schwarzen Schafes in der
nchtlichen Strae beschrnkt, wenn sie um Mitternacht oder gegen Morgen ihre
Inspektionen aus dem Fenster hielt. Auch geschah es wohl, da sie ein kleines
Mnnchen vor der Haustr entdeckte, welches, whrend sie mit scharfen kritischen
Augen dasselbe beobachtete, pltzlich in die Hhe wuchs bis unter ihr Fenster,
da sie dasselbe kaum noch zuschlagen und sich ins Bett flchten konnte.
Hingegen in ihrer lugend war es lebhafter hergegangen, als sie, besonders noch
auf dem Lande, bei Tag und Nacht durch Feld und Wald zu gehen hatte. Da waren
kopflose Mnner stundenweit ihr zur Seite gegangen und nher gerckt, je
eifriger sie betete; umgehende Bauern standen auf ihren ehemaligen Grundstcken
und streckten flehend die Hand nach ihr aus; Gehenkte rauschten von hohen Tannen
hernieder mit schreckbarem Geheul und liefen ihr nach, um in den heilsamen
Bereich einer guten Christin zu kommen, und sie schilderte mit ergreifenden
Worten den peinlichen Zustand, in dem sie sich befand, wenn sie nicht
unterlassen konnte, die unheimlichen Gesellen von der Seite anzuschielen,
whrend sie doch wute, da dieses hchst schdlich sei. Einige Male war sie
auch ganz aufgeschwollen auf der Seite, wo die Gespenster gelaufen waren, und
mute den Doktor herbeirufen. Ferner erzhlte sie von den Zaubereien und bsen
Knsten, welche zur Zeit ihrer Jugend, gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts,
noch gang und gbe waren unter den Bauern. Da waren in ihrer Heimat reiche
gewaltige Bauernfamilien, welche alte Heidenbcher besaen, mittelst deren sie
den schlimmsten Unfug trieben. Da sie mit offener Flamme Lcher durch
Strohbunde brennen konnten, ohne diese zu zerstren, oder das Wasser bannen oder
den Rauch aus den Schornsteinen in beliebiger Richtung aufsteigen und
possierliche Figuren bilden zu lassen verstanden, gehrte nur zu den
unschuldigen Scherzen. Aber greulich war es, wenn sie ihre Feinde langsam
tteten, indem sie fr dieselben drei Ngel in einen Weidenbaum schlugen unter
den gehrigen Sprchen (Margrets Vater siechte lange Zeit infolge dieser
freundschaftlichen Manipulation, bis sie entdeckt und er durch Kapuziner
gerettet wurde), oder wenn sie den armen Leuten das Korn in der hre
verbrannten, um sie nachher zu verhhnen, wenn sie hungerten und Not litten. Man
hatte zwar die Genugtuung, da der Teufel den einen oder andern mit groem
Aufwand abholte, wenn er reif war; allein das geriet den gerechten Leuten selbst
wieder zum Schrecken, und es war eben nicht angenehm, den blutigen Schnee und
die gelassenen Haare auf dem Platze zu sehen, wie es der Erzhlerin selbst
begegnet war. Solche Bauern hatten Geld genug und maen es bei Hochzeiten und
Leichenfeiern einander in Scheffeln und Wannen zu. Die Hochzeiten waren dazumal
noch sehr groartig. Sie hatte selbst noch eine solche gesehen, wo smtliche
Gste, Mnner und Weiber, beritten waren und nahe an hundert Pferde beisammen.
Die Weiber trugen Kronen von Flittergold und seidene Kleider mit drei bis
vierfach umgewundenen Ketten von zusammengerollten Dukaten; aber der Teufel ritt
unsichtbar mit, und es ging nach dem Nachtessen nicht am ehrbarsten zu. Diese
Bauern hatten whrend einer groen Hungersnot in den siebziger Jahren ihren
Hauptspa daran, mit zwlf Dreschern in weitgeffneten Scheunen zu dreschen,
dazu einen blinden Geiger aufspielen zu lassen, welcher auf einem groen Brote
sitzen mute, und nachher, wenn genug hungrige Bettler vor der Scheune
versammelt waren, die grimmigen Hunde in den wehrlosen Haufen zu hetzen.
Bemerkenswert war es, da der Volksglaube diese reichen Dorftyrannen vielfach
die verbauerten Nachkommen der alten Zwingherren sein lie, unter welchen man
alle ehemaligen Bewohner der vielen Burgen und Trme verstand, die im Lande
zerstreut waren.
    Ein anderes ergiebiges Feld fr abenteuerliche Kunden war der Katholizismus
mit seinen hinterlassenen leeren Klosterrumen und den noch lebendigen Klstern,
welche etwa in der katholisch gebliebenen Nachbarschaft sich befanden. Dazu
trugen die Ordensgeistlichen der letztern vieles bei, besonders die Kapuziner,
welche sich heute noch mit den Scharfrichtern freundschaftlich in die Arbeit
teilen, bei den aberglubischen reformierten Bauern Teufelsbannerei und
Sympathieknste zu treiben. In einigen abgelegenen Landesgegenden herrschte
damals ein bewutloser verkommener Protestantismus; die Landleute standen nicht
etwa ber den katholischen, als hinwegsehend ber verdummte Menschen, sondern
sie glaubten alle Mrchen derselben getreulich mit, nur hielten sie den Inhalt
fr bel und verwerflich, und sie lachten nicht ber den Katholizismus, sondern
sie frchteten sich vor demselben als vor einer unheimlichen heidnischen Sache.
Ebensowenig als es ihnen mglich war, sich unter einem Freigeiste einen Menschen
vorzustellen, welcher wirklich in seinem Innern nichts glaube, sowenig waren sie
imstande, von jemandem anzunehmen, da er zu vieles glaube; ihr Ma bestand
einzig darin, sich nur zu denjenigen geglaubten Dingen zu bekennen, welche vom
Guten und nicht vom Bsen seien.
    Der Mann der Frau Margret, Vater Jakoblein genannt, von ihr schlechthin
Vater, war funfzehn Jahre lter als sie und nherte sich den Achtzigen. Er besa
eine fast ebenso lebhafte Einbildungskraft wie seine Frau, dabei reichten seine
Erinnerungen noch tiefer in die Sagenwelt der Vergangenheit zurck; doch fate
er alles von einer spahaften Seite auf, da er von jeher ein spahaftes und
ziemlich unntzes Mnnlein gewesen war, und so wute er ebensoviel lcherlichen
Spuk und verdrehte Menschengeschichten zu erzhlen als seine Frau ernsthafte und
schreckliche. In seine frhste Jugend waren noch die letzten Hexenprozesse
gefallen, und er beschrieb mit Humor aus der mndlichen berlieferung geschpfte
Hexensabbate und Bankette ganz genauso, wie man sie noch in den aktenmigen
Geschichten jener Prozesse, in den weitlufigen Anklagen und erzwungenen
Gestndnissen liest. Dieses Gebiet sagte ihm besonders zu, und er versicherte
feierlich von einigen seltsamen Personen, da sie sehr wohl auf dem Besenstiele
zu reiten verstnden, versprach auch von einem Tage zum andern, solange er
lebte, von einem Hexenmeister seiner Bekanntschaft die Salbe herbeizuschaffen,
mit welcher die Besen bestrichen wrden, um darauf aus dem Schornsteine fahren
zu knnen. Dieses gedieh mir immer zum grten Jubel, besonders wenn er mir die
projektierte Fahrt bei schnem Wetter, wo ich dann vorn auf dem Stiele sitzen
sollte, von ihm festgehalten, mit lustigen Aussichten ausmalte. Er nannte mir
manchen schnen Kirschbaum auf einer Hhe oder einen trefflichen Pflaumenbaum
aus seiner Bekanntschaft, bei welchem haltgemacht und genascht, oder einen
delikaten Erdbeerschlag in diesem oder jenem Walde, wo tapfer geschmaust werden
solle, indessen der Besen an eine Tanne gebunden wrde. Auch benachbarte
Jahrmrkte wollten wir besuchen und in die verschiedenen Schaubuden, ohne
Eintrittsgeld, durch das Dach eindringen Bei einem befreundeten Pfarrherrn auf
einem Dorfe mten wir freilich, wenn wir anders von seinen berhmten Wrsten
etwas zu beien bekommen wollten, den Besen im Holze verstecken und vorgeben,
wir seien zu Fu gekommen, um bei dem herrlichen Wetter den Herrn Pfarrer ein
bichen heimzusuchen; hingegen bei einer reichen Hexenwirtin in einem andern
Dorfe mten wir keck zum Schornstein hineinfahren, damit sie, in der trichten
Meinung, ein Paar angehender hoffnungsvoller Hexer bei sich zu sehen, uns mit
ihren vortrefflichen Pfannkuchen mit Speck und mit frischem Honig ohne Rckhalt
bewirte. Da unterwegs auf hohen Bumen und Felsen Einsicht in die seltensten
Vogelnester genommen und das Tauglichste von jungen Vgeln ausgesucht wrde,
verstand sich von selbst. Wie alles ohne Schaden zu unternehmen sei, dafr hatte
er bereits eine Auskunft und kannte die Formel, mit welcher der Teufel, nach
beendigtem Vergngen, um seinen Teil gebracht wrde.
    Auch in dem Gespensterwesen war er sehr erfahren; doch auch hier verdrehte
sich ihm alles zum Lustigen. Die Angst, welche er bei seinen Abenteuern
empfunden, war immer eine hchst komische und endete fter mit einem pfiffigen
Streiche, welchen er den Qulgeistern gespielt haben wollte.
    Auf diese Weise ergnzte er trefflich das phantastische Wesen seiner Frau,
und ich hatte so die Gelegenheit, unmittelbar aus der Quelle zu schpfen, was
man sonst den Kindern der Gebildeten in eigenen Mrchenbchern zurechtmacht.
Wenn der Stoff auch nicht so unverfnglich war wie in diesen und nicht fr eine
so unschuldige kindliche Moral berechnet, so enthielt er nichtsdestoweniger
immer eine menschliche Wahrheit und machte, besonders da in dem vielfltigen
Sammelkrame der Frau Margret eine reiche Fundgrube die sinnliche Anschauung
vervollstndigte, meine Einbildungskraft freilich etwas frhreif und fr starke
Eindrcke empfnglich, etwa wie die Kinder des Volkes frh an die krftigen
Getrnke der Erwachsenen gewhnt werden. Denn was ich hrte, beschrnkte sich
nicht allein auf diese bersinnliche Fabelwelt; sondern die Leute besprachen
auch auf die leidenschaftlichste Weise ihre eigenen und fremde Schicksale, und
hauptschlich das lange Leben der Frau Margret und ihres Mannes war reich an
ernsten und heitern Geschichten, an Beispielen der Gerechtigkeit und
Ungerechtigkeit, der Gefahr, Not, Verwicklung und Befreiung; Hunger, Krieg und
Aufruhr hatten sie gesehen; jedoch ihr eigenes Verhltnis zueinander war so
sonderbar von Leidenschaften bewegt, und es traten so ursprnglich dmonische
Gewalten der Menschennatur darin zutage, da ich mit kindlich erstauntem Auge in
die wilde Flamme sah und schon tiefe Eindrcke empfing.
    Whrend nmlich die Frau Margret die bewegende und erhaltende Kraft in ihrem
Haushalte war, den Grund zum jetzigen Wohlstand gelegt hatte und jederzeit das
Heft in den Hnden hielt, war ihr Mann einer von denjenigen, welche nichts
Eigenes gelernt haben noch tun knnen und daher darauf angewiesen sind, mehr den
Handlanger einer tatkrftigen Frau zu machen und auf eine mige Weise unter dem
Schilde ihres Regimentes ein ruhmloses Dasein zu fhren. Als die Frau, besonders
in frhern Jahren, durch kecke Benutzung der Zeitlufe und originelle
Handstreiche in wrtlichem Sinne Gold zusammenhufte, spielte er nur die Rolle
eines dienstbaren Hauskoboldes, welcher, wenn er seine Handleistungen getan
hatte, mit dem, was ihm die Frau gab, sich gtlich tat und dazu allerhand Spe
trieb, welche mnniglich ergtzten. Sein unmnnlicher Mangel an Rat und
Zuverlssigkeit, die Erfahrung, da sie in kritischen Fllen nie einen krftigen
Schutz in ihm fand, lieen Frau Margret auch seine sonstigen Leistungen
bersehen und erklrten die unbefangene Art, mit welcher sie ihn ohne weiteres
von der Mitherrschaft ber die Geldtruhe ausschlo. Es hatte auch lange Zeit
keines von beiden ein Arges dabei, bis einige Ohrenblser, worunter auch jener
rnkeschtige Schneider, dem Manne das Demtigende seiner Lage vorhielten und
ihn aufhetzten, endlich eine Teilung des Erworbenen und vollstndige
Mitherrschaft zu verlangen.
    Sogleich schwoll ihm der Kamm gewaltig, und er drohte, die schlimmen
Ratgeber hinter sich, der bestrzten Frau mit den Gerichten, wenn sie nicht
seinen Anteil an dem gemeinschaftlich erworbenen Gute herausgbe. Sie fhlte
wohl, da es mehr um einen gewaltsamen Raub als um ein ehrliches Rechthalten zu
tun sei, und strubte sich mit aller Kraft dagegen, zumal sie wute, da sie
nach wie vor die einzig erhaltende Kraft im Hause sein wrde. Sie hatte aber die
Gesetze gegen sich, da diese nicht auf eine Ausscheidung der beitragenden Krfte
eingehen konnten, und zudem gab der Mann vor, sich allerlei mutwilliger Anklagen
bedienend, sich nach geschehener Teilung von ihr trennen zu wollen, so da sie
betubt und beschwatzt wurde und, krank und halb bewutlos, die Hlfte von allem
Besitze herausgab. Er nhete sogleich seine schimmernden Goldstcke, je nach der
Art, in lange, wurstartige Beutel, legte dieselben in einen Koffer, den er am
Boden festnagelte, setzte sich darauf und schlug seinen Helfershelfern, welche
auch ihren Anteil zu erschnappen gehofft hatten, ein Schnippchen. Im brigen
blieb er bei seiner Frau und lebte nach wie vor bei und von ihr, indem er nur
dann zu seinem Schatze griff, wenn er eine Privatliebhaberei befriedigen wollte.
Sie erholte sich indessen wieder und hatte nach einiger Zeit ihren eigenen
Schatz wieder vervollstndigt und mit den Jahren verdoppelt; aber ihr einziger
Gedanke war seit jenem Tage der Teilung, mit der Zeit wieder in den Besitz des
Entrissenen zu gelangen, und das war nur mglich durch den Tod ihres Mannes.
Daher ging ihr jedesmal ein Stich durch das Herz, wenn er ein Goldstck
umwechselte, und sie harrte unverwandt auf seinen Tod. Er hingegen wartete
ebenso sehnlich auf den ihrigen, um Herr und Meister des ganzen Vermgens zu
werden und in voller Unabhngigkeit den Rest seines langen Lebens zuzubringen.
Dieses grauenhafte Verhltnis htte man freilich auf den ersten Blick nicht
geahnt; denn sie lebten zusammen wie zwei gute alte Leutchen und nannten sich
nur Vater und Mutter. Insbesondere blieb die Margret in allem einzelnen auch
gegen ihn die gute und freigebige Frau, die sie sonst war, und sie htte
vielleicht ohne den vierzigjhrigen Lebensgenossen und sein spahaftes
Umhertreiben nicht einen Tag leben knnen; auch ihm war es mittlerweile wohl
genug, und er besorgte mit humoristischer Geschftigkeit die Kche, whrend sie
im Kreise ihrer schwrmerischen Genossen die berfllte Phantasie entzgelte.
    Doch in jeder Jahreszeit einmal, wenn in der Natur die groen Vernderungen
geschahen und die alten Menschen an die schnelle Vergnglichkeit ihres Lebens
erinnerten und ihre krperlichen Gebrechen fhlbarer wurden, erwachte, meistens
in dunklen schlaflosen Nchten, ein entsetzlicher Streit zwischen ihnen, da sie
aufrecht in ihrem breiten altertmlichen Bette saen, unter dem einen
buntbemalten Himmel, und bis zum Morgengrauen, bei geffneten Fenstern, sich die
tdlichen Beleidigungen und Zankworte zuschleuderten, da die stillen Gassen
davon widerhallten. Sie warfen sich die Vergehungen einer fern abliegenden,
sinnlich durchlebten Jugend vor und riefen Dinge durch die lautlose Nacht aus,
welche lange vor der Wende dieses Jahrhunderts in Bergen und Gefilden geschehen,
wo seitdem ganze dichte Wlder entweder gewachsen oder verschwunden, und deren
Teilnehmer lngst in ihren Grbern vermodert waren.
    Dann stellten sie sich darber zur Rede, welchen Grund das eine denn zu
haben glaube, das andere berleben zu knnen, und verfielen in einen elenden
Wettstreit, wer von ihnen wohl noch die Genugtuung haben werde, den andern tot
vor sich zu sehen.
    Wenn man am Tage darauf in ihr Haus kam, so wurde der greuliche Streit vor
jedem Eintretenden, ob fremd oder bekannt, fortgefhrt, bis die Frau erschpft
war und in Weinen und Beten verfiel, indes der Mann anscheinend munterer wurde,
lustige Weisen pfiff, sich einen Pfannkuchen buk und fortwhrend irgendeine
Flause dazu hermurmelte. Er konnte auf diese Weise einen ganzen Morgen hindurch
nichts sagen als immer: Einundfunfzig! einundfunfzig! einundfunfzig! oder zur
Abwechslung einmal: Ich wei nicht, ich glaube immer, die alte Kunzin da drben
ist heute frh spazierengeritten! sie hat gestern einen neuen Besen gekauft! ich
habe so was in der Luft flattern sehen, das sah ungefhr aus wie ihr roter
Unterrock; sonderbar! hm! einundfunfzig usf. Dabei hatte er Gift und Tod im
Herzen und wute, da seine Frau durch das Betragen doppelt litt; denn sie hatte
keine Bosheit noch Mutwillen, um den Kampf auf diese Weise fortzusetzen. Was
aber beide in diesem Zustande sich zuleide taten, bestand dann gewhnlich in
einer verschwenderischen Freigebigkeit, womit sie alles beschenkten, was ihnen
zu nahe kam, gleichsam als wollte eines vor des andern Augen den Besitz
aufzehren, nach dem ein jedes trachtete.
    Der Mann war gerade kein gottloser Mensch, sondern lie, indem er in der
gleichen wunderlichen Art wie an Gespenster und Hexen, so auch an Gott und
seinen Himmel glaubte, denselben einen guten Mann sein und dachte nicht im
mindesten daran, sich auch um die moralischen Lehren zu bekmmern, welche aus
diesem Glauben entspringen sollten er a und trank, lachte und fluchte und
machte seine Schnurren, ohne je zu trachten, sein Leben mit einem ernstern
Grundsatze in Einklang zu bringen. Aber auch der Frau fiel es niemals ein, da
ihre Leidenschaften mit dem religisen Gebaren im Widerspruche sein knnten, und
sie zeichnete sich vor ihren schmausenden Adeptinnen darin aus, da sie niemals
dem Ausdrucke dessen, was sie bewegte, einen Zgel anlegte. Sie liebte und
hafte, segnete und verwnschte und gab sich unverhllt und ungehemmt allen
Regungen ihres Gemtes hin, ohne je an eine eigene mgliche Schuld zu denken und
sich unbefangenerweise stets auf Gott und seinen mchtigen Einflu berufend.
    Jede der Ehehlften hatte eine zahlreiche Verwandtschaft blutarmer Leute,
welche im Lande zerstreut wohnten. Diese teilten unter sich die Hoffnung auf das
gewichtige Erbe um so mehr, als Frau Margret, zufolge ihrer hartnckigen
Abneigung gegen unverbesserlich arm Bleibende, ihnen nur sprliche Gaben von
ihrem berflusse zukommen lie und sie nur an Feiertagen gastlich speiste und
trnkte. Alsdann erschienen von beiden Seiten her die alten Vettern und Basen,
Schwestern und Schwger mit ausgehungerten langnasigen Tchtern und bleichen
Shnen und trugen Scklein und Krbe herbei, welche die kmmerlichen Gaben ihrer
Armut enthielten, um die alten launenhaften Leute fr sich zu gewinnen, und
worin sie reichere Gegenspenden nach Hause zu tragen hofften. Diese Sippschaft
war schroff in zwei Lager geschieden, die sich in dem Streite, der zwischen den
Hauptpersonen herrschte, ebenfalls den Hoffnungen auf den frhern Tod des
Gegners hingaben, um einst ein vergrertes Erbe zu erhalten. Sie haten und
befeindeten sich ebenso stark untereinander, als die Leidenschaften Margrets und
ihres Mannes das Vorbild dazu abgaben, und es entstand jedesmal, nachdem die
zahlreiche Gesellschaft sich an dem ungewohnten berflusse gesttigt und gewrmt
hatte und der bermut den anfnglichen Zwang auflste, ein mchtiger Zank
zwischen beiden Parteien, da sich die Mnner die briggebliebenen Schinken, ehe
sie dieselben in ihre Reisescke steckten, um die Kpfe schlugen und die armen
Weiber sich gegenseitig unter die blassen spitzigen Nasen schimpften und ber
dem befriedigten Magen ein Herz voll Neid und rger auf den Heimweg trugen. Ihre
Augen funkelten stechend unter den drftig aufgeputzten Sonntagshauben hervor,
wenn sie mit langen Schritten, die vollgepfropften Bndel unter dem Arme, aus
dem Tore zogen und sich grollend auf den Scheidewegen trennten, um den
entlegenen Htten zuzueilen.
    Solcherweise ging es viele Jahre, bis die alte Frau Margret mit dem Sterben
den Anfang machte und in jenes fabelhafte Reich der Geister und Gespenster
selber hinberging. Sie hinterlie unerwarteterweise ein Testament, welches
einen einzelnen jungen Mann zum alleinigen Erben einsetzte; es war der letzte
und jngste jener Gnstlinge, an deren Gewandtheit und Wohlergehen sie ihre
Freude gehabt hatte, und sie war mit der berzeugung gestorben, da ihr gutes
Gold nicht in ungeweihte Hnde bergehe, sondern die Kraft und die Lust
tchtiger Leute sein werde. Bei ihrem Leichenbegngnisse fanden sich smtliche
Verwandte beider Ehegatten ein, und es war ein groes Geheul und Gelrm, als sie
sich also getuscht fanden. Sie vereinigten sich in ihrem Zorne alle gegen den
glcklichen Erben, welcher ganz ruhig seine Habe einpackte, was irgend von
Nutzen war, und auf einen groen Wagen lud. Er berlie den armen Leuten nichts
als die vorhandenen Vorrte an Lebensmitteln und die gesammelten Seltsamkeiten
und Bcher der Seligen, insofern sie nicht von Gold, Silber oder sonstigem
Gehalte waren. Drei Tage und drei Nchte blieb der wehklagende Schwarm in dem
Trauerhause, bis der letzte Knochen zerschlagen und dessen Mark mit dem letzten
Bissen Brot aufgetunkt war. Sodann zerstreuten sie sich allmhlich, ein jeder
mit dem Andenken, das er noch erbeutet hatte. Der eine trug einen Pack Heiden-
und Gtzenbcher auf der Schulter, mit einem tchtigen Stricke zusammengebunden
und mit einem Scheite geknebelt, und unter dem Arme ein Scklein getrockneter
Pflaumen; der andere hing ein Muttergottesbild an seinem Stabe ber den Rcken
und wiegte auf dem Kopfe eine kunstreich geschnitzte Lade, sehr geschickt mit
Kartoffeln angefllt in allen ihren Fchern. Hagere lange Jungfrauen trugen
zierliche altmodische Weidenkrbe und buntbemalte Schachteln, angefllt mit
knstlichen Blumen und vergilbtem Flitterkram; Kinder schleppten wchserne Engel
in den Armen oder trugen chinesische Krge in den Hnden; es war, als sehe man
eine Schar Bilderstrmer aus einer geplnderten Kirche kommen. Doch gedachte ein
jeder seine Beute als ein wertes Angedenken an die Verstorbene aufzubewahren,
sich schlielich an das genossene Gute erinnernd, und zog mit Wehmut seine
Strae, indessen der Haupterbe, neben seinem Wagen einherschreitend, pltzlich
haltmachte, sich besann, darauf die ganze Ladung einem Trdler verkaufte und
auch nicht einen Nagel aufbewahrte. Dann ging er zu einem Goldschmied und
verkaufte demselben die Schaumnzen, Kelche und Ketten und zog endlich mit
rstigen Schritten aus dem Tore, ohne sich umzusehen, mit seiner dicken
Geldkatze und seinem Stabe. Er schien froh zu sein, eine verdrieliche und
langwierige Angelegenheit erledigt zu sehen.
    In dem Hause aber blieb der alte Mann allein und einsam zurck mit dem
zusammengeschmolzenen Reste jener frheren Teilung. Er lebte noch drei Jahre und
starb gerade an dem Tage, wo das letzte Goldstck gewechselt werden mute. Bis
dahin vertrieb er sich die Zeit damit, da er sich vornahm und ausmalte, wie er
im Jenseits seine Frau haranguieren wolle, wenn sie da mit ihren verrckten
Ideen herumschlampe, und welche Streiche er ihr angesichts der Apostel und
Propheten spielen wrde, da die alten Gesellen was zu lachen bekmen. Auch an
manchen Toten seiner Bekanntschaft erinnerte er sich und freute sich auf die
Wiederbelebung verjhrten Unfuges beim Wiedersehen. Ich hrte ihn immer nur in
solch lustiger Art vom zuknftigen Leben sprechen. Er war nun blind und bald
neunzig Jahre alt, und wenn er, von Schmerzen, Trbsal und Schwche heimgesucht,
traurig und klagend wurde, so sprach er nichts von diesen Dingen, sondern rief
immer, man sollte die Menschen totschlagen, ehe sie so alt und elend wrden.
    Endlich ging er aus wie ein Licht, dessen letzter Tropfen l aufgezehrt ist,
schon vergessen von der Welt, und ich, als ein herangewachsener Mensch, war
vielleicht der einzige Bekannte frherer Tage, welcher dem zusammengefallenen
Restchen Asche zu Grabe folgte.

                                 Achtes Kapitel



                                Kinderverbrechen

Gleich dem Chorus in den Schauspielen der Alten hatte ich von meiner frhsten
Jugend an das Leben und die Ereignisse in diesem nachbarlichen Hause betrachtet
und war ein allezeit aufmerksamer Teilnehmer. Ich ging ab und zu, setzte mich in
eine Ecke oder stand mitten unter den Handelnden und Lrmenden, wenn etwas
vorfiel. Ich holte die Bcher hervor und verlangte, wessen ich von den
Sehenswrdigkeiten bedurfte, oder spielte mit den Schmucksachen der Frau
Margret. Alle die mannigfaltigen Personen, welche in das Haus kamen, kannten
mich, und jeder war freundlich gegen mich, weil dieses meiner Beschtzerin so
behagte. Ich aber machte nicht viele Worte, sondern gab acht, da nichts von den
geschehenden Dingen meinen Augen und Ohren entging. Mit all diesen Eindrcken
beladen, zog ich dann ber die Gasse wieder nach Hause und spann in der Stille
unserer Stube den Stoff zu grollen trumerischen Geweben aus, wozu die erregte
Phantasie den Einschlag gab. Sie verflochten sich mir mit dem wirklichen Leben,
da ich sie kaum von demselben unterscheiden konnte.
    Daraus nur mag ich mir unter anderm eine Geschichte erklren, welche ich
ungefhr in meinem siebenten Jahre anrichtete und die ich sonst gar nicht
begreifen knnte. Ich sa einst hinter dem Tische, mit irgendeinem Spielzeuge
beschftigt, und sprach dazu einige unanstndige, hchst rohe Worte vor mich
hin, deren Bedeutung mir unbekannt war und die ich auf der Strae gehrt haben
mochte. Eine Frau sa bei meiner Mutter und plauderte mit ihr, als sie die Worte
hrte und meine Mutter aufmerksam darauf machte. Sie fragten mich mit ernster
Miene, wer mich diese Sachen gelehrt htte, insbesondere die fremde Frau drang
in mich, worber ich mich verwunderte, einen Augenblick nachsinnend, und dann
den Namen eines Knaben nannte, den ich in der Schule zu sehen pflegte. Sogleich
fgte ich noch zwei oder drei andere hinzu, smtlich Jungen von zwlf bis
dreizehn Jahren, mit denen ich kaum noch ein Wort gesprochen hatte. Einige Tage
darauf behielt mich der Lehrer zu meiner Verwunderung nach der Schule zurck
sowie jene vier angegebenen Knaben, welche mir wie halbe Mnner vorkamen, da sie
an Alter und Gre mir weit vorgeschritten waren. Ein geistlicher Herr erschien,
welcher gewhnlich den Religionsunterricht gab und sonst der Schule vorstand,
setzte sich mit dem Lehrer an einen Tisch und hie mich neben ihn sitzen. Die
Knaben hingegen muten sich vor dem Tische in eine Reihe stellen und harrten der
Dinge, die da kommen sollten. Sie wurden nun mit feierlicher Stimme gefragt, ob
sie gewisse Worte in meiner Gegenwart ausgesprochen htten; sie wuten nichts zu
antworten und waren ganz erstaunt. Hierauf sagte der Geistliche zu mir: Wo hast
du die bewuten Dinge gehrt von diesen Buben? Ich, war sogleich wieder im Zuge
und antwortete unverweilt mit trockener Bestimmtheit: Im Brderleinsholze!
Dieses ist ein Gehlz, eine Stunde von der Stadt entfernt, wo ich in meinem
Leben nie gewesen war, das ich aber oft nennen hrte. Wie ist es dabei
zugegangen, wie seid ihr dahin gekommen? fragte man weiter. Ich erzhlte, wie
mich die Knaben eines Tages zu einem Spaziergange berredet und in den Wald
hinaus mitgenommen htten, und ich beschrieb einllich die Art, wie etwa
grere Knaben einen kleinern zu einem mutwilligen Streifzuge mitnehmen. Die
Angeklagten gerieten auer sich und beteuerten mit Trnen, da sie teils seit
langer Zeit, teils gar nie in jenem Gehlze gewesen seien, am wenigsten mit mir!
Dabei sahen sie mit erschrecktem Hasse auf mich wie auf eine bse Schlange und
wollten mich mit Vorwrfen und Fragen bestrmen, wurden aber zur Ruhe gewiesen
und ich aufgefordert, den Weg anzugeben, welchen wir gegangen. Sogleich lag
derselbe deutlich vor meinen Augen, und angefeuert durch den Widerspruch und das
Leugnen eines Mrchens, an welches ich nun selbst glaubte, da ich mir sonst auf
keine Weise den wirklichen Bestand der gegenwrtigen Szene erklren konnte, gab
ich nun Weg und Stege an, die an den Ort fhren. Ich kannte dieselben nur vom
flchtigen Hrensagen, und obgleich ich kaum darauf gemerkt hatte, stellte sich
nun jedes Wort zur rechten Zeit ein. Ferner erzhlte ich, wie wir unterwegs
Nsse heruntergeschlagen, Feuer gemacht und gestohlene Kartoffeln gebraten, auch
einen Bauernjungen jmmerlich durchgebleut htten, welcher uns hindern wollte.
Im Walde angekommen, kletterten meine Gefhrten auf hohe Tannen und jauchzten in
der Hhe, den Geistlichen und den Lehrer mit Spitznamen benennend. Diese
Spitznamen hatte ich, ber das uere der beiden Mnner nachsinnend, lngst im
eigenen Herzen ausgeheckt, aber nie verlautbart; bei dieser Gelegenheit brachte
ich sie zugleich an den Mann, und der Zorn der Herren war ebenso gro als das
Erstaunen der vorgeschobenen Knaben. Nachdem sie wieder von den Bumen
heruntergekommen, schnitten sie groe Ruten und forderten mich auf, auch auf ein
Bumchen zu klettern und oben die Spottnamen auszurufen. Als ich mich weigerte,
banden sie mich an einen Baum fest und schlugen mich so lange mit den Ruten, bis
ich alles aussprach, was sie verlangten, auch jene unanstndigen Worte. Indessen
ich rief, schlichen sie sich hinter meinem Rcken davon, ein Bauer kam in
demselben Augenblicke heran, hrte meine unsittlichen Reden und packte mich bei
den Ohren. Wart, ihr bsen Buben! rief er, diesen hab ich! und hieb mir
einige Streiche. Dann ging er ebenfalls weg und lie mich stehen, whrend es
schon dunkelte. Mit vieler Mhe ri ich mich los und suchte den Heimweg in dem
dunklen Wald. Allein ich verirrte mich, fiel in einen tiefen Bach, in welchem
ich bis zum Ausgange des Waldes teils schwamm, teils watete, und so, nach
Bestehung mancher Gefhrde, den rechten Weg fand. Doch wurde ich noch von einem
groen Ziegenbocke angegriffen, bekmpfte denselben mit einem rasch
ausgerissenen Zaunpfahl und schlug ihn in die Flucht.
    Noch nie hatte man in der Schule eine solche Beredsamkeit an mir bemerkt wie
bei dieser Erzhlung. Es kam niemand in den Sinn, etwa bei meiner Mutter
anfragen zu lassen, ob ich eines Tages durchnt und nchtlich nach Hause
gekommen sei? Dagegen brachte man mit meinem Abenteuer in Zusammenhang, da der
eine und andere der Knaben nachgewiesenermaen die Schule geschwnzt hatte,
gerade um die Zeit, welche ich angab. Man glaubte meiner groen Jugend sowohl
wie meiner Erzhlung; diese fiel ganz unerwartet und unbefangen aus dem blauen
Himmel meines sonstigen Schweigens. Die Angeklagten wurden unschuldig verurteilt
als verwilderte bsartige junge Leute, da ihr hartnckiges und einstimmiges
Leugnen und ihre gerechte Entrstung und Verzweiflung die Sache noch
verschlimmerten; sie erhielten die hrtesten Schulstrafen, wurden auf die
Schandbank gesetzt und berdies noch von ihren Eltern geprgelt und eingesperrt.
    Soviel ich mich dunkel erinnere, war mir das angerichtete Unheil nicht nur
gleichgltig, sondern ich fhlte eher noch eine Befriedigung in mir, da die
poetische Gerechtigkeit meine Erfindung so schn und sichtbarlich abrundete, da
etwas Auffallendes geschah, gehandelt und gelitten wurde, und das infolge meines
schpferischen Wortes. Ich begriff gar nicht, wie die mihandelten Jungen so
lamentieren und erbost sein konnten gegen mich, da der treffliche Verlauf der
Geschichte sich von selbst verstand und ich hieran sowenig etwas ndern konnte
als die alten Gtter am Fatum.
    Die Betroffenen waren smtlich, was man schon in der Kinderwelt rechtliche
Leute nennen knnte, ruhige, gesetzte Knaben, welche bisher keinen Anla zu
scharfem Tadel gegeben und aus denen seither stille und arbeitsame junge Brger
geworden. Um so tiefer wurzelte in ihnen die Erinnerung an meine Teufelei und
das erlittene Unrecht, und als sie es jahrelang nachher mir vorhielten,
erinnerte ich mich ganz genau wieder an die vergessene Geschichte, und fast
jedes Wort ward wieder lebendig. Erst jetzt qulte mich der Vorfall mit
verdoppelter nachhaltiger Wut, und sooft ich daran dachte, stieg mir das Blut zu
Kopfe, und ich htte mit aller Gewalt die Schuld auf jene leichtglubigen
Inquisitoren schieben, ja sogar die plauderhafte Frau anklagen mgen, welche auf
die verpnten Worte gemerkt und nicht geruht hatte, bis ein bestimmter Ursprung
derselben nachgewiesen war. Drei der ehemaligen Schulgenossen verziehen mir und
lachten, als sie sahen, wie mich die Sache nachtrglich beunruhigte, und sie
freuten sich, da ich zu ihrer Genugtuung mich alles einzelnen so wohl
erinnerte. Nur der vierte, der viele Mhe mit dem Leben hatte, konnte niemals
einen Unterschied machen zwischen der Kinderzeit und dem sptern Alter und trug
mir die angetane Unbilde so nach, als ob ich sie erst heute, mit dem Verstande
eines Erwachsenen, begangen htte. Mit dem tiefsten Hasse ging er an mir
vorber, und wenn er mir beleidigende Blicke zuwarf, so vermochte ich sie nicht
zu erwidern, weil das frhe Unrecht auf mir ruhte und keiner es vergessen
konnte.

                                Neuntes Kapitel



                                 Schuldmmerung

Ich hatte mich nunmehr in der Schule zurechtgefunden und befand mich wohl in
derselben, da das erste Lernen rasch, aufeinanderfolgte und tglich fortschritt.
Auch die Einrichtung der Schule hatte viel Kurzweiliges; ich ging gern und
eifrig hinein, sie bildete mein ffentliches Leben und war mir ungefhr, was den
Alten die Gerichtssttte und das Theater. Es war keine ffentliche Anstalt,
sondern das Werk eines gemeinntzigen Vereins und dazu bestimmt, bei dem
damaligen Mangel guter unterer Volksschulen, den Kindern drftiger Leute eine
bessere Erziehung zu verschaffen, und sie hie daher Armenschule. Die
Pestalozzi-Lancastersche Unterrichtsweise wurde angewendet, und zwar mit einem
Eifer und einer Hingebung, welche gewhnlich nur Eigenschaften von
leidenschaftlichen Privatschulmnnern zu sein pflegen. Mein Vater hatte bei
seinen Lebzeiten fr die Einrichtung und fr die Ergebnisse dieser Anstalt, die
er zuweilen besuchte und in Augenschein nahm, geschwrmt und oft den Entschlu
ausgesprochen, meine ersten Schuljahre im derselben verflieen zu lassen, schon
darin eine Erziehungsmaregel suchend, da ich mit den rmsten Kindern der Stadt
meine frhsten Jugendjahre zubrchte und aller Kastengeist und Hochmut so im
Keime erstickt wrden. Diese Absicht war fr meine Mutter ein heiliges
Vermchtnis und erleichterte ihr die Wahl der ersten Schule fr mich. In einem
groen Saale wurden etwa hundert Kinder unterrichtet, zur Hlfte Knaben, zur
Hlfte Mdchen, vom fnften bis zum zwlften Jahre. Sechs lange Schulbnke
standen in der Mitte, von dem einen Geschlechte besetzt; jede bildete eine
Altersklasse, und davor stand ein vorgeschrittener Schler von elf bis zwlf
Jahren und unterrichtete die ganze Bank, welche ihm anvertraut war, indessen das
andere Geschlecht in Halbkreisen um sechs Pulte herum stand, die lngs den
Wnden angebracht waren. Inmitten jedes Kreises sa auf einem Sthlchen
ebenfalls ein unterrichtender Schler oder eine Schlerin. Der Hauptlehrer
thronte auf einem erhhten Katheder und bersah das Ganze, zwei Gehilfen standen
ihm bei, machten die Runde durch den ziemlich dstern Saal, hier und dort
einschreitend, nachhelfend und die gelehrtesten Dinge selbst beibringend. Jede
halbe Stunde wurde mit dem Gegenstande gewechselt; der Oberlehrer gab ein
Zeichen mit einer Klingel, und nun wurde ein treffliches Manver ausgefhrt,
mittelst dessen die hundert Kinder in vorgeschriebener Bewegung und Haltung,
immer nach der Klingel, aufstanden, sich kehrten, schwenkten und durch einen
wohlberechneten Marsch in einer Minute die Stellung wechselten, so da die
frher funfzig Sitzenden nun zu stehen kamen und umgekehrt. Es war immer eine
unendlich glckliche Minute, wenn wir, die Hnde reglementarisch auf dem Rcken
verschrnkt, die Knaben bei den Mdchen vorbeimarschierten und unsern
soldatischen Schritt gegen ihr Gnsegetrippel hervorzuheben suchten. Ich wei
nicht, war es eine artige herkmmliche Nachlssigkeit oder gar eine Absicht, da
es erlaubt war, Blumen mitzubringen und whrend des Unterrichts in den Hnden zu
halten, wenigstens habe ich diese hbsche Lizenz in keiner andern Schule mehr
gefunden; aber es war immer gut anzusehen whrend des lustigen Marsches, wie
fast jedes Mdchen eine Rose oder eine Nelke in den Fingern auf dem Rcken
hielt, whrend die Buben die Blumen im Munde trugen wie Tabakspfeifen oder
dieselben burschikos hinter die Ohren steckten. Es waren alles Kinder von
Holzhackern, Tagelhnern, armen Schneidern, Schustern und von almosengenssigen
Leuten. Bessere Handwerker durften ihres Ranges und Kredits wegen die Schule
nicht benutzen. Daher war ich der best und reinlichst gekleidete unter den Buben
und galt fr halb vornehm, obgleich ich bald sehr vertraulich war mit den
buntscheckig geflickten armen Teufeln, ihren Sitten und Gewohnheiten, insofern
sie mir nicht allzu fremd und unfreundlich waren. Denn obgleich die Kinder der
Armen nicht schlimmer und etwa boshafter sind als die der Reichen oder sonst
Geborgenen, im Gegenteil eher unschuldiger und gutmtiger, so haben sie doch
manchmal grinsende Derbheiten in ihren Gebrden, welche mich bei einigen
Mitschlern abstieen.
    Die Kleidung, welche ich damals erhielt, war grn, da meine Mutter aus den
Uniformstcken des Vaters eine Tracht fr mich schneiden lie, fr den Sonntag
einen Anzug und fr die Werktage einen. Auch fast alle nachgelassenen
brgerlichen Gewnder waren von grner Farbe; bis zu meinem zwlften Jahre aber
reichte der Nachla zur Herstellung von grnen lacken und Rcklein aus bei der
groen Strenge und Aufmerksamkeit der Mutter fr Schonung und Reinhaltung der
Kleider, so da ich von der unvernderlichen Farbe schon frh den Namen grner
Heinrich erhielt und in unserer Stadt trug. Als solcher machte ich in der
Schule und auf der Gasse bald eine bekannte Figur und benutzte meine grne
Popularitt zur steten Fortsetzung meiner Beobachtungen und chorartiger
Teilnahme an allem, was geschah und gehandelt wurde. Ich drang mit den
verschiedensten Kindern, je nach Bedrfnis und Laune, in die elterlichen Huser
und war als ein vermeintlich stilles gutes Kind gern gesehen, whrend ich mir
genau den Haushalt und die Gebruche der armen Leute ansah und dann wieder
wegblieb, um mich in mein Hauptquartier bei der Frau Margret zurckzuziehen, wo
es am Ende immer am meisten zu sehen gab. Sie freute sich, da ich bald imstande
war, nicht nur das Deutsche gelufig vorlesen, sondern auch die in ihren alten
Bchern hufigen lateinischen Lettern erklren zu knnen sowie die arabischen
Zahlen, die sie nie verstehen lernte. Ich verfertigte ihr auch allerlei Notizen
in Frakturschrift auf Papierzettel, welche sie aufbewahren und bequem lesen
konnte, und wurde auf diese Weise ihr kleiner Geheimschreiber. Schon sah sie,
die mich fr ein groes Genie hielt, einen ihrer zuknftigen, klugen Glckmacher
in mir und war im voraus meiner glnzenden Laufbahn froh. Wirklich machte mir
das Lernen weder Mhe noch Kummer, und ich war, ohne zu wissen wie, zu der Wrde
herangediehen, die kleineren Genossen unterrichten zu drfen. Dieses geriet mir
zu einer neuen Lust, vorzglich weil ich, ausgerstet mit der Macht zu lohnen
und zu strafen, kleine Schicksale kombinieren, Lcheln und Trnen, Freund- und
Feindschaft hervorzaubern konnte. Sogar die Frauenliebe spielte ihre ersten
schwachen Morgenwlkchen dazwischen. Wenn ich in einem Halbkreise von neun bis
zehn kleinen Mdchen sa, so war der erste ehrenvollste Platz bald zunchst
meiner Seite, bald war es der letzte, je nach der Gegend in dem grollen Saale.
So geschah es, da ich die Mdchen, welche ich gern sah, entweder fortwhrend
oben hielt in der Region des Ruhmes und der Tugend oder aber sie stets
niederdrckte in die dunkle Sphre der Snde und der Vergessenheit, in beiden
Fllen immer zunchst meinem tyrannischen Herzen. Dieses aber wurde selbst
reichlich mitbewegt, wenn ich oft von der ohne Verdienst erhobenen Schnen kein
Lcheln des Dankes erhielt, wenn sie die unverdiente Ehre hinnahm, als ob sie
ihr gebhrte, und es mir durch mutwillige rcksichtslose Streiche unendlich
erschwerte, sie auf der glatten Hhe zu halten ohne auffallende Ungerechtigkeit.
    Nur zwei Dinge waren mir in dieser Schule qulend und unheimlich und sind
eine unliebliche Erinnerung geblieben. Das eine war die dstere kriminalistische
Weise, in welcher die Schuljustiz gehandhabt wurde. Es lag dies teils noch im
Geiste der alten Zeit, an deren Grenze wir standen, teils in einer
Privatliebhaberei der Personen und harmonierte bel mit dem brigen guten Ton.
Es wurden ausgesuchte peinliche und infamierende Strafen angewendet auf dies
zarte Lebensalter, und es verging fast kein Monat ohne eine feierliche Exekution
an irgendeinem armen Snder. Zwar wurden meistens wirkliche Bsewichte
betroffen; es war aber immerhin verkehrt, indem es die Kinder zu einem frhen
gelufigen Verdammen hinfhrte; so schon ist es eine seltsame Erscheinung, da
die Kinder, selbst wenn sie das Bewutsein des gleichen Fehlers in sich haben,
aber verschont geblieben sind, ein bestraftes und bezeichnetes verachten,
verfolgen und verhhnen, bis die letzten Wirkungen verklungen oder die Verfolger
selbst in das Netz gefallen sind. Solange das Goldene Zeitalter nicht gekommen,
mssen kleine Buben geprgelt werden; allein einen widerlichen Eindruck machte
es, wenn ein unglcklicher Snder nach gehaltener Standrede in ein abgelegenes
Zimmer gefhrt, dort ausgezogen, auf eine Bank gelegt und abgehauen wurde; oder
als einmal ein ziemlich groes Mdchen mit einer umgehngten Tafel auf einem
hohen Schranke sitzen mute, einen ganzen Tag lang. Ich hatte tiefes Mitleid mit
ihr, obgleich sie etwas Groes begangen haben mochte. Vielleicht war sie auch
unschuldig verurteilt! Ein paar Jahre spter ertrnkte sich das gleiche Mdchen
whrend des Konfirmationsunterrichtes, ich wei nicht mehr weshalb, erinnere
mich aber noch der trauernden Teilnahme, welche ich fr die Tote hegte, als ich
sie zu Grabe tragen sah, gefolgt von einer groen Schar weigekleideter Mdchen
zwischen fnf-und sechszehn Jahren, welche Blumen trugen. Man erwies ihr,
ungeachtet ihres unchristlichen Todes, diese Ehre ihrer Jugend wegen, weil man
zugleich das grelle Ereignis damit verhllen und migen konnte.
    Die andere peinliche Erinnerung an jene Schulzeit sind mir der Katechismus
und die Stunden, whrend deren wir uns damit beschftigen muten. Ein kleines
Buch voll hlzerner, blutloser Fragen und Antworten, losgerissen aus dem Leben
der biblischen Schriften, nur geeignet, den drren Verstand bejahrter und
verstockter Menschen zu beschftigen, mute whrend der so unendlich scheinenden
Jugendjahre in ewigem Wiederkuen auswendig gelernt und in verstndnislosem
Dialoge hergesagt werden. Harte Worte und harte Buen waren die Aufklrungen,
beklemmende Angst, keines der dunklen Worte zu vergessen, die Anfeuerung zu
diesem religisen Leben. Einzelne Psalmstellen und Liederstrophen, ebenfalls aus
allem Zusammenhange gezerrt und deshalb unlieber einzuprgen als ein ganzes
organisches Gedicht, verwirrten das Gedchtnis, anstatt es zu ben. Wenn man
diese, gegen die verwilderte Sndhaftigkeit ausgewachsener Menschen gerichteten,
vierschrtigen nackten Gebote neben den bersinnlichen und unfalichen
Glaubensstzen gereiht sah, so fhlte man nicht den Geist wehen einer sanften
menschlichen Entwicklung, sondern den schwlen Hauch eines rohen und starren
Barbarentums, wo es einzig darauf ankommt, den jungen, zarten Nachwuchs auf der
Schnell- und Zwangbleiche so frh als mglich fr den ganzen Umfang des
bestehenden Lebens und Denkens fertig und verantwortlich zu machen. Die Pein
dieser Disziplin erreichte ihren Gipfel, wenn mehrere Male im Jahre die Reihe an
mich kam, am Sonntage in der Kirche, vor der ganzen Gemeinde, mit lauter
vernehmlicher Stimme das wunderliche Zwiegesprch mit dem Geistlichen zu fhren,
welcher in weiter Entfernung von mir auf der Kanzel stand und wo jedes Stocken
und Vergessen zu einer Art Kirchenschande gereichte. Viele Kinder schpfen zwar
gerade aus dieser Sitte die Kunst, mit Salbung und Zungengelufigkeit, wohl gar
mit ihrer Frechheit zu prunken, und der Tag geriet ihnen immer zu einem Triumph-
und Freudentag. Gerade bei diesen erwies es sich aber jederzeit, da alles eitel
Schall und Rauch gewesen. Es gibt geborene Protestanten, und ich mchte mich zu
diesen zhlen, weil nicht ein Mangel an religisem Sinne, sondern, freilich mir
unbewut, ein letztes feines Ruchlein verschollener Scheiterhaufen, durch die
hallende Kirche schwebend, mir den Aufenthalt widerlich machte, wenn die
eintnigen Gewaltstze hin-und hergeworfen wurden. Nicht als ob ich mir
einbilden wollte, ein scharfsinnig polemisches Wunderkind gewesen zu sein;
sondern es war einzig Sache des angeborenen Gefhles.
    So wurde ich gewaltsam auf meinen Privatverkehr mit Gott zurckgedrngt, und
ich beharrte auf meiner Sitte, meine Gebete und Verhandlungen selbst zu
bestreiten nach meinem Bedrfnisse und sie auch in Ansehung der Zeit nur dann
anzuwenden, wenn ich ihrer bedurfte. Einzig das Vaterunser wurde morgens und
abends regelmig, aber lautlos, gebetet.
    Aber auch aus meinem innern und uern Spiel-und Lustleben wurde der liebe
Gott verdrngt und konnte weder durch die Frau Margret noch durch meine Mutter
darin erhalten werden. Fr lange Jahre wurde mir der Gedanke Gottes zu einer
prosaischen Vorstellung, in dem Sinne, wie die schlechten Poeten das wirkliche
Leben fr prosaisch halten im Gegensatze zu dem erfundenen und fabelhaften. Das
Leben, die sinnliche Natur waren merkwrdigerweise mein Mrchen, in dem ich
meine Freude suchte, whrend Gott fr mich zu der notwendigen, aber nchternen
und schulmeisterlichen Wirklichkeit wurde, zu welcher ich nur zurckkehrte wie
ein mdgetummelter, hungriger Knabe zur alltglichen Haussuppe und mit der ich
so schnell fertig zu werden suchte als mglich. Solches bewirkte die Art und
Weise, wie die Religion und meine Kinderzeit zusammengekuppelt wurden.
Wenigstens kann ich mich, trotzdem da jene ganze Zeit wie ein heller Spiegel
vor mir liegt, nicht entsinnen, da ich vor dem Erwachen der Vernunft je einen
Andachtschauer, wenn auch noch so kindlich, empfunden htte.
    Ich betrachte diese halb gottlose Zeit gerade der weichsten und bildsamsten
Jahre, welche deren wohl sieben bis achte andauerte, als eine kalte de Strecke
und weise die Schuld einzig auf den Katechismus und seine Handhaber. Denn wenn
ich recht scharf in jenen vergangenen dmmerhaften Seelenzustand zurckzudringen
versuchte, so entdecke ich noch wohl, da ich den Gott meiner Kindheit nicht
liebte, sondern nur brauchte. Jetzt erst wird mir der trbe kalte Schleier ganz
deutlich, welcher ber jener Zeit liegt und mir dazumal die Hlfte des Lebens
verhllte, mich blde und scheu machte, da ich die Leute nicht verstand und
mich selbst nicht zu erkennen geben konnte, so da die Erzieher vor mir standen
als vor einem Rtsel und sagten: Dieses ist ein seltsames Gewchs, man wei
nicht viel damit anzufangen!

                                Zehntes Kapitel



                               Das spielende Kind

Desto eifriger verkehrte ich im stillen mit mir selbst, in der Welt, die ich mir
allein zu bauen gezwungen war. Meine Mutter kaufte mir nur uerst wenig
Spielzeug, immer und einzig darauf bedacht, jeden Heller fr meine Zukunft zu
sparen, und erachtete in ihrem Sinne jede Ausgabe fr berflssig, welche nicht
unmittelbar fr das Notwendigste geopfert wurde. Sie suchte mich dafr durch
fortwhrende mndliche Unterhaltungen zu beschftigen und erzhlte mir tausend
Dinge aus ihrem vergangenen Leben sowohl wie aus dem Leben anderer Leute, indem
sie in unserer Einsamkeit selbst eine se Gewohnheit darin fand. Aber diese
Unterhaltung sowie das Treiben im wunderlichen Nachbarhause konnte doch zu letzt
meine Stunden nicht ausfllen, und ich bedurfte eines sinnlichen Stoffes,
welcher meiner Gestaltungslust anheimgegeben war. So war ich bald darauf
angewiesen, mir mein Spielzeug selbst zu schaffen. Das Papier, das Holz, die
gewhnlichen Aushelfer in diesem Falle, waren schnell abgebraucht, besonders da
ich keinen Mentor hatte, welcher mich mit Handgriffen und Knsten bekannt
machte. Was ich so bei den Menschen nicht fand, das gab mir die stumme Natur.
Ich sah aus der Ferne bei andern Knaben, da sie artige kleine
Naturaliensammlungen besaen, besonders Steine und Schmetterlinge, und von ihren
Lehrern und Vtern angeleitet wurden, dergleichen selbst auf ihren Ausflgen zu
suchen. Ich ahmte dieses nun auf eigene Faust nach und begann gewagte Reisen
lngs der Bach- und Flubette zu unternehmen, wo ein buntes Geschiebe an der
Sonne lag. Bald hatte ich eine gewichtige Sammlung glnzender und farbiger
Mineralien beisammen, Glimmer, Quarze und solche Steine, welche mir durch ihre
abweichende Form auffielen. Glnzende Schlacken, aus Httenwerken in den Strom
geworfen, hielt ich ebenfalls fr wertvolle Stcke, Glasflsse fr Edelsteine,
und der Trdelkram der Frau Margret lieferte mir einigen Abfall an polierten
Marmorscherben und halb durchsichtigen Alabasterschnrkeln, welche berdies noch
eine antiquarische Glorie durchdrang. Fr diese Dinge verfertigte ich Fcher und
Behlter und legte ihnen wunderlich beschriebene Zettel bei. Wenn die Sonne in
unser Hfchen schien, so schleppte ich den ganzen Schatz hinunter, wusch Stck
fr Stck in dem kleinen Brnnlein und breitete sie nachher an der Sonne aus, um
sie zu trocknen, mich an ihrem Glanze erfreuend. Dann ordnete ich sie wieder in
die Schachteln und hllte die glnzendsten Dinge sorglich in Baumwolle, welche
ich aus den grollen Ballen am Hafenplatze und beim Kaufhause gezupft hatte. So
trieb ich es lange Zeit; allein es war nur der uere Schein, der mich erbaute,
und als ich sah, da jene Knaben fr jeden Stein einen bestimmten Namen besaen
und zugleich viel Merkwrdiges, was mir unzugnglich war, wie Kristalle und
Erze, auch ein Verstndnis dafr gewannen, welches mir durchaus fremd war, so
starb mir das ganze Spiel ab und betrbte mich. Dazumal konnte ich nichts Totes
und Weggeworfenes um mich liegen sehen; was ich nicht brauchen konnte,
verbrannte ich hastig oder entfernte es weit von mir; so trug ich eines Tages
die smtliche Last meiner Steine mit vieler Mhe an den Strom hinaus, versenkte
sie in die Wellen und ging ganz traurig und niedergeschlagen nach Hause.
    Nun versuchte ich es mit den Schmetterlingen und Kfern. Meine Mutter
verfertigte mir ein Garn und ging oft selbst mit mir auf die Wiesen hinaus; denn
die Einfachheit und Billigkeit dieser Spiele leuchteten ihr ein. Ich fing
zusammen, wessen ich habhaft werden konnte, und setzte eine Unzahl Raupen in
Gefangenschaft. Allein ich kannte die Speise dieser letzteren nicht und wute
sie sonst nicht zu behandeln, so da kein Schmetterling aus meiner Zucht
hervorging. Die lebendigen Schmetterlinge aber, welche ich fing, wie die
glnzenden Kfer machten mir saure Mhe mit dem Tten und dem
Unversehrterhalten; denn die zarten Tiere behaupteten eine zhe Lebenskraft in
meinen mrderischen Hnden, und bis sie endlich leblos waren, fand sich Duft und
Farbe zerstrt und verloren, und es ragte auf meinen Nadeln eine zerfetzte
Gesellschaft erbarmungswrdiger Mrtyrer. Schon das Tten an sich selbst
ermdete mich und regte mich zu sehr auf, indem ich die zierlichen Geschpfe
nicht leiden sehen konnte. Dieses war keine unkindliche Empfindsamkeit; mir
widerwrtige oder gleichgltige Tiere konnte ich so gut mihandeln wie alle
Kinder; es war vielmehr ein ungerechtes Mitgefhl fr diese bunteren Kreaturen,
denen ich wohlgewogen war. Jeder der unseligen Reste machte mich um so
melancholischer, als er das Denkmal eines im Freien zugebrachten Tages und eines
Abenteuers war. Die Zeit von seiner Gefangennehmung bis zu seinem qualvollen
Tode war ein Schicksal, welches mich mitberhrte, und die stummen berbleibsel
redeten eine vorwurfsvolle Sprache zu mir.
    Auch diese Unternehmung scheiterte endlich, als ich zum ersten Male eine
groe Menagerie sah. Sogleich fate ich den Entschlu, eine solche anzulegen,
und baute eine Menge Kfige und Zellen. Mit vielem Fleie wandelte ich dazu
kleine Kstchen um, verfertigte deren aus Pappe und Holz und spannte Gitter von
Draht oder Zwirn davor, je nach der Strke des Tieres, welches dafr bestimmt
war. Der erste Insasse war eine Maus, welche mit eben der Umstndlichkeit, mit
welcher ein Br installiert wird, aus der Mausefalle in ihren Kerker
hinbergeleitet wurde. Dann folgte ein junges Kaninchen; einige Sperlinge, eine
Blindschleiche, eine grere Schlange, mehrere Eidechsen verschiedener Farbe und
Gre; ein mchtiger Hirschkfer mit vielen andern Kfern schmachteten bald in
den Behltern, welche ordentlich aufeinandergetrmt waren. Mehrere groe Spinnen
versahen in Wahrheit die Stelle der wilden Tiger fr mich, da ich sie
entsetzlich frchtete und nur mit groem Umschweife gefangen hatte. Mit
schauerlichem Behagen betrachtete ich die Wehrlosen, bis eines Tages eine
Kreuzspinne aus ihrem Kfige brach und mir rasend ber Hand und Kleid lief. Der
Schrecken vermehrte jedoch mein Interesse an der kleinen Menagerie, und ich
ftterte sie sehr regelmig, fhrte auch andere Kinder herbei und erklrte
ihnen die Bestien mit groem Pomp. Ein junger Weih, welchen ich erwarb, war der
groe Knigsadler, die Eidechsen Krokodile, und die Schlangen wurden sorgsam aus
ihren Tchern hervorgehoben und einer Puppe um die Glieder gelegt. Dann sa ich
wieder stundenlang allein vor den trauernden Tieren und betrachtete ihre
Bewegungen. Die Maus hatte sich lngst durchgebissen und war verschwunden, die
Blindschleiche war lngst zerbrochen, so wie die Schwnze smtlicher Krokodile,
das Kaninchen war mager wie ein Gerippe und hatte doch keinen Platz mehr in
seinem Kfig, alle brigen Tiere starben ab und machten mich melancholisch, so
da ich beschlo, sie alle zu tten und zu begraben. Ich nahm ein dnnes langes
Eisen, machte es glhend und drang mit zitternder Hand damit durch die Gitter
und begann ein greuliches Blutbad anzurichten. Aber die Geschpfe waren mir alle
lieb geworden, auch erschreckte mich das Zucken des zerstrten Organismus, und
ich mute innehalten. Ich eilte in den Hof hinunter, machte eine Grube unter den
Vogelbeerbumchen, worin ich die ganze Sammlung, tote, halbtote und lebende, in
ihren Kasten kopfber warf und eilig verscharrte. Meine Mutter sagte, als sie es
sah, ich htte die Tiere nur wieder ins Freie tragen sollen, wo ich sie geholt
htte, vielleicht wren sie dort wieder gesund geworden. Ich sah dies ein und
bereute meine Tat; der Rasenplatz war aber lange eine schauerliche Sttte fr
mich, und ich wagte nie jener kindlichen Neugierde zu gehorchen, welche es immer
antreibt, etwas Vergrabenes wieder auszugraben und anzusehen.
    Bei Frau Margret tat sich mir die nchste Spielerei auf. In einer verrckten
Theosophie, welche ich unter ihren Bchern fand, war eine Anweisung enthalten,
die vier Elemente zu veranschaulichen, nebst andern kindischen Experimenten und
den dazugehrigen Tafeln. Nach diesen Vorschriften nahm ich eine groe Phiole,
fllte sie zum Vierteile mit Sand, zum Vierteile mit Wasser, dann mit l, und
das letzte Vierteil lie ich leer, das heit mit Luft gefllt. Die Materien
sonderten sich nach ihrer Schwere auseinander und stellten nun in dem
geschlossenen Raume die vier Elemente vor, Erde, Wasser, Feuer (das Brennl) und
Luft. Ich schttelte sie tchtig durcheinander, daraus entstand das Chaos,
welches sich wieder aufs schnste abklrte, und ich sa sehr vergngt vor der
hchst gelehrten Erscheinung.
    Dann nahm ich Bogen Papier und zeichnete darauf, nach den Angaben jenes
Buches, groe Sphren mit Kreisen und Linien kreuz und quer, farbig begrenzt und
mit Zahlen und lateinischen Lettern besetzt. Die vier Weltgegenden, Zonen und
Pole, Himmelsrume, Elemente, Temperamente, Tugenden und Laster, Menschen und
Geister, Erde, Hlle, Zwischenreich, die sieben Himmel, alles war toll und doch
nach einer gewissen Ordnung durcheinandergeworfen und gab ein angestrengtes,
lohnendes Bemhen. Alle Sphren wurden mit entsprechenden Seelen bevlkert,
welche darin gedeihen konnten. Ich bezeichnete sie mit Sternen und diese mit
Namen; der glckseligste war mein Vater, zunchst dem Auge Gottes, noch,
innerhalb des Dreieckes, und schien durch dieses allsehende Auge auf die Mutter
und mich herunterzuschauen, welche in den schnsten Gegenden der Erde
spazierten. Meine Widersacher aber schmachteten smtlich in der Hlle, wo der
Bse mit einem ansehnlichen Schwanze begabt war. Je nach dem Verhalten der
Menschen vernderte ich ihre Stellungen, befrderte sie in reinere Gegenden oder
setzte sie zurck, wo Heulen und Zhneklappen herrschte. Manchen lie ich
prfungsweise im Unbestimmten schweben, sperrte auch wohl zwei, die sich im
Leben nicht ausstehen mochten, zusammen in eine abgelegene Region, indessen ich
zwei andere, die sich gern hatten, trennte, um sie nach vielen Prfungen
zusammenzubringen an einem glckseligern Orte. Ich fhrte so ganz im geheimen
eine genaue bersicht und Schicksalsbestimmung aller mir bekannten Leute, jung
und alt.
    In der Theosophie war ferner anbefohlen, geschmolzenes Wachs in Wasser zu
gieen, um ich wei nicht mehr was zu versinnbildlichen. Ich fllte mehrere
Arzneiglser mit Wasser und belustigte mich an den Bildungen, welche durch das
hineingegossene Wachs entstanden, verschlo die Glser und vermehrte dadurch
meine gelehrte Sammlung. Dieses Glserwesen sagte mir sehr zu, und ich fand
einen neuen Stoff dafr, als ich einst mit tiefem Grauen durch eine anatomische
Sammlung lief, welche dem Krankenhause beigegeben war. Einige Reihen von
Embryonen und Ften in ihren Glsern jedoch erwarben sich meinen lebhaften
Beifall und boten einen trefflichen Gegenstand fr meine Sammlung dar, indem ich
dergleichen nachzubilden versuchte. In einem Schranke verwahrte die Mutter die
aufgeschichtete Leinwand ihrer Muezeit in rohen und gebleichten Stcken, und
daselbst lagen auch, verborgen und vergessen, mehrere Scheiben reinlichen
Wachses, die verjhrten Zeugen einer einstigen fleiigen Bienenzucht. Von diesen
brach ich immer ansehnlichere Stcke los und formte nun im kleinen solche
grokpfige wunderliche Burschen, wie ich sie gesehen, und bestrebte mich, die
Verschiedenheit ihrer phantastischen Bildung noch zu vergrern. Ich trieb
Glser auf, soviel ich konnte, von allen Formen und Gren, und richtete die
Bildwerke darnach ein. In langen schmalen Klnischwasserflaschen, denen ich die
Hlse abschlug, baumelten ebenso lange schmchtige Gesellen an ihrem Faden, in
kurzen dicken Salbenglsern hausten knollenartige Gewchse. Statt mit Weingeist
fllte ich die Glser mit Wasser an und gab jedem Bewohner derselben einen
Namen, welcher meinem humoristischen Interesse entsprach, das ber der
belustigenden Arbeit aus dem blo gelehrten entstand. Es waren schon einige
dreiig Mitglieder dieses schnen Vereins beisammen und das Wachs nahezu
aufgebraucht, als ich meine Geschpfe taufte mit Namen wie Schnurper, Fark,
Vogelmann, Sbelbein, Schneider, Schmerbauch, Nabelhans, Wachsbeier,
Wchserich, Honigteufel und dergleichen, und ich empfand ein dauerndes
Vergngen, indem ich zugleich fr jeden eine kurze Lebensbeschreibung verfate,
die sich in dem Berge zugetragen hatte, aus welchem nach unserm Ammenmrchen die
kleinen Kinder geholt werden. Ich verfertigte auch eigene Sphrentafeln fr sie,
worauf jeder verzeichnet war mit seiner tugendlichen oder schlimmen Auffhrung,
und wenn einer mein Mifallen erregte, so wurde er so gut an einen schlechtern
Ort gebracht als die lebendigen Leute. Ich trieb diese Dinge alle in einer
abgelegenen Kammer, wo ich eines Abends in der Dmmerung alle Glser auf meinen
Lieblingstisch stellte, ein altes braunes Mbel mit etlichen Auszgen. Ich
reihte die Glser in einen groen Kreis, die vier Elemente in der Mitte, und
breitete meine bunten Tabellen aus, beleuchtet von einigen Wachsmnnern, denen
Dochte aus erhobenen Hnden brannten, und vertiefte mich nun in die
Konstellationen auf den Karten, whrend ich die betreffenden Schicksalstrger
einzeln vortreten lie und musterte, den Wchserich und den Hrlimann, den Meyer
oder den Vogelmann. Von ungefhr stie ich an den Tisch, da alle Glser
erzitterten und die Wachsmnnchen schwankten und zappelten. Dies gefiel mir, so
da ich anfing, nach dem Takte auf den Tisch zu schlagen, wozu die Gesellen
tanzten; ich schlug immer strker und wilder und sang dazu, bis die Glser wie
toll aneinanderschlugen und erklangen. Auf einmal schneuzte es in einer Ecke,
ein Paar feurige Augen funkelten hervor. Eine fremde groe Katze war in die
Kammer gesperrt, hatte sich bisher ruhig verhalten und wurde nun scheu. Ich
wollte sie verscheuchen, da stellte sie sich drohend gegen mich, strubte die
Haare und pfauchte gewaltig; ich machte in der Angst ein Fenster auf und warf
ein Glas nach ihr, sie sprang hinauf, konnte aber nicht weiter gelangen und
kehrte sich wieder gegen mich. Nun schleuderte ich einen Wachsmann um den andern
auf sie, sie schttelte sich furchtbar und rstete sich zum Sprunge, und als ich
zuletzt die vier Elemente ihr an den Kopf warf, fhlte ich ihre Krallen an
meinem Halse. Ich fiel am Tische nieder, die Lichter lschten aus, und ich
schrie in der Dunkelheit, obgleich die Katze schon wieder weg war. Meine Mutter
trat herein, whrend dieselbe hinausschlpfte, und fand mich halb bewutlos am
Boden liegen mitten in den Glasscherben, Wasserbchen und Kobolden. Sie hatte
nie auf mein Treiben in der Kammer geachtet, zufrieden, da ich so still und
vergnglich war, und wute sich nun meine verwirrte Erzhlung um so weniger zu
reimen. Inzwischen entdeckte sie die gewaltige Abnahme ihres Wachses und
betrachtete nun mit einigem Zorne die Trmmer der untergegangenen Welt.
    Die Sache machte Aufsehen. Frau Margret lie sich erzhlen und die bemalten
Bogen nebst brigen Trmmern zeigen und fand alles hchst bedenklich. Sie
befrchtete, da ich am Ende in ihren Bchern gefhrliche Geheimnisse geschpft
htte, welche bei ihrem mangelhaften Lesen ihr selbst unzugnglich wren, und
verschlo die bedenklichsten Bcher mit hchst bedeutungsvollem Ernste. Jedoch
konnte sie sich einer gewissen Genugtuung nicht erwehren, da es sich zu
besttigen schien, wie hinter diesen Sachen mehr stecke, als man geglaubt habe.
Sie war der festen Meinung, da ich auf dem besten Wege gewesen sei, durch ihre
Bcher ein angehender Zaubermann zu werden.

                                 Elftes Kapitel



                 Theatergeschichten. Gretchen und die Meerkatze

ber solchen Migeschicken verleidete mir die einsame Beschftigung im Hause,
und ich schlo mich nun einigen Knaben an, welche sich gut zu unterhalten
schienen, indem sie in einem groen alten Fasse Komdie spielten. Sie hatten
einen Vorhang davorgezogen und lieen eine begnstigte Anzahl Kinder respektvoll
harren, bis sie ihre geheimnisvollen Vorbereitungen geendet. Dann wurde das
Heiligtum geffnet, einige Ritter in papiernen Rstungen fhrten ein gedrngtes
Zwiegesprch tchtiger Schimpfreden, um sich darauf schleunigst durchzubleuen
und unter dem Fallen des durchlcherten Teppichs tot hinzustrecken. Ich wurde
bald eingeweiht als ein anstelliger Junge und brachte vor allem aus einen
bestimmtern Stoff in das Fa, indem ich kurze Handlungen aus der biblischen
Geschichte oder den Volksbchern auszog und die vorkommenden Reden wrtlich
abschrieb und durch einige Wendungen verband. Ich fand auch, da es wnschbar
wre, wenn die Helden einen besondern Eingang htten, um vorher ungesehen
auftreten zu knnen. Deshalb wurde in die Hinterwand ein Loch gesgt,
geschnitten und gekratzt, bis ein Wohlgewappneter bescheiden durchkriechen
konnte, was sehr possierlich aussah, wenn er mit seinen donnernden Reden begann,
ehe er sich vllig aufgerichtet hatte. Sodann wurden grne Zweige geholt, um das
Innere des Fasses in einen Wald umzuwandeln; ich nagelte sie ringsherum fest und
lie nur oben das Spundloch frei, durch welches berirdische Stimmen
herniederzuschallen hatten. Ein Knabe brachte eine ansehnliche Dte Theatermehl
und hiemit ein neues prchtiges Element in unsere Bestrebungen.
    Eines Tages wurde David und Goliath gegeben. Die Philister standen auf dem
Plane, fhrten sich heidnisch auf und traten vor das Fa hinaus in das
Proszenium Dann krochen die Kinder Israel herein, lamentierten und waren verzagt
und traten auf die andere Seite des Einganges, als Goliath, ein groer Bengel,
erschien und bermtige Possen machte zum groen Gelchter beider Heere und des
Publikums, bis David, ein unterwachsener bissiger Junge, pltzlich dem Unfug ein
Ende machte und dem Riesen aus seiner Schleuder, die er trefflich fhrte, eine
groe Rokastanie an die Stirn schleuderte Darber wurde dieser wtend und hieb
dem David ebenso derb auf den Kopf, und sogleich waren beide im heftigsten
Raufen ineinander verknuelt. Die Zuschauer und die beiden Chre klatschten
Beifall und nahmen Partei; ich selbst sa rittlings oben auf dem Fasse, ein
Lichtstrmpfchen in der einen und eine tnerne Pfeife mit Kolophonium in der
andern Hand, und blies als Zens gewaltige, ununterbrochene Blitze durch das
Spundloch hinein, da die Flammen durch das grne Laub zngelten und das
Silberpapier auf Goliaths Helm magisch erglnzte. Dann und wann guckte ich
schnell durch das Loch hinunter, um dann die tapfer Kmpfenden ferner wieder mit
Blitzen anzufeuern, und hatte kein Arges, als die Welt, welche ich zu
beherrschen whnte, pltzlich auf ihrem Lager wankte, berschlug und mich aus
meinem Himmel schleuderte; denn Goliath hatte endlich den David berwunden und
mit Gewalt an die Wand geworfen. Es gab ein groes Geschrei, der Eigentmer des
Fasses kam heran und schlo das rollende Haus, nicht ohne Schelten und
ausgeteilte Pffe, als er die willkrlichen Vernderungen entdeckte, welche
angebracht waren.
    Jedoch vermiten wir dies verbotene Paradies nicht allzusehr, da bald darauf
eine deutsche Schauspielergesellschaft in unsere Stadt kam, um mit
obrigkeitlicher Bewilligung vor den Bewohnern das leichte Haus der
Leidenschaften in einem vollkommenern Mae aufzubauen, als bisher von Liebhabern
und Kindern geschehen war. Der wandernde Knstlerverein schlug seinen Sitz in
einem Gasthause der Stadt auf, wandelte den gerumigen Tanzsaal in ein Theater
um und fllte zugleich alle bescheideneren Zimmer und Rume mit seinem
huslichen Leben. Nur der Direktor bewohnte vornehm ein glnzenderes Gemach.
    brigens zog uns das belebte Haus nicht nur whrend der abendlichen
Vorstellungen an, sondern wir hatten auch whrend des Tages genug vor demselben
zu stellen und zu beobachten, teils um die bewunderten Helden und Kniginnen in
ihrer verwegenen und anmutigen Tracht und Haltung aus und ein gehen zu sehen,
teils um keine Maschine, keinen Korb mit roten Mnteln und Degen, kein Requisit
aus den Augen zu verlieren, welches hineingetragen wurde. Vorzglich hielten wir
uns auch vor einem offenen Hintergebude auf, wo ein khner Maler inmitten einer
Anzahl Tpfe, aufrechtstehend und die eine Hand in der Hosentasche, mit einem
unendlich verlngerten Pinsel Wunder auf das ausgebreitete Tuch oder Papier
warf. Ich erinnere mich deutlich des tiefen Eindruckes, welchen die einfache und
sichere Art auf mich machte, mit welcher er duftige und durchsichtige weie
Vorhnge um die Fenster eines roten Zimmers zauberte; mit den wenigen weien,
wohlangebrachten Strichen und Tupfen auf dem roten Grunde ging ein Licht in mir
auf, der ich vor solchen Dingen, wenn sie in der nchtlichen Beleuchtung vor mir
standen, begriffslos gestaunt hatte. Es dmmerte die erste Einsicht in das Wesen
der Malerei; das freie Auftragen von dichten deckenden Farben auf durchsichtige
Unterlagen machten mir vieles klar; ich begann nachher der Grenze dieser zwei
Gebiete nachzuspren, wo ich ein Gemlde zu sehen bekam, und meine Entdeckungen
hoben mich ber den wehrlosen Wunderglauben hinaus, welcher es aufgibt, jemals
dergleichen selbst zu verstehen.
    An den Abenden, wo gespielt wurde, waren wir vollzhlig und unfehlbar auf
unserm Platze und schlichen wie die Katzen um das Gebude herum. Da ich bei der
Sparsamkeit meiner Mutter keine Mglichkeit sah, auf legalem Wege in das Innere
des Kunsttempels zu gelangen, so befand ich mich doppelt wohl bei meinen
Genossen der Armenschule, welche ebenfalls darauf angewiesen waren, entweder
durch kleine Dienstleistungen oder durch verwegene Schlauheit durchzuschlpfen.
Es gelang mir auch mehrere Male, mich mit klopfendem Herzen in den angefllten
Saal zu schleichen, und berflog mit befriedigten Blicken die Dekorationen, wenn
der Vorhang aufging, dann die Kostme und Trachten der Spieler, um endlich,
nachdem schon Erkleckliches gesprochen war, mich in das Studium der Fabel zu
vertiefen. Ich war bald ein groer Kenner und disputierte reichlich, unter
angenommener Kaltbltigkeit, mit meinen Freunden. Dieser Zwiespalt, die
angenommene kennerhafte Ruhe und das unausbleibliche leidenschaftliche Hingeben
auch an das verworfenste Stck fing an mich zu rgern, und ich sehnte mich auch
sonst, mit einem Schlage hinter die Kulissen zu kommen und das berckende Spiel
und seine Spieler wie ihre Mittel in der Nhe zu besehen; denn es bednkte mich,
da es dort besser zu leben sein msse als irgendwo in der Welt,
leidenschaftslos und berlegen. Doch dachte ich nicht so leicht an eine
Erfllung meines Wunsches, als ein gnstiger Stern dieselbe unverhofft
darbrachte.
    Wir standen eines Abends ziemlich mutlos vor einer Seitentr, als eben der
Faust gegeben wurde. Wir hatten gehrt, da man den famosen Doktor Faust, den
wir genugsam kannten, nebst dem Teufel und allen seinen Herrlichkeiten sehen
wrde, fanden aber heute alle Hindernisse unbersteiglich, welche auf unsern
gewohnten Schlupfwegen sich entgegenstellten. So hrten wir betrbt die Klnge
der Ouvertre, welche von den vornehmen Liebhabern der Stadt aufgefhrt wurde,
und zerbrachen die Kpfe ber einem noch mglichen Eindringen. Es war ein
dunkler Herbstabend und regnete khl und anhaltend. Es fror mich, und ich dachte
ans Nachhausegehen, zumal sich die Mutter ber das abendliche Umhertreiben
beklagt hatte, als die dunkle Tr sich ffnete, ein dienstbarer Geist
heraussprang und rief: Heda, ihr Buben! drei oder vier von euch mgen
hereinkommen, die sollen einmal mitspielen! Auf dieses Zauberwort drngten sich
sogleich die Strksten in das Haus; denn dies war ein Fall, wo ein jeder nur an
sich selbst denken durfte. Er wies sie aber zurck, indem er sie fr zu gro und
dick erklrte und mich, der ich ohne sonderliche Hoffnungen im Hintergrunde
stand, heranrief und sagte: Der da ist recht, der wird eine gute Meerkatze
sein! Dazu ergriff er noch zwei andere, schmchtig gewachsene Jungen, schlo
die Tr hinter uns und marschierte an unserer Spitze nach einem kleinen Saale,
welcher als Garderobe diente. Dort hatten wir nicht Zeit, die aufgehuften
Gewnder, Waffen und Rstungen zu betrachten; denn wir wurden schnell unserer
Kleider entledigt und in abenteuerliche Pelze gesteckt, welche vom Kopf bis zum
Fue eine Hlle bildeten. Das Meerkatzengesicht konnte wie eine Kapuze
zurckgeschlagen werden, und als wir solchergestalt verwandelt dastanden, die
langen Schwnze in der Hand haltend, lchelten wir ganz vergngt und
beglckwnschten uns nun erst zu unserm unverhofften Glcke.
    Nun wurden wir auf die Bhne gefhrt, wo wir von zwei groen Meerkatzen
lustig begrt und in aller Eile fr unsere bevorstehende Aufgabe unterrichtet
wurden. Wir begriffen dieselbe bald und leisteten eine gelungene Probe
verschiedener Purzelbume und Affensprnge, spielten auch zierlich mit einer
Kugel, so da wir bis zu unserm Auftreten entlassen wurden. Wir spazierten
gravittisch unter dem Gedrnge herum, das sich auf dem schmalen Raume zwischen
den vier wirklichen und den gemalten Wnden schob und mischte; ich schaute
unverwandt bald auf die Bhne, bald hinter die Kulissen und beobachtete mit
hoher Freude, wie aus dem unkenntlichen, unterdrckt lrmenden und streitenden
Chaos sich still und unmerklich geordnete Bilder und Handlungen ausschieden und
auf dem freien, hellen Raume erschienen wie in einer jenseitigen Welt, um wieder
ebenso unbegreiflich in das dunkle Gebiet zurckzutauchen. Die Schauspieler
lachten, scherzten, koseten und zankten, hier und da ging einer pltzlich von
seiner Gruppe weg und stand in einem Augenblicke einsam und feierlich mitten in
dem Zauberbanne und machte ein so frommes Gesicht gegen die mir unsichtbare
Zuschauerwelt hinaus, als ob er vor den versammelten Gttern stnde. Ehe ich
mich dessen versah, war er wieder mit einem Sprunge unter uns und setzte die
unterbrochenen Schimpf- oder Schmeichelreden fort, indessen schon irgendein
anderer sich ausgeschieden hatte, um es ebenso zu machen. Die Menschen fhrten
ein doppeltes Leben, wovon das eine ein Traum sein mochte; aber ich wurde nicht
klug daraus, welches davon der Traum und welches fr sie die Wirklichkeit war.
Lust und Leid schienen mir in beiden Teilen gleich gemischt vorhanden zu sein;
doch im innern Raume der Bhne, wenn der Vorhang geffnet war, schien Vernunft
und Wrde und ein heller Tag zu herrschen und somit das wirkliche Leben zu
bilden, whrend, sobald der Vorhang sank, alles in trbe traumhafte Verwirrung
zerfiel. Auch dnkte es mich, da diejenigen, welche sich in diesem wsten
Traume am heftigsten und leidenschaftlichsten gebrdeten, dort in dem bessern
Stck Leben die edelsten und ausdruckvollsten Gestalten waren; diejenigen aber,
welche in der Nhe ruhig, kalt und friedfertig herumstanden, in jenem Glanze
eine ziemlich traurige Rolle spielten. Der Text des Stckes war die Musik,
welche das Leben in Schwung brachte. Sobald sie schwieg, stand der Tanz still
wie eine abgelaufene Uhr. Die Verse des Faust, welche jeden Deutschen, sobald er
einen davon hrt, elektrisieren, diese wunderbar gelungene und gesttigte
Sprache klang fortwhrend wie eine edle Musik, machte mich froh und setzte mich
mit in Erstaunen, obgleich ich nicht viel mehr davon verstand als eine wirkliche
Meerkatze.
    Indessen fhlte ich mich pltzlich beim Schwanze gefat und rcklings in die
Hexenkche gezogen, wo bereits smtliche Katzen umhersprangen und ein Schein und
Gefunkel unzhliger Gesichter und Augen aus dem Parterre hereinschimmerte. Ich
hatte bisher ber meinen Betrachtungen die zutage getretene Dekoration der
Hexenkche bersehen und daher vieles nachzuholen; denn die phantastischen Dinge
um mich her, die Zerrbilder und Gespenster reizten mich sowohl wie das Treiben
Mephistos, der Hexe und der andern Meerkatzen. Als ob ich nicht selbst eine
Meerkatze wre und meine Aufgabe zu erfllen htte, verga ich ganz die
eingelernten Sprnge und Possen und sah ruhig und selbstvergessen den anderen
zu. Nun schaute Faust voll Entzcken in den Zauberspiegel, und es nahm mich
hchlich wunder, was es dort zu sehen gebe? Indem ich in der gleichen Richtung
nachahmend hinsah, gingen meine Blicke dem leeren, gemalten Spiegel vorbei
hinter die Kulisse und entdeckten dort in der Wirrnis des jenseitigen Lebens das
Bild, welches Faust zu sehen vorgab. Gretchen war unterdessen auf die Bhne
gekommen und legte sich, einige tiefbewegte Worte nach rckwrts rufend, eben
die letzte Schminke auf, nachdem sie sich Augen und Wangen mit einem weien
Tuche sorglich und fest getrocknet, als ob sie geweint htte. Es war eine sehr
schne Frau, von welcher ich kein Auge mehr abwandte, ungeachtet der heimlichen
Pffe und Schelten, welche ich von meinen fleiigen Mitmeerkatzen erhielt. So
verlangte ich, der ich mich vorher nach dieser hheren Sphre gesehnt hatte, nun
nichts weiter, als dorthin zurckzukehren, wo die volle schne Frauengestalt
wandelte.
    Die Zeit unseres Wirkens ging endlich vorber, und ich machte meinen ersten
und einzigen guten Sprung, als ich leidenschaftlich vom Schauplatze abtrat oder
sprang und mich mglichst in die Nhe des gesehenen Bildes zu bringen suchte.
Aber in demselben Augenblicke befand sie sich ihrerseits einsam in der Handlung,
und ich konnte sie nur wieder von ferne sehen.
    Sie schien irgendeinen tiefen Verdru in sich zu tragen, und daher war ihr
Spiel halb aus Anmut und halb aus sichtbarem Zorne gemengt. Diese Mischung
brachte zwar kein gutes Gretchen hervor, aber sie verlieh der Spielerin einen
eigentmlichen Reiz; ich nahm Partei fr sie gegen ihre unbekannten Feinde und
dachte mir sogleich den Roman aus, in welchen sie etwa verwickelt sein mchte.
Doch, lste sich dieses flchtige Gespinste bald auf und verschmolz sich mit der
dargestellten Lichtung, als Gretchens Schicksal tragisch wurde. Als sie im
Kerker auf dem Stroh lag und nachher irreredete, spielte sie so meisterhaft, da
ich furchtbar erschttert ward und doch in durstig heier Aufregung das Bild des
im grenzenlosesten Unglcke versunkenen Weibes in mich hineintrank; denn ich
hielt das Unglck fr wirklich und war ebenso erstaunt als gesttigt durch die
Szene, welche an Strke alles bertraf, was ich bisher gesehen oder gehrt
hatte.
    Der Vorhang war gefallen, und alles lief auf dem Theater bunt durcheinander,
whrend ich einigen Papieren nachschlich, welche ich in den Hnden des Direktors
und der Knstler vorhin bemerkte und in einem Winkel hinter einer gemalten Mauer
fand. Ich gelstete sehr, Einsicht zu nehmen von dem Geschriebenen, welches so
groe Wirkung hervorgebracht; daher war ich bald in das Lesen der Rollen
versenkt. Aber obgleich ich die krperlichen Erscheinungen gefat und empfunden
hatte, so waren doch nun die geschriebenen Worte, als die Zeichensprache eines
gereiften und groen mnnlichen Geistes, dem unwissenden Kinde vollkommen
unverstndlich; der kleine Eindringling fand sich bescheidentlich wieder vor die
verschlossene Tre einer hheren Welt gestellt, und ich schlief ber meinen
Forschungen schnell und fest ein.
    Als ich wieder erwachte, war das Theater leer und still, die Lampen
ausgelscht, und der Vollmond go sein Licht zwischen den Kulissen ber die
seltsame Unordnung herein. Ich wute nicht, wie mir geschah noch wo ich mich
befand; doch als ich meine Lage erkannte, ward ich voll Furcht und suchte einen
Ausgang, fand aber die Tren verschlossen, durch welche ich hereingekommen war.
Nun schickte ich mich in das Geschehene und begann von neuem alle Seltsamkeiten
dieser Rume zu untersuchen. Ich betastete die raschelnden, papiernen
Herrlichkeiten und legte das Mntelchen und den Degen des Mephistopheles, welche
auf einem Stuhle lagen, ber meinen Meerkatzenhabit um So spazierte ich in dem
hellen Mondscheine auf und nieder, zog den Degen und fing an zu gestikulieren.
Dann entdeckte ich die Maschinerie des Vorhanges, und es gelang mir, denselben
aufzuziehen. Da lag der Zuschauerraum dunkel und schwarz vor mir wie ein
erblindetes Auge; ich stieg in das Orchester hinab, wo die Instrumente
umherlagen und nur Violinen sorgfltig in Kstchen verschlossen waren. Auf den
Pauken lagen die schlanken Hmmer, welche ich ergriff und zagend gegen das Fell
schlug, da es einen dumpf grollenden Ton gab. Jetzt wurde ich khner und schlug
strker, bis es zuletzt wie ein Gewitter durch den leeren, mitternchtlichen
Saal hallte. Ich lie den Donner anschwellen und wieder abnehmen, und wenn er
verklang, so dnkten mich die unheimlichen Pausen noch schner als das Gerusch
selbst. Endlich erschrak ich ber meinem Tun, warf die Schlegel hin und getraute
mir kaum ber die Bnke des Parterre hinwegzusteigen und mich zuhinterst an der
Wand hinzusetzen. Ich fror und wnschte zu Hause zu sein, auch ward es mir bange
in meiner Einsamkeit. Die Fenster in diesem Teile des Saales waren dicht
verschlossen, so da nur die Bhne, welche immer noch den Kerker vorstellte,
durch das Mondlicht magisch beleuchtet war. Im Hintergrunde stand das Pfrtchen
noch offen, wo Gretchen gelegen haue, ein bleicher Strahl fiel auf das
Strohlager; ich dachte an das schne Gretchen, welches nun hingerichtet sein
werde, und der stille, mondhelle Kerker kam mir zauberhafter und heiliger vor
als dem Faust einst Gretchens Kammer. Ich sttzte meinen Kopf auf beide Hnde
und sah mit sehnenden Blicken hinber, besonders in die vom Lichte halb
bestreifte Vertiefung, wo das Stroh lag. Da regte es sich im Dunkel, atemlos sah
ich hin, und jetzt stand eine weie Gestalt in jenem Winkel; es war Gretchen,
wie ich sie zuletzt gesehen hatte. Mich schauerte es vom Wirbel bis zur Zehe,
meine Zhne schlugen zusammen, whrend doch ein mchtiges Gefhl glcklicher
berraschung mich durchzuckte und erwrmte. Ja, es war Gretchen, es war ihr
Geist, obgleich ich in der Entfernung ihre Zge nicht unterscheiden konnte, was
die Erscheinung noch geisterhafter machte. Sie schien mit dunklen Blicken in dem
Raume umherzusuchen, ich richtete mich empor, es zog mich vorwrts wie mit
gewaltigen, unsichtbaren Hnden, und whrend mein Herz hrbar klopfte, schritt
ich ber die Bnke gegen das Proszenium hin, jeden Schritt einen Augenblick
anhaltend. Die Pelzumhllung machte meine Fe unhrbar, so da mich die Gestalt
nicht bemerkte, bis ich, an dem Souffleurkasten hinaufklimmend, in meiner
befremdlichen Tracht vom ersten Mondstrahle bestreift wurde. Ich sah, wie sie
entsetzt ihr glhendes Auge auf mich richtete und, doch lautlos, zusammenfuhr.
Einen leisen Schritt trat ich nher und hielt wieder ein; meine Augen waren weit
geffnet, ich hielt die Hnde zitternd erhoben, indes ich, von einem frohen
Feuer des Mutes durchstrmt, auf das Phantom losging. Da rief es mit
gebieterischer Stimme: Halt! kleines Ding! was bist du? und streckte drohend
den Arm gegen mich aus, da ich fest an der Stelle gebannt blieb. Wir sahen uns
unverwandt an; ich erkannte jetzt ihre Zge wohl, sie hatte ein weies
Nachtkleid umgeschlagen, Hals und Schultern waren entblt und gaben einen
milden Schein, wie nchtlicher Schnee. Ich witterte alsogleich das warme Leben,
und der abenteuerliche Mut, den ich dem Gespenste gegenber empfunden hatte,
verwandelte sich in die natrliche Bldigkeit vor dem lebendigen Weibe. Sie
hingegen war immer noch zweifelhaft ber meine dmonische Erscheinung, und sie
rief daher noch einmal: Wer seid Ihr, kleiner Bursch? Kleinlaut antwortete
ich: Ich heie Heinrich Lee und bin eine von den Meerkatzen; man hat mich hier
eingeschlossen!
    Da trat sie auf mich zu, streifte meine Maske zurck, fate mein Gesicht
zwischen ihre Hnde und rief, indem sie laut lachte: Herr Gott! das ist die
aufmerksame Meerkatze! Ei, du kleiner Schalk! bist du es, der den Lrm gemacht
hat, als ob ein Gewitter im Hause wre? - Ja! sagte ich, indem meine Augen
fortwhrend auf dem weien Raume ihrer Brust hafteten und mein Herz zum ersten
Male wieder so andchtig erfreut war wie einst, wenn ich in das glnzende Feld
des Abendrotes geschaut und den lieben Gott darin geahnt hatte. Dann betrachtete
ich in vollkommener Ruhe ihr schnes Gesicht und gab mich unbefangen dem sen
Eindrucke ihres reizenden Mundes hin. Sie sah mich eine Weile still und
ernsthaft an, dann sprach sie: Mich dnkt, du bist ein guter Junge; doch wenn
du einst gro geworden, wirst du ein Lmmel sein wie alle! Und hiemit schlo
sie mich an sich und kte mich mehrere Male auf meinen Mund, der nur dadurch
leise bewegt wurde, da ich heimlich, von ihren Kssen unterbrochen, ein
herzliches Dankgebet an Gott richtete fr das herrliche Abenteuer.
    Hierauf sagte sie: Es ist nun am besten, du bleibest bei mir, bis es Tag
ist; denn Mitternacht ist lngst vorber! und sie nahm mich bei der Hand und
fhrte mich durch einige Tren in ihr Zimmer, wo sie vorher schon geschlafen
hatte und durch mein nchtliches Spuken geweckt worden war. Dort ordnete sie am
Fuende ihres Bettes eine Stelle zurecht, und als ich darauf lag, hllte sie
sich dicht in einen sammetnen Knigsmantel, legte sich der Lnge nach auf das
Bett und sttzte ihre leichten Fe gegen meine Brust, da mein Herz ganz
vergnglich unter denselben klopfte Somit entschliefen wir und glichen in
unserer Lage nicht bel jenen alten Grabmlern, auf welchen ein steinerner
Ritter ausgestreckt liegt mit einem treuen Hunde zu Fen.

                                Zwlftes Kapitel



                          Die Leserfamilie. Lgenzeit

Infolge der Sorge und Verwirrung, welche durch mein nchtliches Wegbleiben
entstanden, war mir das abendliche Umhertreiben und der Besuch des Theaters
streng untersagt worden; auch am Tage wurde ich sorgfltiger beaufsichtigt und
in meinem Umgange mit den Kindern der armen Leute beschrnkt, welchen man
flschlicherweise eine verderbliche und ansteckende Ungebundenheit zuschrieb. So
hatten die fremden Schauspieler die Stadt verlassen, ohne da ich jene Frau, der
mein Herz nun ganz gehrte, wiedergesehen. Als ich vernahm, da die Gesellschaft
fortgereist sei, bemchtigte sich meiner eine tiefe Traurigkeit, welche lngere
Zeit anhielt. Je unbekannter mir die Gegend war, wo sie hingezogen sein mochte,
desto mehr war mir alles Land, welches jenseits der Berge lag, ein Land
unbestimmter Wnsche und dunklen Verlangens.
    Um diese Zeit schlo ich mich enger an einen Knaben, dessen erwachsene,
lesebegierige Schwestern eine Unzahl schlechter Romane zusammengetragen hatten.
Verlorengegangene Bnde aus Leihbibliotheken, geringer Abfall aus vornehmen
Husern oder von Trdlern erstanden, lagen in der Wohnung dieser Leute auf
Gesimsen, Bnken und Tischen umher, und an Sonntagen konnte man nicht nur die
Geschwister und ihre Liebhaber, sondern Vater und Mutter, und wer sonst noch da
war, in die Lektre der schmutzig aussehenden Bcher vertieft finden. Die Alten
waren trichte Leute, welche in dieser Unterhaltung Stoff zu trichten
Gesprchen suchten; die Jungen hingegen erhitzten ihre Vorstellungskraft an den
gemeinen unpoetischen Machwerken, oder vielmehr sie suchten hier die bessere
Welt, welche die Wirklichkeit ihnen nicht zeigte. Die Romane zerfielen
hauptschlich in zwei Arten. Die eine enthielt den Ausdruck der blen Sitten des
vorigen Jahrhunderts in jmmerlichen Briefwechseln und Verfhrungsgeschichten,
die andere bestand aus derben Ritterromanen. Die Mdchen hielten sich mit groem
Interesse an die erste Art und lieen sich dazu von ihren teilnehmenden
Liebhabern sattsam kssen und liebkosen; uns Knaben waren aber diese prosaischen
und unsinnlichen Schilderungen einer verwerflichen Sinnlichkeit glcklicherweise
noch ungeniebar, und wir begngten uns damit, irgendeine Rittergeschichte zu
ergreifen und uns mit derselben zurckzuziehen. Die unzweideutige Genugtuung,
welche in diesen groben Dichtungen waltete, war meinen angeregten Gefhlen
wohlttig und gab ihnen Gestalt und Namen. Wir wuten die schnsten Geschichten
bald auswendig und spielten sie, wo wir gingen und standen, mit immer neuer Lust
ab, auf Estrichen und Hfen, in Wald und Berg, und ergnzten das Personal vorweg
aus willfhrigen Jungen, die in der Eile abgerichtet wurden. Aus diesen Spielen
gingen nach und nach selbsterfundene fortlaufende Geschichten und Abenteuer
hervor, welche zuletzt dahin ausarteten, da jeder seine groe Herzens- und
Rittergeschichte besa, deren Verlauf er dem andern mit allem Ernste berichtete,
so da wir uns in ein ungeheures Lgennetz verwoben und verstrickt sahen; denn
wir trugen unsere erfundenen Erlebnisse gegenseitig einander so vor, als ob wir
unbedingten Glauben forderten, und gewhrten uns denselben auch, in
eigenntziger Absicht, scheinbar. Mir wurde diese trgliche Wahrhaftigkeit
leicht, weil der Hauptgegenstand unserer Geschichten beiderseits immer eine
glnzende und ausgezeichnete Dame unserer Stadt war und ich diejenige, die ich
fr meine Lgen auserwhlt, bald mit meiner wirklichen Neigung und Verehrung
bekleidete. Daneben hatten wir mchtige Feinde und Nebenbuhler, als welche wir
angesehene, ritterliche Offiziere bezeichneten, die wir oft zu Pferde sitzen
sahen. Verborgene Reichtmer waren in unserer Gewalt, und wir bauten aus
denselben wunderbare Schlsser an entlegenen Punkten, welche wir mit wichtiger
Geschftsmiene zu beaufsichtigen vorgaben. Jedoch beschftigte sich die
Einbildungskraft meines Genossen berdies mit allerhand Kniffen und Rnken und
war eher auf Besitz und leibliches Wohlsein gerichtet, in welcher Beziehung er
die sonderbarsten Dinge erfand, whrend ich alle Erfindungsgabe auf meine
erwhlte Geliebte verwandte und seine kleinlichen und mhsamen Geldverhltnisse,
welche er unablssig zusammentrumte, mit einer kolossalen Lge von einem
gehobenen unermelichen Schatze berbot und kurz abfertigte. Dieses mochte ihn
rgern, und wahrend ich, zufrieden in meiner ersonnenen Welt, mich wenig um die
Wahrheit seiner Prahlereien bekmmerte, fing er an, mich mit Zweifeln an der
Wahrheit der meinigen zu qulen und auf Beweise zu dringen. Als ich einst
flchtig von einer mit Gold und Silber gefllten Kiste erzhlte, welche ich in
unserm Kellergewlbe stehen htte, drang er auf das heftigste darauf, dieselbe
zu sehen. Ich gab ihm eine Stunde an, zu welcher dies mglich wre, und er fand
sich pnktlich ein und versetzte mich in eine Verlegenheit, an welche ich im
mindesten bisher noch nie gedacht hatte. Aber schnell hie ich ihn eine Weile
warten vor dem Hause und eilte in die Stube zurck, wo in dem Schreibtisch
meiner Mutter ein hlzernes Kstchen stand, welches einen kleinen Schatz an
alten und neuen Silbermnzen und einige Dukaten enthielt. Dieser Schatz umfate
einesteils die Patengeschenke aus der Kinderzeit meiner Mutter, andernteils
meine eigenen und war smtlich mein erklrtes Eigentum. Die Hauptzierde aber war
eine mchtige goldene Schaumnze von der Gre eines Talers und bedeutendem
Werte, welche Frau Margret in einer guten Stunde mir geschenkt und der Mutter in
sichern Verwahrsam gegeben hatte zum treuen Angedenken, wenn ich einst
erwachsen, sie hingegen nicht mehr sein werde. Ich durfte das Kstchen
hervornehmen und den glnzenden Schatz beschauen, sooft ich wollte; auch hatte
ich denselben schon in allen Gegenden des Hauses herumgetragen. Ich nahm ihn
also jetzt und trug ihn in das Gewlbe hinunter und legte das Kstchen in eine
Kiste, welche mit Stroh gefllt war. Dann hie ich den Zweifler mit
geheimnisvoller Gebrde hereinkommen, lftete den Deckel der Kiste ein wenig und
zog das Kstchen hervor. Als ich es ffnete, blinkten ihm die blanken
Silberstcke gar hell entgegen; als ich aber die Dukaten und zuletzt die groe
Mnze hervornahm, da sie im Zwielichte seltsam funkelte und der alte Schweizer
mit dem Banner, der darauf geprgt war, sowie der Kranz von Wappenschilden
zutage traten, da machte er groe Augen und wollte mit allen fnf Fingern in das
Kstchen fahren. Ich schlug es aber zu, legte es wieder in die Kiste und sagte:
Siehst du, solcher Dinge ist die Kiste voll! Damit schob ich ihn aus dem
Keller und zog den Schlssel ab. Er war nun fr einmal geschlagen; denn obgleich
er von der Unwirklichkeit unserer Mrchen berzeugt war, so gestattete ihm doch
der bisher festgehaltene Ton unseres Verkehrs nicht, weiterzudringen, da es auch
hier die rcksichtsvolle Hflichkeit des Lebens erforderte, den mit guter Manier
vorgetragenen blauen Dunst bestehen zu lassen. Vielmehr gab meinem Freunde diese
vorlufige Toleranz Gelegenheit, mich zu weiteren Lgen zu reizen und auf immer
bedenklichere Proben zu stellen.
    Wir trafen bald darauf, als es gerade Mezeit war, am Seeufer zusammen, vor
den Krambuden flanierend, die dort in langen Straen sich aneinanderreihten, und
begrten uns wie Macbeths Hexen mit: Was hast du geschafft? Wir standen vor
dem Magazine eines Italieners, welcher neben sdlichen Ewaren auch glnzende
Bijouterien und Spielereien feilbot. Feigen, Mandeln und Datteln, Kisten voll
reinlich weier Makkaroni, besonders aber Berge ungeheurer Salamiwrste reizten
den Sinn meines Gesellen zu khnen Phantasien, indessen ich zierliche
Frauenkmme, lflschchen und Schalen voll schwarzer Rucherkerzchen betrachtete
und ungefhr dachte, wo diese Dinge gebraucht wrden, da wre es gut sein. Ich
habe soeben, begann mein Lgengefhrte, solch eine Salamiwurst gekauft, zur
Probe, ob ich fr mein nchstes Bankett eine Kiste voll anschaffen soll. Ich
habe sie angebissen, fand sie aber abscheulich und schleuderte sie in den See
hinaus; die Wurst mu noch dort schwimmen, ich sah sie den Augenblick noch. Wir
blickten auf den schimmernden Wellenspiegel hinaus, wo zwischen den
Marktschiffen wohl etwa ein Apfel oder ein Salatblatt umhertrieb, aber keine
Salami zu sehen war. Ei, es wird wohl ein Hecht danach geschnappt haben! sagte
ich gutmtig, und er gab diese Mglichkeit zu und fragte mich, ob ich nicht auch
Einkufe machen wolle? Freilich, erwiderte ich, ich mchte wohl diese Kette
haben fr meine Geliebte! und wies auf eine unechte, aber hell vergoldete
Halskette. Jetzt lie er mich nicht mehr los, sondern umwickelte mich mit einem
moralischen Zwangsnetze, indem ihm die Neugierde, ob ich wirklich ber meinen
geheimnisvollen Schatz frei verfge, die Worte dazu lieh. So hatte ich keinen
andern Ausweg, als nach Hause zu laufen und mir mit meinem Sparksten zu
schaffen zu machen. Einige Augenblicke nachher ging ich wieder davon, einige
glnzende Silberstcke in der festverschlossenen Hand, mit klopfender Brust dem
Markte zu, wo mein lauernder Dmon mich empfing. Wir handelten um die Kette oder
gaben vielmehr, was der Italiener forderte; ich whlte noch ein Armband von
Agatplatten und einen Ring mit einer roten Glaspaste; der Kaufmann besah mich
und die schnen Gulden mit wunderlichen Blicken, steckte sie aber
nichtsdestoweniger ein; ich aber wurde schon auf dem Wege nach dem Hause
fortgedrngt, wo meine Dame wohnte. Auf einem abgelegenen Platze standen etwa
sechs Herrenhuser, deren Besitzer sich durch den Seidenhandel auf der Hhe
frherer Vornehmheit erhielten. Weder eine Schenke noch ein sonstiges niederes
Gewerbe zeigte sich in dieser Gegend, welche still und einsam in ihrer
Reinlichkeit ruhte; das Pflaster war weier und besser als in anderen
Stadtteilen, und kostbare eiserne Hofgelnder begrenzten dasselbe. In dem
grten und vornehmsten dieser Huser wohnte der Gegenstand meiner Lgen, eine
jener jungen anmutigen Damen, welche, gut und elegant gewachsen, mit rosiger
Gesichtsfarbe, groen, lachenden Augen und freundlichen Lippen, mit reichen
Locken, wehenden Schleiern und seidenen Gewndern die Unerfahrenheit bercken
und selbst gefurchte Stirnen aufheitern, sozusagen die Schnheit schlechthin
darstellend. Wir standen schon vor dem prchtigen Portale, und mein Begleiter
schlo seine berredungen, da ich jetzt oder nie meiner Gebieterin die
Geschenke berbringen mte, endlich dadurch, da er frech den glnzenden Griff
der Hausglocke packte und anzog. Aber trotz seiner Frechheit, wrde ein
Aristokrat sagen, reichte doch die Energie seines Plebejertumes nicht aus, ein
krftiges Geklingel hervorzubringen; es gab nur einen einzigen zaghaften Ton,
welcher im Innern des groen Hauses verhallte. Nach einigen Sekunden ruckte der
eine Torflgel um ein unmerkliches, und mein Begleiter schob mich hinein, was
ich, aus Furcht vor allem Gerusche, willenlos geschehen lie. Da stand ich in
unsglicher Beklemmung neben einer breiten steinernen Treppe, welche sich oben
zwischen gerumigen Galerien verlor. Ich hielt Armband und Ring in die Hand
gepret, und die Kette quoll teilweise zwischen den Fingern hervor; in der Hhe
ertnten Tritte, welche von allen Seiten widerhallten, und jemand rief herunter,
wer da sei? Doch hielt ich mich still, man konnte mich nicht sehen und ging
wieder, Tren hinter sich zuschlagend. Nun stieg ich langsam die Treppe hinan,
mich vorsichtig umsehend; an allen Wnden hingen groe lgemlde, entweder
wunderliche Landschaften oder grobe Stilleben enthaltend; die Decken waren in
weier Stukkatur gearbeitet mit kleinen Fresken dazwischen, und in abgemessenen
Entfernungen standen hohe dunkelbraune Tren von Nubaumholz, eingefat von
Sulen und Giebeln von der gleichen Art, alles glnzend poliert. Jeder meiner
Schritte erweckte Gerusch in den Wlbungen, ich wagte kaum zu gehen und dachte
doch nicht daran, was ich sagen wollte, wenn ich berrascht wrde. Vor jeder Tr
lag eine Strohmatte, aber vor einer allein lag eine besonders reich und zierlich
geflochtene von farbigem Stroh; daneben stand ein altes, vergoldetes Tischchen
und auf diesem ein Arbeitskrbchen mit Strickzeug, einigen pfeln und einem
hbschen, silbernen Messerchen zuuerst am Rande, als ob es soeben hingestellt
wre. Ich vermutete, da hier der Aufenthalt des Fruleins sei, und im
Augenblicke nur an sie denkend, legte ich meine Kleinodien mitten auf die Matte,
nur den Ring zuunterst in das Krbchen auf einen feinen Handschuh. Dann aber
eilte ich trepphinunter aus dem Hause, wo ich meinen Qulgeist ungeduldig meiner
wartend fand. Hast du es getan? rief er mir entgegen. Ja freilich, erwiderte
ich mit leichterm Herzen. Das ist nicht wahr, sagte er wieder, sie sitzt ja
die ganze Zeit an jenem Fenster dort und hat sich nicht gerhrt. Wirklich war
die schne Frau hinter dem glnzenden Fenster sichtbar und gerade in der Gegend
des Hauses, wo jene Zimmertr sein mochte. Ich erschrak heftig, sagte aber: Ich
schwre dir, ich habe die Kette und das Armband zu ihren Fen gelegt und den
Ring an ihren Finger gesteckt! - Bei Gott? - Ja, bei Gott! rief ich. Nun
mut du ihr aber noch eine Kuhand zuwerfen, und wenn du es nicht tust, so hast
du falsch geschworen; sieh, sie schaut gerade herunter! Wirklich ruhten ihre
glnzenden Augen auf uns; aber der Einfall meines Freundes war ein teuflischer;
denn lieber htte ich dem Teufel selbst ins Gesicht gespieen, als diese Zumutung
erfllt. Durch meinen jesuitischen Schwur war ich aber erst recht in die Klemme
geraten, es gab keinen Ausweg. Rasch kte ich meine Hand und bewegte sie gegen
das Fenster hinauf. Das Mdchen hatte uns aufmerksam angesehen und lachte nun
ganz unbndig, indem es freundlich herunternickte; doch ich lief, so schnell ich
konnte, davon. Das Ma war gefllt, und als mein Gefhrte mich in der nchsten
Strae wieder erreichte, trat ich vor ihn hin und sagte: Wie ist's eigentlich
mit deiner Salamiwurst? Meinst du, dieselbe sei hinreichend, dergleichen Sachen,
wie ich bestehe, das Gegengewicht zu halten? Damit warf ich ihn unversehens
nieder und schlug ihn mit der Faust ins Gesicht, bis mich ein Mann weghob und
rief: Die Teufelsjungen mssen sich doch immer raufen!
    Das war das allererste Mal in meinem Leben, da ich einen Schul- und
Jugendgenossen schlug; ich konnte denselben nicht mehr ansehen, und zugleich war
ich vom Lgen fr einmal grndlich geheilt.
    In dem lesebeflissenen Hause wurden indessen der Vorrat an schlechten
Bchern und die Torheit immer grer. Die Alten sahen mit seltsamer Freude zu,
wie die armen Tchter immer tiefer in ein einfltig verbuhltes Wesen
hineingerieten, Liebhaber auf Liebhaber wechselten und doch von keinem
heimgefhrt wurden, so da sie mitten in der belriechenden Bibliothek
sitzenblieben mit einer Herde kleiner Kinder, welche mit den zerlesenen Bchern
spielten und dieselben zerrissen. Die Lesewut wuchs nichtsdestominder
fortwhrend, weil sie nun Zank, Not und Sorge vergessen lie, so da man in der
Behausung nichts sah als Bcher, aufgehngte Windeln und die viefltigen
Erinnerungen an die Galanterie der ungetreuen Ritter, wie gemalte Blumenkrnze
mit Sprchen, Stammbcher voll verliebter Verse und Freundschaftstempel,
knstliche Ostereier, in welchen ein kleiner Amor verborgen lag, und
dergleichen. Alles in allem genommen will es mir scheinen, da auch dieses Elend
sowohl wie das entgegengesetzte Extrem, die religise Sektiererei und das
fanatische Bibelauslegen armer Leute, wie ich es im Hause der Frau Margret fand,
nur die Spur derselben Herzensbedrfnisse und das Suchen nach einer besseren
Wirklichkeit gewesen sei.
    Bei dem Sohne dieses Hauses machte sich, als er grer wurde, die vielgebte
Phantasie auf andere, nicht minder bedenkliche Weise geltend. Er wurde sehr
genuschtig, lag schon als Handelslehrling in den Wirtshusern als ein eifriger
Spieler und war bei jedem ffentlichen Vergngen zu sehen. Dazu brauchte er viel
Geld, und um sich dieses zu verschaffen, verfiel er auf die sonderbarsten
Erfindungen, Lgen und Rnke, welche ihm nur eine Art Fortsetzung der frheren
Romantik waren. Jedoch hielt dies nur halb verdchtige Treiben nicht lange vor,
vielmehr sah er sich bald darauf verwiesen, zuzugreifen, wo er konnte. Denn er
gehrte zu jenen Menschen, die nicht gesonnen sind, sich in ihren Begierden im
mindesten zu beschrnken, und in der Gemeinheit ihrer Gesinnung dem Nchsten mit
List oder Gewalt das entreien, was er gutwillig nicht lassen will. Diese
niedere Gesinnung ist gleichmig der Ursprung scheinbar ganz verschiedener
Erscheinungen. Sie beseelt den ungeliebten Herrscher, der, in seinem Dasein
jedem Kind im Lande ein berdru, doch nicht von seiner Stelle weicht und nicht
zu stolz ist, sich vom Herzblute des verachteten und gehaten Volkes zu nhren;
sie ist der Kern der Leidenschaftlichkeit eines Verliebten, welcher, nachdem er
einmal die bestimmte Erklrung der Nichterwiderung erhalten hat, sich nicht
sogleich bescheidet, sondern mit gewaltsamer Aufdringlichkeit ein fremdes Leben
verbittert; wie in allen diesen Zgen lebt sie endlich auch in der Selbstsucht
des Betrgers und Diebes jeglicher Art, gro und klein; berall ist sie ein
unverschmtes Zugreifen, zu welchem mein ehemaliger Gefhrte nun auch seine
Zuflucht nahm. Ich hatte ihn im Verlaufe der Zeit ganz aus den Augen verloren,
whrend er schon mehrere Male im Gefngnisse gesessen hatte, und dachte eines
Tages an nichts weniger als an ihn, da ich einen verkommenen Menschen durch die
Hscher dem Zuchthause zufhren sah. In demselben ist er seither gestorben.

                              Dreizehntes Kapitel



                       Waffenfrhling. Frhes Verschulden

Ich war nun zwlf Jahre alt, so da meine Mutter auf meine weitere Schulbildung
denken mute. Der Plan des Vaters, da ich der Reihe nach die von gemeinntzigen
Vereinen begrndeten Privatanstalten besuchen sollte, war nun zerschnitten,
indem dieselben inzwischen durch wohleingerichtete ffentliche Schulen
berflssig geworden; denn die abermalige Regeneration der Schweiz hatte zuerst
auf diesen Punkt ihr Augenmerk gerichtet. Der alte Gelehrten- und Lehrerstand
der Stdte wurde durch einberufene deutsche Schulmnner reichlich erweitert und
in den meisten Kantonen an eine groe Zwillingsschule verteilt, welche aus einem
Gymnasium und einer Realschule bestand. Bei der letzteren brachte mich die
Mutter nach mehreren Beratungen und feierlichen Gngen unter, und die Leistungen
meiner bescheidenen Armenschule, aus welcher ich halb wehmtig und halb frhlich
schied, erwiesen sich bei der Aufnahmeprfung so gengend, da ich neben den
Zglingen der guten alten Stadtschulen vollkommen bestand. Denn diese
wohlhabenden Brgerkinder waren nun ebenfalls auf die neuen Einrichtungen
angewiesen. So fand ich mich pltzlich in eine ganz andere Umgebung versetzt.
Statt wie frher der bestgekleidete und vornehmste meiner Mitschler zu sein,
war ich in meinen grnen Jckchen, welche ich aufs uerste ausnutzen mute, nun
einer der unansehnlichsten und bescheidensten, und das nicht nur in Betracht der
Kleidung, sondern auch des Benehmens. Die Mehrzahl der Knaben gehrte dem
altherkmmlichen Brgerstande an; einige waren vornehme feine Herrenkinder, und
einige hinwieder stammten von reichen Dorfmagnaten; alle aber hatten ein
sicheres Auftreten und Gebaren, entschiedene Manieren und einen fixen Jargon im
Sprechen und Spielen, vor welchem ich blde und unsicher dastand. Wenn sie sich
stritten, so schlugen sie sich gleich mit raschen Bewegungen ins Gesicht, da es
klatschte, und mehr Mhe als das neue Lernen machte mir das Zurechtfinden in
diese neue Umgangsweise, wenn ich nicht zuviel Unbilden erleiden wollte. Ich
erkannte nun erst, wie mild und gutmtig die Gesellschaft der armen Kinder
gewesen war, und schlpfte noch oft zu ihnen, die mich mit wehmtigem Neide von
meinen jetzigen Verhltnissen erzhlen hrten.
    In der Tat brachte jeder Tag neue Vernderungen in meine bisherige
Lebensweise. Seit alter Zeit war die Jugend der Stdte in den Waffen gebt
worden, vom zehnten Jahre an bis beinahe zum wirklichen Militrdienste des
Jnglingsalters; nur war es mehr eine Sache der Lust und des freien Willens
gewesen, und wer seine Kinder nicht wollte teilnehmen lassen, war nicht
gezwungen. Nun aber wurden die Waffenbungen fr die smtliche schulpflichtige
Jugend gesetzlich geboten, so da jede Kantonsschule zugleich ein soldatisches
Korps bildete. Mit den kriegerischen bungen war das Turnen verwandt, zu welchem
wir ebenfalls angehalten wurden, so da einen Abend exerziert und den andern
gesprungen, geklettert und geschwommen wurde. Ich war bisher aufgewachsen wie
ein Gras, mich biegend und schmiegend, wie jedes Lftchen der Lebensregungen und
der Laune es wollte; niemand hatte mir gesagt, mich grad zu halten, kein Mann
mich an See und Flu gefhrt und da hineingeworfen, nur in der Aufregung hatte
ich ein und andern Sprung getan, den ich mit Vorsatz nicht zu wiederholen
vermochte. Mein Temperament aber hatte mich nicht dazu getrieben, wie etwa die
Shne anderer Witwen, da ich keinen Wert darauf legte und viel zu beschaulich
war. Meine jetzigen Schulgenossen hingegen bis auf den kleinsten herab schwammen
alle wie die Fische im See herum, sprangen und kletterten, und hauptschlich
wohl nur ihr Spott ntigte mich, mir einige Haltung und Gewandtheit zu erwerben,
da sonst mein Eifer bald erkaltet wre.
    Aber noch viel tiefer sollten die Vernderungen in mein Leben einschneiden.
Ich trieb mich in einer Genossenschaft herum, welche smtlich mit einem mehr
oder minder genugsamen Taschengelde versehen war, teils aus huslicher
Wohlhabenheit, teils auch nur infolge herkmmlichen Brauches und sorgloser
Prahlerei der Eltern. An Gelegenheit, Ausgaben zu machen, fehlte es noch
weniger, da nicht nur bei den gewhnlichen bungen und Spielen auf den
entlegenen Pltzen Obst und Backwerk zu kaufen blich war, sondern auch bei
greren Turnfahrten und militrischen Ausflgen mit klingendem Spiel es fr
mnnlich galt, sich in den entfernten Drfern hinter Brot und Wein zu setzen
Dazu kamen noch die Ausgaben fr allerhand Spielereien, welche in der Schule
abwechselnd Mode wurden unter dem Vorwande ntzlicher Beschftigung, ferner der
lehrreiche Besuch aller fremden Sehenswrdigkeiten, von welch allem sich
regelmig entfernt halten zu mssen einen unertrglichen Anstrich von
Drftigkeit und Verlassenheit verlieh. Meine Mutter bestritt mit gewissenhaftem
Sinne alle die ungewohnten Ausgaben fr Lehrmittel, Instrumente und Material und
gab mir hierin sogar fr eine gewisse Verschwendung Raum. Mit den feinen Zirkeln
des Vaters durchstach ich das schnste Papier in der Klasse; jede Gelegenheit
nahm ich wahr, ein neues Heft zu errichten, und meine Bcher waren immer
dauerhaft gebunden. Allein in allem andern, das nur entfernt unntig schien,
beharrte sie eigensinnig auf dem Grundsatze, da kein Pfennig unntz drfe
ausgegeben werden und da ich dies frhzeitig lernen msse. Nur fr die
Hauptausflge und Unternehmungen, von denen wegzubleiben ein zu groer Schmerz
fr mich gewesen wre, gab sie mir ein krgliches Geld, welches jedesmal schon
in der Mitte des frohen Tages aufgezehrt war. Dabei hielt sie mich in weiblicher
Unkenntnis der Welt nicht etwa in der Abgeschiedenheit zurck, wie es sich zu
ihrer strengen Sparsamkeit geschickt htte, sondern lie mich meine ganze Zeit
in der Gemeinschaft der anderen zubringen, mich nur unter lauter wohlgezogenen
Knaben und unter der Aufsicht des groen, angesehenen Lehrerpersonales whnend,
whrend gerade dadurch das Mitmachen und Vergleichen unvermeidlich wurde und ich
in tausend Verlegenheiten und schiefe Stellungen geriet. In der Einfachheit und
Unschuld ihres Gemtes und ihres Lebenslaufes hatte sie keine Ahnung von dem
unheilvollen Giftkraute, welches falsche Scham genannt wird und in den frhesten
Tagen des Lebens um so mehr zu wuchern beginnt, als es von der Dummheit der
alten Menschen eher gehtschelt und gepflegt als ausgereutet wird. Unter tausend
Jugendfreunden und Mitgliedern von Pestalozzi-Stiftungen gibt es vielleicht
keine zwlf, welche aus ihren eigenen Erinnerungen sich noch auf das Abc des
kindlichen Gemtes besinnen und wissen, wie sich daraus die verhngnisvollen
Worte bilden, und man darf sie eigentlich nicht einmal darauf aufmerksam machen,
sonst werfen sie sich sogleich auf dieses Gebiet und errichten darber ein
Statut.
    Auf Pfingsten ward einst ein groer jugendlicher Feldzug angeordnet;
smtliche kleine Mannschaft, einige hundert an der Zahl, sollte mit klingendem
Spiel ausrcken und, ber Berg und Tal marschierend, die bewaffnete Jugend einer
benachbarten Stadt besuchen, um mit derselben gemeinschaftliche Paraden und
bungen abzuhalten. Es herrschte eine allgemeine Aufregung, gemischt aus der
Freude der Erwartung und aus der Lust der Vorbereitung. Kleine Tornister wurden
vorschriftsmig bepackt, Patronen wurden so viele als mglich ber die
bestimmte Zahl angefertigt, unsere Zweipfnderkanonen sowie die Fahnen bekrnzt,
und berdies ging unterderhand das Gerede, wie unsere Nachbaren nicht nur
schmucke und gedrillte Soldaten, sondern auch aufgeweckte und lustige Zecher und
Kameraden wren, da es also nicht nur gelte, sich mglichst blank und strack zu
halten, sondern jeder sich gut mit Taschengeld zu versehen htte, um den
berhmten Nachbaren auf jede Weise die Stirne zu bieten. Dazu wuten wir, da
dort die weibliche lugend ebenfalls teilnehmen, festlich gekleidet und bekrnzt
uns beim Einmarsche begren und da nach dem gemeinschaftlichen Mahle getanzt
wrde. Auch in dieser Hinsicht waren wir nicht gesonnen, uns etwas zu vergeben;
es hie, jeder solle sich weie Handschuhe verschaffen, um beim Balle ebenso
galant als militrisch zu erscheinen, und alle diese Dinge wurden hinter dem
Rcken der Aufseher mit solcher Wichtigkeit verhandelt, da es mir angst und
bange ward, allem zu gengen. Zwar war ich einer der ersten, der die Handschuhe
aufzuweisen hatte, indem meine Mutter auf meine Klage aus den begrabenen
Vorrten ihrer lugend ein Paar lange Handschuhe von feinem weiem Leder
hervorzog und unbedenklich die Hnde vom Abschnitt, welche mir vortrefflich
paten. Hingegen in betreff des Geldes lebte ich der betrbten Aussicht,
jedenfalls eine gedrckte und enthaltsame Rolle spielen zu mssen. In solchen
Betrachtungen sa ich am Vorabend der Freudentage in einem Winkel, als mir
pltzlich ein Gedanke durch den Kopf fahr, ich das Hinausgehen der Mutter
abwartete und dann zu dem Mbel eilte, das mein kleines Schatzkstchen barg. Ich
ffnete es zur Hlfte und nahm unbesehen ein groes Geldstck heraus, das
zuoberst lag; die anderen rckten alle ein klein wenig von der Stelle und
machten ein leises Silbergerusch, in dessen klangvoller Reinheit jedoch eine
gewisse Gewalt ertnte, die mich schaudern machte. Schnell brachte ich meine
Beute zur Seite, befand mich aber nun in einer sonderbaren Stimmung, die mich
scheu und wortkarg gegen die Mutter werden lie. Denn wenn der frhere Eingriff
mehr die Folge eines vereinzelten uern Zwanges gewesen und mir kein bses
Gewissen hinterlassen hatte, so war das jetzige Unterfangen freiwillig und
vorstzlich; ich tat etwas, wovon ich wute, da es die Mutter nimmer zugeben
wrde; auch die Schnheit und der Glanz der Mnze schienen von der profanen
Verausgabung abzumahnen. Jedoch verhinderte der Umstand, da ich mich selbst
bestahl zum Zwecke der Nothilfe in einem kritischen Falle, ein eigentliches
Diebsgefhl; es war mehr etwas von dem Bewutsein, welches im verlornen Sohne
dmmern mochte, als er eines schnen Morgens mit seinem vterlichen Erbteil
auszog, es zu verschwenden.
    Am Pfingsttage war ich schon frh auf den Fen; unsere Trommler, als die
allerkleinsten auch die muntersten Bursche, durchzogen in ansehnlichem Haufen
die Stadt, umschwrmt von marschbereiten Schlern, und ich beeilte mich, zu
ihnen zu stoen. Meine Mutter hatte aber noch gar viel zu besorgen; sie fllte
meinen Tornister mit Ewaren, hing mir ein artiges Reiseflschchen um, mit Wein
gefllt, steckte mir noch hie und da etwas in die Taschen und gab mir gute
Verhaltungsregeln. Ich hatte lngst mein Gewehr auf der Schulter und die
Patrontasche umgehngt, worin auch mein groer Taler steckte, und wollte mich
endlich ihren Hnden entreien, als sie ganz verwundert sagte, ich werde doch
etwas Geld mitnehmen wollen? Hierauf nahm sie das bereits Abgezhlte hervor und
unterwies mich, wie ich es einzuteilen htte. Es war zwar nicht berreichlich,
aber doch anstndig und vollkommen hinreichend und selbst fr unvorhergesehene
Flle berechnet. In einem Papiere war noch ein besonderes Stck eingewickelt,
welches ich in dem gastfreundlichen Hause, wo ich einquartiert wrde, den
Dienstboten zu geben htte. Wenn ich die Sache recht betrachtete, so war dies
auch die erste Gelegenheit, wo eine solche Ausstattung eigentlich notwendig
schien, und die Mutter lie es also nicht an dem Ihrigen fehlen. Aber
nichtsdestominder war ich berrascht; ich geriet in die grte Verlegenheit und
Aufregung, und indem ich die Treppen hinunterstieg, drangen mir seltenerweise
Trnen aus den Augen, da ich sie hinter der Haustr abtrocknen mute, ehe ich
auf die Strae trat und zu dem frhlichen Haufen stie. Der allgemeine Jubel
htte in meinem Gemte, welches durch die liebevolle Sorge der Mutter bewegt
war, einen um so empfnglichern Grund gefunden, wenn nicht der Taler in der
Tasche mir wie ein Stein auf dem Herzen gelegen htte. Jedoch als sich die ganze
Schar zusammenfand, das Kommando ertnte und wir uns ordneten und abzogen,
wurden meine dsteren Gedanken gewaltsam unterdrckt, und als ich, zur Vorhut
eingeteilt, schon auf den freien Hhen ging unter dem morgenfrischen Himmel und
der lange Zug schimmernd und singend, mit wehender Fahne, sich zu unsern Fen
heranbewegte, da verga ich alles und lebte nur dem Augenblicke, welcher, Perle
fr Perle, von der glnzenden Schnur der nchsten Erwartung fiel. Wir fhrten
ein lustiges Vorhutleben; ein alter Kriegsmann, in fremden Diensten ergraut und
nun dazu verwendet, uns kleinen Nesthpfern das Handwerk beizubringen, leitete
uns an zu allerlei Schabernack und lie sich unablssig bestrmen, aus unsern
Feldflaschen zu trinken, was er mit scharfer Kritik des Inhaltes tat. Wir waren
stolz, keinen der Schulmnner bei uns zu haben, welche die groe Kolonne
begleiteten, und hrten andchtig die Kriegsabenteuer, so uns der alte Soldat
erzhlte.
    Zur Mittagszeit machte der Zug in einem sonnigen unbewohnten Talkessel halt;
der wilde Boden war mit vielen einzelnen Eichen besetzt, um welche sich das
junge Volk lagerte. Wir Leute der Vorhat aber standen auf einem Berge und
schauten zufrieden auf das frhliche Gewhl hinunter. Wir waren still geworden
und schlrften den stillen glanzvollen Tag ein; der alte Feldwebel lag froh an
der Erde und blinzte in den ruhevollen Horizont hinaus, ber blaue Strme und
Seen hin. Obgleich wir noch nichts von landschaftlicher Schnheit zu sagen
wuten und einige vielleicht in ihrem Leben nie dazu kamen, fhlten wir alle
doch ganz die Natur, und das um so mehr, als wir mit unserm Freudenzuge eine
wrdige Staffage in der Landschaft bildeten, selbst handelnd darin auftraten und
daher der empfindsamen Sehnsucht unttiger Naturbewunderer enthoben waren. Denn
ich habe erst spter erfahren und eingesehen, da das mige und einsame
Genieen der gewaltigen Natur das Gemt verweichlicht und verzehrt, ohne
dasselbe zu sttigen, whrend ihre Kraft und Schnheit es strkt und nhrt, wenn
wir selbst auch in unserm uern Erscheinen etwas sind und bedeuten ihr
gegenber. Und selbst dann ist sie in ihrer Stille uns manchmal noch zu
gewaltig; wo kein rauschendes Wasser ist und gar keine Wolken ziehen, da macht
man gern ein Feuer, um sie zur Bewegung zu reizen und sie nur ein bichen atmen
zu sehen. So trugen wir einiges Reisig zusammen und fachten es an; die roten
Kohlen knisterten so leis und angenehm, da auch unser graue und rauhe Fhrer
vergngt hineinsah, whrend der blaue Rauch dem Heerhaufen im Tale ein Zeichen
unseres Aufenthaltes war; trotz der mittglichen Sonnenhitze schien uns die
erhhte Glut des Feuers lieblich; wir verlschten es ungern, als wir abzogen.
Gar zu gern htten wir einige Schsse in die stille Luft gesandt, wenn es nicht
streng untersagt gewesen wre; ein Knabe hatte schon geladen und mute den Schu
kunstgerecht wieder aus dem Gewehre ziehen, was ihm so peinlich war als einem
Schwtzer das Unterdrcken eines Geheimnisses.
    Im Scheine des Abendgoldes sahen wir endlich die befreundete Stadt vor uns,
aus deren mit Blumen und grnen Zweigen bekleidetem altertmlichen Tore die so
wie wir gerstete Jugend uns entgegentrat, umgeben von den schaulustigen und
freundlichen Eltern und Geschwistern. Ihre Artillerie lste uns zu Ehren eine
Anzahl von Schssen; wir betrachteten mit kritischem Auge, wie die kleinen
Kanoniere neben der Mndung mit ebenso zierlicher Verrenkung sich zurckbogen,
wenn die Lunte sich dem Brander nherte, und nach dem Schusse ebenso
hampelmnnisch sich mit dem Wischer auslegten, wie das alles bei uns blich war.
Noch mehr Ursache zur Eifersucht gaben uns die hbschen Perkussionsgewehre,
womit unsere Kameraden einherzogen, da wir selbst nur alte Steinschlsser
hatten, welche sich dann und wann erlaubten zu versagen. Die Regierung dieses
Kantons stand ein wenig im Geruche, in ihrem aufgeweckten Sinne fr alles Gute
und Schne manchmal mehr Aufwand zu machen, als sich mit haushlterischer
Bedchtigkeit vertrge, und harte demgem fr ihre Schuljugend solche neue
Waffen beschafft zu einer Zeit, wo dergleichen erst bei greren Militrstaaten
in der Einfhrung begriffen waren. So hrten wir denn, whrend unsere Freunde
uns wohlgefllig erklrten, wie bei ihnen whrend der Ladung die Bewegung von
Pulver auf Pfann' nun wegfiele, unsere erwachsenen Begleiter heimlich einen
bedchtigen Tadel ber solchen Aufwand aussprechen. Doch waren wir endlich
ermdet und gaben uns willig den Einladungen der Familien hin, welche sich so
eifrig um unsere Beherbergung stritten, da unsere ganze Schar in ihren offenen
Armen so schnell verschwand wie ein flchtiger Regenschauer im heien durstigen
Erdreiche. Wir sahen uns nun vereinzelt in die Mitte huslicher Wirtlichkeit
versetzt als Gegenstand festlichen Wohlwollens und belohnten diese
Gastfreundschaft dadurch; da wir, als ob wir in Feindesland wren, beim
Schlafengehen unsere Flintchen mitnahmen und neben die groen Gastbetten
stellten, welche zu ersteigen wir alle unsere Turnerknste aufbieten muten.
    Das Fest des andern Tages erfllte alle Erwartungen. Der Wetteifer lie
beide Parteien bei den bungen gleich wohl bestehen; gegen die
Perkussionsgewehre unserer Nebenbuhler aber hatten wir einen andern Trumpf
auszuspielen. Indem ihre Artillerie nmlich nur blind zu schieen gewohnt war
und keine Kugeln kannte, scho die unserige so geschickt nach dem Ziele, da das
bei solcher Gelegenheit stehende Sprichwort: Die Kleinen machten es wahrlich
besser denn die Groen! diesmal nicht ganz unrichtig war und die Nachbaren dem
ernsthaften Richten der Geschtze verwundert zuschauten.
    Ein groes Festmahl, welches einige tausend junge und alte Menschen
vereinigte, wurde auf einer grnen Wiese eingenommen. Beliebte Jugendfreunde
hielten Tischreden und trafen in denselben das Rechte, indem sie, anstatt uns in
hohlem, frhreifem Ernste zu halten, in reinem Humor den Ton unschuldiger
Frhlichkeit anstimmten, ihr Alter vergaen, ohne kindisch zu tun, und uns
dadurch desto leichter lehrten, die Freude nicht ohne Witz zu genieen. Darauf
zog eine Reihe feiner Mdchen aus dem Tore an uns vorbei auf einen geebneten
Rasenplatz und lud uns mit Gesang zu Spiel und Tnzen ein. Sie waren alle wei
und rot gekleidet und entfalteten sich in der lieblichsten Blte vom kindlichen
Lockenkopfe bis zur angehenden Jungfrau; hinter dem weiten Kranze ragte manch
weibliches Haupt in reifer Schnheit, um die zarten Pflnzlinge zu berwachen
und bei guter Gelegenheit selbst noch ein bichen jugendlicher ber den Rasen zu
schlpfen, als in sonstigen Tagen erlaubt war. Hatten doch die Mnner ihrerseits
die Gelegenheit auch ersehen und die Lust der Kinder bereits zu ihrer eigenen
Sache erklrt und schon mit mancher Flasche besiegelt! Unsere tapfere Schar
nherte sich in dichtem Haufen dem flsternden Kreise der Schnen, keiner wollte
recht der vorderste sein; unsere Sprdigkeit lie uns fast feindlich und dster
aussehen, whrend das Anziehen der weien Handschuhe ein weitgehendes Flimmern
und Schimmern verursachte. Doch es zeigte sich nun, da die Hlfte der
Handschuhe berflssig war, indem wir in zwei verschiedene Teile zerfielen, in
solche Knaben nmlich, welche grere Schwestern zu Hause hatten, und in solche,
welche dieses angenehme Glck nicht kannten. Die ersteren zeigten sich alle als
zierliche Tnzer, welche bald gesucht und ausgezeichnet wurden, indessen die
letzteren wie ungeleckte Bren ber den Rasen stolperten und nach einigen
milungenen Abenteuern sich aus den Reihen stahlen und bei den Trinktischen
zusammenfanden, wo wir mit energischem Gesang ein wildes Soldatenleben fhrten,
als rauhe Krieger und Weiberfeinde, und uns gegenseitig einzubilden suchten, da
die Mdchen doch hufig nach unserm tchtigen Treiben herberschielten. Unser
Zechen bestand zwar mehr in einer bescheidenen Nachahmung der Alten und berwand
den natrlichen Widerwillen gegen Unmigkeit nicht, der noch in jenem
Lebensalter liegt; doch bot es hinlnglichen Spielraum fr unsere kleinen
Leidenschaften. Der Weinbau dieser Landschaft war bedeutender und edler als bei
uns; daher hatten unsere jungen Nachbaren schon eine entschiedenere Frbung in
ihrer Frhlichkeit und vertrugen ein strkeres Glas Wein als wir, so da sie
ihren Ruf vollkommen rechtfertigten. Da galt es nun, sich hervorzutun; ich gab
mich diesem Bestreben ohne Rckhalt hin, meine wohlversehene Kasse verlieh mir
die ntige Sicherheit und Freiheit, und dieser folgte alsobald eine gewisse
Achtung meiner Umgebung. Wir durchzogen Arm in Arm die Stadt und die Lustpltze
vor derselben; das schne Wetter, die Freude, der Wein regten mich auf und
machten mich geschwtzig und ausgelassen, keck und gewandt; aus einem stillen
und blden Fernesteher war ich urpltzlich ein lauter Tonangeber geworden, der
sich in bermtigen Bemerkungen und Erfindung von Schwnken erging und welchen
die brigen Wortfhrer, die sich bisher wenig aus mir gemacht, sogleich
anerkannten und htschelten. Die Eigenschaft als Fremder, der neue Schauplatz
erhhte noch die Stimmung. Es ist schwer zu entscheiden, was grer war, ob
meine Redseligkeit, mein Freudenrausch oder meine erwachte Eitelkeit; kurz, ich
schwamm in einem ganz neuen Glcke, welches am dritten Tage womglich noch
zunahm, als wir heimwrts zogen und die allseitige Zufriedenheit sowie die
freiere Ordnung und Haltung eine neue Reihe frhlicher Auftritte veranlaten.
    Als ich mit Sonnenuntergang das Haus meiner Mutter betrat, bestaubt und
sonnverbrannt, die Mtze mit einem Tannenreise geschmckt, die Mndung des
Gewehrchens und der eigene Mund prahlerisch von Pulver geschwrzt, da war ich
nicht mehr der gleiche, wie ich ausgezogen, sondern einer, der sich mit den
kecksten Fhrern der Knabenwelt in verschiedene Verabredungen und Versprechungen
eingelassen hatte zur Fortsetzung des begonnenen Tones. Hauptschlich sollten
die tanzkundigen Feintuer und Weichlinge, wie wir sie nannten! verhindert
werden, uns bei der einheimischen Schnheit etwa in den Schatten zu stellen; wir
wollten daher ihren zierlichen Knsten ein derbes militrisches Wesen, khne
Taten und allerlei Streifereien und Unternehmungen entgegensetzen zur Begrndung
eines bedenklichen Ruhmes. Voll von diesen Ideen und noch voll der durchlebten
Freude, die ich sowenig erschpft hatte als sie mich, fhlte ich mich in der
besten Laune und erging mich in unserm Hause in lauten Erzhlungen und
prahlerischem, barschem Wesen, bis ich durch einige magische Witzkrner, die
meine Mutter in die unbescheidene Brandung warf, fr einmal zu Ruhe und Schlaf
gebracht wurde.

                              Vierzehntes Kapitel



                 Prahler, Schulden, Philister unter den Kindern

Meine neuen Freunde lieen mir nicht Zeit, aus meiner Verirrung zu kommen; schon
der nchste Tag, an dem ich, selbst eine Art von Gre, in der renommiertesten
Gesellschaft unserer Stadt zu sehen war, weckte alle neuen Erinnerungen wieder;
die Nachklnge des Festes gaben Gelegenheit, den Rest meiner Barschaft
anzubringen und dagegen erneute Lorbeeren einzutauschen. Fr einen der nchsten
Sonntage wurde ein groer Spaziergang verabredet, welcher wieder eine
Demonstration gegen die Feinspinner werden sollte. In meinem Leichtsinn hatte
ich nicht bedacht, woher ich die ntigen Mittel nehmen wolle, also auch keinen
Vorsatz gefat; als aber der Augenblick da war, griff ich wieder in den Schrein,
ohne etwas anderes zu fhlen als das zwingende Bedrfnis und eine Art dunklen
Entschlusses, da es das letzte Mal sei.
    So ging es den ganzen kurzen Sommer hindurch. Die veranlassende Laune war
lngst verflogen, die Teilnehmer hatten sich dem ordentlichen Lauf der Dinge
wieder gefgt; auch ber mich htten Ma und Bescheidenheit ihre Herrschaft
wiedergewonnen, wenn nicht eine andere Leidenschaft aus der Sache erwachsen
wre, nmlich die des unbeschrnkten Geldausgebens, der Verschwendung an sich.
Es reizte mich, jeden Augenblick die kleinen Herrlichkeiten, wonach jedes Alter
gelstet, kaufen zu knnen; immer hatte ich die Hand in der Tasche, um mit
Mnzen hervorzufahren Gegenstnde, welche Knaben sonst eintauschen, kaufte ich
nur mit barem Gelde, gab solches an Kinder, Bettler und beschenkte einige
Gesellen, die meinen Schweif bildeten und meine Verblendung benutzten, solange
es ging. Denn es war eine wirkliche Verblendung. Ich bedachte im mindesten
nicht, da die Sache doch ein Ende nehmen msse; nie mehr ffnete ich das
Kstchen ganz und bersah das Geld, sondern schob nur die Hand unter den Deckel,
um ein Stck herauszunehmen, und berdachte auch nie, wieviel ich schon
verschleudert haben msse. Ich empfand auch keine Angst vor der Entdeckung; in
der Schule und bei meinen Arbeiten hielt ich mich nicht schlimmer als frher,
eher besser, weil keine unbefriedigten Wnsche mich zu trumerischem Miggange
verleiteten und die vollkommene Freiheit des Handelns, welche ich beim
Geldausgeben empfand, sich auch im Arbeiten durch eine gewisse Raschheit und
Entschlossenheit uerte. Zudem fhlte ich das dunkle Bedrfnis, das unsichtbare
Unheil, welches ber mir sich sammelte, durch sonstige Pflichterfllung
einigermaen aufzuwiegen.
    Jedoch trotz allem befand ich mich jenen ganzen Sommer hindurch in einem
unheimlichen und peinvollen Zustande, dessen Erinnerung, verbunden mit
derjenigen an den blauen Himmel und Sonnenschein, an die stillen grnen
Waldschenken, in welche wir uns zu heimlichen Gelagen verkrochen, eine seltsame
Empfindung wachruft. Meine Genossen muten lngst gemerkt haben, da es mit
meinem Gelde nicht mit rechten Dingen zugehe; aber sie hteten sich sorgfltig,
einen Verdacht zu uern oder die leiseste Frage an mich zu tun; vielmehr
stellten sie sich, als ob sich alles von selbst verstnde, waren mir
stillschweigend behilflich, die aufflligen blanken Silberstcke umzuwechseln,
ohne in Errterungen einzugehen, und als die Herrlichkeit ein Ende nahm, wandten
sie sich ganz trocken und unbeteiligt von mir, ganz wie erwachsene brave
Geschftsleute, welche in aller Seelenruhe auch den Gewinn der Unredlichen an
sich bringen, ohne ber den Ursprung desselben Forschungen anzustellen. Dies
vorausgeahnte Benehmen drckte mich um so mehr, als ich bald bemerkte, da sie
sich sonderbar gemessen gegen mich betrugen und nur wrmer wurden, wenn ich
wieder ein Geldstck auf die Strae brachte, daneben aber sich anderweitig ber
mich zu besprechen schienen. Whrend jedoch die kleinliche und gewhnliche Art
der Mehrzahl keine heftige und leidenschaftliche Trennung bedingte, sollte mir
die energische Selbstsucht eines einzigen und der daraus entspringende Ha
Kummer und Leiden bereiten, wie sie wohl selten in diesem Alter sich zeigen.
Derselbe war ein kleiner Bursche mit kleinen regelmigen Gesichtszgen, mit
zierlichen Sommersprossen ganz bedeckt. Er besa einen frhreifen Verstand,
lernte fleiig und genau, bestrebte sich gegen ltere Leute, besonders gegen
Frauen, in wohlgesetzten, altklugen Worten auszudrcken und galt daher fr einen
ordentlichen, hchst brauchbaren Jungen. Er war fast in allen bungen geschickt,
durch Aufmerksamkeit und Ausdauer, und brachte alles, was er unternahm, auf eine
niedliche Weise zustande. Meierlein, so hie er, besa aber kein tieferes
Talent; in seinen verschiedensten Unternehmungen war nie etwas Neues oder
Eigenes sichtbar, sondern er brachte nur das gut zuwege, was er sich vorgemacht
sah, und ihn beseelte nur ein unablssiges Bedrfnis, sich alles Erdenkliche
anzueignen. Deshalb konnte er ebensowohl eine vollkommene und reinliche
Papparbeit hervorbringen als ber einen Graben setzen oder Ball schlagen oder
mit einem Steinchen eine bezeichnete Stelle an einer Mauer treffen, alles durch
langsame und anhaltende bung; seine Schulhefte waren korrekt und in bester
Ordnung, seine Schrift klein und zierlich, besonders seine Zahlen wute er
ausnehmend angenehm und rundlich in Reihen zu setzen. Seine vorzglichste Gabe
aber war eine gewisse Fhigkeit, mit verstndiger Besprechung alles zu
berspinnen, Verhltnisse auszuklgeln und mit vielsagender Miene Aufschlsse
und Vermutungen aufzustellen, welche ber unser Alter hinausgingen. Dabei stets
ein zuverlssiger und kurzweiliger Gesell, gesucht und ntzlich, fing er wenig
Streit an, focht aber einen solchen hchst hartnckig aus, und er blieb um so
respektierter, als er immer wohlbedchtig auf der Seite stand, wo das wirkliche
oder erlogene Recht sich behauptete.
    Er war anderthalb Jahre lter als ich, hatte sich indessen enger an mich
geschlossen als alle brigen, so da wir eine besondere Freundschaft pflagen und
jeden freien Augenblick zusammensteckten. Er ergnzte mich vortrefflich und
sagte mir daher sehr zu. Meine Unternehmungen gingen immer auf das
Phantastische, Bunte und Wirksame aus, whrend er durch Genauigkeit und Sorgfalt
der mechanischen Arbeit meinen flchtigen und rohen Entwrfen Zweck und Ordnung
verlieh. Meierlein lie mein Geheimnis ebenso vorsichtig bestehen wie die
anderen, obwohl es fr seine verstndige Aufmerksamkeit noch weniger eines sein
konnte; doch lie er nicht ebenso zwischendurch seine Einsicht ahnen, sondern
bestrebte sich vielmehr, mich von den zu leichtsinnigen Ausgaben abzuhalten und
meine Wnsche auf scheinbar ntzliche und gute Dinge zu richten mit gesetzten
Worten, was dem Verkehr mit ihm einen soliden Anstrich gab. Nur fr sich selbst
war er mit noch grerm Eifer bedacht als die brigen, und sich nicht begngend
mit meiner unmittelbaren Freigebigkeit, errichtete er mit groer Einsicht ein
Schuldverhltnis zwischen mir und ihm, indem er sich haushlterisch aus meinem
Gelde eine kleine Kasse ansammelte, aus welcher er mir, wenn ich augenblicklich
nicht ber mein Kstchen konnte, mige Vorschsse machte, die wir gemeinsam
verbrauchten und die er in ein niedlich angefertigtes Bchelchen eintrug, dessen
Seiten mit Soll und Haben ansehnlich berschrieben waren. berdies wute er mir
eine Menge kindischer Gegenstnde zu verkaufen, deren Betrag er fleiig in sein
Buch setzte. Seine Gewandtheit in den verschiedensten bungen verwertete er
ebenfalls; er war mein dienstbarer Dmon, der alles konnte und alles in Angriff
nahm, was wir wnschten, aber jede Dienstleistung durch kleine Mnzsorten in
meinem Schuldregister bezeichnete. Auf Spaziergngen reizte er mich stets, seine
Geschicklichkeit auf die Probe zu stellen: Soll ich mit diesem Steinchen jenes
drre Blatt treffen? sagte er, und ich erwiderte: Das kannst du nicht! -
Willst du mir einen Batzen schuldig sein, wenn ich es tue? - Ja! und er traf
es und erschwerte unter den gleichen Bedingungen die Aufgabe manchmal dreimal
hintereinander, ohne sie je zu verfehlen. Dann schrieb er die Summe genau in
sein Buch mit allerliebsten wohlgestalteten Zahlen, was mir solches Vergngen
gewhrte, da ich laut auflachte. Er aber sagte ernsthaft, da sei gar nichts zu
lachen, ich sollte bedenken, da ich alles einmal berichtigen mte und da sein
Bchlein eine ordentliche Bedeutung und Gltigkeit htte vor jedem
Geschftsmann! Dann veranlate er mich wieder zu zahlreichen Wetten, ob zum
Beispiel ein Vogel sich auf diesen oder jenen Pfahl setzen, ob ein vom Winde
bewegter Baum sich das nchste Mal so oder so tief niederbeugen, ob am Gestade
des Sees mit dem fnften oder sechsten Wellenschlage eine groe Welle ankommen
wrde. Wenn bei diesem Spiele der Zufall mich manchmal gewinnen lie, so setzte
er in seinem Buche auf die Seite des Soll mit wichtiger Miene ein knappes
Zhlchen, welches sich in seiner Einsamkeit hchst wunderlich ausnahm und mir
neuen Stoff zum Lachen, ihm hingegen zu ernsthaften Redensarten gab. Er suchte
mich eifrigst zu berzeugen, da Schulden eine wichtige Ehrensache seien, und
eines Tages, als der Sommer sich seinem Ende nahte, berraschte mich Meierlein
mit der Nachricht, da er nun abgerechnet habe, und zeigte mir eine runde Zahl
von mehreren Gulden nebst einigen Kreuzern und Pfennigen und bemerkte dabei, da
es nun schicklich wre, wenn ich darauf dchte, ihm den Betrag einzuhndigen,
indem er wnsche, aus seinen Ersparnissen sich ein schnes Buch zu kaufen. Doch
erwhnte er hierber die nchsten zwei Wochen nichts mehr und legte inzwischen
eine neue Rechnung an, welches er mit vermehrtem Ernste tat und wobei er ein
seltsames Betragen annahm. Er wurde nicht unfreundlich, aber die alte
Frhlichkeit und Unbefangenheit unseres Verkehres war verschwunden. Eine groe
Niedergeschlagenheit beschlich mich, welche Meierlein durchaus nicht zu stren
schien; vielmehr verfiel er selber in einen elegischen Ton, ungefhr wie er
Abraham berkommen haben mochte, als er mit seinem Sohne Isaak den vermeintlich
letzten Gang tat. Nach einiger Zeit wiederholte er seine Mahnung, diesmal mit
Entschiedenheit, doch nicht unfreundlich, sondern mit einer gewissen Wehmut und
vterlichem Ernste. Nun erschrak ich und fhlte eine heftige Beklemmung,
indessen ich versprach, die Sache abzumachen. Jedoch konnte ich mich nicht
ermannen, die Summe zu nehmen, und verlor selbst den Mut, meine gewhnlichen
Eingriffe fortzusetzen. Das Gefhl meiner Lage hatte sich jetzt ganz
ausgebildet; ich schlich trbselig umher und wagte nicht zu denken, was nun
kommen sollte. Ich empfand eine bengstigende Abhngigkeit gegen meinen Freund;
seine Gegenwart war mir drckend, seine Abwesenheit aber peinlich, da es mich
immer zu ihm hintrieb, um nicht allein zu sein und vielleicht eine Gelegenheit
zu finden, ihm alles zu gestehen und bei seiner Vernunft und Einsicht Rat und
Trost zu finden. Aber er htete sich wohl, mir diese Gelegenheit zu bieten,
wurde immer gemessener im Umgange und zog sich zuletzt ganz zurck, mich nur
aufsuchend, um seine Forderung nun mit kurzen, fast feindlichen Worten zu
wiederholen. Er mochte ahnen, da eine Krisis fr mich nahe bevorstehe; daher
war er besorgt, noch vor dem Ausbruche derselben sein so lang und sorglich
gepflegtes Schfchen ins trockene zu bringen. Und er hatte recht. Um diese Zeit
war meine Mutter durch die versptete Mitteilung eines Bekannten aufmerksam
gemacht worden; sie erfuhr endlich mein bisheriges Treiben auer dem Hause,
woran hauptschlich die brigen Kumpane schuld sein mochten, die sich schon
frher von mir gewendet hatten, als meine Niedergeschlagenheit begonnen.
    Eines Tages, als ich am Fenster stand und fr meine Blicke auf den besonnten
Dchern, im Gebirge und am Himmel stille Ruhepunkte und die vorwurfsvolle Stube
hinter mir zu vergessen suchte, rief mich die Mutter mit ungewohnter Stimme beim
Namen; ich wandte mich um, da stand sie neben dem Tische und auf demselben das
geffnete Kstchen, auf dessen Boden zwei oder drei Silberstcke lagen.
    Sie richtete einen strengen und bekmmerten Blick auf mich und sagte dann:
Schau einmal in dies Kstchen! Ich tat es mit einem halben Blicke, der mich
seit langer Zeit zum ersten Male wieder den wohlbekannten innern Raum der
geplnderten Lade sehen lie. Er ghnte mir vorwurfsvoll entgegen. Es ist also
wahr, fuhr die Mutter fort, was ich habe hren mssen und was sich nun
besttigt, da sich mein guter und sorgloser Glaube, ein braves und gutartiges
Kind zu besitzen, so grausam getuscht sieht? Ich stand sprachlos da und sah in
eine Ecke; das Gefhl des Unglckes und der Vernichtung kreiste in meinem Innern
so stark und gewaltig, als es nur immer im langen und vielfltigen Menschenleben
vorkommen kann; aber durch die dunkle Wolke blitzte bereits ein lieblicher Funke
der Vershnung und Befreiung. Der offene Blick meiner Mutter auf meine
unverhllte Lage fing an, den Alp zu bannen, der mich bisher gedrckt hatte; ihr
strenges Auge war mir wohlttig und lste meine Qual, und ich fhlte in diesem
Augenblicke eine unsgliche Liebe zu ihr, welche meine Zerknirschung
durchstrahlte und fast in einen glckseligen Sieg verwandelte, whrend meine
Mutter tief in ihrem Kummer und in ihrer Strenge beharrte. Denn die Art meines
Vergehens hatte ihre empfindlichste Seite, sozusagen ihren Lebensnerv getroffen
einesteils das kindliche blinde Vertrauen ihrer religisen Rechtlichkeit,
andernteils ihre ebenso religise Sparsamkeit und unwandelbare Lebensfrage. Sie
hatte keine Freude beim Anblick des Geldes; nie bersah sie unntigerweise ihre
Barschaft; aber jedes Guldenstck war ihr beinahe ein heiliges Symbolum des
Schicksals, wenn sie es in die Hand nahm, um es gegen Lebensbedrfnisse
auszutauschen. Deshalb war sie nun weit schwerer mit Sorge erfllt, als wenn ich
irgend etwas anderes begangen htte. Wie um sich gewaltsam vom Gegenteile zu
berzeugen, hielt sie mir alles deutlich und gemessen vor und fragte dann
wiederholt: Ist es denn wirklich wahr? Gestehe! Worauf ich ein kurzes Ja
hervorbrachte und mich meinen Trnen berlie, ohne indessen viel Gerusch zu
machen; denn ich war nun vllig befreit und fast vergngt.
    Sie ging tiefbewegt auf und nieder und sprach: So wei ich nun nicht, was
werden soll, wenn du dich nicht fest und fr immer bessern willst! Damit legte
sie das Kstchen wieder in ihren Schreibtisch und lie den Schlssel desselben
an dem gewohnten Ort.
    Sieh, sagte sie, ich wei nicht, ob du, wenn du deine paar Geldstcke
noch verbraucht httest, alsdann auch nach meinem Gelde, welches ich so sparen
mu, gegriffen haben wrdest; es wre nicht unmglich gewesen; aber mir ist es
unmglich, dasselbe vor dir zu verschlieen. Ich lasse daher den Schlssel
stecken wie bisher und mu es darauf ankommen lassen, ob du freiwillig dich zum
Bessern wendest; denn sonst wrde doch alles nichts helfen, und es wre
gleichgltig, ob wir beide ein bichen frher oder spter unglcklich wrden!
    Es begannen gerade acht Tage Ferien; ich blieb von selbst im Hause und
suchte alle Winkel auf, in denen ich den Frieden und die Ruhe der frheren Tage
wiederfand. Ich war grndlich still und traurig, zumal die Mutter ihren Ernst
beibehielt, ab- und zuging, ohne vertraulich mit mir zu sprechen. Am traurigsten
war das Essen, wenn wir an unserm kleinen Etischen saen und ich nichts zu
sagen wagte oder wnschte, weil ich das Bedrfnis dieser Trauer selbst fhlte
und mir sogar darin gefiel, whrend meine Mutter in tiefen Gedanken sa und
manchmal einen Seufzer unterdrckte.

                              Fnfzehntes Kapitel



        Frieden in der Stille. Der erste Widersacher und sein Untergang

So verharrte ich im Hause und gelstete nicht im mindesten ins Freie und zu
meinen Genossen. Hchstens betrachtete ich einmal aus dem Fenster, was auf der
Strae vorfiel, und zog mich sogleich wieder zurck, als ob die unheimliche
Vergangenheit zu mir heranstiege. Unter den Trmmern und Erinnerungen meines
verflogenen Wohlstandes befand sich ein groer Farbenkasten, welcher gute
Farbentafeln enthielt, statt der harten Steinchen, die man sonst den Knaben fr
Farben gibt. Ich hatte schon durch Meierlein erfahren, da man nicht unmittelbar
mit dem Pinsel diese Tfelchen aushhlen, sondern die selben in Schalen mit
Wasser anreiben msse. Sie gaben reichliche, gesttigte Tinten, ich fing an, mit
diesen Versuche anzustellen, und lernte sie mischen. Besonders entdeckte ich,
da Gelb und Blau das verschiedenste Grn herstellten, was mich sehr freute;
daneben fand ich die violetten und braunen Tne. Ich hatte schon lngst mit
Verwunderung eine alte in l gemalte Landschaft betrachtet, die an unserer Wand
hing; es war ein Abend; der Himmel, besonders der unbegreifliche bergang des
Gelben ins Blaue, die Gleichmigkeit und Sanftheit desselben reizte mich stark
an, ebensosehr der Baumschlag, der mich unvergleichlich dnkte. Obgleich das
Bild unter dem Mittelmigen stand, schien es mir ein bewundernswertes Werk zu
sein, denn ich sah die mir bekannte Natur um ihrer selbst willen mit einer
gewissen Technik nachgebildet. Stundenlang stand ich auf einem Stuhle davor und
versenkte den Blick in die an haltlose Flche des Himmels und in das unendliche
Blattgewirre der Bume, und es zeugte eben nicht von grter Bescheidenheit, da
ich pltzlich unternahm, das Bild mit meinen Wasserfarben zu kopieren. Ich
stellte es auf den Tisch, spannte einen Bogen Papier auf ein Brett und umgab
mich mit alten Untertassen und Tellern; denn Scherben waren bei uns nicht zu
finden. So rang ich mehrere Tage lang auf das mhseligste mit meiner Aufgabe;
aber ich fhlte mich glcklich, eine so wichtige und andauernde Arbeit vor mir
zu haben; vom frhen Morgen bis zur Dmmerung sa ich daran und nahm mir kaum
Zeit zum Essen. Der Frieden, welcher in dem gutgemeinten Bilde atmete, stieg
auch in meine Seele und machte von meinem Gesichte auf die Mutter
hinberscheinen, welche am Fenster sa und nhte. Noch weniger, als ich den
Abstand des Originales von der Natur fhlte, strte mich die unendliche Kluft
zwischen meinem Werke und seinem Vorbilde. Es war ein formloses, wolliges
Geflecksel, in welchem der gnzliche Mangel jeder Zeichnung sich innig mit dem
unbeherrschten Materiale vermhlte; wenn man jedoch das Ganze aus einer
tchtigen Entfernung mit dem lbilde vergleicht, so kann man noch heute darin
einen nicht ganz zu verkennenden Gesamteindruck finden. Kurz, ich wurde
zufrieden ber meinem Tun, verga mich und fing manchmal an zu singen, wie
frher, erschrak je doch darber und verstummte wieder. Doch verga ich mich
immer mehr und summte anhaltender vor mich hin; wie Schneeglckchen im Frhjahr
tauchte ein und das andere freundliche Wort meiner Mutter hervor, und als die
Landschaft fertig war, fand ich mich wieder zu Ehren gezogen und das Vertrauen
der Mutter hergestellt. Als ich eben den Bogen vom Brette lste, klopfte es an
die Tr, und Meierlein trat feierlich herein, legte seine Mtze auf einen Stuhl,
zog sein Bchlein hervor, rusperte sich und hielt einen frmlichen Vortrag an
meine Mutter, indem er in hflichen Worten Klage gegen mich einlegte und die
Frau Lee wollte gebeten haben, meine Verbindlichkeiten zu erfllen; denn es
wrde ihm leid tun, wenn es zu Unannehmlichkeiten kommen sollte! Damit
berreichte der kleine Knirps sein unvermeidliches Buch und bat, gefllige
Einsicht zu nehmen. Meine Mutter sah ihn mit groen Augen an, dann auf mich,
dann in das Bchelchen und sagte: Was ist das nun wieder? Sie durchging die
reinlichen Rechnungen und sagte: Also auch noch Schulden? Immer besser, ihr
habt das Ding wenigstens groartig betrieben! whrend Meierlein immer rief: Es
ist alles in bester Ordnung, Frau Lee! Diesen letzten Posten nach der
Hauptrechnung bin ich jedoch erbtig nachzulassen, wenn Sie mir jene berichtigen
wollten. Sie lachte rgerlich und rief: Ei, ei! So, so? Wir wollen die Sache
einmal mit deinen Eltern besprechen, Herr Schuldenvogt! Wie sind denn diese
artigen Schulden eigentlich entstanden? Da reckte sich der Bursche empor und
sagte: Ich mu mir ausbitten, ganz in der Ordnung! Die Mutter aber fragte mich
streng, da ich ganz verblfft und in neuer Beklemmung dagestanden: Bist du dem
Jungen dieses schuldig und auf welche Weise? Sprich! Ich stotterte verlegen ja
und einige Tatsachen ber die Natur der Schulden. Da hatte sie schon genug und
jagte den Meierlein mit seinem Buche aus der Stube, da er sich mit frechen
Gebrden davonmachte, nachdem er noch einen drohenden Blick auf mich geworfen.
Nachher befragte sie mich weitlufig ber den ganzen Hergang und geriet in
groen Zorn; denn es war vorzglich das ehrbare Aussehen dieses Knaben gewesen,
welches in ihr von meinen Vergehungen keine Ahnung aufkommen lie. Sodann nahm
sie Gelegenheit, grndlicher auf alles Geschehene einzutreten und mir
eindringliche Vorstellungen zu machen, aber nicht mehr im Tone der strengen und
strafenden Richterin, sondern der mtterlichen Freundin, die bereits verziehen
hat. Und nun war alles gut.
    Allein doch nicht alles. Denn als ich nun wieder in die Schule trat,
bemerkte ich, da mehrere Schler, um Meierlein versammelt, die Kpfe
zusammensteckten und mich hhnisch ansahen. Ich ahnte nichts Gutes, und als die
erste Stunde zu Ende war, welche der Rektor der Schule selbst gegeben, trat mein
Glubiger respektvoll vor ihn hin, sein Bchlein in der Hand, und erhob in
gelufiger Rede seine Anklage wider mich. Alles war gespannt und horchte auf,
ich sa wie auf Kohlen. Der Rektor stutzte, durchsah das Heft und begann das
Verhr, welches Meierlein zu beherrschen suchte. Aber der Vorsteher gebot ihm
Stille und forderte mich zum Sprechen auf. Ich gab einige kmmerliche Nachricht
und htte gern alles verschwiegen; doch der Mann rief pltzlich: Genug, ihr
seid beide Taugenichtse und werdet bestraft! Damit trat er zu den aufliegenden
Tabellen und bedachte jeden von uns mit einer scharfen Note. Meierlein sagte
betreten: Aber, Herr Professor - Still! rief dieser und nahm das
verhngnisvolle Buch, welches er in tausend Stcke zerri, wenn noch ein Wort
darber verlautet oder sich dergleichen wiederholt, so werdet ihr eingesperrt
und als ein paar recht bedenkliche Gesellen abgestraft! Pack dich!
    Whrend der brigen Unterrichtsstunden schrieb ich ein Briefchen meinem
Widersacher, worin ich ihn versicherte, da ich ihm nach und nach meine Schuld
abtragen und ihm jeden Kreuzer zustellen wolle, den ich von nun an ersparen
knnte. Ich rollte das Papier zusammen, lie es unter den Tischen zu ihm hin
befrdern und erhielt die Antwort zurck: Sogleich alles oder nichts! Nach
Beendigung der Schule, als der Lehrer fort war, stellte sich der Dmon an der
Tr auf, umgeben von einer schaulustigen Menge, und wie ich hinausgehen wollte,
vertrat er mir den Weg und rief: Seht den Schelm! Er hat den ganzen Sommer
hindurch Geld gestohlen und mich um fnf Gulden dreiig Kreuzer betrogen! Wit
es alle und seht ihn an! - Ein artiger Schelm, der grne Heinrich! ertnte es
nun von mehreren Seiten, ich rief ganz glhend: Du bist selbst ein Schelm und
Lgner! Allein ich wurde berschrieen, fnf oder sechs boshafte Bursche, welche
stets einen Gegenstand der Mihandlung suchten, scharten sich um Meierlein,
folgten mir nach und lieen Schimpfworte ertnen, bis ich in meinem Hause war.
Von jetzt an wiederholten sich solche Vorgnge beinahe tglich; Meierlein warb
sich eine frmliche Verbindung zusammen, und wo ich ging, hrte ich irgendeinen
Ruf hinter mir. Ich hatte mein renommistisches Benehmen schon verloren und war
wieder ungeschickt und blde geworden; das reizte den Mutwillen und die
Spottsucht meiner Verfolger, bis sie endlich mde wurden. Es waren alles solche
Kumpane, welche selbst schon irgendeinen Streich verbt oder nur auf Gelegenheit
warteten, Werg an die Kunkel zu bekommen. Es war auffallend, da Meierlein trotz
seines altklugen und fleiigen Wesens sich nicht zu hnlich beschaffenen Naturen
hielt, sondern immer in Gesellschaft der Leichtsinnigen, der Mutwilligen und
Trichten zu sehen war, wie mit mir und den brigen. Indessen nahmen nun die
Ruhigen und Unbescholtenen unseres Alters teil gegen das verfolgungsschtige
Wesen jener, beschtzten mich zu wiederholten Malen vor ihren Anfllen und
lieen mich berhaupt weder Verachtung noch Unfreundlichkeit fahlen, so da ich
mehr als einem herzlich zugetan wurde, den ich vorher kaum beachtet hatte.
Zuletzt blieb Meierlein ziemlich allein mit seinem Grolle, der aber dadurch nur
heftiger und wilder wurde, so wie auch in mir jedes Vorgefhl einer Vershnung
erstarb. Wenn wir uns begegneten, so suchte ich wegzublicken und ging stumm
vorber; er aber rief mir laut ein giftiges und tdliches Wort zu, wenn wir
allein in der Gegend oder nur fremde Menschen zugegen; waren wir aber nicht
allein, so murmelte er dasselbe leise vor sich hin, da nur ich es hren konnte.
Ich hafte ihn nun wohl so bitter, als er mich hassen konnte; aber ich wich ihm
aus und frchtete den Augenblick, wo es einmal zur Abrechnung kme. So ging es
ein volles Jahr lang, und der Herbst war wieder gekommen, wo eine groe
militrische Schlubung stattfinden sollte. Wir freuten uns immer auf diesen
Tag, weil wir da nach Herzenslust schieen durften. Aber fr mich waren alle
gemeinsamen Freuden trb und kalt geworden, da mein Feind zugleich teilnahm und
fter in meine Nhe geriet. Diesmal wurde unsere Schar in zwei Hlften geteilt,
von denen die eine den waldigen und steilen Gipfel einer Anhhe besetzen, die
andere aber den Flu berschreiten, den Hgel umgehen und einnehmen sollte. Ich
gehrte zu dieser, mein Feind zu jener Abteilung. Wir hatten schon die ganze
Woche vorher einen kleinen Brckenkopf gebaut und leichte Palisaden zugespitzt
und eingerammelt, whrend einige Zimmerleute eine Brcke ber das seichte Wasser
geschlagen. Nun erzwangen wir mit unserm Geschtze hherer Verabredung gem den
bergang und trieben rstig den Feind berghinan. Die Hauptmasse zog auf einem
schneckenfrmigen Fahrweg aufwrts, indessen eine weitgedehnte Plnklerkette das
Gebsch suberte und ber Stock und Stein vorwrtsdrang. Bei dieser war das
grte Vergngen und auch die strkste Aufregung; die einzelnen Leute rckten
sich auf den Leib, die zum Rckzuge bestimmten wollten durchaus nicht weichen,
man brannte sich die Schsse fast ins Gesicht, und mehr als ein Ladstock
schwirrte, im Eifer vergessen, durch die Bume, und nur das Glck der Jugend
verhtete ernstliche Unflle; auch war der alte Feldwebel, welcher die Plnkler
beaufsichtigte, gentigt, mit seinem Stocke dazwischenzuschlagen und reichlich
zu fluchen, um die Disziplin einigermaen zu wahren. Ich befand mich auf einem
uersten Flgel dieser Kette, teilte aber die Aufregung meiner Kameraden nicht,
sondern ging gedankenlos vorwrts, ruhig und melancholisch meine Schsse
abgebend und mein Gewehr wieder ladend. Bald hatte ich mich von den brigen
verloren und befand mich mitten am Abhange einer wilden, mir unbekannten
Schlucht, in deren Tiefe ein Bchlein rieselte und die mit altem Tannenwalde
erfllt war. Der Himmel hatte sich bedeckt, es ruhte eine dstere und doch
weiche Stimmung auf der Landschaft; das Schieen und Trommeln aus der Ferne hob
noch die tiefe Stille der unmittelbaren Nhe, ich stand still und lehnte mich
ausruhend auf das Gewehr, indem ich einer halb weinerlichen, halb trotzigen
Laune anheimfiel, welche mich fter beschlichen hat gegenber der groen Natur
und welche der Bedrngten Frage nach Glck ist. Da hrte ich Schritte in der
Nhe, und auf dem schmalen Felspfade, in der tiefen Einsamkeit, kam mein Feind
daher; das Herz klopfte mir heftig, er sah mich stechend an und sandte mir
gleich darauf einen Schlo entgegen, so nah, da mir einige Pulverkrner ins
Gesicht fuhren. Ich stand unbeweglich und starrte ihn an; hastig lud er sein
Gewehr wieder, ich sah ihm immer zu; dies verwirrte ihn und machte ihn wtend,
und in unsglicher Verblendung der Gescheitheit, der vermeintlichen Dummheit und
Gutmtigkeit mitten ins Gesicht zu schieen, wollte er in dichter Nhe eben
wieder anlegen, als ich, meine Waffe wegwerfend, auf ihn losfuhr und ihm die
seinige entwand. Sogleich waren wir ineinander verschlungen, und nun rangen wir
eine volle Viertelstunde miteinander, stumm und erbittert, mit abwechselndem
Glcke. Er war behend wie eine Katze, wandte hundert Mittel an, um mich zu Falle
zu bringen, stellte mir das Bein, drckte mich mit dem Daum hinter den Ohren,
schlug mir an die Schlfe und bi mich in die Hand, und ich wre zehnmal
unterlegen, wenn mich nicht eine stille Wut beseelt htte, da ich aushielt. Mit
tdlicher Ruhe klammerte ich mich an ihn, schlug ihm gelegentlich die Faust ins
Gesicht, Trnen in den Augen, und empfand dabei ein wildes Weh, welches ich
sicher bin, niemals tiefer zu empfinden, ich mag noch so alt werden und das
Schlimmste erleben. Endlich glitten wir aus auf den glatten Nadeln, welche den
Boden bedeckten, er fiel unter mich und schlug das Hinterhaupt dermaen wider
eine Fichtenwurzel, da er fr einen Augenblick gelhmt wurde und seine Hnde
sich ffneten. Sogleich sprang ich unwillkrlich auf, er tat das gleiche; ohne
uns anzusehen, ergriff jeder sein Gewehr und verlie den unheimlichen Ort. Ich
fhlte mich an allen Gliedern erschpft, erniedrigt und meinen Leib entweiht
durch dieses feindliche Ringen mit einem ehemaligen Freunde.
    Von dieser Zeit an trafen wir nie wieder zusammen; er mochte aus meiner
verzweifelten Entschlossenheit herausgefhlt haben, da er im ganzen doch an den
Unrechten gerate, und vermied jetzt jede Reibung. Aber der Streit war
unentschieden geblieben, und unsere Feindschaft dauerte fort; ja sie nahm zu an
innerer Kraft, whrend wir uns in den Jahren, die vergingen, nur selten sahen.
Jedes Mal aber reichte hin, den begrabenen Ha aufs neue zu wecken. Wenn ich ihn
sah, so war mir seine Erscheinung, abgesehen von der Ursache unserer Entzweiung,
an sich selbst unertrglich, vertilgungswrdig; ich empfand keine Spur von der
milden Wehmut, welche sich sonst beim Anblicke eines verfeindeten Freundes mit
dem Unwillen vermischt; ich fhlte den reinen Widerwillen und da, wie sonst
Jugendfreunde fr das ganze Leben eine Zuneigung bewahren, dieser fr die
gleiche Dauer mein Jugendfeind sein wrde. hnliche Empfindungen mochte er bei
meinem Anblick erfahren, wozu noch der Umstand kam, da die anfngliche Ursache
unserer Feindschaft, die Geschichte des Schuldbuches, fr ihn an sich selbst
unvergelich sein mute. Er war unterdessen in ein Comptoir getreten, hatte
seine eigentmlichen Fhigkeiten fort und fort ausgebildet, erwies sich als sehr
brauchbar, klug und vielversprechend und erwarb sich die Neigung seines
Vorgesetzten, eines schlauen und gewandten Geschftsmannes; kurz, er fhlte sich
glcklich und sah voll Hoffnung auf sein zuknftiges Selbstwirken. So kann ich
mir gar wohl denken, da die arge Enttuschung, welche sein erster jugendlicher
Versuch, ein Geschft zu machen, erfuhr, fr ihn ebenso nachhaltig schmerzlich
sein mute als einer kindlichen Dichter- oder Knstlernatur der erste
verneinende Hohn, welcher ihren naiven und harmlosen Versuchen zuteil wird.
    Wir waren schon konfirmiert, er etwa achtzehn, ich sechszehn Jahre alt; wir
begannen uns selbstndiger zu bewegen und lernten nun Verhltnisse und Menschen
kennen. Wenn wir an ffentlichen Orten zusammentrafen, so vermieden wir, uns
anzusehen, aber jeder weihte seine Freunde in seinen Ha ein, welcher manchmal
um so gefhrlicher zu wirken und auszubrechen drohte, als nun ein jeder mit
solchen jungen Leuten umging, die seiner Beschftigung und seinem Wesen
entsprachen und also einen empfnglichen Boden fr eine weiterzndende
Feindschaft bildeten. Deswegen dachte ich mit Sorge an die Zukunft und wie das
denn nun das ganze Leben hindurch in der so engen Stadt gehen sollte? Allein
diese Sorge war unntz, indem ein trauriger Fall ein frhes Ende herbeifhrte.
Der Vater meines Widersachers hatte ein altes wunderliches Gebude gekauft,
welches frher eine stdtische Ritterwohnung gewesen und mit einem starken Turme
versehen war. Dies Gebude wurde nun wohnlich eingerichtet und in allen Winkeln
mit Vernderungen heimgesucht. Fr den Sohn war dies eine goldene Zeit; da nicht
nur das Unternehmen berhaupt eine Spekulation vorstellte, sondern auch eine
Menge Geschicklichkeiten an den Mann gebracht werden konnten. Jede Minute, die
er frei hatte, steckte er unter den Bauleuten, ging ihnen an die Hand und
bernahm viele Arbeiten ganz, um sie zu ersetzen und zu sparen. Mein Weg zur
Arbeit fhrte mich alltglich an diesem Hause vorber, und immer sah ich ihn
zwischen zwlf und ein Uhr, wenn alle Arbeiter ruhten, und am Abend wieder, mit
einem Farbentopfe oder mit einem Hammer unter Fenstern oder auf Gersten stehen.
Er war seit der Kinderzeit fast gar nicht mehr gewachsen und sah in seiner
Emsigkeit, an den ungeheuerlichen Mauern hngend, hchst seltsam aus; ich mute
unwillkrlich lachen und htte fast einem freundlichern Gefhle Raum gegeben, da
er in diesem Wesen doch liebenswrdig und tchtig erschien, wenn er nicht einst
die Gelegenheit wahrgenommen htte, einen ansehnlichen Pinsel voll Kaltwasser
auf mich herunterzuspritzen.
    Eines Tages, als ich des Hauses bereits ansichtig war, fhrte mich mein
milder Stern durch eine Seitenstrae einen andern Weg; als ich einige Minuten
spter wieder in die Hauptstrae einbog, sah ich viele erschreckte Leute aus der
Gegend jenes Hauses herkommen, welche eifrig sprachen und lamentierten. Um die
Wegnahme einer alten Windfahne auf dem Turme zu bewerkstelligen, hatten die
Bauleute erklrt, ein erhebliches Gerste anbringen zu mssen. Der Unglckliche,
der sich alles zutraute, wollte die Kosten sparen und whrend der Mittagsstunde
die Fahne in aller Stille abnehmen, hatte sich auf das steile hohe Dach
hinausbegeben, strzte herab und lag in diesem Augenblicke zerschmettert und tot
auf dem Pflaster.
    Es durchfuhr mich, als ich die Kunde vernommen und schnell meines Weges
weiterging, wohl ein Grauen, verursacht durch den Fall, wie er war; aber ich mag
mich durchwhlen, wie ich will, ich kann mich auf keine Spur von Erbarmen oder
Reue entsinnen, die mich durchzuckt htte. Meine Gedanken waren und blieben
ernst und dunkel; aber das innerste Herz, das sich nicht gebieten lt, lachte
auf und war froh. Wenn ich ihn leiden gesehen oder seinen Leichnam geschaut, so
glaube ich zuversichtlich, da mich Mitleid und Reue ergriffen htten; doch das
unsichtbare Wort, mein Feind sei mit einem Schlage nicht mehr, gab mir nur
Vershnung, aber die Vershnung der Befriedigung und nicht des Schmerzes, der
Rache und nicht der Liebe. Ich konstruierte zwar, als ich mich besonnen, rasch
ein knstliches und verworrenes Gebet, worin ich Gott um Verzeihung, um Mitleid,
um Vergessenheit bat; mein Inneres lchelte dazu, und noch heute, nachdem wieder
Jahre vorbergegangen, frchte ich, da meine nachtrgliche Teilnahme an jenem
Unglcke mehr eine Blte des Verstandes als des Herzens sei, so tief hatte der
Ha gewurzelt!

                              Sechzehntes Kapitel



                     Ungeschickte Lehrer, schlimme Schler

Um wieder zu jener Schulzeit zurckzukehren, so kann ich nicht bekennen, da
dieselbe hell und glcklich gewesen sei. Der Kreis des zu Erfahrenden hatte sich
nun erweitert, die Ansprche waren ernster geworden, ich hatte ein dunkles
Gefhl, da es sich um Wichtiges und Schnes handle, und auch einen gewissen
Drang, diesem Gefhle zu gengen. Aber die bergnge von einer Stufe zur anderen
waren mir nie klar und gingen mir fter verloren. Das bel lag aber
hauptschlich in den bergangszustnden der Schule selbst, da die Lehrerschaft
noch aus alten Teilen, nmlich unbeschftigten Theologen der Landeskirche, die
aus Liebhaberei oder Bedrfnis alle mglichen Lehrfcher zu bernehmen gewhnt
waren, und aus neuen durchgebildeten Fachlehrern bestand und daher keine
gleichmige und ineinandergreifende Lehrweise hervorbrachte. Jene Theologen
verfuhren nach alten Gewohnheiten und persnlichen Launen, sprangen von den
Gegenstnden ab, wenn es ihnen beliebte, und behandelten alles mehr als
Dilettanten, whrend die weltlichen Berufslehrer wiederum ganz verschiedene
Manieren und Methoden handhabten, die ihrerseits auch noch nicht erprobt waren.
Hieraus ergab sich als Hauptbel berdies eine ungleiche und unsichere
Behandlung der Jugend und die Mglichkeit jener wunderlichen Katastrophen und
Abenteuer, deren Opfer bald der Lehrer, bald der Schler wurde.
    Es lehrte an unserer Schule ein Mann, welcher mit gutem Willen und ehrlichem
Sinn eine groe Unerfahrenheit, mit der Jugend umzugehen, und ein schwchliches
und seltsames ueres verband. Er hatte in dem Kampfe, welcher den Umschwung der
Dinge und besonders das erneute Schulwesen herbeifhrte, tapfer mitgewirkt und
war in der altgesinnten Stadt als ein leidenschaftlicher Liberaler verschrieen.
Wir Knaben waren allzumal gute Aristokraten, mit Ausnahme derer, die vom Lande
kamen. Auch ich, obgleich meines Ursprunges halber auch ein Landmann, aber in
der Stadt geboren, heulte mit den Wlfen und dnkte mich in kindischem
Unverstande glcklich, auch ein stdtischer Aristokrat zu heien. Meine Mutter
politisierte nicht, und sonst hatte ich kein nahestehendes Vorbild, welches
meine unmageblichen Meinungen htte bestimmen knnen. Ich wute nur, da die
neue radikale Regierung einige alte Trme und Mauerlcher vertilgt hatte, welche
Gegenstand unserer besonderen Zuneigung gewesen, und da sie aus verhaten
Landleuten und Emporkmmlingen bestand. Htte mein Vater, der zu diesen gehrte,
noch gelebt, so wre ich ohne Zweifel ein ganz liberales Mnnlein gewesen.
    Gleich beim Beginne der neuen Schulen, als der ungeschickte Lehrer seine
Ttigkeit mit vieler Gemtlichlkeit antrat, brachte ein Schler, der Sohn eines
fanatischen Stadtbrgers, mit wichtigen Worten die Nachricht unter uns, wie der
Lehrer geschworen htte, uns Aristokratenkinder mit eiserner Rute zu bndigen.
Er war nmlich in einer Gesellschaft aufmerksam gemacht worden, wie er es
teilweise mit einer durch altes Herkommen bermtigen und ausgelassenen
Stadtjugend zu tun haben wurde, worauf er antwortete, er werde mit den
Brschlein schon fertig zu werden wissen. Auf obige Weise dargestellt, wurde
diese Rede nun, wahrscheinlich nicht ohne Zutun der Alten, unter unsere
verstandlose Masse geworfen, und sie begann sogleich zu wirken. Wir nahmen den
Handschuh auf; die Verwegensten erffneten einen geordneten Widerstand und ein
leichtes Geplnkel des Unfuges. Schon dies verwirrte ihn, und anstatt mit
Sarkasmen und ruhiger, berlegener Entschiedenheit die Angreifer zurckzuwerfen,
rckte er sogleich mit seiner Hauptmacht und dem schweren Geschtze vor, indem
er jeden kleinen Mutwillen, auch jede unabsichtliche Tat blindlings mit den
schwersten und einflureichsten Strafen belegte, die ihm zu Gebote standen und
welche sonst nur in seltenen Fllen angewandt wurden. Dadurch entzog er sich in
unsern Augen den guten Rechtsboden, da wir in der Abschtzung des Verhltnisses
zwischen Strafe und Vergehen eine groe bung besaen. Seine Strafen wurden bald
wertlos und zuletzt eine Ehrensache, ein Martyrium. Es entstand offener Lrm in
den Stunden, welcher sich auch in die anderen Sle verbreitete, wo der Gehetzte
zu erscheinen hatte. Nun beging er einen neuen Fehlgriff statt die Bewegung in
sich selbst zerfallen zu lassen und eine Zeitlang ihr zu stehen, fing er an,
jeden Schler aus der Stube zu jagen, der das Geringste verbte. Eine unschuldig
gestellte Frage an ihn, das absichtliche oder unabsichtliche Fallenlassen eines
Gegenstandes reichte hin, ins Freie befrdert zu werden. Wir merkten uns dies,
und bald hielt er regelmig nur mit zwei oder drei Frommen seinen Unterricht,
whrend der helle Haufen vor der Tre sich auf seine Kosten belustigte. Das
Einschreiten oberer Behrden oder auch seine eigene Energie, wenn er, trotz des
Verbotes, die Schler zu schlagen, einige ein einziges Mal bei den Kpfen
genommen und tchtig durchgebleut htte, wrden hingereicht haben, die Ruhe
herzustellen. Zu letzterm besa er nicht die geeignete Persnlichkeit; das
erstere unterblieb, da die unmittelbar folgende Instanz aus Pflegern bestand,
welche dem Verfolgten abgeneigt waren und so lang als mglich die Vorflle nicht
zu bemerken schienen. Die Schler erzhlten in ihren Familien mit Ruhmredigkeit
ihre Taten, wobei sie nicht unterlieen, den Lehrer als den schreckbarsten
Popanz darzustellen. Die behbigen Brger, sich mit Wohlgefallen ihrer eigenen
Knabenstreiche erinnernd und in der Erfahrung der alten Zeit aufgewachsen, da
die Schule nur eine Art Unterkommen bilde, bis das wrdige Brgerkind, ohne sich
den Kopf zerbrechen zu mssen, in das behagliche Privilegien- und Zunftwesen der
guten alten Stadt aufgenommen wrde, bestrkten ihre Shnlein durch
unverhohlenes Lcheln, wo nicht durch direkte Aufreizung, in ihrem Treiben.
Obgleich die Sache lngst Aufsehen gemacht hatte, wurde sie nach oben hin stets
so geschildert, als ob alle Schuld an dem Verfolgten lge; es kam etwa ein Herr
in die Stunde, um selbst zu sehen; dann hteten wir uns aber wohl, etwas zu
beginnen, so wie wir auch in den Stunden der brigen Lehrer uns doppelt ruhig
verhielten. Der Unglckliche war ein Ableiter fr allen bsen Stoff, welcher in
der Schule steckte. So schleppte er sich beinahe ein Jahr lang hin, bis er
endlich fr eine Zeitlang suspendiert wurde. Er wre so gerne ganz weggeblieben,
indem er Schaden an seiner Gesundheit litt und ganz abmagerte; aber eine
zahlreiche Familie schrie nach Brot, und er war auf diesen Beruf angewiesen. So
trat er eines Tages seinen Leidensweg wieder an, so vershnlich und bescheiden
als mglich; allein er fand keine Barmherzigkeit; ein wilder Jubel brach los,
das alte Unwesen wiederholte sich, und er mute nach wenigen Tagen gnzlich
entlassen werden.
    Ich hatte mich lange Zeit ziemlich ruhig verhalten und nur den zahlreichen
Auftritten behaglich zugesehen. Gegen den Mann selbst verging ich mich nicht ein
einziges Mal, da es mir widerstrebte, einem Erwachsenen gegenber aufzutreten.
Erst als das Hinausschieben der ganzen Klasse begann, suchte ich auch
teilzunehmen und bewerkstelligte dies durch kleine Streiche oder wischte auch so
mit hinaus; denn erstens ging es sehr lustig her drauen, und zweitens htte ich
um keinen Preis bei den wenigen verpnten Gerechten bleiben mgen, welche in der
Stube saen. Desto lauter wurde ich, wenn ich einmal drauen war, half Aufzge
und Umgnge anordnen und berlie mich, nach langer Zurckgezogenheit, einer so
wilden Freude, da mir das Herz heftig klopfte und mein Blut ganz in Wallung
war, wenn wir bei dem folgenden Lehrer wieder an unseren Pltzen saen. Ich kann
mir fest gestehen, da ich mich damals ber die Freude selbst freute und
keinerlei Bosheit in mir trug. Vielmehr empfand ich ein heimliches Mitleid mit
dem Armen, welches ich zu uern aber unterlie, um nicht lcherlich zu werden.
Einst traf ich ihn ganz allein auf einem Feldwege; er schien einen Erholungsgang
zu machen; unwillkrlich zog ich ehrerbietig meine Mtze, was ihn so freute, da
er mir zuvorkommend dankte und mich dabei so mrterlich ansah, als ob er um
Barmherzigkeit flehte. Ich wurde gerhrt und dachte, da es anders werden msse.
Gleich am nchsten Tage trat ich zu einer Gruppe der wildesten Mitschler, um
geradezu am rechten Flecke anzugreifen und ein Wort des Mitgefhls, des
Nachdenkens unter sie zu werfen; ich hatte den richtigen Instinkt, da dieses
gewi, wenn auch nicht augenblicklich, weiterwirken und die Laune der Menge
anziehen wrde. Sie sprachen eben von dem Lehrer, hatten eben einen neuen
Spitznamen erfunden, der so komisch klang, da alles bester Laune war und
auflachte; die vorbedachten Worte verdrehten sich mir auf der Zunge, und anstatt
meine Pflicht zu tun, verriet ich ihn und mein besseres Selbst, indem ich das
gestrige Abenteuer auf eine Weise vortrug, die der gegenwrtigen Stimmung
vollkommen entsprach und dieselbe erhhte!
    Nach seiner Entfernung wurde es still unter uns; die Lrmbedrftigen und
Schlimmgesinnten wandten sich unbehaglich hin und her, zehrten von der
Erinnerung und konnten sich nicht zurechtfinden. Eines Abends, nach dem Schlusse
des Unterrichts, ging ich ruhig meiner Wege und nherte mich meiner Wohnung, als
ich rufen hrte: Grner Heinrich! hierher! Ich kehrte mich um und erblickte in
einer anderen Strae eine ansehnliche Schar Schler, welche durcheinandertrieben
wie ein Ameisenhaufen und sehr geschftig schienen. Ich erreichte sie, man
teilte mir mit, da man in Gesamtheit dem verabschiedeten Lehrer noch einen
Besuch abstatten und ein rechtes Schluvergngen veranstalten wolle, und
forderte mich auf teilzunehmen. Der Plan wollte mir gar nicht einleuchten, ich
lehnte kurz ab und ging weg. Jedoch die Neugier drehte mich, da ich von ferne
nachzog und sehen wollte, wie es abliefe. Der Haufen bewegte sich vorwrts;
andere Schulen, deren Bestandteile um diese Zeit alle in den Gassen wimmelten,
wurden angeworben, da bald ein Zug von hundert Jungen aller Art sich
fortwlzte. Die Brger standen unter den Tren und betrachteten mit Verwunderung
das Tun, ich hrte einen sagen: Was mgen die Teufelsbuben nur wieder vorhaben?
Die sind bei Gott fast so munter, als wir gewesen sind! Diese Worte klangen in
meinen Ohren wie Kriegsdrometen, meine Fe wurden lebendiger, und schon trat
ich dem letzten Manne des Zuges auf die Fersen. Es war ein unsgliches Vergngen
in der Menge, hervorgerufen durch das improvisierte Beisammensein aus eigener
Machtvollkommenheit. Ich wurde immer wrmer, schob mich vorwrts und sah mich
pltzlich bei der Spitze angelangt, wo die hohen Hupter gingen und mich
begrten. Der grne Heinrich ist doch noch gekommen! hie es, der Name
erschallte lngs des ganzen Zuges und vermehrte den Stoff zu Gerusch und
spielerischer Freude. Mir schwebten sogleich gelesene Volksbewegungen und
Revolutionsszenen vor. Wir mssen uns in gleichmigere Glieder abteilen,
sagte ich zu den Rdelsfhrern, und in ernstem Zuge ein Vaterlandslied singen!
Dieser Vorschlag wurde beliebt und sogleich ausgefhrt; so durchzogen wir
mehrere Straen, die Leute sahen uns mit Staunen nach; ich schlug vor, noch
einen Umweg zu machen und dies Vergngen so lange als mglich andauern zu
lassen. Auch dies geschah, allein zuletzt langten wir doch am Ziele an. Was
wollen wir nun eigentlich beginnen? fragte ich, ich dchte, wir sngen hier
ein Lied und zgen dann wieder mit einem Hurra davon! - ins Haus, ins Haus!
tnte es zur Antwort, wir wollen ihm eine Dankrede fr sein Wirken abstatten!
- So sollen wenigstens alle fr einen stehen und keiner davonlaufen, damit alle
die gleiche Strafe tragen, wenn es etwas absetzt! rief ich, worauf der ganze
Schwarm in das kleine enge Haus einstrmte und die Treppen hinantobte. Ich blieb
an der Haustre stehen, um die vorzeitige Flucht einzelner Mitschuldiger zu
verhindern. Es tnte ein furchtbarer Lrm im Innern, die Knaben waren ganz
berauscht von ihrer eigenen Aufregung; der Gesuchte lag krank in einem
verschlossenen Zimmer, die Frauen suchten erschrocken die brigen Tren zu
verschlieen und sahen sich aus den Fenstern nach Hilfe um. Doch schmten sie
sich zu rufen; die Nachbaren wuten nicht, was alles zu bedeuten htte, und
sahen hchst verwundert zu; ich blieb mit nichts weniger als heiteren Gedanken
auf meinem Posten. Das Haus war von unten bis oben angefllt, die Lrmenden
erschienen unter den Dachluken, warfen alte Krbe heraus und stiegen sogar auf
das Dach, die Luft mit ihrem Geschrei erfllend. Ein altes Weib brach endlich
beherzt aus einem Kmmerchen hervor und trieb den ganzen Schwarm mit einem Besen
allmhlich aus dem Hause.
    Dies Attentat war denn doch zu auffllig gewesen, als da die oberen
Behrden lnger htten zusehen knnen. Sie verlangten eine strenge Untersuchung.
Wir wurden in einem Saale versammelt und einzeln aufgerufen, um vor ein Tribunal
zu treten, welches in einer Nebenstube sa. Das Verhr dauerte einige Stunden,
die Zurckkehrenden gingen sogleich weg, ohne Bericht zu geben; zwei Dritteile
der Versammelten waren schon fort, und noch wurde ich nicht aufgerufen; dagegen
bemerkte ich, da zuletzt alle, welche aus der Verhrstube kamen, mich ansahen,
ehe sie weggingen. Zuletzt hie es, der ganze Rest solle hereinkommen mit
Ausnahme des grnen Heinrich.
    
    Endlich kam die Reihe an mich; der letzte Trupp erschien wieder und hie
mich hineingehen. Ich wollte fragen, was denn vorginge, erhielt aber keine
Antwort; vielmehr sputeten sie sich ngstlich von hinnen. So trat ich in die
Nebenstube, halb von Neugierde vorwrtsgedrngt, halb von jener beklemmenden
Furcht zurckgehalten, welche die Jugend vor den Alten empfindet, wenn sie in
ihnen an Verstand berlegene und allmchtige Wesen voraussetzt. Es saen zwei
Herren am obern Ende eines langen Tisches, an dessen Fu ich stand, einige
Stcke Papier und ein Schreibzeug vor sich. Der eine war der nchste Vorsteher
der Schule, der auch selbst Unterricht erteilte und mich kannte, der andere ein
hherer gelehrter Herr, welcher wenig sagte. Zu jenem stand ich in einem
eigentmlichen Verhltnisse er war ein gemtlicher Poltron, gern viele Worte
machend und froh, wenn ein Schler durch bescheidene Widerrede ihm Gelegenheit
gab, sich grndlich ber ein Faktum zu verbreiten. Im Anfange hatte er mir
wohlgewollt, da ich gerade bei ihm mich ziemlich gut auffhrte; aber meine
Eigenschaft, den Vorwrfen, Ermahnungen und Strafen bei vorkommenden Fllen ein
unwandelbares Schweigen entgegenzusetzen, hatte mir seine Abneigung zugezogen.
Das ngstliche Leugnen, die Zungengelufigkeit, Strafe von sich abzuwenden, das
hartnckige Feilschen um dieselbe waren mir unmglich; glaubte ich eine solche
verdient zu haben, so nahm ich sie schweigend hin; schien sie mir zu ungerecht,
so schwieg ich ebenfalls, und nicht aus Trotz, sondern ich lachte innerlich ganz
frohmtig darber und dachte, der Richter htte das Pulver auch nicht erfunden.
Darum hielt mich der Herr fr einen unbrauchbaren, bedenklichen Burschen und
fuhr mich nun mit drohender Miene an: Hast du an dem Skandale teilgenommen?
Schweig! leugne nicht, es wird nichts helfen! Ich brachte ein leises Ja hervor,
der weiteren Dinge gewrtig. Doch wie um mich in seinen Augen, da ihm einmal zur
Weckung guter Laune durchaus ein grndlicher Wortwechsel ntig war, noch zu
retten, tat er, als ob er ein Nein vernommen htte, und schrie: Wie, was?
Heraus mit der Wahrheit! - Ja! wiederholte ich etwas lauter. Gut, gut, gut!
sagte er, du wirst gewi noch einen finden, der dir gewachsen ist, einen Stein,
der eine Beule in deine eiserne Stirne schlgt! Diese Worte beleidigten mich
und taten mir weh; denn sie schienen nicht nur eine arge Verkennung zu
enthalten, sondern auch eine ungehrige Voraussagung der Zukunft, eine
persnliche Bitterkeit zu sein. Er fuhr fort: Hast du auf dem Wege
vorgeschlagen, einen frmlichen Zug zu ordnen und ein Lied zu singen? Diese
Frage machte mich stutzen; meine Genossen hatten also mich verraten und deshalb
ohne Zweifel sich reingewaschen; ich schwankte, ob ich nicht leugnen knne, aber
es kam wieder ein Ja hervor. Hast du am Hause erklrt, da keiner sich
zurckziehen drfe, und dieser Erklrung durch Bewachung der Tr Folge gegeben?
Das bejahte ich unbedenklich, da es mir weder eine Schande noch ein besonderes
Vergehen zu sein schien. Diese beiden Momente, aus den ersten Fragen an die
Mitschuldigen schon zutage getreten, schienen dem Herrn auf den Haupturheber
hinzudeuten; sie ragten auch wohl am fabarsten aus all dem wirren Treiben
hervor, und er hatte allein auf sie hin verhrt. Jeder bejahte regelmig die
Frage darnach und war froh, nicht ber sich selbst sprechen zu mssen.
    Ich wurde entlassen und ging etwas bewegt, doch gemchlich nach Hause; das
Ganze schien mir nicht sehr wrdig zu verlaufen Zwar fhlte ich eine tiefe Reue,
aber nur gegen den mihandelten Lehrer. Zu Hause erzhlte ich der Mutter den
ganzen Vorgang, worauf sie mir eben eine Strafrede halten wollte, als ein
Amtsdiener hereintrat mit einem groen Briefe. Dieser enthielt die Nachricht,
da ich von Stund an und fr immer von dem Besuche der Schule ausgeschlossen
sei. Das Gefhl des Unwillens und erlittener Ungerechtigkeit, welches sich
sogleich in mir uerte, war so berzeugend, da meine Mutter nicht lnger bei
meiner Schuld verweilte, sondern sich ihren eigenen bekmmerten Gefhlen
berlie, da der groe und allmchtige Staat einer hilflosen Witwe das einzige
Kind vor die Tre gestellt hatte mit den Worten Es ist nicht zu brauchen!
    Wenn ber die Rechtmigkeit der Todesstrafe ein tiefer und anhaltender
Streit obwaltet, so kann man fglich die Frage, ob der Staat das Recht hat, ein
Kind oder einen jungen Menschen, die gerade nicht tobschtig sind, von seinem
Erziehungssysteme auszuschlieen, zugleich mit in den Kauf nehmen. Gem jenem
Vorgange wird man mir, wenn ich im sptern Leben in eine hnliche ernstere
Verwicklung gerate, bei gleichen Verhltnissen und Richtern wahrscheinlich den
Kopf abschneiden; denn ein Kind von der allgemeinen Erziehung ausschlieen heit
nichts anderes, als seine innere Entwicklung, sein geistiges Leben kpfen. In
der Tat haben auch hufig die ffentlichen Bewegungen der Erwachsenen, von
welchen solche Kinderauflufe ein Abbild genannt werden knnen, mit
Enthauptungen geendigt.
    Der Staat hat nicht darnach zu fragen, ob die Bedingungen zu einer weiteren
Privatausbildung vorhanden seien oder ob trotz seines Aufgebens das Leben den
Aufgegebenen doch nicht fallenlasse, sondern manchmal noch etwas Rechtes aus ihm
mache er hat sich nur an seine Pflicht zu erinnern, die Erziehung jedes seiner
Kinder zu berwachen und weiterzufhren. Auch, ist am Ende diese Erscheinung
weniger wichtig in bezug auf das Schicksal solcher Ausgeschlossenen, als da sie
den wunden Fleck auch der besten unserer Einrichtungen bezeichnet, die Trgheit
nmlich und Bequemlichkeit der mit diesen Dingen Beauftragten, welche sich fr
Erzieher ausgeben.

                              Siebzehntes Kapitel



                            Flucht zur Mutter Natur

Der Kummer und die Niedergeschlagenheit meinerseits waren nicht allzu gro; ich
hatte dem Lehrer des Franzsischen einige Bcher zurckzustellen, da er mir mit
Wohlwollen ehrwrdige Franzbnde franzsischer Klassiker zu leihen pflegte. Auch
fhrte er mich einige Male in einer groen Bibliothek umher, mir respektvolle
Vorbegriffe vom Bcherwesen beibringend. Als ich zu ihm kam, drckte er mir sein
Bedauern ber das Geschehene aus und gab mir zu verstehen, wie ich es nicht
allzu hoch aufzunehmen htte, da seines Wissens die Mehrzahl der Lehrer, gleich
ihm, nicht unzufrieden mit mir wren. Ferner lud er mich ein, ihn zu besuchen
und seinen Rat zu holen, wenn ich Lust htte, das Franzsische weiter zu
betreiben. Ich sah ihn zwar nicht wieder im Wechsel der Zeit; aber seine Worte
gaben mir eine gewisse Genugtuung, da ich mich nun frei fhlte wie der Vogel in
der Luft, zumal ich die Bedeutung des Augenblickes und die Wichtigkeit der
Zukunft nicht zu bersehen vermochte.
    Meine Mutter hingegen befand sich in groer Bedrngnis; sie konnte bestimmt
annehmen, da der Vater meine Schulbildung jetzt noch nicht abgeschlossen haben
wrde, wenn er noch lebte, und doch sah sie bei ihren beschrnkten Mitteln keine
Mglichkeit, mir Privatlehrer zu halten oder mich auf eine auswrtige Schule zu
schicken, noch konnte sie sich den Beruf denken, welchen ich nun am besten
ergriffe, da gerade fr eine einsichtvollere Selbstbestimmung der erweiterte
Gesichtskreis der nun verschlossenen hheren Klassen htte Gelegenheit bieten
sollen. Meine husliche Beschftigung hatte in letzter Zeit beinahe
ausschlielich in Zeichnen und Malen bestanden, und auch in dieser Hinsicht
befand ich mich in einem sonderbaren Verhltnis zur Schule. Dort galt ich fr
nichts weniger als fr einen talentvollen Zeichner. Monatelang klebte der
gleiche Bogen auf meinem Reibrette; ich qulte mich verdrossen ab, einen
kolossalen Kopf oder ein Ornament mit dem magern Bleistifte zu kopieren;
Dutzende von Linien wurden ausgelscht, bis die richtige stehenblieb, das Papier
wurde beschmutzt und durchgerieben und verkndete einen faulen und
verdrielichen Zeichner. Sobald ich aber nach Hause kam, warf ich diese
Schulkunst beiseite und machte mich mit eifrigem Fleie hinter meine Hauskunst.
Nach jenem ersten Versuche, eine gemalte Landschaft zu kopieren, hatte ich
fortgefahren, dergleichen Gebilde in Wasserfarben hervorzubringen; da ich nun
aber weiter keine Vorbilder besa, mute ich sie auf eigene Faust ins Leben
rufen und tat dieses mit anhaltendem Fleie. Der gemalte Ofen unserer Stube
enthielt eine Menge kleiner Landschaftsmotive, eine Burg, eine Brcke, einige
Sulen an einem See und solches mehr; ein altes Stammbuch der Mutter sowie eine
kleine Bibliothek verjhrter Damenkalender aus ihrer Jugend bargen einen Schatz
sentimentaler Landschaftsbilder, dem lyrischen Texte entsprechend, mit Tempeln,
Altren und Schwnen auf Teichen, mit Liebespaaren, in Khnen sitzend, und
dunklen Hainen, deren Bume mir unvergleichlich gestochen schienen. Aus allem
diesem zusammen bildete sich eine hchst unschuldige und sozusagen elementare
Poesie, welche meinem eifrigen Machen zugrunde lag und mich whrend desselben
beglckte. Ich erfand eigene Landschaften, worin ich alle poetischen Motive
reichlich zusammenhufte, und ging von diesen auf solche ber, in denen ein
einzelnes vorherrschte, zu welchem ich immer den gleichen Wanderer in Beziehung
brachte, mit welchem ich, halb bewut, mein eigenes Wesen ausdrckte. Denn nach
dem immerwhrenden Milingen meines Zusammentreffens mit der brigen Welt hatte
eine ungebhrliche Selbstbeschauung und Eigenliebe angefangen mich zu
beschleichen; ich fhlte ein weichliches Mitleid mit mir selbst und liebte es,
meine Person symbolisch in die interessanten Szenen zu versetzen, welche ich
erfand. Diese Figur, in einem grnen, romantisch geschnittenen Kleide, eine
Reisetasche auf dem Rcken, starrte in Abendrten und Regenbogen, ging auf
Kirchhfen oder im Walde oder wandelte auch wohl in glckseligen Grten voll
Blumen und bunter Vgel. Das Machwerk an der betrchtlichen Sammlung solcher
Bilder, welche sich bereits angehuft hatte, blieb immer auf dem nmlichen
Standpunkte gnzlicher Erfahrungs- und Unterrichtslosigkeit; nur eine gewisse
Keckheit und Fertigkeit im Auftragen der grellen Farben, welche ich durch die
unablssige bung erwarb, verbunden mit der khnen Absicht meiner Unternehmungen
berhaupt, unterschied mein Treiben einigermaen von sonstigen knabenhaften
Spielen mit Bleistift und Farbe und mochte meinen vorlufigen Ausspruch, da ich
ein Maler werden wolle, veranlassen. Doch wurde jetzt nicht nher darauf
eingegangen, sondern bestimmt, da ich einige Zeit in dem lndlichen Pfarrhause
bei dem Bruder der Mutter zubringen sollte, um ber die nchsten Monate meines
Ungemaches auf gute Weise hinwegzukommen, indessen eine taugliche Zukunft fr
mich ermittelt wrde.
    Das Heimatdorf lag in einem uersten Winkel des Landes; ich war noch nie
dort gewesen, so wie auch die Mutter seit manchen Jahren es nicht mehr besucht
hatte und die dortigen Verwandten, mit seltenen Ausnahmen, nie in der Stadt
erschienen. Nur der Oheim Pfarrer kam jedes Jahr einmal auf seinem Klepper
geritten, um an einer Kirchenversammlung teilzunehmen, und schied immer mit
kordialen Einladungen, endlich einmal hinauszuwandern. Er erfreute sich eines
halben Dutzends Shne und Tchter, welche mir noch so unbekannt waren wie ihre
Mutter, meine rstige Muhme und geistliche Buerin. Auerdem lebten dort
zahlreiche Verwandte des Vaters, vor allen auch seine leibliche Mutter, eine
hochbejahrte Frau, welche, schon lngst an einen zweiten, reichen und finstern
Mann verheiratet, unter dessen harter Herrschaft in tiefer Zurckgezogenheit
lebte und nur selten mit den Hinterlassenen ihres frh gestorbenen Sohnes einen
sehnschtigen Gru aus der Ferne wechselte. Das Volk lebte noch in der stillen
Einschrnkung und Entsagung vergangener Jahrhunderte, wo besonders die Frauen,
wenn sie einmal durch einige Meilen getrennt waren, einander nicht wieder oder
nur bei seltenen, hochwichtigen Ereignissen sahen, bei welchen es alsdann
wahrhaft episch herging und Trnen der Rhrung und schmerzlicher oder froher
Erinnerung ihren Augen entflossen, whrend die Mnner wohl sich vom Orte
bewegten, aber in ernstem Geschftssinne an den Tren halbverschollener
Verwandter vorbergingen, wenn sie keinen Rat zu bringen oder zu holen hatten.
Jetzt ist das Volk wieder lebendiger geworden; durch die erleichterten
Verkehrsmittel, durch das wiedererstandene ffentliche Leben und zahlreiche
Volksfeste veranlat, bewegt es sich frhlich von der Stelle und macht damit
zugleich seinen Geist wieder jung und fruchtbar, und nur beschrnkte Eiferer
predigen noch gegen die festliche Wanderlust derer, die den Pflug fhren, und
ihrer Kinder.
    Meine Mutter befahl mir, insbesondere der einsamen berlebenden Gromutter
so viele Zeit als mglich zu widmen und in Ehrerbietung und Liebe bei ihr
auszuharren, solange es ihr gefiele, mich um sich zu haben und von meinem Vater,
ihrem Sohne, zu reden.
    So machte ich mich eines Morgens vor Sonnenaufgang auf die Fe und trat den
weitesten Weg an, den ich bis dahin unternommen hatte. Ich geno zum ersten Male
das Morgengrauen im Freien und sah die Sonne ber nachtfeuchten Waldkmmen
aufgehen. Ich wanderte den ganzen Tag, ohne mde zu werden, kam durch viele
Drfer und war wieder stundenlang allein in gedehnten Waldungen oder auf freien
heien Hhen, mich oft verirrend, aber die verlorene Zeit nicht bereuend, weil
ich fortwhrend in meinen Gedanken beschftigt war und zum ersten Mal, durch
mein stilles Wandern bewegt, von der ernsten Betrachtung des Schicksals und der
Zukunft erfllt wurde. Kornblumen und roter Mohn und in den Wldern bunte Pilze
begleiteten mich lngs der ganzen Strae; wunderschne Wolken bildeten sich
unablssig und zogen am tiefen stillen Himmel dahin; ich ging immerzu, indessen
mich das selbstgefllige Mitleid mit mir selbst, welches mir die Welt
aufgedrngt hatte, wieder berkam, bis ich gegen alle Gewohnheit bitterlich
weinte. Ich wute mich vor Betrbnis nicht zu lassen und sa an einer schattigen
Quelle nieder, immer schluchzend, bis ich mich schmte, mein Gesicht wusch und
ber mich selbst erbost den Rest des Weges zurcklegte. Endlich sah ich das Dorf
zu meinen Fen liegen in einem grnen Wiesentale, welches von den Krmmungen
eines leuchtenden kleinen Flusses durchzogen und von belaubten Bergen umgeben
war. Die Abendsonne lag warm auf dem Tale, die Kamine rauchten freundlich,
einzelne Rufe klangen herber. Bald befand ich mich bei den ersten Husern, ich
fragte nach dem Pfarrhofe, und die Leute, welche an meinen Augen und meiner Nase
erkannten, da ich zu dem Geschlechte der Lee gehre, fragten mich, ob ich
vielleicht ein Sohn des verstorbenen Baumeisters sei?
    So gelangte ich zu der Wohnung meines Oheims, welche von dem rauschenden
Flchen besplt und mit groen Nubumen und einigen hohen Eschen umgeben war;
die Fenster blinkten zwischen dichtem Aprikosen- und Weinlaube hervor, und unter
einem derselben stand mein dicker Oheim in grner Jacke, ein silbernes
Waldhrnchen, in welchem eine Zigarre rauchte, im Munde und eine Doppelflinte in
der Hand. Ein Flug Tauben flatterte ngstlich ber dem Hause und drngte sich um
den Schlag, mein Oheim sah mich und rief sogleich: Haha, da kommt unser Neveu!
das ist gut, da du da bist, schnell heraufspaziert! Dann sah er pltzlich in
die Hhe, scho in die Luft, und ein schner Raubvogel, welcher ber den Tauben
gekreist hatte, fiel tot zu meinen Fen. Ich hob ihn auf und trug ihn, durch
diesen tchtigen Empfang angenehm begrt, meinem Oheim entgegen.
    In der Stube fand ich ihn allein neben einer langen Tafel, die fr viele
Personen gedeckt war. Eben kommst du recht! rief er, wir halten heute das
Erntefest, gleich wird das Volk dasein! Dann schrie er nach seiner Frau, sie
erschien mit zwei mchtigen Weingefen, stellte sie ab und rief: Ei, ei, was
ist das fr ein Bleichschnabel, fr ein Milchgesicht? Warte, du sollst nicht
mehr fort, bis du so rote Backen hast wie dein seliger Vater! Wie geht's der
Mutter, was ist das, warum kommt sie nicht mit? Sogleich richtete sie mir an
der Tafel ein vorlufiges Mahl zu und schob mich, als ich zgerte, ohne weiteres
auf den Stuhl und befahl mir, stracks zu essen und zu trinken. Indessen nherte
sich Gerusch dem Hause, der hohe Garbenwagen schwankte unter den Nubumen
heran, da er die untersten ste streifte, die Shne und Tchter mit einer Menge
anderer Schnitter und Schnitterinnen gingen nebenher unter Gelchter und Gesang;
der Oheim, seine Flinte reinigend, schrie ihnen zu, ich wre da, und bald fand
ich mich mitten im frhlichen Getmmel. Erst spt in der Nacht legte ich mich zu
Bette bei offenem Fenster; das Wasser rauschte dicht unter demselben, jenseits
klapperte eine Mhle, ein majesttisches Gewitter zog durch das Tal, der Regen
klang wie Musik und der Wind in den Forsten der nahen Berge wie Gesang; und die
khle erfrischende Luft atmend, schlief ich sozusagen an der Brust der
gewaltigen Natur ein.

                              Achtzehntes Kapitel



                                 Die Sippschaft

Am frhen Morgen, als Sonnenglanz durch das Laubwerk ins Zimmer drang, wurde ich
auf eigentmliche Weise geweckt. Ein junger Edelmarder mit zartem Pelze sa auf
meiner Brust und beschnffelte mit den feinen hastigen Atemsten seiner spitzen
khlen Schnauze meine Nase und huschte, als ich die Augen aufschlug, unter die
Bettdecke, blinzelte da und dort hervor und versteckte sich wieder. Als ich aus
dieser Erscheinung nicht klug wurde, brachen meine jungen Vettern aus ihrer
Schlafkammer, in welcher sie gelauscht hatten, lachend hervor, veranlaten das
behende Tier zu den anmutigsten und possierlichsten Sprngen und erfllten das
Zimmer mit Frhlichkeit. Dadurch herangelockt, drang eine Meute schner Hunde
her ein, ein zahmes Reh erschien neugierig unter der Tr, eine prachtvolle graue
Katze folgte und schmiegte sich durch das Getmmel, die spielenden und
zutppischen Hunde wrdevoll ab weisend; Tauben saen auf dem Fenster, Menschen
und Tiere, die ersteren kaum halb angezogen, jagten sich durcheinander. Alle
aber hielt der kluge Marder zum besten und schien viel eher mit uns zu spielen
als wir mit ihm. Nun erschien auch der Oheim mit dem rauchenden Waldhrnchen,
uns eher noch zu Unfug anspornend als abwehrend; seine frisch blhenden Tchter
folgten ihm, um nach der Ursache des Gerusches zu sehen und uns zu Frhstck
und Ordnung zu rufen, muten sich aber bald ihrer Haut wehren, da ein Krieg
allgemeiner Neckerei sich gegen sie entspann, an dem sogar die Hunde teilnahmen,
welche sich die Parole der erlaubten Ausgelassenheit am frhen Morgen nicht
zweimal geben lieen, sondern sich tapfer an die starken Kleidersume der
scheltenden Mdchen hingen. Ich sa an dem offenen Fenster und atmete die
balsamische Morgenluft; die glitzernden Wellen des raschen Flchens flimmerten
wider an der weien Zimmerdecke, und ihr Reflex berstrahlte das Angesicht jenes
seltsamen Kindes Meret, dessen altertmliches Bild an der Wand hing. Es schien
unter dem Wechseln des spielenden Silberscheines zu leben und vermehrte den
Eindruck, den alles auf mich machte. Dicht unter dem Fenster wurde Vieh
getrnkt, Khe, Ochsen, junge Rinder, Pferde und Ziegen gingen in der Mitte des
klaren Wassers, tranken in bedchtigen Zgen und sprangen mutwillig davon; das
ganze Tal war lebendig und glnzte vor Frische, und sein Rauschen vermischte
sich mit dem Gelchter in meinem Zimmer; ich fhlte mich glcklicher als ein
junger Frst, bei welchem glnzendes Lever gehalten wird. Endlich erschien die
Muhme und befahl uns ohne Widerstand zum Frhstck.
    Ich sah mich wieder an den langen Tisch versetzt, um welchen die zahlreiche
Familie mit ihren Schtzlingen und Tagewerkern versammelt war. Letztere kamen
schon von mehrstndiger Arbeit und erholten sich von der ersten leichten Mde,
von der erstarkten Sonne als Morgengru gesendet. Alles a krftige Hafersuppe,
in welche reichlich Milch gegossen wurde; nur am obern Ende, zwischen Vater,
Mutter und der ltesten Tochter, herrschte die Kaffeetasse, und ich, als Gast
diesem vornehmen Anhngsel beigefgt, sah mit Neid in die frische Suppenregion
hinber, wo frhliche Spe getauscht wurden. Doch bald brach die Gesellschaft
wieder auf, um zur Arbeit auf dem fernen heien Felde oder in Scheunen und Stall
sich zu zerstreuen. Die Auszge des Tisches wurden ineinandergeschoben, da er,
eine schwere Masse glnzenden Nubaumholzes, still in der geleerten Stube stand,
bis die Hausfrau einen mchtigen Korb Hlsenfrchte darauf schttete, um sie fr
das Mittagsmahl vorzubereiten, und dem Oheim kaum fr seine Hefte Raum lie, in
welchen er den diesjhrigen Ertrag seiner Felder aufschrieb, mit den frheren
Jahrgngen, und berdies noch das Verhalten der einzelnen cker untereinander
verglich. Der jngste Sohn, etwa in meinem Alter, mute ihm, hinter seinem
Stuhle stehend, Bericht erstatten, und als er seiner Pflicht gengt hatte,
forderte er mich auf, mit ihm hinauszustreifen und etwa mitzuarbeiten, wo es uns
am besten gefiele, vorzglich aber uns bei dem Zwischenimbi einzufinden, der
auf dem Felde gehalten wrde und wo es an Scherz nicht fehle. Indessen erschien
aber ein Sendbote der Gromutter, die von meiner Ankunft gehrt hatte und mich
einlud, sogleich zu ihr zu kommen. Mein Vetter bot sich mir zur Begleitung an;
ich putzte mich, nicht ohne Ziererei, halb einfach lndlich, halb komdiantisch
heraus, und wir gingen auf den Weg, welcher zuerst ber den Kirchhof fhrte, der
auf einer kleinen Hhe gelegen ist. Dort duftete es gewaltig von tausend Blumen,
eine flimmernde, summende Welt von Licht, Kfern und Schmetterlingen, Bienen und
namenlosen Glanztierchen webte ber den Grbern hin und her. Es war ein feines
Konzert bei beleuchtetem Hause, wogte auf und nieder, erlschte bis auf das
gehaltene Singen eines einzelnen Insektes, belebte sich, wieder und schwellte
mutwillig und volltnig an; dann zog es sich in die Dunkelheiten zurck, welche
die Jasmin-und Holunderbsche ber den Grabzeichen bildeten, bis eine brummende
Hummel den Reigen wieder ans Licht fhrte; die Blumenkelche nickten im Rhythmus
vom fortwhrenden Absitzen und Auffliegen der Musikanten. Und unter diesem
zarten Gewebe lag das Schweigen der Grber und der Jahrhunderte seit den Tagen,
wo dieser Zweig alemannischen Volkes sich hier festgesetzt und die erste Grube
gegraben. Ihr Wort, Spuren ihrer Sitte und ihrer Gesetze leben noch im grnen
Gau, auf den Berghfen, in den kleinen grauen Steinstdten, die an den Flssen
hangen oder an Halden lehnen. Ich empfand eine Art von Scheu, vor die ergraute
Frau zu treten, die ich noch nie gesehen und mir eher als eine gestorbene
Vorfahrin denn als eine lebendige Gromutter erschien. Auf engen Pfaden, unter
fruchtbeschwerten Bumen hin, um stille Gehfte herum gelangten wir endlich vor
ihr Haus, welches in tiefgrnem, schweigendem Schatten lag; sie stand unter der
braunen Tr und schien, die Hand ber den Augen, sich nach mir umzusehen.
Sogleich fhrte sie mich in die Stube hinein und hie mich mit sanfter Stimme
willkommen, ging zu einem blanken zinnernen Giefasse, welches in gebohnter
Eichenholznische ber einer schweren zinnernen Schale hing, drehte den Hahn und
lie sich das klare Wasser ber die kleinen gebrunten Hnde strmen. Dann
setzte sie Wein und Brot auf den Tisch, stand lchelnd, bis ich getrunken und
gegessen hatte, und setzte sich hierauf ganz nahe zu mir, da ihre Augen schwach
waren, betrachtete mich unverwandt, whrend sie nach der Mutter und unserm
Ergehen fragte und doch zugleich in Erinnerung frherer Zeit versunken schien.
Auch ich sah sie aufmerksam und ehrerbietig an und behelligte sie nicht mit
kleinen Berichten, welche mir nicht hieher zu gehren schienen. Sie war schlank
und fein gewachsen, trotz ihres hohen Alters beweglich und aufmerksam, keine
Stdterin und keine Buerin, sondern eine wohlwollende Frau; jedes Wort, das sie
sprach, war voll Gte und Anstand, Duldung und Liebe, von aller Schlacke bler
Gewohnheit gereinigt, gleichmig und tief. Es war noch ein Weib, bei dem man
begreifen konnte, wie die Alten das verdoppelte Wergeld des Mannes forderten,
wenn es erschlagen oder beschimpft wurde.
    Ihr Mann erschien, ein diplomatischer und gemessener Bauer; er begrte mich
mit freundlicher Teilnahmlosigkeit, und nachdem er mit einem Blicke gesehen, da
ich eine hnliche phantastische Natur wie mein Vater und deshalb in der
Zukunft weder Ansprche noch Streitigkeiten zu befrchten seien, lie er seine
Frau in ihrer Freude gewhren, gab ihr sogar gelassen zu verstehen, da sie mich
nach Gefallen bewirten drfe, und ging wieder seine Wege.
    Ich blieb einige Stunden bei ihr, ohne da, wir viel sprachen; sie sa
stillvergngt neben mir und schlief endlich lchelnd ein. ber ihre
geschlossenen Augen ging eine leise Bewegung wie das Wallen eines Vorhanges,
hinter welchem etwas vorgeht, man ahnte, da sich dort Bilder in zartem,
verjhrtem Sonnenscheine zeigten, und die freundlichen Lippen verkndeten es in
schwachen Regungen. Als ich mich erhob, um behutsam fortzugehen, erwachte sie
sogleich, hielt mich an und betrachtete mich fremd; wie in ihrer Person das
meinem Dasein Vorhergegangene gro und unvermittelt vor mir stand, mochte ich
als die Fortsetzung ihres Lebens, als ihre Zukunft dunkel und rtselhaft vor ihr
stehen, da meine Tracht wie meine Sprache von allem abwich, worin sie sich
lebenslang bewegt hatte. Sie schritt gedankenvoll in die Nebenkammer, wo sie in
einem hohen Schranke einen Vorrat neuer Kleinigkeiten aufbewahrte, die sie von
fahrenden Krmern zu kaufen pflegte, um sie gelegentlich an das junge Volk zu
verschenken. Statt eines mchtigen Taschentuches ergriff sie, ihres blden
Gesichtes wegen, ein kleines rotseidenes Halstuch, wie es Landmdchen tragen,
und gab mir es, noch in das gleiche Papier gewickelt, in dem sie es gekauft. Ich
mute ihr versprechen, jeden Tag zu kommen und nchstens einmal dort zu speisen.
    Klein Vetter hatte sich lngst entfernt, und ich suchte allein meinen
Heimweg, das rote Tchelchen in der Tasche. Bei einem Hause vorbeigehend,
bemerkte ich einige derbe Kinder, welche wie der Blitz hineinliefen und dort
lrmend etwas riefen. Eine Frau kam heraus, holte mich ein, kndigte sich als
Base an und fragte, ob ich denn nichts von ihr und ihrer Familie wisse? Ich
bejahte die Frage, indem ich mich entschuldigte, sie nicht gekannt zu haben. Sie
ntigte mich nun in das Haus, wo es von frischgebackenem Brote duftete und eine
lange Treppe von unten bis oben mit groen viereckigen und runden Kuchen bedeckt
war, auf jeder Staffel einer, um zu verkhlen. Whrend diese Base, ein rstiges
Weib in voller Blte der Arbeitslust und Kraft, schnell ihre Haare zurckstrich
und eine Schrze umband, hockten die Kinder alle hinter dem heien Ofen und
guckten scheu, doch kichernd hervor. Meine neue Gnnerin verkndigte, da ich
gerade zu einer guten Stunde gekommen sei, da sie heute gebacken htte;
zerschnitt sogleich einen groen Kuchen in vier Stocke und setzte Wein dazu, um
dann den Tisch fr das Mittagsmahl zu decken. Dieses Haus hatte nicht den
patriarchalischen Anstrich wie dasjenige der Gromutter; man sah keine Gerte
von Nubaum, sondern nur von Tannenholz; die Wnde waren noch von frischer
Holzfarbe, die Ziegel auf dem Dache hellrot wie das zutage tretende Geblke und
vor dem Hause wenig oder kein Baumschatten; die Sonne lag hei auf dem weiten
Gemsegarten, in welchem nur ein bescheidenes Blumenrevier verkndete, da diese
Haushaltung einen jungen Wohlstand zu begrnden im Begriffe und vorderhand an
den prosaischen Nutzen gewiesen sei. Nun kam der Mann vom Felde mit dem ltesten
Knaben, besorgte, obgleich er vernahm, da ich in der Stube sei, erst seine
Ochsen und Khe, wusch sich am Brunnen gemchlich die Hnde und trat dann,
dieselben mir reichend, fest und ruhig herein, sogleich nachsehend, ob seine
Frau mich gehrig bewirte. Dabei zeigten die Leute keinerlei Ziererei, als ob
ihre Gaben zu gering wren; denn der Bauer ist der einzige, welcher nur sein
Brot als das beste erachtet und es als solches jedermann anbietet. Seine
Leckerbissen sind die Erstlinge jeder Frucht; die neue Kartoffel, die erste
Birne, die Kirschen und die Pflaumen gehen ihm ber alles, und er schtzt sie so
hoch, da er wunder glaubt was zu gewinnen, wenn er von fremden Bumen im
Vorbergehen eine Handvoll erhaschen kann, whrend er an den bunten Leckereien
der Stdte gleichgltig vorbergeht. Diese berzeugung, da er das Beste und
Gesundeste biete, geht auf den Gast ber, welcher sich alsbald einer krftigen
Elust hingibt, ohne sie zu bereuen. Darum sa ich schmchtiges Vetterlein
wieder tapfer schmausend hinter dem Tische, obgleich ich heute schon ein
Erkleckliches getan hatte. Mit Wohlwollen berhuften mich die Verwandten und
betrachteten mich, wie jeden Stdter, der nicht ein Zinsherr ist, als einen
Hungerschlucker. Sie fhrten ein lebhaftes Gesprch ber unser Schicksal und
befragten mich des genauesten nach allen unseren Umstnden.
    Nachdem ich noch den Stall besehen und in der Scheune jeder Kuh eine Gabel
voll Klee hinbergeschoben, verabschiedete ich mich; die Base lie es sich aber
nicht nehmen, mich ein Stck Weges zu begleiten, um mich schnell noch einer
anderen Base vorzustellen, wo ich mich nicht lange aufzuhalten brauche fr
dieses Mal. Ich fand eine freundliche Matrone, nicht ganz von dem edlen und
feinen Wesen meiner Gromutter, aber doch anstndig und wohlwollend. Sie wohnte
allein mit einer Tochter, welche frher, einer hufigen Sitte gem, zwei Jahre
in der Stadt gedient, dann einen vermglichen Bauern geheiratet hatte und nach
dessen baldigem Tode nun als Witwe lebte. Kaum zweiundzwanzig Jahre alt, war sie
von hohem und festem Wuchse, ihr Gesicht hatte den ausgeprgten Typus unsers
Geschlechtes, aber durch, eine ungewhnliche Schnheit verklrt; besonders die
groen braunen Augen und der Mund mit dem vollen runden Kinn machten
augenblicklichen Eindruck. Dazu schmckte sie ein schweres dunkles, fast nicht
zu bewltigendes Haar. Sie galt fr eine Art Lorelei, obschon sie Judith hie,
auch niemand etwas Bestimmtes oder Nachteiliges von ihr wute. Dies Weib trat
nun herein, vom Garten kommend, etwas zurckgebogen, da sie in der Schrze eine
Last frischgepflckter Erntepfel und darber eine Masse gebrochener Blumen
trug. Dies schttete sie alles auf den Tisch, wie eine reizende Pomona, da ein
Gewirre von Form, Farbe und Duft sich auf der blanken Tafel verbreitete. Dann
grte sie mich mit stdtischem Akzente, indessen sie aus dem Schatten eines
breiten Strohhutes neugierig auf mich herabsah, sagte, sie htte Durst, holte
ein Becken mit Milch herbei, fllte eine Schale davon und bot sie mir an; ich
wollte sie ausschlagen, da ich schon genug genossen hatte, allein sie sagte
lachend: Trinkt doch! und machte Anstalt, mir das Gef an den Mund zu halten.
Daher nahm ich es und schlrfte nun den marmorweien und khlen Trank mit einem
Zuge hinunter und mit demselben ein unbeschreibliches Behagen, wobei ich sie
ganz ruhevoll ansah und so ihrer stolzen Ruhe das Gleichgewicht hielt. Wre sie
ein Mdchen von meinem Alter gewesen, so htte ich ohne Zweifel meine
Unbefangenheit nicht bewahrt. Doch war dies alles nur ein Augenblick, und als
ich mir darauf mit den Blumen zu schaffen machte, zwang sie sogleich einen
groen Strau von Rosen, Nelken und stark duftenden Krutern zusammen und
steckte mir denselben wie ein Almosen in die Hand; das alte Mtterchen fllte
meine Taschen mit pfeln, da ich nun, mit Gaben frmlich beladen, ohne
Widerrede gedemtigt von dannen zog, von smtlichen Frauen zu fleiigem Besudle
bei ihnen, wie bei den noch brigen Verwandten, aufgefordert.

                              Neunzehntes Kapitel



                                  Neues Leben

Es war schon tiefer Nachmittag, als ich endlich das Haus meines Oheims
wiederfand, und zwar verschlossen, weil alle Bewohner ins Freie gegangen; doch
wute ich, da ich durch Scheune und Stall ein Schlupfloch finden wrde. In der
Scheune sprang mir das Reh entgegen und schlo sich mir unverweilt an; im Stalle
sahen sich die Khe nach mir um, und ein lediges Rind tappte halbwegs auf mich
zu und machte Anstalt, einen vertraulichen Satz gegen mich zu nehmen, da ich
mich furchtsam in den nchsten Raum salvierte, der ganz mit Ackergertschaften
und Holzgermpel angefllt war. Aus dem dunklen Wirrsal hervor scho mit
vergnglichem Murren der Marder, welcher sich hier einsam gelangweilt hatte, und
sa mir im Augenblicke auf dem Kopfe, mir mit dem Schwanz um die Backen
schlagend und vor Freude tollen Unsinn treibend, da ich laut lachen mute. So
gelangte ich mit meiner Gesellschaft in den helleren, bewohnten Teil des Hauses
und fand endlich die Wohnstube, wo ich meine Brde von Blumen, Frchten und
Tieren abwarf. Auf dem Tische stand mit Kreide geschrieben, wo ich zu essen
finden wrde, im Falle ich Lust htte, nebst allerlei beigefgten Witzen des
jungen Volkes; aber ich zog vor, mir das Geburtshaus meiner Mutter nun
gemchlich anzusehen.
    Der Oheim hatte schon seit einigen Jahren dem geistlichen Stande entsagt, um
sich ganz seinen Neigungen hinzugeben. Da die Gemeinde ohnehin willens war, ein
neues Pfarrhaus zu bauen, kaufte der Oheim dazumal das alte Pfarrhaus von ihr,
welches ursprnglich eigentlich der Landsitz eines Herren gewesen war und daher
steinerne Treppen mit Eisengelndern, in Gips gearbeitete Plafonds, einen Saal
mit einem Kamine, viele Zimmer und Rume und berall eine Unzahl fast schwarzer
lgemlde enthielt. In dieses Wesen hinein hatte der Oheim, unter das gleiche
Dach, seine Landwirtschaft geschoben, indem er einen Teil der Wohnung
herausgebrochen, da sich beide Elemente, das junkerhafte und das buerliche,
verschmolzen und durch wunderliche Tren und Durchgnge verbanden. Aus einem mit
Jagden bemalten und mit alten theologischen Werken versehenen Zimmer sah man
sich, wenn man eine Tapetentr ffnete, pltzlich auf den Heuboden versetzt.
Unter dem Dache fand ich eine kleine Mansarde, deren Wnde mit alten
Hirschfngern und Galanteriedegen sowie mit unbrauchbarem Schiegewehr bedeckt
waren; eine lange spanische Klinge mit trefflich gearbeitetem sthlernen Griffe
war ein Prachtstck und mochte schon seltsame Tage gesehen haben. Ein paar
Folianten lagen bestubt in der Ecke; in der Mitte des Zimmers stand ein mit
Leder bezogener zerfetzter Lehnstuhl, so da nur der Don Quixote fehlte, um das
Ganze zu einem Bilde zu machen. brigens setzte ich mich behaglich hinein und
dachte an den guten Herrn, dessen Geschichte ich einst aus dem Franzsischen des
Mr. Florian bersetzt hatte. Ich hrte ein seltsames Gerusch, Gurren und
Krabbeln an der Wand, schlug einen hlzernen Schieber zurck und steckte den
Kopf hindurch in den heien Taubenschlag, welcher alsobald in solchen Alarm
geriet, da ich mich zurckziehen mute. Ferner entdeckte ich die Schlafzimmer
der Tchter, stille Gelasse mit grnen Fenstergrtchen und berdies von treuen
Baumwipfeln bewacht, mit geretteten Stcken blumiger Tapeten bekleidet, wo die
Rokokospiegel des ehemaligen Herrensitzes eine ehrenvolle Zuflucht im Alter
gefunden hatten; so auch die groe Kammer der Shne, welche mit den Spuren
einiger nicht zu tiefen Studien und den Werkzeugen des lndlichen Migganges,
mit Angelzeug und Vogelgarnen, verziert war.
    Gegen Osten sahen die Fenster des Hauses in das Wirrsal von Obstbumen und
Dachgiebeln des Dorfes, aus welchem der erhhte Kirchhof mit der weien Kirche
wie eine geistliche Festung emporragte; nach der Abendseite schaute die hohe
lange Fensterflucht des Saales ber ein sattgrnes Wiesental, durch welches sich
der Flu in vielen Armen und Windungen buchstblich silbern schlngelte, da er
hchstens zwei Fu tief war und wie Brunnenwasser in lebendigen heftigen Wellen
ber weies Geschiebe flo. Jenseits dieses Wiesengrundes stieg eine waldige
Berghalde auf, an welcher alle Laubarten durcheinanderwogten, von grauen
Felswnden und Kuppen unterbrochen. Die untergehende Sonne aber hatte einen
freien Ausgang ber fernere Blauberge und bergo das Tal alle Abend mit Glut,
da man an den Fenstern des Saales im Roten sa, ja die Rte drang durch diesen
hin, wenn seine Tren geffnet, ins Innere des Hauses und berzog Gnge und
Wnde. Gemse- und Blumengrten, vernachlssigte Zwischenrume, Holunderbsche
und eingefate Quellen, alles von Bumen berschattet, bildeten eine reizende
Wildnis weit herum und dehnten sich noch mittelst einer kleinen Brcke ber das
Wasser hinaus. Die etwas weiter oben liegende Mhle aber gab sich nur durch das
Gerusch und durch das Blitzen und Stuben des Rades kund, welches unter den
Bumen durchleuchtete. Das Ganze war eine Verschmelzung von Pfarrei, Bauernhof,
Villa und Jgerhaus, und mein Herz jubelte, als ich alles entdeckte und bersah,
umgaukelt von der geflgelten und vierfigen Tierwelt. Hier war berall Farbe
und Glanz, Bewegung, Leben und Glck, reichlich, ungemessen, dazu Freiheit und
berflu, Scherz und Wohlwollen. Der erste Gedanke war eine freie ungebundene
Ttigkeit. Ich eilte auf mein Zimmer, welches auch nach der Abendseite lag, und
begann meine indessen angekommenen Sachen auszupacken, meine Schultcher und
abgebrochenen Hefte, welche ich so gut mglich noch zu pflegen gedachte,
vorzglich aber einen ansehnlichen Vorrat von Papier verschiedener Art, Federn,
Bleistifte und Farben, vermittelst deren ich schreiben, zeichnen, malen wollte,
wei Gott was alles! In diesem Augenblicke wandelte sich der bisherige
Spieltrieb in eine ganz neuartige Lust zu Schaffen und Arbeit, zu bewutem
Gestalten und Hervorbringen um. Mehr als alles vorhergehende Ungemach weckte
dieser eine, so einfache und doch so reiche Tag den ersten Schein der Klarheit,
die Morgendmmerung der reiferen Jugend in mir auf. Als ich meine bisher
bermalten Streifen und Bogen auf dem groen Bette ausbreitete, da es mit
wunderlich bunter Decke bezogen war, fhlte ich mich mit einem Male ber diese
Dinge hinausgerckt und mit dem Bedrfnis auch den Willen, sogleich einen
Fortschritt aus mir selbst hervorzuzwingen.
    Mein Oheim trat, von einer Aufsichtswanderung zurckgekehrt, zu mir herein
und sah mich mit Verwunderung von meinem Krame umgeben. Die kindliche
Renommisterei und Keckheit meiner Machwerke, die marktschreierischen Farben
imponierten seinem ungebten Auge, und er rief: Ei, du bist ja ein ganzer
Maler, Herr Neveu! Das ist nun recht; da hast du ja auch eine Menge Papier und
Farben? Gut! Was hast du hier fr Sachen, wo hast du sie hergenommen? Ich
erwiderte, da ich alles aus dem Kopfe gemacht htte. Ich will dir nun andere
Aufgaben stellen, sagte er, du sollst nun unser Hofmaler sein! Gleich morgen
sollst du versuchen, unser Haus zu zeichnen mit Grten und Bumen, und alles
genau nachbilden! Auch kann ich dir manchen schnen Punkt in unserer Gegend
zeigen, wo du interessante Prospekte aufnehmen magst; das wird dich ben und dir
ntzlich sein. Ich wollte selbst, ich htte dergleichen gebt. Halt, ich kann
dir einige hbsche Sachen zeigen, welche von einem Herrn herrhren, der vor
vielen Jahren oft bei uns zu Gast war, als wir immer Besuch aus der Stadt
hatten. Er malte zu seinem Vergngen in l, in Wasserfarben und stach in Kupfer
oder radierte, wie er es nannte, und war geschickt, trotz einem Knstler!
    Er holte eine alte Mappe herbei, welche mit einer ansehnlichen Schnur
umwickelt war, und indem er sie ffnete, sagte er: Ich habe bei Gott diese
Dinge lngst vergessen, ich seh sie selbst einmal gern wieder! Der gute Junker
Felix liegt in Rom begraben, schon manches lange Jahr; er war ein alter
Junggesell, trug gepuderte Haare und ein Zpfchen noch anfangs der zehner Jahre;
er malte und radierte den ganzen Tag, ausgenommen im Herbste, wo er mit uns
jagte. Damals, zu Anfang der zehner Jahre, kamen ein paar junge Herren aus
Italien zurck, worunter ein Malergenie. Diese Bursche machten einen Teufelslrm
und behaupteten, die ganze alte Kunst sei verkommen und wrde eben jetzt in Rom
wiedergeboren von deutschen Mnnern. Alles, was vom Ende des vorigen
Jahrhunderts her datiere, das Geschwtz des sogenannten Goethe von Hackert,
Tischbein und dergleichen, das sei alles Lumperei, eine neue Zeit sei
angebrochen. Diese Redensarten strten meinen armen Felix urpltzlich in seinem
bisherigen Lebensfrieden; umsonst suchten ihn seine alten Knstlerfreunde, mit
denen er schon manchen Zentner Tabak verraucht hatte, gelassen zur Ruhe zu
bringen, indem sie sagten, er mge doch die jungen Fnte schreien lassen, die
Zeit werde so gut ber sie hinweggehen wie ber uns! Alles umsonst! Eines
Morgens schlo er seinen hagestolzlichen Kunsttempel zu und rannte wie verrckt
nach dem St. Gotthard, hinber und kam nicht wieder. Nachdem ihm die Halunken zu
Rom den Zopf abgeschnitten bei einer Sauferei, verlor er allen Halt und alle
Ehrbarkeit und starb in seinen alten Tagen nicht an Altersschwche, sondern an
dem rmischen Wein und an den rmischen Weibsbildern. Diese Mappe lie er
zufllig bei uns zurck.
    Wir durchbltterten nun die vergilbten Papiere; es waren ein Dutzend
Baumstudien in Kreide und Rotstift, nicht sehr krperlich und sicher gezeichnet,
doch von einem eifrigen dilettantischen Streben zeugend, nebst einigen
verblaten Farbenskizzen und einer groen in l gemalten Eiche. Dies nannte er
Baumschlag, sagte mein Oheim, und machte ein groes Wesen daraus. Das
Geheimnis desselben hatte er im Jahre 1780 in Dresden erlernt bei seinem
verehrten Meister Zink, oder wie er ihn nannte. Es gibt, pflegte er zu sagen,
zwei Klassen von Bumen, in welche alle zerfallen, in die mit runden und die mit
gezackten Blttern. Daher gibt es zwei Manieren die gezackete Eichenmanier und
die gerundete Lindenmanier! Wenn er bestrebt war, unseren jungen Damen das
gelufige Schreiben dieser Manieren beizubringen, so sagte er, sie mten sich
vor allem an einen gewissen Takt gewhnen, zum Beispiel beim Zeichnen dieser
oder jener Blattart zhlen: Eins zwei, drei - vier fnf, sechs! - Das ist ja der
Walzertakt! schrieen die Mdchen und begannen um ihn herumzutanzen, bis er
wtend aufsprang, da ihm der Zopf wackelte!
    So gewann ich auf dem seltsamen Wege einer Tradition, deren Trger selbst
der Sache fremd war, den ersten Anhaltspunkt. Ich betrachtete die Bltter stumm
und aufmerksam und bat mir die Mappe zur freien Verfgung aus. Sie enthielt
berdies noch eine Anzahl radierter Landschaften, einige Waterloos, einige
idyllische Haine von Gener mit sehr hbschen Bumen, deren Poesie mich
frappierte und sogleich einnahm, bis ich eine Radierung von Reinhart entdeckte,
gelb und beschmutzt, knapp am Rande beschnitten, deren Kraft, Schwung und
Gesundheit mchtig zu mir sprach und aus dem verzettelten Stckchen Papier
gewaltig herausleuchtete. Whrend ich staunend das Blatt in der Hand hielt (ich
hatte bis jetzt nie etwas wahrhaft Knstlerisches gesehen), kam der Oheim wieder
und rief: Komm mit, Neveu Maler! der Herbst wird bald genug dasein, und da
mssen wir sehen, wie es vorlufig um die Hslein und Fchslein, um Hhner und
derlei Volk steht! Es ist ein schner Abend, wir wollen ohne Gewehr ein bichen
auf den Anstand gehen, da kann ich dir zugleich hbsche Prospekte zeigen.
    Er ergriff aus einem Winkel, wo eine Menge alter spanischer Rohre versammelt
war, einen tchtigen Stock, gab mir auch einen solchen, pustete aus seinem
Waldhrnchen den abgebrannten Zigarrenstumpf heraus, steckte einen frischen
Glimmstengel hinein, pfiff aus dem Fenster in weithin schallenden Tnen, worauf
sogleich die Hunde aus allen Ecken des Dorfes wie der Blitz herbeisprangen, und
wir zogen, umgeben von den bellenden Tieren, dem abendlichen Bergwalde zu.
    Bald war die Meute weit voraus und im Gehlze verschwunden; aber kaum
begannen wir die Hhe hinanzusteigen, so hrten wir sie ber uns anschlagen und
in voller Jagd am Berge hinziehen, da die Schluchten widerhallten. Meinem Oheim
lachte das Herz, er zog mich vorwrts und behauptete, wir mten rasch nach
einer kleinen Waldwiese eilen, um das Tier zu sehen; doch auf dem Wege horchte
er auf und nderte die Richtung, indem er rief: Es ist bei Gott ein Fuchs!
dorthin mssen wir gehen, schnell, pst! Kaum hatten wir einen schmalen Pfad
betreten, welcher neben einem trockenen Waldbache hinlief, zwischen zwei
bewachsenen Abhngen, als er mich pltzlich anhielt und lautlos vorwrts wies,
ein rtlicher Streif schlo still ber Weg und Schlucht, herab, hinauf, und eine
Minute nachher heulten die sechs Hunde hintendrein. Hast du ihn gesehen? sagte
der Oheim so vergngt, als ob er am Vorabend seiner Hochzeit stnde; dann fuhr
er fort: Sie haben ihn verloren, doch in jenem Schlag mssen sie notwendig ein
Hschen auftun! Wir wollen vollends hier hinaufgehen! Wir gelangten auf eine
kleine Hochebene, welche ein von der sinkenden Sonne gertetes Haferfeld war,
umsumt von stillglhenden Fhren. Hier hielten wir an und stellten uns am Rande
auf, in wohligem Schweigen, unfern eines verwachsenen Weges, der ins Dunkle
fhrte. Wir mochten so eine Viertelstunde gewartet haben, als das Gebell in
groer Nhe pltzlich wieder begann und mein Oheim mich anstie. Zugleich
bewegte sich der Hafer vor uns, er flsterte: Was Teufel ist denn da los? und
es erschien eine riesenhafte Bauernkatze, welche uns ansah und davonschlich. In
groem Zorne rief der geistliche Herr: Du vermaledeite Bestie, was hast denn du
hier zu schaffen? Da sieht man, wo die jungen Hasen hinkommen! Wart, ich will
dir jagen helfen! und er schleuderte ihr einen mchtigen Stein nach. Sie sprang
wieder mitten in den Hafer hinein, indessen die Hunde an uns vorberbrausten und
mein zorniger Oheim ganz verblfft sagte: Da! nun haben wir den Hasen nicht
gesehen!
    Genug fr heute, sagte er, nun la uns noch da vornenhin gehen, wo du das
Hochgebirge sehen kannst, dem du jetzt ein bichen ferner gerckt bist.
    Am entgegengesetzten Rande des hohen Feldes, wo die Fhren sich, lichteten,
sah man ber zuerst grne, dann immer blauer werdende Bergrcken hin nach dem
Gebirge im Sden, welches in seiner ganzen Ausdehnung von Ost nach West vor uns
lag, von den Appenzeller Kuppen bis zu den Berner Alpen, aber so fern wie ein
Traum.
    Dadurch wurde ich auch auf den Charakter der mich umgebenden Landschaft
aufmerksamer. Dieselbe war schon mehr in der Art, wie ich mir deutsches Gebirge
vorstellte, grn, felsig und bebaut. Eine Menge Tler und Einschnitte, von
Gewssern durchzogen, versprachen eine reiche Zuflucht fr fortwhrende
Streifereien; vorzglich war es ein rechtes Waldland.
    Indessen wir auf einem andern Wege nach Hause kehrten, wechselten die
reizenden Bilder vor meinen Augen bis in die Schatten der Nacht hinein und
schlossen mit dem hellsten Mondscheine, der auf Mhle, Pfarrhaus und auf dem
Wasser flimmerte, als wir anlangten. Die jungen Leute jagten sich auf dem Platze
unter den Eschen umher und drngten einander in das Flchen, die Tchter sangen
im Garten, und die Muhme rief aus dem Fenster, ich sei ein Landstreicher, den
man den ganzen Tag nie gesehen habe.

                              Zwanzigstes Kapitel



                                 Berufsahnungen

Der nchste junge Tag lie mich von allen Seiten mit dem Rufe Maler! begren.
Guten Morgen, Maler! Haben der Herr Maler wohl geruht? Maler, zum Frhstck!
hie es, und das Vlklein handhabte diesen Titel mit derjenigen gutmtig
spottenden Freude, welche es immer empfindet, wenn es fr einen neuen
Ankmmling, den es nicht recht anzugreifen wute, endlich eine gelufige
Bezeichnung gefunden hat. Ich lie mir jedoch den angewiesenen Rang gern
gefallen und nahm mir im stillen vor, denselben nie mehr aufzugeben. Ich brachte
aus Pflichtgefhl die erste Morgenstunde noch ber meinen Schulbchern zu, mich
selbst unterrichtend; aber mit dem grauen Lschpapier dieser melancholischen
Werke kam die de und die Beklemmung der Vergangenheit wieder heran; jenseits
des Tales lag der Wald in silbergrauem Duft, die Terrassen hoben sich merklich
voneinander los; ihre laubigen Umrisse, von der Morgensonne bestreift, waren
hellgrn, jede bedeutende Baumgruppe zeichnete sich gro und schn in dem
zusammenhaltenden Dufte und schien ein Spielwerk fr die nachahmende Hand zu
sein; meine Schulstunde wollte aber nicht vorbergehen, obschon ich lngst nicht
mehr aufmerkte.
    Ungeduldig ging ich, ein Lehrbuch der Physik in der Hand, hin und her und
durch mehrere Zimmer, bis ich in einem derselben die weltliche Bibliothek des
Hauses entdeckte; ein breiter alter Strohhut, wie ihn die Mdchen zur Feldarbeit
brauchen, hing darber und verbarg sie beinahe ganz. Wie ich denselben aber
wegnahm, sah ich eine kleine Schar guter Franzbnde mit goldenem Rcken, ich zog
einen Quartband hervor, blies den dichten Staub davon und schlug die Generschen
Werke auf, in dickem Velinpapier, mit einer Menge Vignetten und Bildern
geschmckt. berall, wo ich bltterte, war von Natur, Landschaft, Wald und Flur
die Rede; die Radierungen, von Geners Hand mit Liebe und Begeisterung gemacht,
entsprachen diesem Inhalte; ich sah meine Neigung hier den Gegenstand eines
groen, schnen und ehrwrdigen Buches bilden. Als ich aber auf den Brief ber
die Landschaftmalerei geriet, worin der Verfasser einem jungen Manne guten Rat
erteilt, las ich denselben berrascht vom Anfang bis zum Ende durch. Die
unschuldige Naivett dieser Abhandlung war mir ganz falich; die Stelle, wo
geraten wird, mannigfaltig gebrochene Feld- und Bachsteine auf das Zimmer zu
tragen und danach Felsenstudien zu machen, entsprach meinem noch halbkindischen
Wesen und leuchtete mir ungemein in den Kopf. Ich liebte sogleich diesen Mann
und machte ihn zu meinem Propheten. Nach mehr Bchern von ihm suchend, fand ich
ein kleines Bndchen, nicht von ihm, aber seine Biographie enthaltend. Auch
dieses las ich auf der Stelle ganz durch. Er war ebenfalls ein hoffnungsloser
Schler
    gewesen, indessen er auf eigene Faust schrieb und knstlerischen
Beschftigungen nachhing. Es war in dem Werklein viel von Genie und eigener Bahn
und solchen Dingen die Rede, von Leichtsinn, Drangsal und endlicher Verklrung,
Ruhm und Glck. Ich schlug es still und gedankenvoll zu, dachte zwar nicht sehr
tief, war jedoch, wenn auch nicht klar bewut, fr die Bande geworben.
    Es ist bei der besten Erziehung nicht zu verhten, da dieser folgenreiche
und gefhrliche Augenblick nicht ber empfngliche junge Hupter komme,
unbemerkt von aller Umgebung, und wohl nur wenigen ist es vergnnt, da sie erst
das leidige Wort Genie kennenlernen, nachdem sie unbefangen und arglos bereits
ein gesundes Stck Leben, Lernen, Schaffen und Gelingen hinter sich haben. Ja,
es ist berhaupt die Frage, ob nicht zu dem bescheidensten Gelingen eine dichte
Unterlage von bewuten Vorstzen und allem Apparate der Geniesucht gehre, und
der Unterschied mag oft nur darin bestehen, da das wirkliche Genie diesen
Apparat nicht sehen lt, sondern vorweg verbrennt, whrend das blo
vermeintliche ihn mit groem Aufwande hervorkehrt und wie ein verwitterndes
Baugerst stehen lt am unfertigen Tempel.
    Den berckenden Trank schpfte ich jedoch nicht aus einem anspruchsvollen
und blendenden Zauberbecher, sondern aus einer bescheidenen lieblichen
Hirtenschale; denn bei allen Redensarten war dies Genersche Wesen durchaus
einfacher und unschuldiger Natur und fhrte mich fr einmal nur mit etwas mehr
Bewutsein unter grne Baumschatten und an stille Waldquellen.
    In der Biographie machte ich auch die Bekanntschaft mit dem alten Sulzer,
welcher in Berlin des jungen Gener Gnner gewesen; wie ich nun unter den
Bchern einige Bnde der Theorie der schnen Knste bemerkte, nahm ich sie als
in mein neuentdecktes Gebiet gehrig in Beschlag. Dies Buch mu seinerzeit eine
gewaltige Verbreitung gefunden haben, da man es fast in allen alten
Bcherschrnken findet und es auf allen Auktionen spukt und fr wenig Geld
erstanden werden kann. Gleich einer jungen Katz im Grasgarten fahr ich in der
enzyklopdischen Einrichtung des lngst obsolet gewordenen Buches herum, alles
fr bare Mnze nehmend und hundert vorlufige und unverstandene Gesichtspunkte
ergreifend, und als der Mittag herannahte, war mein Kopf von Gelehrsamkeit
vollgepfropft; ich fhlte beinahe selbst den gravittischen Stolz in meinen
gekruselten Lippen und aufgespannten Augen und schleppte smtliche
Kunstliteratur in mein Zimmer hinber zu der Mappe des Junker Felix.
    Kaum nahm ich mir nach Tische noch Zeit, bei der Gromutter einen kurzen
Besuch abzustatten, ein kleines Testamentchen mit Goldschnitt und silbernem
Schlchen, das sie fr mich bestimmt hatte, einzustecken, und eilte wieder
davon. Die Gromutter sah mir, so weit ihre schwachen Augen reichten, etwas
wehmtig nach; denn sie hatte mir die heilige Gabe mit besonderer Liebe und
Feierlichkeit einhndigen wollen. Aber ich schwand ihr eilig aus dem Gesichte,
allein begierig, meine angefachte Kunsteinsicht an den Mann oder vielmehr an die
Bume zu bringen.
    Mit einer Mappe und Zubehr versehen, lief ich bereits unter den grnen
Hallen des Bergwaldes hin, jeden Baum betrachtend, aber nirgends eigentlich
einen Gegenstand sehend, weil der stolze Wald eng verschlungen, Arm in Arm stand
und mir keinen seiner Shne einzeln preisgab; die Strucher und Steine, die
Kruter und Blumen, die Formen des Bodens schmiegten und duckten sich unter den
Schutz der Bume und verbanden sich berall mit dem groen Ganzen, welches mir
lchelnd nachsah und meiner Ratlosigkeit zu spotten schien. Endlich trat ein
gewaltiger Buchbaum mit reichem Stamme und prchtigem Mantel und Krone
herausfordernd vor die verschrnkten Reihen, wie ein Knig aus alter Zeit, der
den Feind zum Einzelkampfe aufruft. Dieser Recke war in jedem Aste und jeder
Laubmasse so fest und klar, so lebens- und gottesfreudig, da seine Sicherheit
mich blendete und ich mit leichter Mhe seine Gestalt bezwingen zu knnen
whnte. Schon sa ich vor ihm, und meine Hand lag mit dem Stifte auf dem weien
Papiere, indessen eine geraume Weile verging, eh ich mich zu dem ersten Strich
entschlieen konnte; denn je mehr ich den Riesen an einer bestimmten Stelle
genauer ansah, desto unnahbarer schien mir dieselbe, und mit jeder Minute verlor
ich mehr meine Unbefangenheit Endlich wagte ich, von unten anfangend, einige
Striche und suchte den schngegliederten Fu des mchtigen Stammes festzuhalten;
aber was ich machte, war leben- und bedeutungslos; die Sonnenstrahlen spielten
durch das Laub auf dem Stamme, beleuchteten die markigen Zge und lieen sie
wieder verschwinden, bald lchelte ein grauer Silberfleck, bald eine saftige
Moosstelle aus dem Helldunkel, bald schwankte ein aus den Wurzeln sprossendes
Zweiglein im Lichte, ein Reflex lie auf der dunkelsten Schattenseite eine neue
mit Flechten bezogene Linie entdecken, bis alles wieder verschwand und neuen
Erscheinungen Raum gab, whrend der Baum in seiner Gre immer gleich ruhig
dastand und in seinem Innern ein geisterhaftes Flstern vernehmen lie. Aber
hastig und blindlings zeichnete ich weiter, mich selbst betrgend, baute Lage
auf Lage, mich ngstlich nur an die Partie haltend, welche ich gerade zeichnete,
und gnzlich unfhig, sie in ein Verhltnis zum Ganzen zu bringen, abgesehen von
der Formlosigkeit der einzelnen Striche. Die Gestalt auf meinem Papiere wuchs
ins Ungeheuerliche, besonders in die Breite, und als ich an die Krone kam, fand
ich keinen Raum mehr fr sie und mute sie, breitgezogen und niedrig, wie die
Stirne eines Lumpen, auf den unfrmlichen Klumpen zwingen, da der Rand des
Bogens dicht am letzten Blatte stand, whrend der Fu unten im Leeren taumelte.
Wie ich aufsah und endlich das Ganze berflog, grinste ein lcherliches Zerrbild
mich an, wie ein Zwerg aus einem Hohlspiegel; die lebendige Buche aber strahlte
noch einen Augenblick in noch grerer Majestt als vorher, wie um meine
Ohnmacht zu verspotten; dann trat die Abendsonne hinter den Berg, und mit ihr
verschwand der Baum im Schatten seiner Brder. Ich sah nichts mehr als eine
grne Wirrnis und das Spottbild auf meinen Knien. Ich zerri dasselbe, und so
hochmtig und anspruchsvoll ich in den Wald gekommen, so kleinlaut und
gedemtigt war ich nun. Ich fhlte mich abgewiesen und hinausgeworfen aus dem
Tempel meiner jugendlichen Hoffnung; der trstende Inhalt des Lebens, den ich
gefunden zu haben whnte, entschwand meinem innern Blicke, und ich kam mir nun
vor wie ein wirklicher Taugenichts, mit welchem wenig anzufangen sei. Ich brach
verzagt und weinerlich auf, mit gebrochenem Mute nach einem andern Gegenstande
suchend, welcher sich barmherziger gegen mich erwiese. Allein die Natur, mehr
und mehr sich verdunkelnd und verschmelzend, lie mir kein Almosen ab; in meiner
Bedrngnis tat sich mir das Wort kund Aller Anfang ist schwer und damit die
Einsicht, da ich ja erst jetzt anfange und diese Mhsal eben den Unterschied
von dem frhern Spielwerke begrnde. Aber die Einsicht stimmte mich nur
trauriger, da mir Mhseligkeit und saurer Flei bisher unbekannte Dinge gewesen
waren. Ich nahm meine Zuflucht endlich wieder einmal zu Gott, der mir im
Rauschen des Waldes und in meinem eingebildeten Elende wieder nahe getreten, und
bat ihn flehentlich, mir zu helfen um meiner Mutter willen, deren sorgenvoller
Einsamkeit ich nun auch gedachte.
    Da traf ich auf eine junge Esche, welche mitten in einer Waldlcke auf einem
niedrigen Erdwalle emporwuchs, von einer sichernden Quelle getrnkt. Das
Bumchen hatte einen schwanken Stamm von nur zwei Zoll Dicke und trug oben eine
zierliche Laubkrone, deren regelmig gereihte Bltter zu zhlen waren und sich,
so wie der Stamm, einfach, deutlich und anmutig auf das klare Gold des
Abendhimmels zeichneten. Weil das Licht hinter der Pflanze war, sah man nur den
scharfen Umri des Schattenbildes; es schien wie absichtlich zur bung eines
Schlers hingestellt.
    Ich setzte mich noch einmal hin und wollte flugs das kindliche Stmmchen mit
zwei parallelen Linien auf mein Papier stehlen; aber noch einmal wurde ich
gehhnt, indem der einfache, grnende Stab im selben Augenblicke, wo ich ihn zu
zeichnen und genauer anzusehen begann, eine unendliche Feinheit der Bewegung
annahm. Die beiden aufstrebenden Linien schmiegten sich in allen kaum merklichen
Biegungen so streng aneinander, sie verjngten sich nach oben so fein, und die
jungen ste gingen endlich in so gemessenen Winkeln daraus hervor, da um kein
Haar abgewichen werden durfte, wenn das Bumchen seine schne Gestalt behalten
sollte. Doch nahm ich mich zusammen und klammerte mich ngstlich und aufmerksam
an jede Bewegung meines Vorbildes, woraus endlich nicht eine sichere und
elegante Skizze, sondern ein zaghaftes, aber ziemlich treues Gebilde hervorging.
Ich fgte, einmal im Zuge, mit Andacht die nchsten Grser und Wrzelchen des
Bodens hinzu und sah nun auf meinem Blatte eines jener frommen nazarenischen
Stengelbumchen, welche auf den Bildern der alten Kirchenmaler und ihrer
heutigen Epigonen den Horizont so anmutig und naiv durchschneiden. Ich war
zufrieden mit meiner bescheidenen Arbeit und betrachtete sie noch lange
abwechselnd mit der schlanken Esche, die sich im leisen Abendhauche wiegte und
mir wie ein freundlicher Himmelstote erschien. Als ob ich wunder was verrichtet
htte, zog ich hochvergngt dem Dorfe zu, wo meine Verwandten begierig waren,
die Frchte meiner mit soviel Anspruch unternommenen Waldfahrt zu sehen. Nachdem
ich aber mein Bumlein mit seinen hchstens vier Dutzend Blttern hervorgezogen,
lste sich die Erwartung in ein allgemeines Lcheln auf, welches bei den
Unbefangensten zum Gelchter wurde; nur dem Oheim gefiel es, da man doch gleich
ein junges Eschchen erkannte, und er munterte mich auf, unverdrossen
fortzufahren und die Waldbume recht zu studieren, wozu er mir als Forstmann
behilflich sein wolle. Er besa noch so viel stdtische Erinnerung, da ihm
dergleichen nicht lcherlich vorkam; auch mochten leidenschaftliche Jger von
jeher die Malerei wohl leiden, insofern sie den Schauplatz ihrer Freuden und
ihre Taten selbst verherrlicht. Daher begann er nach dem Abendessen noch
sogleich einen Kursus mit mir und sprach von den Eigentmlichkeiten der Bume
und von den Stellen, wo ich die lehrreichsten Exemplare finden wrde. Zuvrderst
aber empfahl er mir, die Studien des Junkers Felix zu kopieren, was ich an den
folgenden Tagen mit groem Eifer tat, indessen wir an den schnen Abenden unsere
Sprgnge fr die nchste Jagdzeit fortsetzten und dabei die reizendsten Grnde
und Hhen durchstreiften, umgeben und begleitet von der reichen Baumwelt.
    So ging die erste Woche meines lndlichen Aufenthaltes angenehm zu Ende, und
um diese Zeit wute ich schon etwelche Bume voneinander zu unterscheiden und
freute mich, die grnen Gesellen mit ihren Namen begren zu knnen; nur
hinsichtlich der Kruterdecke des feuchten oder trockenen Bodens bedauerte ich
erst jetzt wieder lebhaft die Unterbrechung der botanischen Anfnge in der
Schule, da ich wohl fhlte, da fr die Kenntnis dieser kleinen, aber weit
mannigfaltigeren Welt einige grobe Umrisse nicht gengten; und doch htte ich so
gern die Namen und Eigenschaften aller der blhenden Dinge gekannt, welche den
Boden bedecken.

                           Einundzwanzigstes Kapitel



                 Sonntagsidylle. Der Schulmeister und sein Kind

Auf den ersten Sonntag meiner Anwesenheit war schon ein Besuch verabredet
worden, welchen wir jungen Leute hinter dem Walde abstatten wollten. Dort wohnte
auf einem einsamen und abgelegenen Hofe ein Bruder meiner Tante mit einer jungen
Tochter, welche mit meinen Basen eine eifrige Mdchenfreundschaft pflag. Ihr
Vater war frher Dorfschulmeister gewesen, hatte aber nach dem Tode seiner Frau
sich in jenen beschaulichen Waldhof zurckgezogen, da er ein hinlngliches
Vermgen besa und das grade Gegenteil meines Oheims darstellte. Whrend dieser,
von stdtischer Abkunft und in einigen geistlichen Studien aufgewachsen, dieses
alles hinter sich geworfen und vergessen hatte, um sich ganz der braunen
Ackererde und dem wilden Forste hinzugeben, strebte jener, von buerischem
Herkommen und bescheidener Bildung, allein nach milden und feinen Sitten, nach
dem Leben und Ruhme eines Weisen und Gerechten und vertiefte sich in
beschauliche geistliche und philosophische Spekulationen, betrachtete die Natur
nach Anleitung einiger Bcher und freute sich, vernnftige Gesprche
anzuknpfen, sooft sich hiezu die Gelegenheit bot, wobei er eine groe Artigkeit
zu entfalten bestrebt war. Sein Tchterchen, ungefhr von vierzehn Jahren, lebte
still und fein in dem milden Lichte solcher Gesinnungsweise und stellte nach den
Wnschen ihres Vaters eher ein zartes Pfarrerskind vor denn eine
Landmannstochter, indessen die weibliche Nachkommenschaft meines Oheims, zur
derben Arbeit gehalten, einen starken Anhauch von Regen und Sonnenschein zeigte,
welcher sie aber viel eher zierte als entstellte und dem Glanze ihrer frischen
Augen entsprach.
    Meine drei Basen, von zwanzig, sechszehn und vierzehn Jahren, mit stdtisch
verwelschten Namen Margot, Lisette und Caton, hielten am Sonntagnachmittag lange
Konferenz in ihren Kmmerchen, einander wechselseitig besuchend und die Tren
hinter sich abschlieend. Wir Bursche, deren Toilette lngst beendigt war,
harrten ungeduldig und konnten nur durch Schlssellcher und Trspalten
bemerken, da die Kleiderschrnke weit geffnet und die Mdchen mit wichtigen
Gebrden ratschlagend davorstanden. Um uns die Zeit zu vertreiben, begannen wir
die andchtigen Tchter zu necken und drangen endlich mit hellem Haufen in ihre
Mitte, ber einen mchtigen Schrank herfallend, um die Nasen in die hundert
Schchtelchen, Bchschen und Heimlichkeiten zu stecken. Aber mit dem Mute wilder
Lwinnen, denen man die Jungen rauben will, wurden wir hinausgeworfen und
fhrten vor den Tren einen vergeblichen Kampf, dieselben wieder aufzubrechen.
Da gingen sie mit einem Male nach einer kurzen Stille von selber auf, und heraus
traten, verschmt und unwillig, und doch siegbewut, die drei armen Kinder, bunt
und prchtig, nach der vorjhrigen Mode gekleidet, mit vorweltlichen Parasols
und wunderbar geformten Ridikls, der eine einem Sterne gleich, der andere einem
Halbmonde, der dritte ein Mittelding zwischen Husarentasche und Lyra.
    Dies alles mute um so grern Eindruck machen, wenn man bedachte, da die
guten Mdchen Autodidaktinnen waren und in Sachen des Putzes ganz allein und
ratlos in der Welt dastanden; denn ihre Mutter hatte einen Abscheu vor aller
Stadtkleidung und ri jedesmal, wenn sie aus der Kirche kam, die Spitzenhaube,
welche sie als Pfarrfrau trug, sogleich herunter. Die Damen des neuen Pfarrers,
auerdem die einzigen im Dorfe, waren stolz, unzugnglich und bezogen ihren Putz
fertig aus der Stadt. So waren meine Basen ganz auf sich selbst, auf eine
Dorfnhterin und auf einige Traditionen des Hauses gewiesen, welche sie als
eifrige Forscherinnen der dunklen Vergangenheit entlockten. Deswegen waren ihre
Erfolge doppelt achtungswert, und wenn wir sie mit einem spttischen Ah!
empfingen bei ihrer heutigen Erscheinung, so war dieser Spott nur ein
verstellter und die Maske einer aufrichtigen Bewunderung.
    Indessen entsprach unsere Tracht an khner und eleganter Mischung vollkommen
derjenigen der Jungfrauen. Die Vettern trugen Jacken von ziemlich grobem Tuche,
welchen aber der Dorfschneider einen kecken, ja hchst gewagten Zuschnitt
gegeben hatte. Diese Jacken waren mit einer Unzahl blanker Knpfe besetzt, auf
welchen die Tiere des Waldes gepret in jagdgerechten Sprngen erschienen und
welche der Oheim einst bei guter Gelegenheit im groen eingehandelt und sich so
fr Kind und Kindeskind versehen hatte. Die abgefallenen Stcke dieser Zierat
gingen unter der Dorfjugend als gangbare Mnze und wogen beim Spiele sechs Horn-
oder Bleiknpfe auf. Ich selber trug zu meinem grnen Kadettenrock mit roten
Schnrchen weie Beinkleider, keine Weste ber dem burschikosen Hemde, hingegen
das rote Seidentuch der Gromutter malerisch umgeschlungen, und berdies hing
die goldene Uhr meines Vaters, die ich ererbt, aber nie in Ordnung zu halten
verstand, an einem blauen Bande mit gestickten Blumen, das ich den Schachteln
meiner Mutter entnommen hatte. Von der Mtze hatte ich lngst den philistrsen
Schirm abgetrennt, da sie die Stirn frei lie, und ich mochte wie ein
vollendeter Jahrmarktsbursche aussehen. Menschen, welche etwas Besseres und
Tieferes ahnen und wnschen, werden sich, wie ich glaube, mehr und mehr aller
lcherlichen uerlichkeiten enthalten, je mehr sie dem geahnten Wesen durch
Erfahrung und Tat nahe treten; je weiter sie aber noch davon entfernt sind,
desto mehr klammern sie sich an solche Schnrkeleien. Allein gerade diese
uerlichkeit verhindert oft das Innere, sich rasch zu entwickeln, wenn nicht
ein Mann und Vater vorhanden ist, welcher sie mit gesundem Spotte beschneidet
und unterdrckt, indessen er dem aufstrebenden Sohne das Wahre mit fester Hand
vorzeichnet.
    Man konnte auf zwei Wegen zu der Wohnung des alten Schulmeisters gelangen:
entweder muten wir einen langgedehnten Berg hinter dem Dorfe ersteigen und,
lngs auf demselben fortgehend, endlich jenseits niedersteigen, wo wieder ein
Tal lag, hnlich dem unserigen, nur kleiner und runder und beinahe ganz mit
einem tiefen dunklen See erfllt; oder wir konnten lngs des Flusses unser Tal
durchwandern und mit dem in Gehlzen sich verlierenden Wasser um den Berg herum
an den See gelangen, in welchem jenes mndete und das befreundete Haus sich
spiegelte.
    Wir zogen es vor, mit dem kurzweiligen Flchen den Hinweg zurckzulegen und
erst in der Abendkhle ber den Berg heimzukehren, und unsere bunte, weithin
glnzende Gesellschaft bewegte sich bald durch das grne Tal hin, bis wir in
eine reizende Wildnis gelangten, wo der Wald von beiden Seiten an das Gewsser
niederstieg und dasselbe khl und dunkel berschattete. Bald fate er es mit
undurchdringlichen Laubwnden ein, da wir die berhangenden Zweige zurckbiegen
muten; bald weitete er sich aus und lie eine Schar lichter, hoher Tannen auf
sonnigem Boden vorrcken; dann lagen herabgestrzte Felsblcke am Rande und im
Wasser und verursachten Wasserflle, indessen zurckgebliebene Trmmer aus dem
Gebsche der Abhnge hervorragten; kleine Seitenwege lockten ins Dunkel, und
berall enthllten sich die lieblichsten Geheimnisse. Die roten, blauen und
weien Gewnder der Mdchen leuchteten herrlich in dem dunklen Grn, die Vettern
sprangen von Stein zu Stein, da ihre Goldknpfe aufblitzten und mit den
Silberkringeln der Wellen wetteiferten. Allerhand Getier machte sich sichtbar,
hier sahen wir die Federn einer wilden Taube, die unzweifelhaft von einem
Raubvogel zerrissen worden, dort scho eine Schlange durch die Uferwellen ber
die glatten Kiesel hin, und in einer abgetrennten Untiefe hatte sich eine
schimmernde Forelle gefangen, welche mit ihrer Schnauze ngstlich an den
abschlieenden Steinen herumtastete, bei unserer Annherung aber einen Sprung
machte und im strmenden Elemente verschwand.
    So waren wir unbemerkt um den Berg herumgekommen, die holde Wildnis
erweiterte sich und lie mit einem Male den stillen dunkelblauen, mit Silber
besprengten See sehen, der mit seiner friedevollen Umgebung im lautlosen Glanze
eines Sonntagnachmittages ruhte. Ein schmaler Streifen bebauter Erde zog sich um
den See herum, hinter demselben setzte sich berall der ansteigende Wald fort,
welcher aber da und dort wieder ein stilles Ackerfeld bergen mute, da hier und
da ein rotes Dach oder eine blaue Rauchsule aus dem Dickicht emporstieg. Nur
auf der Sonnenseite lag ein ansehnlicher Weinberg und zu Fen desselben das
Haus des Schulmeisters, dicht am See; unmittelbar ber den obersten Pfahlreihen
aber hing der reine tiefe Himmel, und dieser spiegelte sich in dem glatten
Wasser, bis wo er durch den gelben Kornstreifen, die Kleefelder und den dahinter
liegenden Wald, welche alle sich gnzlich unverndert in der Flut auf den Kopf
stellten, begrenzt wurde. Das Haus war wei getncht, das Fachwerk rot
angestrichen und die Fensterladen mit groen Muscheln bemalt; aus den Fenstern
wehten weie Vorhnge, und aus der Haustre trat, ein zierliches Treppchen
herunter, das junge Bschen, schlank und zart wie eine Narzisse, in einem weien
Kleide, mit goldbraunen Haaren, blauen uglein, einer etwas eigensinnigen Stirne
und einem lchelnden Munde. Auf den schmalen Wangen wallte ein Errten ber das
andere hin, das feine Glockenstimmchen klang kaum vernehmbar und verhallte alle
Augenblicke wieder. Durch ein duftendes Rosen- und Nelkengrtchen fhrte uns
Anna, nachdem sie sich mit meinen Basen so zrtlich und feierlich begrt hatte,
als ob sie einander ein Jahrzehnt nicht gesehen, in das vor Reinlichkeit und
Aufgerumtheit widerhallende Haus, wo uns ihr Vater, in einem saubern grauen
Fracke und weier Halsbinde, in gestickten Pantoffeln einhergehend, herzlich und
zufrieden willkommen hie. Er hatte den beschaulichen Sonntag ber Bchern
zugebracht, welche noch auf dem Tische lagen, und mochte nun froh sein,
unverhofft eine so hbsche Anzahl Zuhrer fr seine Beredsamkeit vor sich zu
sehen. Als ich ihm vorgestellt wurde, schien er sich besonders zu freuen, seine
Manieren und gelehrten Reden mit Anerkennung an den Mann bringen zu knnen, da
er mich mitten aus dem blhendsten hhern Schulwesen herkommend vermutete. Er
hatte auch alle Ursache, sich an mich zu halten; denn schon waren meine Vettern
wieder verschwunden, noch ehe der Schulmeister einen Stoff ergriffen, und ich
sah, wie sie drauen am Ufer alle drei ihre Kpfe tief in die ffnung eines
Fischkastens steckten, da man nichts von ihnen sehen konnte als ihre sechs
Beine. Sie untersuchten aufmerksam den Fischbestand ihres Oheims, indessen die
Schwestern seinem Tchterchen und einer alten Magd in Kche und Garten gefolgt
waren.
    Der Schulmeister merkte bald, da ich ein williger Zuhrer und auf seine
Fragen nach Vermgen einzugehen bereit sei. Nachdem er mich ber die neuen
Schuleinrichtungen angelegentlich befragt, fuhr er fort: Aber etwas bunt mu es
doch noch zugehen! Da habe ich eben in der Zeitung gelesen, da in einer
Abteilung unserer Kantonsschule die bekannten Strungen endlich dadurch gehoben
worden, da man den untauglichen Lehrer und den unntzesten Schler, einen
wahren kleinen Revolutionr, zugleich entfernt und dadurch die Ruhe grndlich
hergestellt habe. Da man nun den Lehrer entlassen hat, scheint mir ganz
vernnftig, wenn man ihn nur anderweitig versorgt; hingegen mit dem Schler will
es mir nicht recht einleuchten; es will mich bednken, als ob man demselben
damit verdeutet habe Du bist nun auer unsere Gemeinschaft gestellt und magst
zusehen, was du aus dir machst! Dies ist nicht christlich gehandelt, und unser
Herr und Meister wrde das verirrte Schaf gewi zunchst unter die Falten seines
Mantels genommen haben. Kennt Ihr, liebes Vettermnnchen, den verstoenen
Knaben?
    Der Mann weckte durch diese Frage die peinvollen Erinnerungen und durch ihre
Fassung zugleich eine tiefe Wehmut in mir auf, und ich antwortete kleinlaut, ich
wre es selbst.
    Ganz erstaunt trat er einen Schritt zurck und betrachtete mich mit groen
Augen; er war verlegen, einen angehenden Teufel in so harmloser Gestalt so nahe
vor sich zu sehen Doch hatte ich ihn schon ein wenig fr mich eingenommen, und
mein stilles Verhalten mochte ihn belehren, da er mit seiner vorher
ausgesprochenen milden Ansicht nicht das Unrechte getroffen.
    Ich habe mir es doch gleich gedacht, versetzte er, da die Sache ein
Hklein habe; denn ich sehe und will es gern glauben, da der Vettermann ein
junger Mensch ist, mit dem sich ein vernnftiges Wort reden lt! Doch erzhlt
mir nun den Verlauf dieser schlimmen Geschichte recht getreulich, es nimmt mich
sehr wunder, wie sich darin die Schuld und das Unrecht verteilen!
    Nachdem ich dem freundlichen Schulmeister den ganzen Hergang aufrichtig und
weitlufig, zuletzt etwas leidenschaftlich, berichtet, da ich zum ersten Mal
seither mein Herz leeren konnte, besann er sich eine Weile, indem er
verschiedene Hm! und Soso! hervorstie, und fuhr dann fort:
    Das ist ein ganz eigenes Geschick! Zuerst msset Ihr nun Euch nicht
berheben und etwa einen hochmtigen Groll auf das Erlittene begrnden, welcher
Euch fr das ganze Leben schdlich sein knnte! Ihr msset bedenken, da Ihr
doch das Unrecht und den Mutwillen der brigen geteilt habt, und Euch hienach
glcklich preisen, da Ihr in so frhem Alter schon von Gott selbst eine ernste
Strafe und Belehrung empfangen; denn das, was Euch, widerfahren, ist nicht die
Gerechtigkeit der Menschen, sondern ein unmittelbares Eingreifen des Herrn der
Welt, womit er Euch frhzeitig gewrdigt und gezeigt hat, da er mit Euch, nicht
zu spaen gedenkt, sondern Euch seine eigenen strengen Wege fhren will. Nachdem
Ihr also dieses scheinbare Unglck dankbar und reuevoll angenommen und das
vermeintliche Unrecht vergeben und vergessen, mt Ihr allein darauf bedacht
sein, dem Ernste dieses Erlebnisses entsprechend fortzuleben, und gewrtig, da
jede Abweichung von der Bahn der Tugend sich an Euch empfindlicher rchen werde
als an anderen, auf da Ihr dadurch in der bung des Guten gerade fleiiger und
strker werdet als viele, denen nicht solches geschieht. Nur auf diese Weise
vermag das Ereignis etwas Heilbringendes zu sein; ohne dies aber wrde es nur
eine fatale und rgerliche Geschichte bleiben, mit welcher ein so junges Leben
zu beladen nicht die Absicht und das Vergngen Gottes sein kann. Freilich ist
nun die Wahl eines Berufes das Nchste und Wichtigste, und wer wei, ob nicht
Euere Bestimmung ist, gerade durch diese pltzliche Bedrngnis Euch frher zu
entscheiden, als sonst geschehen wre! Gewi habt Ihr schon die Lust zu
irgendeinem besondern Berufe in Euch versprt?
    Diese Reden gefielen mir ausnehmend wohl; obgleich ich den ernsten
moralischen Sinn derselben nicht sonderlich fate, so ergriff ich doch den
Gedanken an eine hhere Bestimmung und Leitung Gottes hchst lebendig und dnkte
mich glcklich, mich unter dem besondern Schutze Gottes in meinen Neigungen zu
wissen; es ging mir ein heller Stern auf, und ich sagte unumwunden: Ja, ich
mchte ein Maler werden!
    Bei dieser Antwort stutzte mein neuer Freund fast noch mehr als bei dem
frhern Gestndnisse, weil er in seiner Abgeschiedenheit von allem Verkehre der
Welt am wenigsten an dies Wort gedacht hatte. Doch besann er sich ebenfalls
schnell und sprach:
    Ein Maler? Ei sieh, das ist seltsam! Doch lasset sehen! Es war allerdings
eine Zeit, wo es Maler gegeben hat, welche von gttlichem Geiste erfllt waren,
welche den drstenden Vlkern einen Trunk himmlischen Lebens reichten in
Ermangelung des lebendigen Wortes, das wir jetzt haben. Allein so wie schon
dazumal diese Kunst nur zu bald ein eitler Flitterkram der hochmtigen Kirche
geworden, so scheint sie mir heutzutage vollends ohne innern Kern und ein bloes
Gebaren der menschlichen Eitelkeit und Fratzenhaftigkeit zu sein. Ich habe zwar
durchaus keine Kenntnis von den Knsten, wie sie jetzo in der Welt praktiziert
werden, kann mir aber desto weniger vorstellen, wie sich ein ernsthaftes und
geistiges Leben dabei fhren lt! Habt Ihr denn so groe Lust und Geschick,
allerlei unntzes Bildwerk zu verfertigen oder wohl gar Menschengesichter fr
Bezahlung abzubilden?
    Zuvrderst will ich ein Landschaftsmaler werden, erwiderte ich, und habe
dazu allerdings groe Lust und hoffe, der liebe Gott werde mir auch das Geschick
geben!
    Ein Landschaftsmaler? das heit, merkwrdige Stdte, Gebirge und
Weltgegenden abbilden? Hm! Dieses scheint mir nicht so bel zu sein, da lernt
man wenigstens die Welt kennen und kommt weit umher; Lnder, Meere und
allenfalls auch, die Menschen dazu; aber dazu gehrt besonderer Mut und eigenes
Glck, wie mich dnkt, und vor allem soll, meines Erachtens, ein junger Mensch
darauf denken, wie er im Lande bleiben und sich redlich nhren, auch seinen
Mitbrgern sich ntzlich, und seinen Eltern dienstbar erweisen kann!
    Die Landschaftsmalerei, die ich im Sinne habe, ist nicht sowohl, was Ihr
hiemit darunter versteht, Herr Vetter! als etwas ganz anderes!
    Nun, und das wre?
    Sie besteht nicht darin, da man merkwrdige und berhmte Orte aufsucht und
nachmacht, sondern darin, da man die stille Herrlichkeit und Schnheit der
Natur betrachtet und abzubilden sucht, manchmal eine ganze Aussicht, wie diesen
See mit den Wldern und Bergen, manchmal einen einzigen Baum, ja nur ein
Stcklein Wasser und Himmel.
    Da der Vetter hierauf nichts entgegnete, sondern auf eine Fortsetzung zu
warten schien, fuhr ich auch fort und geriet nun meinerseits in eine ordentliche
Begeisterung und Beredsamkeit hinein. Der zwischen Sonnenglanz und
Waldesschatten schwebende See ruhte majesttisch vor den klaren Fenstern; von
fernem Bergrcken schienen einige schlanke Eichen, die in die himmelhohe
Sonntagsluft stiegen, mir zuzuwinken, fern, leise, aber eindringlich; ich
blickte unverwandt nach ihnen wie auf eine hhere Erscheinung, indem ich sprach:
    Warum sollte dies nicht ein edler und schner Beruf sein, immer und allein
vor den Werken Gottes zu sitzen, die sich noch am heutigen Tag in ihrer Unschuld
und ganzen Schnheit erhalten haben, sie zu erkennen und zu verehren und ihn
dadurch anzubeten, da man sie in ihrem Frieden wiederzugeben versucht? Wenn man
nur ein einfltiges Struchlein abzeichnet, so empfindet man eine Ehrfurcht vor
jedem Zweige, weil derselbe so gewachsen ist und nicht anders nach den Gesetzen
des Schpfers; wenn man aber erst fhig ist, einen ganzen Wald oder ein weites
Feld mit seinem Himmel wahr und treu zu malen, und wenn man endlich dergleichen
aus seinem Innern selbst hervorbringen kann, ohne Vorbild, Wlder, Tler und
Gebirgsziege, oder nur kleine Erdwinkel, frei und neu, und doch nicht anders,
als ob sie irgendwo entstanden und sichtbar sein mten, so dnkt mich diese
Kunst eine Art wahren Nachgenusses der Schpfung zu sein. Da lsset man die
Bume in den Himmel wachsen und darber die schnsten Wolken ziehen und beides
sich in klaren Gewssern spiegeln! Man spricht Es werde Licht! und streut den
Sonnenschein beliebig ber Kruter und Steine und lt ihn unter schattigen
Bumen erlschen. Man reckt die Hand aus, und es steht ein Unwetter da, welches
die braune Erde bengstigt, und lt nachher die Sonne in Purpur untergehen! Und
dies alles, ohne sich mit schlechten Menschen vertragen zu mssen; es ist kein
Miton im ganzen Tun!
    Gibt es denn eine solche Art der Kunst, und wird sie anerkannt? fragte der
gute Schulmeister ganz verblfft.
    Jawohl, erwiderte ich, in den Stdten, in den Husern der Vornehmen, da
hngen schne glnzende Gemlde, welche meistens stille grne Wildnisse
vorstellen, so reizend und trefflich gemalt, als she man in Gottes freie Natur,
und die eingeschlossenen gefangenen Menschen erfrischen ihre Augen an den
unschuldigen Bildern und nhren diejenigen reichlich, welche sie zustande
bringen!
    Der Schulmeister trat an das Fenster und schaute etwas berrascht hinaus.
    Also dieser kleine See zum Beispiel, diese meine holdselige Einsamkeit
wrde ein genugsamer Gegenstand sein fr die Kunst, obgleich niemand den Namen
kennte, blo wegen der Milde und Macht Gottes, die sich auch hier offenbart?
    Ja gewi! Ich hoffe noch, Euch diesen See mit seinem dunklen Ufer, mit
dieser Abendsonne so zu malen, da Ihr mit Vergngen diesen Nachmittag darin
erkennen sollt und selbst sagen mt, es sei weiter hiezu nichts ntig, um
bedeutend zu sein, das heit, wenn ich ein Maler werden kann und etwas Rechtes
lerne! setzte ich hinzu.
    Jetzt habe ich alter Mensch wieder etwas Neues gelernt, sagte mein Vetter
gerhrt, es ist doch hchst merkwrdig, in wie vielen Weisen der menschliche
Geist sich uern kann. Mir scheint, Ihr seid auf einem guten und frommen Wege,
und wenn Ihr ein solches Stck zustande bringen knnt, so mchte es leidlich so
verdienstvoll sein als ein gutes geistliches Frhlings- oder Erntelied. He, ihr
Knaben! rief er den jungen Fischkennern zu, welche immer noch an ihrem
Geschfte waren, holt ein Gef und sucht ein tchtiges Gericht Fische aus,
Aale, Forellen oder Hechte, da die Weiber sie backen knnen!
    Indessen waren die Mdchen wieder in die Stube gekommen und hatten teilweise
unser Gesprch angehrt, so da der redselige Mann nicht verlegen war, auf einen
neuen Stoff berzugehen und alle fr denselben pflichtig zu machen. Ich selbst
wurde wieder still und ziemlich befangen, da die zierliche Anna ungehrt wieder
da war und leise mit einer Base flsterte. Der Alte sprach nun von der Ernte,
von den Weinhoffnungen, von den Baumfrchten mit den Mdchen, aber alles in
einer feinen und salbungsvollen Weise, mir nebenbei manche Aufklrung gebend,
wenn er meine Unbekanntschaft mit diesen Dingen voraussetzte. Ich aber sagte
frder nichts, sondern befand mich glcklich und wohlgemut in der Nhe des
lieblichen Mdchens, ohne sie jedoch anzusehen, und nur angenehm berhrt, wenn
sie einmal ihr Stimmchen erhob.
    Ein lieblicher Speiseduft verbreitete sich, zog die Knaben herbei und
veranlate den Schulmeister, auf ein Zeichen der alten Kchin, zum Aufbruch in
das obere Stockwerk aufzufordern. Dort war ein kleiner, heller und khler Saal,
welcher zwischen seinen ganz geweiten Wnden nichts enthielt als einen
lnglichen Tisch, Sthle und eine alte Hausorgel. Der Tisch war gedeckt, wir
setzten uns zu einem frhlichen Abendessen, welches aus den Fischen bestand, so
die Vettern mit wenig Bescheidenheit ausgewhlt hatten. Lndliches Backwerk und
Frchte und ein milder heller Wein, an der Hhe hinter dem Hause gewachsen,
bereicherten das einfache und in seiner Art doch festliche Mahl; der Alte wrzte
es mit sinnigen Reden, die Jungen scherzten und gaben sich naive Rtsel und
Wortspiele auf, und dies alles bergoldete ein gehobener sonntglicher Ton,
anders als ob man zu Hause, und anders als ob man in einer gewhnlichen
Bauernfamilie wre. Als wir uns genugsam erfrischt, schritt der Schulmeister zu
der Orgel hin und ffnete dieselbe, da die glnzende Pfeifenreihe zutage trat
und das Innere der beiden Flgeltrchen das gemalte Paradies zeigte mit Adam und
Eva, Blumen und Tieren. Er setzte sich davor; wir muten uns in einen Kreis um
ihn herumstellen, Anna teilte einige alte Musikbcher aus, und nachdem ihr Vater
etwas prludiert, sangen wir zu seinem Spiele und Vorsang einige schne
kirchliche Sommerlieder und hernach einen knstlichen Kanon. Wir sangen in
heiterer Freude und aus voller Brust und doch mit Ma und Haltung; die
Dankbarkeit gegen den Augenblick brachte bessere Musik hervor als die strengste
Schulprobe, und ich selbst lie mein inneres Glck unbefangen und frei in den
Gesang strmen; denn dieser Tag war fr mich wieder neuer und schner als alle
frheren. Wenn wir einen Vers geendigt hatten, erklang ber den See her, von
einer Wand im Walde, ein harmonisch verhallendes Echo, die Orgeltne und
Menschenstimmen verschmelzend zu einem neuen wunderbaren Tone, und zitterte eben
aus, indem wir selbst den Gesang wieder anhoben. An verschiedenen Stellen, in
der Hhe und Tiefe, wurden freudige Menschenstimmen wach, welche ihre Lust in
die still webenden Lfte sangen und jauchzten, so da unser Kanon, mit welchem
wir schlossen, sozusagen sich ber das ganze Tal verbreitete.
    Doch nun muten wir aufbrechen, da die Sonne sich schon den Bergen nherte;
der Schulmeister entlie uns mit Zufriedenheit und verabschiedete mich mit
entschiedenen Zeichen seines Wohlwollens. Ich mute ihm versprechen, auf meinen
Streifzgen so oft als mglich in sein Tal zu kommen und in seinem Hause meinen
Sitz aufzuschlagen, als ob er ebenfalls mein Oheim wre. Anna wollte uns noch
bis auf die Berghhe begleiten, und so machten wir uns viel aufgeregter und
lauter auf den Weg, als wir gekommen waren. Die Mdchen, so schon durch ein
Nichts, durch die bloe freie Gelegenheit in die hchste Stimmung reiner
mutwilliger Lust versetzt, sangen fort und fort mit glnzenden Augen und
verlockten uns mitzusingen, indem sie Welt- und Vaterlandslieder anstimmten.
Dazwischen machte sich eine gegenseitige Neckerei mit Herzensangelegenheiten
unter den Geschwistern geltend, das ganze se Geplauder jenes hoffnungsreichen
Alters befreite sich aus den offenen Gemtern und umspann alle mit gern gehrten
Anspielungen, verstelltem Widerstande und schelmischer Rckantwort. Nur Anna
schien vor den Angriffen sicher zu sein, whrend sie hie und da einen
schchternen Scherz hinwarf, und ich sagte gar nichts dazu, weil mein Herz voll
war von den Begebnissen des Tages. Wir standen nun auf der Hhe, welche im
Glanze der untergehenden Sonne schimmerte; vor mir schwebte die federleichte,
verklrte Gestalt des jungen Mdchens, und neben ihr glaubte ich den lieben Gott
lcheln zu sehen, den Freund und Schutzpatron der Landschaftsmaler, als welchen
ich ihn heute in dem Gesprche mit dem Schulmeister entdeckt hatte. Das
scheidende Mdchen errtete noch strker in die Abendrte hinein, als sie
zuletzt auch mir die Hand bot. Wir berhrten uns kaum mit den Fingerspitzen und
nannten uns hflich Sie; aber die Vettern lachten uns aus, und die Basen
verlangten ernsthaft, da wir uns mit Du anreden sollten, da hierzulande nichts
anderes geduldet wrde unter jungen Leuten.
    So wechselten wir unsere Taufnamen, verzagt und sprde; aber der meinige
schlpfte wie ein Fltenton in mein Ohr, und als Anna schnell und ngstlich im
Schatten ihrer Bergseite verschwand und wir auf der unserigen niederstiegen,
hatte ich zwei Dinge erworben einen groen und mchtigen Kunstgnner, der
unsichtbar ber der dmmernden Welt hauste, und ein zartes Frauenbildchen,
welches ich unverweilt in meinem Herzen aufzustellen wagte.


                                  Zweiter Band

                                 Erstes Kapitel

                    Berufswahl. Die Mutter und die Ratgeber

Ich konnte den unbestimmten Zwischenzustand nun nicht lnger ertragen, sondern
suchte unter meinen Sachen nach feinem Papier, um einen Brief an meine Mutter zu
schreiben, den ersten in meinem Leben. Als ich ganz zuoberst am Rande das Liebe
Mutter! hinsetzte, schwebte sie mir in einem neuen Lichte vor; ich empfand
diesen Fortschritt und Ernst des Lebens wohl, und meine Schreibgelufigkeit lie
mich anfnglich im Stiche und kaum die ersten Stze finden. Doch fhrten mich
die Schilderungen meiner Reise und der sonstigen Erlebnisse bald vorwrts, und
meine Beschreibung fiel nur allzu geschmckt und prahlerisch aus. Ich trug ein
groes Behagen zur Schau und ein gewisses sonderbares Bestreben, welches sich
nachher mehrmals wiederholte, auf meine Mutter mit einem glcklichen Befinden
und mit meinen verschiedenen Taten und Abenteuern ein Art Eindruck zu bewirken,
eine frmliche Sucht, auf drollige Weise sie zu unterhalten und zugleich dadurch
mich geltend zu machen. Alsdann ging ich auf den Zweck meines Schreibens ber
und erklrte unverhohlen, da ich nun durchaus glaubte, ein Maler werden zu
mssen; und infolgedessen bat ich sie, sich vorlufig umzusehen und mit den
verschiedenen Erfahrenen unserer Bekanntschaft sich zu beraten. Die Familien
berichte und Gre sowie einige wichtige Auftrge ber kleine Gegenstnde
bildeten den Schlu des Briefes; ich faltete ihn eng und knstlich zusammen und
verschlo ihn mit meinem Leibsiegel, einem Hoffnungsanker, welchen ich lngst in
ein weiches Stckchen Alabaster gegraben hatte und nun zum ersten Mal
gebrauchte.
    Nach dem Empfange dieses Briefes begab sich meine Mutter in ihre
Staatskleidung, schlicht und einfarbig, bauschte ein frisches Taschentuch
zusammen, das sie in die Hand nahm, und begann feierlich ihren Rundgang bei den
ihr zugnglichen Autoritten.
    Zuerst sprach sie bei einem angesehenen Schreinermeister vor, welcher viel
in guten Husern verkehrte und Weltkenntnis besa. Als Freund meines seligen
Vaters hielt er in Freundschaft zu uns, so wie er auch die Bildungsversuche
jenes Kreises eifrig fortsetzte. Nachdem er Vortrag und Bericht der Mutter
ernstlich angehrt, erwiderte er kurzweg, das sei nichts und hiee so viel, als
das Kind einer liederlichen und ungewissen Zukunft anheimstellen. Hingegen wute
der Schreiner bessern Rat, wenn einmal etwas Knstlerisches ergriffen werden
msse. Ein junger Vetter von ihm hatte sich in einer entfernteren Stadt als
Landkartenstecher ausgebildet und geno eines guten Auskommens, so da er in den
Augen seiner Sippschaft als etwas Rechtes dastand. Daher erbot sich der
Ratgeber, mich aus besonderer Freundschaft in der Nhe dieses Mannes
unterzubringen, wo ich dann, wenn wirklich etwas Tchtiges in mir stke, es
nicht nur bis zum Stechen, sondern zum Selbstentwerfen der Landkarten bringen
knne, indem ich meine Zeit wohl anwende zur Erwerbung der ntigen Kenntnisse.
Dies wre dann ein feiner, ehrenvoller und zugleich ein ntzlicher und in das
groe Leben passender Beruf.
    Mit vermehrten Sorgen und Zweifeln gelangte meine Mutter zum zweiten Gnner
und auch einem Freunde ihres Mannes. Derselbe war ein Fabrikant von farbigen und
bedruckten Tchern, welcher sein ursprnglich geringes Geschft nach und nach
erweitert hatte und sich eines wachsenden Wohlstandes erfreute. Er erwiderte den
Bericht meiner Mutter folgendermaen:
    Dieses Ereignis, da der junge Heinrich, der Sohn unseres unvergelichen
Freundes, sich fr eine knstlerische Laufbahn erklrt, und die Nachricht, da
er schon lange sich vorzugsweise mit Stift und Farben beschftigt, kommt sehr
erfreulich einer Idee entgegen, die ich schon einige Zeit in bezug auf den
Knaben hege. Es entspricht ganz dem Geiste seines wackern Vaters, da er seine
Neigung einer feineren Ttigkeit zuwendet, zu welcher Talente und ein hherer
Schwung erforderlich sind; allein diese Neigung mu auf eine solide und
vernnftige Bahn gelenkt werden. Nun ist Euch, werteste Frau und Freundin, die
Art meines nicht unbedeutenden Geschftes bekannt; ich fabriziere bunte Stoffe,
und wenn ich einen leidlichen Verdienst erzwecke, so geschieht es hauptschlich
dadurch, da ich mit Aufmerksamkeit und Raschheit allezeit die neuesten und
gangbarsten Dessins zu bringen und selbst den herrschenden Geschmack durch ganz
Neues und Originelles zu berbieten suche. Hiezu sind eigene Zeichner vorhanden,
deren Aufgabe es ist, lediglich neue Dessins zu erfinden und, in der behaglichen
Stube sitzend, nach Herzenslust Blumen, Sterne, Ranken, Tupfen und Linien
durcheinanderzuwerfen. In meiner Anstalt habe ich drei solcher Leute, denen ich
ein lsterliches Geld bezahlen und sie obenhinein noch sehr glimpflich behandeln
mu. Sie sind, obgleich sie ziemlich geschickt den Gang des Geschftes begreifen
und verfolgen, doch nur zufllig zu diesem Berufe gekommen und durch keinerlei
innere Kraft vorherbestimmt. Was knnte mir nun willkommener sein als ein junger
Mensch, der mit solcher Energie sich fr Papier und Farben erklrt, in so frhem
Alter, der den ganzen Tag, ohne weitere Anregung, Bume und Blumengrtchen malt?
Wir wollen ihm schon Blumen genug verschaffen, in geordneten Reihen soll er sie
auf die Tcher zaubern, unerschpflich, immer neu; er soll aus der reichen Natur
die wunderbarsten und zierlichsten Gebilde abstrahieren, welche meine
Konkurrenten zur Verzweiflung bringen! Kurz, gebt mir Euren Sohn ins Haus! Ich
werde ihn bald so weit gebracht haben wie die anderen, und wenn er einige Jahre
lter ist, so tun wir ihn nach Paris, wo die Sache ins Groe betrieben wird und
die ausgezeichnetsten Dessinateurs der verschiedensten Industriezweige leben wie
die Frsten und von den Geschftsleuten auf Hnden getragen werden. Hat er dort
sich gehrig emporgeschwungen und seine Erfahrung bereichert, so ist er ein
gemachter Mann und kann sein Los selbst bestimmen. Will er alsdann sich wieder
mit mir verbinden, so wird das mir zur Freude und zum Vorteil gereichen; findet
er aber sein Glck anderswo, so habe ich nichtsdestoweniger meine Zufriedenheit
daran. Bedenket Euch, ich glaube mich nicht zu tuschen!
    Er fhrte hierauf meine Mutter in seinem Geschfte herum und zeigte ihr die
bunten Herrlichkeiten, die geschnittenen Holzmdel und vor allem die khnen
Kompositionen seiner Zeichner. Es leuchtete ihr alles vollkommen ein und
erfllte sie wieder mit Hoffnung. Abgesehen von dem gesicherten und reichlichen
Erwerbe, welchen ein gewandter Geschftsmann verbrgte, war ja diese ganze Kunst
dem Dienste der Frauen gewidmet und so reinlich und friedsam, da ein Sohn in
ihrem Schoe wohl geborgen schien. Auch mochte es vielleicht eine Ader
verzeihlicher Eitelkeit erwecken, wenn sie sich in einen der bescheideneren
Stoffe meiner Erfindung gekleidet dachte. Sie war so mit diesen angenehmen
Gedanken beschftigt, da sie fr diesmal ihre Wanderung einstellte, um sich
ganz in denselben zu ergehen.
    Der folgende Tag jedoch rief sie wieder zur Erfllung der sonst vterlichen
Pflicht auf und fhrte sie mit neuen Sorgen und Zweifeln auf den Weg. Sie
gelangte zu einem dritten Freunde des Vaters, einem Schuster, der im Geruche
tiefen Verstandes und eines gewaltigen Politikers lebte. Seit dem Tode meines
Vaters war er durch die Zeitereignisse in eine strenger demokratische Richtung
hineingetreten. Nach milaunischer Anhrung des Berichtes und des Erfolges der
gestrigen Bemhungen brach er barsch los:
    Maler, Landkartenmacher, Blmchenzeichner, Stubensitzer, Herrenknecht!
Handlanger der Geldaristokraten, Gehilfe des Luxus und der Verweichlichung, als
Landkartenmacher sogar direkter Vorschubleister des bestialischen Kriegswesens!
Handwerk, ehrliche und schwere Handarbeit ist uns vonnten, gute Frau! Wenn Euer
Mann lebte, so wrde er den Jungen so gewi durch schwere Handarbeit ins Leben
fhren, als zwei mal zwei vier sind! Zudem ist der Junge schon ein bichen
schwchlich und verwhnt durch Euere Weiberwirtschaft; lat ihn Maurer oder
Steinmetz werden, oder besser, gebt ihn mir, so wird er die gehrige Demut und
damit den rechten Stolz eines Mannes aus dem Volke gewinnen, und bis er imstande
ist, einen guten Schuh fix und fertig zu arbeiten, soll er gelernt haben, was
ein Brger ist, wenn er anders seinem Vater nachfolgt, den wir sehr vermissen,
wir andere Handwerksleute! Besinnt Euch, Frau Lee! von der Pike auf dienen, das
macht den Mann! Waren die neuen Schuhe doch nicht zu eng, die ich letzthin
schickte?
    Die Frau Lee ging aber nicht sonderlich erbaut fort und murmelte vor sich
her: Schlag du nur deine hlzernen Zwecke ein, bei mir erreichst du deinen
Zweck nicht, Herr Schuster, ungehobelter Mann! Bleib nur bei deinem Leisten und
warte, bis mein Kind kommt, dir Gesellschaft zu leisten! Draht ist nicht Rat!
Wenn du Gott frchten wrdest, so brauchtest du nicht vor dem Gerber zu fliehen!
Wer Pech angreift, besudelt sich! Unter solchen Sarkasmen, welche sie nachher
wiederholte, sooft sie auf diese Unterredung zu sprechen kam, zog sie die
Klingel an einem hohen und schnen Hause, welches der Vater einst fr einen
vornehmen Herrn gebaut hatte. Es war ein feiner und ernster Mann, der in den
Staatsgeschften stand, nicht viele Worte machte, jedoch fr uns einige
Geneigtheit bezeigte und schon mehrmals mit entscheidendem Rat an die Hand
gegangen war Als er vernommen, worum es sich handelte, erwiderte er mit hflich
ablehnenden Worten:
    Es tut mir leid, gerade in dieser Angelegenheit nicht dienen zu knnen! Ich
verstehe soviel wie nichts von der Kunst! Nur wei ich, da auch fr das
ausgezeichnetste Talent lange Studienjahre und bedeutende Mittel erforderlich
sind. Wir haben wohl groe Genies, welche sich durch besondere Widerwrtigkeiten
endlich emporgeschwungen; allein um zu beurteilen, ob Ihr Sohn hiezu nur die
geringsten Hoffnungen biete, dazu besitzen wir in unserer Stadt gar keine
berechtigte Person! Was hier an Knstlern und dergleichen lebt, ist ziemlich
entfernt von dem, was ich mir unter wirklicher Kunst vorstelle, und ich knnte
nie raten, einem hnlichen verfehlten Ziele entgegenzugehen. Dann besann er
sich eine Weile und fuhr fort: Betrachten Sie mit Ihrem Sohne die ganze Sache
als eine kindische Trumerei; kann er sich entschlieen, sich von mir in einer
unserer Kanzleien unterbringen zu lassen, so will ich hiezu gern die Hand bieten
und ihn im Auge behalten. Ich habe gehrt, da er nicht ohne Talent sei,
besonders in schriftlichen Arbeiten. Wrde er sich gut halten, so knnte er sich
mit der Zeit ebensogut zu einem Verwaltungsmanne emporarbeiten als mancher
andere wackere Mann, welcher ebenso von unten angefangen und als armer
Schreiberjunge in unsere Kanzleien getreten ist. Letztere Bemerkung mache ich
brigens nicht, um irgend groe Hoffnungen zu erregen, sondern nur um Ihnen zu
zeigen, da der Knabe auch auf diesem Wege nicht unbedingt an ein dunkles und
drftiges Los gebunden ist.
    Diese Rede, indem sie meiner Mutter eine ganz neue Aussicht erffnete, warf
sie gnzlich in Ungewiheit zurck, ob sie nicht ernstlich mich zur nderung
meines Sinnes bestimmen solle. Denn hier war noch mehr als beim Fabrikanten die
Brgschaft eines angesehenen und seiner Worte sichern Mannes zur Hand, welcher
einen groen Teil unserer Verhltnisse ebenso klar durchschaute als mit
beherrschte und imstande war, diejenigen ber dem Wasser zu halten, die sich
seinem Rate anvertrauten.
    Sie schlo hier ihren beschwerlichen Gang und beschrieb mir in einem groen
Briefe smtlichen Erfolg desselben, jedoch die Vorschlge des Fabrikanten und
des Staatsmannes besonders hervorhebend, und ermahnte mich, meinen bestimmten
Entschlu noch hinauszuschieben und eher darauf zu denken, auf welche Weise ich
am fglichsten im Lande bleiben, mich redlich nhren, ihr selbst ein Trost und
eine Sttze des Alters und doch meinen natrlichen Anlagen gerecht werden knne;
denn da sie je dazu helfen wrde, mich gewaltsam zu einem mir widerstrebenden
Lebensberufe zu bestimmen, davon sei keine Rede, da sie hierber die Grundstze
des Vaters genugsam kenne und es ihre einzige Aufgabe wre, annhernd so zu
verfahren, wie er getan haben wrde.
    Dieser Brief war berschrieben Mein lieber Sohn!, und das Wort Sohn, das
ich zum ersten Male hrte von ihr, rhrte mich und schmeichelte mir aufs
eindringlichste, da ich fr den brigen Inhalt sehr empfnglich und dadurch an
mir selbst irre und in Zweifel gesetzt wurde. Ich fhlte mich ganz allein und
wehrlos mit meinen grnen Bumen gegenber dem ernsten kalten Weltleben und
seinen Lenkern. Aber whrend ich schon begann, mich mit dem Gedanken vertraut zu
machen, auf immer vom geliebten Walde zu scheiden, gab ich mich nur um so
inniger der Natur hin und schweifte den ganzen Tag in den Bergen, und die
drohende Trennung lie mich manches angehende Verstndnis sicherer ergreifen,
als es sonst geschehen wre. Ich hatte schon viele Studien des Junker Felix
nachgezeichnet und dadurch einige Ausdrucksweise gewonnen, so da meine Bltter
wenigstens ordentlich wei und schwarz wurden von Stift und Tusche.

                                Zweites Kapitel



                                Judith und Anna

Oft, am Morgen oder am Abend, stand ich auf der Hhe ber dem tiefen See, wo
unten der Schulmeister mit seinem Tchterchen wohnte, oder ich hielt mich auch
einen ganzen Tag an einer Stelle des Abhanges auf, unter einer Buche oder Eiche,
und sah das Haus abwechselnd im Sonnenscheine oder im Schatten liegen; aber je
lnger ich zauderte, desto weniger konnte ich es ber mich gewinnen
hinabzugehen, da mir das Mdchen fortwhrend im Sinne lag und ich deshalb
glaubte, man wrde mir auf der Stelle ansehen, da ich seinetwegen kme. Meine
Gedanken hatten von der feinen Erscheinung Annas pltzlich so vollstndigen
Besitz ergriffen, da ich alle Unbefangenheit ihr gegenber im gleichen
Augenblicke verlor und mit vorwitziger Ziererei von ihrer Seite sofort das
gleiche voraussetzte. Indem ich jedoch mich nach dem Wiedersehen sehnte, war mir
die Zwischenzeit und meine Unentschlossenheit gar nicht peinlich und
unertrglich, vielmehr gefiel ich mir in diesem gedanken- und erwartungsvollen
Zustande und sah einem zweiten Begegnen eher mit Unruhe entgegen. Wenn meine
Basen von ihr sprachen, tat ich, als hrte ich es nicht, indessen ich doch nicht
von der Stelle wich, solange das Gesprch dauerte, und wenn sie mich fragten, ob
es denn nicht ein allerliebstes Kind sei, erwiderte ich ganz trocken: Ja,
gewi!
    Auf meinen Wegen war ich hufig am Hause der schnen Judith vorbergekommen
und, da ich eben deswegen, weil sie ein schnes Weib war, auch einige
Befangenheit fhlte und Anstand nahm einzutreten, von ihr gebieterisch
hereingerufen und festgehalten worden. Nach der Weise der aufopfernden und
nimmermden alten Frauen und auch aus unentbehrlicher Gewohnheit befand sich
ihre Mutter beinahe immer auf dem warmen Felde, whrend die krftige Tochter das
leichtere Teil erwhlte und im khlen Haus und Garten gemchlich waltete.
Deswegen war diese bei gutem Wetter regelmig allein zu Hause und sah es gern,
wenn jemand, den sie leiden mochte, bei ihr vorkehrte und mit ihr plauderte. Als
sie meine Malerknste entdeckt hatte, trug sie mir sogleich auf, ihr ein
Blumenstruchen zu malen, welches sie mit Zufriedenheit in ihr Gesangbuch
legte. Sie besa ein kleines Stammbchelchen von der Stadt her, das nur zwei
oder drei Inschriften und eine Menge leerer Bltter mit Goldschnitt enthielt;
von diesen gab sie mir bei jedem Besuche einige, da ich eine Blume oder ein
Krnzchen darauf male (Farben und Pinsel hatte ich schon bei ihr zurckgelassen,
und sie verwahrte dieselben sorgfltig); dann wurde ein Vers oder witziger
Spruch darunter geschrieben und ihr Kirchenbuch mit solchen Bildchen, die ich in
wenigen Minuten anfertigte, gefllt. Die Verse wurden einer groen Sammlung
bedruckter Papierstreifchen entnommen, welche sie als berbleibsel frher
genossenen Zuckerzeuges aufbewahrte. Durch diesen Verkehr war ich heimisch und
vertraut bei ihr geworden, und indem ich immer an die junge Anna dachte, hielt
ich mich gern bei der schnen Judith auf, weil ich in jener unbewuten Zeit ein
Weib fr das andere nahm und nicht im mindesten eine Untreue zu begehen glaubte,
wenn ich im Anblicke der entfalteten vollen Frauengestalt behaglicher an die
abwesende zarte Knospe dachte als anderswo, ja als in Gegenwart dieser selbst.
Manchmal traf ich sie am Morgen, wie sie ihr ppiges Haar kmmte, welches
geffnet bis auf ihre Hften fiel. Mit dieser wallenden Seidenflut fing ich
neckend an zu spielen, und Judith pflegte bald, ihre Hnde in den Scho legend,
den meinigen ihr schnes Haupt zu berlassen und lchelnd die Liebkosungen zu
erdulden, in welche das Spiel allmhlich berging. Das stille Glck, welches ich
dabei empfand, nicht fragend, wie es entstanden und wohin es fhren knne, wurde
mir Gewohnheit und Bedrfnis, da ich bald tglich in das Haus huschte, um eine
halbe Stunde dort zuzubringen, eine Schale Milch zu trinken und der lachenden
Frau die Haare aufzulsen, selbst wenn sie schon geflochten waren. Dies tat ich
aber nur, wenn sie ganz allein und keine Strung zu befrchten war, so wie sie
auch nur dann es sich gefallen lie, und diese stillschweigende bereinkunft der
Heimlichkeit lieh dem ganzen Verkehre einen sen Reiz.
    So war ich eines Abends, vom Berge kommend, bei ihr eingekehrt; sie sa
hinter dem Hause am Brunnen und hatte soeben einen Korb grnen Salat gereinigt;
ich hielt ihre Hnde unter den klaren Wasserstrahl, wusch und rieb dieselben wie
einem Kinde, lie ihr kalte Wassertropfen in den Nacken trufeln und spritzte
ihr solche endlich mit unbeholfenem Scherze ins Gesicht, bis sie mich beim Kopfe
nahm und ihn auf ihren Scho prete, wo sie ihn ziemlich derb zerarbeitete und
walkte, da mir die Ohren sausten. Obgleich ich diese Strafe halb und halb
bezweckt hatte, wurde sie mir doch zu arg; ich ri mich los und fate meine
Feindin, nach Rache drstend, nun meinerseits beim Kopfe. Doch leistete sie,
indem sie immer sitzen blieb, so krftigen Widerstand, da wir beide zuletzt
heftig atmend und erhitzt den Kampf aufgaben und ich, beide Arme um ihren weien
Hals geschlungen, ausruhend an ihr hangen blieb; ihre Brust wogte auf und
nieder, indessen sie, die Hnde erschpft auf ihre Knie gelegt, vor sich hinsah.
Meine Augen gingen den ihrigen nach in den roten Abend hinaus, dessen Stille uns
umfchelte; Judith sa in tiefen Gedanken versunken und verschlo, die Wallung
ihres aufgejagten Blutes bndigend, in ihrer Brust innere Wnsche und Regungen
fest vor meiner Jugend, whrend ich, unbewut des brennenden Abgrundes, an dem
ich ruhte, mich arglos der stillen Seligkeit hingab und in der durchsichtigen
Rosenglut des Himmels das feine, schlanke Bild Annas auftauchen sah. Denn nur an
sie dachte ich in diesem Augenblicke; ich ahnte das Leben und Weben der Liebe,
und es war mir, als mte ich nun das gute Mdchen alsogleich sehen. Pltzlich
ri ich mich los und eilte nach Hause, von wo mir der schrille Ton einer
Dorfgeige entgegenklang. Smtliche Jugend war in dem gerumigen Saale versammelt
und benutzte den khlen, migen Abend, nach den Weisen des herbeigerufenen
Geigers sich gegenseitig im Tanze zu unterrichten und zu ben; denn die lteren
Glieder der Sippschaft befanden fr gut, auf die Feste des nahenden Herbstes den
jngern Nachwuchs vorzubereiten und dadurch sich selbst ein vorlufiges
Tanzvergngen zu verschaffen. Als ich in den Saal trat, wurde ich aufgefordert,
sogleich teilzunehmen, und indem ich mich fgte und unter die lachenden Reihen
mischte, ersah ich pltzlich die errtende Anna, welche sich hinter denselben
versteckt hatte. Da war ich sehr zufrieden und innerlich hoch vergngt; aber
obgleich schon Wochen vergangen, seit ich sie zum ersten Male gesehen, lie ich
meine Zufriedenheit nicht merken und entfernte mich, nachdem ich sie kurz
begrt, wieder von ihr, und als meine Basen mich aufforderten, mit ihr, die
gleichfalls anfing, einen Tanz zu tun, suchte ich ungefllig und unter tausend
Ausflchten auszuweichen. Dieses half nichts; widerstrebend fgten wir uns
endlich und tanzten, einander nicht ansehend und uns kaum berhrend, etwas
ungeschickt und beschmt einmal durch den Saal. Ungeachtet es mir schien, als ob
ich einen jungen Engel an der Hand fhrte und im Paradiese herumwalzte, trennten
wir uns doch nach der Tour so schleunig wie Feuer und Wasser und waren in selbem
Augenblicke an den entgegengesetzten Enden des Saales zu sehen. Ich, der ich
kurz vorher unbefangen und mutwillig die Wangen der groen und schnen Judith
zwischen meine Hnde gepret, hatte jetzt gezittert, die schmale, fast wesenlose
Gestalt des Kindes zu umfangen, und dieselbe fahrenlassen wie ein glhendes
Eisen. Sie verbarg sich ihrerseits wieder hinter die frhlichen Mdchen und lie
sich sowenig mehr in die Reihen bringen als ich; hingegen bestrebte ich mich,
meine Worte an die Gesamtheit zu richten und so zu stellen, da sie von Anna
auch hingenommen werden muten, und bildete mir ein, sie meine es mit den
wenigen Wrtchen, die sie hren lie, ebenfalls so.
    Sie war, da sie mit den Tchtern meines Oheims einen lebhaften Taubenverkehr
fhrte, mit einem Krbchen voll junger Tubchen angekommen, was hauptschlich
das Heraufrufen des vorbeiziehenden Geigers veranlat hatte. Nun wurde
verabredet, da die Tanzbungen mehrere Male wiederholt werden sollten. Fr
jetzt aber war es notwendig, da es dunkel geworden, da jemand die Anna nach
Hause begleite, und dazu wurde ich ausersehen. Diese Kunde klang mir zwar wie
Musik; doch drngte ich mich nicht sonderlich vor; denn es erwachte ein Stolz in
mir, der es mir fast unmglich machte, gegen das junge Ding freundlich zu tun,
und je lieber ich es in meinem Herzen gewann, desto mrrischer und unbeholfener
wurde mein ueres. Das Mdchen aber blieb immer gleich, ruhig, bescheiden und
fein und band gelassen seinen breiten Strohhut um, auf welchem eine Rose lag;
der Nachtkhle wegen brachte die Muhme einen prachtvollen weien Staatsshawl aus
alter Zeit, mit Astern und Rosen beset, den man um ihr blaues, halb lndliches
Kleid schlug, da sie mit ihren Goldhaaren und dem feinen Gesichtchen aussah wie
eine junge Englnderin aus den neunziger Jahren. So wandte sie sich nun
anscheinend ganz ruhig zum Gehen, gewrtig, wer sie begleiten wrde, aber sich
deswegen nicht unentschlossen aufhaltend. Sie lchelte, durch den Mutwillen der
Basen belebt und gedeckt, ber meine Ungeschicklichkeit, ohne sich nach mir
umzublicken, und vermehrte so meine Verlegenheit, da ich gegenber den
zusammenhaltenden und verschworenen Mdchen allein dastand und fast willens war,
im Saale zurckzubleiben. Doch erbarmte sich die lteste Base meiner und rief
mich noch einmal entschieden heran, so da es mit meiner Ehre vertrglich war,
mich wenigstens dem Zuge anzuschlieen, der sich vor das Haus bewegte. Wir
gingen gemeinschaftlich bis an das Ende des Dorfes, wo der Berg anhub, ber
welchen Anna zu gehen hatte. Dort wurde Abschied genommen; ich stand im
Hintergrunde und sah, wie sie ihr Tuch zusammenfate und sagte: Ach, wer will
nun eigentlich mit mir kommen? indessen die Mdchen schalten und sagten: Nun,
wenn der Herr Maler so unartig ist, so mu eben jemand anders dich begleiten!
und ein Bruder rief: Ei, wenn es sein mu, so gehe ich schon mit, obgleich der
Maler ganz recht hat, da er nicht den Jungfernknecht spielt, wie ihr es immer
gern einfhren mchtet! Ich trat aber hervor und sagte barsch: Ich habe gar
nicht behauptet, da ich es nicht tun wolle, und wenn es der Anna recht ist, so
begleite ich sie schon. - Warum sollte es mir nicht recht sein? erwiderte
sie, und ich schickte mich an, neben ihr herzugehen. Allein die brigen riefen,
ich mte sie durchaus am Arme fhren, da wir so feine Stadtleutchen seien; ich
glaubte dies und schob meinen Arm in den ihrigen, sie zog ihn rasch zurck und
fate mich unter den Arm, sanft, aber entschieden, indem sie lchelnd nach dem
spottenden Volke zurcksah; ich merkte meinen Fehler und schmte mich
dergestalt, da ich, ohne zu sprechen, den Berg hinanstrmte und das arme Kind
mir beinahe nicht folgen konnte. Sie lie sich dies nicht ansehen, sondern
schritt tapfer aus, und sobald wir allein waren, fing sie ganz gelufig und
sicher an zu plaudern ber die Wege, welche sie mir zeigen mute, ber das Feld,
ber den Wald, wem diese und jene Parzelle gehre und wie es hier und dort vor
wenigen Jahren noch gewesen sei. Ich wute wenig zu erwidern, whrend ich
aufmerksam zuhrte und jedes Wort wie einen Tropfen Muskatwein verschlang; meine
Eile hatte schon nachgelassen, als wir die Hhe des Berges erreichten und auf
seiner Ebene gemchlich dahingingen. Der funkelnde Sternhimmel hing weit
gebreitet ber dem Lande, und doch war es dunkel auf dem Berge, und die
Dunkelheit band uns nher zusammen, da wir, unsere Gesichter kaum sehend,
einander auch besser zu hren glaubten, wenn wir uns fest zusammenhielten. Das
Wasser rauschte vertraulich im fernen Tale, hier und da sahen wir ein mattes
Licht auf der dunklen Erde glimmen, welche sich massenhaft mit ihrem schwarzen
Schatten vom Himmel sonderte, der sie am Rande mit einem blassen Dmmergrtel
umgab. Ich beachtete dieses alles, lauschte den Worten meiner Begleiterin und
bedachte zugleich fr mich meine Freude und meinen Stolz, eine Geliebte am Arme
zu fhren, als welche ich sie ein fr allemal betrachtete. Wir sprachen nun ganz
munter und aufgerumt von tausend Dingen, von gar nichts, dann wieder mit
wichtigen Worten von unseren gemeinsamen Verwandten und ihren Verhltnissen, wie
alte kluge Leute. Je nher wir ihrer Wohnung kamen, deren Licht bereits in der
Tiefe glhte wie ein Leuchtwurm, desto sicherer und lauter wurde Anna; ihre
Stimme klingelte unaufhrlich und fein, gleich einem fernen Vesperglckchen; ich
setzte ihren artigen Einfllen die besten meiner eigenen Erfindung entgegen, und
doch hatten wir uns den ganzen Abend noch nie unmittelbar angeredet, und das Du
war seit jenem einen Male nie mehr zwischen uns gefallen. Wir hteten es,
wenigstens ich, im Herzen gleich einem goldenen Sparpfennige, den man auszugeben
gar nicht ntig hat; oder es schwebte wie ein Stern weit vor uns in neutraler
Mitte, nach welchem sich unsere Reden und Beziehungen richteten und sich dort
vereinigten wie zwei Linien in einem Punkte, ohne sich vorher unzart zu
berhren. Erst als wir in der Stube waren und ihren sie erwartenden Vater
begrt hatten, nannte sie, die Ereignisse des Abends froh erzhlend, beilufig
ganz unbefangen meinen Namen, sooft es erforderlich war, und nahm, unter dem
Schutze ihres Vaterhauses, wo sie sich geborgen fhlte wie eine Taube im Neste,
unbesehens das Wrtchen Du hervor und warf es unbekmmert hin, da ich es nur
aufzunehmen und ebenso arglos zurckzugeben brauchte. Der Schulmeister machte
mir Vorwrfe ber mein langes Ausbleiben, und um sicher zu gehen, forderte er
mich zu dem Versprechen auf, gleich am nchsten Morgen frh zu kommen und den
ganzen Tag an seinem See zuzubringen. Anna bergab mir den Shawl, den ich wieder
zurcktragen sollte; dann leuchtete sie mir vor das Haus und sagte adieu mit
jenem angenehmen Tone, der ein anderer ist nach einer stillschweigend
geschlossenen Freundschaft als vorher. Kaum war ich aus dem Bereiche des Hauses,
so schlug ich das blumige weiche Tuch, das mir eine Wolke des Himmels zu sein
dnkte, um Kopf und Schultern und tanzte darin wie ein Besessener ber den
nchtlichen Berg. Als ich auf seiner Hhe war unter den Sternen, schlug es unten
im Dorfe Mitternacht; die Stille war nun nah und fern so tief geworden, da sie
in ein geisterhaftes Getse berzugehen schien, und nur wenn sich diese
Tuschung zerstreute und man gesammelt horchte, rauschte und zog unten der Flu.
Ein seliger Schauer schien, als ich einen Augenblick stand wie festgebannt,
rings vom Gesichtskreise heranzuzittern an den Berg, in immer engeren Zirkeln
bis dicht an mein Herz. Ich entledigte mich andchtig meiner nrrischen
Umhllung, legte sie zusammen, stieg trumend den Abhang hinunter und fand den
Weg nach Hause, ohne auf ihn achtzugeben.

                                Drittes Kapitel



                                 Bohnenromanze

Am nchsten Morgen legte ich denselben Weg, der von Tau und Sonne funkelte und
blitzte, mit meinem Gerte beladen, zurck und sah bald den See unter dem
Morgendufte hervor leuchten. Haus und Garten waren vom jungen Tag bergoldet und
warfen ihr kristallenes Gegenbild in die Flut; zwischen den Beeten bewegte sich
eine blaue Gestalt, so fern und klein wie in einem Nrnberger Spielzeuge; das
Bild verschwand wieder hinter den Bumen, um bald desto grer und nher
hervorzutreten und mich in seinen Rahmen mit aufzunehmen. Schulmeisters hatten
mit dem Frhstcke auf mich gewartet; ich war sehr elustig geworden durch den
weiten Weg und sah mich daher mit groer Zufriedenheit hinter dem Tische,
whrend Anna die Tugenden eines Hausmtterchens aufs lieblichste spielen lie
und sich endlich neben mich setzte und so zierlich und mig an dem Essen nippte
wie eine Elfe und als ob sie keine irdischen Bedrfnisse htte. Ich sah sie
indessen kaum eine Stunde nachher mit einem mchtigen Stck Brot in der Hand
und, mir auch ein solches bringend, unbefangen und tchtig dreinbeien mit ihren
kleinen weien Zhnen, und dies begierige Essen im Gehen und Plaudern stand ihr
ebenso wohl an wie vorher der bescheidene Anstand am Tische.
    Nach dem Frhstcke war der Vater mit der alten Magd in seinen Weinberg
gestiegen, um von den reifenden Trauben das Laub zu brechen, welches den
Sonnenstrahlen den Zugang versperrte. Die Besorgung des Weinberges war, nebst
dem Schlagen und Kleinmachen des Holzes, seine Hauptarbeit in seinem
beschaulichen Leben. Ich aber sah mich nach einem Gegenstande meiner Ttigkeit
um. Anna hatte eine mchtige Wanne voll grner Bohnen der Schwnzchen zu
entledigen und an lange Fden zu reihen, um sie zum Drren vorzubereiten. Damit
ich in ihrer Nhe bleiben konnte, gab ich vor, ich mte nun zur Abwechslung
einmal Blumen nach der Natur malen, und bat sie, mir einen Strau derselben zu
brechen. Der Zusammenstellung wegen begleitete ich sie in den Garten, und nach
einer guten halben Stunde hatten wir endlich eine hbsche Menge beisammen und
setzten sie in ein altmodisches Prunkglas und dieses auf einen Tisch, der in
einer Weinlaube hinter dem Hause stand; Anna schttete ihre Bohnen rings darum
her, und wir setzten uns einander gegenber, bis zur Mittagsstunde arbeitend und
von unseren beiderseitigen Lebenslufen erzhlend. Ich war nun ganz erwrmt und
heimisch geworden und begann bald mit der berlegenheit eines Bruders dem guten
Kinde mit wichtigen Urteilen, eingestreuten Bemerkungen und Belehrungen zu
imponieren, indessen ich meine Blumen mit verwegenen bunten Farben anlegte und
sie mir erstaunt und vergngt zuschaute, ber den Tisch gebeugt und ein Bschel
Bohnen in der einen, das kleine Taschenmesserchen in der anderen Hand. Ich
brachte den Strau in natrlicher Gre auf einen Bogen und gedachte damit ein
rechtes Prunkstck im Hause zurckzulassen. Inzwischen kam die Magd vom Berge
und forderte meine Gespielin auf, ihr zum Bereiten des Essens behilflich zu
sein. Diese kurze Trennung, dann das Wiedersehen am Tische, die Ruhestunde nach
demselben, das Billigen meiner vorgeschrittenen Arbeit von seiten des
Schulmeisters, gewrzt mit weisen Sprchen, und endlich die Aussicht auf ein
abermaliges Zusammensein bis zum Abend in der Laube veranlaten ebenso viele
angenehme Bewegungen und Zwischenspiele. Anna schien auch meines Sinnes zu sein,
da sie eben wieder einen ansehnlichen Haufen Bohnen auf den Tisch schttete,
welcher bis zum Abend auszureichen schien. Allein die Haushlterin erschien
pltzlich und erklrte, da Anna mit in den Weinberg mte, damit man heute mit
demselben noch fertig wrde und eines kleinen berbleibsels wegen nicht am
andern Tage hinzugehen brauche. Diese Erklrung betrbte mich, und ich ward sehr
rgerlich ber die alte Frau; Anna hingegen brach sogleich willig und freundlich
auf und bezeigte weder Freude noch Verdru ber die nderung ihres Planes. Die
Alte, als sie mich bleiben sah, sagte, ob ich nicht auch mitkomme, ich werde
doch nicht allein hiersein wollen und es sei recht schn im Weinberge. Allein
ich war nun schon zu tief betrbt und unwillig und erklrte, ich mte meine
Zeichnung zu Ende fhren. Bald sa ich allein in der einsamen Gegend und der
Nachmittagsstille und fhlte mich nun doch wieder zufrieden. Auch kam dieses
Alleinsein meinem Machwerke zu gut, indem ich mir mehr Mhe gab, die natrlichen
Blumen vor mir wirklich zu benutzen und an ihnen zu lernen, whrend ich am
Vormittage mehr nach meiner frheren Kindermanier drauflosgepinselt hatte. Ich
mischte die Farben genauer und verfuhr reinlicher und aufmerksamer mit den
Formen und Schattierungen, und dadurch entstand ein Bild, welches an der Wand
unschuldiger Landbewohner etwas vorstellen konnte.
    Darber verflo die Zeit schnell und leicht und brachte den Abend, indessen
ich mit Liebe die Zeichnung nach meiner Einsicht vervollkommnete und berall ein
Blatt oder einen Stiel ausbesserte und einen Schatten verstrkte. Die Neigung
fr das Mdchen lehrte mich dies gewissenhafte Fertigmachen und Durchgehen der
Arbeit, welches ich bis dahin noch nicht gekannt; und als ich gar nichts mehr
anzubringen sah schrieb ich in eine Ecke des Blattes Heinrich Lee fecit und
unter den Strau mit gotischer Schrift den Namen der knftigen Eigentmerin.
    Der Weinberg mute inzwischen noch ein groes Stck Arbeit gegeben haben,
denn schon schwebte die Sonne dicht ber dem Waldrande und warf ein
feuerfarbenes Band ber das dunkelnde Gewsser her, und noch hrte ich nichts
von meinen Gastfreunden Ich setzte mich auf die Stufen vor dem Hause; die Sonne
ging hinab und lie eine tiefe Goldglut zurck, welche auf alles einen Nachglanz
verbreitete und das Bild auf meinen Knien wunderbar verklrte und etwas Rechtem
gleichsehen lie. Da ich sehr frh aufgestanden war und in diesem Augenblicke
auch sonst nichts Besseres zu tun wute, schlief ich allmhlich ein, und als ich
erwachte, standen die Zurckgekehrten in der vorgerckten Dmmerung bei mir und
am dunkelblauen Himmel wieder die Sterne. Meine Malerei wurde nun in der Stube
bei Licht besehen, die Magd schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen und hatte
noch nie etwas hnliches erblickt; der Schulmeister fand mein Werk gut und
belobte meine Artigkeit gegen sein Tchterchen mit schnen Worten und freute
sich darber; Anna lchelte vergngt auf das Geschenk, wagte aber nicht, es
anzurhren, sondern lie es auf dem flachen Tische liegen und guckte nur hinter
den anderen hervor darber hin. Wir nahmen nun das Nachtmahl ein, nach welchem
ich aufbrechen wollte; aber der Schulmeister verhinderte mich daran und gab
Befehl, mir ein Lager zu bereiten, da ich mich auf dem dunklen Berge unfehlbar
verirren wrde. Obgleich ich einwandte, da ich den nchtlichen Weg ja schon
einmal zurckgelegt htte, lie ich mich doch leicht bereden, aus bloer
Freundschaft dazubleiben, worauf wir in den kleinen Saal mit der Orgel gingen.
Der Schulmeister spielte, und Anna und ich sangen dazu einige Abendlieder und
der Magd zu Gefallen, welche gern mitsang, einen Psalm, den sie mit heller
Stimme beherrschte. Dann ging der Alte zu Bette. Doch jetzt begann erst die
Herrschaft der alten Katherine, welche unten in der Stube einen ungeheuren
Vorrat von Bohnen aufgetrmt hatte, welche heute nacht noch smtlich bearbeitet
werden sollten. Denn da sie nachts nicht viel schlafen konnte, beharrte sie
hartnckig auf der lndlichen Sitte, dergleichen Dinge bis tief in die Nacht
hinein vorzunehmen. So saen wir bis um ein Uhr um den grnen Bohnenberg herum
und trugen ihn allmhlich ab, indem jedes einen tiefen Schacht vor sich
hineingrub und die Alte den ganzen Vorrat ihrer Sagen und Schwnke
heraufbeschwor und uns beide in wacher Munterkeit erhielt. Anna, welche mir
gegenbersa, baute ihren Hohlweg in die Bohnen hinein mit vieler Kunst, eine
Bohne nach der anderen herausnehmend, und grub unvermerkt einen unterirdischen
Stollen, so da pltzlich ihr kleines Hndchen in meiner Hhle zutage trat als
ein Bergmnnchen und von meinen Bohnen wegschleppte in die grauliche Finsternis
hinein. Katherine belehrte mich, da Anna der Sitte gem verpflichtet sei, mich
zu kssen, wenn ich ihre Finger erwischen knne, jedoch drfe der Berg darber
nicht zusammenfallen, und ich legte mich deshalb auf die Lauer. Nun grub sie
sich noch verschiedene Wege und begann mich auf die listigste Weise zu necken;
die Hand in der Tiefe des Bohnengebirges versteckt, sah sie mich ber dasselbe
her mit ihren blauen Augen neckisch an, indessen sie hier eine Fingerspitze
hervorgucken lie, dort die Bohnen bewegte wie ein unsichtbarer Maulwurf, dann
pltzlich mit der ganzen Hand hervorscho und wieder zurckschlpfte wie ein
Muschen ins Loch, ohne da es mir je gelang, sie zu haschen. Sie trieb es so
weit, mir immer auf die Augen sehend, da sie pltzlich eine Bohne, die ich eben
ergreifen wollte, meinen Fingern entzog, ohne da ich wute, wo dieselbe
hingekommen. Katherine bog sich zu mir herber und flsterte mir ins Ohr: Lat
sie nur machen; wenn ihr der Bau endlich zusammenbricht ber den vielen Lchern,
so mu sie Euch auf jeden Fall kssen! Anna wute jedoch sogleich, was die Alte
zu mir sagte; sie sprang auf, tanzte dreimal um sich selbst herum, klatschte in
die Hnde und rief: Er bricht nicht, er bricht nicht, er bricht nicht! Beim
dritten Male gab Katherine mit ihrem Fue dem Tische schnell einen Sto, und der
unterhhlte Berg strzte jammervoll zusammen. Gilt nicht, gilt nicht! rief
Anna so laut und sprang so ausgelassen im Zimmer umher, wie man es gar nicht
hinter ihr vermutet htte. Ihr habt an den Tisch gestoen, ich hab es wohl
gesehen!
    Es ist nicht wahr, behauptete Katherine, Heinrich bekommt einen Ku von
dir, du Hexe!
    Ei, schme dich doch, so zu lgen, Katherine, sagte das verlegene Kind,
und die unerbittliche Magd erwiderte: Sei dem, wie ihm wolle, der Berg ist
gefallen, ehe du dich dreimal gedreht hast, und du bist dem Herrn Heinrich einen
Ku schuldig!
    Den will ich auch schuldig bleiben, rief sie lachend, und ich, selbst
froh, der feierlichen Zeremonie entflohen zu sein und doch die Sache zu meinem
Vorteile lenkend, sagte: Gut, so versprich mir, da du mir immer und jederzeit
einen Ku schuldig sein willst!
    Ja, das will ich! rief sie und schlug leichtsinnig und mutwillig auf meine
dargebotene Hand, da es schallte. Sie war jetzt berhaupt so lebendig, laut und
beweglich wie Quecksilber und schien ein ganz anderes Wesen zu sein als am Tage.
Die Mitternacht schien sie zu verwandeln, ihr Gesichtchen war ganz gertet, und
ihre Augen glnzten vor Freude. Sie tanzte um die unbehilfliche Katherine herum,
neckte sie und wurde von ihr verfolgt, es entstand eine Jagd in der Stube umher,
in welche ich auch verwickelt wurde. Die alte Katherine verlor einen Schuh und
zog sich keuchend zurck, aber Anna ward immer wilder und behender. Endlich
haschte ich sie und hielt sie fest, sie legte ohne weiteres ihre Arme um meinen
Hals, nherte ihren Mund dem meinigen und sagte leise, vom hastigen Atmen
unterbrochen:

Es wohnt ein weies Muschen
Im grnen Bergeshaus;
Der Berg, der will zerfallen,
Das Muslein flieht daraus;

worauf ich in gleicher Weise fortfuhr:

Man hat es noch gefangen,
Am Fchen angebunden
Und um die Vorderttzchen
Ein rotes Band gewunden;

dann sagten wir beide im gleichen Rhythmus und indem wir uns geruhig hin und her
wiegten:

Es zappelte und schrie
Was hab ich denn verbrochen?
Da hat man ihm ins Herzlein
Ein' goldnen Pfeil gestochen.

Und als das Liedchen zu Ende war, lagen unsere Lippen dicht aufeinander, aber
ohne sich zu regen; wir kten uns nicht und dachten gar nicht daran, nur unser
Hauch vermischte sich auf der neuen, noch ungebrauchten Brcke, und das Herz
blieb froh und ruhig.
    Am andern Morgen war Anna wieder wie gewhnlich, still und freundlich; der
Schulmeister begehrte die Zeichnung bei Tage zu besehen, und da ergab es sich,
da sie von Anna schon in den unzugnglichsten Gelassen ihres Kmmerchens
verwahrt und begraben worden. Sie mute dieselbe aber wieder hervorholen, was
sie ungern tat; der Vater nahm einen Rahmen von der Wand, in welchem eine
vergilbte und verdorbene Gedchtnistafel der Teuerung von 1817 hing, nahm sie
heraus und steckte den frischen bunten Bogen hinter das Glas. Es ist endlich
Zeit, da wir dies traurige Denkmal von der Wand nehmen, sagte er, da es
selber nicht lnger vorhalten will. Wir wollen es zu anderen verschollenen und
verborgenen Denkzeichen legen und dafr dieses blhende Bild des Lebens
aufpflanzen, das uns unser junger Freund geschaffen. Da er dir die Ehre erwiesen
hat, liebes nnchen, deinen Namen unter die Blumen zu setzen, so mag die Tafel
zugleich deine Ehren-und Denktafel in unserm Hause sein und ein Vorbild, immer
heiter, mit geschmckter Seele und schuldlos zu leben wie diese zierlichen und
ehrbaren Werke Gottes!
    Nach Tisch machte ich mich endlich bereit zur Rckkehr; Anna erinnerte sich,
da heute wieder Tanzbung stattfinde, und erbat sich die Erlaubnis, gleich mit
mir gehen zu drfen. Zugleich verkndete sie, da sie bei ihren Basen
bernachten wrde, um nicht wieder so spt ber den Berg zu mssen. Wir whlten
den Weg lngs des Flchens, um im Schatten zu gehen; und da dieser Pfad fter
feucht war und von Wasserpflanzen und Gestruchen beengt, schrzte sie das
hellgrne, mit roten Punkten besetzte Kleid, nahm den Strohhut der berhngenden
Zweige wegen in die Hand und schritt neben mir her durch das Helldunkel, durch
welches die heimlich leuchtenden Wellen ber rosenrote, weie und blaue Steine
rieselten. Ihre Goldzpfe hingen tief ber den Nacken hinab, ihr Gesicht war von
einer weien Krause von eigener Erfindung eingefat, und dieselbe bedeckte noch
die jungen schmalen Schultern. Sie sagte nicht viel und schien sich ein wenig
der vergangenen Nacht zu schmen; berall, wo ich nichts gewahrte, sah sie spte
Blten und brach dieselben, da sie bald alle Hnde voll zu tragen hatte. An
einer Stelle, wo das Wasser sich in einer Erweiterung des Bettes sammelte und
stillestand, warf sie ihre smtliche Last zu Boden und sagte: Hier ruht man
aus! Wir setzten uns an den Rand des Teiches; Anna flocht einen Kranz aus den
kleinen vornehmen Waldblumen und setzte ihn auf. Nun sah sie ganz aus wie ein
holdseliges Mrchen; aus der Flut schaute ihr Bild lchelnd herauf, das wei und
rote Gesicht wie durch ein dunkles Glas fabelhaft berschattet. Aus der
gegenberliegenden Seite des Wassers, nur zwanzig Schritte von uns, stieg eine
Felswand empor, beinahe senkrecht und nur mit wenigem Gestruche behangen. Ihre
Steile verkndete, wie tief hier das kleine Gewsser sein msse, und ihre Hhe
betrug diejenige einer groen Kirche. An der Mitte derselben war eine Vertiefung
sichtbar, die in den Stein hineinging und zu welcher man durchaus keinen Zugang
entdeckte. Es sah aus wie ein recht breites Fenster an einem Turme. Anna
erzhlte, da diese Hhle die Heidenstube genannt wrde. Als das Christentum in
das Land drang, sagte sie, da muten sich die Heiden verbergen, welche nicht
getauft sein wollten. Eine ganze Haushaltung mit vielen Kindern flchtete sich
in das Loch dort oben, man wei gar nicht auf welche Weise. Und man konnte nicht
zu ihnen gelangen, aber sie fanden den Weg auch nicht mehr heraus. Sie hausten
und kochten eine Zeitlang, und ein Kindlein nach dem andern fiel ber die Wand
herunter ins Wasser hier und ertrank. Zuletzt waren nur noch Vater und Mutter
brig und hatten nichts mehr zu essen und nichts zu trinken und zeigten sich als
zwei Jammergerippe am Eingange und starrten auf das Grab ihrer Kinder, zuletzt
fielen sie vor Schwche auch herunter, und die ganze Familie liegt in diesem
tiefen, tiefen Wasser; denn hier geht es so weit hinunter, als der Stein hoch
ist!
    Wir schauten, im Schatten sitzend, in die Hhe, wo der obere Teil des grauen
Felsens im Sonnenscheine glnzte und die seltsame Vertiefung erhellt war. Wie
wir so hinschauten, sahen wir einen blauen glnzenden Rauch aus der Heidenstube
dringen und lngs der Wand hinsteigen, und wie wir lnger hinstarrten, sahen wir
ein fremdartiges Weib, lang und hager, in der webenden Rauchwolke stehen,
herabblicken aus hohlen Augen und wieder verschwinden. Sprachlos sahen wir hin,
Anna schmiegte sich dicht an mich, und ich legte meinen Arm um sie; wir waren
erschreckt und doch glcklich, und das Bild der Hhle schwamm verwirrt und
verwischt vor unseren emporgerichteten Augen, und als es wieder klar wurde,
standen ein Mann und ein Weib in der Hhe und schauten auf uns herab. Eine ganze
Reihe von Knaben und Mdchen, halb oder ganz nackt, sa unter dem Loche und hing
die Beine ber die Wand herunter. Alle Augen starrten nach uns, sie lchelten
schmerzlich und streckten die Hnde nach uns aus, wie wenn sie uns um etwas
flehten. Es ward uns bange, wir standen eilig auf, Anna flsterte, indem sie
perlende Trnen vergo: Oh, die armen, armen Heidenleute! Denn sie glaubte
fest, die Geister derselben zu sehen, besonders da manche glaubten, da kein Weg
zu jener Stelle fhre. Wir wollen ihnen etwas opfern, sagte das Mdchen leise
zu mir, damit sie unser Mitleid gewahr werden! Sie zog eine Mnze aus ihrem
Beutelchen, ich ahmte ihr nach, und wir legten unsere Spende auf einen Stein,
der am Ufer lag. Noch einmal sahen wir hinauf, wo die seltsame Erscheinung uns
fortwhrend beobachtete und mit dankenden Gebrden nachschaute.
    Als wir im Dorfe anlangten, hie es, man habe eine Bande Heimatloser in der
Gegend gesehen und man wrde dieselben nchster Tage aufsuchen, um sie ber die
Grenze zu bringen. Anna und ich konnten uns nun die Erscheinung erklren; es
mute doch ein geheimer Weg dorthin fhren, welcher nur unter dem unglcklichen
Volke, das solche Schlupfwinkel braucht, bekannt sein mochte. Wir gaben uns in
einem einsamen Winkel feierlich das Wort, den Aufenthalt der Armen nicht zu
verraten, und hatten nun ein wichtiges Geheimnis zusammen.

                                Viertes Kapitel



                                   Totentanz

So lebten wir, unbefangen und glcklich, manche Tage dahin; bald ging ich ber
den Berg, bald kam Anna zu uns, und unsere Freundschaft galt schon fr eine
ausgemachte Sache, an der niemand ein Arges fand, und ich war am Ende der
einzige, welcher heimlich ihr den Namen Liebe gab, weil mir einmal alles sich
zum Romane gestaltete.
    Um diese Zeit erkrankte meine Gromutter, nach und nach, doch immer
ernstlicher, und nach wenigen Wochen sah man, da sie sterben wrde. Sie hatte
genug gelebt und war mde; solange sie noch bei guten Sinnen war, sah sie gern,
wenn ich eine Stunde oder zwei an ihrem Bette verweilte, und ich fgte mich
willig dieser Pflicht, obgleich der Anblick ihres Leidens und der Aufenthalt in
der Krankenstube mich ungewohnt und trbselig dnkten. Als sie aber in das
eigentliche Sterben kam, welches mehrere Tage dauerte, wurde mir diese Pflicht
zu einer ernsten und strengen bung. Ich hatte noch nie jemanden sterben sehen
und sah nun die bewutlose oder wenigstens so scheinende Greisin mehrere Tage
rchelnd im Todeskampfe liegen, denn ihr Lebensfunke mochte fast nicht
erlschen. Die Sitte verlangte, da immer mindestens drei Personen in dem
Gemache sich aufhielten, um abwechselnd zu beten und den fremden Besuchern,
welche unablssig eintraten, die Ehren zu erweisen und Nachricht zu geben. Nun
hatten aber die Leute, bei dem goldenen Wetter, gerade viel zu arbeiten, und
ich, der ich nichts versumte und gelufig las, war ihnen daher willkommen und
wurde den grten Teil des Tages am Todesbette festgehalten. Auf einem Schemel
sitzend, ein Buch auf den Knien, mute ich mit vernehmlicher Stimme Gebete,
Psalmen und Sterbelieder lesen und erwarb mir zwar durch meine Ausdauer die
Gunst der Frauen, wofr ich aber den schnen Sonnenschein nur von ferne und den
Tod bestndig in der Nhe betrachten durfte.
    Ich konnte mich gar nicht mehr nach Anna umsehen, obschon sie mein sester
Trost in meiner asketischen Lage war; da erschien sie, schchtern und
manierlich, unversehens auf der Schwelle der Krankenstube, um die ihr sehr
entfernt Verwandte zu besuchen. Das junge Mdchen war beliebt und geehrt unter
den Buerinnen und daher jetzt willkommen geheien, und als sie sich, nach
einigem stillen Aufenthalte, anbot, mich im Gebete abzulsen, wurde ihr dies
gern gestattet, und so blieb sie die noch brige Sterbenszeit an meiner Seite
und sah mit mir die ringende Flamme verlschen. Wir sprachen selten miteinander;
nur wenn wir uns die geistlichen Bcher bergaben, flsterten wir einige Worte,
oder wenn wir beide frei waren, ruhten wir behaglich nebeneinander aus und
neckten uns im stillen, da die Jugend einmal ihr Recht geltend machte. Als der
Tod eingetreten und die Frauen laut schluchzten, da zerflo auch Anna in Trnen
und konnte sich nicht zufriedengeben, da sie doch der Todesfall weniger berhrte
als mich, der ich als Enkel der Toten, obgleich ernst und nachdenklich,
trockenen Auges blieb. Ich wurde besorgt fr das arme Kind, welches immer
heftiger weinte, und fhlte mich sehr niedergeschlagen und betreten. Ich fhrte
sie in den Garten, streichelte ihr die Wangen und bat sie instndigst, doch
nicht so sehr zu weinen. Da erheiterte sich ihr Gesicht, wie die Sonne durch
Regen, sie trocknete die Augen und sah mich urpltzlich lchelnd an.
    Wir genossen nun wieder freie Tage, und ich begleitete Anna zur Erholung
sogleich nach Hause, um dort zu weilen bis zum Leichenbegngnis. Ich blieb die
Zeit ber ziemlich ernst, da der ganze Verlauf mich angegriffen und mir berdies
die Gromutter sehr lieb und verehrungswrdig gewesen, ungeachtet ich sie seit
kurzem kannte. Diese Stimmung war nun wiederum meiner Freundin unbehaglich, und
sie suchte mich mit tausend Listen aufzuheitern und glich hierin den brigen
Frauen, welche alle wieder plaudernd und schwatzend vor ihren Husern standen.
    Der Mann der toten Gromutter tat nun, whrend er sich bequem fhlte, als ob
er sehr viel verloren und seine Frau im Leben wertgehalten htte. Er ordnete
eine pomphafte Leichenfeier an, woran ber sechzig Personen teilnehmen sollten,
und lie es an nichts fehlen, alle alten Gebruche in ihrem vollen Umfange zu
beobachten.
    Am bezeichneten Tage begab ich mich mit dem Schulmeister und mit Anna auf
den Weg; er trug einen feierlichen schwarzen Frack mit sehr breiten Schen und
eine gestickte weie Halsbinde, Anna ebenfalls ihr schwarzes Kirchengewand und
eine ihrer eigentmlichen Krausen, worin sie aussah wie eine Art Stiftsfrulein.
Den Strohhut hingegen lie sie zu Hause und trug ihre Haare besonders kunstreich
geflochten, dazu durchdrang sie heut eine tiefe Frmmigkeit und Andacht, sie war
still und ihre Bewegungen voll Sitte, und dieses alles lie sie in meinen Augen
in neuem, unendlichem Reize erscheinen. In meine traurig festliche Stimmung
mischte sich ein ser Stolz, mit diesem liebenswrdigen und seltenen Wesen so
vertraut zu sein, und zu diesem Stolze gesellte sich eine innige Verehrung, da
ich meine Bewegungen ebenfalls ma und zurckhielt und mit eigentlicher
Ehrerbietung neben ihr herging und ihr dienstbar war, wo es der unebene Weg
erforderte.
    Wir machten vorerst im Hause meines Oheims halt, dessen Familie schon
gerstet war und sich, als die Totenglocke lutete, uns anschlo. Im Sterbehause
wurde ich von meinen smtlichen Begleitern getrennt, da meine Stellung als Enkel
die Gegenwart unter den nchsten Leidtragenden mit sich brachte, und als der
jngste und unmittelbarste Nachkomme befand ich mich in meinem grnen Habit an
der Spitze der ganzen Trauergesellschaft und war den umstndlichen und
langwierigen Zeremonien zuerst ausgesetzt. Die nhere Verwandtschaft war in der
gerumten groen Wohnstube versammelt und harrte auf das weibliche Geschlecht,
welches erscheinen sollte, um hier seine Beileidsbezeugungen abzustatten.
Nachdem wir eine geraume Weile stumm und aufrecht lngs den Wnden gestanden,
traten nach und nach viele bejahrte Buerinnen herein, in schwarzer Tracht,
fingen bei mir an, eine um die andere, indem sie mir die Hand boten, ihren
Spruch sagten und zum nchsten fortschritten auf gleiche Weise. Diese Matronen
gingen grtenteils gebckt und zitternd und sprachen ihre Worte mit Rhrung als
alte Freundinnen und Bekannte der Seligen und als solche, welche die Nhe des
Todes doppelt empfanden. Sie sahen mich alle fest und bedeutungsvoll an, ich
mute jeder einzelnen danken und sie ebenfalls ansehen, was ich ohnehin getan
htte. Manchmal war eine noch hohe und kraftvolle alte Frau darunter, welche
aufrecht heranschritt und mit Seelenruhe auf mich sah; dann folgte aber gleich
wieder ein gebeugtes Mtterchen, welches an seinem eigenen Leiden dasjenige der
Geschiedenen zu kennen und zu schtzen schien. Doch wurden die Frauen immer
jnger, und in gleichem Verhltnisse mehrte sich die Zahl; die Stube war nun
vollstndig mit dunklen Gestalten angefllt, die sich herbeidrngten, Weiber von
vierzig und dreiig Jahren, voll Beweglichkeit und Neugierde, die verschiedenen
Leidenschaften und Eigentmlichkeiten waren kaum durch die gleichmachende
Trauerhaltung verschleiert. Der Andrang schien kein Ende nehmen zu wollen; denn
nicht nur das ganze Dorf, sondern auch viele Frauen aus der Umgegend waren
erschienen, weil die Verstorbene eines groen Ruhmes unter ihnen geno, der, zum
Teil verjhrt, jetzt noch einmal in vollem Glanze sich geltend machte. Endlich
wurden die Hnde gltter und weicher, das jngste Geschlecht zog vorber, und
ich war schon ganz mrbe und mde, als meine Basen herzutraten, mir aufmunternd
und freundlich die Hand reichten, und gleich hinter ihnen, wie ein Himmelsbote,
die allerliebste Anna, welche, bla und aufgeregt, mir flchtig das Hndchen
reichte und schimmernde Trnen darber fallen lie. Weil ich seltsamerweise gar
nicht an sie gedacht und auf sie gehofft hatte, schwebte sie mir jetzt um so
berraschender vorber.
    Zuletzt erschpfte sich doch die Frauenwelt, und wir traten vor das Haus, wo
eine unabsehbare Schar bedchtiger Mnner harrte, um mit uns, die wieder eine
Reihe bildeten, den gleichen Gebrauch vorzunehmen. Sie machten es zwar bedeutend
krzer und rascher als ihre Weiber, Tchter und Schwestern, allein dafr
gebrauchten sie ihre schwieligen harten Hnde wie Schmiedezangen und
Schraubstcke, und aus mancher Faust brauner Ackermnner glaubte ich meine Hand
nicht mehr heil zurckzuziehen.
    Endlich schwankte der Sarg vor uns her, die Weiber schluchzten, und die
Mnner sahen bedenklich und verlegen vor sich nieder; der Geistliche erschien
auch und machte seine Wrde geltend, und ohne viel zu wissen, wie es zugegangen,
sah ich mich endlich an der Spitze des langen Zuges auf dem Kirchhofe und dann
in die khle Kirche versetzt, welche von der Gemeinde ganz angefllt wurde. Ich
hrte nun mit Verwunderung und Aufmerksamkeit den ursprnglichen Familiennamen,
die Abstammung, das Alter, den Lebenslauf und das Lob der Gromutter von der
Kanzel verknden und stimmte von Herzen in das Vershnungs- und Ruhelied,
welches zum Schlusse gesungen wurde. Als ich aber die Schaufeln klingen hrte
vor der Kirchentr, drngte ich mich hinaus, um in das Grab zu schauen. Der
einfache Sarg lag schon darin, viele Menschen standen umher und weinten, die
Schollen fielen hart auf den Deckel und verbargen ihn allmhlich; ich sah
erstaunt hinein und kam mir fremd und verwundert vor, und die Tote in der Erde
erschien mir auch fremd, und ich fand keine Trnen. Erst als es mir durch den
Sinn fahr, da es die leibliche Mutter meines Vaters gewesen, und an meine
Mutter dachte, welche einst auch also in die Erde gelegt werde, da
vergegenwrtigte sich mir wieder mein Zusammenhang mit diesem Grabe und das
Wort: Ein Geschlecht vergeht und das andere entsteht!
    Der eingeladene Teil der Versammlung begab sich nun wie der nach dem
Trauerhause, dessen Rume alle von den Vorrichtungen des Leichenmahles belebt
waren. Als man zu Tische sa, versetzte mich die Sitte wieder an die Seite des
finstern Witwers, wo ich zwei volle Stunden aushalten mute, ohne mit jemandem
sprechen zu knnen, solange die erste herkmmliche Essenszeit mit allen ihren
unvermeidlichen Gerichten dauerte. Ich sah die lange Tafel hinunter und suchte
den Schulmeister und sein Kind, welche auch anwesend waren; sie muten aber im
anstoenden Zimmer sein, denn ich fand sie nicht.
    Anfnglich wurde mig und bedchtig gesprochen und die Speisen in groer
Ehrbarkeit eingenommen. Die Bauern saen aufrecht an ihre Sthle oder an die
Wand gelehnt, in betrchtlichem Abstand vom Tische, und stachen die
Fleischbissen mit feierlich ausgestrecktem Arme an, die Gabel am uersten Ende
haltend. So fhrten sie ihre Beute auf dem weitesten Wege zum Munde und tranken
den Wein in kleinen, zchtigen, aber hufigen Zgen. Die Aufwrterinnen trugen
die breiten Zinnschsseln in erhobenen Hnden in der Hhe ihres Gesichtes heran,
mit gemessenem Paradeschritt, die Hften gewaltig hin und her wiegend. Wo sie
die Tracht auf den Tisch setzten, muten die beiden Zunchstsitzenden einen
Wettstreit beginnen, indem sie ihnen ihre Glser zum Trinken boten und jeder
wenigstens zwei gute Witze flsterte; dieser kleine Kampf wurde dann dadurch
geschlichtet, da die Aufwrterin aus jedem Glase nippte und mehr oder weniger
zufrieden mit der Ausfhrung dieser Etikette sich zurckzog.
    Nach Verflu zweier langen Stunden nherten sich die Roheren unter den
Gsten immer mehr dem Tische, legten die Arme darauf und begannen nun erst ein
fleiiges Essen, wozu sie den Wein in tiefen Zgen schluckten. Die Gesetzteren
aber wurden lauter im Gesprche, rckten ihre Sthle mehr zusammen und lieen
die Unterhaltung allmhlich in eine mige Frhlichkeit bergehen. Diese war
wohl zu unterscheiden von einer gewhnlichen lustigen Stimmung und eine
symbolische Absicht, welche eine heitere Ergebung in den Lauf der Dinge und das
Recht des Lebens gegen den Tod bedeuten sollte.
    Ich fand nun endlich Raum, meinen Platz zu verlassen und umherzugehen. Im
nchsten Zimmer fand ich an einer kleineren Tafel Anna neben ihrem Vater sitzen,
welcher im Kreise einiger Klugen und Frommen die weise und frhliche Ergebung in
das Unvermeidliche mit ausgezeichneter Kunst bte. Er machte einigen bejahrten
Frauen den Hof und wute jeder noch zu sagen, was sie vor dreiig Jahren gern
gehrt; dafr schmeichelten sie der kleinen Anna, lobten ihre Manieren und
priesen den Alten glcklich. Zu dieser Gruppe setzte ich mich und horchte neben
Anna auf die beschaulichen Reden der Alten. Dabei hielten wir zwei, denen nun
erst vergnglich zu Mute wurde, noch eine kleine Mahlzeit aus der gleichen
Schssel und tranken zusammen ein Glas Wein.
    Auf einmal fing es ber unseren Kpfen an zu brummen und zu pfeifen. Geige,
Ba und Klarinette wurden angestimmt, und ein Waldhorn erging sich in schwlen
Tnen. Whrend der rstige Teil der Versammlung aufbrach und nach dem gerumigen
Boden hinaufstieg, sagte der Schulmeister: So mu es also doch getanzt sein?
Ich glaubte, dieser Gebrauch wre endlich abgeschafft, und gewi ist dies Dorf
das einzige weit und breit, wo er noch manchmal gebt wird! Ich ehre das Alte,
aber alles, was so heit, ist doch nicht ehrwrdig und tauglich! Indessen mgt
ihr einmal zusehen, Kinder, damit ihr spter noch davon sagen knnt; denn
hoffentlich wird das Tanzen auf Leichenbegngnissen endlich doch verschwinden!
    Wir huschten sogleich hinaus, wo auf der Flur und der Treppe, die nach oben
fhrte, die Menge sich zu einem Zuge ordnete und paarte, denn ungepaart durfte
niemand hinaufgehen. Ich nahm daher Anna bei der Hand und stellte mich in die
Reihe, welche sich, von den Musikanten angefhrt, in Bewegung setzte. Man
spielte einen elendiglichen Trauermarsch, zog nach seinem Takte dreimal auf dem
Boden herum, der zum Tanzsaal umgewandelt war, und stellte sich dann in einen
groen Kreis. Hierauf traten sieben Paare in die Mitte und fhrten einen
schwerflligen alten Tanz auf von sieben Figuren mit schwierigen Sprngen,
Kniefllen und Verschlingungen, wozu schallend in die Hnde geklatscht wurde.
Nachdem dies Schauspiel seine gehrige Zeit gedauert hatte, erschien der Wirt,
ging einmal durch die Reihen, dankte den Gsten fr ihre Teilnahme an seinem
Leid und flsterte hier und dort einem jungen Burschen, da es alle sahen, in
die Ohren, er mchte sich die Trauer nicht allzusehr zu Herzen gehen und ihn in
seinem Schmerze jetzt nur allein und einsam lassen, er empfhle ihm vielmehr,
sich nun wieder des Lebens zu freuen. Hierauf schritt er wieder gesenkten
Hauptes von dannen und stieg die Treppe hinunter, als ob es direkt in den
Tartarus ginge. Die Musik aber ging pltzlich in einen lustigen Hopser ber, die
lteren zogen sich zurck, und die Jugend brauste jauchzend und stampfend ber
den drhnenden Boden hin. Anna und ich standen, noch immer Hand in Hand,
verwundert an einem Fenster und schauten dem dmonischen Wirbel zu. Auf der
Strae sahen wir die brige Jugend des Dorfes dem Geigenklange nachziehen; die
Mdchen stellten sich vor die Haustr, wurden von den Knaben heraufgeholt, und
wenn sie einen Tanz getan, hatten sie das Recht erworben, aus den Fenstern die
Burschen, die noch unten waren, heraufzurufen. Es wurde Wein gebracht und in
allerhand Dachwinkeln kleine Trinksttten hergestellt, und bald verschmolz alles
in einen rauschenden und tobenden Wirbel der Lust, welche sich in ihrem Lrm um
so sonderbarer ausnahm, als es Werktag war und das Feld weit herum in
gewhnlicher stiller Arbeit begriffen.
    Nachdem wir lange Zeit zugeschaut, fortgegangen und wiedergekommen waren,
sagte Anna errtend, sie mchte einmal probieren, ob sie in der groen Menge
tanzen knne. Dieses kam mir sehr gelegen, und wir drehten uns im selben
Augenblicke in den Kreisen eines Walzers dahin. Von nun an tanzten wir eine gute
Weile ununterbrochen, ohne mde zu werden, die Welt und uns selbst vergessend.
Wenn die Musik eine Pause machte, so standen wir nicht still, sondern setzten
unsern Weg durch die Menge fort in raschem Schritte und fingen mit dem ersten
Tone wieder zu tanzen an, wir mochten gerade gehen, wo es war.
    Mit dem ersten Tone der Abendglocke aber stand auf einmal der Tanz still
mitten in einem Walzer, die Paare lieen ihre Hnde fahren, die Mdchen wanden
sich aus den Armen der Tnzer, und alles eilte, sich ehrbar begrend, die
Treppe hinunter, setzte sich noch einmal hin, um Kaffee mit Kuchen zu genieen
und dann ruhig nach Hause zu gehen. Anna stand, mit glhendem Gesichte, noch
immer in meinem Arme, und ich schaute verblfft umher. Sie lchelte und zog mich
fort; wir fanden ihren Vater nicht mehr im Hause und gingen weg, ihn beim Oheim
aufzusuchen. Es war Dmmerung drauen, und die allerschnste Nacht brach an. Als
wir auf den Kirchhof kamen, lag das frische Grab einsam und schweigend, vom
aufgehenden goldenen Monde bestreift. Wir standen vor dem braunen, nach feuchter
Erde duftenden Hgel und hielten uns umfangen; zwei Nachtfalter flatterten durch
die Bsche, und Anna atmete erst jetzt schnell und stark. Wir gingen zwischen
den Grbern umher, fr dasjenige der Gromutter einen Strau zu sammeln, und
gerieten dabei, im tiefen Grase wandelnd, in die verworrenen Schatten der
ppigen Grabgestruche. Da und dort blinkte eine matte goldene Schrift aus dem
Dunkel oder leuchtete ein Stein. Wie wir so in der Nacht standen, flsterte ich
Anna, sie mchte mir jetzt etwas sagen, aber ich mte sie nicht auslachen und
es verschweigen. Ich fragte: Was? und sie sagte, sie wolle mir jetzt den Ku
geben, den sie mir von jenem Abend her schuldig sei. Ich hatte mich schon zu ihr
geneigt, und wir kten uns ebenso feierlich als ungeschickt.

                                Fnftes Kapitel



                 Beginn der Arbeit. Habersaat und seine Schule

Als Anna mit ihrem Vater noch spt sich verabschiedete, war ich in dem
Augenblicke nicht zugegen, und sie konnte mir daher nicht Lebewohl sagen.
Obgleich ich schmerzlich betroffen war, sie nicht mehr zu finden, berwog doch
mein junges Seelenglck; auf meiner Kammer lag ich noch eine volle Stunde unter
dem Fenster und sah die Gestirne ihren fernen Gang tun, und die Wellen unter mir
trugen das Mondensilber auf ihren klaren Schultern hastig und kichernd zu Tal,
als ob sie es gestohlen htten, warfen hier und da einige Schimmerstcke ans
Ufer, als ob sie ihnen zu schwer wrden, und sangen fort und fort ihr
mutwilliges Wanderlied. Auf meinem Munde lag es unsichtbar, aber s und warm
und doch frisch und taukhl.
    Als ich schlafen ging, spukte und rauschte es die ganze Nacht auf meinen
Lippen, durch Traum und Wachen, welche oft und heftig wechselten; ich sank von
Traum zu Traum, farbig und blitzend, dunkel und schwl, dann wieder sich
erhellend aus dunkelblauer Finsternis zu blumendurchwogter Klarheit; ich trumte
nie von Anna, aber ich kte Baumbltter, Blumen und die lautere Luft und wurde
berall wiedergekt; fremde Frauen gingen ber den Kirchhof und wateten durch
den Flu mit silberglnzenden Fen; die eine trug Annas schwarzes Gewand, die
andere ihr blaues, die dritte ihr grnes mit den roten Blmchen, die vierte ihre
Halskrause, und wenn mich dies ngstigte und ich ihnen nachlief und darber
erwachte, war es, als ob die wirkliche Anna von meinem Lager soeben und
leibhaftig wegschliche, da ich verwirrt und betubt auffuhr und sie laut beim
Namen rief, bis mich die stille Glanznacht, welche im Tale lag, zu mir selbst
brachte und in neue Trume hllte.
    So ging es in den hellen Morgen hinein, und beim Erwachen war ich wie von
einem heien Quell der Glckseligkeit durchtrnkt und berauscht.
    Ich ging, noch immer trunken und trumend, unter meine Verwandten und fand
in der Wohnstube den benachbarten Mller vor, welcher mit einem leichten
Fuhrwerke meiner harrte, um mich mit nach der Stadt zu nehmen. Meine Rckkehr
war nmlich, seit einiger Zeit bestimmt, an die Geschftsreise dieses Mannes
geknpft und verabredet worden, da das Fahren mit ihm einige Bequemlichkeit bot.
Ich fragte nach dieser ohnehin nicht viel, der Mller erschien zudem unerwartet
und frher, als man geglaubt, mein Oheim und seine Sippschaft forderten mich
auf, ihn fahren zu lassen und zu bleiben, in meinem Herzen schrie es nach Anna
und nach dem stillen See - aber ich versicherte ernsthaft, da meine
Verhltnisse gebten, diese Gelegenheit zu benutzen, frhstckte eilig, nahm
meine Sachen zusammen und von den Verwandten Abschied und setzte mich mit dem
Mller auf das Wgelchen, welches ohne Aufenthalt zum Dorfe hinaus- und bald auf
der Landstrae dahinrollte. Dies alles tat ich in der Verwirrung, zum Teil weil
ich whnte, man wrde mir auf der Stelle ansehen, da ich wegen Anna bliebe und
da ich sie wirklich liebe, und endlich auch aus unerklrlicher Laune.
    Sobald ich hundert Schritte vom Dorfe entfernt war, bereute ich meine
Abreise; ich wre gern vom Wagen gesprungen, drehte den Kopf immerwhrend zurck
nach den Hhen, welche um den See lagen, und schaute sie an, ohne zu gewahren,
wie sie unter meinen Augen blau und klein wurden und das Hochgebirge aus grern
und tiefern Seen emporstieg.
    Ich konnte mich in den ersten Tagen meiner Rckkehr kaum zurechtfinden. Im
Angesichte der groartigen Landschaft, welche die Stadt umgibt, schwebte mir nun
die verlassene Gegend wie ein Paradies vor, und ich fhlte erst jetzt jeden Reiz
ihrer einfachen und anspruchlosen, aber so ruhigen und lieblichen Bestandteile.
Wenn ich auf der hchsten Hhe ber unserer Stadt in das Land hinaussah, so war
mir der kleine versteckte Strich blauen Fernegebietes, wo das Dorf und nicht
weit davon des Schulmeisters See zu vermuten waren, die schnste Stelle des
Gesichtskreises, die Luft wehte reiner und glcklicher von dorther, der mir
unsichtbare Aufenthalt Annas in jener entlegenen blulichen Dmmerung wirkte
magnetisch ber alles dazwischenliegende Land her; ja wenn ich, in der Tiefe
gehend, jenen glcklichen Horizont nicht sah, so suchte und fhlte ich doch die
Himmelsgegend und sah mit Heimweh und Sehnsucht das dorthin gehende Stck Himmel
von nheren Bergen begrenzt.
    Indessen erneuerte sich die Frage ber meine Berufswahl und machte sich
tglich dringender geltend, da man mich nicht lnger mig und planlos sehen
konnte. Ich war einmal an den Tren des Fabrikgebudes vorbeigestrichen, wo der
eine Gnner hauste. Ein hlicher Suregeruch drang mir in die Nase, und bleiche
Kinder arbeiteten innerhalb und lachten mit rohen Grimassen. Ich verwarf die
Hoffnungen, die sich hier darboten, und zog es vor, lieber ganz von solchen
halbknstlerischen Ansprchen fernzubleiben und mich dem Schreibertume
entschieden in die Arme zu werfen, wenn einmal entsagt werden msse, und ich gab
mich diesem Gedanken schon geduldig hin. Denn nicht die mindeste Aussicht tat
sich auf, bei irgendeinem guten Knstler untergebracht zu werden.
    Da gewahrte ich eines Tages, wie eine Menge der gebildeten Leute der Stadt
in einem ffentlichen Gebude aus und ein gingen. Ich erkundigte mich nach der
Ursache und erfuhr, da in dem Hause eine Kunstausstellung stattfinde, welche
durch die Stdte zirkuliere. Da ich sah, da nur feingekleidete Leute
hineingingen, lief ich nach Hause, putzte mich ebenfalls mglichst heraus, als
ob es in die Kirche ginge, und wagte mich alsbald in die geheimnisvollen Rume.
Ich trat in einen hellen Saal, in welchem es von allen Wnden und von groen
Gersten in frischen Farben und Gold erglnzte. Der erste Eindruck war ganz
traumhaft; groe klare Landschaften tauchten von allen Seiten, ohne da ich sie
vorerst einzeln besah, auf und schwammen vor meinen Blicken mit zauberhaften
Lften und Baumwipfeln; Abendrten brannten, Kinderkpfe, liebliche Studien
guckten dazwischen hervor, und alles entschwand wieder vor neuen Gebilden, so
da ich mich ernstlich umsehen mute, wo denn dieser herrliche Lindenhain oder
jenes mchtige Gebirge hingekommen seien, die ich im Augenblicke noch zu sehen
geglaubt? Dazu verbreiteten die frischen Firnisse der Bilder einen sonntglichen
Duft, der mir angenehmer dnkte als der Weihrauch einer katholischen Kirche.
    Es wurde mir kaum mglich, endlich vor einem Werke stillzustehen, und als
dies geschah, da verga ich mich vor demselben und kam nicht mehr weg. Einige
groe Bilder der Genfer Schule, mchtige Baum-und Wolkenmassen in mir
unbegreiflichem Schmelze gemalt, waren die Zierden der Ausstellung; eine Menge
Genrebildchen und Aquarellen reizten dazwischen als leichtes Plnklervolk, und
ein paar Historien und Heiligenscheine wurden auch bewundert. Aber immer kehrte
ich zu jenen groen Landschaften zurck, verfolgte den Sonnenschein, welcher
durch Gras und Laub spielte, und prgte mir voll inniger Sympathie die schnen
Wolkenbilder ein, welche von Glcklichen mit leichter und spielender Hand
hingetrmt schienen.
    Ich stak, solange es dauerte, den ganzen Tag in dem wonniglichen Saale, wo
es fein und anstndig herging, die Leute sich hflich begrten und vor den
glnzenden Rahmen mit zierlichen Worten sich besprachen. Nach Hause gekommen,
sa ich nachdenklich da und beklagte fortwhrend mein Schicksal, da ich auf das
Malen verzichten msse, so da es meiner Mutter durchs Herz ging und sie
nochmals eine Rundschau anstellte mit dem Vorsatze, mir meinen Willen zu tun,
mchte es gehen, wie es wolle.
    So trieb sie endlich einen Mann auf, welcher in einem alten
Frauenklsterlein vor der Stadt, wenig beachtet, einen wunderlichen Kunstspuk
trieb. Er war ein Maler, Kupferstecher, Lithograph und Drucker in einer Person,
indem er, in einer verschollenen Manier, vielbesuchte Schweizerlandschaften
zeichnete, dieselben in Kupfer kratzte, abdruckte und von einigen jungen Leuten
mit Farben berziehen lie. Diese Bltter versandte er in alle Welt und fhrte
einen dankbaren Handel damit. Dazu machte er, was ihm unter die Finger kam,
sonst noch, Taufscheine mit Taufstein und Gevattersleuten, Grabschriften mit
Trauerweiden und weinenden Genien; wenn dazwischen ein Unkundiger gekommen wre
und ihm gesagt htte: Knnt Ihr mir ein Bild malen, so schn es zu haben ist,
das unter Kennern zehntausend Taler wert ist? Ich mchte ein solches! so wrde
er die Bestellung unbedenklich angenommen und sich, nachdem die Hlfte des
Preises zum voraus bezahlt, unverweilt an die Arbeit gemacht haben. Bei diesem
Treiben untersttzte ihn ein tapferes Huflein Gerechter, und der Schauplatz
ihrer Taten war das ehemalige Refektorium der frommen Klosterfrauen. Dessen
beide Langseiten waren jede mit einem halben Dutzend hoher Fenster versehen mit
runden Scheibchen, die das Licht wohl ein, aber bei ihrer wellenfrmigen
Oberflche keinen Blick hinauslieen, was auf den Flei der hier waltenden
Kunstschule wohlttigen Einflu bte. Jedes dieser Fenster war mit einem
Kunstbeflissenen besetzt, welcher, dem Hintermanne den Rcken zukehrend, dem
Vordermanne ins Genick sah. Das Haupttreffen dieser Armee bildeten vier bis
sechs junge Leute, teils Knaben, welche die Schweizerlandschaften blhend
kolorierten; dann kam ein krnklicher, hustender Bursche, der mit Harz und
Scheidewasser auf kleinen Kupferplatten herumschmierte und bedenkliche Lcher
hineinfressen lie, auch wohl mit der Radiernadel dazwischenstach und der
Kupferstecher genannt wurde. Auf diesen folgte der Lithograph, ein froher und
unbefangener Geist, der verhltnismig das weiteste Gebiet umfate, nchst dem
Meister, da er stets gewrtig und bereit sein mute, das Bildnis eines
Staatsmannes oder eine Weinkarte, den Plan einer Dreschmaschine wie das
Titelblatt fr eine Erbauungsschrift junger Tchter auf den Stein zu bringen mit
Kreide, Feder, graviert oder getuscht. Im Hintergrunde des Refektoriums
arbeiteten mit breiten Bewegungen zwei schwrzliche Gesellen, der Kupfer- und
der Steindruckergehilfe, jeder an seiner Presse, indem sie die Werke jener
Knstler auf feuchtes Papier abzogen. Endlich, im Rcken der ganzen Schar und
alle bersehend, sa der Meister, Herr Kunstmaler und Kunsthndler Habersaat,
Besitzer einer Kupfer- und Steindruckerei und sich zu allen geflligen Auftrgen
empfehlend, an seinem Tische mit den feinsten und schwierigsten Aufgaben,
meistens jedoch mit seinem Buche, mit Briefschreiben und dem Verpacken der
fertigen Sachen beschftigt.
    Es herrschte ein streng ausgeschiedener Geist in den Ansprchen und
Hoffnungen des Refektoriums. Der Kupferstecher und der Lithograph waren fertige
Leute, die selbstndig in die Welt schauten, bei Meister Habersaat um einen
Gulden tglich ihre acht Stunden arbeiteten und sich weiter weder um ihn was
bekmmerten noch groe Hoffnungen nhrten. Mit den jungen Koloristen hingegen
verhielt es sich anders. Diese lustigen Geister gingen mit wirklichen, leichten
und durchsichtigen Farben um, sie handhabten den Pinsel in Blau, Rot und Gelb,
und das um so frhlicher, als sie sich um Zeichnung und Anordnung nichts zu
bekmmern hatten und mit ihrem buntflssigen Elemente obenhin ber die dstern
Schwarzknste des Kupferstechers wegeilen durften. Sie waren die eigentlichen
Maler in der Versammlung; ihnen stand noch das Leben offen, und jeder hoffte,
wenn er nur erst aus diesem Fegefeuer des Meisters Habersaat entronnen, noch ein
groer Knstler zu werden. In dieser Gruppe erbte sich durch alle Generationen,
welche schon im Dienste des Meisters durch das Refektorium gegangen, die groe
Knstlertradition von Samtrock und Barett fort; aber nur selten erreichte einer
dies Ziel, indem immer der Flug vorher ermdete und die Mehrzahl der Getuschten
nach ihrem Austritte noch ein gutes Handwerk erlernte. Es waren immer Shne
blutarmer Leute, welche, in der Wahl eines Unterkommens verlegen, von dem
rhrigen Manne in sein Refektorium gelockt worden mit der Aussicht, eine Art
Maler und Herren zu werden, die ihr Auskommen finden und immer noch etwas ber
dem Schneider und Schuster stehen wrden. Da sie gewhnlich keine Gelder
beibringen konnten, so muten sie sich verbindlich machen, den Unterricht in der
Malerkunst abzuverdienen und vier Jahre fr den Meister zu arbeiten. Er
richtete sie dann vom ersten Tage an zum Frben seiner Landschaften ab und
brachte sie, ungeachtet ihrer gnzlichen Unberufenheit, durch Strenge so weit,
da sie ihre Arbeit bald reinlich und nett und nach den berlieferten Gebruchen
verrichteten. Nebenbei durften sie, wenn sie wollten, an Feiertagen ein
verkommenes oder zweckloses Blatt nachzeichnen zur weiteren Ausbildung, und sie
whlten meistens solche Gegenstnde, welche nichts zu lernen darboten, aber fr
den Augenblick am meisten Effekt machten und die ihnen der Meister korrigierte,
wenn er nicht allzu beschftigt war. Er sah es aber nicht einmal gern, wenn sie
diesen Privatflei zu weit trieben; denn er hatte schon einigemal erfahren, da
solche, welche Geschmack daran fanden und eine knstlerische Ader in sich
entdeckten, beim Kolorieren seiner Prospekte unreinlich und verwirrt geworden.
Sie muten streng und anhaltend arbeiten und steckten um so mehr voll Possen und
Schwnke, die sich in jedem freien Augenblicke Luft machten, und erst gegen das
vierte Jahr hin, wenn die schnste Zeit zur Erlernung von etwas Besserm
verflossen war, wurden sie gebeugt und gedrckt, von den Eltern mit Vorwrfen
geplagt, da sie immer noch von ihrem Brote en, und dachten ernstlich darauf,
whrend sie noch pinselten, bei guter Zeit noch etwas Eintrglicheres zu
ergreifen. Die Jugendjahre von wohl dreiigen solcher Knaben und Jnglinge hatte
Habersaat schon in blauen Sonntagshimmeln und grasgrnen Bumen auf sein Papier
gehaucht, und der hstelnde Kupferstecher war sein infernalischer Helfershelfer,
indem er mit seinem Scheidewasser die schwarze Unterlage dazu tzte, wobei die
melancholischen Drucker, an das knarrende Rad gefesselt, fglich eine Art
gedrckter Unterteufel vorstellten, nimmermde Dmonen, die unter der Walze
ihrer Pressen die zu frbenden Bltter unerschpflich, endlos hervorzogen. So
begriff er vollstndig das Wesen heutiger Industrie, deren Erzeugnisse um so
wertvoller und begehrenswerter zu sein scheinen fr die Kufer, je mehr schlau
entwendetes Kinderleben darin aufgegangen ist. Er machte auch ganz ordentliche
Geschfte und galt daher fr einen Mann, bei dem sich was lernen liee, wenn man
nur wolle.
    Von irgendeiner Seite her war meiner Mutter angeraten worden, sich mit ihm
zu besprechen und sein Geschft einmal anzusehen, da es wenigstens fr den
Anfang eine Zuflucht zu weiterm Vorschreiten bte, zumal wenn man mit ihm
bereinkme, da er mich nicht zu seinem Nutzen verwende, sondern gegen
gengende Entschdigung nach seinem besten Wissen unterrichte. Er zeigte sich
gern bereit und erfreut, einen jungen Menschen einmal als eigentlichen Knstler
heranzubilden, und belobte meine Mutter hchlich fr ihren kundgegebenen
Entschlu, die ntigen Summen hieran wenden zu wollen; denn jetzt schien ihr der
Zeitpunkt gekommen zu sein, wo die Frucht ihrer unablssigen Sparsamkeit
geopfert und auf den Altar meiner Bestimmung gelegt werden msse. Es wurde also
ein Vertrag geschlossen auf zwei Jahre, welche ich gegen regelmige
Quartalzahlungen im Refektorium zubringen sollte unter den zweckdienlichsten
bungen. Nach gegenseitiger Unterschreibung desselben verfgte ich mich eines
Montagmorgens in das alte Kloster und trug meine smtlichen bisherigen Versuche
und Arbeiten in bunter Mischung bei mir, um sie auf Verlangen des neuen
Kleisters vorzuzeigen. Er bezeugte, indem meine wunderlichen Bltter
herumgingen, nachtrglich seine Zufriedenheit mit meinem Eifer und meinen
Absichten und stellte mich dem Personale, das sich erhoben haue und neugierig
herumstand, als einen wahren Bestrebten vor, wie er beschaffen sein msse schon
vor dem Eintritte in eine Kunsthalle. Sodann erklrte er, da es ihm recht zum
Vergngen gereichen werde, einmal eine ordentliche Schule an einem Schler
durchzufhren, und sprach seine Erwartungen hinsichtlich meines Fleies und
meiner Ausdauer feierlich aus.
    Einer der Koloristen mute nun seinen Platz am Fenster rumen und sich neben
einen andern setzen, indessen ich dort eingerichtet wurde; und hierauf, als ich,
erwartungsvoll der Dinge, die da kommen sollten, vor dem leeren Tische stand,
brachte Herr Habersaat eine landschaftliche Vorlage aus seinen Mappen hervor,
den Umri eines einfachen Motives aus einem lithographierten Werke, wie ich es
schon in den Schulen vielfach gesehen hatte. Dies Blatt sollte ich vorerst
aufmerksam und streng kopieren. Doch bevor ich mich hinsetzte, schickte mich der
Meister wieder fort, Papier und Bleistift zu holen, an welche ich nicht gedacht,
da ich berhaupt keinen Begriff von dem ersten Beginnen gehabt haue. Er
beschrieb mir das Ntige, und da ich kein Geld bei mir trug, mute ich erst den
weiten Weg nach Hause machen und dann in einen Laden gehen, um es gut und neu
einzukaufen, und als ich wieder hinkam, war es eine halbe Stunde vor Mittag.
Dieses alles, da man mir fr diesen Anfang nicht einmal ein Blau Papier und
einen Stift gab, sondern fortschickte, welche zu holen, ferner das
Herumschlendern in den Straen, das Geldfordern bei der Mutter und endlich das
Beginnen kurz vor der Stunde, wo alles zum Essen auseinanderging, erschien mir
so nchtern und kleinlich und im Gegensatze zu dem Treiben, das ich mir dunkel
in einer Knstlerbehausung vorgestellt hatte, da es mir das Herz beengte.
    Jedoch wurde es bald von diesem Eindrucke abgezogen, als die unscheinbaren
Aufgaben, die mir gestellt wurden, mir mehr zu tun gaben, als ich mir anfnglich
eingebildet; denn Habersaat sah vor allem darauf, da jeder Zug, den ich machte,
genau die gleiche Gre des Vorbildes ma und das Ganze weder grer noch
kleiner erschien. Nun kamen aber meine Nachbildungen immer grer heraus als das
Original, obgleich in richtigem Verhltnisse, und der Meister nahm hieran
Gelegenheit, seine Genauigkeit und Strenge zu ben, die Schwierigkeit der Kunst
zu entwickeln und mich behaglich fhlen zu lassen, da es doch nicht so rasch
ginge, als ich wohl geglaubt htte.
    Doch fand ich mich wohl und geborgen an meinem Tische (die Abwesenheit von
Staffeleien, die ich mir als besondere Zierde einer Werkstatt gedacht, empfand
ich freilich) und arbeitete mich tapfer durch diese kleinlichen Anfnge
hindurch. Ich kopierte getreulich die lndlichen Schweinstlle, Holzschuppen und
derlei Dinge, aus welchen, in Verbindungen mit allerlei magerm Strauchwerk,
meine Vorbilder bestanden und die mir um so mhseliger wurden, je verchtlicher
sie meinen Augen erschienen. Denn bei dem Eintritte in den Saal des Meisters
hatte sich mit der Pflicht und dem Gehorsame zugleich der Schein der
Nchternheit und Leerheit ber diese Dinge ergossen fr meinen ungebundenen und
willkrlichen Geist. Auch kam es mir fremd vor, den ganzen Tag, an meinen Platz
gefesselt, ber meinem Papiere zu sitzen, zumal man nicht im Zimmer umhergehen
und unaufgefordert nicht sprechen durfte. Nur der Kupferstecher und der
Lithograph fhrten einen bescheidenen Verkehr unter sich und den betreffenden
Druckergesellen und richteten das Wort auch an den Meister, wenn es ihnen
gutdnkte, ein bichen zu plaudern. Dieser aber, wenn er guter Laune war,
erzhlte allerlei Geschichten und gelufige Kunstsagen, auch Schwnke aus seinem
frhern Leben und Zge von der Herrlichkeit der Maler. Sowie er aber bemerkte,
da einer zu eifrig aufhorchte und die Arbeit darber verga, brach er ab und
beobachtete eine geraume Zeit weise Zurckhaltung.
    Ich erhielt nach einiger Zeit das Recht, meine Vorlagen selbst hervorzuholen
und die vorhandenen Schtze durchzugehen. Sie bestanden aus einer groen Menge
zufllig zusammengeraffter Gegenstnde, aus leidlichen alten Kupferstichen,
einzelnen Fetzen und Blttern ohne Bedeutung, wie sie die Zeit anhuft,
Zeichnungen von einer gewissen Routine, ohne Naturwahrheit, und einem brigen
Mischmasch. Handzeichnungen nach der Natur, Bltter, die um ihrer selbst willen
da waren und denen man angesehen htte, da sie freie Luft und Sonne getrunken,
fanden sich nicht ein einziges Stck vor; denn der Meister hatte seine Kunst und
seinen Schlendrian innerhalb vier Wnden erworben und begab sich nur hinaus, um
so schnell als mglich eine gangbare Ansicht zu entwerfen. Eine gewandte,
obschon falsche Technik war das eigentliche Wissen meines Meisters, und er legte
alles Gewicht seines Unterrichtes auf diesen Punkt.
    Anfnglich hielt er mich eine Weile in Abhngigkeit, indem ich den
Unterschied zwischen einem transparenten scharfen und einem ruigen stumpfen
Vortrage nicht recht begriff und mehr auf Form und Charakter sah; doch endlich,
durch das fortwhrende Pinseln, geriet ich hinter das Geheimnis, und nun
fertigte ich in einem fixen Jargon eine Menge Tuschzeichnungen an, ein Blatt ums
andere. Schon sah ich nur auf die Zahl des Gemachten und hatte meine Freude an
der anschwellenden Mappe; kaum da bei meiner Wahl die wirkungsvollsten und
auffallendsten Gegenstnde mir noch eine weitere Teilnahme abgewannen. So war,
noch ehe der erste Winter ganz zu Ende, meines Lehrers Vorrat an Vorlagen von
mir beinahe durchgemacht, und zwar auf eine Weise, wie er selbst ungefhr
konnte; denn nachdem ich einmal die Handgriffe und Mittel einer sorgfltigen und
reinlichen Behandlung gemerkt, erstieg ich bald den Grad gelufiger Pinselei,
welchen der Meister selbst innehatte, um so schneller, als ich in dem wahren
Wesen und Verstndnis gnzlich zurckblieb. Habersaat war daher schon nach dem
ersten halben Jahre in einiger Verlegenheit, was er mir vorlegen sollte, da er
mich aus Sorge fr sich selbst nicht schon in seine ganze Kunst einweihen
mochte; denn er hatte nur noch seine Behandlung der Wasserfarben im Hinterhalte,
welche, wie er sie verstand, ebenfalls keine Hexerei war. Weil Nachdenken und
geistige Gewissenhaftigkeit im Refektorium nicht gekannt waren, so bestand alles
Knnen in demselben aus einer bald erworbenen leeren uerlichkeit. Doch fand
ich selbst einen Ausweg, als ich erklrte, eine kleine Sammlung groer
Kupferstiche mit meinem Tuschpinsel vornehmen zu wollen. Er besa in derselben
etwa sechs schne Bltter, nach Claude Lorrain gestochen, zwei groe
Felsenlandschaften mit Banditen nach Salvator Rosa und einige Stiche nach
Ruisdael und Everdingen. Diese Sachen kopierte ich der Reihe nach in meiner
gelufigen frechen Manier. Die Claudes und Rosas gerieten nicht so bel, da sie,
abgesehen davon, da sie selbst etwas konventionell gestochen waren, auch sonst
mehr in symbolischen und breiten Formen sich darstellten; die feinen und
natrlichen Niederlnder hingegen zerarbeitete ich auf eine greuliche Weise, und
niemand sah diese Lasterhaftigkeit ein.
    Doch legte sich durch diese Arbeit in mir ein Grund edlerer Anschauung, und
die schnen und durchdachten Formen, die ich vor mir hatte, hielten dem brigen
Treiben ein wohlttiges Gegengewicht und lieen die Ahnung des Bessern nie ganz
in mir verlschen. Auf der anderen Seite aber heftete sich an die Errungenschaft
sogleich wieder ein Nachteil, indem sich die alte voreilige Erfindungslust regte
und ich, durch die einfache Gre der klassischen Gegenstnde verfhrt, zu Hause
anfing, selber dergleichen Landschaftsbilder zu entwerfen, und diese Ttigkeit
bald in der eigentlichen Arbeitszeit bei dem Meister fortsetzte, meine Entwrfe
in anspruchsvollem Format mit der eingelernten Fertigkeit ausfhrend. Herr
Habersaat hinderte mich in diesem Tun nicht, sondern sah es vielmehr gern, da es
ihn der weiteren Sorge um zweckdienliche Vorbilder enthob; er begleitete die
ungeheuerlichen und unreifen Gedanken, welche ich zutage brachte, mit
ansehnlichen Redensarten von Komposition, historischer Landschaft und
dergleichen, und das alles brachte ein gelehrtes Element in seine Werkstatt, da
ich bald fr einen Teufelsburschen galt und auch die lustigen Aussichten der
Zukunft, Reise nach Italien, Rom, groe lbilder und Kartons, was man mir alles
vormalte, geschmeichelt hinnahm. Doch berhob ich mich nicht in diesen Dingen,
sondern lebte in Eintracht und Schelmerei mit meinen jungen Genossen und war oft
froh, das ewige Sitzen unterbrechen zu knnen, indem ich ihnen, die zugleich der
Hausfrau untertnig waren, einen Haufen Brennholz unter Dach bringen half.
berhaupt drngte sich die Frau, eine zungenfertige und streitbare Dame, mit
Hauswesen und Familiengeschichten, Kind und Magd hufig in das Refektorium und
machte es zum Schauplatze heientbrannter Kmpfe, in welche nicht selten die
ganze Mannschaft verwickelt wurde. Dann stand der Mann an der Spitze einer ihm
ergebenen Gruppe der Frau gegenber, welche mit mchtigem Gerusche vor ihrem
Anhange sich aufstellte und nicht eher abzog, als bis sie alles niedergesprochen
hatte, was sich ihr entgegensetzte; manchmal befand sich auch das Ehepaar
zusammen gegen das ganze brige Haus im Streite, oft auch begann der
Kupferstecher oder der Lithograph eine drohende Bewegung als Vasall, indessen
die gemeinen Sklavenemprungen der Koloristen mit Macht niedergeschlagen wurden.
Ich selbst kam mehr als einmal in gefhrliche Lage, indem mich die heftigen
Szenen belustigten und ich dies zu unvorsichtig kundgab und zum Beispiel einst
eine solche theatralisch nachbildete und in dem halbverfallenen Kreuzgange des
Hauses mit den jungen Malern zur Auffhrung brachte. Denn obgleich ich um diese
Zeit empfnglich und geneigt gewesen wre, ein feines und reinstrebendes Leben
zu fahren, da whrend der schnen Tage auf dem Lande ein starkes Ahnen in mir
erwacht war, so sah ich mich doch, von entsprechendem Verkehr entblt, an das
derbe Treiben des Refektoriums gewiesen und machte allen Unfug getreulich und
lebhaft mit, weil ich des Umganges und der Mitteilung bedurfte und am wenigsten
mich auf weise Zurckhaltung und halbe Teilnahme verstand.
    Da aber das Heulen mit den Wlfen mir nicht Schaden tat, wie ich glaube,
verhtete der freundliche Stern Anna, der immer in meiner Seele aufging, sobald
ich in dem Hause meiner Mutter oder auf einsamen Gngen wieder allein war. An
sie knpfte ich alles, wessen ich, ber den Tag hinaus bedurfte, und sie war das
stille Licht, welches das verdunkelte Herz jeden Abend erleuchtete, wenn die
Sonne niederging, und in der erhellten Brust wurde mir dann immer auch unser
gute Freund, der liebe Gott, sichtbar, der um diese Zeit mit erhhter Klarheit
begann, seine ewigen Rechte auch an mir geltend zu machen.
    Ich hatte, nach Bchern herumsprend, einen Roman des Jean Paul in die Hnde
bekommen. In demselben schien mir pltzlich alles trstend und erfllend
entgegenzutreten, was ich bisher gewollt und gesucht oder unruhig und dunkel
empfunden. Diese Herrlichkeit machte mich stutzen, dies schien mir das Wahre und
Rechte! Und inmitten der Abendrten und Regenbogen, der Lilienwlder und
Sternensaaten, der rauschenden und blitzenden Gewitter, inmitten all des
Feuerwerkes der Hhe und Tiefe, in diesen saumlosen schillernden Weltmantel
gehllt der Unendliche, gro, aber voll Liebe, heilig, aber ein Gott des
Lchelns und des Scherzes, furchtbar von Gewalt, doch sich schmiegend und
bergend in eine Kinderbrust, hervorguckend aus einem Kindesauge wie das
Osterhschen aus Blumen! Das war ein anderer Herr und Gnner als der
silbenstecherische Patron im Katechismus!
    Frher hatte ich dergleichen etwas getrumt, die Ohren hatten mir gelutet,
nun ging mir ein Morgen auf in den langen Winternchten, welche hindurch ich an
dreimal zwlf Bnde des Propheten las. Und als der Frhling kam und die Nchte
krzer wurden, las ich von neuem in den kstlichen Morgen hinein und gewhnte
mir darber an, lange im Bette zu liegen und am hellen Tage, die Wange auf dem
geliebten Buche, den Schlaf des Gerechten zu schlafen. Wenn ich dann erwachte
und endlich doch an die Arbeit ging, war ich von einem Geiste trumerischer
Willkr und Schrankenlosigkeit besessen, der noch bedenklicher war als die
frheren Auflehnungen.

                                Sechstes Kapitel



                                 Schwindelhaber

Als der Frhling kam, welchen ich voll Ungeduld erwartet hatte, begab ich mich
in den ersten warmen Tagen ins Freie, ausgerstet mit der erworbenen Fertigkeit,
um an die Stelle der papiernen Vorbilder die Natur selbst zu setzen. Das
Refektorium sah voll Achtung und mit geheimem Neide auf meine umstndlichen
Zurstungen; denn es war das erste Mal, da eines seiner Mitglieder die Sache so
groartig betrieb, und das Zeichnen nach der Natur war bisher ein wunderbarer
Mythus gewesen. Ich selbst ging nicht mehr mit der unverschmten, aber
gutgemeinten Zutraulichkeit des letzten Sommers vor die runden, krperlichen und
sonnebeleuchteten Gegenstnde der Natur, sondern mit einer weit gefhrlicheren
und selbstgeflligen Borniertheit. Denn was mir nicht klar war oder zu schwierig
er schien, das warf ich, mich selbst betrgend, durcheinander und verhllte es
mit meiner unseligen Pinselgewandtheit, da ich, an statt bescheiden mit dem
Stifte anzufangen, sogleich mit den angewhnten Tuschschalen, Wasserglas und
Pinsel hinausging und bestrebt war, ganze Bltter in allen vier Ecken bildartig
anzufllen. Ich ergriff entweder ganze Aussichten mit See und Gebirgen oder ging
im Walde den Bergbchen nach, wo ich eine Menge kleiner und hbscher Wasserflle
fand, welche sich ansehnlich zwischen vier Striche einrahmen lieen. Das
lebendige und zarte Spiel des Wassers im Fallen, Schumen und eiligen
Weiterflieen, seine Durchsichtigkeit und tausendfltige Widerspiegelung
ergtzte mich, aber ich bannte es in die plumpen Formeln meiner Virtuositt, da
Leben und Glanz verlorengingen, whrend meine Mittel nicht hinreichten, das
bewegliche Wesen wiederzugeben. Leichter htte ich die mannigfaltigen Steine und
Felstrmmer der Bche, in reicher Unordnung bereinandergeworfen, beherrschen
knnen, wenn nicht mein knstlerisches Gewissen verdunkelt gewesen wre. Wohl
regte sich dieses oft mahnend, wenn ich perspektivische Feinheiten und
Verkrzungen der Steine, trotzdem da ich sie sah und fhlte, berging und
verhudelte, statt den bedeutenden Formen nachzugehen, mit der
Selbstentschuldigung, da es auf diese oder jene Flche nicht ankomme und die
zufllige Natur ja auch so aussehen knnte, wie ich sie darstellte; allein die
ganze Weise meines Arbeitens lie solche Gewissensbisse nicht zur Geltung
kommen, und der Meister, wenn ich ihm meine Machwerke vorzeigte, war nicht
darauf eingerichtet, der fehlenden Naturwahrheit nachzuspren, die sich gerade
in den vernachlssigten Zgen htte zeigen sollen; sondern er beurteilte die
Sachen immer von seiner Stubenkunst aus.
    Abgesehen von seinem Grundsatze der Reinlichkeit und Durchsichtigkeit des
Vortrages hegte er nur noch eine einzige Tradition, die er mir zu berliefern
fr angemessen hielt, nmlich die des Sonderbaren und Krankhaften, was mit dem
Malerischen verwechselt wurde. Er ermunterte mich, hohle, zerrissene
Weidenstrnke, verwitterte Bume und abenteuerliche Felsgespenster aufzusuchen
mit den bunten Farben der Fulnis und des Zerfalles, und pries mir diese Dinge
als interessante Gegenstnde an. Das sagte mir sehr zu, indem es meine Phantasie
reizte, und ich begab mich eifrig auf die Jagd nach solchen Erscheinungen. Doch
die Natur bot sie mir nur sprlich, sich einer volleren Gesundheit erfreuend,
als mit meinen Wnschen vertrglich war, und was ich an unglcklichem Gewchse
vorfand, das wurde meinen berreizten Augen bald zu blde und harmlos, wie einem
Trinker, der nach immer strkerm Schnapse verlangt. Das blhende Leben in Berg
und Wald fing daher an, mir gleichgltig zu werden im einzelnen, und ich
streifte vom Morgen bis zum Abend in der Wildnis umher. Ich drang immer tiefer
in bisher nicht gesehene Winkel und Grnde; fand ich eine recht abgelegene und
geheimnisvolle Stelle, so lie ich mich, dort nieder und fertigte rasch eine
Zeichnung eigener Erfindung an, um ein Produkt nach Hause zu bringen. In
derselben hufte ich die seltsamsten Gebilde zusammen, die meine Phantasie
hervorzutreiben vermochte, indem ich die bisher wahrgenommenen
Eigentmlichkeiten der Natur mit meiner erlangten Fertigkeit verschmolz und so
Dinge hervorbrachte, die ich Herrn Habersaat als in der Natur bestehend vorlegte
und aus denen er nicht klug werden konnte. Er gratulierte mir zu meinen
Entdeckungen und fand seine Aussprche ber meinen Eifer und mein Talent
besttigt, da ich hiemit beweise, da ich unverkennbar ein scharfes und
glckliches Auge fr das Malerische htte und Dinge auffnde, an welchen tausend
andere vorbergingen. Diese gutmtige Tuschung erweckte mir eine ble Lust,
dergleichen fortzusetzen und es frmlich darauf anzulegen, den guten Mann zu
hintergehen. Ich erfand, irgendwo im Dunkel des Waldes sitzend, immer tollere
und mutwilligere Fratzen von Felsen und Bumen und freute mich im voraus, da
sie mein Lehrer fr wahr und in nchster Umgegend vorhanden erachten wrde. Doch
mag es mir zu einiger Entschuldigung gereichen, da ich in alten Kupferblttern,
zum Beispiel von Swanefeldt, die abenteuerlichsten Formationen als lbliche
Meisterwerke vorgebildet sah und selbst der guten Meinung lebte, dieses sei das
Wahre und immerhin eine treffliche bung. Denn schon waren die edlen und
gesunden Formen Claude Lorrains im flchtigen Jugendgemte wieder unter die
Oberflche getreten. Whrend der Winterabende war im Refektorium etwas
Figurenzeichnen getrieben worden, und ich hatte mir, als ich eine Menge
radierter bekleideter Staffagefiguren kopierte, einige oberflchliche bung im
Entwerfen solcher erworben. So erfand ich nun zu meinen wunderlichen
Landschaftsstudien noch viel wunderlichere Menschen, zerlumpte Kerle, die ich
dem Refektorium zutrug, um ein tchtiges Gelchter einzuheimsen. Es war ein
nichtsnutziges und verrcktes Geschlecht, welches in Verbindung mit der
seltsamen Lokalitt eine Welt bildete, die nur in meinem Gehirne vorhanden war
und endlich doch meinem Vorgesetzten verdchtig wurde. Doch bemerkte er nicht
viel hierber, sondern lie mich meine Wege gehen, da ihm einerseits das frische
Gemt mangelte, um den Rnken meines Treibens nachzuspren und mich darber zu
ertappen, und anderseits die berlegenheit des eigenen Wissens. Diese beiden
Vermgen bilden ja das Geheimnis aller Erziehung unverwischte lebendige
Jugendlichkeit, welche allein die Jugend kennt und durchdringt, und die sichere
berlegenheit der Person in allen Fllen. Eines kann oft das andere zur Notdurft
ersetzen, wo aber beide fehlen, da ist die Jugend eine verschlossene Muschel in
der Hand des Lehrers, die er nur durch Zertrmmerung ffnen kann. Beide
Eigenschaften gehen aber nur aus einem und demselben letzten Grunde hervor aus
unbedingter Ehrlichkeit, Reinheit und Unbefangenheit des Bewutseins.
    Der Sommer war nun auf seine volle Hhe geschritten, als ich meinem geheimen
Verlangen nach der anderen Heimat, dem entlegenen Dorflande, nachgab und mit
meinen Siebensachen hinauszog. Die Mutter blieb wieder zurck in entsagender
Unbeweglichkeit und Selbstbeschrnkung, ungeachtet aller freundlichen
Aufforderungen, die Wohnung doch ganz zu schlieen und wieder einmal an den
Orten ihrer Jugend sich zu ergehen. Ich aber fhrte die umfangreichen Frchte
meiner zwischenweiligen Ttigkeit mit mir, da ich mittelst derselben ein
gnstiges Aufsehen zu erregen gedachte.
    Die zahlreichen, krftig geschwrzten Bltter verursachten im Hause meines
Oheims allerdings einige Verwunderung, und im allgemeinen sah man die Sache mit
ziemlichem Respekt an; als jedoch der Oheim die Zeichnungen betrachtete, welche
ich nach der Natur gefertigt haben wollte (denn ich glaubte als eine Art
Mnchhausen nachgerade selbst daran, vorzglich weil die Sachen doch unter
freiem Himmel entstanden waren), da schttelte er bedenklich den Kopf und
wunderte sich, wo ich denn meine Augen gehabt htte. In seinem realistischen
Sinne, als Land-und Forstmann, fand er trotz aller Unkunde in Kunstdingen den
Fehler schnell und leicht heraus.
    Diese Bume, sagte er, sehen ja einer dem andern hnlich und alle
zusammen gar keinem wirklichen! Diese Felsen und Steine knnten keinen
Augenblick so aufeinanderliegen, ohne zusammenzufallen! Hier ist ein Wasserfall,
dessen Masse einen der greren Flle verkndet, die aber ber kleinliche
Bachsteine strzt, als ob ein Regiment Soldaten ber einen Span stolperte; hiezu
wre eine tchtige Felswand erforderlich; indessen nimmt es mich eigentlich
wunder, wo zum Teufel in der Nhe der Stadt ein solcher Fall zu finden ist! Dann
mchte ich auch wissen, was an solchen verfaulten Weidenstcken Zeichnenswertes
ist, da dnkte mich doch eine gesunde Eiche oder Buche erbaulicher usf.
    Die Frauensleute hingegen rgerten sich ber meine Vagabunden, Kesselflicker
und Fratzengesichter und begriffen nicht, warum ich im Felde nicht lieber ein
artiges vorbergehendes Landmdchen oder einen anstndigen Ackersmann abgebildet
habe, als mich fortwhrend mit solchen Unholden zu beschftigen; die Shne
belachten meine ungeheuerlichen Berghhlen, die unmglichen und lcherlichen
Brcken, die menschenhnlichen Steinkpfe und Baumkrppel und gaben jeder
solchen Tollheit einen lustigen Namen, dessen Lcherlichkeit auf mich zu fallen
schien. Ich stand beschmt da als ein Mensch, der voll nrrischer und eitler
Dinge ist, und die mitgebrachte knstliche Krankhaftigkeit verkroch sich vor der
einfachen Gesundheit dieses Hauses und der lndlichen Luft.
    Gleich am ersten Tage nach meiner Ankunft stellte mir der Oheim, um mich
wieder auf eine reale Bahn zu leiten, die Aufgabe, seine Besitzung, Haus, Garten
und Bume, genau und bedchtig zu zeichnen und ein getreues Bild davon zu
entwerfen. Er machte mich aufmerksam auf alle Eigentmlichkeiten und auf das,
was er besonders hervorgehoben wnschte, und wenn seine Andeutungen auch eher
dem Bedrfnisse eines rstigen Besitzers als demjenigen eines Kunstverstndigen
entsprachen, so ward ich doch dadurch gentigt, die Gegenstnde wieder einmal
genau anzusehen und in allen ihren eigentmlichen Oberflchen zu verfolgen. Die
allereinfachsten Dinge am Hause selbst, sogar die Ziegel auf dem Dache, gaben
mir nun wieder mehr zu schaffen, als ich je gedacht hatte, und veranlaten mich,
auch die umstehenden Bume in gleicher Weise gewissenhafter zu zeichnen; ich
lernte die aufrichtige Arbeit und Mhe wieder kennen, und indem darber eine
Arbeit entstand, die mich in ihrer anspruchlosen Durchgefhrtheit selbst
unendlich mehr befriedigte als die marktschreierischen Produkte der jngsten
Zeit, erwarb ich mir mit saurer Mhe den Sinn des Schlichten, aber Wahren.
    Inzwischen erfreute ich mich des Wiederfindens alles dessen, was ich im
letzten Jahre hier verlassen, beobachtete alle Vernderungen, welche etwa
vorgefallen, und harrte im stillen auf den Augenblick, wo ich Anna wiedersehen
oder wenigstens zuerst ihren Namen hren wrde. Aber schon waren einige Tage
verflossen, ohne da die geringste Erwhnung fiel, und je lnger dies andauerte,
desto minder brachte ich die Frage nach ihr hervor. Man schien sie vllig
vergessen zu haben, als wre sie niemals dagewesen, und, was mich innerlich
krnkte, niemand schien im geringsten zu ahnen, da ich irgendeine Berechtigung
oder ein Bedrfnis besitzen knnte, von ihr zu hren. Wohl ging ich halbwegs
ber den Berg oder in den Schatten des Flutales, allein jedesmal kehrte ich
pltzlich um, aus unerklrlicher Furcht, ihr zu begegnen. Ich ging auf den
Kirchhof und stand an dem Grabe der Gromutter, welche nun schon seit einem
Jahre in der Erde lag; aber die Luft war windstill vom Gedchtnisse Annas, die
Grser begehrten nichts von ihr zu wissen, die Blumen flsterten nicht ihren
Namen, Berg und Tal schwiegen von ihr, nur mein Herz tnte ihn laut hinaus in
die undankbare Stille.
    Endlich wurde ich gefragt, warum ich den Schulmeister nicht besuche? und da
ergab es sich zufllig, da Anna schon seit einem halben Jahre nicht mehr im
Lande sei und da man meine Kunde hierber vorausgesetzt habe. Ihr Vater hatte,
in seiner steten Sehnsucht nach Bildung und Feinheit der Seele und in Betracht,
da nach seinem Tode sein Kind, das einmal fr eine Buerin zu zart sei,
verlassen in der rauhen drflichen Umgebung bleiben wrde, sich pltzlich
entschlossen, Anna in eine Bildungsanstalt der franzsischen Schweiz zu bringen,
wo sie sich bessere Kenntnisse und Selbstndigkeit des Geistes erwerben sollte.
Er lie sich, als sie ihre Abneigung dagegen aussprach, durch ihre Trnen nicht
erweichen, allein auf die Befriedigung seiner Wnsche bedacht, und begleitete
das ungern scheidende Kind in das Haus des fernen, vornehm-religisen Erziehers,
wo sie nun noch wenigstens ein volles Jahr zu bleiben hatte. Diese Nachricht
traf mich wie ein Schlag aus blauem Himmel.
    Ich ging nun alle Tage zu ihrem Vater, begleitete ihn auf seinen Wegen und
hrte von ihr sprechen; oft blieb ich mehrere Tage dort, alsdann wohnte ich in
ihrem Kmmerchen, wagte mich jedoch fast nicht zu rhren darin und betrachtete
die wenigen einfachen Gegenstnde, welche es enthielt, mit heiliger Scheu. Es
war klein und enge; die Abendsonne und der Mondschein fllten es immer ganz aus,
da kein dunkler Punkt darin blieb und es bei jener wie ein rotgoldenes, bei
diesem wie ein silbernes Juwelenkstchen aussah, dessen Kleinod ich nicht
verfehlte mir hineinzudenken.
    Wenn ich nach malerischen Gegenstnden umherstreifte, so suchte ich
vorzglich die Stellen auf, wo ich mit Anna geweilt hatte; so war die
geheimnisvolle Felswand am Wasser, wo ich mit ihr geruht und jene Erscheinung
gesehen, schon von mir gezeichnet worden, und ich, konnte mich nun nicht
enthalten, auf der schneeweien Wand des Kmmerchens ein sauberes Viereck zu
ziehen und das Bild mit der Heidenstube, so gut ich konnte, hineinzumalen. Dies
sollte ein stiller Gru fr sie sein und ihr spter bezeugen, wie bestndig ich
an sie gedacht.
    Diese fortwhrende Erinnerung an sie und ihre Abwesenheit machten mich
insgeheim immer kecker und vertraulicher mit ihrem Bilde; ich begann lange
Liebesbriefe an sie zu schreiben, die ich zuerst verbrannte, dann aufbewahrte,
und zuletzt wurde ich so verwegen, alles, was ich fr Anna fhlte, auf ein
offenes Blatt zu schreiben, in den heftigsten Ausdrcken, mit Vorsetzung ihres
vollen Namens und Unterschrift des meinigen, und dies Blatt auf das Flchen zu
legen, das es vor aller Welt hinabtrieb, dem Rheine und dem Meere zu, wie ich
kindischerweise dachte. Ich kmpfte lange mit diesem Vorsatze, allein ich
unterlag zuletzt; denn es war eine befreiende Tat fr mich und ein Bekenntnis
meines Geheimnisses, wobei ich freilich voraussetzte, da es in nchster Nhe
niemand finden wrde. Ich sah, wie es gemchlich von Welle zu Welle schlpfte,
hier von einer berhngenden Staude aufgehalten wurde, dann lange an einer Blume
hing, bis es sich nach langem Besinnen losri; zuletzt kam es in Schu und
schwamm flott dahin, da ich es aus den Augen verlor. Allein der Brief mute
unterwegs doch wieder irgendwo gesumt haben, denn erst tief in der Nacht
gelangte er zu der Felswand der Heidenstube, an die Brust einer badenden Frau,
welche niemand anders als Judith war, die ihn auffing, las und aufbewahrte.
    Dies erfuhr ich erst spter, denn whrend meines jetzigen Aufenthaltes im
Dorfe ging ich nie in ihr Haus und vermied den Weg desselben sorgfltig. Das
Jahr, um welches ich lter geworden, lie mich mit Beschmung auf das
vertrauliche Verhltnis von frher zurckblicken und flte mir eine trotzige
Scheu ein vor der krftigen und stolzen Gestalt; ich verbarg mich, ohne zu
gren, rasch, als sie einmal am Hause vorberging, und sah ihr doch neugierig
nach, wenn ich sie von fern durch Grten und Kornfelder schreiten sah.

                               Siebentes Kapitel



                        Fortsetzung des Schwindelhabers

Ich kehrte diesmal frher nach der Stadt zurck, mit einer tiefen Sehnsucht im
Gemte, welche sich nun gnzlich ausgebildet hatte und alles umfate, was mir
fehlte und was ich in der Welt doch als vorhanden ahnte.
    Mein Lehrer fhrte mich jetzt auf die letzten Stufen seiner Kunst, indem er
mir die Behandlung seiner Wasserfarben mitteilte und mich mit aller Strenge zu
deren sauberer und flinker Anwendung anhielt. Da jedoch die Natur wieder nicht
in Frage kam, so lernte ich bald gefrbte Zeichnungen hervorbringen, wie sie
ungefhr im Hause verlangt wurden, und ehe das zweite bedungene Jahr zu Ende
war, sah ich nicht viel mehr zu lernen, ohne doch etwas Rechtes zu knnen. Ich
langweilte mich in dem alten Kloster und blieb wochenlang zu Hause, um dort zu
lesen oder Arbeiten zu beginnen, die ich vor dem Meister verbarg. Dieser suchte
meine Mutter auf, beschwerte sich ber meine Zerstreutheit, rhmte meine
Fortschritte und schlug vor, ich sollte nun in ein anderes Verhltnis zu ihm
treten, in seinem Geschfte fr ihn arbeiten, fleiig und pnktlich, aber gegen
Entschdigung. Es sei dies, erklrte er, das zweite Stadium, wo ich, indessen
ich mich vorlufig immer mehr ausbilde, mich an vorsichtige Arbeit gewhnen und
zugleich Ersparnisse machen knne, um in einigen Jahren in die Welt zu gehen,
wozu es doch noch zu frh sei. Er versicherte, da es nicht die Schlechtesten
unter den berhmten Knstlern wren, welche sich durch jahrelange anspruchlosere
Arbeit endlich auf die Hhe der Kunst geschwungen, und eine mhevolle und
bescheidene Betriebsamkeit dieser Art lege manchmal einen tchtigeren Grund zur
Ausdauer und Unabhngigkeit als eine vornehme und ausschlieliche
Knstlererziehung. Er habe, sagte er, talentvolle Shne reicher Eltern gekannt,
die es nur deswegen zu nichts gebracht htten, weil sie nie zu Selbsthilfe und
raschem Erwerb gezwungen gewesen und in ewiger Selbstverhtschelung, falschem
Stolze und Sprdigkeit sich verloren htten.
    Diese Worte waren sehr verstndig, obgleich sie auf einigem Eigennutze
beruhen mochten; allein sie fanden keinen Anklang bei mir. Ich verabscheute
jeden Gedanken an Tagelohn und kleine Industrie und wollte allein auf dem
geraden Wege ans Ziel gelangen. Das Refektorium erschien mir mit jedem Tage mehr
als ein Hindernis und eine Beengung; ich sehnte mich darnach, in unserm Hause
mir eine stille Werkstatt einzurichten und mir selbst zu helfen, so gut es
ginge; und eines Morgens verabschiedete ich mich, noch vor Beendigung meiner
Lehrzeit, bei Herrn Habersaat und erklrte der Mutter, ich wrde nun zu Hause
arbeiten; wenn sie verlange, da ich etwas verdienen solle, so knne ich dies
auch ohne ihn tun, zu lernen wte ich nichts mehr bei ihm.
    Vergngt und hoffnungsvoll schlug ich meinen Sitz zuoberst im Hause auf, in
einer Dachkammer, welche ber einen Teil der Stadt weg weit nach Norden hin sah,
deren Fenster am frhen Morgen und am Abend den ersten und letzten Sonnenblick
auffingen. Es war mir eine ebenso wichtige als angenehme Arbeit, hier eine
eigene Welt zu schaffen, und ich brachte mehrere Tage mit der Einrichtung der
Kammer zu. Die runden Fensterscheiben wurden klar gewaschen, vor dieselben auf
ein breites Blumenbrett ein kleiner Garten gepflanzt. Die geweiten Wnde behing
ich teils mit Kupferstichen und solchen Zeichnungen, welche irgendeinen
abenteuerlichen Knalleffekt enthielten, teils zeichnete ich mit Kohle seltsame
Masken oder schrieb Lieblingssprche und gewaltsame Verse, die mir imponiert
hatten, darauf. Ich stellte die ltesten und ehrwrdigsten unserer Gerte
hinein, schleppte herzu, was nur irgend einem Buche gleichsah, und trmte es auf
die gebrunten Mbeln; die verschiedensten Gegenstnde huften sich nach und
nach an und vermehrten den malerischen Eindruck; in der Mitte aber wurde eine
Staffelei aufgepflanzt, das Ziel meiner langen Wnsche.
    Ich war nun ganz mir selbst berlassen, vollkommen frei und unabhngig, ohne
die mindeste Einwirkung und ohne Vorbild noch Vorschrift. Ich knpfte
abwechselnden Verkehr an mit jungen Leuten, an denen mich ein verwandter Hang
oder ein freundliches Eingehen anzog, am liebsten mit ehemaligen Schulgenossen,
die in der Zeit ihre Studien fortsetzten und mir, mich in meiner Klause
besuchend, getreulich Bericht erstatteten von ihren Fortschritten und von allem,
was in den Schulen vorkam. Diese Gelegenheit benutzte ich, noch ein und andere
Brocken aufzuschnappen, und sah fter schmerzlich durch die verschlossenen
Gitter in den reichen Garten der reiferen Jugendbildung, erst jetzt recht
fhlend, was ich verloren. Doch lernte ich durch meine Freunde manches Buch und
manchen Anknpfungspunkt kennen, von wo aus ich weitertappte am drftigen Faden,
und das Gefundene verschmelzend mit dem phantastischen Wesen meiner
Abgeschiedenheit, gefiel ich mir in einer komischen, hchst unschuldigen
Gelehrsamkeit, welche meine Beschftigungen seltsam bereicherte und vermehrte.
Ich schrieb am frhen stillen Morgen oder in spter Nacht hochtrabende Aufstze,
begeisterte Schilderungen und Ausrufungen und war besonders eitel auf
tiefsinnige Aphorismen, die ich, mit Zeichnungen und Schnrkeleien vermischt, in
Tagebchern anbrachte. So glich meine Zelle dem Kchenwinkel eines Alchimisten,
auf dessen Herd ein ringendes Leben gebraut wurde. Das Anmutige und Gesunde und
das Verzerrte und Sonderbare, Ma und Willkr brodelten durcheinander und
mischten sich oder schieden sich in Lichtblicken aus.
    Und ungeachtet meines uerlich stillen Lebens trat doch manche frhe
Trbung hinzu, welche mich sorgenvoll oder leidenschaftlich bewegte.
    Ich hatte um die Zeit einen feurigen und lebhaften Freund, welcher meine
Neigungen strker teilte als alle anderen Bekannten, viel mit mir zeichnete und
poetisch schwrmte und, da er noch die Schulen besuchte, reichlichen Stoff von
da in meine Kammer brachte. Zugleich war er lebenslustig und trieb sich
ebensooft mit flotten Leuten in Wirtshusern herum, von deren Herrlichkeiten und
energischen Gelagen er mir dann erzhlte. Ich blieb meistens wehmtig zu Hause,
da mich meine Mutter in dieser Beziehung uerst knapp hielt und keine
Notwendigkeit einer geringsten Ausgabe solcher Art einsah. Darum schaute ich dem
froh sich Herumtummelnden nach wie ein gefangener Vogel einem in der Hhe
fliegenden und trumte von der Freiheit einer glnzenden Zukunft, wo ich eine
Zierde der Zechgelage zu werden mir vornahm. Inzwischen aber mibilligte ich,
wie der Fuchs, dem die Trauben zu sauer sind, fter die Wildheit meines Freundes
und suchte ihn mehr an meine stille Wohnung zu fesseln. Dies verursachte manche
Mistimmung zwischen uns, und ich freute mich endlich innerlich seiner Abreise
in die Ferne, welche zu einem feurigen Briefwechsel die willkommene Gelegenheit
gab. Wir erhoben nun unser Verhltnis zu einer idealen Freundschaft, nicht
getrbt von dem persnlichen Zusammensein, und boten in regelmigen Briefen die
ganze Beredsamkeit jugendlicher Begeisterung auf. Nicht ohne Selbstzufriedenheit
suchte ich meine Episteln so schn und schwungreich als immer mglich zu
schreiben, und es kostete mich bung, meine unerfahrene Philosophie einigermaen
in Form und Zusammenhang zu bringen. Leichter wurde es, einen Teil der Briefe in
ein Gewand ausschweifender Phantasie zu hllen und mit dem meinem Jean Paul
nachgemachten Humor zu verbrmen; allein wie sehr ich mich auch erhitzte und
allen meinen Eifer aufbot, so bertrafen die Antworten des Freundes dieses alles
jedesmal sowohl an reiferen und gediegenen Gedanken als an wirklichem Witze, der
beschmend das Schreiende und Unruhige meiner Ergsse hervorhob. Ich bewunderte
meinen Freund, war stolz auf ihn und nahm mich, doppelt zusammen, indem ich mich
an seinen Briefen bildete, wrdige und ebenbrtige Sendungen aufzubringen. Doch
je mehr ich mich erhob, um so hher und unerreichbarer wich er zurck, wie ein
glnzendes Luftbild, welches ich fruchtlos zu ergreifen strebte. Dazu trugen
seine Gedanken die abwechselndsten Farben gleich dem ewigen Meere, ebenso
reizend launenhaft und berraschend und ebenso reich an Quellen, die aus der
Tiefe, von Gebirgen herab und vom Himmel zugleich zu strmen schienen; ich
staunte den fernen Genossen an wie eine geheimnisvolle groartige Erscheinung,
deren herrliche Entwicklung von Tag zu Tage Greres versprach, und rstete mich
mit Bangen, an ihrer Seite ins Leben hinaus mglichst Schritt zu halten.
    Da fiel mir eines Tages Zimmermanns Buch ber die Einsamkeit in die Hnde,
von welchem ich schon viel gehrt und das ich deshalb nun mit doppelter Begierde
las, bis ich auf die Stelle traf, welche anfngt: Auf deiner Studierstube
mchte ich dich festhalten, o Jngling!, Jedes Wort ward mir bekannter, und
endlich fand ich einen der ersten Briefe meines Freundes hier wortgetreu
abgeschrieben. Bald darauf entdeckte ich einen andern Brief in Diderots
unmageblichen Gedanken ber die Zeichnung, welche ich bei einem Antiquar
erworben, und fand so die Quelle jener Schrfe und Klarheit, die mich so erregt
hatten. Und wie lange sumende Ereignisse und Zuflle pltzlich haufenweise
zutage treten, so trat nun rasch eine Entdeckung nach der anderen hervor und
enthllte eine seltsame Mystifikation. Ich fand Stellen aus Rousseau wie aus dem
Werther, aus Sterne und Hippel sowohl wie aus Lessing, glnzende Gedichte aus
Byron und Heine in briefliche Prosa umgewandelt, sogar Aussprche tiefsinniger
Philosophen, die, unverstanden, mich mit Achtung vor dem Freunde erfllten.
    Mit solchen Sternen hatte ich ohnmchtig gerungen; ich war wie vom Blitz
getroffen, ich sah im Geiste meinen Freund ber mich lachen und konnte mir seine
Handlungsweise nur durch eigenen Unwert erklren. Doch fhlte ich mich
schmerzlich beleidigt und schrieb nach einigem Schweigen einen anzglichen
Brief, mittelst dessen ich seine angemate geistige Herrschaft abzuwerfen, doch
nicht unsere Freundschaft aufzuheben, vielmehr ihn zu treuer Wahrheit
zurckzufahren gedachte. Allein mein verletzter Ehrgeiz lie mich zu heftige und
spitze Ausdrcke whlen; mein Gegner hatte sich nicht ber mich lustig machen,
sondern nur mit wenig Mhe meinem Eifer die Waage halten wollen, wie er sich
auch nachher, in ernsteren Dingen, immer mit solchen Mitteln zu helfen suchte,
obgleich er die Talente zu wirklichem Streben in vollem Mae und daher auch
Selbstgefhl besa. So kam es, da er, um seine Verlegenheit zu bedecken und
rgerlich ber meine Auflehnung, noch gereizter und beleidigter antwortete. Es
stieg ein mchtiges Zorngewitter zwischen uns auf; wir schalten uns
rcksichtslos, und je mehr wir uns zugetan gewesen, mit desto mehr Aufwand an
tragischen Worten kndeten wir uns die Freundschaft auf und bestrebten uns
blindlings, jeder der erste zu sein, der den andern aus seinem Gedchtnis
verbanne!
    Aber nicht nur seine, sondern auch meine eigenen harten Worte schnitten mir
ins Herz; ich trauerte mehrere Tage lang, indessen ich den Geschiedenen zu
gleicher Zeit noch achtete, liebte und hate; ich empfand nun zum zweiten Male,
in vorgerckterm Alter, das Weh beim Brechen einer Freundschaft, aber um so
schmerzlicher, als das Verhltnis edler gewesen war Da mir nur die Possen
wiedervergolten worden, die ich meinem Lehrer Habersaat mit jenen
schwindelhaften Naturstudien gespielt hatte, daran dachte ich nicht im Traume.

                                 Achtes Kapitel



                               Wiederum Frhling

Der Frhling war gekommen; Schlsselblmchen und Veilchen waren im erstarkten
Grase verschwunden, niemand beachtete ihre kleinen Frchtchen. Hingegen
breiteten sich Anemonen und die blauen Sterne des Immergrn um die lichten
Stmme junger Birken aus, am Eingange der Gehlze; die Lenzsonne durchschaute
und berschien die Rumlichkeiten zwischen den Bumen; denn noch war es hell und
gerumig, wie in dem Hause eines Gelehrten, dessen Liebste dasselbe in Ordnung
gebracht und aufgeputzt hat, ehe er von einer Reise zurck kommt und bald alles
in die alte tolle Verwirrung versetzt. Bescheiden und abgemessen nahm das
zartgrne Laubwerk seinen Platz und lie kaum ahnen, welcher berdrang in ihm
heranwuchs. Die Blttchen saen symmetrisch und zierlich an den Zweigen,
zhlbar, ein wenig steif, wie von der Putzmacherin angeordnet, die Einkerbungen
und Fltchen noch hchst exakt und sauber, wie in Papier geschnitten und
gepret, die Stiele und Zweigelchen rtlich lackiert, alles uerst
aufgedonnert. Frohe Lfte wehten, am Himmel kruselten sich glnzende Wolken, es
kruselte sich das junge Gras an den Rainen, die Wolle auf dem Rcken der
Lmmer, berall bewegte es sich leise mutwillig; die losen Flocken im Genicke
der jungen Mdchen kruselten sich, wenn sie in der Frhlingsluft gingen, es
kruselte sich in meinem Herzen. Ich lief ber alle Hhen und blies an einsamen,
schn gelegenen Stellen stundenlang auf einer groen Flte, welche ich seit
einem Jahre besa. Nachdem ich die ersten Griffe dem Verkufer, einem
musikalischen Nachbaren, abgelernt, war an weitern Unterricht nicht zu denken,
und die ehemaligen Schulbungen waren lngst in ein tiefes Meer der
Vergessenheit geraten. Darum bildete sich, da ich doch bis zum berma spielte,
eine wildgewachsene Fertigkeit aus, welche sich in den wunderlichsten Trillern,
Lufen und Kadenzen erging. Ich konnte ebenso fertig blasen, was ich mit dem
Munde pfeifen oder aus dem Kopfe singen konnte, aber nur in der hrteren Tonart,
die weichere hatte ich allerdings empfunden und wute sie auch hervorzubringen,
aber dann mute ich langsam und vorsichtiger spielen, so da diese Stellen gar
melancholisch und vielfach gebrochen sich zwischen den brigen Lrm verflochten.
Musikkundige, welche in entfernterer Nachbarschaft mein Spiel hrten, hielten
dasselbe fr etwas Rechtes, belobten mich und luden mich ein, an ihren
Unterhaltungen teilzunehmen. Als ich mich aber mit meiner braunen einklappigen
Rhre einfand und verlegen und mit bsem Gewissen die Ebenholzinstrumente mit
einer Unzahl silberner Schlssel, die groen Notenbltter sah, bedeckt von
schwarzem Gewimmel, da stellte es sich heraus, da ich zu nichts zu gebrauchen,
und die Nachbaren schttelten verwundert die Kpfe. Desto eifriger erfllte ich
nun die freie Luft mit meinem Fltenspiele, welches dem schmetternden und doch
monotonen Gesange eines groen Vogels gleichen mochte, und empfand, unter
stillen Waldsumen liegend, innig das schferliche Vergngen eines andern
Jahrhunderts.
    Um diese Zeit hrte ich ein flchtiges Wort, Anna sei in ihre Heimat
zurckgekehrt. Ich hatte sie nun seit zwei Jahren nicht gesehen; wir beide
gingen unserm sechszehnten Geburtstage entgegen. Sogleich rstete ich mich zur
bersiedelung nach dem Dorfe und machte mich eines Sonnabends wohlgemut auf die
geliebten Wege. Meine Stimme war gebrochen, und ich sang, dieselbe mibrauchend,
mich md durch die hallenden Wlder. Dann hielt ich inne, und die Tiefe meiner
Tne bedenkend, dachte ich an Annas Stimme und suchte mir einzubilden, welchen
Klang sie nun haben mge. Darauf bedachte ich ihre Gre, und da ich selbst in
der Zeit rasch gewachsen, so konnte ich mich eines kleinen Schauers nicht
erwehren, wenn ich mir die Gestalt sechszehnjhriger Mdchen unserer Stadt
vorstellte. Dazwischen schwebte mir immer das halbkindliche Bild am See oder auf
jenem Grabe vor, mit seiner Halskrause, seinen Goldzpfen und freundlich
unschuldigen Augen. Dies Bild verscheuchte einigermaen die Unsicherheit, welche
sich meiner bemchtigen wollte, da ich getrost frba schritt und das Haus
meines Oheims in alter Ordnung und lauter Frhlichkeit fand.
    Doch nur die lteren Personen waren sich eigentlich ganz gleichgeblieben;
das junge Volk fhrte einen etwas vernderten Ton in Scherz und Reden. Als nach
dem Nachtessen sich die lteren zurckgezogen und einige junge Dorfbewohner
beiderlei Geschlechtes dafr ankamen, um noch einige Stunden zu plaudern,
bemerkte ich, da die Liebesangelegenheiten nun ausschlielicher und
ausgeprgter der Stoff der neckischen Gesprche geworden, aber so, da die
Jnglinge mit etwas spttischer Galanterie den Schein tieferer Empfindung zu
verhllen, die Mdchen eine groe Sprdigkeit, Mnnerverachtung und
jungfruliche Selbstzufriedenheit an den Tag zu legen bemht schienen; und an
der Art und Weise, wie die sich kreuzenden Scherze und Angriffe da reizten, dort
scheinbar verletzten, war nicht zu verkennen, da hier die Kristallelemente
zusammenzuschieen auf dem Punkte waren.
    Ich war anfangs still und suchte mich in den mehr wort- als sinnreichen
Scharmtzeln zurechtzufinden; die Mdchen betrachteten mich als einen
anspruchlosen Neutralen und schienen einen frommen und bescheidenen Knappen an
mir gewinnen zu wollen. Doch unversehens nahm ich, das Scheingefecht fr vollen
Ernst haltend, die Partei meines Geschlechts. Die vermeintliche
Bedrfnislosigkeit und stolze Selbstverklrung der Schnen dnkte mir gefhrlich
und beleidigend und entsprach nicht im mindesten meinen Gefhlen. Aber leider
setzte ich, anstatt mich der praktischeren und beliebteren Waffen meiner
Genossen zu bedienen, knabenhafter- und ungalanterweise den Mdchen ihre eigene
Kriegfhrung entgegen. Der trotzige Stoizismus, welchen ich gegen das
jungfruliche Selbstgengen aufwandte, warf mich um so schneller in eine einsame
und gefhrliche Stellung, als ich in meiner Einfalt augenblicklich selber daran
glaubte und mit heftigem Ernste verfuhr. Ich vereinigte sogleich alle Pfeile des
Spottes auf mich als ein nicht zu duldender Aufrhrer; die mnnlichen Teilnehmer
lieen mich auch im Stich oder hetzten mich flschlicherweise auf, um bei den
erzrnten Mdchen desto besser ihre Rechnung zu finden, worber ich wieder
verdrielich und eiferschtig wurde, und es rgerte mich gewaltig, wenn ich
bemerkte, wie mitten im Kriege die verstndnisvollen Blicke hufiger fielen und
der schne Feind seine Hnde den Burschen immer anhaltender und williger
berlie. Kurz, als die Gesellschaft auseinanderging und ich die Treppe
hinanstieg als ein erklrter Weiberfeind, verfolgten mich die drei Basen, jede
ihr Nachtlmpchen tragend, spottend bis vor die Tr meines Schlafzimmers. Dort
wandte ich mich um und rief: Geht, ihr trichten Jungfrauen mit euren Lampen!
Obgleich jede nur zu bald ihren irdischen Brutigam haben wird, frchte ich
doch, das l eurer Geduld reiche nicht aus fr die krzeste Frist; lscht eure
Lichter und schmt euch im Dunklen, so spart ihr das bichen l, ihr verliebten
Dinger!
    Eine Magd trug gerade ein Becken mit Wasser hinein; sie tauchten ihre Finger
in das Wasser und spritzten mir dasselbe ins Gesicht, whrend sie mit ihren
brennenden Lmpchen mir um Haar und Nase herumzndeten und mich hart bedrngten.
Mit Feuer und Wasser, sagten sie, weihen wir dich zu ewigem Frauenhasse! Nie
soll eine wnschen, diesen Ha schwinden zu sehen, und das Licht der Liebe soll
dir fr immerdar erlschen! Schlafen Sie recht wohl, gestrenger Herr, und
trumen Sie von keinem Mdchen! Hiemit bliesen sie meine Kerze aus und huschten
auseinander, da ihre Lichtchen in dem dunklen Hause verschwanden und ich im
Finstern stand. Ich tappte in das Zimmer, stie an alle Gegenstnde und streute
in der Dunkelheit mimutig meine Kleider auf dem Boden umher. Und als ich
endlich das Kopfende des Bettes gefunden und mich rasch unter die Decke
schwingen wollte, fuhr ich mit den Fen in einen verwnschten Sack, da ich sie
nicht ausstrecken konnte, sondern in meiner gewaltsamen Bewegung auf das
unangenehmste gehemmt und zusammengebogen wurde. Die Leintcher waren, infolge
einer lndlich-sittlichen Neckerei, so knstlich ineinandergeschrzt und -
gefaltet, da es allen meinen ungeduldigen Bemhungen nicht gelang, sie zu
entwirren, und ich mute mich in der unbequemsten und lcherlichsten Lage von
der Welt zum Schlafe zusammenkauern. Allein dieser wollte trotz meiner Mdigkeit
sich nicht einfinden; ein rgerliches und beschmendes Gefhl, da ich mich in
eine schiefe Stellung geworfen, die Besorgnis, wie Anna sich zu all diesem
verhalten wrde, und das verhexte Bett lieen mich die Augen nur auf Augenblicke
schlieen, wo dann die verworrensten Traumbilder mich verfolgten. Die Nacht im
Tale war unruhig und geruschvoll, denn es war diejenige des Sonnabends auf den
Sonntag, in welcher die ledigen Bursche bis zum Morgen zu schwrmen und ihren
Liebeswegen nachzugehen pflegen. Ein Teil derselben durchzog in Haufen singend
und jauchzend die nchtliche Gegend, bald fern, bald nah hrbar werdend; ein
anderer Teil schlich einzeln um die Wohnungen her, mit verhaltner Stimme
Mdchennamen rufend, Leitern anlegend, Steinchen an Fensterladen werfend. Ich
stand auf und ffnete das Fenster; balsamische Mailuft strmte mir entgegen, die
Sterne zwinkerten verliebt hernieder, ein Ktzchen duckte sich um die eine
Hausecke, um die andere bog ein schlanker Schatten mit einer langen Leiter und
lehnte sie an das Haus, drei oder vier Fenster von mir. Rstig klomm er die
Sprossen entlang und rief halblaut den Namen der ltesten Base, worauf das
Fenster leise aufging und ein trauliches Geflster begann, von einem Gerusche
unterbrochen, welches von demjenigen feuriger Ksse nicht im geringsten zu
unterscheiden war. Oho! dachte ich, das sind feine Geschichten! und indem ich so
dachte, sah ich einen andern Schatten von dem Fenster der mittleren Base, welche
eine Treppe tiefer schlief, sich auf den Ast eines nahen Baumes schwingen und
flink zur Erde gleiten; kaum war er aber fnfzig Schritte entfernt, so brach er,
den fernen Nachtschwrmern antwortend, in ein mrderliches Jauchzen aus, welches
weithin widerhallte.
    Mit sehr ungewohnten Empfindungen machte ich vorsichtig das Fenster zu und
suchte in meinem boshaften Leinwandlabyrinth Mdchen, Liebe, Mainacht und
Verdru zu vergessen.
    Noch gemischtere Gefhle jedoch kehrten zurck, als ich am Morgen meine
nchtlichen Erfahrungen bedachte. Zuerst befiel mich eine bekmmerte Entrstung
gegen meine Basen und ihre Liebhaber. Es machte mir den Eindruck, wie wenn in
einem verschlossenen Garten allerlei Freimaurerei getrieben wrde und ich als
ein Verhhnter vor dem Tore stnde.
    Indessen beschlo ich, als es darauf ankam, in die groe Wohnstube zu gehen
und mein nchstes Benehmen zu ordnen, vorderhand gnzliche Verschwiegenheit zu
ben, und dieser Entschlu kam mir so edel und gromtig vor, da ich, ganz
aufgeblht davon, whnte, die Mdchen mten mir meine Gromut auf der Stelle
ansehen, als ich in die Stube trat. Ich erregte jedoch nicht die mindeste
Aufmerksamkeit; wohl aber sah ich an einem der Fenster eine schlank
aufgewachsene jungfruliche Gestalt stehen, umgeben von meinen drei Basen. An
ihren eigentmlichen Zgen und der vernderten und doch gleich lieblich
gebliebenen Stimme erkannte ich sogleich Anna; sie sah fein und nobel aus, und
ich blieb ganz ratlos und verblfft stehen. Still und bescheiden schaute sie in
die Landschaft hinaus, und die Basen sprachen gedmpft, zierlich und vertraulich
mit ihr, wie es die Weiber zu tun pflegen, wenn sie einen Besuch haben, der
ihrer Gesellschaft zum Schmucke gereicht. Es ging so freundlich andchtig zu,
als ob die vier hbschen Kinder geraden Weges aus einer Klosterschule kmen, und
besonders die Tchter des Hauses schienen nicht die leiseste Erinnerung an den
Ton des gestrigen Abends zu hegen. Unbefangen grten sie mich, als ich endlich
bemerkt wurde, und stellten mich der Anna vor. Wir sahen auf den Boden und boten
uns die Fingerspitzen, die sich kaum berhrten, wobei sie, wie ich glaube, einen
kleinen hflichen Knicks machte. Ich sagte ganz verlegen: Sie sind also wieder
zurckgekehrt? worauf sie erwiderte: Ja - mit dem Tone eines Glckchens,
welches nicht recht wei, ob es anfangen soll, Mittag oder Vesper zu luten.
Hierauf sah ich mich wieder aus dem Mdchenkreise herausversetzt, ohne zu wissen
auf welche Weise, und machte mir eifrig mit einer Katze zu schaffen, indessen
ich Anna verstohlen betrachtete. Sie war eine ganz andere Gestalt geworden, von
einem schwarzen Seidenkleide umwallt, ihr Goldhaar lag schlicht und vornehm
gebunden und lie eine sorgfltige Behandlung ahnen, whrend frher manche
Lckchen sich auf eigne Hand gekruselt und zwischen den Flechten hervorgeguckt
hatten. Die Gesichtszge waren in ihrer Eigentmlichkeit ganz gleichgeblieben,
nur hielten sie sich viel ruhiger, und die armen, schnen blauen Augen hatten
ihre Freiheit verloren und lagen in den Banden bewuter Sitte. Dies alles
unterschied ich im Augenblick nicht genau, allein es machte zusammen einen
solchen Eindruck auf mich, da ich erschrak, als ich mich zum Frhstck, welches
inzwischen aufgetragen war, neben sie setzen mute; denn der Oheim hatte, da
Anna aus Welschland kam, seine franzsischen Knste aus der eleganten Zeit des
Pfarrhauses wieder zusammengelesen und zu mir gesagt: Eh bien! monsieur le
neveu! prenez place auprs de Mademoiselle votre cousine, s'il vous plat,
parbleu! est-ce que vous n'avez pas bien dormi? Parait que vous faites la triste
figure! und zu Anna, mit einem komischen Kratzfue, indem er mit seinem
Waldhrnchen salutierte: Veuillez accepter les services de ce pauvre jeune
homme de la triste figure, Mademoiselle! souffrez, s'il vous plat, qu'il fasse
votre galant, pour que notre maison illustre revisse les beaux jours
d'autrefois! allons parler franais toute la compagnie! Nun begann eine
drollige Unterhaltung in franzsischen Brocken, welche sich auf die lustigste
Weise kreuzten, weil niemand sich schmte, seine Schwerflligkeit und Unkunde zu
verraten, und der Scherz als eine Art Huldigung der Anna Gelegenheit geben
sollte, ihre erworbene Bildung zu zeigen. Auch nahm sie bescheiden, aber sicher
an dem seltsamen Gesprche teil und brachte ihre Reden mit artigem Akzente vor,
geziert mit den Wendungen welscher Konversation als En vrit! tenez! voyez!
usf., wozwischen der Oheim, seine Geistlichkeit vergessend, einige diables!
einfgte. Mir waren diese Formen keineswegs gelufig, und ich konnte meine
Meinungen nur in strikter und nackter bertragung vorbringen, dazu nicht in dem
lieblichsten Akzente; daher sagte ich, nur dann und wann oui und non oder je ne
sais pas! Die einzige Redensart, welche mir zu Gebote stand, war Que voulez-vous
que je fasse! und ich brachte diese Blte mehrere Male an, ohne da sie gerade
pate. Als hierber gelacht wurde, machte mich dies trbselig und verstimmt;
denn mit jedem Augenblicke, seit ich an das seidene Kleid Annas streifte, wurde
es mir bnger, da ich als gnzlich wertlos und unbedeutend zum Vorschein kme,
whrend ich doch bisher berzeugt war, das Beste und Hchste schtzen und
erstreben zu wollen und gerade dadurch selber einen nicht unerheblichen Wert in
mir zu tragen. In der Theorie hatte ich schon die Welt erobert und auch verdient
und besonders ber Anna durchaus verfgt; da nun aber die Praxis begann, so
beschlich mich gleich im Anfange eine verzagte Demut, welche ich ungefhr in
folgende trotzige und gewaltige Rede zusammenfate: Moi, j'aime assez la bonne
et vnrable langue de mon pays, qui est heureusement la langue allemande, pour
ne pas plaindre mon ignorance du franais. Mais Mademoiselle ma cousine ayant le
got franais et comme elle doit frquenter l'glise de notre village, c'est
beaucoup a plaindre qu'elle n'y trouvera point de ses orateurs vaudois qui sont
si levs, savants et dvots. Aussi, que son dplaisir ne soit trop grand, je
vous propose, Monsieur mon oncle, de remonter en chaire, nous ferons un petit
auditoire et vous nous ferez de beaux sermons franais. Que voulez-vous que je
fasse, fgte ich etwas verlegen hinzu, als ich diese Rede so hastig und
flieend als mglich gehalten hatte. Die Gesellschaft war sehr verwundert ber
diese langatmige Phrase und betrachtete mich als einen unvermuteten Teufelskerl
von Franzosen, besonders da sie wegen der Schnelligkeit, mit der ich sprach,
nichts davon verstanden hatten, auer dem Oheim, welcher vergnglich lachte. Man
ahnte freilich nicht, da ich die Rede im stillen frmlich ausgedacht und da
ich keineswegs mit dieser Gelufigkeit fortzufahren imstande wre. Anna war die
einzige Person, welche alles verstanden, und sie sagte kein Wort hierauf und
schien innerlich beleidigt zu sein; denn sie ward rot und sah verlegen vor sich
nieder. Sie verstand nmlich keinen Spa in bezug auf die waadtlndischen
Geistlichen, weil sie nebst dem Franzsischen einen Anflug orthodox kirchlichen
Wesens davongetragen hatte. Da ich bemerkte, da die verkehrte Art, meine innere
Mutlosigkeit zu uern, fast einen blen Eindruck gemacht, so flchtete ich
mich, sobald mglich, vom Tische hinweg. Es lutete nun das letzte Zeichen zur
Kirche, und die ganze Familie rstete sich zum Kirchgange. Anna zog helle
glnzende Lederhandschuhe an, und die drei Mdchen des Hauses, welche bisher,
obgleich stdtisch gekleidet, wie die Landmdchen ohne Handschuhe zur Kirche
gegangen, brachten nun ebenfalls deren gestrickte aus Seide oder Baumwolle zum
Vorschein und putzten sich damit aus. Anna zeigte, als man zum Gehen bereit war,
ein gesammeltes und andchtiges Wesen, sprach nicht mehr viel und sah vor sich
nieder; und die brigen Bschen, welche von jeher lachend und frhlich zur
Kirche gegangen, gaben sich nun auch ein feierliches Ansehen, da ich ganz aus
der Verfassung kam und nicht wute, wie ich mich gebrden sollte. Ich stand aus
Verlegenheit am Ofen, obschon die junge Sommersonne auf dem Garten sich lagerte;
man fragte mich, ob ich denn nicht mitginge? worauf ich, um endlich mir wieder
etwas Geltung zu verschaffen, mit Wichtigkeit sprach: nein, ich htte nicht
Zeit, ich mte schreiben!
    Heute ging das ganze Haus zur Kirche, wohl Anna zu Ehren, und nur ich allein
blieb zurck. Durch das Fenster sah ich dem Zuge nach, welcher sich durch die
Wiesen unter den Bumen hinbewegte und dann auf der Hhe des Kirchhofes zum
Vorschein kam, um endlich in der Kirchentr zu verschwinden. Diese wurde bald
darauf geschlossen, das Gelute schwieg, der Gesang begann und hallte deutlich
und schn herber. Auch dieser schwieg, und nun verbreitete sich ein Meer von
Stille ber das Dorf, nur hie und da, wie von Mwenschrei, durch einen
krftigern Ruf des Predigers unterbrochen. Das Laub und die Millionen Grser
waren muschenstill, trieben aber nichtsdestominder mit Hin- und Herwackeln
allerlei lautlosen Unfug, wie mutwillige Kinder whrend einer feierlichen
Verhandlung. Die abgebrochenen Tne der Predigt, welche durch einen offenen
Fensterflgel sich in die Gegend verloren, klangen seltsam und manchmal wie
hollaho! manchmal wie juchhe! oder hopsa! bald in hohen Fisteltnen, bald tief
grollend, jetzt wie ein nchtlicher Feuerruf und dann wieder wie das Gelchter
einer Lachtaube. Whrend der Pfarrer predigte und ich Anna in Gedanken
aufmerksam und still dasitzen sah, nahm ich Papier und Feder und schrieb meine
Gefhle fr sie in feurigen Worten nieder. Ich erinnerte sie an die zrtliche
Begebenheit auf dem Grabe der Gromutter, nannte sie mit ihrem Namen und brachte
so hufig als mglich das Du an, welches ehedem zwischen uns gebruchlich
gewesen. Ich ward ganz beglckt ber diesem Schreiben, hielt manchmal inne und
fuhr dann in um so schneren Worten wieder fort. Das Beste, was in meiner
zuflligen und zerstreuten Bildung angesammelt lag, befreite sich hier und
vermischte sich mit der Empfindung meiner augenblicklichen Lage. berdies wob
sich eine schwermtige Stimmung durch das Ganze, und als das Blatt
vollgeschrieben war, durchlas ich es mehrere Male, als ob ich damit jedes Wort
der Anna ins Herz rufen knnte. Dann reizte es mich, das Blatt offen auf dem
Tische liegenzulassen und in den Garten zu gehen, damit es der Himmel oder sonst
wer durch das offene Fenster lesen knne; aber nur die vllige Sicherheit, da
jetzt doch keine menschliche Seele in der Nhe sei, gab mir diese Verwegenheit,
mit welcher ich zwischen den Beeten auf und nieder spazierte, nach dem Fenster
hinaufschauend, hinter welchem meine schne Liebeserklrung lag. Ich glaubte
etwas Rechtes getan zu haben und fhlte mich zufrieden und befreit, verfgte
mich aber bald wieder in die Stabe, da ich dem Frieden doch nicht recht traute,
und kam gerade dort an, als das Blatt, durch den Luftzug getragen, zum Fenster
hinaussuselte. Es setzte sich auf einem Apfelbaume nieder; ich lief wieder in
den Garten; dort sah ich es sich erheben und mit einem gewaltigen Schusse auf
das Bienenhaus zufliegen, wo es hinter einem vollen summenden Bienenkorbe sich
festklemmte und verschwand. Ich nherte mich dem Korbe; allein die Bienen waren,
in Betracht der kurzen Sommerzeit, polizeilich von der Sonntagsfeier dispensiert
und ihre Arbeit als Notwerk erklrt; es summte und kreuzte sich vor dem Hause,
da an kein Durchkommen zu denken war. Unschlssig und ngstlich blieb ich
stehen; doch ein empfindlicher Stich auf die Wange bedeutete mir, da meine
Liebeserklrung fr einmal der bewaffneten Obhut dieses Bienenstaates
anheimgegeben sei. Fr einige Monate lag sie allerdings sicher hinter dem Korbe;
wenn aber der Honig ausgenommen wurde, so kam sicher auch mein Blatt zutage, und
was dann? Indessen betrachtete ich diesen Vorfall als eine hhere Fgung und war
halb und halb froh, meine Erklrung aus dem Bereiche meines Willens einer
allflligen Entdeckung ausgesetzt zu wissen. Meine gestochene Wange reibend,
verlie ich endlich die Bienen, nicht ohne genau nachzusehen, ob nirgends ein
Zipfelchen des weien Blattes hervorgucke. Der Gesang in der Kirche ertnte
wieder, die Glocken luteten, und die Gesellschaft kam in einzelnen Gruppen
zerstreut nach Hause. Ich stand wieder oben am Fenster und sah Annas Gestalt
durch das Grne allmhlich herannahen. Ihren weien Hut abnehmend, stand sie vor
dem Bienenhause einige Zeit still und schien die fleiigen Tierchen mit
Wohlgefallen zu betrachten; mit noch grerm Wohlgefallen betrachtete ich jedoch
sie, welche so ruhig vor meinem verborgenen Geheimnisse stand, und ich bildete
mir ein, da die Ahnung desselben sie an der blhenden und lieblichen Stelle
festhalte. Als sie heraufkam, zeigte sie jene zufriedene Frhlichkeit
Andchtiger, welche aus der Kirche kommen, und machte sich nun ein wenig lauter
und zugnglicher als vorher. Beim Mittagessen, wo ich wieder neben sie zu sitzen
kam, begann jedoch meine herbe se Schule wieder. An Sonn- und Festtagen glich
der Tisch meines Oheims ganz seinem Hause und zeigte dessen merkwrdige und
malerische Zusammensetzung in allen Stcken. Drei Vierteile desselben, von der
Jugend und den Dienstleuten besetzt, trugen groe lndliche Schsseln mit den
entsprechenden Speisen mchtige Stcke Rindfleisch und gewaltige Schinken. Neuer
Wein aus einem groen Kruge wurde in einfache grnliche Glser geschenkt, Messer
und Gabeln waren aufs billigste beschaffen und die Lffel von Zinn. Nach der
Spitze der Tafel zu, wo der Oheim und die allflligen Gste saen, vernderte
sich die Gestalt dieser Dinge. Dort waren die Ergebnisse der Jagd oder des
Fischfanges nebst anderen guten Dingen in kleinen Portionen aufgestellt; denn da
die Muhme dem Zubereiten und Essen solcher Sachen nicht grn war, so behandelte
sie dieselben apothekerhaft und spitzfingerig, gleich einem Grobschmied, der
eine Uhr zusammensetzen will. Auf einem bunten alten Porzellanteller lag hier
ein gebratener Vogel, dort ein Fisch, einige rote Krebse oder ein feines
Saltchen. Alter starker Wein stand in kleineren Flaschen, uralte Zierglser der
verschiedensten Form dabei; die Lffel waren von Silber, und das brige Besteck
bestand aus den Trmmern frherer Herrlichkeit, hier ein Messer mit einem
Elfenbeinhefte, dort eine kurzgezackte Gabel mit Emailgriff. Aus dem Gewimmel
dieser Zierlichkeiten ragte das ungeheure Brot wie ein Berg empor, als ein
mchtiger Auslufer des untern Speisengebirges, dessen Anwohner sich an der
Ausschlielichkeit der oberen Feinschmecker dadurch rchten, da sie eine
scharfe Kritik ber deren Geschicklichkeit im Essen ausbten. Wer nicht rasch
und reinlich einen Fisch zu verzehren oder die Knchelchen eines Vogels zu
zerlegen wute, hatte fr den Spott nicht zu sorgen. Bei der Mutter an die
einfachste Lebensweise gewhnt, war meine Gewandtheit in Fisch- und Vogelessen
nur gering, und ich sah mich daher am meisten den Witzen der Tischgenossen
ausgesetzt. So hielt mir auch heute ein Knecht einen Schinken her und bat mich,
ihm diesen Taubenflgel zu zerlegen, da ich so geschickt hierin sei; ein anderer
hielt mich fr vortrefflich geeignet, den Rckgrat einer Bratwurst zu benagen.
Dazu sollte ich als angeblicher Galan meine Schne bedienen, was mir durchaus
unbequem war; denn auer da es mir lcherlich vorkam, ihr ein Gericht
vorzuhalten, das ihr vor der Nase stand, und ich ihr lieber mit dem Herzen als
mit den Hnden dienen wollte, wo es nicht ntig war, reichte meine Kenntnis
hiefr nicht aus, sondern ich prsentierte manchmal den Schwanz eines Fisches,
wo der Kopf gut war, und umgekehrt. Ich lie sie auch bald unbedient sitzen und
freute mich unbeschwert ihrer Nhe; aber der Oheim weckte mich aus diesem
Vergngen, als er mich aufforderte, Anna einen Hechtkopf auseinanderzulegen und
ihr die Symbole des Leidens Christi zu zeigen, welche darin enthalten sein
sollten. Allein ich hatte diesen Kopf unbesehens gegessen, obschon man frher
davon gesprochen, und stellte mich nun zugleich als einen unwissenden Heiden
dar; darber rgerlich, ergriff ich mit der Faust den mittlerweile entblten
Schinkenknochen, hielt ihn der Anna unter die Augen und sagte, hier wre noch
ein heiliger Nagel vom Kreuze. Ich behielt nun freilich wieder recht in den
Augen der Sptter, doch Anna hatte gerade solche Grobheit nicht verdient, da sie
mich nicht verspottet und ganz still neben mir gesessen hatte. Sie wurde ber
und ber rot, ich fhlte augenblicklich mein Unrecht und htte aus Reue gern den
Knochen verschlungen. Das ersparte mir aber nicht einen kleinen Verweis des
Oheims, welcher mich ersucht haben wollte, dergleichen Mitteilungen zu
unterlassen. Das Rotwerden war nun an mir, und ich sagte nichts mehr whrend der
brigen Zeit, die man am Tische zubrachte. Ich zog mich zurck in bitterm Unmute
und gedachte mich nicht mehr sehen zu lassen, bis meine Basen mich aufsuchten
und mich aufforderten, mit ihnen und ihren Brdern Anna nach Hause zu begleiten
und den Schulmeister zu besuchen. Da ich in eine beschmende Lage geraten, so
fanden sie es angemessen, mich durch diese Freundlichkeit daraus zu ziehen; denn
sie wuten wohl, da ich sonst nach der Sitte jenes Alters nicht mitkommen
konnte, wo das Schmollen eine Ehrensache und an bestimmte Gesetze gebunden ist.
    Wir zogen also aus und gingen dem Flchen nach durch den Wald. Ich blieb
still, und als wir, durch die Enge des Weges getrennt, hintereinander gehen
muten, marschierte ich als der letzte hintendrein, dicht nach Anna, aber immer
in tiefem Schweigen. Meine Augen hingen mit Andacht und Liebe an ihrer Gestalt,
immer bereit, sich abzuwenden, sobald sie zurckschauen wrde. Doch tat sie dies
nicht ein einziges Mal; hingegen bildete ich mir mit innerlichem Vergngen ein,
da sie hie und da mit einer kaum sichtbaren Absicht zu gefallen sich ber
schwierige Stellen hinbewegte. Ich machte ein paarmal schchterne Anstalten, ihr
behilflich zu sein, allein immer kam sie meinen Hnden zuvor. Da stand an einer
erhhten Stelle des Weges die schne Judith unter einer dunklen Tanne, deren
Stamm wie eine Sule von grauem Marmor emporstieg. Ich hatte sie lange nicht
mehr gesehen; sie schien mit der Zeit noch immer schner zu werden und hatte die
Arme bereinandergeschlagen, eine Rosenknospe im Munde, mit welcher ihre Lippen
nachlssig spielten. Sie grte eines um das andere, ohne sich in ein Gesprch
einzulassen, und als ich schlielich auch an die Reihe kam, nickte sie mir
leicht zu mit einem etwas ironischen Lcheln.
    Der Schulmeister begrte uns mit Freuden und vor allen seine Tochter, die
er sehnlich zurckerwartet. Denn sie war nun die Erfllung seines Ideales
geworden, schn, fein, gebildet und von andchtigem, edlem Gemte, und mit dem
bescheidenen Rauschen ihres Seidenkleides war, nicht in schlimmem Sinne, eine
neue schne Welt fr ihn aufgegangen. Er hatte zu seinem bisherigen Vermgen
noch eine gute Erbschaft gemacht und benutzte diese, ohne Vornehmtuerei, sich
mit allerhand anstndigen Bequemlichkeiten zu umgeben. Was seine Tochter nach
den aus Welschland mitgebrachten Bedrfnissen irgend wnschen konnte, schaffte
er augenblicklich an und berdies eine Anzahl schner Bcher fr seine eigenen
Wnsche. Auch hatte er seinen grauen Frack mit einem feinen schwarzen Leitrock
vertauscht, wenn er ausging, und im Hause trug er einen ehrbaren talarartigen
Schlafrock, um mehr das Ansehen eines wrdigen, halbgeistlichen Privatgelehrten
zu gewinnen. Was irgend mit einer Stickerei geziert werden konnte an seiner
Person oder an seinem Gerte, das zeigte diesen Schmuck in allen Manieren und
Farben, da ihm solcher ausnehmend gefiel und Anna reichlich dafr sorgte. In dem
kleinen Orgelsaale stand nun ein prchtiges Sofa mit buntgestickten Kissen, und
vor demselben lag ein groblumiger Teppich von Annas Hand. Diese reiche
Farbenpracht, an einer Stelle zusammengehuft, nahm sich vortrefflich und
eigentmlich aus im Gegensatze zu dem einfachen weigetnchten Saale. Nur die
Orgel bot noch einigen Schmuck in glnzenden Pfeifen und mit ihren bemalten
Trflgeln. Anna erschien nun in einem weien Kleide und setzte sich an die
Orgel. Sie hatte in der Pension Klavier spielen mssen, lehnte es aber ab, ein
Klavier zu haben, als ihr Vater sogleich ein solches anschaffen wollte; denn sie
war zu klug und zu stolz, die gewhnliche Klimperei fortzusetzen. Dagegen wandte
sie das Erlernte dazu an, sich fr einfache Lieder auf der Orgel einzuben; sie
begleitete also jetzt unsern Gesang, und der Schulmeister weilte dafr singend
in unserm Kreise. Er schaute fortwhrend seine Tochter an, und ich ebenfalls, da
wir ihr im Rcken standen; sie sah wirklich aus wie eine heilige Ccilie,
whrend die Stellung ihrer weien Finger auf den Tasten noch etwas Kindliches
ausdrckte. Als wir des musikalischen Vergngens satt waren, gingen wir vor das
Haus; dort war auch vieles verndert. Auf dem Treppchen standen Granat- und
Oleanderbumchen, das Grtchen war nicht mehr ein krauses Rosen- und
Gelbveigeleingrtchen, sondern, Annas jetziger Erscheinung mehr angemessen, mit
fremden Gewchsen und einem grnen Tische nebst einigen Gartensthlen versehen.
Nachdem wir hier eine kleine Abendmahlzeit eingenommen, gingen wir an das Ufer,
wo ein neuer Kahn lag; Anna hatte auf dem Genfersee fahren gelernt und der
Schulmeister deswegen das Fahrzeug machen lassen, das erste, welches auf dem
kleinen See seit Menschengedenken zu sehen war. Auer dem Schulmeister stiegen
wir alle hinein und fuhren auf das ruhige glnzende Wasser hinaus; ich ruderte,
da ich als Anwohner eines grern Sees auch meine Knste zeigen wollte, und die
Mdchen saen dicht beisammen, die Bursche aber hielten sich unruhig und suchten
Scherz und Hndel. Endlich gelang es ihnen, das Gefecht wieder zu erffnen,
zumal sich ihre Schwestern aus der gemessenen Haltung heraus nach freier
Bewegung sehnten. Sie hatten sich nun genug darin gefallen, mit Anna die Feinen
und Gestrengen zu machen, und wnschten vorzglich die Frchte des Spukes,
welchen sie sich mit meinem Bette erlaubt hatten, mit Glanz einzuernten. Deshalb
wurde ich bald der Gegenstand des Gesprches; Margot, die lteste, berichtete
Anna, da ich mich als einen strengen Feind der Mdchen dargestellt htte und
wohl nicht zu hoffen wre, da ich jemals mich eines schmachtenden Herzens
erbarmen wrde; sie warne daher Anna zum voraus, sich nicht etwa frher oder
spter in mich zu verlieben, da ich sonst ein artiger junger Mensch sei. Darauf
bemerkte Lisette, es wre dem Schein nicht zu trauen; sie glaube vielmehr, da
ich innerhalb lichterloh brenne vor Verliebtheit, in wen, wisse sie freilich
nicht; allein ein sicheres Zeichen davon wre mein unruhiger Schlaf, man habe am
Morgen mein Bett im allersonderbarsten Zustande gefunden, die Leintcher ganz
verwickelt, so da zu vermuten, ich habe mich die ganze Nacht um mich selbst
gedreht wie eine Spindel. Scheinbar besorgt fragte Margot, ob ich in der Tat
nicht gut geschlafen? Wenn dem so wre, so wte sie allerdings nicht, was sie
von mir halten mte. Sie wolle inzwischen hoffen, da ich nicht ein solcher
Heuchler sei und den Mdchenfeind spiele, whrend ich vor Liebe nicht wte, wo
hinaus! berdies wre ich doch noch zu jung fr solche Gedanken. Lisette
erwiderte, eben das sei das Unglck, da ein Grnschnabel wie ich schon so
heftig verliebt sei, da er nicht einmal mehr schlafen knne. Diese letzte Rede
brachte mich endlich auf, und ich rief: Wenn ich nicht schlafen konnte, so
geschah das, weil ich durch euere eigene Verliebtheit die ganze Nacht gestrt
wurde, und ich habe wenigstens nicht allein gewacht! - O gewi sind wir auch
verliebt, bis ber die Ohren! sagten sie etwas betroffen, faten sich aber
sogleich, und die ltere fuhr fort: Weit du was, Vetterchen, wir wollen
gemeinsam zu Werke gehen; vertraue uns einmal deine Leiden, und zum Danke dafr
sollst du unser Vertrauter werden und unser Rettungsengel in unseren
Liebesnten! - Es dnkt mich, du hast keinen Rettungsengel notwendig,
antwortete ich, denn an deinem Fenster steigen die Engel schon ganz lustig die
Leiter auf und nieder! - Hrt, nun redet er irre, es mu schon arg mit ihm
stehen! rief Margot, rot werdend, und Lisette, weiche noch beizeiten sich
verschanzen wollte, setzte hinzu: Ach, lat den armen Jungen in Ruh, er ist mir
recht lieb und dauert mich! - Schweig du! sagte ich noch mehr erbost, dir
fallen die Liebhaber von den Bumen in die Kammer!
    Die Bursche klopften in die Hnde und riefen: Oho, steht es so? Der Maler
hat gewi etwas gesehen, freilich, freilich, freilich! Wir haben's schon lange
gemerkt! und nun nannten sie die begnstigten Liebhaber der beiden Dmchen,
welche uns den Rcken wandten mit den Worten: Larifari! ihr seid alle verlogene
Schelme und der Maler ein recht bser Hauptlgner! Lachend und flsternd
unterhielten sie sich hierauf mit den anderen beiden Mdchen, die nicht recht
wuten, woran sie waren, und alle wrdigten uns keines Blickes mehr. So hatte
ich das Geheimnis, das ich am Morgen gromtig zu verschweigen gelobt, noch vor
Untergang der Sonne ausgeplaudert. Dadurch war der Krieg zwischen mir und den
Schnen erklrt, und ich sah mich pltzlich himmelweit von dem Ziele meiner
Hoffnungen gerckt; denn ich dachte mir alle Mdchen als eng verbndet und
gleichsam eine Person, mit welcher man im ganzen gut stehen msse, wenn man ein
Teilchen gewinnen wolle.

                                Neuntes Kapitel



                       Der Philosophen- und Mdchenkrieg

Um diese Zeit wurde der zweite Lehrer des Dorfes versetzt, und an seine Stelle
kam ein blutjunges Schulmeisterlein von kaum siebzehn Jahren, welches bald ein
Aufsehn in der Gegend machte. Es war ein wunderhbsches Brschchen mit
rosenroten Wnglein, einem kleinen lieblichen Munde, mit einem kleinen
Stumpfnschen, blauen Augen und blonden gelockten Haaren. Er nannte sich selbst
einen Philosophen, weshalb ihm dieser Name allgemein zuteil wurde, denn sein
Wesen und Treiben war in allen Stcken absonderlich. Mit einem vortrefflichen
Gedchtnisse begabt, hatte er die zu seinem Berufe gehrigen Kenntnisse bald
erworben und sich im Seminare daher mit dem Studium von allen mglichen
Philosophien abgegeben, welche er den Worten nach auswendig lernte; denn er
behauptete, der beste Volksschulmeister sei nur derjenige, welcher auf dem
hchsten und klarsten Gipfel menschlichen Wissens stnde, mit dem umfassenden
Blicke ber alle Dinge, das Bewutsein bereichert mit allen Ideen der Welt,
zugleich aber in Demut und Einfalt, in ewiger Kindlichkeit wandelnd unter den
Kleinen, womglichst mit den Kleinsten. Demgem lebte er wirklich; aber dies
Leben war seiner groen Jugend wegen eine allerliebste Travestie in Miniatur.
Gleich einem Stare wute er alle Systeme von Thales bis auf heute herzusagen;
allein er verstand sie immer im wrtlichsten und sinnlichsten Sinn, wobei
besonders seine Auffassung der Gleichnisse und Bilder einen komischen Unfug
hervorbrachte. Wenn er von Spinoza sprach, so war ihm nicht etwa die Idee aller
mglichen Sthle der Welt, als ein Stck zweckmig gebrauchter Materie, der
Modus, sondern der einzelne Stuhl, der gerade vor ihm stand, war ihm der fertige
und vollstndige Modus, in welchem die gttliche Substanz in wirklichster
Gegenwart steckte, und der Stuhl wurde dadurch geheiligt. Bei Leibniz fiel ihm
nicht etwa die Welt in einem greulichen Monadenstaub auseinander, sondern die
Kaffeekanne auf dem Tisch, mit welcher er gerade exemplierte, drohte
auseinanderzugehen und der Kaffee, welcher im Gleichnis nicht mitbegriffen, auf
den Tisch zu flieen, so da der Philosoph sich beeilen mute, durch die
prstabilierte Harmonie die Kanne zusammenzuhalten, wenn wir den erquickenden
Trank genieen wollten. Bei Kant horte man das gttliche Postulat so leibhaftig
und zierlich erklingen wie ein Posthrnchen, aus der tiefen Ferne der innersten
Brust; bei Fichte verschwand wieder alle Wirklichkeit gleich den Trauben in
Auerbachs Keller, nur da wir nicht einmal an unsere Nasen glauben durften,
welche wir in den Hnden hielten; wenn Feuerbach sagte Gott ist nichts anderes,
als was der Mensch aus seinem eigenen Wesen und nach seinen Bedrfnissen
abgezogen und zu Gott gemacht hat, folglich ist niemand als der Mensch dieser
Gott selbst, so versetzte sich der Philosoph sogleich in einen mystischen Nimbus
und betrachtete sich selbst mit anbetender Verehrung, so da bei ihm, indem er
die religise Bedeutung des Wortes immer beibehielt, zu einer komischen
Blasphemie wurde, was im Buche die strengste Entsagung und Selbstbeschrnkung
war. Am drolligsten nahm er sich jedoch aus in seiner Anwendung der alten
Schulen, deren Lebensregeln er in seinem uern Behaben vereinigte. Als Cyniker
schnitt er alle berflssigen Knpfe von seinem Rocke, warf die Schuhriemen weg
und ri das Band von seinem Hute, trug einen derben Prgel in der Hand, welcher
zu seinem zarten Gesichtchen seltsam kontrastierte, und legte sein Bett auf den
bloen Boden; bald trug er sein schnes Goldhaar in langen, tausendfach
geringelten Locken, weil die Schere berflssig sei, bald schnitt er es so dicht
am Kopfe weg, da man mit dem feinsten Zngelchen kaum ein Hrchen htte fassen
knnen, indem er die Locken als schnden Luxus erklrte, und er sah dann mit
seinem kahlen Rosenkpfchen noch viel lustiger aus. Im Essen war er hinwieder
Epikureer, und die gewhnliche Dorfkost verschmhend, schmorte er sich ein
saures Eichhrnchen, briet ein Fischchen oder eine Wachtel, die er gefangen
hatte, und a ausgesuchte kleine Bhnchen, junge Krutchen und dergleichen, wozu
er ein halbes Glschen alten Wein trank. Als Stoiker hingegen richtete er
allerhand spahafte Hndel an und brachte die Leute in Harnisch, um in dem
entstandenen Lrm dann einen kalten Gleichmut zu behaupten und sich nichts
anfechten zu lassen; insbesondere aber erklrte er sich als einen Verchter der
Frauen und fhrte einen bestndigen Krieg mit ihnen, welche mit ihren sinnlichen
Reizen und ihrem eitlen Wesen die Mnner ihrer Tugend und Ernsthaftigkeit
berauben wollten. Als Cyniker verfolgte er die Frauen und Mdchen berall mit
Natrlichkeiten, als Epikureer mit erotischen Witzen, und als Stoiker sagte er
ihnen Grobheiten, war aber immer zu finden, wo drei beieinanderstanden. Sie
wehrten sich mit geruschvollem Entsetzen gegen ihn, so da berall, wo er
erschien, ein lustiger Spektakel losging; nichtsdestoweniger sah man ihn
ziemlich gern; die Mnner achteten nicht auf ihn, und die Kinder hingen mit
groer Liebe an ihm; denn mit diesen war er auf einmal wie ein Lamm und stand in
dem besten Verhltnisse zu ihnen. Er hatte die Allerkleinsten zu besorgen, und
er tat dies so vortrefflich, da man noch nie einen so wohlgearteten Schlag
kleiner Jngelchens und Dirnchens im Dorfe gesehen hatte. Deshalb bersah man
seine brigen Geschichten, die er anrichtete und die man seiner tollen Jugend
zuschrieb; und selbst da er sich fr einen Atheisten ausgab, konnte ihn der
Gunst des weiblichen Dorfes nicht berauben.
    Er fand sich auch im Hause meines Oheims ein, wo eine gute Anzahl Mdchen
und junger Bursche, die durch vielfltigen Besuch noch verstrkt wurde, fr
seine Auffhrungen empfnglich war. Ich gesellte mich dem Philosophen bei,
einesteils von seinem Philosophieren angezogen, andernteils von seinem
Weiberkriege, da dieser gerade mit meiner schiefen Lage zu den Mdchen
zusammentraf. Wir machten groe Spaziergnge, auf welchen er mir die Systeme der
Reihe nach vortrug, wie er sie im Kopfe hatte und wie ich sie verstehen konnte.
Es kam mir alles uerst wichtig und erbaulich vor, und ich ehrte bald, gleich
ihm, jede Lehre und jeden Denker, gleichviel ob wir sie billigten oder nicht.
ber den christlichen Glauben waren wir bald einig und machten in die Wette
unsern Krieg gegen Pfaffen und Autorittsleute jeder Art; als ich aber den
lieben Gott und die Unsterblichkeit aufgeben sollte und der Philosoph dieses mit
hchst unbefangenen Auseinandersetzungen verlangte, da lachte ich ebenso
unbefangen, und es kam mir nicht einmal in den Sinn, die Sache ernstlich zu
untersuchen. Ich sagte, am Ende wre die Hauptformel einer jeden Philosophie,
und sei diese noch so logisch, eine ebenso groe und greuliche Mystik wie die
Lehre von der Dreieinigkeit, und ich wollte von gar nichts wissen als von meiner
persnlichen angeborenen berzeugung, ohne mir von irgendeinem Sterblichen etwas
dazwischenreden zu lassen. Auerdem da ich nicht wute, was ich anfangen sollte
ohne Gott, und ich der Meinung war, da ich einer Vorsehung im Leben noch sehr
bentigt sein wrde, band mich eine Art knstlerischen Fhlens an diese
berzeugung. Ich glaubte, da alles, was Menschen zuwege bringen, seine
Bedeutung nur dadurch habe, da sie es zuwege zu bringen vermochten und da es
ein Werk der Vernunft und des freien Willens sei; deshalb konnte mir die Natur,
an die ich gewiesen war, auch nur einen Wert haben, wenn ich sie als das Werk
eines mir gleich fhlenden und voraussehenden Geistes betrachten durfte. Ein
sonnedurchschossener Buchengrund konnte nur dann ein Gegenstand der Bewunderung
sein, wenn ich ihn mir durch ein hnliches Gefhl der Freude und der Schnheit
geschaffen dachte. Sehen Sie diese Blume, sagte ich zum Philosophen, es ist
gar nicht mglich, da diese Symmetrie mit diesen abgezhlten Punkten und
Zacken, diese wei und roten Streifchen, dies goldene Krnchen in der Mitte
nicht vorhergedacht seien! Und wie schn und lieblich ist sie, ein Gedicht, ein
Kunstwerk, ein Witz, ein bunter und duftender Scherz! So was macht sich nicht
selbst! - Auf jeden Fall ist sie schn, sagte der Philosoph, sei sie gemacht
oder nicht gemacht! Fragen Sie einmal! Sie sagt nichts, sie hat auch nicht Zeit
dazu, denn sie mu blhen und kann sich nicht um Ihre Zweifel kmmern! Denn das
sind alles Zweifel, was Sie vorbringen, Zweifel an Gott und schnde Zweifel an
der Natur, und es wird mir bel, wenn ich nur einen Zweifler hre, einen
empfindsamen Zweifler! O weh! Er hatte diesen Trumpf beim Disputieren lterer
Leute gehrt und brachte denselben wie hnliche Fechterknste, die er sich
angeeignet, gegen mich vor, so da ich schlielich geschlagen wurde; besonders
sagte er zuletzt immer, ich verstehe eben die Sache noch nicht und wte nicht
richtig zu denken, was mich dann gewaltig erboste, und wir gerieten manchmal in
grimmigen Zank. Doch vereinigten wir uns immer wieder, wenn wir mit den Mdchen
zusammentrafen, wo wir einen gemeinsamen Kampf zu bestehen hatten, von allen
Seiten angegriffen Wir schlugen unsere Feinde eine Zeitlang mit unseren
Sarkasmen siegreich zurck; wenn sie aber nicht mehr weiterkonnten und zu sehr
gereizt waren, so ging der Krieg in Ttlichkeiten ber; eine einzelne begann
damit, einem von uns unversehens ein Glas Wasser ber den Kopf zu gieen, und
alsobald war ein hitziges Jagen und Verfolgen durch Haus und Grten im Gange.
Andere Bursche machten sich schnell herbei, denn fnf bis sechs zornige Mdchen
waren eine zu reizende Gelegenheit fr sie. Man warf sich mit Frchten, schlug
sich mit ausgerissenen Nesselstauden, suchte sich gegenseitig ins Wasser zu
drngen, wobei man ins allerengste Handgemenge kam, und ich war sehr verwundert,
die tollen Kinder so rhrig und wehrbar zu finden. Wenn ich eine junge Wilde mit
aller Kraft umfat hielt, um sie zu bndigen, whrend sie mich bslich zu
schdigen begehrte, so stritt ich ganz ehrlich und tapfer, ohne irgendeinen
Nebenvorteil zu suchen, und ich wute gar nicht, da ich ein Mdchen in den Arm
prete. Solche Gefechte geschahen immer in Annas Abwesenheit; einst aber
entzndete sich der Streit in ihrer Gegenwart, ohne da man es gewollt hatte,
und sie wollte sich schleunigst salvieren; ich aber, der eben hitzig einer
anderen nachstellte, um sie fr eine meuchlerische Bosheit zu bestrafen, kriegte
pltzlich Anna zu fassen und lie erschrocken meine Hnde sinken.
    So mutig ich an der Seite des Philosophen war, um so kleinlauter war ich,
wenn ich den Mdchen allein gegenberstand; denn alsdann war keine Rettung, als
alles ber sich ergehen zu lassen. Der Philosoph frchtete sich vor dieser
Feuertaufe nicht und tummelte sich manchmal furchtlos in einer Hlle von zwlf
jungen und alten Weiber umher, und er triumphierte um so lauter, je bler er von
ihren Zungen und Hnden zugerichtet wurde, wenn er ihnen weiberschmhende
Aussprche aus der Bibel und weltliche Argumente an den Kopf warf. Ich hingegen
rumte das Feld, wenn mir die Sache zu arg wurde, oder ich stellte mich, als ob
ich nicht ungeneigt wre, mich belehren und bekehren zu lassen. Wenn ich
vollends mit einem der Mdchen ganz allein war, so wurde stets ein
Waffenstillstand geschlossen, und ich war immer halb bereit, unsere Sache zu
verraten und mich unter den Schutz des Feindes zu stellen. Ich wnschte durch
diesen gemigten und freundlichen Verkehr allmhlich dahin zu gelangen, auch
mit Anna wieder im einzelnen und allein zu sprechen, und glaubte dies
trichterweise immer am besten auf weitlufigem Wege zu bewerkstelligen, indem
ich mich an die anderen hielt, statt Anna einfach einmal bei der Hand zu nehmen
und anzureden. Allein dies letztere schien mir eben noch himmelweit zu liegen
und eine reine Unmglichkeit; lieber htte ich einen Drachen gekt, als so
leichtsinnig die Schranke gebrochen, obgleich es vielleicht nur an diesem
Drachenku, an diesem ersten Worte hing, die schne Jungfrau Vertraulichkeit aus
der Verzauberung wiederzugewinnen.
    Allein wer konnte wissen! Ein Sperling in der Hand ist besser als ein Adler
auf dem Dache! Lieber noch dies stumme Nahsein sicher behalten, als durch die
beleidigte Ehre gentigt zu sein, auf immer zu scheiden! Dadurch wurde ich immer
mehr und mehr verhrtet und endlich unfhig, das gleichgltigste Wort an Anna zu
richten; so kam es, als sie auch nichts zu mir sagte, da nach einer sehr
stillschweigenden bereinkunft wir freinander gar nicht da waren, ohne uns
deswegen zu meiden. Sie kam ebensooft zu uns herber, wenn ich da war, wie
sonst, und ich besuchte den Schulmeister nach wie vor, wo sie sich dann
zufrieden herumzubewegen schien, ohne sich um mich zu bekmmern. Indessen kam es
mir wunderlich vor, da kein Mensch unsere seltsame Haltung zu bemerken schien,
obgleich es doch gewi auffallen mute, da wir auch gar nie etwas zueinander
sagten. Die lteste Base, Margot, hatte sich diesen Sommer mit dem jungen Mller
verlobt, welcher ein stattlicher Reitersmann war; die mittlere duldete offen die
Bewerbungen eines reichen Bauernsohnes, und die jngste, ein Ding von sechszehn
Jahren, welches sich im Kriege immer am wildesten und feindseligsten gebrdet,
war unmittelbar nach einem der hitzigsten Gefechte berrascht worden, wie sie in
der Laube sich schnell von dem Philosophen kssen lie. Die Wolken der
Zwietracht hatten sich daher verzogen, der allgemeine Friede war hergestellt,
nur zwischen mir und Anna, welche nie im Kriege gelegen miteinander, war kein
Friede, oder vielmehr ein sehr stiller; denn unser Verhltnis blieb sich immer
gleich. Anna hatte die uerlichen Welschlandsmanieren schon abgelegt und war
wieder frischer und freier geworden; allein sie blieb doch ein feines und
sprdes Kind, das berhaupt nicht viel sprach, leicht beleidigt und gereizt
wurde, was ein schnelles Errten immer anzeigte, und besonders stellte sich ein
leichter Stolz heraus, der sich mit etwas Eigensinn verband. Desto verliebter
aber wurde ich mit jedem Tage, so da ich mich fortwhrend mit ihr beschftigte,
wenn ich allein war, mich unglcklich fhlte und einsam Wlder und Hhen
durchstreifte; denn da ich nunmehr wieder der einzige war, welcher seine
Gedanken verbergen mute, wie ich wenigstens glaubte, so ging ich auch
vorzugsweise wieder allein und auf mich selbst angewiesen.

                                Zehntes Kapitel



                            Das Gericht in der Laube

Ich brachte die Tage im tiefen Walde zu, mit meinem Handwerkszeuge versehen;
allein ich zeichnete nur wenig nach der Natur, sondern wenn ich eine recht
geheime Stelle gefunden, wo ich sicher war, da niemand mich berraschte, zog
ich ein schnes Stck englisches Papier hervor, auf welchem ich Annas Bildnis
aus dem Gedchtnis in Wasserfarben malte. Es war fr mich das allergrte Glck,
wenn ich mich an einem klaren Spiegelwsserchen unter dichtem Bltterdache so
wohnlich eingerichtet hatte, das Bild auf den Knien. Ich konnte nicht erheblich
zeichnen, daher fiel das Ganze etwas byzantinisch aus, was ihm bei der
Fertigkeit und dem Glanz der Farben ein eigenes Ansehen gab. Jeden Tag
betrachtete ich Anna verstohlen oder offen und verbesserte danach das Bild, bis
es zuletzt ziemlich hnlich wurde. Es war in ganzer Figur und stand in einem
Blumenbeete, dessen hohe Stengel und Kronen mit Annas Haupt in den tiefblauen
Himmel ragten; der obere Teil der Zeichnung war bogenfrmig abgerundet und mit
Rankenwerk eingefat, in welchem glnzende Vgel und Schmetterlinge saen, deren
Farben ich noch mit Goldlichtern erhhte Alles dies sowie Annas Gewand, welches
ich phantastisch erfand und schmckte, war mir die angenehmste Arbeit whrend
vieler Tage, die ich im Walde zubrachte, und ich unterbrach diese Arbeit nur, um
auf meiner Flte zu spielen, welche ich bestndig bei mir fhrte. Auch des
Abends, nach Sonnenuntergang, ging ich oft mit der Flte noch aus, strich hoch
ber den Berg, bis wo der See in der Tiefe und des Schulmeisters Haus daran lag,
und lie dann meine wildgewachsenen Weisen oder auch ein schnes Liebeslied
durch Nacht und Mondschein ertnen.
    So gingen die Sommermonate vorber; ich verbarg das Bild sorgfltig und
gedachte es noch lange zu verbergen, da es von jedermann als ein ziemlich
deutliches Gestndnis der Liebe angesehen werden mute. An einem sonnigen
Septembernachmittage, als der herbstliche Schein mild auf dem Garten lag und das
Gemt zur Freundlichkeit stimmte, wollte ich eben ausgehen, als ein ganz kleines
Knbchen mir die Botschaft brachte, ich mchte in die grere Gartenlaube
kommen. Ich wute, da smtliche Mdchen dort mit Margots Aussteuer beschftigt
waren und da Anna ihnen half; das Herz klopfte mir daher sogleich, weil ich
irgend etwas ahnte; doch ging ich erst nach einer kleinen Weile mit
gleichgltiger Miene hin. Die Mdchen saen in einem Halbkreise um das weie
Leinenzeug herum, unter dem grnen Rebendache, und sie sahen alle schn und
blhend aus.
    Als ich eintrat und fragte, was sie begehrten, lchelten und kicherten sie
eine Zeitlang verlegen, da ich trotzig schon wieder umkehren und weggehen
wollte. Jedoch Margot ergriff das Wort und rief: So bleib doch hier, wir werden
dich nicht essen! und nachdem sie sich geruspert, fuhr sie fort:
    Es sind mannigfaltige Klagen ber dich angesammelt, und wir haben daher uns
als eine Art Gerichtshof hierher gesetzt, um dich zu richten und ins Verhr zu
nehmen, lieber Vetter! und wir fordern dich hiemit auf, uns auf alle Fragen
treu, wahr und bescheiden zu antworten! Erstlich wnschen wir zu wissen - je,
was wollten wir denn zuerst fragen, Caton?
    Ob er gern Aprikosen esse, erwiderte diese, und Lisette rief: Nein, wie
alt er sei, mssen wir zuerst fragen, und wie er heie!
    Bitte, macht euch nicht gar zu unntz, sagte ich, und rckt heraus mit
eurem Anliegen!
    Doch Margot sagte: Kurz und gut, du sollst einmal sagen, was du gegen die
Anna hast, da du dich so gegen sie benimmst?
    Wieso? antwortete ich verlegen, und Anna wurde ganz rot und sah auf ihre
Leinwand.
    Margot fuhr fort: Wieso? das mchte ich auch noch fragen! Mit einem Wort,
was hast du fr einen Grund, seit deiner Ankunft bei uns kein Sterbenswrtchen
zur Anna zu sagen und zu tun, als ob sie gar nicht in der Welt wre? Dies ist
nicht nur eine Beleidigung fr sie, sondern fr uns alle, und schon des
ffentlichen Anstandes wegen mu es gehoben werden auf irgendeine Weise; wenn
Anna dich beleidigt hat, ohne es zu wissen, so erklre es, damit sie dir
demtige Abbitte tun kann. brigens brauchst du hierauf nicht stolz zu sein oder
zu glauben, es sei auf deine kostbare Gunst abgesehen! Einzig und allein mu
durch gegenwrtige Verhandlung die Schicklichkeit und das gute Recht gewahrt
werden!
    Ich erwiderte, da ich die Grnde fr mein Benehmen gegen Anna angeben
knne, sobald sie mir diejenigen fr ihr eigenes Verhalten mitteilen wolle,
indem ich mich ebensowenig eines an mich gerichteten Wortes rhmen drfe. Auf
diese Rede ward mir vorgehalten ein Frauenzimmer knne immer noch tun, was sie
wolle; jedenfalls mte ich den Anfang machen, worauf dann Anna sich
verpflichten wrde, in einem gesellschaftlich freundlichen und zuvorkommenden
Verkehr mit mir zu leben wie mit anderen.
    Dies lie sich hren und schien mir ganz in dem Sinne gesagt zu sein, in
welchem ich die Frauen als eine verschworene Einheit betrachtet hatte; es klang
mir wie ein angenehmer Beweis davon, da es gut sei, wenn sie eine Sache
wohlwollend an die Hand nhmen. Ihre hochtrabenden Worte beirrten mich nicht,
und ich bildete mir gleich ein, da man mich sehr ntig habe. Lchelend
erwiderte ich, da ich mich einem vernnftigen Wort gern fge und da ich nichts
Besseres verlange, als mit aller Welt in Frieden zu leben. Nun stand ich aber
wieder da, ohne Anna weiter anzusehen, welche emsig nhte. Lisette ergriff nun
das Wort und sagte: Um einen Anfang zu machen, gib nun der Anna die Hand und
versprich ihr mit deutlichen Worten, jedesmal, wo du mit ihr zusammentriffst,
sie mit ihrem Namen zu gren und sie zu fragen, wie es ihr geht; hiebei soll
festgesetzt sein, da alle Tage, wo und wann ihr euch zuerst begegnet, die Hand
gereicht werde, wie es unter Christen gebruchlich ist!
    Ich nherte mich Anna, hielt meine Hand hin und sprach eine verworrene
kleine Rede; ohne aufzusehen, gab sie mir die Hand, wobei sie die Nase ein
bichen rmpfte und ein wenig lchelte.
    Als ich hierauf mich aus der Laube entfernen wollte, begann Margot wieder:
Geduld, Herr Vetter! Es kommt nun der zweite Punkt, welcher zu erledigen ist.
Sie schlug die Tcher, welche den Tisch bedeckten, auseinander und enthllte
mein Bild Annas.
    Wir wollen, fuhr sie fort, nicht lange errtern, wie wir zu diesem
geheimnisvollen Werke gelangt sind; es ist entdeckt, und wir wnschen nun zu
wissen, mit welchem Recht und zu welchem Zweck harmlose Mdchen ohne ihr Wissen
abkonterfeit werden?
    Anna hatte einen flchtigen Blick auf das bunte Wesen geworfen und sa
ebenso verlegen und unruhig da, als ich beschmt und trotzig war. Ich erklrte,
da das Blatt mein Eigentum und ich keiner sterblichen Seele eine Verantwortung
darber schuldig wre, gleichviel ob es ans Tageslicht getreten oder noch im
verborgenen liege, wo ich knftig meine Sachen zu lassen bitte. Damit wollte ich
meine Zeichnung ergreifen; allein die Mdchen deckten sie schleunig mit Leinwand
zu und trmten die ganze Aussteuer darauf.
    Es knne ihnen nicht gleichgltig sein, sagten sie, ob ihre Bildnisse
heimlich und zu unbekanntem Zwecke angefertigt wrden. Ich mte also bestimmt
erklren, fr wen ich besagtes Werk angefertigt habe oder was ich damit zu
machen gedenke; denn da ich es fr mich behalten wolle, sei nach meinem
bisherigen Verhalten nicht wohl anzunehmen; auch wre dies nicht zu gestatten.
    Die Sache ist sehr einfach, erwiderte ich endlich, ich habe dem
Schulmeister, Annas Vater, eine kleine Freude zu seinem Namenstage machen wollen
und gedachte dies am besten durch ein Portrt seiner Jungfrau Tochter zu
erreichen; habe ich damit unrecht getan, so ist es mir leid, ich werde es nicht
wieder tun! Ich kann vielleicht durch eine Abbildung seines Hauses und Gartens
am See dem Herrn Vetter den gleichen Dienst leisten, mir verschlgt es nichts!
    Durch diese Ausflucht beraubte ich mich zwar selbst des Bildes, das mir auch
der Mhe und Arbeit wegen lieb geworden war; zugleich aber schnitt ich der
unbequemen Verhandlung den Faden ab, indem die Mdchen hiegegen nichts mehr
einzuwenden wuten und meine aufmerksame Gesinnung fr den Schulmeister noch zu
loben veranlat wurden. Doch beschlossen sie, die Malerei aufzubewahren bis zum
bestimmten Tage, wo wir sie smtlich dem Schulmeister feierlich berbringen
wrden.
    So kam ich um meinen Schatz, verhehlte aber meinen Verdru, indessen die
kleine Caton, noch nicht zufrieden, wieder anfing: Ihm verschlgt es nichts! ob
er das Haus zeichne oder Anna, sagte er! Was soll das wohl heien?
    Und Margot erwiderte: Das soll heien, da er ein hochmtiger Gesell ist,
welchem ein Haus und ein schnes Mdchen gleich unbedeutend sind! Hauptschlich
aber soll es heien Glaubt ja nicht etwa, da ich das mindeste besondere
Interesse an diesem Gesichtchen hatte, als ich es malte! Dies ist eine neue
Beleidigung, und der armen Anna gebhrt eine glnzende Genugtuung!
    Margot zog nun ein zusammengelegtes Blatt aus dem Busen, entfaltete es und
beauftragte Lisette, es laut und feierlich vorzulesen. Ich war sehr begierig,
was es sein mchte; Anna wute ebenfalls nicht, was das bedeute, und sah ein
wenig auf; nach den ersten Worten aber erkannte ich, da es meine
Liebeserklrung aus dem Bienenhause war. Es wurde mir kalt und hei whrend des
Lesens; Anna kam, soviel ich in meiner Verwirrung bemerken konnte, erst nach und
nach auf die Spur; die brigen Mdchen, welche anfangs bermtige und lachende
Gesichter zeigten, wurden durch die Stille whrend des Lesens und durch die
ehrliche Kraft jener Worte berrascht und beschmt, und sie errteten der Reihe
nach, wie wenn die Erklrung sie selber betroffen htte. Indessen gab mir die
Angst schon eine neue List ein, die Angst, welche ich vor dem Verklingen des
letzten Wortes empfand. Als die Leserin schwieg, selbst in nicht geringer
Verlegenheit, sagte ich so trocken als mglich: Teufel! das kommt mir ganz
bekannt vor, zeigt einmal her! - Richtig! das ist ein altes Blatt Papier, von
mir beschrieben!
    Nun? weiter? sagte Margot etwas verblfft, denn sie wute nun ihrerseits
nicht, wo es hinaussollte.
    Wo habt ihr das gefunden? fuhr ich fort, das ist ein Stck bersetzung
aus dem Franzsischen, das ich schon vor zwei Jahren hier im Hause gemacht habe.
Die ganze Geschichte steht in dem alten vergoldeten Schferroman, der im
Dachstbchen liegt bei den alten Degen und Folianten; ich habe damals statt des
Namens Melinde den Namen Anna hingesetzt zum Spae. Hole einmal das Buch
herunter, kleine Caton! ich will euch die Stelle franzsisch vorlesen.
    Hol einmal selbst, kleiner Heinrich, wir sind gerade gleich alt! versetzte
die Kleine, und die brigen machten ganz enttuschte Gesichter, da meine
Erfindung zu natrlich und wahrhaft aussah. Nur Anna mute wissen, da die
Erklrung doch ausschlielich an sie gerichtet war, weil sie allein an der
Berufung auf das Grab der Gromutter erkennen konnte, da Stoff und Datum neu
waren. Sie rhrte sich nicht. So war nun der Inhalt des fliegenden Blattes doch
noch an seine rechte Bestimmung gelangt, und ich konnte seine Wirkung sich
selbst berlassen, ohne mit meiner Person unmittelbar dazu zu stehen und ohne
da die Mdchen einen Triumph davon hatten. Ich wurde so sicher und khn, da
ich das Papier nahm, zusammenfaltete und es der Anna mit einer komischen
Verbeugung und den Worten berreichte:
    Da man dieser Stilbung einmal einen hhern Zweck zugeschrieben hat, so
geruhen Sie, verehrtes Frulein! dem irrenden Blatte ein schtzendes Obdach zu
geben und dasselbe als eine Erinnerung an diesen denkwrdigen Nachmittag von mir
anzunehmen!
    Sie lie mich erst eine Weile stehen und wollte das Papier nicht nehmen;
erst als ich eben links abschwenken wollte, nahm sie es rasch und warf es neben
sich auf den Tisch.
    Mein Witz war indessen zu Ende, und ich suchte mit guter Manier aus der
Laube zu kommen. Mit einer zweiten scherzhaften Verbeugung empfahl ich mich;
smtliche Mdchen standen zierlich auf und entlieen mich unter
spttisch-hflichen Verneigungen. Der Spott kam von ihrem weiblichen Grolle, da
sie mich nicht gedemtigt und untergekriegt hatten, die Hflichkeit von der
Achtung, welche ihnen mein Benehmen einflte; denn whrend das Bild sowohl wie
das beschriebene Blatt von dem Vorhandensein einer bestimmten Neigung zeugten,
hatte ich trotz der ffentlichkeit der Verhandlung das Geheimnis so zu schtzen
gewut, da unter dem Mantel des Scherzes nicht nur ich, sondern auch Anna die
volle Freiheit behalten hatte, anzuerkennen, was ihr beliebte.
    Hchst zufrieden zog ich mich in das Dachstbchen zurck, wo ich meinen Sitz
aufgeschlagen hatte, und vertrumte dort eine kleine Stunde in der grten
Seligkeit. Anna kam mir so liebenswert und kstlich vor wie noch niemals, und
indem mein eigenschtiger Sinn sie sich nun unentrinnbar verfallen dachte,
bedauerte ich sie in ihrer Feinheit beinahe und fhlte eine Art zrtlichen
Mitleidens mit ihr. Doch machte ich mich bald wieder auf die Beine und schlich,
da die Septembersonne sich schon zu neigen begann, dem Garten zu, um dem Tage
die Krone aufzusetzen und zu sehen, ob ich Anna nach Hause geleiten knnte, zum
ersten Male wieder seit den schnen Kindertagen. Sie aber war schon fort und
allein ber den Berg gegangen; die Basen rumten ihre Arbeit zusammen und taten
sehr gleichmtig und ruhig; ich berblickte den leeren Tisch, htete mich aber
wohl zu fragen, ob Anna das Papier wirklich mitgenommen habe, und schlenderte
unmutig das Tal hinauf in den Schatten hinein.
    Die nchsten Tage kam sie nicht zu uns, und ich getraute mir auch nicht zum
Schulmeister zu gehen; sie hatte jetzt ein schriftliches Gestndnis von mir in
den Hnden, weswegen wir nun unser beider Freiheit verloren und deshalb unser
Benehmen schwieriger schien, weil ich die Gewaltsamkeit einer solchen Erklrung
wohl fhlte. Wie nun ein Tag nach dem andern vorberging, verschwand meine
vergngte Sicherheit wieder, besonders da ich gar keinerlei Erwhnung und Spuren
von dem Vorgange in der Laube erfuhr, und ich war eben wieder auf dem Punkte, in
meinem Herzen trotzig zu verstocken, als der Namenstag des Schulmeisters,
welchen ich in der Not angerufen hatte, wirklich da war und die Bschen
erklrten, wir wrden auf den Abend alle hingehen, um ihn zu beglckwnschen.
Erst jetzt bekam ich mein Bild wieder zu sehen, welches ganz fein eingerahmt
war. An einem verdorbenen Kupferstiche hatten die Mdchen einen schmalen, in
Holz auf das zierlichste geschnittenen Rahmen gefunden, welcher wohl siebenzig
Jahr alt sein mochte und eine auf einen schmalen Stab gelegte Reihe von
Mschelchen vorstellte, von denen eins das andere halb bedeckte. An der inneren
Kante lief eine feine Kette mit viereckigen Gelenken herum, die uere Kante war
mit einer Perlenschnur umzogen. Der Dorfglaser, welcher allerlei Knste trieb
und besonders in verjhrten Lackierarbeiten auf altmodischem Schachtelwerk stark
war, hatte den Muscheln einen rtlichen Glanz gegeben, die Kette vergoldet und
die Perlen wei gemacht und ein neues klares Glas genommen, so da ich hchst
erstaunt war, meine Zeichnung in diesem Aufputze wiederzufinden. Sie erregte die
Bewunderung aller lndlichen Beschauer, und besonders meine, Blumen und Vgel
sowie die Goldspangen und Edelsteine, womit ich Anna geschmckt, auch die fromme
und sorgfltige Ausarbeitung ihrer Haare und ihrer weien Halskrause, die
schnblauen Augen und die rosenroten Wangen, der kirschrote Mund, alles
entsprach dem phantasiereichen Sinne der Leute, welche ihre Augen an den
mannigfaltigen Gegenstnden vergngten. Das Gesicht war fast gar nicht
modelliert und ganz licht, und dies gefiel ihnen nur um so mehr, obgleich dieser
vermeintliche Vorzug in meinem Nichtknnen seinen einzigen Grund hatte.
    Ich mute das Werk eigenhndig tragen, als wir fortgingen, und wenn die
Sonne sich in dem glnzenden Glase spiegelte, so erwies es sich recht
eigentlich, da kein Fdelein so fein gesponnen, das nicht endlich an die Sonne
kme. Auch machten die Mdchen reichliche Witze, wenn sie sich nach mir umsahen,
der den Rahmen sorgfltig in acht nehmen mute und daher aussah, als ob ich eine
Altartafel im Schweie meines Angesichts ber den Berg trge. Aber die Freude,
welche der Schulmeister bezeugte, entschdigte mich reichlich fr alles sowie
ber den Verlust des Bildes, zumal ich mir vornahm, fr mich selbst noch ein
viel schneres zu entwerfen. Ich war der Held des Tages, als das Bild nach
genugsamem Betrachten ber dem Sofa im Orgelsaale aufgehngt wurde, wo es sich
wie das Bild einer mrchenhaften Kirchenheiligen ausnahm.

                                 Elftes Kapitel



                               Die Glaubensmhen

Doch dies alles trug dazu bei, meine Annherung an Anna zu erschweren; es war
mir unmglich, die Gelegenheit zu benutzen und mit ihr schnzutun; ich begriff,
da sie jetzt eben sich sehr gemessen benehmen mute, und ich erkannte, da es
eigentlich gar kein Spa sei, einem Mdchen seine Neigung so bestimmt
kundzugeben. Desto besser stand ich mich mit dem Schulmeister, mit welchem ich
vielfach disputierte. Sein Bildungskreis umfate hauptschlich das christlich
moralische Gebiet in einem halb aufgeklrten und halb mystisch andchtigen
Sinne, wo der Grundsatz der Duldung und Liebe, gegrndet auf Selbsterkenntnis
und auf das Studium des Wesens Gottes und der Welt, zuoberst stand. Daher war er
bewandert in den Denkwrdigkeiten und Aufzeichnungen geistreich andchtiger
Leute aus verschiedenen Nationen, und er besa und kannte seltene und berhmte
Bcher dieser Art, die ihm die berlieferung gleicher Bedrfnisse in die Hnde
gegeben hatte. Es war viel Schnes und Erbauliches zu lesen in diesen Bchern,
und ich hrte mit Bescheidenheit und Wohlgefallen seinen Vortrgen zu, da ja das
Grbeln nach dem Wahren und Guten mich unerllich dnkte. Meine Einsprachen
bestanden darin, da ich gegen das spezifisch Christliche protestierte, welches
das alleinige Merkzeichen alles Guten sein sollte. Ich befand mich in dieser
Hinsicht in einem peinlichen Zerwrfnisse. Whrend ich die Person Christi
liebte, wenn sie auch, wie ich glaubte, in der Vollendung, wie sie dasteht, eine
Sage sein sollte, war ich doch gegen alles, was sich Christlich nannte,
feindlich gesinnt geworden, ohne recht zu wissen warum, und ich war sogar froh,
diese Abneigung zu empfinden; denn wo sich Christentum geltend machte, war fr
mich reizlose und graue Nchternheit. Ich ging deswegen schon seit ein paar
Jahren fast nie in die Kirche, und die religise Unterweisung besuchte ich sehr
selten, obgleich ich dazu verpflichtet war; im Sommer kam ich durch, weil ich
grtenteils auf dem Lande lebte; im Winter ging ich zwei- oder dreimal, und man
schien dies nicht zu bemerken, wie man mir berhaupt keine Schwierigkeiten
machte, aus dem einfachen Grunde, weil ich der grne Heinrich hie, d.h. weil
ich eine abgesonderte und abgeschiedene Erscheinung war; auch machte ich ein so
finsteres Gesicht dazu, da die Geistlichen mich gern gehen lieen. So geno ich
einer vollstndigen Freiheit und, wie ich glaube, nur dadurch, da ich mir
dieselbe, trotz meiner Jugend, entschlossen angemat; denn ich verstand durchaus
keinen Spa hierin. Jedoch ein- oder zweimal im Jahre mute ich genugsam
bezahlen, wenn nmlich an mich die Reihe kam, in der Kirche aufzutreten, d.h. in
der ffentlichen Kirchenlehre nach vorhergegangener Einbung einige auswendig
gelernte Fragen zu beantworten. Dies war vor Jahren schon eine Pein fr mich
gewesen, nun aber geradezu unertrglich; und doch unterzog ich mich dem
Gebrauche oder mute es vielmehr, da, abgesehen von dem Kummer, den ich meiner
Mutter gemacht htte, das endliche gesetzliche Loskommen daran geknpft war. Auf
die nchste Weihnacht sollte ich nun konfirmiert werden, was mir ungeachtet der
gnzlichen Freiheit, welche mir nachher winkte, groe Sorgen verursachte. Daher
uerte ich mein Antichristentum jetzt gegen den Schulmeister mehr, als ich
sonst getan haben wrde, obgleich es in ganz anderer Weise geschah, als wenn ich
mit dem Philosophen zusammen war; ich mute nicht nur den Vater Annas, sondern
berhaupt den bejahrten Mann ehren; und besonders seine duldsame und liebevolle
Weise schrieb mir von selber vor, mich in meinen Ausdrcken mit Ma und
Bescheidenheit zu benehmen und sogar zuzugestehen, da ich als ein junger
Bursche noch was zu lernen mglich fnde. Auch war der Schulmeister eher froh
ber meine abweichenden Meinungen, indem sie ihm Veranlassung zu geistiger
Bewegung gaben und er um so mehr Ursache bekam, mich liebzugewinnen, der Mhe
wegen, die ich ihm machte. Er sagte, es sei ganz in der Ordnung, ich sei wieder
einmal ein Mensch, bei welchem das Christentum das Ergebnis des Lebens und nicht
der Kirche sein wrde, und werde noch ein rechter Christ werden, wenn ich erst
etwas erfahren habe. Der Schulmeister stand sich nicht gut mit der Kirche und
behauptete, ihre gegenwrtigen Diener wren unwissende und rohe Menschen. Ich
habe ihn aber ein wenig im Verdacht, da dies nur darin seinen Grund hatte, da
sie Hebrisch und Griechisch verstanden, was ihm verschlossen blieb.
    Indessen war die Ernte lngst vorber, und ich mute an die Rckkehr denken.
Mein Oheim wollte mich diesmal nach der Stadt bringen und zugleich seine Tchter
mitnehmen, von denen die zwei jngeren noch gar nie dort gewesen. Er lie eine
alte Kutsche bespannen, und so fuhren wir davon, die Tchter in ihrem besten
Staate, zum Erstaunen aller Dorfschaften, durch welche wir kamen. Der Oheim fuhr
am gleichen Tage mit Margot zurck, Lisette und Caton blieben eine Woche bei
uns, wo die Reihe an ihnen war, die Blden und Schchternen zu spielen, denn ich
zeigte ihnen mit wichtiger Miene alle Herrlichkeiten der Stadt und tat, als ob
ich dies alles erfunden htte.
    Nicht lange nachdem sie fort waren, kam eines Morgens ein leichtes Fuhrwerk
vor unser Haus gerollt, und heraus stiegen der Schulmeister und sein
Tchterchen, letzteres durch einen fliegenden grnen Schleier gegen die khle
Herbstluft geschtzt. Eine lieblichere berraschung htte mir gar nicht
widerfahren knnen, und meine Mutter hatte die grte Freude an dem guten Kinde.
Der Schulmeister wollte sich umsehen, ob fr den Winter eine geeignete Wohnung
zu finden wre, indem er doch allmhlich sein Kind mit der Welt mehr in
Berhrung bringen mute, um ihre Anlagen nach allen Seiten sich entwickeln zu
lassen. Es sagte ihm jedoch keine Gelegenheit zu, und er behielt sich vor,
lieber im nchsten Jahre ein kleines Haus in der Nhe der Stadt zu kaufen und
ganz berzusiedeln. Diese Aussicht erfllte mich zwar mit pltzlicher Freude;
aber ich htte mir Anna doch lieber fr immer als das Kleinod jener grnen
entlegenen Tler gedacht, die mir einmal so lieb geworden. Indessen hatte ich
das heimliche Vergngen, zu sehen, wie meine Mutter Freundschaft schlo mit Anna
und wie diese ebenso tiefen Respekt als herzliche Zuneigung zu jener bezeigte
und zu meiner allergrten Genugtuung gern zu zeigen schien. Wir wetteiferten
nun frmlich, ich, dem Schulmeister meine Achtung darzutun, und sie meiner
Mutter, und ber diesem angenehmen Streite fanden wir keine Zeit, miteinander
selbst zu verkehren, oder wir verkehrten vielmehr nur dadurch miteinander. So
schieden sie von uns, ohne da ich mit ihr einen einzigen besondern Blick
gewechselt htte.
    Nun rckte der Winter heran und mit ihm das Weihnachtsfest. Wchentlich
dreimal frh um fnf Uhr mute ich in das Haus des Pfarrhelfers gehen, wo in
einer langen schmalen riemenfrmigen Stube an vierzig junge Leute zur
Konfirmation vorbereitet wurden. Wir waren Jnglinge, wie man uns nun nannte,
aus allen Stnden; am oberen Ende, wo einige trbe Kerzen brannten, die
Vornehmen und Studierenden, dann kam der mittlere Brgerstand, unbefangen und
mutwillig, und zuletzt, ganz in der Dunkelheit, arme Schuhmacherlehrlinge,
Dienstboten und Fabrikarbeiter, etwas roh und schchtern, unter denen wohl dann
und wann eine plumpe Strung vorfiel, whrend weiter oben man sich mit Anstand
einer ruhigen Unaufmerksamkeit hingab. Diese Ausscheidung war gerade nicht
absichtlich angeordnet, sondern sie hatte sich von selbst gemacht. Wir waren
nmlich nach unserm Verhalten und nach unserer Ausdauer geordnet; da nun die
Vornehmsten von Haus aus zum uern Frieden mit der Kirche streng erzogen wurden
und die meiste Sicherheit im Sprechen besaen und dies Verhltnis durch alle
Grade herunterging, so war dem Scheine nach die Rangordnung ganz natrlich,
besonders da die Ausnahmen sich dann von selbst zu ihresgleichen hielten und
durchaus nicht sich unter die anderen Stnde mischen wollten.
    Schon das pnktliche Aufstehen und Hingehen am kalten dunklen Wintermorgen,
an regelmigen Tagen, und das Hinsitzen an einen bestimmten Platz war mir
unertrglich, da ich seit der Schulzeit dergleichen nicht mehr gebt. Nicht da
ich gnzlich unfgsam war fr irgendeine Disziplin, wenn ich einen notwendigen
und vernnftigen Zweck einsah; denn als ich zwei Jahre spter meiner
Militrpflicht gengen und als Rekrut mich an bestimmten Tagen auf die Minute am
Sammelplatze einfinden mute, um mich nach dem Willen eines verwitterten
Exerziermeisters sechs Stunden lang auf dem Absatze herumzudrehen, da tat ich
dies mit dem grten Eifer und war ngstlich bestrebt, mir das Lob des alten
Kommibruders zu erwerben. Allein hier galt es, sich zur Verteidigung des
Vaterlandes und seiner Freiheit fhig zu machen; das Land war sichtbar, ich
stand darauf und nhrte mich von seiner Frucht. Dort aber mute ich mich
gewaltsam aus Schlaf und Traum reien, um in der dsteren Stabe zwischen langen
Reihen einer Schar anderer schlaftrunkener Jnglinge das allerfabelhafteste
Traumleben zu fhren unter dem eintnigen Befehl eines geistlichen Ministers,
mit dem ich sonst auf der Welt nichts zu schaffen hatte.
    Was unter fernen stlichen Palmen vor Jahrtausenden teils sich begeben,
teils von heiligen Trumern getrumt und niedergeschrieben worden war, ein Buch
der Sage, das wurde hier als das hchste und ernsthafteste Lebenserfordernis,
als die erste Bedingung, Brger zu sein, Wort fr Wort durchgesprochen und der
Glaube daran auf das genaueste reguliert. Die wunderbarsten Ausgeburten
menschlicher Phantasie, bald heiter und reizend, bald finster, brennend und
blutig, aber immer durch den Duft einer entlegenen Ferne gleichmig
umschleiert, muten als das gegenwrtigste und festeste Fundament unseres ganzen
Daseins angesehen werden und wurden uns nun zum letzten Male und ohne allen Spa
bestimmt erklrt und erlutert, zu dem Zwecke, im Sinne jener Phantasien ein
wenig Wein und ein wenig Brot am richtigsten genieen zu knnen; und wenn dies
nicht geschah, wenn wir uns dieser fremden wunderbaren Disziplin nicht mit oder
ohne berzeugung unterwarfen, so waren wir ungltig im Staate, und es durfte
keiner nur eine Frau nehmen. Von Jahrhundert zu Jahrhundert war dies so gebt,
und die verschiedene Auslegung der symbolischen Vorstellung hatte schon ein Meer
von Blut gekostet; der jetzige Umfang und Bestand unseres Staates war
grtenteils eine Folge jener Kmpfe, so da fr uns die Welt des Traumes auf
das engste mit der gegenwrtigen und greifbarsten Wirklichkeit verbunden war.
Wenn ich den widerspruchlosen Ernst sah, mit welchem ohne Mienenverzug das
Fabelhafte behandelt wurde, so schien es mir, als ob von alten Leuten ein
Kinderspiel mit Blumen getrieben wrde, bei welchem jeder Fehler und jedes
Lcheln Todesstrafe nach sich zieht.
    Das erste, was uns der Lehrer als christliches Erfordernis bezeichnete und
worauf er eine weitlufige Wissenschaft grndete, war das Erkennen und Bekennen
der Sndhaftigkeit. Nun war die Aufrichtigkeit gegen sich selbst, die Kenntnis
der eigenen Fehler und Untugenden mir keineswegs fremd, das Andenken an die
kindlichen beltaten und moralischen Schulabenteuer noch so frisch, da ich auf
dem Grunde meines Bewutseins sogar deutlich ein angehendes Snderlein
herumgehen sah, welches mir demtige Reue verursachte. Dennoch wollte mir das
Wort nicht gefallen; es hatte einen zu handwerksmigen Anstrich, einen
widerlich technischen Geruch wie von einer Leimsiederei oder von dem suerlich
verdorbenen Schlichtebrei eines Leinewebers. Da die gttliche Manipulation mit
dem Sndenfall in dem muffigen Wesen fortmffelte, kam mir damals nicht recht
zum Verstndnis, weil uns die letzten Feinheiten der theologischen Gemtlichkeit
noch nicht zugnglich waren. So lie ich die Sache ohne Hochmut und in dem
Gefhle auf sich beruhen, da es jedenfalls sich um einen schwierigen Punkt
handle und es bedenklich wre, gelegentlich etwa aus dem Kreise der
Rechtschaffenen und Braven wegzufallen. Auch dmmerte mir wohl die Ahnung auf,
da selbst der Gerechte manchen Unordentlichkeiten ausgesetzt sei und jede
derselben ihr eigenes Ma der Verantwortung in sich habe.
    Nach der Lehre von der Snde kam gleich die Lehre vom Glauben, als der
Erlsung von jener, und auf sie wurde eigentlich das Hauptgewicht des ganzen
Unterrichtes gelegt; trotz aller Beifgungen, wie da auch gute Werke vonnten
seien, blieb der Schlugesang doch immer und allein der Glaube macht selig! und
dies uns einleuchtend zu machen als herangewachsenen jungen Leuten, wandte der
geistliche Mann die mglichst annehmliche und vernnftig scheinende Beredsamkeit
auf. Wenn ich auf den hchsten Berg laufe und den Himmel abzhle, Stern fr
Stern, als ob sie ein Wochenlohn wren, so kann ich darunter kein Verdienst des
Glaubens entdecken, und wenn ich mich auf den Kopf stelle und den Maiblmchen
unter den Kelch hinaufgucke, so kann ich nichts Verdienstliches am Glauben
ausfindig machen. Wer an eine Sache glaubt, kann ein guter Mann sein, wer nicht,
ein ebenso guter. Wenn ich zweifle, ob zwei mal zwei vier seien, so sind es
darum nicht minder vier, und wenn ich glaube, da zwei mal zwei vier seien, so
habe ich mir darauf gar nichts einzubilden, und kein Mensch wird mich darum
loben. Wenn Gott eine Welt geschaffen und mit denkenden Wesen bevlkert htte,
alsdann sich in einen undurchdringlichen Schleier gehllt, das geschaffene
Geschlecht aber in Elend und Snde verkommen lassen, hierauf einzelnen Menschen
auf auerordentliche und wunderbare Weise sich offenbart, auch einen Erlser
gesendet unter Umstnden, welche nachher mit dem Verstande nicht mehr begriffen
werden konnten, von dem Glauben daran aber die Rettung und Glckseligkeit aller
Kreatur abhngig gemacht htte, alles dieses nur, um das Vergngen zu genieen,
da an Ihn geglaubt wrde, Er, der seiner doch ziemlich sicher sein drfte so
wrde diese ganze Prozedur eine gemachte Komdie sein, welche fr mich dem
Dasein Gottes, der Welt und meiner selbst alles Trstliche und Erfreuliche
benhme. Glaube! O wie unsglich blde klingt mich dies Wort an! Es ist die
allerverzwickteste Erfindung, welche der Menschengeist machen konnte in einer
zugespitzten Lammslaune! Wenn ich des Daseins Gottes und seiner Vorsehung
bedrftig und gewi bin, wie entfernt ist dies Gefhl von dem, was man Glauben
nennt! Wie sicher wei ich, da die Vorsehung ber mir geht gleich einem Stern
am Himmel, der seinen Gang tut, ob ich nach ihm sehe oder nicht nach ihm sehe.
Gott wei, denn er ist allwissend, jeden Gedanken, der in meinem Inneren
aufsteigt, er kennt den vorigen, aus welchem er hervorging, und sieht den
folgenden, in welchen er bergeht; er hat allen meinen Gedanken ihre Bahn
gegeben, die ebenso unausweichlich ist wie die Bahn der Sterne und der Weg des
Blutes; ich kann also wohl sagen ich will dies tun oder jenes lassen, ich will
gut sein oder mich darber hinwegsetzen, und ich kann durch Treue und bung es
vollfhren; ich kann aber nie sagen ich will glauben oder nicht glauben; ich
will mich einer Wahrheit verschlieen, oder ich will mich ihr ffnen! Ich kann
nicht einmal bitten um Glauben, weil, was ich nicht einsehe, mir niemals
wnschbar sein kann, weil ein klares Unglck, das ich begreife, noch immer eine
lebendige Luft zum Atmen fr mich ist, whrend eine Seligkeit, die ich nicht
begriffe, Stickluft fr meine Seele wre.
    Dennoch liegt in dem Worte Der Glaube macht selig! etwas Tiefes und Wahres,
insofern es das Gefhl unschuldiger und naiver Zufriedenheit bezeichnet, welches
alle Menschen umfngt, wenn sie gern und leicht an das Gute, Schne und
Merkwrdige glauben, gegenber denjenigen, welche aus Dnkel und Verbissenheit
oder aus Selbstsucht alles in Frage stellen und bemkeln, was ihnen als gut,
schn oder merkwrdig erzhlt wird. Wo das religise Glauben bei mangelnder
berlegungskraft seinen Grund in jener liebenswrdigen und gutmtigen
Leichtglubigkeit hat, da sagt man mit Recht, es mache selig, und denjenigen
Unglauben, welcher aus der anderen Quelle herrhrt, kann man billig unselig
nennen. Allein mit der eigentlichen dogmatischen Lehre vom Glauben haben beide
rein nichts zu tun; denn whrend es christlich Glubige gibt, welche in allen
anderen Dingen die unangenehmsten Bezweifler und Bemkler sind, gibt es ebenso
viele Unglubige, sogar Atheisten, welche sonst an alles Hoffnungsvolle und
Erfreuliche mit allbereiter Leichtigkeit glauben, und es ist ein beliebtes
Argument der kirchlichen Polemiker, da sie solchen hhnisch vorhalten, wie sie
jeden auffallenden Quark als bare Mnze annehmen und sich von Illusionen nhren,
whrend sie nur das Groe und Eine nicht glauben wollen. So haben wir das
komische Schauspiel, wie Menschen sich der abstraktesten Ideologie hingeben, um
nachher jeden, der an etwas erreichbar Gutes und Schnes glaubt, einen Ideologen
zu nennen. Will man die Bedeutung des Glaubens kennen, so mu man nicht sowohl
die orthodoxen Kirchenleute betrachten, bei denen alles ber einen Kamm
geschoren ist und das Eigentmliche daher zurcktritt, als vielmehr die
undisziplinierten Wildlinge des Glaubens, welche auerhalb der Kirchenmauern
frei umherschwirren, sei es in entstehenden Sekten, sei es in einzelnen
Personen. Hier treten die rechten Beweggrnde und das Ursprngliche in Schicksal
und Charakter hervor und werfen Licht in das verwachsene und fest gewordene
Gebilde der groen geschichtlichen Masse.
    Es lebte in unserer Stadt ein fremder Mann namens Wurmlinger, welcher sich
ein Vergngen daraus machte, den Leuten, welche sich mit ihm abgaben, allerlei
Erfindungen und Aufschneidereien vorzutragen, um sie nachher ihrer
Leichtglubigkeit wegen zu verhhnen, indem er erklrte, die Geschichte sei gar
nicht wahr. Jemand anders aber mochte erzhlen, was er wollte, so stellte der
Mann es in Abrede, und er hatte eine ganz eigene tckische Manier, die
Treuherzigkeit, mit welcher ihm etwas gesagt wurde, ins Lcherliche zu ziehen,
auf die gleiche Weise, wie er die Treuherzigkeit derer, welche ihm glaubten,
spttisch zu machen wute. Er a keine Krume Brotes, die er sich nicht durch
eine Lge verschafft; denn er wre lieber Hungers gestorben, eh er in ein auf
gradem Wege erworbenes Stck Brot gebissen htte. A er aber sein Brot, so sagte
er, es sei gut, wenn es schlecht war, und schlecht, wenn es gut war. berhaupt
ging sein ganzes Streben dahin, sich immer fr etwas anderes zu geben, als er
war, was ihm ein fortgesetztes Studium verursachte, so da er, der eigentlich
nichts tat und nie etwas gentzt hatte, doch zu jeder Minute in der
verwickeltsten Ttigkeit begriffen war. Hiezu bedurfte er eines fortgesetzten
Schleichens und Lauerns, teils um die gnstigen Momente zu erhaschen, seine
Narrheiten vorzubringen, teils um andere auf schwachen Seiten zu ertappen, da
eine Hauptleidenschaft von ihm darin bestand, die ganze Welt der Unwahrheit und
Lge zu berfhren; und es war nichts Lustigeres zu sehen, als wenn er, soeben
hinter einer Tr, wo er gelauert hatte, auf den Zehen hervorhpfend, pltzlich
strack und steif dastand, mit rollenden Augen um sich stierte und mit
bombastischen Worten seine Gradheit, Ehrlichkeit und arglose Derbheit anrhmte.
Da er bei alledem wohl fhlte, da jedermann besser daran war als er, so
erfllte ein unnennbar neidisches Wesen seine Seele, welches ihn verzehrte wie
ein glhendes Feuer und sich dadurch zu erkennen gab, da sein drittes Wort
immer das Wort Neid war. Er versicherte, sich in einer ewig glckseligen
moralischen berlegenheit zu befinden, und sah daher in jedem Blatte, das nicht
nach seiner Weise suselte, einen neidischen Widersacher, und die ganze Welt war
nur ein vor Neid zitternder Wald fr ihn. Widersprach ihm jemand, so schrieb er
jeden Widerspruch dem Neide zu; schwieg man whrend seiner Vortrge, so wurde er
wtend und konnte kaum das Weggehen des Schweigenden abwarten, um denselben des
Neides zu beschuldigen, so da seine ganze Rede durch das unaufhrlich
wiederkehrende Wort Neid recht eigentlich zum tnenden Gesange des Neides selbst
wurde. So war er in allem der persnliche Feind der Wahrheit und atmete nur in
Abwesenheit derselben, wie die Muse auf dem Tische tanzen, wenn die Katze nicht
zu Hause ist, und die Wahrheit rchte sich auf die einfachste Weise an ihm. Sein
Grundbel war, da er schon im Mutterleibe hatte gescheiter sein wollen als
seine Mutter, und infolgedessen konnte er nur leben, wenn er nichts zu glauben
brauchte, was irgend ein Mensch sagte, alle Menschen aber glaubten, was er sagte
Nun konnte er sich freilich stellen, als ob dem so wre, und er tat es auch, was
schon eine energische Zusammenfassung der einzelnen Verlogenheiten und seine
Hauptlge war; allein der Beweis vom wahren Sachverhalte machte sich doch zu
offenbar im Gelchter seiner Nebenmenschen. Daher fand er kurz und gut seinen
besten Sttzpunkt in derjenigen Lehre, welche den unbedingten Glauben zum Panier
erhebt. Schon da die allgemeine Richtung der Zeit sich vom Glauben abwandte und
die Mehrzahl der denkenden Menschen, wenn sie sich auch nicht dagegen
aussprachen, doch denselben gut sein lieen und nur auf das Begreifliche und
Erkennbare bauten, war ihm Grund genug, sich dieser Richtung schnurstracks
entgegenzustellen und dabei zu behaupten, der Hang und Drang der Zeit ginge
unverkennbar auf den erneuten Glauben los; denn er konnte das Lgen nirgends
lassen. Diejenigen, welche wirklich glaubten, waren ihm hchst langweilig, und
er bekmmerte sich nicht um sie, daher er auch nie in einer Kirche oder
religisen Gemeinschaft gesehen wurde. Dagegen hatte er es um so mehr mit denen
zu tun, welche nicht glaubten. Nicht da er sich um das Seelenheil derselben
viel gekmmert htte, obgleich er die Sache mit ngstlicher Hast verfolgte;
seine Angst war die hatte er einmal gesagt, da er glaube, so muten fr ihn
alle, welche nicht glaubten, Esel sein, und wenn dies auf sein Wort hin nicht
angenommen wurde, so glaubte er selbst als etwas derartiges dazustehen. In der
Tat knnte man den unseligen Streit die Eselfrage nennen, da gewi von tausend
Fanatikern, welche fr ihre religise Meinung im Blute wateten,
neunhundertneunundneunzig nur aus dem Grunde den Frieden verrieten und
Scheiterhaufen anzndeten, weil ihnen aus dem Trotze der Verfolgten das Wort
Esel entgegenzutnen schien. Nichts hate der Mann mehr als die gewissenhafte
und redliche Forschung und die Entdeckungen der Wissenschaft; wenn irgendein
Ergebnis derselben bekannt wurde, so zappelte er mit Hnden und Fen dagegen
und suchte es lcherlich zu machen, und wenn es sich als richtig erwies und
seine bedeutenden Folgen auf allen Gassen zu sehen und zu greifen waren, so
tobte er erst recht und nannte es ins Angesicht eine Lge. Das Einmaleins und
eine chemische Schale waren ihm unertrglicher als dem Teufel Vaterunser und
Weihkessel; aber auch die Natur rchte sich lchelnd an ihm. Denn whrend er die
fnf Sinne nicht gelten lie, war er stets bemht, dieselben durch einige
erfundene Sinne zu vermehren, durch deren possierliche Ausmalung er die
christliche Wunderwelt erklren wollte. Wenn er hiedurch vielfach gegen den
christlichen Geist verstie und man ihm dies durch das Neue Testament bewies, so
sagte er, er pfeife auf das Neue Testament, er habe seinen eigenen Kopf, im
gleichen Augenblicke, wo er es das Buch des Lebens genannt hatte. Trotz alledem
glaubte er aufrichtig, denn nach irgendeiner Seite hin mu jeder Mensch sich
ergeben, und er glaubte um so aufrichtiger, als einesteils der Gegenstand des
Glaubens unerwiesen, unbegreiflich und berirdisch war, andernteils ihn das
innere Gefhl seines verunglckten Witzes hilflos und weinerlich machte.
    Eines Tages ging er mit einer lustigen Gesellschaft ber eine Felsenhhe am
Seeufer. Er war ursprnglich gut gewachsen; doch die andauernde Verdrehtheit
seiner Seele hatte seinen Krper ganz windschief gemacht, da er aussah wie ein
verbogener Wetterhahn. Sein schner Wuchs war aber ein Lieblingsthema seiner
Rede, und jeden Augenblick war er bereit, sich auszukleiden und ihn zu zeigen,
whrend er an allen Sterblichen etwas auszusetzen hatte, ungefragt diesem einen
Hcker andichtete, jenem krumme Beine. Als er nun etwas verstimmt vor den
brigen Gesellen herging, die ihn schon verschiedentlich aufgezogen hatten, rief
pltzlich einer, welcher ihn zum ersten Mal genauer ins Auge fate: Sie! Herr
Wurmlinger! Sie sind eigentlich verteufelt krumm! Erstaunt kehrte er sich um
und sagte: Sie trumen wohl, oder soll das ein Witz sein? Der andere wandte
sich aber zur Gesellschaft und forderte sie auf, ihn ebenfalls nher zu
betrachten; man hie ihn einige Schritte vorwrts gehen; er tat es, und
jedermann besttigte nun: ja, er sei schief! Aufgebracht stellte er sich
sogleich neben den Angreifer und wollte ihm beweisen, da dieser selbst der
Migewachsene sei. Der war aber schlank wie eine Tanne, und die Gesellschaft
fing an zu lachen. Sprachlos und hastig kleidete er sich aus und ging
splitternackt vor den brigen her; die rechte Schulter war vom unaufhrlichen
spttischen Achselzucken hher als die linke, die Ellbogen von seiner eitlen
Gespreiztheit nach auswrts gedreht und die Hften verschoben; dazu wurde er
durch das Bestreben, grade zu scheinen, nur noch krummer; er machte in seiner
Nacktheit die wunderlichsten Beine, als er so dahinschritt und sich dann und
wann ngstlich umsah, ob ihm noch nicht Beifall und Achtung der Gesellschaft
nachfolge. Als diese aber in ein maloses Gelchter ausbrach, geriet er in
groen Zorn und begann, um sich Achtung zu erzwingen, ungeheuerliche Sprnge und
Kunststcke zu machen, um die Strke seines Krpers zu zeigen. Das Gelchter
wurde immer grer, und die Lachenden muten sich die Seite halten. Wie nun der
nackt Umhertanzende sah, da die lachenden Menschen sich zur Bequemlichkeit
niedersetzten, sprang er pltzlich, in einem Anfall von unsglicher Wut und
irgend etwas Wunderbares erzwingen wollend, mit einem mchtigen Satz ber den
Rand hinaus, hoch hinunter in den See. Glcklicherweise fiel er in den Bereich
eines weitlufigen Fischernetzes, das die in zwei Khnen arbeitenden Fischer in
eben diesem Augenblicke zusammenzogen und den Mann buchstblich als einen
zappelnden Fisch einheimsten und retteten. Schlotternd mute er in seinem
nackten Zustande dann eine Strecke am Ufer hintraben, bis er in ein Haus
flchten und dort seine Kleider erwarten konnte. Gleich darauf verschwand er aus
der Gegend.
    Die dritte Hauptlehre, welche der Geistliche uns als christlich vortrug,
handelte von der Liebe. Hierber wei ich nicht viel Worte zu machen; ich habe
noch keine Liebe bettigen knnen, und doch fhle ich, da solche in mir ist,
da ich aber auf Befehl und theoretisch nicht lieben kann. Schon die
unmittelbare Rcksicht auf den lieben Gott ist mir gewissermaen hinderlich und
unbequem, wenn sich die natrliche Liebe in mir geltend machen will. Es ist mir
begegnet, da ich einen armen Mann auf der Strae abwies, weil ich, whrend ich
ihm eben etwas geben wollte, zugleich an das Wohlgefallen Gottes dachte und
nicht aus Eigennutz handeln mochte. Dann dauerte mich aber der Arme, ich lief
zurck; allein whrend des Zurcklaufens dnkte mich gerade dieses Bedauern
wieder zu geziert, ich kehrte nochmals um, bis ich endlich auf den vernnftigen
Gedanken kam mge dem sein, wie ihm wolle, der arme Mensch msse jedenfalls zu
seiner Sache kommen, das sei die erste Frage! Manchmal kommt dieser Gedanke aber
zu spt, und die Gabe bleibt ungegeben. Daher freue ich mich immer, wenn es
geschieht, da ich unbedacht meine Pflicht erfllt habe, und es mir erst
nachtrglich einfllt, da das etwas Verdienstliches sein drfte; ich pflege
dann hchst vergngt ein Schnippchen gegen den Himmel zu schlagen und zu rufen:
Siehst du, alter Papa! nun bin ich dir doch durchgewischt! Das hchste
Vergngen erreiche ich aber, wenn ich mir in solchen Augenblicken denke, wie ich
ihm nun sehr komisch vorkommen msse; denn da der liebe Gott alles versteht, so
mu er auch Spa verstehen, obgleich man auch wieder mit Recht sagen kann, der
liebe Gott verstehe keinen Spa!
    Das Heiterste und Schnste war mir die Lehre vom Geiste, als welcher ewig
ist und alles durchdringt. Freilich frchte ich, da ich die Lehre ein wenig
miverstand und nicht von dem rechten, geistlichen Geiste ergriffen war. Denn
Gott schien mir nicht geistlich, sondern ein weltlicher Geist, weil er die Welt
ist und die Welt in ihm; Gott strahlt von Weltlichkeit.
    Alles in allem genommen, glaube ich doch, da ich unter Menschen, welche in
einem geistigen Christentum lebten, zu bestehen vermchte, und wenn ich dies
Annas Vater, dem Schulmeister, einrumen mute, forderte er, das Wunderbare und
die Glaubensfragen einstweilig freisinnig beiseite setzend, mich auf, das
Christentum wenigstens dieser geistigen Bedeutung nach anzuerkennen und darauf
zu hoffen, da es in seiner wahren Reinheit erst noch erscheinen und seinen
Namen behaupten werde; etwas Besseres sei einmal nicht da, noch abzusehen.
Hierauf erwiderte ich aber der Geist knne wohl durch einen Menschen leidlich
schn geuert, niemals aber erfunden werden, da er von jeher und unendlich sei;
daher die Bezeichnung der Wahrheit mit einem Menschennamen einem Raub am
unendlichen Gemeingute gleichkomme, aus welchem der fortgesetzte Raub des
Autorittswesens aller Art entspringe. In einer Republik, sagte ich, fordere man
das Grte und Beste von jedem Brger, ohne ihm durch den Untergang der Republik
zu vergelten, indem man seinen Namen an die Spitze pflanze und ihn zum Frsten
erhebe; ebenso betrachte ich die Welt der Geister als eine Republik, die nur
Gott als Protektor ber sich habe, dessen Majestt in vollkommener Freiheit das
Gesetz heilighielte, das er gegeben, und diese Freiheit sei auch unsere
Freiheit, und unsere die seinige! Und wenn mir jede Abendwolke eine Fahne der
Unsterblichkeit, so sei mir auch jede Morgenwolke die goldene Fahne der
Weltrepublik! In welcher jeder Fhndrich werden kann! sagte freundlich lachend
der Schulmeister; ich aber behauptete die moralische Wichtigkeit dieses
Unabhngigkeitssinnes scheine mir sehr gro und grer zu sein, als wir es uns
vielleicht denken knnten.

                                Zwlftes Kapitel



                             Das Konfirmationsfest

Der geistliche Unterricht ging nun zu Ende; wir muten auf unsere Ausstattung
denken, um wrdig bei der Festlichkeit zu erscheinen. Es war unabnderliche
Sitte, da die jungen Leute auf diese Tage den ersten Frack machen lieen, den
Hemdekragen in die Hhe richteten und eine steife Halsbinde darum banden, auch
die erste Hutrhre auf den Kopf setzten; zudem schnitt jeder, wer jugendlich
lange Haare getragen, dieselben nun kurz und klein gleich den englischen
Rundkpfen. Dies waren mir alles unsgliche Greuel, und ich schwur, dieselben
nun und nimmermehr nachzumachen. Die grne Farbe war mir einmal eigen geworden,
und ich wnschte nicht einmal meinen bernamen abzuschaffen, der mir noch immer
gegeben wurde, wenn man von mir sprach. Leicht wute ich meine Mutter zu
berreden, grnes Tuch zu whlen und statt eines Frackes einen kurzen Rock mit
einigen Schnren machen zu lassen, dazu statt des gefrchteten Hutes ein
schwarzes Sammetbarett, da Hut und Frack doch selten getragen und wegen meines
Wachstums also eine unntze Ausgabe sein wrden. Es leuchtete ihr um so mehr
ein, als die armen Lehrlinge und Tagelhnershne auch keinen schwarzen Habit zu
tragen pflegten, sondern in ihren gewhnlichen Sonntagskleidern erschienen, und
ich erklrte, es sei mir vollkommen gleichgltig, ob man mich zu den ehrbaren
Brgerskindern zhle oder nicht. So breit ich konnte, schlug ich den Halskragen
zurck, strich mein langes Haar khn hinter die Ohren und erschien so, das
Barett in der Hand, am Heiligen Abend in der Stube des Geistlichen, wo noch eine
vertrauliche Vorbereitung stattfinden sollte. Als ich mich unter die feierliche,
steif geputzte Jugend stellte, wurde ich mit einiger Verwunderung betrachtet;
denn ich stand allerdings in meinem Aufzuge als ein vollendeter Protestant da;
weil ich aber ohne Trotz und Unbescheidenheit mich eher zu verbergen suchte, so
verlor ich mich wieder und wurde nicht weiter beachtet. Die Ansprache des
Geistlichen gefiel mir sehr wohl; ihr Hauptinhalt war, da von nun an ein neues
Leben fr uns beginne, da alle bisherigen Vergehungen vergeben und vergessen
sein sollten, hingegen die knftigen mit einem strengern Mae gemessen wrden.
Ich fhlte wohl, da ein solcher bergang notwendig und die Zeit dazu gekommen
sei; darum schlo ich mich mit meinen ernsten Vorstzen, welche ich insbesondere
fate, gern und aufrichtig diesem ffentlichen Vorgange an und war auch dem
Manne gut, als er angelegentlich uns ermahnte, nie das Vertrauen zum Bessern in
uns selbst zu verlieren. Aus seiner Behausung zogen wir in die Kirche vor die
ganze Gemeinde, wo die eigentliche Feier vor sich ging. Dort war der Geistliche
pltzlich ein ganz anderer; er trat gewaltig und hoch auf, holte seine
Beredsamkeit aus der Rstkammer der bestehenden Kirche und fhrte in tnenden
Worten Himmel und Hlle an uns vorber. Seine Rede war kunstvoll gebaut und mit
steigender Spannung auf einen Moment hin gerichtet, welcher die ganze Gemeinde
erschttern sollte, als wir, die in einem weiten Kreise um ihn herumstanden, ein
lautes und feierliches Ja aussprechen muten. Ich hrte nicht auf den Sinn
seiner Worte und flsterte ein Ja mit, ohne die Frage deutlich verstanden zu
haben; jedoch durchfuhr mich ein Schauer, und ich zitterte einen Augenblick
lang, ohne da ich dieser Bewegung Herr werden konnte. Sie war eine dunkle
Mischung von unwillkrlicher Hingabe an die allgemeine Rhrung und von einem
tiefen Schrecken, welcher mich ber dem Gedanken ergriff, da ich, so jung noch
und unerfahren, doch einer so uralten Meinung und einer gewaltigen Gemeinschaft,
von der ich ein unbedeutendes Teilchen war, abgefallen gegenberstand.
    Am Weihnachtsmorgen muten wir wieder im vereinten Zuge zur Kirche gehen, um
nun das Abendmahl zu nehmen. Ich war schon in der Frhe guter Laune; noch ein
paar Stunden, und ich sollte frei sein von allem geistigen Zwange, frei wie der
Vogel in der Luft! Ich fhlte mich daher mild und vershnlich gesinnt und ging
zur Kirche, wie man zum letzten Mal in eine Gesellschaft geht, mit welcher man
nichts gemein hat, daher der Abschied aufgerumt und hflich ist. In der Kirche
angekommen, durften wir uns unter die lteren Leute mischen und jeder seinen
Platz nehmen, wo ihm beliebte. Ich nahm zum ersten und letzten Mal den
Mnnerstuhl in Beschlag, welcher zu unserm Hause gehrte und dessen Nummer mir
die Mutter in ihrem huslichen Sinne sorglich eingeprgt hatte.
    Er war seit dem Tode des Vaters, also viele Jahre, leer geblieben, oder
vielmehr hatte sich ein armes Mnnchen, das sich keines Grundbesitzes erfreute,
darin angesiedelt. Als er herankam und mich in dem Gehuse vorfand, ersuchte er
mich mit kirchlicher Freundlichkeit, seinen Ort rumen zu wollen, und fgte
belehrend hinzu, in diesem Reviere seien alles eigengehrige Pltze Ich htte
als ein grner Junge fglich dem bejahrten Mnnchen Platz machen und mir eine
andere Stelle suchen knnen; allein dieser Geist des Eigentums und des
Wegdrngens mitten im Herzen christlicher Kirche reizte meine kritische Laune;
auch wollte ich den frommen Kirchgnger fr seine gemtliche Anmaung bestrafen,
und endlich tat ich dieses nur in dem Bewutsein, da der Abgewiesene alsobald
wieder und fr immer seinen gewohnten Platz einnehmen knne, und dieser Gedanke
machte mir das grte Vergngen. Als ich ihn meinerseits auch belehrt und ihn
ganz verblfft und traurig eine entfernte Stelle unter den unstet
herumwandernden Besitzlosen aufsuchen sah, nahm ich mir vor, ihm am andern Tage
anzudeuten, da er sich immerhin meines Stuhles bedienen solle, indem ich
denselben nicht brauche. Einmal aber wollte ich darin sitzen und stehen, wie es
mein Vater getan. Derselbe besuchte an allen Festtagen die Kirche, denn alle
hohen Feste erfllten ihn mit heiterer Freude und tapferm Mute, indem er den
groen und guten Geist, welchen er in aller Welt und Natur sich erfllen sah,
alsdann besonders fhlte und verehrte. Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und
Pfingsten waren ihm die herrlichsten Freudentage, an welchen es mit
Betrachtungen, Kirchenbesuch und frohen Spaziergngen auf grne Berge hoch
herging. Diese Vorliebe fr Festtage hatte sich auf mich vererbt, und wenn ich
an einem Pfingstmorgen auf einem Berge stehe in der kristallklaren Luft, so ist
mir das Glockengelute in der fernen Tiefe die allerschnste Musik, und ich habe
schon oft darber spintisiert, durch welchen Gebrauch bei einer allflligen
Abschaffung des Kirchentumes das schne Gelute wohl erhalten werden drfte. Es
wollte mir jedoch nichts einfallen, was nicht tricht und gemacht ausgesehen
htte, und ich fand zuletzt immer, da der sehnschtige Reiz der Glockentne
gerade in dem jetzigen Zustande bestehe, wo sie fern aus der blauen Tiefe
herberklangen und mir sagten, da dort das Volk in alten glubigen Erinnerungen
versammelt sa. In meiner Freiheit ehrte ich dann diese Erinnerungen wie
diejenigen der Kindheit, und eben dadurch, da ich von ihnen geschieden war,
wurden mir die Glocken, die so viele Jahrhunderte in dem alten schnen Lande
klangen, wehmtig ergreifend. Ich empfand, da man nichts machen kann und da
die Vergnglichkeit, der ewige Wandel alles Irdischen schon genugsam fr
poetisch sehnschtigen Reiz sorgen.
    Der Freiheitssinn meines Vaters in religiser Hinsicht war vorzglich gegen
die bergriffe des Ultramontanismus und gegen die Unduldsamkeit und
Verkncherung reformierter Orthodoxen gerichtet, gegen absichtliche Verdummung
und Heuchelei jeder Art, und das Wort Pfaff war bei ihm daher fter zu hren.
Wrdige Geistliche ehrte er aber und freute sich, ihnen Ergebenheit zu zeigen,
und wenn es womglich ein erzkatholischer, aber ehrenwerter Priester war,
welchem er Ehrerbietung beweisen konnte, so machte ihm dies um so greres
Vergngen, gerade weil er sich im Schoe der Zwinglischen Kirche sehr geborgen
fhlte. Das Bild des humanen und freien Reformators, der auf dem Schlachtfelde
gefallen, war meinem Vater ein geliebter sicherer Fhrer und Brge. Ich aber
stand nun auf einem andern Boden und fhlte wohl, da ich bei aller Verehrung
fr den Reformator und Helden doch nicht eines Glaubens mit meinem Vater sein
wrde, whrend ich seiner vollkommenen Duldsamkeit und Achtung fr die
Unabhngigkeit meiner berzeugung gewi war. Dieses friedliche Ausscheiden in
Glaubenssachen zwischen Vater und Sohn, welches ich arglos voraussetzte, feierte
ich nun in dem Kirchenstuhle, indem ich mir den Vater noch lebend vorstellte und
ein geistiges Gesprch mit ihm fhrte; und als die Gemeinde sein ehemaliges
Lieblings- und Weihnachtslied: Dies ist der Tag, den Gott gemacht! anstimmte,
sang ich es fr meinen Vater laut und froh mit, obgleich ich Mhe hatte, den
richtigen Ton zu halten; denn rechts stand ein alter Kupferschmied, links ein
gebrechlicher Zinngieer, welche mich mit den seltsamsten Arabesken von der
rechten Bahn zu locken suchten, und dies um so lauter und khner, je standhafter
ich blieb. Dann hrte ich aufmerksam auf die Predigt, kritisierte sie und fand
sie gar nicht bel; je nher das Ende rckte und mir die Freiheit winkte, desto
trefflicher fand ich die Predigt, und ich nannte in meinem Herzen den Pfarrer
einen wackern Mann.
    Meine Stimmung wurde immer heiterer; endlich fand das Abendmahl statt;
aufmerksam verfolgte ich die Zurstungen und beobachtete alles sehr genau, um es
nicht zu vergessen; denn ich gedachte nicht mehr dabei zu erscheinen. Das Brot
besteht aus weien Blttern von der Gre und Dicke einer Karte und sieht feinem
glnzendem Papiere hnlich. Der Kster backt es, und die Kinder kaufen sich bei
ihm die Abflle als einen unschuldigen Leckerbissen, und ich selbst hatte mir
manchmal eine Mtze voll erworben und mich gewundert, da man eigentlich doch
nichts daran e. Zahlreiche Kirchendiener teilen es aus, den Reihen entlang,
worauf die Andchtigen eine Ecke davon brechen und die Bltter weitergeben,
whrend andere Beamtete den Wein in hlzernen Bechern nachfolgen lassen. Manche
Leute, besonders die Frauen und Mdchen, behalten gern ein Blttchen zurck, um
es andchtig in ihr Gesangbuch zu legen. Auf ein solches, das ich im Buche einer
meiner Basen gefunden, hatte ich einst ein Osterlmmchen gemalt mit einem Amor,
der darauf reitet, und bei der Entdeckung ein strenges Verhr nebst Verweis zu
bestehen gehabt; als ich jetzt mehrere solcher Bltter in der Hand hielt,
erinnerte ich mich daran und mute lcheln; auch gelstete es mich einen
Augenblick lang, eines zurckzubehalten, um irgendein lustiges
Erinnerungszeichen an meinen Abschied von der Kirche darauf zu malen. Aber ich
besann mich, da ich in dem vterlichen Stuhle stand, und gab das Brot weiter,
nachdem ich eine Ecke davon in den Mund gesteckt, zum andchtigen, aber
allerletzten Abschiede von der Kinderzeit und der Kinderspeise, die ich beim
Kster gekauft hatte.
    Als ich den Becher in der Hand hielt, blickte ich fest in den Wein, ehe ich
trank; aber es rhrte mich nicht, ich nahm einen Schluck, gab die Schale weiter,
und indem ich, mit den Gedanken schon weit auf dem Wege nach Hause, den Wein
hinabschluckte, drehte ich ungeduldig mein Sammetbarett in der Hand und mochte
kaum das Ende des Gottesdienstes abwarten, da es anfing, mich gewaltig an den
Fen zu frieren und das Stillstehen schwierig wurde.
    Als die Kirchentren sich auftaten, drngte ich mich geschmeidig durch die
vielen Leute, ohne die Freude meiner Freiheit sichtbar werden zu lassen und ohne
jemanden anzustoen, und war bei aller Gelassenheit doch der erste, der sich in
einiger Entfernung von der Kirche befand. Dort erwartete ich meine Mutter,
welche sich endlich in ihrem schwarzen Gewande demtig aus der Menge
hervorspann, und ging mit ihr nach Hause, gnzlich unbekmmert um meine
geistlichen Unterrichtsgenossen. Es war kein einziger darunter, mit welchem ich
in nherer Berhrung stand, und viele derselben sind mir bis jetzt noch gar
nicht wieder begegnet. In unserer warmen Stube angekommen, warf ich vergngt
mein Gesangbuch hin, indessen die Mutter nach dem Essen sah, welches sie am
Morgen in den Ofen gesetzt hatte. Es sollte heute so reichlich und festlich
sein, wie unser Tisch seit den Tagen des Vaters nie mehr gesehen, und eine arme
Witwe war dazu eingeladen, die der Mutter manche kleine Dienste leistete und
sich jetzt pnktlich einfand. Am Weihnachtstage wird immer das erste Sauerkraut
genossen, und so wurde es auch hier aufgestellt mit schmackhaften
Schweinsrippchen Die Beurteilung desselben gab den Frauen einen guten Anfang zum
Gesprche. Die Witwe war von ebenso gutmtiger als polternder Gemtsart; als
hierauf eine kleine Pastete kam, schlug sie die Hnde ber dem Kopfe zusammen
und versicherte, sie esse gewi nichts davon, es wre schade dafr. Den Schlu
machte ein gebratener Hase, den der Oheim gesendet hatte. Diesen, ermahnte die
Frau, sollten wir unangetastet lassen und auf den zweiten Feiertag versparen, es
sei nun schon mehr als genug; trotzdem aen wir alle und saen lange bei Tisch,
aufs beste unterhalten von der armen Frau, welche die Tischreden mit der
Erzhlung ihres Schicksales durchflocht und die Schleusen ihres Herzens weit
ffnete. Sie hatte vor langer Zeit einmal ein Jahr lang einen nichtsnutzigen
Mann gehabt, der in alle Welt gegangen mit Hinterlassung eines Sohnes, welchen
sie mit groer Not so weit gebracht, da er als Geselle bei Dorfschneidern sich
kmmerlich umhertreiben konnte, whrend sie in der Stadt ihr Brot mit
Wassertragen, Waschen und solchen Dingen verdienen mute. Schon die Beschreibung
ihres Mannes, des Lumpenbundes, wie sie ihn nannte, machte uns hchlich lachen,
doch noch mehr das Verhltnis, in welchem sie zu ihrem Sohne stand. Whrend sie
ihn als eine Frucht des Lumpenhundes mit der grten Verachtung bezeichnete, war
derselbe doch der einzige Gegenstand ihrer Liebe und ihrer Sorge, so da sie
fortwhrend von ihm sprach. Sie gab ihm alles, was sie irgend konnte, und gerade
die Kleinheit dieser Gaben, die fr sie so viel waren, muten uns rhren und
zugleich zum Lachen reizen, wenn sie die Opfer, welche sie fortwhrend bringe,
mit gutmtiger Prahlerei aufzhlte. Letzte Ostern, erzhlte sie, habe er ein rot
und gelbes Kattunfoulard von ihr erhalten, auf Pfingsten ein Paar Schuh, und zu
Neujahr htte sie ihm ein Paar wollene Strmpfe und eine Pelzkappe bereit, dem
miserablen Kerl, dem Knirps, dem Milchsuppengesicht! Seit drei Jahren htte er
an zwei Louisdor nach und nach von ihr empfangen, der Suberling, die elende
Krautstorze! Aber fr alles msse er ihr eine Bescheinigung zustellen, denn, so
wahr sie lebe, msse ihr Mann, der Landstreicher, ihr jeden Liard ersetzen, wenn
er sich nur einmal sehen liee. Die Bescheinigungen ihres Sohnes, des
Stuhlbeines, seien sehr schn, denn derselbe knne besser schreiben als der
eidgenssische Staatskanzler; auch blase er die Klarinette gleich einer
Nachtigall, da man weinen msse, wenn man ihm zuhre. Allein er sei ein ganz
miserabler Bursche, denn nichts gedeihe bei ihm, und so viel Speck und
Kartoffeln er auch verschlinge, wenn er mit seinem Meister bei den Bauern auf
Kundschaft gehe, nichts helfe es, und er bleibe mager, grn und bleich wie eine
Rbe. Einmal habe er die Idee ausgeheckt zu heiraten, da er nun doch dreiig
Jahr alt sei. Weil aber gerade ein Paar Strmpfe fr ihn fertig geworden, habe
sie selbige unter den Arm genommen, auch eine Wurst gekauft, und sei auf das
Dorf hinausgerannt, um ihm die saubere Idee auszutreiben. Bis er die Wurst
fertig gegessen, habe er auch sich endlich in sein Schicksal ergeben, und
nachher habe er noch auf das schnste die Klarinette geblasen. Er knne nhen
wie der Teufel, so wie auch sein Vater nicht auf den Kopf gefallen sei und die
besten Garnhspel zu machen verstehe weit und breit; allein es wre einmal ein
bses Blut in diesen verteufelten Burschen, und daher msse der junge Suberling
im Zaume gehalten und mit dem Heiraten vorsichtig verfahren werden. Sie lobte
das Essen unaufhrlich und pries jeden Bissen mit den berschwenglichsten
Worten, nur bedauernd, da sie ihrem Galgenstrick nichts davon geben knne,
obschon er es nicht verdiene. Dazwischen brachte sie die Geschichte von drei
oder vier Meisterfamilien an, bei denen ihr Shnchen gearbeitet, die
unschuldigen Zerwrfnisse mit denselben und lustige Vorflle, welche sich in den
Drfern ereignet, wo Meister und Geselle geschneidert hatten, so da die
Schicksale einer groen Menge unser Mahl wrzten, ohne da diese etwas davon
ahnte. Nach dem Essen nahm die Frau, durch ein paar Glser Wein lustig geworden,
meine Flte und suchte darauf zu blasen, gab sie dann mir und bat mich, einen
Tanz aufzuspielen. Als ich dies tat, fate sie ihre Sonntagsschrze und tanzte
einmal zierlich durch die Stube herum; wir kamen aus dem Lachen nicht heraus und
waren alle hchst zufrieden. Sie sagte, seit ihrer Hochzeit habe sie nicht mehr
getanzt; es sei doch der schnste Tag ihres Lebens, wennschon der Hochzeiter ein
Lumpenhund gewesen; und am Ende msse sie dankbar bekennen, da der liebe Gott
es immer gut mit ihr gemeint und fr ihr Brot gesorgt, auch ihr noch jederzeit
eine frhliche Stunde gegnnt habe; so htte sie noch gestern nicht gedacht, da
sie einen so vergngten Weihnachtstag erleben wrde. Dadurch wurden die beiden
Frauen veranlat, ernsthaftere und zufriedene Betrachtungen anzustellen,
indessen ich Gelegenheit fand, einen Blick in das Leben einer Witwe zu werfen,
welche aus ihrem Sohne einen Mann machen mchte und hiezu nichts tun kann, als
demselben Strmpfe stricken. Auch mute ich gestehen, da meine
Lebensverhltnisse, welche mir oft arm und verlassen schienen, wahrhaftes Gold
waren im Vergleich zu der drftigen Verlassenheit und Getrenntheit, in welcher
die Witwe und ihr armer magerer Sohn lebten.

                              Dreizehntes Kapitel



                              Das Fastnachtsspiel

Einige Wochen nach Neujahr, als ich eben den Frhling herbeiwnschte, erhielt
ich vom Dorfe aus die Kunde, da mehrere Ortschaften jener Gegend sich verbunden
htten, dieses Mal zusammen die Fastnachtsbelustigungen durch eine groartige
dramatische Schaustellung zu verherrlichen. Die einstige katholische
Faschingslust hat sich als allgemeine Frhlingsfeier bei uns erhalten und seit
einer Reihe von Jahren die derbe Volksmummerei nach und nach in vaterlndische
Auffhrungen unter freiem Himmel verwandelt, an welchen erst nur die Jugend,
dann aber auch frhliche Mnner teilnahmen; bald wurde eine Schweizerschlacht
dargestellt, bald eine Handlung aus dem Leben berhmter Helden, und nach dem
Mastabe der Bildung und des Wohlstandes einer Gegend wurden solche Aufzge mit
mehr oder weniger Ernst und Aufwand vorbereitet und ausgefhrt. Einige
Ortschaften waren schon bekannt durch dieselben, andere suchten es zu werden.
Mein Heimatdorf war nebst ein paar anderen Drfern von einem benachbarten
Marktflecken eingeladen worden zu einer groen Darstellung des Wilhelm Tell, und
infolgedessen war ich wieder durch meine Verwandten aufgefordert worden,
hinauszukommen und an den Vorbereitungen teilzunehmen, da man mir einige
Erfahrung und Fertigkeit besonders als Maler zutraute, um so mehr, als unser
Dorf in einer fast ausschlielichen Bauerngegend lag und in solchen Dingen wenig
Gewandtheit besa. Ich war vollstndig Herr meiner Zeit, auch eine Unterbrechung
zu solchem Zwecke zu sehr im Geiste meines Vaters, als da die Mutter dagegen
Bedenken erhoben htte; also lie ich es mir nicht zweimal sagen und ging jede
Woche fr einige Tage hinaus, wobei mir schon das stete Wandern zu dieser
Jahreszeit, manchmal durch die schneebedeckten Felder und Wlder, die grte
Freude machte. Ich sah nun das Land auch im Winter, die Winterbeschftigungen
und Winterfreuden der Landleute und wie dieselben dem erwachenden Frhling
entgegengehen.
    Man legte der Auffhrung Schillers Tell zugrunde, welcher in einer
Volksschulausgabe vielfach vorhanden war, darin nur die Liebesepisode zwischen
Berta von Bruneck und Ulrich von Rudenz fehlte. Das Buch ist den Leuten sehr
gelufig, denn es drckt auf eine wunderbare Weise ihre Gesinnung und alles aus,
was sie durchaus fr wahr halten; wie denn selten ein Sterblicher es bel
aufnehmen wird, wenn man ihn dichterisch ein wenig oder gar stark idealisiert.
    Weitaus der grere Teil der spielenden Schar sollte als Hirten, Bauern,
Fischer, Jger das Volk darstellen und in seiner Masse von Schauplatz zu
Schauplatz ziehen, wo die Handlung vor sich ging, getragen durch solche, welche
sich zu einem khnen Auftreten fr berufen hielten. In den Reihen des Volks
nahmen auch junge Mdchen teil, sich hchstens in den gemeinschaftlichen
Gesngen uernd, whrend die handelnden Frauenrollen Jnglingen bertragen
waren. Der Schauplatz der eigentlichen Handlung war auf alle Ortschaften
verteilt, je nach ihrer Eigentmlichkeit, so da dadurch ein festliches Hin- und
Herwogen der kostmierten Menge und der Zuschauermassen bedingt wurde.
    Ich erwies mich als brauchbar bei den Vorbereitungen und wurde mit manchen
Geschften betraut, welche in der Stadt zu besorgen waren. Ich stberte alle
Magazine durch, wo sich etwa Flitter- und Maskenwerk vorfinden mochte, und
suchte das Tauglichste vorzuschlagen, besonders da andere Beauftragte geneigt
waren, zuerst nach dem Grellen und Auffallenden zu greifen. Ja, ich kam sogar
mit den Beamten der Republik in Berhrung und fand Gelegenheit, mich als einen
tapfern Vertreter meiner Landesgegend zu zeigen, da mir die Auswahl und
bernahme der alten Waffen bergeben wurde, welche die Behrde unter der
Bedingung treuer Sorgfalt bewilligte. Weil aber gerade diesmal mehrere hnliche
Feste stattfanden, so muten beinahe alle Vorrte gerumt werden, und nur die
wertvollsten Trophen, an welche sich bestimmte Erinnerungen knpften, blieben
zurck. berdies stritten sich die Abgeordneten der Gemeinden um die Waffen;
alle wollten dasselbe haben, obschon es nicht fr alle sich schickte; eine
Anzahl groer Schlachtschwerter und Morgensterne, welche ich fr meine
Eidgenossen ausgesucht, wollte mir von einem Gegner durchaus abgerungen werden,
ungeachtet ich ihm vorstellte, da er fr die Zeit, aus welcher seine Leute eine
Handlung darstellen wollten, ganz anderer Gegenstnde bedrfe. Ich berief mich
endlich auf den Zeugwart, welcher mir recht gab, und der ansehnliche starke Wirt
aus den Drfern, welcher hinter mir stand, um die Sachen wegzufhren,
triumphierte und belobte mich freundlich. Allein die Gegner hielten mich nun fr
einen gefhrlichen Burschen, der das Beste vorwegnhme, und gingen mir auf
Schritt und Tritt nach in dem alten Zeughause, gerade das ausersehend, was ich
ins Auge fate, so da ich nur mit der uersten Beharrlichkeit noch einen Wagen
voll Eisenhte und Halmbarten fr meine reisigen Tyrannenknechte zur Seite
brachte. So kam ich mir sehr wichtig vor, als ich mit den Aufsehern das
Verzeichnis der verabfolgten Sachen feststellte, obgleich der Wirt der
eigentliche Gewhrsmann war und dasselbe unterschrieb.
    Dann hatte ich wieder auf dem Lande vollauf zu tun und begab mich mit
einigen Paketen Farbstoff und mchtigen Pinseln hinaus, um ein neues Bauernhaus
an der Strae noch vllig in Stauffachers Wohnung umzuwandeln mittelst bunter
Zieraten und Sprche; denn nicht nur sollte da die Unterredung zwischen
Stauffacher und seinem Weibe stattfinden, sondern der Zwingherr vorher selbst
heranreiten und seine bse Harangue loslassen.
    Im Hause des Oheims war ich ein eigentliches Faktotum und eifrig bestrebt,
die Kleidung der Shne so historisch als mglich zu machen und die Tchter,
welche sich sehr modern aufputzen wollten, von solchem Beginnen abzuhalten. Mit
Ausnahme der Braut wollten sich alle Kinder des Oheims beteiligen, und sie
suchten auch Anna zu berreden, welche berdies von dem leitenden Ausschusse
dringend eingeladen war. Allein sie wollte sich durchaus nicht dazu verstehen,
ich glaube nicht nur aus Zaghaftigkeit, sondern auch ein wenig aus Stolz, bis
der Schulmeister, fr diese Veredlung der alten roheren Spiele langher
begeistert, sie entschieden aufforderte, auch das Ihrige beizutragen. Nun war
aber die groe Frage, was sie vorstellen sollte; ihre Feinheit und Bildung
sollte dem Feste zur Zierde gereichen, whrend doch alle hervorragenden
Frauenrollen jungen Mnnern zuteil geworden. Ich hatte mir aber lngst etwas fr
sie ausgedacht und berzeugte bald meine Basen und den Schulmeister von der
Trefflichkeit meines Vorschlages. Obgleich die Rolle der Berta von Bruneck
gnzlich wegfiel, so konnte sie doch als stumme Person das ritterliche Gefolge
Gelers verherrlichen. Dieses war sonst vom Volkshumor ziemlich schofel und wild
und besonders der Tyrann sehr fratzenhaft und lcherlich dargestellt worden;
dagegen hatte ich nun durchgesetzt, da der Aufzug des Landvogts recht glnzend
und herrisch sein msse, weil der Sieg ber einen elenden Widersacher nichts
Absonderliches sei. Ich selbst hatte den Rudenz bernommen; auch sein Verhltnis
zum Attinghausen fiel weg, und erst am Schlusse hatte er zum Volke berzugehen,
so da mir viel Freiheit und Zeit zu mancher Aushilfe und vor allem wenig zu
sprechen blieb. Einer der Vettern machte Rudolf den Harras, und Anna konnte also
sich im Schutze von zwei Verwandten befinden. Zufllig war die Originalausgabe
von Schiller gar nicht bekannt im Hause, und selbst der Schulmeister las diesen
Dichter nicht, weil seine Bildung nach anderen Seiten hinstrebte; also ahnte
kein Mensch die Beziehungen, welche ich in meinen Plan legte, und Anna ging
arglos in die ihr gestellte Falle. Das Schwerste war, sie zum Reiten zu bringen;
ein kugelrunder gemtlicher Schimmel stand im Stalle meines Oheims, welcher nie
jemandem ein Haar gekrmmt hatte und auf welchem der Oheim ber Land zu reiten
pflegte. Auf dem Boden befand sich ein vergessener Damensattel aus der alten
Zeit; dieser wurde mit rotem Plsch neu bezogen, den man einem ehrwrdigen
Lehnstuhle entnahm, und als Anna zum ersten Mal sich darauf setzte, ging es ganz
trefflich, besonders da der reitkundige Nachbar Mller einige Anleitung gab, und
Anna fand zuletzt groes Vergngen an dem guten Schimmel. Eine mchtige
hellgrne Damastgardine, welche einst ein Himmelbett umgeben hatte, wurde
zerschnitten und in ein Reitkleid umgewandelt; auch besa der Schulmeister als
ein altes Erbstck eine Krone von silbernem Flechtwerke, wie sie ehemals die
Brute getragen; Annas goldglnzendes Haar wurde nur zunchst der Schlfe
zierlich geflochten, unterhalb aber in seiner ganzen Lnge frei ausgebreitet und
dann die Krone aufgesetzt, auch ein breites goldenes Halsband umgetan, auf
meinen Rat einige Ringe ber die weien Handschuhe gesteckt, und als sie zum
ersten Mal diesen ganzen Anzug probierte, sah sie nicht nur aus wie ein
Ritterfrulein, sondern wie eine Feenknigin, und das ganze Haus war in ihrem
lieblichen Anblick verloren. Aber jetzt weigerte sie sich aufs neue, an dem
Spiele teilzunehmen, weil sie sich selber so fremd vorkam, und wenn nicht die
ganze Bevlkerung in ihren ehrbarsten Familien bei der Sache gewesen wre, so
htte man sie nicht dazu gebracht. Unterdessen hatte ich nicht geruht und mit
meinen Herren Vettern ein wenig ins Sattlerhandwerk gepfuscht, indem wir die
nicht sehr sauberen Zgelriemen des Oheims mit rotem Seidenzeuge umnhten,
welches wir von einem Juden billig gekauft; denn Annas Hnde sollten das alte
Lederwerk nicht unmittelbar berhren.
    Meinen eigenen Anzug hatte ich lngst in Ordnung gebracht und denselben grn
und jgermig gewhlt, da dadurch eine grere Einfachheit mglich war fr
meine geringen Mittel. Doch war er noch ertrglich getreu, eine groe
zimmetfarbene Decke, ohne Beschdigung in einen faltenreichen Mantel
umgewandelt, verhllte die Unvollkommenheiten; auf dem Rcken trug ich eine
Armbrust und auf dem Kopfe einen grauen Filz. Allein da der Mensch immer eine
schwache Seite haben mu, so schnallte ich den langen Toledodegen aus der
Dachkammer um; ich hatte alle anderen zu historischer Treue ermahnt, zeitgeme
Waffen in Menge selbst aus dem Zeughause geholt, und doch whlte ich diesen
spanischen Bratspie, ohne da ich mir heute klarmachen kann, was ich mir dabei
dachte!
    Der wichtige und ersehnte Tag brach an mit dem allerschnsten Morgen; der
Himmel glnzte wolkenlos, und es war in diesem Hornung schon so warm, da die
Bume anfingen auszuschlagen und die Wiesen grnten. Mit Sonnenaufgang, als eben
der Schimmel an dem funkelnden Flchen stand und gewaschen wurde, tnten
Alpenhrner und Herdengelute durch das Dorf herab, und ein Zug von mehr als
hundert prchtigen Khen, bekrnzt und mit Glocken versehen, kam heran,
begleitet von einer groen Menge junger Bursche und Mdchen, um das Tal hinauf
zu ziehen in die anderen Drfer und so eine Bergfahrt vorzustellen. Die Leute
hatten nur ihre altherkmmliche Sonntagstracht anzulegen gebraucht, mit
Ausschlu aller eingedrungenen Neuheiten und Hinzufgung einiger Prachtstcke
ihrer Eltern oder Groeltern, um ganz festlich und malerisch auszusehen, und der
strkste Anachronismus waren die Tabakspfeifen, welche die Bursche unbekmmert
im Munde trugen. Die frischen Hemdrmel der Jnglinge und Mdchen, ihre roten
Westen und blumigen Mieder leuchteten weithin in frohem Gewimmel, und als sie
vor unserm Hause und der benachbarten Mhle anhielten und unter den Bumen
pltzlich das bunteste Gewhl entstand, von Gesang, Jauchzen und Gelchter
begleitet, als sie mit lautem Gren einen Frhtrunk verlangten, da fuhren wir
vom reichlichen Frhstck, um welches wir, mit Ausnahme Annas, schon angekleidet
versammelt waren, lustig auf, und die Freude berraschte uns in ihrer
Wirklichkeit viel gewaltiger und feuriger, als wir bei aller Erwartung darauf
gefat waren. Schnell begaben wir uns mit den bereitgehaltenen Weingefen und
einer Menge Glser in das Gewimmel, der Oheim und seine Frau mit groen Krben
voll lndlichen Backwerkes. Dieser erste Jubel, weit entfernt, eine frhe
Erschpfung zu bedeuten, war nur der sichere Vorbote eines langen Freudentages
und noch grerer Dinge. Die Muhme prfte und pries das schne Vieh, streichelte
und kraute berhmte Khe, welche ihr wohlbekannt waren, und machte tausend Spe
mit dem jungen Volke; der Oheim schenkte unaufhrlich ein, seine Tchter boten
die Glser herum und suchten die Mdchen zum Trinken zu berreden, whrend sie
wohl wuten, da ihr ehrsames Geschlecht am frhen Morgen keinen Wein trinkt.
Desto munterer sprachen die Hirtinnen den schmackhaften Kuchen zu und versorgten
mit denselben die vielen Kinder, welche nebst ihren Ziegen den Zug vergrerten
In der Mitte des Gedrnges stieen wir auf die Mllersleute, welche den Feind
von der anderen Seite her angegriffen hatten, angefhrt vom jungen Mller, der
als geharnischter Reiter schwer einherklirrte und sein verjhrtes Eisengewand
andchtig verehren und betasten lie. Auf einmal zeigte sich Anna, schchtern
und verschmt; doch ihre Zaghaftigkeit ward von der Gewalt der allgemeinen
Freude sogleich vernichtet, und sie war in einem Augenblicke wie umgewandelt.
Sie lchelte sicher und wohlgemut, ihre Silberkrone blitzte in der Sonne, ihr
Haar wehte und flatterte schn im Morgenwind, und sie ging so anmutig und sicher
in ihrem aufgeschrzten Reitkleide, das sie mit den ringgeschmckten Hnden
hielt, als ob sie ihr Leben lang ein solches getragen htte. Sie mute berall
herumgehen und wurde mit staunender Bewunderung begrt. Endlich aber bewegte
sich der Zug weiter, und mit seinem Aufbruche teilte sich auch unser Hausstand.
Die zwei jngeren Basen und zwei ihrer Brder schlossen sich demselben an, die
verlobte Schwester und der Schulmeister setzten sich in ein leichtes Fuhrwerk,
um als Zuschauer ihren eigenen Weg zu fahren und uns gelegentlich zu treffen,
auch um Anna aufzunehmen, im Falle ihr die Sache nicht zusagen wrde. Der Oheim
und die Frau blieben zu Hause, um andere Herumschwrmer zu bewirten und
abwechselnd etwa sich in der Nhe umzusehen. Anna, Rudolf der Harras und ich
aber setzten uns nun zu Pferde, eskortiert von dem klirrenden Mller. Dieser
hatte fr mich unter seinen Pferden einen ehrlichen Braunen ausgesucht und ber
den Sattel zu mehrerer Sicherheit einen Schafpelz geschnallt. Doch kmmerte ich
mich im mindesten nicht um die Reitkunst, und da auch kein Mensch sich um
dergleichen bekmmerte, so schwang ich mich ganz unbefangen auf den Braunen und
tummelte denselben mit groer Keckheit herum. Auf dem Lande kann jedermann
reiten, der von einem dressierten Pferde herunterfallen wrde. So ritten wir
stattlich das Dorf hinauf und gaben nun selbst ein Schauspiel fr die Leute, die
zurckblieben, und fr eine Menge Kinder, welche uns nachliefen, bis eine andere
Gruppe ihre Aufmerksamkeit erregte.
    Vor dem Dorfe sahen wir es bunt und schimmernd von allen Seiten her sich
bewegen, und als wir eine Viertelstunde weit geritten waren, kamen wir an eine
Schenke an einer Kreuzstrae, vor welcher die sechs barmherzigen Brder saen,
die den Geler wegtragen sollten. Dies waren die lustigsten Bursche der
Umgegend; sie hatten sich unter den Kutten ungeheure Buche gemacht und
schreckliche Brte von Werg umgebunden, auch die Nasen rot gefrbt; sie
gedachten den ganzen Tag sich auf eigene Faust herumzutreiben und spielten
gegenwrtig Karten mit groem Hallo, wobei sie andere Spielkarten aus den
Kapuzen zogen und statt der Heiligen an die Leute verschenkten. Auch fhrten sie
groe Proviantscke mit sich und schienen schon ziemlich angeglht, so da wir
fr die Feierlichkeit ihrer Verrichtung bei Gelers Tod etwas besorgt wurden.
    Im nchsten Dorf sahen wir den Arnold von Melchthal ruhig einem Stadtmetzger
einen Ochsen verkaufen, wozu er schon seine alte Tracht trug; dann kam ein Zug
mit Trommel und Pfeife und mit dem Hut auf der Stange, um in der Umgegend das
hhnische Gesetz zu verknden. Denn dies war das Schnste, da man sich nicht an
die theatralische Einschrnkung hielt, da man es nicht auf berraschung absah,
sondern sich frei herumbewegte und wie aus der Wirklichkeit heraus und wie von
selbst an den Orten zusammentraf, wo die Handlung vor sich ging. Hundert kleine
Schauspiele entstanden dazwischen, und berall gab es was zu sehen und zu
lachen, whrend doch bei den wichtigen Vorgngen die ganze Menge andchtig und
gesammelt erschien.
    Schon war unser Zug ansehnlich gewachsen, um mehrere Berittene und auch
durch Fuvolk verstrkt, was alles zu dem Ritterzuge gehrte; wir kamen an eine
neue Brcke, die ber den groen Flu fhrt; von der anderen Seite nherte sich
ein starker Teil der Bergfahrt, um das Vieh nach Hause zu bringen und nachher
wieder als Volk zu erscheinen. Nun war ein knauseriger Zolleinnehmer auf der
Brcke, welcher durchaus von Khen und Pferden den Zoll erheben wollte, gem
dem Gesetze, weil die Tiere nach seiner Behauptung auf dem Transport begriffen
seien; er hatte den Schlagbaum heruntergelassen und lie sich durchaus nicht
bereden, diesmal von seiner Forderung abzustehen, indem man jetzt nicht
eingerichtet und aufgelegt sei, diese Umstndlichkeiten zu befolgen. Es entstand
ein groes Gedrnge, ohne da man jedoch wagte, mit Gewalt durchzukommen.

                              Vierzehntes Kapitel



                                    Der Tell

Da erschien unversehens der Tell, welcher mit seinem Knaben einsam seines Weges
ging. Es war ein berufener fester Wirt und Schtze, ein angesehener und
zuverlssiger Mann von etwa vierzig Jahren, auf welchen die Wahl zum Tell
unwillkrlich und einstimmig gefallen war. Er hatte sich in die Tracht
gekleidet, in welcher sich das Volk die alten Schweizer ein fr allemal
vorstellt, rot und wei mit vielen Puffen und Litzen, rot und weie Federn auf
dem eingekerbten rot und weien Htchen. berdies trug er noch eine seidene
Schrpe ber der Brust, und wenn dies alles nichts weniger als dem einfachen
Weidmann an gemessen war, so zeigte doch der Ernst des Mannes, wie sehr er das
Bild des Helden in seinem Sinn durch diesen Pomp ehrte; denn in diesem Sinne war
der Tell nicht nur ein schlichter Jger, sondern auch ein politischer
Schutzpatron und Heiliger, der nur in den Farben des Landes, in Sammet und
Seide, mit wallenden Federn denkbar war. Aber in seiner braven Einfalt ahnte
unser Tell die Ironie seines prchtigen Anzuges nicht; er trat mit seinem
eigenen Knaben, der wie eine Art Genius aufgeputzt war, besonnen auf die Brcke
und fragte nach der Verwirrung. Als man ihm die Grnde angab, setzte er dem
Zllner auseinander, da er gar kein Recht habe, den Zoll zu erheben, indem
smtliche Tiere nicht aus der Ferne kmen oder dahin gingen, sondern als im
gewhnlichen Verkehr zu betrachten seien. Der Zollmann aber, erpicht auf die
vielen Kreuzer, beharrte spitzfindig darauf, da die Tiere in einem groen Zuge
los und ledig auf der Strae getrieben wrden und gar nicht vom Felde kmen,
also er den Zoll zu fordern berechtigt sei. Hierauf fate der wackere Tell den
Schlagbaum, drckte ihn wie eine leichte Feder in die Hhe und lie alles
durchpassieren, die Verantwortung auf sich nehmend. Die Bauern ermahnte er, sich
zeitig wieder einzufinden, um seinen Taten zuzusehen; uns Rittersleute aber
grte er kalt und stolz, und er schien uns auf unseren Pferden fr wirkliches
Tyrannengesindel anzusehen, so sehr war er in seine Wrde vertieft.
    Endlich gelangten wir in den Marktflecken, welcher fr heute unser Altorf
war. Als wir durch das alte Tor ritten, fanden wir die kleine Stadt, welche nur
einen mig groen Platz bildete, schon ganz belebt, voll Musik und Fahnen, und
Tannenreiser an allen Husern. Eben ritt Herr Geler hinaus, um in der Umgegend
einige Untaten zu begehen, und nahm den Mller und den Harras mit; ich stieg mit
Anna vor dem Rathause ab, wo die brigen Herrschaften versammelt waren, und
begleitete sie in den Saal, wo sie von dem Ausschusse und den Anwesenden
Gemeinderatsfrauen bewunderungsvoll begrt wurde. Ich war hier nur wenig
bekannt und lebte nur in dem Glanze, welchen Anna auf mich warf. Jetzt kam auch
der Schulmeister angefahren mit seiner Begleiterin; sie gesellten sich zu uns,
nachdem das Gefhrt notdrftig untergebracht, und erzhlten, wie soeben auf der
Landschaft dem jungen Melchthal die Ochsen vom Pfluge genommen, er flchtig
geworden und sein Vater gefangen worden sei, wie die Tyrannen berhaupt ihren
Spuk trieben und vor dem Stauffacherschen Hause merkwrdige Szenen stattgefunden
htten vor vielen Zuschauern. Diese strmten auch bald zum Tore herein; denn
obgleich nicht alle berall sein wollten, so begehrte doch die grere Zahl die
ehrwrdigen und bedeutungsvollen Hauptbegebenheiten zu sehen und vor allem den
Tellenschu. Schon sahen wir auch aus dem Fenster des Rathauses die Spieknechte
mit der verhaten Stange ankommen, dieselbe mitten auf dem Platze aufpflanzen
und unter Trommelschlag das Gesetz verknden. Der Platz wurde jetzt gerumt, das
smtliche Volk, mit und ohne Kostm, an die Seiten verwiesen, und vor allen
Fenstern, auf Treppen, Holzgalerien und Dchern wimmelte die Menge. Bei der
Stange schritten die beiden Wachen auf und ab; jetzt kam der Tell mit seinem
Knaben ber den Platz gegangen, von rauschendem Beifall begrt; er hielt das
Gesprch mit dem Kinde nicht, sondern wurde bald in den schlimmen Handel mit den
Schergen verwickelt, dem das Volk mit gespannter Aufmerksamkeit zusah, indessen
Anna und ich nebst anderm zwingherrlichen Gelichter uns zur Hintertr
hinausbegaben und zu Pferde stiegen, da es Zeit war, uns mit dem Gelerschen
Jagdzuge zu vereinigen, der schon vor dem Tore hielt. Wir ritten nun unter
Trompetenklang herein und fanden die Handlung in vollem Gange, den Tell in
groen Nten und das Volk in lebhafter Bewegung und nur zu geneigt, den Helden
seinen Drngern zu entreien. Doch als der Landvogt seine Rede begann, wurde es
still. Die Rollen wurden nicht theatralisch und mit Gebrdenspiel gesprochen,
sondern mehr wie die Reden in einer Volksversammlung, laut, eintnig und etwas
singend, da es doch Verse waren; man konnte sie auf dem ganzen Platze vernehmen,
und wenn jemand, eingeschchtert, nicht verstanden wurde, so rief das Volk:
Lauter, lauter! und war hchst zufrieden, die Stelle noch einmal zu hren,
ohne sich die Illusion stren zu lassen.
    So erging es auch mir, als ich einiges zu sprechen hatte; ich wurde aber
glcklicherweise durch einen komischen Vorgang unterbrochen. Es trieben sich
nmlich ein Dutzend Vermummte der alten Sorte herum, arme Teufel, welche weie
Hemden ber ihre rmlichen Kleider gezogen hatten, ganz mit bunten Lppchen
besetzt; auf dem Kopfe trugen sie hohe kegelfrmige Papiermtzen, mit Fratzen
bemalt, und vor dem Gesicht ein durchlchertes Tuch. Dieser Anzug war sonst die
allgemeine Vermummung gewesen zur Fastnachtzeit und in derselben allerlei Spa
getrieben worden; auch liebten die armen Butzen die neueren Spiele nicht, da sie
in dieser seltsamen Maskierung sich Gaben zu sammeln gewohnt und daher fr deren
Erhaltung begeistert waren. Sie stellten gewissermaen den Rckschritt und die
Verkommenheit vor und tanzten jetzt wunderlich genug mit Pritschen und Besen
umher. Besonders zwei derselben strten das Schauspiel, als ich eben reden
sollte, indem sie einander am Rckteile des Hemdes herumzerrten, welches mit
Senf bestrichen war. Jeder hielt eine Wurst in der Hand und rieb sie, eh er
einen Bi tat, an dem Hemde des andern, whrend sie fortwhrend sich im Kreise
drehten wie zwei Hunde, die einander nach dem Schwanze schnappen. Auf diese
Weise tanzten sie zwischen Geler und Tell vorbei und glaubten wunder was zu tun
in ihrer Unwissenheit; auch erfolgte ein schallendes Gelchter, weil das Volk im
ersten Augenblicke seinen alten Ncken nicht widerstehen konnte. Doch alsobald
erfolgten auch derbe Pffe und Ste mit Schwertknufen und Partisanen; die
erschrockenen Spamacher suchten sich unter die Zuschauer zu retten, wurden aber
berall mit Gelchter zurckgestoen, so da sie lngs der frhlichen Reihen
kein Unterkommen fanden und ngstlich umherirrten, mit zerzausten Mtzen und
furchtsam ihre Verhllung an das Gesicht drckend, damit sie nicht erkannt
wrden. Anna empfand Mitleiden mit ihnen und beauftragte Rudolf den Harras und
mich, den mihandelten Fratzen einen Ausweg zu verschaffen, und so wurde ich
meiner Rede enthoben. Dies strte brigens nicht, da man gar nicht die Worte
zhlte und manchmal sogar die Schillerschen Jamben mit eigenen Kraftausdrcken
verzierte, so wie es die Bewegung eben mit sich brachte. Doch machte sich der
Volkshumor im Schoe des Schauspieles selbst geltend, als es zum Schusse kam.
    Hier war seit undenklichen Zeiten, wenn bei Aufzgen die Tat des Tell auf
alte Weise vorgefhrt wurde, der Scherz blich gewesen, da der Knabe whrend
des Hin- und Herredens den Apfel vom Kopfe nahm und zum groen Jubel des Volkes
gemtlich verspeiste. Dies Vergngen war auch hier wieder eingeschmuggelt
worden, und als Geler den Jungen grimmig anfuhr, was das zu bedeuten htte,
erwiderte dieser keck: Herr! Mein Vater ist ein so guter Schtz, da er sich
schmen wrde, auf einen so groen Apfel zu schieen! Legt mir einen auf, der
nicht grer ist als Euere Barmherzigkeit, und der Vater wird ihn um so besser
treffen!
    Als der Tell scho, schien es ihm fast leid zu tun, da er nicht seine
Kugelbchse zur Hand hatte und nur einen blinden Theaterschu absenden konnte.
Doch zitterte er wirklich und unwillkrlich, indem er anlegte, so sehr war er
von der Ehre durchdrungen, diese geheiligte Handlung darstellen zu drfen. Und
als er dem Tyrannen den zweiten Pfeil drohend unter die Augen hielt, whrend
alles Volk in atemloser Beklemmung zusah, da zitterte seine Hand wieder mit dem
Pfeile, er durchbohrte den Geler mit den Augen, und seine Stimme erhob sich
einen Augenblick lang mit solcher Gewalt der Leidenschaft, da Geler erblate
und ein Schrecken ber den ganzen Markt fuhr. Dann verbreitete sich ein frohes
Gemurmel, tief tnend, man schttelte sich die Hnde und sagte, der Wirt wre
ein ganzer Mann, und solange wir solche htten, tue es nicht not!
    Doch wurde der wackere Mann einstweilen gefnglich abgefhrt, und die Menge
strmte aus dem Tore nach verschiedenen Seiten, um anderen Auftritten
beizuwohnen oder sich sonst nach Belieben umherzutreiben. Viele blieben auch im
Orte, um dem Klange der Geigen nachzugehen, welche da und dort sich hren
lieen.
    Auf die Mittagsstunde machte sich aber alles bereit, auf dem Rtli
einzutreffen, wo der Bund beschworen wurde, mit Weglassung der Schillerschen
Stellen, die sich auf die Nacht bezogen. Eine schne Wiese an dem breiten Flu,
von ansteigendem Gehlz umschlossen, war dazu bestimmt, wie der Flu auch
berhaupt den See ersetzen mute und den Fischern und Schiffleuten zum
Schauplatz diente. Anna setzte sich zu ihrem Vater in das Gefhrt, ich ritt
nebenher, und so begaben wir uns gemchlich auf den Weg dahin, um als Zuschauer
auszuruhen und ausruhend zu genieen. Auf dem Rtli ging es sehr ernst und
feierlich her; whrend das bunte Volk auf den Abhngen unter den Bumen
umhersa, tagten die Eidgenossen in der Tiefe. Man sah dort die eigentlichen
wehrbaren Mnner mit den groen Schwertern und Brten, krftige Jnglinge mit
Morgensternen und die drei Fhrer in der Mitte. Alles begab sich auf das beste
und mit vielem Bewutsein, der Flu wogte breit glnzend und zufrieden vorber;
nur tadelte der Schulmeister, da die Jungen und die Alten bei der feierlichen
Handlung kaum die Pfeifen aus dem Munde tten und der Pfarrer Rsselmann
unaufhrlich schnupfte.
    Als der Schweizerbund unter donnerndem Zuruf des lebendigen Berges umher
beschworen war, setzte sich die ganze Menge, Zuschauer und Spieler
untereinandergemischt, in Bewegung; der grte Teil wogte wie eine
Vlkerwanderung nach dem Stdtchen, wo ein einfaches Mahl bereitet und fast
jedes Haus in eine Herberge umgewandelt war, sei es fr Freunde und Bekannte,
sei es fr Fremde gegen einen billigen Zehrpfennig; denn so unbefangen, wie wir
die Aufzge des Stckes durcheinandergeworfen, hielten wir auch fr gut, sie
durch eine Erholungsstunde zu unterbrechen, um nachher die gewaltsamen
Schluereignisse mit desto frischerm Mute herbeizufhren. Die Wirte hatten in
Betracht des ungewhnlich warmen Wetters rasch den innern Raum des Stdtchens in
einen Speisesaal umgeschaffen; lange Tischreihen waren errichtet und gedeckt fr
diejenigen der Verkleideten und sonstigen Ehrenpersonen, die das gemeinsame
Essen teilen wollten; die brigen besetzten die Huser und viele einzelne vor
diese gestellten Tische. So gewann das Stdtchen doch wieder das Ansehen einer
einzigen Familie; aus allen Fenstern blickten die abgesonderten Gesellschaften
auf die groe Haupttafel, und diejenigen vor den Husern sahen bald wie deren
Verzweigungen aus. Den Stoff zu den lauten Gesprchen lieh die allgemeine
Theaterkritik, die sich ber alle Tische verbreitete und deren mndliche Artikel
die Knstler selbst verfaten. Diese Kritik befate sich weniger mit dem Inhalte
des Dramas und der Darstellung desselben als mit dem romantischen Aussehen der
Helden und der Vergleichung mit ihrem gewhnlichen Behaben. Daraus entstanden
hundert scherzhafte Beziehungen und Anspielungen, von denen kaum der Tell allein
freigehalten wurde; denn dieser schien unangreifbar. Aber der Tyrann Geler
geriet in ein solches Kreuzfeuer, da er in der Hitze des Gefechtes einen
kleinen Rausch trank und seinen blinden Ingrimm bald auf sehr natrliche Weise
darzustellen imstande war. Aber dies alles belustigte mich nicht sehr, da ich
mich genug um Anna zu kmmern hatte. Sie sa am Ehrenplatze zwischen ihrem Vater
und dem Regierungsstatthalter, gegenber dem Tell und seiner wirklichen
anwesenden Ehefrau. Nachdem sie schon ihrer reizenden und vornehmen Erscheinung
wegen die allgemeine Aufmerksamkeit erregt, machte sich nun auch der ehrbare Ruf
ihres Vaters, ihre feine Erziehung und im Hintergrunde ihr artiges Erbe geltend;
ich mute zu meiner groen Bekmmernis sehen, wie der Platz, wo sie sa, von
allerhand hoffnungsvollen Gesellen belagert wurde, ja wie fast alle vier
Fakultten sich bestrebten, dem gravittischen Schulmeister zu Gefallen zu
leben, da ein junger Landarzt, ein Gerichtsschreiber, ein Pfarrvikar und ein
studierter Landwirt sich herbeigemacht hatten und schlielich alle der Anna ihre
Visitenkarten schenkten, die sie beim Abgang von der Schule hatten stechen
lassen. Alle waren stattliche blhende Bursche mit einer behaglichen Zukunft,
whrend ich einen Beruf gewhlt hatte, der nach allgemeinen Begriffen mit ewiger
Armut verbunden sein sollte. Ich entdeckte daher zum ersten Mal mit Schrecken,
welch einer geschlossenen Macht ich gegenberstand, und ich geriet, hinter Annas
Sitz stehend, in eine trbe Verfinsterung und wollte mich wegwenden.
    Auf einmal kehrte sich Anna um und bat mich, ihr die Karten aufzubewahren;
sie bemerkte lchelnd, ich mchte ja recht Sorge dazu tragen, und als ich sie
einsteckte, war mir, als ob ich alle vier Helden in der Tasche trge.

                              Fnfzehntes Kapitel



                                 Tischgesprche

Whrend man nun von allen Seiten aufbrach, hatte sich in unserer Nhe, wo der
Statthalter, Wilhelm Tell, der Wirt, und andere Mnner von Gewicht saen, eine
bedchtige Unterhaltung entsponnen. Es handelte sich um die Richtung einer neuen
Landstrae, welche von der Hauptstadt her durch diese Gegend an die Grenze
gefhrt werden sollte. Zwei verschiedene Plne standen sich in bezug auf unser
engeres Gebiet entgegen, welche mit gleichwiegenden Vorteilen und
Schwierigkeiten verbunden waren; die eine Richtung ging ber eine gedehnte
Anhhe, fast zusammenfallend mit einer lteren Strae zweiten Ranges, mute aber
im Zickzack gefhrt werden und stellte bedeutende Kosten in Aussicht; die andere
ging mehr gerad und eben ber den Flu, allein hier war das anzukaufende Land
teurer und berdies ein Brckenbau notwendig, so da die Kosten sich also
gleichkamen, whrend die Verkehrsverhltnisse sich ebenfalls ziemlich
gleichstellten. Aber an der lteren Strae auf der Anhhe lag das Gasthaus des
Tell, weit hinschauend und viel besucht von Geschftsmnnern und Fuhrleuten;
durch die groe Strae in der Niederung wrde sich der Verkehr dort hingezogen
haben und das alte berhmte Haus vereinsamt worden sein; daher sprach sich der
wackere Tell, an der Spitze eines Anhanges anderer Bewohner der Anhhe,
energisch fr die Notwendigkeit aus, da die neue Strae ber dieselbe gezogen
werde. In der Tiefe hingegen hatte ein reicher Holzhndler, die Schiffahrt
abwrts benutzend, seine weitlufigen Rume angelegt, dem nun die Strae zum
Transport aufwrts unentbehrlich schien. Er war seit einer Reihe von Jahren
Mitglied des Groen Rates und einer jener Mnner, die weniger ideellen Stoff in
eine gesetzgebende Behrde bringen, als durch geschftliche Sach- und
Lokalkenntnis ebenso schlichte als unentbehrliche und darum stehende
Erscheinungen in denselben und allen Parteien gleichmig von Nutzen sind. Er
war radikal und stimmte in den politischen Fragen im Sinne des Fortschrittes,
aber ohne viel Umstnde, indem er mehr durch sein Beispiel als durch Reden
wirkte. Nur wenn eine Frage in den Geldbeutel eingriff, pflegte er die Debatte
mit genauen Errterungen und Bedenklichkeiten aufzuhalten; denn auch der
Freisinn war ihm ein Geschft und er der Meinung, mit den Ersparnissen, die man
an den Kosten von sechs Unternehmungen erzielt, knne man eine siebente
obendrein ermglichen. Er wollte die Sache der Freiheit und Aufklrung nach der
Weise eines klugen Fabrikanten betrieben wissen, welcher nicht darauf ausgeht,
mit ungeheuren Kosten auf einmal ein kolossales Prachtgebude herzustellen, in
welchem er die Arbeiter zur Not beschftigen knnte, sondern der es vorzieht,
unscheinbare rucherige Gebude, Werkstatt an Werkstatt, Schuppen an Schuppen zu
reihen, wie es Bedrfnis und Gewinn erlauben, bald provisorisch, bald solid,
nach und nach, aber immer rascher mit der Zeit, da es raucht und dampft, pocht
und hmmert an allen Ecken, whrend jeder Beschftigte in dem lustigen Wirrsal
seinen Griff und Tritt kennt. Deswegen eiferte er immer gegen die schnen groen
Schulhuser, gegen die erhhten Besoldungen der Lehrer und dergleichen, weil ein
Land, welches mit einer Menge bescheidener, mit wenigen guten Mitteln versehener
Schulstuben gespickt sei, in bequemer Nhe berall, wo ein paar Kinder wohnen,
und wo an allen Ecken und Enden tapfer und emsig gelernt wrde in aller
Unscheinbarkeit, erst die wahre Kultur aufzeige. Der prahlerische Aufwand,
behauptete der Holzhndler, behindere nur die tchtige Bewegung; nicht ein
goldenes Schwert tue not, dessen mit Edelsteinen besetzter Griff die Hand
drcke, sondern eine scharfe leichte Axt, deren hlzerner Stiel, vom rstigen
Gebrauche geglttet, der Hand vollkommen gerecht sei zur Verteidigung wie zur
Arbeit, und die ehrwrdige Politur an einem solchen Axtstiele sei ein viel
schnerer Glanz, als Gold und Steine jenes Schwertgriffes darbten. Ein Volk,
welches Palste baue, bestelle sich nur zierliche Grabsteine, und der
Wandelbarkeit knne noch am besten widerstanden werden, wenn man sich unter
ihrem Panier schlau durch die Zeit bugsiere, leicht und behende; erst ein Volk,
das dies begriffen, immer bewaffnet und marschfertig, ohne unntzes Gepck, aber
mit gefllter Kriegskasse versehen, dessen Tempel, Palast, Festung und Wohnhaus
in einem Stck das leichte, luftige und doch unzerstrbare Wanderzelt seiner
geistigen Erfahrung und Grundstze sei, berall mitzufhren und aufzuschlagen,
knne sich Hoffnung auf wahre Dauer machen, und selbst seinen geographischen
Wohnsitz vermge ein solches lnger zu behaupten. Besonders von den Schweizern
wre es ein Unsinn, wenn sie ihre Berge mit schnen Gebuden bekleben wollten;
hchstens am Eingange wren allenfalls ein paar ansehnliche Stdte zu dulden,
sonst aber mten wir es ganz der Natur berlassen, die Honneurs zu machen; dies
sei nicht nur das billigste, sondern auch das klgste. Von den Knsten lie er
einzig Beredsamkeit und Gesang gelten, weil sie seinem Wanderzelte
entsprachen, nichts kosten und keinen Platz einnehmen. Sein eigenes Besitztum
sah ganz nach seinen Grundstzen aus Brenn- und Bauholz, Kohlen, Eisen und
Steine bildeten in mchtigen Vorrten eine groe Lagerstatt; dazwischen grnten
kleine und groe Grten, denn wenn ein Platz fr einen Sommer frei war, so wurde
schnell Gemse darauf gepflanzt; hie und da beschatteten groe Tannen, die er
noch hatte stehenlassen, eine Sgemhle oder Schmiede. Sein Wohnhaus lag mehr
wie eine Arbeiterhtte als wie ein Herrenhaus dazwischen hingeworfen, und seine
Frauensleute muten fr ein bescheidenes Ziergrtchen einen fortwhrenden Krieg
fhren und mit demselben stets um das Haus herum flchten; bald wurde es an
diese, bald an jene Ecke geschoben, von Hecken oder Gelndern war auf dem ganzen
Grundstck nichts zu sehen. Es lag ein groer Reichtum darin, aber dieser
nderte tglich seine uere Gestalt; selbst die Dcher von den Gebuden
verkaufte der Mann manchmal, wenn sich gnstige Gelegenheit bot, und doch sa er
seit langer Zeit auf diesem Besitze, und die fragliche Strae schien demselben
die Krone aufzusetzen; denn eine gute Strae dnkte ihn das beste Ding von der
Welt, nur msse sie ohne kostspielige Meilenzeiger und ohne Akazienbumchen und
derlei Firlefanz sein. Auch war er fast immer auf der Strae in einem leichten,
einfachen, aber vortrefflichen Fuhrwerke, dessen Remise ebenfalls auf steter
Wanderung begriffen war und lediglich aus losen Bauhlzern bestand. Der
Holzhndler meinte nun, der Wirt msse oben seine Htte zuschlieen und einen
Gasthof unten an die neue Strae und Brcke bauen, wo ein bedeutenderer Verkehr
zu erwarten wre, da hier noch die Schiffleute hinzukmen. Allein der Wirt war
der entgegengesetzten Gesinnung. Er sa in dem Hause seiner Vter, welches seit
alten Zeiten immer ein Gasthaus gewesen; von seiner sonnigen Hhe pflegte er
weit ber das Land hinzublicken, und das Haus hatte er mit schnen
Schweizergeschichten bemalen lassen. Von der Verteidigung mit einer schlechten
Axt wollte er nichts hren, dieselbe sei hchstens zum gelegentlichen Erschlagen
eines Wolfenschieen gut; sonst bedurfte er einer trefflichen und fein
gearbeiteten Bchse, ihre Handhabung war ihm der edelste Zeitvertreib. Er war
auch der Meinung, ein freier Brger msse arbeiten und sorgen, sich ein
unabhngiges Auskommen zu schaffen und zu erhalten, aber nicht mehr, als ntig
sei; und wenn die Sache in sicherm Gange, so zieme dem Mann eine anstndige
Ruhe, ein vernnftiges Wort beim Glase Wein, eine erbauliche Betrachtung der
Vergangenheit des Landes und seiner Zukunft. Er betrieb einen beschrnkten
Weinhandel, nur mit gutem und wertvollem Wein, mehr gelegentlich als
geschftsmig, und in seinem Hause ging alles seinen Weg, ohne da er viel
umhersprang. Auch er war ein Mann des Rates und der Tat, aber mehr in der
moralischen Welt, und in politischen Dingen ein einflureicher Volksmann,
obgleich er nicht im Groen Rate sa. Bei den Wahlen hrten viele auf ihn; daher
mochte die Regierung ihn sowenig gegen sich aufbringen als den Holzhndler. Der
Statthalter hatte jetzo die Gelegenheit ergriffen, zwischen den beiden Mnnern
ber fraglichen Straenbau eine Verstndigung herbeizufhren. Als ein
freundlicher und wohlbeleibter Mann mit einem hbschen Gesichte und vornehm
grauen Haaren, welche an Puder erinnerten, trug er feine Wsche und einen feinen
Rock, an der weien Hand goldene Ringe und lachte gern. Immer war er gelassen,
fhrte seine Geschfte mit Festigkeit durch, ohne sich auf die Gewalt zu berufen
und als Regierungsperson zu brsten. Staatswissenschaftlich gebildet, zeigte er
davon jederzeit nur, soviel ntig war, und tat dies auf eine Weise, als ob er
den Bauern nur etwas erzhlte, das er zufllig erfahren und sie ebensogut wissen
knnten, wenn es sich just gefgt htte. Mit seinem feinen Rock und seinen
Manschetten ging er berallhin, wo ein Bauersmann hinging, nahm seinen Putz
nicht in acht dabei und verdarb ihn doch nicht. Zu den Leuten verhielt er sich
nicht wie ein Vogt zu seinen Untergebenen oder wie ein Offizier zu seinen
Soldaten, auch nicht wie ein Vater zu den Kindern oder ein Patriarch zu seinen
Hirten, sondern unbefangen wie ein Mann, der mit dem andern ein Geschft zu
verrichten und eine Pflicht zu erfllen hat. Er strebte weder herablassend noch
leutselig zu sein, am wenigsten suchte er den besoldeten Diener des Volkes zu
affektieren. Seine Festigkeit grndete er nicht auf die Amtsehre, sondern auf
das Pflichtgefhl; doch wenn er nicht mehr sein wollte als ein anderer, so
wollte er auch nicht weniger sein.
    Und doch war er kein unabhngiger Mann; einer reichen, aber
verschwenderischen Familie entsprossen und in seiner Jugend selbst ein lustiger
Vogel, kehrte er mit erlangter Besonnenheit gerade in das vterliche Haus
zurck, als dasselbe in Verfall geriet; so sah sich der junge Mann gentigt,
gleich ein Amt zu suchen, und war endlich unter vielen Wechseln und Erfahrungen
einer von denen geworden, die ohne ihr Amt Bettler und also Regierungspersonen
von Profession sind. Er konnte aber als eine Ehrenrettung und Verklrung dieser
verrufenen Lebensart gelten; den ersten Schritt hatte er in der lugend und in
der Not getan, und als es nachher nicht mehr zu ndern war, zog er sich
wenigstens mit Ehre und wahrer Klugheit aus der Sache. Der Schulmeister pflegte
von ihm zu sagen, er sei einer von den wenigen, die durch das Regieren weise
werden.
    Doch alle Weisheit half ihm jetzt nicht, den Holzhndler und den Wirt zu
einer Verstndigung zu bringen, damit er der Regierung berichten knne, welcher
Zug der Strae in der Gegend allgemein gewnscht werde. Jeder der beiden Mnner
verteidigte hartnckig seinen Vorteil; der Holzhndler hielt sich schlechtweg an
den Vernunftgrund, da die Wahl zwischen einer ebenen und graden Linie und
zwischen einem Berge heutzutage unzweifelhaft sein msse, und barg so seinen
eigenen Vorteil hinter die Vernunft; auch lie er merken, da er als Mitglied
der Behrde jener zum Siege zu verhelfen hoffe. Der Wirt dagegen sagte geradezu,
er wolle sehen, ob er es um den Staat verdient habe, da man ihm das Haus seiner
Vter in eine Einde setze! Herabzusteigen und an dem feuchten Wasser sich
anzunisten wie ein Fischotter, dazu werde man ihn nicht berreden; oben, wo es
trocken und sonnig, sei er geboren, und dort werde er auch bleiben! Hierauf
versetzte sein Gegner lchelnd das mge er unbehindert tun und von der Freiheit
trumen, whrend er ein Untertan seiner Vorurteile sei; andere zgen es vor, in
der Tat frei zu sein und sich munter umherzutreiben.
    Schon fing die Gelassenheit an zu weichen und bei den beiderseitigen
Anhngern Worte wie Starrsinn und Eigennutz! laut zu werden, als ein frhlicher
Haufe den Tell zur Fortsetzung seiner Taten abholte, denn er sollte noch auf die
Platte springen und den Vogt erschieen. Etwas zornig brach er auf, indes auch
die brigen sich zerstreuten und nur Anna mit ihrem Vater und ich sitzen
blieben. Die Unterredung hatte einen peinlichen Eindruck auf mich gemacht;
besonders am Wirt verletzte mich dies unverhohlene Verfechten des eigenen
Vorteiles, an diesem Tage und in so bedeutungsvollem Gewande; solche
Privatansprche an ein ffentliches Werk, von vorleuchtenden Mnnern mit
Heftigkeit unter sich behauptet, das Hervorkehren des persnlichen Verdienstes
und Ansehens widersprachen durchaus dem Bilde, welches von dem unparteischen
Wesen des Staates in mir lebte und das ich mir auch von den berhmten
Volksmnnern gemacht hatte. Ich uerte diesen Eindruck in vorlauten Worten
gegen Annas Vater, hinzufgend, da mir der Vorwurf der Kleinlichkeit, des
Eigennutzes und der Engherzigkeit, welcher den Schweizern zuweilen gemacht
wrde, nun bald gerecht erschiene. Der Schulmeister milderte in etwas meinen
Tadel und forderte mich zur Duldsamkeit auf mit der menschlichen
Unvollkommenheit, welche auch diese sonst wackeren Mnner berschatte. brigens,
meinte er, sei nicht zu leugnen, da unsere Freiheitsliebe noch zu sehr ein
Gewchs der Scholle sei und da unseren Fortschrittsmnnern die wahre
Religiositt fehle, welche in das schwere politische Leben jenen heitern,
frommen, liebevollen Leichtsinn bringe, der aus warmem Gottvertrauen entspringe
und erst die richtige Opferfreudigkeit, die allerfreieste Beweglichkeit von Leib
und Seele mglich mache. Wenn unsere fleiigen Mnner einmal einshen, da im
Evangelio noch eine viel aufgewecktere und schnere Beweglichkeit gelehrt wrde,
als diejenige sei, welche der Holzhndler predige, so werde das Politisieren
noch viel erklecklicher vonstatten gehen und erst die reifen Frchte bringen.
Ich wollte eben hiegegen mein rundes Veto einlegen, als jemand mir auf die
Achsel klopfte; als ich mich umwandte, stand der Statthalter hinter uns, welcher
freundlich sagte: Obgleich ich nicht der Ansicht bin, da man in einer guten
Republik stark auf die Meinungen der Jugend achte, solange die Alten das Salz
nicht verloren haben und Toren geworden sind, so will ich doch versuchen, junger
Herr, Euern Kummer zu lindern, damit Euch ber vermeintlichen trben Erfahrungen
nicht dieser schne Tag zuschanden gehe; zudem habt Ihr noch nicht einmal jenes
Jugendalter erreicht, welches ich eigentlich meine, und da Ihr schon so krftig
zu tadeln wit, so versteht Ihr gewi noch ebensogut zu lernen. Vor allem freut
es mich, Euch in betreff der beiden Mnner, welche soeben weggingen, Euern Mut
wiederaufzurichten; es mgen allerdings nicht alle gleich sein in unserm
Schweizerlande; doch vom Herrn Kantonsrat wie vom Leuenwirt mgt Ihr sicher
glauben, da sie Hab und Gut sowohl dem Lande in Gefahr hingeben als es einer
fr den andern opfern wrden, wenn er ins Unglck geriete, und das vielleicht
gerade desto unbedenklicher, als dieser andere sich heute krftiger um die
Strae gewehrt hat. Sodann merkt Euch fr Eure knftigen Tage wer seinen Vorteil
nicht mit unverhohlener Hand zu erringen und zu wahren versteht, der wird auch
nie imstande sein, seinem Nchsten aus freier Tat einen Vorteil zu verschaffen!
Denn es ist (hier schien sich der Statthalter mehr an den Schulmeister zu
wenden) ein groer Unterschied zwischen dem freien Preisgeben oder Mitteilen
eines erworbenen, errungenen Gutes und zwischen dem trgen Fahrenlassen dessen,
was man nie besessen hat oder zu verteidigen zu bld ist. Jenes gleicht dem
gromtigen Gebrauche eines wohlerworbenen Vermgens, dieses aber der
Verschleuderung ererbter oder gefundener Reichtmer. Einer, der immer und ewig
entsagt, berall sanftmtig hintenansteht, mag ein guter harmloser Mensch sein;
aber niemand wird es ihm Dank wissen und von ihm sagen dieser hat mir einen
Vorteil verschafft! Denn so etwas kann, wie schon gesagt, nur der tun, der den
Vorteil erst zu erwerben und zu behaupten wei. Wo man das aber mit frischem
Mute und ohne Heuchelei tut, da scheint mir Gesundheit zu herrschen und
gelegentlich ein tchtiger Zank um den Vorteil ein Zeichen von Gesundheit zu
sein. Wo man nicht frei heraus fr seinen Nutzen und fr sein Gut einstehen
kann, da mchte ich mich nicht niederlassen; denn da ist nichts zu erholen als
die magere Bettelsuppe der Verstellung, der Gnadenseligkeit und der romantischen
Verderbnis; da entsagen alle, weil allen die Trauben zu sauer sind, und die
Fuchsschwnze schlagen mit bittersem Wedeln um die drren Flanken. Was aber
die Meinung der Fremden betrifft (hier wandte er sich wieder mehr an mich), so
werdet Ihr einst auf Euren Reisen lernen, weniger darauf zu achten!
    Nach dieser Rede schttelte uns der Statthalter die Hnde und entfernte
sich. Ich war indessen nicht berzeugt worden, sowenig als dem Schulmeister die
Wendung des Gesprchs zu behagen schien. Doch kamen wir darin berein, da er
ein liebenswrdiger Mann sei, und indem ich ihm, mich durch seine Ansprache
geehrt fhlend, wohlwollend nachblickte, pries ich ihn gegen den Schulmeister
als einen verdienstvollen und daher gewi glcklichen Mann. Der Schulmeister
schttelte aber den Kopf und meinte, es wre nicht alles Gold, was glnze. Er
hatte seit einiger Zeit angefangen, mich zu duzen, und fuhr daher jetzt fort:
Da du ein nachdenklicher Jngling bist, so gebhrt es dir auch, einen Blick in
das Leben der Menschen zu gewinnen; denn ich halte dafr, da die Kenntnis recht
vieler Flle und Gestaltungen jungen Leuten mehr ntzt als alle moralischen
Theorien; diese kommen erst dem Manne von Erfahrung zu, gewissermaen als eine
Entschdigung fr das, was nicht mehr zu ndern ist. Der Statthalter eifert nur
darum so sehr gegen das, was er Entsagung nennt, weil er selbst eine Art
Entsagender ist, das heit weil er selbst diejenige Wirksamkeit geopfert hat,
die ihn erst glcklich machen wrde und seinen Eigenschaften entsprche.
Obgleich diese Selbstverleugnung in meinen Augen eine Tugend ist und er in
seiner jetzigen Wirksamkeit so verdienstlich und ntzlich dasteht, als er es
kaum anderswie knnte, so ist er doch nicht dieser Meinung, und er hat manchmal
so dstere und prfungsreiche Stunden, wie man es seiner heiteren und
freundlichen Weise nicht zumuten wrde. Von Natur nmlich ist er ebenso feuriger
Gemtsart als von einem groen und klaren Verstande begabt und daher mehr dazu
geschaffen, im Kampfe der Grundstze beim Aufeinanderplatzen der Geister einen
tapferen Fhrer abzugeben und im groen Menschen zu bestimmen, als in ein und
demselben Amte ein stehender Verwalter zu sein. Allein er hat nicht den Mut, auf
einen Tag brotlos zu werden; er hat gar keine Ahnung davon, wie sich die Vgel
und die Lilien des Feldes ohne ein fixes Einkommen nhren und kleiden, und daher
hat er sich der Geltendmachung seiner eigenen Meinungen begeben. Schon mehr als
einmal, wenn durch den Parteienkampf Regierungswechsel herbeigefhrt wurden und
der siegende Teil den unterlegenen durch ungerechte Maregeln zwacken wollte,
hat er sich wie ein Ehrenmann in seinem Amte dagegen gestemmt; aber das, was er
seinem Temperament nach am liebsten getan htte, nmlich der Regierung sein Amt
vor die Fe zu werfen, sich an die Spitze einer Bewegung zu stellen und
mittelst seiner Einsicht und seiner Energie die Gewalthaber wieder dahin zu
jagen, von wannen sie gekommen das hat er unterlassen, und dies Unterlassen
kostet ihn zehnmal mehr Mhe als seine ununterbrochene arbeitsvolle Amtsfhrung.
Den Landleuten gegenber braucht er nur zu leben, wie er es tut, um in seiner
Wrde fest zu stehen. Bei den Behrden aber und in der Hauptstadt braucht es
manches verbindliche Lcheln, manche wenn auch noch so unschuldige Schnrkelei,
wobei er lieber sagen wrde: Herr! Sie sind ein groer Narr! oder: Herr! Sie
scheinen ein Spitzbube zu sein! Denn, wie gesagt, er hat ein dunkles Grauen vor
dem, was man Brotlosigkeit nennt.
    Aber zum Teufel! sagte ich, sind denn unsere Herren Regenten zu
irgendeiner Zeit etwas anderes als ein Stck Volk, und leben wir nicht in einer
Republik?
    Allerdings, mein lieber Sohn! erwiderte der Schulmeister; allein es
bleibt eine wunderbare Tatsache, wie besonders in neuerer Zeit ein solches Stck
Volk, ein reprsentativer Krper durch den einfachen Proze der Wahl sogleich
etwas ganz merkwrdig Verschiedenes wird, einesteils immer noch Volk und
andernteils etwas dem ganz Entgegengesetztes, fast Feindliches wird. Es ist wie
mit einer chemischen Materie, welche durch das bloe Eintauchen eines Stbchens,
ja sogar durch bloes Stehen auf geheimnisvolle Weise sich in ihren Verbindungen
verndert. Manchmal will es fast scheinen, als ob die alten patrizischen
Regierungen mehr den Grundcharakter ihres Volkes zu zeigen und zu bewahren
vermochten. Aber lasse dich ja nicht etwa verfhren, unsere reprsentative
Demokratie nicht fr die beste Verfassung zu halten! Besagte Erscheinung dient
bei einem gesunden Volke nur zu einer wohlttigen Heiterkeit, da es sich mit
aller Gemtsruhe den Spa macht, die wunderbar verwandelte Materie manchmal
etwas zu rtteln, die Phiole gegen das Licht zu halten, prfend hindurchzugucken
und sie am Ende doch zu seinem Nutzen zu verwenden.
    Den Schulmeister unterbrechend, fragte ich, ob denn der Statthalter als ein
Mann von solchen Kenntnissen und solchem Verstande sich nicht reichlicher durch
eine Privatttigkeit ernhren knnte als durch ein Amt? Worauf er antwortete:
Da er dies nicht kann oder nicht zu knnen glaubt, ist wahrscheinlich eben das
Geheimnis seiner Lebenslage! Der freie Erwerb ist eine Sache, fr welche manchen
Menschen der Sinn sehr spt, manchen gar nie aufgeht. Vielen ist es ein
einfacher Tick, dessen Verstndnis ihnen durch ein Handumdrehen, durch Zufall
und Glck gekommen, vielen ist es eine langsam zu erringende Kunst. Wer nicht in
seiner lugend durch bung und Vorbild seiner Umgebung, sozusagen durch die
berlieferung seines Geburtshauses, oder sonst im rechten Moment den rechten
Fleck erwischt, wo der Tick liegt, der mu manchmal bis in sein vierzigstes oder
fnfzigstes Jahr ein umhergeworfener und bettelhafter Mensch sein, oft stirbt er
als ein sogenannter Lump. Viele Personen des Staates, welche zeitlebens tchtige
Angestellte waren, haben keinen Begriff vom Erwerbe; denn alle ffentlich
Besoldeten bilden unter sich ein Phalansterium, sie teilen die Arbeit unter
sich, und jeder bezieht aus den allgemeinen Einknften seinen Lebensbedarf ohne
weitere Sorge um Regen oder Sonnenschein, Miwachs, Krieg oder Frieden, Gelingen
oder Scheitern. Sie stehen so als eine ganz verschiedene Welt dem Volke
gegenber, dessen ffentliche Einrichtung sie verwalten. Diese Welt hat fr
solche, die von jeher darin lebten, etwas Entnervendes in bezug auf die
Erwerbsfhigkeit. Sie kennen die Arbeit, die Gewissenhaftigkeit, die
Sparsamkeit, aber sie wissen nicht, wie die runde Summe, welche sie als Lohn
erhalten, im Wind und Wetter der Konkurrenz zusammengekommen ist. Mancher ist
sein Leben lang ein fleiiger Richter und Exekutor in Geldsachen gewesen, der es
nie dazu brchte, einen Wechsel auszustellen und rechtzeitig einzulsen. Wer
essen will, der soll auch arbeiten; ob aber der verdiente Lohn der Arbeit sicher
und ohne Sorgen sein oder ob er auer der einfachen Arbeit noch ein Ergebnis der
Sorge, des Geschickes und dadurch zum Gewinst werden soll, welches von beiden
das Vernnftige und von hherer Absicht dem Menschen Bestimmte sei das zu
entscheiden wage ich nicht, vielleicht wird es die Zukunft tun. Aber wir haben
beide Arten in unseren Zustnden und dadurch ein verworrenes Gemisch von
Abhngigkeit und Freiheit und von verschiedenen Anschauungen. Der Statthalter
glaubt sich abhngig und enthlt sich whrend jeder Krise verschlossenen Sinnes
gleichmig aller eigenen Kundgebung und wei dabei nicht einmal, wie viele sich
bemhen, hinter seinem Rcken seine innersten Gedanken zu erfahren, um sich
danach zu richten.
    Ich empfand eine groe Teilnahme fr den Statthalter und ehrte ihn, ohne mir
darber Rechenschaft geben zu knnen; denn ich mibilligte hchlich seine Scheu
vor der Armut, und erst spter wurde es mir klar, da er das Schwerste gelst
habe eine gezwungene Stellung ganz so auszufllen, als ob er dazu allein gemacht
wre, ohne mrrisch oder gar gemein zu werden. Indessen waren mir die Reden des
Schulmeisters ber das Erwerben und ber den rechten Tick keine liebliche Musik;
es wurde mir fraglich, ob ich diesen auch erwischen wrde, da ich einzusehen
begann, da fr alles dies rstige Volk die Freiheit erst ein Gut war, wenn es
sich seines Brotes versichert hatte, und ich fhlte vor den langen, nun leeren
Tischreihen, da selbst dieses Fest bei hungrigem Magen und leerem Beutel ein
sehr trbseliges gewesen wre.
    Ich war froh, da wir endlich aufbrachen. Annas Vater schlug vor, wir beide
sollten uns zu ihm ins Fuhrwerk setzen, damit wir zusammen dem Schauspiele
nachfhren; doch gab sie den Wunsch zu erkennen, lieber den ausgeruhten Schimmel
zu besteigen und noch ein wenig umherzureiten, da es spter unter keinem
Vorwande mehr geschehen wrde. Hiemit war der Schulmeister auch zufrieden und
erklrte so wolle er wenigstens mit uns fahren, bis er etwa Gelegenheit finde,
einer bejahrten Person den Heimweg zu erleichtern, da ihn die Jungen alle im
Stiche lieen. Ich aber lief mit frohen Gedanken nach dem Hause, wo unsere
Pferde standen, lie dieselben auf die Strae bringen, und als ich Anna in den
Sattel half, klopfte mir das Herz vor heftigem Vergngen und stand wieder still
vor angenehmem Schreck, weil ich voraussah, bald allein neben ihr durch die
Landschaft zu reiten.

                              Sechzehntes Kapitel



                       Abendlandschaft. Berta von Bruneck

Dies traf auch ein, obgleich noch auf andere Weise, als ich es gehofft hatte.
Wir waren noch nicht weit aus dem Tore, als der gastliche Schulmeister sein
Wgelchen schon mit drei alten Leutchen beladen hatte und in lustigem Trabe
vorausfuhr, der angenommenen hohlen Gasse zu. Still ritten wir nun im Schritte
dahin und grten sehr beflissen die frhlichen Leute, denen wir begegneten,
links und rechts, bis wir in die Nhe der wogenden und summenden Menge kamen und
dieselbe beinah erreichten. Da stieen wir auf den Philosophen, dessen schnes
Gesichtchen vor Mutwillen glhte und den tollen Spuk verkndigte, welchen er
schon ausgebt. Er war in gewhnlicher Kleidung und trug ein Buch in der Hand,
da er nebst einem andern Lehrer das Amt eines Einblsers bernommen, um berall
zur Hand zu sein, wenn einen Helden die Erinnerung verlassen sollte. Doch
erzhlte er jetzt, wie die Leute gar nichts mehr hren wollten und alles von
selber seinen ziemlich wilden Gang ginge; er habe daher, rief er, nun die
schnste Mue, uns beiden zu der Jagdszene zu soufflieren, die wir ohne Zweifel
auszufahren so einsam ausgezogen wren; es sei auch die hchste Zeit dazu und
wir wollten uns ungesumt ans Werk machen!
    Ich wurde rot und trieb die Pferde an; aber der Philosoph fiel uns in die
Zgel; Anna fragte, was denn das wre mit der Jagdszene, worauf er lachend
ausrief er werde uns doch nicht sagen mssen, was alle Welt belustige und uns
ohne Zweifel mehr als alle Welt! Anna wurde nun auch rot und verlangte standhaft
zu wissen, was er meine. Da reichte er ihr das aufgeschlagene Buch, und whrend
mein Brauner und ihr Schimmel behaglich sich beschnupperten, ich aber wie auf
Kohlen sa, las sie, das Buch auf dem rechten Knie haltend, aufmerksam die
Szene, wo Rudenz und Berta ihr Bndnis schlieen, von Anfang bis zu Ende, mehr
und mehr errtend. Die Schlinge kam nun an den Tag, welche ich ihr so harmlos
gelegt, der Philosoph rstete sich sichtbar zu endlosem Unfuge, als Anna
pltzlich das Buch zuschlug, es hinwarf und hchst entschieden erklrte, sie
wolle sogleich nach Hause. Zugleich wandte sie ihr Pferd und begann feldein zu
reiten auf einem schmalen Fahrwege, ungefhr in der Richtung nach unserm Dorfe.
Verlegen und unentschlossen sah ich ihr eine Weile nach; doch fate ich mir ein
Herz und trabte bald hinter ihr her, da sie doch einen Begleiter haben mute;
whrend ich sie erreichte, sang uns der Philosoph ein loses Lied nach, welches
jedoch immer schwcher hinter uns verklang, und zuletzt hrten wir nichts mehr
als die muntere, aber ferne Hochzeitsmusik aus der hohlen Gasse und vereinzelte
Freudenrufe und Jauchzer an verschiedenen Punkten der Landschaft. Diese erschien
aber durch die Unterbrechungen nur um so stiller und lag mit Feldern und Wldern
friedevoll im Glanze der Nachmittagssonne wie im reinsten Golde. Wir ritten nun
auf einer gestreckten Hhe, ich hielt mein Pferd immer noch um eine Kopflnge
hinter dem ihrigen zurck und wagte nicht ein Wort zu sagen. Da gab Anna dem
Schimmel einen kecken Schlag mit der Gerte und setzte ihn in Galopp, ich tat das
gleiche; ein lauer Wind wehte uns entgegen, und als ich auf einmal sah, da sie,
ganz gertet die balsamische Luft einatmend, vergngt vor sich hin lchelte, den
Kopf hoch aufgehalten mit dem funkelnden Krnchen, whrend ihr Haar waagrecht
schwebte, schlo ich mich dicht an ihre Seite, und so jagten wir wohl fnf
Minuten lang ber die einsame Hhe dahin. Der Weg war noch halb feucht und doch
fest; rechts unter uns zog der Flo, wir blickten seine glnzende Bahn entlang,
jenseits erhob sich das steile Ufer mit dunklem Walde, und darber hin sahen wir
ber viele Hhenzge weg im Nordosten ein paar schwbische Berge, einsame
Pyramiden, in unendlicher Stille und Ferne. Im Sdwesten lagen die Alpen weit
herum, noch tief herunter mit Schnee bedeckt, und ber ihnen lagerte ein
wunderschnes mchtiges Wolkengebirge im gleichen Glanze, Licht und Schatten
ganz von gleicher Farbe wie die Berge, ein Meer von leuchtendem Wei und tiefem
Blau, aber in tausend Formen gegossen, von denen eine die andere bertrmte. Das
Ganze war eine senkrecht aufgerichtete glnzende und wunderbare Wildnis,
gewaltig und nah an das Gemt rckend und doch so lautlos, unbeweglich und fern.
Wir sahen alles zugleich, ohne da wir besonders hinblickten; wie ein
unendlicher Kranz schien sich die weite Welt um uns zu drehen, bis sie sich
verengte, als wir allmhlich bergab jagten, dem Flusse zu. Aber es war uns nur,
als ob wir im Traume in einen getrumten Traum trten, als wir auf einer Fhre
ber den Flu fuhren, die durchsichtig grnen Wellen sich rauschend am Schiffe
brachen und unter uns wegzogen, whrend wir doch auf Pferden saen und uns in
einem Halbbogen ber die Strmung weg bewegten. Und wieder glaubten wir uns in
einen andern Traum versetzt, als wir, am andern Ufer angekommen, langsam einen
dunklen Hohlweg emporklommen, in welchem schmelzender Schnee lag. Hier war es
kalt, feucht und schauerlich; von den dunklen Bschen tropfte es und fielen
zahlreiche Schneeklumpen, wir befanden uns ganz in einer krftig braunen
Dunkelheit, in deren Schatten der alte Schnee traurig schimmerte, nur hoch ber
uns glnzte der goldene Himmel. Auch hatten wir den Weg nun verloren und wuten
nicht recht, wo wir waren, als es mit einem Male grn und trocken um uns wurde.
Wir kamen auf die Hhe und befanden uns in einem hohen Tannenwald, dessen Stmme
drei bis vier Schritte auseinander standen, auf einem dicht mit trockenem Moose
bedeckten Boden, und die ste hoch oben in ein dunkelgrnes Dach verwachsen, so
da wir vom Himmel fast nichts mehr sehen konnten. Ein warmer Hauch empfing uns
hier, goldene Lichter streiften da und dort ber das Moos und an den Stmmen,
der Tritt der Pferde war unhrbar, wir ritten gemchlich zwischendurch, um die
Tannen herum, bald trennten wir uns, und bald drngten wir uns nahe zusammen
zwischen zwei Sulen durch, wie durch eine Himmelspforte. Eine solche Pforte
fanden wir aber gesperrt durch den quergezogenen Faden einer frhen Spinne; er
schimmerte in einem Streiflichte mit allen Farben, blau, grn und rot, wie ein
Diamantstrahl. Wir bckten uns einmtig darunter weg, und in diesem Augenblicke
kamen sich unsere Gesichter so nah, da wir uns unwillkrlich kten. Im Hohlweg
hatten wir schon zu sprechen angefangen und plauderten nun eine Weile ganz
glckselig, bis wir uns darauf besannen, da wir uns gekt, und sahen, da wir
rot wurden, wenn wir uns anblickten. Da wurden wir wieder still. Der Wald senkte
sich nun auf die andere Seite hin und stand wieder im Schatten. In der Tiefe
sahen wir ein Wasser glnzen, und die gegenberstehende Berghalde, ganz nah,
leuchtete mit Felsen und Fichten im hellen Sonnenscheine durch die dunklen
Stmme, unter denen wir zogen, und warf ein geheimnisvolles Zwielicht in die
schattigen Hallen unseres Tannenwaldes. Der Boden wurde jetzt so abschssig, da
wir absteigen muten. Als ich Anna vom Pferde hob, kten wir uns zum zweiten
Male, sie sprang aber sogleich weg und wandelte vor mir ber den weichen grnen
Teppich hinunter, whrend ich die beiden Tiere fhrte. Wie ich die reizende,
fast mrchenhafte Gestalt so durch die Tannen gehen sah, glaubte ich wieder zu
trumen und hatte die grte Mhe, die Pferde nicht fahrenzulassen, um mich von
der Wirklichkeit zu berzeugen, indem ich ihr nachstrzte und sie in die Arme
schlo. So kamen wir endlich an das Wasser und sahen nun, da wir uns bei der
Heidenstube befanden, in einem wohlbekannten Bezirke. Hier war es womglich noch
stiller als in dem Tannenwalde und am allerheimlichsten; die besonnte Felswand
spiegelte sich in dem reinen Wasser, ber ihr kreisten drei groe Habichte in
der Luft, sich unaufhrlich begegnend, und das Braun auf ihren Schwingen und das
Wei an der inneren Seite wechselten und blitzten mit dem Flgelschlage und den
Schwenkungen im Sonnenscheine, whrend wir unten im Schatten waren. Ich sah dies
alles in meinem Glcke, indessen ich den guten Gulen, welche nach dem Wasser
begehrten, die Zume abnahm. Anna erblickte ein weies Blmchen, ich wei nicht,
was fr eines, brach es und trat auf mich zu, es auf meinen Hut zu stecken; ich
sah und hrte jetzt nichts mehr, als wir uns zum dritten Male kten. Zugleich
umschlang ich sie mit den Armen, drckte sie mit Heftigkeit an mich und fing an,
sie mit Kssen zu bedecken. Erst hielt sie zitternd einen Augenblick still, dann
legte sie ihre Arme um meinen Hals und kte mich wieder; aber bei dem fnften
oder sechsten Kusse wurde sie totenbleich und suchte sich loszumachen, indessen
ich ebenfalls eine sonderbare Verwandlung fhlte. Die Ksse erloschen wie von
selbst, es war mir, als ob ich einen urfremden, wesenlosen Gegenstand im Arme
hielte, wir sahen uns fremd und erschreckt ins Gesicht, unentschlossen hielt ich
meine Arme immer noch um sie geschlungen und wagte sie weder loszulassen noch
fester an mich zu ziehen. Mich dnkte, ich mte sie in eine grundlose Tiefe
fallen lassen, wenn ich sie losliee, und tten, wenn ich sie ferner
gefangenhielt; eine groe Angst und Traurigkeit senkte sich auf unsere
kindischen Herzen. Endlich wurden mir die Arme locker und fielen auseinander,
beschmt und niedergeschlagen standen wir da und blickten auf den Boden. Dann
setzte sich Anna auf einen Stein, dicht an dem klaren tiefen Wasser, und fing
bitterlich an zu weinen. Erst als ich dies sah, konnte ich mich wieder mit ihr
beschftigen, so sehr war ich in meine eigene Verwirrung und in die eisige Klte
versunken, die uns berfallen hatte. Ich nherte mich dem schnen, trauernden
Mdchen und suchte eine Hand zu fassen, indem ich zaghaft ihren Namen nannte.
Aber sie hllte ihr Gesicht fest in die Falten des langen grnen Kleides,
fortwhrend reichliche Trnen vergieend. Endlich erholte sie sich ein wenig und
sagte blo: Oh! wir waren so froh bis jetzt! Ich glaubte sie zu verstehen,
weil ich ziemlich das gleiche fhlte, nur nicht so tief wie sie; daher erwiderte
ich nichts, sondern setzte mich still etwas von ihr entfernt halb gegenber, und
so blickten wir mit dsterm Schweigen in das feuchte Element. Von dessen Grunde
sah ich ihr Spiegelbild mit dem Krnchen heraufleuchten wie aus einer andern
Welt, wie eine fremde Wasserfei, die nach einem Vertrauens Frucht in die Tiefe
zu fliehen droht.
    Indem ich sie so gewaltsam an mich gedrckt und gekt und sie in der
Verwirrung dies erwidert, hatten wir den Becher unserer unschuldigen Lust zu
sehr geneigt; sein Trank berschttete uns mit pltzlicher Klte, und das fast
feindliche Fhlen des Krpers ri uns vollends aus dem Himmel. Diese Folgen
einer so unschuldigen und herzlichen Aufwallung zwischen zwei jungen Leutchen,
welche einst als Kinder schon genau dasselbe getan ohne alle Bekmmernis, wrden
vielen nrrisch vorkommen; uns aber dnkte die Sache gar nicht spahaft, und wir
saen mit wirklichem Grame an dem Wasser, das um keinen Grad reiner war als
Annas Seele. Den wahren Grund der schreckhaften Begebenheit ahnte ich gar nicht;
denn ich wute nicht, da in jenem Alter das rote Blut weiser sei als der Geist
und sich von selbst zurckdmme, wenn es in ungehrige Wellen geschlagen worden.
Anna hingegen mochte sich hauptschlich vorwerfen, da sie nun doch fr ihr
Nachgeben, dem Feste beizuwohnen, bestraft und ihre eigene Art und Weise
grblich und roh gestrt worden sei.
    Ein gewaltiges Rauschen in den Baumkronen ringsumher weckte uns aus der
melancholischen Versenkung, die eigentlich schon wieder an eine andere Art von
schnem Glck streifte; denn meiner Erinnerung sind die letzten Augenblicke, ehe
uns der starke Sdwind wachrauschte, nicht weniger lieb und kostbar als jener
Ritt auf der Hhe und durch den Tannenwald. Auch Anna schien sich zufriedener zu
fhlen; als wir uns erhoben, lchelte sie flchtig gegen mein eigenes
verschwindendes Bild im Wasser; doch schienen ihre anmutig entschiedenen
Bewegungen zugleich zu sagen Wage es ferner nicht, mich zu berhren!
    
    Die Pferde hatten lngst zu trinken aufgehrt und standen verwundert in der
engen Wildnis, wo sie zwischen Steinen und Wasser beinahe keinen Raum fanden,
sich zu regen; ich legte ihnen das Gebi an, hob Anna auf den Schimmel, und
denselben fhrend, suchte ich auf dem schmalen, oft vom Flchen
beeintrchtigten Pfade so gut als mglich vorwrtszudringen, whrend der Braune
geduldig und treulich nachfolgte. Wir gelangten auch wohlbehalten auf die Wiesen
und endlich unter die Bume vor dem alten Pfarrhause. Kein Mensch war daheim,
selbst der Oheim und seine Frau waren auf den Abend fortgegangen, und alles
still um das Haus. Dieweil Anna sogleich hineineilte, zog ich den Schimmel in
den Stall, sattelte ihn ab und steckte ihm sein Heu vor. Dann ging ich hinauf,
um fr den Braunen etwas Brot zu holen, da ich auf ihm noch dem Schauspiele
zuzueilen gedachte. Auch forderte mich Anna gleich dazu auf, als ich in die
Stube kam. Sie war schon umgekleidet und flocht eben ihr Haar etwas hastig in
seine gewohnten Zpfe; ber dieser Beschftigung von mir betroffen, errtete sie
aufs neue und wurde verlegen.
    Ich ging hinab, den Braunen zu fttern, und whrend ich ihm das Brot
vorschnitt und ein Stck um das andere in das Maul steckte, stand Anna an dem
offenen Fenster, ihr Haar vollends aufbindend, und schaute mir zu. Die
gemchliche Beschftigung unserer Hnde in der Stille, die ber dem Gehfte
lagerte, erfllte uns mit einer tiefen und von Grund aus glcklichen Ruhe, und
wir htten jahrelang so verharren mgen; manchmal bi ich selbst ein Stck von
dem Brote, ehe ich es dem Pferde gab, worauf sich Anna ebenfalls Brot aus dem
Schranke holte und am Fenster a. Darber muten wir lachen, und wie uns das
trockene Brot so wohl schmeckte nach dem festlichen und geruschvollen Mahle, so
schien auch die jetzige Art unseres Zusammenlebens das rechte Fahrwasser zu
sein, in welches wir nach dem kleinen Sturme eingelaufen und in welchem wir
bleiben sollten. Anna gab ihre Zufriedenheit auch dadurch zu erkennen, da sie
das Fenster nicht verlie, bis ich weggeritten war.

                              Siebzehntes Kapitel



                            Die barmherzigen Brder

Gleich vor dem Dorfe kam der Schulmeister gefahren mit dem oheimlichen Ehepaar,
denen ich sagte, da Anna schon zu Hause sei; und ein Stck weiter stie ich auf
des Mllers Knecht, welcher dessen Pferd nach Hause fhrte. Da ich vernahm, da
schon alles bei der Zwinguri versammelt und dort ein groes Hallo sei, auch der
Weg dahin nicht mehr weit war, gab ich meinen Gaul auch dem Knecht und eilte zu
Fu weiter. Zur Zwinguri hatte man eine verfallene Burgruine bestimmt, welche
auf dem hchsten Punkte einer Bergallmende steht und eine weite Aussicht ins
Gebirge hinber gewhrt. Die Trmmer waren durch einiges Stangen- und
Brettergerst so bekleidet, als ob sie eben im Aufbau statt im Verfalle wren,
und mit den Krnzen der triumphierenden Tyrannei behangen. Die Sonne ging eben
unter, als ich ankam und sah, wie das Volk das Gerste zusammenbrach und mit den
Krnzen auf einen gewaltigen Holz- und Reisighaufen warf und diesen anzndete.
Hier ging auch die Verherrlichung des Tell vor sich, statt vor seinem Hause,
doch nicht mehr nach der geschriebenen Ordnung, sondern infolge einer
allgemeinen Erfindungslust, wie der Augenblick sie in den tausend Kpfen
erweckte, und der Schlu der Handlung ging unbestimmt in eine rauschende
Freudenfeier ber. Die weggejagten Zwingherren mit ihrem Trosse waren wieder
herangeschlichen und gingen um unter dem Volke als vergngte Gespenster; sie
stellten die harmloseste Reaktion vor. Auf allen Hgeln und Bergen sahen wir
jetzt die Fastnachtsfeuer brennen, und das unsrige flammte bereits in groem
Umfange; wir standen in einem Kreise hundertweise darum, und Tell, der Schtz,
zeigte sich jetzt auch als einen guten Snger, sogar als einen Propheten, indem
er ein krftiges Volkslied von der Sempacherschlacht vorsang, dessen Chorzeilen
von allen wiederholt wurden. Wein war in Menge vorhanden; es bildeten sich
mehrere Liederkreise, schlichte, einstimmige, welche alte Lieder sangen, wie
vierstimmige Mnnerchre mit neuen Liedern, gemischte Singschulen von Mdchen
und Jnglingen, Kinderscharen, alles sang, klang und wogte durcheinander auf der
Allmende, ber welche das Feuer einen rtlichen Schein verbreitete. Vom Gebirge
herber wehte immer strker und wrmer der Fhn und wlzte groe Wolkenzge ber
den Himmel; je dunkler die Luft wurde, desto lauter ward die Freude, die
zunchst um Burgtrmmer und Feuer in einem groen Krper lagerte, dann die Halde
hinab sich in viele Gruppen und einzelne auflste, die hier noch im rtlichen
Scheine streiften, dort in der Dunkelheit jauchzten. Noch weiterhin summte die
Lust aus den dunklen Gefilden und glnzte zuletzt wieder sichtbar in den
zahlreichen Flammen am Horizonte. Der uralte gewaltige Frhlingshauch dieses
Landes, obschon er Gefahr und Not bringen konnte, weckte ein altes, trotzig
frohes Naturgefhl, und indem er in die Gesichter und in die heien Flammen
wehte, ging die Ahnung zurck vom Feuerzeichen des politischen Bewutseins ber
die Christenfeuer des Mittelalters zu dem Frhlingsfeuer der Heidenzeit, das
vielleicht zur selben Stunde, auf derselben Stelle gebrannt. In den dunklen
Wolkenlagern schienen Heerzge verschwundener Geschlechter vorberzuziehen,
manchmal anzuhalten ber dem nchtlich singenden und tnenden Volkshaufen, als
ob sie Lust htten, herabzusteigen und sich unter die zu mischen, welche ihre
Spanne Zeit am Feuer vergaen. Es war aber auch eine kstliche Stelle, diese
Allmende; der brunliche Boden, vom ersten Anflug des ergrnenden wilden Grases
berschossen, dnkte uns weicher und elastischer als Sammetpolster, und vor der
frnkischen Zeit schon war er fr die Bewohner der Gegend dasselbe gewesen, was
heute.
    Die Stimmen der Weiber waren mit der Nacht lauter geworden; whrend die
lteren schon fortgegangen und die verheirateten Mnner sich zusammentaten, um
vertraute Zechstuben aufzusuchen, begannen die Mdchen ihre Herrschaft
unbefangener auszuben, erst in lachenden Kreisen, bis zuletzt alles beieinander
war, was zusammengehrte, und jedes Paar auf seine Weise sich zeigte oder
verbarg. Doch als das Feuer zusammenfiel, lsten sich die verschlungenen
Menschenkrnze und begannen in groen und kleinen Gruppen dem Stdtchen
zuzuziehen, wo auf dem Rathause sowie in einigen Gasthusern Trompeten und
Geigen sie erwarteten. Ich hatte mich in dem Gedrnge unstet herumgetrieben und
vergngte mich nun an der verlschenden Glut, um welche auer einigen Knaben nur
noch jene Fratzgestalten herumtanzten, weil der Spa sie nichts kostete. Sie
sahen in den flatternden Hemden und mit den hohen Papiermtzen aus wie
Gespenster, die dem grauen Gemuer entstiegen Einige zhlten auch die Mnzen,
welche sie etwa erhascht, andere suchten aus dem Feuer noch ein verkohltes
Holzscheit zu ziehen, und besonders einen sah ich, welcher sich zu den tollsten
Sprngen angestrengt und den ich fr einen jungen Taugenichts gehalten, nunmehr
nach der Entlarvung als ein eisgraues Mnnchen zum Vorschein kommen und sich
hastig mit einem rauchenden Fichtenklotze abqulen.
    Ich wandte mich endlich hinweg und ging langsam davon, unschlssig, ob ich
nach Hause kehren oder dem Stdtchen zusteuern solle. Mein Mantel, der Degen und
die Armbrust waren mir lngst hinderlich; ich nahm alles zusammen unter den Arm,
und als ich rascher von der Allmende hinunterschritt, fhlte ich mich so munter
und lebenslustig wie am frhen Morgen, und je lnger ich ging, desto strker
erwachte mir das khne Verlangen, einmal die Nacht zu durchschwrmen, und
zugleich die Reue, da ich Anna so leichten Kaufes entlassen. Ich bildete mir
ein, ganz der Mann dazu zu sein ein Liebchen eine festliche Nacht
entlangzufhren, unter Tanz, Becherklang und Scherz. Ich machte mir die
bittersten Vorwrfe, den einzigen Tag so ungeschickt und schwachmtig verpfuscht
zu haben, und stellte mir zugleich voll Eitelkeit vor, da es Anna ebenso ergehe
und sie vielleicht schlaflos sich nach mir sehne; denn es mochte schon neun Uhr
vorber sein.
    Unversehens war ich in dem Flecken angelangt, welcher von Musik ertnte, und
als ich in einen bervollen Saal trat, in welchem die blhenden Paare sich
drehten, da klopfte mein Blut immer unwilliger und heier; ich bedachte nicht,
da wir die einzigen sechszehnjhrigen Leutchen gewesen wren, die sich im
offenkundigen Vereine zeigten, noch weniger, da unsere heutigen Erlebnisse
zehnmal schner waren als alles, was diese lrmende Jugend hier genieen konnte,
und da ich mich in der Erinnerung derselben reich und glcklich genug htte
fhlen sollen. Ich sah nur die Freude der Volljhrigen, der Verlobten und
Selbstndigen, und mate mir ihr Recht an, ohne im mindesten zu merken, da mein
prahlerisches Blut, sobald ich Anna wirklich zur Seite gehabt htte,
augenblicklich wieder zahm geworden wre. Es gereicht mir auch nicht zur Ehre,
da es ihrer leibhaften Gegenwart bedurfte, mich zur Bescheidenheit
zurckzufhren. Doch als ich von meinen Vettern und Bekannten als ein verloren
Geglaubter tapfer begrt und in den Strudel gezogen wurde, blendete mich das
Licht der Freude, da ich mich und meinen rger verga und der Reihe nach mit
den drei Basen tanzte. Ich erhitzte mich immer mehr, ohne zufrieden zu sein; die
Lust, welche im ganzen soviel Gerusch machte, ging mir im einzelnen viel zu
langsam und nchtern vor sich. So freudestrahlend alle die jungen Leute
dreinblickten, schien es mir doch nur ein matter Schimmer zu sein gegen den
Glanz, der in meiner Phantasie wach geworden. Unruhig streifte ich durch einige
Trinkstuben, die neben dem Saale waren, und wurde von einer Gesellschaft junger
Burschen angehalten, welche purpurroten Wein tranken und dazu sangen. Hier
schien meine Sehnsucht endlich ein Ziel zu finden; ich trank von dem khlen
Wein, dessen schne Farbe meinen Augen sehr wohl gefiel, und fing
leidenschaftlich an zu singen. Kaum hatte ein Lied geendet, so begann ich ein
anderes, schlug ein rascheres Tempo an und erhob bei ausdrucksvollen Stellen die
Stimme, da sie bald die anderen bertnte. Verwundert, da der Duckmuser aus
der Stadt noch besser trinken und lrmen knne als sie, wollten die Bursche
nicht zurckbleiben; wir feuerten uns gegenseitig an, ich sang und sang immerzu
und bemerkte erst bei einem Rundgesange, wo ich eine Weile schweigen mute, da
smtliche Bschen durch die Tre guckten und mich mit Erstaunen in meiner
Herrlichkeit sitzen sahen. Sie lachten mir zu, winkten drohend, weil ich ihr
Panier verlassen, und forderten mich auf, wieder zu tanzen. Aber ich war nun ein
gemachter und angesehener Mann unter meinen Gesellen, ganz wie einst als Knabe,
wo ich eine Zeitlang den Renommisten gespielt, und als einige davon sich wieder
nach Mdchen umsahen, brach ich mit zwei wilden Jnglingen auf, das Stdtchen zu
durchziehen. Arm in Arm strmte ich mit den gesunden Bauersshnen ber die
Strae; wir gaben uns die lustigsten Redensarten zum besten, sangen und
empfanden das gefllige Behagen, welches entsteht, wenn Ungleiches sich eint und
zusammen freut.
    Doch schon im nchsten Tanzhause, in das wir traten, verlor ich einen um den
andern meiner neuen Freunde, indem sie hier fanden, was sie wahrscheinlich
gesucht hatten, und ich setzte allein, aber rastlos, den Streifzug fort. Hie und
da schaute ich einen Augenblick zu, erwiderte ungesumt die Spe, die man an
mich richtete, bis ich in eine Stube kam, wo an einem groen runden Tische noch
vier von den barmherzigen Brdern saen. Zwei waren schon abgefallen und
verschwunden; die hier weilten, hatten bereits einen zweiten Rausch hinter sich
und befanden sich nun in jenem lssigen Zustande, in welchem erfahrene
Zechbrder einen lustigen Tag austnen lassen, fragwrdige Witze machen und
ihren Wein so trinken, als ob sie nicht mehr viel darum gben, sich aber wohl
hten, schlielich einen Tropfen zu verlieren.
    Etwas entfernt von ihnen sa am gleichen Tische die Judith, welcher die
Brder der Sitte gem ein Glas geboten. Sie schien sich ganz allein bei dem
Feste umgesehen und nun ein Gefallen daran zu haben, die Witze und
Verfnglichkeiten dieser Herren schlagfertig zurckzugeben und sie in Respekt zu
halten, wozu es keiner geringen Gewandtheit und Kraft bedurfte. Sie sa ebenso
lssig da, zurckgelehnt und halb abgewandt, und warf ihre Erwiderungen
gleichmtig hin. Die Mnche hatten die Flachsbrte abgelegt und die gefrbten
Nasen gewaschen; nur der lteste, welcher einen angehenden Kahlkopf und eine
natrliche Feuernase besa, prangte noch mit dem hohen Rot derselben. Dies war
der Unntzeste und rief mir zu, als ich vorbergehen wollte: Heda, Grnspecht!
wo hinaus? Ich stand still und erwiderte: Guter Freund! Ihr habt vergessen,
den Zinneber von Eurer Nase zu wischen, wie die anderen Brder doch getan! Ich
mache Euch hiemit aufmerksam, damit Ihr nicht etwa Euer Kopfkissen rot macht.
    Das Gelchter der brigen nahm mich sogleich in den holden Bund auf; ich
mute mich setzen und ein Glas annehmen, worauf sie sagten: Und dennoch, knnt
Ihr glauben, da dieser Kerl es noch fr ntig befunden hat, heut seine Nase zu
schminken?, - Das war freilich, erwiderte ich, ebenso tricht, als wenn man
eine Rose schminken wollte!
    Und dazu viel gefhrlicher, versetzte ein anderer, denn eine Rose
schminken heit ein Werk Gottes verbessern wollen, und der liebe Gott verzeiht!
Aber eine rote Nase schminken heit den Teufel verhhnen, und der verzeiht
nicht!
    So ging es fort; sie verhandelten nun seinen Kahlkopf, wobei ich aber bald
weit zurckblieb, indem sie ber diesen Gegenstand allein wohl zwanzig
verschiedene Witze machten, welche in der Phantasie die lcherlichsten
Vorstellungen erregten und von denen einer den andern an Neuheit und Khnheit
der Bilder berbot. Judith lachte, als die Taugenichtse ber sich selbst
herfuhren, und als der Angegriffene dies sah, suchte er sich aus dem Feuer zu
retten, indem er sich gegen sie wendete. Sie sa da in einem schlichten braunen
Kleide, die Brust mit einem weien Halstuche bedeckt, welches ein wenig ihren
prchtigen Hals sehen lie; um diesen lag eine feine Goldkette und verlor sich
im Halstuche; sonst trug sie keinen Putz als ihr schnes braunes Haar. Der
Kahlkopf blinzelte mit den Augen und sang:

Mein Schatz, um deinen weien Hals
Geht eine Schnur von Katzengold,
Die fhrt an deinem Busam
Teuf in dein falsches Herz!

Judith erwiderte schnell: Damit Ihr meinen weien Hals einmal verget, will ich
Euch auch ein Lied von etwas Weiem berichten! und sie sang nicht, sondern
sagte einfach wohlklingend:

Es ist eine ble Zeit!
Luna, die weiland keusche Maid,
Liebugelt auf den Kpfen alter Snder
Am hellen Tag und hhnt uns arme Kinder.
Schm dich, Mondschein!

Ich tat das Fenster auf
In dunkler Nacht und suchte Lunas Lauf;
Da glnzt' sie frech an meines Hauses Schwelle,
Wild go ich Wasser auf die weie Stelle.
Schm dich, Mondschein!

Ihre Mutter war gestorben, auch hatte sie seither in einer auslndischen
Lotterie mehrere tausend Gulden gewonnen, da sie aus langer Weile sich mit
dergleichen Dingen befate. So schien sie nun mehr als je fr schwere und
leichte Schnapphhne ein guter Fang, und der Kahle glaubte sie, nachdem er
verschiedene Anleihen bei ihr gemacht, welche sie ihm lachend gewhrte, im
Sturme nehmen zu knnen, ward aber ebenso lachend abgewiesen. Das obige Liedchen
aber schien sogar auf ein schlimmes Abenteuer zu deuten, welches er auf seiner
Freite bestanden. Denn mit einer ganz heillosen Diskretion sahen sich die drei
brigen an, mit funkelnden Augen und mhsam verhaltenem Munde, indem sie
anfingen, halblaut zu summen:

Hm! hm! - hm! hm! hm!
hm! hm! hm! - hm! hm! hm!

Der Rhythmus dieses Gesummes war so verfhrerisch, da ich mit einstimmte und
eine stolze Glckseligkeit empfand, mit den Spttern singen zu drfen hm hm hm!
hm hm hm! - es war still und feierlich in der nur noch schwach erleuchteten
Stube, und mit feierlicher Behaglichkeit setzten wir die seltsamen Takte fort.
Judith lachte hell auf und rief: O ihr Kindskpfe! Da brachen wir laut aus:
Ha ha ha! - ha ha ha!
    Der Gehhnte aber sphte umher, zog unversehens dem lautesten Sptter ein
hervorguckendes Blatt aus der Kutte und las dessen berschrift: Christliche
Wochenbtin, ein konservatives Volksblttlein. Der Spott entlud sich nun auf
den berraschten, dessen schwache Seite sein Konservatismus war, den er weder
genugsam zu erklren noch zu verteidigen vermochte. Diese Benennung war erst
seit einiger Zeit im Umlauf und fing einige Leute, welche vorher im Nebelhaften
geschwebt. Der Kahle forderte den Konservativen auf, er solle einmal sagen, was
er sich eigentlich darunter denke, wenn er behaupte, konservativ zu sein. Dieser
wollte tun, als ob er hierin keinen Spa verstehe, und wnschte mit wichtigem
Gesicht, nicht zu politisieren! Doch ein anderer rief: Die Erklrung ist schon
im Paradies zu suchen! Als Adam den Tieren ihren Namen gab, war eines darunter,
das wedelte gar bedchtig mit den Ohren und sagte, es sei konservativ; es konnte
aber keinen Grund hiefr angeben, und Adam sagt: Du sollst Esel heien! Erbost
rckte dieser nun mit seinem innersten und eigentlichen Grunde, der seine fixe
Idee war, heraus und warf dem Radikalismus vor, da er den Wein versuert und
verteuert htte. Wenn man noch ein ses und billiges Glas trinken wolle, so sei
dieses einzig in den abgelegenen altvterischen Wirtschaften zu finden, wo die
alten Zpfe hinkrchen, sich vor der Welt zu verbergen. Sauft, schrie er, den
radikalen Rachenputzer eurer berhmten politischen Wirte! Ich halt es mit den
Zpfen! Da allerdings etwas Wahres in diesem Vorwurfe lag, so entbrannten die
drei brigen ihrerseits im Zorne, schalten den Konservativen einen Verleumder
und suchten ihm zu beweisen, da er ohne den Radikalismus gar keinen Wein zu
riechen bekme, weder guten noch schlechten; da er selbst als konservativer
Parteibedienter vllig berflssig wre und von seinen Zpfen den Schuh unter
den Rcken erhielte statt des strkenden Weinchens der Proselytenbelohnung. Dies
fhrte zu einem hitzigen Gefechte, worin die Herren gegenseitig ihre Grundstze,
Tatsachen und Parteifahrer heruntermachten, und das in Ausdrcken,
Vergleichungen und Wendungen, Schlag auf Schlag, wie sie kein dramatischer
Dichter fr seine Volksszenen treffender und eigentmlicher erfinden knnte;
nicht einmal nachzuschreiben wren sie, so leicht und blitzhnlich entsprangen
die Witze aus den Voraussetzungen, welche bald wahr und richtig, bald bslich
ersonnen, doch immer sich auf die Verhltnisse und Personen grndeten. Ein
Leitartikel oder eine Rede wre zwar aus diesem Turnier nicht zu schpfen
gewesen; doch konnte man sehen, welch eine ganz vertrackte Kritik das Volk auf
seine Weise fhrt und wie sehr sich derjenige trgt, welcher, von der Tribne
herunter zu zweifelhaften Zwecken das biedere, gute Volk anrufend, ein allzu
wohlwollendes und naives Pathos voraussetzt. Selbst uerlichkeiten,
Angewhnungen und krperliche Gebrechen, wurden in einen solchen Zusammenhang
mit den Worten und Handlungen hervorragender Mnner gebracht, da die letzten
nur eine notwendige Folge der ersten zu sein schienen und man glaubte, in den
ungelehrten, aber phantasiereichen Volksleuten die doktrinrsten Physiognomisten
vor sich zu sehen. Mancher angesehene Mann ward hier zu einem lcherlichen oder
unheimlichen Popanz umgeschaffen, da er leibhaft zu sehen war, und selbst die
Verteidigung desselben htte etwas Demtigendes fr ihn gehabt, wenn er sie
gehrt htte.
    Wie in einer ganz anderen Welt war ich hier als bei dem Schulmeister; und
doch fhlte ich mich gleich zu Hause und schlrfte die starken und
rcksichtslosen Redensarten, die spttischen und wilden Einflle ebenso
andchtig ein wie die gewhlten ruhigen Worte von Annas Vater. Ich schien mir
dort ein anderer und hier ein anderer und doch immer der gleiche zu sein. Ich
freute mich, da mein Leben eine Seite um die andere vor mir auftat, und war
stolz darauf, indem ich mir einbildete, da diese lustigen Mnner mich ihrer
Gesellschaft wrdig achteten und ihre Witze vor mir nicht zurckhielten. Mit
Vergngen dachte ich an den Schulmeister und wie ich frder ernsthaft und
anstndig mit ihm disputieren wolle, whrend ich doch noch von was anderm wte;
denn es schien mir nun darauf anzukommen, nirgends ausgeschlossen zu sein und
alles zu bersehen.

                              Achtzehntes Kapitel



                                     Judith

Die barmherzigen Brder waren durch die Politik wieder rstig und munter
geworden und hatten die Flaschen neu fllen lassen, obgleich Mitternacht lange
vorber, als Judith pltzlich aufbrach und sagte: Frauen und junge Knaben
gehren nun nach Hause! Wollt Ihr nicht mitkommen, Vetter, da wir den gleichen
Weg haben? Ich sagte ja, doch mte ich erst nach meinen Verwandten sehen,
welche wahrscheinlich auch mitkommen wrden. Die werden wohl schon fort sein,
erwiderte sie, denn es ist spt; wenn ich nicht darauf gerechnet htte, da ich
mit Euch gehen knnte, so wre ich auch lngst fort. - Oho! riefen die
Zecher, als ob wir nicht auch da wren! Wir alle begleiten Euch! Das soll nicht
gesagt sein, da die Judith nicht Begleiter zur Auswahl habe! Sie erhoben sich
und sorgten, noch den frischen Wein unterzubringen, whrend Judith mir winkte
und, auf dem Flur angekommen, sagte: Diese vier Heiden wollen wir schn
anfhren! Auf der Strae sah ich, da der Saal, wo meine Vettern und Basen sich
aufgehalten, schon dunkel war, und mehrere Leute besttigten ihre Heimkehr. So
mute ich der Judith folgen, als sie mich durch ein dunkles Seitengchen ins
Freie und durch einige Feldwege auf die Landstrae fhrte, da wir einen
Vorsprung gewannen und die vier Mnner hinter uns rufen hrten. Indem wir eilend
weiterschritten, gingen wir um einige Spannen entfernt nebeneinander her; ich
hielt mich sprde zurck, whrend mein Ohr keinen Ton ihres festen und doch
leichten Schrittes verlor und begierig das leise Rauschen ihres Kleides vernahm.
Die Nacht war dunkel, aber das Frauenhafte, Sichere und die Flle ihres Wesens
wirkte aus allen Umrissen ihrer Gestalt wie berauschend auf mich, da ich alle
Augenblicke hinberschielen mute, gleich einem angstvollen Wanderer, dem ein
Feldgespenst zur Seite geht. Und wie der Wanderer mitten in seiner Angst sein
christliches Bewutsein wachruft zum Schutze gegen den unheimlichen Begleiter,
trug ich whrend des verlockenden Ganges einen geistlichen Hochmut der
Sprdigkeit und der Unfehlbarkeit in mir. Judith sprach von den Mnnern und
lachte ber sie, erzhlte mir unbefangen die Dummheiten, die der eine ihr
gemacht, und fragte mich, ob Luna nicht eine alte Mondgttin wre? Wenigstens
habe sie das immer vermutet, wenn sie jenes Lied in einem Buche gelesen; es habe
auch gut fr den Schlingel gepat. Dann fragte sie mich pltzlich, warum ich so
stolz geworden sei und sie so lange nie mehr angesehen, viel weniger besucht
habe? Ich wollte mich damit entschuldigen, da sie keinen Verkehr mit dem Hause
meines Oheims pflege und ich daher schicklicherweise auch nicht veranlat sei,
sie zu sehen.
    Ach was! sagte sie, Ihr seid ja ebensogut mein Vetter und knnt mich von
Rechts wegen wohl heimsuchen, wenn Ihr wollt! Damals, wo Ihr so jung gewesen,
habt Ihr mich so gern gehabt, und Ihr seid mir immer ein wenig lieb; aber jetzt
habt Ihr ein Schtzchen, in welches Ihr verliebt seid, und meint, keine andere
Frau mehr ansehen zu drfen!
    Ich ein Schtzchen? erwiderte ich, und als sie diese Behauptung
wiederholte und Anna nannte, leugnete ich die Sache auf das bestimmteste. Wir
waren unversehens beim Dorfe angekommen, in welchem noch viele Stimmen laut
wurden und die jungen Leute ber die Gasse gingen; Judith wnschte ihnen aus dem
Wege zu gehen, und obgleich ich nun fglich meine Strae htte ziehen knnen,
leistete ich doch keinen Widerstand und folgte ihr unwillkrlich, als sie mich
bei der Hand nahm und zwischen Hecken und Mauern durch ein dunkles Wirrsal
fhrte, um ungesehen in ihr Haus zu gelangen. Sie hatte ihre cker verkauft und
nur einen schnen Baumgarten nchst dem Hause behalten, in welchem sie ganz
allein wohnte. Der genossene Wein erhhte die Aufregung, in welcher ich mich
befand, wie wir so durch die engen Wege hinschlpften, und als, bei dem Hause
angekommen, Judith sagte: Kommt herein, ich will noch einen Kaffee kochen! und
ich hineinging und sie die Haustre fest hinter uns verriegelte, da klopfte mir
das Herz mit ungewisser Furcht, whrend ich mich bermtig des Abenteuers freute
und mich verma, dasselbe zu meiner Ehre, aber verwegen zu bestehen. An Anna
dachte ich gar nicht, mein wallendes Blut verfinsterte ihr Bild und lie nur den
Stern meiner Eitelkeit durchschimmern; denn, genau erwogen, wollte ich nur um
meiner selbst willen meine Standhaftigkeit erproben. Doch darf ich mir gestehen,
da es im Grunde eine Art romantischen Pflichtgefhls war, welches mich antrieb,
keiner merkwrdigen Erfahrung auszuweichen. Auch verlor sich die unheimliche
Aufregung, sobald Judith Licht angezndet und ein helles Feuer entflammt hatte.
Ich sa auf dem Herde und plauderte ganz vergnglich mit ihr, und indem ich
fortwhrend in ihr vom Feuer beglnztes Gesicht sah, glaubte ich stolz mit der
Gefahr spielen zu knnen und trumte mich in die Lage der Dinge zurck, wie ich
vor zwei Jahren noch ihr Haar auf- und zugeflochten hatte. Whrend der Kaffee
singend kochte, ging sie in die Stube, um ihr Halstuch abzulegen und ihr
Sonntagskleid auszuziehen, und kam im weien Untergewande zurck, mit bloen
Armen, und aus der schneeweien Leinwand enthllten sich mit blendender
Schnheit ihre Schultern. Sogleich ward ich wieder verwirrt, und erst
allmhlich, indem ich unverwandt sie anschaute, entwirrte sich mein flimmernder
Blick an der ruhigen Klarheit dieser Formen. Ich hatte sie schon als Knabe ein-
oder zweimal so gesehen, wenn sie beim Ankleiden nicht sehr auf mich achtete,
und obgleich ich jetzt anders sah als damals, schien doch die gleiche
Vorwurfslosigkeit auf diesem Schnee zu ruhen; auch bewegte sich Judith so sicher
und frei, da diese Sicherheit auch auf mich berging. Sie trug den fertigen
Kaffee in die Stube, setzte sich neben mich, und indem sie das herbeigeholte
Kirchenbuch aufschlug, sagte sie: Seht, ich habe alle die Bildchen noch, die
Ihr mir gezeichnet habt! Wir betrachteten die kindischen Dinger, eins ums
andere, und die unsicheren Striche von damals kamen mir hchst seltsam vor, wie
vergessene Zeichen einer unabsehbar entschwundenen Zeit. Ich erstaunte vor
diesen Abgrnden der Vergessenheit, die zwischen den kurzen Jugendjahren liegen,
und betrachtete die Blttchen sehr nachdenklich; auch die Handschrift, womit ich
die Sprche hineingeschrieben, war eine ganz andere und noch diejenige aus der
Schule. Die ngstlichen Zge sahen mich traurig an; Judith sah auch eine
Zeitlang still auf das gleiche Bildchen mit mir, dann sah sie mir pltzlich
dicht in die Augen, indem sie ihre Arme um meinen Hals legte, und sagte: Du
bist immer noch der gleiche! An was denkst du jetzt? - Ich wei nicht!
erwiderte ich. - Weit du, fuhr sie fort, da ich dich gleich fressen mchte,
wenn du so studierst, ins Blaue hinaus! und sie drckte mich enger an sich,
whrend ich sagte: Warum denn? - Ich wei selbst nicht recht; aber es ist so
langweilig unter den Leuten, da man oft froh ist, wenn man an etwas anderes
denken kann; ich mchte dies auch gern, aber ich wei nicht viel und denke immer
das gleiche, obschon mir etwas Unbekanntes im Kopfe herumgeht; wenn ich dich nun
so staunen sehe, so ist es mir, als ob du gerade an das denkst, woran ich auch
gern sinnen mchte; ich meine immer, es mte einem so wohl sein, wenn man mit
deinen geheimen Gedanken in die Weite spazieren knnte! So etwas hatte ich noch
niemals zu hren bekommen; obgleich ich wohl einsah, da die Judith sich
allzusehr zu meinen Gunsten tuschte, was meine inneren Gedanken betraf, und ich
tief beschmt errtete, da ich glaubte, die Rte meiner brennenden Wange msse
ihre weie Schulter anglhen, an welcher sie lag so sog ich doch Wort fr Wort
dieser sesten Schmeichelei begierig ein, und meine Augen ruhten dabei auf der
Hhe der Brust, welche still und rein aus dem frischen Linnen emporstieg und in
unmittelbarster Nhe vor meinem Blicke glnzte wie die ewige Heimat des Glckes.
Judith wute nicht, oder wenigstens nicht recht, da es jetzt an ihrer eigenen
Brust still und klug, traurig und doch glckselig zu sein war. Ich fhlte mich
ganz auer der Zeit; wir waren gleich alt oder gleich jung in diesem
Augenblicke, und mir ging es durch das Herz, als ob ich jetzt die Ruhe
vorausnhme fr alles Leid und alle Mhe, die noch kommen sollten. Ja, dieser
Augenblick schien so sehr seine Rechtfertigung in sich selbst zu tragen, da ich
nicht einmal aufschreckte, als Judith, in dem Gesangbuch bltternd, ein
zusammengefaltetes Blatt hervorzog, es aufmachte, mir vorhielt und ich nach
langem Sinnen jenes beschriebene und an Anna gerichtete Liebesbriefchen
erkannte, das ich vor Jahren einst den Wellen bergeben hatte. Leugnest du
noch, da dies gute Kind dein Schtzchen sei? sagte sie, und ich leugnete es
aus Mutwillen zum zweiten Male, das Blatt als eine vergessene Kinderei
erklrend.
    In diesem Augenblicke riefen Stimmen vor dem Hause, welche wir als
diejenigen der vier Mnner erkannten. Sogleich lschte sie das Licht aus, da
wir im Dunkeln saen; doch die unten begehrten nichtsdestominder Einla, indem
sie riefen: So macht doch auf, schne Judith, und wartet uns mit einer Tasse
heien Kaffees auf! Wir wollen uns ehrbar benehmen und noch ein vernnftiges
Wort sprechen! Aber macht auf, zum Lohn dafr, da Ihr uns so angefhrt habt; es
ist Fastnacht, und Ihr drft ohne Gefhrde einmal die vier ruhmwrdigsten
Kumpane des Landes bewirten!
    Wir hielten uns aber ganz still; schwere Regentropfen schlugen an die
Scheiben, es wetterleuchtete sogar, und in der Ferne donnerte es, da es klang,
als wre es Mai oder Juni. Um Judith kirre zu machen, sangen die Mnner mit
heuchlerischer Sorgfalt ein vierstimmiges Lied, so schn sie konnten, und ihr
berwachter Zustand gab ihren Stimmen wirklich etwas gerhrt Vibrierendes. Als
dies alles nichts half, fingen sie an zu fluchen, und einer kletterte am Spalier
zum Fenster empor, um in die dunkle Stube zu sehen. Wir bemerkten wohl seine
spitzige Kapuze, die er ber den Kopf gezogen hatte; da erhellte mit einem Mal
ein Blitz die Stube, und der Spher konnte Judith ihres weien Zeuges wegen
erkennen.
    Die verwnschte Hexe sitzt ganz aufrecht und munter am Tisch! rief er
gedmpft hinunter; ein anderer sagte: La mich einmal sehen! Doch whrend sie
sich ablsten und die Stube wieder finster war, huschte Judith schnell zu ihrem
Bett, nahm die weie Decke desselben und warf sie ber den Stuhl, worauf sie
mich leis nach dem Bett hinzog, welches man vom Fenster aus nicht sehen konnte.
Als jetzt ein zweiter, noch strkerer Blitz die Stube ganz klar machte, sagte
der Mann, welcher die Augen wie eine Doppelbchse auf den Stuhl gerichtet hatte:
Sie ist es nicht, es ist nur ein weies Tuch; das Kaffeegeschirr steht auf dem
Tisch, und das Kirchenbuch liegt dabei. Der Himmelteufel ist am Ende frmmer,
als man glaubt!
    Judith aber flsterte mir ins Ohr: Der Schelm htte dich jetzt ganz gewi
erblickt, wenn wir sitzen geblieben wren!
    Doch die gewaltigen Regengsse, Blitz und Donner, die nun hereinbrachen,
vertrieben den Spher vom Fenster; wir hrten, wie sie ihre Kutten schttelten
und auseinandersprangen, um im Dorfe ein Unterkommen zu suchen, da sie alle weit
von Hause waren. Als wir nichts mehr von ihnen hrten, saen wir noch eine Weile
ganz still auf dem Bette und lauschten auf das Gewitter, welches das Huschen
erzittern machte, so da ich mein eigenes leises Zittern nicht recht davon
unterscheiden konnte. Ich umfate Judith, um nur dies beklemmende Zittern zu
unterbrechen, und kte sie auf den Mund; sie kte mich wieder, fest und warm;
doch dann lste sie meine Arme von ihrem Hals und sagte: Glck ist Glck, und
es gibt nur ein Glck; aber ich kann dich nicht lnger hierbehalten, wenn du mir
nicht gestehen willst, da du und des Schulmeisters Tochter einander gern habt!
Denn nur das Lgen macht alles schlimm!
    Ohne Rckhalt begann ich nun, ihr die ganze Geschichte zu erzhlen von
Anfang bis zu Ende, alles, was je zwischen Anna und mir vorgefallen, und verband
die beredte Schilderung ihres Wesens mit derjenigen der Gefhle, die ich fr sie
empfand. Ich erzhlte auch genau die Geschichte des heutigen Tages und klagte
der Judith meine Pein in betreff der Sprdigkeit und Scheue, welche immer wieder
zwischen uns traten. Nachdem ich lange so erzhlt und geklagt, antwortete sie
auf meine Klagen nicht, sondern fragte mich: Und was denkst du dir jetzt
eigentlich darunter, da du bei mir bist? Ganz verwirrt und beschmt schwieg
ich und suchte ein Wort; dann sagte ich endlich zaghaft: Du hast mich ja
mitgenommen! - Ja, erwiderte sie, aber wrest du mit jeder anderen hbschen
Frau ebenso gegangen, die dich gelockt htte? Besinne dich einmal hierauf! Ich
besann mich in der Tat und sagte dann ganz entschieden: Nein, mit gar keiner!
- Also bist du mir auch ein bichen gut? fuhr sie fort. Jetzt geriet ich in
die grte Verlegenheit; denn die Frage zu bejahen, fhlte ich nun deutlich,
wrde die erste eigentliche Untreue gewesen sein, und doch, als ich versuchte
ehrlich nachzudenken, vermochte ich noch weniger ein Nein hervorzubringen.
Endlich konnte ich doch nicht anders und sagte: Ja - aber doch nicht so wie der
Anna! - Wie denn? Ich umschlang sie ungestm, und indem ich sie streichelte
und ihr auf alle Weise schmeichelte, fuhr ich fort: Siehst du! fr die Anna
mchte ich alles mgliche ertragen und jedem Winke gehorchen; ich mchte fr sie
ein braver und ehrenhafter Mann werden, an welchem alles durch und durch rein
und klar ist, da sie mich durchschauen drfte wie einen Kristall; nichts tun,
ohne ihrer zu gedenken, und in alle Ewigkeit mit ihrer Seele leben, auch wenn
ich von heute an sie nicht mehr sehen wrde! Dies alles knnte ich fr dich
nicht tun! Und doch liebe ich dich von ganzem Herzen, und wenn du zum Beweis
dafr verlangtest, ich sollte mir von dir ein Messer in die Brust stoen lassen,
so wrde ich in diesem Augenblicke ganz still dazu halten und mein Blut ruhig
auf deinen Scho flieen lassen!
    Ich erschrak sogleich ber diese Worte und entdeckte zugleich, da sie
nichts weniger als bertrieben, sondern ganz der Empfindung gem waren, die ich
von jeher fr Judith unbewut getragen.
    Mit meinen Liebkosungen pltzlich innehaltend, lie ich die Hand auf ihrer
Wange liegen, und in diesem Augenblicke fhlte ich eine Trne darauf fallen.
Zugleich seufzte sie und sagte: Was tue ich mit deinem Blute! - Oh! nie hat ein
Mann gewnscht, brav, klar und lauter vor mir zu erscheinen, und doch liebe ich
die Wahrheit wie mich selbst!
    Betrbt sagte ich: Aber ich knnte doch nicht dein ernsthafter Liebhaber
oder gar dein Mann sein? - Oh, das wei ich wohl und fllt mir auch gar nicht
ein! erwiderte sie, ich will dir auch sagen, was du von mir zu denken hast!
Ich habe dich zu mir gelockt, erstens, weil ich wieder einmal ein wenig kssen
wollte, was ich auch gleich hernach tun will, du bist mir dazu gerade recht!
Zweitens wollte ich dich als ein hochmtiges Brschchen ein wenig in die Schule
nehmen, und drittens macht es mir Vergngen, in Ermangelung eines andern, den
Mann zu lieben, der noch in dir verborgen ist, wie ich dich schon als Kind gern
gesehen habe. Mit diesen Worten packte sie mich und fing an, mich zu kssen,
da es mir gluthei wurde und ich, nur um die Glut zu khlen, ihre feuchten
Lippen festhalten und wiederkssen mute. Als ich Anna gekt, war es gewesen,
als ob mein Mund eine wirkliche Rose berhrt htte; jetzt aber kte ich eben
einen heien, leibhaften Mund, und der geheimnisvolle balsamische Atem aus dem
Innern eines schnen und starken Weibes strmte in vollen Zgen in mich ber.
Dieser Unterschied war so sprbar, da mitten im heftigen Kssen Annas Stern
aufging, eben als Judith mehr wie fr sich flsterte: Denkst du nun auch an
dein Schtzchen? - Ja, erwiderte ich, und ich geh nun! und wollte mich
losmachen.
    So geh! sagte sie lchelnd, doch lste sie ihre weichen bloen Arme auf
eine so sonderbare Weise auseinander, da es mir schneidend weh tat, mich frei
zu fhlen, und eben wieder im Begriffe war, in dieselben zu sinken, als sie
aufsprang, mich noch einmal kte und dann von sich stie, indem sie leise
sagte: Nun pack dich, es ist jetzt Zeit, da du heimkommst! Beschmt suchte
ich meinen Hut und eilte davon, da sie laut lachte und mir kaum nachkommen
konnte, um mir die Haustre auf zumachen. Halt, flsterte sie, als ich
davonlaufen wollte, geh da oben durch den Baumgarten hinaus und ein wenig ums
Dorf herum! und sie kam mit mir durch den Garten in ihrem leichten Gewande,
obgleich es regnete und strmte, was vom Himmel heruntermochte. Am Gatter stand
sie still und sagte: Hr einmal! ich sehe nie einen Mann in meinem Hause, und
du bist der erste, den ich seit langer Zeit gekt! Ich habe Lust, dir nun erst
recht treu zu bleiben, frage mich nicht warum, ich mu etwas probieren fr die
lange Zeit, und es macht mir Spa. Dafr verlange ich aber, da du jedesmal zu
mir kommst, wenn du im Dorfe bist, in der Nacht und heimlich; am Tage und vor
den Leuten wollen wir tun, als ob wir uns kaum ansehen mchten. Ich verspreche
dir, da es dich nie gereuen soll. Es wird in der Welt nicht so gehen, wie du es
denkst, und vielleicht auch mit Anna nicht; das alles wirst du schon sehen; ich
sage dir nur, da du spter froh sein sollst, wenn du zu mir gekommen bist! -
Nie komme ich wieder! rief ich etwas heftig. - Bst! nicht so laut, sagte
sie; dann sah sie mir ernsthaft in die Augen, da ich trotz Sturm und Dunkelheit
die ihrigen glnzen sah, und fuhr fort: Wenn du mir nicht heilig und auf deine
Ehre versprichst, da du wiederkommen willst, so nehm ich dich sogleich wieder
mit, nehme dich zu mir ins Bett, und du mut bei mir schlafen! Das schwr ich
bei Gott!
    Es kam mir gar nicht in den Sinn, ber diese Drohung zu lachen oder dieselbe
zu verachten; vielmehr versprach ich, so schnell ich konnte, in Judiths Hand,
da ich wiederkommen wollte, und eilte davon.
    Ich lief zu, ohne zu wissen wohin; denn der strmende Regen tat mir wohl; so
war ich bald aus dem Dorfe und auf eine Hhe gekommen, auf welcher ich
weiterging. Der Morgen graute und warf ein schwaches Licht in das Unwetter; ich
machte mir die bittersten Vorwrfe und fhlte mich ganz zerknirscht, und als ich
pltzlich zu meinen Fen den kleinen See und des Schulmeisters Haus erblickte,
kaum erkennbar durch den grauen Schleier des Regens und der Dmmerung, da sank
ich erschpft auf den Boden und brach gar jmmerlich in Trnen aus.
    Es regnete immerfort auf mich nieder, die Windste fuhren und pfiffen durch
die Luft und heulten erbrmlich in den Bumen, ich weinte dazu wie ein Kind;
gehrigerweise machte ich niemandem Vorwrfe als mir selbst und dachte nicht
daran, der Judith irgendeine Schuld beizumessen. Ich fhlte mein Wesen in zwei
Teile gespalten und htte mich vor Anna bei der Judith und vor Judith bei der
Anna verbergen mgen. Aber ich gelobte, nie wieder zu jener zu gehen und mein
Gelbnis zu brechen; denn ich empfand ein grenzenloses Mitleid mit Anna, die ich
in der grauen feuchten Tiefe zu meinen Fen jetzt so still schlafend wute.
Endlich raffte ich mich auf und stieg wieder ins Dorf hinunter; der Rauch stieg
aus den Schornsteinen und kroch in wunderlichen Fetzen durch den Regen; etwas
gefater sann ich darber nach, was ich im Hause des Oheims ber mein
nchtliches Ausbleiben vorgeben wolle, etwa, ich htte mich verirrt und sei die
ganze Nacht umhergestreift. Dies war seit den kritischen Kinderjahren das erste
Mal, wo ich zu einem Zwecke wieder lgen mute; mehrere Jahre hindurch hatte ich
nicht mehr gewut, was lgen sei, und diese Entdeckung machte mir vollends zu
Mute, als ob ich aus einem schnen Garten hinaus gestoen wrde, in welchem ich
eine Zeitlang zu Gast gewesen.


                                  Dritter Band

                                 Erstes Kapitel

                           Arbeit und Beschaulichkeit

Ich schlief fest und traumlos bis zum Mittag; als ich erwachte, wehte noch immer
der warme Sdwind, und es regnete fort. Ich sah aus dem Fenster und erblickte
das Tal auf und nieder, wie Hunderte von Mnnern am Wasser arbeiteten, um die
Wehren und Dmme herzustellen, da in den Bergen aller Schnee schmelzen mute und
eine groe Flut zu erwarten war. Das Flchen rauschte schon stark und
graugelblich daher; fr unser Haus war gar keine Gefahr, da es an einem sicher
abgedmmten Seitenarme lag, der die Mhle trieb; doch waren alle Mannspersonen
fort, um die Wiesen zu schtzen, und ich sa mit den Frauensleuten allein zu
Tische. Nachher ging ich auch hinaus und sah die Mnner ebenso rstig und
entschlossen bei der Arbeit, als sie gestern die Freude angefat hatten. Sie
schafften in Erde, Holz und Steinen, standen bis ber die Knie in Schlamm und
Wasser, schwangen xte und trugen Faschinen und Balken umher, und wenn so acht
Mann unter einem schweren langen Baume einhergingen, konnte man glauben, sie
hielten wieder einen Aufzug; doch der Unterschied war gegen gestern, da man
keine Tabakspfeifen sah. Ich konnte nicht viel helfen und war den Leuten eher im
Wege; nachdem ich daher eine Strecke weit das Wasser hinaufgeschlendert, kehrte
ich oben durch das Dorf zurck und sah auf diesem Gange die Ttigkeit auf allen
ihren gewohnten Wegen. Wer nicht am Wasser beschftigt war, der fuhr ins Holz,
um die dortige Arbeit noch schnell abzutun, und auf einem Acker sah ich einen
Mann so ruhig und aufmerksam wre. Ich schmte mich, allein so mig und
zwecklos umherzugehen, und um nur etwas Entschiedenes zu tun, entschlo ich
mich, sogleich nach der Stadt zurckzukehren. Zwar hatte ich leider nicht viel
zu versumen, und meine ungeleitete haltlose Arbeit bot mir in diesem
Augenblicke gar keine lockende Zuflucht, ja sie kam mir schal und nichtig vor;
da aber der Nachmittag schon vorgerckt war und ich durch Kot und Regen in die
Nacht hinein wandern mute, so lie eine asketische Laune mir diesen Gang als
eine Wohltat erscheinen, und ich machte mich trotz aller Einreden meiner
Verwandten ungesumt auf den Weg.
    So strmisch und mhevoll dieser war, legte ich doch die bedeutende Strecke
zurck wie einen sonnigen Gartenpfad; denn in meinem Innern erwachten alle
Gedanken und spielten fort und fort mit dem Rtsel des Lebens wie mit einer
goldenen Kugel, und ich war nicht wenig berrascht, mich unversehens in der
Stadt zu befinden. Als ich vor unser Haus kam, merkte ich an den dunklen
Fenstern, da meine Mutter schon schlief; mit einem heimkehrenden Hausgenossen
schlpfte ich ins Haus und auf meine Kammer, und am Morgen tat meine Mutter die
Augen weit auf, als sie mich unerwartet zum Vorschein kommen sah.
    Ich bemerkte sogleich, da in unserer Stube eine kleine Vernderung
vorgegangen war. Ein Lotterbettchen stand an der Wand, welches die Mutter
billigen Preises von einem Bekannten gekauft, der es nicht mehr unterzubringen
wute; es war von der grten Einfachheit, leicht gebaut und nur mit wei und
grnem Stroh berflochten und doch ein ganz artiges Mbel. Aber auf ihm lag ein
ansehnlicher Sto Bcher, an die fnfzig Bndchen, alle gleich gebunden, mit
roten Schildchen und goldenen Titeln auf dem Rcken versehen und durch eine
starke vielfache Schnur zusammengehalten. Es waren Goethes smtliche Werke,
welche ein Trdler, der mich mit alten Bchern und vergilbten Kupferblttern in
ein vorzeitiges gelindes Schuldentum zu verlocken pflegte, hergebracht hatte, um
sie mir zur Ansicht und zum Verkauf anzubieten. Vor einigen Jahren hatte ein
deutscher Schreinergeselle, welcher in unserer Stube etwas zurechthmmerte,
dabei von ungefhr gesagt: Der groe Goethe ist gestorben, und dies Wort klang
mir immer wieder nach. Der unbekannte Tote schritt fast durch alle
Beschftigungen und Anregungen, und berall zog er angeknpfte Fden an sich,
deren Enden in seiner unsichtbaren Hand verschwanden. Als ob ich jetzt alle
diese Fden in dem ungeschlachten Knoten der Schnur, welche die Bcher umwand,
beisammen htte, fiel ich ber denselben her und begann hastig ihn aufzulsen,
und als er endlich aufging, da fielen die goldenen Frchte des achtzigjhrigen
Lebens auf das schnste auseinander, verbreiteten sich ber das Ruhbett und
fielen ber dessen Rand auf den Boden, da ich alle Hnde voll zu tun hatte, den
Reichtum zusammenzuhalten. Ich entfernte mich von selber Stunde an nicht mehr
vom Lotterbettchen und las vierzig Tage lang, indessen es noch einmal Winter und
wieder Frhling wurde; aber der weie Schnee ging mir wie ein Traum vorber, den
ich unbeachtet von der Seite glnzen sah. Ich griff zuerst nach allem, was sich
durch den Druck als dramatisch zeigte, dann las ich manches Gereimte, dann die
Romane, dann die Italienische Reise, und als sich der Strom hierauf in die
prosaischen Gefilde des tglichen Fleies, der Einzelmhe verlief, lie ich das
Weitere liegen und fing von vorn an und entdeckte diesmal die ganzen Sternbilder
in ihren schnen Stellungen zueinander und dazwischen einzelne seltsam glnzende
Sterne, wie den Reineke Fuchs oder den Benvenuto Cellini. So hatte ich noch
einmal diesen Himmel durchschweift und vieles wieder doppelt gelesen und
entdeckte zuletzt noch einen ganz neuen hellen Stern Dichtung und Wahrheit. Ich
war eben mit diesem zu Ende, als der Trdler hereintrat und sich erkundigte, ob
ich die Werke behalten wolle, da sich sonst ein anderweitiger Kufer gezeigt
habe. Unter diesen Umstnden mute der Schatz bar bezahlt werden, was jetzt ber
meine Krfte ging; die Mutter sah wohl, da er mir etwas Wichtiges war, aber
mein vierzigtgiges Liegen und Lesen machte sie unentschlossen, und darber
ergriff der Mann wieder seine Schnur, band die Bcher zusammen, schwang den Pack
auf den Rcken und empfahl sich.
    Es war, als ob eine Schar glnzender und singender Geister die Stube
verlieen, so da diese auf einmal still und leer schien; ich sprang auf, sah
mich um und wrde mich wie in einem Grabe gednkt haben, wenn nicht die
Stricknadeln meiner Mutter ein freundliches Gerusch verursacht htten. Ich
machte mich ins Freie; die alte Bergstadt, Felsen, Wald, Flu und See und das
formenreiche Gebirge lagen im milden Schein der Mrzsonne, und indem meine
Blicke alles umfaten, empfand ich ein reines und nachhaltiges Vergngen, das
ich frher nicht gekannt. Es war die hingebende Liebe an alles Gewordene und
Bestehende, welche das Recht und die Bedeutung jeglichen Dinges ehrt und den
Zusammenhang und die Tiefe der Welt empfindet. Diese Liebe steht hher als das
knstlerische Herausstehlen des einzelnen zu eigenntzigem Zwecke, welches
zuletzt immer zu Kleinlichkeit und Laune fhrt, sie steht auch hher als das
Genieen und Absondern nach Stimmungen und romantischen Liebhabereien, und nur
sie allein vermag eine gleichmige und dauernde Glut zu geben. Es kam mir nun
alles und immer neu, schn und merkwrdig vor, und ich begann nicht nur die
Form, sondern auch den Inhalt, das Wesen und die Geschichte der Dinge zu sehen
und zu lieben. Obgleich ich nicht stracks mit einem solchen fix und fertigen
Bewutsein herumlief, so entsprang das nach und nach Erwachende doch durchaus
aus jenen vierzig Tagen, so wie deren Gesamteindrucke noch folgende Ergebnisse
ursprnglich zuzuschreiben sind.
    Nur die Ruhe in der Bewegung hlt die Welt und macht den Mann; die Welt ist
innerlich ruhig und still, und so mu es auch der Mann sein, der sie verstehen
und als ein wirkender Teil von ihr sie widerspiegeln will. Ruhe zieht das Leben
an, Unruhe ruhe verscheucht es; Gott hlt sich muschenstill, darum bewegt sich
die Welt um ihn. Fr den knstlerischen Menschen nun wre dies so anzuwenden,
da er sich eher leidend und zusehend verhalten und die Dinge an sich
vorberziehen lassen als ihnen nachjagen soll; denn wer in einem festlichen Zuge
mitzieht, kann denselben nicht so beschreiben wie der, welcher am Wege steht.
Dieser ist darum nicht berflssig oder mig, und der Seher ist erst das ganze
Leben des Gesehenen, und wenn er ein rechter Seher ist, so kommt der Augenblick,
wo er sich dem Zuge anschliet mit seinem goldenen Spiegel, gleich dem achten
Knige im Macbeth, der in seinem Spiegel noch viele Knige sehen lie. Auch
nicht ohne uere Tat und Mhe ist das Sehen des ruhig Leidenden, gleichwie der
Zuschauer eines Festzuges genug Mhe hat, einen guten Platz zu erringen oder zu
behaupten. Dies ist die Erhaltung der Freiheit und Unbescholtenheit unserer
Augen.
    Ferner ging eine Umwandlung vor in meiner Anschauung vom Poetischen. Ich
hatte mir, ohne zu wissen wann und wie, angewhnt, alles, was ich in Leben und
Kunst als brauchbar, gut und schn befand, poetisch zu nennen, und selbst die
Gegenstnde meines erwhlten Berufes, Farben wie Formen, nannte ich nicht
malerisch, sondern immer poetisch, so gut wie alle menschlichen Ereignisse,
welche mich anregend berhrten. Dies war nun, wie ich glaube, ganz in der
Ordnung, denn es ist das gleiche Gesetz, welches die verschiedenen Dinge
poetisch oder der Widerspiegelung ihres Daseins wert macht; aber in bezug auf
manches, was ich bisher poetisch nannte, lernte ich nun, da das Unbegreifliche
und Unmgliche, das Abenteuerliche und berschwengliche nicht poetisch ist und
da, wie dort die Ruhe und Stille in der Bewegung, hier nur Schlichtheit und
Ehrlichkeit mitten in Glanz und Gestalten herrschen mssen, um etwas Poetisches
oder, was gleichbedeutend ist, etwas Lebendiges und Vernnftiges
hervorzubringen, mit einem Wort, da die sogenannte Zwecklosigkeit der Kunst
nicht mit Grundlosigkeit verwechselt werden darf. Dies ist zwar eine alte
Geschichte, indem man schon im Aristoteles ersehen kann, da seine stofflichen
Betrachtungen ber die prosaisch-politische Redekunst zugleich die besten
Rezepte auch fr den Dichter sind.
    Denn wie es mir scheint, geht alles richtige Bestreben auf Vereinfachung,
Zurckfhrung und Vereinigung des scheinbar Getrennten und Verschiedenen auf
einen Lebensgrund, und in diesem Bestreben das Notwendige und Einfache mit Kraft
und Flle und in seinem ganzen Wesen darzustellen, ist Kunst; darum
unterscheiden sich die Knstler nur dadurch von den anderen Menschen, da sie
das Wesentliche gleich sehen und es mit Flle darzustellen wissen, whrend die
anderen dies wiedererkennen mssen und darber erstaunen, und darum sind auch
alle die keine Meister, zu deren Verstndnis es einer besonderen
Geschmacksrichtung oder einer knstlichen Schule bedarf.
    Ich hatte es weder mit dem menschlichen Wort noch mit der menschlichen
Gestalt zu tun und fhlte mich nur glcklich und zufrieden, da ich auf das
bescheidenste Gebiet mit meinen Fu setzen konnte, auf den irdischen Grund und
Boden, auf dem sich der Mensch bewegt, und so in der poetischen Welt wenigstens
einen Teppichbewahrer abgeben durfte. Goethe hatte ja viel und mit Liebe von
landschaftlichen Sachen gesprochen, und durch diese Brcke glaubte ich ohne
Unbescheidenheit mich ein wenig mit seiner Welt verbinden zu knnen.
    Ich wollte sogleich, anfangen, nun so recht mit Liebe und Aufmerksamkeit die
Dinge zu behandeln und mich ganz an die Natur zu halten, nichts berflssiges
oder Miges zu machen und mir bei jedem Striche ganz klar zu sein. Im Geiste
sah ich schon einen reichen Schatz von Arbeiten vor mir, welche alle hbsch,
wert- und gehaltvoll aussahen, angefllt mit zarten und starken Strichen, von
denen keiner ohne Bedeutung war. Ich setzte mich ins Freie, um das erste Blatt
dieser vortrefflichen Sammlung zu beginnen; aber nun ergab es sich, da ich eben
da fortfahren mute, wo ich zuletzt aufgehrt hatte, und da ich durchaus nicht
imstande war, pltzlich etwas Neues zu schaffen, weil ich dazu erst etwas Neues
htte sehen mssen. Da mir aber nicht ein Blatt eines Meisters zu Gebote stand
und die prchtigen Bltter meiner Phantasie sogleich in nichts sich auflsten,
wenn ich den Stift auf das Papier setzte, so brachte ich ein trbseliges
Gekritzel zustande, indem ich aus meiner alten Weise herauszukommen suchte,
welche ich verachtete, whrend ich sie jetzt sogar nur verdarb. So qulte ich
mich mehrere Tage herum, in Gedanken immer eine gute und sachgeme Arbeit
sehend, aber ratlos mit der Hand. Es wurde mir angst und bange, ich glaubte
jetzt sogleich verzweifeln zu mssen, wenn es mir nicht gelnge, und seufzend
bat ich Gott, mir aus der Klemme zu helfen. Ich betete noch mit den gleichen
kindlichen Worten wie schon vor zehn Jahren, immer das gleiche wiederholend, so
da es mir selbst auffiel, als ich halblaut vor mich hinflsterte. Darber
nachsinnend, hielt ich mit der hastigen Arbeit inne und sah in Gedanken verloren
auf das Papier.

                                Zweites Kapitel



                     Ein Wunder und ein wirklicher Meister

Da berschattete sich pltzlich der weie Bogen auf meinen Knien, der vorher von
der Sonne beglnzt war; erschrocken schaute ich um und sah einen ansehnlichen,
fremd gekleideten Mann hinter mir stehen, welcher den Schatten verursachte. Er
war gro und schlank, hatte ein bedeutsames und ernstes Gesicht mit einer stark
gebogenen Nase und einem sorgfltig gedrehten Schnurrbart und trug sehr feine
Wsche.
    In hochdeutscher Sprache redete er mich an: Darf man wohl ein wenig Ihre
Arbeit besehen, junger Mann? Halb erfreut und halb verlegen hielt ich meine
Zeichnung hin, welche er einige Augenblicke aufmerksam besah; dann fragte er
mich, ob ich noch mehr in meiner Mappe bei mir htte und ob ich wirklicher
Knstler werden wollte. Ich trug allerdings immer einen Vorrat des zuletzt
Gemachten mit mir herum, wenn ich nach der Natur zeichnete, um jedenfalls etwas
zu tragen, wenn ich einen unergiebigen Tag hatte, und whrend ich nun die Sachen
nach und nach hervorzog, erzhlte ich fleiig und zutraulich meine bisherigen
Knstlerschicksale; denn ich merkte sogleich an der Art, wie der Fremde die
Sachen ansah, da er es verstand, wo nicht selbst ein Knstler war.
    Dies besttigte sich auch, als er mich auf meine Hauptfehler aufmerksam
machte, die Studie, welche ich gerade vorhatte, mit der Natur verglich und mir
an letzterer selbst das Wesentliche hervorhob und mich es sehen lehrte. Ich
fhlte mich berglcklich und hielt mich ganz still, wie jemand, der sich
vergnglich eine Wohltat erzeigen lt, als er einige Laubpartien auf meinem
Papiere mit ihrem Vorbilde zusammenhielt, Licht und Formen klarmachte und auf
dem Rande des Blattes mit wenigen mhlosen Meisterstrichen das herstellte, was
ich vergeblich gesucht hatte.
    Er blieb wohl eine halbe Stunde bei mir, dann sagte er: Sie haben vorhin
den wackern Habersaat genannt; wissen Sie, da ich vor siebzehn Jahren auch ein
dienstbarer Geist in seinem verwnschten Kloster war? Ich habe mich aber
beizeiten aus dem Staube gemacht und bin seither immer in Italien und Frankreich
gewesen. Ich bin Landschafter, heie Rmer und gedenke mich eine Zeitlang in
meiner Heimat aufzuhalten. Es soll mich freuen, wenn ich ihnen etwas nachhelfen
kann; ich habe manche Sachen bei mir, besuchen Sie mich einmal, oder kommen Sie
gleich mit mir nach Hause, wenn's Ihnen recht ist!
    Ich packte eilig zusammen und begleitete in feierlicher Stimmung den Mann
und mit nicht geringem Stolze. Ich hatte oft von ihm sprechen gehrt; denn er
war eine der groen Sagen des Refektoriums, und Meister Habersaat tat sich nicht
wenig darauf zu gut, wenn es hie, sein ehemaliger Schler Rmer sei ein
berhmter Aquarellist in Rom und verkaufe seine Arbeiten nur an Frsten und
Englnder. Auf dem Wege, solange wir noch im Freien waren, zeigte mir Rmer
allerlei gute Dinge in der Natur. Aufmerksam begeistert sah ich hin, wo er mit
der Hand fein wegstreichend hindeutete; ich war erstaunt, zu entdecken, da ich
eigentlich, so gut ich erst krzlich noch zu sehen geglaubt, noch gar nichts
gesehen hatte, und ich staunte noch mehr, das Bedeutende und Lehrreiche nun
meistens in Erscheinungen zu finden, die ich vorher entweder bersehen oder
wenig beachtet. Jedoch freute ich mich, leidlich zu verstehen, was mein
Begleiter jeweilig meinte, und mit ihm einen krftigen und doch klaren Schatten,
einen milden Ton oder eine zierliche Ausladung eines Baumes zu sehen, und
nachdem ich erst einige Male mit ihm spaziert, hatte ich mich bald gewhnt, die
ganze landschaftliche Natur nicht mehr als etwas rund in sich Bestehendes,
sondern nur als ein gemaltes Bilder- und Studienkabinett, als etwas blo vom
richtigen Standpunkte aus Sichtbares zu betrachten und in technischen Ausdrcken
zu beurteilen.
    Als wir in seiner Wohnung anlangten, welche aus ein paar eleganten Zimmern
in einem schnen Hause bestand, setzte Rmer sogleich seine Mappen auf einen
Stuhl vor das Sofa, hie mich auf dieses neben ihn sitzen und begann die
Sammlung seiner grten und wertvollsten Studien eine um die andere umzuwenden
und aufzustellen. Es waren alles umfangreiche Bltter aus Italien, auf starkes
grobkrniges Papier mit Wasserfarben gemalt, doch auf eine mir ganz neue Weise
und mit unbekannten khnen und geistreichen Mitteln, so da sie ebensoviel
Schmelz und Duft als Klarheit und Kraft zeigten und vor allem aus in jedem
Striche bewiesen, da sie vor der lebendigen Natur gemacht waren. Ich wute
nicht, sollte ich ber die glnzende und angenehm nahetretende Meisterschaft der
Behandlung oder ber die Gegenstnde mehr Freude empfinden, denn von den
mchtigen dunklen Zypressengruppen der rmischen Villen, von den schnen
Sabinerbergen bis zu den Ruinen von Pstum und dem leuchtenden Golf von Neapel,
bis zu den Ksten von Sizilien mit den zauberhaften hingehauchten, gedichteten
Linien, tauchte Bild um Bild vor mir auf mit den kstlichen Merkzeichen des
Tages, des Ortes und des Sonnenscheins, unter welchem sie entstanden. Schne
Klster und Kastelle glnzten in diesem Sonnenschein an schnen Bergabhngen,
Himmel und Meer ruhten in tiefer Blue oder in heitrem Silberton, und in diesem
badete sich die prchtige, edle Pflanzenwelt mit ihren klassisch einfachen und
doch so vollen Formen. Dazwischen sangen und klangen die italischen Namen, wenn
Rmer die Gegenstnde benannte und Bemerkungen ber ihre Natur und Lage machte.
Manchmal sah ich ber die Bltter hinaus im Zimmer umher, wo ich hier eine rote
Fischerkappe aus Neapel, dort ein rmisches Taschenmesser, eine Korallenschnur
oder einen silbernen Haarpfeil erblickte; dann sah ich meinen neuen Beschtzer
aufmerksam und von Grund aus wohlwollend an, seine weie Weste, seine
Manschetten, und erst, wenn er das Blatt umwandte, fuhr mein Blick wieder auf
dasselbe, um es noch einmal zu berfliegen, ehe das nchste erschien.
    Als wir mit dieser Mappe zu Ende waren, lie mich Rmer noch flchtig in
einige andere blicken, von denen die eine einen Reichtum farbiger Details, die
andere eine Unzahl Bleistiftstudien, eine dritte lauter auf das Meer, Schiffahrt
und Fischerei Bezgliches, eine vierte endlich verschiedene Phnomene und
Farbenwunder wie die Blaue Grotte, auergewhnliche Wolkenerscheinungen,
Vesuvausbrche, glhende Lavabche und 50 weiter enthielten. Dann zeigte er mir
noch im andern Zimmer seine gegenwrtige Arbeit, ein greres Bild auf einer
Staffelei, welches den Garten der Villa d'Este vorstellte. Dunkle
Riesenzypressen ragten aus flatternden Reben und Lorbeerbschen, aus
Marmorbrunnen und blumigen Gelndern, an welchen eine einzige Figur, Ariost,
lehnte, in schwarzem ritterlichen Kleide, den Degen an der Seite. Im
Mittelgrunde zogen sich Huser und Bume von Tivoli hin, von Duft umhllt, und
darber hinweg dehnte sich das weite Feld, vom Purpur des Abends bergossen, in
welchem am uersten Horizonte die Peterskuppel auftauchte.
    Genug fr heute! sagte Rmer, kommen Sie fter zu mir, alle Tage, wenn
Sie Lust haben; bringen Sie mir Ihre Sachen mit, vielleicht kann ich Ihnen dies
und jenes zum Kopieren mitgeben, damit Sie eine leichtere und zweckmigere
Technik erlangen!
    Mit der dankbarsten Verehrung verabschiedete ich mich und sprang mehr, als
ich ging, nach Hause. Dort erzhlte ich meiner Mutter das glckliche Abenteuer
mit den beredtesten Worten und verfehlte nicht, den fremden Herrn und Knstler
mit allem Glanz auszustatten, dessen ich habhaft war; ich freute mich, ihr
endlich ein Beispiel rhmlichen Gelingens als einen Trost fr meine eigene
Zukunft vorfhren zu knnen, besonders da ja Rmer ebenfalls aus Herrn
Habersaats kmmerlicher Pflanzschule hervorgegangen war. Allein die siebzehn in
der weiten Ferne zugebrachten Jahre, welche zu diesem Gelingen gebraucht worden,
leuchteten meiner Mutter nicht sonderlich ein; auch hielt sie dafr, da es noch
gar nicht ausgemacht wre, ob der Fremde sich wirklich wohl befinde, indem er
als solcher so einsam und unbekannt in seiner Heimat angekommen sei Ich hatte
aber ein anderweitiges geheimes Zeichen von der Richtigkeit meiner Hoffnungen,
nmlich das pltzliche Erscheinen Rmers, unmittelbar nachdem ich gebetet hatte,
da ich ungeachtet meines unkirchlichen Rebellentums noch immer ein richtiger
Mystosoph war, sobald es sich um mein persnliches Wohl oder Weh handelte.
    Hievon sagte ich aber nichts zu meiner Mutter; denn erstens war zwischen uns
nicht herkmmlich, da man viel von solchen Dingen sprach; und dann baute die
Mutter wohl fest auf die Hilfe Gottes, aber es wrde ihr nicht gefallen haben,
wenn ich mich eines so merkwrdigen und theatralischen Falles gerhmt htte. Sie
war froh, wenn Gott das Brot nicht ausgehen lie und fr schwere Leiden, fr
Flle auf Leben und Tod seine Hilfe in Bereitschaft hielt, und sie htte mich
wahrscheinlich ziemlich ironisch zurechtgewiesen; desto mehr beschftigte ich
mich den Abend hindurch mit dem Vorfalle und mu gestehen, da ich dabei doch
eine zweifelhafte Empfindung hatte. Ich konnte die Vorstellung eines langen
Drahtes nicht unterdrcken, an welchem der fremde Mann auf mein Gebet
herbeigezogen sei, whrend, gegenber diesem lcherlichen Bilde, mir ein Zufall
noch weniger munden wollte, da ich mir sein Ausbleiben nun gar nicht mehr denken
mochte. Seither habe ich mich gewhnt, dergleichen Glcksflle, so wie ihr
Gegenteil, wenn ich nmlich ein unangenehmes Ereignis als die Strafe fr einen
unmittelbar vorhergegangenen, bewuten Fehler anzusehen mich immer wieder
getrieben fhle, als vollendete Tatsachen einzutragen und Gott dafr dankbar zu
sein, ohne mir des genauern einzubilden, es sei unmittelbar und insbesondere fr
mich geschehen. Doch kann ich mich bei jeder Gelegenheit, wo ich mir nicht zu
helfen wei, nicht enthalten, von neuem durch Gebet solche Lsungen anzustreben
und fr die Zurechtweisungen des Schicksals einen Grund in meinen Fehlern zu
suchen und Besserung zu geloben.
    Ich wartete ungeduldig einen Tag und ging dann am darauffolgenden mit einer
ganzen Last meiner bisherigen Arbeiten zu Rmer. Er empfing mich freundlich
zuvorkommend und besah die Sachen mit aufmerksamer Teilnahme. Dabei gab er mir
fortwhrend guten Rat, und als wir zu Ende waren, sagte er, ich mte vor allem
die ungeschickte alte Manier, das Material zu behandeln, aufgeben, denn damit
liee sich gar nichts mehr ausrichten. Nach der Natur sollte ich fleiig
vorderhand mit einem weichen Blei zeichnen und fr das Haus anfangen, seine
Weise einzuben, wobei er mir gerne behilflich sein wolle. Auch suchte er mir
aus seinen Mappen einige einfache Studien in Bleistift sowie in Farben, welche
ich zur Probe kopieren sollte, und als ich hierauf mich empfehlen wollte, sagte
er: Oh! bleiben Sie noch ein Stndchen hier, Sie werden den Vormittag doch
nichts mehr machen knnen; sehen Sie mir ein wenig zu, und plaudern wir ein
bichen! Mit Vergngen tat ich dies, hrte auf seine Bemerkungen, die er ber
sein Verfahren machte, und sah zum ersten Mal die einfache, freie und sichere
Art, mit der ein Knstler arbeitet. Es ging mir ein neues Licht auf, und es
dnkte mich, wenn ich mich selbst auf meine bisherige Art arbeitend vorstellte,
als ob ich bis heute nur Strmpfe gestrickt oder etwas hnliches getan htte.
    Rasch kopierte ich die Bltter, die Rmer mir mitgab, mit aller Lust und
allem Gelingen, welche ein erster Anlauf gibt, und als ich sie ihm brachte,
sagte er: Das geht ja vortrefflich, ganz gut! An diesem Tage lud er mich ein,
da das Wetter sehr schn war, einen Spaziergang mit ihm zu machen, und auf
diesem verband er das, was ich in seinem Hause bereits eingesehen, mit der
lebendigen Natur, und dazwischen sprach er vertraulich ber andere Dinge,
Menschen und Verhltnisse, welche vorkamen, bald scharf kritisch, bald
scherzend, so da ich mit einem Male einen zuverlssigen Lehrer und einen
unterhaltenden und umgnglichen Freund besa.
    Bald fhlte ich das Bedrfnis, immer und ganz in seiner Nhe zu sein, und
machte daher immer hufiger von meiner Freiheit, ihn zu besuchen, Gebrauch, als
er eines Tages, nachdem er grndlich und schon etwas strenger eine Arbeit
durchgesehen, zu mir sagte: Es wrde gut fr Sie sein, noch eine Zeit ganz
unter der Leitung eines Lehrers zu stehen; es wrde mir auch zum Vergngen und
zur Erheiterung gereichen, Ihnen meine Dienste anzubieten; da aber meine
Verhltnisse leider nicht derart sind, da ich dies ganz ohne Entschdigung tun
knnte, wenigstens wenn es nicht durchaus sein mu, so besprechen Sie sich mit
Ihrer Frau Mutter, ob Sie monatlich etwas daranwenden wollen. Ich bleibe
jedenfalls einige Zeit hier, und in einem halben Jahre hoffe ich Sie so weit zu
bringen, da Sie spter besser vorbereitet und selbst imstande, einigen Erwerb
zu finden, Ihre Reisen antreten knnten. Sie wrden jeden Morgen um acht Uhr
kommen und den ganzen Tag bei mir arbeiten.
    Ich wnschte nichts Besseres zu tun und lief eiligst nach Hause, den
Vorschlag meiner Mutter zu hinterbringen. Allein sie war nicht so eilig wie ich
und ging, da es sich um Ausgabe einer erklecklichen Summe handelte und ich
selbst einen Teil des an Habersaat Bezahlten fr verlorenes Geld hielt, erst
jenen vornehmen Herrn, bei dem sie schon frher einmal gewesen, um Rat zu
fragen; denn sie dachte, derselbe werde jedenfalls wissen, ob Rmer wirklich der
geachtete und berhmte Knstler sei, fr welchen ich ihn so eifrig ausgab. Doch
man zuckte die Achseln, gab zwar zu, da er als Knstler talentvoll und in der
Ferne renommiert sei; ber seinen Charakter jedoch hllte man sich ins Unklare,
wollte nicht viel Gutes wissen, ohne etwas Nheres angeben zu knnen, und meinte
schlielich, wir sollten uns in acht nehmen. Jedenfalls sei die Forderung zu
gro, unsere Stadt sei nicht Rom oder Paris, auch hielte man dafr, es wre
geratener, die Mittel fr meine Reisen aufzusparen und diese desto frher
anzutreten, wo ich dann selbst sehen und holen knne, was Rmer bese.
    Das Wort Reisen war nun schon wiederholt vorgekommen und war hinreichend,
meine Mutter zu bestimmen, jeden Pfennig zur Ausstattung aufzubewahren. Daher
teilte sie mir die bedenklichen uerungen mit, ohne zuviel Gewicht auf die den
Charakter betreffenden zu legen, welche ich auch mit Entrstung zunichte machte;
denn ich war schon dagegen gewaffnet, indem ich aus verschiedenen rtselhaften
uerungen Rmers entnommen, da er mit der Welt nicht zum besten stehe und viel
Unrecht erlitten habe. Ja, es hatte sich schon eine eigene Sprache ber diesen
Punkt zwischen uns ausgebildet, indem ich mit ehrerbietiger Teilnahme seine
Klagen entgegennahm und so erwiderte, als ob ich selbst schon die bittersten
Erfahrungen gemacht oder wenigstens zu frchten htte, welche ich aber festen
Fues erwarten und dann zugleich mich und ihn rchen wollte. Wenn Rmer hierauf
mich zurechtwies und erinnerte, da ich die Menschen doch nicht besser kennen
werde als er, so mute ich dies annehmen und lie mich mit wichtiger Miene
belehren, wie es anzufangen wre, sich gehrig zu stellen, ohne da ich
eigentlich wute, worum es sich handelte und worin jene Erfahrungen denn
bestnden.
    Ich entschlo mich kurz und sagte zur Mutter, ich wolle das Gold, welches in
meinem ehemals geplnderten Sparkstchen briggeblieben, fr die Sache opfern.
Hiegegen hatte sie nichts einzuwenden; ich nahm also die Schaumnze und einige
Dukaten, welche dabei waren, und trug alles zu einem Goldschmied, welcher mir
den Wert in Silber dafr bezahlte, brachte das Geld zu Rmer und sagte, das sei
alles, was ich verwenden knnte, und ich wnschte wenigstens vier Monate seines
Unterrichtes dafr zu genieen. Zuvorkommend sagte er, das sei gar nicht so
genau zu nehmen! Da ich tue, was ich knne, wie es einem Kunstjnger gezieme, so
wolle er nicht zurckbleiben und ebenfalls tun, was er knne, solange er hier
sei, und ich solle nur gleich morgen kommen und anfangen.
    So richtete ich mich mit groer Befriedigung bei ihm ein. Den ersten und
zweiten Tag ging es noch ziemlich gemtlich zu; allein schon am dritten begann
Rmer einen ganz anderen Ton zu singen, indem er urpltzlich hchst kritisch und
streng wurde, meine Arbeit erbarmungslos heruntermachte und mir bewies, da ich
nicht nur noch nichts knne, sondern auch lssig und unachtsam sei. Das kam mir
hchst wunderlich vor; ich nahm mich ein wenig zusammen, was aber nicht viel
Dank einbrachte; im Gegenteil wurde Rmer immer strenger und ironischer in
seinem Tadel, den er nicht in die rcksichtsvollsten Ausdrcke fate. Da nahm
ich mich ernstlicher zusammen, der Tadel wurde ebenfalls ernstlich und fast
rhrend, bis ich endlich mich ganz zerknirscht und demtig daranmachte, mir bei
jedem Striche den Platz, wo er hinsollte, wohl besah, manchmal ihn zart und
bedchtig hinsetzte, manchmal nach kurzem Erwgen pltzlich wie einen Wrfel auf
gut Glck hinwarf und endlich alles genauso zu machen suchte, wie Rmer es
verlangte. So erreichte ich endlich etwelches Fahrwasser, auf welchem ich ganz
still dem Ziele einer leidlichen Arbeit zusteuerte. Der Fuchs merkte aber meine
Absicht und erschwerte mir unversehens die Aufgaben, so da die Not von neuem
anging und die Kritik meines Meisters schner blhte denn je. Wiederum steuerte
ich endlich nach vieler Mhe einer angehenden Tadellosigkeit entgegen und wurde
nochmals durch ein erschwertes Ziel zurckgeworfen, statt da ich, wie ich
gehofft, ein Weilchen auf den Lorbeeren einer erreichten Stufe ausruhen konnte.
So erhielt mich Rmer einige Monate in groer Unterwrfigkeit, wobei jedoch die
mystischen Gesprche ber die bitteren Erfahrungen und ber dies und jenes
fortdauerten, und wenn die Tagesarbeit geschlossen war oder auf unseren
Spaziergngen blieb unser Verkehr der alte. Dadurch entstand eine seltsame
Weise, indem Rmer mitten in einer traulichen und tiefsinnigen Unterhaltung mich
jhlings andonnerte: Was haben Sie da gemacht! Was soll denn das sein! O Herr
Jesus! Haben Sie Ru in den Augen? so da ich pltzlich still wurde und voll
Ingrimm ber ihn und mich selbst meine Arbeit mit verzweifelter Aufmerksamkeit
wieder aufnahm.
    So lernte ich endlich die wahre Arbeit und Mhe kennen, ohne da sie mir
lstig wurde, da sie in sich selbst den Lohn der immer neuen Erholung und
Verjngung trgt, und ich sah mich in den Stand gesetzt, eine groe Studie
Rmers, welche schon mehr ein Bild zu nennen war, vornehmen zu drfen und so zu
kopieren, da mein Lehrer erklrte, es sei nun genug in dieser Richtung, ich
wrde ihm sonst seine ganzen Mappen nachzeichnen; dieselben seien sein einziges
Vermgen, und er wnsche bei aller Freundschaft doch nicht, eine frmliche
Dublette in anderen Hnden zu wissen.
    Durch diese Beschftigung war ich wunderlicherweise im Sden weit mehr
heimisch geworden als in meinem Vaterlande. Da die Sachen, nach welchen ich
arbeitete, alle unter freiem Himmel und sehr trefflich gemacht waren, auch die
Erzhlungen und Bemerkungen Rmers fortwhrend meine Arbeit begleiteten, so
verstand ich die sdliche Sonne, jenen Himmel und das Meer beinahe, wie wenn ich
sie gesehen htte.
    Einen besondern Reiz gewhrten mir die Trmmer griechischer Baukunst, welche
sich da und dort fanden. Ich empfand wieder Poesie, wenn ich das sonnige
Marmorgeblke eines dorischen Tempels vom blauen Himmel abheben mute. Die
horizontalen Linien an Architrav, Fries und Kranz sowie die Kannelierungen der
Sulen muten mit der zartesten Genauigkeit, mit wahrer Andacht, leis und doch
sicher und elegant hingezogen werden; die Schlagschatten auf diesem goldenen
edlen Gestein waren rein blau, und wenn ich den Blick fortwhrend auf dies Blau
gerichtet hatte, so glaubte ich zuletzt wirklich einen leibhaften Tempel zu
sehen. Jede Lcke im Geblke, durch welche der Himmel schaute, jede Scharte an
den Kannelierungen war mir heilig, und ich hielt genau ihre kleinsten Formen
fest.
    Im Nachlasse meines Vaters fand sich ein Werk ber Architektur, in welchem
die Geschichte und Erklrung der alten Baustile nebst guten Abbildungen mit
allem Detail enthalten waren. Dies zog ich nun hervor und studierte es begierig,
um die Trmmer besser zu verstehen und ihren Wert ganz zu kennen. Auch erinnerte
ich mich der Italienischen Reise von Goethe, welche ich gelesen; Rmer erzhlte
mir viel von den Menschen und Sitten und der Vergangenheit Italiens. Er las fast
keine Bcher als die deutsche bersetzung von Homer und einen italienischen
Ariost. Den Homer forderte er mich auf zu lesen, und ich lie mir dies nicht
zweimal sagen. Im Anfange wollte es nicht recht gehen, ich fand wohl alles
schn, aber das Einfache und Kolossale war mir noch zu ungewohnt, und ich
vermochte nicht lange nacheinander auszuhalten. Aber Rmer machte mich
aufmerksam, wie Homer in jeder Bewegung und Stellung das einzig Ntige und
Angemessene anwende, wie jedes Gef und jede Kleidung, die er beschreibe,
zugleich das Geschmackvollste sei, was man sich denken knne, und wie endlich
jede Situation und jeder moralische Konflikt bei ihm bei aller fast kindlichen
Einfachheit von der gewhltesten Poesie getrnkt sei. Da verlangt man
heutzutage immer nach dem Ausgesuchten, Interessanten und Pikanten und wei in
seiner Stumpfheit gar nicht, da es gar nichts Ausgesuchteres, Pikanteres und
ewig Neues geben kann s so einen homerischen Einfall in seiner einfachen
Klassizitt! Ich wnsche Ihnen nicht, lieber Lee, da Sie jemals die ausgesuchte
pikante Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm bedeckt
vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus Erfahrung empfinden
lernen! Wollen Sie wissen, wie dies zugeht? Halten wir das Beispiel einmal fest!
Wenn Sie einst getrennt von ihrer Heimat und allem, was ihnen lieb ist, in der
Fremde umherschweifen, und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben
Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen so wird es ihnen des Nachts
unfehlbar trumen, da Sie sich ihrer Heimat nhern; Sie sehen sie glnzen und
leuchten in den schnsten Farben; holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen
entgegen; da entdecken Sie pltzlich, da Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt
einhergehen; eine namenlose Scham und Angst fat Sie, Sie suchen sich zu
bedecken, zu verbergen und erwachen in Schwei gebadet. Dies ist, solange es
Menschen gibt, der Traum des kummervollen umhergeworfenen Mannes, und so hat
Homer jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit
herausgenommen!
    Inzwischen war es gut, da das Interesse Rmers, hinsichtlich des Kopierens
seiner Sammlungen, sich mit dem meinigen vereinigte; denn als ich nun, gem
seiner Aufforderung, mich wieder vor die Natur hinsetzte, erwies es sich, da
ich Gefahr lief, meine ganze Kopierfertigkeit und mein italienisches Wissen zu
einer wunderlichen Fiktion werden zu sehen. Es kostete mich die grte
Beharrlichkeit und Mhe, ein nur zum zehnten Teile so anstndiges Blatt zuwege
zu bringen, als meine Kopien waren; die ersten Versuche milangen fast gnzlich,
und Rmer sagte schadenfroh: Ja, mein Lieber, das geht nicht so rasch! Ich habe
es wohl gedacht, da es so kommen wrde; nun heit es auf eigenen Fen stehen
oder vielmehr mit eigenen Augen sehen! Eine gute Studie leidlich kopieren, will
nicht soviel heien! Glauben Sie denn, man lt sich ohne weiteres fr andere
die Sonne auf den Buckel znden? und so fort. Nun begann der ganze Krieg des
Tadels gegen das Bemhen, demselben zuvorzukommen und ihm boshafte Streiche zu
spielen, von neuem; Rmer ging mit hinaus und malte selbst, so da er mich immer
unter seinen Augen hatte. Es war hier nicht geraten, die Torheiten und Flausen
zu wiederholen, die ich unter Herrn Habersaat gespielt hatte, da Rmer durch
Steine und Bume zu sehen schien und jedem Striche anmerkte, ob derselbe
gewissenhaft sei oder nicht. Er sah es jedem Aste an, ob er zu dick oder zu dnn
sei, und wenn ich meinte, der Ast knnte ja am Ende so gewachsen sein, so sagte
er: Lassen Sie das gut sein! Die Natur ist vernnftig und zuverlssig; brigens
kennen wir solche Finessen wohl! Sie sind nicht der erste Hexenmeister, welcher
der Natur und seinem Lehrer ein X fr ein U machen will!

                                Drittes Kapitel



                                      Anna

Weil ich die mir durch den Aufenthalt Rmers zugemessene Zeit wohl benutzen
mute, so konnte ich nicht daran denken, das Dorf zu besuchen, obschon ich
verschiedene Gre und Zeichen von daher erhalten hatte. Um so fleiiger dachte
ich an Anna, wenn ich arbeitete und die grnen Bume leise um mich rauschten.
Ich freute mich fr sie meines Lernens und da ich in diesem Jahre so reich an
Erfahrung geworden gegen das frhere Jahr; ich hoffte einigen wirklichen Wert
dadurch erhalten zu haben, der in ihren Augen fr mich sprche und in ihrem
Hause die Hoffnung begrnde, die ich selbst fr mich zu hegen mir erlaubte.
    Der Herbst war gekommen, und als ich eines Mittags zum Essen nach Hause ging
und in unsere Stube trat, sah ich auf dem Ruhbettchen einen schwarzseidenen
Mantel liegen. Freudig betroffen eilte ich auf denselben zu, hob das leichte
angenehme Ding in die Hhe und untersuchte es von allen Seiten. Ich eilte damit
in die Kche, wo ich die Mutter beschftigt fand, ein besseres Essen als
gewhnlich zu bereiten. Sie verkndigte mir die Ankunft des Schulmeisters und
seiner Tochter, fgte aber sogleich mit besorgtem Ernst bei, da leider
dieselben nicht zum Vergngen gekommen wren, sondern um einen berhmten Arzt zu
besuchen. Whrend die Mutter in die Stube ging und den Tisch deckte, deutete sie
mir mit einigen Worten an, da sich bei Anna seltsame und bengstigende
Anzeichen eingestellt htten, der Schulmeister sehr bekmmert sei und sie, die
Mutter, selbst nicht minder; denn nach der ganzen Erscheinung des armen Mdchens
knne es sich ereignen, da das zarte Wesen nicht alt werde.
    Ich sa auf dem Ruhbette, hielt den Mantel fest in meinen Hnden und hrte
ganz verwundert auf diese Worte, die mir so unerwartet und fremd klangen, da
sie mir mehr merkwrdig als erschreckend vorkamen. In diesem Augenblicke ging
die Tr auf, und die ebenso geliebten als wahrhaft geehrten Gste traten herein.
berrascht stand ich auf und ging ihnen entgegen, und erst als ich Anna die Hand
geben wollte, sah ich, da ich immer noch ihren Mantel hielt. Sie errtete und
lchelte zugleich, whrend ich verlegen dastand; der Schulmeister warf mir vor,
da ich mich den ganzen Sommer ber nie sehen lassen, und so verga ich ber
diesen Begrungen die Mitteilung der Mutter, an welche mich auch nichts
Auffallendes erinnerte. Erst als wir am Tische saen, wurde ich durch eine
gewisse vermehrte Liebe und Aufmerksamkeit, mit welcher meine Mutter Anna
behandelte, gemahnt und glaubte jetzt nur zu sehen, da sie gegen frher fast
grer, aber auch zugleich zarter und schmchtiger erschien; ihre Gesichtsfarbe
war wie durchsichtig geworden, und um ihre Augen, welche erhht glnzten, bald
in dem kindlichen Feuer frherer Tage, bald in einem trumerischen tiefen
Nachdenken, lag etwas Leidendes. Sie war heiter und sprach ziemlich viel,
whrend ich schwieg, hrte und sie ansah; auch der Schulmeister war heiter und
ganz wie sonst; denn bei den Schicksalen und Leiden, welche uns Angehrige
betreffen, benehmen wir uns nicht lamentabel, sondern fast vom ersten
Augenblicke an mit der gleichen Gefatheit, mit dem gleichen Wechsel von
Hoffnung, Furcht und Selbsttuschung wie die Betroffenen selbst. Doch ermahnte
er jetzt seine Tochter, nicht zuviel zu sprechen, und mich fragte er, ob ich die
Ursache der kleinen Reise schon kenne, und setzte hinzu: Ja, lieber Heinrich!
meine Anna scheint krank werden zu wollen! Doch lat uns den Mut nicht
verlieren! Der Arzt hat ja gesagt, da vorderhand nicht viel zu sagen und zu tun
wre. Er hat uns einige Verhaltungsregeln gegeben und anbefohlen, ruhig
zurckzukehren und dort zu leben, anstatt hieher zu ziehen, da die dortige Luft
angemessener sei. Fr unsern Doktor will er uns einen Brief mitgeben und von
Zeit zu Zeit selbst hinauskommen und nachsehen.
    Ich wute hierauf rein nichts zu erwidern noch meine Teilnahme zu bezeugen;
vielmehr wurde ich ganz rot und schmte mich nur, nicht auch krank zu sein. Anna
hingegen sah mich bei den Worten ihres Vaters lchelnd an, als ob sie Mitleid
mit mir htte, so peinliche Dinge hren zu mssen.
    Nach dem Essen verlangte der Schulmeister, von meinen Beschftigungen zu
wissen und etwas zu sehen; ich brachte eine wohlgefllte Mappe herbei und
erzhlte von meinem Meister; doch verweilte er nicht lang dabei, sondern machte
sich bereit, einige Gnge zu tun und Einkufe zu besorgen. Meine Mutter
begleitete ihn, und ich blieb allein mit Anna zurck. Sie fuhr fort, meine
Sachen aufmerksam zu beschauen; auf dem Ruhbett sitzend, lie sie sich alles von
mir vorlegen und erklren. Whrend sie auf meine Landschaften sah, blickte ich
auf sie nieder, manchmal mute ich mich beugen, manchmal hielten wir ein Blatt
zusammen in den Hnden lange Zeit, doch ereignete sich sonst gar nichts
Zrtliches zwischen uns; denn whrend sie fr mich nun wieder ein anderes Wesen
war und ich mich scheute, sie nur von ferne zu verletzen, hufte sie alle
uerungen der Freude und der Aufmerksamkeit allein auf meine Arbeiten und
wollte sich nicht von denselben trennen, whrend sie mich selbst nur wenig
ansah.
    Pltzlich sagte sie: Unsere Tante im Pfarrhaus lt dir sagen, du sollest
mit uns sogleich hinausfahren, sonst sei sie bse! Willst du? Ich erwiderte:
Ja, jetzt kann ich schon! und setzte hinzu: Was fehlt dir denn eigentlich? -
Ach, ich wei es selbst nicht, ich bin immer mde und leide manchmal ein wenig;
die anderen machen mehr daraus als ich selbst!
    Meine Mutter und der Schulmeister kamen zurck; neben den fremdartigen
pharmazeutischen Paketen, die er mit einem verstohlenen Seufzer auf den Tisch
legte, brachte er einige Geschenke fr Anna mit, gute Kleiderstoffe, einen
groen warmen Shawl und eine goldene Uhr, als ob er mit diesen kostbaren und auf
die Dauer berechneten Sachen eine gnstige Wendung des Geschickes erzwingen
wollte. Als Anna darber erschrak, sagte er, sie habe die Dinge schon lange
verdient und das bichen Geld htte gar keinen Wert fr ihn, wenn er nicht ihr
eine kleine Freude dadurch verschaffen knnte.
    Er zeigte sich zufrieden, da ich mitfahre; meine Mutter sah es auch gern
und legte mir einige Sachen zurecht, indessen ich das Gefhrte aus dem Gasthause
holte, wo es eingestellt war. Anna sah allerliebst aus, als sie wohlvermummt und
verschleiert dem Schulmeister zur Seite sa. Ich nahm den Vordersitz und hatte
das Leitseil des gutgenhrten Pferdes ergriffen, das schon ungeduldig scharrte;
die Mutter machte sich noch lange am Wagen zu schaffen und wiederholte dem
Schulmeister ihre Anerbietungen zu jeglicher Hilfe und, wenn es notwendig wrde,
hinzukommen und Anna zu pflegen; die Nachbaren steckten die Kpfe aus den
Fenstern und vermehrten mein Selbstbewutsein, als ich endlich mit meiner
liebenswrdigen und anmutigen Gesellschaft die enge Strae entlangfuhr.
    Es glnzte ein sonniger Herbstnachmittag auf dem Lande. Wir fuhren durch
Drfer und Felder, sahen die Gehlze und Anhhen im zarten Dufte liegen, hrten
die Jgerhrnchen in der Ferne, begegneten berall zahlreichem Fuhrwerke,
welches den Herbstsegen einbrachte; hier machten die Leute die Gefe zur
Weinlese zurecht und bauten groe Kufen, dort standen sie reihenweise auf den
ckern und hoben die Wurzelfrchte aus; anderswo wieder pflgten sie die Erde
um, und die ganze Familie war dabei versammelt, von der Herbstsonne
hinausgelockt; berall war es lebendig und zufrieden bewegt. Die Luft war so
mild, da Anna ihren grnen Schleier zurckschlug und ihr liebliches Gesicht
zeigte. Wir vergaen alle drei, warum wir eigentlich auf diesen Wegen fuhren;
der Schulmeister war gesprchig und erzhlte uns viele Geschichten von den
Gegenden, durch welche wir kamen, zeigte uns die Wohnungen, wo berhmte Mnner
hausten, deren wohlgeordnete saubere Hofsttten die weise Klugheit ihrer
Besitzer verkndeten. Da und dort wohnte eine hbsche Tochter oder deren zwei,
von denen etwas zu erblicken wir im Vorberfahren uns bemhten, und wenn dies
gelang, so grte Anna mit dem bescheidenen Anstande derjenigen, welche selbst
Blumen des Landes sind.
    Doch dunkelte es eine geraume Weile, ehe wir ans Ziel gelangten, und mit der
Dunkelheit fiel es mir pltzlich ein, da ich Judith das Versprechen gegeben,
sie jedesmal zu besuchen, wenn ich ins Dorf kme. Anna hatte sich wieder
verhllt, ich sa nun neben ihr, da der Schulmeister, welcher die Wege besser
kannte, die Zgel genommen; und weil wir der Dunkelheit wegen nun schweigsamer
waren, so hatte ich Zeit, darber nachzudenken, was ich tun wollte.
    Je untunlicher es mir schien, mein Versprechen zu halten, je weniger ich das
Wesen, welches ich mir zur Seite fhlte und das sich nun sanft an mich lehnte,
auch nur in Gedanken beleidigen mochte, desto dringender ward auf der anderen
Seite die berzeugung, da ich am Ende doch mein Wort nicht brechen drfe, da
mich Judith nur im Vertrauen auf dasselbe in jener Nacht entlassen, und ich
zgerte nicht, mir einzubilden, da der Wortbruch sie krnken und ihr weh tun
wrde. Ich mochte um alles in der Welt gerade vor ihr nicht unmnnlich als einer
erscheinen, welcher aus Furcht ein Versprechen gbe und aus Furcht dasselbe
brche. Da fand ich einen sehr klugen Ausweg, wie ich dachte, der mich
wenigstens vor mir selbst rechtfertigen sollte. Ich brauchte nur bei dem
Schulmeister zu wohnen, so war ich nicht im Dorfe, und wenn ich am Tage dieses
besuchte, so mute ich Judith nicht sehen, welche sich nur meinen nchtlichen
und geheimen Besuch whrend eines Aufenthaltes im Dorfe ausbedungen hatte.
    Als wir daher in des Schulmeisters Haus ankamen und dort die Muhme mit einem
Sohne und zwei Tchtern vorfanden, welche uns erwarteten und mich mit dem
Fuhrwerk gleich mitnehmen wollten, erklrte ich unversehens, hierbleiben zu
wollen, und die alte Katherine eilte, mir ein Unterkommen zu bereiten, indessen
Anna, die ganz ermdet und angegriffen war und von Husten befallen wurde, sich
sogleich zu Bett begeben mute. Sie fhrte mich an einen artig eingerichteten
Tisch, auf welchem ihre Bcher und Arbeitssachen, auch Papier und Schreibzeug
lagen, setzte Licht darauf und sagte lchelnd: Mein Vater bleibt alle Abend bei
mir, bis ich eingeschlafen bin, und liest mir manchmal etwas vor. Hier kannst du
dich vielleicht so lange beschftigen. Sieh, hier mache ich etwas fr dich! und
sie zeigte mir eine Stickerei zu einer kleinen Mappe, welche sie nach jener
Blumenzeichnung verfertigte, die ich vor mehreren Jahren in der Weinlaube
gemacht und ihr geschenkt hatte. Das naive Bild hing ber ihrem Tische. Dann gab
sie mir die Hand und sagte wehmtig leise und doch so freundlich: Gut' Nacht!
und ich sagte ebenso leise: Gut' Nacht!
    Einige Augenblicke nachher, als sie gegangen, kam der Schulmeister herein,
und ich sah, da er ein schn eingebundenes Andachtsbuch mitnahm, als er sich
wieder entfernte, um in Annas Zimmer zu gehen. Ich hingegen beschaute alle
Schelchen, welche auf dem Tische lagen, spielte mit ihrer Schere und konnte mir
gar nicht ernstlich denken, da irgendeine Gefahr fr Anna sein sollte.

                                Viertes Kapitel



                                     Judith

Da ich in dem Hause meines Liebchens zu Gaste war, so erwachte ich am Morgen
sehr frh, noch eh eine Seele sich regte. Ich machte das Fenster auf und sah
lange auf den See hinaus, dessen waldige Uferhhen vom Morgenrote beglnzt
lagen, indessen der spte Mond noch am Himmel stand und sich ziemlich krftig im
dunklen Wasser spiegelte. Ich sah ihn nach und nach erbleichen vor der Sonne,
welche nun die gelben Kronen der Bume vergoldete und einen zarten Schimmer ber
den erblauenden See warf. Zugleich aber begann die Luft sich wieder zu
verhllen, ein leiser Nebel zog sich erst wie ein Silberschleier um alle
Gegenstnde, und indem er ein glnzendes Bild um das andere auslschte, da sich
rings ein Reigen von aufleuchtendem Scheiden und Verschwinden bewegte, wurde der
Nebel pltzlich so dicht, da ich nur noch das Grtchen vor mir sehen konnte,
und zuletzt verhllte er auch dieses und drang feucht an das Fenster. Ich schlo
dieses zu, trat aus der Kammer und fand die alte Katherine in der Kche an dem
traulichen hellen Feuer.
    Ich plauderte lange mit ihr; sie ergo sich in zrtlichen Klagen ber Annas
bedenklichen Zustand, berichtete mir, seit wann derselbe begonnen, ohne da ich
jedoch ber seine eigentliche Beschaffenheit klar wurde, da sie sich mancher
dunklen und geheimnisvollen Anspielung bediente. Dann begann sie mit rhrender,
aber ganz trefflicher Beredsamkeit das Lob Annas zu verknden und ihr bisheriges
Leben zu beschauen bis in die Kinderjahre zurck, und ich sah deutlich vor mir
das dreijhrige Engelchen umherspringen, in genau beschriebener Kleidung, aber
freilich auch ein frhes und leidenvolles Krankenlager, auf welches das kleine
Wesen dann jahrelang gelegt wurde, so da ich nun ein schlohweies,
lnglichgestrecktes Leichnamchen erblickte, mit geduldigem, klugem und immer
lchelndem Angesicht. Doch das kranke Reis erholte sich, der wunderbare Ausdruck
der durch das Leiden hervorgebrachten frhen Weisheit verschwand wieder in seine
unbekannte Heimat, und ein rosig unbefangenes Kind blhte, als ob nichts
vorgefallen wre, der Zeit entgegen, wo ich es zuerst sah.
    Endlich zeigte sich der Schulmeister, welcher, da seine Tochter nun des
Morgens im Bette bleiben mute und lnger schlief als sonst, sich des frhen
Aufstehens auch nicht mehr freute und in seiner Zeiteinteilung ganz nach
derjenigen seines kranken Kindes richtete. Nach einer guten Weile erschien auch
Anna und nahm ihr besonders vorgeschriebenes Frhstck, indessen wir das
gewhnliche verzehrten. Es verbreitete sich dadurch eine gewisse Wehmut ber den
Tisch, welche nach und nach in eine ernste Beschaulichkeit berging, als wir
drei sitzen blieben und uns unterhielten. Der Schulmeister nahm ein Buch, die
Nachfolge Christi von Thomas a Kempis, und las einige Seiten daraus vor,
indessen Anna ihre Stickerei vornahm. Dann hob ihr Vater ber das Gelesene ein
Gesprch an und suchte mich an demselben zu beteiligen und nach der
herkmmlichen Weise meine Urteilskraft: zu prfen, zu mildern und zu gemeinsamer
Erbauung auf einen belehrenden Vereinigungspunkt zu lenken. Aber ich hatte durch
den letzten Sommer die Lust an solchen Errterungen fast gnzlich verloren, mein
Blick war auf sinnliche Erscheinung und Gestalt gerichtet, und selbst die
rtselhaften Betrachtungen ber die Erfahrungen, die ich mit Rmer anstellte,
gingen in einem durchaus weltlichen Sinne vor sich. Auerdem fhlte ich, da ich
nun die grte Rcksicht auf Anna nehmen mute, und als ich bemerkte, da sie
sogar froh schien, mich hier eingefangen und einem angehenden Bekehrungswerke
preisgegeben zu sehen, htete ich mich, einen Widerspruch zu uern, gab
denjenigen Stellen, welche eine Wahrheit enthielten oder tief, schn und
kraftvoll ausgedrckt waren, meinen aufrichtigen Beifall; oder ich berlie mich
einer reizenden Mue, die schnen Farben an Annas Seidenknulchen beschauend.
    Sie hatte wohl ausgeruht und schien ziemlich munter zu sein, so da kein
groer Unterschied gegen ihr frheres Wesen whrend des Tages bemerklich war.
Das machte mich so froh, da ich aufbrach, um am hellen Tage, vor Judith sicher,
ins Pfarrhaus zu gelangen und von da zurckzukehren.
    Als ich in den dichten Nebel hinausging, war ich sehr guter Dinge und mute
lachen ber meine seltsame List, zumal das verborgene Wandeln in der grau
verhllten Natur meinen Gang einem Schleichwege noch vllig hnlich machte. Ich
ging ber den Berg und gelangte bald zum Dorfe; doch verfehlte ich hier des
Nebels wegen die Richtung und sah mich in ein Netz von schmalen Garten- und
Wiesenpfaden versetzt, welche bald zu einem entlegenen Hause, bald wieder
gnzlich zum Dorfe hinausfhrten. Ich konnte nicht vier Schritte weit sehen;
Leute hrte ich immer, ohne sie zu erblicken, aber zuflligerweise traf ich
niemanden auf meinen Wegen. Da kam ich zu einem offenstehenden Pfrtchen und
entschlo mich, hindurchzugehen und alle Gehfte gerade zu durchkreuzen, um
endlich wieder auf die Hauptstrae zu kommen. Ich geriet in einen prchtigen
groen Baumgarten, dessen Bume alle voll der schnsten reifen Frchte hingen.
Man sah aber immer nur einen Baum ganz deutlich, die nchsten standen schon halb
verschleiert im Kreise umher, und dahinter schlo sich wieder die weie Wand des
Nebels. Pltzlich sah ich Judith mir entgegenkommen, welche einen groen Korb
mit pfeln gefllt in beiden Hnden vor sich her trug, da von der krftigen
Last die Korbweiden leise knarrten. Das Einsammeln des Obstes war fast die
einzige Arbeit, der sie sich mit Liebe und Eifer hingab. Sie hatte ihr Kleid des
nassen Grases wegen etwas aufgeschrzt und zeigte die schnsten Fe; ihr Haar
war von Feuchte schwer und die Wange von der Herbstluft mit reinem Purpur
gertet. So kam sie gerade auf mich zu, auf ihren Korb blickend, sah mich
pltzlich, stellte erst erbleichend den Korb zur Erde und eilte dann mit den
Zeichen der herzlichsten und aufrichtigsten Freude herbei, fiel mir um den Hals
und drckte mir ein halbes Dutzend Ksse auf die Lippen. Ich hatte Mhe, dies
nicht zu erwidern, und rang mich endlich von ihrer Brust los.
    Sieh, sieh! du gescheites Brschchen! sagte sie froh lachend, du bist
heute gekommen und machst dir gleich den Nebel zunutze, mich noch vor Nacht
heimzusuchen; das htte ich dir nicht einmal zugetraut! - Nein, erwiderte
ich, zur Erde blickend, ich bin gestern gekommen und wohne beim Schulmeister,
weil Anna krank ist. Unter diesen Umstnden kann ich jedenfalls nicht zu Euch
kommen! Judith schwieg eine Weile, die Arme bereinandergeschlagen, und sah
mich klug und durchdringend an, da mein Blick in die Hhe gezogen und auf den
ihrigen gerichtet wurde.
    Das wre allerdings noch gescheiter, als wie ich es meinte, sagte sie
endlich, wenn es dir nur etwas helfen wrde! Doch weil unser armes Schtzchen
krank ist, so will ich billig sein und unsere bereinkunft abndern. Der Nebel
wird sich wenigstens eine Woche lang tglich mehrere Stunden auf dieselbe Weise
zeigen Wenn du jeden Tag zu mir kommst, so will ich dich fr die Nacht deiner
Pflicht entbinden und dir zugleich versprechen, dich nie zu liebkosen und dich
selbst zurechtzuweisen, wenn du es tun wolltest; nur mut du mir jedesmal auf
ein und dieselbe Frage ein einziges Wrtchen antworten, ohne zu lgen! -
Welche Frage? sagte ich. Das wirst du schon sehen! erwiderte sie; komm, ich
habe schne pfel!
    Sie ging mir voran zu einem Baume, dessen ste und Bltter edler gebaut
schienen als die der brigen, stieg auf einer Leiter einige Sprossen hinan und
brach einige schn geformte und gefrbte pfel. Einen davon, der noch im
feuchten Dufte glnzte, bi sie mit ihren weien Zhnen entzwei, gab mir die
abgebissene Hlfte und fing an, die andere zu essen. Ich a die meinige
ebenfalls und rasch; sie war von der seltensten Frische und Gewrzigkeit, und
ich konnte kaum erwarten, bis sie es mit dem zweiten Apfel ebenso machte. Als
wir drei Frchte so gegessen, war mein Mund so s erfrischt, da ich mich
zwingen mute, Judith nicht zu kssen und die Se von ihrem Munde noch
dazuzunehmen. Sie sah es, lachte und sprach: Nun sage bin ich dir lieb? Sie
blickte mich dabei fest an, und ich konnte, obgleich ich jetzt lebhaft und
bestimmt an Anna dachte, nicht anders und sagte: Ja! Zufrieden sagte Judith:
Dies sollst du mir jeden Tag sagen!
    Hierauf fing sie an zu plaudern und sagte: Weit du eigentlich, wie es mit
dem guten Kinde steht? Als ich erwiderte, da ich allerdings nicht klug daraus
wrde, fuhr sie fort: Man sagt, da das arme Mdchen seit einiger Zeit
merkwrdige Trume und Ahnungen habe, da sie schon ein paar Dinge vorausgesagt,
die wirklich eingetroffen, da manchmal im Traume wie im Wachen sie pltzlich
eine Art Vorstellung und Ahnung von dem bekomme, was entfernte Personen, die ihr
lieb sind, jetzt tun oder lassen oder wie sie sich befinden, da sie jetzt ganz
fromm sei und endlich auf der Brust leide! Ich glaube dergleichen Sachen nicht,
aber krank ist sie gewi, und ich wnsche ihr aufrichtig alles Gute, denn sie
ist mir auch lieb um deinetwillen. - Aber alle mssen leiden, was ihnen bestimmt
ist! setzte sie nachdenklich hinzu.
    Whrend ich unglubig den Kopf schttelte, durchfuhr mich doch ein leichter
Schauer, und ein seltsamer Schleier der Fremdartigkeit legte sich um Annas
Gestalt, welche meinem innern Auge vorschwebte. Und fast in demselben
Augenblicke war es mir auch, als ob sie mich jetzt sehen msse, wie ich
vertraulich bei der Judith stand; ich erschrak darber und sah mich um. Der
Nebel lste sich auf, schon sah man durch seine silbernen Flre den blauen
Himmel, einzelne Sonnenstrahlen fielen schimmernd auf die feuchten Zweige und
beglnzten die Tropfen, welche sich fallend ablsten; schon sah man den blauen
Schatten eines Mannes vorbergehen, und endlich drang die Klarheit berall
durch, umgab uns und warf, wie wir waren, unser beider Schlagschatten auf den
matt besonnten Grasboden.
    Ich eilte davon und hrte in dem Hause meines Oheims die Besttigung dessen,
was mir Judith mitgeteilt; wohl aufgehoben in dem lebendigen Hause und beruhigt
durch das vertrauliche Gesprch, lchelte ich wieder unglubig und war froh, in
meinen jungen Vettern Genossen zu finden, welche sich auch nicht viel aus
dergleichen machten. Doch blieb immer eine gemischte Empfindung in mir zurck,
da schon die Neigung zu solchen Erscheinungen, der Anspruch darauf mir beinahe
eine Anmaung zu sein schien, die ich der guten Anna zwar keineswegs, aber doch
einem mir fremden und nicht willkommenen Wesen zurechnen konnte, in welchem ich
sie jetzt befangen sah. So trat ich ihr, als ich abends zurckkehrte, mit einer
gewissen Scheu entgegen, welche jedoch durch ihre liebliche Gegenwart bald
wieder zerstreut wurde, und als sie nun selbst, in Gegenwart ihres Vaters, leise
anfing von einem Traume zu sprechen, den sie vor einigen Tagen getrumt, und ich
daher sah, da sie willens sei, mich in das vermeintliche Geheimnis zu ziehen,
glaubte ich unverweilt an die Sache, ehrte sie und fand sie nur um so
liebenswrdiger, je mehr ich vorhin daran gezweifelt.
    Als ich mich allein befand, dachte ich mehr darber nach und erinnerte mich,
von solchen Berichten gelesen zu haben, wo, ohne etwas Wunderbares und
bernatrliches anzunehmen, auf noch unerforschte Gebiete und Fhigkeiten der
Natur selbst hingewiesen wurde, so wie ich berhaupt bei reiflicher Betrachtung
noch manches verborgene Band und Gesetz mglich halten mute, wenn ich meine
grte Mglichkeit, den lieben Gott, nicht zu sehr blostellen und in eine de
Einsamkeit bannen wollte.
    Ich lag im Bette, als mir diese Gedanken klar wurden und ich der Unschuld
und Redlichkeit Annas gedachte, als welche doch auch zu bercksichtigen wren;
und nicht so bald befiel mich diese Vorstellung, so streckte ich mich anstndig
aus, kreuzte die Hnde zierlich ber der Brust und nahm so eine hchst gewhlte
und ideale Stellung ein, um mit Ehren zu bestehen, wenn Annas Geisterauge mich
etwa unbewut erblicken sollte. Allein das Einschlafen brachte mich bald aus
dieser ungewohnten Lage, und ich fand mich am Morgen zu meinem Verdrusse in der
behaglichsten und trivialsten Figur von der Welt.
    Ich raffte mich hastig zusammen, und wie man des Morgens Gesicht und Hnde
wscht, so wusch ich gewissermaen Gesicht und Hnde meiner Seele und nahm ein
zusammengefates und sorgfltiges Wesen an, suchte meine Gedanken zu beherrschen
und in jedem Augenblicke klar und rein zu sein. So erschien ich vor Anna, wo mir
ein solch gereinigtes und festtgliches Dasein leicht wurde, indem in ihrer
Gegenwart eigentlich kein anderes mglich war. Der Morgen nahm wieder seinen
Verlauf wie gestern, der Nebel stand dicht vor den Fenstern und schien mich
hinauszurufen. Wenn mich jetzt eine Unruhe befiel, Judith aufzusuchen, so war
dies weniger eine malose Unbestndigkeit und Schwche als eine gutmtige
Dankbarkeit, die ich fhlte und die mich drngte, der reizenden Frau fr ihre
Neigung freundlich zu sein; denn nach der unvorbereiteten und unverstellten
Freude, in welcher ich sie gestern berrascht, durfte ich mir nun wirklich
einbilden, da sie mir herzlich gut war. Und ich glaubte ihr unbedenklich sagen
zu knnen, da sie mir lieb sei, indem ich sonderbarerweise dadurch gar keinen
Abbruch meiner Gefhle fr Anna wahrnahm und es mir nicht bewut war, da ich
mit dieser Versicherung fast nur das Verlangen aussprach, ihr recht heftig um
den Hals zu fallen. Zudem betrachtete ich meinen Besuch als eine gute
Gelegenheit, mich zu beherrschen und in der gefhrlichsten Umgebung doch immer
so zu sein, da mich ein verrterischer Traum zeigen durfte.
    Unter solchen Sophismen machte ich mich auf, nicht ohne einen ngstlichen
Blick auf Anna zu werfen, an welcher ich aber keinen Schatten eines Zweifels
entdeckte. Drauen zgerte ich wieder, fand aber den Weg unbeirrt zu Judiths
Garten. Sie selbst mute ich erst eine Weile suchen, weil sie, mich gleich am
Eingange sehend, sich verbarg, in den Nebelwolken hin und her schlpfte und
dadurch selbst irre wurde, so da sie zuletzt stillstand und mir leise rief, bis
ich sie fand. Wir machten beide unwillkrlich eine Bewegung, uns in den Arm zu
fallen, hielten uns aber zurck und gaben uns nur die Hand. Sie sammelte immer
noch Obst ein, aber nur die edleren Arten, welche an kleinen Bumen wuchsen; das
brige verkaufte sie und lie es von den Kufern selbst vom Baume nehmen. Ich
half ihr einen Korb voll brechen und stieg auf einige Bume, wo sie nicht
hingelangen konnte. Aus Mutwillen stieg ich auch in die oberste Krone eines
hohen Apfelbaumes hinauf, da ich im Nebel verschwand. Sie fragte mich unten, ob
ich sie liebhtte, und ich antwortete gleichsam aus den Wolken mein Ja. Da rief
sie schmeichelnd: Ach, das ist ein schnes Lied, das hr ich gern! Komm
herunter, du junger Vogel, der so artig singt!
    So brachten wir alle Tage eine Stunde zu, eh ich zu meinem Oheim ging; wir
sprachen dabei ber dies und jenes, ich erzhlte viel von Anna, und sie mute
alles anhren und tat es mit groer Geduld, nur damit ich dabliebe Denn whrend
ich in Anna den bessern und geistigern Teil meiner selbst liebte, suchte Judith
wieder etwas Besseres in meiner Jugend, als ihr die Welt bisher geboten; und
doch sah sie wohl, da sie nur meine sinnliche Hlfte anlockte; und wenn sie
auch ahnte, da mein Herz mehr dabei war, als ich selbst wute, so htete sie
sich wohl, es merken zu lassen, und lie mich ihre tgliche Frage in dem guten
Glauben beantworten, da es nicht so viel auf sich htte.
    Oft drang ich auch in sie, mir von ihrem Leben zu erzhlen und warum sie so
einsam sei. Sie tat es, und ich hrte ihr begierig zu. Ihren verstorbenen Mann
hatte sie als junges Mdchen geheiratet, weil er schn und kraftvoll ausgesehen.
Aber es zeigte sich, da er dumm, kleinlich und klatschhaft war und ein
lcherlicher Topfgucker, welche Eigenschaften sich alle hinter der schweigsamen
Bldigkeit des Freiers versteckt hatten. Sie sagte unbefangen, sein Tod sei ein
groes Glck gewesen. Nachher bewarben sich nur solche Mnner um sie, welche ihr
Vermgen im Auge hatten und sich schnell anderswohin richteten, wenn sie ein
paar hundert Gulden mehr versprten. Sie sah, wie blhende, kluge und handliche
Mnner ganz windschiefe und blasse Weibchen heirateten mit spitzigen Nasen und
vielem Gelde, weswegen sie sich ber alle lustig machte und sie schnde
behandelte. Aber ich mu selbst Bue tun, fgte sie hinzu, warum hab ich
einen schnen Esel genommen!

                                Fnftes Kapitel



                     Torheit des Meisters und des Schlers

Nach acht Tagen kehrte ich zur Stadt zurck und nahm meine Arbeit bei Rmer
wieder auf. Da es mit dem Zeichnen im Freien vorbei und auch nichts weiter zu
kopieren war, leitete mich Rmer an, zu versuchen, ob ich aus dem Gewonnenen ein
Ganzes und Selbstndiges herstellen knne. Ich mute unter meinen Studien ein
Motiv suchen und selbiges zu einem kleinen Bilde ausdehnen und abgrenzen. Da
wir hier ohne alle Mittel sind, sagte er, auer meiner eigenen Mappe, welche
Sie mir diesen Winter hindurch in die Ihrige hinberpinseln wrden, wenn ich es
zugbe, so ist es am besten, wir machen es so Sie sind zwar noch zu jung dazu
und werden noch ein- oder zweimal mit neuen Erfahrungen von vorn anfangen
mssen, ehe Sie etwas Dauerhaftes machen. Indessen wollen wir immerhin
versuchen, ein Viereck so auszufllen, da Sie es im Notfall verkaufen knnen!
    Mit der ersten Probe ging es ganz ordentlich; ebenso mit der zweiten und
dritten. Die frische Luft, die Einfachheit des Gegenstandes und Rmers sichere
Erfahrung lieen die Grnde sich wie von selbst aneinanderfgen, das Licht wurde
ohne Schwierigkeit verteilt und jede Partie in Licht und Schatten vernnftig und
klar ausgefllt, so da keine nichtssagenden und verworrenen Stellen
brigblieben. Groes Vergngen gewhrte es mir, wenn ich einen oder einige
Gegenstnde, zu denen die vorliegenden Studien im Licht gehalten waren, in
Schatten setzen mute oder umgekehrt, wo dann durch eigenes Nachdenken und
Berechnung ein Neues und doch einzig Notwendiges bezweckt wurde, nach den
Bedingungen der Lokalfarbe, der Tageszeit, des blauen oder bewlkten Himmels und
der benachbarten Gegenstnde, welche mehr oder weniger Licht und Farbe
zurckwerfen muten. Gelang es mir, den wahrscheinlichen Ton zu treffen, der
unter hnlichen Verhltnissen ber der Natur selbst geschwebt htte - was man
gleich sah, indem ein wahrer Ton immer einen ganz eigentmlichen Zauber bt - ,
so beschlich mich ein stolzes Gefhl, in welchem mir meine Erfahrung und das
Weben der Natur eins zu sein schienen.
    Allein das Vergngen erwies sich schwieriger, als umfang- und
inhaltsreichere Sachen unternommen wurden und, durch diese Ttigkeit
hervorgerufen, meine Erfindungslust wieder auftauchte und berwucherte. Das
gewichtige Wort Komponieren summte mir mit prahlerischem Klang in den Ohren, und
ich lie, als ich nun frmliche Skizzen entwarf, die zur Ausfhrung bestimmt
waren, meinem Hange den Zgel schieen. berall suchte ich poetische Winkel und
Pltzchen, geistreiche Beziehungen und Bedeutungen anzubringen, welche mit der
erforderlichen Ruhe und Einfachheit in Widerspruch gerieten. Rmer lie mich
eine solche Skizze unbeschnitten ausfhren, und als das Machwerk mir selbst
nicht behagen wollte, ohne da ich wute warum, zeigte er mir triumphierend, da
die technischen Mittel und die Naturwahrheiten im einzelnen der anspruchsvollen
und gesuchten Komposition wegen keine Wirkung tun, zu keiner Gesamtwahrheit
werden knnten und um meine hervorstechende Zeichnung hingen wie bunte Flitter
um ein Gerippe, ja da sogar im einzelnen keine frische Wahrheit mglich sei,
auch bei dem besten Willen nicht, weil vor der berwiegenden Erfindung, vor dem
anmaenden Spiritualismus (wie er sich ausdrckte) die Naturfrische sich
sozusagen aus der Pinselspitze in den Pinselstiel sprde zurckziehe.
    Es gibt allerdings, sagte Rmer, eine Richtung, deren Hauptgewicht auf
der Erfindung, auf Kosten der unmittelbaren Wahrheit, beruht. Solche Bilder
sehen aber eher wie geschriebene Gedichte als wie wirkliche Bilder aus, wie es
ja auch Gedichte gibt, welche mehr den Eindruck einer Malerei machen mchten als
eines geistig tnenden Wortes. Wenn Sie in Rom wren und die Arbeiten des alten
Koch oder Reinharts shen, so wrden Sie, Ihrer deutlichen Neigung nach, sich
entzckt den alten Kuzen anschlieen; es ist aber gut, da Sie nicht dort sind,
denn dies ist eine gefhrliche Sache fr einen jungen Knstler. Es gehrt dazu
eine durchaus gediegene, fast wissenschaftliche Bildung, eine strenge, sichere
und feine Zeichnung, welche noch mehr auf dem Studium der menschlichen Gestalt
als auf demjenigen der Bume und Strucher beruht, mit einem Wort ein groer
Stil, welcher nur in dem Werte einer ganzen reichen Erfahrung bestehen kann, um
den Glanz gemeiner Naturwahrheit vergessen zu lassen; und mit allem diesem ist
man erst zu einer ewigen Sonderlingsstellung und Armut verdammt, und das mit
Recht, denn die ganze Art ist unberechtigt und tricht!
    Ich fgte mich diesen Reden aber nicht, weil ich ihm schon abgemerkt hatte,
da das Erfinden nicht seine Strke war; denn schon mehr als einmal hatte er,
meine Anordnungen korrigierend, Lieblingsstellen in Bergzgen oder Waldgrnden,
die ich recht bedeutsam glaubte, gar nicht einmal gesehen, indem er sie mit dem
markigen Bleistifte schonungslos berschraffierte und zu einem krftigen, aber
nichtssagenden Grunde ausglich. Wenn sie auch strten, so htte er meiner
Meinung nach wenigstens sie bemerken, mich verstehen und etwas darber sagen
mssen.
    Ich wagte daher zu widersprechen, schob die Schuld auf die Wasserfarben, in
welchen keine Kraft und Freiheit mglich sei, und sprach meine Sehnsucht aus
nach guter Leinwand und lfarben, wo alles schon von selbst eine respektable
Gestalt und Haltung gewinnen wrde. Hiemit griff ich aber meinen Lehrer in
seiner Existenz an, indem er glaubte und behauptete, da die ganze und volle
Knstlerschaft sich hinlnglich und vorzglich nur durch etwas weies Papier und
einige englische Farbentfelchen bettigen und zeigen knne. Er hatte seine Bahn
abgeschlossen und gedachte nichts anderes mehr zu leisten, als er schon tat;
daher beleidigte ihn, wie ich nun zu erkennen gab, da ich das durch ihn
Gelernte nur als eine Staffel betrachte und bereits mich darber hinweg zu etwas
Hherem berufen fhle. Er wurde um so empfindlicher, als ich einen lebhaften und
wiederholten Streit ber diesen Gegenstand hartnckig aushielt, von meinen
Hoffnungen nicht ablie und seine Aussprche, wenn sie ins Allgemeine gingen,
nicht mehr unbedingt annahm, vielmehr ungescheut bestritt. Hieran war
hauptschlich der Umstand schuld, da seine sonstigen Gesprche und Mitteilungen
immer sonderbarer und auffallender geworden und meine Achtung vor seiner
Urteilskraft geschwcht hatten. Manches fiel zusammen mit den dunklen Gerchten,
die ber ihn ergingen, so da ich eine Zeitlang in der peinlichsten Spannung
mich befand, aus einem geehrten und zuverlssigen Lehrer die seltsamste und
rtselhafteste Gestalt sich herausschlen zu sehen.
    Schon seit einiger Zeit wurden seine uerungen ber Menschen und
Verhltnisse immer hrter und zugleich bestimmter, indem sie sich
ausschlielicher auf politische Dinge bezogen. Er ging alle Abende in einen
Lesezirkel unserer Stadt, las dort die franzsischen und englischen Bltter und
pflegte sich vieles zu notieren, so wie er auch in seiner Wohnung allerlei
geheimnisvolle Papierschnitzel handhabte und sich oft ber wichtigem Schreiben
betreffen lie. Vorzglich machte er sich mit dem Journal des Dbats zu
schaffen. Unsere Regierung nannte er einen Trupp ungeschickter Krhwinkler, den
Groen Rat aber ein verchtliches Gesindel und unsere heimischen Zustnde im
ganzen dummes Zeug. Darber ward ich stutzig und hielt mit meinen Zustimmungen
zurck oder verteidigte unsere Verhltnisse und hielt ihn fr einen malkontenten
Menschen, welchen der lange Aufenthalt in fremden groen Stdten mit Verachtung
der engen Heimat angefllt habe. Er sprach oft von Louis Philippe und tadelte
dessen Maregeln und Schritte wie einer, der eine geheime Vorschrift nicht
pnktlich befolgt sieht. Einst kam er ganz unwirsch nach Hause und beklagte sich
ber eine Rede, welche der Minister Thiers gehalten. Mit diesem vertrackten
kleinen Burschen ist nichts anzufangen! rief er, indem er ein Zeitungsexzerpt
zerknitterte, ich htte ihm diese eigenmchtige Naseweisheit gar nicht
angesehen! Ich glaubte in ihm den gelehrigsten meiner Schler zu haben. -
Zeichnet denn der Herr Thiers auch Landschaften? fragte ich, und Rmer
erwiderte, indem er sich bedeutungsvoll die Hnde rieb: Das eben nicht! lassen
wir das!
    Doch bald darauf deutete er mir an, da alle Fden der europischen Politik
in seiner Hand zusammenliefen und da ein Tag, eine Stunde des Nachlasses in
seiner angestrengten Geistesarbeit, die seinen Krper aufzureiben drohe, sich
alsobald durch eine allgemeine Verwirrung der ffentlichen Angelegenheiten
bemerklich mache, da eine konfuse und ngstliche Nummer des Journal des Dbats
jedesmal bedeute, da er unplich oder abgespannt und sein Rat ausgeblieben
sei. Ich sah meinen Lehrer ernsthaft an; er machte ein unbefangenes und
ernsthaftes Gesicht, die gebogene Nase stand wie immer mitten darin, darunter
der wohlgepflegte Schnurrbart, und ber die Augen flog auch nicht das leiseste
ungewisse Zucken.
    Mein Erstaunen gewann nicht Zeit, sich aufzuhellen, indem ich ferner erfuhr,
da Rmer, whrend er der verborgene Mittelpunkt aller Staatsregierungen,
zugleich das Opfer unerhrter Tyranneien und Mihandlungen war. Er, der vor
aller Augen auf dem mchtigsten Throne Europas htte sitzen sollen von mehr als
eines Rechtes wegen, wurde durch einen geheimnisvollen Zwang gleich einem
gebannten Dmon in Verborgenheit und Armut gehalten, da er kein Glied ohne den
Willen seiner Tyrannen rhren konnte, whrend sie ihm tglich gerade so viel von
seinem Genius abzapften, als sie zu ihrer kleinlichen Weltbesorgung gebrauchten.
Freilich, wre er zu seinem Recht und zu seiner Freiheit gekommen, so wrde im
selben Augenblicke die Musewirtschaft aufgehrt haben und ein freies, lichtes
und glckliches Zeitalter angebrochen sein. Allein die winzigen Dosen seines
Geistes, welche nun so tropfenweise verwendet wrden, sammelten sich doch
langsam zu einem allmchtigen Meere, indem es ihre Art sei, da keine davon
wieder vergehen oder aufgehoben werden knne, und in jenem allbezwingenden Meere
werde sein Wesen zu seinem. Rechte kommen und die Welt erlsen, daher er gerne
seine krperliche Person wolle verschmachten lassen.
    Hren Sie diesen verfluchten Hahn krhen? rief er, dies ist nur ein
Mittel von tausenden, die sie zu meiner Qual anwenden; sie wissen, da der
Hahnenschrei mein ganzes Nervensystem erschttert und mich zu jedem Nachdenken
untauglich macht; deshalb hlt man berall Hhne in meiner Nhe und lt sie
spielen, sobald man die verlangten Depeschen von mir hat, damit das Rderwerk
meines Geistes fr den brigen Tag stillstehe! Glauben Sie wohl, da dies Haus
hier ganz mit verborgenen Rhren durchzogen ist, da man jedes Wort hrt, was
wir sprechen, und alles sieht, was wir tun?
    Ich sah mich im Zimmer um und versuchte einige Einwendungen zu machen,
welche jedoch durch seine stechenden, geheimnisvollen und wichtigen Blicke und
Worte unterdrckt wurden. Solange ich mit ihm sprach, befand ich mich in der
wunderlichen Stimmung, in welcher ein Knabe halbglubig das Mrchen eines
Erwachsenen anhrt, welcher ihm lieb ist und seiner Achtung geniet; war ich
aber allein, so mute ich mir gestehen, da ich das Beste, was ich bisher
gelernt, aus der Hand des Wahnsinns empfangen habe. Dieser Gedanke emprte mich,
und ich begriff nicht, wie jemand wahnsinnig sein knne. Eine gewisse
Unbarmherzigkeit erfllte mich, ich nahm mir vor, mit einem klaren Worte die
ganze unsinnige Wolke gewi zu zerstreuen; stand ich aber dem Wahnsinne
gegenber, so mute ich seine Strke und Undurchdringlichkeit sogleich fhlen
und froh sein, wenn ich Worte fand, welche, auf die verirrten Gedanken
eingehend, dem Leidenden durch Mitteilung einige Erleichterung gewhren konnten.
Denn da er wirklich unglcklich und leidend war und alle eingebildeten Qualen
auch fhlte, konnte ich nicht verkennen.
    
    Ich verschwieg Rmers Tollheit lange gegen jedermann und selbst gegen meine
Mutter, weil ich meine eigene Ehre dabei beteiligt glaubte, wenn ein so
trefflicher Lehrer und Knstler als verrckt erschien, und weil es mir
widerstrebte, den schlimmen Gerchten, die ber ihn im Umlauf waren,
entgegenzukommen. Doch verlockte mich einst ein gar zu lcherliches Vorkommnis
zum Plaudern. Nachdem er nmlich fter bedeutungsvoll bald von den Bourbonen,
bald von den Napoleoniden, bald von den Habsburgern gesprochen, ereignete es
sich, da eine Knigin-Mutter aus irgendeinem monarchischen Staate, eine alte
Frau mit vielen Dienern und Schachteln, einige Tage sich in unserer Stadt
aufhielt. Sogleich geriet Rmer in groe Aufregung, lenkte auf Spaziergngen
unsern Weg an dem Gasthofe vorbei, wo sie logierte, ging in das Haus, als ob er
mit der Dame, die er als sehr intrigant und seinetwegen hergekommen schilderte,
wichtige Unterredungen htte, und lie mich lange unten warten. Doch bemerkte
ich an dem Dufte, den er zurckbrachte, da er sich lediglich in der
Kutscherstube aufgehalten und dort wohl eine Knoblauchwurst nebst einem Glase
Wein zu sich genommen haben mute. Diese Narrenpossen, von einem Manne mit so
edlem und ernstem uern getrieben, emprten mich um so mehr, als sie mit einer
lcherlichen Listigkeit verbunden waren. Ich begann daher, mich zu Hause und
auch anderwrts ber die Angelegenheit zu uern und erfuhr nun mit
Verwunderung, da Rmers seltsames Wesen wohl bekannt war, aber, statt Mitleiden
und hilfreiche Teilnahme zu erregen, als eine Art bswilligen Lasters, als
wissentliche Verlogenheit betrachtet wurde, darauf berechnet, die Menschen zu
betrgen und auf ihre Kosten etwas Falsches vorzustellen. Irgendeine im fernen
Auslande begangene Verletzung der Bescheidenheit oder guten Sitte oder eine
eingegangene Schuld, die er nicht lsen konnte, mute mit dem Beginne der
Krankheit zusammengefallen sein, ohne da man dahinterkommen konnte, was es
eigentlich gewesen. Der Betroffene, der die Kenntnis davon in geheimer Weise
unterhielt und von Zeit zu Zeit erneuerte, wollte doch den Anschein eines
nachtragenden Verfolgers nicht auf sich nehmen und wute den Kranken auf eine
Art zu isolieren, da fast nicht von der Sache gesprochen wurde und jener selbst
keine Ahnung davon hatte. Aber whrend viel unbedeutendere Knstler sich
behaglich durchbringen konnten, tat man, als ob Rmer gar nicht da wre, und
keine Gunst, keine Anerkennung, keine gefllige Frsprache kam seinem
untadelhaften Fleie entgegen, der bei aller Geistesverirrung niemals
einschlief. Ich erfuhr erst spter, da Rmer whrend unsers Verkehrs fast immer
gehungert und dabei seine sprlichen Mittel beinahe nur fr den Unterhalt einer
saubern uern Erscheinung geopfert hatte.
    Wenn ich nun die umlaufenden Nachreden auch nicht fr bare Mnze nahm und
den Mann gegen das Gercht verteidigte, so beeintrchtigte es doch mein
Vertrauen und den jugendlich ehrerbietigen Aufblick zu dem Lehrer, und ich wurde
bis zu einem gewissen Grade mit gegen ihn eingenommen, nur mit dem Unterschiede,
da ich seinen Wert als Knstler nach wie vor hochhielt.
    Nachdem ich vier Monate unter seiner Leitung zugebracht, wollte ich mich
zurckziehen, indem ich die bezahlte Summe nun als ausgeglichen betrachtete.
Doch er uerte wiederholt, da es hiemit nicht so genau zu nehmen und die
Studien deshalb nicht abzubrechen wren; es sei ihm im Gegenteil ein angenehmes
Bedrfnis, unsern Verkehr fortzusetzen. So arbeitete ich zwar nicht mehr in
seiner Wohnung, besuchte ihn aber zuweilen und empfing seinen Rat. Weitere vier
Monate vergingen so, whrend welcher er, durch die Not gezwungen, aber leichthin
und beilufig mich anfragte, ob meine Mutter ihm mit einem etwelchen Darlehen
auf kurze Zeit aushelfen knne? Er bezeichnete ungefhr eine gleiche Summe wie
die schon empfangene, und ich brachte ihm das Geld noch am gleichen Tage. Im
Frhjahr endlich gelang es ihm, mit Mhe wieder einmal eine Arbeit zu verkaufen,
wodurch er etwas reichlichere Mittel in die Hnde bekam. Mit diesen beschlo er
nach Paris zu gehen, da ihm hier kein Heil blhen wollte und ihn sonst auch der
Wahn forttrieb, durch Ortsvernderung ein besseres Los erzwingen zu knnen. Denn
trotz allem scharfsinnigen Instinkte, den ein Irrsinniger und Unglcklicher hat,
ahnte er von ferne nicht, da sein wirkliches Geschick viel schlimmer als sein
eingebildetes Leiden und da die Welt bereingekommen war, seine armen schnen
Zeichnungen und Bilder entgelten zu lassen, was man von seiner vermeintlichen
Schlechtigkeit hielt.
    Ich fand ihn, wie er seine Sachen zusammenpackte und einige Rechnungen
bezahlte. Er kndigte mir seine Abreise an, die am andern Tage erfolgen sollte,
und verabschiedete sich zugleich freundlich von mir, noch einige geheimnisvolle
Andeutungen ber den Zweck der Reise beifgend. Als ich meiner Mutter die
Nachricht mitteilte, fragte sie sogleich, ob er denn nichts von dem geliehenen
Gelde gesagt habe?
    Ich hatte bei Rmer einen entschiedenen Fortschritt gemacht, mein ganzes
Knnen und meinen Blick erweitert, und es war gar nicht zu berechnen und schon
nicht mehr zu denken, wie es ohne dies alles mit mir htte gehen sollen.
Deswegen htten wir das Geld fglich als eine wohlangewandte Entschdigung
ansehen drfen, und dies um so mehr, als Rmer mir die letzte Zeit nach wie vor
seinen Rat gegeben hatte. Allein wir glaubten nur einen Beweis von der
Richtigkeit jener Gerchte zu sehen und wuten auch dazumal noch nicht, wie
kmmerlich er lebte; wir dachten ihn im Besitze guter Mittel, denn er hatte
seine Armut sorgfltig verborgen. Meine Mutter bestand darauf, da er das
Geliehene zurckgeben msse, und war zornig, da jemand von dem zum Besten ihres
Shnleins bestimmten kleinen Geldvorrate sich ohne weiteres einen Teil aneignen
wolle. Was ich gelernt, zog sie nicht in Betracht, weil sie es fr die
Schuldigkeit aller Welt hielt, mir mitzuteilen, was man irgend Gutes wute.
    Ich dagegen, teils weil ich zuletzt auch gegen Rmer eingenommen war und ihn
fr eine Art Schwindler hielt, teils weil ich meine Mutter zur Herausgabe der
Summe beredet, und endlich aus Unverstand und Verblendung, hatte nichts
einzuwenden und empfand eher eine Genugtuung, mich fr alle Unbill zu rchen.
Als daher die Mutter ein Billett an ihn schrieb und ich einsah, da er, wenn er
entschlossen war, das Geld zu behalten, die Mahnung einer in seinen Augen
gewhnlichen Frau nicht beachten werde, kassierte ich das Schreiben meiner
Mutter, welche ohnedies verlegen war, an einen so ansehnlichen und fremdartigen
Mann zu schreiben, und entwarf ein anderes, welches, ich mu es zu meiner
Schande gestehen, hchst zweckmig eingerichtet war. In hflicher Sprache
berechnete ich seine fixen Ideen, seinen Stolz und sein Ehrgefhl, und indem das
bescheidene Billett erst zu einer Bitterkeit wurde, wenn es unbercksichtigt
blieb, war es, wenn Rmer alles das verlachen sollte, schlielich so beschaffen,
da er doch nicht lachen, sondern sich durchschaut sehen konnte. Soviel brauchte
es indessen gar nicht; denn als wir das Machwerk hinschickten, kehrte der Bote
augenblicklich mit dem Gelde zurck. Ich war etwas beschmt; doch sprachen wir
jetzt alles Gute von ihm, er sei doch nicht so bel usf., nur weil er uns das
elende Hufchen Silber herausgegeben.
    Ich glaube, wenn Rmer sich eingebildet htte, ein Nilpferd oder ein
Speiseschrank zu sein, so wre ich nicht so unbarmherzig und undankbar gegen ihn
gewesen; da er aber ein groer Prophet sein wollte, so fhlte sich meine eigene
Eitelkeit dadurch verletzt und waffnete sich mit den uerlichen scheinbaren
Grnden.
    Nach einem Monate erhielt ich von Rmer folgenden Brief aus Paris:




                          Mein werter junger Freund!


Ich bin Ihnen eine Nachricht ber mein Befinden schuldig, da ich gern annehme,
mich Ihrer ferneren Teilnahme und Freundschaft erfreuen zu drfen. Bin ich Ihnen
doch meine endliche Befreiung und Herrschaft schuldig. Durch Ihre Vermittlung,
indem Sie das Geld von mir zurckverlangten (welches ich nicht vergessen hatte,
aber Ihnen in einem freiern Augenblicke zurckgeben wollte), bin ich endlich in
den Palast meiner Vter eingezogen und meiner wahren Bestimmung anheimgegeben!
Aber es kostete Mhseligkeit. Ich gedachte jene Summe zu meinem ersten
Aufenthalte hier zu verwenden; da Sie aber selbige zurckverlangten, so blieb
mir nach Abzug der Reisekosten noch ein Franc brig, mit welchem ich von der
Post ging. Es regnete sehr stark, und verwandte ich daher den besagten Franc
dazu, nach dem Mont pit zu fahren und dorten meine Koffer zu versetzen. Bald
darauf sah ich mich gentigt, meine Sammlungen einem Trdler fr ein Trinkgeld
zu verkaufen, und erst jetzt, als ich endlich von aller angenommenen
Knstlermaske und allem Kunstapparate glcklich befreit und hungernd in den
Straen umherlief, ohne Obdach, ohne Kleider, doch jubelnd ber meine Freiheit,
da fanden mich treue Diener meines erlauchten Hauses und fhrten mich im Triumph
heim! Aber noch beobachtet man mich zuweilen, und ich benutze eine gnstige
Gelegenheit, dies Zeichen zu senden. Sie sind mir wert geworden, und ich habe
etwas Gutes mit Ihnen vor! Inzwischen nehmen Sie meinen Dank fr die gnstige
Wendung, die Sie herbeigefhrt! Mge alles Elend der Erde in Ihr Herz fahren,
jugendlicher Held! Mgen Hunger, Verdacht und Mitrauen Sie liebkosen und die
schlimme Erfahrung Ihr Tisch- und Bettgenosse sein! Als aufmerksame Pagen sende
ich Ihnen meine ewigen Verwnschungen, mit denen ich mich bis auf weiteres Ihnen
treulichst empfehle!

                                                       Ihr wohlgewogener Freund.

Dies nur in Eile, ich bin zu sehr beschftigt!

Erst spter erfuhr ich, da Rmer in einem franzsischen Irrenhause verschollen
sei. Wie es dazu kam, wird in obigem Briefe ziemlich klar. Meine Mutter, welcher
ich alles verhehlte, konnte keine Schuld treffen als diejenige aller Frauen,
welche aus Sorge fr ihre Angehrigen engherzig und rcksichtslos gegen alle
Welt werden. Ich hingegen, der ich gerade zu dieser Zeit mich gut und strebsam
glaubte, sah nun ein, welche Teufelei ich begangen hatte. Ich log, verleumdete,
betrog oder stahl nicht, wie ich es als Kind getan, aber ich war undankbar,
ungerecht und hartherzig unter dem Scheine des uern Rechtes. Ich mochte mir
lange sagen, da jene Forderung ja nur eine einfache Bitte um das Geliehene
gewesen sei, wie sie alle Welt versucht, und da weder meine Mutter noch ich je
gewaltsam darauf bestanden htten; ich mochte mir lange sagen, da Erfahrung den
Meister mache und man auch diese Art Unrecht, als die hufigste und am
leichtesten zu begehende, am besten durch ein Erlebnis recht einsehen und
vermeiden lerne; mochte ich mich auch berreden, da Rmers Wesen und Schicksal
mein Verhalten hervorgerufen und auch ohne diesen Vorgang seine Erfllung
erreicht htte alles dies hinderte nicht, da ich mir doch die bittersten
Vorwrfe machen mute und mich schmte, sooft Rmers Gestalt vor meinen Sinn
trat. Wenn ich auch die Welt verwnschte, welche dergleichen Handlungen als klug
und recht anerkennt (denn die rechtlichsten Leute hatten uns zu der
Wiedererlangung der Summe beglckwnscht), so fiel doch alle Schuld wieder auf
mich allein zurck, wenn ich an die Anfertigung jenes Billetts dachte, welches
ich ohne die mindeste Mhe geschrieben und gleichsam aus dem rmel geschttelt
hatte. Ich war bald achtzehn Jahre alt und entdeckte jetzt erst, wie ruhig und
unbefangen ich seit den Knabensnden und Krisen gelebt, sechs lange Jahre! Und
nun pltzlich diese Untat! Wenn ich schlielich bedachte, wie ich jenes
unverhoffte Erscheinen Rmers als eine hhere Fgung angesehen, so wute ich
nicht, sollte ich lachen oder weinen ber den Dank, den ich dafr gespendet. Den
unheimlichen Brief wagte ich nicht zu verbrennen und frchtete mich, ihn
aufzubewahren; bald begrub ich ihn unter entlegenem Germpel, bald zog ich ihn
hervor und legte ihn zu meinen liebsten Papieren, und noch jetzt, sooft ich ihn
finde, verndere ich seinen Ort und bringe ihn anderswohin, so da er auf steter
Wanderschaft ist.

                                Sechstes Kapitel



                                Leiden und Leben

Diese Demtigung traf mich um so strker, als ich, in Annas Trumen und Ahnungen
rein und gut zu erscheinen, den Winter ber ein puritanisches Wesen angenommen
hatte und nicht nur meine uerliche Haltung, sondern auch meine Gedanken
sorgfltig berwachte und mich bestrebte, wie ein Glas zu sein, das man jeden
Augenblick durchschauen drfe. Welche Ziererei und Selbstgeflligkeit dabei
ttig war, wurde mir jetzt erst bei dieser gewaltsamen Strung deutlich, und
meine Selbstanklage wurde noch durch das Gefhl der Narrheit und Eitelkeit
verbittert.
    Anna hatte whrend des Winters streng das Zimmer hten mssen und wurde im
Frhling bettlgerig. Der arme Schulmeister kam in die Stadt, um meine Mutter
abzuholen; er weinte, als er in die Stube trat. Wir schlossen also unsere
Wohnung zu und fuhren mit ihm hinaus, wo meine Mutter wie ein halbes Meerwunder
empfangen und geehrt wurde. Sie enthielt sich jedoch, alle die Orte, die ihr
teuer waren, aufzusuchen und ihre gealterten Bekannten zu sehen, sondern eilte,
sich bei dem kranken Kinde einzurichten; erst nach und nach benutzte sie
gnstige Augenblicke, und es dauerte monatelang, bis sie alle Jugendfreunde
gesehen, obgleich die meisten in der Nhe wohnten.
    Ich hielt mich im Hause des Oheims auf und ging alle Tage an den See
hinber. Anna litt morgens und abends und in der Nacht am meisten; den Tag ber
schlummerte sie oder lag schweigend im Bette, und ich sa an demselben, ohne
viel zu wissen, was ich sagen sollte. Unser Verhltnis trat uerlich zurck vor
dem schweren Leiden und der Trauer, welche die Zukunft nur halb verhllte. Wenn
ich manchmal ganz allein auf eine Viertelstunde bei ihr sa, so hielt ich ihre
Hand, whrend sie mich bald ernst, bald lchelnd ansah, ohne zu sprechen, oder
hchstens, um ein Glas oder sonst einen Gegenstand von mir zu verlangen. Auch
lie sie sich oft ihre Schchtelchen und kleinen Schtze auf das Bett bringen,
kramte dieselben aus, bis sie mde war, wo sie mich dann alles wieder einpacken
lie. Dies erfllte uns beinahe mit einem stillen Glcke, und wenn ich dann
fortging, so konnte ich nicht begreifen, wie und warum ich Anna in Erwartung
schmerzenvoller Qualen zurcklie.
    Der Frhling blhte nun in aller Pracht; aber das arme Kind konnte kaum und
selten ans Fenster gebracht werden. Wir fllten daher die Wohnstube, in welcher
ihr weies Bett stand, mit Blumenstcken und bauten vor dem Fenster ein breites
Gerste, um auf demselben durch grere Tpfe mglichst einen Garten
einzurichten. Wenn Anna an sonnigen Nachmittagen eine gute Stunde hatte und wir
der warmen Maisonne das Fenster ffneten, der silberne See durch die Rosen und
Oleanderblten hereinglnzte und Anna in ihrem weien Krankenkleide dalag, so
schien hier ein sanfter trauernder Kultus des Todes begangen zu werden.
    Manchmal aber wurde Anna in solchen Stunden ganz munter und verhltnismig
redselig; wir setzten uns dann um ihr Bett herum und fhrten ein gemchliches
Gesprch ber Personen und Begebenheiten, bald heiterer Natur und bald ernster,
so da Anna Bericht erhielt von dem, was unsere kleine Welt bewegte. Eines
Tages, als meine Mutter in das Dorf gegangen war, fiel das Gesprch auf mich
selbst, und der Schulmeister wie seine Tochter schienen es auf diesem
Gegenstande so wohlwollend festhalten zu wollen, da ich mich uerst
geschmeichelt fhlte und aus behaglicher Dankbarkeit die grte Aufrichtigkeit
entgegenbrachte. Ich benutzte den Anla, mein Verhltnis zu dem unglcklichen
Rmer zu erzhlen, ber welches ich seit jenem Briefe mit niemanden gesprochen,
und ich brach in die heftigsten Klagen ber den Vorfall und mein Verhalten aus.
Der Schulmeister verstand mich aber nicht recht; denn er wollte mich beruhigen
und die Sache als nicht halb so schlimm darstellen, und was darin doch gefehlt
war, sollte mich aufmerksam machen, da wir eben allzumal Snder und der
Barmherzigkeit des Erlsers bedrftig seien. Das Wort Snder war mir aber ein
fr allemal verhat und lcherlich und ebenso die Barmherzigkeit; vielmehr
wollte ich ganz unbarmherzig die Sache mit mir selbst ausfechten und mich
verurteilen auf gut weltlich gerichtete Art und durchaus nicht auf geistliche
Weise.
    Pltzlich aber bekam Anna, welche sich bisher still verhalten, aufgeregt
durch meine Erzhlung und durch mein Gebaren, einen heftigen Anfall ihrer
Krmpfe und Leiden, da ich das arme zarte Wesen zum ersten Mal seiner ganzen
hilflosen Qual verfallen sah. Groe Trnen, durch Not und Angst erpret, rollten
ber ihre weien Wangen, ohne da sie dieselben aufhalten konnte. Sie war ganz
durch die Bewegungen ihrer Leiden beschftigt, so da bald alle Rcksicht und
Haltung verschwinden muten, und nur dann und wann richtete sie einen kurzen
irrenden Blick auf mich, wie aus einer fremden Welt des Schmerzes heraus;
zugleich schien sie dann eine zarte Scham zu ngstigen, so malos vor mir leiden
zu mssen; und ich mu bekennen, da meine Verlegenheit, so gesund und
ungeschlacht vor dem Heiligtume dieser Martersttte zu stehen, fast so gro war
als mein Mitleiden. berzeugt, da ich ihr dadurch wenigstens einige Befreiung
verschaffe, lie ich sie in den Armen ihres Vaters und eilte bestrzt und
beschmt davon, meine Mutter herbeizuholen.
    Nachdem diese mit einer Nichte sich fortbegeben, um das kranke Kind zu
pflegen, blieb ich den Rest des Tages im Hause des Oheims, mir Vorwrfe machend
ber mein plumpes Ungeschick. Nicht nur mein Unrecht gegen Rmer, sondern sogar
das Bekenntnis desselben und seine heutigen Folgen warfen einen gehssigen
Schein auf mich, und ich fhlte mich gebannt in einer jener dunklen Stimmungen,
wo einem der Zweifel aufsteigt, ob man wirklich ein guter, zum Glck bestimmter
Mensch sei? wo es scheint, als ob nicht sowohl eine Schlechtigkeit des Herzens
und des Charakters als eine gewisse Schlechtigkeit des Kopfes, des Geschickes
einem anhafte, welche noch unglcklicher macht als die entschiedene Teufelei.
Ich konnte nicht einschlafen vor dem Bedrfnisse, mich zu uern, da das
immerwhrende Verschweigen wie die milungene Aufrichtigkeit das Gefhl des
Unheimlichen noch vermehrt. Ich stand nach Mitternacht auf, kleidete mich an und
schlich mich aus dem Hause, um Judith aufzusuchen. Ungesehen kam ich durch
Grten und Hecken, fand aber alles dunkel und verschlossen bei ihr. Ich stand
einige Zeit unschlssig vor dem Hause; doch kletterte ich zuletzt am Spalier
empor und klopfte zaghaft an das Fenster; denn ich frchtete mich, das schne
und kluge Weib aus dem geheimnisvollen Schleier der Nacht aufzuschrecken. Sie
hrte und erkannte mich sogleich, stand auf, zog sich leicht an und lie mich
zum Fenster herein. Dann machte sie Licht, Helle zu verbreiten, weil sie
glaubte, ich sei in der Absicht gekommen, irgend einige Liebkosungen zu wagen.
Aber sie war sehr verwundert, als ich anfing, meine Geschichten zu erzhlen,
erst die gewaltsame Strung, welche ich heute in die stille Krankenstube
getragen, und dann die unglckliche Geschichte mit Rmer, deren ganzen Verlauf
ich schilderte. Nachdem ich meinen kunstreichen Mahnbrief und den darauf
erhaltenen Pariser Brief beschrieben, aus dessen Inhalt wir wohl Rmers
Schicksal ahnen konnten, nur da wir statt des Irrenhauses gar ein Gefngnis
vermuteten, rief Judith: Das ist ja ganz abscheulich! Schmst du dich denn
nicht, du Knirps? Und indem sie zornig auf und nieder ging, malte sie recht
genau aus, wie Rmer sich vielleicht erholt htte, wenn man ihm nicht die Mittel
zu seinem ersten Aufenthalte in Paris entzogen, wie ihn der Erhaltungstrieb
vielleicht, ja sicher eine Zeitlang htte klug sein lassen und hieraus
unberechenbar eine bessere Wendung auf diese oder jene Weise mglich gewesen.
    Oh, htte ich den armen Mann pflegen knnen, rief sie aus, gewi htte
ich ihn kuriert! Ich htte ihn ausgelacht und ihm geschmeichelt, bis er klug
geworden wre!
    Dann stand sie still, sah mich an und sagte: Weit du wohl, Heinrich, da
du allbereits ein Menschenleben auf deiner grnen Seele hast?
    Diesen Gedanken hatte ich mir noch nicht einmal klargemacht, und ich sagte
betroffen: So arg ist es wohl nicht! Im schlimmsten Falle wre es ein
unglcklicher Zufall, den ich herbeizufhren nie whnen konnte!
    Ja, erwiderte sie sachte, wenn du eine einfache, sogar grobe Forderung
gestellt httest! Durch deinen saubern Hllenzwang aber hast du ihm frmlich den
Dolch auf die Brust gesetzt, wie es auch ganz einer Zeit gem ist, wo man sich
mit Worten und Brieflein totsticht! Ach, der arme Mann! Er war so fleiig und
gab sich Mhe, aus der Patsche zu kommen, und als er endlich ein Rllchen Geld
erwarb, nimmt man es ihm weg! Es ist so natrlich, den Lohn der Arbeit zu seiner
Ernhrung zu verwenden; aber da heit es Gib erst zurck, wenn du geborgt hast,
und dann verhungere!
    Wir saen beide eine Weile dster und nachdenklich da; dann sagte ich: Das
hilft nichts, geschehene Dinge sind einmal nicht zu ndern. Die Geschichte soll
mir zur Warnung dienen; aber ich kann sie nicht ewig mit mir herumschleppen, und
da ich mein Unrecht einsehe und bereue, so mut du es mir endlich verzeihen und
mir die Gewiheit geben, da ich deswegen nicht hassenswert und garstig
aussehe!
    Ich merkte nmlich erst jetzt, da ich darum hergekommen und allerdings
bedrftig war, durch Mitteilung und durch die Vermittlung eines fremden Mundes
die Vertilgung eines drckenden Gefhles oder Verzeihung zu erlangen, wenn ich
mich auch gegen des Schulmeisters christliche Vermittlung strubte. Aber Judith
antwortete: Daraus wird nichts! Die Vorwrfe deines Gewissens sind ein ganz
gesundes Brot fr dich, und daran sollst du dein Leben lang kauen, ohne da ich
dir die Mutter der Verzeihung darauf streiche! Dies knnte ich nicht einmal;
denn was nicht zu ndern ist, ist eben deswegen auch nicht zu vergessen, dnkt
mich, ich habe dies genugsam erfahren! brigens fhle ich leider nicht, da du
mir irgend widerwrtig geworden wrest; wozu wre man da, wenn man nicht die
Menschen, wie sie sind, liebhaben mte?
    Diese seltsame uerung in Judiths Munde machte mich tief betroffen und
verursachte mir ein langes Nachsinnen; je lnger ich sann, desto gewisser wurde
es mir, da Judith das Rechte getroffen, und ich gelangte zu einem Schlu,
welcher, indem er zugleich zu einem Entschlu wurde, nmlich das Bewutsein des
begangenen Unrechtes nie mehr vergessen und immer in seiner ganzen Frische
tragen zu wollen, mir die einzig mgliche Ausgleichung zu sein schien.
    Es ist merkwrdig, da die Menschen immer nur groe Dummheiten, die sie
begangen, nicht glauben vergessen zu knnen, sich bei deren Erinnerung vor den
Kopf schlagen und kein Hehl daraus machen, zum Zeichen, da sie nun klger
geworden; begangenes Unrecht aber machen sie sich weis allmhlich vergessen zu
knnen, whrend es in der Tat nicht so ist, schon deswegen, weil das Unrecht mit
der Dummheit nahe verwandt und hnlicher Natur ist. Ja, dachte ich, so
unverzeihlich mir meine Dummheiten sind, wird es auch mein Unrecht sein! Was ich
an Rmer getan, werde ich von nun an nie mehr vergessen und, wenn ich
unsterblich bin, in die Unsterblichkeit hinbernehmen, denn es gehrt zu meiner
Person, zu meiner Geschichte, zu meinem Wesen, sonst wre es nicht geschehen!
Meine einzige Sorge wird sein, noch so viel Rechtes zu tun, da mein Dasein
ertrglich bleibt!
    Ich sprang auf und verkndete der Judith diese Ausfhrung und Anwendung
ihrer einfachen Worte; denn es dnkte mir ein wichtiges Ereignis, so fr immer
auf das Vergessen einer beltat zu verzichten. Judith zog mich nieder und sagte
mir ins Ohr: Ja, so wird es sein; du bist jetzt erwachsen und hast in diesem
Handel schon deine moralische Jungfernschaft verloren! Nun kannst du dich in
acht nehmen, Brschchen, da es nicht so fort geht! Der drollige Ausdruck, den
sie gebrauchte, stellte mir die Sache noch in ein neues und lcherlich
deutliches Licht, da ich einen groen rger empfand und mich einen ausgesuchten
Narren, Laffen und aufgeblheten Popanz schalt, der sich so blindlings habe
bertlpeln lassen. Judith lachte und rief: Denke daran, wenn man am
gescheitesten zu sein glaubt, so kommt man am ehesten als ein Esel zum
Vorschein! - Du brauchst nicht zu lachen! erwiderte ich rgerlich, Dich habe
dir soeben, als ich kam, auch einen Tort angetan; ich habe gefrchtet, da du
vielleicht einen fremden Mann bei dir haben knntest!
    Sie gab mir sogleich eine Ohrfeige, doch wie es mir schien, mehr aus
Vergngen als aus Zorn, und sagte: Du bist ein recht unverschmter Gesell und
glaubst wohl, du brauchst deine schndlichen Gedanken nur einzugestehen, um von
mir absolviert zu sein! Freilich sind es nur die beschrnkten und vernagelten
Leute, welche nie etwas eingestehen wollen; aber die brigen machen deswegen
damit auch nicht alles gut! Zur Strafe gehst du mir jetzt gleich zum Tempel
hinaus und machst, da du nach Hause kommst! In der knftigen Nacht darfst du
dich wieder zeigen!
    Ich begab mich nun, sooft es anging, des Nachts zu ihr; sie brachte den Tag
meistens allein und einsam zu, whrend ich entweder weite Streifzge unternahm,
um zu zeichnen, oder in des Schulmeisters Haus, als in einer Schule des Leidens,
mich still und gemessen halten mute. So hatten wir in diesen Nchten vollauf zu
plaudern und saen oft stundenlang am offenen Fenster, wo der Glanz des
nchtlichen Himmels ber der sommerlichen Welt lag; oder wir machten dasselbe
zu, schlossen die Lden und setzten uns an den Tisch und lasen zusammen. Ich
hatte ihr im Herbst auf ihr Verlangen nach einem Buche eine deutsche bersetzung
des Rasenden Roland zurckgelassen, welchen ich selbst noch nicht nher kannte;
Judith hatte aber den Winter ber oft darin gelesen und pries mir jetzt das Buch
als das allerschnste in der Welt an. Judith zweifelte nicht mehr an Annas
baldigem Tod und sagte mir dies unverhohlen, obgleich ich es nicht zugeben
wollte; durch diesen Gegenstand und meine Berichte von jenem Krankenlager wurden
wir trbselig und dster, jedes auf seine Weise, und wenn wir nun im Ariost
lasen, so vergaen wir alle Trbsal und tauchten uns in eine frische glnzende
Welt. Judith hatte das Buch erst ganz volkstmlich als etwas Gedrucktes
genommen, wie es war, ohne ber seinen Ursprung und seine Bedeutung zu grbeln;
als wir aber jetzt zusammen darin lasen, verlangte sie manches zu wissen, und
ich mute ihr, so gut ich konnte, einen Begriff geben von der Entstehungsweise
und der Geltung eines solchen Werkes, von dem Wollen und den bewuten Absichten
des Dichters, und ich erzhlte, soviel ich wute, von Ariost. Nun wurde sie erst
recht frhlich, nannte ihn einen klugen und weisen Mann und las die Gesnge mit
verdoppelter Lust, da sie wute, da diesen so heiteren und so tiefsinnigen
Wechselgeschichten eine heitere Absicht zugrunde lag, ein Wollen, Schaffen und
Gestalten, eine Einsicht und ein Wissen, das ihr in seiner Neuheit wie ein Stern
aus dunkler Nacht erglnzte. Wenn die in Schnheit leuchtenden Geschpfe rastlos
an uns vorberzogen, von Tuschung zu Tuschung, und, leidenschaftlich sich
jagend und haschend, immer eins dem andern entschwand und ein drittes
hervortrat, oder wenn sie in kurzen Augenblicken bestraft und trauernd ruheten
von ihrer Leidenschaft oder vielmehr sich tiefer in dieselbe hineinzuruhen
schienen an klaren Gewssern, unter wundervollen Bumen, so rief Judith: O
kluger Mann! Ja, so geht es zu, so sind die Menschen und ihr Leben, so sind wir
selbst, wir Narren!
    Noch mehr glaubte ich selbst der Gegenstand eines poetischen Scherzes zu
sein, wenn ich mich neben einem Weibe sah, welches ganz wie jene Fabelwesen auf
der Stufe der voll entfalteten Kraft und Schnheit stillzustehen und dazu
angetan schien, unablssig die Leidenschaft fahrender Helden zu erregen. An
ihrer ganzen Gestalt hatte jeder Zug ein siegreiches festes Geprge, und die
Faltenlagen ihrer einfachen Kleider waren immer so schmuck und stattlich, da
man durch sie hindurch in der Aufregung wohl goldene Spangen oder gar
schimmernde Waffenstcke zu ahnen glaubte. Entblte jedoch das ppige Gedicht
seine Frauen von Schmuck und Kleidung und brachte ihre blogegebene Schnheit in
offene Bedrngnis oder in eine mutwillig verfhrerische Lage, whrend ich mich
nur durch einen dnnen Faden von der blhendsten Wirklichkeit geschieden sah, so
war es mir vollends, als wre ich ein trichter Fabelheld und das Spielzeug
eines ausgelassenen Dichters. Nicht nur das platonische Pflicht- und Treuegefhl
gegen das von christlichen Gebeten umgebene Leidensbett eines zarten Wesens,
sondern auch die Furcht, schlechtweg durch Annas krankhafte Trume verraten zu
werden, legten ein Band um die verlangenden Sinne, whrend Judith aus Rcksicht
fr Anna und mich und aus dem Bedrfnisse sich beherrschte, in dem zierlich
platonischen Wesen der Jugend noch etwas mitzuleben. Unsere Hnde bewegten sich
manchmal unwillkrlich nach den Schultern oder den Hften des andern, um sich
darumzulegen, tappten aber auf halbem Wege in der Luft und endigten mit einem
zaghaften abgebrochenen Wangenstreicheln, so da wir nrrischerweise zwei jungen
Katzen glichen, welche mit den Pftchen nacheinander auslangen, elektrisch
zitternd und unschlssig, ob sie spielen oder sich zerzausen sollen.

                               Siebentes Kapitel



                            Annas Tod und Begrbnis

Zu diesen so ganz entgegengesetzten Aufregungen der Tage und Nchte kamen im
Sommer noch verschiedene Auftritte im lndlichen Familienleben, welche bei aller
Einfachheit doch den gewaltigen Wechsel des Lebens und sein unaufhaltsames Vor
bergehen ins Licht stellten. Der Haushalt des jungen Mllers lie seine Heirat
nicht lnger aufschieben, und es wurde also eine dreitgige Hochzeit gefeiert,
bei welcher die sprlichen berreste stdtischen Gebrauches, so die Braut aus
ihrem Hause mitbrachte, gar jmmerlich dem lndlichen Pomp unterliegen muten.
Die Geigen schwiegen nicht whrend der drei Tage; ich ging mehrmals hin und fand
Judith festlich geschmckt unter dem Gedrnge der Gste; ein und das andere Mal
tanzte ich bescheiden und wie ein Fremder mit ihr, und auch sie hielt sich
zurck, obgleich wir whrend der geruschvollen Nachte Gelegenheit genug hatten,
uns unbemerkt nahe zu sein.
    Kaum war die Hochzeit vorber, so erkrankte die Muhme, welche noch nicht
fnfzig Jahre alt war, und starb in Zeit von drei Wochen. Sie war eine starke
Frau, daher ihre Todeskrankheit um so gewaltsamer, und sie starb sehr ungern.
Sie litt heftig und unruhig und ergab sich erst in den letzten zwei Tagen; und
an dem Schrecken, der sich im Hause verbreitete, konnte man erst sehen, was sie
allen gewesen. Aber wie nach dem Hinsinken eines guten Soldaten auf dem Felde
der Ehre die Lcke schnell wieder ausgefllt wird und der Kampf rstig fortgeht,
so erwies sich die Art des Lebens und des Todes dieser tapferen Frau auch auf
das schnste dadurch, da die Reihen ohne Lamentieren rasch sich schlossen; die
Kinder teilten sich in Arbeit und Sorge und versparten den beschaulichen Schmerz
bis auf die Tage der Ruhe, wo man die Marksteine des Lebens deutlicher ragen
sieht. Nur der Oheim uerte erst einige tiefere Klagen, fate diese aber bald
in das Wort meine selige Frau zusammen, das er nun bei jeder Gelegenheit
anbrachte. An dem Leichenbegngnisse sah ich Judith unter den fremden Frauen.
Sie trug ein stdtisches schwarzes Kleid bis unter das Kinn zugeknpft, sah
demtig auf den Boden und ging doch hoch einher.
    So war in kurzer Zeit die Gestalt des oheimlichen Hauses verndert und durch
die verschiedenen Vorgnge alles lter und ernster geworden. Von der traurigen
Schaubhne ihres Krankenbettes sah die arme Anna diese Vernderungen, aber schon
mehr als uerlich getrennt von den Ereignissen. Sie hatte eine geraume Zeit im
gleichen Zustande verharrt, und alle hofften, da sie am Ende wieder aufleben
wrde. Aber da man es am wenigsten dachte, erschien eines Morgens im Herbste der
Schulmeister schwarz gekleidet bei dem Oheim, welcher selbst noch schwarz ging,
und verkndete ihren Tod.
    In einem Augenblicke war nicht nur das Haus von Klagen erfllt, sondern auch
die benachbarte Mhle, und die Vorbergehenden verbreiteten das Leid im ganzen
Dorfe. Seit bald einem Jahre war der Gedanke an Annas Tod grogezogen worden,
und die Leute schienen sich ein rechtes Fest der Klage und des Bedaurens
aufgespart zu haben; denn fr eine allgemeine Totentrauer war dieser anmutige,
schuldlose und geehrte Gegenstand geeigneter als die eigenen Verluste.
    Ich hielt mich ganz still im Hintergrunde; wenn ich auch bei freudigen
Anlssen laut wurde und unwillkrlich eine anmaende Rolle spielte, so wute ich
dagegen, wo es traurig herging, mich gar nicht vorzudrngen und geriet immer in
die Verlegenheit, fr teilnahmlos und verhrtet angesehen zu werden, und dies um
so mehr, als mir von jeher nur die aus Schuld oder Unrecht entstandenen
Mistimmungen, die innere Berhrung der Menschen, nie aber das unmittelbare
Unglck oder der Tod Trnen zu entlocken vermochten.
    Jetzt aber war ich erstaunt ber den frhen Tod und noch mehr darber, da
dies arme tote Mdchen meine Geliebte war. Ich versank in tiefes Nachdenken
darber, ohne Schrecken oder heftigen Schmerz zu empfinden, obgleich, ich das
Ereignis mit meinen Gedanken nach allen Seiten durchfhlte. Nicht einmal die
Erinnerung an Judith verursachte mir Unruhe. Nachdem der Schulmeister seine
Anordnungen getroffen, wurde ich endlich aus meiner Verborgenheit hervorgezogen,
indem er mich aufforderte, nunmehr mit ihm zurckzugehen und einige Zeit bei ihm
zu wohnen. Wir machten uns auf den Weg, indessen die brigen Verwandten,
besonders die noch im Hause lebenden Tchter, versprachen, sogleich
nachzukommen.
    Auf dem Wege fate der Schulmeister sein Leid zusammen und gab ihm durch die
nochmalige Schilderung der letzten Nacht und des Sterbens, das gegen Morgen
eintraf, Worte. Ich hrte alles aufmerksam und schweigend an; die Nacht war
bengstigend und leidenvoll gewesen, der Tod selbst aber fast unmerklich und
sanft.
    Meine Mutter und die alte Katherine hatten die Leiche schon geschmckt und
in Annas Kmmerchen gelegt. Da lag sie, nach des Schulmeisters Willen, auf dem
schnen Blumenteppich, den sie einst fr ihren Vater gestickt und man jetzt ber
ihr schmales Bettchen gebreitet hatte; denn nach solchem Dienste gedachte der
gute Mann diese Decke immer zunchst um sich zu haben, solange er noch lebte.
ber ihr an der Wand hatte Katherine, deren Haar nun schon ganz ergraut war und
die aufs heftigste und zrtlichste lamentierte, das Bild hingehngt, das ich
einst von Anna gemacht, und gegenber sah man immer noch die Landschaft mit der
Heidenstube, welche ich vor Jahren auf die weie Mauer gemalt. Die beiden
Flgeltren von Annas Schrank standen geffnet, und ihr unschuldiges Eigentum
trat zutage und verlieh der stillen Totenkammer einen wohltuenden Schein von
Leben. Auch gesellte sich der Schulmeister zu den beiden Frauen, die vor dem
Schranke sich aufhielten, und half ihnen die zierlichsten und
erinnerungsreichsten Schelchen, deren die Selige von frher Kindheit an
gesammelt, hervorziehen und beschauen. Dies gewhrte ihm eine lindernde
Zerstreuung, welche ihn doch nicht von dem Gegenstande seines Schmerzes abzog.
Manches holte er sogar aus seinem eigenen Verwahrsam herbei, wie zum Beispiel
ein Bndelchen Briefe, welche das Kind aus Welschland an ihn geschrieben; diese
legte er, nebst den Antworten, die er nun im Schranke vorfand, auf Annas kleinen
Tisch, und ebenso noch andere Sachen, ihre Lieblingsbcher, angefangene und
vollendete Arbeiten, einige Kleinode, jene silberne Brautkrone Einiges wurde
sogar ihr zur Seite auf den Teppich gelegt, so da hier unbewut und gegen den
sonstigen Gebrauch von diesen einfachen Leuten eine Sitte alter Vlker gebt
wurde. Dabei sprachen sie immer so miteinander, als ob die Tote es noch hren
knnte, und keines mochte sich gern aus der Kammer entfernen.
    Indessen verweilte ich ruhig bei der Leiche und beschaute sie mit
unverwandten Blicken; aber ich ward durch das unmittelbare Anschauen des Todes
nicht klger aus dem Geheimnis desselben oder vielmehr nicht aufgeregter als
vorhin. Anna lag da, nicht viel anders, als ich sie zuletzt gesehen, nur da die
Augen geschlossen waren und das bltenweie Gesicht bestndig zu einem leisen
Errten bereit schien. Ihr Haar glnzte frisch und golden, und ihre weien
Hndchen lagen gefaltet auf dem weien Kleide mit einer weien Rose. Ich sah
alles wohl und empfand beinahe eine Art glcklichen Stolzes, in einer so
traurigen Lage zu sein und eine so poetisch schne tote Jugendgeliebte vor mir
zu sehen.
    Meine Mutter und der Schulmeister schienen stillschweigend mir ein nahes
Recht auf die Verstorbene zuzugestehen, als man verabredete, da fortwhrend
jemand bei der Toten weilen und ich die erste Wache halten sollte, damit die
brigen sich in ihrer Erschpfung einstweilen zurckziehen und etwas erholen
konnten.
    Ich blieb aber nicht lange allein mit der Anna, da bald die Basen aus dem
Dorfe kamen und nach ihnen manche andere Mdchen und Frauen, denen ein so
rhrendes Ereignis und eine so berhmte Leiche wichtig genug waren, die
drngendste Arbeit liegenzulassen und dem ehrfurchtsvollen Dienste des
Menschengeschickes nachzugehen. Die Kammer fllte sich mit Frauensleuten, welche
erst einer feierlich flsternden Unterhaltung pflagen, dann aber in ein
ziemliches Geplauder gerieten. Sie standen dichtgedrngt um die stille Anna
herum, die jungen mit ehrbar aufeinandergelegten Hnden, die lteren mit
untergeschlagenen Armen. Die Kammertr stand geffnet fr die Ab- und
Zugehenden, und ich nahm die Gelegenheit wahr, mich hinauszumachen und im Freien
umherzuschlendern, wo die nach dem Dorfe fhrenden Wege ungewhnlich belebt
waren.
    Erst nach Mitternacht traf mich die Reihe wieder, die Totenwache zu
versehen, welche wir seltsamerweise nun einmal eingerichtet. Ich blieb nun bis
zum Morgen in der Kammer; aber so schnell mir die Stunden vorbergingen, wie ein
Augenblick, sowenig wte ich eigentlich zu sagen, was ich gedacht und
empfunden. Es war so still, da ich durch die Stille hindurch glaubte das
Rauschen der Ewigkeit zu hren; das tote weie Mdchen lag unbeweglich fort und
fort, die farbigen Blumen des Teppichs aber schienen zu wachsen in dem schwachen
Lichte. Nun ging der Morgenstern auf und spiegelte sich im See; ich lschte die
Lampe ihm zu Ehren, damit er allein Annas Totenlicht sei, sa nun im Dunkeln in
meiner Ecke und sah nach und nach die Kammer sich erhellen. Mit der Dmmerung,
welche in das reinste goldene Morgenrot berging, schien es zu leben und zu
weben um die stille Gestalt, bis sie deutlich im hellen Tage dalag. Ich hatte
mich erhoben und vor das Bett gestellt, und indem ihre Gesichtszge klar wurden,
nannte ich ihren Namen, aber nur hauchend und tonlos; es blieb totenstill, und
als ich zugleich zaghaft ihre Hand berhrte, zog ich die meinige entsetzt
zurck, als ob ich an glhendes Eisen gekommen wre; denn die Hand war kalt wie
ein Huflein khler Ton.
    Wie dies abstoende kalte Gefhl meinen ganzen Krper durchrieselte, lie es
mir nun auch pltzlich das Gesicht der Leiche so seelenlos und abwesend
erscheinen, da mir beinahe der erschreckte Ausruf entfuhr: Was hab ich mit dir
zu schaffen? als aus dem Saale her die Orgel in milden und doch krftigen Tnen
erklang, welche nur manchmal in leidvollem Zittern schwankten, dann aber wieder
zu harmonischer Kraft sich ermannten. Es war der Schulmeister, welcher in dieser
Morgenfrhe seinen Schmerz und seine Klage durch die Melodie eines alten Liedes
zum Lob der Unsterblichkeit zu lindern suchte. Ich lauschte der Melodie; sie
bezwang meinen krperlichen Schrecken, ihre geheimnisvollen Tne ffneten die
unsterbliche Geisterwelt, und ich glaubte derselben durch ein neues Gelbnis mit
der Entschlafenen um so sicherer anzugehren. Das schien mir wiederum ein
bedeutungsvoller und feierlicher Vorgang zu sein.
    Aber zugleich wurde mir nun der Aufenthalt in der Totenkammer zuwider, und
ich war froh, mit dem Gedanken der Unsterblichkeit hinauszukommen ins lebendige
Grne. Es erschien an diesem Tage ein Schreinergesell aus dem Dorfe, um hier den
Sarg zu machen. Der Schulmeister hatte vor Jahren schon eigenhndig eine saubere
Tanne gefllt und zu seinem Sarge bestimmt. Dieselbe lag in Bretter gesgt
hinter dem Hause, durch das Vordach geschtzt, und hatte immer zu einer Ruhebank
gedient, auf welcher der Schulmeister zu lesen und seine Tochter als Kind zu
spielen pflegte. Es zeigte sich nun, da die obere schlanke Hlfte des Baumes
den schmalen Totenschrein Annas abgeben knne, ohne den zuknftigen Sarg des
Vaters zu beeintrchtigen; die wohlgetrockneten Bretter wurden abgehoben und
eines nach dem andern entzweigeschnitten. Der Schulmeister vermochte aber nicht
lange dabeizusein, und selbst die Frauen im Hause klagten ber den Ton der Sge.
Der Schreiner und ich trugen daher die Bretter und das Werkzeug in den leichten
Nachen und fuhren an eine entlegene Stelle des Ufers, wo das Flchen aus dem
Gehlze hervortritt und in den See mndet. Junge Buchen bilden dort am Wasser
eine lichte Vorhalle, und indem der Schreiner einige der Bretter mittelst
Schraubzwingen an den Stmmchen befestigte, stellte er eine zweckmige
Hobelbank her, ber welcher die Laubkronen der Buchen sich wlbten. Zuerst mute
der Boden des Sarges zusammengefgt und geleimt werden. Ich machte aus den
ersten Hobelspnen und aus Reisig ein Feuer und setzte die Leimpfanne darauf, in
welche ich mit der Hand aus dem Bache Wasser trufelte, indessen der Schreiner
rstig darauf lossgte und - hobelte. Whrend die gerollten Spne sich mit dem
fallenden Laube vermischten und die Bretter glatt wurden, machte ich die nhere
Bekanntschaft des jungen Gesellen. Es war ein Norddeutscher von der fernsten
Ostsee, gro und schlank gewachsen, mit khnen und schn geschnittenen
Gesichtszgen, hellblauen, aber feurigen Augen und mit starkem goldenem Haar,
welches man immer ber die freie Stirn zurckgestrichen und hinten in einen
Schopf gebunden zu sehen glaubte, so urgermanisch sah er aus. Seine Bewegungen
bei der Arbeit waren elegant, und dabei hatte sein Wesen doch etwas Kindliches.
Wir wurden bald vertraut, und er erzhlte mir von seiner Heimat, von den alten
Stdten im Norden, vom Meere und von der mchtigen Hansa. Wohlunterrichtet,
erzhlte er mir von der Vergangenheit, den Sitten und Gebruchen jener
Seeksten; ich sah den langen und hartnckigen Kampf der Stdte mit den
Seerubern, den Vitalienbrdern, und wie Klaus Strzenbecher mit vielen Gesellen
von den Hamburgern gekpft wurde; dann sah ich wieder, wie am ersten Mai aus den
Toren von Stralsund der jngste Ratsherr mit einem glnzenden Jugendgefolge im
Waffenschmuck zog und in den prchtigen Buchenwldern zum Maigrafen gekrnt
wurde mit einer grnen Laubkrone und wie er abends mit einer schnen Maigrfin
tanzte. Auch beschrieb er die Wohnungen und Trachten nordischer Bauern, von den
Hinterpommern bis zu den tchtigen Friesen, bei welchen noch Spuren mnnlichen
Freiheitsinnes zu finden; ich sah ihre Hochzeiten und Leichenbegngnisse, bis
der Geselle endlich auch von der Freiheit deutscher Nation redete und wie bald
die stattliche Republik eingefhrt werden mte. Ich schnitzte unterdessen nach
seiner Anleitung eine Anzahl hlzerner Ngel; er aber fhrte schon mit dem
Doppelhobel die letzten Ste ber die Bretter, feine Spne lsten sich gleich
zarten glnzenden Seidenbndern und mit einem hell singenden Tone, welcher unter
den Bumen ein seltsames Lied war. Die Herbstsonne schien warm und lieblich
drein, glnzte frei auf dem Wasser und verlor sich im blauen Duft der Waldnacht,
an deren Eingang wir uns angesiedelt. Jetzt baueten wir die glatten weien
Bretter zusammen, die Hammerschlge hallten wider durch den Wald, da die Vgel
berrascht aufflogen und erschreckt ber den Seespiegel streiften, und bald
stand der fertige Sarg in seiner Einfachheit vor uns, schlank und ebenmig, der
Deckel schn gewlbt. Der Schreiner hobelte mit wenigen Zgen eine schmale
zierliche Hohlkehle um die Kanten, und ich sah verwundert, wie die Linien sich
spielend dem weichen Holze eindrckten; dann zog er zwei Stcke Bimsstein hervor
und rieb sie aneinander, indem er sie ber den Sarg hielt und das weie Pulver
ber denselben verbreitete; ich mute lachen, als er die Stcke geradeso gewandt
handhabte und abklopfte, wie ich bei meiner Mutter gesehen, wenn sie zwei
Zuckerschollen ber einem Kuchen rieb. Als er aber den Sarg vollends mit dem
Steine abschliff, wurde derselbe so wei wie Schnee, und kaum der leiseste
rtliche Hauch des Tannenholzes schimmerte noch durch, wie bei einer Apfelblte.
Er sah so weit schner und edler aus, als wenn er bemalt, vergoldet oder gar mit
Erz beschlagen gewesen wre. Am Haupte hatte der Schreiner der Sitte gem eine
ffnung mit einem Schieber angebracht, durch welche man das Gesicht sehen
konnte, bis der Sarg versenkt wurde; es galt nun noch eine Glasscheibe
einzusetzen, welche man vergessen, und ich fuhr nach dem Hause, um eine solche
zu holen. Ich wute schon, da auf einem Schranke ein alter kleiner Rahmen lag,
aus welchem das Bild lange verschwunden. Ich nahm das vergessene Glas, legte es
vorsichtig in den Nachen und fuhr zurck. Der Geselle streifte ein wenig im
Gehlze umher und suchte Haselnsse; ich probierte indessen die Scheibe, und als
ich fand, da sie in die; ffnung pate, tauchte ich sie, da sie ganz bestaubt
und verdunkelt war, in den klaren Bach und wusch sie sorgfltig, ohne sie an den
Steinen zu zerbrechen. Dann hob ich sie empor und lie das lautere Wasser
ablaufen, und indem ich das glnzende Glas hoch gegen die Sonne hielt und durch
dasselbe schaute, erblickte ich das lieblichste Wunder, das ich je gesehen. Ich
sah nmlich drei musizierende Engelknaben der mittlere hielt ein Notenblatt und
sang, die beiden anderen spielten auf altertmlichen Geigen, und alle schauten
freudig und andachtsvoll nach oben; aber die Erscheinung war so luftig und zart
durchsichtig, da ich nicht wute, ob sie auf den Sonnenstrahlen, im Glase oder
nur in meiner Phantasie schwebte. Wenn ich die Scheibe bewegte, so verschwanden
die Engel auf Augenblicke, bis ich sie pltzlich mit einer anderen Wendung
wieder bemerkte. Ich habe seither erfahren, da Kupferstiche oder Zeichnungen,
welche lange Jahre hinter einem Glase ungestrt liegen, whrend der dunklen
Nchte dieser Jahre sich dem Glase mitteilen und gleichsam ihr Spiegelbild in
demselben zurcklassen. Ich ahnte jetzt auch etwas dergleichen, als ich die
Schrafierung alter Kupferstecherei und in dem Bilde die Art van Eyckscher Engel
erkannte. Eine Schrift war nicht zu sehen und also das Blatt vielleicht ein
seltener Probedruck gewesen. Jetzt aber galt mir die kostbare Scheibe als die
schnste Gabe, welche ich in den Sarg legen konnte, und ich befestigte sie
selbst an dem Deckel, ohne jemandem etwas von dem Geheimnis zu sagen. Der
Deutsche kam wieder herbei; wir suchten die feinsten Hobelspne, unter welche
sich manches rtliche Laub mischte, zusammen und breiteten sie zum letzten Bett
in den Sarg; dann schlossen wir ihn zu, trugen ihn in den Kahn und schifften mit
dem weien Gert ber den glnzenden stillen See, und die Frauen mit dem
Schulmeister brachen in lautes Weinen aus, als sie uns heranfahren und landen
sahen.
    Am folgenden Tage wurde die rmste in den Sarg gelegt, von allen Blumen
umgeben, welche in Haus und Garten augenblicklich blheten; aber auf die Wlbung
des Sarges wurde ein schwerer Kranz von Myrtenzweigen und weien Rosen
gebreitet, welchen die Jungfrauen aus der Kirchgemeinde brachten, und auerdem
noch so viele einzelne Strue blasser herbstlicher Blten aller Art, da die
ganze Oberflche davon bedeckt wurde und nur die Glasscheibe frei blieb, durch
welche man das weie zarte Gesicht der Leiche sah.
    Das Begrbnis sollte vom Hause des Oheims aus stattfinden, und zu diesem
Ende hin mute Anna erst ber den Berg getragen werden. Es erschienen daher
Jnglinge aus dem Dorfe, welche die Bahre abwechselnd auf ihre Schultern nahmen,
und unser kleines Gefolge der nchsten Angehrigen begleitete den Zug. Auf der
sonnigen Hhe des Berges wurde ein kurzer Halt gemacht und die Bahre auf die
Erde gesetzt. Es war so schn hier oben! Der Blick schweifte ber die
umliegenden Tler bis in die blauen Berge, das Land lag in glnzender
Farbenpracht rings um uns. Die vier krftigen Jnglinge, welche die Bahre
zuletzt getragen, saen ruhend auf den Tragewangen derselben, die Hupter auf
ihre Hnde gesttzt, und schauten schweigend in alle vier Weltgegenden hinaus.
Hoch am blauen Himmel zogen leuchtende Wolken und schienen ber dem Blumensarge
einen Augenblick stillzustehen und neugierig durch das Fensterchen zu gucken,
welches fast schalkhaft zwischen den Myrten und Rosen hervorfunkelte im
Widerscheine der Wolken. Wenn Anna jetzt die Augen htte aufschlagen knnen, so
wrde sie ohne Zweifel die Engel gesehen und geglaubt haben, da sie hoch im
Himmel schwebten. Wir saen, wie es sich traf, umher, und mich rhrte jetzt eine
groe Traurigkeit, so da mir einige Trnen entfielen, als ich bedachte, da
Anna nun zum letzten Mal und tot ber diesen schnen Berg gehe.
    Als wir ins Dorf hinuntergestiegen, lutete die Totenglocke zum ersten Mal;
Kinder begleiteten uns in Scharen bis zum Hause, wo man den Sarg unter die
Nubume vor die Tr hinstellte. Wehmtig gewhrten die Verwandten der Toten das
Gastrecht bei dieser letzten Einkehr; es waren nun kaum anderthalb Jahre
vergangen, seit jener frhliche Festzug der Hirten sich unter diesen selben
Bumen bewegte und mit bewundernder Lust Annas damalige Erscheinung begrte.
Bald war der Platz voll Menschen, welche sich herandrngten, um der Seligen zum
letzten Mal ins Angesicht zu schauen.
    Nun ging der Leichenzug vor sich, der auerordentlich gro war; der
Schulmeister, welcher dicht hinter dem Sarge ging, schluchzte fortwhrend wie
ein Kind. Ich bereute jetzt, keinen schwarzen ehrbaren Anzug zu besitzen; denn
ich ging unter meinen schwarzgekleideten Vettern in meinem grnen Habit wie ein
fremder Heide. Nachdem die Gemeinde den gewohnten Gottesdienst beendigt und mit
einem Choral beschlossen, scharte man sich drauen um das Grab, wo die ganze
Jugend, auergewhnlicherweise, einen sorgfltig eingebten Grabgesang mit
gemigter Stimme sang. Jetzt ward der Sarg hinabgelassen; der Totengrber
reichte den Kranz und die Blumen herauf, da man sie aufbewahre, und der arme
Sarg stand nun blank in der feuchten Tiefe. Der Gesang dauerte fort, aber alle
Frauen schluchzten. Der letzte Sonnenstrahl leuchtete nun durch die Glasscheibe
in das bleiche Gesicht, das darunter lag; das Gefhl, das ich jetzt empfand, war
so seltsam, da ich es nicht anders als mit dem fremden und kalten Worte
objektiv benennen kann, welches die Gelehrsamkeit erfunden hat. Ich glaube,
die Glasscheibe tat es mir an, da ich das Gut, was sie verschlo, gleich einem
hinter Glas und Rahmen gebrachten Teil meiner Erfahrung, meines Lebens, in
gehobener und feierlicher Stimmung, aber in vollkommener Ruhe begraben sah; noch
heute wei ich nicht, war es Strke oder Schwche, da ich dies tragische und
feierliche Ereignis viel eher geno als erduldete und mich beinahe des nun ernst
werdenden Wechsels des Lebens freute.
    Der Schieber wurde zugemacht; der Totengrber und sein Gehilfe stiegen
herauf, und bald war der braune Hgel aufgebaut.

                                 Achtes Kapitel



                                Auch Judith geht

Am andern Tage, als der Schulmeister zu erkennen gab, da er nun seinen Schmerz
in der Einsamkeit allein mit seinem Gott berwinden wolle, schickte ich mich an,
mit der Mutter nach der Stadt zurckzukehren. Vorher ging ich zur Judith und
fand sie beschftigt, ihre Bume zu mustern, da die Zeit wieder gekommen war, wo
man das Obst einsammelte. Der Herbstnebel traf gerade heute zum ersten Mal ein
und verschleierte schon den Baumgarten mit seinem silbernen Gewebe. Judith war
ernst und etwas verlegen, als sie mich sah, da sie nicht recht wute, wie sie
sich zu dem traurigen Erlebnis stellen sollte.
    Ich sagte aber ernsthaft, ich wre gekommen, um Abschied von ihr zu nehmen,
und zwar fr immer; denn ich knnte sie nun nie wiedersehen. Sie erschrak und
rief lchelnd, das werde nicht so unwiderruflich feststehen; sie war bei diesem
Lcheln so erbleicht und doch so freundlich, da der Zauber mich beinahe
umkehrte, wie man einen Handschuh umkehrt. Doch ich bezwang mich und fuhr fort
da es ferner nicht so gehen knne, da ich Anna von Kindheit auf gern gehabt,
da sie mich bis zu ihrem Tode wahrhaft geliebt und meiner Treue versichert
gewesen sei. Treue und Glauben mten aber in der Welt sein, an etwas Sicheres
mte man sich halten, und ich betrachte es nicht nur fr meine Pflicht, sondern
auch als ein schnes Glck, in dem Andenken der Verstorbenen, im Hinblick auf
unsere gemeinsame Unsterblichkeit, einen so klaren und lieblichen Stern fr das
ganze Leben zu haben, nach dem sich alle meine Handlungen richten knnten.
    Als Judith diese Worte hrte, erschrak sie noch mehr und wurde zugleich
schmerzlich berhrt. Es waren wieder von den Worten, von denen sie behauptete,
da niemals jemand zu ihr solche gesagt habe. Heftig ging sie unter den Bumen
umher und sagte dann: Ich habe geglaubt, da du mich wenigstens auch etwas
liebtest!
    Gerade deswegen, erwiderte ich, weil ich wohl fhle, da ich an dir
hange, mu ein Ende gemacht werden!
    Nein, gerade deswegen mut du erst anfangen, mich recht und ganz zu
lieben!
    Das wre eine schne Wirtschaft! rief ich, was soll dann aus Anna
werden?
    Anna ist tot!
    Nein! Sie ist nicht tot, ich werde sie wiedersehen, und ich kann doch nicht
einen ganzen Harem von Frauen fr die Ewigkeit ansammeln!
    Bitter lachend stand Judith vor mir still und sagte:
    Das wre allerdings komisch! Aber wissen wir denn, ob es eigentlich eine
Ewigkeit gibt?
    So oder so, erwiderte ich, gibt es eine, und wenn es nur diejenige des
Gedankens und der Wahrheit wre! Ja, wenn das tote Mdchen fr immer in das
Nichts hingeschwunden und sich gnzlich aufgelst htte, bis auf den Namen, so
wre dies erst ein rechter Grund, der armen Abwesenden Treue und Glauben zu
halten! Ich habe es gelobt, und nichts soll mich in meinem Vorsatz wankend
machen!
    Nichts! rief Judith, o du nrrischer Gesell! Willst du in ein Kloster
gehen? Du siehst mir darnach aus! Aber wir wollen ber diese heikle Sache nicht
ferner streiten; ich habe nicht gewnscht, da du nach der traurigen Begebenheit
sogleich zu mir kommest, und habe dich nicht erwartet. Geh nach der Stadt und
halte dich ein halbes Jahr still und ruhig, und dann wirst du schon sehen, was
sich ferner begeben wird!
    Ich seh es jetzt schon erwiderte ich, du wirst mich nie wieder sehen und
sprechen, dies schwre ich hiemit bei Gott und allem, was heilig ist, bei dem
bessern Teil meiner selbst und -
    Halt inne! rief Judith ngstlich und legte mir die Hand auf den Mund; du
wrdest es sicher noch einmal bereuen, dir selbst eine so grausame Schlinge
gelegt zu haben! Welche Teufelei steckt in den Kpfen dieser Menschen! Und dazu
behaupten sie und machen sich selber weis, da sie nach ihrem Herzen handeln.
Fhlst du denn gar nicht, da ein Herz seine wahre Ehre nur darin finden kann,
zu lieben, wo es geliebt wird, wenn es dies kann? Du kannst es und tust es
heimlich doch, und somit wre alles in der Ordnung! Sobald du mich nicht mehr
leiden magst, sobald die Jahre uns sonst auseinanderfhren, sollst du mich ganz
und fr immer verlassen und vergessen, ich will dies ber mich nehmen; aber nur
jetzt verla mich und zwinge dich nicht, mich zu verlassen; dies allein tut mir
weh, und es wrde mich wahrhaft unglcklich machen, allein um unserer Dummheit
willen nicht einmal ein oder zwei Jahre noch glcklich sein zu drfen!
    Diese zwei Jahre, sagte ich, mssen und werden auch so vorbergehen, und
gerade dann werden wir beide glcklicher sein, wenn wir jetzt scheiden; es ist
nun gerade noch die hchste Zeit, es ohne sptere Reue zu tun. Und wenn ich dir
es deutsch heraussagen soll, so wisse, da ich mir auch dein Andenken, was immer
ein Andenken der Verirrung fr mich sein wird, doch noch so rein als mglich
retten und erhalten mchte, und das kann nur durch ein rasches Scheiden in
diesem Augenblicke geschehen. Du sagst und beklagst es, da du nie teilgehabt an
der edleren und hheren Hlfte der Liebe! Welche bessere Gelegenheit kannst du
ergreifen, als wenn du aus Liebe mir freiwillig erleichterst, deiner mit Achtung
und Liebe zu gedenken und zugleich der Verstorbenen treu zu sein? Wirst du dich
dadurch nicht an jener tieferen Art der Liebe beteiligen?
    Oh, alles Luft und Schall! rief Judith; ich habe nichts gesagt, ich will
nichts gesagt haben! Ich will nicht deine Achtung, ich will dich selbst haben,
solange ich kann!
    Sie suchte meine beiden Hnde zu fassen, ergriff dieselben, und whrend ich
sie ihr vergeblich zu entziehen mich bemhte, indes sie mir ganz flehentlich in
die Augen sah, fuhr sie mit leidenschaftlichem Tone fort:
    O liebster Heinrich! Geh nach der Stadt, aber versprich mir, dich nicht
selbst zu binden und zu zwingen durch solche schreckliche Schwre und Gelbde!
La dich -
    Ich wollte sie unterbrechen, aber sie verhinderte mich am Reden und
berflgelte mich:
    La es gehen, wie es will, sag ich dir! Auch an mich darfst du dich nicht
binden, du sollst frei sein wie der Wind! Gefllt es dir -
    Aber ich lie Judith nicht ausreden, sondern ri mich los und rief:
    Nie werd ich dich wiedersehen, so gewi ich ehrlich zu bleiben hoffe!
Judith! leb wohl!
    Ich eilte davon, sah mich aber noch einmal um, wie von einer starken Gewalt
gezwungen, und sah sie in ihrer Rede unterbrochen dastehen, die Hnde noch
ausgestreckt von dem Losreien der meinigen, und berrascht, kummervoll und
beleidigt zugleich mir nachschauend, ohne ein Wort hervorzubringen, bis mir der
von der Sonne durchwirkte Nebel ihr Bild verschleierte.
    Eine Stunde spter sa ich mit meiner Mutter auf einem Gefhrt, und einer
der Shne des Oheims fhrte uns nach der Stadt. Ich blieb den ganzen Winter
allein und ohne allen Umgang; meine Mappen und mein Handwerkszeug mochte ich
kaum ansehen, da es mich immer an den unglcklichen Rmer erinnerte und ich mir
kaum ein Recht zu haben schien, das, was er mich gelehrt, fortzubilden und
anzuwenden. Manchmal machte ich den Versuch, eine neue und eigene Art zu
erfinden, wobei sich aber sogleich herausstellte, da ich selbst das Urteil und
die Mittel, die ich dazu verwandte, nur Rmern verdankte. Dagegen las ich fort
und fort, vom Morgen bis zum Abend und tief in die Nacht hinein. Ich las immer
deutsche Bcher und auf die seltsamste Weise. Jeden Abend nahm ich mir vor, den
nchsten Morgen, und jeden Morgen, den nchsten Mittag die Bcher beiseite zu
werfen und an meine Arbeit zu gehen; selbst von Stunde zu Stunde setzte ich den
Termin; aber die Stunden stahlen sich fort, indem ich die Buchseiten umschlug,
ich verga sie buchstblich; die Tage, Wochen und Monate vergingen so sachte und
heimtckisch, als ob sie, leise sich drngend, sich selbst entwendeten und zu
meiner fortwhrenden Beunruhigung lachend verschwnden.
    Jedoch brachte der Frhling eine krftige Erlsung aus diesem unbehaglichen
Zustande; ich hatte nun das achtzehnte Jahr berschritten, war militrpflichtig
geworden und mute mich am festgesetzten Tage in der Kaserne einfinden, um die
kleinen Geheimnisse der Vaterlandsverteidigung zu lernen. Ich stie auf ein
summendes Gewimmel von vielen hundert jungen Leuten aus allen Stnden, welche
jedoch bald von einer Gruppe grimmiger Kriegsleute zur Stille gebracht,
abgeteilt und whrend vieler Stunden als ungefger Rohstoff hin- und
hergeschoben wurden, bis sie das Brauchbare zusammengestellt hatten. Als sodann
die bungen begannen und die Abteilungen zum ersten Mal unter den einzelnen
Vorgesetzten, welches vielumhergeratene Soldatennaturen waren, zusammenkamen,
wurde mir, der ich nichts bedacht hatte, unter Gelchter mein langes Haar dicht
am Kopfe weggeschnitten. Aber ich legte es mit dem grten Vergngen auf den
Altar des Vaterlandes und fhlte behaglich die frische Luft um meinen
geschorenen Kopf wehen. Jetzt muten wir aber auch die Hnde darstrecken, ob sie
gewaschen und die Ngel ordentlich beschnitten seien, und nun war die Reihe an
manchem biedern Handarbeiter, sich geruschvoll belehren zu lassen. Dann gab man
uns ein kleines Bchelchen, das erste einer ganzen Reihe, in welchem Pflichten
und Haltung des angehenden Soldaten in wunderlichen Stzen als Fragen und
Antworten deutlich gedruckt und numeriert waren. Jeder Regel war aber eine kurze
Begrndung beigefgt, und wenn auch manchmal diese in den Satz der Regel, die
Regel aber hintennach in die Begrndung hineingeraten war, so lernten wir doch
alle jedes Wort andchtig auswendig und setzten eine Ehre darein, das Pensum
ohne Stottern herzusagen. Endlich verging der Rest des ersten Tages ber den
Bemhungen, von neuem stehen und einige Schritte gehen zu lernen, was unter dem
Wechsel von Mut und Niedergeschlagenheit sich vollendete.
    Es galt nun, sich einer eisernen Ordnung zu fgen und sich jeder
Pnktlichkeit zu befleien; obgleich dies mich aus meiner vollkommenen Freiheit
und Selbstherrlichkeit herausri, so empfand ich doch einen wahren Durst, mich
der Strenge hinzugeben, so komisch auch ihre nchsten kleinen Zwecke waren, und
als ich einigemal nahe an der Strafe hinstreifte, und zwar nur aus Versehen,
berkam mich ein wahrhaftes Schamgefhl vor den Kameraden, welche sich
ihrerseits ganz hnlich verhielten.
    Als wir soweit waren, mit Ehren ber die Strae zu marschieren, zogen wir
jeden Tag auf den Exerzierplatz, welcher im Freien lag und von einer Landstrae
durchschnitten wurde. Eines Tages, als ich mitten in einem Gliede von etwa
fnfzehn Mann nach dem Kommando des Instruktors, der unermdlich rckwrts vor
uns herging, schreiend und mit den Hnden das Tempo schlagend, so schon
stundenlang den weiten Platz nach allen Richtungen durchmessen hatte, kamen wir
pltzlich dicht an die Landstrae zu stehen und machten dort halt und Front
gegen dieselbe. Der Exerziermeister, welcher hinter der Front stand, lie uns
eine Weile regungslos verharren, um einige Ausstellungen an unseren Gliedmaen
anzubringen. Whrend er hinter unserm Rcken lrmte und schalt, soweit es ihm
Gesetz und Sitte nur immer erlaubten, und wir so mit dem Gesichte gegen die
Strae gewendet ihm zuhrten, kam ein groer, mit vier Pferden bespannter Wagen
angefahren, wie die Auswanderer ihn herzurichten pflegen, welche sich nach den
Seehfen begeben. Dieser Wagen war mit ansehnlichem Gute beladen und schien
mehreren Familien zu dienen, die nach Amerika zogen. Krftige Mnner gingen
neben den Pferden, vier oder fnf Frauen saen auf dem Wagen unter einem
bequemen Zeltdache nebst mehreren Kindern und selbst einem Greise. Aber diesen
Leuten hatte sich Judith angeschlossen; denn ich entdeckte sie, als ich zufllig
hinsah, hoch und schn unter den Frauen, mit Reisekleidern angetan. Ich erschrak
heftig, und das Herz schlug mir gewaltig, whrend ich mich nicht regen noch
rhren durfte. Judith, welche im Vorberfahren, wie mir schien, mit finsterm
Blicke auf die Soldatenreihe sah, erschaute mich mitten in derselben und
streckte sogleich die Hnde nach mir aus. Aber im gleichen Augenblicke
kommandierte unser Tyrann Kehrt euch! und fhrte uns wie ein Besessener im
Geschwindschritte ganz an das entgegengesetzte Ende des weiten Platzes. Ich lief
immer mit, die Arme vorschriftsmig lngs des Leibes angeschlossen, die Daumen
auswrts gekehrt, ohne mir etwas ansehen zu lassen, obgleich ich heftig bewegt
war; denn in diesem Augenblicke war es mir, als ob sich mir das Herz in der
Brust drehen wollte. Als wir endlich das Gesicht wieder der Strae zuwandten,
nach den magebenden Zickzackgedanken im Gehirne des Fhrers, verschwand der
Wagen eben in weiter Ferne.
    Glcklicherweise ging man nun auseinander, und indem ich mich sogleich
entfernte und die Einsamkeit suchte, fhlte ich, da jetzt der erste Teil meines
Lebens abgeschlossen sei und ein anderer beginne.

                                Neuntes Kapitel



                               Da Pergamentlein

Wie lang ist es her, seit ich das Vorstellende geschrieben habe. Ich bin kaum
derselbe Mensch, meine Handschrift hat sich lngst verndert, und doch ist mir
zu Mut, als fhre ich jetzt fort zu schreiben, wo ich gestern stehenblieb. Dem
unvernderlichen Lebenszuschauer sind Stern und Unstern gleich kurzweilig, und
er zahlt seinen wechselnden Platz unbesehen mit Tagen und Jahren, bis seine
fliehende Mnze zu Ende geht.
    Der Wendepunkt, welcher mit dem Entschwinden der ersten Jugendzeit und der
Judith unvermerkt genaht war, zeigte sich in der Notwendigkeit, meine
Kunstbungen nunmehr einem Abschlu entgegenzufhren. Es galt, jenen Weg in die
weite Welt anzutreten, nach welcher so viele tausend Jnglinge tglich
ausfahren, von denen so mancher nie mehr wiederkommt. Diese alltgliche
Angelegenheit war meinesteils so beschaffen, da ich fr eine beschrnkte Zeit
ohne Nahrungssorgen noch dem Lernen obliegen konnte, mit der Aussicht jedoch auf
einen bestimmten Tag, an welchem ich auf mir selber zu stehen hatte.
    Eine von Vatersseite vor Jahren mir zugefallene geringe Erbsumme lag nach
gesetzlichen Vorschriften in der Verwaltung des Oheims, welcher mir zum Vormunde
bestellt war, obgleich er sich selten im meine Sachen mischte. Da fragliches
Geld aber den Aufenthalt an der Knstlerschule ermglichen sollte, die ich in
herkmmlicher Weise gewhlt, so war eine vormundschaftliche Verhandlung ntig,
um dasselbe flssig machen und aufbrauchen zu drfen. Der Fall war im lndlichen
Heimatorte ganz neu, und niemand vermochte sich zu erinnern, da jemals die
schlichten Landmnner der Waisenbehrde darber zu Gericht gesessen seien, ob
ein junger Musensohn sein Vermgen zusammenpacken und aus dem Lande fahren
drfe, um es buchstblich zu verzehren. Dagegen hatten sie seit einiger Zeit das
lebendige Beispiel eines Menschen unter sich, der dieses Geschft ohne ihr Zutun
verrichtet hatte und der Schlangenfresser genannt wurde. An entfernten Orten
unter dem Schutze leichtsinniger und unwissender Eltern aufgewachsen, hatte er
gleich mir ein Maler werden wollen und sich in Sammetrcken und engen
Beinkleidern, mit langen Locken und Sporen an den Fen auf Akademien
herumgetrieben, bis das Gut und die Eltern verschwunden waren. Dann schien er
noch jahrelang mit einer Gitarre auf dem Rcken sich beholfen zu haben, ohne
jedoch auch auf diesem Instrumente etwas Ordentliches vorbringen zu knnen, bis
er unlngst als ein alternder Mensch in das Dorf heimgeschoben und in das
Armenhuslein gesteckt wurde, wo ein Dutzend alte Weiber, Idioten und
ausgeglhte Lebensknstler der untersten Ordnung zusammen hausten und zuweilen
schrien und lrmten, als ob sie im Fegefeuer sen. Seine Vergangenheit war wie
eine dunkle Sage. Niemand wute etwas Bestimmtes davon, ob er jemals Talent
besessen und etwas gekonnt habe oder nicht, und er selbst schien auch keine
Erinnerung daran mehr zu besitzen. Keine uerung oder Handlung verriet, da er
einst unter gebildeten Menschen gewesen und einer Kunst obgelegen, auer wenn er
gelegentlich sich rhmte, da er einmal schne Kleider getragen habe. Seine
einzige Geschicklichkeit bestand darin, sich auf tausend Wegen einen Schluck
Branntwein zu verschaffen und Schlangen zu fangen, die er wie Aale briet und
schmauste; auch machte er sich auf den Winter einen Topf voll Blindschleichen
ein, als ob es Neunaugen wren, und schleppte denselben aus einer Ecke in die
andere, um den Schatz vor den Nachstellungen seiner Hausgenossen zu sichern, die
im Punkte des Eigennutzes nicht harmloser waren als die Lebensvirtuosen hhern
Ranges.
    Wie nun ein einziger Unhold dieser Art eine ganze Gegend verwsten und alle
Herzen gegen das Musenzeug aufbringen kann, so war auch mir der Schlangenfresser
nicht zur guten Stunde im Dorfe aufgetaucht, als ich mich jetzt einfand, um der
besagten Verhandlung beizuwohnen. Er erschien mir selbst wie ein bser Dmon, da
ich am Wege eine groe vorjhrige Distel, die aussah wie der Tod von Ypern, ins
Bchlein zeichnete und der Kerl, zwei tote Schlangen an einer Gerte ber der
Schulter tragend, einen Augenblick stillstand, mir zusah, grinste und
kopfschttelnd weiterging, als ob ihm etwas Kurioses durch die Erinnerung liefe.
Er trug einen langen zerlcherten Rock von ehmals rostbrauner Farbe, bis oben
zugeknpft, an den nackten Beinen Pantoffeln, die mit verblichenen Rosen
gestickt waren, und auf dem Kopfe eine sterreichische Soldatenmtze; ich seh
ihn noch heute davonschlurfen.
    Dieses Gespenst rumorte offenbar in den Kpfen der drei oder vier
Gemeindevorsteher, welche als Waisenamt um einen Tisch versammelt saen und
meine Person mit vorsichtiger Neugier einen Augenblick betrachteten; denn der
Oheim hatte fr gut gefunden, mich selbst einzufhren und vorzustellen, damit
ich im Notfall seinen Vortrag ergnzen und nher beleuchten mge. Die Mnner
schienen mir aber Gesichter zu machen wie solche, die eine unliebsame Sache halb
und halb kommen sahen und nun sagen Da haben wir's! Sie mochten wohl mit
Verwunderung beobachtet haben, wie ich schon seit Jahren allsommerlich Feld und
Wald durchstreifte und da oder dort den weien Leinwandschirm aufspannte, ohne
da ihre Gemarkung dadurch zu besonderm Rufe zu gelangen schien oder fremde
Reisende kamen, das merkwrdige Land aufzusuchen. Die Frage, ob ich bei dem
lustigen Handwerk eigentlich etwas verdiene und mein Brot erwerbe, hatten sie
einstweilen auf sich beruhen lassen, da niemand etwas von ihnen verlangte; jetzt
kam der Handel an den Tag.
    Sie benahmen sich zwar anfnglich sehr zurckhaltend, als der Oheim die
Sache dargelegt und erklrt hatte. Keiner mochte zuerst einen Mangel an Verstand
und Einsicht beurkunden oder sich als einen unbescheidenen Verchter dessen
zeigen, was ihm unbekannt war. Nichtsdestoweniger prgten sie sich deutlich ein,
da ein rundes Stck Vermgen, das jetzt so sicher in der Schirmlade lag wie
Lazarus in Abrahams Scho, binnen einer gegebenen Zeit tatschlich verschwinden
sollte. Schnell stellte sich jeder, nach seiner eigenen Lage und Persnlichkeit,
vor, zu was ein solches Geld ntzlich wre. Der eine htte eine Wiese gekauft,
als Erbstck fr Kind und Kindeskind, eine Wiese, die einige Stcke Vieh nhrte;
der andere warf sein Auge auf eine Kammer Rebenlandes an vorzglicher Lage, wo
auch im schlimmsten Falle noch ein trinkbarer Wein wuchs; der dritte kaufte in
Gedanken dem Nachbaren ein Wegrecht ab, welches seinen Feldbesitz der Lnge nach
durchschnitt, und der vierte endlich vermutete, er wrde den betreffenden
Werttitel, welcher ein altes Pergamentlein war, als ein gutes Zinsstck,
desgleichen man nie weggeben sollte, einfach behalten. Indem sie dergestalt ihre
Mastbe an die unsichtbare Sache legten, fr welche ich die Wiese, den
Weinberg, das Wegrecht und das Pergamentlein hingeben wollte, stellte jene sich
immer sichtbarer dar, aber als ein nichtiger Nebel, ein ungreifbarer Dunst, und
der lteste gewann den Mut, seine Bedenken mit einem trockenen Hsteln verziert
zu uern. Ihm folgte einer um den andern.
    Es scheine doch, hie es, nicht ratsam, das einzige und wenige, was man
besitze und sicher in der Hand habe, an ein Ungewisses zu tauschen, da es
keineswegs verbrgt sei, da ich meinen Zweck erreichen und das Gewnschte
wirklich erlernen werde. Fr diesen Fall wre es vielleicht klger, jetzt schon
anzunehmen, ich bese das Geld nicht, und mir sonstwie zu behelfen. Dann wrde
es fr Tage der Krankheit, der Not oder Verarmung einst pltzlich willkommen
sein und mit Vorsicht verwendet werden knnen. Man habe auch etwa gehrt, da
bedeutende Gelehrte oder Knstler, von frhsten Jahren an in die Welt gestellt,
sich durch ihren Arbeitsflei haben ernhren und ihre Kunst dabei zugleich
erlernen und gromachen mssen, ja da gerade die dadurch angewhnte unablssige
Ttigkeit und Emsigkeit solchen Leuten ihr Leben lang zustatten gekommen und sie
das Grte habe erringen lassen. Dies Lied hrte ich nun zum zweiten Male in
meinem kurzen Leben, und es gefiel mir noch immer nicht.
    Die Mnner, welche also verhandelten, saen um einen runden Tisch herum und
hatten ihr Glas dnnen suerlichen Weines vor sich stehen; ich dagegen, als der
Gegenstand der Beratung, sa allein an einem langen Tische, dessen Ende sich in
der Gegend der Tre im Halbdunkel verlor. In dieser Dmmerung hockte der
Schlangenmann, der sich unbemerkt hereingeschlichen hatte, whrend ich mich oben
im hellern Lichte befand, ein Flschchen dunkelroten Weines vor mir. Das war
freilich ein groer Taktfehler, obgleich er der Gemeindewirtin zur Last fiel,
die mir den Wein vorgesetzt und die ich abzuweisen nicht besonnen genug war. Der
Oheim, der bei den Vorstehern sa, trank von dem nmlichen Weine, eines kleinen
Magenleidens wegen, wie er den Bauern sagte.
    Einer der letztern, der sein Stckchen Weibrot wie Marzipan behandelte und
die auf den Tisch gefallenen Krmchen mit dem Handbissen so sorglich auftupfte,
als ob es Goldstaub wre, fuhr nun fort:
    Er verstehe nichts von der Sache, aber allerdings schiene es ihm auch
zweckmiger gewesen zu sein, wenn der junge Mann, statt sich auf das kleine
Erbe zu verlassen, die Jahre her, da er bei der Mutter gelebt, sich auf den
Erwerb eingebt und auf die bequemlichste Weise der Welt diejenige Summe
zusammengespart htte, deren er nun bedrfe. So wre nun bereits fr die Zukunft
gesorgt; denn wer sich bei guter Zeit angewhnt habe, an den kommenden Tag zu
denken und keine Arbeit ohne Hinblick auf ihren Wert zu verrichten, der knne
von dieser Gewohnheit gar nicht mehr lassen und wisse sich berall zu helfen,
wie ein Soldat im Felde. Das sei auch eine gute Kunst, die je frher, je besser
erlernt werde; er mchte deshalb geradezu raten, da ich mich frischen Mutes mit
einem bescheidenen Reisegelde und dem Vorsatze auf den Weg mache, mich jetzt
schon durch die Welt zu bringen. Ich werde doch wohl die ganzen Jahre her irgend
etwelche Fertigkeiten erworben haben, oder ob dies nicht der Fall sei?
    Auf diese Frage, welche ebenso richtig wie unrichtig gestellt war, wendete
sich alles und blickte nach, mir herber. Der Schlangenfresser war aus seiner
Dmmerung allmhlich in meine Nhe gerutscht und belauerte aufmerksam meinen
Wein und die Verhandlung zugleich; so wurden wir auch alle drei, der rote Wein,
der Schlangenfresser und ich, ins Auge gefat, und ich fhlte, da ich so rot
wurde wie der Wein, als eine vielsagende Stille eintrat. Das wackere Getrnke
zeugte gegen meine Bescheidenheit und Sparsamkeit, der Genosse an meiner Seite
gegen meine Lebensplne, und zwar so laut, da niemand fr ntig hielt, ein Wort
hinzuzufgen.
    Es blieb deshalb, nachdem der Eindringling hinausgeschickt worden, noch ein
gutes Weilchen still, bis der Oheim das Wort ergriff, um das festgefahrene
Schifflein wieder flottzumachen. Man knne das nicht so nehmen, wie die Herren
Vorsteher meinen, sagte er; das wre, wie wenn ein Bauer sein Scheffel Korn,
anstatt es zur Aussaat zu verwenden, aufbewahren wollte, bis eine Hungersnot
kme, und dazwischen bei andern Leuten auf Tagelohn ginge. Zeit sei bekanntlich
auch Geld, und es wre nicht wohlgetan, einen jungen Menschen zu zwingen,
jahrelang sich mhselig durchzuschleppen, um das zu erlernen, was er in krzerer
Zeit erreichen knne mit frischem Einsatz eines kleinen Erbgutes. Auf dieses sei
man nicht planlos verfallen, sondern man habe von Anfang an darauf gerechnet, es
zur rechten Zeit zu verwenden; brigens mge man den Neffen selbst auch hren
und derselbe vorbringen, was er etwa zu bemerken wisse.
    Der Vorsitzende gab mir hierauf das Wort, mit welchem ich, halb schchtern,
halb emprt, einige Prahlereien zustande brachte. Die Zeit sei lngst vorbei, da
die Kunst mit dem Handwerk verbunden gewesen und der Scholare von Stadt zu Stadt
habe wandern knnen wie jeder andere Handwerkegesell. Es gebe jetzo kein solches
stufenweises Nacheinander mehr, sondern mit einem einzigen wohlvorbereiteten
Erstlingswerke msse sich der Anfnger auf eigene Fe stellen. Das sei aber nur
mglich an einem Kunstorte; dort finde man nicht nur die ntigen Vorbilder fr
alle Arten der Kunstbung, sondern auch den lehrreichen Wetteifer vieler
Mitstrebenden, endlich aber zugleich die Anerkennung des zu Leistenden, den
Markt fr geschaffene Werke und die Pforte des Wohlergehens fr die Zukunft. An
dieser Pforte sinke nieder und gehe unter, wer nicht berufen sei, die hehre
Flamme des Genius nicht in sich trage, wie zum Beispiel der arme
Schlangenspeiser, der vorhin gesehen worden. Die andern aber schreiten khn
hindurch und gelangen rasch zu Wohlstand und Ehre, so da es noch die
Bescheideneren unter ihnen seien, welchen bald der Verkaufspreis eines einzigen
Werkes die aufgewendeten Kosten ersetze, den Wertbetrag einer Wiese, eines
Weinberges oder Ackerstckes erreiche!
    Wie es das Schicksal des guten Landvolkes ist, da es in seiner Glubigkeit
immer wieder den groen Worten zuversichtlicher Menschen unterliegt, so wurden
auch die Mnner durch meine Reden unsicher, wenn nicht etwa gar gelangweilt. Es
fand abermals eine kurze Pause statt, whrend welcher das Gehrte lakonisch
beruspert wurde, worauf der Obmann unversehens sagte, er wolle gewrtigen, ob
der Oheim als Vormund auf seinem Antrage beharre; denn am Ende liege es in
dessen Befugnis und sei er auch der Mann dazu, ein magebendes Wort zu sprechen.
Der Oheim besttigte nochmals seine Meinung mit dem Beifgen Fort msse ich, das
sei notwendig; allein weder sei vorgesehen worden, noch eigne ich mich dazu, wie
die Dinge stnden, ohne Mittel auf die Wanderschaft zu gehen und ohne weiteres
sofort mein Brot zu suchen. Wren die Mittel nicht da und ich berhaupt ganz
verwaist und ohne Freunde, so wrde ich mich, das traue er mir zu, frischen
Mutes dem Schicksal unterziehen; ohne Not aber zwinge man zu so etwas einen
unvorbereiteten Jngling nicht.
    Auf die Umfrage des Vorsitzenden erwiderten die andern Vorsteher, sie htten
ihre Ansicht nach ihrem Sachverstande geuert und fhlten sich nicht gedrungen,
einen besondern Widerstand zu leisten, zumalen man gern auf Begabung, Flei und
tugendhafte Fhrung des in Rede stehenden Herren Vgtlings vertrauen wolle, der
freilich, wenn er die Pforte des Wohlergehens zu durchschreiten gedenke, sich
vorderhand abgewhnen msse, gleich vom bessern Wein zu trinken, wo er absitze.
    Whrend ich diese Andeutung verschluckte, wurde ber die Herausgabe des
kleinen Vogtgutes Beschlu gefat, derselbe zu Protokoll gebracht und von meinem
Oheim mit unterschrieben.
    Die Schirmlade, in welcher die Wertschriften der unter Vormundschaft
Stehenden aufbewahrt wurden, befand sich anderer Geschfte wegen bereits zur
Stelle, und die Behrde erklrte, es sei am besten, das Stck jetzt gleich
herauszunehmen, so sei man dieser Angelegenheit hoffentlich fr immer enthoben.
    Der hlzerne, mit drei Schlssern versehene Kasten wurde auf den Tisch
gestellt und geffnet, indem der Vorsitzende, der Seckelmeister und der
Schreiber jeder einen Schlssel aus der Tasche zog, in das entsprechende Loch
steckte und bedchtig umdrehte. Der Deckel ging auf, und da lag nun an einem
Huflein das Vermgen der Witwen und Waisen, gleich einer kleinen Schafherde in
der Ecke zusammengedrngt, wie es das Tragen und Rtteln des Kastens gefgt
hatte. Es ist schon viel Schicksal durch diese Lade gegangen! sagte der
Schreiber, als er die berschriften der verschiedenen Pakete zu lesen begann; es
bezogen sich nicht alle auf Frauen und Minderjhrige, auch die Vermgensteile
von gefangenen, verschwenderischen oder geisteskranken Mnnern waren dabei.
Endlich stie er auf ein kleines Wesen, las Lee, Heinrich, Rudolfen sel. und
reichte es dem Vorsitzenden.
    
    Dieser enthllte ein gebruntes altes Pergament, an welchem ein
halbzerbrckeltes Siegel von grauem Wachse hing. Er legte sein messingenes
Brillengeschirr um das Haupt und entfaltete das ehrwrdige Schriftstck,
dasselbe weit von sich abhaltend. Dem Landschreiber, der die Glt ausgefertigt
hat, tun die Zhne auch nicht mehr weh! bemerkte er, sie ist von Martini 1539
datiert, ein gutes altes Wertstck. Zugleich richtete er einen ernsten Blick
auf mich, der ihm jedoch durch die Brille, die nur zum Lesen gut war, ganz
nebelhaft erscheinen mute.
    Seit dreihundert Jahren, fuhr er fort, ist dieser ehrwrdige Brief von
Geschlecht zu Geschlecht gegangen und hat immer fnf vom Hundert Zinsen
getragen!
    Wenn wir sie nur htten, warf mein Oheim lachend ein, um die abermals auf
mich gerichtete Aufmerksamkeit zu stren; mein Neffe besitzt das Brieflein ja
erst seit etwa zehn Jahren, und vor nicht vierzig Jahren noch gehrte es dem
Kloster, dessen Abt es zur Zeit der Revolution verkaufte. Man kann berhaupt
nicht auf solche Weise rechnen; es ist ebenso unrichtig, wie wenn man immer
sagt, diese drei Greise sind zusammen 270 Jahre oder jene zwei Eheleutchen 160
Jahre alt! Nein, jene Greise sind alle drei zusammen nur neunzig Jahre alt, Mann
und Frau achtzig, da es genau dieselben Jahre sind, die sie verlebt haben. So
vertut der junge Knstler hier nicht die Zinsen von drei Jahrhunderten, wenn er
das Brieflein verkauft, sondern nur den einfachen Betrag desselben!
    Das wuten die Mnner freilich wohl; weil aber jeder von ihnen auf seinem
Hofe solche uralte unablsliche Schuldverpflichtungen hatte und sich selbst als
den Bezahler aller der ewigen Zinsen betrachtete, so hielten sie die nehmende
Hand der wechselnden Glubiger fr etwas ebenso Unsterbliches und legten dem
betreffenden Instrumente einen geheimnisvoll hhern Wert bei, als ihm zukam. So
fiel endlich das Wichtigkeitsgefhl der Verhandlung auch auf mich nieder und
beengte mir den Sinn Ich sah mich als Gegenstand ernster Anrede und rechtlichen
Verfahrens, leidend und verantwortlich zugleich, ohne da ich etwas begangen
hatte oder zu begehen willens war, nach meiner Ansicht, und strebte mit
verdoppeltem Eifer, aus der unfreien Lage hinauszukommen. Sie wissen den
Teufel, was Freiheit heit! singt der Student von den Philistern, nicht
merkend, da er selber erst auf dem Wege ist, es zu lernen.

                                Zehntes Kapitel



                                  Der Schdel

Das alte Pergament war nun an einen Sammler solcher Stcke mit einigem Vorteil
verkauft worden und die Zeit gekommen, wo die Abreise wirklich vor der Tre
stand. Am letzten Tage des Monats April, welcher auf den Sonnabend fiel, packte
ich die mitzufhrenden Habseligkeiten zusammen, was in unserer Wohnstube einen
niegesehenen Auftritt gab und meine Mutter in Aufregung setzte. Eine groe Mappe
mit den zweifelhaften Frchten meiner bisherigen Ttigkeit lehnte schon in
Wachstuch gewickelt an der Wand, zu einigem Troste wenigstens von bedeutendem
Gewicht; mitten im Gemache aber stand der geffnete Koffer, eine kleine Arche
von Tannenholz. Auf dem Boden derselben hatte ich bereits eingeschichtet, was
ich an Bchern mitnehmen wollte, und mit ihnen auch ein festes Verlies fr einen
Totenschdel gebaut, damit er sicher auf dem Grunde verwahrt sei. Dieser Schdel
diente seit einiger Zeit zur Zierde meiner Arbeitskammer sowie auch zum
angehenden Studium der menschlichen Gestalt, das fr einmal freilich gleich mit
dem Unterkiefer ein Ende genommen hatte, so da ich vorlufig blo die
verschiedenen Kopfknochen zu benennen wute. Ich hatte den berrest in der Ecke
eines Friedhofes bemerkt, wo ihn der Totengrber seiner Wohlerhaltenheit wegen
hingelegt haben mochte; denn es war der Schdel eines jungen Mannes und wies
noch alle Zhne auf. In der Nhe lag ein beseitigter alter Grabstein, der vor
ungefhr achtzig Jahren errichtet worden mit der Inschrift auf einen dazumal
verstorbenen Albertus Zwiehan. Obgleich es keineswegs erwiesen war, da der
Schdel diesem Zwiehan angehrt hatte, nahm ich das doch fr ein Faktum, weil
sich laut der handschriftlichen Familienchronik eines benachbarten Hauses die
wunderlichste kleine Geschichte mit jenem Namen verband.
    Es handelt sich, soviel entwirrbar ist, um den Bastardsohn eines Zwiehans,
der lange Jahre in Asien zugebracht hatte und dort verstorben war. Die
hollndische Person, mit welcher er den Sohn gezeugt, besa aber von einem
verschollenen Menschen noch einen andern unehelichen Knaben, namens Hieronymus,
den sie mehr liebte als den jungen Zwiehan, und aus Liebe zu ihr und von ihr
berredet, adoptierte er diesen andern Knaben in rechtlicher Form an
Kindesstatt, whrend er hinwieder verabsumte, das Weib nachtrglich zu
ehelichen und sein eigenes Kind zu Ehren zu ziehen. Der adoptierte Bastard aber
entfernte sich, als er grer geworden, aus dem Hause und verscholl gleich
seinem eigenen natrlichen Vater spurlos, und als endlich der alte Zwiehan und
seine Beihlterin bald nacheinander das Zeitliche segneten, befand sich der
erblos gebliebene Sohn Albertus allein bei dem herrenlosen Hause und Gute und
zgerte nicht, sich auf geschickte Weise an Stelle des allein erbberechtigten
Adoptivsohnes zu setzen, von dem erworbenen Vermgen des Alten zusammenzuraffen,
was er konnte, und die asiatische Kolonie rasch zu verlassen, um die alte Heimat
seines Vaters aufzusuchen.
    Da er einst getrumt hatte, sein Halbbruder sei im Meere untergegangen, und
fest an seine Trume glaubte, so tat er alles dies nicht gerade mit bsem
Gewissen, obgleich er schlau genug war, in der alten Vaterstadt, die ihn noch
nie gesehen, sein eigenes Dasein zu verschweigen und sich auf Grund der
mitgebrachten Papiere fr den andern auszugeben. Er kaufte sich ein gerumiges
Haus mit einem stillen freundlichen Garten, in welchem er gar anstndig auf und
nieder spazierte. Hier wurde er freilich von den Nachbaren neugierig beobachtet,
aber ohne da er es bemerkte, und erst nachdem er sich ordentlich eingerichtet
hatte, begann die Nachbarschaft sich zu beleben, wie wenn auf einer Insel fr
die dorthin verschlagenen Reisenden allmhlich die Eingeborenen zum Vorschein
kommen. Durch Geschftsleute wurde es ruchbar, da der neue Ankmmling
ansehnliche Bezge und Geldanlagen mache, welche auf geregelten Verhltnissen
beruhen. So wurde er denn auf der Strae hie und da schon zutraulich gegrt,
und jenseits der Gasse, welche er bewohnte, belebte sich mehr als ein Fenster,
wenn er sich an dem seinigen blicken lie, um nach dem Wetter zu sehen. In einem
schmalen Erker sa den ganzen Tag, mit dem Rcken gegen die Strae gewendet, ein
junges Frauenzimmer am Spinnrad, ohne umzuschauen, und er konnte ihr Gesicht nie
entdecken. So vergaffte er sich, da er schon seines leidenschaftlichen Ursprungs
wegen verliebter Natur war, einstweilen in den zierlichen Rcken der Spinnerin
und in die anmutig geneigte Haltung ihres Kopfes. Als er aber eines Tages,
hierber nachdenkend, auf der anderen Seite seines Hauses im Garten weilte,
hrte er unversehens von einer weiblichen Stimme den Namen Cornelia rufen, auf
welchen im Nachbargarten eine andere Stimme antwortete. Dies wiederholte sich
mehrmals whrend der nchsten Tage, so da Albertus Zwiehan den Rcken der
Spinnerin verga und sich in den schnen Namen der unsichtbaren Cornelia
verliebte. Denn sie war hinter einer Wand von Jasminbschen verborgen. Wie
erstaunte er aber, als diese pltzlich sich auseinanderbogen und eine weibliche
Gestalt auf das Zwiehansche Gebiet herbertrat, durch ein bisher unbemerktes
Gittertrchen. Das Haus zu welchem der jenseitige Garten gehrte, lag nmlich
nicht an der gleichen Strae, sondern auf einer anderen Seite des ganzen
Straenviertels, und es haftete an beiden Husern von alters her das Recht des
Durchganges durch Grten, Hfe und Hausflre, zu gewissen Zwecken und
Tageszeiten.
    Es war ein nicht eben schnes, aber mit lachenden Augen begabtes lngliches
Wesen, das vor dem berraschten stand und ihn von der bestehenden Servitut
unterrichtete, als die Nachbarin seine Unwissenheit bemerkte. Auch er msse
einen Schlssel zu dem Pfrtchen besitzen, sagte sie ihm; er holte einen Kasten
mit allerlei alten Schlsseln herbei und fand mit ihrer Hilfe richtig denjenigen
heraus, welcher in das Schlo pate. Wie sie so mit spitzen weien Fingern sich
bemhte, betrachtete er mit Wohlgefallen den mgerlichen Wuchs, der durch sehr
knappes Gewand fast einen Eindruck von geschmeidiger Flle machte. Jetzt aber,
indem sie ihn mit seinem Namen grte und ihm den ihrigen nannte, der auf jenes
wohlklingende Cornelia hinauslief, gab sie ihr Anliegen kund. Sie beanspruchte
hflich das Recht, von dem reich mit Wasser versehenen Brunnen in seinem Hofe
eine bewegliche Leitung nach ihrer Waschkche anzulegen, um fr die
vorzunehmende groe Halbjahrwsche das Hauptelement zu gewinnen, gem dem
verbrieften Herkommen. Da Albertus ebenso hflich bat, sich ganz nach
Bequemlichkeit einzurichten, eilten alsbald auf ein Zeichen der Cornelia mehrere
Waschfrauen herbei mit hlzernen und blechernen Rinnen und Rohren, fgten sie
zusammen und stellten einen schwebenden Aquduktum her, mit welchem sie wieder
im Gebsche verschwanden, aus dem sie hervorgebrochen waren. Auch die Cornelia
schlpfte hindurch, nachdem sie sich verneigt hatte, und Herr Zwiehan, stand
einsam an dem Gerinnsel seines schnen Brunnenwassers und wnschte, mit
hinbergehen zu knnen. Am andern Tage jedoch erschienen abermals die
Wscherinnen, brachen die Wasserleitung ab und machten einer groen schweren
Frau Platz, welche sich jetzt durch das Pfrtchen arbeitete. Sie gewhrte eine
trstliche Vorstellung davon, wie stattlich dnne Fruleins mit der Zeit bei
guter Nahrung werden knnen; denn sie gab sich als die Frau Mutter der bewuten
Cornelia zu erkennen, welche sich nicht getraue, schon wieder den Herrn Nachbarn
mit einer Unbequemlichkeit zu belstigen. Es sei nmlich zweifelhaft, ob die
Sonne den ganzen Tag scheine, und darum wnschenswert, die Wsche in einemmal zu
trocknen, was hinwieder ermglicht wrde durch die Erlaubnis, einen Teil
derselben in dem Zwiehanschen Garten und Hof aufzuhngen. Es sei dies in
frheren Jahren auch etwa geschehen, obwohl nicht zu einer Servitut erwachsen
wie das Wasserleitungsrecht, und also komme sie selbst, pflichtschuldig um die
freundliche Vergnstigung anzufragen. Mit groem Vergngen entsprach Albertus
Zwiehan sofort dem Ansuchen, worauf die Frau sich dankend zurckzog und dafr
das Frulein an der Spitze einiger Waschkrbe aus den Jasminbschen hervortrat,
sie selbst das auf eine Kurbel gewickelte Trockenseil tragend. Dieses an den
vorhandenen Pfosten, Haken und Baumsten anzubinden, reichte jedoch ihre
Krperlnge nicht berall aus, sosehr sie sich auch auf die Zehen stellte, und
so ergab es sich von selbst, da Albertus aushalf und das Seil im Zickzack
herumfhrte und festmachte, Cornelia aber dasselbe hinter ihm hertrug und
abhaspelte. Sie bewegte sich dabei mit viel Anmut und Lieblichkeit, und der
junge Mann wurde darber so eifrig und warm, da er hie und da eine Levkoje oder
Nelke zertrat. Als es nun ans Aufhngen der Wsche ging, blieb er in
unmnnlicher Weise im Garten und war wiederum behilflich, die Krbe zu schleppen
und andere Handreichungen zu tun. Das Frulein bemerkte freundlich, da sie ihre
eigene und beste Leibgewandung herbergebracht und das ltere Zeug jenseits
gelassen habe, um auf dem fremden Gebiete nicht allzu schofel zu erscheinen. Der
ganze Raum fllte sich also mit ihren Hemden, Strmpfen, Busentchern und
Nachthubchen, und da eine frische Brise aufging, begann das bltenweie Zeug so
mutwillig zu flattern, da alle Hnde zu tun bekamen, das luftige Segelwerk
festzuhalten.
    In groer Aufregung zog er sich nach getaner Arbeit in seine Zimmer zurck,
von deren Fenstern aus er unablssig den inhaltreichen Garten bewachte. Niemand
war jetzt dort und alles still; nur die wie von Luftdmonen beseelten
Weiberhlsen suselten sachte hin und her, bis ein Windsto sie pltzlich
emporwirbelte, die langen weien Strmpfe gleich Geisterbeinen um sich stieen
und schon ein losgerissenes Hubchen wie ein kleiner Luftballon ber das Dach
wegstieg. Da eilte Albertus Zwiehan besorgt wieder hinunter, um zu retten, was
ihm bereits nher zu liegen dnkte als die eigene Haut. Er schlug sich tapfer
mit dem Winde herum; allein die Strmpfe schlugen ihm an die Ohren, die Hemden
flatterten um seinen Kopf und verhllten ihm die Augen, und er wurde mit der
wilden Leinwand nicht fertig, bis die lachenden Frauen herbeikamen und die
Wsche zusammenrafften.
    Einige Tage spter wurde er von den Nachbarinnen frmlich zum Kaffee
eingeladen, um den Dank fr seine Geflligkeit zu empfangen. Zum ersten Mal
betrat er den jenseitigen Garten und fand den Tisch in einem offenen Slchen
gedeckt, das hinter der Jasminwand verborgen war. Die alte und die junge Dame
beflissen sich auf das freundlichste um ihn, und nachher mute er noch in ihre
Wohnung hinaufsteigen und sich mit einem kleinen Nachtmahl bewirten lassen.
Natrlich erwiderte er solche Hflichkeiten und lud die Nachbarinnen seinerseits
zu einer Gastlichkeit ein, so gut er diese mit Hilfe einer alten Kchenmagd
aufzubieten vermochte; kurz, es entstand ohne weitern Verzug ein hufiger
Verkehr, und das Frulein sowohl wie Albertus Zwiehan trugen den Schlssel zum
Durchgangstrchen bestndig bei sich. Bald lie die Mutter ihre Tochter allein
mit dem Fremden, und sie verloren sich in hundert trauliche Gesprche; Cornelia
fragte nach allem, was Albertus je erlebt oder ihn sonst betraf; er dagegen
fhlte sich durch diese Neugierde und Teilnahme geehrt und beglckt und
vertraute ihr alles, um ihre Freundschaft zu erwidern und gewissermaen sich
ganz hinzugeben, ohne allen Rckalt, sein Herkommen, seinen Besitzstand und sein
letztes Geheimnis, das letztere einzig mit der Abweichung, da sein
verschollener Halbbruder wirklich ertrunken sei statt nur in einem Traume.
    Die neue Freundschaft verfehlte nicht, ruchbar und als eine bereits
abgeschlossene oder wenigstens bevorstehende Verlobung angesehen zu werden. Das
bewiesen dem Verliebten einige nicht unterschriebene Briefe, die er nacheinander
erhielt und die ihn vor der Verbindung warnten, welche er einzugehen im Begriffe
stehe.
    Die beiden Frauenzimmer, hie es, seien nur scheinbar in guten Umstnden; in
Wirklichkeit htten sie nichts oder nicht viel mehr als einen groen Flei im
Geldborgen, das sie allerdings aus dem Grunde verstnden. Sie wten es
allerwrts so einzurichten, da man nicht davon spreche, indem sie sich immer
edeldenkende und verschwiegene Opfer aussuchten, auch im Notfall hie und da
etwas zurckzahlten auf Kosten dritter Leute; allein die Sache sei dennoch ein
ffentliches Geheimnis, und man knne nicht zusehen, wie ein so ausgezeichneter
Mitbrger, dem die besten Huser sich auftten, in sein Verderben renne. Denn wo
eine Untugend hause, sei die zweite und dritte nicht weit, und der Geldmangel
sei aller Snden Angel. Mehr wolle man nicht andeuten.
    Als Albertus diese Briefe gelesen, wurde er weder betrbt noch zornig,
sondern frhlichen Herzens, weil er sie fr Ausflsse des Neides hielt und als
ein Zeichen betrachtete, da er nur zuzugreifen brauche, da eine Heirat in der
ffentlichen Meinung fr so wahrscheinlich und nah bevorstehend galt. Von
zrtlichem Mitleide bewegt, wnschte er einen angeblichen Notstand der beiden
Frauen als wirklich bestehend herbei, um sich als Hilfespender recht weich in
die Arme dankbarer Liebe betten zu knnen. Selbst fr den Fall, da jene in der
Tat etwas viel Geld brauchen sollten, entwarf er sofort Plne, seine Mittel nach
Notdurft zu vermehren; er hatte ja ohnedies die Absicht, seine Kenntnis der
stlichen Handelsbeziehungen zu verwerten und mit aller Bequemlichkeit und
Vorsicht ein Haus zu grnden und eine seinen noch jungen Jahren angemessene
Ttigkeit zu erffnen. Von solchen Gedanken getrieben, schritt er aufgeregt in
seiner Wohnstube umher und arbeitete gleichmig den Geschftsplan und das
glnzende Bild der Zukunft aus dem Rohen heraus, wobei ihn immer wrmer das
Gefhl eines einflureichen Beschtzers und Retters, eines Beglckers und
mchtigen Schpfers aufschwellte. Um auf diesen Wogen einen Augenblick
auszuruhen, stellte er sich an ein Fenster und sah zufllig, wie gegenber die
Spinnerin, die er ganz vergessen, in den Erker trat und ebenso zufllig ihn
erblickte, ehe sie sich an ihr Rdchen setzte. Schon hatte sie, wie gewhnlich,
ihm wieder den Rcken zugekehrt, der ihm so wohlbekannt war, als sie nochmals
umschaute und, mit einem langen Blick ihn betrachtend, das mysterise Gesicht
nun voll und ruhig zeigte, das er vorhin nur wie einen Blitz hatte aufleuchten
gesehen. Das Antlitz, fast herzfrmig, endigte in ein feines kleines Kinn und
schien eher wie eine Miniatur auf weies Elfenbein gemalt als aus Fleisch und
Blut zu bestehen; nur der Mund war rtlich wie ein geschlossenes Rosenknspchen,
das viel kleiner erschien als die groen dunklen Augen, und alles dies umgab
fremdartig eine Hlle von Batistleinwand. Endlich wandte sie sich wieder ab und
setzte ihr Rad in Gang; aber als ob sie sprte, da die Augen des Nachbars an
ihr hngenblieben, erhob sie sich und ging nach der dmmernden Tiefe des
Zimmers. Dort ffnete sie die Tre und schritt einen von der Abendsonne
durchleuchteten Korridor entlang, bis sie in der jenseitigen Dmmerung wie ein
Geist verschwand.
    Hiemit lsten sich auch seine vorhinnigen Plne und Luftschlsser in nichts
auf, und Albertus hatte sie in diesem Augenblicke schon so vollstndig
vergessen, als ob statt einiger Minuten hundert Jahre verflossen wren. Er stand
und starrte hinber, wo der Abendschein im Hintergrunde allmhlich verblich und
die Dmmerung das Zimmer fllte, bis es vllig dunkel war, wie die Stube, in
welcher er selber weilte. Nur der Blick jener geheimnisvollen Augen leuchtete
noch in seinem Gehirne fort, und zwar auch whrend des nchtlichen Schlafes, bis
der Morgenstern am Himmel glnzte, dessen Licht seine Augenlider berhrt haben
mochte; denn er sah es unmittelbar, als er aufwachte. Ihm hatte soeben getrumt,
er sitze tief verborgen in dem Gartenslchen der Cornelia zwischen dieser und
der unbekannten Spinnerin, die jedoch wie jene seine angetraute Frau sei, und
von beiden werde er geliebkost, whrend er um jede von ihnen einen Arm
geschlungen hielt. Das schien ihm eine sehr annehmbare und preiswrdige Sachlage
zu sein, und er hielt sich dabei so still wie die Luft und die reglosen
Jasmingebsche, als pltzlich die Unbekannte sich erhob und ihm mit einem
unaussprechlich lieblichen Blicke zuwinkte, ihr zu folgen. Allein die Cornelia
umklammerte ihn so fest, da er sich nicht zu bewegen vermochte und sehen mute,
wie jene durch einen unendlich langen Baumgang fortschwebte, ein helles Licht in
der Hand tragend, welches im Vorbereilen einen Baum nach dem andern beglnzte
und wieder im Dunkeln lie. Zuletzt verschwand sie in der blauen Nacht, in der
das Licht allein hngenblieb, das eben der Morgenstern oder Luzifer war, den er
beim Erwachen erblickte. Voll unertrglicher Sehnsucht mochte er kaum die
schickliche Zeit abwarten, um sich endlich nher nach der Unbekannten zu
erkundigen und einen Zugang zu ihr zu finden. Sonderbarerweise ergriff er
zuallererst den Schlssel des cornelianischen Nachbarpfrtchens, schlpfte
hindurch und machte den dortigen Frauen einen Morgenbesuch. Er traf sie am
Packen einiger Koffer, da sie auf acht oder vierzehn Tage nach einem kleinen
Badeorte reisen wollten und die alte Mietkutsche, die sie jhrlich dahin
brachte, schon erwarteten. Als Zwiehan mit seinen Fragen nach der spinnenden
Nachbarin begann, hielt Cornelia ein kleines Weilchen mit ihrer Arbeit inne und
sah dem Frager, an einem Koffer kniend, stutzig ins Gesicht. Das wird wohl die
Afra Zigonia Mayluft sein! sagte sie weniger erstaunt als berrascht; denn
schon frher hatte sie sich gewundert, da er die wunderlich schne Person nach
nicht zu kennen schien. Wie sie aber bemerkte, da er die gehrten Namensworte
mit glnzenden Augen wiederholte, unterbrach sie ihn mit der pltzlichen
Einladung, sie und die Mutter nach dem Kurorte zu begleiten. Wenn er sich fr
das Frauenzimmer interessiere, fgte sie errtend hinzu, werde man ihm unterwegs
Weiteres mitteilen knnen, und berdies werde dasselbe, soviel man wisse, in
wenigen Tagen auch in das Bad kommen, um mit Freunden zusammenzutreffen. Da habe
er dann die beste Gelegenheit, die Schne in freiem Verkehre zu sehen und
kennenzulernen. Unverzglich rannte Albertus in seine Behausung zurck, einiges
Gepck zu holen, und eine Stunde spter sa er bei den zwei Frauen im Reisewagen
und vernahm nun, da die Frulein Afra Zigonia Mayluft eigentlich nicht in
unserer Stadt gebrtig sei, sondern nur als eine verwaiste Verwandte sich seit
einiger Zeit in dem betreffenden Nachbarhause aufhalte und im brigen fr eine
Fromme und Heilige gelte, ja sogar bereits halb und halb der evangelischen
Brdergemeinde, die man die Herrnhuter nenne, angehren solle. Cornelia und ihre
Mutter betrachteten hierauf Herrn Zwiehan genau, um die abschreckende Wirkung zu
gewahren, welche sie von diesen Tatsachen erhofften. Aber er schaute nur um so
trumerischer vor sich hin, in sen Gedanken verloren; was er vernommen, schien
ihm vielmehr die verlockende Aussicht zu erffnen, sich an irgendeiner
unbekannten Glckseligkeit beteiligen zu knnen. In dem Badeort angelangt, zogen
ihn daher seine Freundinnen, um ihn zu zerstreuen, sogleich in einen Kreis
lustiger Badegste, von welchen getrennt eine kleine Gruppe einfach gekleideter
Mnner und Frauen der Gesundheit pflegte. Immer wurde er andere Wege gefhrt als
diejenigen, auf welchen diese Stillen in gemigten Gesprchen lustwandelten,
und so kam es, da, als eines Abends die sogenannte Afra Zigonia in der Tat
angekommen war, er dieselbe erst entdeckte, als sie am andern Morgen frh mit
zweien von den religisen Personen in einen Reisewagen stieg. Er hatte kaum noch
die gemessene, aber innige Freundlichkeit gesehen, mit welcher die
Zurckbleibenden die in Reisekleider gehllte Gestalt umgeben und begleitet
hatten, als der Wagen schon davonrollte und bald aus dem Gesichte entschwand,
whrend jene Zurckbleibenden mit andchtig zufriedener Miene an ihm
vorbergingen wie Leute, die eine ihnen am Herzen liegende und teure Sache wohl
verrichtet haben. Nun ist das liebe Kind gut aufgehoben! hrte er sagen, nun
geht sie ihrem Heil entgegen und wird bald in den Grten des Herren wandeln!
    Eine unaussprechliche Vorstellung berfiel ihn mit diesen Worten; er eilte
beklemmten Herzens, seine Gnnerinnen aufzusuchen und sich nach der Bedeutung
des soeben erlebten Vorganges zu erkundigen. Lchelnd teilten sie ihm mit, die
Neuigkeit werde just berall besprochen es heie, die Afra Zigonia sei nach
Sachsen verreist, um in die Brdergemeinde zu Herrnhut aufgenommen zu werden und
dort ihr Leben zu verbringen. Das ist mein Traum! sagte er sich; sie wandelt
mit dem Lichte durch die Nacht in den Morgenstern hinein, aber ich lasse mich
nicht zurckhalten von dieser Cornelia, sondern folge ihr diesmal nach! Mit
verstellter Ruhe blieb er noch ein paar Tage in dem Bade; dann aber begab er
sich ohne Abschied eines frhen Morgens nach Hause, bergab seine
Vermgensangelegenheiten dem ffentlichen Notarius, das Haus der Kchin, auch
versah er sich mit Geldmitteln und verschwand darauf aus der Stadt, seinem
Traumbilde nachzujagen. Da ihm aber die geographischen Verhltnisse der
abendlndischen Welt nicht gelufig waren und er das Ziel seiner Reise niemandem
verraten mochte, gelangte er erst nach einigen Irrfahrten in die Gegend von
Herrnhut. Er umkreiste diese Niederlassung der Gottseligen immer nher, drang
endlich hinein und bewarb sich um die Aufnahme in ihre Gemeinschaft. Weil er nun
weder in seinem uern noch in seiner Sprache, weder in seinen Blicken noch in
seinen Bewegungen irgendeine Verwandtschaft oder Kenntnis dessen verriet, was er
erlangen zu wollen vorgab, und sich berhaupt als ein unbeholfener Himmelsbarbar
darstellte, so wurde er befremdlich und verdchtig angesehen und nach einigen
Fragen mit einer Ablehnung entlassen. Betrbt und unentschlossen stand er da und
hatte sogar Trnen in den Augen wegen seiner vergeblichen Reise, als ein Chor
lediger Frauen vorberging, deren letzte die Afra Zigonia war. Als diese ihn
erblickte, schien sie ihn zu erkennen oder sich zu besinnen, wo sie den Mann
schon gesehen habe; denn sie stand einen Augenblick still, ihn aufmerksam
betrachtend, was er sogleich benutzte, sich ihr demtig grend zu nhern und
das Bekenntnis zu stammeln, da er aus heftiger Liebe ihr gefolgt, aber mit
seiner Bitte um Aufnahme als Bruder abgewiesen sei. Ebenso betroffen als
mitleidig liebevoll, wie ihm schien, lie sie ihr Auge auf ihm ruhen, wie von
einem innern Lichte sanft erglnzend, und sagte dann mit leiser und doch
wohltnender Stimme, ihm sei mehr die Liebe zum Herrn und Erlser als irdische
Liebe vonnten; aber er solle nicht verstoen werden und mge einen oder zwei
Tage noch im Gasthause warten. Hierauf grte sie ihn mit mildem Ernste und ging
ihren Schwestern nach. Schon am nchsten Morgen wurde Albertus von einem der
Vorsteher aufgesucht und nochmals abgehrt und geprft. Sei es nun, da er durch
die trumerischse Hoffnung, die ihn von neuem erfllte, ein etwas
andchtigeres Aussehen gewonnen oder da die Mayluftin einen so bedeutenden
Einflu bte er wurde auf Probe zugelassen und der untersten Klasse von
Neulingen beigesellt, immerhin in der Meinung, da er sich nach Verlauf einiger
Zeit dem Entscheide des Loses ber seine endgltige Aufnahme zu unterwerfen
habe, wie denn dieses Mittel in wichtigeren Angelegenheiten bekanntlich
angewendet wurde, um dem unmittelbaren Kundgeben des gttlichen Willens Raum zu
gestatten.
    Er mute nun auf die rechte Art lesen, beten, singen lernen, bescheiden,
still und arbeitsam sein und vor allem aus ber sein sndhaftes und elendiges
Wesen nachdenken; da er aber von alledem inwendig nichts fhlte und nur an die,
wie er glaubte, von ihm geliebte Afra dachte, so wurde ihm die Sache sehr
schwierig, und er verriet sich tglich mit barbarischen Blicken und Worten. Die
Geliebte bekam er nur von weitem in den gottesdienstlichen Versammlungen zu
sehen, wo sie in den Reihen der Unvermhlten sa, whrend er im Chore der
ledigen Mannsbilder seufzte. Sie schien ihn aber jedesmal mit den Augen zu
suchen und einen Augenblick zu betrachten, ob er noch da sei, immer mit jenem
groen Kinderblick, der ihn zum ersten Mal schon so pltzlich gerhrt hatte.
Dann fate er stets wieder Mut und fuhr in seinem Werke der Heiligwerdung fort.
Es gelang aber so kmmerlich, da nach Verflu einiger Monate, bevor man weitere
Mhen an ihn verschwenden wollte, das Befragen des gttlichen Orakels wirklich
angeordnet wurde. In feierlicher Versammlung, in welcher eine kleine Zahl
hnlicher Flle entschieden werden sollte, beim Schimmer geheimnisvoller Kerzen,
kniete er abgesondert auf dem Boden, whrend Gebet und Gesang den Raum erfllte,
bis er an die Urne gefhrt wurde und in tiefer Stille sein Los zog. Dasselbe war
ihm gnstig und entschied fr seinen Eintritt in eine etwas vorgercktere
Prfungsklasse. Als er jetzt wieder in den Reihen der Genossen sa, war er so
erschttert, da er das Singen und Beten versumte, welches abermals begann, da
nun ein angesehener und vielgereister Missionr an der Stelle kniete, welche
Albertus Zwiehan vorhin innegehabt. Bei diesem Missionr handelte es sich darum,
ob er eine afrikanische Station mit hchst ungesundem Klima bernehmen drfe,
wie er durchaus begehrte, oder ob er sich mit einer gesnderen Luft begngen
solle, wie die Gemeinde seiner etwas erschpften Krfte wegen verlangte. Das
Orakel entsprach seinem Begehren, worauf er an den alten Ort zurckkehrte und
abermals hinkniete; die Gesnge erschallten von neuem, und Albertus Zwiehan, der
sich inzwischen etwas gesammelt, benutzte die wachsende Begeisterung, um den
Anblick der Afra Zigonia Mayluft aufzusuchen, die er noch nicht gesehen. Er fand
sie nicht an ihrem gewohnten Platze, weil sie still an der Seite des Sendboten
kniete, wo das herumschweifende Auge Alberts sie unversehens entdeckte. Denn bei
ihr handelte es sich darum, ob es im Willen der Vorsehung liege, da sie jenem
als Ehefrau in die heie und rauhe Wste hinaus folgen solle oder ob ihre Person
nicht vielmehr zu fein und zart, zu innerlich und vornehm hiefr beschaffen sei.
Aber auch ihre Wnsche erfllte das Los, als sie zur Urne gefhrt wurde, und wie
sie nun mit dem Erwhlten Hand in Hand zur sofortigen Verlobung schwebte,
leuchteten ihre sonst so ruhigen Augen beinah um ein weniges zu warm und zu hell
fr eine irdische Angelegenheit.
    Mit offenem Munde und totenbleich sa Albertus, und nur seine Unfhigkeit,
auch nur aufzuatmen oder zu seufzen, verhinderte, da er eine Aufmerksamkeit
erregte. Nachdem alles vorber, schlich er lautlos auf sein Lager und brachte
eine schreckliche Nacht zu; seine ungeschulte, unwissende Selbstsucht wrgte ihm
wie eine ringelnde Schlange fast das Herz ab; dazwischen sah er immer die Afra
mit dem Missionr an der Hand davonschweben das war also das Licht, welches sie
in jenem trgerischen Traume in der Hand getragen hatte! Ganz abgemattet und
niedergeschlagen kam er andern Tages zum Vorschein, so da er als zum
Durchbruche reif erachtet wurde. Um ihn in eine erfrischende Bewegung und
Ttigkeit zu versetzen, wurde er zum dienenden Gehilfen eines andern
Missionsbeamten bestimmt, welcher auf dem Punkte war, die Niederlassungen in
Grnland, Labrador und der Kalmckei zu bereisen. Ohne jeglichen Widerstand lie
er sich dazu vorbereiten und fuhr mit seinem geistlichen Seelenmeister davon,
ohne da er die Afra wieder zu sehen bekommen htte. Nur ein schn gebundenes
kleines, dickes Bchlein hatte sie ihm zum Andenken gesendet; es enthielt fr
jeden Tag im Jahr einen Spruch oder ein Gedicht, und berdies war ein Stbchen
von Elfenbein zum prophetischen Zwischenstechen daran befestigt. Mit dem
Bchlein in der Hand sa er einige Monate spter eines Tages an einem
grnlndischen Seestrande in der Nhe von St. Jan ; schwchlicher Sonnenschein
beleuchtete die Gewsser, aus denen hie und da ein Seehund emportauchte. In
dieser schlfrigen Lage stach er von ungefhr in das Buch; denn er war von der
Arbeit in Magazin und Schreibstube ein wenig ermdet und trumte noch so hin,
als er eine wunderliche Liederstrophe las:

In einem Grtlein, wo du weit,
Da blht der Seelen Paradeis,
Da bad't im Brunn der Heilig Geist
Die Taubenflglein silberwei.
Da riecht der himmlische Jasmin,
Die Seel' spazieret s erbaut
In Zimmetrslein her und hin,
Da kt der Brutigam die Braut.

Durch die letzteren Zeilen wurde er zuerst halb und dann ganz munter; pltzlich
sah er den Garten hinter seinem Hause und in demselben die schlanke Nachbarin
Cornelia durch die Jasminbsche schlpfen, und obgleich das Bchlein, das er in
der Hand hielt, schon seit manchem Jahre gedruckt war, hielt er doch den
Liedervers sogleich fr eine unmittelbare Eingebung oder vielmehr fr einen
durch die Afra wunderbar bewirkten Aufruf zur Heimkehr und Heirat mit der
Cornelia, die ihm mit jedem Augenblicke, den er darber nachdachte, wieder
wnschenswerter erschien. Aber auch gegen Afra Zigonia empfand er, zum ersten
Male seit dem Abenteuer des Losziehens, ein dankbares Wohlwollen, berzeugt, da
sie weiser sei als er und ihn schlielich auf den Weg geleitet habe, den er nie
htte verlassen sollen. Das sei der Sinn ihres Wegganges im Traume und des
Lichtes, das sie ihm aufgesteckt. Er packte in der Nacht seine Habseligkeiten
zusammen, lief seinen Vorgesetzten davon, fuhr mit einem Walfischfnger sdwrts
und strebte unaufhaltsam der Heimat zu, wo er an seinem Hause eines Abends
anschellte, gerade als er die einst mitgenommene Barschaft gnzlich aufgezehrt
hatte; denn er war jetzt schon im zehnten Monat von Hause abwesend Er berlegte
soeben, ob er, bei anbrechender Dmmerung, noch heute durch das Gartenpfrtchen
gehen und die verlassene Freundin wohlttig berraschen solle, als die Haustre
sich ffnete und ein fremdartiger Mensch vor ihm stand, ein blatternarbiger,
gelbbrauner Mann mit gebogener Nase, starkem Schnurrbarte und runden Augen, der
als Haustracht trkische Pantoffeln an den Fen und eine lang herabhngende
rote Kappe auf dem Kopfe trug, wie sie in den Lndern des Mittellndischen
Meeres und weiterhin hufig bei Seeleuten gesehen wird. Der fragte nach dem
Begehren desjenigen, der gelutet habe.
    In mein Haus will ich! antwortete dieser verwundert, ich bin der Herr
Hieronymus Zwiehan!
    Der bin ich selbst, sagte jener barsch und schlug die Tre zu.
    Noch einige Minuten stand Albertus, bis ihm einfiel, er wolle den Notar
aufsuchen, der wohl wissen werde, von welchem Insassen sein Haus besetzt sei.
Allein der ffentliche Schreiber, der an seinem Abendessen gestrt wurde, sah
ihn gro an und rief ob er sich endlich sehen lasse, nachdem er so lang nichts
von sich habe hren lassen? (Denn damals gab es noch nicht die vielen
Publikationsmittel, um einen unbekannt Abwesenden aufzurufen.) Im Hause sitze
kein anderer als der Adoptivsohn und einzige Erbe des verstorbenen Zwiehan, oder
wenigstens einer, der sich gleichmig dafr ausgebe wie Albertus und ganz die
gleichen Schriften besitze. Bereits habe die Mamsell Cornelia Soundso, die man
fr die Verlobte des letztern gehalten, gerichtlich bezeugt, da sie von
Albertus selbst auf dem Wege des Vertrauens das Geheimnis erfahren habe, wie er
nicht sein Halbbruder, der ertrunkene Hieronymus, sondern der eigene natrliche
Sohn des alten Zwiehans sei. Auf dieses Zeugnis hin habe man dem unvermutet
angekommenen Hieronymus einstweilen den Aufenthalt in dem Hause gestattet; denn
wenn es sich so verhalte, so sei nach hiesigem Erbrecht nicht der natrliche
Sohn Albertus, sondern der Adoptivsohn rechtmiger Erbe, und jener knne gehen,
wo er wolle, das heit, insofern er nicht etwa wegen Flschung des
Familienstandes eingesperrt werde. Was er nun dazu sage?
    Albertus hatte zwar wenig Ursache mehr, auf seine Trume zu bauen; allein
die grimmige Notwendigkeit zwang ihn, diesmal noch den Hieronymus fr ertrunken
zu halten; verwirrt und aufgebracht stotterte er, das sei alles nicht wahr und
nicht mglich und werde sich leicht aufklren; aber der Notar zuckte die Achseln
und lie sich kaum herbei, dem Unglcklichen aus dem ihm anvertrauten Vermgen
etwas weniges an Geld zu verabreichen, damit er eine Herberge suchen konnte. In
der Tat war der verschollen gewesene Bruder bald nach der Abreise des Albertus
in Ostindien unversehens erschienen und den Spuren des letztern nach der Schweiz
gefolgt. Wo er die vielen Jahre sich umgetrieben, wurde nie vllig klar,
unterderhand aber behauptet, er sei bei den Piraten gewesen und habe einen
ordentlichen Beutel voll Dukaten zusammengerafft.
    Es kam nun zum gerichtlichen Austrag des Streites, welcher von den beiden
Halbbrdern und Bastarden der Adoptivsohn des leichtsinnigen toten Vaters sei.
Jeder von ihnen hatte einen Advokaten, der sich um die zu erhoffende Beute
tchtig wehrte, und eine Zeitlang schien bei der Entfernung des ursprnglichen
Schauplatzes und dem Mangel an Zeugen der Kampf innezustehen, bis der Advokat
des Hieronymus, nach Anleitung der Cornelia, einige ltere Mnner herbeibrachte,
welche den alten Zwiehan in seinen jngeren Jahren, vor der Zeit der
Auswanderung, noch wohl gekannt hatten. Diese Mnner bezeugten, da Albertus der
eigene Sohn des Alten sein msse, weil er demselben ihrer deutlichen Erinnerung
nach so hnlich sehe wie ein Ei dem andern, wodurch der Streit zugunsten des
wahren Hieronymus entschieden und dieser in das ganze Erbe, wie Albertus es
hergeschleppt hatte, eingesetzt, der letztere aber wegen seines betrglichen
Vorgebens, zwar mit Annahme mildernder Umstnde, fr ein Jahr ins Gefngnis
geworfen wurde. So war Albertus Zwiehan um sein natrliches Recht gekommen und
sah den Abkmmling eines wildfremden Abenteurers, der selbst ein solcher war,
durch die Schuld seiner leiblichen Mutter in den Besitz des ganzen von seinem
Vater erworbenen Vermgens gebracht, whrend er selbst ein Bettler geworden.
Cornelia dagegen, deren schnklingender Name einst den einfltigen Albertus so
bestochen hatte, vermhlte sich unverzglich mit dem Piraten, dessen mangelhafte
und rauhe Sitten sie nicht abschreckten. Um den unglcklichen Albertus auch nach
Verbung seiner Strafe noch weiter qulen zu knnen, beredete sie ihren Mann,
ihn um Gottes willen in das Haus aufzunehmen, was auch geschah. Er mute nun die
Arbeit eines Knechtes oder eher einer Magd verrichten; denn er besa zunchst
nicht einen Pfennig, mit welchem er htte verreisen oder ein Geschft beginnen
knnen, und war daher gentigt, sich allem zu unterziehen. Unkraut jten, Salat
putzen, Wasser tragen rgerten ihn weniger als das Einrichten jener
Wasserleitung und das Aufhngen der Wsche, zu welchem ihn die Madame Cornelia
Zwiehan regelmig mit boshaftem Lcheln anhielt. Eine Abwechslung gewhrte ihm
das Abschreiben der Familienchronik, welche im Besitze einer alten Frau von
Zwiehanischer Abstammung war und dem Hieronymus Zwiehan geliehen wurde. Dieser,
als der letzte nun legitime Stammhalter des frher nicht unbedeutenden
Geschlechtes, wollte sich auf dem Wege der Abschrift seiner Vorfahren
versichern, da die eigensinnige Alte das Dokument nicht abtrat. Er selbst
verstand nicht deutsch zu schreiben, und die Cornelia, die sich ganz einem
bequemen Wohlsein ergeben, weigerte sich, die Kopie anzufertigen.
    Durch das Abschreiben lernte Albertus erst Ansehen und Wrde der Familie
kennen, aus welcher er abstammte und nun verstoen war; denn nicht einmal seine
Eigenschaft als illegitimer Abkmmling konnte er beweisen, weil hiefr nicht
eine einzige Urkunde mehr vorhanden war. Durch die Unterdrckung seines wahren
Familienstandes hatte der arme Tor sich selbst heimatlos gemacht, und die
hnlichkeit mit seinem Vater, welche hingereicht, ihm das Erbe zu rauben, wurde
nicht fr gengend erachtet, ihm Namen und Brgerrecht des Vaters zu
verschaffen, weil hierber kein Spruch und keine Notiz vorhanden war.
    Um wenigstens eine Spur von seinem Dasein zu hinterlassen, schrieb er
heimlich sein Schicksal in das Original der Aufzeichnungen hinein, wozu eine
Reihe leergebliebener Bltter gengenden Raum bot, und brachte das Buch nach
beendigter Arbeit sofort jener Alten zurck. Sie las die eingeschaltete
Geschichte mit aller Teilnahme, besonders da sie den neuen Stammhalter nicht
leiden konnte, und als Albertus Zwiehan bald darauf aus Verdru ber den Verlust
seines Daseins, ja seiner Person und Identitt krank wurde und starb, lie sie
ihm einen Grabstein setzen und schrieb in die Chronik, mit ihm sei der letzte
wirkliche Zwiehan begraben worden, und was allfllig in Zukunft noch unter
diesem Namen herumlaufen werde, sei die Abkommenschaft eines landstreicherischen
fremden Seerubers.
    Es war eine warme Sommernacht, als ich mich dazumal ber die Kirchhofmauer
schwang und den Schdel, den ich mir bei Anla eines Leichenbegngnisses
gemerkt, abholte. Er lag in einem hohen grnen Unkraut, die Kinnlade daneben,
und war inwendig von einem schwachen blulichen Lichte erhellt, das leise durch
die Augenhhlen drang, wie wenn das leere Kopfhuschen des Albertus Zwiehan,
insofern es wirklich das seinige gewesen, noch von nichtigen Traumgeistern
bewohnt wre. Zwei Glhwrmchen saen nmlich darin, vielleicht in
Hochzeitsgeschften; ich nahm jedoch an, es seien die Seelen der Cornelia und
der Afra, und steckte sie zu Hause in ein Flschlein mit Weingeist, um ihnen
endlich den Garaus zu machen; denn ich glaubte fest, auch die fromme Afra habe
den unhaltbaren Menschen absichtlich mit ihrem Rcken angelockt und irregefhrt.
    Nachdem der Grund des Reisekastens mit dem eingemauerten Totenkopfe dermaen
gelegt war, kam die Mutter heran, um die neue Leibwsche in gebhrlicher Weise
hineinzuschichten und mir die solchen Dingen zukommende Sorgfalt einzuprgen.
Alles, was sie zum Vorschein brachte, hatte sie selbst gesponnen und weben
lassen, eine Anzahl feinere Hemden noch in jungen Jahren; denn da der Anwachs
des Hauses so frh abgebrochen worden, so waren die Vorrte ihres Fleies zum
guten Teile verschont geblieben, und ich nahm auch von diesem wiederum nur einen
Teil mit, indessen die Mutter das brige fr meine, wie sie hoffte, rechtzeitige
Rckkehr zur Erneuerung bereithielt.
    Dann kam ein Feiertagskleid, zum ersten Mal in anstndigem Schwarz; galt es
ja nun, nicht durch Verletzung der Sitte vom Wege des guten Fortkommens
abgedrngt zu werden; berdies glaubte die Mutter, da ich durch den Besitz
eines Sonntagskleides eher im Zusammenhange mit der gttlichen Weltordnung leben
wrde, wie sie sich auch nicht vorstellen mochte, da ich in fremden Lndern
einstmals sonn- und werkeltags im gleichen Rocke herumlaufen knnte. Sie
wiederholte daher whrend des Packens die schon oft erteilten Ermahnungen ber
das Instandhalten der Kleider, wie mit einer einmaligen Vernachlssigung, einem
kurzen Mibrauche schon der frhe Untergang eines Stckes eingeleitet wrde und
wie wenig ehrenhaft es sei, einen weggelegten Rock spter aus Armut doch wieder
anziehen zu mssen, anstatt ihn von Anfang an zu schonen und mglichst lang in
einem ordentlichen Mittelstande zu erhalten. Hiedurch verschaffe man dem
Schicksal gengenden Spielraum, sich zu wenden, whrend beim schnellen Ruinieren
eines Kleides ja gar nichts Rechtes vorgehen knne, eh es abgetragen und
verlchert sei.
    Nachdem endlich die brigen Gewandstcke sowie die Ausstattung an kurzer
Ware hineingebreitet und allerlei Wertlosigkeiten des rmlichen Bedrfnisses
dazwischengesteckt worden, schlossen wir den Koffer, und ein Mann schaffte die
kleine Arche zur Post, mit welcher ich am nchsten Morgen abreisen sollte. Mit
Schreck blickte die Mutter, die sich gesetzt hatte, auf den leeren Fleck des
Stubenbodens, auf welchem der Kasten den ganzen Tag gestanden; auch die Mappen
waren schon weggetragen und somit von allem, was mich anging, nur noch meine
Person, und auch die blo fr eine kurze Nacht, vorhanden. Aber die Mutter
berlie sich nicht lange diesem Vorgefhl der Einsamkeit, sondern raffte sich,
da es Sonnabend war, nochmals auf, um die Stube in gewohnter resoluter Weise zu
reinigen und nicht zu ruhen, bis alles getan war und die stille Sauberkeit der
Sonntagsfrhe harrte.
    Die stieg denn auch mit dem schnsten Maientag herauf, als ich bei dem
ersten Morgengrauen erwacht und aus der Stadt auf eine benachbarte Anhhe
gelaufen war, nur um in meiner Ungeduld die Zeit zu verbringen und den letzten
Blick auf die Heimat zu werfen. Ich stand unter den Vorbumen des Waldes; hinter
demselben lag der Osten mit dem erschimmernden Morgenrot; zugleich aber
erglhten die obersten Spitzen, Kmme und Wnde des Hochgebirges im Sden, die
dem Osten zugekehrt waren, in ungewohnten Formen, da ich sie zufllig nie so
gesehen. Abstrze und Klfte, allmhlich auch ganze hochliegende Gefilde und
Ortschaften kamen zum Vorschein, von denen ich keine Vorstellung gehabt; und als
endlich auch die alten Kirchen der mir zu Fen liegenden Stadt durch
irgendeinen Bergeinschnitt stlich beglnzt wurden, dazu ein wolkenloser ther
sich ber das Land ergo und rings um mich her der Gesang der Vgel ertnte, da
erschien mir diese Heimat so neu und fremdartig, als ob ich sie, statt sie zu
verlassen, erst jetzt kennenzulernen htte. Es war einer jener Flle, wo ein
Altgewohntes, Naheliegendes erst in dem Augenblicke, in welchem wir uns von ihm
wenden, einen ungekannten Reiz und Wert enthllt und die schmerzliche Erfahrung
unserer Flchtigkeit und Beschrnktheit wachruft. Hier reichte der bloe
Umstand, die Sache einmal im wrtlichsten Sinne von der anderen Seite beleuchtet
zu sehen, hin, mir den Abschied zu erschweren und ein Gefhl der Reue und
Unsicherheit zu erwecken, ja mich den fruchtlosesten aller Vorstze fassen zu
lassen, ein fleiiger Frhaufsteher und Zeitbenutzer zu werden, wie wenn ich ein
Ackersmann, Jger oder Soldat wre, die allerdings mit der ersten Morgenfrhe
aufs Feld gehren. Als ein Zeugnis meines Vorsatzes und der besseren
Pflichttreue hob ich das wei und blau gestreifte Federchen eines Hhers vom
Boden auf, welches die Farben unsers alten eidgenssischen Standes zeigte, und
steckte es auf meine Sammetmtze. Damit eilte ich wieder in die Stadt hinunter,
in deren Gassen jetzt die Morgensonne webte und die ersten Kirchenglocken
erklangen. Whrend die Mutter das letzte Frhstck bereitete, machte ich den
Umgang, mich bei den Hausgenossen zu verabschieden, welche die einzelnen
Stockwerke als Mieter bewohnten.
    Zuunterst hauste ein Spenglermeister, ein Bearbeiter jenes ntzlichen
Materials, das an sich fast wertlos, nur durch unendliches Schneiden, Klopfen
und Lten etwas wird und nie zum zweiten Male gebraucht werden kann. Es beruht
somit alles auf der zuwege gebrachten Form, mit welcher tausend hohle Rume
umschlossen werden, und, da wegen des geringen Stoffes niemand viel Geld
daranwenden will, auf einer von frh bis spt andauernden rastlosen Arbeit,
damit durch die Menge des Gehmmerten ein bedrfnisgemer Ertrag ermglicht
wird. Hiedurch sowie durch die erste Vorsicht, welche beim gefhrlichen
Anschlagen von Dachrinnen erforderlich ist, war der Meister ein etwas grmlicher
Formalist geworden, der, streng gegen seine Gesellen, mit Frau und Kindern auch
nicht freundlich tat. Aus mitrauischer Bescheidenheit hatte er nie gewagt, etwa
einen Verkaufsladen zu erffnen und sein Geschft auszudehnen, sondern
beschrnkte sich darauf, in seiner dunklen Werkstatt, die in einer entlegenen
Gasse lag, vom frhsten Morgen bis in die Nacht zu arbeiten, auch wenn seine
Gesellen schon im Bette oder im Wirtshaus waren. Er bezahlte den Mietzins immer
pnktlich und verhielt sich der Mutter gegenber gut und geziemend; mich aber
sah er mehr von der Seite an und behandelte mich abgemessen und trocken, weil
er, wie ich lngst bemerkt, mein bisher so freies und sorgenloses Leben, meinen
Beruf, berhaupt alles, was ich tat, mibilligte. Um so berraschter war ich,
als er mich jetzt ganz aufgerumt und freundschaftlich empfing und seine
unverhoffte Heiterkeit durch ein frischrasiertes Gesicht und sonntglichen Anzug
noch verklrt wurde, was ihn freilich nicht hinderte, einen kleinen Knaben durch
eine Ohrfeige schnell zum Weinen zu bringen, der, beim Frhstck sitzend, noch
mehr Milch verlangte. Gleich darauf begann auch ein Mdchen unterdrckt zu
schluchzen, das er pltzlich am Zopf gezerrt, weil es sein Brot hatte auf die
Erde fallen lassen. Nachdem auf einen strengen Blick des Mannes die Frau sich
mit den Kindern in die Kche zurckgezogen, besprach er in heiterm Ton meine
Reise, die Stdte, welche ich sehen wrde, die Wahrzeichen derselben, die ich
besichtigen solle, und nannte mehrere, wie die Handwerksburschen auf der
Wanderschaft sie sich zu berliefern pflegen, hier einen steinernen Mann, dort
einen schiefen Turm, anderswo einen hlzernen Affen am Rathaus. Dann brachte er
Speis und Trank zur Sprache, was hier oder dort gut zu trinken oder zu meiden
sei, die leckeren Nationalgerichte, die er nie vergessen und auf die ich stoen
werde, je nach Landesart. Da mge ich mir nichts abgehen lassen.
    Bedchtig schritt er unversehens zu seinem Schreibtisch, nahm ein Papierchen
heraus, in welches ein Brabantertaler gewickelt war, und berreichte es mir als
bescheidenes Reisegeschenk, wie er sagte, mit der Aufforderung, es mit guter
Gesundheit frhlich zu verzehren. Ich durfte es nach der Sitte nicht ablehnen,
sondern behielt es mit hflichem Dank in der Hand und stieg eine Treppe hher.
Spter habe ich erst erfahren, welche Bewandtnis es mit seiner Freundlichkeit
hatte. Er war so frhlich und scheinbar wohlwollend, weil er der berzeugung
lebte, ich werde nun lernen, was Leben und Arbeiten sei, und in der
Schicksalsschule, der ich so harmlos entgegenreise, gehrig gemaregelt werden;
denn es war mit den nationalen Leckerbissen, die er auf der Wanderschaft
genossen haben wollte, nicht weit her; Hunger und Durst hatte er gelitten und
jegliche Not durchgemacht, nicht aus eigenem Verschulden, sondern aus Unstern.
Sein heiterer Abschied war daher eine Art Verwnschung, die er mir auf den Weg
gab, obgleich zu meinem Besten, wie er meinte.
    Auf dem nchsten Stocke, den ich nun besuchte, wohnte ein kleiner
Mechanikus, welcher mit allerlei volkstmlichen Genauigkeitswerkzeugen, wie
Waagen, Mastben, Zirkeln, dann mit Kaffeemhlen, Waffeleisen,
pfelschlmaschinchen handelte, dergleichen auf Verlangen auch ausbesserte mit
Hilfe eines alten Arbeiters. Zugleich aber bekleidete er das Amt eines
Eichmeisters ber einen Kreis, prfte Ma und Gewicht und kerbte, schlug und
schliff die Zeichen in die betreffenden Gegenstnde. Vorzglich mit den vielen
Schenkwirten fhrte er einen bestndigen Krieg, wenn sie mit allen Rnken und
fterm Wechsel ihres Glasgeschirres das Gesetz zu umgehen suchten. Nun trieb ihn
die Leidenschaft, nicht nur darber zu wachen, da das Geschirr richtig geeicht
sei, sondern auch darber, da es gehrig gefllt werde, und er zog von einem
Wirtshaus ins andere, um nachzusehen, wo das Getrnke unter dem Strich blieb und
die Gste sich das gefallen lieen. Bei dieser Gelegenheit verlor er selbst das
Ma und verfiel einem Trinken unzhliger halber Schppchen, aus dem er sich
nicht mehr losnesteln konnte, so genau und scharf er auch jedes einzelne
betrachtete, bevor er es zu sich nahm. Noch unrasiert und im Werktagshabit
wartete er jetzt auf seinen Morgenkaffee, welchen die Frau still bereitete; denn
sie hielt mit ihren spitzigen Strafreden klug zurck, bis der letzte Rest der
Weinlaune, aus welchem er noch Kraft zum Widerstande schpfen konnte,
abgestorben und nur noch die Schwche brig war, die sie jeden Tag nutzlos mit
Worten zusammenhieb. Der Eichmeister go in ein zylindrisches Glschen, das zum
Ausgleichen und Abwgen kleiner Mengen diente, etwas Kirschgeist, da die Frau
aus Neid oder Bosheit sein letztes Kelchglschen zerbrochen habe Diese metrische
Erquickung setzte er mir vor, whrend er sich selbst einen tchtigen Schluck in
ein greres Glas schenkte, als willkommenes Mittel, den Zustand seiner
Wehrbarkeit etwas zu verlngern. Im ungekmmten Haare kratzend, sah er mich aus
gerteten Augen blitzelnd an, seufzte und behagte die Unsitte, sich den
Sonntagmorgen immer durch das lange Sitzen in der Samstagsnacht zum voraus zu
verderben. Dann sagte er:
    Ich bin Euerer Mutter, Herr Lee, noch den letzten Hauszins schuldig; es
wre daher nicht schicklich, wenn ich Euch ein noch so bescheidenes
Reisegeschenk anbieten wollte. Dafr will ich Euch aber einen guten Rat auf den
Weg geben, der Euch, insofern Ihr ihn befolget, ntzlich sein wird. Haltet immer
auf rechte Gesellschaft und einen frhlichen Sinn; aber Ihr mget reich oder
arm, beschftigt oder mig, geschickt oder ungeschickt sein, geht niemals am
Tage ins Wirtshaus, sondern wartet den Abend ab! Das ist der Standpunkt eines
gesitteten und gebildeten Mannes, was ich leider nicht mehr bin! Und auch am
Abend gehet eher spt als frh; es gibt nichts, das so ehrbar und angenehm wre
als der zuletzt erscheinende Gast, vorausgesetzt, da er nicht aus andern
Wirtshusern kommt. Freilich kann nicht jeder nach dieser Ehre trachten, weil
auch einer oder mehrere die ersten sein mssen, andere die mittleren usw.; dann
aber nehmt Euer bescheidenes Ma entschlossen zu Euch und brecht ebenso
entschlossen wieder auf, oder wenigstens hockt nicht mit langweiligem Geschwtz
vor leeren Glsern; lieber lasset diese nochmals fllen, als da Ihr dem Wirte
auf so niedertrchtige Art die Nacht stehlet wie die Tagediebe dem Herrgott den
Tag! Und nun will ich Euch zum guten Abschied noch eichen, da Ihr in allen
Dingen Mahaltet!
    Er holte ein lngliches Futteral herbei, nahm aus demselben ein amtliches
Urma, fein aus glnzendem Messing gearbeitet, legte es mir an den Hals und
sagte:
    Bis hier hinauf und nicht weiter drfen Glck und Unglck, Freude und
Kummer, Lust und Elend gehen und reichen! Mag's in der Brust strmen und wogen,
der Atem in der Kehle stocken! der Kopf soll oben bleiben bis in den Tod!
    Da der blanke Metallstab sich kalt anfhlte, so hatte ich am Halse die
Empfindung, wie wenn eine gebieterische Einwirkung in der Tat stattgefunden
htte, und ich wute nicht, ob Torheit oder Weisheit aus dem Manne sprach. Auch
lachte er gleich mir, als er sich zu seinem Frhstck setzte und ich meines
Weges weiterging.
    Nun kam ich an eine verschlossene Tre, was ich eigentlich htte vermuten
knnen. Dort wohnte nmlich ein unverheirateter kleiner Beamter, der jeden
Sonntag, wenn das Wetter es irgend erlaubte, frh wegging und den ganzen Tag
fortblieb, um ja nicht zu irgendeiner unvorhergesehenen Verrichtung oder Arbeit
geholt zu werden. So warf er auch jeden Tag, sobald es sechs Uhr schlug, die
Feder weg und verlie das Lokal, mochte die Arbeit noch so dringend sein. Den
Posten, den er bekleidete, verfluchte er unablssig, obgleich er ihm jahrelang
nachgelaufen war und fast kniefllig darum angehalten hatte. Er nannte sich ein
Opfer enttuschter Grundstze und besuchte nur solche Gesellschaften, wo seine
Vorgesetzten geschmht wurden, und er verbreitete dort die Meinung, da er nicht
an bessere Stellen befrdert werde, weil er den Rcken nicht zu beugen verstehe.
Der eigentliche Grund seines Sitzenbleibens war freilich die Unfhigkeit, etwas
Besseres zu leisten, wie er ja schon durch seine Redeblume der enttuschten
Grundstze bewies, da ihm die Kenntnis des richtigen Sprachgebrauches fehlte.
Trotz aller Unzufriedenheit hing er aber wie eine Klette an seinem Posten und
wre mit Feuerhaken nicht von demselben loszureien gewesen; denn er gewhrte
ihm, wenn auch kein glnzendes, so doch ein sicheres und gemchliches Auskommen.
Auch htete er sich, da seine Trgheit eine vorstzliche war und er es in diesem
Punkte halten konnte, wie er wollte, er htete sich vorsichtig, unter die Linie
hinabzugehen, wo er weggeschickt worden wre, wogegen er sich aus periodischen
Verweisen und Aufmunterungen nichts machte. Ich liebte diesen Hausgenossen um so
weniger, als er zuweilen ein stiller Vorwurf fr mich war, trotz seines
keineswegs mustergltigen Charakters; denn meine Mutter hatte, im Hinblick auf
sein sorgloses und geruhiges Leben, schon mehr als einmal die schchterne Frage
aufgeworfen, ob es doch nicht vielleicht besser gewesen wre, wenn wir, dem Rate
jenes Magistraten folgend, eine solche Laufbahn gewhlt htten, auf der ein so
dummer Mensch so behaglich einherwandle, whrend ich in die weite Welt msse und
nicht wisse, wie es mir ergehen werde. Ich hatte mich aber begngt, auf die
miserable Figur hinzuweisen, die ein solcher Kerl mache, der nichts Hheres
kenne und nichts erfahren habe. Als ich nun vor der Tre stand, an welcher ein
artiges Messingplttchen seinen Namen und den Titel seines mtchens zeigte,
hrte ich im Innern den Pendelschlag der Wanduhr langsam und friedlich hin- und
hergehen. Es herrschte eine so tiefe Stille und Ruhe in dem Gemach, da die Uhr
sich der Abwesenheit des unzufriedenen Gesellen frmlich zu freuen schien. An
dem Trpfosten lehnend, horchte ich eine Weile dem eintnig vielsagenden Liede
der Zeitmesserin, die niemals denselben Augenblick zweimal mit. Ich hrte wohl
etwas heraus, aber nicht das Rechte, weil ich jung war, und strmte endlich in
unsere eigene Wohnung hinauf.
    Dort harrte die Mutter mit der letzten kleinen gemeinsamen Mahlzeit, die sie
bereitet; die nchste sollte sie nun allein verzehren. Die Morgensonne erfllte
das Gemach mit ihrem Scheine, und ich betrachtete, als wir einsilbig am Tische
saen, durch die Stille wie befremdet, die schlichten weien Vorhnge, das alte
Wandgetfer, das Hausgerte, wie wenn ich alles dies nie wiedersehen sollte. Das
Frhstck war etwas reichlicher als gewhnlich bedacht, hauptschlich damit ich
nicht in den nchsten Stunden Schon hungrig zu werden und Geld auszugeben
brauchte, aber auch weil die Mutter sich mit dem Reste den brigen Tag hindurch
nhren und heute fr sich allein nicht mehr kochen wollte. Als sie das beilufig
sagte, ward ich ganz betreten und wollte erwidern, sie msse das ja nicht tun,
wenn ich nicht eine traurige Vorstellung mit mir nehmen solle. Allein ich
brachte kein Wort hervor, an dergleichen uerungen nicht gewhnt, indessen die
Mutter nach Worten suchte, um diejenigen letzten Ermahnungen an mich zu richten,
die sonst einem Vater obliegen. Da sie aber die Welt nicht kannte noch die
Ttigkeiten und Lebensarten, denen ich entgegenging, und doch wohl fhlte, da
etwas nicht richtig sei in meinen Geschichten und Hoffnungen, ohne da sie
nachweisen konnte, worin es lag, so beschrnkte sie sich schlielich auf den
kurzen Zuspruch, ich solle Gott nie vergessen. Dieses Allgemeine, welches
freilich alles umfate und ausdrckte, was sie mir htte sagen knnen, weil ich
ein ungebrochenes theistisches Glauben und Fhlen in mir trug, nahm ich mit dem
Schweigen entgegen, das von selbst eine Bejahung ist. Und da zugleich die
Kirchenglocken einfielen und eine um die andere rasch zusammenklangen, so blieb
jenes Wort das letzte zwischen uns gesprochene; denn die Minute war da, wo ich
aufzubrechen hatte. Ich sprang auf, nahm Mantel und Tasche und gab der Mutter
die Hand zum Lebewohl. Unter der Stubentre, als sie mich begleiten wollte,
drngte ich sie sanft zurck, zog die Tre zu und eilte allein auf die Post, von
wo ich bald darauf in einem der schweren, mit fnf Pferden bespannten Eilwagen
sa, die jeden Morgen im Trabe die steilen, schlecht gepflasterten Gassen der
Bergstadt hinunterrasselten.
    Etwa fnf Stunden spter fuhr ich ber eine lange hlzerne Brcke. Als ich
mich aus dem Schlage bog, sah ich einen starken Strom unter mir daherziehen,
dessen an sich klargrnes Wasser, das junge Buchenlaub, das die Uferhnge
bedeckte, sowie die tiefe Blue des Maihimmels vermischt widerstrahlend, in
einem so wunderbaren Blaugrn heraufleuchtete, da der Anblick mich wie ein
Zauber befiel und erst, als die Erscheinung rasch wieder verschwand und es hie:
Das war der Rhein! mir das Herz mit starken Schlgen pochte. Denn ich befand
mich auf deutschem Boden und hatte von jetzt an das Recht und die Pflicht, die
Sprache der Bcher zu reden, aus denen meine Jugend sich herangebildet hatte und
meine liebsten Trume gestiegen waren. Da es nicht in meinem Erinnern leben
konnte, ich sei nur von einem Gau des alten Alemanniens in den andern hinber,
aus dem alten Schwaben in das alte Schwaben gegangen, dafr hatte der Lauf der
Geschichte gesorgt, und darum war mir das herrliche Funkeln der grnblauen
Flamme des Rheinwassers wie der Geistergru eines geheimnisvollen Zauberreiches
gewesen, das ich betreten.
    Ich sollte freilich auf unerwartete Weise aus solchen Trumen geweckt und
meine Weiterreise zur seltsamsten Pnitenzfahrt werden, die je einer gemacht.
Denn bei der ersten Wechselstelle der nachbarlndischen Post lag auch die
Zollsttte mit dem frstlichen Kronwappen, und whrend das Gepck der brigen
Reisenden kaum geffnet und leichthin geprft wurde, erregte mein unfrmlicher
Koffer eine genauere Aufmerksamkeit der Zollbeamten; was am gestrigen Abend so
sorglich eingepackt worden, mute unbarmherzig herausgenommen und
auseinandergelegt werden bis auf die Bcher am Grunde, und diese wurden erst
recht abgedeckt. So kam der Schdel des armen Zwiehan zutage und erweckte
wiederum eine Neugierde anderer Art kurz, es wurde nicht geruht, bis der ganze
Inhalt meiner Kiste auf dem fremden Boden umhergestreut lag. Mit kaltem Lcheln
schauten sodann die martialischen Grenzwchter zu, als ich hastig und bekmmert
meine Habseligkeiten wieder in den Kasten warf und prete und kaum alles
unterbringen konnte, whrend die brigen Reisenden bereits im neuen Postwagen
saen und der Wagenfhrer mich zur Eile antrieb. Er half mir noch den Deckel
zudrcken und schlieen, und als die Bediensteten das schwere Mbel wegtrugen,
lag richtig der Schdel auf der leeren Stelle und war, hinter dem Koffer
versteckt, vergessen worden. Er htte auch nicht mehr Platz gefunden. So hob ich
ihn denn auf, nahm ihn unter den Arm, trug ihn zum Wagen und hielt ihn auf der
ganzen Reise auf dem Schoe, in ein Tuch gewickelt, das ich fr etwaigen
Nachtfrost zum Schutze des Halses mit mir fhrte. Eine Art natrlicher Piett
oder Gewissensfurcht hielt mich ab, das unbequeme Wesen unterwegs auf gute Weise
wegzuwerfen oder zurckzulassen, nachdem ich es einmal zu leichtsinnig vom
Friedhofe geraubt hatte; wie ja auch der verworfenste Mensch immer noch Anla
findet, mit einem Zuge der Menschlichkeit, wenn auch noch so wunderlich
angewendet, sich auszuweisen.
    Mit dem Sonnenuntergange des zweiten Tages erreichte ich das Ziel meiner
Reise, die groe Hauptstadt, welche mit ihren Steinmassen und groen Baumgruppen
auf einer weiten Ebene sich dehnte. Meinen verhllten Totenkopf in der Hand,
suchte ich bald das notierte Wirtshaus und durchwanderte so einen guten Teil der
Stadt. Da glhten im letzten Abendscheine griechische Giebelfelder und gotische
Trme; Sulenreihen tauchten ihre geschmckten Hupter noch in den Rosenglanz,
helle gegossene Erzbilder, funkelneu, schimmerten aus dem Helldunkel der
Dmmerung, wie wenn sie noch das warme Tageslicht von sich gben, indessen
bemalte offene Hallen schon durch Laternenlicht erleuchtet waren und von
geputzten Leuten begangen wurden. Steinbilder ragten in langen Reihen von hohen
Zinnen in die dunkelblaue Luft, Palste, Theater, Kirchen bildeten groe
Gesamtbilder in allen mglichen Bauarten, neu und glnzend, und wechselten mit
dunklen Massen geschwrzter Kuppeln und Dcher der Rats- und Brgerhuser. Aus
Kirchen und mchtigen Schenkhusern erscholl Musik, Gelute, Orgel- und
Harfenspiel; aus mystisch-verzierten Kapellentren drangen Weihrauchwolken auf
die Gasse; schne und fratzenhafte Knstlergestalten gingen scharenweise
vorber, Studenten in verschnrten Rchen und silbergestickten Mtzen kamen
daher, gepanzerte Reiter mit glnzenden Stahlhelmen ritten gemchlich und stolz
auf ihre Nachtwache, whrend Kurtisanen mit blanken Schultern nach erhellten
Tanzslen zogen, von denen Pauken und Trompeten herbertnten. Alte dicke Weiber
verbeugten sich vor dnnen schwarzen Priestern, die zahlreich umhergingen; in
offenen Hausfluren dagegen saen wohlgenhrte Brger hinter gebratenen jungen
Gnsen und mchtigen Krgen; Wagen mit Mohren und Jgern fuhren vorbei, kurz,
ich hatte genug zu sehen, wohin ich kam, und wurde darber so mde, da ich froh
war, als ich endlich in dem mir angewiesenen Zimmer des Gasthofes Mantel und
Totenkopf ablegen konnte.

                                 Elftes Kapitel



                                   Die Maler

Gehe ich mit der Erinnerung meinem damaligen Wandel nach, so gestaltet sich
derselbe erst um die Zeit wieder etwas deutlicher, wo ich gegen anderthalb Jahre
am Musenorte mehr oder weniger inkognito zugebracht. Denn weder meine
Vorbereitung noch meine Lebenskunde waren geeignet gewesen, mein Tun und Lassen
rasch in eine feste Form zu leiten.
    In diesem bergangsschatten herumsuchend, sehe ich mich eines Nachmittags
bei guter Zeit die Palette reinigen und die Pinsel auswaschen, mit denen ich den
Kampf mit einem auf Hrensagen begonnenen lmalen fhrte. Ich sehe mich noch den
schlichten breitrandigen Hut ergreifen, den ich lngst statt des sentimentalen
Sammetbarettes trug, und den Weg zu einem neuen Bekannten antreten, um denselben
noch bei der Arbeit zu finden und ihm eine flchtige Weile zuzuschauen, ehe wir
den verabredeten Gang ins Freie unternahmen. Ohne alle Empfehlungen angekommen
und auch ohne Mittel, mich in die Werkstatt eines in der Wolle des Gelingens
sitzenden Meisters einzudingen, war ich darauf angewiesen, in den Vorhfen des
Tempels zu stehen und da oder dort durch die Vorhnge zu gucken, was immer seine
Schwierigkeit hatte. Denn von den Scholaren, wie sie im Durchschnitte sind, war
nichts zu lernen, und sobald die jungen Leute durch den Verkauf eines Werkleins
sich als angehende Meister betrachten lernten, wurden sie in der Mitteilung
ihrer Kunstgeheimnisse zugeknpft und einsilbig. Schon war ich einmal
zurckgeschreckt worden, als ich mich auf ausdrckliche Einladung hin bei einem
Derartigen schchtern zum Besuche meldete und er mich an der Tre mit der
hochmtigen Entschuldigung abwies, er halte soeben Konferenz mit seinem
Literaten, um den Mann fr die Besprechung eines neuen Bildes zu instruieren.
Auch in der Idealwelt der Kunst sind Kmmel und Salz reichlicher als Ambrosia,
und wenn die Leute wten, wie klein und ordinr es in den Kpfen mancher Maler,
Dichter und Musikanten aussieht, so wrden sie einige dem Vlklein nur
schdliche Vorurteile aufgeben.
    Mein neuer Freund, Oskar Erikson, war jedoch eine gerade und einfache Natur.
Mit seiner ganzen langen und breitschultrigen Gestalt und in seinem dichten
Goldhaar, welches vom hoch einfallenden Lichte gestreift wurde, sa er vor einem
winzigen Bildchen, an dem er malte. Sonst war, auer einigen Skizzenbchlein, in
dem gerumigen Zimmer nichts zu erblicken als ein paar Jagdflinten an der Wand,
auf dem Boden ausgestreckte Wasserstiefel und auf dem Tische liegende
Pulverhrner und Schrotbeutel neben einigen Bchern. Eine kurze Jgerpfeife im
Munde, rckte die Hnengestalt eben, als ich eintrat, mchtige Rauchwolken
ausstoend, auf dem Stuhle sthnend und brummend hin und her, stand auf, setzte
sich wieder, warf die Pfeife weg, da das glimmende Kraut umherfuhr, zielte mit
dem Pinsel und rief in abgebrochener Weise: O heiliges Donnerwetter! Welcher
Teufel mute mir einblasen, ein Maler zu werden! Dieser verfluchte Ast! Da hab
ich zuviel Laub angebracht, ich kann in meinem Leben nicht eine so ansehnliche
Masse Baumschlag zusammenbringen! Welcher Hafer hat mich gestochen, da ich ein
so kompliziertes Gestruch wagte? O Gott, o Gott! wr ich, wo der Pfeffer
wchst! ei, ei, ei, ei! Das ist eine saubere Geschichte - wenn ich nur diesmal
noch aus der Tinte komme!
    Pltzlich fing er ans Verzweiflung machtvoll an zu singen:

O wr ich auf der hohen See
Und se fest am Steuer!

was ihm zum Durchbruch zu verhelfen schien; denn der Pinsel sa jetzt an der
rechten Stelle und arbeitete mehrere Minuten gemchlich fort, indessen Erikson
die angefangene Melodie immer ruhiger und gedmpfter wiederholte und endlich
verstummte und still weitermalte. Aber offenbar um Gott nicht allzulange zu
versuchen, sprang er unversehens auf und betrachtete, einen Schritt
zurcktretend, mit hchster Zufriedenheit den alten Dessauermarsch pfeifend,
sein Werk. Dann setzte er das Gepfiffene in Worte um und sang, indem er das
Rauchzeug wieder zusammensuchte: So leben wir, so leben wir, so leben wir alle
Tage usf., wobei er endlich meine Anwesenheit entdeckte.
    Sehen Sie, wie ich mich plagen mu! rief er, mir unbefangen die Hand
schttelnd; seien Sie froh, da Sie ein gelehrter Komponist und Kopfmaler sind,
der nichts zu knnen braucht, whrend so ein armer Teufel von Handelsmaler nicht
wei, wo er die Tausende von bargltigen Halbtnchen, Druckerchen und Lichtchen
auftreiben soll, um seine kabinettsfhigen vierzig Quadratzoll nicht allzu
schwindelhaft zu berstreichen!
    Das war durchaus nicht ironisch gemeint; vielmehr betrachtete er seine
Arbeit von neuem mit mitrauischen Augen und setzte sich wieder hin, um noch ein
bichen sein Heil zu versuchen, indessen ich ihm gespannt zuschaute, wie er auf
der groen Palette mit ngstlicher Vorsicht reine und sichere Tinten
aussonderte, mischte und in der beschriebenen Weise auftrug. Wie er spter, bei
entwickelter Vertraulichkeit, von sich selbst behauptete, war er nicht etwa ein
schlechter Maler (dazu war er allerdings zu geistreich), sondern im wesentlichen
Sinne der Frage gar keiner. Ein Kind der nrdlichen Gewsser, von der Grenzmark
zwischen den Deutschen und Skandinaviern herstammend, Sohn eines in guten
Umstnden lebenden Seefahrtsmannes, hatte er in den ersten Jugendjahren ein
anmutiges Geschick bekundet, mit gewandtem Stifte zu skizzieren, was ihm vor die
Augen kam, und hauptschlich fr das jhrliche Schulexamen prunkende Schaustcke
in schwarzer Kreide angefertigt. Durch den Einflu eines jener verkmmerten
Zeichenlehrer, welche die Drftigkeit ihrer Existenz mit unversieglicher
Begeisterung zu verhllen oder zu verbessern trachten und berall mit unseligem
Aufstacheln zur Hand sind, war er vom freisinnigen Mut einer glcklichen
Familie, sich selbst nur halb bewut, der Kunst zugewendet worden, nicht ohne
da jener Lehrer hiebei manches krftige Liebesmahl und auch klingenden Lohn fr
allerlei Rat und Tat zu genieen wute. Die ungewhnliche Laufbahn schien auch
dem hellen und frhlichen Sinn des Jnglings, seiner unbndig emporwachsenden
Kraft eher zu entsprechen als der Aufenthalt in der vterlichen Schreibstube. So
wurde er denn, im Widerspiel mit so vielen andern Jnglingen in hnlicher Lage,
unter bester Zustimmung und Hoffnung, wohlausgestattet und empfohlen, zur Reise
nach den berhmtesten Kunstschulen entlassen und fand bei den namhaftesten
Meistern, welche ihre Werksttten zu ffnen pflegten, willige Aufnahme. Im
Anfange ging die Entwicklung ganz frisch und ohne Unterbruch vonstatten,
besonders da der junge Mann, zwar nicht bereifrig und mehr lebenslustig, doch
keine wirklichen Pausen in seinem Fleie eintreten lie und sowohl mit seiner
prchtigen Gestalt als seinem heiter frohen Ernste eine Zierde der Ateliers
bildete. Aber die Fortschritte gingen nur bis zu einer gewissen Grenze und
standen dann unerbittlich still, auf geheimnisvolle Weise, da jedermann die
schnsten Hoffnungen hegte und in der Fhrung des mnnlich ruhigen Scholaren
keine nderung eingetreten war. Erikson ward des Phnomens zuerst inne, glaubte
aber dagegen ankmpfen, dasselbe berwinden und beseitigen zu sollen. Er
vernderte den Ort, versuchte sich auf allen Gebieten, wechselte Meister um
Meister - umsonst, er fhlte, da ihm die Gewalt zur Erfindung sowohl wie zur
Flle der Ausfhrung abging, da ihn das innere Sehen auf einem deutlich
erkennbaren Punkte verlie oder hchstens sich vereinzelt gleich einem
glcklichen Wrfelspiel einstellte, welches sich nicht wiederholte, und schon
hatte er sich entschlossen, den beschmenden Kampf aufzugeben und heimzukehren,
als ihn die Nachricht von dem Ruin des vterlichen Hauses ereilte. Derselbe war
so vollstndig und hoffnungslos, wenigstens auf Jahre hinaus, da die Heimkehr
des Sohnes als eine Vermehrung des bels betrachtet und bestimmt gewnscht
wurde, er mge zusehen, wie er sich mit den Frchten seines bisher so lblichen
Fleies nun weiterhelfe.
    So war denn sein Entschlu bald verndert. Mit unbestechlich bedchtiger
Selbstkritik durchsuchte und verglich er das ganze Gebiet dessen, was in seinem
Vermgen stand, und gelangte nach reiflichem Nachdenken zu dem Ergebnisse, da
er mit Sicherheit und Verstndnis allereinfachste Landschaftsbilder im kleinsten
Mastabe, belebt mit vorsichtig hingesetzten Figrchen, alles dies mit einem
gewissen Reiz ausgefhrt, hervorbringen knne. Ohne Zaudern machte er sich
daran, und zwar mit redlichem und anstndigem Sinne. Denn anstatt mit leichter
Arbeit auf falsche Effekte und irgendein manieriert modisches Gepinsel
loszugehen, das sich sozusagen von selbst hinschmiert (gerade das wre fr
manchen andern so recht angezeigt gewesen), blieb er wie ein wahrer Gentleman
den Grundstzen einer ehrlichen Vorbereitung und Vollendung getreu, und hiemit
erneuerte sich bei jedem neuen Bildchen fr ihn Arbeit und Mhe.
Glcklicherweise gelang die Sache. Gleich das erste Produkt, das er ausstellte,
wurde rasch verkauft, und es dauerte nicht lange, so suchten die fr feinere
Kenner geltenden Sammler die sogenannten Eriksons zu guten Preisen zu erwerben.
    Ein solcher Erikson enthielt etwa im Vordergrunde ein helles Sandbord,
einige Zaunpfhle mit Krbisranken, im Mittelgrunde eine magere Birke, dann aber
einen weiten flachen Horizont, dessen wenige Linien, mit weiser Berechnung
angelegt und in Verbindung mit der einfach gehaltenen Luft, die Hauptwirkung des
Werkleins hervorbrachten.
    Obgleich dergestalt Erikson als echter Knstler angesehen wurde, verleitete
ihn das weder zur Selbstberschtzung noch zum Geiz; sobald seinem
Ausgabenbedrfnisse gengt war, warf er Pinsel und Palette hin und ging ins
Gebirge, wo er sich als Jagdgenosse so einheimisch gemacht, da er sogar zur
Brenjagd, wenn sich eine solche auftat, zugelassen wurde. Den grern Teil des
Jahres brachte er, fern von der Stadt, auf diese Weise zu.
    Es gehrte nur zum Bilde des allgemeinen Lebens und seines Haushaltes, wenn
ich jetzt gentigt war, dem wackern Gesellen, der sich selbst nicht fr einen
Meister hielt, die Geheimnisse des Handwerks abzulauschen.
    Nun ist's aber genug! rief Erikson pltzlich, auf die Art kommen wir
nicht fort. berdies wollen wir im Vorbeigehen einen Kameraden abholen, bei dem
Sie Besseres sehen knnen, heit das, wenn wir Glck haben! Kennen Sie Lys, den
Niederlnder?
    Nur vom Hrensagen, versetzte ich; ist es der Sonderling, von dem niemand
wei, was er malt? der niemanden in seine Werkstatt lt?
    Mich lt er schon hinein, weil ich kein Maler bin! Sie vielleicht auch,
weil Sie noch nichts knnen und es noch unentschieden ist, ob Sie berhaupt je
ein Maler sein werden! Na, werden Sie nur nicht mauserig, etwas werden Sie schon
werden und sind es ja bereits. Lys hat's Gott sei Dank nicht ntig, er ist reich
und kann schon alles, was er will, nur ist es nicht viel; denn er tut fast
nichts. Am Ende ist er auch kein Maler, wenigstens sollte man keinen so heien,
der nicht wirklich malt, er mte denn Abhaltungen haben wie jener Leonardo, der
Talerstcke an die Domkuppel warf!
    Ich half ihm rasch sein Zeug reinigen, das er stets in so guter Ordnung
hielt, da er auch jetzt nachsah, wie ich es gemacht. Denn es ist nicht
gleichgltig, sagte er, ob man mit Mist malt, wenn man doch die Absicht hat,
einen lautern Ton zu treffen. Wer immer Dreck in seinem Zeug hat oder das
Unvertrgliche mischt, ist wie ein Koch, der das Rattengift zwischen die Gewrze
stellt. Aber die Pinsel sind rein, Gott segne Sie! von diesem Punkte aus kann
man Sie unbescholten nennen! Sie haben eine ordentliche Mutter, oder ist sie
tot?
    Nachdem wir einige Straen zurckgelegt, betraten wir die Niederlassung des
mysterisen Niederlnders, welche so gewhlt war, da die Fenster des
gerumigen, von ihm allein bewohnten Stockwerkes auf den freien Horizont und
offenen Himmel hinausgingen und von der Stadt selbst nichts zu sehen war als ein
paar edle Architekturen und massige Baumgruppen. Befand man sich in dieser
Gegend auf freier Erde, so sah man nur den unfertigen Rand einer Stadt, mit
Bretterwnden, alten Baracken und Wirtschaftlichkeiten versetzt; die Fenster des
Herrn Lys, welche nichts als jene in einer Flut goldenen Lichtes ruhenden
idealen Gegenstnde zeigten, schienen daher mit sorgfltigem Geschmacke
herausgefunden zu sein. Wenigstens wirkte die glnzende Durchsicht der groen
Fenster durch eine offenbar bewute Einfachheit und Ruhe in der Ausstattung der
Zimmer in doppeltem Mae.
    Zu meiner Verwunderung hatte Lys, der uns freundlich empfing, nichts
Hollndisches an sich, wie man sich dieses vorzustellen pflegt. Ein mittelgroer
schlanker Mann von vielleicht achtundzwanzig Jahren, war er dunkel an Haar und
Augen, letztere von einem fast melancholischen Ausdruck gleich dem hbsch
lchelnden Munde. Noch mehr wunderte ich mich, da das Zimmer, in welchem wir
uns befanden, keine Spur von Kunstttigkeit verriet, vielmehr dem Aufenthalt
eines Gelehrten oder Politikers glich. Groe, mit Gardinen verhangene Regale
bargen eine Menge Bcher, worunter, wie ich spter erfuhr, manche Raritten und
erste Ausgaben. An den Wnden hingen nicht etwa Bilder oder Studien, sondern
Landkarten, auf einem Tische lag ein Haufen Journale verschiedener Sprachen, und
an einem breiten Schreibtische schien Lys soeben gearbeitet zu haben.
    Ich bin mir noch den Nachmittagskaffee schuldig, sagte er, als wir uns
setzten, halten die Herren mit?
    Da wir vermuten, er werde nicht schlecht sein, gewi! antwortete Erikson
fr uns beide, und Lys klingelte einem jungen Menschen, der ihn bediente.
Inzwischen sah ich mich immer noch im Raume um, nicht eben im Besitze des guten
Tones.
    Der wundert sich auch, rief Erikson, wo die Staffeleien und Bilder dieses
Kunsttempels seien! Nur Geduld, junger Herr von Strebsam, der Mann zeigt sie uns
noch, wenn wir schn bitten! Aber wahr ist es, lieber Lys, bei Ihnen sieht's aus
wie im Arbeitszimmer eines groen Publizisten oder eines Ministers!
    Etwas dster lchelnd versetzte der andere, er sei nicht aufgelegt, seine
Arbeiten heute noch zu sehen; schon zum dritten Male msse der Bursche die
Paletten unverrichteterdinge abends wieder absetzen, und unter solchen Umstnden
sei es wohl verzeihlich, da er nicht gern ins Atelier hinbergehe, sei es
allein oder mit Fremden. Wirklich erteilte er dem Diener, als der mit dem
Kaffeebrett erschien, den Auftrag. Brett und Geschirr aber glnzten, mit
Ausnahme der chinesischen Tassen, in schwerem Silber und waren in dem nchternen
neugriechischen Stile frherer Jahrzehnte gearbeitet, ein Zeugnis, da Eltern
und Familie des Niederlnders von der Erde verschwunden waren und er als allein
briggebliebener das Erbstck mit sich fhrte, um einen letzten Schimmer des
verlorenen Vaterhauses um sich zu haben. Bei einer spteren Gelegenheit
behauptete Erikson vertraulich, Lys bewahre in seinem Schreibtische auch das
goldbeschlagene Kirchenbuch seiner Mutter auf.
    Das braune Getrnke war das feinste, was ich in meinen einfachen
Verhltnissen bis anhin genossen; allein das Ungewohnte, ein so kostbares
Familiengerte bei einem fahrenden Knstler in tglichem Gebrauche zu finden,
schchterte mich etwas ein, und als Lys, meine abermals herumschweifenden Blicke
bemerkend, mich anredete: Nun, Herr Lehmann, knnen Sie sich noch nicht mit dem
unmalerischen Anblick meiner Wohnung befreunden? reizte mich das Vergessen oder
Nichtbeachten meines Namens sowie die Weigerung, seine Arbeiten zu zeigen, zu
einem kleinen Ausfalle. Die Art seiner Einrichtung, versetzte ich, werde
vielleicht mit einem andern Wesen zusammenhngen, das ich seit einiger Zeit
beobachtet habe, nmlich die wunderliche Manier, in welcher die verschiedenen
Knste ihre technische Ausdrucksweise vertauschen. So htte ich krzlich die
Kritik einer Symphonie gelesen, worin nur von der Wrme des Kolorites,
Verteilung des Lichtes, von dem tiefen Schlagschatten der Bsse, vom
verschwimmenden Horizonte der begleitenden Stimmen, vom durchsichtigen
Helldunkel der Mittelpartien, von den gewagten Konturen des Schlusatzes und
dergleichen die Rede sei, so da man durchaus die Rezension eines Bildes zu
lesen glaube; gleich darauf htte ich den rhetorischen Vortrag eines
Naturforschers, der den tierischen Verdauungsproze beschrieb, mit einer
gewaltigen Symphonie, ja mit einem Gesange der Gttlichen Komdie vergleichen
hren, whrend an einem andern Tische des ffentlichen Lokales einige Maler die
neue historische Komposition des berhmten Akademiedirektors besprochen und von
der logischen Anordnung, der schneidenden Sprache, der dialektischen
Auseinanderhaltung der begrifflichen Gegenstze, der polemischen Technik bei
einem dennoch harmonischen Ausklingen der Skepsis in der bejahenden Tendenz des
Gesamttones zu reden gewut htten, kurz, es scheine keiner Zunft mehr wohl in
ihrer Haut zu sein und jede im Habitus der andern einherziehen zu wollen.
Wahrscheinlich handle es sich um das Ermitteln und Feststellen eines neuen
Inhaltes fr smtliche Wissenschaften und Knste, wobei man sich beeilen msse,
nicht zu kurz zu kommen.
    Ich sehe schon, rief Lys mit Lachen, wir mssen doch noch hinbergehen,
damit Sie sehen, da wir wenigstens noch mit Farben malen!
    Er ging voran und ffnete die Tre zu einer Reihe von Rumen, in welchen je
eines seiner Bilder, an denen er arbeitete, ganz allein und in der besten
Beleuchtung aufgestellt war, so da der Blick durch nichts anderes abgezogen und
zerstreut wurde. Die sptere Nachmittagssonne, die auf den Wolken drauen, auf
der weiten Landschaft und den tempelartigen Gebuden lag, lie die an sich schon
leuchtenden Bilder durch ihren hereinfallenden Reflex noch verklrter
erscheinen, so da sie in der Stille des Raumes einen seltsam feierlichen
Eindruck machten. Das erste war ein Salomo mit der Knigin von Saba, ein Mann
von eigentmlicher Schnheit, der sowohl das Hohelied gedichtet als geschrieben
haben mute Alles ist eitel unter der Sonne! Die Knigin war als Weib, was er
als Mann, und beide, in reiche Gewnder gehllt, saen allein und einsam sich
gegenber und schienen, die glhenden Augen eines auf das andere geheftet, in
heiem, fast feindlichem Wortspiele sich das Rtsel ihres Wesens, der Weisheit
und des Glckes herauslocken zu wollen. Das Merkwrdige dabei war, da der
schne Knig in seinen Gesichtszgen ein verschnter und idealisierter Lys zu
sein schien. Im Zimmer war sonst nichts als eine flache blankgeputzte
Messingschssel von alter Arbeit mit einigen Orangen, die zufllig auf einem
Ecktischchen stehen mochte. Die Figuren des Bildes waren von halber Lebensgre.
    Das Bild im nchsten Raume stellte Hamlet den Dnen dar, aber nicht nach
einer Szene des Trauerspieles, sondern als das von einem guten Knstler gemalte
Bildnis gedacht, als das Portrt des in seine Staatsgewnder gekleideten, noch
ganz jungen und blhenden Prinzen, um dessen Stirn, Augen und Mund jedoch schon
das verschleierte Schicksal der Zukunft schwebte. Dieser Hamlet erinnerte
ebenfalls an den Maler selbst, aber mit so groer Kunst verhllt, da man nicht
wute, woran es lag. In einer Ecke des Zimmers lehnte ein Schwert mit reich in
Stahl und Silber gearbeitetem Korbe, welches offenbar zum Modell gedient hatte
oder noch diente. Dieser vereinzelte Gegenstand erhhte noch den Eindruck der
Einsamkeit und sanften Trauer, der von des Bildes stillem Leuchten ausstrmte.
Im brigen hatte das Kniestck die volle Lebensgre.
    Von diesem Raume ging es endlich in den letzten hinber, der schon ein Saal
zu nennen war. Gleich den brigen Bildern bereits mit dem schweren Schmuckrahmen
versehen, stand hier die grte Komposition, deren Veranlassung die Bibelworte
gegeben Wohl dem, der nicht sitzet auf der Bank der Sptter! Auf einer
halbkreisfrmigen Steinbank in einer rmischen Villa, unter einem Rebendache,
saen vier bis fnf Mnner in der Tracht des achtzehnten Jahrhunderts, einen
Marmortisch vor sich, auf welchem Champagnerwein in hohen venezianischen Glsern
perlte. Vor dem Tische, mit dem Rcken gegen den Beschauer gewendet, sa einzeln
ein ppig gewachsenes junges Mdchen, festlich geschmckt, welches eine Laute
stimmt und, whrend sie mit beiden Hnden damit beschftigt ist, aus einem Glase
trinkt, das ihr der nchste der Mnner, ein kaum neunzehnjhriger Jngling, an
den Mund hlt. Dieser sah beim lssigen Hinhalten des Glases nicht auf das
Mdchen, sondern fixierte den Beschauer, indessen er sich zu gleicher Zeit an
einen silberhaarigen Greis mit rtlichem Gesicht lehnte. Der Greis sah ebenfalls
auf den Beschauer und schlug dazu spttisch mutwillig ein Schnippchen mit der
einen Hand, whrend die andere sich gegen den Tisch stemmte. Er blinzelte ganz
verzwickt freundlich mit den Augen und zeigte allen Mutwillen eines
Neunzehnjhrigen, indessen der Junge, Mit trotzig schnen Lippen, mattglhenden
schwarzen Augen und unbndigen Haaren, deren Ebenholzschwrze durch den
verwischten Puder glnzte, die Erfahrungen eines Greises in sich zu tragen
schien. Auf der Mitte der Bank, deren hohe, zierlich gemeielte Lehne man durch
die Lcken bemerkte, sa ein ausgemachter Taugenichts und Hanswurst, welcher mit
offenbarem Hohne, die Nase verziehend, aus dem Bilde sah und seinen Hohn dadurch
noch beleidigender machte, da er sich durch eine vor den Mund gehaltene Rose
das Ansehen gab, als wolle er denselben gutmtig verhehlen. Auf diesen folgte
ein stattlicher Mann in Uniform; dieser blickte ruhig, fast schwermtig, aber
doch mit mitleidigem Spotte drein, und endlich schlo den Halbkreis, dem
Jngling gegenber, ein Abb in seidener Soutane, welcher, wie eben erst
aufmerksam gemacht, einen forschenden stechenden Blick auf den Beschauer
richtete, whrend er eine Prise zur Nase fhrte und in diesem Geschft einen
Augenblick anhielt, so sehr schien ihn die Lcherlichkeit, Hohlheit oder
Unlauterkeit des Beschauers zu frappieren und zu bsen Witzen aufzufordern. So
waren alle Blicke, mit Ausnahme derjenigen des Mdchens, auf den gerichtet, der
vor das Bild trat, und sie schienen mit unabwehrbarem Durchdringen jede
Selbsttuschung, Halbheit, Schwrmerei, jede verborgene Schwche, jede unbewute
oder bewute Heuchelei aus ihm herauszufischen. Auf ihren eigenen Stirnen, um
ihre Mundwinkel ruhte zwar unverkennbare Hoffnungslosigkeit; aber trotz der
Blsse, die ohne den rtlichen Greis alle berzog, steckten sie in einer
unverwstlichen Gesundheit, wie die Fische im Wasser, und der Betrachter, der
seiner nicht ganz bewut war, befand sich so bel unter diesen Blicken, da man
eher versucht war auszurufen Weh dem, der vor der Bank der Sptter steht!
    Waren nun Absicht und Wirkung dieses Bildes verneinender Natur, so war
dagegen die Ausfhrung mit dem wrmsten Leben getrnkt. Jeder Kopf zeigte eine
inhaltvolle wirkliche Persnlichkeit und war fr sich eine ganze tragische Welt
oder eine Komdie und nebst den feinen arbeitlosen Hnden vortrefflich
beleuchtet und gemalt. Die gestickten Kleider der wunderlichen Herren, die
altrmische Tracht des Weibes, ihr blendender Nacken, die Korallenschnur darum,
die schwarzen Zpfe und Locken, die Bildhauerarbeit an dem alten Marmortische,
selbst der glnzende Sand des Bodens, in welchen sich der Fu des Mdchens
drckte, diese Knchel im blaroten Seidenschuh alles dies war so breit und
sicher und doch ohne Manier und Unbescheidenheit, sondern aus dem naivsten Wesen
heraus gemalt, da der Widerspruch zwischen dem freudigen Glanz und dem
kritischen Gegenstand des Bildes die sonderbarste Wirkung hervorrief. Lys nannte
dies Bild seine hohe Kommission, den Ausschu der Sachverstndigen, vor
welchen er sich selbst zuweilen mit bangem Herzen stelle; auch fhrte er etwa
einen armen Snder, dessen Wohlweisheit und Salbung nicht aus dem lautersten
Himmel zu stammen schien, vor die Leinwand und beobachtete die verlegenen
Gesichter, die er schnitt.
    Als wir wiederholt von einem Bilde zum andern gingen, ich dazwischen auch
bei diesem oder jenem allein zurckblieb, wute ich nicht ein Wort zu dem
Gesprche beizutragen, sondern unterlag schweigend dem Eindrucke, den ein so
entschiedenes Knnen auf den machte, der es nicht bersah. Erikson dagegen,
welcher ein so beschrnktes und bescheidenes Arbeitsfeld besorgte, hatte so
vieles gebt und gesehen, da er sich mit Leichtigkeit und Verstndnis
aussprechen konnte. Er pflegte auch zu sagen, er verstehe nun gerade genug von
der Kunst, um ein anstndiger Liebhaber und Sammler zu sein, wenn das Glck ihn
reich machen wollte, und um diesen Preis wrde er sofort seine Palette an den
Nagel hngen. In der Tat wute er Altes und Neues wohl zu beurteilen und zu
wrdigen, ungleich so manchen Knstlern, die alles hassen oder geringschtzen
oder einfach nicht verstehen, was nicht in ihrer Richtung liegt. Diese
leidenschaftliche Beschrnktheit ist freilich fr manche notwendig, wenn sie auf
dem Punkte beharren sollen, dem sie allein gewachsen sind, weil Anspruch und
Bescheidung sich selten glcklich mischen. Auf jene uerung erwiderte dann Lys
zuweilen, es sollte allerdings ab und zu einer von der Ausbung freiwillig
zurcktreten, um der Kennerschaft frisches Blut zuzufhren; die Literaten seien
wohl ntzlich fr das Logische und Chronologische, das Graphische und
Biographische, fr das Eintragen des Festgesetzten; vor dem Gegenwrtigen,
sofern es als neu oder berraschend erscheine, stnden sie in der Regel
unproduktiv und ratlos, und die ersten Stichworte mten immer von den
Knstlerkreisen ausgehen und seien daher meistens parteiisch, welche
Parteilichkeit von den Literaten, nachdem die erste Kopflosigkeit berwunden,
weiter ausgesponnen werde, bis der Gegenstand der Vergangenheit angehre und
einer verstndigen Registrierung fhig geworden. Es sei das ein verdrielicher
Handel! Er habe Maler gekannt, die den verwichenen Raffael einen unangenehmen
Kerl gescholten und dabei auf ihre grausam kritische Ader sich wunder was
eingebildet haben; hinwieder seien ihm Kollegien lesende Professoren
vorgekommen, welche an lteren Bildern eine wirkliche metallische Vergoldung
nicht von gemaltem Golde zu unterscheiden wuten und in technischer Hinsicht
berhaupt auf dem Standpunkte von Kindern und Wilden standen, die in einem
gemalten Gesichte den Nasenschatten fr einen schwarzen Fleck anzusehen pflegen.
    Ich bemerkte wohl, da Lys mit seinen Bildern in eigentmlicher Weise durch
die Schule der groen Italiener hindurchgegangen sei, ohne sie im Unmglichen
gerade nachmachen zu wollen, erfuhr nun aber, er habe frher sich zum strengen
deutschen Zeichner ausgebildet, der es im sichern Fhren von Stift und Kohle
fast seinem berhmten Meister gleichgetan und die Farbe fr ein mehr oder
weniger notwendiges bel gehalten habe. Nach einem mehrjhrigen Aufenthalt in
Italien sei er gnzlich umgewandelt zurckgekommen, mit Geringschtzung auf die
frhere Weise herabsehend. Als hievon die Rede war und Erikson bedauerte, da
Lys die edle Kunst der deutschen Zeichnung, die doch in ihrer Art ein
unersetzliches Gut und Wahrzeichen der Nation sei, so ganz beiseite werfe,
erwiderte dieser: Ei was! Wer einmal recht zu malen versteht, kann erst recht
zeichnen, und zwar alles, was er will! brigens be ich das Ding manchmal noch,
freilich nur zu meinem eigenen Spa.
    Er holte ein ziemlich groes Album vom besten Papier herbei, das in Leder
gebunden und mit einem sthlernen Schlosse versehen war. Mit dem Schlsselchen,
das an seinem Uhrgehnge befestigt war, geffnet, zeigte sich Blatt um Blatt
eine Welt von Schnheit und zugleich der Verspottung derselben, wie sie nicht
leicht wieder in solcher Weise sich zusammenfinden mag. Es war die Geschichte
einer Reihe von Liebschaften, welche er erlebt und in das Buch gezeichnet hatte
mit feinstem Stifte und im solidesten deutschen Stil, als ob Drer und Holbein,
Overbeck oder Cornelius den Dekameron illustriert und die Zeichnungen fr den
Grabstichel unmittelbar fertig gebracht htten. Eine solche Geschichte bestand
je nach ihrer Dauer aus mehr oder weniger zahlreichen Blttern; jede begann mit
dem Bildniskopfe des betreffenden Frauenzimmers und einigen Variationen
desselben in verschiedener Auffassung; dann folgte die ganze Figur, wie man wohl
einer schnen Person zum ersten Mal auf dem Markte, in der Kirche oder im
ffentlichen Garten ansichtig wird; dann entwickelte sich die Begegnung und das
Verhltnis zum Helden, immer Lys selbst, bis zum Sieg und Triumph der Liebe,
worauf der Niedergang sich einleitete mit Geznkszenen, Abenteuern der
einseitigen oder gegenseitigen Untreue bis zur unvermeidlichen Trennung, die
entweder mit einer jhen Verstoung des scheinbar zerknirschten Helden oder mit
einer komischen Gleichgltigkeit beider Teile vor sich ging. In diesem Verlaufe
glnzte besonders eine Anzahl Einzelfiguren von schmollenden oder weinenden
Schnen als wahre kleine Monumente des anmutig strengen Stiles. Eine entfesselte
Haarflechte, eine Verschiebung der Gewnder an Schulter oder Fu erhhte stets
den Eindruck der Bewegtheit, wie das zerrissen flatternde Segel eines Fahrzeuges
von berstandenem Unwetter Kunde gibt. Es war nicht zu entscheiden, ob diese
tragischen Situationen eine andchtig mitfhlende Hand geschildert oder ob eine
leise Ironie ihren Teil daran hatte; unbestritten dagegen strahlten die
weiblichen Ehren einiger Wesen, welche auf der Hhe ihres Triumphes in
mythologischen Gestaltungen verklrt wurden.
    Lys schlug so unbefangen ein Blatt nach dem andern um, als ob er ein
Schmetterlingsbuch vorwiese, und nannte nur zuweilen den Namen einer der Schnen
das ist die Teresa, das die Marietta, das war in Frascati, das in Florenz, das
in Venedig!
    Wir schauten ebenso erstaunt als sprachlos dem Umwenden der Bltter zu, auf
welchen soviel Schnheit und Talent vorberschwirrte, und nur Erikson legte
zuweilen die Hand auf ein Blatt, um dasselbe einen Augenblick festzuhalten. Ich
mu gestehen, sagte er endlich, es ist mir nicht ganz begreiflich, wie man
soviel Genie unterdrcken oder hchstens zu geheimen Allotria verwenden kann!
Wieviel Vergngen vermchten Sie zu verbreiten, wenn Sie all dies Knnen einem
ernsten Zwecke zu gut kommen lieen!
    Lys zuckte die Achseln: Genie? Wo ist es? Das ist eben die Frage! Auch das
wildeste Wesen dieses Geschlechtes mu fromm sein und einfltig wie ein Kind,
wenn es allein ist und arbeitet. Mir fehlt vielleicht die Frommheit oder
Frommkeit; ich bin nie allein, sondern alle Hunde sind bei mir, mit denen ich
gehetzt bin!
    Wir verstanden diese Worte, die zudem im Widerspruche mit der frheren
uerung standen, da man alles knne, nicht sonderlich wohl, und ich selber
wute vollends nicht, was ich von der ganzen Sache halten sollte. Ich fhlte
mich zu dem hbschen, ruhigen, ja ernsten Manne hingezogen, whrend der Inhalt
des Buches auf eine gewisse Art von Ruchlosigkeit deutete, die mancher wohl sich
selber verzeihen mag, aber nicht an einem ernsthaften Freunde liebt. Es war
etwas von jenem schrecklichen Prinzipe, das die beiden Geschlechter als zwei
sich feindlich entgegenstehende Naturgewalten betrachtet, wo es heit, Hammer
oder Ambo sein, vernichten oder vernichtet werden, oder einfacher gesagt, wer
sich nicht wehrt, den fressen die Wlfe.
    Inzwischen waren wir beim letzten der gezeichneten Bltter angelangt, auf
welches noch einige leere folgten, und Lys wollte das Album rasch zuschlagen.
Erikson hielt ihn jedoch auf und verlangte das letzte Bild genauer zu sehen;
denn alle bisher aufgetretenen Personen waren italienischen Ursprungs, jene aber
offenbar von deutscher Art. Der Kopf war nicht, wie bei den andern, zuerst als
Studie besonders gezeichnet, sondern es erschien gleich, als ob das Haupt nicht
wohl abzusondern wre, die ganze stehende Figur des schlanksten jungen Mdchens,
dessen in groen Zpfen aufgewundenes Haar so reich, da das Haupt beinah zu
schwanken schien, wie eine Nelke auf ihrem Stengel, obgleich der feingerundete
Hals und Nacken nur aus natrlicher Anmut sich leise neigte. Auer zwei
unschuldigen groen Sternenaugen war fast kein Inhalt in dem Gesicht, dessen
zarte Zge kaum mit dem Silberstifte leicht genug anzudeuten waren, den der
Zeichner dazu gewhlt hatte. Desto sicherer und fester, immer zwar mit zarter
Hand, wuchs die herb jungfruliche Erscheinung durch die strengen Gewnderfalten
ins Licht, an denen kein Strich zuviel und keiner zuwenig war.
    Ei der Tausend! rief Erikson, wo steht diese Blume?
    Die steht hier in der Stadt! versetzte Lys, ihr knnt sie gelegentlich
sehen, wenn ihr brav seid!
    Ich jedoch, gerhrt von der elementarischen Unschuld des Gebildes, rief
unbedacht und flehentlich: Der tun Sie aber kein Leid an, nicht wahr?
    Oho, sagte Lys lachend, indem er mir auf die Schulter klopfte, was sollt
ich ihr denn zuleid tun?
    Auch Erikson lachte, und somit brachen wir auf, unsern Abendgang in
Begleitung des Niederlnders anzutreten. Im Vorbergehen sahen wir die drei
schnen Bilder wieder aufleuchten, ich fr meine Person zum letzten Male; denn
ich bekam sie spter nur in einer grauen Morgendmmerung nochmals zu Gesicht,
als ich kaum darauf achten konnte. Wo sie seither geblieben sind, wei ich
nicht; sie sind niemals an die ffentlichkeit gelangt, und Lys selber hat sich
in der Folge durch ein Schwanken seines Wesens von der Kunst abgewendet. Wenn es
Sterne gibt, wie gesagt wird, welche man einen Augenblick lang deutlich hat
schwanken sehen, warum sollte ein schwacher Mensch nicht von seiner Bahn
abweichen?
    Wir gingen nun zu dritt vom nrdlichen Teile der Stadt an den Westrand
hinber, um da allmhlich am Ufer des sdwrts herkommenden Flusses eine
behagliche Ruhstatt aufzusuchen. Unterwegs kamen wir an dem Hause vorbei, darin
ich wohnte. Halt! sagte Erikson, als wir andere vorbergehen wollten, wir
wollen bei diesem auch noch schnell nachsehen, was er schafft! Die untergehende
Sonne, die ihm grad in sein unpraktisches Fenster schaut, wird ihm zu Hilfe
kommen, da wir wenigstens etwas Farbe vor Augen haben! Zgernd und doch nicht
ungern ging ich voran, das Zimmer zu ffnen, und sah allerdings meine
ungeheuerlichen Schildereien im Abendrote stehen gleich einer brennenden Stadt,
so da wir alle drei hoch auflachten. Da waren zwei groe Kartons, eine
altdeutsche Auerochsenjagd in einem von Formen angefllten gewaltigen Bergtale
und ein germanischer Eichenwald mit Steinmlern, Heldengrbern und Opferaltren.
Ich hatte die beiden Sachen mit groer Schilffeder auf die mchtigen
Papierflchen gezeichnet und markig schraffiert, auch breite Schattenmassen mit
grauer Wasserfarbe angelegt, darauf die Kartons mit Leimwasser berzogen und auf
diesem Grund sodann mit lfarben lustig herumgewirtschaftet in der Weise, da in
den helldunklen durchsichtigen Teilen berall die Schilffederzeichnung
durchblickte. Nicht eine einzige Naturstudie hatte ich dazu benutzt, sondern in
meinem ungezgelten Schaffensdrang den ersten und letzten Strich frei erfunden,
und da diese Art von Arbeit ebenso leicht als frhlich vor sich ging, so sahen
die zwei farbigen Kartons nach etwas aus, ohne da viel davon zu sagen war. Denn
ob ich auch imstande gewesen wre, solche Bilder wirklich auszufhren, konnte
man zunchst nicht wissen. Die acht Zoll groen Figuren hatte ich mir durch
einen jungen Landsmann hineinzeichnen lassen, der als Schler auf die Akademie
ging und schon keck zu skizzieren verstand. Sie waren aber noch ungefrbt und
trieben sich einstweilen als weie Gespenster in den Wldern herum. Hinter
diesen Fahnen, von welchen die eine kulissenartig halb hinter der andern
verborgen stand, ragte an der Wand eine dritte ber sie hinaus, in gleicher
Weise angelegt, aber noch ohne Farben. Eine von gewaltigen breiten Linden
umgebene kleine Stadt baute sich zwischen den Stmmen und aus den Wipfeln heraus
an einer Berglehne hinan, dicht gedrngt mit zahlreichen Trmen, Giebelhusern,
Wimpergen, Zinnen und Erkern. Man sah in die engen, krummen und mit Treppen
verbundenen Gassen hinein, auf kleine Pltze, wo Brunnen standen, und durch die
Glockenstuben des Mnsters hindurch, hinter welchen die hellen Sommerwolken
zogen, wie auch hinter den offenen Trinklauben, die sich in die Luft hinaus
profilierten und Gesellschaften kleiner Mnnlein meiner eigenen Arbeit
beherbergten. Ich hatte die merkwrdige Stadt mit Hilfe eines architektonischen
Sammelwerkes zusammengebaut und die Formen der romanischen und gotischen
Baustile in bunter Gruppierung und bertreibung so gehuft, wie kaum jemals
vorkam, und dabei die Entstehungsweise chronologisch angedeutet, indem die Burg
und die untern Teile der Kirche das hchste Alter in der Bauart zeigten. Der
hochgerckte Horizont zog sich noch ber die Linden weg und schlo ein weites
Gelnde ab, das Meierhfe, Mhlen, Gehlze und in einem dstern Schattenwinkel
das Hochgericht umzirkte. Vorn sollte aus dem offenen Tore eine mittelalterliche
Hochzeit ber die Fallbrcke kommen und sich mit einem einziehenden Fhnlein
bewaffneter Stadtknechte kreuzen. Dies Figurengewimmel fgte ich mit erklrenden
Worten hinzu, da einstweilen blo der Platz dazu offen war.
    Vortrefflich! sagte Lys, eine gedachte Staffage, das ist das Leichteste
und Duftigste, was es gibt! brigens glht Ihre Stadt in der verfluchten
Himbeerbrhe dieses Abendrotes wie das brennende Troja! Doch fllt mir ein Sie
mssen alles aufgetrmte Mauerwerk aus rotem Sandstein bestehen lassen, das wird
den kolossalen Bumen gegenber und in Verbindung mit den weiglnzenden Wolken
einen eigentmlichen Effekt machen! Doch was haben wir hier wieder?
    Er meinte einen gegen die Wand lehnenden kleinern Karton, der sich grau in
grau als eine Darstellung meiner Heimatsgegend zur Zeit der Vlkerwanderung
auswies. ber die bekannten Landformen zogen sich Urwlder neben- und
bereinander hin, zwischen deren Furchen ein ferner Heerbann sich bewegte; auf
einer Berghhe rauchte ein rmischer Wachtturm. Doch schon hatte Lys einen
zweiten Entwurf umgedreht, eine sozusagen geologische Landschaft. Durch neuere
Gebirgsarten, die sich schulgerecht unterscheiden lassen, ist ein kronenartiges
Urgebirge gebrochen, welches mit jenen zusammen doch eine malerische Linie zu
bilden sucht. Kein Baum oder Strauch belebt die harte de Wildnis; nur das
Tageslicht bringt einiges Leben, das mit dem dunklen Schatten einer ber dem
hchsten Gipfel ruhenden Wetternacht ringt. Im Gestein aber beschftigt sich
Moses auf den Befehl Gottes mit der Herrichtung der Tafeln fr die zehn Gebote,
die zum zweiten Male aufgeschrieben werden sollen, nachdem die ersten Tafeln
zerbrochen worden. Hinter dem riesigen Manne, der in tiefem Ernste ber den
Tafeln kniet, steht auf einem Granitstck, ohne da er es ahnt, das
prstabilierte Jesuskind, unbekleidet, und schaut, die Hndchen auf dem Rcken,
dem gewaltigen Steinmetzen ebenso ernsthaft zu. Ich hatte, weil es sich nur um
einen ersten Entwurf handelte, die Figuren selbst erschaffen, so gut ich es
vermocht, was sie der Epoche der Erdrevolutionen noch nherrckte. Da der Moses
mit den Strahlenhrnern und das Kind mit der Glorie versehen waren, so erkannte
Lys zu meiner Genugtuung sofort den Gegenstand, rief aber gleich darauf: Da ist
der Schlssel! Wir haben also einen Spiritualisten vor uns, einen, der die Welt
aus dem Nichts hervorbringt! Sie glauben wahrscheinlich heftig an Gott?
    Allerdings, sagte ich, neugierig zu wissen, wo er hinauswolle; Erikson
aber unterbrach uns, indem er zu Lys gewendet sagte: Lieber Freund! Plagen Sie
sich doch nicht immer mit der Ausreutung des lieben Gottes! Sie machen es sich
wahrhaftig saurer als der rgste Fanatiker mit der Einpflanzung desselben!
    Ruhig, Indifferentist! versetzte Lys und fuhr fort: Da haben wir's also!
Sie wollen sich nicht auf die Natur, sondern allein auf den Geist verlassen,
weil der Geist Wunder tut und nicht arbeitet! Der Spiritualismus ist diejenige
Arbeitsscheu, welche aus Mangel an Einsicht und Gleichgewicht der Erfahrung
hervorgeht und den Flei des wirklichen Lebens durch Wunderttigkeit ersetzen,
aus Steinen Brot machen will, anstatt zu ackern, zu sen, das Wachstum der ihren
abzuwarten, zu schneiden, zu dreschen, mahlen und backen. Das Herausspinnen
einer fingierten, knstlichen, allegorischen Welt aus der Erfindungskraft, mit
Umgehung der guten Natur, ist eben nichts anderes als jene Arbeitsscheu; und
wenn Romantiker und Allegoristen aller Art den ganzen Tag schreiben, dichten,
malen und operieren, so ist dies alles nur Trgheit gegenber derjenigen
Ttigkeit, welche nichts anderes ist als das notwendige und gesetzliche Wachstum
der Dinge. Alles Schaffen aus dem Notwendigen heraus ist Leben und Mhe, die
sich selbst verzehren, wie im Blhen das Vergehen schon herannaht; dies Erblhen
ist die wahre Arbeit und der wahre Flei; sogar eine simple Rose mu vom Morgen
bis zum Abend tapfer dabeisein mit ihrem ganzen Korpus und hat zum Lohne das
Welken. Dafr ist sie aber eine wahrhaftige Rose gewesen!
    Da ich ihn nur halb verstand, indem ich doch glaubte, gearbeitet zu haben,
so sagte ich ihm dies.
    Das geht so zu, antwortete er: Die geognostische Landschaft, die Sie
darstellen wollen, haben Sie nie gesehen und werden sie, ich will wetten, auch
niemals sehen. Dahinein setzen Sie zwei Figuren, mit denen Sie teils die
Schpfungsgeschichte und den Schpfer feiern, teils aber ironisieren; das ist
ein gutes Epigramm, aber keine Malerei; und endlich knnten Sie, wie man wohl
sieht, die Figuren, wenigstens jetzt, gar nicht selbst ausfhren, ihnen folglich
nicht diejenige Bedeutung geben, die Sie sich geistreich denken; folglich stehn
Sie mit dem ganzen Handel in der Luft; es ist ein Spiel und keine Arbeit! Nun
aber genug hievon, und lassen Sie sich sagen, da ich meine Predigt nicht gegen
Sie, sondern gegen die ganze Gattung richte; denn an sich betrachtet, machen mir
Ihre Sachen schon deswegen Vergngen, weil sie einen Kontrast zu den meinigen
bilden. Wir sind allzumal dualistische Trpfe, wir mgen es anfangen, wie wir
wollen. Was haben Sie hier fr einen Schdel? Der war nie prpariert, kommt also
aus der Erde?
    Er deutete auf den Schdel des Albertus Zwiehan, der in einer Ecke am Boden
lag.
    Der gehrte auch einem Dualisten an in gewissem Sinne, erwiderte ich und
erzhlte, indem wir fortgingen, mit einigen Worten die Geschichte von den zwei
Weibern, zwischen denen jener hin- und hergezogen worden. Ich sag es ja!
lachte Lys, nehmen wir uns in acht, da wir nicht zwischen zwei Sthle fallen!
    Wir blieben bis tief in die Nacht alle drei beieinander und verabredeten,
uns fter zu treffen, was dann auch geschah, so da wir bald gute Freunde und
berall zusammen gesehen wurden.

                                Zwlftes Kapitel



                              Fremde Liebeshandel

Die rumliche Entfernung unserer Heimatlande untereinander, indem sie im
uersten Norden, Westen und Sden des ehemaligen Reichsrandes liegen, verband
uns mehr, als da sie uns trennte. Alle drei von einem gleichen innern Zuge der
gemeinsamen Abstammung beseelt und an den groen Binnenherd der Vlkerfamilie
gekommen, befanden wir uns in der Lage weitlufiger Vettern, die im Gedrnge
eines gastfreien Hauses unbeachtet die Kpfe zusammenstecken und sich Lob oder
Tadel dessen, was ihnen gefiel oder mifiel, gegenseitig anvertrauen. Wir hauen
freilich schon ein und anderes Vorurteil mitgebracht, ohne unsere Schuld. Es war
jene Zeit, da Deutschland von seinen dreiig oder vierzig Inhabern so eng sinnig
und ungeschickt verwaltet wurde, da Scharen von Vertriebenen jenseits der
Grenzen umherzogen und die Fremden im Schmhen und Schelten gegen ihr Vaterland
frmlich unterrichteten. Sie setzten Spottworte in Umlauf, welche den Nach baren
bisher unbekannt gewesen waren und nur aus dem Innern des gescholtenen Landes
kommen konnten, und da die Gaben der Selbstironie, deren bertreibung das
Phnomen am Ende war, auerhalb Deutschlands nur sprlich verstanden und
geschtzt werden, so nahm der Fremde das Unwesen zuletzt fr bare Mnze und
lernte es selbstndig gebrauchen oder mibrauchen, zumal man sich mit solchem
Tun frmlich einschmeicheln konnte bei den Unglcklichen, die in ihrer
Weltunkenntnis hievon Hilfe und Beistand erwarteten. Jeder von uns hatte
dergleichen gehrt und in sich aufgenommen. Mit der Zeit aber fhrte uns das
vertraute Gesprch zu der Verstndigung, da die Ausgewanderten und die
Daheimgebliebenen jederzeit verschiedene Leute seien und da, um den Charakter
eines Volkes recht zu kennen, man dasselbe bei sich und an seinem Herde
aufsuchen msse. Es sei geduldiger und darum auch besser als die Ausgeschiedenen
und stehe daher nicht unter, sondern ber ihnen, trotz des gegenteiligen
Anscheines, den es schlielich immer zu vernichten wisse.
    Waren wir nun hierber beruhigt, so plagte uns wieder ein anderes bel,
nmlich der Gegensatz zwischen den Sdlichen und Nrdlichen. Bei Vlkerfamilien
und Sprachgenossenschaften, welche zusammen ein Ganzes bilden sollen, ist es ein
wahres Glck, wenn sie einander etwas aufzurcken und zu sticheln haben; denn
wie durch alle Welt und Natur bindet auch da die Verschiedenheit und
Mannigfaltigkeit, und das Ungleiche und doch Verwandte hlt besser zusammen. Das
aber, was wir die Nord- und Sdlnder sich vorwerfen hrten, war grblich
beleidigend und lieblos, indem diese jenen Herz und Gemt, jene diesen Geist und
Verstand absprachen, und so unbegrndet die Tradition war, gab es nur wenige
tchtige Personen beider Hlften, welche nicht daran glaubten. Oder jedenfalls
zeigten nur wenige den Mut, die schlendrianischen Reden solcher Art zu
unterbrechen, wenn sie unter den Ihrigen waren. Um fr unser Bedrfnis den
vermiten idealen Zustand herzustellen, gaben wir uns das Wort, jedesmal wenn
der Fall eintrat, als Unparteiische aufzutreten, ob wir einzeln oder in Kompanie
zugegen seien, und fr den, wie wir glaubten, mihandelten Teil einzustehen.
Zuweilen gelang es uns, einige Verblffung zu erregen oder gar eine wohlwollende
Wendung hervorzurufen; andere Male dagegen wurden wir selbst da- oder dorthin
klassifiziert und je nach unserer Herkunft als einfltige Biederleute und
Gemtsduseler oder als berkritische, geistreiche Hungerschlucker bezeichnet.
Weil das aber uns keineswegs unglcklich machte, vielmehr unsere Heiterkeit
wachrief, so wurde wenigstens der schneidende Ton der Unterhaltung gemildert und
ein leidlicher Ausgleich zustande gebracht.
    Unser Mittleramt wurde aber eines Tages berflssig und zugleich schnstens
belohnt, als die ganze reichgeartete Knstlerschaft die kommende Faschingszeit
zu feiern sich zusammentat, um in einem groen Schau- und Festzuge ein Bild
untergegangener Herrlichkeit zu schaden, nicht mit Leinwand, Pinsel und Meiel,
sondern mit Einsetzung der lebendigen Person. Es sollte das alte Nrnberg
wiederauferweckt werden, wie es in beweglichen Menschengestalten sich darstellen
konnte und wie es zu der Zeit war, als der letzte Ritter, Kaiser Maximilian, in
ihm Festtage feierte und seinen besten Sohn, Albrecht Drer, mit Ehren und
Wappen bekleidete. In einem einzelnen Kopfe entstanden, wurde die Idee sogleich
von achthundert Mnnern und Jnglingen, Kunstbeflissenen aller Grade,
aufgenommen und als tchtiger Handwerksstoff ausgearbeitet und ausgefeilt, als
ob es glte, ein Werk fr die Nachwelt zu schaffen, und es erwuchs in der
sachgerechten und allseitigen Vorbereitung eine Lust und Geselligkeit, welche
wohl an Macht von der Freude des Festtages berboten wurde, in der Erinnerung
jedoch ein lieblich heller Teil des Ganzen blieb.
    Der Festzug zerfiel in drei Hauptzge, von denen der erste die nrnbergische
Brger-, Kunst- und Gewerbswelt, der zweite den Kaiser mit den Frsten,
Reichsrittern und Kriegsmnnern und der dritte einen alten Mummenschanz umfate,
wie er von der bedeutenden Reichsstadt dem gekrnten Gast vorgefhrt wurde. In
diesem letzten Teile, welcher recht eigentlich ein Traum im Traume genannt
werden konnte, hatten wir dreie unsern Standort gewhlt, um als verdoppelte
Phantasiegebilde im Schattenbilde der Vergangenheit mitzuziehen.
    Der Ernst und die feierliche Pracht, womit die Unternehmung von vornherein
angelegt war, hatten die Teilnahme des weiblichen Geschlechtes nicht
ausgeschlossen; Frauen, Tchter, Brute der Knstler und deren Freundinnen aus
den andern Stnden bereiteten demnach ihre festliche Umkleidung vor, und es
gehrte nicht zu den geringsten Vorfreuden der Mnner, an der Hand der alten
Trachtenbcher das wichtige Geschft zu leiten und darber zu wachen, da die
Sammet- und Goldstoffe, die schweren Brokate und die duftigen Flore fr die
schlanken Gestalten richtig zugeschnitten und zusammengesetzt, die Haare in
gehriger Weise geflochten oder ausgebreitet wurden, die Federhte, die Barette,
Hauben und Hubchen aller Art Form und Stil bekamen und gut saen. Zu diesen
Beglckten zhlten sich auch meine Freunde Erikson und Lys, von denen jeder in
seiner Weise auf einem Liebeswege ging.
    In die jhrliche Verlosung, welche mit der Gemldeausstellung verbunden war,
hatte Erikson eines seiner kleinen Bilder verkauft, und dasselbe war von der
Witwe eines groen Bierbrauers gewonnen worden, die nicht gerade im Rufe einer
Kunstfreundin stand, sondern mehr in Erfllung einer Anstandspflicht reicher
Leute sich an diesen Dingen beteiligte. Da es fter vorkam, da so gewonnene
Gegenstnde an zudringliche Hndler verschleudert wurden, so suchten die
Knstler ihr Werk in solchem Falle wiederzuerwerben, um den Gewinn selbst zu
machen. Auch Erikson hatte bei gedachter Gelegenheit den Versuch gewagt und
gehofft, das Bild um ermigten Preis an sich zu bringen, um es abermals zu
verkaufen und der Mhsal der Erfindung und Ausfhrung eines neuen Werkleins fr
einmal enthoben zu sein. Denn er war bescheiden und hielt nicht dafr, da das
Bestehen der Welt von der Unerschpflichkeit seines Fleies abhnge. Er suchte
also die Wohnung der Gewinnerin unverweilt auf und stand bald auf dem Vorsaale
des Witwensitzes, dessen Stattlichkeit das Gercht von dem Reichtume des
verstorbenen Brauers zu besttigen schien. Eine alte Dienerin, welcher er sein
Anliegen mitteilen mute, brachte ihm ohne Zgern den Bericht, da die Herrin
das Bild mit Vergngen abtrete, da er aber ein andermal wieder vorsprechen
mge. Weit entfernt, ber solche Willfhrigkeit und Geringschtzung empfindlich
zu sein, ging Erikson ein zweites und drittes Mal hin, und erst jetzt wurde er
etwas betroffen und erbost, als die Dienerin endlich kundtat, die bequeme Dame
verkaufe das Bild um ein Vierteil des angegebenen Wertes und bestimme das Geld
fr die Armen; der Herr Maler mge, um nicht fernere Mhe zu haben, es am andern
Tage bestimmt abholen und das Geld mitbringen. Er trstete sich indessen mit der
Aussicht, nun jedenfalls ein Vierteljahr nicht malen zu mssen, und das Wetter
aussphend, ob es gute Jagdtage verspreche, machte er sich zum vierten Male auf
den Weg.
    Die unvermeidliche Alte fhrte ihn in ihr kleines Dienstgemach und lie ihn
da stehen, um das Kunstwerkchen herbeizuholen. Dieses war aber nirgends zu
finden; immer mehr Bedienstete, Kchin, Kammermdchen, Hausknecht und Kutscher
rannten umher und suchten in Kche, Keller, Kammern und Remisen. Endlich rief
das Gerusch die Witwe herbei, und als sie, die, nach dem kleinen Bildchen
urteilend, gewhnt hatte, einen ebenso kleinen und drftigen Urheber zu finden,
nun den mchtigen Erikson dastehen sah, dessen Goldhaar glnzend auf die breiten
Schultern fiel, geriet sie in die grte Verlegenheit, zumal er, aus einem
ruhigen Lcheln erwachend, sie mit festem offenem Blicke betrachtete wie eine
Erscheinung. Sie war aber auch des lngsten Anschauens wert; von der Rosenfarbe
der Gesundheit und Lebensfrische berhaucht, kaum vierundzwanzig Sommer alt, vom
reinsten Ebenma an Gestalt und Gliedern, mit braunem Seidenhaar und braunen
lachenden Augen, konnte ihr Wesen kurz und gut als ein aphrodisisches im besten
Sinne bezeichnet werden, ein solches nmlich, das der Eignerin wohl bewut war
und von ihr selbst darum mit edler Sitte gehtet wurde.
    Um die gegenseitige Verwunderung und Verlegenheit zu endigen, lud die
Errtende mit zurckgekehrter Geistesgegenwart den Maler ein, in das Zimmer zu
treten, und wie sie dort waren, entdeckte er die kleine Gemldekiste, welche als
Fuschemel unter dem Arbeitstischchen der Witwe stand, von dieser nicht beachtet
oder vergessen.
    Hier ist's ja! sagte Erikson und zog das Kistchen hervor. Es war noch
nicht einmal geffnet worden; denn der Deckel haftete noch leicht aufgeschraubt
an demselben. Erikson machte ihn mit wenig Mhe los, und das kleine Bild glnzte
nun in seinem Rahmen, der nach einem alten reichen Muster gearbeitet war, mit
aller Frische im Tageslichte. Inzwischen hatte die junge Frau die Lage der Dinge
schnell zu erfassen gesucht und wnschte vor allem der Beschmung zu entgehen,
die ihr die nachlssige Art, eine Kunstsache zu behandeln, zuziehen konnte. Von
neuem errtend, sagte sie, sie habe in der Tat nicht gewut, um was es sich
handle; nun aber, obgleich sie keine Kennerin sei, scheine ihr doch das Bildchen
von vorzglichem Werte, und sie glaube den Schpfer desselben zu beleidigen,
wenn sie nicht mindestens die Hlfte des Ankaufspreises verlange. Besorgt, sie
mchte ihre Forderung abermals erhhen, beeilte sich Erikson, die Brse zu
ziehen und die Goldstcke hinzulegen, indes die Dame das einfache Landschftlein
immer aufmerksamer betrachtete und die schnen Augen in dem sonnigen Gefildchen
spazierengehen lie, wie wenn sie Land und Meer des Golfes von Neapel vor sich
htte. Dann blickte sie wie verschchtert zu dem Recken empor und begann wieder
je mehr sie das Bild ansehe, desto besser gefalle es ihr, und sie msse nun die
volle Summe dafr fordern!
    Seufzend bot er drei Vierteile, um wenigstens etwas zu retten. Allein sie
scheute sich keineswegs, auf ihrer Wortbrchigkeit zu beharren, und erklrte,
das Bild lieber behalten als es unter dem Werte hingeben zu wollen. In diesem
Falle wre es lieblos von mir, versetzte Erikson, mein kleines Werk einer so
guten Stelle zu berauben; auch habe ich keine weitere Ursache mehr, auf einem
Handel zu bestehen, der mir keinen Gewinn bringt!
    Er strich hiemit sein Geld wieder ein und machte Anstalt, sich zu entfernen.
Doch die Schne, den Blick auf das Bildchen gerichtet, bat ihn mit einiger
Verlegenheit, noch einen Augenblick zu verziehen. Erst jetzt bot sie ihm einen
Stuhl an, um Zeit zu gewinnen, ihre Genugtuung fr den solchem Manne angetanen
Affront vollstndig zu machen. Endlich besann sie sich auf den schicklichsten
Ausweg und fragte Erikson mit hflichen Worten, ob sie ein Gegenstck zu dem
Bilde bei ihm bestellen drfe, das ebenso freundlich und friedlich auf das Auge
wirke, so da sie sozusagen fr jedes Auge einen solchen Ruhepunkt htte, wenn
sie an ihrem Schreibtische se, ber welchem sie die Bildchen aufzuhngen
gedenke. Dieser optische Unsinn erweckte eine vergngliche innere Heiterkeit des
Malers, und obgleich er hergekommen war, um eine Verminderung statt Vermehrung
der Arbeit zu erzielen, bejahte er natrlich die Frage in verbindlicher Weise,
worauf aber die Witwe pltzlich die Unterhaltung abbrach und den Maler mit
zerstreutem Wesen entlie.
    Diesen bisherigen Verlauf hatte uns Erikson am Abend des gleichen Tages als
hbsches Abenteuer selbst erzhlt; in der folgenden Zeit aber kam er nicht mehr
darauf zurck, sondern beobachtete ber den Gegenstand ein sorgfltiges
Schweigen. Wir errieten trotzdem an einem Zeichen, wie es stand, als er eines
Tages, von dem fertiggewordenen zweiten Bildchen sprechend, nicht vermeiden
konnte, der Bestellerin zu erwhnen, und sie dabei unvorsichtig bei ihrem
Taufnamen Rosalie nannte. Wir andere sahen uns schweigend an; denn wir mochten
ihn als aufrichtige Freunde, die ihm verdientermaen zugetan waren, auf seinen
Wegen nicht stren.
    Selbst einer reichen Brauersfamilie entsprossen, war das junge Mdchen in
Befolgung einer alten Hauspolitik dem Bruherren verbunden worden, da die
Grundlage des klassischen Nationalgetrnkes an sich von ffentlicher Bedeutung
und wichtig genug war, derartige berlieferungen zu tragen. Nachdem aber der
krftige Bruherr unversehens von einem gefhrlichen Fieber dahingerafft worden,
sah sich die Witwe mit einem Schlage in volle Freiheit und Selbstndigkeit
versetzt, mit welcher sich das inzwischen gereifte Bewutsein der Person
verband. Mit jener auergewhnlichen Schnheit begabt, die ebenso selten als
dann auch vollkommen erscheint, von innen heraus zugleich von dem Bedrfnis
harmonischen Lebens beseelt, hatte sie sich zunchst mit den leichten und doch
starken Schranken ruhiger Absichtslosigkeit, ja Resignation umgeben, um jeder
Reue bringenden bereilung und Gewaltsamkeit aus dem Wege zu gehen,
wahrscheinlich aber doch mit dem Vorbehalte entschiedener Wahl, sobald die
rechte Stunde kme. Diese war mit der Erscheinung Eriksons unvermutet da; in
Erkennung oder Ahnung derselben hatte Rosalie den ersten Augenblick nicht
verscherzt, nachher aber mit aller Ruhe und Umsicht sich weiter benommen. Sie
wute Erikson nach und nach Gelegenheit zu geben, mit allerlei Rat bei ihr zu
erscheinen; das gab sich ungezwungen von selbst, da sie in der Tat begriffen
war, die zufllige und bunte Art ihres Hausrates und Wohnsitzes umzuwandeln, zu
vereinfachen und doch zu bereichern. Mit geheimer Freude bemerkte sie die ruhige
Sicherheit in Eriksons Ausknften und Hilfeleistungen und wie er ganz an seiner
Stelle schien, wenn er ber Mittel und Raum in zweckmiger Weise verfgen
konnte. Da er von guter Familie und Erziehung war, blieb ihr nicht verborgen,
soweit sie das aus eigener Erfahrung zu beurteilen vermochte, und so ging sie
Schritt fr Schritt weiter in der Absicht, den Bren zu fangen, dessen Gefangene
sie schon war. Sie zog mehr Gste herbei, um ihn fter einladen zu knnen und
ihn bei Tische zu sehen; auch veranlate sie ihn, Freunde bei ihr einzufhren,
so da ich ebenfalls ein- oder zweimal in ihr Haus geriet, wobei es mir
zustatten kam, da ich nach dem Wunsche meiner Mutter mich immer noch im Besitze
eines geschonten Sonntagskleides befand. Unsern Freund Lys hingegen brachte er
kein einziges Mal hin, des verschlossenen Albums wegen, wie er mir anvertraute,
was ich mit ernster Miene billigte. Ich glaube beinahe, da ich eine Art
pharisischer Eitelkeit ber meine Bevorzugung beherbergte und mir etwas darauf
zu gut tat, da ich noch nie durch Reichtum, Freiheit, Weltkenntnis und
geeignete Persnlichkeit in die Lage gekommen war, die eigene Tugend zu
bewhren. Denn meine frhen judithischen Abenteuer brachte ich keineswegs in
Anschlag; ich lebte auf jenem Punkte, wo man die sogenannten Kindereien fr
geraume Zeit vergessen und in selbstgerechter Hrte alles verurteilt, was man
noch nicht erfahren hat.
    Als jetzt das Knstlerfest vorbereitet wurde, standen die Sachen zwischen
Rosalie und Erikson so, da jene halbwegs als seine Partnerin daran teilnehmen
konnte, wie man etwa der Einladung zu einem Balle folgt.
    Auf einem andern Wege wandelte Lys, um seine Festgefhrtin zu holen. In
einem altertmlichen Teile der inneren Stadt, auf einem kleinen Seitenplatze,
stand ein schmales Haus, von geschwrztem Backstein erbaut und nur drei
Stockwerke hoch, jedes nur von der Breite eines einzigen, freilich ansehnlichen
Fensters. Nicht nur die Fenster waren reich in ihrer Einfassung gegliedert,
sondern in die Hhe laufend unter sich mit Zierat verbunden, der wiederum
verdunkelte Mauergemlde einfate. So bildete das Haus einen kleinen Turm oder
vielmehr ein schlankes Monument, wie etwa Knstler vergangener Jahrhunderte mit
besonderer Liebe fr sich selber erbaut haben. ber der Haustre reichte ein
Marienbild von schwarzem Marmor, das auf einem vergoldeten Halbmonde stand, bis
zum ersten Stockwerke, und an der Tre glnzte noch der ursprngliche
Trklopfer, der ein khn sich hinausbiegendes Meerweibchen darstellte. Das
untere Gemlde ber dem ersten Fenster enthielt den Perseus, wie er die
Andromeda von dem Drachen befreit, dasjenige ber dem zweiten Fenster den Kampf
des heiligen Georg, der die libysche Knigstochter aus der Gewalt des Lindwurmes
erlst, und auf die spitze Giebelmauer war der Engel Michael gemalt, der
zugunsten der Jungfrau ber der Haustre ebenfalls ein Ungeheuer mit seiner
Lanze niederstie. Vor vielen Jahren, als solche Denkmler wie dies zierliche
Huschen verachtet und niedergerissen oder bertncht wurden, hatte ein kleiner
Baumeister dasselbe fr wenig Geld an sich gebracht, sorglich erhalten und
seinem Sohne hinterlassen, der ein mittelmiger Bildnismaler und zugleich ein
Ersatzmann in des Knigs Hartschiergarde gewesen, da er ein stattlicher Mann
war. Die Witwe dieses malenden Hartschiers lebte mit ihrer Tochter in dem alten
Hause von einem kleinen Witwengehalt und einer gewissen Summe, welche ihr
jhrlich dafr bezahlt wurde, da sie ohne hhere Bewilligung das Haus nicht
verkaufte noch an der Fassade etwas zerstren oder ndern lie.
    Die Tochter, Agnes geheien, war das Urbild jener letzten Zeichnung in dem
Album des schnheitskundigen Lys, der erst das Haus und sodann, das Innere
desselben beschauend, auch das Juwel entdeckt hatte, das das Kstchen umschlo;
die Mutter war nicht nur die Hterin der Schnheit von Kind und Haus, sondern
auch ihrer eigenen, soweit sie noch in einem lebensgroen Bildnisse von der Hand
ihres toten Eheherren erglnzte. Von einem hohen Kamme berragt, zu jeder Seite
der Stirn drei querliegende Locken, beherrschte sie im Schimmer ihres
Brautstandes das Gemach, und vor dem Bilde standen jederzeit zwei rosenrote
Wachskerzen, die noch nie gebrannt hatten. Trotz der flachen und schwchlichen
Malerei machte sich die ehemalige Schnheit geltend; es war dabei nicht zu
erkennen, ob eine gewisse Seelenlosigkeit mehr von dem Ungeschick des Malers
oder dem Wesen der Frau herrhrte; dennoch regierte sie mit dem Bilde noch immer
das Haus und brauchte blo einen Blick darauf zu werfen im Vorbergehen, um die
Schnheit der Tochter sich nicht ber den Kopf wachsen zu lassen. Diese Blicke
wiederholten sich whrend des Tages ebenso regelmig wie das Eintauchen ihrer
Fingerspitzen in das Weihwasserkesselchen neben der Stubentre. Von der Seele
aber, die in der Reihenfolge des Werdens ihr ohne Aufenthalt entschlpft, war
ein Teil in der Tochter wieder zum Vorschein gekommen, freilich so schwank,
still und elementarisch wie das Leibliche, in dem sie wohnte.
    Als Lys mit gewandten und angenehmen Sitten sich soweit eingefhrt hatte,
da er jene Figur zeichnen durfte, zwar nicht in das bewute Buch, sondern
vorerst in grerer Form auf ein besonderes Studienblatt, fand er weder den Mut
noch den Anla, den gewohnten Zyklus durchzufhren, und es blieb bei dem
einzigen Eintrag in das Album, den er nach der Studie mit Liebe und Sorgfalt
vornahm. Er verbrachte zuweilen einen Abend bei den Frauen, fhrte sie auch
einmal in das Theater oder in einen Lustgarten, und wo sie erschienen, erregte
die seltene Erscheinung der Agnes ein so allgemeines und zugleich reines
Wohlgefallen, da sich keinerlei Nachrede oder Mideutung vernehmen lie. Alle
ihre ruhigen Bewegungen waren einfach und kurz nur auf den nchsten Zweck
gerichtet und daher voll Anmut; ihre Augen glnzten, wenn sie von irgendeinem
Reiz angesprochen wurde, mit der treuherzigen Unschuld eines jungen Tieres, das
noch keine Mihandlung erfahren hat, und so kam es, da Lys, anstatt eine seiner
frheren Liebeleien anzufangen, unwillkrlich in einen ehrenhaften ernstern
Verkehr hineingeriet, der ihm zum bisher unbekannten Bedrfnis wurde. Seine
Befangenheit mehrte sich, wenn die Mutter in der Absicht, die Bravheit des
Kindes zu rhmen, in dessen Abwesenheit erzhlte, wie es nie imstande gewesen
sei, die kleinste Lge auch nur zum Scherz aufzubringen, und schon in frhsten
Jahren jede bertretung selbst angezeigt habe, und zwar mit einer solchen Ruhe,
wenn nicht Neugierde ber den Erfolg, da die Strafe als unmglich oder
berflssig erschien. Die Mutter konnte dann in ihrer Weise, um nicht selbst fr
unklug zu gelten, die Andeutung nicht unterlassen, das Kind drfte allerdings
keines der geistreichsten, dafr aber um so ehrlicher und vollkommen aufrichtig
sein. Lys wute aber bereits, da Agnes klger war als die Mutter, wenn sie
dessen auch noch nicht innegeworden; nicht minder bertraf sie dieselbe an
Geschicklichkeit; denn er bemerkte, da sie husliche Geschfte rasch und
geruschlos besorgte, ohne je etwas zu zerbrechen, whrend die Mutter alles mit
betrchtlichem Aufwand von Hin- und Hergehen, Reden und Klappern verrichtete und
ihre Taten nicht selten mit dem Klirren eines entzweigegangenen Geschirres
abschlo. Alsdann pflegte die Tochter eine erklrende oder trstliche Bemerkung
zu machen, welche dem grazisesten Witze gleich und doch mit tiefem Ernste rein
sachlich gemeint und gegeben war. Allein welcher Art der Geist oder das Wesen
dieses Geschpfes sei, blieb ihm unbekannt, und wenn man ihn wegen seiner
Entdeckung beglckwnschte und erklrte, die Agnes werde das beste Malerfrauchen
abgeben, das man finden knne, still, harmonisch und eine unerschpfliche Quelle
schner Bewegung, so schttelte er den Kopf und meinte, er knne doch nicht ein
Naturspiel heiraten!
    Dennoch setzte er seine Besuche in dem schlanken Huschen, drin das schlanke
Wesen wohnte, fort und htete sich nur, etwas Verliebtes zu tun oder zu sagen.
Die Augen des Mdchens kamen ihm vor wie ein stilles Wasser, das wohl
widerstandslos, aber auch fr einen guten Schwimmer nicht gefahrlos ist, da man
nicht wissen kann, welche Pflanzen oder Tiere es in seiner Tiefe verbirgt. Von
der unbestimmten Vorstellung solcher Fhrlichkeiten bedrckt, geriet er in
ungewohnte Sorgen und stie hie und da einen Seufzer aus, ohne es zu wissen;
diese Seufzer aber entfachten die geheime Glut einer herzlichen Neigung, die
seit geraumer Zeit in dem kaum siebzehnjhrigen Mdchen entzndet war, zur
lebendigen Flamme. Jedermann konnte das liebliche Feuer sehen; auch wir Freunde
sahen es, als Lys bei den beiden Frauen zuweilen eine kleine Abendbewirtung
anstellte und uns dazu einlud, um nicht allein dort zu sein und doch das Haus
nicht meiden zu mssen. Wir sahen, wie sie stets die Augen auf ihn richtete,
sich traurig wegwendete und doch immer wieder nherte, whrend er sich zwang, es
nicht zu bemerken, aber sichtlich sich hundertmal zurckhalten mute, sie mit
der zuckenden Hand nicht zu berhren. Gelang es ihr dagegen einmal, sich so zu
stellen, als ob sie seine trocken vterliche Art verstehe und wrdige, und dabei
ein Weilchen die Hand auf seiner Schulter liegenzulassen oder gar sich wie ein
unbefangenes Kind einen Augenblick an ihn zu lehnen, so leuchtete das Glck aus
ihren Augen, und sie blieb dann den ganzen Abend hindurch zufrieden und
gengsam.
    Das Verhltnis begann fr alle schwierig und bedenklich zu werden, die
Mutter ausgenommen, welche die Belebung ihres Hauses angenehm empfand und nicht
zweifelte, da Lys eines Tages mit einem ernsten Antrage sich einstellen werde,
gerade weil er so zurckhaltend sei. Auch Erikson mhte sich, anderweitig in
Anspruch genommen, nicht stark um die Sache, und besonders wenn wir das
zierliche Haus zusammen verlieen, ging er unverweilt seine eigenen Wege,
whrend ich mit Lys bald vor seine, bald vor meine Haustre zu wandeln und dort
noch stundenlange zu verhandeln und zu streiten pflegte. Ich wagte zwar nicht,
ihn des Mdchens wegen offen zur Rede zu stellen; denn er war hierin kurz
abgebunden und stellte sich, je unentschlossener er sich fhlte, um so fester,
als einer, der wisse, was er tue und zu tun habe. Dafr nahm ich den Umweg durch
metaphysische Disputationen, weil ich die Leichtfertigkeit, deren ich ihn mit
aufrichtigen Schmerzen bezchtigte, mit der Gottlosigkeit zusammenwarf, welche
er in so spter Stunde ebenso eifrig und nrrisch verteidigte, wie ich sie
unaufhrlich angriff. Wir sprachen zuweilen so lange und so laut durch die
Stille der Nacht, da die Scharwchter der Stadt uns zur Schonung der
schlafenden Brger vermahnten. Pltzlich aber, zur Zeit da das Knstlerfest
vorbereitet wurde, unterbrach Lys einmal meine Rede, von der er wohl merkte, wo
sie hinauswollte, und kndigte mit ruhigen Worten an, da er die Agnes als seine
Festgefhrtin einladen und auf den Verlauf des Festes abstellen wolle, ob eine
bleibende Verbindung zwischen ihnen sich ergeben werde. Bei derartigen Anlssen,
sagte er, pflegen die befangenen Menschenkinder aus sich herauszugehen und
schicksalsfhiger zu sein als in gewhnlichen Tagen. Auch fr ihn stehe die
Sache so, da er einer zuflligen Entscheidung bedrfe, indem die Kraft des
Wunsches und die Besorgnis eines Fehltrittes sich vollkommen die Waage hielten.
    Agnes blhte augenblicklich in neuer Hoffnung auf, als der Geliebte das Wort
des Heiles an sie richtete; denn sie hatte schon in stiller Trauer dem Gedanken
entsagt, im Glanze jener Festfreuden ihm auch nur nahe sein zu knnen. Aber sie
wollte das Heil nicht berufen und fgte sich still und demtig allen seinen
Anordnungen, als er mit den reichen Stoffen zu ihren Gewndern erschien, welche
die schlanke Gestalt umspannen, ihren Wuchs zum Ausdrucke rein geprgter
Schnheit bringen sollten. Aber whrend er ihre schwarzen Haarwellen, die fr
drei Mdchenkpfe ausgereicht htten, vorprfend durch die Hnde laufen lie und
in neue Lagen ordnete und sie lautlos das Haupt dazu hinhielt, beschlo sie in
diesem selben jungen Haupte stumm und feierlich, nur darnach zu trachten, wie
sie ihn im rechten Augenblick in ihre Arme zwingen und ihr Leben unauflslich
mit dem seinigen verbinden mge. Der khne Vorsatz konnte nur die Ausgeburt des
kindlich einfachen, aber in Aufregung geratenen Wesens sein.

                              Dreizehntes Kapitel



                               Wiederum Fatnacht

Das grte Theater der Residenz war in einen Saal umgewandelt und hatte, voll
erleuchtet, bereits die beiden Krper des Festheeres, die Darstellenden und die
Zuschauer, in sich aufgenommen. Whrend auf den Galerien und in den Logen reihen
die schauende Welt versammelt harrte und einstweilen sich selbst in ihrem
Schmucke betrachtete, summten die Seitensle und Gnge, dicht angefllt von den
sich ordnenden Knstlerscharen. Hier wogte es hundertfarbig und schimmernd
durcheinander. Jeder war fr sich eine inhaltvolle Erscheinung und Person, und
indem er selber etwas Rechtem gleichsah, schaute er freudig den Nchsten,
welcher in der schnen Tracht nun ebenfalls so vorteilhaft und krftig erschien,
wie man gar nicht hinter ihm gesucht htte, trotzdem der Kern der Festgebenden
nicht aus leeren Figuranten und Lebemenschen, sondern aus schwungvollen, vom
Genius gehobenen Jnglingen und lngst in gediegener Arbeit ausgereiften Mnnern
bestand, welche einen rechtsgltigen Anspruch besaen, die bewhrten Vorfahren
darzustellen. Auer den Malern und Bildhauern gingen im Zuge Baumeister,
Erzgieer, Glas- und Porzellanmaler, Holzschneider, Kupferstecher,
Steinzeichner, Medailleure und viele andere Angehrige eines voll
ausgegliederten Kunstlebens. In den Giehusern standen zwlf Ahnenbilder fr
den Knigspalast, soeben vollendet, jedes zwlf Fu hoch und im Feuer vergoldet.
Zahlreiche Statuen von Landes-und Geistesfrsten eigener und fremder
Nationalitt, zu Ro und Fu, samt den Bildwerken ihrer Fugestelle waren schon
vollendet und in der Welt zerstreut, riesenhafte Unternehmungen begonnen, und es
ging in den Feuerhusern wohl schon so gewaltsam und kraftvoll her wie an jenem
Guofen zu Florenz, als Benvenuto seinen Perseus go. In Fresko und Wachs waren
schon unabsehbare Wnde bemalt; haushohe gemalte Fenster wurden gebrannt und
zusammengesetzt in einem Farbenfeuer, das der Auferstehung einer untergegangenen
Kunst angemessen war, um sie wrdig zu feiern. Was die Gemldesammlungen an
seltenen und unersetzbaren Schtzen auf vergnglicher Leinwand bewahrten, wurde
zur Erhaltung in dauernder Wiedergabe von gebten Arbeitern mit anspruchlosem
Fleie auf Porzellantafeln und edle Gefe bergetragen mit einer Kunst, die
erst seit wenig Jahren in solchem Grade bestand. Was nun der ganzen Trgerschaft
dieser Kunstwelt, den groen und kleineren Meistern, den Gesellen und Schlern
einen erhhten Wert verlieh, das war der reinere Abglanz der ersten Jugendreife
einer solchen Epoche, deren ideale Freudigkeit im selben Zeitalter selten
wiederkehrt, eher schon von den leichten Schatten der Verbildung und Ausartung
da und dort umschwebt wird. Alle, auch die Bejahrteren, waren noch jung, weil
die ganze Zeit jung und die Spuren eines bloen Knnens ohne Gefhl noch wenig
zahlreich waren.
    Jetzt ffneten sich die Tren, und die Trompeter und Pauker, welche
klangvoll erschienen, verbargen mit ihren Reihen den hinter ihnen anschwellenden
Zug, so da man erwartungsvoll harrte, bis sie vorgeschritten der reichen
Entfaltung Raum gaben. Ihnen folgten zwei Zugfahrer mit dem Nrnberger Wappen,
dem Jungfernadler auf den wei und roten Rcken, und hinter diesen schritt
schlank und zierlich einher, einen mchtigen Laubkranz auf dem Haupte, den
goldenen Stab in der Hand, der Fhrer der stattlichen Zunft der Meistersnger.
Alle bekrnzt, ging die gute Schar derselben daher mit ihrer Spruchtafel, voran
die wanderlustige Jugend in kurzer Tracht, welcher die Alten folgten, den
ehrwrdigen Hans Sachs umgebend, der sich im dunkelfarbigen Pelzmantel wie ein
wohlgelungenes Leben mit dem Sonnenschein ewiger Jugend um das weie Haupt
darstellte.
    Aber das brgerliche Lied war dazumal so reich und berquellend, da es jede
Meisterschaft begleitete und hauptschlich auch unter dem Banner der nun
folgenden Baderzunft hinter Schermesser und Bartbecken herging. Da war Hans
Rosenblt, der Schnepperer, der vielgewanderte Schalks- und Wappendichter, ein
krummbuckliger munterer Gesell mit einer groen Klistierspritze im Arm. Mit
langen Schritten folgte diesem der hochbeinige Hans Folz von Worms, der berhmte
Barbier und Dichter der Fastnachtsspiele und Schwnke und als solcher Geno des
Rosenblt und Vorznder des Hans Sachs. Zwei Bartscherer und ein Schuhmacher
pflegten so das junge Scho der deutschen Bhne.
    Liederreich waren alle die anderen Znfte, die nun folgten in ihren
bestimmten Farben an Kleid und Banner, die Schffler und Brauer, die Metzger in
rot und schwarzem, mit Fuchspelz verbrmtem Zunftgewande, die hechtgrauen und
weien Bcker, die Wachszieher, lieblich in Grn, Wei und Rot, und die
berhmten Lebkchler, hellbraun und dunkelrot gekleidet; die unsterblichen
Schuster schwarz und grn wie Pech und Hoffnung, buntflickig die Schneider. Mit
den Damast- und Teppichwirkern erschienen schon namhafte Meister des hhern
Gewerbes; denn sie brachten die frstlichen Teppiche und Tcher hervor, mit
denen die Huser der Kaufherren und Patrizier geschmckt waren.
    Alle jetzt erscheinenden Znfte waren ausgefllt von einer wahren Republik
kraftvoller, erfindungsreicher Handwerks und Kunstmnner. Die Tchtigkeit teilte
sich unter die Gesellen, welche manchen berufenen Burschen aufzuweisen hatten,
wie unter die Meister. Schon die Dreher zeigten als Genossen Hieronymus Grtner,
welcher mit kindlicher Andacht, als ein Werklein zum Preise Gottes, aus einem
Stckchen Holz eine Kirsche schnitzte, die auf dem Stiele schwankte, und eine
Fliege, die darauf sa, so zart, da die Flgel und die Fe sich bewegten, wenn
man sie anhauchte - der aber zugleich ein erfahrener Meister in Wasserwerken und
kunstreichen Brunnen war.
    Aus der wirren Flle von Erscheinungen, deren fast jede ihre anmutige
Legende hatte, leben jetzt noch manche in meinem Gedchtnisse, und doch sind es
wenige im Vergleich zum Ganzen. Unter den Hufschmieden, rot und schwarz
gekleidet wie Feuer und Kohle, ging Meister Melchior; der die groen eisernen
Schlangengeschtze aus freier Hand schmiedete; unter den Bchsenmachern der
erfindungsreiche Geselle Hans Danner, der schon dazumal von den Metallen Spne
trieb, als htte er weiches Holz unter den Hnden, und sein Bruder Leonhard, der
Erfinder von mauerstrzenden Brechschrauben. Da ging auch Meister Wolff Danner,
der Erfinder des Feuersteinschlosses, und neben ihm Bheim, der Meister der
Geschtzgieer, welche ihre gleienden, wohlverzierten Geschtzrhren, Kanonen,
Metzen und Kartaunen durch alle Welt berhmt machten.
    Die Zunft der Schwertfeger und Waffenschmiede allein umfate eine
gegliederte Welt kunstreicher Metallarbeiter. Der Schwertfeger, der
Haubenschmied, der Harnischmacher, jeder von diesen brachte den Teil der
kriegerischen Rstung, der seinem Namen entsprach, zur grten Gediegenheit und
bewhrte darin ein nachhaltiges Knstlerdasein. Wunderbar lste sich die strenge
Einteilung in die Freiheit und Vielseitigkeit auf, mit welcher die schlichten
Zunftmnner wieder zu den wichtigsten Taten und Erfindungen vorschritten und
alle wieder alles konnten, oft ohne des Lesens und Schreibens mchtig zu sein.
So der Schlosser Hans Bullmann, der Verfertiger groer Uhrwerke mit
Planetensystemen, und der Vervollkommner derselben, Andreas Heinlein, welcher
auch so kleine Uhren zuwege brachte, da sie im Knopfe der Spazierstcke Platz
hatten; auch Peter Hele, der eigentliche Erfinder der Taschenuhren, ging hier
unter dem handfesten Namen eines Schlossermeisters.
    Noch seh ich auch unter den Holzschneidern ein kleines Mnnchen in einem
Mntelchen von Katzenpelz, den Hieronymus Rsch, den Katzenfreund, in dessen
stiller Arbeitsstube berall jene spinnenden Tiere saen. Und gleich hinter dem
grauschwarzen Katzenmnnchen erblicke ich die lichte Erscheinung der
Silberschmiede, in himmelblauem und rosenrotem Gewande mit weiem berwurf, und
die Goldschmiede, hochrot gekleidet mit schwarzdamastenem, reich mit Gold
gesticktem Mantel. Silberne Bildtafeln und goldgetriebene Schalen wurden ihnen
vorangetragen; die plastische Kunst lachte hier in silberner Wiege, und die
neugeborene Kupferstecherei hatte hier ihren metallischen Ursprung, getrennt von
dem Holzschnitt, welcher mit der schwrzlichen Buchdruckerei wandelte.
    Noch sehe ich auch einen feinen Mann, dessen Legende mich besonders rhrte,
unter den Kupfertreibern, den Sebastian Lindenast, der seine kupfernen Gefe
und Schalen so schn und kostbar arbeitete, da der Kaiser ihm das Vorrecht
verlieh, sie zu vergolden, was sonst keiner durfte. Welch ein schnes Verhltnis
zwischen dem Werkmann und dem obersten Haupte der Nation, diese Befugnis, ein
geringes Metall um der edlen Form willen zum Goldrange zu erheben!
    Gleich neben diesem sah ich den Veit Sto, einen Mann von seltsamster
Mischung. Er schnitt aus Holz so holde Marienbilder und Engel und bekleidete sie
so lieblich mit Farben, gldenem Haar und Edelsteinen, da damalige Dichter
begeistert seine Werke besangen. Dazu war er ein miger und stiller Mann, der
keinen Wein trank und fleiig seiner Arbeit oblag, immer neue fromme Bilder fr
die Altre erschaffend. Aber des Nachts machte er eifrig falsche Wertpapiere, um
sein Gut zu mehren, und als er ertappt wurde, durchstach man ihm ffentlich mit
einem glhenden Eisen beide Wangen. Weit entfernt, von solcher Schmach gebrochen
zu werden, erreichte er in aller Gemchlichkeit ein Alter von fnfundneunzig
Jahren und schnitt nebenbei Reliefkarten von Landschaften mit Stdten, Gebirgen
und Flssen; auch malte er und stach in Kupfer.
    Doch als ein ganzer und klassischer Geno trat nun unter dem schlichten
Namen eines Gelb- und Rotgieers Peter Vischer einher mit seinen fnf Shnen,
die Hantierer in glnzendem Erze. Er sah aus mit seinem krftig gelockten Bart,
der runden Filzmtze und seinem Schurzfell wie der wackere Hephstos selber.
Sein freundlich groes Auge verkndete, da es ihm gelang, sich im Sebaldusgrabe
ein unvergngliches Denkmal zu setzen, reich an Arbeit vieler Jahre und
beschienen vom Abglanz griechischen Lebens, ein Wohnsitz vieler Bildwerke, die
im lichten Raume den silbernen Sarg des Heiligen hten. So wohnte der Meister
selbst mit seinen fnf Shnen samt ihren Weibern und Kindern in einem Hause und
derselben Werkstatt, im Glanz neuer Werke.
    Einer, der mir nicht viel weniger gefiel, war im Zuge der Maurer und
Zimmerleute Georg Weber, gro und stark heranschreitend, zu dessen grauem Kleide
es einer Unzahl von Ellen Tuches bedurfte. Der war freilich ein Wldervertilger;
denn mit seinen Werkleuten, die er alle so gro und stark aussuchte, wie er
selber war, mit dieser Riesenschaft arbeitete er mchtig in Bumen und Balken,
sinnreich und knstlich, und fand nicht seinesgleichen. Er war jedoch ein
trotziger Volksmann und machte im Bauernkrieg den Bauern Geschtze aus grnen
Waldbumen. Er sollte deshalb zu Dinkelsbhl gekpft werden; allein der Rat von
Nrnberg lste ihn wegen seiner Kunst und Ntzlichkeit aus und ernannte ihn zum
Stadtzimmermeister. Er baute nicht nur schnes und festes Sparren- und
Balkenwerk, sondern auch Mhl- und Hebemaschinen und gewaltige lasttragende
Wagen und fand fr jedes Hindernis, jede Gewichtmasse einen Anschlag unter
seiner starken Hirnschale. Bei alledem konnte er weder lesen noch schreiben.
    So folgten sich, da man eine ganze Zeit zusammenfate, Scharen von
ausdrucksvollen Gestalten, die alle im Leben gestanden hatten, bis dieser Teil
des Zuges mit der Zunft der Maler und Bildhauer und der Erscheinung Albrecht
Drers abschlo. Unmittelbar voran ging ihm der Edelknabe mit dem Wappenschilde,
der in blauem Felde drei silberne Schildchen zeigt und von Maximilian dem groen
Meister fr die ganze Knstlerschaft gegeben worden ist. Drer selbst schritt
zwischen seinem Lehrer Wohlgemuth und Adam Kraft; die eigenen hellen
Ringellocken des Darstellers fielen nach beiden Seiten gleich gescheitelt ganz
so auf die breiten, mit Pelz bedeckten Schultern wie im bekannten Selbstbildnis,
und mit anmutiger Geschicklichkeit trug der geschmeidige Mann die feierliche
Wrde, die auf ihm lastete.
    Nachdem nun, was eine Stadt baut und ziert, vorangegangen, trat
gewissermaen die Stadt selbst auf. Von zwei brtigen Hellebardieren begleitet,
wurde ihr das groe Banner vorgetragen. Hoch trug der kecke Fhndrich die
wallende Fahne, im ppig geschlitzten Kleide, die linke Faust stattlich in die
Seite gestemmt. Alsdann kam der Stadthauptmann, kriegerisch prchtig in Rot und
Schwarz gekleidet, mit dem Brustharnisch angetan und den Kopf mit breitem, von
Federn wogendem Baretthute bedeckt. Ihm folgten Brgermeister, Syndikus und
Ratsherren, unter ihnen manch ein im weiten Reich angesehener und ersprielicher
Mann, und endlich die festlichen Reihen der Geschlechter. Seide, Gold und
Juwelen glnzten hier in schwerem berflu. Die kaufmnnischen Patrizier, deren
Gter auf allen Meeren schwammen, die zugleich in streitbarer Haltung mit dem
selbstgegossenen Geschtze die Stadt verteidigten und an den Reichskriegen
teilnahmen, bertrafen den mittlern Adel an Pracht und Reichtum wie in
Gemeinsinn und sittlicher Wrde. Ihre Frauen und Tchter rauschten wie groe
lebende Blumen einher, einige mit goldenen Netzen und Hubchen um die
schngezpften Haare, andere mit federwallenden Hten, diese den Hals mit
feinstem Linnen umschlossen, jene die entblten Schultern mit kstlichem
Rauchwerk eingerahmt. Inmitten dieser glnzenden Reihen gingen einige
venezianische Herren und Maler, als Gste gedacht, poetisch in ihre welschen,
purpurnen oder schwarzen Mntel gehllt. Diese Gestalten lenkten die Phantasie
auf die Lagunenstadt und von da in die Weite an alle Ksten des Mittelmeeres.
    Eine zweite breite Reihe von Trompetern und Paukern, berragt vom Doppelaar,
fhrte endlich schmetternd das Reich heran, mit allem, was es an Tapferkeit und
Glanz um den Kaiser zu scharen hatte. Ein Haufen Landsknechte mit seinem
robusten Hauptmann gab sogleich ein lebendiges Bild jener Kriegszeit und ihres
unruhigen, wilden und sanglustigen Volkstumes. Durch den Wald von achtzehn Schuh
langen Spieen, unter dem sie einhermarschierten, sah der innere Blick Berg und
Tal, Wlder und Felder, Burgen und Vesten, deutsches und welsches Land sich
ausbreiten, nachdem die mauerumschlossene, reichgebaute Stadt sich vorhin
kundgetan. Die Schar der Kriegsgesellen, aus dem jungen Volke und einigen
lteren Schnapphhnen bestehend, hatte sich so eifrig in Tracht, Sitten und
Lieder des geschichtlichen Vorbildes eingelebt, da von diesem Feste her sich
eine eigene Landsknechtkultur in Wort und Bild auftat und die bloen
sonnverbrannten Nacken der Schwartenhlse, ihre zerschnittenen Bauschkleider und
kurzen Schwerter noch langehin berall zu sehen waren.
    Nun wurde es aber wieder feierlicher und stiller. Vier Edelknaben mit den
Wappenschilden von Burgund, Holland, Flandern und sterreich, dann vier Ritter
mit den Bannern von Steier, Tirol, Habsburg und mit dem kaiserlichen Paniere
traten auf, dann ein Schwerttrger und zwei Herolde. Nach der Flamberge
tragenden Leibwache des Kaisers kam eine Schar Edelknaben in kurzen
goldstoffenen Wmsern, goldene Pokale tragend, dem kaiserlichen Mundschenk
vorauf, und ebenso gingen Jger und Falkoniere dem Oberjgermeister vorauf.
Fackeltrger mit vergittertem Gesicht umgaben den Kaiser. Rock und
Hermelinmantel von schwarzdurchwirktem Goldstoff, einen goldenen Brustharnisch
tragend, auf dem Barett den kniglichen Reif, ging Maximilian heroisch daher,
das Angesicht auf das Heldenmtige, Ritterhafte und Sinnreiche gerichtet. So
konnte man selbst von dem lebenden Konterfei sagen. Denn es hatte sich fr das
Bild des Kaisers ein junger Maler von den fernsten Grenzen des ehemaligen
Reiches gefunden, der in Haltung und Angesicht ohne alle Zutat wie dazu
geschaffen war.
    Unmittelbar hinter dem Kaiser ging sein lustiger Rat Kunz von der Rosen,
aber nicht gleich einem Narren, sondern wie ein kluger und wehrbarer Held
launiger Weisheit. Er war ganz in rosenroten Samt gekleidet, knapp am Leibe,
doch mit weiten ausgezackten Oberrmeln. Auf dem Kopfe trug er ein azurblaues
Htchen mit einem Kranze von je einer Rose und einer goldenen Schelle; an der
Hfte indessen hing an rosenfarbenem Gehnge ein breites, langes Schlachtschwert
von gutem Stahl. Wie sein Held und Kaiser war er nicht sowohl ein Dichter als
selbst ein Gedicht.
    Nun schritt in Stahl gehllt und waffenklirrend einher, was von der
Lneburger Heide bis zum alten Rom, von den Pyrenen bis zur trkischen Donau
gefochten und geblutet hatte, die glnzende Fhrerschaft des Reiches der
Erbschenk und Statthalter Siegmund von Dietrichstein und der zum zeitweiligen
Feldherrn gediehene Jurist Ulrich von Schellenberg, Georg von Frundsberg, Erich
von Braunschweig, Franz von Sickingen, das Freundespaar Roggendorf und Salm,
Andreas von Sonnenburg, Rudolf von Anhalt und die brigen, jeder mit seinen
Waffen- und Trophentrgern, berschattet von den Fahnen mit den Namen der
Schlachten und Belagerungen, begleitet von Schilden mit khnen oder edelsinnigen
Wahlsprchen. In diesem Aufzuge sah man vorzugsweise schne und krftige
Mnnergestalten, da hier meistens solche ihren Platz genommen, die als die
Schmiede ihres Glckes sich auf die Hhe des Lebens und Gelingens durchgekmpft
hatten und in jeder Hinsicht geeignet waren, das Tchtigste vorzustellen. Ich
hatte mich an meinem noch verborgenen Platze etwas vorgedrngt, um besser sehen
zu knnen, was uns voranzog, und verschlang alles mit den Augen wie einer, der
das Zweite Gesicht hat. Meine eigene Mitspielerschaft ganz vergessend, erlabte
ich mich an dem Anblick der Herrlichkeit; als ob ich selbst ein Nachkomme der
verschwundenen Reichsgenossen wre, atmete ich voll stolzer Freude, die sich
womglich noch steigerte, als nun unter den gelehrten Rten des Knigs der
berhmte Willibald Pirckheimer auftrat, der in dem sogenannten Schwabenkriege
den nrnbergischen Zuzug in der Heerfolge Maximilians gegen die Schweizer
gefhrt und jenen Feldzug beschrieben hat. Denn pltzlich fiel mir nun ein, wie
dieser selbe Ritterknig mit allen diesen Kriegsherren, als er mein Vaterland
hatte zum Reiche zurckzwingen wollen, das gegen meine Vorfahren aufgerichtete
Reichsbanner hatte niederlassen und ohne Erfolg abziehen mssen, in die Klage
ausbrechend, er knne die Schweizer nicht ohne Schweizer schlagen. So vermochte
ich um so ungetrbter mich allen nationalen Selbstzufriedenheiten hinzugeben und
bedachte nicht, wie unablssig die Eimer des Geschickes steigen und fallen und
wie wenig, was meine alten Eidgenossen betraf, dieselben eigentlich trotz ihrer
Tapferkeit von allen ihren Nachbaren geliebt und geschtzt waren.
    Ich htte auch beinahe bersehen, da der lange Prachtzug des letzten
Ritters zu Ende ging und, whrend die Scharen der bisher Vorbergezogenen im
weiten Rundgange sich kreuzten, schon der Mummenschanz heranrauschte, in welchem
alles sich auftat, was die Knstlerschaft an bermtigen Sonderlingen,
Witzbolden, Lckenbern und Kometennaturen vermochte.
    Auf einem strrischen Esel erffnete der Mummereimeister den trumerischen
Zug, und hinter ihm tanzten die bunten Narren Gylyme, Pck und Guggerillis, die
Zwergschlke Metterschi und Duweindl und viele andere Narren daher, unter welche
ich als ein ziemlich stiller Narr zurckgeschlpft war. Dann kam der bekrnzte
Thyrsustrger, welcher die behaarte, gehrnte und geschwnzte Musikbande fhrte.
In ihren Bockshuten nach der eigenen Musik hpfend und hopsend, brachten diese
Gesellen eine uralte, seltsam schreiende und brummende Musik hervor, bald in der
Oktave! bald in lauter Quinten pfeifend und schnurrend, aus der obersten Hhe in
die unterste Tiefe springend.
    Mit goldenem umlaubtem Thyrsusstabe schritt der Anfahrer des Bacchuszuges
vor. Ein Kranz blauer Trauben umschattete seine glhende Stirn; von den
Schultern flatterte und wallte eine festliche Last buntgestreifter Seidenbnder
bis auf die Fe und verhllte wehend den schlanken Krper. Nur die Fe waren
mit goldenen Sandalen bekleidet. Halb mittelalterlich, halb antik geschrzte
Winzer umschwrmten die biblischen Kundschafter aus dem Gelobten Lande, welche
an tiefgebogener Stange die groe Traube trugen, gefolgt von vier noch
kernhafteren Mnnern, die zwischen vier aufrechten Fichten eine noch viel
mchtigere Traube daherbrachten. Alle brige Zubehr eines bacchantischen
Getmmels mit Becken, Schalen und Stben zog und schob den Wagen des
efeubekrnzten Gottes, ber dem sich ein dunkelblauer Himmel von Trauben wlbte.
    Dem Triumphwagen der Venus, welcher sich hierauf nahte, gingen als Diener
des Mars zwei zarte, in Landsknechttracht gekleidete Knaben mit Trommel und
Pfeife vorauf, die gekerbten Federhte auf dem Rcken tragend, da das bunte
Gefieder auf dem Boden schleifte. Mit schelmischer Feierlichkeit lieen sie
ihren Kriegsmarsch ertnen, wobei die mehr sanfte als schrille Flte immer
denselben sehnschtigen Satz wiederholte. Knige mit Krone und Zepter, zerlumpte
Bettler mit dem Schnappsack, Pfaffen und Juden, Trken und Mohren, Jnglinge und
Greise zogen den Wagen herbei. Die auf ihm ruhende Venus war niemand anders als
die schne Rosalie, halb liegend auf einem Rosenlager unter durchsichtiger
Blumenlaube. Ihr Kleid war von Purpurseide, aber vom Schnitte eines patrizischen
Festkleides der damaligen Zeit, wie etwa Altrecht Drer eine mythologische
Gestalt zu zeichnen liebte. Der schwere Stoff bildete sogar getreu den
prchtigen gebrochenen Faltenwurf an den weiten langen rmeln und der
kniglichen Schleppe, und ein breiter Damenhut von Purpursammet, mit weien
Federn umsumt, berschattete waagrecht das Haupt, von einem goldenen Stern
berstrahlt. In der Hand hielt sie eine goldene Weltkugel, auf welcher zwei mit
den Flgeln schlagende und sich schnbelnde Tauben saen. Unter ihren Gefangenen
gingen zu beiden Seiten des Wagens der heidnische Philosoph Aristoteles und der
christliche Dichter Dante Alighieri, welche in ehrwrdigster Haltung ihr zu
besonderm Schutz und Handreichung dienten. Sie aber schaute dann und wann
rckwrts, da gleich hinter ihrem Wagen der starke Erikson als wilder Mann
einherkam, der den Zug der Diana anfhrte, Lenden und Stirn in dichtes
Eichenlaub gehllt, ein Brenfell um die Schultern geschlagen. Viele Jger
folgten ihm mit grnen Zweigen auf Hten und Kappen, die groen Hifthrner mit
Laubwerk umwunden, das Jagdkleid mit Iltisfellen, Luchskpfen, Rehfen und
Eberzhnen besetzt. Einige fhrten Rden und Windspiele, einige mit Steigeisen
am Grtel trugen Gemsbcke auf dem Rcken, andere Auerhhne und Bndel von
Fasanen, und wieder andere auf Bahren Schwarzwild und Hirsche mit versilberten
Hauern, Geweihen und Schalen. Dann trug eine Schar wilder Mnner ein wanderndes
Gehlz belaubter Bume verschiedener Art, in welchen Eichhrnchen kletterten und
Vgel nisteten. Durch die Stmme dieses Waldes sah man schon die silberne
Gestalt der Diana schimmern, der schmalen Agnes, wie sie von Lys gekleidet und
geschmckt worden. Ihr Wagen war von allem mglichen Wilde bedeckt, und dessen
Kpfe umkrnzten ihn mit vergoldetem Horn und bunten Federn. Sie selbst sa mit
Bogen und Pfeil auf einem Felsen, aus welchem ein Quell in ein Becken von
Tropfsteinen sprang; wilde Mnner, Jger und Nymphen nahten sich in buntem
Gedrnge, um aus hohler Hand den Durst zu stillen.
    Agnes war in ein Gewand von Silberstoff gekleidet, das bis an die Hften
sich knapp anschmiegte und alle ihre geschmeidigen Formen wie aus dem hellen
Metalle gegossen erscheinen lie Die kleine klare Brust war wie von einem
Silberschmied zierlich getrieben. Vom Schoe abwrts, den ein grner Florgrtel
mehrfach umwand, flo das Gewand weit und faltig, wiederholt geschrzt, doch bis
auf die Fe, die mit silbernen Sandalen keusch hervorsahen. Im schwarzen,
griechisch aufgebundenen Haare machte sich mit Mhe die blanke Mondsichel
sichtbar, und wenn sich der Kopf ein wenig regte, wurde sie von den Locken
zeitweise ganz bedeckt. Das Gesicht der Agnes war wei wie Mondschein und noch
blasser als gewhnlich; ihr Auge flammte dunkel und suchte den Geliebten,
whrend in dem silberglnzenden Busen der khne Anschlag, den sie gefat, das
Herz pochen machte.
    Der geliebte Lys aber, der den Aufzug eines der Jagd obliegenden
Assyrerknigs gewhlt, um seiner Diana zur Seite gehen zu knnen, hatte, sobald
er die Rosalie-Venus erblickt, jene verlassen, sich unter den Triumphzug der
letzteren gemischt, betrachtete sie unverwandt gleich einem Nachtwandler und
wich keinen Schritt von ihrem Wagen, ohne seines Tuns bewut zu werden.
    Meinerseits hatte ich mich, meinem alten Zunamen getreu, in ein laubgrnes
Narrenkleid gesteckt und um die Schellenkappe ein Geflecht von Disteln und
Stechpalmzweigen mit roten Beeren geschlungen. Diese jagdverwandte Tracht
benutzte ich nun, als ich sah, wie die Dinge standen oder vielmehr gingen, um ab
und zu durch den wandelnden Wald zu huschen und der rmsten Diana zur Seite zu
bleiben, da sonst kein Befreundeter um sie war; denn Erikson, der wilde Mann,
hielt sein Auge auf Lys und Rosalien gerichtet, ohne indessen stark aus seiner
Gemtsruhe zu geraten.
    Den sdlich-griechischen Bildern folgte als nordisch-germanisches Mrchen
der Zug des Bergknigs. Ein Gebirge von Erzstufen und Kristallen war auf seinem
Wagen errichtet, und darauf thronte die riesige Gestalt in grauem Pelztalar, den
schneeweien Bart wie das Haar bis auf die Hften gebreitet und diese davon
umwallt. Das Haupt trug eine hohe goldene Zackenkrone. Um ihn her schlpften und
gruben kleine Gnomen in den Hhlen und Gngen und waren wirkliche Bbchen; aber
ein kleiner Berggeist, welcher vorn auf dem Wagen stand, ein strahlendes
Grubenlicht auf dem Kopf, den Hammer in der Hand, war ein kaum drei Spannen
langer, vllig ausgewachsener Knstler, ebenmig fein gebaut, mit mnnlich
sauberm Gesichtchen, blauen Augen und blondem Zwickelbart. Das kleine Wesen,
einem Zaubermrchen gleichend, war nichts weniger als eine bloe Seltsamkeit,
sondern ein solider und rhmlicher Maler, ein lebendiges Zeugnis, da diese
bedeutende Knstlerschaft nicht nur alle Gliederungen eines groen Volkes,
sondern auch alle Gestaltungen des krperlichen Daseins umfate.
    Hinter dem Bergknig auf demselben Wagen schlug der Prgemeister aus Silber
und blankem Kupfer kleine Denkmnzen auf das Fest; ein Drache spie sie in ein
klingendes Becken, und zwei Pagen, Gold und Silber genannt, warfen die
Schimmerstcke unter das schauende Volk. Ganz zuletzt und einsam schlich der
Narr Glichisch daher und schttelte traurig den leeren Beutel.
    Freilich folgte dem hinkenden Narren auf dem Fue wieder der glanzvolle
Anfang; wieder gingen die Znfte, das alte Nrnberg, Kaiser und Reich und die
Fabelwelt vorber, und so zum dritten Male, und immer ging Lys neben dem Wagen
der Venus, schritt Erikson aufmerksam dahinter her und schaute Agnes, welche in
ihrem Walde nicht sehen konnte, was vorging, bald ratlos umher, bald schlug sie
traurig die Augen nieder.
    Die ganze Masse reihte sich nun in eine gedrngte Ordnung und lie ein
volltniges Festlied erschallen, um dem wirklichen Knige, in dessen Machtkreis
zuletzt diese ganze Traumwelt hing, ihre Huldigung darzubringen. Dann bewegte
sich der lange Zug an der im Logensaal versammelten Familie des Landesherren
vorbei und auf bedeckten Gngen in das Knigsschlo hinber, durch dessen Sle
und Korridore, welche alle von Zuschauern angefllt waren. Der zufriedene, ja
vergngt scheinende Monarch, welcher die rauschende und farbenstrahlende
Festfreude gewissermaen als den Lohn seines eigenen Verdienstes betrachten
durfte, sa auf goldenem Sessel in der Mitte der Seinigen und besah sich nun
diese und jene Erscheinung des vorberwallenden Zuges genauer und richtete an
manchen einzelnen ein Scherzwort. Als ich in seine Nhe kam, hatte ich ein
kleines Hhnchen mit ihm zu pflcken. Denn vor kurzer Zeit, da ich nach dem Rate
des trinksamen Eichmeisters in der Abenddmmerung durch eine stille Strae ging,
um den bescheidenen Abendtrunk aufzusuchen, begegnete ich dem mir unbekannten
schlank hagern Manne, der pltzlich seinen raschen Schritt anhielt und mich
achtlos Vorbergehenden fragte, warum ich ihm nicht die gebhrende Ehre erweise?
Erstaunt sah ich ihn an; aber schon hatte er mir den Hut vom Kopfe genommen, mir
in die Hand gegeben und sagte: Kennen Sie mich nicht? Ich bin der Knig!
worauf er seinen Weg in die Dmmerung hinein fortsetzte. Ich brachte meinen Hut
wieder, wo er hingehrte, sah dem schattenhaften Wandler noch verblffter nach
und wute nicht, was zu tun sei. Endlich sagte ich mir, wenn es ein Spavogel
gewesen, der sich einen Scherz gemacht, so handle es sich nicht um die Ehre; sei
es aber wirklich der Knig, dann auch nicht; denn wenn die Knige nicht
beleidigt werden drfen, so knnen sie auch nicht beleidigen noch beschimpfen,
da ihre einsame Willkr jede gewhnliche Wirkung aufhebe. Heute erkannte ich,
als ich ihm vorberging, sogleich, da es der Knig gewesen. Die Narrenfreiheit
benutzend, sprang ich aus dem Zuge heraus, trat vor ihn, streckte meinen Kopf
dar und rief frhlich: Hei, Bruder Knig! warum greifst du nicht an meinen
Hut? Er sah mich aufmerksam an, erinnerte sich offenbar und verstand auch, da
ich die Disteln und Stechpalmen meinte, an denen er sich verletzen wrde. Aber
er sagte kein Wort, sondern fate lchelnd mit spitzen Fingern zwei der
aufragenden Schellenzipfel meiner Kappe, hob diese ganz sachte in die Hhe, so
da ich barhuptig dastand, und lie sie ebenso sanft wieder nieder. Da sah ich,
da hier nicht aufzukommen war, lie den Handel fallen und trollte weiter.
    Die Prachttreppen hinunter, durch Bogengnge und Sulenhallen, ber die von
Pechflammen erleuchteten Pltze, von den Wogen des Stadtvolkes angefllt,
berall gingen die Knstler an ihren Werken vorbei, bis der Zug in dem groen
Festgebude mndete, dessen Rume fr die weiteren Taten zubereitet und
geschmckt waren. Der grte Saal war zu Bankett, Spiel und Tanz eingerichtet,
und zwar ganz im Stile des gefeierten Zeitalters, eine Reihe von Nischen und
Nebengemchern fr den Aufenthalt einzelner Gruppen und Gesellschaften
gartenhnlich verkleidet. Nachdem die allgemeine Tafelfreude genugsam
vorgerckt, begann auch unverweilt Tanz und Spiel jeder Art an allen Enden. Die
Meistersnger hielten bei offener Tre Singschule in einem kleinern Saale. Es
wurde nach den znftigen Gebruchen wettgesungen, ein Schulfreund oder Singer
zum Meister gesprochen und dergleichen mehr. Die vorgetragenen Gedichte
enthielten hauptschlich Hecheleien der verschiedenen Kunstrichtungen
gegeneinander, Verspottung anmalichen oder eigensinnigen Wesens an Leuten und
Schulen, Klagen ber gesellschaftliche belstnde, dann auch den Preis des
Unbestrittenen, Anerkannten. Es war sozusagen eine allgemeine Abrechnung, bei
welcher jede Richtung und jede Gre ihren Vertreter mit fertigem Spruche unter
die Singer gestellt hatte. Der Inhalt der lebhaften satirischen Verse nahm sich
hchst seltsam aus in der Form, in welcher er vorgebracht wurde. Denn whrend
alle Singenden in denselben einfrmigen und hlzern trockenen Knittelversen ihre
angeblichen Stollen und Abgesnge vortrugen, wurde doch jeder einzelne unter
Ankndigung einer neuen Weise aufgerufen. Da wurde gesungen in Orpheus'
sehnlicher Klagweise, der gelben Lwenhautweise, der schwarzen Agtsteinweise,
der Igelweise, verschlossenen Helmweise, berhohen Bergweise, krummen
Zinkenweise, glatten Seidenweise, Strohhalmweise, spitzigen Pfriemweise,
stumpfen Pinselweise, blauen Berlinerweise, rheinischen Senfweise, glitzerigen
Turmgockelweise, sauren Zitronweise, zhen Honigweise usw., und das Gelchter
war gro, wenn nach diesen pomphaften Ankndigungen immer der alte grmliche
Leierton sich von neuem hren lie. Einige Singer packten auch ihren Gegenstand
unmittelbar aus dem gegenwrtigen Augenblicke; so rchte sich ein Schuster fr
den Stolz, mit welchem eine Edelfrau, ihrer Rolle getreu, ihm soeben den Tanz
verweigert, durch lautes Anrhmen der Gunst, die bei mehr als einer goldenen
Dame zu holen sei, wenn man es nur recht anzufangen wisse, worauf ein Weigerber
mit Aufwerfung der alten Frage antwortete, ob Keckheit oder Bescheidenheit eher
zum Ziele fhre, und ein Wachszieher schlielich die Frauen fr solche Wesen
erklrte, welche stets die eine Art vorzgen, wenn die andere gerade nicht zu
haben wre.
    So grobe Reden durfte die Frau Venus, die mit einem Teile ihres Gefolges der
Singschule beigewohnt, nicht anhren. Sie brach mit verstellter Entrstung auf
und zog sich in eines der Seitengemcher zurck, wo sie ihren durch ein paar
anmutige Frauen vermehrten Hof hielt. In einer anstoenden ganz grnen Nische
hatten die Jger ihren Sitz aufgeschlagen, und ihrer Diana dienten einige junge
Nymphen zur Gesellschaft; sie lieen sie aber meistens allein sitzen und
schwrrnten mit den wilden Jagdgenossen auf den Tanz aus. Ich setzte mich daher
fter neben sie und suchte ihre Verlassenheit durch Gesprch und bliche
Dienstleistungen so ungesehen als mglich zu machen, bis die zu erhoffende
Wendung der Dinge herbeikme. Erikson ging ab und zu; er konnte seiner
Wildemannstracht halber nicht wohl tanzen noch sich in zu groe Nhe der Frauen
setzen. Die Rolle war ihm erst in den letzten Tagen durch eingetretenen Notfall
aufgedrngt worden, und er hatte sie nicht ungern bernommen, weil sie ihn von
der Frau Rosalie etwas getrennt hielt und hiedurch das zwischen ihnen waltende
Verhltnis nicht zu frh ganz offenkundig wurde, und Rosalie war damit
einverstanden. Jetzt bereute er fast sein Verfahren, als er sah, wie Lys fort
und fort dicht in ihrer Nhe blieb, wie sie lachte, scherzte, von freundlichem
Liebreize strahlte und den eifrig sie unterhaltenden Untreuen mit anmutig naiven
Fragen in einer Bewegung erhielt, deren Verblendung die schne Sicherheit nicht
ahnte, in welcher die Frau lebte. Weder er noch Erikson bemerkten den scheinbar
zuflligen, flchtigen, aber zufriedenen Blick, mit welchem sie mitten im
Gesprche der Gestalt des wilden Mannes folgte, wenn er zuweilen in einiger
Entfernung vorbeiging.
    Agnes hatte schon lange stumm neben mir gesessen, whrend die kostbare Zeit
dieser Nacht unaufhaltsam vorrckte. Sie wiegte, den Busen von ungestmen
Gefhlen bewegt, das schwarzgelockte Haupt, und nur zuweilen scho sie einen
flammenden Blick zu Lys und Rosalien hinber, zuweilen auch sah sie ruhig
verwundert hin, aber stets erblickte sie dasselbe Schauspiel. Zuletzt verstummte
auch ich und versank in trbes Sinnen ber eine so groe Schwche des von mir
hochgehaltenen Freundes. Wie eine unheimliche Naturerscheinung beunruhigte mich
dieser rcksichtslose Wankelmut, der zu einer Art frecher Khnheit wurde, und
ich litt unter dem Eindruck, mit welchem man im Traum einen Sinnlosen sich in
den Abgrund strzen sieht.
    Ein tiefer Seufzer weckte mich auf; Agnes hatte gesehen, wie Lys mit
Rosalien zum Tanze schritt, der im nahen Hauptsaale rauschte und wogte;
pltzlich forderte sie mich auf, sie ebenfalls hinzufhren und mit ihr zu
tanzen. Schon drehten wir uns mit der buntschimmernden Menge und begegneten
zweimal der rosigen Venus, deren Purpurgewand flog und den mit ihr tanzenden Lys
zeitweise halb bedeckte. Dieser grte uns froh und zufrieden, wie man Kinder
grt, die sich gut zu unterhalten scheinen. Wieder trafen wir am Ende des
Walzers zusammen; Rosalien gefiel das zierliche Kind und verlangte es in ihrer
Nhe zu haben, whrend ich an den Narrenspielen teilnehmen mute, die den Tanz
jetzt ablsten.
    An einem langen Seile fhrte Kunz von der Rosen alle vorhandenen Narren
durch das Gedrnge. Jeder trug auf einer Tafel geschrieben den Namen seiner
Narrheit, und von den leichteren schied der lustige Rat neun schwere aus und
stellte sie vor dem Kaiser als Kegelspiel auf. So standen da vor aller Augen
Hochmut, Neid, Grobheit, Eitelkeit, Vielwisserei, Vergleichungssucht,
Selbstbespiegelung, Halsstarrigkeit und Wankelmut. Mit einer mchtigen Kugel,
welche die brigen Narren mit komisch heftigen Gebrden herbeiwlzten, versuchte
nun mancher Ritter und Brger nach den neun Kegelnarren zu schieben, aber nicht
einer wankte, bis endlich der heroische Max, welcher das ganze deutsche Volk
darstellte, sie alle mit einem Wurfe ber den Haufen warf, da sie
bereinanderpurzelten.
    Aus dieser Niederlage entwickelte sich eine scherzhafte Auferstehung, indem
Kunz dem sieghaften Knig als Belohnung die wiedererstandenen Bildwerke der
alten Welt vor Augen brachte und zunchst die gefallenen Narren als
Niobidengruppe aufrichtete, welche freilich zur Zeit Maximilians noch in der
Erde lag. Aus der tragischen Darstellung lste sich unversehens die Gruppe der
Grazien, von drei jungen, zierlich feinen Narren gebildet, welche sich nach
einmaligem Umdrehen wieder um einen Mann verminderten und als Amor und Psyche
umfingen, bis diese sich auflsten und nur ein Narzissus brigblieb. Aber auch
dieser schwand hinweg, und an seiner Stelle lag jener kleinste Zwerg als
sterbender Fechter am Boden und machte seine Sache so vortrefflich, da alle
Zuschauer zu lautem Beifall gerhrt wurden und die gesamte Narrenschaft
herbeieilte, ihn samt der umgekehrten Fischschssel, auf welcher er lag,
emporhob und im Triumph davontrug.
    Als auch diese Wolke sich verzogen, wurde eine Laokoonsgruppe sichtbar, von
Erikson und zwei jungen Satyrn mit Hilfe zweier groen Schlangen dargestellt,
die man aus Draht und Leinwand gemacht hatte. Es war keine leichte Anstrengung,
mit gespannten Muskeln in der vorgeschriebenen Lage zu verharren; diese wurde
aber noch schwieriger, als er in dem krampfhaft zurckgebogenen Kopfe die Augen
einmal abwrts bewegte und in dem nunmehrigen augenblicklichen Gesichtsfelde
Rosalien sah, wie sie von Lys am Arme vorbergefhrt wurde, sich lchelnd, aber
flchtig nach ihm umwendete und dann mit ihrem Fhrer plaudernd sich im Gedrnge
verlor. Auch hrte er in der Nhe sagen: Da geht ja die schne Venus die ganze
Zeit mit dem reichen Flming oder Friesen, oder was er ist! Gut genug sieht er
brigens aus, und sie wird denken schn und reich, sind beide gleich!
    Sobald er die Schlangen abgestreift hatte und frei war, strmte Erikson
durch das Haus und bettelte von zechenden Bekannten entbehrliche Gewandstcke
zusammen. Wunderlich gekleidet, teilweise ein Bischof, ein Jger und ein wilder
Mann, den Kopf noch grn belaubt, suchte er die Verschwundenen auf und fand sie
in dem grern Kreise, in welchem die Bacchusleute, der Hof der Venus und die
Jger sich vereinigt hatten. Er war nicht eiferschtig und schmte sich sogar
des Gedankens, da er es je sein knnte, weil die begrndete wie die grundlose
Eifersucht diejenige Wrde vernichtet, deren die gute Liebe bedarf. Er wute
nur, da in der Welt alles mglich sei und das Folgenreichste oft von einer
kleinen Unterlassung abhnge, welche die Dinge ohne Not verndere, und berdies
war er zu dieser Zeit noch ungewi, ob das Verraten von Ruhe oder Unruhe welches
von beiden fr Rosalien eher beleidigend sein knnte. Denn wenn sie sich die
Mhe gab, die Bewerbungen des Niederlnders so offenkundig zu ertragen, und
dabei eine geheime Absicht verbarg, so mute Erikson sich artigerweise auch die
Mhe geben, einen solchen Vorgang zu verstehen.
    Die Ruhe gewann indessen die Oberhand, als er das vermite Paar mitten in
unserm mythologischen Kreise sitzen sah; er nahm gleichmtig in der Nhe Platz,
mute aber alsobald seine Aufmerksamkeit wieder anstrengen. Lys fhrte seine
Reden ber durchaus unverfngliche, ja gleichgltige Dinge, aber mit jenem
unmittelbar an die Frau gerichteten vertrauten Tone, welchen solche Eroberer
anzuschlagen pflegen, um die Welt an das Unvermeidliche beizeiten zu gewhnen.
Erikson ertrug manches an ihm, ohne zu richten; jetzt aber stieg ihm doch der
Gedanke auf, ob der Freund nicht doch einer von den Trpfen sein drfte, deren
Hauptstck darin besteht, goldene Uhren zu stehlen oder einem andern das Weib zu
nehmen. Es gibt ja, dachte er, bei beiden Geschlechtern solche Raub- und
Wechseltiere, die nur dann glcklich sind, wenn sie erst fremdes Glck zerstrt
haben! Freilich nehmen sie nur, was sie kriegen knnen, und die Ware ist auch
meistens darnach! Allein diesmal wre es wirklich schade! Und er betrachtete mit
neuer Besorgnis und Bewunderung Frau Rosalien, wie sie mit unverwstlicher
Holdseligkeit Lysens Gesprch anhrte und ihn mit unwiderstehlichem Lcheln zu
klugen und zuversichtlichen Redensarten verlockte. Derart beschftigt, konnte er
nicht beachten, was mit Agnes vorging und wie ich als ihr Abgesandter abermals
zu Lys herberkam und ihn leise, aber instndig bat, nur ein einziges Mal mit
ihr zu tanzen. Da Lys eben eine kleine Pause machte, schreckte er auf wie ein
balzender Auerhahn, aber nicht um davonzufliegen, sondern mich mit unterdrckter
Stimme anzufahren: Was ist denn das fr eine Sitte an einem jungen Mdchen?
Tanzt miteinander und lat mich zufrieden!
    Ich ging hin, um das schmerzlich erregte Wesen so gut mglich zu trsten und
hinzuhalten; doch war mir Erikson schon zuvorgekommen, welchem Rosalie, whrend
ich mit Lys gesprochen, einige Worte zugeflstert hatte, die ihn munter zu
machen schienen. Er fhrte die schimmernde Gestalt in die Tanzreihen und schwang
sich mit ihr ebenso kraftvoll als leicht herum, und Agnes flog in eigener Kraft
mit ihm und um ihn herum, wie wenn ihre feinen Knchel von Stahl gewesen wren.
Hernach wurde sie von Herrn Franz von Sickingen aufgefordert, der noch nicht
gewillt war, sich in einem Harnischkasten begraben zu lassen. Sie erschien auch
in dem Figurentanze, der aufgefhrt wurde, wieder so fremdartig reizend, da der
groe Meister Drer selbst sich an den Weg stellte und seiner Rolle getreu kein
Auge von ihr verwandte, sein Bchlein hervorzog und eifrig zu zeichnen begann.
Der artige Einfall rief groes Vergngen hervor; man hielt inne, und es sammelte
sich eine beifllige, fast ehrfrchtige Menge, etwa wie wenn der alte Meister
leibhaftig erschienen und zeichnend gesehen worden wre.
    Es war noch nicht der Gipfel der Ehren, die Agnes heute erlebte; der
kaiserliche Weikunig lie sich im Vorbeispazieren von seinem Gefolge ber den
Auftritt Bericht geben, die schlanke Diana sich vorstellen und bat den von
Sickingen mit huldreichen Worten, sie ihm fr einen Rundgang zu berlassen.
Unter dem Einfallen des vollen Orchesters ging sie an der Hand des festlichen
Traumkniges um den Saal, whrend berall auf ihrem Wege die Ritter, Edeldamen
und Patrizierinnen sich verbeugten, die Brger ihre Mtzen zogen.
    Ihr Gesicht war blhend gertet von Erregung und Hoffnung, als sie mit so
rhmlichem Erfolge, nachdem der Kaiser sie an Sickingen, dieser an Erikson
feierlich abgegeben hatte, von letzterm an ihren Platz zurckgefhrt wurde.
Allein der Geliebte hatte nichts von allem gesehen und nahm auch ihre Rckkehr
nicht wahr. Rosalie hatte sich whrend der Zeit ihres breiten Federhutes
entledigt und denselben Lysen zum Halten gegeben; und wie sie nun mit freiem
Kopfe dasa und ihr ambrosisches Haar mit den weien Fingern ordnete, wirkte
ihre Schnheit mit erneuter Betrung auf ihn ein.
    Jetzt erblate Agnes, wendete sich zu mir und bat mich, ihm zu sagen, sie
wnsche nach Hause gebracht zu werden. Sogleich eilte er herbei, besorgte den
warmen Mantel des Mdchens und ihre berschuhe, und als sie gut verhllt war,
fhrte er sie, mich hinzuwinkend, in den Hof, legte ihren Arm in den meinigen
und ersuchte mich, indem er sich von Agnes in freundlich vterlicher Weise
verabschiedete, seine kleine Schutzbefohlene recht sorgsam und wacker nach Hause
zu geleiten.
    Zugleich verschwand er, nachdem er uns beiden die Hnde gedrckt, wieder in
der Menge, welche die breite Treppe auf- und niederstieg.
    Da standen wir nun auf der Strae; der Wagen, welcher Agnesen mit ihrem
Liebesentschlusse hergebracht, war nicht zu finden, und nachdem sie traurig an
das erleuchtete Haus, in welchem es sang und klang, hinaufgesehen, kehrte sie
ihm noch trauriger den Rcken und trat, von mir gefhrt, den Rckweg durch die
stillen Gassen an, in denen der Morgen zu dmmern begann.
    Sie hielt das Kpfchen tief gesenkt; in der Hand trug sie unbewut den
groen Hausschlssel, ein altes Stck Arbeit, welches ihr Lys in der Zerstreuung
anstatt mir zugesteckt hatte. Sie trug den Schlssel fest umschlossen in dem
dunklen Gefhle, da Lys ihr das kalte, rostige Eisen gegeben; es war doch
etwas, das von ihm kam, sonst hatte er heute nicht viel an sie gewendet. An dem
Festmahle hatte sie beinahe nichts genossen, und das wenige, mit dem sie seither
etwa ihre Lippen erfrischt, war von mir besorgt worden.
    Als wir vor dem Hause angelangt, stand sie schweigend und rhrte sich nicht,
obgleich ich sie wiederholt fragte, ob ich die Glocke ziehen oder vielmehr mit
dem zierlichen Meerfrulein des Trklopfers Lrm machen solle, und erst als ich
den Schlssel in ihrer Hand entdeckte, aufschlo und sie bat hineinzugehen,
legte sie langsam beide Arme mir um den Hals und fing an, erst wie im Traume zu
sthnen, dann mit den Trnen zu ringen, die nicht flieen wollten. Ihr Mantel
sank von den Schultern; ich wollte ihn aufhalten, umfing sie aber statt dessen
brderlich und streichelte ihr den Kopf und den Hals, denn den Wangen konnte ich
nicht beikommen. In der feinen Silberbrust, die an mir lag, fhlte und hrte ich
die Seufzer sich heraufarbeiten und das Herz klopfen; es war wie das Murmeln
eines verborgenen Quells, den man im. Walde an der Erde liegend etwa zu hren
bekommt. Ihr heier Atem strmte in mein Ohr, es wurde mir zu Mute, als ob ich
ein selig trauriges Mrchen, wie es in alten Liedern steht, wirklich erlebte,
und ich seufzte unwillkrlich auf. Endlich konnte das rmste Wesen zum Weinen
kommen, und es begann ein bitterliches Schluchzen. Die klagenden Naturlaute,
keineswegs schn, aber unendlich rhrend, wie der Kummer eines Kindes, drngten
und brachen sich in der feinen Kehle und in der nchsten Nhe meines Ohres. Sie
warf den Kopf herum auf meine andere Schulter, und ich legte meinen Kopf in
absichtsloser Bewegung auch darauf, wie um ihren Schmerz zu besttigen. Da
zerstachen ihr die Distelbltter und Stechpalmen an meiner Kappe Hals und Wange,
sie fuhr zurck, erwachte und erkannte pltzlich, mit wem sie war. Hilflos stand
das doppelt getuschte Mdchen da und sah weinend zur Seite. Ich gab ihr den
Mantel auf den Arm, nur um sie mit etwas zu beschftigen, fhrte sie sanft zur
Treppe und ging darauf hinaus, die Tre zuziehend. Alles war noch still in dem
Hause, die Mutter schien fest zu schlafen, und ich hrte nur, wie Agnes sthnend
die Treppe hinaufstieg und sich wiederholt an den Stufen stie. Endlich ging ich
weg und kehrte langsam in den Festsaal zurck.

                              Vierzehntes Kapitel



                               Das Narrengefecht

Die Sonne ging eben auf, als ich in den Saal trat. Alle Frauen und lteren Leute
waren schon weggegangen; die Menge der Jngeren aber, von hchster Lust bewegt,
wogte durcheinander und schickte sich an, eine Reihe von Wagen zu besteigen, um
unverzglich, ohne auszuruhen, ins Land hinauszufahren und das Gelage in den
Forsthusern und Waldgrten fortzusetzen, welche an den Ufern des breiten
Bergflusses gelegen waren.
    Rosalie besa in jener Gegend ein Landhaus, und sie hatte die frhlichen
Leute der Mummerei eingeladen, sich am Nachmittage dort einzufinden, bis wohin
sie als bereite Wirtin ebenfalls dasein wrde. Insbesondere waren dazu noch
einige Frauen gebeten, und diese hatten ausgemacht, da es einmal Fasching sei,
in der alten Tracht hinauszufahren; denn auch sie wnschten so lang als mglich
sich des glnzenden Ausnahmezustandes zu erfreuen.
    Erikson war in seine Wohnung gegangen, um sich in seine gewohnten Kleider zu
werfen, die er nur etwas sorgfltiger als sonst auswhlte. Da auch Rosalie
spter in moderner Toilette erschien, wie sie der Jahreszeit und dem Tage
einfach angemessen war, lie sich denken, da hierin entweder eine Verstndigung
stattgefunden oder ein bereinstimmendes Gefhl waltete, beides schlichte
Anzeichen, die von ruhigen Beobachtern nicht bersehen wurden.
    Auch Lys war nach Hause geeilt, doch in entgegengesetztem Sinne. Er hatte
seinerzeit zu Studien fr das Bild mit dem Salomo versuchsweise ein
altorientalisches Knigskostm anfertigen lassen; das lange Gewand war von
weiem feinem Batistleinen, in viele Falten gelegt und mit purpurfarbigen,
blauen und goldenen Borten, Troddeln und Fransen besetzt. Kopf- und
Fubekleidung entsprachen ebenfalls dem ungefhren vorderasiatischen Stile des
Altertums. Die betreffende Studie hatte er in der Ausfhrung zwar nicht benutzt;
jetzt aber schien ihm das Kleid tauglich, um darin einen Scherz vorzubringen und
am Hofe der Liebesgttin sich als gestriger Jagdknig im Hofgewande einzufinden.
Dazu lie er Haar und Bart mit Brenneisen und duftenden len formieren und
kruseln und legte schlielich um die nackten Vorderarme abenteuerliche Spangen
und Ringe. Das alles beschftigte ihn reichlich bis zur Mitte des Tages, nachdem
er in der leidenschaftlichen Verirrung, die ihn befallen, wenig genug geschlafen
haben mochte.
    Meinerseits hatte ich gar nicht geschlafen, sondern fuhr gleich in der
Morgenfrhe mit der Hauptschar hinaus. Groe Wagen, mit Landsknechten beladen
und von deren Spieen starrend, rasselten voraus und ihnen nach eine lange Reihe
von Fuhrwerken aller Art in die helle Morgensonne hinein, am Rande der schnen
Buchenwlder, hoch auf den Uferhngen des Stromes, der in glnzenden Windungen
um die Geschiebe- und Gebschinseln rauschte.
    Es war ein milder Februartag und der Himmel blau; die Bume wurden bald von
der Sonne durchschossen, und wenn ihnen das Laub fehlte, so glnzte das weiche
Moos auf dem Boden und auf den Stmmen um so grner, und in der Tiefe leuchtete
das blaue Bergwasser.
    Das bunte Volk ergo sich ber eine malerische Gruppe von Husern, welche
vom Wald umgeben auf der Uferhhe lag. Ein Forsthof, ein altertmliches
Wirtshaus und eine Mhle am schumenden Waldbach waren bald in ein gemeinsames
Lustlager verwandelt und verbunden; die stillen Bewohner sahen sich von dem
berhmten Feste gleichsam in Person berrascht und umklungen und hatten genug zu
tun mit Sehen und Hren, Bewundern und Belachen alles dessen, was sie in hundert
Gestalten so pltzlich von allen Seiten umgab. Den Knstlern aber weckte die
freie Natur, der erwachende Lenz den Witz in der tiefsten Seele; die frische
Luft legte die beweglichsten Fhlfden der Freude blo, und wenn die Lust der
entschwundenen Nacht auf Verabredung und geplanter Einrichtung beruhte, so
lockte die jetzige Tageslust zufllig und frei zum lssigen Pflcken, wie die
Frucht am Baume. Die dem phantasierenden Fhlen und Genieen angemessenen
Kleider waren nun wie etwas Hergebrachtes, das schon nicht mehr anders sein
kann, und in ihnen begingen die Glcklichen tausend neue Scherze, Spiele und
Torheiten von der geistreichsten wie von der kindlichsten Art, oft pltzlich
unterbrochen durch einen wohlklingenden, festen Gesang, hier unter Bumen, dort
aus einer Schenkstube oder aus dem Ringe von Landsknechten, welche die
Mllerstochter umstellt hatten. Aber bei allem Selbstvergessen blieb jeder, was
er war, und huschten die ewigen Menschlichkeiten wie leise Schatten ber die
frohen Gesichter. Der Mrrische schmollte ein weniges bei Gelegenheit, der
Mutwillige reizte den belnehmer, der Sorglose den Tadelschtigen zu einem
kleinen Geznk; der Gedrckte dachte unversehens einmal an seine Sorgen und tat
einen tiefern Atemzug; der Sparsame und ngstliche berzhlte verstohlen seine
Barschaft, und der Leichtsinnige, der schon fertig war, berraschte und krnkte
ihn durch ein Darlehnsbegehren. Aber alles dies kruselte sich im Fluge vorber
wie der Lufthauch auf dem Glanze eines Wasserspiegels.
    Auch ich geriet eine Weile in einen solchen Wolkenschatten. Ich war dem
Mhlbache nach tiefer in das Gehlz gegangen und wusch mir das Gesicht mit den
frischklaren Wellen; dann setzte ich mich auf das Holzwerk einer Wasserschwelle
und berdachte die vergangene Nacht und das seltsame Abenteuer im Hausflur der
Agnes. Das sanfte Rauschen des Wassers brachte mich in einen Halbschlummer, in
welchem meine Gedanken wie trumend in die Heimat wanderten; ich glaubte an der
Seite der toten Anna an dem stillen Waldwasser zu sitzen in der Tracht des
Tellenspieles; dann sah ich mich an ihrer Seite durch die Abendlandschaft reiten
und sah alles mit ruhigem Herzen wie eine Erscheinung verschollener Tage, welche
fr sich abgeschlossen und nicht mehr zu ndern ist. Unversehens aber verlor
sich und verblich das Bild vor der Gestalt der Judith, mit der ich durch die
Nacht wandelte; ich war bei ihr im Hause, whrend die barmherzigen Brder es
belagerten, ich sah sie in ihrem Baumgarten aus dem Herbstdufte hervortreten und
endlich auf dem Wagen der Auswanderer in die Ferne verschwinden. Wo ist sie? Was
ist aus ihr geworden? rief es in mir, und das Heimweh nach ihr machte mich
pltzlich munter. Im hellsten Tageslicht sah ich sie vor mir stehen und gehen,
aber ich sah keine Erde unter ihren lieben Fen, und es war mir, als ob ich das
Beste, was ich je gehabt und noch haben knnte, gewaltsam und unwiederbringlich
mit ihr verloren htte.
    Ich dachte an die Flucht der ruberischen Zeit, seufzte und schttelte leise
den Kopf, und erst jetzt wurden durch den Klang der Schellen meine Gedanken ganz
wach und geordnet, da ich endlich auch der Mutter gedachte, freilich nur wie
eines Selbstverstndlichen und Unverlierbaren, wie eines guten Hausbrotes; denn
da ein solches eines Tages am ehesten abhanden kommen kann, hatte ich noch
nicht erfahren. Dennoch dachte ich mit ziemlichem Ernste an die Frau in der
stillen Stube; schon ging ich in meinem zweiundzwanzigsten Jahre, und noch hatte
ich ihr keine klare Rechenschaft ablegen knnen ber den Stand meiner irdischen
Aussichten, ber die Frage des Fortkommens in der Welt. Rasch rckte ich das
Tschchen herum, das an meinem Gurte hing und neben dem Schnupftuch und anderen
Dingen einen Teil der letzten Barschaft enthielt, die ich noch zu verzehren und
die mir die Mutter, wie die frheren Summen, pnktlich und getreulich vor kurzer
Zeit gesendet hatte. Freilich ntzte das Zhlen jetzt nichts, und ich schob die
Tasche wieder zurck, verhehlte mir aber nicht, da meine kleine Hausvorsehung
zu Hause die Teilnahme an dem Feste nicht billigen werde. Das Narrenkleid
kostete zwar nicht viel, und ich hatte es auch hauptschlich aus diesem Grunde
gewhlt; dennoch konnte die Stunde kommen, wo ich den bescheidenen Betrag bitter
entbehren mute. Doch jetzt verstand ich besser als die Mutter, was ntig und
ersprielich war fr einen jungen Gesellen, besonders als ein frisches Lied aus
dem Lager der Freude herbertnte. Ich schttelte abermals den Kopf, da die
Schellen klangen, sprang auf und eilte davon.
    Ich trieb mich vergnglich herum und machte allerlei Gnge in die Landschaft
hinein, bald mit anderen, bald allein. Gegen Mittag lief ich dem stattlichen
Erikson in die Hnde, der eben aus der Stadt geschritten kam. Unser erstes
Gesprch war das Benehmen unsers Freundes Lys. Erikson zuckte die Achsel und
sagte nicht viel, whrend ich mein Erstaunen ausdrckte und viele Worte machte,
wie jener so schmhlich handeln knne. Ich ergo mich im schrfsten Tadel und um
so lauter, als ich das dunkle Gefhl empfand, ich sei bei der verwirrten
Umhalsung Agnesens in verwichener Nacht einer unerlaubten Anwandlung nur mit Not
entgangen. Meine Selbstgerechtigkeit stand ja auf festen Fen, weil ich durch
das erwachte Andenken an Judith und ein starkes Heimweh nach ihr mich jetzt
sicher fhlte. Und allerdings war es eigentmlich, da Erlebnisse, die in
vergangenen Tagen gefhrlich und ungehrig fr mich gewesen, jetzt dazu dienen
muten, mich gegen Verlockungen der heutigen Stunde zu schtzen.
    Ich will wetten, unterbrach mich Erikson, da er das arme Ding heute
sitzenlt und nicht mitbringt. Wir sollten ihm aber einen Streich spielen,
damit er zur Vernunft kommt. Nimm einen Wagen, fahre in die Stadt und sieh ein
wenig zu! Findest du den Tollkopf nicht zu Hause noch bei dem Mdchen, so bring
dieses ohne weiteres mit, und zwar in Rosaliens Namen und Auftrag, so kann die
Mutter nichts dagegen haben; ich werde das verantworten. Zu Lys wirst du nachher
einfach sagen, da du fr deine Pflicht gehalten, dem Gebote nachzukommen, da er
dir die Schne in letzter Nacht so beharrlich anvertraut.
    Ich fand diesen Einfall nur in der Ordnung und fuhr sogleich in die Stadt.
Auf dem Wege begegnete ich Lys, der ganz allein in einer Kutsche sa, in einen
warmen Mantel gehllt; die kegelfrmige Knigsmtze mit ihren Anhngseln, der
wunderlich gelockte schwarze Bart verrieten aber genugsam den festschwrmenden
Nachzgler.
    Wohin willst du? rief er mir zu. Ich soll, erwiderte ich, dich
aufsuchen und sehen, da du das gute Mdchen Agnes mitbringst, im Falle du es
nicht ohne hin tun wrdest! Dies scheint nun so zu sein, und ich will sie holen,
wenn du nichts dagegen hast, und in deinem Namen. Eriksons schne Witwe wnscht
es.
    Tu das, mein Sohn! sagte Lys mglichst gleichgltig, obschon er sichtlich
etwas berrascht war. Er hllte sich dichter in den Mantel, indem er seinem
Kutscher barsch befahl weiterzufahren, und ich hielt bald nachher vor Agnesens
Wohnung. Das Pferdegetrampel und Rollen der Rder sowie das pltzliche
Stillstehen widerhallte in ungewohnter Weise auf dem still entlegenen Pltzchen,
so da Agnes im selben Augenblicke mit strahlenden Augen ans Fenster fuhr. Als
sie mich aussteigen sah, verschleierte sich der Blick wieder, doch harrte sie
noch erwartungsvoll, als ich in die Stube trat.
    Ihre Mutter war auch da, beschaute mich von allen Seiten, und indem sie
fortfuhr, mit einer alten Strauenfeder ihren Altar, das darber hngende Bild,
die Porzellantassen und Prunkglser, auch die Wachslichter abzustuben und zu
reinigen, fing sie an zu plaudern: Ei, da kommt uns ja auch ein Stck Karneval
ins Haus, gelobt sei Maria! Welch allerliebster Narr ist der Herr! Aber was
Tausend habt Ihr denn? was hat Herr Lys nur mit meiner Tochter angefangen? Da
sitzt sie den ganzen Morgen, it nichts, schlft nicht, lacht nicht und weint
nicht! Dies ist mein Bild, Herr, wie ich vor zwanzig Jahren gewesen bin! Doch
Sie haben es, glaub ich, auch schon gesehen! Dank unserm Herren und Heiland, man
darf es noch betrachten! Sagen Sie nur, was ist es mit dem Kinde? Gewi hat Herr
Lys sie zurechtweisen mssen, ich sag es immer, sie ist noch zu dumm und
ungebildet fr den feinen Herren! Sie lernt nichts und betrgt sich
unschicklich. Ja, ja, sieh nur zu, Agnes! lernst du das von mir? Siehst du nicht
auf diesem Bild, welchen Anstand ich hatte, als ich jung war? Sah ich nicht aus
wie eine Edelfrau?
    Ich antwortete auf alles dies mit meiner Einladung, die ich sowohl in Lysens
als in Frau Rosaliens Namen ausrichtete; auch brachte ich einige Grnde vor,
warum jener nicht selbst kommen knne, indes die Mutter einmal ber das andere
rief: So mach, so mach, Nesi! Jesus Maria, wie reiche Leute sind da beisammen!
Ein bichen zu klein, ein bichen zu klein ist die gndige Frau, sonst aber
reizend! Nun kannst du nachholen, was du gestern etwa versumt und verbrochen!
Geh, kleide dich an, Undankbare! mit den kostbaren Sachen, die Herr Lys dir
geschenkt! Da liegt der Halbmond am Boden! Aber zuerst mu ich dir das Haar
machen, wenn's der Herr erlaubt!
    Agnes setzte sich mitten in die Stube, und ihre Wangen rteten sich leise
von wiederaufkeimender Hoffnung. Die Mutter frisierte sie nun mit groer
Geschicklichkeit. Sie fhrte nicht ohne Anmut den Kamm, und als ich die
hochgewachsene Frau betrachtete und die immer noch schnen Anlagen und Zge
ihres Gesichtes sah, mute ich gestehen, da ihre Eitelkeit einst berechtigt
gewesen sei.
    Agnes sa mit bloem Halse, von der Nacht der aufgelsten Haare umschattet,
und es gewhrte mir einen lieblich ruhevollen Anblick, wie die Mutter die langen
Strnge kmmte, salbte und flocht und dabei weit zurcktreten mute. Sie sprach
fortwhrend, indessen wir andern schwiegen und wohl wuten warum. Ich merkte aus
allen den Reden, da Agnes ihrer eigenen Mutter von dem Unsterne der Nacht noch
nichts anvertraut hatte, und entnahm daraus, wie grausam die Sache sie wrgen
mute.
    Endlich war das Haar ungefhr so gemacht, wie es gestern gewesen, und Agnes
ging mit der Mutter nach ihrem gemeinsamen Schlafzimmer, das Dianengewand wieder
anzuziehen; sobald sie aber damit nur einigermaen zustande gekommen, erschienen
sie wieder und vollendeten den Anzug in meiner Gegenwart, weil die Alte sich
unterhalten und soviel mglich von dem Feste, und wie alles verlaufen sei,
erfahren wollte. Dann aber kochte sie schnell eine krftige Schokolade, ihre
Lieblingsnahrung, deren Bestandteile nebst Gebck sie schon seit dem frhen
Morgen in Bereitschaft gehalten fr den erwarteten Besuch des assyrischen
Knigs.
    Jetzt mute das duftende Getrnk der gengsamen Frau zugleich das
Mittagsmahl versehen, und sie lie es sich eifrig schmecken, denn sie hatte eine
ausreichende Menge gebraut; auch Agnes nahm zwei Tassen zu sich und a ein gutes
Stck Kuchen, und ich hielt vergnglich mit, obgleich ich schon Verschiedenes
genossen hatte. So erlebt der Mensch mancherlei Unterkunft in seinen Tagen; es
ist mir kaum mehr glaublich, da ich einst in solcher Tracht, in einem so
kunstreich zierlichen Baudenkmlchen, zwischen der Diana und der alten Sibylle
gesessen und friedlich gefrhstckt habe.
    Weil das Wetter so schn war und die Alte es verlangte, um vor ihren
Nachbaren zu triumphieren, wurde die Decke des Wagens niedergelassen, als wir
wegfuhren, und sie schwenkte ihr Tuch aus dem offenen Fenster unter
Abschiedsgren und Glckwnschen. Agnes aber seufzte dabei verstohlen und
atmete erst etwas freier, als wir vor dem Tore waren. Ohne der Vorflle der
letzten Nacht mit einem Worte zu gedenken, fing sie an zu plaudern. Ich mute
berichten, wie die heutige Lustbarkeit sich veranlat habe, wer drauen zu
treffen sei und wann wir wieder zurckkehrten? Denn sie wagte noch nicht, offen
vorauszusetzen, wie sie hoffte, da sie nicht mit mir, sondern mit Lys
heimfahren werde. Ich wute noch weniger einen Aufschlu zu erteilen und sprach,
die allgemeine Vermutung aus, es werde die ganze Gesellschaft zusammen
aufbrechen, und wenn es auf mich ankomme, so gehe man heute berhaupt noch nicht
heim! Da sei sie auch dabei, sagte sie fast so frhlich, wie wenn es ihr Ernst
wre. Als wir schon das weie Landhaus in einiger Entfernung glnzen sahen,
geriet Agnes aufs neue in Bewegung; sie wurde rot und bla, und da sich zur
Seite der Strae auf einem kleinen Hgel eine Kapelle zeigte, verlangte sie
auszusteigen.
    Sie eilte, ihr Silbergewand zusammenfassend, den Stufen weg hinan und ging
in das Kirchlein; der Kutscher nahm seinen Hut ab, stellte ihn neben sich auf
den Bock, bekreuzte sich und betete, die fromme Mue benutzend, ein Vaterunser.
So blieb mir nichts brig, als verlegen unter die Kapellentr zu treten und zu
warten, bis die unerwartete Zwischenhandlung vorber war. An einem der
Trpfosten sah ich ein gedrucktes Gebet hinter Glas gefat aufgehngt, welches
ungefhr folgende berschrift trug Gebet zur allerlieblichsten, allerseligsten
und allerhoffnungsreichsten heiligen Jungfrau Maria, der gnadenreichen und
hilfespendenden Frbitterin Mutter Gottes. Approbiert und zum wirksamen
Gebrauche empfohlen fr bedrngte weibliche Herzen durch den hochwrdigsten
Herren Bischof usf. Dazu war noch eine Gebrauchsanweisung gefgt, wie viele Ave
und andere Sprche herzusagen seien. Dasselbe Gebet lag auf Pappe gezogen auf
ein paar alten Holzbnken umher. Sonst zeigte das Innere der Kapelle nichts als
einen einfachen Altar, der mit einer verblichenen veilchenfarbigen Decke
behangen war. Das Altarbild zeigte den Englischen Gru, von roher Hand gemalt,
und vor demselben stand noch ein kleines Marienbildchen im starren Reifrckchen
von Seide und Metallflittern in allen Farben. Rings um den Altar hingen an der
Wand geopferte Herzen von Wachs, in allen Gren und auf die mannigfaltigste
Weise verziert; im einen stak ein seidenes Blmchen, im andern eine Flamme von
Rauschgold, das dritte durchbohrte ein Pfeil, wieder ein anderes war ganz in
rote Seidenlppchen gewickelt und mit Goldfaden umwunden, und eines war gar mit
groen Stecknadeln besetzt wie ein Nadelkissen, wohl zur Schilderung der
schmerzlichen Pein seiner Spenderin; dagegen schien ein mit grner Farbe und
vielen roten Rschen bemaltes Herz von der zur Zufriedenheit gelungenen Heilung
Kunde zu geben.
    Leider versumte ich, den Text des Gebetes selbst zu lesen, weil ich nur auf
die Beterin sehen mute, die in ihrem heidnischen Gttergewande, den keuschen
Halbmond ber der Stirne, auf der Altarstufe vor dem wchsernen Frauenbilde
kniete, mit zitternden Lippen das Gebet von einem der Pappdeckel ablas, dann die
Hnde faltete, zu dem Bilde aufblickte und die vorgeschriebene Zahl der brigen
Sprche, die zum Glcke nicht gro war, leise murmelte oder flsterte. In dieser
groen Stille und bei diesem Anblicke fhlte ich das Ineinanderweben der Zeiten,
und es war mir fast zu Mut, als lebte ich vor zweitausend Jahren und stnde vor
einem kleinen Venustempel irgendwo in alter Landschaft. Ich dnkte mich jedoch
unendlich erhaben ber die Szene, so artig sie war, und dankte meinem Schpfer
fr das stolze und freie Gefhl, das mich beseelte.
    Endlich schien Agnes sich der Hilfe der Himmelsknigin genugsam versichert
zu haben; sie erhob sich mit einem Seufzer und ging nach dem in meiner Nhe
hngenden Weihkessel. Da sah sie mich in der Tre gelehnt, wie ich sie
aufmerksam betrachtete, und erinnerte sich ber meiner ganzen Haltung daran, da
ich ein Ketzer war. ngstlich tauchte sie den Wedel tief in den Kessel, eilte
mir damit entgegen und besprengte mir das Gesicht ber und ber mit Wasser,
indem sie mit dem Wedel viele Kreuze schlug. So hatte sie mich in weniger als
zwlf Stunden zum zweiten Male durchnt, erst mit ihren Trnen und nun mit dem
Weihwasser, und ich rckte doch den Hals etwas unbehaglich her und hin, da mir
die Feuchte in den Nacken rieselte. Das doppelt mythologische Geschpf aber war
nun ber die schdliche Einwirkung meiner Ketzerei beruhigt; sie ergriff meinen
Arm und lie sich wieder in die Kutsche bringen, deren Lenker seine geistliche
Erquickung lngst beendigt hatte und zur Weiterfahrt bereit war. Er machte ein
kurios lchelndes Gesicht gegen mich, weil er den Volksglauben kannte, der an
dem kleinen Gnadenrtchen haftete. Er selbst mochte den weichlichen Liebessegen
nur mitgenommen haben, wie ein derberer Trinker etwa aus Versehen ein Glschen
sen Likrs schnappt, das gerade dasteht.
    Der Landsitz, bei dem wir anlangten, war schon ziemlich belebt; in einem
gerumigen Gartenland gelegen, zeigte seine gemischte Bauart, da er frher den
Zwecken einer Gastwirtschaft gedient und erst seit neuerer Zeit und jetzt noch
in der Umwandlung zum Sommerhaus einer Familie begriffen war, wo ein Pchter
oder Wirtschaftsfhrer zugleich fr allerhand haushlterischen Nutzen sorgte. So
kam jetzt vorzglich der gute Rahm bei dem erquicklichen Kaffeetrinken
zustatten, welches Frau Rosalie fr den Empfang der Gste veranstaltet hatte.
Die Sonne schien so warm, da mehrere den Trank im Freien, vor den Tren der
neueingerichteten Gartenzimmer, genossen, whrend andere inwendig um die
Kaminfeuer oder gar in einer alten Wirtsstube beim geheizten Ofen saen.
    Ich war nicht viel kecker als meine Schutzbefohlene und drang sachte mit ihr
vor; doch wurden wir bald von der schnen Wirtin entdeckt, die jetzt in
stattlichem Seidenkleide sich munter bewegte und Agnesen unverweilt ins Innere
des Hauses fhrte.
    Die Gttertracht, sagte sie, will sich doch nicht recht fr unser Klima
schicken, besonders fr uns Frauen! Gehen wir hinein, wo es ein Feuer gibt! Auch
der Knig von Babylon oder Ninive, Herr Lys, ist drinnen; denn er wrde hier
erfrieren.
    Lys hatte es in der Tat mit seinen bloen Armen und im Batisthabit nicht im
Freien ausgehalten und sa nicht eben in bester Laune an einem groen Ofen; auch
der Kaffee, fr uns andere gut genug, vermochte nicht die Sorgen zu zerstreuen,
die auf seiner Stirne lagerten. Die Alltagstracht, in welcher er unerwartet
nicht nur Frau Venus, sondern auch Erikson angetroffen, hatte diese Sorgen
heraufbeschworen, und mehr noch die rstige Ttigkeit des guten Freundes, den
man bald ein Fa des besten Bieres ber den Hof rollen, bald einige Brote
zerschneiden oder sonst etwas hantieren sah, als stnde er da Tagelohn. Der
Anblick Agnesens war dem dstern Assyrer unter solchen Umstnden nicht
unwillkommen. Er bot ihr sofort freundlich den Arm als einer schicklichen
Ergnzung fr die Zeit der Einsamkeit oder Abwesenheit Rosaliens, welche sich
vor dem Hause aufhielt, um nicht nur die vom Walde herberkommenden
Festgenossen, sondern auch verschiedene ihr verwandte und befreundete Personen
zu empfangen; denn auch solche hatte sie in der Schnelligkeit herbeirufen
lassen. Gerade die ungewohnte Heftigkeit der Leidenschaft, die Lys befallen,
hie ihn auch, wie einen Kriegshelden im Felde, eine verdoppelte Wachsamkeit
ben; er konnte jetzt eine gefhrliche Erkltung oder gar tdliche Krankheit
nicht brauchen und mute die Torheit seiner Kleidung durch vorsichtige
Zurckhaltung gutmachen; und da diente ihm nun die silberne Diana, deren
Gewnder er ja gekauft hatte, trefflich zur Verhllung seiner Lage.
    So war sie jetzt an seiner Seite, in der Heimat ihrer Liebe, und schien zu
ihrem Rechte zu kommen. Aber sie zeigte keinen Triumph, keine berhebung,
sondern atmete nur etwas ruhiger auf, die innere Glut bis auf weiteres
verschlieend; denn sie hatte in kurzer Zeit zu Schlimmes erfahren, um es schon
vergessen zu knnen. Sie ging vielmehr mit gesammeltem Ernste am Arme des
schnen Groknigs durch die Zimmer, der sich scherzend fr den alten Nimrod
ausgab und behauptete, er habe mit bekanntem Jgerglck die Gttin der Jagd
selbst gefangen. Erst als sie an einem groen Spiegel vorbergingen, kannte sie
deutlicher seine vernderte, glnzende Tracht und Gestalt, sah sich selber
daneben und die Blicke der Anwesenden, welche das eigentlich leuchtende Paar mit
Verwunderung vefolgten. Da berflog eine leichte heitere Rte das weie Gesicht;
allein sie hielt sich tapfer zusammen und bewahrte das gleichmtige Aussehen,
obschon sie vielleicht die einzige Person im Hause war, auf welche Lysens
aufflliger Putz in dem verfhrerischen Sinne wirkte, wie seine Verirrung es
wollte.
    Inzwischen ertnte aus den entlegeneren Rumen des Hauses eine lockende
Tanzmusik, wie es von dem jungen Volke und der Karnevalszeit nicht anders zu
erwarten war. In einem ehemaligen Wirtschaftssaale war noch die kleine Tribne
der Spielleute vorhanden, mit bunten Teppichen behngt und mit Topfpflanzen
verziert worden. Auf diesem Gestelle saen vier musizierende Kunstgesellen, die
ihre Instrumente herbeigeschafft hatten, auf denen sie an manchen Abenden
zusammen zu spielen pflegten, als unter sich verbundene, sinnig lebende Leute.
Sie wurden die vier frommen Geiger genannt, weil sie teils aus Liebhaberei,
teils auch um einen kleinen Nebengewinn zu erzielen, sonntags auf dem Chore
einer der vielen Kirchen der Stadt mitspielten. Ihr Hauptmann war ein hbscher
brunlicher Rheinlnder von etwas untersetzter Gestalt, mit heitern Augen und
treuherzigem Munde, der von krausligem Barte umgeben war. Er hie bei der
Knstlerschaft der Gottesmacher, weil er nicht nur silberne Kirchengerte von
guter Form schmiedete, sondern auch Kruzifixe und Muttergottesbilder sauber in
Elfenbein schnitt und zur tieferen Ausbildung in diesen bungen vom Rheine
herbergekommen war. berall wohlgelitten, bezeigte er keineswegs eine
fanatische Gesinnung und wute eine Menge lustiger Pfaffenstcklein zu erzhlen.
Dergestalt logierte er in dem katholischen Wesen wie in einer alten Gewohnheit,
die nicht zu ndern ist, dachte darber niemals nach und fhrte brigens stets
ein Fa eigenen Weines aus der Heimat mit sich, das er schleunigst zum Fllen
sandte, wenn es leer geworden.
    Der Gottesmacher handhabte das Cello, und zwar in der Tracht eines Winzers
aus dem Bacchuszuge; die erste Violine spielte der lange Bergknig, der seinen
Bart beiseite gelegt hatte und nun als ein junger Bildhauer zum Vorschein kam.
Er modellierte, wie man sagte, seit zwei Jahren an einer Kreuztragung, konnte
aber nicht von einem bekannten klassischen Vorbilde abkommen; dafr strich er um
so fertiger die Geige. Die mittleren Spieler waren zwei Glasmaler; sie machten
an den Kirchenfenstern die prchtigen Teppichmuster und anderes Beiwerk und
lieen sich nie einer ohne den andern sehen. Sie waren zu uns aus dem Zug der
Nrnberger Znfte herbergekommen, wo sie unter den Meistersingern gegangen; ich
aber kannte die ganze Musik vom Mittagstische her, den ich in einer billigen
Wirtschaft aufzusuchen gewohnt war. Viele gute Brder lsten sich dort an den
stets vollbesetzten Tischen tglich ab; aber die beiden Glasmaler waren die
einzigen, welche ihr Geld in rundlichen wohlverschnrten Lederbeutelchen
fhrten; denn sie freuten sich ihres bescheidenen, aber sichern Erwerbes, lebten
sparsam und verdienten jeden Sonntag einen Extragulden mit der Kirchenmusik.
    Doch heute taten die vier um der Freude willen ein briges und lockten mit
recht wohlgezogenem Tone das Volk zum Tanze. Bald drehte sich ein halbes Dutzend
Paare bequemlich im weiten Raume, darunter Agnes mit Lys, in dessen Arm sie mit
erwachender Glckseligkeit dahinschwebte, zum ersten Male seit dem Beginne des
ganzen Festes. Das Gebet in der Kapelle schien geholfen zu haben; freilich
gehrten auch so fromme Spielleute dazu, und besonders der Gottesmacher, der die
Gestalt mit glnzenden Augen verfolgte, drckte jedesmal, wenn sie in seine Nhe
kam, den Cellobogen mit vollerer und doch weicher Kraft auf die Saiten und gab
seinem Wohlgefallen auf diese Weise den zierlichsten Ausdruck. Ich sa ausruhend
bei einem Krglein frischen Bieres an einem Tischchen, beobachtete ihn mit
Vergngen und begriff vollkommen, wie dem Arbeiter in Silber und Elfenbein das
feine Wesen einleuchten mute.
    Nun ging es diesem whrend ein paar Stunden nach Wunsch; die frommen Geiger
spielten als Freiwillige nicht zu oft, so da niemand ermdet wurde und genugsam
Zeit zu geruhiger Unterhaltung brigblieb. Die Sonne ging dem Untergange
entgegen, und im Hause begann es zu dmmern; Erikson erschien an allen Enden
gleich einem Haushofmeister und lie die Lichter anznden, aufhngen,
hinstellen, wie es gehen wollte. Dann verschwand er wieder, um in einem neuern
Saale das einfache Abendessen zu ordnen, mit welchem die frohsinnige Witwe ihre
Eingeladenen bewirten wollte so gut es sich in der Eile habe tun lassen, teilte
der Unermdliche entschuldigend mit, als ob es bereits seine eigene
Angelegenheit wre.
    Lys indessen ging ab und zu, sich anderwrts umzusehen; endlich aber kam er
nicht mehr zurck. Wir harrten seiner beinah eine Stunde; Agnes verhielt sich
schweigend und gab mir kaum eine Antwort, wenn ich das Wort an sie richtete;
auch mit andern wollte sie weder plaudern noch tanzen. Zuletzt, da ich sah, da
sie des Wartens mde war und wieder zu leiden begann, schlug ich ihr vor, in die
anderen Teile des Hauses zu gehen und zu betrachten, was alles dort vorfiele.
Das nahm sie an, und ich fhrte sie langsam durch verschiedene Rume, wo sich
berall einzelne Gesellschaften vergngten, bis wir in ein Kabinett gelangten,
in welchem an zwei oder drei kleinen Tischen behaglich gespielt wurde. An einem
derselben sa Lys, der Hausherrin gegenber und zwischen zwei lteren Herren,
und spielte eine Partie Whist; denn die letzteren gehrten zu Rosaliens
Verwandten, welchen sie die Zeit so angenehm als mglich zu vertreiben wnschte,
und natrlich hatte sich Lys beeilt, das Opfer mit ihr zu teilen. Er war so
glcklich und in seine Lage vertieft, da er gar nicht bemerkte, wie wir dem
Spiele zuschauten und sich noch andere Zuschauer sammelten.
    Die Partie ging zu Ende; Lys und Rosalie hatten den alten Herren einige
Louisdors abgenommen, was den Unverbesserlichen als ein gnstiges Zeichen so
bewegte, da er seine Freude nicht verbergen konnte. Doch Rosalie nahm die
Karten zusammen und bat die Spieler, zu welchen auch die von den andern Tischen
getreten waren, eine kleine Rede von ihr anzuhren.
    Ich habe mich, begann sie mit artiger Beredsamkeit, bisher arg gegen die
Kunst versndigt, indem ich, obgleich mit Glcksgtern gesegnet, soviel wie
nichts fr sie getan habe! Ich bin um so tiefer beschmt, als es mir so gut
unter den Knstlern ergeht, und ich glaube auch schon meine Dankbarkeit fr die
ehrenvolle Anwesenheit so frhlicher Musenkinder am besten einigermaen
abzutragen, wenn ich endlich beginne, etwas Ntzliches zu tun. Nun aber ist es
eine bekannte Eigenschaft der Protektoren und Gutesstifter, da sie fr ihre
Sache stets Teilnehmer anwerben und mglichst ins Breite wirken mssen, damit
das Gute um so mehr Boden gewinne. So hren Sie denn, werte Freunde! Am heutigen
Nachmittage, als ich um das Haus herumging, irgendeinen Dienstboten zu rufen,
fand ich in einer verborgenen Ecke des Gartens den jngsten und zierlichsten
unserer Gste, den Pagen Gold des Herren Bergknigs, der am Zuge so gromtig
seine Schtze ausgestreut hat. Der noch nicht siebzehn Jahre zhlende Knabe
stand bei seinem Genossen, dem Pagen Silber, einen offenen Brief in der Hand,
bleich und entsetzt und schwere heie Trnen in seinen hbschen Augen
zerdrckend. In der offenen und teilnehmenden Stimmung, in der wir uns ja alle
befinden, konnte ich mich nicht enthalten, hinzuzutreten und mich nach der
Ursache solchen Leidwesens freundlich zu erkundigen. Da vernehme ich, da schon
in den gestrigen Abendzeitungen die Nachricht von einem groen Feuer gestanden
hat, welches seit Tagen in der fernen Vaterstadt des trauernden Knaben watet,
whrend wir in unserm Freudengedrnge hievon keine Ahnung hatten. Und heute
bringt der Silberpage, der in der Morgenfrhe ordentlich schlafen gegangen ist
und mittags seinen Freund abholen wollte - denn beide sind Zglinge unserer
Akademie und arbeiten nebeneinander -, heute nachmittags bringt er jenen Brief
hier hinaus, wo er den Freund aufgesucht hat. In dem Briefe steht, da auch die
Strae, darin jener geboren und seine alternde Mutter wohnt, bereits in Asche
liegt und die Mutter ohne Obdach ist. Ich lasse durch Herren Erikson in der Eile
weitere Nachfrage halten. Der blutjunge Mensch, ungewhnlich begabt, ist in
ungewohnt frhem Alter hierhergesandt worden, um mit Hilfe einiger geringer
Sparmittel sich frhzeitig emporzubringen, ein Wagnis, welches sich bis jetzt
durch den glcklichen Flei des Schlers zu rechtfertigen schien. Nun ist alles
in Frage gestellt! Nicht nur sind vielleicht die Existenzmittel durch das Feuer
fr immer verloren, sondern der arme Gesell kann im Augenblicke nicht einmal
hineilen und sein Mtterchen in dem Elend und Wirrsal aufsuchen, weil er die
paar Taler, die hiezu dienen wrden, an die Kosten dieses Karnevals gewendet
hat, berredet von andern, die seine glckliche Knabengestalt nicht entbehren
mochten! und weil er ohnedies gerade einer Sendung von Hause entgegensah, die
nun nicht kommen kann. Und eben ber seinen vermeintlichen Leichtsinn macht er
sich die bittersten Vorwrfe und will in Selbstanklagen vergehen, wie wenn er
das entsetzliche Feuer selber angezndet htte! Ich habe den unseligen Pagen,
dem das Goldausstreuen so schlecht bekommen ist, sogleich veranlat, nach seiner
Wohnung zu gehen und seine Sachen zu packen; allein mich dnkt, man sollte
trachten, da er auch wiederkommen und weiterlernen kann, sobald das Mtterchen
versorgt und beruhigt ist. Mit einem Wort ich mchte fr den Unglcksvogel eine
bescheidene Pension stiften, die ein paar Jhrchen hinreicht, und hier den
Anfang machen! Ich lege die Karten aus, halte Bank, wie ich es leider an
Badeorten gesehen habe, als ich meine seligen Eltern dahin begleiten mute. Wer
verliert, mu es verscherzen; wer gewinnt, legt die Hlfte des Gewinnes in diese
Schale, die den Pensionsfonds vorstellt! Spielen drfen nur Nichtknstler; Herr
Lys ist ausgenommen, der nicht von seiner Kunst lebt, wie ich hre!
    Nach diesen Worten zog sie eine beschwerte Brse und legte sie vor sich auf
den Tisch. Dann mischte sie die Karten und rief: Also machen Sie Ihr Spiel,
Herren und Damen! Rot oder Schwarz?
    Die etwas berraschte Gesellschaft zgerte ein paar Sekunden; da setzte Lys
ritterlich ein Goldstck und gewann. Rosalie zahlte ihm die Hlfte und warf die
andere in eine geleerte Zuckerschale, die gerade zur Hand war.
    Schnsten Dank, Herr Lys! Wer setzt weiter? sagte sie frhlich und
huldvoll.
    Ein lterer Mann, den sie mit Brav, Herr Oheim! anredete, setzte ein
Zweiguldenstck und gewann auch. Sie legte einen Gulden in die Schale und gab
ihm den andern samt seinem Einsatz. Drei oder vier Damen, hiedurch ermutigt,
wagten gleichzeitig jede ein Guldenstck und verloren, und Rosalie warf lachend
fr jede einen halben Gulden in das Gef. Die Frauen zu rchen, wie er sagte,
legte Lys abermals einen Louisdor hin, worauf einige Herren sich mit doppelten
Talerstcken einstellten und auch die Frauen sich wieder mit einzelnen halben,
ja ganzen Gulden hervorwagten. Das Gewinnen und Verlieren wechselte ziemlich
gleichmig, aber stets fiel etwas in die Zuckerbchse, und wenn auch langsam,
wuchs der Pensionsfonds, wie Rosalie es nannte, doch sichtbarlich an.
    Doch Lys rief jetzt: Das geht zu sachte voran! und setzte vier Goldstcke,
den Rest des Bargeldes, das er in seiner Brse trug. Schnen Dank abermals!
sagte Rosalie, als sie gewann und die Hlfte in die Schale warf. Es war nicht
recht ersichtlich, ob Lys sich mit ihr freute; doch ergriff er einen Stuhl und
setzte sich der schnen Frau gegenber, indem er rief: Noch immer besser mu es
kommen! Er pflegte niemals auszugehen, ohne eine grere Summe Geldes in Noten
bei sich zu tragen, einer langjhrigen Reisegewohnheit zufolge. Auch jetzt hielt
er die Brieftasche in seinen Gewndern irgendwo versorgt, zog sie hervor und
legte eine Note von hundert rheinischen Gulden hin, dann, als er sie verlor, die
zweite, dritte und so weiter bis zur zehnten, welches die letzte war. Der ganze
Vorgang, Zug um Zug, dauerte nicht lnger als zwei Minuten, so da Rosalie mit
einem einzigen strahlenden Blicke und einem einzigen Lcheln, das sie, fast ohne
zu atmen, auf Lysen gerichtet hielt, ausreichte von der ersten bis zur letzten
Note, welche sie ohne Abzug einer Hlfte vorweg in die Schale warf. Die
blitzartige Schnelligkeit, mit welcher der Zufall spielte, verlieh der Szene
eine eigentmliche Anmut und brachte den Eindruck hervor, wie wenn die rosige
Bankhalterin mehr als Brot essen knnte, das heit geheimnisvoller Knste
mchtig wre.
    Wir haben genug! rief sie, tausend Gulden ohne das Bare! Mehr als
fnfhundert Gulden soll ein so junger Bursch im Jahr nicht vertun. Also knnen
wir ihn zwei Jahre durchbringen und wollen das Geld beim Bankier hinterlegen!
Morgen aber soll er vorerst nach Hause reisen!
    Dann malte sie sich und uns die Erkennungsszene aus, welche zwischen der
abgebrannten Mutter und dem unverhofft mit Hilfe erscheinenden Sohne stattfinden
werde; sie beschrieb nochmals, wie der blhende Junge, fern von der Heimat,
mitten im Jubel eines Maskenfestes von der Schreckenskunde berfallen,
verzweifelt dagestanden und mit den bitteren Trnen gekmpft habe. Sie war in
ihrer Freude jetzt so schn, da sie den Hhepunkt weiblichen Reizes erreichte
und einen Abglanz ihrer Schnheit auf Lysens Gesicht warf, als sie ihm ber den
Tisch weg die Hand bot, die seinige drckte und herzlich schttelte, indem sie
sagte: Freuen Sie sich nicht auch an dem bichen Sonnenschein, das wir Ihnen
danken? Ohne Ihren raschen Edelmut wre ja nicht so bald geholfen! Sie sollen
auch unser Vorsteher sein und mich heut abend zu Tisch fhren!
    Bei diesen Worten schienen ihre Gedanken eine andere Richtung zu nehmen; sie
erhob sich, bat um Entschuldigung und zog sich zurck. Gleich darauf eilte auch
Lys durch die gleiche Tre fort, als ob er etwas Vergessenes zu sagen htte. Es
dauerte eine halbe Stunde, bis Rosalie an Eriksons Arm wieder erschien, um an
der Spitze ihrer lustigen Hausbesatzung zu Tisch zu gehen. Lys kam nicht wieder;
man hrte, er sei in das Waldlager hinber, das er auch noch habe in seiner
Lustbarkeit sehen und studieren wollen.
    Was inzwischen vorgefallen, wurde spter ziemlich im Zusammenhange
denjenigen bekannt, die von den Dingen in dieser oder jener Weise berhrt waren.
Lys hatte mit strmischen Schritten, mit pltzlicher Entschlossenheit die
Verschwundene verfolgt und in einem einsamen Zimmer erreicht, wo sie mit einem
andern als ihm eine kurze Zwiesprache zu halten dachte. Ihre beiden Hnde
ergreifend, erklrte er seine ernste und heilige Liebe und forderte sein
Lebensglck und seine Ruhe von ihr, die einzig sie ihm geben knne. Sie sei das
Weib der Weiber, die gttliche Frau, die immer nur einmal in der Welt sei, schn
und hell und heiter, wie der Stern der Venus, klug und gtig und nur sich selber
gleich. Er wisse jetzt, warum er sich in Irrsal und Wankelmut umgetrieben, indem
er das Beste geahnt und gesucht, aber nicht habe finden knnen; aber nun habe er
auch die unerbittliche Pflicht und das unveruerliche Recht, es zu erringen.
Keine Rcksicht drfe ihn hindern, in so entscheidender Stunde den Schritt ber
die schwanke, schmale Brcke zum Dasein zu tun und ihr das ungeteilte und ganze,
von keinen Zuflligkeiten getrbte Leben anzubieten, ein Leben, das die
Notwendigkeit, nicht die eiserne, sondern die goldene, selbst sein wrde. Denn
es sei nicht mglich, da irgendein Lebendiger sie so zu kennen und zu wrdigen
vermge wie er, das fhle er untrglich und glhend, wie ein lohendes Feuer,
eine Glut, die zugleich ein Licht, das Licht des Urteils sei, das gegenseitig
sein msse.
    Und was solcher groen Worte mehr sein mochten, ihm selbst ungewohnt; denn
er soll dabei so gut und begeistert, ja hinreiend ausgesehen haben, da es
Rosalien unmglich war, den berfall mit einer schalkhaften oder verletzenden
Wendung abzuweisen, obgleich sie sich schon durch den Anzug, in welchem er heute
in ihrem Hause erschienen, unangenehm betroffen fand.
    Sie entzog ihm erschreckt die Hnde, trat zurck und rief: Bester Herr Lys!
ich verstehe von Ihren geheimnisvollen Reden nur so viel, da das Licht, das
gegenseitige Urteil, von dem Sie sprechen, uns gnzlich fehlt. Ich bin nicht das
Weib der Weiber, behte mich Gott davor, da mte ich ja die Summe aller
Schwachheit sein! Ich bin ein einfaches, beschrnktes Wesen und kann zunchst
keine Spur einer Neigung zu Ihnen entdecken, und Sie knnen mich ebensowenig
kennen, da Sie mich vor noch nicht vierundzwanzig Stunden zum ersten Mal gesehen
haben!
    Er unterbrach sie jedoch, suchte wieder ihre Hnde zu fassen und fuhr fort
er kenne sie wohl, samt ihrer Vergangenheit und Zukunft. Eben da sie in Demut
und Verkennung dahingelebt, sei das Wahrzeichen ihrer Bestimmung, siegreich zur
Klarheit und zum Glanze ihres Rechtes zu kommen! Das sei ja das Tiefsinnige in
so vielen Gtter- und Menschensagen, da die himmlische Gte und Schnheit in
Dunkelheit und Dienstbarkeit niedergestiegen und aus der rhrenden Unkenntnis
ihrer selbst zum Bewutsein gerufen worden seien, das Wesenhafte sich aus dem
Staube des Unwesentlichen habe befreien mssen.
    Pltzlich schlug sie die Hnde zusammen und rief mit klagendem Tone:
Himmel, welch ein Unglck! Htt ich das nur vor acht Tagen gewut - jetzt ist
es wieder einmal zu spt! Ich bin verlobt, raten Sie, mit wem?
    Mit Erikson! versetzte er mit einiger Heftigkeit. Ich habe mir's halb
gedacht! Aber das tut nichts! Die echten Schicksalswandlungen gehen ber
dergleichen hinweg wie ein Morgenwind ber das Gras! Vor dem Entschlusse von
heute mu der verjhrte Willen von gestern verbleichen.
    Nein! erwiderte sie mit Kopfschtteln und scheinbar trauriger
Verlegenheit, ich gehre zu dem Geschlechte derer, die Wort halten; ich kann
nicht anders, ich gehre zum Grase!
    Sie schwieg einen Augenblick, wie um sich zu besinnen, whrend er mit
dringlichen Reden wieder begann; doch sie unterbrach ihn abermals, als ob sie
einen guten Gedanken gefunden htte.
    Ich habe gehrt oder gelesen von ausgezeichneten Frauen, welche mit
unbedeutenden Mnnern friedlich gelebt, indessen sie aber mit hchst bedeutenden
Geistern eine Seelenfreundschaft gepflegt haben, wozu jedoch fr den Anfang eine
betrchtliche Entfernung gehrt, bis das beruhigende Alter die rechte Weihe
bringt. Solche Frauen, wenn sie genugsam Kinder geboren und wohl erzogen haben,
sollen alsdann nicht selten zum hchsten Verstndnis jener Geister sich
emporschwingen, da es ihnen nicht mehr an Zeit gebricht, den groen Dingen
nachzuleben. Nun sehen Sie, wie schn wir es doch noch einrichten knnten, wenn
wir nur wollten. Sollte wirklich etwas so Auerordentliches in mir sein, wie Sie
mich bald glauben machen, so kann ich ja einstweilen meinen unbedeutenden
Erikson heiraten, Sie entfernten sich fr ein paar Jahrzehente -
    Sie schwieg nicht ohne Besorgnis, als Lys mit einem schmerzlichen Seufzer
auf einen Stuhl sank und vor sich niedersah. Er merkte erst jetzt, da die
reizende Frau ihr Spiel trieb, und da er zugleich sein Kleid gewahrte, mochte er
der bedenklichen Lage innewerden, in die seine Schwche ihn gefhrt, vielleicht
auch zum ersten Mal ihn die Empfindung von der dunklen leeren Stelle in seinem
sonst so reichen Wesen berschatten.
    Ungehrt auf den weichen Teppichen des kleinen Zimmers war Erikson schon vor
einigen Minuten eingetreten und hinter dem Freunde gestanden, und Rosalie hatte
ihre schalkischen Reden in seiner Gegenwart gehalten, die sie mit keinem
Zwinkern ihrer Augen verriet.
    Aber, nrrischer Kauz, sagte er, indem er jenem die Hand auf die Schulter
legte, wer wird denn seinen Kameraden die Brute wegschnappen?
    Lys schnellte sich herum und sprang auf. Zur Rechten sah er die Frau, zur
Linken den Nordlnder stehen, die sich zulchelten.
    Da! sagte er mit Lippen, die nicht nur von Reue und Verlegenheit, sondern
auch ein wenig von Herzenstrauer verbittert schienen, da hab ich's nun! Das ist
die Folge, sobald man sich einmal selbst hingibt. Nun erfahr ich, wie es tut,
wenn einer in die Verbannung geht. Ich wnsch euch brigens Glck! Damit wandte
er sich rasch und ging fort.
    Als es spter zur Tafel ging, welche zu einem mehr traulichen als prunkenden
Mahle gerstet war, und Lys nicht wieder erschien, fiel mir abermals die Sorge
fr die gute Agnes anheim. Sie hatte, lautlos neben mir stehend, dem Spiele
zugeschaut, dann whrend der langen Pause meinen Arm ergriffen und war mit mir
herumgegangen, ohne ein Wort zu sagen. Ich hatte noch in keiner Weise mit ihr
ber ihre Sache und ihren Zustand zu reden gewagt und fhlte auch kein Bedrfnis
oder Geschick dazu; aber ich sprte wohl, wie es in ihrem Busen fortwhrend
arbeitete, zornige und wehmtige Seufzer sich bekmpften und miteinander
zerdrckt und hinuntergepret wurden.
    Ich begleitete sie an den Tisch und kam an ihre Seite zu sitzen. Als jetzt
Erikson eine kurze Rede hielt, das Ereignis der Verlobung verkndigte und die
Bitte beifgte, die frhliche Gesellschaft mchte sein Glck bei dieser guten
Gelegenheit mitfeiern helfen, hrte ich, wie Agnes mitten im Gerusch der
allgemeinen berraschung, des Glserklingens und Hochrufens tief aufatmete. Wie
von einer Last befreit, sa sie einige Minuten in sich gekehrt; doch da Lys
nicht wieder zum Vorschein kam, half ihr ja alles nichts; sein Abfall trat durch
den Vorgang, den sie ahnte, nur um so heller ins Licht, und ihre einfache Seele
war nicht geartet, auf sein Migeschick neue Plne zu grnden. Doch bezwang sie
ihren Kummer und hielt tapfer aus, ohne nach Hause zu begehren. Sie folgte mir
sogar, als ich sie zum Anschlusse einlud, da sich alle von ihren Pltzen
erhoben, um an der brutlichen Wirtin glckwnschend und grend
vorberzuziehen.
    Rosalie war zunchst von ihren Verwandten umgeben, welche von der
unerwarteten Verlobung nicht sonderlich erfreut schienen und ziemlich ernsthafte
Gesichter machten; denn die kluge Frau hatte den Tag benutzt, sie in die Falle
zu locken und sie zu zwingen, ihrem Verlobungsfeste in ehrbarer Weise
beizuwohnen, ohne da sie, schon der Menge der Gste wegen, den geringsten
Widerstand zu leisten vermochten mit unwillkommenen Warnungen oder Ratschlgen.
Um so lieblich heiterer nahm sich die Zufriedene unter den verdrossenen Vettern
und Basen aus.
    Nun war es aber ein ergreifender Anblick, wie in der bunten Reihe der
vielgestaltigen Gste auch die Agnes herantrat und das verlassene Weib dem
siegreichen seinen Gru darbrachte. Sie beugte sich nieder und kte der Braut
die Hand wie das demtige Unglck dem Glcke. Rosalie sah sie betroffen an und
drckte ihr dann teilnehmend die Hand. Sie hatte das Mdchen ganz vergessen, wie
sie in diesem Augenblick auch den schlimmen Lys schon vergessen, und man konnte
bemerken, da sie sich irgend etwas vornahm; allein die nchste Sekunde
entfhrte ihr das weitereilende Trauerwesen und gab sie selbst ihrer
glckseligen Zerstreuung zurck.
    Nachdem alle Gste ihre Pltze wieder eingenommen und eine gleichmige,
schlielich auch von den doch lebelustigen Vettern geteilte Heiterkeit sich
eingestellt, gab es bald einen neuen Unterbruch. Die Kunde von dem Glckswechsel
eines Genossen war rasch in das groe Lustlager im Walde gedrungen, wo die
unverwstliche Jugend noch immer hauste. So marschierte denn jetzt mit Trommel
und Pfeife und fliegender Fahne ein Zug Landsknechte zur einen Tre herein,
whrend in der anderen eine Schar lustiger Zunft- und Handwerksgesellen mit
ihrer Musik erschien. Beide Parteien zogen um die Tafel herum, mit Hteschwingen
und lautem Zuruf, und fhrten sich auf biedere Art zu einem Ehrentrunk ein. Die
bisherige Ordnung ward dadurch aufgehoben, und Erikson hatte samt den
Hausbedienten genug zu tun, den Zuwachs unterzubringen, der so ziemlich alle
Rume fllte. Doch ging alles mit froher und guter Laune vonstatten, die
Denkwrdigkeit des Tages steigerte sich zusehends.
    Ich fragte Agnes, was sie vornehmen wolle, ob sie nach Hause zu kehren oder
noch zu bleiben wnsche? Mir wre das erstere nicht unwillkommen gewesen; denn
so lieblich und ehrenvoll mich die fortgesetzte Obhut eines so unschuldig
reizenden Geschpfes dnkte, empfand ich doch nach Art junger Deutschgesellen
den Wunsch, das bisher Versumte nachzuholen und die letzten Stunden doch noch
unter meinesgleichen, ein Freier unter Freien, zu verbringen. Agnes zgerte mit
ihrem Entschlusse; sie schauderte heimlich vor dem Alleinsein in ihrem Hause, wo
sie keines rechten Trostes gewrtig war, und mochte sich auch struben, die
Stelle zu verlassen, wo in jngster Zeit noch der Geliebte geweilt und sie in
neuer Hoffnung gelebt hatte. So fhrte ich sie einstweilen in den verschiedenen
Gemchern, zwischen den malerischen Zechergruppen herum, berall wo es etwas
Merkwrdiges zu sehen gab, wie der unermdliche Einfall einzelner oder vieler es
stets neu gebar.
    Auf unserer Wanderung hrten wir einen wohltnenden vierstimmigen Gesang und
gingen ihm nach. Am Ende eines schwach erleuchteten Flures fanden wir einen
erkerartigen Ausbau, der wegen seiner Fenster zu einer kleinen Orangerie diente;
denn er war mit etwa einem Dutzend Orangen-, Granat- und Myrtenbumen besetzt,
zwischen welche der Gottesmacher und seine Leute ein Tischchen gestellt und sich
niedergelassen hatten. ber dem Eingange hing ein altes eisernes Schenkezeichen
in Gestalt eines Pentagramms oder Drudenfues, das von ihnen in irgendeinem
Winkel aufgefunden und herbeigebracht worden. Da saen sie nun, der rheinische
Winzer, der Bergknig und die zwei glasmalenden Meistersinger, und zeigten, da
sie im vierstimmigen Zusammensingen nicht minder gebt waren als im Saitenspiel.
Als wir vor ihrer Herberge standen und zuhrten, ntigten sie uns sofort, bei
ihnen Platz zu nehmen, indem sie zusammenrckten und Sthle herbeiholten. Zu
meiner Verwunderung lie Agnes sich das gern gefallen; der Gesang schien ihr
Herz anzulocken, zu beschftigen und still zu machen. Um jene Zeit waren einige
alte deutsche Volkslieder zuerst wieder hervorgezogen und von lebenden
Komponisten sangbar gemacht worden. Ebenso wurde, was von Eichendorff, Uhland,
Kerner, Heine, Wilhelm Mller im Tone jener Lieder vorhanden, von den
Sangmeistern in mehr oder minder schwermtige Noten gesetzt und eben als das
Neuste von der geschulten Mnnerjugend gesungen, eh es, teils zum zweiten Male,
ins Volk berging. Noch nie hatte Agnes dergleichen gehrt. Soeben war das Lied
Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum zu Ende, und es kam Es fiel
ein Reif in der Frhlingsnacht. Alte Scheidelieder, Todeskundschaften, Klagen
um entschwundenes Glck, Lenzverheiungen, die Lieder vom Mhlrad und vom
Tannenbaum, Uhlands Nun, armes Herz, vergi der Qual, nun mu sich alles, alles
wenden eins nach dem andern kam zum reinen und ausdrucksvollen Vortrag, wobei
der Gottesmacher mit seinem hellen Tenor die Oberstimme fhrte, der Bergknig
den Ba sang und die Glasmaler andchtig dazwischen mitliefen, zuverlssig auf
Ton und Takt haltend.
    Agnes lauschte unverwandt, und altes, was sie hrte, schien wie fr sie
gemacht und aus ihrer eigenen Brust zu kommen. Indem sie nach jedem Liede
erleichternde Atemzge tat, wurde sie zusehends ruhiger und freier. Ein sonniger
Frohsinn ging um unsere kleine, halb verborgene Tafelrunde; es war, wie wenn
alle stillschweigend fhlten, da ein bedrngtes Herz sich entlastete, obgleich
eigentlich auer mir keiner etwas wute. Jetzt trat noch der herumstreifende
Erikson herzu, entdeckte unsere Niederlassung und eilte, als er die Art
derselben erkannte, von dannen, um einige Flaschen franzsischen Schaumweines
herbeizuschaffen, worauf er seinen vorsorglichen Rundgang im Dienste der
Gebieterin des Hauses fortsetzte.
    Agnes und die meisten von uns hatten noch niemals Champagner gesehen, noch
weniger getrunken, und schon die nach damaliger Mode noch ganz hohen Glser, in
welchen die Perlen unaufhrlich stiegen, erhhten unsere Stimmung bis zur
Feierlichkeit. Nun kam Rosalie selbst und brachte der Agnes einen Teller ses
Backwerk und Frchte und empfahl uns, mit der feinen Diana ja recht frhlich und
galant zu sein.
    Das waren wir denn auch in der besten und ziemlichsten Weise. Vor allen
bezeigte sich der Gottesmacher aufmerksam und hflich gegen sie; aber auch die
andern wurden ebenso aufgerumt, als sie in heiterer Ehrerbietung verharrten,
stolz darauf, da eine so poetisch schne Erscheinung, wie sie's nannten, ihre
kleine Kompanie zierte. Als alle auf ihr Wohl mit ihr anstieen, trank sie den
schlanken Kelch bis auf den Grund leer, oder vielmehr flo ihr die perlende Se
wie ein Schlnglein in den Mund, ohne da sie es wute; wenigstens behauptete
der Gottesmacher nachher, er habe an ihrer weien Kehle gesehen, wie es
durchgeschlpft sei. Nun fing sie an zu zwitschern und meinte, hier wre es gut,
es sei ihr zu Mut, wie wenn sie aus winterlichem Schlackerwetter in ein warmes
Stbchen gekommen wre; aber sie wisse schon, was das sei, immer machten einige
gute Menschen zusammen ein warmes Stbchen aus, auch, ohne Ofen, Dach und
Fenster!
    Alle guten Leute sollen leben! rief sie und trank, als die Glser
zusammenklangen, das ihrige abermals auf einen Zug leer und setzte hinzu: Ei,
wie lieb ist dieser Wein! Der ist auch ein guter Geist!
    Das gefiel uns ausnehmend wohl; die vier Snger huben ohne Verabredung
alsogleich mit voller Kraft an: Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben.
Kaum war das ehrliche Trinklied verklungen, so sangen sie, auf eine ernst
gehaltene Weise bergehend, obgleich nicht in schleppendem Tempo, das andere
schne Lied von Claudius:

Der Mensch lebt und bestehet
Nur eine kleine Zeit,
Und alle Welt vergehet
Mit ihrer Herrlichkeit usw.

Als dann die Motette mit dem schwungvollen Halleluja Amen schlo und bei uns
eine pltzliche Stille eintrat, hrte man aus den brigen Rumen her, wie aus
der Ferne, das Gerusch der summenden Stimmen, durcheinandertnender Lieder und
einer Tanzmusik, welche dunkel fortrollende Tonmasse brigens in jeder Pause
hrbar wurde, die wir machten. In diesem Augenblicke aber machte uns die Sache
durch den Kontrast einen feierlichen Eindruck; es war, wie wenn wir den Lrmen
der Welt rauschen hrten, whrend wir in traulicher Beschaulichkeit in unserm
Myrten- und Orangenwldchen saen. Wir horchten eine Weile mit Behagen auf das
wunderliche Tosen und gerieten dann in ein unterhaltliches Gesprch, in welchem
wir die Kpfe ber dem Tische zusammensteckten und jeder eine heitere oder
traurige Geschichte oder Erinnerung zum Vorschein brachte, besonders aber der
Gottesmacher eine Menge anmutiger Schwnke von der Mutter Gottes zu erzhlen
wute, wie sie einmal einen Kongre ihrer Vertreterinnen an den berhmtesten
Wallfahrtsorten der Welt veranstaltet habe und wie es da zugegangen und ein
groer Zwist entstanden sei, wie nicht anders mglich, wo so viele Frauenzimmer
zusammenkmen; was sie alles auf der Hin- und Rckreise erlebt und verrichtet
htten; wie die eine als groe Frstin mit verschwenderischer Pracht, die andere
aber wie ein schbiger Filz gereist sei und in den Herbergen, wo sie
bernachtet, ihre Engel in den Hhnerstall gesperrt und am Morgen auch wie
Hhner abgezhlt habe, ob keiner fehle. So seien auch zwei andere groe Frauen,
die zum Kongre reisten, die Mutter Gottes von Czenstochau in Polen und die
Maria zu den Einsiedeln, mit ihrem Gefolge bei einem Wirtshause
zusammengetroffen und htten im Garten das Mittagessen eingenommen. Als nun eine
Schssel mit Leipziger Lerchen, worauf eine gebratene Schnepfe gelegen,
aufgetragen worden, habe die Polackin die Schssel sofort an sich genommen und
gesprochen Soviel sie wisse, sei sie die vornehmste Person am Tische und gebhre
ihr hiemit das Strchlein, das da obenauf liege! Denn wegen des langen Schnabels
habe sie die Schnepfe fr einen jungen Storch gehalten, dieselbe auch mit der
Gabel angestochen und auf ihren Teller getan. Die Schweizerin hingegen, ber
solche Anmaung entrstet, habe nur Swips! gemacht, und die gebratene Schnepfe
sei lebendig und gefiedert vom Teller auf und davon geflogen. Inzwischen habe
die Maria von Einsiedeln die Schssel an sich genommen und smtliche Lerchen auf
ihren und der Ihrigen Teller gestreift, die Frau von Czenstochbau aber Tirili
gepfiffen, und die Lerchen seien ebenso wie vorhin die Schnepfe aufgeflattert
und singend in der Hhe verschwunden, und somit htten sich die Herrschaften
gegenseitig aus Eifersucht das Mittagessen verdorben und sich nachher mit einer
dicken Milch begngen mssen, wozu die schwarzbraunen Gesichter beider Damen
sich possierlich verzogen haben.
    Agnes sa wie ein Kamerad zwischen uns, einen Arm auf den Tisch und die
Wange auf die Hand gesttzt. Sie konnte aber nicht recht klug daraus werden, wie
alle die heiligen Marienfrauen, die doch nur ein und dasselbe seien, als so
viele unterschiedene Personen herumreisen, sich versammeln und sogar bekriegen
knnen, und sie gab ihrem Zweifel unverhohlenen Ausdruck.
    Der Winzer legte den Finger an die Nase und sagte nachdenklich: Das ist
eben das Mysterium, das Geheimnis, das wir mit unserm Verstande nicht zu
erklren vermgen.
    Allein der Bergknig, der in fremdartigen Dingen um so beredter war, je
weniger er mit seiner Kreuztragungsgruppe von Raffaels berhmtem Bilde wegkommen
konnte, ergriff das Wort und sagte: Die Sache bedeutet nach meiner Ansicht die
ungeheure Allgemeinheit, Allgegenwart, Teilbarkeit und Wandlungsfhigkeit der
Himmelsknigin; sie ist alles in allem, wie die Natur selbst, und steht dieser
schon als Frau am nchsten auch in Hinsicht der unaufhrlichen Vernderlichkeit,
wie sie denn auch auerdem in allen mglichen Gestalten aufzutreten liebt und
sogar als streitbarer Soldat gesehen worden ist. Hierin gerade mag sie einen Zug
ihres Geschlechtes bewhren, wenigstens der vorzglicheren Mitglieder desselben,
nmlich einen gewissen Hang, Mannskleider anzuziehen.
    Einer der Glasmaler lachte bei diesen Worten. Mir fllt ein drolliges
Beispiel solcher Verkleidungskunst ein, sagte er und erzhlte: In meiner
Vaterstadt, in welcher besonders im Herbst groe Mrkte stattfinden, waren wir
Gassenbuben scharenweise dahinter her, auf diesen Mrkten die hufig auf die
Erde rollenden Apfel, Birnen, Pflaumen und andere Frchte, wenn sie umgeladen
und ausgemessen wurden, zu haschen und solche auch vom Haufen wegzustibitzen. Da
lief dann immer ein Junge zwischen uns mit, den keiner kannte, der aber immer
zuvorderst und am behendesten von allen war, sich die Taschen fllte, verschwand
und bald wieder erschien, um sie abermals zu fllen. Auch wenn der neue Wein von
den Bauern in die Stadt gefhrt und vor den Brgerhusern abgezapft wurde und
wir mit langen hohlen Schilfrohren unter die Wagen hockten, die Rhrchen
heimlich in die untergestellten Btten und Kbel steckten, um den von den Kfern
beim Abmessen einstweilen dorthin gegossenen berschssigen Most aufzusaugen,
war der unbekannte Junge bei der Hand, schluckte den Wein aber nicht hinunter,
wie wir taten sondern lie das vollgesogene Rohr weislich in eine Flasche
ablaufen, die er in seiner Jacke verborgen trug. Der Kerl war nicht grer, aber
etwas strker als wir, hatte ein sonderbares ltliches Gesicht, aber eine helle
Kinderstimme, und als wir ihn einmal drohend fragten, wie er eigentlich heie,
nannte er sich kurzweg Jochel Klein. Nun, dieser Jochel war ein knstlicher
Gassenjunge, nmlich eine klein gewachsene arme Witwe aus der Vorstadt, die
nichts zu beien und zu brechen hatte und, von der Not und ihrem Genie
gedrungen, die Kleider eines verstorbenen zwlfjhrigen Sohnes anzog, den Zopf
abschnitt und sich so zu gewissen Stunden auf die Strae wagte und sich unter
die Buben mischte. Als sie ihre Kunst auf die Spitze trieb, wurde sie entdeckt.
Auf dem Ksemarkt, wo die Ksehndler ihren Verkehr hielten, hatte sie
beobachtet, wie diese Mnner mit hohlen Ksstechern aus den groen
Schweizerksen zum Behufe des Kostens ihrer Qualitt runde Stbchen oder
Zpfchen herausstachen, davon ein Endchen suberlich vorn abbrachen, kosteten
und das Zpfchen im brigen wieder in das Loch steckten, da der Kse wieder
ganz war. Also versah sie sich mit einem gewhnlichen Nagel, strich um die Kse
herum und ersphte die Stellen, wo eine zarte Kreislinie ein solches Stbchen
anzeigte. Dann steckte sie im geeigneten Momente den Nagel hinein und zog es
heraus, und oftmals trug sie wohl ein halbes Pfund trefflichen Kses nach Haus.
Endlich aber, da die Ksehndler berall auf ihren Vorteil erpichter und
unduldsamer sind als andere Kaufherren, wurde sie erwischt und der Polizei
bergeben und bei dieser Gelegenheit ihr wahrer Stand entdeckt. Man nannte sie
aber den Jochel Klein, solang sie lebte.
    Agnes ergtzte sich an der einfachen und harmlosen List der armen Frau und
bedauerte nur den schlechten Ausgang. Der andere Glasmaler hingegen meldete sich
auch mit einer Verkleidungsgeschichte eines Weibes, die aber grauslicher sei als
die von dem weiblichen Gassenjungen.
    Es ist aber eine alte Geschichte aus dem sechszehnten Jahrhundert, sagte
er; im Jahr 1560 oder 62 laut der Chronik geschah es in der Stadt Nimwegen, im
Geldernschen gelegen, da der Scharfrichter nach dem Stdtlein Grave an der
Maas, auf der brabantischen Grenze, berufen wurde, um drei Missetter zu
richten. Der Nachrichter von Nimwegen lag aber krank und schwach im Bett, weil
ihm sein eigener Knecht mit einem vergifteten Sppchen vergeben hatte, um seine
Stelle zu bekommen. Denn, sagt der Chronist, es ist kein Amt so elend, da nicht
einer da wre, der es auf Kosten seiner Seele erhaschen mchte. Der Meister
berichtete also an den Rat zu Grave, er knne nicht kommen, werde aber seine
Frau stracks an den Scharfrichter von Arnheim senden, mit dem er einen Vertrag
zu gegenseitiger Aushilfe geschlossen habe, und es werde derselbe rechtzeitig
sich stellen und zu Gebote sein. Der Frau befahl er, sich unverweilt nach
Arnheim zu begeben und den dortigen Geschftsfreund in Kenntnis zu setzen. Doch
die Frau, ein wohlgewachsenes, schnes und freches Weib, war geizig und wollte
den Lohn eines so eintrglichen Geschftes nicht fahrenlassen. Statt nach
Arnheim zu gehen, zog sie heimlich die Kleider ihres Mannes an, nachdem sie Hemd
und Wams der Brust wegen erweitert hatte, setzte seinen Federhut auf den schnell
geschorenen Kopf, grtete das breite Richtschwert um und machte sich bei Nacht
und Nebel auf den Weg nach Grave, wo sie zur rechten Stunde eintraf und sich bei
dem Burgermeister meldete. Ihm fiel zwar ihr glattes Gesicht und die junge helle
Stimme auf, und er fragte, ob sie oder vielmehr er, der angebliche
Scharfrichter, auch die hinreichende Kraft und bung zu dem vorhabenden Werke
besitze? Aber sie versicherte mit frechen Worten, da sie das Spiel genugsam
kenne und es schon manchmal getrieben habe. Sie griff auch gleich nach dem
Stricke, an welchem der erste der armen Snder hinausgefhrt wurde, und setzte
sich so in den Besitz desselben. Als es aber so weit gekommen, da der Mann auf
dem Stuhle sa und sie ihm die Augen verband, ward er etwas unruhig; sie bckte
sich tiefer ber ihn her, um zu sehen, ob die Binde berall gut schliee, und so
sprte er ihre weiche Brust an seinem Kopfe. Sogleich schrie er, es sei ein Weib
da! er wolle aber nicht von einem solchen, sondern von einem ordentlichen
Nachrichter gettet werden, das sei sein Recht! Der arme Mensch hoffte durch den
Umstand einen Aufschub zu gewinnen. In der entstehenden Verwirrung schrie er
immer lauter, man solle ihr die Kleider herunterreien, so werde man sehen, da
es ein Weibsbild sei. Da die Sache endlich die Umstehenden nicht
unwahrscheinlich dnkte, wurde einem Henkersknecht geboten, sich zu berzeugen,
und mit der Schere, mit welcher er soeben dem beltter das Haar abgenommen,
schnitt er dem Weibe auf Brust und Rcken Wams und Hemd auf und streifte es ihr
von den Schultern, so da sie vor allem Volke mit entbltem Oberkrper dastand
und mit Schmach von der Richtsttte gejagt wurde. Die Verbrecher muten wieder
ins Gefngnis gefhrt werden; das aufgebrachte Volk aber wollte das Weib ins
Wasser werfen und lie sich nur mit Mhe daran verhindern. Dennoch strzten die
Frauen und Mgde aus den Husern, verfolgten die fliehende Scharfrichterin mit
Kunkeln und Besenstielen bis vor die Stadt und zerbleuten ihr den glnzendweien
Rcken. So nahm diese Verkleidung ein schlechtes Ende fr die verwegene Amazone.
Als ihr Mann bald darauf starb, wurde wirklich der falsche Knecht, der ihn
vergiftete, an seiner Stelle Nachrichter zu Nimwegen, heiratete die Witwe, und
hatte demnach der Henker eine Frau, die seiner wert war.
    Mit dieser derben Geschichte hatte unser Geplauder die Grenze fast
berschritten, die wir dem anwesenden Mdchen schuldig waren. Sie schttelte
schauernd den Kopf und sumte nicht, ihr Glas auszutrinken, als wir zusammen
anstieen. Whrend der ganzen Unterhaltung hatte jeder seinen langen Kelch fest
in der Hand gehalten, damit er nicht umfalle und zu gelegentlichem Zuspruch dem
Munde mglichst nah sei, und Agnes hatte in ihrer Unerfahrenheit und im
glcklichen Vergessen aller Not uns getreulich nachgeahmt. Als unwissenden
Junggesellen war uns unbekannt, wie man sich in solchem Falle mit einem
weiblichen Wesen zu benehmen hat, und fllten alle Glser, sooft sie sich
leerten, uns der wachsenden Aufregung und Frhlichkeit des guten Kindes
erfreuend.
    Reinhold, der Gottesmacher, hatte whrend der langen Plauderei von einem
hinter der Agnes stehenden Orangenbumchen blhende Zweige gebrochen, sie zu
einem Krnzlein verflochten und drckte ihr jetzt dasselbe auf den Kopf.
Zugleich bat er sie, ihn mit einem Tnzchen zu beglcken, zu welchem einer oder
zwei von den andern aufspielen sollten.
    Nein! rief sie, zuerst will ich euch einmal einen Lndlertanz allein
vorfhren, den ihr alle vier spielen sollt! Die Gesellen gehorchten, nahmen die
Instrumente aus den Futteralen und stimmten sie wieder. Ich rckte zur Seite,
sie spielten einen damals sehr beliebten Volkstanz jener Gegend, und Agnes
tanzte auf dem kleinen Raume, der zwischen den Bumchen brig war, mit aller
Anmut die langsame und eine gewisse Sehnsucht ausdrckende Weise. Kaum war der
letzte Takt verklungen, so verlangte sie, indem sie sich das schumende Glas
geben lie und es mit drstenden Lippen leerte, einen Walzer, den sie noch
allein tanzen wolle. Die guten Junggesellen geigten, so krftig sie vermochten,
und Agnes drehte sich, die Hnde in die schlanken Hften sttzend, mit
glnzenden Augen um sich selber. Auf einmal griff sie mit den Armen in die Luft,
als suche sie jemanden, stand still, nahm den Kranz vom Kopfe, besah ihn, setzte
ihn wieder auf und fing darauf an zu schwanken. Ich sprang schnell hinzu und
fhrte sie zu ihrem Stuhle; die Musiker hielten erschreckt inne, das arme
Mdchen aber warf Kopf und Arme auf den Tisch, da alle Glser umstrzten, und
begann berlaut mit herzzerreiendem Jammer zu weinen und nach ihrer Mutter zu
rufen. Sie weinte und rief so durchdringend, da andere Gste herbeikamen und
wir in der grten Bestrzung und Ratlosigkeit herumstanden. Wir versuchten sie
aufzurichten; allein sie sank uns aus den Hnden und zu Boden, wo sie
leichenbla mit zitternden Lippen und Hnden ausgestreckt lag und bald gnzlich
leblos schien, so da jetzt eine ngstliche Stille eintrat.
    Endlich muten wir uns entschlieen, das arme reglose Wesen wegzutragen und
im bewohnten oder zur Hilfe bereiten Teile des Hauses eine Sttte zu suchen. Der
Bergknig fate sie unter den Armen, der Gottesmacher nahm die Fe, und so
trugen sie die leichte silberschimmernde Last sorgsam davon. Ich ging voraus,
und die zwei Glasmaler folgten, ihre Violinen unter dem Arm, die sie einzupacken
keine Zeit fanden und doch nicht zurcklassen wollten, weil es gute Instrumente
waren.
    Frau Rosalie war leider in Eriksons Begleitung schon nach der Stadt
gefahren, ohne von irgendwem Abschied zu nehmen, damit nicht gegen ihren Willen
ein Aufbruch stattfnde und die Lustbarkeit gestrt wrde. Um so willkommener
war die Hausmeisterin oder Verwalterin, die herbeikam und unsern Trauerzug in
ihre eigene Wohnstube leitete, wo die Regungslose auf ein bequemes Ruhbett und
einige herbeigeholte Kissen gelegt wurde.
    Es ist nicht so schlimm, sagte die beratene Frau, als sie unsern Schreck
bemerkte; das Frulein wird einen Rausch haben, das wird bald vorbergehen!
    Nein, sie hat einen Kummer! flsterte ich ihr zu.
    Dann hat sie eben in den Kummer hinein getrunken, versetzte sie; wer gibt
einem jungen Mdchen denn so viel zu trinken?
    Erst jetzt errteten wir und standen in Beschmung und Verlegenheit, bis uns
die wackere Frau fortschickte, nachdem sie sich noch erkundigt hatte, wo die
Erkrankte hingehre. Der Wagen der Herrschaft, sagte sie, wird noch einmal
herauskommen, um etwa ntig werdende Dienste zu leisten; also werden wir fr
alles besorgt sein. Reinhold anerbot sich und lie es sich nicht nehmen, im
Hause zu bleiben; er drang in mich, ihm den fernern Schutz der Verlassenen
anheimzustellen, und ich war es zufrieden, da er fr einen wohlbeschaffenen
braven Mann galt. Agnes ging also, um ihr Schicksal zu erfllen, in ihrer
Bewutlosigkeit und berhaupt whrend des ganzen Festes von einer Hand in die
andere wie ehmals eine in die Sklaverei geratene Knigstochter.
    Ich trennte mich von den Geigern, die fr Unterbringung ihrer Instrumente zu
sorgen hatten, und machte mich auf den Weg. brigens wurde sowohl hier als am
Walde drben allgemein aufgebrochen, und die Strae war von den Wagen der
Heimkehrenden bedeckt. Da ich nicht gleich eine Unterkunft fand, zog ich vor, zu
Fu zu gehen, und um nicht von den Fuhrwerken, die im Trabe fuhren und sich
jagten, gefhrdet zu werden, betrat ich den Seitenpfad, der sich auf dem
Waldboden lngs der Strae hinzog. Der abnehmende Mond erhellte den Weg
einigermaen durch die Bume; immerhin behinderte das Gestrppe des Unterholzes
da und dort die Schritte, und ich holte denn auch einen einsamen Wandler ein,
der sich mit Weidornruten und Brombeerstauden rgerlich herumschlug. Es war
Lys, unter dessen dunklem Mantel das feine Leinwandkleid hervorschimmerte und an
den Dorngeflechten hngenblieb.
    Nachdem wir uns erkannt, erzhlte ich das Vorgefallene in einem Tone, der
ihn erraten lie, wo ich hinauswollte. Lys, der ein ausdauernder Trinker war,
aber alle Betrunkenheit schon an Mnnern verabscheute, empfand einen tiefen
Verdru und benutzte denselben berdies, weitere Vorwrfe oder unliebe
Bemerkungen abzuschneiden. Das ist eine saubere Geschichte! rief er, sind das
nun euere Heldentaten, ein unerfahrenes Mdchen berauscht zu machen? Wahrhaftig,
ich habe das arme Kind guten Hnden bergeben!
    bergeben! erwiderte ich gereizt; verlassen, verraten willst du sagen!
und ich bergo ihn mit einer Flut von Vorwrfen, die ber meine Berechtigung
weit hinausgingen. Ist es denn so schwer, schlo ich vorlufig, seinen
Neigungen einen festen Halt zu geben und sich mit einiger dankbaren Treue an
einer so reichen Gabe Gottes gengen zu lassen? Mu denn die ganze Welt
durcheinanderrennen und sich berall selbst im Lichte stehen und sich betrben?
    Lys hatte sich indessen von den Dornen losgewickelt. Da er sah, da er mich
nicht einschchtern konnte, ergab er sich und sagte ruhig, indem wir einer
hinter dem andern weitergingen: La mich zufrieden, du verstehst das nicht!
    Aufbrausend antwortete ich: Lange genug habe ich mir eingebildet, da in
deiner Sinnesart etwas liege, was ich mit meiner Erfahrung nicht bersehen und
beurteilen knne! Jetzt aber gewahre ich nur zu deutlich, da es die trivialste
Selbstsucht und Rcksichtslosigkeit ist, welche dich beherrscht, so leicht
erkennbar als verabscheuungswert. Oh, wenn du wtest, wie tief dich diese Art
entstellt und deinen Freunden weh tut, du wrdest schon aus der gleichen
Eigenliebe dich ndern und den hlichen Makel von dir tun!
    Ich sage noch einmal, erwiderte Lys, sich halb nach mir umwendend, du
verstehst das nicht! Und das ist in meinen Augen die beste Entschuldigung fr
deine unziemlichen Reden. Nun, du Tugendheld! hast du jemals etwas anderes
getan, als was du nicht lassen konntest? Du tust es jetzt nicht und wirst es
noch weniger tun, wenn du erst einmal etwas erlebst!
    Ich hoffe wenigstens, da ich zu jeder Zeit das lassen kann, was schlecht
und verwerflich ist, sobald ich es nur als solches erkenne!
    Du wirst jederzeit, sagte Lys hierauf kaltbltig, indem er sich wieder
vorwrts wandte, du wirst jederzeit das lassen, was dir nicht angenehm ist!
    Ungeduldig wollte ich ihn nochmals unterbrechen; allein er bertnte mich
und fuhr fort: Gertst du einst zwischen zwei Weiber, so wirst du
wahrscheinlich beiden nachlaufen, wenn dir beide angenehm sind, das ist
einfacher, als sich fr eine zu entschlieen! Und vielleicht wirst du recht
haben! Was mich betrifft, so wisse: Das Auge ist der Urheber und der Erhalter
oder Vernichter der Liebe; ich kann mir vornehmen, treu zu sein, das Auge nimmt
sich nichts vor, das gehorcht der Kette der ewigen Naturgesetze Luther hat nur
als Normalmensch gesprochen, wenn er sagte, er knne kein Weib ansehen, ohne
ihrer zu begehren! Erst durch ein Weib von solcher Reinheit von allem
eigensinnigen, krnklichen und absonderlichen Beiwerke, durch ein Weib von so
unverwstlicher Gesundheit, Heiterkeit, Gte und Klugheit wie diese Rosalie
knnte ich fr immer gefesselt werden. Wie beschmt sehe ich nun ein, welch eine
vergngliche Spezialitt ich in jener Agnes mir zu verbinden im Begriffe war! Du
aber schme dich ebenfalls, als ein leeres Schema in der Welt herumzulaufen wie
ein Schatten ohne Krper! Suche, da du endlich einen Inhalt, eine ausfllende
Leidenschaft bekommst, anstatt andern mit deinem Wortgeklingel beschwerlich zu
fallen!
    Mehrfach beleidigt schwieg ich einige Minuten. Ohne es zu wissen, hatte Lys
mit den zwei Weibern, die er mir in Aussicht stellte, etwas Wahres getroffen,
insofern ich ja noch als halbes Kind schon auf hnlichen Wegen geirrt war. Und
doch wollte ich mich nicht mit ihm vergleichen lassen; der genossene Wein, die
mehr als vierundzwanzigstndige mannigfache Aufregung taten auch das Ihrige,
meine Streitlust zu entflammen, und ich begann daher wieder mit entschiedener
Stimme: Nach deiner vorhinnigen uerung zu urteilen, bist du also nicht sehr
willens, dem Mdchen die Hoffnungen, die du ihr leichtsinnigerweise erregt, zu
erfllen?
    Ich habe keine Hoffnungen gemacht, sagte Lys, ich bin frei und Herr
meines Willens, gegen jedes Frauenzimmer sowohl wie gegen alle Welt! Wenn ich
brigens fr das gute Kind etwas tun kann, so werde ich ihr ein wahrer und
uneigenntziger Freund sein, ohne Ziererei und ohne Phrasen! Und zum letzten Mal
gesagt Kmmere dich nicht um meine Liebschaften oder Nichtliebschaften, ich
weise es durchaus ab!
    Ich werde mich aber darum kmmern! rief ich, entweder sollst du einmal
Treue und Ehre halten, oder ich will es dir in die Seele hinein beweisen, da du
unrecht tust! Das kommt aber nur von dem trostlosen Atheismus! Wo kein Gott ist,
da ist kein Salz und kein Halt!
    Lys lachte laut auf, da er antwortete: Nun, dein Gott sei gelobt! Dacht ich
doch, da du schlielich noch in diesen Hafen der Glckseligkeit einlaufen
wrdest! Ich bitte dich aber jetzt, grner Heinrich, la den lieben Gott aus dem
Spiele, der hat hier ganz und gar nichts zu schaffen! Ich versichere dich, ich
wrde mit ihm wie ohne ihn ganz der gleiche sein! Das hngt nicht von meinem
Glauben, sondern von meinen Augen, von meinem Hirn, von meinem ganzen
krperlichen Wesen ab!
    Jedenfalls von deinem Herzen! rief ich zornig und auer mir; ja, sagen
wir es nur heraus, nicht dein Kopf, sondern dein Herz kennt keinen Gott! Dein
Glauben oder vielmehr Nichtglauben ist dein Charakter!
    Nun hab ich genug! donnerte Lys mit starker Stimme und kehrte sich
stehenbleibend gegen mich; obgleich es ein Unsinn ist, den du sprichst, der an
sich nicht beschimpfen kann, so wei ich, wie du es meinst; denn ich kenne diese
unverschmte Sprache der Hirnspinner und Fanatiker, die ich dir nie zugetraut
htte! Sogleich nimm zurck, was du gesagt hast! Ich lasse nicht ungestraft
meinen Charakter antasten!
    Nichts nehm ich zurck! Nun wollen wir sehen, wie weit deine gottlose
Tollheit dich fhrt! Dies sagte ich mit wilder Streitlust; Lys aber antwortete
mit bitterer verdruvoller Stimme: Genug des Scheltens! Du bist von mir
gefordert! Und zwar mit Tagesanbruch halte dich bereit, einmal mit der Waffe in
der Hand fr deinen Gott einzustehen, fr den du so weidlich zu schimpfen weit.
Sorge fr deinen Beistand, der meinige wird in zwei Stunden da und da zu finden
sein, um alles brige zu besorgen. Er bezeichnete einen Ort, wo voraussichtlich
die ganze Nacht der Verkehr des Festes mit seinen Nachklngen fortdauerte. Dann
wandte er sich und ging mit raschen Schritten vorwrts, da der Weg besser
geworden. Ich selber sprang auf die Strae hinber, die whrend unseres Streites
lngst leer und still geworden. Das war nun das Ende des schnen Festes! Der
Mond warf meinen eigenen Schatten vor mir her, als ich mitten auf der Strae
ging, und ich sah die Zipfel meiner Narrenkappe deutlich auf derselben
abgezeichnet. Allein das half nichts das Licht der Vernunft war erloschen; ich
eilte meines Weges, um fr den Zweikampf meine Helfershelfer zu suchen.
    Schon vor wenigstens sechs Jahren hatte ich von einem Polen, der in unserm
Hause ein kleines Zimmer bewohnte, etwas fechten gelernt. Es war einer jener
stattlichen, hochgewachsenen Militrs, wie sie aus der Revolution von 1831 als
Flchtlinge bekannt geworden und seither ziemlich aus der Welt oder wenigstens
aus der Emigration verschwunden sind. Von vornehmer Geburt und ein gewesener
Reiteroffizier, brachte er sich geschickt und redlich durch und fgte sich in
die bescheidenste Lebensart, in jede Arbeit, war immer heiter und liebenswrdig,
ausgenommen wenn er von den Schlachten und dem Unglcke seines Vaterlandes, von
seinem Hasse gegen Ruland sprach. Obgleich gut katholisch erzogen, rief er dann
jedesmal voll Bitterkeit, es sei kein Gott im Himmel, sonst htte er die Polen
nicht in die Hand des Russen gegeben. Der mochte mich wohl leiden, und um mir
irgendeine Freundlichkeit oder Wohltat zu erweisen und weil er gerade nichts
anderes hatte, ruhte er nicht, bis er mir einigen Unterricht in der Fechtkunst
geben konnte. Aus eigener Tasche kaufte er zwei Storapiere oder Fleurets,
Drahtmasken und andern Zubehr und ging mit mir tglich eine Stunde auf den
groen Estrich unter dem Dache, wo er mich dazu brachte, eine erste Schule
notdrftig durchzumachen, und er tat es mit solcher Liebe und Ausdauer, als ob
es sich um das Goldmachen handelte, bis ihn eine Schicksalswendung aus unserer
Gegend hinwegfhrte. In der Stadt, wo ich jetzt lebte, hatte ich bei
studierenden Landsleuten, mit denen ich zuweilen verkehrte und die sich
Fechtapparate auf dem Zimmer hielten, manchmal wieder den einen oder andern Gang
versucht, ohne an etwas anderes als an einen vorbergehenden Zeitvertreib zu
denken. Einen oder zwei der jungen Leute dachte ich jetzt sicher noch an ihrem
gewohnten Versammlungsorte zu treffen, um ihren Beistand in Anspruch zu nehmen,
und fand sie auch in der verwegenen Stimmung, welche der spten Stunde und
meinen Wnschen entsprach. Sie begaben sich sofort dahin, wo die Vertrauten
meines Gegners sie erwarteten.
    Bald kamen sie mit der Verabredung zurck, da der Duellhandel morgens um
sechs Uhr in Lysens Wohnung vor sich gehen solle. Lys habe hervorgehoben, da er
ganz allein darin hause und also keine Zeugen zu befrchten seien; ferner knne
er, wenn er verwundet werde, sich gleich in sein eigenes Bett legen und in der
Stille geheilt werden oder sterben, der Gegner aber mit aller Sicherheit und
Mue abreisen. Treffe es aber mich, so knne ich dort an seiner Stelle mich
zunchst hinlegen, indessen er sich aus dem Staube mache.
    Fr einen Arzt, hie es, sei auch schon gesorgt, ebenso fr die Waffen, als
welche ich Stodegen oder sogenannte Pariser, die einzigen, die ich etwas zu
fhren verstand, vorgeschlagen hatte, zumal ich wute, da auch Lys damit
umgehen konnte.
    Wie er den kurzen Rest der Nacht verbracht, habe ich nicht erfahren; was
mich betrifft, so blieb ich mit meinen Ratgebern sitzen, da wir fanden, das
gefhrliche Abenteuer sei besser als Schlu der ganzen Feststrapaze zu bestehen,
mit der es sozusagen in einem hinginge, als wenn ich nach unzureichender Ruhe,
aus tiefem Schlafe geweckt und ohne Zusammenhang der Gedanken, fechten mte. So
kam ich nicht einmal dazu, den Anzug zu wechseln, und wenn mich das Geschick
getroffen htte, so wre ich in der Gestalt eines erstochenen Narren weggetragen
worden.
    Trotzdem berfiel mich die Mdigkeit; ich schlummerte ein und lag zuletzt
mit dem Kopfe schlafend auf dem Tische, whrend die andern mit ab- und
zugehenden Nachzglern und Sptlingen eine Bowle heien Punsch tranken. Auch ich
strzte noch ein Glas hinunter, als ich mit dem Morgengrauen aufgerttelt wurde,
mich aber durch den kurzen Schlaf keineswegs erquickt oder ernchtert fand. Doch
erinnere ich mich wie aus einem Traume, da ich gleich den zweien, die mit mir
kamen, mit tiefem Ernst durch die Straen ging und in Lysens stille Wohnung
trat, wo er mit zwei oder drei jungen Mnnern ebenso ernst und kalt uns
erwartete.
    Wir standen alle in dem gerumigsten seiner Zimmer, vor dem Bilde mit den
Spttern; die Morgendmmerung lie die aus dem Dunkel hervorleuchtenden Figuren
wie belebt erscheinen, als ob sie der Dinge gewrtig wren, die da kommen
sollten.
    Nun wurden aus einem langen Kistchen zwei glnzend polierte dreieckige und
nadelspitze Klingen, zwei mit Silberdraht bersponnene Griffe und zwei
vergoldete halbkugelfrmige Glocken zum Schutze der Hand ausgepackt und
ineinandergeschraubt. Nachdem gefragt worden, ob keine Vershnung oder
anderweitige Verstndigung mglich sei, und keiner von uns beiden sich gerhrt
hatte, gab man uns die Waffen in die Hand und wies jedem seinen Platz an. Ich
warf einen Blick auf Lys; er sah ebenso bla und berwacht aus wie ich selbst.
Jeder Zug von Wohlwollen oder freundschaftlicher Gesinnung war aus unsern
Gesichtern verschwunden, whrend auch der ursprngliche Zorn verraucht war und
nur die erstarrte Menschentorheit auf den Lippen sa. Da stand ich nun mit dem
Eisen in der Hand, bereit, das Blut eines Freundes zu vergieen, um ihm die
Wahrheit meines Gottesglaubens zu beweisen, und der Freund bedurfte meines
Blutes zur Verteidigung der moralischen Ehre seiner Weltanschauung, und jeder
hatte sich sonst fr die Vernunft, Freiheit und Menschlichkeit selbst gehalten.
Eine unglckliche Sekunde, und der gleiende Stahl war in ein warmes Herz
geglitten!
    Aber zu einer heilsamen berlegung war keine Zeit mehr. Das Zeichen wurde
gegeben, wir machten mit den Degen den blichen Gru und setzten uns in Positur,
aber nicht wie gebte Duellanten, sondern mehr wie etwas unsichere Schler.
Unsere Hnde zitterten fast gleichmig, als wir die Degenspitzen sich
umeinander drehen lieen, um den Anfang zu finden, und der erste Sto, den ich
tat, war auch richtig der erste Schulsto, wie er der Nummer nach auf dem
Fechtsaale gezeigt wird. Lys parierte ihn ebenso schulmig, da er ihn von
weitem kommen sah; er erwiderte den Ausfall, und ich wies ihn etwas
schwerflliger, aber noch gerade zeitig genug ab. Der liebe Gott, um den wir uns
schlugen, mochte wissen, wie ein Paar so friedlicher Fechter in eine so
gefhrliche Lage geraten war. Allein gefhrlich war sie nichtsdestoweniger; denn
mit dem Gerusch der gleitenden Klingen wurde das Gefecht belebter und rascher,
so da schon wegen der Notwehr die Ste zahlreicher und fester wurden. Da
blitzten pltzlich Stahl und Glocken unserer Waffen mit einem rtlichen Schimmer
auf, und gleichzeitig begann das Bild im Hintergrunde des Zimmers sachte zu
leuchten, beides vom Glhen einer Wolke, die im Widerscheine der anbrechenden
Morgenrte stand. Lys warf unwillkrlich einen Blick seitwrts auf sein Bild und
sah die Blicke seiner Sachverstndigen, wie er sie nannte, auf uns gerichtet. Er
lie seinen Degen sinken, und mir, der ich eben wieder auszufallen im Begriffe
war, wurde ein Halt! zugerufen. Lys, der im brigen vollkommen nchtern
geblieben, war der Nichtigkeit unseres Tuns durch den Anblick zuerst
innegeworden.
    Ich nehme meine Herausforderung zurck, erklrte er mit ernstem, aber
ruhigem Tone, und will das Vorgefallene vergessen, ohne da Blut flieen soll!
    Er trat mir einen Schritt entgegen und bot mir die Hand. La uns schlafen
gehen, Heinrich Lee! sagte er, und zugleich leb wohl! Da ich einmal zur
Abreise gerstet bin, so will ich heute fr einige Zeit fort.
    Damit ging er, nachdem er die Anwesenden gegrt, nach seinem Schlafzimmer,
und wir verlieen uns trotz der unerwarteten Ausshnung ohne Freundlichkeit,
weil wir uns eigentlich selbst beleidigt hatten und zur Stunde keiner mit sich
im reinen war. Die Zeugen und der Arzt, welche in den Verlauf der Streitigkeit
berhaupt keinen klaren Einblick hatten, verabschiedeten sich vor dem Hause
stillschweigend, und jeder ging seines Weges, ich berdies mit einem Gefhle,
wie wenn ich von der moralischen berlegenheit eines Gegners, den ich hatte
schulmeistern wollen, heimgeschickt worden wre.
    Als ich meine Wohnung betrat, wurde ich von den Wirtsleuten, die an ihrem
Frhstcke saen, als ein ausdauernder Lustigmacher begrt. Obschon ich
erschpft und mde war, konnte ich beinahe nicht einschlafen, und als es
geschah, trumte mir, ich htte den Freund totgestochen, blutete aber statt
seiner selbst und werde von meiner weinenden Mutter verbunden. Indessen wrgte
ich an einem getrumten Schluchzen herum, ber welchem ich erwachte. Ich fand
die Augen und das Kissen zwar trocken, dachte aber ber die mglich gewesenen
Folgen nach, bis ich endlich fester einschlief.

                              Fnfzehntes Kapitel



                                Der Grillenfang

Ich schlief bis in den Nachmittag hinein, und als ich erwachte, wute ich nichts
mit mir anzufangen; die Welt und mein Kopf schienen mir beide leer und
ausgestorben. Ich dachte an das Ende des Kadettenfestes in meiner Knabenzeit, an
dasjenige des Tellenspieles, und sagte mir Wenn alle deine Freudenfeste einen
solchen Ausgang nehmen, so wird es besser sein, du gehst nicht mehr hinzu, wo es
dergleichen gibt! Zunchst las ich das Narrenkleid zusammen, das zerstreut am
Boden lag, und hing es im Atelier als malerischen Gegenstand an einen Nagel, und
den Distel-und Stechpalmenkranz legte ich um den Zwiehansschdel, den ich auf
die Kommode des kleinen Schlafzimmers setzte, um dergestalt ein heilsames
Memento zu errichten. Das Spielerische und Zierschtige in uns bleibt in allem
Elende und unter allen Gestalten lebendig, bis wir zerbrochen sind. Vielleicht
ist es ein Teil des Gewissens; denn wie das Tier nicht lacht, so spielt der ganz
Gewissenlose nicht, es sei denn um Gewinn.
    In meiner dunkel migen Lage war mir der Besuch Reinholds, des Winzers und
Geigenspielers, willkommen, der mich aufsuchte und einen Liebesdienst von mir
verlangte. Er berichtete, da der hilflose Zustand Agnesens noch stundenlange
gedauert und sie sich erst gegen Morgen soweit erholt habe, da die
Heimschaffung mglich geworden, und zwar bereits bei Tageshelle. Allein
nachteilige Gerchte von einem sozusagen zuchtlosen Benehmen, von einer
Berauschung, in deren Folge sie von einem reichen Bewerber sofort verlassen und
aufgegeben worden sei, wren schon vorausgedrungen, und als das Gefhrt vor dem
Hause angekommen und das Mdchen, matt und niedergeschlagen, ausgestiegen sei,
htten sich die Nachbarfenster geffnet und die Leute mit sichtlicher Verachtung
oder wenigstens Mibilligung zugeschaut. Er selbst habe nebst einer Magd vom
Landhause die Arme begleitet, sich aber natrlich sofort wegbegeben, ohne mit in
das Haus zu treten. Aber auch dies Erscheinen eines neuen Beschtzers habe den
bsen Schein noch verschlimmert, und es liege wohl an uns, die wir das Unsrige
beigetragen, den Leumund des unschuldigen Wesens zu verteidigen. Er habe nun den
Plan gefat und mit seinen Freunden verabredet, heute abend unter dem Fenster
des geprften Fruleins eine ernsthafte und ehrbare Musik, eine Serenade in
wrdigster Form, abzuhalten; um jede Strung zu vermeiden und das Ansehen der
Sache zu erhhen, sei schon die amtliche Erlaubnis eingeholt. Nach Schlu der
Serenade aber gedenke er stracks hinaufzugehen und der Verlassenen feierlich
seine Hand anzutragen.
    Absichtlich, fuhr er fort, will ich von allem, was vorausgegangen, nichts
wissen, was man auch munkeln mag! Wie sie ist, in diesem Augenblicke, mit ihrem
Gesichtchen, ihrer leichten Gestalt, mit ihrem ganzen Wesen und ihrem kleinen
Schicksal gefllt sie mir und dnkt mich unentbehrlich! Und wenn ich mich irre,
so wird es nur in dem Sinne sein, da sie mehr ist, als ich geglaubt habe! Etwas
warme Sonne, ein wenig Glck, was man so nennt, gleichsam ein Glschen guten
Rheinweins werden sie munter machen!
    Und was soll ich hiebei tun? fragte ich verwundert, aber auch mit
Teilnahme, da mir das Vorhaben des gemtlichen Mannes als die beste Hilfe in der
Not erschien.
    Was ich von Ihnen wnsche, versetzte er, ist, da Sie gegen Abend in das
schmale Haus, in das Juwelenkstchen, gehen und die Frauen suchen hinzuhalten,
damit sie es nicht verlassen und doch von der Musik berrascht werden. Ferner
sollen Sie, wenn es nicht von selbst geschieht, das Gesprch auf mich bringen,
in nicht aufflliger Weise, und mich ein bichen anrhmen, das heit, nicht
meine Person, sondern meine Verhltnisse, ich will sagen, meinen bescheidenen
Wohlstand, der mir erlaubt, unbesorgt eine Frau heimzufhren. Ich wnsche, da
Sie das ganz beilufig tun, jedoch als von etwas Bekanntem, sozusagen auer
Zweifel Stehendem sprechen, so da diese Voraussetzung bereits vorhanden ist,
wenn ich komme, und ich nicht selbst davon anfangen mu. Es ist solches wichtig
und in dergleichen Verwicklungen meistens von entscheidendem Einflu. Und Sie
werden nicht lgen, sofern Sie nicht etwa aufschneiden, ich geb Ihnen mein Wort
darauf! Etwas Grundeigentum und mein Kunsterwerb reichen zu einem brgerlichen,
doch keineswegs knauserigen Leben hin, und fr die Zukunft ist mir das Erbe
einer alten Tante sicher, die mich immer wegen des Heiratens plagt und eine
Aussteuer bereithlt wie fr eine einzige Tochter. Halt - diesen Umstand knnten
Sie etwas ausmalen! Es ist wirklich komisch, wie die Gute immer noch Einkufe
macht, sobald sie etwas sieht, wovon sie denkt, es wre in meinem dereinstigen
Haushalt zu brauchen, und so stapelt sie in ihrem von alters her angefllten
Hause stets neue Vorrte von kleinen und groen Dingen auf. - Also reden Sie,
sprechen Sie! wollen Sie meine Wnsche erfllen? Ich kann Ihnen sagen, es ist
mir zu Mute wie einem, der einen Diamant, den ein Dummkopf weggeworfen hat,
liegen sieht und nun frchtet, es mchte ihn ein anderer finden, eh er selbst
zur Stelle ist!
    Ich mute innerlich lcheln ber dies treffliche Stckchen Weltlauf, das
sich so artig selbst berichtigte, wenn Reinholds Plne gelangen. Gern sagte ich
ihm zu, seine Wnsche zu erfllen, so gut ich es verstnde, und er eilte nach
der weiter ntigen Verabredung in Hoffnung davon.
    Mir konnte fr den leeren den Tag der Auftrag nur willkommen sein, so neu
es mir war, eine Art Kuppelei zu betreiben. Nachdem du fast zwei Tage lang das
hintangestellte Schtzchen eines Don Juans gehtet hast, sagte ich mir, kannst
du dies Altweibergeschft dir auch noch gefallen lassen, es pat zum andern,
auch zu dem gefehlten Duell!
    Mit anbrechender Dmmerung begab ich mich auf den Weg und stand alsbald vor
der Stubentre der Frauen, die in tiefster Stille saen; denn kein Laut war zu
vernehmen. Erst auf ein Anklopfen hrte ich ein mattes Herein! und als ich
eintrat, sah ich in dem halbdunklen Gemache nur die Frau Mutter in ihrem
Lehnsessel, den Kopf in beide Hnde gesttzt. Auf dem Tische vor ihr lag ein
kleines Kstchen. Mich erkennend, sagte sie mit heiserer Stimme nichts als: Ein
schnes Fest fr uns! Eine schne Nacht und ein schner Tag!
    Ja, antwortete ich kleinlaut, es war etwas verhext und ist manchem
wunderlich gegangen!
    Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann gelufiger fort: Eine schne
Wunderlichkeit! Wenn ich den Kopf vor die Tre strecke, so zeigen die Nachbaren
mit Fingern auf mich! Eine Gevatterin nach der anderen, die sich sonst nie sehen
lassen, ist heute eingedrungen, um sich an der Schande zu weiden! Da schleppt
man das Kind zwei Nchte herum und schickt es mir betrunken nach Haus und durch
fremde Leute! Und der hbsche reiche Bewerber, dieser Herr Lys, hat natrlich
genug an der Auffhrung, sagt ab und macht sich davon! Da sehen Sie, was wir
alles erlebt haben!
    Sie zog einen Brief hervor, der unter dem Kstchen lag, und entfaltete ihn;
es war aber zu dunkel, um lesen zu knnen. Ich will Licht holen! sagte sie,
ging mde und verdrossen hinaus und kehrte mit einem bescheidenen Kchenlmpchen
zurck, da es nicht der Mhe wert schien, einem von der schnden Gesellschaft
ein besseres Licht vorzusetzen. Ich las den kurzen Brief, worin Lys mit wenigen
Zeilen anzeigte, da er auf unbestimmte Zeit, vielleicht fr immer, abreisen
msse, fr gute Freundschaft, die er genossen, herzlich dankte, Glck und
Wohlergehen wnschte und die Tochter bat, ein kleines Andenken freundlich
anzunehmen. Als ich das gelesen, ffnete die betrbte Frau das Kstchen, in
welchem eine ziemlich kostbare Uhr mit feiner Kette glnzte.
    Ist dies reiche Geschenk, rief sie, nicht ein Beweis, wie ernst er
gesinnt war, da er sich sogar jetzt noch so edel benimmt, trotz der Schmach, die
man ihm angetan?
    Sie irren sich! sagte ich; niemand hat sich etwas vorzuwerfen, am
allerwenigsten das gute Frulein! Lys hat Ihre Tochter von Anfang an
sitzenlassen und ist einer anderen Schnheit nachgelaufen; und weil er von
dieser zurckgewiesen wurde, denn es ist, kurz gesagt, die nunmehrige Braut
seines Freundes Erikson, hat er sich von hier entfernt. Ich wei bestimmt, da
er fr Ihr Kind verloren war, eh dasselbe aus Kummer und Aufregung unwohl wurde.
Und es ist wahrscheinlich ein Glck fr das Frulein, nach meiner Meinung sogar
gewi!
    Die Frau sah mich gro an; aus dem Hintergrunde des schmalen, aber tiefen
Zimmers ertnte ein sthnender Laut. Erst jetzt gewahrte ich, da Agnes in einem
Winkel neben dem Ofen sa. Ihr Haar war aufgelst, aber nicht wieder geflochten
worden und bedeckte das Gesicht und die Hlfte der gebeugten Gestalt. berdies
hatte sie ein Tuch um Kopf und Schultern geworfen und in das Gesicht gezogen;
das letztere drckte sie, vom Zimmer abgewendet, an die Wand und verharrte so
ohne Bewegung.
    Sie getraut sich nicht mehr am Fenster zu sitzen! sagte die Mutter.
    Ich ging hin, sie zu begren und ihr die Hand zu reichen; allein sie
wendete sich noch tiefer ab und begann leise in sich hinein zu weinen. Verlegen
ging ich zum Tische zurck, und da ich von meinen eigenen Abenteuern moralisch
geschwcht war, so kamen mir selbst Trnen in die Augen. Das rhrte hinwieder
die Witwe, da auch sie anfing, wobei sich ihr Gesicht so stark verzerrte, wie
man es nur an flennenden kleinen Kindern sieht. Es war ein ganz merkwrdiger,
unbehaglicher Anblick, ber welchem sich meine Augen schnell trockneten. Aber
auch bei der Frau war der Gewitterschauer wie bei Kindern rasch zu Ende, und mit
ganz vernderter Stimme lud sie mich erst jetzt zum Sitzen ein. Zugleich fragte
sie, wer eigentlich der Fremde gewesen, der Agnesen in der Frhe heimbegleitet
habe? Ob der die Unglcksgeschichte nicht noch weiter verbreiten werde?
Keineswegs, antwortete ich; denn das sei ein gutbestellter braver Mensch; und
ich sumte nun nicht, mit anscheinend gleichgltigen Worten und mit der ntigen
Vorsicht diejenige Beschreibung des Gottesmachers und seiner Verhltnisse
anzubringen, die seinen Wnschen entsprechen mochte. Nur bei der Schilderung der
Tante und ihrer Ausstattungssucht, welche es einer dereinstigen Frau des Neffen
fast unmglich mache, auer ihrer Person etwas im Hause unterzustellen, zu
legen, aufzuschichten oder zu hngen, wurde mein Vortrag belebter, weil er mich
selber belustigte. brigens, schlo ich, werde Herr Reinhold mit der Erlaubnis
der Frauen heute abend seinen Besuch abstatten, um der Anstandspflicht zu
gengen und sich nach dem Befinden des erkrankten Fruleins zu erkundigen, und
weil er wisse, da ich die Ehre htte, im Hause eingefhrt zu sein, so habe er
mich ersucht, die Erlaubnis auszuwirken und ihn alsdann vorzustellen. Diese
hfliche Ankndigung gab der Frau einen Teil ihres Selbstvertrauens zurck.
    Kind! rief sie auffahrend, hrst du? Wir bekommen Besuch; geh, zieh dich
an, mache dein Haar auf, du siehst ja aus wie eine Hexe!
    Aber Agnes regte sich nicht, und auch als die Mutter hinging und sie sanft
rttelte, wehrte sie ab und bat wimmernd, sie ruhig zu lassen, oder das Herz
breche ihr entzwei. In ihrer Verzweiflung begann jene den Tisch zu decken und
Tee zu bereiten; sie holte ein paar Schsseln mit kalten Speisen und eine Torte
herbei und setzte alles auf den Tisch. Schon fr gestern abend, klagte sie, habe
sie ein Dtchen des feinsten Tees gekauft und etwas zum Knuspern bereitgehalten,
da sie auf die frhzeitigere Rckkunft der jungen Leutchen gehofft habe; jetzt
mge die kleine Mahlzeit uns doch noch dem erwarteten Besuch zu Ehren ntzlich
werden; verdorben sei nichts.
    Wir saen, und das Wasser kochte in dem blanken, wenig gebrauchten
Teekesselchen seit geraumer Zeit, und noch meldete sich kein Besuch, weil es
berhaupt noch zu frh war. Die gute Frau wurde ungeduldig; sie fing an zu
zweifeln, ob Reinhold wirklich kommen werde; ich suchte sie zu beruhigen, und
wir warteten wieder eine gute Weile. Endlich wurde sie Wartens satt und machte
den Tee fertig; wir tranken eine Tasse, aen etwas weniges und harrten wieder,
plauderten mit zerstreuten Worten und Gedanken, bis die ermdete Frau ber
meiner Einsilbigkeit einnickte. So trat jetzt eine tiefe Stille ein, und nach
einiger Zeit merkte ich an den sanften regelmigen Atemzgen, die ich vom
Ofenwinkel her vernahm, da auch Agnes schlummerte. Da ich selbst keineswegs
genug geschlafen hatte, fielen mir die Augen ebenfalls zu, und ich schlief zur
Gesellschaft mit, whrend die kleine Lampe das Zimmer schwach erleuchtete.
    Wir mochten ein Stndchen eintrchtig geschlummert haben, als wir durch eine
volltnige, aber sanfte Musik geweckt wurden und gleichzeitig das Fenster von
rotem Glanze erhellt sahen. Die berraschte Witwe und ich eilten zum Fenster.
Auf dem kleinen Platze standen acht Musizierende vor einigen Musikpulten, vier
Knaben hielten brennende Fackeln empor, und am Eingange des Platzes gingen zwei
Polizeimnner auf und ab, welche die rasch sich sammelnden Zuhrer in Ordnung
hielten. Zu den Geigern hatte Reinhold noch einige Blser mit Horn, Hoboen und
Flte angeworben; er selbst sa auf einem Feldsthlchen und handhabte das
Violoncell.
    Jesus Maria! was ist das? sagte die erstaunte Mutter Agnesens.
    Znden Sie Lichter an! erwiderte ich; das ist eben der Herr Reinhold mit
seinen Freunden, der Ihrer Tochter eine Serenade bringt! Ihr gilt die Musik, um
ihr vor der Welt und dieser Stadt eine Ehre zu erweisen!
    Ich ffnete einen Flgel des Fensters, indessen die Frau nach ihren
Staatsleuchtern eilte und die rosenroten Kerzen entflammte, welche jetzt
trefflich zustatten kamen. Das Adagio aus einem ltern Italiener flo mit dem
lauen frhzeitigen Lenzhauche gar prchtig herein.
    Kind! flsterte die Mutter dem aufhorchenden Mdchen zu, wir haben ein
Stndchen, wir haben ein Stndchen! Komm, sieh nur hinaus! Ich hrte ihre
Stimme zum ersten Mal so herzlich erfreut und wirklich beseelt zu dem Kinde
reden, so erlsend wirkte der musikalische Vorgang auch auf sie, und Agnes
wandte ihr bleiches Gesicht stumm nach dem Fenster. Dann erhob sie sich langsam
und ging heran. Sowie sie aber die vielen Gesichter auf der Strae und unter
allen Nachbarfenstern im Fackellichte erblickte, floh sie wieder nach ihrem
Sitze, legte die gefalteten Hnde in den Scho und neigte das Haupt leise zur
Seite, um keinen Ton der schnen Musik zu verlieren. So blieb sie, bis die drei
Stcke, welche die Mnner auffhrten, zu Ende waren und die Musik mit einer
melodisch heiteren, fast reigenartigen Wendung geschlossen hatte, die Musikanten
aufbrachen und still hinweggingen, whrend das Volk auf der Gasse lauten Beifall
klatschte. Auch die sauberen Kstchen und Futterale, in welchen sie ihre
Instrumente trugen, erhhten beim Publikum den Eindruck des Auergewhnlichen
und Vornehmen; die Leute betrachteten, indem sie sich langsam zerstreuten,
neugierig das merkwrdige Haus, und die am Fenster stehende Frau geno alles bis
zum letzten Momente; selbst das Forttragen der Pulte dnkte ihr das Feierlichste
und Groartigste, was sie erleben konnte.
    Als sie endlich das Fenster zumachte und sich umwandte, stand Reinhold in
der Stube und begrte sie ehrerbietig, und ich nannte zugleich seinen Namen.
Dann entschuldigte er sich wegen der Freiheit, die er sich genommen, eine so
aufdringliche Strung zu bringen, welche sie der allgemeinen Karnevalsstimmung
zu gut halten wolle; und sie erwiderte ihm mit groen Komplimenten und
Danksagungen, wobei sie in einen so glckselig singenden Ton geriet, da es
beinahe klang, wie wenn einer in Flageolettnen auf der Geige spielen wrde.
Pltzlich unterbrach sie sich, um die Tochter herbeizurufen, die ihr
ungebhrlich lang im Winkel zu sumen schien. Diese war aber unbemerkt
hinausgeschlpft und kam jetzt wieder herein. Sie hatte ber ihr Morgenkleid, in
welchem sie den Tag ber getrauert, einen weien Shawl geschlagen und die Enden
auf den Rcken gebunden. Das schwarze Haar hatte sie einfach zusammengefa und
im Nacken in einen mchtigen Knoten geschlungen, alles in einer Minute und
wahrscheinlich ohne in den Spiegel zu sehen. In Haltung und Gesichtsausdruck
schien sie um zehn Jahre lter; selbst die Mutter sah sie mit groen Augen an,
wie wenn sie einen Geist erblickte. Aufrechten Ganges trat Agnes dem
Gottesmacher entgegen, richtete mit ruhigem Ernste die Augen auf ihn und gab ihm
die Hand. Wre sie in Sammet und Seide gehllt gewesen, so htte sie den Blick
Reinholds nicht so bannen knnen, wie sie jetzt mit ihrer einfachen Erscheinung
tat, und ich selbst mute sogleich denken Gott sei Dank, da Lys fort ist und
sie nicht mehr sieht, sonst ginge das Unheil von neuem an!
    Reinhold aber betete mit stummer Anschauung sein eigenes Werk an; denn,
buchstblich zu sagen, hatte er die geknickte Blume aufgerichtet, da sie wieder
leben konnte. Die Ehren, die er ihr gegeben, leuchteten so rein von ihrer Stirn
und um die stillen dunklen Augensterne, da er demtig betreten nicht zu Worten
zu kommen wute, auch als wir nun am Tische saen und die Mutter neuen Tee
machte. Es ging etwas verlegen und einsilbig zu, bis die Alte auf die rheinische
Heimat des Gastes zu reden kam und ihn fragte, ob es wahr sei, da sein hiesiger
Aufenthalt nicht mehr lange dauere und er dorthin zurckkehre? Das lste ihm die
Zunge, indem er dartat, wie Kirchen und Prlaten mit ihren Bestellungen seiner
harrten und auf die gewonnenen Fortschritte in der Arbeit zhlten. Dann freute
er sich des Lobes der schnen Heimat. Mein Haus, sagte er, liegt auerhalb
des alten Stdtchens am sonnigen Abhang, wo man den Rheingau hinauf und hinunter
schaut; Trme und Felsen schwimmen in blulichem Dufte, durch welchen das breite
Wasser zieht. Hinter dem Garten legt sich der Wein an den aufsteigenden Berg,
und oben steht eine Kapelle unserer lieben Frau, die weit ber das Land
hinschaut und sich ins letzte Abendrot taucht. Dicht daneben habe ich ein
kleines Lusthuschen gebaut und unter demselben ein Kellerchen in den Stein
gehauen, wo stets ein Dutzend Flaschen klaren Weines liegen. Wenn ich nun einen
neuen Kelch fertig habe, so steige ich, eh ich die innere Vergoldung anbringe,
hier hinauf und leere das Gef drei- oder viermal auf das Wohl aller Heiligen
und aller frohen Leute. Denn ich will nur gestehen, meine Silberarbeit, etwas
Musik und der Wein sind meine einzige Freude gewesen und meine besten Tage die
sonnigen Feiertage der Mutter Gottes, wenn ich zu ihrem Preise in den
benachbarten Kirchen spielte, whrend unten auf bekrnztem Altare meine Gefe
glnzten; und ich mu bekennen, da nachher ein Ruschchen an heiterer
Pfaffentafel mir als der Gipfel des Daseins erschien. Das wird freilich nicht
mehr so sein, ich wei jetzt etwas Besseres -
    Er stockte bei diesen Worten, die er mit wachsender Wrme gesprochen,
ermannte sich aber sogleich, erhob sich vom Stuhle und wendete sich an die
Frauen: Was soll ich lngere Umschweife machen? Ich bin hier, um dem Frulein
ein redliches Herz anzubieten, mit allem Zubehr von Hand, Haus und Hof; kurz,
ich bin gekommen, einen Heiratsantrag zu machen! Ich bitte um gtiges Gehr und
bitte, sofern meine Handlungsweise allzu rasch und verwegen erscheint, zu
bedenken, da gerade solche Festivitten, wie die soeben beendigte, nicht selten
mit derartig unvorgesehenen Ereignissen abschlieen!
    Die gute Witwe, an die uerste Sparsamkeit gewhnt, hatte soeben ein
Stckehen Zucker, das ihr wider Willen in die Tasse gefallen, mit dem Lffelchen
herausgefischt und im stillen auf die Untertasse gelegt, um zu retten, was noch
nicht geschmolzen war. Sie leckte das Lffelchen schnell und zierlich ab und
begann darauf, vor Vergngen errtend, in ihren schnsten Tnen von der groen
Ehre zu singen, aber auch von der ntigen Bedenkzeit und berlegung, die man
sich gestatten msse. Allein die Tochter unterbrach sie, womglich noch blasser
als bisher: Nein, liebe Mama! Auf die Frage des Herren Reinhold mu nach allem,
was wir erlebt und was er fr mich getan, sogleich die Antwort folgen, und mit
deiner Erlaubnis sage ich ja! Ich habe das Migeschick nicht verdient, das mich
betroffen; um so williger mu der Dank fr meinen Retter sein, der mich aus
Verlassenheit und Verachtung emporhebt!
    Mit Trnen der Rhrung, die ihr aus den Augen quollen, schritt sie dicht an
den glcklichen Freier heran, legte die Arme um seinen Hals und drckte die
sehnend geffneten Lippen, die noch nie gekt, auf die seinigen.
    Er streichelte mit schchterner Zrtlichkeit ihre Wangen, verwandte aber
kein Auge von ihr. Erstaunt und ratlos sah die Witwe zu, und Agnes rief: Sei
nur ruhig und zufrieden, Mutter! Gestern noch habe ich zur Heiligsten Jungfrau
gebetet, sie mchte meinem Herzen geben, was ihm gebhrt; heute hab ich den
ganzen Tag geglaubt, sie habe mich unerhrt gelassen, und jetzt halt ich es doch
im Arm, was mir gehrt und mir besser zum Heile dient als das, was ich meinte!
    Jetzt schien mir der Zeitpunkt gekommen, wo ich mich schicklich als
berflssig entfernen konnte; denn ich wute nicht, wo ich hinblicken sollte.
Schnell gab ich allen die Hand und eilte davon, ohne mich halten zu lassen oder
gehalten zu werden. Auf der Strae sah ich nochmals an das Haus hinauf, wo das
Mondlicht auf dem schwarzen Madonnenbilde ber der Haustre lag und den goldenen
Halbmond sowie die Krone schwach beglnzte.
    Himmel, welch katholische Wirtschaft! sagte ich zu mir selbst und
schttelte den Kopf ber das krause Leben. Beim Morgengrauen dieses Tages hatte
ich den spitzigen Degen auf einen Gottesleugner gezckt, und nun, da es Nacht
war, lachte ich wieder ber diese Heiligenanbeter.
    Am nchsten Morgen war es mir weniger lcherig zu Mut, als es galt, die
unterbrochene Arbeit wiederaufzunehmen. Whrend die Knstlerschaft wohl in ihrer
groen Mehrheit fest und unbekmmert auf der gewohnten Bahn weiterschritt, fand
ich mich unschlssig, was zunchst zu tun sei. Als ich mich umsah, hatte ich die
Empfindung, als ob ich monatelang nicht in dem Zimmer gewesen, meine
halbfertigen Sachen Denkmler einer verschollenen Zeit wren. Eines nach dem
andern zog ich hervor, und alles dnkte mich schal und unntig, wie eine bloe
Liebhaberei. Ich grbelte und grbelte, konnte aber dem grauen Wesen, das mich
beschlich, nicht auf den Grund kommen. Dazu kam das Gefhl der Vereinsamung; Lys
war fort und verloren, wahrscheinlich auch fr die Kunst, da er in letzter Zeit
hatte durchblicken lassen, da er bei der ersten geringen Erschtterung das Glas
fallen lassen werde. Aber auch Erikson hatte mir gestern in einem flchtig der
Freude abgewonnenen Augenblick anvertraut, er beabsichtige gleich nach der
Hochzeit seine verzwickte Malerei an den Nagel zu hngen und mit den groen
Mitteln seiner Frau das Seefahrtsgeschft seines heimatlichen Hauses
wiederaufzunehmen und in Flor zu setzen. Die Zeit sei gnstig, und in miger
Frist wolle er selbst reich sein. Und nun wackelte ich auch, und alle drei
Peripherie-Germanen, die wir uns in gewissem Sinne besser geschienen hatten als
die feste groe Heerschar des Binnenvolkes, fielen ab wie Feilenspne, fahren
auseinander, um keiner den andern wahrscheinlich jemals wiederzusehen!
    Frstelnd schleppte ich, um eine Zuflucht zu suchen, einen neuen, kaum
angefangenen Karton hervor, eine auf den Rahmen gespannte graue Papierflche von
mindestens acht Schuh Breite und entsprechender Hhe. Es war nichts darauf zu
sehen als ein begonnener Vordergrund mit je einem verwitterten Fichtenbaum zu
beiden Seiten des knftigen Bildes, dessen Idee ich damals vor Monaten
aufgegeben und die mir gnzlich aus der Erinnerung geschwunden ist. Um nur etwas
zu tun und vielleicht meine Gedanken zu beleben, machte ich mich daran, den
einen der zwei mit Kohle entworfenen Bume mit der Schilffeder auszufhren,
gewrtig, was dann weiter werden wollte. Aber kaum hatte ich eine halbe Stunde
gezeichnet und ein paar Aste mit dem einfrmigen Nadelwerke bekleidet, so
versank ich in eine tiefe Zerstreuung und strichelte gedankenlos daneben, wie
wenn man die Feder probiert. An diese Kritzelei setzte sich nach und nach ein
unendliches Gewebe von Federstrichen, welches ich jeden Tag in verlorenem
Hinbrten weiterspann, sooft ich zur Arbeit anheben wollte, bis das Unwesen wie
ein ungeheures graues Spinnennetz den grten Teil der Flche bedeckte.
Betrachtete man jedoch das Wirrsal genauer, so entdeckte man den lblichsten
Zusammenhang und Flei darin, indem es in einem fortgesetzten Zuge von
Federstrichen und Krmmungen, welche vielleicht Tausende von Ellen ausmachten,
ein Labyrinth bildete, das vom Anfangspunkte bis zum Ende zu verfolgen war.
Zuweilen zeigte sich eine neue Manier, gewissermaen eine neue Epoche der
Arbeit; neue Muster und Motive, oft zart und anmutig, tauchten auf, und wenn die
Summe von Aufmerksamkeit, Zweckmigkeit und Beharrlichkeit, welche zu der
unsinnigen Mosaik erforderlich war, auf eine wirkliche Arbeit verwendet worden
wre, so htte ich gewi etwas Sehenswertes liefern mssen. Nur hier und da
zeigten sich kleinere oder grere Stockungen, gewisse Verknotungen in den
Irrgngen meiner zerstreuten gramseligen Seele, und die sorgsame Art, wie die
Feder sich aus der Verlegenheit zu ziehen gesucht, bewies, wie das trumende
Bewutsein in dem Netze gefangen war. So ging es Tage, Wochen hindurch, und die
einzige Abwechslung, wenn ich zu Hause war, bestand darin, da ich, mit der
Stirne gegen das Fenster gesttzt, den Zug der Wolken verfolgte, ihre Bildung
betrachtete und indessen mit den Gedanken in der Ferne schweifte.
    So arbeitete ich eines Tages wieder mit eingeschlummerter Seele, aber groem
Scharfsinn an der kolossalen Kritzelei, als an die Tre geklopft wurde. Ich
erschrak und fahr zusammen; aber schon war es zu spt, den Rahmen wegzuschaffen.
Reinhold und Agnes treten herein, und kaum hatten wir uns begrt, so erschien
Erikson mit seiner nunmehrigen Frau Rosalie, und ich sah mich von Gerusch,
Leben und Schnheit wachgerttelt. Beide Paare hatten nmlich die Hochzeit
bereits hinter sich und in der Stille abgetan, Reinhold aus Ungeduld, um seine
Liebesbeute rasch zu bergen, Erikson aber, weil die Verwandten Rosaliens und die
Geistlichen erst nachtrglich konfessionelle Schwierigkeiten zu machen
versuchten. Allein Rosalie war, im geheimen und von einflureicher Seite
gefrdert, schnell zu Eriksons Glaubenspartei bergetreten, behauptend, wie
Paris seinerzeit eine Messe, sei ihr Schatz eine Beichte wert und noch eher, und
die Trauung war alsobald gefolgt. Wir sind demnach schon auf der
Hochzeitsreise! schlo Erikson seinen kurzen Bericht; einstweilen nur auf den
Gassen dieser Stadt, morgen aber auf der Landstrae und bald, so hoff ich, schon
im eigenen Schiff!
    Seine Gattin hatte inzwischen das andere Paar begrt und sich mit der ganz
glcklichen und wohlaussehenden Agnes unterhalten. Erikson aber stand vor der
Staffelei und beschaute hchst verwundert meine neuste Arbeit. Dann betrachtete
er mich mit bedenklichem Gesichte, und wie ich verlegen und rot wurde, und
sagte, erst den Kopf schttelnd, dann mit demselben schalkhaft nickend:
    Du hast, grner Heinrich, mit diesem bedeutenden Werke eine neue Phase
angetreten und begonnen, ein Problem zu lsen, welches von grtem Einflusse auf
die deutsche Kunstentwicklung sein kann. Es war in der Tat lngst nicht mehr
auszuhalten, immer von der freien und fr sich bestehenden Welt des Schnen,
welche durch keine Realitt, durch keine Tendenz getrbt werden drfe, sprechen
und rsonieren zu hren, whrend man mit der grbsten Inkonsequenz doch immer
Menschen, Tiere, Himmel, Sterne, Wald, Feld und Flur und lauter solche trivial
wirkliche Dinge zum Ausdrucke gebrauchte. Du hast hier einen gewaltigen Schritt
vorwrts getan von noch nicht zu bestimmender Tragweite. Denn was ist das
Schne? Eine reine Idee, dargestellt mit Zweckmigkeit, Klarheit, gelungener
Absicht. Die Million Striche und Strichelchen, zart und geistreich oder fest und
markig, wie sie sind, in einer Landschaft auf materielle Weise placiert, wrden
allerdings ein sogenanntes Bild im alten Sinne ausmachen und so der
hergebrachten grblichsten Tendenz frnen! Wohlan! Du hast dich kurz
entschlossen und alles Gegenstndliche, schnd Inhaltliche hinausgeworfen! Diese
fleiigen Schraffierungen sind Schraffierungen an sich, in der vollkommenen
Freiheit des Schnen schwebend; dies ist der Flei, die Zweckmigkeit, die
Klarheit an sich, in der reizendsten Abstraktion! Und diese Verknotungen, aus
denen du dich auf so treffliche Weise gezogen hast, sind sie nicht der
triumphierende Beweis, wie Logik und Kunstgerechtigkeit erst im Wesenlosen ihre
schnsten Siege feiern, im Nichts sich Leidenschaften und Verfinsterungen
gebren und sie glnzend berwinden? Aus Nichts hat Gott die Welt geschaffen!
Sie ist ein krankhafter Absze dieses Nichtses, ein Abfall Gottes von sich
selbst. Das Schne, das Poetische, das Gttliche besteht eben darin, da wir uns
aus diesem materiellen Geschwr wieder ins Nichts resorbieren, nur dies kann
eine Kunst sein, aber auch eine rechte!
    Aber, liebster Mann, wo willst du hin! rief Frau Erikson, die, aufmerksam
geworden, sich zu uns gewendet hatte. Der Gottesmacher sperrte Mund und Augen
auf; denn die schnurrigen Redensarten waren seinem einfachen Gemt in Scherz und
Ernst unverstndlich und fremd. Ich selbst fhlte mich etwas erheitert durch
Eriksons Munterkeit, stand jedoch verlegen am Fenster.
    Aber mein Lob, fuhr er feierlich fort, mu sogleich einen Tadel gebren
oder vielmehr die Aufforderung zu weiterm energischen Fortschritt! In diesem
reformatorischen Versuch liegt noch immer ein Thema vor, welches an etwas
erinnert; auch wirst du nicht umhinknnen, um dem herrlichen Gewebe einen
Sttzpunkt zu geben, dasselbe durch einige verlngerte Fden an den sten dieser
alten, verwetterten, aber immer noch krftigen Fichten zu befestigen, sonst
frchtet man jeden Augenblick, es durch seine eigene Schwere herabsinken zu
sehen. Hiedurch aber knpft es sich wiederum an die abscheulichste Realitt, an
gewachsene Bume mit Jahrringen! Nein, braver Heinrich, nicht also! nicht hier
bleibe stehen! Die Striche, indem sie bald sternfrmig, bald in der Wellenlinie,
bald mandrisch, bald radial sich gestalten, bilden ein noch viel zu materielles
Muster, welches an Tapeten oder gedruckten Kattun erinnert. Fort damit! Fange
oben an der Ecke an und setze einzeln nebeneinander Strich fr Strich, eine
Zeile unter die andere; von zehn zu zehn mache durch einen verlngerten Strich
eine Unterabteilung, von hundert zu hundert eine Oberabteilung, von tausend zu
tausend einen Abschlu durch einen dickern Sparren oder Sperrling. Solches
Dezimalsystem ist vollkommene Zweckmigkeit und Logik, das Hinsetzen der
einzelnen Striche aber der in vollendeter Tendenzfreiheit, in reinem Dasein sich
ergehende Flei. Zugleich wird dadurch ein hherer Zweck erreicht. Hier in
diesem Versuche zeigt sich immer noch ein gewisses Knnen; ein Unerfahrener,
Nichtknstler htte die Gruselei nicht zustande gebracht. Das Knnen aber ist
von zu leibhafter Schwere und verursacht tausend Trbungen und Ungleichheiten
zwischen den Wollenden; es ruft die tendenzise Kritik hervor und steht der
reinen Absicht fort und fort feindlich entgegen. Das moderne Epos zeigt uns die
richtige Bahn! In ihm zeigen uns begeisterte Seher, wie durch dnnere oder
dickere Bnde hindurch die unbefleckte, unschuldige, himmlischreine Absicht
gefhrt werden kann, ohne je auf die finsteren Mchte irdischen Knnens zu
stoen! Eine goldschnittheitere ewige Gleichheit herrscht zwischen der
Brderschaft der Wollenden. Mhelos und ohne Kummer teilen sie einige tausend
Zeilen in Gesnge und Strophen ab, und wer kann ermessen, wie nahe die Zeit ist,
wo auch die Dichtung die zu schweren Wortzeilen wegwirft, zu jenem Dezimalsystem
der leichtbeschwingten Striche greift und mit der bildenden Kunst in einer
identischen ueren Form sich vermhlt? Alsdann wird der reine Schpfer- und
Dichtergeist, der in jedem Brger schlummert, durch keine Schranke mehr gehemmt,
zutage treten, und wo sich zwei Stdtebewohner trfen, wre der Gru hrbar:
Dichter? - Dichter! oder: Knstler? - Knstler! Ein zusammengesetzter Senat
geprfter Buchbinder und Rahmenvergolder wrde in wchentlichen olympischen
Spielen die Wrde des Prachteinbandes und des goldenen Rahmens erteilen, nachdem
sie sich eidlich verpflichtet, whrend der Dauer ihres Richteramtes selbst keine
Epen und keine Bilder zu machen, und ganze Kohorten verbildeter Verleger wrden
die gekrnten Werke in stndlich erfolgenden Auflagen ber ganz Deutschland hin
so tiefsinnig verlegen, da sie kein Teufel wiederholen knnte!
    Mann, hr auf! rief Rosalie nochmals, ich kenne dich nicht mehr!
    La es gut sein! sagte Erikson; dieses Geschwtz sei fr einmal mein
gerhrter Abschied von der Kunst! Von nun an wollen wir dergleichen hinter uns
werfen und uns eines wohlangewandten Lebens befleien!
    Dann nahm er mich mit ernsterm Blicke bei der Hand, fhrte mich hinter die
groe Spinnwebe und sagte leise: Lys kommt nicht mehr zurck; ich habe seine
Bilder zusammenrollen, in Kisten packen und ihm in die Heimat schicken mssen,
ebenso seine Bcher und Mbeln. Er hat mir geschrieben, er wolle als Kandidat
fr die Deputiertenkammer seines Landes auftreten und werde nie mehr malen, weil
man die Augen dazu brauche, was ich nicht verstehe. So fllt er aus einer
Torheit in die andere, und ich mchte weinen ber ihn. Und nun komme ich daher
und finde dich an einem abenteuerlichen Grillenfang stehen, wie die Welt
vielleicht noch keinen zweiten geboren hat! Was soll das Gekritzel? Frisch,
halte dich oben, mache dich heraus aus dem verfluchten Garne! Da ist wenigstens
ein Loch! Mit diesen Worten stie er die Faust durch das Papier und ri es
kreuz und quer auseinander Ich reichte ihm dankbar die Hand; denn seine Worte
und energische Bewegung bewiesen mir seine verstehende Teilnahme.
    Nachdem wir hinter der Kulisse hervorgetreten und das Loch auch von vorn
betrachtet hatten, wurde rasch Abschied genommen, natrlich mit dem Vorbehalte
dereinstigen Wiedersehens, obgleich ich von den vier Personen keine einzige je
wieder erblickt habe. Eine Minute spter war es wieder totenstill in meinem
Gemache, und die weigestrichene Tre, durch welche die schnen Frauen und
Mnner verschwunden, flimmerte mir vor den Augen wie eine Leinwand, von welcher
mit einem Zuge ein Bild warmen Lebens weggewischt worden ist.


                                  Vierter Band

                                 Erstes Kapitel

                            Der borghesische Fechter

Auf dem niedrigen Ofen meines Arbeitszimmers stand eine fast drei Fu hohe
Gipsfigur des borghesischen Fechters. Der Abgu war vorzglich, obschon etwas
angebrunt; denn er stammte von einem frhern Insassen her und ging von einem
Nachfolger zum andern. Jeder bernahm den rstigen Kmpfer gegen eine
Entschdigung an die Wirtsleute, die so von der Arbeit des wackern Agasias nach
zweitausend Jahren noch einen periodischen Nutzen zu ziehen wuten.
    Als meine Augen von der Tre, hinter welcher Erikson und Reinhold mit ihren
Frauen verschwunden waren, hinwegglitten, fielen sie auf den danebenstehenden
Fechter und blieben an dem schnen Bildwerke haften. Ich trat ihm nher wie
einem willkommenen Hausgenossen in einsamer Stunde und schaute ihn zum ersten
Male vielleicht recht an. Rasch rumte ich Bilder und Staffeleien weg, rckte
sie an die Wnde, trug die Figur in die Mitte des Zimmers auf ein Tischchen und
stellte sie ins Licht. Ein helleres Licht ging aber trotz dem gerucherten
Zustande von dem Bilde aus, in welchem das Leben im goldenen Zirkel von
Verteidigung und Angriff sich selbst erhielt. Von der erhobenen Faust des linken
Armes ber die Schultern weg bis zur gesenkten des rechten, von der Stirn bis
zur Zehe, dem Nacken bis zur Ferse wallte von Muskel zu Muskel, von Form zu Form
die Bewegung, der Schritt aus der Not zum Siege oder zum rhmlichen Untergange.
Und welche Formen in ihrer Verschiedenheit! Alle diese Organe glichen einer
kleinen Republik von Wehrmnnern, welche von einem Willen beseelt vorandrangen,
um ihren Verband gegen die Zerstrung zu schtzen.
    Unversehens suchte ich einen reinen Bogen Papier, spitzte einen
Kohlenstengel sorgfltig zu und begann mich in den Umrissen dieses und jenes
Gliedes zu versuchen, dann, als hiemit nicht viel herauskommen wollte, den
linken Arm bis in die Achselhhle und die von da fortlaufende Bewegung bis in
die linke Weichengegend in ganzer Form rasch zu packen; aber die Hand war
ungebt hiefr, und erst als die Kohle sich etwas abgestumpft hatte, wollte der
Strich von selbst leibhafter werden und ein gewisses Leben in die Finger fahren.
Aber nun war das Auge nicht gewhnt, angesichts der menschlichen Gestalt der
Hand rasch genug vorzuleuchten; ich mute aufstehen und die Begrenzungen und
bergnge genauer untersuchen und, weil ich doch schon zu alt war, in
einsichtsloser Art fortzufahren, ber die Dinge und ihren Zusammenhang
nachdenken.
    So brachte ich in ein paar Tagen die ganze Figur leidlich zustande, drehte
sie und bezwang sie auch von den brigen Seiten. Da fiel mir pltzlich ein, sie
in Gedanken aufzurichten und den Fechter in ruhender Stellung zu zeichnen,
gleichsam als Probe der erworbenen Kenntnis. An dem anatomisch gut gearbeiteten
Vorbilde hatte ich wohl gesehen, was als Knochen oder Muskel, Sehne oder Gef
sich darstellte; als es nun aber galt, alles dies in seine vernderte Lage und
Form zu bringen, mangelte mir jeder bestimmte Einblick in den Zusammenhang
dessen, was unter der Haut ist und vor sich geht, und da es sich nicht um eine
unklare freche Skizzierung handeln konnte, die hier keinen Zweck gehabt htte,
so sah ich mich gentigt, den Stift wegzulegen.
    Das begab sich in einem Augenblicke, wo ich schon so manches Jahr der Kunst
beflissen gewesen und einem ersten Abschlu zusteuern sollte. Ich htte diesen
Erfolg genau voraussehen knnen, eh ich den Stift angesetzt, und wie ich nun,
die Hnde im Scho, ber meine Torheit nachsann, wunderte ich mich darber, da
ich einst nicht die Darstellung des Menschen zum Berufe gewhlt hatte anstatt
seines bloen landschaftlichen Wohn- und Schauplatzes. Und als ich ber diese
unheimliche Zuflligkeit weiter nachdachte, verwunderte ich mich aufs neue, wie
es berhaupt mglich gewesen sei, da ich, noch in den Kinderschuhen stehend,
meinen unberatenen Willen so leicht habe durchsetzen knnen in einer das ganze
lange Leben bestimmenden Sache. Ich war noch nicht ber die Jugendidee hinaus,
da eine solche Selbstbestimmung im zartesten Alter das Rhmlichste sei, was es
geben knne; allein es begann mir jetzt doch unerwartet die Einsicht aufzugehen,
das Ringen mit einem streng bedchtigen Vater, der ber die Schwelle des Hauses
hinauszublicken vermag, sei ein besseres Stahlbad fr die jugendliche Werdekraft
als unbewehrte Mutterliebe. Zum ersten Male meines Erinnerns ward ich dieses
Gefhles der Vaterlosigkeit deutlicher inne, und es wallte mir augenblicklich
hei bis unter die Haarwurzeln hinauf, als ich mir rasch vergegenwrtigte, wie
ich durch das Leben des Vaters der frhen Freiheit beraubt, vielleicht
gewaltsamer Zucht unterworfen, aber dafr auch auf gesicherte Wege gefhrt
worden wre. Indem ich bei dieser Vorstellung von Sehnsucht und Widerspruch, von
einem mir unbekannten, aber sen Gefhle des Gehorsams und trotziger
Freiheitslust gleichzeitig erglhte, suchte ich die mir fast gnzlich verwischte
Gestalt heraufzufhren, vermochte es aber im Wogen der Gedanken zuletzt nur
durch das Auge der Mutter, wie sie den Abgeschiedenen im Traume gesehen.
    Im Verlaufe der Zeit hatte sie nmlich wiederholt, aber immer nur nach
jahrelangen Unterbrechungen, vom Vater getrumt, vielleicht zwei oder drei Male,
gleichsam zum Wahrzeichen, wie selten solche geheimnisvolle Lichtblicke tiefsten
Glckes uns vergnnt sind. Jedesmal aber hatte sie am Morgen das Begebnis, das
nach langem Ausbleiben so unerwartet gekommen, mit dankbarer Freude erzhlt und
die Art und Weise der Erscheinung beschrieben.
    So war es ihr einst im Schlafe, als ergehe sie sich an einem Sonntage mit
dem verstorbenen Gatten im Freien wie ehmals; aber sie fand ihn doch nicht sich
zur Seite, sondern sah ihn pltzlich aus der Ferne herkommen auf einer
unabsehbaren Feldstrae. Er war sonntglich fein gekleidet, trug aber ein
schweres Felleisen auf dem Rcken; in der Nhe angelangt, stand er still, nahm
den Hut vom Kopfe und wischte den Schwei von der Stirne; dann winkte er
liebevoll gegen die Mutter und sagte mit wohltnender Stimme: Es ist weit, weit
zu gehen! worauf er an seinem Stabe rstig weiterwanderte, bis er ihren Augen
entschwand. Dieses Gesicht, welches ihr statt eines Ausruhenden einen mit
belastetem Rcken in unendliche Fernen Dahinziehenden gezeigt, hatte die Mutter
bei nherm Nachdenken traurig gemacht, da sie ohne Aberglauben oder
Traumdeuterei doch die Empfindung oder Vorstellung von einer groen Mhsal
erlitt, in welcher sich der Abgeschiedene bewege. Mir hingegen erweckte jetzt
das Gedenken dieses unverdrossenen Wanderns des freundlichen Geistes durch die
unbekannte Ewigkeit eher das vorbildliche Anschauen eines nicht zu brechenden
Lebensmutes, des rastlosen Verfolgens eines Zieles. Ich sah den Mann selbst
dahinschreiten und mir zuwinken, und als das Bild allmhlich sich von der Tafel
der Erinnerung lste und verschwand, sagte ich mir entschlossen: Was kann es
helfen! Du darfst nicht lnger sumen und mut die fehlende Kenntnis nachholen!
    Ich nahm mir also vor, mich unverweilt an das Studium der Anatomie zu
machen, soweit dieselbe wenigstens zu Verstndnis und Darstellung der
menschlichen Gestalt unentbehrlich ist; und da die ffentliche Kunstschule zwar
etwelche unvollkommene Gelegenheit hiefr bot, ich aber nicht zu ihren
Angehrigen zhlte, so suchte ich sofort einen jener Studierenden auf, die mir
in dem unsinnigen Duellhandel mit Ferdinand Lys beigestanden. Es war ein der
Medizin Beflissener, dem Ende seiner Studienzeit entgegengehend und fast nur
noch in den Krankenslen sowie an den Operationstischen ttig. Sogleich bereit,
mir seine anatomischen Atlanten und Bcher zu leihen und mich vorderhand in ein
Hrzimmer der Knochenlehre zu fhren, riet er mir jedoch nach einigem Besinnen,
mit ihm die soeben beginnenden Vortrge ber Anthropologie zu besuchen, die von
einem vortrefflichen Lehrer gehalten wrden. Er selbst, bemerkte er, gehe hin,
nicht um der lngst zurckgelegten Lehrstufe willen, sondern wegen der
ausgezeichneten Form und des geistigen Gehaltes jener Vorlesungen, welche an
sich ein lehrreicher Genu seien. brigens, wie der Anatom ein
rckwrtsgehender, sozusagen abtragender Bildhauer zu nennen sei, so gehe der
bildende Knstler am besten auf dem entgegengesetzten Wege nicht nur von dem
Knochengerste, sondern von der allgemeinen Anschauung des Organischen und
seines Werdens aus, und habe er den Einzug der Sinne in das Gezelt der ehrlichen
Menschenhaut mit angesehen, so werde er zwar hiedurch kein Michelangelo werden,
wenn es nicht sonst in ihm stecke, aber es knne andere, jetzt verlorengegangene
Fakultten vergangener Zeiten ersetzen.
    Ich sah den kundigen Landsmann nun erst recht an und glaubte kaum, da der
Sprecher der gleiche sei, der mir vor Wochen so bereitwillig ein Loch in die
Haut eines Menschen wollte stechen helfen. Wenn junge Leute, die sich bei
leichtsinnigem Treiben befreundet, nachher ernstere Eigenschaften aneinander
entdecken, so gereicht ihnen das immer zur Genugtuung, welche gern einem
entschiedenen Einflusse stattgibt. Ich zgerte daher nicht, dem Ratgeber zu
folgen, und betrat mit ihm das weitlufige Universittsgebude, auf dessen
Treppen und Flren die eigentliche Staatsjugend der verschiedensten Lnder
durcheinanderstrmte. In dem betreffenden Hrsaale waren die Bnke noch leer.
Die kahle Wand, die schwarze Tafel an derselben, die zerschnittenen und
beklecksten Tische, alles erinnerte mich beinahe beklemmend an die Schulstube,
die ich seit so vielen Jahren schon nicht mehr gesehen. Das unterbrochene Lernen
fiel mir aufs Herz und machte mir zu Mut, als ob ich, auf einer dieser Bnke
sitzend, pltzlich aufgerufen und beschmt werden knnte; denn ich dachte nicht
daran, da hier jeder in vollkommener Freiheit lebe fr eine Spanne Zeit, keiner
auf den andern sehe und jedem der Tag seiner Abrechnung noch in der Zukunft
schlummere. Doch allmhlich fllte sich der Saal, und mit Verwunderung
berschaute ich die gedrngte Versammlung. Neben einer Menge junger Leute meines
Alters, welche rcksichtslos ihre Pltze einnahmen und behaupteten, erschienen
manche in vorgerckteren Jahren, gut oder schlecht gekleidet, die schon stiller
und bescheidener unterzukommen suchten; und sogar einige alte Herren mit weiem
Haar, selbst rhmliche Lehrer, nahmen entlegene Seitenpltze ein, um zu suchen,
was es noch zu lernen gebe. Da ahnte ich freilich meine Beschrnktheit, in der
ich gewhnt, da gerade in den Rumen der Wissenschaft das Lernen fr irgend
jemanden eine Schande sei.
    So mochten ber hundert Zuhrer versammelt sein, welche des Vortragenden
harrten, als derselbe unversehens in die Tre trat, rasch nach seinem Knzelchen
eilte und dort mit anstndiger Anrede begann, das Bild unserer Leiblichkeit und
ihrer Lebensbedingungen zu entwerfen, wie es der damaligen Wissenschaft
entsprach, die wie gewhnlich den bisher denkbar hchsten Stand soeben erstiegen
hatte. Allein dergleichen Prunk kehrte er keineswegs hervor, sondern fhrte
seine Hrer mit ruhig und klar ohne irgendeinen Ansto dahinflieender Rede
durch das wohlgeordnete Gebiet, ohne bereilung sowie ohne unntzen Aufenthalt,
ohne das berraschende oder etwa notgedrungen Witzige mit Reklamen der Gebrde
oder des Wortes anzukndigen und zu begleiten.
    Auf mich wirkte schon die erste Stunde so, da ich den Zweck, der mich
hergefhrt, und alles verga und allein gespannt war auf die zustrmende
Erfahrung. Hauptschlich beschftigte mich alsobald die wunderbar scheinende
Zweckmigkeit der Einzelheiten des tierischen Organismus; jede neue Tatsache
schien mir ein Beweis zu sein von der Scharfsinnigkeit und Geschicklichkeit
Gottes, und obgleich ich mir mein Leben lang die Welt nur als vorgedacht und
erschaffen vorgestellt hatte, so dnkte mich nun bei diesem ersten Einblicke,
als ob ich bisher eigentlich gar nichts gewut htte von der Erschaffung der
Kreatur, dagegen jetzt mit der tiefsten berzeugung wider jedermann das Dasein
und die Weisheit des Schpfers behaupten knne und wolle. Aber nachdem der
Lehrer die Trefflichkeit und Unentbehrlichkeit der Dinge auf das schnste
geschildert, lie er sie unvermerkt in sich selbst ruhen und so ineinander
bergehen, da die ausschweifenden Schpfergedanken ebenso unvermerkt
zurckkehrten und in den geschlossenen Kreis der Tatsachen gebannt wurden. Und
wo ein Teil noch unerklrlich war und in die Dmmerung zurcktrat, da holte der
Redner ein helles Licht aus dem Erklrten und lie es in jene Dunkelheit
glnzen, so da der Gegenstand wenigstens unberhrt und jungfrulich seiner Zeit
harrte, wie eine ferne Kste im Frhlichte. Selbst da, wo er entsagen zu mssen
glaubte, tat er dies mit der berzeugenden Hinweisung, da doch alles mit
rechten Dingen zuginge und in der Grenze des menschlichen Wahrnehmungsvermgens
keineswegs eine Grenze der Folgerichtigkeit und Sicherheit der Naturgesetze
lge. Hiebei brauchte er keinerlei gewaltsame Reden und vermied gewisse
theologische Ausdrcke so sorgfltig wie den Widerspruch dagegen. Die
Voreingenommenen merkten auch von allem nichts und schrieben unverdrossen
nieder, was ihnen zweckdienlich schien fr Eigenliebe und aufzustellende
Meinungen, whrend die Unbefangenen alle Hintergedanken fahrenlieen und bei des
Lehrers klugen Wendungen mit frohem Sinne die Achtung vor dem reinen Erkennen
lernten.
    Auch in mir traten die willkrlichen Voraussetzungen und Nutzanwendungen
bald in den Hintergrund, ohne da ich wute, wie es geschah, als ich mich den
Einwirkungen der einfachen oder reichen Tatsachen hingab; das Suchen nach
Wahrheit ist ja immer ohne Arg, unverfnglich und schuldlos; nur in dem
Augenblicke, wo es aufhrt, fngt die Lge an bei Christ und Heide. Ich
versumte keine Stunde in dem Hrsaal. Wie ein Alp fiel es mir vom Herzen, als
ich nun doch noch etwas zu lernen anfing; das Glck des Wissens gehrt auch
dadurch zum wahren Glcke, da es einfach und rckhaltlos und, ob es frh oder
spt eintritt, immer ganz das ist, was es sein kann; es weiset vorwrts und
nicht zurck und lt ber dem unabnderlichen Leben des Gesetzes die eigene
Zerbrechlichkeit vergessen.
    Ich wurde von Wohlwollen gegen den beredten Lehrer erfllt, von dem ich
nicht gekannt war; denn es ist wohl nicht die schlimmste Eigenschaft des
Menschen, wenn er fr geistige Guttaten dankbarer ist als fr leibliche, und
zwar in dem Mae, da die Dankbarkeit wchst, je weniger selbst die geistige
Wohltat irgendeinen unmittelbaren uerlichen Nutzen mit sich bringt. Nur wenn
leibliches Wohltun so beschaffen ist, da es Zeugnis gibt von einer geistigen
Kraft, welche dem Empfnger wiederum zu einer moralischen Erfahrung wird,
erreicht seine Dankbarkeit eine schnere Hhe, die ihn selber veredelt. Die
berzeugung, da reine Tugend und Gte irgendwo sind, ist ja die beste, die uns
werden kann, und selbst die Seele des Lasterhaften reibt sich vor Vergngen ihre
unsichtbaren dunklen Hnde, wenn sie wahrnimmt, da andere fr sie gut und
tugendhaft sind.
    Indem die Lehre von unserer Menschennatur sich zusehends abrundete, bemerkte
ich nicht ohne Verwunderung, wie die Dinge neben ihrer sachlichen Form in meiner
Einbildung zugleich eine phantastisch typische Gestalt annahmen, welche zwar die
Kraft des Vorstellens in den Hauptzgen erhhte, hingegen das genauere Erkennen
des Einzelkleinen gefhrdete. Das rhrte von der Gewhnung des malerischen
Bildwesens her, die sich jetzt einmischte, wo das Gedankenwesen herrschen
sollte, whrend dieses sich wiederum an die Stelle drngte, die jenem gebhrte.
So sah ich den Kreislauf des Blutes gleich in Gestalt eines prchtigen
Purpurstromes, an welchem wie ein bleiches Schemen das weigraue Nervenwesen
sa, eine gespenstische Gestalt, die, in den Mantel ihrer Gewebe gehllt,
begierig trank und schlrfte und die Kraft gewann, sich proteusartig in alle
Sinne zu verwandeln. Oder ich sah die Millionen sphrischer Krper, weiche
ebenso ungezhlt und dem bloen Auge ebenso unsichtbar wie die Heerscharen
Himmelskrper das Blut bilden, durch tausend Kanle dahin strmen und auf ihren
Fluten unaufhrlich die Blitze des Nervenlebens einherfahren in Zeitrumen, die
im Auge der Weltordnung ebenso lange oder so kurz sind wie diejenigen, welche
die Sterne zu ihrer Wanderschaft und Geschickserfllung bedrfen. Auch die
Wiederholung der ungeheuren Vielzahl und Zusammengesetztheit der ganzen
kosmischen Natur in jedem einzelnen hinflligen Schdelrunde dehnte sich mir zu
der ungeheuerlichen Vorstellung aus, als ob ein monadenkleines Forscherlein tief
im Gehirne sitzen und ebenso leicht sein Fernrohr durch freie Rume richten
knnte wie der Astronom das seine durch den Weltther, trotz aller scheinbaren
Dichtigkeit der Materie im erstern Rundgebiete; ja vielleicht sei das
Oszillierer der Nervenmassen des Gehirns nichts anderes als das wirkliche
Wandern der Gedanken- oder Begriffskrperchen durch die Rume der Hemisphren,
und was dergleichen Spe mehr waren.
    Doch der Ernst des Lehrers und die ebenmige Ruhe seiner Rede berwanden
schlielich solche Strungen und stellten eine Aufmerksamkeit her, die bis zum
Schlusse andauerte, hier aber einer gewissen Betroffenheit Platz machte. Denn
nachdem er die Lehre von der Sinnesentwicklung mit der Entstehung des
menschlichen Bewutseins abgeschlossen, endigte er, aus seiner Zurckhaltung
heraustretend, mit der unverhohlenen Bestreitung der Existenz eines sogenannten
freien Willens. Er tat es mit wenigen gemigten Worten, die, wenn auch sanft
und friedlich, doch keineswegs triumphierend oder selbstzufrieden tnten;
vielmehr klang ein so herbes Entsagen deutlich hindurch, da ich mich sofort
dagegen auflehnte, da die Jugend nie gewillt ist, etwas fr gut und kstlich
Geltendes so leicht dahinzugeben.

                                Zweites Kapitel



                               Vom freien Willen

Je hher der Mann in meiner Achtung stand, um so eifriger machte ich mir zu
schaffen, die geliebte Freiheit des Willens, welche ich von jeher zu besitzen
und tapfer auszuben glaubte, wiederherzustellen. Unter den wenigen
Gegenstnden, die sich aus jenen Tagen erhalten, gibt es noch ein kleines
Schreibbuch. Es enthlt einige hastige Aufzeichnungen, und ich lese die mit
Bleistift beschriebenen Seiten jetzt mit bescheideneren Gefhlen, aber nicht
ohne Rhrung wieder:
    Die Verneinung des Professors ist es an sich nicht, die mich abstt oder
erschreckt. Es gibt eine Redensart, da man nicht nur niederreien, sondern auch
wissen msse aufzubauen, welche Phrase Voll gemtlichen und oberflchlichen
Leuten allerwegs angebracht wird, wo ihnen eine sichtende Ttigkeit unbequem
entgegentritt. Diese Redensart ist da am Platze, wo obenhin abgesprochen oder
aus trichter Neigung verneint wird; sonst aber ist sie ohne Verstand. Denn man
reit nicht stets nieder, um wieder aufzubauen; im Gegenteil, man reit recht
mit Flei nieder, um freien Raum fr Licht und Luft zu gewinnen, welche berall
sich von selbst einfinden, wo ein sperrender Gegenstand weggenommen ist. Wenn
man den Dingen ins Gesicht schaut und sie mit Aufrichtigkeit behandelt, so ist
nichts negativ, sondern alles ist positiv, um diesen Pfefferkuchenausdruck zu
gebrauchen.
    Wenn die Freiheit des Willens nun bei den untern Stufen unsers Geschlechtes
und verwahrlosten einzelnen auch nicht vorhanden war, so mute sie sich doch
einfinden und entwickeln, sobald die Frage nach ihr sich einfand, und wenn
Voltaires Trumpf: Gbe es keinen Gott, so mte man einen erfinden! eher eine
Blasphemie als ein positive gute Rede war, so verhlt es sich nicht also mit der
Willensfreiheit, und hier drfte man nach Menschenpflicht und - recht sagen
Lasset uns diese Freiheit schaffen und in die Welt bringen!
    Die Schule des freien Willens kann man am fglichsten mit einer Reitbahn
vergleichen. Der Boden derselben ist das Leben dieser Welt, ber welches auf
gute Manier hinwegzukommen es sich handelt, und er kann zugleich den festen
Grund der Materie vorstellen. Das wohlgeartete und geschulte Pferd ist das
besondere, immer noch materielle Organ, der Reiter darauf der gute menschliche
Wille, welcher jenes zu beherrschen und zum freien Willen zu werden trachtet, um
auf edlere Weise ber jenen derben Grund hinwegzukommen; der Stallmeister
endlich mit seinen hohen Stiefeln und seiner Peitsche ist das moralische Gesetz,
das aber einzig und allein auf die Natur und Gestalt des Pferdes gegrndet ist
und ohne dieses gar nicht vorhanden wre. Das Pferd aber wrde ein Unding sein,
wenn nicht der Boden existierte, auf welchem es traben kann, so da also
smtliche Glieder dieses Kreises durch einander bedingt sind und keines sein
Dasein ohne das andere hat, ausgenommen den Boden der Materie, welcher daliegt,
ob jemand darber reite oder nicht. Nichtsdestoweniger gibt es gute und
schlechte Reitschler, und zwar nicht allein nach der krperlichen Befhigung,
sondern vorzglich auch infolge des entschlossenen Zusammennehmens. Den Beweis
liefert das erste beste Reiterregiment, das uns ber den Weg reitet. Die Scharen
der Gemeinen, welche keine Wahl hatten, mehr oder weniger aufmerksam zu lernen,
und nur durch eine eiserne Disziplin in den Sattel gewhnt wurden, sind alle
beinahe gleich zuverlssige Reiter; keiner zeichnet sich besonders aus und
keiner bleibt zurck, und um das Bild eines ordentlichen Schlendrians des Lebens
zu vollenden, kommen ihnen die zusammengedrngten und in die Reihe gewhnten
Pferde auf halbem Wege entgegen; und was etwa der Reiter versumen sollte, tut
sein Organ, das Pferd, von selbst. Erst wo dieser Zwang und Schlendrian, das
bitter Notwendige der Masse aufhrt, beim lblichen Offizierskorps, gibt es
sogenannte gute Reiter, schlechtere und vorzgliche Reiter; denn diese haben es
in ihrer Gewalt, ber das geforderte Ma hinaus mehr oder weniger zu leisten.
Das Ausgezeichnete und Khne, was der Gemeine erst im Drange der Schlacht, in
unausweichlicher Gefahr und Not unwillkrlich und unbewut tut, die groen Stze
und Sprnge, bt der Offizier alle Tage zu seinem Vergngen, aus freiem Willen
und sozusagen theoretisch; doch fern ist es von ihm, da er deswegen allmchtig
sei und nicht trotz allem Mute und aller Kraft einmal abgeworfen oder von seinem
allzu widerspenstigen Tiere bewogen werden knne, durch ein anderes Strlein zu
reiten, als er gewollt hat.
    Wird aber der Steuermann, um auf ein anderes Bild zu kommen, zuflliger
Strme wegen, die ihn verschlagen knnen, der Abhngigkeit wegen von gnstigen
Winden, wegen schlechtbestellten Fahrzeuges und unvermuteter Klippen, wegen
verhllter Leitsterne und verdunkelter Sonne sagen: Es gibt keine
Steuermannskunst! und es aufgeben, nach bestem Vermgen sein vorgestecktes Ziel
zu erreichen?
    Nein, gerade die Unerbittlichkeit, aber auch die Folgerichtigkeit der
tausend ineinandergreifenden Bedingungen mssen uns reizen, das Steuer nicht
fahrenzulassen und wenigstens die Ehre eines tchtigen Schwimmers zu erkmpfen,
welcher in mglichst grader Richtung ber einen stark ziehenden Strom schwimmt.
Nur zwei werden nicht hinbergelangen: derjenige, der sich nicht die Kraft
zutraut, und der andere, der vorgibt, er brauche gar nicht zu schwimmen, er
wolle fliegen und nur noch warten, bis es ihm recht gefalle.
    Ja, ein verantwortlichkeitsschwangeres Wesen treibt in den Dingen und
kruselt den Spiegel der ruhigen Seele: die Frage nach einem gesetzmigen
freien Willen ist zugleich in ihrem Entstehen die Ursache und Erfllung
desselben, und wer einmal diese Frage getan, hat die Verantwortung fr eine
sittliche Bejahung auf sich genommen!
    Ich erinnere mich, da es im Monat August und in abgelegener Gegend eines
ffentlichen Parkes war, als ich diese Worte schrieb. Von ihrem Gewichte nicht
gerade niedergedrckt, wandelte ich nach vollbrachter Tat gemchlich weiter und
gelangte an eine Hecke wilder Rosenstruche, zwischen denen die ausgespannten
Netze vieler Spinnen hingen. Es war eine Art kleiner gelber Kreuzspinnen, die
hier eine Kolonie zu bilden schienen und alle in wacher Ttigkeit schwebten. Die
eine sa still in der Mitte ihres Kunstwerkes und lauerte aufmerksam auf einen
Fang; die andere klomm geruhig an den Fden umher, um hie und da einen Schaden
auszubessern, whrend die dritte mit Unfrieden einen bsen Nachbar beobachtete.
Denn an der Grenzmark eines jeden Netzes, im Blattwerke verborgen, saen
gleichfarbige, aber ganz dnnleibige Spinnen, welche keine eigenen Netze bauten,
sondern sich darauf beschrnkten, den Erwerb der fleiigen Knstlerinnen fr
sich zu packen. Ein leichter Wind bewegte das Gestruche und mit demselben die
luftige Stadt dieser Ansiedler, so da der allgemeine Weltlauf auch hier in
aller Stille Leidenschaft und Unruhe hervorbrachte.
    Ich haschte ein Fliege und warf sie auf ein Gewebe, dessen Inhaberin reglos
im Mittelpunkte hing. Sogleich strzte sie ber das unglckliche Tier her,
drehte und wendete es einigemal zwischen den Pfoten, schnrte ihm mit
vorlufigen Stricken Flgel und Beine zusammen, berzog es dann mit dichterm
Gespinste, indem sie abermals den Raub mit grter Fertigkeit zwischen den
Hinterfen drehte gleich dem Braten am Spiee, und stellte so ein handliches
Paket her, das sie bequem nach ihrem Sitze schleppte. Aber schon war die
parasitische Raubspinne von ihrem Lauerposten mit kurzen Rucken halbwegs
herangenaht, bereit, dem rechtmigen Jger die Beute zu entreien, und kaum
ersah dieser den Feind, als er den Weidsack an das Gitter seines Burgsitzes hing
und sich wie der Blitz gegen den Angreifer wendete. Mit funkelnden Augen und
ausgestreckten Vorderfen gingen sie sich entgegen, versuchten sich wie
frmliche Fechter und rannten sich an. Die Spinne, die im wohlerworbenen Rechte
war, schlug die andere nach entschlossenem Kampfe in die Flucht und kehrte zu
ihrer Beute zurck; die war jedoch inzwischen von einem zweiten, von
entgegengesetzter Seite herbeigekommenen Ruber weggeholt worden, der soeben mit
der Fliege nach seinem Schlupfwinkel abzog. Da dieser glcklichere Geselle
bereits im Besitze war, so trieb er nun seinerseits die ihn verfolgende
rechtmige Besitzerin von sich ab und entzog sich ihrer Gewalt, indem er
schleunigst das Netz verlie. Aufgeregt ging jene umher, brachte das Gewebe, wo
es durch die Ereignisse beschdigt war, in Ordnung und setzte sich endlich
wieder in den Mittelpunkt.
    Da brachte ich eine neue Fliege herbei; die Spinne packte sie wie die
frhere; allein schon machte sich der erste Wegelagerer wieder herbei, dem der
Hunger keine Wahl lassen mochte; und nun, statt das neue Opfer kunstgerecht
einzuwickeln, nahm sie es kurzweg zwischen die Frezangen und trug es, wie der
Br das Lamm, nicht nach dem Mittelsitze, sondern aus dem Netze heraus nach
einem Refugium. Sie erreichte es nicht; denn der Feind rannte ihr den Weg ab, so
da sie eine andere Zuflucht suchen mute, weil sie ihren Fang nicht
fahrenlassen und deshalb den Kampf nicht aufnehmen konnte. So entwickelte sich
ein noch rgeres Irrsal fr das geplagte Tierchen, indem zu gleicher Zeit der
Wind strker wurde und das Netz so heftig schaukeln machte, da eine Hauptsttze
desselben zerri, nmlich einer der strkeren Fden, an welchen es aufgehangen
war. Darber ging die Fliege verloren, der Gegner machte sich auch aus dem
Staube, und nur die Spinne blieb auf dem Platze, um ihre Pflicht zu tun. Wie
whrend des Sturmes ein Matrose im Takelwerk seines Schiffes hngt, so kletterte
sie mit zitternden Gliedern an dem schwankenden Netze auf und nieder und suchte
zu retten, was zu retten war, unbekmmert um die Windste, welche sie samt
ihrem Werke umherwarfen. Erst als ich einen Zweig brach und das ganze Gebude
pltzlich hinwegstreifte, floh sie vor der hheren Gewalt in das Gebsche. Nun
wird sie fr heute genug haben! dachte ich und ging weiter. Als ich aber eine
Viertelstunde spter an demselben Ort vorberkam, hatte die Spinne schon ein
neues Werk begonnen und bereits die Radialtaue gespannt. Jetzt zog sie die
feineren Querfden, zwar nicht mehr so gleichmig und zierlich wie die
zerstrten; es gab lockere oder zu enge Stellen, hier fehlte eine Linie, dort
zog sie eine solche zweimal, kurz, sie betrug sich wie einer, ber den Schweres
und Hartes ergangen ist und der sich bekmmert und mit zerstreuten Sinnen wieder
an die Arbeit gemacht hat. Ja freilich, es war unverkennbar, die kleine Kreatur
sagte sich: Es hilft nichts! Ich mu in Gottes Namen wieder anfangen!
    Hierber erstaunte ich nicht wenig; denn eine solche Entschlufhigkeit in
dem winzigen Gehirnchen erhob sich beinahe zu der menschlichen Willensfreiheit,
die ich behauptete, oder sie zog diese zu sich herunter in den Bereich des
blinden Naturgesetzes, des leidenschaftlichen Antriebes. Um diesem zu entrinnen,
erhhte ich sofort meine sittlichen Ansprche, da es beim Bau von Luftschlssern
auf ein Mehr oder Weniger an Unkosten ja niemals ankommt. Ob auch Luftschlsser
sich verwirklichen oder ob sie mindestens dazu dienen, eine goldene Mittelstrae
zu schtzen, wie das rmische Castrum einst den Heerweg, wird wohl das Geheimnis
einer Erfahrung sein, welches erworbene Bescheidenheit nicht immer preisgibt.
    So war ich also mit dem glnzenden Schwerte der Willensfreiheit bewaffnet,
ohne aber ein Fechter zu sein. Da ich erst beabsichtigt hatte, einige
anatomische Einsicht behufs der Darstellung der menschlichen Gestalt zu holen,
wute ich fast nicht mehr und unterlie jedes weitere Vorgehen in dieser
Richtung. Ohne zu wissen, wie es geschehen, war ich schon im gleichen Sommer in
ein vorbereitendes Kollegium ber Rechtswissenschaft geraten und hatte nur
wenige Stunden versumt, da mir bald unertrglich dnkte, das nicht zu kennen,
wovon ich vor kurzem nichts gewut und was niemand von mir verlangte. Von neuen
Bekanntschaften, die ich dabei gemacht und die jetzt in die Ferien gereist,
hatte ich Bcher geliehen und das eine oder andere auch selbst erworben. Darin
las ich nun tage- und nchtelang, als ob eine Prfung vor der Tre stnde, und
als im Herbste die Sle sich wieder auftaten, fand ich mich bei dem ersten
Lehrer des rmischen Rechtes als Hrer ein, keineswegs in der Absicht, etwa ein
Jurist zu werden, sondern lediglich, um zu erfahren, was es mit diesen Dingen
auf sich habe, und die Textur derselben zu sehen. Meines Bleibens war hier
freilich nur so lange, bis ich ein vernnftigeres Gelste nach der Geschichte
des rmischen Staates und Volkes berhaupt empfand, und von hier aus lag es
nahe, die Hand auch nach den griechischen Geschichten auszustrecken, welche ich
in ihrer ersten drftigen Schulgestalt mitten im Kurs einst mute fahrenlassen,
als ich aus der Schule geschickt worden. Ich verhielt mich jetzt sehr still und
ruhig und lie die Herrlichkeiten mit frohem Behagen auf mich wirken, niemals
ohne mir die schnen Landschaften, die Inseln und Vorgebirge zu
vergegenwrtigen, wenn ihre wohllautenden Namen genannt wurden.
    Unversehens aber stie ich auf die Bnde deutscher Rechtsaltertmer,
Weistmer, Sagen und Mythologie, welche damals in der Blte ihres Ruhmes
standen; hier fhrten alle Pfade wieder in die Urzeit der eigenen Heimat zurck,
und ich lernte mit neuer Verwunderung die wachsende Freude an Recht und
Geschichte derselben kennen. Zu jener Zeit begann auch schon am Horizonte der
Brnhildenkultus als Sehnsucht nach der Germanenjugend aufzutauchen und den
Schatten der wackeren Hausfrau Thusnelda zu verdrngen, wie die dmonische Medea
dem berreizten Sinne besser gefllt als die menschliche Iphigenia. Insbesondere
manchem schwchlichen Ritterlein schien fr das Herzensbedrfnis die
unverstandene gewaltige Heldenjungfrau gerade gut genug, und sie wurde in ihren
Wolkenschleiern nachtrglich vielfach angeliebelt. Immerhin aber warf das
glnzende Luftbild helle Lichtstreifen ber die Landschaften der Vorzeit und
rief das Gegenpostulat der Siegfriedsgestalt wach, die im Schatten der Wlder
verborgen schlief.
    So phantasiegeborne Anschauungen verzogen sich jedoch bald vor Gedanken
nchterner Art, als ich mich mehr an das Betrachten der Geschichte gewhnte und
ich wie ein neuer Sancho Pansa beinahe mit ein paar platten Sprichwrtern
ausreichte, um die Ergebnisse zusammenzufassen. Ich sah, da jede geschichtliche
Erscheinung genau die Dauer hat, welche ihre Grndlichkeit und lebendige
Innerlichkeit verdient und der Art ihres Entstehens entspricht. Ich sah, wie die
Dauer jedes Erfolges nur die Abrechnung der verwendeten Mittel und die Prfung
des Verstndnisses ist und wie gegen die ununterbrochene Ursachenreihe auch in
der Geschichte weder Hoffen noch Frchten, weder Jammern noch Toben, weder
bermut noch Verzagtheit etwas hilft, sondern Bewegung und Rckschlag ihren
wohlgemessenen Rhythmus haben. Ich versuchte daher achtzugeben auf dieses
Verhltnis in der Geschichte und verglich den Charakter der Ereignisse und
Zustnde mit ihrer Dauer und dem Wechsel ihrer Folge welche Art von lnger
anhaltenden Zustnden z.B. ein pltzliches oder aber ein allgemaches Ende nehmen
oder welche Art von unerwarteten, rasch einfallenden Ereignissen dennoch einen
dauernden Erfolg haben? welche Bewegungsarten einen schnellen oder langsamen
Rckschlag hervorrufen, welche von ihnen scheinbar tuschen und in die Irre
fhren und welche den erwarteten Gang offen gehen? in welchem Verhltnisse
berhaupt die Summe des moralischen Inhaltes zu dem Rhythmus der Jahrhunderte,
der Jahre, der Wochen und der einzelnen Tage in der Geschichte stehe? Hiedurch
dachte ich mich zu befhigen, schon im Beginn einer Bewegung je nach ihren
Mitteln und nach ihrer Natur die Hoffnung oder Furcht zu beschrnken, die auf
sie zu setzen war, wie es einem besonnenen freien Weltbrger geziemte. Denn wie
man's treibt, so geht's! meinte ich, sei auch in der Geschichte
glcklicherweise kein Gemeinplatz, sondern eine eiserne Wahrheit. Fr das
gegenwrtige Leben sei daher die Erkenntnis ntzlich alles, was wir an unsern
Gegnern tadelnswert und verwerflich finden, das mssen wir selber vermeiden und
nur das an sich Rechte tun, nicht allein aus Neigung, sondern recht aus
Zweckmigkeit und geschichtlichem Bewutsein.
    Mein liebster Aufenthalt waren nun die Sttten, wo gelehrt wurde, und ich
trieb mich als eine Art von Halbstudent um, der da alles zu vernehmen und zu
sehen begehrte, gleich einem jungen Herrensohn, der zu seiner allgemeinen
Ausbildung auf der hohen Schule weilt, sonst es aber gerade nicht ntig hat. Wo
von Physikern, Chemikern, Zoologen oder Anatomen merkwrdige Demonstrationen
angekndigt und von Redemeistern besonders berhmte Kapitel abgehandelt wurden,
befand ich mich stets im Strome der Neugierigen, welche sich hinzudrngten. Und
nach bestandenem Abenteuer war ich inmitten der Studentenhaufen zu sehen, wenn
sie vor Tisch ihre burschikosen Frhschoppen tranken. Denn erst jetzt handelte
ich dem Rate des Eichmeisters zuwider, vor Abend niemals ins Wirtshaus zu gehen,
weil es mich trieb, ber das Erfahrene sprechen zu hren und mich selbst
auszusprechen. Zuweilen gedieh ich im Eifer sogar zum lauten Wortfhrer, fast
genau wie zu jener Zeit, als ich meine Sparbchse verschwendete, ein
Grosprecher unter den Knaben war und einem tragischen Unheil entgegenging.

                                Drittes Kapitel



                                  Lebensarten

Es gab allerdings wieder eine Sparbchse, welche ihrer Verwendung harrte. Am
Tage nach meiner Abreise vor nunmehr lnger als drei Jahren hatte die Mutter
sogleich ihre Wirtschaft gendert und beinahe vollstndig in die Kunst
verwandelt, von nichts zu leben. Sie erfand ein eigentmliches Gericht, eine Art
schwarzer Suppe, welches sie jahraus, jahrein, einen Tag wie den andern um die
Mittagszeit kochte, auf einem Feuerchen, welches gleichermaen fast von nichts
brannte und eine Ladung Holz eine Ewigkeit dauern lie. Sie deckte an den
Werktagen nicht mehr den Tisch, da sie nun ganz allein a, nicht um die Mhe,
sondern die Kosten der Wsche zu sparen, und setzte ihr Schsselchen auf ein
einfaches Strohmttchen, das immer sauber blieb, und indem sie ihren
abgeschliffenen Dreiviertelslffel in die Suppe tauchte, rief sie pnktlich den
lieben Gott an, denselben fr alle Leute um das tgliche Brot bittend, besonders
aber fr ihren Sohn. Nur an den Sonn- und Festtagen deckte sie den Tisch mit
reinlichem Weilinnen und setzte ein Stckchen Rindfleisch darauf, welches sie
am Sonnabend eingekauft. Diesen Einkauf selber machte sie weniger aus Bedrfnis
- denn sie htte sich fr ihre Person auch am Sonntage noch mit der
spartanischen Suppe begngt, wenn es htte sein mssen - als vielmehr, um einen
Zusammenhang mit der Welt und die Gelegenheit zu haben, wenigstens einmal die
Woche auf dem alten Markte zu erscheinen und den Weltlauf zu sehen.
    So marschierte sie denn still und eifrig, ein Krbchen am Arme, erst nach
den Fleischbnken; und whrend sie dort klug und bescheiden hinter dem Gedrnge
der groen Hausfrauen und Mgde stand, die lrmend und verwegen ihre Krbe
fllen lieen, stellte sie kritische Betrachtungen ber das Behaben der Weiber
an und rgerte sich sonderlich ber die munteren leichtsinnigen Dienstmgde,
welche sich von den lustigen Metzgerknechten also betren lieen, da diese
whrend des Scherzes und Gelchters unvermerkt eine ungeheure Menge Knochen und
Luftrhrenfragmente in die Waagschale warfen, so da es die Frau Elisabeth Lee
fast nicht mit ansehen konnte. Wenn sie die Herrin solcher Mdchen gewesen wre,
so htten diese ihre Verliebtheit an den Fleischbnken teuer ben und
jedenfalls die Knorpeln und Rhren der trgerischen Gesellen selbst essen
mssen. Allein es ist dafr gesorgt, da die Bume nicht in den Himmel wachsen,
und diejenige, welche von allen anwesenden Frauen vielleicht die gestrengste
gewesen wre, hatte dermalen nicht mehr Macht als ber ihr eigenes Pfndlein
Fleisch, das sie mit Umsicht und Ausdauer einkaufte.
    Sobald sie es im Krbchen hatte, richtete sie ihren Gang nach dem
Gemsemarkt am Wasser und erlabte ihre Augen an dem Grn der Kruter, den bunten
Farben der Frchte, an allem, was aus Grten und Feldern herbeigeschafft war.
Sie wandelte von Korb zu Korb und ber die schwanken Bretter von Schiff zu
Schiff, das aufgehufte Wachstum bersehend und an dessen Schnheit und
Billigkeit die Wohlfahrt des Staates und dessen innewohnende Gerechtigkeit
ermessend, und zugleich tauchten in ihrer Erinnerung die grnen Landstriche und
die Grten ihrer Jugend auf, in welchen sie einst selbst so gedeihlich gepflanzt
hatte, da sie zehnmal mehr wegzuschenken imstande war, als sie jetzt bedchtig
einkaufen mute. Htte sie noch groe Vorrte fr einen zahlreichen Haushalt zu
ordnen gehabt, so wrde das ein Ersatz gewesen sein fr das Sen und Pflanzen;
aber auch der war ihr genommen und die Handvoll grner Bohnen, Spinatblttchen
oder gelber Rbchen, welche sie endlich in ihr Krbchen tat, nachdem sie manchen
scharfen Zuspruch wegen berteuerung ausgeteilt, fr sie nur ein notdrftiges
Symbol der Vergangenheit, samt dem Bschelchen Petersilie oder Schnittlauch, das
sie als Dreingabe erkmpfte.
    Das weie Stadtbrot, das bislang in ihrem Hause gegolten, hatte sie auch
abgeschafft und bezog alle acht Tage ein billigeres rauhes Brot, welches sie so
sparsam a, da es zuletzt steinhart wurde; aber zufrieden dasselbe bewltigend,
schwelgte sie ordentlich in ihrer freiwilligen Askese.
    Um die gleiche Zeit wurde sie karg und herb gegen jedermann, im
gesellschaftlichen Verkehr vorsichtig und zurckhaltend, um alle Ausgaben zu
vermeiden; sie bewirtete niemanden oder, wenn es geschah, so knapp und
ngstlich, da sie bald fr geizig und ungefllig gegolten, htte sie nicht
durch eine verdoppelte Bereitwilligkeit mit dem, was sie durch die Mhe ihrer
Hnde, ohne andere Kosten, bewirken konnte, jene herbe Sparsamkeit aufgewogen.
    berall, wo sie mit Rat und Tat beistehen konnte, war sie immer wach und
rstig bei der Hand, keine Ausdauer scheuend, und da sie fr sich bald fertig
war, so verwendete sie eine schne Zeit zu solchen Dienstleistungen, bald in
diesem, bald in jenem Hause, wo Krankheit oder Tod die Menschen bedrngten.
    Aber berallhin brachte sie ihre genaue Einteilungskunst mit, so da die
behbigeren Leute, whrend sie dankbar sich die unermdliche Hilfe gefallen
lieen, doch hinter ihrem Rcken sagten, es wre doch eigentlich eine Snde von
der Frau Lee, da sie gar so ngstlich, so sprde sei und dem lieben Gott nichts
berlassen knne oder wolle. Sie hingegen berlie freilich der Vorsehung Gottes
alles, was sie nicht verstand, vorerst die Verwickelungen der moralischen Welt,
mit denen sie nicht viel zu tun hatte, weil sie sich nicht in Gefahr begab.
Nichtsdestoweniger war Gott ihr auch der Grundpfeiler in der Ernhrungsfrage;
aber diese schien ihr so wichtig, da sie niemals zauderte, sich zuerst selber
zu wehren, so da es den Anschein gewann, als ob sie nur auf sich allein
vertraute.
    Mit eherner Treue hielt sie an ihrer Weise fest; weder durch Sonnenblicke
der Frhlichkeit noch durch dsteres Unbehagen, weder im Scherz noch im Ernste
lie sie sich verleiten, auch die kleinste unntige Ausgabe zu machen. Sie legte
Groschen zu Groschen, und wo diese einmal lagen, waren sie so sicher aufgehoben
wie im Kasten des eingefleischten Geizes. Mit der Ausdauer des Geizes sammelte
sie Geld, aber nicht zur Augenlust; denn das Gesammelte beschaute sie niemals
und berzhlte es nie, wenigstens nicht zum zweiten Mal, und noch weniger
stellte sie sich vor, was alles dafr herbeizuschaffen und zu genieen sei.
    Ich indessen war seit geraumer Zeit mit den Mitteln an ein Ende gekommen,
die zu meiner Ausbildung bestimmt gewesen. Schon sa ich in einem ordentlichen
Gewebe von Schuldbeziehungen gefangen und war ohne alle Schwierigkeit
hineingeraten, und zwar durch den studentischen Verkehr, der sich von der
Lebensart der Kunstjnger wesentlich unterscheidet. Diese sind von Anfang an auf
die Benutzung des Tageslichtes durch unausgesetzte Handbung angewiesen; das
bringt allein schon einen andern wirtschaftlichen Zustand mit sich, welcher den
guten alten Handwerkssitten verwandt ist. Whrend meines Umganges mit dem
reichen Lys und dem an sorgloses Leben auch gewhnten Erikson war ich meiner
bescheidenen Verhltnisse nie innegeworden. Wir sahen uns immer nur des Abends,
und da lebten sie in der Regel nicht anders, als ich und hnliche wenig
bemittelte Leute auch leben durften; von einem gegenseitigen Anreize zu
schdlichen Ausgaben war nicht die Rede, und was gute Laune oder ein Fest etwa
an Ausnahmen herbeifhrten, strte niemals in nachhaltiger Weise das
Gleichgewicht.
    Der Student dagegen lebt einstweilen und bis zum Tage des Gerichtes in jedem
Sinne unter dem Panier der Freiheit. Er beansprucht, selber in jugendlichem
Vertrauen schwrmend, ein auerordentliches Vertrauen; Unflei und Geldmangel
gereichen ihm nicht zum Nachteil, vielmehr werden beide durch besondere Lieder
gefeiert, sogar das Vertun der letzten Habe, das Hnseln der Glubiger in alten
und neuen rituellen Gesngen gepriesen. Ist alles dies bei der heutigen besseren
Sitte auch mehr euphemistisch gemeint, so ist es doch immer noch das Wahrzeichen
von Freiheiten, die eine gewisse allgemeine Redlichkeit zur Voraussetzung haben.
    Da ich mich eines Morgens ohne Vorbedacht und Willen von einigen Schulden
belstigt sah, stellte ich nachtrgliche Betrachtungen ber das Vorkommnis an
und setzte mich mit demselben ungefhr folgendermaen auseinander:
    Htte ich einen Sohn mit guten Lehren zu versehen, so wrde ich zu ihm
sagen: Mein Sohn, wenn du ohne Not und sozusagen zu deinem Vergngen Schulden
machst, so bist du in meinen Augen nicht sowohl ein Leichtsinniger als vielmehr
eine niedrige Seele, die ich im Verdachte eines schmutzigen Eigennutzes habe,
einer Selbstsucht, die andere unter dem Deckmantel traulicher Hilfsbedrftigkeit
absichtlich um das Ihrige bringt. Wenn aber ein solcher von dir borgen will, so
weise ihn ab; denn es ist besser, du lachest ber ihn als er ber dich! Wenn du
hingegen in Not gertst, so borge, soviel es genaugenommen sein mu, und ebenso
diene deinen Freunden, ohne zu rechnen, und alsdann trachte fr deine Schulden
aufzukommen, Verluste verschmerzen oder zu dem Deinigen gelangen zu knnen, ohne
zu wanken und ohne schimpflichen Zank. Denn nicht nur der Schuldner, der seine
Verpflichtungen einhlt, sondern auch der Glubiger, der ohne Zank dennoch zu
dem Seinigen kommt, beweist, da er ein wohlbestellter Mann ist, welcher
Ehrgefhl um sich verbreitet. Bitte keinen zweimal, der dir nicht borgen will,
und la dich ebensowenig drngen; denke immer, da dein guter Ruf an die
Bezahlung von Schulden geknpft, oder vielmehr denke das nicht einmal, denke an
gar nichts, als da soundso viel zu bezahlen sei im Leben oder im Tode. Kann dir
aber ein anderer das gegebene Versprechen nicht halten, so richte nicht gleich
ber ihn, sondern berla lieber das Urteil der Zeit. Vielleicht bist du noch
einmal froh, wenn er dir als Sparbchse gedient hat. Nach dem Mae aber, in
welchem du dich in Verpflichtungen begibst und die in dir selbst liegenden
Krfte dabei schtzest, wird es sich zeigen, was du wert bist. Du wirst die
Abhngigkeit unsers Daseins menschlich fhlen gelernt haben und das Gut der
Unabhngigkeit auf eine edlere Weise zu brauchen wissen, als der nichts geben
und nichts schuldig sein will. Bedarfst du in der Not das Vorbild und Ideal
eines redlichen Schuldenmachers, so denke an den spanischen Cid, welcher den
Juden eine Kiste voll Sand versetzte und ihnen sagte, es sei gutes Silber darin!
Sein Wort war allerdings so gut wie Silber; und doch welche Verdrielichkeit,
wenn ein Neugieriger oder Mitrauischer vor der Zeit die Kiste geffnet htte!
Dennoch wre es derselbe Cid gewesen, dessen Leiche am Schwert ruckte, als ein
Jude sie am Barte zupfen wollte.
    Diese groen Worte, mit denen ich mir den Rat eines weisen Vaters ersetzte,
regten mein Gewissen doch so krftig an, da ich Anstalt traf, die Tore des
Erwerbes aufzutun. Ohne lngeres Sumen machte ich mich an den Entwurf eines
Landschaftsbildes von bescheidenem Umfang, dessen Verkauf nicht von vornherein
unwahrscheinlich war. Zugrunde lag ein ansehnliches Studienblatt aus der Heimat,
welches einen gerodeten Bergwald darstellte. Von diesem zog sich ein
stehengebliebener Saum von Eichbumen einen hhern Grat entlang und stieg auf
demselben ins Tal herunter an einen schumenden Waldbach, wie ein Zug
schreitender Riesen, die sich unten sammeln und Rat halten. Als ich mit dem
Entwurfe fertig war, fhlte ich das Bedrfnis, die Ansicht eines Kunstgenossen
einzuholen, um nichts zu unterlassen, was ein Gelingen herbeifhren konnte. Denn
der Ernst der Sache wurde mir mit jedem Striche fhlbarer.
    Glcklicherweise begegnete ich zu dieser Zeit einem eben im Flor stehenden
Landschafter, mit dem ich in Eriksons Gesellschaft ein paarmal zusammengetroffen
und auf einem gewhnlichen Bekanntschaftsfue stand. Der Mann besa eine sichere
und wirksame Technik; er brachte sozusagen keinen Pinselstrich zuviel oder
zuwenig an, und jeder leuchtete mit ungebrochener Kraft; also waren auch seine
Bilder berall gern gesehen, und er kam mit solchem Fleie der Nachfrage
entgegen, da er schon begann, Mangel an Gegenstnden zu empfinden, und mehr
Gemlde lieferte, als er Ideen dazu im Vorrat besa. Er wiederholte sich fter
und war sogar um einzelne Wolken- oder Erdformen verlegen, da er alle schon ein
oder mehrere Male irgendwie gebraucht hatte, obschon er noch nicht vierzig Jahre
alt war. Denn er besa eine stattliche Frau und eine Schar Kinder, die ernhrt
sein wollten, und da er bei dieser Bemhung einmal im glcklichen Schusse war,
so gedachte er gleich auch wohlhabend zu werden. Wenn man fr die alten Tage
sorgen will, pflegte er zu sagen, so mu man das in den jungen Tagen tun. Auch
sei es ihm unmglich, die einzelnen seiner Kinder in der Armut zu denken; darum
msse er sie alle dagegen schtzen und zugleich hiedurch bewirken, da sie
einstmals fr ihre Kinder ebenso gesinnt seien; so nhmen die Dinge auf lange
hin ihren guten Verlauf, einzig infolge eines entschlossen angewandten
Grundsatzes.
    Er fragte mich, was ich treibe, und ich benutzte die Gelegenheit, ihn um
seinen Rat zu ersuchen. Bereitwillig kam er zu mir und sah etwas berrascht
meine Arbeit oder vielmehr die ihr zugrund liegende Naturstudie. Die Bume, als
die aus einem ehemaligen Hochwalde ausgeschnittenen berbleibsel, zeigten alle
so eigentmlich malerische Formen, wie man sie nicht leicht vorfindet oder zum
zweiten Male antrifft, und die lichte Ordnung, in welcher sie sich besonders
ber die Hhe hin bewegten, war nicht weniger original. Da berdies die Eichen
seither vermutlich auch niedergelegt und in ihrer Entlegenheit von einem andern
Zeichner kaum wiedergegeben worden, so erhielt der Gegenstand der Studie wie des
entworfenen Bildes ohne mein Verdienst den Charakter einer wertvollen
Seltenheit. Dieser Umstand mochte den erfahrenen Landschafter anregen, sich
lebhaft mit dem Entwurfe zu beschftigen. Er begann erst mit Worten die zu groe
Flle desselben, die sich selbst im Wege stand, zu sichten, das berflssige
oder Hindernde auszusondern und das Wesentliche zusammenzurcken. Dann ergriff
er, von Eifer hingerissen, Stift und Papier und brachte, fortwhrend sprechend,
mit fester Hand, seine Meinung so trefflich in sichtbare Gestalt, da binnen
einer halben Stunde eine Meisterskizze fertig war, die in jeder Sammlung guter
Handzeichnungen ihren bestimmten Rang einnehmen konnte. Ich sah freilich mit
geheimem Bedauern mehr als ein sinniges und frommes Motiv, das ich nicht hatte
opfern wollen, verschwinden, bemerkte aber auch mit Wohlgefallen, wie gerade
dadurch eine neue strkere Wirkung des brigen zum Vorschein gelangte und auch
eine glckliche Ausfhrung erleichtert werden mute. Ich freute mich, den Mann
zu guter Stunde gefunden zu haben, und sah mich schon an der Arbeit. Allerdings
mute ich einen frischen Entwurf herstellen, da der Meister nach beendigter
Beratung sein Blatt ruhig zusammenfaltete, in die Tasche steckte und mich
freundlich meiner dankbaren Gesinnung berlie.
    Bei der Ausfhrung des Bildes suchte ich nun mein Bestes zu tun und hielt
mich fleiig und hoffnungsvoll an die Arbeit, bei welcher ich so gut als mglich
der Kritik des Meisters folgte. Es wollte mir zwar nachtrglich vorkommen, als
ob in der Komposition etwas allzu stark aufgerumt worden sei fr meine
bescheidene Farbengebung, bei der ich, da es sich endlich um ein ordentliches
Vollenden handelte, mit den ersten Regeln zu kmpfen hatte. Dennoch war ich nach
Verflu einer Anzahl Wochen nicht unzufrieden mit dem Erzeugnis, wie es sich
innerhalb meiner vier Wnde darstellte; ich lie es mit einem einfachen,
unvergoldeten Rahmen versehen, der den Ernst knstlerischer Gesinnung, die nicht
nach Prunkmitteln hascht, ausdrcken sollte und auch meinen Verhltnissen
entsprach, und sandte das Bild in die Ausstellungsrume, wo das Neueste
wchentlich aufgehangen und der Verkauf vermittelt wurde.
    So war nun der Zeitpunkt da, von welchem ich vor der lndlichen
Vormundschaftsbehrde so zuversichtlich gesprochen hatte, der Beginn eines
rhmlichen Erwerbes. Als ich am nchsten Sonntage die Sle betrat, in denen eine
geputzte Menge sich drngte, gedachte ich deutlich jener stolzen Worte, aber
jetzt mit kleinem Mute, da schon zuviel von der Sache abhing. Sobald ich das
unscheinbare Bild von weitem bemerkte, getraute ich mich nicht, in der Nhe zu
weilen, weil ich mir pltzlich wie ein armes Kind vorkam, das sein aus einem
Flcklein Baumwolle und etwas Flittergold verfertigtes Schfchen am
Weihnachtsmarkte mit den vier steifen Beinchen auf einen trockenen Stein gesetzt
hat und ngstlich harrt, ob von den tausend Vorbergehenden einer seinen Blick
darauf werfe. Das war nicht Hochmut, sondern das Gefhl, da ich es als einen
glcklichen Zufall preisen mte, wenn sich ein geneigter Kufer fr mein
Weihnachtslmmchen fnde.
    Aber auch von einem solchen Zufall konnte schon keine Rede mehr sein; denn
als ich in den nchsten Saal ging, sah ich meine Landschaft, von meinem Ratgeber
ausgestellt, mit allem Glanze seines Knnens gemalt, von der Wand leuchten,
umgeben von einem Rahmen, der allein mehr kostete, als ich fr mein Bild zu
fordern wagte. Ein daranhngender Zettel verkndete den bereits erfolgten Ankauf
des gelungenen Werkes.
    Eine Gruppe von Knstlern unterhielt sich vor demselben. Woher mag nur das
famose Motiv sein? sagte einer, er hat schon lange nicht so was Neues gehabt!
    Dort vorn, erwiderte ein anderer, der soeben herzugetreten, dort hngt
das Motiv noch einmal, offenbar von einem Neuling, der noch nicht recht zu
untermalen und noch weniger zu lasieren versteht!
    Dann hat er's dem gestohlen, der Spitzbube! lachten die brigen und gingen
hin, mein Schicksal zu betrachten. Ich blieb vor der siegreichen Arbeit stehen
und dachte seufzend: Wer's kann, der macht's! Wie ich aber das Bild lnger
studierte, glaubte ich zu entdecken, da die von dem Maler getroffenen
Abnderungen wohl fr seinen technischen Standpunkt gut und ntzlich, dagegen
fr meine platonische Art eher schdlich gewesen seien. Denn da mir der
energische Glanz seines Pinsels nicht zu Gebote stand, so wre die tiefere
Innerlichkeit meines ersten Entwurfes, die nachwirkende Unmittelbarkeit der
reichen Naturstudie mit ihrer Formenflle fr den Liebhaber ein etwelcher Ersatz
gewesen.
    Als ich im Weggehen einen Augenblick vor meinem verlassenen Bilde weilte,
berzeugte ich mich, da es, statt besser zu werden durch den Ratschlag des
Meisters, frmlich verarmt, zum Beweis, da auch in diesen Dingen der Fink
nichts von der Drossel lernt.
    Nach der bestehenden Ordnung mute ich mein Werk acht Tage auf der
Ausstellung lassen, whrend welcher keine Seele nach seinem Preise fragte. Dann
holte ich es weg und lehnte es einstweilen an die Wand. Dann ging ich in das
nebenliegende Schlafzimmerchen hinein und setzte mich auf meinen dort stehenden
Reisekoffer, was meine Gewohnheit war, wenn ich etwas Kritisches zu berlegen
hatte, weil der Koffer ein Stck heimatlichen Gertes war. So verlief der
Ausgang meines ersten Versuches, ein Stck Brot zu erwerben.
    Was ist Erwerb und was ist Arbeit? fragte ich mich; hier fhrt ein bloes
Wollen, ein glcklicher Einfall ohne Mhe zu reichlichem Gewinne, dort eine
geordnete, nachaltige Mhe, welche mehr wirklicher Arbeit gleicht, aber ohne
innere Wahrheit, ohne notwendigen Zweck, ohne Idee. Hier heit Arbeit, lohnt
sich und wird zur Tugend, was dort Miggang, Nutzlosigkeit und Torheit ist.
Hier ntzt und hilft etwas stckweise, ohne wahr zu sein; dort ist etwas wahr
und natrlich, ohne zu helfen, und immer ist der Erfolg der Knig, der den
Ritterschlag erteilt. - Ein Spekulant gert auf die Idee der Revalenta arabica
(so nennt er es wenigstens) und bebaut dieselbe mit aller Umsicht und Ausdauer;
sie gewinnt eine ungeheure Ausdehnung und gelingt glnzend; tausend Menschen
werden in Bewegung gesetzt und Hunderttausende, vielleicht Millionen gewonnen,
obgleich jedermann sagt: Es ist ein Schwindel! Und doch nennt man sonst
Schwindel und Betrug, was ohne Arbeit und Mhe Gewinn schaffen soll. Niemand
aber wird sagen knnen, da das Revalentageschft ohne Arbeit betrieben werde;
es herrschen da gewi so gute Ordnung, Flei und Betriebsamkeit, Um- und
bersicht wie in dem ehrbarsten Handelshause oder Staatsgeschfte; auf den
Einfall des Spekulanten gegrndet, ist eine umfassende Ttigkeit, eine wirkliche
Arbeit entstanden.
    Die Beschaffung des Mehles, die Anfertigung der Bchsen, das Verpacken und
Versenden erhlt viele Arbeiter; ebenso viele werden beschftigt durch die
zahllosen marktschreierischen Ankndigungen, mit der grten Mhe und Umsicht
betrieben. Keine Stadt der verschiedenen Kontinente gibt es, in welcher nicht
Setzer und Drucker mit der Herstellung der Inserate und Reklamen Nahrung finden,
kein Dorf, in welchem nicht ein Wiederverkufer eine kleine Steuer darauf
erhebt. Diese luft in tausend derchen zusammen und wird in hundert Bankhusern
von ehrwrdigen Buchhaltern, lakonischen Kassieren weitergeleitet bis an die
Quelle der Idee zurck. Dort sitzen die Urheber in ihrem Comptoir mit ernster
Miene in tiefsinniger Ttigkeit; denn sie haben nicht nur das tgliche Geschft
zu berwachen und fortzufhren, sie haben schon auch ihre Handelspolitik zu
studieren, um dem Bohnenmehl neue Bahnen zu erffnen, es in diesem, in jenem
Weltteile vor drohender Konkurrenz zu schtzen.
    Doch nicht immer waltet die tiefe Geschftsstille, die unverbrchliche
Strenge der Arbeit in diesen Rumen; es gibt Tage der Erholung, der Freude, der
sittlichen Belohnung, welche den heiligen Ernst lieblich unterbrechen. Das
Zutrauen der Mitbrger hat das Haupt des Hauses mit magistratischen Wrden
geehrt, und es findet eine anstndige Bewirtung aller Schutzbefohlenen statt.
Oder es wird die Hochzeit der ltesten Tochter gefeiert, ein Ehrentag fr alle,
die es angeht; denn es hat sich die durchaus ebenbrtige Verbindung mit der
angesehensten Familie des Stadtviertels vollzogen; die Reichtmer sind auf
beiden Seiten so gleichmig abgewogen, da keine vernnftige Strung des
ehelichen Glckes denkbar ist. Schon am Vorabend wurden Wagenladungen von Palmen
und Myrtenbumen ins Haus gebracht und die Blumenkrnze aufgehangen; am Morgen
fllt sich die Gasse mit Neugierigen, und das Volk weicht ehrerbietig vor den
Kutschen zurck, die in endloser Reihe auffahren, wegfahren und wieder
zurckkehren, bis das Festmahl unter schmetternden Fanfaren seinen Anfang nimmt.
Bald aber tritt lautlose Stille ein, als der Brautvater an das Glas schlgt und
mit bescheidener Rhrung, ohne das Schicksal herauszufordern, seinen Lebensgang
schildert und das hhere Walten preist, das ihn, den Unwrdigen, so weit gefhrt
habe, wie jetzt allen Augen sichtbar sei. Mit nacktem Wanderstabe, der noch im
stillen Kmmerlein aufbewahrt werde, sei er einst in diese werte Stadt gekommen
und habe Schritt fr Schritt mit Not und Sorge, aber unverdrossenem Fleie
gekmpft und fters fast den Mut verloren; allein die edle Gattin, die Mutter
seiner Kinder, zur Seite, habe er sich immer wieder aufgerichtet und seine
Blicke auf das eine, das Groe geheftet, was da not getan! Einsame lange Nchte
hindurch habe er mit dem schpferischen Gedanken gerungen, dessen Frchte nun
einer Welt zum Segen gereichen und allerdings nebenbei auch sein redliches
Streben gelohnt, einen bescheidenen Wohlstand bereitet haben usw.
    So wird aber Revalenta arabica gemacht in noch vielen Dingen, nur mit dem
Unterschiede, da es nicht immer unschdliches Bohnenmehl ist, aber mit der
nmlichen rtselhaften Vermischung von Arbeit und Tuschung, innerer Hohlheit
und uerm Erfolg, Unsinn und weisem Betriebe, bis der Herbstwind der Zeit alles
hinwegfegt und auf dem Blachfelde nichts briglt als hier einen Vermgensrest,
dort ein verfallendes Haus, dessen Erben nicht mehr zu sagen wissen, wie es
vordem entstanden, oder es nicht zu sagen lieben.
    Will ich nun, grbelte ich weiter, ein Beispiel wirkungsreicher Arbeit, die
zugleich ein wahres und vernnftiges Leben ist, betrachten, so ist es das Leben
und Wirken Friedrich Schillers. Dieser, aus dem Kreise hinausfliehend, zu
welchem Familie und Landherr ihn bestimmt, alles im Stiche lassend, was ihn nach
ihrem Willen beglcken sollte, stellte sich in frher Jugend auf eigene Faust,
nur das tuend, was er nicht lassen konnte, und schaffte sich sogar durch eine
Ausschweifung, eine berschwengliche und wilde Rubergeschichte, Luft und Licht;
aber sobald er dies gewonnen, veredelte er sich unablssig von innen heraus, und
sein Leben wurde nichts anderes als die Erfllung seines innersten Wesens, die
folgerechte kristallinische Arbeit des Idealen, das in ihm und seiner Zeit lag.
Und dieses einfach fleiige Dasein verschaffte ihm endlich alles, was seinem
persnlichen Wesen gengte. Denn da er, mit Respekt zu melden, ein gelehrter
Stubensitzer war, so lag es eben nicht in ihm, ein reicher und glnzender
Weltmann zu sein. Eine kleine Abweichung in seinem leiblichen und geistigen
Wesen, die eben nicht Schillerisch war, und er wre es auch geworden. Aber nach
seinem Tode erst, kann man sagen, begann sein ehrliches, klares und wahres
Arbeitsleben seine Wirkung und seine Erwerbsfhigkeit zu uern, und wenn man
ganz absieht von der geistigen Erbschaft, die er hinterlassen, so mu man
erstaunen ber die materielle Bewegung, ber den blo leiblichen Nutzen, den er
durch das treue Hervorkehren seiner Ideale hinterlie. So weit die deutsche
Sprache reicht, sind in den Stdten nicht viele Huser, in welchen seine Werke
nicht stehen, und auf den Drfern sind sie wenigstens in einem oder zwei Husern
zu finden. Je weiter aber die Bildung der Nation sich verbreitet, desto grer
wird diese Vervielfltigung werden und zuletzt in die niederste Htte dringen.
Hundert Gewinnhungrige lauern nur auf das Erlschen des Privilegiums, um die
edle Lebensarbeit Schillers so massenhaft und wohlfeil zu verbreiten wie die
Bibel, und der umfangreiche Nutzverkehr, der whrend der ersten Hlfte eines
Jahrhunderts stattgefunden, wird whrend der zweiten Hlfte um das Doppelte
wachsen. Welch eine Menge von Papiermachern, Druckersleuten, Verkufern,
Angestellten, Laufburschen, Lederhndlern, Buchbindern verdienten und werden ihr
Brot noch verdienen. Dies ist, im Gegensatze zu der Revalenta arabica manches
Treibens, auch eine Bewegung und doch nur die rohe Schale eines sen Kernes,
eines unvergnglichen nationalen Gutes.
    Das war ein einheitliches organisches Dasein; Leben und Denken, Arbeit und
Geist dieselbe Bewegung. Aber es gibt doch auch ein getrenntes, gewissermaen
unorganisches Leben von gleicher Ehrlichkeit und Friedensflle: das ist, wenn
einer tglich ein bescheidenes dunkles Werk verrichtet, um die stille Sicherheit
fr ein freies Denken zu gewinnen, Spinoza, der optische Glser schleift. Aber
schon bei Rousseau, der Noten schreibt, verzerrt sich das gleiche Verhltnis ins
Widerwrtige, da er weder Frieden noch Stille darin sucht, vielmehr sich wie die
anderen qult, er mag sein, wo er will.
    Was ist nun zu tun? Wo liegt das Gesetz der Arbeit und die Erwerbsehre, und
wo decken sie sich?
    Dergestalt spintisierte ich ber etwas, worin ich zunchst gar keine Wahl
hatte; denn die Not und der Ernst des Lebens standen zum ersten Mal wirklich vor
der Tre. Das fiel mir auch endlich ein; ich gedachte auch jener Spinne, die ihr
zerstrtes Netz von neuem herstellte, und sagte mir, indem ich mich erhob Es
hilft nichts, ich mu wieder anfangen! Ich sah mich unter meinen Habseligkeiten
um und suchte nach Gegenstnden, welche zu einer zierlich bunten Behandlung in
anspruchslosen kleinen Schildereien geeignet schienen. Nichts Minderes fhrte
ich pltzlich im Sinne, als eine derartige Praktik aufzutun, welche sich, wie
ich whnte, jederzeit beiseite legen lie. Es handelte sich nicht um jene hhere
Schnmalerei, wie sie der Motive stibitzende Meister handhabte, ich aber nicht
bewltigen konnte, sondern um ein Herabsteigen auf eine tiefere Stufe, wo der
Glanz der gemalten Teebretter und Dosendeckel beginnt. Freilich nicht ganz so
tief wollte ich gehen; ich dachte immerhin einen gewissen Wert zu verarbeiten,
dabei aber auf die Urkunde und den rohern Geschmack des untern Marktes Rcksicht
zu nehmen mit allerhand billigen Effekten. Aber so eifrig, ja ngstlich ich auch
in meinen Mappen suchte, so dnkte mich doch alles, was ich in die Hand bekam,
jedes Studienblatt, jeder kleine Entwurf zu gut dafr, es war zu schade darum.
Wollte ich meine frheren Arbeitsfreuden nicht gewaltsam selbst verderben, so
mute ich noch tiefer gehen und eigene Erfindungen machen, an denen nichts
verlorenging.
    Indem ich dieses genauer bedachte, trat mein Vorhaben in ein sehr
ungnstiges Licht; ich lie mutlos das Blatt sinken, das ich eben hielt, und
setzte mich wieder auf den Reisekoffer. Das sollte also das Ende so langer
Lehrjahre und die Erfllung so groer Hoffnungen und zuverlssiger Worte sein!
Der Selbstausschlu vom Gebiete gebildeter Kunst und ein unrhmliches
Verschwinden in der Dunkelheit, wo arme Teufel mit Nichtswrdigkeiten das Leben
fristen! Ich bedachte nicht einmal, da ich ja mit einer ernsthaften Arbeit
auftreten gewollt, ein diebischer Routinier mich aber des Erfolges beraubt
hatte; ich suchte nur den Punkt meiner Fehlbarkeit, weil ich zu hochfahrend war,
mich fr einen Pechvogel zu halten, und endigte, ohne klar zu sein, mit einem
Seufzer nach Aufschub, den ich mir schon frher gewhrt und nutzlos vertan
hatte, soweit es den nchsten notwendigen Zweck betraf.
    Da sa ich nun, den Kopf abermals in die Hnde begraben, und schweifte mit
den Gedanken umher, bis sie in der Heimat anlangten und mir von dort aus die
neue Sorge zusandten, da die Mutter meine Lage ahnen und sich darber bekmmern
knnte. Ich hatte ihr sonst regelmig und in einem heitern Tone geschrieben,
ihr allerlei von den fremden Sitten und Gebruchen erzhlt, die ich sah, und
manche Schwnke und Schnurren eingeflochten, um sie aus der Ferne zum Lachen zu
bringen und wohl auch mit meiner Frhlichkeit grozutun. Sie antwortete mit
treulichen Berichten ber den Weltlauf zu Hause, und jeden Spa vergalt sie mit
einer Hochzeit oder einem Todesfall, mit dem Schiffbruch einer Haushaltung oder
dem verdchtigen Glcke einer anderen. Auch der Oheim war gestorben, und die
Kinder hatten sich zerstreut im verworrenen Getmmel der Heerstrae und zogen
schon ihre Kinderkrrchen hinter sich her, gleich den Juden in der Wste. Seit
einiger Zeit waren jedoch meine Briefe seltener und einsilbiger geworden; die
Mutter schien sich zu scheuen, nach dem Grunde zu fragen, wofr ich ihr dankbar
war, da ich doch nichts Rechtes zu melden wute. Seit einigen Monaten hatte ich
gar nicht mehr geschrieben, und sie hielt sich auch still. Als ich jetzt so in
der Stille sa, klopfte es sachte an der Tre des ueren Zimmers; ein Kind kam
herein und brachte mir einen Brief, der Schrift und Siegel der Mutter zeigte.
    Sie wollte die Ungewiheit oder vielmehr die Furcht nicht lnger ertragen,
da es nicht nach Wunsch und Hoffnung mit mir stehe; sie verlangte daher
Aufschlu ber meine Umstnde und Aussichten, besorgte, da ich bereits Schulden
habe, weil sie von keinem Erwerb wisse und das kleine Erbe doch lange
aufgebraucht sei. Fr den Fall der Not habe sie einige Ersparnisse am
berflssigen gemacht, die jetzt bereitlgen, ihren Dienst zu tun, wenn ich nur
offen berichten wolle.
    Das Kind, welches den Brief gebracht, stand noch da, als ich ihn schnell
gelesen; ich hatte es beim Zeichnen des Jesuskindes in jener
christlich-mythologischen oder geologischen Landschaft als Modell benutzt, um
ihm die ntigsten Verhltnisse abzusehen, und da das Bild durch mein Herumsuchen
zufllig in den Vordergrund geraten, so stand das Knbchen vor demselben und
sagte: Das bin ich! indem es den Finger auf das Himmelskind legte. Durch diese
anmutige Fgung erhielt der Vorgang einen bernatrlichen Anklang; der kleine
Trger der guten Botschaft erschien gewissermaen als ein Abgesandter der
gttlichen Vorsehung selbst, und sowenig ich an ein Wunder, etwa in Gestalt
eines allgtigen Scherzes derselben, glaubte, gehe mir das kleine Abenteuer doch
ber die Maen wohl und machte mir den mtterlichen Brief doppelt erquicklich.
Es ist nicht anders zu sagen genau betrachtet mute die gleiche Figur, mit der
ich in dem Entwurf jenes Bildes eine tiefsinnige Ironie zu begehen der Meinung
war, jetzt meine Angelegenheiten wenigstens mit einer artigen Parabel verzieren
helfen, sie mit einem Bezuge auf das Unendliche veredeln.
    Alles schien jetzt gut und jede Erfllung wieder mglich, ja wahrscheinlich
zu sein; keinen Augenblick zgerte ich, das Opfer anzunehmen, und schrieb meine
Antwort etwas kleinlaut und doch offen und wohlgemut. Dabei ermangelte ich
nicht, meiner wunderlichen Universittsstudien zu erwhnen und dieselben als
eine fr die Gegenwart allerdings nachteilige, fr die Zukunft aber doch
irgendwie Nutzen bringende Strung darzustellen; und schlielich landete ich
wieder an dem Kap der guten Hoffnungen und Verheiungen.
    Als die Mutter diesen Brief empfing und ihn gelesen hatte, schlo sie die
Stubentre zu und ihren alten Schreibtisch auf und brachte aus dessen Fchern
zum ersten Mal den Schatz ihrer Ersparnisse ans Licht. Sie fgte die Taler zu
Rollen und diese zu einem unfrmlichen Pakete, umwand es mehrmals mit starkem
Papier und dieses mit Schnren, betrufelte es berall mit Siegellack und
drckte das Petschaft darauf, alles sehr unkaufmnnisch mit berflssiger Mhe,
denn es war schon lange fest genug; aber es war doch jedenfalls fest. Dann schob
sie das schwere Paket in eine taftene Handtasche oder Retikle, legte es auf den
Arm und eilte auf Seitenwegen zur Post; denn sie wnschte nicht gesehen zu
werden, weil sie nicht gesonnen war zu antworten, wenn jemand sie befragt htte,
wo sie mit dem Gelde hinwolle. Mhselig und mit zitternder Hand streifte sie das
seidene Scklein von dem Geldkloben, reichte ihn durch das Schiebfensterchen und
gab ihn mit einem Gefhl der Erleichterung aus der Hand. Der Beamte besah die
Adresse, dann die Frau, machte seine umstndlichen Verrichtungen, gab ihr den
Empfangschein, und sie begab sich, ohne sich umzuschauen, hinweg, als ob sie
soviel Geld jemandem genommen anstatt gegeben htte. Der linke Arm, auf dem sie
die Last getragen, war steif und ermdet, und so kehrte sie etwas angegriffen in
ihre Behausung zurck, stillschweigend durch ein Gedrnge von Leuten, welche
keinen Gulden fr ihre Kinder hergeben, ohne damit zu prahlen, zu lrmen oder
darber zu jammern und zu klagen. Zu jener Zeit, als mein Oheim lebte und noch
predigte, hatte er einmal gesagt: Gott wei wohl, welche Leute bescheiden und
still sind und welche nicht, und er zwickt die letztern gelegentlich ein wenig,
ohne da sie wissen, woher es kommt; und ich habe ihn im Verdacht, da das ihm
alsdann einen kleinen Spa macht!
    Zu Hause fand die Mutter die Klappe des Schreibtisches noch geffnet und die
Schubldchen aufgezogen, die nun leer waren; sie schlo dieselben und ffnete
beilufig dasjenige, in welchem fr ihr tgliches Bedrfnis ein unbetrchtliches
Huflein Mnze in einem Schlchen lag und verkndigte, da zunchst nun jede
Wahl verschwunden war zwischen Gtlichtun und weiterm Darben und da die gute
Frau jetzt mit dem besten Willen sich keine guten Tage mehr htte machen knnen.
Allein das wurde von ihr weder bemerkt, noch kam es in Frage. Sie stie auch
dies Ldchen sogleich wieder zu, versorgte Schreibzeug und Siegellack, verschlo
den Schrank und setzte sich auf das alte Sorgensthlchen ohne Lehnen, um von
ihren Taten auszuruhen, aufrecht wie ein Tnnlein.
    So sehe ich sie jetzt noch, obgleich ich nicht dabei war, dank der Kenntnis
ihrer Gewohnheiten, hnlich wie der Altertumskundige mit seinen Hilfsmitteln und
Anhaltspunkten die Ansicht eines zerstrten Denkmales wiederherstellt.

                                Viertes Kapitel



                                Das Fltenwunder

Das Geldpack wurde mir nicht wie der Brief von dem Hauswirtskinde, sondern von
dem Postboten selbst aufs Zimmer gebracht. Sein gewichtiges Treppensteigen, das
so lange ausgeblieben, belebte die Leute sofort mit einer vorlufigen Genugtuung
ber das ungebrochene Vertrauen, das sie mir geschenkt; mit dankbarer Gesinnung
empfingen sie dann ihr ziemlich aufgelaufenes Guthaben, nachdem ich das Geld
nicht ohne Mhe von den vielen Hllen und Schnren befreit und den neuen Brief
rasch durchflogen hatte, der von unsicherer, ihren Gegenstand nicht bersehender
Sorge geschrieben war.
    Auch der Schneider, der Schuhmacher und die brigen Lieferanten
unterschrieben ihre Rechnungen mit freundlicher Zufriedenheit und empfahlen sich
fr weitere Kundschaft. Das machte mir alles so viel Vergngen, als ob es mein
eigenes Verdienst wre und ich die lieben Zahlungsmittel selbst erworben htte.
Fast bedauerte ich, da nicht noch mehr zu bezahlen und die Herrlichkeit so bald
zu Ende war; doch wurde der bermut gedmpft, als ich noch am gleichen Tage auch
bar Geliehenes an gute Bekannte zurckzahlte und dieselben das Geld mit
vollkommener Gleichgltigkeit beiseite legten. Hieran sah ich, da ich in ihren
Augen nicht etwas besonders Merkwrdiges getan hatte, und zog die Hrnlein der
Selbstzufriedenheit wieder ein. Dennoch war ich leichten Mutes, betrachtete die
Zahlungsfhigkeit der Mutter gewissermaen als meine eigene und feierte am Abend
ein kleines Befreiungsfest, mit dessen Aufwand, so bescheiden er war, das
Mtterchen sich einen halben Monat lang erhalten konnte. Ich sang sogar in
rascherm Takte, als seit manchen Tagen geschehen, ein Lied voll
Sorgenverachtung, wie wenn ich aller bel der Welt ledig wre.
    Allein gleich am Morgen gewahrte ich, da noch ein Ende der Kette vorhanden
in Gestalt des Hufleins Taler, welches von meinem Schatze briggeblieben war.
Denn als ich denselben erst jetzt genauer berechnete und abzhlte und die letzte
schon angebrochene Papierhlse vollends auseinanderschlug, zeigte es sich, da
ich hchstens ein Vierteljahr daran zu leben hatte. Ich wunderte mich nicht
wenig, wie die Sorge so behende wieder hereingeschlpft, und vermutete zuletzt,
sie sei gar nicht von der Stelle gegangen, gleich der Frau des Swinegels, die im
Wettlaufe mit dem Hasen ruhig in der Furche sa und rief: Ich bin allhier!
    Doch zgerte ich nicht, einen neuen Auslauf nach dem Erwerbe zu unternehmen;
mit berlegung schlug ich, wie ich glaubte, einen klugen Mittelweg ein, indem
ich ein paar kleinere Landschaften ohne Anspruch auf geistreichen Stil oder
Phantasie, dagegen mit sorgfltiger Rcksicht auf Geflligkeit zu malen begann,
immerhin aber eine gewhltere Naturwahrheit zugrunde legte und nicht mit Gewalt
das einmal zierlich Gewachsene ins Plumpe, das Geformte ins Formlose
verwandelte. Auf diesem Wege vermeinte ich einen glcklichern Erfolg nicht
verfehlen zu knnen, whrend mir unterderhand das angestrebte Gefllige der
Ausfhrung nur zu einer gewissen reinlichen Bescheidenheit geriet, die Form aber
fr den rohern Blick sofort wieder einen verdchtigen Anschein von Stil gewann.
Das war freilich wieder nicht zweckmig; denn die gleichen Menschen, welche die
Angelegenheiten ihres tglichen Lebens nur mit groen Worten und erhabenen
Wendungen behandeln, sind es ja, die sogleich die Nase zurckziehen, wenn sie in
der Kunst etwas wittern, das wie Stil oder Form aussieht.
    Neben der Vorsicht, die ich an die Arbeit verwandte, beschftigte mich noch
das Abwgen der fliehenden Zeit mit der tglichen Abnahme meines Barvorrates;
dies alles, mit einem geruhigen Mae von Furcht und Hoffnung durchwirkt, lt
mir jene kleine Spanne Zeit samt ihren kleinen Verhltnissen als ein Stck
wohlverbrachten friedlichen Daseins erscheinen, gleichmig erfllt von
bescheidenem Anspruch, redlicher Ttigkeit und trstlicher Erwartung des
unbekannten Erfolges. Fehlt einem solchen Zustande einstweilen das tgliche Brot
nicht, whrend das kommende Bedrfnis doch die Seelenkrfte wach erhlt, so wre
er lebenslang leicht zu ertragen. Das erkennt man erst, wenn die Hoffnungen
gebrochen sind und man den frhern Zustand, wo sie noch ungewi waren, wieder
herbeiwnscht.
    Als ich beide Zwillingsbilder fertig hatte, war es mit dem zufriedenen Leben
vorbei, und ich mute auf den Handel ausgehen. Sie der ffentlichen Ausstellung
anzuvertrauen, konnte ich mich nach jenem plagiatorischen Unglck nicht schon
wieder entschlieen, was allerdings ein Zeichen des Anfnger oder
Dilettantentumes war; denn eine volle Begabung kann dergleichen leicht
verschmerzen und braucht sich nicht darum zu kmmern, wie das Schattenvolk sich
um das Eigentum von Ideen und Erfindungen zankt.
    Ich begab mich nun zu einem angesehenen Hndler, Beherrscher der Auktionen
und Aufkufer von Knstlernachlssen, welcher auch ganz neue Bilder kaufte, wenn
sie vor seiner Kennerschaft Gnade fanden oder seine Gewinnlust sonst durch
irgendeinen geheimnisvollen Vorzug reizten. In einem schnen Hause war das
Erdgescho mit sogenannten alten Meistern und neueren Gemlden angefllt, und
hinter den Fenstern waren stets einige zu sehen, aber niemals etwas, fr das der
Mann keinen Namen hatte. War es eine gewisse Geziertheit, oder war es
Schchternheit, ich ging zuerst ohne meine Landschaften hin, um sie dem Hndler
anzubieten in der Form, da ich anfragte, ob ich dieselben herbringen lassen
oder seinen Besuch zur Besichtigung erwarten drfe. Mein Eintreten in die
Handelsgalerie blieb gnzlich unbeachtet, da der Inhaber mit einem Huflein
Herren und Kenner dicht vor einem kleinen Rhmchen stand, dessen Inhalt sie mit
zusammengesteckten Kpfen und Vergrerungsglsern beguckten, whrend er seine
Lehrstze ber die Raritt vortrug. Pltzlich fhrte er, die Lupe in der Hand,
den Trupp in ein anstoendes Zimmer, um dort vor einem hnlichen Gegenstande
vergleichende Studien vorzunehmen, und ich blieb ein Weilchen allein in dem
Raume. Endlich kehrten die Herren in aufgelster Ordnung, in lebhaftem Gesprche
begriffen, zurck, indem sie eine groe Heilswahrheit zu vereinbaren und zu
redigieren schienen; es handelte sich offenbar weniger um ein Geschft als um
eine jener Liebhaberkonferenzen, durch die solche Bildermnner ihrem Hasardspiel
einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben pflegen. Indessen bemerkte der
Kaufherr meine Anwesenheit und fragte nach meinem Begehren.
    Ich brachte das Anliegen ziemlich betreten vor, im Gefhl, da ich etwas
erbitte, was kein Mensch mir zu gewhren schuldig sei, und hatte es auch kaum
getan, als der Mann, ohne nur zu fragen, wer ich sei, kurz und trocken sagte, er
kaufe die Sachen nicht, und sich wegkehrte.
    Hiemit war mein Geschft abgetan; ich hatte keine Veranlassung, auch nur
eine Minute lnger dazubleiben, und befand mich eine Viertelstunde spter wieder
zu Hause bei den zwei Bildchen.
    Ich unternahm an diesem Tage nichts Weiteres, durch ein unheimliches Gefhl
von rger und Sorge beklemmt. Ich konnte mir nicht klarmachen, da das Verhalten
des Hndlers dasjenige der meisten Leute war, die alles, was sie nicht von sich
aus wnschen und suchen, durch die immergrne Hecke der abschlgigen Antwort von
sich abhalten und es darauf ankommen lassen, was zu ihrem Nutzen sich allenfalls
dennoch hindurchdrcken wolle und knne.
    Am nchsten Tage machte ich mich abermals auf den Weg, nahm aber klglich
die in ein Tuch gewickelten Bilder mit, damit sie wenigstens angesehen wurden.
Ich suchte einen Hndler von minderm Range auf, bei dem die Verkehrssummen schon
betrchtlich niedriger standen als bei dem vorigen, obschon er mit den
Gegenstnden besser umzugehen, sie sogar selber zu reinigen, auszubessern und
neu zu firnissen verstand. Ich traf ihn in einem ziemlich dunklen Lokale
inmitten seiner Tpfchen und Glser, wie er eben die Lcher einer alten bemalten
Leinwand ausflickte. Er hrte mich aufmerksam an und stellte meine Landschaften
selbst in ein mglichst gnstiges Licht, und nachdem er die Hnde an der Schrze
abgewischt, schob er sein Samtkppchen ber den kahlen Vorderkopf zurck,
sttzte die Hnde gegen die Hfte und sagte sogleich, ohne sich lange zu
besinnen: Die Sachen sind nicht bel, aber sie sind nach alten Kupferstichen
gemacht, und zwar nach guten!
    Erstaunt und verdrielich erwiderte ich: Nein, diese Bume habe ich selbst
alle nach der Natur gezeichnet, und sie stehen wahrscheinlich jetzt noch; auch
das brige existiert beinahe alles, wie es hier ist, nur liegt's etwas mehr
auseinander!
    In diesem Falle kann ich die Bilder erst recht nicht brauchen! versetzte
er, indem er die betrachtende Stellung aufgab und das Kppchen wieder
zurechtrckte; man whlt nach der Natur keine Motive, die wie aus alten
Kupferstichen aussehen! Man mu mit der Zeit leben und vorwrtsschreiten!
    Da hatte ich die ganze Stilfrage in einer Nu. Ich packte meine Bilder
zusammen und warf im Abgehen einen wehmtigen Blick auf die Sammlung roher
Zuflligkeiten und gemalter Dngerhaufen, welche als Zeitgemes oder eigentlich
eher die Zukunft Ahnendes die Wnde bedeckten, da es die Arbeiten armer Teufel
waren, die aus Ungeschick mit billigem Pinsel und im Dunkeln das schufen, was
seither anspruchsvoll ins Licht getreten ist. Ich stand allerdings selber hchst
kmmerlich auf der Gasse, kehrte jedoch mit dem Stolze eines verarmten Hidalgo
dem Hause den Rcken und wanderte weiter. Unentschlossen, ob ich nicht lieber
nach meiner Wohnung zurck wolle, durchirrte ich mehrere Straen und geriet vor
den Kaufladen eines israelitischen Schneiders, der zugleich mit neuen Kleidern
und mit neuen Bildern handelte. Manche Knstler lieen sich von ihm bekleiden,
und er mochte dadurch, indem er an Zahlungsstatt zuweilen eine Malerei zu
bernehmen oder zu pfnden gentigt war, zu einem kleinen Galeriebesitzer
geworden sein, der schon mehr als einen guten Schnitt gemacht hatte, wenn er
entweder die Arbeiten bedrngter Kunstjnger erworben, die nachher zu Ruf
gekommen, oder wenn er, ohne es zu wissen, von andern Unkundigen ein wertvolles
Stck erwischte. Vor demjenigen Teil seines Geschftslokales, worin die Bilder
aufgestellt waren, sah ich einen Augenblick durch das Fenster, und da der Raum
wenigstens von reinlicher Ordnung und Sorgfalt zu zeugen schien, so lockte mich
das, einzutreten und mein Angebot abermals vorzubringen. Der Handelsmann zeigte
sich gleich bereitwillig, die Sachen anzusehen, betrachtete sie mit lsterner
Neugierde, lie sich alles Wie, Was und Wo erklren und fragte zuletzt, ob ich
die Dinger wirklich selbst gemacht habe und ob sie gut gemalt seien? Das war gar
nicht so naiv, wie es aussah; denn er blickte mich in der Zeit genau an, um aus
meiner Miene den Grad eines berechtigten oder eiteln Selbstvertrauens zu lesen,
wie er einen andern, der ihm einen goldenen Ring antrug, zunchst fragte, ob
derselbe auch echt sei; im letztern Fall erkannte er das Gold schon vorher und
wollte durch die Frage erfahren, mit welchem Menschen er zu tun habe; in meinem
Falle dagegen wute er den Menschen im voraus zu beurteilen, durch dessen
Verhalten aber wollte er erfahren, wie er das Handelsobjekt anzufassen habe. Als
ich zgernd erwiderte, ich htte die Bilder so gut gemacht, als es nur mglich
gewesen, ohne da es mir anstehe, sie zu loben; auch werden sie wohl nicht sehr
vortrefflich sein, sonst wrde ich nicht damit hier stehen; immerhin aber seien
sie des bescheidenen Preises wert, den ich verlange - schien ihm das nicht bel
zu gefallen, und er wurde freundlich und gesprchig, indem er dazwischen die
Bilder ab und zu ebenso unentschlossen als wohlwollend betrachtete. Ich begann
die gute Hoffnung zu schpfen, da sich jetzt etwas ereignen werde; allein es
erfolgte nichts weiter als das pltzliche Anerbieten, die Bilder in Kommission
zu bernehmen, in seinem Lokale auszustellen und so vorteilhaft als tunlich zu
verkaufen. Hiebei blieb es denn auch; denn zu etwas Weiterm htte sich der Mann
nicht verstanden, und sein Vorschlag war nicht unbillig, sein Verhalten aber
menschlich, da es mir Hoffnung lie und ich mit leichterm Herzen meine Wohnung
aufsuchen konnte, als wenn ich die Bilder wieder htte hintragen mssen.
    So blieb mir fr einmal die Welt des Erwerbes wie durch eine Mauer
verschlossen, an welcher ich keine Tre fand, nicht ein Schlupfloch, durch
welches eine Katze gekrochen wre. Ich hatte freilich auf den drei Gngen gewi
nicht hundert Worte verloren, allein auch ein hundertundeintes htte nicht
geholfen; wre Erikson noch dagewesen, so wrde er mir die Bilder mit wenig
Worten verkauft haben, indem er hinging und sagte: Was fllt Euch ein? Ihr mt
sie nehmen! Oder Ferdinand Lys htte sie mich ausstellen lassen und mit seinem
Ansehen als reicher Mann einem andern Reichen empfohlen, und ich wre wie
hundert andere auf einen leidlich breiten Weg geraten und auf ihm geblieben.
Aber beide Freunde hatten sich von der Kunst selbst abgewendet und lebten, wo
ich nicht wute, gleich Abgeschiedenen, die dem Zurckgebliebenen fernher
zuzuwinken schienen: Geh du dort auch weg!
    Sonst besa ich, was man gute Bekanntschaften nennt, in der Knstlerwelt
nicht mehr, weil ich fast ausschlielich mit Studierenden und angehenden
Gelehrten umging und als ein geselliger Hospitant ihre Spruch- und Lebensarten
teilte. In demselben Mae bte ich erst den uern, dann auch halbwegs den
innern Habitus eines Kunstjngers ein. Whrend Wahl und Pflicht mich an das
krperliche Schaffen banden, gewhnte sich der Geist an das Leben in seiner
eigenen Bewegung; das langsame, kaum mehr von Hoffnung beseelte Hervorbringen
eines einzigen Gedankens durch die Hnde schien voll unntzer Mhsal zu sein,
wenn in der gleichen Zeit tausend Vorstellungen auf den Flgeln des unsichtbaren
Wortes vorberzogen. Diese verkehrte Empfindung beschlich mich um so
unbewachter, als meine Teilnahme an wissenschaftlichen Dingen sich auf Hren und
Lesen, auf bloes Empfangen und Genieen beschrnkte und ich die Arbeit
wissenschaftlichen Hervorbringens nicht aus Erfahrung kannte. So drehte ich mich
gleich einem Schatten umher, der durch zwei verschiedene Lichtquellen doppelte
Umrisse und einen verflieenden Kern erhlt.
    Mit dieser Beschaffenheit trat ich nun abermals in den unfreien Zustand des
Borgens ber, als der letzte Taler wirklich ausgegeben war. Der Anfang fiel mir
diesmal, als eine untrstliche Wiederholung, schwerer, der Fortgang aber machte
sich wie in dumpfem Traume von selbst, bis die Zeit wieder erfllt war und das
Erwachen folgte mit der Not des Bezahlens und des Weiterlebens.
    Erst jetzt entschlo ich mich, die Zuflucht nochmals zur Mutter zu nehmen,
wie es ja ein Kennzeichen des Menschengeschlechtes ist, da das Junge, solang es
immer angeht, zum Alten zurckkehrt. Jugend, welche sich reiner Absichten und
eines guten Willens bewut ist, weist mit ihrem allgemeinen Weltvertrauen auf
ihre lange Zukunft hin, freilich vergessend, da sie dieselbe leichtlich, ja
wahrscheinlich allein erlebt und schlielich die Bitterkeit des Volkswortes nach
rckwrts und vorwrts kosten mu, da eine Mutter eher sieben Kinder erhlt als
sieben Kinder die Mutter.
    Die neuen Ersparnisse, die sie ohne Zweifel gemacht hatte, konnten nicht
soviel betragen, als ich jetzt bedurfte; ich wollte daher grndlich zu Werke
gehen und schlug ihr in einem Briefe, worin ich mich noch leichter stellte, als
mir zu Mut war, die Erhebung eines Anleihens auf das Haus vor. Das sei, meinte
ich, eine unverfngliche ruhige Sache, welche nach gefundenem Glcksanfang durch
meinen Flei ebenso ruhig wieder ausgeglichen werde und hchstens einige Zinsen
koste.
    Die Mutter erschrak heftig ber diesen Brief, an dessen Statt sie mich
selber jeden Tag sehnlich erwartete, wenn auch nicht mit rhmlichem Glcke, so
doch in zufriedenem Zustande. Sie sah alles wieder in unbekannte Ferne gerckt.
Ersparnisse besa sie diesmal nur wenige, da sie an unsern Mietern Verluste
erlitten; denn der gute Eichmeister war seinen beruflichen Trinkproben erlegen
und mit Hinterlassung von Schulden gestorben, und der unzufriedene Beamte hatte
in einem Anfalle von Entrstung ber fortwhrendes Hintansetzen eine kleine
Sportelnkasse geleert und war nach Amerika gegangen, um dort gerechtere
Vorgesetzte zu suchen. Dabei hatte er auch meine Mutter mit einem Jahreszinse im
Stiche gelassen, so da mein Unheil sich mit diesen Unglcksfllen in
unheimlicher Weise vermengte. Dazu kam die Vereinsamung durch den Tod der
Nahestehenden: nach dem Oheim war auch Annas Vater, der Schulmeister, sowie der
und jener gute alte Freund gestorben, und noch andere waren aus der Welt
gegangen, wie denn zuweilen, wenn die Jahre vorrcken, viele auf einmal gehen,
die ihre Zeit erreicht haben. Sie htte zwar alle diese Toten nicht befragt, was
zu tun sei; allein die Einsamkeit vergrerte ihren Schrecken, und um nur wieder
in Bewegung zu kommen und das Lebendige zu spren, erfllte sie mein Begehren.
Sie suchte einen Geschftsmann auf, der die verlangte Summe mit allen mglichen
Umstnden und Formen beschaffte, wobei sie als schchterne Gesuchstellerin
dazustehen hatte. Dann besorgte sie auf erhaltenen Rat mit sauren Gngen noch
eine Handelsanweisung, die sie an mich abzusenden endlich froh war. In ihrem
Briefe beschrnkte sie sich auf eine Beschreibung dieser Mhen, anstatt sich in
Ermahnungen und Klagen zu ergehen.
    Nun hatte ich, als ich meinen Brief geschrieben, im letzten Augenblicke und
in der Furcht, zuviel zu verlangen, die Hhe der berechneten Summe fast auf die
Hlfte heruntergesetzt und gedacht, es msse auch so gehen. Der Betrag des
Wechsels reichte daher kaum zur Bezahlung der Schulden aus, und auch so war ich
gentigt, wenn ich nur auf kurze Frist etwas brigbehalten wollte, fr
freundschaftlich Geliehenes da oder dort, wo kein Bedrfnis drngte, um Stundung
zu bitten. An dem zgernden Gewhren merkte ich, da die Bitte unerwartet kam,
und so zwang mich die Beschmung, sie zurckzuziehen. Nur einer, der mein
Errten sah, wies das Geld zurck, obschon er in Blde abzureisen willens war.
Ich solle es ihm wiedergeben, wenn es mir leichter falle, er knne es jetzt
entbehren und werde schon gelegentlich von sich hren lassen.
    Durch diese Nachsicht sah ich mich auf eine Reihe von Wochen noch geborgen.
Aber der ganze Vorgang erweckte mir ein ernsteres Nachdenken ber meine Lage und
ber mich selbst nach der inneren Seite hin. Pltzlich kaufte ich einige Bcher
Schreibpapier und begann, um mir mein Werden und Wesen einmal recht anschaulich
zu machen, eine Darstellung meines bisherigen Lebens und Erfahrens. Kaum war ich
aber recht an der Arbeit, so verga ich vollkommen meinen kritischen Zweck und
berlie mich der blo beschaulichen Erinnerung an alles, was mir ehedem Lust
oder Unlust erweckt hatte; jede Sorge der Gegenwart entschlief, whrend ich
schrieb vom Morgen bis zum Abend und einen Tag wie den andern, aber nicht wie
ein Sorgenschreiber, sondern wie einer, der whrend schner Frhlingswochen in
seinem Gartensaale sitzt, ein Glas alten Landweines zur Rechten und einen Strau
jnger Feldblumen zur Linken. Ich hatte in der trben Dmmerung, die mich schon
geraume Zeit umgab, das Gefhl bekommen, als ob ich eigentlich keine Jugend
erlebt htte; und nun entwickelte sich unter meiner Hand eine Bewegung jungen
Lebens, die trotz aller Bescheidenheit der Zustnde und Verhltnisse mich
gefangennahm, beschftigte und bald mit glckseligen, bald mit reumtigen
Empfindungen erfllte.
    So gelangte ich bis zu der Stunde, da ich als Rrekrut auf dem Felde stand
und die schne Judith auswandern sah, ohne mich regen zu drfen. Hier legte ich
die Feder weg, weil das seither Erlebte mir noch gegenwrtig war. Die vielen
beschriebenen Bltter brachte ich unverweilt zu einem Buchbinder, um sie
mittelst grner Leinwand in meine Leibfarbe kleiden zu lassen und das Buch in
die Lade zu legen. Nach einigen Tagen ging ich vor Tisch hin, es zu holen. Da
hatte der Handwerker mich miverstanden und den Einband so fein und zierlich
gemacht, wie es mir nicht eingefallen war, ihn zu bestellen. Statt Leinwand
hatte er Seidenstoff genommen, den Schnitt vergoldet und metallene Spangen zum
Verschlieen angebracht. Ich trug die Barschaft, die ich noch besa, bei mir;
sie htte noch fr mehrere Tage ausreichen sollen, jetzt mute ich sie bis auf
den letzten Pfennig hinlegen, um den Buchbinder zu bezahlen, was ich ohne
weitere Besinnung tat, und anstatt zum Mittagessen zu gehen, konnte ich mich mit
dem unntzesten Werke der Welt in der Hand nach Hause verfgen. Zum ersten Male
in meinem Leben sa ich nicht zu Tisch, wohl fhlend, da es mit dem Borgen und
Bezahlen vorbei sei. In einigen Tagen wre das merkwrdige Ereignis allerdings
doch eingetreten; dennoch berraschte es mich jetzt mit sehr stiller, aber
unerbittlicher Gewalt. Ich verbrachte die zweite Hlfte des Tages auf meinem
Zimmer und legte mich abends, frher als gewhnlich, ungegessen zu Bett. Dort
erinnerte ich mich pltzlich der weisen Tischreden der Mutter, wenn ich als
kleiner Junge das Essen getadelt hatte und sie mir dann vorhielt, wie ich einst
vielleicht froh sein wrde, nur solches Essen zu haben. Die nchste Empfindung
war ein Gefhl der Achtung vor der ordentlichen Folgerichtigkeit der Dinge, wie
alles so schn eintreffe; und in der Tat ist nichts so geeignet, den notwendigen
Weltlauf grndlich einzuprgen, als wenn der Mensch hungert, weil er nichts
gegessen hat, und nichts zu essen hat, weil er nichts besitzt, und dies, weil er
nichts erworben hat. An diesen einfachen und unscheinbaren Gedankengang reihen
sich von selbst alle weiteren Folgen und Untersuchungen, und indem ich nun
vllige Mue hatte und von keiner irdischen Nahrung beschwert war, berdachte
ich von neuem mein Leben, trotz des grnseidenen Buches, das auf dem Tische lag,
und gedachte meiner Snden, welche jedoch, da der Hunger mich unmittelbar zum
Mitleid mit mir selber stimmte, sich ziemlich glimpflich darstellten.
    Hierber schlief ich friedfertig ein. Zu gewhnlicher Zeit erwachte ich,
auch zum ersten Mal ohne zu wissen, was ich am heutigen Tage essen wrde. Ich
hatte seit einiger Zeit das Frhstck abgeschafft, da ich es berflssig
gefunden; nun wre ich froh gewesen, es noch zu bekommen, allein die Wirtsleute
durften nicht erfahren, da ich hungerte, so wie es mir jetzt klar wurde, da
das erste Erfordernis meiner neuen Lage die strengste Geheimhaltung sei. Weil
ich als ein berbleibsel schon abgezogener Jugendvlker lebte, besa ich in
diesem Augenblicke nicht einen einzigen Vertrauten, dem man eine so auffllige
Tatsache erffnen konnte. Denn wer, ohne ein Bettler zu sein, eines Tages mitten
in der Gesellschaft faktisch nicht mehr essen kann, macht ein Aufsehen wie ein
Hund, dem man den Suppenlffel an den Schwanz gebunden hat. Statt mich hinter
meinen gemalten Wldern still verborgen halten zu knnen, war ich daher
gezwungen, um die Mittagszeit auszugehen. Es lag die hellste Frhlingssonne auf
den Straen; alles eilte vergnglich durcheinander, jeder nach seinem Tischorte.
Ich ging gefat hindurch, ohne mir etwas ansehen zu lassen, und bemerkte hiebei,
da die Begierde zunchst nicht sowohl nach einer guten Mahlzeit als nach einem
der frischen brunlichen Brote ging, die ich vor den Bckerlden liegen sah; so
schnell richtete sich der Wunsch des Bedrfnisses nur auf dieses einfachste und
allgemeinste Nahrungsmittel, das uralte Wort vom tglichen Brote zu Ehren
bringend.
    Aber nun galt es wieder, im Vorbergehen das gierige Auge nicht eine Sekunde
daran haften zu lassen, damit die Herrschaft des geistigen Menschen
aufrechterhalten blieb, und so ging ich auch, anstatt unentschlossen zu
schlendern, raschen Schrittes in eine ffentliche Gemldesammlung, um dort die
Zeit anstndig mit Betrachtung der Meisterwerke zu verbringen, deren Urheber in
ihren Lebtagen auch dies und jenes hatten erfahren mssen. Es gelang mir, die
nagenden Naturkrfte whrend einiger Stunden zu bndigen und den zwischen ihnen
und mir schwebenden Streithandel zu vergessen. Als die Sle geschlossen wurden,
ging ich sogleich aus der Stadt und lagerte mich am Flusse in einem
frischbelaubten Gehlze, wo ich in leidlicher Ruhe verborgen blieb, bis es
dunkel war. Seit zwei langen Tagen an den unheimlichen Zustand schon etwas
gewhnt, beschlich mich eine traurige Geduld, welcher derselbe allenfalls
ertrglich schien, wenn es nur nicht rger kme. Ich hrte, wie alle Vgel
allmhlich ihr Zwitschern einstellten und die Nachtruhe der Kreatur eintrat,
whrend das Gerusch der frhlichen Stadt herbersummte. Als aber in der Nhe
pltzlich das Geschrei eines Vogels ertnte, der von einem Marder oder Wiesel
erwrgt wurde, raffte ich mich auf und ging nach Hause.
    hnlich verlief der dritte Tag, nur da ich jetzt in allen Gliedern mde
wurde, langsamer dahinschlenderte und auch in meinen zerstreuten Gedanken
zusehends herunterkam. Eine fast gleichgltige Neugierde, wie es eigentlich
werden solle, behielt die Oberhand, bis am vorgerckten Nachmittage, als ich
ziemlich weit von Hause in einem offenen Garten sa, der Hunger so heftig und
peinlich sich erneuerte, da ich vollstndig das Gefhl hatte, wie wenn ich in
menschenleerer Wste von einem Tiger oder Lwen angefallen wre. Eine Art
Todesgefahr war jetzt augenscheinlich; aber sie bezwang gerade in dieser
hchsten Not meinen neubestrkten Vorsatz nicht, keine Hilfe anzusprechen. Ich
marschierte so ordentlich, als es gehen wollte, nach meiner Wohnung und legte
mich zum dritten Male ungegessen zu Bette; glcklicherweise mit dem Gedanken,
da das kein anderes und kein schmhlicheres Abenteuer sei, als wenn ich mich
etwa im Gebirge verirrt htte und dort drei Tage ohne Nahrung zubringen mte.
Ohne diesen Trost wrde ich eine sehr schlimme Nacht verlebt haben, whrend ich
wenigstens gegen Morgen in einen schlafhnlichen Zustand geriet, aus welchem ich
erst erwachte, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Freilich fhlte ich
mich jetzt ernstlich schwach und unwohl und wute nicht, was zu tun sei.
    Erst jetzt wurde ich recht rgerlich und etwas weinerlich und gedachte der
Mutter, nicht viel anders als ein verlaufenes Kind. Wie ich aber dieser Geberin
meines Lebens gedachte, fiel mir auch ihr hchster Schutzpatron und
Oberproviantmeister, der liebe Gott, wieder ein, der mir zwar immer gegenwrtig
war, jedoch nicht als Kleinverwalter. Und da in der Christenheit das objektlose
Gebet damals noch nicht eingefhrt war, so hatte ich mich auf der glatten See
des Lebens aller solcher Anrufungen lngst entwhnt. Diejenige, nach welcher
sich unmittelbar der unkluge Rmer eingefunden, war meines Erinnerns die letzte
gewesen.
    In diesem Augenblicke der Not aber sammelten sich meine paar Lebensgeister
und hielten Ratsversammlung, gleich den Brgern einer belagerten Stadt, deren
Anfhrer darniederliegt. Sie beschlossen, zu einer auerordentlichen verjhrten
Maregel zurckzukehren und sich unmittelbar an die gttliche Vorsehung zu
wenden. Ich hrte aufmerksam zu und strte sie nicht, und so sah ich denn auf
dem dmmernden Grunde meiner Seele etwas wie ein Gebet sich entwickeln, wovon
ich nicht erkennen konnte, ob es ein Krebslein oder ein Frschlein werden
wollte. Mgen sie's in Gottes Namen probieren, dachte ich, es wird jedenfalls
nicht schaden, etwas Bses ist es nie gewesen! Also lie ich das zustande
gekommene Seufzerwesen unbehindert gen Himmel fahren, ohne da ich mich seiner
Gestalt genauer zu erinnern vermchte.
    Ein paar Minuten hielt ich die Augen geschlossen. Du wirst doch aufstehen
mssen! sagte ich mir und nahm mich zusammen. Wie ich nun so vor mich
hinblickte, sah ich aus einer Ecke des Zimmers einen kleinen Glanz
herberleuchten, wie von einem goldenen Fingerring, nahe dem Boden. Es blinkte
ganz seltsam und lieblich, da sonst dergleichen Licht keines im Zimmer war. So
stand ich auf, die Erscheinung zu untersuchen, und fand, da der Glanz von der
metallenen Klappe meiner Flte herrhrte, die seit Monaten ungebraucht in jener
Ecke lehnte gleich einem vergessenen Wanderstabe. Ein einziger Sonnenstrahl traf
das Stckchen Metall durch die schmale Ritze, welche zwischen den verschlossenen
Fenstervorhngen offengelassen war; allein woher, da das Fenster nach Westen
ging und um diese Zeit dort keine Sonne stand? Es zeigte sich, da der Strahl
von der goldenen Spitze eines Blitzableiters zurckgeworfen war, die auf einem
ziemlich entfernten Hausdache in der Sonne funkelte, und so seinen Weg gerade
durch die Vorhangspalte fand. Indessen hob ich die Flte empor und beschaute
sie. Die brauchst du auch nicht mehr! dachte ich, wenn du sie verkaufst, so
kannst du wieder einmal essen! Diese Erleuchtung kam wie vom Himmel, gleich dem
Sonnenstrahl. Ich kleidete mich an, trank ein groes Glas Wasser, an welchem ich
keinen Mangel litt, und begann die Flte auseinanderzunehmen und die Stcke vom
Staube sorgfltig zu reinigen. Dann rieb ich sie mit einem Restchen Firnis und
wollenen Lppchen tchtig ab, salbte sie auch inwendig mit weiem Mohnl, in
Ermangelung von Mandell, das man sonst nimmt, damit das Instrument auch tnte,
wenn es etwa geprft wurde. Dann suchte ich das alte Fltenkstchen hervor und
legte die Querpfeife so feierlich hinein, als ob ihr die wunderbarsten Krfte
inwohnten, und nun machte ich mich ohne lngeres Sumen, und so rasch mich die
matten Beine trugen, auf den Weg, einen Kufer fr die alte Jugendfreundin zu
suchen.
    Es dauerte nicht lange, so stie ich in einer Seitengasse auf den kleinen
dunklen Laden eines Trdlers, hinter dessen Fenster ich neben etwas altem
Porzellangeschirr eine Klarinette stehen sah; an dem andern Fenster hingen ein
paar vergilbte Kupferstiche, in einem Rhmchen das verblichene Miniaturbildnis
einer Militrperson in verschollener Uniform sowie eine Taschenuhr, auf deren
Zifferblatt eine Schferszene gemalt war. Hier ging ich hinein und fand inmitten
seines Trdels ein seltsames ltliches Mnnchen, kurz und wohlbeleibt, in einen
langen Hausrock gemummt und darber noch eine weie Frauenschrze vorgebunden.
Auf dem rundlichen Kopfe trug er eine wunderliche Schirmmtze, die wie die
Muschel des Papiernautilus gebaut war. Diese Figur stand eben ber einen kleinen
Kochherd gebckt und rhrte in einem Topfe, als ich eintrat. Das Trdelmnnchen
sah auf und fragte mich nicht unfreundlich, was ich wnsche, worauf ich mit
leiser Stimme sagte, ich htte eine Flte zu verkaufen. Neugierig ffnete er das
Kstchen, gab es aber sogleich zurck und sagte: Richten Sie einmal das Ding
zusammen, so wei ich ja nicht, was es ist! Als ich die drei Bestandteile
gehrig zusammengesetzt hatte, nahm er das Instrument in die Hand und
betrachtete es von allen Seiten, sah auch darber weg, ob es nicht etwa krumm
oder verzogen sei.
    Warum wollen Sie's denn verkaufen? fragte er, und ich meinte, weil ich's
nicht mehr haben wolle. Aber tnt sie auch, die Flt'? Dort hab ich schon lang
ein Klarinett stehen, das keinen Laut von sich gibt, da bin ich mit angeschmiert
worden. Blasen Sie mal!
    Ich blies eine Tonleiter, er wollte aber ein ganzes Stcklein hren; ich
fing also, obschon mir nicht musizierlich zu Mut war, mit schwachem Atem die
Arie aus der Freischtzoper an:

Und ob die Wolke sie verhlle,
Die Sonne bleibt am Himmelszelt.
Es waltet dort ein heil'ger Wille,
Nicht blindem Zufall dient die Welt.

Es war das erste Musikstck, das ich vor Jahren einst gelernt hatte und das mir
daher jetzt am ehesten einfiel. Nicht nur aus Schwche, sondern auch in einem
wehmtigen Gefhle meiner Lage und der Erinnerung an jene sorglosen Zeiten fiel
der Vortrag ein wenig tremulierend oder zitterhaft aus, und ich gelangte nur bis
zum zehnten oder zwlften Takte. Allein das Mnnchen verlangte die Fortsetzung,
und ich blies aus Furcht, der Handel knnte sich zerschlagen, in erbrmlicher
Demtigung weiter, indessen der Trdler kein Auge von mir wandte. Ich kehrte
mich ab und schaute mit bitter nassen Augen durch das Fenster.
    Da blickte gleich einem Sonnenaufgang das schnste Mdchengesicht herein,
heiter wie der Frhlingstag, lachte holdselig und klopfte mit feinbeschuhter
Hand an die Scheibe. Es war ein offenbar vornehmes Frauenzimmer, und der
Trdelgreis beeilte sich eifrig, das Fenster so weit zu ffnen, als es wegen der
hinter demselben befindlichen Trdelware anging.
    Na, Mannerl, was haben's denn da fr ein Konzert? sagte sie im
vertraulichen Landesdialekt, den sie nur aus Freundlichkeit zu brauchen schien;
dann aber, eh das berraschte Mnnlein eine Antwort fand, fragte sie nach
gewissen chinesischen Tassen, die er zu liefern versprochen habe. Ich hatte mich
inzwischen auf eine Kiste gesetzt und schaute, ausruhend von dem mhseligen
Spiele, das liebliche Frauenwesen an, das nach rasch beendigter Rcksprache noch
einen unbefangenen Blick in den Raum warf und dessen Glanz auch ber meine
traurige Person hinlaufen lie.
    Schaffen's, da ich die alten Tasserl bekomm, und jetzt knnen's mit der
Musik fortfahren! rief sie noch und verschwand mit anmutigem Grue vom Fenster.
Der Alte war von der unverhofften Erscheinung ganz aufgeregt; der Maienglanz
dieses Gesichtes hatte ihn unzweifelhaft erwrmt und in die beste Stimmung
versetzt.
    Die Flten geht ja ganz ordentlich, sagte er zu mir; was wollen's denn
dafr haben?
    Als ich nicht wute, was ich fordern sollte, holte er einen und einen halben
Gulden hervor, in zwei funkelneuen Stcken. Sein's zufrieden damit? sagte er,
machen's kein' Umstnd, das ist ein schnes Geld! Ich war zufrieden und dankte
sogar in der Eile aufrichtig nach Magabe meines Rettungsgefhles, was in seinem
Verkehre nicht oft vorkommen mochte. Er klopfte mir gemtlich auf die Achsel und
lie sich zeigen, wie die Flte auseinanderzunehmen und in das Futteral zu legen
sei. Das Kstchen stellte er sodann geffnet hinter das Fenster.
    Auf der Strae besah ich die beiden Mnzen genauer, um mich nochmals zu
versichern, da ich wirklich die Macht in der Hand halte, den Hunger zu stillen.
Der helle Silberglanz, der Glanz der vorhin gesehenen, noch nachwirkenden zwei
Augen und der Sonnenstrahl, der am Morgen kurz nach dem Gebete mir die
vergessene Flte gezeigt hatte, schienen mir alle aus der nmlichen Quelle zu
kommen und eine transzendente Wirkung zu sein. Mit dankbarer Rhrung, aller
Lebenssorge ledig, wartete ich die Mittagsstunde ab, berzeugt, da der liebe
Gott doch unmittelbar geholfen habe. Es wird deswegen ja doch mit rechten Dingen
zugehen, dachte ich in meiner so hart angefochtenen Eigenliebe, und ich kann mir
dies still bescheidene Wunder wohl gefallen lassen und darf Gott rechtmig
danken. Schon der Symmetrie wegen fgte ich dem heutigen Morgengebetchen jetzt
ein kurzes Dankgebet bei, ohne den groen Weltherrn mit vielen oder lauten
Worten belstigen zu wollen.
    Nun aber sumte ich nicht lnger, das gewohnte Speisehaus aufzusuchen, das
ich seit einem Jahre nicht mehr betreten zu haben glaubte, so lang dnkten mich
die drei Tage. Ich a einen Teller krftiger Suppe, ein Stck Ochsenfleisch mit
gutem Gemse und eine landesbliche Mehlspeise. Dazu lie ich mir einen Krug
Bier geben, das herrlich schumte, und alles schmeckte mir so trefflich, wie
wenn ich am feinsten Gastmahle gesessen htte. Ein unverheirateter Arzt, der
auch dort zu speisen pflegte, bemerkte freundlich, er habe vorhin geglaubt, ich
sei krank, so bel sehe ich aus; allein da ich so frischen Appetit habe, so
scheine es doch nicht gefhrlich zu sein. Ich entnahm hieraus, da ich mich
wenigstens einer guten Gesundheit erfreute, woran ich bisher nicht gedacht
hatte, und hiefr war ich der Vorsehung auch dankbar; denn einem krnklichen
oder schwchlichen Gesellen htte die Strapaze schlimmer ablaufen knnen.
    Nach Tisch begab ich mich in ein Kaffeehaus, um dort bei einer Tasse
schwarzen Trankes auszuruhen und dabei die Zeitungen zu lesen und zu sehen, was
in der Welt vorging. Denn auch darin war ich die drei Tage wie in der Wste
gewesen, da ich mit niemand gesprochen und keinerlei Neuigkeit vernommen hatte.
Ich fand auch allerlei Nachrichten und Weltbegebenheiten, die sich in der Zeit
angesammelt; ber dem behaglichen Lesen kehrten aber zusehends meine Leibes- und
Verstandeskrfte zurck, und als ich den Bericht las, wie in einer Stadtkirche
das Volk zusammenlaufe, weil ein Marienbild dort die Augen bewegen solle, kam
ich betroffen auf mein stilles Privatwunder zu denken und sagte mir nach einigem
Besinnen, in ganz verndertem Seelentenor, als ich vor dem Essen gehabt: Bist du
denn besser als diese Bildanbeter? Da kann man wohl sagen, wenn der Teufel
hungrig ist, so frit er Fliegen, und der Heinrich Lee schnappt nach einem
Wunder!
    Und doch zgerte ich, mich der wohltuenden Empfindung einer unmittelbaren
Vorsorge und Erhrung, eines persnlichen Zusammenhanges mit der Weltsicherheit
zu entledigen.
    Schlielich, um dieses Vorteils nicht verlustig zu gehen und doch das
Vernunftgesetz zu retten, erklrte ich mir den Vorgang so, da die anererbte
Gewohnheit des Gebetes an die Stelle einer energischen Zusammenfassung der
Gedankenkrfte getreten sei, durch die damit verbundene Herzenserleichterung
jene Krfte frei und sie fhig gemacht habe, das einfache Rettungsmittel, das
bereitlag, zu erkennen oder ein solches zu suchen; da aber eben dieser Proze
gttlicher Natur sei und Gott in diesem Sinne ein fr allemal die Appellation
des Gebetes den Menschen delegiert habe, ohne im einzelnen Fall einzugreifen,
auch ohne sich fr den jedesmaligen unbedingten Erfolg zu verbrgen. Vielmehr
habe er die Anordnung getroffen, da, um den Mibrauch seines Namens zu
verhten, Selbstvertrauen und Tatkraft, solange sie irgend ausreichen,
Gebeteswert haben und vom Erfolge gesegnet sein sollen.
    Noch heute lache ich weder ber die Geringfgigkeit jener Not noch ber den
vorbergehenden Wunderglauben, noch ber die pedantische Abrechnung, die
demselben folgte. Ich wrde die Erfahrung, einmal im Leben den starken Hunger
gesprt zu haben, das Wunder des lieblichen Sonnenblickes nach dem Gebete und
die kritische Auflsung desselben nach erfolgter Leibesstrkung nicht hergeben;
denn Leiden, Irrtum und Widerstandskraft erhalten das Leben lebendig, wie mich
dnkt.

                                Fnftes Kapitel



                           Die Geheimnisse der Arbeit

Das Geldchen, das ich fr die Flte erhalten, reichte auch fr einen zweiten Tag
aus, da ich es klglich eingeteilt hatte. Ich erwachte also diesmal ohne die
Sorge, heute hungern zu mssen, und das war wiederum ein kleines, zum ersten Mal
erlebtes Vergngen, da diese Sorge mir frher unbekannt gewesen und ich erst
jetzt den Unterschied empfand. Dies neue Gefhl, mich gegen den Untergang
mangels Nahrung gesichert zu wissen, gefiel mir so gut, da ich mich schnell
nach weiteren Habseligkeiten umsah, die ich der Flte nachsenden knne; ich
entdeckte aber durchaus nichts Entbehrliches mehr als den bescheidenen
Bcherschatz, der sich ber meinen wissenschaftlichen Grenzberschreitungen
aufgestapelt und verwunderlicherweise noch vollstndig beisammen war. Ich
ffnete einige Bnde und las stehend Seite auf Seite, bis es eilf Uhr schlug und
Mittag heranrckte. Da tat ich mit einem Seufzer das letzte Buch zu und sagte:
Fort damit! Es ist jetzt nicht die Zeit solchen berflusses, spter wollen wir
wieder Bcher sammeln!
    Ich holte rasch einen Mann, der den ganzen Pack mit einem Stricke
zusammenband, auf den Rcken schwang und mir auf dem Wege zu einem Antiquarius
damit folgte. In einer halben Stunde war ich aller Gelehrsamkeit entledigt und
trug dafr die Mittel in der Tasche, das Leben whrend einiger Wochen zu
fristen.
    Das dnkte mich schon eine unendliche Zeit; allein auch sie ging vorber,
ohne da meine Lage sich nderte. Ich mute also auf eine neue Frist denken, um
die Wendung zum Bessern und den Glckesanfang abzuwarten. Die einen Menschen
verhalten sich unablssig hchst zweckmig, rhrig und ausdauernd, ohne einen
festen Grund unter den Fen und ein deutliches Ziel vor Augen zu haben, whrend
es andern unmglich ist, ohne Grund und Ziel sich zweckmig und absichtlich zu
verhalten, weil sie eben aus Zweckmigkeit nicht aus nichts etwas machen knnen
und wollen. Diese halten es dann fr die grte Zweckmigkeit, sich nicht am
Nichtssagenden aufzureiben, sondern Wind und Wellen ber sich ergehen zu lassen,
jeden Augenblick bereit, das leitende Tau zu ergreifen, wenn sie nur erst sehen,
da es irgendwo befestigt ist. Sind sie dann am Lande, so wissen sie, da sie
wieder Meister sind, indessen jene immer auf ihren kleinen Balken und Brettchen
herumschwimmen und aus lauter Ungeduld vom Ufer wegzappeln. Ich war nun
allerdings keine groe Figur in der Geisterwelt, um ein so vornehmes Mittel, wie
die Geduld ist, gebrauchen zu drfen; allein ich hatte damals kein anderes zur
Hand, und im Notfall bindet der Bauer den Schuh mit Seide.
    Das letzte, was ich auer meinen unverkuflichen Bildern und Entwrfen
besa, waren die mit meinen Naturstudien angefllten Mappen. Sie enthielten fast
den ganzen Flei meiner Jugend und stellten ein kleines Vermgen dar, weil sie
lauter reale Dinge aufwiesen. Ich nahm zwei der besseren Bltter, von
ansehnlichem Format, welche ich schon im Freien als Ganzes abgeschlossen und in
zufllig glcklicher Weise leicht gefrbt hatte. Dieselben whlte ich, um wegen
der greren Wirkung sicherzugehen, da ich keinen der oberen Kunsthndler,
sondern das freundliche Trdelmnnchen heimzusuchen gedachte und von vornherein
nicht einen wirklichen Wert zu erhaschen hoffte. Vor seinem Geschfts- und
Wohnwinkel angekommen, sah ich erst durch das Fenster und bemerkte die alten
Gegenstnde dahinter, die Klarinette wie die Kupferstiche und Bildchen, dagegen
nicht mehr das Fltenkstchen. Dadurch ermutigt, trat ich bei dem Alten ein, der
mich sogleich erkannte und fragte, was ich Neues bringe. Er war gnstig gelaunt
und lie mich wissen, da er jene Flte lngst verkauft habe. Als ich die
Bltter entrollt und auf seinem Tische so gut als mglich ausgebreitet, fragte
er zuvrderst, gleich dem israelitischen Bild- und Kleiderhndler, ob ich sie
selbst gemacht, und ich zgerte mit der Antwort; denn noch war ich zu hochmtig
fr das Gestndnis, da die Not mich mit meiner eigenen Arbeit in seine Spelunke
treibe. Er schmeichelte mir jedoch ohne Verzug die Wahrheit ab, deren ich mich
nicht zu schmen brauche, vielmehr zu rhmen htte; denn die Sachen schienen ihm
in der Tat nicht bel, und er wolle es damit wagen und ein Erkleckliches
daranwenden. Er gab mir auch so viel dafr, da ich ein paar Tage davon leben
konnte, und mir schien das ein nicht zu verachtender Gewinn, obgleich ich
seinerzeit lust- und fleierfllte Wochen ber den Gebilden zugebracht hatte.
Jetzt wog ich das winzige Smmchen nicht gegen den Wert derselben, sondern gegen
die Not des Augenblickes ab, und da erschien mir der rmliche Handelsgreis mit
seiner kleinen Kasse noch als ein schtzenswerter Gnner; denn er htte mich ja
auch abweisen knnen. Und das wenige, was er mit gutem Willen und drolligen
Gebrden gab, war so viel, als wenn reiche Bilderhndler grere Summen fr eine
unsichere Laune ihres zweifelnden Urteiles hingeben.
    Aber noch in meiner Anwesenheit befestigte der Kauz die unglcklichen
Bltter an seinem Fenster, und ich machte, da ich fortkam. Auf der Strae warf
ich einen flchtigen Blick auf das Fenster und sah die sonnigen Waldeinsamkeiten
aus der Heimat wehmtig an diesem dunklen Pranger der Armut stehen.
    Nichtsdestoweniger ging ich in zwei Tagen abermals mit einem Blatte zu dem
Manne, der mich munter und freundschaftlich empfing. Die zwei ersten Zeichnungen
waren nicht mehr zu sehen; das Mnnchen, oder Herr Joseph Schmalhfer, wie er
eigentlich laut seinem kleinen alten Ladenschilde hie, wollte aber keineswegs
sagen, wo sie geblieben seien, sondern verlangte zu sehen, was ich gebracht
habe. Wir wurden bald des Handels einig; ich machte zwar eine kleine
Anstrengung, einen barmherzigern Kaufpreis zu erwischen, war aber bald froh, da
der Alte nur kauflustig blieb und mich aufmunterte, ihm ferner zu bringen, was
ich fertigmachte, immer hbsch bescheiden und sparsam zu sein, wobei aus dem
kleinen Anfang gewi etwas Tchtiges erwachsen wrde. Er klopfte mir wieder
vertraulich auf die Achsel und lud mich ein, nicht so trbselig und einsilbig
dreinzuschauen.
    Der ganze Inhalt meiner Mappen wanderte nun nach und nach in die Hnde des
immer kaufbereiten Hkers. Er hing die Sachen nicht mehr ans Fenster, sondern
legte sie sorgfltig zwischen zwei Pappdeckel, die er mit einem langen Lederriem
zusammenschnallte. Ich bemerkte wohl, da sich die Bltter, groe und kleine,
farbige wie Bleistiftzeichnungen, zuweilen lngere Zeit ansammelten, bis der
Behlter pltzlich wieder dnn und leer war; allein niemals verriet er mit einem
Worte, wohin meine Jugendschtze verschwanden. Sonst aber blieb sich der Alte
immer gleich; ich fand, solang ich ein Blatt zu verkaufen hatte, eine sichere
Zuflucht bei ihm, und endlich war ich froh, auch ohne Handelsverkehr etwa ein
Stndchen mit Geplauder bei ihm zu verbringen und seinem Treiben zuzusehen.
Wollte ich dann weggehen, so forderte er mich auf, nicht ins Wirtshaus zu laufen
und das Geldchen zu vertun, sondern an seinem Tische mitzuhalten, und erzwang es
am Ende auch. brigens war der allein lebende alte Gnom ein guter Koch und hatte
stets ein leckeres Gericht im Hafen auf dem Herde oder im Ofen seines dstern
Gewlbes. Bald briet er eine Ente, bald eine Gans, bald schmorte er ein
krftiges Gemse mit Schpsenfleisch, oder er verwandelte billige Flufische
durch seine Kunst in treffliche Fastenspeise. Als er mich eines Tages zu seiner
Mahlzeit eingefangen hatte, sperrte er pltzlich das Fenster auf, wegen der
Wrme, wie er sagte, im Grunde aber, um meinen Bettelstolz zu zhmen und mich
den Vorbergehenden zu zeigen. Das merkte ich an seinen schlauen uglein und
scherzhaften Worten, womit er die Anzeichen von Verlegenheit und Unwillen
bekriegte, die ich sehen lie. Ich ging ihm auch nicht mehr in die Falle und
betrachtete meine Bedrftigkeit als mein Eigentum, ber das er auf diese Art
nicht zu verfgen habe. Seltsamerweise fragte er mich nie, wie oder warum ich
arm geworden sei, obgleich er mir Namen und Herkunft lngst abgehrt. Den Grund
seines Verhaltens fand ich in der Vorsicht, jede Errterung zu vermeiden, um
nicht zu etwas menschlicheren Kaufsangeboten moralisch gentigt zu werden. Aus
gleicher Ursache beurteilte er auch nie mehr, was ich ihm brachte, als gut oder
zufriedenstellend, und mit immer gleicher Beharrlichkeit verschwieg er, wohin er
die Sachen verkaufe.
    Ich fragte auch nicht mehr darnach. Wie ich nun gestimmt war, gab ich gern
alles hin fr das krgliche Brot, das die Welt mir gewhrte, und empfand dabei
die Genugtuung, es verschwenderisch zu bezahlen. Das konnte ich mir um so eher
einbilden, als das wenige, das ich erhielt, der erste Gewinn war, den ich
eigener Arbeit verdankte; denn nur der Gewinn aus Arbeit ist vllig vorwurfsfrei
und dem Gewissen entsprechend, und alles, was man dafr einhandelt, hat man
sozusagen selbst geschaffen und gezogen, Brot und Wein wie Kleid und Schmuck.
    So erhielt ich mich ungefhr ein halbes Jahr, so wenig mir der Alte fr die
mannigfaltigen Studienbltter und Skizzen gab; denn sie wollten fast kein Ende
nehmen, was freilich eines Tages dennoch geschah. Ich war aber nicht bereit,
sofort wieder zu hungern. Daher lste ich meine groen gefrbten oder grauen
Kartons von den Blendrahmen, zerschnitt jeden sorgfltig in eine Anzahl gleich
groer Bltter, die ich in einen Umschlag aufeinanderlegte, und trug diese
merkwrdigen, immer noch stattlichen Hefte eines nach dem andern zu dem Herren
Joseph Schmalhfer. Er beschaute sie mit groer Verwunderung; sie sahen auch
wunderbar genug aus. Die groe kecke Zeichnung, die ohne Ende durch alle die
Fragmente ging, die starken Federstriche und breiten Tuschen erschienen auf den
kleineren Bruchstcken doppelt gro und gaben ihnen als Teilen eines unbekannten
Ganzen einen geheimnisvollen fabelhaften Anstrich, so da der Alte sich nicht zu
helfen wute und wiederholt fragte, ob das auch etwas Rechtes sei? Ich machte
ihm aber weis, das mte so sein, die Bltter knnten zusammengesetzt werden und
machten alsdann ein groes Bild; sie htten indessen auch einzeln fr sich ihre
Bedeutung, und es sei auf jedem etwas zu sehen, kurz, ich drehte ihm zum Spa
eine Nase und dachte mir dabei, wenn sie ihm auch auf dem Halse blieben, so sei
das nur eine kleine Einbue an dem Gewinne, den er von mir gezogen. Das
Trdelgreischen rieb sich verlegen das Bein, welches mit einer juckenden Flechte
behaftet war, lie aber die sibyllinischen Bcher nicht fahren, sondern
verkaufte sie eines Tages alle miteinander, ohne da ich erfuhr, wohin sie
gekommen.
    Als ich den Ertrag dieses letzten Verkaufes aufgebraucht hatte, war mein
Latein fr einmal wieder zu Ende. Versuchsweise ging ich zu dem Bild- und
Kleiderhndler, um nach den zwei lbildern zu sehen. Sie hingen an der alten
Stelle, und ich bot sie dem Manne zu Eigentum an auch fr den bescheidensten
Preis, den er ansetzen wrde. Er war jedoch nicht geneigt, irgend etwas Bares
dafr auszulegen, und ermunterte mich zur Geduld, wobei ich ja ein besseres
Geschft machen werde. Ich war das auch zufrieden und hatte somit immer noch
eine kleine Hoffnung in der Welt hngen und einen schwebenden Handel. Von da
ging ich weiter und kehrte bei meinem Schmalhfer an, ihm einen guten Tag zu
wnschen. Er blickte mir sofort auf die leeren Hnde; ich sagte jedoch, ich
htte nichts mehr zu veruern.
    Nur munter, Freundchen! rief er und nahm mich bei der Hand; wir wollen
sogleich eine Arbeit beginnen, die sich sehen lassen wird! letzt sind wir gerade
auf dem rechten Punkt, da darf nicht gefeiert werden! Und er fhrte und schob
mich in ein noch dunkleres Verlies, das hinter dem Laden lag und sein Licht nur
durch eine schmale Schiescharte empfing, die in der feuchten schimmligen Mauer
sich auftat. Nachdem ich mich einigermaen an die Dunkelheit gewhnt, erblickte
ich das Gewlbe angefllt mit einer Unzahl hlzerner Stbe und Stangen, ganz
neu, rund und glatt gehobelt, von allen Gren, lastweise an den Wnden stehend.
Auf einer uralten Feueresse, dem Denkmal irgendeines Laboranten, der vielleicht
vor hundert Jahren hier sein Wesen getrieben, stand ein Eimer voll weier
Leimfarbe inmitten mehrerer Tpfe mit anderen Farben, jeder mit einem migen
Streicherpinsel versehen.
    In vierzehn Tagen, lispelte und schrie der Alte abwechselnd, wird die
Braut des Thronfolgers in unsere Residenz einziehen! Die ganze Stadt wird
geschmckt und verziert werden, Tausende und Abertausende von Fenstern, Tren
und Gucklchern werden mit Fahnen in unsern und den Landesfarben der Braut
besteckt; Fahnen von jeder Gre werden die nchsten zwei Wochen die gesuchteste
Ware sein! Schon ein paarmal hab ich die Unternehmung bestanden und ein gut
Stck Geld verdient. Wer der erste, Schnellste und Billigste ist, hat den
Zulauf. Drum frisch dran hin, keine Zeit ist zu verlieren! Habe mich schon
vorgesehen und Stcke machen lassen, weitere Lieferungen sind bestellt, das
Zuschneiden des Tuches und das Nhen wird ebenfalls beginnen. Ihr aber,
Freundchen, seid wie vom Himmel ausersehen, die Stangen anzustreichen! Bst!
nicht gemuckst! Hier fr diese groen gebe ich einen Kreuzer das Stck, fr
diese kleineren einen halben; von diesen ganz kleinen aber, welche fr die
Mauslcher und Blinzelfensterchen der armen Reichsleute und Untertanen bestimmt
sind, mssen vier Stck auf den Kreuzer gehen! Jetzt aber merkt auf, wie das zu
machen ist, alles will gelernt sein!
    Er hatte schon mehrere Stnglein halb und ganz vorgearbeitet; nachdem der
Stecken mit der weien Grundfarbe bestrichen, welche fr beide Knigreiche
dieselbe war, wurde er mit einer Spirallinie von der anderen Farbe umwunden. Der
Alte legte eine der grundierten Stangen in die Schiescharte, hielt sie in der
linken Hand waagrecht, und indem er, den Pinsel eintauchend, mich aufmerksam
machte, wie dieser weder zu voll noch zu leer sein drfe, damit eine sichere und
saubere Linie in einem Zuge entstnde, begann er die Stange langsam zu drehen
und von oben an die himmelblaue Spirale zu ziehen, womglich ohne zu zittern
oder eine unvollkommene Stelle nachholen zu mssen. Er zitterte aber doch, auch
geriet ihm der weie Zwischenraum und die Breite der blauen Linie nicht
gleichmig, so da er das mislungene Werk wegwarf und rief: Item! auf diese
Art wird's gemacht! Eure Sache ist es nun, das Ding besser anzugreifen; denn
wozu seid Ihr jung?
    Ohne mich einen Augenblick zu besinnen, ergriff ich einen Stab, legte ihn
auf und versuchte neugierig die seltsame Arbeit, und bald ging sie gut
vonstatten. Eifrig fuhr ich fort, bis um die Mittagszeit; als ich da aus dem
Finsterloche hervortrat, fand ich den Alten zwischen drei oder vier Nhterinnen
hausend, denen er das Fahnenzeug zuma und hundert Lehren erteilte, wie sie zwar
nicht liederlich, doch auch nicht zu gut nhen sollten, sondern so, da die
Arbeit rstig vorrcke und die Fahnen dennoch zusammenhielten, wenn sie im Winde
flatterten, ohne da sie hinwiederum eine Ewigkeit zu dauern brauchten. Die
Weiber lachten, und ich lachte auch, als ich hindurchging und das Mnnchen mir
nachrief, in einer Stunde unfehlbar wieder dazusein. Das geschah, und ich
brachte die folgenden Tage bis ans Ende mit der neuen Beschftigung zu.
    Drauen glnzte anhaltend der lieblichste Sptsommer; Sonnenschein lag auf
der Stadt und dem ganzen Lande, und das Volk trieb sich bewegter als sonst im
Freien herum. Der Laden des Meister Joseph war fortwhrend angefllt mit Leuten,
welche Fahnen holten oder bestellten, mit zuschneidenden und nhenden Mdchen,
mit Tischlern, die frische Stangen brachten; der Alte regierte und lrmte in
bester Laune dazwischen herum, nahm Geld ein, zhlte Fahnen, und ab und zu kam
er in das Finsterloch herein, wo ich mutterseelenallein in dem blassen
Lichtstrahl der Mauerritze stand, den weien Stab drehte und die ewige Spirale
zog.
    Er klopfte mir dann etwa sachte auf die Schulter und flsterte mir ins Ohr:
So recht, mein Sohn! Dies ist die wahre Lebenslinie; wenn du die recht akkurat
und rasch ziehen lernst, so hast du vieles erreicht! In der Tat fand ich in
dieser einfachen Beschftigung allmhlich einen solchen Reiz, da mir die in dem
Loch zugebrachten Tage wie Stunden vergingen. Es war die unterste Ordnung von
Arbeit, wo dieselbe ohne Nachdenken und Berufsehre und ohne jeglichen andern
Anspruch als denjenigen auf augenblickliche Lebensfristung vor sich geht; wo der
auf der Strae daherziehende Wanderer die Schaufel ergreift, sich in die Reihe
stellt und an selbiger Strae mitschaufelt, solang es ihm gefllt und das
Bedrfnis ihn treibt.
    Unablssig zog ich das gewundene Band, rasch und doch vorsichtig, ohne einen
Klecks zu machen, einen Stab ausschieen zu mssen oder einen Augenblick durch
Unschlssigkeit oder Trumerei zu verlieren, und whrend sich die bemalten Stbe
unaufhrlich huften und weggingen, whrend ebenso bestndig neue ankamen, wute
ich doch jeden Augenblick, was ich geleistet, und jeder Stecken hatte seinen
bestimmten Wert. Ich brachte es so weit, da der ganz verblffte Joseph mir
schon am dritten Abend nicht weniger als zwei Kronentaler als Tagelohn auszahlen
mute, mehr, als er mir fr die beste Zeichnung gegeben hatte. Erst sperrte er
sich dagegen und schrie, er habe sich verrechnet, es sei nicht die Meinung
gewesen, da ich so viel an dem Zeug verdienen solle!
    Ich dagegen verstand keinen Spa und beharrte auf der Abrede mit der
Behauptung, die erworbene Fertigkeit ginge ihn nichts an und er solle froh sein,
wenn er dank derselben so viele Fahnen liefern knne; genug, ich fhlte mich
hier ganz auf einem sichern Grunde und schchterte das Mnnchen dermaen ein,
da es sich schleunig zufriedengab und mich aufforderte, nur so fortzufahren,
die Sache sei bestens im Gange.
    Er hatte auch einen gewaltigen Zulauf und versorgte einen guten Teil der
Stadt mit seinen Huldigungspanieren. Ich aber drehte unverdrossen den Stab und
durchwanderte mit meinen Gedanken auf der unablssig sich abwickelnden blauen
Linie eine Welt der Erinnerung und der Ausschau in die Zukunft. Ich hatte nicht
im Sinne, zugrunde zu gehen, und konnte doch nicht den Ausgang sehen, der ja
unzweifelhaft vorhanden war, da der Glaube an eine gttliche Weltordnung mir
nach wie vor im Blute wohnte, wenn ich mich auch in acht nahm, abermals die
Angel nach einem kleinen Gebetswunder auszuwerfen. Zuletzt begngte ich mich mit
dem Bewutsein der unmittelbaren Sicherheit, da ich fr diesen und eine Reihe
von Tagen ja zu leben habe. Ein ledernes Geldbeutelchen, das ich mir nach Art
der Fuhr- und Schiffleute angeschafft, hervorziehend, berzeugte ich mich, wie
der bescheidene Schatz von Silberstcken, der wohlverschnrt darin ruhte, sich
zusehends vermehrte.
    Bis jetzt hatte ich das Geld immer offen in der Westentasche getragen; als
ein angehender Geldhamster nahm ich mir nun vor, nie mehr ohne Beutel zu
wirtschaften, und setzte eifrig meine ruhmlose und zufriedene Arbeit fort. Am
Abend suchte ich dann irgendein entlegenes Gasthaus, setzte mich unter
unbekanntes Volk und verzehrte ein sprliches Nachtmahl, welches ich, in meinem
Beutel herumklaubend, bedchtig und vorsichtig bezahlte als einer, der wei,
woher es kommt.
    Endlich war indessen der Einzugstag herangerckt. Noch in der letzten Stunde
kamen einzelne rmere oder knauserige Leute, ein Fhnchen oder zwei nach
reiflichem Entschlusse zu holen, und feilschten um den Preis; dann wurde der
Laden still und leer, der Alte zhlte seine Einnahme, und vollauf damit
beschftigt, forderte er mich auf hinauszugehen, den festlichen Einzug der
knftigen Herrscherin mit anzuschauen und mir gtlich zu tun.
    Sie machen sich wohl nichts daraus, wie? fgte er hinzu, als er sah, da
ich keine besondere Lust bezeigte; sehen Sie, so wird man gesetzt und klug!
Schon weiser geworden in der kurzen Zeit, bei der alten Feueresse! So mu es
kommen! Aber geht dennoch ein bichen hinaus, Lieber, und wre es nur, um die
schne Luft und die Sonne zu genieen!
    Das fand ich billig und ratsam; ich durchstrich die Stadt, die sich mit
einem Schlage ganz in Farben, Gold und grnes Laub gehllt hatte, da es von
allen Enden flatterte und schimmerte. Durch die Straen wogte eine ungezhlte
Menschenmenge, glnzende Reiterzge, Fuvolk, Znfte, Korporationen und
Brderschaften mit allen mglichen seltsamen Fahnen bewegten sich dem Tore zu,
und auerhalb desselben, das ich mit durchschritt, ergo sich dieses Freudenheer
nach dem Weichbilde hin auf das freie Feld, in eine Volksmenge hinein, die es
schon besetzt hielt, da Bauerschaften, lndliche Schulen, Schtzen aus weitem
Umkreise herangezogen waren. Dazwischen drngte sich ebenso zahlreich das
zuschauende Publikum, mit welchem ich mich schieben lie.
    Pltzlich ertnte Geschtzdonner, Glockengelute ber der weitgedehnten
Stadt; Musikchre, Trommelschlag und der betubende Zuruf des Volkes
verkndeten, da die erwartete Frstin herannahe. Ich sah im Glanze der
Nachmittagssonne die Schwerter der voranrasselnden Reiter blinken und darauf in
einem Blumenwagen das junge Frauenwesen vorberschweben ber den Kpfen der
wogenden Menge, wie in einem Schiffe, das ber ein rauschendes Meer gleitet, da
ich weder Pferde noch Rder sehen konnte. Erst erfreute mich das ungeheuere
Gerusch, dann aber belstigte es mich als etwas Fremdes und erweckte meine
republikanische Eifersucht gegen die Macht eines monarchischen Lebens, mit dem
ich nichts zu schaffen hatte, an welchem ich nichts mehren und nichts mindern
konnte.
    Freilich hast du geschafft und gemehrt! rief in mir die Stimme des
politischen Gewissens, du hast seit Wochen davon gelebt und trgst sogar den
Sndenlohn noch in der Tasche!
    So hab ich wenigstens nicht auf diese Untertanen geschossen, erwiderte die
Selbstbeschnigung, wie so oft die Schweizergarden im Frstendienste getan
haben; und in diesem Augenblicke stehen noch vollzhlige Regimenter am Fue von
Thronen, die schlechter sind, als der hier gefeiert wird!
    Die Vorstellung der Schweizerregimenter in fremden Diensten brachte wieder
eine andere Phantasie hervor; ich sah im Geiste die mehreren Tausende der von
mir gesprenkelten Fahnenstecken gleich einem unabsehbaren Zaune aufgestellt und
mich als den Feldhauptmann der hlzernen Armee mitten vor derselben stehend, den
ledernen Geldbeutel in der Hand. Der Vergleich dieses Ehrenpostens mit
demjenigen eines weiland schweizerischen Marschalls im franzsischen oder
hispanischen Heere schien zu meinen Gunsten auszufallen, da wenigstens kein
Tropfen Blut daran klebte. Mein Bewutsein erheiterte sich wieder, sprach sich
frei, und ich marschierte an der Spitze des Gewalthaufens meiner unsichtbaren
Stangengeister durch die langsam zurckflutenden Massen nach der Stadt zurck.
    Gemchlich wandelte ich nun durch die geschmckten Straen und besah mir
alle Zierwerke und Veranstaltungen genauer; dann ging ich mit dem sinkenden
Abend wieder hinaus, wo alle Trinksttten und Tanzgrten angefllt waren. Ich
hielt mich aber nirgends auf, bis ich mit aufgehendem Monde zu einer mit
hundertjhrigen Silberpappeln bewachsenen Fluinsel kam, in deren Mitte ein
volkstmliches Zech- und Tanzgebude hell erleuchtet war und von Geigen, Pauken
und Trompeten tnte. Da suchte ich ein einsames Pltzchen unter den Bumen und
mglichst nah am Wasser, dessen flieende Wellen im Mondlichte glnzten. Andere
hatten jedoch den gleichen Geschmack, und so ging ich vergeblich an manchen
Tischen vorbei; zuletzt mute ich mich entschlieen, an einem Platz zu nehmen,
an welchem schon Leute saen, einige junge Frauenzimmer mit ihren Freunden oder
Verwandten. Das Halbdunkel der hohen Bume war durch eine bunte Papierlaterne
etwas erhellt, aber nicht genug, da das mondbeschienene Wasser um seine
freundliche Wirkung gekommen wre und das Gestirn matter durch die liste
gefunkelt htte.
    Als ich, leicht den Hut rckend, mich niederlie, versicherten mich zwei der
Mdchen, die zunchst saen, mit schalkhaftem Lcheln, es sei fr einen guten
Bekannten und Arbeitsgenossen Raum genug vorhanden, und erst jetzt erkannte ich
in ihnen zwei der Fahnennherinnen aus Schmalhfers Laden. Sie hatten sich gar
anmutig herausgeputzt, und ich war berrascht, so hbsche Geschpfe in ihnen zu
finden, die ich whrend der ganzen Zeit kaum angesehen und gegrt, wenn ich
durch den Laden in das finstre Loch ging oder aus demselben kam. Die ltere von
ihnen stellte mich der Gesellschaft, welche aus jungen Arbeitsleuten
verschiedener Profession zu bestehen schien, als Standesgenossen vor; denn sie
hatten auch von dem Alten meinen Namen erfahren. Man hielt mich offenbar fr
einen wackern Tnchergesellen; die jungen Mnner boten mir treuherzig ihre
Bierkrge dar, ich tat Bescheid, versah mich selbst mit einem Kruge, und froh,
nach langer Einsamkeit unter Menschen zu sein, berlie ich mich der einfachen
Geselligkeit, ohne meinen etwas hhern Rang zu verraten, was mir auch bel
angestanden htte.
    Der kleine Kreis bestand aus drei Liebespaaren, an der Art kenntlich, wie
sie sich unbefangen umfat hielten. Zwischen Hoffnung und Furcht schwebend,
dauernd verbunden oder wieder getrennt zu werden, verloren sie keine Zeit, sich
ihrer Gegenwart zu versichern. Ein viertes Mdchen schien berzhlig zu sein;
denn es sa ohne Galan zunchst an meiner Seite, vielleicht wegen zu groer
Jugend, da es hchstens siebzehn Jahre alt sein mochte. Ich hatte die glnzenden
Augen der Kleinen im Trdlerladen schon bemerkt, weil sie immer aufgeblickt,
wenn man durchging. Jetzt sah ich auch ihre auerordentlich feine Gestalt, in
einen ziemlich feinen weien Sonntagsshawl gehllt; auf dem Tische lag die
zierlichste kleine Hand, deren zarte Fingerspitzen freilich von unzhligen
Nadelstichen eine rauhere Haut bekommen hatten, und rechnete man hinzu das
weiche braune Haar, das unter dem luftigen Htchen hervorquoll, sowie das Licht
des jungen Busens, wenn das helle Tuch sich einen Augenblick lftete, so
erschien hier im Schatten der Armut ein Schatz von Reizen verborgen, wie ihn
mancher Reichtum vergeblich wnschte. Selbst die Blsse des Gesichtes, deren ich
mich zu erinnern glaubte, diente jetzt einem Lichtspiele zur Unterlage, indem
bald der rtliche Schimmer der im Luftzuge schwankenden Papierlaterne, bald der
silberbluliche Abglanz des Flusses darberflog und zusammen mit dem Lcheln
ihres Mundes, wenn sie sprach, ein geheimnisvolles Leben und Weben bildete. Zum
berflusse hie sie noch Hulda.
    Ich fragte sie, ob sie wirklich so heie oder ob sie den Namen blo
angenommen habe, wie das bei Frauenzimmern des arbeitenden und dienenden
Standes, dem wir angehrten, zuweilen vorkomme?
    Nein, erwiderte sie, ich habe den Namen nebst vier andern von meinen
Eltern bei der Taufe erhalten. Es sind arme Schustersleute gewesen, die bei
meiner Taufe weder einen Schmaus auszurichten noch solche Paten herbeizuziehen
vermochten, von denen irgendein Angebinde zu hoffen war. Weil sie nun dennoch
einen gewissen vornehmen Tick besaen, so statteten sie mich dafr mit fnf
Namen aus. Ich habe sie aber alle abgeschafft bis auf den krzesten; denn da
unsereins immer zu den Behrden laufen mu, um seine Beschreibung in Ordnung zu
erhalten, so wurde ich von den Beamten jedesmal angefahren, ob meine Namen bald
zu Ende seien oder ob sie vielleicht einen neuen Bogen anbrechen mten, um sie
alle aufzuschreiben.
    Und Sie haben doch den schnsten von den fnf Namen behalten? sagte ich,
von dem Ernste belustigt, mit welchem sie die Geschichte erzhlte.
    Nein, nur den krzesten! Die andern waren alle lnger und prachtvoller!
Aber Sie tragen ja zuviel Geld bei sich herum, das mu man nicht tun!
    Ich hatte meinen wohlgerundeten Geldbeutel auf den Tisch gestellt, um einen
neuen Krug Bier zu zahlen, den man mir brachte, da ich durstig gewesen und mit
dem ersten schon fertig geworden.
    Das ist mein Verdienst von den Fahnenstangen, sagte ich, ich werd's schon
versorgen, wenn ich's nicht brauche!
    Himmel! So viel haben Sie bei dem Alten verdient? Und ich hab's kaum auf
vierzehn Gulden gebracht!
    Ich hab es vom Stck, da kann man sich an den Laden legen und dem Patron
die Nase lang machen!
    Hrt, Leute, der hat's vom Stck! rief sie den anderen zu, der verdient
ein Geld! Wo stehen Sie eigentlich in Arbeit? oder sind Sie fr sich?
    Ich bin augenblicklich ohne Meister und denke es zu bleiben, solang es
geht.
    Es wird gewi gehen, denn fleiig sind Sie ja von frh bis spt, das haben
wir gesehen und oft zueinander gesagt! Wenn er nur nicht so hochmtig wre,
meinten die anderen, aber ich hielt dafr, Sie seien eher traurig oder
langweilig. Haben Sie denn schon zu Nacht gegessen?
    Noch nicht! Und Sie?
    Auch noch nicht! Wissen Sie was, da ich allein bin, so knnten wir
zusammenlegen und miteinander essen, dann stellen wir auch ein Prlein vor!
    Ich fand diesen Vorschlag sehr angenehm und klug und wurde von einem
Wohlgefhl erwrmt, unversehens so gut untergebracht zu sein. Ich lud die artige
Hulda daher ein, mir das Traktament zu berlassen; allein sie tat es durchaus
nicht anders als auf gemeinschaftliche Kosten, und als das bestellte Essen
anlangte, holte sie ein anstndig versehenes Tschchen hervor und ruhte nicht,
bis ich ihren Anteil hinnahm. So spiesen wir denn vertraulich und waren guter
Dinge; nur wollte das anziehende Wesen nicht von den Kartoffeln nehmen, die ich
zu den Karbonaden, die sie gewnscht, bestellt hatte. Vielmehr sagte sie, es
scheine, da ich noch nie einen Schatz besessen, ansonst mir bekannt wre, da
Arbeitsmdel, wenn sie feiertags zum Vergngen gehen, keine Kartoffeln essen
wollen. Wie ich das wissen knne, fragte ich, und was denn das fr ein Geheimnis
sei?
    Weil sie die Woche hindurch sich fast nur von Kartoffeln nhren und davon
genug bekommen! erklrte sie. Ich drckte mein Mitleid aus, ohne zu gestehen,
da ich schon schlechtere Tage gesehen; denn das htte mir ihre Achtung
schwerlich erworben, wie ich wenigstens dachte.
    Inzwischen war von der brigen Gesellschaft bald das eine, bald das andere
Paar zu einem Tanze in den Saal gegangen und wieder erschienen, wodurch unser
Tisch abwechselnd leer oder wieder bevlkert wurde. Unerwartet kehrten jetzt
zwei Paare in hchster Aufregung zurck und setzten am Tische einen Streit fort,
der im Saale ausgebrochen sein mochte. Das eine der Mdchen weinte, die andere
schalt, und die dazugehrigen jungen Mnner hatten zu tun, den Sturm zu
besnftigen und allerlei Angriffe von sich selbst abzuhalten.
    Da ist die Geschichte wieder los! sagte Hulda; sich dicht an mich
schmiegend, erzhlte sie mir mit gedmpfter Stimme, das sei eine Liebschaft
bers Kreuz. Die eine hier hatte nmlich frher den andern zum Schatz und die
andere diesen jetzigen; dann haben sie alle vier, hast du nicht gesehen,
gewechselt, und es hat diese jenen und jene diesen zum Liebsten. Aber alle
Fronfasten gibt's ein jammervolles Gewitter, da beinah die Welt untergeht. Ein
so berzwerches vierspnniges Zeug tut halt nicht gut, es drfen nur zwei bei
einer Sach sein!
    Aber warum gehen sie denn zusammen, anstatt sich auszuweichen?
    Das wei Gott warum! Immer laufen's an die gleichen Orte hin und hocken
beieinander, wie wenn sie behext wren!
    Ich war ebenso verwundert ber das Phnomen wie ber die Reden meiner
blutjungen Freundin. Der Streit, der sich um unverstndliche, scheinbar nichtige
Dinge drehte, wurde zuletzt so erregt, da das dritte Liebespaar, welches im
Frieden lebte, sich einmischte und mit Mhe einen Waffenstillstand zuweg
brachte. Die Krge, aus denen je zwei der Leutchen tranken, wurden neu gefllt.
Die streitbaren Mdchen schmollten jedoch nicht nur unter sich, sondern auch mit
ihren Geliebten. Die Unparteiischen schritten abermals ein, und es wurde auf
Huldas Vorschlag beschlossen, die zwei Paare sollten zur gewaltsamen Bezwingung
aller Eifersucht und Unfriedfertigkeit einmal wieder jedes mit dem frhern
Gesponsen tanzen und keines drfe dazu scheel sehen.
    Das wurde denn auch ausgefhrt; die ausgetauschten Paare kamen nach einem
langen Tanze zurck, jedes der Mdchen am Arme seines alten Genossen; allein
statt sich nun wieder zu trennen, nahmen beide neu ausgewechselten Parteien ihre
Sachen zusammen und zogen, ohne ein Wort zu sagen, auf verschiedenen Wegen von
dannen. Ganz verblfft blickten wir Zurckbleibenden ihnen nach, bis sie
verschwanden, und brachen dann in ein helles Gelchter aus. Nur Hulda schttelte
den Kopf und sagte: Das Lumpenvolk! In der Tat hatten sie in dem Tanze nicht
die gehoffte sittliche Ausgleichung, sondern lediglich einen neuen Anreiz ihrer
Willkr gefunden und mochten sich nun beeilen, nach so langer Trennung die
Lustbarkeiten einer Wiedervereinigung zu genieen.
    Bevor ich mich von meinem Erstaunen ber die freien Sitten dieses einfachen
Vlkchens erholt hatte, fhlte ich die weiche Hand des jungen Mdchens auf der
Schulter, das endlich auch einen Tanz zu tun begehrte. Obgleich ich nicht daran
gedacht, dergleichen Belustigung zu suchen oder zu finden, mute ich dennoch
willfahren, da sie das als selbstverstndlich ansah, auch Hut und Shawl schon
der Freundin anvertraute, die mit ihrem Gesellen noch da war. Erst im Lichte des
Tanzsaales, in der freien Bewegung sah ich vollends, wie hbsch sie war. Aber
bald sah ich sie nicht mehr, sondern fhlte nur noch ihre leichte Last, weich
wie eine Flaumfeder, wenn sie einem Geiste gleich dahinflog. Muten wir aber
anhalten, so sah ich blo die wohlwollend warmen Augen und das zufriedene
Lcheln ihres Mundes, whrend sie mir die gelockerte Halsbinde ordnete oder mich
aufmerksam machte, da am Hemde ein Knopf fehle. Ein heies Leben schien in dem
zartgegliederten Geschpfe zu atmen und sich als hingebende Gte zu uern fr
alles, was ihm nahetrat. Eine mir rtselhafte Zrtlichkeit begann das Wesen von
den Augen bis in alle Fingerspitzen zu berwallen, ohne mit einer Spur von
falscher Schmeichelei oder gar Gemeinheit vermischt zu sein; vielmehr war ihr
Regen und Bewegen bei alledem so in anmutige Bescheidenheit gehllt, da in dem
Gedrnge der Tanzenden keine Seele etwas davon wahrnahm. Und doch schien sie
nicht der mindesten Vorsicht oder Selbstbeherrschung zu bedrfen.
    Als durch das Ungeschick einiger Leute der Tanz ins Stocken geriet und Hulda
an mich gedrckt wurde, versprte sie meine klopfenden Pulse, legte die Hand an
meine Brust, nickte mit groer Freundlichkeit und sagte: Lassen's schaun,
haben's wirklich ein Herz?
    Ich glaube, ja! antwortete ich und sah das liebreizende, ganz nahe Gesicht
mit offenem Munde an. Sie nickte nochmals, und wir wollten in dem wieder
gelsten Tanzwirbel dahinfahren, als Huldas Freundin uns fand, anhielt und ihr
Hut und Tuch mit der Ankndigung bergab, sie wolle jetzt heimgehen, da sie in
der Frhe wieder zur Arbeit msse.
    Auch ich mu um sieben Uhr dahinter sein! rief Hulda lachend; denn ich
habe wegen der Fahnenschneiderei meine gewohnte Kundschaft vertrstet und soll's
nun nachholen! Aber ich mag doch nicht gleich jetzt nach Hause!
    Nun, du kannst ja noch ein Weilchen bleiben, sagte die andere, unser
guter Bekannter und Freund geleitet dich nachher schon sicher heim, nicht wahr,
Sie sind so gut, Herr Stangenmacher?
    Ich versprach gern, den Dienst zu bernehmen, worauf das letzte der
Liebespaare sich verabschiedete, Hulda dagegen mit mir an den verlassenen Tisch
zurckkehrte. Wir saen nun allein unter den Silberpappeln; der Mond stand hoch
am Himmel, uns daher nur noch durch den grauen Schimmer bemerkbar, der in den
obersten Gewlben der Baumkronen lagerte; unten war es ziemlich dunkel, denn
auch der Flu glnzte nicht mehr an jener Stelle, und die Laterne war erloschen.
    Da wollen wir noch ein klein wenig ausruhen und dann auch gehen! sagte sie
und lehnte sich ohne Bedenken in meinen Arm, den ich um ihre Hften legte. Ich
zog indessen den Arm zurck, um ein Glas Punsch oder heien Wein
herbeizuschaffen. Allein sie verhinderte mich und stellte selbst die alte Lage
wieder her.
    Nicht trinken! sagte sie leis, die Lieb ist eine ernstliche Sach und will
nicht betrunken sein, auch wenn sie nur Scherz ist!
    Was wissen Sie denn schon so viel von Liebe, schnstes Kind, das ja in der
Tat fast noch ein Kind ist?
    Ich? Gerade siebzehn Jahre bin ich! Seit fnf Jahren steh ich ganz einzig
in der Welt und habe mich jeden Tag, vom zwlften Jahr an, mit Arbeit ehrlich
erhalten und viel erfahren. Darum lieb ich die Arbeit, sie ist mir Vater und
Mutter! Und nur eines gibt's, das ich ebenso liebhabe, nmlich die Liebe. Eher
sterben als nicht lieben!
    Ei, du ses Zuckerbrot! sagte ich und suchte den rosigen Mund zu
erkennen, welcher solche Worte hervorbrachte.
    Bin ich? flsterte Hulda; glaubten Sie, ich sei von dem Holz, aus welchem
man Essig macht? Schon zwei Liebhaber sind in diesem Herzen gewesen!
    Himmel, schon zwei! Wo sind sie hin?
    Nun, der erste war noch zu jung und hier in der Fremde; der mute
weiterwandern und hat mir dann geschrieben, da er in der Heimat ein Liebchen
habe, das er einst heiraten werde. Da gab's Trnen; aber das konnte mir nicht
helfen. Dann kam der zweite, der wollte aber nicht arbeiten, und ich mut ihn
beinah ganz erhalten; das ging nicht auf die Dauer, auch schmt ich mich fr ihn
und lie ihn laufen! Denn wer nicht arbeitet, soll nicht nur nicht essen,
sondern braucht auch nicht zu lieben!
    Und luft dieser hier in der Stadt herum?
    Leider nicht, denn er ist eingesperrt, weil er etwas Schlechtes verbt hat,
als ich ihm nichts mehr gab. Darber hab ich mich so geschmt und gegrmt, da
ich ein halbes Jahr lang niemand anzusehen wagte!
    Aber jetzt kann's wieder angehen?
    Gewi! Wer wollte sonst leben?
    Ich wurde immer verwirrter, das jugendliche Geschpf mit solchem Bewutsein,
solcher Bestimmtheit und Leichtfertigkeit sprechen zu hren, eine so zarte,
zerbrechliche Existenz sich erklren zu hren, da sie in Arbeit und Liebe
aufgehe und sonst nichts von der Welt begehre. Und doch war es wiederum wie eine
Erscheinung aus der alten Fabelwelt, die ihr eigenes Sittengesetz einer fremden
Blume gleich in der Hand trug. Es wurde mir zu Mut, als ob eine wirkliche Huldin
sich aus der Luft verdichtet htte und mit warmem Blute in meinen Armen lge.
    Unser Reden war bereits ein leises Kosen geworden; nach einem Weilchen
flsterte sie mir zu: Und wie steht es denn mit Ihnen? Sind Sie frei?
    Leider ganz und gar seit Jahren!
    Nun denn, so lassen Sie uns ganz still und gemchlich eine Bekanntschaft
anfangen und ruhig sehen, wohin sie uns fhrt!
    Diese prosaisch gemeinen Gewohnheitsworte sagte sie aber mit der Stimme und
dem Ausdrucke eines Mgdleins, das sein erstes Gestndnis preisgibt, oder
gewissermaen mit dem Tone eines jener unsterblichen Wesen, das die Gestalt
einer armen Dienstmagd angenommen hat, um in ewiger Jugend und Neuheit einen
Liebeshandel zu erffnen. Freilich lag hierin auch die Sicherheit, da sie ber
meinen Verlust ebenso unbeschdigt zur Tagesordnung gehen wrde wie ber jeden
andern. Das fhlte ich deutlich und suchte dennoch ihre kleine Hand und ihren
Mund, der mir mit ambrosischer Frische entgegenkam, so rein und duftig wie eine
aufgehende Rose.
    Nun wollen wir gehen! sagte sie; wenn Sie so gut sein wollen, mich bis zu
meiner Wohnung zu begleiten, so sehen Sie das Haus. Sonnabends kommen Sie so um
die neun Uhr vor dasselbe, und wir reden alsdann ab, was wir sonntags beginnen
wollen. Die Woche durch aber schaffen wir still und zufrieden drauflos! O wie
lieb ist die Arbeit, wenn man dabei an was Liebes zu denken hat und sicher ist,
am Sonntag mit ihm zusammen zu sein. Und wenn wir erst so weit sind, da wir im
Stbchen bleiben und uns zusammentun, so mag es regnen und strmen, wir sitzen
ruhig und lachen den Himmel aus!
    Aber woher weit du denn, du gutes liebes Kind, da alles so erwnscht
ausfallen und gehen wird, was mich betrifft? Woher kennst du mich denn?
    Da sei ohne Sorge, ich kenne dich schon so ein wenig, und etwas wagen mu
das Herz und frh auf sein, wenn es leben will! Wenn du wtest, was ich schon
gesehen und erfahren habe! Und wenn es dir an Arbeit fehlen sollte, so kann ich
sie dir verschaffen, ich komme weit herum und hre und sehe mehr, als mancher
glaubt!
    Sie hatte sich an meinen Arm gehngt und ging fest und munter neben mir her,
ein kleines Liebeslied summend und immer dasselbe wiederholend. Ich traute
meinen Sinnen kaum, mitten in der Not und Bedrngnis, in die ich geraten war,
auf der vermeintlich dunkelsten Tiefe des Daseins so urpltzlich vor einem Quell
klarster Lebenswonne, einem reichen Schatze goldenen Reizes zu stehen, der wie
unter Schutt und drrem Moose verborgen hervorblinkte und schimmerte!
    Den Teufel auch! dachte ich, das Vlklein hat ja wahre Hrselberge unter
sich eingerichtet, wo der prchtigste Ritter keine Vorstellung davon hat; wie es
scheint, mu man selbst arm werden, um die Herrlichkeit zu finden!
    Was studieren Sie denn so fleiig? sagte Hulda, ihr Liedchen
unterbrechend.
    Nun, ich betrachte mir eben das schne Glck, das ich so unverhofft
gefunden habe! Darber darf man doch ein bichen erstaunt sein?
    Ei, was sind das fr aufgeputzte Worte! Wie aus einem Lesebuch! Aber wenn
ich es bedenke, so hab ich schon ein paarmal gemeint, du redest und ttest nicht
wie ein richtiger Arbeitsgesell. Du hast vielleicht schon bessere Zeit gehabt
und eigentlich nicht ein Handwerker werden sollen?
    Ja, es ist so was! Aber nun bin ich zufrieden, besonders heut!
    Komm, komm! sagte sie, umhalste mich und kte mich mit sester
Innigkeit, da ich wie im Rausche weiter mit ihr ging; denn unser Weg war lang.
    Ich hatte aber meine vorhinnigen Worte nicht gelogen, sondern setzte sie in
Gedanken fort:
    Warum sollst du nicht untertauchen in diese glckselige Verborgenheit, allem
ideal- und ruhmschtigen Treiben entsagend? Warum solltest du nicht gleich
morgen wieder solcher Arbeit nachgehen, wie du seit Wochen verrichtet hast, ein
Arbeiter unter Arbeitern sein, deines bescheidenen Brotes jeden Tag gewi und
jeden Abend deine stille Ruhe findend an diesem zarten Busen, der einer so
langen Jugend entgegenblht? Schlichte Arbeit, goldene Liebe bei zufriedenem
Brot, was willst du mehr! Und kann am Ende nicht noch etwas Besseres dabei
herauskommen, insofern es irgend zu wnschen ist?
    Als wir endlich vor der Haustre der Hulda anlangten, war ich berzeugt, ein
echtes und glckhaftes Abenteuer erlebt zu haben, und versprach, am nchsten
Samstagabend unfehlbar dazusein. Andere spt Heimkehrende verhinderten eine
letzte Abschiedszrtlichkeit, und sie schlpfte nach einigen hflichen
Dankesworten fr die Begleitung rasch neben jenen hinein.
    Der Mond nherte sich seinem Untergange. Ein starker Wind bewegte die
Tausende von Fahnen in den stillgewordenen Straen, da es berall, in der Tiefe
und auf der Hhe der Huser und Trme, wallte und flatterte, wie von
Geisterhnden bewegt. Aber auch in meinem Innern, durch alle Adern wogte und
rauschte erst jetzt die erwachte Leidenschaft, wild und sanft, s und frech
zugleich, die Hoffnung, ja Gewiheit, in wenigen Tagen von einem Schatze
geheimer Glcksgter Besitz zu nehmen, die ich mir vor Stunden noch nicht htte
trumen lassen.
    So kehrte ich in meine verdete Wohnung zurck, die ich seit der letzten
Morgenfrhe nicht mehr betreten hatte.

                                Sechstes Kapitel



                                 Heimatstrume

Der Tod war in dem Hause eingekehrt, in welchem ich wohnte; ich mute ihm
sozusagen auf der Treppe begegnet sein. Am Nachmittage war die Wirtin in die
Wochen gekommen, und nun lag sie mit zerstrtem Leben in der matt erleuchteten
Stube neben einem toten Kinde. Ich mute an der offenen Tre vorbergehen; eine
Wehmutter und eine Nachbarin rumten auf und beschwichtigten die weinenden
Kinder, die aus ihrer Schlafkammer hervorgebrochen waren. Auf einem Stuhle sa
der kurz vor mir heimgekehrte Mann, der seit dem Mittage den Aufzgen und
Lustbarkeiten nachgegangen und erst kurz vor mir angekommen, da man ihn an den
gewohnten Orten nirgends hatte finden knnen. Er bte seinen Beruf auer dem
Hause auf mir unbekannte Art, und was er verdiente, brauchte er zum grten Teil
fr sich allein. Die tote Frau war der Eckstein und die Erhalterin der Familie
gewesen.
    Nun sa der Mann wortlos, ratlos und bleich mitten in dem Jammer; denn die
Rte der herumschweifenden Heiterkeit war grndlich aus seinem Gesichte
gewichen, und statt den Schlaf suchen zu knnen, mute er wach bleiben, ohne zu
ntzen oder zu helfen. Er betrachtete mit scheuem Blicke das in ein Tchlein
gewickelte undeutliche Wesen, welches in einem Getmmel von Schmerzen und Leiden
vergangen war, noch eh es den Tag gesehen. Er schttelte schaudernd den Kopf und
schaute auf die Mutter; die lag starr und teilnahmlos, wie es einer erfahrenen
Toten geziemt; weder Mann noch Kinder noch Nachbaren rhrten sie; selbst das
Kleine an ihrer Seite ging sie nichts an, trotzdem sie vor kurzem noch ihr Leben
fr dasselbe geopfert hatte.
    Die Kinder, welche whrend der Todesnot eingesperrt und vernachlssigt
worden, hungerten und schrieen mitten in ihren erbrmlichen Klagen um die Mutter
nach Nahrung, bis der Mann sich aufraffte und mit gelhmten Gliedern
herumtastete, wo die Frau die letzte Speise mochte besorgt oder gelassen haben.
Er sah sich unfreiwillig nach ihr um, als ob sie rufen mte Dort geh hin, da
steht die Milch, dort liegt das Brot, in der Mhle steckt noch der Kaffee! Sie
sagte aber nichts.
    Erschttert trat ich dem Jammer nher und fragte, ob ich irgend etwas tun
knne. Eine der Frauen sagte, die rzte htten die sofortige berfhrung nach
dem Leichenhause anbefohlen; es wre gut, wenn die Leichen gleich in der Frhe
geholt wrden, allein niemand sei da, wenn der Mann nicht hingehe, die
Bestellung zu machen. Ich anerbot mich, die Sache zu verrichten, und zog zehn
Minuten spter die Glocke an der Wachstube des Todes. Nachdem ich dem Wchter
das Ntige mitgeteilt, blickte ich durch eine Glastre in den Saal, wo sie von
allen Stnden und Lebensaltern ausgestreckt lagen, wie Marktleute, die den
Morgen erwarten, oder Auswanderer, die am Hafenplatz auf ihren Siebensachen
schlafen. Darunter sah ich auch ein junges Mdchen auf Blumen ruhen. Die kaum
erblhte Brust warf zwei blasse Schatten auf das Totenhemd; da erinnerte ich
mich dessen, was ich in dieser Nacht schon erlebt und mir vorgenommen, und
eilte, voll Zweifel und Unruhe, Schrecken und Mdigkeit, den Schlaf zu finden.
    Derselbe war aber strmisch bewegt und unerquicklich. Bald von den traurigen
Vorgngen im Hause geweckt, bald von halbwachen Traumbildern umfangen, in denen
Lebendiges und Grabfertiges, buhlende Liebesworte und Totenklagen sich
unablssig vermischten, atmete ich auf, als es Tag wurde und ich wenigstens
meine Gedanken sammeln konnte.
    Sie gerieten jedoch sofort miteinander in Streit; denn als ich mich
aufrichtete und, die Hand an der Stirne, mich besann, was eigentlich geschehen
und was ich zunchst tun wollte, schwankte ich, ob ich vor den ernsten
Todesschatten, die mich gewarnt, zurckweichen oder dem Liebesbild dennoch
folgen solle, das mich in Gestalt der arbeitenden Armut lockte. Die Verlockung
blieb siegreich; es schien mir gerade das Beste zu sein, an dem weichen Busen
eines jungen Lebens Trost und Vertrauen und mich selbst wiederzufinden, und je
ernster das Gewissen warnte, in solcher Lage den Liebeshandel anzufangen und ein
so bedenkliches Bndnis einzugehen, desto reichlicher flossen die Grnde des
Worthaltens, der Ehre und Tapferkeit fr die Ausfhrung des Vorsatzes. Ich
beschlo sogar, das reizvolle Geschpf schon am nchsten Abend aufzusuchen statt
erst zu Ende der Woche, vorher aber den alten Trdler zu beraten, ob er mir
ferner dergleichen anspruchlose Beschftigung zuzuwenden wisse wie neulich.
    So schritt ich mit lebensdurstigen Augen und Lippen aus der Trauerwohnung
hinweg, aus welcher schon vor Stunden die Leiche der Mutter und ihres letzten
Kindes fortgebracht worden. Ich achtete nicht der verlassenen Kleinen, die bei
offener Tre still an einem Huflein saen. Wie ich dann aus dem Hause trat und
die Strae hinuntereilte, stie ich auf einen jungen Mann, der ein hbsches
Frauenzimmer am Arme fhrte. Beide waren wohlgekleidet in sauberer Reisetracht,
augenscheinlich bemht, eine Hausnummer zu finden, die sie auf einem Zettelchen
vor sich hatten. Der Mann kam mir bekannt vor, ohne da ich in meiner
Zerstreutheit etwas dabei dachte; indem ich aber ausweichen wollte, sah er mich
genauer an und sagte in den Lauten des Heimatdialektes: Da ist er ja! Sind Sie
nicht der Herr Heinrich Lee, den wir eben suchen?
    Erfreut und erschrocken zugleich erkannte ich einen benachbarten
Handwerksmann unserer Stadt, der vor Jahren ungefhr um die gleiche Zeit mit mir
in die Fremde gewandert, lngst zurckgekehrt und Meister geworden, sein
vterliches Geschft bernommen und ausgedehnt hatte und jetzt auf der
Hochzeitsreise begriffen war. Die machte er aber nicht ohne klgliche
Nebenzwecke, da die wohlhabende Brgerstochter, die er als Gattin am Arme
fhrte, ihm die Mittel fr alle ersprielichen Unternehmungen zugebracht.
    Er richtete mir mm die Gre meiner Mutter aus, die er zu diesem Zwecke vor
der Abreise besucht hatte. Sie war mit einiger Beschmung gezwungen gewesen, dem
Nachbaren zu gestehen, da sie nicht einmal bestimmt wisse, wo ich sei oder ob
ich noch am alten Orte wohne; doch wnschte sie um so sehnlicher Nachricht zu
erhalten. Ich aber war ebenso verlegen, viel nach ihr zu fragen, weil ich
dadurch verriet, da ich nichts von ihr wisse; doch widerstand ich dem
Bedrfnisse nicht lang und fragte fleiig, was mich zu erfahren verlangte.
    Nun, wir sprechen noch von allem, sagte der Landsmann, indem er mich
aufmerksamer betrachtete. Ihr habt Euch aber doch ziemlich verndert, nicht
wahr, Frau? Du hast doch den Herrn Heinrich frher auch gekannt?
    Ich glaube mich zu erinnern, obgleich ich damals noch ein Schulkind war!
erwiderte sie, whrend mir ihre ausgewachsene Fraulichkeit als vollkommen fremd
erschien. Indessen fhlte ich, wie ihr Auge die geringe Pracht meines Anzuges
berlief, der allerdings weder neu noch wohlgehalten war; zum ersten Mal fhlte
ich die Demtigung, schlecht gekleidet dazustehen, und noch verlegener ward ich,
als der Landsmann fragte, ob wir nicht in meine Wohnung hinaufsteigen wollten?
Glcklicherweise diente mir der Todesfall zum Vorwand, da es jetzt dort nicht
wirtlich aussehe und ich selbst deswegen ausgegangen sei.
    So drfen wir Sie einladen, den Tag mit uns zuzubringen? Wir sind schon
gestern angekommen; da hab ich aber Geschfte besorgt. Morgen frh reisen wir
weiter, so werden Sie mit uns nicht eben viel Zeit verlieren; denn wir mchten
Sie in Ihren Arbeiten keineswegs aufhalten!
    Der gute Landsmann ahnte nicht, wie schmerzlich mich diese Rede traf; ich
versicherte ihn jedoch, es habe keine Gefahr und ich sei nicht so bermig
fleiig. Nachdem ich sodann das Reisepaar whrend einiger Stunden herumgefhrt,
ging ich mit den Leutchen in das brgerlich bescheidene Gasthaus, in welchem sie
Quartier genommen, und teilte mit ihnen das Mittagsmahl. Die langentbehrte
Gewohnheit, in der Mundart des Heimatlandes und von altvertrauten Dingen zu
reden, lie mich die Gegenwart um so leichter vergessen, als eine Flasche guten
Rheinweines ihren Duft verbreitete. Das ruhig freundliche Benehmen des Paares,
das durch keinerlei lstige Zrtlichkeiten seinen neuen Ehestand verriet,
vermehrte das Behagen, welches mich wie ein flchtiger Sonnenblick berkam aus
schwl bewegtem Wolkenhimmel.
    Als nun der Landsmann eine zweite Flasche bestellte und die brigen Gste
die Wirtstafel verlassen hatten, zog sich die junge Frau in ihr Zimmer zurck,
um sich ein wenig auszuruhen, wie sie sagte. Wir andern wurden um so
gesprchiger, bis der gute Nachbar sich selbst unterbrach und, nach
wohlgemeinten Worten suchend, begann:
    Ich will es Ihnen nicht verhehlen, Herr Lee, da Ihre Mutter sehr Ihrer
Rckkunft bedarf, und ich wrde Ihnen raten, so bald als mglich heimzukommen;
denn whrend die brave Frau den tiefsten Kummer und die Sehnsucht nach Ihnen zu
verbergen sucht, sehen wir wohl, wie sie sich darin aufzehrt und Tag und Nacht
nichts anderes denkt. Ich wei nicht, ob ich mich irre, aber es will mir fast
scheinen, es stehe nicht zum besten mit Ihnen, und erachte ich, da Sie in dem
Stadium sind, wo die Herren Knstler allerlei durchmachen mssen, um endlich mit
stattlichem Ansehen aus dem Kampfe hervorzugehen. Allein es hat alles sein Ma!
Sie sollten eine Unterbrechung machen und einmal die Heimat wiedersehen, auch
wenn Sie nicht als ein Sieger kommen. Die Dinge lassen sich da fter von einer
neuen Seite betrachten und anpacken.
    Er ergriff sein Glas und stie mit mir auf das Wohl von Heimat und Mutter
an, besann sich ein weniges und fuhr fort:
    Vorlaute und unverstndige Weibsen und auch ebensolche Mnner in unserer
Stadt, wo es ruchbar geworden, da Ihre Mutter gewisse Summen an Sie gewendet
und ihr eigenes Auskommen bedeutend dadurch geschmlert hat, lieen es sich
einfallen, dieselbe hinter ihrem Rcken hart zu tadeln und auch ungefragt ihr
ins Gesicht zu sagen, da sie unrecht getan und sowohl ihrem Sohne schlecht
gedient als sich selbst berhoben habe. Jeder, der die Frau kennt, wei, da
alles eher als dieses der Fall ist; aber das unverstndige Geschwtz hat sie
vollends eingeschchtert, da sie fast mit niemand zusammenkommt und so in
Einsamkeit und Selbstverleugnung dahinlebt.
    Sie sitzt den ganzen Tag am Fenster und spinnt; sie spinnt jahraus und -
ein, als ob sie sieben Tchter auszusteuern htte, damit doch mittlerweile etwas
angesammelt wrde, wie sie sagt, und wenigstens der Sohn fr sein Leben lang und
fr sein ganzes Haus genug Leinwand finde. Wie es scheint, glaubt sie durch
diesen Vorrat weien Tuches, das sie jedes Jahr weben lt, Ihr Glck
herbeizulocken, gleichsam wie in ein aufgespanntes Netz, damit es durch einen
tchtigen Hausstand ausgefllt werde, wie die Gelehrten und Schriftsteller etwan
durch ein Buch weies Papier gereizt werden sollen, ein gutes Werk darauf zu
schreiben, oder die Maler durch eine ausgespannte Leinwand, ein Bild darauf zu
malen.
    Bei diesem letztern Vergleich des wackern Redners konnte ich mich eines
bittern Lchelns nicht enthalten. Das schien ihm wohl die Richtigkeit seiner
Vermutungen zu besttigen, und er fuhr fort:
    Zuweilen sttzt sie ausruhend den Kopf auf die Hand und blickt unverwandt
in das Feld hinaus, ber die Dcher weg oder in die Wolken; wenn es aber
dmmert, so lt sie das Rad stillstehen und bleibt so im Dunkeln sitzen, ohne
Licht anzuznden, und wenn der Mond oder ein fremder Lichtstrahl auf ihr Fenster
fllt, so kann man alsdann unfehlbar ihre Gestalt in demselben sehen, wie sie
immer gleicherweise ins Weite schaut.
    Wahrhaft melancholisch aber ist es anzusehen, wenn sie die Betten sonnt;
anstatt sie mit Hilfe anderer auf unsern Platz hinzutragen, wo der groe Brunnen
steht, schleppt sie dieselben auf das hohe schwarze Dach Eures Hauses, breitet
sie dort an der Sonnenseite aus, geht emsig auf dem abschssigen Dache umher,
ohne Schuhe zwar, aber bis an den Rand hin, klopft die Kissen und Pfhle aus,
kehrt sie, schttelt sie und hantiert so seelenallein in der Hhe unter dem
offenen Himmel, da es hchst verwegen und sonderbar anzusehen ist, zumal wenn
sie innehaltend die Hand ber die Augen hlt und droben in der Sonne stehend
nach der Ferne hinausblickt. Ich konnt es einst nicht lnger ansehen von meinem
Hofe aus, wo ich bei den Gesellen stand; ich ging hinber, stieg bis unter das
Dach hinauf und hielt unter der Luke eine Anrede an sie, indem ich ihr die
Gefahr ihres Tuns vorstellte. Sie lchelte aber nur und bedankte sich fr die
gute Meinung. Es ist daher meine Ansicht, da Sie nach Haus reisen sollten, je
eher, je lieber! Kommen Sie gleich mit uns!
    Ich schttelte aber den Kopf; denn ich konnte mich nicht entschlieen,
meinen Schiffbruch kundzutun und so aus der Schule zu laufen. Ich gedachte das
bel allein zu verwinden und mit geklrtem Schicksal, so oder anders, zur
geeigneten Zeit zurckzukehren. Mit unbestimmten Reden, in denen ich weder ein
zu groes Selbstvertrauen heuchelte noch meine wirkliche Lage eingestand, behalf
ich mir den brigen Teil des Tages, bis ich am spten Abend von den Landsleuten
Abschied nahm, die am frhen Morgen wegreisen wollten.
    Dennoch hatte das Bild der in die Ferne schauenden Mutter ein starkes Gefhl
von Heimweh wachgerufen, das mich bisher nur im Schlafe besuchte. Seit ich
nmlich die Phantasie und ihr angewhntes Gestaltungsvermgen nicht mehr am Tage
beschftigte, regten sich ihre Werkleute whrend des Schlafes mit selbstndigem
Gebaren und schufen mit anscheinender Vernunft und Folgerichtigkeit ein
Traumgetmmel in den glhendsten Farben und buntesten Formen. Ganz wie es
wiederum jener irrsinnige Meister und erfahrene Lehrer mir vorausgesagt, sah ich
nun im Traume bald die Vaterstadt, bald das Dorf auf wunderbare Weise verklrt
und verndert, ohne je hineingelangen zu knnen, oder, wenn ich endlich dort
war, mit einem pltzlichen freudelosen Erwachen. Ich durchreiste die schnsten
Gegenden des Vaterlandes, die ich in Wirklichkeit nie gesehen, schaute Gebirge,
Tler und Strme mit unerhrten und doch wohlbekannten Namen, die wie Musik
klangen und doch etwas Lcherliches an sich hatten.
    ber den Mitteilungen des Landsmannes waren mir das Mdchen Hulda von
gestern abend und die heutigen Morgenplne aus dem Gedchtnisse geschwunden;
ermdet eilte ich den Schlaf zu suchen und verfiel auch gleich wieder dem
geschftigen Traumleben. Ich nherte mich der Stadt, worin das Vaterhaus lag,
auf merkwrdigen Wegen, am Rande breiter Strme, auf denen jede Welle einen
schwimmenden Rosenstock trug, so da das Wasser kaum durch den ziehenden
Rosenwald funkelte. Am Ufer pflgte ein Landmann mit milchweien Ochsen und
goldenem Pfluge, unter deren Tritten groe Kornblumen sproten. Die Furche
fllte sich mit goldenen Krnern, welcher der Bauer, indem er mit der einen Hand
den Pflug lenkte, mit der anderen aufschpfte und weithin in die Luft warf,
worauf sie als ein goldener Regen auf mich niederfielen. Ich fing ihrer mit dem
Hute auf, soviel ich konnte, und sah mit Vergngen, da sie sich in lauter
goldene Schaumnzen verwandelten, auf welchen ein alter Schweizer mit langem
Barte und zweihndigem Schwerte geprgt war. Ich zhlte sie eifrig und konnte
sie doch nicht auszhlen, fllte aber alle Taschen damit; die ich nicht mehr
hineinbrachte, warf ich wieder in die Luft. Da verwandelte sich der Goldregen in
einen prchtigen Goldfuchs, der wiehernd an der Erde scharrte, aus welcher dann
der schnste Hafer hervorquoll, den das Pferd mutwillig verschmhte. Jedes
Haferkorn war ein ser Mandelkern, eine Rosine und ein neuer Pfennig, die
zusammen in rote Seide gewickelt und mit einem Endchen Schweinsborste
eingebunden waren, welches das Pferd angenehm kitzelte, als es sich darin
wlzte, so da es rief: Der Hafer sticht mich!
    Ich jagte aber den Goldfuchs auf, bestieg ihn, da er schn gesattelt war,
ritt beschaulich am Ufer hin und sah, wie der Bauersmann in die schwimmenden
Rosen hineinpflgte und mit seinem Gespann darin versank. Die Rosen nahmen ein
Ende, zogen sich zu dichten Scharen zusammen und schwammen in die Ferne, am
Horizonte eine Rte ausbreitend; der Flu aber erschien jetzt als ein
unermeliches Band flieenden blauen Stahles. Der Pflug des Landmannes hatte
sich inzwischen in ein Schiff verwandelt; darin fahr derselbe, steuerte mit der
goldenen Pflugschar und sang: Das Alpenglhen rckt aus und geht um das
Vaterland herum! Hierauf bohrte er ein Loch in den Schiffsboden; darein steckte
er das Mundstck einer Posaune, sog krftig daran, worauf es mchtig erklang
gleich einem Harsthorn und einen glnzenden Wasserstrahl ausstie, der den
herrlichsten Springbrunnen in dem fahrenden Schifflein bildete. Der Bauer nahm
den Strahl, setzte sich auf den Rand des Schiffes und schmiedete auf seinen
Knien und mit der rechten Faust ein mchtiges Schwert daraus, da die Funken
stoben. Als das Schwert fertig war, prfte er dessen Schrfe an einem
ausgerissenen Barthaare und berreichte es hflich sich selbst, indem er sich
pltzlich in den Wilhelm Tell verwandelte, welchen jener beleibte Wirt im
Tellenspiel vorgestellt hatte, zur Zeit meiner frheren Jugend. Dieser nahm das
Schwert, schwang es und sang mchtig:

Heio, heio! bin auch noch do
Und immer meines Schieens froh!
Heio, heio! die Zeit ist weit,
Der Pfeil des Tellen fliegt noch heut!
Wo guckt ihr hin? Seht ihr ihn nicht?
Dort oben tanzt er hoch im Licht!
Man wei nicht, wo er steckenbleibt,
Heio, 's ist immer, wie man's treibt!

Dann hieb der dicke Tell mit dem Schwerte von der Schiffswand, die nun eine
Speckseite war, einen tchtigen Span herunter und trat mit demselben feierlich
in die Kajte, einen Imbi zu halten.
    Indessen ritt ich auf dem Goldfuchs weiter und befand mich unversehens
mitten in dem Dorfe, darin der Oheim gewohnt. Ich erkannte es kaum wieder, da
fast alle Huser neu gebaut waren. Die Bewohner saen alle hinter den hellen
Fenstern um die Tische herum und aen, und niemand blickte auf die menschenleere
Strae. Dessen war ich aber hchlich froh; denn erst jetzt entdeckte ich, da
ich auf meinem glnzenden Pferde in alten anbrchigen Kleidern sa. Ich
bestrebte mich daher, ferner ungesehen hinter das Haus des Oheims zu gelangen,
das ich fast nicht finden konnte. Zuletzt erkannte ich es, wie es ber und ber
mit Efeu bewachsen und auerdem von den alten Nubumen berhangen, so da weder
Stein noch Ziegel zu sehen war und nur hie und da ein handgroes Stckchen
Fensterscheibe durch das Grne blinkte. Ich sah, da sich etwas dahinter
bewegte, konnte aber nichts Deutliches wahrnehmen. Der Garten war von einer
Wildnis wuchernder Feldblumen bedeckt, aus denen die aufgeschossenen
Gartengewchse baumhoch emporragten, Rosmarin und Fenchelstauden, Sonnenblumen,
Krbisse und Johannisbeeren. Schwrme wild gewordener Bienen brausten auf der
Blumenwildnis umher; im Bienenhause aber lag der alte Liebesbrief, den der Wind
einst dahin getragen, verwittert und offen, ohne da ihn die Jahre her jemand
gefunden. Ich nahm ihn und wollte ihn einstecken; da wurde er mir aus der Hand
gerissen, und als ich mich umsah, huschte Judith damit lachend hinter das
Bienenhaus und kte mich dabei durch die Luft, da ich es auf meinem Munde
fhlte. Der Ku war aber eigentlich ein Stck Apfelkuchen, welches ich begierig
a. Da es jedoch den Hunger, den ich im Schlafe empfand, nicht stillte,
berlegte ich, da ich wahrscheinlich trume und da der Kuchen wohl von den
pfeln herrhre, die ich einst kssend mit der Judith zusammen gegessen. Ich
fand es also um so geratener, in das Haus zu gehen, wo gewi eine Mahlzeit
bereit sein wrde. Ich packte einen schweren Mantelsack aus, der sich pltzlich
auf dem Pferde zeigte, als ich es an den zerfallenden Gartenzaun band. Aus dem
Mantelsack rollten die schnsten Kleider hervor und ein feines neues Hemde,
dessen Brust mit einer Stickerei von Weintrubchen und Maiglckchen verziert
war. Wie ich aber dies Staatshemd auseinanderfaltete, wurden zweie daraus, aus
den zweien vier, aus den vieren acht, kurz, eine Menge der schnsten Leibwsche
breitete sich aus, welche wieder in den Mantelsack zu schieben ich mich
vergeblich abmhte. Immer wurden es mehr Hemden und Kleidungsstcke und
bedeckten den Boden umher; ich empfand die grte Angst, von meinen Verwandten
bei dem sonderbaren Geschft berrascht zu werden. In der Verzweiflung ergriff
ich endlich eines von den Hemden, um es anzuziehen, und stellte mich schamhaft
hinter einen Nubaum; allein man konnte aus dem Hause an diese Stelle sehen, und
ich schlpfte beschmt hinter einen andern, und so immer fort von einem Baume
zum andern, bis ich, dicht an das Haus und in den Efeu hineingedrckt, in
Verwirrung und Eile den Anzug wechselte, die schnen Kleider anzog und doch fast
nicht fertig werden konnte, und als ich es endlich war, befand ich mich wieder
in grter Not, wo ich das traurige Bndel der alten Kleider bergen solle. Wohin
ich es auch trug, immer fiel ein zerlumptes Stck auf die Erde; zuletzt gelang
es mit saurer Mhe, das Zeug in den Bach zu werfen, wo es aber durchaus nicht
weiterschwimmen wollte, sondern sich auf der gleichen Stelle gemchlich
herumdrehte. Ich erwischte eine vermorschte Bohnenstange und qulte mich, die
dmonischen Fetzen in die Strmung zu stoen; aber die Stange brach und brach
immer wieder bis auf das letzte Stmpfchen.
    Da berhrte ein Hauch meine Wangen, und Anna stand vor mir und fhrte mich
in das Haus. Ich stieg Hand in Hand mit ihr die Treppe hinauf und trat in die
Stube, wo der Oheim, die Tante, die Basen und Vettern smtlich versammelt waren.
Aufatmend sah ich mich um die alte Stube war sonntglich geputzt und so
sonnenhell, da ich nicht begriff, wo all das Licht durch den dichten Efeu
hindurch herkomme. Oheim und Tante waren in ihren besten Jahren, die Bschen und
Vettern blhender als je, der Schulmeister ebenfalls ein schner Mann und
aufgerumt wie ein Jngling, und Anna sah ich als Mdchen von vierzehn Jahren im
rotgeblmten Kleide mit der lieblichen Halskrause.
    Was aber sehr sonderbar war, alle, Anna nicht ausgenommen, trugen lange
irdene Pfeifen in den Hnden und rauchten einen wohlriechenden Tabak, und ich
desgleichen. Dabei standen sie, die Verstorbenen und die Lebendigen, keinen
Augenblick still, sondern gingen mit freundlich frohen Mienen unablassig die
Stube auf und nieder, hin und her, und dazwischen niedrig am Boden hin die
Jagdhunde, das Reh, der zahme Marder, Falken und Tauben in friedlicher
Eintracht, nur da die Tiere den entgegengesetzten Strich der Menschen
verfolgten und so ein wunderbares Gewebe durcheinanderlief.
    Der schwere Nubaumtisch auf seinen gewundenen Fen war mit einem weien
Damasttuche gedeckt und mit einem aufgersteten duftenden Hochzeitessen besetzt.
Mir wsserte der Mund, und ich sagte zum alten Oheim: Ei, ihr scheint euch da
recht wohl sein zu lassen! - Versteht sich! erwiderte er, und alle
wiederholten: Versteht sich! mit angenehm klingenden Stimmen. Pltzlich befahl
der Oheim, da man zu Tische sitze; alle stellten die Pfeifen pyramidenweise
zusammen auf den Boden, je drei und drei, wie Soldaten ihre Gewehre. Darauf
schienen sie schon wieder zu vergessen, da sie essen gewollt; denn sie gingen
zu meinem Verdrusse nach wie vor umher und fingen allmhlich an zu singen:

Wir trumen, wir trumen,
Wir trumen und wir sumen,
Wir eilen und wir weilen,
Wir weilen und wir eilen,
Sind da und sind doch dort,
Wir gehen bleibend fort,
Wem konveniert es nicht?
Wie schn ist dies Gedicht!
Hallo, hallo!
Es lebe, was auf Erden stolziert in grner Tracht,
Die Wlder und die Felder, die Jger und die Jagd!

Weiber und Mnner sangen mit rhrender Harmonie und Lust, und das Hallo stimmte
der Oheim mit gewaltiger Stimme an, da die ganze Schar mit verstrktem Gesange
darein tnte und rauschte und zugleich, bla und blsser werdend, sich in einen
wirren Nebel auflste, whrend ich bitterlich weinte und schluchzte. Ich
erwachte in Trnen gebadet, und auch das Kopfkissen war davon benetzt. Als ich
mich mit Mhe gesammelt, war das erste, dessen ich mich erinnerte, der
wohlgedeckte Tisch; denn ich hatte nach den Erffnungen des Landsmannes am Abend
nichts mehr essen knnen und war erst im Schlafe wieder hungrig geworden. Wie
ich nun die Gier bedachte, mit welcher ich trotz des Schmuckes der
unbeherrschten Phantasie gezwungen war, schlielich immer nur von Gold und Gut,
Kleidern und Essen zu trumen, brach ich ber diese Erniedrigung neuerdings in
Trnen aus, bis ich abermals einschlief.

                               Siebentes Kapitel



                                 Weitertrumen

In einem groen Walde fand ich mich wieder und ging auf einem wunderlichen
schmalen Brettersteige, welcher sich hoch durch die liste und Baumkronen wand,
eine Art endlosen hngenden Brckenbaues, indessen der bequeme Boden unten nach
richtiger Traumesart unbenutzt blieb. Aber es war schn, hin abzuschauen auf den
Waldgrund, da er ganz aus grnem Moose bestand, das in tiefer Dunkelheit lag.
Auf dem Moose wuchsen viele einzelne sternfrmige Blumen auf schwankem Stengel,
und sie wendeten sich immer nach dem oben gehenden Beschauer; bei jeder Blume
stand ein kleines Erdmnnchen oder Moosweiblein, das mittelst eines in goldenem
Laternchen strahlenden Karfunkels die Blume beleuchtete, da sie aus der Tiefe
heraufschimmerte wie ein blauer oder roter Stern, und indem sich diese
Blumengestirne, welche oft in schnen Bildern zusammenstanden, langsamer er oder
schneller drehten, gingen die winzigen Leutchen mit ihren Laternchen um sie
herum und lenkten sorgfltig den Lichtstrahl auf die Kelche. So sah sich das
kreisende Leuchten in der Tiefe von dem hohen Balken oder Bretterwege wie ein
unterirdischer Sternhimmel an, nur da er grn war und die Sterne in allen
Farben strahlten.
    Entzckt ging ich auf der Hngebrcke weiter und schlug mich tapfer durch
die Buchen- und Eichenkronen, da ich begriff, ein so zierlicher Grund und Boden
sei nicht dazu da, darauf mit Fen zu wandeln. Manchmal kam ich in eine
Fhrengruppe hinein, welche etwas lichter war; das rote, von der Sonne
durchglhte, stark duftende Holzwerk der Fichtenkronen bot einen fabelhaften
Anblick und Aufenthalt, weil es wie knstlich bearbeitet, gezimmert und mit
seltsamem Bildwerk verziert schien und doch ein natrliches stewesen war.
Manchmal fhrte der Steg auch ganz ber die Bume hinweg unter den offenen
Himmel und Sonnenschein, und ich stellte mich auf das schwanke Gelnder, um zu
sehen, wo es eigentlich hinausginge; allein nichts war zu erblicken als ein
endloses Meer von grnen Baumwipfeln, so weit das Auge reichte, auf dem ein
heier Sommertag flimmerte und Tausende von wilden Tauben, Hhern, Mandelkrhen,
Spechten und Weihen herumschwrmten, und das Wunderbare war nur, da man auch
die allerfernsten Vgel deutlich erkannte und ihre Gestalt und Farben
unterscheiden konnte. Nachdem ich mich sattsam umgeschaut, blickte ich wieder in
die dunkle Tiefe, wo ich jetzt eine Felsschlucht entdeckte, die fr sich allein
von der Sonne erhellt war. Auf dem tiefsten Grunde lag eine kleine Wiese an
einem klaren Bache; mitten auf derselben sa auf ihrem kleinen Strohsessel meine
Mutter in einem braunen Einsiedlerkleide und mit eisgrauen Haaren. Sie war alt
und gebeugt, und ich konnte ungeachtet der fernen Tiefe jeden ihrer Zge genau
erkennen. Mit einer grnen Rute htete sie eine kleine Herde Silberfasanen, und
wenn einer weglaufen wollte, schlug sie leise auf seine Flgel, worauf einige
glnzende Federn emporschwebten und in der Sonne spielten. Am Bchlein aber
stand ihr Spinnrad, das rings mit Schaufeln versehen und eigentlich ein kleines
Mhlrad war und sich blitzschnell drehte. Sie spann nur mit der einen Hand den
glnzenden Faden, der sich nicht auf die Spule wickelte, sondern kreuz und quer
an dem Abhange herumzog und sich da sofort zu groen Flchen blendender Leinwand
gestaltete. Diese stieg hher und hher heran; pltzlich fhlte ich ein schweres
Gewicht auf der Schulter und merkte, da ich den vergessenen Mantelsack trug,
der von den feinen Hemden ganz geschwollen war. Jetzt sah ich freilich, woher
dieselben kamen. Whrend ich mich mhselig damit schleppte, entdeckte ich, da
die Fasanen alles schne Bettstcke waren, welche die Mutter eifrig sonnte und
ausklopfte. Dann raffte sie dieselben zusammen und trug sie geschftig herum und
eines ums andere in den Berg hinein. Wenn sie wieder herauskam, so schaute sie,
mit der Hand ber den Augen, sich um und sang leise, was ich aber deutlich
vernahm:

Mein Sohn, mein Sohn,
O schner Ton!
Wann kommt er bald,
Geht durch den Wald?

Da ersah sie mich in der Hhe wie in der Luft schwebend und sehnlich zu ihr
hinabblickend. Sie stie einen lauten Freudenruf aus und huschte wie ein Geist
davon ber Fels und Stein, ohne zu gehen, da sie mir immer ferner zu
entschwinden drohte, whrend ich vergeblich rufend nacheilte und der Steg sich
bog und krachte, die Baumkronen schwankten und rauschten.
    Da war der Wald aus, und ich sah mich auf dem Berge stehen, welcher der
Heimatstadt gegenberliegt; aber welchen Anblick bot diese! Der Flu war zehnmal
breiter als sonst und glnzte wie ein Spiegel; die Huser waren alle so gro wie
sonst die Mnsterkirche, von der fabelhaftesten Bauart, und glnzten im
Sonnenschein, die Fenster mit einer Flle von Blumen geziert, die schwer ber
die mit Bildwerken bedeckten Mauern herabhingen. Die Linden stiegen unabsehbar
in den dunkelblauen durchsichtigen Himmel hinein, der ein einziger Edelstein
schien, und die riesigen Lindenwipfel wehten dran hin und her, als ob sie ihn
noch blanker fegen wollten, und zuletzt wuchsen sie in die durchsichtige blaue
Kristallmasse hinein.
    Zwischen den grnen Laubgebirgen der Linden stiegen die Mnstertrme empor,
whrend das ungeheure Steinschiff unter Hgeln von Millionen herzfrmiger
Lindenbltter lag und nur da oder dort eine purpurrote oder blaue Glasscheibe
hervorfunkelte, von einem verlorenen Sonnenstrahl durchschossen. Die goldenen
Kronen aber, welche die Turmknpfe bildeten, schimmerten in der Himmelshhe und
waren voll junger Mdchen; die streckten ihre Lockenkpfe rings durch den
gotischen Zierat in die Welt hinaus. Obgleich ich jedes Lindenblatt scharf
umrissen erkannte, vermochte ich doch nicht zu sehen, wer alle diese Mdchen
waren, und ich beeilte mich hinberzukommen, da es mich sehr wundernahm, wer
alle diese Mitbrgerinnen sein mchten.
    Zur rechten Zeit sah ich den Goldfuchs neben mir stehen, legte ihm den
Mantelsack auf und begann den jhen Staffelweg hinunterzureiten, der zur Brcke
fhrte. Jede Staffel war aber ein geschliffener Bergkristall, und darin
eingeschlossen lag ein spannelanges Weibchen gleichsam schlafend, von
unbeschreiblichem Ebenma und Schnheit der Gliederchen. Whrend der Goldfuchs
den halsbrechenden Weg hinunterstieg und jeden Augenblick seinen Reiter in die
Tiefe zu strzen drohte, bog ich mich links und rechts vom Sattel und suchte mit
sehnsuchtsvollen Blicken in den Kern der Kristallstufen zu dringen.
    Tausend noch einmal! rief ich lstern vor mich hin, was mgen das nur fr
allerliebste Wesen sein in dieser verwnschten Treppe?
    Ohne da ich mich im geringsten wunderte, fing das Pferd pltzlich an zu
sprechen, indem es den Kopf zurckwandte und antwortete: Was wird's sein? Das
sind nur die guten Dinge und Ideen, welche der Boden der Heimat in sich schliet
und die derjenige herausklopft, der im Lande bleibt und sich redlich nhrt!
    Zum Teufel! rief ich, ich werde gleich morgen hier herausgehen und mir
einige Stufen aufschlagen!
    Und ich konnte meine Blicke nicht wegwenden von der langen Treppe, die sich
schon glnzend hinter mir den Berg hinan schmiegte. Das Pferd aber sagte, das
sei nur eine leichte Anschrfung, der ganze Boden stecke voll von solchen
Sachen. Wir langten jetzt unten bei der Brcke an. Das war aber nicht mehr die
alte Holzbrcke, sondern ein Marmorpalast, der in zwei Stockwerken eine endlose
Sulenhalle bildete und so als eine niegesehene Prachtbrcke ber den Flu
fhrte. Was sich doch alles verndert und vorwrtsschreitet, wenn man nur einige
Jahre weg ist! dachte ich, als ich gemchlich und neugierig in die weite
Brckenhalle ritt. Whrend das Gebude von auen nur in weiem, rtlichem und
schwarzem Marmor glnzte, waren die Wnde des Innern mit zahllosen Malereien
bedeckt, welche die ganze Geschichte und alle Ttigkeiten des Landes
darstellten. Das ganze abgeschiedene Volk war sozusagen bis auf den letzten
Mann, der soeben gegangen, an die Wand gemalt und schien mit dem lebendigen, das
auf der Brcke verkehrte, eines zu sein; ja manche der gemalten Figuren traten
aus den Bildern heraus und wirkten unter den Lebendigen mit, whrend von diesen
manche unter die Gemalten gingen und an die Wand versetzt wurden. Beide Parteien
bestanden aus Helden und Weibern, Pfaffen und Laien, Herren und Bauern,
Ehrenleuten und Lumpenhunden; der Eingang und Ausgang der Brcke aber war offen
und unbewacht, und indem der Zug ber dieselbe bestndig im Gange blieb und der
Austausch zwischen dem gemalten und wirklichen Leben unausgesetzt stattfand,
schien auf dieser wunderbar belebten Brcke Vergangenheit und Zukunft nur ein
Ding zu sein.
    Nun mcht ich wohl wissen, was das fr eine muntere Sache ist! summte ich
in mich hinein, und das Pferd antwortete auf der Stelle:
    Dies nennt man die Identitt der Nation!
    Ei, du bist ein sehr gelehrter Gaul! rief ich, der Hafer mu dich
wirklich stechen! Woher nimmst du derartige Brocken?
    Erinnere dich, sagte der Goldfuchs, auf wem du reitest! Bin ich nicht aus
Gold entstanden? Gold aber ist Reichtum, und Reichtum ist Einsicht.
    Bei diesen Worten merkte ich sogleich, da mein Mantelsack statt mit Gewand
jetzt gnzlich mit jenen goldenen Mnzen angefllt war. Statt zu grbeln, woher
sie so unvermutet wiedergekommen, fhlte ich mich hchst zufrieden in ihrem
Besitze, und obschon ich dem weisen Gaule nicht mit gutem Gewissen recht geben
konnte, da Reichtum Einsicht sei, fand ich mich doch unvermutet so
einsichtsvoll, da ich wenigstens nichts erwiderte und gemtlich weiterritt.
    Nun sage mir, du weiser Salomo! begann ich nach einer Weile von neuem,
heit eigentlich die Brcke die Identitt oder die Leute, so darauf sind?
Welches von beiden nennst du so?
    Beide zusammen sind die Identitt, sonst sprche man ja nicht davon!
    Der Nation?
    Der Nation, versteht sich!
    Also ist die Brcke auch eine Nation?
    Ei, seit wann, rief das Pferd unwillig, kann denn ein Vehikel, so schn
es ist, eine Nation sein? Nur Leute knnen eine sein, folglich sind es die Leute
hier!
    So! und doch sagtest du soeben, die Nation und die Brcke machen zusammen
eine Identitt aus!
    Das sagt ich auch und bleibe dabei!
    Nun also?
    Wisse, antwortete der Gaul bedchtig, indem er sich auf allen vieren
spreizte, wisse, wer diese heikle Frage zu beantworten und den Widerspruch zu
lsen versteht, der ist ein Meister und arbeitet an der Identitt selber mit.
Wenn ich die richtige Antwort, die mir wohl so im Munde herumluft, rund zu
formulieren verstnde, so wre ich nicht ein Pferd, sondern lngst hier an die
Wand gemalt. brigens erinnere dich, da ich nur ein von dir getrumtes Pferd
bin und also unser ganzes Gesprch eine Ausgeburt und Grbelei deines eigenen
Gehirnes ist. Mithin magst du fernere Fragen dir nur selbst beantworten aus der
allerersten Hand!
    Ha! du widerspenstige Bestie! schrie ich und stie dem Tiere die Fersen in
die Weichen, um so mehr, du undankbarer Klepper, bist du mir zu Red und Antwort
verpflichtet, da ich dich aus meinem so mhselig ergnzten Blute erzeugen und
diesen Traum lang speisen und nhren mu!
    Hat auch was Rechtes auf sich! sagte das Pferd gelassen. Dieses ganze
Gesprch, berhaupt unsere ganze werte Bekanntschaft ist das Werk und die Dauer
von kaum drei Sekunden und kostet dich kaum einen Hauch von deinem geehrten
Krperlichen!
    Wie, drei Sekunden? Ist es nicht wenigstens eine Stunde, seit wir auf
dieser endlosen Brcke reiten?
    Drei Sekunden dauert der Hufschlag des nchtlichen Reiters, der meine
Erscheinung in dir hervorgerufen; mit ihm wird sie verschwinden, und du kannst
wieder zu Fu gehen!
    Um des Himmels willen! So verliere keine weitere Zeit, sonst geht der
Augenblick vorber, eh ich ber diese schne Brcke im reinen bin!
    Es eilt gar nicht! Alles, was wir fr jetzt zu erleben und zu erfahren
haben, geht vollkommen in das Ma des wackern Pferdetrittes hinein, und wenn der
richtig denkende Psalmist den Herren seinen Gott anschrie: Tausend Jahre sind
vor dir wie ein Augenblick! so ist diese Hypothese von hinten gelesen eine und
dieselbe Wahrheit: Ein Augenblick ist wie tausend Jahre! Wir knnten noch
tausendmal mehr sehen und hren whrend dieses Hufschlages, wenn wir nur das
Zeug dazu in uns htten, lieber Mann! Alles Drngen oder Zgern hilft da nichts,
alles hat seine bequemliche Erfllung, und wir knnen uns ganz gemchlich Zeit
lassen mit unserm Traum, er ist, was er ist, und nicht mehr noch minder!
    Ich hrte nicht lnger auf die Reden des Pferdes, weil ich bemerkte, da ich
von allen Seiten mit biederer Achtung begrt wurde; denn schon mehr als einer
der Vorbergehenden hatte mit eigentmlichem Griffe meinen strotzenden
Mantelsack betastet, ungefhr wie die Metzger tun, wenn sie in den Bauernstllen
oder auf Mrkten ein Stck Rindvieh auf seine Fettigkeit prfen und ihm Kreuz
und Lenden bekneifen.
    Das sind ja absonderliche Manieren! sagte ich endlich; ich glaubte, es
kenne mich kein Mensch hier!
    Es gilt auch nicht dir, meinte der Goldfuchs, sondern deinem Quersack,
deiner dicken Goldwurst, die mir das Kreuz drckt!
    So? also das ist die Lsung und das Geheimnis deiner ganzen
Identittsfrage, das gemnzte Gold? Denn du bist ja aus gleichem Stoffe, ohne
da dich ein einziger betastet!
    Hm! machte das Pferd, das ist nicht so genau zu nehmen. Die Leute haben
allerdings ihr Augenmerk darauf gerichtet, ihre Identitt, die sie in diesem
Falle Unabhngigkeit nennen, zu behaupten und gegen jeglichen Angriff zu
verteidigen. Nun wissen sie aber, da ein kampffhiger guter Soldat wohlgenhrt
sein und ein Frhstck im Magen haben mu, wenn er sich schlagen soll. Da dies
aber nur durch allerhand Gemnztes zu erreichen und zu sichern ist, so
betrachten sie jeden, der damit versehen, als einen gersteten Verteidiger und
Untersttzer der Identitt und sehen ihn drum an. Da luft es denn freilich mit
unter, da sie ihre Privatsachen mit den ffentlichen Dingen fr identisch
halten, wie man denn in der bung jeglicher Energie nicht leicht zuviel tun
kann, und so gewinnt dieser oder jener das Ansehen eines habschtigen Esels. Sei
dem, wie ihm wolle, ich rate dir, dein Kapital hier noch ein wenig in Umlauf zu
setzen und zu vermehren. Wenn die Meinung der Leute im allgemeinen auch eine
irrige ist, so steht es doch jedem frei, sie fr sich zu einer Wahrheit und so
seine Stellung zu einer angenehmen zu machen.
    Ich griff in den Sack und warf einige Hnde voll Goldmnzen in die Hhe,
welche sogleich von hundert in der Luft zappelnden Hnden aufgefangen und
weitergeworfen wurden, nachdem jeder das Gold erst besehen und an seinem eigenen
Golde gerieben hatte, wodurch beide Stcke sich verdoppelten. Bald kehrten alle
meine Mnzen in Gesellschaft von anderm Golde zurck und hingen sich an das
Pferd; es regnete frmlich Gold, welches sich klumpenweise an alle seine vier
Beine setzte, gleich dem Blumenstaub, der den Bienen Hschen macht, so da es
bald nicht mehr gehen konnte. Es bildeten sich aber noch groe Flgel an dem
Tiere, und es glich zuletzt einer Riesenbiene und flog wie eine solche ber die
Kpfe des Volkes weg. Erst jetzt schtteten wir zusammen einen rechten Goldregen
nieder, so da zuletzt ein ungeheures Gesindel von Goldhungrigen hinter uns her
war. Alte und Junge, Weiber und Mnner purzelten bereinander, das Gold zu
raffen. Diebe, die von Wchtern transportiert wurden, strzten sich samt diesen
in den Haufen; Bckerlehrlinge warfen ihr Brot in das Wasser und fllten ihre
Krbe mit Gold; Priester, die zur Kirche gingen, um zu predigen, schrzten ihre
Talare wie bohnenpflckende Buerinnen die Rcke und schpften Gold hinein;
Magistratspersonen, die vom Rathause kamen, schlichen herbei und schoben
verschmt ein paar zur Seite rollende Stcklein in die Tasche; selbst aus einem
an die Wand gemalten Gerichte liefen die toten Richter vom Tische, lieen den
Angeklagten stehen und stiegen herunter, um hinter mir herzustreichen, und
schlielich kam der gemalte Verbrecher auch noch gesprungen, um nach Gold zu
schreien.
    Ganz geschwollen vom Bewutsein des Reichtums, schwebte ich endlich aus der
Brckenhalle hinaus und schwang mich auf dem goldenen Bienenpferde hochmtig in
die Luft, wo ich hoch den Mnsterkronen kreiste wie ein Falke, mich bald whlig
niederlie, bald wieder aufstieg und das kindische Traumvergngen des Fliegens
und Reitens zugleich in vollen Zgen geno. Aus den Kronen fingerten hundert
weie Hnde nach meinem Golde empor, Augen und Wnglein blhten wie
Vergimeinnicht und Rosen im Sonnenschein. Das Pferd sagte: Nun whle, das sind
die heiratsfhigen Mgdlein des Landes! Das Beste ist eine artige Frau! Ich
ugelte auch richtig stolz und lstern auf sie hinunter und gedachte meine
Irrfahrten und erlebten Kmmernisse mit einer konvenablen Heirat abzuschlieen,
als pltzlich eine harte Stimme erscholl, die rief: Ist denn niemand da, den
Landverderber aus der Luft herabzuholen?
    Ich bin schon da! antwortete der dicke Wilhelm Tell, der in einer
Lindenkrone verborgen sa, die Armbrust auf mich anlegte und mich mit seinem
Pfeile herunterscho. Ein neuer Ikarus, strzte ich samt dem Goldfuchs prasselnd
aufs Kirchendach und rutschte von dort jmmerlich auf die Strae hinab, woran
ich erwachte und mich erschttert fand, wie wenn ich wirklich gefallen wre. Der
Kopf schmerzte mich fieberhaft, whrend ich das Getrumte zusammenlas. Diese
verkehrte Welt, in welcher das im Wachen mige Gehirn bei nachtschlafender Zeit
auf eigene Faust zusammenhngende Mrchen und buchgerechte Allegorien, nach
irgendwo gelesenen Mustern, mit Schulwrtern und satirischen Beziehungen
ausheckte und fortspann, begann mich zu ngstigen wie der Vorbote einer schweren
Krankheit; ja, es beschlich mich sogar wie ein Gespenst die Furcht, auf diese
Art knnten meine dienstbaren Organe mich, das heit meinen Verstand, zuletzt
ganz vor die Tre setzen und eine tolle Dienstbotenwirtschaft fhren.
    Als ich der Sache weiter nachdachte, empfand ich die Gefahr, die darin
liegt, sich gegen Natur und Gewohnheit mit dem vllig Geistlosen beschftigen
und nhren zu wollen, und doch wute ich nicht, wie aus dem Banne hinauszukommen
wre. Darber schlief ich wieder ein, und das Trumen ging neuerdings an; doch
verlor sich das unheimliche Allegorienwesen, und das Gesetzlose regierte fort.
    Ich trieb jetzt das halbzerbrochene und schwer mit Scken beladene Pferd
eine bergige Strae hinauf nach dem Hause der Mutter; es dauerte eine qualvolle
Ewigkeit, bis ich endlich anlangte. Da fiel das Tier zusammen und verwandelte
sich in die schnsten und reichsten Gegenstnde und Merkwrdigkeiten aller Art,
von welchen sich auch die Scke entleerten, Dinge, wie man sie von groen Reisen
als Geschenke mitzubringen pflegt. Ich stand aber peinlich verlegen bei dem
aufgetrmten Haufen von Kostbarkeiten, der sich offen auf der Strae
ausbreitete, und ich suchte vergeblich den Drcker der Haustre und den
Glockenzug. Ratlos und ngstlich die Reichtmer htend, sah ich an dem Hause
empor und bemerkte erst jetzt, wie seltsam es sich darstellte. Es war gleich
einem alten edeln Schrank- und Tferwerke ganz von dunklem Nubaumholz gebaut
mit unzhligen Gesimsen, Kassettierungen, Fllungen und Galerien, alles auf das
feinste gearbeitet und spiegelhell poliert. Es war eigentlich das nach auen
gekehrte Innere eines Hauses. Auf den Gesimsen und Galerien standen
altertmliche silberne Kannen und Becher, Porzellangefe und kleine
Marmorbilder aufgereiht. Fensterscheiben von Kristallglas funkelten mit
geheimnisvollem Glanz vor einem dunklen Hintergrunde zwischen gemaserten Zimmer-
oder Schranktren, in denen blanke Stahlschlssel steckten. ber dieser
seltsamen Fassade wlbte sich der Himmel dunkelblau, und eine halb nchtliche
Sonne spiegelte sich in der dunklen Pracht des Nubaumholzes, im Silber der
Krge und in den Fensterscheiben.
    Endlich sah ich auch, da reichgeschnitzte Treppen zu den Galerien
hinauffhrten, und bestieg dieselben, Einla suchend. Wenn ich aber eine Tre
ffnete, so sah ich nichts als ein Gela vor mir, welches mit Vorrten der
verschiedensten Art angefllt war. Hier tat sich eine Bcherei auf, deren
Lederbnde von Vergoldung strotzten; dort war Gerte und Geschirr
bereinandergeschichtet, was man nur wnschen mochte zur Annehmlichkeit des
Lebens; dort wieder trmte sich ein Gebirge feiner Leinwand, oder ein duftender
Schrank ffnete sich mit hundert Kstchen voll Spezereien. Ich machte eine Tre
nach der anderen wieder zu, wohlzufrieden mit dem Gesehenen und nur ngstlich,
weil ich nirgends die Mutter fand, um mich in dem trefflichen Heimwesen sofort
einrichten zu knnen. Suchend drckte ich mich an eines der Fenster und hielt
die Hand an die Schlfe, um die Spiegelung der Kristallscheibe aufzuheben; da
sah ich, statt in ein Gemach hinein, in einen reizenden Garten hinaus, der im
Sonnenlichte lag, und dort glaubte ich zu sehen, wie die Mutter im Glanze der
lugend und Schnheit, angetan mit seidenen Gewndern, zwischen Blumenbeeten
wandelte. Ich wollte das Fenster aufmachen, ihr zurufen, fand aber durchaus
keinen Riegel oder Knopf, denn ich war ja auerhalb des Hauses, obschon ich aus
dem Innern nach einem Garten hinausschaute. Am Ende stand ich nur an einer
reichgetferten Wand auf einem schmalen Gesimse, das meinen Fen kaum
gengenden Raum bot. Als ich mich hinausbog, um zu sehen, wie ich von der
gefhrlichen Stelle hinuntersteigen knne, sah ich auf der Gasse einen
verkniffenen Knirps von Knaben mit grauen verwelkten Haaren, der mit einem
Stecken meine Herrlichkeiten auseinanderstrte.
    Sogleich erkannte ich den Jugendfeind, jenen vom Turme gestrzten Knaben
Meierlein, und kletterte eilig hinunter, ihn zu verjagen. Der aber fing wtend
an zu schelten und als Kindswucherer und Glubiger aufs neue, nach so viel
Jahren, seine Forderung geltend zu machen, indem er die Hand an den vom Sturze
zerschlagenen Kopf drckte. Er wolle mich jetzt endlich auspfnden, rief er mit
giftigen Worten, da er zu seiner verschriebenen Sache komme; seine Rechnung sei
pnktlich in Ordnung.
    Du lgst, du kleiner Schuft, schrie ich ihm zu, mach, da du fortkommst!
Da erhob er seinen Stock gegen mich, wir gerieten einander in die Haare und
rauften uns unbarmherzig. Der wtende Gegner ri mir alle die schnen Kleider,
die ich trug, in Fetzen, und erst als ich ihn keuchend und verzweifelnd am Halse
wrgte, entschwand er mir unter den Hnden und lie mich in der schattigen
kalten Strae stehen. Ermattet sah ich mich mit bloen Fen dastehen. Das Haus
war aber das wirkliche alte Haus, jedoch halb verfallen, mit zerbrckelndem
Mauerkalk, erblindeten Fenstern, in denen leere oder verdorrte Blumenscherben
standen, und mit Fensterlden, die im Winde klapperten und nur noch an einer
Angel hingen.
    Von meiner trefflichen Traumeshabe war nichts mehr zu sehen als einige
zertretene Reste auf dem Pflaster, welche von nichts Besonderem herzurhren
schienen, und in der Hand hielt ich nichts als den meinem bsen Feinde
abgerungenen Stecken.
    Ich trat entsetzt auf die andere Seite der Strae und blickte kummervoll
nach den den Fenstern empor, wo ich deutlich meine Mutter, alt und grau und
bleich, hinter der dunklen Scheibe sitzen sah, wie sie in tiefem Sinnen ihren
Faden spann.
    Ich streckte die Arme nach dem Fenster empor; als sich die Mutter aber leis
bewegte, verbarg ich mich hinter einem Mauervorsprung und suchte bang aus der
stillen dmmerigen Stadt zu entkommen, ohne gesehen zu werden. Ich druckte mich
lngs den Husern hin und wanderte alsbald an meinem schlechten Stabe auf einer
unabsehbaren Landstrae dahin zurck, woher ich gekommen war. Ich wanderte und
wanderte rastlos und mhselig, ohne mich umzusehen. In der Ferne sah ich auf
einer ebenso langen Strae, die sich mit der meinigen kreuzte, meinen Vater
vorberwandern mit seinem schweren Felleisen auf dem Rcken.
    Als ich erwachte, fiel mir ein Stein vom Herzen, so traurig war mir dieser
letzte Teil der getrumten Abenteuer.
    So ging es nchtelang fort, obgleich zuweilen auch etwas miger, so da der
ertrumte Zustand an eine Art ruhiger Zufriedenheit grenzte. Einmal trumte mir,
da ich an dem Rande des Vaterlandes auf einem Berge se, der von
Wolkenschatten verdunkelt war, whrend das Land in hellem Scheine vor mir
ausgebreitet lag. Auf den weien Straen, den grnen Fluren wallten und zogen
Scharen von Volk und Leuten und sammelten sich zu heiteren Festen, zu
verschiedenen Handlungen und Lebensbungen, was alles ich aufmerksam
beobachtete. Wenn aber solche Scharen oder Aufzge nah an mir vorbergingen und
ich von den Leuten erkannt wurde, schalten sie mich im Vorbeigehen, wie ich,
teilnahmlos in Trauer verharrend, nicht sehe, was um mich her geschehe, und sie
forderten mich auf, ihnen zu folgen. Ich verteidigte mich aber freundlich und
rief ihnen zu, ich she alles genau, was sie bewege, und nhme teil daran. Nur
sollten sie sich jetzt nicht um mich kmmern, so sei mir wohler.
    Diese Vorstellung hatten meine emsigen Traumgeister offenbar folgenden
Versen eines Unbekannten entwendet, die ich am Abend vorher in einigen
zerrissenen Druckblttern gelesen:

Klagt mich nicht an, da ich vor Leid
Mein eigen Bild nur knne sehen!
Ich seh durch meines Leides Flor
Wohl euere Gestalten gehen.

Und durch den starken Wellenschlag
Der See, die gegen mich verschworen,
Geht mir von euerem Gesang,
Wenn auch gedmpft, kein Ton verloren.

Und wie die mde Danaide wohl,
Das Sieb gesenkt, neugierig um sich blicket,
So schau ich euch verwundert nach,
Besorgt, wie ihr euch fgt und schicket!


                                 Achtes Kapitel

                             Der wandernde Schdel

So ging es in den Nchten zu. Wie ich die Tage damals verbracht, wei ich mir
kaum mehr vorzustellen; es war die verwunderlichste bung der Geduld mit dem
Schicksal, das will sagen, mit sich selbst. Und wie ich vorahnend gedacht, lste
sich der Ausgang auf diese Weise am leichtesten von den Dingen. Es dauerte nicht
viele Tage, so zeigte es sich, da mein verwitweter Hauswirt ohne seine Frau
nicht bestehen konnte und sich gentigt sah, die Haushaltung aufzulsen, die
Kinder einstweilen den Eltern der Verstorbenen zuzuschicken und die Wohnung zu
rumen. Schon waren die Kleinen fort, als der Mann mir mrrisch und gleichgltig
anzeigte, ich habe eine andere Unterkunft zu suchen, da er selbst am nchsten
Tage ausziehe.
    Ich hatte nun alle die Jahre her in dem Hause gewohnt, und da ein bles
Geschick meine fahrende kleine Habe auseinandergeblasen, so beschlo ich auf der
Stelle, nach der Heimat zu gehen, statt einen bettelhaften Einzug in eine neue
Wohnung zu halten. Ich nderte auch den Entschlu nicht, als mir nach Abtrag
dessen, was ich dem Manne und andern noch etwa schuldig war, von dem bei Herren
Joseph Schmalhfer erworbenen Reichtume nicht so viel brigblieb, womit ich
htte fahren knnen. Es reichte vielmehr zur Not fr eine Fuwanderung hin, wenn
ich das Geld genau einteilte, Tag und Nacht im Freien blieb und nur wenig
Nahrung geno.
    Um nun aber in den abgetragenen Kleidern nicht vllig einem Landfahrer
hnlich zu sehen, griff ich zum letzten Hilfsmittel, nmlich zu den Bildchen,
die ich bei dem jdischen Kunstschneider hngen hatte. Ohne Zeit zu verlieren,
ging ich zu ihm, nahm auch jenes etwas grere, auf der Ausstellung verunglckte
Stck mit und frug ihn, ob er mich fr die drei Malereien neu und gut kleiden
und was er noch an barem Gelde herauszahlen wolle.
    Zu letzterm war er natrlich nicht zu bewegen; dafr fiel der Anzug leidlich
gut aus, den zu liefern er nach seiner Geschftsmaxime gleich bereit war; er
lie sich sogar zur Leistung eines festen stattlichen Hutes herbei, dessen Rand
den Hals gegen den Regen zu schtzen versprach. Ich fand mich bei alledem wohl
bedient und beraten und schied zufrieden von dem Nothelfer, nachdem ich in einer
Hinterstube die Kleider gewechselt und ihm den abgelegten Habit als Zeichen
meiner Erkenntlichkeit fr menschenfreundliche Behandlung berlassen.
    Auf dem Rckwege schwankte ich, ob ich nicht den alten Schmalhfer noch
aufsuchen und von ihm Abschied nehmen solle. Ich besorgte jedoch, er knnte mich
von neuem zu einem nichts entscheidenden und geistttenden Arbeitsgewinne
verlocken; also vermied ich sein Haus, holte bei der Behrde noch meine
Ausweispapiere und eilte, da der Abend nahte, nach Hause; denn ich wollte mit
angebrochener Nacht unverweilt die Wanderschaft antreten.
    Das war auch geraten, da der Wirt bereits den smtlichen Hausrat
fortgebracht und auch mein Bett weggerumt hatte, unbekmmert, wo ich diese
letzte Nacht noch schlafen mge. Ich fand ihn, wie er ganz allein in der stillen
Wohnung stand, die von unsern Tritten und Worten einen ungewohnten Widerhall
hren lie, weil sie gnzlich leer war. Nur etwas Kleider und kleines Gerte
lagen noch beieinander, was er nicht zusammenzupacken wute, da es ihm an einer
Kiste fehlte. Ich sagte ihm, er knne sich meines groen Koffers bedienen, den
ich zunchst nicht brauche. Das nahm er ohne Dank an, wofr ich ihm auch einen
Streich spielte. Denn als ich nun in meine zwei Zimmer ging, in eine Reisetasche
ein Restchen Wsche und meine schn gebundene Jugendgeschichte gesteckt hatte
und mich umsah, was etwa noch zu tun wre, entdeckte ich zu meinem Schrecken
noch den Schdel des Albertus Zwiehan, der allein unversorgt zurckblieb.
    Erschttert nahm ich das unselige Sphroid, das nicht zur Ruhe kommen
konnte, in die Hand und fhlte Gewissensbisse. Armer Zwiehan! dachte ich, du
bist einst von Ostindien nach der Schweiz gereist, von da nach Grnland und
wieder zurck, dann hierher, und nun mag Gott wissen, was aus dir wird, den ich
so leichtfertig vom Friedhofe genommen habe!
    Aber das half nun nichts; ich hob den Deckel meines leeren Koffers und legte
den alten Schdel hinein, die weitere Frsorge dem auf dem Sprunge stehenden
Hauswirte berlassend, der sich in seinem Unstern so wenig liebenswrdig gegen
mich benahm, obgleich ich seit lnger als fnf Jahren an den Unterhalt seiner
Familie so manchen guten Taler beigetragen.
    Dann trat ich mit umgehngter Tasche aus meiner besonderen Trauerwohnung in
die allgemeine hinaus, gab dem Manne rasch die Hand und stieg die Treppe
hinunter. Kaum war ich aber auf dem Flur angelangt, so rief der Unhold von oben
her meinen Namen und schrie: Da, nehmen's den auch mit, der gehrt Ihnen!
Gleichzeitig kollerte und polterte der Totenkopf die lange hlzerne Treppe
herunter und schlug mir unsanft an die Fersen.
    Ich hob ihn auf; in der vorgerckten Dmmerung lie er erbrmlich den
Unterkiefer fallen, der in Drhten hing, und schien so zu bitten, ihn nicht
zurckzulassen.
    So komm mit, sagte ich, wir wollen wieder zusammen heimgehen! Es war eine
merkwrdige Reise!
    Ich zwngte den Schdel mit Mhe in die Wandertasche, wodurch diese ein
unfrmliches Aussehen gewann, wie wenn ein Kommibrot oder ein Kohlkopf
darinsteckte.
    Nun hatte ich noch ein einziges Geschft zu verrichten, das mir nicht
leichtfiel. Seit dem sonderbaren und unverhofften Liebesabenteuer mit Hulda war
ein Sonnabend von mir unbenutzt verstrichen und jetzt eben der zweite da. Durch
die Nachrichten des hochzeitreisenden Landsmannes sowie durch die erfahrenen
Traumgesichte waren mir Mut und Lust zur Verwirklichung der tannhuserlichen
Glcksplne vergangen; und doch drngte mich jetzt ein Gefhl von warmer
Dankbarkeit, selbst von zrtlicher Zuneigung und Erinnerung, nicht ohne ein Wort
des Abschiedes, der Verstndigung davonzugehen. Ich hoffte, das se und
ehrenwerte Geschpf mit dem Gestndnisse, da ich kein Handwerksgeselle, sondern
ein verarmter Knstler sei, der nicht wisse, was noch aus ihm werden solle, und
vorerst das Land verlassen msse, unschwer von seinen Gedanken abzubringen, ber
den abermaligen Verlust eines Liebhabers zu trsten und so im Frieden zu
scheiden. Mit Tasche und Stab schon auf der Wanderschaft, schlug ich die
Richtung nach der Strae ein, wo sie wohnte. Da es noch etwas zu frh war, trat
ich in ein Gastbaus, um ein letztes Abendbrot in dieser Stadt zu mir zu nehmen.
Dann fand ich bald im Laternenlichte das Haus und setzte mich im Schatten einer
gegenberstehenden Brunnensule auf ein kleines Bnklein. Nun kam die anmutige
Gestalt geschritten, im Werkeltagsgewande, aber nicht allein; ein schlanker
junger Mensch begleitete sie, dem Anscheine nach ein Studierender oder Knstler,
der eindringlich zu ihr redete. In der Nhe der Haustre ging sie etwas
langsamer, und ich vernahm, da sie jetzt zu sprechen anfing, die mir bekannte
liebliche und offenherzige Stimme, die nur etwas trauriger oder weicher klang
als an jenem Abend.
    Die Lieb ist eine ernstliche Sache, sagte sie, selbst im Scherze! Aber es
gibt wenig Treu und Ehrlichkeit in der Welt. Nun, wir wollen die Bekanntschaft
probieren, wenn Sie mich morgen auf den Tanz fhren mgen; es wundert mein Herz,
wie es ist, wenn es mit einem Herrn geht!
    Der neue Sponsierer antwortete mit leiser Flsterstimme etwas, was ich nicht
verstand; ich hrte einen leisen Ku, ein Gute Nacht! worauf das Mdchen
hinter der Haustre verschwand und dieselbe zuschlug, der junge Mann aber
raschen Schrittes seiner Wege ging.
    Das ist auch eine Freisprechung! dachte ich und erhob mich mit erleichtertem
Gewissen, jedoch mit einer sehr krausen Empfindung. Ohne mich indessen weiter
umzusehen oder eine Minute lnger in der Stadt aufzuhalten, eilte ich dem Tore
zu und wanderte wenige Zeit spter auf der nchtlichen Heerstrae in der
Richtung meines Heimatlandes fort.
    Zufrieden mit der klaren und fertigen Form, welche mein Geschick nun
angenommen hatte, setzte ich ohne Hast und ohne Aufenthalt Fu fr Fu, als
einziges Ziel im Auge, unter das Dach der Mutter zu treten, gleichviel ob arm
oder reich. Stundenlang ging es so weiter; ich beachtete nicht, da ich auf
einem Kreuzungspunkte war und von der Hauptstrae auf eine unmerklich schmlere
Seitenstrae geriet, da sich eine solche Abzweigung nochmals wiederholte, bis
ich mich auf einem lndlichen Fahrwege befand. Da ich aber nach dem Stande der
Gestirne ungefhr nach der richtigen Himmelsgegend zog, so kam es mir nicht so
sehr darauf an, ich rechnete eine etwelche Abirrung zu den ntigen Erlebnissen
eines Landfahrers. Ich ging durch Gehlze, ber Feld- und Wiesenfluren, an
Drfern vorbei, deren schwache Umrisse oder verlorene Lichter weit vom Wege
lagen. Die tiefste Einsamkeit waltete auf Erden, als es Mitternacht wurde und
ich ber weite Feldgemarkungen ging; um so belebter waren die mit den langsam
rckenden Sternbildern durchwirkten Lfte, denn die unsichtbaren Schwrme der
Zugvgel rauschten und lrmten in der Hhe. Noch nie hatte ich diesen
herbstlichen Nachtverkehr des Himmels so deutlich wahrgenommen.
    Ich kam in einen groen Forst, und die Dunkelheit wurde vollkommen. Still
huschte der Kauz an meinem Gesichte vorber, und aus der Tiefe schrie der Uhu.
Als ich aber durchfrstelt und ermdet war, stie ich in einer Waldlichtung auf
einen rauchenden Kohlenmeiler, dessen Hter in seiner Erdhtte lag und schlief.
Ich setzte mich still an den heien Meiler, wrmte mich und schlief ein, bis ein
Flug hellschreiender Wanderfalken, deren silberblaue Flgel und weie Brste im
ersten Frhrot blitzten, ber den Wald flog und mich weckte. Wie ich mich
ermunterte, begann der Khler aus der Htte zu kriechen, die Fe voran; vor ihm
stehend wie ein eben angekommener Wandersmann, wnschte ich ihm einen guten
Morgen und fragte nach der Gegend und der rechten Strae. Er wute nicht viel zu
sagen, als da ich mehr westwrts zu gehen habe.
    Der Wald nahm ein Ende, und ich trat in eine weite deutsche
Herbstmorgenlandschaft hinaus. Waldige und dunkle Gebirgszge streckten sich am
Horizont; durch das Land wand sich ein rtlicher Flu, weil der halbe Himmel im
Morgenrot flammte und die purpurn angeglhten Wolkenschichten ber Feldern,
Hhen, Drfern und einer betrmten Stadt hingen. Die Nebel rauchten an den
Waldhngen und zu Fen der schwarzblauen Berge. Schlsser, Stadttore und
Kirchtrme glnzten rot; dazu entrollte sich ein hallender Jagdlrm in den
Wldern, Hrner tnten, Hunde musizierten fern und nah, und ein schner Hirsch
sprang an mir vorber, als ich eben den Forst verlie.
    Das Morgenrot verkndete freilich ein nasses Abendbrot und gab mir keine
gute Aussicht. Wenn ich meinen Wanderplan innehalten wollte, so durfte ich nicht
daran denken, ein Nachtlager zu suchen, weil das mich fr einen Tag der Nahrung
berauben konnte. Ich dachte daher mit einigem Schrecken an die kommenden Fluten
und da ich durchnt die zweite Nacht hindurch wandern msse. Die Nsse und der
Schmutz besiegeln jeglichen schlechten Humor des Schicksals und nehmen dem
Verlassenen noch den letzten Trost, sich etwa auf die mtterliche Erde zu
werfen, wo es niemand sieht. berall kltet ihm die unerbittliche Feuchte
entgegen, und er ist gentigt, aufrecht zu bleiben.
    In wenigen Stunden verhllte auch ein graues Nebeltuch alles Licht, und das
Tuch begann sich langsam in nasse Fden zu entfasern, bis ein gleichmiger
starker Regen weit und breit herniederfuhr, der den ganzen Tag anhielt. Nur
manchmal wechselte das nakalte Einerlei mit noch krftigeren Regengssen, die,
vom Winde gepeitscht, einen bewegtern Rhythmus in das Wasserleben brachten; das
Land und Wege berschwemmte. Ich schritt unverdrossen durch die Fluten, froh,
da ich meinen neuen Anzug von tchtigem Stoffe gewhlt, der etwas aushielt.
Erst zur Mittagszeit, dann aber pnktlich, kehrte ich in einem Dorfe ein und a
eine warme Suppe mit etwas Fleisch und Gemse nebst einem groen Stck Brot.
Auch ruhte ich eine Stunde und ging darauf wieder in den Regen hinaus. Denn wenn
ich in acht Tagen, welche ich mindestens brauchte, nach Hause gelangen wollte,
so mute ich mich genau in jeder Hinsicht an die vorgesteckte Ordnung halten und
durfte dabei nicht einmal erschpft oder gar krank werden. Nur so blieb ich bis
zuletzt Meister meiner selbst und hatte niemanden zu frchten.
    Nach einigen Stunden ging ich abermals auf einem Waldwege, immer bestrebt,
die groe Hauptstrae zu erreichen, mit deren Lngsachse meine Richtung
allmhlich wieder zusammenfallen mute. Als ich abseits vom Wege eine groe
Buche sah, deren gelbes Laub noch gengend dicht sa, ging ich hin und fand auf
einer ihrer aus dem Boden ragenden Wurzeln eine ziemlich geschtzte Ruhestelle
und lie mich nieder. Da kam ein altes Mtterchen dahergetrippelt, welches mit
der einen Hand ein elendes Bndelchen kurzen Reisigs auf dem grauen Kopfe trug,
dessen Haare so rauh und zerzaust waren wie das Gestrppe darauf; mit der
anderen Hand schleppte sie mhselig ein abgebrochenes kleines Birkenbumchen
hinter sich her. Mit zitternden Schrittchen zerrte sie emsig und keuchend, viele
ngstliche Seufzer ausstoend, den widerspenstigen Busch ber alle Hindernisse
weg, gleich der Ameise, die einen zu schweren Halm nach dem Bau schafft. Ich sah
dem armen Weibe voll Mitleid zu und mute mir gestehen, da es dieser Kreatur
wohl noch schlimmer ging als mir und sie doch nicht rastete, sich zu wehren. Und
doch war ich wiederum elend genug daran, da ich ihr nicht einmal irgend etwas
helfen oder geben konnte. Wie ich ber diese Ohnmacht beschmt hinstarrte, kam
soeben ein Waldhter des Weges, wohl so alt wie das Weib, aber mit rotem
Gesicht, groem Schnurrbart, kleinen Ringen in den Ohren und tricht rollenden
Augen. Der machte sich sogleich ber die Frau her, welche den Busch erschrocken
fahrenlie, und schrie:
    Hast wieder Holz gestohlen, du Strolchin?
    Bei allen Heiligen beteuerte die Alte, da sie das Birkenbumchen also
geknickt auf dem Wege gefunden habe. Er rief aber:
    Lgen tust du auch noch? Wart, ich will dir's austreiben!
    Und der alte Mann nahm die alte Graue beim vertrockneten Ohr, das unter
einem verschobenen Kattunkppchen hervorguckte, zerrte sie daran und wollte sie
dergestalt mit sich fortschleppen, da es unnatrlich anzusehen war. Durch einen
pltzlichen Einfall erleuchtet, holte ich meinen Totenkopf aus der Reisetasche,
stlpte ihn auf den Stock und streckte ihn durch das Laubwerk des Unterholzes,
hinter welchem ich selbst verborgen war. Zugleich rief ich mit zorniger Stimme:
La das Weib gehen, du schlechter Kerl! und schttelte den Schdel ein wenig,
da die Zhne zusammenklappten und das Laub raschelte, aus welchem er
hinausguckte. Es mute fr die Leutchen drauen aussehen, wie wenn der Tod in
dem Busch wre.
    Der Waldhter blickte nach dem Orte hin, woher die Stimme erscholl,
erstarrte frmlich, wurde fahl wie schlecht gebackenes Brot und lie das Ohr des
Mtterchens fahren. Ich zog das Gespenst sachte zurck; der Waldhter starrte
bewegungslos her; als ich es aber weiter oben aus dem Gebsche tauchen lie,
irrten seine rundlichen Augen ihm dorthin nach, worauf er, so schnell ihn die
schlotternden Beine tragen wollten, sich davonmachte, ohne einen Laut von sich
zu geben. Erst in bedeutender Entfernung, wo der Weg sich abbog, blieb er einen
Augenblick stehen und schaute behutsam zurck. Da lie ich den Schdel etwas
wackeln, und sogleich verschwand der Flchtling um die Ecke und war nicht mehr
zu sehen. Er hatte freilich durchaus keinen Grund anzunehmen, da bei diesem
Wetter und zugunsten des armen Weibchens ein bloer Hokuspokus im tiefen Walde
aufgefhrt werde, und berdies zeigten die Ohrringe genugsam an, da er ein
aberglubischer Mensch war. Das alte Mtterchen, das in seinem Schrecken nichts
als die Flucht des Peinigers gesehen, wute nicht, wie ihm geschah, lie alles
liegen und machte sich ebenfalls aus dem Staube; mit den zitternden Hnden
ruderte sie eifrig in der Luft und redete vor sich hin.
    Meinesteils packte ich das alte gelbliche Kopfgerte wieder ein, das so gute
Dienste geleistet. Ich war von dem Scherze ordentlich erwrmt worden und ruhte
noch ein Weilchen aus, wie ein Sieger auf dem Kampfplatz, mit dem erquicklichen
Gefhle, da selten einer so bel daran sei, der nicht durch irgendeine kleine
Wendung ber die Dinge gestellt werden knne. Ich betrachtete in Gedanken den
aus dem Felde geschlagenen Unhold und bemhte mich, die Grundlage seines
bestialischen Wesens aufzufinden. Ich sah die rund glnzenden Augen, die
hochroten Gesichtspolster, den grauen, trefflich gepflegten Schnurrbart, die
blanken Knpfe seines Dienstrockes und glaubte zu fhlen, da das Fundament all
des anmalich brutalen Gebausches eine grenzenlose Eitelkeit sei, die sich, als
einem dumm rohen Menschen innewohnend, nicht anders als in solcher Weise zu
uern wute.
    Dieser Kerl, dachte ich, welcher vielleicht der sorglichste Vater und Gatte
ist und ein guter Gesell unter seinesgleichen, insofern er nur nicht im Prahlen
und Ausbreiten seiner Art behindert wird, dieser Kerl gefiel sich ausnehmend
wohl und hielt sich nach Magabe seiner Dummheit fr einen Helden, als er das
schwache Weib am Ohr zerrte. Nicht da er etwa in der Kirche oder im
Beichtstuhle nicht zuweilen einshe, da er fehlbar sei; der Rausch der
Eitelkeit und Selbstgeflligkeit ist es, der ihn alle Augenblicke fortreit und
seinem Gtzen frnen lt. Um so genauer sieht er das Laster an seinem
Vorgesetzten, dieser an dem seinigen, und so stufenweise fort, indem einer es am
andern gar wohl bemerkt, aber nie unterlt, der eigenen Unart voll Wut den
Zgel schieen zu lassen, um nicht zu kurz zu kommen und sich herrlich
darzustellen. Alle die tausend voneinander Abhngigen, die sich gegenseitig so
erziehen, streichen ihre grauen Schnurrbrte und lassen die Augen rollen, nicht
aus Bosheit, sondern aus kindischer Eitelkeit. Sie sind eitel im Befehlen und im
Gehorchen, eitel im Stolz und in der Demut; sie lgen aus Eitelkeit und sagen
die Wahrheit nicht um ihrer selbst willen, sondern weil sie ihnen fr diesmal
gut ansteht. Neid, Habsucht, Hartherzigkeit, Verleumdungssucht, Trgheit, alle
diese Laster lassen sich bndigen oder einschlfern; nur die Eitelkeit ist immer
wach und verstrickt den Menschen unaufhrlich in tausend lgenhafte oder
wenigstens unntige Dinge, Brutalitten und kleinere oder grere Gefahren, die
alle zuletzt ein ganz anderes Wesen aus ihm machen, als er eigentlich zu sein
wnscht. Das ist dann die Folge, eine krankhafte Abirrung von seinem Selbst
statt der angestrebten Befestigung desselben.
    Das ist aber nur die grbere Hlfte, die Schar der Armen im Geiste. Die
feinere Hlfte, die Schar der Begabten und Gebildeten, irrt nicht von sich ab,
die hat einen Zaubersegen, der heit: Wir wissen es und wollen es sein, nmlich
eitel! Die unschuldige Eitelkeit, sie ist die gutartige Verzierung des Daseins!
Das goldene Hausmittelchen der Menschlichkeit und das Gegengift fr die grobe,
bsartige Eitelkeit! Die schne Eitelkeit, als die zierliche Vervollkommnung und
Ausrundung des eigenen Wesens, bringt alle Keimlein zum Blhen, die uns
brauchbar und annehmlich machen fr die Welt; sie ist zugleich der feinste
Richter und Regulator ihrer selbst und treibt uns an, das Gute und Wahre, das
sonst verborgen bliebe, in edler Gestalt an den Tag zu bringen. Selbst Christus
war ein bichen eitel, denn er hielt Haar und Bart gelockt und lie sich die
Fe salben!
    So klingt dieses schne Lied, und diese Eitelkeit ist erst der wahre Moloch,
dessen gelindes Feuer Menschen und Kieselsteine frit. Er bleibt stets er
selbst, der Moloch, und frchtet sich nicht und lchelt sein ehernes Lcheln,
whrend sein heihungriger Bauch glht. An ihm versengen sich Freundschaft,
Liebe, Freiheit und Vaterland und alle guten Dinge, und wenn er nichts mehr zu
fressen hat, wird er ein kalter Ofen voll Asche.
    Whrend dieser eifrigen Predigt, die ich mir selber hielt, war ich
weitergewandert, und da mir das Gedankenspinnen die khle Zeit vertrieb, so
setzte ich es fort. Ich prfte nun mich selber und meine Manieren und
untersuchte fr den Fall, da ich von dem Laster mig frei sein sollte oder je
wrde, die Stellung, in welcher man sich der eiteln Welt gegenber befindet.
Gewi ist, dachte ich, da die Eiteln die Sklaven der Freien sind, um deren
Beifall sie buhlen; aber Sklaven empren sich und werden grausam wie die Neger
von St. Domingo. In beiden Fllen gilt es, durch sie hindurchzugehen und mit
ihnen auszukommen, ohne Schaden an der Seele oder am Leibe zu nehmen. Aber warum
soll man sich denn von ihnen unterscheiden, sich ber sie erheben? Um auf dieses
Erhobensein selbst wieder eitel zu werden?
    Hier befand ich mich in einer Sackgasse, und indem ich den Ausgang suchte,
wurde die Grbelei von einem Windstoe unterbrochen, der einen Baum so gewaltig
schttelte, da dieser seine aufgesammelten Wasser mir jhlings auf Schultern
und Rcken warf. Ich schttelte mich ebenfalls und sah mich nach einer Zuflucht
um, die aber nicht vorhanden und mir auch nicht gestattet war. Dennoch verlangte
mich nach irgendeiner Erleichterung; zuletzt fand ich dieselbe in dem
Zwiehansschdel, der mehr seiner unbequemlichen Form als seines Gewichtes wegen
mich zu drcken begann. Allein im Begriff, ihm seitwrts in einem Dickicht
sachte niederzulegen, berkam mich pltzlich der Wunsch und das Bedrfnis, in
meiner Zwangslage etwas Freiwilliges zu tun und mich dadurch, wenn auch nur
eines Daumens hoch, ber dieselbe emporzuheben. Also packte ich den asketischen
Gegenstand wieder auf und setzte die mhselige Wanderschaft fort, die mich zum
berflu noch auf allerlei verlorene und schwierige Pfade brachte.

                                Neuntes Kapitel



                                Das Grafenschlo

So ging es bis zur Abenddmmerung, wo die Ermdung, Frost und jegliche Schwche
so berhandnahmen, da ein moralischer Zusammenbruch nur durch die rgerliche
Betrachtung verhindert wurde es knne ja keine Rede davon sein, etwa umzukommen
oder unterzugehen, und das schlechte Abenteuer wre also als bloe Vexation
durchaus entbehrlich. Ich raffte mich nochmals zusammen und bekam wieder die
Oberhand.
    Endlich trat ich aus den Forsten heraus und sah ein breites Tal vor mir, in
welchem ein groes Herrengut zu liegen schien; denn schne Parkbume zeigten
sich anstatt des Waldes und umgaben eine Dchergruppe, und weiterhin lag
zwischen Feldern und Weidegrnden eine weitlufige Dorfschaft zerstreut.
Zunchst vor mir sah ich eine kleine Kirche stehen, deren Tren geffnet waren.
    Ich ging hinein, wo es schon ziemlich dunkel war und das Ewige Licht wie ein
trbrtlicher Stern vor dem Altare schwebte. Die Kirche war offenbar sehr alt,
die Fenster zum Teil noch aus gemalten Scheiben bestehend und Wand und Boden mit
Grabsteinen und Mlern bedeckt.
    Hier will ich die Nacht zubringen, sagte ich zu mir selbst, und mich im
Schatten dieses Tempels ausruhen!
    Ich setzte mich in einen schrankartigen Beichtstuhl, in welchem ein dickes
Kissen lag, und wollte eben das Vorhngelchen zuziehen, um augenblicklich
einzuschlafen, als eine Hand das grne Seidenfhnchen festhielt und der Kster,
der mir in weichen Hausschuhen nachgegangen, vor mir stand und sagte:
    Wollt Ihr etwa hier bernachten, guter Freund? Ihr knnt nicht dableiben!
    Warum nicht? sagte ich.
    Weil ich sogleich die Kirche schlieen werde! Geht nur hinaus! erwiderte
der Kster.
    Ich kann nicht gehen, sagte ich, lat mich hier sitzen, nur einige
Stunden, die Mutter Gottes wird es Euch nicht belnehmen!
    Geht jetzt sogleich! rief er, Ihr knnet durchaus nicht hierbleiben!
    Ich schlich also trbselig aus der Kirche, und der wachsame Seilzieher
machte sich daran, die Tren zu verschlieen. Ich stand jetzt auf dem Kirchhofe,
welcher einem wohlgepflegten Garten glich; jedes Grab war fr sich oder mit
andern zusammen ein Blumenbeet, in freier Anordnung; besonders die
Kindergrblein waren anmutig verteilt, bald als eine kleine Versammlung auf
einer Raseninsel, bald einsam in einem lieblichen Schmollwinkel unter einem
Baume, bald zwischen Grbern der Alten, gleich Kindern, die den Mttern an der
Schrze hangen. Die Wege waren mit Kies bedeckt und sorgfltig gerechet und
fhrten ohne Scheidemauer unter die dunklen Bume eines Lustwaldes, Ahorne,
Ulmen und Eschen. Der Regen hatte nachgelassen; doch fielen noch zahlreiche
Tropfen, indes im Westen ein Streifen feurigen Abendrotes lag und einen
schwachen Schein auf die Leichensteine warf. Ich lie mich unwillkrlich auf
eine Gartenbank nieder, die mitten in den Grbern stand.
    Da kam ein schlankes weibliches Wesen aus dem tiefen Schatten der Bume
hervor, mit raschen Schritten, welches reiche dunkle Locken im Winde schttelte
und mit der einen Hand eine Mantille ber der Brust zusammenhielt, whrend die
andere einen leichten Regenschirm trug, der aber nicht aufgespannt war. Diese
sehr anmutige Gestalt eilte gar wohlgemut zwischen den Grbern herum und schien
dieselben aufmerksam zu besichtigen, ob die Gewchse von Sturm und Regen nicht
gelitten htten. Hie und da kauerte sie nieder, warf den leichten Schirm auf den
Kiesweg und band eine flatternde Sptrose frisch auf oder schnitt mit einem
glnzenden Scherchen eine Aster oder dergleichen ab, worauf sie weitereilte.
Erschpft wie ich war, sah ich die schne Erscheinung vor mir hinschweben und
dachte nicht viel dabei, als der Kster wieder zum Vorschein kam.
    Hier knnt Ihr auch nicht bleiben, guter Freund! redete er mich abermals
an; dieser Gottesacker gehrt gewissermaen zu den herrschaftlichen Grten, und
kein Fremder darf sich da zur Nachtzeit herumtreiben.
    Ich antwortete gar nichts, sondern sah ratlos vor mich hin; denn ich konnte
mich beinah nicht entschlieen aufzustehen.
    Nun, hrt Ihr nicht? Auf! Steht in Gottes Namen auf! rief er etwas lauter
und rttelte mich an der Schulter, wie man einen auf der Wirtsbank
Eingeschlafenen aufmuntert.
    In diesem Augenblicke kam die Dame in die Nhe und hielt ihren sorglosen
Gang an, um dem Handel zuzuschauen. Ihre Neugierde war von so kindlich anmutiger
Gebrde und die Person so schnugig, soviel in der Dmmerung zu sehen, von so
unverhohlener natrlicher Freundlichkeit, da ich fr den Augenblick neu belebt
mich erhob und mit dem Hut in der Hand vor ihr stand. Ich schlug jedoch verlegen
die Augen nieder, als sie mich in meinem durchnten und beschmutzten Aufzuge
aufmerksam betrachtete.
    Inzwischen sagte sie zu dem Kirchendiener:
    Was gibt es hier mit diesem Manne?
    Ei, gndiges Frulein! antwortete der Kster, Gott wei, was das fr ein
Mensch mag sein! Er will durchaus hier einschlafen; das kann doch nicht
geschehen, und wenn er ein armer Vagabund ist, so schlft er gewi besser im
Dorf in irgendeiner Scheuer!
    Die junge Dame sagte freundlich, zu mir gewendet: Warum wollen Sie denn
hier schlafen? Lieben Sie die Toten so sehr?
    Ach, mein Frulein, erwiderte ich aufblickend, ich hielt sie fr die
eigentlichen Inhaber und Gastwirte der Erde, die keinen Mden abweisen; aber wie
ich sehe, sind sie nicht viel vermgend und wird ihre Intention ausgelegt, wie
es denen gefllt, die ber ihren Kpfen einhergehen!
    Das sollen Sie nicht sagen, versetzte lchelnd das Frulein, da wir
hierzulande schlimmer gesinnt seien als die Toten! Wenn Sie sich nur erst ein
bichen ausweisen wollen und sagen, wie es Ihnen geht, so werden Sie uns
Lebendige hier schon als leidliche Leute finden!
    Darf ich Ihnen zum Anfang meine Schriften vorweisen?
    Die knnen falsch sein! Verfahren Sie lieber mndlich!
    Nun, ich bin guter Leute Kind und eben im Begriff, sosehr ich kann, zu
laufen, woher ich gekommen bin! Leider geht es nicht unaufgehalten, wie es
scheint!
    Und woher kamen Sie denn?
    Aus der Schweiz. Seit einigen Jahren lebte ich als Knstler in Ihrer
Hauptstadt, um zu entdecken, da ich keiner sei. So bin ich nun ohne bequeme
Reisemittel auf dem Heimwege und glaubte, ohne jemandem lstig zu fallen, nur so
durchlaufen zu knnen. Das hat der Regen verhindert; darum hoffte ich ungesehen
die Nacht in dieser Kirche zuzubringen und in aller Frhe still weiterzuziehen.
Wenn hier ganz in der Nhe ein Vordach oder ein offener Schuppen ist, denn
weiter kann ich nicht mehr, so befehlen Sie gromtig, da man mich dort ruhen
lt und tut, als ob ich gar nicht da wre, und am Morgen werde ich dankbar
wieder verschwunden sein!
    Sie sollen ein besseres Quartier haben, kommen Sie jetzt mit mir, ich will
es vorlufig ber mich nehmen, bis mein Vater erscheint, der bald von seiner
Jagdpartie zurckkehren wird.
    Obschon ich vor kalter Nsse schlotterte, seit ich dastand, zgerte ich
doch, ihr zu folgen. Als das Frulein mich wartend ansah, bat ich um
Entschuldigung, ich sei trotz meiner wunderlichen Lage kein Bettler, und ihr
Anerbieten kreuze meinen Plan, ohne fremde Hilfe nach Hause zu gelangen.
    Sie sind aber ja ganz durchnt und frieren wie ein Pudel, mein stolzer
Herr! Wenn Sie im Freien bleiben, so knnen Sie bis zum Morgen das schnste
Fieber haben und sind dann erst recht verhindert, ohne Hilfe und Pflege
weiterzukommen. Sie sollen sich vorderhand auch nur in einem Gartenhause
aufhalten, wo ich den Tag zugebracht habe und ein warmes Feuer brennt. So
sperren Sie sich denn nicht lnger, damit wir Sie nach Ihrem Wunsche am
sichersten und aufs bldeste wieder loswerden! Und Ihr, Kster, folgt uns als
dienstbare Begleitung, zur Strafe dafr, da Ihr diesen frommen Pilgrim so
ungastlich behandelt habt!
    Und was wrde man mir sagen, gndigstes Frulein, brummte der Kster ganz
unwirsch, was wrde man mit mir anfangen, wenn ich nachts die Kirche offenliee
oder einen Fremden darin einschlsse? Hat man noch nie von nchtlichem
Kirchenraub gehrt? Wurden noch keine Leuchter, Kelche und Patenen gestohlen?
    Hier mute ich lachen und sagte: Haltet Ihr mich fr einen Shakespeareschen
Bardolph, der in Frankreich wegen der gestohlenen Monstranz gehngt wurde?
    Nachdem er schon in England einen Lautenkasten entwendet, zwlf Stunden
weit getragen und fr drei Kreuzer verkauft hatte? fgte das vortreffliche
Frauenzimmer bei, indem sie mit einem hellen Antwortlachen mich anblickte. Da
versetzte ich meinerseits:
    Wenn Sie im Gebrauche gemeinschdlicher Zitate so schlagfertig sind, darf
ich es doch wagen, Ihnen zu folgen; denn wir gehren ja einem ffentlichen
Geheimorden an, der sein Dasein billig durch gegenseitiges Wohltun ntzlich
machen mag.
    Sehen Sie, so hat alles in der Welt seine gute Seite! sagte sie und
schritt vorwrts; ich ging mit, und der Kster folgte uns verblfft und
mitrauisch durch den dunklen Park. Bald leuchteten durch die Bume die
erhellten Fenster eines gerumigen Gartenhauses, das in einiger Entfernung vom
Wohngebude stehen mochte. Wir traten in einen kleinen Saal, der nur durch eine
Glastre vom Parke getrennt war; ein schnes Feuer brannte im Kamin, die Dame
rckte einen Lehnstuhl von Rohrgeflecht herbei und forderte mich auf, nunmehr
auszuruhen. Ohne Sumen setzte ich mich in den Stuhl, fand mich aber durch meine
unfrmige Reisetasche einigermaen belstigt.
    So legen Sie doch die Tasche ab! sagte die Herrschaftstochter, oder
tragen Sie wirklich einen gestohlenen Lautenkasten darin herum, weil Sie sich
nicht davon trennen knnen?
    Es ist so was! meinte ich dagegen, entledigte mich aber des von dem
Schdel geschwollenen Umhngsels, welches der Kster auf einen Wink des
Fruleins mir abnahm und in einen Winkel lehnte. Mit der Fuspitze befhlte er
dabei fast unmerklich die rundliche Erhhung, ob nicht wenigstens eine geraubte
Melone dahinterstecke, da er aus dem Lautenkasten nicht klug wurde.
    Das Frulein, das inzwischen sich zu schaffen gemacht, kam jetzt wieder,
stellte sich vor mich hin und frug mitleidig: Wie heien Sie denn? Oder wollen
Sie ganz inkognito reisen?
    Heinrich Lee, sagte ich.
    Herr Lee, geht es Ihnen durchaus schlecht? Ich habe keinen rechten Begriff
davon. Sie sind doch am Ende nicht so arm, da Sie auch nichts zu essen haben?
    Es hat nichts zu bedeuten, aber im Augenblicke ist es allerdings so; denn
wenn ich mehr als einmal im Tag esse, so reicht meine Kriegskasse nicht aus, bis
ich nach Hause komme.
    Aber warum tun Sie das? Wie kann man sich so der Not aussetzen?
    Nun, mit Absicht habe ich es gerade nicht getan; da es aber einmal so ist,
so nehm ich es sogar dankbar hin, insoweit der Zwang einen Dank verdient. Man
lernt an allem etwas. Fr Frauen sind dergleichen bungen nicht notwendig, da
sie immer nur tun, was sie nicht lassen knnen; fr unsereinen sind so recht
handgreifliche Exerzitien gut; denn was wir nicht sehen und fhlen, sind wir
selten zu glauben geneigt oder halten es fr unvernnftig und nicht der
Beachtung wert!
    Sogleich holte sie mit Hilfe des Ksters einen kleinen Tisch herbei, auf
welchem ein paar Teller mit einigem Essen standen.
    Hier ist zum Glck gerade mein Abendbrot. Nehmen Sie vorlufig etwas zu
sich, bis Papa nach Haus kommt und fr Sie sorgt. Geht schnell ins Haus hinber,
Kster, und lat Euch von der Haushlterin eine Flasche Wein geben, hrt Ihr?
Trinken Sie lieber weien oder Rotwein, Herr Lee?
    Roten! sagte ich unhflich, weil ich jetzt wieder verlegen war, in diesem
Zustande zwischen einem hilfsbedrftigen und unbekannten Landfahrer und einem
gut behandelten Angehrigen der Gesellschaft das rechte Wort zu treffen.
    So soll man Euch von unserm roten Tischwein geben! rief sie dem abgehenden
Kster nach und zog dann an einer Klingelschnur, worauf ein lndlich gekleidetes
Mdchen herbeigelaufen kam, welches, von meinem Anblick berrascht, stehenblieb
und mich mit Erstaunen betrachtete. Es war die Tochter eines Grtners, der unter
dem gleichen Dache seine Wohnung hatte; wie sich mit der Zeit ergab, stellte sie
die Dienerin und Vertraute des Fruleins in einer Person vor und stand mit der
Herrentochter auf du und du.
    Wo steckst du, Rschen? rief die letztere, hurtig znde Licht an, wir
haben eine Heimsuchung und bleiben vorerst noch hier!
    Ich unterdessen hatte Gabel und Messer ergriffen, um einer Schnitte kalten
Bratens zuzusprechen, war aber neuerdings verlegen. Das silberne Werkzeug war
ein offenbar lange gebrauchtes Kinderbesteck; auf der kleinen Gabel war in
gotischer Schrift der Name Dorothea sauber eingegraben, und da das
neuangekommene Rschen die Herrin soeben Dortchen nannte, hielt ich
unzweifelhaft ihr eigenes Egerte in der Hand. Ich legte dasselbe nieder;
Rschen bemerkte gleichzeitig den Umstand und rief: Was machst du denn,
Dortchen? Du hast ja dem Manne dein eigenes Besteck gegeben!
    Leicht errtend sagte das sogenannte Frulein Dortchen: Wahrhaftig, so geht
es, wenn man zerstreut ist! Entschuldigen Sie, da ich Sie mit meinen
Kinderwaffen versehen habe! Sollten Sie indessen nicht davor ekeln, so drften
Sie nur ruhig fortfahren, und ich selbst gewnne das Ansehen einer heiligen
Elisabeth, welche die Armen aus ihrem eigenen Teller speist.
    Auf diesen artigen Scherz wute ich nichts mehr einzuwenden. Doch wollte es
mit dem Essen nicht recht gehen; ich empfand auf einmal keinen Appetit, vielmehr
bedrckte mich ein Gefhl, als ob ich am unrechten Orte wre, und wnschte,
drauen auf der Landstrae und in der Freiheit zu sein, wute aber freilich, da
es nicht gut gehen wrde. Es wurde mir etwas behaglicher zu Mute, als ich ein
Glas Wein ausgetrunken, das mir Rschen eingeschenkt, mich mit kritischen
uglein musternd. Dann lehnte ich mich zurck und sah dem Treiben der beiden
Personen zu. Das Frulein hatte sich inmitten des Saales an einen groen runden
Tisch gesetzt, und die Grtnerstochter stand neben ihr. Auf dem Tische befanden
sich allerlei Glser und Krgelchen mit Blumen und bunten Waldsachen, wie sie
der Herbst zu bringen pflegt, rote und schwarze Beerenbschel. Dazwischen lag
merkwrdiges, purpurrotes oder goldgelbes Blattwerk, gefiedert und herzfrmig,
glnzend grne Efeubltter von besonderer Schnheit, Schilf, alles bereit, zu
einem Straue vereinigt zu werden oder auch so zur Augenweide zu dienen. Die
Blumen schienen von dem Kirchhofe zu kommen, wie ich denn sah, da das Frulein
auch die heute gepflckten eben in ein Glas mit frischem Wasser stellte. Einige
Struchen waren frisch, andere verwelkt oder halb verwelkt, was anzuzeigen
schien, da die Schne eine liebevolle Freundin und Pflegerin der Toten sein
msse. Das erinnerte mich an die Sage von der heiligen Elisabeth, die als Kind
mit ihren Genossen gern auf Grbern gespielt und von den Toten gesprochen hatte,
und da diese Dorothea selbst in jenen Legenden bewandert war, so verlieh dies
alles ihrem Wesen den Goldglanz einer tieferen Gemtsart, whrend ihr freies und
entschiedenes Benehmen die Voraussetzung einer kirchlichen Bigotterie nicht
aufkommen lie.
    Ich blickte mit einer Art einschlfernden Wohlgefallens nach dem Tische hin,
sah und hrte mit halboffenen Augen und Ohren noch eine Weile, was sie taten und
sprachen, ohne darauf zu merken, bis ich wirklich einschlief. Auf einem Stuhle
neben sich hatte das Frulein eine umfangreiche Mappe stehen, aus welcher sie
grere und kleinere Bltter nahm, die auf Bogen starken Papieres zu heften sie
beschftigt war, da die Bltter geschtzt und mit einem breiten Rande versehen
wurden. Das bewerkstelligte sie mit kleinen Papierstreifchen und etwas
arabischem Gummi, und Rschen hielt ihr diese Dinge bereit.
    Nun mssen wir wieder Papier zuschneiden, sagte sie, als der Vorrat der
Unterlagen soeben zu Ende ging. Sie schoben die hindernde Unordnung des Tisches
eifrig zur Seite, um Raum zu gewinnen, legten neue Bogen auf und begannen mit
ihren Arbeitsscheren darin zu wirtschaften, wie wenn sie Leinwand vor sich
htten und Handtcher zuschnitten. Da das Papier keine leitenden Fden besa, so
schrumpfte es stellenweise auf der Klinge zusammen, oder die Scheren fuhren ins
Krumme, und die Mdchen erlitten allerhand kleinen Verdru, den sie sich
scherzend vorwarfen.
    Ei, Kind, rief Dorothea, du machst ja lauter gefranste Rnder, Papa wird
unsere Arbeit gewi kassieren, wenn er sie sieht, und sich endlich selbst
dahintermachen!
    Und du mit deinem Augenma! Sieh, wie schief die Landkarte dort sitzt! Da
machen wir's besser, der Vater und ich, wenn wir die Gemsebeete abteilen!
    So schweig doch, ich wei es ja schon! Es sind aber auch gar zu groe
Dinger darunter, man kann sie gar nicht ordentlich bersehen! Da haben wir im
Institut vernnftigeres Format gehabt, wenn wir unsere Blumenbildchen malten;
nun, der Papa bringt die Sachen nachher schon mit Lineal und Bleistift in die
Richte. Die Hauptsache ist, da wir kein Blatt zu klein schneiden; denn er will
alle von der gleichen Gre haben. Er hat schon einen Kasten dafr machen
lassen, worin sie liegen sollen wie in Abrahams Scho; auch ein paar hlzerne
Rahmen mit Glsern hat er fr sein Studierzimmer bestellt, um abwechselnd dies
oder jenes Blatt darin aufzuhngen, das ihm besonders gefllt. Diese Rahmen
werden auf der Rckseite mit bequemen Schiebern versehen sein.
    Was nur an diesen Sachen zu gucken ist? Zu was braucht man sie denn?
    Ei, du Nrrchen, zum Vergngen! Man mu sie kennen oder verstehen, das ist
das Vergngen! Siehst du denn nicht, wie lustig dies aussieht, alle diese Bume,
wie das kribbelt und krabbelt von Zweigen und Blttern und wie die Sonne darauf
spielt? Und alles das hat einer lernen mssen, um es hervorzubringen!
    Rschen legte die Arme auf den Tisch, neigte das Nschen gegen ein Blatt und
sagte: Wahrhaftig, ja, ich seh's! Wie meines Vaters grne Sonntagsweste! Ist
das hier ein See?
    Warum nicht gar ein See, du Heuschreck! Das ist ja der blaue Himmel, der
ber den Bumen steht! Seit wann sind denn die Bume unten und das Wasser oben?
    Geh doch, der Himmel ist ja rund und gewlbt, und das Blaue hier ist flach
und viereckig, wie unser groer Teich, wo der Herr die jungen Linden drum hat
pflanzen lassen. Gewi hast du das Bild verkehrt aufgeklebt! Wend es einmal um,
dann ist das Wasser unten, und die Bume sind ordentlich oben!
    Ja, auf dem Kopf stehend! Das ist ja nur ein Stck vom Himmel, du Kind!
Guck durchs Fenster, so siehst du auch nur ein solches Viereck, du Viereck!
    Und du Fnfeck! sagte Rschen und schlug der Herrin mit der flachen Hand
sanft auf den Rcken.
    Ich schlief ber dem Mdchengezwitscher, das sich bis hieher ohne meine
Teilnahme mir ins Gehr geschmeichelt, wirklich ein, erwachte aber einige
Minuten spter ber einer ganz nah vor mir stattfindenden wohllautenden
Ausrufung meines Namens. Die Grtnerin hatte nmlich nach einem Weilchen, indem
sie das aufgezogene Blatt weglegte, in einer Ecke desselben Namen und Jahreszahl
zufllig bemerkt und gesagt: Was steht denn hier geschrieben? - Was wird da
stehen! hatte Dorothea erwidert, der Name des Knstlers, der die Studien
gemacht hat; denn das nennt man Studien, Landschaftsstudien! Heinrich Lee heit
er, alles in dieser Mappe ist von ihm! Dann hatte sie sich pltzlich selbst
unterbrochen, nach mir hergesehen und gerufen: Wie kann man so gedankenlos
sein! Das sind ja meistens Schweizerlandschaften, wie Papa sagt!
    Als ich jetzt die Augen aufschlug, stand sie dicht vor mir und hielt einen
groen Bogen, zierlich an den oberen Ecken gefat, vor der Brust, wie eine
Kirchenstandarte, den schnen Mund noch geffnet von dem Ausrufe: Herr Heinrich
Lee!
    Ich war aber schon so schlaftrunken, da ich die ersten Augenblicke nicht
wute, wo ich mich befand. Ich sah nur ein reizendes Wesen vor mir stehen, das
mit freundlichen Augensternen ber ein Bild herblickte. Voll traumhafter
Neugierde beugte ich mich vor und starrte auf das Bild, bis mir erst die
Waldlandschaft als bekannt erschien und ich mich dann auch meiner Jugendarbeit
erinnerte. Es war ein berhhtes Bild, welches zwischen schlanken Stmmen eine
helvetische Schneefirne schimmern lie. Ich erkannte es besonders auch an einer
groen, breit wuchernden Schierlingspflanze, deren weie, auf tiefem Helldunkel
schwebende Bltenbschel hell vom Lichte gestreift wurden. Diese malerische
Pflanze hatte mir in jenen vergangenen Tagen so viel Freude gemacht, da ich sie
mit glcklicherm Fleie als gewhnlich nachgebildet, und sie war auch so
reichhaltig und gelungen in ihren speziellen Stengel- und Bltterknsten, da
ich nie einer zweiten Schierlingsstudie bedurfte, solang ich dieses Blatt besa.
Auch hatte ich ihr ein wehmtiges Fahrewohl gesagt, als ich mich davon trennte.
    Aber von dem Bilde weg blickte ich in das Gesicht hinauf, welches darber
lchelte, und auch dieses erschien mir in dieser Nhe und der glnzenden
Beleuchtung des Feuers pltzlich als altvertraut; und doch wute ich nicht, wo
ich es schon gesehen. Ich sann und sann, denn die Erscheinung reichte ber
diesen Tag, dessen Erlebnisse mir brigens auch nicht gleich gegenwrtig waren,
in das Vergangene zurck. Unversehens erkannte ich an einem grenden Winken der
Augen und der geffneten Lippen das schne Frauenzimmer, welches einst bei dem
alten Trdler ins Fenster geschaut und nach chinesischen Tassen gefragt hatte;
und nun zweifelte ich nicht lnger, da ich noch in einem jener Trume von der
milungenen Heimkehr begriffen sei, und hielt demnach die ganze Erscheinung fr
ein neckendes Traumbild und meine Gedanken hierber fr das scheinbare
Bewutwerden des Trumenden, der zu erwachen und sich im alten Elende zu finden
frchtet. Da ich aber in der Tat erwacht war und mit lebendigem Verstande
arbeitete, so empfand ich alles um, so deutlicher und strker, und als ich den
Blick wieder auf die unschuldige Landschaft wandte, in welcher ich jeden bunten
Stein und jedes Gras wiederzuerkennen mir bewut war, wurden mir die Augen na,
und ich drehte den Kopf zur Seite, um das Traumbild verschwinden zu lassen.
    Nach Jahren noch entnehme ich dieser kleinen Begebenheit, da das Erlebte
zuweilen doch so schn ist wie das Getrumte, und dabei vernnftiger; und auf
die Dauer kommt es ja nicht an.
    Dorothea war verstummt und sah mit Rhrung und Teilnahme meinem Verhalten
zu; sie vermochte sich nicht zu bewegen und verharrte daher eine Minute in ihrer
anmutvollen Stellung.
    Endlich rief sie wiederholt meinen Namen und sagte: So sprechen Sie doch!
Sind Sie es, der dies gemacht hat?
    Von dem vollen Ton ihrer Stimme ermuntert, stand ich auf, ergriff den Bogen
und nahm denselben prfend in beide Hnde. Gewi hab ich das gemacht, sagte
ich; wie kommen Sie dazu? Zugleich wurde ich nachtrglich auch der brigen
Sachen vollstndig gewahr, mit denen ich die Frauenzimmer im Halbwachen hatte
hantieren sehen; ich ging zum Tische hin, nahm einige Bltter in die Hand,
strte auch mit ein paar Griffen in der Mappe herum, alle waren es meine
Zeichnungen und Studien; nichts schien zu fehlen, sie lagen beieinander, wie sie
einst in meinem Besitze getan.
    Welch ein Abenteuer! rief ich nun selbst voll Verwunderung; wer wrde
glauben, dergleichen zu erfahren!
    Dann blickte ich wieder auf das Frulein, das meinen Bewegungen mit ebenso
gespannter als erfreuter Neugierde und offenen Auges folgte; und ich sagte:
Aber auch Sie hab ich schon gesehen, und ich wei jetzt, wo Sie die Sachen
geholt haben! Haben Sie nicht eines Tages dem alten Joseph Schmalhfer ins
Fenster gesehen und nach alten Tassen gefragt, als einer dort auf der Flte
blies?
    Freilich, freilich! rief sie; aber lassen Sie mal sehen!
    Ohne sich zu scheuen, schaute sie mich genau an, indem sie die Hnde auf
meine Schultern legte.
    Wo hab ich heute nur meine Gedanken? sagte sie mit neuem Erstaunen; es
ist so! Ich habe dies Gesicht gesehen in der Hhle des Hexentrdlers, wie ihn
der Vater nennt. Und ob die Wolke sie verhlle, haben Sie gefltet, nicht wahr,
Herr Heinrich - Herr Heinrich Lee? Wie heit es nur weiter?
    Die Sonne bleibt am Himmelszelt! es waltet dort ein heil'ger Wille, nicht
blindem Zufall dient die Welt! Was soll ich nun davon denken?
    Nun, wenn wir durchaus Mythologie treiben wollen, so mag die allerliebste
Gottheit des Zufalls herrschen, solange sie so artige Streiche macht! Man sollte
ihr nur junge Rosen und Mandelmilch opfern, damit sie immer so leicht, so leis
und so wohlttig regiert! Jetzt aber sollen Sie auch in aller Ordnung
aufgenommen sein, wie es der denkwrdigen Begebenheit und den Umstnden gem
ist! Im Hause hier ist ein einfaches Gastzimmer. Ich will sogleich die ntige
Vorkehr treffen, da Sie sich vorderhand umkleiden knnen. Bleibe so lang hier,
Rschen, da dem rmsten Herrn Lee niemand etwas tut! Worauf sie forteilte.
    Ich wute nicht, ob ich diese neue Wendung fr ein Glck erachten sollte,
und beschaute seufzend meine Zeichnungen, die ich so unerwartet wiedergefunden,
um sie abermals zu verlieren. Das gute Mdchen Rosine, welches sich schnell in
die gute Laune der Herrin gefunden und mich fr schchtern halten mochte, sagte
freundlich: Machen Sie sich gar nichts daraus! Der Herr Graf und das Frulein
tun immer, was ihnen beliebt und was recht ist. Und wie sie es tun, so meinen
sie es auch und kmmern sich nicht um das, was andere Herrschaften sagen.
    Also bin ich gar noch bei einem Grafen? versetzte ich, mehr erschrocken
als angenehm berrascht.
    Das wissen Sie nicht? Beim Grafen Dietrich zu W...berg!
    Da kam nun nach allem noch die Unkunde hinzu, mit Leuten mir gnzlich
fremder Rangklassen umzugehen; ich hatte in meinem Leben nie mit einem
sogenannten Grafen verkehrt und hegte abenteuerliche Vorstellungen von den
persnlichen Lebensarten und Ansprchen solcher Herren, die meinen angeborenen
brgerlichen Gleichheitssinn beeintrchtigten. Bedachte ich aber, da ich,
selbst wenn der Hausherr ein Bauer wre, in meinen Schuhen schon nicht mehr auf
gleichen Fen mit ihm stnde, so geriet ich in neue Verwirrung ber die
Wendung, die meine Wanderschaft genommen. Das Mdchen fahr jedoch gutmtg fort,
mir Mut einzuflen.
    Der Herr wird sich ganz gewi verwundern und freuen, Sie so unvermutet zu
finden; denn als er seinerzeit die ersten Bilder aus der Residenz gebracht und
spter immer noch welche anlangten, hat die Herrschaft sie alle Tage betrachtet,
und die Mappe mute immer bereitstehen.
    Nach einiger Zeit kam Dortchen zurck. Tun Sie mir nun den Gefallen und
gehen Sie eine Treppe hher! sagte sie; Rschen wird Ihnen hinaufleuchten und
ihr Vater die weitere Handreichung tun. Machen Sie sich so bequem, als es in der
Schnelligkeit mglich ist, damit Sie in guter Verfassung noch den Papa begren
knnen und ich keinen Verweis wegen versumter Menschenpflichten erhalte!
    Ich ergriff meine Reisetasche, welche mir Rschen jedoch abnahm und nebst
einem Leuchter vorantrug, und so wanderte ich in Gottes Namen in den obern Stock
des Gartenhauses und in die Wohnstube des Grtners. Dieser sa mit dem Kster
beim Abendtrunk und empfing mich schon als einen Ankmmling, bei dem alles in
Ordnung ist; auch der Kster betrachtete mich jetzt als einen Gast, der wohl
empfohlen und erwartet wurde, sich aber offenbar mit der Art seines Auftretens
einen eigentmlichen Scherz gemacht hat. Der Grtner fhrte mich noch einige
Stufen hher, wo auf der dem Schlosse zugewendeten Rckseite des Gartenhauses
ein auf hlzernen Sulen ruhendes Slchen hinausgebaut war. Dies angehngte
Lustgebudchen war auen von den Sulenfen bis zum Dache mit purpurrotem
Geiblatt bekleidet; inwendig enthielt das Gemach ein Bett und anderes Gerte in
so gengender Wahl, da man nicht nur Nchte, sondern auch Tage darin wohnen
konnte.
    Auf Sthlen lagen schon bequemliche Kleidungsstcke bereit, deren mich zu
bedienen der Grtner die Einladung ergehen lie. Um sie nicht anziehen zu
mssen, zog ich jedoch vor, mich gleich zu Bette zu legen, zumal ich die Augen
zu schlieen wnschte, und ich bat den Grtner, meine nassen Kleider zu holen,
sobald jenes geschehen sei, damit sie getrocknet und gereinigt wrden. Als ich
nach allem diesem endlich im Dunkeln lag, hrte ich Gerusch von Pferden und
Wagen, auch Gebell von Hunden. Das war ohne Zweifel der heimkehrende vornehme
Herr, vor welchen heute nicht mehr hintreten zu mssen ich als schtzbaren
Aufschub betrachtete.

                                Zehntes Kapitel



                                  Glckswandel

Der Schlaf war so fest und andauernd, da ich erst um die Mitte des Vormittags
munter wurde. Meine Kleider waren in gutem Zustande lngst geruschlos in das
Zimmer gebracht worden; als ich sie erblickte, pries ich den Handel, den ich mit
dem freundlichen Hebrer abgeschlossen. So gibt der Augenblick den Dingen stets
ihren besondern Wert: der geringe Ertrag meiner Arbeit erschien mir jetzt in
Gestalt eines anstndigen Kleides willkommener, als mir die doppelte oder
vierfache Summe zu anderer Zeit gewesen wre.
    Whrend ich mit dem Anziehen beschftigt war, klopfte jemand an der Tre.
Auf mein Herein! ffnete sich dieselbe weit, und ein groer schner Mann stand
darin, die Klinke in der Hand, das Gemach samt seinem Insassen aufmerksam
berschauend. Er trug einen damals noch ungewhnlichen Vollbart, der wie das
Haupthaar leicht angegraut war, und einen grauen kurzen Jagdrock mit Knpfen von
Hirschhorn.
    Guten Tag! lassen Sie sich nicht stren! sagte er mit frischem krftigem
Klang der Stimme; ich will nur sehen, wie es meinem Gaste geht!
    Es geht mir ja sehr wohl, Herr Graf, insofern ich die Ehre habe, in Ihnen
wirklich den Herren des Hauses zu begren! antwortete ich etwas verlegen,
indem ich den Kamm weglegte, den ich gerade handhabte, und mich verbeugte, so
gut ich es verstand.
    Bitte, fahren Sie fort in Ihrem Geschfte, und tun Sie nicht anders, als
wenn Sie zu Haus wren! Zuerst aber seien Sie mir willkommen!
    Er trat mit diesen Worten vollends in das Zimmer und schttelte mir die
Hand, und von dem Augenblick an verlor ich ihm gegenber jede Befangenheit, denn
in seiner Hand, seinem Blicke und seiner Stimme kndigte sich der freie Mensch
an, der ber den zuflligen Dingen steht.
    Nun sagen Sie aber, rief er lebhaft, indem er sich ans offene Fenster
setzte, um mir Raum zu lassen, sind Sie in der Tat unser Mann, unser Heinrich
Lee, der auf den Zeichnungen berall geschrieben steht? Ihre Besttigung wrde
mir das grte Vergngen machen. Ich habe nmlich in frheren Jahren selbst
dergleichen getrieben, gab es aber wegen zu groer Ungeschicklichkeit auf;
dagegen freute ich mich jedesmal, wenn es mir gelang, das eine und andere nach
der Natur geschaffene Blatt zu erwerben, was indessen nicht oft vorkommt. Nichts
konnte mir daher willkommener sein als der Besitz sozusagen eines ganzen
derartigen Vermgens, das die vollstndige Entwicklung eines redlich Strebenden
und zugleich eine Menge reeller Gegenstnde in sich begreift. Als wir die
Gelegenheit bei dem schnurrigen Winkelmzenaten aufstberten, sorgte ich
sogleich dafr, da alles in meine Hand gelange, suchte auch die Quelle direkt
zu erfahren; allein der Alte wute sie beharrlich geheimzuhalten!
    Ich hatte aus meiner Reisetasche ein Pcklein hervorgesucht, das neben den
Briefen der Mutter meinen Reisepa enthielt. Denselben entfaltend, hielt ich dem
Grafen die Urkunde hin, welche meinen Namen und Stand amtlich bezeichnete.
    Es ist nicht anders, Herr Graf! sagte ich, wohlgemut lachend; ein
romantisches Geschick vergnnt mir, die bescheidenen Frchte meiner Jugendjahre
nochmals zu sehen und gut verwahrt zu wissen, eh ich dahin zurckkehre, wo sie
entstanden sind.
    Der Graf nahm den Pa und las ihn aufmerksam, um sich die Tatsache recht
einzuprgen und nicht aus Zweifel an meinen Worten, wie er sich ausdrckte.
    Es ist ein kstlicher Zufall, setzte er hinzu; nun kann aber zunchst von
Weiterreisen keine Rede sein, wenn wir ihm die gebhrende Ehre antun wollen!
Mich wundert, wie Sie in Ihre miliche Lage geraten sind und wie sich ein
solches Leben gestaltet, was Sie ferner zu tun gedenken, und alles ist
vergnglich zu besprechen, whrend Sie sich bei uns, soviel als ntig ist,
erholen -
    Pltzlich blickte er mit groen Augen auf den Tisch, von dem ich achtlos ein
Handtuch weggenommen, um die Hnde zu trocknen, die ich inzwischen gewaschen.
Dieses Tuch hatte ich vorhin rasch ber den Inhalt meiner Wandertasche geworfen,
als an der Tre geklopft wurde, und nun lagen der Schdel und das eingebundene
Manuskriptum meiner Jugendgeschichte offen da.
    Das ist ja ein mysterises Reisegepck! rief er, an den Tisch
herantretend, ein Totenschdel und ein grnseidener Quartant mit goldenem
Schlo! Sind Sie ein Geisterbeschwrer und Schatzgrber?
    Leider nicht, wie Sie sehen! erwiderte ich und gab in wenigen Zgen die
verdrieliche Geschichte mit dem Schdel zum besten, und da das bichen
Sonnenschein mich schon frhlicher und redseliger machte, so erzhlte ich auch
noch den gestrigen Scherz, den ich mit dem Waldhter vorgehabt. Mit seinen ruhig
leuchtenden Augen sah mich der Graf durchdringend an.
    Und das Buch, was ist's mit dem?
    Das hab ich geschrieben, als ich nichts mehr zu tun und zu leben wute; es
enthlt einfach die Beschreibung meiner jungen Jahre, mit welcher ich mir eine
Selbstprfung auferlegte; es ist dann aber ein bloes Erinnerungsvergngen
daraus geworden. An dem tollen Einband bin ich nicht schuld.
    Ich erzhlte, wie ich durch das Miverstndnis des Buchbinders um meine
letzten Gulden gekommen, alsdann den Hunger kennengelernt habe und durch das
Fltenwunder zu dem Trdler geraten sei.
    Also das ist die Geschichte, wo Dorothea Sie die Flte blasen hrte? rief
der Graf mit herzlichem Lachen; aber weiter! Was ist seither geschehen?
    Ich fgte noch das Abenteuer mit den Fahnenstangen hinzu und die stille
Befriedigung, die mir dasselbe gebracht, sowie den Tod der Hauswirtin und so
weiter bis zum Schdelwurf des Wirtes, den ich schon erzhlt hatte. Die kurze
Begegnung mit Hulda und das brige verschwieg ich.
    Der Graf ergriff das Buch. Darf man es aufmachen oder gar darin lesen?
frug er, und ich bejahte es gern, wenn es ihm nicht zu langweilig sei.
    So wollen wir jetzt hinbergehen und etwas frhstcken, denn wir essen erst
in drei Stunden.
    Er nahm das Buch unter den einen Arm, mich unter den andern, und wir begaben
uns nach dem Schlosse, wie das Hauptgebude genannt wurde, das zu Anfang des
vorigen Jahrhunderts erbaut sein mochte. Der Graf fhrte mich in seine Zimmer im
Erdgeschosse, deren Mittelpunkt ein heller Bibliotheksaal mit gerumigen
Arbeitstischen bildete. Auf einem derselben stand ein Frhstck bereit, und
daneben lag auch schon die Mappe mit meinen Studien. Whrend Graf Dietrich
kameradschaftlich die Erfrischung mit mir teilte, schlug er die Mappe auf.
    Sie mssen mir die Sachen etwas ordnen, sagte er, und knnen sich
zunchst die Zeit damit vertreiben. Viele der Bltter tragen kein Datum, whrend
die Manieren und Fertigkeiten, Sorgfltiges und Nachlssiges, glcklich
Gelungenes und Miratenes, alles zugleich mit ungleicher Sicherheit oder
Unsicherheit begleitet, so durcheinandergehen, da ich die gewnschte Einordnung
nach der Zeitfolge nicht recht zustande bringe. Ich wei nicht, ob Sie mich
verstehen! Hier ist ein Blatt, welches bei unentwickeltem Knnen, das offenbar
auf frhere Anfnge zurckweist, dennoch den Nagel auf den Kopf getroffen hat
und mit anmutigem naivem Gelingen gekrnt ist; dort paart eines mit
vorgeschrittener Sicherheit des Machwerks ein sichtliches Fiasko des Gewollten,
kurz, alles dies ist mir interessant, und ich wnschte die Sammlung so
chronologisch genau als mglich geordnet zu sehen, das heit, dasjenige
vorbehalten, was wir berhaupt darber noch beschlieen werden. Ich habe heut
frh schon in dieser Hinsicht nachgedacht!
    Ich war berrascht von dem richtigen Verstndnis, mit welchem er durch
hervorgezogene Beispiele sein Urteil belegte. Doch holte er aus einem Schranke
noch einige Hefte herbei.
    Hier ist aber noch ein Fall, aus dem ich nicht recht klug werde; sind diese
Gebilde wirklich auch von Ihnen? Ich sehe, da es zerschnittene Sachen sind,
wei sie aber nicht zusammenzubringen.
    Es waren meine gewesenen Kartonkompositionen. Das Trdelmnnchen hatte aber
die Bltter der verschiedenen Hefte durcheinandergeworfen, bunte und grau in
grau gehaltene, grere und kleine jedem Hefte zugeteilt und so nach seiner
Meinung einen gleichmigern Wert der Mannigfaltigkeit in die tolle Sammlung
gelegt. Auch mochte der Graf dieselbe noch nicht grndlich untersucht haben, und
ich begriff, da auf diese Weise es schwierig war, einen Zusammenhang
herauszufinden. Ich begann, die vielen Bltter rasch auszusondern, whlte eine
hinlnglich freie Flche des Zimmerbodens und fgte dort den altgermanischen
Eichenhain zusammen.
    Der Graf betrachtete das groe Wesen stillschweigend, bis er sagte: Also
dergleichen haben Sie getrieben? Warum ist es denn zerschnitten?
    Weil ich es nur auf diese Art dem Alten aufbinden konnte; denn er htte mir
fr diesen ganzen bunten Karton kaum mehr gegeben, als ich dann fr die
einzelnen Bruchstcke erhielt. Auch htte ich, offen gestanden, nicht gewnscht,
da die ungeheuerlichen Fahnen in seiner Unglcksspelunke gesehen und von da
wei Gott wohin verschlagen worden wren. Es konnte ja einem Bierwirt einfallen,
seine Kegelbahn damit zu tapezieren, und ich wre, da das Vorhandensein dieser
Versuche in der Knstlerschaft nicht unbekannt geblieben ist, auf eine
melancholische Weise sprichwrtlich geworden! So aber war es weniger
wahrscheinlich!
    Ich nahm die Bltter wieder auf und legte die Urstierjagd hin, dann die
mittelalterliche Stadt und die brigen Erfindungen.
    Nun wei ich doch, was Sie gewollt haben! sagte der Graf; Sie sind aber
ein Barbar, denn wie knnen wir die Schilderei wiederherstellen ohne
Verderbnis?
    Man lt beim nchsten Schreiner leichte Blendrahmen von Tannenholz
anfertigen, bespannt diese mit einem billigen Gewebe und leimt einfach die
Bltter darauf, wie sie gewesen sind; es wird ein Netz von feinen Fugen sichtbar
bleiben, das nichts schadet. Aber was in aller Welt wollen Sie damit anfangen?
    ber den Bcherschrnken hier sollen sie hngen. Dunkelfarbig eingerahmt
und brigens teilweise nicht ganz fertig, wie sie sind, werden sie als Denkmale
des Studiums und der Arbeit an ihrem Platze und fr mich, zumal der Urheber
selbst in diesem Hause gewohnt hat, ein stattliches Konkretum sein.
    In der Tat boten die Wnde des hohen Zimmers oberhalb der eichenen Schrnke
noch hinlnglichen Raum; wenn ich mir die seltsamen Frchte meiner Arbeit dort
aufbewahrt vorstellte, so mute ich mich des freundlichen Geschickes erfreuen,
das ihnen doch noch vergnnt war. Denn ber ihnen erhob sich feierlich die halb
gewlbte Decke des Saales, und einige antike Bsten, Globen und dergleichen, die
auf den Eichenschrnken standen, zierten und schmckten die Bilder eher, als da
sie dieselben verbargen oder verunstalteten.
    Der Graf jedoch fuhr fort: Ihre Frage mu ich Ihnen zurckgeben: Was
gedenken Sie denn mit sich selbst jetzt anzufangen?
    Das ist mir in diesem Augenblicke zum Teil klargeworden, insoweit ich jetzt
mit uerlichen Ehren, sozusagen mit vershntem Herzen, der Halbheit, die ich
betrieben, Valet sagen und mich in letzter Stunde einem Leben zuwenden kann, das
mir besser ziemt, wenn es auch bescheidener ist. Was es sein wird, wei ich
freilich noch nicht; doch werde ich nicht lange zaudern.
    Entscheiden Sie sich nicht zu frh, obgleich ich Ihre Stimmung zu verstehen
glaube! Vor allem wollen wir, fllt mir ein, das Geschft bereinigen! Wollen Sie
die Studien wiederhaben, und, wenn nicht, unter welchen Bedingungen wollen Sie
mir dieselben lassen?
    Sie sind ja Ihr Eigentum! sagte ich verwundert.
    Was Eigentum! Sie werden doch nicht glauben, da ich, nun ich Sie kenne und
in meinem Hause habe, Ihre Mappe um das geringe Geld behalten will; denn denken
Sie nicht etwa, da ich dem Kauze viel habe bezahlen mssen; er hat sich mit
einem hchst bescheidenen Gewinne begngt. Oder wollen Sie mich etwa schon
beschenken?
    Ich meine, da die Mappe ihr Schicksal erfllt und ihren Dienst geleistet
hat. Sie hat mir zur Zeit der Not das Leben gefristet; jeder Groschen, den sie
mir eintrug, hatte fr mich den Wert eines Talers, und so habe ich mich ihrer zu
Recht bestehend entuert. Was hin ist, soll man fahrenlassen!
    Dies wrde mir gefallen, wenn die Umstnde anders beschaffen wren. So aber
ist es eine Ziererei, die wir lassen wollen. Ich bin reich und wrde die
Sammlung um jeden annehmbaren Preis kaufen, auch wenn Sie selber gar nichts
davon bekmen, also ohne Rcksicht auf Sie. Lernen Sie auf Ihrem Rechte
bestehen, wenn es niemand drckt und ngstigt, auch wenn es nur ein moralisches
ist, und nehmen Sie den Wert, der Ihnen gebhrt, ohne Scheu; nachher knnen Sie
damit tun, was Sie wollen! Also nennen Sie einen Preis, wie er Ihnen gut dnkt,
und ich werde froh sein, die Sachen zu behalten!
    Gut denn, erwiderte ich lchelnd und nicht ohne geheime Lust, meine
Umstnde so schnell gebessert zu sehen, so wollen wir den Handel grndlich
abschlieen! Es mssen ungefhr achtzig ausgefhrtere gute Bltter sein, die
durchschnittlich in einem ordentlichen Verkehre, bei gerechter Schtzung, jedes
seine zwei Louisdors gelten drften, einzelne mehr, andere weniger; dann werden
gegen hundert geringere Abschnitzel und Skizzen dasein, die teilweise bis zur
Wertlosigkeit herabreichen. Diese rechnen wir zu einem Gulden ineinander, und
von der Summe, welche sich ergibt, ziehen Sie diejenige ab, die Sie dem Herren
Schmalhfer im ganzen bezahlt haben!
    Sehen Sie, sagte der Graf, das ist vernnftig gesprochen! Ich kann Ihnen
gleich sagen, da ich dem Trdler fr die Sachen, die Kartons mit
eingeschlossen, dreihundertundzweiundfnfzig Gulden und achtundvierzig Kreuzer
bezahlt habe.
    Dann hat er wirklich nicht so viel verdient, wie ich gedacht, versetzte
ich, da ich ungefhr die Hlfte dieser Summe erhalten habe.
    Das macht, er hat sich eben auf diesen Zweig seines blhenden Geschftes
nicht sonderlich verstanden! Um aber auf die Kartons zurckzukommen, die Sie
beinah vernichtet haben, so verhandeln wir dieselben spter, wann sie
wiederhergestellt sind. Jetzt zhlen wir den Inhalt der Mappe ab, damit Sie,
wenn wir zu Tisch sitzen, Ihr Vermgen kennen und der Sorge dieses Tages ledig
sind!
    Ich errichtete nun zwei Haufen fr die leichtere und schwerere Ware und warf
die Bltter nach ihrer Beschaffenheit ohne langes Besinnen auf einen derselben.
Der Graf rettete mehrmals ein zu leicht erfundenes Blatt und legte es auf die
bessere Seite. Am Ende wurden beide Haufen gezhlt und berechnet, worauf der
Mann sich in ein inneres Zimmer begab und mit der Summe, die ber
anderthalbtausend Gulden anstieg, zurckkehrte. Er legte sie in Gold aufgezhlt
vor mich hin; ich dankte ihm mit freudeheiem Gesicht, zog mein Lederbeutelchen
hervor, in welchem das kmmerliche Reisegeldchen weilte, nahm dieses heraus und
tat das Gold hinein, von dem der Beutel ganz rund anschwellte. Ich wute nun,
da ich in bessern Umstnden nach Hause gehen und der Mutter einen Teil des fr
mich Geopferten wiederbringen konnte.
    Wie ist Ihnen jetzt zu Mut? sagte der Graf, als er meine frohe
Zufriedenheit bemerkte, da ich eine wirkliche Handvoll jenes Traumgoldes in der
Tasche barg; fahlen Sie nicht die Lust, abermals umzukehren und die Sache doch
noch ein Weilchen fortzusetzen? Denn nach diesem Anfang, den herbeizufhren mir
vergnnt ist, kann ja die Wendung zum Bessern leicht ihren Fortgang haben!
    Nein, das wird sie nicht! Dazu trgt mir das ganze Abenteuer zu sehr das
Geprge einer Einzigkeit, die sich nicht wiederholt. Auch liegt mein Entschlu
bereits in einer tieferen Schicht als in derjenigen des leidlichen Fortkommens;
ich habe bessere Leute gesehen, als ich bin, die ihn ausgefhrt haben, mitten in
lohnender Ttigkeit, weil ihre Seele eben nicht recht dabei war.
    Ich erzhlte ihm die Geschichte von Erikson und Lys. Er schttelte aber den
Kopf und meinte: Diese Flle sind ja unter sich verschieden und beide wieder
von dem Ihrigen! Allerdings sind auch Sie nicht einfach ein dummer Pfuscher, und
wren Sie ein solcher, so htte das Verlassen des Berufes gar keine Bedeutung
und knnte uns hier nicht weiter beschftigen. Allerdings, ich gestehe es,
gefllt es mir unter Umstnden sehr wohl und erscheint mir als ein Zug geistiger
Kraft, ein Handwerk, das man versteht, durchschaut und empfindet, wegzuwerfen,
weil es uns nicht zu erfllen vermag. Allein Sie haben sich, wie mich dnkt,
noch nicht genug geprft. Gerade weil Sie die uere Hhe, die Sicherheit jener
beiden Mnner noch nicht erreicht haben, scheinen Sie mir noch nicht berechtigt
zu sein, den stolzen Schritt der Resignation zu tun!
    Ich lachte, indem ich an die Kostspieligkeit eines derartigen Verfahrens fr
meine Umstnde dachte, sagte aber hievon nichts, sondern bemerkte blo: Sie
tuschen sich, Herr Graf! Ich habe meinen bescheidenen Hhepunkt erreicht und
kann wirklich nichts Besseres machen; ich wrde auch unter gnstigeren
Verhltnissen hchstens ein dilettantischer Akademist werden, der etwas
Absonderliches vorstellen will und nicht in Welt und Zeit pat!
    Nicht so! Ich sage Ihnen, es war nur Ihr guter Instinkt, der Sie nicht das
Gewnschte zuweg bringen lie. Ein Mensch, der zum Bessern taugt, macht das
Schlechtere immer schlecht, solang er es gezwungen macht. Denn nur das Hchste,
was er berhaupt hervorbringen kann, macht der Unbefangene recht; in allem
andern macht er Unsinn und Dummheiten. Ein anderes ist es, wenn er aus purem
bermut das Beschrnktere wieder vornimmt, da mag es ihm spielend gelingen. Und
dies wollen wir, denk ich, noch versuchen! Sie mssen nicht so jmmerlich
davonlaufen, sondern mit gutem Anstand von dem Handwerk Ihrer Jugend scheiden,
da keiner Ihnen ein schiefes Gesicht nachschneiden kann! Auch was wir aufgeben,
mssen wir mit freier Wahl aufgeben, nicht wie der Fuchs die Trauben!
    Zu diesen Worten schttelte ich meinerseits den Kopf, nur darauf bedacht,
mit meiner unverhofften Beute die Heimat so bald als mglich zu erreichen. Doch
wurde das Gesprch durch die Ankunft eines geistlichen Herren, des Ortskaplanes,
unterbrochen, der, durch den Kster von dem Erscheinen des abenteuerlichen
Gastes unterrichtet, von seinem Rechte, sich nach Gefallen etwa zur Tafel
einzufinden, Gebrauch machte, um die Neugierde zu stillen. Die Beine in hohe
glnzende Stiefel gestellt, im wohlgebrsteten schwarzen Rocke, Hut und Stock in
der einen Hand, schwenkte er die andere im Bogen und stellte sich mit
humoristisch tiefen Verbeugungen als den Abgesandten der Schlodame dar. Sie
lie sagen, da der Tisch gedeckt sei und sie uns auf der Gartenterrasse
erwarte. Denn, sagte er scherzend, ich ermde nicht, ihre Ketten so lang zu
tragen, bis ich sie daran in den Himmel hinaufgezogen habe!
    Ich wurde vorerst dem Herren bekannt gemacht, worauf wir uns nach dem
bezeichneten Orte begaben. Das Frulein spazierte auf der Terrasse in dem milden
Sonnenscheine, der heut auf dem Lande lag. Sie begrte mich freundlich, sagte,
wir htten uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen, und frug, wie es mir gehe. Statt
aber die Antwort abzuwarten, forderte sie den Kaplan auf, ihr den Arm zu geben,
was derselbe mit einer sich immer gleichbleibenden spahaften Umstndlichkeit
tat, und so schritt sie dem Grafen und mir voran in das Haus und die breite
Treppe hinauf, bis wir in das Speisezimmer gelangten. Schon dieser kleine Aufzug
durch das stattliche Treppenhaus und die langen Korridore lie mich an den Pfad
der Mhsal denken, den ich vor kaum vierundzwanzig Stunden gewandelt, und als
wir vier Personen nun um den runden Tisch saen, von einem schwarzgekleideten
stillen Manne bedient, der weie Handschuhe trug, war ich ganz betreten von dem
wunderlichen Schicksalswechsel, der doch wiederum mit meiner Hnde Arbeit und
den entschwundenen eigenen Lebensjahren zusammenhing. Das Mittagsmahl war
indessen so wenig prunkhaft und weitlufig und der Ton so frei und unbefangen,
da ich mich bald dem ruhigsten Behagen hingab und den lieben Gott einen guten
Mann sein lie. Der Kaplan trug hauptschlich die Kosten der Unterhaltung, indem
er mit dem Frulein zahlreiche Witzworte wechselte, deren Bedeutung mir nicht
klar wurde.
    Sie mssen nmlich wissen, wandte er sich unversehens zu mir, da unsere
Gndigste mich zu ihrem lustigen Rat, zu deutsch zu ihrem geistlichen Hofnarren
erkoren hat und da ich mich diesem schwierigen Amte nur unterziehe, um doch
noch dero unglubige Seele zu erretten, was keineswegs ausbleiben wird!
    Glauben Sie's nicht! sagte Dorothea; Se. Ehrwrden spielen im Gegenteil
mit mir, deren Seele sie ohnehin fr verloren halten, wie ein mutwilliges
Ktzlein einen Schmetterling zerpflckt!
    Lat euch nicht zu stark auf mit eueren Witzen, Leutchen! warf der Graf
dazwischen; unser Freund hat's auch hinter den Ohren und fhrt ebenfalls einen
Schalksnarren mit sich, mit dem er sich sogar in die Weltregierung einmischt.
    Er teilte den Tischgenossen den Vorfall mit dem Waldhter und dem Totenkopfe
mit. Die Verwunderung und der Beifall, welchen die Begebenheit fand, verlockten
mich, nun die eigentliche Geschichte des Albertus Zwiehan, wie sie mir ein fr
allemal als fable convenue galt, vorzubringen, namentlich, wie er durch die
beiden Schnen, Cornelie und Afra, oder vielmehr durch das Schwanken zwischen
ihnen um Erbe und Leben gekommen sei. Dorothea hrte mit halbgeffnetem Munde
zu, whrend die blhenden Lippen ein Lcheln umspielte und in der Kehle kleine
abgebrochene Glockentne ein wirkliches Lachen verrieten, das sie aber nicht
aufkommen lie.
    Dem ist aber recht geschehen! rief sie aus, der war ja ein schndlicher
Patron!
    Ich mchte ihn nicht so grausam verurteilen, wagte ich zu antworten; nach
Herkommen und Erziehung war er ja ein halber Wilder und tappte mit dem Egoismus
eines Kindes nach jeder Flamme, die vor ihm aufleuchtete, ohne zu wissen, was
Liebe ist und da die Dinger brennen!
    ber diesen kennerhaften Ausspruch wurde ich jedoch selbst ganz hei im
Gesicht und bereute sogleich, ihn zum besten gegeben zu haben; nicht nur
bemerkte ich, da der Kaplan mit seiner von einem studentischen Sbelhiebe
eingedrckten Nase ein humoristisches Gesicht gegen das Frulein machte, sondern
ich fhlte auch die Schwche meiner eigenen Lebensgeschichten, ohne welche ich
ja nicht hierher verschlagen worden wre. Ich nahm mir im stillen vor, den Stab
so bald als mglich weiterzusetzen, und als nach Tisch davon die Rede war, wie
der Rest des Tages zuzubringen sei, drckte ich den Wunsch aus, vor allem einen
Handwerker zu finden, der die Blendrahmen fr die wiederherzustellenden Kartons
anfertigen knne. Der Kaplan anerbot sich, mich zum Dorfschreiner zu bringen,
welcher der einfachen Arbeit ohne Zweifel gewachsen sei. Als man nun auch der
Unterlage fr die zusammenzufgenden Fragmente gedachte, zeigte es sich, da in
der Pfarrwohnung, deren Unterhaltungspflicht dem Grafen als Patronatsherren
oblag, soeben ein Tapezierer aus der Nachbarstadt beschftigt war, die Wohnstube
des Kaplans mit einem frischen Wandschmucke zu versehen.
    Er hat genug Papierwerk bei sich, um die Rahmen zu beziehen, sagte der
Geistliche, langes Maschinenpapier, das er unter die Tapete legt, damit ich
hbsch warm bekomme!
    Das gengt mir nicht, versetzte der Graf, es mu ein festes Tuch sein,
damit es vorhlt. Da der Mann zugleich Matratzen macht, so wird er dergleichen
wohl beibringen knnen. Indessen macht ihm Herr Lee vorlufig die ntige
Bestellung. Dann mgen beide, der Tischler und der Tapezierer, jener mit den
gehobelten Leisten, dieser mit dem Tuche, hierherkommen und die Rahmen unter
Aufsicht nach den genauen Maen zuschneiden und fertigmachen!
    Der Bettigung froh, begab ich mich mit dem Kaplan auf den Weg nach dem sehr
ansehnlichen Worte in welchem die Hauptkirche von neuerer Bauart stand. Den
Namen fhrte es gemeinschaftlich mit dem Grafen- oder frhern
Freiherrengeschlecht, und der Kaplan, der mich fortwhrend kurzweilig
unterhielt, zeigte mir auf einem Bergrcken die grauen Trmmer des
ursprnglichen Stammsitzes. Vergnglich besorgte ich unter seiner Fhrung das
kleine Geschft und kehrte nach einem langen Spaziergange, den ich fr mich
allein unternahm, in das Schlo zurck.
    Der Graf war ausgeritten; nach dem Frulein zu fragen, hielt ich nicht fr
schicklich. Ich verweilte daher einsam auf der Terrasse und besah mir die
Abendwolken, diese freundlichen Begleiter, die sich unermdlich auflsen und
wieder bilden, um zu Tausenden von Malen die irrenden Augen an sich zu ziehen
und auf sich ruhen zu lassen. Welch ein Haushalt, dachte ich, drin das
unentbehrlichste Existenzmittel zugleich einen unerschpflichen berflu an
Schaugebilden schafft fr arm und reich, jung und alt, in allen Lagen ein
Spiegel des Gemtes und sein stiller Richter, der alles sieht!
    Aus dieser sanftmtigen Betrachtung weckte mich Dorotheas elastischer
Schritt, der mir bereits nicht mehr unbekannt war. Sie stieg rasch die Stufen
der Terrasse herauf, mein schnes grnes Buch in der Hand.
    So allein lt man Sie? rief sie mir entgegen; wissen Sie, wo ich
herkomme? Von dem Kirchhof, dort habe ich in Ihrem Schreibbuche gelesen, die
Geschichte von der kleinen Meret, die nicht beten wollte! Durfte ich es auch,
und darf ich mehr darin lesen? Papa hat ein paar Stunden heute nachmittag
darber zugebracht und mir dann das Buch gegeben, damit ich die Geschichte lese.
Sehen Sie, hier hab ich ein Efeublatt von einem Kindergrabe hineingelegt! Aber
nun mssen Sie unsereinem auch die Hand geben, wenn man sich begegnet; denn nun
sind Sie uns schon nher bekannt!

                                 Elftes Kapitel



                               Dortchen Schnfund

Nach einigen Tagen war ich mit dem Ordnen der Studienbltter und der
Wiederherstellung der greren und kleineren Kartonlandschaften zu Ende. Die
letzteren waren vorlufig, bis die aus der Hauptstadt zu beziehenden
Einfassungen anlangten, an die ihnen bestimmten Orte gehngt worden, wo der Graf
sie abwechselnd mit Zufriedenheit betrachtete. Ohne einen grern Wert
beanspruchen zu knnen, erhhten sie in der Tat den malerisch ernsten Anblick
des Bibliotheksaales und verschafften mir das wohltuende Gefhl, sie als
Zeugnisse ehrlichen Wollens an solcher Stelle gerettet zu wissen, wie ich schon
bemerkt habe. Dazu lie es der Graf nicht an aufrichtenden uerungen fehlen.
    Mgen Sie die knstlerische Laufbahn fortsetzen oder nicht, sagte er, so
werden mir die Bilder fast gleich wert bleiben, im ersten Falle als Wegezeichen
eines Entwicklungsganges, im andern als Illustration oder Ergnzung Ihrer
Jugendgeschichte, die ich nun durchgelesen habe. Jeder braucht Liebhabereien;
die meinigen dehne ich nun aus auf das Wahrnehmen eines Lebensganges, wie der
Ihrige sich darbietet. Sie sind ein wesentlicher Mensch, aber Sie leben in
Symbolen, sozusagen, und das ist ein gefhrliches Handwerk, besonders wenn es in
so naiver Weise geschieht! Doch wollen wir darber uns jetzt keine grauen Haare
wachsen lassen, wenigstens nicht Sie; denn was mich betrifft, so kann ich dies
Sprichwort leider nicht mehr gut anwenden. Was mir zunchst obliegt, ist die
Vergtung, die ich Ihnen fr diesen Schmuck meines Bchersaales zu leisten
habe!
    Das haben Sie ja schon getan! sagte ich fast erschrocken, da ich schon
wieder Geld erhalten solle, so verdchtig war mir dies ungewohnte Glck; und
doch zierte ich mich eher, als da es mir Ernst war, ohne doch die Ziererei zu
beabsichtigen. Denn der Graf dauerte mich in meine eigene Armut hinein ob so
starken Ausgaben.
    Er rief aber: Mdchen Sie keine Umstnde, mein Lieber! Es soll nicht ein
Kaufpreis sein, denn ich wei wohl, da solche Sachen nicht leicht an Mann zu
bringen und fr jedermann brauchbar wren; es ist vielmehr eine Diskretionsfrage
fr mich und fr Sie eine Notwendigkeit. Da das also so zusammentrifft und
auerdem zur Durchfhrung unsers ungewhnlichen Abenteuers beitrgt, warum
sollten wir demselben die Ehre nicht antun?
    Hiemit schob er mir eine Papierhlle voll Banknoten in die Brusttasche; es
war, wie ich spter fand, eine gleiche Summe, wie er mir schon ausbezahlt, so
da ich also schon doppelt so reich dastand als nur vor einigen Tagen.
    Nun, fuhr er fort, sprechen wir von der Hauptsache, davon nmlich, was
Sie beginnen wollen? Ich fhle auch, da Sie umsatteln sollten; fr einen
biedern Landschafter ist Ihre Einrichtung zu weitlufig, zu winkelig, zu
irrgnglich und unruhig, da mu ein anderer Hausmeister hinein! Aber nicht so
trbselig und unfreiwillig mu es geschehen, sondern, wie wir schon gesagt, mit
dem Anstand eines freien Entschlusses, der allenfalls auch anders zu fassen
war!
    Dem Anstand ist ja schon Genge getan durch die Aufnahme, welche Sie meinen
zweifelhaften Erzeugnissen gewhren!
    Nein, in meinem Sinne nicht! Sie mssen sich selbst noch den Beweis
leisten, da Sie, wenn auch nicht glnzend, doch mit Ehren bestehen knnten bei
dem Berufe, den Sie gewhlt; dann erst mgen Sie sich bedanken und daran
vorbeigehen! Malen Sie bei uns ein fertiges Bild, mit gesammelter Kraft, aber
leichten Herzens, keck und ohne Sorgen, und ich will wetten, wir verkaufen es!
    Ich schttelte abermals den Kopf, da ich an die Monate dachte, welche ein
solches Unterfangen noch kosten wrde.
    Diese Tat, sagte ich, selbst wenn sie gelnge, wrde ja wieder nichts
anderes als eines der Symbole sein, von denen Sie sagen, Herr Graf, da ich in
ihnen lebe, und in diesem Falle eines, das mir doch zu kostspielig wre! Auch
haben Sie selbst mit Ihrer Gromut dahin gewirkt, da die Heimreise mir nun in
den Gliedern liegt!
    Hren Sie an! versetzte er, wir wollen ohne lngeres Zaudern vorgehen!
Aber eine Nacht mssen Sie die Frage noch beschlafen. Machen Sie sich auf morgen
frh reisefertig, der Wagen soll bereitstehen; dann bringe ich Sie je nach Ihrem
letzten Worte entweder zur Station der nach der Schweiz durchgehenden Post, oder
wir fahren zusammen nach der Hauptstadt, wo ich ohnedies zu tun habe und Sie die
fr Ihre Arbeit ntigen Einkufe besorgen. Soll es gelten?
    Ich schlug ein, zweifelte aber nicht, da ich den Weg in die Heimat whlen
werde.
    Diesen Tag sollte das Essen in dem sogenannten Rittersaale eingenommen
werden, einem in den oberen Stockwerken liegenden und mir noch unbekannten
Raume. Dorothea kam in die Bibliothek, uns das zu verknden. Es sei dort vermge
der Sonnenseite heute eine so milde Temperatur, da der Saal nicht brauche
geheizt zu werden und der schne Herbsttag zu den Fenstern hereinspazieren
knne. Sie selber sah, wie ich mit stillem Erstaunen wahrnahm, einem hellen
Junitage gleich; auch der Graf betrachtete sie berrascht einen Augenblick. Sie
war in schwarzen Atlas gekleidet, trug um Hals und Brust eine vornehme
Spitzenzierde, und in dieser verlor sich eine Perlenschnur. Die dunkle
Lockenlast aber war heut mit besonderm Schwunge nach dem Nacken zurckgeworfen,
whrend die hiedurch zutage tretenden lichten Felder der Schlfengegend dem
Kopfe einen Ausdruck von Freiheit, wo nicht von Stolz verliehen.
    Was hast du denn vor, da du dich so aufgeputzt? sagte der Graf,
erwartest du Gste, von denen ich nichts wei?
    Nichts weiter hab ich vor, erwiderte sie, als da ich dem schnen Wetter
und dem Saale zu Ehren ein bichen Staat machen will. Dazu hoff ich, durch das
Ensemble aller dieser Dinge unserm Freunde, dem Herren Lee, einen bunten
Eindruck zu verschaffen; vielleicht, wenn er seine Geschichten fortsetzt,
beschreibt er es einst auf einer halben Seite, und mit dem Saale schmuggelt sich
meine fragwrdige Figur zugleich in das Buch hinein! Heut steht berdies
Narzissus im katholischen und im protestantischen Kalender, und da drfen wir
uns allerseits ein wenig der Eitelkeit hingeben, nicht so, Herr Heinrich?
    Obgleich sie diese Rede in einer halb weichmtig ernsten, halb anmutig
lchelnden Weise vorbrachte, welche keine bsliche Absicht verriet, so schien
mir doch das Wort Narzi eine Stichelei auf die Selbstbespiegelung meines
Schreibbuches zu sein, zumal mir nicht recht wohl dabei war, es aus der Hand
gegeben zu haben. Aus welcher Tiefe, sei es des Urteils oder des bloen
Scherzes, solche Stichelei aufsteigen mochte, sie dnkte mich gleichermaen
beschmend, und ich fhlte die Rte im Gesicht, ohne ein Wort der Erwiderung zu
finden. Sie beachtete das aber nicht und merkte nichts davon, so da ich ihr
wohl zuviel Absicht zugetraut haben mochte.
    Der erwhnte Saal war wirklich bunt genug, aber mit Wrde und Feierlichkeit.
Ein scharlachroter Teppich spannte sich ber den ganzen Fuboden; der Plafond
war in seiner Lnge und Breite von einem einzigen Freskogemlde bedeckt, der
Wandraum zwischen demselben und der etwa mannshohen dunklen Holzbekleidung
durchaus mit den Bildnissen der Vorfahren behangen. ber einem schwarzen
Marmorkamine trmten sich alte Waffen und Rstungen empor; andere feinere Waffen
glnzten in Glasschrnken, besonders kostbare Degen und Schwerter, deren
Abbilder man auf manchem Bildnisse ihrer ehemaligen Trger wiedererkannte. Aber
es waren auch Waffenstcke aus Jahrhunderten da, in welche keine Bilder
zurckreichten. So zeigte ein kleiner dreieckiger Schild noch kaum erkennbar das
lteste einfache Wappenbild des Geschlechtes, das nur eines von den zwanzig
Feldern des jetzigen Wappenschildes ist, auf dessen oberm Rande vier gekrnte
Helme sitzen wie vier Hhne auf einer Stange.
    Ich konnte mich nicht enthalten, eifrig umherzugehen und die Augen an all
den schnen Dingen zu weiden; der Graf erklrte mir ein und anderes, Dorothea
brachte Schlssel herbei und ffnete die wohlverwahrten Schrnklein eines groen
Buffets, in welchen ein altertmlicher Silberschatz schimmerte. Andere Schrnke
waren in das Holzgetfer der Wnde eingelassen und enthielten Handschriften auf
Pergament mit glnzenden Miniaturen, viele Urkunden mit hngenden Siegeln in
Holz- oder Silberkapseln, auch ohne Kapseln und halb zerbrckelt. Der Graf zog
ein paar solcher Urkunden hervor und entfaltete sie; ich konnte sie aber nicht
lesen, denn sie stammten aus dem zwlften oder gar eilften Jahrhundert und waren
kaiserliche Briefe, die sich auf den Fleck Landes bezogen, auf welchem wir
standen. Als ich meine Verwunderung ber so reiche Erinnerungen und Denkmler
bezeugte, dergleichen ich noch nie gesehen, bemerkte der Graf, er habe eben den
ganzen Familienkram in diesem Saale aufgestapelt, wo derselbe sein Dasein
genieen mge, ohne die Lebenden auf Schritt und Tritt zu behelligen. Seine
Freude daran sei nur eine mige und nicht grer, als sie etwa jeder Sammler
auch empfinde.
    Ei, sagte ich, solche Anschaulichkeit und Durchsichtigkeit einer langen
Vergangenheit, die sich auf uns selbst bezieht, lt sich doch nicht willkrlich
vergessen und verwischen, und man sollte sich ihrer freuen knnen, ohne sie
unfreisinnig zu mibrauchen!
    Man sollte es denken; wer aber die Erfahrung davon hat, wei, da man unter
Umstnden der sechs oder sieben Jahrhunderte mde werden kann. Ich habe mir auch
schon gewnscht, in einem freien Rechtsstaate einer erhaltenden Aristokratie
anzugehren vermge der Abkunft, das Wort Aristokratie natrlich nur im Sinne
erhhter freiwilliger Leistungen verstanden. Allein das sind Trume, aus
verschiedenen Grnden, und so bleibt einem Adelsmden nur der Ausweg,
gelegentlich im allgemeinen Volkstume aufzugehen. Das hat aber auch seine
Schwierigkeiten und ist ohne glckliche Ereignisse nicht so leicht auszufhren,
und so lt sich auch hier das Schicksal weniger lenken, als man glauben sollte.
Mein Vater, der lediglich durch seine Geburt ein Reiterfahrer war, ist in der
Heeresfolge des franzsischen Revolutionswesens in Ruland elend ums Leben
gekommen. Mein lterer Bruder, der fr einen Querkopf galt, ging nach
Sdamerika, um in seiner Art ein neues Leben zu beginnen; allein da fiel er erst
recht dem unvernnftigen Zufall anheim und verlor frhzeitig in dortigen Hndeln
das Leben. Von einer iberischen Adelsdame, mit der er sich kurz vorher ehelich
verbunden haben soll, ist uns niemals eine weitere Nachricht zugekommen. Nun bin
ich der Majoratsherr, und die ganze Herrlichkeit steht auf meinen zwei Augen, da
ich absolut der Letzte unserer Linie bin. Htte ich einen Sohn, so wre ich
schon mit ihm nach der Neuen Welt gegangen, um in der verjngenden Volksflut
unterzutauchen. Fr mich allein lohnt es nicht mehr der Mhe, sintemal ich im
brigen mich mit dem Leben nicht unzufrieden fhle! Doch setzen wir uns zu
Tisch, da es unserer Dame einmal gefllt, die Ahnfrau zu spielen!
    Das tu ich! Mir gefllt es einstweilen recht wohl in diesem Saale, der
nicht zu unterschtzen ist! lie sich Dorothea mit einiger Gemessenheit
vernehmen, die mich wieder verlegen machte, weil ich diese neue Laune nicht
verstand und sie weder tadeln noch bewundern konnte. Indessen war der Aufenthalt
in der Tat feierlich sowohl durch die hereinflutende sonnige Luft als durch den
Duft eines feinen Rucherwerkes, das vorher in dem Raume verbrannt worden war.
Die Farbenpracht, die uns umgab, schien hiedurch noch an Kraft und Tiefe zu
gewinnen.
    Nachdem wir eine Weile in mehr abgebrochener flchtiger Unterhaltung
gesessen, wendete sich Dorothea mit freundlich herablassendem, jedoch halb
gleichgltigem Wesen, ganz wie eine groe Dame, an mich und sagte: Nun, Herr
Lee, auch Sie sind ja nicht unempfindlich fr ein gutes Herkommen, und in Ihrem
brgerlichen Stande freuen Sie sich Ihrer wackeren Eltern und versichern sich
beim Beginn Ihrer Aufzeichnungen, da Sie wohl auch zweiunddreiig brave Ahnen
besitzen, wenn auch unbekannterweise?
    Allerdings, gab ich mit Selbstzufriedenheit und gelindem Trotze zur
Antwort, allerdings bin ich auch nicht auf der Strae gefunden!
    Da klatschte sie pltzlich jubelnd in die Hnde, indem sie ihre gewhnliche
natrliche Art wieder aufnahm, und rief frhlich: Nun hab ich Sie gefangen,
mein wohlgeborner Herr! Ich bin nmlich auf der Strae gefunden, wie Sie mich da
sehen!
    Ich sah sie verblfft an und wute nicht, was das heien sollte, indessen
sie fortfuhr, sich zu freuen, und sagte: Ja, ja, mein gestrenger Herr von
braver Abkunft! Ich bin das richtigste Findelkind und heie mit Namen Dortchen
Schnfund und nicht anders, so hat mich mein lieber Pflegevater getauft!
    Nun blickte ich verwundert den Grafen an, der lachte: Ist das also nun das
Ziel deines Witzes? Wir muten nmlich dieser Tage lachen, als wir Ihre Worte
lasen: wenn Sie sich selbst bei der Nase nehmen, so seien Sie sattsam berzeugt,
da Sie zweiunddreiig Ahnen besitzen. Als wir dann weiterlasen, wie Sie sich
doch nicht enthalten knnen, ber die Vorfahren einige Betrachtungen
anzustellen, schmollte unser Kind hier und klagte, da alle, Adelige wie Brger
und Bauern, sich ihrer Abkunft freuen und nur sie allein sich schmen msse und
gar keine Herkunft habe. Denn ich habe sie wirklich auf der Strae gefunden, und
sie ist meine brave und kluge Pflegetochter!
    Er strich ihr liebevoll die Locken zurck, die aus ihrer Verbannung im
wohlgebauten Nacken an den gebhrenden Platz neben den errtenden Wangen
zurckstrebten. Betroffen und gerhrt bat ich um Verzeihung fr die unbewute
Verletzung ihrer Gefhle, die ich begangen. Meine eigene Beschmung, fgte ich
bei, habe ich verdient, da ich mich verlocken lie, die vermeintliche stolze
Grfin abtrumpfen zu wollen, anstatt sie in ihrer Art und Weise ungeschoren zu
lassen. brigens sei ihr Herkommen doch noch das vornehmste, denn sie komme so
recht unmittelbar aus Gottes Hand, und man knne sich ja die hchsten und
wunderbarsten Dinge darunter denken!
    Nein, versetzte der Graf, wir wollen keine verwunschene Prinzessin aus
ihr machen. Der einfache Hergang ist brigens hier jedermann bekannt, und was
jedes Kind wei, drfen Sie auch erfahren. Vor zwanzig Jahren, als meine Frau,
die einzige, gestorben war, trieb ich mich schmerzlich und trostlos im Lande
herum. Eines Abends stieg ich an der sterreichischen Donau in einem unserer
Stadthuser ab, das die Geliebte gern und hufig bewohnt hatte. Als ich ins Haus
ging, sah ich ein schnes zwei- bis dreijhriges Kind still auf der Steinbank
neben dem Portale sitzen, ohne seiner zu achten. Ich ging nochmals aus, um das
Abendrot ber dem breiten Strome zu sehen, das die Verstorbene so oft
aufgesucht; das Kind schlief nun. Als ich eine halbe Stunde spter zurckkam,
weinte es leise und furchtsam. Ich rief jetzt den Hausmeister herbei, der in
seiner Teilnahmlosigkeit von nichts wissen wollte, als da ein Haufen
Auswanderer die Stadt durchschwrmt habe, denen das Kind wohl angehre. Ich
befahl, es ins Haus zu nehmen und zu pflegen, und da die Sache langsam und
widerwillig vonstatten ging, nahm ich es zu mir und gab ihm von meinem eigenen
Essen. Die Auswanderer waren allerdings dagewesen, aber schon auf Flen und
Schiffen die Donau hinuntergefahren. Laut den erhobenen polizeilichen
Nachforschungen kamen sie aus Schwaben und gingen nach dem sdlichen Ruland;
allein weder in ihrer alten noch in der neuen Heimat wollte jemand etwas von dem
Kinde wissen; nirgends wurde ein solches vermit, nirgends war es in Bchern
oder Schriften der Ausgewanderten eingetragen. Eine Bande Zigeuner, die in der
Nhe der Stadt erschien, gab Anla zu neuen Untersuchungen. Aber auch da kam
nichts heraus. Kurz, das Kind verblieb mir als Findelkind schnster Sorte, wie
Sie's da vor sich sehen! Ich verschaffte ihm eine schne gesicherte
Findlingsexistenz, erklrte meine tote Frau zu seiner Patin und nannte es mit
ihrem Namen Dorothea. Den Zunamen Schnfund lie ich durch Amtsgewalt
festsetzen, und als die Person sich spter gar so gut anlie und ich sie an
Kindesstatt in aller Form Rechtens adoptierte, lie ich noch den hiesigen
Orts-und Hausnamen dranhngen. So heit sie nun Schnfund-W...berg. Zu einer
Grfin konnt ich sie freilich nicht machen, es ist auch nicht ntig!
    Bin ich nun mehr zu bemitleiden oder zu beneiden? fragte mich das schne
Wesen mit leicht geneigtem Haupte.
    Gewi nur zu beneiden, sagte ich, aus meiner gerhrten Verwunderung
erwachend; Sie gleichen einfach einem Stern, der aus der Tiefe des Himmels neu
erschienen ist und dem man einen Namen gegeben hat. Ein Stern kann aber wieder
verschwinden, whrend die unsterbliche Seele, die jetzt Ihren Namen trgt, nie
mehr vergeht.
    Sie bewegte aber den Kopf leise wie zu einem Nein und sagte: Mit diesem
Troste wollen wir uns nicht stark brsten! Der Findling wird sich so still
wieder drcken, wie er gekommen ist!
    Als ich diese Worte nicht recht zu deuten wute, weil ich die eigene Rede,
die sie hervorgerufen, ber ihrem Anblicke schon vergessen hatte, sagte der Graf
zu mir: Sie mssen nmlich wissen, es ist Dortchens Wahrzeichen, da sie ganz
auf eigene Faust nicht an Unsterblichkeit glaubt, und zwar nicht etwa infolge
eingeschulter Dinge oder durch fremden Einflu, sondern auf ursprngliche Weise,
sozusagen von Kindsbeinen auf!
    Dorothea schmte sich wie ber ein verratenes Herzensgeheimnis; sie drckte
das errtende Gesicht auf den Damast des Tischtuches, da die Locken sich auf
dessen Flche ausbreiteten. Auf mich aber machte der Vorgang einen Eindruck,
welcher dem uns befallenden sanften Schreck oder Schauder gleicht, wenn ein
Wesen, das uns bereits mit Wohlgefallen umsponnen hat, mit irgendeiner
entschiedenen Eigenschaft pltzlich dicht an die Seele herantritt.
    Da ich nun ganz erkannt bin und durchschaut werde, sagte sie unversehens,
sich mit holdem Lcheln aufrichtend, will ich mich zurckziehen und sorgen, da
wir einen traulichen Winkel fr unsern Kaffee finden.
    Als ich spter den Grafen auf seinen Geschftsgngen begleitete, da er die
Hauptaufsicht ber seine Gter selber fhrte, befrug ich ihn um das Nhere.
    Es ist in der Tat so, antwortete er, seit sie ihr Urteil nur ein wenig
rhren konnte und diese Dinge nennen hrte, wir wissen die Zeit kaum anzugeben,
sagte sie mit aller Unbefangenheit, aus dem kindlichsten und reinsten Herzen
heraus, da sie gar nicht absehen und glauben knne, wie die Menschen
unsterblich sein sollten. Es kommt allerdings nicht selten vor, da rechtliche
Leute aus allen Stnden dies ursprngliche schlichte Vergnglichkeitsgefhl ohne
weiteres aus der Mutter Natur schpfen und, ohne skeptischer oder kritischer Art
zu sein, dasselbe unbekmmert bewahren wie eine harmlose Selbstverstndlichkeit.
Aber so lieblich und natrlich wie bei diesem Kinde ist mir die Erscheinung noch
nie vorgekommen, und ihre unschuldige berzeugung veranlate mich, der ich Gott
und Unsterblichkeit hatte liegenlassen, wie sie lagen, meinen philosophischen
Bildungsgang noch einmal vorzunehmen, und als ich auf dem Wege des Denkens und
der Bcher wieder da anlangte, wo das Mdchen von Hause aus gewesen, und
Dortchen mir ber die Schultern mit in die Bcher guckte, da war es erst
merkwrdig, wie sich das gedanklich bestrkte Gefhl in ihr gestaltete. Wer
sagt, da es ohne Unsterblichkeitsglauben weder Poesie noch Lebensweihe in der
Welt gebe, der htte sie sehen mssen; nicht nur Natur und Leben um sie herum,
sondern sie selbst wurde wie verklrt. Das Licht der Sonne schien ihr tausendmal
schner als andern Menschen, das Dasein aller Dinge wurde ihr heilig, und ebenso
der Tod, den sie sehr ernsthaft nimmt, ohne ihn zu frchten. Sie gewhnte sich,
zu jeder Stunde an ihn zu denken, mitten in der heiteren Freude und im
Glcksgefhl, und da wir einst ohne allen Spa und fr immer abscheiden mssen.
Das ganze vorbergehende Dasein unserer Persnlichkeit und ihr Begegnen mit den
anderen vergnglichen, belebten und unbelebten Dingen, unser aufblitzendes und
verschwindendes Tanzen im Weltlichte hat fr sie einen zarten leichten Anhauch
bald von milder Trauer, bald von zierlicher Frhlichkeit, welche den Druck der
schwerflligen Ansprche des einzelnen nicht aufkommen lt, whrend das
Gesamtwesen doch besteht. Und welche Piett und Teilnahme hegt sie fr die
Sterbenden und Toten! Ihnen, welche ihren Lohn dahin haben und abziehen muten,
wie sie sagt, schmckt sie die Grber, und es vergeht kein Tag, an welchem sie
nicht eine Stunde auf dem Kirchhofe zubringt. Dieser ist ihr Lustgarten und ihr
Schmollwinkel, und bald kehrt sie frhlich und bermtig, bald still und
nachdenklich davon zurck.
    Solch anmutige Art eignete sich freilich einstweilen nur fr ein so
sorgloses, leidenfreies und feingebildetes Leben und fr die gesunde
Jugendkraft; dennoch vermehrte die Schilderung derselben meine Teilnahme und
Befangenheit.
    Glaubt sie denn auch nicht an Gott? fragte ich.
    Schulgerecht, erwiderte der Graf, sind allerdings beide Fragen
unzertrennlich; nach Frauenart macht sie sich jedoch nicht viel aus der Logik,
da sie hier mit ihren Begriffen nicht fertig ist. Du lieber Gott, sagt sie, was
kann ich rmstes Ding wissen! Bei Gott ist alles mglich, auch da er existiert!
Weiter geht sie aber mit so drolligen Wendungen nicht, vielmehr verursacht ihr
in Gesprch und Lektre eine zu groe Freiheit oder Frechheit im Ausdrucke nur
Mibehagen, und allzu grobe Ausflle duldet sie nicht. Sie sehe nicht ein, sagt
sie, warum man gegen den lieben Gott, auch wenn man von seiner Abwesenheit
berzeugt sei und ihn nicht frchte, brauche grob und unverschmt zu sein. Das
erscheine ihr mehr als eine schbige denn tapfere Manier.
    Nach der Rckkehr von unserm Gange suchte ich mein idyllisches Quartier im
Gartenhaus auf, wo ich mich zu lassen gebeten hatte, als ich nach dem Schlosse
bersiedeln sollte. Ich fand jedoch das kleine Gemach bewohnt; denn Dorothea,
die sich nach ihrer bung wieder einmal im untern Saale aufgehalten, war mit der
Grtnerstochter hinaufgestiegen, um nachzusehen, ob es an nichts fehle. Als ich
eintrat, sah ich, da zwei prachtvolle hohe Schilfrohre mit ihren Bltenbscheln
kreuzweise hinter den Spiegel gesteckt waren Unter dem Spiegel, der in einem
verblichenen Rahmen von versilbertem getriebenem Kupfer steckte, lag der
Zwiehansschdel auf der Kommode, auf einem Postamente von grnem Moose weich
gebettet, und um den Scheitel wand sich ein Krnzlein von Immergrn. Mit den
Ellbogen auf das bauchig geschweifte Mbel gesttzt, stand Rschen bergelehnt
und betrachtete den Kopf aufmerksam mit germpftem Nschen und possierlich
gespitztem Munde. Etwas zurck stand die Herrin, die Hnde auf dem Rcken
verschrnkt, wie es schien in ernsthaften Gedanken das Werk ihrer Hnde
gleichfalls beschauend.
    Bewundern Sie unsere Tapezierknste! wandte sie sich zu mir, wir haben
Ihrem stummen Reisekameraden den Aufenthalt etwas verschnert und Sie dabei
mitgemeint. Soeben bedenke ich aber, da Sie sich des Gefhrten entledigen und
ihm die Ruhe gnnen sollten. Wir wollen ihn gelegentlich auf unserm Gottesacker
begraben, ich habe just eine wohlgeborgene kleine Kopfstelle unter den Bumen
fr ihn ausgedacht, die niemals umgegraben wird.
    Dieses gelegentlich, das wie ein Rosenblatt ohne alles Gewicht von ihren
Lippen fiel, erklang so gastfreundlich, da es mir sogleich das Herz erfreute.
Doch erwiderte ich, der Schdel msse nach meinem Vorsatze mit mir in die Heimat
zurck, und dort wolle ich ihn endlich wieder der Erde bergeben, wenn das auch
als eine leere und unntze Handlung erscheine.
    Wann gehen Sie denn? sagte Dortchen.
    Ich denke morgen, wie ausgemacht!
    Sie gehen nicht, sondern tun, was der Papa rt! Kommen Sie, ich zeig Ihnen
was Hbsches! Sie ffnete ein altes eingelegtes Schrnkchen, das in der Ecke
stand, und nahm einige sehr bunte feine und echte chinesische Tchen aus
demselben hervor. Sehen Sie, die hab ich von Ihrem und unserm Trdelmnnchen
erwischt; er hat mir noch mehrere in Aussicht gestellt, aber nicht Wort gehalten
bis jetzt. Wir haben sie hierhergebracht, damit Sie uns einmal zum Kaffee bei
sich einladen knnen, oder unten im Saal, und damit auch etwas Artiges in Ihrem
Zimmer ist! Schau auf, Rschen, so hat Herr Lee Flte gespielt, als ich ihn
zuerst gesehen!
    Sie nahm meinen Stock, hielt ihn wie eine Flte an den Mund und sang dazu
ein paar Zeilen der Freischtzarie Und ob die Wolke sie verhlle, und den
Stock weglegend, sang sie in beschleunigtem Tempo, sie bermtig abhaspelnd, die
Schluverzierung mit einer Schnheit und Sicherheit der Stimme, die mich in
neues Erstaunen versetzte. Sie sang aber keine Note lnger, als sich mit einer
kurzen Aufwallung guter Laune vertrug, und das Lied verklang ebenso unerwartet,
wie es begonnen. Pltzlich sah sie den Kaplan ber den Platz gehen und rief ihm
aus dem Fenster zu: Ehrwrden! kommen Sie ein bichen zu uns herauf, wir
schwatzen hier, bis wir zum Tee wandern, und machen unserm herrlichen Dulder
Odysseus den Hof. Rschen stellt die Nausikaa vor, Sie die heilige Macht
Alkinoos', des edlen Phakenbeherrschers, und ich die Mama Arete, Tochter des
gttergleichen Rhexenor!
    Da wren Sie ja meine Gemahlin, gndigste Heidin! sagte der geistliche
Herr schnaufend, als er in der Tat herangestiegen kam.
    Merken Sie was, o geschorner Diener der Heiligen Jungfrau, lachte sie,
welche den ther beherrscht und thronet auf goldnen Altren?
    Diese Unterhaltung geht ber meinen Horizont! rief Rschen, nachdem sie
dem Kaplan einen der wenigen Sthle zugerckt hatte, und zog sich zurck,
indessen jener ein lustiges Plaudern begann und den Krieg mit dem Frulein
fortfhrte. Schlielich kam noch der Graf, um zu sehen, wo wir alle blieben, und
nahm an dem Geplauder teil, bis es dunkelte und der Mond ber den Parkbumen
stand, der seinen Schein in das Zimmer hereinsandte. An seiner Gestalt erkannte
ich, da nun vier Wochen verflossen seien, seit ich mit den Arbeitermdchen
unter den Silberpappeln am Flusse gesessen, und wunderte mich ber den Wechsel
der Dinge in einem so einfachen Lebenslauf.
    
    Im Schlosse sa die kleine Gesellschaft dann noch lange beisammen. Im
Anfange schien Dortchen noch aufgeregt frhlich; allmhlich wurde sie stiller
und begngte sich, zuweilen an dem groen Flgel kurze Stze anzuschlagen;
zuletzt verschwand sie ohne Abschied.
    Ich konnte in jener Nacht keinen Schlaf finden, bis der Morgen graute, ohne
da ich mich deswegen bel befand. Kaum hatte ich eine kurze Zeit geschlafen, so
wurde ich geweckt, weil die Stunde der Abreise da war. Verwirrt und in
bereilung kleidete ich mich an und lief hinber, wo der Graf schon beim
Frhstcke sa, der Wagen vor der Tre stand und der Kutscher bei den Pferden.
Als wir eingestiegen waren, sagte der Graf: Nun, wohin soll's gehen? Keine
Dorothea lie sich sehen, und doch wagte ich weder nach ihr zu fragen, da ich
die Unbefangenheit allbereits eingebt, noch vermochte ich ohne Abschied aus
dem Lande zu gehen. Ich sagte daher, nachdem ich mich eine Minute besonnen, im
letzten Augenblicke, ich wolle dem Vorschlage des Herren Grafen folgen.
    Gut so! erwiderte er und lie die Richtung nach der Stadt einschlagen, von
welcher ich, hergekommen.

                                Zwlftes Kapitel



                              Der gefrorne Christ

Auf der Nordseite des Schlosses bezeichnete ein hheres Fenster den Raum, in
welchem die Hauskapelle eingebaut war. In diesem Jahrhundert hatte sie
schwerlich noch einen Gottesdienst gesehen; doch war kirchlicher Zier- und
Hausrat noch an den Wnden vorhanden, das Gewlbe noch bemalt und nur der
Fliesenboden lngst von der Bestuhlung gerumt. Dafr stand jetzt in der Mitte
desselben ein eiserner Ofen, der den Raum mit seinem Krper und seinen Rohren
sattsam erwrmte, und auf einer groen Strohmatte eine Staffelei, vor welcher
ich sa und ziemlich rhrig arbeitete, whrend ein leichter Schnee auf der
Landschaft lag.
    Die lange Unterbrechung, die Erlebnisse, der Beschlu der Entsagung hatten
ohne Zweifel eine Freiheit des Blickes und eine Neuheit der Dinge in mir bewirkt
oder vielmehr aus dem Schlafe gerufen, die mir jetzt zustatten kamen. Schon
whrend des letzten Aufenthaltes in der Residenz hatte ich alte und neue Bilder
gewissermaen mit neuen Augen angesehen; es war mir wie Schuppen von denselben
gefallen und fiel so noch fort, da ich jetzt eifrig und khl, strmisch, sorglos
und vorsichtig zugleich arbeitete, indem bei jedem Zug ich an den folgenden
dachte, ohne durch Zgern den Flu erstarren zu lassen. Die Erscheinung, da man
spter etwas kann, und zwar ohne Zwischenbung, was man frher nicht zustande
gebracht, sei es durch bloe Ruhe der Geisteskrfte, sei es durch
Geschickeswechsel, mag wohl fter vorkommen, als man annimmt. Hier war es der
Fall, natrlich innerhalb der Grenzen, die mir berhaupt gezogen sind.
    Ich hatte zwei Bilder zugleich begonnen, welche auf diese Weise ordentlich
vorwrtsschritten, von einer nachhaltig erhellten und erwrmten Stimmung
getragen. Das eigentliche schaffende Feuer jedoch war die erwachte Neigung,
Liebe oder Verliebtheit, oder wie man den Zustand nennen mag, der erst zu
nennen, wenn er durch die Zeit zum Austrag gekommen, stets aber eine alltgliche
Erscheinung ist, wie alle groen Notwendigkeiten. Ich hatte meinerzeit das Herz
auch einen Muskel und ein mechanisches Pumpwerk nennen gelernt; nun unterlag ich
dennoch der Tuschung, da es das Wohnhaus der Bewegungen sei, die von den
Liebeshndeln ausgehen; und trotz der blichen Scherze ber seine heraldische
Form auf den Lebkuchen, Spielkarten und andern Volkssymbolen behauptete es sein
altes Ansehen, als Dorotheas Gestalt mit dem Nimbus ihrer dunklen Geburt, ihrer
eigentmlichen Weltanschauung, Schnheit und Bildung den Einzug scheinbar in das
Herz und nicht in den Kopf hielt; oder wenigstens verrichtete dieser in seinen
offenen Licht- und Schallstbchen einen bloen Pfrtner und Wahrnehmungsdienst,
um das Wahrgenommene in die dunkle Purpurmhle der Leidenschaft
hinunterzusenden.
    Selbst die Vernunft leistete ihr Frondienste und tat ein briges, ihr
gerecht zu werden. Die Vergnglichkeit und Unwiederbringlichkeit des Lebens,
durch Dortchens Augen gesehen, lie mir die Welt bald ebenso in einem strkern
und tiefern Glanze erscheinen, wie es bei ihr der Fall war; ein sehnschtiges
Glcksgefhl durchschauerte mich, wenn ich mir nur die Mglichkeit dachte, fr
das kurze Leben mit ihr in dieser schnen Welt zusammen zu sein. Ich hrte daher
ohne alle Bedenklichkeit vom Sein oder Nichtsein jener Dinge sprechen und fhlte
ohne Freude oder Schmerz, ohne Spott und ohne Schwere die anerzogenen Gedanken
von Gott und Unsterblichkeit sich in mir lsen und beweglich werden. Die
Veranlassung solcher Freiheit war allerdings eine Unfreiheit und fr einen Mann
nicht gerade rhmlich; im Gefhle hievon suchte ich mich mit Grnden zu schulen
und nahm die Zuflucht zu der Bcherei des Grafen. Ich kannte die groben Umrisse
der philosophischen Geschichte, aus denen die letzten Fragen fr den
Unerfahrenen nicht klar hervorgehen. Jetzt griff ich zu den eben in der
Verbreitung begriffenen Werken des lebenden Philosophen, der nur diese Fragen in
seiner klassisch monotonen, aber leidenschaftlichen Sprache, dem allgemeinen
Verstndnisse zugnglich, um und um wendete und gleich einem Zaubervogel, der im
einsamen Busche sitzt, den Gott aus der Brust von Tausenden hinwegsang.
    Der Graf gehrte geistig und zum Teil auch persnlich dem Verbande von
Mnnern an, welche den begeisterten Kultus des Philosophen frderten, wenn er
auch nicht die Ansicht und die Hoffnung teilte, da er zunchst die politische
Freiheit unfehlbar bringen msse. Er hatte mich als Gastfreund nicht auf die
Sache stoen wollen; als ich aber jetzt den gewhnlichen Anfangswiderstand gegen
die neuen Einflsse erhob und die Vernderungen untersuchte, welchen ich in
moralischer Hinsicht ausgesetzt sein drfte, begann ein gewisses Kannegieern
ber den lieben Gott, welches mich freilich von den Kinderschuhen an begleitet
hat.
    ber diese Dinge lngst beruhigt, ward der Graf etwas ungeduldig und sagte:
    Es ist mir ganz gleichgltig, ob Sie an den lieben Gott glauben oder nicht!
Denn ich halte Sie fr einen Menschen, bei welchem es nicht darauf ankommt, ob
er den Grund seines Daseins und Bewutseins auer sich oder in sich verlegt, und
wenn dem nicht so wre, wenn ich denken mte, Sie wren ein anderer mit Gott
und ein anderer ohne Gott, so wrde ich nicht das Vertrauen zu Ihnen hegen, das
ich wirklich empfinde. Dies es auch, was diese Zeiten zu vollbringen und
herbeizufhren haben nmlich vollkommene Sicherheit von Recht und Ehre bei jedem
Glauben und jeder Anschauung, und zwar nicht nur im Staatsgesetz, sondern auch
im persnlichen vertraulichen Verhalten der Menschen zueinander. Es handelt sich
nicht um Atheismus und Freigeisterei, um Frivolitt, Zweifelsucht und
Weltschmerz, und welche Spitznamen man alles erfunden hat fr krnkliche Dinge!
Es handelt sich um das Recht, ruhig zu bleiben im Gemt, was auch die Ergebnisse
des Nachdenkens und des Forschens sein mgen. brigens geht der Mensch in die
Schule alle Tage, und keiner vermag mit Sicherheit vorauszusagen, was er am
Abend seines Lebens glauben werde. Darum wollen wir die unbedingte Freiheit des
Gewissens nach allen Seiten.
    Aber dahin mu die Welt gelangen, da sie mit eben der guten Ruhe, mit
welcher sie ein unbekanntes Naturgesetz, einen neuen Stern am Himmel entdeckt,
auch die Vorgnge und Ergebnisse des geistigen Lebens hinnimmt und betrachtet,
auf alles gefat und stets sich selbst gleich, als eine Menschheit, die in der
Sonne steht und sagt: Hier steh ich!
    Es dauerte jedoch nicht lang, so bedurfte ich der Zurechtweisungen des
freidenkenden Grafen nicht mehr, sondern wandelte selbstndig auf demselben
Pfade weiter und fand mich in der eintnig erregten Sprache des groen
Gottesfreundes zurecht, wenn man ironischer- oder auch ernsthafterweise
denjenigen so nennen darf, der sich ein Leben lang von seinem geliebten
Gegenstande nicht trennen konnte. Wie alle Neubekehrten wurde ich sogar eifriger
als die andern, und die Fackel, mit der ich in meine alten Gedankenwlder
hineinleuchtete, brannte um so heier, als sie an dem Feuer der Liebe angezndet
war. Ich kannegieerte nun in entgegengesetztem Sinne, besonders whrend der
lnger gewordenen Abende, wo der wunderliche Kaplan, angezogen von dem Streite,
sich einfand, um den neuen Abgefallenen in seiner Art zur Rechenschaft zu
ziehen.
    Dieser Mann war vorzglich drei Dinge, nmlich ein leidenschaftlicher Esser
und Trinker, ein groer religiser Idealist und ein noch grerer Humorist, und
zwar letzteres fast nur in dem Sinne, da er alle Viertelstunden das Wort Humor
gebrauchte und es zum Mastabe und Kriterium alles dessen machte, was irgendwie
vorfiel und gesprochen wurde. Alles, was er selbst tat, redete und fhlte, gab
er zunchst fr humoristisch aus, und obgleich es dies nur in den minderen
Fllen war und mehr in einem malosen Klappern und Feuerwerken mit Gegenstzen,
Bildern und Gleichnissen bestand, so erzeugte dies Wesen dennoch einen gewissen
Humor, besonders wenn wir alle zusammensaen und er uns mit ungeheurem
Wortschwall erklrte, was Humor sei und wie wir dieser Gottesgabe auch nicht
eines Senfkrnleins gro besen.
    Er las eifrigst alle humoristischen Schriften und alle, welche vom Humor
handelten, und hatte ein ordentliches System ber dies Feuchte, Flssige,
therische, Weltumpltschernde, wie er es nannte, aufgebaut, das ziemlich mit
dem Charakter seiner Theologie zusammenhing. Cervantes fhrte er ebensooft im
Munde wie Shakespeare, aber er fand den grten Gefallen an den unzhligen
Prgeln, welche Sancho und der Ritter bekommen, an den Einseifungen, Prellereien
und derben Sachen aller Art. Sowenig er die Schtze von Weisheit und Edelsinn
bemerkte, die dem manchanischen Herren vom Autor in den Mund gelegt waren, in
rapidem Wechsel mit den Ausbrchen der Torheit, sowenig konnte oder wollte er
den feinern Spott sehen, besonders wenn er wie auf ihn selbst gemnzt erschien,
was dann zu den Versicherungen seines eigenen Humors den ergtzlichsten
Gegensatz bildete. So sah er in dem Abenteuer in der Hhle des Montesinos nur
eine uerliche komische Schnurre. Den Humor, der in dem langen Seile liegt, das
ganz nutzlos abgerollt wird, indessen der Ritter schon im Anfange die Augen
schliet, wie alle, die sich selbst belgen und damit andere terrorisieren, und
die Art, wie er sich nachher immer wieder wegen des in der Hhle Gesehenen
benimmt, dies alles gewahrte er nicht oder rmpfte unmerklich die Nase dazu.
    Sein Idealismus, und er nannte sich bald rhmend, bald entschuldigend einen
Idealisten, bestand darin, da er gegenber seinen Zuhrern, welche alles
Wirkliche und Geschehende, sofern es sein eigenes Wesen ausreichend und gelungen
ausdrckt und darstellt, fr ideal hielten, eben dieses Wirkliche und Gewordene
materiellen und groben Mist oder Staub schalt und dagegen alles Niegesehene,
Nichtbegriffene, Namenlose und Unaussprechliche ideal hie, was ebensogut war,
als wenn man einen leeren Raum am Himmel Vorpommern nennen wollte. So nannte er
auch jedes dilettantische pfuschende Treiben, aus dem nichts werden konnte, eine
ideale Bestrebung, wenn es auch noch so verkehrt und anmalich war; die
aufopfernde ernste Arbeit in Wissenschaft und Kunst dagegen, die zum Gelingen
fhrte, war ihm ein am Irdischen klebendes Haschen nach Erfolg, nach Ehre und
Gut. Den Baumeister, dessen Kirchtrme zusammenfielen, pries er als einen
tragisch gestellten Idealisten, denjenigen, dem sie stehenblieben, einen
materialistischen Glcksjger.
    Als katholischer Priester war er duldsam und ber seine Kirche hinaus;
hierber schwieg er bescheiden und rhmte sich nicht. Den aufgeklrten Deismus
aber, welchem er huldigte, vertrat er fanatischer als irgendein Pfaffe seine
Satzungen. Er suchte einen rechten Hllenzwang auszuben mit idealen und
humoristischen Redensarten und baute seine Scheiterhaufen aus Antithesen,
hinkenden Gleichnissen und gewaltsamen Witzen, auf denen er den Verstand, den
guten Willen und sogar das Gewissen der Gegner zu verbrennen trachtete, seiner
eigenen Meinung zum angenehmen Brandopfer.
    Diese tapfere Lieblingsbeschftigung, nebst der Gastfreundschaft des Grafen,
fhrte ihn hufig in das Haus, und da er zugleich ein ehrlicher Gesell und
redlicher Helfer bei wohlttigen Unternehmungen war, so gereichte er zum Nutzen
wie zur bleibenden Heiterkeit des Hauses. Besonders Dorothea wute ihn mit der
leichtesten Anmut in den Irrgrten seines fanatischen Humors herumzufhren,
neckisch vor ihm herzuhuschen und durch die Buschwerke seines krausen Witzes zu
schlpfen. Unergrndlich war es dabei, ob mehr ein heiteres Wohlwollen oder ein
bedenklicher Mutwillen im Spiele lag; denn ebensooft, als sie dem Kaplane
Gelegenheit gab zu glnzen, verlockte sie seine Eitelkeit auf das Eis, wo sein
Witz das Bein brach.
    Das war nun der richtige Mann, an welchem ich meine neuen Waffen zu ben
Gelegenheit fand, und ich tat es um so rcksichtsloser, als ich gegen Unarten
focht, denen ich selber schon in mehr als einer Hinsicht gefrnt hatte. Nach dem
ersten wehmtigen Erstaunen ber meinen Abfall holte er mit verdoppelter Kraft
aus, um mich niederzustrecken; da ich aber das schonende Ma, dessen er gewohnt
war, mit weniger Lebensart als neophytischer Kampflust berschritt, ihm
phantastische Ausflle und humoristische Stiche in gleicher schlechter Mnze
zurckgab, wurde er verstimmt und ging mehr als einmal der geselligen Erholung
verlustig, welche er nach tagelangem Messelesen und Ministrieren gesucht hatte.
Hierber wurde ich meinerseits betroffen; ich verwunderte mich, wie wenig der
Mensch sich zu ndern imstande ist, wenn ich an das Erlebnis mit Ferdinand Lys
zurckdachte, wo ich mich sogar einer schlimmeren Auffhrung schuldig gemacht
und mit einem Degen in der Hand auf der entgegengesetzten Seite, derjenigen des
Kaplans, gestanden hatte. Ich fate den Vorsatz, mich zu migen und zu bessern,
verfiel aber von neuem in den alten Fehler. Dadurch wurde ich als ein angehender
Ruhestrer selbst der Schonung bedrftig, fhlte es und wurde selber betrbt.
    Allein es war schon dafr gesorgt, da dem bedrngten Kaplan eine
unerwartete Hilfe kommen sollte. Eines Tages rasselte ein offenes Fuhrwerk,
bespannt mit einem schwerflligen Bauernpferde, vor das Schlo. Auf dem Bock sa
ein lndlicher Kutscher mit einer Tabakspfeife im Munde, in dem beckenfrmigen
Kasten dagegen, wie in der Muschel der Venus, ein seltsamer Mann mit einem
groen Schlapphute, ebenfalls eine Pfeife im Munde tragend. Neben ihm lehnte ein
mannshoher Kornsack, der aber mit vielen greren und kleineren, eckigen und
runden Gegenstnden gefllt schien und oben mit Mhe zusammengeschnrt war, so
da sich auf dem Haupte nur ein niedriges Faltenkrnlein hatte bilden knnen.
Diesen Sack hielt der Insasse des Fuhrwerkes mit der einen Hand aufrecht, vor
allem besorgt, da er mit Vorsicht abgeladen wrde. Als das geschehen, sprang er
gleich nach und blieb bei dem Sacke stehen, denselben aufrecht haltend, weil er
ihn um keinen Preis auf die etwas feuchte Erde wollte fallen lassen. Das machte
ihm den nun folgenden Wortwechsel mit dem Fuhrmann schwierig zu fhren, der sich
wegen der Bezahlung des Fahrgeldes nicht wollte aufhalten lassen, whrend der
Reisende sowohl die Hhe des geforderten Lohnes bestritt als einen Aufschub
verlangte, bis er seine Briefe abgegeben und seine Ankunft auf dem Grafensitze
gehrig ausgefhrt habe. Mit sprudelndem Munde, immer neben der Pfeife redend,
suchte er sich mit dem Fahrknechte zu verstndigen, sah sich aber stets in den
ntigen Gebrden und im Hervorsuchen der Briefe gehindert, weil der Sack
umfallen wollte, wenn er ihn loslie. Endlich kam ein Hausdiener herbei, der
nach seinen Angelegenheiten fragte.
    Dies ist mein Gepcke, guter Freund! sagte der Mann, halten Sie's ein
wenig, damit ich meine Empfehlungsbriefe an den Herren Grafen finden kann, den
ich herbeizurufen bitte!
    Der Diener hielt den Sack, der Reisende holte ein paar Briefe aus einer
dicken Brieftasche und gab sie dem Diener, worauf dieser ins Haus ging und jener
den Sack wieder selbst hielt. Nach einiger Zeit erschien der Graf mit einem der
Briefe in der Hand, um nach dem Ankmmling zu sehen. Dieser streckte ihm, an
seiner Sacksule stehend, die freie Hand entgegen und rief:
    Ich gre Sie, edler Mann und Genosse! Ist es nicht eine Freude zu leben,
mit Hutten zu reden?
    Habe ich die Ehre, Herrn Peter Gilgus zu sehen, der mir hier von den
Freunden empfohlen wird? antwortete Graf Dietrich
    Der bin ich! Ist es nicht eine Freude zu leben?
    Gewi! Aber machen Sie es sich doch etwas bequemer! Wollen Sie Ihr Gepcke
nicht abgeben und ins Haus treten?
    Ich kann nicht, bevor ich ein Wort mit Ihnen gesprochen!
    Der Graf nherte sich dem Manne, der ihm eine vertrauliche Mitteilung
machte, worauf jener dem Fuhrmann bedeutete, da er werde zufriedengestellt
werden und mit seinem Fahrzeuge nur vorerst nach den Wirtschaftsgebuden gehen
und samt dem Pferde etwas zu sich nehmen mge.
    Hierauf wurde der Sack wohlbehalten von zwei Leuten in das Haus getragen und
der Fremde vom Grafen auf sein Zimmer genommen, wo er weitere Rcksprache mit
demselben pflag.
    Herr Peter Gilgus war ein im mittlern Deutschland weggelaufener Schullehrer
und ein Apostel des Atheismus, der im wrtlichen Sinne ausgezogen war, die Welt
zu sehen und zu genieen, nachdem der liebe Gott aus derselben weggeschickt
worden. Dies Ereignis hielt er fr einen unberechenbaren Glcksfall, und er rief
unaufhrlich, wo er hinkam: Es ist eine Freude zu leben! als ob die Welt in
der Tat von ihrem grten Feinde und Bedrcker soeben befreit worden wre, seit
er die Werke des Philosophen gelesen. Er betrug sich demgem, wie wenn es
fortwhrend Sonntag und der Braten am Spiee wre, oder wie die Bevlkerung
eines kleinen Herzogtums, dessen Tyrann entflohen, oder wie ein Nest voll Muse,
wenn die Katz aus dem Hause ist.
    Als Schulmeister mochte er von der Geistlichkeit freilich arg gedrckt
worden sein; allein er freute sich ber die Vertreibung Gottes doch mehr als
billig. Immer von neuem erstaunte er ber die Herrlichkeit des Gedankens, von
dem unseligen Begriffe frei und jeder greren oder kleineren Abhngigkeit von
demselben ledig zu sein. Immer wieder ballte er die Faust gegen die ganze lange
Vergangenheit voll anthropomorphischer Gtter; aufs neue bestieg er jeden
kleinen Hgel, reckte die Hand aus und pries die Schnheit der grnen Welt,
jubelte ber die wolkenlose tiefe Blue des entgtterten Himmels und trank
buchlings liegend aus Quellen und Bchen, welche noch nie so reines und
frisches Wasser geliefert htten wie jetzt. Das hinderte ihn jedoch nicht,
sobald eine anhaltende Klte oder ein langes Regenwetter eintrat, sehr
ungehalten zu werden und einen persnlichen Groll mit altherkmmlichen
Fluchworten zu uern, wie man sie nur gegen persnlich existierende Urheber von
widerwrtigen Wirkungen braucht.
    Nach seinem Auszuge hatte er zuerst das Haupt der Schule, den Philosophen,
aufgesucht, acht Tage lang verehrt und ihm zur Weiterreise die geringe Barschaft
abgeborgt, welche der in freiwilliger Armut und Bedrfnislosigkeit lebende
Weltweise gerade besa. Derselbe gab ihm ein paar Briefe an wohlhabendere
Verehrer mit, diese sandten ihn wieder andern Freunden zu, und so zog er seit
einem Jahre von Stadt zu Stadt, von einem Landgut zum andern, lebte herrlich und
in Freuden und lobte die angebrochene neue ra. Jetzt war er endlich auch zum
Grafen Dietrich gekommen, der schon von ihm wissen mochte. Als er mit dem neuen
Gaste zu Tisch kam, war er schon ein wenig ermdet von dessen lauten Gesprchen
und Ausrufungen; der Gast aber, indem er den Lffel in die gute Suppe tauchte,
rief und sprudelte ber dicke Lippen hinaus: Es ist eine Freude zu leben!
    In mir witterte er augenblicklich einen Schtzling und Mitgast des Hauses,
machte sich nach dem Essen an mich und zwang mich, ihn auf das ihm bestimmte
Zimmer zu begleiten; unter tausend Fragen begann er sich einzurichten und seinen
Sack auszupacken, der ihm als Reisekoffer diente. Neben einer Anzahl
verschiedener Kleidungsstcke, von denen keines zum andern recht pate, kamen
die wunderlichsten Habseligkeiten zum Vorschein, und auf jedes Stck legte er
einen Affektionswert. Jeden Band in ein besonderes Tchlein gewickelt, frderte
er die in rotes Leder gebundenen Werke des Meisters zutage und stellte sie
feierlich auf den Schreibtisch, der im Zimmer war. Dann zog er ein dickes Stck
von ungebleichtem Zwillich, viele Ellen, heraus, wovon er sich im Sommer eine
deutsche Turnerkleidung dachte anfertigen zu lassen. Hierauf kamen andere
Bcher; hierauf rollten einige Metzen schne Borsdorfer Apfel hervor, von einer
schnen Gutsfrau geschenkt, wie er sagte; sodann folgte ein Stck Pkelfleisch,
in Papier gewickelt; hierauf eine blaue zusammengelegte Steppdecke, zwischen
welcher ein Bund Strickgarn lag zu neuen Strmpfen. Beim Anblick aller dieser
Dinge mute man ihm lassen, da er die Vorsehung Gottes leidlich zu ersetzen und
an alles zu denken verstehe, dessen er etwa bedrftig werden knnte. Nachdem er
noch einiges aus der Tiefe des Sackes hervorgeholt, unter anderm eine kleine
Schwarzwlderuhr, kroch er mit dem Kopfe hinein und zog aus dem untersten Grunde
einen zusammengerollten rotblumigen Hausrock hervor. Denselben entfaltend,
enthllte er eine mige Schachtel, in welcher das Modell eines Auges von der
Gre eines Kindskopfes gebettet lag.
    Gilgus ffnete die Schachtel und nahm das Auge sorgfltig heraus, um zu
sehen, ob es nicht Schaden gelitten. Es war von Wachs und Glas angefertigt und
konnte zerlegt werden, um zu Unterrichtszwecken den Bau des menschlichen Auges
vorzuweisen. Bei seinem Auszug hatte er das Auge aus der kleinen
Naturaliensammlung seiner Schule mitlaufen lassen, und es liefen deshalb berall
kleine amtliche Verfolgungen hinter ihm drein, sooft sein Aufenthalt
ausgemittelt wurde; allein er gab es nicht wieder her.
    Jetzt blies er den Staub davon, setzte es feierlich auf den Schreibtisch und
rief: Das ist das wahre Auge Gottes!
    Dieses Auge Gottes hatte natrlich nur die allergrbste Einrichtung, und
Gilgussens Kenntnis ging ber dieselbe nicht hinaus; dennoch mute sie ihm dazu
dienen, seine Freudenbotschaft mit dem Mantel der Naturwissenschaften zu
schmcken, und er fhrte das Auge gleichsam als Wahrzeichen mit sich fr jene
Erscheinung im groen, wenn die gedachten Wissenschaften beim Beginn einer neuen
Reihe von Entdeckungen dem Unendlichen jedesmal zuschreien: Holla! Wir wissen
jetzt, wie's gemacht wird!
    Auerdem diente ihm das Auge noch als Geheimarchiv und Schatzkammer. Er
ffnete den Apfel und leerte den hohlen Innenraum, dessen Inhalt vom Fahren
durcheinandergerttelt worden. Aus einer groen Flocke Baumwolle wickelte er
eine goldene Busennadel, ein silbernes Uhrkettchen, ein paar Fingerringe und
zeigte mir diese Schtze mit Wohlgefallen. Auf ein Bndelchen Rechnungen, ein
Punschrezept, ein Bndelchen Liebesbriefe, die er von den Stubenmdchen seiner
Gastfreunde erhalten, wies er mehr andeutend hin, wogegen er ein Lotterie los
mit ernster Miene entfaltete, wie wenn es eine Staatsobligation wre, und es
standen allerdings mehrere Hunderttausende in groen und kleinen Posten darauf
gedruckt; eine kleine, in Papier eingeschlagene Barschaft bezeichnete er als
Reservefonds, welchen er unter keinen Umstnden angreife und deshalb hier
aufbewahre. Ein vertrocknetes Blumenstruchen ergnzte die Sammlung und knpfte
vershnend an das menschlich Liebenswrdige an.
    Alles das war in dem Auge, und er legte das Gefllsel nun in die leere
Schachtel und verschlo diese in einer Schublade; denn er dachte das anatomische
Modell in den bevorstehenden lehrreichen Gesprchen zum Vorschein zu bringen.
    Gleich am ersten Abend, als der Kaplan zur Gesellschaft kam, nahm er diesen
zum Zielpunkt seines apostolischen Eifers, und es entstand ein gewaltiger Lrm,
bis der Geistliche die Karikatur in dem Ankmmling erkannte, pltzlich mit
vergngtem Augenblinzeln seine Fechtart vernderte und dem lrmenden, mit
blasphemischen Khnheiten um sich werfenden Peter Gilgus zu schmeicheln begann.
Er schtze sich glcklich, sagte er, eine so ausgesprochene und in ihrer Art
vollkommene Erscheinung begren und studieren zu knnen; alles absolut
Entgegengesetzte msse sich strker anziehen als das Halbe und sich schlielich
in einem hhern Elemente vereinigen. Ein leidenschaftlicher Liebhaber Gottes und
ein leidenschaftlicher Leugner Gottes zgen im Grunde an demselben Wagen, von
dem der eine sowenig loskommen knne als der andere, und so biete er ihm als
treuer Gefhrte seine Freundschaft an. Eine so fleiige und beharrliche
Gottesleugnerei sei eigentlich nur eine andere Art von versteckter Gottesfurcht,
wie es in den ersten Zeiten Heilige gegeben habe, welche den Schein groer
Lasterhaftigkeit zur Schau trugen, um in der Verachtung um so ungestrter der
gttlichen Inbrunst sich hinzugeben.
    Der verdutzte Gilgus wute nicht, wie ihm geschah, und suchte sich mit
sprudelnder Ungebrdigkeit zu helfen; doch der frhliche Kaplan umwickelte ihn
so dicht mit hundert zrtlichen Spchen, trstete ihn, der Herrgott habe schon
lngst ein Auge auf ihn und es werde noch alles gut werden, da er sich doch
gewissermaen geschmeichelt fhlte und sich auf den nchsten Tag zu einem guten
Pfarrfrhstck bei dem Kaplan einladen lie. Dort lieferten sie sich zuerst
wieder eine Wortschlacht; dann zechten sie und schlossen Freundschaft, zogen
miteinander ber Feld und in den Wirtshusern herum, wo der Kaplan immer neue
Spe mit seinem Freunde anstellte; denn er blieb immer bei Sinnen und boshaft,
whrend Gilgus den Verstand verlor, sobald er angetrunken war, und ber die
Gre seines Schicksals, ber die Feierlichkeit der Zeit, wo es eine Freude zu
leben sei, jmmerlich zu weinen begann. Wenn der Kaplan ihn in solcher
Verfassung abends oder mittags ins Schlo bringen konnte, so erreichte sein
Vergngen den hchsten Gipfel. Der Graf lchelte bald heiter, bald verdrielich,
Dorothea dagegen lachte voll neugieriger Lustbarkeit, da sie dergleichen noch
nie gesehen, besonders wenn Gilgus vor ihr auf die Knie fiel und weinend den
Saum ihres Gewandes kte; denn er hatte die Grtnerstochter, mit der er zuerst
schngetan, sogleich stehenlassen, als er vernahm, da Dortchen keine Grfin und
eine starkgeistige, freigesinnte Person sei, und offenbar hielt er sie vorlufig
fr dazu bestimmt, die Freude am groen Weltaugenblick und am Leben mit ihm zu
teilen.
    War er dann nach manchem Auftritte derart wieder nchtern geworden, so
verfiel er in tiefsinnige Trauer, und um die Scharte auszuwetzen, beging er
allerhand Kraftstcke. Trotz der khlen Jahreszeit strzte er sich badend in
Teiche und Mhlbche, so da man in der Nhe oder Ferne unvermutet seine nackte
Gestalt auf- und untertauchen sah. Mit blauem Gesicht und nassen Haaren stellte
er sich dann als neu- und wiedergeboren vor, und der Kaplan sowohl als Dortchen
und selbst das mutwillige Rschen fanden ihre tgliche Belustigung an seinem
Treiben. Der Kaplan wute bereits, da die Bauern davon sprachen, den
heidnischen Wassermann einmal aufzufischen und mit Haberstroh trockenzubrsten,
und auch hierauf freute er sich im voraus.
    Ich aber wurde durch den ganzen Vorgang nicht nur veranlat, die eigene
Streitlust zu migen, ja sogar mich stillzuhalten, sondern ich fhlte mich
beschmt, neben dem sonderbaren Gesellen als ein kaum minder abenteuerlicher
Gast dazustehen. Vollends die Art, wie jener sein Auge auf die Schnheit des
Hauses geworfen, erinnerte mich daran, da ich selbst ja das gleiche getan und
noch tue, wenn ich auch noch nichts verraten oder zu verraten bis zur Stunde
willens gewesen sei. Und das holde Gelchter, welches Dorothea in allen Zchten
fter hren lie, verdiente ich ja selbst schon in meinem innersten Herzen. Wenn
ich aufrichtig gegen mich sein wollte, so mute ich gestehen, ich sei allein um
Dorotheas willen noch dageblieben, nur besa ich nicht den Mut, es merken zu
lassen oder etwas zu hoffen. Ich war also womglich noch nrrischer als der
Peter Gilgus.
    Ich geriet durch all diese widersprechenden Empfindungen und Gedanken in
eine Art von Erstarrung, in welcher ich mich auf meine Arbeit und das stille
Studium der philosophischen Bcher zurckzog, ohne an den Disputationen weiter
teilzunehmen. Die Verliebtheit dauerte dabei fort, aber wie das Blhen der
Pflanzen, das in eingetretener Frhlingskhle eine Weile unentschieden bei
halbgeffneten Kelchen anhlt. Und gleichmig verharrte ich in der Verachtung
einer Nebenbuhlerschaft, als welche ich das Verhalten des Gilgus hinsichtlich
der neuen Weltanschauung sowohl als dem Weibe gegenber betrachtete, was
freilich weder zeitgem noch sehr menschlich war.
    Eines Vormittags kam er aufgeregt und geputzt zu mir gestrzt, als ich
ziemlich gesammelt und dennoch herb wie eine alte Jungfer an meiner Arbeit sa.
Er trug auf dem Leibe einen braunen Frack mit vergoldeten Knpfen, auf dem Kopf
eine hellfarbige Reisemtze, obgleich es Winter war. Die Angelegenheit mit
Dorothea, rief er, msse sich entscheiden; eine Verbindung eines Mannes wie er
mit einer Person wie Dorothea wre zu typisch, als da sie unterbleiben drfte;
sie sei geradezu eine philosophiegeschichtliche Pflicht, denn die Erlsung der
Welt von der Gottesidee msse sich erst recht vollziehen durch die Vermhlung
freier Geschlechtsreprsentanten, und so weiter. Ich war von der schlechten
Gesellschaft in meiner Neigung so beschmt und vergrmt, da ich ber die
Narrheit nicht einmal zu lachen imstande war. berhaupt belustigte mich die
Sache keineswegs, indem sie selbst einen leichten Schatten auf das unbefangene
Dortchen zu werfen schien.
    Ich fragte ihn daher unwirsch, ob er in seinem Fracke schon auf dem Weg sei,
den Heiratsantrag zu machen?
    Nein, sagte er, heute noch nicht! Ich will mich erst einige Tage nur
etwas sorgfltiger tragen, wie es sich auf Freiersfen geziemt. Steht mir
dieser Frack nicht gut? Ich habe ihn von einem atheistischen Bankier geschenkt
bekommen, einem groen Gnner unsers Bundes, der freilich des Sonntags noch in
die Kirche geht; denn er hat Rcksichten zu nehmen. Oh, wenn mein armes
Mtterchen das Glck noch erlebt htte, das ich haben werde!
    Ihr Mtterchen? Ist es tot?
    Schon seit zwei Jahren! Sie hat die Befreiung des Menschengeschlechtes
nicht mehr gesehen! Die trockenen Blumen, die ich im Auge Gottes aufbewahre, hat
sie mir noch an meinem letzten Geburtstage geschenkt, den sie erlebte! Sie hat
dieselben um einen Kreuzer auf dem Markte eingehandelt!
    Ein neuer Stich ging mir ins Herz; auch auf eine liebende Mutter behauptete
der Narr Anspruch zu machen, und am Ende war er noch ein besserer Sohn als ich,
der ich dasa und die meinige so gut als verga, obschon ich wute, da sie
meiner harrte. So ist unser Leben aus Wirrsal gewebt, da wir dem Nchsten kaum
einen Tadel zuwenden, den wir nicht, noch eh er ihn vernommen, auf uns selbst
beziehen knnen.
    Einige Minuten nachdem Gilgus fortgestrmt war, trat Dorothea mit einem
Krbchen voll schner Trauben und Birnen herein.
    Sie sind jetzt so fleiig und zurckgezogen, sagte sie, da man Ihnen die
kleinen Erquicklichkeiten nachtragen mu. Essen Sie von diesen Frchten, sonst
werden Sie mir zu trocken! Dafr sollen Sie uns einen guten Rat geben! Malen Sie
jedoch weiter, ich sehe Ihnen gerne zu!
    Sie nahm einen Stuhl und setzte sich zu mir.
    Papa schreibt Briefe, fuhr sie fort, mit denen er Herrn Gilgus
fortschicken will; denn er mag ihn nicht mehr dahaben. Gilgus hat heute frh die
Ackerleute, die auf dem Felde pflgen, angepredigt wie Jonas die Leute zu
Ninive, sie sollten Bue tun und von ihrem heidnischen Gottesglauben ablassen.
Das kann so nicht weitergehen. Papa will ihn heute noch wegschicken, in
ziemliche Entfernung, und mit wohlmeinenden Uriasbriefen dahin wirken, da er
weiterhin versorgt und an eine vernnftige Beschftigung gebunden wird.
    Und was kann ich denn dazu raten? frug ich.
    Nicht sowohl raten als helfen! Sie sollen ihm, sofern er sich strubt,
zureden und die Reise als etwas Notwendiges und Vergngliches darstellen. Dann
stehen ein paar Koffer bereit, welche den Inhalt seines schrecklichen Sackes
wohl aufnehmen werden. Da Sie ihm in seinem letzten Stndlein beistehen werden,
so mssen Sie ihn berzeugen, da der Sack unschicklich und verdchtig sei, und
wie zufllig die Koffer herbeischaffen. Es knnte sich nmlich ereignen, da er
strrisch wre und sie nicht wollte, und doch mag der Vater ihn nicht mit dem
Kornsacke aus seinem Hause abreisen sehen.
    Ich befrchtete zwar nicht, da Gilgus die Koffer zurckweise, versprach
aber, mein Bestes zu tun. Sie aber sagte: Nun schau ich noch ein wenig zu, wenn
es erlaubt ist! schlug die Arme ineinander und sa eine Viertelstunde neben
mir, ohne da sie oder ich etwas dazu sprach.
    Als ich endlich einen milungenen Stein, der im Vordergrunde meines Bildes
lag, mit der Spachtel wegrumte, sagte sie Hopsa! Weg damit! Dann erhob sie
sich, dankte mir fr geneigte Audienz und zog sich zurck, indem sie mir
zugleich empfahl, mich vor Tisch sehen zu lassen, um zu erfahren, wie es gehe in
der bewuten Sache.
    Es ging auch ohne Schwierigkeit alles vonstatten, wie man wnschte; Gilgus
fuhr ganz still und weichmtig mit wohlbepacktem Gefhrte von hinnen, nach der
nchsten Posthalterei, um von dort am frhen Morgen weiterzureisen. Als der
Kaplan abends zum Tee erschien, fand er es so still und friedlich, wie wenn eine
Mhle abgestanden wre. Er hatte in der letzten Zeit zuweilen einen der lteren
deutschen Mystiker mitgebracht, in der Absicht, das grundtiefe und khne Wesen
solcher Geister dem neuesten Geiste gegenberzustellen, der ebenso tiefgehend
und khn war selbst in der verzerrten Darstellung durch Gilgus, und da es ihm
hauptschlich um das Phantasienhrende und Parabolische zu tun war, dem er
nachjagte, so gab es manche Ausbeute bald zu seinen Gunsten, bald zugunsten der
andern. Fr heute hatte er des Angelus Silesius Cherubinischen Wandersmann
aufgegriffen und bedauerte, da Gilgus nicht mehr da war, da er denselben durch
den Vortrag der wunderlichen Reime zugleich zu reizen und zu bannen, uns aber in
spahafte Verlegenheit zu setzen hoffte.
    Wir baten ihn, dennoch vorzulesen, und die kleine Gesellschaft empfand die
grte Freude ber den vehementen Gottesschauer, seine lebendige Sprache und
poetische Glut. Das wollte ihm aber auch nicht recht passen; er begann immer
eifriger und nachdrcklicher zu lesen, und mit jeder Seite, die er umschlug,
erhhte sich die Teilnahme an der munteren Geisteserscheinung, bis er das
Bchlein halb rgerlich und ermdet weglegte.
    Nun nahm es der Graf in die Hand, bltterte darin und sagte dann:
    Es ist ein recht wesentliches und charaktervolles Bchlein! Wie richtig und
trefflich fngt es gleich an mit dem Reimpaar:

Rein wie das feinste Gold, steif wie ein Felsenstein,
Ganz lauter wie Kristall soll dein Gemte sein.

Kann man treffender die Grundlage aller solcher bungen und Denkarten, seien sie
bejahend oder verneinend, und den Wert bezeichnen, den man von vornherein
hinzubringen mu, wenn die ganze Sache erheblich sein soll? Wenn wir uns aber
weiter umsehen, so finden wir mit Vergngen, wie die Extreme sich berhren und
im Umwenden eines in das andere umschlagen kann. Glaubt man nicht, unsern Ludwig
Feuerbach zu hren, wenn wir die Verse lesen:

Ich bin so gro als Gott, Er ist als ich so klein,
Er kann nicht ber mich, ich unter Ihm nicht sein -?

Ferner:

Ich wei, da ohne mich Gott nicht ein Nun kann leben,
Werd ich zunicht, Er mu vor Not den Geist aufgeben.

Auch dies:

Da Gott so selig ist und lebet ohn Verlangen,
Hat Er sowohl von mir als ich von Ihm empfangen.

Oder:

Ich bin so reich als Gott, es kann kein Stublein sein,
Das ich (Mensch, glaube mir) mit Ihm nicht hab gemein.

Und nun gar:

Was man von Gott gesagt, das g'nget mir noch nicht;
Die ber-Gottheit ist mein Leben und mein Licht.

 - Wo soll ich dann nun hin?
Ich mu noch ber Gott in eine Wsten ziehn.

Und wie einfach wahr findet man das Wesen der Zeit besungen in diesem
Sinngedichtchen:




                           Man mu sich berschwenken


Mensch! wo du deinen Geist schwingst ber Ort und Zeit,
So kannst du jeden Blick sein in der Ewigkeit.

Dann:


                            Der Mensch, ist Ewigkeit

Ich selbst bin Ewigkeit, wann ich die Zeit verlasse
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse.

Und:


                             Die Zeit ist Ewigkeit

Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit,
So du nur selber nicht machst einen Unterscheid.

Alles dies macht beinahe vollstndig den Eindruck, als ob der gute Angelus nur
heute zu leben brauchte und er nur einiger vernderter uerer Schicksale
bedrfte, und der krftige Gottesschauer wre ein ebenso krftiger und
schwungvoller Philosoph unserer Zeit geworden!
    Das wird mir denn doch zu bunt, rief der Kaplan; aber Sie vergessen nur,
da es zu Schefflers Zeiten doch auch schon Denker, Philosophen und besonders
auch Reformatoren gegeben hat und da eine kleinste in ihm vorhandene Ader von
Verneinung vollkommen Gelegenheit gehabt htte, sich auszubilden!
    Sie haben recht! erwiderte ich, aber nicht ganz in Ihrem Sinne. Was ihn
abgehalten htte und wahrscheinlich noch heute abhalten wrde, ist der Gran von
Frivolitt und Geistreichigkeit, mit welcher sein glhender Mystizismus versetzt
ist; diese kleinen Elementchen wrden ihn bei aller Energie des Gedankens auch
jetzt noch im mystagogischen Lager festhalten!
    Frivolitt! rief der Kaplan, immer besser! Was wollen Sie damit sagen?
    Auf dem Titel, versetzte ich, benennt der fromme Dichter sein Buch mit
dem Zusatz: Geistreiche Sinn- und Schlureime. Allerdings hat das Wort
geistreich im damaligen Sprachgebrauch nicht ganz die jetzige Bedeutung; wenn
wir aber das Bchlein aufmerksamer durchgehen, so finden wir, da es in der Tat
auch im heutigen Sinne etwas allzu geistreich und zuwenig einfach ist, so da
jene Bezeichnung jetzt wie eine ironische Voraussage erscheint. Dann sehen Sie
aber auch die Widmung an, die Dedikation, worin der Mann seine Verse dem lieben
Gott dediziert, indem er ganz die Form nachahmt, selbst in der Anordnung des
Drucksatzes, in welcher man damals groen Herren ein Buch zuzueignen pflegte,
bis zur Unterschrift Sein allezeit sterbender Johannes Angelus.
    Betrachten Sie den bitterlich ernsten Gottesmann, den heiligen Augustinus,
und gestehen Sie aufrichtig: trauen Sie ihm zu, da er ein Buch, worin er sein
religises Herzblut ergossen, mit solch einer witzelnden, affektierten
Dedikation versehen htte? Glauben Sie berhaupt, da es demselben mglich
gewesen wre, ein so kokett launiges Bchlein zu schreiben, wie dies eines ist?
Er hatte Geist so gut als einer, aber wie streng hlt er ihn in der Zucht, wo er
es mit Gott zu tun hat! Lesen Sie seine Bekenntnisse, wie rhrend und erbaulich
ist es, wenn man sieht, wie ngstlich er alle sinnliche und geistreiche
Bilderpracht, alle Selbsttuschung oder Tuschung Gottes durch das sinnliche
Wort flieht und meidet. Wie er vielmehr jedes seiner strikten und schlichten
Worte unmittelbar an Gott selbst richtet und unter dessen Augen schreibt, damit
ja kein ungehriger Schmuck, keine Illusion, keine Art von Schntun mit Unreinem
in seine Gestndnisse hineinkomme!
    Ohne mich zu solchen Propheten und Kirchenvtern zhlen zu wollen, kann ich
doch diesen ganzen und ernstgemeinten Gott mitfhlen, und erst jetzt, wo ich ihn
nicht mehr habe, erkenne ich die willkrliche und humoristische Manier meiner
lugend, in welcher ich mit meiner vermeintlichen Religiositt die gttlichen
Dinge zu behandeln pflegte, und ich mte mich nachtrglich selber der
Frivolitt zeihen, wenn ich nicht annehmen knnte, da jene verblmte und
spahafte Art eigentlich nur die Hlle der vlligen Geistesfreiheit gewesen sei,
die ich mir endlich erworben habe.
    Haha! lachte der Priester jetzt aus vollem Halse, da haben wir's wieder!
Geistesfreiheit, Frivolitt! Da zappelt der Fisch wieder an der langen Schnur
und hlt sich fr einen Luftspringer! Bald wird er nach Luft schnappen! Den
Teufel sprt das Vlkchen nie! mchte man fast ausrufen, wenn's nicht den lieben
Herrgott anginge, verzeih mir Gott die Snde!
    rgerlich, da ich dem humoristischen Fliegenfnger nun doch wieder ins Garn
gefallen, entzog ich mich der Unterhaltung und trat schweigend an ein Fenster,
wo ich die Sterne des Groen Wagens ihren stillen Weg fahren sah. Auf einmal
rief Dorothea, welche inzwischen das Buch in die Hand genommen hatte:
    Beim Himmel, da steht das artigste Frhlingsliedchen, das ich je gesellen!
Hrt:

Blh auf, gefrorner Christ!
Der Mai ist vor der Tr,
Du bleibest ewig tot,
Blhst du nicht jetzt und hier!

Sie eilte ans Klavier, spielte und sang diese Worte in einem altertmlichen
Choralsatze von sehnschtig lockendem Tone, doch trotz der kirchlichen Form mit
einem verliebt zitternden, weltlichen Ausdruck ihrer Stimme.

                              Dreizehntes Kapitel



                                Das eiserne Bild

Obgleich noch nicht Weihnacht da war, schien gegen die Ordnung der Natur in der
Tat der Lenz kommen zu wollen. Whrend die Worte und die Melodie von Dorotheas
Frhlingslied mir in den Ohren klangen, hrte ich die ganze Nacht den Sdwind
wehen, den schmelzenden dnnen Schnee von den Dchern tropfen, und am Morgen lag
eine unnatrlich warme Sonne auf den getrockneten Gefilden, whrend die Bche
voller dahinrauschten und murmelten. Nur die Blumen, die Maliebchen und die
Schneeglckchen, fehlten. Dennoch tnte es noch fortwhrend in mir: Der Mai ist
vor der Tr, du bleibest ewig tot, blhst du nicht jetzt und hier!
    Noch gestern hatte ich geglaubt, mit meiner verschwiegenen Verliebtheit hoch
ber allem zu stehen, was ich je ber Liebe gedacht und empfunden, und nun mute
ich erfahren, da ich keine Ahnung gehabt von der Vernderung, die in dieser
falschen Frhlingsnacht vorging.
    Das Gattungsmige im Menschen erwachte mit aller Gewalt seines Wesens in
mir; das Gefhl der Schnheit und Vergnglichkeit des Lebens verdoppelte sich,
und zugleich schien mir alles Heil der Welt nur auf diesen zwei schnen Augen zu
stehen; whrend ich sie aber aus Dankbarkeit schon fr ihr bloes Dasein liebte
und ehrte, verschmhte ich, sie auch nur in Gedanken mit meiner Person zu
behelligen aus lauter Demut und Furcht, und doch war Demut wie Furcht wieder
eine Lge, wenn sie zwanzigmal mit unbestimmten Hoffnungen, mit Vorstellungen
von Glck und Freude wechselten, statt zum Entschlusse weiser Flucht zu fhren.
    Mit Ruhe und Arbeit war es nun vorbei; denn so wie ich etwas in die Hand
nehmen wollte, verirrten sich meine Augen in das Weite, und alle Gedanken flohen
dem Bilde der Geliebten nach, welches, ohne einen einzigen Augenblick zu
weichen, berall um mich her schwebte, whrend es zu derselben Zeit schwer wie
aus Eisen gegossen in meinem Herzen lag, schn, aber unerbittlich hart und
schwer. Von diesem eisernen Drucke, der mir sehr neu und grausam vorkam, war ich
nur in Dortchens Gegenwart frei; kaum sah oder hrte ich sie nicht mehr, so
stellte er sich wieder ein, und ich konnte ihn fglich ebensowohl als ein
krperliches wie als ein moralisches bel betrachten. Die Heftigkeit des
Zustandes wurde keineswegs durch das beschmende Bewutsein gemildert, da ich
an dem eben verbannten Peter Gilgus einen drolligen Genossen besa; wie ich
berhaupt nicht viel von der Meinung halte, physische oder geistige Leiden seien
leichter zu tragen, wenn sie mit andern geteilt werden. War Gilgus auch in
seiner Art von mir verschieden, so standen wir uns doch darin gleich, da beide
als arme Zuflchtige in das Haus gekommen und mit dem Begehren nach der Tochter
endeten.
    Der unzeitige Frhling hielt wochenlang an; in den Gehlzen blhte schon der
Zeidelbast, so da ich am Weihnachtsabend, da ich nichts anderes hatte, eine
Handvoll der roten duftenden Zweige auf den Bescherungstisch legen konnte. Es
wurde brigens nur den Angestellten und Dienstleuten beschert und ohne weitere
Festlichkeit; denn der Graf sagte, es zieme sich nicht, mit den Kirchlichen nur
die Lustbarkeiten, nicht aber die Peinlichkeiten und die Andachten zu teilen.
Als der Tisch geleert und das Volk abgezogen war, lag mein Strau noch da.
Dorothea ergriff ihn und sagte: Wem gehrt denn eigentlich die schne Daphne?
Gewi mir, ich seh's ihr an!
    Wenn Ihnen die Jahrszeit nicht allzu verdchtig ist, sagte ich, so
erbarmen Sie sich dieser zu frh gekommenen Sendboten!
    Ei was, man mu das Gute nehmen, wie's kommt. Haben Sie Dank; wir wollen
die Zweige gleich ins Wasser stellen, sie sollen uns das ganze Haus
durchduften!
    Dorothea war nicht nur an diesem Abend, sondern ber die ganze Festzeit
aufgerumt und von lieblichster Laune, besonders am Neujahrstage, wo zum ersten
Male, seit ich im Hause war, sich eine grere Gesellschaft zu einem Festmahle
einfand. Nicht nur der Kaplan, sondern auch der Pfarrherr, der Arzt, ein
Oberamtmann und einige Edelleute! Jugendgenossen des Grafen, welche trotz seiner
verpnten Gesinnungen ihm zugetan blieben, waren da. Selbst ein paar aufgeweckte
ltere Damen kamen angefahren und verbreiteten sogleich den guten freien oder
den freien guten Ton, der in gewissen Zeiten oft nur noch in der Gewalt der
alten Frauen steht, die andere Tage gesehen haben und fr sich nichts mehr
frchten noch hoffen. Es wurde nichts gesagt, was der einzelne nicht hren
durfte, und doch auch nichts verschwiegen, was irgend mit wohlwollender
Heiterkeit anzubringen war. Jeder fand seine Gelegenheit, ein Wort
mitzusprechen, und keiner mibrauchte sie, weil das Treffendere und deshalb
scheinbar Neuere schon gesagt war, sofern einer darauf ausging, dergleichen zu
leisten. Selbst der Kaplan bte seine Knste mit hflicher Migkeit, und der
Pfarrherr, ein rechtglubiger, aber nicht bsartiger Katholik, zog von
vornherein eine so generose Linie des allenfalls zu Dulden den um seine
behagliche Person, da die berschreitung der Grenzwehr niemandem einfiel und
sogar nicht einmal eine merkliche Annherung versucht wurde.
    Ungeachtet dieses heitern Daseins nahm ich meine Zeit wahr, um mich fr
einmal zurckzuziehen, da ich durch mein Dableiben weder aufzufallen noch zu
stren wnschte. Fr den Augenblick etwas ruhiger geworden, begab ich mich in
die alte Hauskapelle und machte mir dort einiges mit meinen Bildern zu schaffen,
die halb eingetrocknet dastanden.
    Wie ich mich so in der Stille befand, kam mir pltzlich die Mutter in den
Sinn, welche in der fernen Heimat sa und nicht wute, wo ich war, indessen es
mir hier wohlerging. Lngst htte ich ihr nun Nachricht geben knnen und sollen,
da sich die Umstnde ja fr einmal trstlich verndert hatten; da ich es
dennoch immer verschob, geschah aus unklar ineinanderflieenden Ursachen.
Erstlich hielt ich allerdings meine Angelegenheiten nicht mehr fr so sehr
wichtig und besprechenswert, seit ich aus der Not erlst war; dann dachte ich
wieder, durch die Freude einer unvermuteten Ankunft alles gutzumachen, bis wohin
die kurze Spanne Zeit, gegenber den verflossenen Jahren, nicht mehr in Betracht
kme; endlich aber scheute ich mich unbewut, bei dem jetzigen innern Zustande
irgendeinen Laut von mir zu geben, zumal die geheime Selbstliebe trotz aller
gegenteiligen Gedankengnge und Vorstze sich doch nicht eingestehen wollte, da
jede Entscheidung undenkbar sei. Als ich nun in einiger Ruhe dies Wirrsal
beschaute, fate ich doch den Entschlu, die stille Stunde zu bentzen und der
Mutter zu schreiben, wo ich sei, wie es mir gehe und da ich bald heimkehren
werde. Zu diesem Zwecke ging ich nach dem Gartenhause hinber, wo ich etwas
Bcher und Schreibzeug liegen hatte. Auf dem Wege dahin bemerkte ich, da die
Gesellschaft sich in dem wie im Frhlingslichte ruhenden Park erging; das konnte
mir als merkwrdiges Bild eines Neujahrstages und meines Aufenthaltes gleich zum
Eingange des Briefes dienen. Kaum war ich aber in meinem Zimmer oder
Schlafslchen angelangt, so klopfte es, und Rschen die Grtnerin erschien in
der Sonntagstracht der Landesgegend vom zierlichsten Schnitte; die wollene
pelzverbrmte Jacke trug sie der warmen Luft wegen nur am Arme, so da die
Brustbekleidung von grner Seide mit ihren silbernen Hkchen und Knpfchen den
Wuchs des hbschen Mdchens um so feiner zeichnete. Ein kleines Gehube, von
schwarzem Samt und Spitzen zusammengesetzt, bekleidete den Ausgang der starken
goldenen Zpfe, von denen der eine wie aus bermut ber die Schulter nach vorn
gezogen war und mit der Jacke auf dem Arme lag.
    Sie war von Seite des Fruleins an mich abgesandt mit der Aufforderung,
sogleich nebst der Botin zu ihr zu kommen und den Frauenzimmern den Ort zu
zeigen, wo ich den blhenden Zeidelbast gefunden habe. Das Mdchen lchelte
artig und schalkhaft bei seiner Verrichtung, seines vorteilhaften Aussehens
wohlbewut; der schne Anblick sa mir auch fest im Auge, doch nahm ich
denselben lediglich zugunsten der Herrin, deren Schnheit ich ihn zurechnete.
Ohne Zgern lie ich liegen, was ich vorgehabt, und eilte mit dem Mdchen durch
Bume und Herrschaften nach dem Kirchhofe, wo Dorothea wartete.
    Wo stecken Sie denn? rief sie mir entgegen; wir wollen noch mehr von dem
blhenden Zeiland suchen, das kann man nicht alle Neujahrstage. berdies sind
wir die einzigen jungen Leute hier und drfen uns auf unsere Weise auch ein
bichen des Lebens freuen!
    Sie ergriff somit meinen Arm, und wir gingen, von Rschen begleitet, nach
dem Buchenwald, den wir in acht oder zehn Minuten erreichten. Der Waldboden war
trocken wie im Sommer, und sobald wir ihn betraten, fing Dortchen an zu singen,
und zwar ein wirkliches Volkslied und im Tone, wie das Volk selber singt,
treuherzig und selbst mit den kleinen Schnrkeln verziert, die jenes anzuhngen
pflegt. Rschen fiel alsbald mit der zweiten Stimme ein, etwas tief und derb, so
da es klang, wie wenn zwei gesunde Landmdchen durch den sonntglichen Wald
gingen. Natrlich waren es von den wehmtigen Liebesgeschichten, die sie eine
nach der anderen anstimmten und andchtig zu Ende fhrten, ohne da Dortchen
meinen Arm fahrenlie, bis ein rtlicher Glanz uns anzeigte, da einige
Strucher der gesuchten Pflanze in der Nhe waren; denn die sinkende Sonne
streifte durch die Buchenstmme und traf die blhenden Zweige der Daphneen, wie
Dortchen sie mit dem botanischen Titel nannte, der mir unbekannt gewesen. Sie
jauchzte frhlich auf, und beide Mdchen liefen sogleich hin, von den narkotisch
duftenden Zweigen die schnsten zu brechen, whrend ich mich auf den Stamm eines
gefllten Baumes setzte und ihnen zuschaute, mit Wohlgefallen jeder ihrer
Bewegungen mit den Augen folgend.
    Als sie ihre Ernte gehalten, ging Rschen weiter, noch mehr Strucher
aufsuchend, und das Mdchen verlor sich allmhlich hinter den Bumen. Dorothea
hingegen kam und lie sich bei mir nieder, indem sie mir ihren Bltenstrau
unter die Nase hielt.
    Ist es nun nicht hbsch hier, sagte sie, und sind Sie nicht froh, da wir
Sie aus Ihrem Schlupfwinkel geholt haben?
    Ich wollte an meine Mutter schreiben, antwortete ich.
    Haben Sie ihr denn nicht schon frher auf den heutigen Tag einen
Neujahrsbrief geschickt?
    Ich habe ihr noch nicht geschrieben, seit ich hier bin; sie wei gar nicht,
wo ich lebe!
    Sie wei es gar nicht? Wie knnen Sie so was tun?
    Ich blickte seitwrts und kratzte mit den Fingern ein kleines Moosgrtlein
weg, das auf der silbergrauen Rinde des Stammes sa. Dann sagte ich, da ich
einen so langen Aufenthalt nicht vorhergesehen und endlich gedacht htte, die
Mutter um so froher zu berraschen, wenn ich schlielich selber kme.
    Das mu ich sagen, rief sie, morgen mssen Sie aber schreiben, ich leid
es nicht lnger! Wer ein solches Mtterchen hat, sollte seinem Schpfer danken!
Wissen Sie, da Ihr Buch aussieht wie ein Herbarium? berall, wo mir etwas
Freude machte oder wo ich Ihnen gern die Leviten gelesen htte, legte ich ein
grnes Blatt oder Gras hinein. Es liegt in meinem Sekretr eingeschlossen. Mehr
als einmal, wenn ich von Ihrer Mutter las, dachte ich: Knntest du doch bei
einem solchen Mtterchen mit unterkriechen, die du keines gekannt hast! Aber
morgen wird geschrieben! Sie mssen auf meinem Zimmer schreiben, und ich geh
Ihnen nicht von der Seite, bis der Brief fertig und zugemacht ist, und wenn Sie
folgsam sind, so schreib ich selbst noch einen Gru mit hinein!
    Das wird doch nicht wohl angehen! sagte ich.
    Warum denn nicht? O gefrorner Christ! Warum denn nicht? Darf ich Ihre
Mutter nicht gren? Und wollen Sie nicht schreiben?
    Statt zu antworten, arbeitete ich fleiig weiter an der Ausreutung des
Moosfleckes; denn das eiserne Abbild Dortchens drehte sich in meinem Herzen um,
whrend ich neben dem Urbilde sa, was es sonst nie tat, und es war, als ob es
mit furchtbarem Druck der schweren Eisenhnde sich gegen die Wnde seiner
dunklen Behausung stemmte. Indessen ergriff sie meine Hand und wiederholte mit
leiserer Stimme:
    Warum wollen Sie nicht? Oder soll ich fr Sie schreiben, gleichsam in Ihrem
Auftrage? Nein, das geht auch nicht! Aber diktieren will ich Ihnen, was ich
denke, da es der Mutter Vergngen macht, und Sie brauchen blo nachzuschreiben!
Nun?
    Eh ich aber antworten konnte, war Rschen mit einer ganzen Schrze voll
Mrzglckchen herbeigesprungen, die sie gefunden, und es war Zeit, zum Schlosse
zurckzugehen. Dortchen lie das Gesprch fallen. Sie nahm auf dem Rckwege
meinen Arm nicht wieder, ging aber dicht neben mir her. Pltzlich sagte sie:
    Rschen, leih mir deine Jacke, wenn du sie nicht brauchst!
    Es fngt doch an, mich zu frsteln!
    Rschen reichte ihr das Kleidungsstck; es fand sich aber, da es fr den
hhern Wuchs der Dorothea zu klein und eng war, so da sie es nicht anziehen
konnte.
    Wollen Sie sich nicht meines Rockes bedienen? sagte ich mit unbeholfenem
Scherze, und sie antwortete: Nein, in Ihrer Haut mag ich nicht stecken, Sie
kalter Fisch!
    Ins Schlo zurckgekehrt, hatte sie dem Tee vorzustehen, der noch
eingenommen wurde, und nachher der Verabschiedung der einzelnen Gste
beizuwohnen. Als ich mit dem Grafen und dem Kaplane noch bei einem Glase Punsch
zusammensitzen mute, kam sie, gute Nacht zu wnschen. Sie legte dem erstern den
Arm um die Schultern und sagte scherzhaft weinerlich:
    So eine Adoptivtochter fahrt doch ein elendes Leben! Nicht einmal ihrem
Vater darf sie einen Ku geben, wenn sie zu Bett geht!
    Was fllt dir ein, du Nrrchen? sagte der Graf lachend; das geht
allerdings nicht und wrde sich nicht schicken!
    Hier wendete sich das Eisen wieder in meinem Herzen und drckte mich
jmmerlich die ganze Nacht. Dazu fing es an, mir den Hals zuzuschnren, und ich
konnte nicht anders Luft bekommen als durch den Ausbruch einer Trnenflut und
erbrmlichen Schluchzens, zum ersten Mal in meinem Leben wegen Liebessachen. Der
Unwillen ber diese Schwachheit vermehrte das bel, so wie auch die unliebsame
Entdeckung, da durch die wahre Leidenschaft, als welche ich die Geschichte
ansah, die Freiheit der Person und jede vernnftige Selbstbestimmung
verlorengehe, mich elend machte.
    Als es endlich Tag wurde, war der falsche Lenz vorber, und es fiel ein mit
Schnee vermischter Regen. Dortchen sagte, als ich im Schlosse erschien, nichts
mehr vom Schreiben, und ich selbst vermochte erst recht nicht, mich
daranzumachen. Eine abermalige neue Erfahrung war der Widerwillen gegen das
Essen, welchen aus solchen Ursachen zu empfinden ich nie fr mglich gehalten
htte. Denselben zu verbergen, damit er nicht auffiel und weil er ein
trbseliges Aussehen mit sich brachte, kostete die grte Mhe, und alles das in
einem Alter, wo ich doch auch kein Konfirmand mehr war. Auch bedauerte ich,
diese schne brotsparende Leidenschaft nicht zur Zeit meiner Hungersnot besessen
zu haben, wo sie mir die besten Dienste geleistet htte. Diese realkonomische
Observation hinwieder nicht der Dorothea zu ihrer Belustigung mitteilen zu
drfen, drckte mir fast das Herz ab.
    Dortchen dagegen schien nicht bel aufgelegt und sogar mit jedem Tage
besser, ohne sich stark um mich zu kmmern. Sie machte Geldstcke wie Kreisel
ber den Tisch tanzen, brachte Kinder herbei und setzte ihnen Papiermtzen auf
die Kpfe, lie auf dem Hofe Hunde apportieren, und was dergleichen unschuldige
Schwnke mehr waren, und alles dnkte mich unergrndlich merkwrdig, reizvoll
und bestrickte mich. Alle die kleinen Teufeleien verrieten tglich heller eine
ursprngliche Anmut und Beweglichkeit des Gemtes und zeigten mit federleichten
Wendungen, da sie tausend Ncken unter den Locken sitzen hatte. Wenn nun erst
die offene, klare Herzensgte, was man so die Holdseligkeit am Weibe nennt, uns
gewinnt, so bringt uns nachher, wenn wir in unserer Einfalt entdecken, da die
Geliebte nicht nur schn und gut, sondern auch gescheit und beweglich ist, die
frhliche Kinderbosheit des Herzens vollends um Ruhe und Verstand; und so ging
auch mir ein neues Licht auf, und es befiel mich ein heftiger Schreck, nun gewi
nie wieder ruhig zu werden, da ich gerade dies kurzweilige Frauenleben niemals
mein nennen knne. Denn wenn die Liebe nicht nur schn und tief, sondern auch
recht eigentlich kurzweilig ist, so erneut sie sich selbst in jedem Augenblick
das bichen Leben hindurch und verdoppelt den Wert desselben, und nichts macht
trauriger, als ein solches Leben mglich zu sehen, ohne es zu gewinnen; ja die
allertraurigsten Leute sind die, welche glauben, das Zeug dazu zu haben, recht
lustig zu sein, und dennoch traurig sein mssen aus Mangel an guter
Gesellschaft. So dachte und fhlte ich damals, weil ich nicht wute, da es
wichtigere und dauerhaftere Dinge in der Welt gibt als jene jugendliche
Kurzweil.
    Da das schne Wesen mir mit jedem Tage anders und unbegreiflicher erschien,
obgleich sie immer dieselbe war, so verlor ich zuletzt alle Unbefangenheit des
Verkehrs, und um die Heilung meiner Krankheit zu versuchen, zog ich mich wie ein
Einsiedler in die Wildnis zurck; d.h. unter dem Vorgeben, die Gegend, Land und
Leute recht anzusehen, fing ich an, bei jeder Witterung, gut oder schlecht, den
Tag im Freien zuzubringen. Ich hielt mich aber meist auf den waldigen Hhen auf,
unter alten Tannenbestnden oder in verlassenen Khlerhtten, ohne menschliche
Gesellschaft, was schon aus dem Grunde gut war, weil ich, immer nur mit dem
einen Gegenstande beschftigt und die Herrschaft ber mich selbst vergessend,
laut zu denken und zu sprechen begann, besonders mit der Klage ber den
schmhlichen Druck, der mir wie eine fremde Krankheit angeworfen war und den ich
hundertmal mit der Hand wegzuwischen suchte.
    Ist diese Teufelei also die wirkliche Liebe? sagte ich eines Tages laut
vor mich hin, als ich unter Bumen einsam hockte und ber das Land wegblickte.
Habe ich nur ein Stck Brot weniger gegessen, als Anna krank war? Nein! Habe
ich eine Trne vergossen, als sie starb? Nein! Und doch tat ich so schn mit
meinen Gefhlen! Ich schwur, der Toten ewig treu zu sein; dieser Lebendigen aber
Treue zu schwren wre mir nicht einmal mglich, da sich das ja von selbst
versteht und ich mir nichts anderes denken kann! Wenn diese schwer erkranken
oder gar sterben sollte, wrde ich dann imstande sein, dem Ereignis so
aufmerksam zuzusehen und es gar zu beschreiben? O nein, ich fhle, es wrde mich
brechen und die Welt verfinstern! Und welch ein praktischer Kerl bin ich dennoch
gewesen, als ich so platonisch, so ganz nach dem Schema liebte und ein grner
Junge war! Wie unverschmt hab ich da gekt, die Kleine und die Groe, zum
Morgen- und Abendbrot! Und jetzt, da ich so manches Jahr lter bin und ein Stck
Welt gesehen habe, wird es mir schon bang, wenn ich nur daran denke, diese
schne und gute Person zu unbestimmter Zeit irgendeinmal kssen zu drfen!
    Dann starrte ich wieder in die Luft hinaus; doch kaum waren einige Minuten
vergangen, whrend welcher ich neugierig eine Wolke oder einen Gegenstand am
Horizont oder ein schwankendes Reis zu meinen Fen betrachtete, so kehrten die
Gedanken wieder zu ihrer alten Last zurck; denn das eiserne Bild erlaubte
nicht, da sie lnger anderswo spazierengingen. Als ich eines Abends einen
steilen Klippenpfad hinunterstieg, trat ich in der traurigen Zerstreutheit fehl
und torkelte wie ein Sinnloser ber die Felsen, da ich nicht wute, wie ich
unten ankam, und mich zu meiner Krnkung und Beschmung ziemlich verletzte. Ein
anderes Mal sa ich im Feld auf einem verlassenen Pfluge, der in der
abgebrochenen Ackerfurche stand, und machte wohl ein sehr betrbt dummes
Gesicht; denn ein vergngt grinsender Feldlmmel, der mit einem irdenen
Selterskrglein, das ihm am Rcken hing, dahergeschlenkert kam, stand vor mir
still, gaffte mich an und begann endlich unbndig zu lachen, indem er sich mit
dem rmel ber Mund und Nase fuhr. Schon das arme Krglein tat mir in den Augen
weh, da es so stillvergngt und unverschmt von der Schulter dieses Burschen
baumelte, der wahrscheinlich seinen Vespertrunk darin mitgefhrt hatte. Wie
konnte man ein solches Krgelchen herumtragen, als ob es kein Dortchen in der
Welt gbe?
    Da der grobe Gesell nicht aufhrte, dazustehen und mir ins Gesicht zu
lachen, stand ich auf, trat weinerlich und leidvoll auf ihn zu und schlug ihn
dergestalt hinter das Ohr, da der arme Kerl zur Seite taumelte; und eh er sich
wieder fassen konnte, prgelte ich all das Weh auf den fremden Rcken und
zerschlug auch seinen Krug, da mir die Hand blutete, bis der Feldlmmel,
welcher glaubte, der Teufel sei hinter ihm her, sich aus dem Staube machte und
erst aus einiger Entfernung anfing, mit Steinen nach mir zu werfen. Nach dieser
humanen Heldentat ging ich langsam davon, schttelte den Kopf und seufzte ber
soviel Herzeleid, das in der Welt sei!
    Von solcher Auffhrung selbst angegriffen, dachte ich nicht, mich daran
aufzureiben, sondern suchte den Weg, mich aus dem Irrsal zu befreien. Ich
musterte und verglich alle Umstnde, um feststellen zu knnen, da ich nicht der
Mensch sei, eine Neigung wie diejenige Dortchens erwecken zu knnen.
    Was dem einen recht, ist dem andern billig! und: Wie du mir, so ich dir!
sind zwei goldene Sprche auch in Liebeshndeln, wenigstens fr sonst
verstndige Menschen, und die beste Kur fr ein krankes Herz ist die
unzweifelhafte Gewiheit, da sein Leiden nicht geteilt wird. Nur eigensinnige
und selbstschtige Verfassungen laufen Gefahr, sich aufzulsen, wenn sie von
denen nicht geliebt werden, die ihnen gefallen. Aber was htte sein knnen und
nicht geworden ist, macht unglcklich, und der Trost hilft nicht, da die Welt
weit sei und hinter dem Berge auch noch Leute wohnen; nur das Gegenwrtige, was
man kennt, ist heilig und trstlich.
    Nachdem ich nun ausgemacht hatte, da Dortchen nicht an mich denke, ward ich
etwas ruhiger und begann zu ratschlagen, ob ich zum Danke fr ihre
Liebenswrdigkeit ihr die Sache entdecken wolle oder nicht. Ich gedachte im
ersten Falle, gelegentlich, eh ich abreiste, ihr lachend und manierlich zu
gestehen, welchen Rumor sie mir angerichtet, und sie zugleich zu bitten, sich
nicht darum zu kmmern; denn nun sei alles wieder gut und ich wohl und munter.
Auf der anderen Seite aber tauchte die Besorgnis auf, ein derartiges Gestndnis
mchte doch als schlaue Liebeswerbung angesehen werden und mich in ein schiefes
Licht bringen, der Geliebten aber einen trben Tag bereiten. Ich verfiel daher
wieder in ein unruhiges und trauriges Nachsinnen, ob ich es tun solle oder
nicht, bis zuletzt es mir doch mglich schien, mit unbefangenem Vertrauen ihr
durch offene Darstellung des ber mich gekommenen Ungewitters, unter Scherz und
Lachen, eine kleine Erheiterung zu gewhren, die sie wohl verdiene, und mir
zugleich die verlorene Ruhe zu verschaffen. Und zwar nahm ich mir vor, es sofort
zu tun. Es war eben Sonnabend und das gute Wetter auch fr den kommenden Tag in
Aussicht. Ich beschlo daher, den Sonntagmorgen mit seinem stillen Glanze zu der
verwegenen Verhandlung zu benutzen, heut aber mich nicht mehr sehen zu lassen,
um nicht durch neue Eindrcke irre zu werden in meinen Vorstzen.
    Der Morgen geriet auch auf das schnste; ein wirklicher Vorfrhling lachte
mit seinem wolkenreinen Himmel durch alle Fenster, und ich war trotz einiger
sen Bangigkeit doch guter Dinge, da ich meiner baldigen Freiheit und Erlsung
von der schmhlichen Beklemmung entgegensah und mir einbildete, nichts anderes
erreichen, zu wollen. Und dennoch beruhte die ganze se Aufregung, in welcher
ich mich feiertglich herausputzte und fortwhrend auf neue Scherze sann, die
ich in die bevorstehende Plauderei verflechten wollte, auf dem Selbstbetruge,
mit dem ich mir verbarg, da mich nur der Wunsch beseelte, mit Dorotheen wohl
oder bel von Liebe zu sprechen.
    Aber es fand sich, da sie schon am Sonnabend meilenweit weggefahren war, um
eine Freundin zu besuchen, da sie von dort nach der Residenz gehen und
berhaupt mehrere Wochen abwesend sein werde. Damit war alle meine Hoffnung
zunichte und der blaue Himmel in meinen Augen schwarz wie die Nacht. Das erste,
was ich tat, war, da ich wohl zwanzigmal den Weg vom Gartenhaus nach dem
Kirchhof hin und zurck ging und mich dabei auf die Seite des Pfades drckte, an
welcher Dortchen mit dem Saume ihrer Gewnder hinzustreifen pflegte. Aber auf
diesen Stationen brachte ich nichts heraus, als da das alte Elend mit
verstrkter Gewalt wieder da war und die Vernunft wie weggeblasen. Das Gewicht
im Herzen war auch wieder da und drckte fleiig darauf los.
    Der Graf hatte die ganze Zeit ber seiner einzigen Leidenschaft, der Jagd,
gelebt und war daher wenig zu Hause geblieben. Jetzt schien er der Sache etwas
mde zu sein und begann mich wieder aufzusuchen. Er fand mich in der Kapelle, da
ich keinen Grund mehr hatte, in die Wildnis zu laufen, und hier am einsamsten
war.
    Wie steht's denn mit den Bildern, Meister Heinrich? sagte er, mir auf die
Schulter klopfend, rcken sie vor?
    Nicht sonderlich! erwiderte ich kleinlaut und trbselig.
    Es eilt ja nicht, Sie sind uns noch lange willkommen! Dennoch seh ich Ihnen
am Gesicht an, da es gut ist, wenn Sie von der Sache mit guter Manier bald frei
werden.
    Du triffst es besser, als du weit! dachte ich und machte mich pltzlich mit
so grimmiger Entschlossenheit an die Arbeit, da ich vor Ablauf von drei Wochen
mit den Bildern fertig war. Whrend sie zum Trocknen an der Luft standen,
bestellte ich beim Tischler die Kisten, in denen sie nach der Hauptstadt
gesendet werden sollten. Dann stellte ich einige Streifereien an, um nicht
stilliegen zu mssen, und als ich eines Abends spt nach Hause kehrte, sah ich
vom Garten aus Dorotheens Zimmer erleuchtet. Mit dem Schlaf, den ich whrend der
letzten fleiigen Tage wiedergefunden, war es nun abermals aus, obgleich ich
noch nicht wute, da sie wirklich da war.
    Am Morgen erschien Rschen und berief mich zum Frhstcke, welches ihrer
Ankunft zu Ehren gemeinsam eingenommen werde. Als ich ins Schlo kam, erklang
ihre Stimme durch das Haus; sie spielte und sang wie eine Nachtigall am
Pfingstmorgen, und alles war voll Leben und Frhlichkeit; nur ich war traurig
und einsilbig, da das Scheiden nun doch vor der.
    Tre stand.
    Sie schien aber nichts davon zu merken, sondern trieb allerlei Mutwillen,
der mich immer wieder aufregte und verwirrte; dabei wandte sie sich immer an
andere und brauchte vorzglich das dienstfertige Rschen als Trgerin und
Gehilfin ihrer Possen. Als dieses gelegentlich ein kleines Silberlachen hren
lie, das ich auf meine dstere Laune bezog, lief ich dem Mdchen nach, packte
es und fate es in den Arm, indem ich mit der anderen Hand sein Kpfchen
festhielt.
    Wer wird hier ausgelacht, und was willst du denn, du Gnseblmchen? rief
ich. Das blhende Kind zappelte und strubte sich, lachte aber fort. Unversehens
hielt es still und flsterte mir ins Ohr:
    Lassen Sie uns doch lachen! Das gndige Frulein ist so vergngt und
zufrieden, da sie wieder da ist! Wissen Sie warum?
    Als ich das schlimme Geschpf verblfft und errtend freilie, legte es mir
die Hand auf die Schulter und lispelte weiter:
    Sie war so traurig die ganze Zeit, denn sie ist verliebt! Wissen Sie, in
wen?
    Ich fhlte das Herz beinah stillstehen und sagte tonlos: Nun, in wen denn?
    Ein Rittmeister bei den Krassieren! hauchte sie nun ganz leise,
himmelblaue Tracht, schneeweier Mantel, Stahlharnisch und hoher Silberhelm,
ein geschwungener Kamm darauf, und das Ganze schn wie ein Hektor, sagt sie,
obgleich unser schwarzer Hund so heit!
    Damit sprang sie davon und eilte der Herrin nach, die schon vorher
entschlpft war. Ich merkte freilich, da Scherz getrieben wurde; allein die
Schilderung eines schnen Reiteroffiziers bekam mir an sich schon nicht gut in
solchem Zusammenhange.
    Glcklicherweise langten die Kisten fr die Bilder an, welche sofort
eingepackt wurden. Ich schlug selbst die Ngel in die Deckel, da die Kapelle
von den zornigen Schlgen widerhallte; denn mit jedem Schlage nahm ich mir
gewisser vor, am nchsten Tage fortzugehen, und so dnkte es mir, als nagle ich
den eigenen Sarg zu. Aber nach, jedem Schlage schallte ein klangreiches
Gelchter oder ein frhlicher Triller von den Korridoren und Treppen her, die
Mdchen jagten hin und wider und schlugen Tren auf und zu.
    Das bewirkte, da ich in meine Gartenwohnung ging und gleich auch den
Reisekoffer packte, den ich samt neuem Inhalt bei meinem letzten Aufenthalt in
der Residenz gekauft hatte. Als ich damit fertig war, ging ich hchst
schwermtig, aber gefat ins Freie und nach dem Kirchhofe; dort setzte ich mich
auf Dortchens Lieblingsbank und hoffte, sie werde etwa herkommen und ich
wenigstens noch einige Minuten bei ihr sitzen knnen ohne Bosheit noch Gefhrde,
um sie nochmals recht anzusehen. Sie kam auch richtig nach einer Viertelstunde
herangerauscht, aber von der Grtnerstochter und dem schwarzen Hektor begleitet.
Da entfernte ich mich eiligst, im Glauben, sie htten mich noch nicht gesehen,
und lief hinter die Kirche. Als ich dort die Mdchen wieder sprechen und lachen
hrte, ging ich in der Verwirrung in das Dorf und betrat das Pfarrhaus, um beim
Kaplan Zuflucht zu suchen, angeblich aber um meine Abreise anzukndigen.
    Ich fand ihn essend am Tische sitzen, ber den die Nachmittagssonne
wegschien.
    Ich esse hier mein Vesperbrtchen, sagte er, wollen Sie nicht mithalten?
    Ich danke, erwiderte ich; wenn Sie es erlauben, so will ich Ihnen sonst
ein wenig Gesellschaft leisten!
    Das sind mir junge Leute heutzutage, sagte der Hochwrdige, das hat ja
gar keinen ordentlichen deutschen Appetit mehr! Na, die Gedanken sind auch
danach, da kann freilich nicht viel anderes herauskommen als nichts und wieder
nichts!
    Seit wann sind Hochwrden so materialistisch?
    Verwechseln Sie mir nicht das Erschaffene mit dem Unerschaffenen, unseliger
Adept, und nehmen Sie Platz! Ein Schluck Bier wird Ihnen mindestens nicht zu
schwer sein!
    So beschftigte er sich eifrig weiter mit der groen Schssel, die vor ihm
stand. Dieselbe enthielt die Anhngsel und Profilstcke eines
frischgeschlachteten Schweines, die Ohren, die Schnauze und den Ringelschwanz,
alles soeben gekocht und dem Geistlichen lieblich in die Nase duftend. Er pries
das aufgetrmte Gericht als unbertrefflich an einfacher Zartheit und Unschuld
und trank einen tchtigen Krug goldenbraunen Bieres dazu.
    Als ich etwa zehn Minuten dagesessen hatte, klopfte es an der Tre, und
Dorothea trat, nur von dem schnen Hunde begleitet, anmutig und hflich herein,
schien aber ein klein wenig befangen zu sein.
    Ich will die Herren nicht stren, sagte sie, und wollte nur den Herrn
Kaplan bitten, heute abend bei uns zu sein, da Herr Lee morgen fortreist. Sie
sind doch nicht abgehalten?
    Gewi werde ich kommen! erwiderte der Pfarrer, der sich schon wieder
gesetzt hatte und seine angenehme Arbeit fortsetzte, bitte, mein Liebster,
holen Sie doch einen Stuhl fr das gndige Freulein!
    Das tat ich mit groem Eifer und stellte einen zweiten Stuhl an den Tisch,
mir gerade gegenber. Dorothea dankte mit freundlichem Lcheln und sah
bescheiden vor sich nieder, indem sie Platz nahm. Nun war ich doch glckselig,
da ich in der wohnlichen und sonnigen Priesterstube ihr gegenbersa und sie
sich so gutmtig und still verhielt. Der Kaplan sprach essend und immer allein,
und wir brauchten ihm nur zuzuhren, indes der Hund mit feurigen Augen und
offenem Manne auf Schssel, Hnde und Mund des Hochwrdigen starrte.
    Ach, der arme Hund, wie es ihn gelstet! sagte Dortchen, essen Sie dies
auch, Herr Kaplan, oder erlauben Sie, da ich es ihm gebe?
    Sie zeigte hiebei auf das krumme Schwnzchen, das sich manierlich auf dem
Rande der Schssel darstellte.
    Dies Sauschwnzchen? sagte der Kaplan, nein, mein Frulein, das knnen
Sie ihm nicht geben, da e ich selber! Warten Sie, hier ist etwas fr ihn! und
er setzte dem lsternen Tier einen Teller vor, in welchen er allerhand
Knchelchen und Knorpelwerk geworfen hatte. Dortchen und ich sahen uns
unwillkrlich an und muten lcheln, weil die ungetrbte Freude des Geistlichen
an dem bescheidenen Gegenstande uns erheiterte. Auch der Hund, der sich begierig
mit seinem Teller unterhielt, vermehrte durch seine Behaglichkeit die gute
Stimmung. Dortchen streichelte ihm den Kopf, als ich eben mit der Hand ber
seinen glnzenden Rcken fuhr, und als sie achtlos Gefahr lief, mir mit ihrer
Hand zu begegnen, zog ich die meinige hflich zurck, wofr sie mich schnell mit
einem halben Lcheln anblickte.
    Am offenen Fenster wehten die Vorhnge, sachte von der Luft bewegt, und vor
demselben tanzte ein Schwarm schimmernder Mcklein in der Sonne, die einzelnen
kaum erkennbar, mit einer Hast und Leidenschaft durcheinander, als ob sie die
Krze der ihnen verliehenen Frist gekannt htten, die sich vielleicht nach
halben Stunden berechnete.
    In diesem Augenblick wurde der geistliche Herr von der Haushlterin
abgerufen, um an Stelle des abwesenden Pfarrers einem vorbeschiedenen
unfriedfertigen Ehepaar Audienz zu erteilen.
    Das mu doch immer gezankt haben, es ist ein Graus mit diesen Eheleuten!
rief der ber die Strung ungehaltene Zlibatr; rumt den Tisch ab, Therese,
ich esse nachher nicht mehr!
    Damit lief er nach dem Studierzimmer des Pfarrers, ohne uns zu
verabschieden, und wir waren so veranlat, an dem weigedeckten Tische sitzen zu
bleiben; denn die Wirtschafterin nahm blo Schssel und Teller mit und lie das
Tuch liegen. Ich blickte wortlos auf die runde weie Flche, die, von der jungen
Sonne beleuchtet, zwischen uns glnzte. Das Wort Eheleute, das der Geistliche
zuletzt ausgesprochen, klang gleichsam noch in der Luft, da niemand sprach; denn
auch Dortchen sa schweigend da, die Hand auf den Kopf des Hundes gelegt, der
mit seinem Schmause auch fertig war. Das verfngliche Wort klang aber nicht mit
seinem Zusammenhange nach, sondern erweckte mir die Vorstellung von zwei
Leutchen, die glcklich in huslicher Abgeschlossenheit am Tische sich
gegenbersitzen. Es war, als ob das weie Rund sich mit Bildern des Glckes
belebte, und es ergriff mich ein tiefes Leiden um Dortchen, da es mir beim
Himmel nicht mglich schien, da sie anders als an meiner Seite glcklich und
zufrieden alt werden knne. Mit einem Seufzer richtete ich die feucht werdenden
Augen auf und sah erschrocken, wie Dortchens Augen mit Teilnahme auf mir zu
ruhen schienen, whrend den geschlossenen Lippen ein weicher, nicht
unfreundlicher Ernst den schnsten Ausdruck gab und das Haupt nachdenklich sich
leicht seitwrts neigte. Auch nachdem ich aufgeblickt, vernderte sie Haltung
und Ausdruck nicht sofort, und erst als ihre Augen auch einen feuchtern Glanz
bekamen, nahm sie sich zusammen. Das Bild dieses Augenblickes ist mir auch
geblieben gleich dem stillen Glanz eines Sternes, den man einmal in ungewhnlich
klarer Luft leuchten sah und niemals vergit.
    Ich rang nach Worten, um das Schweigen zu unterbrechen, und Dortchen, mit
dem gleichen Bestreben schneller fertig, ffnete eben den Mund, als die
Wirtschafterin des Pfarrhauses wieder eintrat und nicht mehr wegging, da sie
sich berufen fhlen mochte, die junge Herrschaftsdame zu unterhalten. Es dauerte
nicht lang, so kehrte auch der Kaplan von seinem Geschft zurck, das er rascher
erledigt, als er gehofft hatte, und da sich nun ein haushlterisches Gesprch
abzuspinnen begann, benutzte ich die Gelegenheit, grte und entfernte mich, um
mein volles Herz hinauszuflchten. Dortchen sah mir nach und rief mir zu, ich
mge doch nicht zu spt im Schlosse erscheinen.
    Nach einigem Herumstreifen gelangte ich an die Stelle, wo ich bei meiner
Ankunft aus dem Walde herausgetreten war und die abendliche Regenlandschaft mit
dem Gute und der alten Kirche erblickt hatte. Ich ging auf die Kirche zu und in
dieselbe hinein, und da ein altes Mtterchen darin kniete und ihr Gebet
murmelte, schlich ich hinter ihr weg in eine Art Krypta, welche den ltesten
Teil des Gebudes und einen halbdunklen Raum bildete, dessen romanische Fenster
zur Hlfte vermauert waren. In diesem Raum waren im Laufe der Zeit eine Menge
Gegenstnde untergebracht worden, die ihn verengten.
    Vorzglich tat dies ein Grabmal von schwarzem Kalkstein, auf welchem ein
langer Ritter ausgestreckt lag, die Hnde auf der Brust gefaltet. An seiner
Seite, auf dem Rande des Sarkophages, stand eine fest verschlossene und
verltete Bchse von Bronze in Form einer kleinen Urne, zierlich gegossen und
ziseliert und mit einer schlanken Kette vom nmlichen Metall an dem
Brustharnisch des steinernen Ritters befestigt. Nach der berlieferung enthielt
die Bchse das einbalsamierte und vertrocknete Herz des Beigesetzten, und das
Gef wie die Kette war gnzlich oxydiert und schillerte grnlich im Zwielicht
der Krypta. Das Grabmal aber gehrte einem burgundischen Ritter an, der gegen
Ende des fnfzehnten Jahrhunderts, von wilder und unsteter, aber ehrlicher
Natur, von allerhand Unstern und Frauenmihandlung verfolgt, durch die Lnder
geirrt war und bei den Vorfahren des Grafen hier seine letzte Zuflucht gefunden
hatte, wo das Herz dann endlich an einem letzten Verrate gebrochen sein sollte.
    Das Grabmal hatte er sich selbst gestiftet und den einsamen Platz dazu
ausgebeten; die Gruft des grflichen Geschlechtes war schon damals in die
grere Kirche verlegt worden. An das Herz in der Bchse knpften sich
verschiedene Sagen, die vom Volke erzhlt wurden, wie zum Beispiele der
verliebt Burgauner verordnet habe, sein Herz solle so lang auf seinem Grab
angebunden bleiben, bis lebendig oder tot eine gewisse Dame komme und es in das
Vaterland heimhole, und geschehe es nicht, so sollte sie sowenig die ewige Ruhe
finden, als er sie zu finden hoffe; ein jedes andere Weibsstck aber, so die
Bchse mit dem Herzen in die Hand zu nehmen sich erdreiste, soll gehalten sein,
dieselbe dreimal zu kssen und drei Vaterunser zu beten, sonst werde der
verliebt Burgauner ihr die Hand lahm machen oder ein Knie brechen und
dergleichen. Solche berlieferungen mochten auch bewirkt haben, da die Kapsel
samt der Kette sich so lange Zeit an Ort und Stelle erhalten hatte.
    Dem romantischen Denkmale gegenber sa ich in einem dunklen Winkel zwischen
ausgedienten Tabernakeln und Prozessionsgertschaften und berlie mich den
Gedanken ber die bevorstehende Trennung, die um so trauriger waren, als ich in
dieser letzten Stunde mir sagen mute, bei aller Abenteuerlichkeit des Erlebten
werde das Glck schwerlich so weit gehen, mir auch noch mit einer Eroberung so
glnzender Art aufzuwarten, wie sie mir im Sinne lag. Zu dieser planen Einsicht
drngte mich die Not des entscheidenden Augenblickes, und hiezu gesellte sich
die Beschmung ber die kindische Art, in die ich verfallen, sofort nach dem
Glnzenden zu greifen. Mit solchen Gefhlen ringend, suchte sich dann die
vershnte Neigung, die, nichts fr sich hoffend, nur dem Geliebten zugetan sein
will, emporzuarbeiten, soweit sie nicht auch wieder eine verkleidete
Begehrlichkeit war; kurz, ich brachte dergestalt die Zeit in der Dmmerung der
Krypta zu, bis ich von der ueren Kirche her ein Getrippel leichter Schritte
und zugleich weibliche Stimmen vernahm. Aufhorchend erkannte ich sie als
Dorotheas und Rschens Stimmen. Die Mdchen schienen diesmal nicht zu lachen,
sondern angelegentlich etwas zu beraten. Doch bald dauerte ihnen der Ernst zu
lang; denn sie kamen ber die paar Stufen herunter in die Krypta gehuscht, und
Dorothea rief: Komm, Rschen, wir wollen wieder einmal den verliebten Ritter
besehen!
    Sie stellten sich vor das Grabmal und schauten dem steinernen Manne
neugierig in das dunkle ehrliche Gesicht.
    O Gott! ich frchte mich, flsterte Rschen und wollte entfliehen.
Dortchen aber hielt jene fest und sagte laut:
    Warum denn, Nrrchen? Der tut niemand was zuleid! Sieh, wie es ein guter
Kerl ist!
    Sie nahm das erzene Gef in die Hand und wog es bedchtig in derselben;
aber pltzlich schttelte sie es, so stark sie konnte, auf und nieder, da das
eingetrocknete Etwas, das seit vierhundert Jahren darin verschlossen lag,
deutlich zu hren war und die Kette dazu klang. Dortchen atmete heftig; da ein
Strahl des Tages auf ihr Gesicht fiel, sah ich, wie dasselbe die Farbe wechselte
und von einer rosigen Rte in Marmorblsse berging.
    Hre die Klappernu, wie sie raschelt! rief sie, da, klappre auch damit!
    Sie drckte dem zitternden Rschen das Gef in die Hnde; aber es tat einen
Schrei und lie das Herz fallen, und Dortchen fing es mit aller Gewandtheit auf
und lie es abermals klappern.
    Ich, von dessen Gegenwart sie keine Ahnung hatten, schaute ganz erstaunt dem
Spiele zu.
    Wart, du Teufel! dachte ich, dich will ich schn erschrecken!
    Schnell trocknete ich die nassen Augen, stie einen hohlen Seufzer aus und
sprach mit einer traurigen Stimme, die ich gar nicht sehr zu verstellen
brauchte, in lterm Franzsisch:
    Dame, s'il vous plaist, laissez cestuy cueur en repos!
    Mit einem Doppelschrei flohen die Mdchen aus der Krypta und der Kirche wie
besessen, Dortchen voraus, welche mit einem schwungvollen Satz ber die Stufen
und die Schwelle der Kirchentre hinaussprang, schneebleich, aber immer noch
lachend ihr Kleid zusammennahm und ber den Kirchhof wegeilte, bis sie zu ihrer
Ruhebank kam und sich auf dieselbe warf, was ich alles durch eines der Fenster
beobachten konnte, das ich rasch erklettert hatte.
    Dortchen, deren Gesicht fast die Farbe ihrer weien Zhne hatte, lehnte sich
zurck, die Hnde um das Knie geschlungen, und Rschen rief:
    Du groer Gott, es hat gespukt!
    Jawohl, es spukt, es spukt! sagte Dortchen und lachte wie eine Tolle.
    Du Gottlose! Frchtest du dich denn gar nicht? Klopft dein Herz nicht
schrecklicher, als das tote Herz dort geklappert hat?
    Mein Herz? antwortete Dortchen, ich sage dir, es ist guter Dinge!
    Was hat es denn gerufen? fragte Rschen, die immerfort beide Hnde an ihr
eignes Herz hielt und abwechselnd prfte, ob sie noch beweglich seien; was hat
das franzsische Gespenst gesagt?
    Frulein, hat es gesagt, wenn es Euch gefllt, so nehmt dies Herz und macht
es zu Euerem Nadelkissen! Geh wieder hin und sag, wir wollten uns bedenken! Geh,
geh, geh!
    Sie sprang auf, als ob sie die hbsche Dienerin wirklich nach der Kirche
zurckschieben wollte, umhalste sie aber unversehens und drckte ihr heftige
Ksse auf die Wangen. Dann verschwanden beide unter den Bumen.
    Eine gute Weile spter stieg ich auch aus meinem Schlupfwinkel hervor, um
die letzten Dinge zu besorgen, die noch brig waren. Ich ging in das Parkhaus
und stellte die Reisefertigkeit vollstndig her; richtig war der Schdel beim
Packen des Koffers wieder vergessen worden, weshalb ich nochmals Raum schaffen
mute. Zuletzt war auch er untergebracht, und zwar als die einzige Habseligkeit
von denen, die ich einst aus der Heimat in die Fremde mitgenommen hatte. Darum
war mir auch, als ich es recht bedachte, die arme Scherbe erst jetzt wert; lange
Jahre schon hatte sie in der heimatlichen Erde gelegen, dann mit mir die Kammer
geteilt und, wenn auch als ein stummes Gerte, meine vergangenen Tage gesehen,
und so kehrte ich wenigstens nicht ganz vor der alten Ausstattung entblt
zurck.
    Dies verrichtet, begab ich mich zum Grafen, die Unterredung mit ihm zu
halten, die durch die letzten Stunden meines Hierseins sowie schon von der
Pflicht der Dankbarkeit gefordert wurde. Er wollte aber jetzt nichts von solchen
Verhandlungen wissen, sondern bestand darauf, mich abermals nach der Hauptstadt
zu begleiten und Zeuge zu sein, wie ich es mit meinen Bildern anfangen und es
mir ergehen wrde.
    Man msse verhten, sagte er, da ich nicht schon nach dem ersten Anlaufe
wieder einen Trdler aufsuche. Das wre nicht zu befrchten, antwortete ich,
weil ich ja nun reich genug wre, die Bilder fr einstweilen zu behalten und mit
nach Hause zu bringen, wo sie sogar Zeugnis ber die Art, wie ich die Zeit
verbracht, ablegen knnten. Nichts da, meinte er, in der Kunststadt mten sie
ihre Wirkung tun, sonst habe mein bevorstehender Entschlu nicht die rechte
Grundlage.
    Vom Grafen hinweg ging ich auf die Terrasse, wo ich die kurze Zeit bis zur
Stunde der abendlichen Zusammenkunft zubringen wollte. Auf einem Tische des
dahin fhrenden Gemaches stand eine Schssel mit feineren Zuckersachen, wie man
sie in buntes Papier zu wickeln und mit allerlei Sinnsprchen oder sogenannten
Devisen zu begleiten pflegt. Dorothea hatte die Gewohnheit, dergleichen
Naschwerk selber zu wickeln und statt der gewhnlichen trivialen Reimereien gute
Sinngedichte, Distichen und Liederstrophen einzulegen, welche sie aus allen
mglichen Dichtern und verschiedenen Sprachen zusammensuchte. Sie lie ganze
Sammlungen solcher Zierlichkeiten auf Bogen drucken, die man nach Bedrfnis
zerschneiden konnte, und besa das Talent, jeweilig eine so artige Auswahl
zusammenzubringen, da die Gesellschaft beim Nachtische durch anmutig heitere
oder witzige und spitzige Vorstellungen oder auch beides abwechselnd nicht
selten in angeregte Stimmung versetzt wurde. Auch trieb sie allerhand Schwank,
indem sie oft zwei Zeilen aus verschiedenen Dichtern zusammenfgte, und man
glaubte, Bekanntes zu lesen, indessen die neue Wendung, der entgegengesetzte
Sinn, welchen das Unbekannt-Bekannte ergab, die Leser in die Irre fhrte. Einen
Vorrat dieses so zubereiteten Naschwerkes, in einem Krbchen von Silberdraht
geordnet, das sie beim Gebrauche noch mit Blumen schmckte, hielt sie jederzeit
bereit und bot es bei gegebener Veranlassung selbst herum. Mir sagte die
Spielerei eigentlich nicht sehr zu; doch hielt ich sie aus verliebter
Rechtglubigkeit, wo nicht fr groartig, mindestens fr verzeihlich und
liebenswrdig, wie man ja immer froh ist, kleine Mngel an geliebten Personen zu
finden, um sie nur ohne Verzug verzeihen und sogar mitlieben zu knnen.
    Jetzt war Dortchen offenbar beschftigt, ein solches Krbchen neu zu fllen,
und wahrscheinlich von der Arbeit unerwartet abgerufen worden. Da ich mich durch
den Auftritt in der Krypta und den bevorstehenden Abschied freier fhlte als
sonst und mir nichts daraus machte, von der Zurckkehrenden betroffen zu werden,
setzte ich mich an den Tisch und besah mir, was Dorothea heute betrieb. Sie
hatte in der Tat schon eine gute Zahl ser viereckiger Tfelchen in glnzendes
Papier eingeschlagen und in das Krbchen gelegt; als ich nachschaute, was fr
eine Art von Versen und Epigrammen sie bereithielt, fand ich ein Bschel
kleiner, auf zartes grnes Papier gedruckter Zettel, auf welchen allen dasselbe
und einzige Gedichtlein zu lesen war:

Hoffnung hintergehet zwar,
Aber nur, was wankelmtig;
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treugesinnten Herzen gtig;
Hoffnung senket ihren Grund
In das Herz, nicht in den Mund!

Wo ich das kleine Papierbschel sachte auseinanderschlug (es war von einem
grnseidenen Bndchen zusammengehalten), berall blickten mir diese einfachen,
treuherzigen und doch so aufregenden Worte entgegen. Vorsichtig griff ich das
eine und andere der bereits fertigen Tfelchen aus dem Krbchen, machte es ein
wenig auf und fand in jeder Hlle das gleiche grne Liedchen. Es klang mir wie
der trstende Ruf einer Wachtel im einsamen Feld oder der leis anschwellende und
traulich abbrechende halbe Gesang einer Drossel in der Tiefe des Waldes.
    Da meines Wissens heute keine grere Gesellschaft da war, die einen
Nachtisch erheischen konnte, so mute die Absicht von Dortchens diesmaligem
Einfall einer zuknftigen Gelegenheit vorbehalten sein, die mir ein Geheimnis
war. Pltzlich lie ich alles liegen und schlpfte auf die Terrasse hinaus, wo
ich mich auf einen Stuhl warf und mit nachdenklichen Seufzern die noch brige
Zeit verbrachte. Es dauerte nicht lange, so erschien Dortchen mit einigen jungen
blaroten Rosen, die sie ohne Zweifel im Treibhause geholt, und mit einem
brennenden Handleuchter, weil die Dmmerung begann, zur Dunkelheit zu werden.
Sie setzte unbesorgt ihre Arbeit fort, packte noch ein halbes Dutzend Zucker-
und Vanillestcke und dergleichen mit den Zetteln zusammen und summte dazu mit
halber Stimme mehrmals die zwei Zeilen:

Hoffnung hintergehet zwar,
Aber nur, was wankelmtig,

bis sie mit dem letzten Stcke auf den Schlu bersprang:

Hoffnung senket ihren Grund
In das Herz, nicht in den Mund!

und denselben mit wei Gott welcher Melodie und etwas lauter in den tiefsten
Tnen verklingen lie, deren ihre Stimme fhig war. Dann barg sie rasch den
ungebrauchten Rest der feinen Zettelchen in einer Tasche ihres Kleides,
besteckte das Krbchen mit den Rosen und eilte mit der ganzen reizenden
Veranstaltung, den Leuchter zur Hand nehmend, aus dem Saale, und ich hatte dem
lieblichen Tun durch eines der hohen Fenster zugeschaut, freilich von den
Florbehngen desselben halb verhllt.
    Die vergngliche Stimme des Kaplans lie sich hren; ich sumte nicht, ber
die Terrassenstufen hinunter- und ihm entgegenzugehen, und betrat in seiner
Gesellschaft wieder das Haus und die Rume, in welchen die Abende zugebracht
wurden. Mit diesem knstlichen Umwege verhtete ich, da Dortchen irgendwie
ahnen knne, ich wisse das sonderbare Geheimnis ihres Krbchens. Als wir nun zu
viert am Tische saen, verlief die Zeit mir nur allzu schnell; denn die
Eigenliebe erfreute sich an dem Wohlwollen, welches meine Person zum Gegenstande
der letzten Unterhaltung machte, und die Gewiheit, da ich wirklich zum letzten
Male Dortchens Gegenwart geniee, verkrzte die Stunden um das Doppelte. Der
Graf meinte, er habe sich an meine Gesellschaft gewhnt, und wenn es sich nur um
ihn handelte, so liee er mich noch lange nicht ziehen; der Kaplan aber rief
nein, ich msse gehen, damit ich, was er sicher hoffe, durch die Luftvernderung
und in meinem schnen Vaterlande die verlorenen Ideale wiederfinde.
    Lachend versetzte ich, nach gewissen Weissagungen meiner Trume werde ich
jedenfalls zu neuen Ideen kommen, und ich erzhlte von der kristallenen Treppe,
in deren Stufen die Ideen in Gestalt kleiner Frauensleutchen schliefen. Der
Kaplan wunderte sich hierber und guckte mich immer verdutzter an, als ich
fortfuhr, jene Ausgeburten des Schlafes in unglcklicher Zeit zu schildern; denn
hiemit bewies ich ihm, da ich im Schlafe noch toller, das heit idealischer
sein knne nach seinen Begriffen als er im Wachen. Ich erzhlte von der Brcke
der Identitt, von dem Goldregen, den ich auf dem fliegenden Pferde gemacht, und
wie ich ber das Kirchendach heruntergepurzelt und endlich in Trbseligkeit vor
dem mtterlichen Hause gestanden sei, nachdem mir dasselbe erst wunderbar in die
Augen geglnzt habe.
    Da ich von dem feurigen Extraweine, welchen wir tranken, etwas vorlauter
Laune geworden, schmckte ich diese Dinge noch mit manchen Zutaten und
Hirngespinsten aus und endigte zuletzt wie ein Mrchenerzhler, der dem Volke
seinen blauen Dunst vorgemacht.
    Der hat ja ein Maul wie eine laufende Schuld! sagte der Kaplan, in seiner
Verwirrung ber die groartige Flunkerei zu dem grblichen Volksausdrucke
greifend; denn ich schien ihm arg ins Handwerk gepfuscht zu haben, indem ich ein
wirklich Erlebtes schilderte, das doch ein Nichts, ein Traum war; der Graf
sagte:
    Diese Beredsamkeit haben wir allerdings bisher an unserm Freunde nicht
entdecken knnen! Ist es aber nun geschehen, so hindert mich nichts, mir zu
denken, da ich sie eines Tages zu ernsteren Dingen verwendet sehe. Wir wollen
auf unser aller gute Zukunft anstoen!
    Er schenkte die Glser voll, und wir lieen dieselben zusammenklingen, ohne
da ich mich jedoch bemhte, ber den Sinn seiner Worte klarzuwerden; denn ich
sah unversehens Dorothea mit dem rosengeschmckten Krbchen herankommen.
    Auch ich will einen Spruch tun, sagte sie, als sie mir zur Seite stand;
aber ich berlasse die Abfassung dem Zufall dieses wohlbekannten Orakelkorbes;
nehmen Sie sich ein Bonbon heraus, nur eines, aber vorsichtig und bedchtig!
    Ich sah erstaunt und fragend zu ihr auf; denn ich wute ja, da in jedem der
zierlichen Paketchen der gleiche Spruch lag.
    Welches raten Sie mir denn zu nehmen? fragte ich mit innerer Bewegung;
allein gleichmtig erwiderte sie:
    Ich darf mich nicht dareinmischen, wenn das Orakel wirken soll!
    Soll ich dieses nehmen?
    Ich wei nicht!
    Oder dieses?
    Ich sage nichts, weder ja noch nein!
    So nehm ich dieses und bedanke mich schnstens! rief ich, indem ich das
Papierchen ffnete und Dortchen rasch das Krbchen zurckzog.
    Nun, was steht darin? rief der Kaplan, ber welche Frage ich froh war, da
ich die Verse kaum vernehmbar vorzutragen vermochte. Ich gab ihm den Zettel mit
der Bitte, denselben selbst zu lesen. Das tat er mit gutem Ausdruck.
    Ein ganz schner Spruch! sagte er; damit knnen Sie zufrieden sein; er
beruht auf einer frommen und getreuen Weltanschauung, dergleichen nicht mehr
allzu hufig ist! Aber nun, Gndigste! reichen Sie mir das Krbchen auch dar,
und lassen Sie mich sehen, was ich als Dableibender erhalten werde!
    Er griff begierig nach dem Krbchen. Sie versetzte aber:
    Nchsten Sonntag drfen Sie etwas zum Dableiben auswhlen, Hochwrden!
Heute bekommt nur der, welcher geht! Damit eilte sie weg und verschlo das
Krbchen sorgfltig in einem Schranke.
    Als am nchsten Vormittag der Graf und ich bereits in dem bequemen
Reisewagen saen, sagte Dorothea, die uns beiden schon die Hand gegeben und
jetzt pltzlich nochmals zum Wagen trat: Nun ist doch etwas vergessen! Ihr
grnes Buch, Herr Heinrich, liegt noch in meiner Verwahrung! Soll ich es rasch
holen?
    La nur! sagte mein Reisegefhrte; es hlt uns zu lange auf; wenn er uns,
wie zu hoffen, bald schreibt, so knnen wir ihm das Buch wohlbehalten
nachsenden, nicht so?
    Ich nickte nur froh aufatmend meine Zustimmung, da mit dem Buche ein Teil
meiner selbst in der unmittelbaren Nhe Dortchens zu bleiben schien.
    Ich will es in sicherm Verschlu halten, und es soll ihm nichts
geschehen!, sagte sie und winkte mir, whrend wir wegfuhren, mit vollem
freundlichem Blicke zu. Damals habe ich das schne Wesen dennoch zum letzen Mal
in meinem Leben gesehen.

                              Vierzehntes Kapitel



                         Die Rckkehr und ein Ave Csar

Zwei breite Goldrahmen, im voraus bestellt, waren fertig, als wir in der Stadt
ankamen, die wir nun zum zweiten Male gemeinschaftlich besuchten. Mein
Beschtzer machte sich sofort daran, den Einflu zu benutzen, der ihm der Titel
und auch seiner Person wegen in unverfnglichen Dingen nicht verkmmert war; die
Bilder hingen deshalb nach wenigen Tagen im besten Lichte der Ausstellungsrume,
in welchen ich einst so ungeschickt und dunkel aufgetreten. Sie waren freilich
keine Meisterwerke, aber auch nicht gehaltlos und konnten ebensowohl einen
Fortschritt als den Stillstand begrenzter Fhigkeit in sich bergen, das ewige
Ausruhen von einem einmaligen Anlaufe, wo der Anlufer in sich gegangen ist und
am Wegbord der goldenen Mittelstrae, der vielbegangenen, sitzen bleibt.
    Zu meiner Verwunderung hingen auch jene zwei kleinen Bilder daneben, die von
mir dem israelitischen Schneider und Gemldehndler um ein Kleid berlassen
worden. Der Graf hatte sie, da er von der Sache wute, aufgestbert und aus
dritter Hand an sich gebracht. Jetzt waren sie mit Zetteln verziert, worauf das
stattliche Wort Verkauft geschrieben stand. Diese List des Grafen erweckte ein
gnstiges Vorurteil fr die ganze kleine Sammlung der vier Stcke, und in dem
nchsten Kunstbericht einer verbreiteten groen Zeitung war ihrer schon in
einigen aufmunternden Zeilen gedacht, wenn auch nicht mit sehr zutreffenden
Worten. Kurz, nach wenigen Tagen meldete sich ein bedeutender Kunsthndler,
welcher die deutschen Malerschulen bereiste, um ganze Bildersammlungen fr
entlegene Hinterlnder zu erwerben. Durch diesen Kufer, der meine Bilder zu
bescheidenem Preise anzukaufen hoffte, wrde mein Name den Zusatz Mitglied der
X'er Schule erhalten haben, eine Ehre, die ich mir nicht htte trumen lassen.
Der Graf jedoch meinte, die Bilder mten an einen Liebhaber und nicht an einen
Handelsmann verkauft werden und er sei einem solchen bereits auf der Spur.
    Nach abermals einigen Tagen aber bergab mir der Kustos der Ausstellung
einen fr mich aus dem Norden angekommenen Brief. Er war von Erikson, welcher
schrieb: Lieber Heinrich, ich lese eben in der dortigen Zeitung, die ich meiner
Frau wegen halte, da Du noch dort bist und vier Arbeiten ausgestellt hast, zwei
kleine und zwei grere. Wenn Du fr die einen oder andern noch keine Bestimmung
weit, so berlasse mir eines der beiden Paare und schick es mir; ich zhle
darauf! Den Preis setze auf anstndigem Fue und nicht zu schchtern an; denn Du
mut wissen, da es mir gut geht. Ich habe den Stand unsers Hauses
wiederherstellen knnen, ohne das Geld meiner Frau zu brauchen, und berdies
Ersparnisse gemacht, nmlich zwei Bbchen, von denen der ltere neulich schon
den Teufel an die Wand gemalt hat, und zwar mit Kirschmus, als er die Mama sagen
hrte, man solle das gerade nicht tun. Ein nettes Krutchen, und ist noch nicht
drei Jahr alt! Kann ich die Bilder bekommen, so schreib recht viel dazu!
    Ich entschied mich ohne Zaudern fr dies Freundesangebot, das meinen
Entschlu, der Kunst zu entsagen, am leichtesten bestehen lie; denn ein solcher
Ankauf aus freundschaftlichem Wohlwollen war ja noch kein Beweis fr den wahren
Knstlerberuf. Der Graf mute mir beistimmen, obgleich ich den Verdacht hegte,
da es mit seinem Verkaufsprojekte nicht viel anders beschaffen sein mochte.
    Die Bilder wurden an Erikson abgesandt. In meinem Briefe, den ich wegen zu
vollen Herzens nicht so ausfhrlich schrieb, wie er wnschte, bat ich ihn, er
mge die Kaufsumme mir in die Heimat schicken, wohin ich abzugehen im Begriffe
sei; so brachte ich also nicht nur eine fr meine bisherigen Verhltnisse
ansehnliche Barschaft mit nach Hause, sondern auch ausstehendes Guthaben, dessen
Eingang aus weiter Ferne, nachdem ich selbst so wohlbehalten angekommen und das
erste Aufsehen vorber war, von erfreulichster Wirkung sein mute.
    Allein als ob das unglckliche Trumen von Gold und Gut im kleinen zur
Wahrheit werden wollte, war es hiemit noch nicht genug. Nachdem mein neuer
Aufenthalt den Behrden bekannt geworden und eben wieder zu Ende gehen sollte,
erhielt ich eine gerichtliche Vorladung, um gewisse Erffnungen
entgegenzunehmen. Schon frher hatte ich meinem alten freundlichen
Trdelmnnchen Joseph Schmalhfer einen Besuch abstatten wollen, seine dunkle
Behausung jedoch verschlossen gefunden und erfahren, da der einsame Mensch seit
vielen Wochen tot sei. Zu meinem groen Erstaunen wurde mir jetzt auf der
Gerichtskanzlei mitgeteilt, da der Alte, der keine Erben hinterlie, sein nicht
ganz unbetrchtliches Vermgen einer wohlttigen Stiftung vergabt und meine
Person in seinem letzten Willen mit einem Legate von viertausend Gulden bedacht
habe. Sofern ich mich nun darber ausweisen knne, da ich wirklich die von dem
Legator gemeinte Person sei, so liege die genannte Summe zur Auszahlung bereit,
nachdem alle bisherigen Erkundigungen nutzlos geblieben seien. Es handle sich
namentlich um die Frage, ob ich derjenige wre, der dem Verstorbenen eine
grere Zahl gewisser Handzeichnungen usw. verkauft und bei Gelegenheit einer
frstlichen Vermhlungsfeier Fahnenstangen angestrichen habe.
    Den durchschlagendsten Nachweis konnte der Graf mit zwei Worten leisten,
soweit es die Zeichnungen betraf, und fr das brige gengte seine
Glaubwrdigkeit dem Gerichtsbeamten vollkommen, als er erklrte, der, welcher
die Stecken bemalt, knne kein anderer sein als ich.
    Also wurden mir vier ffentliche Schuldtitel von je tausend Gulden
aushingegeben; der Graf verkaufte dieselben und besorgte mir gute Wechsel fr
den Betrag, so da ich nun mit Vermgensteilen in dreifacher Form ausgestattet
war mit barem Gelde, mit Forderungen und mit Wechseln.
    Wenn jetzt nur nicht der dicke Tell mit seinem Pfeil und das Kirchendach
kommt! sagte ich, als wir an der Mittagstafel unseres Gasthofes saen, wo ich
zum berflusse auch noch der Gast des Grafen war; ich mu trachten, da ich
fortkomme, sonst zerfliet mir das viele unnatrliche Glck zuletzt doch noch zu
einem Traum!
    Ich fhlte mich in der Tat ordentlich beklemmt und fing an, dem Glckswandel
nicht mehr recht zu trauen.
    Was spintisieren Sie mir wieder ber der Kmmerlichkeit! sagte der Graf;
bei allem, was Sie nun besitzen und was Ihnen so ungeheuer erscheint, ist nicht
ein Pfennig, dessen rechtmige Quelle Sie nicht in sich selbst zu suchen haben!
Und wie knnen Sie von Traum und Glcksfall reden, wo Sie gegenber den paar
Gulden mit Ihren schnen Jahren so im Verluste sind?
    Aber die Geschichte mit dem Legat ist doch gewi das reine
Glcksabenteuer!
    Auch dies nicht! Auch sie hat ihre Wurzel nur in Ihnen selbst! Ich habe
vergessen, Ihnen ein beschriebenes Papier zu geben, das sich in den Falten eines
der Schuldbriefe gefunden hat, als ich die Werttitel meinem Bankier brachte.
Hier ist der Zettel, den der Alte Ihnen hinterlie!
    Der Graf gab mir ein Fetzchen Papier, auf welchem mit der mir bekannten
unbehilflichen Handschrift des Trdlers, die zudem von eingetretener
Krperschwche noch verschlimmert sein mochte, zu lesen :
    Du bist nicht wieder zu mir gekommen, mein Shnchen, und ich wei nicht, wo
Du zu finden bist. Ich mchte aber, weil ich frchte, da der Tod mich bei
kurzen Tagen in meinem Kram heimsucht, Dir etwas erweisen und zuwenden, was ich
nachher doch nicht mehr brauchen kann, leider! Ich tu es aber, weil Du alleweile
mit dem zufrieden gewesen bist, was ich Dir fr Deine Malerei gegeben habe, und
vornehmlich, weil Du so still und fleiig bei mir gearbeitet hast. Wenn es in
Deine Hnde kommt, was ich in langen Jahren erspart habe mit Geduld und Vorsicht
und Dir jetzt verehren tue, so geniee es mit Gesundheit und Verstand, weil ich
leider davon abscheiden mu, und hiemit beht Dich Gott, mein Mnnchen!
    Es ist doch gut, sagte ich mit neuer Verwunderung, da es fr alle
Gebarungen zweierlei Richter gibt! Was andere mir als Leichtsinn, wo nicht
Verkommenheit auslegen wrden, erhlt von dem braven Alten einen Tugendpreis!
    Drum wollen wir auf seine Seligkeit anstoen, weil er so gerecht gerichtet
hat! erwiderte der Graf wohlgemut; und jetzt wollen wir unsere Freundschaft
leben lassen und Brderschaft trinken, wenn es Ihnen recht ist! fuhr er fort,
indem er die Glser von neuem fllte.
    Ich stie an und trank aus, sah dabei aber so berrascht und verschchtert
drein, da er es wohl bemerkte, als er mir die Hand schttelte; denn der
Unterschied des Alters und der Lebensverhltnisse hatten mich dergleichen doch
nicht erwarten lassen.
    Sei nur nicht verdutzt, wenn es gilt, sich zu duzen! sagte er frhlich;
ich betrachte es als Gewinn, mit einem Stammesbruder aus anderer Staatsform und
von jngerm Lebensalter auf du und du zu sein. Und auch du darfst dich der guten
deutschen Sitte fglich unterwerfen, nach welcher zuzeiten Jnglinge, Mnner und
Greise, welche auf dasselbe Ziel losgehen, Brderschaft schlieen. Nun aber
wollen wir von dir allein reden! Was gedenkst du zu beginnen in deinem Lande?
    Ich denke meine unterbrochenen Studien am borghesischen Fechter wieder
aufzunehmen! antwortete ich. Auf seine Frage, was das heie, erzhlte ich kurz,
wie ich durch die so genannte Figur auf das Studium des Menschen hinbergeleitet
worden sei und nun zwar nicht mehr dessen Gestalt, sondern dessen lebendiges
Wesen und Zusammensein zum Berufe whlen mchte. Da mir jetzt Zeit und Mittel
durch das Glck gegeben seien, so hoffe ich auf rasche und zweckmige Weise
noch die ntigen Kenntnisse nachzuholen, um mich dem ffentlichen Dienste widmen
zu knnen.
    So was habe ich mir auch gedacht, sagte der grfliche Duzbruder; allein
wie die Dinge einmal stehen, wrde ich mit besondern Studien keine Zeit mehr
verlieren, zumal ihr ja keine Hierarchie mit Zwangsfolge habt. An deiner Stelle
wrde ich mich ruhig erst ein wenig umsehen und dann, ntigenfalls als
Freiwilliger, ein unteres Amt bernehmen und schwimmen lernen, indem du sofort
ins Wasser springst. Machst du es zur Regel, jeden Tag daneben einige Stunden
staatswissenschaftliche Sachen zu lesen und zu berdenken, so bist du in wenig
Zeit ein praktischer und hinlnglich gebildeter Amtsmann zugleich, und die
Unterschiede der Schulweisheit gleichen sich mit den wachsenden Jahren
vollstndig aus, whrend das hervorzutreten beginnt, was den eigentlichen Mann
ausmacht. Das Gerichtswesen, und was daran hngt, wrde ich freilich den
grndlich geschulten Juristen berlassen und dahin wirken, da auch die andern
es tun. Die Hauptsache ist, da du spter in der Gesetzgebung weit, wo sie
hingehren und wo ihnen das Wort zu geben ist, und da du sie in Ehren hltst,
solange sie das Recht lebendig machen und nicht es tten und das Volk verderben.
Am wenigsten dulde feige Richter im Land, sondern strze sie und gib sie der
Verachtung preis -
    Halt, Grave! rief ich, da er sich in lauten Eifer hineinzureden begann und
meine gegenwrtige Sache verga; noch bin ich weder Konsul noch Tribun!
    Gleichviel! rief er jetzt noch viel lauter; hast du aber gleichzeitig
einen feigen und einen ungerechten Richter nebeneinander, so la beiden die
Kpfe abschlagen, und dann setze dem ungerechten den Kopf des feigen und dem
feigen den Kopf des ungerechten auf! So sollen sie weiter richten, so gut sie
knnen!
    Erst jetzt schwieg er, trank und sagte wieder: Ungefhr so mein ich's, du
wirst mich wohl verstehen!
    Ich hatte den sonst so ruhigen Mann nie so aufgeregt gesehen; die bloe
Vorstellung, da ich unmittelbar in eine Republik gehe und mich an deren
ffentlichem Leben beteiligen werde, schien ihm andere verwandte Vorstellungen
und alte Leiden der Unzufriedenheit zu erwecken.
    Indessen war die Stunde des Abschiedes endlich da und kein Grund des
Aufschubes mehr vorhanden. Da er meine Angelegenheit geordnet und mich
reisefertig sah, fuhr der Graf gleich nach Tisch weg, um sein Gut am gleichen
Tage noch zu erreichen, whrend ich den Bahnhof suchte, der um diese Zeit zum
ersten Mal erffnet worden. Denn einige Bruchstcke von Eisenstraen des obern
Deutschlands hatten ihren ersten Zusammenhang erhalten, und ich konnte auf dem
neuen Wege rascher die Schweizergrenze erreichen, wenn auch nicht in grader
Richtung. An dieser Vernderung mochte ich die Lnge meiner Abwesenheit
bemessen.
    Als ich den Rhein berschritt und das Land betrat, war dieses gerade mit dem
Getse jener politischen Aktionen erfllt, welche mit dem Umwandlungsprozesse
eines fnfhundertjhrigen Staatenbundes in einen Bundesstaat abschlossen, ein
organischer Proze, der ber seiner Energie und Mannigfaltigkeit die uere
Kleinheit des Landes vergessen lie, da an sich nichts klein und nichts gro ist
und ein zellenreicher, summender und wohlbewaffneter Bienenkorb bedeutsamer ist
als ein mchtiger Sandhaufen. Beim schnsten Frhlingswetter sah ich Straen und
Wirtshuser angefllt und hrte das zornige Geschrei ber gelungene oder
milungene Gewalttat. Man lebte mitten in der Reihe von blutigen oder trockenen
Umwlzungen, Wahlbewegungen und Verfassungsnderungen, die man Putsche nannte,
und Schachzge waren auf dem wunderlichen Schachbrette der Schweiz, wo jedes
Feld eine kleinere oder grere Volkssouvernett war, die eine mit Vertretung,
die andere demokratisch, diese mit, jene ohne Veto, diese von stdtischem Wesen,
jene von lndlichem, und wieder eine andere mit theokratischem le versalbt, da
sie nicht aus den Augen sehen konnte.
    Sogleich bergab ich mein Gepck der Postanstalt und beschlo, den Rest der
Reise zu Fu zurckzulegen, um unverweilt eine vorlufige Kenntnis der Zustnde
aus eigener Anschauung zu erwerben; denn gerade auf meinem Wege rauchte und
schwelte es an mehreren Orten.
    Und doch lag berall das Land im himmelblauen Duft, aus welchem der
Silberschein der Gebirgszge und der Seen und Strme funkelte, und die Sonne
spielte auf dem jungen betauten Grn. Ich sah die reichen Formen der Heimat, in
Ebenen und Gewssern ruhig und waagrecht, im Gebirge steil und khn gezackt, zu
Fen blhende Erde und in der Nhe des Himmels eine fabelhafte Wste, alles
unaufhrlich wechselnd und berall die zahlreich bewohnten Tal-und Wahlschaften
bergend. Mit der Gedankenlosigkeit der Jugend und des kindischen Alters hielt
ich die Schnheit des Landes fr ein historisch politisches Verdienst,
gewissermaen fr eine patriotische Tat des Volkes und gleichbedeutend mit der
Freiheit selbst, und rstig schritt ich durch katholische und reformierte
Gebietsteile, durch aufgeweckte und eigensinnig verdunkelte, und wie ich mir so
das ganze groe Sieb voll Verfassungen, Konfessionen, Parteien, Souvernetten
und Brgerschaften dachte, durch welches die endlich sichere und klare
Rechtsmehrheit gesiebt werden mute, die zugleich die Mehrheit der Kraft, des
Gemtes und des Geistes war, der fortzuleben fhig ist, da wandelte mich die
begeisterte Lust an, mich als einzelner Mann und widerspiegelnder Teil des
Ganzen zum Kampfe zu gesellen und mitten in demselben mich mit regen Krften
fertigzuschmieden zum tchtigen und lebendigen Einzelmann, der mit ratet und
tatet und rstig drauf aus ist, das edle Wild der Mehrheit erjagen zu helfen,
von der er selbst ein Teil, die ihm aber deswegen nicht teurer ist als die
Minderheit, die er besiegt, weil diese hinwieder mit der Mehrheit vom gleichen
Fleisch und Blut ist.
    Aber die Mehrheit, rief ich vor mir her, ist die einzige wirkliche und
notwendige Macht im Lande, so greifbar und fhlbar wie die krperliche Natur, an
die wir gefesselt sind. Sie ist der einzig untrgliche Halt, immer jung und
immer gleich mchtig; daher gilt es, sie unvermerkt vernnftig und klar zu
machen, wo sie es nicht ist. Dies ist das hchste und schnste Ziel. Weil sie
notwendig und unausweichlich ist, so kehren sich die verkehrten Kpfe aller
Extreme gegen sie, indessen sie stets abschliet und selbst den Unterliegenden
beruhigt, whrend ihr ewig jugendlicher Reiz ihn zu neuem Ringen mit ihr lockt
und so sein eigenes geistiges Leben erhlt und nhrt. Sie ist immer
liebenswrdig und wnschbar, und selbst wenn sie irrt, hilft die gemeine
Verantwortlichkeit den Schaden ertragen. Wenn sie den Irrtum erkennt, so ist das
Erwachen aus demselben ein frischer Maimorgen und gleicht dem Anmutigsten, was
es gibt. Sie lt es sich nicht einfallen, sich stark zu schmen, ja die
allgemein verbreitete Heiterkeit lt den begangenen Fehltritt kaum ungeschehen
wnschen, da er ihre Erfahrung bereichert, die Lust der Besserung hervorgerufen
hat und auf das schwindende Dunkel das Licht erst recht hell erscheinen lt.
    Sie ist die reizende Aufgabe, an welcher sich ihr einzelner messen kann, und
indem er dies tut, wird er erst zum ganzen Mann, und es tritt eine wundersame
Wechselwirkung ein zwischen dem Ganzen und seinem lebendigen Teile. Mit groen
Augen beschaut sich erst die Menge den einzelnen, der ihr etwas vorsagen will,
und dieser, mutig ausharrend, kehrt sein bestes Wesen heraus, um zu siegen. Er
denke aber nicht, ihr Meister zu sein; denn vor ihm sind andere dagewesen, nach
ihm werden andere kommen, und jeder wurde von der Menge geboren; er ist ein Teil
von ihr, welchen sie sich gegenberstellt, um mit ihm, ihrem Kind und Eigentum,
ein Selbstgesprch zu fhren. Jede wahre Volksrede ist nur ein Monolog, den das
Volk selber hlt. Glcklich aber, wer in seinem Lande ein Spiegel seines Volkes
sein kann, der nichts widerspiegelt als das Volk, whrend dieses selbst nur ein
kleiner Spiegel der weiten lebendigen Welt ist und sein soll.
    Dergestalt redete ich mich in eine hohe Begeisterung hinein, je blauer der
Himmel glnzte und je nher ich der Vaterstadt kam.
    Freilich ahnte ich nicht, da Zeit und Erfahrung die idyllische Schilderung
der politischen Mehrheiten nicht ungetrbt lassen wrden; noch weniger merkte
ich, da ich im gleichen Augenblicke, wo ich mich selbstttig zu verhalten
gedachte, auch schon die Lehren der Geschichte verga, noch bevor ich nur den
ersten Schritt getan. Da groe Mehrheiten von einem einzigen Menschen vergiftet
und verdorben werden knnen und zum Danke dafr wieder ehrliche Einzelleute
vergiften und verderben - da eine Mehrheit, die einmal angelogen, fortfahren
kann, angelogen werden zu wollen, und immer neue Lgner auf den Schild hebt, als
wre sie nur ein einziger bewuter und entschlossener Bsewicht - da endlich
auch das Erwachen des Brgers und Bauersmannes aus einem Mehrheitsirrtum, durch
den er sich selbst beraubt hat, nicht so rosig ist, wenn er in seinem Schaden
dasteht - das alles bedachte und kannte ich nicht.
    Aber auch mit diesen Schatten wre ja das Unausweichliche und Notwendige der
Mehrheit, ohne deren Zustimmung der mchtigste Selbstherrscher in Rauch aufgeht,
und ihre reine Gre, wenn sie unverderbt ist, stark genug gewesen, meine
Vorstze zu tragen und den Durst nach der neuen Lebensluft nicht erlschen zu
lassen. So griffen denn meine Schritte immer kecker und Unternehmungslustiger
aus, bis ich pltzlich das Pflaster der Stadt unter den Fen fhlte und ich
doch mit klopfendem Herzen ausschlielicher der Mutter gedachte, die darin
lebte.
    Meine Sachen muten inzwischen auf der Post angekommen sein. Ich lenkte die
Schritte zuerst dahin, um sogleich eine Schachtel an Hand zu nehmen, die meine
bescheidenen Reisegre fr sie enthielt, nmlich den Stoff fr ein feineres
Kleid, welches zu tragen ich sie zu berreden hoffte, und einen Vorrat
auslndischen Gebckes, das, wrzig und haltbar, ihr einen guten Mund machen
sollte.
    Diese Schachtel an der Hand, ging ich am noch lichten Nachmittage durch
unsere alte Strae; sie erschien mir belebter als vor Jahren; auch sah ich, da
manche neue Verkaufsmagazine errichtet und alte ruhige Werksttten verschwunden,
mehrere Huser umgebaut und andere wenigstens frisch verputzt waren. Nur das
unsrige, ehemals eines der saubersten, sah schwarz und rucherig aus, als ich
mich nherte und an die Fenster unserer Stube hinaufblickte. Sie standen offen
und waren mit Blumentpfen besetzt; aber fremde Kindergesichter schauten heraus
und verschwanden wieder. Niemand bemerkte oder kannte mich, als ich eben in die
bekannte Tre treten wollte, ein Mann ausgenommen, der mit einem Zollstab und
Bleistift in der Hand ber die Gasse geeilt kam. Es war der Handwerksmeister,
der mich einst auf seiner Hochzeitsreise besucht hatte.
    Seit wann sind Sie da, oder kommen Sie eben? rief er, eilig mir die Hand
reichend.
    Diesen Augenblick komm ich, sagte ich, und er antwortete und bat mich,
schnell eine Minute bei ihm drben einzutreten, eh ich hinaufginge.
    Ich tat es mit ngstlicher Spannung und fand mich in einem schnen
Verkaufsladen, in dessen Hintergrund die junge Frau am Schreibpulte sa. Sofort
kam auch sie mir entgegen und sagte: Um Gottes willen, warum kommen Sie so
spt?
    Erschreckt stand ich da, ohne noch erraten zu knnen, was es sein mchte,
das die Leute so erregte. Der Nachbar aber sumte nicht, mich aufzuklren.
    Ihre gute Mutter ist erkrankt, so schwer, da es vielleicht nicht ratsam
ist, wenn Sie unangekndigt und pltzlich bei ihr erscheinen. Seit heute frh
haben wir nichts gehrt; nun aber ist's am besten, meine Frau geht schnell
hinber und sieht nach, wie es steht. Sie warten indessen hier!
    Ohne an eine so traurige Wendung glauben zu wollen, und doch bekmmert, lie
ich mich wortlos auf einen Stuhl sinken, die Schachtel auf den Knien. Die Frau
lief ber die Gasse und verschwand in der Tre, die mir wie einem Fremden noch
verschlossen sein sollte. Die Augen voll Trnen, kehrte die Nachbarin zurck und
sagte mit verschleierter Stimme:
    Kommen Sie schnell, ich frchte, sie macht es nicht mehr lang, ein
Geistlicher ist dort! Die arme Frau scheint nicht mehr bei Bewutsein!
    Sie eilte wieder vor mir her, um hilfreich bei der Hand zu sein, wenn es not
tat, und ich folgte mit zitternden Knien. Die Nachbarin erklomm rasch und leicht
die Treppen; auf den verschiedenen Stockwerken standen feierlich Leute unter
ihren Tren, leise sprechend, wie in einem Sterbehause. Auch vor unserer Wohnung
standen solche, die ich nicht kannte; meine Fhrerin im alten Vaterhause eilte
auch an diesen vorber, und ich folgte ihr bis auf den Dachboden, wo ich unsern
Hausrat dicht aufeinanderstehen sah und die Mutter in einem Kmmerchen wohnte.
Leise ffnete die Nachbarin dessen Tre; da lag die Arme auf dem Sterbebett, die
Arme ber die Decke hingestreckt, das todesbleiche Gesicht weder rechts noch
links wendend und langsam atmend. In den ausgeprgten Zgen schien ein tiefer
Kummer auszuleben und der Ruhe der Ergebung oder der Ohnmacht Platz zu machen.
Vor dem Bette sa der Diakon der Kirchgemeinde und las ein Sterbegebet. Ich war
geruschlos eingetreten und hielt mich still, bis er geendet. Die Nachbarin
trat, als er das Buch sachte zuschlug, zu ihm und flsterte ihm zu, der Sohn sei
angekommen.
    In diesem Fall kann ich mich zurckziehen, sagte er, sah mich einen
Augenblick aufmerksam an, grte und begab sich hinweg.
    Die Nachbarin trat jetzt an das Bett, nahm ein Tchlein und trocknete sanft
die feuchte Stirne und die Lippen der Kranken; dann, whrend ich immer noch wie
ein vor ein Gericht Gerufener dastand, den Hut in der Hand, die Schachtel zu
Fen, neigte sie sich nieder und sagte ihr mit zarter Stimme, welche die
Leidende unmglich erschrecken konnte: Frau Lee! der Heinrich ist da!
    Obgleich diese Worte bei aller Weichheit so vernehmlich gesprochen waren,
da auch die vor der offenen Tre versammelten Weiber sie hrten, gab sie doch
kein anderes Zeichen, als da sie die Augen leise nach der Sprechenden
hinwendete. Indessen benahm mir auer der Trauer auch die dumpfe dmmerige Luft
des Kmmerchens den Atem; denn der Unverstand der Wrterin, die in einem Winkel
hockte, hielt nicht nur das kleine Fenster verschlossen, sondern auch die grne
Gardine davor, und ich mute daran erkennen, da heute noch kein Arzt dagewesen
sei.
    Unwillkrlich schlug ich die Gardine zurck und ffnete das Fenster. Die
reine Frhlingsluft und das mit ihr einstrmende Licht bewegten das erstarrende
ernste Gesicht mit einem Schimmer von Leben; auf der Hhe der hageren Wangen
zitterte leicht die Haut; sie regte energisch die Augen und richtete einen
langen fragenden Blick auf mich, als ich mich, ihre Hnde ergreifend, zu ihr
niederbeugte; das Wort aber, das ihre ebenfalls zitternden Lippen bewegte,
brachte sie nicht mehr hervor.
    Die Nachbarin nahm die Wrterin mit sich hinaus, drckte leise die Tre zu!
und ich fiel an dem Bett nieder mit dem Rufe Mutter! Mutter! und legte den
Kopf weinend auf die Decke. Ein rchelndes strkeres Atmen hie mich wieder
emporschnellen, und ich sah die treuen Augen gebrochen. Ich nahm den leblosen
Kopf in die Hnde und hielt dies Haupt vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben
so in der Hand, wenigstens so weit ich mich entsinnen konnte. Allein es war fr
immer vorbei. Es fiel mir ein, da ich ihr wohl die Augen zudrcken sollte, da
ich ja dafr da sei und sie es vielleicht noch fahlen wrde, wenn ich es
unterliee; und da ich neu und ungebt in diesem bittern Geschfte war, tat ich
es mit zager, scheuer Hand.
    Die Frauen traten nach einer Weile herein, und als sie sahen, da die Mutter
verschieden war, erboten sie sich, das Ntige zu tun und die Leiche fr den Sarg
einzukleiden. Da ich einmal da war, verlangten sie von mir die Anweisung eines
Totengewandes. Ich ffnete einen der auf dem Dachboden stehenden Schrnke, der
voll guter Kleider hing, die seit Jahren geschont und gespart und nicht nach der
Mode geschnitten waren. Die Wrterin aber sagte, es msse ein Totenkleid
vorhanden sein, von welchem die Selige gesprochen, und wirklich fand man
dasselbe, in ein weies Tuch eingeschlagen, im Fue des Schrankes liegen. Zu
welcher Zeit sie es anfertigen lie, war mir unbekannt.
    Die Frauen sprachen auch davon, wie wenig Mhe die Tote whrend ihrer
Krankheit verursacht, wie still und geduldig sie gelegen und fast nie etwas
verlangt habe.

                              Fnfzehntes Kapitel



                               Der Lauf der Welt

Whrend die Frauen nun Bett und Leiche in den erforderlichen Stand brachten,
folgte ich der Einladung der Nachbarin, in ihr Haus hinberzugehen und dort
auszuruhen. Der Nachbar suchte vorsichtig, eh er im Gesprche weiterging, meine
Glcksumstnde und Erlebnisse zu erfahren. Ich verhehlte ihm nicht, da ich zur
Zeit seiner Anwesenheit in jener Stadt bel daran gewesen, lie ihn dann aber
die bessere Wendung der Dinge wissen, erzhlte ihm alles, den Liebeshandel
ausgenommen, und gleichsam als eine Art Rechtfertigung zeigte ich ihm unter
Trnen die Geldwerte, die ich bei mir fhrte. Ich schob Geld und Papiere weg und
sttzte den Kopf wieder weinend auf den Tisch des fremden Mannes.
    Betroffen und schweigend sa er da, und erst als ich mich etwas beruhigt,
zeigte er eine gewisse Entrstung ber den unglcklichen Verlauf der Dinge und
konnte sich nicht enthalten, mich damit bekannt zu machen. Nachdem die Mutter
schon lngere Zeit auf meine Heimkehr oder wenigstens auf Nachrichten geharrt
und schon etwas gekrnkelt hatte, erhielt sie eines Tages die Aufforderung, vor
der Polizeibehrde zu erscheinen. Es war, wie wir jetzt annehmen muten, die
Nachforschung des deutschen Gerichtes nach meiner Person wegen des Legates des
Joseph Schmalhfer. Sei nun die plumpe Versumnis, die Ursache dieser
Nachforschung anzuzeigen, schon von jener Gerichtsstelle aus begangen worden
oder nicht, genug, als meine Mutter, nach meinem Aufenthalte befragt, denselben
nicht nennen konnte, erschrocken dastand und zitternd fragte, um was es sich
handle, wurde ihr geantwortet, man wisse es nicht, es sei einfach eine Vorladung
fr mich, vor dem Gerichte zu erscheinen; ich werde wahrscheinlich vor Schulden
oder etwas hnlichem geflohen sein. Diese Auslegung sprach sich auch weiter
herum, und die arme Frau wurde durch allerlei Anspielungen in der Meinung
bestrkt, da ich verschuldet und im Mangel in der Welt herumirre.
    Nicht lange darauf, als sie die Zinsen fr das auf das Haus entlehnte
Kapital, die sie kmmerlich zusammengehalten, abtrug, wurde ihr das letztere
gekndigt, und nun mute sie mitten in ihren kummervollen Sorgen um ein neues
Anleihen ausgehen. Es gelang ihr aber nicht, das Geld zu finden, denn es bestand
eben die Absicht, sie vom Hause zu bringen, und es steckten Gewinnlustige hinter
der Sache, unter denen der inzwischen etwas emporgekommene, immer noch im Hause
wohnende Spenglermeister mitwirkte, in der Hoffnung, selber den Sitz zu
erwerben. Auch hier war endlich der Bau einer Schienenstrae in Aussicht
getreten, der Bahnhof mute unfern unserer Gasse zu liegen kommen, und es begann
der Wert der Grundstcke beinahe tglich zu steigen, ohne da die Mutter in
ihrer Abgeschiedenheit von diesen Dingen wute.
    Die doppelte und dreifache Sorge hat unzweifelhaft ihr Leben verkrzt; denn
der Zahlungstermin rckte mit jeder Woche nher.
    Htte ich eine Ahnung von der Sachlage gehabt, sagte nun der Nachbar, so
htte ich leicht raten knnen; allein die Verschwiegenheit Ihrer Mutter
erleichterte das Bestreben der Spekulanten, den Handel geheimzuhalten, und erst
seit ein paar Tagen hrte ich zufllig davon, seit die Herren der Beute sicher
zu sein glauben. Jetzt, wo Sie da sind, gengt weniger als der zehnte Teil
dessen, was da vor Ihnen liegt, die Schuld abzutragen und das Haus wieder frei
zu machen, das ja sonst unbedeutend belastet ist, soviel ich wei, und Ihnen
jetzt schon einen schnen Gewinn abwerfen wrde, wenn Sie es verkaufen wollten.
Denn obgleich das Haus alt und unansehnlich aussieht, so ist es dennoch fest
gebaut und enthlt viel unbentzten Raum, der mit Leichtigkeit wohnbar zu machen
ist. Und nun hat es so kommen mssen!
    Der Gedanke, da unglcklicher Zufall und die Arglist Gewinnschtiger die
Hand im Spiele gehabt, erleichterte keineswegs die Last, welche jhlings auf
mein Gewissen fiel mit einem Gewichte, gegen welches der Druck von Dorotheas
eisernem Bilde leicht wie eine Flaumfeder schien; oder auch umgekehrt ich mchte
sagen, da die Schwere in ein Gefhl der Leerheit berging, wie der hchste
Kltegrad einem Brennen gleicht. Es war fast, wie wenn meine eigene Person aus
mir wegzge.
    Die Aufforderung der freundlichen Nachbarsleute, das Nachtlager bei ihnen zu
nehmen, lehnte ich ab, weil es mir unmglich schien, die Mutter allein zu
lassen. Ich ging mit der anbrechenden Abenddmmerung in unser Haus zurck. Jetzt
stand auch der schwrzliche Spenglermeister unter seiner Stubentre; ich grte
ihn, und er und mich mit forschendem Blick ein, bei ihm anzukehren, was ich
ausschlug, indem ich nur um ein Licht bat. Mit einem solchen versehen, stieg ich
wieder unter das Dach hinauf, trat in das Kmmerchen und zndete das alte
Messinglmpchen an, bei dessen Schein ich sie die Jahrzehnte hindurch in den
langen Winterabenden hatte sitzen sehen. Das Lmpchen war vernachlssigt und
nicht mehr blank, jedoch mit l gefllt. Da lag sie nun in ihrem Frieden, und
ich, der ich so gedankenlos gezgert, zu ihr zu kommen, fand jetzt nur noch
einigen Trost an ihrer stillen Gegenwart, an deren Aufhren ich nicht denken
durfte. Ich machte mir mit meiner unglcklichen Schachtel zu schaffen, ffnete
dieselbe und zog den feinen Wollenstoff hervor, den ich zu einem Kleide bestimmt
hatte. Im Begriff, das Stck auseinanderzufalten und es als leichte schtzende
Decke ber das Bett und die Leiche zu legen, um es ihr nur irgendwie noch nahe
zu bringen, fiel mir doch die Nutzlosigkeit einer so gezierten Handlung in so
ernster Stunde auf die Seele; ich wickelte das Zeug zusammen und verbarg es
wieder in der Schachtel. Obschon ich von der mehrtgigen Fureise ermdet war,
brachte ich nun die Nacht aufrecht auf dem Strohsesselchen am Fenster zu und
schlief dennoch zeitweise, wobei allerdings das Erwachen jedesmal zwiefach
schmerzlich war, wenn ich mich aufs neue der Gegenwart der stillen Mutter
versicherte.
    Am andern Tag kam der Bote eines Begrbnisvereines, den der Vater noch hatte
grnden helfen, und traf alle Anordnungen; ich brauchte keinen Schritt zu tun.
Auch die Kosten waren schon lange gedeckt durch die pnktlichen Beitrge der
Mutter; es wurde nachtrglich sogar noch eine kleine Rckzahlung angeboten. So
war sie auch in dieser Hinsicht ohne jegliche Beschwernis fr andere aus der
Welt gegangen.
    Als ich die betreffenden Papiere in ihrem Nachlasse suchte, mute ich
berhaupt Schrank und Schreibtisch ffnen und fand manche Heimlichkeiten, die
ich noch nie gesehen. In einem mit Zinn verzierten hlzernen Kstchen lagen
vergilbte Putzsachen ihrer Jugendzeit, wie knstliche Blumen, ein Paar weie
Atlasschuhe, Bnder zusammengepret und kaum oder nie gebraucht. Dabei einige
alte vergoldete Almanache, wahrscheinlich lngst verjhrte Geschenke, und, was
mich am meisten berraschte, ein Buch mit einer kleinen Sammlung abgeschriebener
Gedichte oder Lieder, die ihr als Mdchen mochten gefallen haben. Zwischen den
Blttern lag ein zusammengefaltetes loses Blatt, ebenfalls von ihrer damaligen
erblichenen Handschrift, worauf zu lesen war:

                        Verlornes Recht, verlornes Glck

Recht im Glcke, goldnes Los,
Land und Leute machst du gro!
Glck im Rechte, frhlich Blut,
Wer dich hat, der treibt es gut!

Recht im Unglck, herrlich Schaun,
Wie das Meer im Wettergraun!
Gttlich grollt's am Klippenrand,
Perlen wirft es auf den Sand!

Einen Seemann, grau von Jahren,
Sah ich auf den Wassern fahren,
War wie ein Medusenschild
Der erstarrten Unruh Bild.

Und er sang Vieltausendmal
Glitt ich in das Wellental,
Fuhr ich auf zur Wogenhh,
Ruht ich auf der stillen See!

Und die Woge war mein Knecht,
Denn mein Kleinod war das Recht;
Gestern noch mit ihm ich schlief -
Ach, nun liegt's da unten tief!

In der dunklen Tiefe fern
Schimmert ein gefallner Stern;
Und schon ist's wie tausend Jahr,
Da das Recht einst meines war.

Wenn die See nun wieder tobt,
Niemand mehr den Meister lobt
Hab ich Glck, verdien ich's nicht,
Glck wie Unglck mich zerbricht!

Welch ein Gefallen war es gewesen, das ein so junges Mdchen einstmals dies
seltsame Gedicht hatte abschreiben und aufbewahren lassen?
    Ich fand noch andere schriftliche berbleibsel, und zwar aus den letzten
Jahren, wo nicht aus letzter Zeit. In einem Mppchen, das einen geringen Vorrat
von Briefpapier enthielt, lag ein Blatt, das offenbar zu einem Briefe als
Fortsetzung gehrte, indem die Schrift ganz oben in der linken Ecke anfing. Das
Fragment aber lautete:
    Wenn es nun Gott wirklich geschehen lt, da mein Sohn unglcklich werden
und ein irrendes Leben fhren sollte, so tritt die Frage an mich heran, ob nicht
mich, seine Mutter, die Verschuldung trifft, insofern ich es in meiner
Unwissenheit an einer festen Erziehung habe mangeln lassen und das Kind einer zu
schrankenlosen Freiheit und Willkr anheimgestellt habe. Htte ich nicht suchen
sollen, da unter Mitwirkung Erfahrener einiger Zwang angewendet und der Sohn
einem sichern Erwerbsberufe zugewendet wurde, statt ihn, der die Welt nicht
kannte, unberechtigten Liebhabereien zu berlassen, die nur geldfressend und
ziellos sind? Wenn ich sehe, wie wohlgestellte Vter ihre Shne zwingen, oft
schon vor dem zwanzigsten Jahre ihr Brot zu verdienen, und wie das solchen
Shnen nur zu ntzen scheint, so fllt der traurige, altbekannte Selbstvorwurf
mir doppelt schwer, und ich htte in meiner Arglosigkeit nie gedacht, da eine
solche Erfahrung mich jemals heimsuchen knnte. Freilich habe ich seinerzeit um
Rat gefragt; als man aber den Wnschen des Kindes nicht zustimmte, hrte ich auf
zu fragen und lie es gewhren. Damit habe ich mich ber meinen Stand erhoben
und, indem ich mir einbildete, ein Genie in die Welt gesetzt zu haben, die
Bescheidenheit verletzt und das Kind geschdigt, da es sich vielleicht niemals
erholen wird. Wo soll ich nun die Hilfe suchen?
    Hier brach die Schrift ab; denn vom nchsten Worte stand nur noch der
Anfangsbuchstabe. An wen der Brief gerichtet war, ob er mit oder ohne obiges
Bruchstck oder gar nicht abgegangen, wute ich nicht, und eine Antwort fand
sich unter den aufbewahrten Briefschaften nicht vor. Wahrscheinlich hatte sie
die Sache doch unterdrckt. Dagegen verschmolz sich nun die in dem Gedichte von
dem verlornen Glcke aufgeworfene wunderliche Rechtsfrage mit derjenigen des
Brieffragmentes und fiel mir zu Lasten als dem einzigen haftbaren Inhaber der
Schuld.
    So war nun der Spiegel, welcher das Volksleben widerspiegeln sollte,
zerschlagen und der Einzelmann, der an der Volksmehrheit so hoffnungsreich
mitwachsen wollte, rechtlos geworden. Denn da ich die unmittelbare Lebensquelle,
die mich mit dem Volke verband, vernichtet hatte, so besa ich kein Recht, unter
diesem Volke mitwirken zu wollen, nach dem Worte Wer die Welt will verbessern
helfen, kehre erst vor seiner Tre.
    Nachdem das Grab der rmsten sich geschlossen, bewohnte ich einige Zeit das
Stbchen, worin sie gestorben. Dann verkaufte ich mit dem Rate des Nachbars das
Haus und gewann in der Tat mehrere Tausende an dem Handel, so da ich nun mit
dem, was ich hergebracht, und dem Gewinn zusammen ein kleines Vermgen besa,
aus welchem ich bescheiden und zurckgezogen leben konnte. Das zufllige Wesen
aber, das dem winzigen Reichtum anhaftete, lie mich seiner nicht froh werden,
noch weniger ein miges Leben darauf bauen; und da berdies der Mensch nicht
nur von dem leiblichen, sondern auch von einem moralischen
Selbsterhaltungstriebe beseelt ist, so nahm ich doch einige Studien vor, wie der
Graf sie mir angeraten, nicht um mich hervorzutun, sondern lediglich, soviel
ntig war, mich fr die Verwaltung eines anspruchslosen und stillen Amtes
vorzubereiten und die Ordnung, in welche es eingebaut war, einigermaen zu
bersehen. Im brigen las ich teils schwerere, teils schnere Sachen allgemeiner
Natur, um meinen befangenen und bedrngten Gedanken einige Freiheit und
Zerstreuung zu verschaffen. Denn whrend das Reuleid wegen der Mutter allmhlich
zu einem dstern, aber gleichmig ruhigen Hintergrunde von Freudlosigkeit
wurde, begann sich das Bild der Dorothea wieder lebendiger zu regen, ohne Licht
in das Dunkel zu bringen.
    Ich trug den Spruch von der Hoffnung, auf das grne Papier gedruckt, noch
immer in meinem Brief-und Schreibtschchen auf der Brust und las ihn zuweilen
mit unglubigem Seufzen und Kopfschtteln. Den Glcksfall vorausgesetzt, den die
schlichten Worte zu verknden schienen, war ich doch in der Lage, ihn frchten
zu mssen, und fast in der Stimmung eines Prahlers, der in der Ferne eine
glnzende Schne an sich gezogen hat, welcher er die schlechte Htte nicht
zeigen darf, darin er wohnt. Sogar zum bloen freundlichen Verkehr in die Weite
schien ich mir jetzt nicht fhig, da ich die Wahrheit meines Zustandes zu
gestehen mich scheute und doch auch nicht lgen mochte. Die Zeit zu scherzhaften
Flunkereien und Phantasiespielen, auch im harmlosen Sinne des Wortes, war fr
einmal vorbei.
    Es vergingen wohl zehn Monate, bis ich ber mich vermochte, an den Grafen zu
schreiben, ohne unwahr zu sein oder allzu elend zu erscheinen.
    Er vergalt mir die Saumseligkeit nicht mit gleicher Mnze; vielmehr erhielt
ich bald einen lngern Brief von ihm, in welchem er meine Lage, soweit er sie
begriff, mit guten Worten besprach und als den Lauf der Welt darstellte, wie er
durch Palste und Htten gehe, Gerechte und Ungerechte heimsuche und seiner
Natur gem unablssig sich verndere.
    Was unser Dortchen betrifft, fuhr er fort, so erfhrt sie, und wir andere
mit ihr, in gehuftem Mae auch ihr Teil. Seit Du weg bist, hat sich das
Abenteuer begeben, da sie - meine blutsverwandte Nichte und nichts anderes
geworden ist! Ich kann Dir den Hergang nicht des weitern auseinandersetzen, nur
mit ein paar Strichen andeuten Von der bald nach dem Tode meines in den
sdamerikanischen Hndeln umgekommenen Bruders ebenfalls verstorbenen Witwe ist
durch Letzten Willen verordnet worden, es solle das Kind durch zuverlssige
Leute seinen deutschen Verwandten zugesandt werden. Diese Leute sind aber untreu
gewesen. Um gewisse Vermgensteile, die man unvorsichtigerweise ihnen zugleich
mitgegeben hat (brigens unbedeutende Summen), behalten zu knnen, haben sie mir
das Kind auf dem Wege der Aussetzung in die Hnde gespielt. Sie haben sich
richtig bei jenen Auswanderern nach Sdruland befunden oder sich ihnen vielmehr
auf dem Wege in der Donaugegend angeschlossen und die Sache sehr schlau
angestellt. Da aus Amerika nie mehr eine Nachfrage anlangte, sowenig als frher
ein Bericht von der Absendung des Kindes und dem Tode der Mutter, so hat alles
so geschehen knnen. Erst neuerlich, weil das alt gewordene Snderpaar vom
Gewissen, wahrscheinlich auch von dem Gelste nach einer Gnadenbelohnung geplagt
wurde, haben sich die Leutchen mit allen in solchen Wiederfindungsgeschichten
blichen wohlaufgehobenen Beweisen gemeldet, und wir haben also eine Grfin mehr
im deutschen Vaterlande! Wie lange es dauert, bis sie zum Gegenstande eines oder
mehrerer Romane gemacht wird, steht dahin; ich habe sie auch auf einige
Volksschauspiele und Melodramen vorbereitet. Allein sie hrt nicht darauf, da
sie bereits die Ausarbeitung des zweiten Teiles des Romanes begonnen hat. Vor
vier Wochen hat sich Grfin Dorothea W...berg (eigentlich heit sie von Haus aus
Isabel) mit einem jungen Freiherrn Theodor von W...berg verlobt. Das ist nmlich
ein hbscher und wackerer Gesell aus einer Linie der so benamsten Leute, welche
die unsrige seit Jahrhunderten nichts mehr angeht. Man wird ihm den Grafentitel
verschaffen, und ich werde gestatten, da das Majorat auf ihn bergeht. Denn ich
habe ebensowenig Grund, das Fortbestehen des Namens zu hindern, als dasselbe zu
wnschen. Wie die Dinge stehen, ist es mir absolut gleichgltig, wenn ich etwa
von dem Vergngen absehe, das ich dem Kinde mache, indem ich seinem Brutigam
gefllig bin.
    Nun kommt aber noch eine Betrachtung, die uns beide angeht, lieber Freund
Heinrich! Ich habe gut gesehen, da Du Dich in Dortchen verliebt hast! Ich habe
getan, als she ich es nicht, weil ich mich in dergleichen nicht mische, wo die
Leute sich selbst helfen knnen und wissen, was sie zu tun haben. Besonders die
langhaarige Nation ist so unberechenbar, da es nicht lohnend ist, sich ohne Not
mit gutem Rate blozustellen. Auch Du bist dem Kinde nicht gleichgltig gewesen
und auch jetzt noch gut angeschrieben, und es stellt sich die Sache ungefhr so:
Httest Du, was Du als ein mahaltender Mensch nicht getan hast, whrend Deines
Hierseins die Zeit und Deinen Vorteil wahrgenommen oder httest Du bald nach der
Ankunft in Deinem Vaterlande von Dir hren lassen, so wre, glaub ich, Dorothea
bis zur Stunde die Deinige geblieben. Nachdem Du aber eine so rtselhafte Zeit
hast verstreichen lassen, ist sie ber diese Kluft weggesprungen, als der
entschlossene Freier erschien, der sie zugleich in so glcklicher Weise wieder
in die weltliche Ordnung einreibt. Aber auch von diesem Begreiflichen abgesehen,
mssen wir die Unbestndigkeit des Kindes, soweit eine solche vorhanden ist,
nicht hart beurteilen. Die guten Weiblein sind so auf sich selbst angewiesen und
mssen im Grunde die Suppe, die sie sich einbrocken, oft so ganz allein ausessen
mit allerlei Leiden und Schmerzen, da sich hieraus die Pltzlichkeit wohl
erklren lt, mit der ihre Instinkte zuweilen umschlagen. Ihre Bltenzeit geht
so rasch vorbei, da sie, solang kein entscheidendes Wort gefallen ist, auf ein
Warten, das sich einstellen zu wollen scheint, nicht gut zu sprechen sind und
sich jeden Entschlu im stillen vorbehalten. Wenn sie Hoffnung gegeben haben und
nicht rechtzeitig dabei behaftet werden, so gehen sie zur Tagesordnung ber;
denn sie wollen ihre Kinder als junge Weiber und nicht als halbe Matronen haben
und erziehen. Gerade die Schnsten und Gesundesten eilen ihrem Berufe energisch
entgegen und verschmhen dann hufig die Heirat, wenn sie den besten Augenblick
verfehlt haben.
    Meine eigene Ehe galt fr eine Art Unicum, und die Leute sagten, es msse so
sein, weil zwei Unica sich geheiratet haben. Soweit das sich auf meine Person
bezog, war es natrlich der Spott ber meine Abtrnnigkeit von den Vorurteilen;
auf die Frau aber war das Wort in seinem besten Sinne gut angewendet; und
dennoch hatte es an einem Haar gehangen, da sie nicht ein anderer heimgefhrt.
    Das ist eben auch ein Stck Weltlauf!
    Es bedurfte dieser traulichen Vertrstung des ltern Freundes nicht, die
Geister der Leidenschaft in mir zu bannen. Die bloe Tatsache, da Dorothea
verlobt war und Isabel Grfin zu W...berg hie, vergegenwrtigte mir den
Zustand, in welchen ich sie gebracht htte, selbst wenn sie das Findelkind
geblieben, ich weniger zurckhaltend gewesen und eine Verbindung zwischen uns
erfolgt wre. Es kam mir vor, wie wenn man einen groen Sommervogel in einen
kleinen Grillenkficht htte setzen wollen. Die geheime Sorge, einer solchen
Beschmung durch die schnste Glckserfllung ausgesetzt zu werden, fiel mir wie
ein Stein vom Herzen, und in diesem blieb nur die stille Sehnsucht nach der
Verlorenen eintrchtig neben der Trauer um die Mutter wohnen. Freilich kam mir
dieser Weltlauf etwas teuer zu stehen; denn der Umweg ber das Grafenschlo
hatte mich nicht nur die Mutter, sondern auch den Glauben an ihr Wiedersehen und
an den lieben Gott selbst gekostet, alles Dinge indessen, deren Wert nicht aus
der Welt fllt und immer wieder zum Vorschein kommt.

                              Sechzehntes Kapitel



                                Der Tisch Gottes

Etwa ein Jahr spter besorgte ich die Kanzlei eines kleinen Oberamtes, welches
an dasjenige grenzte, worin das alte Heimat Dorf lag. Hier konnte ich bei
bescheidener und doch mannigfacher Wirksamkeit in der Stille leben und befand
mich in einer Mittelschicht zwischen dem Gemeindewesen und der Staatsverwaltung,
so da ich den Einblick nach unten und oben gewann und lernte, wohin die Dinge
gingen und woher sie kamen. Allein sie vermochten die Schatten nicht
aufzuhellen, die meine ausgeplnderte Seele erfllten, und weil alles, was ich
wahrnahm, durch die Dsternis gefrbt wurde, so erschienen mir auch die
Menschlichkeiten, denen ich auf dem neuen Gebiete begegnete, dunkler, als sie an
sich waren. Wenn ich sah, da auch hier die Neigung zum Nachlassen und zur
Pflichtvergessenheit zum Vorschein kam oder jeder die Wsserlein auf seine Mhle
zu leiten suchte, da Neid und Eifersucht auch in den kleinsten
Amtsverhltnissen strend sich einnisteten, so war ich geneigt, das bel dem
Charakter des ganzen Volkes und Gemeinwesens zuzuschreiben, das in der
Erinnerung und aus der Entfernung mich so tuschend angelockt habe. Wenn ich
aber meines belasteten Bewutseins gedachte, so schwieg ich, anstatt bei guter
Gelegenheit meine Meinung offen herauszusagen. Ich begngte mich, meine
Obliegenheiten so regelmig und geruschlos als mglich zu erfllen, um die
Zeit zu verbringen, ohne Unruhe, aber auch ohne Hoffnung eines frischern Lebens.
Das hielten nun die Leute fr das Muster einer ordentlichen Amtsfhrung, und da
sie besser und wohlwollender waren, als ich dachte, so machten sie mich nach ein
paar weiteren Jahren, ohne mein Zutun und gegen meinen Wunsch, zum Vorsteher des
Amtskreises. In dieser Stellung konnte ich nicht umhin, mehr unter die Leute zu
gehen und an Zusammenknften verschiedener Art teilzunehmen, immer als der
ziemlich melancholische und einsilbige Amtsmann, der ich war. Jetzt lernte ich,
da ich die politische Bewegung im groen und mehr in der Nhe sah, ein bel
kennen, das mir wirklich neu, obgleich es zum Glcke nicht gerade herrschend
war. Ich sah, wie es in meiner geliebten Republik Menschen gab, die dieses Wort
zu einer hohlen Phrase machten und damit umherzogen, wie die Dirnen, die zum
Jahrmarkt gehen, etwa ein leeres Krbchen am Arme tragen. Andere betrachteten
die Begriffe Republik, Freiheit und Vaterland als drei Ziegen, die sie
unablssig melkten, um aus der Milch allerhand kleine Ziegenkslein zu machen,
whrend sie scheinheilig die Worte gebrauchten, genau wie die Phariser und
Tartffe. Andere wiederum, als Knechte ihrer eigenen Leidenschaften, witterten
berall nichts als Knechtschaft und Verrat, gleich einem armen Hunde, dem man
die Nase mit Quarkkse verstrichen hat und der deshalb die ganze Welt fr einen
solchen hlt. Auch dies Knechtschaftswittern hatte einen gewissen kleinen
Verkehrswert, doch stand das patriotische Eigenlob immerhin noch hher. Alles
zusammen war ein schdlicher Schimmel, der ein Gemeinwesen zerstren kann, wenn
er zu dicht wuchert; doch befand sich die Hauptschar in gesundem Zustande, und
sobald sie sich ernstlich rhrte, stubte der Schimmel von selbst hinweg. Ich
dagegen sah in meiner kranken Stimmung den Schaden des Unechten zehnmal grer,
als er war, und schwieg dennoch, anstatt den falschen Schwtzern auf die Fe zu
treten; damit verschwieg ich auch manches, was ich mit wirklichem Nutzen htte
sagen knnen. Ich fhlte, da das kein Leben hie und so nicht fortgehen knne,
und begann darber zu brten, wie aus dieser neuen Gefangenschaft des Geistes
herauszukommen sei. Zuweilen regte sich, und immer vernehmlicher, der Wunsch,
gar nicht mehr dazusein.
    Eines Tages hatte ich mehrere Stunden auf den Straen meines
Verwaltungsbezirkes zugebracht, um in Begleitung des Baumeisters den Zustand
derselben zu untersuchen. Nach verrichtetem Geschfte trennte ich mich von dem
Manne, da ich das Verlangen sprte, noch einen Gang in Einsamkeit zu machen. So
gelangte ich in ein enges abgeschiedenes Tal zwischen zwei grnen Berglehnen, wo
es so still war, da man die Luft in entfernten Baumwipfeln konnte suseln
hren. Auf einmal erkannte ich das Tal als zu der Heimatgegend gehrig, obgleich
es so schlicht von Gestaltung war, da es nirgends eine eigentmliche Form
darbot, und kein menschliches Gebude zeigte sich dem Auge.
    Ungefhr in der Mitte des Weges, der das Tlchen durchschnitt, warf ich mich
an eine kleine begrnte Erdwelle und berlie mich der schmerzlichen Erinnerung
an alles, was ich schon gehofft und verloren, geirrt und verfehlt hatte. Auch
zog ich Dorotheens grnen Zettel einmal wieder hervor, der noch immer zwischen
einer Falte meiner Schreibtafel steckte. Hoffnung zeigt sich immerdar
treugesinnten Herzen gtig! las ich und wunderte mich, da ich das falsche
Wechselchen noch bei mir trug. Da eben ein schwacher Luftzug dicht ber der
sommerwarmen Erde hinwallte, lie ich es fahren, und es flatterte gemchlich
ber Gras und Heideblumen weg, ohne da ich ihm weiter nachblickte.
    Am besten wre es, dachte ich, du lgest unter dieser sanften Erdbrust und
wtest von nichts! Still und lieblich wre es hier zu ruhen!
    Nach diesem mir nicht mehr neuen Seufzer lie ich die Augen von ungefhr an
der gegenberliegenden Berghalde schweifen, an deren halber Hhe ein Felsband
von grauer Nagelfluhe zutage trat. Ebenso von ungefhr sah ich eine leichte
Gestalt von der gleichen grauen Farbe lngs dem Felsbande hingleiten oder
schweben, und da die Halde von der Abendsonne beleuchtet war, so sah man
gleichzeitig auch den Schatten der Gestalt an der Wand mitgleiten. Ich wute,
da ein schmaler Pfad dort das Felsgesimse entlanglief, und verfolgte mit den
Augen die Erscheinung, die sich mit einem sichtlichen Rhythmus bewegte, der mich
an ein irgendwo schon Gesehenes erinnerte. Als die Gestalt, die unverkennbar
eine weibliche war, das Ende der Felswand erreicht hatte, wandte sie sich und
kehrte denselben Weg wieder zurck; es sah aus, als ob der Geist des Berges aus
dem Gestein herausgetreten wre, um im Abendscheine auf und ab zu wandeln.
    Froh, meine schweren Gedanken ein wenig zu verscheuchen, erhob ich mich,
ging ber den Weg und drang durch das Gehlz empor, das den Fu der jenseitigen
Berglehne bekleidete bis unterhalb der Nagelfluhe, an welcher der Pfad
hinfhrte. In wenigen Minuten hatte ich diesen erreicht. Man blickte dort aus
dem Tale hinaus und sah in der Ferne einerseits die Ortschaft im Abendlichte
schimmern, wo mein Amtssitz lag. Dieser Aussicht zugewendet sah ich die Gestalt
an jenem Ende des Felsbandes stehen und hinberschauen. Dann kehrte sie sich
abermals und kam den Weg zurck, gerade mir entgegen. Kaum war sie mir etwas
nher, so erkannte ich die Judith, von der ich seit zehn Jahren nicht ein Wort
vernommen, trotz der fremdartigen Tracht, in die sie gekleidet war. Statt der
halb lndlichen Tracht, in der ich sie zuletzt gesehen, trug sie jetzt ein
Damenkleid von leichtem grauem Stoffe und einen grauen Schleier um Hut und Hals
gewickelt, alles aber so ungezwungen, ja bequem, da man sah, ihre ungebrochenen
Bewegungen hatten sich in einem reichlichern und breitern Faltenwurfe von selbst
Raum verschafft, ohne da sie im mindesten schlotterig oder auch eckig
ausgesehen htte. In jenem Augenblicke stellte ich natrlich derartige
Beobachtungen nicht an; sie erklren nur den Eindruck, welchen die unverhoffte
Erscheinung auf mich hervorbrachte.
    An dem Gesichte hatten die zehn Jahre keine andere Vernderung bewirkt, als
da es selbstbewuter geworden und durch einen sibyllenhaften Anhauch eher
veredelt als entstellt war. Erfahrung und Menschenkenntnis lagerten um Stirn und
Lippen, und doch leuchtete aus den Augen noch immer die Treuherzigkeit eines
Naturkindes.
    So sah ich sie, die Augen erstaunt auf sie gerichtet, mir nahe kommen und
die Schritte verlangsamen, als sie meiner ansichtig wurde. Mein Anblick mute
sich mehr verndert haben als der ihre; denn sie schien unschlssig, ging jetzt
etwas rascher und hielt doch wieder an sich, im Begriff, an mir vorberzugehen.
Dadurch wre ich beinah auch unsicher geworden, und erst als ich ganz dicht vor
ihr stand auf dem schmalen Pfade, konnte ich nicht mehr irren und rief:
Judith!
    Aber gleichzeitig berflog eine unverstellte und doch unbeschreiblich milde
Freude ihr schnes Gesicht; meine Hand lag in ihrer warmen festen Hand, und nach
alter Volkesweise ffnete sie dieselbe nicht so bald.
    Sind Sie es? sagte sie, ohne meinen Namen zu nennen, und ich wagte auch
nicht, den ihrigen zu wiederholen, da ich noch weniger wute, wie ich sie
eigentlich nennen sollte; denn es war durchaus nicht wahrscheinlich, da eine
solche Person allein geblieben sei. Ich fragte daher unbeholfen nur, wo sie
herkomme?
    Aus Amerika! erwiderte sie; seit vierzehn Tagen bin ich hier!
    Wo hier? In unserm Dorf?
    Wo anders denn? Ich wohne im Wirtshaus, da ich sonst niemanden mehr habe!
    Sind Sie allein da?
    Gewi; wer soll bei mir sein?
    Ohne da ich irgendwie weiterdachte, machte mich diese Antwort glcklich;
Jugendglck, Heimat, Zufriedenheit, alles schien mir seltsamerweise mit Judith
zurckgekehrt oder vielmehr wie aus dem Berge herausgewachsen zu sein. Indessen
waren wir ohne Plan auf dem Pfade weitergegangen, bald dicht aneinandergedrngt,
bald eins hinter dem andern, wie es der Raum erlaubte.
    Wissen Sie, wo ich Sie das letzte Mal gesehen habe? sagte sie jetzt, indem
sie sich nach mir zurckwandte; als ich auf einem Wagen aus dem Lande fuhr und
sie als Soldat auf dem Felde standen in einer kleinen Reihe von Leuten. Da
drehtet ihr euch alle, wie an einer Schnur gezogen, pltzlich um, und ich dachte
Den bekommst du nie mehr zu sehen!
    Ein Weilchen gingen wir schweigend; dann fragte ich, wo sie denn hingehen
wolle und ob ich sie eine Strecke begleiten drfe?
    Ich habe nur einen Spaziergang gemacht, sagte sie, und denke, ich mu
jetzt wieder nach Haus. Wrde es Ihnen zu weit sein, mit mir bis ins Dorf zu
gehen?
    Ich komme gern mit Ihnen und will in Ihrem Wirtshause zu Nacht essen,
antwortete ich; nachher lasse ich mich in des Wirts kleinem Fuhrwerk
heimfhren; denn von dort sind es drei gute Wegstunden.
    Oh, das ist schn von Ihnen! Ich haue doch heut frh schon eine Ahnung, da
mir etwas Gutes geschehen wrde, und nun ist der Heinrich Lee bei mir, der Herr
Vetter und Oberamtmann!
    Wir fanden bald einen breitern Weg und wanderten in traulichem Geplauder
nach dem Dorfe; aber noch eh wir dasselbe erreichten, hatten wir uns unbewut zu
duzen angefangen, was wir als Blutsverwandte auch fglich tun durften. Das erste
Haus, an dem wir vorbergingen, war das meines verstorbenen Oheimes; aber es
waren fremde Leute darin, seine Kinderwaren zerstoben. Kleine fremde Kinder
liefen uns nach und riefen: Die Amerikanerin! Einige boten ihr ehrfrchtig die
Hand, und sie schenkte ihnen kleine Mnzen. Als wir bei ihrem Hause vorbeikamen,
standen wir einen Augenblick still. Der jetzige Besitzer hatte es umgebaut, aber
der schne Baumgarten, wo sie einst pfel pflckte, stand unverndert. Sie warf
nur einen halben Blick auf mich, schlug ihn dann nieder und errtete sanft,
indem sie eilig weiterschritt. Da sah ich, da dieses Weib, das die Meere
durchschifft, sich in einer neuen werdenden Welt herumgetrieben und zehn Jahre
lter geworden, zarter und besser war als in der Jugend und in der stillen
Heimat.
    Das nennt man Rasse, wrden rohe Sportsleute sagen! dachte ich bei dem
lieblichen Anblick.
    Im Wirtshause angekommen, wunderte ich mich, mit welcher Umsicht und
geruschlosen Sorgfalt, mit wenig Worten, sie eine gute Bewirtung anzuordnen
wute und so aufmerksam fr mich sorgte wie ein Hausmtterchen. Das lie mich
vermuten, da sie in Amerika ihre Zeit in Stdten und guten Husern zugebracht
habe; allein die Erzhlungen und Schilderungen ihres Schicksals, die sie whrend
des Nachtessens mit anmutiger Laune mir sowohl als den mit zuhorchenden
Wirtsleuten zum besten gab, deuteten im Gegenteil darauf hin, da sie im Kampfe
mit der Not der Menschen, und indem sie ihre Auswanderungsgenossen geradezu
erziehen und zusammenhalten mute, sich selbst notgedrungen veredelt und
hhergehoben hatte.
    Als sie nmlich mit ihren Landsleuten an Ort und Stelle der Ansiedlung
gelangt und andere dazugestoen waren, zeigte sich fast die ganze Gesellschaft
als nicht ausdauernd und ungeschickt bei Widerwrtigkeiten, so wie sich auch die
brigen Eigenschaften, welche die Auswanderung veranlat, nicht sogleich
verloren. Judith, als die meisten Mittel besitzend, hatte den grten Teil des
Bodens angekauft; sie lie jedoch ihr Land von den andern benutzen und begngte
sich, eine Art Handelskontor fr die verschiedenen Bedrfnisse der kleinen
Kolonie zu fhren. Wie sie aber sah, da die Genossen sie am Schaden lieen und
sie verarmen wrde, nderte sie das Verfahren. Sie zog ihr Land wieder an sich,
lie es um den Tagelohn von denen bearbeiten, die fr eigene Rechnung zu trg
dazu gewesen, und so brachte sie alle miteinander dazu, sich zu rhren. Sie
setzte den Weibern die Kpfe zurecht, pflegte die kranken Kinder und erzog die
gesunden, kurz, der Selbsterhaltungstrieb war mit einer groen Opferfhigkeit so
glcklich in ihr gemischt, da sie die Leute und mit ihnen sich selbst so lange
ber Wasser hielt, bis ein bedeutender Verbindungsweg in die Nhe der Ansiedlung
kam und mit demselben eine wachsende Zahl von krftigeren Elementen, die schon
geschult waren, so da zusehends die Wendung zum Bessern fr alle eintrat.
Whrend der ganzen Zeit aber hatte sie die Bewerbungen um ihre Person
abzuwehren, was sie mehr im Scherze andeutete als ernsthaft erwhnte; zeitweise,
wenn gefhrliche Abenteurer sich herbeimachten und die Sicherheit bedrohten,
hielt sie sich sogar Waffen und verlie sich nur auf sich selber.
    Als aber das Kalb durch den Bach gezogen, das Gedeihen begrndet und die
Ansiedlung mit dem Namen irgendeiner berhmten Stadt der Alten Welt vor Christi
Geburt versehen war, zog sie sich zurck und berlie sich einer ruhigeren
Lebensart; denn sie war weder eine gewohnheitsmige Pdagogin noch eine
vorstzliche Tatverrichterin. Dagegen vervielfachte sie durch den Verkauf ihres
Landes ihr ursprngliches Vermgen und beschaute sich zuweilen whrend einiger
Wochen das Leben in der Hauptstadt des Staates oder anderen greren Stdten,
oder sie fuhr auf den breiten Flssen, wenn sich Gesellschaft fand,
landeinwrts, bis sie die wilden Indianer zu sehen bekam.
    Alles das erzhlte sie bruchstckweise und ungezwungen mit solcher
Kurzweiligkeit, da wir nicht mde wurden zuzuhren, zumal jedes Wort den
Stempel der Wahrheit an sich trug. Inzwischen war die Zeit wie ein Augenblick
fr mich verstrichen, da ich seit Jahren nicht so sorglos und glcklich an einem
Tische gesessen, und der Einspnner des Wirtes, der mich nach Hause bringen
sollte, stand bereit, weil ich fr die Morgenfrhe mehrere Amtsgeschfte
anberaumt hatte.
    Ich dankte der Judith beim Abschiede fr die Gastfreundschaft und lud sie
ein, sich bald bei mir schadlos zu halten, wo wir zwar auch im Wirtshause essen
mten, weil ich keine Haushaltung fhre.
    Ich werde schon in den nchsten Tagen angefahren kommen, sagte sie, in
diesem gleichen Triumphwagen, und mich bezahlt machen!
    Als ich schon im Gefhrte sa, drckte sie mir in der Dunkelheit schweigend
die Hand und blieb lautlos stehen, bis ich weggefahren war.
    Das neue Glck, das mich erfllte, trabte sich jedoch schon am andern
Morgen, als ich bedachte, da ich ihr nun das Geheimnis meines Gewissens und das
Schicksal der Mutter enthllen msse. Denn wenn es jetzt ein Urteil gab, das ich
frchtete, so war es dasjenige dieser einfachen und wundersamen
Frauenerscheinung, und doch war mir weder Freundschaft noch Liebe zwischen ihr
und mir denkbar, wenn sie nicht alles wute.
    Ich erwartete sie deshalb mit ebensoviel Furcht als Ungeduld, bis sie am
zweiten Vormittage kam. Eine gewisse Niedergeschlagenheit war in die Freude des
Wiedersehens gemischt, und zwar bei ihr wie bei mir. Nachdem sie sich in meiner
Wohnung ein wenig umgeschaut, sagte sie, Hut und berwurf weglegend:
    Es ist doch recht hbsch in diesem groen Amtsdorfe, fast wie in einer
Stadt. Ich htte Lust, hieher zu ziehen und mehr in deiner Nhe zu sein, wenn
nur -
    Sie hielt verschchtert inne, gleich einem jungen Mdchen, fuhr dann aber :
    Sieh, Heinrich, schon mehrmals bin ich seit meiner Ankunft auf dem
Bergpfade gewesen, wo du mich getroffen hast, um hier herberzuschauen, da ich
mir nicht zu kommen getraute!
    Nicht getraut! Eine so tapfere Person!
    Sieh, das ging so zu: Du liegst mir einmal im Blut, und ich habe dich nie
vergessen, da jeder Mensch etwas haben mu, woran er ernstlich hngt! Nun
erschien vor einiger Zeit in unserer Kolonie ein neuer Landsmann aus dem Dorfe,
der sich jedoch auch schon einige Jahre drben herumgetrieben hat. Da von den
heimatlichen Dingen gesprochen wurde, frug ich beilufig nach dir und ob man im
Dorfe nichts von dir wisse, hoffte aber nicht, etwas zu erfahren, woran ich
lngst gewhnt war. Der Mann besann sich ein Weilchen und sagt: Ja, wartet, wie
ist denn das? Ich habe davon gehrt, und nun erzhlte er.
    Was erzhlte er? fragte ich traurig.
    Er habe gehrt, da du verarmt in der Fremde herumgezogen seist, die Mutter
in Schulden gebracht und darber habest sterben lassen und da du dann in
elendem Zustande heimgekehrt seiest und als ein Schreiberlein irgendwo dein
Leben fristest. Als ich so dein Unglck vernahm, packte ich unverzglich auf, um
zu dir zu kommen und bei dir zu sein!
    Judith, das hast du getan? rief ich.
    Was meinst du denn? Sollte ich, die dich als grnen Knaben einst so
herzlich geliebt und gekost hat, dich nun in Not und Kummer wissen, ohne zu dir
zu kommen? - Aber da ich nun kam, da war alles nicht wahr! Zwar die Mutter ist
gestorben, du aber bist in guten Zustnden aus der Fremde gekehrt und stehst
jetzt beim Regierungswesen und in Ehr und Ansehen, wie ich wohl merke, obgleich
man sagt, du seiest etwas stolz und unfreundlich! Dies letztere ist nun freilich
auch nicht wahr!
    Und du bist also meinetwegen aus Amerika aufgebrochen, obgleich du mich fr
schlecht gehalten hast?
    Wer sagt das? Ich habe dich trotzdem nicht fr schlecht, nur fr
unglcklich gehalten!
    Das Schlimmste an dem Unglck ist aber dennoch wahr, meine Verschuldung!
Ich habe wirklich meine Mutter in Kummer und Sorgen gebracht und bin eben recht
gekommen, der daran Sterbenden die Augen zuzudrcken!
    Wie ist das denn zugegangen? Erzhle mir alles, denke aber nicht, da ich
mich von dir werde abwendig machen lassen!
    Dann hat dein Urteil keinen Wert, wenn es nur durch deine gtige Zuneigung
bedingt wird!
    Eben diese Neigung ist Urteils genug, und du mut es anerkennen! Doch
erzhle nur!
    Ich tat es in ausfhrlicher Weise, so ausfhrlich, da ich gegen das Ende
hin die Aufmerksamkeit auf meine Rede verlor und zerstreut wurde; denn ich
sprte inzwischen den alten Druck von der Seele weichen und wute, da ich frei
und gesund war. Pltzlich unterbrach ich mich und sagte:
    Es ntzt nichts, lnger zu schwatzen! Du hast mich erlst, Judith, und dir
danke ich's, wenn ich wieder munter bin; dafr bin ich dein, solang ich lebe!
    Das lt sich hren! erwiderte sie mit glnzenden Augen und mit einem
Ausdrucke von Zufriedenheit in ihren schnen Gesichtszgen, da der Anblick mich
in der Erinnerung immer wieder irremachte, wenn ich im Laufe der Jahre zu
erwgen hatte, wie mit der Schnheit der Dinge doch nicht alles getan und der
einseitige Dienst derselben eine Heuchelei sei wie jede andere. Ja, neben der
Erinnerung an Dortchens Angesicht am Tische des Kaplans leuchtet mir Judiths
Anblick fort wie ein Doppelstern. Beide Sterne sind gleich schn und doch nicht
beide gleich in ihrem wahren Wesen.
    Nun habe ich Hunger und mchte essen, wenn du was hast! sagte Judith;
aber richte dich ein, den brigen Tag mit mir im Freien zuzubringen; unter
Gottes freiem Himmel wollen wir unsere Sachen zu Ende fhren!
    Wir stellten fest, da ich nach Tisch mit ihr heimwrts fahre, da wir aber
am Eingange des Tales, wo wir uns zuerst getroffen, den Wagen weiterschicken und
den Berg mit der Nagelfluhe besteigen wollten.
    Frhlich und zufrieden aen wir zusammen im Herrenstbchen des Gasthauses
zum goldnen Stern. In einem der Fenster leuchtete eine zweihundertjhrige
gemalte Scheibe mit den Wappen eines Ehepaares, das nun schon lange zu Staub
geworden. ber den beiden Wappen stand die Inschrift: Andreas Mayer, Vogt und
Wirt zum glden Stern, und Emerentia Juditha Hollenbergerin sind ehlich
verbunden am 1. Mai 1650. Der Hintergrund, auf welchem die zwei Wappen standen,
zeigte ein Gartenland mit einer Gesellschaft zechender Engelsfigrchen zwischen
Rosenbschen. Ein geschmcktes Paar, die Handschuhe in den Hnden, sah den
kleinen Trinkgesellen wohlgefllig zu. Zuunterst aber quer ber die Scheibe
stand auf einem breiten Bande der Spruch:

Hoffnung hintergehet zwar,
Aber nur, was wankelmtig;
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treugesinnten Herzen gtig!
Hoffnung senket ihren Grund
In das Herz, nicht in den Mund!

Die gemeinsame Quelle, aus welcher beide Schreiber, die so weit auseinander
lebten, der alte Glasmaler und das Frulein im Grafenschlo, geschpft hatten,
mute somit ein sehr altes Buch sein.
    Mich aber berhrte diese Aufdringlichkeit des Zufalls, die aus der ganzen
Schilderei leuchtete, eher ngstlich und beklemmend als freudig; denn dieser
Machthaber schien sich frmlich zu meinem Fhrer aufwerfen zu wollen, und der
Spruch konnte eine neue Tuschung verknden. Judith las denselben, ohne auf das
Bildwerk zu achten, und sagte lchelnd: Welch ein schner Vers und gewilich
wahr; man mu ihn nur richtig verstehen!
    Wir begaben uns also auf den Weg, schickten den Wagen am Fue jenes migen
Berges weg und wanderten gemchlich hinauf, und zwar auf die Scheitelhhe. Dort
standen, weit in das Land ragend, zwei mchtige uralte Eichbume, unter welchen
eine Bank und ein steinerner, ganz bemooster Tisch sich befanden. Vor der
christlichen Zeit sollte hier eine Kultussttte, spter eine Dingsttte gewesen
sein und von letzterer Bestimmung der Tisch herrhren.
    Auf der Bank im Schatten der mchtig ausgreifenden Aste sitzend, schauten
wir Hand in Hand in die bluliche Ferne der Rundsicht. Judith hatte ihren Hut
und Sonnenschirm auf den Tisch gelegt. Nach einer Weile, als sie auch den Tisch
betrachtet und sich die Bedeutung desselben hatte erklren lassen, sagte sie mit
bedchtlichen und bewegten Worten:
    Wie nennt man's denn in den Lndern, wo es Knige gibt, wenn diese gekrnt
werden und an den Altren stehen?
    Ich wute nicht gleich, was sie meinte, und sann nach. Da ich sie aber
unverwandt auf den alten Steintisch schauen sah und sie sogar Hut und Schirm
wegnahm, wie um die Sache deutlicher zu machen, fiel es mir ein, und ich sagte:
    Es heit, sie nehmen die Krone von Gottes Tisch!
    Da sah sie mich zrtlich an und flsterte:
    Ja, so heit es! Sieh, und nun knnten wir hier auch das Glck von Gottes
Tisch nehmen, was die Welt das Glck nennt, und uns zu Mann und Frau machen!
Aber wir wollen uns nicht krnen! Wir wollen jener Krone entsagen und dafr des
Glckes um so sicherer bleiben, das uns jetzt, in diesem Augenblicke, beseligt;
denn ich fhle, da du jetzt auch glcklich und zufrieden bist!
    Ich schwieg erschttert still. Doch fuhr sie fort:
    Schau, ich habe es mir schon auf dem Meere und whrend eines Sturmes
berlegt, als die Blitze um die Masten zuckten, die Wellen ber Deck schlugen
und ich in der Todesangst deinen Namen ausrief, und die letzten Nchte wieder
hab ich es hin und her gewendet und mir gelobt Nein, du willst sein Leben nicht
zu deinem Glcke mibrauchen! Er soll frei sein und sich durch die
Lebenstrbheit nicht noch mehr abziehen lassen, als es schon geschehen ist!
    Ich schttelte aber den Kopf und sagte betroffen: Ich will nicht
unbescheiden sein, Judith, allein ich habe es mir doch anders gedacht. Wenn du
mir in der Tat gut bist, willst du nicht lieber bei mir leben, als immer so
einsam sein, so allein stehen in der Welt?
    Wo du bist, da werde ich auch sein, solange du allein bleibst; du bist noch
jung, Heinrich, und kennst dich selber nicht. Aber abgesehen hievon, glaube mir,
solange wir so sind wie jetzt, in dieser Stunde, wissen wir, was wir haben, und
sind glcklich! Was wollen wir denn mehr?
    Ich begann zu fhlen und zu verstehen, was sie bewegte; sie mochte zuviel
von der Welt gesehen und geschmeckt haben, um einem vollen und ganzen Glcke zu
vertrauen. Ich sah ihr ins Gesicht und strich ihr weiches braunes Haar zurck,
indem ich rief:
    Ich habe ja gesagt, ich sei dein, und will es auf jede Art sein, wie du es
willst!
    Sie schlo mich heftig in die Arme und an ihre gute Brust; auch kte sie
mich zrtlich auf den Mund und sagte leis: Nun ist der Bund besiegelt! Aber fr
dich nur auf Zusehen hin; du bist und sollst sein ein freier Mann in jedem
Sinne!
    Und so ist es auch zwischen uns geblieben. Noch zwanzig Jahre hat sie
gelebt; ich habe mich gerhrt und nicht mehr geschwiegen, auch nach Krften dies
oder jenes verrichtet, und bei allem ist sie mir nahe gewesen. Wenn ich den
Wohnort verndern mute, so ist sie mir das eine Mal gefolgt, das andere nicht,
aber sooft wir wollten, haben wir uns gesehen. Wir sahen uns zuweilen tglich,
zuweilen wchentlich, zuweilen des Jahres nur einmal, wie es der Lauf der Welt
mit sich brachte; aber jedesmal, wo wir uns sahen, ob tglich oder nur jhrlich,
war es uns ein Fest. Und wenn ich in Zweifel und Zwiespalt geriet, brauchte ich
nur ihre Stimme zu hren, um die Stimme der Natur selbst zu vernehmen.
    Sie starb, als eine verderbliche Kinderkrankheit herrschte und sie sich mit
ihren hilfsbereiten Hnden in eine ratlose Behausung armer Leute strzte, die
mit kranken Kindern angefllt und von den rzten abgesperrt war. Sonst htte sie
leicht noch zwanzig Jahre leben knnen und wre ebensolang mein Trost und meine
Freude gewesen.
    Ich hatte ihr einst zu ihrem groen Vergngen das geschriebene Buch meiner
Jugend geschenkt. Ihrem Willen gem habe ich es aus dem Nachla wiedererhalten
und den andern Teil dazugefgt, um noch einmal die alten grnen Pfade der
Erinnerung zu wandeln.
